wirks   Magazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at




                                        «Fülle»
                                                         Service und Orientierung für Menschen in der Wirtschaft.
                                                         Heute:
                                                         • Cradle-to-cradle, die nächste industrielle Revolution -
                                                            Idee, Kritik und Interviews mit Albin Kälin und
                                                            Reinhard Backhausen
                                                         • Management und Füllebewusstsein
                                                         • Akteure des Wandels
                                                         • ... und andere nützliche Texte
Titelbild:
Guido Zehetbauer-Salzer
LöwenZähne
Wachau, 2008
Acryl auf Leinen
120 x 120 cm
erstmals präsentiert April 2009 im ZS art KunstRaum
www.zsart.at
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        Editorial
        von Harald Koisser


        Der Sommerbeginn hat uns heuer,           der Notwendigkeit eines Füllebewusst-     werden. An Lärm und Tempo hatten
        trotz regenerischen Bedingungen, in       seins im Management und sehen, wie        wir genug, jetzt ist die Zeit von Reife
        Wallung gebracht. wirks wollte in die     die Pioneers of Change, ein Lern- und     und Besinnung. Zeit für wirks.
        Welt. wirks ist ein Magazin für Zu-       Werdegang für AkteurInnen des Wan-
        kunftskompetenz und richtet sich an       dels, aus einer Fülle von Ideen zu-
        Wirtschaftstreibende. Es soll jenen,      kunftstaugliche Projekte entwickeln.
        welche in Zeiten des Wandels die
        Ökonomie in die Zukunft führen müs-       Fülle! Von diesem Zustand ist die
        sen, Service und Orientierung bieten.     erste Ausgabe von wirks getränkt.
                                                  Es ist soviel da, was Mut macht. Fülle!
        Service und Orientierung – nichts wird    Ein Zustand, der nun vom Sommer
        gerade jetzt so sehr gebraucht, wo        eingeläutet wird. Die Natur begibt sich
        Unsicherheit, Fundamentalismus und        in ihre satte, überschäumende Periode.
        Okkultismus erblühen. Wir unterstüt-      Sie ist in voller Entfaltung. Nichts
        zen die positiven Kräfte des Wandels      weniger schien uns als Leitthema für
        und leuchten journalistisch die Zukunft   diese erste Ausgabe angemessen.
        aus.
                                                  Wir folgen mit der Erscheinungsweise
        Unser Scheinwerferlicht fällt dabei auf   von wirks dem Naturjahr und seiner
        auf nichts weniger als „die nächste       jeweiligen Qualität, somit jenem
        industrielle Revolution“, wie ein Prin-   natürlichen Rhythmus, der den indu-
        zip namens Cradle-to-cradle gerne         strialisierten Menschen und ihren öko-
        euphorisch genannt wird. Produkte         nomischen Prozessen abhanden
        sollen so gestaltet werden, dass sie      gekommen ist. Dass das Magazin
        niemals zu Abfall werden und man sie      „nur“ vier Mal pro Jahr herauskommt,
        plötzlich – horribile dictu – sinnvoll    darf als Zeichen jener Rückbesinnung
        verschwenden kann. Wir erfahren von       auf natürliche Rhythmen verstanden




                                                                                                                                                   Editorial zur
                                                                                                                                      ersten Ausgabe von wirks
                                                                                                                                                        Seite 3
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        Inhalt
        Cradle-to-cradle
        • Cradle-to-cradle, das natürlichste Prinzip der Welt                                                                      fünf
        • „Abfall existiert nicht“ - Interview mit Albin Kälin, dem Entdecker des C2C-Prinzips                                  sieben
        • C2C Geschichte                                                                                                         zwölf
        • „Denkende Stof fe“ - Interview mit Reinhard Backhausen                                                             dreizehn
        • Die C2C-Community (Auswahl an C2C-Produkten und -Dienstleistungen)                                                 siebzehn
        • Ameise, Regenwurm und Berggorilla                                                                                 neunzehn
        • Cradle-to-cradle, die nächste Sau, die man durch das globale Dorf treibt?                                    einundzwanzig
        • Bin ich kreislauffähig? (satirische Anmerkung)                                                           siebenundzwanzig

        Gaia: Zeit der Fülle                                                                                         achtundzwanzig

        Ein Bewusstsein von Fülle - Interview mit Wolfgang Stabentheiner, Begründer der Future-Methode                         dreißig

        Tipps                                                                                                          vierunddreißig

        Akteure des Wandels
        • Pioneers of Change                                                                                         sechsunddreißig
        • Natur und Kunststoff - das muss kein Widerspruch sein (kompostierbare Flaschen und Frischhaltebeutel)      neununddreißig

        Für Sie gelesen - Theorie der Unbildung und die Parabel des Schachpielers aus Hermann Hesses Steppenwolf               vierzig

        Begriff & Erhellung                                                                                           zweiundvierzig

        Kunst - In der Schaudeponie (Upcycling: wie aus Müll Produkte mit Ewigkeitswert werden)                        vierundvierzig

        Über uns                                                                                                     sechsundvierzig
        Impressum                                                                                                   siebenundvierzig
Cradle-to-cradle – das
natürlichste Prinzip der Welt
Was mit einem schicken englischen Modebegriff daher kommt, beschreibt nichts als das natürlichste Prinzip
der Welt. Der Mensch erinnert sich an sich selbst. Text von Harald Koisser



Was ist cradle-to-cradle? Eine Wort-     läufe, sei es, dass sie total verrottbar   schreibt letztlich nichts als das natür-
schöpfung des deutschen Chemikers        sind und zB. als Dünger verwendet          lichste Prinzip der Welt, welches der
Michael Braungart, basierend auf einer   werden können („biologische Nähr-          Chemiker Hanswerner Mackwitz „das
Idee des Schweizer Textilkaufmanns       stoffe“), sei es, dass sie nach Ge-        vielseitige schöpferische Vermögen der
Albin Kälin. Während alle Produkte,      brauch wieder zu Ausgangsmaterial          Natur“ nennt, welches „respektvoll
welche der Mensch herstellt, „von der    von anderen Produkten werden               annerkannt und genutzt“ werden
Wiege ins Grab“ (cradle-to-grave)        („technische Nährstoffe“). Die Idee in     möge. Es gelte, Diversität zu feiern.
führen, weil alles irgendwann immer      Kürze: Abfall = Nährstoff. Wobei auch      Die Erde ist so aufgebaut, dass alle
auf Mülldeponien landet, möge man        diese Formel schon falsch ist, wie         Stoffströme sich in ewigen Kreisläufen
sich die Natur zum Vorbild nehmen,       Braungart anmerkt, weil man den            befinden. Eine kleine Insel im Univer-
wo niemals Abfall anfällt und immer      Terminus „Abfall“ gänzlich aus dem         sum muss nolens volens mit dem aus-
alles wiederverwertet wird. Alles, was   Vokabular streichen sollte. Es soll        zukommen, was da ist. Ein bisschen
endet, ist wieder Nährstoff für etwas    nichts mehr geben, was man als Abfall      Zufuhr an Metall von außen gibt es ab
Neues. Stoffe reisen somit „von der      bezeichnen kann. Zahlreiche Projekte       und zu, wenn ein Meteor auf der
Wiege zu Wiege“ (cradle-to-cradle).      zeigen, dass das machbar ist. Jüngstes
Nach diesem natürlichen Prinzip soll     Beispiel: die österreichische Firma        C2C - ein Etikett für das 3,5 Mrd
der Mensch seine Welt gestalten.         Backhausen hat ihre Produktion kom-        Jahre alte Betriebssystem der Erde
                                         plett nach cradle-to-cradle ausgerich-
Es geht hier nicht um Downcycling        tet.                                       Erdoberfläche einschlägt, aber mehr
oder Resteverwertung, sondern um                                                    Geschenke des Universums darf man
eine hundertprozentige Wiederein-        Was hier mit einem schicken engli-         sich nicht erwarten. Die Natur ist
bringung von Stoffen in neue Kreis-      schen Modebegriff daher kommt, be-         Meisterin im Verwerten. Alles was




                                                                                                                               Cradle-to-cradle
                                                                                                                                        Seite 5
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                   vergeht, geht ein und auf in etwas          Selbstverständlichste unter einem zeit-
                   anderem. Sondermülldeponien gibt es         geistigen Markennamen neu verkau-
                   in der Natur keine. „Cradle-to-cradle“      fen müssen. Cradle-to-cradle ist nichts,
                   ist somit bloß ein Etikett, welches auf     was erfunden wurde, es ist keine
                   das seit 3,5 Milliarden Jahren erfolgrei-   Innovation, es ist die Erinnerung des
                   che Betriebssystem dieses Planeten          Menschen an sich selbst, sein Télos.
                   geklebt wird. So wie auf eine Banane        Diesen griechischen Begriff kann man
                   ein Markenname geklebt wird, als            mit „Ziel“ übersetzen. Jeder Mensch
                   hätte „Chiquita“ die Banane erfunden        hat sein Ziel, doch nicht in dem Sinne
                   und erzeugt.                                wie ein Manager Ziele hat, sondern
                                                               im Sinne von Zweckbestimmtheit.
                   Der Mensch entdeckt, dass er                Dieser Télos lässt sich nicht erschaffen,
                   Bestandteil der Natur ist                   er ist stets da und kann nur erinnert
                                                               und wieder-gefunden werden. C2C ist
                   Es ist das zweifelhafte Privileg des        die Wiederentdeckung des Umstandes,
                   Menschen, etwas unwiderbringlich            dass der Mensch Bestandteil der Natur
                   von dieser Lebenskugel zu entfernen.        ist, einer Natur, die in endlosen Kreis-
                   So weit sind wir also, dass wir uns         läufen agiert, weil dies die einzige
                   selbst das Allernatürlichste und            Möglichkeit ist zu bestehen.




Cradle-to-cradle
Seite 6
„Abfall existiert nicht“
 Harald Koisser im Gespräch mit Albin Kälin, dem Pionier einer Denkungsart, die sich „Cradle to Cradle“
 (C2C) nennt und von der man sich nicht weniger als „die nächste industrielle Revolution“ (so der deutsche
 Chemiker Michael Braungart) verspricht.


 Herr Kälin, Sie haben das weltweit          ten drei Jahre beraten. Die Holländer     Konsumenten zu treten, das wissen
 erste Cradle to Cradle Projekt durch-       wissen jetzt wie es geht. Jetzt kommt     wir alle. Es erweist sich, dass Cradle to
 geführt, was ist Cradle to Cradle           der nächste Schritt. In der Region        Cradle somit auch die Unternehmens-
 überhaupt ?                                 Stuttgart, München, Wien, Mailand,        kommunikation ändert. Das Unter-
                                             Lyon, dem industrielle Herz Europas,      nehmen wird eine andere Partner-
 Cradle to Cradle ist ein Denken in          wollen wir innovative Unternehmen         schaft eingehen mit den Kunden, weil
 Kreisläufen. Man sollte Produkte            mit C2C vertraut machen.                  man wissen muss, wohin die Produkte
 machen, wo die Materialien so defi-                                                   verkauft werden. Und von den Liefer-
 niert sind, dass sie sicher sind für bio-   Um präzise zu fassen, was Cradle to       anten muss man wissen, was sie in ein
 logische oder technische Kreisläufe.        Cradle ist: Es ist eigentlich ein Tool,   Produkt, das man selbst weiterverar-
 Wir dürfen keinen Rohstoffe verlieren,      welches sich auf stofflicher Ebene        beitet, hinein tun.
 nichts darf jemals Abfall werden. Das       bewegt, und dort eine völlig neue
 bedingt, dass wir auch ein anderes          Antwort versucht, welche darin            C2C macht Schluss damit, immer nur
 Wirtschaften aufbauen müssen.               besteht, dass ein Material, was immer     den billigsten Rohstoff zu verwenden
                                             es auch sein mag, niemals zu Abfall
 Ich habe das allererste Cradle to           wird.                                     Wenn man in Kreisläufen denkt und
 Cradle - Produkt überhaupt gemacht.                                                   sein eigenes Produkt zum Wiederver-
 Das war 1993. Mittlerweile ist die Idee     Die Philosopie besteht darin, dass        werten zurück erhält, dann muss man
 sehr populär geworden, insbesondere         Abfall gar nicht existiert. Wir reden     nicht mehr unbedingt den billigsten
 in Holland. Holland möchte ein Cradle       nicht einmal von Abfall, wir reden von    Rohstoff einzusetzen, sondern kann
 to Cradle-Land werden, weil sie sich in     Nährstoffen. Biologische Nährstoffe,      jenen verwenden, der sich am besten
 einer Krise befinden. Sie haben in dem      technische Nährstoffe. Da stellen sich    für Kreislaufwirtschaft eignet.
 Al Gore-Film gesehen, dass ihr Land         neue Herausforderungen in allem:
 plötzlich nicht mehr auf der Landkarte      Engineering, Marketing, Kommuni-          All die Kunststoffe, die wir heute ken-
 war. Das schien der Regierung keine         kation, ...! Wenn ich Rohstoffe in ewi-   nen, sind ja nicht in Hinblick auf meh-
 tolle Perspektive. Man hat zukunfts-        gen Kreisläufen bewege, dann muss         rere Leben entwickelt worden. Darum
 taugliche Ansätze gesucht und ist auf       ich Produkte nach ihrer Verwendung        reden wir heute von Recycling oder
 Cradle to Cradle gestoßen. Die wollen       vom Konsumenten zurückbekommen.           Downcycling. Das Neue besteht darin,
 nun die ganze Infrastruktur im Land         Sonst gehen sie für den Kreislauf ver-    Kunststoffe zu entwickeln, die ein ewi-
 kreislauffähig gestalten. Um dorthin zu     loren. Wie schwierig es für ein Unter-    ges Leben haben können bei gleich-
 kommen, haben wir das Land die letz-        nehmen ist, in direkten Dialog mit den    bleibender Qualität. Dann verlieren wir              Cradle-to-cradle
                                                                                                                                   Interview mit Albin Kälin
                                                                                                                                                     Seite 7
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                            den Rohstoff und seine Eigenschaften       ist. Altpapier hat zum Teil chemische      Sie sagen, das erste C2C-Projekt
                            nicht. Das ist auch ein enormer finan-     Substanzen, die nicht sicher sind für      stammt aus dem Jahr 1993.
                            zieller Anreiz.                            biologische Systeme. Wir haben die         Was war das?
                                                                       Qualität dieses Toilettenpapiers ver-
                            Protagonisten der chemischen Indus-        bessert, indem wir einen Recycling-        Das war ein Möbelbezugsstoff, primär
                            trie würden Ihnen widersprechen oder       betrieb gefunden haben, der das            aus Wolle und aus Ramie, einer
                            zumindest skeptisch sein. Wir sitzen       Ausgangsmaterial verbessert hat. Aber      Bastfaser. Die hatte eine spezielle
                            hier in einem Raum mit Möbel, wir          ein Papierrecyclingbetrieb kann auch       Funktion: klimatisiertes Sitzen, also,
                            haben Kleidung an, vor uns steht ein       nicht einfach so sagen: okay, ich liefe-   dass man weniger schwitzt, und das
                            Mikrofon mit einem Computer. Über-         re besseres Ausgangsmaterial für dein      hat man dann auch so konzipiert, dass
                            all ist Technik und vor allem Chemie       Toilettepapier. Die sind ja auch wieder    es sicher in biologische Kreisläufe
                            drinnen. Kriegt man sie da überall         auf Rohstoff angewiesen, auf jenes         geführt werden konnte, - auch die
                            auch wieder raus ?                         Altpapier, das wir alle wegschmeißen.      Farbstoffe. Da gab es zuerst großen
                                                                       Da haben wir u.a. eine Bank gefun-         Widerstand der Farbstoffchemie. Aber
                            Es geht nicht darum, Chemie rauszu-        den, die aus Datenschutzgründen viele      schließlich haben sie alle Daten offen
                            kriegen. Wir brauchen die richtige         Akten, also Papier, zur Vernichtung        gelegt und wir sahen: von 1.600
                            Chemie.                                    bringt. Wir konnten zwischen Bank,         Farbstoffen konnten wir gerade einmal
                                                                       Recyclingbetrieb und Toilettepapier-       16 verwenden, also 1 %.
                            Es geht nicht darum, die Chemie raus-      hersteller einen sinnvollen Kreislauf
                            zukriegen. Das ist genau der Punkt.        herstellen. Man schafft so neue Opor-      Unser Ziel war, essbare Textilien zu
                            Wir müssen die richtige Chemie ein-        tunitäten, die auch wirtschaftlich sehr    machen. Warum essbar? Weil immer
                            setzen. Also Chemie, die sicher ist für    förderlich sind.                           Abrieb entsteht und Fasern in die Luft
                            Mensch und Umwelt, für biologische                                                    kommen, inhaliert sie der Mensch. Das
                            und technische Systeme. Wenn eine          Es hätte also auf keinen Fall gereicht,    war 1993 ziemlich verrückt. Freunde
                            Substanz sicher ist für ein biologisches   zum Produzenten des Toilettenpapiers       von mir haben gesagt, da kommt der
                            System, dann ist es richtig. Dann ist es   zu gehen und ihm eine Umstellung           „Komposti“. Das wollte ich überhaupt
                            vereint mit der Natur. Dann brauchts       der Produktion auf C2C-Standard            nicht sein, ich bin auch nicht grün.
                            keine Regulierung mehr. Wir alle sind      schmackhaft zu machen. Weil er dann        Aber man hat auch erst ein Wording
                            erzogen worden, dass wir eigentlich        gesagt hätte: „Schön und gut, Herr         finden müssen.
                            immer das Negative in den Vorder-          Kälin, nur wo bekomme ich nicht
                            grund rücken, und das ist genau das        kontaminierten Rohstoff her?“              Wie haben Sie denn den allerersten
                            Interessante an Cradle to Cradle. Es ist                                              Auftraggeber davon überzeugen
                            positiv definiert. Wir alle sind erzogen   Es genügt nicht, eine Firma zu über-       können zu diesen mutigen, eigentlich
                            worden, linear zu denken statt in          zeugen. Man braucht die ganze Kette.       auch riskanten Schritt. Es geht ja doch
                            Kreisläufen.                                                                          um die Umstellung einer Produktion.
                                                                       Eben, genau das ist dieses System-
                            Wir haben ein Projekt in Holland, wo       denken über diese ganzen Lieferket-        Stimmt, es war ein kolossales Umden-
                            es um Toilettenpapier ging. Für die        ten, diese Stoffströme, da muss man        ken in der Produktion, denken Sie nur
                            Herstellung verwendet man Altpapier,       vernetzt denken. Es genügt eben            an die Färberei. Der Betrieb war in der
Cradle-to-cradle            wo eigentlich die falsche Chemie drin      nicht, nur einen Partner zu überzeu-       Schweiz, südlich vom Bodensee, dem
Interview mit Albin Kälin                                              gen, man braucht die ganze Kette.
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größten Trinkwasserreservoir von           ist, weil man über die Kompostierung      Es ist sehr interessant zu hören, dass,
Europa. Wir haben das hinbekommen,         den Kreislauf schließen kann. Bei         wenn man sich einmal auf Cradle to
dass die Färberei das Abwasser ohne        Backhausen war es viel komplexer,         Cradle eingelassen hat, sich in Folge
Klärung abführen konnte. Es hatte          weil man die Kompostierbarkeit gleich     das Denken und Handeln ganz auto-
den Status von Trinkwasser. Das war        einmal vergessen konnte. Flammhem-        matisch ändern, - ändern müssen. Auf
phänomenal.                                mende Fasern sind nun einmal aus          einmal entsteht so etwas wie eine
Ja, wie überzeugt man einen Kunden?        Kunststoff. Ein biologischer Kreislauf    kooperative Wirtschaft.
Im vorhinein weiß man ja nicht, was        schied somit aus, wir mussten einen
für ein Erfolg das sein kann. Den Kun-     technischen Kreislauf schaffen. Wenn      Das ist ein schöner Begriff. Es geht
den haben wir nicht primär in Europa       etwas nicht kompostierbar ist, also       darum, ein neues Verständnis zu ent-
gefunden, sondern im Land der unbe-        von der Natur aufgenommen werden          wickeln und gemeinsam am Markt
grenzten Möglichkeiten. Die haben          kann, dann muss es endlos in techni-      erfolgreich zu sein.
einfach etwas gewagt und es war ein        schen Kreisläufen gehalten werden.
Erfolg. Wir haben 19 internationale                                                  Im Prinzip schafft es auch ein neues
Auszeichnungen erhalten und dann           Ein einzelner Betrieb kann das nie        Denken der Konsumenten.
kam plötzlich die Nachfrage vom            schaffen. Man braucht Volumen. Und
Markt. Wir hatten dem ersten Kunden        damit Kooperation.                        Das ist das Herausragende an Cradel
allerdings Exklusivität des Konzeptes                                                to Cradel, dass man plötzlich ver-
versprochen und haben nun zu disku-        Backhausen macht das, indem er            schwenderisch sein kann. Stoffe wer-
tieren begonnen. Wir argumentierten,       heute eine Rücknahmegarantie für alte     den in Kreisläufen geführt, also ich
dass das, wenn es einen derart tollen      Stoffe abgibt, um sie der Wiederauf-      kann nach Lust und Laune damit
biologischen Effekt hat, alle anderen      bereitung zuführen zu können.             umgehen, es kommt immer wieder
auch machen müssen. Wir haben ihn          Backhausen ist auch bereit, sein          zurück und es richtet keinen Schaden
gefagt, ob er nicht auch Mitbewerber       Know-how an die Mitbewerber zu            an weil es positiv definiert ist.
hätte, die fair sind. Er hat schließlich   geben, einfach weil man Volumen
eingewilligt und die Mitbewerber           braucht. Je mehr sichere Produkte am      Wenn man sich das alles anhört und
haben das übernommen, und haben            Markt sind, desto sicherer bekommt        bedenkt, dass das erste Projekt 1993
auf allen ihren Musterkarten hinge-        man tauglichen Nährstoff für die Pro-     durchgeführt worden ist - und wir
schrieben, dass die Initiative durch       duktion. Ein einzelner Betrieb kann das   schreiben jetzt das Jahr 2010 - dann
jene Firma gekommen ist. So haben          nie schaffen. Das eröffnet neue Ge-       fragt man sich, wieso eigentlich nichts
alle gewonnen.                             schäftsmöglichkeiten in der Zukunft,      passiert ist bis jetzt, warum eigentlich
                                           z.B. können sich Partner zu einem         Cradle to Cradle immer noch wie eine
Jetzt, 17 Jahre später, haben wir ein      Konsortium zusammenschließen und          Art Geheimwissenschaft gehandelt
Beispiel aus Österreich. Backhausen        einem großen Abnehmer ein gemein-         wird ?
hat die Produktion unter Ihrer Be-         sames Angebot machen. Und die wer-
ratung auch in diesem Sinne umge-          den diese Produkte nicht mehr verkau-     Ja, das frustriert mich auch, um ehrlich
stellt, darf man sich das jetzt ähnlich    fen, sondern z.B. für fünf Jahre ver-     zu sein, aber seit Januar 2010 gibt es
vorstellen wie bei Ihrem ersten Projekt?   mieten. Die Stoffe werden zurückge-       eine gewisse Dynamik, wir haben auch
                                           nommen und durch neue ersetzt und         hier in Wien eine Kooperation mit dem
Das erste Projekt war ein biologischer     ein neuer Mietvertrag wird aufgesetzt.    Institut für Ökologie, Technik und                  Cradle-to-cradle
Kreislauf, was natürlich viel einfacher                                                                                         Interview mit Albin Kälin
                                                                                                                                                  Seite 9
wirks                       Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at

                            Innovation, dem ÖTI, gestartet. Es          und wahrzunehmen. Die Rahmenbe-             Wenn Sie das zu stark in bestehende
                            muss sich etwas tun, denn wir haben         dingungen sind nicht auf ein Kreislauf-     Institutionen oder Organisationen ein-
                            nicht mehr allzuviel Zeit. Unser Haupt-     denken ausgelegt; die Gesetzesstruk-        fließen lassen, ist das Ergebnis immer
                            problem ist nicht das Energieproblem,       tur ist oft hinderlich. Es klappt aber,     der kleinste gemeinsame Nenner. Jetzt,
                            welches bloß ein technisches Problem        wenn wir es schaffen, möglichst viele       wo bereits einige Zertifizierungen ge-
                            ist, weil wir die Sonne als unerschöpfli-   Akteure zu finden, die bereit sind,         laufen sind, denken die Philosophen
                            che Energiequelle haben. Wir wissen         diese Veränderung anzugehen. Wir            und Erfinder von Cradle to Cradle -
                            bloß noch nicht genau, wie wir sie am       sehen das zum Beispiel in der Chemie-       William McDonough und Michael
                            Besten nutzen. Viel gravierender sind       industrie. Die Chemieindustie hat zum       Braungart - darüber nach, die Zertifi-
                            die Rohstoffe, denn die gehen uns           Teil sehr sehr gute Produkte. Aber sie      zierung an andere Institutionen zu
                            aus. Und so wie wir in der Industrie        hat es schwer, diese guten Produkte in      übergeben. Dieser Prozess ist schon im
                            funktionieren, wie wir mit den Roh-         die Industriekette hineinzubringen. Sie     Gange.
                            stoffen umgehen, geht das nicht mehr        müssen die Prozesse verändern, sie
                            lange gut. Wir dürfen die Rohstoffe         müssen die Rezepturen verändern, sie        Wenn es nicht gelingt, den Unter-
                            nicht verlieren. Denken Sie an Kupfer,      müssen alles wieder neu testen, sie         schied der Qualität aufzuzeigen und
                            das haben wir noch 30 Jahre, dann ist       müssen die Verkaufsunterlagen abän-         zu dokumentieren, dann wird diese
                            Schluss. Denken Sie an Phosphat, den-       dern, usw.; das tut die Industrie nicht     ganze Cradle to Cradle-Bewegung wie
                            ken Sie auch an Öl. Also alle diese         so gern. Das tut niemand gerne.             viele andere Bewegungen irgendwann
                            Rohstoffe gehen zu Ende. Wir sollten        Cradle to Cradle ist aber eine Riesen-      einmal verflachen und dann wird man
                            eigentlich auch für die nächsten            chance, weil man plötzlich in alles „die    sagen, es ist halt dasselbe wie alles
                            Generationen eine Verantwortung             guten Dinge“ reinpacken kann.               andere auch.
                            übernehmen und sollten denen die
                            Möglichkeit geben, dass sie sich auch       EPEA zertifiziert ja auch diesen Cradle     Wenn man ein Gebäude abreißt,
                            entwickeln können und so arbeiten           to Cradle Prozess. Wie darf man sich        kommt so ein Riesenmonster und
                            und leben können, wie sie es für rich-      das vorstellen?                             haut alles zusammen. Das ist ja nicht
                            tig erachten.                                                                           unbedingt Kreislaufführung.
                                                                        Es gibt 4 Levels: Basic, Silber, Gold und
                            Die Rahmenbedingungen sind nicht            Platinum. Firma Backhausen z.B. ist         Der Unterschied ist bestechend, aber
                            auf ein Kreislaufdenken ausgerichtet.       mit Gold zertifiziert. Es gibt auch         Stoffe sind das eine, ganze Häuser mit
                                                                        Kritik, weil diese Zertifizierung eine      Stahl-, Glas- und Holzkonstruktionen
                            Sie haben die Industrie erwähnt. Jetzt      private Initiative ist. Wir mussten aber    und vielen Bauelementen sind etwas
                            ist es so, dass die Industrie gelernte      unbedingt einen neuen Qualitäts-            anderes. Ist das auch machbar?
                            Prozesse fährt, und diese Prozesse in       begriff etablieren. Einen neuen Quali-
                            Gesetzesstrukturen eingebettet sind,        tätsanspruch kann man eigentlich nur,       Das ist machbar. Das beweisen wir
                            das heißt sie stechen hier in ein           ohne dass ich da irgendwie chauvini-        eigentlich. Es gibt ein gutes Beispiel in
                            System hinein, das sehr gefestigt ist.      stisch bin, auf einer privaten Basis        Österreich, die Firma Thoma. Die
                                                                        angehen.                                    bauen Häuser ausschließlich aus Holz,
                            Das ist korrekt. Wir müssen nur uns                                                     das heißt auch die Verbindungen sind
                            selber betrachten, wie schwer wir uns       Weil?                                       holztechnisch gelöst ist, ganz ohne
Cradle-to-cradle            tun, Veränderungen zu akzeptieren                                                       Kleber.
Interview mit Albin Kälin
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Wenn Sie ein Gebäude abreißen wol-         Das heißt, dass eigentlich jeder
len, kommt so ein Riesenmonster und        Unternehmer, jeder Manager, wel-
haut das Zeugs zusammen. Das ist ja        chem Unternehmen er jetzt auch
nicht unbedingt Kreislaufführung, wie      immer vorsteht, sich mit dem Cradle-
wir uns das vorstellen. In Holland gibt    Gedanken auseinandersetzen sollte,
es jetzt ein Projekt mit Fliesen, wo wir   weil man immer in irgendeiner Form
die Frage stellen, wie man Fliesen wie-    mit Stoffen zu tun hat, und es auch
der leicht vom Gebäude demontieren         auf einer abstrakteren Ebene neue
kann. Wenn das gelingt, dann kann          Impulse geben kann.
man Fliesen und andere Materialien
auch wieder sortenrein herausnehmen        Das würde ich genau so unterstützen
und in den Kreislauf überführen. Das       und wir kommen ganz schnell in die
revolutioniert auch die Bauindustrie,      Situation, wo wir wirklich etwas
die ja einer der größten Materialver-      wesentlich verändern müssen weil die
braucher überhaupt ist.                    Probleme immer unkontrollierbarer auf
                                           uns zu rollen. Wir müssen das Um-
In ihrem Portfolio führen Sie ja nicht     denken beginnen, insbesondere unse-
nur potentielle Kunden, Produktgrup-       ren Kindern zuliebe.
pen aus der Reihe der stofflichen
Ebene an, sondern Sie ermuntern auch       Das war jetzt eigentlich schon der
Dienstleistungsbetriebe, sich mit dem      berühmte Wunsch für die Zukunft
Cradle – Gedanken auseinanderzuset-        zum Schluss. Sie sagen, es ist aber
zen: Tourismus, Behörden, Logistik.        etwas in Bewegung gekommen in
                                           den letzten Jahren. Was genau?
Es geht überall um Stoffströme. Jeder
Manager sollte sich mit C2C ausein-        Holland, ein ganzes Land! Kalifornien,
andersetzen.                               ein Bundesstaat! Sie haben sich dem
                                           C2C-Gedanken verschrieben und das
Es geht überall um Stoffströme, auch       kann man durchaus eine gewaltige
und gerade im Tourismus. Die Peaks in      Bewegung nennen. In Holland hat die
der Saison mit den ganzen Abfällen,        Regierung entschieden, ihre Einkaufs-
die dort erzeugt werden, oder wie          richtlinien, und da geht es um 40 Mrd
man mit der Natur umgeht! Warum            EUR, so zu verändern, dass Cradle to
nicht Stoffströme ganzer Regionen          Cradle Produkte bevorzugt werden.
neu denken? Warum nicht endlich ein
Blick auf das Facility Management,         Ja, Herr Kälin, dann hoffe ich, dass ich
also Gebäudemanagement? Wir wol-           das nächste Interview mit einem
len gar nicht auf der stofflichen Ebene    Computer führe, der bereits komplett
stehen bleiben. Wir müssen mit C2C         „gecradlet“ ist.
in die komplexeren Systeme.                                                                    Cradle-to-cradle
                                           Das wäre cool.                             Interview mit Albin Kälin
                                                                                                       Seite 11
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                   C2C Geschichte
                   1987: Michael Braungart und andere        Schlossberg ein Set von Frottierwäsche        2009: Der Österreichische Textilher-
                   Greenpeace-Aktivisten besetzen einen      und Bademänteln. Übersicht über eini-         steller Backhausen stellt unter Be-
                   der Schornsteine des Schweizer            ge Case Studies findet man auf der            ratung von EPEA seine komplette
                   Chemiekonzerns Ciba-Geigy (heute          Website von EPEA Switzerland:                 Produktion auf C2C um.
                   Novartis) wegen einer katastrophalen      http://www.epeaswitzerland.com/
                   Verschmutzung des Rhein durch den
                   Konzern. Braungart gründet EPEA           2005: Der deutsche Chemiker Michael
                   (Environmental Protection Encourage-      Braungart holt Kälin nach Hamburg. Er
                   ment Agency).                             erfindet die Bezeichnung „Cradle-to-
                                                             cradle (C2C)“ und zieht seither als
                   1993: Der Schweizer Textilkaufmann        genialer Wanderprediger durch TV-
                   Albin Kälin hat eine bahnbrechende        Shows und Umweltkongresse. Im
                   Idee, welche der Firma Rohner Textil,     Amerika übernimmt diese Rolle der
                   deren Geschäftsführer Kälin damals        Architekt William McDonough.
                   war, zahlreiche Auszeichnungen und        Braungart und McDonough haben
                   Designpreise einbrachte. Die Rohner-      gemeinsam ein Standardwerk über
                   Produktlinie Climatex (climatex.com)      C2C herausgebracht, ein Buch, das
                   wird zum weltweit ersten Cradle-to-       bizarrerweise aus Plastik ist (siehe kriti-
                   cradle-Produkt, auch wenn dieser Ter-     sche Anmerkung).
                   minus damals noch nicht gebraucht
                   wurde.                                    Gründung der Beratungsfirma EPEA
                                                             (www.epea.com) durch Braungart.
                   Das Projekt wird filmisch dokumen-        Kälin wird Geschäftsführer und berät
                   tiert, Kälins Idee wird von Universitä-   u.a. die Niederlande, die vorhaben, als
                   ten und Wissenschaft gewürdigt. Trotz     ganzes Land komplett nach C2C zu
                   großartigem Echo passiert aber in der     leben!
                   Industrie nichts. Die Projekte bleiben
                   überschaubar: Triumph bringt eine         EPEA vergibt C2C-Zertifizierungen in
                   Damenwäscheserie aus rein ökologi-        Silber, Gold und Platin, was Braungart
                   scher Baumwolle namens Pure Origin        zu Anfällen von Selbstironie bringt
                   auf den Markt, die Schweizer Firma        (siehe „kritische Anmerkungen“).

Cradle-to-cradle
Geschichte
Seite 12
Denkende Stoffe
Ing. Reinhard Backhausen über den „Stoff der vielen Leben“, zwei Jahre Forschung am Rande des
Scheiterns und warum man niemals aufgeben darf. Backhausen hat die gesamte Produktion in einem
Gewaltakt auf Cradle-to-cradle umgestellt. Interview: Harald Koisser


Sie haben einen Stoff entwickelt, der     an die Halbwertszeiten von Kunststoff      Welt gehen. Wir gehören zu denen,
Returnity heißt. Was darf man sich        denke.                                     die jetzt schon ein Produkt anbieten
unter diesem Kunstbegriff vorstellen?                                                können, nämlich Möbelstoffe und
                                          Eternity heißt hier „ewig im Kreislauf“,   Vorhangstoffe.
Returnity findet man nicht im Lexikon.    darum sprechen wir auch vom „Stoff
Das setzt sich zusammen aus Return        der vielen Leben“. Wichtig ist, dass       Wie reagiert der Markt auf Ihre
(zurückgeben) und Eternity (die Ewig-     wir ressourcenschonend und abfallver-      Innovation?
keit). Es ist eine Weltneuheit – der      meidend denken. Wir werden in Zu-
erste Flammhemmstoff, der umwelt-         kunft ein riesiges Ressourcenproblem       Sehr aufgeschlossen, aber es gibt auch
freundlich produziert und recycling-      haben. Heute leben 6,5 Mrd Men-            diejenigen, die beim Fenster hinaus-
fähig nach der Cradle-to-cradle-Philo-    schen auf der Welt, irgendwann wer-        schauen und sagen: Eh noch alles in
sophie ist. Wir haben den gesamten        den es 9 Mrd sein. Dafür reichen die       Ordnung. Vielleicht müssen noch
Produktionsprozess umweltfreundlich       Ressourcen nicht aus. Da sind die          mehr Umweltkatastrophen passieren,
gestaltet, wir haben zum Beispiel aus     Industrie und die Politiker gefordert,     damit die Menschen aufwachen und
den Farbstoffen und Ausrüstungs-          alternative Konzepte zu entwickeln.        sehen, dass es schon 2 vor 12 ist und
chemikalien die bedenklichen Sub-                                                    etwas getan werden muss. Je mehr
stanzen entfernt. Wir arbeiten also mit   Ist Returnity Ihr persönlicher Wunsch,     sich dem Cradle-to-cradle-Movement
völlig anderen Farbstoffen als zuvor.     sich mit der Welt zu versöhnen?            anschließen, desto eher kann es um-
Und wir haben das Versprechen                                                        gesetzt werden. Und es muss schnell
gegenüber unseren Kunden abgege-          Es ist ein Herzensanliegen, aber auch      umgesetzt werden, denn wir brauchen
ben, dass wir den Stoff nach der          Notwendigkeit. Wir sind in der Textil-     Mengen an Material für ein günstiges
Verwendung zurücknehmen. Der              industrie Vorreiter und hoffen, dass       Recycling.
Kunde muss nur ein E-Mail an uns          andere mitziehen. Cradle-to-cradle
schreiben und wir organisieren das        wird sich absolut durchsetzen. Holland     Im Moment erweist es sich also noch
Cradle-to-cradle-gerechte Recycling.      will 2012 eine ganze Stadt umstellen,      nicht als Vorteil im Marketing, mit so
Es darf dabei kein Abfall entstehen,      sodass dort kein Abfall produziert         einem neuen Konzept hinauszugehen?
sondern muss komplett zu einem            wird. Arnold Schwarzenegger hat
neuen Produkt werden.                     Cradle-to-cradle in sein Regierungs-       Der Vorteil liegt darin, dass wir
                                          programm aufgenommen und jetzt im          Umweltbewusstsein wecken. Die
Dann muss ich mich bei dem Wort           Mai das erste Cradle-Institut in San       Leute verstehen das Prinzip ja sehr           Cradle-to-cradle
Eternity nicht schrecken, weil ich da     Francisco eröffnet. Das wird um die        schnell. Außerdem hat der Kunde                  Interview mit
                                                                                                                              Reinhard Backhausen
                                                                                                                                           Seite 13
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                      einen messbaren Vorteil. Wenn er ein      wir auf so breiter Basis agieren, dann      auch um die Frage, wie man Energie
                      Produkt zurückgibt, bekommt er            werden auch die Mengen zustande             gewinnt. Wir mussten auch mit der
                      Rabatt auf künftige Returnity-            kommen.                                     EVN klären, dass wir einen hohen
                      Bestellungen.                                                                         Anteil an Wind- und Sonnenenergie
                                                                Das ist eine höchst ungewöhnliche           wollen. Erst das gesamte Maßnah-
                      Wann werden die ersten Stoffe             Aussage von einem Unternehmer in            menpaket führt zu einer Cradle-to-
                      zurückkommen?                             einer Zeit, wo man sehr auf seinen          cradle-Zertifizierung. Wir haben diese
                                                                Patenten sitzt und sich daraus              Zertifizierung in Gold bekommen und
                      Wir haben voriges Jahr unsere gesam-      Wettbewerbsvorteile erhofft.                da sind wir stolz darauf, weil wir uns
                      te Produktion und sämtliche Kollek-                                                   enorm bemüht haben. Es hat auch
                      tionen umgestellt. Ein Kunde kann         Ich möchte auf keinen Fall alleine          Situationen gegeben, wo Mitarbeiter
                      jederzeit einen Stoff zurückgeben,        auf dem System sitzen.                      gesagt haben: das geht einfach nicht.
                      allerdings haben die sehr gute Qualität                                               Wir hatten etwa große Probleme mit
                      und ich schätze, dass es nun zwischen     Es funktioniert aber nur so. Ich möchte     der Farbe Schwarz und einem Dunkel-
                      drei und fünf Jahre dauern wird, bis      auf keinen Fall alleine auf dem System      rot. Ich habe einfach weiterforschen
                      etwas zurückkommt. Wir sind jeden-        sitzen. Es wird sich ja auf alle Bereiche   lassen, bis wir schließlich eine Lösung
                      falls vorbereitet darauf. Das             erstrecken. Es wird Cradle-to-cradle-       gefunden haben.
                      Recyclingsystem steht.                    Autos geben, ein völlig anderes Den-
                                                                ken muss Einzug halten, wir müssen          So wie das jetzt sagen, klingt das sehr
                      Sie haben gesagt, dass Sie Mengen         mehr partnerschaftlich agieren.             souverän, aber ich vermute, sie haben
                      brauchen. Wenn das in drei Jahren                                                     auch dem Scheitern ins Auge gesehen.
                      hereintröpfelt, kommen wohl keine         Wo liegen denn die größten Hürden
                      Mengen zustande.                          bei einer Umstellung? Liegen sie im         Ja, aber wenn man nach der Devise
                                                                Kopf? In der Produktion?                    lebt „niemals aufgeben“ tut man sich
                      Wenn nur die Firma Backhausen das                                                     nicht so schwer. Ich hatte das Ziel
                      verfolgen würde, funktioniert das nie     Zuerst einmal muss man die eigenen          genau vor Augen. Es tut sich immer
                      im Leben.                                 Leute davon überzeugen. Das kann            irgendwo eine Tür auf.
                                                                man nicht mit einer Veranstaltung in
                      Die Cradle-Community muss wachsen.        der Firma abtun. Da muss man sich           Wie bleibt man dran? Haben Sie ein
                      Wir arbeiten daher in drei Richtungen.    mit den Leuten auch einzeln auseinan-       persönliches Geheimnis?
                      Das eine ist die eigene Kollektion.       dersetzen und zwar nicht nur in der
                      Zweitens produzieren wir für              Produktion, sondern auch im Vertrieb,       Positiv Denken. Ich bin ein sehr positiv
                      Grossisten und Möbelindustrie, die        bei der Auftragsannahme, etc.; wenn         denkender Mensch. Für mich sind
                      Spezialentwicklungen von uns welt-        die eigene Mannschaft dahinter steht,       Probleme Chancen. Angesichts eines
                      weit verkaufen. Und drittens lizenzie-    hat man schon viel gewonnen.                Problemes denke ich: Juhu, ein Pro-
                      ren wir Returnity an andere Hersteller    Wirklich schwierig war die Frage: geht      blem! Ich freue mich, wieder etwas
                      von Trevira CS (so heißt der flamm-       das technisch? Und das war während          lösen zu dürfen. Mit so einer Einstel-
                      hemmende Stoff). Mit der Lizenz kön-      der zweijährigen Entwicklungsphase          lung tut man sich generell leichter.
Cradle-to-cradle      nen die das gesamte Know-how und          gar nicht so klar. Dabei ging es ja nicht
Interview mit         auch den Logo übernehmen. Wenn            nur um unsere Farbstoffe, sondern
Reinhard Backhausen
Seite 14
Das kommt offenbar auch im                Es war in Teilbereichen so. Das Schlüs-   haben ein wirklich schönes Medien-
Managementstil hinüber.                   selerelebnis habe ich mit meinen Kin-     echo, desto leichter wird es.
                                          dern gehabt. Wir haben uns vor vier
Man muss es leben und begeistern          Jahren den Al Gore-Film angesehen.        Wo ist das meiste Geld hineinge-
können. Die Leute müssen spüren,          Populistisch, aber aufrüttelnd und auf    flossen?
dass man selbst voll daran glaubt und     Wahrheiten beruhend. Meine Kinder
dahinter steht. So kann man Leute         haben gefragt, was man da machen          Das meiste Geld fließt in Forschung
mitreißen. Ist man nur halbherzig         kann. Ich habe sofort gesagt: Standby-    und Marketing
dabei, kann sich alles im Sand ver-       zustand ausschalten, Mülltrennung, -
laufen.                                   naja, das Übliche eben. Da haben          Das ganze spielt sich im chemischen
                                          beide gemeint, wir haben doch eine        Bereich ab. Wirklich viel Geld ist in
Ist durch die Arbeit an Returnity auch    Firma. Dort muss etwas geschehen.         Research geflossen und ein großer
ein ökologischeres Bewusstsein bei        Ich habe begonnen nachzudenken,           Aufwand war die Überprüfung der
Ihren MitarbeiterInnen entstanden?        aber wir stellen Stoffe aus Polyester     gesamten Produktionskette. Und
                                          her. Da habe ich keine gute Idee ge-      natürlich das Marketing! Was nützt es,
Absolut! Es hat einige gegeben, die       habt, wie man das ökologisch wertvoll     wenn man ein tolles Produkt hat und
mit Umweltdenken nicht viel am Hut        macht. Da habe ich Professor Braun-       niemand es weiß. Aber wir geben nur
hatten. Ich halte derzeit sehr viele      gart und Albin Kälin kennengelernt.       einen Bruchteil der Kosten an den
Vorträge im in- und Ausland, auch vor     Das war Bestimmung. Wie dann Re-          Kunden weiter. Wir verlangen nur um
meinen Mitarbeitern, und da geht es       turnity endlich fertig war, habe ich      2% mehr als vorher. Das ist ein be-
nicht nur um das Produkt. Es geht um      meinen Kindern sehr beruhigt in die       scheidener und von den Kunden gerne
Verständnis für unsere                    Augen schauen können.                     akzeptierter Anteil für die Umwelt.
Umweltprobleme. Meine Vorträge
beginnen oft mit einem Bild vom           Wie haben das denn die Mitbewerber        Zum Schluss noch eine verwegene
Universum. Es geht doch darum, unse-      aufgenommen?                              Frage: ist Cradle-to-cradle schon
ren kleinen Planenten vor uns selbst zu                                             alles? Was kommt noch?
schützen. Ich rede über                   Skeptisch! Es gibt ja so viele Umwelt-
Umweltprobleme, baue dabei ein            konzepte. Die Kunst besteht darin, die    Es gibt eine Steigerung. Die heißt
wenig auf dem Film von Al Gore („Die      Leute zu begeistern und zu gewinnen.      „smart textiles“. Als Verbandspräsi-
unbequeme Wahrheit“) auf. Es muss         Es war schon ungewöhnlich, offen auf      dent der Textilindustrie habe ich die
klar werden, dass da eine Welt-Vision     den Mitbewerb zuzugehen und ihn           Smart-textiles-Plattform gegründet,
dahinter steckt. Ich sehe uns als         aufzufordern, etwas gemeinsam zu          einen Schulterschluss der Beklei-
Teilbereich eines großen Ganzen.          machen. Etwas großes Gemeinsames!         dungsindustrie mit der Elektronik-
                                          Manche, die anfangs misstrauisch          industrie. Wir wollen textile Produkte
Jetzt kann ich meinen Kindern             abgelehnt haben, sind dann auf mich       entwickeln, die denken können.
beruhigt in die Augen schauen             zugekommen und wollten doch mit-          Stoffe, die ihre Farbe verändern kön-
                                          machen. Es ist eben ein langsamer         nen. Heute ein blaues, morgen ein
Wo kommt Ihr persönliches ökologi-        Überzeugungsprozess und auch da           grünes Sofa! Oder Vorhänge, die
sches Gewissen und die Verantwor-         darf man nie aufgeben. Je mehr die        Energie speichern können. Oder                Cradle-to-cradle
tung, die Sie zeigen, her? War das        Medien darüber berichten, und wir         Mäntel mit Airbags. Im Medizintextil-            Interview mit
schon immer so?                                                                                                              Reinhard Backhausen
                                                                                                                                          Seite 15
wirks                 Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at

                      Bereich könnte man Textilien entwik-
                      keln, die Organe im Körper umschlie-
                      ßen und Informationen an Ärzte fun-
                      ken. Das sind alles realistische Visi-
                      onen. International wird viel daran
                      geforscht. Aber natürlich müssen die
                      in Textilien eingebauten Komponenten
                      cradle-to-cradle-fähig sein.




Cradle-to-cradle
Interview mit
Reinhard Backhausen
Seite 16
Die C2C-Community
Weltweit werden derzeit etwa 600 Produkte nach dem Cradle-Prinzip hergestellt, Tendenz steigend.
Hier ist eine kleine Übersicht über das aktuelle Angebot an C2C-Waren und Dienstleistungen.


Aveda (Estée Lauder)                      Desso                                    gugler
USA                                       Holland                                  Österreich
Kosmetiklinie, die komplett aus pflanz-   Der weltweit führende Teppichher-        Cross Media-Betrieb mit hohem Öko-
lichen und mineralischen Inhaltsstoffen   steller arbeitet daran, sein gesamtes    bewusstsein; arbeitet derzeit an hun-
besteht                                   Portfolio (Teppiche und Kunstrasen)      dert Prozent kompostierbaren
www.aveda.com                             ausschließlich nach dem C2C-Prinzip      Druckprodukten
                                          zu gestalten. Derzeit können 90%         www.gugler.at
Backhausen interior textiles              aller Fabrikabfälle und 100% aller
Österreich                                Verpackungen recycelt werden             Hermann Miller
Möbel- und Dekorationsstoffe für          www.desso.com                            England
Prestigebauten (Hotels, Opernhäuser,                                               Stühle, Tische, System-Büromöbel aus
...) und Eigenheim nach dem C2C-          Dr. Petry                                nachhaltigen Materialien,
Prinzip (komplett wiederverwertbar);      Deutschland                              Produkteigenschaften und schonenden
damit die Stoffe wieder in das Werk       Nachhaltige Textilveredelung             Produktionsverfahren. Es werden die
zurückkommen, gibt Backhausen eine        www.drpetry.de                           jeweils sichersten Chemikalien verwen-
Rücknahmegarantie und Prozente bei                                                 det sowie die Zerlegbarkeit und
Folgekäufen                               earthbuddy                               Recyclingfähigkeit der Möbel beachtet
www.backhausen.com                        Hongkong/China                           www.hermanmiller.com
                                          Produzent von biologisch abbaubaren
Belland                                   Verpackungsmaterialien,                  Johann Müller AG
Deutschland                               Essensbehältern, Tabletts, etc.;         Schweiz
Kunststoff mit den gewohnten Ge-          Ausgangsstoffe sind Agrarrückstände      Die Firma hat biologisch abbaubare
brauchseigenschaften aber mit der         www.earthbuddy.hk                        Näh- und Strickgarne, Frottierware
Recyclingfähigkeit von Papier, lässt                                               und die bilogisch abbaubare Kunst-
sich preisgünstig auf gleichem Quali-     Elastic                                  faser PLA entwickelt. Auch die Ver-
tätsniveau wiederverwerten; zB für        Deutschland                              packungen und Etiketten sind biolo-
Catering-Geschirr, Trinkbecher für        Elastische Stoffe und Spitzen für die    gisch unbedenklich
Großveranstaltungen (Sport, Konzer-       Wäsche-, Sport- und Bademoden-           www.mueller-textil.ch
te), etc.                                 industrie. Entwicklung des biologisch
www.belland.de                            kreislauffähigen Stoffes Pure Origin,                                                  Cradle-to-cradle
                                          der sich in einer Unterwäscheserie der                                            Die C2C-Community
                                          Firma Triumph findet                                                                           Seite 17
                                          www.elastic.de
wirks               Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at

                    method                                    Shaw                                       für Allergiker interessant.
                    USA                                       USA                                        www.trigema.de
                    Umweltfreundliche und gesundheits-        Die Firma ist Zulieferer für Teppich-
                    verträgliche Haushaltsprodukte. Es        produzenten und hat sich auf Teppich-      Triumph
                    dampfen keine Lösungsmittel mehr          fliesenunterseiten spezialisiert. Die      Deutschland
                    aus und man braucht auch keine            Produkte werden umweltschonend in          Die Damenunterwäsche „Pure Origin“
                    Gummihandschuhe, um die Hände zu          geschlossenen Kreisläufen wiederver-       besteht aus ökologisch angebauter
                    schützen. Die Gebinde und Verpack-        wertet.                                    Baumwolle und einer biologisch ab-
                    ungen sind kreislauffähig.                www.shawfloors.com                         baubaren Elastanfaser.
                    www.methodhome.com                                                                   www.triumph.com
                                                              Steelcase
                    Remondis                                  Deutschland                                van Houtum
                    Deutschland                               Büromöbel, die am Ende jedes Lebens-       Holland
                    Wasser- und Kreislaufwirtschaft;          zyklus leicht zerlegt und wiederver-       Toilettepapier und Handtücher, die
                    Kompostwerke und Erdenwerk nach           wertet werden können. Star des             nach C2C hergestellt werden
                    dem Prinzip geschlossener Stoffkreis-     Sortiments ist der Arbeitsstuhl            www.satino.com
                    läufe                                     „Think“, der höchste ökologische
                    www.remondis.de                           Standards erfüllt und zu 98% wieder-       van Kaathoven
                                                              verwertbare Komponenten enthält. Er        Holland
                    Safechem                                  lässt sich innerhalb von fünf Minuten      C2C für Katzenfreunde. Komplett
                    Deutschland                               zerlegen, die wenigen Teile, die ent-      kreislauffähiges Katzenstreu, gepaart
                    Risikomanagement zur Handhabung           sorgt werden müssen, sind gekenn-          mit einem Hausservice. Die Kunden
                    chlorierter Lösemittel, wie sie für       zeichnet. Steelcase produziert auch        erhalten ein Katzenklo samt Katzen-
                    Reinigungsprozesse in der Industrie       Stoffe, Trennwände, Monitore und           streu, die Schale wird alle zwei Wo-
                    verwendet werden; Reduktion der           diverse Arbeitzsplatzausstattung nach      chen vor die Haustür gestellt und aus-
                    Lösemittel um 90% innerhalb von           C2C.                                       getauscht.
                    10 Jahren bei gleichzeitigem Anstieg      www.steelcase.de                           www.katzenkomfort.com
                    gereinigter Teile; Entwicklung von
                    Geschäftsmodellen und Services für        Thoma                                      Wexla
                    den verantwortlichen Einsatz von          Österreich                                 Österreich
                    Chemikalien                               Häuser (Einfamilienhäuser, Hotel-          Schuhe sind laut Braungart „Franken-
                    www-safechem-europe.com                   bauten, Industrieanlagen) aus 100%         steinprodukte“, da sie künstliche und
                                                              Holzbauweise. Kein Leim, keine che-        biologische Materialien enthalten, die
                    Search                                    mischen Verbindungen. Nur Holz.            untrennbar miteinander verbunden
                    Holland                                   www.thoma.at                               werden. Wexla hat ein System entwik-
                    International agierende Technikbera-                                                 kelt, wie man günstig Ersatzteile für
                    tung, Labor- und Lehrorganisation         Trigema                                    Schuhe nachkaufen kann: Schuhsohle,
                    Dienstleistung: Beratung für nachhalti-   Deutschland                                Schuhoberteil, Fußbett. Eine Realisati-
Cradle-to-cradle    ge Entwicklung                            Der Hersteller von Sport- und Frei-        on solcher Schuhe gibt es noch nicht.
Die C2C-Community   www.searchbv.nl                           zeitbekleidung führt ein kompostierba-     Im Programm sind kompostierbare
Seite 18                                                      res T-Shirt im Programm. Die biolo-        Flipflops.
                                                              gisch wertvollen Inhaltsstoffe sind v.a.   www.wexla.at
Ameise, Regenwurm
und Berggorilla
Kritische Anmerkungen zu C2C, Teil 1
Text von Harald Koisser



Wider die Verschwendung                   Dem kann man entgegenhalten, dass           Nur weil maßloser Konsum auf stoffli-
                                          diese Kritik aus der „alten Welt“           cher Ebene durch C2C plötzlich unbe-
Es war die Rede davon, dass C2C das       stammt, in der zurecht gegen blind-         denklich wird, wäre er es noch lange
ökonomische Denken in Richtung            wütige Vergeudung unwiederbringli-          nicht auf zwischenmenschlicher Ebene.
Kooperation wenden könnte, doch           cher Ressourcen gewettert wurde. Mit
auch auf Seiten der KonsumentInnen        C2C gibt es aber keine unwiederbring-       Es bleibt dabei allerdings zu fragen, ob
wird C2C eine sukzessive Wendung im       lichen Ressourcen mehr. Wenn sich           der Einzelne dies als Ausbeutung er-
Denken und Verhalten bewirken, aller-     das Prinzip durchsetzt, wird sich die       lebt oder seinen Arbeitseinsatz gerne
dings eine, die argwöhnisch beobach-      moralische Debatte von der Theorie in       erbringt, sei es wegen entsprechender
tet wird und auf Kritik stößt. Wenn       die Lebenspraxis verlagern und eine         Entlohnung, sei es als Quid pro Quo
Stoffe ökologisch komplett unbedenk-      Neubewertung des Begriffs „Ver-             für eigenes verschwenderisches Ver-
lich sind und wieder in neue Kreisläufe   schwendung“ notwendig machen.               halten. Wenn Arbeit sinnvoll ist, kann
eingehen, so darf man plötzlich etwas,    Man könnte also der Tugend der              man sie auch lustvoll verrichten.
wofür man sich heute noch in der          Mäßigung folgen und abwarten,
alten Welt der Müllberge geniert:         würde nicht Ernst Gugler von gugler         Rahim Taghizadegan merkt in seinem
maßlos verschwenden! Weil alle C2C-       crossmedia, selbst ein C2C-Pionier, ein     Gastkommentar allerdings sehr richtig
ProtagonistInnen dieses lustvolle Ver-    Argument jenseits der stofflichen Welt      an, dass zum Beispiel Lebensmittel
schwenden so herzhaft propagieren,        vorbringen. Er meint, dass jedes Pro-       Cradle-to-cradle-Produkte sind, aber
regt sich moralischer Unmut. Man          dukt immer auch Ergebnis von men-           eine Verschwendung immer bedenk-
würde hier einen neuen Konsumwahn         schlicher Arbeitszeit ist, und lustvolles   lich ist.
begründen, dessen Vorteil wohl in der
ökologischen Unbedenklichkeit liege,      Darf man menschliche Arbeitszeit
aber moralisch bedenklich wäre. Man       verschwenden?
sieht die Tugend der Mäßigung
bedroht.                                  Verschwenden somit bedeutet, men-
                                          schliche Arbeitszeit zu verschwenden.                                                  Cradle-to-cradle
                                                                                                                                            Kritik
                                                                                                                                         Seite 19
wirks              Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at

                   Du sollst zertifizieren                  Braungart erklärt, er wolle sich den
                                                            unsäglichen Öko-Zertifikaten entge-
                   EPEA vergibt Zertifikate für C2C-        genstemmen, welche die Produktwelt
                   Projekte und –Betriebe. Man darf         überschwemmen. Jeder fadenscheinige
                   zurecht bemerken, dass üblicherweise     Mist wäre eine Öko-Plankette wert,
                   aus gutem Grund Beratung und Zer-        die man sich an die Eingangstür kleben
                   tifizierung von unterschiedlichen        kann. Also müsse man dem mit einer
                   Stellen durchgeführt werden. Der         C2C-Auszeichnung begegnen.
                   Berater kann sich wohl selbst kein
                   objektives Zeugnis ausstellen.           Mit einer guten Portion Selbstironie
                   Braungart weiß das natürlich und         merkt der Chemiker an, dass er in
                   übergibt die Zertifizierung auch dem-    Silber, Gold und Platin zertifiziere: „Ist
                   nächst an solch eine unabhängige         das nicht lustig: Das sind ökologisch
                   Stelle. Bleibt allerdings die Frage,     hoch bedenkliche Edelmetalle. Im Sinn
                   wozu überhaupt zertifizieren? Es         der Sache, der Nützlichkeit, die wir
                   scheint als müsse ein Wahn nach          anstreben, müsste es eigentlich Zer-
                   objektiven Belegen für das eigene        tifikate geben, die Ameise, Regen-
                   Gut- und Bessersein befriedigt werden.   wurm und Berggorilla heißen“.




Cradle-to-cradle
Kritik
Seite 20
Cradle-to-cradle - die nächste Sau,
die man durch das globale Dorf treibt?
Kritische Anmerkungen zu C2C, Teil 2
Gastkommentar von DI Rahim Taghizadegan,
Institut für Wertewirtschaft (www.wertewirtschaft.org)


Aus dem Inhalt:                                                                  Der Ausdruck „cradle-to-cradle“
                                                                                 (Wiege-zu-Wiege) findet gegenwärtig
• C2C bietet reale Innovationen und nicht bloß Zertifikate für greenwashing.     wachsende Beachtung. Mit diesem
• Leider sind es stets Übertreibungen, die im Konkurrenzkampf um knappe          Konzept reüssieren vor allem der
  Aufmerksamkeit eingesetzt werden. Braungart kontert mit einer                  amerikanische Architekt William
  Verschwendungsideologie gegen jene, die sich „gesund schrumpfen“ wollen.       McDonough und der deutsche
• Die Größe der Versprechungen von Cradle-to-cradle bringt die Gefahr von        Chemiker Michael Braungart. Der
  politischer Planwirtschaft                                                     Ansatz bezieht sich auf das Gestalten
• Es klingt so schön, alle Verschleißteile durch kompostierbare Materialien zu   von Produktzyklen, bei denen Abfall
  ersetzen. Doch wer sagt, dass „natürliche“ Stoffe weniger gefährlich sind?     direkte Verwertung als Rohstoff findet.
• Vor dem Auto erstickten Städte im Pferdemist. Das Problem liegt stets          Produkte sollten also nicht als Schad-
  in der Masse.                                                                  stoffe in der Totenbahre von End-
• Am gefährlichsten ist cradle-to-cradle, wenn es Leute anspricht, die           lagern enden, sondern die Wiege für
  weder Investitionen aus eigenen Mitteln verantworten, noch sich mit ihrer      neue Produkte abgeben.
  individuellen Verantwortung als Konsument zufrieden geben, sondern
  ungeduldig nach der Weltverbesserung trachten. Dann stecken wieder             Nachdem Steven Spielberg gerade an
  überschuldete Bürokratien, Steuergeld in Hype-Projekte, die sie mittels von    einem Film über diese Idee arbeitet,
  ihnen ernährter „Experten“ als große Zukunftsinvestitionen vermarkten.         wird sie wohl bald nicht mehr bloß der
                                                                                 Hype kleiner Zirkel sein, sondern zum
                                                                                 Massen-Hype wachsen. Die Größe der
                                                                                 Versprechungen dieser Idee begünstigt
                                                                                 ihre Aufnahme, weckt aber auch neu-
                                                                                 gierige Skepsis. Man ist es mittlerweile
                                                                                 gewohnt, daß ein Weltrettungsplan
                                                                                 den nächsten ablöst, der sofort und
                                                                                 umfassend umgesetzt werden muß. Es
                                                                                                                            Cradle-to-cradle
                                                                                 sei zu spät, darauf zu warten, daß die
                                                                                                                                     Kritik II
                                                                                                                                    Seite 21
wirks              Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at

                   Menschen ihr Leben ändern, die einzi-       fluß leben, nach Herzenslust ver-        Braungart und seine Kollegen durch-
                   ge Hoffnung bestünde darin, den             schwenden.                               aus reale Innovationen zu bieten
                   Rettungsplan so groß wie möglich zu                                                  haben und nicht bloß Zertifikate für
                   dimensionieren, so schnell wie möglich      Zweitens fällt auf, daß Braungart und    greenwashing (Umwelt-Marketing)
                   umzusetzen und so zentral wie mög-          McDonough schon lange vor dem            verkaufen. Je größer der Hype wird,
                   lich zu steuern. Ist cradle-to-cradle       Hype sehr viel Geld mit ihrem Ansatz     desto eher ist allerdings zu erwarten,
                   bloß die nächste Sau, die durch das         verdienen. Braungart wurde als           daß Motive der Eitelkeit und PR bei
                   medial-globale Dorf getrieben wird?         Greenpeace-Aktivist bei der Besetzung
                                                               eines Schornsteins des Unternehmens      Die Gegendogmatik tut der
                   Zwei Unterschiede fallen zunächst ins       Ciba vom Fleck weg von den ver-          Umweltbewegung sehr gut
                   Auge. Erstens sind die Betonungen           meintlichen ideologischen Feinden
                   hier deutlich anders als man es sonst       engagiert. Ciba heuerte ihn als selb-    der Adaption der geschützten Marke
                   bei ökologischen Bedenkenträgern            ständigen Berater an. Unzählige große    cradle-to-cradle bedeutsam werden.
                   gewohnt ist. Insbesondere Michael           und finanzkräftige Unternehmen folg-     Dies wird durch die psychologisch sehr
                   Braungart, ein ehemaliger Green-            ten. 1995 gründete er das Unterneh-      wirksamen ideologischen Übertreibun-
                   peace-Aktivist, lästert gerne über den      men McDonough Braungart Design           gen in der Darstellung begünstigt.
                   „Schuldkult“ der modernen Umwelt-           Chemistry mit McDonough in den           Solche Übertreibungen sind zwar stets
                   bewegung. Braungarts Ökologismus            USA. Ford ließ sich etwa von             einseitig, können aber als Korrektiv
                   ist durch und durch progressiv. Nach        McDonough für gesalzene zwei             und Aufweckmittel dienen. Die Dosis
                   der ideologischen Verwirrung des letz-                                               Gegendogmatik tut der Umweltbewe-
                   ten Jahrhunderts bringt konsequenter        Nachhaltigkeit - ein leeres Konzept      gung ganz gut, die in der Regel ihr
                   Progressismus (die ideologische Über-                                                Wissen maßlos überschätzt.
                   höhung des Fortschritts und Wachs-          Milliarden Dollar die Dächer des größ-   Braungarts Witze gehen häufig auf
                   tums) heute meist Betonungen mit            ten Werkes begrünen. Geld, so könnte     Kosten populärer Öko-Irrtümer. Doch
                   sich, die verwirrte Beobachter als neo-     man einwenden, das aus dem Verkauf       auch Cradle-to-cradle ist vor Irrtümern
                   liberal bis neokonservativ einordnen        von Produkten und der Aufnahme von       nicht gefeit. Je größer der Kontext,
                   würden. Dies erklärt auch, warum sich       Krediten stammt, die mit Nachhaltig-     desto unübersehbarer die Komplexität.
                   unter Neokonservativen so erstaunlich       keit wohl wenig zu tun haben. Doch       Die beste Intention kann in einem
                   viele ehemalige „Linke“ finden.             Nachhaltigkeit ist für Braungart ohne-   komplexen System die schlimmsten
                   Braungarts Glaube an Wissenschaft           hin ein leeres Konzept: Es ginge um      Auswirkungen nach sich ziehen.
                   und Technologie ist von unerschütterli-     Veränderung, nicht darum, Dinge zu       In einem der zahlreicher werdenden
                   chem Optimismus, eine intelligente          erhalten.                                als Dokumentation getarnten Werbe-
                   wirtschaftliche Entwicklung könnte in                                                filme über cradle-tocrade sieht man
                   Zukunft noch einem Vielfachen der           Die Erwähnung dieser zwei Aspekte        die feierliche Eröffnung eines Modell-
                   Erdbevölkerung eine bessere Versor-         mutet nach Kritik an, doch der wirt-     Dorfes in China, das mit der Beratung
                   gung bieten. Er will dem Konsumenten        schaftliche Erfolg und die ideologi-     von McDonough geplant worden sein
                   das schlechte Gewissen nehmen. Dank         schen Betonungen verdienen zunächst      soll, um ein bestehendes Dorf zu
                   nach cradle-to-cradle zertifizierter Pro-   eine Würdigung. Die Nachfrage durch      ersetzen. Dies wurde als wegweisen-
Cradle-to-cradle   duktgestaltung könne man wieder             Unternehmen bevor das Konzept zum        der erster Schritt gepriesen, wie für
Kritik II          Spaß beim Konsum haben, im Über-            Medienhype wird, deutet an, daß          Abermillionen von Chinesen im Zuge
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des nächsten, revolutionären Fünfjah-     letztlich 12.000$, wie dies bei Staats-     sein Leben verbessern kann, ist dabei
resplan neue und moderne Öko-             aufträgen die Regel ist. Das ist das        nicht von Interesse. Die Entmündigung
Häuser geschaffen werden könnten.         Zehnfache des dortigen Jahresein-           des Menschen ist die große Gefahr
Die Tochter von Deng Xiao-Ping war        kommens. Nur zwei Familien sind             von allzu technologieorientierten
daran beteiligt und die staatliche        überhaupt jemals in das „Musterdorf“        Lösungen.
Fernsehsprecherin pries die Weitsicht     eingezogen, und das nur, weil ihre          Braungart schlägt technische Produkt-
der Partei. Trotz vorteilhaftester        Häuser niederbrannten. Sie mußten           zyklen vor, bei denen Produkte im
Aufnahmen und massiver Propaganda         alte Ölöfen nutzen, weil die „alternati-    Eigentum der Hersteller bleiben und
ist das Projekt für den nüchternen        ven Energiequellen“ nicht funktionier-      bloß deren Nutzung als Dienstleistung
Betrachter jedoch sofort als groteske     ten.                                        angeboten wird. Das ist ein mögliches,
Fehlplanung erkennbar. Häßliche, voll-    Es steht außer Frage, daß die geschick-     aber kein notwendiges Konzept. Die
kommen identische Häuser mit winzi-       te Imitation der Natur ein riesiges
gen, trostlosen „Gärten“, direkt          Potential bietet, das eine zugleich         Nullwachstumsfetischisten gegen
nebeneinander aufgefädelt, mitten im      menschen- und naturferne Technik,           Verschwendungsideologen
Nichts. Der Vorzeige-Bewohnerin           die auf effiziente Massenlösungen hin
rutschte heraus, daß sie für normale      ausgerichtet ist, bislang weitgehend        gleiche Funktion könnte eine Rück-
Menschen wohl noch dazu viel zu           übersehen hat. Dieses Potential findet      nahmegarantie von Produkten spielen.
teuer wären. Der umjubelte ökologi-       sich aber nicht nur in neuer Technolo-      Doch auch den gegenläufigen, fort-
sche Aspekt bestand darin, daß die        gie, wie der Fortschrittsfreund es sieht,   schrittskritischeren Ansatz sollte man
Wände dank der teuren Beratung aus        sondern auch in verlorenem oder ver-        dabei nicht aus dem Auge verlieren:
den USA nicht aus Ziegeln, sondern        loren gehendem Wissen, die der              weniger unnötige Geräte, höhere
aus Sand und Stroh bestanden.             Fortschrittsfeind betont. Beide Be-         Lebenszeit, einfachere Konstruktion,
Die Häuser stehen bis heute leer und      tonungen sind einseitige Übertreibun-       die das Reparieren durch den Konsu-
verrotten. Sie waren trostlosen ameri-    gen, doch werfen wir ein wenig für          menten selbst erlaubt. Auch das ist
kanischen Vororten nachempfunden,         letztere Ansicht in die Waagschale, um      kein Allheilmittel, vor allem weil jeder
hatten winzige Ziergärten und Gara-       unsere Abwägung ins Lot zu bringen:         Ansatz in der Gegenwart zunächst die
gen, obwohl nur vier der bisherigen       Der moderne Innovationsbetrieb hängt        Bequemlichkeit der Konsumenten
1.400 Dorfbewohner ein Auto haben         zu sehr am Subventionstropf, sodaß          akzeptieren muß. Leider sind es stets
und als Landwirte mit den gräßlichen,     ihm oft der Blick für Knappheiten und       Übertreibungen, die im Konkurrenz-
lächerlich kleinen Vorhöfen keinesfalls   menschliche Dimensionen fehlt. All die      kampf um knappe Aufmerksamkeit
überleben können. Die Energie für das     Machbarkeiten und all das fabrizierte       und natürlich um Geld stehen. Kein
Musterdorf sollte aus einer Biogasan-     Wissen sind sinnlos, wenn sie in das        Wunder, daß diejenigen, die das
lage kommen, in der die landwirt-         persönliche Wirken beschränkter Men-        Nullwachstum zu ihrer Ideologie über-
schaftlichen Abfälle verheizt werden      schen keinen Eingang finden können,         dehnt haben, Verschwendungsideolo-
sollten. Niemand hatte sich die Mühe      sondern weiter entpersönlichen und          gen wie Braungart feindlich gesinnt
gemacht, herauszufinden, daß diese        entfremden. Heutige Forscher forschen       sind. Beides ist als Ideologie Unfug.
„Abfälle“ den Ziegen verfüttert wur-      in der Regel ihren Auftraggebern zu:        Man kann sich nicht „gesund
den, die ohne diese Reste im Winter       aufgeblähten staatlichen Apparaten          schrumpfen“, wenn das Schrumpfen
verhungern würden. Die Häuser, die        und Großkonzernen. Wie der einzelne         zum Ziel wird; dies ist nämlich schon      Cradle-to-cradle
für je 3.500$ geplant waren, kosteten     Mensch in seinem konkreten Umfeld           an sich krankhaft. Die entsprechenden               Kritik II
                                                                                                                                         Seite 23
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                   Ideologen hoffen wohl unbewußt auf         gigkeit noch weitere Probleme auf:         dahinter ist, daß Druckwaren techni-
                   Pöstchen als Politkommissare, wo sie       Alle Zyklen müssen, um die verspro-        sche Kreisläufe bilden könnten. Dann
                   aus ihren Steuerungszentralen              chene Effektivität zu erlauben, ge-        hätte man das Buch vom Verlag bloß
                   „Wachstum beschränken“ dürfen. Der         schlossen sein. Der dazu nötige große      gemietet, dieser würde es zurückneh-
                   nächste Fünfjahresplan: 10% weniger        logistische Aufwand wird beim              men, nachdem man es ausgelesen hat,
                   Produktion, 10% weniger Energiever-        „Hypen“ der Idee zu zwei Betonun-          und es zu einem neuen Buch ein-
                   brauch, 10% mehr Glück. Das ist ein        gen führen: Einerseits sind besonders      schmelzen. Natürlich besteht ein sol-
                   Befehl!                                    große, hochintegrierte Unternehmen         cher Zyklus noch nicht und es ist frag-
                   Die Überhöhung der Verschwendung           begünstigt. Andererseits wird die Un-      würdig, ob er sinnvoll wäre. Das Buch
                   durch Braungart ist ebenso zweifel-        geduld in dezentraleren Sektoren und       ist zwar wasserfest, bleibt aber beim
                   haft. Er hat vollkommen recht, daß es      Regionen zu politischen Ambitionen         Lesen nicht geöffnet. Das Konzept,
                   absurd ist, Wegwerfartikel aus Materi-     führen. Das politische Schließen von       Bücher auszuborgen, ist uralt: man
                   alien zu erstellen, die Jahrtausende als   Zyklen hat jedoch ganz unweigerlich        nennt es Bibliothek. Angesichts der
                   nicht weiter nutzbare Problemstoffe        einen planwirtschaftlichen Charakter.      Tatsache, daß es den gewünschten
                   überdauern. Hier ist noch viel Be-         Planwirtschaft hielt man einst für effi-   Kreislauf nicht gibt, ist das Buchkon-
                   wußtseinswandel und technische             zienter und effektiver. Heute weiß         zept eine ökologische Bruchlandung.
                                                              man, daß die mangelnde persönliche         Der Transport, die Verbrennung oder
                   Nur weil etwas kompostierbar ist,          Verantwortung zu kolossalen Fehlent-       Deponierung sind allesamt umwelt-
                   ist es nicht automatisch effektiv          scheidungen führt, die nicht nur die       schädlicher als bei einem herkömmli-
                                                              Umwelt, sondern auch das menschli-         chen Buch. Und wer weiß, welche
                   Entwicklung nötig. Doch nur weil           che Leben bedrohen. Der systemische        Folgen wir noch nicht kennen?
                   etwas kompostierbar oder in neuen          Charakter von cradle-to-cradle und die     Dies ist ein weiteres Problem, das
                   Produkten verwertbar ist, ist es nicht     Größe und Übertreibung der Verspre-        gerne übersehen wird. Das neuentwik-
                   automatisch effektiv. Eine Übertrei-       chungen verstärken diese Gefahr plan-      kelte Substitut für einen Stoff ist in der
                   bung dieses Ansatzes neigt dazu, den       wirtschaftlicher Verlockungen. Insbe-      Regel unbekannter als dessen Vorläu-
                   Energie- und Transportaufwand zu           sondere die von Braungart gerne ver-       fer. Es klingt so schön einfach, schlicht
                   ignorieren. Die Gesetze der Thermo-        wendete Analogie des Ameisenstaates        alle Verschleißteile durch kompostier-
                   dynamik verbieten ewige Kreisläufe         deutet in diese Richtung.                  bare Materialien zu ersetzen. Doch es
                   ohne Verluste. Zwar ermöglicht die                                                    ist ein häufiger Irrtum, „natürliche“
                   laufende Energiezufuhr der Sonne das       Braungarts Buch aus Plastik -              Stoffe für weniger gefährlich zu halten
                   Überleben organischer Kreisläufe, und      eine ökologische Bruchlandung              – ein Irrtum, auf den Braungart selbst
                   diese können uns zweifellos als Vorbild                                               hinweist. Biologisch abbaubare Ver-
                   dienen. Doch darf man diese Analogie       Das Problem nicht geschlossener            schleißteile können unerkannte Risiken
                   nicht überdehnen, denn die geringen        Zyklen wird deutlich an einem beson-       bergen. Eben weil Plastik nicht kompo-
                   Wirkungsgrade könnten erst recht ein       ders greifbaren Beispiel: Braungart und    stierbar ist, d.h. nicht biologisch aktiv
                   totalitäres Diktat der Energieeffizienz    McDonough ließen ihr Buch nicht auf        ist, ist es selbst vollkommen ungiftig.
                   anregen, vor der Braungart zurecht         Papier, sondern auf Kunststoff druk-       Gefährlich sind die Zusatzstoffe
                   warnt.                                     ken. Plastik ist natürlich im Gegensatz    (Weichmacher, Flammhemmer usw.).
Cradle-to-cradle   Das Zyklenkonzept weist neben der          zu Papier nicht kompostierbar und viel     Wenn alle Abfälle biologisch sind, ist
Kritik II          Technologie- und damit Kapitalabhän-       weniger „natürlich“. Der Gedanke           dies nicht notwendigerweise ökolo-
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gisch. Vor dem Auto erstickten Städte      ten an, bietet es, falls es teurer ist,    eine mögliche Einsammlung berück-
im Pferdemist; die Überdüngung rui-        einen Vorteil, der den Mehraufwand         sichtigen, ändert sich das Bild schon
niert den Boden. Das Problem liegt         lohnt, fügt es sich langfristig in einen   wieder vollkommen.
eben doch auch in der Masse, jeder         Zyklus, was passiert bei Änderungen
Verschwendungslust zum Trotz. Und          der Marktlage? Die Fragen sind zahl-       Die Gefahr besteht darin, den
diese Masse ist eben das Gefährliche       los. Braungart erkennt richtig, daß die    Konsumenten wieder einmal bloß
an Hypes. Der Hype rund um Biotreib-       besten ökologischen Intentionen oft        unnötige Produkte anzudrehen
stoffe ist ein gutes Beispiel dafür, wie   ungeheure Irrtümer hervorbringen. Je
eine neue Idee durch massive För-          stärker cradle-to-cradle als Heilsver-     Viel problematischer in Hinsicht auf
derungen und Heilsversprechen so           sprechen und Lösung aller ökologi-         den Konsumenten ist der mögliche
überdehnt wird, existenzbedrohende         schen Probleme vermarktet wird,            Mißbrauch von cradle-to-cradle, nur
Ausmaße zu nehmen und die Ernäh-           desto größer wird das Irrtumspotential.    ein weiterer Vorwand zu sein, den
rung von Menschen zu gefährden. Die        Dabei ist der Ansatz für Produktent-       Konsumenten wieder neue, teurere,
moderne Ungeduld setzt alle Hoff-          wickler im Kern so simpel, daß er gar      letztlich unnötige Produkte anzudre-
nung in die Masse – nur Medien,            kein neues Etikett bräuchte.               hen, die dann doch wieder entgegen
Großkonzerne und Politik könnten           Schwieriger ist die Frage, was der         den Intentionen von Braungart eine
wirklich Großes bewegen. Doch je           Konsument mit dem Ansatz machen            Form von Ablaßhandel darstellen. So
größer der Akteur, desto kleiner das       soll. Wenn du nur von cradle-to-crad-      benötigt die Ermunterung zur Ver-
Hirn: der politische Tyranno-Saurus        le-zertifizierten Unternehmen kaufst,      schwendung ein Korrektiv der Mäßi-
will „nur helfen“ und vergrößert den       kannst du beliebig verschwenden,           gung, genauso wie der übertrieben
Schaden.                                   wäre eine vollkommen falsche Ansage,       asketischen Einstellung die Würdigung
                                           eben weil sie Kosten und dazu nötigen      des Schöpferischen, des Genießens,
In einer hochkomplexen Welt gibt es        Wohlstand nicht berücksichtigt. Das        des Ausprobierens gegenübergestellt
keine sicheren Erfolgsstrategien           Versprechen besteht eigentlich auch        werden sollte.
                                           nur darin, daß man dann ohne               Am gefährlichsten ist cradle-to-cradle,
Cradle-to-cradle muß daher danach          schlechtes Gewissen verschwenden           wenn es Leute anspricht, die weder
bewertet werden, welche Akteure            könnte. Doch auch das ist falsch.          Investitionen aus eigenen Mitteln ver-
angesprochen werden und wie. Als           Nahrungsmittel sind etwa vollkommen        antworten, noch sich mit ihrer indivi-
Ansatz für Produktentwickler verdient      kompostierbare Produkte. Ist es des-       duellen Verantwortung als Konsument
das Konzept größte Würdigung –             halb richtig, massenweise angebroche-      zufrieden geben, sondern ungeduldi-
doch diese Würdigung muß ihm nicht         ne Nahrungsmittel wegzuwerfen? Dies        ger nach der Weltverbesserung trach-
durch allzu begeisterungsfähige Missi-     vernachlässigt wiederum den Aufwand        ten. Dann stecken wieder überschul-
onare verlieren werden, sie erfolgt aus    für ihre Produktion, ihren Transport,      dete Bürokratien, Mittel, die sie nicht
dem praktischen Erfolg der Produkte.       ihre Werthaltigkeit, sowie jegliche kul-   haben und für deren Verwendung sie
In einer dynamischen, hochkomplexen        turelle Erwägungen. Die Banane ist         niemals wirkliche Verantwortung über-
Welt gibt es dabei keine sicheren          zweifellos ein perfektes cradle-to-crad-   nehmen müssen, in Hype-Projekte, die
Erfolgsstrategien. Die beste Idee kann     le-Produkt, ganz ohne Zertifizierungs-     sie mittels von ihnen ernährter „Ex-
in der Realität und an der Realität        gebühr, denn ihre Verpackung vermag        perten“ als große Zukunftsinvestitio-
scheitern. Ist das neue Material wirk-     als Nährstoff zu dienen. Doch selten       nen vermarkten. Sobald cradle-to-         Cradle-to-cradle
lich gesünder, nehmen es Konsumen-         am Ort ihres Konsums, und wenn wir         cradle zum Vorwand wird, Wunsch-                   Kritik II
                                                                                                                                        Seite 25
wirks              Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at

                   Wirtschaften mit schönen, runden          Steven Spielberg geplante Werbefilm
                   Kreisläufen am Reißbrett zu planen        für seine Idee nichts wird. Sonst schie-
                   und cradleness zu kommunizieren,          be man die ganze Sache wieder auf
                   wird die Zeit gekommen sein, eine         einen Menschen ab. In den USA
                   weitere aufgeblasene Idee zu kompo-       könne man zwar viel schneller Ruhm
                   stieren und die einzelnen, richtigen      erlangen, in Europa werde man über-
                   und wichtigen Bestandteile als Nähr-      haupt erst wahrgenommen, wenn
                   stoffe für Besseres anzusehen. Ein hin-   man es mit einem englischen Buzz-
                   reichend nüchterner Zugang vermeidet      word in die US-Medien geschafft hat.
                   die Blase von Anfang an, läßt Platz für   Die große Begeisterungsfähigkeit und
                   Hausverstand und übernimmt im             Sehnsucht nach Lösungen führe auch
                   jeweiligen konkreten Lebenskontext        oft zu einem Vorliebnehmen mit
                   konkrete Verantwortung, auch wenn         schnellen, aber falschen Lösungs-
                   es nur die des Konsumenten ist, an-       rezepten.
                   statt ungeduldig nach der nächsten
                   großen Utopie zu schielen, die stets
                   eine Ausrede dafür ist, nicht selbst
                   einen ersten kleinen Schritt zum

                   Man sollte nur bewegen, was man
                   auch verantworten kann

                   Besseren zu setzen. Jeder Schritt kann
                   sich im Nachhinein als Irrtum heraus-
                   stellen. Daher sollte man nur das
                   bewegen, was man verantworten
                   kann und darf, das aber mit aller
                   Entschlossenheit und dem nötigen
                   Mut.
                   Dies ist weniger eine Kritik an einem
                   Ansatz, der viel Richtiges und
                   Wichtiges enthält, sondern eine
                   Warnung vor der ständigen Überdeh-
                   nung von Ideen, der Wichtigtuerei,
                   den hohlen Phrasen: daß sofort aus
                   jedem Ansatz eine Ideologie und ein
                   „politischer Auftrag“ gemacht werden
                   muß. Michael Braungart erkennt das
Cradle-to-cradle   durchaus selbst: Er hofft, so merkt er
Kritik II          mit etwas Ironie an, daß der von
Seite 26
Bin ich kreislauffähig?
Text von Harald Koisser


Es ist eine wunderbare Idee, Stoffe       Bedingungen zu überleben versteht
von der Wiege zur Wiege zu führen         und weit und breit keine Chemie-
und sie wieder zum Nährstoff von          fabriken hat!
Neuem zu machen. Als Mensch bin ich
kompostierbares Material und wähne        Wann erhalte ich die Cradle-to-
mich damit auf der ethisch sicheren       cradle-Platin-Zertifizierung?
Seite, insoferne ich einmal Nährstoff
sein werde. Aber die Frage nach mei-      Warum das so ist? Wegen der ver-
ner persönlichen Kreislauffähigkeit ist   dammten Globalisierung! Alles hängt
nicht eindeutig zu beantworten.           mit allem zusammen und die Globali-
                                          sierungsgegner haben schon recht,
Ein Chemiker erzählte mir, dass jedes     wenn sie das nicht wollen. Unser
Bio-Schwein bessere Gesundheitswerte      chemischer Output durchläuft die
hat als ich. Mein Fleisch würde neimals   weltweite Nahrungskette. Die Inuit
das begehrte Bio-Siegel bekommen,         haben Wale und Seerobben als Haupt-
was mir jetzt schon für die Maden und     nahrungsmittel. Wale und Seerobben
Würmer in meinem Grab leid tut. Die       fressen Fische und Muscheln. Die
Muttermilch, die unsere Kinder trin-      Konzentration an Schadstoffen steigt
ken, ginge nicht mehr als Bio-Milch       in der Nahrungskette sukzessive an,
durch. Die Quecksilberbelastung inner-    bis das Höchstmaß an Gift in Grönland
halb der Mutterbrust hat übrigens ein     ankommt. Man muss also feststellen,
erstaunliches Süd-Nord-Gefälle. Sie ist   dass jeder tote Mensch bald definitiv
bei uns in Europa augenfällig, bei den    nicht mehr kreislauffähig und eigent-
Inuit in Grönland aber bereits im Zu-     lich eine Sondermülldeponie ist.
stand akuter Quecksilbervergiftung!
Die Konzentration von polychlorierten     Dies wäre das gewaltigste C2C-Pro-
Biophenylen in der Muttermilch der        jekt, das man aufsetzen müsste: die
Inuitfrauen ist so hoch, dass die Milch   Kreislauffähigkeit des Menschen wie-
als Giftmüll eingestuft werden müsste.    der herzustellen. Wann erhalte ich die
Und das bei jenem Volk, das mit           Cradle-to-cradle-Platin-Zertifizierung?
Mutter Natur lebt, unter extremen
                                                                                          Cradle-to-cradle
                                                                                    Bin ich kreislauffähig?
                                                                                                   Seite 27
wirks   Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at


        Gaias Zeit der Fülle
        Mutter Gaia ist Top-Unternehmerin seit 3,5 Mrd. Jahren.
        Veronika Victoria Lamprecht sagt uns, wie sie arbeitet und
        warum nun die Zeit der Fülle anbricht.



        Darf ich vorstellen: GAIA.                  Planeten erzeugt, genutzt, genährt,       system und ein sich ständig an geän-
        Sie ist nicht neu im Unternehmen. Sie       gelebt, geliebt wird. Ihr Jahresumsatz    derte Bedingungen anpassender
        war schon immer da. Eigentlich war sie      ist bis dato eine unbeschreibliche Grö-   Rückkoppelungsmechanismus. Nicht
        schon vor der Unternehmensgrün-             ße. Am Beispiel Honigbienen kann          zu vergessen die ausgedehnten Feiern,
        dung, vor allem anderen, da. Sie ist        eine weltweite Wirtschaftsleistung von    Rückzugs- und Erneuerungszeiten –
        sozusagen die Basis. Die Basis alles        etwas 153 Milliarden Euro festge-         Fachabteilungen „Herbst und Winter“.
        Lebendigen. Eine Top-Unternehmerin          macht werden. (Rund 80 Prozent aller
        seit 3,5 Milliarden Jahren, die aus allen   Pflanzen sind auf eine Fremdbestäu-       Sie steht schon immer, und ab jetzt
        Krisen mit immer wieder neuen Pro-          bung angewiesen und davon werden          wieder bewusst - für alle Fragen inner-
        duktinnovationen hervorgeht. Die sich       wiederum ca. 80 Prozent durch Honig-      halb des Unternehmens zur
        meist bewährt haben und lange Pha-          bienen bestäubt. Nebenbei sind sie        Verfügung. Durch ihre langjährige
        sen der Hochkonjunktur bringen. Die         wegen des Honigs und des Wachses          Erfahrung mit Höhen und Tiefen und
        Rede ist von Mutter Natur, Mutter           auch Nutztiere.)                          deren zyklische Zusammenhänge ist
        Erde, auch GAIA oder GEA genannt.                                                     sie DIE ideale Beraterin in „Krisen-
        Bekannt als griechische Mutter- und         Ihre Auszeichnungen bestehen vor          sind-Chancen“-Zeiten.
        Todesgöttin, als älteste aller Gotthei-     allem darin, dass sie aus allen Krisen
        ten. Als eine, die das Leben bringt und     mit immer wieder neuen Produkt-           Sommerbeginn – Zeit der Fülle:
        nährt und auch wieder zurück nimmt.         innovationen hervorgeht. Manche           In unseren Breiten beginnt am 21.6.
        Damit es sich erneuern kann.                Produkte werden neu angepasst,            der Sommer – der längste Tag des
                                                    manche aus dem Sortiment genom-           Jahres kündet von der kommenden
        Top-Unternehmerin seit 3,5                  men. Ihre langen Phasen der Hoch-         Hitze, Feuerzeit. Gleichzeitig ist hier
        Milliarden Jahren                           konjunktur (Abteilung „Sommer“)           die Wende in die dunklere Jahreshälfte
        Ihre Produktpalette umfasst die ge-         entstehen durch ständige Forschungs-      – die Nächte werden wieder länger
        samte Erde, Wasser, Feuer, Luft - so-       und Entwicklungsfreude (Fachgruppe        und die Sonnenstunden weniger. Diese
        mit ist sie Rohstofflieferantin und Basis   „Frühling“). Ausgezeichnet ist auch       Wende ist eine Regulierung der Feuer-
        für ALLES WEITERE, was auf diesem           das ausgeklügelte Kommunikations-         kraft. Dadurch wird Reifen ermöglicht




       GAIA
    Seite 28
und die Ernte nicht von der Hitze des      GAIA`s Fragen an Ihr Unternehmen:
Sommers verbrannt. In der Natur zei-
gen sich jetzt die ersten Früchte, die     • Was an Fülle, gut Gewachsenem,
aus Keimen und Samen entstanden              Früchten im Unternehmen ist vor-
sind und reif werden. Es ist der Höhe-       handen?
punkt der Entfaltung. Kräfte dehnen        • Wie kann das Wachstum noch
sich nicht mehr in die Höhe aus - son-       unterstützt werden? Was und wie
dern in die Weite. Die Natur nährt sich      viel Unterstützung braucht es, damit
selber in dieser Füllephase, die gleich-     es - das Projekt, die Unterneh-
zeitig den Rückzug einläutet.                menskultur, das Team - optimal         fotalia.com
                                             ausreifen kann?
                                           • Was braucht das Projekt noch, was
                                             brauchen die Verantwortlichen?
                                           • Was hindert das Projekt, das Team
                                             daran, es in Fülle ausreifen zu
                                             lassen?
                                           • Wo ist Überfluss vorhanden und
                                             wie kann er Nutzen und Gewinn für
                                             alle sein?
                                           • Ist der Traum, die Vision, manifest
                                             geworden? Wurde aus der Idee
                                             etwas Konkretes erschaffen? Wie
                                             wurde es genährt, erhalten, ge-
                                             schützt? Wie wird es gezeigt?
                                           • Wo im Unternehmen ist Begeis-
                                             terung, Energie, „Feuerkraft“ ge-
                                             bündelt?
                                           • Welche Maßnahmen gibt es, um
                                             das kreative Feuer zu nähren?
                                             (siehe Tipps)
                                           • Wer hat welche Macht und wie
                                             wird sie eingesetzt? Zum Wohle
                                             aller oder einzelner?
                                           • Wie kommuniziere, präsentiere ich
                                             das fertige Projekt nach INNEN
                                             (Innere Stakeholder)?
                                           • Konsolidierungs- und Strukturie-
                                             rungsphase – ist ausreichend Zeit
                                             und Raum und Kompetenz
                                             gegeben?                                  GAIA
                                                                                    Seite 29
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                         Ein Bewusstsein von Fülle
                         Wolfgang Stabentheiner ist Begründer der sogenannten Future-Methode. Seit Jahrzehnten hält er
                         Seminare für Führungskräfte. Warum durch Handeln aus einem Bewusstsein von Fülle mehr gelingt,
                         erzählte er Georg Bauernfeind.


                         Die Themen Mangel und Fülle spielen         Muhammad Ali gegen Joe Fraser.             nimmer sattes Kind unablässig nach
                         in der Konzeption der von Ihnen ent-        Einige Runden lang prügelte Fraser auf     mehr. Vielen Menschen fällt es freilich
                         wickelten Future-Methode eine zen-          Ali ein, ohne dass dieser jedoch auch      schwer, in sich einen Zustand von
                         trale Rolle. Wie sind Sie auf diese         nur für einen Augenblick lang den          Fülle, bezogen auf ein Ziel, hervorzu-
                         Thematik gestoßen?                          Eindruck des Geprügelten vermittelte.      rufen, bevor sie es im Äußeren erreicht
                                                                                                                haben. Und noch mehr Menschen fällt
                         Es gab da für mich einige Schlüssel-        Im Seinzustand des Sieger -                es schwer, Fülle zu erleben, wenn
                         erlebnisse: Als Bruno Kreisky noch          objektive und subjektive Zustände          doch im Äußeren Mangel herrscht. Es
                         nicht Bundeskanzler war, kam es vor         müssen nicht übereinstimmen                fällt ihnen schon schwer, für sich Fülle
                         der entscheidenden Wahl im Fern-                                                       zu empfinden, wenn sie objektiv in
                         sehen zu einer Konfrontation mit dem        Geprügelt werden, aber sich nicht in       Fülle sind, wenn es ihnen allem
                         damals regierenden Bundeskanzler            einem Zustand von Geprügelt sein           Anschein nach an nichts mangelt.
                         Josef Klaus. Was mich, jenseits aller       befinden, das war für mich eine
                         Inhalte, verblüffte: Kreisky präsentierte   Entdeckung; dass der subjektive            Wie kann es dann einem Menschen,
                         sich in weit höherem Ausmaß als Bun-        Zustand nicht zwangsläufig dem             der sich subjektiv in einem Mangel-
                         deskanzler, als derjenige, der das Amt      objektiven folgen muss; dass sich          zustand befindet, gelingen, in sich
                         (noch) bekleidete. Er war Bundes-           beispielsweise ein Mensch, trotz           Fülle zu erzeugen?
                         kanzler, noch bevor er es wurde. Ähn-       objektiver Armut in einem subjektiven
                         lich wie Alberto Tomba, der sich schon      Zustand von Fülle erleben kann.            Der erste Schritt ist immer die Selbst-
                         in einem Seinszustand des Siegers be-                                                  wahrnehmung. Ohne sich selbst zu
                         fand, noch bevor er startete. Er musste     Was verstehen Sie unter einem              spüren, wahr-zunehmen, wird der
                         nicht erst gewinnen, um Sieger zu           Zustand von Fülle?                         Mensch allzu leicht zum Unmenschen.
                         sein, das machte wohl seine Faszi-                                                     Schritt Zwei ist die Selbstbejahung:
                         nation aus. Zu sein, was ich werden         Fülle ist ein subjektiver Zustand, eben-   Indem sich der Mensch in seinen
                         will, das ist mir damals als ein erst-      so wie sein Gegenteil, der Mangel.         Stärken und Schwächen, in seiner
                         rangiges Erfolgsrezept bewusst gewor-       Mangel und Fülle können Hand in            Unermesslichkeit und Begrenztheit,
                         den: Ziele zu verfolgen - aus einem         Hand mit einer objektiven Situation        in seinen positiven und negativen
                         Zustand von Fülle.                          gehen, sie sind aber grundsätzlich los-    Wirkungen bejaht, lösen sich Span-
                         Ein zweites ähnliches Ereignis aus mei-     gelöst von ihr. Manch objektiv wohl-       nungen. Jene Energie, die vorher auf-
Tools                    ner Jugend, scheint mir erwähnens-          habender Mensch sieht sich ständig         gewendet werden musste, Anteile von
Interview mit            wert: Der Boxkampf zwischen                 zu kurz gekommen und giert wie ein         sich zu bekämpfen, zu verdrängen, zu
Wolfgang Stabentheiner
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verurteilen, wird frei. Frieden, Balance,   fort. Analog dazu könnten wir von         sen. Weil es einem besser geht, wenn
Kraft, Lebenslust – Fülle eben –            einem Mangelzyklus sprechen: Der          man sich und seinen Führungsbereich
machen sich breit. Der Mensch ent-          Mensch nimmt sich selbst nicht wahr,      als fähiger erlebt und höhere Ziele
deckt in sich jene Fülle, die ohnehin       betäubt und verleugnet sich selbst, ist   erreicht, als wenn man sich abmühen
schon immer da war.                         Opfer seiner inneren Spannungen und       muss, um ein Mittelmaß zu erfüllen.
In einem dritten Schritt kommt es zu                                                  Zwar gibt es einzelne Seminarteil-
einem aktiven Beitrag. Aus der Fülle        Wir bewegen uns im Füllezyklus            nehmerInnen, die nach dem Besuch
heraus entstehen ganz natürlich und         oder im Mangelzyklus                      eines Seminars noch frustrierter über
selbstverständlich zwei Dynamiken:                                                    ihr Unternehmen sind, als sie es vorher
• jene, aktiv etwas beizutragen zur         Konflikte. Aus seinem inneren Mangel-     waren; weil sie kennengelernt haben,
   weiteren Entfaltung der eigenen          bewusstsein heraus erzeugt er auch        wie es auch anders gehen könnte, und
   Fülle – beispielsweise, dem Körper       bei anderen Mangel. Dieser – wie man      weil ihnen das Unternehmen keine
   das zu geben, was er braucht, damit      in den Wald hineinruft, so hallt es zu-   Möglichkeit bietet, das Gelernte um-
   er in Balance kommt;                     rück – fällt wiederum auf ihn zurück.     zusetzen. Aber der überwiegende Teil
• und jene, die eigene Fülle mit an-        Der innere Druck, die inneren Span-       schafft es, in seinem Führungsbereich
   deren zu teilen. Indem wir etwa          nungen weiten sich aus, müssen umso       den Zustand von Fülle im subjektiven
   unserer Freude Ausdruck verleihen,       mehr verdrängt werden und das De-         Empfinden der Menschen ebenso wie
   wenn unseren Kindern etwas gelun-        saster nimmt seinen Lauf.                 durch messbare Leistungen zu meh-
   gen ist, statt das wir sie anders                                                  ren.
   haben wollen, als sie sind; indem        Steht dieses Konzept nicht diametral
   wir unserer Liebe zu unserem             dem Konkurrenzprinzip entgegen?           Erfolg ist, wenn alle gewinnen
   Partner Ausdruck verleihen, statt        Wie geht es den Leuten, die in Ihre
   gleichgültig an ihm vorbeizusehen;       Seminare kommen und diese Thesen          Derzeit erlebe ich generell in meinem
   indem wir die Stärken unserer            hören?                                    Umfeld - erstaunlicherweise seit der
   MitarbeiterInnen ansprechen und sie                                                Krise noch stärker – dass ein neues
   dadurch verstärken, anstatt an ihren     Die TeilnehmerInnen unserer Seminare      Bewusstsein von Erfolg aufkeimt:
   Schwächen herumzukritisieren.            hören dieses Konzept nicht nur, son-      Dieses stellt nicht die Frage in den
Wir werden beitragen zur Fülle ande-        dern erleben im Seminar immer mehr        Mittelpunkt: Wie kann ich aus dem
rer und dadurch Fülle in Form von           die Seins-Qualität von Fülle. Indem sie   Mitarbeiter, dem Kunden, dem Liefe-
Wertschätzung, Unterstützung und            das Konzept dann anwenden, entdek-        ranten möglichst viel herausholen, wie
Kooperation zurückbekommen.                 ken sie, dass es ihnen dadurch besser     kann ich also auf Kosten anderer Mit-
Im vierten Schritt kommt es zur             geht: Weil es einem besser geht, wenn     spielerInnen einen möglichst großen
Rückwirkung. Die Fülle, die uns von         man die Stärken anderer verstärkt, als    Vorteil für mich bzw. mein Unterneh-
außen zukommt, verstärkt wiederum           wenn man ständig gegen ihre Schwä-        men erwirken? Immer mehr zeigt sich
unsere Selbstbejahung, unseren              chen ankämpft; weil es einem besser       mir ein echtes Interesse daran, dass
Selbstwert, unsere Selbstachtung,           geht, wenn andere von sich aus ko-        alle MitspielerInnen gewinnen - natür-
unser Selbstvertrauen. Sie verstärkt        operieren, Verantwortung überneh-         lich das eigene Unternehmen, aber
unseren Zustand von Fülle. Und der          men und bereit sind, außergewöhnli-       auch die eigenen MitarbeiterInnen,
Kreislauf – wir sprechen in der FUTURE      che Leistungen zu erbringen, als wenn     KundInnen und das soziale und ökolo-                       Tools
Methode vom Füllezyklus – setzt sich        sie tun, was sie unter Druck tun müs-     gische Umfeld. Erfolg ist, wenn alle               Interview mit
                                                                                      gewinnen.                                 Wolfgang Stabentheiner
                                                                                                                                              Seite 31
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                         Aber da kommen wir in eine paradoxe         Sind da die Unternehmen nicht sehr        andergesetzt habe. Wissenschaftler
                         Situation: Unternehmen müssen               skeptisch, was das Thema Bezieh-          aus verschiedenen Disziplinen haben
                         wachsen, ein Fülle-Bewusstsein hilft        ungen betrifft? So nach der Einstel-      sich in Potsdam im Namen Albert
                         ihnen dabei. Geht nicht dieses wirt-        lung: Job ist Job und Beziehung ist       Einsteins zusammengefunden, um
                         schaftliche Wachstum auf Kosten der         Beziehung?                                über die Zukunft der Welt nachzuden-
                         natürlichen Ressourcen? Wie geht das                                                  ken. Ihr Ergebnis: Die Welt ist nicht zu
                         zusammen?                                   Meine Erfahrung ist: Wo eine schlech-     retten, wenn uns Menschen nicht das
                                                                     te Beziehungskultur herrscht, werden      Herz aufgeht.
                         Mir scheint, dass dieser Wachstums-         endlos Ressourcen vergeudet - durch       Die wesentliche Charakteristik des
                         wahn, wie wir ihn in den vergangenen        Gruppenegoismen, Konflikte, Mob-          Herzens ist, nach meinem Verständnis,
                         Jahrzehnten erlebt haben, einem             bing, Burn Out, Kündigungen - und         Integration. Also jene Kraft, die aus
                         Mangelmotiv entsprungen ist: „Egal          vor allem dadurch, dass viele Chancen     Bruchstücken ein Ganzes werden lässt,
                         wie viel, es ist zu wenig.“ Aber aus        und viele Synergiepotenziale nicht        die auch die sogenannten negativen
                         Mangel laufen wir unwillkürlich Ge-         genutzt werden. Der überwiegende          und dunklen Aspekte mit herein-
                         fahr, zum Räuber zu werden, nach            Teil der Probleme in Unternehmen          nimmt und sie zu einem konstruktiven
                         Möglichkeiten zu suchen, anderen            entsteht aus menschlichen Fehlleis-       Beitrag für das Ganze transformiert.
                         etwas wegzunehmen. Wir erleben im           tungen, die wiederum in einer negati-     Vergegenwärtigen wir uns das Leben
                         Management mitunter eine Skrupel-           ven Unternehmenskultur und einem          der Menschen in der Steinzeit! Sie
                         losigkeit ohnegleichen - Mensch und         Mangel an Leadership ihre Ursache         erlebten die Natur als ihren größten
                         Natur gegenüber. Aber ich sehe dies-        haben. Mein Sohn ist Berufspilot und      Feind – ständig drohte Gefahr durch
                         bezüglich, freilich längst nicht überall,   er sagt mir, dass die häufigste Unfall-   wilde Tiere, Wind und Wetter. Nach
                         Veränderung. Immer mehr Führungs-           ursache bei Flugzeugunglücken das         und nach entwickelten sie Techno-
                         kräfte begreifen, dass zu unternehme-       mangelnde Zusammenwirken der              logien, um sich gegen eine feindliche
                         rischer Verantwortung auch jene für         Piloten sei.                              Natur zur Wehr zu setzen. Heute wird
                         das soziale und ökologische Umfeld                                                    uns die Natur zum Feind, weil wir,
                         gehört. Wachstum und die Entwick-           Die erste und aktuelle Publikation von    obschon längst nicht mehr ihren
                         lung von Potenzialen gehören wohl           „Future“ lautet „Der Königsweg –          Unbilden ausgesetzt, mit ungleich
                         zum Leben dazu. Aber muss dieses            vom Paradigma des Herzens“. Wie           potenteren Mitteln fortfahren, sie zu
                         Wachstum immer ein Quantitatives            passt das Wort „Herz“ in die              bekämpfen und Raubbau an ihr zu
                         sein und auf Kosten anderer gehen?          Businesswelt? Was kann man sich           betreiben. Heute braucht es die
                         Ich gehe davon aus, dass in Zukunft         darunter vorstellen?                      Qualität des Herzens, um zu erken-
                         qualitative Aspekte des Wachstums an                                                  nen, dass wir Teil dieser Natur sind
                         Bedeutung gewinnen werden. Ich              Ich habe mich, offen gestanden, erst      und nur mit ihr überleben können,
                         gehe davon aus, dass wir völlig neue        getraut, diesen Begriff zu verwenden,     niemals gegen sie. Dieses Miteinander
                         Technologien, völlig neue Systeme                                                     von Mensch und Natur, und ebenso
                         entwickeln werden; solche, die das          Vom Gegeneinander zum Miteinander         von Mensch und Mensch, von Staat
                         gesamte Netzwerk, in das ein Unter-         - das ist die Herausforderung             und Staat, von Unternehmen und
                         nehmen eingebettet ist - einschließlich                                               Unternehmen ist die Herausforderung,
Tools                    der Gesellschaft, der Umwelt, des gan-      seitdem ich mich mit dem Potsdamer        vor der wir stehen. Vom Gegeneinan-
Interview mit            zen Planeten - stärken und fördern.         Manifest von Wissenschaftlern ausein-     der zum Miteinander, darin liegt der
Wolfgang Stabentheiner
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große Richtungswechsel, den es zu         schah dies, um jenes psychische Organ
meistern gilt. Kooperation innerhalb      „Herz“ nicht im Sinne einer Schön-
eines Unternehmens macht das              geisterei sondern einer notwendigen
Unternehmen stark. Kooperation zwi-       Lebensrealität in den Mittelpunkt zu
schen Unternehmen, beispielsweise im      rücken. Fülle ist eine Qualität des
Bereich Forschung und Entwicklung,        Herzens. Ohne die Potenziale des
erzeugt Wachstum. Kooperation zwi-        Herzens mögen wir Völle erleben,
schen einem Unternehmen und sei-          niemals jedoch Fülle.
nem sozialen Umfeld, stärkt die Po-
sition des Unternehmens in der Ge-
sellschaft. Kooperation macht – auch
wirtschaftlich – Sinn. Hätten die
Staaten der Welt anlässlich der Finanz-
krise nicht zusammengewirkt, wäre ein
Zusammenbruch nicht aufzuhalten ge-
wesen. Wenn die Menschheit nicht zu
gemeinsamen Lösungen im Bereich
des Klimaschutzes findet, ist eine
Katastrophe apokalyptischen Aus-
maßes unausweichlich. Kooperation
ist das Postulat unserer Zeit.

Kooperation ist Ausdruck des
Herzens, nicht nur der Vernunft

Kooperation ist nicht durch bloße
Vernunft zu erreichen. Kooperation ist
ein Ausdruck unseres Herzens. Ohne
die Sichtweise des Herzens, ohne dass
wir uns in den Dienst des Ganzen stel-
len, Systeme und Technologien ent-
wickeln, die das Ganze und seine
Einzelteile fördern statt ausplündern,
stellen wir unser Überleben in ähnli-
cher Weise in Frage, wie es damals,
vor Tausenden von Jahren, in der
Steinzeit, in Frage gestanden ist.
Wenn im „Königsweg“ das Paradigma
des Herzens anhand konkreter Lebens-                                                               Tools
situationen dargestellt wurde, so ge-                                                      Interview mit
                                                                                  Wolfgang Stabentheiner
                                                                                                Seite 33
wirks      Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at


           Tipps
           Tipps und Anregungen für Unternehmen, zusammengetragen von Veronika Victoria Lamprecht,
           Georg Bauernfeind und Harald Koisser



           Das kreative Feuer nähren                  Leere ist Fülle an Zeit                     Empowern statt auspowern!
           Unternehmenstipp von Mag. Silvia           und Möglichkeiten                           Unternehmenstipp von Veronika
           Brenzel, plenum (www.plenum.at)            Unternehmenstipp von Harald Koisser         Victoria Lamprecht (wirks)
                                                      (wirks)
           Aus der Praxis: Eine einzigartige                                                      Vor allem begeisterte MitarbeiterInnen
           Wohlfühlwelt für Wellness- und             Die Wirtschaftskrise erzeugt Leere. Ein     neigen dazu, sich am eigenen Feuer
           Thermenurlaub sollte entstehen. Das        Vakuum entsteht zwischen Wunsch             selber abzufackeln. Strukturen schaf-
           Projekt kam in eine große Energie-         und Wirklichkeit, Einsatz und Ergeb-        fen, damit der High-Flow in das Reif-
           phase, es war richtig im Flow. An          nis. Oft eine sehr reelle Leere in den      Werden führen kann. Ausreichende
           dieser Stelle war es wichtig, dass einer   Auftragsbüchern. Doch Leere ist Fülle       Urlaubs- und Erholungsphasen sind die
           der Geschäftsführer sich für diesen        an Raum und Zeit und Möglichkeit.           Vorraussetzung, dass eine nachhaltige
           „flow“ verantwortlich fühlte. Ab           Nutzen Sie das. Ein deutscher Unter-        Fülle reif werden kann!
           sofort war er Ansprechperson für alle      nehmer hat, anstatt reflexartig bei
           möglichen und unmöglichen Ideen. Er        Auftragseinbruch Leute zu kündigen,         ࣴ
           koordinierte, dass sich außergewöhn-       zugesichert, die Arbeitsplätze eine zeit-
           lich unterschiedliche Personen in der      lang zu erhalten. Alle mögen weiterhin      Führen - nach dem Prinzip der Fülle
           Art eines „Stammtisches“ immer wie-        zum üblichen Dienstantritt erscheinen.      Wolfgang Stabentheiner, Begründer
           der zusammensetzten und weiterarbei-       Dann wurden Arbeitsgruppen gebil-           der Future-Methode erläutert, was es
           teten. Credo war „Out of the box“,         det, die sich unterschiedliche Aufga-       bedeutet, nach dem Prinzip der Fülle
           d.h. gewünscht war der Austausch           ben gestellt haben. Wie können wir          zu leiten (www.future.at)
           von vielen Leuten aus Bereichen, die       unser Know-how an neuer Stelle ein-
           normalerweise nicht zusammenar-            setzen? Können wir unsere Maschinen         Menschen zu stärken und Menschen
           beiten! Das Ergebnis, der Flow, die        für andere Produkte verwenden?              in ihren Stärken zu sehen. Mitarbeiter-
           Kreativität war sehr beflügelnd, näh-                                                  Innen, die ihre Stärken im Rahmen
           rend, inspirierend, und letztendlich e     ࣴ                                           ihrer Arbeit zur Wirkung bringen und
           in wesentlicher Erfolgfaktor für die                                                   ständig weiter entwickeln können, sind
           Einzigartigkeit des Projektes.                                                         gemeinhin glückliche MitarbeiterInnen.

           ࣴ




Tipps
Seite 34
Solche, denen dazu nicht die Gelegen-     Die Zukunft in die Gegenwart herein-
heit geboten wird, neigen dazu, sich      zuholen. Menschen in einem Mangel-
selbst oder anderen gegenüber             zustand neigen dazu, sich nach der
destruktiv zu werden.                     Vergangenheit auszurichten. Entweder
                                          indem sie an ihr festhalten oder indem
Die unterschiedlichen Stärken der         sie sie bekämpfen. Ein Mensch in Fülle
Menschen zusammenzuführen,                schließt Frieden mit der Vergangenheit
Synergien zu stiften, das Zusammen-       und lässt sie los. Dadurch wird er frei,
wirken auf allen Ebenen zu fördern.       sich der Zukunft zuzuwenden und sie
So platt dies klingen mag: Gemeinsam      in der Gegenwart zu verwirklichen.
sind wir stark. Anders ausgedrückt:       Sich als den Systemen übergeordnet
Die Wirkung des Ganzen ist höher als      zu erleben. Darin besteht eine der fun-
die Summe der Wirkungen seiner Ein-       damentalen Entwicklungsschritte vom
zelteile. Gut geführte Gruppen sind       Manager zum Leader: der Manager
intelligenter als ExpertInnen.            sieht sich als Sklave des Systems und
                                          seinen Gesetzmäßigkeiten - gleich
Eine neue Qualität der Zielsetzung, die   einem Fahrer, der dorthin fährt, wo
die Gesamtheit des Unternehmens und       das Auto hin will. Der Leader nutzt
seines Umfeldes berücksichtigt. Neue      das System, dorthin zu gelangen, wo
Herangehensweisen zur Zielerreichung      es ihm sinnig erscheint; dorthin, wo es
zu entwickeln, um weit höhere, enga-      im Sinne des Ganzen ist. Selbstver-
giertere Zielsetzungen zu realisieren.    ständlich muss er dabei die Gesetz-
Der Mut, es anders zu machen.             mäßigkeiten des Systems berücksichti-
                                          gen, wie das der Fahrer eines Autos
Den Sinn eines Unternehmens nicht in      auch muss.
der Gewinnmaximierung zu definieren
sondern in dem Beitrag, den das           ࣴ
Unternehmen mit seiner Performance
am Markt leistet; wobei die wirtschaft-
liche Gesundheit des Unternehmens
eine Voraussetzung dafür bildet, sei-
nen Beitrag zu leisten.




                                                                                        Tipps
                                                                                     Seite 35
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                     Pioneers of Change
                     „Pioneers of Change“, ein einjähriger Lern- und Werdegang für AkteurInnen des Wandels, wurde im
                     Februar 2010 in Österreich gestartet. Nach einer Idee von Martin Kirchner und Silvia Brenzel, plenum
                     GmbH, arbeiten derzeit um die 20 junge und jung gebliebene Menschen daran, ihre eigene konkrete
                     Projektidee oder Organisation für eine nachhaltigere, friedvollere Welt aufzubauen. Mit Herz, Hirn und
                     Hand begeben sie sich in ein intensives Entwicklungsjahr mit Seminarmodulen, Unterstützungstagen, in-
                     dividuellem Coaching und Fachberatung. Ganzheitliches Werden ist genauso wichtig wie praktisches
                     Lernen. Ein Bericht von Veronika Victoria Lamprecht.



                     Der Name sagt es: Pioniere treffen         Der Raum ist beeindruckend: ein rie-      persönliche Wachsen an den Projek-
                     sich, arbeiten an ihren Visionen, Ideen,   siges Loft, geschmackvoll einfach re-     ten. Wir legen ganz großen Wert auf
                     Projekte mit der Absicht innerhalb die-    stauriert mit cremeweißen Stoffen,        wertschätzende Atmosphäre, die parti-
                     ses einen Jahres gemeinsam mit erfah-      Wänden, Holzböden und einer hippen        zipative Gestaltung des Lernens, emer-
                     renen Begleiter und Begleiterinnen         Küche im Zentrum. Kreativ aufgeteilt,     gierendes Zulassen, Schwarmintelli-
                     durchzustarten. Junge Menschen voll        einladend, weit. Ich sitze mit den jun-   genz.“
                     Kraft und Initiative tanken Mut und        gen Leuten im Kreis, der Plan des
                     Unterstützung durch die Plattform          Abends wird vorgestellt, von einer der    Einer der Trainer trägt das Thema
                     „Pioneers of Change“. Welche Projek-       Anwesenden kritisch in Frage gestellt,    „Businessplan“ vor. Kritische Stimmen
                     te, Persönlichkeiten, Kompetenzen rei-     von der Leiterin abgeändert, dann         melden sich. Um eine optimale Dis-
                     fen da heran?                              gemeinsam neu gestartet: in der           kussion zu ermöglichen, bietet einer
                                                                ersten Runde erzählen sie vom Stand       der Teilnehmenden an, das Thema mit
                     Dazu lerne ich die TeilnehmerInnen am      ihres Projektes. Entwaffnend offen.       der Methode der gewaltfreien Kom-
                     besten persönlich kennen und nehme         Ungeschminkt ehrlich.                     munikation zu besprechen. Der junge
                     im neu eröffneten HUB, Lindengasse                                                   Mann schlüpft in die Rolle des Mo-
                     56 in Wien, an der ersten „Extra-          Die Lebenswirklichkeit der Pioneers       derators und leitete kompetent ein
                     runde“ teil: Thema „Social Business-       steht im Zentrum                          konstruktives offenes Gespräch. Die
                     plan“. Im HUB auch deshalb, weil die                                                 strikte Trennung zwischen TrainerIn
                     beiden Initiatoren von HUB das Thema       „Martin und ich eröffnen den Tag mit      und Teilnehmenden ist plötzlich aufge-
                     „Social Business“ – als GmbH - bereits     der Council-Methode“, erklärt Silvia      hoben, es kommt zu Wechselspielen.
                     praktisch umsetzen. Übrigens: Bei der      Brenzel, „das ermöglicht offen hinzu-     Die eigene Vielfalt kann unmittelbar
                     Eröffnung von HUB im Mai kam spon-         hören, was da ist. Dies wird aufgegrif-   eingebracht werden. Die persönliche
                     tan Mikrokredit-Pioneer Mohammed           fen und in das geplante Programm          Einzigartigkeit wird gefördert und ge-
                     Yunus, Gründer der Grameen Bank,           eingebaut. Lernen am Leben - die          fordert, Kräfte gebündelt – im wert-
                     vorbei. Wohl ein mächtiges Zeichen         Lebenswirklichkeit der Pioneers steht     schätzenden System der Gruppe. Ein
Pioneers of Change   für die engagierten Jungunternehmer!       im Zentrum. Ihre Projekte und das         Erfahrung- und Lernfeld, in dem auch
Seite 36                                                                                                  Widerstände erwünscht sind.
Aus meiner Beobachtung zeigen sich         zwei Forschungsinstituten dies in einer   weiter wachsen und eine Reife zu er-
drei herausragende Kompetenzen bei         Studie. Seine Annahme ist, dass Frau-     langen. „Trial and Error“, anstatt ein
den Pioneers of Change:                    en eine Pionierinnen-Rolle in den         Pilotprojekt am Schreibtisch zu konzi-
                                           Nachhaltigkeitsprozessen der Wirt-        pieren und an den realen Bedürfnissen
Kompetenz 1:                               schaft und im speziellen im Finanz-       vorbei zu schwitzen.
Selbst- und Sozialkompetenz                bereich haben.
                                                                                     Folgende konkrete Schritte für nach-
Die Projekte der PionierInnen werden       Kompetenz 2:                              haltigen Esprit und Erfolg werden
getragen von einer hohen Selbst- und       Wissen zusammen bringen                   angeboten:
Sozialkompetenz. Verbunden mit
Verantwortungsbewusstsein und Ver-         Thomas will mit seinem Videoaktio-        1. Stärkung der Selbstkompetenz. Auf
antwortungsfreude einer lebenswerten       nismus die großen Probleme der Welt       die Balance von Körper-Geist-Seele,
Welt gegenüber. Die Initiativen reichen    aufnehmen und lokale Lösungen zei-        Herz - Hirn – Hand wird großer Wert
vom „Masterstudium für selbst er-          gen. Die Videos werden dann großzü-       gelegt, als Basis allen Wirkens. Den
mächtigendes Lernen“, über einen           gig ins Netz gestellt. Er wird immer in   gesamten Lerngang durch werden die
realen „Schul- und Ideengarten“ für        Teams arbeiten – das Prinzip der          Leute regelmäßig gefordert sich selber
Umweltbildung und Naturerfahrung           Schwarmintelligenz und wie es genützt     zu reflektieren, auch was ihre persönli-
und die Entwicklung eines effizienten      werden kann, erlebt er in diesem          chen Energien und Ressourcen betrifft.
Antriebssystems durch Windenergie          Lerngang.
für Schiffe. Das „Bewegungszentrum“                                                  2. Vermittlung von Erfahrungswissen.
bietet Infrastruktur für den sozialen      Kompetenz 3: Krisentauglichkeit           Es gibt inhaltliche Impulse, die in
Wandel, ein Institut für ganzheitliche     Jede Krise wird als Chance gesehen.       Dialogen und Gruppenarbeit persön-
Politik wird geschaffen und Einkom-                                                  lich und praktisch vertieft werden.
mensschaffende Maßnahmen für               Mit den KollegInnen werden gemein-
MigrantInnen unterstützt. Ein öko/         sam neue Lösungen gefunden. Diese         3. Persönliche Beratung und
faires Modelabel wird entwickelt und       werden dann auch von allen aktiv mit-     Begleitung. Jedes Projekt bekommt
der Verein „saving the world by din-       getragen. Zusätzlich gibt es Unter-       individuelle Beratung zb. zur
ner“ bietet Anknüpfungspunkte für          stützungsgruppen, in denen aktuelle       Entwicklung eines maßgeschneiderten
nachhaltige wohlschmeckende Unter-         Schwierigkeiten gemeinsam gelöst          Finanzierungsmodells.
nehmenskooperationen. Eine vollstän-       werden. Mit Freude und Motivation
dige Liste ist auf der Homepage zu         kann der Erfolg sich wieder einstellen.   4. MutmacherInnen persönlich kennen
finden (www.pioneersofchange.at)                                                     lernen. In Kamingesprächen erzählen
                                           MutmacherInnen erzählen in den            weise Frauen und Männer aus ihren
Valentin ist bereits seit einigen Jahren   Lerngängen auch von ihrem Scheitern.      Erfolgen und Misserfolgen, zb. Freda
selbstständiger Berater für ethisch-       Die jungen Leute erfahren am „leben-      Meissner Blau. Das ermächtigt nach-
ökologische Geldanlagen. Er hat fest-      den Objekt“, wo und welche Unter-         haltig und bietet tragfähige konkrete
gestellt, dass Frauen sich mehr für        stützungsmöglichkeiten es gibt. Es        Netzwerke an.
nachhaltiges Investment interessieren      wird angeregt, Prototypen zu gestal-
als Männer. Als pioneer of change          ten. Gleich mal ins Tun zu gehen, erste
überprüft er in Zusammenarbeit mit         Schritte schnell umzusetzen, daran                                                   Pioneers of Change
                                                                                                                                           Seite 37
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                     5. Unterstützungsgruppen. Gemeinsam
                     die Wege von der Idee zum fertigen
                     Projekt, Unternehmen, gehen

                     6. Langfristige Verbindungen. Ein fol-
                     low ship network wird gebildet, das
                     auch nach diesem Intensivjahr eine
                     kraftvolle Unterstützung sein will.

                     7. Private Netzwerke und persönliche
                     Beziehungen. Freundschaften bilden
                     sich und begleiten über den Lerngang
                     hinaus.

                     8. Internationale Netzwerke.
                     Verbindungen mit ähnlichen Anliegen
                     werden angeboten, um weltweit
                     Arbeitsgemeinschaften für größere
                     und langfristige Projekte zu gestalten.




Pioneers of Change
Seite 38
Natur und Kunststoff - das
muss kein Widerspruch sein
Ein visionäres Unternehmen aus Wiener Neustadt bringt kompostierbare Flaschen und Frischhaltebeutel auf
den Markt. Die bestehen aus dem Werkstoff PLA, der aus pflanzlicher Stärke gewonnen wird. Der Gründer
ist WU Alumni Enterpreneur 2010. Text von Georg Bauernfeind


Heute haben sie Wachstumsraten von        Kunden: Lebensmittel wie Obst, Ge-        Entrepreneur 2010. Bei den Vienna
300 Prozent, doch noch vor etwa           müse oder Brot halten sich in diesen      Bio-Polymer Days stellte NaKu die
einem Jahr waren Ute und Johann           atmungsfähigen Beuteln viel länger als    kompostierbare Plastikflasche einem
Zimmermann nahe dran, alles hinzu-        im klassischen Plastiksackerl. Darüber    breiteren Publikum vor, auch wenn es
schmeißen. Einen Monat noch gaben         hinaus hat das Produkt für den natürli-   derzeit noch keine fixe Kooperation
die beiden ihrer Firma NaKu. Dann         chen Kreislauf mehrere Pluspunkte:        mit einem Getränkehersteller gibt.
lernten sie Werner Boote kennen, den      PLA-Werkstoffe basieren auf heimi-        Am Verschluss der Flasche wird noch
Regisseur des Films Plastik Planet. Er    schen Pflanzen und können in techni-      gefeilt und natürlich gibt es Besonder-
war von den Produkten der beiden so       schen Kompostieranlagen vollständig       heiten zu beachten. Mineralwasser
begeistert, dass er ihnen Marketing-      abgebaut werden. Beim Abbau oder          etwa ließe sich darin nur etwa ein Jahr
unterstützung anbot. Denn das Pro-        bei der Verbrennung wird nur so viel      aufbewahren. Durch das atmungsfähi-
blem, dass Boote mit seinem Film auf-     Kohlendioxid freigesetzt, wie die         ge Material würde die Luft der Koh-
zeigt, war auch Johann Zimmermann         pflanzlichen Rohstoffe zuvor bei der      lensäure entweichen, was zu schalem
schon seit langem bewusst. Plastik        Photosynthese gebunden haben.             Geschmack des Wassers führen würde.
verrottet nicht. Den Kunststofftechni-    Außerdem enthalten diese Produkte         Aber für Milch oder Fruchtsäfte ist die
ker störte nach einigen Jahren Berufs-    keine gesundheitsschädlichen Inhalts-     Flasche optimal.
erfahrung immer stärker, dass es für      stoffe, wie viele herkömmliche Kunst-
Plastikprodukte keine nachhaltigen        stoffe. „Die Idee des natürlichen         Was meint er zu „Cradle to cradle“?
Lösungen gibt. Er wollte da etwas         Kreislaufes hat uns immer fasziniert“,    Eine gute Idee, sagt Johann
ändern.                                   meint Ute Zimmermann.                     Zimmermann. Aber der Aufwand sei
                                          Inzwischen sprechen sich die Stärken      oft auch sehr hoch. Mit dem natürli-
Seit drei Jahren ist die Firma NaKu       des innovativen Produktes herum: Bei      chen Kunststoff geht die Firma NaKu
jetzt auf dem Markt. Das erste            der WeissSee IdeenLounge wurde die        einen anderen Weg, der aber noch
Produkt ist ein Frischhaltebeutel, der    kompostierbare Plastikflasche mit dem     weit führen kann. Als nächstes möchte
sich samt seidig anfühlt und jetzt auch   „WeissSee Amethyst“ ausgezeichnet         sich das Unternehmen Joghurtbechern
von Firmen wie M-Preis und Adamah         und Johann Zimmerman wurde mit            und Schnuller-Verpackungen zuwen-
eingesetzt wird. Die Vorteile für den     seiner Geschäftsidee WU Alumni            den.                                      Aktuere des Wandels
                                                                                                                              Natur und Kunststoff
                                                                                                                                          Seite 39
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                  Für Sie gelesen
                  Artikel, Fachbücher, Literatur, .. überall liegen Weisheit und Anregung verborgen. Wir versuchen, ein wenig davon
                  ans Licht zu holen und freuen uns auch immer über Anregungen. Harald Koisser über „Die Theorie der Unbildung“
                  von Konrad Paul Liessmann und die Parabel vom Schachspieler aus Hermann Hesses Steppenwolf


                  „Theorie der Unbildung“                     Moderator entgegenschmetterte, dass      bungsgesprächen immer mehr Men-
                  von Konrad Paul Liessmann                   man diesen und jenen Scheiß einfach      schen unterkämen mit seltsamen
                                                              nicht wissen müsse.                      Kürzeln vor unter hinter ihrem Namen,
                  Mit einem Phänomen der Fülle in ihrer                                                was wohl Wissen und einen gewissen
                  unangenehmen, nämlich rein quantita-        „Alles Wissen, so das Credo ausge-       Ausbildungsstatus andeuten sollte,
                  tiven Form, setzt sich der österreichi-     rechnet der Wissensgesellschaft, ver-    aber wie man telefoniert und fühlt,
                  sche Philosoph Konrad Paul Liessmann        altet bald und verliert seinen Wert.“    was jemand fühlt, das konnten sie
                  in seiner „Theorie der Unbildung“           (Liessmann) Mit diesem Maßstab war       nicht. Liessmann würde diese selt-
                  auseinander, indem er schonungslos          „Wissen“ nur ein flüchtiger Daten-       samen Kürzel „bildungspolitische
                  herausarbeitet, wie es mit dem Wissen       hauch, der rasch abwehte und bloß für    Täuschungsmanöver“ nennen. Der
                  in der soeben verblassenden und             einen kurzen Moment tauglich war. Es     Staat verflachte Bildung, um in inter-
                  dahinscheidenden Wissensgesellschaft        ging nicht um Bildung und eigentlich     nationalen Bildungsstatistiken besser
                  tatsächlich bestellt war. Ich erlaube mir   auch nicht um Wissen, es ging nur        dazustehen. Das war die banale politi-
                  die Vergangenheitsform, weil die in         noch um skills. Es ging nicht mehr       sche Wahrheit.
                  Liessmanns Buch beschriebene                darum, etwas zu wissen, und nur noch
                  Denkungsart wohl noch allgegenwär-          darum, etwas zu werden. „Die Öko-        Liessmann in seiner Funktion als Uni-
                  tig ist, aber bereits einer gesellschaft-   nomisierung des Wissens hat seine        versitätsrektor merkt spitz an, „dass
                  lichen Vergangenheit angehört.              Entschärfung zur Voraussetzung“          die einstige Alma Mater Rudolphina
                                                              (Liessmann). Der Begriff des „Wissens-   zumindest im offiziellen Briefverkehr
                  Wissen manifestierte sich als Anhäu-        arbeiters“ zeigte an, dass nicht der     nun „University of Vienna“ heißt.
                  fung von Dateneinheiten, die unhier-        Arbeiter zum Wissenden, sondern der      Dass solche Unterwürfigkeit der zum
                  archisch nebeneinander lagen und alle       Wissende zum Arbeiter werden sollte.     Idol erhobenen angelsächsischen
                  denselben Stellenwert haben durften.        Dies beschreibt die Verarmung der zu     Wissenschaftskultur sprachliches
                  Der Mensch wurde darin zu einer             Ende gegangenen Gesellschaftsform        Idiotentum unterstellt, gehört dabei zu
                  Faktenreplikationsmaschine, die zu-         und sie ging eben aufgrund dieser        den zahlreichen unfreiwilligen Pointen
                  sammenhanglos Daten herunterbeten           Verarmung zu Ende, wie ich meine.        dieser Geschichte.“
                  konnte und ihr Heldentum als Gewin-
                  ner der Millionenshow feierte, wo alles     Ein Freund von mir, Geschäftsführer      Und ebenso war die europäische Öko-
                  gefragt wurde und alles möglich war.        einer großen Werbeagentur, klagte mir    nomie einem Täuschungsmanöver auf-
                  Nur eins nicht: dass der Kanditat dem       gegenüber einmal, dass ihm in Bewer-     gesessen durch ihr geiles Schielen auf

Für Sie gelesen
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Amerika. Sie talkte nur mehr English in   müssen wir nun zu einer Erkenntnis-         sucht. Harry verfährt, obwohl er ein
ihren Offices und Mitarbeiter fanden      gesellschaft werden. Und werden wir         hochgebildeter Mensch ist, etwa wie
die Personalabteilung im internen         das nicht, so brauchen wir uns um           ein Wilder, der nicht über zwei hinaus
Telefonverzeichnis nicht mehr, weil       unser Wissen nicht mehr zu scheren.         zählen kann. Er nennt ein Stück von
sie human ressources hieß. Diese                                                      sich Mensch, ein andres Wolf, und
Verbeugung vor dem Englischen war         Konrad Paul Liessmann                       damit glaubt er schon am Ende zu sein
der amerikanischen Erfolgsgeschichte      Theorie der Unbildung                       und sich erschöpft zu haben.“
geschuldet, die sich als Desaster und     Paul Zsolnay Wien 2006
Betrug entpuppt hat. Nothing but                                                      Der Steppenwolf zerstört unser
bubbles!                                  Ein Teil des Textes stammt aus dem          banales binäres Gedankengut des
                                          Kapitel „Bildung“ in:                       Entweder-Oder. Wir sind vielmehr
Zu guter Letzt führt Liessmann auch       Harald Koisser                              Sowohl-als auch. Harry tritt im
eine Mahnung an, die wir als „Maga-       Warum es uns so schlecht geht,              Magischen Theater durch eine Tür,
zin für Zukunftskompetenz“ bedenken       obwohl es uns so gut geht                   welche die vielversprechende Auf-
wollen, wenn er meint, dass alles         Orac-Verlag, Wien 2009                      schrift trägt „Anleitung zum Aufbau
einem besinnungslosen Immerweiter                                                     der Persönlickeit. Erfolg garantiert.“
gehorche. Dabei wäre doch der belieb-     ࣴ                                           Wer möchte da nicht hineingehen?! Er
te Begriff der „Reform“ immer von                                                     trifft auf einen Schachspieler, der in
einem Willen zur Rückbesinnung und        Die Parabel vom Schachspieler               das Brett versunken ist und zu ihm
zur Wiederbelebung verlorenen             in Hermann Hesses Steppenwolf               spricht: „Die fehlerhafte und Unglück
Wissens gekennzeichnet gewesen.                                                       bringende Auffassung, als sei ein
                                          „Als Körper ist jeder Mensch eins, als      Mensch eine dauernde Einheit, ist
Ich meine mit Liessmann, dass die         Seele nie.“ Dies ist kurzgefasst die        Ihnen bekannt. Es ist Ihnen auch
Wissensgesellschaft bloß als Behaup-      Lehre welche der Steppenwolf erfah-         bekannt, dass der Mensch aus einer
tung vorhanden war, der facto waren       ren muss. Er wähnt sich zerrissen und       Menge Seelen, aus sehr vielen Ichs
wir in sagenhaftem Ausmaß unwis-          aufgerieben zwischen seinen zwei            besteht.“
send. Wir konnten Wissen nur noch         Seiten, den zwei Seelen, die ach, in
quantitativ bewerten. An den Lauf-        seiner Brust wohnen. Doch er „vergisst      Aus dieser Erkennntis heraus entwik-
metern an Nachschlagewerken zu-           den Mephisto und eine ganze Menge           kelt der Schachspieler eine These, die
hause, am gemessenen Intelligenz-         andrer Seelen, die er ebenfalls in seiner   er „Aufbaukunst“ nennt. Jeder kann
quotienten oder an Zertifikaten diver-    Brust hat“, wie Hesse anmerkt.              sein Leben aus seinen Situationen und
ser Bildungseinrichtungen, welche uns                                                 Wissensbestandteilen her wieder und
Wissen attestierten.                      „Er glaubt, wie Faust, dass zwei Seelen     wieder aufbauen. Der Schachpieler
                                          für eine einzige Brust schon zuviel         nimmt Figuren und Situationen aus
Die Überwindung dieser institutionali-    seien und die Brust zerreißen müssten.      Harrys Leben, ordnet sie am Schach-
sierten Unwissenheit kann heute nur       Sie sind aber im Gegenteil viel zu          brett an – und wischt sie lächelnd
darin bestehen, die Meta-Ebene von        wenig, und Harry [Anm.: Hauptdar-           weg. Nur um sie komplett anders
Wissen zu betreten und zu Erkenntnis      steller des Buches] vergewaltigt seine      wieder aufzubauen.
zu gelangen. Unter Umgehung der           arme Seele furchtbar, wenn er sie in        „Wir zeigen demjenigen, der das
Wissensgesellschaft, die wir nie waren,   einem so primitiven Bilde zu begreifen      Auseinanderfallen seines Ichs erlebt
                                                                                                                               Für Sie gelesen
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                  hat, dass er die Stücke jederzeit in
                  beliebiger Ordnung neu zusammen-
                  stellen und dass er damit eine unend-
                  liche Mannigfaltigkeit des Lebensspiels
                                                            Begriff & Erhellung
                  erzielen kann. Wie der Dichter aus        Wir verwenden andauernd Begriffe, um zu begreifen. Manchmal werden sie auch missbraucht, umge-
                  einer Handvoll Figuren ein Drama          deutet, falsch verwendet. Wir wollen sie daher diskutieren und erhellen. Harald Koisser über die Begriffe
                  schafft, so bauen wir aus den Figuren     „Begriff“, „Verschwendung“ und „Exzess“
                  unseres zerlegten Ichs immerzu neue
                  Gruppen, mit neuen Spielen und
                  Spannungen, mit ewig neuen Situ-          Begriff                                   griffen, Begriffsumdeutungen und
                  ationen.“                                                                           nehme auch gerne Kritik an, denn
                                                            Wir verwenden in unserer Sprache          auch ich bin von sprachlicher Blasen-
                  Dies ist die Chance von Menschen und      Worte, um etwas im Griff zu haben.        bildung nicht gefeit.
                  Wirtschaftseinheiten: den Zerfall in      So wie unsere Hände etwas be-grei-
                  viele kleine Stücke nicht als Auseinan-   fen, erhoffen wir auch durch Sprache,
                  derfallen, sondern Ausbreiten von         Dinge zu be-greifen, gleichsam            Verschwendung
                  Möglichkeiten zu verstehen und alles      semantisch festzunageln. Ein Begriff
                  wieder anders und neu zusammenzu-         umgreift eine Vorstellung und will sie    „Verschwenden“ kommt von
                  fügen. Die eine Ordnung, die wir als      auf ein einziges Wort zurechtstutzen.     „schwinden“. Etwas schwindet
                  gut und bewährt erleben, ist nicht        Heinrich Schmidt hat in seinem            dahin, vergeht und geht verloren.
                  festgeschrieben und alleine gültig. Es    Philosophischen Wörterbuch „das           Wer verschwendet, macht etwas
                  gibt immer auch eine andere, nein:        Denken in Begriffen gegenüber dem         schwinden. Daraus entstand die
                  nicht bloß eine andere, so banal ist      Denken in Anschauungen ein abge-          Bedeutung, etwas nutzlos zu vertun,
                  das Leben nicht, sondern viele andere.    kürztes Verfahren“ genannt, „die          aber interessanterweise ebenso „in
                  Und jede hat ihre Berechtigung.           Begriffe sind gleichsam das Papiergeld,   Fülle austeilen“ oder „freigiebig
                                                            die Schatzanweisungen des Denkens.“       geben“ (ca. 15. Jahrhundert). Die
                  Vielleicht ist „Aufbaukunst“ jene         Es lohnt, zu wissen, woher Begriffe       Wortbedeutung teilte sich also und
                  zentrale Fertigkeit, die heute vom        kommen und was sie bedeuten, es           man verstand unter „Verschwendung“
                  Management gefordert wird, - die          lohnt, sie zu wenden und zu befragen.     einerseits eine Form von Vernichtung
                  Fähigkeit, Komplexität zu managen,        Wenn sie unser Papiergeld im Diskurs      oder aber ein lustvolles Abgeben von
                  Vielfalt und Fülle neu zu ordnen und      sind, so müssen wir sehen, dass sie       einem Zuviel (Spenden, Mäzenaten-
                  vorhandene Potentiale neu zu struk-       gedeckt und etwas wert sind. Sind sie     tum), letzteres durchaus positiv
                  turieren, sich selbst und das Unter-      nur hohl, so bleiben sie Sprechblasen,    konotiert. In beiden Fällen aber ist
                  nehmen permanent neu zu erfinden.         welche ebenso folgenschwer platzen        Verschwendung losgelöst von Ratio,
                                                            können wie die jüngste                    sie ist nie logisch begründbar. Die
                  ࣴ                                         Immobilienblase.                          strenge Rechnung verträgt sich nicht
                                                                                                      mit dem Übermaß. Wer verschwendet
                                                            Ich bin zutiefst dankbar über jeden       ist gewiss nicht bei Sinnen, könnte
                                                            Hinweis auf Bedeutungen von Be-           aber durchaus Sinn erfahren.

Für Sie gelesen
Seite 42
Willkommen ist Verschwendung in           mal die Grenzen seines alkoholischen       dogmatische Asketen und angstbe-
unseren heutigen ökonomischen             Fassungsvermögens überschritten hat,       setzte Menschen so schwer, ihr per-
Prozessen immer dann, wenn andere         weiß, dass Exzesse meist geahndet          sönliches Maß zu finden. Sie kennen
sich an uns verschwenden, sei es, dass    werden. Dies nur zur Erinnerung, nicht     es nicht, weil sie es nicht wagen, über
sie als Konsumenten unsere Güter          aber als Maßregelung. Im Gegenteil         sich hinauszugehen. So lange, bis die
sinnlos begehren, oder sich als           möchte ich hier eine Lanze zugunsten       straffe Verschnürung mitunter platzt,
MitarbeiterInnen im Unternehmen           des Exzesses brechen.                      das innere über alle Ufer tritt und
aufopfern. Von beidem kann man gar                                                   Unschuldige mitreißt. Vereinigungen
nicht genug bekommen.                     Schon der Philosoph Michel de              wie etwa die Kirche, die bloß eine
                                          Montaigne (16. Jhd) empfahl den            hohe Moral (etwa in Sachen Sexuali-
Jedes Brainstorming lebt von Ver-         jungen Menschen die wichtige Er-           tät) haben, aber darin kein individuel-
schwendung, insoferne „sinnlose“          fahrung der Ausschweifung, damit sie       les Maß ihrer Vertreter zulassen, sind
Gedanken in Überfülle zulässig und        später nicht von jeder Kleinigkeit aus     in ihren schrecklichsten Momenten ein
gefordert sind. Zumindest behauptet       der Bahn geworfen werden. Der Ex-          Hort völlig ungezügelten Ausbruchs
die Geschäftsleitung gerne, dass ver-     zess als Impfung gegen Sehnsucht!          von Maßlosigkeit.
schwenderische Gedanken gewollt
sind, zeigt sich aber oft bissig, wenn    Ich möchte dem eine wichtige Funkti-
der Prozess nicht gleich in umsetzbare    on zur Seite stellen. Nur über die
Wege führt. Der Gedankensturm             Maßlosigkeit lässt sich das persönliche
(brainstorm) sollte idealerweise gleich   Maß finden. Nur wenn das Glas über-
von Haus aus in einem regulierten         läuft, sieht man auf den Tropfen ge-
Windkanal stattfinden. Jeder Unter-       nau, wie viel es wirklich fasst. Man
nehmer liebt Verschwendung meist          muss sich mitunter auf die Fülle ein-
bloß als Bringschuld der Konsumenten.     lassen, um sie auszuloten. Die Kennt-
Im Innenleben herrscht Effizienz.         nis vom eigenen Maß ist immer mit
Schade, denn Verschwendung wäre           Grenzüberschreitung verbunden und
manchmal durchaus effektiv.               somit latent unmoralisch. Man öffnet
                                          mit zitternden Händen eine Tür, auf
                                          der „Eintritt verboten“ steht, um her-
                                          auszufinden, warum eigentlich. Der
Exzess                                    Unterschied zur Gedankenlosigkeit
                                          liegt darin, sich der Verantwortung sei-
Der Exzess ist Verschwendung in Best-     nes Handelns bewusst zu sein (und
form. Während das spätlateinische         stets auch den rettenden Ausgang im
excessus noch harmlos „das Heraus-        Auge zu haben).
gehen, Abweichen“ meint, verstehen
wir darunter heute das Sprengen jegli-    So also hängen Maß und Exzess
chen Maßes, die Missachtung aller         zusammen. Indem man seiner Lust
gebotenen Grenzen. Wer schon ein-         folgt, lernt man ihre Grenzen kennen
                                          und respektieren. Das macht es für
                                                                                                                               Begriff & Erhellung
                                                                                                                                          Seite 43
wirks                       Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at


                            In der Schau-Deponie
                            Harald Koisser war zu Besuch auf einer Schau-Deponie, wo Dinge, die bereits zum Tod auf einer
                            Mülldeponie verdammt waren, zu Objekten mit Ewigkeitswert wurden.


                            Müll, très chic. Menschen schlendern       len Vernissage zu einer Schau-Deponie       Der Nutzungszyklus von Plastiksack-
                            mit einem Glas Weisswein an Kunst-         mutiert ist. „Upcycling“ nennen die         erln ist meist verheerend kurz und
                            stoffmüll vorbei, begutachten ihn.         Gallieristen jenen Prozess, in dem          steht in dramatischem Kontrast zu
                            Plastiksackerln sind zu schmalen           Gegenstände, welche bereits zu einem        ihren Halbwertszeiten. Irene Wölfl
                            Streifen gefalzt worden und aus diesen     Lebensabend auf einer Mülldeponie           würdigt den Ewigkeitswert der Plas-
                            Streifen war ein Bild gemacht worden.      verdammt waren, zu Kunstobjekten            tiktragetaschen, indem sie daraus
           Hinterm Deich
              Irene Wölfl
                            An der Wand gegenüber hängt Weg-           mit Ewigkeitswert werden. „Wir nei-         Bilder webt. Faszinierende Collagen,
                            geworfenes aller Art, schön arrangiert     gen dazu, Produkten ein Leben zuzu-         die durch Farbkomposition und raffi-
                            und ausgepreist. Was dem einen eben        gestehen und damit auch den Tod“,           nierte Platzierung der auf den Plastik-
                            noch nichts mehr Wert war, Well-           sinniert Guido Zehetbauer-Salzer. Da        sackerln aufgedruckten Werbebot-
                            pappe, Heftklammern und Acrylfarbe         trifft er sich mit den Cradle-to-cradle-    schaften leben. Allerdings kann es die
                            etwa, kostet hier 650,– Euro. Eine         Philosophen, die betonen, dass Pro-         Künstlerin auch monumental und epo-
                            Draht-Metall-Skulptur durchbricht die      dukte nicht leben und daher auch kei-       chal, etwa wenn sie aus ihrer Web-
                            1.000,- Euro-Marke. Dabei sind die         nen Lebenszyklus haben – bloß einen         technik Mona Lisa nachbaut, oder
                            Objekte klein, sehr klein mitunter.        Produktnutzungszyklus.                      einen an Marylin erinnernden Kuss-
                            „Mach dich nicht so breit“, eine be-                                                   mund oder eine überlebensgroße
                            malte Metalldose, misst 5x13x8 cm.                                                     Audry Hepburn. Plastic trash, 125 x
                            Gerade die Kleinheit spielt offenbar                                                   200 cm, rd. 6.680,- Euro. Die Geniali-
                            eine große Rolle für Elisabeth Homar-                                                  tät, mit der hier Bilder komponiert
                            Zogmayer, jene Künstlerin, die den                                                     werden, erzeugen langsam, nach und
                            Mikrokosmos des achtlos Weggewor-                                                      nach, die Erkenntnis, welch inspirieren-
                            fenen zelebriert. „Ihre Kunst liegt                                                    der Rohstoff, welch unglaublich ästhe-
                            darin, im winzigsten und banalsten                                                     tische Mosaiksteine hier Tag für Tag
                            Gebrauchsgegenstand ein Detail zu                                                      auf unseren Mülldeponien und in den
                            sehen und eine Geschichte zu erzäh-                                                    Weltmeeren landen. Im Pazifik dreht
                            len“, wie Guido Zehetbauer-Salzer, der                                                 sich ein riesiger, für Fische todbringen-
                            Künstlerische Leiter von zs art erklärt.                                               der Strudel aus Plastikabfall, detto gibt
                                                                                                    Irene Wölfl    es zwischen Asien und Amerika einen
                                                                                                    und ihr
                            zs art, jener Kunstraum in der Wiener                                   „Frühstück
                                                                                                                   subarktischen Meeresstrudel aus Plas-
                            Westbahnstraße, der in seiner aktuel-                                   bei Tiffany“   tik. So werden die Kunstobjekte in der
Art
In der Schau-Deponie
Seite 44
Schau-Deponie, ohne jemals selbst
plakativ angriffig zu sein, zu Mahn-
malen menschlichen Konsumwahns.

Der schnarrende Sound einer Kugel,
die sich in einem Holzbehälter dreht,
ertönt. Srrrrr, srrrrrr. Dann helle Schlä-
ge. Der Percussionist Peter Rosmanith               Was ist passiert, Rapunzel?
schlägt auf Halbschalen aus Stahl-              von Elisabeth Homar-Zogmayer
blech. Seine Drummer-Symphonie
„RecyclingCircle“ hebt an, gespielt auf
Objekten, die er auf Mülldeponien ge-
funden hat. Musik, die intimste und
berührendste aller Kunstformen!
Gefühlvoll, dynamisch. Peter Rosma-
nith lässt den Müll zum Himmel sin-
gen. Der Applaus anschließend dauert              Galeristin Andrea Zehetbauer,
ewig. Ein Sehnen entsteht in der                 fotografiert von Harald Koisser
Klang- und Bildwelt der Schau-
Deponie: jenes, unsere Wegwerfge-
sellschaft einem Upcycling zu unter-
ziehen.

ZS art
Westbahnstr. 27-29
A-1070 Wien
                                                  Elisabeth Homar-Zogmayers
Mo, Di, Mi, Fr 11.00 - 19.00                 Mikrokosmos des Weggeworfenen
Do 11.00 - 21.00
sowie nach telefonischer Vereinbarung

Upcycling
Bilder: Irene Wölfl
Objekte und Collagen: Elisabeth
Homar-Zogmayer
Musik: Peter Rosmanith
Fotografie: Hans Ringhofer
Ausstellung: 11.6. - 3.9.10

zs art im Netz: www.zsart.at                       Percussionist Peter Rosmanith
                                             lässt den Müll zum Himmel singen                        Art
                                                                                   In der Schau-Deponie
                                                                                                Seite 45
wirks      Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at


           Über uns
           von Harald Koisser


           Das Ende des Bisherigen                   gabe. Wir informieren über jene            mer die Zeit des Überflusses, etc. Das
                                                     Strömungen, die in interessante, neue      haben wir in unserer denaturierten
           Bei uns in der westlichen Welt geht ein   Richtungen weisen. Wir lassen Men-         Arbeitswelt ein wenig vergessen.
           Zeitabschnitt zu Ende, eine Ära, die in   schen, die etwas zu sagen, zu Wort         Weder Arbeit noch Nahrungsmittel
           der Nachkriegszeit begonnen hat und       kommen. Wir bieten Orientierung,           erinnern uns noch an die Jahreszeit,
           vom Motto „Wohlstand für alle“ ge-        Service und Diskurs.                       im industrialisierten Alltag sind natür-
           prägt war. „Fortschritt“ und „Wachs-                                                 liche Rhythmusgeber weggeblendet.
           tum“ waren die bestimmenden Ter-          Ein Magazin für Wirtschaftstreibende       Gerade im Geschäftsleben ist es an der
           mini - Begriffe, die heute in Verruf                                                 Zeit, wieder auf die Qualitäten des
           sind. Der Mensch erkennt, dass in         Wir schreiben primär für Menschen im       Naturjahres zu achten. In der griechi-
           limitierten Systemen nichts endlos        Wirtschaftsleben. Die Wirtschaft ist       schen Mythologie, wird dieser Natur-
           wachsen kann. Das Ende des Bisheri-       jener Ort, wo Werte geschaffen wer-        zyklus mit der Göttin Gaia in Verbin-
           gen ist unvermeidlich da. Das Neue        den, wo die Volkswirtschaft ihre Ener-     dung gebracht. So geben wir uns mit
           aber ist noch nicht kenntlich.            gie bezieht und sich das Taugliche         diesem digitalen Medium selbst eine
                                                     und Erwünschte vom Unerwünschten           Rückanbindung an „Gaia“, an die
           Wir begleiten den Wandel                  scheidet. Die Wirtschaft ist es, die wir   Natur, und möchten einen Beitrag für
                                                     mit Service und Diskurs begleiten wol-     eine harmonische Zukunft leisten.
           Als „Magazin für Zukunftskompetenz“       len.
           sind wir Begleiter des Wandels, aber                                                 Besinnung und Beständigkeit
           nicht in nüchterner dokumentatori-        Im Wechsel der Jahreszeiten
           scher Absicht, sondern positiv anre-                                                 Mit Erscheinungsweise (was? -
           gend. Wir wollen die zuversichtlichen     Wir erscheinen im Wechsel der Jahres-      Neuigkeiten nur im Wechsel der
           Kräfte stärken und negative Kräfte,       zeiten, jeweils zu den markanten Wen-      Jahreszeiten?), Umfang (ist das alles?,
           die aus Angst und Fundamentalismus        depunkten des Naturjahres. Jeder die-      so wenig Neuigkeiten?) und Text-
           gespeist werden, nicht aufkommen          ser Zeitabschnitte steht unter einer       gestaltung (ist das nicht zu komplex
           lassen. In Zeiten des Wandels braucht     bestimmten natürlichen Qualitätt. Der      für ein digitales Medium?) stemmen
           es Orientierung. Das ist unsere Auf-      Winter ist die Zeit der Stille, der Som-   wir uns gegen die ausgehende Zeit




Über uns
Seite 46
und jeden Journalismus, der auf Lärm       Wir von wirks                              wirks
und Schnelligkeit ausgerichtet ist. Was
wäre das für eine neue Zukunft, wenn                    Harald Koisser, Quelle        Ach ja, Sie wollen ja noch wissen, was
wir in bewährtem Stakkato eine „In-                     von wirks (Herausgeber        „wirks“ bedeutet. Wir haben den Be-
formation“ durch die nächste ersetzen                   und Chefredakteur),           griff bei dem Quantenphysiker Hans-
und die alten „News“ damit de facto                     erzeugt IDEENBILDER-          Peter Dürr entliehen. Er wollte in sei-
auslöschen? Wo nichts Bestand hat                       WORTE. In Form von            ner Jugend herausfinden, was die Welt
und, einer Journalistenregel zufolge,      philosophischen Büchern, Essays,           im Innersten zusammenhält und hat
nichts so alt ist wie die Zeitung von      Theater, Musik, ... ! Beschäftigt sich     sich daher dem Erforschen der Materie
gestern.                                   mit „Nachhaltigkeit in der Kommuni-        im Kleinsten verschrieben. Nur um
Nein, die neue Zeit muss von Besin-        kation“ und dem Phänomen der Stille.       herauszufinden, dass es keine Materie
nung und Beständigkeit durchdrungen        www.koisser.at                             gibt. Im Mikrokosmos kann man nur
werden. Wir werden uns nicht nur in                                                   noch die Beziehungen (Wellen, Strah-
Ruhe und Tiefe mit Themen auseinan-                      Veronika Victoria            lung) zwischen Teilchen messen und
dersetzen, sondern auch beharrlich                       Lamprecht, „Anima“           erkennen, nicht aber Teilchen selbst.
diejenigen Themen, die uns zukunfts-                     von wirks (Redakteurin       Das kleinste Teil von allem ist daher
tauglich erscheinen, beobachten und                      mit dem Schwerpunkt          weder ein Atom noch ein Quark, son-
verfolgen. Man muss mit dem Neuen                        Natur), arbeitet als         dern ein „wirks“, eine Wirkungsein-
langsam Bekanntschaft schließen.           Trainerin mit der Wirkung des Natur-       heit. Wahrscheinlich lässt sich das
                                           jahreszyklus auf Menschen, Systeme         ganze Leben, auch im Makrokosmos,
Positiv                                    und Organisationen und bietet Per-         nur über die Definition von Beziehun-
                                           sönlichkeitsseminare mit Naturerfah-       gen begreifen -, die aber höchst
Wir schreiben über die frischen Keime,     rungen an, sowie nachhaltige Unter-        wirksam sind.
nicht über den welken Boden. Unsere        nehmensbegleitung, Geomantie,
Berichte sind positiv und sollen Energie   Ritual, Tanz.
zuführen. Wenn es Kritik braucht,          www.veronikalamprecht.com                  Impressum
üben wir sie, aber wir missbrauchen                                                   wirks _ magazin für zukunftskompetenz
sie nicht. Wir bemühen uns um Wahr-                       Georg Bauernfeind,          Koisser Kommunikations GmbH
heit, Transparenz und Redlichkeit in                      „kritischer Geist“ von      1190 Wien, Döblinger Hauptstraße 17/4/12
der Berichterstattung.                                    wirks (Redakteur mit        www.wirks.at, www.koisser.at, wirks@wirks.at
                                                          dem Schwerpunkt Inter-      Redaktion: Georg Bauernfeind, Harald Koisser,
                                                          views und Initiativen);     Veronika Victoria Lamprecht
                                           freiberuflich als Kabarettist, Publizist
                                           und Kommunikationsberater tätig.           wirks ist ein Online-Magazin und erscheint
                                           Gründet im Oktober 2010 „Humus –           4 x p.a. im Wechsel der Jahreszeiten.
                                           Agentur für Kommunikation und              Es bietet Service und Orientierung für Menschen
                                           Entwicklung.“                              in der Wirtschaft und fühlt sich positiver
                                           www.georg-bauernfeind.at                   Berichterstattung verpflichtet


                                                                                                                                        Über uns
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wirks

Wirks Fülle

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    wirks Magazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at «Fülle» Service und Orientierung für Menschen in der Wirtschaft. Heute: • Cradle-to-cradle, die nächste industrielle Revolution - Idee, Kritik und Interviews mit Albin Kälin und Reinhard Backhausen • Management und Füllebewusstsein • Akteure des Wandels • ... und andere nützliche Texte
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    Titelbild: Guido Zehetbauer-Salzer LöwenZähne Wachau, 2008 Acrylauf Leinen 120 x 120 cm erstmals präsentiert April 2009 im ZS art KunstRaum www.zsart.at
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Editorial von Harald Koisser Der Sommerbeginn hat uns heuer, der Notwendigkeit eines Füllebewusst- werden. An Lärm und Tempo hatten trotz regenerischen Bedingungen, in seins im Management und sehen, wie wir genug, jetzt ist die Zeit von Reife Wallung gebracht. wirks wollte in die die Pioneers of Change, ein Lern- und und Besinnung. Zeit für wirks. Welt. wirks ist ein Magazin für Zu- Werdegang für AkteurInnen des Wan- kunftskompetenz und richtet sich an dels, aus einer Fülle von Ideen zu- Wirtschaftstreibende. Es soll jenen, kunftstaugliche Projekte entwickeln. welche in Zeiten des Wandels die Ökonomie in die Zukunft führen müs- Fülle! Von diesem Zustand ist die sen, Service und Orientierung bieten. erste Ausgabe von wirks getränkt. Es ist soviel da, was Mut macht. Fülle! Service und Orientierung – nichts wird Ein Zustand, der nun vom Sommer gerade jetzt so sehr gebraucht, wo eingeläutet wird. Die Natur begibt sich Unsicherheit, Fundamentalismus und in ihre satte, überschäumende Periode. Okkultismus erblühen. Wir unterstüt- Sie ist in voller Entfaltung. Nichts zen die positiven Kräfte des Wandels weniger schien uns als Leitthema für und leuchten journalistisch die Zukunft diese erste Ausgabe angemessen. aus. Wir folgen mit der Erscheinungsweise Unser Scheinwerferlicht fällt dabei auf von wirks dem Naturjahr und seiner auf nichts weniger als „die nächste jeweiligen Qualität, somit jenem industrielle Revolution“, wie ein Prin- natürlichen Rhythmus, der den indu- zip namens Cradle-to-cradle gerne strialisierten Menschen und ihren öko- euphorisch genannt wird. Produkte nomischen Prozessen abhanden sollen so gestaltet werden, dass sie gekommen ist. Dass das Magazin niemals zu Abfall werden und man sie „nur“ vier Mal pro Jahr herauskommt, plötzlich – horribile dictu – sinnvoll darf als Zeichen jener Rückbesinnung verschwenden kann. Wir erfahren von auf natürliche Rhythmen verstanden Editorial zur ersten Ausgabe von wirks Seite 3
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Inhalt Cradle-to-cradle • Cradle-to-cradle, das natürlichste Prinzip der Welt fünf • „Abfall existiert nicht“ - Interview mit Albin Kälin, dem Entdecker des C2C-Prinzips sieben • C2C Geschichte zwölf • „Denkende Stof fe“ - Interview mit Reinhard Backhausen dreizehn • Die C2C-Community (Auswahl an C2C-Produkten und -Dienstleistungen) siebzehn • Ameise, Regenwurm und Berggorilla neunzehn • Cradle-to-cradle, die nächste Sau, die man durch das globale Dorf treibt? einundzwanzig • Bin ich kreislauffähig? (satirische Anmerkung) siebenundzwanzig Gaia: Zeit der Fülle achtundzwanzig Ein Bewusstsein von Fülle - Interview mit Wolfgang Stabentheiner, Begründer der Future-Methode dreißig Tipps vierunddreißig Akteure des Wandels • Pioneers of Change sechsunddreißig • Natur und Kunststoff - das muss kein Widerspruch sein (kompostierbare Flaschen und Frischhaltebeutel) neununddreißig Für Sie gelesen - Theorie der Unbildung und die Parabel des Schachpielers aus Hermann Hesses Steppenwolf vierzig Begriff & Erhellung zweiundvierzig Kunst - In der Schaudeponie (Upcycling: wie aus Müll Produkte mit Ewigkeitswert werden) vierundvierzig Über uns sechsundvierzig Impressum siebenundvierzig
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    Cradle-to-cradle – das natürlichstePrinzip der Welt Was mit einem schicken englischen Modebegriff daher kommt, beschreibt nichts als das natürlichste Prinzip der Welt. Der Mensch erinnert sich an sich selbst. Text von Harald Koisser Was ist cradle-to-cradle? Eine Wort- läufe, sei es, dass sie total verrottbar schreibt letztlich nichts als das natür- schöpfung des deutschen Chemikers sind und zB. als Dünger verwendet lichste Prinzip der Welt, welches der Michael Braungart, basierend auf einer werden können („biologische Nähr- Chemiker Hanswerner Mackwitz „das Idee des Schweizer Textilkaufmanns stoffe“), sei es, dass sie nach Ge- vielseitige schöpferische Vermögen der Albin Kälin. Während alle Produkte, brauch wieder zu Ausgangsmaterial Natur“ nennt, welches „respektvoll welche der Mensch herstellt, „von der von anderen Produkten werden annerkannt und genutzt“ werden Wiege ins Grab“ (cradle-to-grave) („technische Nährstoffe“). Die Idee in möge. Es gelte, Diversität zu feiern. führen, weil alles irgendwann immer Kürze: Abfall = Nährstoff. Wobei auch Die Erde ist so aufgebaut, dass alle auf Mülldeponien landet, möge man diese Formel schon falsch ist, wie Stoffströme sich in ewigen Kreisläufen sich die Natur zum Vorbild nehmen, Braungart anmerkt, weil man den befinden. Eine kleine Insel im Univer- wo niemals Abfall anfällt und immer Terminus „Abfall“ gänzlich aus dem sum muss nolens volens mit dem aus- alles wiederverwertet wird. Alles, was Vokabular streichen sollte. Es soll zukommen, was da ist. Ein bisschen endet, ist wieder Nährstoff für etwas nichts mehr geben, was man als Abfall Zufuhr an Metall von außen gibt es ab Neues. Stoffe reisen somit „von der bezeichnen kann. Zahlreiche Projekte und zu, wenn ein Meteor auf der Wiege zu Wiege“ (cradle-to-cradle). zeigen, dass das machbar ist. Jüngstes Nach diesem natürlichen Prinzip soll Beispiel: die österreichische Firma C2C - ein Etikett für das 3,5 Mrd der Mensch seine Welt gestalten. Backhausen hat ihre Produktion kom- Jahre alte Betriebssystem der Erde plett nach cradle-to-cradle ausgerich- Es geht hier nicht um Downcycling tet. Erdoberfläche einschlägt, aber mehr oder Resteverwertung, sondern um Geschenke des Universums darf man eine hundertprozentige Wiederein- Was hier mit einem schicken engli- sich nicht erwarten. Die Natur ist bringung von Stoffen in neue Kreis- schen Modebegriff daher kommt, be- Meisterin im Verwerten. Alles was Cradle-to-cradle Seite 5
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at vergeht, geht ein und auf in etwas Selbstverständlichste unter einem zeit- anderem. Sondermülldeponien gibt es geistigen Markennamen neu verkau- in der Natur keine. „Cradle-to-cradle“ fen müssen. Cradle-to-cradle ist nichts, ist somit bloß ein Etikett, welches auf was erfunden wurde, es ist keine das seit 3,5 Milliarden Jahren erfolgrei- Innovation, es ist die Erinnerung des che Betriebssystem dieses Planeten Menschen an sich selbst, sein Télos. geklebt wird. So wie auf eine Banane Diesen griechischen Begriff kann man ein Markenname geklebt wird, als mit „Ziel“ übersetzen. Jeder Mensch hätte „Chiquita“ die Banane erfunden hat sein Ziel, doch nicht in dem Sinne und erzeugt. wie ein Manager Ziele hat, sondern im Sinne von Zweckbestimmtheit. Der Mensch entdeckt, dass er Dieser Télos lässt sich nicht erschaffen, Bestandteil der Natur ist er ist stets da und kann nur erinnert und wieder-gefunden werden. C2C ist Es ist das zweifelhafte Privileg des die Wiederentdeckung des Umstandes, Menschen, etwas unwiderbringlich dass der Mensch Bestandteil der Natur von dieser Lebenskugel zu entfernen. ist, einer Natur, die in endlosen Kreis- So weit sind wir also, dass wir uns läufen agiert, weil dies die einzige selbst das Allernatürlichste und Möglichkeit ist zu bestehen. Cradle-to-cradle Seite 6
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    „Abfall existiert nicht“ Harald Koisser im Gespräch mit Albin Kälin, dem Pionier einer Denkungsart, die sich „Cradle to Cradle“ (C2C) nennt und von der man sich nicht weniger als „die nächste industrielle Revolution“ (so der deutsche Chemiker Michael Braungart) verspricht. Herr Kälin, Sie haben das weltweit ten drei Jahre beraten. Die Holländer Konsumenten zu treten, das wissen erste Cradle to Cradle Projekt durch- wissen jetzt wie es geht. Jetzt kommt wir alle. Es erweist sich, dass Cradle to geführt, was ist Cradle to Cradle der nächste Schritt. In der Region Cradle somit auch die Unternehmens- überhaupt ? Stuttgart, München, Wien, Mailand, kommunikation ändert. Das Unter- Lyon, dem industrielle Herz Europas, nehmen wird eine andere Partner- Cradle to Cradle ist ein Denken in wollen wir innovative Unternehmen schaft eingehen mit den Kunden, weil Kreisläufen. Man sollte Produkte mit C2C vertraut machen. man wissen muss, wohin die Produkte machen, wo die Materialien so defi- verkauft werden. Und von den Liefer- niert sind, dass sie sicher sind für bio- Um präzise zu fassen, was Cradle to anten muss man wissen, was sie in ein logische oder technische Kreisläufe. Cradle ist: Es ist eigentlich ein Tool, Produkt, das man selbst weiterverar- Wir dürfen keinen Rohstoffe verlieren, welches sich auf stofflicher Ebene beitet, hinein tun. nichts darf jemals Abfall werden. Das bewegt, und dort eine völlig neue bedingt, dass wir auch ein anderes Antwort versucht, welche darin C2C macht Schluss damit, immer nur Wirtschaften aufbauen müssen. besteht, dass ein Material, was immer den billigsten Rohstoff zu verwenden es auch sein mag, niemals zu Abfall Ich habe das allererste Cradle to wird. Wenn man in Kreisläufen denkt und Cradle - Produkt überhaupt gemacht. sein eigenes Produkt zum Wiederver- Das war 1993. Mittlerweile ist die Idee Die Philosopie besteht darin, dass werten zurück erhält, dann muss man sehr populär geworden, insbesondere Abfall gar nicht existiert. Wir reden nicht mehr unbedingt den billigsten in Holland. Holland möchte ein Cradle nicht einmal von Abfall, wir reden von Rohstoff einzusetzen, sondern kann to Cradle-Land werden, weil sie sich in Nährstoffen. Biologische Nährstoffe, jenen verwenden, der sich am besten einer Krise befinden. Sie haben in dem technische Nährstoffe. Da stellen sich für Kreislaufwirtschaft eignet. Al Gore-Film gesehen, dass ihr Land neue Herausforderungen in allem: plötzlich nicht mehr auf der Landkarte Engineering, Marketing, Kommuni- All die Kunststoffe, die wir heute ken- war. Das schien der Regierung keine kation, ...! Wenn ich Rohstoffe in ewi- nen, sind ja nicht in Hinblick auf meh- tolle Perspektive. Man hat zukunfts- gen Kreisläufen bewege, dann muss rere Leben entwickelt worden. Darum taugliche Ansätze gesucht und ist auf ich Produkte nach ihrer Verwendung reden wir heute von Recycling oder Cradle to Cradle gestoßen. Die wollen vom Konsumenten zurückbekommen. Downcycling. Das Neue besteht darin, nun die ganze Infrastruktur im Land Sonst gehen sie für den Kreislauf ver- Kunststoffe zu entwickeln, die ein ewi- kreislauffähig gestalten. Um dorthin zu loren. Wie schwierig es für ein Unter- ges Leben haben können bei gleich- kommen, haben wir das Land die letz- nehmen ist, in direkten Dialog mit den bleibender Qualität. Dann verlieren wir Cradle-to-cradle Interview mit Albin Kälin Seite 7
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at den Rohstoff und seine Eigenschaften ist. Altpapier hat zum Teil chemische Sie sagen, das erste C2C-Projekt nicht. Das ist auch ein enormer finan- Substanzen, die nicht sicher sind für stammt aus dem Jahr 1993. zieller Anreiz. biologische Systeme. Wir haben die Was war das? Qualität dieses Toilettenpapiers ver- Protagonisten der chemischen Indus- bessert, indem wir einen Recycling- Das war ein Möbelbezugsstoff, primär trie würden Ihnen widersprechen oder betrieb gefunden haben, der das aus Wolle und aus Ramie, einer zumindest skeptisch sein. Wir sitzen Ausgangsmaterial verbessert hat. Aber Bastfaser. Die hatte eine spezielle hier in einem Raum mit Möbel, wir ein Papierrecyclingbetrieb kann auch Funktion: klimatisiertes Sitzen, also, haben Kleidung an, vor uns steht ein nicht einfach so sagen: okay, ich liefe- dass man weniger schwitzt, und das Mikrofon mit einem Computer. Über- re besseres Ausgangsmaterial für dein hat man dann auch so konzipiert, dass all ist Technik und vor allem Chemie Toilettepapier. Die sind ja auch wieder es sicher in biologische Kreisläufe drinnen. Kriegt man sie da überall auf Rohstoff angewiesen, auf jenes geführt werden konnte, - auch die auch wieder raus ? Altpapier, das wir alle wegschmeißen. Farbstoffe. Da gab es zuerst großen Da haben wir u.a. eine Bank gefun- Widerstand der Farbstoffchemie. Aber Es geht nicht darum, Chemie rauszu- den, die aus Datenschutzgründen viele schließlich haben sie alle Daten offen kriegen. Wir brauchen die richtige Akten, also Papier, zur Vernichtung gelegt und wir sahen: von 1.600 Chemie. bringt. Wir konnten zwischen Bank, Farbstoffen konnten wir gerade einmal Recyclingbetrieb und Toilettepapier- 16 verwenden, also 1 %. Es geht nicht darum, die Chemie raus- hersteller einen sinnvollen Kreislauf zukriegen. Das ist genau der Punkt. herstellen. Man schafft so neue Opor- Unser Ziel war, essbare Textilien zu Wir müssen die richtige Chemie ein- tunitäten, die auch wirtschaftlich sehr machen. Warum essbar? Weil immer setzen. Also Chemie, die sicher ist für förderlich sind. Abrieb entsteht und Fasern in die Luft Mensch und Umwelt, für biologische kommen, inhaliert sie der Mensch. Das und technische Systeme. Wenn eine Es hätte also auf keinen Fall gereicht, war 1993 ziemlich verrückt. Freunde Substanz sicher ist für ein biologisches zum Produzenten des Toilettenpapiers von mir haben gesagt, da kommt der System, dann ist es richtig. Dann ist es zu gehen und ihm eine Umstellung „Komposti“. Das wollte ich überhaupt vereint mit der Natur. Dann brauchts der Produktion auf C2C-Standard nicht sein, ich bin auch nicht grün. keine Regulierung mehr. Wir alle sind schmackhaft zu machen. Weil er dann Aber man hat auch erst ein Wording erzogen worden, dass wir eigentlich gesagt hätte: „Schön und gut, Herr finden müssen. immer das Negative in den Vorder- Kälin, nur wo bekomme ich nicht grund rücken, und das ist genau das kontaminierten Rohstoff her?“ Wie haben Sie denn den allerersten Interessante an Cradle to Cradle. Es ist Auftraggeber davon überzeugen positiv definiert. Wir alle sind erzogen Es genügt nicht, eine Firma zu über- können zu diesen mutigen, eigentlich worden, linear zu denken statt in zeugen. Man braucht die ganze Kette. auch riskanten Schritt. Es geht ja doch Kreisläufen. um die Umstellung einer Produktion. Eben, genau das ist dieses System- Wir haben ein Projekt in Holland, wo denken über diese ganzen Lieferket- Stimmt, es war ein kolossales Umden- es um Toilettenpapier ging. Für die ten, diese Stoffströme, da muss man ken in der Produktion, denken Sie nur Herstellung verwendet man Altpapier, vernetzt denken. Es genügt eben an die Färberei. Der Betrieb war in der Cradle-to-cradle wo eigentlich die falsche Chemie drin nicht, nur einen Partner zu überzeu- Schweiz, südlich vom Bodensee, dem Interview mit Albin Kälin gen, man braucht die ganze Kette. Seite 8
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    größten Trinkwasserreservoir von ist, weil man über die Kompostierung Es ist sehr interessant zu hören, dass, Europa. Wir haben das hinbekommen, den Kreislauf schließen kann. Bei wenn man sich einmal auf Cradle to dass die Färberei das Abwasser ohne Backhausen war es viel komplexer, Cradle eingelassen hat, sich in Folge Klärung abführen konnte. Es hatte weil man die Kompostierbarkeit gleich das Denken und Handeln ganz auto- den Status von Trinkwasser. Das war einmal vergessen konnte. Flammhem- matisch ändern, - ändern müssen. Auf phänomenal. mende Fasern sind nun einmal aus einmal entsteht so etwas wie eine Ja, wie überzeugt man einen Kunden? Kunststoff. Ein biologischer Kreislauf kooperative Wirtschaft. Im vorhinein weiß man ja nicht, was schied somit aus, wir mussten einen für ein Erfolg das sein kann. Den Kun- technischen Kreislauf schaffen. Wenn Das ist ein schöner Begriff. Es geht den haben wir nicht primär in Europa etwas nicht kompostierbar ist, also darum, ein neues Verständnis zu ent- gefunden, sondern im Land der unbe- von der Natur aufgenommen werden wickeln und gemeinsam am Markt grenzten Möglichkeiten. Die haben kann, dann muss es endlos in techni- erfolgreich zu sein. einfach etwas gewagt und es war ein schen Kreisläufen gehalten werden. Erfolg. Wir haben 19 internationale Im Prinzip schafft es auch ein neues Auszeichnungen erhalten und dann Ein einzelner Betrieb kann das nie Denken der Konsumenten. kam plötzlich die Nachfrage vom schaffen. Man braucht Volumen. Und Markt. Wir hatten dem ersten Kunden damit Kooperation. Das ist das Herausragende an Cradel allerdings Exklusivität des Konzeptes to Cradel, dass man plötzlich ver- versprochen und haben nun zu disku- Backhausen macht das, indem er schwenderisch sein kann. Stoffe wer- tieren begonnen. Wir argumentierten, heute eine Rücknahmegarantie für alte den in Kreisläufen geführt, also ich dass das, wenn es einen derart tollen Stoffe abgibt, um sie der Wiederauf- kann nach Lust und Laune damit biologischen Effekt hat, alle anderen bereitung zuführen zu können. umgehen, es kommt immer wieder auch machen müssen. Wir haben ihn Backhausen ist auch bereit, sein zurück und es richtet keinen Schaden gefagt, ob er nicht auch Mitbewerber Know-how an die Mitbewerber zu an weil es positiv definiert ist. hätte, die fair sind. Er hat schließlich geben, einfach weil man Volumen eingewilligt und die Mitbewerber braucht. Je mehr sichere Produkte am Wenn man sich das alles anhört und haben das übernommen, und haben Markt sind, desto sicherer bekommt bedenkt, dass das erste Projekt 1993 auf allen ihren Musterkarten hinge- man tauglichen Nährstoff für die Pro- durchgeführt worden ist - und wir schrieben, dass die Initiative durch duktion. Ein einzelner Betrieb kann das schreiben jetzt das Jahr 2010 - dann jene Firma gekommen ist. So haben nie schaffen. Das eröffnet neue Ge- fragt man sich, wieso eigentlich nichts alle gewonnen. schäftsmöglichkeiten in der Zukunft, passiert ist bis jetzt, warum eigentlich z.B. können sich Partner zu einem Cradle to Cradle immer noch wie eine Jetzt, 17 Jahre später, haben wir ein Konsortium zusammenschließen und Art Geheimwissenschaft gehandelt Beispiel aus Österreich. Backhausen einem großen Abnehmer ein gemein- wird ? hat die Produktion unter Ihrer Be- sames Angebot machen. Und die wer- ratung auch in diesem Sinne umge- den diese Produkte nicht mehr verkau- Ja, das frustriert mich auch, um ehrlich stellt, darf man sich das jetzt ähnlich fen, sondern z.B. für fünf Jahre ver- zu sein, aber seit Januar 2010 gibt es vorstellen wie bei Ihrem ersten Projekt? mieten. Die Stoffe werden zurückge- eine gewisse Dynamik, wir haben auch nommen und durch neue ersetzt und hier in Wien eine Kooperation mit dem Das erste Projekt war ein biologischer ein neuer Mietvertrag wird aufgesetzt. Institut für Ökologie, Technik und Cradle-to-cradle Kreislauf, was natürlich viel einfacher Interview mit Albin Kälin Seite 9
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Innovation, dem ÖTI, gestartet. Es und wahrzunehmen. Die Rahmenbe- Wenn Sie das zu stark in bestehende muss sich etwas tun, denn wir haben dingungen sind nicht auf ein Kreislauf- Institutionen oder Organisationen ein- nicht mehr allzuviel Zeit. Unser Haupt- denken ausgelegt; die Gesetzesstruk- fließen lassen, ist das Ergebnis immer problem ist nicht das Energieproblem, tur ist oft hinderlich. Es klappt aber, der kleinste gemeinsame Nenner. Jetzt, welches bloß ein technisches Problem wenn wir es schaffen, möglichst viele wo bereits einige Zertifizierungen ge- ist, weil wir die Sonne als unerschöpfli- Akteure zu finden, die bereit sind, laufen sind, denken die Philosophen che Energiequelle haben. Wir wissen diese Veränderung anzugehen. Wir und Erfinder von Cradle to Cradle - bloß noch nicht genau, wie wir sie am sehen das zum Beispiel in der Chemie- William McDonough und Michael Besten nutzen. Viel gravierender sind industrie. Die Chemieindustie hat zum Braungart - darüber nach, die Zertifi- die Rohstoffe, denn die gehen uns Teil sehr sehr gute Produkte. Aber sie zierung an andere Institutionen zu aus. Und so wie wir in der Industrie hat es schwer, diese guten Produkte in übergeben. Dieser Prozess ist schon im funktionieren, wie wir mit den Roh- die Industriekette hineinzubringen. Sie Gange. stoffen umgehen, geht das nicht mehr müssen die Prozesse verändern, sie lange gut. Wir dürfen die Rohstoffe müssen die Rezepturen verändern, sie Wenn es nicht gelingt, den Unter- nicht verlieren. Denken Sie an Kupfer, müssen alles wieder neu testen, sie schied der Qualität aufzuzeigen und das haben wir noch 30 Jahre, dann ist müssen die Verkaufsunterlagen abän- zu dokumentieren, dann wird diese Schluss. Denken Sie an Phosphat, den- dern, usw.; das tut die Industrie nicht ganze Cradle to Cradle-Bewegung wie ken Sie auch an Öl. Also alle diese so gern. Das tut niemand gerne. viele andere Bewegungen irgendwann Rohstoffe gehen zu Ende. Wir sollten Cradle to Cradle ist aber eine Riesen- einmal verflachen und dann wird man eigentlich auch für die nächsten chance, weil man plötzlich in alles „die sagen, es ist halt dasselbe wie alles Generationen eine Verantwortung guten Dinge“ reinpacken kann. andere auch. übernehmen und sollten denen die Möglichkeit geben, dass sie sich auch EPEA zertifiziert ja auch diesen Cradle Wenn man ein Gebäude abreißt, entwickeln können und so arbeiten to Cradle Prozess. Wie darf man sich kommt so ein Riesenmonster und und leben können, wie sie es für rich- das vorstellen? haut alles zusammen. Das ist ja nicht tig erachten. unbedingt Kreislaufführung. Es gibt 4 Levels: Basic, Silber, Gold und Die Rahmenbedingungen sind nicht Platinum. Firma Backhausen z.B. ist Der Unterschied ist bestechend, aber auf ein Kreislaufdenken ausgerichtet. mit Gold zertifiziert. Es gibt auch Stoffe sind das eine, ganze Häuser mit Kritik, weil diese Zertifizierung eine Stahl-, Glas- und Holzkonstruktionen Sie haben die Industrie erwähnt. Jetzt private Initiative ist. Wir mussten aber und vielen Bauelementen sind etwas ist es so, dass die Industrie gelernte unbedingt einen neuen Qualitäts- anderes. Ist das auch machbar? Prozesse fährt, und diese Prozesse in begriff etablieren. Einen neuen Quali- Gesetzesstrukturen eingebettet sind, tätsanspruch kann man eigentlich nur, Das ist machbar. Das beweisen wir das heißt sie stechen hier in ein ohne dass ich da irgendwie chauvini- eigentlich. Es gibt ein gutes Beispiel in System hinein, das sehr gefestigt ist. stisch bin, auf einer privaten Basis Österreich, die Firma Thoma. Die angehen. bauen Häuser ausschließlich aus Holz, Das ist korrekt. Wir müssen nur uns das heißt auch die Verbindungen sind selber betrachten, wie schwer wir uns Weil? holztechnisch gelöst ist, ganz ohne Cradle-to-cradle tun, Veränderungen zu akzeptieren Kleber. Interview mit Albin Kälin Seite 10
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    Wenn Sie einGebäude abreißen wol- Das heißt, dass eigentlich jeder len, kommt so ein Riesenmonster und Unternehmer, jeder Manager, wel- haut das Zeugs zusammen. Das ist ja chem Unternehmen er jetzt auch nicht unbedingt Kreislaufführung, wie immer vorsteht, sich mit dem Cradle- wir uns das vorstellen. In Holland gibt Gedanken auseinandersetzen sollte, es jetzt ein Projekt mit Fliesen, wo wir weil man immer in irgendeiner Form die Frage stellen, wie man Fliesen wie- mit Stoffen zu tun hat, und es auch der leicht vom Gebäude demontieren auf einer abstrakteren Ebene neue kann. Wenn das gelingt, dann kann Impulse geben kann. man Fliesen und andere Materialien auch wieder sortenrein herausnehmen Das würde ich genau so unterstützen und in den Kreislauf überführen. Das und wir kommen ganz schnell in die revolutioniert auch die Bauindustrie, Situation, wo wir wirklich etwas die ja einer der größten Materialver- wesentlich verändern müssen weil die braucher überhaupt ist. Probleme immer unkontrollierbarer auf uns zu rollen. Wir müssen das Um- In ihrem Portfolio führen Sie ja nicht denken beginnen, insbesondere unse- nur potentielle Kunden, Produktgrup- ren Kindern zuliebe. pen aus der Reihe der stofflichen Ebene an, sondern Sie ermuntern auch Das war jetzt eigentlich schon der Dienstleistungsbetriebe, sich mit dem berühmte Wunsch für die Zukunft Cradle – Gedanken auseinanderzuset- zum Schluss. Sie sagen, es ist aber zen: Tourismus, Behörden, Logistik. etwas in Bewegung gekommen in den letzten Jahren. Was genau? Es geht überall um Stoffströme. Jeder Manager sollte sich mit C2C ausein- Holland, ein ganzes Land! Kalifornien, andersetzen. ein Bundesstaat! Sie haben sich dem C2C-Gedanken verschrieben und das Es geht überall um Stoffströme, auch kann man durchaus eine gewaltige und gerade im Tourismus. Die Peaks in Bewegung nennen. In Holland hat die der Saison mit den ganzen Abfällen, Regierung entschieden, ihre Einkaufs- die dort erzeugt werden, oder wie richtlinien, und da geht es um 40 Mrd man mit der Natur umgeht! Warum EUR, so zu verändern, dass Cradle to nicht Stoffströme ganzer Regionen Cradle Produkte bevorzugt werden. neu denken? Warum nicht endlich ein Blick auf das Facility Management, Ja, Herr Kälin, dann hoffe ich, dass ich also Gebäudemanagement? Wir wol- das nächste Interview mit einem len gar nicht auf der stofflichen Ebene Computer führe, der bereits komplett stehen bleiben. Wir müssen mit C2C „gecradlet“ ist. in die komplexeren Systeme. Cradle-to-cradle Das wäre cool. Interview mit Albin Kälin Seite 11
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at C2C Geschichte 1987: Michael Braungart und andere Schlossberg ein Set von Frottierwäsche 2009: Der Österreichische Textilher- Greenpeace-Aktivisten besetzen einen und Bademänteln. Übersicht über eini- steller Backhausen stellt unter Be- der Schornsteine des Schweizer ge Case Studies findet man auf der ratung von EPEA seine komplette Chemiekonzerns Ciba-Geigy (heute Website von EPEA Switzerland: Produktion auf C2C um. Novartis) wegen einer katastrophalen http://www.epeaswitzerland.com/ Verschmutzung des Rhein durch den Konzern. Braungart gründet EPEA 2005: Der deutsche Chemiker Michael (Environmental Protection Encourage- Braungart holt Kälin nach Hamburg. Er ment Agency). erfindet die Bezeichnung „Cradle-to- cradle (C2C)“ und zieht seither als 1993: Der Schweizer Textilkaufmann genialer Wanderprediger durch TV- Albin Kälin hat eine bahnbrechende Shows und Umweltkongresse. Im Idee, welche der Firma Rohner Textil, Amerika übernimmt diese Rolle der deren Geschäftsführer Kälin damals Architekt William McDonough. war, zahlreiche Auszeichnungen und Braungart und McDonough haben Designpreise einbrachte. Die Rohner- gemeinsam ein Standardwerk über Produktlinie Climatex (climatex.com) C2C herausgebracht, ein Buch, das wird zum weltweit ersten Cradle-to- bizarrerweise aus Plastik ist (siehe kriti- cradle-Produkt, auch wenn dieser Ter- sche Anmerkung). minus damals noch nicht gebraucht wurde. Gründung der Beratungsfirma EPEA (www.epea.com) durch Braungart. Das Projekt wird filmisch dokumen- Kälin wird Geschäftsführer und berät tiert, Kälins Idee wird von Universitä- u.a. die Niederlande, die vorhaben, als ten und Wissenschaft gewürdigt. Trotz ganzes Land komplett nach C2C zu großartigem Echo passiert aber in der leben! Industrie nichts. Die Projekte bleiben überschaubar: Triumph bringt eine EPEA vergibt C2C-Zertifizierungen in Damenwäscheserie aus rein ökologi- Silber, Gold und Platin, was Braungart scher Baumwolle namens Pure Origin zu Anfällen von Selbstironie bringt auf den Markt, die Schweizer Firma (siehe „kritische Anmerkungen“). Cradle-to-cradle Geschichte Seite 12
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    Denkende Stoffe Ing. ReinhardBackhausen über den „Stoff der vielen Leben“, zwei Jahre Forschung am Rande des Scheiterns und warum man niemals aufgeben darf. Backhausen hat die gesamte Produktion in einem Gewaltakt auf Cradle-to-cradle umgestellt. Interview: Harald Koisser Sie haben einen Stoff entwickelt, der an die Halbwertszeiten von Kunststoff Welt gehen. Wir gehören zu denen, Returnity heißt. Was darf man sich denke. die jetzt schon ein Produkt anbieten unter diesem Kunstbegriff vorstellen? können, nämlich Möbelstoffe und Eternity heißt hier „ewig im Kreislauf“, Vorhangstoffe. Returnity findet man nicht im Lexikon. darum sprechen wir auch vom „Stoff Das setzt sich zusammen aus Return der vielen Leben“. Wichtig ist, dass Wie reagiert der Markt auf Ihre (zurückgeben) und Eternity (die Ewig- wir ressourcenschonend und abfallver- Innovation? keit). Es ist eine Weltneuheit – der meidend denken. Wir werden in Zu- erste Flammhemmstoff, der umwelt- kunft ein riesiges Ressourcenproblem Sehr aufgeschlossen, aber es gibt auch freundlich produziert und recycling- haben. Heute leben 6,5 Mrd Men- diejenigen, die beim Fenster hinaus- fähig nach der Cradle-to-cradle-Philo- schen auf der Welt, irgendwann wer- schauen und sagen: Eh noch alles in sophie ist. Wir haben den gesamten den es 9 Mrd sein. Dafür reichen die Ordnung. Vielleicht müssen noch Produktionsprozess umweltfreundlich Ressourcen nicht aus. Da sind die mehr Umweltkatastrophen passieren, gestaltet, wir haben zum Beispiel aus Industrie und die Politiker gefordert, damit die Menschen aufwachen und den Farbstoffen und Ausrüstungs- alternative Konzepte zu entwickeln. sehen, dass es schon 2 vor 12 ist und chemikalien die bedenklichen Sub- etwas getan werden muss. Je mehr stanzen entfernt. Wir arbeiten also mit Ist Returnity Ihr persönlicher Wunsch, sich dem Cradle-to-cradle-Movement völlig anderen Farbstoffen als zuvor. sich mit der Welt zu versöhnen? anschließen, desto eher kann es um- Und wir haben das Versprechen gesetzt werden. Und es muss schnell gegenüber unseren Kunden abgege- Es ist ein Herzensanliegen, aber auch umgesetzt werden, denn wir brauchen ben, dass wir den Stoff nach der Notwendigkeit. Wir sind in der Textil- Mengen an Material für ein günstiges Verwendung zurücknehmen. Der industrie Vorreiter und hoffen, dass Recycling. Kunde muss nur ein E-Mail an uns andere mitziehen. Cradle-to-cradle schreiben und wir organisieren das wird sich absolut durchsetzen. Holland Im Moment erweist es sich also noch Cradle-to-cradle-gerechte Recycling. will 2012 eine ganze Stadt umstellen, nicht als Vorteil im Marketing, mit so Es darf dabei kein Abfall entstehen, sodass dort kein Abfall produziert einem neuen Konzept hinauszugehen? sondern muss komplett zu einem wird. Arnold Schwarzenegger hat neuen Produkt werden. Cradle-to-cradle in sein Regierungs- Der Vorteil liegt darin, dass wir programm aufgenommen und jetzt im Umweltbewusstsein wecken. Die Dann muss ich mich bei dem Wort Mai das erste Cradle-Institut in San Leute verstehen das Prinzip ja sehr Cradle-to-cradle Eternity nicht schrecken, weil ich da Francisco eröffnet. Das wird um die schnell. Außerdem hat der Kunde Interview mit Reinhard Backhausen Seite 13
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at einen messbaren Vorteil. Wenn er ein wir auf so breiter Basis agieren, dann auch um die Frage, wie man Energie Produkt zurückgibt, bekommt er werden auch die Mengen zustande gewinnt. Wir mussten auch mit der Rabatt auf künftige Returnity- kommen. EVN klären, dass wir einen hohen Bestellungen. Anteil an Wind- und Sonnenenergie Das ist eine höchst ungewöhnliche wollen. Erst das gesamte Maßnah- Wann werden die ersten Stoffe Aussage von einem Unternehmer in menpaket führt zu einer Cradle-to- zurückkommen? einer Zeit, wo man sehr auf seinen cradle-Zertifizierung. Wir haben diese Patenten sitzt und sich daraus Zertifizierung in Gold bekommen und Wir haben voriges Jahr unsere gesam- Wettbewerbsvorteile erhofft. da sind wir stolz darauf, weil wir uns te Produktion und sämtliche Kollek- enorm bemüht haben. Es hat auch tionen umgestellt. Ein Kunde kann Ich möchte auf keinen Fall alleine Situationen gegeben, wo Mitarbeiter jederzeit einen Stoff zurückgeben, auf dem System sitzen. gesagt haben: das geht einfach nicht. allerdings haben die sehr gute Qualität Wir hatten etwa große Probleme mit und ich schätze, dass es nun zwischen Es funktioniert aber nur so. Ich möchte der Farbe Schwarz und einem Dunkel- drei und fünf Jahre dauern wird, bis auf keinen Fall alleine auf dem System rot. Ich habe einfach weiterforschen etwas zurückkommt. Wir sind jeden- sitzen. Es wird sich ja auf alle Bereiche lassen, bis wir schließlich eine Lösung falls vorbereitet darauf. Das erstrecken. Es wird Cradle-to-cradle- gefunden haben. Recyclingsystem steht. Autos geben, ein völlig anderes Den- ken muss Einzug halten, wir müssen So wie das jetzt sagen, klingt das sehr Sie haben gesagt, dass Sie Mengen mehr partnerschaftlich agieren. souverän, aber ich vermute, sie haben brauchen. Wenn das in drei Jahren auch dem Scheitern ins Auge gesehen. hereintröpfelt, kommen wohl keine Wo liegen denn die größten Hürden Mengen zustande. bei einer Umstellung? Liegen sie im Ja, aber wenn man nach der Devise Kopf? In der Produktion? lebt „niemals aufgeben“ tut man sich Wenn nur die Firma Backhausen das nicht so schwer. Ich hatte das Ziel verfolgen würde, funktioniert das nie Zuerst einmal muss man die eigenen genau vor Augen. Es tut sich immer im Leben. Leute davon überzeugen. Das kann irgendwo eine Tür auf. man nicht mit einer Veranstaltung in Die Cradle-Community muss wachsen. der Firma abtun. Da muss man sich Wie bleibt man dran? Haben Sie ein Wir arbeiten daher in drei Richtungen. mit den Leuten auch einzeln auseinan- persönliches Geheimnis? Das eine ist die eigene Kollektion. dersetzen und zwar nicht nur in der Zweitens produzieren wir für Produktion, sondern auch im Vertrieb, Positiv Denken. Ich bin ein sehr positiv Grossisten und Möbelindustrie, die bei der Auftragsannahme, etc.; wenn denkender Mensch. Für mich sind Spezialentwicklungen von uns welt- die eigene Mannschaft dahinter steht, Probleme Chancen. Angesichts eines weit verkaufen. Und drittens lizenzie- hat man schon viel gewonnen. Problemes denke ich: Juhu, ein Pro- ren wir Returnity an andere Hersteller Wirklich schwierig war die Frage: geht blem! Ich freue mich, wieder etwas von Trevira CS (so heißt der flamm- das technisch? Und das war während lösen zu dürfen. Mit so einer Einstel- hemmende Stoff). Mit der Lizenz kön- der zweijährigen Entwicklungsphase lung tut man sich generell leichter. Cradle-to-cradle nen die das gesamte Know-how und gar nicht so klar. Dabei ging es ja nicht Interview mit auch den Logo übernehmen. Wenn nur um unsere Farbstoffe, sondern Reinhard Backhausen Seite 14
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    Das kommt offenbarauch im Es war in Teilbereichen so. Das Schlüs- haben ein wirklich schönes Medien- Managementstil hinüber. selerelebnis habe ich mit meinen Kin- echo, desto leichter wird es. dern gehabt. Wir haben uns vor vier Man muss es leben und begeistern Jahren den Al Gore-Film angesehen. Wo ist das meiste Geld hineinge- können. Die Leute müssen spüren, Populistisch, aber aufrüttelnd und auf flossen? dass man selbst voll daran glaubt und Wahrheiten beruhend. Meine Kinder dahinter steht. So kann man Leute haben gefragt, was man da machen Das meiste Geld fließt in Forschung mitreißen. Ist man nur halbherzig kann. Ich habe sofort gesagt: Standby- und Marketing dabei, kann sich alles im Sand ver- zustand ausschalten, Mülltrennung, - laufen. naja, das Übliche eben. Da haben Das ganze spielt sich im chemischen beide gemeint, wir haben doch eine Bereich ab. Wirklich viel Geld ist in Ist durch die Arbeit an Returnity auch Firma. Dort muss etwas geschehen. Research geflossen und ein großer ein ökologischeres Bewusstsein bei Ich habe begonnen nachzudenken, Aufwand war die Überprüfung der Ihren MitarbeiterInnen entstanden? aber wir stellen Stoffe aus Polyester gesamten Produktionskette. Und her. Da habe ich keine gute Idee ge- natürlich das Marketing! Was nützt es, Absolut! Es hat einige gegeben, die habt, wie man das ökologisch wertvoll wenn man ein tolles Produkt hat und mit Umweltdenken nicht viel am Hut macht. Da habe ich Professor Braun- niemand es weiß. Aber wir geben nur hatten. Ich halte derzeit sehr viele gart und Albin Kälin kennengelernt. einen Bruchteil der Kosten an den Vorträge im in- und Ausland, auch vor Das war Bestimmung. Wie dann Re- Kunden weiter. Wir verlangen nur um meinen Mitarbeitern, und da geht es turnity endlich fertig war, habe ich 2% mehr als vorher. Das ist ein be- nicht nur um das Produkt. Es geht um meinen Kindern sehr beruhigt in die scheidener und von den Kunden gerne Verständnis für unsere Augen schauen können. akzeptierter Anteil für die Umwelt. Umweltprobleme. Meine Vorträge beginnen oft mit einem Bild vom Wie haben das denn die Mitbewerber Zum Schluss noch eine verwegene Universum. Es geht doch darum, unse- aufgenommen? Frage: ist Cradle-to-cradle schon ren kleinen Planenten vor uns selbst zu alles? Was kommt noch? schützen. Ich rede über Skeptisch! Es gibt ja so viele Umwelt- Umweltprobleme, baue dabei ein konzepte. Die Kunst besteht darin, die Es gibt eine Steigerung. Die heißt wenig auf dem Film von Al Gore („Die Leute zu begeistern und zu gewinnen. „smart textiles“. Als Verbandspräsi- unbequeme Wahrheit“) auf. Es muss Es war schon ungewöhnlich, offen auf dent der Textilindustrie habe ich die klar werden, dass da eine Welt-Vision den Mitbewerb zuzugehen und ihn Smart-textiles-Plattform gegründet, dahinter steckt. Ich sehe uns als aufzufordern, etwas gemeinsam zu einen Schulterschluss der Beklei- Teilbereich eines großen Ganzen. machen. Etwas großes Gemeinsames! dungsindustrie mit der Elektronik- Manche, die anfangs misstrauisch industrie. Wir wollen textile Produkte Jetzt kann ich meinen Kindern abgelehnt haben, sind dann auf mich entwickeln, die denken können. beruhigt in die Augen schauen zugekommen und wollten doch mit- Stoffe, die ihre Farbe verändern kön- machen. Es ist eben ein langsamer nen. Heute ein blaues, morgen ein Wo kommt Ihr persönliches ökologi- Überzeugungsprozess und auch da grünes Sofa! Oder Vorhänge, die sches Gewissen und die Verantwor- darf man nie aufgeben. Je mehr die Energie speichern können. Oder Cradle-to-cradle tung, die Sie zeigen, her? War das Medien darüber berichten, und wir Mäntel mit Airbags. Im Medizintextil- Interview mit schon immer so? Reinhard Backhausen Seite 15
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Bereich könnte man Textilien entwik- keln, die Organe im Körper umschlie- ßen und Informationen an Ärzte fun- ken. Das sind alles realistische Visi- onen. International wird viel daran geforscht. Aber natürlich müssen die in Textilien eingebauten Komponenten cradle-to-cradle-fähig sein. Cradle-to-cradle Interview mit Reinhard Backhausen Seite 16
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    Die C2C-Community Weltweit werdenderzeit etwa 600 Produkte nach dem Cradle-Prinzip hergestellt, Tendenz steigend. Hier ist eine kleine Übersicht über das aktuelle Angebot an C2C-Waren und Dienstleistungen. Aveda (Estée Lauder) Desso gugler USA Holland Österreich Kosmetiklinie, die komplett aus pflanz- Der weltweit führende Teppichher- Cross Media-Betrieb mit hohem Öko- lichen und mineralischen Inhaltsstoffen steller arbeitet daran, sein gesamtes bewusstsein; arbeitet derzeit an hun- besteht Portfolio (Teppiche und Kunstrasen) dert Prozent kompostierbaren www.aveda.com ausschließlich nach dem C2C-Prinzip Druckprodukten zu gestalten. Derzeit können 90% www.gugler.at Backhausen interior textiles aller Fabrikabfälle und 100% aller Österreich Verpackungen recycelt werden Hermann Miller Möbel- und Dekorationsstoffe für www.desso.com England Prestigebauten (Hotels, Opernhäuser, Stühle, Tische, System-Büromöbel aus ...) und Eigenheim nach dem C2C- Dr. Petry nachhaltigen Materialien, Prinzip (komplett wiederverwertbar); Deutschland Produkteigenschaften und schonenden damit die Stoffe wieder in das Werk Nachhaltige Textilveredelung Produktionsverfahren. Es werden die zurückkommen, gibt Backhausen eine www.drpetry.de jeweils sichersten Chemikalien verwen- Rücknahmegarantie und Prozente bei det sowie die Zerlegbarkeit und Folgekäufen earthbuddy Recyclingfähigkeit der Möbel beachtet www.backhausen.com Hongkong/China www.hermanmiller.com Produzent von biologisch abbaubaren Belland Verpackungsmaterialien, Johann Müller AG Deutschland Essensbehältern, Tabletts, etc.; Schweiz Kunststoff mit den gewohnten Ge- Ausgangsstoffe sind Agrarrückstände Die Firma hat biologisch abbaubare brauchseigenschaften aber mit der www.earthbuddy.hk Näh- und Strickgarne, Frottierware Recyclingfähigkeit von Papier, lässt und die bilogisch abbaubare Kunst- sich preisgünstig auf gleichem Quali- Elastic faser PLA entwickelt. Auch die Ver- tätsniveau wiederverwerten; zB für Deutschland packungen und Etiketten sind biolo- Catering-Geschirr, Trinkbecher für Elastische Stoffe und Spitzen für die gisch unbedenklich Großveranstaltungen (Sport, Konzer- Wäsche-, Sport- und Bademoden- www.mueller-textil.ch te), etc. industrie. Entwicklung des biologisch www.belland.de kreislauffähigen Stoffes Pure Origin, Cradle-to-cradle der sich in einer Unterwäscheserie der Die C2C-Community Firma Triumph findet Seite 17 www.elastic.de
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at method Shaw für Allergiker interessant. USA USA www.trigema.de Umweltfreundliche und gesundheits- Die Firma ist Zulieferer für Teppich- verträgliche Haushaltsprodukte. Es produzenten und hat sich auf Teppich- Triumph dampfen keine Lösungsmittel mehr fliesenunterseiten spezialisiert. Die Deutschland aus und man braucht auch keine Produkte werden umweltschonend in Die Damenunterwäsche „Pure Origin“ Gummihandschuhe, um die Hände zu geschlossenen Kreisläufen wiederver- besteht aus ökologisch angebauter schützen. Die Gebinde und Verpack- wertet. Baumwolle und einer biologisch ab- ungen sind kreislauffähig. www.shawfloors.com baubaren Elastanfaser. www.methodhome.com www.triumph.com Steelcase Remondis Deutschland van Houtum Deutschland Büromöbel, die am Ende jedes Lebens- Holland Wasser- und Kreislaufwirtschaft; zyklus leicht zerlegt und wiederver- Toilettepapier und Handtücher, die Kompostwerke und Erdenwerk nach wertet werden können. Star des nach C2C hergestellt werden dem Prinzip geschlossener Stoffkreis- Sortiments ist der Arbeitsstuhl www.satino.com läufe „Think“, der höchste ökologische www.remondis.de Standards erfüllt und zu 98% wieder- van Kaathoven verwertbare Komponenten enthält. Er Holland Safechem lässt sich innerhalb von fünf Minuten C2C für Katzenfreunde. Komplett Deutschland zerlegen, die wenigen Teile, die ent- kreislauffähiges Katzenstreu, gepaart Risikomanagement zur Handhabung sorgt werden müssen, sind gekenn- mit einem Hausservice. Die Kunden chlorierter Lösemittel, wie sie für zeichnet. Steelcase produziert auch erhalten ein Katzenklo samt Katzen- Reinigungsprozesse in der Industrie Stoffe, Trennwände, Monitore und streu, die Schale wird alle zwei Wo- verwendet werden; Reduktion der diverse Arbeitzsplatzausstattung nach chen vor die Haustür gestellt und aus- Lösemittel um 90% innerhalb von C2C. getauscht. 10 Jahren bei gleichzeitigem Anstieg www.steelcase.de www.katzenkomfort.com gereinigter Teile; Entwicklung von Geschäftsmodellen und Services für Thoma Wexla den verantwortlichen Einsatz von Österreich Österreich Chemikalien Häuser (Einfamilienhäuser, Hotel- Schuhe sind laut Braungart „Franken- www-safechem-europe.com bauten, Industrieanlagen) aus 100% steinprodukte“, da sie künstliche und Holzbauweise. Kein Leim, keine che- biologische Materialien enthalten, die Search mischen Verbindungen. Nur Holz. untrennbar miteinander verbunden Holland www.thoma.at werden. Wexla hat ein System entwik- International agierende Technikbera- kelt, wie man günstig Ersatzteile für tung, Labor- und Lehrorganisation Trigema Schuhe nachkaufen kann: Schuhsohle, Dienstleistung: Beratung für nachhalti- Deutschland Schuhoberteil, Fußbett. Eine Realisati- Cradle-to-cradle ge Entwicklung Der Hersteller von Sport- und Frei- on solcher Schuhe gibt es noch nicht. Die C2C-Community www.searchbv.nl zeitbekleidung führt ein kompostierba- Im Programm sind kompostierbare Seite 18 res T-Shirt im Programm. Die biolo- Flipflops. gisch wertvollen Inhaltsstoffe sind v.a. www.wexla.at
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    Ameise, Regenwurm und Berggorilla KritischeAnmerkungen zu C2C, Teil 1 Text von Harald Koisser Wider die Verschwendung Dem kann man entgegenhalten, dass Nur weil maßloser Konsum auf stoffli- diese Kritik aus der „alten Welt“ cher Ebene durch C2C plötzlich unbe- Es war die Rede davon, dass C2C das stammt, in der zurecht gegen blind- denklich wird, wäre er es noch lange ökonomische Denken in Richtung wütige Vergeudung unwiederbringli- nicht auf zwischenmenschlicher Ebene. Kooperation wenden könnte, doch cher Ressourcen gewettert wurde. Mit auch auf Seiten der KonsumentInnen C2C gibt es aber keine unwiederbring- Es bleibt dabei allerdings zu fragen, ob wird C2C eine sukzessive Wendung im lichen Ressourcen mehr. Wenn sich der Einzelne dies als Ausbeutung er- Denken und Verhalten bewirken, aller- das Prinzip durchsetzt, wird sich die lebt oder seinen Arbeitseinsatz gerne dings eine, die argwöhnisch beobach- moralische Debatte von der Theorie in erbringt, sei es wegen entsprechender tet wird und auf Kritik stößt. Wenn die Lebenspraxis verlagern und eine Entlohnung, sei es als Quid pro Quo Stoffe ökologisch komplett unbedenk- Neubewertung des Begriffs „Ver- für eigenes verschwenderisches Ver- lich sind und wieder in neue Kreisläufe schwendung“ notwendig machen. halten. Wenn Arbeit sinnvoll ist, kann eingehen, so darf man plötzlich etwas, Man könnte also der Tugend der man sie auch lustvoll verrichten. wofür man sich heute noch in der Mäßigung folgen und abwarten, alten Welt der Müllberge geniert: würde nicht Ernst Gugler von gugler Rahim Taghizadegan merkt in seinem maßlos verschwenden! Weil alle C2C- crossmedia, selbst ein C2C-Pionier, ein Gastkommentar allerdings sehr richtig ProtagonistInnen dieses lustvolle Ver- Argument jenseits der stofflichen Welt an, dass zum Beispiel Lebensmittel schwenden so herzhaft propagieren, vorbringen. Er meint, dass jedes Pro- Cradle-to-cradle-Produkte sind, aber regt sich moralischer Unmut. Man dukt immer auch Ergebnis von men- eine Verschwendung immer bedenk- würde hier einen neuen Konsumwahn schlicher Arbeitszeit ist, und lustvolles lich ist. begründen, dessen Vorteil wohl in der ökologischen Unbedenklichkeit liege, Darf man menschliche Arbeitszeit aber moralisch bedenklich wäre. Man verschwenden? sieht die Tugend der Mäßigung bedroht. Verschwenden somit bedeutet, men- schliche Arbeitszeit zu verschwenden. Cradle-to-cradle Kritik Seite 19
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Du sollst zertifizieren Braungart erklärt, er wolle sich den unsäglichen Öko-Zertifikaten entge- EPEA vergibt Zertifikate für C2C- genstemmen, welche die Produktwelt Projekte und –Betriebe. Man darf überschwemmen. Jeder fadenscheinige zurecht bemerken, dass üblicherweise Mist wäre eine Öko-Plankette wert, aus gutem Grund Beratung und Zer- die man sich an die Eingangstür kleben tifizierung von unterschiedlichen kann. Also müsse man dem mit einer Stellen durchgeführt werden. Der C2C-Auszeichnung begegnen. Berater kann sich wohl selbst kein objektives Zeugnis ausstellen. Mit einer guten Portion Selbstironie Braungart weiß das natürlich und merkt der Chemiker an, dass er in übergibt die Zertifizierung auch dem- Silber, Gold und Platin zertifiziere: „Ist nächst an solch eine unabhängige das nicht lustig: Das sind ökologisch Stelle. Bleibt allerdings die Frage, hoch bedenkliche Edelmetalle. Im Sinn wozu überhaupt zertifizieren? Es der Sache, der Nützlichkeit, die wir scheint als müsse ein Wahn nach anstreben, müsste es eigentlich Zer- objektiven Belegen für das eigene tifikate geben, die Ameise, Regen- Gut- und Bessersein befriedigt werden. wurm und Berggorilla heißen“. Cradle-to-cradle Kritik Seite 20
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    Cradle-to-cradle - dienächste Sau, die man durch das globale Dorf treibt? Kritische Anmerkungen zu C2C, Teil 2 Gastkommentar von DI Rahim Taghizadegan, Institut für Wertewirtschaft (www.wertewirtschaft.org) Aus dem Inhalt: Der Ausdruck „cradle-to-cradle“ (Wiege-zu-Wiege) findet gegenwärtig • C2C bietet reale Innovationen und nicht bloß Zertifikate für greenwashing. wachsende Beachtung. Mit diesem • Leider sind es stets Übertreibungen, die im Konkurrenzkampf um knappe Konzept reüssieren vor allem der Aufmerksamkeit eingesetzt werden. Braungart kontert mit einer amerikanische Architekt William Verschwendungsideologie gegen jene, die sich „gesund schrumpfen“ wollen. McDonough und der deutsche • Die Größe der Versprechungen von Cradle-to-cradle bringt die Gefahr von Chemiker Michael Braungart. Der politischer Planwirtschaft Ansatz bezieht sich auf das Gestalten • Es klingt so schön, alle Verschleißteile durch kompostierbare Materialien zu von Produktzyklen, bei denen Abfall ersetzen. Doch wer sagt, dass „natürliche“ Stoffe weniger gefährlich sind? direkte Verwertung als Rohstoff findet. • Vor dem Auto erstickten Städte im Pferdemist. Das Problem liegt stets Produkte sollten also nicht als Schad- in der Masse. stoffe in der Totenbahre von End- • Am gefährlichsten ist cradle-to-cradle, wenn es Leute anspricht, die lagern enden, sondern die Wiege für weder Investitionen aus eigenen Mitteln verantworten, noch sich mit ihrer neue Produkte abgeben. individuellen Verantwortung als Konsument zufrieden geben, sondern ungeduldig nach der Weltverbesserung trachten. Dann stecken wieder Nachdem Steven Spielberg gerade an überschuldete Bürokratien, Steuergeld in Hype-Projekte, die sie mittels von einem Film über diese Idee arbeitet, ihnen ernährter „Experten“ als große Zukunftsinvestitionen vermarkten. wird sie wohl bald nicht mehr bloß der Hype kleiner Zirkel sein, sondern zum Massen-Hype wachsen. Die Größe der Versprechungen dieser Idee begünstigt ihre Aufnahme, weckt aber auch neu- gierige Skepsis. Man ist es mittlerweile gewohnt, daß ein Weltrettungsplan den nächsten ablöst, der sofort und umfassend umgesetzt werden muß. Es Cradle-to-cradle sei zu spät, darauf zu warten, daß die Kritik II Seite 21
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Menschen ihr Leben ändern, die einzi- fluß leben, nach Herzenslust ver- Braungart und seine Kollegen durch- ge Hoffnung bestünde darin, den schwenden. aus reale Innovationen zu bieten Rettungsplan so groß wie möglich zu haben und nicht bloß Zertifikate für dimensionieren, so schnell wie möglich Zweitens fällt auf, daß Braungart und greenwashing (Umwelt-Marketing) umzusetzen und so zentral wie mög- McDonough schon lange vor dem verkaufen. Je größer der Hype wird, lich zu steuern. Ist cradle-to-cradle Hype sehr viel Geld mit ihrem Ansatz desto eher ist allerdings zu erwarten, bloß die nächste Sau, die durch das verdienen. Braungart wurde als daß Motive der Eitelkeit und PR bei medial-globale Dorf getrieben wird? Greenpeace-Aktivist bei der Besetzung eines Schornsteins des Unternehmens Die Gegendogmatik tut der Zwei Unterschiede fallen zunächst ins Ciba vom Fleck weg von den ver- Umweltbewegung sehr gut Auge. Erstens sind die Betonungen meintlichen ideologischen Feinden hier deutlich anders als man es sonst engagiert. Ciba heuerte ihn als selb- der Adaption der geschützten Marke bei ökologischen Bedenkenträgern ständigen Berater an. Unzählige große cradle-to-cradle bedeutsam werden. gewohnt ist. Insbesondere Michael und finanzkräftige Unternehmen folg- Dies wird durch die psychologisch sehr Braungart, ein ehemaliger Green- ten. 1995 gründete er das Unterneh- wirksamen ideologischen Übertreibun- peace-Aktivist, lästert gerne über den men McDonough Braungart Design gen in der Darstellung begünstigt. „Schuldkult“ der modernen Umwelt- Chemistry mit McDonough in den Solche Übertreibungen sind zwar stets bewegung. Braungarts Ökologismus USA. Ford ließ sich etwa von einseitig, können aber als Korrektiv ist durch und durch progressiv. Nach McDonough für gesalzene zwei und Aufweckmittel dienen. Die Dosis der ideologischen Verwirrung des letz- Gegendogmatik tut der Umweltbewe- ten Jahrhunderts bringt konsequenter Nachhaltigkeit - ein leeres Konzept gung ganz gut, die in der Regel ihr Progressismus (die ideologische Über- Wissen maßlos überschätzt. höhung des Fortschritts und Wachs- Milliarden Dollar die Dächer des größ- Braungarts Witze gehen häufig auf tums) heute meist Betonungen mit ten Werkes begrünen. Geld, so könnte Kosten populärer Öko-Irrtümer. Doch sich, die verwirrte Beobachter als neo- man einwenden, das aus dem Verkauf auch Cradle-to-cradle ist vor Irrtümern liberal bis neokonservativ einordnen von Produkten und der Aufnahme von nicht gefeit. Je größer der Kontext, würden. Dies erklärt auch, warum sich Krediten stammt, die mit Nachhaltig- desto unübersehbarer die Komplexität. unter Neokonservativen so erstaunlich keit wohl wenig zu tun haben. Doch Die beste Intention kann in einem viele ehemalige „Linke“ finden. Nachhaltigkeit ist für Braungart ohne- komplexen System die schlimmsten Braungarts Glaube an Wissenschaft hin ein leeres Konzept: Es ginge um Auswirkungen nach sich ziehen. und Technologie ist von unerschütterli- Veränderung, nicht darum, Dinge zu In einem der zahlreicher werdenden chem Optimismus, eine intelligente erhalten. als Dokumentation getarnten Werbe- wirtschaftliche Entwicklung könnte in filme über cradle-tocrade sieht man Zukunft noch einem Vielfachen der Die Erwähnung dieser zwei Aspekte die feierliche Eröffnung eines Modell- Erdbevölkerung eine bessere Versor- mutet nach Kritik an, doch der wirt- Dorfes in China, das mit der Beratung gung bieten. Er will dem Konsumenten schaftliche Erfolg und die ideologi- von McDonough geplant worden sein das schlechte Gewissen nehmen. Dank schen Betonungen verdienen zunächst soll, um ein bestehendes Dorf zu nach cradle-to-cradle zertifizierter Pro- eine Würdigung. Die Nachfrage durch ersetzen. Dies wurde als wegweisen- Cradle-to-cradle duktgestaltung könne man wieder Unternehmen bevor das Konzept zum der erster Schritt gepriesen, wie für Kritik II Spaß beim Konsum haben, im Über- Medienhype wird, deutet an, daß Abermillionen von Chinesen im Zuge Seite 22
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    des nächsten, revolutionärenFünfjah- letztlich 12.000$, wie dies bei Staats- sein Leben verbessern kann, ist dabei resplan neue und moderne Öko- aufträgen die Regel ist. Das ist das nicht von Interesse. Die Entmündigung Häuser geschaffen werden könnten. Zehnfache des dortigen Jahresein- des Menschen ist die große Gefahr Die Tochter von Deng Xiao-Ping war kommens. Nur zwei Familien sind von allzu technologieorientierten daran beteiligt und die staatliche überhaupt jemals in das „Musterdorf“ Lösungen. Fernsehsprecherin pries die Weitsicht eingezogen, und das nur, weil ihre Braungart schlägt technische Produkt- der Partei. Trotz vorteilhaftester Häuser niederbrannten. Sie mußten zyklen vor, bei denen Produkte im Aufnahmen und massiver Propaganda alte Ölöfen nutzen, weil die „alternati- Eigentum der Hersteller bleiben und ist das Projekt für den nüchternen ven Energiequellen“ nicht funktionier- bloß deren Nutzung als Dienstleistung Betrachter jedoch sofort als groteske ten. angeboten wird. Das ist ein mögliches, Fehlplanung erkennbar. Häßliche, voll- Es steht außer Frage, daß die geschick- aber kein notwendiges Konzept. Die kommen identische Häuser mit winzi- te Imitation der Natur ein riesiges gen, trostlosen „Gärten“, direkt Potential bietet, das eine zugleich Nullwachstumsfetischisten gegen nebeneinander aufgefädelt, mitten im menschen- und naturferne Technik, Verschwendungsideologen Nichts. Der Vorzeige-Bewohnerin die auf effiziente Massenlösungen hin rutschte heraus, daß sie für normale ausgerichtet ist, bislang weitgehend gleiche Funktion könnte eine Rück- Menschen wohl noch dazu viel zu übersehen hat. Dieses Potential findet nahmegarantie von Produkten spielen. teuer wären. Der umjubelte ökologi- sich aber nicht nur in neuer Technolo- Doch auch den gegenläufigen, fort- sche Aspekt bestand darin, daß die gie, wie der Fortschrittsfreund es sieht, schrittskritischeren Ansatz sollte man Wände dank der teuren Beratung aus sondern auch in verlorenem oder ver- dabei nicht aus dem Auge verlieren: den USA nicht aus Ziegeln, sondern loren gehendem Wissen, die der weniger unnötige Geräte, höhere aus Sand und Stroh bestanden. Fortschrittsfeind betont. Beide Be- Lebenszeit, einfachere Konstruktion, Die Häuser stehen bis heute leer und tonungen sind einseitige Übertreibun- die das Reparieren durch den Konsu- verrotten. Sie waren trostlosen ameri- gen, doch werfen wir ein wenig für menten selbst erlaubt. Auch das ist kanischen Vororten nachempfunden, letztere Ansicht in die Waagschale, um kein Allheilmittel, vor allem weil jeder hatten winzige Ziergärten und Gara- unsere Abwägung ins Lot zu bringen: Ansatz in der Gegenwart zunächst die gen, obwohl nur vier der bisherigen Der moderne Innovationsbetrieb hängt Bequemlichkeit der Konsumenten 1.400 Dorfbewohner ein Auto haben zu sehr am Subventionstropf, sodaß akzeptieren muß. Leider sind es stets und als Landwirte mit den gräßlichen, ihm oft der Blick für Knappheiten und Übertreibungen, die im Konkurrenz- lächerlich kleinen Vorhöfen keinesfalls menschliche Dimensionen fehlt. All die kampf um knappe Aufmerksamkeit überleben können. Die Energie für das Machbarkeiten und all das fabrizierte und natürlich um Geld stehen. Kein Musterdorf sollte aus einer Biogasan- Wissen sind sinnlos, wenn sie in das Wunder, daß diejenigen, die das lage kommen, in der die landwirt- persönliche Wirken beschränkter Men- Nullwachstum zu ihrer Ideologie über- schaftlichen Abfälle verheizt werden schen keinen Eingang finden können, dehnt haben, Verschwendungsideolo- sollten. Niemand hatte sich die Mühe sondern weiter entpersönlichen und gen wie Braungart feindlich gesinnt gemacht, herauszufinden, daß diese entfremden. Heutige Forscher forschen sind. Beides ist als Ideologie Unfug. „Abfälle“ den Ziegen verfüttert wur- in der Regel ihren Auftraggebern zu: Man kann sich nicht „gesund den, die ohne diese Reste im Winter aufgeblähten staatlichen Apparaten schrumpfen“, wenn das Schrumpfen verhungern würden. Die Häuser, die und Großkonzernen. Wie der einzelne zum Ziel wird; dies ist nämlich schon Cradle-to-cradle für je 3.500$ geplant waren, kosteten Mensch in seinem konkreten Umfeld an sich krankhaft. Die entsprechenden Kritik II Seite 23
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Ideologen hoffen wohl unbewußt auf gigkeit noch weitere Probleme auf: dahinter ist, daß Druckwaren techni- Pöstchen als Politkommissare, wo sie Alle Zyklen müssen, um die verspro- sche Kreisläufe bilden könnten. Dann aus ihren Steuerungszentralen chene Effektivität zu erlauben, ge- hätte man das Buch vom Verlag bloß „Wachstum beschränken“ dürfen. Der schlossen sein. Der dazu nötige große gemietet, dieser würde es zurückneh- nächste Fünfjahresplan: 10% weniger logistische Aufwand wird beim men, nachdem man es ausgelesen hat, Produktion, 10% weniger Energiever- „Hypen“ der Idee zu zwei Betonun- und es zu einem neuen Buch ein- brauch, 10% mehr Glück. Das ist ein gen führen: Einerseits sind besonders schmelzen. Natürlich besteht ein sol- Befehl! große, hochintegrierte Unternehmen cher Zyklus noch nicht und es ist frag- Die Überhöhung der Verschwendung begünstigt. Andererseits wird die Un- würdig, ob er sinnvoll wäre. Das Buch durch Braungart ist ebenso zweifel- geduld in dezentraleren Sektoren und ist zwar wasserfest, bleibt aber beim haft. Er hat vollkommen recht, daß es Regionen zu politischen Ambitionen Lesen nicht geöffnet. Das Konzept, absurd ist, Wegwerfartikel aus Materi- führen. Das politische Schließen von Bücher auszuborgen, ist uralt: man alien zu erstellen, die Jahrtausende als Zyklen hat jedoch ganz unweigerlich nennt es Bibliothek. Angesichts der nicht weiter nutzbare Problemstoffe einen planwirtschaftlichen Charakter. Tatsache, daß es den gewünschten überdauern. Hier ist noch viel Be- Planwirtschaft hielt man einst für effi- Kreislauf nicht gibt, ist das Buchkon- wußtseinswandel und technische zienter und effektiver. Heute weiß zept eine ökologische Bruchlandung. man, daß die mangelnde persönliche Der Transport, die Verbrennung oder Nur weil etwas kompostierbar ist, Verantwortung zu kolossalen Fehlent- Deponierung sind allesamt umwelt- ist es nicht automatisch effektiv scheidungen führt, die nicht nur die schädlicher als bei einem herkömmli- Umwelt, sondern auch das menschli- chen Buch. Und wer weiß, welche Entwicklung nötig. Doch nur weil che Leben bedrohen. Der systemische Folgen wir noch nicht kennen? etwas kompostierbar oder in neuen Charakter von cradle-to-cradle und die Dies ist ein weiteres Problem, das Produkten verwertbar ist, ist es nicht Größe und Übertreibung der Verspre- gerne übersehen wird. Das neuentwik- automatisch effektiv. Eine Übertrei- chungen verstärken diese Gefahr plan- kelte Substitut für einen Stoff ist in der bung dieses Ansatzes neigt dazu, den wirtschaftlicher Verlockungen. Insbe- Regel unbekannter als dessen Vorläu- Energie- und Transportaufwand zu sondere die von Braungart gerne ver- fer. Es klingt so schön einfach, schlicht ignorieren. Die Gesetze der Thermo- wendete Analogie des Ameisenstaates alle Verschleißteile durch kompostier- dynamik verbieten ewige Kreisläufe deutet in diese Richtung. bare Materialien zu ersetzen. Doch es ohne Verluste. Zwar ermöglicht die ist ein häufiger Irrtum, „natürliche“ laufende Energiezufuhr der Sonne das Braungarts Buch aus Plastik - Stoffe für weniger gefährlich zu halten Überleben organischer Kreisläufe, und eine ökologische Bruchlandung – ein Irrtum, auf den Braungart selbst diese können uns zweifellos als Vorbild hinweist. Biologisch abbaubare Ver- dienen. Doch darf man diese Analogie Das Problem nicht geschlossener schleißteile können unerkannte Risiken nicht überdehnen, denn die geringen Zyklen wird deutlich an einem beson- bergen. Eben weil Plastik nicht kompo- Wirkungsgrade könnten erst recht ein ders greifbaren Beispiel: Braungart und stierbar ist, d.h. nicht biologisch aktiv totalitäres Diktat der Energieeffizienz McDonough ließen ihr Buch nicht auf ist, ist es selbst vollkommen ungiftig. anregen, vor der Braungart zurecht Papier, sondern auf Kunststoff druk- Gefährlich sind die Zusatzstoffe warnt. ken. Plastik ist natürlich im Gegensatz (Weichmacher, Flammhemmer usw.). Cradle-to-cradle Das Zyklenkonzept weist neben der zu Papier nicht kompostierbar und viel Wenn alle Abfälle biologisch sind, ist Kritik II Technologie- und damit Kapitalabhän- weniger „natürlich“. Der Gedanke dies nicht notwendigerweise ökolo- Seite 24
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    gisch. Vor demAuto erstickten Städte ten an, bietet es, falls es teurer ist, eine mögliche Einsammlung berück- im Pferdemist; die Überdüngung rui- einen Vorteil, der den Mehraufwand sichtigen, ändert sich das Bild schon niert den Boden. Das Problem liegt lohnt, fügt es sich langfristig in einen wieder vollkommen. eben doch auch in der Masse, jeder Zyklus, was passiert bei Änderungen Verschwendungslust zum Trotz. Und der Marktlage? Die Fragen sind zahl- Die Gefahr besteht darin, den diese Masse ist eben das Gefährliche los. Braungart erkennt richtig, daß die Konsumenten wieder einmal bloß an Hypes. Der Hype rund um Biotreib- besten ökologischen Intentionen oft unnötige Produkte anzudrehen stoffe ist ein gutes Beispiel dafür, wie ungeheure Irrtümer hervorbringen. Je eine neue Idee durch massive För- stärker cradle-to-cradle als Heilsver- Viel problematischer in Hinsicht auf derungen und Heilsversprechen so sprechen und Lösung aller ökologi- den Konsumenten ist der mögliche überdehnt wird, existenzbedrohende schen Probleme vermarktet wird, Mißbrauch von cradle-to-cradle, nur Ausmaße zu nehmen und die Ernäh- desto größer wird das Irrtumspotential. ein weiterer Vorwand zu sein, den rung von Menschen zu gefährden. Die Dabei ist der Ansatz für Produktent- Konsumenten wieder neue, teurere, moderne Ungeduld setzt alle Hoff- wickler im Kern so simpel, daß er gar letztlich unnötige Produkte anzudre- nung in die Masse – nur Medien, kein neues Etikett bräuchte. hen, die dann doch wieder entgegen Großkonzerne und Politik könnten Schwieriger ist die Frage, was der den Intentionen von Braungart eine wirklich Großes bewegen. Doch je Konsument mit dem Ansatz machen Form von Ablaßhandel darstellen. So größer der Akteur, desto kleiner das soll. Wenn du nur von cradle-to-crad- benötigt die Ermunterung zur Ver- Hirn: der politische Tyranno-Saurus le-zertifizierten Unternehmen kaufst, schwendung ein Korrektiv der Mäßi- will „nur helfen“ und vergrößert den kannst du beliebig verschwenden, gung, genauso wie der übertrieben Schaden. wäre eine vollkommen falsche Ansage, asketischen Einstellung die Würdigung eben weil sie Kosten und dazu nötigen des Schöpferischen, des Genießens, In einer hochkomplexen Welt gibt es Wohlstand nicht berücksichtigt. Das des Ausprobierens gegenübergestellt keine sicheren Erfolgsstrategien Versprechen besteht eigentlich auch werden sollte. nur darin, daß man dann ohne Am gefährlichsten ist cradle-to-cradle, Cradle-to-cradle muß daher danach schlechtes Gewissen verschwenden wenn es Leute anspricht, die weder bewertet werden, welche Akteure könnte. Doch auch das ist falsch. Investitionen aus eigenen Mitteln ver- angesprochen werden und wie. Als Nahrungsmittel sind etwa vollkommen antworten, noch sich mit ihrer indivi- Ansatz für Produktentwickler verdient kompostierbare Produkte. Ist es des- duellen Verantwortung als Konsument das Konzept größte Würdigung – halb richtig, massenweise angebroche- zufrieden geben, sondern ungeduldi- doch diese Würdigung muß ihm nicht ne Nahrungsmittel wegzuwerfen? Dies ger nach der Weltverbesserung trach- durch allzu begeisterungsfähige Missi- vernachlässigt wiederum den Aufwand ten. Dann stecken wieder überschul- onare verlieren werden, sie erfolgt aus für ihre Produktion, ihren Transport, dete Bürokratien, Mittel, die sie nicht dem praktischen Erfolg der Produkte. ihre Werthaltigkeit, sowie jegliche kul- haben und für deren Verwendung sie In einer dynamischen, hochkomplexen turelle Erwägungen. Die Banane ist niemals wirkliche Verantwortung über- Welt gibt es dabei keine sicheren zweifellos ein perfektes cradle-to-crad- nehmen müssen, in Hype-Projekte, die Erfolgsstrategien. Die beste Idee kann le-Produkt, ganz ohne Zertifizierungs- sie mittels von ihnen ernährter „Ex- in der Realität und an der Realität gebühr, denn ihre Verpackung vermag perten“ als große Zukunftsinvestitio- scheitern. Ist das neue Material wirk- als Nährstoff zu dienen. Doch selten nen vermarkten. Sobald cradle-to- Cradle-to-cradle lich gesünder, nehmen es Konsumen- am Ort ihres Konsums, und wenn wir cradle zum Vorwand wird, Wunsch- Kritik II Seite 25
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Wirtschaften mit schönen, runden Steven Spielberg geplante Werbefilm Kreisläufen am Reißbrett zu planen für seine Idee nichts wird. Sonst schie- und cradleness zu kommunizieren, be man die ganze Sache wieder auf wird die Zeit gekommen sein, eine einen Menschen ab. In den USA weitere aufgeblasene Idee zu kompo- könne man zwar viel schneller Ruhm stieren und die einzelnen, richtigen erlangen, in Europa werde man über- und wichtigen Bestandteile als Nähr- haupt erst wahrgenommen, wenn stoffe für Besseres anzusehen. Ein hin- man es mit einem englischen Buzz- reichend nüchterner Zugang vermeidet word in die US-Medien geschafft hat. die Blase von Anfang an, läßt Platz für Die große Begeisterungsfähigkeit und Hausverstand und übernimmt im Sehnsucht nach Lösungen führe auch jeweiligen konkreten Lebenskontext oft zu einem Vorliebnehmen mit konkrete Verantwortung, auch wenn schnellen, aber falschen Lösungs- es nur die des Konsumenten ist, an- rezepten. statt ungeduldig nach der nächsten großen Utopie zu schielen, die stets eine Ausrede dafür ist, nicht selbst einen ersten kleinen Schritt zum Man sollte nur bewegen, was man auch verantworten kann Besseren zu setzen. Jeder Schritt kann sich im Nachhinein als Irrtum heraus- stellen. Daher sollte man nur das bewegen, was man verantworten kann und darf, das aber mit aller Entschlossenheit und dem nötigen Mut. Dies ist weniger eine Kritik an einem Ansatz, der viel Richtiges und Wichtiges enthält, sondern eine Warnung vor der ständigen Überdeh- nung von Ideen, der Wichtigtuerei, den hohlen Phrasen: daß sofort aus jedem Ansatz eine Ideologie und ein „politischer Auftrag“ gemacht werden muß. Michael Braungart erkennt das Cradle-to-cradle durchaus selbst: Er hofft, so merkt er Kritik II mit etwas Ironie an, daß der von Seite 26
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    Bin ich kreislauffähig? Textvon Harald Koisser Es ist eine wunderbare Idee, Stoffe Bedingungen zu überleben versteht von der Wiege zur Wiege zu führen und weit und breit keine Chemie- und sie wieder zum Nährstoff von fabriken hat! Neuem zu machen. Als Mensch bin ich kompostierbares Material und wähne Wann erhalte ich die Cradle-to- mich damit auf der ethisch sicheren cradle-Platin-Zertifizierung? Seite, insoferne ich einmal Nährstoff sein werde. Aber die Frage nach mei- Warum das so ist? Wegen der ver- ner persönlichen Kreislauffähigkeit ist dammten Globalisierung! Alles hängt nicht eindeutig zu beantworten. mit allem zusammen und die Globali- sierungsgegner haben schon recht, Ein Chemiker erzählte mir, dass jedes wenn sie das nicht wollen. Unser Bio-Schwein bessere Gesundheitswerte chemischer Output durchläuft die hat als ich. Mein Fleisch würde neimals weltweite Nahrungskette. Die Inuit das begehrte Bio-Siegel bekommen, haben Wale und Seerobben als Haupt- was mir jetzt schon für die Maden und nahrungsmittel. Wale und Seerobben Würmer in meinem Grab leid tut. Die fressen Fische und Muscheln. Die Muttermilch, die unsere Kinder trin- Konzentration an Schadstoffen steigt ken, ginge nicht mehr als Bio-Milch in der Nahrungskette sukzessive an, durch. Die Quecksilberbelastung inner- bis das Höchstmaß an Gift in Grönland halb der Mutterbrust hat übrigens ein ankommt. Man muss also feststellen, erstaunliches Süd-Nord-Gefälle. Sie ist dass jeder tote Mensch bald definitiv bei uns in Europa augenfällig, bei den nicht mehr kreislauffähig und eigent- Inuit in Grönland aber bereits im Zu- lich eine Sondermülldeponie ist. stand akuter Quecksilbervergiftung! Die Konzentration von polychlorierten Dies wäre das gewaltigste C2C-Pro- Biophenylen in der Muttermilch der jekt, das man aufsetzen müsste: die Inuitfrauen ist so hoch, dass die Milch Kreislauffähigkeit des Menschen wie- als Giftmüll eingestuft werden müsste. der herzustellen. Wann erhalte ich die Und das bei jenem Volk, das mit Cradle-to-cradle-Platin-Zertifizierung? Mutter Natur lebt, unter extremen Cradle-to-cradle Bin ich kreislauffähig? Seite 27
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Gaias Zeit der Fülle Mutter Gaia ist Top-Unternehmerin seit 3,5 Mrd. Jahren. Veronika Victoria Lamprecht sagt uns, wie sie arbeitet und warum nun die Zeit der Fülle anbricht. Darf ich vorstellen: GAIA. Planeten erzeugt, genutzt, genährt, system und ein sich ständig an geän- Sie ist nicht neu im Unternehmen. Sie gelebt, geliebt wird. Ihr Jahresumsatz derte Bedingungen anpassender war schon immer da. Eigentlich war sie ist bis dato eine unbeschreibliche Grö- Rückkoppelungsmechanismus. Nicht schon vor der Unternehmensgrün- ße. Am Beispiel Honigbienen kann zu vergessen die ausgedehnten Feiern, dung, vor allem anderen, da. Sie ist eine weltweite Wirtschaftsleistung von Rückzugs- und Erneuerungszeiten – sozusagen die Basis. Die Basis alles etwas 153 Milliarden Euro festge- Fachabteilungen „Herbst und Winter“. Lebendigen. Eine Top-Unternehmerin macht werden. (Rund 80 Prozent aller seit 3,5 Milliarden Jahren, die aus allen Pflanzen sind auf eine Fremdbestäu- Sie steht schon immer, und ab jetzt Krisen mit immer wieder neuen Pro- bung angewiesen und davon werden wieder bewusst - für alle Fragen inner- duktinnovationen hervorgeht. Die sich wiederum ca. 80 Prozent durch Honig- halb des Unternehmens zur meist bewährt haben und lange Pha- bienen bestäubt. Nebenbei sind sie Verfügung. Durch ihre langjährige sen der Hochkonjunktur bringen. Die wegen des Honigs und des Wachses Erfahrung mit Höhen und Tiefen und Rede ist von Mutter Natur, Mutter auch Nutztiere.) deren zyklische Zusammenhänge ist Erde, auch GAIA oder GEA genannt. sie DIE ideale Beraterin in „Krisen- Bekannt als griechische Mutter- und Ihre Auszeichnungen bestehen vor sind-Chancen“-Zeiten. Todesgöttin, als älteste aller Gotthei- allem darin, dass sie aus allen Krisen ten. Als eine, die das Leben bringt und mit immer wieder neuen Produkt- Sommerbeginn – Zeit der Fülle: nährt und auch wieder zurück nimmt. innovationen hervorgeht. Manche In unseren Breiten beginnt am 21.6. Damit es sich erneuern kann. Produkte werden neu angepasst, der Sommer – der längste Tag des manche aus dem Sortiment genom- Jahres kündet von der kommenden Top-Unternehmerin seit 3,5 men. Ihre langen Phasen der Hoch- Hitze, Feuerzeit. Gleichzeitig ist hier Milliarden Jahren konjunktur (Abteilung „Sommer“) die Wende in die dunklere Jahreshälfte Ihre Produktpalette umfasst die ge- entstehen durch ständige Forschungs- – die Nächte werden wieder länger samte Erde, Wasser, Feuer, Luft - so- und Entwicklungsfreude (Fachgruppe und die Sonnenstunden weniger. Diese mit ist sie Rohstofflieferantin und Basis „Frühling“). Ausgezeichnet ist auch Wende ist eine Regulierung der Feuer- für ALLES WEITERE, was auf diesem das ausgeklügelte Kommunikations- kraft. Dadurch wird Reifen ermöglicht GAIA Seite 28
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    und die Erntenicht von der Hitze des GAIA`s Fragen an Ihr Unternehmen: Sommers verbrannt. In der Natur zei- gen sich jetzt die ersten Früchte, die • Was an Fülle, gut Gewachsenem, aus Keimen und Samen entstanden Früchten im Unternehmen ist vor- sind und reif werden. Es ist der Höhe- handen? punkt der Entfaltung. Kräfte dehnen • Wie kann das Wachstum noch sich nicht mehr in die Höhe aus - son- unterstützt werden? Was und wie dern in die Weite. Die Natur nährt sich viel Unterstützung braucht es, damit selber in dieser Füllephase, die gleich- es - das Projekt, die Unterneh- zeitig den Rückzug einläutet. menskultur, das Team - optimal fotalia.com ausreifen kann? • Was braucht das Projekt noch, was brauchen die Verantwortlichen? • Was hindert das Projekt, das Team daran, es in Fülle ausreifen zu lassen? • Wo ist Überfluss vorhanden und wie kann er Nutzen und Gewinn für alle sein? • Ist der Traum, die Vision, manifest geworden? Wurde aus der Idee etwas Konkretes erschaffen? Wie wurde es genährt, erhalten, ge- schützt? Wie wird es gezeigt? • Wo im Unternehmen ist Begeis- terung, Energie, „Feuerkraft“ ge- bündelt? • Welche Maßnahmen gibt es, um das kreative Feuer zu nähren? (siehe Tipps) • Wer hat welche Macht und wie wird sie eingesetzt? Zum Wohle aller oder einzelner? • Wie kommuniziere, präsentiere ich das fertige Projekt nach INNEN (Innere Stakeholder)? • Konsolidierungs- und Strukturie- rungsphase – ist ausreichend Zeit und Raum und Kompetenz gegeben? GAIA Seite 29
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Ein Bewusstsein von Fülle Wolfgang Stabentheiner ist Begründer der sogenannten Future-Methode. Seit Jahrzehnten hält er Seminare für Führungskräfte. Warum durch Handeln aus einem Bewusstsein von Fülle mehr gelingt, erzählte er Georg Bauernfeind. Die Themen Mangel und Fülle spielen Muhammad Ali gegen Joe Fraser. nimmer sattes Kind unablässig nach in der Konzeption der von Ihnen ent- Einige Runden lang prügelte Fraser auf mehr. Vielen Menschen fällt es freilich wickelten Future-Methode eine zen- Ali ein, ohne dass dieser jedoch auch schwer, in sich einen Zustand von trale Rolle. Wie sind Sie auf diese nur für einen Augenblick lang den Fülle, bezogen auf ein Ziel, hervorzu- Thematik gestoßen? Eindruck des Geprügelten vermittelte. rufen, bevor sie es im Äußeren erreicht haben. Und noch mehr Menschen fällt Es gab da für mich einige Schlüssel- Im Seinzustand des Sieger - es schwer, Fülle zu erleben, wenn erlebnisse: Als Bruno Kreisky noch objektive und subjektive Zustände doch im Äußeren Mangel herrscht. Es nicht Bundeskanzler war, kam es vor müssen nicht übereinstimmen fällt ihnen schon schwer, für sich Fülle der entscheidenden Wahl im Fern- zu empfinden, wenn sie objektiv in sehen zu einer Konfrontation mit dem Geprügelt werden, aber sich nicht in Fülle sind, wenn es ihnen allem damals regierenden Bundeskanzler einem Zustand von Geprügelt sein Anschein nach an nichts mangelt. Josef Klaus. Was mich, jenseits aller befinden, das war für mich eine Inhalte, verblüffte: Kreisky präsentierte Entdeckung; dass der subjektive Wie kann es dann einem Menschen, sich in weit höherem Ausmaß als Bun- Zustand nicht zwangsläufig dem der sich subjektiv in einem Mangel- deskanzler, als derjenige, der das Amt objektiven folgen muss; dass sich zustand befindet, gelingen, in sich (noch) bekleidete. Er war Bundes- beispielsweise ein Mensch, trotz Fülle zu erzeugen? kanzler, noch bevor er es wurde. Ähn- objektiver Armut in einem subjektiven lich wie Alberto Tomba, der sich schon Zustand von Fülle erleben kann. Der erste Schritt ist immer die Selbst- in einem Seinszustand des Siegers be- wahrnehmung. Ohne sich selbst zu fand, noch bevor er startete. Er musste Was verstehen Sie unter einem spüren, wahr-zunehmen, wird der nicht erst gewinnen, um Sieger zu Zustand von Fülle? Mensch allzu leicht zum Unmenschen. sein, das machte wohl seine Faszi- Schritt Zwei ist die Selbstbejahung: nation aus. Zu sein, was ich werden Fülle ist ein subjektiver Zustand, eben- Indem sich der Mensch in seinen will, das ist mir damals als ein erst- so wie sein Gegenteil, der Mangel. Stärken und Schwächen, in seiner rangiges Erfolgsrezept bewusst gewor- Mangel und Fülle können Hand in Unermesslichkeit und Begrenztheit, den: Ziele zu verfolgen - aus einem Hand mit einer objektiven Situation in seinen positiven und negativen Zustand von Fülle. gehen, sie sind aber grundsätzlich los- Wirkungen bejaht, lösen sich Span- Ein zweites ähnliches Ereignis aus mei- gelöst von ihr. Manch objektiv wohl- nungen. Jene Energie, die vorher auf- Tools ner Jugend, scheint mir erwähnens- habender Mensch sieht sich ständig gewendet werden musste, Anteile von Interview mit wert: Der Boxkampf zwischen zu kurz gekommen und giert wie ein sich zu bekämpfen, zu verdrängen, zu Wolfgang Stabentheiner Seite 30
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    verurteilen, wird frei.Frieden, Balance, fort. Analog dazu könnten wir von sen. Weil es einem besser geht, wenn Kraft, Lebenslust – Fülle eben – einem Mangelzyklus sprechen: Der man sich und seinen Führungsbereich machen sich breit. Der Mensch ent- Mensch nimmt sich selbst nicht wahr, als fähiger erlebt und höhere Ziele deckt in sich jene Fülle, die ohnehin betäubt und verleugnet sich selbst, ist erreicht, als wenn man sich abmühen schon immer da war. Opfer seiner inneren Spannungen und muss, um ein Mittelmaß zu erfüllen. In einem dritten Schritt kommt es zu Zwar gibt es einzelne Seminarteil- einem aktiven Beitrag. Aus der Fülle Wir bewegen uns im Füllezyklus nehmerInnen, die nach dem Besuch heraus entstehen ganz natürlich und oder im Mangelzyklus eines Seminars noch frustrierter über selbstverständlich zwei Dynamiken: ihr Unternehmen sind, als sie es vorher • jene, aktiv etwas beizutragen zur Konflikte. Aus seinem inneren Mangel- waren; weil sie kennengelernt haben, weiteren Entfaltung der eigenen bewusstsein heraus erzeugt er auch wie es auch anders gehen könnte, und Fülle – beispielsweise, dem Körper bei anderen Mangel. Dieser – wie man weil ihnen das Unternehmen keine das zu geben, was er braucht, damit in den Wald hineinruft, so hallt es zu- Möglichkeit bietet, das Gelernte um- er in Balance kommt; rück – fällt wiederum auf ihn zurück. zusetzen. Aber der überwiegende Teil • und jene, die eigene Fülle mit an- Der innere Druck, die inneren Span- schafft es, in seinem Führungsbereich deren zu teilen. Indem wir etwa nungen weiten sich aus, müssen umso den Zustand von Fülle im subjektiven unserer Freude Ausdruck verleihen, mehr verdrängt werden und das De- Empfinden der Menschen ebenso wie wenn unseren Kindern etwas gelun- saster nimmt seinen Lauf. durch messbare Leistungen zu meh- gen ist, statt das wir sie anders ren. haben wollen, als sie sind; indem Steht dieses Konzept nicht diametral wir unserer Liebe zu unserem dem Konkurrenzprinzip entgegen? Erfolg ist, wenn alle gewinnen Partner Ausdruck verleihen, statt Wie geht es den Leuten, die in Ihre gleichgültig an ihm vorbeizusehen; Seminare kommen und diese Thesen Derzeit erlebe ich generell in meinem indem wir die Stärken unserer hören? Umfeld - erstaunlicherweise seit der MitarbeiterInnen ansprechen und sie Krise noch stärker – dass ein neues dadurch verstärken, anstatt an ihren Die TeilnehmerInnen unserer Seminare Bewusstsein von Erfolg aufkeimt: Schwächen herumzukritisieren. hören dieses Konzept nicht nur, son- Dieses stellt nicht die Frage in den Wir werden beitragen zur Fülle ande- dern erleben im Seminar immer mehr Mittelpunkt: Wie kann ich aus dem rer und dadurch Fülle in Form von die Seins-Qualität von Fülle. Indem sie Mitarbeiter, dem Kunden, dem Liefe- Wertschätzung, Unterstützung und das Konzept dann anwenden, entdek- ranten möglichst viel herausholen, wie Kooperation zurückbekommen. ken sie, dass es ihnen dadurch besser kann ich also auf Kosten anderer Mit- Im vierten Schritt kommt es zur geht: Weil es einem besser geht, wenn spielerInnen einen möglichst großen Rückwirkung. Die Fülle, die uns von man die Stärken anderer verstärkt, als Vorteil für mich bzw. mein Unterneh- außen zukommt, verstärkt wiederum wenn man ständig gegen ihre Schwä- men erwirken? Immer mehr zeigt sich unsere Selbstbejahung, unseren chen ankämpft; weil es einem besser mir ein echtes Interesse daran, dass Selbstwert, unsere Selbstachtung, geht, wenn andere von sich aus ko- alle MitspielerInnen gewinnen - natür- unser Selbstvertrauen. Sie verstärkt operieren, Verantwortung überneh- lich das eigene Unternehmen, aber unseren Zustand von Fülle. Und der men und bereit sind, außergewöhnli- auch die eigenen MitarbeiterInnen, Kreislauf – wir sprechen in der FUTURE che Leistungen zu erbringen, als wenn KundInnen und das soziale und ökolo- Tools Methode vom Füllezyklus – setzt sich sie tun, was sie unter Druck tun müs- gische Umfeld. Erfolg ist, wenn alle Interview mit gewinnen. Wolfgang Stabentheiner Seite 31
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Aber da kommen wir in eine paradoxe Sind da die Unternehmen nicht sehr andergesetzt habe. Wissenschaftler Situation: Unternehmen müssen skeptisch, was das Thema Bezieh- aus verschiedenen Disziplinen haben wachsen, ein Fülle-Bewusstsein hilft ungen betrifft? So nach der Einstel- sich in Potsdam im Namen Albert ihnen dabei. Geht nicht dieses wirt- lung: Job ist Job und Beziehung ist Einsteins zusammengefunden, um schaftliche Wachstum auf Kosten der Beziehung? über die Zukunft der Welt nachzuden- natürlichen Ressourcen? Wie geht das ken. Ihr Ergebnis: Die Welt ist nicht zu zusammen? Meine Erfahrung ist: Wo eine schlech- retten, wenn uns Menschen nicht das te Beziehungskultur herrscht, werden Herz aufgeht. Mir scheint, dass dieser Wachstums- endlos Ressourcen vergeudet - durch Die wesentliche Charakteristik des wahn, wie wir ihn in den vergangenen Gruppenegoismen, Konflikte, Mob- Herzens ist, nach meinem Verständnis, Jahrzehnten erlebt haben, einem bing, Burn Out, Kündigungen - und Integration. Also jene Kraft, die aus Mangelmotiv entsprungen ist: „Egal vor allem dadurch, dass viele Chancen Bruchstücken ein Ganzes werden lässt, wie viel, es ist zu wenig.“ Aber aus und viele Synergiepotenziale nicht die auch die sogenannten negativen Mangel laufen wir unwillkürlich Ge- genutzt werden. Der überwiegende und dunklen Aspekte mit herein- fahr, zum Räuber zu werden, nach Teil der Probleme in Unternehmen nimmt und sie zu einem konstruktiven Möglichkeiten zu suchen, anderen entsteht aus menschlichen Fehlleis- Beitrag für das Ganze transformiert. etwas wegzunehmen. Wir erleben im tungen, die wiederum in einer negati- Vergegenwärtigen wir uns das Leben Management mitunter eine Skrupel- ven Unternehmenskultur und einem der Menschen in der Steinzeit! Sie losigkeit ohnegleichen - Mensch und Mangel an Leadership ihre Ursache erlebten die Natur als ihren größten Natur gegenüber. Aber ich sehe dies- haben. Mein Sohn ist Berufspilot und Feind – ständig drohte Gefahr durch bezüglich, freilich längst nicht überall, er sagt mir, dass die häufigste Unfall- wilde Tiere, Wind und Wetter. Nach Veränderung. Immer mehr Führungs- ursache bei Flugzeugunglücken das und nach entwickelten sie Techno- kräfte begreifen, dass zu unternehme- mangelnde Zusammenwirken der logien, um sich gegen eine feindliche rischer Verantwortung auch jene für Piloten sei. Natur zur Wehr zu setzen. Heute wird das soziale und ökologische Umfeld uns die Natur zum Feind, weil wir, gehört. Wachstum und die Entwick- Die erste und aktuelle Publikation von obschon längst nicht mehr ihren lung von Potenzialen gehören wohl „Future“ lautet „Der Königsweg – Unbilden ausgesetzt, mit ungleich zum Leben dazu. Aber muss dieses vom Paradigma des Herzens“. Wie potenteren Mitteln fortfahren, sie zu Wachstum immer ein Quantitatives passt das Wort „Herz“ in die bekämpfen und Raubbau an ihr zu sein und auf Kosten anderer gehen? Businesswelt? Was kann man sich betreiben. Heute braucht es die Ich gehe davon aus, dass in Zukunft darunter vorstellen? Qualität des Herzens, um zu erken- qualitative Aspekte des Wachstums an nen, dass wir Teil dieser Natur sind Bedeutung gewinnen werden. Ich Ich habe mich, offen gestanden, erst und nur mit ihr überleben können, gehe davon aus, dass wir völlig neue getraut, diesen Begriff zu verwenden, niemals gegen sie. Dieses Miteinander Technologien, völlig neue Systeme von Mensch und Natur, und ebenso entwickeln werden; solche, die das Vom Gegeneinander zum Miteinander von Mensch und Mensch, von Staat gesamte Netzwerk, in das ein Unter- - das ist die Herausforderung und Staat, von Unternehmen und nehmen eingebettet ist - einschließlich Unternehmen ist die Herausforderung, Tools der Gesellschaft, der Umwelt, des gan- seitdem ich mich mit dem Potsdamer vor der wir stehen. Vom Gegeneinan- Interview mit zen Planeten - stärken und fördern. Manifest von Wissenschaftlern ausein- der zum Miteinander, darin liegt der Wolfgang Stabentheiner Seite 32
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    große Richtungswechsel, denes zu schah dies, um jenes psychische Organ meistern gilt. Kooperation innerhalb „Herz“ nicht im Sinne einer Schön- eines Unternehmens macht das geisterei sondern einer notwendigen Unternehmen stark. Kooperation zwi- Lebensrealität in den Mittelpunkt zu schen Unternehmen, beispielsweise im rücken. Fülle ist eine Qualität des Bereich Forschung und Entwicklung, Herzens. Ohne die Potenziale des erzeugt Wachstum. Kooperation zwi- Herzens mögen wir Völle erleben, schen einem Unternehmen und sei- niemals jedoch Fülle. nem sozialen Umfeld, stärkt die Po- sition des Unternehmens in der Ge- sellschaft. Kooperation macht – auch wirtschaftlich – Sinn. Hätten die Staaten der Welt anlässlich der Finanz- krise nicht zusammengewirkt, wäre ein Zusammenbruch nicht aufzuhalten ge- wesen. Wenn die Menschheit nicht zu gemeinsamen Lösungen im Bereich des Klimaschutzes findet, ist eine Katastrophe apokalyptischen Aus- maßes unausweichlich. Kooperation ist das Postulat unserer Zeit. Kooperation ist Ausdruck des Herzens, nicht nur der Vernunft Kooperation ist nicht durch bloße Vernunft zu erreichen. Kooperation ist ein Ausdruck unseres Herzens. Ohne die Sichtweise des Herzens, ohne dass wir uns in den Dienst des Ganzen stel- len, Systeme und Technologien ent- wickeln, die das Ganze und seine Einzelteile fördern statt ausplündern, stellen wir unser Überleben in ähnli- cher Weise in Frage, wie es damals, vor Tausenden von Jahren, in der Steinzeit, in Frage gestanden ist. Wenn im „Königsweg“ das Paradigma des Herzens anhand konkreter Lebens- Tools situationen dargestellt wurde, so ge- Interview mit Wolfgang Stabentheiner Seite 33
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Tipps Tipps und Anregungen für Unternehmen, zusammengetragen von Veronika Victoria Lamprecht, Georg Bauernfeind und Harald Koisser Das kreative Feuer nähren Leere ist Fülle an Zeit Empowern statt auspowern! Unternehmenstipp von Mag. Silvia und Möglichkeiten Unternehmenstipp von Veronika Brenzel, plenum (www.plenum.at) Unternehmenstipp von Harald Koisser Victoria Lamprecht (wirks) (wirks) Aus der Praxis: Eine einzigartige Vor allem begeisterte MitarbeiterInnen Wohlfühlwelt für Wellness- und Die Wirtschaftskrise erzeugt Leere. Ein neigen dazu, sich am eigenen Feuer Thermenurlaub sollte entstehen. Das Vakuum entsteht zwischen Wunsch selber abzufackeln. Strukturen schaf- Projekt kam in eine große Energie- und Wirklichkeit, Einsatz und Ergeb- fen, damit der High-Flow in das Reif- phase, es war richtig im Flow. An nis. Oft eine sehr reelle Leere in den Werden führen kann. Ausreichende dieser Stelle war es wichtig, dass einer Auftragsbüchern. Doch Leere ist Fülle Urlaubs- und Erholungsphasen sind die der Geschäftsführer sich für diesen an Raum und Zeit und Möglichkeit. Vorraussetzung, dass eine nachhaltige „flow“ verantwortlich fühlte. Ab Nutzen Sie das. Ein deutscher Unter- Fülle reif werden kann! sofort war er Ansprechperson für alle nehmer hat, anstatt reflexartig bei möglichen und unmöglichen Ideen. Er Auftragseinbruch Leute zu kündigen, ࣴ koordinierte, dass sich außergewöhn- zugesichert, die Arbeitsplätze eine zeit- lich unterschiedliche Personen in der lang zu erhalten. Alle mögen weiterhin Führen - nach dem Prinzip der Fülle Art eines „Stammtisches“ immer wie- zum üblichen Dienstantritt erscheinen. Wolfgang Stabentheiner, Begründer der zusammensetzten und weiterarbei- Dann wurden Arbeitsgruppen gebil- der Future-Methode erläutert, was es teten. Credo war „Out of the box“, det, die sich unterschiedliche Aufga- bedeutet, nach dem Prinzip der Fülle d.h. gewünscht war der Austausch ben gestellt haben. Wie können wir zu leiten (www.future.at) von vielen Leuten aus Bereichen, die unser Know-how an neuer Stelle ein- normalerweise nicht zusammenar- setzen? Können wir unsere Maschinen Menschen zu stärken und Menschen beiten! Das Ergebnis, der Flow, die für andere Produkte verwenden? in ihren Stärken zu sehen. Mitarbeiter- Kreativität war sehr beflügelnd, näh- Innen, die ihre Stärken im Rahmen rend, inspirierend, und letztendlich e ࣴ ihrer Arbeit zur Wirkung bringen und in wesentlicher Erfolgfaktor für die ständig weiter entwickeln können, sind Einzigartigkeit des Projektes. gemeinhin glückliche MitarbeiterInnen. ࣴ Tipps Seite 34
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    Solche, denen dazunicht die Gelegen- Die Zukunft in die Gegenwart herein- heit geboten wird, neigen dazu, sich zuholen. Menschen in einem Mangel- selbst oder anderen gegenüber zustand neigen dazu, sich nach der destruktiv zu werden. Vergangenheit auszurichten. Entweder indem sie an ihr festhalten oder indem Die unterschiedlichen Stärken der sie sie bekämpfen. Ein Mensch in Fülle Menschen zusammenzuführen, schließt Frieden mit der Vergangenheit Synergien zu stiften, das Zusammen- und lässt sie los. Dadurch wird er frei, wirken auf allen Ebenen zu fördern. sich der Zukunft zuzuwenden und sie So platt dies klingen mag: Gemeinsam in der Gegenwart zu verwirklichen. sind wir stark. Anders ausgedrückt: Sich als den Systemen übergeordnet Die Wirkung des Ganzen ist höher als zu erleben. Darin besteht eine der fun- die Summe der Wirkungen seiner Ein- damentalen Entwicklungsschritte vom zelteile. Gut geführte Gruppen sind Manager zum Leader: der Manager intelligenter als ExpertInnen. sieht sich als Sklave des Systems und seinen Gesetzmäßigkeiten - gleich Eine neue Qualität der Zielsetzung, die einem Fahrer, der dorthin fährt, wo die Gesamtheit des Unternehmens und das Auto hin will. Der Leader nutzt seines Umfeldes berücksichtigt. Neue das System, dorthin zu gelangen, wo Herangehensweisen zur Zielerreichung es ihm sinnig erscheint; dorthin, wo es zu entwickeln, um weit höhere, enga- im Sinne des Ganzen ist. Selbstver- giertere Zielsetzungen zu realisieren. ständlich muss er dabei die Gesetz- Der Mut, es anders zu machen. mäßigkeiten des Systems berücksichti- gen, wie das der Fahrer eines Autos Den Sinn eines Unternehmens nicht in auch muss. der Gewinnmaximierung zu definieren sondern in dem Beitrag, den das ࣴ Unternehmen mit seiner Performance am Markt leistet; wobei die wirtschaft- liche Gesundheit des Unternehmens eine Voraussetzung dafür bildet, sei- nen Beitrag zu leisten. Tipps Seite 35
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Pioneers of Change „Pioneers of Change“, ein einjähriger Lern- und Werdegang für AkteurInnen des Wandels, wurde im Februar 2010 in Österreich gestartet. Nach einer Idee von Martin Kirchner und Silvia Brenzel, plenum GmbH, arbeiten derzeit um die 20 junge und jung gebliebene Menschen daran, ihre eigene konkrete Projektidee oder Organisation für eine nachhaltigere, friedvollere Welt aufzubauen. Mit Herz, Hirn und Hand begeben sie sich in ein intensives Entwicklungsjahr mit Seminarmodulen, Unterstützungstagen, in- dividuellem Coaching und Fachberatung. Ganzheitliches Werden ist genauso wichtig wie praktisches Lernen. Ein Bericht von Veronika Victoria Lamprecht. Der Name sagt es: Pioniere treffen Der Raum ist beeindruckend: ein rie- persönliche Wachsen an den Projek- sich, arbeiten an ihren Visionen, Ideen, siges Loft, geschmackvoll einfach re- ten. Wir legen ganz großen Wert auf Projekte mit der Absicht innerhalb die- stauriert mit cremeweißen Stoffen, wertschätzende Atmosphäre, die parti- ses einen Jahres gemeinsam mit erfah- Wänden, Holzböden und einer hippen zipative Gestaltung des Lernens, emer- renen Begleiter und Begleiterinnen Küche im Zentrum. Kreativ aufgeteilt, gierendes Zulassen, Schwarmintelli- durchzustarten. Junge Menschen voll einladend, weit. Ich sitze mit den jun- genz.“ Kraft und Initiative tanken Mut und gen Leuten im Kreis, der Plan des Unterstützung durch die Plattform Abends wird vorgestellt, von einer der Einer der Trainer trägt das Thema „Pioneers of Change“. Welche Projek- Anwesenden kritisch in Frage gestellt, „Businessplan“ vor. Kritische Stimmen te, Persönlichkeiten, Kompetenzen rei- von der Leiterin abgeändert, dann melden sich. Um eine optimale Dis- fen da heran? gemeinsam neu gestartet: in der kussion zu ermöglichen, bietet einer ersten Runde erzählen sie vom Stand der Teilnehmenden an, das Thema mit Dazu lerne ich die TeilnehmerInnen am ihres Projektes. Entwaffnend offen. der Methode der gewaltfreien Kom- besten persönlich kennen und nehme Ungeschminkt ehrlich. munikation zu besprechen. Der junge im neu eröffneten HUB, Lindengasse Mann schlüpft in die Rolle des Mo- 56 in Wien, an der ersten „Extra- Die Lebenswirklichkeit der Pioneers derators und leitete kompetent ein runde“ teil: Thema „Social Business- steht im Zentrum konstruktives offenes Gespräch. Die plan“. Im HUB auch deshalb, weil die strikte Trennung zwischen TrainerIn beiden Initiatoren von HUB das Thema „Martin und ich eröffnen den Tag mit und Teilnehmenden ist plötzlich aufge- „Social Business“ – als GmbH - bereits der Council-Methode“, erklärt Silvia hoben, es kommt zu Wechselspielen. praktisch umsetzen. Übrigens: Bei der Brenzel, „das ermöglicht offen hinzu- Die eigene Vielfalt kann unmittelbar Eröffnung von HUB im Mai kam spon- hören, was da ist. Dies wird aufgegrif- eingebracht werden. Die persönliche tan Mikrokredit-Pioneer Mohammed fen und in das geplante Programm Einzigartigkeit wird gefördert und ge- Yunus, Gründer der Grameen Bank, eingebaut. Lernen am Leben - die fordert, Kräfte gebündelt – im wert- vorbei. Wohl ein mächtiges Zeichen Lebenswirklichkeit der Pioneers steht schätzenden System der Gruppe. Ein Pioneers of Change für die engagierten Jungunternehmer! im Zentrum. Ihre Projekte und das Erfahrung- und Lernfeld, in dem auch Seite 36 Widerstände erwünscht sind.
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    Aus meiner Beobachtungzeigen sich zwei Forschungsinstituten dies in einer weiter wachsen und eine Reife zu er- drei herausragende Kompetenzen bei Studie. Seine Annahme ist, dass Frau- langen. „Trial and Error“, anstatt ein den Pioneers of Change: en eine Pionierinnen-Rolle in den Pilotprojekt am Schreibtisch zu konzi- Nachhaltigkeitsprozessen der Wirt- pieren und an den realen Bedürfnissen Kompetenz 1: schaft und im speziellen im Finanz- vorbei zu schwitzen. Selbst- und Sozialkompetenz bereich haben. Folgende konkrete Schritte für nach- Die Projekte der PionierInnen werden Kompetenz 2: haltigen Esprit und Erfolg werden getragen von einer hohen Selbst- und Wissen zusammen bringen angeboten: Sozialkompetenz. Verbunden mit Verantwortungsbewusstsein und Ver- Thomas will mit seinem Videoaktio- 1. Stärkung der Selbstkompetenz. Auf antwortungsfreude einer lebenswerten nismus die großen Probleme der Welt die Balance von Körper-Geist-Seele, Welt gegenüber. Die Initiativen reichen aufnehmen und lokale Lösungen zei- Herz - Hirn – Hand wird großer Wert vom „Masterstudium für selbst er- gen. Die Videos werden dann großzü- gelegt, als Basis allen Wirkens. Den mächtigendes Lernen“, über einen gig ins Netz gestellt. Er wird immer in gesamten Lerngang durch werden die realen „Schul- und Ideengarten“ für Teams arbeiten – das Prinzip der Leute regelmäßig gefordert sich selber Umweltbildung und Naturerfahrung Schwarmintelligenz und wie es genützt zu reflektieren, auch was ihre persönli- und die Entwicklung eines effizienten werden kann, erlebt er in diesem chen Energien und Ressourcen betrifft. Antriebssystems durch Windenergie Lerngang. für Schiffe. Das „Bewegungszentrum“ 2. Vermittlung von Erfahrungswissen. bietet Infrastruktur für den sozialen Kompetenz 3: Krisentauglichkeit Es gibt inhaltliche Impulse, die in Wandel, ein Institut für ganzheitliche Jede Krise wird als Chance gesehen. Dialogen und Gruppenarbeit persön- Politik wird geschaffen und Einkom- lich und praktisch vertieft werden. mensschaffende Maßnahmen für Mit den KollegInnen werden gemein- MigrantInnen unterstützt. Ein öko/ sam neue Lösungen gefunden. Diese 3. Persönliche Beratung und faires Modelabel wird entwickelt und werden dann auch von allen aktiv mit- Begleitung. Jedes Projekt bekommt der Verein „saving the world by din- getragen. Zusätzlich gibt es Unter- individuelle Beratung zb. zur ner“ bietet Anknüpfungspunkte für stützungsgruppen, in denen aktuelle Entwicklung eines maßgeschneiderten nachhaltige wohlschmeckende Unter- Schwierigkeiten gemeinsam gelöst Finanzierungsmodells. nehmenskooperationen. Eine vollstän- werden. Mit Freude und Motivation dige Liste ist auf der Homepage zu kann der Erfolg sich wieder einstellen. 4. MutmacherInnen persönlich kennen finden (www.pioneersofchange.at) lernen. In Kamingesprächen erzählen MutmacherInnen erzählen in den weise Frauen und Männer aus ihren Valentin ist bereits seit einigen Jahren Lerngängen auch von ihrem Scheitern. Erfolgen und Misserfolgen, zb. Freda selbstständiger Berater für ethisch- Die jungen Leute erfahren am „leben- Meissner Blau. Das ermächtigt nach- ökologische Geldanlagen. Er hat fest- den Objekt“, wo und welche Unter- haltig und bietet tragfähige konkrete gestellt, dass Frauen sich mehr für stützungsmöglichkeiten es gibt. Es Netzwerke an. nachhaltiges Investment interessieren wird angeregt, Prototypen zu gestal- als Männer. Als pioneer of change ten. Gleich mal ins Tun zu gehen, erste überprüft er in Zusammenarbeit mit Schritte schnell umzusetzen, daran Pioneers of Change Seite 37
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at 5. Unterstützungsgruppen. Gemeinsam die Wege von der Idee zum fertigen Projekt, Unternehmen, gehen 6. Langfristige Verbindungen. Ein fol- low ship network wird gebildet, das auch nach diesem Intensivjahr eine kraftvolle Unterstützung sein will. 7. Private Netzwerke und persönliche Beziehungen. Freundschaften bilden sich und begleiten über den Lerngang hinaus. 8. Internationale Netzwerke. Verbindungen mit ähnlichen Anliegen werden angeboten, um weltweit Arbeitsgemeinschaften für größere und langfristige Projekte zu gestalten. Pioneers of Change Seite 38
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    Natur und Kunststoff- das muss kein Widerspruch sein Ein visionäres Unternehmen aus Wiener Neustadt bringt kompostierbare Flaschen und Frischhaltebeutel auf den Markt. Die bestehen aus dem Werkstoff PLA, der aus pflanzlicher Stärke gewonnen wird. Der Gründer ist WU Alumni Enterpreneur 2010. Text von Georg Bauernfeind Heute haben sie Wachstumsraten von Kunden: Lebensmittel wie Obst, Ge- Entrepreneur 2010. Bei den Vienna 300 Prozent, doch noch vor etwa müse oder Brot halten sich in diesen Bio-Polymer Days stellte NaKu die einem Jahr waren Ute und Johann atmungsfähigen Beuteln viel länger als kompostierbare Plastikflasche einem Zimmermann nahe dran, alles hinzu- im klassischen Plastiksackerl. Darüber breiteren Publikum vor, auch wenn es schmeißen. Einen Monat noch gaben hinaus hat das Produkt für den natürli- derzeit noch keine fixe Kooperation die beiden ihrer Firma NaKu. Dann chen Kreislauf mehrere Pluspunkte: mit einem Getränkehersteller gibt. lernten sie Werner Boote kennen, den PLA-Werkstoffe basieren auf heimi- Am Verschluss der Flasche wird noch Regisseur des Films Plastik Planet. Er schen Pflanzen und können in techni- gefeilt und natürlich gibt es Besonder- war von den Produkten der beiden so schen Kompostieranlagen vollständig heiten zu beachten. Mineralwasser begeistert, dass er ihnen Marketing- abgebaut werden. Beim Abbau oder etwa ließe sich darin nur etwa ein Jahr unterstützung anbot. Denn das Pro- bei der Verbrennung wird nur so viel aufbewahren. Durch das atmungsfähi- blem, dass Boote mit seinem Film auf- Kohlendioxid freigesetzt, wie die ge Material würde die Luft der Koh- zeigt, war auch Johann Zimmermann pflanzlichen Rohstoffe zuvor bei der lensäure entweichen, was zu schalem schon seit langem bewusst. Plastik Photosynthese gebunden haben. Geschmack des Wassers führen würde. verrottet nicht. Den Kunststofftechni- Außerdem enthalten diese Produkte Aber für Milch oder Fruchtsäfte ist die ker störte nach einigen Jahren Berufs- keine gesundheitsschädlichen Inhalts- Flasche optimal. erfahrung immer stärker, dass es für stoffe, wie viele herkömmliche Kunst- Plastikprodukte keine nachhaltigen stoffe. „Die Idee des natürlichen Was meint er zu „Cradle to cradle“? Lösungen gibt. Er wollte da etwas Kreislaufes hat uns immer fasziniert“, Eine gute Idee, sagt Johann ändern. meint Ute Zimmermann. Zimmermann. Aber der Aufwand sei Inzwischen sprechen sich die Stärken oft auch sehr hoch. Mit dem natürli- Seit drei Jahren ist die Firma NaKu des innovativen Produktes herum: Bei chen Kunststoff geht die Firma NaKu jetzt auf dem Markt. Das erste der WeissSee IdeenLounge wurde die einen anderen Weg, der aber noch Produkt ist ein Frischhaltebeutel, der kompostierbare Plastikflasche mit dem weit führen kann. Als nächstes möchte sich samt seidig anfühlt und jetzt auch „WeissSee Amethyst“ ausgezeichnet sich das Unternehmen Joghurtbechern von Firmen wie M-Preis und Adamah und Johann Zimmerman wurde mit und Schnuller-Verpackungen zuwen- eingesetzt wird. Die Vorteile für den seiner Geschäftsidee WU Alumni den. Aktuere des Wandels Natur und Kunststoff Seite 39
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Für Sie gelesen Artikel, Fachbücher, Literatur, .. überall liegen Weisheit und Anregung verborgen. Wir versuchen, ein wenig davon ans Licht zu holen und freuen uns auch immer über Anregungen. Harald Koisser über „Die Theorie der Unbildung“ von Konrad Paul Liessmann und die Parabel vom Schachspieler aus Hermann Hesses Steppenwolf „Theorie der Unbildung“ Moderator entgegenschmetterte, dass bungsgesprächen immer mehr Men- von Konrad Paul Liessmann man diesen und jenen Scheiß einfach schen unterkämen mit seltsamen nicht wissen müsse. Kürzeln vor unter hinter ihrem Namen, Mit einem Phänomen der Fülle in ihrer was wohl Wissen und einen gewissen unangenehmen, nämlich rein quantita- „Alles Wissen, so das Credo ausge- Ausbildungsstatus andeuten sollte, tiven Form, setzt sich der österreichi- rechnet der Wissensgesellschaft, ver- aber wie man telefoniert und fühlt, sche Philosoph Konrad Paul Liessmann altet bald und verliert seinen Wert.“ was jemand fühlt, das konnten sie in seiner „Theorie der Unbildung“ (Liessmann) Mit diesem Maßstab war nicht. Liessmann würde diese selt- auseinander, indem er schonungslos „Wissen“ nur ein flüchtiger Daten- samen Kürzel „bildungspolitische herausarbeitet, wie es mit dem Wissen hauch, der rasch abwehte und bloß für Täuschungsmanöver“ nennen. Der in der soeben verblassenden und einen kurzen Moment tauglich war. Es Staat verflachte Bildung, um in inter- dahinscheidenden Wissensgesellschaft ging nicht um Bildung und eigentlich nationalen Bildungsstatistiken besser tatsächlich bestellt war. Ich erlaube mir auch nicht um Wissen, es ging nur dazustehen. Das war die banale politi- die Vergangenheitsform, weil die in noch um skills. Es ging nicht mehr sche Wahrheit. Liessmanns Buch beschriebene darum, etwas zu wissen, und nur noch Denkungsart wohl noch allgegenwär- darum, etwas zu werden. „Die Öko- Liessmann in seiner Funktion als Uni- tig ist, aber bereits einer gesellschaft- nomisierung des Wissens hat seine versitätsrektor merkt spitz an, „dass lichen Vergangenheit angehört. Entschärfung zur Voraussetzung“ die einstige Alma Mater Rudolphina (Liessmann). Der Begriff des „Wissens- zumindest im offiziellen Briefverkehr Wissen manifestierte sich als Anhäu- arbeiters“ zeigte an, dass nicht der nun „University of Vienna“ heißt. fung von Dateneinheiten, die unhier- Arbeiter zum Wissenden, sondern der Dass solche Unterwürfigkeit der zum archisch nebeneinander lagen und alle Wissende zum Arbeiter werden sollte. Idol erhobenen angelsächsischen denselben Stellenwert haben durften. Dies beschreibt die Verarmung der zu Wissenschaftskultur sprachliches Der Mensch wurde darin zu einer Ende gegangenen Gesellschaftsform Idiotentum unterstellt, gehört dabei zu Faktenreplikationsmaschine, die zu- und sie ging eben aufgrund dieser den zahlreichen unfreiwilligen Pointen sammenhanglos Daten herunterbeten Verarmung zu Ende, wie ich meine. dieser Geschichte.“ konnte und ihr Heldentum als Gewin- ner der Millionenshow feierte, wo alles Ein Freund von mir, Geschäftsführer Und ebenso war die europäische Öko- gefragt wurde und alles möglich war. einer großen Werbeagentur, klagte mir nomie einem Täuschungsmanöver auf- Nur eins nicht: dass der Kanditat dem gegenüber einmal, dass ihm in Bewer- gesessen durch ihr geiles Schielen auf Für Sie gelesen Seite 40
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    Amerika. Sie talktenur mehr English in müssen wir nun zu einer Erkenntnis- sucht. Harry verfährt, obwohl er ein ihren Offices und Mitarbeiter fanden gesellschaft werden. Und werden wir hochgebildeter Mensch ist, etwa wie die Personalabteilung im internen das nicht, so brauchen wir uns um ein Wilder, der nicht über zwei hinaus Telefonverzeichnis nicht mehr, weil unser Wissen nicht mehr zu scheren. zählen kann. Er nennt ein Stück von sie human ressources hieß. Diese sich Mensch, ein andres Wolf, und Verbeugung vor dem Englischen war Konrad Paul Liessmann damit glaubt er schon am Ende zu sein der amerikanischen Erfolgsgeschichte Theorie der Unbildung und sich erschöpft zu haben.“ geschuldet, die sich als Desaster und Paul Zsolnay Wien 2006 Betrug entpuppt hat. Nothing but Der Steppenwolf zerstört unser bubbles! Ein Teil des Textes stammt aus dem banales binäres Gedankengut des Kapitel „Bildung“ in: Entweder-Oder. Wir sind vielmehr Zu guter Letzt führt Liessmann auch Harald Koisser Sowohl-als auch. Harry tritt im eine Mahnung an, die wir als „Maga- Warum es uns so schlecht geht, Magischen Theater durch eine Tür, zin für Zukunftskompetenz“ bedenken obwohl es uns so gut geht welche die vielversprechende Auf- wollen, wenn er meint, dass alles Orac-Verlag, Wien 2009 schrift trägt „Anleitung zum Aufbau einem besinnungslosen Immerweiter der Persönlickeit. Erfolg garantiert.“ gehorche. Dabei wäre doch der belieb- ࣴ Wer möchte da nicht hineingehen?! Er te Begriff der „Reform“ immer von trifft auf einen Schachspieler, der in einem Willen zur Rückbesinnung und Die Parabel vom Schachspieler das Brett versunken ist und zu ihm zur Wiederbelebung verlorenen in Hermann Hesses Steppenwolf spricht: „Die fehlerhafte und Unglück Wissens gekennzeichnet gewesen. bringende Auffassung, als sei ein „Als Körper ist jeder Mensch eins, als Mensch eine dauernde Einheit, ist Ich meine mit Liessmann, dass die Seele nie.“ Dies ist kurzgefasst die Ihnen bekannt. Es ist Ihnen auch Wissensgesellschaft bloß als Behaup- Lehre welche der Steppenwolf erfah- bekannt, dass der Mensch aus einer tung vorhanden war, der facto waren ren muss. Er wähnt sich zerrissen und Menge Seelen, aus sehr vielen Ichs wir in sagenhaftem Ausmaß unwis- aufgerieben zwischen seinen zwei besteht.“ send. Wir konnten Wissen nur noch Seiten, den zwei Seelen, die ach, in quantitativ bewerten. An den Lauf- seiner Brust wohnen. Doch er „vergisst Aus dieser Erkennntis heraus entwik- metern an Nachschlagewerken zu- den Mephisto und eine ganze Menge kelt der Schachspieler eine These, die hause, am gemessenen Intelligenz- andrer Seelen, die er ebenfalls in seiner er „Aufbaukunst“ nennt. Jeder kann quotienten oder an Zertifikaten diver- Brust hat“, wie Hesse anmerkt. sein Leben aus seinen Situationen und ser Bildungseinrichtungen, welche uns Wissensbestandteilen her wieder und Wissen attestierten. „Er glaubt, wie Faust, dass zwei Seelen wieder aufbauen. Der Schachpieler für eine einzige Brust schon zuviel nimmt Figuren und Situationen aus Die Überwindung dieser institutionali- seien und die Brust zerreißen müssten. Harrys Leben, ordnet sie am Schach- sierten Unwissenheit kann heute nur Sie sind aber im Gegenteil viel zu brett an – und wischt sie lächelnd darin bestehen, die Meta-Ebene von wenig, und Harry [Anm.: Hauptdar- weg. Nur um sie komplett anders Wissen zu betreten und zu Erkenntnis steller des Buches] vergewaltigt seine wieder aufzubauen. zu gelangen. Unter Umgehung der arme Seele furchtbar, wenn er sie in „Wir zeigen demjenigen, der das Wissensgesellschaft, die wir nie waren, einem so primitiven Bilde zu begreifen Auseinanderfallen seines Ichs erlebt Für Sie gelesen Seite 41
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at hat, dass er die Stücke jederzeit in beliebiger Ordnung neu zusammen- stellen und dass er damit eine unend- liche Mannigfaltigkeit des Lebensspiels Begriff & Erhellung erzielen kann. Wie der Dichter aus Wir verwenden andauernd Begriffe, um zu begreifen. Manchmal werden sie auch missbraucht, umge- einer Handvoll Figuren ein Drama deutet, falsch verwendet. Wir wollen sie daher diskutieren und erhellen. Harald Koisser über die Begriffe schafft, so bauen wir aus den Figuren „Begriff“, „Verschwendung“ und „Exzess“ unseres zerlegten Ichs immerzu neue Gruppen, mit neuen Spielen und Spannungen, mit ewig neuen Situ- Begriff griffen, Begriffsumdeutungen und ationen.“ nehme auch gerne Kritik an, denn Wir verwenden in unserer Sprache auch ich bin von sprachlicher Blasen- Dies ist die Chance von Menschen und Worte, um etwas im Griff zu haben. bildung nicht gefeit. Wirtschaftseinheiten: den Zerfall in So wie unsere Hände etwas be-grei- viele kleine Stücke nicht als Auseinan- fen, erhoffen wir auch durch Sprache, derfallen, sondern Ausbreiten von Dinge zu be-greifen, gleichsam Verschwendung Möglichkeiten zu verstehen und alles semantisch festzunageln. Ein Begriff wieder anders und neu zusammenzu- umgreift eine Vorstellung und will sie „Verschwenden“ kommt von fügen. Die eine Ordnung, die wir als auf ein einziges Wort zurechtstutzen. „schwinden“. Etwas schwindet gut und bewährt erleben, ist nicht Heinrich Schmidt hat in seinem dahin, vergeht und geht verloren. festgeschrieben und alleine gültig. Es Philosophischen Wörterbuch „das Wer verschwendet, macht etwas gibt immer auch eine andere, nein: Denken in Begriffen gegenüber dem schwinden. Daraus entstand die nicht bloß eine andere, so banal ist Denken in Anschauungen ein abge- Bedeutung, etwas nutzlos zu vertun, das Leben nicht, sondern viele andere. kürztes Verfahren“ genannt, „die aber interessanterweise ebenso „in Und jede hat ihre Berechtigung. Begriffe sind gleichsam das Papiergeld, Fülle austeilen“ oder „freigiebig die Schatzanweisungen des Denkens.“ geben“ (ca. 15. Jahrhundert). Die Vielleicht ist „Aufbaukunst“ jene Es lohnt, zu wissen, woher Begriffe Wortbedeutung teilte sich also und zentrale Fertigkeit, die heute vom kommen und was sie bedeuten, es man verstand unter „Verschwendung“ Management gefordert wird, - die lohnt, sie zu wenden und zu befragen. einerseits eine Form von Vernichtung Fähigkeit, Komplexität zu managen, Wenn sie unser Papiergeld im Diskurs oder aber ein lustvolles Abgeben von Vielfalt und Fülle neu zu ordnen und sind, so müssen wir sehen, dass sie einem Zuviel (Spenden, Mäzenaten- vorhandene Potentiale neu zu struk- gedeckt und etwas wert sind. Sind sie tum), letzteres durchaus positiv turieren, sich selbst und das Unter- nur hohl, so bleiben sie Sprechblasen, konotiert. In beiden Fällen aber ist nehmen permanent neu zu erfinden. welche ebenso folgenschwer platzen Verschwendung losgelöst von Ratio, können wie die jüngste sie ist nie logisch begründbar. Die ࣴ Immobilienblase. strenge Rechnung verträgt sich nicht mit dem Übermaß. Wer verschwendet Ich bin zutiefst dankbar über jeden ist gewiss nicht bei Sinnen, könnte Hinweis auf Bedeutungen von Be- aber durchaus Sinn erfahren. Für Sie gelesen Seite 42
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    Willkommen ist Verschwendungin mal die Grenzen seines alkoholischen dogmatische Asketen und angstbe- unseren heutigen ökonomischen Fassungsvermögens überschritten hat, setzte Menschen so schwer, ihr per- Prozessen immer dann, wenn andere weiß, dass Exzesse meist geahndet sönliches Maß zu finden. Sie kennen sich an uns verschwenden, sei es, dass werden. Dies nur zur Erinnerung, nicht es nicht, weil sie es nicht wagen, über sie als Konsumenten unsere Güter aber als Maßregelung. Im Gegenteil sich hinauszugehen. So lange, bis die sinnlos begehren, oder sich als möchte ich hier eine Lanze zugunsten straffe Verschnürung mitunter platzt, MitarbeiterInnen im Unternehmen des Exzesses brechen. das innere über alle Ufer tritt und aufopfern. Von beidem kann man gar Unschuldige mitreißt. Vereinigungen nicht genug bekommen. Schon der Philosoph Michel de wie etwa die Kirche, die bloß eine Montaigne (16. Jhd) empfahl den hohe Moral (etwa in Sachen Sexuali- Jedes Brainstorming lebt von Ver- jungen Menschen die wichtige Er- tät) haben, aber darin kein individuel- schwendung, insoferne „sinnlose“ fahrung der Ausschweifung, damit sie les Maß ihrer Vertreter zulassen, sind Gedanken in Überfülle zulässig und später nicht von jeder Kleinigkeit aus in ihren schrecklichsten Momenten ein gefordert sind. Zumindest behauptet der Bahn geworfen werden. Der Ex- Hort völlig ungezügelten Ausbruchs die Geschäftsleitung gerne, dass ver- zess als Impfung gegen Sehnsucht! von Maßlosigkeit. schwenderische Gedanken gewollt sind, zeigt sich aber oft bissig, wenn Ich möchte dem eine wichtige Funkti- der Prozess nicht gleich in umsetzbare on zur Seite stellen. Nur über die Wege führt. Der Gedankensturm Maßlosigkeit lässt sich das persönliche (brainstorm) sollte idealerweise gleich Maß finden. Nur wenn das Glas über- von Haus aus in einem regulierten läuft, sieht man auf den Tropfen ge- Windkanal stattfinden. Jeder Unter- nau, wie viel es wirklich fasst. Man nehmer liebt Verschwendung meist muss sich mitunter auf die Fülle ein- bloß als Bringschuld der Konsumenten. lassen, um sie auszuloten. Die Kennt- Im Innenleben herrscht Effizienz. nis vom eigenen Maß ist immer mit Schade, denn Verschwendung wäre Grenzüberschreitung verbunden und manchmal durchaus effektiv. somit latent unmoralisch. Man öffnet mit zitternden Händen eine Tür, auf der „Eintritt verboten“ steht, um her- auszufinden, warum eigentlich. Der Exzess Unterschied zur Gedankenlosigkeit liegt darin, sich der Verantwortung sei- Der Exzess ist Verschwendung in Best- nes Handelns bewusst zu sein (und form. Während das spätlateinische stets auch den rettenden Ausgang im excessus noch harmlos „das Heraus- Auge zu haben). gehen, Abweichen“ meint, verstehen wir darunter heute das Sprengen jegli- So also hängen Maß und Exzess chen Maßes, die Missachtung aller zusammen. Indem man seiner Lust gebotenen Grenzen. Wer schon ein- folgt, lernt man ihre Grenzen kennen und respektieren. Das macht es für Begriff & Erhellung Seite 43
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at In der Schau-Deponie Harald Koisser war zu Besuch auf einer Schau-Deponie, wo Dinge, die bereits zum Tod auf einer Mülldeponie verdammt waren, zu Objekten mit Ewigkeitswert wurden. Müll, très chic. Menschen schlendern len Vernissage zu einer Schau-Deponie Der Nutzungszyklus von Plastiksack- mit einem Glas Weisswein an Kunst- mutiert ist. „Upcycling“ nennen die erln ist meist verheerend kurz und stoffmüll vorbei, begutachten ihn. Gallieristen jenen Prozess, in dem steht in dramatischem Kontrast zu Plastiksackerln sind zu schmalen Gegenstände, welche bereits zu einem ihren Halbwertszeiten. Irene Wölfl Streifen gefalzt worden und aus diesen Lebensabend auf einer Mülldeponie würdigt den Ewigkeitswert der Plas- Streifen war ein Bild gemacht worden. verdammt waren, zu Kunstobjekten tiktragetaschen, indem sie daraus Hinterm Deich Irene Wölfl An der Wand gegenüber hängt Weg- mit Ewigkeitswert werden. „Wir nei- Bilder webt. Faszinierende Collagen, geworfenes aller Art, schön arrangiert gen dazu, Produkten ein Leben zuzu- die durch Farbkomposition und raffi- und ausgepreist. Was dem einen eben gestehen und damit auch den Tod“, nierte Platzierung der auf den Plastik- noch nichts mehr Wert war, Well- sinniert Guido Zehetbauer-Salzer. Da sackerln aufgedruckten Werbebot- pappe, Heftklammern und Acrylfarbe trifft er sich mit den Cradle-to-cradle- schaften leben. Allerdings kann es die etwa, kostet hier 650,– Euro. Eine Philosophen, die betonen, dass Pro- Künstlerin auch monumental und epo- Draht-Metall-Skulptur durchbricht die dukte nicht leben und daher auch kei- chal, etwa wenn sie aus ihrer Web- 1.000,- Euro-Marke. Dabei sind die nen Lebenszyklus haben – bloß einen technik Mona Lisa nachbaut, oder Objekte klein, sehr klein mitunter. Produktnutzungszyklus. einen an Marylin erinnernden Kuss- „Mach dich nicht so breit“, eine be- mund oder eine überlebensgroße malte Metalldose, misst 5x13x8 cm. Audry Hepburn. Plastic trash, 125 x Gerade die Kleinheit spielt offenbar 200 cm, rd. 6.680,- Euro. Die Geniali- eine große Rolle für Elisabeth Homar- tät, mit der hier Bilder komponiert Zogmayer, jene Künstlerin, die den werden, erzeugen langsam, nach und Mikrokosmos des achtlos Weggewor- nach, die Erkenntnis, welch inspirieren- fenen zelebriert. „Ihre Kunst liegt der Rohstoff, welch unglaublich ästhe- darin, im winzigsten und banalsten tische Mosaiksteine hier Tag für Tag Gebrauchsgegenstand ein Detail zu auf unseren Mülldeponien und in den sehen und eine Geschichte zu erzäh- Weltmeeren landen. Im Pazifik dreht len“, wie Guido Zehetbauer-Salzer, der sich ein riesiger, für Fische todbringen- Künstlerische Leiter von zs art erklärt. der Strudel aus Plastikabfall, detto gibt Irene Wölfl es zwischen Asien und Amerika einen und ihr zs art, jener Kunstraum in der Wiener „Frühstück subarktischen Meeresstrudel aus Plas- Westbahnstraße, der in seiner aktuel- bei Tiffany“ tik. So werden die Kunstobjekte in der Art In der Schau-Deponie Seite 44
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    Schau-Deponie, ohne jemalsselbst plakativ angriffig zu sein, zu Mahn- malen menschlichen Konsumwahns. Der schnarrende Sound einer Kugel, die sich in einem Holzbehälter dreht, ertönt. Srrrrr, srrrrrr. Dann helle Schlä- ge. Der Percussionist Peter Rosmanith Was ist passiert, Rapunzel? schlägt auf Halbschalen aus Stahl- von Elisabeth Homar-Zogmayer blech. Seine Drummer-Symphonie „RecyclingCircle“ hebt an, gespielt auf Objekten, die er auf Mülldeponien ge- funden hat. Musik, die intimste und berührendste aller Kunstformen! Gefühlvoll, dynamisch. Peter Rosma- nith lässt den Müll zum Himmel sin- gen. Der Applaus anschließend dauert Galeristin Andrea Zehetbauer, ewig. Ein Sehnen entsteht in der fotografiert von Harald Koisser Klang- und Bildwelt der Schau- Deponie: jenes, unsere Wegwerfge- sellschaft einem Upcycling zu unter- ziehen. ZS art Westbahnstr. 27-29 A-1070 Wien Elisabeth Homar-Zogmayers Mo, Di, Mi, Fr 11.00 - 19.00 Mikrokosmos des Weggeworfenen Do 11.00 - 21.00 sowie nach telefonischer Vereinbarung Upcycling Bilder: Irene Wölfl Objekte und Collagen: Elisabeth Homar-Zogmayer Musik: Peter Rosmanith Fotografie: Hans Ringhofer Ausstellung: 11.6. - 3.9.10 zs art im Netz: www.zsart.at Percussionist Peter Rosmanith lässt den Müll zum Himmel singen Art In der Schau-Deponie Seite 45
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    wirks Wirtschaftsmagazin für Zukunftskompetenz • Sommerbeginn 2010 • www.wirks.at Über uns von Harald Koisser Das Ende des Bisherigen gabe. Wir informieren über jene mer die Zeit des Überflusses, etc. Das Strömungen, die in interessante, neue haben wir in unserer denaturierten Bei uns in der westlichen Welt geht ein Richtungen weisen. Wir lassen Men- Arbeitswelt ein wenig vergessen. Zeitabschnitt zu Ende, eine Ära, die in schen, die etwas zu sagen, zu Wort Weder Arbeit noch Nahrungsmittel der Nachkriegszeit begonnen hat und kommen. Wir bieten Orientierung, erinnern uns noch an die Jahreszeit, vom Motto „Wohlstand für alle“ ge- Service und Diskurs. im industrialisierten Alltag sind natür- prägt war. „Fortschritt“ und „Wachs- liche Rhythmusgeber weggeblendet. tum“ waren die bestimmenden Ter- Ein Magazin für Wirtschaftstreibende Gerade im Geschäftsleben ist es an der mini - Begriffe, die heute in Verruf Zeit, wieder auf die Qualitäten des sind. Der Mensch erkennt, dass in Wir schreiben primär für Menschen im Naturjahres zu achten. In der griechi- limitierten Systemen nichts endlos Wirtschaftsleben. Die Wirtschaft ist schen Mythologie, wird dieser Natur- wachsen kann. Das Ende des Bisheri- jener Ort, wo Werte geschaffen wer- zyklus mit der Göttin Gaia in Verbin- gen ist unvermeidlich da. Das Neue den, wo die Volkswirtschaft ihre Ener- dung gebracht. So geben wir uns mit aber ist noch nicht kenntlich. gie bezieht und sich das Taugliche diesem digitalen Medium selbst eine und Erwünschte vom Unerwünschten Rückanbindung an „Gaia“, an die Wir begleiten den Wandel scheidet. Die Wirtschaft ist es, die wir Natur, und möchten einen Beitrag für mit Service und Diskurs begleiten wol- eine harmonische Zukunft leisten. Als „Magazin für Zukunftskompetenz“ len. sind wir Begleiter des Wandels, aber Besinnung und Beständigkeit nicht in nüchterner dokumentatori- Im Wechsel der Jahreszeiten scher Absicht, sondern positiv anre- Mit Erscheinungsweise (was? - gend. Wir wollen die zuversichtlichen Wir erscheinen im Wechsel der Jahres- Neuigkeiten nur im Wechsel der Kräfte stärken und negative Kräfte, zeiten, jeweils zu den markanten Wen- Jahreszeiten?), Umfang (ist das alles?, die aus Angst und Fundamentalismus depunkten des Naturjahres. Jeder die- so wenig Neuigkeiten?) und Text- gespeist werden, nicht aufkommen ser Zeitabschnitte steht unter einer gestaltung (ist das nicht zu komplex lassen. In Zeiten des Wandels braucht bestimmten natürlichen Qualitätt. Der für ein digitales Medium?) stemmen es Orientierung. Das ist unsere Auf- Winter ist die Zeit der Stille, der Som- wir uns gegen die ausgehende Zeit Über uns Seite 46
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    und jeden Journalismus,der auf Lärm Wir von wirks wirks und Schnelligkeit ausgerichtet ist. Was wäre das für eine neue Zukunft, wenn Harald Koisser, Quelle Ach ja, Sie wollen ja noch wissen, was wir in bewährtem Stakkato eine „In- von wirks (Herausgeber „wirks“ bedeutet. Wir haben den Be- formation“ durch die nächste ersetzen und Chefredakteur), griff bei dem Quantenphysiker Hans- und die alten „News“ damit de facto erzeugt IDEENBILDER- Peter Dürr entliehen. Er wollte in sei- auslöschen? Wo nichts Bestand hat WORTE. In Form von ner Jugend herausfinden, was die Welt und, einer Journalistenregel zufolge, philosophischen Büchern, Essays, im Innersten zusammenhält und hat nichts so alt ist wie die Zeitung von Theater, Musik, ... ! Beschäftigt sich sich daher dem Erforschen der Materie gestern. mit „Nachhaltigkeit in der Kommuni- im Kleinsten verschrieben. Nur um Nein, die neue Zeit muss von Besin- kation“ und dem Phänomen der Stille. herauszufinden, dass es keine Materie nung und Beständigkeit durchdrungen www.koisser.at gibt. Im Mikrokosmos kann man nur werden. Wir werden uns nicht nur in noch die Beziehungen (Wellen, Strah- Ruhe und Tiefe mit Themen auseinan- Veronika Victoria lung) zwischen Teilchen messen und dersetzen, sondern auch beharrlich Lamprecht, „Anima“ erkennen, nicht aber Teilchen selbst. diejenigen Themen, die uns zukunfts- von wirks (Redakteurin Das kleinste Teil von allem ist daher tauglich erscheinen, beobachten und mit dem Schwerpunkt weder ein Atom noch ein Quark, son- verfolgen. Man muss mit dem Neuen Natur), arbeitet als dern ein „wirks“, eine Wirkungsein- langsam Bekanntschaft schließen. Trainerin mit der Wirkung des Natur- heit. Wahrscheinlich lässt sich das jahreszyklus auf Menschen, Systeme ganze Leben, auch im Makrokosmos, Positiv und Organisationen und bietet Per- nur über die Definition von Beziehun- sönlichkeitsseminare mit Naturerfah- gen begreifen -, die aber höchst Wir schreiben über die frischen Keime, rungen an, sowie nachhaltige Unter- wirksam sind. nicht über den welken Boden. Unsere nehmensbegleitung, Geomantie, Berichte sind positiv und sollen Energie Ritual, Tanz. zuführen. Wenn es Kritik braucht, www.veronikalamprecht.com Impressum üben wir sie, aber wir missbrauchen wirks _ magazin für zukunftskompetenz sie nicht. Wir bemühen uns um Wahr- Georg Bauernfeind, Koisser Kommunikations GmbH heit, Transparenz und Redlichkeit in „kritischer Geist“ von 1190 Wien, Döblinger Hauptstraße 17/4/12 der Berichterstattung. wirks (Redakteur mit www.wirks.at, www.koisser.at, wirks@wirks.at dem Schwerpunkt Inter- Redaktion: Georg Bauernfeind, Harald Koisser, views und Initiativen); Veronika Victoria Lamprecht freiberuflich als Kabarettist, Publizist und Kommunikationsberater tätig. wirks ist ein Online-Magazin und erscheint Gründet im Oktober 2010 „Humus – 4 x p.a. im Wechsel der Jahreszeiten. Agentur für Kommunikation und Es bietet Service und Orientierung für Menschen Entwicklung.“ in der Wirtschaft und fühlt sich positiver www.georg-bauernfeind.at Berichterstattung verpflichtet Über uns Seite 47
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