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14. Juni 2017 M. Jaun Seite 1 / 5
Taalance
Wo gibt es noch frei verfügbare Fachkräfte?
Der Fachkräftemangel erhöht die Schwierigkeit qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Es genügt häu-
fig nicht mehr, ein Stelleninserat zu publizieren. Arbeitgeber müssen aktiver vorgehen: potente Per-
sonengruppen ausmachen und zielgruppengerecht ansprechen. Damit stellt sich die Frage, in wel-
chen Bevölkerungsgruppen noch verfügbares, qualifiziertes Personal zu finden ist.
Arbeitsangebot, Erwerbstätige und Nichterwerbstätige in der Schweiz im Jahr 2015:
Arbeitsangebot
5‘982‘450
Erwerbstätige
4‘890‘098
 Vollzeiterwerbstätige 3‘363‘234
 Teilzeiterwerbstätige 1‘526‘864 (davon 338‘280 Unterbeschäftigte)
Nicht-
Erwerbstätige
1‘092‘352
 Erwerbslose 216‘708
- Arbeitslose 142‘810
- Andere 73‘898
 Nichterwerbspersonen 875‘644
Alle aufgelisteten Gruppen bieten Rekrutierungspotential und werden in diesem Text behandelt. Die
Thematisierung der Vollzeiterwerbstätigen beschränkt sich auf die Findung von Überqualifizierten.
Zuerst werden die Potentiale unter den Erwerbslosen dargelegt. Danach wird die Gruppe der Arbeits-
losen und anschliessend mehrere spezielle Gruppen wie Pensionierte, Mütter, Flüchtlingen etc. be-
schrieben. Am Schluss werden Überlegungen zur Analyse von Bewerberdossiers angestellt.
Erwerbslose
Die Quote der Erwerbstätigen (des arbeitstätigen Teils der Bevölkerung) liegt in der Schweiz im inter-
nationalen Vergleich auf hohem Niveau. Sie nimmt zudem in allen Altersklassen fortlaufend zu. Selbst
bei Personen im Rentenalter ist ein Anstieg der Erwerbsbeteiligung zu beobachten. Unter anderem
zeichnet sich der Fachkräftemangel in diesen Fakten ab. Die Erwerbslosenquote (ein Gegenstück zur
Erwerbstätigenquote) betrug im vergangenen Jahr tiefe 4.6%. Als „Erwerbslose“ werden Personen
ohne Arbeit bezeichnet, wenn sie aktiv auf Arbeitssuche sind. Rekrutierungsbemühungen setzen am
besten in den grössten, passenden Gruppen von Erwerbslosen an.
Erstaunlicherweise hat die Quote der Erwerbslosen in den letzten Jahren trotz dem Anstieg der Er-
werbstätigkeit leicht zugenommen. Das weist darauf hin, dass zusätzliche Personen arbeiten möch-
ten. Eine Analyse zeigt, dass die ausländische Bevölkerung, wie auch die 40-54 und insbesondere
die 55-64jährigen verstärkt auf Stellensuche sind.
Die Erwerbslosenquote beträgt unter den 15-24 Jährigen 8.4%. Dieser Prozentsatz nimmt mit zu-
nehmendem Alter ab, bis er unter den 55-64 Jährigen noch bei 3.7% liegt. Unter Ausländern sind
diese Prozentsätze zwei bis drei Mal höher als unter Schweizern. Frauen – speziell die mit Kindern
unter 6 Jahren - sind etwas häufiger erwerbslos als Männer.
Von den erwerbslosen Schweizern weisen rund 81% und von der ausländischen Bevölkerung rund
60% einen Sekundarabschluss II oder einen Tertiärabschluss aus. Nach dem Bildungsstand grup-
14. Juni 2017 M. Jaun Seite 2 / 5
piert, bilden Schweizerinnen und ausländische Männer mit einem Sekundarabschluss II die grössten
Gruppen.
Männer sowie ausländische Frauen suchen vor allem Vollzeitstellen, während Schweizer Frauen
mehrheitlich Teilzeitstellen nachfragen.
Der Prozentsatz an Erwerbslosen ist in der Westschweiz und im Tessin fast doppelt so hoch wie in
der Deutschschweiz.
Bürokräfte und verwandte Berufe, Dienstleistungsberufe und Verkäufer/innen, Handwerks- und ver-
wandte Berufe sowie Anlagen- und Maschinenbediener/innen, Montierer/innen sind unter den Er-
werbslosen verhältnismässig stark vertreten.
Arbeitslose
Arbeitslose und zwischenzeitlich Beschäftigte werden zum Begriff der „Stellensuchenden“ zusam-
mengefasst. Im Jahr 2015 waren 200‘973 Stellensuchende auf den RAV angemeldet. Die Stellensu-
chenden sind in etwa deckungsgleich mit den in obiger Tabelle aufgeführten „Erwerbslosen“.
Entgegen der allgemeinen Vorstellung sind auf den RAV zahlreiche qualifizierte Personen angemel-
det. Unter der ausländischen Bevölkerung besitzen 29% einen Sekundarabschluss II mit mindestens
einem EFZ (Lehre). 17% haben sogar einen Tertiärabschluss vorzuweisen. 55% der Schweizer und
Schweizerinnen haben innerhalb der Sekundarstufe II mindestens einen Lehrabschluss (EFZ) und
23% einen Tertiärabschluss. Das sind insgesamt 128‘000 Personen!
Dauert die Stellensuche länger als die Kündigungsfrist, melden sich eben auch qualifizierte Personen
auf einem RAV an. Diese sind über die Internetseite www.treffpunkt-arbeit.ch auffindbar. Über die
Menüpunkte „Arbeitgeber“ und „Kandidaten suchen“ kann jedermann einen Suchlauf starten. Ent-
deckt man eine geeignete Person, ist über „Kontaktdaten anzeigen“ die Telefonnummer des zustän-
digen RAV erhältlich. Bei diesem kann man den vollständigen Lebenslauf anfordern und danach al-
lenfalls die Person direkt kontaktieren.
Ältere Arbeitskräfte
Wie die Grafik zeigt, sinkt die Erwerbs-
quote bei den 55-64jährigen gegenüber
der vorangehenden Altersgruppe. Ist
die Erwerbsquote dieser Altersgruppe
tiefer, weil diese Menschen freiwillig
aus dem Arbeitsmarkt aussteigen oder
weil sie ihre Stelle verloren haben? Ein
Viertel nannte persönliche Gründe,
nicht erwerbstätig zu sein. Mehrheitlich
handelte es sich um Frauen, welche
zum Teil bereits früher keiner Erwerbs-
tätigkeit nachgegangen waren. Die
untenstehende Abbildung führt alle in
der Befragung angegebenen Gründe
auf.
14. Juni 2017 M. Jaun Seite 3 / 5
Für Arbeitgeber interessant sind insbesondere die „vorübergehend arbeitsunfähigen Personen“ und
diejenigen, welche „keine Chance auf dem Arbeitsmarkt“ sehen. Das ergibt ein Potential von 12%
oder 29‘600 Personen. Ältere Personen können gut zum Arbeiten gewonnen werden, wenn ihre Zeit-
souveränität gewährleistet und der Produktionsdruck nicht zu gross ist.
Der Anteil an Personen mit tertiärer Ausbildung wird in der Gruppe der 55-64jährigen bis 2025 um
weitere 8 Prozentpunkte auf 40% anwachsen. Diese Verschiebung unterstreicht den wachsenden
Beitrag älterer Arbeitskräfte zur Deckung der Nachfrage nach hochqualifizierten Fachkräften.
Pensionierte
Das effektive Rentenalter hat im Jahr 2015 bei den Frauen 64.8 und bei den Männern 66.0 Jahre
erreicht. Die Erwerbstätigenquote von Personen im Alter von 65-69 Jahren lag in der Schweiz 2014
bei 22% und damit leicht unter dem OECD Durchschnitt von 24%.
Pensionierte arbeiten bevorzugt Teilzeit. Der Beschäftigungsgrad sinkt mit Erreichen des Pensionsal-
ters deutlich unter 50% ab.
Mit der speziellen Statistik „Potenzielle zusätzliche Arbeitskräfte“ zeigt das Bundesamt für Statistik
auf, dass es insbesondere unter den über 65 Jährigen Personen hat, die nicht aktiv auf Arbeitssuche
sind, aber eine passende Arbeit durchaus akzeptieren würden.
Unterbeschäftigte Teilzeitangestellte
Teilzeitarbeit nimmt bei Frauen wie Männern zu. Sie dürfte in Zukunft noch wichtiger werden. Im Jahr
2015 belief sich die Zahl der Teilzeitbeschäftigten auf 1‘5 Millionen. Darunter befanden sich jedoch
332‘000 Unterbeschäftigte, d.h. Personen mit dem Wunsch, innerhalb von drei Monaten eine Arbeit
mit höherem Pensum anzunehmen. Unter Frauen ist dieser Wunsch deutlich stärker ausgeprägt als
unter Männern; speziell die 40-54jährigen Frauen möchten mehr arbeiten. Der Anteil an Unterbe-
schäftigten ist zudem unter den 15-24jährigen und den über 65jährigen gross. Bei der ausländischen
Bevölkerung ist der Wunsch nach einem höheren Beschäftigungsgrad generell, vor allem aber unter
Frauen präsent.
Freelancer, Künstler, Sportler und Studenten
Diese Gruppen suchen Teilzeitstellen mit möglichst flexiblen Bedingungen. Gerade Freelancer sind
froh, einen bestimmten Teil ihres Einkommens mit einer Teilzeitanstellung sicherstellen zu können.
Sie, wie auch Sportler, Künstler und Studenten suchen Arbeitsstellen mit möglichst flexiblen Arbeits-
zeiten, damit sie ihrer Leidenschaft nachgehen können.
14. Juni 2017 M. Jaun Seite 4 / 5
Mütter
Vier Fünftel der Mütter nahmen im Jahr 2015 am
Arbeitsmarkt teil. Diese starke Beteiligung geht
Hand in Hand mit der Verbreitung der Teilzeitar-
beit. Im Jahr 2015 übten 80.6% der Mütter ihre
Erwerbstätigkeit mit einem reduzierten Beschäfti-
gungsgrad aus. 18% aller Teilzeit arbeitenden Müt-
ter sind jedoch unterbeschäftigt. Je älter die Kinder
sind, umso wahrscheinlicher ist die Unterbeschäf-
tigung. Unter den unterbeschäftigten Müttern wei-
sen 17% einen Abschluss auf Sekundarstufe II und
15% einen auf Tertiärstufe aus.
Jede fünfte Mutter (152‘000) nimmt nicht am Ar-
beitsmarkt teil. Unter diesen befinden sich rund
22‘000 Akademikerinnen. Diese Situation scheint
meistens gewollt zu sein, denn fast keine von
ihnen ist aktiv auf Stellensuche. Als Grund werden
von drei Vierteln dieser Mütter die Kinderbetreuung
oder andere familiäre Verpflichtungen genannt.
Über die Hälfte der Mütter wäre bereit, zu arbeiten,
falls sich eine interessante Gelegenheit böte. Wei-
tere Details hierzu weist die Grafik aus:
Trotz des Fachkräftemangels haben gut qualifizierte Frauen mit kleinen Kindern Mühe, eine geeigne-
te Stelle zu finden. Für diese Mütter fehlen Teilzeitstellen mit tiefen und mittleren Pensen. Sie können
die Familienpflichten nicht in Einklang mit Erfordernissen der Arbeit bringen: sie verfügen über keine
Kinderbetreuung oder kommen mit ungeeigneten/unberechenbaren Arbeitszeiten nicht zurecht.
Eine Studie zu familienfreundlicher Unternehmenspolitik zeigt auf, dass die Einführung gezielter Mas-
snahmen wirtschaftlich sinnvoll ist. Durch die häufigere Rückkehr der Mütter nach dem Mutter-
schaftsurlaub in den Betrieb, die Ermöglichung von höheren Pensen beim Wiedereinstieg und die
Ermöglichung von qualifizierten Berufslaufbahnen trotz familiären Aufgaben lässt sich ein Einsparpo-
tential realisieren, das deutlich über den notwendigen Aufwendungen für eine familienorientierte Per-
sonalpolitik liegt.
Jugendliche
Jugendliche sind aus unterschiedlichsten Gründen für kurze Zeit ohne Arbeit. Zur Rekrutierung inte-
ressant sind diejenigen Jugendlichen, welche ihre Ausbildung abgeschlossen haben und ihre erste
Arbeitsstelle suchen. Sie findet man über www.treffpunkt-arbeit.ch.
Auch zu den 15-24jährigen vermerkt das Bundesamt für Statistik, dass etliche bereit wären eine pas-
sende Stelle zu akzeptieren, auch wenn sie nicht aktiv auf Stellensuche sind.
Temporärarbeitende
Der Umsatz der Temporärbranche wächst jährlich um rund 20%. Die Zahl der temporär Arbeitenden
nimmt also rasch zu. 2014 arbeiteten 315‘000 Personen temporär. 68% von ihnen hatten eine Berufs-
lehre abgeschlossen. Viele Lehrabgänger nehmen zuerst einen Temporärjob an. Die Temporärarbei-
tenden verteilen sich gleichmässig auf die verschiedenen Sektoren: 39% sind im Dienstleistungssek-
tor aktiv, 37% in der Industrie und 24% im Baugewerbe. Wichtig ist: 77% der temporär Arbeitenden
möchten in eine Festanstellung wechseln!
14. Juni 2017 M. Jaun Seite 5 / 5
Ausländische Personen: Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene
Die Möglichkeit qualifizierte Migrantinnen und Migranten beizuziehen, wird wenig thematisiert. Dabei
ist deren Potential mit schätzungsweise 50’000 Personen hoch. Qualifizierte Migranten gehen im
Vergleich zu Schweizern dreimal häufiger einer Arbeit nach, für die sie überqualifiziert sind. In dieser
Gruppe stecken also noch beträchtliche Reserven. Diese Personen dürfen beschäftigt werden und
der Staat unterstützt Arbeitgeber hierbei mit Beratung.
Eine Studie des HEKS zum Thema „Hindernisse und Hilfestellungen bei der Nutzung von inländi-
schem Fachkräftepotential“ ging der Frage nach, welche Hindernisse den Arbeitseinsatz von vier
Personengruppen erschweren, die besonders häufig von Arbeitslosigkeit oder einer Unternutzung
ihres Potentials betroffen sind: ältere Erwerbspersonen, sozial benachteiligte Jugendliche, Hochquali-
fizierte aus Drittstaaten sowie Niedrigqualifizierte. Die Resultate zeigen, dass die grosse Mehrheit der
Arbeitgeber ein Potential in den vier Gruppen erkennt, um dem Fachkräftemangel in ihrer Branche zu
begegnen.
Möglichkeiten zur Personalsuche:
 HEKS „Im Kleinen Grosses bewirken“
 Powercoders: Programm zur Ausbildung von Flüchtlingen in Programmierung
Bessere Auswertung eingegangener Bewerbungsdossiers
Jede Rekrutierung ist ein Risiko. Trotz sorgfältigem Auswahlprozess kann es zu einer unpassenden
Stellenbesetzung kommen. Rekrutierer sind daher auf Sicherheit bedacht und suchen nach Zeichen,
die auf ein Risiko hinweisen. Das birgt die Gefahr, dass während dem Selektionsprozess trotz profes-
sioneller Haltung Vorurteile unterbewusst präsent sind. Einige dieser Vorurteile seien hier zur Illustra-
tion aufgeführt:
 Wer lange selbständig gearbeitet hat, kann sich nicht mehr in ein Unternehmen integrieren.
 Wer mit einer Anstellung eine Lohneinbusse in Kauf nehmen muss, wird nicht lange zufrieden sein
und bald wieder wechseln.
 Wer mehrere, längere Auszeiten genommen hat, ist anstrengender Arbeit abgeneigt.
 Misserfolge sind Beweise für Schwächen. Gegenüber Selbständigen mit einem Konkurs, Ange-
stellten mit Stellenverlust oder Personen mit negativer „Presse“, ist Vorsicht angebracht.
Gerade auch bezüglich jüngeren und älteren Mitarbeitenden gibt es zahlreiche Vorurteile. Solche
Grundsätze beeinflussen Rekrutierer bei ihrer Arbeit negativ. Gelingt es ihnen sich über ihre eigenen
Vorurteile bewusst zu werden, können sie sich freier Gedanken zu den Vorteilen ungewöhnlicher Kar-
riereverläufe machen. Das führt zu einer neugierigen, unvoreingenommenen Haltung. In der Folge
erhalten mehr Dossier die A-Beurteilung.
Quelle
Statistiken von https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb.html
© Markus Jaun, Spiez

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  • 1. 14. Juni 2017 M. Jaun Seite 1 / 5 Taalance Wo gibt es noch frei verfügbare Fachkräfte? Der Fachkräftemangel erhöht die Schwierigkeit qualifiziertes Personal zu rekrutieren. Es genügt häu- fig nicht mehr, ein Stelleninserat zu publizieren. Arbeitgeber müssen aktiver vorgehen: potente Per- sonengruppen ausmachen und zielgruppengerecht ansprechen. Damit stellt sich die Frage, in wel- chen Bevölkerungsgruppen noch verfügbares, qualifiziertes Personal zu finden ist. Arbeitsangebot, Erwerbstätige und Nichterwerbstätige in der Schweiz im Jahr 2015: Arbeitsangebot 5‘982‘450 Erwerbstätige 4‘890‘098  Vollzeiterwerbstätige 3‘363‘234  Teilzeiterwerbstätige 1‘526‘864 (davon 338‘280 Unterbeschäftigte) Nicht- Erwerbstätige 1‘092‘352  Erwerbslose 216‘708 - Arbeitslose 142‘810 - Andere 73‘898  Nichterwerbspersonen 875‘644 Alle aufgelisteten Gruppen bieten Rekrutierungspotential und werden in diesem Text behandelt. Die Thematisierung der Vollzeiterwerbstätigen beschränkt sich auf die Findung von Überqualifizierten. Zuerst werden die Potentiale unter den Erwerbslosen dargelegt. Danach wird die Gruppe der Arbeits- losen und anschliessend mehrere spezielle Gruppen wie Pensionierte, Mütter, Flüchtlingen etc. be- schrieben. Am Schluss werden Überlegungen zur Analyse von Bewerberdossiers angestellt. Erwerbslose Die Quote der Erwerbstätigen (des arbeitstätigen Teils der Bevölkerung) liegt in der Schweiz im inter- nationalen Vergleich auf hohem Niveau. Sie nimmt zudem in allen Altersklassen fortlaufend zu. Selbst bei Personen im Rentenalter ist ein Anstieg der Erwerbsbeteiligung zu beobachten. Unter anderem zeichnet sich der Fachkräftemangel in diesen Fakten ab. Die Erwerbslosenquote (ein Gegenstück zur Erwerbstätigenquote) betrug im vergangenen Jahr tiefe 4.6%. Als „Erwerbslose“ werden Personen ohne Arbeit bezeichnet, wenn sie aktiv auf Arbeitssuche sind. Rekrutierungsbemühungen setzen am besten in den grössten, passenden Gruppen von Erwerbslosen an. Erstaunlicherweise hat die Quote der Erwerbslosen in den letzten Jahren trotz dem Anstieg der Er- werbstätigkeit leicht zugenommen. Das weist darauf hin, dass zusätzliche Personen arbeiten möch- ten. Eine Analyse zeigt, dass die ausländische Bevölkerung, wie auch die 40-54 und insbesondere die 55-64jährigen verstärkt auf Stellensuche sind. Die Erwerbslosenquote beträgt unter den 15-24 Jährigen 8.4%. Dieser Prozentsatz nimmt mit zu- nehmendem Alter ab, bis er unter den 55-64 Jährigen noch bei 3.7% liegt. Unter Ausländern sind diese Prozentsätze zwei bis drei Mal höher als unter Schweizern. Frauen – speziell die mit Kindern unter 6 Jahren - sind etwas häufiger erwerbslos als Männer. Von den erwerbslosen Schweizern weisen rund 81% und von der ausländischen Bevölkerung rund 60% einen Sekundarabschluss II oder einen Tertiärabschluss aus. Nach dem Bildungsstand grup-
  • 2. 14. Juni 2017 M. Jaun Seite 2 / 5 piert, bilden Schweizerinnen und ausländische Männer mit einem Sekundarabschluss II die grössten Gruppen. Männer sowie ausländische Frauen suchen vor allem Vollzeitstellen, während Schweizer Frauen mehrheitlich Teilzeitstellen nachfragen. Der Prozentsatz an Erwerbslosen ist in der Westschweiz und im Tessin fast doppelt so hoch wie in der Deutschschweiz. Bürokräfte und verwandte Berufe, Dienstleistungsberufe und Verkäufer/innen, Handwerks- und ver- wandte Berufe sowie Anlagen- und Maschinenbediener/innen, Montierer/innen sind unter den Er- werbslosen verhältnismässig stark vertreten. Arbeitslose Arbeitslose und zwischenzeitlich Beschäftigte werden zum Begriff der „Stellensuchenden“ zusam- mengefasst. Im Jahr 2015 waren 200‘973 Stellensuchende auf den RAV angemeldet. Die Stellensu- chenden sind in etwa deckungsgleich mit den in obiger Tabelle aufgeführten „Erwerbslosen“. Entgegen der allgemeinen Vorstellung sind auf den RAV zahlreiche qualifizierte Personen angemel- det. Unter der ausländischen Bevölkerung besitzen 29% einen Sekundarabschluss II mit mindestens einem EFZ (Lehre). 17% haben sogar einen Tertiärabschluss vorzuweisen. 55% der Schweizer und Schweizerinnen haben innerhalb der Sekundarstufe II mindestens einen Lehrabschluss (EFZ) und 23% einen Tertiärabschluss. Das sind insgesamt 128‘000 Personen! Dauert die Stellensuche länger als die Kündigungsfrist, melden sich eben auch qualifizierte Personen auf einem RAV an. Diese sind über die Internetseite www.treffpunkt-arbeit.ch auffindbar. Über die Menüpunkte „Arbeitgeber“ und „Kandidaten suchen“ kann jedermann einen Suchlauf starten. Ent- deckt man eine geeignete Person, ist über „Kontaktdaten anzeigen“ die Telefonnummer des zustän- digen RAV erhältlich. Bei diesem kann man den vollständigen Lebenslauf anfordern und danach al- lenfalls die Person direkt kontaktieren. Ältere Arbeitskräfte Wie die Grafik zeigt, sinkt die Erwerbs- quote bei den 55-64jährigen gegenüber der vorangehenden Altersgruppe. Ist die Erwerbsquote dieser Altersgruppe tiefer, weil diese Menschen freiwillig aus dem Arbeitsmarkt aussteigen oder weil sie ihre Stelle verloren haben? Ein Viertel nannte persönliche Gründe, nicht erwerbstätig zu sein. Mehrheitlich handelte es sich um Frauen, welche zum Teil bereits früher keiner Erwerbs- tätigkeit nachgegangen waren. Die untenstehende Abbildung führt alle in der Befragung angegebenen Gründe auf.
  • 3. 14. Juni 2017 M. Jaun Seite 3 / 5 Für Arbeitgeber interessant sind insbesondere die „vorübergehend arbeitsunfähigen Personen“ und diejenigen, welche „keine Chance auf dem Arbeitsmarkt“ sehen. Das ergibt ein Potential von 12% oder 29‘600 Personen. Ältere Personen können gut zum Arbeiten gewonnen werden, wenn ihre Zeit- souveränität gewährleistet und der Produktionsdruck nicht zu gross ist. Der Anteil an Personen mit tertiärer Ausbildung wird in der Gruppe der 55-64jährigen bis 2025 um weitere 8 Prozentpunkte auf 40% anwachsen. Diese Verschiebung unterstreicht den wachsenden Beitrag älterer Arbeitskräfte zur Deckung der Nachfrage nach hochqualifizierten Fachkräften. Pensionierte Das effektive Rentenalter hat im Jahr 2015 bei den Frauen 64.8 und bei den Männern 66.0 Jahre erreicht. Die Erwerbstätigenquote von Personen im Alter von 65-69 Jahren lag in der Schweiz 2014 bei 22% und damit leicht unter dem OECD Durchschnitt von 24%. Pensionierte arbeiten bevorzugt Teilzeit. Der Beschäftigungsgrad sinkt mit Erreichen des Pensionsal- ters deutlich unter 50% ab. Mit der speziellen Statistik „Potenzielle zusätzliche Arbeitskräfte“ zeigt das Bundesamt für Statistik auf, dass es insbesondere unter den über 65 Jährigen Personen hat, die nicht aktiv auf Arbeitssuche sind, aber eine passende Arbeit durchaus akzeptieren würden. Unterbeschäftigte Teilzeitangestellte Teilzeitarbeit nimmt bei Frauen wie Männern zu. Sie dürfte in Zukunft noch wichtiger werden. Im Jahr 2015 belief sich die Zahl der Teilzeitbeschäftigten auf 1‘5 Millionen. Darunter befanden sich jedoch 332‘000 Unterbeschäftigte, d.h. Personen mit dem Wunsch, innerhalb von drei Monaten eine Arbeit mit höherem Pensum anzunehmen. Unter Frauen ist dieser Wunsch deutlich stärker ausgeprägt als unter Männern; speziell die 40-54jährigen Frauen möchten mehr arbeiten. Der Anteil an Unterbe- schäftigten ist zudem unter den 15-24jährigen und den über 65jährigen gross. Bei der ausländischen Bevölkerung ist der Wunsch nach einem höheren Beschäftigungsgrad generell, vor allem aber unter Frauen präsent. Freelancer, Künstler, Sportler und Studenten Diese Gruppen suchen Teilzeitstellen mit möglichst flexiblen Bedingungen. Gerade Freelancer sind froh, einen bestimmten Teil ihres Einkommens mit einer Teilzeitanstellung sicherstellen zu können. Sie, wie auch Sportler, Künstler und Studenten suchen Arbeitsstellen mit möglichst flexiblen Arbeits- zeiten, damit sie ihrer Leidenschaft nachgehen können.
  • 4. 14. Juni 2017 M. Jaun Seite 4 / 5 Mütter Vier Fünftel der Mütter nahmen im Jahr 2015 am Arbeitsmarkt teil. Diese starke Beteiligung geht Hand in Hand mit der Verbreitung der Teilzeitar- beit. Im Jahr 2015 übten 80.6% der Mütter ihre Erwerbstätigkeit mit einem reduzierten Beschäfti- gungsgrad aus. 18% aller Teilzeit arbeitenden Müt- ter sind jedoch unterbeschäftigt. Je älter die Kinder sind, umso wahrscheinlicher ist die Unterbeschäf- tigung. Unter den unterbeschäftigten Müttern wei- sen 17% einen Abschluss auf Sekundarstufe II und 15% einen auf Tertiärstufe aus. Jede fünfte Mutter (152‘000) nimmt nicht am Ar- beitsmarkt teil. Unter diesen befinden sich rund 22‘000 Akademikerinnen. Diese Situation scheint meistens gewollt zu sein, denn fast keine von ihnen ist aktiv auf Stellensuche. Als Grund werden von drei Vierteln dieser Mütter die Kinderbetreuung oder andere familiäre Verpflichtungen genannt. Über die Hälfte der Mütter wäre bereit, zu arbeiten, falls sich eine interessante Gelegenheit böte. Wei- tere Details hierzu weist die Grafik aus: Trotz des Fachkräftemangels haben gut qualifizierte Frauen mit kleinen Kindern Mühe, eine geeigne- te Stelle zu finden. Für diese Mütter fehlen Teilzeitstellen mit tiefen und mittleren Pensen. Sie können die Familienpflichten nicht in Einklang mit Erfordernissen der Arbeit bringen: sie verfügen über keine Kinderbetreuung oder kommen mit ungeeigneten/unberechenbaren Arbeitszeiten nicht zurecht. Eine Studie zu familienfreundlicher Unternehmenspolitik zeigt auf, dass die Einführung gezielter Mas- snahmen wirtschaftlich sinnvoll ist. Durch die häufigere Rückkehr der Mütter nach dem Mutter- schaftsurlaub in den Betrieb, die Ermöglichung von höheren Pensen beim Wiedereinstieg und die Ermöglichung von qualifizierten Berufslaufbahnen trotz familiären Aufgaben lässt sich ein Einsparpo- tential realisieren, das deutlich über den notwendigen Aufwendungen für eine familienorientierte Per- sonalpolitik liegt. Jugendliche Jugendliche sind aus unterschiedlichsten Gründen für kurze Zeit ohne Arbeit. Zur Rekrutierung inte- ressant sind diejenigen Jugendlichen, welche ihre Ausbildung abgeschlossen haben und ihre erste Arbeitsstelle suchen. Sie findet man über www.treffpunkt-arbeit.ch. Auch zu den 15-24jährigen vermerkt das Bundesamt für Statistik, dass etliche bereit wären eine pas- sende Stelle zu akzeptieren, auch wenn sie nicht aktiv auf Stellensuche sind. Temporärarbeitende Der Umsatz der Temporärbranche wächst jährlich um rund 20%. Die Zahl der temporär Arbeitenden nimmt also rasch zu. 2014 arbeiteten 315‘000 Personen temporär. 68% von ihnen hatten eine Berufs- lehre abgeschlossen. Viele Lehrabgänger nehmen zuerst einen Temporärjob an. Die Temporärarbei- tenden verteilen sich gleichmässig auf die verschiedenen Sektoren: 39% sind im Dienstleistungssek- tor aktiv, 37% in der Industrie und 24% im Baugewerbe. Wichtig ist: 77% der temporär Arbeitenden möchten in eine Festanstellung wechseln!
  • 5. 14. Juni 2017 M. Jaun Seite 5 / 5 Ausländische Personen: Flüchtlinge und vorläufig Aufgenommene Die Möglichkeit qualifizierte Migrantinnen und Migranten beizuziehen, wird wenig thematisiert. Dabei ist deren Potential mit schätzungsweise 50’000 Personen hoch. Qualifizierte Migranten gehen im Vergleich zu Schweizern dreimal häufiger einer Arbeit nach, für die sie überqualifiziert sind. In dieser Gruppe stecken also noch beträchtliche Reserven. Diese Personen dürfen beschäftigt werden und der Staat unterstützt Arbeitgeber hierbei mit Beratung. Eine Studie des HEKS zum Thema „Hindernisse und Hilfestellungen bei der Nutzung von inländi- schem Fachkräftepotential“ ging der Frage nach, welche Hindernisse den Arbeitseinsatz von vier Personengruppen erschweren, die besonders häufig von Arbeitslosigkeit oder einer Unternutzung ihres Potentials betroffen sind: ältere Erwerbspersonen, sozial benachteiligte Jugendliche, Hochquali- fizierte aus Drittstaaten sowie Niedrigqualifizierte. Die Resultate zeigen, dass die grosse Mehrheit der Arbeitgeber ein Potential in den vier Gruppen erkennt, um dem Fachkräftemangel in ihrer Branche zu begegnen. Möglichkeiten zur Personalsuche:  HEKS „Im Kleinen Grosses bewirken“  Powercoders: Programm zur Ausbildung von Flüchtlingen in Programmierung Bessere Auswertung eingegangener Bewerbungsdossiers Jede Rekrutierung ist ein Risiko. Trotz sorgfältigem Auswahlprozess kann es zu einer unpassenden Stellenbesetzung kommen. Rekrutierer sind daher auf Sicherheit bedacht und suchen nach Zeichen, die auf ein Risiko hinweisen. Das birgt die Gefahr, dass während dem Selektionsprozess trotz profes- sioneller Haltung Vorurteile unterbewusst präsent sind. Einige dieser Vorurteile seien hier zur Illustra- tion aufgeführt:  Wer lange selbständig gearbeitet hat, kann sich nicht mehr in ein Unternehmen integrieren.  Wer mit einer Anstellung eine Lohneinbusse in Kauf nehmen muss, wird nicht lange zufrieden sein und bald wieder wechseln.  Wer mehrere, längere Auszeiten genommen hat, ist anstrengender Arbeit abgeneigt.  Misserfolge sind Beweise für Schwächen. Gegenüber Selbständigen mit einem Konkurs, Ange- stellten mit Stellenverlust oder Personen mit negativer „Presse“, ist Vorsicht angebracht. Gerade auch bezüglich jüngeren und älteren Mitarbeitenden gibt es zahlreiche Vorurteile. Solche Grundsätze beeinflussen Rekrutierer bei ihrer Arbeit negativ. Gelingt es ihnen sich über ihre eigenen Vorurteile bewusst zu werden, können sie sich freier Gedanken zu den Vorteilen ungewöhnlicher Kar- riereverläufe machen. Das führt zu einer neugierigen, unvoreingenommenen Haltung. In der Folge erhalten mehr Dossier die A-Beurteilung. Quelle Statistiken von https://www.bfs.admin.ch/bfs/de/home/statistiken/arbeit-erwerb.html © Markus Jaun, Spiez