Jahreskonferenz
Musikland Niedersachsen
2010

5. Treffen Musikvermittlungsteam

Herausforderung Musikvermittlung -
Werkstatt des Musikvermittlungs-
teams zu Hürden im Arbeitsalltag

Moderation: Anne Benjes, Musikland
Niedersachsen

Das Treffen fand am Vormittag des er-
sten Tages der Musikland Jahreskonfe-
renz 2010 in der Landesmusikakademie                       Sie sprach von Nöten und Freuden in der
Niedersachsen in Wolfenbüttel statt. Mit                   Kooperationsarbeit. Wichtig sei es, zwei
einem Rückblick auf die Aktionswoche                       grundlegend verschiedene Herange-
Ohrenschmaus, welche vom 20. – 26.                         hensweisen in der Arbeit mit Koope-
September 2010 stattgefunden hatte,                        rationspartnern zu unterscheiden: Ent-
wurde die Sitzung eröffnet. Frau Benjes                    weder eine gute Idee ist vorhanden, zu
stellte fest, dass die landesweite Medien-                 der der passende (ggf. neue) Kooperati-
aufmerksamkeit z. B. durch das NDR                         onspartner gesucht wird oder man geht
Fernsehen vielen Projekten zugute kam.                     von einem langjährigen bewährten Part-
Die Woche wurde vom Musikland-                             ner aus und kreiert das passende Pro-
Filmteam begleitet. Ein Video-                             jekt, z.B. bei veränderten Rahmenbedin-
Zusammenschnitt der Projekte ist auf                       gungen (Bsp. Ganztagsschulen).
der Musikland-Homepage einsehbar. Der
Wunsch nach einer Fortführung einer                        Nach dieser Unterscheidung gebe es
solchen Aktionswoche wurde ausgespro-                      mehrere Punkte, die die Kooperationsar-
chen, wenn möglich zukünftig mit mehr                      beit erleichtern könnten: Einen Koopera-
Kooperationspartnern und Projekten.                        tionsvertrag, der langjährig oder für ein-
                                                           zelne Projekte geschlossen wird, könne
Die eigentliche Sitzung widmete sich                       die Ziele klar formulieren und somit Fra-
Hürden der Musikvermittlung im Arbeits-                    gen wie die Finanzierung, die Dokumen-
alltag: möglichen Schwierigkeiten in der                   tation und Präsentation schon im Voraus
Zusammenarbeit mit Kooperationspart-                       klären. Als weitere Hürden nannte Kahl-
nern, Fragen nach Zielgruppen sowie der                    mann logistische Fragen wie die Bereit-
Stellung und Funktion von Musikvermitt-                    stellung von Instrumenten, Transportfra-
lung innerhalb der eigenen Organisation.                   gen, den Austausch von Kontaktdaten
Vier Impulsreferate aus dem Team ga-                       (beispielsweise mit LehrerInnen und El-
ben Einblick in die unterschiedlichen Er-                  tern) sowie Zeit und Ort einer Veranstal-
fahrungen auf diesem Gebiet und stan-                      tung. Diese Fragen im Voraus zu klären,
den stellvertretend für die jeweilige Hür-                 könne Kollisionen mit Konkurrenzveran-
de. Sie gaben Anlass zum Gespräch.                         staltungen und plötzliche Überraschun-
                                                           gen vermeiden. Als Tipp riet Kahlmann,
Für die „Zusammenarbeit mit Kooperati-                     auch bei guter Organisation flexibel zu
onspartnern“ gab Denise Kahlmann von                       bleiben sowie, wenn möglich, DozentIn-
Musik in Hainholz/Musikzentrum Hanno-                      nen, LehrerInnen oder Eltern in organi-
ver einen Einblick in ihre Arbeit.                         satorische Fragen einzubinden.

     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 1 von 3
Das zweite Impulsreferat zur Hürde „Ko-                    dung unterschiedlicher Ensembles und
operationspartner“ wurde von Martin                        Chöre der Region, aber auch nicht direkt
Heubach und Ruth Emanuel von Concer-                       mit Kulturveranstaltungen in Verbindung
to Gandersheim gehalten.                                   gebrachte Partner, etwa Cafés oder örtli-
Concerto Gandersheim war durch die                         che Vereine wie die Feuerwehr. Letztere
Gründung eines Trägervereins zusätzlich                    bringen kulinarische Kompetenzen oder
zum kirchenmusikalischen Angebot der                       Erfahrungen im Organisieren von örtli-
Gemeinde Bad Gandersheim in Südnie-                        chen Festen mit. Durch die Schaffung
dersachsen entstanden. Die letzten zehn                    neuer Kooperationen kann gleichzeitig
Jahre galt die Arbeit allen möglichen Mu-                  auch ein erweitertes Publikum angespro-
sikern, vom Kinderchor bis zum profes-                     chen werden.
sionellen Vokalensemble. Martin Heu-
bach ist Intendant der Gandersheimer                       Hilfreich für den Informationsaustausch
Dommusiken.                                                und für die Vernetzung von Kulturveran-
                                                           staltern könne ein Runder Tisch nach Art
                                                           der „Hauptsache Kultur“-Treffen in Bad
                                                           Gandersheim sein. Heubach nannte hier
                                                           die klaren Vorteile für den ländlichen
                                                           Raum, sich auszutauschen und gegebe-
                                                           nenfalls ein gemeinsames Marketing zu
                                                           betreiben. Die Idee, den regionalen Tou-
                                                           rismus durch Kulturveranstaltungen zu
                                                           fördern, biete neue Möglichkeiten der
                                                           Kooperationen auf dem Land.


Ausgehend von den Internationalen                          Abschließend für die Hürde Kooperati-
Gandersheimer Dommusiktagen sprach                         onspartner wurde der Wunsch nach ei-
Heubach vom Vorteil eines solchen Festi-                   nem verstärkten Erfahrungs- und Infor-
vals für örtliche Kulturveranstalter auf                   mationsaustausch der Musikvermittler
dem Land, das auch kleineren Veranstal-                    untereinander angesprochen. Ein ge-
tern Aufmerksamkeit bringe, die sie                        meinsamer Verteiler wurde angeregt,
sonst nicht hätten.                                        woraufhin Frau Benjes auf Hans Walter
                                                           vom Referat „Musikalische und künstleri-
Die Kooperationen betreffend, setzt                        sche Bildung“ des Niedersächsischen
Heubach in seiner Arbeit darauf, Kompe-                    Kulturministeriums verwies, welcher in-
tenzen des jeweiligen Partners zu er-                      teressierte Musiklehrer regelmäßig mit
schließen und zu nutzen, was Synergie-                     Informationen versorgt und über einen
Effekte mit sich bringe. Kooperationen                     funktionierenden Verteiler verfüge. Ein
mit der Wirtschaft beispielsweise bieten                   Terminabgleich, wie es beispielsweise
oftmals finanzielle Förderung, jedoch                      das Chorleitertreffen Hannover macht,
auch die Möglichkeit, ungewöhnliche Auf-                   wurde hauptsächlich für urbane Räume
führungsorte zu bespielen. Beispiele für                   als sinnvoll erachtet. In der Diskussion
die Erschließung solcher neuer und un-                     um Verträge kristallisierte sich heraus,
gewöhnlicher Räume für geistliche Musik                    dass Verträge mit Kooperationspartnern
waren ein Konzert in einer Burg sowie                      eine Augenmaßfrage seien, je nach Art
die Idee, das Weihnachtsoratorium in ei-                   des Partners und Größe des Projekts. Als
ner leer stehenden, kathedralengleichen                    psychologische Absicherung könnten die-
Papierfabrik aufzuführen. Als weitere                      se jedoch oft hilfreich sein. Beispielver-
Beispiele für Kooperationen in seiner ei-                  träge und Checklisten sollen demnächst
genen Arbeit nannte Heubach die Einbin-                    auf www.musikland-niedersachsen.de im


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 2 von 3
Bereich Musikvermittlung zur Verfügung                     gen „key persons“ und die richtige Szene
gestellt werden. Dazu bittet Frau Benjes                   anzusprechen sei die Kunst dabei. Als
die Mitglieder des Teams um Zusendung                      Mittler für unterschiedliche Kultur-
von (Muster-)Verträgen und Arbeitshil-                     Länder-Vereine zu fungieren gelinge
fen, die auf der Plattform veröffentlicht                  nicht immer, notfalls müsse man sich für
werden können.                                             einen Partner entscheiden.

Die Frage nach dem ideellen Gewinn für
Sponsoren eines Projekts wurde mit der
Notwendigkeit der Identifikation eines
Produkts mit örtlichen Partnern beant-
wortet. Mitarbeiterkarten und eine
Imageaufwertung des Unternehmens
seien zudem motivierend für Unterneh-
men, sich für Kulturprojekte einzusetzen.
Es wurde festgestellt, dass in der Koope-
ration mit Schulen persönliche Kontakte
sehr wichtig seien, da allgemeine Anfra-
gen an Schulen oftmals nicht beachtet                      Zur „Stellung und Funktion von Musik-
werden. Bei einer kontinuierlichen Arbeit                  vermittlung innerhalb der eigenen Orga-
sei die Vertrauensbasis leichter herzu-                    nisation“ sprach Hermann Baumann von
stellen als bei einmaligen Projekten oder                  den Internationalen Händel-Festspielen
Festivals.                                                 Göttingen. Musikvermittlung sei aus sei-
                                                           ner Sicht eine gesamtgesellschaftliche,
                                                           politische Aufgabe und nicht allein Sache
Zur Hürde „Zielgruppen“ bot ein Impuls-                    der Institutionen wie der Orchester. Kür-
referat von Christoph Sure, Geschäfts-                     zungen im Musikunterricht könne man
führer des MASALA Welt-Beat Festi-                         deshalb nicht einfach hinnehmen. Auf die
vals/Pavillon Hannover Einblick in die Ar-                 Frage, was Orchester tun könnten, um
beit mit internationalem Publikum. Sure                    zur Bildung im Bereich Musik beizutra-
sprach von der „Marke MASALA“, die in-                     gen, bemerkte Baumann, dass bei
zwischen ein Stammpublikum gefunden                        Klangkörpern wie großen Orchestern ein
hat, aber auch von länderspezifischen                      Programm rund um bestehende Projekte
Fans, die einzelne Konzerte besuchten.                     entwickelt werden müsse. Er ergänzte,
Ausgehend von den Afrikanischen Näch-                      dass man Kinder schon im frühen Alter
ten in den Achtzigerjahren hat sich das                    an die klassische Musik in Konzerten he-
Festival verändert, etabliert und kann in-                 ranführen müsse, indem man beispiels-
zwischen auch Experimente wagen.                           weise eine Kinderbetreuung während ei-
                                                           ner Hälfte der Konzerte anbiete. Als Bei-
Wichtig für die Ansprache der Zielgrup-                    spiel einer Forderung an die Politik wurde
pen eines Konzertes sei es, den richtigen                  die Notwendigkeit einer musikalischen
Ton zu treffen. Auch Plakate und persön-                   Ausbildung für Erzieherinnen von einer
liche Kontakte zu Zielgruppenvereinen,                     Teilnehmerin erwähnt.
wie beispielsweise länderspezifischen
Kulturvereinen, seien unumgänglich.                        Ein Ausblick auf das nächste Treffen des
Ständig Kontakt zum Stammpublikum zu                       Musikvermittlungsteams, das Ende Fe-
halten und gleichzeitig neue Zielgruppen                   bruar/Anfang März 2011 stattfinden
anzusprechen sei das Ideal. Wie Heu-                       wird, beendete die Sitzung.
bach, sprach auch Sure von den Kompe-
tenzen und Interessen der Partner, hier
im Hinblick auf das Publikum. Die richti-                   Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger.


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 3 von 3
Grußwort des Niedersäch-
sischen Ministeriums für
Wissenschaft und Kultur

Referent: Detlef Lehmbruck, Refe-
ratsleiters Musik/Theater im


Sehr geehrte Frau Abgeordnete Behrens,

Sehr geehrter Herr Prof. Kemmelmeyer,
                                                          über Deutschland hinaus gerichtet ha-
Sehr geehrter Herr Werren,                                ben. Die erneut exponentiell angestiege-
                                                          ne Teilnehmerzahl belegt die Unverzicht-
Sehr geehrter Herr Koch,                                  barkeit des Unterfangens.

liebe Musikerinnen und Musiker,                           Nicht zuletzt für das Land Niedersachsen
                                                          ist es besonders erfreulich, dass Sie das
Im Namen von Frau Ministerin Prof. Dr.
                                                          Thema Singen gewählt haben. Nicht weil
Wanka, die heute leider nicht bei Ihnen
                                                          dieses Thema besonders originell wäre –
sein kann, Herrn Staatssekretär Dr. Lan-
                                                          Singen war zu allen Zeiten Thema. Man
ge und Frau Dr. Schwandner freue ich
                                                          könnte auch meinen, es sei alles über
mich sehr, dass ich Ihnen die herzlichen
                                                          das Singen gesagt. Das Musikland Nie-
Grüße der niedersächsischen Landesre-
                                                          dersachsen ist jedoch berechtigterweise
gierung überbringen kann.
                                                          nicht dieser Meinung. Viele historische
Die Jahreskonferenzen von Musikland                       Beispiele des Redens über das Singen
Niedersachsen sind gleichsam die ideal-                   könnten das belegen. Hier mag eines für
typischen Verwirklichungen des Musik-                     viele stehen:
land-Gedankens. Sie leben vor, was ei-
                                                          „Wir haben Schubertlieder gesungen und
ner der Grundgedanken der Projektträ-
                                                          neu gelernt, ach, Du solltest sie hören,
ger von Musikland Niedersachsen war:
                                                          sie sind wunderbar …Den 'Wanderer an
Vernetzung der Musikmacher und fachli-
                                                          den Mond' finde ich immer schöner …
cher Austausch mit dem Ziel, einen an-
                                                          Durch den ganzen ersten Teil der erden-
dauernden Diskurs über Qualitätsmaß-
                                                          schwere Schritt des Wanderers 'Ich wan-
stäbe zu etablieren. Dabei wird sich auch
                                                          dre fremd von Land zu Land, so heimat-
in diesen Tagen erweisen, dass sich Mu-
                                                          los, so unbekannt'. Dann aber lösen sich
sikkultur in ihrer Vielfalt hervorragend
                                                          die Akkorde auf in gebrochene, das
für die Beschäftigung mit best-practice-
                                                          klingt wunderbar frei und so rein, nicht
Beispielen eignet. Man braucht aber lei-
                                                          der leiseste Schimmer irgendeiner Dis-
denschaftliche Musikvermittler, die die
                                                          harmonie noch überschwenglichen Ge-
intime Kenntnis ihres eigenen Musiklan-
                                                          fühls: 'Du aber wanderst auf und ab von
des mit dem offenen Blick über dessen
                                                          Ostens Wieg in Westens Grab'. Und ein
Grenzen hinaus verbinden.
                                                          Schluss, den ich nicht beschreiben kann.
Es ist in erster Linie Ihnen, lieber Herr                 … Es bleibt kein großes Gefühl, weder
Koch, aber auch der gesamten Ge-                          des Trostes noch der Entsagung. Und
schäftsstelle mit Frau Hayes, Frau Benjes                 doch erfreut es so, und tröstet so wie ei-
und Frau Betker zu danken, dass Sie bei                   ne makellose Blume, die blüht, weil sie
der Vorbereitung dieser Konferenz Ihren                   blüht. … Wenn Du kommst, singen wir
Blick weit über Niedersachsen und sogar                   Dir's vor."



     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 1 / 3
Dies ist kein Zitat einer Musikerin der                   und Quandt bewogen hat, sich für den
Romantik. Dies ist ein Zitat aus einem                    Liedwettbewerb zu engagieren. Interes-
Brief einer Nichtmusikerin an einen                       sant ist in unserem Zusammenhang,
Nichtmusiker. Es stammt von Sophie                        dass die Dimension weit über den Lied-
Scholl, geschrieben an ihren Bruder                       gesang hinaus geht. Thomas Quasthoff,
Werner Scholl gleichsam in den russi-                     Franziska Castell und überhaupt allen
schen Feldzug. Beinahe unglaublich mu-                    Anhängern des Kunstlieds ist zweifellos
tet der Zeitpunkt dieses Briefes an: Sie                  bewusst, dass es heute wie zu allen Zei-
schrieb ihn Mitte Februar 1943 wenige                     ten historische Entwicklungen gibt, durch
Tage vor ihrer Verhaftung. Schon das                      die das Singen in der einen Ausprägung
macht den Schlusssatz - „Wenn Du                          an Gewicht gewinnt und in der anderen
kommst, singen wir Dir’s vor“ - zu einem                  Ausprägung an Gewicht verliert. Die
historischen Dokument. Heute, fast 70                     Hausmusikbewegung im 18. und
Jahre später, ist dieser Satz schon in                    19.Jahrhundert und die Singbewegung
seiner Grundaussage historisch gewor-                     als Teil der Jugendbewegung im frühen
den. Eine kaum vorstellbare Verabre-                      20. Jahrhundert stehen beispielhaft hier-
dung, sich etwas vorzusingen, wenn man                    für. Sie sind auch wie wir alle völlig un-
sich sieht. In unserem Zusammenhang                       verdächtig, etwa die positiven Wirkungen
kann es dabei nicht um ein neuerliches                    der vielen Casting Shows unserer Zeit
Lamento über einen vermeintlichen Kul-                    für das Singen und beispielhaft die Inte-
turverlust gehen. Es geht vielmehr um                     gration von jungen Menschen mit Migra-
einen authentischen Einblick in die                       tionshintergrund gering zu schätzen.
selbstverständliche Lebensrealität einer
„normalen“ Familie.                                       Und doch wird eine Haltung bezeichnet,
                                                          die die niedersächsische Landesregierung
Viele von Ihnen waren vergangenen                         teilt: Singen benötigt einen zentralen
Samstag dabei, als der Praetorius Musik-                  Platz im Lebensvollzug der Menschen,
preis 2010 verliehen wurde. Natürlich                     einen Platz, den es früher zu vielen Zei-
war es gleichermaßen traurig und ver-                     ten und an vielen Orten und in vielen
ständlich, dass Thomas Quasthoff seinen                   Bevölkerungsgruppen hatte und auch
Preis nicht persönlich entgegennehmen                     heute andernorts noch hat. Singen sollte
konnte. Es war jedoch ein wunderbares                     den Platz haben, den es für die vielen
Symbol, dass Franziska Castell, die Ge-                   Tausend Chorsänger im Musikland Nie-
schäftsführerin „seines“ Liedwettbewer-                   dersachsen hat. Es muss alles versucht
bes „Das Lied“, für ihn den Preis mit fol-                werden, um ganz jungen Menschen ein
genden Worten entgegennahm:                               Gefühl für die Selbstverständlichkeit des
                                                          Singens zu vermitteln.
„Der Gesang ist die ursprünglichste Form
der menschlichen musikalischen Äusse-                     Daher spielt das Singen eine zentrale
rungen. Aber es wird zu wenig gesun-                      Rolle im niedersächsischen Musikalisie-
gen: in den Familien, in den Kindergär-                   rungsprogramm „Wir machen die Musik“,
ten, in der Schule, aber auch überhaupt                   bei dem gerade Kindergartenkinder
in unserem Lebensvollzug. Dem gilt es                     durch vielfältige Kombinationen von Sin-
entgegenzuwirken.“                                        gen, Spielen und Bewegen erleben sol-
                                                          len, dass Musik einfach dazu gehört. Als
Franziska Castell beschreibt mit diesen                   integraler Bestandteil des Lebensvollzug
Worten, was Thomas Quasthoff motiviert                    wird Singen dann auch in seiner ganzen
hat, die Initiative für einen Liedwettbe-                 Vielfalt praktiziert werden.
werb zu ergreifen. Und sie beschreibt –
das darf man hier im Kreis von Musikför-                  Es wird auch ein steigendes Interesse für
derern sagen – was die Familien Oetker                    die Bedeutung von vertonten Texten ge-


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 2 / 3
ben, also das, was uns nach nur 70 Jah-
ren so historisch erscheint an dem Brief
von Sophie Scholl: ein Lied Textzeile für
Textzeile zu vermitteln. Denn die Faszi-
nation junger Menschen für vertonte
Texte ist völlig ungebrochen, auch wenn
viele Hits unserer Tage es nicht wirklich
nahelegen. Wer den Beweis sucht, möge
sich umhören, wie viele Jugendliche oh-
ne Zögern auswendig

„ich wollt noch danke sagen doch
ich lieg im Krankenwagen noch
wolln sie mich zwangsbeatmen doch bald
is alles aus und vorbei“

darlegen können – und zwar zur Freude
aller Bildungspolitiker bei voller Erfas-
sung des Inhalts dieser Zeilen.

Ein vielfältiges Musikland wie Nieder-
sachsen braucht einen Ort, in dem die
ganze Musikkultur ihre Heimstatt finden
kann. Daher freuen wir uns sehr, dass
auch die diesjährige Jahreskonferenz in
der neuen Landesmusikakademie statt-
findet, und wir danken dem gesamten
Team für die Gastfreundschaft!

Ich wünsche Ihnen einen fruchtbaren
Austausch und glückliche Erfahrungen
nicht nur über, sondern vor allem auch
beim Singen.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 3 / 3
Jahreskonferenz
Musikland Niedersachsen
2010

Eröffnungsvortrag
„Singen heute“
Referent: Klaus Georg Koch,
Geschäftsführer von Musikland
Niedersachsen

I.

Meine Damen und Herren,


im Frühjahr 1984 habe ich das erste Mal                    Man mochte sich vorkommen wie Goe-
Lesotho, die frühere Kolonie Britisch Bet-                 thes Wilhelm Meister und seine Reisege-
schuanaland, im südlichen Afrika bereist.                  fährten, denen auffiel, „daß je weiter sie
Es ist ein bergiges Land, und es war da-                   ins Land kamen, ein wohllautender Ge-
mals auch ein wildes Land, das sich dem                    sang ihnen immer mehr entgegentönte.“
Reisenden nur unter Mühen erschloss. In                    – ich bin schon im Zitat.
ganz Lesotho gab es damals eine einzige                    „Was die Knaben auch begannen, bei
Straße. Sie durchzog im Norden die Low-                    welcher Arbeit man auch sie fand, immer
lands, bog am östlichen Ende nach Sü-                      sangen sie, und zwar schienen es Lieder
den ab und führte ins Gebirge. Darüber                     jedem Geschäft besonders angemessen
hinaus gab es nur Geröllpisten und alte                    und in gleichen Fällen überall diesselben.
Saumpfade, auf denen sich die Einheimi-                    Traten mehrere Kinder zusammen, so
schen zu Fuß und auf Pferden fortbeweg-                    begleiteten sie sich wechselweise; gegen
ten.                                                       Abend fanden sich auch Tanzende, deren
                                                           Schritte durch Chöre belebt und geregelt
                                                           wurden.“ – Sie kennen die Passage am
Der größte Eindruck, den Lesotho damals                    Beginn des zweiten Buches, nur dass
auf mich machte, war, dass die Men-                        dem Singen in Lesotho der vornehme
schen dort sangen. Die Leute sangen in                     Ton des Bildungsromans nicht eigen war.
den Dörfern. Sie sangen im Bus und auf                     Es schien eine schlichte und fröhliche
den Ladepritschen der allradgetriebenen                    Welt. Einen Eindruck davon können Sie
Lastwagen, die sie im Schritttempo durch                   aus dem folgenden Video-Ausschnitt ge-
die Berge brachten. Kinder sangen auf                      winnen.
dem Weg in ihre Missionsschulen und sie
sangen in der Schule. Einen Ziegenhirten                   Videobeispiel 1, „Lesotho women singing,
traf ich, der alleine sang und sich dabei                  beautiful day out there“
mit einer Fiedel begleitete, die er aus ei-
nem Blechkanister, einem Stock und ei-
ner Schnur gebaut hatte. Am Sonntag
sangen die Leute in der Kirche, und
zwar, wie mir schien, häufig die gleichen
Gesänge, die ich während der Woche be-
reits gehört hatte.




                                                           http://www.youtube.com/watch?v=lDkK79AM7iM




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 1 / 7
16 Jahre später bin ich ein zweites Mal                    Das erlaubt uns, einen geschichtlichen
nach Lesotho gekommen. Und während                         Wendepunkt zu beobachten, der in der
ich den Fortschritt doch als etwas Gutes                   westlichen Welt das Datum 1877 trägt.
empfinde – der Bau eines unterirdischen                    In diesem Jahr hat der Franzose Charles
Bahnhofs ist das mindeste, was ich mir                     Cros das Patent für ein Gerät namens
erhoffe – war ich hier schockiert. Ein Teil                Paléophone und der Amerikaner Thomas
des Gebirges war für ein internationales                   Edison das Patent für den Phonographen
Wasserprojekt erschlossen worden, man                      angemeldet. Vor 1877 verklang jeder
hatte Staudämme gebaut, an denen nun                       Laut, der einem Mund entströmte. Das
auch Strom produziert wurde, und wo                        Ziel Edisons war es dagegen, Stimmen
vorher Pfade in die Berge führten, da                      haltbar, Lautäußerungen wiederholbar zu
verlief jetzt eine Straße. Lesotho war laut                machen. „Repetiermaschine“ wurde der
geworden. Sogenannte Minitaxis, oft                        Phonograph deshalb genannt, und auch
überfüllte Kleinbusse, brachten die Leute                  wenn es noch Jahrzehnte dauerte, bis
von den Bergen in die Lowlands und aus                     man etwa eine ganze Sinfonie aufge-
den Lowlands in die Berge. In den Dör-                     nommen hatte, so war es doch mit der
fern waren Märkte aufgebaut mit Waren                      Ruhe vorbei. Der Mensch hatte das Privi-
aus Südafrika und China. Jetzt gab es                      leg verloren, einzig durch die Artikulation
auch Musikanlagen, die in den Taxis und                    seines Körpers stimmlich präsent zu
auf den Märkten mit voller Lautstärke                      sein. Man kann allerdings auch sagen, er
Musik verbreiteten, die ihrerseits ohne                    sei von der Notwendigkeit, zu singen,
elektrischen Strom nicht hergestellt wor-                  befreit worden. Wie mit vielen anderen
den wäre.                                                  Fertigkeiten auch, haben die Menschen
                                                           arbeitsteilig das Singen den Spezialisten
                                                           überlassen und verwenden die frei ge-
Macht also auch hier die Zivilisation das                  wordene Zeit und Energie für etwas an-
Singen überflüssig? Ist das Singen ein                     deres.
Opfer der technischen Entwicklung? Ist
es etwas, worauf wir zurückblicken: Eine
Form von Menschlichkeit, die immer lei-                    Der technische Fortschritt und die Ge-
ser wird, während der Lärm des Fort-                       schichte des Singens stehen allerdings
schritts zunimmt?                                          schon sehr viel länger in einem schwieri-
                                                           gen Verhältnis zueinander. Das späte 18.
Selbstverständlich fährt niemand von uns                   und noch mehr das 19. Jahrhundert
nach Afrika, um dort mit innerer Freude                    bemächtigen sich der Musik in einem
den Stand des technischen Fortschritts                     technischen Sinn: Im Instrumentenbau,
und den beschleunigten Wandel der Le-                      in den wie bei Liszt ins Transzendentale
bensverhältnisse zu besichtigen. Die                       reichenden Spieltechniken, in der physio-
Freude schien mir auf Seiten der Ba-                       logischen Untersuchung der Stimmorga-
sothos, die sich mit ungekannter Leich-                    ne, im Bau von musizierenden Automa-
tigkeit in ihrem Land fortbewegen, einen                   ten aller Art. Letztlich führt ein direkter
Arzt oder eine Apotheke aufsuchen und                      Weg von der Erforschung der Stimmphy-
sich abends im Licht einer elektrischen                    siologie zum Bau mechanischer und elek-
Lampe unterhalten konnten. Wahrschein-                     tromechanischer Wiedergabeapparate.
lich erschien ihnen der technisch ver-
stärkte Lärm als eine Form von Mensch-                     Gleichzeitig – und im Grunde gegen das
lichkeit, die immer stärker wird, als Zu-                  Fortschreiten der Technik – entwickelt
kunftsmusik, die ihnen auch den eigenen                    die Romantik Vorstellungen, nach denen
Fernseher, den eigenen Kühlschrank, das                    das Singen die Geschichte in Richtung
eigene Auto verhieß. Und wahrscheinlich                    der „Ursprünge“ aufhebt. Wird die Fort-
dachten sie noch ohne Wehmut an die                        schrittsgeschichte als Geschichte der
Zeiten, als man selber singen musste,                      Entfremdung verstanden, dann drückt
um nicht an der Stille zu ersticken.                       dagegen das Singen das Gemeinsam-
                                                           Ursprüngliche und das Eigentlich-
                                                           Persönlichste aus. Ja eigentlich noch
Die Geschichte der Elektrizität und die                    dramatischer: Das Singen stellt das Ge-
Geschichte des Singens kreuzen sich in                     meinsam-Ursprüngliche und das Eigent-
diesem Bergland unter unseren Augen.                       lich-Persönlichste her.


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 2 / 7
Was da in der Wertschätzung des Ge-
sangs passiert, möchte ich am Beispiel
des Romans verdeutlichen. Hatte man
zuvor Sänger neben Tänzerinnen und
Schauspielern als zweifel-hafte, wenig
respektable Existenzen betrachtet, so er-
fahren Singen und Sänger – meistens
Sängerinnen – in der Literatur nun eine
Idealisierung. Menschen im Roman sollen
erkannt und verstanden werden, und
nirgends gibt sich der Mensch nach den
Vorstellungen dieser Zeit so wahrhaftig
und vollständig zu erkennen, wie da, wo
er singt. Jetzt ist die Sängerin nicht mehr                Der Philosoph Hartmut Böhme hat in sei-
nur Attraktion und Objekt der Begierde,                    nem Aufsatz „Der sprechende Leib“ für
sondern sie wird durch die Wahrheit ih-                    das spätere 18. Jahrhundert beschrie-
res Singens erkannt – hat der Roman ei-                    ben, welche Herausforderungen der ge-
ne Liebeshandlung, dann am Ende ver-                       sellschaftliche und technische Fortschritt
lässlich vom „Richtigen“, ihrem vorbe-                     für die Menschen bedeuteten. „Denn dies
stimmten Bräutigam.                                        strahlte die Angst des bürgerlichen Jahr-
                                                           hunderts an“, schreibt Böhme: „daß zwi-
In Deutschland hat Wilhelm Heinse 1795                     schen dem, was ein Mensch darstellt,
mit seinem Roman „Hildegard von Ho-                        zwischen seiner Erscheinung, und dem,
henthal“ erstmals Vokal-Ästhetik und                       was er ist, seinem Wesen, ein Riß klafft,
Liebesroman miteinander verschmolzen.                      der das Gefüge des intersubjektiven
Den monumentalsten Sängerinnen-                            Handelns eigentümlich verunsichert.“
Roman hat dagegen vermutlich George                        Dagegen sieht er in der bürgerlichen Un-
Sand mit „Consuelo / La Comtesse de                        terscheidung von Identität und Rolle den
Rudolstadt“ in den Jahren 1843/44 ver-                     „Versuch, ein Authentisches – das sub-
fasst.                                                     jektive Selbst – aus den Systemen der
                                                           Körperzeichen und Verhaltenscodes aus-
Lange, bevor in diesem Roman die Part-                     zuschneiden.“ Dieses Selbst „ist unsicht-
nerschaft zwischen der Sängerin Consue-                    bar, soll sich aber im Ausdruck zeigen“.
lo und dem Grafen von Rudolstadt tat-                      Gegen den rationalistischen Ansatz der
sächlich besiegelt ist, spricht Consuelo                   Aufklärung soll dieses Selbst aus dem
bereits das Motiv des (Wieder-) Erken-                     Körper – aus dem Leib, wie Böhme sagt
nens aus: „Ich bin eine Freundin, die Ihr                  – rekonstruiert werden. Am Beispiel des
lange Zeit erwartet und in dem Moment                      Königsberger Philosophen Johann Georg
erkannt habt, als sie sang“. Ihr späterer                  Hamann (1730 – 1788) zeigt Böhme auf,
Ehegemahl definiert seinerseits das Sin-                   wie „Sprache übersetzter Leib“ und der
gen als Ausnahmesituation vollkomme-                       Leib „inkorporierte Natur“ ist, Sinne, Lei-
ner Offenheit: „Du teilst mir [im Singen]                  denschaften und Begehren wirken darin
Dein ganzes Wesen mit und meine Seele                      als „Stimmen der Natur“.
besitzt Dich in der Freude und im
Schmerz, in der Zuversicht [dans la foi]                   Wenn wir heute in sogenannten unter-
und in der Furcht, im Überschwang des                      entwickelten Ländern – und wohl auch
Enthusiasmus und in der Wehmut der                         bei uns – das Verschwinden des Singens
Träumerei.“ Nicht zufällig sind musikali-                  als Verlust eines Ursprünglich-
sche Charaktere und seelische Empfin-                      Menschlichen empfinden, folgen wir ei-
dung in dieser Beschreibung nicht von-                     nem Wahrnehmungsmuster, dessen Tra-
einander zu unterscheiden. So fiebrig                      dition ins späte 18. Jahrhundert zurück-
und phantastisch im Übrigen der Roman                      reicht. Immer steht der Betrachter dabei
in seinem Verlauf ist – gewidmet hat ihn                   wie Walter Benjamins Engel der Ge-
George Sand einer realen Figur, Pauline                    schichte mit dem Rücken zur Zukunft,
Viardot, einer der größten Sängerinnen                     während der Sturm des Fortschritts ihm
des 19. Jahrhunderts.                                      die Trümmer vor die Füße schleudert. Al-
                                                           le, die die Stimme loben, sind auf dem


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 3 / 7
Rückweg in die Vergangenheit, ob nun                       phonie des Hochmittelalters, durch den
Hamann „die ausgestorbene Sprache der                      Bezug auf die „avancierteste, intellektu-
Natur von den Todten wieder erwecken                       ellste, elitärste“ und eben in Noten ge-
möchte“ oder wenig später Johann Gott-                     setzte Kompositionstechnik“ jener Zeit.
fried Herder die „Töne der Natur“, also                    Dagegen begründen etwa Rousseau und
die in der Stimme sich ausdrückende                        Herder die Vorstellung der Musik als
kreatürliche Regung, der „künstlichen                      „vollkommene Sprache des Herzens“,
Sprache der Gesellschaft“ entgegenstellt.                  und zwar auf der Grundlage des melodi-
                                                           schen Konzepts der Stimme. Ich zitiere
Betrachtet man den öffentlichen Streit                     hier für diese Strömung Daniel Gottlob
um Fortschritt und Herkommen als etwas                     Türk, bzw. seine einflussreiche Klavier-
Politisches, dann ist auch das Lob der                     schule von 1789, in der er schreibt:
Stimme politisch gemeint, und oft findet                   „Denn was sind alle bunten [also virtuo-
es sich mit einer gesellschaftlichen Phan-                 sen und chromatischen] Passagen, wenn
tasie verbunden. Der Kulturwissenschaft-                   es auf wahre Musik ankommt, gegen ei-
ler Hans Georg Nicklaus hat darauf hin-                    nen schmelzenden, herzerhebenden äch-
gewiesen, dass bereits Jean-Jacques                        ten Gesang.“ 50 Jahre später heißt es in
Rousseau mit seinem Ideal der „unité de                    Balzacs Sängerinnen-Novelle „Massimilla
mélodie“, der Einheit der Melodie, ein                     Doni“ noch immer und fast gleichlautend
„politisches Votum“ abgebe, eine „musi-                    mit Rousseau: Nicht die Harmonie, son-
kalische Metapher für ein gesellschaftli-                  dern die Melodie hat die Macht, den ge-
ches Projekt“, nämlich die Rückgewin-                      schichtlichen Abstand aufzuheben“ [C’est
nung einer ursprünglichen gesellschaftli-                  la mélodie et non la harmonie qui a le
chen Einstimmigkeit. Einstimmig heißt                      pouvoir de traverser les âges].
hier: „Die eine Sprache sprechen, die
nicht gedeutet, verstanden, vermittelt
werden muß, aus der vielmehr alle                          II
schöpfen, wie aus einem Brunnen, um
sich zu ernähren, um ein Körper zu wer-                    Meine Damen und Herren, mag der
den. (...) Und die Stimme ist das Organ                    Sturm des Fortschritts dem Engel des
dieser Einheit.“                                           Singens auch ins Gesicht blasen – es
                                                           wird auch bei uns noch immer gesungen,
So stehen Stimme und Singen gegen                          und manches deutet darauf hin, dass
Buchdruck und Buchstaben, die mit der                      heute wieder mehr gesungen wird als,
rationalistischen Aufklärung verbunden                     sagen wir, noch vor zehn Jahren. Dafür
werden, gegen die Vielstimmigkeit der                      sorgen nicht zuletzt Ihre Aktivitäten als
nachrevolutionären Gesellschaften, ge-                     Musikveranstalter, ChorleiterInnen, Mu-
gen die industrielle Produktion, gegen die                 sikpädagogInnen, Politiker und Förderer.
in Tonkonserven gepackte Musik, kurz:                      Viele Ihrer beispielhaften Sing-
Gegen den Lärm des Fortschritts.                           Bewegungen und Sing-Projekte werden
                                                           im Lauf dieser Konferenz zu besichtigen
Diese Positionierung der Stimme verän-                     sein.
derte am Ende selbst das Ideal, das man
sich von der Musik insgesamt machte.                       Es wird sogar so viel gesungen in unse-
Der Musikwissenschaftler Wolfgang                          rer Gesellschaft, dass man sich fragen
Fuhrmann hat in seinem Buch „Herz und                      kann, ob das Gefühl des Verlustes oder
Stimme – Innerlichkeit, Affekt und Ge-                     des Absterbens nicht das Ergebnis einer
sang im Mittelalter“ einen Grund dafür                     habituell eingeschränkten Wahrnehmung
vorgeschlagen, warum der Musik teilwei-                    sei. Zu den am Markt erfolgreichsten Mu-
se bis heute die Vorstellung von etwas                     sik-Publikationen der letzten Zeit gehö-
Kompliziertem oder Elitärem anhaftet:                      ren Sammlungen von „Wiegen-„ und
Der Begriff der „Musik“ und des „Musi-                     „Volksliedern“, die gleich in mehreren
kers“ bedeuteten in spätantiker Tradition                  Aggregatszuständen – zum Lesen, Spie-
zunächst so etwas wie Musiktheorie und                     len und Hören – angeboten werden. Pro-
die die professionelle Kundigkeit dieser                   jekte wie das heute vorgestellte „Lörrach
Theorie. Seine spätere universale prakti-                  singt!“ und „SING! – Day of Song“ bei
sche Bedeutung erlangte der Begriff der                    Ruhr 2010 bringen ganze Gemeinwesen
Musik über die Anwendung auf die Poly-                     zum Singen. Und auch diesseits solcher


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 4 / 7
veranstalteter Bewegungen sind – nicht                      Kindern etwas Sinnvolles anfangen soll-
anders als in vormodernen Zeiten – exi-                     te, liegt ja auf der Hand. Und wie die ge-
stenzielle Fragen des Volkes ohne Ge-                       genwärtige Islam-Debatte vom Zweifel
sang gar nicht vorstellbar: Dazu folgen-                    am rechten Unglauben der eigenen Ge-
des kurze Video aus der Zeit der Fußball-                   sellschaft begleitet wird wie von einem
Weltmeisterschaft in Südafrika, das uns                     Schatten, so folgt die Unruhe über die
von der Dritten zurück in die Erste Welt                    Erziehung der eigenen Kinder der Debat-
führt                                                       te über die so genannte Integration von
                                                            Kindern nicht-deutscher Herkunft. Abge-
Videobeispiel 2, „Uwu Lena - Schland o                      sehen davon, dass Singen Spaß macht,
Schland“                                                    wie der Titelsong von Klasse! Wir singen
                                                            erklärt, bietet es sich auch zur Milderung
                                                            gesellschaftlicher Probleme an. Natürlich
                                                            ist das Singen ein Beitrag zur Integration
                                                            und zum Spracherwerb – für alle Kinder,
                                                            egal woher die Eltern kommen. So wie es
                                                            für Kinder Bewegungsmangel, Vitamin-
                                                            mangel oder Zuwendungsmangel geben
                                                            kann, so gibt es auch den Singmangel,
                                                            das legt die positive Reaktion der Kinder
                                                            auf Sing-Anregungen nahe.

http://www.youtube.com/watch?v=Vscg_QeKdpI                  Nicht zuletzt reagiert die gegenwärtige
                                                            Singbewegung auch auf die Lage, in der
                                                            sich vor allem die Institutionen der so
Hatte bei Rousseau, Herder und den                          genannten ernsten, klassischen oder
Volksliedsammlern des 19. Jahrhunderts                      Kunstmusik befinden. Es muss hier ge-
das Glück in der Früh- und Vorgeschichte                    nügen, nur die Stichworte Überalterung
gelegen, so lautet die Devise unserer ge-                   des Publikums und Rückgang der Nach-
genwärtigen Sing-Bewegung „zurück zu                        frage zu nennen. Das sind die Themen,
den Anfängern“. Die Figur des Rück-                         an denen wir im Musikland arbeiten. Eine
gangs auf etwas Grundlegendes finden                        Reihe von teilweise repräsentativen Stu-
wir hier allerdings auch. Immer mehr                        dien zeigt, dass das Durchschnittsalter
gibt es auch politische Unterstützung für                   des Konzertpublikums derzeit zwischen
den Versuch, das Singen wieder als                          55 und 60 Jahren liegt und dass sich das
menschliche Universalie einzuführen, als                    Verhältnis zwischen dem Angebot an Mu-
konstitutives Element der Ichwerdung,                       sikveranstaltungen und den Besucher-
als Grundform individueller Artikulation                    zahlen scherenartig auseinander entwic-
und sozialer Kommunikation.                                 kelt, wobei das Interesse an klassischer
Projekte wie KiSINGa und Primacanta,                        Musik umso geringer ausfällt, je jünger
wie die Chorklassen Niedersachsen, Klas-                    die Altersgruppe ist.
se! Wir singen und das umfassende An-
gebot des englischen Musikzentrums The                      In dieser Lage erscheint es als außeror-
Sage Gateshead und der National Sin-                        dentlicher Glücksfall, dass sich Kinder
ging Campaign stehen für diesen Ver-                        geradezu naturhaft für das Singen begei-
such, das Singen als Element der Erzie-                     stern können. Denn nichts kann das spä-
hung wieder verbindlich zu verankern.                       tere Interesse an Musik so gut begrün-
Darüber hinaus schlagen Projekte wie                        den, wie möglichst frühe praktische und
Canto Elementar und „Singepaten“ eine                       als erfreulich erinnerte Erfahrungen:
Brücke zwischen der Generation der                          Klasse wir singen – singen macht Spaß.
Großeltern, die häufig noch mit dem Sin-                    Werden diese Erfahrungen überdies in
gen aufgewachsen ist, und den Kindern.                      Gesellschaft gemacht – im Kindergarten,
                                                            in der Schule, in der Familie –, steigt die
An dieser Stelle ist die Versuchung groß,                   Wahrscheinlichkeit noch einmal, dass
die historischen Implikationen oder ein-                    sich das Kind auch später im Leben für
fach den historischen Ballast des Singens                   Musik interessiert und einsetzt.
abzuwerfen. Wahrscheinlich ist es sogar
legitim. Dass die Gesellschaft mit ihren


      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 5 / 7
III.

So ist das Singen aus Sicht der Musik-
land-Idee, eine besonders glückliche mu-
sikalische Sozialform, die es erlaubt, vie-
len Menschen musikalische Angebote zu
machen, die sie erreichen und die er-
reichbar für sie sind. Damit ist es auch
eine Chance für unsere Musikkultur, sich
neu zu gründen. „Neustart durch Sin-
gen“, könnte man sagen, und diese
Chance wollen wir nutzen.

Neben der Vielzahl privater, vom persön-
lichen Engagement angefeuerter Initiati-                     wenden.
ven, stellt auch das Land Niedersachsen                      Heißt das, es gibt so etwas wie eine zeit-
zunehmend mehr Angebote in Kindergär-                        lose Wahrheit über das Singen? Oder
ten und Schulen bereit. Der Koalitions-                      laufen wir mit unserer Singbewegung ei-
vertrag aus dem Jahr 2008 definiert das                      nem historischen, vielleicht veralteten
„Musikland Niedersachsen“ zu einer                           Menschenbild hinterher? Das Land Nie-
Hälfte aus seinen Angeboten zur musika-                      dersachsen hat mit einer umfassenden
lischen Bildung. Wenn das weiter so                          „Musikalisierung“ der Kindergarten- und
geht, dann wird in nicht zu ferner Zu-                       Grundschulkinder im Land begonnen.
kunft „bei uns der Gesang die erste Stufe                    „Musikalisierung“ klingt dabei nicht nur
der Bildung, alles andere schließt sich                      wie „Christianisierung“ und vielleicht
daran und wird dadurch vermittelt. „(...)                    nach Mission, es ist tatsächlich der Ver-
denn indem wir die Kinder üben, Töne,                        such, „in der Fläche“, wie es im politi-
welche sie hervorbringen, mit Zeichen                        schen Jargon heißt, Menschen, ganz jun-
auf die Tafel schreiben zu lernen und                        gen Menschen, Angebote zu machen, ihr
nach Anlaß dieser Zeichen sodann in ih-                      Leben sinnvoll zu gestalten.
rer Kehle wiederzufinden, ferner den
Text darunterzufügen, so üben sie zu-                        Aber auch hier entkommen wir den ge-
gleich Hand, Ohr und Auge und gelangen                       schichtlichen Streitfragen nicht: Gehört
schneller zum Recht- und Schönschrei-                        es zum Menschsein in unserer Zeit,
ben, als man denkt, und da dieses alles                      durch das Singen Erfahrungen und Idea-
zuletzt nach reinen Maßen, nach genau                        le vergangener Zeiten zu aktualisieren
bestimmten Zahlen ausgeübt und nach-                         wie in einem lebendigen Symbol, oder
gebildet werden muß, so fassen sie den                       überzustreifen wie ein klangliches Ko-
hohen Wert der Meß- und Rechenkunst                          stüm – die Fremdheitserfahrungen der
viel geschwinder als auf jede andere                         „Winterreise“, die Partnerschaftsideale
Weise. Deshalb haben wir denn unter al-                      von „Frauenliebe und -Leben“, die Glau-
lem Denkbaren die Musik zum Element                          bensgewissheit einer Bach-Motette, die
unserer Erziehung gewählt, denn von ihr                      Todesschauer eines Berlioz-Requiems,
aus laufen gleichgebahnte Wege nach al-                      die Naturverbundenheit eines Volkslieds?
len Seiten.“                                                 Ist es noch zeitgemäß oder ist es hoff-
                                                             nungslos romantisch, dass Menschen so
Meine Damen und Herren, Sie haben es                         genannte Gefühle kultivieren und diese
bemerkt, ich bin noch einmal auf Goe-                        „ausdrücken“ wollen? Einen Grund wird
thes „Wilhelm Meister“ zurückgekom-                          es doch haben, dass das Kunstlied immer
men. Mich hat frappiert, wie nahe Goe-                       weniger Publikum findet und junge
thes 200 Jahre alte Pädagogik der ge-                        Opernregisseure zunehmend Revuen in-
genwärtigen Debatte steht. Auch Rous-                        szenieren, wo sie die singenden Figuren
seaus Phantasie von der „unité de mélo-                      doch auch hätten ernst nehmen können.
die“, der Einheit der Melodie oder freier                    Wir Alten mögen ja träumen, aber wie
formuliert, der Einheit durch Singen ge-                     vielen Generationen von Kindern soll
gen die Vielstimmigkeit einer modernen                       noch über das Singen das alte Dur-Moll-
Gesellschaft, ließe sich umstandslos auf                     tonale System eingepflanzt werden? Wie
die Diskussion um die Chorklassen an                         lange wollen wir noch so genannte Volks-


       Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 6 / 7
lieder singen lassen, deren romantische
Gegenstände mit den Aufgaben unserer
Kinder nichts zu tun haben? Bewahren
wir mit diesem Singen unsere Kinder vor
der Verwilderung? Bewahren wir sie vor
der Vereinnahmung durch die Leistungs-
anforderungen der Moderne? Oder sind
wir einfach nur reaktionär?

Meine Damen und Herren, wer will das
beantworten? Aber vielleicht ist am Ende
das Verantwortungsvolle und das Reak-
tionäre zumindest in der Erziehung das
gleiche, und jede Generation muss ihren
Kindern etwas gut Gemeintes antun, wo-
gegen diese sich anschließend recht-
schaffen auflehnen können.

In diesem Sinn wünsche ich uns zwei an-
regende Tage hier in Wolfenbüttel. Ich
danke für Ihre Aufmerksamkeit.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 7 / 7
Sozialisierung durch Sin-
gen I
Das hessische Primacan-
ta-Programm
Referent: Thomas Rietschel, Präsi-
dent der Hochschule für Musik und
Darstellende Kunst in Frankfurt am
Main

Primacanta „Primacanta – Jedem Kind
seine Stimme“ ist eine Koooperation der                     Das Programm ist langfristig und nach-
HfMDK Frankfurt und der Crespo Foun-                        haltig gedacht. Mit einem vorläufigen
dation, die Schirmherrschaft haben die a                    Projektzeitraum von 2008 bis 2012 und
cappella Gruppe Wise Guys sowie Frank-                      Projektgeldern von einer Million Euro
furts Oberbürgermeisterin Petra Roth.                       richtet es sich nach derzeitigem Stand an
                                                            ungefähr 120 Lehrer und Lehrerinnen
Anliegen des Programms ist es, das Sin-                     von zunächst dritten und vierten Klassen
gen als zentralen Ausgangspunkt für eine                    in 52 von 56 Frankfurter Grundschulen.
musikalische Bildung zu nehmen. Die                         Eine professionelle Evaluation ist in Ar-
Hochschulen sollten sich für musikalische                   beit. Erwartet werden Ergebnisse, die
Bildung stark machen, so Thomas Riet-                       zeigen, wie sich etwa die soziale Interak-
schel, da diese gewissermaßen der Ast                       tion innerhalb der beteiligten Klassen
ist, auf dem sie sitzen.                                    verbessert hat.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.1/3
Ziele von Primacanta sind zum einen der                     Gesungen wird Liedgut aus verschiede-
Versuch einer nachhaltigen Veränderung                      nen Kulturkreisen, wobei anzumerken
wie auch die Ermöglichung von Erfah-                        ist, dass die Stadt Frankfurt einen Anteil
rungen, die über Wissensvermittlung hi-                     von 60% an Schülern mit Migrationshin-
nausgeht.                                                   tergrund hat.

Das Programm setzt auf das Prinzip des                      In Form von öffentlichen Auftritten wäh-
aufbauenden Musikunterrichts, welches                       rend des Projektzeitraums sowie einem
ein didaktisches Stufenmodell zur nach-                     Abschluss beim Deutschen Chorfest in
haltigen Entwicklung der musikalischen                      Frankfurt 2012 präsentieren die beteilig-
Kompetenz der Kinder ist.                                   ten Klassen, was sie gelernt haben.

In der Praxis beinhaltet Primacanta eine                    Um Nachhaltigkeit zu schaffen, sprach
zweijährige Fortbildungs- und Bera-                         Thomas Rietschel von der Notwendigkeit,
tungsphase für LehrerInnen während der                      die Lehrer zu qualifizieren und nicht in
Unterrichtszeit durch Coaches, qualifi-                     Form eines Events Schülern kurzfristig
zierte Schulmusiker und Hochschullehrer                     das Singen beizubringen.
sowie teilweise durch gut qualifizierte
Grundschulmusiklehrer. Für Schulen oh-                      Bisher gab es viele positive Rückmeldun-
ne Fachlehrer gibt es die „Tandem“-                         gen und Bewertungen des Programms.
Lösung, eine Kooperation mit Musikschu-                     Nachhaltigkeit zeigte sich auch darin,
len. (Ein Hinweis auf die Situation in                      dass sich als Folge des Programms
Hessen erklärt, dass dort wenig ausge-                      Stadtteilchöre in Frankfurt gebildet ha-
bildete Grundschulmusiklehrer unterrich-                    ben.
ten, oft werde das Fach fachfremd ge-
lehrt. Bestrebungen, einen Fächerver-
bund mit dem Übertitel „Ästhetische Bil-
dung“ zu schaffen würde Musik weiter                        Weiterführende Informationen gibt es
schwächen.)                                                 unter www.primacanta.de.




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Sozialisierung durch Sin-
gen II
KiSINGa im Landkreis
Northeim
Referent: Prof. Dr. Gerhard Ropeter

Beim zweiten vorgestellten Modellprojekt
handelt es sich um „KiSINGa – Kinder
singen im Kindergarten“, vorgestellt von
Projektleiter Prof. Dr. Gerhard Ropeter.

Das Programm KiSINGa ist im Landkreis                       lage als das Frankfurter Primacanta-
Northeim in Niedersachsen (Hardeg-                          Programm.
sen/Moringen/Nörten-Hardenberg) ange-                       Mit dem Untertitel Interkommunales Mo-
siedelt. Projektträger ist der gemeinnüt-                   dellprojekt zur Förderung lebendigen
zige Verein Sing-Akademie Hardegsen,                        Singens von Kindern im Kindergarten ist
dessen Vorstand Prof. Ropeter ist. Das                      beschrieben, was das Programm be-
ländliche Gebiet hat geschätzte drei Pro-                   zweckt. Im Zentrum steht die Schulung
zent Kinder mit Migrationshintergrund                       von Erzieherinnen der zwölf Kindergärten
und somit eine völlig andere Ausgangs-                      des Landkreises. Ziel ist die Schaffung

     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.2/3
einer Singumgebung, in der Singen lang-                      Evaluiert wird das Projekt mit standardi-
fristig regelmäßig und angeleitet durch-                     sierten Bögen, bei denen ErzieherInnen
geführt wird. In zwei Projektphasen von                      und Eltern die selben Fragen zur Selbst-
jeweils 18 Monaten wird das Programm                         und Fremdeinschätzung des Kindes be-
durchgeführt und anschließend evaluiert.                     antworten. Ropeter bemerkte, dass für
                                                             eine umfassende wissenschaftliche Eva-
Anders als bei Primacanta finden die                         luation Kontrollgruppen ohne verstärktes
Weiterbildungstreffen in der Freizeit der                    Singen zum Vergleich eingesetzt werden
Erzieherinnen statt. Die Anmeldung er-                       müssten, dafür stünden jedoch die finan-
folgt freiwillig von Seiten der Kindergär-                   ziellen Mittel nicht zur Verfügung.
ten. Das KiSINGa-Projekt wird vom
Deutschen Institut für Internationale                        Das Projekt wird ausführlich vorgestellt
Pädagogische Forschung (DIPF) evalu-                         auf der Homepage der Singakademie
iert. Projektzeitraum ist vom 1. Septem-                     Hardegsen: http://www.kantorei-
ber 2009 bis 31. August 2012.                                hardegsen.de/129.html

Das Projekt basiert auf drei Prinzipien:                     In der offenen Gesprächsrunde gab es
Grundlegend ist der Montag als Singtag                       den Anstoß einer Teilnehmerin, die mu-
festgelegt. Anfangs wird ein Modellunter-                    sikalische Bildung und Stimmerziehung
richt von Fachkräften der Singakademie                       der ErzieherInnen schon in deren Be-
an den Kindergärten abgehalten. Daran                        rufsausbildung zu fördern. Dies traf den
anschließend bekommen die ErzieherIn-                        Kernpunkt einer Idee von musikalischer
nen eine regelmäßige Weiterbildung, die                      Bildung, welche langfristig, flächendec-
die Bereiche musikalisches Basiswissen,                      kend und grundständig wäre. Bemerkt
Stimmbildung und Methodik der Lieder-                        wurde hierzu, dass Modellprojekte wie
arbeitung umfasst. Zeitnah findet ein                        Primacanta und KiSINGa nötig sind, um
Transfer in die Praxis statt: Die Erziehe-                   in den Medien und durch die wissen-
rInnen üben im dritten Schritt mit ihren                     schaftliche Evaluierung Aufmerksamkeit
Kindergartengruppen Lieder ein. Motiva-                      zu erregen und langfristig das Singen
tion und eigenes Engagement sind                             und eine musikalische Grundausbildung
Grundvoraussetzung für das Projekt.                          in Kindergärten und Schulen wieder zur
                                                             Norm werden zu lassen. Ein Teilnehmer
Nachdem die Anfangsskepsis überwun-                          ergänzte, dass Projekte wie diese eigent-
den worden war, stellte sich die Motiva-                     lich die Reparaturarbeit dessen seien,
tion bei den KindergärtnernInnen von                         was jahrelang versäumt worden war. Die
selbst ein. Die Erkenntnis aus den bishe-                    Aufforderung an die Politik, die musikali-
rigen Praxiserfahrungen ist, dass das                        sche Bildung von Anfang an, und auch in
verstärkte Singen auch den Kindern gro-                      der Ausbildung von LehrernInnen und
ßen Spaß macht und es zu assoziativem                        ErzieherInnen zu fördern, stand ab-
spontanen Singen der Kinder auch un-                         schließend im Raum. Eine solche Institu-
terhalb der Woche und zu Hause kommt,                        tionalisierung müsse allerdings auch mit
welches es zuvor nicht gab. Dabei fällt                      Leben gefüllt werden. Musik eröffnet
kein Unterschied zwischen Mädchen und                        durch sich selbst die Chance, zu begei-
Jungen auf.                                                  stern, so die Meinung der Arbeitsgrup-
                                                             pen-TeilnehmerInnen.
Ergänzende Maßnahmen von Seiten der
Singakademie sind die Erweiterung des
Liedcurriculums; die ErzieherInnen be-
kommen dabei Liedsammlungen und -
blätter zur Verfügung gestellt. Außerdem
gibt es ein KiSINGa-Singfest. Wertbil-
dende Faktoren des Projektes sind neben
einem kompetenten Fachpersonal, das
Vorbild für die ErzieherInnen im Modell-
unterricht sein sollte, eine kontinuierliche
Intervention, wie Nachbesprechungen,
sowie eine stabile Projektorganisation.
                                                             Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger.


      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.3/3
Mehr Öffentlichkeit für
den Gesang I – Audience
Development beim Rund-
funkchor Berlin
Referent: Hans-Herman Rehberg,                                  Zwischen diesen Produktionen finden
Chordirektor                                                    zwölf Veranstaltungen im Rahmen von
                                                                „Broadening the Scope of Choral Music“
                                                                statt:
Die Initiative „Broadening the Scope of
Choral Music“ des Rundfunkchor Berlin                           •    Broadening in concert (5 Konzerte)
geht auf die Feststellung zurück, dass                          •    Internationale Meisterklasse Berlin (1
der Chor im Kerngeschäft zwar immer                             •    Konzert und 6 Workshoptage)
große Aufmerksamkeit genoss, A-                                 •    KlangKulturen (1 Konzert und 10
Cappella-Konzerte vom gleichen Publi-                                Workshops)
kum jedoch kaum besucht waren. Seit                             •    Liederbörse (1 Konzert und 12
2003 experimentiert der Chor nun mit                                 Workshops)
neuen Konzertformen und findet dabei                            •    LeaderChor (1 Konzert und 3 Work-
heraus, wie mit dem Publikum von heute                               shoptage)
und morgen mehr als bisher möglich                              •    Mitsingkonzert (1 Konzert und 2 Pro-
werden kann.                                                         ben)
                                                                •    Mitsingprobe (2 Veranstaltungen)
Im Jahr 2007 brachte der Rundfunkchor
in der Reihe „Broadening in concert“, Sir                       Im Bereich Education engagiert sich der
John Taverners siebenstündiges Mei-                             Rundfunkchor bereits seit Ende der
sterwerk „The Veil of the Temple“ unter                         1990er Jahre. In seinem jüngsten Pro-
der Leitung von Simon Halsey im Ham-                            jekt war er zu Gast in einer Grundschule
burger Bahnhof in Berlin zur deutschen                          in Berlin-Marzahn. Mit rund 150 Schüle-
Erstaufführung. Als kulturübergreifendes                        rInnen der 5. und 6. Klasse erarbeitete
Riesenwerk in fünf Sprachen erfolgte die                        der Chor über drei Monate ein interdiszi-
Aufführung durch insgesamt fünf Chöre                           plinäres Projekt zu Rodion Shchedrins
und europäische wie außereuropäische                            Chorwerk „Der versiegelte Engel“. Die
Instrumente.                                                    Proben dafür fanden im Musik- und im
                                                                Sportunterricht statt.
Aktuell befindet sich der Rundfunkchor
Berlin in der Planung für das Fest der                          Ein weiteres Projekt der Reihe „Broade-
Kulturen im kommenden Januar in Ber-                            ning in Concert“ fand 2006 mit Christian
lin. Dort werden drei Amateurchöre zu-                          Josts Choroper „Angst“ statt, bei dem
sammen mit dem Chor des türkischen                              der Chor der Träger der Handlung ist.
Konservatoriums sowohl deutsche als                             Dass das Konzept von „Broadening in
auch türkische Werke aufführen. Für ei-                         Concert“ funktioniert, zeigten auch die
nen zweiten Programmteil wurde ein                              Aufführung von Ernst Peppings „Passi-
Gospel-Spezialist eingeladen, um mit ei-                        onsbericht des Johannes“, die 2008
nem Projektchor aus den verschiedenen                           mehrfach das Radialsystem in Berlin füll-
Chorszenen und Kulturen Berlins ein                             te sowie die Johannes-Passion von Ja-
Konzert zu erarbeiten. Im dritten Pro-                          mes MacMillan 2008 und 2009. Die Auf-
grammteil wird der Rundfunkchor die                             tragskomposition von MacMillan band
musikalische Vesper von Sergej Rach-                            den Chor szenisch mit ein und wurde zu-
maninow, unterbrochen von Improvisa-                            sammen mit dem Boston Symphony Or-
tionen auf der armenischen Duduk-Oboe,                          chestra, dem London Symphony Orche-
aufführen.                                                      stra und dem Concertgebouworkest Am-
                                                                sterdam aufgeführt.
Das eigentliche Kerngeschäft des Rund-
funkchors beinhaltet 55 Konzerte und
drei CD-Produktionen in der Saison
2010/2011.



     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 1 / 6
Neben der Reihe „Broadening in Concert“                         Damit möchte der Chor dazu beitragen,
und den Education-Aktivitäten gehören                           dass Singen als kreatives Potenzial alle
auch die sogenannten Mitsingkonzerte                            Bereiche des Lebens erreicht.
zum Konzept von „Broadening the Scope
of Choral Music“. In zwei Proben und der                        Auch vor Unternehmen macht der Rund-
Aufführung können dabei 1000 Mitsänger                          funkchor nicht Halt. Im Gegenteil – hier
bei einem großen Chorwerk des Rund-                             findet er sowohl finanzielle als auch
funkchores in der Berliner Philharmonie                         kreative Partner und initiiert Chorgrün-
mitwirken. Oft melden sich dabei ganze                          dungen in Unternehmen. In Mitsingpro-
Chöre und Schulklassen an und die War-                          ben in den Räumen der Unternehmen
teliste ist so lang wie die Liste der be-                       kommen die MitarbeiterInnen mit dem
reits Angemeldeten. Inzwischen hat sich                         Singen in Kontakt. Daneben richtet sich
sogar eine „Industrie“ im Umfeld der                            der so genannte LeaderChor an Füh-
Mitsingkonzerte entwickelt – Chorleite-                         rungskräfte aller Bereiche. Es wurde
rInnen bieten Workshops und Proben zur                          festgestellt, dass Führungskräfte durch-
Vorbereitung auf das Mitsingkonzert an.                         aus singen können, jedoch zu wenig Zeit
Sogar Unternehmen entsenden Mitarbei-                           für regelmäßige Proben haben. Daher
terchöre, die während der Arbeitszeit zu-                       sind sie dankbar, einmal projektweise
sammen dafür proben. Am Ende steht                              wie die Profis mit Simon Halsey zusam-
ein großes gemeinsames Konzerterleb-                            menarbeiten zu können.
nis, das jedes Mal bereits nach 14 Tagen
ausverkauft ist.

Auch für Berliner SchülerInnen gibt es
ein Mitsingangebot des Rundfunkchores.
Mit 300 TeilnehmerInnen kleiner als das
Mitsingkonzert, ist die sogenannte Lie-
derbörse eine Möglichkeit für die Schüle-
rInnen, mit einem professionellen Chor
zusammen zu singen. Dabei dürfen Lie-
derwünsche mitgebracht werden. Dieses
Projekt erfordert ein Jahr Vorbereitung,
in dem SängerInnen des Rundfunkchores
mit den SchülerInnen proben. Dazu
müssen auch immer LehrerInnen gefun-
den werden, die klassenübergreifend
mitmachen.                                                      Damit auch in Zukunft charismatische
                                                                Chorleiter und „Rattenfänger“ wie Simon
Das nächste Projekt des Rundfunkchores                          Halsey diese Arbeit fortsetzen, hat der
im Bereich der kulturellen Kinder- und                          Rundfunkchor die „Internationale Mei-
Jugendbildung wird ein Projekt sein, in                         sterklasse Berlin“ für junge Dirigenten
dem das Singen neu in den Grundschu-                            ins Leben gerufen, bei der man bereits
len etabliert werden soll. In Kooperation                       interessante junge Leute kennen lernen
mit den Landesmusikschulen werden                               konnte. Dabei lernen beide Seiten, Leh-
ChorsängerInnen als Singpaten in zu-                            rende und Lernende, immer auch von-
nächst zwei Grundschulen entsandt.                              einander.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 2 / 6
Mehr Öffentlichkeit für
den Gesang II – Singende
Flashmobs der Interna-
tionalen A-cappella-
Woche Hannover

Referent: Roger Cericius, Leiter der
Internationalen A-cappella-Woche


Die Internationale A-cappella-Woche                             Facebook ist inzwischen das wichtigste
Hannover ist mit einer Festivalwoche im                         Social Network. Auf Facebook hat die A-
Jahr ein singuläres Ereignis mit in die-                        cappella-Woche inzwischen 291 Fans,
sem Jahr mehr als 7500 Besuchern. Das                           über die statistische Werte über Reaktio-
Konzept sieht den Auftritt weltbekannter                        nen auf das Festival herausgelesen wer-
und auch dezidiert weniger bekannter                            den können. Außerdem gerät man so an
Ensembles vor. Im Vordergrund der Pro-                          Informationen über Themen am Rand
grammgestaltung stehen ein große                                des Festivals; zum Beispiel, wie die Be-
Bandbreite, Vielfalt und Innovation. Der                        sucher morgens aufstehen und den Fe-
Etat beträgt 150.000 Euro im Jahr. Mit                          stivaltag beginnen. Auch bei der Face-
einem Marketingetat, der zehn Prozent                           book-Präsenz gilt, dass sie oft aktuali-
davon beträgt, ist es schwierig, Werbung                        siert werden muss, um für Nutzer attrak-
auf ganzer Breite zu realisieren. Daher                         tiv zu bleiben. Die Arbeit, die Webseiten
setzt das Festival verstärkt auf Werbung                        sorgfältig zu pflegen, lohnt sich, wenn
über das Internet und versucht, Men-                            man einen Kreis ansprechen möchte, der
schen zu Multiplikatoren zu machen. Da-                         im Internet zu Hause ist. Facebook er-
bei lautet die Devise, einfache Bilder für                      möglicht es, die eigenen Fans so genau
Partner und Medien zu produzieren, per-                         wie möglich kennen zu lernen. Um je-
sönlichen Kontakt zu den Menschen auf-                          manden zu erreichen, müssen seine
zubauen und das Internet effektiv zu                            Emotionen erreicht werden, damit er in
nutzen.                                                         das Konzert kommt.

Im Jahr 2008 hatte der Internetauftritt                         In diesem Jahr gab es das Phänomen,
der A-cappella-Woche 50.000 Clicks.                             dass auf einen Aufruf an Chöre, zum
Aufgrund dieser positiven Besucherent-                          Auftakt der A-cappella-Woche irgendwo
wicklung auf der Website vollzog das Fe-                        in Hannover zu singen, ein Flashmob
stival den Einstieg in die Social Net-                          entstand. Die Sänger reisten zum Teil
works. Wichtig bei der Pflege einer Web-                        von weit her an, trafen sich in einem
site ist, sie stets aktuell zu halten und                       großen Einkaufszentrum in Bahnhofsnä-
sie mit News zu füttern sowie gut ver-                          he, sangen zusammen und wurden von
linkt zu sein, um eine gute Position bei                        einigen Menschen gefilmt. Im Internet
der Suchmaschinensuche zu erreichen.                            erreichten die Videos weitere 8.000 Men-
Von den Social Networks sollte man nur                          schen. Auch die Berichterstattung auf
die für das Marketing nutzen, die für das                       SAT1, NDR, in der HAZ und der Bildzei-
eigene Anliegen relevant sind.                                  tung trugen zu einer effektiven und da-
                                                                bei kostenlosen Werbung für die A-
Die A-cappella-Woche nutzt Twitter,                             cappella-Woche bei. Außerdem wurden
Myspace und Facebook. Twitter wird we-                          die Fans auf Facebook durch den Flash-
gen der Schnelligkeit genutzt und wegen                         mob in der Realität haptisch und es war
der Möglichkeit, aus einem Konzert her-                         möglich, mehr über die eignen Fans zu
aus etwas zu berichten. Hier hat die A-                         lernen.
cappella-Woche bereits 90 Followers. Die
Tweets werden direkt in die Homepage                            Um solche Wirkungen zu erzielen, ist es
eingefüttert.                                                   jedoch notwendig, sich jenseits der Kul-
                                                                tur kreativ zu zeigen und etwas anzubie-
                                                                ten, was andere nicht haben. Darüber


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 3 / 6
hinaus kann z.B. der Informationsfluss                           z.B. Backstage-Aufnahmen. Es geht dar-
über Programmankündigungen mit einer                             um, das eigene Publikum so gut wie
besonderen Dramaturgie versehen wer-                             möglich kennen zu lernen, sich auch
den. Außerdem sollten viele bewegte Bil-                         Programmideen aus dem Publikum mit-
der und Details gezeigt werden, die                              teilen zu lassen und sich allen Fragen
sonst nicht gezeigt werden können, wie                           aus dem Publikum zu stellen.



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Diskussion


Markus Lüdke (Moderator): Herr
Rehberg, wie ist das Verhältnis von Auf-
wand und Wirkung bei den von Ihnen
dargestellten Aktivitäten des Rundfunk-
chors? Sie machen viele Konzerte, das
Programm ist gewachsen. Alles, was
über den normalen Betrieb hinausgeht
ist, ist also ein riesiger zusätzlicher Auf-
wand. Wie organisieren Sie das? Gibt es
bei Ihnen eine Stelle dafür?

Hans-Hermann Rehberg: Nein, eine                                 Markus Lüdke: Herr Cericius, es ist be-
Stelle dafür gibt es nicht. Die Arbeit hat                       eindruckend, wie es Sinn macht, sich mit
sich im Laufe der Zeit verändert. Im                             neuen Medien auseinanderzusetzen? Es
Team ist jedem bewusst, dass diese Ak-                           leuchtet ein, dass man etwas über die
tivitäten notwendig sind. Vieles macht                           Kunden lernen kann. Unterscheiden Sie
man aus Leidenschaft und Freude. Au-                             die Zielgruppen was die Programminhal-
ßerdem werden projektweise freie Mitar-                          te anbelangt? Merken Sie, ob das Inter-
beiter engagiert, zum Beispiel für Projek-                       net immer noch ein Medium ist, in dem
te mit Grundschulen. Unser Werbeetat                             sich eher Jüngere tummeln?
ist übrigens auch begrenzt und macht
nur acht bis neun Prozent des Verwal-                            Roger Cericius: Der Vorteil ist, dass
tungsetats aus. Aber mit der Initiative,                         Musik grundsätzlich generationsübergrei-
die losgetreten wurde, gibt es viel Mund-                        fend ist. Was die Nutzung des Internets
zu-Mund-Propaganda. Auch durch die                               angeht, sind wir noch zu frisch dabei, um
Liederbörse erhalten wir viel mehr Auf-                          wirklich eine Aussage darüber treffen zu
merksamkeit in der Presse als für nor-                           können. Natürlich ist der Kreis, der dort
male Konzerte – dadurch multipliziert                            kommuniziert und wirklich interaktiv ist,
sich die Wirkung.                                                noch überschaubar. Die nächste Entwick-
                                                                 lungsstufe für uns ist, eine Beziehung zu
Auch die Ensemblemitglieder sind in die                          beschreiben. Ich hätte gerne eine Ant-
Arbeit eingebunden, sie müssen das Au-                           wort, wie man diese Beziehung beschrei-
dience Development zu ihrer eigenen                              ben kann und pflegt, so dass man an die
Sache machen. Wir machen die Arbeit                              Leute herankommt. Die Basis dafür ist,
seit Mitte der 90er Jahre und es war am                          dass man viel über sie weiß.
Anfang nicht selbstverständlich, dass
diese Dinge notwendig sind. Mit der Zeit                         Wir haben in diesem Jahr versucht, Mit-
und auch durch den Künstlerischen Lei-                           glieder für den Förderverein der A-
ter ist das Verständnis gewachsen. Er                            cappella-Woche zu werben. Ich habe auf
schafft es, eine Basis zu schaffen, auf                          Facebook geschrieben „Wer macht da
der niemand vorgeführt wird, aber auf                            mit?“ – darauf gab es keine einzige Mel-
der jeder vom anderen lernt.                                     dung. Ein paar Tage später habe ich ein-
                                                                 fach nur geschrieben: „Wow!“, und es


      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 4 / 6
gab zehn Meldungen. Sie müssen die                              gar aus Übersee und es ist eine schöne,
Leute mit auf den Weg zu sich nehmen.                           nachhaltige Sache. Natürlich ist auch die
Wir haben viele ehrenamtliche Helfer, die                       Vernetzung mit den Schulen nachhaltig
wir auf diese Weise kennengelernt ha-                           gedacht. Und das ist sie auch in der Rea-
ben. Es gibt viele Begeisterte, die mithel-                     lität, denn immer wieder und auch flä-
fen und die wiederum eine eigene Com-                           chendeckend melden sich Schulen, um
munity haben, die sie zusätzlich mobili-                        mitzumachen. Auch das Singen in den
sieren.                                                         Grundschulen wird bestimmt gut voran-
                                                                kommen. Wir arbeiten dafür mit dem
Markus Lüdke: Wunderbar, Sie haben                              Berliner Sängerbund und dem Deutschen
uns jetzt sehr sinnfällig dargestellt, was                      Chorverband zusammen. Wir haben
es für einen Wert haben kann, sich im                           einmal klein mit den Familienkonzerten
Internet zu engagieren. Herr Rehberg,                           angefangen, die mal funktionierten und
gibt es einen nachweisbaren Fluss von                           mal nicht. Dann kam die Idee, ein Sän-
Menschen, die über die Audience Deve-                           gerfest zu veranstalten. Alle Amateur-
lopment-Aktivitäten zum Chor finden und                         chöre wurden angeschrieben und dann
dann auch in die anderen, regulären                             im Haus des Rundfunks zum Singen ge-
Konzerte gehen?                                                 bracht. Daraus ist dann das Mitsingkon-
                                                                zert in der Philharmonie gewachsen.
Hans-Hermann Rehberg: Ja, wir ha-
ben das Gefühl, dass die Beteiligten der                        Roger Cericius: Alles braucht einen Im-
außerordentlichen Projekte inzwischen                           puls und den hat man in Hannover ge-
auch zur Fangemeinde des Rundfunkcho-                           setzt, obwohl wir inzwischen ein nieder-
res über die Mitsingkonzerte hinaus ge-                         sächsisches Festival sind, das in Hanno-
hören. Seit es das Mitsingkonzert gibt,                         ver stattfindet. Zur Vernetzung ist zu sa-
können wir einen regelmäßigen Anstieg                           gen, dass wir seit vielen Jahren mit der
der Mitglieder des Freundeskreises ver-                         Hochschule für Musik und Theater in
zeichnen. Ich glaube, diese Arbeit zahlt                        Hannover Meisterkurse für klassische
sich aus.                                                       und Jazz-/Rock-/Popmusik veranstalten.
                                                                Wir überlegen, ob wir Projekte mit Ein-
Markus Lüdke: Nun möchten wir das                               richtungen machen, die am Rande das
Gespräch öffnen und dem Plenum die                              Festival streifen, wie z.B. eine Lehrer-
Möglichkeit geben, Fragen zu stellen.                           fortbildung im Beatboxing. Die A-
                                                                cappella-Woche war auch oft ein Impuls
Hans-Jürgen Ollech: Das waren jetzt                             für Chorgründungen. Es gab die letzten
zwei klassische Beispiele, die sich auf                         zwei Jahre ein Open-Air-Konzert auf dem
zwei lokale Städte beziehen. Wenn man                           Platz vor der Marktkirche, zum dem
auf den Verband in Niedersachsen und                            3000 Menschen kamen, die sonst nicht
Bremen schaut, dann sieht die Welt an-                          gekommen wären – das hatte auch eine
ders aus. Herr Rehberg, inwieweit arbei-                        Multiplikationswirkung.
ten Sie auch mit dem Berliner Chorver-
band zusammen und welche nachhaltige                            Hans-Hermann Rehberg: Ein großes
Wirkung hat das Ganze bezogen auf Ber-                          Problem im Hinblick auf Vernetzung ist,
lin? Wird regelmäßig in Schulen und Kin-                        dass viele Institutionen aus Imagegrün-
dergärten gesungen? Auch die A-                                 den nur für sich kämpfen. Wir würden
cappella-Woche in Hannover ist ein                              mehr erreichen, wenn wir unser Ego ab-
Event, das regelmäßig läuft. Welche                             legen und glauben, dass wir gemeinsam
nachhaltige Wirkung hat dieses Festival                         mehr erreichen. In Berlin kann ich mir
im Bereich Hannover?                                            gut vorstellen, mit den Hochschulen zu-
                                                                sammen zu arbeiten. Ich glaube, wir
Hans-Hermann Rehberg: Ich glaube,                               sind stärker zusammen.
das Mitsingkonzert ist ein Beispiel dafür,
dass es nicht nur ein lokales, sondern –                        Roger Cericius: Dabei können die öf-
ohne zu übertreiben – auch ein weltwei-                         fentlichen Einrichtungen auch mehr da-
tes Event ist. Ein Mal im Jahr ist der Pe-                      zulernen, wenn sie begreifen und sehen,
tersplatz nicht in Rom, sondern in Berlin.                      dass Impulse von außen nicht nur etwas
Es kommen Sangesfreudige aus der gan-                           verlangen, sondern auch etwas geben
zen Bundesrepublik, aus Europa und so-                          können.


        Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit f. d. Gesang“ – S. 5/6
Martin Heubach: Benutzen Sie noch                              Es muss immer ein Mix sein. Langfristig
klassische Werbemittel? Schalten Sie An-                       kann man sich jedoch von manchen Me-
zeigen bei Facebook? Haben Sie einmal                          dien verabschieden.
ausgewertet, wie viel Zeit Sie für die                         Beim Mitsingkonzert muss jeder 25 Euro
Pflege der Facebook-Seite investieren?                         bezahlen, egal ob er mitsingt oder nicht.
Sind die Mitsänger in der Philharmonie                         Außerdem muss jeder Sänger die Noten
auch diejenigen, die Eintritt zahlen und                       selbst kaufen.
das Konzert finanzieren?
                                                               Markus Lüdke: Nun möchte ich Sie
Roger Cericius: Ja, wir machen tradi-                          noch um ein letzte Statement bitten: Die
tionelle Werbung in der Stadt, versuchen                       Chorszene ist in erster Linie eine Laien-
aber auch, klassische Werbung umzu-                            szene. Das macht die Kraft dieser Szene
denken. Zum Beispiel haben wir uns mit                         aus, weil sie in der Breite stattfindet. Sie
dem Masala Festival zusammengetan                              haben gezeigt, was man hier als Institu-
und Hannover Marketing überzeugt, die                          tion tun kann. Aber was kann man im
beiden Festivals für ein Imageplakat für                       Alltag eines Laienchores davon umset-
Hannover zu verwenden, das die Festi-                          zen?
vals dadurch nichts gekostet hat. Ban-
nerwerbung im Internet ist ein gutes                           Roger Cericius: Jeder muss seine Ziele
Thema, das werden wir in Zukunft ver-                          und Erwartungen definieren und muss
stärkt machen. Die investierte Zeit für                        strategisch arbeiten. Wenn Sie die Er-
die Pflege der Social Networks beträgt                         wartung haben, einen Nachmittag mit
bei mir eine Stunde am Tag.                                    Singen und Kaffeetrinken zu verbringen,
                                                               dann tun Sie das.
Hans-Hermann Rehberg: Wir machen
auch klassische Werbung, sind aber                             Hans-Hermann Rehberg: Wenn jeder
momentan im Prozess des Umdenkens,                             über seinen Tellerrand schaut und sich
inwiefern wir mehr virale Werbung                              vernetzt, ist viel gewonnen. Wichtig ist,
betreiben sollten. Es gibt zum Beispiel                        dass Profis und Laien voneinander lernen
Bannerwerbung für den kommenden                                und dass es einen Dialog gibt und eine
Gospelworkshop, da wir realisiert haben,                       ganz große starke Gruppe.
wie groß die Community aufgestellt ist.




                                                                          Das Protokoll führte Paul Krüerke.

       Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit f. d. Gesang“ – S. 6/6
SINGEN MIT GENERATIO-
NEN I – Canto elementar

Referentin: Anke Bolz, Seminar- und
Projektleiterin „Il canto del mondo
e. V.”


Canto elementar verbindet singfreudige
Senioren mit Kindergärten, die das Sin-
gen als Element der Alltagskultur ihrer                    Auf eine 20-köpfige Kindergartengruppe
Kinder wiederbeleben wollen. Canto ele-                    kommen ca. zehn Senioren, die idealer-
mentar betrachtet die Entfaltung des                       weise in der näheren Umgebung der Kin-
Singens als gleichbedeutend mit der des                    dergärten wohnen.
Sprechens. Singen wird gleichwertig zum
Erlernen der Sprache verstanden. Das                       Die ErzieherInnen erlernen und erleben
Sprechen gilt dem Projekt als der Motor                    durch die wöchentliche Canto-Stunde
für die Entwicklung des Logos, das Sin-                    das Liedersingen für sich selbst, um es
gen dagegen für die Entwicklung der                        dann verstärkt in den Kita-Alltag einflie-
Emotionen. Ausgangspunkt ist die Beob-                     ßen zu lassen. Schließlich werden die El-
achtung, dass in den meisten Familien                      tern zu Singstunden und besungenen Ki-
nicht („nicht mehr“) musiziert oder ge-                    ta-Festen eingeladen.
sungen wird. in den Kindergärten wen-
den nur („nur noch“) zehn Prozent der                      Das Programm Canto elementar, das von
ErzieherInnen spielerisches Singen an.                     „Il Canto del mondo e. V.“ angeregt und
Dabei ist „Singen Kraftfutter für Kinder-                  begleitet wird, dauert für jede Kinderta-
hirne“ (Prof. Dr. Dr. G. Hüther) und                       gesstätte zwei Jahre. Der Verein hilft bei
schüttet ein Hormon aus, das den Men-                      der Singpatensuche, bei inhaltlichen Fra-
schen bindungsfähig macht. Singen kann                     gen und hält Einführungen ins Projekt für
wie kein anderes medizinisches Mittel                      Singpaten, ErzieherInnen und LeiterIn-
gleichzeitig Angst lösen und Freude                        nen. Weiterhin kümmern sich Mitglieder
wecken (Prof. Dr. Dr. M. Spitzer).                         des Vereins um die Anschaffung des ge-
                                                           meinsamen Liederbuches inklusive CD
Die Kinder, die teilweise weiter weg von                   und besuchen regelmäßig die Kindergär-
ihren eigenen Großeltern leben oder bei                    ten.
denen das Musizieren kein Bestandteil
der familiären Kommunikation ist, sollen                   Eine Kita, bei der alle Kinder einbezogen
ein Singen in großfamilienähnlicher At-                    werden und täglich mindestens 45 Minu-
mosphäre erleben. Dabei verbringen äl-                     ten singen, erhält Urkunden und die Pla-
tere Singpaten gruppenweise 45 Minuten                     kette „Canto-Kita“. Nach der Projektpha-
pro Woche ehrenamtlich in einer Kinder-                    se läuft es oft weiter, die Gruppe der be-
tagesstätte und wirken darauf hin, die                     geisterten Singpaten erneuert sich
Kinder für das regelmäßige Singen „aus                     selbstständig und die ErzieherInnen sind
Herz und Seele“ zu begeistern. Das kön-                    dankbar für eine generationenverbinden-
nen sie am Besten mit Liedgut, das sie                     de Singkultur.
selbst voller Begeisterung im Herzen ha-
ben. Demzufolge erstreckt sich die Lied-                   Canto elementar startet, wenn sich ein
auswahl über Volkslieder, alte Kinderlie-                  Kindergarten oder Eltern, Singpaten oder
der aber auch über das Hören und Erle-                     andere Förderer dazu melden und um
ben von Geräuschen und Lauten sowie                        zweijährige Unterstützung durch den
Fantasiesprache in Form von nonverbaler                    Träger „Il canto del mondo e. V.“ bitten.
Kommunikation. Zum Singen sollte min-                      Die Kosten für die Kita belaufen sich auf
destens ein Pate ein Begleitinstrument                     5 000 Euro über die zweijährige Projekt-
spielen, zum Geräuschwahrnehmen wer-                       zeit für das Material und das beteiligte
den Klangstäbe und Windspiele an die                       Personal. In manchen Einrichtungen be-
Kinder verteilt.                                           teiligt sich ein Förderer wie eine Versi-


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 1 / 4
cherungsgesellschaft, ein Musikverlag                      Singpaten werden aus Chören und Kir-
oder die Kommune an der Finanzierung.                      chengemeinden geworben oder bei Eh-
                                                           renamts- und Freiwilligenstellen ange-
                                                           fragt. Die Zahl der Senioren, die sanges-
                                                           erfahren sind, wird nach den Beobach-
                                                           tungen von Canto elementar kleiner.
                                                           Problematisch erweist sich die Koordinie-
                                                           rung der Singpaten als Gruppe, sowohl
                                                           terminlich als auch sängerisch bzw. päd-
                                                           agogisch.

                                                           Eine positive Erfahrung ist für Canto
                                                           elementar die Begeisterung der teilneh-
                                                           menden Senioren, der Kinder und Eltern.
                                                           Kontakte zwischen den Generationen
                                                           entstehen. Das beständige Singen er-
                                                           leichtert den Kita-Alltag durch eine ver-
                                                           besserte Umgangsweise unter den Kin-
                                                           dern und die Senkung des allgemeinen
Das zusammengestellte Liederbuch ent-                      Lärmpegels. Die Senioren machen die
hält 39 Lieder – Volkslieder, einfache                     Erfahrung sinnvoller Betätigung nach Ab-
Lieder, Lieder für den alltäglichen Ge-                    schluss des Erwerbslebens und halten oft
brauch. Sie sind jeweils in drei verschie-                 Kontakt zu den Kitas oder engagieren
denen Tonhöhen angegeben. Dabei wur-                       sich innerhalb ihrer Singpatengruppe.
de darauf geachtet, dass die Tonlage
nicht über das h’ hinausreicht, denn bei                   Die zukünftige Arbeit von Canto elemen-
ungeübten Kinderstimmen muss der                           tar soll bundesweit dazu beitragen, dass
Stimmmuskel erst trainiert werden. Um                      die Kitas eigenständiger werden. Hinzu
der zunehmenden Internationalität in                       kommt eine gesteigerte Wertschätzung
den Kitas zu entsprechen wurde bei-                        der sozialen Bedeutung des Singens ne-
spielsweise „Bruder Jakob“ in mehreren                     ben der Förderung der Kunstmusik.
Sprachen aufgenommen.



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SINGEN MIT GENERATIO-                                      schieht in den Bereichen Kammermusik,
                                                           Orchester- und Opernliteratur. Inhalte
NEN II – Die Musikaka-                                     sind geistliche wie weltliche Musik, klas-
demie für Senioren e. V.                                   sische ebenso wie Unterhaltungs- und
                                                           neue Musik. Ergänzt werden diese von
in Hamburg (MAS)                                           Angeboten zur Musiktheorie und einfa-
                                                           chen Kompositionsworkshops – soge-
                                                           nannten Kreativseminaren – sowie von
Referentin: Mareike Morr, Staatsoper                       Konzertbesuchen und Kulturreisen.
Hannover, Seminarleiterin für Kunst-
liedgestaltung bei der MAS                                 Die MAS möchte mit ihrem Angebot der
                                                           älteren Generation eine Möglichkeit bie-
                                                           ten, auch im Alter noch oder wieder aktiv
Die Musikakademie für Senioren bietet                      zu musizieren. Durch Musik und Gemein-
musikalische Fortbildung für die Genera-                   schaft können erlebte Einsamkeit und
tion 50+ an. Zu dieser zählt sich inzwi-                   Sorgen überwunden werden. Die Musik-
schen auch der Gründer und Leiter der                      seminare vermitteln ein jugendliches Ge-
Akademie Ernst-Ulrich von Kameke. Seit
                                                           fühl, können zu familiärer Hausmusik an-
1992 bietet die MAS Kurse für Instru-                      regen und ermöglichen ein Begegnen der
mentalisten und Sänger an. Dies ge-                        Generationen: Jung unterrichtet hier Alt,

     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 2 / 4
weil oft die Seminarleiter unter der 50+-                  In den Kursen zur Kunstliedgestaltung,
Marke liegen, aber Alt begegnet auch                       die in diesem Jahr am Nordkolleg Rends-
Jung – die Teilnehmer können als Sing-                     burg stattfanden, erteilte Mareike Morr
pate einen Kindergarten besuchen, worin                    Einzelunterricht in Gesang und Klavier.
ein inhaltlicher Schnittpunkt mit Canto                    An passender Stelle baute sie Übungen
elementar liegt.                                           für die ganze Gruppe ein, sofern diese
                                                           am Unterrichtsgeschehen teilnahm. Das,
                                                           was zu Beginn etwas Überwindung und
                                                           Mut kostete, konnte später mit etwas
                                                           mehr Übung schon beim kleinen „Ab-
                                                           schlusskonzert“ im Kreis der Teilnehme-
                                                           rInnen dargeboten werden. Im Vorfeld
                                                           konnten sich anhand der versandten
                                                           Teilnehmerliste Duopartner für Gesang
                                                           und Klavier finden, die vor allem darauf
                                                           achten mussten, sich bei der Einstudie-
                                                           rung auf dieselbe Tonart zu einigen – wie
                                                           Mareike Morr nach dem ersten Kurs fest-
                                                           stellte.

                                                           Die Themen der angebotenen Kunstlied-
                                                           Kurse wechseln jährlich. Sie tragen Titel
                                                           wie:

                                                                •   Nacht und Träume
                                                                •   Volkslieder aus verschiedenen
                                                                    Ländern
                                                                •   Die Blume im Kunstlied
                                                                •   Aktuell: „Weltlich – geistlich, geist-
                                                                    lich – weltlich“ mit Cristian Peix
Anne Benjes (li) und Mareike Morr                                   vom 29.8. bis 2.9.2011

Die jährlich etwa 30 Kurse dauern je-                      Die physiologischen Aspekte der Stimme
weils drei bis vier Tage und finden an                     bzw. des Stimmmuskels zum Singen
landschaftlich schön gelegenen Orten in                    oder der Fingergelenke beim Klavierspiel
Norddeutschland statt. Die angebotenen                     im Alter sind dabei nicht zu unterschät-
Kulturreisen führen nach Dresden oder                      zen. Eine Stimme kann noch bis zum 50.
Potsdam, aber auch nach Kopenhagen                         Lebensjahr muskulär aufgebaut werden,
und Mallorca.                                              danach kann man lediglich an ihrer Er-
                                                           haltung arbeiten. Wesentlich für das Al-
Die Seminare kosten für die Teilnehme-                     ter der Stimme sind die zunehmende
rInnen zwischen 30 und 100 Euro; Un-                       Verknöcherung des Kehlkopfs und die
terkunft und Verpflegung kommen gege-                      Austrocknung der Kehlkopfschleimhaut.
benenfalls hinzu. Mitglieder der Akade-                    Das bewirkte eine deutliche Beeinträch-
mie erhalten Ermäßigungen. Die Nach-                       tigung der Flexibilität und Elastizität von
frage nach den Angeboten der Akademie                      Kehlkopf und Stimmlippen. Die für das
wächst durch Mund-zu-Mund-                                 Singen notwendige Koordination und
Propaganda der bisherigen Kursteilneh-                     Präzision von Atmung, Stimmfunktion
merInnen und durch die Auslage des                         und Stimmklang ist nicht mehr gegeben.
Jahresprogramms. So werden nun schon                       Der Musikpsychologe Herbert Bruhn von
900 InteressentInnen gezählt. Der über-                    der Universität Flensburg konstatiert in
wiegende Teil sind Frauen; unter ca. 12                    seinem Aufsatz „Musikhören und Musik-
Teilnehmern pro Kurs sind etwa 2-3                         machen im Alter“, dass der erreichbare
Männer.                                                    Tonumfang sich bei Männerstimmen frü-
                                                           her und stärker als bei Frauenstimmen
                                                           verschlechtere, was auch ein Grund für
                                                           die geringe Teilnahme von Männern an



     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 3 / 4
den Gesangskursen und an Chören gene-                      In der Gesprächsrunde im Plenum
rell sein könnte.                                          wurden Ideen gesammelt, wie man als
                                                           ChorleiterIn mit Damen umgehen sollte,
In der Arbeitsgruppe war dies ein Punkt,                   deren Stimme aus Altergründen nicht
der zur Diskussion im Plenum führte. Ein                   mehr für den Sopran geeignet ist. Viele
Teilnehmer gab zu bedenken, die Tonla-                     Chorsängerinnen vermieden ein Einge-
ge einer Männerstimme liege der Sprech-                    ständnis ihrer verlorenen Höhe. Hier gab
tonlage nahe, wohingegen eine Frauen-                      es Vorschläge und Erfahrungen, bei-
singstimme in Höhe und Tonumfang                           spielsweise, einen Familienchor zu grün-
stärker zu trainieren sei und ein alterbe-                 den, bei dem alle herzlich willkommen
dingtes Erschlaffen des Stimmmuskels                       sind, von Kleinkindern bis Senioren. Oft
bei Frauen hörbarere Folgen habe. Ande-                    sitzen dort die Altersgruppen durchein-
re physiologische Erkenntnisse legten                      ander, wodurch das Konkurrenzgefühl
den Schluss nahe, dass die Männerstim-                     zwischen den jungen gegenüber den äl-
me beim Singen nicht so stark gefordert                    teren Generationen abgefedert wird. Eine
ist wie die Frauenstimme und sich somit                    andere Möglichkeit ist, den „eigentlichen“
im Alter gleiche Anforderungen an die                      Chor mit einer Altersgrenze zu versehen
Stimmen beider Geschlechter stellen.                       und parallel eine Seniorenkantorei zu
Jedoch unabhängig vom Alter entspricht                     gründen. Dort fühlen sich die Älteren oft
die Kondition der Stimmmuskulatur oft                      mit ihrer Stimme wohler, weil sie unter
der des Körpers insgesamt.                                 Gleichgesinnten sind. Der Chorleiter
Bei den Pianisten stellte der Bewegungs-                   kann dort die Tonhöhen entsprechend
apparat der Hand teilweise eine Heraus-                    anpassen. Alternativ kann man den älte-
forderung dar. Rheumaerkrankungen in                       ren Damen empfehlen, in den Alt zu
den Fingergelenken konnten in den Kur-                     wechseln, wo sie eine stützende Funktion
sen durch geschickte Fingersätze und                       haben und verhindern, dass der Alt zu
Vereinfachungen in der Spielweise über-                    stark in die Tiefe sinkt.
listet werden.
                                                           Zum Schluss steht fest: Aktives Musizie-
Als beachtlich beschrieb Mareike Morr die                  ren ist die beste Methode, um jung und
Ergebnisse, die die Senioren trotz der                     vergnügt zu bleiben und übertrifft sogar
physiologischen Gegebenheiten aus ihrer                    die Effekte so mancher Anti-Aging-
Stimme oder dem Klavier mit ein paar                       Programme.
Tagen Übung herausgeholt haben. Im
Duo-Musizieren sei besonders die Ge-
meinschaft durch Musik zum Ausdruck
gekommen: Im gemeinsamen Atmen, im
aufeinander Hören und miteinander Mu-
sizieren sei eine neue Lebendigkeit in die
Augen und Herzen der Ausführenden ge-
treten. Die Überwindung einer oft be-
nannten Altersstarrsinnigkeit kann in ei-
nem solchen Seminar zu einer Kommu-
nikation auf Augenhöhe gelangen.

Trotz des schlechteren Gehörs entwic-
keln die Teilnehmer ein starkes musikali-
sches Einfühlungsvermögen in ihren In-
terpretationen. Die Emotionalität des
Singens lässt freudige Momente, aber
auch sehr bewegende Erinnerungen auf-
kommen. Andererseits erhöht sich das
Frustpotenzial, wenn die TeilnehmerIn-
nen einen zu hohen Anspruch an sich
selbst mitbringen. Hier halfen gute Worte
der Kursleiterin, aber auch gegenseitige
Ermutigung der TeilnehmerInnen unter-
einander.                                                                Das Protokoll führte Pia Hartig.


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 4 / 4
Die singende Schule I                                      Sage Gateshead identifizierte drei Dinge,
                                                           die in dem Programm passieren sollten:
Die Schulprogramme von                                     1. Lehrer sollten aus Freude zusammen
The Sage Gateshead im                                      und vor den Kindern singen.
                                                           2. Singen würde zu einem der Mittel, die
Rahmen der National Sin-                                   die Lehrer für den Unterricht gebrauchen
ging Campaign                                              können.
                                                           3. Die Schule würde zu einem Zentrum
Referentin: Katherine Zeserson,                            des Singens in der Gesellschaft.
Director of Learning and Participati-
on, The Sage Gateshead

The Sage Gateshead ist ein Musikzen-
trum im Nordosten Englands, einer in-
dustriell geprägten Region. Das weitere
Umfeld ist sehr ländlich – es gibt dort
mehr Schafe als Einwohner. Die Region
steht vor denselben sozialen Herausfor-
derungen wie das ganze Land. Die Er-
neuerung dieser Region ist Teil eines
landesweiten Erneuerungsprogramms
und –prozesses, der vom Staat und pri-
vaten Geldgebern Ende der 90er Jahre
initiiert wurde und Kultur als zentralen
Antrieb gebraucht.
Die größte und am stärksten verankerte
Institution dieses Programms ist The Sa-
ge Gateshead. Das Musikzentrum trägt
Verantwortung für die Unterstützung
dieser Neugestaltung. The Sage Gates-
head möchte alle Arten von Musik allen
Arten von Menschen zugänglich machen.
Das Gebäude beinhaltet drei Bühnen so-
wie Cafés und Bars. Das Haus ist sieben
Tage der Woche jederzeit geöffnet. The                     Es gab Menschen in der Gesellschaft, de-
Sage Gateshead ist vernetzt mit jeder                      nen das Singen am Herzen lag und die
Schule im Nordosten Englands und un-                       das Singen in die Schule bringen konn-
terhält Partnerschaften mit weiteren                       ten. Für LehrerInnen ohne Musikausbil-
staatlichen und privaten Bildungseinrich-                  dung wurden Partnerschaften mit Musi-
tungen.                                                    kern gegründet und es wurden Fortbil-
                                                           dungen durchgeführt. Singgruppen zur
Am Anfang der Überlegungen, mit dem                        Stressreduzierung für Lehrer – „Vocal
Singen im Bildungsbereich zu arbeiten,                     Remedies“ – wurden etabliert. The Sage
standen die Fragen: Wie könnte eine                        Gateshead probierte dies an 120 Schu-
singende Schule aussehen? Was würde                        len, forschte darüber und führte Befra-
dort passieren? Also fragten wir die                       gungen durch. Die Lehrer sangen zum
Schulkinder. Die Antwort lautete, dass in                  Beispiel zum Essen oder zehn Minuten
einer singenden Schule das Singen im                       lang zum Feierabend. Als das Programm
besten Sinne alltäglich sein sollte und je-                Vocal Union zu Ende ging, bat The Sage
der dort singt. Den LehrerInnen war eher                   Gateshead die Regierung darum, ein
unwohl bei dem Gedanken, öffentlich                        Programm entwickeln zu dürfen, das auf
singen zu müssen und das Singen                            den gemachten Erfahrungen und gewon-
anzuleiten.                                                nenen Erkenntnissen aufbaut.

Vocal Union                                                Vocal Force
Die Idee der Vocal Union ist, dass die                     In jeder Community (kulturell, geogra-
Schule eine Gemeinschaft ist, die durch                    fisch, körperlich eingeschränkt) werden
das Singen an Eintracht gewinnt. The                       50 Menschen gesucht, die zur „Vocal


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 1 von 5
Force“ werden. Diese werden geprüft                        So bringt The Sage Gateshead das Wis-
und Teil einer Struktur. Die Vocal Force                   sen und die gesammelte Erfahrung in
funktioniert nach dem „Brühwürfel-                         nationale Programme ein. Um die besten
Prinzip“, es hat die Verbreitung des Sin-                  Lösungen zu finden, hat The Sage Ga-
gens überall in der Gesellschaft zum Ziel.                 teshead z.B. mit dem Londoner Bildungs-
                                                           institut (www.ioe.ac.uk) zusammengear-
Sing up!                                                   beitet und das Selbstbewusstsein von
Im Jahr 2007 begann das Projekt „Sin-                      LehrerInnen und SchülerInnen zu evalu-
gUp!“ der Regierung und verschiedener                      ieren. Es hat sich herausgestellt, dass
Partner. The Sage Gateshead stellt dafür                   sich Schulen mit dem SingUp!-Programm
das Personal, unterstützt Schulen und                      durch das Singen positiv entwickelt ha-
leistet Vernetzungsarbeit. Für Lehrer und                  ben. Der große Erfolg des Programms
Partner wurde außerdem die umfangrei-                      ist, dass sich auch in den nicht musi-
che Onlineressource www.singup.org ge-                     schen Fächern die Ergebnisse der Schü-
schaffen. Um sicherzustellen, dass die                     lerInnen verbessert haben. Auf politi-
Arbeit auf die jeweils spezifische Gruppe                  scher Ebene ist es nun sehr hilfreich, sol-
zugeschnitten und langfristig fortgeführt                  che Belege zu haben.
wird, prüft The Sage Gateshead die „Vo-                    Die Struktur ist inzwischen so dicht, dass
cal Leader“ nach bestimmten Kriterien.                     The Sage Gateshead Partnerschaften mit
The Sage unterstützt sie, indem es                         130 verschiedenen Organisationen ein-
Netzwerke für sie aufbaut.                                 gegangen ist, die wiederum mit Schulen
Inzwischen nehmen 10.000 Schulen teil,                     zusammenarbeiten. Ihr Antrieb für die
davon 93 Prozent Grundschulen. Ziel war                    Partnerschaften ist die Erkenntnis, dass
es, eine nachhaltige Veränderung in und                    sie soziales Kapital erzeugen. Am Ende
durch singende Grundschulen zu bewir-                      ist das Ziel der National Singing Cam-
ken. Nun soll das Programm auch auf                        paign, dass jeder Lehrer seine Hand
weiterführende Schulen und auf Kinder-                     hebt, wenn man in eine Schule kommt
gärten ausweiten werden sowie auf                          und fragt, wer dort für das Singen ver-
Gruppen von Schwangeren auf die Grup-                      antwortlich ist.
pe der Pflegebedürftigen.


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Die singende Schule II
Klasse! Wir singen
Referent: Gerd-Peter Münden, Dom-                          anschließend in der Halle zum gemein-
kantor des Braunschweiger Doms                             samen Singen zusammentreffen sollten.
                                                           Alle TeilnehmerInnen erhielten ein Lie-
Das Projekt „Klasse! Wir singen“ ent-                      derbuch, ein T-Shirt und eine CD zum
stand aus einer kleinen Idee heraus: In                    Lernen der Lieder. Schlussendlich melde-
der 2005 neugebauten Volkswagen Halle                      ten sich für das Jahr 2007 insgesamt
Braunschweig dirigierte Gerd-Peter Mün-                    28.000 Kinder aus der ganzen Region für
den ein Requiem. Dabei kam ihm der                         das Singprojekt an. Nach diesem ersten
Gedanke, dass in einer solch großen Hal-                   Erfolg fragte das Kultusministerium an,
le auch einmal Kinder die Möglichkeit er-                  ob man dieses Projekt in ganz Nieder-
halten sollten, zu singen. Viele Kinder                    sachsen durchführen könne. Um die glei-
der Chorsingschule des Doms zeigten                        che Idee in die Fläche zu verbreiten,
sich von der Idee begeistert und wollten                   musste der Projektinhalt selbst über-
mitmachen, darüber hinaus schien das                       schaubar bleiben. Der Schlüssel dazu lag
Interesse und die Singbereitschaft je-                     im Einbinden der Klassenlehrer. Diese oft
doch gering zu sein. Dennoch plante                        „fachfremden“, also nicht musikpädago-
Gerd-Peter Münden ein Projekt, bei dem                     gisch ausgebildeten Lehrer werden vor
v.a. Grundschulklassen sechs Wochen                        allem durch die große Schlussveranstal-
vorbereitend in der Schule singen und                      tung motiviert.

     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 2 von 5
Um das Projekt auf ganz Niedersachsen
organisatorisch auszudehnen, wurde das
Bundesland in die Einzugsbereiche der
großen Veranstaltungshallen gegliedert,
in denen im Jahr 2011 jeweils einzelne
Singfeste stattfinden. Jede Schule wie-
derum wurde einem Singfest zugeord-
net.




                                                           Mit Hilfe einer DVD wird versucht, den
                                                           LehrerInnen eine musikpädagogische
                                                           Grundausbildung bis hin zur Stimmbil-
                                                           dung zu vermitteln. Darüber hinaus wur-
                                                           den 60 LehrerInnen aus Niedersachsen
                                                           geschult, die in jedem Landkreis Fachbil-
                                                           dungen anbieten.

                                                           Die Nachhaltigkeit des ersten Durch-
                                                           gangs im Jahr 2007 wurde durch eine
135.000 Kinder sind bereits angemeldet                     Evaluation der Professoren Schmidt und
und jede dritte Schule in Niedersachsen                    Riemer bereits nachgewiesen: LehrerIn-
wird an einem der 84 Liederfeste teil-                     nen können durch das Singen den Ta-
nehmen.                                                    gesablauf verändern und nutzen Singen,
                                                           um die SchülerInnen aufnahmefähig zu
Die LehrerInnen bekommen ein „Kochre-                      halten. Gerd-Peter Münden hofft, dass es
zept“ zur Einstudierung der Lieder. Zu                     „Klasse! Wir singen“ auch weiterhin ge-
jedem Lied gibt es eine Bewegungscho-                      lingt, dezentrale Schulungsmöglichkeiten
reografie, um nach der Drei-Sinne-                         nach englischem Modell anzubieten, so
Methode die Lieder den Kindern schnell                     dass auch Niedersachsen singende Schu-
und effektiv beizubringen.                                 len bekommt.



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Die singende Schule III -                                  Konzept für Chorklassen an Grundschu-
                                                           len entwickelt. Bis zu diesem Zeitpunkt
Chorklassen in Nieder-                                     hatte es Schwerpunktklassen an Grund-
sachsen                                                    schulen noch nicht gegeben. Die Chor-
                                                           klasse bot den Grundschulen nun eine
Referentin: Silke Zieske, Lehrerin an                      ganz neue Möglichkeit der Profilbildung.
der Grundschule Wasbüttel
                                                           Entschließt sich ein Schule für die Bil-
Die Idee für Chorklassen, Musikunter-                      dung einer Chorklasse, erfolgt die An-
richt an allgemeinbildenden Schulen mit                    meldung und Kontaktaufnahme zu den
gesangspädagogischem Schwerpunkt                           Kooperationspartnern. Die Ursprungs-
anzubieten, kam ursprünglich aus den                       konzeption sah vor, dass der Fachlehrer
Kinder- und Jugendspitzenchören in                         auch der Klassenlehrer ist und die Chor-
Hannover. Zunächst dachte man an ein                       klasse als fester Klassenverband bei dem
Schwerpunktangebot für Gymnasien,                          gleichen Lehrer bleibt. Der Vorteil ist da-
doch stieß man dort auf wenig Interesse,                   bei, dass der Lehrer das Singen flexibel
auch weil dort bereits ein entsprechen-                    in den Stundenplan integrieren kann.
des Angebot existierte. So wurde ein                       Im Pilotprojekt starteten Chorklassen in

     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 3 von 5
Eine dritte Möglichkeit sind zwei Stunden
                                                           Chorklassenunterricht und eine Stunde
                                                           Chor durch die Musiklehrerin und eine
                                                           Honorarkraft, die integriert Stimmbil-
                                                           dung unterrichtet.

                                                           Erste Ergebnisse zeigen, dass die
                                                           SchülerInnen nicht nur im sängerischen,
                                                           sozialen und personalen Bereich ihre
                                                           Kompetenzen steigern konnten, sondern
                                                           auch in Teilbereichen der gesamten
                                                           Schulleistung. Außerdem konnte eine
                                                           positive Auswirkung auf die Schulmotiva-
Im Pilotprojekt starteten Chorklassen                      tion festgestellt werden. Die SchülerIn-
in vier Schulen in Hannover und Wasbüt-                    nen sind hilfsbereiter, sozialer, geordne-
tel. Silke Zieske ist in ihrer Chorklasse                  ter und präsenter. Sie artikulieren sich
nach dem Ursprungsmodell vorgegan-                         deutlicher und klarer. Im Bereich der
gen, an anderen Schulen wurde eine an-                     Schulleistungen verbesserten sie sich im
dere Struktur gewählt. An einer soge-                      Auswendiglernen, Lesen und im kreati-
nannten Brennpunktschule beispielswei-                     ven Schreiben. Von SchülerInnenn und
se war der Fachlehrer nicht der Klassen-                   Eltern gab es positive Rückmeldungen.
lehrer und die Musikstunden fanden
klassenübergreifend statt, da sonst die                    Auch das Schulleben wird durch die
Gefahr bestand, dass nur bestimmte El-                     Chorklassen kulturell bereichert. Auf Fei-
tern ihre Kinder in die Chorklasse schick-                 ern wird mehr gesungen und Liederpa-
ten und Kinder aus schwierigen Verhält-                    tenschaften zwischen verschiedenen
nissen nicht teilnahmen. Dadurch war es                    Klassenstufen, die sich einander Lieder
möglich, dass die Kinder im Laufe der                      beibringen, beleben die Gemeinschaft.
Zeit den Musikunterricht wechseln konn-                    Lehrkräfte sind motivierter und froh über
ten. Auf der anderen Seite fand das Sin-                   einen „roten Faden“ den sie mit dem
gen ausschließlich in den dafür festge-                    Singen durch ihren Unterricht ziehen
legten Stunden statt und durch die klas-                   können.
senübergreifende Struktur entstand
langsamer ein Gruppengefühl.                               Als Fazit sei herausgestellt, dass das
                                                           Konzept der Chorklassen sehr variabel
Eine weitere Möglichkeit ist die einer                     an die jeweiligen Rahmenbedingungen
klassenübergreifenden Chorklasse wäh-                      der Schule angepasst werden kann und
rend der Betreuungs- bzw. AG-Zeit.                         dass nur geringe bis keine Kosten anfal-
Eine Chorklasse als fester Klassenver-                     len. Die Arbeit ist durch ein ausgearbei-
band ist darüber hinaus auch dann mög-                     tetes Curriculum für vier Schuljahre in-
lich, wenn der Musiklehrer nicht der                       haltlich qualitativ durchdacht und ein
Klassenlehrer ist und mit freien Stimm-                    Medienpaket mit unterrichtspraktischen
bildnern und Musikschullehrern koope-                      Materialien unterstützt die Umsetzung.
riert wird.                                                Schließlich handelt es sich um ein Kon-
                                                           zept mit hoher Nachhaltigkeit, da die in-
Die Organisation des Unterrichts bie-                      tensive Arbeit über vier Schuljahre auf
tet ebenfalls unterschiedliche Konzeptio-                  die ganze Schule ausstrahlt und in Zu-
nen. Entweder finden zwei bis drei Stun-                   kunft auch an Gymnasien etabliert wer-
den Chorklassenunterricht und eine wei-                    den soll.
ter Stunde Chor durch den Klassen- bzw.
Musiklehrer statt oder eine Stunde Mu-
sikunterricht durch die Klassenlehrerin,
zwei Stundenchor durch die Musiklehre-
rin und eine Stunde Stimmbildung durch
eine Honorarkraft.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 4 von 5
Frage aus dem Plenum: Welcher Lie-                          gebot informiert werden, dass sie es sich
derkanon wird für die vorgestellten Pro-                    für ihre Kinder wünschen. Natürlich
jekte gewählt? Und nach welchen Kriteri-                    möchte man eine große soziale Band-
en erfolgt die Auswahl?                                     breite in der Klasse erreichen.

Antwort Silke Zieske: Der Liederkanon                       Antwort Katherine Zeserson: Wir haben
besteht aus ca. 100 Liedern und ist in-                     ein Programm entwickelt, das junge
haltlich sehr breit aufgestellt. Es ist von                 SingleiterInnen im Alter von 7 bis 16
allem etwas dabei.                                          Jahren ausbildet und man konnte fest-
                                                            stellen, dass diejenigen, die Interesse
Antwort Katherine Zeserson: In Eng-                         daran haben, nicht unbedingt Kinder aus
land wählt man das Liedrepertoire aus                       wohlhabenden Familien sind. Diese Kin-
verschiedenen Gründen sehr bedacht                          der bringen ihre Freude am Singen als
aus. Zum Einen sollen die Kinder mög-                       Multiplikatoren auch mit in ihre Familien.
lichst viele verschiedene Musikstile ken-
nenlernen, zum Anderen möchte man in
dem sehr divergenten sozialen Umfeld                        Frage: Gibt es eine ausgeglichene Ge-
die Lieder individuell zusammenstellen.                     schlechterverteilung in den Chorklassen?
Auch LehrerInnen selbst müssen die Lie-
der auswählen, die ihnen Spaß bereiten                      Antwort Silke Zieske: Das hängt davon
und die sie mit Freude unterrichten kön-                    ab, wie die Eltern im Vorfeld informiert
nen.                                                        werden. Wenn hier Vorteile wie z.B. Be-
                                                            wegungsfreude dargestellt werden, wird
                                                            das Verhältnis relativ ausgeglichen. Wird
Frage: Findet man in den Chorklassen                        dagegen eher die feminine Seite des
wirklich einen sozialen Querschnitt vor                     Singens herausgestellt, nehmen mei-
oder ergibt sich durch Wahlfreiheit der                     stens hauptsächlich Mädchen teil. Außer-
Eltern für ihre Kinder eher eine homoge-                    dem muss den Eltern auch vermittelt
ne soziale Struktur?                                        werden, dass für den Chorklassenunter-
                                                            richt regulärer Klassenunterricht weg-
Antwort Silke Zieske: Das Wichtigste                        fällt.
ist, dass alle Eltern so gut über das An-




                                                                      Das Protokoll führte Paul Krüerke.


      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 5 von 5
DIE SINGENDE STADT I
Lörrach singt!                                              die KünstlerInnen unter Vordächern auf.
                                                            Das Publikum war bisher noch nie von
Referentin: Fraua-Deddina Kruse-                            schlechtem Wetter abgeschreckt.
Zaiß, Projektleiterin für Lörrach
singt! bei STIMMEN-Festival                                 Es gibt keine künstlerischen Kriterien,
                                                            Absagen zu erteilen. Aber die Mengen-
Singen ist die Möglichkeit, viele Men-                      grenze (Verteilung der Chöre auf die
schen zu erreichen. Kann man zum Sin-                       maximal möglichen Plätze) ist 2010 er-
gen auch eine ganze Stadt oder eine                         reicht worden. Die Plätze werden so ge-
ganze Metropolregion bewegen?                               wählt, dass sich die Sänger und Chöre
                                                            nicht gegenseitig stören. Technische
Lörrach singt! ist ein Tag des Amateur-                     Verstärkung gibt es dabei nicht. So wird
gesangs in Lörrach, einer Stadt mit                         der „Lauscheffekt“ verstärkt – gesungen
40.000 Einwohnern im Südwesten                              wird a cappella oder unplugged mit we-
Deutschlands, fast schon am Stadtrand                       nigen begleitenden Instrumenten. Die
zu Basel. Dieser Tag des Singens eröff-                     Akteure animieren die Zuhörer bzw.
net seit 2002 das STIMMEN-Festival in                       „Lauscher“, selbst mitzusingen – egal, ob
Lörrach. Das einmonatige Festival gibt es                   sie an diesem Samstag gerade vom
seit 1994 und sollte der damals indu-                       Markteinkauf kommen oder auf dem Weg
strieverlassenen Region ein besonderes,                     zum Shoppen sind. Die Auftritte liegen in
kulturelles Gesicht verleihen. Große                        der Zeit zwischen 10 und 21 Uhr. Eine
Künstler aus der Musikszene kommen                          „After-Show-Party“ gibt es in dem Sinne
und spielen ihre Konzerte, geben zuwei-                     nicht. Nach so viel Action sei oft auch ei-
len auch Gesangsworkshops. Die Kluft                        ne Belastungsgrenze erreicht.
zwischen dem Publikum und Profimusi-
kern sollte mit einem Tag des Amateur-                      Die Kosten dieses Tages belaufen sich
gesangs geschlossen werden – so ent-                        auf 25 000 bis 30 000 Euro. Sie werden
stand 2002 Lörrach singt!                                   finanziert aus bezahlten Konzerten des
                                                            sich anschließenden STIMMEN-Festivals.
In Zahlen gestaltet sich Lörrach singt!                     Keiner der SängerInnen erhält Gage oder
folgendermaßen: 1 Tag, 1 Stadt, 20                          Fahrtgeld, lediglich für Verpflegung wird
Open Air-Plätze, 230 Auftritte, 2500                        gesorgt. Für Platzanweisungen und zum
SängerInnen in 100 Gesangsformatio-                         Willkommenheißen der Chöre werden je-
nen. So entsteht ein „Klangmeer“, das                       des Jahr ehrenamtliche Helfer gesucht,
überall in der ganzen Stadt zu hören ist.                   die mit Karten für das STIMMEN-Festival
In diesem Jahr stand Lörrach singt! un-                     „bezahlt“ werden. Dazu melden sich häu-
ter dem Motto „Lass dich überraschen“.                      fig 16- bis 19jährige, die gleichzeitig als
Mitsingen und Zuhören sind stets ko-                        „Stimmungsbarometer“ von den vielen
stenlos. Um einen Auftritt bewerben sich                    Bühnen für den Veranstalter fungieren.
oft Chöre oder Gesangsformationen aus
der Region, aber es sind auch Chöre aus
Partnerstädten dabei. Gerade für neue                       Was bedeutet Lörrach singt! für die
Chöre ist dieser Gesangstag eine optima-                    Akteure?
le Gelegenheit, vor viel Publikum ohne
großen organisatorischen Aufwand auf-                       Die Mitwirkenden fühlen sich als Teil ei-
zutreten.                                                   ner Bewegung, deren Akteure sich ge-
                                                            genseitig viele Impulse für Repertoire,
Singen ist nach Fraua-Deddina Kruse-                        Präsentationsformen und Kontakte ge-
Zaiß „Kommunikation“ und umso leben-                        ben. Im Verein oder Dorf ist es manch-
diger, näher und authentischer, je enger                    mal mühselig, ein Konzert auf die Beine
Publikum und Sänger sowie „Vorsänger                        zu stellen. Hier sind alle willkommen und
und Nachsänger“ beieinander stehen.                         erleben Wertschätzung.
Daher wurden die erhöhten Bühnen aus
dem ersten Jahr wieder entfernt, „alle“                     Dafür ist eine gute Vororganisation nötig
sind inzwischen auf der gleichen Ebene.                     – ein großes Publikum und viele Gruppen
Wenn das Wetter nicht mitspielt, treten                     sind gewissermaßen schon da.


     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 1 von 6
Was kann dieser Tag dem Publikum
bringen?                                                    gen und in Form eines Liederbuchs mit
                                                            Lörrach singt-Stammliedern veröffent-
Musik ist etwas, das auf der Straße pas-                    licht. Dazu legten sie bei verschiedenen
siert, eine enorme Vielfalt ist zu hören                    öffentlichen Events der Stadt, beim Neu-
und kein Platz ist auf einen bestimmten                     jahrsempfang des OB und ähnlichen Ge-
Stil festgelegt. Die Zuhörer können frei                    legenheiten Fragekärtchen aus, auf de-
wählen, was sie sich anhören wollen. Sie                    nen Lieder in deutscher Sprache notiert
erleben die Sänger hautnah und werden                       werden sollten. Neben den Meistgenann-
oft selber aktiv einbezogen.                                ten galt es auch, Lieder für Kinder und
                                                            Generationen unterschiedlicher Musik-
                                                            richtungen aufzunehmen. Eine Arbeits-
Welchen Mehrwert erhalten die                               gruppe aus ErzieherInnen, LehrerInnen
Stadt, die Sponsoren und die Veran-                         und ChorleiterInnen wählte schließlich 15
stalter?                                                    Lieder aus: Dazu gehören unter anderem
                                                            „Marmor, Stein und Eisen bricht“,„Zwei
Generell steigt das Interesse am Singen,                    kleine Wölfe“, „Über den Wolken“ und
am Musizieren, am Musik hören. Die                          „Möge die Straße uns zusammenführen“.
Bürger und Beteiligten identifizieren sich                  Zur Herausgabe wurde eine publikums-
mit dem STIMMEN-Label. Sponsoren ha-                        wirksame Karaokeshow als Testsingen
ben eine sehr breite Öffentlichkeit. Die                    veranstaltet, als dessen Ergebnis von
Stadt erhält einen überregionalen Ruf.                      schwieriger zu singenden Liedern wie
                                                            „Ich wär’ so gerne Millionär“ Abstand ge-
Ein Drittel der Teilnehmer sind Kinder                      nommen wurde. Das Heft ist schon ver-
und Jugendliche, die erleben das Singen                     griffen, die 3-stimmige Version für Chöre
als „cool-Sein“, erfahren eine hohe Wert-                   ist 2010 erschienen und wird über Lör-
schätzung. Im Jahrbuch der Stadt steht,                     rach singt! hinaus zu sonstigen Singfe-
es sei der schönste Tag des Jahres.                         sten in der Stadt oder auch privat ge-
                                                            nutzt. Die Einnahmen aus dem Lieder-
Die Veranstalter des Singtags haben                         heft flossen in Singprojekte an Schulen
gemeinsames Liedgut zusammengetra                           und Kitas.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 2 von 6
Fazit Lörrach singt!:
Der Open-Air-Gesangstag am 9. Juli
2011 steht unter dem Motto: „STIMMEN                        Die Erinnerung für diesen einen Tag im
verbinden“, womit die Vereinbarkeit ver-                    Jahr wird durch vorbereitende Projekte in
schiedenen Alters und verschiedener Kul-                    der Stadt, in den Chören und besonders
turen und Sprachen durch das gemein-                        in Schulen während des Jahres wach
same Singen in den Mittelpunkt gerückt                      gehalten. Das Motto wechselt jedes Jahr,
werden soll. Im Zuge dessen werden                          damit die Form interessant bleibt und
mehrsprachige Versionen von „Bruder                         Stimme unter neuen Aspekten erlebbar
Jakob“ und „Happy Birthday“ (zum                            wird. Anregungen kommen inzwischen
10jährigen Jubiläum) aufgenommen.                           auch aus den Schulen, nachdem anfangs
                                                            Impulse in die Klassen getragen wurden.
                                                            Das Singen hat sich seit dem ersten Lör-
                                                            rach singt!-Jahr etabliert: anfangs wurde
                                                            beschämt auf Hinterhöfen und unter
                                                            Bäumen gesungen, bevor die Teilnehme-
                                                            rInnen mutig wurden, sich mehr in der
                                                            Öffentlichkeit zu präsentieren.

                                                            Für weitere Informationen siehe:
                                                            www.stimmen.com



                                                            Frage aus dem Plenum: Wie organisiert
                                                            sich die rechtliche Seite des Liedersin-
                                                            gens?
                                                            Antwort: Alle beteiligen Chöre füllen ei-
                                                            ne GEMA-Liste aus, die Kosten werden
                                                            vom Veranstalter übernommen.


                                                            Frage: Kann man einen Zulauf zu Chö-
                                                            ren in der Region als Folge des Ge-
                                                            sangstags ausmachen?
                                                            Antwort: Das ist schwer zu sagen, aber
Durch den erfolgreichen Gesangstag und                      entgegen der Annahme, dass immer
das STIMMEN-Festival hat es sich die                        wieder die gleichen Chöre singen wür-
2008 gegründete STIMMEN-Stiftung zur                        den, nehmen jedes Jahr ca. 1/3 neue,
Aufgabe gemacht, Singförderprojekte in                      bislang ungehörte Chöre teil. Oft bilden
Lörrach und der Region nachhaltig zu un-                    sich auch Projektchöre, um sich mit ih-
terstützen. 2009 hat sich eine Abend-                       rem Repertoire an diesem Tag vorzustel-
schule etabliert. Voicelab ist eine STIM-                   len und auszuprobieren.
MEN-Akademie, die Nachwuchstalente
fördert. Sie bildet Schüler, Azubis und
Studenten aus, ihren Weg als Musiker
auf dem Musikmarkt zu finden.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 3 von 6
DIE SINGENDE STADT II
!SING – DAY OF SONG
Referentin: Benedikte Baumann,                              3. !SING CITY – der 5. Juni 2010: Der
Projektleiterin für !SING – DAY OF                          Tag begann zu Sonnenaufgang mit ei-
SONG bei RUHR.2010                                          nem Open Air-Konzert mit dem renom-
                                                            mierten ChorWerk Ruhr. Dann gab es
                                                            Frühstück und anschließend sangen die
Im Rahmen von RUHR.2010 GmbH – der                          beteiligten Chöre in vielen sozialen Ein-
Veranstalter des Europäischen Kultur-                       richtungen, denn das wurde in der Vor-
hauptstadtjahres in Essen und der                           bereitungsphase als das besondere
Ruhrmetropole – fand am 5. Juni der                         Merkmal der Chöre herausgestellt.
!SING – DAY OF SONG statt.
                                                            Danach ging es weiter: die Sänger wur-
Die Idee dahinter war, dass alle Men-                       den aufgefordert, an öffentlichen Plätzen
schen singen sollten. Dafür reichte aller-                  ohne Verstärkung zu singen, um den
dings bei 53 beteiligten Städten für die                    „Singvirus“ auf Nachbarn und Anwohner
vielen Ideen ein Tag alleine nicht aus                      zu „übertragen“.
und so entstand ein Sing-Festival, das
sich über vier Tage erstreckte, also vom                    Ein besonderer Höhepunkt war um 12.10
3. bis 6. Juni 2010. Mehr als 24.000 an-                    Uhr das gemeinsame Singen in allen
gemeldete Sänger traten in 600                              Städten gleichzeitig: in Einkaufszentren,
Veranstaltungen auf.                                        an Marktplätzen und in Konzerthäusern
                                                            sollte das gleiche Lied erklingen. Um 13
Um ein Event dieser Größenordnung vor-                      Uhr wurde dann ein offenes Singen an-
zubereiten trafen sich seit 2008 die 56                     geregt – ähnlich wie bei Lörrach singt!
DAY OF SONG-Beauftragten aus den 53
Metropolstädten regelmäßig alle sechs
Wochen, um ihre Ideen zusammenzufüh-
ren und das Vorgehen zu planen.

Die Reihe „SING“ vom 3. bis 6. Juni
bestand aus mehreren Projekten:

1. !SING TWINS – um die 198 europäi-
schen Partnerstädte der Ruhrstädte im
DAY OF SONG zu integrieren. Obwohl
weder Reise, Übernachtung noch Gage
bezahlt werden konnten, nahmen 32 En-
sembles aus 15 Ländern teil. Bei der Fi-
nanzierung halfen oft die Ruhrstädte aus.

2. !SING sozial – ein Beteiligungsprojekt                   In der Vorbereitungsphase machte
für weltliche und geistliche Chöre, um                      sich eine enorme Skepsis unter den über
der Stadt ein Gesicht zu geben, das sie                     alle Chorverbände angefragten Chören
selber gestalten können. Das gemeinsa-                      breit. Sie sahen keinen individuellen
me Marketing dafür wurde von                                Platz bei einer solchen Massenveranstal-
RUHR.2010 übernommen, Inhalt und                            tung, zudem konnten sie vom Effekt des
Form konnten die Chöre selbst bestim-                       gleichzeitigen Erklingens in allen Städten
men. Beispielsweise wurde zum ersten                        gar nichts mitbekommen. Mit der schon
Mal ein Wandelkonzert durch alle fünf                       2008 begonnenen Informationskampa-
Hochschulen unter Prof. Jörg Breiding                       gne „Geben Sie uns Ihre schönste Stim-
aus Hannover geplant und durchgeführt.                      me – Ihre eigene“ wurden jedoch in vie-
!SING frontal und !SING sakral waren                        len Ruhrgebietsstädten Bedenken bei
weitere Projekte innerhalb von !SING so-                    den Interessierten abgebaut.
zial.



     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 4 von 6
Händels „Halleluja“ aus dem Messias und
                                                            „Freude schöner Götterfunken“ aus
                                                            Beethovens 9. Sinfonie.

                                                            Erkennbar hat das Event Interesse am
                                                            Singen geweckt: Nach dem erlebten DAY
                                                            OF SONG wurde auf dem Heimweg wei-
                                                            ter gesungen, in Bussen usw. Das Live-
                                                            Streaming vom Konzertabend wurde von
                                                            50.000 Menschen im Internet am Tag
                                                            danach verfolgt. Eine abschließende Bil-
                                                            der-Dokumentation aller Veranstaltun-
                                                            gen ermöglichte einen Einblick in das
                                                            gleichzeitige Geschehen in allen Städten,
                                                            was die TeilnehmerInnen an dem Tag
                                                            selbst natürlich nicht nachvollziehen
                                                            konnten.


                                                            Fazit des DAY OF SONG:

                                                            Die Sehnsucht nach Beteiligung in der
                                                            Bevölkerung ist so groß, dass kleine
                                                            Chöre nicht nur kleine Auftritte haben
                                                            sollten, sondern für die Zukunft ein
                                                            Schulterschluss zwischen Profis und Lai-
Eine weitere Herausforderung war, die                       en, Netzwerkarbeit und Beteiligungspro-
Hemmschwelle zu überwinden, auf öf-                         jekten das Optimum darstellt. Die 53
fentlichen Plätzen zu singen. Dafür                         Städte werden ein solches Ereignis nicht
mussten einfache, bekannte Lieder ge-                       wiederholen können und sollten es auch
wählt werden und es wurde ein Liedheft                      nicht. In einem anderen Format lässt
gedruckt, das kostenlos an alle verteilt                    sich das Konzept aber weiterführen. Der
wurde. Das Liedrepertoire wurde mit                         Kern könnte erhalten bleiben und in ab-
ChorleiterInnen aus der Region und dem                      gewandelter Form fortgesetzt werden,
künstlerischen Direktor Steven Sloane                       um nicht immer an dem großen Erfolg
abgestimmt, um eine Farbigkeit und                          vom 5. Juni 2010 gemessen zu werden.
Vielfalt der Teilnehmer und Besucher
wiederzuspiegeln. Es belief sich dann
beim 12.10 Uhr-Singen auf die Ruhr-
Hymne „Glück auf“ und den Eröffnungs-
song zum Kulturhauptstadtjahr von Her-
bert Grönemeyer „Komm zur Ruhr“.

Das Finale fand am Abend mit 53.500
Stimmen in der Schalke-Arena statt. Ne-
ben großen Künstlern wie den Wise Guys
und Bobby McFerrin standen 233 Laien-
und Profichöre im Spielfeld, um den Im-
puls zum „alle sollen singen“ an die Tri-
bünen weiterzugeben. Hier stand die                         Frage aus dem Plenum: Wie gestaltete
bunte Mischung an Songs aus dem Lie-                        sich die rechtliche Seite des Liedersin-
derbuch zum Abendprogramm zur Verfü-                        gens?
gung: vom „Zigeunerchor“ aus dem                            Antwort: Die GEMA-Aufführungsrechte
Troubadour von Verdi, über „Was wir al-                     waren ein größeres Problem als die Ver-
leine nicht schaffen“ von Xavier Naidoo                     lagsrechte. Erst nach längerem Ringen
und „Let it be“ von den Beatles, über das                   und politischem Druck konnte eine Pau-
volkstümliche Lied „Kein schöner Land“                      schale für alle gesungenen Lieder und
oder Schuberts „Lindenbaum“, bis zu                         beteiligten Chöre vereinbart werden.

     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 5 von 6
Obwohl alle am selben Strang zogen,
nämlich, dass mehr Leute singen, mach-
te es die GEMA an dieser Stelle schwie-
rig.


Frage: Wie ist der Zulauf zu Chören der
Region nach dem Projekt?
Antwort: In Essen gab es extra ein Pro-
jekt mit zehn Chören, bei dem Nachbarn
zu Schnupperstunden in die Chöre einge-
laden wurden unter dem Motto: „Wer
singt in meiner Straße? In meiner Straße
singt die Welt.“ Hier sollten besonders
Nachbarn mit interkulturellem Hinter-
grund angesprochen werden. Nach die-
sem Projekt gab es auch einen gemein-
samen Auftritt in Essen.


Frage: Was ist total schief gelaufen
beim Projekt?
Antwort: Das Signal, um den Start-
schuss für 12.10 Uhr loszulassen, fiel
beim WDR 2 aus. Aber von dieser techni-
schen Panne hat sich keiner beirren las-
sen und alle haben trotzdem um 12.10
Uhr zu singen angefangen.



           Das Protokoll führte Pia Hartig.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 6 von 6
Die Schule des Singens I
Mädchenchor Hannover
Referentin: Prof. Gudrun Schröfel

In der Arbeitsgruppe „Die Schule des                        Schröfel betonte, dass jede der Stufen
Singens“ wurden mit dem Mädchenchor                         eine in sich stimmige musikalische und
und dem Pendant Knabenchor Hannover                         altersgerechte Ausbildung zur Grundlage
zwei Chöre vorgestellt, die Kinder grund-                   habe.
legend und umfassend vokal und musi-
kalisch ausbilden. Beide verstehen sich                     Die Stufen eins bis drei seien somit nicht
als Chor- und Singschule und präsentier-                    nur Vorbereitung fürs Konzertsingen,
ten ihr Ausbildungs- und Probekonzept,                      sondern vermittelten eine allgemeine
das sich in Vielem ähnlich ist.                             musikalisch-vokale Bildung, die bei-
                                                            spielsweise das Verstehen der Struktur
Prof. Gudrun Schröfel vom Mädchenchor                       eines Chorwerks beinhaltet. Neben klas-
Hannover sprach von vier Stufen der                         sischem Mädchenchorrepertoire erprobt
musikalischen und stimmlichen Ausbil-                       der Chor auch zeitgenössische Werke,
dung, die von der vokalen Grundstufe ab                     arbeitet mit Komponisten zusammen und
sieben Jahren über die Vorklasse für                        singt immer wieder Uraufführungen. Die
Mädchen zwischen acht und neun Jahren                       Chorarbeit sieht auch so genannte Chor-
sowie den Nachwuchschor reicht, bei                         studienphasen vor, intensive Proben-
dem das erste Mal schwierigere Chorlite-                    und Singfreizeiten, bei denen durch ver-
ratur gesungen wird und schließlich im                      dichtete Proben ein gutes Chorniveau er-
Konzertchor mündet, wo Mädchen ab elf                       reicht werden kann.
Jahren singen.




                                                                                                                 !"
     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 1 / 4
Die Schule des Singens II
Knabenchor Hannover
Referent: Prof. Jörg Breiding

Prof. Jörg Breiding, Leiter des Knaben-                     Basssänger im Hauptchor mitzusingen.
chors Hannover, stellte das Konzept sei-                    Breiding bemerkte, dass durch die Ein-
nes Chores vor, das die Jungen in Kin-                      führung einer Ganztagesschule in Nie-
derstimmen sowie Sopran und Alt unter-                      dersachsen die intensive Singausbildung
teilt. Die Knaben kommen bereits mit                        gefährdet wäre. Insgesamt sind mehr als
etwa neun Jahren in den Hauptchor, um                       200 Kinder und Jugendliche in der Aus-
die Zeit bis zum Stimmbruch und der                         bildung der Singschule. Der Chor ist ein
damit verbundenen Gesangspause nut-                         professionell gemanagtes Unternehmen,
zen zu können. Neben den Vorklassen                         neben dem Trägerverein gibt es eine
für die jüngsten Sänger ab sechs Jahren                     Chorstiftung sowie den Freundeskreis.
gibt es im Hauptchor die Unterscheidung                     Eine Konzertreise nach China in diesem
in Nachwuchs- und Konzertchor. Ein um-                      Jahr stärkte den Zusammenhalt und die
fangreiches, nach Alter gestaffeltes Pro-                   Identifikation der Jungen mit dem Chor,
benpensum an den Nachmittagen er-                           beispielsweise durch Tour-Shirts und ei-
möglicht die hohe Qualität der stimmli-                     nem selbst erstellten WM-Video „Aus
chen Schulung. Nach dem Stimmbruch                          China nach Südafrika – Starke Stimmen
gibt es die Möglichkeit, nach einer erneu-                  für Deutschland“.
ten Schulung der Stimme als Tenor- und




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 2 / 4
Die Schule des Singens
III - Studiengang Vokal-
pädagogik „Klassik Vokal“
Referent: Prof. Andreas Mohr

Mit den zwei anschließenden Vorträgen
stand die Ausbildung von Kinderchorlei-
tern und Kinderstimmbildern im Mittel-
punkt. Prof. Andreas Mohr von der FH
Osnabrück stellte den Studiengang Vo-                       dung im Gesang und pädagogisch-
kalpädagogik „Klassik Vokal“ vor, der der                   didaktischen Kenntnissen schließen. Mit
verstärkten Nachfrage nach Gesangs-                         den Bereichen „Chorleitung“, „Gesang“
fachleuten entgegenkommt.                                   und „Singen mit Kindern“ werden die
Ausgebildet werden hier Kinderstimm-                        wichtigsten Säulen einer Vokalpädago-
bildner und Leiter von Kinderchören,                        gik, die sich auf Kinder konzentriert, ab-
Kindermusiktheatern. Das Konzept                            gedeckt. Praktika sind wichtiger Be-
möchte eine Lücke zwischen der Ausbil                       standteil der Hochschulausbildung.




     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 3 / 4
Die Schule des Singens IV
Studiengang „Kinderchor-
und Jugendchorleitung“
Referentin: Prof. Friederike Stahmer


Die zweite pädagogische Hochschul-
Gesangsausbildung stellte Prof. Friederi-
ke Stahmer von der HMTM Hannover
vor. Die Professur für den Studiengang                      Bei der abschließenden Gruppen-
Kinderchor- und Jugendchorleitung wur-                      Diskussion kam die Frage auf, wie lange
de eingerichtet, um den Bedarf an pro-                      ErzieherInnen für das Singen nachge-
fessionellem Personal in diesem Bereich                     schult werden müssten. Es wurde be-
zu decken. Der Masterstudiengang legt                       merkt, dass das Singen und eine musi-
seinen Schwerpunkt auf die physiologi-                      kalische Grundausbildung durch die Re-
schen Zusammenhänge der Kinder- und                         formpädagogik lange Jahre aus dem Cur-
Jugendstimme und deren Diagnostik so-                       riculum gefallen seien. Nun sei es an der
wie auf eine hohe künstlerische Qualität.                   Zeit, dass nicht nur das Versäumte
Das Studium ist praxisnah ausgerichtet:                     nachgeholt werden, sondern das Singen
Mit einem hochschuleigenen Kinderchor                       und Musik überhaupt wieder selbstver-
haben die Studierenden jederzeit die                        ständlich einen Platz in den Kindergärten
Möglichkeit, das Gelernte anzuwenden.                       und Schulen bekomme.




                                                                  Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger."

     Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 4 / 4
Jahreskonferenz
Musikland Niedersachsen
2010
Volkslieder go Rock

Referent: Dieter Falk

Singen ist mein Thema, seitdem ich den-
ken kann. Ich bin künstlerischer Leiter
und Arrangeur von CD-Produktionen und
meine Arbeit besteht schon seit vielen                           Vor drei Jahren hatte der Hitschreiber
Jahren darin, Menschen zum Singen zu                             des 17. Jahrhunderts seinen 400. Ge-
bringen. Seit 25 Jahren versuche ich,                            burtstag: Paul Gerhardt. Mein geistliches
aus alten Stoffen etwas Neues zu ma-                             Lieblingslied von ihm ist „Befiehl du dei-
chen und Leute mit tradierten Musikstof-                         ne Wege“.
fen zusammen zu bringen.
                                                                 (Dieter Falk spielt und die TeilnehmerIn-
Ich bin ein Chorkind im klassischen Sin-                         nen singen „Befiehl du deine Wege“)
ne. Meine Mutter war Kirchenchorleiterin.
Im Kirchenchor sang ich Sopran und Alt                           Dieser Choral gehört auch zu meinem
und nach dem Stimmbruch Tenor und                                Konzertprogramm, wenn ich unterwegs
Bass. Dort wurde querbeet alles gesun-                           bin. Es ist der sportlichste Choral, weil er
gen, was möglich war – von Bach bis                              so hoch geht. Es gibt noch einen Choral,
Reger. Mein Bruder und ich sind Ergeb-                           mit dem ich mir vor 35 Jahren „Wat-
nisse einer guten kirchlichen Jugendar-                          schen“ geholt habe, als ich ihn verpopt
beit. Im Alter von 18 und 16 Jahren                              habe: „Nun danket alle Gott“.
gründeten wir einen Gospelchor. Hier
begann ich irgendwann, eigene Lieder                             (Dieter Falk spielt und die TeilnehmerIn-
für den Chor zu schreiben und das waren                          nen singen „Nun danket alle Gott“)
meine Startschuhe.

Die Kirche war für mich auch immer eine
super Plattform. Auch viele Stars aus der
Popszene in den USA sind in der Kirche
groß geworden und konnten sich dort
musikalisch entwickeln. Heute sage ich
mit den Neuarrangements von Chorälen
Danke für diese Zeit. Das Hauptmerkmal
meiner Musik ist fusion, also verschiede-
ne Musikstile zusammen zu bringen –
aus Alt mach Neu. Die Verbindung von
Kirchenmusik und Jazz oder Pop war vor
20 Jahren noch nicht so üblich.
Im Musikstudium war es für mich das                              Damals habe ich eine CD aufgenommen,
schönste Gefühl, etwas Großes wie eine                           habe die Choräle dann aber länger bei-
Bachmotette zu singen. Heute ist es für                          seitegelegt und wurde Musikproduzent.
mich das schönste, mit einem Chor eine                           Ich habe versucht, Hits zu produzieren
Synkope präzise und artikuliert zu sin-                          und Leute zum Mitsingen zu bringen,
gen.                                                             z.B. mit PUR, Patricia Kaas oder mit
                                                                 Marque: „One to make her happy“. Ir-
(Dieter Falk übt mit dem Publikum eine                           gendwann fragte ich mich: Warum
Synkope.)                                                        kramst du nicht mal wieder die alten
                                                                 Choräle heraus?




      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 1 / 3
Als sich dann die Gelegenheit bot, bei                           Meine Jungs singen im Schulchor mit.
Stefan Raab einen Titel zu spielen, habe                         Dort gibt es einen fantastischen, charis-
ich die HeavyTones „Nun danket alle                              matischen Chorleiter, der mit den 250
Gott“ spielen lassen und danach ging die                         Kindern „Maria“ singt – daran werden die
Post ab – auch bei den Studenten, der                            sich immer erinnern und wissen, dass sie
Altersgruppe, die überhaupt nichts mit                           Bernstein gesungen haben. Gerade sind
Chorälen am Hut hat. Von da an begann                            ja die Wise Guys der Hit, die Vorgänger
ein ganz anderes Leben – nämlich mit                             waren übrigens die Prinzen.
Chorälen auf Bühnen. Es geht darum,
mit tradiertem Liedgut durch modernere
Arrangements, Leute zum Singen zu                                Seit zweieinhalb Jahren bin ich nun auch
bringen.                                                         wieder in die Sache hineingerutscht. Die
                                                                 evangelische Kirche hat mich wieder
Im Jahr 2008 habe ich mir dann die Lie-                          entdeckt und fragte mich, ob ich nicht
der aus der „Mundorgel“ vorgenommen.                             beim Gospelkirchentag 2008 in Hannover
Mein Lieblingslied ist „Bolle“                                   die musikalische Leitung machen könne.
                                                                 Es war eine spannende Aufgabe, mit
                                                                 4000 Leuten aus Deutschland, Holland
                                                                 und Schweden Gospels einzuproben und
                                                                 zu singen. Für mich ist es sehr reizvoll,
                                                                 mit großen Chören zu singen. Chorsin-
                                                                 gen ist das beste Training für Sozialisati-
                                                                 on und Gruppendynamik. Und die Eltern
                                                                 sind froh, wenn ihre Kinder in Chören
                                                                 singen, denn die Zeit, die sie in Chören
                                                                 verbringen, verbringen sie nicht anders-
                                                                 wo.

                                                                 Die Veranstalter des Gospelkirchentags
                                                                 baten mich später, für RUHR.2010 ein
(Dieter Falk macht ein Liederquiz mit                            Musical zu komponieren. Das war etwas
dem Plenum – wer ein Lied errät, erhält                          Neues für mich, denn eigentlich waren ja
ein Mundorgel-Heft. Anschließend singt                           Dreieinhalb-Minuten-Hits mein Tagesjob.
er mit den TeilnehmerInnen „Bolle“)                              Ich konnte mir das Thema für das Musi-
                                                                 cal aussuchen und wählte die 10 Gebote.
Meine eigene musikalische Sozialisation                          Ich erinnerte mich an den gleichnamigen
setzt sich quer durch den ganzen Musik-                          Film in den 60er Jahren und fand es eine
garten zusammen aus z.B. Bach, der                               spannende Geschichte. Ich konnte Mi-
Mundorgel und Coldplay. Lieder sind                              chael Kunze als Librettist gewinnen, der
auch immer mit Erlebnissen und Emotio-                           jedoch die Bedingung stellte, dass noch
nen verbunden.                                                   eine Liebesgeschichte eingefügt werden
                                                                 müsse. In dem Musical gibt es zwei Lie-
(Dieter Falk fragt im Publikum nach Lie-                         besgeschichten – die zwischen Gott und
dern, die während der Zeit ihrer ersten                          seinem Volk Israel und die zwischen Mo-
Liebe liefen.)                                                   ses und Zippora. Von Anfang an war
                                                                 klar, dass es ein Mitsingprojekt mit 1000
Ich merke ja, was meine Kinder so hö-                            Sängern werden sollte.
ren: Die Lieder laufen einerseits oft als
„Berieselung“ im Hintergrund, sie sind                           (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnitt
aber auch Wegbegleiter. Als meine Oma                            aus dem Finalgospel des Musicals.)
starb, sangen wir im Kinderchor „Jesu,
meine Freude“ und die Stelle „weicht ihr                         Wir hofften, 1000 Sänger dafür zu be-
Trauergeister“ löste Gänsehaut bei mir                           kommen und hatten diese innerhalb von
aus. Lieder haben also etwas mit Soziali-                        zwei Monaten zusammen. Am Ende wur-
sation zu tun und sind heute wichtiger                           den es 2500. Der Altersdurchschnitt war
denn je. Eine alte Weisheit lautet: „Wo                          erstaunlich niedrig. Die älteste Teilneh-
man singt, lass dich ruhig nieder, denn                          merin war 80 Jahre alt, sodass das Pro-
böse Menschen haben keine Lieder“.                               jekt auch drei Generationen vereinte.


      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 2 / 3
Um einen monumentalen Charakter zu
                                                                 erreichen, wollte man in einer so großen
                                                                 Halle natürlich Größe erzeugen. Als zwei-
                                                                 te Regel gilt, sich Ziele mit außerge-
                                                                 wöhnlichen Dingen zu stecken. Ein Auf-
                                                                 reger war zum Beispiel, mit einem 2500
                                                                 Sänger starken Chor Sprech- und Rap-
                                                                 Passagen textverständlich einzustudie-
                                                                 ren.

                                                                 (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnitt.)

Nach 30 Jahren im Musikbusiness war                              Für die Leute war es spannend, eine ex-
dieses Projekt eine riesige neue Erfah-                          treme Dynamik und Phrasierung einzu-
rung für mich. Im Schulmusikstudium                              üben. Ich glaube, dass die Skala von
hatte ich ja auch Orchester- und Chorlei-                        Dynamik in Chören oft gar nicht ausge-
tung gelernt und so bin ich herumgefah-                          schöpft wird. Wenn es gelingt, auch in
ren zu den Chören, die sich angemeldet                           die Extreme zu gehen, entdecken die
hatten und habe mit einer CD und No-                             Leute etwas Neues an sich. Man merkt
tenheften das Musical auf diese Weise                            dann Veränderungen an Menschen. Es
dezentral eingeprobt. Dann gab es vier                           gab im Musical aber auch einen Choral,
Regionalproben mit jeweils 700-800 Leu-                          der immer wiederkehrte und die Kern-
ten und eine Woche vor der Aufführung                            sätze zusammenfasste und einen Aus-
eine Hauptprobe, bei der die Hauptdar-                           ruhmoment der Dynamik für den Chor
steller das Stück für den Chor zu einem                          darstellte.
Playback gespielt haben. Die General-
probe war öffentlich, weil der Andrang so                        (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnitt
groß war und schließlich folgten zwei                            und probt mit dem Plenum anhand des
Aufführungen in der Westfalenhalle. Das                          Chorals „Liebe ist das Gebot“ extreme
Orchester bestand aus Studenten und als                          Dynamik.)
Hauptdarsteller wurden Musicalprofis ge-
castet.
                                                                 Wenn ich etwas an diesem Projekt ge-
Das Projekt war eigentlich nur als einma-                        lernt habe, dann, dass ich riesigen Spaß
lige Sache geplant, inzwischen überlegen                         hatte. Ich bekomme am Tag drei bis vier
wir aber, wie es weitergehen kann. Das                           Emails von Familien und Leuten die mit-
Musical wird noch öfter zur Aufführung                           gemacht haben, die erzählen, was dar-
kommen, z.B. auf dem Kirchentag in                               aus geworden ist und dass es multipli-
Dresden und 2012 in der TUI-Arena                                ziert wurde. Genau das war auch die
Hannover, in Mannheim, Düsseldorf und                            Idee: Dass es nicht nur ein Strohfeuer
München. Bislang gab es schon kleinere                           bleibt, sondern daraus mehr wächst.
Aufführungen von Chören, die sich bei                            Wenn Sie mit Generationen singen und
dem Großprojekt kennengelernt und für                            mit Events arbeiten, bekommen Sie Ju-
weitere kleinere Aufführungen zusam-                             gendliche zum Singen und erreichen
mengeschlossen haben.                                            wieder das, was früher einmal mit der
                                                                 Hausmusik angedacht war. Das Event ist
Die entscheidende Devise bei dem Groß-                           eine Chance, Leuten den Spaß an Chören
projekt war, die Leute nicht zu unter-                           zu vermitteln, die heute keine Zeit mehr
schätzen. Es ist schlimmer, die Leute zu                         für regelmäßige Proben haben. Meine ei-
unterfordern, als sie zu überfordern, da                         genen Kinder machen übrigens auch
sie sich sonst nicht ernst genommen füh-                         wieder Musik, seit wir sie überredet ha-
len. Mit dem richtigen Warm-Up schafft                           ben, auf der Bühne zu spielen. Dadurch
man es auch, dass jeder Bass bis zum                             werden sie wieder zum Üben motiviert.
hohen E kommt. Wichtig bei Titeln mit                            Es muss gar keine große Bühne sein – es
sehr hohen Tönen und großer Lautstärke                           reicht der Kaffeeklatsch bei einer Tante.
ist, danach wieder Stellen einzubauen,
an denen die Chöre entspannen können.
                                                                                Das Protokoll führte Paul Kruerke.


      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 3 / 3
Jahreskonferenz
Musikland Niedersachsen
2010
Teilkulturen des Singens                                          Über eine negative Veränderung des
                                                                  Singverhaltens nach 1945 gibt es nur ei
Referent: Prof. Dr. Reinhard Kopiez,                              ne Studie von Dr. Ernst Klusen. (s. Abb.
HMTMH                                                             1, Klusen 1974, Umfrageergebnisse)
                                                                  Das Singen hat sich also in Abhängigkeit
                                                                  der Altersgruppe entwickelt und wir stel-
Zu Beginn der Recherchen für diesen                               len einen Kohorteneffekt der musikali-
Beitrag habe ich versucht, den Vitalitäts-                        schen Sozialisierung fest. Meines Wis-
zustand des Singens abzubilden.                                   sens ist dies der empirische Hinweis zur
                                                                  Verschiebung des Singakts hin in ver-
 Der Vitalitätszustand des Singens                                schiedene Teilbereichen des Singens.

 •! Projekt JEKISS                                                Erste These: Das Singen hat sich in den
    (jedem Kind seine
    Stimme) – die
                                                                  letzten Jahren in Lebensbereiche des in-
    singende                                                      formellen Singens außerhalb von En-
    Grundschule in                                                sembles und Chören verschoben.
    Münster
                                                                  Dabei handelt es sich um ganz normale
                                                                  zeitgeschichtliche Veränderungen. Diese
                                                                  erfordern neue Konzepte des Singens
                                                                  und stellen neue Anforderungen an die
Man bekommt den Eindruck, dass es ei-                             Chorarbeit und Stimmpädagogik. Wie
ne hohe Vitalität und Akzeptanz des Sin-                          Zahlen des Deutschen Musikinformati-
gens bei allen Beteiligten gibt. Das Pro-                         onszentrums (MIZ) belegen, singen in
blem ist jedoch, dass der Singstil und die                        Deutschland so viele Menschen organi-
Singform stark altersgebunden sind, die                           siert, wie Berlin Einwohner hat, und die
„heile Welt des Singens“ nicht repräsen-                          Zahlen bleiben aktuell konstant. (s. Abb.
tativ ist und nur einen Teil der Wirklich-                        2, MIZ)
keit darstellt.




                 Abb.1, Ergebnisse zur Frage nach dem Singverhalten bei Klusen, 1974




                                                 Abb.2, Quelle: MIZ



       Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 1 / 3
Es wäre interessant zu sehen, ob sich                            auch andere Stile des Singens vermit-
das Durchschnittsalter in Chören im Lau-                         teln? Was wissen wir über die Bedeutung
fe der Zeit erhöht hat, doch darüber sind                        des akustischen Lagerfeuers? Hier muss
keine Daten verfügbar. Man kann aber                             mehr in Erfahrung gebracht werden.
wohl sagen, das Singen mit anderen ist
ein menschliches Grundbedürfnis und die                          Das traditionelle Stimmideal funktioniert
soziale Funktion nimmt dabei einen wich-                         bei SingStar und im populären Bereich
tigen Platz ein.                                                 nicht. Hier setzt sich die Mikrofonstimme
                                                                 durch.
Doch es wird nicht nur traditionell im
Chor gesungen. Einer der informellen
Bereiche ist in den letzten Jahren enorm
gewachsen: das Spiel SingStar. Der Pro-
totyp des sogenannten akustischen La-
gerfeuers, wie ich diesen Bereich be-
zeichne, besteht aus einer PlayStation,
Mikrofonen und einer Spiel-DVD. Im
Neupreisbereich kostet dieses Paket ca.
400 Euro und weist damit auf eine hohe
Investitionsbereitschaft hin, den dieses
attraktive Spiel und ihr Spaßfaktor an-
scheinend hervorzurufen vermag. Diese
enorme Attraktivität liegt an der sozialen                       In der Theorie von SingStar geht es um
Funktion des Spiels. Leute treffen sich                          musikalische Selbstsozialisation, also au-
zum Beispiel zu einem SingStar-                                  todidaktisches Lernen. 80 Prozent der
Nachmittag.                                                      Nutzer sind Mädchen und das soziale Er-
                                                                 eignis von SingStar impliziert auch kom-
Entscheidend ist, dass man zusammen                              petitives Verhalten.
singt, dass die Lieder einen Vorspann
haben und dass der Inhalt der Lieder                             Interessanterweise ähnelt das Schriftbild
Bedeutung und Relevanz hat. Alles zu-                            der Notation von SingStar der histori-
sammen bildet die Motivation für das                             schen, vorfranconischen Notation im 13.
Spielen von SingStar. Es zeigt sich, dass                        Jahrhundert.
soziale Online-Netzwerke wie Facebook
große Popularität genießen – doch diese
virtuellen Netzwerke können nicht ein
reales soziales Netzwerk wie die kulturel-
                                                                      Das Schriftbild von SingStar
le Praxis des SingStar-Spielens ersetzen.                             •! Der Bildschirm        •! Historische Vorlage
                                                                                                  Vorfranconische
Von 2004 bis 2008 wurden 12 Mio Ex-                                                               Notation (13. Jh.)
emplare des Spiels im PAL-Bereich ver-
kauft. Bis 2009 waren es 16 Mio Exem-
plare. Es gibt 140.000 Nutzer des Sing-
Stores.

Das Singen verschwindet also nicht, es
verschiebt sich lediglich in andere Berei-
che. Nur erscheinen diese Bereiche in                            Die SingStar-Nutzer erwerben also un-
keiner Chorstatistik. Es gibt dazu bisher                        bewusst Wissen über historische Notati-
nur eine Studie und insgesamt relativ                            onsformen. Dies könnte ein erster An-
wenig Forschung.                                                 satz sein, die Leute bei SingStar päd-
                                                                 agogisch abzuholen, indem man mit ih-
Offene Fragen bleiben, wie: Wer nutzt                            nen gregorianische Choräle singt. Hier
SingStar über die Jugendzeit hinaus? Ist                         gilt es also, kreative Ansätze zu entwic-
es die Praxis so nachhaltig, dass sie zu                         keln, um die Menschen dort abzuholen,
anderen Singformen führt? Oder ist es                            wo sie sich aufhalten.
nur Unterhaltung ohne nachhaltige Wir-
kung? Wie kann man Kinder dort päd-                              Eine schon etwas ältere Studie von Prof.
agogisch abholen? Wie kann man ihnen                             Dr. Peter Brünger hat gezeigt, dass die

      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 2 / 3
unbegleitete Belcanto-Stimme die ge-
ringste Akzeptanz bei Jugendlichen be-
sitzt während die begleitete Popstimme
die höchste Akzeptanz aufweist. Heutzu-
tage gibt es zahlreiche Herausforderun-
gen an das traditionelle Stimmideal wie
Atemgeräusche, Knurrgesang, Grunzen,
Flüstern und Schreien im Heavy Metal.

Damit ist alles versammelt, was bezogen
auf eine traditionelle Singweise auch ge-
sundheitlich bedenklich scheint. Brünger
behauptet, dass diese Singarten zu blei-
benden Stimmschäden führen. Gepresste
Singarten wie beim japanischen Kabu-                             Singstile der Jugendkultur besitzen auch
kitheater und Screaming-Lehrgänge bei                            immer eine Distinktionsfunktion zur Er-
professionellen Stimmcoaches zeigen je-                          wachsenenwelt. Für die Erwachsenen er-
doch, dass mit der entsprechenden er-                            gibt sich hieraus eine große Anforderung,
lernten Technik jahrelanges Singen die-                          damit verantwortungsvoll umzugehen.
ser Art möglich ist. Der finnische Schrei-                       Für die Chormusik stelle sich die Fragen,
chor und mongolischer Obertongesang                              welche Musik man mit den Jugendlichen
sind weitere Beispiele dafür.                                    macht und wo man sie abholt.




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Diskussion

Teilnehmerbeitrag: Dadurch, dass                                 kein homogenes Konstrukt, sie kann je-
durch die Kinder im Haus oft eine Play-                          doch zur mikrofonierten Stimme abge-
station vorhanden ist, spielen auch Er-                          grenzt werden.
wachsene, SingStar. Bei SingStar han-
delt es sich also nicht ausschließlich um                        Teilnehmerbeitrag: Wir sind auf so ei-
eine jugendkulturelle Praxis.                                    ner Tagung aufgefordert, uns auch selbst
                                                                 zu positionieren. Wir lachen zwar über
Teilnehmerbeitrag: Das erwähnte „eu-                             diese neuen Stile, aber dieser Spaß sollte
ropäische Stimmideal“ als solches ist                            auch im Alltag umgesetzt werden. Die
nicht eindeutig definiert. Auch innerhalb                        Anerkennung aller dieser Stile ist ange-
des Opern-Gesangs gibt es eine Vielzahl                          bracht. Wir müssen die Jugend vorbe-
verschiedener Techniken und Stimm-                               haltlos dort ab holen, wo sie steht.
ideale.
                                                                 Teilnehmerbeitrag und Dr. Kopiez:
Antwort Dr. Kopiez: Im Vortrag wurde                             Die Unbedenklichkeit für den Singstil im
dieser Begriff auf die traditionelle Art des                     Metal gilt nicht für den Inhalt. Musik ist
Singens zugespitzt, um ihn als Folie zu                          nicht nur ästhetisch, sondern vermittelt
benutzen. Die traditionelle Stimme ist                           auch Vorstellungen, zu denen wir durch-
                                                                 aus Position beziehen sollten.




                                                                                Das Protokoll führte Paul Krüerke.

      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 3 / 3
Jahreskonferenz
Musikland Niedersachsen
2010
Podiumsdiskussion

Klaus Georg Koch:

Aus der Vorbereitung durch die Tagungs-
teilnehmer sind einige Hauptfragen her-
vorgegangen:
                                                        probiere Silben aus und lege die Worte
Eine Frage betrifft Events: Wie organi-                 so, dass sie den Takt treffen, mache also
siert man so etwas, was passiert danach                 alles, was auch im Gesang passiert – mit
– d.h. können Events nachhaltig wirken                  dem Unterschied, dass ich nicht melo-
– und braucht man so etwas überhaupt?                   disch die Töne wechsle. Es gibt im Rap
                                                        aber eine große Bandbreite, die teilweise
Andere Frage: Offenbar gibt es einen                    auch Melodien mit einschließt und es wä-
großen Bedarf an angeleitetem Singen.                   re ignorant, zu sagen, Rap ist nur das
Kinder, Jugendliche, Erwachsene singen                  eine und das andere nicht.
gern, es hilft ihnen aber, wenn ihnen je-
mand zeigt, wie es geht. Es gibt aber of-               Koch: Herr Klügl, Sie haben mit Spax
fenbar nicht genügend qualifizierte Leu-                zusammen eine Rapoper gemacht. Was
te, um mit bestimmten Gruppen wie et-                   hat das für Sie, der von der klassischen
wa Kindern zu arbeiten. Was kann man                    Musik und dem Chorgesang her kommt,
tun, um genügend ChorleiterInnen und                    bedeutet?
StimmbildnerInnen auszubilden?
                                                        Dr. Michael Klügl: Ich komme ja nicht
Dritte Frage: Wie findet Popkultur Ein-                 nur vom klassischen Singen, ich hatte
gang in unsere Arbeit, wo gibt es An-                   z.B. mal eine Bluesband. Mit sechs Jah-
knüpfungspunkte? Was passiert, wenn                     ren habe ich mit gregorianischen Chorä-
wir die Jugendlichen „haben“ – sollen wir               len angefangen. Mit neun Jahren habe
sie wieder zum „richtigen“ Singen holen?                ich dann im Kinderchor gesungen und
                                                        mit 15 den ersten Chor gegründet. Über
                                                        eine „klassische“ Art von Singen zu re-
Spax, Sie singen anders als die meisten                 den, macht keinen Sinn. Singen ist un-
Leute hier im Saal...                                   mittelbarer Ausdruck von seelischen Zu-
                                                        ständen. Dafür ist es total egal, ob die
Spax: Ja, ich rappe, mache Sprechge-                    Stimme ausgebildet oder mikrofoniert ist
sang. Das hat nichts mit Singen und Tö-                 oder ob ich rappe. In diesem Zusam-
ne treffen zu tun, sondern ich mache nur                menhang fiel es leicht, eine Rapoper zu
Rhythmus und Text. Aber es ist nicht so                 machen, da die Leute dabei aneinander
einfach, wie man denken könnte.                         gelernt haben und aufeinander Lust hat-
                                                        ten. Das Spezielle am Gesang ist, dass
Koch: Würden Sie sagen, dass es eine                    es sich um einen seelischen Vorgang
bestimmte Art von Gesang ist oder ist es                handelt und jede Stimme auch Ausdruck
einfach Rap?                                            eines persönlichen Zustands ist. Alles,
                                                        was wir an Gesang und Singen in den
Spax: Das ist eine schwierige Frage. Ich                Körper hinein tun, kriegen wir nie mehr
mache da eine Trennung, wobei ich den                   wieder heraus. Das ist sehr komplex und
Begriff Rap auch immer als eine Haltung                 macht uns gleichzeitig aus. Wir haben
dahinter sehe, nicht nur als Handlung.                  auch immer Opernsänger, die Lust auf
Jeder kann rappen, aber wenn jemand,                    populäre Musik haben und Musicals ma-
der eigentlich Sänger ist, rappt, ist er                chen. Zum Beispiel hatte ein Sänger an
kein Rapper. Natürlich ist es aber auch                 der Oper in Linz vor seinem Engagement
Gesang, denn ich spreche zu Musik, ich                  dort 800 Mal Cats am Broadway gesun-


      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 1 / 5
gen. Ein objektives Bild darüber, welches               Falk: Ja, wenn Sie schreien, müssen Sie
Singen wertvoll ist und was nicht, gibt es              sich am Riemen reißen, das ist körperli-
nicht.                                                  che Anstrengung. Das hat auch bei den
                                                        Älteren funktioniert, aber sie brauchen
                                                        jemanden, der sie anspornt und “vor-
                                                        schreit”.

                                                        Spax: Sehe ich es richtig, dass Rap hier
                                                        als Fremdkörper gesehen wird?

                                                        Falk: Ja, in der Chormusik schon.

                                                        Spax: Ich finde Rap nicht kompliziert.
                                                        Da ist Text und Takt. Das muss doch mit
                                                        2.500 Leuten gehen. Eine Überartikulati-
                                                        on muss doch da nicht sein.

                                                        Falk: In dieser Halle mit dem entspre-
                                                        chendem Hall müssen Sie es so machen.


                                                        Koch: Frau Zeserson, Sie arbeiten im
                                                        Nordosten Englands mit sehr diversen
                                                        Gruppen zusammen. Das Angebot von
                                                        The Sage Gateshead richtet sich an un-
                                                        terschiedliche Gruppen unterschiedlicher
Koch: Herr Falk, Sie haben sich in Ihrer                Herkunft. Haben Sie auch den Ehrgeiz,
Vortrags-Performance stark für das mi-                  verschiedene Singstile und Artikulati-
schen von Stilen und Techniken ausge-                   onsweisen zu integrieren?
sprochen. In Ihrem Musical von den „10
Geboten“ mischen Sie verschiedene Sti-                  Katherine Zeserson: Wir arbeiten mit
le. Wie brachten Sie die Leute – beson-                 Menschen unterschiedlichsten Alters.
ders die LaienchorsängerInnen –, denen                  Außerdem denken wir kulturelle Unter-
diese Stile nicht alle geläufig waren, da-              schiede auf verschiedenen Ebenen mit.
zu, so zu singen?                                       Unser Ziel ist, das Singen und die Musik
                                                        den Menschen als Kommunikations- und
Dieter Falk: Zu Herrn Klügl: Stimmen                    Entwicklungsplattform anzubieten. Und
berühren, sind emotional. Egal ob beim                  aus diesem Grund sind wir sehr offen für
Chanson oder in der Oper – die Stimme                   jede Art von Vorschlägen, jede Art von
muss berühren, und jeder Sänger ent-                    musikalischen Einflüssen aus verschie-
scheidet, wo er berührt wird. Den mei-                  denen Kulturen usw. In diesem Sinn ver-
sten Applaus hat beim letzten Schulkon-                 suchen wir auch, sehr klar zwischen Stil
zert, bei dem ich war, ein Mädchen be-                  und Technik zu unterscheiden. Es gibt
kommen, das einen Chanson gesungen                      nur eine Art von Musik, die wir nicht be-
hat.                                                    reit sind, auf unseren Bühnen zu präsen-
Wie bekomme ich Leute dazu, Rap-                        tieren oder beizubringen: Schlechte Mu-
Passagen zu sprechen? Mit 2500 Leuten                   sik.
kann man nicht rappen. Aber die
Sprechpassagen waren große Herausfor-                   Wir haben ein HipHop-Projekt, in dem
derungen, weil sie für viele eine Grenz-                viele junge Menschen aus unterschiedli-
überschreitung darstellten. Doch ich ha-                cher Herkunft zusammen Graffitikunst
be den Eindruck, dass besonders Ältere                  machen. Wir haben die größte legale
Spaß daran hatten, viele Silben extrem                  Graffiti-Wand in England und es kommen
zu artikulieren.                                        Künstler von überall her, um dort zu ar-
                                                        beiten. Viele der jungen Menschen kom-
Koch: Singen wird dann auch körperlich                  men aus dem Gefängnis bzw. aus den
erfahrbar, als sportliche Herausforderung               Fängen der Polizei. Also bringen wir die
...                                                     besten DJs und Rapper zu uns, um mit


      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 2 / 5
ihnen zu arbeiten. Die Frage ist bei uns
immer, was die Leute tun wollen und
was sie am besten können.

Wir haben bei unseren Beobachtungen
gelernt, dass wir keine Musik-Institution
sind – wir sind eine Leute-Institution. Die
Frage der Mischung ist eine Frage von
Menschen. Der Maler hat die Palette mit
den Farben. Manchmal ist es sehr inter-
essant, nur blau zu malen, wie Picasso.
Manchmal wollen wir ein Bild mit allen
Regenbogenfarben sehen. Und manch-
mal experimentieren wir mit verschiede-
nen Farbkombinationen. Aber eigentlich                  Koch: Herr Klügl und Spax, hat Ihre
mischen wir nie alle Farben zusammen,                   Rapoper auch so funktioniert?
denn sie ergeben zusammen ein hässli-
ches Braun. Genauso glauben wir auch,                   Klügl: Unser Projekt hat mir Vorberei-
dass die musikalischen Sprachen und                     tungszeit zwei Jahre gedauert. Es gibt
Stile so unterschiedlich wie die Menschen               auch einen Film und ein Making-of. Dort
sind. Interessant ist, wie man die Men-                 wird dokumentiert, wie es entstanden ist
schen und Sprachen miteinander kombi-                   und wie man die Jugendlichen auch aus
niert.                                                  schwierigen sozialen Verhältnissen ein-
                                                        gebunden hat und wie sie eine große
Koch: Was passiert in dem HipHop-                       Entwicklung durchlaufen haben. Wir ha-
Projekt?                                                ben eine Choreografin und ein pädagogi-
                                                        sches Team dabei gehabt. Es war viel
Zeserson: Wir befinden uns gerade mit-                  Arbeit, aber auch viel Spaß und es gab
ten in diesem Projekt. Jeden März haben                 einen tollen Ertrag, auch für die Jugend-
wir ein internationales Jazzfestival auf                lichen.
unserem Gelände. Wir bereiten ein gro-
ßes Projekt in Zusammenarbeit mit ame-                  Spax: Seit es Rap gibt, wird man leider
rikanischen Jazzmusikern vor, das dort                  in eine Schublade gesteckt: “Bist du eher
aufgeführt wird. Außerdem arbeiten wir                  Fettes Brot oder Fanta 4 oder Bushido?”
mit einem großen britischen Beatboxer.                  Die Berichterstattung stuft Rap meistens
Ein Jugendchor und die jungen Leute der                 als Unterschichtenmusik ein und die
HipHop-Akademie schreiben Raptexte,                     Möglichkeit, jetzt einmal mit vermeintli-
die die Jazzband mit nach New York in                   cher Hochkultur zu arbeiten und sich
eine Schule nimmt. Die Jugendlichen                     auszutauschen, war sehr spannend. Es
dort arbeiten mit der Band zusammen,                    gab nun die Möglichkeit, den Jugendli-
um die Musik für die Texte zu schreiben                 chen etwas zu zeigen, was total großar-
und schicken die Musik zurück nach Eng-                 tig ist, nämlich, dass Musik eben Musik
land. In The Sage Gateshead wird die                    ist und keine Grenzen kennt, dass dabei
Musik dann von der Jazzband aufgeführt                  einfach nur Spaß entstehen muss. Die
und 25 Jugendliche aus New York wer-                    Leute hat es einfach erwischt. Ich habe
den dazu nach England kommen. Thema                     improvisiert und sie fanden es cool.
der Arbeit, über die auch ein Film ent-                 Dann hat die Opernsängerin gesungen
steht, ist die U-Bahn.                                  und wir waren ergriffen zu sehen, dass
                                                        die Jugendlichen nicht mehr in Kategori-
Viele der jungen Leute haben eine elek-                 en denken.
tronische Fußfessel. Wenn sie also die
Bedingungen brechen, kommen sie zu-                     Eine Schwierigkeit bestand darin, dass
rück ins Gefängnis. Doch darüber wird                   wir altes Textmaterial umarbeiten muss-
nicht gesprochen und das interessiert                   ten. Aus diesem Grund finde ich das
auch niemanden. Wir wollen genau diese                  englische Projekt spannend, bei dem die
Leute auf der Bühne haben, und wollen,                  einen den Text schreiben und andere die
dass sie auf der Bühne fantastisch sind.                Musik. Für die Jugendlichen war die
Es geht hier in der Musik nicht um Stile,               Schwierigkeit bei der Oper, den klassi-
sondern um Menschlichkeit.

      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 3 / 5
schen Inhalt in die Neuzeit zu transferie-              Koch: Mir ist nun klar geworden, dass
ren. Die Auseinandersetzung mit alten                   wir Singen weniger von der Ebene der
Dingen und der anderen Kultur, dabei                    vermittelten Bedeutungen her bestim-
aber mit doch recht vertrauten Inhalten,                men, sondern eher nach der Erfahrung,
hat ihnen gezeigt, dass das Leben ein                   die es vermittelt: Es passiert mit den
immer wiederkehrende Zyklus ist und                     Leuten etwas, wenn sie an Singprojekten
dass wir mit Rap ein klassisches Thema                  teilnehmen. Herr Falk, was haben die
neu bearbeiten können. Das auf die                      Chöre mitgenommen und hat sich bei
Bühne zu bringen, war eine große Erfah-                 den Sängerinnen durch die Mitwirkung
rung für alle Beteiligten.                              an den „10 Geboten“ etwas verändert?

                                                        Falk: Meiner Erfahrung nach sind
                                                        Freundschaften entstanden und das
                                                        Stück wurde selbstständig auf kleinere
                                                        Zusammenhänge herunter gebrochen.
                                                        Bei solchen Events mit langem Vorlauf
                                                        haben alle viel Spaß am Proben, doch
                                                        am Schönsten ist es, wenn sie es danach
                                                        aufführen. Für die Chorarbeit nach dem
                                                        Event und dem Hype bleibt mehr Dyna-
                                                        mik und mehr Energie, die sie mitbe-
                                                        kommen haben durch das Event. Die
                                                        Chorleiter und Sänger geben mehr in
                                                        den Chören – deswegen bin ich auch für
                                                        Events.

                                                        Koch: Frau Zeserson, streben Sie bei Ih-
                                                        ren Projekten Langzeitwirkungen an?
                                                        Was haben Sie bisher beobachten kön-
                                                        nen?

                                                        Zeserson: Es ist wichtig, Zeit zu haben.
                                                        Wir versuchen unsere Arbeit so zu konzi-
                                                        pieren, dass es „Flüsse“ gibt, also konti-
Koch: Gab es Langzeitwirkungen? Was                     nuierliche Angebote zum Lernen und zur
konnten Sie über das Ende des Projekts                  Weiterentwicklung an verschiedenen
hinaus beobachten?                                      Wochentagen. Aber dann gibt es auch
                                                        die Momente, wo Steine in den Fluss ge-
Klügl: Danach haben wir dann „Rhein-                    worfen werden. Unser Direktor nennt es
gold – der Film“ gedreht und hier waren                 „herausragende Momente“. Diese kön-
schon einige „Nachfolgetäter“ dabei. Es                 nen ein Ziel vorgeben, wo die Leute sich
gibt einige, die inzwischen bei verschie-               hinbewegen. Nach dem Event geht es
denen Stücken mitwirken. Letztens ha-                   dann weiter den Fluss hinunter, zusam-
ben wir bei einer Oper für Jugendliche                  men mit den Erfahrungen aus dem
einen Chor gegründet, der mit ganz an-                  Event. Um das zu gewährleisten, machen
deren Jugendlichen aus sozial schwieri-                 wir nur Events oder Kooperationen,
gen Verhältnissen in sechswöchiger Pro-                 wenn sichergestellt ist, dass ein Team
benarbeit eine großartige Oper zustande                 aus deren Bereich sich selbst weiterbildet
gebracht hat. Die Jugendlichen bleiben                  um den begonnenen Weg weiterzuge-
Freunde über die Projekte hinaus. Plötz-                hen. Dadurch garantieren wir, dass die
lich wollen Jugendliche Sängerin werden                 Erfahrungen aus dem Event in die Zeit
und öffnen sich Unbekanntem. Die Ju-                    danach mitgenommen werden. Außer-
gendlichen singen wahnsinnig gern und                   dem sind wir dadurch zu einer Art Weg-
gehen nach der Probe noch eine Cola                     weiserorganisation geworden, die nach
trinken und nerven dann die Leute in der                einem Event die Leute informiert, wo
Kneipe mit dem Gesang.                                  und wie sie sich weiter einbringen kön-
                                                        nen.



      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 4 / 5
Spax: Ich habe dazu nicht so viel hinzu-                ben wir ein sehr praktisches Ziel: Wir
zufügen. Es wird immer von Nachhaltig-                  müssen ein Finanzierungsmodell finden,
keit gesprochen. Aber ich sehe Events                   das funktioniert. Weil wir eine große Or-
immer auch als Initialzündung. Bei der                  ganisation sind, werden wir als Bench-
Rapoper waren die drei ausverkauften                    markorganisation gesehen. Damit haben
Vorstellungen einfach ein Abschluss für                 wir eine große Verantwortung. Wir müs-
die Zeit, die sie erlebt haben. Solche                  sen unseren Kollegen in kleineren Orga-
Events haben auch immer eine Außen-                     nisationen helfen. Die Frage ist also, wie
wirkung, die wichtig ist, damit auch wei-               wir die drei Dinge zusammenbekommen:
terhin Projekte gefördert werden. Für die               Soziale Zielsetzung, musikalische Exzel-
Förderung brauchen wir leider auch im-                  lenz und finanzielle Sicherheit. Denn wir
mer etwas, ein Ziel, das am Ende steht.                 verlieren ständig öffentliche Mittel. Die
Ich finde, Events sind definitiv wichtig.               Gefahr ist, dass wir aus finanziellen
Die Frage ist nur, ob es immer ein Pro-                 Gründen die soziale Zielsetzung verlie-
jekt sein muss, wie groß und für wen es                 ren. Also ist meine Aufgabe, einen Weg
sein soll. Für andere Jugendliche ist es                in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten zu
super, die Jugendlichen dann auf der                    weisen. Der Schlüssel dafür liegt in der
Bühne zu sehen, und sie haben auch das                  Arbeit der Graswurzel-Community. Die
Bedürfnis, von Eltern und Lehrern beju-                 Großorganisation muss Energie und Im-
belt zu werden. Ich bin ein Befürworter                 pulse an die kleinen Organisationen wei-
von Events.                                             tergeben, sodass diese in fünf Jahren
                                                        sagen können, dass alle drei Ziele erfüllt
Koch: Herr Falk, wie geht es weiter mit                 werden. Das ist der Plan. Wir sind in der
dem Singen? Wird die Mundorgel weiter                   Lage, Singen wirklich zum Vorreiterme-
orgeln?                                                 dium von Musikvermittlung zu machen.
                                                        Wir erstellen eine aussagekräftige Stel-
                                                        lungnahme für die Regierung, die zeigt,
                                                        wie das Singen im Leben der Kinder auf-
                                                        genommen wird – und wir haben einige
                                                        Beweise dafür.

                                                        Koch: Vielen Dank für Ihre Diskussions-
                                                        beiträge. Ein Wort noch zum Abschluss:
                                                        Wir haben in diesen zwei Tagen viele An-
                                                        regungen erfahren und viel diskutiert,
                                                        und ich hoffe, dass wir davon auch etwas
                                                        in unsere eigene Arbeit einbringen, dort
                                                        anwenden und weiter entwickeln kön-
                                                        nen. Die Idee der Musikland-Konferenzen
Falk: Die Zukunft des Singens fängt dort                ist, dass Leute, die sich für Musik enga-
an, wo das Singen nach Kindergarten,                    gieren, zusammenkommen, um über die
Schule und Schulchor die Jugendlichen                   Fragen zu diskutieren, die sich in ihrem
verlässt. Da muss es Projekte geben, bei                musikalischen Leben stellen. Und wir
denen Jugendliche wieder gemeinsam                      wollen Wege und Projekte aufzeigen. Ei-
zum Singen gebracht werden. Das geht                    ne wichtige Frage war zum Beispiel die
meiner Meinung nach vor allem durch                     nach der Qualifikation für die musikali-
ambitionierte Eliteprojekte, die etwas                  sche Arbeit mit Kindern, wo wir überle-
vormachen und durchs Land touren. Ich                   gen müssen, wie wir den Bedarf an aus-
hatte die Oslo Soul Teams erwähnt. Sie                  gebildeten ChorleiterInnen und Stimm-
ziehen durch die Lande und überall ent-                 bildnerInnen decken. Wir als Musikland
stehen Nachahmerchöre. Das wäre das                     werden dem nachgehen. Ich bedanke
Zukunftssingen für Konfirmanden bis ins                 mich herzlich bei den Mitdiskutanten,
Twen-Alter.                                             und ich bedanke mich bei Ihnen, liebe
                                                        TeilnehmerInnen – ohne Ihre engagierte
Koch: Frau Zeserson, was sind Ihre Zie-                 Teilnahme wäre der Erfolg der Jahres-
le für die nächsten fünf Jahre?                         konferenz nicht möglich. Sie haben dazu
                                                        beigetragen, dass es eine interessante
Zeserson: Für die nächsten 5 Jahre ha-                  Tagung geworden ist.

                                                                      Das Protokoll führte Paul Kruerke.
      Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 5 / 5
Dokumentation jahreskonferenz 2010

Dokumentation jahreskonferenz 2010

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    Jahreskonferenz Musikland Niedersachsen 2010 5. TreffenMusikvermittlungsteam Herausforderung Musikvermittlung - Werkstatt des Musikvermittlungs- teams zu Hürden im Arbeitsalltag Moderation: Anne Benjes, Musikland Niedersachsen Das Treffen fand am Vormittag des er- sten Tages der Musikland Jahreskonfe- renz 2010 in der Landesmusikakademie Sie sprach von Nöten und Freuden in der Niedersachsen in Wolfenbüttel statt. Mit Kooperationsarbeit. Wichtig sei es, zwei einem Rückblick auf die Aktionswoche grundlegend verschiedene Herange- Ohrenschmaus, welche vom 20. – 26. hensweisen in der Arbeit mit Koope- September 2010 stattgefunden hatte, rationspartnern zu unterscheiden: Ent- wurde die Sitzung eröffnet. Frau Benjes weder eine gute Idee ist vorhanden, zu stellte fest, dass die landesweite Medien- der der passende (ggf. neue) Kooperati- aufmerksamkeit z. B. durch das NDR onspartner gesucht wird oder man geht Fernsehen vielen Projekten zugute kam. von einem langjährigen bewährten Part- Die Woche wurde vom Musikland- ner aus und kreiert das passende Pro- Filmteam begleitet. Ein Video- jekt, z.B. bei veränderten Rahmenbedin- Zusammenschnitt der Projekte ist auf gungen (Bsp. Ganztagsschulen). der Musikland-Homepage einsehbar. Der Wunsch nach einer Fortführung einer Nach dieser Unterscheidung gebe es solchen Aktionswoche wurde ausgespro- mehrere Punkte, die die Kooperationsar- chen, wenn möglich zukünftig mit mehr beit erleichtern könnten: Einen Koopera- Kooperationspartnern und Projekten. tionsvertrag, der langjährig oder für ein- zelne Projekte geschlossen wird, könne Die eigentliche Sitzung widmete sich die Ziele klar formulieren und somit Fra- Hürden der Musikvermittlung im Arbeits- gen wie die Finanzierung, die Dokumen- alltag: möglichen Schwierigkeiten in der tation und Präsentation schon im Voraus Zusammenarbeit mit Kooperationspart- klären. Als weitere Hürden nannte Kahl- nern, Fragen nach Zielgruppen sowie der mann logistische Fragen wie die Bereit- Stellung und Funktion von Musikvermitt- stellung von Instrumenten, Transportfra- lung innerhalb der eigenen Organisation. gen, den Austausch von Kontaktdaten Vier Impulsreferate aus dem Team ga- (beispielsweise mit LehrerInnen und El- ben Einblick in die unterschiedlichen Er- tern) sowie Zeit und Ort einer Veranstal- fahrungen auf diesem Gebiet und stan- tung. Diese Fragen im Voraus zu klären, den stellvertretend für die jeweilige Hür- könne Kollisionen mit Konkurrenzveran- de. Sie gaben Anlass zum Gespräch. staltungen und plötzliche Überraschun- gen vermeiden. Als Tipp riet Kahlmann, Für die „Zusammenarbeit mit Kooperati- auch bei guter Organisation flexibel zu onspartnern“ gab Denise Kahlmann von bleiben sowie, wenn möglich, DozentIn- Musik in Hainholz/Musikzentrum Hanno- nen, LehrerInnen oder Eltern in organi- ver einen Einblick in ihre Arbeit. satorische Fragen einzubinden. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 1 von 3
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    Das zweite Impulsreferatzur Hürde „Ko- dung unterschiedlicher Ensembles und operationspartner“ wurde von Martin Chöre der Region, aber auch nicht direkt Heubach und Ruth Emanuel von Concer- mit Kulturveranstaltungen in Verbindung to Gandersheim gehalten. gebrachte Partner, etwa Cafés oder örtli- Concerto Gandersheim war durch die che Vereine wie die Feuerwehr. Letztere Gründung eines Trägervereins zusätzlich bringen kulinarische Kompetenzen oder zum kirchenmusikalischen Angebot der Erfahrungen im Organisieren von örtli- Gemeinde Bad Gandersheim in Südnie- chen Festen mit. Durch die Schaffung dersachsen entstanden. Die letzten zehn neuer Kooperationen kann gleichzeitig Jahre galt die Arbeit allen möglichen Mu- auch ein erweitertes Publikum angespro- sikern, vom Kinderchor bis zum profes- chen werden. sionellen Vokalensemble. Martin Heu- bach ist Intendant der Gandersheimer Hilfreich für den Informationsaustausch Dommusiken. und für die Vernetzung von Kulturveran- staltern könne ein Runder Tisch nach Art der „Hauptsache Kultur“-Treffen in Bad Gandersheim sein. Heubach nannte hier die klaren Vorteile für den ländlichen Raum, sich auszutauschen und gegebe- nenfalls ein gemeinsames Marketing zu betreiben. Die Idee, den regionalen Tou- rismus durch Kulturveranstaltungen zu fördern, biete neue Möglichkeiten der Kooperationen auf dem Land. Ausgehend von den Internationalen Abschließend für die Hürde Kooperati- Gandersheimer Dommusiktagen sprach onspartner wurde der Wunsch nach ei- Heubach vom Vorteil eines solchen Festi- nem verstärkten Erfahrungs- und Infor- vals für örtliche Kulturveranstalter auf mationsaustausch der Musikvermittler dem Land, das auch kleineren Veranstal- untereinander angesprochen. Ein ge- tern Aufmerksamkeit bringe, die sie meinsamer Verteiler wurde angeregt, sonst nicht hätten. woraufhin Frau Benjes auf Hans Walter vom Referat „Musikalische und künstleri- Die Kooperationen betreffend, setzt sche Bildung“ des Niedersächsischen Heubach in seiner Arbeit darauf, Kompe- Kulturministeriums verwies, welcher in- tenzen des jeweiligen Partners zu er- teressierte Musiklehrer regelmäßig mit schließen und zu nutzen, was Synergie- Informationen versorgt und über einen Effekte mit sich bringe. Kooperationen funktionierenden Verteiler verfüge. Ein mit der Wirtschaft beispielsweise bieten Terminabgleich, wie es beispielsweise oftmals finanzielle Förderung, jedoch das Chorleitertreffen Hannover macht, auch die Möglichkeit, ungewöhnliche Auf- wurde hauptsächlich für urbane Räume führungsorte zu bespielen. Beispiele für als sinnvoll erachtet. In der Diskussion die Erschließung solcher neuer und un- um Verträge kristallisierte sich heraus, gewöhnlicher Räume für geistliche Musik dass Verträge mit Kooperationspartnern waren ein Konzert in einer Burg sowie eine Augenmaßfrage seien, je nach Art die Idee, das Weihnachtsoratorium in ei- des Partners und Größe des Projekts. Als ner leer stehenden, kathedralengleichen psychologische Absicherung könnten die- Papierfabrik aufzuführen. Als weitere se jedoch oft hilfreich sein. Beispielver- Beispiele für Kooperationen in seiner ei- träge und Checklisten sollen demnächst genen Arbeit nannte Heubach die Einbin- auf www.musikland-niedersachsen.de im Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 2 von 3
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    Bereich Musikvermittlung zurVerfügung gen „key persons“ und die richtige Szene gestellt werden. Dazu bittet Frau Benjes anzusprechen sei die Kunst dabei. Als die Mitglieder des Teams um Zusendung Mittler für unterschiedliche Kultur- von (Muster-)Verträgen und Arbeitshil- Länder-Vereine zu fungieren gelinge fen, die auf der Plattform veröffentlicht nicht immer, notfalls müsse man sich für werden können. einen Partner entscheiden. Die Frage nach dem ideellen Gewinn für Sponsoren eines Projekts wurde mit der Notwendigkeit der Identifikation eines Produkts mit örtlichen Partnern beant- wortet. Mitarbeiterkarten und eine Imageaufwertung des Unternehmens seien zudem motivierend für Unterneh- men, sich für Kulturprojekte einzusetzen. Es wurde festgestellt, dass in der Koope- ration mit Schulen persönliche Kontakte sehr wichtig seien, da allgemeine Anfra- gen an Schulen oftmals nicht beachtet Zur „Stellung und Funktion von Musik- werden. Bei einer kontinuierlichen Arbeit vermittlung innerhalb der eigenen Orga- sei die Vertrauensbasis leichter herzu- nisation“ sprach Hermann Baumann von stellen als bei einmaligen Projekten oder den Internationalen Händel-Festspielen Festivals. Göttingen. Musikvermittlung sei aus sei- ner Sicht eine gesamtgesellschaftliche, politische Aufgabe und nicht allein Sache Zur Hürde „Zielgruppen“ bot ein Impuls- der Institutionen wie der Orchester. Kür- referat von Christoph Sure, Geschäfts- zungen im Musikunterricht könne man führer des MASALA Welt-Beat Festi- deshalb nicht einfach hinnehmen. Auf die vals/Pavillon Hannover Einblick in die Ar- Frage, was Orchester tun könnten, um beit mit internationalem Publikum. Sure zur Bildung im Bereich Musik beizutra- sprach von der „Marke MASALA“, die in- gen, bemerkte Baumann, dass bei zwischen ein Stammpublikum gefunden Klangkörpern wie großen Orchestern ein hat, aber auch von länderspezifischen Programm rund um bestehende Projekte Fans, die einzelne Konzerte besuchten. entwickelt werden müsse. Er ergänzte, Ausgehend von den Afrikanischen Näch- dass man Kinder schon im frühen Alter ten in den Achtzigerjahren hat sich das an die klassische Musik in Konzerten he- Festival verändert, etabliert und kann in- ranführen müsse, indem man beispiels- zwischen auch Experimente wagen. weise eine Kinderbetreuung während ei- ner Hälfte der Konzerte anbiete. Als Bei- Wichtig für die Ansprache der Zielgrup- spiel einer Forderung an die Politik wurde pen eines Konzertes sei es, den richtigen die Notwendigkeit einer musikalischen Ton zu treffen. Auch Plakate und persön- Ausbildung für Erzieherinnen von einer liche Kontakte zu Zielgruppenvereinen, Teilnehmerin erwähnt. wie beispielsweise länderspezifischen Kulturvereinen, seien unumgänglich. Ein Ausblick auf das nächste Treffen des Ständig Kontakt zum Stammpublikum zu Musikvermittlungsteams, das Ende Fe- halten und gleichzeitig neue Zielgruppen bruar/Anfang März 2011 stattfinden anzusprechen sei das Ideal. Wie Heu- wird, beendete die Sitzung. bach, sprach auch Sure von den Kompe- tenzen und Interessen der Partner, hier im Hinblick auf das Publikum. Die richti- Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – Protokoll 5. Treff Musikvermittlungsteam – Seite 3 von 3
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    Grußwort des Niedersäch- sischenMinisteriums für Wissenschaft und Kultur Referent: Detlef Lehmbruck, Refe- ratsleiters Musik/Theater im Sehr geehrte Frau Abgeordnete Behrens, Sehr geehrter Herr Prof. Kemmelmeyer, über Deutschland hinaus gerichtet ha- Sehr geehrter Herr Werren, ben. Die erneut exponentiell angestiege- ne Teilnehmerzahl belegt die Unverzicht- Sehr geehrter Herr Koch, barkeit des Unterfangens. liebe Musikerinnen und Musiker, Nicht zuletzt für das Land Niedersachsen ist es besonders erfreulich, dass Sie das Im Namen von Frau Ministerin Prof. Dr. Thema Singen gewählt haben. Nicht weil Wanka, die heute leider nicht bei Ihnen dieses Thema besonders originell wäre – sein kann, Herrn Staatssekretär Dr. Lan- Singen war zu allen Zeiten Thema. Man ge und Frau Dr. Schwandner freue ich könnte auch meinen, es sei alles über mich sehr, dass ich Ihnen die herzlichen das Singen gesagt. Das Musikland Nie- Grüße der niedersächsischen Landesre- dersachsen ist jedoch berechtigterweise gierung überbringen kann. nicht dieser Meinung. Viele historische Die Jahreskonferenzen von Musikland Beispiele des Redens über das Singen Niedersachsen sind gleichsam die ideal- könnten das belegen. Hier mag eines für typischen Verwirklichungen des Musik- viele stehen: land-Gedankens. Sie leben vor, was ei- „Wir haben Schubertlieder gesungen und ner der Grundgedanken der Projektträ- neu gelernt, ach, Du solltest sie hören, ger von Musikland Niedersachsen war: sie sind wunderbar …Den 'Wanderer an Vernetzung der Musikmacher und fachli- den Mond' finde ich immer schöner … cher Austausch mit dem Ziel, einen an- Durch den ganzen ersten Teil der erden- dauernden Diskurs über Qualitätsmaß- schwere Schritt des Wanderers 'Ich wan- stäbe zu etablieren. Dabei wird sich auch dre fremd von Land zu Land, so heimat- in diesen Tagen erweisen, dass sich Mu- los, so unbekannt'. Dann aber lösen sich sikkultur in ihrer Vielfalt hervorragend die Akkorde auf in gebrochene, das für die Beschäftigung mit best-practice- klingt wunderbar frei und so rein, nicht Beispielen eignet. Man braucht aber lei- der leiseste Schimmer irgendeiner Dis- denschaftliche Musikvermittler, die die harmonie noch überschwenglichen Ge- intime Kenntnis ihres eigenen Musiklan- fühls: 'Du aber wanderst auf und ab von des mit dem offenen Blick über dessen Ostens Wieg in Westens Grab'. Und ein Grenzen hinaus verbinden. Schluss, den ich nicht beschreiben kann. Es ist in erster Linie Ihnen, lieber Herr … Es bleibt kein großes Gefühl, weder Koch, aber auch der gesamten Ge- des Trostes noch der Entsagung. Und schäftsstelle mit Frau Hayes, Frau Benjes doch erfreut es so, und tröstet so wie ei- und Frau Betker zu danken, dass Sie bei ne makellose Blume, die blüht, weil sie der Vorbereitung dieser Konferenz Ihren blüht. … Wenn Du kommst, singen wir Blick weit über Niedersachsen und sogar Dir's vor." Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 1 / 3
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    Dies ist keinZitat einer Musikerin der und Quandt bewogen hat, sich für den Romantik. Dies ist ein Zitat aus einem Liedwettbewerb zu engagieren. Interes- Brief einer Nichtmusikerin an einen sant ist in unserem Zusammenhang, Nichtmusiker. Es stammt von Sophie dass die Dimension weit über den Lied- Scholl, geschrieben an ihren Bruder gesang hinaus geht. Thomas Quasthoff, Werner Scholl gleichsam in den russi- Franziska Castell und überhaupt allen schen Feldzug. Beinahe unglaublich mu- Anhängern des Kunstlieds ist zweifellos tet der Zeitpunkt dieses Briefes an: Sie bewusst, dass es heute wie zu allen Zei- schrieb ihn Mitte Februar 1943 wenige ten historische Entwicklungen gibt, durch Tage vor ihrer Verhaftung. Schon das die das Singen in der einen Ausprägung macht den Schlusssatz - „Wenn Du an Gewicht gewinnt und in der anderen kommst, singen wir Dir’s vor“ - zu einem Ausprägung an Gewicht verliert. Die historischen Dokument. Heute, fast 70 Hausmusikbewegung im 18. und Jahre später, ist dieser Satz schon in 19.Jahrhundert und die Singbewegung seiner Grundaussage historisch gewor- als Teil der Jugendbewegung im frühen den. Eine kaum vorstellbare Verabre- 20. Jahrhundert stehen beispielhaft hier- dung, sich etwas vorzusingen, wenn man für. Sie sind auch wie wir alle völlig un- sich sieht. In unserem Zusammenhang verdächtig, etwa die positiven Wirkungen kann es dabei nicht um ein neuerliches der vielen Casting Shows unserer Zeit Lamento über einen vermeintlichen Kul- für das Singen und beispielhaft die Inte- turverlust gehen. Es geht vielmehr um gration von jungen Menschen mit Migra- einen authentischen Einblick in die tionshintergrund gering zu schätzen. selbstverständliche Lebensrealität einer „normalen“ Familie. Und doch wird eine Haltung bezeichnet, die die niedersächsische Landesregierung Viele von Ihnen waren vergangenen teilt: Singen benötigt einen zentralen Samstag dabei, als der Praetorius Musik- Platz im Lebensvollzug der Menschen, preis 2010 verliehen wurde. Natürlich einen Platz, den es früher zu vielen Zei- war es gleichermaßen traurig und ver- ten und an vielen Orten und in vielen ständlich, dass Thomas Quasthoff seinen Bevölkerungsgruppen hatte und auch Preis nicht persönlich entgegennehmen heute andernorts noch hat. Singen sollte konnte. Es war jedoch ein wunderbares den Platz haben, den es für die vielen Symbol, dass Franziska Castell, die Ge- Tausend Chorsänger im Musikland Nie- schäftsführerin „seines“ Liedwettbewer- dersachsen hat. Es muss alles versucht bes „Das Lied“, für ihn den Preis mit fol- werden, um ganz jungen Menschen ein genden Worten entgegennahm: Gefühl für die Selbstverständlichkeit des Singens zu vermitteln. „Der Gesang ist die ursprünglichste Form der menschlichen musikalischen Äusse- Daher spielt das Singen eine zentrale rungen. Aber es wird zu wenig gesun- Rolle im niedersächsischen Musikalisie- gen: in den Familien, in den Kindergär- rungsprogramm „Wir machen die Musik“, ten, in der Schule, aber auch überhaupt bei dem gerade Kindergartenkinder in unserem Lebensvollzug. Dem gilt es durch vielfältige Kombinationen von Sin- entgegenzuwirken.“ gen, Spielen und Bewegen erleben sol- len, dass Musik einfach dazu gehört. Als Franziska Castell beschreibt mit diesen integraler Bestandteil des Lebensvollzug Worten, was Thomas Quasthoff motiviert wird Singen dann auch in seiner ganzen hat, die Initiative für einen Liedwettbe- Vielfalt praktiziert werden. werb zu ergreifen. Und sie beschreibt – das darf man hier im Kreis von Musikför- Es wird auch ein steigendes Interesse für derern sagen – was die Familien Oetker die Bedeutung von vertonten Texten ge- Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 2 / 3
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    ben, also das,was uns nach nur 70 Jah- ren so historisch erscheint an dem Brief von Sophie Scholl: ein Lied Textzeile für Textzeile zu vermitteln. Denn die Faszi- nation junger Menschen für vertonte Texte ist völlig ungebrochen, auch wenn viele Hits unserer Tage es nicht wirklich nahelegen. Wer den Beweis sucht, möge sich umhören, wie viele Jugendliche oh- ne Zögern auswendig „ich wollt noch danke sagen doch ich lieg im Krankenwagen noch wolln sie mich zwangsbeatmen doch bald is alles aus und vorbei“ darlegen können – und zwar zur Freude aller Bildungspolitiker bei voller Erfas- sung des Inhalts dieser Zeilen. Ein vielfältiges Musikland wie Nieder- sachsen braucht einen Ort, in dem die ganze Musikkultur ihre Heimstatt finden kann. Daher freuen wir uns sehr, dass auch die diesjährige Jahreskonferenz in der neuen Landesmusikakademie statt- findet, und wir danken dem gesamten Team für die Gastfreundschaft! Ich wünsche Ihnen einen fruchtbaren Austausch und glückliche Erfahrungen nicht nur über, sondern vor allem auch beim Singen. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Grußwort Detlef Lehmbruck (MWK) – S. 3 / 3
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    Jahreskonferenz Musikland Niedersachsen 2010 Eröffnungsvortrag „Singen heute“ Referent:Klaus Georg Koch, Geschäftsführer von Musikland Niedersachsen I. Meine Damen und Herren, im Frühjahr 1984 habe ich das erste Mal Man mochte sich vorkommen wie Goe- Lesotho, die frühere Kolonie Britisch Bet- thes Wilhelm Meister und seine Reisege- schuanaland, im südlichen Afrika bereist. fährten, denen auffiel, „daß je weiter sie Es ist ein bergiges Land, und es war da- ins Land kamen, ein wohllautender Ge- mals auch ein wildes Land, das sich dem sang ihnen immer mehr entgegentönte.“ Reisenden nur unter Mühen erschloss. In – ich bin schon im Zitat. ganz Lesotho gab es damals eine einzige „Was die Knaben auch begannen, bei Straße. Sie durchzog im Norden die Low- welcher Arbeit man auch sie fand, immer lands, bog am östlichen Ende nach Sü- sangen sie, und zwar schienen es Lieder den ab und führte ins Gebirge. Darüber jedem Geschäft besonders angemessen hinaus gab es nur Geröllpisten und alte und in gleichen Fällen überall diesselben. Saumpfade, auf denen sich die Einheimi- Traten mehrere Kinder zusammen, so schen zu Fuß und auf Pferden fortbeweg- begleiteten sie sich wechselweise; gegen ten. Abend fanden sich auch Tanzende, deren Schritte durch Chöre belebt und geregelt wurden.“ – Sie kennen die Passage am Der größte Eindruck, den Lesotho damals Beginn des zweiten Buches, nur dass auf mich machte, war, dass die Men- dem Singen in Lesotho der vornehme schen dort sangen. Die Leute sangen in Ton des Bildungsromans nicht eigen war. den Dörfern. Sie sangen im Bus und auf Es schien eine schlichte und fröhliche den Ladepritschen der allradgetriebenen Welt. Einen Eindruck davon können Sie Lastwagen, die sie im Schritttempo durch aus dem folgenden Video-Ausschnitt ge- die Berge brachten. Kinder sangen auf winnen. dem Weg in ihre Missionsschulen und sie sangen in der Schule. Einen Ziegenhirten Videobeispiel 1, „Lesotho women singing, traf ich, der alleine sang und sich dabei beautiful day out there“ mit einer Fiedel begleitete, die er aus ei- nem Blechkanister, einem Stock und ei- ner Schnur gebaut hatte. Am Sonntag sangen die Leute in der Kirche, und zwar, wie mir schien, häufig die gleichen Gesänge, die ich während der Woche be- reits gehört hatte. http://www.youtube.com/watch?v=lDkK79AM7iM Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 1 / 7
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    16 Jahre späterbin ich ein zweites Mal Das erlaubt uns, einen geschichtlichen nach Lesotho gekommen. Und während Wendepunkt zu beobachten, der in der ich den Fortschritt doch als etwas Gutes westlichen Welt das Datum 1877 trägt. empfinde – der Bau eines unterirdischen In diesem Jahr hat der Franzose Charles Bahnhofs ist das mindeste, was ich mir Cros das Patent für ein Gerät namens erhoffe – war ich hier schockiert. Ein Teil Paléophone und der Amerikaner Thomas des Gebirges war für ein internationales Edison das Patent für den Phonographen Wasserprojekt erschlossen worden, man angemeldet. Vor 1877 verklang jeder hatte Staudämme gebaut, an denen nun Laut, der einem Mund entströmte. Das auch Strom produziert wurde, und wo Ziel Edisons war es dagegen, Stimmen vorher Pfade in die Berge führten, da haltbar, Lautäußerungen wiederholbar zu verlief jetzt eine Straße. Lesotho war laut machen. „Repetiermaschine“ wurde der geworden. Sogenannte Minitaxis, oft Phonograph deshalb genannt, und auch überfüllte Kleinbusse, brachten die Leute wenn es noch Jahrzehnte dauerte, bis von den Bergen in die Lowlands und aus man etwa eine ganze Sinfonie aufge- den Lowlands in die Berge. In den Dör- nommen hatte, so war es doch mit der fern waren Märkte aufgebaut mit Waren Ruhe vorbei. Der Mensch hatte das Privi- aus Südafrika und China. Jetzt gab es leg verloren, einzig durch die Artikulation auch Musikanlagen, die in den Taxis und seines Körpers stimmlich präsent zu auf den Märkten mit voller Lautstärke sein. Man kann allerdings auch sagen, er Musik verbreiteten, die ihrerseits ohne sei von der Notwendigkeit, zu singen, elektrischen Strom nicht hergestellt wor- befreit worden. Wie mit vielen anderen den wäre. Fertigkeiten auch, haben die Menschen arbeitsteilig das Singen den Spezialisten überlassen und verwenden die frei ge- Macht also auch hier die Zivilisation das wordene Zeit und Energie für etwas an- Singen überflüssig? Ist das Singen ein deres. Opfer der technischen Entwicklung? Ist es etwas, worauf wir zurückblicken: Eine Form von Menschlichkeit, die immer lei- Der technische Fortschritt und die Ge- ser wird, während der Lärm des Fort- schichte des Singens stehen allerdings schritts zunimmt? schon sehr viel länger in einem schwieri- gen Verhältnis zueinander. Das späte 18. Selbstverständlich fährt niemand von uns und noch mehr das 19. Jahrhundert nach Afrika, um dort mit innerer Freude bemächtigen sich der Musik in einem den Stand des technischen Fortschritts technischen Sinn: Im Instrumentenbau, und den beschleunigten Wandel der Le- in den wie bei Liszt ins Transzendentale bensverhältnisse zu besichtigen. Die reichenden Spieltechniken, in der physio- Freude schien mir auf Seiten der Ba- logischen Untersuchung der Stimmorga- sothos, die sich mit ungekannter Leich- ne, im Bau von musizierenden Automa- tigkeit in ihrem Land fortbewegen, einen ten aller Art. Letztlich führt ein direkter Arzt oder eine Apotheke aufsuchen und Weg von der Erforschung der Stimmphy- sich abends im Licht einer elektrischen siologie zum Bau mechanischer und elek- Lampe unterhalten konnten. Wahrschein- tromechanischer Wiedergabeapparate. lich erschien ihnen der technisch ver- stärkte Lärm als eine Form von Mensch- Gleichzeitig – und im Grunde gegen das lichkeit, die immer stärker wird, als Zu- Fortschreiten der Technik – entwickelt kunftsmusik, die ihnen auch den eigenen die Romantik Vorstellungen, nach denen Fernseher, den eigenen Kühlschrank, das das Singen die Geschichte in Richtung eigene Auto verhieß. Und wahrscheinlich der „Ursprünge“ aufhebt. Wird die Fort- dachten sie noch ohne Wehmut an die schrittsgeschichte als Geschichte der Zeiten, als man selber singen musste, Entfremdung verstanden, dann drückt um nicht an der Stille zu ersticken. dagegen das Singen das Gemeinsam- Ursprüngliche und das Eigentlich- Persönlichste aus. Ja eigentlich noch Die Geschichte der Elektrizität und die dramatischer: Das Singen stellt das Ge- Geschichte des Singens kreuzen sich in meinsam-Ursprüngliche und das Eigent- diesem Bergland unter unseren Augen. lich-Persönlichste her. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 2 / 7
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    Was da inder Wertschätzung des Ge- sangs passiert, möchte ich am Beispiel des Romans verdeutlichen. Hatte man zuvor Sänger neben Tänzerinnen und Schauspielern als zweifel-hafte, wenig respektable Existenzen betrachtet, so er- fahren Singen und Sänger – meistens Sängerinnen – in der Literatur nun eine Idealisierung. Menschen im Roman sollen erkannt und verstanden werden, und nirgends gibt sich der Mensch nach den Vorstellungen dieser Zeit so wahrhaftig und vollständig zu erkennen, wie da, wo er singt. Jetzt ist die Sängerin nicht mehr Der Philosoph Hartmut Böhme hat in sei- nur Attraktion und Objekt der Begierde, nem Aufsatz „Der sprechende Leib“ für sondern sie wird durch die Wahrheit ih- das spätere 18. Jahrhundert beschrie- res Singens erkannt – hat der Roman ei- ben, welche Herausforderungen der ge- ne Liebeshandlung, dann am Ende ver- sellschaftliche und technische Fortschritt lässlich vom „Richtigen“, ihrem vorbe- für die Menschen bedeuteten. „Denn dies stimmten Bräutigam. strahlte die Angst des bürgerlichen Jahr- hunderts an“, schreibt Böhme: „daß zwi- In Deutschland hat Wilhelm Heinse 1795 schen dem, was ein Mensch darstellt, mit seinem Roman „Hildegard von Ho- zwischen seiner Erscheinung, und dem, henthal“ erstmals Vokal-Ästhetik und was er ist, seinem Wesen, ein Riß klafft, Liebesroman miteinander verschmolzen. der das Gefüge des intersubjektiven Den monumentalsten Sängerinnen- Handelns eigentümlich verunsichert.“ Roman hat dagegen vermutlich George Dagegen sieht er in der bürgerlichen Un- Sand mit „Consuelo / La Comtesse de terscheidung von Identität und Rolle den Rudolstadt“ in den Jahren 1843/44 ver- „Versuch, ein Authentisches – das sub- fasst. jektive Selbst – aus den Systemen der Körperzeichen und Verhaltenscodes aus- Lange, bevor in diesem Roman die Part- zuschneiden.“ Dieses Selbst „ist unsicht- nerschaft zwischen der Sängerin Consue- bar, soll sich aber im Ausdruck zeigen“. lo und dem Grafen von Rudolstadt tat- Gegen den rationalistischen Ansatz der sächlich besiegelt ist, spricht Consuelo Aufklärung soll dieses Selbst aus dem bereits das Motiv des (Wieder-) Erken- Körper – aus dem Leib, wie Böhme sagt nens aus: „Ich bin eine Freundin, die Ihr – rekonstruiert werden. Am Beispiel des lange Zeit erwartet und in dem Moment Königsberger Philosophen Johann Georg erkannt habt, als sie sang“. Ihr späterer Hamann (1730 – 1788) zeigt Böhme auf, Ehegemahl definiert seinerseits das Sin- wie „Sprache übersetzter Leib“ und der gen als Ausnahmesituation vollkomme- Leib „inkorporierte Natur“ ist, Sinne, Lei- ner Offenheit: „Du teilst mir [im Singen] denschaften und Begehren wirken darin Dein ganzes Wesen mit und meine Seele als „Stimmen der Natur“. besitzt Dich in der Freude und im Schmerz, in der Zuversicht [dans la foi] Wenn wir heute in sogenannten unter- und in der Furcht, im Überschwang des entwickelten Ländern – und wohl auch Enthusiasmus und in der Wehmut der bei uns – das Verschwinden des Singens Träumerei.“ Nicht zufällig sind musikali- als Verlust eines Ursprünglich- sche Charaktere und seelische Empfin- Menschlichen empfinden, folgen wir ei- dung in dieser Beschreibung nicht von- nem Wahrnehmungsmuster, dessen Tra- einander zu unterscheiden. So fiebrig dition ins späte 18. Jahrhundert zurück- und phantastisch im Übrigen der Roman reicht. Immer steht der Betrachter dabei in seinem Verlauf ist – gewidmet hat ihn wie Walter Benjamins Engel der Ge- George Sand einer realen Figur, Pauline schichte mit dem Rücken zur Zukunft, Viardot, einer der größten Sängerinnen während der Sturm des Fortschritts ihm des 19. Jahrhunderts. die Trümmer vor die Füße schleudert. Al- le, die die Stimme loben, sind auf dem Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 3 / 7
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    Rückweg in dieVergangenheit, ob nun phonie des Hochmittelalters, durch den Hamann „die ausgestorbene Sprache der Bezug auf die „avancierteste, intellektu- Natur von den Todten wieder erwecken ellste, elitärste“ und eben in Noten ge- möchte“ oder wenig später Johann Gott- setzte Kompositionstechnik“ jener Zeit. fried Herder die „Töne der Natur“, also Dagegen begründen etwa Rousseau und die in der Stimme sich ausdrückende Herder die Vorstellung der Musik als kreatürliche Regung, der „künstlichen „vollkommene Sprache des Herzens“, Sprache der Gesellschaft“ entgegenstellt. und zwar auf der Grundlage des melodi- schen Konzepts der Stimme. Ich zitiere Betrachtet man den öffentlichen Streit hier für diese Strömung Daniel Gottlob um Fortschritt und Herkommen als etwas Türk, bzw. seine einflussreiche Klavier- Politisches, dann ist auch das Lob der schule von 1789, in der er schreibt: Stimme politisch gemeint, und oft findet „Denn was sind alle bunten [also virtuo- es sich mit einer gesellschaftlichen Phan- sen und chromatischen] Passagen, wenn tasie verbunden. Der Kulturwissenschaft- es auf wahre Musik ankommt, gegen ei- ler Hans Georg Nicklaus hat darauf hin- nen schmelzenden, herzerhebenden äch- gewiesen, dass bereits Jean-Jacques ten Gesang.“ 50 Jahre später heißt es in Rousseau mit seinem Ideal der „unité de Balzacs Sängerinnen-Novelle „Massimilla mélodie“, der Einheit der Melodie, ein Doni“ noch immer und fast gleichlautend „politisches Votum“ abgebe, eine „musi- mit Rousseau: Nicht die Harmonie, son- kalische Metapher für ein gesellschaftli- dern die Melodie hat die Macht, den ge- ches Projekt“, nämlich die Rückgewin- schichtlichen Abstand aufzuheben“ [C’est nung einer ursprünglichen gesellschaftli- la mélodie et non la harmonie qui a le chen Einstimmigkeit. Einstimmig heißt pouvoir de traverser les âges]. hier: „Die eine Sprache sprechen, die nicht gedeutet, verstanden, vermittelt werden muß, aus der vielmehr alle II schöpfen, wie aus einem Brunnen, um sich zu ernähren, um ein Körper zu wer- Meine Damen und Herren, mag der den. (...) Und die Stimme ist das Organ Sturm des Fortschritts dem Engel des dieser Einheit.“ Singens auch ins Gesicht blasen – es wird auch bei uns noch immer gesungen, So stehen Stimme und Singen gegen und manches deutet darauf hin, dass Buchdruck und Buchstaben, die mit der heute wieder mehr gesungen wird als, rationalistischen Aufklärung verbunden sagen wir, noch vor zehn Jahren. Dafür werden, gegen die Vielstimmigkeit der sorgen nicht zuletzt Ihre Aktivitäten als nachrevolutionären Gesellschaften, ge- Musikveranstalter, ChorleiterInnen, Mu- gen die industrielle Produktion, gegen die sikpädagogInnen, Politiker und Förderer. in Tonkonserven gepackte Musik, kurz: Viele Ihrer beispielhaften Sing- Gegen den Lärm des Fortschritts. Bewegungen und Sing-Projekte werden im Lauf dieser Konferenz zu besichtigen Diese Positionierung der Stimme verän- sein. derte am Ende selbst das Ideal, das man sich von der Musik insgesamt machte. Es wird sogar so viel gesungen in unse- Der Musikwissenschaftler Wolfgang rer Gesellschaft, dass man sich fragen Fuhrmann hat in seinem Buch „Herz und kann, ob das Gefühl des Verlustes oder Stimme – Innerlichkeit, Affekt und Ge- des Absterbens nicht das Ergebnis einer sang im Mittelalter“ einen Grund dafür habituell eingeschränkten Wahrnehmung vorgeschlagen, warum der Musik teilwei- sei. Zu den am Markt erfolgreichsten Mu- se bis heute die Vorstellung von etwas sik-Publikationen der letzten Zeit gehö- Kompliziertem oder Elitärem anhaftet: ren Sammlungen von „Wiegen-„ und Der Begriff der „Musik“ und des „Musi- „Volksliedern“, die gleich in mehreren kers“ bedeuteten in spätantiker Tradition Aggregatszuständen – zum Lesen, Spie- zunächst so etwas wie Musiktheorie und len und Hören – angeboten werden. Pro- die die professionelle Kundigkeit dieser jekte wie das heute vorgestellte „Lörrach Theorie. Seine spätere universale prakti- singt!“ und „SING! – Day of Song“ bei sche Bedeutung erlangte der Begriff der Ruhr 2010 bringen ganze Gemeinwesen Musik über die Anwendung auf die Poly- zum Singen. Und auch diesseits solcher Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 4 / 7
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    veranstalteter Bewegungen sind– nicht Kindern etwas Sinnvolles anfangen soll- anders als in vormodernen Zeiten – exi- te, liegt ja auf der Hand. Und wie die ge- stenzielle Fragen des Volkes ohne Ge- genwärtige Islam-Debatte vom Zweifel sang gar nicht vorstellbar: Dazu folgen- am rechten Unglauben der eigenen Ge- des kurze Video aus der Zeit der Fußball- sellschaft begleitet wird wie von einem Weltmeisterschaft in Südafrika, das uns Schatten, so folgt die Unruhe über die von der Dritten zurück in die Erste Welt Erziehung der eigenen Kinder der Debat- führt te über die so genannte Integration von Kindern nicht-deutscher Herkunft. Abge- Videobeispiel 2, „Uwu Lena - Schland o sehen davon, dass Singen Spaß macht, Schland“ wie der Titelsong von Klasse! Wir singen erklärt, bietet es sich auch zur Milderung gesellschaftlicher Probleme an. Natürlich ist das Singen ein Beitrag zur Integration und zum Spracherwerb – für alle Kinder, egal woher die Eltern kommen. So wie es für Kinder Bewegungsmangel, Vitamin- mangel oder Zuwendungsmangel geben kann, so gibt es auch den Singmangel, das legt die positive Reaktion der Kinder auf Sing-Anregungen nahe. http://www.youtube.com/watch?v=Vscg_QeKdpI Nicht zuletzt reagiert die gegenwärtige Singbewegung auch auf die Lage, in der sich vor allem die Institutionen der so Hatte bei Rousseau, Herder und den genannten ernsten, klassischen oder Volksliedsammlern des 19. Jahrhunderts Kunstmusik befinden. Es muss hier ge- das Glück in der Früh- und Vorgeschichte nügen, nur die Stichworte Überalterung gelegen, so lautet die Devise unserer ge- des Publikums und Rückgang der Nach- genwärtigen Sing-Bewegung „zurück zu frage zu nennen. Das sind die Themen, den Anfängern“. Die Figur des Rück- an denen wir im Musikland arbeiten. Eine gangs auf etwas Grundlegendes finden Reihe von teilweise repräsentativen Stu- wir hier allerdings auch. Immer mehr dien zeigt, dass das Durchschnittsalter gibt es auch politische Unterstützung für des Konzertpublikums derzeit zwischen den Versuch, das Singen wieder als 55 und 60 Jahren liegt und dass sich das menschliche Universalie einzuführen, als Verhältnis zwischen dem Angebot an Mu- konstitutives Element der Ichwerdung, sikveranstaltungen und den Besucher- als Grundform individueller Artikulation zahlen scherenartig auseinander entwic- und sozialer Kommunikation. kelt, wobei das Interesse an klassischer Projekte wie KiSINGa und Primacanta, Musik umso geringer ausfällt, je jünger wie die Chorklassen Niedersachsen, Klas- die Altersgruppe ist. se! Wir singen und das umfassende An- gebot des englischen Musikzentrums The In dieser Lage erscheint es als außeror- Sage Gateshead und der National Sin- dentlicher Glücksfall, dass sich Kinder ging Campaign stehen für diesen Ver- geradezu naturhaft für das Singen begei- such, das Singen als Element der Erzie- stern können. Denn nichts kann das spä- hung wieder verbindlich zu verankern. tere Interesse an Musik so gut begrün- Darüber hinaus schlagen Projekte wie den, wie möglichst frühe praktische und Canto Elementar und „Singepaten“ eine als erfreulich erinnerte Erfahrungen: Brücke zwischen der Generation der Klasse wir singen – singen macht Spaß. Großeltern, die häufig noch mit dem Sin- Werden diese Erfahrungen überdies in gen aufgewachsen ist, und den Kindern. Gesellschaft gemacht – im Kindergarten, in der Schule, in der Familie –, steigt die An dieser Stelle ist die Versuchung groß, Wahrscheinlichkeit noch einmal, dass die historischen Implikationen oder ein- sich das Kind auch später im Leben für fach den historischen Ballast des Singens Musik interessiert und einsetzt. abzuwerfen. Wahrscheinlich ist es sogar legitim. Dass die Gesellschaft mit ihren Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 5 / 7
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    III. So ist dasSingen aus Sicht der Musik- land-Idee, eine besonders glückliche mu- sikalische Sozialform, die es erlaubt, vie- len Menschen musikalische Angebote zu machen, die sie erreichen und die er- reichbar für sie sind. Damit ist es auch eine Chance für unsere Musikkultur, sich neu zu gründen. „Neustart durch Sin- gen“, könnte man sagen, und diese Chance wollen wir nutzen. Neben der Vielzahl privater, vom persön- lichen Engagement angefeuerter Initiati- wenden. ven, stellt auch das Land Niedersachsen Heißt das, es gibt so etwas wie eine zeit- zunehmend mehr Angebote in Kindergär- lose Wahrheit über das Singen? Oder ten und Schulen bereit. Der Koalitions- laufen wir mit unserer Singbewegung ei- vertrag aus dem Jahr 2008 definiert das nem historischen, vielleicht veralteten „Musikland Niedersachsen“ zu einer Menschenbild hinterher? Das Land Nie- Hälfte aus seinen Angeboten zur musika- dersachsen hat mit einer umfassenden lischen Bildung. Wenn das weiter so „Musikalisierung“ der Kindergarten- und geht, dann wird in nicht zu ferner Zu- Grundschulkinder im Land begonnen. kunft „bei uns der Gesang die erste Stufe „Musikalisierung“ klingt dabei nicht nur der Bildung, alles andere schließt sich wie „Christianisierung“ und vielleicht daran und wird dadurch vermittelt. „(...) nach Mission, es ist tatsächlich der Ver- denn indem wir die Kinder üben, Töne, such, „in der Fläche“, wie es im politi- welche sie hervorbringen, mit Zeichen schen Jargon heißt, Menschen, ganz jun- auf die Tafel schreiben zu lernen und gen Menschen, Angebote zu machen, ihr nach Anlaß dieser Zeichen sodann in ih- Leben sinnvoll zu gestalten. rer Kehle wiederzufinden, ferner den Text darunterzufügen, so üben sie zu- Aber auch hier entkommen wir den ge- gleich Hand, Ohr und Auge und gelangen schichtlichen Streitfragen nicht: Gehört schneller zum Recht- und Schönschrei- es zum Menschsein in unserer Zeit, ben, als man denkt, und da dieses alles durch das Singen Erfahrungen und Idea- zuletzt nach reinen Maßen, nach genau le vergangener Zeiten zu aktualisieren bestimmten Zahlen ausgeübt und nach- wie in einem lebendigen Symbol, oder gebildet werden muß, so fassen sie den überzustreifen wie ein klangliches Ko- hohen Wert der Meß- und Rechenkunst stüm – die Fremdheitserfahrungen der viel geschwinder als auf jede andere „Winterreise“, die Partnerschaftsideale Weise. Deshalb haben wir denn unter al- von „Frauenliebe und -Leben“, die Glau- lem Denkbaren die Musik zum Element bensgewissheit einer Bach-Motette, die unserer Erziehung gewählt, denn von ihr Todesschauer eines Berlioz-Requiems, aus laufen gleichgebahnte Wege nach al- die Naturverbundenheit eines Volkslieds? len Seiten.“ Ist es noch zeitgemäß oder ist es hoff- nungslos romantisch, dass Menschen so Meine Damen und Herren, Sie haben es genannte Gefühle kultivieren und diese bemerkt, ich bin noch einmal auf Goe- „ausdrücken“ wollen? Einen Grund wird thes „Wilhelm Meister“ zurückgekom- es doch haben, dass das Kunstlied immer men. Mich hat frappiert, wie nahe Goe- weniger Publikum findet und junge thes 200 Jahre alte Pädagogik der ge- Opernregisseure zunehmend Revuen in- genwärtigen Debatte steht. Auch Rous- szenieren, wo sie die singenden Figuren seaus Phantasie von der „unité de mélo- doch auch hätten ernst nehmen können. die“, der Einheit der Melodie oder freier Wir Alten mögen ja träumen, aber wie formuliert, der Einheit durch Singen ge- vielen Generationen von Kindern soll gen die Vielstimmigkeit einer modernen noch über das Singen das alte Dur-Moll- Gesellschaft, ließe sich umstandslos auf tonale System eingepflanzt werden? Wie die Diskussion um die Chorklassen an lange wollen wir noch so genannte Volks- Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 6 / 7
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    lieder singen lassen,deren romantische Gegenstände mit den Aufgaben unserer Kinder nichts zu tun haben? Bewahren wir mit diesem Singen unsere Kinder vor der Verwilderung? Bewahren wir sie vor der Vereinnahmung durch die Leistungs- anforderungen der Moderne? Oder sind wir einfach nur reaktionär? Meine Damen und Herren, wer will das beantworten? Aber vielleicht ist am Ende das Verantwortungsvolle und das Reak- tionäre zumindest in der Erziehung das gleiche, und jede Generation muss ihren Kindern etwas gut Gemeintes antun, wo- gegen diese sich anschließend recht- schaffen auflehnen können. In diesem Sinn wünsche ich uns zwei an- regende Tage hier in Wolfenbüttel. Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Einführungsvortrag „Singen heute“ – S. 7 / 7
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    Sozialisierung durch Sin- genI Das hessische Primacan- ta-Programm Referent: Thomas Rietschel, Präsi- dent der Hochschule für Musik und Darstellende Kunst in Frankfurt am Main Primacanta „Primacanta – Jedem Kind seine Stimme“ ist eine Koooperation der Das Programm ist langfristig und nach- HfMDK Frankfurt und der Crespo Foun- haltig gedacht. Mit einem vorläufigen dation, die Schirmherrschaft haben die a Projektzeitraum von 2008 bis 2012 und cappella Gruppe Wise Guys sowie Frank- Projektgeldern von einer Million Euro furts Oberbürgermeisterin Petra Roth. richtet es sich nach derzeitigem Stand an ungefähr 120 Lehrer und Lehrerinnen Anliegen des Programms ist es, das Sin- von zunächst dritten und vierten Klassen gen als zentralen Ausgangspunkt für eine in 52 von 56 Frankfurter Grundschulen. musikalische Bildung zu nehmen. Die Eine professionelle Evaluation ist in Ar- Hochschulen sollten sich für musikalische beit. Erwartet werden Ergebnisse, die Bildung stark machen, so Thomas Riet- zeigen, wie sich etwa die soziale Interak- schel, da diese gewissermaßen der Ast tion innerhalb der beteiligten Klassen ist, auf dem sie sitzen. verbessert hat. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.1/3
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    Ziele von Primacantasind zum einen der Gesungen wird Liedgut aus verschiede- Versuch einer nachhaltigen Veränderung nen Kulturkreisen, wobei anzumerken wie auch die Ermöglichung von Erfah- ist, dass die Stadt Frankfurt einen Anteil rungen, die über Wissensvermittlung hi- von 60% an Schülern mit Migrationshin- nausgeht. tergrund hat. Das Programm setzt auf das Prinzip des In Form von öffentlichen Auftritten wäh- aufbauenden Musikunterrichts, welches rend des Projektzeitraums sowie einem ein didaktisches Stufenmodell zur nach- Abschluss beim Deutschen Chorfest in haltigen Entwicklung der musikalischen Frankfurt 2012 präsentieren die beteilig- Kompetenz der Kinder ist. ten Klassen, was sie gelernt haben. In der Praxis beinhaltet Primacanta eine Um Nachhaltigkeit zu schaffen, sprach zweijährige Fortbildungs- und Bera- Thomas Rietschel von der Notwendigkeit, tungsphase für LehrerInnen während der die Lehrer zu qualifizieren und nicht in Unterrichtszeit durch Coaches, qualifi- Form eines Events Schülern kurzfristig zierte Schulmusiker und Hochschullehrer das Singen beizubringen. sowie teilweise durch gut qualifizierte Grundschulmusiklehrer. Für Schulen oh- Bisher gab es viele positive Rückmeldun- ne Fachlehrer gibt es die „Tandem“- gen und Bewertungen des Programms. Lösung, eine Kooperation mit Musikschu- Nachhaltigkeit zeigte sich auch darin, len. (Ein Hinweis auf die Situation in dass sich als Folge des Programms Hessen erklärt, dass dort wenig ausge- Stadtteilchöre in Frankfurt gebildet ha- bildete Grundschulmusiklehrer unterrich- ben. ten, oft werde das Fach fachfremd ge- lehrt. Bestrebungen, einen Fächerver- bund mit dem Übertitel „Ästhetische Bil- dung“ zu schaffen würde Musik weiter Weiterführende Informationen gibt es schwächen.) unter www.primacanta.de. ......................................................................................... Sozialisierung durch Sin- gen II KiSINGa im Landkreis Northeim Referent: Prof. Dr. Gerhard Ropeter Beim zweiten vorgestellten Modellprojekt handelt es sich um „KiSINGa – Kinder singen im Kindergarten“, vorgestellt von Projektleiter Prof. Dr. Gerhard Ropeter. Das Programm KiSINGa ist im Landkreis lage als das Frankfurter Primacanta- Northeim in Niedersachsen (Hardeg- Programm. sen/Moringen/Nörten-Hardenberg) ange- Mit dem Untertitel Interkommunales Mo- siedelt. Projektträger ist der gemeinnüt- dellprojekt zur Förderung lebendigen zige Verein Sing-Akademie Hardegsen, Singens von Kindern im Kindergarten ist dessen Vorstand Prof. Ropeter ist. Das beschrieben, was das Programm be- ländliche Gebiet hat geschätzte drei Pro- zweckt. Im Zentrum steht die Schulung zent Kinder mit Migrationshintergrund von Erzieherinnen der zwölf Kindergärten und somit eine völlig andere Ausgangs- des Landkreises. Ziel ist die Schaffung Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.2/3
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    einer Singumgebung, inder Singen lang- Evaluiert wird das Projekt mit standardi- fristig regelmäßig und angeleitet durch- sierten Bögen, bei denen ErzieherInnen geführt wird. In zwei Projektphasen von und Eltern die selben Fragen zur Selbst- jeweils 18 Monaten wird das Programm und Fremdeinschätzung des Kindes be- durchgeführt und anschließend evaluiert. antworten. Ropeter bemerkte, dass für eine umfassende wissenschaftliche Eva- Anders als bei Primacanta finden die luation Kontrollgruppen ohne verstärktes Weiterbildungstreffen in der Freizeit der Singen zum Vergleich eingesetzt werden Erzieherinnen statt. Die Anmeldung er- müssten, dafür stünden jedoch die finan- folgt freiwillig von Seiten der Kindergär- ziellen Mittel nicht zur Verfügung. ten. Das KiSINGa-Projekt wird vom Deutschen Institut für Internationale Das Projekt wird ausführlich vorgestellt Pädagogische Forschung (DIPF) evalu- auf der Homepage der Singakademie iert. Projektzeitraum ist vom 1. Septem- Hardegsen: http://www.kantorei- ber 2009 bis 31. August 2012. hardegsen.de/129.html Das Projekt basiert auf drei Prinzipien: In der offenen Gesprächsrunde gab es Grundlegend ist der Montag als Singtag den Anstoß einer Teilnehmerin, die mu- festgelegt. Anfangs wird ein Modellunter- sikalische Bildung und Stimmerziehung richt von Fachkräften der Singakademie der ErzieherInnen schon in deren Be- an den Kindergärten abgehalten. Daran rufsausbildung zu fördern. Dies traf den anschließend bekommen die ErzieherIn- Kernpunkt einer Idee von musikalischer nen eine regelmäßige Weiterbildung, die Bildung, welche langfristig, flächendec- die Bereiche musikalisches Basiswissen, kend und grundständig wäre. Bemerkt Stimmbildung und Methodik der Lieder- wurde hierzu, dass Modellprojekte wie arbeitung umfasst. Zeitnah findet ein Primacanta und KiSINGa nötig sind, um Transfer in die Praxis statt: Die Erziehe- in den Medien und durch die wissen- rInnen üben im dritten Schritt mit ihren schaftliche Evaluierung Aufmerksamkeit Kindergartengruppen Lieder ein. Motiva- zu erregen und langfristig das Singen tion und eigenes Engagement sind und eine musikalische Grundausbildung Grundvoraussetzung für das Projekt. in Kindergärten und Schulen wieder zur Norm werden zu lassen. Ein Teilnehmer Nachdem die Anfangsskepsis überwun- ergänzte, dass Projekte wie diese eigent- den worden war, stellte sich die Motiva- lich die Reparaturarbeit dessen seien, tion bei den KindergärtnernInnen von was jahrelang versäumt worden war. Die selbst ein. Die Erkenntnis aus den bishe- Aufforderung an die Politik, die musikali- rigen Praxiserfahrungen ist, dass das sche Bildung von Anfang an, und auch in verstärkte Singen auch den Kindern gro- der Ausbildung von LehrernInnen und ßen Spaß macht und es zu assoziativem ErzieherInnen zu fördern, stand ab- spontanen Singen der Kinder auch un- schließend im Raum. Eine solche Institu- terhalb der Woche und zu Hause kommt, tionalisierung müsse allerdings auch mit welches es zuvor nicht gab. Dabei fällt Leben gefüllt werden. Musik eröffnet kein Unterschied zwischen Mädchen und durch sich selbst die Chance, zu begei- Jungen auf. stern, so die Meinung der Arbeitsgrup- pen-TeilnehmerInnen. Ergänzende Maßnahmen von Seiten der Singakademie sind die Erweiterung des Liedcurriculums; die ErzieherInnen be- kommen dabei Liedsammlungen und - blätter zur Verfügung gestellt. Außerdem gibt es ein KiSINGa-Singfest. Wertbil- dende Faktoren des Projektes sind neben einem kompetenten Fachpersonal, das Vorbild für die ErzieherInnen im Modell- unterricht sein sollte, eine kontinuierliche Intervention, wie Nachbesprechungen, sowie eine stabile Projektorganisation. Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Sozialisierung durch Singen“ – S.3/3
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    Mehr Öffentlichkeit für denGesang I – Audience Development beim Rund- funkchor Berlin Referent: Hans-Herman Rehberg, Zwischen diesen Produktionen finden Chordirektor zwölf Veranstaltungen im Rahmen von „Broadening the Scope of Choral Music“ statt: Die Initiative „Broadening the Scope of Choral Music“ des Rundfunkchor Berlin • Broadening in concert (5 Konzerte) geht auf die Feststellung zurück, dass • Internationale Meisterklasse Berlin (1 der Chor im Kerngeschäft zwar immer • Konzert und 6 Workshoptage) große Aufmerksamkeit genoss, A- • KlangKulturen (1 Konzert und 10 Cappella-Konzerte vom gleichen Publi- Workshops) kum jedoch kaum besucht waren. Seit • Liederbörse (1 Konzert und 12 2003 experimentiert der Chor nun mit Workshops) neuen Konzertformen und findet dabei • LeaderChor (1 Konzert und 3 Work- heraus, wie mit dem Publikum von heute shoptage) und morgen mehr als bisher möglich • Mitsingkonzert (1 Konzert und 2 Pro- werden kann. ben) • Mitsingprobe (2 Veranstaltungen) Im Jahr 2007 brachte der Rundfunkchor in der Reihe „Broadening in concert“, Sir Im Bereich Education engagiert sich der John Taverners siebenstündiges Mei- Rundfunkchor bereits seit Ende der sterwerk „The Veil of the Temple“ unter 1990er Jahre. In seinem jüngsten Pro- der Leitung von Simon Halsey im Ham- jekt war er zu Gast in einer Grundschule burger Bahnhof in Berlin zur deutschen in Berlin-Marzahn. Mit rund 150 Schüle- Erstaufführung. Als kulturübergreifendes rInnen der 5. und 6. Klasse erarbeitete Riesenwerk in fünf Sprachen erfolgte die der Chor über drei Monate ein interdiszi- Aufführung durch insgesamt fünf Chöre plinäres Projekt zu Rodion Shchedrins und europäische wie außereuropäische Chorwerk „Der versiegelte Engel“. Die Instrumente. Proben dafür fanden im Musik- und im Sportunterricht statt. Aktuell befindet sich der Rundfunkchor Berlin in der Planung für das Fest der Ein weiteres Projekt der Reihe „Broade- Kulturen im kommenden Januar in Ber- ning in Concert“ fand 2006 mit Christian lin. Dort werden drei Amateurchöre zu- Josts Choroper „Angst“ statt, bei dem sammen mit dem Chor des türkischen der Chor der Träger der Handlung ist. Konservatoriums sowohl deutsche als Dass das Konzept von „Broadening in auch türkische Werke aufführen. Für ei- Concert“ funktioniert, zeigten auch die nen zweiten Programmteil wurde ein Aufführung von Ernst Peppings „Passi- Gospel-Spezialist eingeladen, um mit ei- onsbericht des Johannes“, die 2008 nem Projektchor aus den verschiedenen mehrfach das Radialsystem in Berlin füll- Chorszenen und Kulturen Berlins ein te sowie die Johannes-Passion von Ja- Konzert zu erarbeiten. Im dritten Pro- mes MacMillan 2008 und 2009. Die Auf- grammteil wird der Rundfunkchor die tragskomposition von MacMillan band musikalische Vesper von Sergej Rach- den Chor szenisch mit ein und wurde zu- maninow, unterbrochen von Improvisa- sammen mit dem Boston Symphony Or- tionen auf der armenischen Duduk-Oboe, chestra, dem London Symphony Orche- aufführen. stra und dem Concertgebouworkest Am- sterdam aufgeführt. Das eigentliche Kerngeschäft des Rund- funkchors beinhaltet 55 Konzerte und drei CD-Produktionen in der Saison 2010/2011. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 1 / 6
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    Neben der Reihe„Broadening in Concert“ Damit möchte der Chor dazu beitragen, und den Education-Aktivitäten gehören dass Singen als kreatives Potenzial alle auch die sogenannten Mitsingkonzerte Bereiche des Lebens erreicht. zum Konzept von „Broadening the Scope of Choral Music“. In zwei Proben und der Auch vor Unternehmen macht der Rund- Aufführung können dabei 1000 Mitsänger funkchor nicht Halt. Im Gegenteil – hier bei einem großen Chorwerk des Rund- findet er sowohl finanzielle als auch funkchores in der Berliner Philharmonie kreative Partner und initiiert Chorgrün- mitwirken. Oft melden sich dabei ganze dungen in Unternehmen. In Mitsingpro- Chöre und Schulklassen an und die War- ben in den Räumen der Unternehmen teliste ist so lang wie die Liste der be- kommen die MitarbeiterInnen mit dem reits Angemeldeten. Inzwischen hat sich Singen in Kontakt. Daneben richtet sich sogar eine „Industrie“ im Umfeld der der so genannte LeaderChor an Füh- Mitsingkonzerte entwickelt – Chorleite- rungskräfte aller Bereiche. Es wurde rInnen bieten Workshops und Proben zur festgestellt, dass Führungskräfte durch- Vorbereitung auf das Mitsingkonzert an. aus singen können, jedoch zu wenig Zeit Sogar Unternehmen entsenden Mitarbei- für regelmäßige Proben haben. Daher terchöre, die während der Arbeitszeit zu- sind sie dankbar, einmal projektweise sammen dafür proben. Am Ende steht wie die Profis mit Simon Halsey zusam- ein großes gemeinsames Konzerterleb- menarbeiten zu können. nis, das jedes Mal bereits nach 14 Tagen ausverkauft ist. Auch für Berliner SchülerInnen gibt es ein Mitsingangebot des Rundfunkchores. Mit 300 TeilnehmerInnen kleiner als das Mitsingkonzert, ist die sogenannte Lie- derbörse eine Möglichkeit für die Schüle- rInnen, mit einem professionellen Chor zusammen zu singen. Dabei dürfen Lie- derwünsche mitgebracht werden. Dieses Projekt erfordert ein Jahr Vorbereitung, in dem SängerInnen des Rundfunkchores mit den SchülerInnen proben. Dazu müssen auch immer LehrerInnen gefun- den werden, die klassenübergreifend mitmachen. Damit auch in Zukunft charismatische Chorleiter und „Rattenfänger“ wie Simon Das nächste Projekt des Rundfunkchores Halsey diese Arbeit fortsetzen, hat der im Bereich der kulturellen Kinder- und Rundfunkchor die „Internationale Mei- Jugendbildung wird ein Projekt sein, in sterklasse Berlin“ für junge Dirigenten dem das Singen neu in den Grundschu- ins Leben gerufen, bei der man bereits len etabliert werden soll. In Kooperation interessante junge Leute kennen lernen mit den Landesmusikschulen werden konnte. Dabei lernen beide Seiten, Leh- ChorsängerInnen als Singpaten in zu- rende und Lernende, immer auch von- nächst zwei Grundschulen entsandt. einander. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 2 / 6
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    Mehr Öffentlichkeit für denGesang II – Singende Flashmobs der Interna- tionalen A-cappella- Woche Hannover Referent: Roger Cericius, Leiter der Internationalen A-cappella-Woche Die Internationale A-cappella-Woche Facebook ist inzwischen das wichtigste Hannover ist mit einer Festivalwoche im Social Network. Auf Facebook hat die A- Jahr ein singuläres Ereignis mit in die- cappella-Woche inzwischen 291 Fans, sem Jahr mehr als 7500 Besuchern. Das über die statistische Werte über Reaktio- Konzept sieht den Auftritt weltbekannter nen auf das Festival herausgelesen wer- und auch dezidiert weniger bekannter den können. Außerdem gerät man so an Ensembles vor. Im Vordergrund der Pro- Informationen über Themen am Rand grammgestaltung stehen ein große des Festivals; zum Beispiel, wie die Be- Bandbreite, Vielfalt und Innovation. Der sucher morgens aufstehen und den Fe- Etat beträgt 150.000 Euro im Jahr. Mit stivaltag beginnen. Auch bei der Face- einem Marketingetat, der zehn Prozent book-Präsenz gilt, dass sie oft aktuali- davon beträgt, ist es schwierig, Werbung siert werden muss, um für Nutzer attrak- auf ganzer Breite zu realisieren. Daher tiv zu bleiben. Die Arbeit, die Webseiten setzt das Festival verstärkt auf Werbung sorgfältig zu pflegen, lohnt sich, wenn über das Internet und versucht, Men- man einen Kreis ansprechen möchte, der schen zu Multiplikatoren zu machen. Da- im Internet zu Hause ist. Facebook er- bei lautet die Devise, einfache Bilder für möglicht es, die eigenen Fans so genau Partner und Medien zu produzieren, per- wie möglich kennen zu lernen. Um je- sönlichen Kontakt zu den Menschen auf- manden zu erreichen, müssen seine zubauen und das Internet effektiv zu Emotionen erreicht werden, damit er in nutzen. das Konzert kommt. Im Jahr 2008 hatte der Internetauftritt In diesem Jahr gab es das Phänomen, der A-cappella-Woche 50.000 Clicks. dass auf einen Aufruf an Chöre, zum Aufgrund dieser positiven Besucherent- Auftakt der A-cappella-Woche irgendwo wicklung auf der Website vollzog das Fe- in Hannover zu singen, ein Flashmob stival den Einstieg in die Social Net- entstand. Die Sänger reisten zum Teil works. Wichtig bei der Pflege einer Web- von weit her an, trafen sich in einem site ist, sie stets aktuell zu halten und großen Einkaufszentrum in Bahnhofsnä- sie mit News zu füttern sowie gut ver- he, sangen zusammen und wurden von linkt zu sein, um eine gute Position bei einigen Menschen gefilmt. Im Internet der Suchmaschinensuche zu erreichen. erreichten die Videos weitere 8.000 Men- Von den Social Networks sollte man nur schen. Auch die Berichterstattung auf die für das Marketing nutzen, die für das SAT1, NDR, in der HAZ und der Bildzei- eigene Anliegen relevant sind. tung trugen zu einer effektiven und da- bei kostenlosen Werbung für die A- Die A-cappella-Woche nutzt Twitter, cappella-Woche bei. Außerdem wurden Myspace und Facebook. Twitter wird we- die Fans auf Facebook durch den Flash- gen der Schnelligkeit genutzt und wegen mob in der Realität haptisch und es war der Möglichkeit, aus einem Konzert her- möglich, mehr über die eignen Fans zu aus etwas zu berichten. Hier hat die A- lernen. cappella-Woche bereits 90 Followers. Die Tweets werden direkt in die Homepage Um solche Wirkungen zu erzielen, ist es eingefüttert. jedoch notwendig, sich jenseits der Kul- tur kreativ zu zeigen und etwas anzubie- ten, was andere nicht haben. Darüber Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 3 / 6
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    hinaus kann z.B.der Informationsfluss z.B. Backstage-Aufnahmen. Es geht dar- über Programmankündigungen mit einer um, das eigene Publikum so gut wie besonderen Dramaturgie versehen wer- möglich kennen zu lernen, sich auch den. Außerdem sollten viele bewegte Bil- Programmideen aus dem Publikum mit- der und Details gezeigt werden, die teilen zu lassen und sich allen Fragen sonst nicht gezeigt werden können, wie aus dem Publikum zu stellen. ......................................................................................... Diskussion Markus Lüdke (Moderator): Herr Rehberg, wie ist das Verhältnis von Auf- wand und Wirkung bei den von Ihnen dargestellten Aktivitäten des Rundfunk- chors? Sie machen viele Konzerte, das Programm ist gewachsen. Alles, was über den normalen Betrieb hinausgeht ist, ist also ein riesiger zusätzlicher Auf- wand. Wie organisieren Sie das? Gibt es bei Ihnen eine Stelle dafür? Hans-Hermann Rehberg: Nein, eine Markus Lüdke: Herr Cericius, es ist be- Stelle dafür gibt es nicht. Die Arbeit hat eindruckend, wie es Sinn macht, sich mit sich im Laufe der Zeit verändert. Im neuen Medien auseinanderzusetzen? Es Team ist jedem bewusst, dass diese Ak- leuchtet ein, dass man etwas über die tivitäten notwendig sind. Vieles macht Kunden lernen kann. Unterscheiden Sie man aus Leidenschaft und Freude. Au- die Zielgruppen was die Programminhal- ßerdem werden projektweise freie Mitar- te anbelangt? Merken Sie, ob das Inter- beiter engagiert, zum Beispiel für Projek- net immer noch ein Medium ist, in dem te mit Grundschulen. Unser Werbeetat sich eher Jüngere tummeln? ist übrigens auch begrenzt und macht nur acht bis neun Prozent des Verwal- Roger Cericius: Der Vorteil ist, dass tungsetats aus. Aber mit der Initiative, Musik grundsätzlich generationsübergrei- die losgetreten wurde, gibt es viel Mund- fend ist. Was die Nutzung des Internets zu-Mund-Propaganda. Auch durch die angeht, sind wir noch zu frisch dabei, um Liederbörse erhalten wir viel mehr Auf- wirklich eine Aussage darüber treffen zu merksamkeit in der Presse als für nor- können. Natürlich ist der Kreis, der dort male Konzerte – dadurch multipliziert kommuniziert und wirklich interaktiv ist, sich die Wirkung. noch überschaubar. Die nächste Entwick- lungsstufe für uns ist, eine Beziehung zu Auch die Ensemblemitglieder sind in die beschreiben. Ich hätte gerne eine Ant- Arbeit eingebunden, sie müssen das Au- wort, wie man diese Beziehung beschrei- dience Development zu ihrer eigenen ben kann und pflegt, so dass man an die Sache machen. Wir machen die Arbeit Leute herankommt. Die Basis dafür ist, seit Mitte der 90er Jahre und es war am dass man viel über sie weiß. Anfang nicht selbstverständlich, dass diese Dinge notwendig sind. Mit der Zeit Wir haben in diesem Jahr versucht, Mit- und auch durch den Künstlerischen Lei- glieder für den Förderverein der A- ter ist das Verständnis gewachsen. Er cappella-Woche zu werben. Ich habe auf schafft es, eine Basis zu schaffen, auf Facebook geschrieben „Wer macht da der niemand vorgeführt wird, aber auf mit?“ – darauf gab es keine einzige Mel- der jeder vom anderen lernt. dung. Ein paar Tage später habe ich ein- fach nur geschrieben: „Wow!“, und es Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit für den Gesang“ S. 4 / 6
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    gab zehn Meldungen.Sie müssen die gar aus Übersee und es ist eine schöne, Leute mit auf den Weg zu sich nehmen. nachhaltige Sache. Natürlich ist auch die Wir haben viele ehrenamtliche Helfer, die Vernetzung mit den Schulen nachhaltig wir auf diese Weise kennengelernt ha- gedacht. Und das ist sie auch in der Rea- ben. Es gibt viele Begeisterte, die mithel- lität, denn immer wieder und auch flä- fen und die wiederum eine eigene Com- chendeckend melden sich Schulen, um munity haben, die sie zusätzlich mobili- mitzumachen. Auch das Singen in den sieren. Grundschulen wird bestimmt gut voran- kommen. Wir arbeiten dafür mit dem Markus Lüdke: Wunderbar, Sie haben Berliner Sängerbund und dem Deutschen uns jetzt sehr sinnfällig dargestellt, was Chorverband zusammen. Wir haben es für einen Wert haben kann, sich im einmal klein mit den Familienkonzerten Internet zu engagieren. Herr Rehberg, angefangen, die mal funktionierten und gibt es einen nachweisbaren Fluss von mal nicht. Dann kam die Idee, ein Sän- Menschen, die über die Audience Deve- gerfest zu veranstalten. Alle Amateur- lopment-Aktivitäten zum Chor finden und chöre wurden angeschrieben und dann dann auch in die anderen, regulären im Haus des Rundfunks zum Singen ge- Konzerte gehen? bracht. Daraus ist dann das Mitsingkon- zert in der Philharmonie gewachsen. Hans-Hermann Rehberg: Ja, wir ha- ben das Gefühl, dass die Beteiligten der Roger Cericius: Alles braucht einen Im- außerordentlichen Projekte inzwischen puls und den hat man in Hannover ge- auch zur Fangemeinde des Rundfunkcho- setzt, obwohl wir inzwischen ein nieder- res über die Mitsingkonzerte hinaus ge- sächsisches Festival sind, das in Hanno- hören. Seit es das Mitsingkonzert gibt, ver stattfindet. Zur Vernetzung ist zu sa- können wir einen regelmäßigen Anstieg gen, dass wir seit vielen Jahren mit der der Mitglieder des Freundeskreises ver- Hochschule für Musik und Theater in zeichnen. Ich glaube, diese Arbeit zahlt Hannover Meisterkurse für klassische sich aus. und Jazz-/Rock-/Popmusik veranstalten. Wir überlegen, ob wir Projekte mit Ein- Markus Lüdke: Nun möchten wir das richtungen machen, die am Rande das Gespräch öffnen und dem Plenum die Festival streifen, wie z.B. eine Lehrer- Möglichkeit geben, Fragen zu stellen. fortbildung im Beatboxing. Die A- cappella-Woche war auch oft ein Impuls Hans-Jürgen Ollech: Das waren jetzt für Chorgründungen. Es gab die letzten zwei klassische Beispiele, die sich auf zwei Jahre ein Open-Air-Konzert auf dem zwei lokale Städte beziehen. Wenn man Platz vor der Marktkirche, zum dem auf den Verband in Niedersachsen und 3000 Menschen kamen, die sonst nicht Bremen schaut, dann sieht die Welt an- gekommen wären – das hatte auch eine ders aus. Herr Rehberg, inwieweit arbei- Multiplikationswirkung. ten Sie auch mit dem Berliner Chorver- band zusammen und welche nachhaltige Hans-Hermann Rehberg: Ein großes Wirkung hat das Ganze bezogen auf Ber- Problem im Hinblick auf Vernetzung ist, lin? Wird regelmäßig in Schulen und Kin- dass viele Institutionen aus Imagegrün- dergärten gesungen? Auch die A- den nur für sich kämpfen. Wir würden cappella-Woche in Hannover ist ein mehr erreichen, wenn wir unser Ego ab- Event, das regelmäßig läuft. Welche legen und glauben, dass wir gemeinsam nachhaltige Wirkung hat dieses Festival mehr erreichen. In Berlin kann ich mir im Bereich Hannover? gut vorstellen, mit den Hochschulen zu- sammen zu arbeiten. Ich glaube, wir Hans-Hermann Rehberg: Ich glaube, sind stärker zusammen. das Mitsingkonzert ist ein Beispiel dafür, dass es nicht nur ein lokales, sondern – Roger Cericius: Dabei können die öf- ohne zu übertreiben – auch ein weltwei- fentlichen Einrichtungen auch mehr da- tes Event ist. Ein Mal im Jahr ist der Pe- zulernen, wenn sie begreifen und sehen, tersplatz nicht in Rom, sondern in Berlin. dass Impulse von außen nicht nur etwas Es kommen Sangesfreudige aus der gan- verlangen, sondern auch etwas geben zen Bundesrepublik, aus Europa und so- können. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit f. d. Gesang“ – S. 5/6
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    Martin Heubach: BenutzenSie noch Es muss immer ein Mix sein. Langfristig klassische Werbemittel? Schalten Sie An- kann man sich jedoch von manchen Me- zeigen bei Facebook? Haben Sie einmal dien verabschieden. ausgewertet, wie viel Zeit Sie für die Beim Mitsingkonzert muss jeder 25 Euro Pflege der Facebook-Seite investieren? bezahlen, egal ob er mitsingt oder nicht. Sind die Mitsänger in der Philharmonie Außerdem muss jeder Sänger die Noten auch diejenigen, die Eintritt zahlen und selbst kaufen. das Konzert finanzieren? Markus Lüdke: Nun möchte ich Sie Roger Cericius: Ja, wir machen tradi- noch um ein letzte Statement bitten: Die tionelle Werbung in der Stadt, versuchen Chorszene ist in erster Linie eine Laien- aber auch, klassische Werbung umzu- szene. Das macht die Kraft dieser Szene denken. Zum Beispiel haben wir uns mit aus, weil sie in der Breite stattfindet. Sie dem Masala Festival zusammengetan haben gezeigt, was man hier als Institu- und Hannover Marketing überzeugt, die tion tun kann. Aber was kann man im beiden Festivals für ein Imageplakat für Alltag eines Laienchores davon umset- Hannover zu verwenden, das die Festi- zen? vals dadurch nichts gekostet hat. Ban- nerwerbung im Internet ist ein gutes Roger Cericius: Jeder muss seine Ziele Thema, das werden wir in Zukunft ver- und Erwartungen definieren und muss stärkt machen. Die investierte Zeit für strategisch arbeiten. Wenn Sie die Er- die Pflege der Social Networks beträgt wartung haben, einen Nachmittag mit bei mir eine Stunde am Tag. Singen und Kaffeetrinken zu verbringen, dann tun Sie das. Hans-Hermann Rehberg: Wir machen auch klassische Werbung, sind aber Hans-Hermann Rehberg: Wenn jeder momentan im Prozess des Umdenkens, über seinen Tellerrand schaut und sich inwiefern wir mehr virale Werbung vernetzt, ist viel gewonnen. Wichtig ist, betreiben sollten. Es gibt zum Beispiel dass Profis und Laien voneinander lernen Bannerwerbung für den kommenden und dass es einen Dialog gibt und eine Gospelworkshop, da wir realisiert haben, ganz große starke Gruppe. wie groß die Community aufgestellt ist. Das Protokoll führte Paul Krüerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Mehr Öffentlichkeit f. d. Gesang“ – S. 6/6
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    SINGEN MIT GENERATIO- NENI – Canto elementar Referentin: Anke Bolz, Seminar- und Projektleiterin „Il canto del mondo e. V.” Canto elementar verbindet singfreudige Senioren mit Kindergärten, die das Sin- gen als Element der Alltagskultur ihrer Auf eine 20-köpfige Kindergartengruppe Kinder wiederbeleben wollen. Canto ele- kommen ca. zehn Senioren, die idealer- mentar betrachtet die Entfaltung des weise in der näheren Umgebung der Kin- Singens als gleichbedeutend mit der des dergärten wohnen. Sprechens. Singen wird gleichwertig zum Erlernen der Sprache verstanden. Das Die ErzieherInnen erlernen und erleben Sprechen gilt dem Projekt als der Motor durch die wöchentliche Canto-Stunde für die Entwicklung des Logos, das Sin- das Liedersingen für sich selbst, um es gen dagegen für die Entwicklung der dann verstärkt in den Kita-Alltag einflie- Emotionen. Ausgangspunkt ist die Beob- ßen zu lassen. Schließlich werden die El- achtung, dass in den meisten Familien tern zu Singstunden und besungenen Ki- nicht („nicht mehr“) musiziert oder ge- ta-Festen eingeladen. sungen wird. in den Kindergärten wen- den nur („nur noch“) zehn Prozent der Das Programm Canto elementar, das von ErzieherInnen spielerisches Singen an. „Il Canto del mondo e. V.“ angeregt und Dabei ist „Singen Kraftfutter für Kinder- begleitet wird, dauert für jede Kinderta- hirne“ (Prof. Dr. Dr. G. Hüther) und gesstätte zwei Jahre. Der Verein hilft bei schüttet ein Hormon aus, das den Men- der Singpatensuche, bei inhaltlichen Fra- schen bindungsfähig macht. Singen kann gen und hält Einführungen ins Projekt für wie kein anderes medizinisches Mittel Singpaten, ErzieherInnen und LeiterIn- gleichzeitig Angst lösen und Freude nen. Weiterhin kümmern sich Mitglieder wecken (Prof. Dr. Dr. M. Spitzer). des Vereins um die Anschaffung des ge- meinsamen Liederbuches inklusive CD Die Kinder, die teilweise weiter weg von und besuchen regelmäßig die Kindergär- ihren eigenen Großeltern leben oder bei ten. denen das Musizieren kein Bestandteil der familiären Kommunikation ist, sollen Eine Kita, bei der alle Kinder einbezogen ein Singen in großfamilienähnlicher At- werden und täglich mindestens 45 Minu- mosphäre erleben. Dabei verbringen äl- ten singen, erhält Urkunden und die Pla- tere Singpaten gruppenweise 45 Minuten kette „Canto-Kita“. Nach der Projektpha- pro Woche ehrenamtlich in einer Kinder- se läuft es oft weiter, die Gruppe der be- tagesstätte und wirken darauf hin, die geisterten Singpaten erneuert sich Kinder für das regelmäßige Singen „aus selbstständig und die ErzieherInnen sind Herz und Seele“ zu begeistern. Das kön- dankbar für eine generationenverbinden- nen sie am Besten mit Liedgut, das sie de Singkultur. selbst voller Begeisterung im Herzen ha- ben. Demzufolge erstreckt sich die Lied- Canto elementar startet, wenn sich ein auswahl über Volkslieder, alte Kinderlie- Kindergarten oder Eltern, Singpaten oder der aber auch über das Hören und Erle- andere Förderer dazu melden und um ben von Geräuschen und Lauten sowie zweijährige Unterstützung durch den Fantasiesprache in Form von nonverbaler Träger „Il canto del mondo e. V.“ bitten. Kommunikation. Zum Singen sollte min- Die Kosten für die Kita belaufen sich auf destens ein Pate ein Begleitinstrument 5 000 Euro über die zweijährige Projekt- spielen, zum Geräuschwahrnehmen wer- zeit für das Material und das beteiligte den Klangstäbe und Windspiele an die Personal. In manchen Einrichtungen be- Kinder verteilt. teiligt sich ein Förderer wie eine Versi- Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 1 / 4
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    cherungsgesellschaft, ein Musikverlag Singpaten werden aus Chören und Kir- oder die Kommune an der Finanzierung. chengemeinden geworben oder bei Eh- renamts- und Freiwilligenstellen ange- fragt. Die Zahl der Senioren, die sanges- erfahren sind, wird nach den Beobach- tungen von Canto elementar kleiner. Problematisch erweist sich die Koordinie- rung der Singpaten als Gruppe, sowohl terminlich als auch sängerisch bzw. päd- agogisch. Eine positive Erfahrung ist für Canto elementar die Begeisterung der teilneh- menden Senioren, der Kinder und Eltern. Kontakte zwischen den Generationen entstehen. Das beständige Singen er- leichtert den Kita-Alltag durch eine ver- besserte Umgangsweise unter den Kin- dern und die Senkung des allgemeinen Das zusammengestellte Liederbuch ent- Lärmpegels. Die Senioren machen die hält 39 Lieder – Volkslieder, einfache Erfahrung sinnvoller Betätigung nach Ab- Lieder, Lieder für den alltäglichen Ge- schluss des Erwerbslebens und halten oft brauch. Sie sind jeweils in drei verschie- Kontakt zu den Kitas oder engagieren denen Tonhöhen angegeben. Dabei wur- sich innerhalb ihrer Singpatengruppe. de darauf geachtet, dass die Tonlage nicht über das h’ hinausreicht, denn bei Die zukünftige Arbeit von Canto elemen- ungeübten Kinderstimmen muss der tar soll bundesweit dazu beitragen, dass Stimmmuskel erst trainiert werden. Um die Kitas eigenständiger werden. Hinzu der zunehmenden Internationalität in kommt eine gesteigerte Wertschätzung den Kitas zu entsprechen wurde bei- der sozialen Bedeutung des Singens ne- spielsweise „Bruder Jakob“ in mehreren ben der Förderung der Kunstmusik. Sprachen aufgenommen. ......................................................................................... SINGEN MIT GENERATIO- schieht in den Bereichen Kammermusik, Orchester- und Opernliteratur. Inhalte NEN II – Die Musikaka- sind geistliche wie weltliche Musik, klas- demie für Senioren e. V. sische ebenso wie Unterhaltungs- und neue Musik. Ergänzt werden diese von in Hamburg (MAS) Angeboten zur Musiktheorie und einfa- chen Kompositionsworkshops – soge- nannten Kreativseminaren – sowie von Referentin: Mareike Morr, Staatsoper Konzertbesuchen und Kulturreisen. Hannover, Seminarleiterin für Kunst- liedgestaltung bei der MAS Die MAS möchte mit ihrem Angebot der älteren Generation eine Möglichkeit bie- ten, auch im Alter noch oder wieder aktiv Die Musikakademie für Senioren bietet zu musizieren. Durch Musik und Gemein- musikalische Fortbildung für die Genera- schaft können erlebte Einsamkeit und tion 50+ an. Zu dieser zählt sich inzwi- Sorgen überwunden werden. Die Musik- schen auch der Gründer und Leiter der seminare vermitteln ein jugendliches Ge- Akademie Ernst-Ulrich von Kameke. Seit fühl, können zu familiärer Hausmusik an- 1992 bietet die MAS Kurse für Instru- regen und ermöglichen ein Begegnen der mentalisten und Sänger an. Dies ge- Generationen: Jung unterrichtet hier Alt, Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 2 / 4
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    weil oft dieSeminarleiter unter der 50+- In den Kursen zur Kunstliedgestaltung, Marke liegen, aber Alt begegnet auch die in diesem Jahr am Nordkolleg Rends- Jung – die Teilnehmer können als Sing- burg stattfanden, erteilte Mareike Morr pate einen Kindergarten besuchen, worin Einzelunterricht in Gesang und Klavier. ein inhaltlicher Schnittpunkt mit Canto An passender Stelle baute sie Übungen elementar liegt. für die ganze Gruppe ein, sofern diese am Unterrichtsgeschehen teilnahm. Das, was zu Beginn etwas Überwindung und Mut kostete, konnte später mit etwas mehr Übung schon beim kleinen „Ab- schlusskonzert“ im Kreis der Teilnehme- rInnen dargeboten werden. Im Vorfeld konnten sich anhand der versandten Teilnehmerliste Duopartner für Gesang und Klavier finden, die vor allem darauf achten mussten, sich bei der Einstudie- rung auf dieselbe Tonart zu einigen – wie Mareike Morr nach dem ersten Kurs fest- stellte. Die Themen der angebotenen Kunstlied- Kurse wechseln jährlich. Sie tragen Titel wie: • Nacht und Träume • Volkslieder aus verschiedenen Ländern • Die Blume im Kunstlied • Aktuell: „Weltlich – geistlich, geist- lich – weltlich“ mit Cristian Peix Anne Benjes (li) und Mareike Morr vom 29.8. bis 2.9.2011 Die jährlich etwa 30 Kurse dauern je- Die physiologischen Aspekte der Stimme weils drei bis vier Tage und finden an bzw. des Stimmmuskels zum Singen landschaftlich schön gelegenen Orten in oder der Fingergelenke beim Klavierspiel Norddeutschland statt. Die angebotenen im Alter sind dabei nicht zu unterschät- Kulturreisen führen nach Dresden oder zen. Eine Stimme kann noch bis zum 50. Potsdam, aber auch nach Kopenhagen Lebensjahr muskulär aufgebaut werden, und Mallorca. danach kann man lediglich an ihrer Er- haltung arbeiten. Wesentlich für das Al- Die Seminare kosten für die Teilnehme- ter der Stimme sind die zunehmende rInnen zwischen 30 und 100 Euro; Un- Verknöcherung des Kehlkopfs und die terkunft und Verpflegung kommen gege- Austrocknung der Kehlkopfschleimhaut. benenfalls hinzu. Mitglieder der Akade- Das bewirkte eine deutliche Beeinträch- mie erhalten Ermäßigungen. Die Nach- tigung der Flexibilität und Elastizität von frage nach den Angeboten der Akademie Kehlkopf und Stimmlippen. Die für das wächst durch Mund-zu-Mund- Singen notwendige Koordination und Propaganda der bisherigen Kursteilneh- Präzision von Atmung, Stimmfunktion merInnen und durch die Auslage des und Stimmklang ist nicht mehr gegeben. Jahresprogramms. So werden nun schon Der Musikpsychologe Herbert Bruhn von 900 InteressentInnen gezählt. Der über- der Universität Flensburg konstatiert in wiegende Teil sind Frauen; unter ca. 12 seinem Aufsatz „Musikhören und Musik- Teilnehmern pro Kurs sind etwa 2-3 machen im Alter“, dass der erreichbare Männer. Tonumfang sich bei Männerstimmen frü- her und stärker als bei Frauenstimmen verschlechtere, was auch ein Grund für die geringe Teilnahme von Männern an Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 3 / 4
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    den Gesangskursen undan Chören gene- In der Gesprächsrunde im Plenum rell sein könnte. wurden Ideen gesammelt, wie man als ChorleiterIn mit Damen umgehen sollte, In der Arbeitsgruppe war dies ein Punkt, deren Stimme aus Altergründen nicht der zur Diskussion im Plenum führte. Ein mehr für den Sopran geeignet ist. Viele Teilnehmer gab zu bedenken, die Tonla- Chorsängerinnen vermieden ein Einge- ge einer Männerstimme liege der Sprech- ständnis ihrer verlorenen Höhe. Hier gab tonlage nahe, wohingegen eine Frauen- es Vorschläge und Erfahrungen, bei- singstimme in Höhe und Tonumfang spielsweise, einen Familienchor zu grün- stärker zu trainieren sei und ein alterbe- den, bei dem alle herzlich willkommen dingtes Erschlaffen des Stimmmuskels sind, von Kleinkindern bis Senioren. Oft bei Frauen hörbarere Folgen habe. Ande- sitzen dort die Altersgruppen durchein- re physiologische Erkenntnisse legten ander, wodurch das Konkurrenzgefühl den Schluss nahe, dass die Männerstim- zwischen den jungen gegenüber den äl- me beim Singen nicht so stark gefordert teren Generationen abgefedert wird. Eine ist wie die Frauenstimme und sich somit andere Möglichkeit ist, den „eigentlichen“ im Alter gleiche Anforderungen an die Chor mit einer Altersgrenze zu versehen Stimmen beider Geschlechter stellen. und parallel eine Seniorenkantorei zu Jedoch unabhängig vom Alter entspricht gründen. Dort fühlen sich die Älteren oft die Kondition der Stimmmuskulatur oft mit ihrer Stimme wohler, weil sie unter der des Körpers insgesamt. Gleichgesinnten sind. Der Chorleiter Bei den Pianisten stellte der Bewegungs- kann dort die Tonhöhen entsprechend apparat der Hand teilweise eine Heraus- anpassen. Alternativ kann man den älte- forderung dar. Rheumaerkrankungen in ren Damen empfehlen, in den Alt zu den Fingergelenken konnten in den Kur- wechseln, wo sie eine stützende Funktion sen durch geschickte Fingersätze und haben und verhindern, dass der Alt zu Vereinfachungen in der Spielweise über- stark in die Tiefe sinkt. listet werden. Zum Schluss steht fest: Aktives Musizie- Als beachtlich beschrieb Mareike Morr die ren ist die beste Methode, um jung und Ergebnisse, die die Senioren trotz der vergnügt zu bleiben und übertrifft sogar physiologischen Gegebenheiten aus ihrer die Effekte so mancher Anti-Aging- Stimme oder dem Klavier mit ein paar Programme. Tagen Übung herausgeholt haben. Im Duo-Musizieren sei besonders die Ge- meinschaft durch Musik zum Ausdruck gekommen: Im gemeinsamen Atmen, im aufeinander Hören und miteinander Mu- sizieren sei eine neue Lebendigkeit in die Augen und Herzen der Ausführenden ge- treten. Die Überwindung einer oft be- nannten Altersstarrsinnigkeit kann in ei- nem solchen Seminar zu einer Kommu- nikation auf Augenhöhe gelangen. Trotz des schlechteren Gehörs entwic- keln die Teilnehmer ein starkes musikali- sches Einfühlungsvermögen in ihren In- terpretationen. Die Emotionalität des Singens lässt freudige Momente, aber auch sehr bewegende Erinnerungen auf- kommen. Andererseits erhöht sich das Frustpotenzial, wenn die TeilnehmerIn- nen einen zu hohen Anspruch an sich selbst mitbringen. Hier halfen gute Worte der Kursleiterin, aber auch gegenseitige Ermutigung der TeilnehmerInnen unter- einander. Das Protokoll führte Pia Hartig. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Singen mit Generationen“ – S. 4 / 4
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    Die singende SchuleI Sage Gateshead identifizierte drei Dinge, die in dem Programm passieren sollten: Die Schulprogramme von 1. Lehrer sollten aus Freude zusammen The Sage Gateshead im und vor den Kindern singen. 2. Singen würde zu einem der Mittel, die Rahmen der National Sin- die Lehrer für den Unterricht gebrauchen ging Campaign können. 3. Die Schule würde zu einem Zentrum Referentin: Katherine Zeserson, des Singens in der Gesellschaft. Director of Learning and Participati- on, The Sage Gateshead The Sage Gateshead ist ein Musikzen- trum im Nordosten Englands, einer in- dustriell geprägten Region. Das weitere Umfeld ist sehr ländlich – es gibt dort mehr Schafe als Einwohner. Die Region steht vor denselben sozialen Herausfor- derungen wie das ganze Land. Die Er- neuerung dieser Region ist Teil eines landesweiten Erneuerungsprogramms und –prozesses, der vom Staat und pri- vaten Geldgebern Ende der 90er Jahre initiiert wurde und Kultur als zentralen Antrieb gebraucht. Die größte und am stärksten verankerte Institution dieses Programms ist The Sa- ge Gateshead. Das Musikzentrum trägt Verantwortung für die Unterstützung dieser Neugestaltung. The Sage Gates- head möchte alle Arten von Musik allen Arten von Menschen zugänglich machen. Das Gebäude beinhaltet drei Bühnen so- wie Cafés und Bars. Das Haus ist sieben Tage der Woche jederzeit geöffnet. The Es gab Menschen in der Gesellschaft, de- Sage Gateshead ist vernetzt mit jeder nen das Singen am Herzen lag und die Schule im Nordosten Englands und un- das Singen in die Schule bringen konn- terhält Partnerschaften mit weiteren ten. Für LehrerInnen ohne Musikausbil- staatlichen und privaten Bildungseinrich- dung wurden Partnerschaften mit Musi- tungen. kern gegründet und es wurden Fortbil- dungen durchgeführt. Singgruppen zur Am Anfang der Überlegungen, mit dem Stressreduzierung für Lehrer – „Vocal Singen im Bildungsbereich zu arbeiten, Remedies“ – wurden etabliert. The Sage standen die Fragen: Wie könnte eine Gateshead probierte dies an 120 Schu- singende Schule aussehen? Was würde len, forschte darüber und führte Befra- dort passieren? Also fragten wir die gungen durch. Die Lehrer sangen zum Schulkinder. Die Antwort lautete, dass in Beispiel zum Essen oder zehn Minuten einer singenden Schule das Singen im lang zum Feierabend. Als das Programm besten Sinne alltäglich sein sollte und je- Vocal Union zu Ende ging, bat The Sage der dort singt. Den LehrerInnen war eher Gateshead die Regierung darum, ein unwohl bei dem Gedanken, öffentlich Programm entwickeln zu dürfen, das auf singen zu müssen und das Singen den gemachten Erfahrungen und gewon- anzuleiten. nenen Erkenntnissen aufbaut. Vocal Union Vocal Force Die Idee der Vocal Union ist, dass die In jeder Community (kulturell, geogra- Schule eine Gemeinschaft ist, die durch fisch, körperlich eingeschränkt) werden das Singen an Eintracht gewinnt. The 50 Menschen gesucht, die zur „Vocal Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 1 von 5
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    Force“ werden. Diesewerden geprüft So bringt The Sage Gateshead das Wis- und Teil einer Struktur. Die Vocal Force sen und die gesammelte Erfahrung in funktioniert nach dem „Brühwürfel- nationale Programme ein. Um die besten Prinzip“, es hat die Verbreitung des Sin- Lösungen zu finden, hat The Sage Ga- gens überall in der Gesellschaft zum Ziel. teshead z.B. mit dem Londoner Bildungs- institut (www.ioe.ac.uk) zusammengear- Sing up! beitet und das Selbstbewusstsein von Im Jahr 2007 begann das Projekt „Sin- LehrerInnen und SchülerInnen zu evalu- gUp!“ der Regierung und verschiedener ieren. Es hat sich herausgestellt, dass Partner. The Sage Gateshead stellt dafür sich Schulen mit dem SingUp!-Programm das Personal, unterstützt Schulen und durch das Singen positiv entwickelt ha- leistet Vernetzungsarbeit. Für Lehrer und ben. Der große Erfolg des Programms Partner wurde außerdem die umfangrei- ist, dass sich auch in den nicht musi- che Onlineressource www.singup.org ge- schen Fächern die Ergebnisse der Schü- schaffen. Um sicherzustellen, dass die lerInnen verbessert haben. Auf politi- Arbeit auf die jeweils spezifische Gruppe scher Ebene ist es nun sehr hilfreich, sol- zugeschnitten und langfristig fortgeführt che Belege zu haben. wird, prüft The Sage Gateshead die „Vo- Die Struktur ist inzwischen so dicht, dass cal Leader“ nach bestimmten Kriterien. The Sage Gateshead Partnerschaften mit The Sage unterstützt sie, indem es 130 verschiedenen Organisationen ein- Netzwerke für sie aufbaut. gegangen ist, die wiederum mit Schulen Inzwischen nehmen 10.000 Schulen teil, zusammenarbeiten. Ihr Antrieb für die davon 93 Prozent Grundschulen. Ziel war Partnerschaften ist die Erkenntnis, dass es, eine nachhaltige Veränderung in und sie soziales Kapital erzeugen. Am Ende durch singende Grundschulen zu bewir- ist das Ziel der National Singing Cam- ken. Nun soll das Programm auch auf paign, dass jeder Lehrer seine Hand weiterführende Schulen und auf Kinder- hebt, wenn man in eine Schule kommt gärten ausweiten werden sowie auf und fragt, wer dort für das Singen ver- Gruppen von Schwangeren auf die Grup- antwortlich ist. pe der Pflegebedürftigen. ......................................................................................... Die singende Schule II Klasse! Wir singen Referent: Gerd-Peter Münden, Dom- anschließend in der Halle zum gemein- kantor des Braunschweiger Doms samen Singen zusammentreffen sollten. Alle TeilnehmerInnen erhielten ein Lie- Das Projekt „Klasse! Wir singen“ ent- derbuch, ein T-Shirt und eine CD zum stand aus einer kleinen Idee heraus: In Lernen der Lieder. Schlussendlich melde- der 2005 neugebauten Volkswagen Halle ten sich für das Jahr 2007 insgesamt Braunschweig dirigierte Gerd-Peter Mün- 28.000 Kinder aus der ganzen Region für den ein Requiem. Dabei kam ihm der das Singprojekt an. Nach diesem ersten Gedanke, dass in einer solch großen Hal- Erfolg fragte das Kultusministerium an, le auch einmal Kinder die Möglichkeit er- ob man dieses Projekt in ganz Nieder- halten sollten, zu singen. Viele Kinder sachsen durchführen könne. Um die glei- der Chorsingschule des Doms zeigten che Idee in die Fläche zu verbreiten, sich von der Idee begeistert und wollten musste der Projektinhalt selbst über- mitmachen, darüber hinaus schien das schaubar bleiben. Der Schlüssel dazu lag Interesse und die Singbereitschaft je- im Einbinden der Klassenlehrer. Diese oft doch gering zu sein. Dennoch plante „fachfremden“, also nicht musikpädago- Gerd-Peter Münden ein Projekt, bei dem gisch ausgebildeten Lehrer werden vor v.a. Grundschulklassen sechs Wochen allem durch die große Schlussveranstal- vorbereitend in der Schule singen und tung motiviert. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 2 von 5
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    Um das Projektauf ganz Niedersachsen organisatorisch auszudehnen, wurde das Bundesland in die Einzugsbereiche der großen Veranstaltungshallen gegliedert, in denen im Jahr 2011 jeweils einzelne Singfeste stattfinden. Jede Schule wie- derum wurde einem Singfest zugeord- net. Mit Hilfe einer DVD wird versucht, den LehrerInnen eine musikpädagogische Grundausbildung bis hin zur Stimmbil- dung zu vermitteln. Darüber hinaus wur- den 60 LehrerInnen aus Niedersachsen geschult, die in jedem Landkreis Fachbil- dungen anbieten. Die Nachhaltigkeit des ersten Durch- gangs im Jahr 2007 wurde durch eine 135.000 Kinder sind bereits angemeldet Evaluation der Professoren Schmidt und und jede dritte Schule in Niedersachsen Riemer bereits nachgewiesen: LehrerIn- wird an einem der 84 Liederfeste teil- nen können durch das Singen den Ta- nehmen. gesablauf verändern und nutzen Singen, um die SchülerInnen aufnahmefähig zu Die LehrerInnen bekommen ein „Kochre- halten. Gerd-Peter Münden hofft, dass es zept“ zur Einstudierung der Lieder. Zu „Klasse! Wir singen“ auch weiterhin ge- jedem Lied gibt es eine Bewegungscho- lingt, dezentrale Schulungsmöglichkeiten reografie, um nach der Drei-Sinne- nach englischem Modell anzubieten, so Methode die Lieder den Kindern schnell dass auch Niedersachsen singende Schu- und effektiv beizubringen. len bekommt. ......................................................................................... Die singende Schule III - Konzept für Chorklassen an Grundschu- len entwickelt. Bis zu diesem Zeitpunkt Chorklassen in Nieder- hatte es Schwerpunktklassen an Grund- sachsen schulen noch nicht gegeben. Die Chor- klasse bot den Grundschulen nun eine Referentin: Silke Zieske, Lehrerin an ganz neue Möglichkeit der Profilbildung. der Grundschule Wasbüttel Entschließt sich ein Schule für die Bil- Die Idee für Chorklassen, Musikunter- dung einer Chorklasse, erfolgt die An- richt an allgemeinbildenden Schulen mit meldung und Kontaktaufnahme zu den gesangspädagogischem Schwerpunkt Kooperationspartnern. Die Ursprungs- anzubieten, kam ursprünglich aus den konzeption sah vor, dass der Fachlehrer Kinder- und Jugendspitzenchören in auch der Klassenlehrer ist und die Chor- Hannover. Zunächst dachte man an ein klasse als fester Klassenverband bei dem Schwerpunktangebot für Gymnasien, gleichen Lehrer bleibt. Der Vorteil ist da- doch stieß man dort auf wenig Interesse, bei, dass der Lehrer das Singen flexibel auch weil dort bereits ein entsprechen- in den Stundenplan integrieren kann. des Angebot existierte. So wurde ein Im Pilotprojekt starteten Chorklassen in Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 3 von 5
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    Eine dritte Möglichkeitsind zwei Stunden Chorklassenunterricht und eine Stunde Chor durch die Musiklehrerin und eine Honorarkraft, die integriert Stimmbil- dung unterrichtet. Erste Ergebnisse zeigen, dass die SchülerInnen nicht nur im sängerischen, sozialen und personalen Bereich ihre Kompetenzen steigern konnten, sondern auch in Teilbereichen der gesamten Schulleistung. Außerdem konnte eine positive Auswirkung auf die Schulmotiva- Im Pilotprojekt starteten Chorklassen tion festgestellt werden. Die SchülerIn- in vier Schulen in Hannover und Wasbüt- nen sind hilfsbereiter, sozialer, geordne- tel. Silke Zieske ist in ihrer Chorklasse ter und präsenter. Sie artikulieren sich nach dem Ursprungsmodell vorgegan- deutlicher und klarer. Im Bereich der gen, an anderen Schulen wurde eine an- Schulleistungen verbesserten sie sich im dere Struktur gewählt. An einer soge- Auswendiglernen, Lesen und im kreati- nannten Brennpunktschule beispielswei- ven Schreiben. Von SchülerInnenn und se war der Fachlehrer nicht der Klassen- Eltern gab es positive Rückmeldungen. lehrer und die Musikstunden fanden klassenübergreifend statt, da sonst die Auch das Schulleben wird durch die Gefahr bestand, dass nur bestimmte El- Chorklassen kulturell bereichert. Auf Fei- tern ihre Kinder in die Chorklasse schick- ern wird mehr gesungen und Liederpa- ten und Kinder aus schwierigen Verhält- tenschaften zwischen verschiedenen nissen nicht teilnahmen. Dadurch war es Klassenstufen, die sich einander Lieder möglich, dass die Kinder im Laufe der beibringen, beleben die Gemeinschaft. Zeit den Musikunterricht wechseln konn- Lehrkräfte sind motivierter und froh über ten. Auf der anderen Seite fand das Sin- einen „roten Faden“ den sie mit dem gen ausschließlich in den dafür festge- Singen durch ihren Unterricht ziehen legten Stunden statt und durch die klas- können. senübergreifende Struktur entstand langsamer ein Gruppengefühl. Als Fazit sei herausgestellt, dass das Konzept der Chorklassen sehr variabel Eine weitere Möglichkeit ist die einer an die jeweiligen Rahmenbedingungen klassenübergreifenden Chorklasse wäh- der Schule angepasst werden kann und rend der Betreuungs- bzw. AG-Zeit. dass nur geringe bis keine Kosten anfal- Eine Chorklasse als fester Klassenver- len. Die Arbeit ist durch ein ausgearbei- band ist darüber hinaus auch dann mög- tetes Curriculum für vier Schuljahre in- lich, wenn der Musiklehrer nicht der haltlich qualitativ durchdacht und ein Klassenlehrer ist und mit freien Stimm- Medienpaket mit unterrichtspraktischen bildnern und Musikschullehrern koope- Materialien unterstützt die Umsetzung. riert wird. Schließlich handelt es sich um ein Kon- zept mit hoher Nachhaltigkeit, da die in- Die Organisation des Unterrichts bie- tensive Arbeit über vier Schuljahre auf tet ebenfalls unterschiedliche Konzeptio- die ganze Schule ausstrahlt und in Zu- nen. Entweder finden zwei bis drei Stun- kunft auch an Gymnasien etabliert wer- den Chorklassenunterricht und eine wei- den soll. ter Stunde Chor durch den Klassen- bzw. Musiklehrer statt oder eine Stunde Mu- sikunterricht durch die Klassenlehrerin, zwei Stundenchor durch die Musiklehre- rin und eine Stunde Stimmbildung durch eine Honorarkraft. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 4 von 5
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    Frage aus demPlenum: Welcher Lie- gebot informiert werden, dass sie es sich derkanon wird für die vorgestellten Pro- für ihre Kinder wünschen. Natürlich jekte gewählt? Und nach welchen Kriteri- möchte man eine große soziale Band- en erfolgt die Auswahl? breite in der Klasse erreichen. Antwort Silke Zieske: Der Liederkanon Antwort Katherine Zeserson: Wir haben besteht aus ca. 100 Liedern und ist in- ein Programm entwickelt, das junge haltlich sehr breit aufgestellt. Es ist von SingleiterInnen im Alter von 7 bis 16 allem etwas dabei. Jahren ausbildet und man konnte fest- stellen, dass diejenigen, die Interesse Antwort Katherine Zeserson: In Eng- daran haben, nicht unbedingt Kinder aus land wählt man das Liedrepertoire aus wohlhabenden Familien sind. Diese Kin- verschiedenen Gründen sehr bedacht der bringen ihre Freude am Singen als aus. Zum Einen sollen die Kinder mög- Multiplikatoren auch mit in ihre Familien. lichst viele verschiedene Musikstile ken- nenlernen, zum Anderen möchte man in dem sehr divergenten sozialen Umfeld Frage: Gibt es eine ausgeglichene Ge- die Lieder individuell zusammenstellen. schlechterverteilung in den Chorklassen? Auch LehrerInnen selbst müssen die Lie- der auswählen, die ihnen Spaß bereiten Antwort Silke Zieske: Das hängt davon und die sie mit Freude unterrichten kön- ab, wie die Eltern im Vorfeld informiert nen. werden. Wenn hier Vorteile wie z.B. Be- wegungsfreude dargestellt werden, wird das Verhältnis relativ ausgeglichen. Wird Frage: Findet man in den Chorklassen dagegen eher die feminine Seite des wirklich einen sozialen Querschnitt vor Singens herausgestellt, nehmen mei- oder ergibt sich durch Wahlfreiheit der stens hauptsächlich Mädchen teil. Außer- Eltern für ihre Kinder eher eine homoge- dem muss den Eltern auch vermittelt ne soziale Struktur? werden, dass für den Chorklassenunter- richt regulärer Klassenunterricht weg- Antwort Silke Zieske: Das Wichtigste fällt. ist, dass alle Eltern so gut über das An- Das Protokoll führte Paul Krüerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Schule“ – Seite 5 von 5
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    DIE SINGENDE STADTI Lörrach singt! die KünstlerInnen unter Vordächern auf. Das Publikum war bisher noch nie von Referentin: Fraua-Deddina Kruse- schlechtem Wetter abgeschreckt. Zaiß, Projektleiterin für Lörrach singt! bei STIMMEN-Festival Es gibt keine künstlerischen Kriterien, Absagen zu erteilen. Aber die Mengen- Singen ist die Möglichkeit, viele Men- grenze (Verteilung der Chöre auf die schen zu erreichen. Kann man zum Sin- maximal möglichen Plätze) ist 2010 er- gen auch eine ganze Stadt oder eine reicht worden. Die Plätze werden so ge- ganze Metropolregion bewegen? wählt, dass sich die Sänger und Chöre nicht gegenseitig stören. Technische Lörrach singt! ist ein Tag des Amateur- Verstärkung gibt es dabei nicht. So wird gesangs in Lörrach, einer Stadt mit der „Lauscheffekt“ verstärkt – gesungen 40.000 Einwohnern im Südwesten wird a cappella oder unplugged mit we- Deutschlands, fast schon am Stadtrand nigen begleitenden Instrumenten. Die zu Basel. Dieser Tag des Singens eröff- Akteure animieren die Zuhörer bzw. net seit 2002 das STIMMEN-Festival in „Lauscher“, selbst mitzusingen – egal, ob Lörrach. Das einmonatige Festival gibt es sie an diesem Samstag gerade vom seit 1994 und sollte der damals indu- Markteinkauf kommen oder auf dem Weg strieverlassenen Region ein besonderes, zum Shoppen sind. Die Auftritte liegen in kulturelles Gesicht verleihen. Große der Zeit zwischen 10 und 21 Uhr. Eine Künstler aus der Musikszene kommen „After-Show-Party“ gibt es in dem Sinne und spielen ihre Konzerte, geben zuwei- nicht. Nach so viel Action sei oft auch ei- len auch Gesangsworkshops. Die Kluft ne Belastungsgrenze erreicht. zwischen dem Publikum und Profimusi- kern sollte mit einem Tag des Amateur- Die Kosten dieses Tages belaufen sich gesangs geschlossen werden – so ent- auf 25 000 bis 30 000 Euro. Sie werden stand 2002 Lörrach singt! finanziert aus bezahlten Konzerten des sich anschließenden STIMMEN-Festivals. In Zahlen gestaltet sich Lörrach singt! Keiner der SängerInnen erhält Gage oder folgendermaßen: 1 Tag, 1 Stadt, 20 Fahrtgeld, lediglich für Verpflegung wird Open Air-Plätze, 230 Auftritte, 2500 gesorgt. Für Platzanweisungen und zum SängerInnen in 100 Gesangsformatio- Willkommenheißen der Chöre werden je- nen. So entsteht ein „Klangmeer“, das des Jahr ehrenamtliche Helfer gesucht, überall in der ganzen Stadt zu hören ist. die mit Karten für das STIMMEN-Festival In diesem Jahr stand Lörrach singt! un- „bezahlt“ werden. Dazu melden sich häu- ter dem Motto „Lass dich überraschen“. fig 16- bis 19jährige, die gleichzeitig als Mitsingen und Zuhören sind stets ko- „Stimmungsbarometer“ von den vielen stenlos. Um einen Auftritt bewerben sich Bühnen für den Veranstalter fungieren. oft Chöre oder Gesangsformationen aus der Region, aber es sind auch Chöre aus Partnerstädten dabei. Gerade für neue Was bedeutet Lörrach singt! für die Chöre ist dieser Gesangstag eine optima- Akteure? le Gelegenheit, vor viel Publikum ohne großen organisatorischen Aufwand auf- Die Mitwirkenden fühlen sich als Teil ei- zutreten. ner Bewegung, deren Akteure sich ge- genseitig viele Impulse für Repertoire, Singen ist nach Fraua-Deddina Kruse- Präsentationsformen und Kontakte ge- Zaiß „Kommunikation“ und umso leben- ben. Im Verein oder Dorf ist es manch- diger, näher und authentischer, je enger mal mühselig, ein Konzert auf die Beine Publikum und Sänger sowie „Vorsänger zu stellen. Hier sind alle willkommen und und Nachsänger“ beieinander stehen. erleben Wertschätzung. Daher wurden die erhöhten Bühnen aus dem ersten Jahr wieder entfernt, „alle“ Dafür ist eine gute Vororganisation nötig sind inzwischen auf der gleichen Ebene. – ein großes Publikum und viele Gruppen Wenn das Wetter nicht mitspielt, treten sind gewissermaßen schon da. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 1 von 6
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    Was kann dieserTag dem Publikum bringen? gen und in Form eines Liederbuchs mit Lörrach singt-Stammliedern veröffent- Musik ist etwas, das auf der Straße pas- licht. Dazu legten sie bei verschiedenen siert, eine enorme Vielfalt ist zu hören öffentlichen Events der Stadt, beim Neu- und kein Platz ist auf einen bestimmten jahrsempfang des OB und ähnlichen Ge- Stil festgelegt. Die Zuhörer können frei legenheiten Fragekärtchen aus, auf de- wählen, was sie sich anhören wollen. Sie nen Lieder in deutscher Sprache notiert erleben die Sänger hautnah und werden werden sollten. Neben den Meistgenann- oft selber aktiv einbezogen. ten galt es auch, Lieder für Kinder und Generationen unterschiedlicher Musik- richtungen aufzunehmen. Eine Arbeits- Welchen Mehrwert erhalten die gruppe aus ErzieherInnen, LehrerInnen Stadt, die Sponsoren und die Veran- und ChorleiterInnen wählte schließlich 15 stalter? Lieder aus: Dazu gehören unter anderem „Marmor, Stein und Eisen bricht“,„Zwei Generell steigt das Interesse am Singen, kleine Wölfe“, „Über den Wolken“ und am Musizieren, am Musik hören. Die „Möge die Straße uns zusammenführen“. Bürger und Beteiligten identifizieren sich Zur Herausgabe wurde eine publikums- mit dem STIMMEN-Label. Sponsoren ha- wirksame Karaokeshow als Testsingen ben eine sehr breite Öffentlichkeit. Die veranstaltet, als dessen Ergebnis von Stadt erhält einen überregionalen Ruf. schwieriger zu singenden Liedern wie „Ich wär’ so gerne Millionär“ Abstand ge- Ein Drittel der Teilnehmer sind Kinder nommen wurde. Das Heft ist schon ver- und Jugendliche, die erleben das Singen griffen, die 3-stimmige Version für Chöre als „cool-Sein“, erfahren eine hohe Wert- ist 2010 erschienen und wird über Lör- schätzung. Im Jahrbuch der Stadt steht, rach singt! hinaus zu sonstigen Singfe- es sei der schönste Tag des Jahres. sten in der Stadt oder auch privat ge- nutzt. Die Einnahmen aus dem Lieder- Die Veranstalter des Singtags haben heft flossen in Singprojekte an Schulen gemeinsames Liedgut zusammengetra und Kitas. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 2 von 6
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    Fazit Lörrach singt!: DerOpen-Air-Gesangstag am 9. Juli 2011 steht unter dem Motto: „STIMMEN Die Erinnerung für diesen einen Tag im verbinden“, womit die Vereinbarkeit ver- Jahr wird durch vorbereitende Projekte in schiedenen Alters und verschiedener Kul- der Stadt, in den Chören und besonders turen und Sprachen durch das gemein- in Schulen während des Jahres wach same Singen in den Mittelpunkt gerückt gehalten. Das Motto wechselt jedes Jahr, werden soll. Im Zuge dessen werden damit die Form interessant bleibt und mehrsprachige Versionen von „Bruder Stimme unter neuen Aspekten erlebbar Jakob“ und „Happy Birthday“ (zum wird. Anregungen kommen inzwischen 10jährigen Jubiläum) aufgenommen. auch aus den Schulen, nachdem anfangs Impulse in die Klassen getragen wurden. Das Singen hat sich seit dem ersten Lör- rach singt!-Jahr etabliert: anfangs wurde beschämt auf Hinterhöfen und unter Bäumen gesungen, bevor die Teilnehme- rInnen mutig wurden, sich mehr in der Öffentlichkeit zu präsentieren. Für weitere Informationen siehe: www.stimmen.com Frage aus dem Plenum: Wie organisiert sich die rechtliche Seite des Liedersin- gens? Antwort: Alle beteiligen Chöre füllen ei- ne GEMA-Liste aus, die Kosten werden vom Veranstalter übernommen. Frage: Kann man einen Zulauf zu Chö- ren in der Region als Folge des Ge- sangstags ausmachen? Antwort: Das ist schwer zu sagen, aber Durch den erfolgreichen Gesangstag und entgegen der Annahme, dass immer das STIMMEN-Festival hat es sich die wieder die gleichen Chöre singen wür- 2008 gegründete STIMMEN-Stiftung zur den, nehmen jedes Jahr ca. 1/3 neue, Aufgabe gemacht, Singförderprojekte in bislang ungehörte Chöre teil. Oft bilden Lörrach und der Region nachhaltig zu un- sich auch Projektchöre, um sich mit ih- terstützen. 2009 hat sich eine Abend- rem Repertoire an diesem Tag vorzustel- schule etabliert. Voicelab ist eine STIM- len und auszuprobieren. MEN-Akademie, die Nachwuchstalente fördert. Sie bildet Schüler, Azubis und Studenten aus, ihren Weg als Musiker auf dem Musikmarkt zu finden. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 3 von 6
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    DIE SINGENDE STADTII !SING – DAY OF SONG Referentin: Benedikte Baumann, 3. !SING CITY – der 5. Juni 2010: Der Projektleiterin für !SING – DAY OF Tag begann zu Sonnenaufgang mit ei- SONG bei RUHR.2010 nem Open Air-Konzert mit dem renom- mierten ChorWerk Ruhr. Dann gab es Frühstück und anschließend sangen die Im Rahmen von RUHR.2010 GmbH – der beteiligten Chöre in vielen sozialen Ein- Veranstalter des Europäischen Kultur- richtungen, denn das wurde in der Vor- hauptstadtjahres in Essen und der bereitungsphase als das besondere Ruhrmetropole – fand am 5. Juni der Merkmal der Chöre herausgestellt. !SING – DAY OF SONG statt. Danach ging es weiter: die Sänger wur- Die Idee dahinter war, dass alle Men- den aufgefordert, an öffentlichen Plätzen schen singen sollten. Dafür reichte aller- ohne Verstärkung zu singen, um den dings bei 53 beteiligten Städten für die „Singvirus“ auf Nachbarn und Anwohner vielen Ideen ein Tag alleine nicht aus zu „übertragen“. und so entstand ein Sing-Festival, das sich über vier Tage erstreckte, also vom Ein besonderer Höhepunkt war um 12.10 3. bis 6. Juni 2010. Mehr als 24.000 an- Uhr das gemeinsame Singen in allen gemeldete Sänger traten in 600 Städten gleichzeitig: in Einkaufszentren, Veranstaltungen auf. an Marktplätzen und in Konzerthäusern sollte das gleiche Lied erklingen. Um 13 Um ein Event dieser Größenordnung vor- Uhr wurde dann ein offenes Singen an- zubereiten trafen sich seit 2008 die 56 geregt – ähnlich wie bei Lörrach singt! DAY OF SONG-Beauftragten aus den 53 Metropolstädten regelmäßig alle sechs Wochen, um ihre Ideen zusammenzufüh- ren und das Vorgehen zu planen. Die Reihe „SING“ vom 3. bis 6. Juni bestand aus mehreren Projekten: 1. !SING TWINS – um die 198 europäi- schen Partnerstädte der Ruhrstädte im DAY OF SONG zu integrieren. Obwohl weder Reise, Übernachtung noch Gage bezahlt werden konnten, nahmen 32 En- sembles aus 15 Ländern teil. Bei der Fi- nanzierung halfen oft die Ruhrstädte aus. 2. !SING sozial – ein Beteiligungsprojekt In der Vorbereitungsphase machte für weltliche und geistliche Chöre, um sich eine enorme Skepsis unter den über der Stadt ein Gesicht zu geben, das sie alle Chorverbände angefragten Chören selber gestalten können. Das gemeinsa- breit. Sie sahen keinen individuellen me Marketing dafür wurde von Platz bei einer solchen Massenveranstal- RUHR.2010 übernommen, Inhalt und tung, zudem konnten sie vom Effekt des Form konnten die Chöre selbst bestim- gleichzeitigen Erklingens in allen Städten men. Beispielsweise wurde zum ersten gar nichts mitbekommen. Mit der schon Mal ein Wandelkonzert durch alle fünf 2008 begonnenen Informationskampa- Hochschulen unter Prof. Jörg Breiding gne „Geben Sie uns Ihre schönste Stim- aus Hannover geplant und durchgeführt. me – Ihre eigene“ wurden jedoch in vie- !SING frontal und !SING sakral waren len Ruhrgebietsstädten Bedenken bei weitere Projekte innerhalb von !SING so- den Interessierten abgebaut. zial. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 4 von 6
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    Händels „Halleluja“ ausdem Messias und „Freude schöner Götterfunken“ aus Beethovens 9. Sinfonie. Erkennbar hat das Event Interesse am Singen geweckt: Nach dem erlebten DAY OF SONG wurde auf dem Heimweg wei- ter gesungen, in Bussen usw. Das Live- Streaming vom Konzertabend wurde von 50.000 Menschen im Internet am Tag danach verfolgt. Eine abschließende Bil- der-Dokumentation aller Veranstaltun- gen ermöglichte einen Einblick in das gleichzeitige Geschehen in allen Städten, was die TeilnehmerInnen an dem Tag selbst natürlich nicht nachvollziehen konnten. Fazit des DAY OF SONG: Die Sehnsucht nach Beteiligung in der Bevölkerung ist so groß, dass kleine Chöre nicht nur kleine Auftritte haben sollten, sondern für die Zukunft ein Schulterschluss zwischen Profis und Lai- Eine weitere Herausforderung war, die en, Netzwerkarbeit und Beteiligungspro- Hemmschwelle zu überwinden, auf öf- jekten das Optimum darstellt. Die 53 fentlichen Plätzen zu singen. Dafür Städte werden ein solches Ereignis nicht mussten einfache, bekannte Lieder ge- wiederholen können und sollten es auch wählt werden und es wurde ein Liedheft nicht. In einem anderen Format lässt gedruckt, das kostenlos an alle verteilt sich das Konzept aber weiterführen. Der wurde. Das Liedrepertoire wurde mit Kern könnte erhalten bleiben und in ab- ChorleiterInnen aus der Region und dem gewandelter Form fortgesetzt werden, künstlerischen Direktor Steven Sloane um nicht immer an dem großen Erfolg abgestimmt, um eine Farbigkeit und vom 5. Juni 2010 gemessen zu werden. Vielfalt der Teilnehmer und Besucher wiederzuspiegeln. Es belief sich dann beim 12.10 Uhr-Singen auf die Ruhr- Hymne „Glück auf“ und den Eröffnungs- song zum Kulturhauptstadtjahr von Her- bert Grönemeyer „Komm zur Ruhr“. Das Finale fand am Abend mit 53.500 Stimmen in der Schalke-Arena statt. Ne- ben großen Künstlern wie den Wise Guys und Bobby McFerrin standen 233 Laien- und Profichöre im Spielfeld, um den Im- puls zum „alle sollen singen“ an die Tri- bünen weiterzugeben. Hier stand die Frage aus dem Plenum: Wie gestaltete bunte Mischung an Songs aus dem Lie- sich die rechtliche Seite des Liedersin- derbuch zum Abendprogramm zur Verfü- gens? gung: vom „Zigeunerchor“ aus dem Antwort: Die GEMA-Aufführungsrechte Troubadour von Verdi, über „Was wir al- waren ein größeres Problem als die Ver- leine nicht schaffen“ von Xavier Naidoo lagsrechte. Erst nach längerem Ringen und „Let it be“ von den Beatles, über das und politischem Druck konnte eine Pau- volkstümliche Lied „Kein schöner Land“ schale für alle gesungenen Lieder und oder Schuberts „Lindenbaum“, bis zu beteiligten Chöre vereinbart werden. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 5 von 6
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    Obwohl alle amselben Strang zogen, nämlich, dass mehr Leute singen, mach- te es die GEMA an dieser Stelle schwie- rig. Frage: Wie ist der Zulauf zu Chören der Region nach dem Projekt? Antwort: In Essen gab es extra ein Pro- jekt mit zehn Chören, bei dem Nachbarn zu Schnupperstunden in die Chöre einge- laden wurden unter dem Motto: „Wer singt in meiner Straße? In meiner Straße singt die Welt.“ Hier sollten besonders Nachbarn mit interkulturellem Hinter- grund angesprochen werden. Nach die- sem Projekt gab es auch einen gemein- samen Auftritt in Essen. Frage: Was ist total schief gelaufen beim Projekt? Antwort: Das Signal, um den Start- schuss für 12.10 Uhr loszulassen, fiel beim WDR 2 aus. Aber von dieser techni- schen Panne hat sich keiner beirren las- sen und alle haben trotzdem um 12.10 Uhr zu singen angefangen. Das Protokoll führte Pia Hartig. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die singende Stadt“ – Seite 6 von 6
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    Die Schule desSingens I Mädchenchor Hannover Referentin: Prof. Gudrun Schröfel In der Arbeitsgruppe „Die Schule des Schröfel betonte, dass jede der Stufen Singens“ wurden mit dem Mädchenchor eine in sich stimmige musikalische und und dem Pendant Knabenchor Hannover altersgerechte Ausbildung zur Grundlage zwei Chöre vorgestellt, die Kinder grund- habe. legend und umfassend vokal und musi- kalisch ausbilden. Beide verstehen sich Die Stufen eins bis drei seien somit nicht als Chor- und Singschule und präsentier- nur Vorbereitung fürs Konzertsingen, ten ihr Ausbildungs- und Probekonzept, sondern vermittelten eine allgemeine das sich in Vielem ähnlich ist. musikalisch-vokale Bildung, die bei- spielsweise das Verstehen der Struktur Prof. Gudrun Schröfel vom Mädchenchor eines Chorwerks beinhaltet. Neben klas- Hannover sprach von vier Stufen der sischem Mädchenchorrepertoire erprobt musikalischen und stimmlichen Ausbil- der Chor auch zeitgenössische Werke, dung, die von der vokalen Grundstufe ab arbeitet mit Komponisten zusammen und sieben Jahren über die Vorklasse für singt immer wieder Uraufführungen. Die Mädchen zwischen acht und neun Jahren Chorarbeit sieht auch so genannte Chor- sowie den Nachwuchschor reicht, bei studienphasen vor, intensive Proben- dem das erste Mal schwierigere Chorlite- und Singfreizeiten, bei denen durch ver- ratur gesungen wird und schließlich im dichtete Proben ein gutes Chorniveau er- Konzertchor mündet, wo Mädchen ab elf reicht werden kann. Jahren singen. !" Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 1 / 4
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    Die Schule desSingens II Knabenchor Hannover Referent: Prof. Jörg Breiding Prof. Jörg Breiding, Leiter des Knaben- Basssänger im Hauptchor mitzusingen. chors Hannover, stellte das Konzept sei- Breiding bemerkte, dass durch die Ein- nes Chores vor, das die Jungen in Kin- führung einer Ganztagesschule in Nie- derstimmen sowie Sopran und Alt unter- dersachsen die intensive Singausbildung teilt. Die Knaben kommen bereits mit gefährdet wäre. Insgesamt sind mehr als etwa neun Jahren in den Hauptchor, um 200 Kinder und Jugendliche in der Aus- die Zeit bis zum Stimmbruch und der bildung der Singschule. Der Chor ist ein damit verbundenen Gesangspause nut- professionell gemanagtes Unternehmen, zen zu können. Neben den Vorklassen neben dem Trägerverein gibt es eine für die jüngsten Sänger ab sechs Jahren Chorstiftung sowie den Freundeskreis. gibt es im Hauptchor die Unterscheidung Eine Konzertreise nach China in diesem in Nachwuchs- und Konzertchor. Ein um- Jahr stärkte den Zusammenhalt und die fangreiches, nach Alter gestaffeltes Pro- Identifikation der Jungen mit dem Chor, benpensum an den Nachmittagen er- beispielsweise durch Tour-Shirts und ei- möglicht die hohe Qualität der stimmli- nem selbst erstellten WM-Video „Aus chen Schulung. Nach dem Stimmbruch China nach Südafrika – Starke Stimmen gibt es die Möglichkeit, nach einer erneu- für Deutschland“. ten Schulung der Stimme als Tenor- und Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 2 / 4
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    Die Schule desSingens III - Studiengang Vokal- pädagogik „Klassik Vokal“ Referent: Prof. Andreas Mohr Mit den zwei anschließenden Vorträgen stand die Ausbildung von Kinderchorlei- tern und Kinderstimmbildern im Mittel- punkt. Prof. Andreas Mohr von der FH Osnabrück stellte den Studiengang Vo- dung im Gesang und pädagogisch- kalpädagogik „Klassik Vokal“ vor, der der didaktischen Kenntnissen schließen. Mit verstärkten Nachfrage nach Gesangs- den Bereichen „Chorleitung“, „Gesang“ fachleuten entgegenkommt. und „Singen mit Kindern“ werden die Ausgebildet werden hier Kinderstimm- wichtigsten Säulen einer Vokalpädago- bildner und Leiter von Kinderchören, gik, die sich auf Kinder konzentriert, ab- Kindermusiktheatern. Das Konzept gedeckt. Praktika sind wichtiger Be- möchte eine Lücke zwischen der Ausbil standteil der Hochschulausbildung. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 3 / 4
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    Die Schule desSingens IV Studiengang „Kinderchor- und Jugendchorleitung“ Referentin: Prof. Friederike Stahmer Die zweite pädagogische Hochschul- Gesangsausbildung stellte Prof. Friederi- ke Stahmer von der HMTM Hannover vor. Die Professur für den Studiengang Bei der abschließenden Gruppen- Kinderchor- und Jugendchorleitung wur- Diskussion kam die Frage auf, wie lange de eingerichtet, um den Bedarf an pro- ErzieherInnen für das Singen nachge- fessionellem Personal in diesem Bereich schult werden müssten. Es wurde be- zu decken. Der Masterstudiengang legt merkt, dass das Singen und eine musi- seinen Schwerpunkt auf die physiologi- kalische Grundausbildung durch die Re- schen Zusammenhänge der Kinder- und formpädagogik lange Jahre aus dem Cur- Jugendstimme und deren Diagnostik so- riculum gefallen seien. Nun sei es an der wie auf eine hohe künstlerische Qualität. Zeit, dass nicht nur das Versäumte Das Studium ist praxisnah ausgerichtet: nachgeholt werden, sondern das Singen Mit einem hochschuleigenen Kinderchor und Musik überhaupt wieder selbstver- haben die Studierenden jederzeit die ständlich einen Platz in den Kindergärten Möglichkeit, das Gelernte anzuwenden. und Schulen bekomme. Das Protokoll führte Mechthild Schlumberger." Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Protokoll „Die Schule des Singens“ – S. 4 / 4
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    Jahreskonferenz Musikland Niedersachsen 2010 Volkslieder goRock Referent: Dieter Falk Singen ist mein Thema, seitdem ich den- ken kann. Ich bin künstlerischer Leiter und Arrangeur von CD-Produktionen und meine Arbeit besteht schon seit vielen Vor drei Jahren hatte der Hitschreiber Jahren darin, Menschen zum Singen zu des 17. Jahrhunderts seinen 400. Ge- bringen. Seit 25 Jahren versuche ich, burtstag: Paul Gerhardt. Mein geistliches aus alten Stoffen etwas Neues zu ma- Lieblingslied von ihm ist „Befiehl du dei- chen und Leute mit tradierten Musikstof- ne Wege“. fen zusammen zu bringen. (Dieter Falk spielt und die TeilnehmerIn- Ich bin ein Chorkind im klassischen Sin- nen singen „Befiehl du deine Wege“) ne. Meine Mutter war Kirchenchorleiterin. Im Kirchenchor sang ich Sopran und Alt Dieser Choral gehört auch zu meinem und nach dem Stimmbruch Tenor und Konzertprogramm, wenn ich unterwegs Bass. Dort wurde querbeet alles gesun- bin. Es ist der sportlichste Choral, weil er gen, was möglich war – von Bach bis so hoch geht. Es gibt noch einen Choral, Reger. Mein Bruder und ich sind Ergeb- mit dem ich mir vor 35 Jahren „Wat- nisse einer guten kirchlichen Jugendar- schen“ geholt habe, als ich ihn verpopt beit. Im Alter von 18 und 16 Jahren habe: „Nun danket alle Gott“. gründeten wir einen Gospelchor. Hier begann ich irgendwann, eigene Lieder (Dieter Falk spielt und die TeilnehmerIn- für den Chor zu schreiben und das waren nen singen „Nun danket alle Gott“) meine Startschuhe. Die Kirche war für mich auch immer eine super Plattform. Auch viele Stars aus der Popszene in den USA sind in der Kirche groß geworden und konnten sich dort musikalisch entwickeln. Heute sage ich mit den Neuarrangements von Chorälen Danke für diese Zeit. Das Hauptmerkmal meiner Musik ist fusion, also verschiede- ne Musikstile zusammen zu bringen – aus Alt mach Neu. Die Verbindung von Kirchenmusik und Jazz oder Pop war vor 20 Jahren noch nicht so üblich. Im Musikstudium war es für mich das Damals habe ich eine CD aufgenommen, schönste Gefühl, etwas Großes wie eine habe die Choräle dann aber länger bei- Bachmotette zu singen. Heute ist es für seitegelegt und wurde Musikproduzent. mich das schönste, mit einem Chor eine Ich habe versucht, Hits zu produzieren Synkope präzise und artikuliert zu sin- und Leute zum Mitsingen zu bringen, gen. z.B. mit PUR, Patricia Kaas oder mit Marque: „One to make her happy“. Ir- (Dieter Falk übt mit dem Publikum eine gendwann fragte ich mich: Warum Synkope.) kramst du nicht mal wieder die alten Choräle heraus? Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 1 / 3
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    Als sich danndie Gelegenheit bot, bei Meine Jungs singen im Schulchor mit. Stefan Raab einen Titel zu spielen, habe Dort gibt es einen fantastischen, charis- ich die HeavyTones „Nun danket alle matischen Chorleiter, der mit den 250 Gott“ spielen lassen und danach ging die Kindern „Maria“ singt – daran werden die Post ab – auch bei den Studenten, der sich immer erinnern und wissen, dass sie Altersgruppe, die überhaupt nichts mit Bernstein gesungen haben. Gerade sind Chorälen am Hut hat. Von da an begann ja die Wise Guys der Hit, die Vorgänger ein ganz anderes Leben – nämlich mit waren übrigens die Prinzen. Chorälen auf Bühnen. Es geht darum, mit tradiertem Liedgut durch modernere Arrangements, Leute zum Singen zu Seit zweieinhalb Jahren bin ich nun auch bringen. wieder in die Sache hineingerutscht. Die evangelische Kirche hat mich wieder Im Jahr 2008 habe ich mir dann die Lie- entdeckt und fragte mich, ob ich nicht der aus der „Mundorgel“ vorgenommen. beim Gospelkirchentag 2008 in Hannover Mein Lieblingslied ist „Bolle“ die musikalische Leitung machen könne. Es war eine spannende Aufgabe, mit 4000 Leuten aus Deutschland, Holland und Schweden Gospels einzuproben und zu singen. Für mich ist es sehr reizvoll, mit großen Chören zu singen. Chorsin- gen ist das beste Training für Sozialisati- on und Gruppendynamik. Und die Eltern sind froh, wenn ihre Kinder in Chören singen, denn die Zeit, die sie in Chören verbringen, verbringen sie nicht anders- wo. Die Veranstalter des Gospelkirchentags baten mich später, für RUHR.2010 ein (Dieter Falk macht ein Liederquiz mit Musical zu komponieren. Das war etwas dem Plenum – wer ein Lied errät, erhält Neues für mich, denn eigentlich waren ja ein Mundorgel-Heft. Anschließend singt Dreieinhalb-Minuten-Hits mein Tagesjob. er mit den TeilnehmerInnen „Bolle“) Ich konnte mir das Thema für das Musi- cal aussuchen und wählte die 10 Gebote. Meine eigene musikalische Sozialisation Ich erinnerte mich an den gleichnamigen setzt sich quer durch den ganzen Musik- Film in den 60er Jahren und fand es eine garten zusammen aus z.B. Bach, der spannende Geschichte. Ich konnte Mi- Mundorgel und Coldplay. Lieder sind chael Kunze als Librettist gewinnen, der auch immer mit Erlebnissen und Emotio- jedoch die Bedingung stellte, dass noch nen verbunden. eine Liebesgeschichte eingefügt werden müsse. In dem Musical gibt es zwei Lie- (Dieter Falk fragt im Publikum nach Lie- besgeschichten – die zwischen Gott und dern, die während der Zeit ihrer ersten seinem Volk Israel und die zwischen Mo- Liebe liefen.) ses und Zippora. Von Anfang an war klar, dass es ein Mitsingprojekt mit 1000 Ich merke ja, was meine Kinder so hö- Sängern werden sollte. ren: Die Lieder laufen einerseits oft als „Berieselung“ im Hintergrund, sie sind (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnitt aber auch Wegbegleiter. Als meine Oma aus dem Finalgospel des Musicals.) starb, sangen wir im Kinderchor „Jesu, meine Freude“ und die Stelle „weicht ihr Wir hofften, 1000 Sänger dafür zu be- Trauergeister“ löste Gänsehaut bei mir kommen und hatten diese innerhalb von aus. Lieder haben also etwas mit Soziali- zwei Monaten zusammen. Am Ende wur- sation zu tun und sind heute wichtiger den es 2500. Der Altersdurchschnitt war denn je. Eine alte Weisheit lautet: „Wo erstaunlich niedrig. Die älteste Teilneh- man singt, lass dich ruhig nieder, denn merin war 80 Jahre alt, sodass das Pro- böse Menschen haben keine Lieder“. jekt auch drei Generationen vereinte. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 2 / 3
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    Um einen monumentalenCharakter zu erreichen, wollte man in einer so großen Halle natürlich Größe erzeugen. Als zwei- te Regel gilt, sich Ziele mit außerge- wöhnlichen Dingen zu stecken. Ein Auf- reger war zum Beispiel, mit einem 2500 Sänger starken Chor Sprech- und Rap- Passagen textverständlich einzustudie- ren. (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnitt.) Nach 30 Jahren im Musikbusiness war Für die Leute war es spannend, eine ex- dieses Projekt eine riesige neue Erfah- treme Dynamik und Phrasierung einzu- rung für mich. Im Schulmusikstudium üben. Ich glaube, dass die Skala von hatte ich ja auch Orchester- und Chorlei- Dynamik in Chören oft gar nicht ausge- tung gelernt und so bin ich herumgefah- schöpft wird. Wenn es gelingt, auch in ren zu den Chören, die sich angemeldet die Extreme zu gehen, entdecken die hatten und habe mit einer CD und No- Leute etwas Neues an sich. Man merkt tenheften das Musical auf diese Weise dann Veränderungen an Menschen. Es dezentral eingeprobt. Dann gab es vier gab im Musical aber auch einen Choral, Regionalproben mit jeweils 700-800 Leu- der immer wiederkehrte und die Kern- ten und eine Woche vor der Aufführung sätze zusammenfasste und einen Aus- eine Hauptprobe, bei der die Hauptdar- ruhmoment der Dynamik für den Chor steller das Stück für den Chor zu einem darstellte. Playback gespielt haben. Die General- probe war öffentlich, weil der Andrang so (Dieter Falk zeigt einen Videoausschnitt groß war und schließlich folgten zwei und probt mit dem Plenum anhand des Aufführungen in der Westfalenhalle. Das Chorals „Liebe ist das Gebot“ extreme Orchester bestand aus Studenten und als Dynamik.) Hauptdarsteller wurden Musicalprofis ge- castet. Wenn ich etwas an diesem Projekt ge- Das Projekt war eigentlich nur als einma- lernt habe, dann, dass ich riesigen Spaß lige Sache geplant, inzwischen überlegen hatte. Ich bekomme am Tag drei bis vier wir aber, wie es weitergehen kann. Das Emails von Familien und Leuten die mit- Musical wird noch öfter zur Aufführung gemacht haben, die erzählen, was dar- kommen, z.B. auf dem Kirchentag in aus geworden ist und dass es multipli- Dresden und 2012 in der TUI-Arena ziert wurde. Genau das war auch die Hannover, in Mannheim, Düsseldorf und Idee: Dass es nicht nur ein Strohfeuer München. Bislang gab es schon kleinere bleibt, sondern daraus mehr wächst. Aufführungen von Chören, die sich bei Wenn Sie mit Generationen singen und dem Großprojekt kennengelernt und für mit Events arbeiten, bekommen Sie Ju- weitere kleinere Aufführungen zusam- gendliche zum Singen und erreichen mengeschlossen haben. wieder das, was früher einmal mit der Hausmusik angedacht war. Das Event ist Die entscheidende Devise bei dem Groß- eine Chance, Leuten den Spaß an Chören projekt war, die Leute nicht zu unter- zu vermitteln, die heute keine Zeit mehr schätzen. Es ist schlimmer, die Leute zu für regelmäßige Proben haben. Meine ei- unterfordern, als sie zu überfordern, da genen Kinder machen übrigens auch sie sich sonst nicht ernst genommen füh- wieder Musik, seit wir sie überredet ha- len. Mit dem richtigen Warm-Up schafft ben, auf der Bühne zu spielen. Dadurch man es auch, dass jeder Bass bis zum werden sie wieder zum Üben motiviert. hohen E kommt. Wichtig bei Titeln mit Es muss gar keine große Bühne sein – es sehr hohen Tönen und großer Lautstärke reicht der Kaffeeklatsch bei einer Tante. ist, danach wieder Stellen einzubauen, an denen die Chöre entspannen können. Das Protokoll führte Paul Kruerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Dieter Falk: „Volkslieder go Rock“ – S. 3 / 3
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    Jahreskonferenz Musikland Niedersachsen 2010 Teilkulturen desSingens Über eine negative Veränderung des Singverhaltens nach 1945 gibt es nur ei Referent: Prof. Dr. Reinhard Kopiez, ne Studie von Dr. Ernst Klusen. (s. Abb. HMTMH 1, Klusen 1974, Umfrageergebnisse) Das Singen hat sich also in Abhängigkeit der Altersgruppe entwickelt und wir stel- Zu Beginn der Recherchen für diesen len einen Kohorteneffekt der musikali- Beitrag habe ich versucht, den Vitalitäts- schen Sozialisierung fest. Meines Wis- zustand des Singens abzubilden. sens ist dies der empirische Hinweis zur Verschiebung des Singakts hin in ver- Der Vitalitätszustand des Singens schiedene Teilbereichen des Singens. •! Projekt JEKISS Erste These: Das Singen hat sich in den (jedem Kind seine Stimme) – die letzten Jahren in Lebensbereiche des in- singende formellen Singens außerhalb von En- Grundschule in sembles und Chören verschoben. Münster Dabei handelt es sich um ganz normale zeitgeschichtliche Veränderungen. Diese erfordern neue Konzepte des Singens und stellen neue Anforderungen an die Man bekommt den Eindruck, dass es ei- Chorarbeit und Stimmpädagogik. Wie ne hohe Vitalität und Akzeptanz des Sin- Zahlen des Deutschen Musikinformati- gens bei allen Beteiligten gibt. Das Pro- onszentrums (MIZ) belegen, singen in blem ist jedoch, dass der Singstil und die Deutschland so viele Menschen organi- Singform stark altersgebunden sind, die siert, wie Berlin Einwohner hat, und die „heile Welt des Singens“ nicht repräsen- Zahlen bleiben aktuell konstant. (s. Abb. tativ ist und nur einen Teil der Wirklich- 2, MIZ) keit darstellt. Abb.1, Ergebnisse zur Frage nach dem Singverhalten bei Klusen, 1974 Abb.2, Quelle: MIZ Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 1 / 3
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    Es wäre interessantzu sehen, ob sich auch andere Stile des Singens vermit- das Durchschnittsalter in Chören im Lau- teln? Was wissen wir über die Bedeutung fe der Zeit erhöht hat, doch darüber sind des akustischen Lagerfeuers? Hier muss keine Daten verfügbar. Man kann aber mehr in Erfahrung gebracht werden. wohl sagen, das Singen mit anderen ist ein menschliches Grundbedürfnis und die Das traditionelle Stimmideal funktioniert soziale Funktion nimmt dabei einen wich- bei SingStar und im populären Bereich tigen Platz ein. nicht. Hier setzt sich die Mikrofonstimme durch. Doch es wird nicht nur traditionell im Chor gesungen. Einer der informellen Bereiche ist in den letzten Jahren enorm gewachsen: das Spiel SingStar. Der Pro- totyp des sogenannten akustischen La- gerfeuers, wie ich diesen Bereich be- zeichne, besteht aus einer PlayStation, Mikrofonen und einer Spiel-DVD. Im Neupreisbereich kostet dieses Paket ca. 400 Euro und weist damit auf eine hohe Investitionsbereitschaft hin, den dieses attraktive Spiel und ihr Spaßfaktor an- scheinend hervorzurufen vermag. Diese enorme Attraktivität liegt an der sozialen In der Theorie von SingStar geht es um Funktion des Spiels. Leute treffen sich musikalische Selbstsozialisation, also au- zum Beispiel zu einem SingStar- todidaktisches Lernen. 80 Prozent der Nachmittag. Nutzer sind Mädchen und das soziale Er- eignis von SingStar impliziert auch kom- Entscheidend ist, dass man zusammen petitives Verhalten. singt, dass die Lieder einen Vorspann haben und dass der Inhalt der Lieder Interessanterweise ähnelt das Schriftbild Bedeutung und Relevanz hat. Alles zu- der Notation von SingStar der histori- sammen bildet die Motivation für das schen, vorfranconischen Notation im 13. Spielen von SingStar. Es zeigt sich, dass Jahrhundert. soziale Online-Netzwerke wie Facebook große Popularität genießen – doch diese virtuellen Netzwerke können nicht ein reales soziales Netzwerk wie die kulturel- Das Schriftbild von SingStar le Praxis des SingStar-Spielens ersetzen. •! Der Bildschirm •! Historische Vorlage Vorfranconische Von 2004 bis 2008 wurden 12 Mio Ex- Notation (13. Jh.) emplare des Spiels im PAL-Bereich ver- kauft. Bis 2009 waren es 16 Mio Exem- plare. Es gibt 140.000 Nutzer des Sing- Stores. Das Singen verschwindet also nicht, es verschiebt sich lediglich in andere Berei- che. Nur erscheinen diese Bereiche in Die SingStar-Nutzer erwerben also un- keiner Chorstatistik. Es gibt dazu bisher bewusst Wissen über historische Notati- nur eine Studie und insgesamt relativ onsformen. Dies könnte ein erster An- wenig Forschung. satz sein, die Leute bei SingStar päd- agogisch abzuholen, indem man mit ih- Offene Fragen bleiben, wie: Wer nutzt nen gregorianische Choräle singt. Hier SingStar über die Jugendzeit hinaus? Ist gilt es also, kreative Ansätze zu entwic- es die Praxis so nachhaltig, dass sie zu keln, um die Menschen dort abzuholen, anderen Singformen führt? Oder ist es wo sie sich aufhalten. nur Unterhaltung ohne nachhaltige Wir- kung? Wie kann man Kinder dort päd- Eine schon etwas ältere Studie von Prof. agogisch abholen? Wie kann man ihnen Dr. Peter Brünger hat gezeigt, dass die Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 2 / 3
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    unbegleitete Belcanto-Stimme diege- ringste Akzeptanz bei Jugendlichen be- sitzt während die begleitete Popstimme die höchste Akzeptanz aufweist. Heutzu- tage gibt es zahlreiche Herausforderun- gen an das traditionelle Stimmideal wie Atemgeräusche, Knurrgesang, Grunzen, Flüstern und Schreien im Heavy Metal. Damit ist alles versammelt, was bezogen auf eine traditionelle Singweise auch ge- sundheitlich bedenklich scheint. Brünger behauptet, dass diese Singarten zu blei- benden Stimmschäden führen. Gepresste Singarten wie beim japanischen Kabu- Singstile der Jugendkultur besitzen auch kitheater und Screaming-Lehrgänge bei immer eine Distinktionsfunktion zur Er- professionellen Stimmcoaches zeigen je- wachsenenwelt. Für die Erwachsenen er- doch, dass mit der entsprechenden er- gibt sich hieraus eine große Anforderung, lernten Technik jahrelanges Singen die- damit verantwortungsvoll umzugehen. ser Art möglich ist. Der finnische Schrei- Für die Chormusik stelle sich die Fragen, chor und mongolischer Obertongesang welche Musik man mit den Jugendlichen sind weitere Beispiele dafür. macht und wo man sie abholt. ......................................................................................... Diskussion Teilnehmerbeitrag: Dadurch, dass kein homogenes Konstrukt, sie kann je- durch die Kinder im Haus oft eine Play- doch zur mikrofonierten Stimme abge- station vorhanden ist, spielen auch Er- grenzt werden. wachsene, SingStar. Bei SingStar han- delt es sich also nicht ausschließlich um Teilnehmerbeitrag: Wir sind auf so ei- eine jugendkulturelle Praxis. ner Tagung aufgefordert, uns auch selbst zu positionieren. Wir lachen zwar über Teilnehmerbeitrag: Das erwähnte „eu- diese neuen Stile, aber dieser Spaß sollte ropäische Stimmideal“ als solches ist auch im Alltag umgesetzt werden. Die nicht eindeutig definiert. Auch innerhalb Anerkennung aller dieser Stile ist ange- des Opern-Gesangs gibt es eine Vielzahl bracht. Wir müssen die Jugend vorbe- verschiedener Techniken und Stimm- haltlos dort ab holen, wo sie steht. ideale. Teilnehmerbeitrag und Dr. Kopiez: Antwort Dr. Kopiez: Im Vortrag wurde Die Unbedenklichkeit für den Singstil im dieser Begriff auf die traditionelle Art des Metal gilt nicht für den Inhalt. Musik ist Singens zugespitzt, um ihn als Folie zu nicht nur ästhetisch, sondern vermittelt benutzen. Die traditionelle Stimme ist auch Vorstellungen, zu denen wir durch- aus Position beziehen sollten. Das Protokoll führte Paul Krüerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Vortrag Prof. Kopiez: Teilkulturen d. Singens – S. 3 / 3
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    Jahreskonferenz Musikland Niedersachsen 2010 Podiumsdiskussion Klaus GeorgKoch: Aus der Vorbereitung durch die Tagungs- teilnehmer sind einige Hauptfragen her- vorgegangen: probiere Silben aus und lege die Worte Eine Frage betrifft Events: Wie organi- so, dass sie den Takt treffen, mache also siert man so etwas, was passiert danach alles, was auch im Gesang passiert – mit – d.h. können Events nachhaltig wirken dem Unterschied, dass ich nicht melo- – und braucht man so etwas überhaupt? disch die Töne wechsle. Es gibt im Rap aber eine große Bandbreite, die teilweise Andere Frage: Offenbar gibt es einen auch Melodien mit einschließt und es wä- großen Bedarf an angeleitetem Singen. re ignorant, zu sagen, Rap ist nur das Kinder, Jugendliche, Erwachsene singen eine und das andere nicht. gern, es hilft ihnen aber, wenn ihnen je- mand zeigt, wie es geht. Es gibt aber of- Koch: Herr Klügl, Sie haben mit Spax fenbar nicht genügend qualifizierte Leu- zusammen eine Rapoper gemacht. Was te, um mit bestimmten Gruppen wie et- hat das für Sie, der von der klassischen wa Kindern zu arbeiten. Was kann man Musik und dem Chorgesang her kommt, tun, um genügend ChorleiterInnen und bedeutet? StimmbildnerInnen auszubilden? Dr. Michael Klügl: Ich komme ja nicht Dritte Frage: Wie findet Popkultur Ein- nur vom klassischen Singen, ich hatte gang in unsere Arbeit, wo gibt es An- z.B. mal eine Bluesband. Mit sechs Jah- knüpfungspunkte? Was passiert, wenn ren habe ich mit gregorianischen Chorä- wir die Jugendlichen „haben“ – sollen wir len angefangen. Mit neun Jahren habe sie wieder zum „richtigen“ Singen holen? ich dann im Kinderchor gesungen und mit 15 den ersten Chor gegründet. Über eine „klassische“ Art von Singen zu re- Spax, Sie singen anders als die meisten den, macht keinen Sinn. Singen ist un- Leute hier im Saal... mittelbarer Ausdruck von seelischen Zu- ständen. Dafür ist es total egal, ob die Spax: Ja, ich rappe, mache Sprechge- Stimme ausgebildet oder mikrofoniert ist sang. Das hat nichts mit Singen und Tö- oder ob ich rappe. In diesem Zusam- ne treffen zu tun, sondern ich mache nur menhang fiel es leicht, eine Rapoper zu Rhythmus und Text. Aber es ist nicht so machen, da die Leute dabei aneinander einfach, wie man denken könnte. gelernt haben und aufeinander Lust hat- ten. Das Spezielle am Gesang ist, dass Koch: Würden Sie sagen, dass es eine es sich um einen seelischen Vorgang bestimmte Art von Gesang ist oder ist es handelt und jede Stimme auch Ausdruck einfach Rap? eines persönlichen Zustands ist. Alles, was wir an Gesang und Singen in den Spax: Das ist eine schwierige Frage. Ich Körper hinein tun, kriegen wir nie mehr mache da eine Trennung, wobei ich den wieder heraus. Das ist sehr komplex und Begriff Rap auch immer als eine Haltung macht uns gleichzeitig aus. Wir haben dahinter sehe, nicht nur als Handlung. auch immer Opernsänger, die Lust auf Jeder kann rappen, aber wenn jemand, populäre Musik haben und Musicals ma- der eigentlich Sänger ist, rappt, ist er chen. Zum Beispiel hatte ein Sänger an kein Rapper. Natürlich ist es aber auch der Oper in Linz vor seinem Engagement Gesang, denn ich spreche zu Musik, ich dort 800 Mal Cats am Broadway gesun- Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 1 / 5
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    gen. Ein objektivesBild darüber, welches Falk: Ja, wenn Sie schreien, müssen Sie Singen wertvoll ist und was nicht, gibt es sich am Riemen reißen, das ist körperli- nicht. che Anstrengung. Das hat auch bei den Älteren funktioniert, aber sie brauchen jemanden, der sie anspornt und “vor- schreit”. Spax: Sehe ich es richtig, dass Rap hier als Fremdkörper gesehen wird? Falk: Ja, in der Chormusik schon. Spax: Ich finde Rap nicht kompliziert. Da ist Text und Takt. Das muss doch mit 2.500 Leuten gehen. Eine Überartikulati- on muss doch da nicht sein. Falk: In dieser Halle mit dem entspre- chendem Hall müssen Sie es so machen. Koch: Frau Zeserson, Sie arbeiten im Nordosten Englands mit sehr diversen Gruppen zusammen. Das Angebot von The Sage Gateshead richtet sich an un- terschiedliche Gruppen unterschiedlicher Koch: Herr Falk, Sie haben sich in Ihrer Herkunft. Haben Sie auch den Ehrgeiz, Vortrags-Performance stark für das mi- verschiedene Singstile und Artikulati- schen von Stilen und Techniken ausge- onsweisen zu integrieren? sprochen. In Ihrem Musical von den „10 Geboten“ mischen Sie verschiedene Sti- Katherine Zeserson: Wir arbeiten mit le. Wie brachten Sie die Leute – beson- Menschen unterschiedlichsten Alters. ders die LaienchorsängerInnen –, denen Außerdem denken wir kulturelle Unter- diese Stile nicht alle geläufig waren, da- schiede auf verschiedenen Ebenen mit. zu, so zu singen? Unser Ziel ist, das Singen und die Musik den Menschen als Kommunikations- und Dieter Falk: Zu Herrn Klügl: Stimmen Entwicklungsplattform anzubieten. Und berühren, sind emotional. Egal ob beim aus diesem Grund sind wir sehr offen für Chanson oder in der Oper – die Stimme jede Art von Vorschlägen, jede Art von muss berühren, und jeder Sänger ent- musikalischen Einflüssen aus verschie- scheidet, wo er berührt wird. Den mei- denen Kulturen usw. In diesem Sinn ver- sten Applaus hat beim letzten Schulkon- suchen wir auch, sehr klar zwischen Stil zert, bei dem ich war, ein Mädchen be- und Technik zu unterscheiden. Es gibt kommen, das einen Chanson gesungen nur eine Art von Musik, die wir nicht be- hat. reit sind, auf unseren Bühnen zu präsen- Wie bekomme ich Leute dazu, Rap- tieren oder beizubringen: Schlechte Mu- Passagen zu sprechen? Mit 2500 Leuten sik. kann man nicht rappen. Aber die Sprechpassagen waren große Herausfor- Wir haben ein HipHop-Projekt, in dem derungen, weil sie für viele eine Grenz- viele junge Menschen aus unterschiedli- überschreitung darstellten. Doch ich ha- cher Herkunft zusammen Graffitikunst be den Eindruck, dass besonders Ältere machen. Wir haben die größte legale Spaß daran hatten, viele Silben extrem Graffiti-Wand in England und es kommen zu artikulieren. Künstler von überall her, um dort zu ar- beiten. Viele der jungen Menschen kom- Koch: Singen wird dann auch körperlich men aus dem Gefängnis bzw. aus den erfahrbar, als sportliche Herausforderung Fängen der Polizei. Also bringen wir die ... besten DJs und Rapper zu uns, um mit Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 2 / 5
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    ihnen zu arbeiten.Die Frage ist bei uns immer, was die Leute tun wollen und was sie am besten können. Wir haben bei unseren Beobachtungen gelernt, dass wir keine Musik-Institution sind – wir sind eine Leute-Institution. Die Frage der Mischung ist eine Frage von Menschen. Der Maler hat die Palette mit den Farben. Manchmal ist es sehr inter- essant, nur blau zu malen, wie Picasso. Manchmal wollen wir ein Bild mit allen Regenbogenfarben sehen. Und manch- mal experimentieren wir mit verschiede- nen Farbkombinationen. Aber eigentlich Koch: Herr Klügl und Spax, hat Ihre mischen wir nie alle Farben zusammen, Rapoper auch so funktioniert? denn sie ergeben zusammen ein hässli- ches Braun. Genauso glauben wir auch, Klügl: Unser Projekt hat mir Vorberei- dass die musikalischen Sprachen und tungszeit zwei Jahre gedauert. Es gibt Stile so unterschiedlich wie die Menschen auch einen Film und ein Making-of. Dort sind. Interessant ist, wie man die Men- wird dokumentiert, wie es entstanden ist schen und Sprachen miteinander kombi- und wie man die Jugendlichen auch aus niert. schwierigen sozialen Verhältnissen ein- gebunden hat und wie sie eine große Koch: Was passiert in dem HipHop- Entwicklung durchlaufen haben. Wir ha- Projekt? ben eine Choreografin und ein pädagogi- sches Team dabei gehabt. Es war viel Zeserson: Wir befinden uns gerade mit- Arbeit, aber auch viel Spaß und es gab ten in diesem Projekt. Jeden März haben einen tollen Ertrag, auch für die Jugend- wir ein internationales Jazzfestival auf lichen. unserem Gelände. Wir bereiten ein gro- ßes Projekt in Zusammenarbeit mit ame- Spax: Seit es Rap gibt, wird man leider rikanischen Jazzmusikern vor, das dort in eine Schublade gesteckt: “Bist du eher aufgeführt wird. Außerdem arbeiten wir Fettes Brot oder Fanta 4 oder Bushido?” mit einem großen britischen Beatboxer. Die Berichterstattung stuft Rap meistens Ein Jugendchor und die jungen Leute der als Unterschichtenmusik ein und die HipHop-Akademie schreiben Raptexte, Möglichkeit, jetzt einmal mit vermeintli- die die Jazzband mit nach New York in cher Hochkultur zu arbeiten und sich eine Schule nimmt. Die Jugendlichen auszutauschen, war sehr spannend. Es dort arbeiten mit der Band zusammen, gab nun die Möglichkeit, den Jugendli- um die Musik für die Texte zu schreiben chen etwas zu zeigen, was total großar- und schicken die Musik zurück nach Eng- tig ist, nämlich, dass Musik eben Musik land. In The Sage Gateshead wird die ist und keine Grenzen kennt, dass dabei Musik dann von der Jazzband aufgeführt einfach nur Spaß entstehen muss. Die und 25 Jugendliche aus New York wer- Leute hat es einfach erwischt. Ich habe den dazu nach England kommen. Thema improvisiert und sie fanden es cool. der Arbeit, über die auch ein Film ent- Dann hat die Opernsängerin gesungen steht, ist die U-Bahn. und wir waren ergriffen zu sehen, dass die Jugendlichen nicht mehr in Kategori- Viele der jungen Leute haben eine elek- en denken. tronische Fußfessel. Wenn sie also die Bedingungen brechen, kommen sie zu- Eine Schwierigkeit bestand darin, dass rück ins Gefängnis. Doch darüber wird wir altes Textmaterial umarbeiten muss- nicht gesprochen und das interessiert ten. Aus diesem Grund finde ich das auch niemanden. Wir wollen genau diese englische Projekt spannend, bei dem die Leute auf der Bühne haben, und wollen, einen den Text schreiben und andere die dass sie auf der Bühne fantastisch sind. Musik. Für die Jugendlichen war die Es geht hier in der Musik nicht um Stile, Schwierigkeit bei der Oper, den klassi- sondern um Menschlichkeit. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 3 / 5
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    schen Inhalt indie Neuzeit zu transferie- Koch: Mir ist nun klar geworden, dass ren. Die Auseinandersetzung mit alten wir Singen weniger von der Ebene der Dingen und der anderen Kultur, dabei vermittelten Bedeutungen her bestim- aber mit doch recht vertrauten Inhalten, men, sondern eher nach der Erfahrung, hat ihnen gezeigt, dass das Leben ein die es vermittelt: Es passiert mit den immer wiederkehrende Zyklus ist und Leuten etwas, wenn sie an Singprojekten dass wir mit Rap ein klassisches Thema teilnehmen. Herr Falk, was haben die neu bearbeiten können. Das auf die Chöre mitgenommen und hat sich bei Bühne zu bringen, war eine große Erfah- den Sängerinnen durch die Mitwirkung rung für alle Beteiligten. an den „10 Geboten“ etwas verändert? Falk: Meiner Erfahrung nach sind Freundschaften entstanden und das Stück wurde selbstständig auf kleinere Zusammenhänge herunter gebrochen. Bei solchen Events mit langem Vorlauf haben alle viel Spaß am Proben, doch am Schönsten ist es, wenn sie es danach aufführen. Für die Chorarbeit nach dem Event und dem Hype bleibt mehr Dyna- mik und mehr Energie, die sie mitbe- kommen haben durch das Event. Die Chorleiter und Sänger geben mehr in den Chören – deswegen bin ich auch für Events. Koch: Frau Zeserson, streben Sie bei Ih- ren Projekten Langzeitwirkungen an? Was haben Sie bisher beobachten kön- nen? Zeserson: Es ist wichtig, Zeit zu haben. Wir versuchen unsere Arbeit so zu konzi- pieren, dass es „Flüsse“ gibt, also konti- Koch: Gab es Langzeitwirkungen? Was nuierliche Angebote zum Lernen und zur konnten Sie über das Ende des Projekts Weiterentwicklung an verschiedenen hinaus beobachten? Wochentagen. Aber dann gibt es auch die Momente, wo Steine in den Fluss ge- Klügl: Danach haben wir dann „Rhein- worfen werden. Unser Direktor nennt es gold – der Film“ gedreht und hier waren „herausragende Momente“. Diese kön- schon einige „Nachfolgetäter“ dabei. Es nen ein Ziel vorgeben, wo die Leute sich gibt einige, die inzwischen bei verschie- hinbewegen. Nach dem Event geht es denen Stücken mitwirken. Letztens ha- dann weiter den Fluss hinunter, zusam- ben wir bei einer Oper für Jugendliche men mit den Erfahrungen aus dem einen Chor gegründet, der mit ganz an- Event. Um das zu gewährleisten, machen deren Jugendlichen aus sozial schwieri- wir nur Events oder Kooperationen, gen Verhältnissen in sechswöchiger Pro- wenn sichergestellt ist, dass ein Team benarbeit eine großartige Oper zustande aus deren Bereich sich selbst weiterbildet gebracht hat. Die Jugendlichen bleiben um den begonnenen Weg weiterzuge- Freunde über die Projekte hinaus. Plötz- hen. Dadurch garantieren wir, dass die lich wollen Jugendliche Sängerin werden Erfahrungen aus dem Event in die Zeit und öffnen sich Unbekanntem. Die Ju- danach mitgenommen werden. Außer- gendlichen singen wahnsinnig gern und dem sind wir dadurch zu einer Art Weg- gehen nach der Probe noch eine Cola weiserorganisation geworden, die nach trinken und nerven dann die Leute in der einem Event die Leute informiert, wo Kneipe mit dem Gesang. und wie sie sich weiter einbringen kön- nen. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 4 / 5
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    Spax: Ich habedazu nicht so viel hinzu- ben wir ein sehr praktisches Ziel: Wir zufügen. Es wird immer von Nachhaltig- müssen ein Finanzierungsmodell finden, keit gesprochen. Aber ich sehe Events das funktioniert. Weil wir eine große Or- immer auch als Initialzündung. Bei der ganisation sind, werden wir als Bench- Rapoper waren die drei ausverkauften markorganisation gesehen. Damit haben Vorstellungen einfach ein Abschluss für wir eine große Verantwortung. Wir müs- die Zeit, die sie erlebt haben. Solche sen unseren Kollegen in kleineren Orga- Events haben auch immer eine Außen- nisationen helfen. Die Frage ist also, wie wirkung, die wichtig ist, damit auch wei- wir die drei Dinge zusammenbekommen: terhin Projekte gefördert werden. Für die Soziale Zielsetzung, musikalische Exzel- Förderung brauchen wir leider auch im- lenz und finanzielle Sicherheit. Denn wir mer etwas, ein Ziel, das am Ende steht. verlieren ständig öffentliche Mittel. Die Ich finde, Events sind definitiv wichtig. Gefahr ist, dass wir aus finanziellen Die Frage ist nur, ob es immer ein Pro- Gründen die soziale Zielsetzung verlie- jekt sein muss, wie groß und für wen es ren. Also ist meine Aufgabe, einen Weg sein soll. Für andere Jugendliche ist es in schwierigen wirtschaftlichen Zeiten zu super, die Jugendlichen dann auf der weisen. Der Schlüssel dafür liegt in der Bühne zu sehen, und sie haben auch das Arbeit der Graswurzel-Community. Die Bedürfnis, von Eltern und Lehrern beju- Großorganisation muss Energie und Im- belt zu werden. Ich bin ein Befürworter pulse an die kleinen Organisationen wei- von Events. tergeben, sodass diese in fünf Jahren sagen können, dass alle drei Ziele erfüllt Koch: Herr Falk, wie geht es weiter mit werden. Das ist der Plan. Wir sind in der dem Singen? Wird die Mundorgel weiter Lage, Singen wirklich zum Vorreiterme- orgeln? dium von Musikvermittlung zu machen. Wir erstellen eine aussagekräftige Stel- lungnahme für die Regierung, die zeigt, wie das Singen im Leben der Kinder auf- genommen wird – und wir haben einige Beweise dafür. Koch: Vielen Dank für Ihre Diskussions- beiträge. Ein Wort noch zum Abschluss: Wir haben in diesen zwei Tagen viele An- regungen erfahren und viel diskutiert, und ich hoffe, dass wir davon auch etwas in unsere eigene Arbeit einbringen, dort anwenden und weiter entwickeln kön- nen. Die Idee der Musikland-Konferenzen Falk: Die Zukunft des Singens fängt dort ist, dass Leute, die sich für Musik enga- an, wo das Singen nach Kindergarten, gieren, zusammenkommen, um über die Schule und Schulchor die Jugendlichen Fragen zu diskutieren, die sich in ihrem verlässt. Da muss es Projekte geben, bei musikalischen Leben stellen. Und wir denen Jugendliche wieder gemeinsam wollen Wege und Projekte aufzeigen. Ei- zum Singen gebracht werden. Das geht ne wichtige Frage war zum Beispiel die meiner Meinung nach vor allem durch nach der Qualifikation für die musikali- ambitionierte Eliteprojekte, die etwas sche Arbeit mit Kindern, wo wir überle- vormachen und durchs Land touren. Ich gen müssen, wie wir den Bedarf an aus- hatte die Oslo Soul Teams erwähnt. Sie gebildeten ChorleiterInnen und Stimm- ziehen durch die Lande und überall ent- bildnerInnen decken. Wir als Musikland stehen Nachahmerchöre. Das wäre das werden dem nachgehen. Ich bedanke Zukunftssingen für Konfirmanden bis ins mich herzlich bei den Mitdiskutanten, Twen-Alter. und ich bedanke mich bei Ihnen, liebe TeilnehmerInnen – ohne Ihre engagierte Koch: Frau Zeserson, was sind Ihre Zie- Teilnahme wäre der Erfolg der Jahres- le für die nächsten fünf Jahre? konferenz nicht möglich. Sie haben dazu beigetragen, dass es eine interessante Zeserson: Für die nächsten 5 Jahre ha- Tagung geworden ist. Das Protokoll führte Paul Kruerke. Musikland Niedersachsen – Jahreskonferenz 2010 – „Singen“ – Podiumsdiskussion – S. 5 / 5