Wie die Tiere
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Wie die Tiere
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Wie die Tiere
Wie die Tiere
Michael Hafner
kbex micropublishing
http://www.kbex.eu
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Wie die Tiere
 2009
made with an EEE PC, Open Office and
The Gimp
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Wie die Tiere
Einleitung
Wir wissen scheinbar alles. Den Rest koennen wir scheinbar 
leicht recherchieren, denn wir sind scheinbar gut vernetzt und 
scheinbar mit vielen befreundet. 
Was davon hilft uns wirklich? Und warum kommt hier das Wort 
"scheinbar" so oft vor? 
Vier wichtige Punkte praege jene Kommunikationsformen, mit 
der wir heute leben ­ ein unentwirrbares Geflecht aus 
persoenlichen, virtuellen, eingebildeten, realen, erfahrenen, 
kopierten, erzwungenen oder ertraeumten Beziehungen. 
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Nichts hat Bedeutung ­ weder Worte, noch Ereignisse. Es sei 
denn, wir erzeugen eine. Fuer sich genommen sind Handlungen 
oder Aussagen schlicht nichts; Sinn und Bedeutung entstehen 
erst spaeter in dem, was wir daraus machen. 
Waere es anders ­ Historiker waeren Propheten (denn statt der 
nachtraeglichen Erforschung von Bedeutung von Ereignissen 
koennte dann ja deren zukuenftige Bedeutung vorausgesagt 
werden) und Geschwaetzigkeit waere wichtiger als 
Handlungsbereitschaft. 
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Ohne Bedeutung wollen wir nicht leben, deshalb spekulieren 
wir. Wir schreiben Dingen und Aussagen Bedeutung zu und 
machen sie damit fuer uns nutzbar. Das hat keinen direkten 
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Wie die Tiere
Zusammenhang zu den Dingen und Aussagen selbst, im 
Gegenteil: Je entfernter die von uns sind, desto leichter tun wir 
uns damit, kreativen Sinn dazu zu spekulieren ­ denn das 
Risiko, dass wir dem Beweis fuer die Falschheit unserer 
Annahmen begegnen, sinkt proportional zur Wahrscheinlicheit, 
dem Gegenstand unserer Annahmen zu begegnen. 
Je weniger wir von etwas wissen, desto sicherer sind wir uns 
dabei. 
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Bedeutung ist also moeglich, ist aber eher eine Eigenschaft 
unserer Vorstellungen als dessen, womit wir uns beschaeftigen. 
Was bedeutet (!) das fuer die Entstehung von 
Zusammenhaengen, fuer Ursache und Wirkung? Wir koennen 
Zusammenhaenge beobachten, aber wissen wir, was dabei 
Ursache ist und was Wirkung? Wie kommen wir von einer 
Aussage zu deren Bedeutung und weiter zu einer Wirkung, also 
etwa einer Handlung? Wie erfassen wir diese Zusammenhaenge 
und wie machen wir sie fuer uns nutzbar? 
Beziehungen bedingen die Entstehung von Bedeutung; 
Veraenderungen in Beziehungen und deren Grundlagen 
aendern damit die nur die Entstehung, sondern auch den 
Inhalt von Bedeutung.
Exemplarisch laesst sich das anhand neuer Online Medien 
darstellen: Was bedeuten die vielfaeltigen Beziehungen und 
Situationen, die Moeglichkeiten, Content mit endlosem Kontext 
aufzuladen oder ihn umgekehrt vollends aus diesem 
herauszuloesen, fuer die Entstehung und den Wert von Sinn 
und Bedeutung? Worauf koennen wir uns verlassen, worauf 
koennen wir uns in dieser Vielfalt verlassen? 
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Weil es egal ist, wenn grundsaetzlich alles Verhandlungssache 
ist, koennten wir auch das Problem der Bedeutung beiseite 
schieben. Nur begegnen uns immer wieder, trotz allem, 
Situationen, Sinnzusammenhaenge, Werte, die nicht zur 
Diskussion stehen. Rein rational betrachtet ­ um mir selbst 
gleich zu widersprechen ­, vielleicht schon, aber die theoretische 
Hinterfragbarkeit verblasst vor der einfach praesenten 
Oberflaeche. 
Etwas gefaellt uns oder nicht, wir moegen jemanden oder nicht 
­ und das entscheiden wir, innerhalb unserer Welt, in der der 
andere eine statische Randfigur ist. "Wir" begegnen "uns" nicht 
"wirklich", waehrend wir uns fuer komplex, besonders, oder 
auch nur besonders gewoehnlich halten, sind wir fuer den 
anderen eine voruebergehende Erscheinung. Jemanden so auf 
die Oberflaeche zu reduzieren ­ ist das gemein (weil wir 
vereinfachen) oder respektvoll (weil wir annehmen, was da ist)? 
Hier beginnt die Runde wieder von vorne (s. Punkt 1). 
Wie die Tiere geht der Frage nach, warum dennoch Dinge, die 
wir sagen, fragen oder behaupten, Bedeutung haben. Und weil 
Fragen auch mehr zaehlen als Antworten, ebenso der Frage, wie 
wir uns verstaendlich machen koennen. 
"Wie die Tiere" bedeutet hier unwissend, auf unklare Weise 
anders, nicht wir, offen, unvoreingennommen. Das kann ein 
angemessener Zustand sein. 
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Wie die Tiere
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Wie die Tiere
Einleitung..............................................................................................5
Ausgangslage.....................................................................................11
Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht. Das ist die beste
Voraussetzung fuer ein gutes Gespraech. ....................................11
Differenz: Visualisierung im Streit..................................................14
Immer Herausfordern.....................................................................16
Wie Ideen beschreiben..................................................................17
Schaffen bedeutet immer verlieren................................................18
Wie koennen wir die Seiten wechseln? .........................................20
Sie sind anders..............................................................................20
Sie meinen es anders....................................................................21
Distanz befreit................................................................................25
Festlegende Systematik: Spekulation als Befreiung,
zuschreibendes Erkennen als Festsetzung...................................26
Medien und Gemeinplaetze: Wir wissen und verstehen nur, was wir
immer schon gewusst haben.........................................................29
Varianten: Was machen wir aus dieser Situation?.........................33
Einsiedelei ist eine Option..............................................................34
Abgrenzung ist Bezugnahme und Bestatetigung...........................35
Wir sind nicht allein........................................................................38
Distanz und Flexibilitaet: Je weniger wir wissen, desto sicherer sind
wir...................................................................................................39
Primat der Oberflaeche..................................................................44
Folgen der Praesenz: Wehrlosigkeit..............................................46
Folgen der Praesenz: Selbstbehauptung.......................................47
Begriffsbildung: Warum heisst das, was wir sagen, ueberhaupt
etwas und nicht vielmehr nichts? ..................................................50
Und wie koennen wir uns trotzdem verstaendigen?......................51
Tiere werden konditioniert – Wollen wir Menschen tatsaechlich
verstehen? ....................................................................................55
Philosophische Kompetenzen........................................................56
Vermutungen: Wie koennen wir verstehen? Wie koennen wir uns
verstaendigen? .................................................................................59
Oberflaechen..................................................................................60
“Wie er wirklich war”.......................................................................60
Bezug des Ich auf etwas................................................................62
Reduktion auf das Ich....................................................................63
Gewaltakt des Konsens und Macht des Durchschnittlichen, das
keiner will.......................................................................................65
Verstehen, dass es anderes gibt ...................................................67
Erklaeren von Neuem durch Bekanntes ist Reduktion...................73
Mushin: “Nicht mehr denken”.........................................................78
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Wie die Tiere
Was ist schon neu? .......................................................................80
Unterschiede in der Naehe wahrnehmen.......................................82
Welcher Spielraum bleibt dabei fuer Neuigkeiten? .......................83
Dissens ist Effizienz – abhaengig von der Perspektive..................84
Extrapolation und Spiele................................................................85
Die Kunst, den Faden nicht verlieren.............................................87
Rhetorik im Verdacht......................................................................91
Gute Gedanken ausdruecken: mashup.........................................93
Wir muessen trotzdem miteinander reden.....................................97
Muster als Kommunikationsstrategie – pragmatische Allegorien.100
Entscheidungsoptionen................................................................101
Perspektiven wechseln...................................................................103
Allegorien als ein Mittel, Distanz herzustellen – und das befreit..106
Standardisierung von Mustern......................................................111
Anleitungen, Muster, Missverstaendnisse....................................116
Verhandlungssache......................................................................123
Orientierung, Bildung von Perspektiven.......................................128
Was zaehlt ist die Oberflaeche.....................................................128
Was heisst etwas zaehlt? ............................................................131
Genauso unbeschwert umgehen wie mit Tieren – Signale ernst
nehmen........................................................................................134
Keine Dualitaet, kein Zusammenfuehren, keine Wahrheit...........135
Anstelle unvermittelter Gemeinsamkeit tritt das Wissen, dass alles
Verhandlungssache ist – auch die letzten Gruende ....................136
Offensichtlich reden wir trotzdem.................................................137
Ein Bild des anderen machen, in dem die Dinge zusammen passen
.....................................................................................................139
Perspektiven.....................................................................................141
Kann so viel passieren, wie geredet wird?...................................144
Bedeutung entsteht spaeter.........................................................145
“Die” erzeugen “uns”....................................................................146
Ein paar Grundsaetze..................................................................158
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Wie die Tiere
Ausgangslage
Wir verstehen Sie nicht, Sie
verstehen uns nicht. Das ist die
beste Voraussetzung fuer ein gutes
Gespraech.
“Ich   verstehe   schon.”   Diese   drei   Worte   sind   eine   gefährliche 
Drohung, sie beenden ein Gespraech, sie kuerzen Erklaerungen 
ab und sie signalisieren, dass derjenige, der sie ausspricht, sich 
bereits ein Bild gemacht hat. 
Ein   Bild,   das   nur   sehr   schwer   zu   erreichen   und   kaum   zu 
aendern ist. Je sicherer wir einer Sache sind, desto schneller 
machen wir uns ein Bild. Je schneller wir uns ein Bild machen, 
desto weniger ist uns bewusst, dass wir uns ein Bild machen, 
dass   wir   in   unseren   Gedanken   und   Worten   eine   Welt 
konstruieren,   die   von   der   Welt   draussen,   von   der   Welt   des 
anderen, der uns etwas zeigen wollte, verschieden ist. 
Je sicherer wir also einer Sache sind, desto wahrscheinlicher 
liegen wir damit falsch. 
“Du bist doch so ein Landwirtschaftsfreak”, sagte eine 
Kollegin gestern zu mir – voraussetzend, dass ich mich 
als   Ex­Staedter   und   nunmehriger   Landbewohner   fuer 
alle  Aspekte  des  Landlebens  begeistern   kann.   “Nein”, 
sagte   ich,   “Oder   begeisterst   Du   Dich   brennend   fuer 
Muellabfuhr,   Strassenkehrer,   Obdachlose   und 
verspaetete   U­Bahnen?”   ­   um   nur   einige   Aspekte   des 
Stadtlebens herauszugreifen. 
Ein   anderes   Beispiel:   Ein   Projektteam   diskutiert   den 
Rollout   eines   Imagefilms   in   osteuropaeischen 
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Wie die Tiere
Tochtergesellschaften   eines   international   operierenden 
Konzerns. “Die werden uns keine Ideen liefern”, sagt M. 
“Stimmt, die Antworten waren ziemlich mager”, meint A. 
“Sind die Kollegen denn schon befragt worden?”, fragt V. 
Die anderen sehen sie entgeistert an, “Haben wir nicht 
gerade darueber geredet?”
Fragen,   Behauptungen,   Situationen,   die   fuer   den   einen 
selbstverstaendlich sind, sind fuer den anderen unvorstellbar, 
allein daran zu denken oder es auszusprechen loest Unwohlsein 
aus. Wir konnen vieles nicht thematisieren und wir haben dabei 
auch keine Sicherheit.
Bei jedem Gespraech laufen neben dem ausdruecklich Gesagten 
mehrere   Parallelebenen   mit,   einige   betreffen   Erinnerunen, 
Erfahrungen, andere Beziehungen. 
Darunter gibt es auch das Bild von uns, das waehrend des 
Gespraechs   beim   anderen   entsteht.   Haben   wir   jemals   das 
wirklich gute Gefuehl, dass uns das gerecht wird? ­ Wie weit 
duerfen wir, wenn wir uns das eingestehen, unseren eigenen 
Bildern vertrauen? Gibt es einen Massstab, an dem sich die 
unterschiedlichen   Vorstellungen   messen   lassen?   Und   mit 
wessen Augen kann dieser Massstab abgelesen werden?  
Es   bedarf   nur   minimaler   Verschiebungen,   und   wir   koennen 
einander   wie   Idioten   aussehen   lassen.   Wir   beklagen 
Missverstaendnisse,   wundern   uns   ueber   die   mangelnde 
Einsicht zweier Streitparteien, wenn wir als Dritte unbeteiligt 
daneben   stehen,   und   schaffen   dadurch   selbst   nur   eine 
zusaetzliche,   genau   so   richtige,   genau   so   unberechtigte 
Sichtweise. 
Das koennen wir nicht aus der Welt schaffen, das koennen wir 
nicht   aendern.   Wir   koennen   uns   dieser   Tatsache   bewusst 
werden, und unsere Kommunikation darauf abstimmen. 
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Wie die Tiere
Mit wem reden wir, welchen Hintergrund, welche Erfahrungen 
hat diese Person? Was versteht er oder sie unter Begriffen, die 
wir   wie   selbstverstaendlich   verwenden,   was   ist   fuer   ihn 
fragwuerdig, obwohl wir es fuer garantiert halten? Gibt es eine 
gemeinsame   Welt   in   der   wir   uns   bewegen,   wo   lassen   sich 
Beruehrungsspunkte schaffen? Wo ist unser Gegenueber gerade 
jetzt,   welche   der   vielen   moeglichen   Kombinationen   seiner 
Positinoen sind fuer ihn gerade jetzt wichtig?
Eines   ist   wichtig:   Es   geht   hier   nicht   um   Zielgruppen, 
Kundenschichten   oder   ­klassen   oder   Kampagnenadressaten. 
Hier   ist   die  direkte   Kommunikation   das  Thema:   Die 
Unterhaltung unter Kollegen, zwischen Fuehrungskraeften und 
Mitarbeiter,   zwischen   Kunde   und   Verkaeufer   –   oder   in   der 
Beratung. 
Die   demuetige   Haltung,   den   Standpunkt   des   anderen   als 
eigenen, eigenstaendigen und in seiner Umgebung auf jeden Fall 
gerechtfertigten Standpunkt zu akzeptieren, als etwas, das nicht 
wir   sind   und   das   wird   grundsaetzlich   erst   einmal   nicht 
verstehen,   ist   der   erste   Schritt   um   so   etwas   wie   Verstehen 
ueberhaupt zu ermoeglichen. 
Das   klingt   nach   grossen   Worten   einerseits,   und   nach   einer 
leeren Selbstverstaendlichkeit andererseits. Aber probieren Sie 
es einmal, wenden Sie es an einem Standpunkt an, der Ihnen 
wirklich gegen den Strich geht: Nicht immer ist Toleranz das, 
was uns leicht faellt und uns von den anderen unterscheidet – 
etwa wenn wir die Intoleranz unseres Gegenuebers tolerieren 
sollen...
Eine Frage, die uns durch diesen ganzen Text begleiten wird, ist 
die Frage nach den Dimensionen des Verstehens: Was bedeutet 
es als Begriff, wo ist der Uebergang zwischen Verstehen und 
Ueberzeugung, und wo wird Verstehen zum Handeln? Und wie 
lange besitzt Verstandenes Gueltigkeit? Inwiefern trifft das, was 
wir heute verstand haben, morgen noch zu? 
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Wie die Tiere
Differenz: Visualisierung im Streit
“Ich verstehe schon” sind drei Worte, die gern als Beruhigung 
verwendet werden. Was wir damit ausdruecken moechten, ist 
oft: “Ich akzeptiere Deinen Standpunkt, ich anerkenne Deine 
Leistung, Du erzaehlst mir hier nichts Neues.” Was wir meist 
nicht damit ausdruecken wollen, ist: “Ich bin ueberzeugt von 
dem was Du sagst, ich werde das so umsetzen, ich gebe meinen 
eigenen Standpunkt auf.”
Was wir verstehen, wenn wir diese drei Worte hoeren, ist: “Ich 
akzeptiere was Du tust, ich akzeptiere Deine Empfehlungen.” 
Oft ist es aber auch das Empfinden, in unserer Argumentation 
abgewuergt zu werden, auf einen aktuellen Zustand reduziert 
zu werden, in dem wir noch gar nicht alles angebracht haben, 
was wir sagen wollten Es ist das Gefuehl  eben genau nicht 
verstanden zu werden.
Wir verstehen: “Du brauchst nicht weiterzureden, jetzt will ich 
wieder reden.” ­ Was oft auch gemeint ist. Der reale Verlauf 
vieler   Gespraeche   aehnelt   zufaelligen   Begegnungen   in 
Parallelwelten. ­ Beruehrung findet nicht statt. 
Der Ausgang dieser Geschichte haengt nicht von Inhalten ab; es 
ist eine Frage der Form und der Beziehungen. Oft spielen auch 
Reizworte oder bestimmte Verhaltensmuster eine entscheidende 
Rolle.   ­   Reizworte   sind   oft   das   Bindeglied   zwischen 
Parallelwelten. Sie dringen durch, machen sich bemerkbar – das 
bedeutet aber nicht, dass sie auch verstanden werden. 
Warum polemisieren wir so gerne? Das ist ein offensichtliches 
Beispiel,   wie   wir   uns   verstecken,   uns   hinter   eine   Rolle 
zurueckziehen koennen. Dabei fuehlen wir uns sicher, wer da 
redet, das sind nicht wir.
Genau   so   sind   provokative   Fragen,   rhetorische 
Demonstrationen leere Huellen. Sie bewirken nichts, sie bringen 
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Wie die Tiere
keinen Mehrwert in der Kommunikation. Mit einer Ausnahme: 
Sie helfen, Grenzen zu erkennen, sie entfremden, sie zeigen, 
dass der andere anders ist – auf eine Weise, die wir mit unseren 
Begriffen nicht erfassen koennen, ohne sie in diesem Moment 
schon wieder zu aendern, anzugleichen.
Beide, Polemik und Rhetorik, streuen Reizworte und sorgen fuer 
erste Reaktionen.
Differenz   wird   am   besten   im   Streit   sichtbar.   Jeder   Streit 
hinterlaesst ein Gefuehl der Entfremdung, eine unangenehme 
Ueberraschung ­ “Das haette ich mir nicht von dir gedacht”, 
“Ich dachte, wir waren uns einig”. 
Die so sichtbar gewordene Differenz ist keine inhaltliche; sie ist 
vielmehr von den bis dahin uebergangenen kleinen Differenzen 
verursacht und verstaerkt. Der groesste Unterschied entsteht 
immer   dadurch,   dass   wir   die   Wahrnehmungen   uebergehen; 
vielleicht beschreiben wir sie sogar mit den gleichen Worten – 
aber sie bedeuten verschiedenes fuer uns. Darueber reden wir 
nicht,   weil   es   fuer   uns   selbstverstaendlich   ist,   genau   so 
selbstverstaendlich,   wie   fuer   unser   Gegenueber   die 
entgegengesetzte   Bedeutung.   Bedeutung   entsteht   durch   das 
Umfeld und durch Beziehungen. Oft kennen wir unser Umfeld 
(oder   dessen   Auswirkung   auf   uns)   nicht;   selten   denken   wir 
ueber das Umfeld der anderen nach. Das Problem entsteht nicht 
nur anhand der Inhalte – die scheinbar ploetzliche Differene, die 
vielleicht nur einen kleinen Punkt betrifft, stellt ploetzlich viel 
mehr, die ganze Bewertung in Frage.  
Im Streit spielt immer die Frage nach richtig oder falsch eine 
Rolle. Die kann hier zu keinem Ergebnis fuehren, sie braucht 
immer einen Rahmen. Wie koennen wir das loesen? Sollen wir 
von Anfang an als anders auftreten? 
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Wie die Tiere
Immer Herausfordern
Im Sport gibt es keine Zeit fuer Erklaerungen; der Kontext spielt 
im   Kampf   und   Sekunden   und     Punkte   keine   Rolle.   “Nicht 
schlecht   fuer   die   Verhaeltnisse...”,   “Fuer   die   gerade   erst 
ausgeheilte   Verletzung   ganz   ok”   ­   das   sind   die   duerftigen 
Erklaerungen des Verlierers, die am Ergebnis nichts aendern. 
Wo es nur eine Chance gibt, zaehlen nur die beste Vorbereitung, 
das klarste Auftreten und der ausdrueckliche Wille, hier auch 
zu gewinnen. 
“Ein Gefuehl hasse ich wirklich”, sagt Shawn Flarida, 
erfolgreichster Sportler in der Westernreitdisziplin Reining 
in seiner Videoserie “Good as Gold”. “Ich moechte nicht 
aus   der   Arena   gehen   und   mir   denken   'ich   haette   es 
haerter versuchen sollen'.” Er verdient sein Geld damit, 
Pferde in rasanten Manoevern so praezise wie moeglich 
durch die Arena zu steuern. Zu viel Sicherheit wird dabei 
nicht   belohnt:   Zu   verhaltenes   Auftreten,   zu   viele 
korrigierende   Eingriffe   wirken   sich   negativ   auf   den 
sogenannten Score, die Punktebewertung aus. 
Das Risiko ist ein sehr hoch – und es wird von vielen 
Faktoren   beeinflusst.   Der   Reiter   kann   einen   Fehler 
machen, das Pferd kann einen schlechten Tag haben, der 
Boden   kann   schlecht   praepariert   sein,   andere 
Umwelteinfluesse   koennen   stoeren   –   all   das   ist   nicht 
planbar,   daher   ist   Absicherung   nicht   moeglich.   Der 
einzige Weg, zu gewinnen, ist der, das volle Risiko zu 
nehmen und bei jedem Antreten bis an die Grenzen zu 
gehen. “Wenn es schief geht, kann ich daran arbeiten; 
wenn ich die Grenzen nicht herausfordere, weiss ich nie, 
wie weit ich gehen kann.” 
Wenn wir voraussetzen, dass wir einander verstehen,  ist die 
Situation aehnlich wie in einem Wettkampf, in dem auf Risiko 
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Wie die Tiere
verzichtet wird: Moegliche Unterschiede treten nie zutage, die 
Ideen,   deren   Potential   wir   genauso   in   rasanten   Manoevern 
ausreizen   sollten,   koennen   sich   nie   wirklich   entfalten   –   wir 
gehen auseinander und haben einmal mehr das schale Gefuehl, 
dass wir das alles schon vorher gewusst haben. 
Dieser Kollege, dieser Verkaeufer oder dieser Berater konnte uns 
auch wieder nicht weiterhelfen...
Und   wir   verbringen   farblose   uninteressante   Tage   in   einer 
Umgebung, die uns  nicht gerecht wird, mit dem Gefuehl, dass 
es   anderswo   besser   waere,   und   der   zerstoererischen 
Einstellung,   dass   es   sich   ohnehin   nicht   auszahlt,   aktiv   zu 
werden. 
Wie Ideen beschreiben
Wir muessen nicht immer darauf bestehen, dass wir anders 
sind. Im Gegenteil. Wir sind verschieden – aber je mehr wir 
darauf beharren, desto weiter gleichen wir einander an.
Die   Frage  nach   Andersartigkeit,   Neuartigkeit   wird   uns   noch 
oefter beschaeftigen, auch die Frage nach dem Wir, nach uns 
selbst.
Wir   koennen   auch   nicht   erwarten,   in   jeder   alltaeglichen 
Unterhaltung   Neues   zu   erfahren.   (Wobei   ich   hier   nicht   an 
persoenliche, Intimitaet erzeugende Unterhaltungen denke – in 
solchen Gespraechen entsteht in jeder Minute das Universum 
neu, ­ sofern wir es zulassen...).
Gerade in Verkaufssituationen, in Ideenentwicklungsprozessen, 
in   Kreativitaet   fordernden   Momenten   muessen   wir   uns   sehr 
wohl   darauf   einstellen,   Neuem   zu   begegnen,   mit   anderen 
Hintergruenden   zu   arbeiten.   Wir   muessen   unsere   Idee   so 
praesentieren,   dass   wir   alle   Bedingungen   mit   aufgezeichnet 
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Wie die Tiere
haben, die notwendig sind, um sie zu verstehen. 
Wir duerfen nicht voraussetzen, dass unser Gegenueber an die 
gleichen   Hintergruende,   an   die   gleichen   Bedingungen   und 
Abhaengigkeiten denkt wie wir. Wenn unsere Idee nicht in allen 
Zusammenhaengen und allen Welten funktioniert (gibt es eine 
Idee,   auf  die  das  zutrifft?),  dann   muessen   wir  den  Rahmen 
schaffen, in dem sie verstanden werden kann.
Wer sich  ueber den verbindenden Rahmen hinausbewegt und 
akzeptiert,   dass   zusaetzliche   Erklaerungen   notwendig   sind, 
laeuft Gefahr, erst einmal Ablehnung hervorzurufen:
Grosse Teile der Erklaerungen werden als selbstverstaendlich 
angesehen   (Selbstverstaendlichkeit   ist   ein   weiteres   sehr 
gefaehrliches   Wort   und   selbst   immer   von   aktuellen   Kontext 
abhaengig).
Anderes als von sehr weit hergeholt.
Erklaerungen  werden oft  auch als Schwaeche der erklaerten 
Idee betrachtet – sie steht nicht fuer sich selbst. 
Schliesslich stehen auch die Chancen nicht schlecht, dass der 
Erklaerende schlicht als jemand angesehen wird, der zu gern zu 
viel redet...
Unterschiede   sind   nicht   immer   nur   Varianten   desselben, 
sondern manchmal wirklich anders. 
Schaffen bedeutet immer verlieren
“Ist das nicht...”, “Wie meinen Sie das...”, “Warum meinen Sie 
dass... “ ­ Fragen kommen sehr unterschiedlich bei uns an. 
Wenn wir erwarten, dass unsere Idee fuer sich selbst spricht, 
gut   und   leicht   verstaendlich   ist   und   alle   offenen   Fragen 
beantwortet, dann gilt jedes Nachfragen leicht als Kritik. ­ So 
tolerant und offen wir auch sein moegen, wir glauben uns auch 
dabei im Recht; schliesslich haben wir ja alles erklaert. Dass 
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Wie die Tiere
unser   Gegenueber   moeglicherweise   nicht   nur   mit   anderen 
Erfahrungen und Ansichten an die Sache herangeht, sondern 
zusaetzlich vielleicht grundlegend anders denkt, ist etwas, das 
wir uns oft erst bewusst machen muessen. 
Herausfordern,   den   Bogen   ueberspannen,   den   Rahmen 
sprengen – mit diesen Schritten bewegen wir uns schnell darauf 
zu,   mehr   diskutieren   zu   muessen,   als   scheinbar   sachlich 
notwendig ist. Das ist aber der einzige Weg, den Dingen auf der 
Suche   nach   neuen   Wegen   auf   den   Grund   zu   gehen.   Damit 
meine   ich   keine   bunten,   spannenden,   originellen 
Praesentationstechniken   –   die   sind   nur   Rhetorik.   Ich   meine 
trockene, langweilige, detailorientierte Arbeit. 
Wer dabei den ersten Schritt macht, ist dann oft der, der auch 
die ersten Runden verliert. 
Am   Beispiel   eines   Produktentwicklungsprozesses:   Die 
erste kurz hingeworfene Idee ist kaum verstaendlich; sie 
hat   zu   wenig   Substanz,   um   uns   aus   den   gewohnten 
Schienen in neue Bereiche zu fuehren. Eine Diskussion 
hier dient nur dazu, die bestehenden, alten Standpunkte 
zu befestigen.
Ein   ausformulierter   Entwurf   oder   ein   Prototyp   werfen 
gleich die Frage auf, was hier alles vergessen wurde. Auf 
den ersten Blick ist oft leichter zu erkennen, was nicht 
moeglich ist oder in der Spezifikation vergessen wurde; 
die erfuellten Anforderungen erschliessen sich dann erst 
in der Anwendung. 
Ein   Prototyp   mit   einem   begleitenden   Konzept   ist   eine 
Menge   Arbeit.   Das   Paket   erklaert   und   praesentiert 
glechzeitig die Idee und die Argumente, mit denen sie 
vom Tisch geredet werden kann. Dadurch ist die Arbeit 
oft   umsonst   –   sie   lenkt   die   Diskussion   aber   in   eine 
Richtung, die brauchbare Ergebnisse erwarten laesst. 
19
Wie die Tiere
Nachfragen bedeutet also Attacken  gegen unsere Arbeit. Das 
wissen auch die Fragenden – deshalb ist es um so wichtiger, die 
Attacken herauszufordern. 
Die Betonung von Differenz kann einsam machen. Sie bietet 
aber auch die Chance, das Gespraech zu beginnen.
Offener   Widerspruch,   sind   sich   auch   Unternehmens­   und 
Organisationspsychologen   einig,   ist   ein   wichtiger   Schritt   auf 
dem Weg, Vertrauen zu erzeugen,
Wie koennen wir die Seiten
wechseln?
Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht. 
Wir koennen lernen, die Wichtigkeit unserer Standpunkte fuer 
uns zu relativieren. Es geht hier nicht um die Erweiterung des 
Horizonts, nicht um Toleranz oder Bildung. Wir wissen nicht 
mehr als die anderen, wir sind nicht anderen, vielleicht fuer 
unsere Begriffe falschen Standpunkten gegenueber toleranter – 
wir   sind   nicht   anders   sind   als   der,   dem   wir 
Orientierungslosigkeit,   mangelnde   Weitsicht,   vielleicht   gar 
Egoismus unterstellen.
Unsere   fuer   uns   wohl   geordnete   Welt,   in   der   alles 
zusammenpasst ist fuer den anderen – das kann schon der 
Kollege   einen   Tisch   weiter   sein   –   ein   dunkles   Dickicht   voll 
unkontrollierbarer Gefahren und abstruser Kuriositaeten. 
Wenn wir das nachvollziehen, wahren wir unsere Chance auf 
Verstaendigung. 
Sie sind anders
Wir nehmen Unterschiede unterschiedlich wahr. Ueber manche 
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Wie die Tiere
sehen wir gern hinweg, andere stoeren uns ganz dramatisch. 
Die Teerituale des einen, die vielen leeren Floskeln des anderen, 
die immer aengstliche Miene einer dritten – dahinter stecken 
auseinanderlaufende Weltanschauungen. Es geht nicht nur um 
Gewohnheiten, Erziehung, Praegung; was wir machen und wie 
wir es machen sendet Signale, die wir genauso als Erklaerungen 
betrachten koennen, wie mitgelieferte Gebrauchsanweisungen. 
Wir machen nicht das gleiche auf verschiedene Art und Weise, 
wenn wir aehnliche Dinge tun. Der eine kocht Tee, laesst ihn 
minutenlang ziehen, verwendet Untertassen und Servietten. Der 
andere trinkt Wasser in der Kueche und raeumt das Glas gleich 
weg – falls er ueberhaupt eines verwendet hat.
Der eine ist in der Welt zuhause, vertraut darauf, dass alles so 
sein soll wie zuhause, dass die Dinge so sind, wie er sie gelernt 
hat. Der andere ist immer bereit, haelt sich nicht mit Ballast auf 
und ist immer auf dem Sprung. 
Fuer den einen ist es selbstverstaendlich, auf die Umgebung 
zurueckzugreifen,   fuer   den   anderen   ist  es   unvorstellbar,   um 
etwas zu bitten oder etwas zu brauchen – und beide sind in 
dieser Umgebung, in diesem Selbstverstaendis ganz natuerlich 
zuhause. 
Wir   haben   so   unterschiedliche   Sichten   geschaffen   wie 
Satanismus, Zen, die katholische Kirche oder die Moon­Sekte – 
und   Ihr   Nachbar,   Ihr   Kollege   koennen   einer   dieser 
Organisationen anhaengen, ohne dass Sie es auch nur ahnen. 
Grund genug, die Unterschiede ernst zu nehmen. 
Sie meinen es anders
“Ich   bin   nicht   so   ein   Mensch,   der   sich   jeden   Tag   mit   der 
Rundbuerste hinstellt”, sagt eine junge Frau im Autobus zur 
anderen, als sie auf dem Weg zur Universitaet ihre Frisuren und 
Foentechniken besprechen. 
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Wie die Tiere
“So ein Mensch.” Natuerlich ist das eine Redewendung, aber 
was erschliesst sie uns, wenn wir sie ernst nehmen? Welche Art 
von   Mensch   wird   ueber   die   Verwendung   unterschiedlicher 
Foenbuerstenarten charakterisiert, welcher Mensch drueckt der 
Welt seinen Stempel durch so einfache Taetigkeiten auf? 
Oder umgekehrt: welche Art von Mensch ist so leer, so formlos, 
dass   er   durch   die   Verwendung   so   alltaeglicher   Dinge   wie 
Foenbuersten   gepraegt   wird?   So   haltlos,   dass   er   jede 
Gelegenheit, Unterschiede zu machen, nutzen muss, um sich 
abzugrenzen, sich so zu behaupten und zu definieren? 
Schliesslich: Welche Art Mensch bekommt nicht mit, was eine 
solche Fragestellung bedeutet? 
Alle   drei   Fragen   sind   berechtigt,   auf   alle   Fragen   gibt   es 
verschiedene   Antworten,   die   gleichberechtigt   nebeneinander 
stehen koennen. Fragen machen Unterschiede, das liegt in ihrer 
Natur,   Antworten   aber   muessen   nicht   zwingend   trennend, 
ausschliessend sein.
“Asiaten sind fleissiger als wir”, sagt eine andere junge Frau 
beim   Mittagessen   in   der   Cafeteria   eines   internationalen 
Unternehmens zu ihrer Kollegin. “Ja”, antwortet diese, “aber 
duemmer.” 
Schon die erste Aussage ist eine gedankenlose Pauschalierung, 
die in ihrem Versuch, etwas abzugrenzen, entsetzlich inhaltsleer 
ist, und in ihren Gedanken, auf die sie sich stuetzt, einfach 
dumm.   Die   scheinbar   harmlose,   offene   Formulierung,   die 
niemanden   konkret   betrifft   und   niemanden   ausschliesst, 
braucht   in   Wahrheit   einzementierte   Grenzen,   um   zu 
funktionieren.
Es gibt uns, und es gibt die da drueben. Wir kennen uns genau, 
aber die sind anders. Anders  als wir;  mehr interessiert  uns 
nicht;   deren   Beweggruende,   Hintergruende   und   ihre 
tatsaechliche Umgebung sind uns egal. 
22
Wie die Tiere
Dann tritt die zweite Behauptung auf den Plan. Sie bringt nicht 
nur   negative   Eigenschaften   mit   ins   Spiel,   sondern   versucht 
auch noch, Dinge zu erklaeren, ohne die Perspektive, die ganze 
Sicht auf die Dinge einzubeziehen. Dummheit und Fleiss als 
verwandte Eigenschaften schaffen ein kulturell gepraegtes Bild 
des phantasielosen Strebers, der nichts vom Leben hat (damit 
troesten wir uns zumindest)
Noch   einen   Schritt   zurueck:   Das   Befolgen   von   Regeln,   das 
Betonen des Anderen, des Kollektivs gegenueber dem Eigenen 
als Dummheit zu interpretieren, setzt selbst schon wieder mehr 
voraus:   Die   “Masse”   ist   Objekt   der   Manipulation,   praktisch 
willenlos und ausgeliefert. 
Die Interpretation gelingt uns dann um so freizuegiger, je weiter 
der interpretierte Gegenstand entfernt ist.
Ohne   persoenliche   Verbindung   und   Erfahrung   faellt   es   uns 
leicht, in unseren Auslegungen kreativ zu sein. 
Wir   wenden   unsere   Regeln   auf   andere   an;   einmal   mehr 
verstehen wir, so behaupten wir es, und einmal mehr entfernen 
wir uns mit jeder Ueberzeugung, etwas zu verstehen, weiter von 
dem, was wir verstehen wollten. 
Dazu gibt es plakative Techniken...
Unzufriedenheit
“Ich   verstehe   das   nicht”   als   rhetorische   Finte   ist   genau   so 
gefaehrlich wie “Ich verstehe schon”. “Ich verstehe das nicht” 
bedeutet oft nur: “Das ist doch leicht zu verstehen.”
“Ich   verstehe   das   nicht”   als   Reaktion   eines   Dritten   auf   die 
Diskussion   zweier   anderer   fuehrt   einen   zusaetzlichen 
Standpunkt ein, eine Perspektive, aus der sich Probleme anders 
betrachten   lassen.   “Warum   verstehen   die   einander   nicht, 
warum reden die aneinander vorbei” ­ die Grosszuegigkeit, mit 
der wir hier Perspektiven wechseln, ist oft eindimensional, mit 
23
Wie die Tiere
uns   selbst   lassen   wir   nicht   so   umspringen,   den   eigenen 
Standpunkt koennen wir einzementieren.
Wenn wir die Moeglichkeit des Perspektivenwechsels im Kopf 
behalten koennen, uns betrachten, als koennten wir uns in der 
Diskussion beobachten, haben wir die Chance, zu lernen.
Projektion
“Der meint das sicher anders...” Unser Gegenueber hat seinen 
Standpunkt zwar ausfuehrlich dargelegt, wir sind trotzdem der 
Meinung, es besser zu verstehen: Das kann nicht so sein; in 
unserer Welt ist es anders. 
Wir wollen nicht ueber Kleinigkeiten diskutieren, die Meinung 
des anderen ist uns auch egal – wir sehen grosszuegig ueber 
den Irrtum des anderen hinweg und halten unsere Expertise 
dagegen.  
Damit schaffen wir eine Welt, die gut zu unserer passt, aber 
wenig mit dem zu tun hat, was wir mit offenen Augen draussen 
vorfinden koennten.
Identifikation
“Bei mir ist das auch so”, “Das habe ich mir auch schon oft 
gedacht”. Das Wegwischen  von Grenzen,  das Angleichen von 
Ansichten   und   Erfahrungen   steht   fuer   das   Ausdehnen   der 
eigenen Ansichten, das Anwenden der Regeln einer Welt auf eine 
andere Welt.
Manchmal   sagen   wir   es   aus   Hoeflichkeit,   um   darueber 
hinwegzutaeuschen,   dass   wir   mit   dem,   was   uns   der   andere 
erklaeren   moechte,   ueberhaupt   nichts   anfangen   koennen. 
Manchmal soll es unseren Standpunkt bestaetigen und den des 
anderen unterdruecken ­ “Du sagst hier nichts neues.”
Manchmal steckt auch ein Lerneffekt dahinter: Jemand sieht 
etwas so wie wir; ein Standpunkt, den wir fuer unseren, fuer 
24
Wie die Tiere
individuell gehalten haben, begegnet uns von aussen wieder. 
Aus der Ueberrasschung koennen Neid und Dominanzprobleme 
entstehen,   es   koennen   auch   Verbuendete   wachsen.   Wir 
identifizieren   uns   mit   anderen   (oder   andere   mit   uns)   und 
koennen auf dem Weg ueber andere reden und dennoch mehr 
ueber uns sagen. 
Je entfernter der andere – trotz festgestellter Gemeinsamkeiten – 
von   uns   ist,   desto   leichter   faellt   es   uns,   die   gemeinsame 
Identitaet zu projizieren. 
Distanz befreit
“Die   machen   das   so”,   “Die   sind   so”   ­   je   geringer   unsere 
Betroffenheit   von   etwas   ist,   desto   groesser   ist   unsere 
Flexibilitaet im Umgang damit. 
Wer nicht da ist, kann sich nicht wehren, wer uns nicht hoert, 
kann   sich   nicht   darueber   beschweren,   nicht   verstanden   zu 
werden, und wo wir keine Auswirkungen zu erwarten haben, 
sind wir frei. 
Wo   uns   nur   Oberflaechen   begegnen,   brauchen   wir   uns   mit 
nichts   weiter   auseinanderzusetzen.   Die   Reduktion   auf 
Oberflaechen kann durch raeumliche Distanz entstehen, durch 
historische Distanz oder durch kulturelle Fremdartigkeit. Wir 
finden   keinen   weiteren   Anhaltspunkt,   also   bleiben   wir 
draussen.   Weil   es   uns   aber   selten   gelingt,   die   Dinge   zu 
belassen, wie sie sind, denken und interpretieren wir weiter. 
Dabei koennen wir uns frei fuehlen – dumme fleissige Asiaten, 
intelligente Brillentraeger, kluge schoene Menschen und andere 
Fabelwesen entstehen auf diesem Weg. 
Die Tendenz zur Oberflaeche hat Methode. Sie entspricht der 
Reduktion auf das, was wir wahrnehmen koennen. Wenn wir an 
der Oberflaeche  bleiben,  auf  Interpretationen   verzichten  und 
uns am dem orientieren, was ist, haben wir eine Chance, uns in 
25
Wie die Tiere
unserer Umgebung zurechtzufinden.
Oberflaechlichkeit ist eine adaequate Verhaltensweise. 
Festlegende Systematik:
Spekulation als Befreiung,
zuschreibendes Erkennen als
Festsetzung
Warum scheint es manchmal so einfach, einander zu verstehen, 
und manchmal unmoeglich?
Welcher   Systematik   folgen   die   Methoden,   die   wir   fuer   uns 
entwickelt   haben,   damit   umzugehen?   Welche   dienen   der 
Bestaetigung   von   Unterschieden,   welche   der   Suche   nach 
Verbindendem?
In   unserem   Bemuehen,   die   Welt   beschreibbar   zu   machen, 
haben wir viel Trennendes geschaffen. Jede Bezeichnung, jeder 
Begriff dient nicht nur dazu, eine Verbindung herzustellen (“Ich 
bezeichne etwas”, also gibt es einen Bezug von mir zu diesem 
Etwas),   sondern   auch,   Abgrenzungen   einzufuehren:   Es   gibt 
“ich” und “etwas”, also bin ich nicht etwas und ich bin auch 
nicht so wie etwas. 
Wenn wir eine Flasche als Flasche bezeichnen, ist das nicht 
weiter auffaellig, wenn wir einen Menschen als sturen Bock, 
dumme   Kuh   oder   eben   als   Flasche   bezeichnen,   ist   recht 
deutlich, dass wir hier Unterschiede sehen. 
Wir   haben   wahrgenommen,   dass   etwas   anders   ist,  und   wir 
haben eine Bezeichnung dafuer gefunden. Wie machen wir jetzt 
weiter? In der Regel sind wir der Meinung, recht zu haben. Was 
bringt uns das, wenn wir von einem Menschen etwas wollen? 
Wir haben die Moeglichkeit, ihn davon zu ueberzeugen, dass er 
eine dumme Kuh ist und dass er sich mit anderen Ansichten 
beschaeftigen sollte. Das birgt einen gewissen Widerspruch. 
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Wie die Tiere
Wir   haben   die   Moeglichkeit,   uns   nach   anderen   Menschen 
umzusehen. Das ist in der Regel nicht endlos praktizierbar. 
Wir haben auch die Moeglichkeit, damit umzugehen, uns zu 
fragen, was eine dumme Kuh eigentlich ausmacht, wie die Welt 
aus der Perspektive einer Kuh aussieht und welche Reize uns 
als   Kuh   dazu   bringen   koennen,   das   zu   tun,   was   wir   (als 
Mensch) gern von der Kuh moechten. 
Es ist zweifelhaft, ob wir jemals das Talent haben werden, die 
Welt wahlweise mit den Augen einer dummen Kuh, eines sturen 
Bocks,   eines   Angsthasen   oder   dessen,   was   wir   fuer   einen 
Menschen halten, zu sehen. Wenn wir aber die Aufgewecktheit 
haben,   uns   vor   Augen   zu   halten,   dass   wir   Perspektiven 
wechseln muessen, dass wir in dem, was wir sagen wollen, auf 
verschiedene Perspektiven eingehen muessen, koennen wir uns 
auf ein gewisses Mass an Offenheit zubewegen – immer an der 
Oberflaeche. 
Eine offene Frage ist, wo hier der Nutzen liegt. 
In welchen Situationen wollen wir verstehen, wo sind wir darauf 
angewiesen,   was   unser   Gegenueber   sagt,   und   wo   liegt 
tatsaechlich eine so grosse Distanz zwischen uns, dass diese 
Gedanken es wert sind gedacht zu werden?
Tierstereotype sind nur ein Beispiel, in dem wir uns die Welt 
zurechtruecken, in dem wir scheinbares Allgemeingut (das Bild 
einer dummen Kuh), von dem niemand weiss, was es genau 
bedeutet, verwenden, um etwas hoechst persoenliches (einen 
Menschen) zu bezeichnen. Es spielt dabei keine Rolle, dass der 
Vergleich   beleidigend   sein   mag   –   der   Gewaltakt   an   sich 
geschieht bereits durch die Bezeichnung.
“Du bist...”, “Menschen wie du sind...”, “Du willst doch immer...” 
­ dieses Zuschreiben, dieses Festsetzen ist nicht fuer alle eine 
Belanglosigkeit.
27
Wie die Tiere
Wenn wir es als Repraesentation unserer selbst in der Welt des 
anderen verstehen, bedeutet es das Anlegen von Fesseln, das 
Anhaengen von Gewichten an unsere Persoenlichkeit. Wir sind 
jetzt   so.   Zumindest   in   dieser   Beziehung;   in   anderen 
Beziehungen koennen wir genauso entgegengesetzt sein, sind 
wir vielleicht schon weitergegangen. 
Der   existentialistische   Horror   vor   diesem   hilflosen 
Ausgeliefertsein ist eine moegliche Haltung. Sartres “Huis Clos” 
oder “Ekel” sind genauso eine Manifestation dieser Haltung wie 
Schoenheitsoperationen   oder   Kaufsucht.   Wir   erleben 
Unzulaenglicheit   oder   eingeschraenkte   Moeglichkeiten   und 
reagieren – irgendwie, mit Gefuehlen, Aktionismis. 
Ich moechte eine pragmatischere Haltung entgegensetzen. Wir 
koennen   persoenliche   Vorlieben   und   Stereotype   hinter   uns 
lassen. Wir sind sogar sehr talentiert darin: Die Kommunikation 
ueber statische, extrem reduzierte Allegorien – immer an der 
Oberflaeche   –   begegnet   uns   ueberall.   Man   nennt   sie   auch 
Klischees.
Die   Zuschreibung   von   Zustaenden,   Eigenschaften   ist   ein   so 
erfolgreicher Weg, dass ganze Industrien darauf basieren. Jede 
Form   von   Kultur   –   spaetestens   dann,   wenn   sie   ausgestellt, 
beschrieben   oder   verkauft   wird   –   beruht   auf   diesen 
Mechanismen.
Das Einfrieren von Zustaenden, die im Moment fuer uns Sinn 
machen, ist eine Beschreibung der Welt fuer uns. Damit setzen 
wir uns ueber vieles hinweg, nehmen viele Verkuerzungen und 
Verfaelschungen in Kauf  ­ aber damit funktioniert unser Bild 
von   der   Welt   fuer   uns.   Bei   anderen   mag   es   ratloses 
Kopfschuetteln ausloesen. 
Dieses Prinzip funktioniert nicht nur in Massen­, Populaer­ oder 
Subkulturen.   Auch   die   radikalsten   Formen   sind   dem 
unterworfen   –   sobald   die   Suche   nach   Worten,   nach 
Beziehungen anfaengt. Wir koennen Worte finden – und uns 
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Wie die Tiere
damit vom Gegenstand entfernen. Wir koennen auf Naehe und 
Direktheit beharren – uns uns damit in Worten verlieren, die 
sich auf immer Allgemeineres reduzieren, die uns den Eindruck 
vermitteln, nah an der Sache zu sein, aber kaum noch etwas 
bezeichnen. 
Auch   das   ist   existenzialistisch,   oder   eine   Folge   davon. 
Heideggers   Spaetphase   mit   “Vom   Ereignis   –   Beitraege   zur 
Philosophie”   und   viele   Arbeiten   der   Dekonstruktion   sind 
eindrucksvolle Beispiele dafuer, wie den hellsten Koepfen auf 
der Suche nach dem, was wirklich etwas bedeutet, was etwas 
wirklich bedeutet, Schritt fuer Schritt die Worte ausgehen. 
Medien und Gemeinplaetze: Wir
wissen und verstehen nur, was wir
immer schon gewusst haben
Wo viele Worte sind, ist die Gefahr der Entfernung gross; wir 
nuetzen Worte und die damit verbundenen Bilder, um das zu 
umschiffen,   was   wir   sagen   wollten.   Medien   sind   natuerlich 
Meister darin, Klischees zu reproduzieren. Das ist ihre erste 
und   vordringlichste   Aufgabe   –   sonst   wuerden   wir   sie   nicht 
verstehen.
Offen ist nur, welche Klischees verwendet werden, und welche 
bestaetigt oder attackiert werden.
Die   investigative   Leistung   des   Journalismus   besteht   darin, 
herauszufinden, wann welches Klischee aus welcher Schublade 
gezogen werden soll. 
Klischees   muessen   nicht   zwangslaeufig   bewertend   sein, 
dealende Schwarzafrikaner muessen nicht gegen kurzsichtige, 
schmalschultrige IT­Experten oder gierige Boersenhaie antreten 
–   Klischees   gehoeren   zu   den   Kernfunktionen   unserer 
Kommunikation. 
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Wie die Tiere
Wir   verstehen   immer   nur   das,   was   wir   schon   in   unseren 
Koepfen haben; es ist fuer uns ein Wahrheitskriterium, dass wir 
es   nachvollziehen   koennen.   Wir   bestaetigen,   erweitern, 
verwenden   Muster,   wir   muessen   die   Muster   erst   einmal   als 
solche erkennen koennen, wir muessen uns bewusst sein, dass 
neues nur sehr langsam sickert. 
Das ist eine Beschreibung der Dinge, kein Vorwurf. wir koennen 
keine   andere   Position   einnehmen   als   unsere.   Auch   der 
weitgereiste und engagierte Journalist beschreibt das, was er 
zufaellig gesehen hat. Im Lauf der Jahre wird das eine Menge – 
aber es ist weit entfernt von dem, was in der Zwischenzeit alles 
passiert ist.
Mehr   sehen   heisst   nicht   mehr   zu   verstehen.   Synthese   und 
Konsens   anstreben   zu   wollen   –   das   sind   Ueberreste   von 
Bildungsromantik. 
Viele haeufig wechselnde Perspektiven, Werte und Ansichten in 
Bewegung   nebeneinander   stehen   lassen   zu   koennen,   sie 
erfassen zu koennen, damit umgehen zu koennen – das sind 
Kompetenzen, die wir brauchen...
Darum ist es so gefaehrlich, zu sagen “Ich verstehe schon.”  
Eine Beleidigung, ein Akt der Gewalt. Darum ist es vergebliche 
Muehe, auf dem eigenen Verstaendnis, auf dem Standpunkt zu 
bestehen   und   fremden   Muster   eigene   Muster 
gegenueberzustellen.
Die   Unterschiede   liegen   nicht   in   der   Sprache,   nicht   in   der 
Erfahrung oder der Bildung, all das sind begleitende Faktoren. 
Die Unterschiede liegen in unserer Welt, in unseren Welten, in 
fuer uns wohlgeordneten, klaren und gewohnten Umgebungen, 
die fuer den anderen undurchdringliches Dickicht sind.
In   dem,   was   fuer   uns   die   manchmal   platte,   manchmal 
irrationale, immer andere Welt des anderen ist, die fuer uns in 
einem Moment erfasst werden kann, fuer den anderen in einem 
Leben nicht erschoepft ist. Wir haben einen Augenblick Zeit, zu 
erfassen, was los ist, der andere hat ein Leben Zeit, sich zu 
30
Wie die Tiere
veraendern – um umgekehrt. 
Von Menschen, die uns begegnen, verstehen wir ungefaehr so 
viel   wie   von   einem   Hund,   der   uns   zufaellig   ueber   den   Weg 
laeuft. Wir machen uns ein Bild. Dem anderen sind wir egal, 
vielleicht werden wir auf Essbares (vom Hund, vom Mensche auf 
anderwaertig Verwertbares) geprueft. 
Denn deutlicher sprechen wir nicht. 
 
31
Wie die Tiere
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Wie die Tiere
Varianten: Was machen wir aus
dieser Situation?
In vielen Situationen muessen wir zur Kenntnis nehmen, dass 
doch alles anders ist, als wir gedacht haben. 
Ich nehme das als ein positives Zeichen. 
Je   oefter   unsere   Prognosen   zutreffen,   desto   hoeher   ist   die 
Wahrscheinlichkeit,   dass   wir   aus   einer   Scheinwelt   eine 
Scheinwelt beschreiben; wir merken gar nicht mehr, dass wir 
unsere – letztlich – Phantasie nicht mehr verlassen. 
Nicht nur “Ich verstehe” ist, wenn es persoenlich gemeint ist, 
eine boesartige Drohung. “Ich hab's doch gewusst”, “Ich habe es 
immer gesagt”, “Die sind eben so” sind genauso Ausdruecke, die 
entweder von Boesartigkeit oder von Dummheit zeugen – oder 
von strategischer Berechnung. 
Wir koennen jedes Wort auf die Waagschale legen. Das bedeutet, 
dass wir grundsaetzlich nichts mehr tun.
Wir   koennen   uns   an   Effizienz   orientieren   und   nur   an   das 
glauben, was offensichtlich ist und nachvollziehbar funktioniert. 
Das wird eine Frage der Macht. 
Wir koennen unser Gefuehl, dass die Sache nicht funktioniert, 
beiseite   schieben,   und   uns   darauf   verlassen,   dass   ohnehin 
immer irgendetwas funktioniert. 
Wir koennen uns auch den Luxus leisten, immer wieder Fragen 
zu stellen, immer wieder zu ueberlegen, die Dinge in Frage zu 
stellen   und   auf   die   Spitze   zu   treiben:   Sie   werden   trotzdem 
funktionieren wie bisher. Vielleicht lernen wir einen Weg, das zu 
beschreiben, damit umzugehen. Und vielleicht bringt uns das 
eines Tages etwas. 
Je offener wir durch die Welt gehen, desto mehr Befremden 
werden   wir   erfahren.   Befremden   ist   kein   Gegensatz   zur 
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Wie die Tiere
Offenheit neuem gegenueber. Es ist die Erkenntnis, dass etwas 
nicht unser Ding ist. 
Was machen wir daraus?
Einsiedelei ist eine Option
Rueckzug ist eine Variante. Nicht Verleugnung, nicht die Augen 
verschliessen,   nicht   ignorieren   ­   sondern   Unterschiede 
akzeptieren. Sie sind anders, sie sagen es und sie meinen das 
auch so, das ist eine Lektion, die wir lernen koennen. 
Rueckzug   bedeutet,   nicht   immer   alles   auf   uns   zu   beziehen, 
nicht   Loesungen   zu   suchen,   auch   keine   Beschreibungen   zu 
versuchen, sondern Dinge einfach hinzunehmen, als waeren es 
Zufaelle. 
Legendaere Gestalten, die intensiv auf der Suche waren, auf der 
Suche   nach   Wahrheit,   Sinn,   besonderen   Erfahrungen, 
Meisterschaft,   haben   es   mit   Einsiedelei   versucht.   Alle   sind 
zurueckgekommen und haben davon erzaehlt.
Oder – und das trifft bereits den Punkt: Wir wissen nur von 
jenen, die davon erzaehlt haben. Die anderen – haben eben nie 
davon  erzaehlt; ihre Oberflaeche hat  unsere Oberflaeche nie 
beruehrt. 
Einsiedelei   als   Rueckzug,   Verzicht,   oft   noch   mit   Askese 
verbunden, reduziert das Verstaendnisproblem insofern, als es 
weniger   Fremdes,   anderes   zu   verstehen   gibt.   Wir   sind   mit 
unserer Sicht der Dinge allein, koennen sie in alle Richtungen 
drehen und wenden und beliebig erweitern. 
Antonius   von   Padua   lebte   feuchte   Traeume   aus   und 
Shakyamuni   Buddha   fragte   sich   nach   langer   enthaltsamer 
Einsamkeit,   was   genau   durch  den   Verzicht   auf   alles   besser 
werden sollte. Auch der Zen­Patriarch Bodhidharma stand nach 
seiner   neunjaehrigen   Zazen­Meditation,   bei   der   der   Legende 
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Wie die Tiere
nach seine Beine und Arme verkuemmert waren, wieder auf 
und machte etwas anderes.
Rueckzug   macht   die   Welt   zu   einfach.   In   Erkenntnis­   und 
Verstaendigungsfragen hilft uns das nichts. 
Es ist unmoeglich, sich abzugrenzen oder zurueckzuziehen, es 
gibt   immer   Beziehungen   zu   anderen,   in   anderen   entstehen 
Bilder   von   uns.   Wir   koennen   das   nicht   unterbinden,   wir 
koennen es nur ignorieren. Damit raeumen wir das Feld und 
ueberlassen die Macht den anderen.
Je   staerker   wir   uns   auf   uns   konzentrieren,   sei   es   durch 
Rueckzug oder durch aktive Produktivitaet, desto mehr Material 
produzieren wir, mit dem wir uns andern ausliefern. ­ Durch die 
Beschaeftigung mit uns raeumen wir das Feld.
Abgrenzung ist Bezugnahme und
Bestatetigung
Lehren, die erklaeren, dass man etwas nicht verstehen kann, 
entstammen   entweder   Teenagern   (“Niemand   versteht   mich“) 
oder dem Wunsch, Geld mit den entsprechenden Erklaerungen 
zu machen. 
“Ich bin nicht...”, “Das ist nicht meine Welt... “, “Ich bin anders” 
­ solche Formulierungen sind ein Weg, ein Versuch, Identitaet 
und Individualitaet zu behaupten.
Ein Weg, der vom ersten Schritt an in eine falsche Richtung 
fuehrt. 
Was kann das Ziel eines solchen Weges sein? Wir wollen uns 
unserer Position in der Welt versichern, wir wollen unser Stueck 
vom Leben definieren. Oft tritt ein “Wir” and die Stelle des “Ich”: 
Eltern   versuchen,   die   Welt   fuer   sich   und   ihre   Kinder   zu 
definieren, Unternehmer fuer sich und ihre Mitarbeiter. 
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Wie die Tiere
Die positive Definition von Zusammenhaengen beschreibt eine 
klare   Sicht   auf   die   Dinge,   die   aus   der   Perspektive   eines 
einzelnen   entsteht   und   andere   mitnehmen   moechte.   Das 
aehnelt   dem   vorweggenommenen   Verstaendnis   (“Ich   verstehe 
schon”) und ruft oft Ablehnung hervor. 
Die   Zeiten   in   denen   Unternehmen   ihre   Mitarbeiter   zur 
verpflichtenden   morgendlichen   Flaggenparade   riefen,   moegen 
vorbei   sein   –   heute   geschieht   diese   Vereinnahmung   ueber 
subtilere   Methoden,   aber   nicht   weniger   intensiv   und 
weitreichend: Corporate Cultures und Policies forden Einsatz 
bis  zur   freiwilligen  Selbstversklavung   (die  mit   Kunstwoertern 
wie Intrapreneurship umschrieben wird), Verhaltensrichtlinien 
oder (Social) Media Policies massregeln das Verhalten bis tief in 
Bereiche, die mit Arbeit, Buero und Werkstatt nichts mehr zu 
tun haben.
Das ruft Reaktionen hervor. Auf “Wir sind so” folgt oft “Ich bin 
nicht   so”,   mit   dem   Ziel,   dem   Bestehenden   etwas   Eigenes 
entgegenzusetzen, die Gueltigkeit und Kraft des Bestehenden zu 
hinterfragen. 
Diese Behauptung bewirkt in der Regel genau das Gegenteil 
ihrer Intention. Sie lenkt die Aufmerksamkeit weniger auf die 
neu ins Spiel gebrachte Welt als auf die abgelehnte. “Wie bist du 
nicht?”  und  “Warum?” sind  die  ersten  Gegenfragen,  die  den 
Ablehnenden dazu zwingen, sich mit den zurueckgewiesenen 
Sichtweisen und Definitionen zu beschaeftigen. 
Sobald  der  Bezug  einmal  eingefuehrt   ist, ist  er  sehr  schwer 
wieder zu entfernen. Staerker ist dabei immer das Bestehende – 
denn es ist das, was wir momentan verstehen. Alles Neue, das 
sich   durch   die   Abgrenzung   von   Bestehendem   definiert, 
bestaerkt und bestaetigt durch diese Negation die Macht und 
Position   des   Bestehenden.   Fraglich   ist   auch,   ob   solcherart 
Neues ueberhaupt neu sein kann – oder ob es nur eine Variante 
des Bestehenden ist.
36
Wie die Tiere
Vor   diesem   Hintergrund   wird   die   Variante   des   Rueckzugs 
verlockender:   Wenn   Konfrontation   und   Negation   nicht   zum 
Erfolg   fuehren,   sind   Ignoranz   oder   das   Ausschliessen   von 
Information eine plausibel erscheinende Variante: Was ich nicht 
weiss – existiert fuer mich nicht. 
Dieser Verlockung erliegen wir sehr oft unabsichtlich, und das 
offenbart auch die Schwaeche dieser Position: Was wir nicht 
wissen,   wissen   eben   nur   wir   nicht,   der   Rest   der   Welt 
moeglicherweise  aber   sehr   wohl.   Wir  spielen   dann   in   einem 
Spiel nicht mit, schaffen dadurch aber weder ein neues, noch 
beeiflussen wir das bestehende Spiel nachhaltig. Vielleicht gibt 
es einen kurzen Moment der Verwunderung, eine hochgezogene 
Augenbraue, wenn wir wo nicht mitmachen, Dann werden die 
Dinge aber ohne uns weiterlaufen. 
Vielleicht hilft das, die eine oder andere Angelegenheit, der wir 
uns nicht entziehen koennen, entspannter zu sehen; daneben 
gibt es tatsaechliche viele Dinge, ohne die wir besser dran sind 
– und die auch ohne uns besser dran sind. 
In einem Umfeld, das uns nicht auslaesst, in dem Passivitaet 
negative Auswirkungen fuer uns hat, ist der Rueckzug keine 
Option. Weder in geschaeftlichen Beziehungen noch in Fragen 
der   Fuehrung   oder   der   Zusammenarbeit   sind   Verzicht   und 
Passivitaet   eine   akzeptable   Perspektive.   (Fuer   kurzfristige 
taktische Massnahmen mag es Ausnahmen geben).
Wir geben damit die Definitionsmacht ab; wenn wir nicht mehr 
mitreden, herrscht nicht Stille, es reden andere fuer uns. Und 
wir   bekommen   das   oft   gar   nicht   oder   erst   ueber   die 
Folgewirkungen mit. 
Muessen   wir   uns   dann   wirklich   um   alles   kuemmern?  
Ja, aber dann, und nur dann, wenn es an der Zeit ist. Ein Hund 
bellt, frisst, schlaeft, wenn ihm danach ist. Er malt sich wohl 
nicht aus, wie es waere, wenn er jetzt bellte. Das Pferd sorgt 
sich nicht um seine Zukunft, sein Horizont umfasst nur wenige 
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Wie die Tiere
Sekunden, in diesen ist es immer und zu hundert Prozent zu 
allem   bereit   –   und   umso   leichter   zu   erschrecken   oder   zu 
verwirren.
Was   bedeutet   das   fuer   uns?   Wir   sollen   sein   wie   spiegelnde 
Oberflaechen, haben Zen­Meister gelehrt. Wie reine Seide und 
scharfer   Stahl.   Ist   auch   das   ein   Plaedoyer   fuer   die 
Oberflaechlichkeit? Nichts bleibt haengen, nichts hinterlaesst 
einen Eindruck, sobald es vorueber ist. Ich halte das fuer eine 
vernuenftige   Einstellung.   Wir   koennen   uns   nur   um   das 
kuemmern, was jetzt da ist, wir koennen nur das tun, was wir 
jetzt  tun  koennen.   Das ist  kein  Plaedoyer  fur  Blindheit   und 
Verantwortungslosigkeit,  keine  Aufforderung,  jenen,  die  nicht 
da sind, in den Ruecken zu fallen.
Es gibt immer ein anderes, ein naechstes Jetzt. 
Bevor wir uns darum kuemmern, muessen wir uns noch 
eine andere Frage stellen: Wie wissen wir ueberhaupt, 
was ist? 
Wie   kommen   wir   zu   einer   Einschaetzung   und 
Wahrnehmung   dessen,   was   gerade   rund   um   uns 
passiert, wer mit uns redet, was derjenige sagt? Wie 
wissen wir, was ist? 
Wir sind nicht allein
Es gibt noch andere und anderes ausser uns, und wir haben 
praktisch nicht die Moeglichkeit, uns vollstaendig von dieser 
Gegenueberstellung zurueckzuziehen. Wir sind immer in einer 
Beziehung. Dabei ist nicht relevant, wie nah oder fern diese ist, 
ob   wir   es   hier   mir   Hierachien   zu   tun   haben   oder   mit 
Beziehungen auf einer Ebene – wichtig ist, wo wir die Grenze 
ziehen. 
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Wie die Tiere
Wo sind wir, wo ist das andere, wo sind die anderen? Wieviele 
sind wir? 
Philosophien und Religionen haben unterschiediche Strategien 
entwickelt,   um   mit   dieser   Einsicht   umzugehen.   Der   Bogen 
laesst   sich   von   der   Vervielfaeltigung   der   Praesenz   in 
Daemonologien   und   Geisterlehren   ueber   moralische 
Konsequenzen,   die   Aufforderung   zum   Altruismus,   fuer   den 
anderen   da   zu   sein   bis   zum   Horror   vor   der   Existenz   als 
Ausgeliefertsein   oder   der   Betrachung   des   Lebens   als   Leiden 
spannen. 
Neue   Onlinemedien   haben   die   Vermittlung   von   vielfacher 
Praesenz als ihren Hauptzweck: “Ich bin da”, “Ich war auch 
hier” ist die Quintessenz vieler Nachrichten – in erstaunlicher 
Analogie   zu   (prae)historischen   oralen 
Ueberlieferungstraditionen. 
Tatsache ist: Wir wissen, dass wir nicht allein sind, 
Was uns in diesem Bewusstsein helfen kann, ist ein Weg, damit 
neutral umzugehen. 
Distanz und Flexibilitaet: Je weniger
wir wissen, desto sicherer sind wir
“Ich verstehe schon”, “Du verstehst mich nicht”, “Die sind eben 
so”   ­   in   unterschiedlichen   Behauptungen   und   Positionen 
schwingen   unterschiedliche   Welten   mit,   ohne   ausdruecklich 
thematisiert zu werden. Dabei gibt es Abstufungen. 
Was uns naeher scheint, thematisieren wir weniger. Es wird 
vorausgesetzt, es ist nicht der Rede wert. Fuer den einen ist es 
selbstverstaendlich, abends zuhause von der Couch aus nach 
dem  Essen   zu   fragen,  der   andere  sieht   kein   Problem  darin, 
morgens vor dem Weg zur Arbeit Geschirr abzuwaschen. Die 
eine   haelt   es   fuer   notwendig,   ihren   beruflichen   Erfolg   zu 
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Wie die Tiere
erwaehnen,   die   andere   haelt   es   fuer   verwunderlich,   dass 
jemand   meint,   sie   haette   sich   auch   gegen   die   Karriere 
entscheiden koennen. Leichte ironische Distanz bestaetigt  die 
eigene Position; als rhetorischer Trick wird vorgefuehrt, dass 
andere Sichtweisen auch bekannt sind – wobei vorausgesetzt 
wird,   dass   die   Grundlage   der   Gespraechspartner   eine 
gemeinsame ist. ­ Auf dieser Basis funktionieren Bierzeltwitze 
oder politische Ansprachen. 
Das Grundgeruest unserer Welt braucht nicht hinterfragt zu 
werden, so die vorausgesetzte Einstellung. Denn wir sind uns 
doch alle einig. Worueber genau, das ist selten Thema. 
An den Grundgeruesten wird oft nur in Form von Polemiken 
geruettelt – wieder als rhetorisches Stilmittel, um zu zeigen, wie 
intensiv   die   vorausgesetzte   Gemeinsamkeit   ist.   Die 
Hasspredigten   national   orientierter   Politiker   sind   eine   schier 
unerschoepfliche   Quelle:   Weil   wir   die   Tuerkenbelagerung 
zurueckgeschlagen haben (in Wien), weil wir keine Kopftuecher 
tragen, weil wir unsere Tiere nicht rituell (sondern industriell...) 
schlachten   –   deshalb   wollen   wir   keine   zweisprachigen 
Ortstafeln.   Absurd   grosse   Fragen   werden   beruehrt,   um 
laecherliche Kleinigkeiten zu argumentieren. 
Denn   je   weiter   etwas   von   uns   entfernt   ist,   desto   mehr 
Flexibilitaet entwickeln wir im Umgang damit. Das Fremde kann 
erstaunliche   Kreativitaet   hervorrufen,   manchmal   romantisch, 
manchmal hasserfuellt, kreativ oder schlichtweg dumm. 
Eine haeufige Auspraegung dieser Kreativitaet ist Angst. Wie 
sind die anderen, was machen sie, wie gehen sie mit dieser oder 
jener Situation um? Ist Osteuropa wirklich der schwarze Fleck 
Europas,   Ausloeser   und   Hauptakteur   in   Finanz­   und 
Wirtschaftskrise? Werden “die” das in den Griff bekommen?  
“Die” sind je nach Perspektive Gluecksritter, Exkommunisten, 
Ex­Dissidenten,   Unternehmer,   Arbeitslose,   Angestellte, 
Pensionisten, Schueler, Hausfrauen und Studenten ­ “die” sind 
eine Gruppe, die praktisch gar nichts miteinander gemein hat. 
“Die” werden unser Verstaendnis allenfalls befremdlich finden 
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Wie die Tiere
und  sich ueber  “die”, die keine Ahnung  haben  (das sind in 
diesem   Fall   wir)   amuesieren.   Sind   “die”   anders   –   oder 
argumentieren wir schlecht? “Die” sind eben viele.
Auch Bewunderung ist eine Einstellung, die mit der Entfernung 
ungeheuer wachsen kann. An Stars und konstruierten Mythen 
laesst   sich   das   leicht   nachvollziehen,   auch   politische 
Bewegungen sind hier ergiebiges Objekt.
Historische   wie   raeumliche   Distanz   koennen   gehoerige 
Verklaerung schaffen. Ich erinnere mich an die europaeischen 
Studentenproteste   gegen   Sparmassnahmen, 
Jugendarbeitslosigkeit und Kuerzungen an den Universitaeten 
in   den   fruehen   1990ern.   In   Wien   organisierten   wir   einige 
Events, sassen eher trueb da und beneideten Berlin oder Koeln, 
wo   hunderttausende   auf   den   Strassen   waren.   Zeitgleich 
erschien   im   Spex,   dem   deutschen   Zentralorgan   fuer   alles 
Subkulturelle, eine Reportage die den deutschen Organisatoren 
Lahmheit   vorwarf   und   ihnen   gluehend   Wien   als   lebendiges 
Beispiel vorhielt: Dort seien aufsehenerregende Events an der 
Tagesordnung   –   und   ausserdem   seien   die   Organisatoren 
besonders   innovativ,   weil   sie   als   Massnahme   gegen   die 
Funkueberwachung durch die Polizei neuerdings Mobiltelefone 
zur Kommunikation benutzten. 
Das waren Zeiten. Und wir kannten einander wohl nur aus den 
Nachrichten, die die Ereignisse moeglichst aufbauschten. Und 
auch   hier   gilt:   Je   groesser   die   Entfernung,   je   geringer   die 
Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dem Publikum wirklich 
bescheid   weiss   –   desto   hoeher   die   Kreativitaet,   die 
Unbefangenheit im Umgang mit Fakten, und die Bereitschaft, 
Geschichten zu konstruieren. 
Damals gab es keine allgegenwaertigen Onlinemedien, in denen 
reale, angemessene Berichterstattung moeglich gewesen waere.
Das ist heute anders. Es sind wenige Jahre vergangen, aber: 
Gibt   es   in   Zeiten   von   Google   und   Wikipedia   noch   eine 
Berechtigung dafuer, zu sagen “Ich glaube, dass... “, “So weit ich 
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Wie die Tiere
weiss... “? Streng genommen brauchen wir uns keine Gedanken 
mehr   zu   machen   –   entweder   wir   wissen   etwas,   oder   wir 
recherchieren es. Spekulation ist unangebracht; wir koennen 
uns   stattdessen   mit   dem   beschaeftigen,   was   gerade   anliegt. 
Oder   wir   koennen   versuchen,   der   Sache   auf   den   Grund   zu 
gehen.
Die Herausforderung verschiebt sich: Wir brauchen uns keine 
Fakten zu merken, wir brauchen uns nur zu merken, was wir 
noch   recherchieren   wollten.   Und   wenn   wir   etwas   vergessen 
haben – war es wichtig? 
Heuristik und Hobby­Hermeneutik, die ratende Interpretation 
wird zu einem Zeichen von Faulheit. Das gleiche gilt auch schon 
fuer Fragen: Wer fragt, ohne vorher recherchiert zu haben, outet 
sich als eher ahnungslos. Nicht aber, wer redet, ohne einen Plan 
zu haben: Mediale Omnipraesenz fuer alle fuehrt dazu, dass 
Reichweite pauschal Inhalte abloest, Tempo und der Eindruck, 
originell   zu   sein,   ueberwiegen   Bedeutung   und   Originalitaet. 
Genau Bescheid zu wissen, das belegen breit angelegte Studien, 
ist in der medialen Kommunikation nicht wichtig.
Wissen   wir   daher,   dank   der   Verfuegbarkeit   maechtiger 
Werkzeuge, alles? Koennen wir innerhalb von Sekunden jedes 
Thema   so   weit   abgrasen,   um   uns   eine   Meinung   bilden   zu 
koennen? 
Nein. 
Es mag erstaunlich sein, aber es gibt immer wieder Begriffe, zu 
denen   auch   Google   und   Wikipedia   keine   Auskunft   geben 
koennen.   Sprachbarrieren,   ungeschickte 
Suchmaschinenoptimierung   oder   schlicht   nicht   vorhandene 
Information sollen hier aber nicht das Thema sein. In Frage 
steht vielmehr: Was bedeutet es fuer uns, unseren Anspruch 
auf   Wissen   und   Verstaendigung,   alles   ueber   mediale 
Vermittlung abzuhandeln? Faelschungen, Irrtuemer, einseitige 
und veraltete Information sind wieder ein anderes Thema. Die 
Frage die ich stellen moechte, ist: Wie koennen wir bei all den 
42
Wie die Tiere
Halluzinationen, mit denen wir uns umgeben, ueberhaupt etwas 
verstehen? 
Wir verstehen unsere eigene, selbst geschaffene Vorstellung von 
etwas. Wir koennen Medien dazu benutzen, uns bei der Bildung 
dieser Vorstellungen zu helfen. Jedes Medium bedient andere 
Klischees und Vorstellungen; je vermarktungsintensiver Medien 
sind, desto deutlicher wird das transportiert – wir brauchen die 
Zeitung nicht aufzuschlagen, um zu wissen, was – der Tendenz 
nach – dort stehen wird. 
Onlinemedien sind dabei oft zurueckhaltender: Sie schaffen es 
nicht so deutllich, ihre vorausgesetzten Klischees ausdruecklich 
zu transportieren. Die entsprechenden Codes sind noch nicht 
etabliert; zu deren Erforschung starten gerade erste Projekte. 
Deswegen   sind   Onlinemedien   nicht   realitaetsnaher.   Aber   sie 
lassen   uns   als   Nutzern   mehr   Spielraum,   die   Information   in 
unseren eigenen Informationsrahmen zu verfrachten: In einer 
Zeitung wissen wir grob, aus welcher Ecke der Wind weht, wie 
wir das zu verstehen haben. Online fehlt diese Information oft. 
Wir haben nur den Text, die Bilder selber – und es ist grossteils 
uns ueberlassen, was wir daraus machen. Umso mehr, wenn 
wir   Medien   als   Werkzeuge   betrachten,   als   Mittel,   mit 
Information umzugehen, nicht als Produkt, als Marke, in der 
Information immer auf eine bestimmte Art und Weise verpackt 
ist.   Medien   wie   Blogs,   Social   Networks,   Funktionen   wie 
Kommentare oder RSS machen das deutlich – Medien bewegen 
sich weg von der Aufgabe, Verpackungsmuell zu sein, und hin 
zum Umgang mit Information. 
Sollen wir uns jedes Mal fragen, warum wir etwas so verstehen, 
wie wir es verstehen? 
Ja. 
Wir finden die Antworten nirgendwo anders; das zwingt uns, 
uns mit den eigenen Mustern, Vorstellungen und Bewertungen 
zu beschaeftigen. Und die Suche nach diesen Mustern kann 
uns   –   als   Hintergrund­Drehbuch   im   direkten   Gespraech   – 
43
Wie die Tiere
Antworten auf Fragen liefern wie: Was will der andere von mir? 
Wie bringe ich ihn dazu, zu tun, was ich will?
Die   Objekte   veraendern   sich.   Wir   sehen   jeden   Tag   etwas 
anderes, haben jeden Tag ein neues Problem. 
Daswirkt sich auch auf uns aus, auf die Bilder und Elemente 
auf die wir zurueckgreifen koennen, um zu verstehen. Wenn 
sich die Dinge bewegen, ziehen wir mit – wir koennen gar nicht 
anders. Der Horizont aendert sich, der Hintergrund, vor dem 
wir Dinge einordnen. 
Viele   gleichzeitige   Horionte   existieren   in   verschiedenen 
Perspektiven nebeneinander. Das ergibt ein lebhaftes, bewegtes 
Durcheinander,   in   dem   immer   nur   der   Moment   gilt   –   alles 
andere ueberfordert uns. Der Wunsch, im Einzelfall hinter die 
Kulissen zu sehen, bedeutet praktisch schon den Wunsch, die 
ganze Welt auf einmal zu erfassen. ­ Dabei ist sie in diesem 
Moment schon wieder anders. 
Primat der Oberflaeche
Je naeher uns etwas ist, desto selbstverstaendlicher nehmen 
wir es. Kein Grund, naeher hinzuschauen. Je entfernter etwas 
von unserer gewohnten Umgebung ist, desto weniger haben wir 
die   Gelegenheit,   uns   damit   zu   beschaeftigen.   Wir   tun   es 
vielleicht gerne, weil es exotisch ist und uns Freiraum laesst, 
aber   wir   treffen   die   Dinge   nicht;   sie   bleiben   von   uns 
unberuehrt. 
Wir bewegen uns immer an der Oberflaeche. Egal wie nah oder 
fern der Betrachtungsgegenstand uns ist. 
Das   ist   eine   wertfreie   Feststellung.   Tiefgruendigkeit, 
Oberflaechlichkeit, Intensitaet, Authentizitaet – uns fehlen die 
Kritieren, um hier werten zu koennen. 
44
Wie die Tiere
Das ist eine Tatsache, die wir zur Kenntnis nehmen koennen 
und auf die wir uns einstellen koennen. 
Je flexibler unsere Einstellung zu etwas ist, je mehr Vermittlung 
ueber   Erzaehlungen,   Medien   wir   in   Anspruch   genommen 
haben, um so glatter und entfernter ist die Oberflaeche. 
Sie ist auch alles, wonach wir uns richten koennen. Wir wissen 
nicht mehr, wir koennen nicht mehr erfahren. Was zaehlt, was 
wir als Realitaet nehmen koennen, ist das, was wir – in all 
unserer   Beschraenktheit   –   jetzt   –   in   aller   Vergaenglichkeit   – 
sehen. Alles andere ist Spekulation, mit der wir uns nicht in 
den  Gegenstand,  sondern  nur  in  uns  selbst   vertiefen:  Jeder 
Gedanke, den wir uns ueber andere machen, ist ein Gedanke 
ueber   uns   selbst,   ist   durch   unsere   Perspektiven   und 
Wahrnehmungen, Erfahrungen und durch unser Grundgeruest, 
ueber das wir nie nachdenken, geformt. 
Oberflaechen haben Grenzen und Regeln, die den reibungslosen 
Ablauf von Dingen ermoeglichen. Reicht das nicht? 
Fraglich ist aber, wie wir diese Grenzen erkennen.
Unser Leben wie wir es kennen basiert auf Abgrenzungen. Es 
gibt mein und dein, jetzt und spaeter, so und anders. Darauf 
bauen Weltordnungen auf, unser wirtschaftliches Leben – sogar 
unser   ideelles   Leben   wird   in   diese   Abgrenzungen   gedraengt: 
Wissenschaftler streiten um Originalitaet, korrekte Zitate und 
Plagiate. 
Es ist also wichtig, unterscheiden zu koennen, und aufgrund 
dieser   Unterscheidungen   Entscheidungen   zu   treffen.   Ebenso 
wichtig   ist   auch,   die   Relativitaet   und   Subjektivitaet   dieser 
Entscheidungen verstehen zu koennen. 
Wir   bestimmen   die   Welt.   Das   verleiht   uns   Macht.  
Weil   aber   jeder   seine   Welt   bestimmt,   liefert   es   uns   ebenso 
anderen aus, es macht uns wehrlos. Wir sind beides zugleich – 
uneingeschraenkt maechtig und wehrlos ausgeliefert. Das ist 
nur eine Frage der Perspektive. 
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Wie die Tiere
Folgen der Praesenz: Wehrlosigkeit
Wir   hinterlassen   Spuren.   Je   mehr   Leute   wir   erreichen,   je 
groesser unser Einfluss ist, um so weiter verbreiten wir unsere 
Spuren. 
Spuren   koennen   der   Eindruck   sein,   den   wir   bei   anderen 
hinterlassen,   es   koennen   Texte   oder   Bilder   sein,   die   wir 
veroeffentlicht haben, es koennen Unterhaltungen sein, die wir 
gefuehrt   haben.   Die   Nutzung   von   Medien   verstaerkt   diesen 
Effekt: Wir koennen eine Vielzahl von Inhalten nahezu beliebig 
streuen und koennen ohne grossen Aufwand grosse Reichweiten 
erzielen.
Diese Spuren existieren losgeloest von uns. Sobald wir nicht 
praesent sind, steht unsere Spur fuer sich allein. ­ Das kann sie 
allerdings nicht, sie kann nur in einer Beziehung existieren, in 
der Beziehung auf etwas, als Wahrnehmung.
Die Spur wird zu dem, was der andere daraus macht. 
Am   Beispiel   neuer   Onlinemedien   laesst   sich   das   deutlich 
nachvollziehen:  Sobald   wir   unser   Profil   aktualisiert,   unseren 
Beitrag,   unsere   Bilder   abgeschickt   haben,   haben   wir   keinen 
Einfluss   mehr.   Wir  koennen   versuchen,   den   Ton   zu   treffen, 
eindeutig zu formulieren, wir koennen den Verlauf beobachten 
und in Diskussionen eingreifen. 
Das erste Problem besteht schon darin, alles zu verfolgen: Im 
Gewirr der Spuren verliert sich auch fuer uns unsere eigene 
Spur   schnell.   Das   gilt   fuer   Diskussionen   in   Onlinemedien 
ebenso wie fuer ueber die Buschtrommel oder den Flurfunk 
verbreitete Geruechte – es gibt keine direkte Verbindung mehr 
zu uns. 
Die zweite Herausforderung liegt darin, Sinn auf drei Zeilen zu 
vermitteln. Das verdeutlicht uns, was andere generell von uns 
wahrnehmen:   Sie   kennen   unseren     Hintergrund   nicht,   sie 
46
Wie die Tiere
haben uns gestern nicht gesehen und sie kennen die Gedanken, 
die   uns   zu   diesen   Worten   bringen   nicht.   Erwarten   wir 
tatsaechlich, dass auf dieser Basis Verstaendigung moeglich ist?
Der dritte Punkt: Wir sind hier nicht gemeint, wir stehen nicht 
im   Mittelpunkt.   Wir   sind   eine   kurze   Notiz   im   Leben   eines 
anderen, der mit uns macht, was er will, der uns aus   einer 
Perspektive betrachtet, die wir nicht kennen, wo der wir nichts 
wissen. Wir wissen nur: Es ist nicht unsere. 
Das   Paradoxon   in   diesem   Verhaeltnis   von   Macht   und 
Wehrlosigkeit ist: Je mehr wird von uns preisgeben, je mehr wir 
darzulegen   versuchen,   desto   wehrloser   sind   wir.   Wir   liefern 
Material fuer andere. Wer schafft, verliert – das ist das Risiko, 
das wir eingehen muessen
Die   anderen   sind   mehr,   also   wird   es   immer   mehr   fremde 
Ansichten und Interpretationen geben, als unsere eigene. Wenn 
wir dieses Potential fuer uns nutzen koennen, multipliziert das 
unsere Produktivitaet, unsere Reichweite ins Unermessliche. 
Wer hat gesagt, dass Wehrlosigkeit etwas Negatives bedeutet? 
Sie   kann   auch   Offenheit   bedeuten,   die   ohne   Widerstaende 
Neues schafft, prueft, formt. 
Folgen der Praesenz:
Selbstbehauptung
Wir   stehen   wehrlos   anderen   gegenueber.   Wehrlos   vor   allem 
deshalb, weil wir nicht da sind. Es sind Spuren von uns, die 
dem andere ueberlassen sind. 
Spuren sind ein Teil der Oberflaeche, die wir erzeugen koennen. 
Oberflaeche   ist   das,   was   wir   vermitteln   koennen,   jener   Teil 
unseres Lebens, von dem wir wissen, dass er sichtbar ist, dass 
er ankommt. 
Oberflaeche ist etwas, das auch fuer uns gestaltbar ist: Wir 
47
Wie die Tiere
haben alle Moeglichkeiten, die Oberflaeche zu schaffen, die wir 
uns wuenschen.
Dazu   brauchen  wir  gar keine  plastische  Chirurgie;  es reicht 
aus,   Geschichten   zu   erzaehlen.   In   dem   Wissen,   dass   wir 
Interpretation,   subjektivem   Verstaendnis   und   dem 
Bezugsrahmen einer fuer uns fremden Umgebung ausgesetzt 
sind, liegt es an uns, die entsprechende Vorlage zu liefern. 
Geregelte   Umgebungen,   in   denen   wir   immer   nur   einen   Teil 
sichtbar   machen,   anwenden   muessen,   in   denen   wir   nie   zur 
Gaenze   sichtbar   sind,   erleichtern   die   Konstruktion   von 
Oberflaechen   ungemein.   Regeln,   Sanktionen,   Hierarchien, 
liefern   Orientierung   und   foerdern   die   Entwicklung   von 
Oberflaechen weiter.
Das gilt fuer die geregelte Arbeitswelt ebenso wie etwa fuer die 
ueber Medien vermittelte Praesentation von Inhalten: Im ersten 
Fall gibt es Dinge, die wir nicht tun oder sagen koennen – nicht 
weil   sie   verboten   waeren,   sondern   weil   sie   nicht   verstanden 
wuerden;   unpassendes   Verhalten   wird   in   diesem 
Zusammenhang   nicht   oder   als   etwas   ganz   anderes 
wahrgenommen. 
Im  zweiten  Fall  gibt   es  weniger   ausdrueckliche   Regeln,   sehr 
wohl   aber   implizit   vorhandene   (welcher   Ton   muss   wo   wie 
getroffen werden um wie verstanden zu werden), Hauptsache 
aber ist, dass wir weniger Praesenz haben: Wir sind nicht da 
und wir haben keine Kontrolle ueber Zeitpunkt und Umfeld, in 
dem wir wahrgenommen werden. ­ Warum ist das wichtig? 
Aeusserungen stehen zur Disposition. 
Das   koennen   Werte   sein,   modische   Statements,   die 
Tischdekoration des Gastgebers. Alles enthaelt eine Aussage, 
auch   wenn   diese   oft   weniger   beim   Handelnden   entsteht, 
sondern beim Wahrnehmenden. 
A   tut   etwas,   B   denkt   unweigerlich   darueber   nach.   Die 
urspruengliche Situation ist bereits vorbei, A tut etwas anderes, 
48
Wie die Tiere
das B nicht sieht – die Welten entfernen sich voneinander. 
Das vereinnahmende “Ich verstehe schon” winkt hier wieder mit 
dem   Zaunpfahl.   “Nein”,   sagt   der   andere,   und   setzt   betont 
veraenderliche,   bewegliche   und   vielfaeltige   Handlungen 
dagegen: “Ich bin nicht so ein Mensch mit der Rundbuerste...”
(Solche) Behauptungen von Identitaet sind der Laecherlichkeit 
preisgegeben   und   schwer   von   objektiv   Laecherlichem   zu 
unterscheiden. Darin liegen die Macht der Macht und der Reiz 
des Nomaden­Daseins. Macht holt ins Boot und teilt manchmal 
sogar. frisst aber letztlich (die Gesetze dessen, was funktionieren 
soll, aendern sich nicht) alles. Nomaden grasen eine Weide ab 
und ziehen weiter, bevor die Beruehrung zu eng wird, der Platz 
zu   knapp,   bevor  nur   noch  Sesshafte   ueberleben   koennen.   ­ 
Rueckkehr ist nicht ausgeschlossen. 
 
Wir   wissen,   dass   wir   die   Dinge   nicht   sich   selbst 
ueberlassen koennen – in diesem Fall ueberlassen wir 
sie anderen. Wir koennen auch nicht auf das hoffen, was 
“wirklich”   oder   in   uns   ist;   was   zaehlt,   ist   die 
Oberflaeche, das, was ankommt. 
In deren Aufbau muessen wir unsere Kraft legen – es sei 
denn, wir verzichten. 
Welche Grenzen gelten, welche Kriterien sorgen dafuer, 
dass   ein   Unterschied   zwischen   Innen   und   Aussen 
existiert? ­ Nicht der Unterschied ist wichtig, auch das ist 
nur eine Frage der Oberflaeche. Wichtig ist, dass von 
unserem   Versuch   der   Selbstbehauptung   ueberhaupt 
irgendetwas ankommt. Es ist nicht sicher, dass wir eine 
Chance haben, ueberhaupt etwas zu sagen, etwas in 
unsere Richtung zu lenken. Umso dicker muessen wir 
auftragen. 
Nocheinmal zur Perspektive: Hier stehen keine politischen oder 
49
Wie die Tiere
moralischen   Qualitaeten   zur   Diskussion.   Es   geht   nicht   um 
Redefreiheit,   Wertschaetzung   oder   Anerkennung. 
Unterschiedliche   Interessen   oder   Bildungsniveaus   sind   auch 
nicht   Thema.   Ich   moechte   mich   nur   auf   die   Frage 
konzentrieren,   unter   welchen   Bedingungen   Verstaendigung 
moeglich   ist.   Nicht   als   Machtfrage,   nicht   als   etwas,   das 
durchgesetzt werden muss, nicht als Intelligenz­, Deutlichkeits­ 
oder Reichweitenfrage. 
Wo laeuft die Grenze, die dafuer sorgt, dass manche Begriffe 
und  Handlungen  selbstverstaendlich erscheinen  und  manche 
selbstverstaendlich unmoeglich? Woher – vor dem Hintergrund, 
dass   die   Faelle   des   Nichtverstehens   oder   der   Unsicherheit 
haeufiger sind – nehmen wir die Sicherheit, gelegentlich doch 
etwas zu verstehen? ­ Manchmal existiert das Thema nicht, wir 
brauchen   uns   nichts   zu   fragen,   alle   Grenzen   erscheinen 
konstruiert. 
Woran liegt das? Was haben diese Momente gemeinsam? 
Begriffsbildung: Warum heisst das,
was wir sagen, ueberhaupt etwas
und nicht vielmehr nichts?
Wir   haben   verschiedene   Erfahrungen.   Wir   denken   an 
verschiedene   Welten.   Keine   zwei   Vorstellungen   zum   gleichen 
Begriff sind gleich. 
Wenn   wir   reden,   produzieren   wir,   nuechtern   betrachtet, 
Geraeusche.   Schrift   besteht   aus   Zeichen,   die   sich   nicht 
wesentlich   von   anderen   Zeichen   wie   Pfeilen   oder   Kreuzchen 
unterscheiden   (sie   haben   im   Gegenteil   noch   weniger   direkt 
bezeichnenden Charakter). 
Wenn wir denken oder traeumen, tun wir das manchmal in 
50
Wie die Tiere
Worten, in Bildern, in Gefuehlen. 
Wir koennen uns darauf verlassen, dass wir im Grunde alle 
gleich   sind   und   uns   deshalb,   auch   wenn   wir   es   nicht 
nachvollziehen   koennen,   am   Ende   doch   verstehen.  
Oder  wir  koennen  versuchen,   einen   Schritt   zurueckzugehen, 
hinter   diese   Selbstverstaendlichkeit,   die   Verbindungen 
herzustellen   scheint:   Gemeinsamkeiten   zu   hinterfragen 
zerstoert   sie   recht   schnell;   emotionale   Menschen   bezeichnen 
das gern als Gefahr des Zerredens. 
Wo keine Handlungen notwendig sind, wo mir egal ist, ob der 
andere mich versteht, kann ich mich damit zufrieden geben. Im 
Geschaeftlichen, aber auch in privaten Beziehungen ist die klar 
gesetzte Handlung unersetzbar: Es gibt keinen Grund, warum 
wir sonst annehmen sollten, verstanden zu werden.
Wir muessen unsere Voraussetzungen, die Leitlinien, die wir 
annehmen, jedes Mal mitliefern – ohne unserem Gegenueber 
jedes Mal die Welt zu erklaeren.  
Damit haben wir zwei Herausforderungen zu loesen: Wir sollen 
nicht   predigen.   Und   wir   sollen   einen   Weg   finden,   Worte, 
Bezeichnungen,   Argumentationen   so   zu   verpacken,   in   ihnen 
Welten, begreifbare Oberflaechen zu erzeugen, von denen wir 
annehmen duerfen, dass sie beim anderen ankommen. 
Und wie koennen wir uns trotzdem
verstaendigen?
Ein Begriff kann ein Wort sein, ein Bild, eine Vorstellung, ein 
Konzept oder ein Wert. Wir verbinden etwas mit Begriffen; sie 
gehoeren in fuer uns wirksame Zusammenhaenge. 
Fuer   die   Entstehung   dieser   Zusammenhaenge   gibt   es 
verschiedene   Erklaerungsansaetze   aus   Soziologie, 
Kommunikationswissenschaft   und   anderen   Disziplinen;   fuer 
51
Wie die Tiere
deren   Verbindung   mit   Worten   liefern   noch   Etymologie, 
Linguistik und Semantik Beitraege. 
Wir koennen die Gruende fuer Zusammenhaenge in der Umwelt 
suchen: Weil wir etwas immer so gesehen haben, es so gelernt 
haben,   nennen   wir   es   so.   Wir   koennen   eine 
transaktionsorientierte   Perspektive   einnehmen:   weil   es 
funktioniert, weil wir ein bestimmtes Ziel erreichen, wenn wir 
uns an diese und jene Richtlinien halten, macht es Sinn, Dinge 
so zu nennen. Wir koennen auch eine etymologische Perspektive 
einnehmen: Weil dieses Wort diese und jene Wurzeln hat, mit 
diesem   Wort   verwandt   ist   oder   aus   diesem   Zusammenhang 
kommt, hat es auch diese und jene Bedeutung. 
Dabei   bewegen   wir   uns   immer   in   einem   klar   abgegrenzten 
Rahmen, wir nehmen Voraussetzungen an, die dann fuer uns 
Sinn stiften. Es gibt aber keinen Zusammenhang, der darueber 
hinausgeht. So wie ein Fussballspiel nur funktioniert, wenn die 
Regeln des Fussballspiels grundsaetzlich bei allen Beteiligten 
anerkannt   sind   (was   nicht   bedeutet,   dass   sich   jeder   immer 
daran   halten   muss),   funktionieren   auch   diese   Erklaerungen 
nur, wenn die grundlegenden Rahmen nicht hinterfragt werden. 
Spielt   dagegen   eine   Mannschaft   Fussball,   die   andere 
Basketball, dann haben wir genau die Situation, in der wir uns 
in   der   geschaeftlichen   Kommunikation   wieder   und   wieder 
befinden:  Wir haben  unsere  klar strukturierte,  gut  erklaerte 
Welt   –   und   gleich   nebenan   beginnt   das   unbeherrschbare, 
unkontrollierbare   Chaos,   fuer   das   wir   nur   Kopfschuetteln 
uebrig haben. 
Wir erkennen dort keine Zusammenhaenge; was man uns zu 
erklaeren   versucht,   sind   fuer   uns   keine   nachvollziehbaren 
Standpunkte. 
In   den   Worten   der   Linguisten:   Es   gibt   nun   einmal   keinen 
Zusammenhang   zwischen   Bezeichnendem  und   Bezeichnetem. 
Dazwischen existiert ein nicht fassbarer Leerraum; in diesem 
Leerraum entstehen Sinn und Interpretation. 
52
Wie die Tiere
Bei klar begreifbaren, sichtbaren Begriffen (Bezeichnetes) wie 
Hund oder Esel mag das unspekakulaer sein, obwohl auch hier 
das Wort (Bezeichnendes) in verschiedenen Zusammenhaengen 
verwendet werden kann. 
Bei unscharfen, erklaerungsbeduerftigen Begriffen wie Freiheit, 
Verantwortung, Macht wird der Leerraum wesentlich groesser. ­ 
Noch groesser wird er, wenn den Begriffen noch die moralische 
Komponente fehlt: Was bedeutet Verstehen, Erkenntnis, Begriff 
–   das   sind   Begriffe   (als   Bezeichnetes)   die   nur   ueber   Worte 
(Bezeichnendes)   beschreibbar   sind,   dabei   beschreiben   Worte 
Worte – was soll da schon herauskommen? 
Dennoch weiss ich, welche Reaktionen Worte wie Verspaetung, 
Verzoegerung, Budgetueberschreitung, Nein hervorrufen. Diese 
Reaktionen unterscheiden sich von der Reaktion auf Worte wie 
erledigt, Abschluss, Erfolg. Vielleicht kann ich unterschiedliche 
Reaktionen   auf   unterschiedliche   Begriffe   sogar 
unterschiedlichen Menschen zuordnen. 
So   entstehen   Profile,   sie   sind   wiederholbar   und   tragen   zu 
Vorhersagbarkeit bei. 
Sie liefern uns Anhaltspunkte und lassen Zusammenhaenge zu 
anderen beobachtbaren Themen erkennen. Unser Wissen kann 
praktisch grenzenlos wachsen; immer neue Muster und Profile 
liefern   uns   immer   mehr   Anhaltspunkte.   Das   Wachstum   ist 
horizontal, in die Breite orientiert. In der vertikalen Dimension 
sind unsere Moeglichkeiten deutlich eingeschraenkter. 
Was bedeutet es schon, in die Tiefe zu gehen? Wir koennen in 
unsere   eigenen   Tiefen   gehen,   Einstellungen,   Meinungen, 
Traeume, “wahre” Charakterzuege hervorholen – und sie an der 
Oberflaeche positionieren, damit sie fuer andere sichtbar sind, 
damit   sie   wahrgenommen   werden   koennen,   wie   wir 
wahrgenommen werden wollen.
Andere koennen auch in ihre Tiefen gehen, das macht jeder fuer 
sich – was sich begegnet, bleiben aber immer Oberflaechen. Die 
Tiefen dazwischen sind  ein voruebergehender Zwischenschritt.
53
Wie die Tiere
Wir haben nicht immer das Gefuehl, “nur” an der Oberflaeche 
unterwegs   zu   sein.   Wir   beschaeftigen   uns   manchmal   auch 
“wirklich” mit etwas, sind tief in einer Sache drin. Dann sind 
wir   aber   meistens   nicht   auf   Verstaendigung   ausgerichtet, 
sondern auf Erforschung, Produktion. 
In dem Moment, in dem etwas ausgesprochen, gedacht wird, 
entsteht es gerade erst. 
Und   dann   wollen   wir   es   erklaeren   –   das   braucht   Zeit, 
Vereinfachung,   Zielorientierung   –   und   das   Ergebnis   entfernt 
sich immer weiter von seinem Ausgangspunkt. 
Explorative   Kommunikation   als   Gegenstueck   zu 
verstaendigungsorientierter   Kommunikation,   als   Ausflug   in 
Tiefen,   ist   moeglich.   Der   Abgleich   der   so   gewonnenen 
Erkenntnisse im Dialog, die Instrumentalisierung mit dem Ziel, 
Anwendbares   zu   schaffen,   passiert   dann   wieder   an   der 
Oberflaeche. 
Verstehen oder Nicht­Verstehen entscheidet sich oft nur anhand 
von Dekorationsmaterial, denken wir an Praesentationen, Texte: 
Wie oft aergern wir uns, dass dieser oder jener Aspekt noch in 
die Thesen reklamiert wird – obwohl wir ihn doch eingearbeitet 
haben.
Oft   hilft   es,   einfach   Zwischentitel   einzufuehren   und   die 
Ueberschriften zu aendern – und die Sache bekommt ein ganz 
anderes Gewicht und Gesicht – rein oberflaechlich. An unserer 
Intention, an den Inhalten die wir vermitteln wollen und den 
Worten, die wir dabei verwenden, hat sich nichts geaendert, 
sehr wohl aber an dem, was ankommt. 
Oberflaechen sind oft negativ besetzt. Sie grenzen aus, spiegeln 
manchmal oder weisen ab, und sie verbergen den Blick auf das 
Innere. Dort wird eine weitere Wahrheit vermutet. 
Oberflaechen sind jedoch das einzige, das wir erkennen und 
begreifen koennen. ­ Der Rest ist Spekulation. Unser Innerstes 
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Wie die Tiere
ist fuer den anderen Oberflaeche; was wir ueber den anderen zu 
wissen glauben, ist das, was er von sich preisgeben moechte, ist 
dessen Oberflaeche, ergaenzt durch von unseren Vorstellungen 
eingefaerbte Spekulation.
Mehr   zu   wollen   ist   aussichtslos.   Warum   auch?   Wir   haben 
unsere Orientierungspunkte. Es liegt an uns, was wir daraus 
machen.
Tiere werden konditioniert – Wollen
wir Menschen tatsaechlich
verstehen?
Tiere werden konditioniert. Das ist ein sehr pragmatischer und 
effizienter   Weg,   kontrollierte   Effekte   hervorzurufen   und 
Verhalten zu steuern. 
Es   ist   uns   egal,   warum   die   Speichelbildung   des   Hundes 
“wirklich”   einsetzt;   wichtig   ist   die   verlaessliche 
Nachvollziehbarkeit dieses Effekts. 
Warum   kuemmern   uns   die   “wirklichen”   Hintergruende   in 
anderen Zusammenhaengen, in sozialen Interaktionen? ­ Wir 
wissen auch vom speichelnden Hund nicht, ob er uns mag, ob 
er   Hunger   hat,   oder   wie   gut   seine   Verdauung   gerade 
funktioniert,   Wir   wissen   ueber   einen   kleinen   Ausschnitt 
bescheid.  Das   mag  wenig  erscheinen.  Viele  kleine   gesicherte 
Ausschnitte   koennen   aber   zu   einem   maechtigen   Werkzeug 
wachsen.
Auch   Tieren   gegenueber   –   um   bei   dem   Bild   zu   bleiben   – 
entwickeln wir Vorstellungen. Wir kennen einen feigen Hasen, 
einen sturen Bock, einen faulen Hund. Wir schreiben einerseits 
Persoenlichkeit zu, Eigenschaften, andererseits reduzieren wir 
de   Persoenlichkeit   auf   Reiz   und   Reaktion.   Der   faule   Hund 
fuehrt uns deutlich vor Augen, woher die Eigenschaft und deren 
Bewertung   kommen:   Es   sind   unsere   Massstaebe,   die   an 
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Wie die Tiere
unpassenden   Objekten   angewandt   werden.   Der   Hund   kennt 
weder Faulheit noch schlechtes Gewissen – er ist einfach. 
Was haelt uns davon ab, in anderen Beziehungen den gleichen 
Weg   zu   gehen:   Reduktion   auf   die   gesicherte   Oberflaeche 
einerseits,   Ueberhoehung,   Konstruktion   von   Identitaet   und 
Eigenschaften andererseits. Solange wir uns erinnern, wo die 
Grenzen zwischen den wahrgenommenen Oberflaechen und den 
interpretierten Tiefen liegen, besteht die Chance, dass wir uns 
nicht verirren. 
Philosophische Kompetenzen
Die Orientierung verlangt ein paar Werkzeuge von uns. 
Wir sollten unterscheiden koennen – nicht zwischen uns und 
anderen, nicht zwischen innen und aussen, sondern zwischen 
den Objekten unserer Vorstellung: Wo denken wir ueber uns 
nach, wo ueber andere? 
Was   selbstverstaendlich   erscheint,   erfordert   laufendes 
Hinterfragen.   Auch   das   laufende   Hinterfragen   muss   seine 
Grenzen kennen: Wo ist es unangebracht, was hinterfragen wir 
nicht   mehr?   Wir   muessen   nicht   alles   hinterfragen,   was   wir 
technisch gesehen hinterfragen koennen. 
Wir muessen wissen, dass jede Systematisierung, jede 
Abstrahierung   Distanz   schafft.   Sobald   wir   etwas 
ansprechen, sind wir davon entfernt. Jeder Bezug auf 
etwas ist Distanz. 
Jede Verneinung, Abgrenzung ist Bestaetigung. Je mehr 
wir   betonen,   dass   wir   etwas   nicht   sind,   desto   mehr 
betonen wir, dass dieses etwas ist. 
Rueckzug   foerdert   nur   Rauschen,   keine   Stille.   Es   ist 
keine Option, das Feld anderen zu ueberlassen, wenn 
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Wie die Tiere
wir die Diskussion einmal begonnen haben. 
Sind wir besser, sind wir anders? Es gibt kein wir, es gibt kein 
anders.
Wir hinterfragen etwas. Das suggeriert die Beziehung von etwas 
Aktivem   (uns)   zu   etwas   Passivem   (etwas,   die   anderen),   als 
haetten wir die Macht, etwas zu gestalten, oder Wissen, das 
andere nicht haben. 
Das ist ein Irrtum. 
Es   ist   nur   eine   Frage   der   Perspektive,   wer   wen   oder   was 
definiert, auch wenn der andere von dieser Moeglichkeit nicht 
Gebrauch macht, so hat er sie doch.
Damit   verschwinden   auch   die   Grenzen   zwischen   uns   und 
anderen, zwischen uns und anderem. Wir sind Teil, anderes ist 
Teil von uns – durch unsere Beschaeftigung mit anderem stellen 
wir Beziehungen her. Wir koennen nicht ueber jemand anderen 
nachdenken und dabei davon ausgehen, seine Welt zu sehen, 
dessen Welt mit seinen Augen zu sehen. Wir sehen uns; wir 
stellen uns vor, wie wir an dessen Stelle handeln wuerden. Und 
sind damit wieder mitten im Bereich der Spekulation. 
Wir koennen das nicht. 
Wir koennen zur Kenntnis nehmen, dass es keine Unterschiede 
gibt. 
Zugleich   ist   es   aber   ziemlich   sicher,   dass   wir   Unterschiede 
wollen – so funktionieren unsere Welt, unsere Geschaefte: Weil 
ich arbeite, musst du bezahlen, weil ich etwas habe, kannst du 
es nicht haben. 
Also   erzeugen   wir   Unterschiede,   indem   wir   Oberflaechen 
gestalten und Spekulationen ueber Tiefen anstellen. Innerhalb 
dieser Illusionen kann Kommunikation stattfinden – wie in der 
Unterhaltung zweier Handpuppen. Sie muessen nur deutlich 
praesentiert werden. 
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Wie die Tiere
Niemand ist so wie im Meeting, im Bewerbungsgespraech, im 
Kollegentratsch, nicht einmal so wie zu hause. Niemand ist so, 
wie in einem Moment. Wir haben immer den Anspruch, mehr zu 
sein. Auch wenn wir gar nicht darueber nachdenken. 
In   einem   Moment,   auf   einen   Moment   reduziert,   haben   wir 
allerdings die Chance, einfach zu sein. Daraus ergeben sich 
klare Auffassungen, ein klares Verstaendnis von dem, was ist, 
und von dem, was notwendig ist – in diesem Moment. 
Es   ist   eine   vertretbare   Auffassung,   unzaehlige   Schulen   von 
Konzentration   und   Meditation   in   dem  Bestreben,   einfach  zu 
sein, nur zu sein, zusammenzufassen. Die Konsequenz daraus 
ist, offen fuer Tatsachen zu sein, fuer das, was gerade anliegt. 
“Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht. ­ Das sind die 
besten   Voraussetzungen   fuer   ein   gutes   Gespraech.”   Wir 
koennen lernen, uns ohne Voraussetzung, oder im Bewusstsein 
all unserer Voraussetzungen, den Dingen anzunaehern. 
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Wie die Tiere
Vermutungen: Wie koennen wir
verstehen? Wie koennen wir uns
verstaendigen?
Wir   haben   eine   Reihe   von   Problemen   gesehen,   Bruecken, 
Luecken,   Loechern,   die   vieles   in   Frage   stellen.   Viele   dieser 
Probleme   moegen   uebertrieben   wirken,   ueberzeichnet, 
konstruiert. Manche existieren tatseachlich nur, wenn gerade 
darueber geredet wird. 
Wir reden dauernd darueber; in Frage steht bloss, ob uns das 
bewusst ist, ob wir das kontrollieren koennen. 
Wir erfinden laufend unsere Welt, wir stellen Beziehungen her, 
lehnen   sie   ab.   Die   Einfluesse   koennen   direkt   sein   (jemand 
spricht uns an, wir aergern uns ueber das dauernde Husten 
von Passagieren im Autobus) oder indirekt (ungemaehter Rasen 
im Garten drueckt auf unsere Laune) manchmal koennen wir 
uns aussuchen, ob und wie wir uns damit auseinandersetzen 
wollen, manchmal nicht. Heute frueh auf dem Weg zum ersten 
Termin   sah   ich   einen   grauen   Leichenwagen   neben   einem 
Geldtransporter   in   exakt   der   gleichen   Farbe   vor   dem 
Standesamt in einem Einkaufszentrum – wie weit entsteht hier 
eine  Geschichte, wie  weit  will ich mich damit  beschaeftigen, 
davon beschaeftigen lassen? 
Wie weit fasse ich es in Worte, gestalte ich eine Oberflaeche, 
damit ich etwas zu erzaehlen habe, das zugleich Vielschichtige 
und Bedeutungslose einordnen kann und ihm fuer mich einen 
Sinn geben? 
Kann ich das selbst entscheiden, habe ich die Moeglichkeit, zu 
ignorieren? 
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Wie die Tiere
Oberflaechen
Oberflaechen   sind   etwas,   worueber   wir   reden   koennen.   Wir 
koennen   Oberflaechen   beruehren,   Oberflaechen   koennen 
einander beruehren. Kisten koennen wir praktischerweise dann 
stapeln, wenn ihre Oberflaechen zusammenpassen, wenn sie 
oben und unten glatt sind. Was ist den Kisten ist, braucht uns 
dabei nicht zu kuemmern.
Freigabe­, Hierachie­ und Genehmigungsprozesse sind oft um 
nichts   anders.   Der   Form   halber   muessen   sie   eingehalten 
werden.   Was   dabei   herauskommt,   ist   grundsaetzlich   egal. 
Zumindest   die   Oberflaeche   muss   gewahrt   bleiben.   Mehr   ist 
nicht wahrnehmbar – bis es einmal an die Oberflaeche kommt. 
Die Form zu wahren ist nicht nur eine Frage der Hoeflichkeit, 
sondern auch der Moeglichkeit. Wir brauchen Form, wenn wir 
verstehen wollen.
“Wie er wirklich war”
Spaetestens der Tod prominenter Personen fuehrt vor Augen, 
wie   unterschiedlich die  an  die  gleiche   Oberflaeche   gestellten 
Erwartungen,   die   Vermutungen   ueber   deren   Hintergruende 
wohl   schon   lange   waren.   Es   braucht   keine   skandaloesen 
Enthuellungen   oder   posthumen   unehelichen   Kinder.   Mutiger 
werdende Journalisten, kleine Vereinnahmungen reichen, und 
das Bild beginnt sich zu aendern. 
Die Sorgfalt sinkt, der Mut steigt, das Objekt kann sich nicht 
mehr   wehren.   Die  Zuschreibung   diverser   Eigenschaften   wird 
grosszuegiger, aus Politikern werden Helden, aus Kriminellen 
Bestien – und sehr oft werden jene Worte verwendet, die ein 
Indiz dafuer sind, dass derjenige, der sie benutzt, den Boden 
gesicherter   Tatsachen   verlassen   hat:   “wirklich”,   oder   “in 
Wahrheit”. 
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Wie die Tiere
“Ich weiss, wie er wirklich war”, “In Wahrheit war er so...” ­ 
dann folgt Spekulation, die sich oft von dem absetzen soll, was 
sonst und gemeinhin verstanden und erzaehlt wird. Der Tod 
schafft dabei die notwendige Distanz, den Spielraum, in dem 
sich   unsere   Perspektiven   entfalten   koennen.   Noch   besser 
entfalten   koennen,   als   in   der   ohnehin   schon   nicht   geringen 
Distanz,   die   der   Yellow   Press   ihren   alltaeglichen   Spielraum 
verschafft.   Lebendige   Objekte   von   Klatsch   und   Spekulation 
koennten sich allerdings noch wehren, auch wenn sie oft weit 
weg sind. 
Wehrlosigkeit ist ein wichtiges Kriterium fuer die Konstruktion 
bedeutungsvoller Oberflaechen als Orientierungshilfen. Manche 
Objekte koennen sich noch weniger wehren – nicht nur weil sie 
weiter   weg   sind,   sondern   weil   sie   auch   eine   ganz   andere 
Sprache sprechen. 
Das gilt in besonderem Ausmass etwa fuer Umweltschutzfragen: 
Nationalparkerrichtung,   Autobahnbau,   Klimakatastrophe, 
Erderwaermung,   Abgasreduktion   –   alles   ist   argumentierbar, 
alles   wird   argumentiert.   Es   kommen   keine   Antworten.  
Reaktionen gibt es sehr wohl; die Welt veraendert sich, es gibt 
aber   immer   noch   Interpretationsspielraum.   Niemand   hat   die 
Schiedsrichterposition   inne,   niemand   kann   ueber   die 
Bedeutung der Dinge entscheiden. ­ Hier faellt es uns leichter, 
das zu erkennen. In anderen Beziehungen verhaelt es sich aber 
genauso. 
Tiere sprechen nur wenig deutlicher. Eine der Folgen ist, dass 
nicht   nur   generell   das   Thema   Tierschutz   strittig   ist,   auch 
Tierschuetzer,   ­trainer   und   ­halter   sind   uneinig   und 
argumentieren die gleichen Dinge widerspruechlich. 
Dabei gibt es kein wahr oder falsch; das sind keine Massstaebe, 
die in diesem Zusammenhang angelegt werden koennen. Ueber 
die Angemessenheit einer Einschaetzung oder einer Massnahme 
kann geredet werden, ueber ihre Zielorientierung, darueber, ob 
sie das richtige Ergebnis bringt.
61
Wie die Tiere
Damit sind wir wieder bei Oberflaechen. 
Ursache und Wirkung moegen noch so unbezweifelbar sein – es 
gibt   immer   einen   Grund,   irgendeinen   Zusammenhang.   Das 
Problem liegt aber darin, festzustellen, was die Ursache und was 
die Wirkung ist.
Diese Beispiele zeigen, wie sehr Passivitaet dazu fuehrt, wehrlos 
ausgeliefert   zu   sein.   Passivitaet   entsteht   durch   Distanz   – 
raeumlich, zeitlich, ideell. Und es liegt nicht an uns, aktiv oder 
passiv zu sein, sondern daran, wie wir wahrgenommen werden. 
Bezug des Ich auf etwas
“Ich   verstehe   das   so,   ich   sehe   das   so”.   Zu   solchen 
Formulierungen   raten   uns   Beziehungstherapeuten   und 
Businesscoaches.   Die   subjektive   Perspektive   ist   hier   eine 
Einschraenkung.   “Ich”   bedeutet   nur   mich,   “so”   ist 
erklaerungsbeduerftig, es ist kein so und nicht anders, sondern 
ein so, dem das wie folgen muss; dazwischen steht ein aktives 
Verb. 
Die   Einschraenkung   funktioniert   hier   mehrfach:   (Nur)   Ich 
verstehe/sehe/mache das so, wie ich es gerade erklaere, und 
weil ich nicht voraussetze, dass das fuer alle gleich ist, erklaere 
ich es jetzt (und zwar dir – denn in dieser Aussage schwingt ein 
Adressat mit). Wirkt das arrogant, praepotent und belehrend? ­ 
Das sich auf etwas beziehende Ich befindet sich befindet sich 
nicht auf einem Kreuzzug, es sucht weder in sich noch bemueht 
es   sicih   um   Rechtfertigung   von   aussen.   Es   formuliert   eine 
bescheidene   Perspektive,   die   sich   auf   Wertesysteme, 
Erfahrungen   und   Beziehungen   stuetzt.   Bedeutet   das 
Beliebigkeit? ­ Gibt es eine andere Option? 
“Ich bin nun mal so, ich mache das immer so” ­ in diesen 
Aussagen schwingen Dummheit und Unreflektierheit mit. “Ich” 
ist dabei nicht ausdruecklich jemand, das Wort wird benutzt, 
62
Wie die Tiere
weil es kein anderes fuer das zu Bezeichnende gibt, “so” als 
Unerklaertes, Unhinterfragtes bedeutet gar nichts oder in jedem 
Moment etwas anderes, “bin”, “sein” ist ein sehr schwieriges 
Wort,   das   alles   oder   nichts   bedeuten   kann.   Ueblicherweise 
ziehen Saetze mit Varianten von “sein” die Frage “was” oder 
“wie” nach sich, angemessener waere ein “warum”. ­ Wenn die 
ausbleibt, sind solche Formulierungen unproduktiv, sie bieten 
keine   Erklaerung   und   ersetzen   verstaendigungsorientierte 
Kommunikation durch einen Rueckgriff auf Tiefen, der mehr 
versteckt, als er etwas zeigen kann. 
Der Weg, die Dinge anzusprechen, in Beziehung zu setzen, das 
“Ich”   als   handelnde   Person   als   Beziehung   zu   etwas   zu 
betrachten,   erzeugt   Oberflaechen   und   Gemeinsamkeiten: 
Oberflaechen koennen angenaehert und in Uebereinstimmung 
gebracht   werden,   wie   eben   bei   gestapelten   Kisten.  
Es geht nicht um dich und mich, sondern um etwas, und das 
was wir davon halten.
Das schafft Distanz und ueberbrueckt sie gleichzeitig; Distanz 
ist   notwendig,   um   Kommunikation   zu   ermoeglichen:   Die   so 
erzeugte Distanz schaltet das vereinnahmende Verstehen aus. 
Differenz wird thematisiert. Es wird moeglich, sich innerhalb 
gemeinsam anerkannter Wege und Grenzen zu bewegen.
Die   Distanz   schafft   Bedeutung:   Es   wird   nicht  vorausgesetzt, 
dass Bedeutung schon von vornherein existiert, oder leicht zu 
verstehen waere. Es muss darueber geredet werden. 
Reduktion auf das Ich
“Ich bin nun mal so” ­ Dieser Weg fuehrt direkt in die Isolation. 
Unmittelbar gibt es weder das Ich noch das anders oder das so. 
Wir muessen Erklaerungen und Beziehungen mitliefern. 
“Wir sind” gibt es in dieser Form nicht; wir sind in Bezug auf 
etwas, wir machen etwas, oder wir sind etwas in dem Sinn, dass 
63
Wie die Tiere
wir   momentan   eine   Eigenschaft   oder   einen   Gefuehlszustand 
haben – wiederum in Bezug auf etwas oder ausgeloest durch 
etwas. 
Wir sind das, was wir praesentieren und zeigen koennen. Was 
oder wie wir wirklich sind, spielt keine Rolle – das bestimmen 
ohnehin andere, dann, wenn wir uns nicht mehr einmischen 
koennen. 
Bedeutet das, dass ich dem Ich nichts zutraue, die Macht und 
Kraft   des   Individuums   nicht   schaetze?   Dass   wir  passiv   und 
abwartend sein sollen?
In unserem Umfeld tut niemand etwas ausser uns. An dieser 
Grenze beginnt ein neues Umfeld. 
Wir   koennen   alles   tun   und   sind   fuer   jeden   Schritt   selbst 
verantwortlich.   Nur   gilt   das   fuer   jeden;   die   naechste   Welt 
beginnt, noch bevor unsere aufhoert. 
Wenn   die   Welten   anderer   einander   aehnlicher   sind   als   der 
eigenen   und   dadurch   Entscheidungen,   naechste   Schritte 
herbeifuehren,   dann   ist   das   Demokratie.   Dieser   Gewaltakt, 
Konsens herbeizufuehren, der nicht immer etwas mit uns zu 
tun haben muss, geschieht taeglich. 
Einer Meinung sein zu muessen, Werte teilen zu muessen ist 
etwas   anderes,   als   gemeinsam   ein   Ziel   zu   verfolgen,   oder 
zusammen zu arbeiten. Das kann aus verschiedenen Gruenden 
geschehen. 
Das bedeutet auch: Wir muessen den anderen nicht verstehen, 
der andere muss uns nicht verstehen. Wir brauchen nur einen 
gemeinsamen   Rahmen,   in   dem   wir   uns   bewegen   koennen.
Das erfordert einen Blick auf den Begriff des Verstehens.
64
Wie die Tiere
Gewaltakt des Konsens und Macht
des Durchschnittlichen, das keiner
will
Konsens   als   Gewaltakt   bedeutet   nicht   nur,   ueberstimmt   zu 
werden. Andere Meinungen setzen sich durch – das alleine ist 
kein Problem. Die Suche nach Bestaetigung, die Reduzierung 
auf das Gemeinsame ist aber zugleich auf eine Reduktion auf 
das   Bekannte.   Alles   komplett   verstehen   zu   koennen,   es   zu 
kennen   und   zu   bewerten   bedeutet,   dass   wir   Neues 
ausschliessen.   In   diesem   Zusammenhang   gibt   es   nichts 
unbekanntes mehr, keine Innovation. 
Zusaetzlich   bedeutet   die   immer   mit   dem   Konsens 
einhergehende   Niederlage   die   “frewillige”   Verpflichtung,   das 
Ergebnis – also eben die Niederlage – zu akzeptieren. Mit der 
Zustimmung   zur   Grundregel   haben   wir   auch   zugestimmt, 
jedesmal zu verlieren. 
So wie Medien ihre Hauptaufgabe damit erfuellen, Klischees zu 
bestaetigen, ist auch unsere eigene Auffassung von Lernen und 
Verstehen oft die, das zu Lernende, zu Verstehende durch schon 
Verstandenes   zu   erklaeren.   Wir   zeichnen   gerne   Parallelen, 
historische   Entwicklungen,   wir   forschen   gern   nach   geistigen 
Vorlaeufern und Nachfolgern – das schliesst die Erkenntnis von 
Bruechen aus. 
In   anderen   Sichtweisen   macht   es   sie   deutlich.   Aber   das 
Aufzaehlen von Entwicklungen setzt voraus, es handle sich um 
Varianten des gleichen auf dem Weg zu einer (fixen) Wahrheit 
(die der Beurteilende, Analogisierende schon kennt). 
Parallelen   aufzuzeigen,   Analogien   zwischen   grundsaetzlich 
entfernten Ideen und Konzepten zu entdecken ist ein beliebter 
geisteswissenschaftlicher   Sport.   Was   sich   daraus   erkennen 
laesst: In verschiedenen Bereichen gibt es Aehnlichkeiten; die 
aufzuzeigen   ist   eine   Frage   der   Perspektive.   ­   Unserer 
Perspektive.
65
Wie die Tiere
Damit tritt wieder ein gewisses Mass an Konstruktion auf den 
Plan; wir erarbeiten und konstruieren etwas. Konstruktion ist in 
solchen   Zusammenhaengen   oft   negativ   besetzt.   Das   Wort 
beschreibt   aber   die   tatsaechliche   Funktion   sehr   genau.   Wir 
verwenden   verschiedene   Bauteile,   um   damit   etwas   Neues 
zusammenzustellen.   Bauteile   zu   verwenden   bedeutet,   Dinge 
herauszuloesen; wir verwenden Konzepte, Ideen, Systeme dabei 
also nicht zur Gaenze. Wir nehmen, was wir brauchen koennen, 
und arbeiten damit weiter. 
Ueber   Seriositaet,   Grenzen   der   Machbarkeit   laesst   sich 
diskutieren;   aber   der   Umgang   mit   unserer   Ideengeschichte 
zeigt, dass auch hier die Regel gilt: Je groesser die Distanz, 
desto   groesser   unsere   Freiheit.   Distanz   kann   nicht   nur 
raeumlich   und   zeitlich  entstehen,   sie   waechst   auch   mit   der 
Andersartigkeit und sie steht in umgekehrtem Zusammenhang 
zur   Verbreitung.   ­   Grosszuegige   Vereinfachungen   in   der 
vorsokratischen Philosophiegeschichte stoeren uns wenig, davon 
fuehlen   wir   uns   nicht   betroffen.   Absurditaeten,   wie   die 
Behauptung,   jemanden   besser   zu   verstehen   als   dieser   sich 
selber, kehren  regelmaessig wieder und zeugen  eindrucksvoll 
von der mit wachsender Distanz wachsenden Ungeniertheit.
Gibt es ueberhaupt irgendetwas, wovon wir uns mehr betroffen 
fuehlen koennen?
Die groesste Distanz schaffen wir, indem wir sie ignorieren. “Ich 
verstehe schon”, der kurz gefasste Gipfel der Ignoranz, hat sich 
so weit von seinem Objekt entfernt, dass keine Unterschiede 
mehr erkennbar sind. 
Bevor wir verstehen koennen, muessen wir lernen, Unterschiede 
zu erkennen. Wir muessen lernen, Dinge nicht zu verstehen, 
das   heisst   aufhoeren,   sie   durch   Reduktion   auf   Bekanntes, 
schon Dagewesenes verstehen zu wollen. Unterschiede muessen 
bestehen   bleiben   koennen.   Wir   muessen   damit   umgehen 
koennen. Dann koennen wir lernen, sie zu instrumentalisieren.
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Wie die Tiere
Verstehen, dass es anderes gibt
Es ist ein alter Hut, das etwas zu hoeren nicht auch gleich 
bedeutet, es zu verstehen. Etwas zu verstehen bedeutet auch 
nicht,   damit   einverstanden   zu   sein.   Und   mit   etwas 
einverstanden   zu   sein   bedeutet   auch   noch   nicht,   es 
umzusetzen. 
Hoeren ist ein akustisches Problem, das kann mit Lautstaerke, 
Reichweite   und   technischen   Hilfsmitteln   geloest   werden;   es 
kann auch leicht ueberprueft werden, ob jemand etwas hoert. 
Verstehen   bringt   die   Sinnfrage   mit   ins   Spiel,   es   setzt   die 
Konstruktion   eines   gemeinsamen   Rahmens   voraus. 
Verstaendnis alleine ist sehr schwer zu verifizieren und nur an 
den folgenden Handlungen oder Reaktionen messbar. 
Eine Folge kann Einverstaendnis sein. Einverstaendnis braucht 
einen   Wertehintergrund.   Verstaendis   bezieht   sich   auf   die 
formale Richtigkeit einer Aussage oder Einstellung (etwas ist 
nachvollziehbar, argumentierbar, es kann darueber diskutiert 
werden), Einverstaendnis bezieht sich zusaetzlich auch auf die 
inhaltliche   Richtigkeit:   Eine   Einstellung   ist   nicht   nur 
nachvollziehbar,   wir   teilen   sie   auch,   wir   finden   gemeinsame 
Punkte in zwei Positionen. 
Der Schritt vom Einverstaendnis zur Umsetzung ist nicht leicht 
zu beschreiben. Es kann an vielen Dingen scheitern: Faulheit, 
Zeitmangel,   Geldmangel,   andere   Prioritaeten,   ja­aber­
Einstellungen. Eine gemeinsame Basis haben die verschiedenen 
Gruende   in   unterschiedlichen   Wahrnehmungen   von   Freiheit, 
Verantwortung,   und   damit   in   unterschiedlichen   Perspektiven 
auf das Ich: Warum soll ich etwas tun, ich kann da doch nichts 
tun, das ist dein Problem.
Aus der Position desjenigen, der etwas erreichen, durchsetzen 
moechte,   sind   wir,   nehmen   wir   an,   darauf   angewiesen, 
Einverstaendnis   zu   erreichen.   Dazu   koennen   wir   klar   und 
verstaendlich   argumentieren,   die   Beweggruende   unserer 
Gespraechspartner recherchieren und einbeziehen um auf ihre 
67
Wie die Tiere
Werte   zu   reagieren   und   damit   einen   formal   und   inhaltlich 
gemeinsamen   Rahmen   schaffen.   Was   dann?   Wie   koennen 
daraus   konkrete   Handlungen   folgen?   Warum   geben   sie,   “die 
anderen”, uns recht, und tun trotzdem nicht, was wir wollen?
Von anderen etwas zu verlangen, bedeutet immer, eine gewisse 
Abhaengigkeit einzugehen. Rechte einzufordern bedeutet, Macht 
abzugeben: Ich habe Rechte, weil ich ein System anerkenne, ich 
muss   das   Recht  unter   Berufung   auf   etwas   ausser   mir   (das 
Rechtssystem) einfordern, weil ich allein nicht bekommen oder 
durchsetzen kann, was ich will. 
Manchmal muss es nicht Recht sein – es kann auch Geld sein. 
Geld funktioniert aehnlich unabhaengig, auch wenn es fallweise 
doch   anders   besetzt   ist.   Macht,   Anerkennung   sind   andere 
Mittel,   die   uns   dabei   helfen   koennen,   unsere   Interessen 
durchzusetzen.   Diese   sind   allerdings   wieder   stark   von   den 
konkreten   Vorstellungen   und   Werte   unseres   Gegenuebers 
abhaengig. Wenn wir diese genau treffen, bekommen wir einen 
starken Hebel in die Haende.
Verstaendnis koennen wir nicht ueberspringen – wenn jemand 
etwas tun soll, muss er es auch verstehen, zumindest in den 
Grundzuegen   und   in   kleinen   Schritten.   Einverstaendnis 
dagegen ist weniger wichtig – es ist zwar aufgrund der Naehe zu 
Werten   und   Einstellungen   staerker   besetzt,   kann   aber   noch 
immer uebertrumpft werden. 
In  Grenzen   bedeutet  das,  dass  intellektuelles  und  rationales 
Kommunizieren und Verstehen wichtiger ist als emotionales. Es 
haengt von der Komplexitaet ab – Essen bleibt wichtiger als 
Denken, aber wir muessen jemanden nicht moegen, um seinen 
Forderungen nachzugeben; wir muessen nicht gemocht werden, 
um etwas durchzusetzen.
Wir  muessen   nur  wissen,  was  dem  anderen   wichtig  ist,  wir 
muessen es nicht teilen – dann koennen wir eine Beziehung 
herstellen, in der gesteuerte Handlungen moeglich sind. 
Das muss nicht zwangslaeufig Erpressung sein. Ein Beispiel: 
68
Wie die Tiere
Ein Kollege aus einer anderen Abteilung versteht sich mit seiner 
Vorgesetzten nicht gut. Ich brauche Leistungen von ihm, fuer 
die  seine Chefin nur wenig Zeit zur Verfuegung stellt. ­ Soll ich 
der Versuchung widerstehen? Ich weiss, dass er die Gelegenheit 
ausnutzen   wird,   fuer   Aerger   zu   sorgen,   und   ich   bekomme 
direkt, was ich brauche. Ich kann ihn nicht anstiften – das 
waere platt und unfair. Aber ich kann mit wenigen Worten die 
Stimmung erzeugen, die ihn wie von selbst dazu anstiftet...
Interessieren mich dabei seine wahren Motive? Interessiert mich 
der Grund der Auseinandersetzungen zwischen ihm und seiner 
Chefin? ­ Nein, das gilt fuer beides. Ich sollte mir wohl einen 
groben Ueberblick verschaffen, anhoeren, was man so sagt – 
nicht um den Dingen auf den Grund zu gehen, sondern um 
eventuell etwas zu erfahren, was ich spaeter brauchen kann. 
Das   mag   moralisch   fragwuerdig   sein,   mag   eine   etwas 
hinterhaeltige Strategie sein. Das ist aber jetzt nicht Thema, 
jetzt ist wichtig, zu sehen, wodurch hier Dynamik entsteht. Drei 
auseinanderlaufende  Interessen  unter einem uebergeordneten 
Ziel,   es   gibt   keinen   steuernden   Eingriff   und   dennoch   eine 
Bewegung in eine moeglicherweise zielorientierte Richtung. Das 
Ziel:   In   irgendeiner   Form   muessen   die   Handlungen   dem 
Unternehmen nuetzen; zumindest muessen sie den Eindruck 
erwecken.   Der   fehlende   Eingriff:   Es   gibt   kein   klaerendes 
Gespraech, keinen Versuch, den Ursachen auf den Grund zu 
gehen, oder eine gemeinsame Loesung zu finden. Das Ergebnis: 
Zwei von drei Beteiligten bekommen, was sie wollen, die dritte 
kann das immer noch ignorieren, oder – falls der Konflikt so 
weit fortgeschritten ist – sich in ihrem Standpunkt bestaetigt 
sehen, dass der Mitarbeiter eben wirklich auf Konflikt aus ist 
und entsprechend behandelt werden kann. ­ Auch sie hat also 
etwas davon, dass sie hintergangen wird, es ist nur eine Frage 
der Perspektive. 
Irgendetwas ist passiert, ohne dass unterschiedliche Positionen 
einander   beruehrt   haetten   oder   eine   Auseinandersetzung 
eingegangen waeren. Der Ablauf hat sich rein an einigen an der 
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Wie die Tiere
Oberflaeche   feststellbaren   Merkmalen   orieniert.   Heisst   das, 
dass   kurzfristige   Ziele,   die   Orientierung   an   irgendwelchen 
Oberflaechen, hier wichtiger sind als Werte?
Immer, zumindest dann, wenn wir Effizienz in den Vordergrund 
stellen, etwas umsetzen und erreichen wollen. Und Effizienz ist 
ein   Paradigma   der   Kommunikation,   das   es   mit   Wahrheit 
aufnehmen kann: Effizienz ist zielorientiert, messbar, steuerbar, 
kontrollierbar – richtig oder falsch hat nicht mehr mit einer 
entfernten   Wahrheit   zu   tun,   sondern   mit   schlichtem 
Funktionieren oder Nicht­Funktionieren.
Das   foerdert   nicht   gerade   Vertrauen.   Aber   ganze 
Wirtschaftssysteme   oder   die   in   vielden   Branchen   uebliche 
Gehaltspolitik kurzfristiger Bonuszahlungen bauen auf dieser 
Kurzsichtigkeit auf. Wer seine Zahlen am schoensten frisiert, 
bekommt den dicksten Bonus. Was dem zu Grunde liegt, wie 
das Gesamtbild aussieht, was die Zahlen langfristig bedeuten – 
das   zu   hinterfragen,   wuerde   allenfalls   das   Risiko   einer 
Verzoegerung   bei   der   Veroeffentlichung   der   Ergebnisse 
bedeuten. 
Das   ist   eine   Form,   mit   anderen,   der   Erfahrung   von 
Andersartigkeit   und   mit   anderen   Zielen   umzugehen.   Wohin 
koennte   der   Versuch   fuehren,   die   Motive   aller   Beteiligten 
tatsaechlich zu verstehen, sich mit jedem auseinanderzusetzen, 
bis   die   Gruende   seiner   Position   einleuchtend   sind?   Im 
schlimmsten Fall dorthin, tatsaechlich alles zu verstehen: Jede 
Position hat ihre Berechtigung und kann oder sollte respektiert 
werden – also kann nichts passieren. Anderes Szenario: Einer 
wird   als   der   Schuldige   identifiziert.   Und   dann?   Das 
Konfliktpotential   vervielfacht   sich;   anstatt   ueber   Ziele   und 
Plaene muss ueber Werte diskutiert werden. ­ Die Entfernung 
von   der   Oberflaeche   wird   immer   groesser,   ebenso   wie   die 
Entfernung der Oberflaechen voneinander.
Beispiele aus Beziehungs­ und Kommunikationsalltag moegen 
fragwuerdig,   moralisch   dominiert   sein.   Das   gleiche   Dilemma 
entsteht   aber   auch   ohne   die   menschliche   Komponente: 
70
Wie die Tiere
Business Cases, Controllingtemplates sind die kaum maskierte 
Aufforderung zu Luege und Betrug. Es werden Planungszahlen 
gefordert, die mathematisch saubere Kalkulationen ergeben, die 
aber nie geliefert werden koennen. Es werden in der Prognose 
Detaillierungsgrade   gefordert,   die   nichteinmal   in   der 
nachtraeglichen Messung erreicht werden. ­ Fuer die Steuerung 
laufender   Prozesse   koennte   das   noch   legitim   sein   –   die 
Veraenderung von Werten liefert Hinweise, was getan werden 
kann,   wieviel   mehr   verkauft   werden   muss,   wann   wo   eine 
Finanzierungsluecke entsteht.
Als Entscheidungsgrundlage ist das aber unbrauchbar. Denn 
entschieden   wird     nicht   anhand   der   Tatsache,   ob   der 
Businesscase   negativ   oder   positiv   ist,   entschieden   wird 
vielmehr, ob den zugrundeliegenden Annahmen geglaubt wird. 
Die   Tarnung   durch   Zahlen   liefert   einen   gemeinsamen 
Rueckzugspunkt. 
Die Suche nach Konsens fuehrt so auf aufwaendigen Umwegen 
nur zu Bestaetigung und Einzementierung des Dissens.
Das   offene   Auftreten   von   Unverstaendnis,   das   Aussprechen 
anderer   Ansichten   sind   Chancen,   die   das   scheinbar   leicht 
erreichte   Verstaendnis   in   den   Schatten   stellen.   So   wie   “Ich 
versteh schon” als Angriff, als Unterstellung bewertet werden 
kann,   empfinden   wir   “Ich   versteh   das   nicht”   als   Kritik,   als 
Behauptung einer Differenz. 
Unabhaengig   von   moeglicher   tatsaechlicher   Differenz   ist   das 
Entgegensetzen   von   Standpunkten   eine   Aufforderung   zur 
Auseinandersetzung. Klingt banal, bedeutet aber mehr: Wenn 
unser   Gegenueber   gleich   gegen   uns   ist   und   das   klarstellt, 
verkuerzt   und   beschleunigt   das   die   Auseinandersetzung 
ungemein.Wir brauchen nicht erst nach Differenzen suchen – 
wir koennen uns gleich um sie kuemmern. 
Wo erst Verstaendnis zu herrschen scheint und erst spaeter 
unterschiedliche   Auffassungen   an   die   Oberflaeche   kommen, 
dauert es erst einige Zeit, festzustellen, dass es doch Differenzen 
71
Wie die Tiere
gibt.   Danach   braucht   es   Zeit,   die   Differenzen   naeher 
einzugrenzen.   Dann   muessen   sie   bewertet   werden:   Sind   sie 
sachlicher Natur oder geht es um Ideologie, sind sie wichtig oder 
handelt es sich um Randerscheinungen, und schliesslich – geht 
es   ueberhaupt   noch   um   das   gleiche   Thema?   Das   ist   der 
Rechenfehler im Business Case, der gar kein Rechenfehler ist, 
sondern ein Unterschied in grundlegenden Entscheidungen.  
Es   ist   ein   typischer   Verlauf   von   Diskussionen   und 
Praesentationen   auf   dem   C­Level,   vor   Vorstaenden   und 
Geschaeftsfuehrern: Die Arbeit von sechs Monaten oder einem 
ganzen   Jahr   muss   in   zwanzig   Minuten,   manchmal   auch   in 
fuenf,   zusammengefasst   werden.   Die   Konzentration   der 
Teilnehmer richtet  sich auf irgendetwas, manchmal  weit weg 
vom Thema, manchmal ploetzlich und ueberraschend auf ein 
Detail. “Ich versteh schon was sie mir da erzaehlen, aber wie 
genau sind sie auf diesen Wert pro User gekommen? Warum 
soll   ich   dieser   Annahme   zustimmen?”   Die   sachlich   richtige 
Antwort waere: “Sie haben es eben offenbar nicht verstanden.” ­ 
Das ist wohl nur bei sehr spezifischen Themen nicht voellig 
unangebracht...
Dennoch muss die Differenz herausgeschaelt werden – ich weiss 
dass es hier ein Problem gibt, aber wie kann ich es zeigen?  
Uebersprungene,   ignorierte   Probleme   sind   nicht   deshalb   die 
schwierigsten, weil sie irgendwann wieder auftauchen, sondern 
weil sie gleich zum naechsten Punkt kommen, rund um den es 
ebenfalls Differenzen gibt, die aber oft nicht klar und sachlich 
diskutiert werden koennen. ­ “Wir wollen ja beide das gleiche, 
aber warum stimmen Sie mir nicht zu, dass  wir die Kosten um 
15 Prozent senken sollten?” Das soll dazu zwingen, ueber eine 
konkrete Massnahme und eine konkrete Zahl zu diskutieren, 
wobei eigentlich zur Diskussion steht, was “das gleiche” ist und 
ob das wirklich beide wollen. 
Der   Dissens   ignorierende   Gewaltakt   des   Staerkeren, 
Ranghoeheren  oder der Mehrheit ist  eine sehr dezente, sehr 
effiziente Taktik. Ich zaehle sie zu jenen Taktiken, die wohl von 
72
Wie die Tiere
den meisten Managern irgendwann leidlich beherrscht wird – 
und die zu Zermuerbung in Perfektion ausgebaut werden kann. 
Diese Taktik wurde auch bereits als Terror bezeichnet. 
Unsere   Beispiele   bis   jetzt   waren   simple 
Meinungsverschiedenheiten.   Wie   verhaelt   es   sich   bei   der 
Diskussion von Innovationen? Wie erklaeren wir Innovationen 
und wie verkaufen wir sie, wie machen wir begreiflich, was neu, 
anders und besser ist, ohne nur zu verkaufen?
Das   produktive   Hinterfragen   von   Voraussetzungen,   das 
thematisiert,  statt   zu  werten,  Alternativen   zeigt,  statt   sie  zu 
zerstoeren, ist eine wichtige Kompetenz der Gegenwart. 
Erklaeren von Neuem durch
Bekanntes ist Reduktion
Innovation, das Andere, Neue, ist ebenso ein Mythos wie das 
wahre Ich oder das wahre Verstaendnis. Es gibt eine Idee, einen 
Plan,   eine   Vorstellung,   deren   Vorteile   in   fortgeschrittenen 
Ausbaustufen sich oft auch klar beschreiben lassen – aber was 
passiert   bis   dorthin?   Was   bedeutet   das   konkret   fuer   mein 
Geschaeft? Welche Aenderungen muss ich noch – ausdruecklich 
oder schluessig – voraussetzen, damit die Rechnung aufgeht?
Innovationen sind langweilig. Der Mythos des grossen Bangs ist 
eine Legende, die unter Blinden ueberliefert wird, die die vielen 
kleinen Schritte, die Fehlversuche und das Raten uebersehen.  
Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Auch das ist 
nicht neu – es ist aber einmal mehr nur eine Variante der 
Tatsache, dass wir uns nur an Oberflaechen bewegen 
koennen: Wir haben einen klaren Plan, der durchdacht 
und   im   kleinen   erprobt   ist,   den   wir   in   Gedanken 
durchlebt und so weit wie moeglich in Prototypen auch 
73
Wie die Tiere
realisiert   haben.   Die   Umsetzung,   die   wirtschaftliche 
Bewertung   brauchen   dann   klare,   einzeln   steuerbare 
Schritte. 
Vielleicht ist alles, was wir fuer den Anfang tun koennen, 
eine Facebook­Seite fuer das Unternehmensmaskottchen 
einzurichten. Und schon stehen wir wie ein verspielter 
Idiot da: Ist das alles? Ist das unser grosser Plan? Was  
ist daran neu, was ist daran anders oder innovativ? Was 
ist dieses... Dings ueberhaupt? 
“Koennen   wir   nicht   irgendetwas...   Aufregendes 
machen?”, fragt die Kollegin. “Wir haetten gern peppigere 
Bezeichnungen,   Bilder,   irgendetwas   Auffaelliges.”   Um 
was damit zu machen, fragt sich? ­ Die Antwort bleibt  
Ratlosigkeit. Innovationen sind nicht bunt, Innovationen 
loesen  Probleme.  Und oft  ist die  innovativste Leistung 
bereits die, das Problem zu erkennen. 
Neuheit   ist   von  Werten   abhaengig,  was   koennen,   wollen   wir 
verstehen   und   erkennen,   was   wollen   wir   akzeptieren?   Was 
koennen wir fuer uns zulassen, was ist – fuer uns – nicht neu, 
sondern   falsch?   Welche   Konraste   sind   vor   unserem 
persoenlichen   Hintergrund   moeglich,   welche   akzeptiern   wir, 
welche nicht?
Das bedeutet auch: Wir muessen den Hintergrund des anderen 
kennen, wo ist er gerade, um “unsere” “Neuheit” fuer ihn  nicht 
einfach falsch sein zu lassen.  
Neue Technologien, Medienthemen, der Social Media­Dunstkreis 
eignen sich besonders, um die unterschiedlichen Stadien von 
Neuheit zu durchlaufen. Alle haben ein bisschen Information, 
jeder hat das Gefuehl, eine Meinung haben zu muessen – und 
jeder   weiss,   dass   das   Ding   gleichzeitig   cool   und   absolut 
fragwuerdig ist: Was bringt's, was genau ist das ueberhaupt? 
74
Wie die Tiere
Jeder Player auf dem entstehenden Marktplatz hat seinen mehr 
oder   weniger   ausgepraegten   Plan,   die   Feststellung   der 
Gegensaetze   ist   die   notwendige   Voraussetzung,   um   sie 
aufloesen zu koennen. In anderen Worten: Um zu verstehen, 
was an einer Idee, einem Konzept, an dem Haufen von Zahlen, 
Charts und Schlagworten mit bunten Bildern, die uns gerade 
praesentiert wurden, neu, anders und vielleicht innovativ ist, 
muessen wir in der Lage sein zu verstehen, dass es ueberhaupt 
so etwas wie Neues, Anderes, Innovatives gibt. 
Manchen   Menschen   faellt   es   leicht,   Plaene,   Konzepte   zu 
entwickeln, Ideen auszuformulieren und greifbar zu machen; 
bevor ihr Gespraechspartner noch verstanden hat, was gerade 
passiert ist, sind sie schon bei der naechsten Idee. 
Andere haben ein ungefaehres Gefuehl dafuer, was sie wollen, 
oft deutlicher dafuer, was sie nicht wollen; sie koennen es nicht 
ausdruecken,   noch   weniger   erklaeren,   sie   brauchen   einen 
Katalysator, der ihnen hilft, die Idee in nachvollziehbare Formen 
zu   giessen.   ­   Solche   Gespraeche   bergen   oft   Sprengstoff: 
Waehrend   der   Ahnende   begeistert   ist,   ist   der   Katalysator 
gelangweilt;   fuer   den   ersten   entsteht   gerade   die   Loesung 
schlechthin, fuer den anderen eine von vielen Varianten, oft 
eine   Idee,   die   er   auch   schon   mal   hatte.   Wenn   wir   an   der 
Oberflaeche bleiben, wird aber deutlich: Was wirklich hinter der 
Idee steckt, die wir vermeintlich schon zehn Mal hatten, wissen 
wir nicht. 
Fuer   wieder   andere   Menschen   ist   es   etwas   grundlegend 
Fremdes,   Ideen   zu   haben.   Kreativitaet,   das   Aufbauen   von 
Konzepten ist nicht ihr Ding, sie bestaunen es, vermissen es 
aber   nicht   besonders.   Ich   habe   einen   Finanzvorstand   eines 
grossen Konzerns kennengelernt, dessen Lebenstraum – wie er 
in   mehreren   Interviews   sagte   –   es   war,   einen   Schriftsteller 
kennenzulernen,   um   zu   erfahren,   in   welchem   Prozess   ein 
Roman und die dafuer notwendige Kreativitaet entstehen. Darin 
stecken   mehrere   lustige   Vorstellungen:   Erstens   die,   zu 
Kreativitaet niemanden aus dem eigenen Umfeld befragen zu 
75
Wie die Tiere
koennen,  zweitens die Idee, dieses  Fremdartige verstehen  zu 
koennen, wenn es nur jemand erklaeren wuerde, und drittens 
die Auffassung, man koenne dabei etwas lernen – als waeren 
alle   Schreibprozesse   gleich.   Ich  habe   auch  Nachhilfeschueler 
kennengelernt, die mich davon ueberzeugt haben, dass sie noch 
nie in ihrem Leben auch nur irgendetwas verstanden haben. 
Darauf lassen sich viele Lernschwaechen zurueckfuehren: Es 
geht   nicht   um   Konzentrations­   oder   Erklaerungsprobleme, 
sondern   schlicht   darum,   dass   einfach   noch   nie   der   Funke 
uebergesprungen ist; wer nicht weiss, was verstehen ist, kann 
weder lernen noch verstehen. 
Die   notwendige   Beziehung   auf   etwas   Vorhandenes   ist   ein 
zweischneidiges Schwert: Sie laesst Wert erkennen (was habe 
ich davon,  was  wird  besser,  anders, wo  kann   man   Effizienz 
feststellen   und   messen)   –   und   sie   bedeutet   gleichzeitig   die 
Reduktion   der   Innovation   auf   das   bereits   Vorhandene,   sie 
instrumentalisiert   die   Innovation,   um   das   Vorhandene   zu 
bestaetigen. 
Aehnlich wie Abgrenzung, Verleugnung, Rebellion immer erst 
das bestaetigen und einzementieren, was sie eigentlich abloesen 
moechten,   besteht   auch   hier   die   Gefahr,   dass   Grenzen 
verschwimmen,   Nutzen   und   Mehrwert   bald   nicht   mehr 
erkennbar sind. “Was ist daran jetzt neu, was ist anders, warum 
ist  das besser?”  ­ Viele kleine  Fragen  erzwingen  viele  kleine 
Antworten; das veraendert sie Perspektive so, dass zuletzt nur 
noch   ein   kleiner   Ausschnitt   uebrig   bleibt,   der   konkretisiert 
werden   kann,   verstaendlich   und   fuer   jedermann 
nachvollziehbar ist. “Das ist also Ihr Konzept, damit wollen Sie 
einen positiven Business Case, eine nachhaltige Veraenderung 
unserer   Prozesse   und   langfristige   positive   Kosteneffekte 
erzielen? ­ Nicht in diesem Leben.” 
Verstehen   hat   immer   einen   wertenden,   normativen 
Hintergrund. Neues erkennen und als solches akze[tieren ist 
auch ein moralisches Problem ­  es hat damit zu tun, wer wir 
76
Wie die Tiere
sind. 
Erfahrung,   oder   Werkzeuge,   die   diese   ersetzen   (wie   eben 
Businesscases,   Reports,   Planspiele)   koennen   das 
Entscheidunsproblem ein wenig objektivieren – sie lassen es an 
der   Oberflaeche.   Entschieden   wird   nicht   ueber   wahr   oder 
falsch, sondern ueber erwartete Effizienz. 
Die Veroberflaechlichung der Entscheidung hilft paradoxerweise 
nicht   nur,   das   “Neue”   von   bereits   Dagewesenem   zu 
unterscheiden, auch Folgen aus allen Bereichen abzuschaetzen 
zu   koennen,   die   Substanz   und   die   Einsetzbarkeit 
einzuschaetzen:   Nur   neu   und   nur   erfolgversprechend   ist   zu 
wenig,   eine   Beziehung   zu   bereits   Vorhandenem   –   seien   es 
aktuell gelebte Prozesse oder zumindest ein definierter Plan – ist 
notwendig. 
Was bedeutet das fuer den, der uns etwas vorschlagen wollte? 
Wir haben uns ausgesetzt, praesentiert, Komplexitaet reduziert, 
Abhaengigkeiten verkuerzt – und sind damit eben wehrlos der 
Spekulation   unseres   Gegenueber   ausgesetzt.   Wir   haben   eine 
glatte   Oberflaeche   geliefert   und   kaum   noch   Kontrolle,   was 
damit passiert.
Der Versuch, zu erklaeren, wird oft zu einer Rechtfertigung, die 
zu   viele   Kompromisse   eingeht   und   schliesslich   das 
urspruenglich   Neue   um   der   Verstaendigung   Willen   auf 
Bekanntes reduziert und dadurch zerstoert. 
Das ist unangenehm – sowohl fuer den Innovator als auch fuer 
den, der es verstehen soll. 
Wenn das Erklaeren von Neuem durch Bekanntes Reduktion ist 
– gibt es eine Abkuerzung, oder einen Ausweg?
77
Wie die Tiere
Mushin: “Nicht mehr denken”
Je mehr wir wissen, desto weniger koennen wir verstehen. Wir 
bremsen   uns   selbst   aus,   denken   in   Assoziationen, 
Abhaengigkeiten,   Voraussetzungen.   Wir   glauben,   Dinge 
vorwegnehmen zu koennen, schon verstanden zu haben, bevor 
sie uns jemand erklaert hat. Wir fallen einander ins Wort, sehen 
nicht   genau   hin   und   suchen   nach   Mustern   mit 
Wiedererkennungswert, um etwas ablegen zu koennen. 
Je wichtiger Effizienz ist, desto mehr behindert sie Information. 
Information liefert Optionen, stellt Frage, statt zu entscheiden – 
in vielen Faellen wollen wir deshalb gar keine Information. 
Die   neue   Kollegin   ist   ordentlich,   puenktlich   und   spricht   in 
ganzen   Saetzen?   Sie   ist   sicher   spiessig,   aus   gutem   Haus, 
religioes und humorlos. Der neue Abteilungsleiter ist unrasiert, 
spricht viel von neuen Ideen und reagiert scheinbar nicht auf 
Informationen? Schon wieder ein egozentrischer Kreativer, der 
ausser   seinen   eigenen   persoenlichen   Zielsetzungen   wenig 
erreichen wird. Der Praktikant erwaehnt in seinem Konzept die 
Worte Netzwerk, Collaboration, Social? ­ Diese Idee hatten wir 
schon hundert Mal. 
Wir haben keine Vorurteile, wir denken nicht in Schubladen 
und   wir   sind   keine   Blackboxes,   die   auf   kontrollierte   Reize 
immer vorhersehbar gleich reagieren. Aber wir sind in unserer 
Erfahrung und koennen schwer aus. Wir sind gefangen, gut 
aufgehoben, geschuetzt – ganz wie wir es gerade sehen wollen; 
das Problem ist: Wir sind wir. 
Gegenstrategien   sind   zahlreich:   In   dem   Film   “Last   Samurai” 
bemueht sich Tom Cruise als gefangener amerikanischer Soldat, 
Kendo, den japanischen Schwertkampf zu erlernen. Es klappt 
so leidlich, bis ihm einer der jungen Samurai den entscheidende 
Tipp gibt: “Nicht mehr denken”, fluestert er ihm zu. 
Zen­Meister setzen dem Zustand, in seiner Erfahrung gefangen 
zu sein, ganz gezielt den Anfaenger­Geist als erstrebenswerten 
Zustand   entgegen:   Wer   nichts   weiss,   weiss   auch   nichts 
78
Wie die Tiere
Falsches.   Wer   neue   Erfahrungen   nicht   mit   alten   vergleicht, 
verdeckt und verfaelscht nichts. Wer sich mit dem beschaeftigt, 
was gerade ist, und nicht vorwegnimmt oder zurueckgreift, hat 
eine Chance, mitzubekommen, was gerade laeuft. ­ Zaehlt etwas 
anderes? Mushin ist der Nichtgeist, das Nicht­Denken. 
Yagyu Munenori, ein Kendo­Meister aus dem 16. Jahrhundert, 
formuliert   seine   Vision   von   Perfektion   aehnlich.   Der   erste 
wichtige Schritt ist: Jeder Handgriff muss so perfekt trainiert 
sein, dass er keinen Gedanken, keinen Zweifel, kein Zoegern 
mehr veursachen kann. Der zweite Schritt: In jedem Moment 
zaehlt immer nur dieser selbst, nicht was vorher war und nicht 
was nachher kommen koennte. Auch wenn mehrere Gegner im 
Spiel  sind:  es zaehlt  immer nur der, der in   dieser Sekunde 
bearbeitet   werden   kann.   Alles   andere   ist   unwichtig;   in   der 
naechsten Sekunde kann alles anders sein. 
Mushin   ist   die   Einstellung,   die   uns   so   flexibel   und 
unverfaelscht   sein   laesst,   wie   eine   glatte,   dunkle 
Wasseroberflaeche, die Licht reflektiert, die jede Wahrnehmung 
registriert   und   weiterziehen   laesst,   ohne   daran   festzuhalten 
oder   sich   laenger   damit   zu   beschaeftigen,   die   auf   nichts 
ausgerichtet ist und daher nichts verfolgt. 
Zen­Uebung soll daher auch auf nichts ausgerichtet sein, nicht 
auf   Erkenntnis,   Beruhigung,   Wissen,   schon   gar   nicht   auf 
Erleuchtung. Wer nichts hat und wer nichts will, hat keinen 
Grund   zu   Sorge   oder   Unzufriedenheit   –   und   ist   in   jedem 
Moment offen fuer alles. 
Ein schoenes Konzept. Und reichlich unpraktisch, wenn fuer 
uns das Erreichen von Geld, Macht, Einfluss im Vordergrund 
stehen, wenn wir arbeiten, um einen Zustand zu erreichen, oder 
um einen anderen zu vermeiden. 
Die Grundhaltung der universellen Offenheit allerdings ist eine 
unschlagbare Einstellung. Alles ist neu, alles ist anders – wir 
lassen   unsere   Voraussetzungen   und   die   vorgreifenden 
79
Wie die Tiere
Einstellungen hinter uns, um uns mit dem zu beschaeftigen, 
was ist – oder mit dem, was wir wahrnehmen koennen, mit der 
Oberflaeche, die fuer uns verfuegbar ist. 
Natuerlich   wissen   wir,   wo   wir   herkommen   und   wohin   wir 
wollen.   Wir   nutzen   ja   auch   unsere   Erfahrung,   um   zu 
entscheiden.   Aber   in   welchem   Licht   sehen   wir   sie,   welches 
Gewicht   geben   wir   ihr?   Um   einer   offenen   Diskussion   willen 
muessen wir aber auch unsere eigene Oberflaeche erkennen 
koennen – uns so sehen, als waeren wir nur jetzt, und nur das, 
was wir gerade sind. Denn das ist, was unser Gegenueber von 
uns sieht, was wir fuer andere sind. 
Wir bringen uns in Beziehung auf anderes, auf andere. Das 
reduziert   auch   uns.   Auch   auf   diesem   Weg   koennen   wir 
erreichen,   dass   hier   zwei   aehnliche   Oberflaechen   einander 
gegenueber stehen. ­ Das schafft eine gemeinsame Flaeche, auf 
der ueber Innovationen und Ideen verhandelt werden kann. 
Was ist schon neu?
Bevor wir ueber Innovationen und Ideen reden, muessen wir 
auch ueber das Reden reden, ueber die Art und Weise, wie wir 
Dinge   thematisieren.   Reden   bedeutet   oft   nicht,   Meinungen 
auzutauschen um Neues zu erfahren, neue Ansichten zu bilden, 
und   um   nachher   mehr   zu   wissen.   Bevor   wir   noch   zu   den 
eigentlichen Inhalten kommen, haben wir oft schon die ersten 
Worte   darauf   verwendet,   unseren   Standpunkt 
einzuzementieren. “Jetzt  soll mir  einmal  einer sagen...”, “Die 
sind   ja   alle....”,   “Mir   ist   das   ja   egal,   aber...”.   Das   ist   das 
Gegenteil des Anfaenger­Geists. 
“Brauche ich das? Was bringt mir das”, sind mildere Formen 
einer aehnlichen Einstellung. 
Bei   zahlreichen   Gelegenheiten   wechseln   oder   verlieren   wir 
80
Wie die Tiere
unsere Einstellung, ohne es zu merken. Als neugierige, offene 
aufgeschlossene   Menschen   stehen   wir   Ideen,   Aenderungen 
positiv gegenueber, interessieren uns fuer Details. Nicht nur um 
der Innovation willen, wir haben auch gerne einen Vorsprung 
oder die Reputation des Auskenners – vielleicht bringt es uns ja 
was. Wir sind offen, unvoreingenommen, mit Kleinigkeiten zu 
begeistern. 
Das   nutzt   sich   ab.   Wenig   spaeter   kommt   die   naechste 
Generation   der   Pioniere,   entdeckt,   was   wir   schon   entdeckt 
haben,   erzaehlt   uns   vielleicht   noch   davon.   Wir   beginnen 
zuzumachen, abzulehnen; wir kennen das schon, haben das 
schon gemacht. 
Die Neuigkeit geraet in Vergessenheit, wird von den naechsten 
Innovationen   in   den   Schatten   gestellt   –   bis   sie   als   Produkt 
zurueckkehrt. Es ist nicht mehr neu, aber es hat praktischen 
Nutzen. Welche Zielgruppe hat den groesseren Wert, ist besser 
fuer   unsere   Zwecke   einsetzbar:   Die   Neugierigen   der   ersten 
Stunde,   die   ueber   Vor­   und   Nachteile   einer   Innovation 
sinnieren,   Anwendungsmoeglichkeiten   ueberlegen,   selbst 
experimentieren   –   die   aber   kommerziell   niemandem   etwas 
bringen, weil es noch keine kommerziellen Produkte gibt, oder 
die   Skeptiker,   die   nicht   gleich   alles   ausprobieren,   sondern 
abwarten,   Beweise   und   funktionierende   Anwendungen   sehen 
und vorgelebt bekommen wollen, dann aber auch bereit sind, 
dafuer zu bezahlen?
Location Based Services als Mehrwertdienst der Mobiltelefonie 
tauchten als Innovation mit den ersten UMTS­Lizenzen bereits 
Ende der neunziger Jahre auf. Eine der ersten Anwendungen – 
die noch gar keine Lokalisierung nutzte, sondern nur die Idee 
aufgriff und mit simplen SMS umsetzte – war ein Suchdienst 
fuer   oeffentliche   Toiletten   in   London   und   wurde   mit   dem 
Europrix   Multimedia,   einem   Preis   mit   kuenstlerisch­
alternativem   Anstrich,   ausgezeichnet.  Heute,   gut   zehn   Jahre 
spaeter,   gehoeren   mobile   Shopping   Guides   zu   Nice­to­have­
Argumenten,   mit   denen   Netzbetreiber   Services   und 
81
Wie die Tiere
Mobiltelefone   vertreiben.   Die   Zielgruppe   ist   eine   andere,   die 
Neugierigen   von   damals   sind   heute   mit   anderen   Themen 
beschaeftigt,   die   ehemaligen   Skeptiker   finden   die   Services 
praktisch. 
Was davon geht ueber Banalitaet hinaus? Innovation wird mit 
ihrem   Mehrwert   und   Nutzen   erst   als   Innovation   erkennbar, 
wenn     sie   Beziehungen   zu   den   Erfahrungen   und 
Lebensumgebungen   vieler   eingeht.   Gleichzeitig   wird   sie   fuer 
diejenigen,   die   sich   schon   laenger   mit   dem 
Innovationsgegenstand   beschaeftigt   haben,   reduziert.   Was 
herauskommt   ist,   vor   dem   Hintergrund   der   urspruenglichen 
Moeglichkeiten,   fast   immer   eine   Enttaeuschung.   Und   es   ist 
nicht nehr neu. 
Die wahrnehmbaren Pioniere sind nicht die, die sich als erste in 
unsicheren Tiefen bewegen, sondern die, die sich als erste oder 
am sichtbarsten auf eine neuen Oberflaeche wagen...
Unterschiede in der Naehe
wahrnehmen
Der   Unterschied   zwischen   Entdeckern   und   Verfolgern   ist  oft 
marginal – und meist nur eine Frage der Perspektive. Beide 
beschaeftigen sich mit Innovation, beiden steht als Gegensatz 
noch immer der Verweigerer gegenueber. 
Die Sicht auf Extreme macht Unterschiede deutlich, verstellt 
aber   den   Blick   aufs   Detail,   auf   Graustufen   zwischen   den 
Schwarz­Weiss­Kontrasten.   Je   praeziser   wir   wahrnehmen 
koennen, dass es Unterschiede gibt, desto genauer koennen wir 
unsere   Einschaetzungen   abstimmen,   koennen   wir   erkennen, 
dass es Unterschiede – moeglicherweise Innovationen – gibt.
Unterschiede in der Naehe wahrzunehmen, ist viel schwieriger 
als sie in dem zu erkennen, was wir eigentlich ueberhaupt nicht 
sehen. Das ist paradox und zugleich banal: Natuerlich ist das 
82
Wie die Tiere
Ferne fremd und anders, ebenso natuerlich wissen wir aber in 
der Regel zu wenig, um die Unterschiede in Wahrheit feststellen 
zu koennen. Wir spekulieren. 
Unterschiede in der Naehe zu beschreiben kostet viel Kraft, weil 
es Differenzen aufbaut. Um beschreiben zu koennen, muessen 
wir   fixieren,   Worte   finden   und   etwas   begrifflich   festhalten. 
Dadurch gehen Vielseitigkeit, Mehrdeutigkeit und Flexibilitaet 
des Beschriebenen verloren. Dadurch wachsen die Differenzen. 
­   Was   wir   dabei   tun,   folgt   dem   gleichen   Muster   wie   die 
Spekulation ueber Fremdes: Wir schaffen Distanz, die schafft 
Platz fuer Spekulation, das vergroessert wieder die Distanz. 
Um unsere eigene Position zu behaupten, folgen wir oft dem 
gleichen Rezept. Wir betonen, uebertreiben, reduzieren – man 
nennt   das   auch   verkaufen.   Damit   schaffen   wir   auch  wieder 
Oberflaechen: Wir raeumen hervor, worueber wir reden wollen, 
und   wir   lassen   weg,   was   uns   zweideutig   oder   aus   anderen 
Gruenden nicht der Sache dienlich erscheint.
Welcher Spielraum bleibt dabei fuer
Neuigkeiten?
Es   ist   der   Platz   zwischen   den   Zeilen,   das   Unerwartete, 
Ueberraschende im scheinbar Bekannten. Wir leben gut damit, 
uns auf unsere Stereotype zu verlassen und schnell anhand von 
Merkmalen, die wir uns eingepraegt haben, zu urteilen und zu 
reagieren. Das ist eben die Interaktion an der Oberflaeche. 
Sollen wir also doch in die Tiefe gehen, andere, wirksamere 
Zusammenhaenge   suchen?   Gibt   es   einen   Weg   hinter   die 
Kulissen?
Nicht fuer uns; wir koennen das nicht. Auftretende Differenzen 
zeigen   uns   aber,   wie   komplex   und   reichhaltig   Oherflaechen 
immer   noch   fuer   uns   sind,   wie   viel   mehr,   als   wir   erfassen 
koennen, schon auf den ersten Blick fuer uns sichtbar waere. 
83
Wie die Tiere
Wir muessen nur bei der Sache sein. In jedem Moment wach 
und praesent sein. Voreiliges Verstehen ist nicht nur schlecht 
fuer   die   Beziehung   zu   demjenigen,   den   wir   vermeintlich 
verstehen,   es   behindert   vor   allem   uns   selbst   und   unsere 
Chancen, Dinge mitzubekommen. 
Beispiele:   Die   raisonierende   Runde   mit 
Stammtischcharme   klingt   vielleicht   wie   in 
Allerweltsgebrabbel gefangen, beschaeftigt sich aber mit 
berechtigten Fragen: “Ernteverbote, Duengemittel – das 
sind  schwierige  Entscheidungen  zwischen   Naturschutz 
und den Interessen der Bauern.”
Dem Kollegen ist es wirklich wichtig, Freitag nachmittag 
nicht im Buero zu verbringen. Er arbeitet unter der Woche 
gern laenger, aber der Freitag ist fuer anderes reserviert 
– das nicht zu respektieren empfindet er ernsthaft als 
Affront, der einen guten Grund braucht. 
Und die Kollegin wiederum ist tatsaechlich und ernsthaft 
beleidigt,   wenn   ihr   Engagement   in   einer   karitativen 
Organisation   nicht   ausreichend   gewuerdigt   wird,   oder 
wenn   ihre   Mehrleistungen   nicht   ernsthaft   respektiert 
werden – Scherze sind unangebracht; sie will Wuerde. 
Schon diese kleinen Oberflaechen zeigen genug Differenz, um 
Abweichungen feststellen zu koennen, um ueber Unterschiede 
verhandeln zu koennen. Wir muessen nicht tiefer gehen. ­ Was 
wir auch nicht koennen. 
Dissens ist Effizienz – abhaengig von
der Perspektive
Offene   Differenzen   koennen   geloest   werden.   Unterschiede 
anzusprechen,   Dissens   statt   vermeintlichem   Konsens   zu 
praesentieren, hat mehrere Vorteile:
84
Wie die Tiere
Konsens   muss   immer   auch   die   Position   des   anderen,   d.h. 
unsere Mutmassungen ueber dessen Position, miteinbeziehen. 
Das ist eine ergiebige Quelle moeglicher Missverstaendnisse.
Der Bezug auf die Position des anderen rueckt unsere Position 
in   den   Hintergrund:   Wir   haben   weniger   Platz,   buerden   uns 
selbst Einschraenkungen und Abhaengigkeiten auf. 
Dissens   fordert   Aktion   heraus   –   oder   eben   nicht.   Jedenfalls 
wurde   nichts   uebergangen,   nichts   was   eine   weitere   Quelle 
ergiebiger Missverstaendnisse sein koennte. 
Hinterfragen, dagegen sein, darf kein Selbstzweck sein. Es ist 
aber ein Weg, den wir leicht gehen koennen – und den wir vor 
allem auch leicht wiederfinden koennen. Einzige Voraussetzung 
dafuer: Wir muessen eine eigene Position haben; eine Position, 
die   alle   Bezuege,   die   wir   brauchen,   um   sie   erklaeren   und 
argumentieren zu koennen darstellt. 
Eine,   die   wir   zu   einer   fuer   alle   sichtbaren   Oberflaeche 
zusammenfassen koennen. 
Extrapolation und Spiele
Was wir erkennen koennen, sind Oberflaechen, darauf koennen 
wir   auch   reagieren.   Was   dahinter,   darunter   oder   sonst   wo 
anders   steckt,   koennen   wir   nicht   erkennen,   es   ist   nicht 
unmittelbar   da   –   und   eigentlich  braeuchte  es   uns   nicht   zu 
beschaeftigen. 
Dennoch zielt unser Begriff von Verstaendigung, Verstehen, oft 
genau   darauf   ab.   Begriffe   wie   tiefes   Verstaendnis,   echtes 
Verstaendnis   suggerieren,   dass   es   verschiedene   Ebenen   des 
Verstaendnisses   gibt,   tiefes   und   oberflaechliches,   gutes   und 
schlechtes – oder gar richtiges und falsches. 
85
Wie die Tiere
Wir bemuehen also Modelle. Das koennen Klischees, Stereotype, 
Vorurteile oder auch elaboriertere Konzepte wie die Spieltheorie 
oder andere soziologisch dominierte Rollenkonzepte sein. So wie 
wir gelernt haben, einzelne Begriffe und Zusammenhaenge auf 
Grund unserer Erfahrungen zu interpretieren, haben wir auch 
bestimmte Spiele und Rollen gelernt – ohne dass es uns weiter 
auffallen wuerde. 
Eric   Berne   beschreibt   eine   Reihe   solcher   Spiele   (die   schnell 
auch zwanghaft und zerstoererisch werden koennen) in seinen 
Arbeiten wie “Spiele der Erwachsenen”. Spielkonzepte sind stark 
sozialisierungsabhaengig   und   beziehen   sich   immer   auch   auf 
aeussere Rahmenbedingungen; sie funktionieren nicht  allein, 
sie sind von stabilen gesellschaftlichen Bedingungen abhaengig. 
Darin liegen ihre Staerke und ihre Schwaeche: Aenderungen in 
den Rahmenbedingungen lassen sie auseinanderbrechen, aber 
ihre starke Einbindung in bestehende Beziehungen sorgt dafuer, 
dass Spiele die Welt vorhersehbar machen: sie bringen Regeln, 
Ziele und oft auch einen zu erstrebenden Gewinn mit sich. 
Darin   liegt   auch   ihr   Bonus   fuer   die   (oft   unbewussten) 
Spielteilnehmer:   Spiele   sind   eine   Moeglichkeit,   Kontrolle 
auszuueben, richtig und falsch zu sanktionieren – und am Ende 
vielleicht einen Gewinn zu erzielen
Spiele bringen eine Reihe von Abhaengigkeiten auf den Plan, sie 
beschreiben. Sie zu erkennen hilft, die laufende Wiederholung 
der gleichen Szenen zu durchbrechen, der Ausgang, das neue 
Spiel, bleibt aber ungewiss. 
Spiele sind eine andere Form, Oberflaechen zu beschreiben, ein 
tolles   psychologisches   Konzept   –   nur   erlauben   sie   kaum 
kontrollierte   Intervention.   Das   Risiko   der   unkontrollierten 
Innovation kann nur dann in Kauf genommen werden, wenn es 
nicht um ein bestimmtes Ziel geht, wenn die Macht ausreicht, 
um allfaellige problematische Entwicklungen zu overrulen, oder 
wenn die Verzweiflung ausreicht, um alles in Kauf zu nehmen. 
86
Wie die Tiere
Die Kunst, den Faden nicht verlieren
Spiele   beschreiben   und   abstrahieren,   sie   verdichten   einige 
Merkmale von Verhaltensmustern, ruecken sie ins Zentrum und 
stellen sie auch in Bezug zu moeglichen Gruenden. Sie wirken 
als   Konzept   in   zwei   Richtungen:   Nach   innen,   durch   die 
Herstellung von Bezuegen und moegliche Begruendungen, und 
nach   aussen,   durch   die   Zusammenfassung   in   klaren 
Beschreibungen,   eine   leicht   spekulative   Ueberhoehung   des 
Beobachteten. 
Sie   erzeugen   Interpretation   und   Komplexitaet   anhand   von 
beobachteten Einzelheiten, sie liefern uns damit Anhaltspunkte. 
Spiele sind also bei der Erzeugung von Oberflaechen behilflich. 
Aehnliches   leisten   andere   interpretierende   Methoden.   Ist   es 
moeglich,   sich   mit   etwas   direkt   und   voraussetzungslos   zu 
beschaeftigen, es immer so zu nehmen, wie es ist? Das ist eine 
hohe Kunst; davor liegt oft der Versuch, das Thema “wirklich” 
zu   verstehen,   es   in   historischen   oder   argumentativen 
Zusammenhaengen zu sehen, es “zur Gaenze” zu erfassen. 
Die   Suche   nach   Bedeutung   am   Wort   ist   eine   Kunst   der 
Auslegung:   Der   woertliche   Sinn   erschliesst   sich   leicht,   aber 
warum bedeuten diese Zeichenketten etwas?
Wo zwischen Tinte und Papier liegt der Sinn? Und wie, wenn wir 
nicht mit dem Finger darauf zeigen koennen, wissen wir, ob wir 
vom gleichen reden?
Interpretation, Assoziation, Heuristik – als Methoden sind sie 
definiert   und   selbst   Gegenstand   von   Forschung   und 
Entwicklung. In der Anwendung vermischen sie sich oft.
Alle fuegen dem Wort, dem Ausgangsobjekt etwas hinzu. Sinn 
und Bedeutung entstehen zwischen den Zeilen, in historischen, 
sozialen, politischen Bezuegen. ­ Die wahre Kunst dabei ist es, 
den Faden nicht zu verlieren: Wo wollen wir hin, auf was wollen 
wir hinaus? 
87
Wie die Tiere
Das Ziel darf natuerlich nicht feststehen, sonst verkehren sich 
Forschung und Auslegung in Rhetorik und Manipulation. Etwas 
herauszufinden,   etwas   zu   verstehen,   bedeutet   nicht,   den 
Gespraechspartner   von   etwas   zu   ueberzeugen   oder   eine 
bestimmte   Ansicht   in   verschiedenen   Quellen   bestaetigt   zu 
sehen. 
Die   notwendige   Offenheit   –   verschiedene   Einwaende, 
Auslegungen,   Ansichten   zuzulassen,   zu   ueberpruefen   und 
weiterzuverarbeiten   –   ist   eine   sehr   herausfordernde   und 
anspruchsvolle Position. 
Wir muessen nicht nur flexibel, unvoreingenommen und wach 
genug   sein,   um   immer   wieder   neue   Ansichten   zulassen   zu 
koennen, wir brauchen auch den entsprechenden Horizont, um 
diese   Einwaende   einschaetzen,   beurteilen,   einordnen   zu 
koennen.   ­   Bedeutet   das,   wir   muessen   immer   schon   alles 
gewusst haben? 
Die Gegenfrage dazu: Koennen wir etwas verstehen, was wir 
nicht immer schon gewusst haben?
Das allgemeine Dilemma des Verstehens tritt hier eben auch 
wieder auf: Entweder wir assimilieren, wir zwaengen alles in die 
Grenzen   unseres   Horizonts   –   oder   wir   erweitern   unseren 
Horizont laufend, sodass wir schliesslich nie dazu kommen, uns 
mit dem zu beschaeftigen, womit wir uns beschaeftigen wollten, 
weil wir immer noch etwas anderes abklaeren muessen, um den 
neuen   Gedanken,   den   Einwand,   der   gerade   aufgetaucht   ist, 
richtig einordnen zu koennen. Selbst wenn wir es schaffen, in 
diesem Dauerloop der Reflexion den Faden nicht zu verlieren, 
wachsen wir dennoch nur in die Breite, kommen aber keinen 
Schritt weiter. 
Wir   sind   dann   keine   reflektierende   Oberflaeche,   die   leichte 
Wellen   schlaegt   wie   der   See   im   Mondlicht,   sondern   eine 
Muelldeponie mit Kapazitaets­ und Endlagerungsengpaessen.
Ein ueber 80jaehriger Bekannter ist ein Meister der Heuristik, 
der   aus   jedem   Einwurf,   jeder   Randerscheinung   neue 
88
Wie die Tiere
Perspektiven   zu   seinem   Thema   gewinnen   kann,   zu 
zwanzigminuetigen Exkursen abschweift, Versuche, ein anderes 
Thema auf den Tisch zu bringen, wieder als Anregungen zu 
ebensolchen Exkursen zu seinem Thema annimmt, und dabei 
nie   den   Faden   verliert.   Ebensowenig   kommt   er   zu   einem 
Ergebnis – allenfalls zu dem Schluss, dass er noch diese oder 
jenes lesen koennte, um sich wirklich eine Meinung bilden oder 
fundiert diskutieren zu koennen. ­ Er besucht seit ueber fuenzig 
Jahren Lehrveranstaltungen an der philosophischen Fakultaet 
und   wollte   grundsaetzlich   schon   einmal   studieren.   Er   hat 
allerdings nie auch nur eine schriftliche Arbeit abgeliefert – es 
gab   immer   noch   etwas,   das   vorher   noch   zu   lesen   oder   zu 
klaeren war. 
Heuristik,   auslegende   Methoden   decken   immer   neue   Spuren 
und   Anregungen   auf.   Genau   dadurch   verursachen   sie 
dramatische Laehmungserscheinungen: Wir wissen nun zwar 
genauer, wo wir sind, wir kommen aber nicht vorwaerts.
Das ist ein Luxus, den wir uns in zielorientierten Umgebungen 
schwer   leisten   koennen,   ebensowenig   wie   die   gelassene 
Unvoreingenommenheit.   ­   Manchmal   uebergehen   wir   lieber 
Information,   um  nicht  immer  neue   Optionen  zu   haben;   den 
Luxus, weiterzuueberlegen, zu recherchieren koennen sich nur 
Ferialpraktikanten   leisten   –   oder   Generaldirektoren,   fuer   die 
andere die Optionen ausarbeiten. 
Bei allem Wissen um die Probleme der Tiefen gelingt es uns 
trotzdem nur selten, sprechende Oberflaechen zu gestalten. Die 
Bewaeltigung einer derartigen Vielfalt von Oberflaechen, die wir 
zuhause,   draussen,   vermehrt   natuerlich   noch   in   moralisch 
vermitteltem Kontext erleben, erfordert Wege des Umgangs und 
der Aufnahme, die wir noch nicht haben. 
“The thing is like with a few weeks old baby! After 14­16 weeks 
the   proportional   amount   of   braincells   arrive   at   their   peak! 
89
Wie die Tiere
(10.000.000.000) After that it searches for inputs but still is 
(most of the time) overwhelmed. But still it has to cope with this 
information   overflow.   The   same   thing   is   happening   on   this 
planet and in this digi­age all this socalled "socialnetworksites" 
just have one big effect. They bind together the "braincells" of 
this living creature we (the cells;­) call "Earth". The information 
gets transparent and so potentially overdosed that a new way of 
data/infoanalysis   has   to   be   invented”,   umschrieb   eine 
Facebook­Bekanntschaft das Problem treffend, 
Ohne   Zielsetzung     oder   praktischen   Fortschritt   ist   es   auch 
schwierig,   gemeinsame   Regeln   zu   erkennen   oder   gar 
einzuhalten:   Einmal   mehr   stellt   sich   die   Frage   nach   der 
Entstehung von Sinn: Warum wirkt manches auf uns, warum 
anderes weniger? Ohne klare Beziehung zwischen Bezeichnetem 
und   Bezeichnendem   –   diese   Beziehung   gibt   es   nie   –   ist 
Kommunikation   Spekulation.   Die   fuer   den   Kollegen   klar 
definierten   Begriffe,   mit   denen   er   seine   Vision   beschreibt, 
bedeuten fuer mich etwas vollkommen anderes. Sie bedeuten 
genau genommen gar nichts, denn sie haben keine Bedeutung; 
Bedeutung ist keine Eigenschaft der Worte, Bedeutung entsteht 
bei der weiteren Ausarbeitung von Ideen, bei der Verknuepfung 
von   Worten   mit   anderen   Konstrukten,   denen   wir   bereits 
Bedeutung verliehen haben. 
Das passiert manchmal neu, manchmal folgt es Spielregeln oder 
Drehbuechern   –   das   ist   dann   Rhetorik.   Selten   ist   eine 
Argumentation, die direkt wirkt, mehr als Rhetorik; es bleiben 
immer nur Worte, die scheinbar in die Tiefe ruehrende Wirkung 
bleibt an der Oberflaeche.
Filmhelden, Vorstandsvorsitzende, mitreissende Innovatoren – 
wessen   Worte,   wenn   er   zu   ueberzeugen   versucht,   bedeuten 
wirklich etwas? Das bezieht sich auf den buchstaeblichen Sinn, 
nicht auf den moralischen. Machen die Worte Sinn?  
Gibt es Sinnvermittlung, Bedeutung jenseits der Rhetorik? 
90
Wie die Tiere
Rhetorik im Verdacht
Je   schoener   etwas   formuliert   ist,   in   knappen, 
bedeutungsschwangeren   Worten   –   desto  verdaechtiger   ist   es. 
Jede   Praesentation,   die   andaechtig   schweigendes   Zuhoeren 
erfordert   und   mit   Worten,   Klaengen,   Bildern   spielt,   steht 
grundsaetzlich im Verdacht, inhaltsleer zu sein. Schoen, aber 
unangemessen.   Denn   die   Praxis,   in   der   sich   Ideen, 
Geschaeftsmodelle,   Konzepte   bewaehren   muessen,   ist   weder 
andaechtig noch schweigend. 
Abstrahierte,   reduzierte   Information,   die   mit   Schlagworten 
auskommt, um Tiefe zu suggerieren, ist blanke Rhetorik. Sie 
erzeugt schoene, angenehme Bilder. Aufgrund ihrer Einfachheit, 
die   reale   Herausforderungen   uebergeht,   laesst   sie 
Zusammenhaenge   eindeutig   erscheinen,   und   sie   beantwortet 
keine Fragen.
CEOs auf dunklen Buehnen, minimalistische Praesentationen 
mit “inspirierenden” Tools, packende Bilder und Szenen – ist 
das alles nur Designerkram? 
Rhetorik   bedient   sich   ebenfalls   der   Wirksamkeit   von 
Oberflaechen   –   es   wird   eine   eigene,   neue   Oberflaeche 
geschaffen.   Im   Gegensatz   zu   den   Oberflaechen,   die   wir 
beobachten   und   beruehren   koennen,   steht   die   rhetorische 
Oberflaeche kaum mit etwas real in Verbindung. 
Sie beschaeftigt sich mit sich selbst und loest fallweise in den 
Zuhoerern Assoziationen und Vorstellungen aus – ohne diese zu 
thematisieren   oder   naeher   betrachten   zu   koennen.   Rhetorik 
funktioniert   vor   dem   Hintergrund   der   Annahme,   dass   die 
gleichen Reize bei allen Menschen gleich wirken. Das gilt in 
weiten Bereichen dort, wo die grundlegenden Beduerfnisse und 
Instinke beruehrt werden; bei etwas abstrakterer Begrifflichkeit 
und weniger direkt ueberlebensrelevanten Inhalten laufen die 
Vorstellungen allerdings dramatisch auseinander. Nicht nur die 
Vorstellungen sind unterschiedlich, es gibt auch immer noch 
den  substantiellen  Unterschied,  die  Frage, ob  das,  was  dem 
91
Wie die Tiere
einen   wichtig   ist,   im   anderen   ueberhaupt   etwas   ausloest. 
Sicherheit, Schnelligkeit, Genauigkeit – die Prioritaeten koennen 
zahlreich und verschieden sein.  
Ideen, Innovationen vorzustellen und durchzusetzen, kann auf 
der Basis von Ueberzeugung und Einverstaendnis geschehen – 
oder eben auf der Basis von Macht. Wir sind bereit, uns mit 
einer Idee auseinanderzusetzen, weil sie uns betrifft, beruehrt, 
wir einen Zusammenhang zu unserem Leben erkennen – oder 
weil der Sprecher prominent, maechtig, attraktiv ist, Einfluss 
auf uns haben kann. 
Wie praesentiert ein nur fuer kleine Bereiche verantwortlicher 
Mitarbeiter Inhalte, wie geht dabei ein Unit­Leiter oder Vice­
President vor? Beiden begegnet bald der Einwurf “Was habe ich 
davon?”, “Was heisst das konkret?” ­ dem einen frueher, dem 
anderen spaeter (und vielleicht auch nur hinter vorgehaltener 
Hand).
Die   Grade   der   Praezision,   der   Ausarbeitung   einer   Idee   sind 
hoechst unterschiedlich. Dem einen zuliebe beschaeftigt man 
sich   auch   mit   atmosphaerischen   Ideen,   hingeworfenen 
Konzepten,   der   andere   muss   mit   praktischen   Beispielen 
ueberzeugen,   mit   Anwendbarkeit,   Machbarkeit   und   einer 
Kosten­Nutzen­Darstellung   –   er   muss   die   im   groben 
mitschwingende Idee in Beispielen messbar und berechenbar 
an die Oberflaeche bringen. Und paradoxerweise dadurch – wir 
im   Fall   von   Businesscases   deutlich   zu   sehen   – 
Glaubensentscheidungen herbeifuehren. 
Setzbare   naechste   Schritte,   konkrete   Massnahmen   und 
verstaendliche nachvollziehbare Handlungen, die sich in eine 
konkret   anwendbare   Realitaet   einfuegen   und   von   dort   aus 
verstaendlich sind, sehen mager aus im Vergleich zu kuehl und 
knapp formulierter Rhetorik – mit der man sich erst naeher 
beschaeftigen muesste, um zu verstehen, was sie bedeutet oder 
dass   sie   –   so   wie   sie   hier   vor   uns   steht,   ohne   detaillierte 
Bezuege,   angreifbare   Massnahmen   und   beruehrbare 
Oberflaechen – so einmal gar nichts bedeutet. 
92
Wie die Tiere
Wenn Rhetorik nichts bedeutet, wo kann Bedeutung entstehen, 
wo   entsteht   der   Unterschied,   der   einen   Sinn   macht?   Der 
Unterschied muss deutlich angesprochen und erklaert werden – 
an die Oberflaeche gebracht werden. Alles andere bedeutet, nur 
Hinweise zu geben und den Rest anderen zu ueberlassen. 
Das daraus resultierende Risiko ist eine Frage der aktuellen 
Machtverhaeltnisse:   Wer   kann   es   sich   leisten,   anderen   die 
Detaildefinitionen zu ueberlassen – weil er sie ohnehin spaeter 
overrult?   Und   wer   ist   umgekehrt   der   Interpretation   anderer 
ausgeliefert, weil er seine Ideen nicht zu Ende formulieren kann 
oder   weil   er   mit   einem   Detail   beginnen   muss,   um   die 
Plausibilitaet   des   Konzepts   zu   definieren,   und   dann   keine 
Gelegenheit mehr hat, den Bogen zu einem Ende zu bringen? 
Dinge unverbindlich zu lassen, birgt Risiken; Exitstrategien, die 
in letzter Sekunde umdefinieren, sind nur aus einer Position der 
Staerke moeglich. Alle anderen Positionen erlangen nur dann 
ein Mass an Staerke, wenn sie klar und zielgerichtet alles auf 
den Tisch bringen, was zum Verstaendnis notwendig ist. Nichts 
ist   aergerlicher,   als   der   nachtraegliche   Gedanke,   es   haette 
vielleicht doch noch funktionieren koennen, wenn dieses oder 
jenes Detail offensichtlich und verstaendlich geworden waere. ­ 
Effiziente   Oberflaechengestaltung   mit   allen   notwendigen 
Facetten,   Oberflaechen,   die   Tiefe   ersetzen   und   Spekulation 
vermeiden, sind das erstrebenswerte Ziel.
Gute Gedanken ausdruecken:
mashup
Schwanken   zwischen   kleinen,   bewaeltigbaren   Schritten, 
prakisch anwendbaren Beispielen auf der einen Seite, grossen 
bedeutungsvollen Zusammenhaenge auf der anderen Seite, ist 
eine alltaegliche Herausforderung. Eine Idee, ein  Produkt ist 
nur dann einen weiteren Gedanken wert, wenn es beide Seiten 
abdecken   kann.   Entschieden   wird   anhand   oberflaechlicher 
93
Wie die Tiere
Merkmale ueber Glaubensfragen. 
“Es   kann   ein   Leben   brauchen,   um   zu   verstehen,   und   ein 
weiteres   Leben,   um   das   Verstaendnis   auszudruecken”   mit 
diesen Worten beschreibt der mittelalterliche Zen­Lehrer Dogen 
Zenji die Entstehung seines Lehrwerks Shobogenzo. 
Kein Gedanke wird seinem Potential in linearer Argumentation 
gerecht. Das Diktat der Kuerze und Einfachheit ist ein Mittel, 
um   Konfrontationen   zu   vermeiden   und   Fakten   in   Rhetorik 
auszulagern.   Wer   nichts   zu   Ende   bringt,   muss   auch   nichts 
vertreten.   Wer   auf   Grund   der   gebotenen   Kuerze   nicht   alle 
Details vorgelegt bekommt, braucht nichts zu entscheiden. Und 
wer   bei   seiner   Entscheidung   nicht   alle   Details   kannte   oder 
kennen konnte, kann fuer seine Entscheidung nicht in vollem 
Ausmass verantwortlich gemacht werden. ­ Und wer zu viele 
Details   vorgesetzt   bekommt,   kann   sich   ebenfalls   vor 
Konsequenzen und Entscheidungen druecken: Man moege sich 
doch auf das Wesentliche konzentrieren und wiederkommen, 
wenn klar ist, was das sei. 
Wozu   gibt   es   Buecher,   wenn   das   Diktat   der   Kuerze   und 
Einfachheit   so   einfach   erfuellbar   waere?   Warum   entstehen 
Medien  wie  das Internet, deren  zahlreiche  Verflechtungen  in 
den   aktuellen   Entwicklungen   nocheinmal   potenzieren,   die 
schliesslich   nur   noch   aus   Beziehungen   und   Verweisen 
bestehen? Und kann deren Erfolg damit zu tun haben, dass sie 
geeignete   Mittel   sind,   Beschreibungen   unserer   aktuellen 
Realitaet zu dokumentieren? 
Um   eine   Entscheidung   herbeizufuehren,   haben   wir   oft   nur 
wenige Minuten Zeit. Minuten, in die die Arbeit von mehreren 
Monaten verpackt werden soll. 
Wir brauchen einen Anfang, um unser Gegenueber mit uns zu 
ziehen, eine gut sichtbare Oberflaeche, die sich in Verbindung 
mit anderen Oberflaechen bringen laesst und Ausgangspunkt 
fuer weiteres sein kann. Das ist Rhetorik. Dahinter brauchen 
wir   mehr,   es   muss   zumindest   fuer   uns   alles   geregelt   und 
94
Wie die Tiere
geklaert sein – damit wir in der Diskussion jederzeit weiteres an 
die Oberflaeche bringen koennen.
Gegensaetze und Abgrenzungen zu betonen, der Versuch, den 
eigenen   Standpunkt   besser   herauszuschaelen   fuehrt   oft   zu 
Formulierungen wie “Ich verstehe ja nichts von Technik, aber...”, 
“Zahlen sind nicht meins, aber... “. Ziel dieser Einwuerfe ist es, 
paradoxe,   kreative,   unvorbelastete   Vorschlaege   einzubringen, 
neue Perspektiven zur Diskussion zu stellen.
Praktisch   bedeuten   sie   aber   oft   den   Versuch,   irgendetwas 
Anderes,   im   Horizont   des   Sprechers   gerade   Wichtiges,   zur 
Diskussion zu stellen – unabhaengig davon, worueber oder mit 
wem gerade gesprochen wird. ­ Oder den Versuch ueber alle 
sinnvollen Kompetenzgrenzen hinaus mitreden zu wollen. 
Bezuege  auszuschliessen,   zu   ignorieren,   muss   ausdruecklich 
passieren.   Durch   die   Gestaltung   und   Praesentation   von 
Oberflaechen,   die   ueber   Rhetorik   hinausgehen,   wird   klar 
festgelegt, worueber geredet wird. Ebenso klar muss festgelegt 
werden, worueber nicht geredet wird – und was das ist. Etwas 
nicht zu verstehen, reicht nicht als Ausschlussgrund.  
Bezuege sind grundsaetzlich immer da – ueber die Oberflaeche 
hinaus, zwischen  Oberflaechen, darunter. Die Reduktion  auf 
ein Blatt Papier, auf eine Zwei­Minuten­Praesentation, auf drei 
praegnante unterschriftsreife Saetze, funktioniert nur auf dieser 
Basis: Es schwingt immer viel mehr mit. Viele unterschiedliche 
Quellen tragen dazu bei, diesem einen Satz seine Bedeutung zu 
geben. 
Reduktion auf weniges bedeutet also nicht Einfachheit, sondern 
im   Gegenteil   die   Erhoehung   von   Komplexitaet.   Bezuege   und 
Voraussetzungen werden nicht ausgesprochen oder sind nur als 
kurze   Quellenangaben   sichtbar.   Zielsetzungen,   persoenliche 
Interessen, empirische Fakten, ein oder zwei wissenschaftliche 
oder   durch   Studien   belegbare   Indikatoren,   moeglichst 
quantifizierbar   –   mehr     vertraegt   keine 
Entscheidungsgrundlage,   kein   Antragspapier,   das 
95
Wie die Tiere
Vorstandsrunden zu Grunde gelegt wird. Im Idealfalll stellt das 
die Synthese mehrerer Monate Arbeit dar,   im weniger guten 
Fall die schnell zusammengestellte Notloesung, weil die echten 
Gedanken einfach nicht ins Bild passen wollten. 
Anwendungen oder Medien, die aus Funktionsteilen oder Daten 
vieler   anderer   Anwendungen   oder   Medien   zusammengesetzt 
sind, werden im Online­Bereich als Mashup bezeichnet. Deren 
Nutzung funktioniert manchmal reibungslos, manchmal ist die 
Kenntnis der zugrundeliegenden Funktionen notwendig, um die 
Anwendungen tatsaechlich bedienen und nutzen zu koennen. 
Unterschiedliche   Wissensstaende   in   Bereichen,   die   so 
manchmal   gar   nichts   mit   dem   zu   tun   haben,   was   gerade 
verstanden   werden   soll   –   weil   die   Einschraenkung   aus 
Applikation   X   noch   nicht   behoben   ist,   funktioniert   auch 
Mashup  Y  nur  mit  dieser  Einschraenkung,  obwohl  das  dort 
nicht  mehr  nachvollziehbar ist –  haben  so mitunter  grossen 
Einfluss.
Dieser Einfluss betrifft die Faehigkeit, zu verstehen, aber auch 
den Eindruck, den der Verstehende von seiner Gewandtheit, 
Bewandertheit auf diesem Gebiet vermittelt. ­ Niemand sieht 
gern   ueber   eingeschlossene   Probleme,   nicht   erwaehnte 
Voraussetzungen   hinweg,   wenn   es   um   Entscheidungen   geht, 
wenige fragen gern alles nach, und wenige werden gern nach 
allem   gefragt,   was   sie   in   wenige,   bedeutungsvolle   Saetze 
verpacken wollten. 
Dieses Dilemma, das am Beispiel von Entscheidungsgrundlagen 
oder Senior Management­Praesentationen sehr deutlich zu Tage 
tritt,   ist   eine   treffende   Beschreibung   des   Primats   der 
Oberflaeche.
Oberflaeche bedeutet hier: Es ist einfach. Es ist alles, was da 
ist. Es ist konstruiert; Oberflaechen sind von uns erstellte und 
polierte Ansichten. Sie koennen auch dann noch poliert sein, 
wenn unterschiedliche Quellen, wechselnde Bezugsrahmen und 
96
Wie die Tiere
diverse Interpretationen die Vielfalt von Sinn und Bedeutung 
ins Chaos potenzieren. 
Eine  Folge daraus: Es kann  viele verschiedene  Oberflaechen 
geben. Oberflaechen, die das gleiche bedeuten. Oberflaechen 
stehen nebeneinander, beruehren einander – und koennen sich 
auch gut vertragen, wenn sie einander widersprechen.
Sie folgen gemeinsamen Regeln – damit ist Auseinandersetzung 
moeglich,   und   durch   die   Wahrnehmung   von   Differenzen 
entsteht  die  Chance auf  Verstaendigung, das heisst  auf den 
Abgleich oder die Herstellung von Beziehungen zwischen diesen 
Differenzen. 
Wir   muessen   auch   nicht   immer   reden,   um   zu   verstehen. 
Verstaendigungsorientierter   steht   die   explorative 
Kommunikation   gegenueber:   Etwas   wird   gerade   erste 
beschrieben, definiert. Ein Gedanke entsteht in dem Moment, in 
dem geredet wird.
Fuer   alles   andere   gibt   es   schliesslich   auch   noch   Sales­
Abteilungen. 
Dissens   ist   Effizienz.   Klar   dargelegte   Unterschiede   machen 
schneller deutlich, worueber man wirklich reden muss. 
Wir muessen trotzdem miteinander
reden
Wir muessen trotz allem so tun, als koennten wir miteinander 
reden, als wuerden wir einander schaetzen. 
Bis jetzt haben wir viel Zeit damit verbracht, darzulegen, warum 
manche   Dinge   ncht   funktionieren,   wie   wir   so   oft   ins   Leere 
greifen,   wo   es   warum   keine   Verstaendigung   gibt   und   wie 
97
Wie die Tiere
scheinbar funktionierende Ablaeufe dennoch nur leer rotieren.
Harmlose   Worte   entpuppen   sich   zu   Attacken   gegen 
unsere Vorstellungen und Werte.
Wohlwollende   Neugierde   wird   zu   fahrlaessiger 
Spekulation. 
Praezision,   Vereinfachung   wird   zu   ueberkomplexer 
Undeutlichkeit. 
Und etwas funktioniert dennoch immer wieder; entgegen 
all dem haben wir trotzdem immer wieder das Gefuehl, 
zu verstehen. Wir muessen einander das Gefuehl geben, 
dass   wir   einander   verstehen   und   einander,   unsere 
Produkte, schaetzen. Dafuer haben wir mitunter Regeln, 
die mitunter auch funktionieren. Das nennen wir Arbeit, 
Wirtschaft, Berufsleben. 
Wir glauben grundsaetzlich nicht wirklich an die Regeln, die wir 
uns auferlegt haben, an die Werte, die wir als fuer beide Seiten 
gueltig   in   die   Mitte   zwischen   uns   stellen   koennen.   Die 
Verkleidung von etwas, das wir sind, in etwas, das bezahlt wird, 
findet jeden Morgen statt. Das hat wenig mit Individualitaet zu 
tun,   noch   weniger   mit   Unterdrueckung,   Verstellung   oder 
Angepasstheit.   Es   ist   schlicht   eine   Tatsache,   dass   unser 
Befinden   niemanden   interessiert   und   auch   nicht   zu 
interessieren braucht, ebenso wie es eine Tatsache ist, dass wir 
mit uns selbst nicht in ganzen Saetzen reden. ­ Es gibt einen 
Unterschied zwischen dem, was wir darstellen und dem, was 
wir sind, wenn keiner hinsieht. 
Die letzten Punkte sind offen und immer nur die vorletzten, es 
gibt Unsicherheiten und Brueche, die wir wahrnehmen, wenn 
wir auch nur eine Sekunde zuruecktreten und hinter unsere 
oeffentlichen   Beziehungen   schauen.   Es   gibt   diese 
unbeantwortbaren Fragen nach dem Wirklichen, Echten, dem 
Dahinterliegenden – wonach fragen wir dabei?
Gudo   Nishijima,   der   zeitgenoessische   Exeget   des 
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Wie die Tiere
mittelalterlichen   Zen­Philosophen   Dogen   Zenji,   hat   zur 
Interpretations   von   Dogens   Philosophie   voll   im   Text 
mitschwingender   und   auch   ausdruecklicher   Widersprueche, 
voll   unbeantworteter   und   sich   den   Antworten   entziehender 
Fragen die SOAR­Argumentation entwickelt. 
SOAR steht fuer Subjekt, Objekt, Aktion und Realitaet und wird 
auch   als   Philosophie   der   drei   Philosophien   und   der   einen 
Realitaet   bezeichnet.   Subjekt   und   Objekt   steht   fuer 
Subjektivismus   ud   Objektivismus,   Idealismus   und 
Materialismus, Rationalismus und Empirismus – fuer logische, 
einander   ebenfalls   schon   oft   widersprechende   und   gut 
gegruendete Philosophien. S und O sind jene Bereiche, ueber 
die wir reden koennen. Hier koennen wir endlos argumentieren, 
ohne   einander   zu   begegen,   Streiten   ohne   Beruehrung   und 
intensiv ohne Aussicht auf Fortschriftt arbeiten. 
A,   Aktion,   ist   das,   was   in   der   Zwischenzeit   passiert.   Dinge 
passieren einfach, wir machen etwas, wir gehen mit Dingen um, 
halten   sie   unserem   Gegenueber   hin,   bekommen   etwas, 
beruehren etwas, veraendern etwas. Jeder tut etwas, jeder sieht 
seine   Handlungen   anders.   Wir   koennen   also   etwas   tun,   wir 
wissen, dass etwas passiert, aber wissen wir, was es bedeutet, 
warum es passsiert? Brauchen wir das zu wissen? 
Dinge geschehen auch, ohne dass wir es wissen, wollen oder 
verstehen,   wir   sind   fuer   das,   was   wir   gern   als   Wahrheit 
annehmen wuerden, voellig irrelevant. Das ist die Realitaet (R). 
Wir   spielen   die   geringste   Rolle,   koennen   uns   allenfalls   im 
Diskurs als Subjekt in Bezug auf Objekte wieder einbringen. 
Das tut aber nur wenig zur Sache. 
Was wir lernen koennen, ist uns unserer Distanz zu unserem 
Gegenstand bewusst zu werden.  
99
Wie die Tiere
Muster als Kommunikationsstrategie
– pragmatische Allegorien
Ein Grund, warum trotzdem immer irgendetwas funktioniert, ist 
die   Tatsache,   dass   immer   irgendetwas   funktioniert   hat.   Die 
Macht   der   Gewohnheit,   der   Hang   zum   Durchschnittlichen, 
koennen   viele   Herausforderungen   problemlos   loesen,   viele 
Brueche problemlos uebergehen. 
Innovation, Veraenderung, Lernen sind Werte, zu denen wir uns 
problemlos   ohne   Einschraenkungen   bekennen   koennen. 
Dahinter steckt meist der Wunsch nach Vereinfachung, oder 
auch nach gesteigertem Nutzen. Vereinfachung kann bedeuten, 
den Trend zum Durchschnittlichen auszuleben. Diesem Prinzip 
folgen   kommerzielle   Produktentwicklungsstrategien   und   ein 
Grossteil der Entscheidungsprozesse in Management: Wie rund 
muss eine Idee geschliffen werden, bis alle Einwaende an ihr 
abprallen, wie weit muss sie dem aehneln, was wir kennen, was 
schon einmal funktioniert hat, wie weit muss sie eingedampft 
werden,   um   sich   dann   –   nach   einer   Absegnung   ­   wieder 
entfalten zu koennen?
Das haben wir schon ein paar Mal beruehrt: 
Innovation   durch   Bekanntes   zu   erklaeren   bedeutet 
Reduktion.
Konsens stellt einen Gewaltakt dar. 
Neues   zu   verstehen   bedeutet,   in   unserem   Horizont 
Begriffe   aus   anderen   Horizonten   zu   erfassen   –   dabei 
besteht immer die Gefahr, unseren Horizont weder zu 
verlassen   noch zu erweitern,  sondern Begriffe einfach 
einzuverleiben. 
Vereinfachung   kann   auch   bedeuten,   Dinge,   Begriffe,   Ideen, 
(unsere   Vorstellung   von)   Menschen   in   kleine,   wahrnehmbar, 
bewaeltigbare  Brocken  zu  zerlegen, sodass  wir  daraus  etwas 
100
Wie die Tiere
aufbauen koennen. 
Praktisch tun wir das laufend. Es bleibt offen,  ob  wir diese 
Brocken   als   Bausteine   benutzen   oder   als   Schubladen,   als 
Treppen oder als Ideengrab. 
Wir koennen nur bewaeltigen, was wir bewaeltigen koennen, 
entscheiden, was wir entscheiden koennen – aber wir haben 
immer eine Wahl. Der Spielraum mag noch so klein sein; die 
Menge an kleinen Spielraeumen schafft aber Potential.
Wovon rede ich hier? Kleine Gegensaetze machen deutlich, dass 
wir nicht die anderen sind. Wir sehen Dinge unterschiedlich, 
bewerten sie unterschiedlich, sehen manchmal gar nicht, was 
der andere sieht. In solchen Faellen lassen wir uns gern zu 
Spekulation  hinreissen,   wir  fabulieren  ueber  das   Fremde,   je 
weniger wir wissen, desto unbeschwerter sind wir.
Und desto weiter entfernen wir uns von dem, was Sache sein 
koennte.   ­   Es   ist   im   Gegenteil   immens   wichtig,   an   der 
Oberflaeche zu bleiben, diese Entscheidung gezielt zu treffen. 
Das  verkuerzt  die Distanz  zu   unserem Gegenstand  vielleicht 
nicht,   es   haelt   sie   aber   zumindest   konstant.   Mit   der 
Konzentration   auf   das   was   wir   sehen,   hoeren   und 
nachvollziehen koennen, schaffen wir uns einen Baukasten, der 
uns an die Realitaet heranfuehren kann. 
Entscheidungsoptionen
“Wie sollen wir das bloss machen?”, fragt der Kollege. “Ich habe 
keine Ahnung, wie ich das loesen soll”. Aus unserer Perspektive 
sitzt er – bereit zu verhungern – vor vollen Schuesseln. 
Abhaengig von Erfahrungen, Interessen, manchmal auch von 
persoenlichen Eigenschaften wie Kreativitaet oder Wendigkeit, 
sehen manche eine Vielfalt an Optionen, wo es fuer andere nur 
eine undefinierbare Masse gibt, ein planloses Durcheinander. 
Was fuer den einen einleuchtend ist, ist fuer den anderen noch 
101
Wie die Tiere
lange keine moegliche Variante – sie existiert nicht einmal fuer 
ihn.
Wir halten es fuer naives Verhalten, zu glauben, dass das, was 
wir nicht sehen, nicht existiert. Praktisch aendert sich daran 
aber   unser   Leben   lang   nichts:   Wir   sehen   diese   oder   jene 
Variante nicht, also existiert sie fuer uns nicht. Wir brauchen 
jemanden, der uns die Augen oeffnet und damit gleich mehrfach 
unseren Horizont erweitert. 
Einmal mehr ist die relevante Frage die, was wir aus unserem 
aktuellen Infomationsstand machen: Ist er eine Ausgangsbasis, 
um Schritt fuer Schritt mehr unspektakulaere kleine Bausteine 
zu   sammeln   (und   moeglicherweise   aus   Sorge,   das   grosse 
Gesamtbild nicht  zu erfassen,  nie  zu einem Ende kommen), 
oder ist es ein aktueller Zustand, der uns zu Spekulation und 
Schlussfolgerungen verleitet?
Bis jetzt haben wir mehrere Male gefragt, wie wir Innovation 
erkennen koennen. Wir gehen davon aus, dass Ideen, Produkte, 
Plaene   existieren,   die   uns   neues   und   Mehrwert   bringen 
koennen. Wir wollen sie erkennen und verstehen, zuallererst 
natuerlich erkennen, dass sie ueberhaupt existieren. 
Wie verhaelt es sich andersherum? Wie erkennen wir, was (dem 
anderen) fehlt, um unsere Idee zu verstehen? Wie unterscheiden 
wir, ob es sich um ein Problem unserer Idee handelt oder um 
ein Verstaendnisproblem, dass weder in uns noch im anderen 
oder   in   der   Idee   angesiedelt   ist,   sondern   im   Leerraum 
dazwischen? 
102
Wie die Tiere
Perspektiven wechseln
Die Faehigkeit, Perspektiven wechseln zu koennen, ist eine sehr 
wichtige Kompetenz in Kommunikation und Argumentation. 
Unsere erste Reaktion dazu ist oft: “Klar. Das kann ich gut. Ich 
verstehe schon, was der andere will...” ­ Damit sind wir genau 
wieder bei dem Problem, mit dem wir begonnen haben: “Ich 
verstehe schon” als jede Basis fuer Verstaendigung erstickender 
Einstieg   in   die   Konversation,   als   abruptes   Ende   jeder 
Auseinandersetzung, bei der Standpunkte einander beruehren 
koennten. 
Was koennen wir dem entgegenhalten? 
Auch hier gilt: Die Reduktion auf das, was ist, ist der erste 
Schritt   zu   den   Tatsachen.   Wenn   wir     uns   fragen,   was   von 
unseren   Ausfuehrungen   beim   anderen   angekommen   sein 
koennte,   sollten   wir   uns   zuallererst   fragen,   was   wir   genau 
gesagt haben. Welche Worte haben wir verwendet, in welchen 
Zusammenhang haben wir sie gestellt? Was bedeuten unsere 
Worte   ohne   Hintergruende   und   Bezuege,   wo   schwingen   in 
unseren   Worten   ungewollte  Toene   mit?   ­   Auch   das   ist  noch 
immer abhaenging vom Empfaenger (genauer: von unserem Bild 
des Empfaengers). Der Vorteil ist, dass uns dieser Zugang zu 
einer   Bestandsaufnahme   zwingt,   zur   Ueberpruefung   unsere 
eigenen Argumente und Standpunkte. 
Umgekehrt   bedeutet   das   auch   fuer   unser   Verstaendnis   von 
dem, was andere sagen: Was haben  sie wirklich gesagt, mit 
welchen   Worten?   Wo   meinen   wir,   einen   Unterton 
herauszuhoeren und wie klingt es, wenn wir diesen weglassen? 
Auch   dadurch   werden   wir   es   nicht   schaffen,   unsere 
Unterhaltungen auf rationale Beine zu stellen und Vorurteile, 
voreilige Schluesse zu vermeideen. Was wir dennoch gewinnen, 
ist   die   Nachvollziehbarkeit   der   Unterhaltung:   Es   zaehlt,   was 
sichtbar geworden ist; dass etwas gesagt wurde, ist ein Faktum, 
das   sich   vergleichsweise   leicht   dokumentieren   laesst.  
103
Wie die Tiere
Wir schaffen die Reduktion auf kleine, kontrollierbare Schritte, 
die   wir  jederzeit  absichern   koennen.   Dialog,   sagen   auch  die 
moralisch   dominierten   Stroemungen   der   existentiellen 
Philosophie,   ist   nur   moeglich,   wenn   der   Standpunkt   des 
anderen   anerkannt   wird.   Das   bezieht   sich   auf   die   formale 
Richtigkeit.
Bevor nicht geklaert ist, dass wir den Standpunkt um diesen 
Schritt teilen, sollten wir nicht weiter gehen. ­ So entsteht auch 
die   Moeglichkeit,   Perspektiven   zu   wechseln:   Anstatt   uns   zu 
fragen, was der andere gehoert hat (Spekulation), fragen wir 
uns,   was  wir  gesagt  haben  (Dokumentation)   –  und   was  der 
andere darauf geantwortet hat. War es ueberhaupt eine Antwort 
– das ist eine andere Frage, die wir klaeren muessen. Sobald es 
hier Zweifel gibt, sollten wir an den Start zurueck. 
Der   Ungewissheit   koennen   wir   uns   immer   sicher   sein;   das 
Vorgehen   in   kleinen   dokumentierbaren   Schritten,   die   beiden 
Seiten darueber Klarheit geben, was gerade passiert, ist einer 
der besten Wege, damit umzugehen. Es muss nicht hinter jedem 
Wort die gesamte Bedeutung thematisiert werden. Oft steckt sie 
wohl dahinter oder liesse sich daraus ableiten – das soll aber 
nicht   vorausgesetzt   werden,   das   kann   nicht   das   Ziel   jeder 
Unterhaltung sein. 
Wichtig ist, dass die aktuellen Themen klar und fuer beide Seite 
verstaendlich sind; dass es gemeinsame Oberflaechen gibt, auf 
die man sich einigen kann. ­ Auch Tiere werden nur darauf 
trainiert, Uebungen oder Kunststuecke Schritt fuer Schritt zu 
vollfuehren:   Sie   brauchen     keine   Beziehung   zum   grossen 
Ganzen, sie brauchen keinen Uebersichtsplan – im Gegeneil, sie 
sollen das nicht haben, um nicht in Versuchung zu kommen, 
naechste   Uebungsschritte   vorwegzunehmen   und   dadurch 
Fehler zu machen oder nicht mehr genau auf ihren Trainer zu 
hoeren. Die Phase, in der sich Muster von Uebeungsablaeufen 
bei   Tieren   einpraegen   –   etwa   der   Ablauf   eines   Bewerbs   bei 
einem Sportpferd, oder die einzelnen Schritte einer Pruefung 
beim   ausgebildeten   Hund   –   ist   eine   der   schwierigsten.   Die 
104
Wie die Tiere
einzelnen Hilfen muessen klar abgegrenzt und deutlich sein, 
was enthalten sie, wo beginnt der naechste Uebungsschritt. Sie 
muessen unabhaengig voneinander trainiert werden koennen, 
ihre Reihenfolge muss veraenderbar sein koennen. Es darf kein 
bestimmendes Ziel geben; jeder Uebungsschritt muss fuer sich 
allein und in Kombination mit anderen existieren koennen. Ein 
Begleithund,   der   vor   lauter   Begeisterung   ueber   eine 
Apportieruebung   am   Pruefungsende   den   gesamten 
Pruefungsverlauf   ueber   unaufmerksam   ist,   nicht   wirklich 
praesent, sondern eben schon ein paar Schritte weiter ist, ist 
unbrauchbar.   Zufallstreffer   sind   moeglich,   solange   nichts 
Unerwartetes passiert, sind die Ergebnisse vielleicht gut. Eine 
kleine Planaenderung kann aber bereits deutlich machen, dass 
hier   nicht   miteinander,   sondern   allenfalls   nebeneinander 
gearbeitet wird. Der Hund erklaert uns in diesem Fall genau so: 
“Ich versteh' schon.”
Die Parallele zu einem Tier mag uns uebel aufstossen. Hier wird 
aber   kein   Herrschafts­,   Abhaengigkeits­   oder 
Manipulationsverhaeltnis   beschrieben,   sondern   ein 
Kommunikationsproblem: Am Beispiel des Hundes faellt es uns 
leichter,   zu   verstehen,   wie   notwendig   das   Zerlegen   in   kleine 
Schritte ist. Und es faellt uns leichter, einzusehen, dass die 
Antworten,   die   wir   bekommen,   keineswegs   immer   eindeutig 
sind;   wir   muessen   also   einmal   mehr   Voraussetzungen 
abklaeren. 
Tatsaechlich   sind   die   Antworten,   die   wir   in   einer   formellen 
Situation   –   etwa   einem   Mitarbeitergespraech   oder   einer 
Beratungs­ oder Verkaufssituation – bekommen, oft intensiv zu 
hinterfragen.   Was   heisst   das,   welche   Worte   haben   wir   hier 
wirklich gehoert? Moechte unser Gegenueber besonders schoen 
sprechen? Moechte er einen Tonfall treffen, von dem er glaubt, 
dass er es uns anspricht? Spricht er immer so? 
Ohne   Vergleichswerte   koennen   wir   das   nicht   beantworten; 
Beobachtung ist eine der wichtigsten Techniken, wenn wir uns 
an Oberflaechen halten wollen.
105
Wie die Tiere
Welches Ziel koennen wir uns dabei setzen? Koennen wie hier, 
ueber die  Zerlegung  in  kleine  Schritte dazu   ansetzen,  etwas 
oder jemanden “wirklich” zu verstehen? Der Anspruch haengt 
von unserem Ziel ab: Wollen wir etwas erforschen oder wollen 
wir etwas erreichen, durchsetzen? 
Ich gehe davon aus, dass wir etwas erreichen wollen. Wir wollen 
den  anderen  von  etwas ueberzeugen oder zu  etwas bringen, 
oder,   neutraler,   wir   wollen   Klarheit   ueber   die   verfuegbaren 
Optionen herstellen. 
Ausgangspunkt war die Frage, wie wir Perspektiven wechseln 
koennen.   Der   Perspektivenwechsel   dient   dazu,   Standpunkte 
nachvollziehen zu koennen, oder nachzuvollziehen, warum fuer 
den einen augenfaellige Optionen fuer den anderen vorerst gar 
nicht existieren. 
Durch   die   Reduktion   auf   kleine   Schritte   gewinnen   wir   die 
Moeglichkeit,  jede Veraenderung erneut  zu  bewerten  und  zu 
ueberpruefen, sie mit einfachen Worten zu diskutieren und erst 
weiterzugehen, wenn der Boden als gesichert gelten kann. 
Auf diese Art sammeln wir Bausteine, die wir weiter tuermen 
koennen. 
Was brauchen wir noch? 
Allegorien als ein Mittel, Distanz
herzustellen – und das befreit
Distanz ist heilsam. Sie eroeffnet Flexibilitaet; Distanz zu bisher 
Gewohntem   eroeffnet   neue   Blickwinkel.   Wenn   wir   Abstand 
herstellen koennen, sehen wir mehr.
Zu den Gefahren, die durch Distanz entstehen, gehoert etwa 
Sorglosigkeit:   Was  wir   uns   kreativ­spekulativ   ueber   Fremdes 
zusammenreimen   moegen,   wird   in   den   seltensten   Faellen 
stimmen.   Oft   benutzen   wir   Distanz   und   die   Fremdheit,   die 
106
Wie die Tiere
dadurch entsteht, um ueber fehlendes Wissen hinwegzuhelfen: 
Wir wissen etwas nicht – das finden wir aber halb so schlimm; 
wenn   nur   der   Abstand   gross   genug   ist,   koennen   wir   mit 
ruhigem Gewissen irgendetwas annehmen. 
Solange die Wahrscheinlichkeit, dass diese Annahmen auf den 
Pruefstand   kommen,   gering   ist,   bereitet   uns   das   kein 
Kopfzerbrechen.   Sobald   wir   etwas   erreichen   wollen,   auf 
Reaktionen   unseres   Spekulationsobjekts   angewiesen   sind, 
koennen   sich   die   Luecken   und   Differenzen   sehr   deutlich 
bemerkbar machen. ­ Es gibt einen Unterschied zwischen mpg­ 
und   wmv­Videodateien?   Unser   Nachbar   sitzt   nicht   jedes 
Wochenende Mittags beim Bier? Die Kollegen aus der anderen 
Abteilung wollen unser Projekt gar nicht ausbremsen? ­ Ein 
zweiter Blick kann immer viele Ueberraschungen bringen. 
Wir brauchen andere Wege als Spekulation, um jene Art von 
Fremdheit   herzustellen,   die   Freiraeume   schafft,   um   in 
Bewegung   zu   bleiben,   statt   Distanz   mit   Irrtuemern   zu 
ueberbruecken.
Explorative  Kommunikation   als   Schlagwort   haben   wir   schon 
einmal   gestreift.   die   Frage,   ob   wir   etwas   verstehen   oder 
durchsetzen wollen, erfassen oder vermitteln.
Explorative   Kommunikation   ist   immer   anders,   sie   ist 
plapperndes Unverstaendnis, sie schafft effizienten, produktiven 
Dissens. ­ Danke bei dieser Gelegenheit an alle Kommentatoren, 
Kritiker   und   Reposter   waehrend   der   letzten   Jahre,   deren 
Einwaende   und   abweichende   Perspektiven   viele   Unklarheiten 
offensichtlich  gemacht   haben.   ­   Aber   bringt   sie   uns   weiter? 
Wohin soll sie uns bringen? Wo wollen wir hin? 
Das Ziel ist dort vorne, aber nicht besonders gut bekannt, wir 
wissen nur: Es ist nicht hier. 
Das   war   ein   Exkurs:   Grundlagen   eigener 
Kommunikationsformen sind ein eigenes Thema; hier geht es 
107
Wie die Tiere
um   Varianten   alltaeglicher,   effizienter,   zielgerichteter 
Kommunikation in geregelten (Business)Umgebungen. 
Die folgenden vier Schritte sind Beispiele: 
Eine   erste   Voraussetzung   fuer   konstruktiven   Umgebung   mit 
Distanz ist das Bewusstsein der grundlegenden Distanz. Wir 
muessen   erkennen   koennen,   dass   das,   was   uns   gegenueber 
steht, nicht wir sind und dass es auch nicht wie wir ist.
Das ist eine Faehigkeit, die wir auch bereits lernen muessen; oft 
muessen  wir uns  daran  erinnern.  Wir haben  sie nicht  cvon 
selbst;   sie   erscheint   oft   als   gegen   Instinkt   und   Institution. 
Diesen  ersten  Unterschied  zu  uebergehen,  funktioniert   lange 
Zeit,   ohne   Probleme   aufzuwerfen.   Die   nachtraeglich 
auftretenden Differenzen machen sich dann allerdings um so 
deutlicher bemerkbar – wie die grosse Enttaeuschung, nachdem 
sich herausgestellt hat, dass scheinbar enge Beziehungen auch 
kein reibungsloses Verstaendnis garantieren. 
Der   zweite   Schritt:   Wie   koennen   wir   die   Definition   “anders” 
konkretisieren? Anders ist der Rest der Welt, anders ist alles, 
was nicht wir sind. Es bedeutet nicht, dass alles, was “anders” 
ist, irgendetwas gemeinsam haben muss. Anders kann sich in 
viele Formen und Erscheinungsbilder unterteilen. Noch wissen 
wir also gar nichts. 
Ein  dritter Schritt  kann  darin  bestehen,  Auspraegungen  der 
Andersartigkeit   zu   beschreiben,   Wiederholungen, 
Regelmaessigkeiten   fuer   uns   zu   definieren: 
Organisationsorientierte Kollegen haben sich noch nie mit dem 
Weiterspinnen von Ideen leicht getan. Kollegen, die in ganzen 
Saetzen sprechen, meinen ihre Aussagen auch so. Dem anderen 
Kollegen   ist   Formalitaet   nicht   wichtig,   Loyalitaet   aber   sehr 
wichtig. ­ Beobachtungen sind im Moment in dem sie passieren, 
und fuer sich allein betrachtet, belanglos. Natuerlich verhaelt es 
sich   so;   Und?   Der   Mehrwert   entsteht   dadurch,   jetzt   gerade 
keinen Schluss zu ziehen, nicht spekulativ weiterzudenken und 
108
Wie die Tiere
sich   nicht   von   den   Tatsachen   zu   entfernen,   sondern   die 
Beobachtung   abzulegen,   als   einen   weiteren   Punkt   zu 
dokumentieren – und spaeter wieder hervorzuholen. Sobald wir 
Entscheidungen   treffen   muessen,   ist   jeder   kleine   Bruchteil 
gesicherter   Information   hilfreich:   Wir   wissen,   dass   in   dieser 
Situation das passiert ist. Wir wissen nicht warum, wir kennen 
auch   nicht   alle   Konsequenzen,   aber   wir   haben   einen 
Anhaltspunkt. Das ist ein Stueck gesicherter Boden, von dem 
aus wir weiter koennen.
Nach   welchen   Regeln   koennen   wir   weitergehen?   ­   Meist 
ueberspringen wir alles andere und kommen gleich zu diesem 
vierten   Schritt:   Wir   stellen   Beziehungen   her,   wir   stellen 
Vergleiche an – wir tun so, als ob wir etwas mitzureden haetten, 
als ob unsere Spekulation ein geeignetes Mittel waere, Dinge, 
Verhaeltnisse,   Begriffe   angemessen   zu   beschreiben.  
Daraus koennen sich Vorurteile entwickeln, Weltanschauungen, 
philosophische Systeme. Klischees, Allegorien, Metaphern sind 
Produkte   solcher   Entwicklungen,   die   sich   von   konkreten 
Anlaessen emanzipiert haben und unabhaengig von konkreten 
Ausloesern   reproduziert   werden.   Kalt   wie   Eis,   blind   wie   die 
Nacht, stur wie ein Esel – solche Formulierungen gehen uns 
bald   ueber   die   Lippen.   Und   wir   vergessen   vor   lauter 
Bildhaftigkeit,   dass   wir   dabei   gar   nicht   von   Eisbloecken, 
Naechten   oder   Eseln   reden,   sondern   etwas   ganz   anderes 
bezeichnen moechten, dem wir – eher suggetiv als rational – 
unsere   Auffassung   konkreter   Bedeutung   ueberstuelpen 
moechten. 
Solche Wendungen sorgen dafuer, dass wir auch ohne direkten 
Bezug zu unserem Objekt etwas daruber sagen koennen; wir 
verwenden Begriffe, die auch bei anderen etwas ausloesen, weil 
jeder   sie   verwendet.   Sie   sind   oft   genug   genauso   falsch   wie 
unsere eigenen privaten Spekulationen, aber sie haben einen 
Grad an Verbindlichkeit. Neben der Beobachtung des Objekts 
koennen wir zusaetzlich beobachten, wie sich die abstrakten 
Begriffe und Konzepte verhalten und veraendern. Sie ersetzen 
zum   Teil   das   vollstaendige   Beziehungsgeruest:   Wenn   unser 
109
Wie die Tiere
Gegenueber   seine   uns   praesentierte   Oberflaeche   nicht 
ausfuehrlich genug gestaltet, koennen wir auf solche Fertigteil­
Gedanken zurueckgreifen, um sie zu vervollstaendigen.
“Realitaet” ersetzen wir so durch Fertigteil­Vorstellungen; das 
funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie zum Luxusurlaub 
auf die Malediven zu fliegen, “um Neues kennenzulernen”, statt 
in der Vorstadt spazieren zu gehen. Wir sehen das, was wir 
schon kennen, immer wieder. 
Solange uns klar ist, was wir tun, solange wir Beobachtung und 
Spekulation   auseinanderhalten,   die   Spekulation   genauso 
beobachten   und   ihre   Veraenderungen   und   Entwicklung   in 
verschiedenen   Zusammenhaengen   wahrnehmen,   stehen   wir 
uns   damit   nicht   im   Weg.   Wir   koennen   trotzdem   davon 
ausgehen, dass wir zumindest in Grenzen bei der Sache sind. 
Denn wir sind dort, wo auch vielleicht nicht der Grossteil, aber 
ein relevanter Teil der anderen ist; wir haben einen Weg, unsere 
eigenen   Einschaetzungen   mit   den   ueberlieferten   ueber   lange 
Zeit entwickelten Einschaetzungen anderer abzugleichen. 
Vorurteile,   Klischees   sind   in   der   Regel   keine   attraktiven 
Szenarien. Werte und Qualitaeten sind auch nicht wichtig. In 
der ersten Annaeherung zaehlt, wie repraesentativ ein Gedanke 
ist.   ­   Damit   ergibt   sich   eine   kleine   gemeinsame   Basis; 
gemeinsame Vorurteile sind auch eine Gemeinsamkeit. Und oft 
wirksamer – schon wieder Effizienz – und plakativer als eine 
wackelige, genauso hinterfragbare Wahrheit. 
Die Verwendung existierender Muster fuehrt uns auch wieder 
an den Anfang zurueck: Sie erzeugt Distanz, sie macht uns klar, 
dass wir nicht unser Objekt sind, und dass unsere Gedanken 
und   Erwartungen   vorerst   weder   besonders   zutreffend   noch 
besonders   originell   sind.   Wir   arbeiten   mit   Schablonen   und 
Werkzeugen.  ­ Wir sind nicht nur nicht unser Gegenstand, es 
sind   auch   nicht   unsere   Gedanken,   mit   denen   wir   ihn 
beschreiben.  
Zuletzt   muss   uns   noch   ein   weiterer   Punkt   klar   sein:   Auch 
110
Wie die Tiere
unsere Welt dreht sich nicht um uns. Wir begegnen anderen 
genau   so   als   Klischee,  als   Objekt   einer   Vorstellung   und   als 
etwas, dem gegenueber erst Distanz aufgebaut werden muss, 
bevor Beziehungen entstehen koennen. Welten, die sich selbst 
in   der   Mitte   sehen   –   kann   es   andere   geben?   ­   sind 
austauschbar; es gibt wechselnde Mittelpunkte und aehnliche 
Umgebungen. Erfahrungen, Einschaetzungen, Wahrnehmungen 
sind selten einzigartig. Unterschiede entstehen erst durch den 
Bezug   auf   etwas,   durch   die   Betrachtung   von   wechselnden 
Mittelpunkten aus. 
Wir sehen und erleben vielleicht das gleiche, wir haben aber 
keine   Ahnung,   ob   und   wie   weit   wir   es   aehnlich   verstehen. 
Sobald   wir   verstanden   haben,   dass   wir   verschieden   und 
unabhaengig voneinander funktionieren, koennen wir beginnen, 
Dinge und Ansichten, Weltbilder zu verschieben, auf vielleicht 
nur   versetzte   Deckungsgleichheit   oder   andere   Formen   der 
Oberflaechenkompatibilitaet zu ueberpruefen. 
Nichts ist individuell, nichts was ein Mensch getan, entwickelt, 
gedacht hat, ist unfassbar. Es kommt nur darauf an, wo wir 
hinsehen.
Wir verwenden alle die gleichen Werkzeuge. 
Standardisierung von Mustern
Oberflaechen,   Klischees,   Schablonen   sind   keine 
Sympathietraeger.   Wir   sind   lieber   original,   originell, 
tiefgruendig,   kreativ   und   individuell.   Haben   wir   auch   eine 
Vorstellung davon, was diese Begriffe bedeuten? Eine Idee, wie 
wir uns diesen Begriffen annaehern koennen, ohne Schablonen 
und   Klischees   zu   verwenden,   ohne   an   der   gut   sichtbaren 
Oberflaeche zu bleiben?
Muster haben sich in unterschiedlichen Auspraegungen ueber 
unterschiedlich   lange   Zeitraeume   entwickelt.   Manche   sind 
traditionell, andere eher modern orientiert; Kombinationen von 
Mustern   machen   Schichten,   Kulturen,   Milieus   aus,   die 
111
Wie die Tiere
bestimmen Gespraechs­ und Verhaltensmuster und setzen den 
Orientierungsrahmen,   innerhalb   dessen   Bedeutung   entsteht. 
Dieser soziale Aspekt liefert Orientierungshilfen. 
Wechsel zwischen Mustern sind moeglich; Leben, Interaktion, 
Produktion   ohne   die   Verwendung   von   Mustern   ist   nicht 
moeglich. Das originellste, innovativste Konstrukt funktioniert 
nur in seinem Rahmen, es verlaesst sich auf Regeln, es setzt 
Zusammenhaenge   voraus.   Je   mehr   wir   davon   wegnehmen, 
desto beliebiger wird es. ­ Umgekehrt ist genau so beliebig, was, 
wieviel   und   warum   wir   etwas   von   den   Voraussetzungen 
wegnehmen.   Wir   koennen   es,   und   dadurch   veraendern   wir 
Bedeutungen, ohne dass geplant gewesen waere, dass wir sie 
veraendern koennen sollen. 
Ich denke hier auch nocheinmal an die Einstellung, die hinter 
dem   SOAR­Konzept  der   Zen­Philosophie   steckt:   Wir  koennen 
reden und wir koennen handeln, wir koennen Macht ausueben 
und   auch   unsere   ganze   Umwelt   –   so   wie   wir   sie   sehen   – 
kontrollieren. Das muss allerdings noch lange nichts fuer jene 
Umwelt bedeuten, die ein anderer sieht – und auch nichts fuer 
ine “reale” Welt, die unter irgendwelchen Oberflaechen liegt und 
sich   nicht   um   unsere   Meinungen   schert.   Dinge   passieren 
trotzdem. 
Profaner   und   praktischer   betrachtet:   Nehmen   wir   politische 
Bezuege   als   Beispiel.   “Innenministerin   greift   durch”   ­   diese 
Schlagzeile   bedeutet   in   unterschiedlichen   Medien 
Verschiedenes,   ohne   einen   Buchstaben   an   den   verwendeten 
Formulierungen zu aendern. Sie sorgt fuer Ordnung. Sie zeigt 
unangemessene   Haerte.   Sie   ist   gerecht.   Sie   ist 
profilierungssuechtig. In einem rechten Parteimagazin ist das 
anerkennende Bestaerkung, in einer liberal orientieren Zeitung 
Kritik   an   einer   Vorgangsweise.   Die   Wirkung   der 
zugrundeliegenden Muster ist noch vielschichtiger: Eine liberale 
Zeitung   muss   ihren   Lesern   Fakten   und   Zusammenhaenge 
liberal   praesentieren;   der   Rahmen   ist   gesetzt,   abweichende 
Informationen   werden   gleich   anders   interpretiert. 
112
Wie die Tiere
“Mutmassliche afrikanische Drogendealer verhaftet” ist auf der 
einen Seite ein Erfolgsbericht, auf der anderen Seite Kritik an 
Vorurteilen,   die   dazu   einlaedt,   zu   hinterfragen   was   wirklich 
passiert ist. 
Der   Wortlaut   ist   der   gleiche   –   der   Unterschied   liegt   darin, 
welche  Schablone  angelegt  wird.  Und  das  kontrolliert  immer 
weniger der Absender. Den Kontext von Botschaften bestimmt 
der Empfaenger – mit Unabhaengigkeit, Flexibilitaet und Vielfalt 
verlagert sich die Definitionsmacht. 
Muster   und   Schablonen   bedeuten   also   nicht   nur   das 
Wiederholen von vorgebenen Prozessen; in Mustern zu denken 
ist eine Beschreibung des Alltags, die sich auf das konzentriert, 
was wir sehen und erfassen koennen, die an der Oberflaeche 
bleibt – und dennoch – in der Wahl er angemessenen Muster – 
eine   Fuelle   an   Kreativitaet,   Entscheidungsoptionen   und 
persoenlicher Verantwortung birgt. Auch wenn wir auf Klischees 
angewiesen sind – es liegt immer noch an uns, welchen davon 
wir glauben, wonach wir uns richten. 
Wir sind nicht einzigartig – das ist die eine Seite. Wir sind nicht 
gleich – das ist die andere Sichtweise. 
Ich versuche zu sagen, dass beide zutreffen. Wir koennen davon 
ausgehen, dass praktisch keiner unserer einzelnen Gedanken 
wirklich neu ist; alles war schon einmal da oder entsteht gerade 
durch aehnliche Bedingungen, wie es fuer uns entstanden ist. 
Die   Kombination   aus   Umfeld,   sinnstiftenden 
Rahmenbedingungen, Erfahrungshorizont und zugrunde 
liegenden Werten, die sich immer wieder von Mensch zu 
Mensch   deutlich   unterscheidet,   sorgt   fuer   klare 
Differenzen in dem, was aus einzelnen Gedanken oder 
Wahrnehmungen gemacht wird. 
In   einer   Auseinandersetzung   geht   es   auch   selten   um   die 
Grundprinzipien, sondern um Folgekonzepte, die sich daraus 
entwickelt   haben.   Man   soll   nicht   toeten,   Geschaeft   muss 
Gewinn   bringen,   Webseiten   muessen   funktionieren, 
113
Wie die Tiere
Navigationen muessen einfach sein, Innovationen muessen sich 
langfristig   in   Geschaeftsideen   niederschlagen   –   all   das   steht 
ausser Zweifel. Unterschiedlich sind aber die Vorstellungen, die 
sich daraus entwickeln, die von ethischen und wirtschaftlichen 
Einfluessen   gepraegt   sein   moegen,   oder   auch   von 
Erfahrungswerten,   persoenlicher   Einschaetzung   –   besonders 
stark sind sie auch von persoenlichen Interessen abhaengig: 
Was wollen wir erreichen? 
Nicht toeten kann bedeuten, auch im Kriegsfall keine Waffe in 
die   Hand   zu   nehmen.   Es   kann   auch   bedeuten,   fuer   die 
Todesstrafe   einzutreten,   um   angemessene   Sanktionen   und 
Abschreckungen   und   damit   Respekt   fuer   da   Leben 
durchzusetzen. Es kann auch bedeuten, dass toeten, um Leben 
zu retten, erlaubt ist. ­ Diese Frage ist weder rechtlich noch 
moralisch loesbar; sie erfordert persoenliche Entscheidungen, 
oder sie kann durch den Gewaltakt des Konsens – rechtlich – 
geloest werden. 
Funktionierende Webseiten, einfache Navigationen – das kann 
bedeuten, auf einfache Textelemente reduziert zu bleiben, oder 
neue Interaktionskonzepte zu entwickeln, diese aufwaendig zu 
testen und zu verbessern. Es kann bedeuten, Projekte auf den 
Erfahrungsstand   der   User   abzustimmen   –   oder   sprechende 
Anleitungen und Hilfetext zu verfassen.
Sogar Gewinn kann unterschiedlich instrumentalisiert werden: 
um Investoren  zu   bereichern,  das  langfristige  Ueberleben   zu 
foerden, oder um Innovation zu foerdern.
Fuer   uns   ist   wichtig,   unsere   eigenen   Annahmen   und 
Voraussetzungen zu kennen, zu wissen, dass Widerspruch nicht 
unsere letzten Gruende betrifft. Einwaende betreffen oft “nur” 
unsere Ziele, unsere konkreten Entscheidungen, die konkreten 
Auspraegungen unserer Werte – meist ohne sie selbst wirklich 
in Frage zu stellen. 
Das ist ein Weg, Distanz zu uns selbst erreichen und damit 
114
Wie die Tiere
auch uns selbst so weit in Frage stellen zu koennen, dass wir 
flexibel in Diskussionen gehen koennen. Wir koennen uns auf 
wichtige Werte und Ziele konzentrieren, diese formulieren und 
klar   an   die   Oberflaeche   bringen.   Das   vermeidet   nicht 
entscheidbare   Diskussionen   ueber   tiefe   Gruende   und   letzte 
Ursachen   –   und   bringt   ebenfalls   weitere 
Entscheidungsoptionen.   Wir   haben   ein   Ziel   –   und   dorthin 
fuehren mehrere Wege.
Oft   lassen   Ziele   auch   Abweichungen   beim   Ergebnis   zu:   Wir 
erreichen, was wir wollen, nur eben auf anderen Wegen und 
vielleicht in anderer Auspraegung: War es wirklich genau dieser 
Job,   den   wir   erreichen   wollen?   Oder   war   es   die   Sicherheit, 
selbstbestimmt, zielorientiert und mit vernuenftiger Bezahlung 
arbeiten   zu   koennen?   Oder   die   Reisetaetigkeit?   Oder   das 
Gefuehl, im Organigramm auf einem dickeren Ast zu sitzen? ­ 
Es gibt viele Motive, viele Wege sie zu erreichen; kaum eines ist 
ausschliesslich auf diese eine Loesung angewiesen. 
Was   bedeutet   das   fuer   uns   im   Umgang   mit   anderen?   Zwei 
grundlegende Einstellungen sind wichtig: Es ist nicht alles so, 
wie wir es auf den ersten oder fuenften Blick verstehen; Begriffe 
gelten   ausserhalb   unserer   Interpretation   anders   –   damit 
muessen wir uns beschaeftigen. Der zweite Punkte: Auch der 
andere ist keine in sich ruhende, aus einem Stueck gegossene 
Black Box zu der wir nur entweder ja oder nein sagen koennen. 
Wir haben Distanz, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht. 
Die erste  Reaktion, sie ueberbruecken zu wollen, kann uns zu 
Spekulation,   irgendwelchen   Annahmen   verleiten,   dazu,   auch 
den   anderen,   den   wir   ja   nicht   verstehen,   rein   aus   unserer 
Perspektive zu betrachten und beurteilen. Wir koennen es auch 
zum   Anlass   nehmen,   dem   anderen   die   gleiche   Vielfalt   und 
Komplexitaet   zuzugestehen,   wie   uns   selbst.   Dabei   geht   es 
vorerst nicht um Qualitaet, sondern um Quantitaet. Jeder ist 
viele. ­ Wieviele oder was genau, ist vorerst egal. Wir wissen, 
dass wir voneinander verschieden sind und dass  jeder von uns 
115
Wie die Tiere
in   sich   selbst   verschiedene   Bausteine   zu   verschiedenen 
Oberflaechen   fuer   die   gleichen   Inhalte   –   in   verschiedenen 
Perspektiven – zusammenstellen kann. 
Wie gehen wir damit um, wenn wir Verstaendigung erreichen 
oder etwas durchsetzen wollen?
Anleitungen, Muster,
Missverstaendnisse
Wir sind nicht wir. Wir sind auch nicht andere. Was sind wir 
dann? Was bringt uns dazu, merkwuerdige Formulierungen zu 
verwenden, Buzzwords zu predigen, Bullshit­Bingo zu spielen 
und uns im Alltag auch ganz ohne Zuseher so zu benehmen, als 
probierten   wir   Szenen   fuer   eine   mehr   oder   weniger   ernste 
Sitcom? 
“Kannst du da noch einen Termin einhaengen?”, fragt die Chef­
Assissentin.   “Bitte   phased   mich   ein,   ich   weiss   noch   nicht, 
welche deliverables von mir erwartet werden”, bittet der neue 
Kollege.   “Das   muessen   wir   fuer   das   naechste   Steering 
einkippen”, sagt die Projektleiterin. Und der Kollege aus dem 
mittleren Management bereitet sich auf das Meeting mit seinen 
Peers vor, als muesste er auf einer Kampfsportmatte antreten – 
oder so, wie er sich vorstellt, wie man sich auf das Antreten im 
Kampfsport vorbereitet. Hier haben wir bereits mit Distanz zu 
tun. 
Wir haben Bilder davon, wie Dinge funktionieren sollen. Manche 
davon tragen wir nach aussen, auch ohne etwas zu wollen, ohne 
etwas   gezielt   zu   verfolgen.   Sie   umgeben   uns.   Sie   umgeben 
andere – und machen damit Teile von Einstellungen fuer uns 
sichtbar.
Wir koennen Bausteine sammeln, vorerst zusammenhanglose 
116
Wie die Tiere
Beobachtungen archivieren, und eben durch diesen Rueckzug 
auf   Beobachtung   und   Sammlung   sicherstellen,   dass  wir  auf 
dem Boden der Tatsachen bleiben. So weit das moeglich ist. 
Denn   im Lauf  der  Zeit   wird  sich aus  den  unterschiedlichen 
Beobachtungen   ein   Bild   formen   –   und   dabei   gibt   es   weder 
Vollstaendigkeit noch Richtigkeit. In den gleichen Beziehungen, 
den   gleichen   Umwelten   koennen   grundverschiedene   Bilder 
derselben   Person   oder   des   gleichen   Begriffs   entstehen, 
abhaengig   davon,   in   welcher   Reihenfolge,   mit   welcher 
Gewichtung   und   aus   welcher   Perspektive   einzelne 
Beobachtungen gemacht und eingereiht wurden. 
Dieses Netzwerk schafft Grundlagen fuer gemeinsame Raeume; 
es   stellt   Verbindungen   her,   in   denen   sozialen   Beziehungen, 
Arbeit,   das   Ausueben   von   Macht   und   aehnliche   Prozesse 
stattfinden. 
Gibt   es   Regeln   fuer   die   solcherart   betriebene   kontrollierte 
Spekulation? Streng genommen widerspraeche das natuerlich 
der Intention, die Beliebigkeit und Bruchstueckhaftigkeit aller 
Erklaerungs­   und   Verstaendigungsprozesse  aufzuzeigen.  Aber 
die Praxis zeigt anderes: Wir haben Bilder schnell bei der Hand, 
sie entstehen laufend und immer – und sie funktionieren so 
lange, bis sie durch andere Bilder ersetzt werden. 
Die   Entstehung   und   Wandlung   von   Klischees,   Vorurteilen, 
Allegorien ist ein kulturbedingter und sehr wandelbarer Prozess 
mit teilweis immensen politischen und wirtschaftlichen Folgen. 
Wir sind dabei nicht nur medien­ oder anders fremdbestimmt; 
wie   wir   mit   neuen   und   anderen   Informationen   oder 
Erfahrungen umgehen, ist grosser Bestandteil dessen, was uns 
ausmacht. 
Noch   im   Herbst   2008   hielt   es   ein   alternder   Journalist   des 
oesterreichischen Fernsehens fuer notwendig, die Wahl Barack 
Obamas zum US­Praesidenten damit zu kommentieren, dass er 
es  nicht fuer  gut  halte, wenn   jetzt  ein   Schwarzer  ueber  die 
westliche Zivilisation entscheide. ­ Wie kommt ein Mensch, der 
im   Lauf   seines   Lebens   viel   gesehen   und   gelebt   hat,   alle 
117
Wie die Tiere
moeglichen   Perspektiven   und   Einstellungen   kennengelernt 
haben   muss,   zu   so   einer   Aussage   (fuer   die   er   sich   Monate 
spaeter zerknirscht entschuldigte). 
Die Bilder verschieben sich. Was zu Handlungen und Aussagen 
fuehrt,   bleibt   in   der   Regel   unklar,   Geschichtsforschung 
praezisiert selten; das Vergangene bleibt fuer uns ungreifbar. 
Was   haetten   noch   unsere   Grosseltern   sehen,   wissen,   tun 
koennen – wie Prozesse, die heute ganz klar als Verbrechen, 
Verblendung, Feigheit, bestenfalls Dummheit gesehen werden 
koennen,   wirklich   gelaufen   sind,   bleibt   aus   der   Entfernung 
immer nur eine Frage der Spekulation. Es gibt keine sicheren, 
neutralen, objektiven Ergebnisse. 
Im   Alltag   sind   wir   profaner   bei   unseren   Wegen,   Distanz, 
Neutralitaet und Muster zu erzeugen: Wir bezeichnen jemanden 
als dumme Kuh, sturen Hund, Gans oder Ziege; auch positive 
Beispiele sind moeglich: wie ein Luchs, wie ein Loewe, wie ein 
Adler. 
Was   passiert   dabei?   Wir   rufen   anhand   eines   bestimmten 
Details, einer Beobachtung oder einer Erinnerung ein ganzes 
Programm auf, das gaenzliche fremde Sinnzusammenhaenge in 
die aktuelle Situation einbringt und ueber die Wahrnehmung 
und Bewertung von kuenftigen Entwicklungen mitentscheidet. 
Wir   haben   beobachtet,   dass   jemand   bestimmte   Dinge 
nach   klaren   Mustern   erledigt:   Der   Kollege   hat   seine 
Meinung zu bestimmten Anmeldeprozessen, mag keine 
doppelten   Passworteingaben   und   keine 
Aktivierungsmails.   Er   beschreibt   seine   Meinung   – 
abstrahiert   sie   dadurch   –   und   dehnt   sie   auch   auf 
Bereiche aus, in denen Sicherheit unserer Meinung nach 
Sinn macht. In einer anderen Angelegenheit kommen wir 
bei ihm mit unserem Anliegen nicht durch, er laesst uns 
abblitzen,  bleibt bei seiner Meinung. ­ Wir bilden uns 
unsere   Meinung:   Das   ist   ein   sturer   Hund.   Darauf 
118
Wie die Tiere
verlassen wir uns dann. Wir gehen davon aus, dass der 
Kollege im allgemeinen bei seiner Meinung bleibt, Dinge 
ablehnen oder unterstuetzen mag, aber zumindest bei 
seiner Meinung bleibt. ­ Vielleicht interessieren ihn aber 
weder unser Thema noch der Prozess, den wir mit ihm 
diskutieren wollten, wirklich – vielleicht wird sein ganzes  
kreatives   Potential   derart   auf   etwas   anderes   (ein 
Hobby?)   konzentriert,   dass   fuer   alles   andere   der 
Aufwand moeglichst minimiert wird. 
Die   Kollegin   ist  bestuerzt   ueber   ein  Detail   in  unseren 
Formulierungen. “Das kannst du so nicht schreiben, das 
musst du aendern. Ich muss mich davon distanzieren”, 
sagt sie uns. “Das kann man nicht so machen, also ich 
schaeme mich, wenn das so an den Vorstand geht”, sagt  
sie dem naechsten. ­ Je laenger und lauter sie redet, 
desto eher steigen wohl Bilder von Kuehen, Gaensen, 
Ziegen auf. Wir denken an mittlere geistige Flexibilitaet, 
schnatternd   steigenden   Laermpegel   und   laestige 
Allgegenwart und schnelle Verbreitung wenig wichtiger, 
uns   nicht   angenehmer   Inhalte.   Beim   naechsten   Mal 
werden wir sie wohl nicht mehr um ihre Meinung fragen 
–   wenn   wir   nicht   unbedingt   muessen.   Oberflaechlich, 
eitel, vergaenglich? Vielleicht ist es auch Ausdruck eines 
konkreten Plans, sie will bestimmte Punkte durchsetzen, 
ein   Bild   von   sich   erzeugen,   sich   in   genau   dieser 
Perspektive   ins   Bild   setzen   –   mit   der   Zaehheit   eines 
sturen Hunds, der sich nicht von seinem Ziel abbringen  
laesst. 
“Zuletzt hast du das anders gesagt”, erinnert sich die 
Kollegin   an   eine   Unschaerfe,   die   wir   in   der   letzten 
Praesentation   zu   umschiffen   versucht   haben.   Wie   ein 
Luchs hat sie die Zweideutigkeit in der Formulierung, die  
unschluessige Zahl entdeckt. Und bohrt von dort gleich 
weiter: Wo kann es noch Beute geben, wo gibt es weitere  
Angriffspunkte. Wir fuehlen uns beobachtet, ein bisschen 
gejagt,   vielleicht   floesst   uns   die   Praezision   bei   der 
119
Wie die Tiere
Fehlersuche   auch   Respekt   ein.   Wir   reissen   uns   am 
Riemen, wollen selbst praeziser und souveraener sein – 
und   stellen   dann   vielleicht   fest,   dass   unser   Vorbild 
tatsaechlich nur an der Oberflaeche lesen kann, Tipp­ 
und   Rechenfehler   bemerkt   –   aber   damit   schon   ihre 
Kapazitaet erschoepft. Der Qualitaetsanspruch ist leeres 
Geschnatter, das einer Diskussion nicht standhaelt. 
In   diesen   Beispielen   entstehen   Welten,   sie   verschieben   sich, 
fallen zusammen und entstehen neu. Im Alltag verwenden wir 
Abstraktionen,   Schablonen   und   Allegorien,   um   Dampf 
abzulassen,   zu   schimpfen,   kontrolliert   zu   uebertreiben, 
paradox, kreativ und auch bewahrend zu intervenieren. 
Indem wir solche Muster verwenden, sagen wir mehr, als wir 
aussprechen. Wir deuten auch nichts an – wir verwenden ganz 
klare,   alltaegliche   Worte,   wir   koennen   uns   jederzeit 
zurueckziehen. Wir haben Reserven – allerdings nur, wenn wir 
uns der Brueche und Widersprueche bewusst sind. Ueber die 
Distanz schaffen wir uns Freiheit. 
Das klingt ziemlich anstrengend. 
Wir   zerlegen   Kommunikation   in   einen   Prozess,   der   immer 
wieder mitdefinieren muss. Nicht nur der Text wird jedes Mal 
neu geschrieben – das ganze Stueck, die Buehne, das Theater 
wird,   abhaengig   von   unserem   Zielpublikum,   jedes   Mal   neu 
errichtet. Mit dem Versuch, etwas durchzusetzen, jemanden zu 
ueberzeugen, schaffen wir eine Welt, wir inszenieren etwas, um 
Begeisterung, Macht oder Belohnung zu repraesentieren. 
Es   muss   klar   sein,   welche   Reaktionen   wir   uns   wuenschen, 
welche   Konsequenzen   diese   haben,   und   ob   diese   konkrete 
Konsequenz gut oder schlecht ost (fuer wen?). Nichts spricht 
fuer sich, wir muessen alles beschriften. 
Die Kreativitaet in diesem Prozess ist universell: Nicht wir sind 
120
Wie die Tiere
der Akteur auf einer Buehne oder vor unserem Publikum, wir 
stehen im Wettstreit mit anderen Akteuren um das gleiche oder 
um gar kein Publikum. Jeder inszeniert sein Stueck, bis es eine 
gemeinsame Darbietung wird, bis die Dinge auseinanderlaufen 
oder bis man ergebnislos auseinandergeht. 
Wir   spielen   –   das   ist   ein   Ansatz,   um   merkwuerdiges, 
abgekupfertes,   aufgesetztes  Verhalten   zu   beschreiben.   Streng 
genommen   sind   diese   Begriffe   unangebracht:   Es   gibt   kein 
Original,   also   gibt   es   nichts   Abgekupfertes;   es   gibt   keine 
gesicherte Basis, also gibt es nichts Aufgesetztes. 
Verraeterisch sind die sinnleeren Muster: Ernsthaftes Bullshit­
Bingo,  mit   einem hilfesuchenden  Laecheln  falsch verwendete 
Fachbegriffe  – sie zeigen  nicht  nur ein  sachliches Problem.  
Sie sagen uns viel darueber, wie im Rahmen der betreffenden 
Person Information zustande kommt, welche Bedeutungen Sinn 
stiften:   Je   mehr   Irrtuemer,   desto   eher   koennen   wir   davon 
ausgehen,   dass   mehr   Muster,   mehr   aussenstehende 
Sinnzusammenhaenge   benutzt   werden,   um   selbst   als 
sinnstiftende Einheit aufzutreten. Wer Termine einhaengen oder 
Themen einkippen moechte, hat in der Regel wenig konkrete 
Vorstellung von dem, was real zu tun ist; er steht auf einer ihm 
nicht  vertrauten Buehne und hofft, den Souffleur richtig zu 
verstehen. 
Umgekehrt ist auch die unerschuetterliche Ueberzeugung Indiz 
dafuer,  dass  sich  unser  Gegenueber  von   realen   Umstaenden 
entfernt.   Wer   nie   zweifelt,   wer   glaubt,   von   Umstaenden 
unabhaengige   Begriffe   von   richtig   oder   falsch   zu   kennen, 
bezieht   sich   damit   auf   etwas   anderes.   Er   redet   ueber   sich 
selbst, aber nicht mit uns, und nicht ueber einen Gegenstand. 
Aus   dieser   Position   heraus   das   Gespraech   zu   versuchen, 
anderen   von   dieser   Wellt   zu   erzaehlen,   erzeugt   eine 
vowurfsorientierte   Gespraechskultur.   “Du   hast...”,   “Du 
solltest...”, “Ich will...”, “Ich werde...” ­ starke Dualitaet von Ich 
und   Du   und   starke   Betonung   von   aktiven   oder 
transaktionsorientierten   Verben   erzeugen   mehr   Grenzen   als 
121
Wie die Tiere
Beziehungen. Das Schema taucht oft als Mann­Frau­Beziehung 
auf. Dort steht es fuer grosse Distanzen, nur mit gutem Willen 
zu ueberwindende Graeben: Was fuer sie selbstverstaendlich ist, 
kaeme   ihm   nie   in   den   Sinn.   Was   er   als   kleines   Reservat 
persoenlicher Freiheit betrachtet, ist fuer sie unverschaemter 
Egoismus. Was sie einfach dahinsagt, sieht er als Vorwurf und 
Aufforderung, etwas zu tun. Was er ueber andere sagt, nimmt 
sie als Kritik an sich wahr. 
Es wird deutlich, wie weit wir uns hier schon von einer Basis 
fuer   Verstaendigung   entfernt   haben.   ­   Verstaendigung   ist 
grundsaetzlich immer erst der zweite Schritt, die erste Frage 
muss sein: Wie kann  unter diesen Bedingungen  Information 
zustande kommen, also sinnvolle, und mit nachvollziehbarer, im 
Idealfall auch objektivierbarer Bedeutung versehene Aussagen. 
Missverstaendnisse   zwischen   Mustern   sind   nicht 
auszuschliessen ­ “Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns 
nicht”.   Unterschiedliche   Bedeutungszusammenhaenge   sind 
zugleich   das   Problem   und   auch   die   groesste   Chance   fuer 
Kommunikation.   Weil   sich   Perspektiven   verschieben,   weil   es 
unterschiedliche   Wahrnehmungen   gibt,   weil   Tatsachen   und 
Entscheidungen unterschiedlich bewertet werden, gibt es einen 
Grund, zu reden, gibt es die Moeglichkeit, neues zu erfahren. 
Nicht   Differenzen   oder   Missverstaendnisse   sind   ein   Problem, 
sondern  allenfalls fehlende Abstraktion. Es muss uns bewusst 
sein,   dass   es   sich   um   Muster   handelt,   um   Bewegungen   an 
Oberflaechen, mit denen wir gestalten und jonglieren koennen. 
Auch   wenn   wir   nicht   in   blumigen   Metaphern   reden,   wir 
umschreiben trotzdem immer nur. Tiefenzusammenhaenge sind 
irrelevant – das kann sich schlagartig aendern, sobald sie an 
die   Oberflaeche   treten   oder   sich   in   anderer   Forn   in   unsere 
Zielsetzungen einmischen. 
Das erfordert Geduld und Beobachtungstalent. Damit koennen 
wir uns Strategien zurechtlegen, was wir wann wem sagen, von 
wem wir was erwarten koennen und in welchen Abstufungen 
wir   uns   unseren   Zielen   annaehern   koennen.   Eine   vielleicht 
122
Wie die Tiere
noch   wichtigere   Verschiebung   unserer   Vorstellungen   von 
Kommunikation:   Alles   wird   verhandelbar.   Alles   wird 
Verhandlungssache.   Niemand   hat   unabdingbare   Praemissen 
(oder umgekehrt: in den Bereichen, in denen unausgesprochene 
Voraussetzungen   tolerierbar   bleiben,   koennen   wir   davon 
ausgehen, dass wir grundsaetzlich die gleiche Voraussetzungen 
akzeptieren   –   nur   ihre   Auslegung   ist   eben   wieder 
Verhandlungssache). 
Wir koennen ueber alles reden. 
Aber wir muessen uns auch darueber im Klaren sein, dass wir 
ueber alles reden muessen. 
Wovon wir nicht reden – das gibt es nicht. 
Verhandlungssache
Alles   ist   Verhandlungssache.   So   wie   wir   in   einem 
Verkaufsgespraech nicht davon ausgehen koennen, dass wir das 
gleiche wollen, und dennoch ein gemeinsames Ziel haben, gilt 
auch in vielen anderen Situationen, dass grundsaetzlich alles 
zur Debatte steht. 
Im Verkaufsgespraech wollen wir ein Geschaeft abschliessen – 
der   eine   moechte   moeglichst   guenstig   kaufen,   der   andere 
moeglichst   teuer   verkaufen.   Trotz   dieser   entgegengesetzten 
Ausgangspositionen   ist   immer   wieder   Einigung   moeglich.   In 
Verhandlungen   koennen   wir   unsere   Standpunkte   darlegen, 
versuchen,   Konsequenzen   fuer   den   anderen   erkennbar   zu 
machen,   die   Vorteile   unserer   Loesung   darzustellen.   Wir 
brauchen dabei nicht nur an Verkaufs­ oder Gehaltsgespraeche 
denken; jedes innovationsorientierte Gespraech verlaeuft nach 
aehnlichen   Mustern:   Unterschiedliche   Ansichten   prallen 
aufeinander, sind auf den ersten Blick unvereinbar, die passive 
– und dadurch oft staerkere – Seite setzt ein Pokerface auf. Bis 
Entscheidungen   getroffen   werden,   wiederholt   sich   dieses 
123
Wie die Tiere
Schauspiel auf mehreren Ebenen. 
Wie   verkauft   der   Mitarbeiter   seinem   Chef   Innovation?   Die 
Gesetzmaessigkeiten des Neuen haben wir bereits gestreift; eine 
Herausforderung liegt darin, zu erklaeren, worin ueberhaupt ein 
Unterschied   liegt.   Ein   weiterer   Schritt   ist   es,   Auswirkungen, 
Vorteile   darzustellen   –   eben   die   Unterschiede   greifbar   zu 
machen. Das sind Verhandlungen wie aus dem Bilderbuch, fuer 
die sich meist ein regelrechtes Drehbuch erstellen laesst. “Wie 
kann ich das in Geld verwandeln?”, “Wo sind echte messbare 
Ersparnisse?”, “Was bringt mir das im Vergleich zur jetzigen 
Situation?”, “Was willst du damit denn wirklich?” sind immer 
wieder verwendete Fragen, die – mit kleinen Veraenderungen in 
Kontext und Tonlage – den Gefragten auf die Palme bringen 
koennen, aber auch klar und nuechtern beantwortet werden 
koennen. 
Das aendert sich mit kleinen Verschiebungen: “Ich versteh was 
du meinst, aber das ist doch so...”, “Verstehe schon, aber hast 
du auch daran gedacht, dass...” sind Formulierungen, die mit 
Nebensaetzen   Machtverhaeltnisse   und   Themenschwerpunkte 
der Kommunikation radikal umwerfen. Ploetzlich ist nicht mehr 
der   Erklaerende   einen   Schritt   voraus   und   der   andere   muss 
zuhoeren – jetzt ist der Zuhoerende voraus, indem er sich selbst 
eine  Position  verschafft,  die jetzt  den  anderen   zum Raetseln 
bringt: Was hat er wirklich verstanden, wohin geht er von dort 
aus? 
Statt zu spekulieren ist die angemessene Gegenstrategie auch 
hier, an der Oberflaeche zu bleiben: “Gut dass wir uns einig 
sind, dass dieses und jenes wichtig ist, wir muessen aber auch 
bedenken das...”. Nichts soll unausgesprochen bleiben – sonst 
existiert es nicht, und es kann nicht verhandelt werden. 
In mehreren Runden ist so Annaeherung moeglich, es kann 
eine gemeinsame Oberflaeche gestaltet werden, vielleicht kann 
sogar   eine   wie   auch   immer   geartete   Art   von   Verstehen   und 
Ueberzeugung erreicht werden. ­ Das ist insofern wichtig, weil 
Entscheidungen   gerade   in   komplexen   Umgebungen   selten   in 
124
Wie die Tiere
einem Schritt getroffen werden. Oft muss der Ueberzeugte selbst 
das neue Thema in der naechsten Runde vertreten. Trotz aller 
Bemuehungen um offene Kulturen ist das Protokoll in Meetings 
des   Senior   Managements   immer   wieder   erstaunlich   streng: 
Unaufgefordertes   Sprechen   ist   eine   Machtdemonstration,   die 
nicht jedem nicht immer bekommt. 
Je hoeher die Meetingrunde, desto weniger konkret werden die 
Inhalte.   Es   wird   mit   Reizworten   gearbeitet,   die   bestimmte   – 
hoffentlich   vorhersehbare   –   Reaktionen   ausloesen.   Der 
Inhaltsanteil   sinkt,   der   Verhandlungsanteil   steigt.   Reizworte, 
Bilder   und   Oberflaechen   werden   ausgetauscht,   in   Stellung 
gebracht und verschoben wie Kulissen.
Entscheidungen   sind   meist   schon   vorher   getroffen.   In   der 
sichtbaren   Prozedur   des   Entscheidens   und   Beschliessens 
werden   meist   nur   die   Zielsetzungen   und   Beweggruende   der 
getroffenen   Entscheidungen   dokumentiert.   Das   heisst  in   der 
Regel,   sie   werden   in   eine   oeffentlich   vertretbare   und 
objektivierbare   Form   gebracht.   ­   Im   Wort   Rechtfertigung 
schwingt ein negativer Ton mit – genau das ist aber der Ablauf. 
Welche   Entscheidung   wird   schon   als   vorbehaltlos   innovativ, 
richtig,   wichtig   akzeptiert,   als   aus   wohlueberlegten 
strategischen Gruenden getroffen. Meist sind die Beweggruende, 
die  in  der  oeffentlichen   Diskussion   auftauchen,  andere:  “Sie 
konnten wohl nicht anders, .... hat so viel Druck gemacht.” “In 
Wahrheit ist es dem Vorstand ohnehin egal, solange das Budget 
eingehalten   wird,   werden   sie   nicht   weiter   darauf   schauen.” 
“Jetzt haben sie das nur entschieden, weil sie sich damit das ... 
Problem   eine   Weile   vom   Hals   halten   koennen.”   ­   Wir   sind 
spekulativ, wir arbeiten mit Zuschreibungen, wir draengen den 
anderen, der jetzt nicht da ist, in eine passive Rolle. 
Die   Aktivitaets­   oder   Machtkurven   in   solchen   Prozessen 
koennen sehr weit in entgegengesetzte Richtungen ausschlagen. 
Irgendwo entstehen Ideen, Visionen, werden Trends aufgegriffen 
und   in   kleinen   Umgebungen   in   ersten   Schritten   formuliert. 
Manche davon werden bemerkt, andere verschwinden wieder; 
125
Wie die Tiere
die unabgestimmte Menge gibt ein ungefaehres Stimmungsbild 
dessen, wo das Unternehmen ist und wo es hin moechte. Aus 
manchen   dieser   Entwicklungen   ergeben   sich   Zielsetzungen, 
Stossrichtungen,   die   das   Senior   Management   aufgreift.   Das 
kann fuer beide Seiten schmerzhaft sein: Seniors bekommen 
Vorschlaege und Ideen vorgesetzt, die sie ihrer Meinung nach 
ohnehin schon lang vertreten. Fuer die Mitarbeiter wirkt die 
Definition   der   Zielsetzung,   als   wuerden   ihre   Ideen   und 
Prototypen   ignoriert,   als   sollte   alles   als   Erfindung   des 
Managements dargestellt werden. Auf wessen Seite steigt nun 
die   Machtkurve   an?   Es   ist   Betrachtungs­   und   eben 
Verhandlungssache.
Zielsetzungen   muessen   ausdefiniert,   mit   konkreten 
Massnahmen   und   Detailplaenen   unterfuettert   werden.   Das 
passiert “unten”; die Ausgestaltung bringt die Macht zu jenen, 
die im Detail aktiv werden. 
Dadurch entstehen Entscheidungsoptionen, Perspektiven. Aus 
diesen   Optionen   auszuwaehlen,   Perspektiven   anzuerkennen 
oder nicht, laesst die Machtkurve wieder in die andere Richtung 
ausschlagen. Kritischer Punkt fuer denjenigen, der die Optionen 
aufbereitet, ist: Werden die Optionen als solche sichtbar? Wird 
deutlich,   dass   Varianten,   Alternativen   –   nicht   Gegensaetze, 
nicht   Empfehlungen   dargestellt   werden?   Gelingt   das   nicht, 
droht als naechster Schritt der Wunsch nach Alternativen: Man 
wollte nicht diesen einen Sachverhalt erklaert bekommen, man 
wollte Entscheidungsoptionen, aus denen ausgewaehlt werden 
kann. 
Aktivitaet   und  Passivitaet, Sender  und  Empfaenger  wechseln 
laufend.   Inhalte   stehen   zur   Disposition,   Einstellungen   und 
Lebensformen   ebenso.   Sie   muessen   auf   den   Tisch   gebracht 
werden und sind dann Verhandlungssache. 
Verhandelt werden Objekte. Objekt ist, was objektivierbar ist. 
Objektivieren   bedeutet,   Eigenschaften,   Aenderungen,   Themen 
einzufrieren,   sie   voraussetzungslos   zu   machen   und   auf   den 
aktuellen Stand der Dinge zu reduzieren. Es gilt, was auf dem 
126
Wie die Tiere
Tisch liegt – alles andere muss neu oder spaeter verhandelt 
werden.   Nur   die   Oberflaeche   zaehlt.   So   wie   kommerzielle 
Angebote alles sichtbar machen muessen, was fuer Produkt­ 
und   Leistungsumfang   und   die   Kosten   relevant   ist,   muessen 
auch andere Objekte, die wir verhandeln wollen, fuer sich selbst 
sprechen. Wir muessen ihnen mitgeben, was sie brauchen, und 
dafuer   sorgen,   dass   sie   auch   ohne   unsere   Gegenwart 
zurechtkommen.  
Das kann eine Idee sein, ein Projektplan, es koennen auch wir 
selbst   sein:   Es   sind   nicht   “wir”,   die   nach   einem 
Bewerbungsgespraech   beurteilt   werden,   es   ist   ein   Eindruck, 
den jemand anderer von einem Gespraech mit uns hat. Was wir 
dabei nicht angesprochen haben – bleibt unser Problem. 
Ich moechte nocheinmal das SOAR­Modell der Zen­Philosophie 
strapazieren: Wir koennen Perspektiven wechseln, Standpunkte 
austauschen,  gleiche  Sachverhalte unterschiedlich betrachten 
und   anregende   Diskussionen   und   Denkprozesse   entstehen 
lassen. Wir koennen rechnen, planen, Optionen vorbereiten. Mit 
all dem koennen wir Handlungen ausloesen, auch planen und 
steuern. ­ Und dann wird irgendetwas passieren. Darauf haben 
wir keinen Einfluss. Wir koennen nur den Output wieder in eine 
Oberflaeche verwandeln, mit der wir umgehen koennen. Das 
liegt dann doch an uns. 
Die   Diskussion   zwischen   uns   und   anderem,   zwischen 
Subjektivem   und   Objektivem,   wird   immer   zu   irgendwelchen 
Aktionen fuehren. Wir machen etwas daraus, wir sehen Dinge 
so,   dann   eventuell   anders,   vielleicht   lernen   wir,   vielleicht 
bleiben wir stur. 
Wir  bleiben   jedenfalls  immer   in  Beziehungen:   Jede  Aussage, 
jede   Aktion   gilt   immer   in   Bezug   auf   etwas,   und   sie   stellt 
Bezuege her. Wir sind nicht unvermittelt bei etwas, und nichts 
ist bei uns. Realitaet, Wahrheit, Authentizitaet, Tiefgruendigkeit, 
Echtheit, Originalitaet – das sind Begriffe, zu denen wir gut 
spekulieren koennen. Dabei kratzen wir nicht an den Dingen: 
127
Wie die Tiere
Wir bauen rundherum, wir erstellen Bezuege, stellen etwas her 
– wir sind sehr aktiv. Wir handeln. 
Orientierung, Bildung von
Perspektiven
Die   vorangehenden   Seiten   haben   aus   verschiedenen 
Blickwinkeln immer wieder das gleiche Thema beruehrt: Die 
Relativitaet,   Konstruiertheit,   Abhaengigkeit   aller   Themen, 
Behauptungen, Wahrnehmungen. 
In   unserer   taeglichen   Kommunikation   haben   wir   mit 
Bruchstuecken   zu   tun.   Einzelne   Aussagen   muessen   in 
Gespraechszusammenhaengen   gesehen   werden,   Gespraeche 
kommen aus Arbeits­ oder Lebenssituationen, diese kommen 
aus   Unternehmen   oder   Familien,   diese   kommen   aus 
Wirtschaftsordnungen   oder   moralischen   oder 
verwandschaftlichen   Zusammenhaengen,   diese   werden   durch 
Werte,   Regeln,   Gesetze   bestimmt.   Und   diese?   Es   wird   oft 
darueber geredet...
Laehmt   uns   das?   Nur,   wenn   uns   nicht   von   dem   Gedanken 
verabschieden   koennen,   wir   muessten   tiefgruendig   sein,   wir 
haetten   eine   Chance   irgendetwas   “wirklich”   zu   kennen, 
“wirklich” zu verstehen. 
Was zaehlt ist die Oberflaeche
Die   Oberflaeche   ist   ein   in   vielen   Zusammenhaengen   negativ 
besetztes Wort. Jemand ist oberflaechlich, wenn kurzsichtige, 
egoistische Interessen verfolgt werden, dabei andere nicht als 
ganze Persoenlichkeiten, nicht in ihrer Tiefe respektiert. 
128
Wie die Tiere
So sind wir immer. Wir sind auf uns bezogen und auf das, was 
wir wissen. Damit sind wir immer kurzfristig ausgerichtet und 
egoistisch. 
Das muss nicht unbedingt ein Fehler sein: Flexibilitaet macht 
aus   dieser   vielleicht   negativ   beurteilten   Eigenschaft   eine 
wertfreie   Bestandsaufnahme.   Viele   im   passenden   Moment 
aneinander gereihte kurzfristige Ausblicke ergeben eine lange 
Zeit, waehrend der immer angemessen auf den Moment reagiert 
werden kann. Wie vertraegt sich das mit langfristigen Zielen? ­ 
Egal wie weitreichend unsere Plaene sind, der Weg zu einem Ziel 
beginnt immer mit einem ersten Schritt. 
Zum Problem des Egoismus: Wir sind immer auf uns selbst 
bezogen,   wir   sind   nicht  der   andere.   Wir   beziehen   auch  den 
anderen   auf   uns   selbst;   unsere   Vorstellungen   von   dessen 
Werten und Zielen sind eben immer noch unsere Vorstellungen. 
­ Vielleicht treffen wir fremde Werte und Ziele um so eher, je 
weniger wir uns mit ihnen beschaeftigen: Dabei koennen wir sie 
zumindest nicht fuer unsere Zwecke verfaelschen. 
Das Primat der Oberflaeche bedeutet, in jedem Moment auf den 
Moment zu reagieren. Es ist kein Widerspruch zu langfristigen 
Zielsetzungen,   es   ist   der   Weg,   Herausforderungen 
zweckorientiert zu begegnen: Was kann ich heute machen, was 
kann   ich   wissen,   was   kann   ich  steuern?   ­   Alles   andere   ist 
hilflose Spekulation zwischen Tagtraeumerei, Selbstzerstoerung 
und Betrug.
Ein   Beispiel:   Ein   Senior   Manager   overrult   eine 
Praesentation mit einem fachlich nicht ganz korrekten, 
aber auch nicht ganz falschen Einwand: “Das muessen 
Sie   noch   einmal   pruefen;   ich   glaube,   dass   in   dieser 
Einschaetzung   irgendwo   ein   Fehler   steckt.”   ­   Wer 
diskutiert,   erhoeht   die   Chance,   weitere   aehnliche 
Einwaende   zu   provozieren,   die   unabhaengig   von   den 
Tatsachen   ihren   eigenen   Eindruck   erzeugen.   Wer 
schweigt, verliert Zeit – die aber ohnehin verloren ist. 
129
Wie die Tiere
Ein IT­Architekt zeichnet duestere Szenarien in die Luft. 
Das Versenden des Einstiegspassworts per Mail ist eine 
gravierende   Sicherheitsluecke.   grundsaetzlich   ja,   aber 
was steht auf dem Spiel? Geht es um Onlinebanking 
oder   um   den   Zugang   zu   abteilungsspezifischer 
Information im ohnehin geschuetzten Intranet? 
Ihr   Schwiegervater   holt   zu   langwierigen,   etwas 
abstrakten   Erklaerungen   ueber   seine   berufliche 
Vergangenheit   aus,   um   diese   mit   Ihrer   aktuellen 
Gegenwart   zu   vergleichen   und   moechte   daraus 
Entscheidungshilfen   fuer   Ihre   naechsten   Schritte 
ableiten. 
Hier liegen ueberall unterschiedliche Horizonte zugrunde. 
Wollen wir denen wirklich nachgehen? ­ Wir koennen uns 
auf das aktuell Wahrnehmbare zurueckziehen: Es gibt 
Unterschiede, es gibt verschiedene Hintergruende, es gibt 
verschiedene Auffassungen der Buehne, auf der wir uns 
gerade befinden. 
Mit zwei oder drei Fragen koennen wir die Richtung feststellen, 
aus   der   der   Einwand   kommt:   Welche   Machtverhaeltnisse 
spielen eine Rolle, Welche aktivierbaren weiteren Hindernisse 
tauchen moeglicherweise gleich am Horizont auf? Das koennen 
Regeln,   Standards,   rechtliche   Verpflichtungen   oder   andere 
schwer ausraeumbare Huerden sein. 
Und dann ist recht schnell der Punkt erreicht, an dem es sich 
nicht   mehr   auszahlt,   weiterzumachen.   Es   kann   jetzt   keine 
Entscheidung getroffen werden, es muessen – aus sachlichen 
oder formellen Gruenden – weitere neue Informationen ins Spiel 
gebracht werden.
Dann   kann   neu   verhandelt   werden.   Diese   Schritte   sind 
energiesparend   und   zeiteffizient;   alle   Versuche,   etwas 
durchzusetzen,  Druck zu machen,  Entscheidungsprozesse zu 
komprimieren,   scheitern   manchmal   nicht   offensichtlich.   Sie 
koennen aber die etablierten Muster nicht aendern – sie rufen 
130
Wie die Tiere
oft   nur   Gegenreaktionen   hervor.   Es   werden   Varianten   von 
Oberflaechen erzeugt, keine neuen und weiteren Schritte. Das 
ist   unproduktiv.   Was   haben   wir   also   davon,   wenn   nur   die 
Oberflaeche zaehlt? 
Was heisst etwas zaehlt?
In   Pattsituationen   scheiden   sich   die   Geister.   Und   sie   bieten 
wieder viele Ansatzpunkte, um zu erkennen, mit wem man es 
zu tun hat. 
Was bedeutet es, zu sagen, nur die Oberflaeche zaehlt? Fuer die 
einen heisst es, dass hier und jetzt entschieden werden muss 
und   kann,   fuer   die   anderen   bedeutet   es,   immer   im 
objektivierbaren Bereich zu bleiben, wieder andere sehen es als 
eine Taktik der kleinen Schritte, die nur kleine Scheiben der 
Salami preisgibt, den Esel mit Karotten lockt und immer nah an 
der Manipulation liegt. 
Was bedeutet es ueberhaupt, zu sagen, etwas zaehlt? Dahinter 
liegt   das   Festsetzen   von   Kriterien.   Wichtig   und   unwichtig 
werden festgelegt, und das Ausmass dieser Eigenschaften wird 
zaehlbar und messbar gemacht. Das ist selbst eine Abstraktion, 
die   Entfernung   von   vermuteten   Eigenschaften,   die 
Konzentration auf eine Dimension und deren Skalen. Allein zu 
sagen, etwas zaehlt, ist bereits das Herstellen einer Oberflaeche. 
Was zaehlbar ist, hat einen Wert. Wir koennen uns aussuchen, 
ob   wir   hier   von   ethischen,   sozialen,   ideellen   oder 
geschaeftlichen   Werten   reden.   ­   Das   sind   nur   die   grossen 
Dimensionen moeglicher Bezugsrahmen, innerhalb derer noch 
viele weitere Stufen unterscheidbar sind. 
Zaehlbarkeit und Werte einzufuehren ist auch ein Indiz dafuer, 
dass Effizienz gefragt ist – wir wollen uns nicht mit unnoetigen 
Details   und   Spekulationen   aufhalten.   In   manchen 
Zusammenhaengen   gelingt   uns   das   ganz   gut:   Je   entfernter 
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Wie die Tiere
etwas   von   uns   ist,   desto   leichter   faellt   es   uns,   Details 
wegzulassen oder so zu sehen, wie wir sie brauchen. Das haben 
wir schon oft beruehrt. ­ Sehen wir noch einmal hin. 
Wir haben den Eindruck, Menschen verstehen zu muessen, ihre 
Ziele und Motive zu kennen, mit unseren abzugleichen. Dabei 
beschaeftigen wir uns oft nur mit unseren eigenen Motiven als 
mit jenen anderer. 
Groessere   Distanzen   zwischen   uns   und   dem   Bezugsobjekt 
nehmen   uns   etwas   von   dem   Druck,   hier   praezise   sein   zu 
muessen.   Bei   Tieren   schliesslich   geben   wir   uns   mit   Reiz­
Reaktionsschemen   oder   Konditionierungsmodellen   zufrieden. 
Ich   kann   mich   nicht   erinnern,   jemals   eine   Diskussion   der 
Geschmacksvorlieben   oder   eventueller   musikalischer 
Praeferenzen des sabbernden Hundes gelesen zu haben. Auch 
hier   kennen   wir   aber   das   andere   Extrem:   Mit   der 
voraussetzungs­ und folgenlosen Reduzierung, die immer nur 
das betrachtet, was gerade ist, koennen wir schlecht umgehen. 
Wir   wollen   Interpretationen   der   und   Erinnerungen   an   die 
Vergangenheit,   wir   wollen   Indikationen   fuer   die   Zukunft. 
Deshalb   schaffen   wir   Modelle   und   Muster,   die   in   sich 
schluessig, darueber hinaus aber wieder haltlos sein koennen 
Es kuemmert uns in der Regel nicht, wie falsch wir mit unseren 
Behauptungen   liegen,   solange   sie   oft   genug   von   einer 
ausreichenden Menge an Leuten wiederholt werden und solange 
wir   uns   nicht   direkt   mit   Widerspruechen   und   deren   Folgen 
auseinandersetzen muessen. 
Stur wie ein Bock oder wie ein Esel, dumm wie eine Gans oder 
eine Kuh, gemein, gefaehrlich, hinterlistig – alles findet seine 
Entsprechungen. 
Der   Vorteil   fuer   uns   liegt   auf   der   Hand:   Wir   bekommen 
Anleitungen, die wir mit anderen teilen koennen und fuer die 
wir   nicht   selbst   verantwortlich   sind.   ­   Das   koennen   wir   als 
einschraenkende Tatsache akzeptieren – oder wir koennen es 
als Basis annehmen, als einen gesicherten Punkt, von dem aus 
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Wie die Tiere
wir weiterarbeiten koennen. 
Dinge “sind” so bedeutet dann: Sie koennen so gesehen werden, 
sie passen mit diesen Abhaengigkeiten und Bedingungen in das 
Bild   der   Welt,   das   wir   uns   geschaffen   haben.   Sie 
vervollstaendigen   so   Muster   und   Ansichten,   die   “wir”   (als 
unbestimmtes Ganzes) uns geschaffen haben. damit tragen sie 
zur Vorhersagbarkeit von Ergebnissen bei. 
Bei   Tieren   haben   wir   kein   Problem   damit,   Ablaeufe 
vorherzusagen und gleichzeitig auch Abweichungen in Kauf zu 
nehmen.   “Gleich   beisst   er”   ­   angesichts   eines   drohenden 
Hundes  werden  Verhaltensmassnahmen   ausgegeben  –  in  der 
Hoffnung,   dass   was   auch   immer   folgt,   kontrollierbar   waere. 
Nicht anschauen oder nicht weglaufen, nicht in die Augen sehen 
oder   aggressiv   entgegentreten   –   die   Ratschlaege   sind   so 
zahlreich   wie   widerspruechlich.   Sollte   der   arme   Hund   dann 
doch beissen, lesen wir spaeter in den Schlagzeilen: “Ohne jede 
Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund...” ­ als waere es die 
Angelegenheit des Tieres, unseren Vorstellungen von Fairness 
und Gerechtigkeit zu entsprechen.
Die Menge und Vielfalt der Verhaltensempfehlungen zeigt uns 
zweierlei:   Wir   nehmen   es   hier   mit   der   “Wahrheit”,   der 
Ergruendung diverser moeglicher Umstaende und Einfluesse, 
nicht   so   genau   –   sonst   muessten   wir   uns   fuer   eine   dieser 
Empfehlungen   entscheiden   oder   koennten   keine   ohne 
Einschraenkung so stehen lassen. 
Zweitens: Wir glauben trotz allem daran, dass zumindest ein 
Teil dieser Hinweise nuetzlich ist  und dass es Sinn macht, mit 
diesen Argumenten zu arbeiten. Das zeigt unsere Reaktion auf 
abweichende   Verhaltensweisen:   Grundlos   und   ohne 
Vorwarnung beissende Hunde, Bestien, als bissig klassifizierte 
Tiere – was nicht unseren Regeln und Erwartungen entspricht, 
wird   schnell   neu   klassifiziert.  Wir  haben   selten  ein   Problem 
damit;   Einwaende   entstehen   hoechstens   dann,   wenn 
Beziehungen, Haeufigkeit oder Regelmaessigkeit der Information 
es schaffen, bei uns weitere Auseinandersetzung zu erzeugen. 
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Wie die Tiere
Natuerlich sind wir damit oberflaechlich. Zugleich sind wir aber 
auch frei: Wir haben eine Erwartung und formulieren sie, und 
wir   haben   einen   Plan   B,   falls   dieser   Erwartung   nicht 
entsprochen   wird.   Im   geschaeftlichen   Alltag   und   anderen   – 
menschlichen – Beziehungen sind wir oft nicht so unbeschwert. 
Wir  gruebeln   ueber   unseren   ersten   oder   fuenften   Eindruck, 
hinterfragen, stellen Vermutungen an. Meist haben wir dabei 
schon   ein   Bild   im   Kopf;   vor  dem   ersten   Eindruck   und   den 
Urteilen,  die  er  in  uns  weckt,  koennen  wir uns  nur  schwer 
wehren. Trotzdem wollen wir es genauer wissen – und entfernen 
uns damit immer weiter von dem, was wir wissen, hin zu dem, 
was wir glauben. 
Das   ist   schlecht   fuer   konkrete,   messbare,   nachvollziehbare 
Ergebnisse. Denn um Prioritaeten setzen zu koennen, feststellen 
zu koennen, was zaehlt, brauchen wir einen Blick auf die Dinge, 
mit dem wir zaehlen koennen. 
Genauso unbeschwert umgehen wie
mit Tieren – Signale ernst nehmen
Zaehlen, messen, planen, kontrollieren koennen wir dort, wo 
wir Distanz einnehmen koennen. Vorausgesetzt, dass wir uns 
dieser Distanz bewusst sind, und sie nicht durch Spekulation, 
Gerede oder Ignoranz zu uebergehen versuchen. 
Wir beobachten, wir koennen dabei verschiedene Theorien und 
Hypothesen ausprobieren und sie als Muster und Prognosetools 
anwenden,   koennen   zwischen   ihnen   wechseln   und   sie   als 
anregende heuristische Experimente betrachten. ­ Nichts muss 
so sein, wie es scheint. Haben wir gestern noch jemanden fuer 
bodenstaendig und einfaeltig gehalten? Es ist kein Widerspruch, 
heute   dessen   neugierige,   technikinteressierte   Seite   zu 
entdecken – es erweitert einfach das Bild. 
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Wie die Tiere
Mit   dieser   Flexibilitaet   im   Hintergrund   koennen   wir   leicht 
unbeschwert   umgehen,   koennen   Urteile   faellen,   ohne   daran 
festhalten   zu   muessen.   Wir   koennen   Ideen,   Einstellungen, 
Ueberzeugungen   als   Bausteine   betrachten,   als  Hinweise  fuer 
Regelmaessigkeit,   die   der   Vorhersagbarkeit   und   Planbarkeit 
dienen,   und   die   wir   auf   verschiedene   Art   und   Weise 
zusammensetzen   koennen,   um   unsere   Perspektiven   zu 
erklaeren, unseren Horizont zu erweitern und unsere Chancen, 
unsere Plaene durchzusetzen, zu steigern. 
Macht uns das schlauer und besser, gibt uns das Macht? Ich 
bin skeptisch. 
Wir   gewinnen   Handlungsspielraum, 
Entscheidungsmoeglichkeiten und einen Hintergrund, vor dem 
es uns leichter faellt, Dinge zu verstehen, vielleicht auch zu 
akzeptieren.   Das   ist   eine   Einstellungssache,   und   kein 
Kochrezept   zum   Erfolg.   Denn   dafuer   ist   zu   vieles   offen,   in 
Bewegung, in Beziehungen zu sehen. 
Das   ist   zugleich   beschreibend   und   fordernd:   Dinge,   Werte, 
Verhaeltnisse sind in Bewegung, und daran muessen wir unsere 
Ansichten anpassen. 
Keine Dualitaet, kein
Zusammenfuehren, keine Wahrheit
Zu wissen, dass etwas nicht stimmt, bedeutet noch lange nicht, 
zu wissen, was stimmt. 
Dinge in Frage zu stellen, eine skeptische Grundhaltung, das 
haeufige   Wechseln   von   Perspektiven,   bedeutet   nicht,   dass 
dadurch konstruktive Beitraege entstehen. In erster Linie  ist 
Diskussion destruktiv. Fragen bringen nicht zwangslaeufig gute 
Antworten. 
Die   Idee,   es   gaebe   irgendwo   eine   “Wahrheit”,   eine   letzte 
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Wie die Tiere
Konsequenz, die es freizulegen gilt, der wir uns mit geeigneten 
Fragen   und   anderen   Methoden   naehern   koennen,   wirkt 
zusehends unangemessen: Zu viele Perspektiven vor zu vielen 
Hintergruenden   sind   gleichberechtigt   zulaessig   und   ruecken 
Gemeinsamkeiten in immer weitere Ferne. Reden muss nicht 
unbedingt verbindend sein – es beschaeftigt, kann aber auch 
aufschiebend sein. Es haelt hin und trennt dadurch manchmal 
auch von dem Ziel, das eigentlich erreicht werden sollte. 
Und   schliesslich:   Wir,   unsere   Bemuehungen,   unsere 
Erklaerungsversuche, sind unseren Objekten in der Regel egal. 
Es   muss   keine   Beruehrungspunkte   geben,   es   muss   nichts 
gemeinsames, Entscheidendes erreicht werden. 
Die “Realitaet” bleibt unangetastet. ­ Das ist die Perspektive, die 
die   SOAR­Philosophie   aus   der   Zen­Perspektive   zu   unserer 
Fragestellung   beitraegt.   Wir   reden   aus   subjektiver   oder 
objektiver Perspektive, machen auch einiges, setzen Aktionen – 
und dennoch bleibt immer etwas – vieles – bestehen, das von 
uns unabhaengig ist.
Anstelle unvermittelter
Gemeinsamkeit tritt das Wissen,
dass alles Verhandlungssache ist –
auch die letzten Gruende
Dinge koennen so sein, oder auch anders, Menschen koennen 
unseren   Erwartungen   entsprechen   oder   uns   enttaeuschen, 
Projekte   koennen   gut   laufen   oder   mit   fliegenden   Fahnen 
untergehen. Wissen wir immer die Ursache? ­ Natuerlich. Wir 
haben unzaehlige Erklaerungen, Begruendungen, Modelle bei 
der   Hand.   Manche   haben   es   immer   schon   gewusst.   Andere 
haben   viel   gelernt   und   werden   ihre   Fehler   zukuenftig 
vermeiden. Das wiederholt sich, unabhaengig vom konkreten 
Anlass, unabhaengig von der Perspektive. Jeder der an einem 
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Wie die Tiere
Projekt, an einer Beziehung Beteiligten wird seine eigene Sicht 
der Dinge entwickeln, jeder hat seine eigene Argumentation. 
Es   kann   also   kein   Problem   sein,   die   Ursachen,   die   letzten 
Zusammenhaenge zu kennen. Genau das allerdings sollte uns 
zu denken geben. Je schneller wir mit  einer Meinung, einer 
Ursache bei der Hand sind, desto mehr gibt es davon. Desto 
mehr verschiedene. Alle treffen zu, keine trifft zu – die Wahrheit 
ist   disponierbar,   eine   Frage   von   Durchsetzungsvermoegen, 
Verhandlungsgeschick.   Oder   schlicht   ueberfluessig:   Wer 
braucht eine Konstruktion wie Wahrheit, die beliebig verfuegbar 
und biegsam ist – oder so sehr in sich ruht, so unerreichbar ist, 
dass sie fuer uns keine Rolle spielt. Diese Art von Realitaet ist 
unberuehrt von unseren Aktionen, gehoert weder mir noch dir – 
vielleicht steht sie irgendwo “hinter”, “unter” der Oberflaeche 
der Dinge. Aber muss uns das in der Praxis kuemmern? 
Offensichtlich reden wir trotzdem
Offensichtlich reden wir trotzdem. Heisst dass, das wir trotz 
allem   irgendwo   der   ungreifbaren   Realitaet   habhaft   werden 
koennen? Oder dass sie so unwichtig ist, dass wir ohne sie 
auskommen koennen? 
Die Praxis findet den einen oder anderen Workaround. Ueber 
Rezepte,   Muster,   Konventionen   schaffen   wir   ausreichend 
Gemeinsamkeit, um fuer zielorientierte Zwecke auszukommen. 
In geschuetzten Werkstaetten koennen wir so tun, als wuessten 
wir   bescheid,   als   ginge   es   wirklich   um's   Geldverdienen,   um 
Fairness, um Bekanntheit.   
Je   mehr   wir   darueber   bescheid   wissen,   wie   diese   Muster 
zustande   kommen,   desto   mehr   davon   verstehen   wir. 
Darueberhinaus   gewinnen   wir   damit   eine   Perspektive   zur 
Steuerung   von   Ablaeufen:   Wer   zwischen   Mustern   wechseln 
kann, hat die Chance, andere zu verstehen, Perspektiven zu 
wechseln. Reaktionen abschaetzen zu koennen. Auch all das 
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Wie die Tiere
sind   Verhandlungen,   die   sich   immer   an   der   Oberflaeche 
abspielen. Wir machen uns ein Bild: jeder der uns sieht, macht 
sich ein Bild von uns. 
Was wir nicht gewinnen, ist die Macht, etwas zu aendern, zu 
kontrollieren.   Dinge   geschehen,   ob   es   uns   passt   oder   nicht. 
Manchmal koennen wir nicht verhandeln. Es gibt die seltenen 
Momente, in denen wir anerkennen, zugeben muessen: “Jetzt 
ist   etwas   passiert.”   Jetzt   gibt   es   kein   Zurueck   mehr,   keine 
Hoffnung, dass es halb so schlimm ist, kein Missverstaendnis. 
Das   sind   vielleicht   die   Momente,   in   denen   sich   Realitaet 
abzeichnet.
Oder ist es wieder nur eine andere Perspektive auf Realitaet, 
eine   Sicht,   die   wir   noch   nicht   kennen,   zu   der   uns   jeder 
Hintergrund fehlt?
Denn   irgendwann   wird   auch   das   Unvorstellbare   begreifbar, 
werden aus Kriegsparteien zivilisierte Nachbarn, aus Freunden 
aengstliche Neider oder aus Ehepartnern hasserfuellte Feinde. 
Bedeutet das dann Wahrheit? ­ Es ist ein Zustand, der auch 
vorueber gehen wird, wenn wir das zulassen. Auch wenn er uns 
jetzt   voll   und   ganz   ausfuellt   –   hat   sich,   aus   einer   anderen 
Perspektive, irgendetwas geaendert? Es sind Bilder verrutscht.
Die pragmatische Perspektive sagt: Richtig ist etwas, wenn es 
funktioniert.   Das   laesst  viel   Spielraum,   viele   Moeglichkeiten. 
Und es eroeffnet auch die Moeglichkeit, mit gutem Grund zu 
hinterfragen,   ob   tatsaechlich   etwas   funktioniert.   Oder   was 
funktionieren bedeutet. Oder inwiefern Funktionieren etwas mit 
dem zu tun hat, was wir uns gerne unter Realitaet vorstellen. 
Es ist eine weitere reibungslose Beruehrung von Oberflaechen; 
Brueche fallen nicht auf – weil sie nicht offensichtlich sind...
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Wie die Tiere
Ein Bild des anderen machen, in dem
die Dinge zusammen passen
Reibungslos   ist   ein   wichtiges   Stichwort.   Wir   brauchen 
Zusammenhaenge,   Erklaerungen,   Prognosen.   Plausibel 
wirkende   Uebergaenge,   Schluesse,   geteilte   Meinungen.   ­   Wir 
brauchen eben Weltbilder. Dagegen ist nichts einzuwenden. Sie 
engen   ein,   vernebeln   den   Blick,   begrenzen   die   Perspektive, 
fuehren   zu   voreiligen   Schluessen   –   aber   sie   bringen   uns 
Reproduzierbarkeit und Sicherheit.
Solange wir zwischen Weltbildern wechseln koennen, koennen 
wir mit der Welt spielen. Solange wir nur zwischen Weltbildern 
wechseln, bewegen wir uns in leerem, arrogantem Geschwaetz. 
In irgendeiner Perspektive muessen wir zu hause sein – und sei 
es die neben allen Perspektiven. 
Gibt   es   irgendetwas,das   nicht   hinterfragbar   ist?   Vielleicht 
finden wir dort wieder die Realitaet von Nishijima und Dogen, 
der wir egal sind, die uns nicht beruehrt und von uns nicht 
beruehrt wird. 
Irgendetwas   funktioniert   trotzdem,   obwohl   es   keinen   Grund 
dafuer   gibt.   Und   wenn   eines   unsere   Weltbilder   dafuer   nicht 
herhalten kann, das nicht leisten kann, dann ziehen wir eben 
zum naechsten. Wir haben genug davon zur Verfuegung. 
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Wie die Tiere
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Wie die Tiere
Perspektiven
Das Bewusstsein um Muster und Oberflaechen schafft Distanz. 
Das bedeutet Raum – fuer die Entfaltung von Moeglichkeiten 
und fuer Spekulation und Manipulation. 
Wir benehmen uns so, wie wir sollen, erfuellen Erwartungen 
und Rollen, entsprechen Vorstellungen. Wir haben Bilder, von 
denen  wir   glauben,   es  muesste  so  sein,   wir   haetten  das   so 
gelernt.   Manche   davon   sind   populaer,   dann   entstehen 
Ueberschneidungen, wir teilen sie mit anderen. Auf diesem Weg 
entstehen die Raeume, in denen Bedeutung, Sinn und damit 
Verstehen moeglich werden. 
Gemeinsame   Bilder   sind   ein   Indiz   fuer   gemeinsame 
Bezugsrahmen,   aber   kein   zwingender   Beweis   dafuer.   Wir 
koennen die gleichen Worte verwenden, ohne das gleiche zu 
meinen;   wir   koennen   sogar   Bedeutungen   teilen,   und   diese 
dennoch unterschiedlich bewerten. 
Unausgesprochene   Widersprueche,   die   hinter   scheinbarer 
Einigkeit   dann   ploetzlich   doch   auftauchen,   machen   die 
Tragweite der Unterschiede (oder die Unangemessenheit unserer 
Vorstellungen) doppelt deutlich. 
Das kann dann eintreten, wenn wir ueber jemanden, von dem 
wir eine Meinung hatten, etwas neues erfahren, wenn unsere 
eigenen   Vorstellungen   sich   ploetzlich   zu   widersprechen 
scheinen:   Der   friediche   Globalisierungsgegner   und 
Umweltaktivist spielt brutale Egoshooter. Der eloquente Denker 
hat   ein   Faible   fuer   Kreuzwortraetsel.   Die   weltoffene, 
gespraechbereite,   freundliche   Bekannte   arbeitet   fuer   eine 
konservative, leicht xenophobe Partei. 
Muessen wir in diesem Fall Grundsaetze revidieren (was finden 
wir gut, was schlecht)? Muessen wir unser Urteil aendern (“Das 
ist doch kein netter Mensch”)? Oder lernen wir etwas ueber die 
Entstehung   von   Bedeutung   und   die   Grenzen   unserer 
141
Wie die Tiere
Vorstellung? ­ Information verunsichert.
Wir sind immer enttaeuscht. Neue Partner, Kollegen, Bekannte 
– keiner entspricht jemals unseren Vorstellungen; jeder ist fuer 
sich. Die Enttaeuschung liegt nicht am anderen, sie liegt auch 
nicht   an   uns   –   die   Qualitaet   unserer   Vorstellungen   ist 
ausschlaggebend, wenn wir unzufrieden sind.
Warum sollten Verhaeltnisse so sein, wie wir es uns ausmalen? 
Dort drueben sind nicht wir, es ist nicht alles fuer uns. Wir sind 
nicht nur nicht der Mittelpunkt; manchmal sind wir schlicht ein 
Stoerfaktor:   Wir   halten   an   etwas   fest,   wir   haben   unsere 
Meinung – und wir koennen (einmal mehr ist das ein sachlicher 
Begriff   und   kein   moralischer)   nicht   alle   relevanten 
Veraenderungen   mitverfolgen.   Wir   sind,   sobald   wir   etwas   zu 
behaupten, festzuhalten, fuer uns zu verstehen versuchen, ein 
schlecht platzierter Tuerstopper, der nicht nur seine fixierende 
Funktion erfuellt, sondern im Weg steht und zum Stolperstein 
wird. 
Das mag verquer wirken, aber es ist angemessenes Verhalten 
angesichts   von   Vielfalt   und   Veraenderung,   wenn   wir   zu 
Ergebnissen kommen wollen. Gibt es Regeln, die helfen Vielfalt 
und Veraenderung zu registrieren, zu nutzen und zu steuern? 
Auf welche Basis sollen sich diese berufen? 
Feste   Werte   und   Regeln   sind   strukturierende   Elemente,   die 
funktionieren,   solange   nicht   zu   viel   widersprechende 
Information   vorliegt   oder   solange   auftretende   Widersprueche 
entsprechend bewertet werden. Das sind Interaktionsmodelle, 
die Kirchen und Diktaturen gekonnt vorexerzieren: “Das Boese” 
findet   dort   die   meisten   Entfaltungsmoeglichkeiten,   wo   es 
unerwuenscht ist. Verbote und Abgrenzungen bestaetigen. Sie 
benennen (und in gewisser Weise erschaffen sie dadurch) das, 
was sie unterdruecken oder leugnen wollen. 
Je mehr Information wir haben, desto mehr Optionen haben 
wir.   Wenn   jede   Information   unsere   eigenen   Optionen   und 
Annahmen zu bestaetigen scheint, dann haben wir ein Problem. 
142
Wie die Tiere
Vielleicht sind unsere Annahmen so unspezifisch, dass sie alles 
und   nichts   umfassen   koennen   –   dann   sind   sie   praktisch 
wertlos. Vielleicht sind sie aber auch so inhaltsleer (oder wir so 
rueckgratlos), dass wir gar nicht merken, wie wir mit neuen 
Informationen unsere Meinung aendern.
Information kann auch zu Verunsicherung fuehren; Wissen ist 
nicht   immer   Macht   und   praktische   Grundlage   effizienter 
Entscheidung.   Wissen   kann   auch   dazu   fuehren, 
Entscheidungsmacht   und   Wahlmoeglichkeiten   abgeben   zu 
wollen: Es ist nicht immer leicht, die richtige Entscheidung zu 
treffen; recht haben in vielen Unternehmenskulturen immer die, 
die   prophezeit   haben,   dass   etwas   nicht   funktionieren   wird. 
Sicherer   kann   es   also   sein,   wenig   Wissen,   wenig 
Entscheidungsspielraum   und   wenige   Wahlmoeglichkeiten   zu 
haben. 
Information auszufiltern wird immer schwieriger, je intensiver 
wir   vernetzt   sind:   Immer   mehr   Quellen   bieten   immer   mehr 
Bruchstuecke,   die   wir   scheinbar   leicht   zu   einem   stetig 
wachsenden   Bild   zusammenfuegen   koennen.   Das   entspricht 
genau   dem   nicht   urteilenden   Sammeln   von   Bausteinen. 
Dazwischen   allerdings   bleibt   immer   Platz   fuer   Mythen;   die 
Verbindungen   zwischen   einzelnen   Bruchstuecken   entstehen 
immer spekulativ. Wir schaffen sie, erfinden sie. 
Gerade   extrem   informationsreiche   Umgebungen   wie   Social 
Media und andere enge, aktive Netzwerke, sind so betrachtet 
keine konstruktiv erzaehlenden Funktionen, sie stellen keine 
inhaltlichen   oder   logischen   Zusammenhaenge   her.   Sie   sind 
vielmehr   fruchtbare   Falsifizierungsmaschinen.   Einzelne 
Informationsbruchstuecke zeigen uns, wo wir ueberall unrecht 
hatten, sie sagen, was wir uns nicht mehr zu fragen brauchen. 
Wir sind Zaungast dauernder Konversationen, die uns nichts 
angehen.   Hintergrundinformationen   und   Nebengeraeusche 
multiplizieren und beschleunigen einander. Die Polyphonie ist 
schwer fassbar.
143
Wie die Tiere
Kann so viel passieren, wie geredet
wird?
Medien   bieten   technische   Moeglichkeiten,   Tempo,   Vielfalt, 
Gleichzeitigkeit zu erfassen und auch wieder zu sortieren und 
einzuschraenken.   Suchfunktionen,   Filter,   Tags   und   andere 
semantische   Techniken   bieten   verschiedene   Perspektiven   auf 
Inhalte. 
Dennoch stellt sich die Frage, ob ueberhaupt so viel passieren 
kann,   wie   geredet   wird.   Das   schliesst   die   Frage   ein,   was 
“passieren”   bedeutet.   Hat   jeder   Informationsbruchteil   seine 
Bedeutung, heisst alles etwas und koennen wir in allem Sinn 
erkennen? Ich bin vom Gegenteil ueberzeugt. 
Bedeutung entsteht in Bezuegen und Perspektiven; dabei sind 
immer wir im Bild. Wir erkennen keine Bedeutung ausserhalb 
unserer  selbt.  Wir koennen  vielleicht  darauf  verweisen,  dass 
etwas auch fuer andere wichtig ist, dass manche (Kunst)Werke 
die  Zeit ueberdauern und uns dadurch aus dem Bild nehmen, 
auf   das   Vorliegen   objektivierter   Kriterien   verweisen.   Wir 
verschwinden dabei aber nicht aus dem Bild; wir sind dessen 
Rahmen, dessen Hintergrund. Warum ist die Bedeutung fuer 
andere wichtig? Weil andere (diese Gruppe) uns wichtig sind; 
weil wir ein bestimmtes Prinzip voraussetzen, das der Meinung 
dieser   Gruppe   Bedeutung   einraeumt   (zaehlt   streng 
demokratisch der Geschmack der Mehrheit, gilt das Urteil von 
Eliten, verlassen wir uns auf die Meinung von Freunden und 
Lehrern?). 
Wir erzeugen einen Bedeutungsrahmen und koennen uns in 
Beziehung dazu setzen; aber wir verschwinden niemals aus dem 
Bild. Wenn wir Begriffe wie echt, wirklich und wahr verwenden 
wollen,   muessen   wir   selbst   unser   Zeuge   sein,   der   fuer   das 
144
Wie die Tiere
Gewicht dieser Begriffe gerade steht. Ohne uns erzeugen wir 
nur laufende Griffe ins Leere; jeder Grund, den wir vorschieben 
wollen,   erweist   sich   als   von   anderen   Voraussetzungen 
abhaengig, die ihrerseits wieder nur in bestimmten Bezuegen, 
Perspektiven und Abhaengigkeiten funktionieren. 
Informationsbestandteile haben also keine fuer sich stehende 
Bedeutung.   Sie   bedeuten   sich   selbst   (was   meistens 
gleichbedeutend   mit   nichts   ist,   verglichen   mit   den   hohen 
Anspruechen, die wir an Worte wie “Bedeutung” stellen).
Wenn sie wenig oder unklare Bedeutung haben – wie kann ihr 
Bezug oder ihre Wirkung auf die Realitaet aussehen? Was heisst 
das   fuer   den   Zusammenhang   zwischen   reden   und   machen, 
etwas wird beschrieben/erzaehlt und etwas passiert? 
Erzaehlungen bringen ihren   Rahmen mit, um verstanden zu 
werden.  Das  koennen   Anspielungen  und  Ausschmueckungen 
sein. Das koennen Wertesysteme und andere mit  Bedeutung 
versehene Welten sein. Bedeutung ergibt sich jedenfalls erst in 
Zusammenhaengen;   in   bezug   auf   etwas   ergibt   sich   diese 
Bedeutung, in bezug auf etwas anderes eine andere. 
Bedeutung entsteht spaeter
Worte  und   Begriffe  stehen   erst   einmal   nur   fuer   sich  selbst; 
wenn   etwas   passiert,   also   tatsaechlich   Bedeutung   erlangt, 
wissen wir es ersteinmal nicht. Nichts, das einfach stattfindet, 
hat einfach so Bedeutung. Bedeutung ist inszeniert – also von 
langer   Hand   vorbereitet,   mit   vielen   Ergaenzungen   und 
Verbindungen versehen ­, oder interpretiert, also im nachhinein 
hinzugefuegt; eine Entwicklung, eine Kette von Ereignissen (die 
schliesslich zu etwas gefuehrt hat) braucht einen Grund – also 
wird   ein   anderes   Ereignis,   das   vielleicht   damit   in 
Zusammenhang   steht,   als   Ursache   und   Ausgangspunkt 
145
Wie die Tiere
angesehen, es wird ihm Bedeutung zugeschrieben. 
Inszenierte Bedeutung finden sich in Politik und Show wieder – 
rote   Teppiche,   Staatsbesuche   mit   Gardeempfang   oder 
demokratische   Gesetzgebung   (etwas   gilt,   weil   die   Regeln   es 
sagen) sind klassische Beispiele dafuer. 
Sinn   durch   Interpretation   ist   vor   allem   in   Geschichte   und 
Kultur   beliebt:   Die   Rueckfuehrung   von   Ereignissen   auf 
Ursachen ist das leuchtende Beispiel: Waere die Beziehung von 
Ursache und Ereignis beidseitig, waere die Bedeutung schon in 
der   Ursache   gelegen   –   Geschichtsforscher   waeren   dann 
Propheten. 
Inszenierung   und   Interpretation   als   sinnstiftende   Techniken 
sind   Varianten   von   Spekulation,   die   sich  in   klaren   Grenzen 
bewegen.   Wir   haben   Grundsaetze,   Erfahrungen,   Horizonte, 
Dialogregeln – und vor allem Distanz. Wir stehen ausserhalb, 
haben   den   Ueberblick und  sind  auch nicht direkt  betroffen, 
wenn eine unserer Einschaetzungen nicht zutrifft.  
Wir   sind   Zaungast,   wie   wenn   wir   –   sei   des   durch   Medien 
vermittelt   oder   direkt   –   Prozesse,   Organisationen,   Ereignisse 
oder Herden beobachten. Aus unserer Perspektive koennen wir 
objektivieren, egal wie unrecht wir damit potentiell anderen tun. 
Wir gehen auf Distanz, schauen zu, teilen ein; wir sehen Regeln, 
wir sehen den Wald und die Baeume und haben immer noch die 
Moeglichkeit, unsere Perspektiven und Urteile zu aendern. Wir 
haben die Macht, zu reden; die anderen sind “die”.
“Die” erzeugen “uns”
Manchmal   offenbart   diese   Position   auch   ihre   ganze 
Kuenstlichkeit, Vermitteltheit. Wir sind immer auf Distanz, im 
Zitat, in einer Ableitung und Variation. Manchmal hoffen wir 
146
Wie die Tiere
auf   Selbstverstaendlichkeit   und   wuenschen   uns,   wir   waeren 
lieber mittendrin, als nur dabei. Manchmal moechten wir eben 
Teil einer Herde sein.
Die Herde existiert aber nur fuer den, der danebensteht, und 
die Herde sehen moechte. In der Herde haelt sich jeder selbst 
fuer   die   Person   mit   dem   Ueberblick,   jeder   hat   seine   eigene 
Vorstellung von selbstaendiger Position und unbeschriebener, 
unbeschreibbarer Menge. 
Bestandteil der Herde sein zu wollen ist eine Frage von Werten 
und Vertrauen. Die Abgeschlossenheit laesst klare Werte und 
Regeln vermuten, eine Basis, auf der gemeinsames Verstaendnis 
moeglich ist. Manche nennen ihre Herden auch Tribes, Parteien 
oder   Kirchen,   manche   schlicht   Freunde.   Die   Auspraegungen 
sind verschieden, Naehe, Vertrauen und Verstehen spielen in 
allen   Formen   eine   Rolle.   Sie   gruppieren   und   uebergehen 
Distanz, indem sie Distanz nach aussen verlegen, einen Gegner, 
Markt, das Boese konstruieren. “Die anderen” sind jetzt anders, 
wir gehen davon aus, dass wir uns einig sind. 
Die   grossen   Perspektiven   ueberlagern   die   kleinen   –   die 
politischen   Gegner,   die   andere   Abteilung,   die   ahnungslosen 
Kunden oder ueberhaupt “die”, die doch alle bloed sind. Von 
innen betrachtet, sind das vereinnahmende Massnahmen. Nach 
Einwaenden   wird   nicht   gefragt,   sie   muessten   mit   doppeltem 
Aufwand vorgebracht werden. 
Das erzeugt angenehme Heimeligkeit fuer die einen, ungeliebte 
Umklammerung   fuer   andere.   In   der   scheinbaren 
Selbstverstaendlichkeit, in der Naehe herrscht, Verstaendigung 
moeglich   ist   und   der   Hintergrund   geteilt   wird,   brechen 
Differenzen umso ploetzlicher und deutlicher auf – wenn sie 
dann doch auftreten. 
“Die Rechtsparteien kann man wirklich nicht waehlen”, sagt die 
Neobekanntschaft   waehrend   des   Abendessens.   “Es   ist 
schrecklich,   dass   die   jetzt   wieder   solche   Zuwaechse   haben.” 
Inhaltlich fuegt sich das in das Bild, das wir sehen wollen und 
147
Wie die Tiere
vermutet   haben;   wir   teilen   liberal   entspannte 
Grundeinstellungen und brauchen nicht weiter ins Detail zu 
gehen. Wir wollen die Bekanntschaft  gar nicht  vertiefen,  wir 
brauchen   auch   nicht   auf   Distanz   zu   gehen;   grundsaetzlich 
herrscht Einigkeit. Bis unser Bekannter weiterredet: “Aber es 
wird ja wirklich immer mehr, und ich mag es auch nicht, wenn 
sich   Auslaender   nicht   anpassen.   Warum   koennen   sie   nicht 
westlich  sein   wie wir  alle? Sogar in   unserer Strasse gibt  es 
immer mehr Frauen mit Burka, und deren Maenner gehen ganz 
entspannt   daneben   in   T­Shirts   und   kurzen   Hosen.”   ­   Wie 
verstehen   wir   das?   Latente   Auslaenderfeindlichkeit?   Ein 
verkuerztes   Plaedoyer   fuer   Frauenrechte?   Ein   Statement   zur 
Ergruendung moeglicher Ursachen der rechten Wahlerfolge? Ein 
persoenliches   Statement   an   der   Grenze   des   Vertretbaren?   ­ 
Distanz   ist   dringend   notwendig;   wir   muessen   uns   aus   der 
vertrauten   Situation   herausnehmen   und   (wieder)   dazu 
uebergehen,   Perspektiven,   Optionen,   Muster   zu   bilden.   Was 
haben wir gerade gehoert, was haben wir vorher gehoert? Und 
die   Entscheidung   ist   wieder   eine   Frage   von   Werten   und 
Vertrauen: Was sollen wir glauben? 
Solche Distanzen und Brueche verursachen (Vor)Urteile, Zweifel 
und   Unsicherheit.   Sobald   wir   das   einmal   gesehen   haben, 
koennen   wir   nur   schwer   zurueck   in   eine   Einstellung,   die 
Sicherheit und Vertrauen voraussetzt.
Wir   wissen   dann,   dass   es   nicht   so   ist,   dass   wir   nicht   die 
anderen sind, immer einen anderen Blick auf die Dinge haben 
werden, sobald es um Details und Werte geht, und machen 
trotzdem mit – das ist eine Einstellung. 
Positionen und Meinungen sind verhandelbar, Situationen sind 
es auch. Wie wollen wir diesen Tag, diese Situation erleben? Es 
liegt an uns, uns darauf einzustellen, den Rahmen zu erkennen, 
ein   Ziel   zu   formulieren.   Manchmal   muss   man   stur   auf 
grundlegenden   Differenzen   beharren,   manchmal   kann   man 
dagegen nicht  anders, als Pantoffeln,  Kaffee und Kuchen  zu 
akzeptieren.   Die   groessten   Unterschiede   koennen   eben   nicht 
148
Wie die Tiere
erklaert  werden,   weil  sie   gar  nicht  in   Beziehung  zueinander 
gesetzt werden koennen. ­ Wo es nichts Gemeinsames gibt, gibt 
es auch keine erkennbaren Unterschiede...
Ist diese Einstellung Anleitung zu Luege und deren Kritik und 
Enttarnung zugleich? 
In dieser Frage schwingt eine moralische Dimension mit, die 
nicht   dort   sein   soll.   Dinge   funktionieren   trotzdem,   Ablaeufe 
finden statt, weil wir nicht immer alle Fragen stellen muessen. 
Dort, wo wir uns zuhause fuehlen, wo wir nicht von Haus aus 
in der befremdeten Position sind, die sich erst einen Ueberblick 
verschaffen   muss,   koennen   wir   alle   Ueberlegungen   zu 
Perspektiven,   Mustern,   Oberflaechen,   der   Entstehung   von 
Bedeutung   oder   Sinn   uebergehen;   dort   ist   Diskussion 
destruktiv. 
Diese Selbstverstaendlichkeit kein  Indiz dafuer, dass wir mit 
unserer   Position   recht   haben;   sie   ist   ganz   im   Gegenteil   ein 
wichtiger   Anlass,   die   Beschraenktheit   unserer   Position 
wahrzunehmen. Wir koennen nicht auf alles unseren Horizont 
anwenden.   Auch  das   ist  keine   moralische   Angelegenheit:   Es 
geht um koennen, nicht um sollen. Diese Kompatibilitaetsfrage 
ist ein sachliches Problem, kein ethisches – wir machen es nur 
immer wieder dazu, wenn wir die eingeschraenkte Reichweite, 
das   Perspektivische   und   die   Abhaengigkeit   unseres 
Standpunktes von Voraussetzungen uebergehen. 
Wir   tun   so,   als   koennten   wir   damit   mehr   als   uns   selbst 
erklaeren. 
Wir   wissen   ja,   dass   Sinn   vom   Kontext   abhaengt,   dass   die 
gleiche Aussage nicht ueberall den gleichen Sinn macht. Dazu 
kommt, in unserer Perspektive, noch das Wissen, dass auch der 
Kontext von uns abhaengt. Sinnstiftende Elemente sind keine 
Fakten, sondern die Raeume dazwischen, deren Beziehungen. 
Die Frage nach Sinn und Bedeutung nimmt daher nie uns aus 
dem Bild. Auch wenn wir demokratische Rechtfertigung suchen, 
149
Wie die Tiere
mit   oekonomischen   Notwendigkeiten   oder   dem   Wohl   aller 
argumentieren – vielleicht tauchen wir nicht auf, aber wir sind 
es, die hier argumentieren. Weil wir es fuer wichtig halten, dass 
oekonomische   Notwendigkeiten   beruecksichtigt   werden,   dass 
die Beduerfnisse der Mehrheit beruecksichtigt werden, dass wir 
uns   in   den   akzeptierten   Grenzen   bewegen,   deshalb   gelten 
bestimmte   Grundsaetze   und   Regeln.   Wenn   wir   andere 
Umgebungen sehen und als richtig und wichtig einschaetzen, 
gelten andere Regeln. 
Die   Wechselwirkung   von   Meinung   und   Beziehung   in   der 
Kommunikation ist eine andere Spielart um darzustellen, wie 
Bedeutung nicht alleine entsteht. 
Aber wo entsteht Bedeutung?
Die begrifflichen abstrakten Voraussetzungen dafuer haben wir 
besprochen. Welche Annahmen haben wir praktisch? ­ Wir tun 
so, als ob wir Sinn und Bedeutung inszenieren koennten, als ob 
eine grosse Inszenierung die Interpretation bestimmen koennte. 
Praechtige Events, rote Teppiche, kunstvoll inszenierte Speaker, 
wuerdevolle   Rahmen,   beeindruckende   Buffets,   Anspielungen 
und   exakte   Wortwahl   in   Aussendungen   und   Reden   sollen 
helfen, die Botschaft zu unterstuetzen. 
Das   gelingt   zweifelsohne,   nur   entsteht   dadurch   keine 
Bedeutung. ­ Und das ist unser Vorteil. Natuerlich ist es eine 
Einschraenkung,   nicht   jeden   Kommunikationsakt   bis   zuletzt 
kontrollieren zu koennen, aber es ist ein wichtiger Grundsatz, 
eine   wirksame   Einstellung,   genau   die   Grenze   als 
Orientierungspunkt heranzuziehen: Wie weit kann ich gehen, 
wo haengen Fakten, Worte und Sinn zusammen, wo werden 
Interpretation, Kontext und Werte des Gespraechspartners das 
dominierende   Element?  Wo  muss  ich zur   Kenntnis   nehmen, 
dass wir die gleichen Worte verwenden, vielleicht  sogar zum 
gleichen Schluss kommen (“Das ist gut/schlecht”) ­ dass das 
aber, vor dem Hintergrund unserer Vorstellungen und Werte, 
fuer uns auch nicht nur annaehernd das gleiche bedeutet?
150
Wie die Tiere
Bedeutung entsteht nicht in den offiziellen Kanaelen. Medien 
sind   Darstellungswerkzeuge,   die   etwas   zeigen.   Ohne   das 
komplette Paket von Medium, Aussage, Publikum, aehnlichen 
Aussagen, aehnlichen Medien, aehnlichen Rezipienten, anderen 
Medien usw. zu betrachten, haben wir eben nur Anhaltspunkte 
dafuer, was mit der Aussage gemeint sein koennte, wie jene 
Botschaft beim Empfaenger ankommen koennte. ­ So geht es 
uns eben meistens...
Inszenierung   versucht,   so   viel   Sinn   und   Bedeutung   wie 
moeglich   in   urspruenglich   nicht   sinnstiftenden   Elementen 
mitzutransportieren.   Namen,   Zeichnungen,   Logos   stehen 
ploetzlich fuer etwas, die Anwesenheit von jemandem an einem 
bestimmten Ort kann ebenfalls symbolisch werden, Medien (als 
Marken und Produkte) bestimmen ebenfalls in ihrer Eigenschaft 
als mit Bedeutung belegtes Produkt schon die Bedeutung ihrer 
Inhalte, bevor sie noch konkrete (aktuelle) Inhalte haben: Die 
grundlegende   Richtung   bestimmt   nicht   nur   im   Zweifel,   wie 
dieser oder jener Inhalt zu verstehen ist. 
Diese Inszenierung funktioniert so gut, dass wir beginnen, ihr 
freiwillig   zu   folgen.   Wir   lieben   Hypes,   betonen   unsere 
(Sub)Kulturen,   inszenieren   durch   Abgrenzung   oder   Ignoranz 
von   Inszenierungen   und   sind   oft   ueberrascht,   wenn   sich 
manchmal   ploetzlich   die   Gelegenheit   ergibt,   etwas   ohne 
Inszenierung   tun   zu   koennen.   Schlicht:   Wir   lieben   das 
(Wieder)Erkennbare, alles andere ist eben nicht “das Wahre”, 
nicht das, was wir kennen. In Kunst und Kultur gilt das ebenso 
(in   Live­Konzerten   Neues   auszuprobieren,   wird   selten 
geschaetzt),   wie   in   Wissenschaft   und   Business.   Wo   wir   den 
Hype vermuten, wollen wir ihn jedesmal. Ich habe schon oft 
ehrlich   erstaunt   zugesehen,   wie   das   Publikum   bei   diversen 
Events nach der Praesentation (dem Showteil, der das vorstellt, 
was man ohnehin schon kennt), den Raum verlassen hat, ohne 
die   Diskussion   zu   beachten   –   man   haette   Neues   erfahren 
koennen,   an   Denkmaelern   kratzen,   hinter   die   Vorhaenge 
schauen. Auch hier gilt: Ist das gut oder schlecht? ­ Fuer den 
einen ist die Zwischenraeume auszunutzen und zu erfahren der 
151
Wie die Tiere
Sinn   jedes   Tuns,   fuer   den   anderen   eine   beaengstigende 
Vorstellung...
***
Ein paar Beispiele zum Perspektivenwechsel:
Fuer   unsere   Hunde   sind   wir   praktische   Futterautomaten: 
Berechenbar,   eindimensional,   leicht   zu   reparieren,   wenn   es 
einmal nicht nach Wunsch laeuft – unerwuenschte Geraeusche 
und Aufdringlichkeiten helfen nach. An den Raendern, wenn 
diese   einfache   Welt   aus   den   Fugen   laeuft,   offenbart   sich 
dagegen   die   ganze   unfassbare   Magie   der   Welt   aus   der 
Perspektive eines Haushundes: Die bewaehrten Mittel versagen, 
wenn niemand da ist. Manche Menschen verstehen sie nicht. 
Lichtschalter,   die   Helligkeit   in   die   Nacht   bringen, 
Wurfgeschosse,   Elektrozaeune   und   versperrte  Tueren   bleiben 
immer unergruendbar.
Unsere Hunde sind fuer uns Freunde, trotz aller Verformungen 
Ueberbleibsel   aus   einer   anderen   Zeit,   einer   anderen   Welt, 
Gefahr, Indiz einer verdrehten Welt mit verkehrten Prioritaeten, 
laestiges stinkendes Aergernis. 
Hundebesitzer sind fuer Nicht­Hundebesitzer Freaks mit einer 
Vorliebe   fuer   modisch   furchtbar   geschmacklose 
Outdoorkleidung, Perverse, verantwortungsbewusste Menschen.
Nicht­Hundebesitzer   haben   fuer   Hundebesitzer   keine 
besonderen   Merkmale,   es   sei   denn,   sie   deklarieren   sich 
irgendeiner Form. 
Diese vielfaeltigen Vorstellungsraeume ergeben sich allein durch 
einige   alltaegliche   Klischees,   die   noch   ganz   ohne 
Beanspruchung   grosser   Bedeutungszusammenhaenge   wie 
Religion, Wissenschaft oder Kunst entstehen. 
Islamische   Traditionen   koennen   diese   Beziehungen   in   ganz 
152
Wie die Tiere
andere Perspektiven ruecken. 
Homer laesst Odysseus zuerst von seinem Hund Argos, der in 
dessen Abwesenheit ein aermliches Dasein auf dem Misthaufen 
fristete (und bei der Rueckkehr steinalt gewesen sein muss), 
wiedererkannt werden. 
Die   Hilfsorganisation   Caritas   warb   mit   Plakaten   von 
uebergewichtigen Hunden und anderen Haustieren fuer mehr 
Spendenbereitschaft. 
Das sind Beispiele fuer die komplex vermittelte und verdrehte 
Bedeutung   von   Sinn,   die   Welten   und   Weltanschauungen 
entstehen   laesst   (oder   instrumentalisiert)   und   damit   etwas 
beschreibt, bewertet, zu bewirken versucht – ohne dass sich am 
Gegenstand   etwas   aendert,   ohne   dass   es   den   Gegenstand 
beruehrt. 
Dem Hund ist egal, ob er als laestiges stinkendes Aergernis, als 
aus   religioesen   Gruenden     nicht   willkommenes   Tier,   als 
asoziales   Fetisch­Objekt   oder   als   enttaeuschender   Freund 
getreten wird. Fuer ihn bleibt es eine unklare Welt der Magie – 
bis sich aus der regelmaessigen Wiederkehr einzelner Bausteine 
Erfahrungswerte ergeben. Diese ermoeglichen es, zu reagieren, 
ganz   ohne   ueber   die   Hintergruende   bescheid   wissen   zu 
muessen. 
Die konkreten Ablaeufe dabei sind uns ebenso egal wie dem 
Hund – es reicht uns, zu wissen, dass es sie gibt. Auf diesem 
Weg koennen wir gut miteinander auskommen. 
Dieses Bewusstsein der Differenz verlieren wir leicht, wenn die 
Unterschiede nicht mehr so offensichtlich sind, wie sie zwischen 
uns und etwas Nicht­Menschlichem zu sein scheinen. 
Nach   uebergangenen   Voraussetzungen   zu   suchen   bedeutet 
nicht nur, den anderen danach zu fragen, was er denn jetzt 
153
Wie die Tiere
genau gemeint hat. Das liefert wieder nur eine Aussage, deren 
Bedeutung wir uns erarbeiten muessen. 
Der Umgang mit Differenz erfordert eine neutrale Perspektive, 
die   Daten   sammelt,   aggregiert   und   Schluesse   zieht,   eben 
Bausteine sammelt und sie so glatt und unveraendert laesst, 
dass sie gestapelt, geschlichtet, gesammelt werden koennen.
Technik erleichtert das Sammeln; moderne Medien verschaffen 
uns immer weitreichendere Ueberblicke. Sie verleiten natuerlich 
auch   zu   Spekulation   und   Uebertreibung:   Die   verkuerzte 
hochfrequente Darstellung von Leben, wie Social Networks sie 
gestalten, schafft Bilder, die mit Sicherheit nicht zutreffen.  Die 
rasante Beschleunigung, die Vernetzung mit sich bringt und die 
durch   soziale   Faktoren,   Aehnlichkeitsanalysen   und 
Empfehlungssysteme   potenziert   wird,   bedingt   durch   die 
permanente Ueberforderung aber auch wieder die Reduktion 
auf   die   Tatsachen.   Wir   bekommen   laufend   so   viel   neue 
Information,   dass   wir   schlicht   gar   keine   Zeit   haben,   uns 
darueber den Kopf zu zerbrechen. Wir koennen das allenfalls 
ablegen,   bookmarken,   taggen.   Diese   Interaktion   aus   kurzen 
Beruehrungen   hilft,   Distanz   zu   bewahren;   einzelne   Events 
ziehen folgenlos an uns vorbei. Lose Archivierungstechniken wir 
Bookmarks, Tags, Microblogs oder schlichte Notizen helfen, die 
Information auch lange spaeter unveraendert und unbeeinflusst 
wiederzufinden – und durch die historische Entwicklung neue 
Perspektiven   und   Zusammenhaenge   herzustellen.   Die   neuen 
Zusammenhaenge (etwa die simple Ansammlung von mehreren 
Links  zu einem Themenkreis, die wir mit den gleichen  Tags 
versehen haben) veraendern ihre Objekte nicht, aber sie bieten 
Optionen:   Anstoesse,   die   eigene   Position   zu   ueberdenken, 
Analogien herzustellen, Horizonte zu verschieben – oder auch, 
die Fuelle zu ignorieren und einfach beiseite zu schieben. 
Sammeln   ist   eine   Leidenschaft,   die   nicht   unbedingt   ein 
konkretes Ziel braucht. Das gilt insbesondere fuer das Sammeln 
von Information:   Die Faehigkeit, mit Diversitaet und Dissens 
154
Wie die Tiere
umzugehen, ist etwas, das wir trainieren muessen. Positionen 
wahrnehmen, analysieren, respektieren, ohne jedesmal Partei 
zu ergreifen, ist ein grundsaetzlich gesicherter Weg, Respekt zu 
erlernen, respektvollen Umgang mit ungewohnten Positionen zu 
ueben. Sich an den Gedanken von Dissens als tolerierbarem 
Zustand   zu   gewoehnen   bedeutet   –   oder   trainiert   – 
darueberhinaus   auch   die   Faehigkeit,   unterschiedliche 
Positionen ueberhaupt wahrzunehmen.
Der   Umgang   mit   Social   Media   unterstuetzt   uns   dabei.   Wir 
lernen mit einer Fuelle von Information umzugehen, sie in ihren 
Zusammenhaengen   und   Abhaengigkeiten   einzuschaetzen, 
professionelle,   kommerzielle   und   marketingorientierte 
Kommunikation von verstaendigungsorientierter und diese von 
explorativer Kommunikation zu unterscheiden. Wir gehen damit 
um,   dass   wir   keine   besonderen   Autoritaeten   haben,   dass 
Medien,   Themen,   Meinungen   in   Hinblick   auf   potentielle 
Reichweite,   Einfluss,   Qualitaet   und   Originalitaet 
gleichberechtigt nebeneinander stehen. 
Der Umgang mit Social Media unterstuetzt diese Wahrnehmung 
und trainiert diese Faehigkeit. 
Social   Media,   neue   Online­Medien   erzeugen   darueberhinaus 
natuerlich   auch   Dissens.   Das   ist   eine   ihrer   mittlerweile 
unhinterfragten   Hauptaufgaben.   Ob   das   ein   unerwuenschter 
Stoereffekt   ist   oder   der   angemessene   Weg,   mit   aktuellen 
Gegebenheiten umzugehen, ein Weg zur Repraesentation und 
Diskussion der Wirklichkeit, ist in Beziehung zu Sprachspielen, 
Legitimationsdiskursen   und   schliesslich   auch   moralischen 
Einstellungen zu sehen. 
Akzeptieren   wir   die   Modelle,   die   Diversitaet   darstellen,   oder 
wuenschen   wir   uns   jene,   die   Normen   positionieren   und 
durchsetzen, zurureck?
Auch   diese   Frage   wird   bald   nur   noch   unter   historischen 
Bedingungen, als Gedankenspiel gestellt werden koennen. Dass 
ist   die   dritte   Wirkungsweise   von   neuen   Online­Medien   in 
155
Wie die Tiere
Hinblick auf Dissens: Sie unterstuetzen und erzeugen Dissens, 
sie trainieren unsere Faehigkeiten im Umgang mit Dissens, und 
sie   setzen   das   begrifflich­abstrakte   Konzept   von   Dissens   in 
Realitaet um. Sie erzeugen und veraendern Realitaet, sie bieten 
angreifbare Manifestationen eines philosophischen Konzepts. Im 
doppelten Sinn: Als Produkt von Vielfalt einerseits, als Beispiel 
fuer   die   Macht   des   Sprechens,   die   reale   Produktivitaet   von 
Kommunikation andererseits. 
Kommunikationswerkzeuge – auch mit explosiver Verbreitung – 
loesen aber nicht alles. Sie koennen nur Leitmotive liefern, an 
denen wir uns im Face­to­Face­Alltag orientieren. 
Sie unterstuetzen uns in der Beobachterposition. Wir koennen 
leicht   eine   zweite,   dritte,   zwanzigste   Meinung   einholen. 
Hintergruende,   Bezugsrahmen   und   andere   theoretisch 
sinnvollen   Elemente   sind   zumindest   andeutungsweise 
verfuegbar: Profile, Verlaufsinformationen (was hat dieser User 
bisher gemacht) Netzwerke (welche Kontakte und Beziehungen 
gibt es, wie lebendig sind diese). 
Beziehungen   und   Informationsvielfalt   koennen   wir   als 
Marketingnetzwerk betrachten, als Quelle, die uns allwissend 
und allmaechtig macht; die schlichte Menge und das Tempo der 
Interaktionen   koennen   auch   bedrohlich   und   ueberfordernd 
wirken. Wir als Teil dieser Menge sind auch nicht immer in der 
Beobachterposition,   sondern   genauso   in   der   Position   des 
Beobachteten. 
Medien sind eine plakative Erscheinungsform fuer Beziehungen, 
Vielfalt und Bewegung. Sie sind aber kein Sonderfall, nur eine 
ueberzeichnete   Fortsetzung   realer   Verhaeltnisse.   In   einem 
Meetingraum,   einem   Grossraumbuero,   sind   wir   genauso 
Beobachter   und   Beobachteter,   die   Flut   an 
Informationsbruchteilen  laedt auch im realen Alltag staendig 
dazu ein, Schluesse zu ziehen, Urteile zu treffen. 
Warum machen wir das? Bruchstuecke, Elemente mit Sinn zu 
156
Wie die Tiere
versehen, sie in einen Zusammenhang zu stellen, in dem sie 
Bedeutung haben, sortiert die Welt fuer uns. Wir haben das 
Gefuehl, uns auf Ergebnisse, auf das Wesentliche konzentrieren 
zu koennen. Wer sich Zusammenhaenge merken kann, muss 
nicht alle Details wissen – das ist eine praktische Lerntechnik, 
die die Welt vereinfacht. und voraussetzt, dass Ursache und 
Wirkung nicht nur als Prinzip, sondern auch im Einzelfall in 
ihrer Reihenfolge bekannt sind. Die so gewonnene Kontrolle ist 
eher Kontrolle ueber uns selbst: Wir kontrollieren, womit wir 
uns beschaeftigen und was wir fuer uns ausblenden. Sofern das 
nicht andere fuer uns kontrollieren. 
Die  englische  Bookseller­Organisation   vergibt   alljaehrlich  den 
Diagram   Prize   ­   “Award   for   the   oddest   Booktitle”.   Die 
praemierten Titel wirken aus dem Zusammenhang gerissen in 
einer hype­ und skurrilitaetsdominierten Welt nur noch schraeg 
– dennoch haben sich ein Autor und Verleger (also durchaus 
Leute, denen Kommunikation nicht ganz fremd ist) bei deren 
Erstellung vermutlich viele Gedanken gemacht. Was den einen 
als   treffendste   und   aufmerksamkeitserregende   Beschreibung 
eines interessanten Sachverhalts schien, scheint den anderen 
laecherlich, lustig und vollkommen unverstaendlich. Auch das 
ist keine Frage der Formulierung, der verwendeten Begriffe oder 
des allgemeinen Humors – es entscheidet der jeweilige Horizont 
des Betrachters: “Bombproof your Horse”, einer der Finalisten 
2008,   ist   auch   fuer   einen   nur   wenig   erfahrenen   Reiter   ein 
plausibles   und   durchaus   praktisches   Versprechen,   wer   sich 
dagegen die Problemstellung nicht vorstellen kann, entwickelt 
stattdessen bei diesem Titel offenbar lustige Ideen.
 
Wir   brauchen   nicht   immer   zu   urteilen.   Auch   das   ist   keine 
moralische   Aussage,   aber   auch   keine   rein   faktenbezogene, 
beschreibende. Es ist eine Empfehlung. 
Unsere Urteile, die scheinbar strukturieren, zusammenfassen 
157
Wie die Tiere
und   sortieren,   packen   uns   in   eine   Wattewelt   fernab   jeder 
Realitaet ausser unserer eigenen, ohne relevante Bezuege, ohne 
Erkenntisgewinn ueber irgendetwas anderes ausser uns selbst.
Die   Alternative  besteht  darin,   auf   Urteile   zu   verzichten.   Wir 
bleiben   offen,   beweglich   –   und   muessen   uns   immer   wieder 
zurueckhalten. Das ist humorlos, ueberkorrekt und langweilig. 
Wenn   wir   von   uns   behaupten   wollen,   fair,   offen, 
unvoreingenommen   und   realitaetsbezogen   zu   sein,   dann 
muessen wir uns auch so benehmen. Das verschafft uns eine 
reale Chance, etwas von dem mitzubekommen, was rund um 
uns   geschieht,   Dinge   ohne   vorgefertigte   Filter   zu   sehen, 
mitzubekommen, dass es auch neues gibt. 
Wir bleiben offen und massen den Dingen rund um uns keine 
Bedeutung   an,   massen   uns   nicht   an,   ihnen   die   richtige 
Bedeutung zumessen zu koennen. 
Und auch wir sind fuer die andern – und das sind alle anderen 
– nur einer von vielen Bausteinen, mit denen sie, sofern sie es 
moechten, Sinn erzeugen koennen. 
Sie koennten uns auch genauso als sinnlos und bedeutungsleer 
beiseite legen.
Ein paar Grundsaetze
Dinge und Werte bewegen sich. Wo wir gerade sind, wo andere 
sind,   in   welchem   Blickwinkel,   ­   das   wissen   wir   nicht. 
Ausgangspunkt   war   die   Frage   nach   Moeglichkeiten   und 
Bedingungen von Verstehen. Es gibt kein Rezept dafuer was wir 
tun sollen. Es gibt Einstellungen, mit denen wir nicht so falsch 
liegen. In der bewegten und vielschichtigen Umgebung, in die 
wir eintreten, wenn wir einige Fragen ernsthaft stellen, helfen 
einige Punkte bei der Orientierung, wo wir gerade sind. 
158
Wie die Tiere
1
Eine   unabdingbare   Voraussetzung   fuer   Verstehen,   egal   in 
welcher   Auspraegung,   ist   Respekt.   Respekt   bedeutet   dabei, 
insofern auf Sinn (fuer uns) zu verzichten, als wir die eigene 
Interpretation hintanstellen koennen. Nicht was wir meinen, ist 
wichtig, sondern was hier passiert ist. Auch wenn wir uns nie 
ganz   aus   dem   Bild   nehmen   koennen,     weil   wir   immer   nur 
unsere   Sicht   sehen   (oder   das,   was   wir   fuer   objektiv   richtig 
halten)   haben   wir   dennoch   die   Moeglichkeit,   die 
Beschraenktheit   unserer   Position   zu   akzeptieren.   Damit 
erfahren wir nichts Neues, wir steigern unsere Chance, etwas 
durchzusetzen   nicht,   aber   wir   bleiben   lernbereit.   Wir   lassen 
Erfahrungen,   Werte,   Perspektiven   anderer   liegen   und   gehen 
weiter,   ohne   einer   anderen   Welt   unsere   Sicht   aufzuzwingen.
Respekt   bedeutet   nicht   nur   Offenheit   und   Lernbereitschaft, 
auch Konzentration und Aufnahmefaehigkeit sind Zeichen von 
Respekt: Wir kuerzen, sortieren, kontrollieren nicht, indem wir 
Sinn suchen und den Weg dazwischen ueberspringen. Wir sind 
bei der Sache, hoeren zu und akzeptieren auch Veraenderung.
“Die sind doch alle...”, “Du bist immer so...”, “Ich weiss, aber...” ­ 
ist das Gegenteil von Respekt. Wir versuchen, die Initiative zu 
ergreifen, wenn wir etwas nicht verstehen. Dabei reimen wir uns 
etwas zusammen, das allenfalls fuer uns relevant ist, nicht aber 
fuer alles andere. Verzicht auf Spekulation als Bescheidenheit 
schaerft die Wahrnehmung, bei den Dingen zu bleiben erzeugt 
Verbindlichkeit, es reduziert die eigene Position.
Respekt bedeutet zu wissen, dass hier nur wir sind. Damit ist 
eine Auspraegung von Bescheidenheit gemeint, nicht Egoismus. 
Fuer   uns   mag   es   hunderprozentig   so   sein.   Fuer   uns.   alles 
weitere ist davon nicht betroffen.  
159
Wie die Tiere
2
Verstehen   ist   ein   Begriff,   der   gerne   falsche 
Erwartungshaltungen   weckt.   Verstehen   hat   unterschiedliche 
Dimensionen; eine handlungsorientierte Komponente ist aber 
nur dann eingeschlossen, wenn auch Macht im Spiel ist. “Du 
verstehst   mich   nicht”   als   Vorwurf   fehlender   oder 
unerwuenschter   Handlungen   ist   eines   der   urspruenglichsten 
Missverstaendnisse. Verstehen ist meist sehr wohl gegeben, nur 
will der andere eben nicht.
Verstehen   ist   ein   Begriff   aus   einer   rationalen   Welt,   in   der 
Begriffe und Fomulierungen definiert, getauscht, geklaert und 
gehandelt werden. Verstehen kann sich auf Akustik beziehen, 
auf Form und Grammatik, oder sogar emphatische Bedeutung 
haben (“Ich verstehe, wie du dich fuehlst”), es fehlt aber immer 
ein   Sprung   zur   Ueberzeugung.   Verstaendnis   bedeutet 
manchmal   auch   Einverstaendnis,   es   gibt   zwischen   diesen 
beiden   Begriffen   aber   keinen   notwendigen   Zusammenhang. 
Verstehen bezieht sich auf Ideelles, einverstanden sein zielt in 
der   Regel   auf   Handungen   ab.   Ich   kann   einverstanden   sein, 
etwas   zu   tun,   lassen   oder   zu   dulden,   obwohl   ich   es   nicht 
verstehe,   weil   Gegengeschaefte,   Bezahlung   oder   andere 
Perspektiven mir mein Verhalten attraktiv machen. Umgekehrt 
muss ich, auch wenn ich sehr wohl verstehe, was der andere 
warum von mir moechte, damit weder einverstanden sein noch 
muss ich es tun. Die Situation bietet jede Verkaufsgespraech: 
Ich weiss, dass der andere moeglichst guenstig kaufen moechte, 
um moeglichst viel zu sparen – trotzdem moechte ich moeglichst 
teuer verkaufen.
Verstehen ist rational, in Hinblick auf Emotion und Transaktion 
wird   es   ueberschaetzt.   Verstehen   ist   subjektiv;   ich   verstehe 
immer   nur   mich,   meine   Sicht,   meine   Interpretation.   ­   Vor 
diesem   Hintergrund   koennen   wir   unsere   an   Verstehen 
gekoppelten   Erwartungen   besser   einschaetzen   –   wir   sollten 
keine   Erwartungen   an   Verstehen   als   Motivator, 
160
Wie die Tiere
Handlungsgrund haben; es gibt nichts Gutes, ausser man tut 
es. Und wir koennen uns damit anfreunden, dass wir andere 
auch fuer uns gewinnen koennen, dass wir uns bei anderen 
durchsetzen koennen, ohne auf Verstehen zu pochen. Vielleicht 
fuehlt es sich manchmal besser an – aber Verstaendnis ist keine 
notwendige Voraussetzung fuer Aktion.
Hier kippt das Bild: Denn eigentlich muessen wir verstehen, 
was wir tun sollen, wenn wir etwas tun sollen. Und wir koennen 
hinterfragen, ob wir tatsaechlich mit etwas einverstanden sind, 
wenn   das   Einverstaendnis   erkauft   oder   erzwungen   ist.  
Wieviel muessen wir verstehen, um etwas zu tun koennen, und 
wo wird der durch Verstehen erreichte Vorteil durch die Gefahr 
von   Missverstaendnissen   wieder   zunichte   gemacht?   ­   Die 
oberflaechlichsten   Formen   von   Verstehen   (akustisch, 
sprachlich)   sind   wohl   notwendig   –   danach   beginnt   wieder 
Spekulation: Was haben sie wirklich gemeint?
Verstehen zu wollen bedeutet: Nur die Oberflaeche zaehlt, das, 
was uns der andere an dieser Oberflaeche gezeigt hat. Wenn wir 
das nicht mehr wissen oder wenn wir mehr brauchen, muessen 
wir nachfragen. Das ist auch eine Sache des Respekts. 
3
Wir sind immer im Bild. Sinn besteht immer nur fuer uns. Das 
gilt, egal ob wir uns mir dem Sinn einzelner Worte und Saetze 
oder   mit   grossen   Themen   wie   dem   Sinn   des   Lebens,   der 
Bedeutung   von   Freiheit   beschaeftigen.   Wir   beziehen   die 
Umgebung auf uns, wir beziehen uns auf die Umgebung. Das 
ist keine egoistische Laune, die wir ablegen koennen, sondern 
eine der wenigen kaum bestreitbaren Tatsachen.
Hinterfragbar ist, ob es eine Grenze gibt: Gibt es irgendetwas 
ausser uns?
Diese Perspektive haben nicht nur wir;  jeder hat seine eigene, 
161
Wie die Tiere
unbegrenzte, absolute Perspektive. Jeder ist sein Zentrum der 
Welt. Ist das ein Indiz dafuer, dass es Grenzen, etwas ausser 
uns geben muss? Oder ist es ein Indiz dafuer, dass es keine 
Grenzen   geben   kann,   dass   fuer   alle   die   gleichen 
Voraussetzungen gelten?
Hier   stehen   abstrakte   Begriffe   zur   Diskussion,   nicht   soziale 
Befindlichkeiten und Chancen.
Es   ist   egal,   ob   wir   Diversitaet   oder   Homogenitaet   in   den 
Vordergrund stellen, wir kommen zum gleichen Ergebnis: Wir 
bekommen uns nicht aus dem Bild. Wenn wir Werte anfuehren, 
wichtig, unwichtig, schoen, abstossend, interessant, wertlos als 
Praedikate vergeben wollen, dann sind wir es, die werten.
Auch   wenn   wir   uns   auf   Kulturkreise,   politische   Systeme, 
Religionen   beziehen   –   es   sind   noch   immer   wir,   die   diese 
Legitimatoren fuer wichtig halten; ohne uns haetten sie keine 
Bedeutung. Und auch wenn etwas nicht fuer uns, sondern fuer 
andere wichtig ist, sind noch immer wir es, die die anderen fuer 
wichtig halten, sodass wichtig ist, was fuer sie wichtig ist – weil 
uns Familie, Partner, Kunden wichtig sind, weil wir Demokraten 
sind.
Der   andere   taucht   an   den   Raendern   als   wahrnehmbare 
Oberflaeche   auf.   Was   wir   sehen,   sehen   wir   aus   unserer 
Pespektive.   Dem   anderen   muessen   wir   seine   Perspektive 
zugestehen.   Diese   Flexibilitaet   zu   bewahren,   Perspektiven 
zuzugestehen,   die   Ambivalenz   von   unhinterfragbarer 
Allgemeingueltigkeit   und   enger   Beschraenktheit   unserer 
Perspektive zu sehen, ist eine Angelegenheit von Respekt und 
Verstehen: Wir sind in dieser Welt, wir sind alles fuer unsere 
Welt – und die endet dort, wo die anderen sind. 
4
Laehmt   diese   Einstellung   uns,   andere   um   uns   und   die 
162
Wie die Tiere
allgemeine   Unterhaltung?     Das   ist   eine   Frage   unseres 
persoenlichen   Ehrgeizes   und   manchmal   auch   unserer 
Tagesverfassung:   Kommen   wir   damit   zurecht,   nichtig   und 
niemand   zu   sein   und   beliebige,   austauschbare   Dinge   zu 
schaffen? Koennen wir trotzdem darauf schauen, dass die Dinge 
“gut”  sind,  in  dem Rahmen,  innerhalb dessen wir verstehen 
koennen,   Sinn   machen?   Oder   brauchen   wir   einen   letzten 
Grund, mit dem wir im Einklang sein muessen, auf den wir 
unsere Handlungen und Haltungen zurueckfuehren koennen. 
Brauchen wir etwas, so sagt man das oft, das uns antreibt, das 
uns Hoffnung gibt? Etwas, das uns korrekt und rechthaberisch, 
angepasst   und   wohlerzogen,   verlaesslich   und   berechenbar   – 
immer je nach Perspektive – macht?
Aus dem Wissen, dass es keine unmittelbaren Bedeutungen, 
keinen   direkten   Sinn,   keine   letzten   Gruende   und   nichts 
Unverhandelbares gibt, leiten wir nur dann ab, es waere alles 
egal, wenn wir der Meinung sind, dass es Unverhandelbares, 
Unmittelbares, direkt Bedeutungsvolles geben sollte, wenn wir 
Hoffnung brauchen, statt jetzt etwas zu tun.
Hoffnung   steht   fuer   Passivitaet,   Hoffnung   ist   in   jenen 
Situationen wichtig, in denen wir keine Optionen haben, nichts 
mehr tun koennen. Diese Situationen sind sehr selten – wir 
sind   in   der   Regel   weder   eingesperrt,   noch   geknechtet,   am 
Verhungern  oder  im Kriegszustand. Andere  sind  es;  dort  ist 
Hoffnung wichtig. Fuer uns ist Hoffnung eine weitere Form der 
Spekulation,   die   dem   ausweicht,   was   ist;   Hoffnung   ist   eine 
Form der Aufgabe oder eine Form, sich freiwillig Zwaengen zu 
unterwerfen – in der Hoffnung, dass das, worauf wir hoffen, 
positiv auf uns abfaerbt.
Nicht   hoffen,   bedeutet   handeln   zu   koennen.   Im   Moment   zu 
handeln, statt auf die Zukunft zu hoffen, oeffnet den Blick fuer 
die Vielfalt der Welten anderer, die an uns vorueberziehen; wir 
koennen   kurz   hineinschauen,   wir   werden   keine   Loesungen 
erfahren, nichts Neues sehen, nichts Brauchbares mitnehmen 
koennen, aber einfach nur immer wieder sehen, dass es anderes 
163
Wie die Tiere
gibt, dass es Unterschiede gibt, und dass sich nur der kleinste 
Teil der Welt um uns dreht. Der Rest zieht gleichgueltig an uns 
vorbei;   es   ist   unsere   Sache,   ob   wir   mitreden   und   in   die 
Verhandungen   eintreten   wollen,   oder   ob   wir  warten,   bis   wir 
entdeckt, erkannt, erloest werden.
Auf   Allgemeingueltiges,   Unhinterfragbares,   ueberall 
Annehmbares   zu   verzichten,   macht   Kommunikation   erst 
moeglich.   Andernfalls   koennen   wir   nicht   mitreden   –   nur 
nachsprechen. 
5
Instinkt ist kein Gegensatz zur abstrahierenden, theoretischen 
und   destruktiven   Betrachtung   von   Verstaendigung,   die 
Direktheit   ausschliesst   und   wackelige   Konstrukte   relativer 
Vorbedingungen   einfuehrt.   Instinktives   Verhalten   ist   ebenso 
eine Interaktionsform, die keine Vorbedingungen zulaesst, sich 
nicht   mit   Regeln   und   Ordnungen   aufhaelt,   sondern   einfach 
agiert.   Das   sind   viele   Gemeinsamkeiten   an   der   Oberflaeche. 
Aber die scheinbar unmittelbare instinktive Reaktion geschieht 
nicht   aus   dem   Nichts   –   alles   hat   seine   Geschichte.   Hier 
beginnen Unterschiede. Instinkt ist sich seiner Geschichte und 
seiner Voraussetzungen nicht bewusst. Die alles hinterfragende 
Einstellung   will   sich   jedes   kleinen   Bausteins   bewusst   sein. 
Instinkt reagiert. 
Hinterfragen fuehrt zu Zurueckhaltung. Instinkt ist eine Sache 
des Moments – und dann wieder vorbei; alles zu Hinterfragen 
geschieht auch im Moment – aber in jedem einzelnen. Instinkt 
ist eher impulsiv, Reflexion das Gegenteil.
Wozu dann ueberhaupt Parallelen erwaehnen? Der scheinbar 
kalten nuechternen Einstellung, alles in Frage zu stellen, wird 
oft   die   Herzlichkeit,   Waerme,   Emotionalitaet   instinktiver 
164
Wie die Tiere
Reaktionen   entgegengesetzt.   Etwas   bei   einem   anderen   als 
instinktiv   zu   beschreiben,   setzt   wieder   Distanz   und 
Objektivierung voraus. Der andere wird behandelt, es werden 
Vermutungen angestellt, Welten konstruiert.
Informationsbruchteile   und   Vorurteile   werden   zu   einem   Bild 
subsumiert und es wird ein Urteil gefaellt, gegen das der andere 
nichts sagen kann. Eine Reaktion als instinktiv zu beschreiben, 
ist eine verkuerzte Form, “Ich versteh schon” zu sagen und dem 
anderen jede Wahlmoeglichkeit zu nehmen.
Die   Gegenueberstellung   der   hier   beschriebenen 
Kommunikations­   und   Verhaltensformen   mit   Instinkt   oder 
Emotion   betonenden   Kommunikationssichten   drueckt   der 
Wunsch  nach   Sicherheit   und   Kontrolle   aus:   wenn   es   schon 
keine   rationalen   letzten   Gruende   gibt,   dann   wenigstens 
emotionale oder unterbewusste. Irgendetwas muss sich direkt 
durchschlagen   und   so   fuer   Kontrollierbarkeit   sorgen.   Damit 
koennen   wir   nicht   dienen,   damit   beginnt   die   Diskussion, 
vielleicht in einem anderen Rahmen, aufs Neue. Genauso, als 
wuerden   wir  auf   die   Wirksamkeit   politischer   oder  religioeser 
Werte hoffen. 
6
Koennen wir uns entscheiden, koennen wir festlegen, wohin wir 
wollen, wenn wir auf unmittelbare Zusammmenhaenge, “wahre 
Werte”   und   andere   allumfassende   Legitimationsinstanzen 
verzichtet haben? Wie grenzen wir ab, was dann doch gelten 
soll, wenn wir etwas erreichen wollen und ein gewisses Mass an 
Konsistenz   in   unseren   Schritten   und   Entscheidungen 
brauchen?
Wir sind in Bewegung, unsere Ziele sind in Bewegung. Das ist 
kein   gezieltes,   gesteuertes   Verhalten,   nicht   nur   Mittel   zum 
Zweck. Es ist angemessenes Verhalten angesichts dessen, was 
wir um uns erleben. Der Inhalt unserer Ziele aendert sich nicht 
165
Wie die Tiere
zwangslaeufig. Sehr wohl aber deren Bedeutung, ihr Wert fuer 
uns, was wir fuer sie zu tun bereit sind.
Das gleiche gilt fuer unsere Einschaetzung unserer Umwelt und 
unsere   Bewertung   unserer   Beziehungen.   Solange   wir 
zurueckhaltend   sammeln   –   kein   Problem.   Solange   wir   im 
Moment   handeln   und   praesent   sind,   koennen   wir   bei   den 
Dingen sein, wo und wie sie sich auch bewegen. Ein Problem 
entsteht,   wenn   wir   zu   systematisieren,   zu   kontrollieren 
versuchen.   Hoffnung   auf   etwas   in   der   Zukunft   fixiert,   statt 
Varianten zuzulassen. Was den einen wichtig ist, bedeutet den 
anderen nichts, was mir heute wichtig war, muss es morgen 
nicht sein – nicht weil ich es mir anders ueberlege, weil sich das 
Objekt aendert, sondern weil schon die naechste Stunde nicht 
mehr die Stunde jetzt ist, die Welt der naechsten Stunde ist eine 
andere.   Die   Plaene   von   jetzt   gelten   fuer   jetzt,   nicht 
zwangslaeufig fuer die Zukunft. Denn die ist schon wieder jetzt.
Festlegen heisst archivieren. Fest steht, was vorbei ist. ­ Das 
bedeutet   nicht,   dass   wir   uns   nicht   festlegen   sollen.   im 
Gegenteil: Wenn wir (jeder) nicht vorlegen, geschieht nichts. Wir 
muessen alles mitbringen, was unsere Bedeutung ausmachen 
soll. Nur muessen wir dabei immer wissen, wo wir sind. 
7
Der andere bleibt immer anders. Wir schaffen gerne Raeume, 
lernen   Leute   kennen,   finden   Gemeinsamkeiten,   einigen   uns 
ueber einige wichtige Eckpunkte­ und gehen davon  davon aus, 
dass   wir   eine   gemeinsame   Perspektive  haben.   Die   fuer   den 
Moment erreichte Verstaendigung (vielleicht ist es sogar fuer 
den Moment erreichtes Einverstaendnis) wird abstrahiert und 
verallgemeinert:”Wir waren uns doch einig” ist ein aehnlicher 
Vorwurf wie “Du verstehst micht nicht”. ­ Wir uebergehen in 
beiden Faellen die Tatsache, dass die Beruehrungspunkte nur 
wenige, ausdruecklich her­ und festgestellte Punkte sind.
166
Wie die Tiere
Ueberbruecken gelingt uns nur an Oberflaechen. Oberflaechen 
werden   hergestellt,   verhandelt   und   praesentiert,   sie   sind 
Momentaufnahmen, mitunter laufend aktualisiert, aber immer 
mit  deutlicher Distanz zu dem, was sie beschreiben sollen.  
Die   Hersteller   dieser   Oberflaechen   –   also   wir   und   unser 
Gegenueber,   haben   sonst   nichts   miteinander   zu   tun,   wir 
begegnen   einander   auch   im   persoenlichen   Kontakt   nur   in 
moderierten Umgebungen. Wir muessen gezielt Verbindungen 
herstellen, wenn wir gehoert werden wollen, wir muessen uns 
benehmen, wenn  wir angehoert  werden wollen, wir muessen 
fuer   jeden   Kommunikationsakt   Regeln   einhalten,   um   im 
sinnstiftenden Rahmen zu bleiben, und muessen daher auch 
diesen   Rahmen   und   diese   Regeln   thematisieren   koennen.  
Fuer unser Verhaeltnis zum anderen bedeutet das: Wir treffen 
uns immer in der Mitte, keiner ist zuhause. Jeder ist ein Stueck 
weit weg, hat Distanz zu seinem Ausgangspunkt. Was wir in der 
Begegnung sehen, sind also weder wir, noch der andere an sich. 
Beide   Seiten   erfuellen   Kriterien   funktionierender 
Kommunikation, beide sind Kompromisse eingegangen. Gerade 
wenn wir einander verstehen, verstehen wir nicht einander im 
Sinn  von   uns   als   lebendige  Personen   mit   all   ihren  staendig 
wechselnden   Perspektiven   und   Hintergruenden.   Was   wir 
verstehen, sind die Konstrukte, die wir einander zeigen, die fuer 
den   oeffentlichen   Gebrauch   aufbereiteten   Oberflaechen.
Wir haben das hergestellt, mitgebracht, praesentiert, angepasst 
– was wir von uns zeigen, betrifft uns nicht unbedingt. Dann 
gehen wir wieder zurueck; wir haben Information, Positionen 
ausgetauscht,   danach   macht   jeder   wieder   weiter.
Manchmal bleiben wir in Position, im Kontakt – dann bleibt 
auch  die  Distanz.   ­   Jedenfall   bleiben   wir  anders,  bleibt   der 
andere   anders.   Fuer   uns   bedeutet   das:   Gemeinsamkeiten 
vorauszusetzen,   bedeutet   verstehen   zu   verhindern. 
Gemeinsamkeit, sei es in Form eines gemeinsamen Rahmens, 
einer   geteilten   Perspektive   oder   auch   eines   guten   Gefuehls, 
muessen   wir   immer   erst   herstellen.   Das   funktioniert   wie 
Aufwaermen im Sport: Ohne ist es nicht unmoeglich. Aber die 
Verletzungsgefahr ist aus dummen Gruenden unnoetig hoch. 
167
Wie die Tiere
Die Beweglichkeit der Umwelt erfordert, dass wir selbst auch 
ebenso   beweglich   bleiben.   Grundsaetzlich   sind   wir   es;   wir 
werden so wahrgenommen – als von der Situation abhaengig, 
manchmal   inkonsequent,   manmchmal   von   der   Situation   der 
anderen   abhaengig,   Wir   werden   nur   als   Streiflichter 
wahrgenommen – und auch wir bleiben immer anders. 
8
In einer Umgebung, die nicht unsere ist, die Ziele erfordert und 
auf Organisation und Verbindungen angewiesen ist, muessen 
wir   zielgerichtet   vorgehen.   Richtung,   Tempo,   Stetigkeit   der 
Bewegung haengen von der Sache und von uns ab – es geht 
nicht von selbst, wir sind koennen aber auch nicht stillhalten. 
Rueckzug,   Verweigerung,   Abgrenzung   bedeutet,   zur 
Projektionsflaeche   fuer   andere   zu   werden.   Wir   nehmen   uns 
nicht aus dem Spiel, wir haben nur weniger direkte Kontrolle. 
Je mehr wir mitmischen und zu bewegen versuchen – das hilft 
uns   nicht   unbedingt,   mehr   oder   effizientere   Kontrolle   zu 
erreichen. Wir gehen mehr Beziehungen ein, haben mehr zu 
beachten   und   schaffen   durch   den   Versuch,   mehr   zu 
kontrollieren, auch weitere Abhaengigkeiten.
Zielgerichtetes   Vorgehen   mit   langfristiger   Perspektive   ist 
Strategie.   Strategie   bedeutet   auch,   Optionen   zu   schaffen, 
Alternativen   vorherzusehen   und   Loesungsvarianten   fuer 
verschiedene   Verlaeufe   parat   zu   haben.   Um   das   zu   wissen, 
muessen wir uns die Schritte unseres Gegenuebers vorstellen 
koennen, bevor er sie unternimmt. Wir wollen an Andeutungen, 
ersten Schritten erkennen, welche Schritte als naechste gesetzt 
werden –  oder  welche Varianten  weiter plausibel sind, wenn 
unsere erste Annahme nicht zutrifft.
Um dieses Spiel auch nur annaehernd mitspielen zu koennen, 
brauchen   wir   Unmengen   an   Information   –   moeglichst 
unverfaelscht,   moeglichst   nicht   vom   anderen   fuer   uns 
168
Wie die Tiere
aufbereitet. Wir stapeln unsere Bausteine.
Voraussetzung   und   Konsequenz   effizienten   strategischen 
Vorgehens ist daher Allgegenwart. Wir sammeln, als waeren wir 
ueberall dabei, wir treffen unsere Entscheidungen, als waeren 
wir   schon   dort,   wo  der   andere   hin   will,   als   haetten   wir   es 
gewusst   und   wuerden   auf   ihn   warten.   Dann   wirken   wir 
maechtig, erfahren und wissend.
Wir   sind   nie   nur   jetzt,   wir   sind   von   bedeutungsstiftenden 
Zusammenhaengen   abhaengig,   wir   planen   in   die   Zukunft   – 
darum faellt es uns so schwer, auf Spekulation zu verzichten. 
Bruchstuecke,   die   wir   im   Moment   erleben,   setzen   wir   mit 
Bedeutungen  in  Beziehung,  die  sich  viel  spaeter,  frueher,  in 
anderen   Zusammenhaengen,   mit   anderen   Personen   ergeben 
haben   oder   ergeben   koennten;   es   kostet   Uberwindung,   die 
Dinge einfach sein zu lassen. Je mehr wir erfahren, desto mehr 
potentielle   Verknuepfungen   und   irregeleitete   Spekulationen 
ergeben sich – bis der Punkt erreicht ist, an dem wir schlicht 
gar   nichts   mehr   verarbeiten   koennen   und   gezwungen   sind, 
Informationsbruchstuecke   einfach   liegen   zu   lassen.   Unsere 
persoenliche Erfahrung wird dann zur statistischen Erhebung – 
wir   sind   dann  nicht   nur   allgegenwaertig,  schnell   und  ueber 
verschiedenste Kanaele mit Information versorgt wie ein Cyborg, 
wir   sammeln,   scannen   und   archivieren   dann   auch  wie   eine 
Rechenmaschine.
Klingt nach dummer Science Fiction? ­ Bei der Verbreitung von 
Information   haben   wir   schon   Cyborg­Qualitaeten.   Unsere 
Reichweite   ueber   Netzwerke   ist   enorm   und   kann   sich  leicht 
multiplizieren, mobile Devices verleihen uns einen Touch von 
Allgegenwart   (wir   sind   im   Buero,   im   Wohnzimmer,   im   Cafe 
gleichzeitig und koennen auf verschiedene Welten angemessen 
eingehen).   Wir   koennen   problemlos   kopieren,   vernetzen   und 
einen   eindrucksvollen   Strudel   erzeugen,   in   dem   kaum   noch 
erkennbar ist, was wir sind, und was geliehene Hilfsmittel.
In der Wahrnehmung und Verarbeitung koennen wir noch nicht 
mithalten. Wir koennen viel zur Kenntnis nehmen, uns aber 
169
Wie die Tiere
nicht mit den Inhalten beschaeftigen. Auch aus diesem Grund 
nutzen   wir   dankbar   jede   Gelegenheit   zur   spekulativen 
Verkuerzung.   Indem   wir   unsere   Sicht   von   Sinn   auf   die 
Tatsachen anwenden, ersparen wir es uns, alles aufnehmen zu 
muessen.
Information   liegen   zu   lassen,   bis   wir   handeln   koennen   als 
waeren   wir   allgegenwaertig,   bis   wir   in   der   Menge   an 
Moeglichkeiten   Perspektiven   wechseln   koennen,   Sichtweisen 
durchspielen koennen, uns auf Varianten vorbereiten koennen, 
ist nicht immer unser Ding – aber eine angemessene Sichtweise.
Technologie   hilft   und   behindert   dabei   gleichermassen;   wir 
bekommen   Information   von   dort,   wo   wir   nicht   sind   und 
schaffen   Transaktionen   weit   ueber   unsere   gewoehnliche 
Reichweite hinaus. Das lindert und verschaerft das Problem; es 
erzeugt   Distanz   und   erfordert   Bewegung,   die   Luecken 
ueberbrueckt,   und   doch   deutlich   macht,   dass   alles   immer 
anders ist: Auch wir selbst sind jetzt nicht mehr dort, wo wir 
eben noch waren. Darauf muessen wir uns einstellen.  
9
Muster, Welten, und Werte sind unser Spielzeug. Damit schaffen 
wir Zusammenhaenge, und Experimentierrraum fuer Ideen. Mit 
einer   Perspektive,   die   viele   Bruechstuecke   gesammelt   hat, 
verschieben   wir   mit   kleinen   Gedanken   Welten   und   koennen 
sogar   ein   kleines   bisschen   hinter   das   schauen,   was   unser 
Gegenueber   uns   an   der   Oberflaeche   zeigt.   Wir   wissen   zwar 
nicht,   was   er   sonst   oder   darueberhinaus   meint,   aber   wir 
koennen  uns  ein   Bild  davon  machen,  wie  diese Oberflaeche 
zustandekommt. Je mehr  Oberflaechen und deren Geschichten 
wir kennen, desto mehr Varianten und Lebensmodelle haben 
wir zur Auswahl. Das bedeutet noch nicht, dass damit auch 
automatisch unsere Chancen steigen, die richtige Auswahl zu 
treffen, etwas korrekt zu interpretieren. Wir koennen uns mehr 
vorstellen   –   vielleicht   erhoeht   das   die   Zahl   der 
170
Wie die Tiere
Gespraechsmoeglichkeiten, vielleicht koennen wir auf dem Weg 
eher erklaeren, was wir eigentlich glauben und verstehen – und 
haben so eher die Chance, auch angemessene Rueckmeldungen 
zu   bekommen.   Eine   Situation   in   Beziehung   zu   vergangenen 
Details zu setzen erfordert eben die passive Aufnahmefaehigkeit, 
die Details sammelt, ohne sie zu bewerten (und dadurch zu 
verkuerzen), und sich auch nachher noch daran erinner kann. 
Das koennen lange Zeitraeume sein.
Solange wir an etwas glauben, Werte fuer verbindlich halten 
oder bestimmte Reaktionen, Verhaltensweisen fuer natuerlich, 
solange   fehlen   uns   diese   Moeglichkeiten.  
Das ist kein Plaedoyer fuer Nihilismus – eher fuer Toleranz. In 
den eigenen Grenzen machen viele Systeme Sinn, sie koennen 
vieles begruenden, erklaeren, Anleitungen geben, Sie koennen 
auch ihre eigene Entstehung erklaeren, den Grund, warum sie 
wichtig   und   richtig   sind.   Dabei   verwenden   sie   ihre   eigenen 
Regeln, um ueber sich hinauszugehen: Mit den eigenen Regeln 
werden die eigenen Regeln diskutiert, hinterfragt, erklaert; man 
moechte  ueber   das   hinausgehgen,   was   geregelt   ist,   und   die 
unmittelbare Gueltigkeit der Regelungen und der Regeln zeigen. 
Das   funktioniert   natuerlich   nur   innerhalb   des   Regelwerks. 
Wenn   die   eigenen   Regeln   auf   Sachverhalte   ausserhalb   des 
eigenen Systems projiziert werden, ist das Interpretation. Das 
Ergebnis   muss   nicht   unbedingt   falsch  sein,   aber   es   ist   mit 
Sicherheit   nicht   von   den   eigenen   Regeln   unabhaengig. 
Welterklaerungen   sind   natuerlich   von   den   eigenen   Regeln 
abhaengig,   Religionen   funktionieren   nur   mit   den   eigenen 
Zielsetzungen, aber das Prinzip wiederholt sich auch in weit 
profanerem Rahmen: Die Rechtswissenschaft analysiert eigene 
selbstgeschaffene   Grundsaetze   und   versucht   noch,   daraus 
normative Funktionen und zwingende Sanktionen abzuleiten. 
Im   Unterschied   zu   anderen   Wissenschaften,   die   alle   ihre 
eigenen Voraussetzungen brauchen, um zu funktionieren, ist 
das Ergebnis hier nicht so leicht zu ignorieren: Durch die gute 
Vernetzung   mit   anderen   Systemen   koennen   effiziente 
Zwangssysteme   geschaffen   werden;   die   gemeinsame   Nutzung 
171
Wie die Tiere
und Anerkennung von Voraussetzunge erhoeht den Einfluss. 
Ohne   dass   die   Annahmen   dadurch   richtiger   werden.  
Umgekehrt   gilt   aber   auch:   Nicht   jede   theoretische 
Unschluessigkeit,   Unschaerfe   bedeutet   praktisches   Versagen. 
Die Physik stellt ihre eigenen Grundlagen in Frage und kann sie 
im   Detail   nicht   restlos   klaeren   –   wir   fliegen   trotzdem.  
Wertorientierte   Systeme   verlieren   lange   schon   an   Bedeutung 
und   Stabilitaet.   Zerstoerung,   Diskussion   und   Infragestellung 
von   Werten   haben   deren   Bedeutung   noch   einige   Zeit 
verlaengert. Diese Diskussionen gibt es heute kaum noch. Wir 
haben   kein   Problem   damit,   unterschiedliche   Werte 
nebeneinander,   hintereinander,   je   nach   Kontext   oder   fuer 
verschiedene Beduerfnisse zu akzeptieren. Der Grund ist nicht 
immer   klar;   dass   die   fehlende   Begruendbarkeit   eine   der 
Ursachen   dieser   Situation   sein   mag,   steht  oft   gar  nicht   zur 
Diskussion.  
Es   gibt   auch  selten   Diskussion.   Denn   zur   Debatte  –   sofern 
ueberhaupt debattiert wird – steht nicht die Frage nach richtig 
oder falsch, sondern die Frage, was ein angemessener Ausdruck 
dieser Diversitaet ist und wie wir damit umgehen koennen.  
Zuschauen   und   Protokollieren   ist   das   geeignetste   Mittel; 
einzelne   Bausteine   koennen   wir   sammeln,   Dinge   an   die 
Oberflaeche   zu   zwingen,   funktioniert   nicht.  
Versuche,   darueber   hinauszugehen   (“Jetzt   will   ich   das   aber 
wirlich wissen”, “Das  musst  Du mir  erklaeren”), produzieren 
laehmende   Killerphrasen   oder   Machtverhaeltnisse.  
Aus   den   meisten   Worten,   die   versuchen,   ueber   diese   Basis 
hinauszugehen,   werden   blosse   Geraeusche,   sie   produzieren 
nichts als Rauschen. 
172
Wie die Tiere
Wenn   wir   das   Rauschen   kennen   und   zuordnen   koennen, 
koennen wir das Buch schliessen und einfach weitermachen. Es 
funktioniert   schon.   Aber   wir   wissen,   wo   wir   gelegentlich 
nachsehen koennen. 
173
Wie die Tiere
Wie die Tiere
Hier gibt es keine griffigen Case Studies. "Wie
die Tiere" beschaeftigt sich ganz trocken mit der
Frage: Warum bedeutet, was wir sagen,
ueberhaupt etwas? Wie gehen wir davon aus, zu
verstehen und verstanden zu werden? Und
warum funktioniert trotz allem immer
irgendetwas?
Das Anerkennen der grundlegenden
Unterschiede zwischen uns und allem anderen
ist eine Frage des Respekts. Gemeinsamkeiten
vorauszusetzen, Differenzen vor einem
gemeinsamen Hintergund zu beschreiben, ist die
respektlose Vereinnahmung eines anderen, der
genau so Mittelpunkt seiner Welt ist, wie wir
Mittelpunkt unserer Welt sind.
"Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht
- das ist die beste Voraussetzung fuer ein gutes
Gespraech."
174

Wie die Tiere

  • 1.
  • 2.
  • 3.
    Wie die Tiere Wiedie Tiere Michael Hafner kbex micropublishing http://www.kbex.eu 3
  • 4.
    Wie die Tiere  2009 madewith an EEE PC, Open Office and The Gimp 4
  • 5.
    Wie die Tiere Einleitung Wir wissen scheinbar alles. Den Rest koennen wir scheinbar  leicht recherchieren, denn wir sind scheinbar gut vernetzt und  scheinbar mit vielen befreundet.  Was davon hilft uns wirklich? Und warum kommt hier das Wort  "scheinbar" so oft vor?  Vier wichtige Punkte praege jene Kommunikationsformen, mit  der wir heute leben ­ ein unentwirrbares Geflecht aus  persoenlichen, virtuellen, eingebildeten, realen, erfahrenen,  kopierten, erzwungenen oder ertraeumten Beziehungen.  1  Nichts hat Bedeutung ­ weder Worte, noch Ereignisse. Es sei  denn, wir erzeugen eine. Fuer sich genommen sind Handlungen  oder Aussagen schlicht nichts; Sinn und Bedeutung entstehen  erst spaeter in dem, was wir daraus machen.  Waere es anders ­ Historiker waeren Propheten (denn statt der  nachtraeglichen Erforschung von Bedeutung von Ereignissen  koennte dann ja deren zukuenftige Bedeutung vorausgesagt  werden) und Geschwaetzigkeit waere wichtiger als  Handlungsbereitschaft.  2 Ohne Bedeutung wollen wir nicht leben, deshalb spekulieren  wir. Wir schreiben Dingen und Aussagen Bedeutung zu und  machen sie damit fuer uns nutzbar. Das hat keinen direkten  5
  • 6.
    Wie die Tiere Zusammenhang zu den Dingen und Aussagen selbst, im  Gegenteil: Je entfernter die von uns sind, desto leichter tun wir  uns damit, kreativen Sinn dazu zu spekulieren ­ denn das  Risiko, dass wir dem Beweis fuer die Falschheit unserer  Annahmen begegnen, sinkt proportional zur Wahrscheinlicheit,  dem Gegenstand unserer Annahmen zu begegnen.  Je weniger wir von etwas wissen, desto sicherer sind wir uns  dabei.  3  Bedeutung ist also moeglich, ist aber eher eine Eigenschaft  unserer Vorstellungen als dessen, womit wir uns beschaeftigen.  Was bedeutet (!) das fuer die Entstehung von  Zusammenhaengen, fuer Ursache und Wirkung? Wir koennen  Zusammenhaenge beobachten, aber wissen wir, was dabei  Ursache ist und was Wirkung? Wie kommen wir von einer  Aussage zu deren Bedeutung und weiter zu einer Wirkung, also  etwa einer Handlung? Wie erfassen wir diese Zusammenhaenge  und wie machen wir sie fuer uns nutzbar?  Beziehungen bedingen die Entstehung von Bedeutung;  Veraenderungen in Beziehungen und deren Grundlagen  aendern damit die nur die Entstehung, sondern auch den  Inhalt von Bedeutung. Exemplarisch laesst sich das anhand neuer Online Medien  darstellen: Was bedeuten die vielfaeltigen Beziehungen und  Situationen, die Moeglichkeiten, Content mit endlosem Kontext  aufzuladen oder ihn umgekehrt vollends aus diesem  herauszuloesen, fuer die Entstehung und den Wert von Sinn  und Bedeutung? Worauf koennen wir uns verlassen, worauf  koennen wir uns in dieser Vielfalt verlassen?  6
  • 7.
    Wie die Tiere 4 Weil es egal ist, wenn grundsaetzlich alles Verhandlungssache  ist, koennten wir auch das Problem der Bedeutung beiseite  schieben. Nur begegnen uns immer wieder, trotz allem,  Situationen, Sinnzusammenhaenge, Werte, die nicht zur  Diskussion stehen. Rein rational betrachtet ­ um mir selbst  gleich zu widersprechen ­, vielleicht schon, aber die theoretische  Hinterfragbarkeit verblasst vor der einfach praesenten  Oberflaeche.  Etwas gefaellt uns oder nicht, wir moegen jemanden oder nicht  ­ und das entscheiden wir, innerhalb unserer Welt, in der der  andere eine statische Randfigur ist. "Wir" begegnen "uns" nicht  "wirklich", waehrend wir uns fuer komplex, besonders, oder  auch nur besonders gewoehnlich halten, sind wir fuer den  anderen eine voruebergehende Erscheinung. Jemanden so auf  die Oberflaeche zu reduzieren ­ ist das gemein (weil wir  vereinfachen) oder respektvoll (weil wir annehmen, was da ist)?  Hier beginnt die Runde wieder von vorne (s. Punkt 1).  Wie die Tiere geht der Frage nach, warum dennoch Dinge, die  wir sagen, fragen oder behaupten, Bedeutung haben. Und weil  Fragen auch mehr zaehlen als Antworten, ebenso der Frage, wie  wir uns verstaendlich machen koennen.  "Wie die Tiere" bedeutet hier unwissend, auf unklare Weise  anders, nicht wir, offen, unvoreingennommen. Das kann ein  angemessener Zustand sein.  7
  • 8.
  • 9.
    Wie die Tiere Einleitung..............................................................................................5 Ausgangslage.....................................................................................11 Wirverstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht. Das ist die beste Voraussetzung fuer ein gutes Gespraech. ....................................11 Differenz: Visualisierung im Streit..................................................14 Immer Herausfordern.....................................................................16 Wie Ideen beschreiben..................................................................17 Schaffen bedeutet immer verlieren................................................18 Wie koennen wir die Seiten wechseln? .........................................20 Sie sind anders..............................................................................20 Sie meinen es anders....................................................................21 Distanz befreit................................................................................25 Festlegende Systematik: Spekulation als Befreiung, zuschreibendes Erkennen als Festsetzung...................................26 Medien und Gemeinplaetze: Wir wissen und verstehen nur, was wir immer schon gewusst haben.........................................................29 Varianten: Was machen wir aus dieser Situation?.........................33 Einsiedelei ist eine Option..............................................................34 Abgrenzung ist Bezugnahme und Bestatetigung...........................35 Wir sind nicht allein........................................................................38 Distanz und Flexibilitaet: Je weniger wir wissen, desto sicherer sind wir...................................................................................................39 Primat der Oberflaeche..................................................................44 Folgen der Praesenz: Wehrlosigkeit..............................................46 Folgen der Praesenz: Selbstbehauptung.......................................47 Begriffsbildung: Warum heisst das, was wir sagen, ueberhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? ..................................................50 Und wie koennen wir uns trotzdem verstaendigen?......................51 Tiere werden konditioniert – Wollen wir Menschen tatsaechlich verstehen? ....................................................................................55 Philosophische Kompetenzen........................................................56 Vermutungen: Wie koennen wir verstehen? Wie koennen wir uns verstaendigen? .................................................................................59 Oberflaechen..................................................................................60 “Wie er wirklich war”.......................................................................60 Bezug des Ich auf etwas................................................................62 Reduktion auf das Ich....................................................................63 Gewaltakt des Konsens und Macht des Durchschnittlichen, das keiner will.......................................................................................65 Verstehen, dass es anderes gibt ...................................................67 Erklaeren von Neuem durch Bekanntes ist Reduktion...................73 Mushin: “Nicht mehr denken”.........................................................78 9
  • 10.
    Wie die Tiere Wasist schon neu? .......................................................................80 Unterschiede in der Naehe wahrnehmen.......................................82 Welcher Spielraum bleibt dabei fuer Neuigkeiten? .......................83 Dissens ist Effizienz – abhaengig von der Perspektive..................84 Extrapolation und Spiele................................................................85 Die Kunst, den Faden nicht verlieren.............................................87 Rhetorik im Verdacht......................................................................91 Gute Gedanken ausdruecken: mashup.........................................93 Wir muessen trotzdem miteinander reden.....................................97 Muster als Kommunikationsstrategie – pragmatische Allegorien.100 Entscheidungsoptionen................................................................101 Perspektiven wechseln...................................................................103 Allegorien als ein Mittel, Distanz herzustellen – und das befreit..106 Standardisierung von Mustern......................................................111 Anleitungen, Muster, Missverstaendnisse....................................116 Verhandlungssache......................................................................123 Orientierung, Bildung von Perspektiven.......................................128 Was zaehlt ist die Oberflaeche.....................................................128 Was heisst etwas zaehlt? ............................................................131 Genauso unbeschwert umgehen wie mit Tieren – Signale ernst nehmen........................................................................................134 Keine Dualitaet, kein Zusammenfuehren, keine Wahrheit...........135 Anstelle unvermittelter Gemeinsamkeit tritt das Wissen, dass alles Verhandlungssache ist – auch die letzten Gruende ....................136 Offensichtlich reden wir trotzdem.................................................137 Ein Bild des anderen machen, in dem die Dinge zusammen passen .....................................................................................................139 Perspektiven.....................................................................................141 Kann so viel passieren, wie geredet wird?...................................144 Bedeutung entsteht spaeter.........................................................145 “Die” erzeugen “uns”....................................................................146 Ein paar Grundsaetze..................................................................158 10
  • 11.
    Wie die Tiere Ausgangslage Wirverstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht. Das ist die beste Voraussetzung fuer ein gutes Gespraech. “Ich   verstehe   schon.”   Diese   drei   Worte   sind   eine   gefährliche  Drohung, sie beenden ein Gespraech, sie kuerzen Erklaerungen  ab und sie signalisieren, dass derjenige, der sie ausspricht, sich  bereits ein Bild gemacht hat.  Ein   Bild,   das   nur   sehr   schwer   zu   erreichen   und   kaum   zu  aendern ist. Je sicherer wir einer Sache sind, desto schneller  machen wir uns ein Bild. Je schneller wir uns ein Bild machen,  desto weniger ist uns bewusst, dass wir uns ein Bild machen,  dass   wir   in   unseren   Gedanken   und   Worten   eine   Welt  konstruieren,   die   von   der   Welt   draussen,   von   der   Welt   des  anderen, der uns etwas zeigen wollte, verschieden ist.  Je sicherer wir also einer Sache sind, desto wahrscheinlicher  liegen wir damit falsch.  “Du bist doch so ein Landwirtschaftsfreak”, sagte eine  Kollegin gestern zu mir – voraussetzend, dass ich mich  als   Ex­Staedter   und   nunmehriger   Landbewohner   fuer  alle  Aspekte  des  Landlebens  begeistern   kann.   “Nein”,  sagte   ich,   “Oder   begeisterst   Du   Dich   brennend   fuer  Muellabfuhr,   Strassenkehrer,   Obdachlose   und  verspaetete   U­Bahnen?”   ­   um   nur   einige   Aspekte   des  Stadtlebens herauszugreifen.  Ein   anderes   Beispiel:   Ein   Projektteam   diskutiert   den  Rollout   eines   Imagefilms   in   osteuropaeischen  11
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    Wie die Tiere Tochtergesellschaften  eines   international   operierenden  Konzerns. “Die werden uns keine Ideen liefern”, sagt M.  “Stimmt, die Antworten waren ziemlich mager”, meint A.  “Sind die Kollegen denn schon befragt worden?”, fragt V.  Die anderen sehen sie entgeistert an, “Haben wir nicht  gerade darueber geredet?” Fragen,   Behauptungen,   Situationen,   die   fuer   den   einen  selbstverstaendlich sind, sind fuer den anderen unvorstellbar,  allein daran zu denken oder es auszusprechen loest Unwohlsein  aus. Wir konnen vieles nicht thematisieren und wir haben dabei  auch keine Sicherheit. Bei jedem Gespraech laufen neben dem ausdruecklich Gesagten  mehrere   Parallelebenen   mit,   einige   betreffen   Erinnerunen,  Erfahrungen, andere Beziehungen.  Darunter gibt es auch das Bild von uns, das waehrend des  Gespraechs   beim   anderen   entsteht.   Haben   wir   jemals   das  wirklich gute Gefuehl, dass uns das gerecht wird? ­ Wie weit  duerfen wir, wenn wir uns das eingestehen, unseren eigenen  Bildern vertrauen? Gibt es einen Massstab, an dem sich die  unterschiedlichen   Vorstellungen   messen   lassen?   Und   mit  wessen Augen kann dieser Massstab abgelesen werden?   Es   bedarf   nur   minimaler   Verschiebungen,   und   wir   koennen  einander   wie   Idioten   aussehen   lassen.   Wir   beklagen  Missverstaendnisse,   wundern   uns   ueber   die   mangelnde  Einsicht zweier Streitparteien, wenn wir als Dritte unbeteiligt  daneben   stehen,   und   schaffen   dadurch   selbst   nur   eine  zusaetzliche,   genau   so   richtige,   genau   so   unberechtigte  Sichtweise.  Das koennen wir nicht aus der Welt schaffen, das koennen wir  nicht   aendern.   Wir   koennen   uns   dieser   Tatsache   bewusst  werden, und unsere Kommunikation darauf abstimmen.  12
  • 13.
    Wie die Tiere Mit wem reden wir, welchen Hintergrund, welche Erfahrungen  hat diese Person? Was versteht er oder sie unter Begriffen, die  wir  wie   selbstverstaendlich   verwenden,   was   ist   fuer   ihn  fragwuerdig, obwohl wir es fuer garantiert halten? Gibt es eine  gemeinsame   Welt   in   der   wir   uns   bewegen,   wo   lassen   sich  Beruehrungsspunkte schaffen? Wo ist unser Gegenueber gerade  jetzt,   welche   der   vielen   moeglichen   Kombinationen   seiner  Positinoen sind fuer ihn gerade jetzt wichtig? Eines   ist   wichtig:   Es   geht   hier   nicht   um   Zielgruppen,  Kundenschichten   oder   ­klassen   oder   Kampagnenadressaten.  Hier   ist   die  direkte   Kommunikation   das  Thema:   Die  Unterhaltung unter Kollegen, zwischen Fuehrungskraeften und  Mitarbeiter,   zwischen   Kunde   und   Verkaeufer   –   oder   in   der  Beratung.  Die   demuetige   Haltung,   den   Standpunkt   des   anderen   als  eigenen, eigenstaendigen und in seiner Umgebung auf jeden Fall  gerechtfertigten Standpunkt zu akzeptieren, als etwas, das nicht  wir   sind   und   das   wird   grundsaetzlich   erst   einmal   nicht  verstehen,   ist   der   erste   Schritt   um   so   etwas   wie   Verstehen  ueberhaupt zu ermoeglichen.  Das   klingt   nach   grossen   Worten   einerseits,   und   nach   einer  leeren Selbstverstaendlichkeit andererseits. Aber probieren Sie  es einmal, wenden Sie es an einem Standpunkt an, der Ihnen  wirklich gegen den Strich geht: Nicht immer ist Toleranz das,  was uns leicht faellt und uns von den anderen unterscheidet –  etwa wenn wir die Intoleranz unseres Gegenuebers tolerieren  sollen... Eine Frage, die uns durch diesen ganzen Text begleiten wird, ist  die Frage nach den Dimensionen des Verstehens: Was bedeutet  es als Begriff, wo ist der Uebergang zwischen Verstehen und  Ueberzeugung, und wo wird Verstehen zum Handeln? Und wie  lange besitzt Verstandenes Gueltigkeit? Inwiefern trifft das, was  wir heute verstand haben, morgen noch zu?  13
  • 14.
    Wie die Tiere Differenz:Visualisierung im Streit “Ich verstehe schon” sind drei Worte, die gern als Beruhigung  verwendet werden. Was wir damit ausdruecken moechten, ist  oft: “Ich akzeptiere Deinen Standpunkt, ich anerkenne Deine  Leistung, Du erzaehlst mir hier nichts Neues.” Was wir meist  nicht damit ausdruecken wollen, ist: “Ich bin ueberzeugt von  dem was Du sagst, ich werde das so umsetzen, ich gebe meinen  eigenen Standpunkt auf.” Was wir verstehen, wenn wir diese drei Worte hoeren, ist: “Ich  akzeptiere was Du tust, ich akzeptiere Deine Empfehlungen.”  Oft ist es aber auch das Empfinden, in unserer Argumentation  abgewuergt zu werden, auf einen aktuellen Zustand reduziert  zu werden, in dem wir noch gar nicht alles angebracht haben,  was wir sagen wollten Es ist das Gefuehl  eben genau nicht  verstanden zu werden. Wir verstehen: “Du brauchst nicht weiterzureden, jetzt will ich  wieder reden.” ­ Was oft auch gemeint ist. Der reale Verlauf  vieler   Gespraeche   aehnelt   zufaelligen   Begegnungen   in  Parallelwelten. ­ Beruehrung findet nicht statt.  Der Ausgang dieser Geschichte haengt nicht von Inhalten ab; es  ist eine Frage der Form und der Beziehungen. Oft spielen auch  Reizworte oder bestimmte Verhaltensmuster eine entscheidende  Rolle.   ­   Reizworte   sind   oft   das   Bindeglied   zwischen  Parallelwelten. Sie dringen durch, machen sich bemerkbar – das  bedeutet aber nicht, dass sie auch verstanden werden.  Warum polemisieren wir so gerne? Das ist ein offensichtliches  Beispiel,   wie   wir   uns   verstecken,   uns   hinter   eine   Rolle  zurueckziehen koennen. Dabei fuehlen wir uns sicher, wer da  redet, das sind nicht wir. Genau   so   sind   provokative   Fragen,   rhetorische  Demonstrationen leere Huellen. Sie bewirken nichts, sie bringen  14
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    Wie die Tiere keinen Mehrwert in der Kommunikation. Mit einer Ausnahme:  Sie helfen, Grenzen zu erkennen, sie entfremden, sie zeigen,  dass der andere anders ist – auf eine Weise, die wir mit unseren  Begriffen nicht erfassen koennen, ohne sie in diesem Moment  schon wieder zu aendern, anzugleichen. Beide, Polemik und Rhetorik, streuen Reizworte und sorgen fuer  erste Reaktionen. Differenz  wird   am   besten   im   Streit   sichtbar.   Jeder   Streit  hinterlaesst ein Gefuehl der Entfremdung, eine unangenehme  Ueberraschung ­ “Das haette ich mir nicht von dir gedacht”,  “Ich dachte, wir waren uns einig”.  Die so sichtbar gewordene Differenz ist keine inhaltliche; sie ist  vielmehr von den bis dahin uebergangenen kleinen Differenzen  verursacht und verstaerkt. Der groesste Unterschied entsteht  immer   dadurch,   dass   wir   die   Wahrnehmungen   uebergehen;  vielleicht beschreiben wir sie sogar mit den gleichen Worten –  aber sie bedeuten verschiedenes fuer uns. Darueber reden wir  nicht,   weil   es   fuer   uns   selbstverstaendlich   ist,   genau   so  selbstverstaendlich,   wie   fuer   unser   Gegenueber   die  entgegengesetzte   Bedeutung.   Bedeutung   entsteht   durch   das  Umfeld und durch Beziehungen. Oft kennen wir unser Umfeld  (oder   dessen   Auswirkung   auf   uns)   nicht;   selten   denken   wir  ueber das Umfeld der anderen nach. Das Problem entsteht nicht  nur anhand der Inhalte – die scheinbar ploetzliche Differene, die  vielleicht nur einen kleinen Punkt betrifft, stellt ploetzlich viel  mehr, die ganze Bewertung in Frage.   Im Streit spielt immer die Frage nach richtig oder falsch eine  Rolle. Die kann hier zu keinem Ergebnis fuehren, sie braucht  immer einen Rahmen. Wie koennen wir das loesen? Sollen wir  von Anfang an als anders auftreten?  15
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    Wie die Tiere ImmerHerausfordern Im Sport gibt es keine Zeit fuer Erklaerungen; der Kontext spielt  im   Kampf   und   Sekunden   und     Punkte   keine   Rolle.   “Nicht  schlecht   fuer   die   Verhaeltnisse...”,   “Fuer   die   gerade   erst  ausgeheilte   Verletzung   ganz   ok”   ­   das   sind   die   duerftigen  Erklaerungen des Verlierers, die am Ergebnis nichts aendern.  Wo es nur eine Chance gibt, zaehlen nur die beste Vorbereitung,  das klarste Auftreten und der ausdrueckliche Wille, hier auch  zu gewinnen.  “Ein Gefuehl hasse ich wirklich”, sagt Shawn Flarida,  erfolgreichster Sportler in der Westernreitdisziplin Reining  in seiner Videoserie “Good as Gold”. “Ich moechte nicht  aus   der   Arena   gehen   und   mir   denken   'ich   haette   es  haerter versuchen sollen'.” Er verdient sein Geld damit,  Pferde in rasanten Manoevern so praezise wie moeglich  durch die Arena zu steuern. Zu viel Sicherheit wird dabei  nicht   belohnt:   Zu   verhaltenes   Auftreten,   zu   viele  korrigierende   Eingriffe   wirken   sich   negativ   auf   den  sogenannten Score, die Punktebewertung aus.  Das Risiko ist ein sehr hoch – und es wird von vielen  Faktoren   beeinflusst.   Der   Reiter   kann   einen   Fehler  machen, das Pferd kann einen schlechten Tag haben, der  Boden   kann   schlecht   praepariert   sein,   andere  Umwelteinfluesse   koennen   stoeren   –   all   das   ist   nicht  planbar,   daher   ist   Absicherung   nicht   moeglich.   Der  einzige Weg, zu gewinnen, ist der, das volle Risiko zu  nehmen und bei jedem Antreten bis an die Grenzen zu  gehen. “Wenn es schief geht, kann ich daran arbeiten;  wenn ich die Grenzen nicht herausfordere, weiss ich nie,  wie weit ich gehen kann.”  Wenn wir voraussetzen, dass wir einander verstehen,  ist die  Situation aehnlich wie in einem Wettkampf, in dem auf Risiko  16
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    Wie die Tiere verzichtet wird: Moegliche Unterschiede treten nie zutage, die  Ideen,  deren   Potential   wir   genauso   in   rasanten   Manoevern  ausreizen   sollten,   koennen   sich   nie   wirklich   entfalten   –   wir  gehen auseinander und haben einmal mehr das schale Gefuehl,  dass wir das alles schon vorher gewusst haben.  Dieser Kollege, dieser Verkaeufer oder dieser Berater konnte uns  auch wieder nicht weiterhelfen... Und   wir   verbringen   farblose   uninteressante   Tage   in   einer  Umgebung, die uns  nicht gerecht wird, mit dem Gefuehl, dass  es   anderswo   besser   waere,   und   der   zerstoererischen  Einstellung,   dass   es   sich   ohnehin   nicht   auszahlt,   aktiv   zu  werden.  Wie Ideen beschreiben Wir muessen nicht immer darauf bestehen, dass wir anders  sind. Im Gegenteil. Wir sind verschieden – aber je mehr wir  darauf beharren, desto weiter gleichen wir einander an. Die   Frage  nach   Andersartigkeit,   Neuartigkeit   wird   uns   noch  oefter beschaeftigen, auch die Frage nach dem Wir, nach uns  selbst. Wir   koennen   auch   nicht   erwarten,   in   jeder   alltaeglichen  Unterhaltung   Neues   zu   erfahren.   (Wobei   ich   hier   nicht   an  persoenliche, Intimitaet erzeugende Unterhaltungen denke – in  solchen Gespraechen entsteht in jeder Minute das Universum  neu, ­ sofern wir es zulassen...). Gerade in Verkaufssituationen, in Ideenentwicklungsprozessen,  in   Kreativitaet   fordernden   Momenten   muessen   wir   uns   sehr  wohl   darauf   einstellen,   Neuem   zu   begegnen,   mit   anderen  Hintergruenden   zu   arbeiten.   Wir   muessen   unsere   Idee   so  praesentieren,   dass   wir   alle   Bedingungen   mit   aufgezeichnet  17
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    Wie die Tiere haben, die notwendig sind, um sie zu verstehen.  Wir duerfen nicht voraussetzen, dass unser Gegenueber an die  gleichen  Hintergruende,   an   die   gleichen   Bedingungen   und  Abhaengigkeiten denkt wie wir. Wenn unsere Idee nicht in allen  Zusammenhaengen und allen Welten funktioniert (gibt es eine  Idee,   auf  die  das  zutrifft?),  dann   muessen   wir  den  Rahmen  schaffen, in dem sie verstanden werden kann. Wer sich  ueber den verbindenden Rahmen hinausbewegt und  akzeptiert,   dass   zusaetzliche   Erklaerungen   notwendig   sind,  laeuft Gefahr, erst einmal Ablehnung hervorzurufen: Grosse Teile der Erklaerungen werden als selbstverstaendlich  angesehen   (Selbstverstaendlichkeit   ist   ein   weiteres   sehr  gefaehrliches   Wort   und   selbst   immer   von   aktuellen   Kontext  abhaengig). Anderes als von sehr weit hergeholt. Erklaerungen  werden oft  auch als Schwaeche der erklaerten  Idee betrachtet – sie steht nicht fuer sich selbst.  Schliesslich stehen auch die Chancen nicht schlecht, dass der  Erklaerende schlicht als jemand angesehen wird, der zu gern zu  viel redet... Unterschiede   sind   nicht   immer   nur   Varianten   desselben,  sondern manchmal wirklich anders.  Schaffen bedeutet immer verlieren “Ist das nicht...”, “Wie meinen Sie das...”, “Warum meinen Sie  dass... “ ­ Fragen kommen sehr unterschiedlich bei uns an.  Wenn wir erwarten, dass unsere Idee fuer sich selbst spricht,  gut   und   leicht   verstaendlich   ist   und   alle   offenen   Fragen  beantwortet, dann gilt jedes Nachfragen leicht als Kritik. ­ So  tolerant und offen wir auch sein moegen, wir glauben uns auch  dabei im Recht; schliesslich haben wir ja alles erklaert. Dass  18
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    Wie die Tiere unser  Gegenueber   moeglicherweise   nicht   nur   mit   anderen  Erfahrungen und Ansichten an die Sache herangeht, sondern  zusaetzlich vielleicht grundlegend anders denkt, ist etwas, das  wir uns oft erst bewusst machen muessen.  Herausfordern,   den   Bogen   ueberspannen,   den   Rahmen  sprengen – mit diesen Schritten bewegen wir uns schnell darauf  zu,   mehr   diskutieren   zu   muessen,   als   scheinbar   sachlich  notwendig ist. Das ist aber der einzige Weg, den Dingen auf der  Suche   nach   neuen   Wegen   auf   den   Grund   zu   gehen.   Damit  meine   ich   keine   bunten,   spannenden,   originellen  Praesentationstechniken   –   die   sind   nur   Rhetorik.   Ich   meine  trockene, langweilige, detailorientierte Arbeit.  Wer dabei den ersten Schritt macht, ist dann oft der, der auch  die ersten Runden verliert.  Am   Beispiel   eines   Produktentwicklungsprozesses:   Die  erste kurz hingeworfene Idee ist kaum verstaendlich; sie  hat   zu   wenig   Substanz,   um   uns   aus   den   gewohnten  Schienen in neue Bereiche zu fuehren. Eine Diskussion  hier dient nur dazu, die bestehenden, alten Standpunkte  zu befestigen. Ein   ausformulierter   Entwurf   oder   ein   Prototyp   werfen  gleich die Frage auf, was hier alles vergessen wurde. Auf  den ersten Blick ist oft leichter zu erkennen, was nicht  moeglich ist oder in der Spezifikation vergessen wurde;  die erfuellten Anforderungen erschliessen sich dann erst  in der Anwendung.  Ein   Prototyp   mit   einem   begleitenden   Konzept   ist   eine  Menge   Arbeit.   Das   Paket   erklaert   und   praesentiert  glechzeitig die Idee und die Argumente, mit denen sie  vom Tisch geredet werden kann. Dadurch ist die Arbeit  oft   umsonst   –   sie   lenkt   die   Diskussion   aber   in   eine  Richtung, die brauchbare Ergebnisse erwarten laesst.  19
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    Wie die Tiere Nachfragen bedeutet also Attacken gegen unsere Arbeit. Das  wissen auch die Fragenden – deshalb ist es um so wichtiger, die  Attacken herauszufordern.  Die Betonung von Differenz kann einsam machen. Sie bietet  aber auch die Chance, das Gespraech zu beginnen. Offener   Widerspruch,   sind   sich   auch   Unternehmens­   und  Organisationspsychologen   einig,   ist   ein   wichtiger   Schritt   auf  dem Weg, Vertrauen zu erzeugen, Wie koennen wir die Seiten wechseln? Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht.  Wir koennen lernen, die Wichtigkeit unserer Standpunkte fuer  uns zu relativieren. Es geht hier nicht um die Erweiterung des  Horizonts, nicht um Toleranz oder Bildung. Wir wissen nicht  mehr als die anderen, wir sind nicht anderen, vielleicht fuer  unsere Begriffe falschen Standpunkten gegenueber toleranter –  wir   sind   nicht   anders   sind   als   der,   dem   wir  Orientierungslosigkeit,   mangelnde   Weitsicht,   vielleicht   gar  Egoismus unterstellen. Unsere   fuer   uns   wohl   geordnete   Welt,   in   der   alles  zusammenpasst ist fuer den anderen – das kann schon der  Kollege   einen   Tisch   weiter   sein   –   ein   dunkles   Dickicht   voll  unkontrollierbarer Gefahren und abstruser Kuriositaeten.  Wenn wir das nachvollziehen, wahren wir unsere Chance auf  Verstaendigung.  Sie sind anders Wir nehmen Unterschiede unterschiedlich wahr. Ueber manche  20
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    Wie die Tiere sehen wir gern hinweg, andere stoeren uns ganz dramatisch.  Die Teerituale des einen, die vielen leeren Floskeln des anderen,  die immer aengstliche Miene einer dritten – dahinter stecken  auseinanderlaufende Weltanschauungen. Es geht nicht nur um  Gewohnheiten, Erziehung, Praegung; was wir machen und wie  wir es machen sendet Signale, die wir genauso als Erklaerungen  betrachten koennen, wie mitgelieferte Gebrauchsanweisungen.  Wir machen nicht das gleiche auf verschiedene Art und Weise,  wenn wir aehnliche Dinge tun. Der eine kocht Tee, laesst ihn  minutenlang ziehen, verwendet Untertassen und Servietten. Der  andere trinkt Wasser in der Kueche und raeumt das Glas gleich  weg – falls er ueberhaupt eines verwendet hat. Der eine ist in der Welt zuhause, vertraut darauf, dass alles so  sein soll wie zuhause, dass die Dinge so sind, wie er sie gelernt  hat. Der andere ist immer bereit, haelt sich nicht mit Ballast auf  und ist immer auf dem Sprung.  Fuer den einen ist es selbstverstaendlich, auf die Umgebung  zurueckzugreifen,  fuer   den   anderen   ist  es   unvorstellbar,   um  etwas zu bitten oder etwas zu brauchen – und beide sind in  dieser Umgebung, in diesem Selbstverstaendis ganz natuerlich  zuhause.  Wir   haben   so   unterschiedliche   Sichten   geschaffen   wie  Satanismus, Zen, die katholische Kirche oder die Moon­Sekte –  und   Ihr   Nachbar,   Ihr   Kollege   koennen   einer   dieser  Organisationen anhaengen, ohne dass Sie es auch nur ahnen.  Grund genug, die Unterschiede ernst zu nehmen.  Sie meinen es anders “Ich   bin   nicht   so   ein   Mensch,   der   sich   jeden   Tag   mit   der  Rundbuerste hinstellt”, sagt eine junge Frau im Autobus zur  anderen, als sie auf dem Weg zur Universitaet ihre Frisuren und  Foentechniken besprechen.  21
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    Wie die Tiere “So ein Mensch.” Natuerlich ist das eine Redewendung, aber  was erschliesst sie uns, wenn wir sie ernst nehmen? Welche Art  von  Mensch   wird   ueber   die   Verwendung   unterschiedlicher  Foenbuerstenarten charakterisiert, welcher Mensch drueckt der  Welt seinen Stempel durch so einfache Taetigkeiten auf?  Oder umgekehrt: welche Art von Mensch ist so leer, so formlos,  dass   er   durch   die   Verwendung   so   alltaeglicher   Dinge   wie  Foenbuersten   gepraegt   wird?   So   haltlos,   dass   er   jede  Gelegenheit, Unterschiede zu machen, nutzen muss, um sich  abzugrenzen, sich so zu behaupten und zu definieren?  Schliesslich: Welche Art Mensch bekommt nicht mit, was eine  solche Fragestellung bedeutet?  Alle   drei   Fragen   sind   berechtigt,   auf   alle   Fragen   gibt   es  verschiedene   Antworten,   die   gleichberechtigt   nebeneinander  stehen koennen. Fragen machen Unterschiede, das liegt in ihrer  Natur,   Antworten   aber   muessen   nicht   zwingend   trennend,  ausschliessend sein. “Asiaten sind fleissiger als wir”, sagt eine andere junge Frau  beim   Mittagessen   in   der   Cafeteria   eines   internationalen  Unternehmens zu ihrer Kollegin. “Ja”, antwortet diese, “aber  duemmer.”  Schon die erste Aussage ist eine gedankenlose Pauschalierung,  die in ihrem Versuch, etwas abzugrenzen, entsetzlich inhaltsleer  ist, und in ihren Gedanken, auf die sie sich stuetzt, einfach  dumm.   Die   scheinbar   harmlose,   offene   Formulierung,   die  niemanden   konkret   betrifft   und   niemanden   ausschliesst,  braucht   in   Wahrheit   einzementierte   Grenzen,   um   zu  funktionieren. Es gibt uns, und es gibt die da drueben. Wir kennen uns genau,  aber die sind anders. Anders  als wir;  mehr interessiert  uns  nicht;   deren   Beweggruende,   Hintergruende   und   ihre  tatsaechliche Umgebung sind uns egal.  22
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    Wie die Tiere Dann tritt die zweite Behauptung auf den Plan. Sie bringt nicht  nur  negative   Eigenschaften   mit   ins   Spiel,   sondern   versucht  auch noch, Dinge zu erklaeren, ohne die Perspektive, die ganze  Sicht auf die Dinge einzubeziehen. Dummheit und Fleiss als  verwandte Eigenschaften schaffen ein kulturell gepraegtes Bild  des phantasielosen Strebers, der nichts vom Leben hat (damit  troesten wir uns zumindest) Noch   einen   Schritt   zurueck:   Das   Befolgen   von   Regeln,   das  Betonen des Anderen, des Kollektivs gegenueber dem Eigenen  als Dummheit zu interpretieren, setzt selbst schon wieder mehr  voraus:   Die   “Masse”   ist   Objekt   der   Manipulation,   praktisch  willenlos und ausgeliefert.  Die Interpretation gelingt uns dann um so freizuegiger, je weiter  der interpretierte Gegenstand entfernt ist. Ohne   persoenliche   Verbindung   und   Erfahrung   faellt   es   uns  leicht, in unseren Auslegungen kreativ zu sein.  Wir   wenden   unsere   Regeln   auf   andere   an;   einmal   mehr  verstehen wir, so behaupten wir es, und einmal mehr entfernen  wir uns mit jeder Ueberzeugung, etwas zu verstehen, weiter von  dem, was wir verstehen wollten.  Dazu gibt es plakative Techniken... Unzufriedenheit “Ich   verstehe   das   nicht”   als   rhetorische   Finte   ist   genau   so  gefaehrlich wie “Ich verstehe schon”. “Ich verstehe das nicht”  bedeutet oft nur: “Das ist doch leicht zu verstehen.” “Ich   verstehe   das   nicht”   als   Reaktion   eines   Dritten   auf   die  Diskussion   zweier   anderer   fuehrt   einen   zusaetzlichen  Standpunkt ein, eine Perspektive, aus der sich Probleme anders  betrachten   lassen.   “Warum   verstehen   die   einander   nicht,  warum reden die aneinander vorbei” ­ die Grosszuegigkeit, mit  der wir hier Perspektiven wechseln, ist oft eindimensional, mit  23
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    Wie die Tiere uns  selbst   lassen   wir   nicht   so   umspringen,   den   eigenen  Standpunkt koennen wir einzementieren. Wenn wir die Moeglichkeit des Perspektivenwechsels im Kopf  behalten koennen, uns betrachten, als koennten wir uns in der  Diskussion beobachten, haben wir die Chance, zu lernen. Projektion “Der meint das sicher anders...” Unser Gegenueber hat seinen  Standpunkt zwar ausfuehrlich dargelegt, wir sind trotzdem der  Meinung, es besser zu verstehen: Das kann nicht so sein; in  unserer Welt ist es anders.  Wir wollen nicht ueber Kleinigkeiten diskutieren, die Meinung  des anderen ist uns auch egal – wir sehen grosszuegig ueber  den Irrtum des anderen hinweg und halten unsere Expertise  dagegen.   Damit schaffen wir eine Welt, die gut zu unserer passt, aber  wenig mit dem zu tun hat, was wir mit offenen Augen draussen  vorfinden koennten. Identifikation “Bei mir ist das auch so”, “Das habe ich mir auch schon oft  gedacht”. Das Wegwischen  von Grenzen,  das Angleichen von  Ansichten   und   Erfahrungen   steht   fuer   das   Ausdehnen   der  eigenen Ansichten, das Anwenden der Regeln einer Welt auf eine  andere Welt. Manchmal   sagen   wir   es   aus   Hoeflichkeit,   um   darueber  hinwegzutaeuschen,   dass   wir   mit   dem,   was   uns   der   andere  erklaeren   moechte,   ueberhaupt   nichts   anfangen   koennen.  Manchmal soll es unseren Standpunkt bestaetigen und den des  anderen unterdruecken ­ “Du sagst hier nichts neues.” Manchmal steckt auch ein Lerneffekt dahinter: Jemand sieht  etwas so wie wir; ein Standpunkt, den wir fuer unseren, fuer  24
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    Wie die Tiere individuell gehalten haben, begegnet uns von aussen wieder.  Aus der Ueberrasschung koennen Neid und Dominanzprobleme  entstehen,  es   koennen   auch   Verbuendete   wachsen.   Wir  identifizieren   uns   mit   anderen   (oder   andere   mit   uns)   und  koennen auf dem Weg ueber andere reden und dennoch mehr  ueber uns sagen.  Je entfernter der andere – trotz festgestellter Gemeinsamkeiten –  von   uns   ist,   desto   leichter   faellt   es   uns,   die   gemeinsame  Identitaet zu projizieren.  Distanz befreit “Die   machen   das   so”,   “Die   sind   so”   ­   je   geringer   unsere  Betroffenheit   von   etwas   ist,   desto   groesser   ist   unsere  Flexibilitaet im Umgang damit.  Wer nicht da ist, kann sich nicht wehren, wer uns nicht hoert,  kann   sich   nicht   darueber   beschweren,   nicht   verstanden   zu  werden, und wo wir keine Auswirkungen zu erwarten haben,  sind wir frei.  Wo   uns   nur   Oberflaechen   begegnen,   brauchen   wir   uns   mit  nichts   weiter   auseinanderzusetzen.   Die   Reduktion   auf  Oberflaechen kann durch raeumliche Distanz entstehen, durch  historische Distanz oder durch kulturelle Fremdartigkeit. Wir  finden   keinen   weiteren   Anhaltspunkt,   also   bleiben   wir  draussen.   Weil   es   uns   aber   selten   gelingt,   die   Dinge   zu  belassen, wie sie sind, denken und interpretieren wir weiter.  Dabei koennen wir uns frei fuehlen – dumme fleissige Asiaten,  intelligente Brillentraeger, kluge schoene Menschen und andere  Fabelwesen entstehen auf diesem Weg.  Die Tendenz zur Oberflaeche hat Methode. Sie entspricht der  Reduktion auf das, was wir wahrnehmen koennen. Wenn wir an  der Oberflaeche  bleiben,  auf  Interpretationen   verzichten  und  uns am dem orientieren, was ist, haben wir eine Chance, uns in  25
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    Wie die Tiere unserer Umgebung zurechtzufinden. Oberflaechlichkeit ist eine adaequate Verhaltensweise.  FestlegendeSystematik: Spekulation als Befreiung, zuschreibendes Erkennen als Festsetzung Warum scheint es manchmal so einfach, einander zu verstehen,  und manchmal unmoeglich? Welcher   Systematik   folgen   die   Methoden,   die   wir   fuer   uns  entwickelt   haben,   damit   umzugehen?   Welche   dienen   der  Bestaetigung   von   Unterschieden,   welche   der   Suche   nach  Verbindendem? In   unserem   Bemuehen,   die   Welt   beschreibbar   zu   machen,  haben wir viel Trennendes geschaffen. Jede Bezeichnung, jeder  Begriff dient nicht nur dazu, eine Verbindung herzustellen (“Ich  bezeichne etwas”, also gibt es einen Bezug von mir zu diesem  Etwas),   sondern   auch,   Abgrenzungen   einzufuehren:   Es   gibt  “ich” und “etwas”, also bin ich nicht etwas und ich bin auch  nicht so wie etwas.  Wenn wir eine Flasche als Flasche bezeichnen, ist das nicht  weiter auffaellig, wenn wir einen Menschen als sturen Bock,  dumme   Kuh   oder   eben   als   Flasche   bezeichnen,   ist   recht  deutlich, dass wir hier Unterschiede sehen.  Wir   haben   wahrgenommen,   dass   etwas   anders   ist,  und   wir  haben eine Bezeichnung dafuer gefunden. Wie machen wir jetzt  weiter? In der Regel sind wir der Meinung, recht zu haben. Was  bringt uns das, wenn wir von einem Menschen etwas wollen?  Wir haben die Moeglichkeit, ihn davon zu ueberzeugen, dass er  eine dumme Kuh ist und dass er sich mit anderen Ansichten  beschaeftigen sollte. Das birgt einen gewissen Widerspruch.  26
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    Wie die Tiere Wir  haben   die   Moeglichkeit,   uns   nach   anderen   Menschen  umzusehen. Das ist in der Regel nicht endlos praktizierbar.  Wir haben auch die Moeglichkeit, damit umzugehen, uns zu  fragen, was eine dumme Kuh eigentlich ausmacht, wie die Welt  aus der Perspektive einer Kuh aussieht und welche Reize uns  als   Kuh   dazu   bringen   koennen,   das   zu   tun,   was   wir   (als  Mensch) gern von der Kuh moechten.  Es ist zweifelhaft, ob wir jemals das Talent haben werden, die  Welt wahlweise mit den Augen einer dummen Kuh, eines sturen  Bocks,   eines   Angsthasen   oder   dessen,   was   wir   fuer   einen  Menschen halten, zu sehen. Wenn wir aber die Aufgewecktheit  haben,   uns   vor   Augen   zu   halten,   dass   wir   Perspektiven  wechseln muessen, dass wir in dem, was wir sagen wollen, auf  verschiedene Perspektiven eingehen muessen, koennen wir uns  auf ein gewisses Mass an Offenheit zubewegen – immer an der  Oberflaeche.  Eine offene Frage ist, wo hier der Nutzen liegt.  In welchen Situationen wollen wir verstehen, wo sind wir darauf  angewiesen,   was   unser   Gegenueber   sagt,   und   wo   liegt  tatsaechlich eine so grosse Distanz zwischen uns, dass diese  Gedanken es wert sind gedacht zu werden? Tierstereotype sind nur ein Beispiel, in dem wir uns die Welt  zurechtruecken, in dem wir scheinbares Allgemeingut (das Bild  einer dummen Kuh), von dem niemand weiss, was es genau  bedeutet, verwenden, um etwas hoechst persoenliches (einen  Menschen) zu bezeichnen. Es spielt dabei keine Rolle, dass der  Vergleich   beleidigend   sein   mag   –   der   Gewaltakt   an   sich  geschieht bereits durch die Bezeichnung. “Du bist...”, “Menschen wie du sind...”, “Du willst doch immer...”  ­ dieses Zuschreiben, dieses Festsetzen ist nicht fuer alle eine  Belanglosigkeit. 27
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    Wie die Tiere Wenn wir es als Repraesentation unserer selbst in der Welt des  anderen verstehen, bedeutet es das Anlegen von Fesseln, das  Anhaengen von Gewichten an unsere Persoenlichkeit. Wir sind  jetzt  so.   Zumindest   in   dieser   Beziehung;   in   anderen  Beziehungen koennen wir genauso entgegengesetzt sein, sind  wir vielleicht schon weitergegangen.  Der   existentialistische   Horror   vor   diesem   hilflosen  Ausgeliefertsein ist eine moegliche Haltung. Sartres “Huis Clos”  oder “Ekel” sind genauso eine Manifestation dieser Haltung wie  Schoenheitsoperationen   oder   Kaufsucht.   Wir   erleben  Unzulaenglicheit   oder   eingeschraenkte   Moeglichkeiten   und  reagieren – irgendwie, mit Gefuehlen, Aktionismis.  Ich moechte eine pragmatischere Haltung entgegensetzen. Wir  koennen   persoenliche   Vorlieben   und   Stereotype   hinter   uns  lassen. Wir sind sogar sehr talentiert darin: Die Kommunikation  ueber statische, extrem reduzierte Allegorien – immer an der  Oberflaeche   –   begegnet   uns   ueberall.   Man   nennt   sie   auch  Klischees. Die   Zuschreibung   von   Zustaenden,   Eigenschaften   ist   ein   so  erfolgreicher Weg, dass ganze Industrien darauf basieren. Jede  Form   von   Kultur   –   spaetestens   dann,   wenn   sie   ausgestellt,  beschrieben   oder   verkauft   wird   –   beruht   auf   diesen  Mechanismen. Das Einfrieren von Zustaenden, die im Moment fuer uns Sinn  machen, ist eine Beschreibung der Welt fuer uns. Damit setzen  wir uns ueber vieles hinweg, nehmen viele Verkuerzungen und  Verfaelschungen in Kauf  ­ aber damit funktioniert unser Bild  von   der   Welt   fuer   uns.   Bei   anderen   mag   es   ratloses  Kopfschuetteln ausloesen.  Dieses Prinzip funktioniert nicht nur in Massen­, Populaer­ oder  Subkulturen.   Auch   die   radikalsten   Formen   sind   dem  unterworfen   –   sobald   die   Suche   nach   Worten,   nach  Beziehungen anfaengt. Wir koennen Worte finden – und uns  28
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    Wie die Tiere damit vom Gegenstand entfernen. Wir koennen auf Naehe und  Direktheit beharren – uns uns damit in Worten verlieren, die  sich auf immer Allgemeineres reduzieren, die uns den Eindruck  vermitteln, nah an der Sache zu sein, aber kaum noch etwas  bezeichnen.  Auch  das   ist   existenzialistisch,   oder   eine   Folge   davon.  Heideggers   Spaetphase   mit   “Vom   Ereignis   –   Beitraege   zur  Philosophie”   und   viele   Arbeiten   der   Dekonstruktion   sind  eindrucksvolle Beispiele dafuer, wie den hellsten Koepfen auf  der Suche nach dem, was wirklich etwas bedeutet, was etwas  wirklich bedeutet, Schritt fuer Schritt die Worte ausgehen.  Medien und Gemeinplaetze: Wir wissen und verstehen nur, was wir immer schon gewusst haben Wo viele Worte sind, ist die Gefahr der Entfernung gross; wir  nuetzen Worte und die damit verbundenen Bilder, um das zu  umschiffen,   was   wir   sagen   wollten.   Medien   sind   natuerlich  Meister darin, Klischees zu reproduzieren. Das ist ihre erste  und   vordringlichste   Aufgabe   –   sonst   wuerden   wir   sie   nicht  verstehen. Offen ist nur, welche Klischees verwendet werden, und welche  bestaetigt oder attackiert werden. Die   investigative   Leistung   des   Journalismus   besteht   darin,  herauszufinden, wann welches Klischee aus welcher Schublade  gezogen werden soll.  Klischees   muessen   nicht   zwangslaeufig   bewertend   sein,  dealende Schwarzafrikaner muessen nicht gegen kurzsichtige,  schmalschultrige IT­Experten oder gierige Boersenhaie antreten  –   Klischees   gehoeren   zu   den   Kernfunktionen   unserer  Kommunikation.  29
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    Wie die Tiere Wir  verstehen   immer   nur   das,   was   wir   schon   in   unseren  Koepfen haben; es ist fuer uns ein Wahrheitskriterium, dass wir  es   nachvollziehen   koennen.   Wir   bestaetigen,   erweitern,  verwenden   Muster,   wir   muessen   die   Muster   erst   einmal   als  solche erkennen koennen, wir muessen uns bewusst sein, dass  neues nur sehr langsam sickert.  Das ist eine Beschreibung der Dinge, kein Vorwurf. wir koennen  keine   andere   Position   einnehmen   als   unsere.   Auch   der  weitgereiste und engagierte Journalist beschreibt das, was er  zufaellig gesehen hat. Im Lauf der Jahre wird das eine Menge –  aber es ist weit entfernt von dem, was in der Zwischenzeit alles  passiert ist. Mehr   sehen   heisst   nicht   mehr   zu   verstehen.   Synthese   und  Konsens   anstreben   zu   wollen   –   das   sind   Ueberreste   von  Bildungsromantik.  Viele haeufig wechselnde Perspektiven, Werte und Ansichten in  Bewegung   nebeneinander   stehen   lassen   zu   koennen,   sie  erfassen zu koennen, damit umgehen zu koennen – das sind  Kompetenzen, die wir brauchen... Darum ist es so gefaehrlich, zu sagen “Ich verstehe schon.”   Eine Beleidigung, ein Akt der Gewalt. Darum ist es vergebliche  Muehe, auf dem eigenen Verstaendnis, auf dem Standpunkt zu  bestehen   und   fremden   Muster   eigene   Muster  gegenueberzustellen. Die   Unterschiede   liegen   nicht   in   der   Sprache,   nicht   in   der  Erfahrung oder der Bildung, all das sind begleitende Faktoren.  Die Unterschiede liegen in unserer Welt, in unseren Welten, in  fuer uns wohlgeordneten, klaren und gewohnten Umgebungen,  die fuer den anderen undurchdringliches Dickicht sind. In   dem,   was   fuer   uns   die   manchmal   platte,   manchmal  irrationale, immer andere Welt des anderen ist, die fuer uns in  einem Moment erfasst werden kann, fuer den anderen in einem  Leben nicht erschoepft ist. Wir haben einen Augenblick Zeit, zu  erfassen, was los ist, der andere hat ein Leben Zeit, sich zu  30
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    Wie die Tiere veraendern – um umgekehrt.  Von Menschen, die uns begegnen, verstehen wir ungefaehr so  viel  wie   von   einem   Hund,   der   uns   zufaellig   ueber   den   Weg  laeuft. Wir machen uns ein Bild. Dem anderen sind wir egal,  vielleicht werden wir auf Essbares (vom Hund, vom Mensche auf  anderwaertig Verwertbares) geprueft.  Denn deutlicher sprechen wir nicht.    31
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    Wie die Tiere Varianten:Was machen wir aus dieser Situation? In vielen Situationen muessen wir zur Kenntnis nehmen, dass  doch alles anders ist, als wir gedacht haben.  Ich nehme das als ein positives Zeichen.  Je   oefter   unsere   Prognosen   zutreffen,   desto   hoeher   ist   die  Wahrscheinlichkeit,   dass   wir   aus   einer   Scheinwelt   eine  Scheinwelt beschreiben; wir merken gar nicht mehr, dass wir  unsere – letztlich – Phantasie nicht mehr verlassen.  Nicht nur “Ich verstehe” ist, wenn es persoenlich gemeint ist,  eine boesartige Drohung. “Ich hab's doch gewusst”, “Ich habe es  immer gesagt”, “Die sind eben so” sind genauso Ausdruecke, die  entweder von Boesartigkeit oder von Dummheit zeugen – oder  von strategischer Berechnung.  Wir koennen jedes Wort auf die Waagschale legen. Das bedeutet,  dass wir grundsaetzlich nichts mehr tun. Wir   koennen   uns   an   Effizienz   orientieren   und   nur   an   das  glauben, was offensichtlich ist und nachvollziehbar funktioniert.  Das wird eine Frage der Macht.  Wir koennen unser Gefuehl, dass die Sache nicht funktioniert,  beiseite   schieben,   und   uns   darauf   verlassen,   dass   ohnehin  immer irgendetwas funktioniert.  Wir koennen uns auch den Luxus leisten, immer wieder Fragen  zu stellen, immer wieder zu ueberlegen, die Dinge in Frage zu  stellen   und   auf   die   Spitze   zu   treiben:   Sie   werden   trotzdem  funktionieren wie bisher. Vielleicht lernen wir einen Weg, das zu  beschreiben, damit umzugehen. Und vielleicht bringt uns das  eines Tages etwas.  Je offener wir durch die Welt gehen, desto mehr Befremden  werden   wir   erfahren.   Befremden   ist   kein   Gegensatz   zur  33
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    Wie die Tiere Offenheit neuem gegenueber. Es ist die Erkenntnis, dass etwas  nicht unser Ding ist.  Was machen wir daraus? Einsiedeleiist eine Option Rueckzug ist eine Variante. Nicht Verleugnung, nicht die Augen  verschliessen,   nicht   ignorieren   ­   sondern   Unterschiede  akzeptieren. Sie sind anders, sie sagen es und sie meinen das  auch so, das ist eine Lektion, die wir lernen koennen.  Rueckzug   bedeutet,   nicht   immer   alles   auf   uns   zu   beziehen,  nicht   Loesungen   zu   suchen,   auch   keine   Beschreibungen   zu  versuchen, sondern Dinge einfach hinzunehmen, als waeren es  Zufaelle.  Legendaere Gestalten, die intensiv auf der Suche waren, auf der  Suche   nach   Wahrheit,   Sinn,   besonderen   Erfahrungen,  Meisterschaft,   haben   es   mit   Einsiedelei   versucht.   Alle   sind  zurueckgekommen und haben davon erzaehlt. Oder – und das trifft bereits den Punkt: Wir wissen nur von  jenen, die davon erzaehlt haben. Die anderen – haben eben nie  davon  erzaehlt; ihre Oberflaeche hat  unsere Oberflaeche nie  beruehrt.  Einsiedelei   als   Rueckzug,   Verzicht,   oft   noch   mit   Askese  verbunden, reduziert das Verstaendnisproblem insofern, als es  weniger   Fremdes,   anderes   zu   verstehen   gibt.   Wir   sind   mit  unserer Sicht der Dinge allein, koennen sie in alle Richtungen  drehen und wenden und beliebig erweitern.  Antonius   von   Padua   lebte   feuchte   Traeume   aus   und  Shakyamuni   Buddha   fragte   sich   nach   langer   enthaltsamer  Einsamkeit,   was   genau   durch  den   Verzicht   auf   alles   besser  werden sollte. Auch der Zen­Patriarch Bodhidharma stand nach  seiner   neunjaehrigen   Zazen­Meditation,   bei   der   der   Legende  34
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    Wie die Tiere nach seine Beine und Arme verkuemmert waren, wieder auf  und machte etwas anderes. Rueckzug  macht   die   Welt   zu   einfach.   In   Erkenntnis­   und  Verstaendigungsfragen hilft uns das nichts.  Es ist unmoeglich, sich abzugrenzen oder zurueckzuziehen, es  gibt   immer   Beziehungen   zu   anderen,   in   anderen   entstehen  Bilder   von   uns.   Wir   koennen   das   nicht   unterbinden,   wir  koennen es nur ignorieren. Damit raeumen wir das Feld und  ueberlassen die Macht den anderen. Je   staerker   wir   uns   auf   uns   konzentrieren,   sei   es   durch  Rueckzug oder durch aktive Produktivitaet, desto mehr Material  produzieren wir, mit dem wir uns andern ausliefern. ­ Durch die  Beschaeftigung mit uns raeumen wir das Feld. Abgrenzung ist Bezugnahme und Bestatetigung Lehren, die erklaeren, dass man etwas nicht verstehen kann,  entstammen   entweder   Teenagern   (“Niemand   versteht   mich“)  oder dem Wunsch, Geld mit den entsprechenden Erklaerungen  zu machen.  “Ich bin nicht...”, “Das ist nicht meine Welt... “, “Ich bin anders”  ­ solche Formulierungen sind ein Weg, ein Versuch, Identitaet  und Individualitaet zu behaupten. Ein Weg, der vom ersten Schritt an in eine falsche Richtung  fuehrt.  Was kann das Ziel eines solchen Weges sein? Wir wollen uns  unserer Position in der Welt versichern, wir wollen unser Stueck  vom Leben definieren. Oft tritt ein “Wir” and die Stelle des “Ich”:  Eltern   versuchen,   die   Welt   fuer   sich   und   ihre   Kinder   zu  definieren, Unternehmer fuer sich und ihre Mitarbeiter.  35
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    Wie die Tiere Die positive Definition von Zusammenhaengen beschreibt eine  klare  Sicht   auf   die   Dinge,   die   aus   der   Perspektive   eines  einzelnen   entsteht   und   andere   mitnehmen   moechte.   Das  aehnelt   dem   vorweggenommenen   Verstaendnis   (“Ich   verstehe  schon”) und ruft oft Ablehnung hervor.  Die   Zeiten   in   denen   Unternehmen   ihre   Mitarbeiter   zur  verpflichtenden   morgendlichen   Flaggenparade   riefen,   moegen  vorbei   sein   –   heute   geschieht   diese   Vereinnahmung   ueber  subtilere   Methoden,   aber   nicht   weniger   intensiv   und  weitreichend: Corporate Cultures und Policies forden Einsatz  bis  zur   freiwilligen  Selbstversklavung   (die  mit   Kunstwoertern  wie Intrapreneurship umschrieben wird), Verhaltensrichtlinien  oder (Social) Media Policies massregeln das Verhalten bis tief in  Bereiche, die mit Arbeit, Buero und Werkstatt nichts mehr zu  tun haben. Das ruft Reaktionen hervor. Auf “Wir sind so” folgt oft “Ich bin  nicht   so”,   mit   dem   Ziel,   dem   Bestehenden   etwas   Eigenes  entgegenzusetzen, die Gueltigkeit und Kraft des Bestehenden zu  hinterfragen.  Diese Behauptung bewirkt in der Regel genau das Gegenteil  ihrer Intention. Sie lenkt die Aufmerksamkeit weniger auf die  neu ins Spiel gebrachte Welt als auf die abgelehnte. “Wie bist du  nicht?”  und  “Warum?” sind  die  ersten  Gegenfragen,  die  den  Ablehnenden dazu zwingen, sich mit den zurueckgewiesenen  Sichtweisen und Definitionen zu beschaeftigen.  Sobald  der  Bezug  einmal  eingefuehrt   ist, ist  er  sehr  schwer  wieder zu entfernen. Staerker ist dabei immer das Bestehende –  denn es ist das, was wir momentan verstehen. Alles Neue, das  sich   durch   die   Abgrenzung   von   Bestehendem   definiert,  bestaerkt und bestaetigt durch diese Negation die Macht und  Position   des   Bestehenden.   Fraglich   ist   auch,   ob   solcherart  Neues ueberhaupt neu sein kann – oder ob es nur eine Variante  des Bestehenden ist. 36
  • 37.
    Wie die Tiere Vor  diesem   Hintergrund   wird   die   Variante   des   Rueckzugs  verlockender:   Wenn   Konfrontation   und   Negation   nicht   zum  Erfolg   fuehren,   sind   Ignoranz   oder   das   Ausschliessen   von  Information eine plausibel erscheinende Variante: Was ich nicht  weiss – existiert fuer mich nicht.  Dieser Verlockung erliegen wir sehr oft unabsichtlich, und das  offenbart auch die Schwaeche dieser Position: Was wir nicht  wissen,   wissen   eben   nur   wir   nicht,   der   Rest   der   Welt  moeglicherweise  aber   sehr   wohl.   Wir  spielen   dann   in   einem  Spiel nicht mit, schaffen dadurch aber weder ein neues, noch  beeiflussen wir das bestehende Spiel nachhaltig. Vielleicht gibt  es einen kurzen Moment der Verwunderung, eine hochgezogene  Augenbraue, wenn wir wo nicht mitmachen, Dann werden die  Dinge aber ohne uns weiterlaufen.  Vielleicht hilft das, die eine oder andere Angelegenheit, der wir  uns nicht entziehen koennen, entspannter zu sehen; daneben  gibt es tatsaechliche viele Dinge, ohne die wir besser dran sind  – und die auch ohne uns besser dran sind.  In einem Umfeld, das uns nicht auslaesst, in dem Passivitaet  negative Auswirkungen fuer uns hat, ist der Rueckzug keine  Option. Weder in geschaeftlichen Beziehungen noch in Fragen  der   Fuehrung   oder   der   Zusammenarbeit   sind   Verzicht   und  Passivitaet   eine   akzeptable   Perspektive.   (Fuer   kurzfristige  taktische Massnahmen mag es Ausnahmen geben). Wir geben damit die Definitionsmacht ab; wenn wir nicht mehr  mitreden, herrscht nicht Stille, es reden andere fuer uns. Und  wir   bekommen   das   oft   gar   nicht   oder   erst   ueber   die  Folgewirkungen mit.  Muessen   wir   uns   dann   wirklich   um   alles   kuemmern?   Ja, aber dann, und nur dann, wenn es an der Zeit ist. Ein Hund  bellt, frisst, schlaeft, wenn ihm danach ist. Er malt sich wohl  nicht aus, wie es waere, wenn er jetzt bellte. Das Pferd sorgt  sich nicht um seine Zukunft, sein Horizont umfasst nur wenige  37
  • 38.
    Wie die Tiere Sekunden, in diesen ist es immer und zu hundert Prozent zu  allem  bereit   –   und   umso   leichter   zu   erschrecken   oder   zu  verwirren. Was   bedeutet   das   fuer   uns?   Wir   sollen   sein   wie   spiegelnde  Oberflaechen, haben Zen­Meister gelehrt. Wie reine Seide und  scharfer   Stahl.   Ist   auch   das   ein   Plaedoyer   fuer   die  Oberflaechlichkeit? Nichts bleibt haengen, nichts hinterlaesst  einen Eindruck, sobald es vorueber ist. Ich halte das fuer eine  vernuenftige   Einstellung.   Wir   koennen   uns   nur   um   das  kuemmern, was jetzt da ist, wir koennen nur das tun, was wir  jetzt  tun  koennen.   Das ist  kein  Plaedoyer  fur  Blindheit   und  Verantwortungslosigkeit,  keine  Aufforderung,  jenen,  die  nicht  da sind, in den Ruecken zu fallen. Es gibt immer ein anderes, ein naechstes Jetzt.  Bevor wir uns darum kuemmern, muessen wir uns noch  eine andere Frage stellen: Wie wissen wir ueberhaupt,  was ist?  Wie   kommen   wir   zu   einer   Einschaetzung   und  Wahrnehmung   dessen,   was   gerade   rund   um   uns  passiert, wer mit uns redet, was derjenige sagt? Wie  wissen wir, was ist?  Wir sind nicht allein Es gibt noch andere und anderes ausser uns, und wir haben  praktisch nicht die Moeglichkeit, uns vollstaendig von dieser  Gegenueberstellung zurueckzuziehen. Wir sind immer in einer  Beziehung. Dabei ist nicht relevant, wie nah oder fern diese ist,  ob   wir   es   hier   mir   Hierachien   zu   tun   haben   oder   mit  Beziehungen auf einer Ebene – wichtig ist, wo wir die Grenze  ziehen.  38
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    Wie die Tiere Wo sind wir, wo ist das andere, wo sind die anderen? Wieviele  sind wir?  Philosophien und Religionen haben unterschiediche Strategien  entwickelt,  um   mit   dieser   Einsicht   umzugehen.   Der   Bogen  laesst   sich   von   der   Vervielfaeltigung   der   Praesenz   in  Daemonologien   und   Geisterlehren   ueber   moralische  Konsequenzen,   die   Aufforderung   zum   Altruismus,   fuer   den  anderen   da   zu   sein   bis   zum   Horror   vor   der   Existenz   als  Ausgeliefertsein   oder   der   Betrachung   des   Lebens   als   Leiden  spannen.  Neue   Onlinemedien   haben   die   Vermittlung   von   vielfacher  Praesenz als ihren Hauptzweck: “Ich bin da”, “Ich war auch  hier” ist die Quintessenz vieler Nachrichten – in erstaunlicher  Analogie   zu   (prae)historischen   oralen  Ueberlieferungstraditionen.  Tatsache ist: Wir wissen, dass wir nicht allein sind,  Was uns in diesem Bewusstsein helfen kann, ist ein Weg, damit  neutral umzugehen.  Distanz und Flexibilitaet: Je weniger wir wissen, desto sicherer sind wir “Ich verstehe schon”, “Du verstehst mich nicht”, “Die sind eben  so”   ­   in   unterschiedlichen   Behauptungen   und   Positionen  schwingen   unterschiedliche   Welten   mit,   ohne   ausdruecklich  thematisiert zu werden. Dabei gibt es Abstufungen.  Was uns naeher scheint, thematisieren wir weniger. Es wird  vorausgesetzt, es ist nicht der Rede wert. Fuer den einen ist es  selbstverstaendlich, abends zuhause von der Couch aus nach  dem  Essen   zu   fragen,  der   andere  sieht   kein   Problem  darin,  morgens vor dem Weg zur Arbeit Geschirr abzuwaschen. Die  eine   haelt   es   fuer   notwendig,   ihren   beruflichen   Erfolg   zu  39
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    Wie die Tiere erwaehnen,  die   andere   haelt   es   fuer   verwunderlich,   dass  jemand   meint,   sie   haette   sich   auch   gegen   die   Karriere  entscheiden koennen. Leichte ironische Distanz bestaetigt  die  eigene Position; als rhetorischer Trick wird vorgefuehrt, dass  andere Sichtweisen auch bekannt sind – wobei vorausgesetzt  wird,   dass   die   Grundlage   der   Gespraechspartner   eine  gemeinsame ist. ­ Auf dieser Basis funktionieren Bierzeltwitze  oder politische Ansprachen.  Das Grundgeruest unserer Welt braucht nicht hinterfragt zu  werden, so die vorausgesetzte Einstellung. Denn wir sind uns  doch alle einig. Worueber genau, das ist selten Thema.  An den Grundgeruesten wird oft nur in Form von Polemiken  geruettelt – wieder als rhetorisches Stilmittel, um zu zeigen, wie  intensiv   die   vorausgesetzte   Gemeinsamkeit   ist.   Die  Hasspredigten   national   orientierter   Politiker   sind   eine   schier  unerschoepfliche   Quelle:   Weil   wir   die   Tuerkenbelagerung  zurueckgeschlagen haben (in Wien), weil wir keine Kopftuecher  tragen, weil wir unsere Tiere nicht rituell (sondern industriell...)  schlachten   –   deshalb   wollen   wir   keine   zweisprachigen  Ortstafeln.   Absurd   grosse   Fragen   werden   beruehrt,   um  laecherliche Kleinigkeiten zu argumentieren.  Denn   je   weiter   etwas   von   uns   entfernt   ist,   desto   mehr  Flexibilitaet entwickeln wir im Umgang damit. Das Fremde kann  erstaunliche   Kreativitaet   hervorrufen,   manchmal   romantisch,  manchmal hasserfuellt, kreativ oder schlichtweg dumm.  Eine haeufige Auspraegung dieser Kreativitaet ist Angst. Wie  sind die anderen, was machen sie, wie gehen sie mit dieser oder  jener Situation um? Ist Osteuropa wirklich der schwarze Fleck  Europas,   Ausloeser   und   Hauptakteur   in   Finanz­   und  Wirtschaftskrise? Werden “die” das in den Griff bekommen?   “Die” sind je nach Perspektive Gluecksritter, Exkommunisten,  Ex­Dissidenten,   Unternehmer,   Arbeitslose,   Angestellte,  Pensionisten, Schueler, Hausfrauen und Studenten ­ “die” sind  eine Gruppe, die praktisch gar nichts miteinander gemein hat.  “Die” werden unser Verstaendnis allenfalls befremdlich finden  40
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    Wie die Tiere und sich ueber  “die”, die keine Ahnung  haben  (das sind in  diesem   Fall   wir)   amuesieren.   Sind   “die”   anders   –   oder  argumentieren wir schlecht? “Die” sind eben viele. Auch Bewunderung ist eine Einstellung, die mit der Entfernung  ungeheuer wachsen kann. An Stars und konstruierten Mythen  laesst   sich   das   leicht   nachvollziehen,   auch   politische  Bewegungen sind hier ergiebiges Objekt. Historische   wie   raeumliche   Distanz   koennen   gehoerige  Verklaerung schaffen. Ich erinnere mich an die europaeischen  Studentenproteste   gegen   Sparmassnahmen,  Jugendarbeitslosigkeit und Kuerzungen an den Universitaeten  in   den   fruehen   1990ern.   In   Wien   organisierten   wir   einige  Events, sassen eher trueb da und beneideten Berlin oder Koeln,  wo   hunderttausende   auf   den   Strassen   waren.   Zeitgleich  erschien   im   Spex,   dem   deutschen   Zentralorgan   fuer   alles  Subkulturelle, eine Reportage die den deutschen Organisatoren  Lahmheit   vorwarf   und   ihnen   gluehend   Wien   als   lebendiges  Beispiel vorhielt: Dort seien aufsehenerregende Events an der  Tagesordnung   –   und   ausserdem   seien   die   Organisatoren  besonders   innovativ,   weil   sie   als   Massnahme   gegen   die  Funkueberwachung durch die Polizei neuerdings Mobiltelefone  zur Kommunikation benutzten.  Das waren Zeiten. Und wir kannten einander wohl nur aus den  Nachrichten, die die Ereignisse moeglichst aufbauschten. Und  auch   hier   gilt:   Je   groesser   die   Entfernung,   je   geringer   die  Wahrscheinlichkeit, dass jemand aus dem Publikum wirklich  bescheid   weiss   –   desto   hoeher   die   Kreativitaet,   die  Unbefangenheit im Umgang mit Fakten, und die Bereitschaft,  Geschichten zu konstruieren.  Damals gab es keine allgegenwaertigen Onlinemedien, in denen  reale, angemessene Berichterstattung moeglich gewesen waere. Das ist heute anders. Es sind wenige Jahre vergangen, aber:  Gibt   es   in   Zeiten   von   Google   und   Wikipedia   noch   eine  Berechtigung dafuer, zu sagen “Ich glaube, dass... “, “So weit ich  41
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    Wie die Tiere weiss... “? Streng genommen brauchen wir uns keine Gedanken  mehr  zu   machen   –   entweder   wir   wissen   etwas,   oder   wir  recherchieren es. Spekulation ist unangebracht; wir koennen  uns   stattdessen   mit   dem   beschaeftigen,   was   gerade   anliegt.  Oder   wir   koennen   versuchen,   der   Sache   auf   den   Grund   zu  gehen. Die Herausforderung verschiebt sich: Wir brauchen uns keine  Fakten zu merken, wir brauchen uns nur zu merken, was wir  noch   recherchieren   wollten.   Und   wenn   wir   etwas   vergessen  haben – war es wichtig?  Heuristik und Hobby­Hermeneutik, die ratende Interpretation  wird zu einem Zeichen von Faulheit. Das gleiche gilt auch schon  fuer Fragen: Wer fragt, ohne vorher recherchiert zu haben, outet  sich als eher ahnungslos. Nicht aber, wer redet, ohne einen Plan  zu haben: Mediale Omnipraesenz fuer alle fuehrt dazu, dass  Reichweite pauschal Inhalte abloest, Tempo und der Eindruck,  originell   zu   sein,   ueberwiegen   Bedeutung   und   Originalitaet.  Genau Bescheid zu wissen, das belegen breit angelegte Studien,  ist in der medialen Kommunikation nicht wichtig. Wissen   wir   daher,   dank   der   Verfuegbarkeit   maechtiger  Werkzeuge, alles? Koennen wir innerhalb von Sekunden jedes  Thema   so   weit   abgrasen,   um   uns   eine   Meinung   bilden   zu  koennen?  Nein.  Es mag erstaunlich sein, aber es gibt immer wieder Begriffe, zu  denen   auch   Google   und   Wikipedia   keine   Auskunft   geben  koennen.   Sprachbarrieren,   ungeschickte  Suchmaschinenoptimierung   oder   schlicht   nicht   vorhandene  Information sollen hier aber nicht das Thema sein. In Frage  steht vielmehr: Was bedeutet es fuer uns, unseren Anspruch  auf   Wissen   und   Verstaendigung,   alles   ueber   mediale  Vermittlung abzuhandeln? Faelschungen, Irrtuemer, einseitige  und veraltete Information sind wieder ein anderes Thema. Die  Frage die ich stellen moechte, ist: Wie koennen wir bei all den  42
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    Wie die Tiere Halluzinationen, mit denen wir uns umgeben, ueberhaupt etwas  verstehen?  Wir verstehen unsere eigene, selbst geschaffene Vorstellung von  etwas. Wir koennen Medien dazu benutzen, uns bei der Bildung  dieser Vorstellungen zu helfen. Jedes Medium bedient andere  Klischees und Vorstellungen; je vermarktungsintensiver Medien  sind, desto deutlicher wird das transportiert – wir brauchen die  Zeitung nicht aufzuschlagen, um zu wissen, was – der Tendenz  nach – dort stehen wird.  Onlinemedien sind dabei oft zurueckhaltender: Sie schaffen es  nicht so deutllich, ihre vorausgesetzten Klischees ausdruecklich  zu transportieren. Die entsprechenden Codes sind noch nicht  etabliert; zu deren Erforschung starten gerade erste Projekte.  Deswegen  sind   Onlinemedien   nicht   realitaetsnaher.   Aber   sie  lassen   uns   als   Nutzern   mehr   Spielraum,   die   Information   in  unseren eigenen Informationsrahmen zu verfrachten: In einer  Zeitung wissen wir grob, aus welcher Ecke der Wind weht, wie  wir das zu verstehen haben. Online fehlt diese Information oft.  Wir haben nur den Text, die Bilder selber – und es ist grossteils  uns ueberlassen, was wir daraus machen. Umso mehr, wenn  wir   Medien   als   Werkzeuge   betrachten,   als   Mittel,   mit  Information umzugehen, nicht als Produkt, als Marke, in der  Information immer auf eine bestimmte Art und Weise verpackt  ist.   Medien   wie   Blogs,   Social   Networks,   Funktionen   wie  Kommentare oder RSS machen das deutlich – Medien bewegen  sich weg von der Aufgabe, Verpackungsmuell zu sein, und hin  zum Umgang mit Information.  Sollen wir uns jedes Mal fragen, warum wir etwas so verstehen,  wie wir es verstehen?  Ja.  Wir finden die Antworten nirgendwo anders; das zwingt uns,  uns mit den eigenen Mustern, Vorstellungen und Bewertungen  zu beschaeftigen. Und die Suche nach diesen Mustern kann  uns   –   als   Hintergrund­Drehbuch   im   direkten   Gespraech   –  43
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    Wie die Tiere Antworten auf Fragen liefern wie: Was will der andere von mir?  Wie bringe ich ihn dazu, zu tun, was ich will? Die  Objekte   veraendern   sich.   Wir   sehen   jeden   Tag   etwas  anderes, haben jeden Tag ein neues Problem.  Daswirkt sich auch auf uns aus, auf die Bilder und Elemente  auf die wir zurueckgreifen koennen, um zu verstehen. Wenn  sich die Dinge bewegen, ziehen wir mit – wir koennen gar nicht  anders. Der Horizont aendert sich, der Hintergrund, vor dem  wir Dinge einordnen.  Viele   gleichzeitige   Horionte   existieren   in   verschiedenen  Perspektiven nebeneinander. Das ergibt ein lebhaftes, bewegtes  Durcheinander,   in   dem   immer   nur   der   Moment   gilt   –   alles  andere ueberfordert uns. Der Wunsch, im Einzelfall hinter die  Kulissen zu sehen, bedeutet praktisch schon den Wunsch, die  ganze Welt auf einmal zu erfassen. ­ Dabei ist sie in diesem  Moment schon wieder anders.  Primat der Oberflaeche Je naeher uns etwas ist, desto selbstverstaendlicher nehmen  wir es. Kein Grund, naeher hinzuschauen. Je entfernter etwas  von unserer gewohnten Umgebung ist, desto weniger haben wir  die   Gelegenheit,   uns   damit   zu   beschaeftigen.   Wir   tun   es  vielleicht gerne, weil es exotisch ist und uns Freiraum laesst,  aber   wir   treffen   die   Dinge   nicht;   sie   bleiben   von   uns  unberuehrt.  Wir bewegen uns immer an der Oberflaeche. Egal wie nah oder  fern der Betrachtungsgegenstand uns ist.  Das   ist   eine   wertfreie   Feststellung.   Tiefgruendigkeit,  Oberflaechlichkeit, Intensitaet, Authentizitaet – uns fehlen die  Kritieren, um hier werten zu koennen.  44
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    Wie die Tiere Das ist eine Tatsache, die wir zur Kenntnis nehmen koennen  und auf die wir uns einstellen koennen.  Je flexibler unsere Einstellung zu etwas ist, je mehr Vermittlung  ueber  Erzaehlungen,   Medien   wir   in   Anspruch   genommen  haben, um so glatter und entfernter ist die Oberflaeche.  Sie ist auch alles, wonach wir uns richten koennen. Wir wissen  nicht mehr, wir koennen nicht mehr erfahren. Was zaehlt, was  wir als Realitaet nehmen koennen, ist das, was wir – in all  unserer   Beschraenktheit   –   jetzt   –   in   aller   Vergaenglichkeit   –  sehen. Alles andere ist Spekulation, mit der wir uns nicht in  den  Gegenstand,  sondern  nur  in  uns  selbst   vertiefen:  Jeder  Gedanke, den wir uns ueber andere machen, ist ein Gedanke  ueber   uns   selbst,   ist   durch   unsere   Perspektiven   und  Wahrnehmungen, Erfahrungen und durch unser Grundgeruest,  ueber das wir nie nachdenken, geformt.  Oberflaechen haben Grenzen und Regeln, die den reibungslosen  Ablauf von Dingen ermoeglichen. Reicht das nicht?  Fraglich ist aber, wie wir diese Grenzen erkennen. Unser Leben wie wir es kennen basiert auf Abgrenzungen. Es  gibt mein und dein, jetzt und spaeter, so und anders. Darauf  bauen Weltordnungen auf, unser wirtschaftliches Leben – sogar  unser   ideelles   Leben   wird   in   diese   Abgrenzungen   gedraengt:  Wissenschaftler streiten um Originalitaet, korrekte Zitate und  Plagiate.  Es ist also wichtig, unterscheiden zu koennen, und aufgrund  dieser   Unterscheidungen   Entscheidungen   zu   treffen.   Ebenso  wichtig   ist   auch,   die   Relativitaet   und   Subjektivitaet   dieser  Entscheidungen verstehen zu koennen.  Wir   bestimmen   die   Welt.   Das   verleiht   uns   Macht.   Weil   aber   jeder   seine   Welt   bestimmt,   liefert   es   uns   ebenso  anderen aus, es macht uns wehrlos. Wir sind beides zugleich –  uneingeschraenkt maechtig und wehrlos ausgeliefert. Das ist  nur eine Frage der Perspektive.  45
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    Wie die Tiere Folgender Praesenz: Wehrlosigkeit Wir   hinterlassen   Spuren.   Je   mehr   Leute   wir   erreichen,   je  groesser unser Einfluss ist, um so weiter verbreiten wir unsere  Spuren.  Spuren   koennen   der   Eindruck   sein,   den   wir   bei   anderen  hinterlassen,   es   koennen   Texte   oder   Bilder   sein,   die   wir  veroeffentlicht haben, es koennen Unterhaltungen sein, die wir  gefuehrt   haben.   Die   Nutzung   von   Medien   verstaerkt   diesen  Effekt: Wir koennen eine Vielzahl von Inhalten nahezu beliebig  streuen und koennen ohne grossen Aufwand grosse Reichweiten  erzielen. Diese Spuren existieren losgeloest von uns. Sobald wir nicht  praesent sind, steht unsere Spur fuer sich allein. ­ Das kann sie  allerdings nicht, sie kann nur in einer Beziehung existieren, in  der Beziehung auf etwas, als Wahrnehmung. Die Spur wird zu dem, was der andere daraus macht.  Am   Beispiel   neuer   Onlinemedien   laesst   sich   das   deutlich  nachvollziehen:  Sobald   wir   unser   Profil   aktualisiert,   unseren  Beitrag,   unsere   Bilder   abgeschickt   haben,   haben   wir   keinen  Einfluss   mehr.   Wir  koennen   versuchen,   den   Ton   zu   treffen,  eindeutig zu formulieren, wir koennen den Verlauf beobachten  und in Diskussionen eingreifen.  Das erste Problem besteht schon darin, alles zu verfolgen: Im  Gewirr der Spuren verliert sich auch fuer uns unsere eigene  Spur   schnell.   Das   gilt   fuer   Diskussionen   in   Onlinemedien  ebenso wie fuer ueber die Buschtrommel oder den Flurfunk  verbreitete Geruechte – es gibt keine direkte Verbindung mehr  zu uns.  Die zweite Herausforderung liegt darin, Sinn auf drei Zeilen zu  vermitteln. Das verdeutlicht uns, was andere generell von uns  wahrnehmen:   Sie   kennen   unseren     Hintergrund   nicht,   sie  46
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    Wie die Tiere haben uns gestern nicht gesehen und sie kennen die Gedanken,  die  uns   zu   diesen   Worten   bringen   nicht.   Erwarten   wir  tatsaechlich, dass auf dieser Basis Verstaendigung moeglich ist? Der dritte Punkt: Wir sind hier nicht gemeint, wir stehen nicht  im   Mittelpunkt.   Wir   sind   eine   kurze   Notiz   im   Leben   eines  anderen, der mit uns macht, was er will, der uns aus   einer  Perspektive betrachtet, die wir nicht kennen, wo der wir nichts  wissen. Wir wissen nur: Es ist nicht unsere.  Das   Paradoxon   in   diesem   Verhaeltnis   von   Macht   und  Wehrlosigkeit ist: Je mehr wird von uns preisgeben, je mehr wir  darzulegen   versuchen,   desto   wehrloser   sind   wir.   Wir   liefern  Material fuer andere. Wer schafft, verliert – das ist das Risiko,  das wir eingehen muessen Die   anderen   sind   mehr,   also   wird   es   immer   mehr   fremde  Ansichten und Interpretationen geben, als unsere eigene. Wenn  wir dieses Potential fuer uns nutzen koennen, multipliziert das  unsere Produktivitaet, unsere Reichweite ins Unermessliche.  Wer hat gesagt, dass Wehrlosigkeit etwas Negatives bedeutet?  Sie   kann   auch   Offenheit   bedeuten,   die   ohne   Widerstaende  Neues schafft, prueft, formt.  Folgen der Praesenz: Selbstbehauptung Wir   stehen   wehrlos   anderen   gegenueber.   Wehrlos   vor   allem  deshalb, weil wir nicht da sind. Es sind Spuren von uns, die  dem andere ueberlassen sind.  Spuren sind ein Teil der Oberflaeche, die wir erzeugen koennen.  Oberflaeche   ist   das,   was   wir   vermitteln   koennen,   jener   Teil  unseres Lebens, von dem wir wissen, dass er sichtbar ist, dass  er ankommt.  Oberflaeche ist etwas, das auch fuer uns gestaltbar ist: Wir  47
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    Wie die Tiere haben alle Moeglichkeiten, die Oberflaeche zu schaffen, die wir  uns wuenschen. Dazu  brauchen  wir  gar keine  plastische  Chirurgie;  es reicht  aus,   Geschichten   zu   erzaehlen.   In   dem   Wissen,   dass   wir  Interpretation,   subjektivem   Verstaendnis   und   dem  Bezugsrahmen einer fuer uns fremden Umgebung ausgesetzt  sind, liegt es an uns, die entsprechende Vorlage zu liefern.  Geregelte   Umgebungen,   in   denen   wir   immer   nur   einen   Teil  sichtbar   machen,   anwenden   muessen,   in   denen   wir   nie   zur  Gaenze   sichtbar   sind,   erleichtern   die   Konstruktion   von  Oberflaechen   ungemein.   Regeln,   Sanktionen,   Hierarchien,  liefern   Orientierung   und   foerdern   die   Entwicklung   von  Oberflaechen weiter. Das gilt fuer die geregelte Arbeitswelt ebenso wie etwa fuer die  ueber Medien vermittelte Praesentation von Inhalten: Im ersten  Fall gibt es Dinge, die wir nicht tun oder sagen koennen – nicht  weil   sie   verboten   waeren,   sondern   weil   sie   nicht   verstanden  wuerden;   unpassendes   Verhalten   wird   in   diesem  Zusammenhang   nicht   oder   als   etwas   ganz   anderes  wahrgenommen.  Im  zweiten  Fall  gibt   es  weniger   ausdrueckliche   Regeln,   sehr  wohl   aber   implizit   vorhandene   (welcher   Ton   muss   wo   wie  getroffen werden um wie verstanden zu werden), Hauptsache  aber ist, dass wir weniger Praesenz haben: Wir sind nicht da  und wir haben keine Kontrolle ueber Zeitpunkt und Umfeld, in  dem wir wahrgenommen werden. ­ Warum ist das wichtig?  Aeusserungen stehen zur Disposition.  Das   koennen   Werte   sein,   modische   Statements,   die  Tischdekoration des Gastgebers. Alles enthaelt eine Aussage,  auch   wenn   diese   oft   weniger   beim   Handelnden   entsteht,  sondern beim Wahrnehmenden.  A   tut   etwas,   B   denkt   unweigerlich   darueber   nach.   Die  urspruengliche Situation ist bereits vorbei, A tut etwas anderes,  48
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    Wie die Tiere das B nicht sieht – die Welten entfernen sich voneinander.  Das vereinnahmende “Ich verstehe schon” winkt hier wieder mit  dem  Zaunpfahl.   “Nein”,   sagt   der   andere,   und   setzt   betont  veraenderliche,   bewegliche   und   vielfaeltige   Handlungen  dagegen: “Ich bin nicht so ein Mensch mit der Rundbuerste...” (Solche) Behauptungen von Identitaet sind der Laecherlichkeit  preisgegeben   und   schwer   von   objektiv   Laecherlichem   zu  unterscheiden. Darin liegen die Macht der Macht und der Reiz  des Nomaden­Daseins. Macht holt ins Boot und teilt manchmal  sogar. frisst aber letztlich (die Gesetze dessen, was funktionieren  soll, aendern sich nicht) alles. Nomaden grasen eine Weide ab  und ziehen weiter, bevor die Beruehrung zu eng wird, der Platz  zu   knapp,   bevor  nur   noch  Sesshafte   ueberleben   koennen.   ­  Rueckkehr ist nicht ausgeschlossen.    Wir   wissen,   dass   wir   die   Dinge   nicht   sich   selbst  ueberlassen koennen – in diesem Fall ueberlassen wir  sie anderen. Wir koennen auch nicht auf das hoffen, was  “wirklich”   oder   in   uns   ist;   was   zaehlt,   ist   die  Oberflaeche, das, was ankommt.  In deren Aufbau muessen wir unsere Kraft legen – es sei  denn, wir verzichten.  Welche Grenzen gelten, welche Kriterien sorgen dafuer,  dass   ein   Unterschied   zwischen   Innen   und   Aussen  existiert? ­ Nicht der Unterschied ist wichtig, auch das ist  nur eine Frage der Oberflaeche. Wichtig ist, dass von  unserem   Versuch   der   Selbstbehauptung   ueberhaupt  irgendetwas ankommt. Es ist nicht sicher, dass wir eine  Chance haben, ueberhaupt etwas zu sagen, etwas in  unsere Richtung zu lenken. Umso dicker muessen wir  auftragen.  Nocheinmal zur Perspektive: Hier stehen keine politischen oder  49
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    Wie die Tiere moralischen  Qualitaeten   zur   Diskussion.   Es   geht   nicht   um  Redefreiheit,   Wertschaetzung   oder   Anerkennung.  Unterschiedliche   Interessen   oder   Bildungsniveaus   sind   auch  nicht   Thema.   Ich   moechte   mich   nur   auf   die   Frage  konzentrieren,   unter   welchen   Bedingungen   Verstaendigung  moeglich   ist.   Nicht   als   Machtfrage,   nicht   als   etwas,   das  durchgesetzt werden muss, nicht als Intelligenz­, Deutlichkeits­  oder Reichweitenfrage.  Wo laeuft die Grenze, die dafuer sorgt, dass manche Begriffe  und  Handlungen  selbstverstaendlich erscheinen  und  manche  selbstverstaendlich unmoeglich? Woher – vor dem Hintergrund,  dass   die   Faelle   des   Nichtverstehens   oder   der   Unsicherheit  haeufiger sind – nehmen wir die Sicherheit, gelegentlich doch  etwas zu verstehen? ­ Manchmal existiert das Thema nicht, wir  brauchen   uns   nichts   zu   fragen,   alle   Grenzen   erscheinen  konstruiert.  Woran liegt das? Was haben diese Momente gemeinsam?  Begriffsbildung: Warum heisst das, was wir sagen, ueberhaupt etwas und nicht vielmehr nichts? Wir   haben   verschiedene   Erfahrungen.   Wir   denken   an  verschiedene   Welten.   Keine   zwei   Vorstellungen   zum   gleichen  Begriff sind gleich.  Wenn   wir   reden,   produzieren   wir,   nuechtern   betrachtet,  Geraeusche.   Schrift   besteht   aus   Zeichen,   die   sich   nicht  wesentlich   von   anderen   Zeichen   wie   Pfeilen   oder   Kreuzchen  unterscheiden   (sie   haben   im   Gegenteil   noch   weniger   direkt  bezeichnenden Charakter).  Wenn wir denken oder traeumen, tun wir das manchmal in  50
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    Wie die Tiere Worten, in Bildern, in Gefuehlen.  Wir koennen uns darauf verlassen, dass wir im Grunde alle  gleich  sind   und   uns   deshalb,   auch   wenn   wir   es   nicht  nachvollziehen   koennen,   am   Ende   doch   verstehen.   Oder  wir  koennen  versuchen,   einen   Schritt   zurueckzugehen,  hinter   diese   Selbstverstaendlichkeit,   die   Verbindungen  herzustellen   scheint:   Gemeinsamkeiten   zu   hinterfragen  zerstoert   sie   recht   schnell;   emotionale   Menschen   bezeichnen  das gern als Gefahr des Zerredens.  Wo keine Handlungen notwendig sind, wo mir egal ist, ob der  andere mich versteht, kann ich mich damit zufrieden geben. Im  Geschaeftlichen, aber auch in privaten Beziehungen ist die klar  gesetzte Handlung unersetzbar: Es gibt keinen Grund, warum  wir sonst annehmen sollten, verstanden zu werden. Wir muessen unsere Voraussetzungen, die Leitlinien, die wir  annehmen, jedes Mal mitliefern – ohne unserem Gegenueber  jedes Mal die Welt zu erklaeren.   Damit haben wir zwei Herausforderungen zu loesen: Wir sollen  nicht   predigen.   Und   wir   sollen   einen   Weg   finden,   Worte,  Bezeichnungen,   Argumentationen   so   zu   verpacken,   in   ihnen  Welten, begreifbare Oberflaechen zu erzeugen, von denen wir  annehmen duerfen, dass sie beim anderen ankommen.  Und wie koennen wir uns trotzdem verstaendigen? Ein Begriff kann ein Wort sein, ein Bild, eine Vorstellung, ein  Konzept oder ein Wert. Wir verbinden etwas mit Begriffen; sie  gehoeren in fuer uns wirksame Zusammenhaenge.  Fuer   die   Entstehung   dieser   Zusammenhaenge   gibt   es  verschiedene   Erklaerungsansaetze   aus   Soziologie,  Kommunikationswissenschaft   und   anderen   Disziplinen;   fuer  51
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    Wie die Tiere deren  Verbindung   mit   Worten   liefern   noch   Etymologie,  Linguistik und Semantik Beitraege.  Wir koennen die Gruende fuer Zusammenhaenge in der Umwelt  suchen: Weil wir etwas immer so gesehen haben, es so gelernt  haben,   nennen   wir   es   so.   Wir   koennen   eine  transaktionsorientierte   Perspektive   einnehmen:   weil   es  funktioniert, weil wir ein bestimmtes Ziel erreichen, wenn wir  uns an diese und jene Richtlinien halten, macht es Sinn, Dinge  so zu nennen. Wir koennen auch eine etymologische Perspektive  einnehmen: Weil dieses Wort diese und jene Wurzeln hat, mit  diesem   Wort   verwandt   ist   oder   aus   diesem   Zusammenhang  kommt, hat es auch diese und jene Bedeutung.  Dabei   bewegen   wir   uns   immer   in   einem   klar   abgegrenzten  Rahmen, wir nehmen Voraussetzungen an, die dann fuer uns  Sinn stiften. Es gibt aber keinen Zusammenhang, der darueber  hinausgeht. So wie ein Fussballspiel nur funktioniert, wenn die  Regeln des Fussballspiels grundsaetzlich bei allen Beteiligten  anerkannt   sind   (was   nicht   bedeutet,   dass   sich   jeder   immer  daran   halten   muss),   funktionieren   auch   diese   Erklaerungen  nur, wenn die grundlegenden Rahmen nicht hinterfragt werden.  Spielt   dagegen   eine   Mannschaft   Fussball,   die   andere  Basketball, dann haben wir genau die Situation, in der wir uns  in   der   geschaeftlichen   Kommunikation   wieder   und   wieder  befinden:  Wir haben  unsere  klar strukturierte,  gut  erklaerte  Welt   –   und   gleich   nebenan   beginnt   das   unbeherrschbare,  unkontrollierbare   Chaos,   fuer   das   wir   nur   Kopfschuetteln  uebrig haben.  Wir erkennen dort keine Zusammenhaenge; was man uns zu  erklaeren   versucht,   sind   fuer   uns   keine   nachvollziehbaren  Standpunkte.  In   den   Worten   der   Linguisten:   Es   gibt   nun   einmal   keinen  Zusammenhang   zwischen   Bezeichnendem  und   Bezeichnetem.  Dazwischen existiert ein nicht fassbarer Leerraum; in diesem  Leerraum entstehen Sinn und Interpretation.  52
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    Wie die Tiere Bei klar begreifbaren, sichtbaren Begriffen (Bezeichnetes) wie  Hund oder Esel mag das unspekakulaer sein, obwohl auch hier  das Wort (Bezeichnendes) in verschiedenen Zusammenhaengen  verwendet werden kann.  Bei unscharfen, erklaerungsbeduerftigen Begriffen wie Freiheit,  Verantwortung, Macht wird der Leerraum wesentlich groesser. ­  Noch groesser wird er, wenn den Begriffen noch die moralische  Komponente fehlt: Was bedeutet Verstehen, Erkenntnis, Begriff  –  das   sind   Begriffe   (als   Bezeichnetes)   die   nur   ueber   Worte  (Bezeichnendes)   beschreibbar   sind,   dabei   beschreiben   Worte  Worte – was soll da schon herauskommen?  Dennoch weiss ich, welche Reaktionen Worte wie Verspaetung,  Verzoegerung, Budgetueberschreitung, Nein hervorrufen. Diese  Reaktionen unterscheiden sich von der Reaktion auf Worte wie  erledigt, Abschluss, Erfolg. Vielleicht kann ich unterschiedliche  Reaktionen   auf   unterschiedliche   Begriffe   sogar  unterschiedlichen Menschen zuordnen.  So   entstehen   Profile,   sie   sind   wiederholbar   und   tragen   zu  Vorhersagbarkeit bei.  Sie liefern uns Anhaltspunkte und lassen Zusammenhaenge zu  anderen beobachtbaren Themen erkennen. Unser Wissen kann  praktisch grenzenlos wachsen; immer neue Muster und Profile  liefern   uns   immer   mehr   Anhaltspunkte.   Das   Wachstum   ist  horizontal, in die Breite orientiert. In der vertikalen Dimension  sind unsere Moeglichkeiten deutlich eingeschraenkter.  Was bedeutet es schon, in die Tiefe zu gehen? Wir koennen in  unsere   eigenen   Tiefen   gehen,   Einstellungen,   Meinungen,  Traeume, “wahre” Charakterzuege hervorholen – und sie an der  Oberflaeche positionieren, damit sie fuer andere sichtbar sind,  damit   sie   wahrgenommen   werden   koennen,   wie   wir  wahrgenommen werden wollen. Andere koennen auch in ihre Tiefen gehen, das macht jeder fuer  sich – was sich begegnet, bleiben aber immer Oberflaechen. Die  Tiefen dazwischen sind  ein voruebergehender Zwischenschritt. 53
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    Wie die Tiere Wir haben nicht immer das Gefuehl, “nur” an der Oberflaeche  unterwegs  zu   sein.   Wir   beschaeftigen   uns   manchmal   auch  “wirklich” mit etwas, sind tief in einer Sache drin. Dann sind  wir   aber   meistens   nicht   auf   Verstaendigung   ausgerichtet,  sondern auf Erforschung, Produktion.  In dem Moment, in dem etwas ausgesprochen, gedacht wird,  entsteht es gerade erst.  Und   dann   wollen   wir   es   erklaeren   –   das   braucht   Zeit,  Vereinfachung,   Zielorientierung   –   und   das   Ergebnis   entfernt  sich immer weiter von seinem Ausgangspunkt.  Explorative   Kommunikation   als   Gegenstueck   zu  verstaendigungsorientierter   Kommunikation,   als   Ausflug   in  Tiefen,   ist   moeglich.   Der   Abgleich   der   so   gewonnenen  Erkenntnisse im Dialog, die Instrumentalisierung mit dem Ziel,  Anwendbares   zu   schaffen,   passiert   dann   wieder   an   der  Oberflaeche.  Verstehen oder Nicht­Verstehen entscheidet sich oft nur anhand  von Dekorationsmaterial, denken wir an Praesentationen, Texte:  Wie oft aergern wir uns, dass dieser oder jener Aspekt noch in  die Thesen reklamiert wird – obwohl wir ihn doch eingearbeitet  haben. Oft   hilft   es,   einfach   Zwischentitel   einzufuehren   und   die  Ueberschriften zu aendern – und die Sache bekommt ein ganz  anderes Gewicht und Gesicht – rein oberflaechlich. An unserer  Intention, an den Inhalten die wir vermitteln wollen und den  Worten, die wir dabei verwenden, hat sich nichts geaendert,  sehr wohl aber an dem, was ankommt.  Oberflaechen sind oft negativ besetzt. Sie grenzen aus, spiegeln  manchmal oder weisen ab, und sie verbergen den Blick auf das  Innere. Dort wird eine weitere Wahrheit vermutet.  Oberflaechen sind jedoch das einzige, das wir erkennen und  begreifen koennen. ­ Der Rest ist Spekulation. Unser Innerstes  54
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    Wie die Tiere ist fuer den anderen Oberflaeche; was wir ueber den anderen zu  wissen glauben, ist das, was er von sich preisgeben moechte, ist  dessen Oberflaeche, ergaenzt durch von unseren Vorstellungen  eingefaerbte Spekulation. Mehr  zu   wollen   ist   aussichtslos.   Warum   auch?   Wir   haben  unsere Orientierungspunkte. Es liegt an uns, was wir daraus  machen. Tiere werden konditioniert – Wollen wir Menschen tatsaechlich verstehen? Tiere werden konditioniert. Das ist ein sehr pragmatischer und  effizienter   Weg,   kontrollierte   Effekte   hervorzurufen   und  Verhalten zu steuern.  Es   ist   uns   egal,   warum   die   Speichelbildung   des   Hundes  “wirklich”   einsetzt;   wichtig   ist   die   verlaessliche  Nachvollziehbarkeit dieses Effekts.  Warum   kuemmern   uns   die   “wirklichen”   Hintergruende   in  anderen Zusammenhaengen, in sozialen Interaktionen? ­ Wir  wissen auch vom speichelnden Hund nicht, ob er uns mag, ob  er   Hunger   hat,   oder   wie   gut   seine   Verdauung   gerade  funktioniert,   Wir   wissen   ueber   einen   kleinen   Ausschnitt  bescheid.  Das   mag  wenig  erscheinen.  Viele  kleine   gesicherte  Ausschnitte   koennen   aber   zu   einem   maechtigen   Werkzeug  wachsen. Auch   Tieren   gegenueber   –   um   bei   dem   Bild   zu   bleiben   –  entwickeln wir Vorstellungen. Wir kennen einen feigen Hasen,  einen sturen Bock, einen faulen Hund. Wir schreiben einerseits  Persoenlichkeit zu, Eigenschaften, andererseits reduzieren wir  de   Persoenlichkeit   auf   Reiz   und   Reaktion.   Der   faule   Hund  fuehrt uns deutlich vor Augen, woher die Eigenschaft und deren  Bewertung   kommen:   Es   sind   unsere   Massstaebe,   die   an  55
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    Wie die Tiere unpassenden  Objekten   angewandt   werden.   Der   Hund   kennt  weder Faulheit noch schlechtes Gewissen – er ist einfach.  Was haelt uns davon ab, in anderen Beziehungen den gleichen  Weg   zu   gehen:   Reduktion   auf   die   gesicherte   Oberflaeche  einerseits,   Ueberhoehung,   Konstruktion   von   Identitaet   und  Eigenschaften andererseits. Solange wir uns erinnern, wo die  Grenzen zwischen den wahrgenommenen Oberflaechen und den  interpretierten Tiefen liegen, besteht die Chance, dass wir uns  nicht verirren.  Philosophische Kompetenzen Die Orientierung verlangt ein paar Werkzeuge von uns.  Wir sollten unterscheiden koennen – nicht zwischen uns und  anderen, nicht zwischen innen und aussen, sondern zwischen  den Objekten unserer Vorstellung: Wo denken wir ueber uns  nach, wo ueber andere?  Was   selbstverstaendlich   erscheint,   erfordert   laufendes  Hinterfragen.   Auch   das   laufende   Hinterfragen   muss   seine  Grenzen kennen: Wo ist es unangebracht, was hinterfragen wir  nicht   mehr?   Wir   muessen   nicht   alles   hinterfragen,   was   wir  technisch gesehen hinterfragen koennen.  Wir muessen wissen, dass jede Systematisierung, jede  Abstrahierung   Distanz   schafft.   Sobald   wir   etwas  ansprechen, sind wir davon entfernt. Jeder Bezug auf  etwas ist Distanz.  Jede Verneinung, Abgrenzung ist Bestaetigung. Je mehr  wir   betonen,   dass   wir   etwas   nicht   sind,   desto   mehr  betonen wir, dass dieses etwas ist.  Rueckzug   foerdert   nur   Rauschen,   keine   Stille.   Es   ist  keine Option, das Feld anderen zu ueberlassen, wenn  56
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    Wie die Tiere wir die Diskussion einmal begonnen haben.  Sind wir besser, sind wir anders? Es gibt kein wir, es gibt kein  anders. Wir hinterfragen etwas. Das suggeriert die Beziehung von etwas  Aktivem  (uns)   zu   etwas   Passivem   (etwas,   die   anderen),   als  haetten wir die Macht, etwas zu gestalten, oder Wissen, das  andere nicht haben.  Das ist ein Irrtum.  Es   ist   nur   eine   Frage   der   Perspektive,   wer   wen   oder   was  definiert, auch wenn der andere von dieser Moeglichkeit nicht  Gebrauch macht, so hat er sie doch. Damit   verschwinden   auch   die   Grenzen   zwischen   uns   und  anderen, zwischen uns und anderem. Wir sind Teil, anderes ist  Teil von uns – durch unsere Beschaeftigung mit anderem stellen  wir Beziehungen her. Wir koennen nicht ueber jemand anderen  nachdenken und dabei davon ausgehen, seine Welt zu sehen,  dessen Welt mit seinen Augen zu sehen. Wir sehen uns; wir  stellen uns vor, wie wir an dessen Stelle handeln wuerden. Und  sind damit wieder mitten im Bereich der Spekulation.  Wir koennen das nicht.  Wir koennen zur Kenntnis nehmen, dass es keine Unterschiede  gibt.  Zugleich   ist   es   aber   ziemlich   sicher,   dass   wir   Unterschiede  wollen – so funktionieren unsere Welt, unsere Geschaefte: Weil  ich arbeite, musst du bezahlen, weil ich etwas habe, kannst du  es nicht haben.  Also   erzeugen   wir   Unterschiede,   indem   wir   Oberflaechen  gestalten und Spekulationen ueber Tiefen anstellen. Innerhalb  dieser Illusionen kann Kommunikation stattfinden – wie in der  Unterhaltung zweier Handpuppen. Sie muessen nur deutlich  praesentiert werden.  57
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    Wie die Tiere Niemand ist so wie im Meeting, im Bewerbungsgespraech, im  Kollegentratsch, nicht einmal so wie zu hause. Niemand ist so,  wie in einem Moment. Wir haben immer den Anspruch, mehr zu  sein. Auch wenn wir gar nicht darueber nachdenken.  In  einem   Moment,   auf   einen   Moment   reduziert,   haben   wir  allerdings die Chance, einfach zu sein. Daraus ergeben sich  klare Auffassungen, ein klares Verstaendnis von dem, was ist,  und von dem, was notwendig ist – in diesem Moment.  Es   ist   eine   vertretbare   Auffassung,   unzaehlige   Schulen   von  Konzentration   und   Meditation   in   dem  Bestreben,   einfach  zu  sein, nur zu sein, zusammenzufassen. Die Konsequenz daraus  ist, offen fuer Tatsachen zu sein, fuer das, was gerade anliegt.  “Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht. ­ Das sind die  besten   Voraussetzungen   fuer   ein   gutes   Gespraech.”   Wir  koennen lernen, uns ohne Voraussetzung, oder im Bewusstsein  all unserer Voraussetzungen, den Dingen anzunaehern.  58
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    Wie die Tiere Vermutungen:Wie koennen wir verstehen? Wie koennen wir uns verstaendigen? Wir   haben   eine   Reihe   von   Problemen   gesehen,   Bruecken,  Luecken,   Loechern,   die   vieles   in   Frage   stellen.   Viele   dieser  Probleme   moegen   uebertrieben   wirken,   ueberzeichnet,  konstruiert. Manche existieren tatseachlich nur, wenn gerade  darueber geredet wird.  Wir reden dauernd darueber; in Frage steht bloss, ob uns das  bewusst ist, ob wir das kontrollieren koennen.  Wir erfinden laufend unsere Welt, wir stellen Beziehungen her,  lehnen   sie   ab.   Die   Einfluesse   koennen   direkt   sein   (jemand  spricht uns an, wir aergern uns ueber das dauernde Husten  von Passagieren im Autobus) oder indirekt (ungemaehter Rasen  im Garten drueckt auf unsere Laune) manchmal koennen wir  uns aussuchen, ob und wie wir uns damit auseinandersetzen  wollen, manchmal nicht. Heute frueh auf dem Weg zum ersten  Termin   sah   ich   einen   grauen   Leichenwagen   neben   einem  Geldtransporter   in   exakt   der   gleichen   Farbe   vor   dem  Standesamt in einem Einkaufszentrum – wie weit entsteht hier  eine  Geschichte, wie  weit  will ich mich damit  beschaeftigen,  davon beschaeftigen lassen?  Wie weit fasse ich es in Worte, gestalte ich eine Oberflaeche,  damit ich etwas zu erzaehlen habe, das zugleich Vielschichtige  und Bedeutungslose einordnen kann und ihm fuer mich einen  Sinn geben?  Kann ich das selbst entscheiden, habe ich die Moeglichkeit, zu  ignorieren?  59
  • 60.
    Wie die Tiere Oberflaechen Oberflaechen  sind   etwas,   worueber   wir   reden   koennen.   Wir  koennen   Oberflaechen   beruehren,   Oberflaechen   koennen  einander beruehren. Kisten koennen wir praktischerweise dann  stapeln, wenn ihre Oberflaechen zusammenpassen, wenn sie  oben und unten glatt sind. Was ist den Kisten ist, braucht uns  dabei nicht zu kuemmern. Freigabe­, Hierachie­ und Genehmigungsprozesse sind oft um  nichts   anders.   Der   Form   halber   muessen   sie   eingehalten  werden.   Was   dabei   herauskommt,   ist   grundsaetzlich   egal.  Zumindest   die   Oberflaeche   muss   gewahrt   bleiben.   Mehr   ist  nicht wahrnehmbar – bis es einmal an die Oberflaeche kommt.  Die Form zu wahren ist nicht nur eine Frage der Hoeflichkeit,  sondern auch der Moeglichkeit. Wir brauchen Form, wenn wir  verstehen wollen. “Wie er wirklich war” Spaetestens der Tod prominenter Personen fuehrt vor Augen,  wie   unterschiedlich die  an  die  gleiche   Oberflaeche   gestellten  Erwartungen,   die   Vermutungen   ueber   deren   Hintergruende  wohl   schon   lange   waren.   Es   braucht   keine   skandaloesen  Enthuellungen   oder   posthumen   unehelichen   Kinder.   Mutiger  werdende Journalisten, kleine Vereinnahmungen reichen, und  das Bild beginnt sich zu aendern.  Die Sorgfalt sinkt, der Mut steigt, das Objekt kann sich nicht  mehr   wehren.   Die  Zuschreibung   diverser   Eigenschaften   wird  grosszuegiger, aus Politikern werden Helden, aus Kriminellen  Bestien – und sehr oft werden jene Worte verwendet, die ein  Indiz dafuer sind, dass derjenige, der sie benutzt, den Boden  gesicherter   Tatsachen   verlassen   hat:   “wirklich”,   oder   “in  Wahrheit”.  60
  • 61.
    Wie die Tiere “Ich weiss, wie er wirklich war”, “In Wahrheit war er so...” ­  dann folgt Spekulation, die sich oft von dem absetzen soll, was  sonst und gemeinhin verstanden und erzaehlt wird. Der Tod  schafft dabei die notwendige Distanz, den Spielraum, in dem  sich  unsere   Perspektiven   entfalten   koennen.   Noch   besser  entfalten   koennen,   als   in   der   ohnehin   schon   nicht   geringen  Distanz,   die   der   Yellow   Press   ihren   alltaeglichen   Spielraum  verschafft.   Lebendige   Objekte   von   Klatsch   und   Spekulation  koennten sich allerdings noch wehren, auch wenn sie oft weit  weg sind.  Wehrlosigkeit ist ein wichtiges Kriterium fuer die Konstruktion  bedeutungsvoller Oberflaechen als Orientierungshilfen. Manche  Objekte koennen sich noch weniger wehren – nicht nur weil sie  weiter   weg   sind,   sondern   weil   sie   auch   eine   ganz   andere  Sprache sprechen.  Das gilt in besonderem Ausmass etwa fuer Umweltschutzfragen:  Nationalparkerrichtung,   Autobahnbau,   Klimakatastrophe,  Erderwaermung,   Abgasreduktion   –   alles   ist   argumentierbar,  alles   wird   argumentiert.   Es   kommen   keine   Antworten.   Reaktionen gibt es sehr wohl; die Welt veraendert sich, es gibt  aber   immer   noch   Interpretationsspielraum.   Niemand   hat   die  Schiedsrichterposition   inne,   niemand   kann   ueber   die  Bedeutung der Dinge entscheiden. ­ Hier faellt es uns leichter,  das zu erkennen. In anderen Beziehungen verhaelt es sich aber  genauso.  Tiere sprechen nur wenig deutlicher. Eine der Folgen ist, dass  nicht   nur   generell   das   Thema   Tierschutz   strittig   ist,   auch  Tierschuetzer,   ­trainer   und   ­halter   sind   uneinig   und  argumentieren die gleichen Dinge widerspruechlich.  Dabei gibt es kein wahr oder falsch; das sind keine Massstaebe,  die in diesem Zusammenhang angelegt werden koennen. Ueber  die Angemessenheit einer Einschaetzung oder einer Massnahme  kann geredet werden, ueber ihre Zielorientierung, darueber, ob  sie das richtige Ergebnis bringt. 61
  • 62.
    Wie die Tiere Damit sind wir wieder bei Oberflaechen.  Ursache und Wirkung moegen noch so unbezweifelbar sein – es  gibt  immer   einen   Grund,   irgendeinen   Zusammenhang.   Das  Problem liegt aber darin, festzustellen, was die Ursache und was  die Wirkung ist. Diese Beispiele zeigen, wie sehr Passivitaet dazu fuehrt, wehrlos  ausgeliefert   zu   sein.   Passivitaet   entsteht   durch   Distanz   –  raeumlich, zeitlich, ideell. Und es liegt nicht an uns, aktiv oder  passiv zu sein, sondern daran, wie wir wahrgenommen werden.  Bezug des Ich auf etwas “Ich   verstehe   das   so,   ich   sehe   das   so”.   Zu   solchen  Formulierungen   raten   uns   Beziehungstherapeuten   und  Businesscoaches.   Die   subjektive   Perspektive   ist   hier   eine  Einschraenkung.   “Ich”   bedeutet   nur   mich,   “so”   ist  erklaerungsbeduerftig, es ist kein so und nicht anders, sondern  ein so, dem das wie folgen muss; dazwischen steht ein aktives  Verb.  Die   Einschraenkung   funktioniert   hier   mehrfach:   (Nur)   Ich  verstehe/sehe/mache das so, wie ich es gerade erklaere, und  weil ich nicht voraussetze, dass das fuer alle gleich ist, erklaere  ich es jetzt (und zwar dir – denn in dieser Aussage schwingt ein  Adressat mit). Wirkt das arrogant, praepotent und belehrend? ­  Das sich auf etwas beziehende Ich befindet sich befindet sich  nicht auf einem Kreuzzug, es sucht weder in sich noch bemueht  es   sicih   um   Rechtfertigung   von   aussen.   Es   formuliert   eine  bescheidene   Perspektive,   die   sich   auf   Wertesysteme,  Erfahrungen   und   Beziehungen   stuetzt.   Bedeutet   das  Beliebigkeit? ­ Gibt es eine andere Option?  “Ich bin nun mal so, ich mache das immer so” ­ in diesen  Aussagen schwingen Dummheit und Unreflektierheit mit. “Ich”  ist dabei nicht ausdruecklich jemand, das Wort wird benutzt,  62
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    Wie die Tiere weil es kein anderes fuer das zu Bezeichnende gibt, “so” als  Unerklaertes, Unhinterfragtes bedeutet gar nichts oder in jedem  Moment etwas anderes, “bin”, “sein” ist ein sehr schwieriges  Wort,  das   alles   oder   nichts   bedeuten   kann.   Ueblicherweise  ziehen Saetze mit Varianten von “sein” die Frage “was” oder  “wie” nach sich, angemessener waere ein “warum”. ­ Wenn die  ausbleibt, sind solche Formulierungen unproduktiv, sie bieten  keine   Erklaerung   und   ersetzen   verstaendigungsorientierte  Kommunikation durch einen Rueckgriff auf Tiefen, der mehr  versteckt, als er etwas zeigen kann.  Der Weg, die Dinge anzusprechen, in Beziehung zu setzen, das  “Ich”   als   handelnde   Person   als   Beziehung   zu   etwas   zu  betrachten,   erzeugt   Oberflaechen   und   Gemeinsamkeiten:  Oberflaechen koennen angenaehert und in Uebereinstimmung  gebracht   werden,   wie   eben   bei   gestapelten   Kisten.   Es geht nicht um dich und mich, sondern um etwas, und das  was wir davon halten. Das schafft Distanz und ueberbrueckt sie gleichzeitig; Distanz  ist   notwendig,   um   Kommunikation   zu   ermoeglichen:   Die   so  erzeugte Distanz schaltet das vereinnahmende Verstehen aus.  Differenz wird thematisiert. Es wird moeglich, sich innerhalb  gemeinsam anerkannter Wege und Grenzen zu bewegen. Die   Distanz   schafft   Bedeutung:   Es   wird   nicht  vorausgesetzt,  dass Bedeutung schon von vornherein existiert, oder leicht zu  verstehen waere. Es muss darueber geredet werden.  Reduktion auf das Ich “Ich bin nun mal so” ­ Dieser Weg fuehrt direkt in die Isolation.  Unmittelbar gibt es weder das Ich noch das anders oder das so.  Wir muessen Erklaerungen und Beziehungen mitliefern.  “Wir sind” gibt es in dieser Form nicht; wir sind in Bezug auf  etwas, wir machen etwas, oder wir sind etwas in dem Sinn, dass  63
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    Wie die Tiere wir  momentan   eine   Eigenschaft   oder   einen   Gefuehlszustand  haben – wiederum in Bezug auf etwas oder ausgeloest durch  etwas.  Wir sind das, was wir praesentieren und zeigen koennen. Was  oder wie wir wirklich sind, spielt keine Rolle – das bestimmen  ohnehin andere, dann, wenn wir uns nicht mehr einmischen  koennen.  Bedeutet das, dass ich dem Ich nichts zutraue, die Macht und  Kraft   des   Individuums   nicht   schaetze?   Dass   wir  passiv   und  abwartend sein sollen? In unserem Umfeld tut niemand etwas ausser uns. An dieser  Grenze beginnt ein neues Umfeld.  Wir   koennen   alles   tun   und   sind   fuer   jeden   Schritt   selbst  verantwortlich.   Nur   gilt   das   fuer   jeden;   die   naechste   Welt  beginnt, noch bevor unsere aufhoert.  Wenn   die   Welten   anderer   einander   aehnlicher   sind   als   der  eigenen   und   dadurch   Entscheidungen,   naechste   Schritte  herbeifuehren,   dann   ist   das   Demokratie.   Dieser   Gewaltakt,  Konsens herbeizufuehren, der nicht immer etwas mit uns zu  tun haben muss, geschieht taeglich.  Einer Meinung sein zu muessen, Werte teilen zu muessen ist  etwas   anderes,   als   gemeinsam   ein   Ziel   zu   verfolgen,   oder  zusammen zu arbeiten. Das kann aus verschiedenen Gruenden  geschehen.  Das bedeutet auch: Wir muessen den anderen nicht verstehen,  der andere muss uns nicht verstehen. Wir brauchen nur einen  gemeinsamen   Rahmen,   in   dem   wir   uns   bewegen   koennen. Das erfordert einen Blick auf den Begriff des Verstehens. 64
  • 65.
    Wie die Tiere Gewaltaktdes Konsens und Macht des Durchschnittlichen, das keiner will Konsens   als   Gewaltakt   bedeutet   nicht   nur,   ueberstimmt   zu  werden. Andere Meinungen setzen sich durch – das alleine ist  kein Problem. Die Suche nach Bestaetigung, die Reduzierung  auf das Gemeinsame ist aber zugleich auf eine Reduktion auf  das   Bekannte.   Alles   komplett   verstehen   zu   koennen,   es   zu  kennen   und   zu   bewerten   bedeutet,   dass   wir   Neues  ausschliessen.   In   diesem   Zusammenhang   gibt   es   nichts  unbekanntes mehr, keine Innovation.  Zusaetzlich   bedeutet   die   immer   mit   dem   Konsens  einhergehende   Niederlage   die   “frewillige”   Verpflichtung,   das  Ergebnis – also eben die Niederlage – zu akzeptieren. Mit der  Zustimmung   zur   Grundregel   haben   wir   auch   zugestimmt,  jedesmal zu verlieren.  So wie Medien ihre Hauptaufgabe damit erfuellen, Klischees zu  bestaetigen, ist auch unsere eigene Auffassung von Lernen und  Verstehen oft die, das zu Lernende, zu Verstehende durch schon  Verstandenes   zu   erklaeren.   Wir   zeichnen   gerne   Parallelen,  historische   Entwicklungen,   wir   forschen   gern   nach   geistigen  Vorlaeufern und Nachfolgern – das schliesst die Erkenntnis von  Bruechen aus.  In   anderen   Sichtweisen   macht   es   sie   deutlich.   Aber   das  Aufzaehlen von Entwicklungen setzt voraus, es handle sich um  Varianten des gleichen auf dem Weg zu einer (fixen) Wahrheit  (die der Beurteilende, Analogisierende schon kennt).  Parallelen   aufzuzeigen,   Analogien   zwischen   grundsaetzlich  entfernten Ideen und Konzepten zu entdecken ist ein beliebter  geisteswissenschaftlicher   Sport.   Was   sich   daraus   erkennen  laesst: In verschiedenen Bereichen gibt es Aehnlichkeiten; die  aufzuzeigen   ist   eine   Frage   der   Perspektive.   ­   Unserer  Perspektive. 65
  • 66.
    Wie die Tiere Damit tritt wieder ein gewisses Mass an Konstruktion auf den  Plan; wir erarbeiten und konstruieren etwas. Konstruktion ist in  solchen  Zusammenhaengen   oft   negativ   besetzt.   Das   Wort  beschreibt   aber   die   tatsaechliche   Funktion   sehr   genau.   Wir  verwenden   verschiedene   Bauteile,   um   damit   etwas   Neues  zusammenzustellen.   Bauteile   zu   verwenden   bedeutet,   Dinge  herauszuloesen; wir verwenden Konzepte, Ideen, Systeme dabei  also nicht zur Gaenze. Wir nehmen, was wir brauchen koennen,  und arbeiten damit weiter.  Ueber   Seriositaet,   Grenzen   der   Machbarkeit   laesst   sich  diskutieren;   aber   der   Umgang   mit   unserer   Ideengeschichte  zeigt, dass auch hier die Regel gilt: Je groesser die Distanz,  desto   groesser   unsere   Freiheit.   Distanz   kann   nicht   nur  raeumlich   und   zeitlich  entstehen,   sie   waechst   auch   mit   der  Andersartigkeit und sie steht in umgekehrtem Zusammenhang  zur   Verbreitung.   ­   Grosszuegige   Vereinfachungen   in   der  vorsokratischen Philosophiegeschichte stoeren uns wenig, davon  fuehlen   wir   uns   nicht   betroffen.   Absurditaeten,   wie   die  Behauptung,   jemanden   besser   zu   verstehen   als   dieser   sich  selber, kehren  regelmaessig wieder und zeugen  eindrucksvoll  von der mit wachsender Distanz wachsenden Ungeniertheit. Gibt es ueberhaupt irgendetwas, wovon wir uns mehr betroffen  fuehlen koennen? Die groesste Distanz schaffen wir, indem wir sie ignorieren. “Ich  verstehe schon”, der kurz gefasste Gipfel der Ignoranz, hat sich  so weit von seinem Objekt entfernt, dass keine Unterschiede  mehr erkennbar sind.  Bevor wir verstehen koennen, muessen wir lernen, Unterschiede  zu erkennen. Wir muessen lernen, Dinge nicht zu verstehen,  das   heisst   aufhoeren,   sie   durch   Reduktion   auf   Bekanntes,  schon Dagewesenes verstehen zu wollen. Unterschiede muessen  bestehen   bleiben   koennen.   Wir   muessen   damit   umgehen  koennen. Dann koennen wir lernen, sie zu instrumentalisieren. 66
  • 67.
    Wie die Tiere Verstehen,dass es anderes gibt Es ist ein alter Hut, das etwas zu hoeren nicht auch gleich  bedeutet, es zu verstehen. Etwas zu verstehen bedeutet auch  nicht,   damit   einverstanden   zu   sein.   Und   mit   etwas  einverstanden   zu   sein   bedeutet   auch   noch   nicht,   es  umzusetzen.  Hoeren ist ein akustisches Problem, das kann mit Lautstaerke,  Reichweite   und   technischen   Hilfsmitteln   geloest   werden;   es  kann auch leicht ueberprueft werden, ob jemand etwas hoert.  Verstehen   bringt   die   Sinnfrage   mit   ins   Spiel,   es   setzt   die  Konstruktion   eines   gemeinsamen   Rahmens   voraus.  Verstaendnis alleine ist sehr schwer zu verifizieren und nur an  den folgenden Handlungen oder Reaktionen messbar.  Eine Folge kann Einverstaendnis sein. Einverstaendnis braucht  einen   Wertehintergrund.   Verstaendis   bezieht   sich   auf   die  formale Richtigkeit einer Aussage oder Einstellung (etwas ist  nachvollziehbar, argumentierbar, es kann darueber diskutiert  werden), Einverstaendnis bezieht sich zusaetzlich auch auf die  inhaltliche   Richtigkeit:   Eine   Einstellung   ist   nicht   nur  nachvollziehbar,   wir   teilen   sie   auch,   wir   finden   gemeinsame  Punkte in zwei Positionen.  Der Schritt vom Einverstaendnis zur Umsetzung ist nicht leicht  zu beschreiben. Es kann an vielen Dingen scheitern: Faulheit,  Zeitmangel,   Geldmangel,   andere   Prioritaeten,   ja­aber­ Einstellungen. Eine gemeinsame Basis haben die verschiedenen  Gruende   in   unterschiedlichen   Wahrnehmungen   von   Freiheit,  Verantwortung,   und   damit   in   unterschiedlichen   Perspektiven  auf das Ich: Warum soll ich etwas tun, ich kann da doch nichts  tun, das ist dein Problem. Aus der Position desjenigen, der etwas erreichen, durchsetzen  moechte,   sind   wir,   nehmen   wir   an,   darauf   angewiesen,  Einverstaendnis   zu   erreichen.   Dazu   koennen   wir   klar   und  verstaendlich   argumentieren,   die   Beweggruende   unserer  Gespraechspartner recherchieren und einbeziehen um auf ihre  67
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    Wie die Tiere Werte  zu   reagieren   und   damit   einen   formal   und   inhaltlich  gemeinsamen   Rahmen   schaffen.   Was   dann?   Wie   koennen  daraus   konkrete   Handlungen   folgen?   Warum   geben   sie,   “die  anderen”, uns recht, und tun trotzdem nicht, was wir wollen? Von anderen etwas zu verlangen, bedeutet immer, eine gewisse  Abhaengigkeit einzugehen. Rechte einzufordern bedeutet, Macht  abzugeben: Ich habe Rechte, weil ich ein System anerkenne, ich  muss   das   Recht  unter   Berufung   auf   etwas   ausser   mir   (das  Rechtssystem) einfordern, weil ich allein nicht bekommen oder  durchsetzen kann, was ich will.  Manchmal muss es nicht Recht sein – es kann auch Geld sein.  Geld funktioniert aehnlich unabhaengig, auch wenn es fallweise  doch   anders   besetzt   ist.   Macht,   Anerkennung   sind   andere  Mittel,   die   uns   dabei   helfen   koennen,   unsere   Interessen  durchzusetzen.   Diese   sind   allerdings   wieder   stark   von   den  konkreten   Vorstellungen   und   Werte   unseres   Gegenuebers  abhaengig. Wenn wir diese genau treffen, bekommen wir einen  starken Hebel in die Haende. Verstaendnis koennen wir nicht ueberspringen – wenn jemand  etwas tun soll, muss er es auch verstehen, zumindest in den  Grundzuegen   und   in   kleinen   Schritten.   Einverstaendnis  dagegen ist weniger wichtig – es ist zwar aufgrund der Naehe zu  Werten   und   Einstellungen   staerker   besetzt,   kann   aber   noch  immer uebertrumpft werden.  In  Grenzen   bedeutet  das,  dass  intellektuelles  und  rationales  Kommunizieren und Verstehen wichtiger ist als emotionales. Es  haengt von der Komplexitaet ab – Essen bleibt wichtiger als  Denken, aber wir muessen jemanden nicht moegen, um seinen  Forderungen nachzugeben; wir muessen nicht gemocht werden,  um etwas durchzusetzen. Wir  muessen   nur  wissen,  was  dem  anderen   wichtig  ist,  wir  muessen es nicht teilen – dann koennen wir eine Beziehung  herstellen, in der gesteuerte Handlungen moeglich sind.  Das muss nicht zwangslaeufig Erpressung sein. Ein Beispiel:  68
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    Wie die Tiere Ein Kollege aus einer anderen Abteilung versteht sich mit seiner  Vorgesetzten nicht gut. Ich brauche Leistungen von ihm, fuer  die  seine Chefin nur wenig Zeit zur Verfuegung stellt. ­ Soll ich  der Versuchung widerstehen? Ich weiss, dass er die Gelegenheit  ausnutzen  wird,   fuer   Aerger   zu   sorgen,   und   ich   bekomme  direkt, was ich brauche. Ich kann ihn nicht anstiften – das  waere platt und unfair. Aber ich kann mit wenigen Worten die  Stimmung erzeugen, die ihn wie von selbst dazu anstiftet... Interessieren mich dabei seine wahren Motive? Interessiert mich  der Grund der Auseinandersetzungen zwischen ihm und seiner  Chefin? ­ Nein, das gilt fuer beides. Ich sollte mir wohl einen  groben Ueberblick verschaffen, anhoeren, was man so sagt –  nicht um den Dingen auf den Grund zu gehen, sondern um  eventuell etwas zu erfahren, was ich spaeter brauchen kann.  Das   mag   moralisch   fragwuerdig   sein,   mag   eine   etwas  hinterhaeltige Strategie sein. Das ist aber jetzt nicht Thema,  jetzt ist wichtig, zu sehen, wodurch hier Dynamik entsteht. Drei  auseinanderlaufende  Interessen  unter einem uebergeordneten  Ziel,   es   gibt   keinen   steuernden   Eingriff   und   dennoch   eine  Bewegung in eine moeglicherweise zielorientierte Richtung. Das  Ziel:   In   irgendeiner   Form   muessen   die   Handlungen   dem  Unternehmen nuetzen; zumindest muessen sie den Eindruck  erwecken.   Der   fehlende   Eingriff:   Es   gibt   kein   klaerendes  Gespraech, keinen Versuch, den Ursachen auf den Grund zu  gehen, oder eine gemeinsame Loesung zu finden. Das Ergebnis:  Zwei von drei Beteiligten bekommen, was sie wollen, die dritte  kann das immer noch ignorieren, oder – falls der Konflikt so  weit fortgeschritten ist – sich in ihrem Standpunkt bestaetigt  sehen, dass der Mitarbeiter eben wirklich auf Konflikt aus ist  und entsprechend behandelt werden kann. ­ Auch sie hat also  etwas davon, dass sie hintergangen wird, es ist nur eine Frage  der Perspektive.  Irgendetwas ist passiert, ohne dass unterschiedliche Positionen  einander   beruehrt   haetten   oder   eine   Auseinandersetzung  eingegangen waeren. Der Ablauf hat sich rein an einigen an der  69
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    Wie die Tiere Oberflaeche  feststellbaren   Merkmalen   orieniert.   Heisst   das,  dass   kurzfristige   Ziele,   die   Orientierung   an   irgendwelchen  Oberflaechen, hier wichtiger sind als Werte? Immer, zumindest dann, wenn wir Effizienz in den Vordergrund  stellen, etwas umsetzen und erreichen wollen. Und Effizienz ist  ein   Paradigma   der   Kommunikation,   das   es   mit   Wahrheit  aufnehmen kann: Effizienz ist zielorientiert, messbar, steuerbar,  kontrollierbar – richtig oder falsch hat nicht mehr mit einer  entfernten   Wahrheit   zu   tun,   sondern   mit   schlichtem  Funktionieren oder Nicht­Funktionieren. Das   foerdert   nicht   gerade   Vertrauen.   Aber   ganze  Wirtschaftssysteme   oder   die   in   vielden   Branchen   uebliche  Gehaltspolitik kurzfristiger Bonuszahlungen bauen auf dieser  Kurzsichtigkeit auf. Wer seine Zahlen am schoensten frisiert,  bekommt den dicksten Bonus. Was dem zu Grunde liegt, wie  das Gesamtbild aussieht, was die Zahlen langfristig bedeuten –  das   zu   hinterfragen,   wuerde   allenfalls   das   Risiko   einer  Verzoegerung   bei   der   Veroeffentlichung   der   Ergebnisse  bedeuten.  Das   ist   eine   Form,   mit   anderen,   der   Erfahrung   von  Andersartigkeit   und   mit   anderen   Zielen   umzugehen.   Wohin  koennte   der   Versuch   fuehren,   die   Motive   aller   Beteiligten  tatsaechlich zu verstehen, sich mit jedem auseinanderzusetzen,  bis   die   Gruende   seiner   Position   einleuchtend   sind?   Im  schlimmsten Fall dorthin, tatsaechlich alles zu verstehen: Jede  Position hat ihre Berechtigung und kann oder sollte respektiert  werden – also kann nichts passieren. Anderes Szenario: Einer  wird   als   der   Schuldige   identifiziert.   Und   dann?   Das  Konfliktpotential   vervielfacht   sich;   anstatt   ueber   Ziele   und  Plaene muss ueber Werte diskutiert werden. ­ Die Entfernung  von   der   Oberflaeche   wird   immer   groesser,   ebenso   wie   die  Entfernung der Oberflaechen voneinander. Beispiele aus Beziehungs­ und Kommunikationsalltag moegen  fragwuerdig,   moralisch   dominiert   sein.   Das   gleiche   Dilemma  entsteht   aber   auch   ohne   die   menschliche   Komponente:  70
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    Wie die Tiere Business Cases, Controllingtemplates sind die kaum maskierte  Aufforderung zu Luege und Betrug. Es werden Planungszahlen  gefordert, die mathematisch saubere Kalkulationen ergeben, die  aber nie geliefert werden koennen. Es werden in der Prognose  Detaillierungsgrade  gefordert,   die   nichteinmal   in   der  nachtraeglichen Messung erreicht werden. ­ Fuer die Steuerung  laufender   Prozesse   koennte   das   noch   legitim   sein   –   die  Veraenderung von Werten liefert Hinweise, was getan werden  kann,   wieviel   mehr   verkauft   werden   muss,   wann   wo   eine  Finanzierungsluecke entsteht. Als Entscheidungsgrundlage ist das aber unbrauchbar. Denn  entschieden   wird     nicht   anhand   der   Tatsache,   ob   der  Businesscase   negativ   oder   positiv   ist,   entschieden   wird  vielmehr, ob den zugrundeliegenden Annahmen geglaubt wird.  Die   Tarnung   durch   Zahlen   liefert   einen   gemeinsamen  Rueckzugspunkt.  Die Suche nach Konsens fuehrt so auf aufwaendigen Umwegen  nur zu Bestaetigung und Einzementierung des Dissens. Das   offene   Auftreten   von   Unverstaendnis,   das   Aussprechen  anderer   Ansichten   sind   Chancen,   die   das   scheinbar   leicht  erreichte   Verstaendnis   in   den   Schatten   stellen.   So   wie   “Ich  versteh schon” als Angriff, als Unterstellung bewertet werden  kann,   empfinden   wir   “Ich   versteh   das   nicht”   als   Kritik,   als  Behauptung einer Differenz.  Unabhaengig   von   moeglicher   tatsaechlicher   Differenz   ist   das  Entgegensetzen   von   Standpunkten   eine   Aufforderung   zur  Auseinandersetzung. Klingt banal, bedeutet aber mehr: Wenn  unser   Gegenueber   gleich   gegen   uns   ist   und   das   klarstellt,  verkuerzt   und   beschleunigt   das   die   Auseinandersetzung  ungemein.Wir brauchen nicht erst nach Differenzen suchen –  wir koennen uns gleich um sie kuemmern.  Wo erst Verstaendnis zu herrschen scheint und erst spaeter  unterschiedliche   Auffassungen   an   die   Oberflaeche   kommen,  dauert es erst einige Zeit, festzustellen, dass es doch Differenzen  71
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    Wie die Tiere gibt.  Danach   braucht   es   Zeit,   die   Differenzen   naeher  einzugrenzen.   Dann   muessen   sie   bewertet   werden:   Sind   sie  sachlicher Natur oder geht es um Ideologie, sind sie wichtig oder  handelt es sich um Randerscheinungen, und schliesslich – geht  es   ueberhaupt   noch   um   das   gleiche   Thema?   Das   ist   der  Rechenfehler im Business Case, der gar kein Rechenfehler ist,  sondern ein Unterschied in grundlegenden Entscheidungen.   Es   ist   ein   typischer   Verlauf   von   Diskussionen   und  Praesentationen   auf   dem   C­Level,   vor   Vorstaenden   und  Geschaeftsfuehrern: Die Arbeit von sechs Monaten oder einem  ganzen   Jahr   muss   in   zwanzig   Minuten,   manchmal   auch   in  fuenf,   zusammengefasst   werden.   Die   Konzentration   der  Teilnehmer richtet  sich auf irgendetwas, manchmal  weit weg  vom Thema, manchmal ploetzlich und ueberraschend auf ein  Detail. “Ich versteh schon was sie mir da erzaehlen, aber wie  genau sind sie auf diesen Wert pro User gekommen? Warum  soll   ich   dieser   Annahme   zustimmen?”   Die   sachlich   richtige  Antwort waere: “Sie haben es eben offenbar nicht verstanden.” ­  Das ist wohl nur bei sehr spezifischen Themen nicht voellig  unangebracht... Dennoch muss die Differenz herausgeschaelt werden – ich weiss  dass es hier ein Problem gibt, aber wie kann ich es zeigen?   Uebersprungene,   ignorierte   Probleme   sind   nicht   deshalb   die  schwierigsten, weil sie irgendwann wieder auftauchen, sondern  weil sie gleich zum naechsten Punkt kommen, rund um den es  ebenfalls Differenzen gibt, die aber oft nicht klar und sachlich  diskutiert werden koennen. ­ “Wir wollen ja beide das gleiche,  aber warum stimmen Sie mir nicht zu, dass  wir die Kosten um  15 Prozent senken sollten?” Das soll dazu zwingen, ueber eine  konkrete Massnahme und eine konkrete Zahl zu diskutieren,  wobei eigentlich zur Diskussion steht, was “das gleiche” ist und  ob das wirklich beide wollen.  Der   Dissens   ignorierende   Gewaltakt   des   Staerkeren,  Ranghoeheren  oder der Mehrheit ist  eine sehr dezente, sehr  effiziente Taktik. Ich zaehle sie zu jenen Taktiken, die wohl von  72
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    Wie die Tiere den meisten Managern irgendwann leidlich beherrscht wird –  und die zu Zermuerbung in Perfektion ausgebaut werden kann.  Diese Taktik wurde auch bereits als Terror bezeichnet.  Unsere  Beispiele   bis   jetzt   waren   simple  Meinungsverschiedenheiten.   Wie   verhaelt   es   sich   bei   der  Diskussion von Innovationen? Wie erklaeren wir Innovationen  und wie verkaufen wir sie, wie machen wir begreiflich, was neu,  anders und besser ist, ohne nur zu verkaufen? Das   produktive   Hinterfragen   von   Voraussetzungen,   das  thematisiert,  statt   zu  werten,  Alternativen   zeigt,  statt   sie  zu  zerstoeren, ist eine wichtige Kompetenz der Gegenwart.  Erklaeren von Neuem durch Bekanntes ist Reduktion Innovation, das Andere, Neue, ist ebenso ein Mythos wie das  wahre Ich oder das wahre Verstaendnis. Es gibt eine Idee, einen  Plan,   eine   Vorstellung,   deren   Vorteile   in   fortgeschrittenen  Ausbaustufen sich oft auch klar beschreiben lassen – aber was  passiert   bis   dorthin?   Was   bedeutet   das   konkret   fuer   mein  Geschaeft? Welche Aenderungen muss ich noch – ausdruecklich  oder schluessig – voraussetzen, damit die Rechnung aufgeht? Innovationen sind langweilig. Der Mythos des grossen Bangs ist  eine Legende, die unter Blinden ueberliefert wird, die die vielen  kleinen Schritte, die Fehlversuche und das Raten uebersehen.   Jede Reise beginnt mit einem ersten Schritt. Auch das ist  nicht neu – es ist aber einmal mehr nur eine Variante der  Tatsache, dass wir uns nur an Oberflaechen bewegen  koennen: Wir haben einen klaren Plan, der durchdacht  und   im   kleinen   erprobt   ist,   den   wir   in   Gedanken  durchlebt und so weit wie moeglich in Prototypen auch  73
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    Wie die Tiere realisiert  haben.   Die   Umsetzung,   die   wirtschaftliche  Bewertung   brauchen   dann   klare,   einzeln   steuerbare  Schritte.  Vielleicht ist alles, was wir fuer den Anfang tun koennen,  eine Facebook­Seite fuer das Unternehmensmaskottchen  einzurichten. Und schon stehen wir wie ein verspielter  Idiot da: Ist das alles? Ist das unser grosser Plan? Was   ist daran neu, was ist daran anders oder innovativ? Was  ist dieses... Dings ueberhaupt?  “Koennen   wir   nicht   irgendetwas...   Aufregendes  machen?”, fragt die Kollegin. “Wir haetten gern peppigere  Bezeichnungen,   Bilder,   irgendetwas   Auffaelliges.”   Um  was damit zu machen, fragt sich? ­ Die Antwort bleibt   Ratlosigkeit. Innovationen sind nicht bunt, Innovationen  loesen  Probleme.  Und oft  ist die  innovativste Leistung  bereits die, das Problem zu erkennen.  Neuheit   ist   von  Werten   abhaengig,  was   koennen,   wollen   wir  verstehen   und   erkennen,   was   wollen   wir   akzeptieren?   Was  koennen wir fuer uns zulassen, was ist – fuer uns – nicht neu,  sondern   falsch?   Welche   Konraste   sind   vor   unserem  persoenlichen   Hintergrund   moeglich,   welche   akzeptiern   wir,  welche nicht? Das bedeutet auch: Wir muessen den Hintergrund des anderen  kennen, wo ist er gerade, um “unsere” “Neuheit” fuer ihn  nicht  einfach falsch sein zu lassen.   Neue Technologien, Medienthemen, der Social Media­Dunstkreis  eignen sich besonders, um die unterschiedlichen Stadien von  Neuheit zu durchlaufen. Alle haben ein bisschen Information,  jeder hat das Gefuehl, eine Meinung haben zu muessen – und  jeder   weiss,   dass   das   Ding   gleichzeitig   cool   und   absolut  fragwuerdig ist: Was bringt's, was genau ist das ueberhaupt?  74
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    Wie die Tiere Jeder Player auf dem entstehenden Marktplatz hat seinen mehr  oder  weniger   ausgepraegten   Plan,   die   Feststellung   der  Gegensaetze   ist   die   notwendige   Voraussetzung,   um   sie  aufloesen zu koennen. In anderen Worten: Um zu verstehen,  was an einer Idee, einem Konzept, an dem Haufen von Zahlen,  Charts und Schlagworten mit bunten Bildern, die uns gerade  praesentiert wurden, neu, anders und vielleicht innovativ ist,  muessen wir in der Lage sein zu verstehen, dass es ueberhaupt  so etwas wie Neues, Anderes, Innovatives gibt.  Manchen   Menschen   faellt   es   leicht,   Plaene,   Konzepte   zu  entwickeln, Ideen auszuformulieren und greifbar zu machen;  bevor ihr Gespraechspartner noch verstanden hat, was gerade  passiert ist, sind sie schon bei der naechsten Idee.  Andere haben ein ungefaehres Gefuehl dafuer, was sie wollen,  oft deutlicher dafuer, was sie nicht wollen; sie koennen es nicht  ausdruecken,   noch   weniger   erklaeren,   sie   brauchen   einen  Katalysator, der ihnen hilft, die Idee in nachvollziehbare Formen  zu   giessen.   ­   Solche   Gespraeche   bergen   oft   Sprengstoff:  Waehrend   der   Ahnende   begeistert   ist,   ist   der   Katalysator  gelangweilt;   fuer   den   ersten   entsteht   gerade   die   Loesung  schlechthin, fuer den anderen eine von vielen Varianten, oft  eine   Idee,   die   er   auch   schon   mal   hatte.   Wenn   wir   an   der  Oberflaeche bleiben, wird aber deutlich: Was wirklich hinter der  Idee steckt, die wir vermeintlich schon zehn Mal hatten, wissen  wir nicht.  Fuer   wieder   andere   Menschen   ist   es   etwas   grundlegend  Fremdes,   Ideen   zu   haben.   Kreativitaet,   das   Aufbauen   von  Konzepten ist nicht ihr Ding, sie bestaunen es, vermissen es  aber   nicht   besonders.   Ich   habe   einen   Finanzvorstand   eines  grossen Konzerns kennengelernt, dessen Lebenstraum – wie er  in   mehreren   Interviews   sagte   –   es   war,   einen   Schriftsteller  kennenzulernen,   um   zu   erfahren,   in   welchem   Prozess   ein  Roman und die dafuer notwendige Kreativitaet entstehen. Darin  stecken   mehrere   lustige   Vorstellungen:   Erstens   die,   zu  Kreativitaet niemanden aus dem eigenen Umfeld befragen zu  75
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    Wie die Tiere koennen, zweitens die Idee, dieses  Fremdartige verstehen  zu  koennen, wenn es nur jemand erklaeren wuerde, und drittens  die Auffassung, man koenne dabei etwas lernen – als waeren  alle   Schreibprozesse   gleich.   Ich  habe   auch  Nachhilfeschueler  kennengelernt, die mich davon ueberzeugt haben, dass sie noch  nie in ihrem Leben auch nur irgendetwas verstanden haben.  Darauf lassen sich viele Lernschwaechen zurueckfuehren: Es  geht   nicht   um   Konzentrations­   oder   Erklaerungsprobleme,  sondern   schlicht   darum,   dass   einfach   noch   nie   der   Funke  uebergesprungen ist; wer nicht weiss, was verstehen ist, kann  weder lernen noch verstehen.  Die   notwendige   Beziehung   auf   etwas   Vorhandenes   ist   ein  zweischneidiges Schwert: Sie laesst Wert erkennen (was habe  ich davon,  was  wird  besser,  anders, wo  kann   man   Effizienz  feststellen   und   messen)   –   und   sie   bedeutet   gleichzeitig   die  Reduktion   der   Innovation   auf   das   bereits   Vorhandene,   sie  instrumentalisiert   die   Innovation,   um   das   Vorhandene   zu  bestaetigen.  Aehnlich wie Abgrenzung, Verleugnung, Rebellion immer erst  das bestaetigen und einzementieren, was sie eigentlich abloesen  moechten,   besteht   auch   hier   die   Gefahr,   dass   Grenzen  verschwimmen,   Nutzen   und   Mehrwert   bald   nicht   mehr  erkennbar sind. “Was ist daran jetzt neu, was ist anders, warum  ist  das besser?”  ­ Viele kleine  Fragen  erzwingen  viele  kleine  Antworten; das veraendert sie Perspektive so, dass zuletzt nur  noch   ein   kleiner   Ausschnitt   uebrig   bleibt,   der   konkretisiert  werden   kann,   verstaendlich   und   fuer   jedermann  nachvollziehbar ist. “Das ist also Ihr Konzept, damit wollen Sie  einen positiven Business Case, eine nachhaltige Veraenderung  unserer   Prozesse   und   langfristige   positive   Kosteneffekte  erzielen? ­ Nicht in diesem Leben.”  Verstehen   hat   immer   einen   wertenden,   normativen  Hintergrund. Neues erkennen und als solches akze[tieren ist  auch ein moralisches Problem ­  es hat damit zu tun, wer wir  76
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    Wie die Tiere sind.  Erfahrung,  oder   Werkzeuge,   die   diese   ersetzen   (wie   eben  Businesscases,   Reports,   Planspiele)   koennen   das  Entscheidunsproblem ein wenig objektivieren – sie lassen es an  der   Oberflaeche.   Entschieden   wird   nicht   ueber   wahr   oder  falsch, sondern ueber erwartete Effizienz.  Die Veroberflaechlichung der Entscheidung hilft paradoxerweise  nicht   nur,   das   “Neue”   von   bereits   Dagewesenem   zu  unterscheiden, auch Folgen aus allen Bereichen abzuschaetzen  zu   koennen,   die   Substanz   und   die   Einsetzbarkeit  einzuschaetzen:   Nur   neu   und   nur   erfolgversprechend   ist   zu  wenig,   eine   Beziehung   zu   bereits   Vorhandenem   –   seien   es  aktuell gelebte Prozesse oder zumindest ein definierter Plan – ist  notwendig.  Was bedeutet das fuer den, der uns etwas vorschlagen wollte?  Wir haben uns ausgesetzt, praesentiert, Komplexitaet reduziert,  Abhaengigkeiten verkuerzt – und sind damit eben wehrlos der  Spekulation   unseres   Gegenueber   ausgesetzt.   Wir   haben   eine  glatte   Oberflaeche   geliefert   und   kaum   noch   Kontrolle,   was  damit passiert. Der Versuch, zu erklaeren, wird oft zu einer Rechtfertigung, die  zu   viele   Kompromisse   eingeht   und   schliesslich   das  urspruenglich   Neue   um   der   Verstaendigung   Willen   auf  Bekanntes reduziert und dadurch zerstoert.  Das ist unangenehm – sowohl fuer den Innovator als auch fuer  den, der es verstehen soll.  Wenn das Erklaeren von Neuem durch Bekanntes Reduktion ist  – gibt es eine Abkuerzung, oder einen Ausweg? 77
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    Wie die Tiere Mushin:“Nicht mehr denken” Je mehr wir wissen, desto weniger koennen wir verstehen. Wir  bremsen   uns   selbst   aus,   denken   in   Assoziationen,  Abhaengigkeiten,   Voraussetzungen.   Wir   glauben,   Dinge  vorwegnehmen zu koennen, schon verstanden zu haben, bevor  sie uns jemand erklaert hat. Wir fallen einander ins Wort, sehen  nicht   genau   hin   und   suchen   nach   Mustern   mit  Wiedererkennungswert, um etwas ablegen zu koennen.  Je wichtiger Effizienz ist, desto mehr behindert sie Information.  Information liefert Optionen, stellt Frage, statt zu entscheiden –  in vielen Faellen wollen wir deshalb gar keine Information.  Die   neue   Kollegin   ist   ordentlich,   puenktlich   und   spricht   in  ganzen   Saetzen?   Sie   ist   sicher   spiessig,   aus   gutem   Haus,  religioes und humorlos. Der neue Abteilungsleiter ist unrasiert,  spricht viel von neuen Ideen und reagiert scheinbar nicht auf  Informationen? Schon wieder ein egozentrischer Kreativer, der  ausser   seinen   eigenen   persoenlichen   Zielsetzungen   wenig  erreichen wird. Der Praktikant erwaehnt in seinem Konzept die  Worte Netzwerk, Collaboration, Social? ­ Diese Idee hatten wir  schon hundert Mal.  Wir haben keine Vorurteile, wir denken nicht in Schubladen  und   wir   sind   keine   Blackboxes,   die   auf   kontrollierte   Reize  immer vorhersehbar gleich reagieren. Aber wir sind in unserer  Erfahrung und koennen schwer aus. Wir sind gefangen, gut  aufgehoben, geschuetzt – ganz wie wir es gerade sehen wollen;  das Problem ist: Wir sind wir.  Gegenstrategien   sind   zahlreich:   In   dem   Film   “Last   Samurai”  bemueht sich Tom Cruise als gefangener amerikanischer Soldat,  Kendo, den japanischen Schwertkampf zu erlernen. Es klappt  so leidlich, bis ihm einer der jungen Samurai den entscheidende  Tipp gibt: “Nicht mehr denken”, fluestert er ihm zu.  Zen­Meister setzen dem Zustand, in seiner Erfahrung gefangen  zu sein, ganz gezielt den Anfaenger­Geist als erstrebenswerten  Zustand   entgegen:   Wer   nichts   weiss,   weiss   auch   nichts  78
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    Wie die Tiere Falsches.  Wer   neue   Erfahrungen   nicht   mit   alten   vergleicht,  verdeckt und verfaelscht nichts. Wer sich mit dem beschaeftigt,  was gerade ist, und nicht vorwegnimmt oder zurueckgreift, hat  eine Chance, mitzubekommen, was gerade laeuft. ­ Zaehlt etwas  anderes? Mushin ist der Nichtgeist, das Nicht­Denken.  Yagyu Munenori, ein Kendo­Meister aus dem 16. Jahrhundert,  formuliert   seine   Vision   von   Perfektion   aehnlich.   Der   erste  wichtige Schritt ist: Jeder Handgriff muss so perfekt trainiert  sein, dass er keinen Gedanken, keinen Zweifel, kein Zoegern  mehr veursachen kann. Der zweite Schritt: In jedem Moment  zaehlt immer nur dieser selbst, nicht was vorher war und nicht  was nachher kommen koennte. Auch wenn mehrere Gegner im  Spiel  sind:  es zaehlt  immer nur der, der in   dieser Sekunde  bearbeitet   werden   kann.   Alles   andere   ist   unwichtig;   in   der  naechsten Sekunde kann alles anders sein.  Mushin   ist   die   Einstellung,   die   uns   so   flexibel   und  unverfaelscht   sein   laesst,   wie   eine   glatte,   dunkle  Wasseroberflaeche, die Licht reflektiert, die jede Wahrnehmung  registriert   und   weiterziehen   laesst,   ohne   daran   festzuhalten  oder   sich   laenger   damit   zu   beschaeftigen,   die   auf   nichts  ausgerichtet ist und daher nichts verfolgt.  Zen­Uebung soll daher auch auf nichts ausgerichtet sein, nicht  auf   Erkenntnis,   Beruhigung,   Wissen,   schon   gar   nicht   auf  Erleuchtung. Wer nichts hat und wer nichts will, hat keinen  Grund   zu   Sorge   oder   Unzufriedenheit   –   und   ist   in   jedem  Moment offen fuer alles.  Ein schoenes Konzept. Und reichlich unpraktisch, wenn fuer  uns das Erreichen von Geld, Macht, Einfluss im Vordergrund  stehen, wenn wir arbeiten, um einen Zustand zu erreichen, oder  um einen anderen zu vermeiden.  Die Grundhaltung der universellen Offenheit allerdings ist eine  unschlagbare Einstellung. Alles ist neu, alles ist anders – wir  lassen   unsere   Voraussetzungen   und   die   vorgreifenden  79
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    Wie die Tiere Einstellungen hinter uns, um uns mit dem zu beschaeftigen,  was ist – oder mit dem, was wir wahrnehmen koennen, mit der  Oberflaeche, die fuer uns verfuegbar ist.  Natuerlich  wissen   wir,   wo   wir   herkommen   und   wohin   wir  wollen.   Wir   nutzen   ja   auch   unsere   Erfahrung,   um   zu  entscheiden.   Aber   in   welchem   Licht   sehen   wir   sie,   welches  Gewicht   geben   wir   ihr?   Um   einer   offenen   Diskussion   willen  muessen wir aber auch unsere eigene Oberflaeche erkennen  koennen – uns so sehen, als waeren wir nur jetzt, und nur das,  was wir gerade sind. Denn das ist, was unser Gegenueber von  uns sieht, was wir fuer andere sind.  Wir bringen uns in Beziehung auf anderes, auf andere. Das  reduziert   auch   uns.   Auch   auf   diesem   Weg   koennen   wir  erreichen,   dass   hier   zwei   aehnliche   Oberflaechen   einander  gegenueber stehen. ­ Das schafft eine gemeinsame Flaeche, auf  der ueber Innovationen und Ideen verhandelt werden kann.  Was ist schon neu? Bevor wir ueber Innovationen und Ideen reden, muessen wir  auch ueber das Reden reden, ueber die Art und Weise, wie wir  Dinge   thematisieren.   Reden   bedeutet   oft   nicht,   Meinungen  auzutauschen um Neues zu erfahren, neue Ansichten zu bilden,  und   um   nachher   mehr   zu   wissen.   Bevor   wir   noch   zu   den  eigentlichen Inhalten kommen, haben wir oft schon die ersten  Worte   darauf   verwendet,   unseren   Standpunkt  einzuzementieren. “Jetzt  soll mir  einmal  einer sagen...”, “Die  sind   ja   alle....”,   “Mir   ist   das   ja   egal,   aber...”.   Das   ist   das  Gegenteil des Anfaenger­Geists.  “Brauche ich das? Was bringt mir das”, sind mildere Formen  einer aehnlichen Einstellung.  Bei   zahlreichen   Gelegenheiten   wechseln   oder   verlieren   wir  80
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    Wie die Tiere unsere Einstellung, ohne es zu merken. Als neugierige, offene  aufgeschlossene  Menschen   stehen   wir   Ideen,   Aenderungen  positiv gegenueber, interessieren uns fuer Details. Nicht nur um  der Innovation willen, wir haben auch gerne einen Vorsprung  oder die Reputation des Auskenners – vielleicht bringt es uns ja  was. Wir sind offen, unvoreingenommen, mit Kleinigkeiten zu  begeistern.  Das   nutzt   sich   ab.   Wenig   spaeter   kommt   die   naechste  Generation   der   Pioniere,   entdeckt,   was   wir   schon   entdeckt  haben,   erzaehlt   uns   vielleicht   noch   davon.   Wir   beginnen  zuzumachen, abzulehnen; wir kennen das schon, haben das  schon gemacht.  Die Neuigkeit geraet in Vergessenheit, wird von den naechsten  Innovationen   in   den   Schatten   gestellt   –   bis   sie   als   Produkt  zurueckkehrt. Es ist nicht mehr neu, aber es hat praktischen  Nutzen. Welche Zielgruppe hat den groesseren Wert, ist besser  fuer   unsere   Zwecke   einsetzbar:   Die   Neugierigen   der   ersten  Stunde,   die   ueber   Vor­   und   Nachteile   einer   Innovation  sinnieren,   Anwendungsmoeglichkeiten   ueberlegen,   selbst  experimentieren   –   die   aber   kommerziell   niemandem   etwas  bringen, weil es noch keine kommerziellen Produkte gibt, oder  die   Skeptiker,   die   nicht   gleich   alles   ausprobieren,   sondern  abwarten,   Beweise   und   funktionierende   Anwendungen   sehen  und vorgelebt bekommen wollen, dann aber auch bereit sind,  dafuer zu bezahlen? Location Based Services als Mehrwertdienst der Mobiltelefonie  tauchten als Innovation mit den ersten UMTS­Lizenzen bereits  Ende der neunziger Jahre auf. Eine der ersten Anwendungen –  die noch gar keine Lokalisierung nutzte, sondern nur die Idee  aufgriff und mit simplen SMS umsetzte – war ein Suchdienst  fuer   oeffentliche   Toiletten   in   London   und   wurde   mit   dem  Europrix   Multimedia,   einem   Preis   mit   kuenstlerisch­ alternativem   Anstrich,   ausgezeichnet.  Heute,   gut   zehn   Jahre  spaeter,   gehoeren   mobile   Shopping   Guides   zu   Nice­to­have­ Argumenten,   mit   denen   Netzbetreiber   Services   und  81
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    Wie die Tiere Mobiltelefone  vertreiben.   Die   Zielgruppe   ist   eine   andere,   die  Neugierigen   von   damals   sind   heute   mit   anderen   Themen  beschaeftigt,   die   ehemaligen   Skeptiker   finden   die   Services  praktisch.  Was davon geht ueber Banalitaet hinaus? Innovation wird mit  ihrem   Mehrwert   und   Nutzen   erst   als   Innovation   erkennbar,  wenn     sie   Beziehungen   zu   den   Erfahrungen   und  Lebensumgebungen   vieler   eingeht.   Gleichzeitig   wird   sie   fuer  diejenigen,   die   sich   schon   laenger   mit   dem  Innovationsgegenstand   beschaeftigt   haben,   reduziert.   Was  herauskommt   ist,   vor   dem   Hintergrund   der   urspruenglichen  Moeglichkeiten,   fast   immer   eine   Enttaeuschung.   Und   es   ist  nicht nehr neu.  Die wahrnehmbaren Pioniere sind nicht die, die sich als erste in  unsicheren Tiefen bewegen, sondern die, die sich als erste oder  am sichtbarsten auf eine neuen Oberflaeche wagen... Unterschiede in der Naehe wahrnehmen Der   Unterschied   zwischen   Entdeckern   und   Verfolgern   ist  oft  marginal – und meist nur eine Frage der Perspektive. Beide  beschaeftigen sich mit Innovation, beiden steht als Gegensatz  noch immer der Verweigerer gegenueber.  Die Sicht auf Extreme macht Unterschiede deutlich, verstellt  aber   den   Blick   aufs   Detail,   auf   Graustufen   zwischen   den  Schwarz­Weiss­Kontrasten.   Je   praeziser   wir   wahrnehmen  koennen, dass es Unterschiede gibt, desto genauer koennen wir  unsere   Einschaetzungen   abstimmen,   koennen   wir   erkennen,  dass es Unterschiede – moeglicherweise Innovationen – gibt. Unterschiede in der Naehe wahrzunehmen, ist viel schwieriger  als sie in dem zu erkennen, was wir eigentlich ueberhaupt nicht  sehen. Das ist paradox und zugleich banal: Natuerlich ist das  82
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    Wie die Tiere Ferne fremd und anders, ebenso natuerlich wissen wir aber in  der Regel zu wenig, um die Unterschiede in Wahrheit feststellen  zu koennen. Wir spekulieren.  Unterschiede in der Naehe zu beschreiben kostet viel Kraft, weil  es Differenzen aufbaut. Um beschreiben zu koennen, muessen  wir  fixieren,   Worte   finden   und   etwas   begrifflich   festhalten.  Dadurch gehen Vielseitigkeit, Mehrdeutigkeit und Flexibilitaet  des Beschriebenen verloren. Dadurch wachsen die Differenzen.  ­   Was   wir   dabei   tun,   folgt   dem   gleichen   Muster   wie   die  Spekulation ueber Fremdes: Wir schaffen Distanz, die schafft  Platz fuer Spekulation, das vergroessert wieder die Distanz.  Um unsere eigene Position zu behaupten, folgen wir oft dem  gleichen Rezept. Wir betonen, uebertreiben, reduzieren – man  nennt   das   auch   verkaufen.   Damit   schaffen   wir   auch  wieder  Oberflaechen: Wir raeumen hervor, worueber wir reden wollen,  und   wir   lassen   weg,   was   uns   zweideutig   oder   aus   anderen  Gruenden nicht der Sache dienlich erscheint. Welcher Spielraum bleibt dabei fuer Neuigkeiten? Es   ist   der   Platz   zwischen   den   Zeilen,   das   Unerwartete,  Ueberraschende im scheinbar Bekannten. Wir leben gut damit,  uns auf unsere Stereotype zu verlassen und schnell anhand von  Merkmalen, die wir uns eingepraegt haben, zu urteilen und zu  reagieren. Das ist eben die Interaktion an der Oberflaeche.  Sollen wir also doch in die Tiefe gehen, andere, wirksamere  Zusammenhaenge   suchen?   Gibt   es   einen   Weg   hinter   die  Kulissen? Nicht fuer uns; wir koennen das nicht. Auftretende Differenzen  zeigen   uns   aber,   wie   komplex   und   reichhaltig   Oherflaechen  immer   noch   fuer   uns   sind,   wie   viel   mehr,   als   wir   erfassen  koennen, schon auf den ersten Blick fuer uns sichtbar waere.  83
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    Wie die Tiere Wir muessen nur bei der Sache sein. In jedem Moment wach  und praesent sein. Voreiliges Verstehen ist nicht nur schlecht  fuer  die   Beziehung   zu   demjenigen,   den   wir   vermeintlich  verstehen,   es   behindert   vor   allem   uns   selbst   und   unsere  Chancen, Dinge mitzubekommen.  Beispiele:   Die   raisonierende   Runde   mit  Stammtischcharme   klingt   vielleicht   wie   in  Allerweltsgebrabbel gefangen, beschaeftigt sich aber mit  berechtigten Fragen: “Ernteverbote, Duengemittel – das  sind  schwierige  Entscheidungen  zwischen   Naturschutz  und den Interessen der Bauern.” Dem Kollegen ist es wirklich wichtig, Freitag nachmittag  nicht im Buero zu verbringen. Er arbeitet unter der Woche  gern laenger, aber der Freitag ist fuer anderes reserviert  – das nicht zu respektieren empfindet er ernsthaft als  Affront, der einen guten Grund braucht.  Und die Kollegin wiederum ist tatsaechlich und ernsthaft  beleidigt,   wenn   ihr   Engagement   in   einer   karitativen  Organisation   nicht   ausreichend   gewuerdigt   wird,   oder  wenn   ihre   Mehrleistungen   nicht   ernsthaft   respektiert  werden – Scherze sind unangebracht; sie will Wuerde.  Schon diese kleinen Oberflaechen zeigen genug Differenz, um  Abweichungen feststellen zu koennen, um ueber Unterschiede  verhandeln zu koennen. Wir muessen nicht tiefer gehen. ­ Was  wir auch nicht koennen.  Dissens ist Effizienz – abhaengig von der Perspektive Offene   Differenzen   koennen   geloest   werden.   Unterschiede  anzusprechen,   Dissens   statt   vermeintlichem   Konsens   zu  praesentieren, hat mehrere Vorteile: 84
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    Wie die Tiere Konsens  muss   immer   auch   die   Position   des   anderen,   d.h.  unsere Mutmassungen ueber dessen Position, miteinbeziehen.  Das ist eine ergiebige Quelle moeglicher Missverstaendnisse. Der Bezug auf die Position des anderen rueckt unsere Position  in   den   Hintergrund:   Wir   haben   weniger   Platz,   buerden   uns  selbst Einschraenkungen und Abhaengigkeiten auf.  Dissens   fordert   Aktion   heraus   –   oder   eben   nicht.   Jedenfalls  wurde   nichts   uebergangen,   nichts   was   eine   weitere   Quelle  ergiebiger Missverstaendnisse sein koennte.  Hinterfragen, dagegen sein, darf kein Selbstzweck sein. Es ist  aber ein Weg, den wir leicht gehen koennen – und den wir vor  allem auch leicht wiederfinden koennen. Einzige Voraussetzung  dafuer: Wir muessen eine eigene Position haben; eine Position,  die   alle   Bezuege,   die   wir   brauchen,   um   sie   erklaeren   und  argumentieren zu koennen darstellt.  Eine,   die   wir   zu   einer   fuer   alle   sichtbaren   Oberflaeche  zusammenfassen koennen.  Extrapolation und Spiele Was wir erkennen koennen, sind Oberflaechen, darauf koennen  wir   auch   reagieren.   Was   dahinter,   darunter   oder   sonst   wo  anders   steckt,   koennen   wir   nicht   erkennen,   es   ist   nicht  unmittelbar   da   –   und   eigentlich  braeuchte  es   uns   nicht   zu  beschaeftigen.  Dennoch zielt unser Begriff von Verstaendigung, Verstehen, oft  genau   darauf   ab.   Begriffe   wie   tiefes   Verstaendnis,   echtes  Verstaendnis   suggerieren,   dass   es   verschiedene   Ebenen   des  Verstaendnisses   gibt,   tiefes   und   oberflaechliches,   gutes   und  schlechtes – oder gar richtiges und falsches.  85
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    Wie die Tiere Wir bemuehen also Modelle. Das koennen Klischees, Stereotype,  Vorurteile oder auch elaboriertere Konzepte wie die Spieltheorie  oder andere soziologisch dominierte Rollenkonzepte sein. So wie  wir gelernt haben, einzelne Begriffe und Zusammenhaenge auf  Grund unserer Erfahrungen zu interpretieren, haben wir auch  bestimmte Spiele und Rollen gelernt – ohne dass es uns weiter  auffallen wuerde.  Eric  Berne   beschreibt   eine   Reihe   solcher   Spiele   (die   schnell  auch zwanghaft und zerstoererisch werden koennen) in seinen  Arbeiten wie “Spiele der Erwachsenen”. Spielkonzepte sind stark  sozialisierungsabhaengig   und   beziehen   sich   immer   auch   auf  aeussere Rahmenbedingungen; sie funktionieren nicht  allein,  sie sind von stabilen gesellschaftlichen Bedingungen abhaengig.  Darin liegen ihre Staerke und ihre Schwaeche: Aenderungen in  den Rahmenbedingungen lassen sie auseinanderbrechen, aber  ihre starke Einbindung in bestehende Beziehungen sorgt dafuer,  dass Spiele die Welt vorhersehbar machen: sie bringen Regeln,  Ziele und oft auch einen zu erstrebenden Gewinn mit sich.  Darin   liegt   auch   ihr   Bonus   fuer   die   (oft   unbewussten)  Spielteilnehmer:   Spiele   sind   eine   Moeglichkeit,   Kontrolle  auszuueben, richtig und falsch zu sanktionieren – und am Ende  vielleicht einen Gewinn zu erzielen Spiele bringen eine Reihe von Abhaengigkeiten auf den Plan, sie  beschreiben. Sie zu erkennen hilft, die laufende Wiederholung  der gleichen Szenen zu durchbrechen, der Ausgang, das neue  Spiel, bleibt aber ungewiss.  Spiele sind eine andere Form, Oberflaechen zu beschreiben, ein  tolles   psychologisches   Konzept   –   nur   erlauben   sie   kaum  kontrollierte   Intervention.   Das   Risiko   der   unkontrollierten  Innovation kann nur dann in Kauf genommen werden, wenn es  nicht um ein bestimmtes Ziel geht, wenn die Macht ausreicht,  um allfaellige problematische Entwicklungen zu overrulen, oder  wenn die Verzweiflung ausreicht, um alles in Kauf zu nehmen.  86
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    Wie die Tiere DieKunst, den Faden nicht verlieren Spiele   beschreiben   und   abstrahieren,   sie   verdichten   einige  Merkmale von Verhaltensmustern, ruecken sie ins Zentrum und  stellen sie auch in Bezug zu moeglichen Gruenden. Sie wirken  als   Konzept   in   zwei   Richtungen:   Nach   innen,   durch   die  Herstellung von Bezuegen und moegliche Begruendungen, und  nach   aussen,   durch   die   Zusammenfassung   in   klaren  Beschreibungen,   eine   leicht   spekulative   Ueberhoehung   des  Beobachteten.  Sie   erzeugen   Interpretation   und   Komplexitaet   anhand   von  beobachteten Einzelheiten, sie liefern uns damit Anhaltspunkte.  Spiele sind also bei der Erzeugung von Oberflaechen behilflich.  Aehnliches   leisten   andere   interpretierende   Methoden.   Ist   es  moeglich,   sich   mit   etwas   direkt   und   voraussetzungslos   zu  beschaeftigen, es immer so zu nehmen, wie es ist? Das ist eine  hohe Kunst; davor liegt oft der Versuch, das Thema “wirklich”  zu   verstehen,   es   in   historischen   oder   argumentativen  Zusammenhaengen zu sehen, es “zur Gaenze” zu erfassen.  Die   Suche   nach   Bedeutung   am   Wort   ist   eine   Kunst   der  Auslegung:   Der   woertliche   Sinn   erschliesst   sich   leicht,   aber  warum bedeuten diese Zeichenketten etwas? Wo zwischen Tinte und Papier liegt der Sinn? Und wie, wenn wir  nicht mit dem Finger darauf zeigen koennen, wissen wir, ob wir  vom gleichen reden? Interpretation, Assoziation, Heuristik – als Methoden sind sie  definiert   und   selbst   Gegenstand   von   Forschung   und  Entwicklung. In der Anwendung vermischen sie sich oft. Alle fuegen dem Wort, dem Ausgangsobjekt etwas hinzu. Sinn  und Bedeutung entstehen zwischen den Zeilen, in historischen,  sozialen, politischen Bezuegen. ­ Die wahre Kunst dabei ist es,  den Faden nicht zu verlieren: Wo wollen wir hin, auf was wollen  wir hinaus?  87
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    Wie die Tiere Das Ziel darf natuerlich nicht feststehen, sonst verkehren sich  Forschung und Auslegung in Rhetorik und Manipulation. Etwas  herauszufinden,  etwas   zu   verstehen,   bedeutet   nicht,   den  Gespraechspartner   von   etwas   zu   ueberzeugen   oder   eine  bestimmte   Ansicht   in   verschiedenen   Quellen   bestaetigt   zu  sehen.  Die   notwendige   Offenheit   –   verschiedene   Einwaende,  Auslegungen,   Ansichten   zuzulassen,   zu   ueberpruefen   und  weiterzuverarbeiten   –   ist   eine   sehr   herausfordernde   und  anspruchsvolle Position.  Wir muessen nicht nur flexibel, unvoreingenommen und wach  genug   sein,   um   immer   wieder   neue   Ansichten   zulassen   zu  koennen, wir brauchen auch den entsprechenden Horizont, um  diese   Einwaende   einschaetzen,   beurteilen,   einordnen   zu  koennen.   ­   Bedeutet   das,   wir   muessen   immer   schon   alles  gewusst haben?  Die Gegenfrage dazu: Koennen wir etwas verstehen, was wir  nicht immer schon gewusst haben? Das allgemeine Dilemma des Verstehens tritt hier eben auch  wieder auf: Entweder wir assimilieren, wir zwaengen alles in die  Grenzen   unseres   Horizonts   –   oder   wir   erweitern   unseren  Horizont laufend, sodass wir schliesslich nie dazu kommen, uns  mit dem zu beschaeftigen, womit wir uns beschaeftigen wollten,  weil wir immer noch etwas anderes abklaeren muessen, um den  neuen   Gedanken,   den   Einwand,   der   gerade   aufgetaucht   ist,  richtig einordnen zu koennen. Selbst wenn wir es schaffen, in  diesem Dauerloop der Reflexion den Faden nicht zu verlieren,  wachsen wir dennoch nur in die Breite, kommen aber keinen  Schritt weiter.  Wir   sind   dann   keine   reflektierende   Oberflaeche,   die   leichte  Wellen   schlaegt   wie   der   See   im   Mondlicht,   sondern   eine  Muelldeponie mit Kapazitaets­ und Endlagerungsengpaessen. Ein ueber 80jaehriger Bekannter ist ein Meister der Heuristik,  der   aus   jedem   Einwurf,   jeder   Randerscheinung   neue  88
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    Wie die Tiere Perspektiven  zu   seinem   Thema   gewinnen   kann,   zu  zwanzigminuetigen Exkursen abschweift, Versuche, ein anderes  Thema auf den Tisch zu bringen, wieder als Anregungen zu  ebensolchen Exkursen zu seinem Thema annimmt, und dabei  nie   den   Faden   verliert.   Ebensowenig   kommt   er   zu   einem  Ergebnis – allenfalls zu dem Schluss, dass er noch diese oder  jenes lesen koennte, um sich wirklich eine Meinung bilden oder  fundiert diskutieren zu koennen. ­ Er besucht seit ueber fuenzig  Jahren Lehrveranstaltungen an der philosophischen Fakultaet  und   wollte   grundsaetzlich   schon   einmal   studieren.   Er   hat  allerdings nie auch nur eine schriftliche Arbeit abgeliefert – es  gab   immer   noch   etwas,   das   vorher   noch   zu   lesen   oder   zu  klaeren war.  Heuristik,   auslegende   Methoden   decken   immer   neue   Spuren  und   Anregungen   auf.   Genau   dadurch   verursachen   sie  dramatische Laehmungserscheinungen: Wir wissen nun zwar  genauer, wo wir sind, wir kommen aber nicht vorwaerts. Das ist ein Luxus, den wir uns in zielorientierten Umgebungen  schwer   leisten   koennen,   ebensowenig   wie   die   gelassene  Unvoreingenommenheit.   ­   Manchmal   uebergehen   wir   lieber  Information,   um  nicht  immer  neue   Optionen  zu   haben;   den  Luxus, weiterzuueberlegen, zu recherchieren koennen sich nur  Ferialpraktikanten   leisten   –   oder   Generaldirektoren,   fuer   die  andere die Optionen ausarbeiten.  Bei allem Wissen um die Probleme der Tiefen gelingt es uns  trotzdem nur selten, sprechende Oberflaechen zu gestalten. Die  Bewaeltigung einer derartigen Vielfalt von Oberflaechen, die wir  zuhause,   draussen,   vermehrt   natuerlich   noch   in   moralisch  vermitteltem Kontext erleben, erfordert Wege des Umgangs und  der Aufnahme, die wir noch nicht haben.  “The thing is like with a few weeks old baby! After 14­16 weeks  the   proportional   amount   of   braincells   arrive   at   their   peak!  89
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    Wie die Tiere (10.000.000.000) After that it searches for inputs but still is  (most of the time) overwhelmed. But still it has to cope with this  information  overflow.   The   same   thing   is   happening   on   this  planet and in this digi­age all this socalled "socialnetworksites"  just have one big effect. They bind together the "braincells" of  this living creature we (the cells;­) call "Earth". The information  gets transparent and so potentially overdosed that a new way of  data/infoanalysis   has   to   be   invented”,   umschrieb   eine  Facebook­Bekanntschaft das Problem treffend,  Ohne   Zielsetzung     oder   praktischen   Fortschritt   ist   es   auch  schwierig,   gemeinsame   Regeln   zu   erkennen   oder   gar  einzuhalten:   Einmal   mehr   stellt   sich   die   Frage   nach   der  Entstehung von Sinn: Warum wirkt manches auf uns, warum  anderes weniger? Ohne klare Beziehung zwischen Bezeichnetem  und   Bezeichnendem   –   diese   Beziehung   gibt   es   nie   –   ist  Kommunikation   Spekulation.   Die   fuer   den   Kollegen   klar  definierten   Begriffe,   mit   denen   er   seine   Vision   beschreibt,  bedeuten fuer mich etwas vollkommen anderes. Sie bedeuten  genau genommen gar nichts, denn sie haben keine Bedeutung;  Bedeutung ist keine Eigenschaft der Worte, Bedeutung entsteht  bei der weiteren Ausarbeitung von Ideen, bei der Verknuepfung  von   Worten   mit   anderen   Konstrukten,   denen   wir   bereits  Bedeutung verliehen haben.  Das passiert manchmal neu, manchmal folgt es Spielregeln oder  Drehbuechern   –   das   ist   dann   Rhetorik.   Selten   ist   eine  Argumentation, die direkt wirkt, mehr als Rhetorik; es bleiben  immer nur Worte, die scheinbar in die Tiefe ruehrende Wirkung  bleibt an der Oberflaeche. Filmhelden, Vorstandsvorsitzende, mitreissende Innovatoren –  wessen   Worte,   wenn   er   zu   ueberzeugen   versucht,   bedeuten  wirklich etwas? Das bezieht sich auf den buchstaeblichen Sinn,  nicht auf den moralischen. Machen die Worte Sinn?   Gibt es Sinnvermittlung, Bedeutung jenseits der Rhetorik?  90
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    Wie die Tiere Rhetorikim Verdacht Je   schoener   etwas   formuliert   ist,   in   knappen,  bedeutungsschwangeren   Worten   –   desto  verdaechtiger   ist   es.  Jede   Praesentation,   die   andaechtig   schweigendes   Zuhoeren  erfordert   und   mit   Worten,   Klaengen,   Bildern   spielt,   steht  grundsaetzlich im Verdacht, inhaltsleer zu sein. Schoen, aber  unangemessen.   Denn   die   Praxis,   in   der   sich   Ideen,  Geschaeftsmodelle,   Konzepte   bewaehren   muessen,   ist   weder  andaechtig noch schweigend.  Abstrahierte,   reduzierte   Information,   die   mit   Schlagworten  auskommt, um Tiefe zu suggerieren, ist blanke Rhetorik. Sie  erzeugt schoene, angenehme Bilder. Aufgrund ihrer Einfachheit,  die   reale   Herausforderungen   uebergeht,   laesst   sie  Zusammenhaenge   eindeutig   erscheinen,   und   sie   beantwortet  keine Fragen. CEOs auf dunklen Buehnen, minimalistische Praesentationen  mit “inspirierenden” Tools, packende Bilder und Szenen – ist  das alles nur Designerkram?  Rhetorik   bedient   sich   ebenfalls   der   Wirksamkeit   von  Oberflaechen   –   es   wird   eine   eigene,   neue   Oberflaeche  geschaffen.   Im   Gegensatz   zu   den   Oberflaechen,   die   wir  beobachten   und   beruehren   koennen,   steht   die   rhetorische  Oberflaeche kaum mit etwas real in Verbindung.  Sie beschaeftigt sich mit sich selbst und loest fallweise in den  Zuhoerern Assoziationen und Vorstellungen aus – ohne diese zu  thematisieren   oder   naeher   betrachten   zu   koennen.   Rhetorik  funktioniert   vor   dem   Hintergrund   der   Annahme,   dass   die  gleichen Reize bei allen Menschen gleich wirken. Das gilt in  weiten Bereichen dort, wo die grundlegenden Beduerfnisse und  Instinke beruehrt werden; bei etwas abstrakterer Begrifflichkeit  und weniger direkt ueberlebensrelevanten Inhalten laufen die  Vorstellungen allerdings dramatisch auseinander. Nicht nur die  Vorstellungen sind unterschiedlich, es gibt auch immer noch  den  substantiellen  Unterschied,  die  Frage, ob  das,  was  dem  91
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    Wie die Tiere einen  wichtig   ist,   im   anderen   ueberhaupt   etwas   ausloest.  Sicherheit, Schnelligkeit, Genauigkeit – die Prioritaeten koennen  zahlreich und verschieden sein.   Ideen, Innovationen vorzustellen und durchzusetzen, kann auf  der Basis von Ueberzeugung und Einverstaendnis geschehen –  oder eben auf der Basis von Macht. Wir sind bereit, uns mit  einer Idee auseinanderzusetzen, weil sie uns betrifft, beruehrt,  wir einen Zusammenhang zu unserem Leben erkennen – oder  weil der Sprecher prominent, maechtig, attraktiv ist, Einfluss  auf uns haben kann.  Wie praesentiert ein nur fuer kleine Bereiche verantwortlicher  Mitarbeiter Inhalte, wie geht dabei ein Unit­Leiter oder Vice­ President vor? Beiden begegnet bald der Einwurf “Was habe ich  davon?”, “Was heisst das konkret?” ­ dem einen frueher, dem  anderen spaeter (und vielleicht auch nur hinter vorgehaltener  Hand). Die   Grade   der   Praezision,   der   Ausarbeitung   einer   Idee   sind  hoechst unterschiedlich. Dem einen zuliebe beschaeftigt man  sich   auch   mit   atmosphaerischen   Ideen,   hingeworfenen  Konzepten,   der   andere   muss   mit   praktischen   Beispielen  ueberzeugen,   mit   Anwendbarkeit,   Machbarkeit   und   einer  Kosten­Nutzen­Darstellung   –   er   muss   die   im   groben  mitschwingende Idee in Beispielen messbar und berechenbar  an die Oberflaeche bringen. Und paradoxerweise dadurch – wir  im   Fall   von   Businesscases   deutlich   zu   sehen   –  Glaubensentscheidungen herbeifuehren.  Setzbare   naechste   Schritte,   konkrete   Massnahmen   und  verstaendliche nachvollziehbare Handlungen, die sich in eine  konkret   anwendbare   Realitaet   einfuegen   und   von   dort   aus  verstaendlich sind, sehen mager aus im Vergleich zu kuehl und  knapp formulierter Rhetorik – mit der man sich erst naeher  beschaeftigen muesste, um zu verstehen, was sie bedeutet oder  dass   sie   –   so   wie   sie   hier   vor   uns   steht,   ohne   detaillierte  Bezuege,   angreifbare   Massnahmen   und   beruehrbare  Oberflaechen – so einmal gar nichts bedeutet.  92
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    Wie die Tiere Wenn Rhetorik nichts bedeutet, wo kann Bedeutung entstehen,  wo  entsteht   der   Unterschied,   der   einen   Sinn   macht?   Der  Unterschied muss deutlich angesprochen und erklaert werden –  an die Oberflaeche gebracht werden. Alles andere bedeutet, nur  Hinweise zu geben und den Rest anderen zu ueberlassen.  Das daraus resultierende Risiko ist eine Frage der aktuellen  Machtverhaeltnisse:   Wer   kann   es   sich   leisten,   anderen   die  Detaildefinitionen zu ueberlassen – weil er sie ohnehin spaeter  overrult?   Und   wer   ist   umgekehrt   der   Interpretation   anderer  ausgeliefert, weil er seine Ideen nicht zu Ende formulieren kann  oder   weil   er   mit   einem   Detail   beginnen   muss,   um   die  Plausibilitaet   des   Konzepts   zu   definieren,   und   dann   keine  Gelegenheit mehr hat, den Bogen zu einem Ende zu bringen?  Dinge unverbindlich zu lassen, birgt Risiken; Exitstrategien, die  in letzter Sekunde umdefinieren, sind nur aus einer Position der  Staerke moeglich. Alle anderen Positionen erlangen nur dann  ein Mass an Staerke, wenn sie klar und zielgerichtet alles auf  den Tisch bringen, was zum Verstaendnis notwendig ist. Nichts  ist   aergerlicher,   als   der   nachtraegliche   Gedanke,   es   haette  vielleicht doch noch funktionieren koennen, wenn dieses oder  jenes Detail offensichtlich und verstaendlich geworden waere. ­  Effiziente   Oberflaechengestaltung   mit   allen   notwendigen  Facetten,   Oberflaechen,   die   Tiefe   ersetzen   und   Spekulation  vermeiden, sind das erstrebenswerte Ziel. Gute Gedanken ausdruecken: mashup Schwanken   zwischen   kleinen,   bewaeltigbaren   Schritten,  prakisch anwendbaren Beispielen auf der einen Seite, grossen  bedeutungsvollen Zusammenhaenge auf der anderen Seite, ist  eine alltaegliche Herausforderung. Eine Idee, ein  Produkt ist  nur dann einen weiteren Gedanken wert, wenn es beide Seiten  abdecken   kann.   Entschieden   wird   anhand   oberflaechlicher  93
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    Wie die Tiere Merkmale ueber Glaubensfragen.  “Es  kann   ein   Leben   brauchen,   um   zu   verstehen,   und   ein  weiteres   Leben,   um   das   Verstaendnis   auszudruecken”   mit  diesen Worten beschreibt der mittelalterliche Zen­Lehrer Dogen  Zenji die Entstehung seines Lehrwerks Shobogenzo.  Kein Gedanke wird seinem Potential in linearer Argumentation  gerecht. Das Diktat der Kuerze und Einfachheit ist ein Mittel,  um   Konfrontationen   zu   vermeiden   und   Fakten   in   Rhetorik  auszulagern.   Wer   nichts   zu   Ende   bringt,   muss   auch   nichts  vertreten.   Wer   auf   Grund   der   gebotenen   Kuerze   nicht   alle  Details vorgelegt bekommt, braucht nichts zu entscheiden. Und  wer   bei   seiner   Entscheidung   nicht   alle   Details   kannte   oder  kennen konnte, kann fuer seine Entscheidung nicht in vollem  Ausmass verantwortlich gemacht werden. ­ Und wer zu viele  Details   vorgesetzt   bekommt,   kann   sich   ebenfalls   vor  Konsequenzen und Entscheidungen druecken: Man moege sich  doch auf das Wesentliche konzentrieren und wiederkommen,  wenn klar ist, was das sei.  Wozu   gibt   es   Buecher,   wenn   das   Diktat   der   Kuerze   und  Einfachheit   so   einfach   erfuellbar   waere?   Warum   entstehen  Medien  wie  das Internet, deren  zahlreiche  Verflechtungen  in  den   aktuellen   Entwicklungen   nocheinmal   potenzieren,   die  schliesslich   nur   noch   aus   Beziehungen   und   Verweisen  bestehen? Und kann deren Erfolg damit zu tun haben, dass sie  geeignete   Mittel   sind,   Beschreibungen   unserer   aktuellen  Realitaet zu dokumentieren?  Um   eine   Entscheidung   herbeizufuehren,   haben   wir   oft   nur  wenige Minuten Zeit. Minuten, in die die Arbeit von mehreren  Monaten verpackt werden soll.  Wir brauchen einen Anfang, um unser Gegenueber mit uns zu  ziehen, eine gut sichtbare Oberflaeche, die sich in Verbindung  mit anderen Oberflaechen bringen laesst und Ausgangspunkt  fuer weiteres sein kann. Das ist Rhetorik. Dahinter brauchen  wir   mehr,   es   muss   zumindest   fuer   uns   alles   geregelt   und  94
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    Wie die Tiere geklaert sein – damit wir in der Diskussion jederzeit weiteres an  die Oberflaeche bringen koennen. Gegensaetze und Abgrenzungen zu betonen, der Versuch, den  eigenen  Standpunkt   besser   herauszuschaelen   fuehrt   oft   zu  Formulierungen wie “Ich verstehe ja nichts von Technik, aber...”,  “Zahlen sind nicht meins, aber... “. Ziel dieser Einwuerfe ist es,  paradoxe,   kreative,   unvorbelastete   Vorschlaege   einzubringen,  neue Perspektiven zur Diskussion zu stellen. Praktisch   bedeuten   sie   aber   oft   den   Versuch,   irgendetwas  Anderes,   im   Horizont   des   Sprechers   gerade   Wichtiges,   zur  Diskussion zu stellen – unabhaengig davon, worueber oder mit  wem gerade gesprochen wird. ­ Oder den Versuch ueber alle  sinnvollen Kompetenzgrenzen hinaus mitreden zu wollen.  Bezuege  auszuschliessen,   zu   ignorieren,   muss   ausdruecklich  passieren.   Durch   die   Gestaltung   und   Praesentation   von  Oberflaechen,   die   ueber   Rhetorik   hinausgehen,   wird   klar  festgelegt, worueber geredet wird. Ebenso klar muss festgelegt  werden, worueber nicht geredet wird – und was das ist. Etwas  nicht zu verstehen, reicht nicht als Ausschlussgrund.   Bezuege sind grundsaetzlich immer da – ueber die Oberflaeche  hinaus, zwischen  Oberflaechen, darunter. Die Reduktion  auf  ein Blatt Papier, auf eine Zwei­Minuten­Praesentation, auf drei  praegnante unterschriftsreife Saetze, funktioniert nur auf dieser  Basis: Es schwingt immer viel mehr mit. Viele unterschiedliche  Quellen tragen dazu bei, diesem einen Satz seine Bedeutung zu  geben.  Reduktion auf weniges bedeutet also nicht Einfachheit, sondern  im   Gegenteil   die   Erhoehung   von   Komplexitaet.   Bezuege   und  Voraussetzungen werden nicht ausgesprochen oder sind nur als  kurze   Quellenangaben   sichtbar.   Zielsetzungen,   persoenliche  Interessen, empirische Fakten, ein oder zwei wissenschaftliche  oder   durch   Studien   belegbare   Indikatoren,   moeglichst  quantifizierbar   –   mehr     vertraegt   keine  Entscheidungsgrundlage,   kein   Antragspapier,   das  95
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    Wie die Tiere Vorstandsrunden zu Grunde gelegt wird. Im Idealfalll stellt das  die Synthese mehrerer Monate Arbeit dar,  im weniger guten  Fall die schnell zusammengestellte Notloesung, weil die echten  Gedanken einfach nicht ins Bild passen wollten.  Anwendungen oder Medien, die aus Funktionsteilen oder Daten  vieler   anderer   Anwendungen   oder   Medien   zusammengesetzt  sind, werden im Online­Bereich als Mashup bezeichnet. Deren  Nutzung funktioniert manchmal reibungslos, manchmal ist die  Kenntnis der zugrundeliegenden Funktionen notwendig, um die  Anwendungen tatsaechlich bedienen und nutzen zu koennen.  Unterschiedliche   Wissensstaende   in   Bereichen,   die   so  manchmal   gar   nichts   mit   dem   zu   tun   haben,   was   gerade  verstanden   werden   soll   –   weil   die   Einschraenkung   aus  Applikation   X   noch   nicht   behoben   ist,   funktioniert   auch  Mashup  Y  nur  mit  dieser  Einschraenkung,  obwohl  das  dort  nicht  mehr  nachvollziehbar ist –  haben  so mitunter  grossen  Einfluss. Dieser Einfluss betrifft die Faehigkeit, zu verstehen, aber auch  den Eindruck, den der Verstehende von seiner Gewandtheit,  Bewandertheit auf diesem Gebiet vermittelt. ­ Niemand sieht  gern   ueber   eingeschlossene   Probleme,   nicht   erwaehnte  Voraussetzungen   hinweg,   wenn   es   um   Entscheidungen   geht,  wenige fragen gern alles nach, und wenige werden gern nach  allem   gefragt,   was   sie   in   wenige,   bedeutungsvolle   Saetze  verpacken wollten.  Dieses Dilemma, das am Beispiel von Entscheidungsgrundlagen  oder Senior Management­Praesentationen sehr deutlich zu Tage  tritt,   ist   eine   treffende   Beschreibung   des   Primats   der  Oberflaeche. Oberflaeche bedeutet hier: Es ist einfach. Es ist alles, was da  ist. Es ist konstruiert; Oberflaechen sind von uns erstellte und  polierte Ansichten. Sie koennen auch dann noch poliert sein,  wenn unterschiedliche Quellen, wechselnde Bezugsrahmen und  96
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    Wie die Tiere diverse Interpretationen die Vielfalt von Sinn und Bedeutung  ins Chaos potenzieren.  Eine Folge daraus: Es kann  viele verschiedene  Oberflaechen  geben. Oberflaechen, die das gleiche bedeuten. Oberflaechen  stehen nebeneinander, beruehren einander – und koennen sich  auch gut vertragen, wenn sie einander widersprechen. Sie folgen gemeinsamen Regeln – damit ist Auseinandersetzung  moeglich,   und   durch   die   Wahrnehmung   von   Differenzen  entsteht  die  Chance auf  Verstaendigung, das heisst  auf den  Abgleich oder die Herstellung von Beziehungen zwischen diesen  Differenzen.  Wir   muessen   auch   nicht   immer   reden,   um   zu   verstehen.  Verstaendigungsorientierter   steht   die   explorative  Kommunikation   gegenueber:   Etwas   wird   gerade   erste  beschrieben, definiert. Ein Gedanke entsteht in dem Moment, in  dem geredet wird. Fuer   alles   andere   gibt   es   schliesslich   auch   noch   Sales­ Abteilungen.  Dissens   ist   Effizienz.   Klar   dargelegte   Unterschiede   machen  schneller deutlich, worueber man wirklich reden muss.  Wir muessen trotzdem miteinander reden Wir muessen trotz allem so tun, als koennten wir miteinander  reden, als wuerden wir einander schaetzen.  Bis jetzt haben wir viel Zeit damit verbracht, darzulegen, warum  manche   Dinge   ncht   funktionieren,   wie   wir   so   oft   ins   Leere  greifen,   wo   es   warum   keine   Verstaendigung   gibt   und   wie  97
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    Wie die Tiere scheinbar funktionierende Ablaeufe dennoch nur leer rotieren. Harmlose  Worte   entpuppen   sich   zu   Attacken   gegen  unsere Vorstellungen und Werte. Wohlwollende   Neugierde   wird   zu   fahrlaessiger  Spekulation.  Praezision,   Vereinfachung   wird   zu   ueberkomplexer  Undeutlichkeit.  Und etwas funktioniert dennoch immer wieder; entgegen  all dem haben wir trotzdem immer wieder das Gefuehl,  zu verstehen. Wir muessen einander das Gefuehl geben,  dass   wir   einander   verstehen   und   einander,   unsere  Produkte, schaetzen. Dafuer haben wir mitunter Regeln,  die mitunter auch funktionieren. Das nennen wir Arbeit,  Wirtschaft, Berufsleben.  Wir glauben grundsaetzlich nicht wirklich an die Regeln, die wir  uns auferlegt haben, an die Werte, die wir als fuer beide Seiten  gueltig   in   die   Mitte   zwischen   uns   stellen   koennen.   Die  Verkleidung von etwas, das wir sind, in etwas, das bezahlt wird,  findet jeden Morgen statt. Das hat wenig mit Individualitaet zu  tun,   noch   weniger   mit   Unterdrueckung,   Verstellung   oder  Angepasstheit.   Es   ist   schlicht   eine   Tatsache,   dass   unser  Befinden   niemanden   interessiert   und   auch   nicht   zu  interessieren braucht, ebenso wie es eine Tatsache ist, dass wir  mit uns selbst nicht in ganzen Saetzen reden. ­ Es gibt einen  Unterschied zwischen dem, was wir darstellen und dem, was  wir sind, wenn keiner hinsieht.  Die letzten Punkte sind offen und immer nur die vorletzten, es  gibt Unsicherheiten und Brueche, die wir wahrnehmen, wenn  wir auch nur eine Sekunde zuruecktreten und hinter unsere  oeffentlichen   Beziehungen   schauen.   Es   gibt   diese  unbeantwortbaren Fragen nach dem Wirklichen, Echten, dem  Dahinterliegenden – wonach fragen wir dabei? Gudo   Nishijima,   der   zeitgenoessische   Exeget   des  98
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    Wie die Tiere mittelalterlichen  Zen­Philosophen   Dogen   Zenji,   hat   zur  Interpretations   von   Dogens   Philosophie   voll   im   Text  mitschwingender   und   auch   ausdruecklicher   Widersprueche,  voll   unbeantworteter   und   sich   den   Antworten   entziehender  Fragen die SOAR­Argumentation entwickelt.  SOAR steht fuer Subjekt, Objekt, Aktion und Realitaet und wird  auch   als   Philosophie   der   drei   Philosophien   und   der   einen  Realitaet   bezeichnet.   Subjekt   und   Objekt   steht   fuer  Subjektivismus   ud   Objektivismus,   Idealismus   und  Materialismus, Rationalismus und Empirismus – fuer logische,  einander   ebenfalls   schon   oft   widersprechende   und   gut  gegruendete Philosophien. S und O sind jene Bereiche, ueber  die wir reden koennen. Hier koennen wir endlos argumentieren,  ohne   einander   zu   begegen,   Streiten   ohne   Beruehrung   und  intensiv ohne Aussicht auf Fortschriftt arbeiten.  A,   Aktion,   ist   das,   was   in   der   Zwischenzeit   passiert.   Dinge  passieren einfach, wir machen etwas, wir gehen mit Dingen um,  halten   sie   unserem   Gegenueber   hin,   bekommen   etwas,  beruehren etwas, veraendern etwas. Jeder tut etwas, jeder sieht  seine   Handlungen   anders.   Wir   koennen   also   etwas   tun,   wir  wissen, dass etwas passiert, aber wissen wir, was es bedeutet,  warum es passsiert? Brauchen wir das zu wissen?  Dinge geschehen auch, ohne dass wir es wissen, wollen oder  verstehen,   wir   sind   fuer   das,   was   wir   gern   als   Wahrheit  annehmen wuerden, voellig irrelevant. Das ist die Realitaet (R).  Wir   spielen   die   geringste   Rolle,   koennen   uns   allenfalls   im  Diskurs als Subjekt in Bezug auf Objekte wieder einbringen.  Das tut aber nur wenig zur Sache.  Was wir lernen koennen, ist uns unserer Distanz zu unserem  Gegenstand bewusst zu werden.   99
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    Wie die Tiere Musterals Kommunikationsstrategie – pragmatische Allegorien Ein Grund, warum trotzdem immer irgendetwas funktioniert, ist  die   Tatsache,   dass   immer   irgendetwas   funktioniert   hat.   Die  Macht   der   Gewohnheit,   der   Hang   zum   Durchschnittlichen,  koennen   viele   Herausforderungen   problemlos   loesen,   viele  Brueche problemlos uebergehen.  Innovation, Veraenderung, Lernen sind Werte, zu denen wir uns  problemlos   ohne   Einschraenkungen   bekennen   koennen.  Dahinter steckt meist der Wunsch nach Vereinfachung, oder  auch nach gesteigertem Nutzen. Vereinfachung kann bedeuten,  den Trend zum Durchschnittlichen auszuleben. Diesem Prinzip  folgen   kommerzielle   Produktentwicklungsstrategien   und   ein  Grossteil der Entscheidungsprozesse in Management: Wie rund  muss eine Idee geschliffen werden, bis alle Einwaende an ihr  abprallen, wie weit muss sie dem aehneln, was wir kennen, was  schon einmal funktioniert hat, wie weit muss sie eingedampft  werden,   um   sich   dann   –   nach   einer   Absegnung   ­   wieder  entfalten zu koennen? Das haben wir schon ein paar Mal beruehrt:  Innovation   durch   Bekanntes   zu   erklaeren   bedeutet  Reduktion. Konsens stellt einen Gewaltakt dar.  Neues   zu   verstehen   bedeutet,   in   unserem   Horizont  Begriffe   aus   anderen   Horizonten   zu   erfassen   –   dabei  besteht immer die Gefahr, unseren Horizont weder zu  verlassen   noch zu erweitern,  sondern Begriffe einfach  einzuverleiben.  Vereinfachung   kann   auch   bedeuten,   Dinge,   Begriffe,   Ideen,  (unsere   Vorstellung   von)   Menschen   in   kleine,   wahrnehmbar,  bewaeltigbare  Brocken  zu  zerlegen, sodass  wir  daraus  etwas  100
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    Wie die Tiere aufbauen koennen.  Praktisch tun wir das laufend. Es bleibt offen, ob  wir diese  Brocken   als   Bausteine   benutzen   oder   als   Schubladen,   als  Treppen oder als Ideengrab.  Wir koennen nur bewaeltigen, was wir bewaeltigen koennen,  entscheiden, was wir entscheiden koennen – aber wir haben  immer eine Wahl. Der Spielraum mag noch so klein sein; die  Menge an kleinen Spielraeumen schafft aber Potential. Wovon rede ich hier? Kleine Gegensaetze machen deutlich, dass  wir nicht die anderen sind. Wir sehen Dinge unterschiedlich,  bewerten sie unterschiedlich, sehen manchmal gar nicht, was  der andere sieht. In solchen Faellen lassen wir uns gern zu  Spekulation  hinreissen,   wir  fabulieren  ueber  das   Fremde,   je  weniger wir wissen, desto unbeschwerter sind wir. Und desto weiter entfernen wir uns von dem, was Sache sein  koennte.   ­   Es   ist   im   Gegenteil   immens   wichtig,   an   der  Oberflaeche zu bleiben, diese Entscheidung gezielt zu treffen.  Das  verkuerzt  die Distanz  zu   unserem Gegenstand  vielleicht  nicht,   es   haelt   sie   aber   zumindest   konstant.   Mit   der  Konzentration   auf   das   was   wir   sehen,   hoeren   und  nachvollziehen koennen, schaffen wir uns einen Baukasten, der  uns an die Realitaet heranfuehren kann.  Entscheidungsoptionen “Wie sollen wir das bloss machen?”, fragt der Kollege. “Ich habe  keine Ahnung, wie ich das loesen soll”. Aus unserer Perspektive  sitzt er – bereit zu verhungern – vor vollen Schuesseln.  Abhaengig von Erfahrungen, Interessen, manchmal auch von  persoenlichen Eigenschaften wie Kreativitaet oder Wendigkeit,  sehen manche eine Vielfalt an Optionen, wo es fuer andere nur  eine undefinierbare Masse gibt, ein planloses Durcheinander.  Was fuer den einen einleuchtend ist, ist fuer den anderen noch  101
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    Wie die Tiere lange keine moegliche Variante – sie existiert nicht einmal fuer  ihn. Wir halten es fuer naives Verhalten, zu glauben, dass das, was  wir nicht sehen, nicht existiert. Praktisch aendert sich daran  aber  unser   Leben   lang   nichts:   Wir   sehen   diese   oder   jene  Variante nicht, also existiert sie fuer uns nicht. Wir brauchen  jemanden, der uns die Augen oeffnet und damit gleich mehrfach  unseren Horizont erweitert.  Einmal mehr ist die relevante Frage die, was wir aus unserem  aktuellen Infomationsstand machen: Ist er eine Ausgangsbasis,  um Schritt fuer Schritt mehr unspektakulaere kleine Bausteine  zu   sammeln   (und   moeglicherweise   aus   Sorge,   das   grosse  Gesamtbild nicht  zu erfassen,  nie  zu einem Ende kommen),  oder ist es ein aktueller Zustand, der uns zu Spekulation und  Schlussfolgerungen verleitet? Bis jetzt haben wir mehrere Male gefragt, wie wir Innovation  erkennen koennen. Wir gehen davon aus, dass Ideen, Produkte,  Plaene   existieren,   die   uns   neues   und   Mehrwert   bringen  koennen. Wir wollen sie erkennen und verstehen, zuallererst  natuerlich erkennen, dass sie ueberhaupt existieren.  Wie verhaelt es sich andersherum? Wie erkennen wir, was (dem  anderen) fehlt, um unsere Idee zu verstehen? Wie unterscheiden  wir, ob es sich um ein Problem unserer Idee handelt oder um  ein Verstaendnisproblem, dass weder in uns noch im anderen  oder   in   der   Idee   angesiedelt   ist,   sondern   im   Leerraum  dazwischen?  102
  • 103.
    Wie die Tiere Perspektivenwechseln Die Faehigkeit, Perspektiven wechseln zu koennen, ist eine sehr  wichtige Kompetenz in Kommunikation und Argumentation.  Unsere erste Reaktion dazu ist oft: “Klar. Das kann ich gut. Ich  verstehe schon, was der andere will...” ­ Damit sind wir genau  wieder bei dem Problem, mit dem wir begonnen haben: “Ich  verstehe schon” als jede Basis fuer Verstaendigung erstickender  Einstieg   in   die   Konversation,   als   abruptes   Ende   jeder  Auseinandersetzung, bei der Standpunkte einander beruehren  koennten.  Was koennen wir dem entgegenhalten?  Auch hier gilt: Die Reduktion auf das, was ist, ist der erste  Schritt   zu   den   Tatsachen.   Wenn   wir     uns   fragen,   was   von  unseren   Ausfuehrungen   beim   anderen   angekommen   sein  koennte,   sollten   wir   uns   zuallererst   fragen,   was   wir   genau  gesagt haben. Welche Worte haben wir verwendet, in welchen  Zusammenhang haben wir sie gestellt? Was bedeuten unsere  Worte   ohne   Hintergruende   und   Bezuege,   wo   schwingen   in  unseren   Worten   ungewollte  Toene   mit?   ­   Auch   das   ist  noch  immer abhaenging vom Empfaenger (genauer: von unserem Bild  des Empfaengers). Der Vorteil ist, dass uns dieser Zugang zu  einer   Bestandsaufnahme   zwingt,   zur   Ueberpruefung   unsere  eigenen Argumente und Standpunkte.  Umgekehrt   bedeutet   das   auch   fuer   unser   Verstaendnis   von  dem, was andere sagen: Was haben  sie wirklich gesagt, mit  welchen   Worten?   Wo   meinen   wir,   einen   Unterton  herauszuhoeren und wie klingt es, wenn wir diesen weglassen?  Auch   dadurch   werden   wir   es   nicht   schaffen,   unsere  Unterhaltungen auf rationale Beine zu stellen und Vorurteile,  voreilige Schluesse zu vermeideen. Was wir dennoch gewinnen,  ist   die   Nachvollziehbarkeit   der   Unterhaltung:   Es   zaehlt,   was  sichtbar geworden ist; dass etwas gesagt wurde, ist ein Faktum,  das   sich   vergleichsweise   leicht   dokumentieren   laesst.   103
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    Wie die Tiere Wir schaffen die Reduktion auf kleine, kontrollierbare Schritte,  die  wir  jederzeit  absichern   koennen.   Dialog,   sagen   auch  die  moralisch   dominierten   Stroemungen   der   existentiellen  Philosophie,   ist   nur   moeglich,   wenn   der   Standpunkt   des  anderen   anerkannt   wird.   Das   bezieht   sich   auf   die   formale  Richtigkeit. Bevor nicht geklaert ist, dass wir den Standpunkt um diesen  Schritt teilen, sollten wir nicht weiter gehen. ­ So entsteht auch  die   Moeglichkeit,   Perspektiven   zu   wechseln:   Anstatt   uns   zu  fragen, was der andere gehoert hat (Spekulation), fragen wir  uns,   was  wir  gesagt  haben  (Dokumentation)   –  und   was  der  andere darauf geantwortet hat. War es ueberhaupt eine Antwort  – das ist eine andere Frage, die wir klaeren muessen. Sobald es  hier Zweifel gibt, sollten wir an den Start zurueck.  Der   Ungewissheit   koennen   wir   uns   immer   sicher   sein;   das  Vorgehen   in   kleinen   dokumentierbaren   Schritten,   die   beiden  Seiten darueber Klarheit geben, was gerade passiert, ist einer  der besten Wege, damit umzugehen. Es muss nicht hinter jedem  Wort die gesamte Bedeutung thematisiert werden. Oft steckt sie  wohl dahinter oder liesse sich daraus ableiten – das soll aber  nicht   vorausgesetzt   werden,   das   kann   nicht   das   Ziel   jeder  Unterhaltung sein.  Wichtig ist, dass die aktuellen Themen klar und fuer beide Seite  verstaendlich sind; dass es gemeinsame Oberflaechen gibt, auf  die man sich einigen kann. ­ Auch Tiere werden nur darauf  trainiert, Uebungen oder Kunststuecke Schritt fuer Schritt zu  vollfuehren:   Sie   brauchen     keine   Beziehung   zum   grossen  Ganzen, sie brauchen keinen Uebersichtsplan – im Gegeneil, sie  sollen das nicht haben, um nicht in Versuchung zu kommen,  naechste   Uebungsschritte   vorwegzunehmen   und   dadurch  Fehler zu machen oder nicht mehr genau auf ihren Trainer zu  hoeren. Die Phase, in der sich Muster von Uebeungsablaeufen  bei   Tieren   einpraegen   –   etwa   der   Ablauf   eines   Bewerbs   bei  einem Sportpferd, oder die einzelnen Schritte einer Pruefung  beim   ausgebildeten   Hund   –   ist   eine   der   schwierigsten.   Die  104
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    Wie die Tiere einzelnen Hilfen muessen klar abgegrenzt und deutlich sein,  was enthalten sie, wo beginnt der naechste Uebungsschritt. Sie  muessen unabhaengig voneinander trainiert werden koennen,  ihre Reihenfolge muss veraenderbar sein koennen. Es darf kein  bestimmendes Ziel geben; jeder Uebungsschritt muss fuer sich  allein und in Kombination mit anderen existieren koennen. Ein  Begleithund,  der   vor   lauter   Begeisterung   ueber   eine  Apportieruebung   am   Pruefungsende   den   gesamten  Pruefungsverlauf   ueber   unaufmerksam   ist,   nicht   wirklich  praesent, sondern eben schon ein paar Schritte weiter ist, ist  unbrauchbar.   Zufallstreffer   sind   moeglich,   solange   nichts  Unerwartetes passiert, sind die Ergebnisse vielleicht gut. Eine  kleine Planaenderung kann aber bereits deutlich machen, dass  hier   nicht   miteinander,   sondern   allenfalls   nebeneinander  gearbeitet wird. Der Hund erklaert uns in diesem Fall genau so:  “Ich versteh' schon.” Die Parallele zu einem Tier mag uns uebel aufstossen. Hier wird  aber   kein   Herrschafts­,   Abhaengigkeits­   oder  Manipulationsverhaeltnis   beschrieben,   sondern   ein  Kommunikationsproblem: Am Beispiel des Hundes faellt es uns  leichter,   zu   verstehen,   wie   notwendig   das   Zerlegen   in   kleine  Schritte ist. Und es faellt uns leichter, einzusehen, dass die  Antworten,   die   wir   bekommen,   keineswegs   immer   eindeutig  sind;   wir   muessen   also   einmal   mehr   Voraussetzungen  abklaeren.  Tatsaechlich   sind   die   Antworten,   die   wir   in   einer   formellen  Situation   –   etwa   einem   Mitarbeitergespraech   oder   einer  Beratungs­ oder Verkaufssituation – bekommen, oft intensiv zu  hinterfragen.   Was   heisst   das,   welche   Worte   haben   wir   hier  wirklich gehoert? Moechte unser Gegenueber besonders schoen  sprechen? Moechte er einen Tonfall treffen, von dem er glaubt,  dass er es uns anspricht? Spricht er immer so?  Ohne   Vergleichswerte   koennen   wir   das   nicht   beantworten;  Beobachtung ist eine der wichtigsten Techniken, wenn wir uns  an Oberflaechen halten wollen. 105
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    Wie die Tiere Welches Ziel koennen wir uns dabei setzen? Koennen wie hier,  ueber die Zerlegung  in  kleine  Schritte dazu   ansetzen,  etwas  oder jemanden “wirklich” zu verstehen? Der Anspruch haengt  von unserem Ziel ab: Wollen wir etwas erforschen oder wollen  wir etwas erreichen, durchsetzen?  Ich gehe davon aus, dass wir etwas erreichen wollen. Wir wollen  den  anderen  von  etwas ueberzeugen oder zu  etwas bringen,  oder,   neutraler,   wir   wollen   Klarheit   ueber   die   verfuegbaren  Optionen herstellen.  Ausgangspunkt war die Frage, wie wir Perspektiven wechseln  koennen.   Der   Perspektivenwechsel   dient   dazu,   Standpunkte  nachvollziehen zu koennen, oder nachzuvollziehen, warum fuer  den einen augenfaellige Optionen fuer den anderen vorerst gar  nicht existieren.  Durch   die   Reduktion   auf   kleine   Schritte   gewinnen   wir   die  Moeglichkeit,  jede Veraenderung erneut  zu  bewerten  und  zu  ueberpruefen, sie mit einfachen Worten zu diskutieren und erst  weiterzugehen, wenn der Boden als gesichert gelten kann.  Auf diese Art sammeln wir Bausteine, die wir weiter tuermen  koennen.  Was brauchen wir noch?  Allegorien als ein Mittel, Distanz herzustellen – und das befreit Distanz ist heilsam. Sie eroeffnet Flexibilitaet; Distanz zu bisher  Gewohntem   eroeffnet   neue   Blickwinkel.   Wenn   wir   Abstand  herstellen koennen, sehen wir mehr. Zu den Gefahren, die durch Distanz entstehen, gehoert etwa  Sorglosigkeit:   Was  wir   uns   kreativ­spekulativ   ueber   Fremdes  zusammenreimen   moegen,   wird   in   den   seltensten   Faellen  stimmen.   Oft   benutzen   wir   Distanz   und   die   Fremdheit,   die  106
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    Wie die Tiere dadurch entsteht, um ueber fehlendes Wissen hinwegzuhelfen:  Wir wissen etwas nicht – das finden wir aber halb so schlimm;  wenn  nur   der   Abstand   gross   genug   ist,   koennen   wir   mit  ruhigem Gewissen irgendetwas annehmen.  Solange die Wahrscheinlichkeit, dass diese Annahmen auf den  Pruefstand   kommen,   gering   ist,   bereitet   uns   das   kein  Kopfzerbrechen.   Sobald   wir   etwas   erreichen   wollen,   auf  Reaktionen   unseres   Spekulationsobjekts   angewiesen   sind,  koennen   sich   die   Luecken   und   Differenzen   sehr   deutlich  bemerkbar machen. ­ Es gibt einen Unterschied zwischen mpg­  und   wmv­Videodateien?   Unser   Nachbar   sitzt   nicht   jedes  Wochenende Mittags beim Bier? Die Kollegen aus der anderen  Abteilung wollen unser Projekt gar nicht ausbremsen? ­ Ein  zweiter Blick kann immer viele Ueberraschungen bringen.  Wir brauchen andere Wege als Spekulation, um jene Art von  Fremdheit   herzustellen,   die   Freiraeume   schafft,   um   in  Bewegung   zu   bleiben,   statt   Distanz   mit   Irrtuemern   zu  ueberbruecken. Explorative  Kommunikation   als   Schlagwort   haben   wir   schon  einmal   gestreift.   die   Frage,   ob   wir   etwas   verstehen   oder  durchsetzen wollen, erfassen oder vermitteln. Explorative   Kommunikation   ist   immer   anders,   sie   ist  plapperndes Unverstaendnis, sie schafft effizienten, produktiven  Dissens. ­ Danke bei dieser Gelegenheit an alle Kommentatoren,  Kritiker   und   Reposter   waehrend   der   letzten   Jahre,   deren  Einwaende   und   abweichende   Perspektiven   viele   Unklarheiten  offensichtlich  gemacht   haben.   ­   Aber   bringt   sie   uns   weiter?  Wohin soll sie uns bringen? Wo wollen wir hin?  Das Ziel ist dort vorne, aber nicht besonders gut bekannt, wir  wissen nur: Es ist nicht hier.  Das   war   ein   Exkurs:   Grundlagen   eigener  Kommunikationsformen sind ein eigenes Thema; hier geht es  107
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    Wie die Tiere um  Varianten   alltaeglicher,   effizienter,   zielgerichteter  Kommunikation in geregelten (Business)Umgebungen.  Die folgenden vier Schritte sind Beispiele:  Eine   erste   Voraussetzung   fuer   konstruktiven   Umgebung   mit  Distanz ist das Bewusstsein der grundlegenden Distanz. Wir  muessen   erkennen   koennen,   dass   das,   was   uns   gegenueber  steht, nicht wir sind und dass es auch nicht wie wir ist. Das ist eine Faehigkeit, die wir auch bereits lernen muessen; oft  muessen  wir uns  daran  erinnern.  Wir haben  sie nicht  cvon  selbst;   sie   erscheint   oft   als   gegen   Instinkt   und   Institution.  Diesen  ersten  Unterschied  zu  uebergehen,  funktioniert   lange  Zeit,   ohne   Probleme   aufzuwerfen.   Die   nachtraeglich  auftretenden Differenzen machen sich dann allerdings um so  deutlicher bemerkbar – wie die grosse Enttaeuschung, nachdem  sich herausgestellt hat, dass scheinbar enge Beziehungen auch  kein reibungsloses Verstaendnis garantieren.  Der   zweite   Schritt:   Wie   koennen   wir   die   Definition   “anders”  konkretisieren? Anders ist der Rest der Welt, anders ist alles,  was nicht wir sind. Es bedeutet nicht, dass alles, was “anders”  ist, irgendetwas gemeinsam haben muss. Anders kann sich in  viele Formen und Erscheinungsbilder unterteilen. Noch wissen  wir also gar nichts.  Ein  dritter Schritt  kann  darin  bestehen,  Auspraegungen  der  Andersartigkeit   zu   beschreiben,   Wiederholungen,  Regelmaessigkeiten   fuer   uns   zu   definieren:  Organisationsorientierte Kollegen haben sich noch nie mit dem  Weiterspinnen von Ideen leicht getan. Kollegen, die in ganzen  Saetzen sprechen, meinen ihre Aussagen auch so. Dem anderen  Kollegen   ist   Formalitaet   nicht   wichtig,   Loyalitaet   aber   sehr  wichtig. ­ Beobachtungen sind im Moment in dem sie passieren,  und fuer sich allein betrachtet, belanglos. Natuerlich verhaelt es  sich   so;   Und?   Der   Mehrwert   entsteht   dadurch,   jetzt   gerade  keinen Schluss zu ziehen, nicht spekulativ weiterzudenken und  108
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    Wie die Tiere sich  nicht   von   den   Tatsachen   zu   entfernen,   sondern   die  Beobachtung   abzulegen,   als   einen   weiteren   Punkt   zu  dokumentieren – und spaeter wieder hervorzuholen. Sobald wir  Entscheidungen   treffen   muessen,   ist   jeder   kleine   Bruchteil  gesicherter   Information   hilfreich:   Wir   wissen,   dass   in   dieser  Situation das passiert ist. Wir wissen nicht warum, wir kennen  auch   nicht   alle   Konsequenzen,   aber   wir   haben   einen  Anhaltspunkt. Das ist ein Stueck gesicherter Boden, von dem  aus wir weiter koennen. Nach   welchen   Regeln   koennen   wir   weitergehen?   ­   Meist  ueberspringen wir alles andere und kommen gleich zu diesem  vierten   Schritt:   Wir   stellen   Beziehungen   her,   wir   stellen  Vergleiche an – wir tun so, als ob wir etwas mitzureden haetten,  als ob unsere Spekulation ein geeignetes Mittel waere, Dinge,  Verhaeltnisse,   Begriffe   angemessen   zu   beschreiben.   Daraus koennen sich Vorurteile entwickeln, Weltanschauungen,  philosophische Systeme. Klischees, Allegorien, Metaphern sind  Produkte   solcher   Entwicklungen,   die   sich   von   konkreten  Anlaessen emanzipiert haben und unabhaengig von konkreten  Ausloesern   reproduziert   werden.   Kalt   wie   Eis,   blind   wie   die  Nacht, stur wie ein Esel – solche Formulierungen gehen uns  bald   ueber   die   Lippen.   Und   wir   vergessen   vor   lauter  Bildhaftigkeit,   dass   wir   dabei   gar   nicht   von   Eisbloecken,  Naechten   oder   Eseln   reden,   sondern   etwas   ganz   anderes  bezeichnen moechten, dem wir – eher suggetiv als rational –  unsere   Auffassung   konkreter   Bedeutung   ueberstuelpen  moechten.  Solche Wendungen sorgen dafuer, dass wir auch ohne direkten  Bezug zu unserem Objekt etwas daruber sagen koennen; wir  verwenden Begriffe, die auch bei anderen etwas ausloesen, weil  jeder   sie   verwendet.   Sie   sind   oft   genug   genauso   falsch   wie  unsere eigenen privaten Spekulationen, aber sie haben einen  Grad an Verbindlichkeit. Neben der Beobachtung des Objekts  koennen wir zusaetzlich beobachten, wie sich die abstrakten  Begriffe und Konzepte verhalten und veraendern. Sie ersetzen  zum   Teil   das   vollstaendige   Beziehungsgeruest:   Wenn   unser  109
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    Wie die Tiere Gegenueber  seine   uns   praesentierte   Oberflaeche   nicht  ausfuehrlich genug gestaltet, koennen wir auf solche Fertigteil­ Gedanken zurueckgreifen, um sie zu vervollstaendigen. “Realitaet” ersetzen wir so durch Fertigteil­Vorstellungen; das  funktioniert nach dem gleichen Prinzip, wie zum Luxusurlaub  auf die Malediven zu fliegen, “um Neues kennenzulernen”, statt  in der Vorstadt spazieren zu gehen. Wir sehen das, was wir  schon kennen, immer wieder.  Solange uns klar ist, was wir tun, solange wir Beobachtung und  Spekulation   auseinanderhalten,   die   Spekulation   genauso  beobachten   und   ihre   Veraenderungen   und   Entwicklung   in  verschiedenen   Zusammenhaengen   wahrnehmen,   stehen   wir  uns   damit   nicht   im   Weg.   Wir   koennen   trotzdem   davon  ausgehen, dass wir zumindest in Grenzen bei der Sache sind.  Denn wir sind dort, wo auch vielleicht nicht der Grossteil, aber  ein relevanter Teil der anderen ist; wir haben einen Weg, unsere  eigenen   Einschaetzungen   mit   den   ueberlieferten   ueber   lange  Zeit entwickelten Einschaetzungen anderer abzugleichen.  Vorurteile,   Klischees   sind   in   der   Regel   keine   attraktiven  Szenarien. Werte und Qualitaeten sind auch nicht wichtig. In  der ersten Annaeherung zaehlt, wie repraesentativ ein Gedanke  ist.   ­   Damit   ergibt   sich   eine   kleine   gemeinsame   Basis;  gemeinsame Vorurteile sind auch eine Gemeinsamkeit. Und oft  wirksamer – schon wieder Effizienz – und plakativer als eine  wackelige, genauso hinterfragbare Wahrheit.  Die Verwendung existierender Muster fuehrt uns auch wieder  an den Anfang zurueck: Sie erzeugt Distanz, sie macht uns klar,  dass wir nicht unser Objekt sind, und dass unsere Gedanken  und   Erwartungen   vorerst   weder   besonders   zutreffend   noch  besonders   originell   sind.   Wir   arbeiten   mit   Schablonen   und  Werkzeugen.  ­ Wir sind nicht nur nicht unser Gegenstand, es  sind   auch   nicht   unsere   Gedanken,   mit   denen   wir   ihn  beschreiben.   Zuletzt   muss   uns   noch   ein   weiterer   Punkt   klar   sein:   Auch  110
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    Wie die Tiere unsere Welt dreht sich nicht um uns. Wir begegnen anderen  genau  so   als   Klischee,  als   Objekt   einer   Vorstellung   und   als  etwas, dem gegenueber erst Distanz aufgebaut werden muss,  bevor Beziehungen entstehen koennen. Welten, die sich selbst  in   der   Mitte   sehen   –   kann   es   andere   geben?   ­   sind  austauschbar; es gibt wechselnde Mittelpunkte und aehnliche  Umgebungen. Erfahrungen, Einschaetzungen, Wahrnehmungen  sind selten einzigartig. Unterschiede entstehen erst durch den  Bezug   auf   etwas,   durch   die   Betrachtung   von   wechselnden  Mittelpunkten aus.  Wir sehen und erleben vielleicht das gleiche, wir haben aber  keine   Ahnung,   ob   und   wie   weit   wir   es   aehnlich   verstehen.  Sobald   wir   verstanden   haben,   dass   wir   verschieden   und  unabhaengig voneinander funktionieren, koennen wir beginnen,  Dinge und Ansichten, Weltbilder zu verschieben, auf vielleicht  nur   versetzte   Deckungsgleichheit   oder   andere   Formen   der  Oberflaechenkompatibilitaet zu ueberpruefen.  Nichts ist individuell, nichts was ein Mensch getan, entwickelt,  gedacht hat, ist unfassbar. Es kommt nur darauf an, wo wir  hinsehen. Wir verwenden alle die gleichen Werkzeuge.  Standardisierung von Mustern Oberflaechen,   Klischees,   Schablonen   sind   keine  Sympathietraeger.   Wir   sind   lieber   original,   originell,  tiefgruendig,   kreativ   und   individuell.   Haben   wir   auch   eine  Vorstellung davon, was diese Begriffe bedeuten? Eine Idee, wie  wir uns diesen Begriffen annaehern koennen, ohne Schablonen  und   Klischees   zu   verwenden,   ohne   an   der   gut   sichtbaren  Oberflaeche zu bleiben? Muster haben sich in unterschiedlichen Auspraegungen ueber  unterschiedlich   lange   Zeitraeume   entwickelt.   Manche   sind  traditionell, andere eher modern orientiert; Kombinationen von  Mustern   machen   Schichten,   Kulturen,   Milieus   aus,   die  111
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    Wie die Tiere bestimmen Gespraechs­ und Verhaltensmuster und setzen den  Orientierungsrahmen,  innerhalb   dessen   Bedeutung   entsteht.  Dieser soziale Aspekt liefert Orientierungshilfen.  Wechsel zwischen Mustern sind moeglich; Leben, Interaktion,  Produktion   ohne   die   Verwendung   von   Mustern   ist   nicht  moeglich. Das originellste, innovativste Konstrukt funktioniert  nur in seinem Rahmen, es verlaesst sich auf Regeln, es setzt  Zusammenhaenge   voraus.   Je   mehr   wir   davon   wegnehmen,  desto beliebiger wird es. ­ Umgekehrt ist genau so beliebig, was,  wieviel   und   warum   wir   etwas   von   den   Voraussetzungen  wegnehmen.   Wir   koennen   es,   und   dadurch   veraendern   wir  Bedeutungen, ohne dass geplant gewesen waere, dass wir sie  veraendern koennen sollen.  Ich denke hier auch nocheinmal an die Einstellung, die hinter  dem   SOAR­Konzept  der   Zen­Philosophie   steckt:   Wir  koennen  reden und wir koennen handeln, wir koennen Macht ausueben  und   auch   unsere   ganze   Umwelt   –   so   wie   wir   sie   sehen   –  kontrollieren. Das muss allerdings noch lange nichts fuer jene  Umwelt bedeuten, die ein anderer sieht – und auch nichts fuer  ine “reale” Welt, die unter irgendwelchen Oberflaechen liegt und  sich   nicht   um   unsere   Meinungen   schert.   Dinge   passieren  trotzdem.  Profaner   und   praktischer   betrachtet:   Nehmen   wir   politische  Bezuege   als   Beispiel.   “Innenministerin   greift   durch”   ­   diese  Schlagzeile   bedeutet   in   unterschiedlichen   Medien  Verschiedenes,   ohne   einen   Buchstaben   an   den   verwendeten  Formulierungen zu aendern. Sie sorgt fuer Ordnung. Sie zeigt  unangemessene   Haerte.   Sie   ist   gerecht.   Sie   ist  profilierungssuechtig. In einem rechten Parteimagazin ist das  anerkennende Bestaerkung, in einer liberal orientieren Zeitung  Kritik   an   einer   Vorgangsweise.   Die   Wirkung   der  zugrundeliegenden Muster ist noch vielschichtiger: Eine liberale  Zeitung   muss   ihren   Lesern   Fakten   und   Zusammenhaenge  liberal   praesentieren;   der   Rahmen   ist   gesetzt,   abweichende  Informationen   werden   gleich   anders   interpretiert.  112
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    Wie die Tiere “Mutmassliche afrikanische Drogendealer verhaftet” ist auf der  einen Seite ein Erfolgsbericht, auf der anderen Seite Kritik an  Vorurteilen,  die   dazu   einlaedt,   zu   hinterfragen   was   wirklich  passiert ist.  Der   Wortlaut   ist   der   gleiche   –   der   Unterschied   liegt   darin,  welche  Schablone  angelegt  wird.  Und  das  kontrolliert  immer  weniger der Absender. Den Kontext von Botschaften bestimmt  der Empfaenger – mit Unabhaengigkeit, Flexibilitaet und Vielfalt  verlagert sich die Definitionsmacht.  Muster   und   Schablonen   bedeuten   also   nicht   nur   das  Wiederholen von vorgebenen Prozessen; in Mustern zu denken  ist eine Beschreibung des Alltags, die sich auf das konzentriert,  was wir sehen und erfassen koennen, die an der Oberflaeche  bleibt – und dennoch – in der Wahl er angemessenen Muster –  eine   Fuelle   an   Kreativitaet,   Entscheidungsoptionen   und  persoenlicher Verantwortung birgt. Auch wenn wir auf Klischees  angewiesen sind – es liegt immer noch an uns, welchen davon  wir glauben, wonach wir uns richten.  Wir sind nicht einzigartig – das ist die eine Seite. Wir sind nicht  gleich – das ist die andere Sichtweise.  Ich versuche zu sagen, dass beide zutreffen. Wir koennen davon  ausgehen, dass praktisch keiner unserer einzelnen Gedanken  wirklich neu ist; alles war schon einmal da oder entsteht gerade  durch aehnliche Bedingungen, wie es fuer uns entstanden ist.  Die   Kombination   aus   Umfeld,   sinnstiftenden  Rahmenbedingungen, Erfahrungshorizont und zugrunde  liegenden Werten, die sich immer wieder von Mensch zu  Mensch   deutlich   unterscheidet,   sorgt   fuer   klare  Differenzen in dem, was aus einzelnen Gedanken oder  Wahrnehmungen gemacht wird.  In   einer   Auseinandersetzung   geht   es   auch   selten   um   die  Grundprinzipien, sondern um Folgekonzepte, die sich daraus  entwickelt   haben.   Man   soll   nicht   toeten,   Geschaeft   muss  Gewinn   bringen,   Webseiten   muessen   funktionieren,  113
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    Wie die Tiere Navigationen muessen einfach sein, Innovationen muessen sich  langfristig  in   Geschaeftsideen   niederschlagen   –   all   das   steht  ausser Zweifel. Unterschiedlich sind aber die Vorstellungen, die  sich daraus entwickeln, die von ethischen und wirtschaftlichen  Einfluessen   gepraegt   sein   moegen,   oder   auch   von  Erfahrungswerten,   persoenlicher   Einschaetzung   –   besonders  stark sind sie auch von persoenlichen Interessen abhaengig:  Was wollen wir erreichen?  Nicht toeten kann bedeuten, auch im Kriegsfall keine Waffe in  die   Hand   zu   nehmen.   Es   kann   auch   bedeuten,   fuer   die  Todesstrafe   einzutreten,   um   angemessene   Sanktionen   und  Abschreckungen   und   damit   Respekt   fuer   da   Leben  durchzusetzen. Es kann auch bedeuten, dass toeten, um Leben  zu retten, erlaubt ist. ­ Diese Frage ist weder rechtlich noch  moralisch loesbar; sie erfordert persoenliche Entscheidungen,  oder sie kann durch den Gewaltakt des Konsens – rechtlich –  geloest werden.  Funktionierende Webseiten, einfache Navigationen – das kann  bedeuten, auf einfache Textelemente reduziert zu bleiben, oder  neue Interaktionskonzepte zu entwickeln, diese aufwaendig zu  testen und zu verbessern. Es kann bedeuten, Projekte auf den  Erfahrungsstand   der   User   abzustimmen   –   oder   sprechende  Anleitungen und Hilfetext zu verfassen. Sogar Gewinn kann unterschiedlich instrumentalisiert werden:  um Investoren  zu   bereichern,  das  langfristige  Ueberleben   zu  foerden, oder um Innovation zu foerdern. Fuer   uns   ist   wichtig,   unsere   eigenen   Annahmen   und  Voraussetzungen zu kennen, zu wissen, dass Widerspruch nicht  unsere letzten Gruende betrifft. Einwaende betreffen oft “nur”  unsere Ziele, unsere konkreten Entscheidungen, die konkreten  Auspraegungen unserer Werte – meist ohne sie selbst wirklich  in Frage zu stellen.  Das ist ein Weg, Distanz zu uns selbst erreichen und damit  114
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    Wie die Tiere auch uns selbst so weit in Frage stellen zu koennen, dass wir  flexibel in Diskussionen gehen koennen. Wir koennen uns auf  wichtige Werte und Ziele konzentrieren, diese formulieren und  klar  an   die   Oberflaeche   bringen.   Das   vermeidet   nicht  entscheidbare   Diskussionen   ueber   tiefe   Gruende   und   letzte  Ursachen   –   und   bringt   ebenfalls   weitere  Entscheidungsoptionen.   Wir   haben   ein   Ziel   –   und   dorthin  fuehren mehrere Wege. Oft   lassen   Ziele   auch   Abweichungen   beim   Ergebnis   zu:   Wir  erreichen, was wir wollen, nur eben auf anderen Wegen und  vielleicht in anderer Auspraegung: War es wirklich genau dieser  Job,   den   wir   erreichen   wollen?   Oder   war   es   die   Sicherheit,  selbstbestimmt, zielorientiert und mit vernuenftiger Bezahlung  arbeiten   zu   koennen?   Oder   die   Reisetaetigkeit?   Oder   das  Gefuehl, im Organigramm auf einem dickeren Ast zu sitzen? ­  Es gibt viele Motive, viele Wege sie zu erreichen; kaum eines ist  ausschliesslich auf diese eine Loesung angewiesen.  Was   bedeutet   das   fuer   uns   im   Umgang   mit   anderen?   Zwei  grundlegende Einstellungen sind wichtig: Es ist nicht alles so,  wie wir es auf den ersten oder fuenften Blick verstehen; Begriffe  gelten   ausserhalb   unserer   Interpretation   anders   –   damit  muessen wir uns beschaeftigen. Der zweite Punkte: Auch der  andere ist keine in sich ruhende, aus einem Stueck gegossene  Black Box zu der wir nur entweder ja oder nein sagen koennen.  Wir haben Distanz, ob wir uns dessen bewusst sind oder nicht.  Die erste  Reaktion, sie ueberbruecken zu wollen, kann uns zu  Spekulation,   irgendwelchen   Annahmen   verleiten,   dazu,   auch  den   anderen,   den   wir   ja   nicht   verstehen,   rein   aus   unserer  Perspektive zu betrachten und beurteilen. Wir koennen es auch  zum   Anlass   nehmen,   dem   anderen   die   gleiche   Vielfalt   und  Komplexitaet   zuzugestehen,   wie   uns   selbst.   Dabei   geht   es  vorerst nicht um Qualitaet, sondern um Quantitaet. Jeder ist  viele. ­ Wieviele oder was genau, ist vorerst egal. Wir wissen,  dass wir voneinander verschieden sind und dass  jeder von uns  115
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    Wie die Tiere in  sich   selbst   verschiedene   Bausteine   zu   verschiedenen  Oberflaechen   fuer   die   gleichen   Inhalte   –   in   verschiedenen  Perspektiven – zusammenstellen kann.  Wie gehen wir damit um, wenn wir Verstaendigung erreichen  oder etwas durchsetzen wollen? Anleitungen, Muster, Missverstaendnisse Wir sind nicht wir. Wir sind auch nicht andere. Was sind wir  dann? Was bringt uns dazu, merkwuerdige Formulierungen zu  verwenden, Buzzwords zu predigen, Bullshit­Bingo zu spielen  und uns im Alltag auch ganz ohne Zuseher so zu benehmen, als  probierten   wir   Szenen   fuer   eine   mehr   oder   weniger   ernste  Sitcom?  “Kannst du da noch einen Termin einhaengen?”, fragt die Chef­ Assissentin.   “Bitte   phased   mich   ein,   ich   weiss   noch   nicht,  welche deliverables von mir erwartet werden”, bittet der neue  Kollege.   “Das   muessen   wir   fuer   das   naechste   Steering  einkippen”, sagt die Projektleiterin. Und der Kollege aus dem  mittleren Management bereitet sich auf das Meeting mit seinen  Peers vor, als muesste er auf einer Kampfsportmatte antreten –  oder so, wie er sich vorstellt, wie man sich auf das Antreten im  Kampfsport vorbereitet. Hier haben wir bereits mit Distanz zu  tun.  Wir haben Bilder davon, wie Dinge funktionieren sollen. Manche  davon tragen wir nach aussen, auch ohne etwas zu wollen, ohne  etwas   gezielt   zu   verfolgen.   Sie   umgeben   uns.   Sie   umgeben  andere – und machen damit Teile von Einstellungen fuer uns  sichtbar. Wir koennen Bausteine sammeln, vorerst zusammenhanglose  116
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    Wie die Tiere Beobachtungen archivieren, und eben durch diesen Rueckzug  auf  Beobachtung   und   Sammlung   sicherstellen,   dass  wir  auf  dem Boden der Tatsachen bleiben. So weit das moeglich ist.  Denn   im Lauf  der  Zeit   wird  sich aus  den  unterschiedlichen  Beobachtungen   ein   Bild   formen   –   und   dabei   gibt   es   weder  Vollstaendigkeit noch Richtigkeit. In den gleichen Beziehungen,  den   gleichen   Umwelten   koennen   grundverschiedene   Bilder  derselben   Person   oder   des   gleichen   Begriffs   entstehen,  abhaengig   davon,   in   welcher   Reihenfolge,   mit   welcher  Gewichtung   und   aus   welcher   Perspektive   einzelne  Beobachtungen gemacht und eingereiht wurden.  Dieses Netzwerk schafft Grundlagen fuer gemeinsame Raeume;  es   stellt   Verbindungen   her,   in   denen   sozialen   Beziehungen,  Arbeit,   das   Ausueben   von   Macht   und   aehnliche   Prozesse  stattfinden.  Gibt   es   Regeln   fuer   die   solcherart   betriebene   kontrollierte  Spekulation? Streng genommen widerspraeche das natuerlich  der Intention, die Beliebigkeit und Bruchstueckhaftigkeit aller  Erklaerungs­   und   Verstaendigungsprozesse  aufzuzeigen.  Aber  die Praxis zeigt anderes: Wir haben Bilder schnell bei der Hand,  sie entstehen laufend und immer – und sie funktionieren so  lange, bis sie durch andere Bilder ersetzt werden.  Die   Entstehung   und   Wandlung   von   Klischees,   Vorurteilen,  Allegorien ist ein kulturbedingter und sehr wandelbarer Prozess  mit teilweis immensen politischen und wirtschaftlichen Folgen.  Wir sind dabei nicht nur medien­ oder anders fremdbestimmt;  wie   wir   mit   neuen   und   anderen   Informationen   oder  Erfahrungen umgehen, ist grosser Bestandteil dessen, was uns  ausmacht.  Noch   im   Herbst   2008   hielt   es   ein   alternder   Journalist   des  oesterreichischen Fernsehens fuer notwendig, die Wahl Barack  Obamas zum US­Praesidenten damit zu kommentieren, dass er  es  nicht fuer  gut  halte, wenn   jetzt  ein   Schwarzer  ueber  die  westliche Zivilisation entscheide. ­ Wie kommt ein Mensch, der  im   Lauf   seines   Lebens   viel   gesehen   und   gelebt   hat,   alle  117
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    Wie die Tiere moeglichen  Perspektiven   und   Einstellungen   kennengelernt  haben   muss,   zu   so   einer   Aussage   (fuer   die   er   sich   Monate  spaeter zerknirscht entschuldigte).  Die Bilder verschieben sich. Was zu Handlungen und Aussagen  fuehrt,   bleibt   in   der   Regel   unklar,   Geschichtsforschung  praezisiert selten; das Vergangene bleibt fuer uns ungreifbar.  Was   haetten   noch   unsere   Grosseltern   sehen,   wissen,   tun  koennen – wie Prozesse, die heute ganz klar als Verbrechen,  Verblendung, Feigheit, bestenfalls Dummheit gesehen werden  koennen,   wirklich   gelaufen   sind,   bleibt   aus   der   Entfernung  immer nur eine Frage der Spekulation. Es gibt keine sicheren,  neutralen, objektiven Ergebnisse.  Im   Alltag   sind   wir   profaner   bei   unseren   Wegen,   Distanz,  Neutralitaet und Muster zu erzeugen: Wir bezeichnen jemanden  als dumme Kuh, sturen Hund, Gans oder Ziege; auch positive  Beispiele sind moeglich: wie ein Luchs, wie ein Loewe, wie ein  Adler.  Was   passiert   dabei?   Wir   rufen   anhand   eines   bestimmten  Details, einer Beobachtung oder einer Erinnerung ein ganzes  Programm auf, das gaenzliche fremde Sinnzusammenhaenge in  die aktuelle Situation einbringt und ueber die Wahrnehmung  und Bewertung von kuenftigen Entwicklungen mitentscheidet.  Wir   haben   beobachtet,   dass   jemand   bestimmte   Dinge  nach   klaren   Mustern   erledigt:   Der   Kollege   hat   seine  Meinung zu bestimmten Anmeldeprozessen, mag keine  doppelten   Passworteingaben   und   keine  Aktivierungsmails.   Er   beschreibt   seine   Meinung   –  abstrahiert   sie   dadurch   –   und   dehnt   sie   auch   auf  Bereiche aus, in denen Sicherheit unserer Meinung nach  Sinn macht. In einer anderen Angelegenheit kommen wir  bei ihm mit unserem Anliegen nicht durch, er laesst uns  abblitzen,  bleibt bei seiner Meinung. ­ Wir bilden uns  unsere   Meinung:   Das   ist   ein   sturer   Hund.   Darauf  118
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    Wie die Tiere verlassen wir uns dann. Wir gehen davon aus, dass der  Kollege im allgemeinen bei seiner Meinung bleibt, Dinge  ablehnen oder unterstuetzen mag, aber zumindest bei  seiner Meinung bleibt. ­ Vielleicht interessieren ihn aber  weder unser Thema noch der Prozess, den wir mit ihm  diskutieren wollten, wirklich – vielleicht wird sein ganzes  kreatives   Potential   derart   auf   etwas   anderes   (ein  Hobby?)   konzentriert,   dass   fuer   alles   andere   der  Aufwand moeglichst minimiert wird.  Die   Kollegin   ist  bestuerzt   ueber   ein  Detail   in  unseren  Formulierungen. “Das kannst du so nicht schreiben, das  musst du aendern. Ich muss mich davon distanzieren”,  sagt sie uns. “Das kann man nicht so machen, also ich  schaeme mich, wenn das so an den Vorstand geht”, sagt   sie dem naechsten. ­ Je laenger und lauter sie redet,  desto eher steigen wohl Bilder von Kuehen, Gaensen,  Ziegen auf. Wir denken an mittlere geistige Flexibilitaet,  schnatternd   steigenden   Laermpegel   und   laestige  Allgegenwart und schnelle Verbreitung wenig wichtiger,  uns   nicht   angenehmer   Inhalte.   Beim   naechsten   Mal  werden wir sie wohl nicht mehr um ihre Meinung fragen  –   wenn   wir   nicht   unbedingt   muessen.   Oberflaechlich,  eitel, vergaenglich? Vielleicht ist es auch Ausdruck eines  konkreten Plans, sie will bestimmte Punkte durchsetzen,  ein   Bild   von   sich   erzeugen,   sich   in   genau   dieser  Perspektive   ins   Bild   setzen   –   mit   der   Zaehheit   eines  sturen Hunds, der sich nicht von seinem Ziel abbringen   laesst.  “Zuletzt hast du das anders gesagt”, erinnert sich die  Kollegin   an   eine   Unschaerfe,   die   wir   in   der   letzten  Praesentation   zu   umschiffen   versucht   haben.   Wie   ein  Luchs hat sie die Zweideutigkeit in der Formulierung, die   unschluessige Zahl entdeckt. Und bohrt von dort gleich  weiter: Wo kann es noch Beute geben, wo gibt es weitere   Angriffspunkte. Wir fuehlen uns beobachtet, ein bisschen  gejagt,   vielleicht   floesst   uns   die   Praezision   bei   der  119
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    Wie die Tiere Fehlersuche  auch   Respekt   ein.   Wir   reissen   uns   am  Riemen, wollen selbst praeziser und souveraener sein –  und   stellen   dann   vielleicht   fest,   dass   unser   Vorbild  tatsaechlich nur an der Oberflaeche lesen kann, Tipp­  und   Rechenfehler   bemerkt   –   aber   damit   schon   ihre  Kapazitaet erschoepft. Der Qualitaetsanspruch ist leeres  Geschnatter, das einer Diskussion nicht standhaelt.  In   diesen   Beispielen   entstehen   Welten,   sie   verschieben   sich,  fallen zusammen und entstehen neu. Im Alltag verwenden wir  Abstraktionen,   Schablonen   und   Allegorien,   um   Dampf  abzulassen,   zu   schimpfen,   kontrolliert   zu   uebertreiben,  paradox, kreativ und auch bewahrend zu intervenieren.  Indem wir solche Muster verwenden, sagen wir mehr, als wir  aussprechen. Wir deuten auch nichts an – wir verwenden ganz  klare,   alltaegliche   Worte,   wir   koennen   uns   jederzeit  zurueckziehen. Wir haben Reserven – allerdings nur, wenn wir  uns der Brueche und Widersprueche bewusst sind. Ueber die  Distanz schaffen wir uns Freiheit.  Das klingt ziemlich anstrengend.  Wir   zerlegen   Kommunikation   in   einen   Prozess,   der   immer  wieder mitdefinieren muss. Nicht nur der Text wird jedes Mal  neu geschrieben – das ganze Stueck, die Buehne, das Theater  wird,   abhaengig   von   unserem   Zielpublikum,   jedes   Mal   neu  errichtet. Mit dem Versuch, etwas durchzusetzen, jemanden zu  ueberzeugen, schaffen wir eine Welt, wir inszenieren etwas, um  Begeisterung, Macht oder Belohnung zu repraesentieren.  Es   muss   klar   sein,   welche   Reaktionen   wir   uns   wuenschen,  welche   Konsequenzen   diese   haben,   und   ob   diese   konkrete  Konsequenz gut oder schlecht ost (fuer wen?). Nichts spricht  fuer sich, wir muessen alles beschriften.  Die Kreativitaet in diesem Prozess ist universell: Nicht wir sind  120
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    Wie die Tiere der Akteur auf einer Buehne oder vor unserem Publikum, wir  stehen im Wettstreit mit anderen Akteuren um das gleiche oder  um gar kein Publikum. Jeder inszeniert sein Stueck, bis es eine  gemeinsame Darbietung wird, bis die Dinge auseinanderlaufen  oder bis man ergebnislos auseinandergeht.  Wir  spielen   –   das   ist   ein   Ansatz,   um   merkwuerdiges,  abgekupfertes,   aufgesetztes  Verhalten   zu   beschreiben.   Streng  genommen   sind   diese   Begriffe   unangebracht:   Es   gibt   kein  Original,   also   gibt   es   nichts   Abgekupfertes;   es   gibt   keine  gesicherte Basis, also gibt es nichts Aufgesetztes.  Verraeterisch sind die sinnleeren Muster: Ernsthaftes Bullshit­ Bingo,  mit   einem hilfesuchenden  Laecheln  falsch verwendete  Fachbegriffe  – sie zeigen  nicht  nur ein  sachliches Problem.   Sie sagen uns viel darueber, wie im Rahmen der betreffenden  Person Information zustande kommt, welche Bedeutungen Sinn  stiften:   Je   mehr   Irrtuemer,   desto   eher   koennen   wir   davon  ausgehen,   dass   mehr   Muster,   mehr   aussenstehende  Sinnzusammenhaenge   benutzt   werden,   um   selbst   als  sinnstiftende Einheit aufzutreten. Wer Termine einhaengen oder  Themen einkippen moechte, hat in der Regel wenig konkrete  Vorstellung von dem, was real zu tun ist; er steht auf einer ihm  nicht  vertrauten Buehne und hofft, den Souffleur richtig zu  verstehen.  Umgekehrt ist auch die unerschuetterliche Ueberzeugung Indiz  dafuer,  dass  sich  unser  Gegenueber  von   realen   Umstaenden  entfernt.   Wer   nie   zweifelt,   wer   glaubt,   von   Umstaenden  unabhaengige   Begriffe   von   richtig   oder   falsch   zu   kennen,  bezieht   sich   damit   auf   etwas   anderes.   Er   redet   ueber   sich  selbst, aber nicht mit uns, und nicht ueber einen Gegenstand.  Aus   dieser   Position   heraus   das   Gespraech   zu   versuchen,  anderen   von   dieser   Wellt   zu   erzaehlen,   erzeugt   eine  vowurfsorientierte   Gespraechskultur.   “Du   hast...”,   “Du  solltest...”, “Ich will...”, “Ich werde...” ­ starke Dualitaet von Ich  und   Du   und   starke   Betonung   von   aktiven   oder  transaktionsorientierten   Verben   erzeugen   mehr   Grenzen   als  121
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    Wie die Tiere Beziehungen. Das Schema taucht oft als Mann­Frau­Beziehung  auf. Dort steht es fuer grosse Distanzen, nur mit gutem Willen  zu ueberwindende Graeben: Was fuer sie selbstverstaendlich ist,  kaeme  ihm   nie   in   den   Sinn.   Was   er   als   kleines   Reservat  persoenlicher Freiheit betrachtet, ist fuer sie unverschaemter  Egoismus. Was sie einfach dahinsagt, sieht er als Vorwurf und  Aufforderung, etwas zu tun. Was er ueber andere sagt, nimmt  sie als Kritik an sich wahr.  Es wird deutlich, wie weit wir uns hier schon von einer Basis  fuer   Verstaendigung   entfernt   haben.   ­   Verstaendigung   ist  grundsaetzlich immer erst der zweite Schritt, die erste Frage  muss sein: Wie kann  unter diesen Bedingungen  Information  zustande kommen, also sinnvolle, und mit nachvollziehbarer, im  Idealfall auch objektivierbarer Bedeutung versehene Aussagen.  Missverstaendnisse   zwischen   Mustern   sind   nicht  auszuschliessen ­ “Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns  nicht”.   Unterschiedliche   Bedeutungszusammenhaenge   sind  zugleich   das   Problem   und   auch   die   groesste   Chance   fuer  Kommunikation.   Weil   sich   Perspektiven   verschieben,   weil   es  unterschiedliche   Wahrnehmungen   gibt,   weil   Tatsachen   und  Entscheidungen unterschiedlich bewertet werden, gibt es einen  Grund, zu reden, gibt es die Moeglichkeit, neues zu erfahren.  Nicht   Differenzen   oder   Missverstaendnisse   sind   ein   Problem,  sondern  allenfalls fehlende Abstraktion. Es muss uns bewusst  sein,   dass   es   sich   um   Muster   handelt,   um   Bewegungen   an  Oberflaechen, mit denen wir gestalten und jonglieren koennen.  Auch   wenn   wir   nicht   in   blumigen   Metaphern   reden,   wir  umschreiben trotzdem immer nur. Tiefenzusammenhaenge sind  irrelevant – das kann sich schlagartig aendern, sobald sie an  die   Oberflaeche   treten   oder   sich   in   anderer   Forn   in   unsere  Zielsetzungen einmischen.  Das erfordert Geduld und Beobachtungstalent. Damit koennen  wir uns Strategien zurechtlegen, was wir wann wem sagen, von  wem wir was erwarten koennen und in welchen Abstufungen  wir   uns   unseren   Zielen   annaehern   koennen.   Eine   vielleicht  122
  • 123.
    Wie die Tiere noch  wichtigere   Verschiebung   unserer   Vorstellungen   von  Kommunikation:   Alles   wird   verhandelbar.   Alles   wird  Verhandlungssache.   Niemand   hat   unabdingbare   Praemissen  (oder umgekehrt: in den Bereichen, in denen unausgesprochene  Voraussetzungen   tolerierbar   bleiben,   koennen   wir   davon  ausgehen, dass wir grundsaetzlich die gleiche Voraussetzungen  akzeptieren   –   nur   ihre   Auslegung   ist   eben   wieder  Verhandlungssache).  Wir koennen ueber alles reden.  Aber wir muessen uns auch darueber im Klaren sein, dass wir  ueber alles reden muessen.  Wovon wir nicht reden – das gibt es nicht.  Verhandlungssache Alles   ist   Verhandlungssache.   So   wie   wir   in   einem  Verkaufsgespraech nicht davon ausgehen koennen, dass wir das  gleiche wollen, und dennoch ein gemeinsames Ziel haben, gilt  auch in vielen anderen Situationen, dass grundsaetzlich alles  zur Debatte steht.  Im Verkaufsgespraech wollen wir ein Geschaeft abschliessen –  der   eine   moechte   moeglichst   guenstig   kaufen,   der   andere  moeglichst   teuer   verkaufen.   Trotz   dieser   entgegengesetzten  Ausgangspositionen   ist   immer   wieder   Einigung   moeglich.   In  Verhandlungen   koennen   wir   unsere   Standpunkte   darlegen,  versuchen,   Konsequenzen   fuer   den   anderen   erkennbar   zu  machen,   die   Vorteile   unserer   Loesung   darzustellen.   Wir  brauchen dabei nicht nur an Verkaufs­ oder Gehaltsgespraeche  denken; jedes innovationsorientierte Gespraech verlaeuft nach  aehnlichen   Mustern:   Unterschiedliche   Ansichten   prallen  aufeinander, sind auf den ersten Blick unvereinbar, die passive  – und dadurch oft staerkere – Seite setzt ein Pokerface auf. Bis  Entscheidungen   getroffen   werden,   wiederholt   sich   dieses  123
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    Wie die Tiere Schauspiel auf mehreren Ebenen.  Wie  verkauft   der   Mitarbeiter   seinem   Chef   Innovation?   Die  Gesetzmaessigkeiten des Neuen haben wir bereits gestreift; eine  Herausforderung liegt darin, zu erklaeren, worin ueberhaupt ein  Unterschied   liegt.   Ein   weiterer   Schritt   ist   es,   Auswirkungen,  Vorteile   darzustellen   –   eben   die   Unterschiede   greifbar   zu  machen. Das sind Verhandlungen wie aus dem Bilderbuch, fuer  die sich meist ein regelrechtes Drehbuch erstellen laesst. “Wie  kann ich das in Geld verwandeln?”, “Wo sind echte messbare  Ersparnisse?”, “Was bringt mir das im Vergleich zur jetzigen  Situation?”, “Was willst du damit denn wirklich?” sind immer  wieder verwendete Fragen, die – mit kleinen Veraenderungen in  Kontext und Tonlage – den Gefragten auf die Palme bringen  koennen, aber auch klar und nuechtern beantwortet werden  koennen.  Das aendert sich mit kleinen Verschiebungen: “Ich versteh was  du meinst, aber das ist doch so...”, “Verstehe schon, aber hast  du auch daran gedacht, dass...” sind Formulierungen, die mit  Nebensaetzen   Machtverhaeltnisse   und   Themenschwerpunkte  der Kommunikation radikal umwerfen. Ploetzlich ist nicht mehr  der   Erklaerende   einen   Schritt   voraus   und   der   andere   muss  zuhoeren – jetzt ist der Zuhoerende voraus, indem er sich selbst  eine  Position  verschafft,  die jetzt  den  anderen   zum Raetseln  bringt: Was hat er wirklich verstanden, wohin geht er von dort  aus?  Statt zu spekulieren ist die angemessene Gegenstrategie auch  hier, an der Oberflaeche zu bleiben: “Gut dass wir uns einig  sind, dass dieses und jenes wichtig ist, wir muessen aber auch  bedenken das...”. Nichts soll unausgesprochen bleiben – sonst  existiert es nicht, und es kann nicht verhandelt werden.  In mehreren Runden ist so Annaeherung moeglich, es kann  eine gemeinsame Oberflaeche gestaltet werden, vielleicht kann  sogar   eine   wie   auch   immer   geartete   Art   von   Verstehen   und  Ueberzeugung erreicht werden. ­ Das ist insofern wichtig, weil  Entscheidungen   gerade   in   komplexen   Umgebungen   selten   in  124
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    Wie die Tiere einem Schritt getroffen werden. Oft muss der Ueberzeugte selbst  das neue Thema in der naechsten Runde vertreten. Trotz aller  Bemuehungen um offene Kulturen ist das Protokoll in Meetings  des  Senior   Managements   immer   wieder   erstaunlich   streng:  Unaufgefordertes   Sprechen   ist   eine   Machtdemonstration,   die  nicht jedem nicht immer bekommt.  Je hoeher die Meetingrunde, desto weniger konkret werden die  Inhalte.   Es   wird   mit   Reizworten   gearbeitet,   die   bestimmte   –  hoffentlich   vorhersehbare   –   Reaktionen   ausloesen.   Der  Inhaltsanteil   sinkt,   der   Verhandlungsanteil   steigt.   Reizworte,  Bilder   und   Oberflaechen   werden   ausgetauscht,   in   Stellung  gebracht und verschoben wie Kulissen. Entscheidungen   sind   meist   schon   vorher   getroffen.   In   der  sichtbaren   Prozedur   des   Entscheidens   und   Beschliessens  werden   meist   nur   die   Zielsetzungen   und   Beweggruende   der  getroffenen   Entscheidungen   dokumentiert.   Das   heisst  in   der  Regel,   sie   werden   in   eine   oeffentlich   vertretbare   und  objektivierbare   Form   gebracht.   ­   Im   Wort   Rechtfertigung  schwingt ein negativer Ton mit – genau das ist aber der Ablauf.  Welche   Entscheidung   wird   schon   als   vorbehaltlos   innovativ,  richtig,   wichtig   akzeptiert,   als   aus   wohlueberlegten  strategischen Gruenden getroffen. Meist sind die Beweggruende,  die  in  der  oeffentlichen   Diskussion   auftauchen,  andere:  “Sie  konnten wohl nicht anders, .... hat so viel Druck gemacht.” “In  Wahrheit ist es dem Vorstand ohnehin egal, solange das Budget  eingehalten   wird,   werden   sie   nicht   weiter   darauf   schauen.”  “Jetzt haben sie das nur entschieden, weil sie sich damit das ...  Problem   eine   Weile   vom   Hals   halten   koennen.”   ­   Wir   sind  spekulativ, wir arbeiten mit Zuschreibungen, wir draengen den  anderen, der jetzt nicht da ist, in eine passive Rolle.  Die   Aktivitaets­   oder   Machtkurven   in   solchen   Prozessen  koennen sehr weit in entgegengesetzte Richtungen ausschlagen.  Irgendwo entstehen Ideen, Visionen, werden Trends aufgegriffen  und   in   kleinen   Umgebungen   in   ersten   Schritten   formuliert.  Manche davon werden bemerkt, andere verschwinden wieder;  125
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    Wie die Tiere die unabgestimmte Menge gibt ein ungefaehres Stimmungsbild  dessen, wo das Unternehmen ist und wo es hin moechte. Aus  manchen  dieser   Entwicklungen   ergeben   sich   Zielsetzungen,  Stossrichtungen,   die   das   Senior   Management   aufgreift.   Das  kann fuer beide Seiten schmerzhaft sein: Seniors bekommen  Vorschlaege und Ideen vorgesetzt, die sie ihrer Meinung nach  ohnehin schon lang vertreten. Fuer die Mitarbeiter wirkt die  Definition   der   Zielsetzung,   als   wuerden   ihre   Ideen   und  Prototypen   ignoriert,   als   sollte   alles   als   Erfindung   des  Managements dargestellt werden. Auf wessen Seite steigt nun  die   Machtkurve   an?   Es   ist   Betrachtungs­   und   eben  Verhandlungssache. Zielsetzungen   muessen   ausdefiniert,   mit   konkreten  Massnahmen   und   Detailplaenen   unterfuettert   werden.   Das  passiert “unten”; die Ausgestaltung bringt die Macht zu jenen,  die im Detail aktiv werden.  Dadurch entstehen Entscheidungsoptionen, Perspektiven. Aus  diesen   Optionen   auszuwaehlen,   Perspektiven   anzuerkennen  oder nicht, laesst die Machtkurve wieder in die andere Richtung  ausschlagen. Kritischer Punkt fuer denjenigen, der die Optionen  aufbereitet, ist: Werden die Optionen als solche sichtbar? Wird  deutlich,   dass   Varianten,   Alternativen   –   nicht   Gegensaetze,  nicht   Empfehlungen   dargestellt   werden?   Gelingt   das   nicht,  droht als naechster Schritt der Wunsch nach Alternativen: Man  wollte nicht diesen einen Sachverhalt erklaert bekommen, man  wollte Entscheidungsoptionen, aus denen ausgewaehlt werden  kann.  Aktivitaet   und  Passivitaet, Sender  und  Empfaenger  wechseln  laufend.   Inhalte   stehen   zur   Disposition,   Einstellungen   und  Lebensformen   ebenso.   Sie   muessen   auf   den   Tisch   gebracht  werden und sind dann Verhandlungssache.  Verhandelt werden Objekte. Objekt ist, was objektivierbar ist.  Objektivieren   bedeutet,   Eigenschaften,   Aenderungen,   Themen  einzufrieren,   sie   voraussetzungslos   zu   machen   und   auf   den  aktuellen Stand der Dinge zu reduzieren. Es gilt, was auf dem  126
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    Wie die Tiere Tisch liegt – alles andere muss neu oder spaeter verhandelt  werden.  Nur   die   Oberflaeche   zaehlt.   So   wie   kommerzielle  Angebote alles sichtbar machen muessen, was fuer Produkt­  und   Leistungsumfang   und   die   Kosten   relevant   ist,   muessen  auch andere Objekte, die wir verhandeln wollen, fuer sich selbst  sprechen. Wir muessen ihnen mitgeben, was sie brauchen, und  dafuer   sorgen,   dass   sie   auch   ohne   unsere   Gegenwart  zurechtkommen.   Das kann eine Idee sein, ein Projektplan, es koennen auch wir  selbst   sein:   Es   sind   nicht   “wir”,   die   nach   einem  Bewerbungsgespraech   beurteilt   werden,   es   ist   ein   Eindruck,  den jemand anderer von einem Gespraech mit uns hat. Was wir  dabei nicht angesprochen haben – bleibt unser Problem.  Ich moechte nocheinmal das SOAR­Modell der Zen­Philosophie  strapazieren: Wir koennen Perspektiven wechseln, Standpunkte  austauschen,  gleiche  Sachverhalte unterschiedlich betrachten  und   anregende   Diskussionen   und   Denkprozesse   entstehen  lassen. Wir koennen rechnen, planen, Optionen vorbereiten. Mit  all dem koennen wir Handlungen ausloesen, auch planen und  steuern. ­ Und dann wird irgendetwas passieren. Darauf haben  wir keinen Einfluss. Wir koennen nur den Output wieder in eine  Oberflaeche verwandeln, mit der wir umgehen koennen. Das  liegt dann doch an uns.  Die   Diskussion   zwischen   uns   und   anderem,   zwischen  Subjektivem   und   Objektivem,   wird   immer   zu   irgendwelchen  Aktionen fuehren. Wir machen etwas daraus, wir sehen Dinge  so,   dann   eventuell   anders,   vielleicht   lernen   wir,   vielleicht  bleiben wir stur.  Wir  bleiben   jedenfalls  immer   in  Beziehungen:   Jede  Aussage,  jede   Aktion   gilt   immer   in   Bezug   auf   etwas,   und   sie   stellt  Bezuege her. Wir sind nicht unvermittelt bei etwas, und nichts  ist bei uns. Realitaet, Wahrheit, Authentizitaet, Tiefgruendigkeit,  Echtheit, Originalitaet – das sind Begriffe, zu denen wir gut  spekulieren koennen. Dabei kratzen wir nicht an den Dingen:  127
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    Wie die Tiere Wir bauen rundherum, wir erstellen Bezuege, stellen etwas her  – wir sind sehr aktiv. Wir handeln.  Orientierung,Bildung von Perspektiven Die   vorangehenden   Seiten   haben   aus   verschiedenen  Blickwinkeln immer wieder das gleiche Thema beruehrt: Die  Relativitaet,   Konstruiertheit,   Abhaengigkeit   aller   Themen,  Behauptungen, Wahrnehmungen.  In   unserer   taeglichen   Kommunikation   haben   wir   mit  Bruchstuecken   zu   tun.   Einzelne   Aussagen   muessen   in  Gespraechszusammenhaengen   gesehen   werden,   Gespraeche  kommen aus Arbeits­ oder Lebenssituationen, diese kommen  aus   Unternehmen   oder   Familien,   diese   kommen   aus  Wirtschaftsordnungen   oder   moralischen   oder  verwandschaftlichen   Zusammenhaengen,   diese   werden   durch  Werte,   Regeln,   Gesetze   bestimmt.   Und   diese?   Es   wird   oft  darueber geredet... Laehmt   uns   das?   Nur,   wenn   uns   nicht   von   dem   Gedanken  verabschieden   koennen,   wir   muessten   tiefgruendig   sein,   wir  haetten   eine   Chance   irgendetwas   “wirklich”   zu   kennen,  “wirklich” zu verstehen.  Was zaehlt ist die Oberflaeche Die   Oberflaeche   ist   ein   in   vielen   Zusammenhaengen   negativ  besetztes Wort. Jemand ist oberflaechlich, wenn kurzsichtige,  egoistische Interessen verfolgt werden, dabei andere nicht als  ganze Persoenlichkeiten, nicht in ihrer Tiefe respektiert.  128
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    Wie die Tiere So sind wir immer. Wir sind auf uns bezogen und auf das, was  wir wissen. Damit sind wir immer kurzfristig ausgerichtet und  egoistisch.  Das muss nicht unbedingt ein Fehler sein: Flexibilitaet macht  aus  dieser   vielleicht   negativ   beurteilten   Eigenschaft   eine  wertfreie   Bestandsaufnahme.   Viele   im   passenden   Moment  aneinander gereihte kurzfristige Ausblicke ergeben eine lange  Zeit, waehrend der immer angemessen auf den Moment reagiert  werden kann. Wie vertraegt sich das mit langfristigen Zielen? ­  Egal wie weitreichend unsere Plaene sind, der Weg zu einem Ziel  beginnt immer mit einem ersten Schritt.  Zum Problem des Egoismus: Wir sind immer auf uns selbst  bezogen,   wir   sind   nicht  der   andere.   Wir   beziehen   auch  den  anderen   auf   uns   selbst;   unsere   Vorstellungen   von   dessen  Werten und Zielen sind eben immer noch unsere Vorstellungen.  ­ Vielleicht treffen wir fremde Werte und Ziele um so eher, je  weniger wir uns mit ihnen beschaeftigen: Dabei koennen wir sie  zumindest nicht fuer unsere Zwecke verfaelschen.  Das Primat der Oberflaeche bedeutet, in jedem Moment auf den  Moment zu reagieren. Es ist kein Widerspruch zu langfristigen  Zielsetzungen,   es   ist   der   Weg,   Herausforderungen  zweckorientiert zu begegnen: Was kann ich heute machen, was  kann   ich   wissen,   was   kann   ich  steuern?   ­   Alles   andere   ist  hilflose Spekulation zwischen Tagtraeumerei, Selbstzerstoerung  und Betrug. Ein   Beispiel:   Ein   Senior   Manager   overrult   eine  Praesentation mit einem fachlich nicht ganz korrekten,  aber auch nicht ganz falschen Einwand: “Das muessen  Sie   noch   einmal   pruefen;   ich   glaube,   dass   in   dieser  Einschaetzung   irgendwo   ein   Fehler   steckt.”   ­   Wer  diskutiert,   erhoeht   die   Chance,   weitere   aehnliche  Einwaende   zu   provozieren,   die   unabhaengig   von   den  Tatsachen   ihren   eigenen   Eindruck   erzeugen.   Wer  schweigt, verliert Zeit – die aber ohnehin verloren ist.  129
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    Wie die Tiere Ein IT­Architekt zeichnet duestere Szenarien in die Luft.  Das Versenden des Einstiegspassworts per Mail ist eine  gravierende  Sicherheitsluecke.   grundsaetzlich   ja,   aber  was steht auf dem Spiel? Geht es um Onlinebanking  oder   um   den   Zugang   zu   abteilungsspezifischer  Information im ohnehin geschuetzten Intranet?  Ihr   Schwiegervater   holt   zu   langwierigen,   etwas  abstrakten   Erklaerungen   ueber   seine   berufliche  Vergangenheit   aus,   um   diese   mit   Ihrer   aktuellen  Gegenwart   zu   vergleichen   und   moechte   daraus  Entscheidungshilfen   fuer   Ihre   naechsten   Schritte  ableiten.  Hier liegen ueberall unterschiedliche Horizonte zugrunde.  Wollen wir denen wirklich nachgehen? ­ Wir koennen uns  auf das aktuell Wahrnehmbare zurueckziehen: Es gibt  Unterschiede, es gibt verschiedene Hintergruende, es gibt  verschiedene Auffassungen der Buehne, auf der wir uns  gerade befinden.  Mit zwei oder drei Fragen koennen wir die Richtung feststellen,  aus   der   der   Einwand   kommt:   Welche   Machtverhaeltnisse  spielen eine Rolle, Welche aktivierbaren weiteren Hindernisse  tauchen moeglicherweise gleich am Horizont auf? Das koennen  Regeln,   Standards,   rechtliche   Verpflichtungen   oder   andere  schwer ausraeumbare Huerden sein.  Und dann ist recht schnell der Punkt erreicht, an dem es sich  nicht   mehr   auszahlt,   weiterzumachen.   Es   kann   jetzt   keine  Entscheidung getroffen werden, es muessen – aus sachlichen  oder formellen Gruenden – weitere neue Informationen ins Spiel  gebracht werden. Dann   kann   neu   verhandelt   werden.   Diese   Schritte   sind  energiesparend   und   zeiteffizient;   alle   Versuche,   etwas  durchzusetzen,  Druck zu machen,  Entscheidungsprozesse zu  komprimieren,   scheitern   manchmal   nicht   offensichtlich.   Sie  koennen aber die etablierten Muster nicht aendern – sie rufen  130
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    Wie die Tiere oft  nur   Gegenreaktionen   hervor.   Es   werden   Varianten   von  Oberflaechen erzeugt, keine neuen und weiteren Schritte. Das  ist   unproduktiv.   Was   haben   wir   also   davon,   wenn   nur   die  Oberflaeche zaehlt?  Was heisst etwas zaehlt? In   Pattsituationen   scheiden   sich   die   Geister.   Und   sie   bieten  wieder viele Ansatzpunkte, um zu erkennen, mit wem man es  zu tun hat.  Was bedeutet es, zu sagen, nur die Oberflaeche zaehlt? Fuer die  einen heisst es, dass hier und jetzt entschieden werden muss  und   kann,   fuer   die   anderen   bedeutet   es,   immer   im  objektivierbaren Bereich zu bleiben, wieder andere sehen es als  eine Taktik der kleinen Schritte, die nur kleine Scheiben der  Salami preisgibt, den Esel mit Karotten lockt und immer nah an  der Manipulation liegt.  Was bedeutet es ueberhaupt, zu sagen, etwas zaehlt? Dahinter  liegt   das   Festsetzen   von   Kriterien.   Wichtig   und   unwichtig  werden festgelegt, und das Ausmass dieser Eigenschaften wird  zaehlbar und messbar gemacht. Das ist selbst eine Abstraktion,  die   Entfernung   von   vermuteten   Eigenschaften,   die  Konzentration auf eine Dimension und deren Skalen. Allein zu  sagen, etwas zaehlt, ist bereits das Herstellen einer Oberflaeche.  Was zaehlbar ist, hat einen Wert. Wir koennen uns aussuchen,  ob   wir   hier   von   ethischen,   sozialen,   ideellen   oder  geschaeftlichen   Werten   reden.   ­   Das   sind   nur   die   grossen  Dimensionen moeglicher Bezugsrahmen, innerhalb derer noch  viele weitere Stufen unterscheidbar sind.  Zaehlbarkeit und Werte einzufuehren ist auch ein Indiz dafuer,  dass Effizienz gefragt ist – wir wollen uns nicht mit unnoetigen  Details   und   Spekulationen   aufhalten.   In   manchen  Zusammenhaengen   gelingt   uns   das   ganz   gut:   Je   entfernter  131
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    Wie die Tiere etwas  von   uns   ist,   desto   leichter   faellt   es   uns,   Details  wegzulassen oder so zu sehen, wie wir sie brauchen. Das haben  wir schon oft beruehrt. ­ Sehen wir noch einmal hin.  Wir haben den Eindruck, Menschen verstehen zu muessen, ihre  Ziele und Motive zu kennen, mit unseren abzugleichen. Dabei  beschaeftigen wir uns oft nur mit unseren eigenen Motiven als  mit jenen anderer.  Groessere   Distanzen   zwischen   uns   und   dem   Bezugsobjekt  nehmen   uns   etwas   von   dem   Druck,   hier   praezise   sein   zu  muessen.   Bei   Tieren   schliesslich   geben   wir   uns   mit   Reiz­ Reaktionsschemen   oder   Konditionierungsmodellen   zufrieden.  Ich   kann   mich   nicht   erinnern,   jemals   eine   Diskussion   der  Geschmacksvorlieben   oder   eventueller   musikalischer  Praeferenzen des sabbernden Hundes gelesen zu haben. Auch  hier   kennen   wir   aber   das   andere   Extrem:   Mit   der  voraussetzungs­ und folgenlosen Reduzierung, die immer nur  das betrachtet, was gerade ist, koennen wir schlecht umgehen.  Wir   wollen   Interpretationen   der   und   Erinnerungen   an   die  Vergangenheit,   wir   wollen   Indikationen   fuer   die   Zukunft.  Deshalb   schaffen   wir   Modelle   und   Muster,   die   in   sich  schluessig, darueber hinaus aber wieder haltlos sein koennen  Es kuemmert uns in der Regel nicht, wie falsch wir mit unseren  Behauptungen   liegen,   solange   sie   oft   genug   von   einer  ausreichenden Menge an Leuten wiederholt werden und solange  wir   uns   nicht   direkt   mit   Widerspruechen   und   deren   Folgen  auseinandersetzen muessen.  Stur wie ein Bock oder wie ein Esel, dumm wie eine Gans oder  eine Kuh, gemein, gefaehrlich, hinterlistig – alles findet seine  Entsprechungen.  Der   Vorteil   fuer   uns   liegt   auf   der   Hand:   Wir   bekommen  Anleitungen, die wir mit anderen teilen koennen und fuer die  wir   nicht   selbst   verantwortlich   sind.   ­   Das   koennen   wir   als  einschraenkende Tatsache akzeptieren – oder wir koennen es  als Basis annehmen, als einen gesicherten Punkt, von dem aus  132
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    Wie die Tiere wir weiterarbeiten koennen.  Dinge “sind” so bedeutet dann: Sie koennen so gesehen werden,  sie passen mit diesen Abhaengigkeiten und Bedingungen in das  Bild  der   Welt,   das   wir   uns   geschaffen   haben.   Sie  vervollstaendigen   so   Muster   und   Ansichten,   die   “wir”   (als  unbestimmtes Ganzes) uns geschaffen haben. damit tragen sie  zur Vorhersagbarkeit von Ergebnissen bei.  Bei   Tieren   haben   wir   kein   Problem   damit,   Ablaeufe  vorherzusagen und gleichzeitig auch Abweichungen in Kauf zu  nehmen.   “Gleich   beisst   er”   ­   angesichts   eines   drohenden  Hundes  werden  Verhaltensmassnahmen   ausgegeben  –  in  der  Hoffnung,   dass   was   auch   immer   folgt,   kontrollierbar   waere.  Nicht anschauen oder nicht weglaufen, nicht in die Augen sehen  oder   aggressiv   entgegentreten   –   die   Ratschlaege   sind   so  zahlreich   wie   widerspruechlich.   Sollte   der   arme   Hund   dann  doch beissen, lesen wir spaeter in den Schlagzeilen: “Ohne jede  Vorwarnung und ohne erkennbaren Grund...” ­ als waere es die  Angelegenheit des Tieres, unseren Vorstellungen von Fairness  und Gerechtigkeit zu entsprechen. Die Menge und Vielfalt der Verhaltensempfehlungen zeigt uns  zweierlei:   Wir   nehmen   es   hier   mit   der   “Wahrheit”,   der  Ergruendung diverser moeglicher Umstaende und Einfluesse,  nicht   so   genau   –   sonst   muessten   wir   uns   fuer   eine   dieser  Empfehlungen   entscheiden   oder   koennten   keine   ohne  Einschraenkung so stehen lassen.  Zweitens: Wir glauben trotz allem daran, dass zumindest ein  Teil dieser Hinweise nuetzlich ist  und dass es Sinn macht, mit  diesen Argumenten zu arbeiten. Das zeigt unsere Reaktion auf  abweichende   Verhaltensweisen:   Grundlos   und   ohne  Vorwarnung beissende Hunde, Bestien, als bissig klassifizierte  Tiere – was nicht unseren Regeln und Erwartungen entspricht,  wird   schnell   neu   klassifiziert.  Wir  haben   selten  ein   Problem  damit;   Einwaende   entstehen   hoechstens   dann,   wenn  Beziehungen, Haeufigkeit oder Regelmaessigkeit der Information  es schaffen, bei uns weitere Auseinandersetzung zu erzeugen.  133
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    Wie die Tiere Natuerlich sind wir damit oberflaechlich. Zugleich sind wir aber  auch frei: Wir haben eine Erwartung und formulieren sie, und  wir  haben   einen   Plan   B,   falls   dieser   Erwartung   nicht  entsprochen   wird.   Im   geschaeftlichen   Alltag   und   anderen   –  menschlichen – Beziehungen sind wir oft nicht so unbeschwert.  Wir  gruebeln   ueber   unseren   ersten   oder   fuenften   Eindruck,  hinterfragen, stellen Vermutungen an. Meist haben wir dabei  schon   ein   Bild   im   Kopf;   vor  dem   ersten   Eindruck   und   den  Urteilen,  die  er  in  uns  weckt,  koennen  wir uns  nur  schwer  wehren. Trotzdem wollen wir es genauer wissen – und entfernen  uns damit immer weiter von dem, was wir wissen, hin zu dem,  was wir glauben.  Das   ist   schlecht   fuer   konkrete,   messbare,   nachvollziehbare  Ergebnisse. Denn um Prioritaeten setzen zu koennen, feststellen  zu koennen, was zaehlt, brauchen wir einen Blick auf die Dinge,  mit dem wir zaehlen koennen.  Genauso unbeschwert umgehen wie mit Tieren – Signale ernst nehmen Zaehlen, messen, planen, kontrollieren koennen wir dort, wo  wir Distanz einnehmen koennen. Vorausgesetzt, dass wir uns  dieser Distanz bewusst sind, und sie nicht durch Spekulation,  Gerede oder Ignoranz zu uebergehen versuchen.  Wir beobachten, wir koennen dabei verschiedene Theorien und  Hypothesen ausprobieren und sie als Muster und Prognosetools  anwenden,   koennen   zwischen   ihnen   wechseln   und   sie   als  anregende heuristische Experimente betrachten. ­ Nichts muss  so sein, wie es scheint. Haben wir gestern noch jemanden fuer  bodenstaendig und einfaeltig gehalten? Es ist kein Widerspruch,  heute   dessen   neugierige,   technikinteressierte   Seite   zu  entdecken – es erweitert einfach das Bild.  134
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    Wie die Tiere Mit  dieser   Flexibilitaet   im   Hintergrund   koennen   wir   leicht  unbeschwert   umgehen,   koennen   Urteile   faellen,   ohne   daran  festhalten   zu   muessen.   Wir   koennen   Ideen,   Einstellungen,  Ueberzeugungen   als   Bausteine   betrachten,   als  Hinweise  fuer  Regelmaessigkeit,   die   der   Vorhersagbarkeit   und   Planbarkeit  dienen,   und   die   wir   auf   verschiedene   Art   und   Weise  zusammensetzen   koennen,   um   unsere   Perspektiven   zu  erklaeren, unseren Horizont zu erweitern und unsere Chancen,  unsere Plaene durchzusetzen, zu steigern.  Macht uns das schlauer und besser, gibt uns das Macht? Ich  bin skeptisch.  Wir   gewinnen   Handlungsspielraum,  Entscheidungsmoeglichkeiten und einen Hintergrund, vor dem  es uns leichter faellt, Dinge zu verstehen, vielleicht auch zu  akzeptieren.   Das   ist   eine   Einstellungssache,   und   kein  Kochrezept   zum   Erfolg.   Denn   dafuer   ist   zu   vieles   offen,   in  Bewegung, in Beziehungen zu sehen.  Das   ist   zugleich   beschreibend   und   fordernd:   Dinge,   Werte,  Verhaeltnisse sind in Bewegung, und daran muessen wir unsere  Ansichten anpassen.  Keine Dualitaet, kein Zusammenfuehren, keine Wahrheit Zu wissen, dass etwas nicht stimmt, bedeutet noch lange nicht,  zu wissen, was stimmt.  Dinge in Frage zu stellen, eine skeptische Grundhaltung, das  haeufige   Wechseln   von   Perspektiven,   bedeutet   nicht,   dass  dadurch konstruktive Beitraege entstehen. In erster Linie  ist  Diskussion destruktiv. Fragen bringen nicht zwangslaeufig gute  Antworten.  Die   Idee,   es   gaebe   irgendwo   eine   “Wahrheit”,   eine   letzte  135
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    Wie die Tiere Konsequenz, die es freizulegen gilt, der wir uns mit geeigneten  Fragen  und   anderen   Methoden   naehern   koennen,   wirkt  zusehends unangemessen: Zu viele Perspektiven vor zu vielen  Hintergruenden   sind   gleichberechtigt   zulaessig   und   ruecken  Gemeinsamkeiten in immer weitere Ferne. Reden muss nicht  unbedingt verbindend sein – es beschaeftigt, kann aber auch  aufschiebend sein. Es haelt hin und trennt dadurch manchmal  auch von dem Ziel, das eigentlich erreicht werden sollte.  Und   schliesslich:   Wir,   unsere   Bemuehungen,   unsere  Erklaerungsversuche, sind unseren Objekten in der Regel egal.  Es   muss   keine   Beruehrungspunkte   geben,   es   muss   nichts  gemeinsames, Entscheidendes erreicht werden.  Die “Realitaet” bleibt unangetastet. ­ Das ist die Perspektive, die  die   SOAR­Philosophie   aus   der   Zen­Perspektive   zu   unserer  Fragestellung   beitraegt.   Wir   reden   aus   subjektiver   oder  objektiver Perspektive, machen auch einiges, setzen Aktionen –  und dennoch bleibt immer etwas – vieles – bestehen, das von  uns unabhaengig ist. Anstelle unvermittelter Gemeinsamkeit tritt das Wissen, dass alles Verhandlungssache ist – auch die letzten Gruende Dinge koennen so sein, oder auch anders, Menschen koennen  unseren   Erwartungen   entsprechen   oder   uns   enttaeuschen,  Projekte   koennen   gut   laufen   oder   mit   fliegenden   Fahnen  untergehen. Wissen wir immer die Ursache? ­ Natuerlich. Wir  haben unzaehlige Erklaerungen, Begruendungen, Modelle bei  der   Hand.   Manche   haben   es   immer   schon   gewusst.   Andere  haben   viel   gelernt   und   werden   ihre   Fehler   zukuenftig  vermeiden. Das wiederholt sich, unabhaengig vom konkreten  Anlass, unabhaengig von der Perspektive. Jeder der an einem  136
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    Wie die Tiere Projekt, an einer Beziehung Beteiligten wird seine eigene Sicht  der Dinge entwickeln, jeder hat seine eigene Argumentation.  Es  kann   also   kein   Problem   sein,   die   Ursachen,   die   letzten  Zusammenhaenge zu kennen. Genau das allerdings sollte uns  zu denken geben. Je schneller wir mit  einer Meinung, einer  Ursache bei der Hand sind, desto mehr gibt es davon. Desto  mehr verschiedene. Alle treffen zu, keine trifft zu – die Wahrheit  ist   disponierbar,   eine   Frage   von   Durchsetzungsvermoegen,  Verhandlungsgeschick.   Oder   schlicht   ueberfluessig:   Wer  braucht eine Konstruktion wie Wahrheit, die beliebig verfuegbar  und biegsam ist – oder so sehr in sich ruht, so unerreichbar ist,  dass sie fuer uns keine Rolle spielt. Diese Art von Realitaet ist  unberuehrt von unseren Aktionen, gehoert weder mir noch dir –  vielleicht steht sie irgendwo “hinter”, “unter” der Oberflaeche  der Dinge. Aber muss uns das in der Praxis kuemmern?  Offensichtlich reden wir trotzdem Offensichtlich reden wir trotzdem. Heisst dass, das wir trotz  allem   irgendwo   der   ungreifbaren   Realitaet   habhaft   werden  koennen? Oder dass sie so unwichtig ist, dass wir ohne sie  auskommen koennen?  Die Praxis findet den einen oder anderen Workaround. Ueber  Rezepte,   Muster,   Konventionen   schaffen   wir   ausreichend  Gemeinsamkeit, um fuer zielorientierte Zwecke auszukommen.  In geschuetzten Werkstaetten koennen wir so tun, als wuessten  wir   bescheid,   als   ginge   es   wirklich   um's   Geldverdienen,   um  Fairness, um Bekanntheit.    Je   mehr   wir   darueber   bescheid   wissen,   wie   diese   Muster  zustande   kommen,   desto   mehr   davon   verstehen   wir.  Darueberhinaus   gewinnen   wir   damit   eine   Perspektive   zur  Steuerung   von   Ablaeufen:   Wer   zwischen   Mustern   wechseln  kann, hat die Chance, andere zu verstehen, Perspektiven zu  wechseln. Reaktionen abschaetzen zu koennen. Auch all das  137
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    Wie die Tiere sind  Verhandlungen,   die   sich   immer   an   der   Oberflaeche  abspielen. Wir machen uns ein Bild: jeder der uns sieht, macht  sich ein Bild von uns.  Was wir nicht gewinnen, ist die Macht, etwas zu aendern, zu  kontrollieren.   Dinge   geschehen,   ob   es   uns   passt   oder   nicht.  Manchmal koennen wir nicht verhandeln. Es gibt die seltenen  Momente, in denen wir anerkennen, zugeben muessen: “Jetzt  ist   etwas   passiert.”   Jetzt   gibt   es   kein   Zurueck   mehr,   keine  Hoffnung, dass es halb so schlimm ist, kein Missverstaendnis.  Das   sind   vielleicht   die   Momente,   in   denen   sich   Realitaet  abzeichnet. Oder ist es wieder nur eine andere Perspektive auf Realitaet,  eine   Sicht,   die   wir   noch   nicht   kennen,   zu   der   uns   jeder  Hintergrund fehlt? Denn   irgendwann   wird   auch   das   Unvorstellbare   begreifbar,  werden aus Kriegsparteien zivilisierte Nachbarn, aus Freunden  aengstliche Neider oder aus Ehepartnern hasserfuellte Feinde.  Bedeutet das dann Wahrheit? ­ Es ist ein Zustand, der auch  vorueber gehen wird, wenn wir das zulassen. Auch wenn er uns  jetzt   voll   und   ganz   ausfuellt   –   hat   sich,   aus   einer   anderen  Perspektive, irgendetwas geaendert? Es sind Bilder verrutscht. Die pragmatische Perspektive sagt: Richtig ist etwas, wenn es  funktioniert.   Das   laesst  viel   Spielraum,   viele   Moeglichkeiten.  Und es eroeffnet auch die Moeglichkeit, mit gutem Grund zu  hinterfragen,   ob   tatsaechlich   etwas   funktioniert.   Oder   was  funktionieren bedeutet. Oder inwiefern Funktionieren etwas mit  dem zu tun hat, was wir uns gerne unter Realitaet vorstellen.  Es ist eine weitere reibungslose Beruehrung von Oberflaechen;  Brueche fallen nicht auf – weil sie nicht offensichtlich sind... 138
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    Wie die Tiere EinBild des anderen machen, in dem die Dinge zusammen passen Reibungslos   ist   ein   wichtiges   Stichwort.   Wir   brauchen  Zusammenhaenge,   Erklaerungen,   Prognosen.   Plausibel  wirkende   Uebergaenge,   Schluesse,   geteilte   Meinungen.   ­   Wir  brauchen eben Weltbilder. Dagegen ist nichts einzuwenden. Sie  engen   ein,   vernebeln   den   Blick,   begrenzen   die   Perspektive,  fuehren   zu   voreiligen   Schluessen   –   aber   sie   bringen   uns  Reproduzierbarkeit und Sicherheit. Solange wir zwischen Weltbildern wechseln koennen, koennen  wir mit der Welt spielen. Solange wir nur zwischen Weltbildern  wechseln, bewegen wir uns in leerem, arrogantem Geschwaetz.  In irgendeiner Perspektive muessen wir zu hause sein – und sei  es die neben allen Perspektiven.  Gibt   es   irgendetwas,das   nicht   hinterfragbar   ist?   Vielleicht  finden wir dort wieder die Realitaet von Nishijima und Dogen,  der wir egal sind, die uns nicht beruehrt und von uns nicht  beruehrt wird.  Irgendetwas   funktioniert   trotzdem,   obwohl   es   keinen   Grund  dafuer   gibt.   Und   wenn   eines   unsere   Weltbilder   dafuer   nicht  herhalten kann, das nicht leisten kann, dann ziehen wir eben  zum naechsten. Wir haben genug davon zur Verfuegung.  139
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    Wie die Tiere Perspektiven Das Bewusstsein um Muster und Oberflaechen schafft Distanz.  Das bedeutet Raum – fuer die Entfaltung von Moeglichkeiten  und fuer Spekulation und Manipulation.  Wir benehmen uns so, wie wir sollen, erfuellen Erwartungen  und Rollen, entsprechen Vorstellungen. Wir haben Bilder, von  denen wir   glauben,   es  muesste  so  sein,   wir   haetten  das   so  gelernt.   Manche   davon   sind   populaer,   dann   entstehen  Ueberschneidungen, wir teilen sie mit anderen. Auf diesem Weg  entstehen die Raeume, in denen Bedeutung, Sinn und damit  Verstehen moeglich werden.  Gemeinsame   Bilder   sind   ein   Indiz   fuer   gemeinsame  Bezugsrahmen,   aber   kein   zwingender   Beweis   dafuer.   Wir  koennen die gleichen Worte verwenden, ohne das gleiche zu  meinen;   wir   koennen   sogar   Bedeutungen   teilen,   und   diese  dennoch unterschiedlich bewerten.  Unausgesprochene   Widersprueche,   die   hinter   scheinbarer  Einigkeit   dann   ploetzlich   doch   auftauchen,   machen   die  Tragweite der Unterschiede (oder die Unangemessenheit unserer  Vorstellungen) doppelt deutlich.  Das kann dann eintreten, wenn wir ueber jemanden, von dem  wir eine Meinung hatten, etwas neues erfahren, wenn unsere  eigenen   Vorstellungen   sich   ploetzlich   zu   widersprechen  scheinen:   Der   friediche   Globalisierungsgegner   und  Umweltaktivist spielt brutale Egoshooter. Der eloquente Denker  hat   ein   Faible   fuer   Kreuzwortraetsel.   Die   weltoffene,  gespraechbereite,   freundliche   Bekannte   arbeitet   fuer   eine  konservative, leicht xenophobe Partei.  Muessen wir in diesem Fall Grundsaetze revidieren (was finden  wir gut, was schlecht)? Muessen wir unser Urteil aendern (“Das  ist doch kein netter Mensch”)? Oder lernen wir etwas ueber die  Entstehung   von   Bedeutung   und   die   Grenzen   unserer  141
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    Wie die Tiere Vorstellung? ­ Information verunsichert. Wir sind immer enttaeuscht. Neue Partner, Kollegen, Bekannte  – keiner entspricht jemals unseren Vorstellungen; jeder ist fuer  sich. Die Enttaeuschung liegt nicht am anderen, sie liegt auch  nicht  an   uns   –   die   Qualitaet   unserer   Vorstellungen   ist  ausschlaggebend, wenn wir unzufrieden sind. Warum sollten Verhaeltnisse so sein, wie wir es uns ausmalen?  Dort drueben sind nicht wir, es ist nicht alles fuer uns. Wir sind  nicht nur nicht der Mittelpunkt; manchmal sind wir schlicht ein  Stoerfaktor:   Wir   halten   an   etwas   fest,   wir   haben   unsere  Meinung – und wir koennen (einmal mehr ist das ein sachlicher  Begriff   und   kein   moralischer)   nicht   alle   relevanten  Veraenderungen   mitverfolgen.   Wir   sind,   sobald   wir   etwas   zu  behaupten, festzuhalten, fuer uns zu verstehen versuchen, ein  schlecht platzierter Tuerstopper, der nicht nur seine fixierende  Funktion erfuellt, sondern im Weg steht und zum Stolperstein  wird.  Das mag verquer wirken, aber es ist angemessenes Verhalten  angesichts   von   Vielfalt   und   Veraenderung,   wenn   wir   zu  Ergebnissen kommen wollen. Gibt es Regeln, die helfen Vielfalt  und Veraenderung zu registrieren, zu nutzen und zu steuern?  Auf welche Basis sollen sich diese berufen?  Feste   Werte   und   Regeln   sind   strukturierende   Elemente,   die  funktionieren,   solange   nicht   zu   viel   widersprechende  Information   vorliegt   oder   solange   auftretende   Widersprueche  entsprechend bewertet werden. Das sind Interaktionsmodelle,  die Kirchen und Diktaturen gekonnt vorexerzieren: “Das Boese”  findet   dort   die   meisten   Entfaltungsmoeglichkeiten,   wo   es  unerwuenscht ist. Verbote und Abgrenzungen bestaetigen. Sie  benennen (und in gewisser Weise erschaffen sie dadurch) das,  was sie unterdruecken oder leugnen wollen.  Je mehr Information wir haben, desto mehr Optionen haben  wir.   Wenn   jede   Information   unsere   eigenen   Optionen   und  Annahmen zu bestaetigen scheint, dann haben wir ein Problem.  142
  • 143.
    Wie die Tiere Vielleicht sind unsere Annahmen so unspezifisch, dass sie alles  und  nichts   umfassen   koennen   –   dann   sind   sie   praktisch  wertlos. Vielleicht sind sie aber auch so inhaltsleer (oder wir so  rueckgratlos), dass wir gar nicht merken, wie wir mit neuen  Informationen unsere Meinung aendern. Information kann auch zu Verunsicherung fuehren; Wissen ist  nicht   immer   Macht   und   praktische   Grundlage   effizienter  Entscheidung.   Wissen   kann   auch   dazu   fuehren,  Entscheidungsmacht   und   Wahlmoeglichkeiten   abgeben   zu  wollen: Es ist nicht immer leicht, die richtige Entscheidung zu  treffen; recht haben in vielen Unternehmenskulturen immer die,  die   prophezeit   haben,   dass   etwas   nicht   funktionieren   wird.  Sicherer   kann   es   also   sein,   wenig   Wissen,   wenig  Entscheidungsspielraum   und   wenige   Wahlmoeglichkeiten   zu  haben.  Information auszufiltern wird immer schwieriger, je intensiver  wir   vernetzt   sind:   Immer   mehr   Quellen   bieten   immer   mehr  Bruchstuecke,   die   wir   scheinbar   leicht   zu   einem   stetig  wachsenden   Bild   zusammenfuegen   koennen.   Das   entspricht  genau   dem   nicht   urteilenden   Sammeln   von   Bausteinen.  Dazwischen   allerdings   bleibt   immer   Platz   fuer   Mythen;   die  Verbindungen   zwischen   einzelnen   Bruchstuecken   entstehen  immer spekulativ. Wir schaffen sie, erfinden sie.  Gerade   extrem   informationsreiche   Umgebungen   wie   Social  Media und andere enge, aktive Netzwerke, sind so betrachtet  keine konstruktiv erzaehlenden Funktionen, sie stellen keine  inhaltlichen   oder   logischen   Zusammenhaenge   her.   Sie   sind  vielmehr   fruchtbare   Falsifizierungsmaschinen.   Einzelne  Informationsbruchstuecke zeigen uns, wo wir ueberall unrecht  hatten, sie sagen, was wir uns nicht mehr zu fragen brauchen.  Wir sind Zaungast dauernder Konversationen, die uns nichts  angehen.   Hintergrundinformationen   und   Nebengeraeusche  multiplizieren und beschleunigen einander. Die Polyphonie ist  schwer fassbar. 143
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    Wie die Tiere Kannso viel passieren, wie geredet wird? Medien   bieten   technische   Moeglichkeiten,   Tempo,   Vielfalt,  Gleichzeitigkeit zu erfassen und auch wieder zu sortieren und  einzuschraenken.   Suchfunktionen,   Filter,   Tags   und   andere  semantische   Techniken   bieten   verschiedene   Perspektiven   auf  Inhalte.  Dennoch stellt sich die Frage, ob ueberhaupt so viel passieren  kann,   wie   geredet   wird.   Das   schliesst   die   Frage   ein,   was  “passieren”   bedeutet.   Hat   jeder   Informationsbruchteil   seine  Bedeutung, heisst alles etwas und koennen wir in allem Sinn  erkennen? Ich bin vom Gegenteil ueberzeugt.  Bedeutung entsteht in Bezuegen und Perspektiven; dabei sind  immer wir im Bild. Wir erkennen keine Bedeutung ausserhalb  unserer  selbt.  Wir koennen  vielleicht  darauf  verweisen,  dass  etwas auch fuer andere wichtig ist, dass manche (Kunst)Werke  die  Zeit ueberdauern und uns dadurch aus dem Bild nehmen,  auf   das   Vorliegen   objektivierter   Kriterien   verweisen.   Wir  verschwinden dabei aber nicht aus dem Bild; wir sind dessen  Rahmen, dessen Hintergrund. Warum ist die Bedeutung fuer  andere wichtig? Weil andere (diese Gruppe) uns wichtig sind;  weil wir ein bestimmtes Prinzip voraussetzen, das der Meinung  dieser   Gruppe   Bedeutung   einraeumt   (zaehlt   streng  demokratisch der Geschmack der Mehrheit, gilt das Urteil von  Eliten, verlassen wir uns auf die Meinung von Freunden und  Lehrern?).  Wir erzeugen einen Bedeutungsrahmen und koennen uns in  Beziehung dazu setzen; aber wir verschwinden niemals aus dem  Bild. Wenn wir Begriffe wie echt, wirklich und wahr verwenden  wollen,   muessen   wir   selbst   unser   Zeuge   sein,   der   fuer   das  144
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    Wie die Tiere Gewicht dieser Begriffe gerade steht. Ohne uns erzeugen wir  nur laufende Griffe ins Leere; jeder Grund, den wir vorschieben  wollen,  erweist   sich   als   von   anderen   Voraussetzungen  abhaengig, die ihrerseits wieder nur in bestimmten Bezuegen,  Perspektiven und Abhaengigkeiten funktionieren.  Informationsbestandteile haben also keine fuer sich stehende  Bedeutung.   Sie   bedeuten   sich   selbst   (was   meistens  gleichbedeutend   mit   nichts   ist,   verglichen   mit   den   hohen  Anspruechen, die wir an Worte wie “Bedeutung” stellen). Wenn sie wenig oder unklare Bedeutung haben – wie kann ihr  Bezug oder ihre Wirkung auf die Realitaet aussehen? Was heisst  das   fuer   den   Zusammenhang   zwischen   reden   und   machen,  etwas wird beschrieben/erzaehlt und etwas passiert?  Erzaehlungen bringen ihren   Rahmen mit, um verstanden zu  werden.  Das  koennen   Anspielungen  und  Ausschmueckungen  sein. Das koennen Wertesysteme und andere mit  Bedeutung  versehene Welten sein. Bedeutung ergibt sich jedenfalls erst in  Zusammenhaengen;   in   bezug   auf   etwas   ergibt   sich   diese  Bedeutung, in bezug auf etwas anderes eine andere.  Bedeutung entsteht spaeter Worte  und   Begriffe  stehen   erst   einmal   nur   fuer   sich  selbst;  wenn   etwas   passiert,   also   tatsaechlich   Bedeutung   erlangt,  wissen wir es ersteinmal nicht. Nichts, das einfach stattfindet,  hat einfach so Bedeutung. Bedeutung ist inszeniert – also von  langer   Hand   vorbereitet,   mit   vielen   Ergaenzungen   und  Verbindungen versehen ­, oder interpretiert, also im nachhinein  hinzugefuegt; eine Entwicklung, eine Kette von Ereignissen (die  schliesslich zu etwas gefuehrt hat) braucht einen Grund – also  wird   ein   anderes   Ereignis,   das   vielleicht   damit   in  Zusammenhang   steht,   als   Ursache   und   Ausgangspunkt  145
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    Wie die Tiere angesehen, es wird ihm Bedeutung zugeschrieben.  Inszenierte Bedeutung finden sich in Politik und Show wieder –  rote  Teppiche,   Staatsbesuche   mit   Gardeempfang   oder  demokratische   Gesetzgebung   (etwas   gilt,   weil   die   Regeln   es  sagen) sind klassische Beispiele dafuer.  Sinn   durch   Interpretation   ist   vor   allem   in   Geschichte   und  Kultur   beliebt:   Die   Rueckfuehrung   von   Ereignissen   auf  Ursachen ist das leuchtende Beispiel: Waere die Beziehung von  Ursache und Ereignis beidseitig, waere die Bedeutung schon in  der   Ursache   gelegen   –   Geschichtsforscher   waeren   dann  Propheten.  Inszenierung   und   Interpretation   als   sinnstiftende   Techniken  sind   Varianten   von   Spekulation,   die   sich  in   klaren   Grenzen  bewegen.   Wir   haben   Grundsaetze,   Erfahrungen,   Horizonte,  Dialogregeln – und vor allem Distanz. Wir stehen ausserhalb,  haben   den   Ueberblick und  sind  auch nicht direkt  betroffen,  wenn eine unserer Einschaetzungen nicht zutrifft.   Wir   sind   Zaungast,   wie   wenn   wir   –   sei   des   durch   Medien  vermittelt   oder   direkt   –   Prozesse,   Organisationen,   Ereignisse  oder Herden beobachten. Aus unserer Perspektive koennen wir  objektivieren, egal wie unrecht wir damit potentiell anderen tun.  Wir gehen auf Distanz, schauen zu, teilen ein; wir sehen Regeln,  wir sehen den Wald und die Baeume und haben immer noch die  Moeglichkeit, unsere Perspektiven und Urteile zu aendern. Wir  haben die Macht, zu reden; die anderen sind “die”. “Die” erzeugen “uns” Manchmal   offenbart   diese   Position   auch   ihre   ganze  Kuenstlichkeit, Vermitteltheit. Wir sind immer auf Distanz, im  Zitat, in einer Ableitung und Variation. Manchmal hoffen wir  146
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    Wie die Tiere auf  Selbstverstaendlichkeit   und   wuenschen   uns,   wir   waeren  lieber mittendrin, als nur dabei. Manchmal moechten wir eben  Teil einer Herde sein. Die Herde existiert aber nur fuer den, der danebensteht, und  die Herde sehen moechte. In der Herde haelt sich jeder selbst  fuer   die   Person   mit   dem   Ueberblick,   jeder   hat   seine   eigene  Vorstellung von selbstaendiger Position und unbeschriebener,  unbeschreibbarer Menge.  Bestandteil der Herde sein zu wollen ist eine Frage von Werten  und Vertrauen. Die Abgeschlossenheit laesst klare Werte und  Regeln vermuten, eine Basis, auf der gemeinsames Verstaendnis  moeglich ist. Manche nennen ihre Herden auch Tribes, Parteien  oder   Kirchen,   manche   schlicht   Freunde.   Die   Auspraegungen  sind verschieden, Naehe, Vertrauen und Verstehen spielen in  allen   Formen   eine   Rolle.   Sie   gruppieren   und   uebergehen  Distanz, indem sie Distanz nach aussen verlegen, einen Gegner,  Markt, das Boese konstruieren. “Die anderen” sind jetzt anders,  wir gehen davon aus, dass wir uns einig sind.  Die   grossen   Perspektiven   ueberlagern   die   kleinen   –   die  politischen   Gegner,   die   andere   Abteilung,   die   ahnungslosen  Kunden oder ueberhaupt “die”, die doch alle bloed sind. Von  innen betrachtet, sind das vereinnahmende Massnahmen. Nach  Einwaenden   wird   nicht   gefragt,   sie   muessten   mit   doppeltem  Aufwand vorgebracht werden.  Das erzeugt angenehme Heimeligkeit fuer die einen, ungeliebte  Umklammerung   fuer   andere.   In   der   scheinbaren  Selbstverstaendlichkeit, in der Naehe herrscht, Verstaendigung  moeglich   ist   und   der   Hintergrund   geteilt   wird,   brechen  Differenzen umso ploetzlicher und deutlicher auf – wenn sie  dann doch auftreten.  “Die Rechtsparteien kann man wirklich nicht waehlen”, sagt die  Neobekanntschaft   waehrend   des   Abendessens.   “Es   ist  schrecklich,   dass   die   jetzt   wieder   solche   Zuwaechse   haben.”  Inhaltlich fuegt sich das in das Bild, das wir sehen wollen und  147
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    Wie die Tiere vermutet  haben;   wir   teilen   liberal   entspannte  Grundeinstellungen und brauchen nicht weiter ins Detail zu  gehen. Wir wollen die Bekanntschaft  gar nicht  vertiefen,  wir  brauchen   auch   nicht   auf   Distanz   zu   gehen;   grundsaetzlich  herrscht Einigkeit. Bis unser Bekannter weiterredet: “Aber es  wird ja wirklich immer mehr, und ich mag es auch nicht, wenn  sich   Auslaender   nicht   anpassen.   Warum   koennen   sie   nicht  westlich  sein   wie wir  alle? Sogar in   unserer Strasse gibt  es  immer mehr Frauen mit Burka, und deren Maenner gehen ganz  entspannt   daneben   in   T­Shirts   und   kurzen   Hosen.”   ­   Wie  verstehen   wir   das?   Latente   Auslaenderfeindlichkeit?   Ein  verkuerztes   Plaedoyer   fuer   Frauenrechte?   Ein   Statement   zur  Ergruendung moeglicher Ursachen der rechten Wahlerfolge? Ein  persoenliches   Statement   an   der   Grenze   des   Vertretbaren?   ­  Distanz   ist   dringend   notwendig;   wir   muessen   uns   aus   der  vertrauten   Situation   herausnehmen   und   (wieder)   dazu  uebergehen,   Perspektiven,   Optionen,   Muster   zu   bilden.   Was  haben wir gerade gehoert, was haben wir vorher gehoert? Und  die   Entscheidung   ist   wieder   eine   Frage   von   Werten   und  Vertrauen: Was sollen wir glauben?  Solche Distanzen und Brueche verursachen (Vor)Urteile, Zweifel  und   Unsicherheit.   Sobald   wir   das   einmal   gesehen   haben,  koennen   wir   nur   schwer   zurueck   in   eine   Einstellung,   die  Sicherheit und Vertrauen voraussetzt. Wir   wissen   dann,   dass   es   nicht   so   ist,   dass   wir   nicht   die  anderen sind, immer einen anderen Blick auf die Dinge haben  werden, sobald es um Details und Werte geht, und machen  trotzdem mit – das ist eine Einstellung.  Positionen und Meinungen sind verhandelbar, Situationen sind  es auch. Wie wollen wir diesen Tag, diese Situation erleben? Es  liegt an uns, uns darauf einzustellen, den Rahmen zu erkennen,  ein   Ziel   zu   formulieren.   Manchmal   muss   man   stur   auf  grundlegenden   Differenzen   beharren,   manchmal   kann   man  dagegen nicht  anders, als Pantoffeln,  Kaffee und Kuchen  zu  akzeptieren.   Die   groessten   Unterschiede   koennen   eben   nicht  148
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    Wie die Tiere erklaert werden,   weil  sie   gar  nicht  in   Beziehung  zueinander  gesetzt werden koennen. ­ Wo es nichts Gemeinsames gibt, gibt  es auch keine erkennbaren Unterschiede... Ist diese Einstellung Anleitung zu Luege und deren Kritik und  Enttarnung zugleich?  In dieser Frage schwingt eine moralische Dimension mit, die  nicht   dort   sein   soll.   Dinge   funktionieren   trotzdem,   Ablaeufe  finden statt, weil wir nicht immer alle Fragen stellen muessen.  Dort, wo wir uns zuhause fuehlen, wo wir nicht von Haus aus  in der befremdeten Position sind, die sich erst einen Ueberblick  verschaffen   muss,   koennen   wir   alle   Ueberlegungen   zu  Perspektiven,   Mustern,   Oberflaechen,   der   Entstehung   von  Bedeutung   oder   Sinn   uebergehen;   dort   ist   Diskussion  destruktiv.  Diese Selbstverstaendlichkeit kein  Indiz dafuer, dass wir mit  unserer   Position   recht   haben;   sie   ist   ganz   im   Gegenteil   ein  wichtiger   Anlass,   die   Beschraenktheit   unserer   Position  wahrzunehmen. Wir koennen nicht auf alles unseren Horizont  anwenden.   Auch  das   ist  keine   moralische   Angelegenheit:   Es  geht um koennen, nicht um sollen. Diese Kompatibilitaetsfrage  ist ein sachliches Problem, kein ethisches – wir machen es nur  immer wieder dazu, wenn wir die eingeschraenkte Reichweite,  das   Perspektivische   und   die   Abhaengigkeit   unseres  Standpunktes von Voraussetzungen uebergehen.  Wir   tun   so,   als   koennten   wir   damit   mehr   als   uns   selbst  erklaeren.  Wir   wissen   ja,   dass   Sinn   vom   Kontext   abhaengt,   dass   die  gleiche Aussage nicht ueberall den gleichen Sinn macht. Dazu  kommt, in unserer Perspektive, noch das Wissen, dass auch der  Kontext von uns abhaengt. Sinnstiftende Elemente sind keine  Fakten, sondern die Raeume dazwischen, deren Beziehungen.  Die Frage nach Sinn und Bedeutung nimmt daher nie uns aus  dem Bild. Auch wenn wir demokratische Rechtfertigung suchen,  149
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    Wie die Tiere mit  oekonomischen   Notwendigkeiten   oder   dem   Wohl   aller  argumentieren – vielleicht tauchen wir nicht auf, aber wir sind  es, die hier argumentieren. Weil wir es fuer wichtig halten, dass  oekonomische   Notwendigkeiten   beruecksichtigt   werden,   dass  die Beduerfnisse der Mehrheit beruecksichtigt werden, dass wir  uns   in   den   akzeptierten   Grenzen   bewegen,   deshalb   gelten  bestimmte   Grundsaetze   und   Regeln.   Wenn   wir   andere  Umgebungen sehen und als richtig und wichtig einschaetzen,  gelten andere Regeln.  Die   Wechselwirkung   von   Meinung   und   Beziehung   in   der  Kommunikation ist eine andere Spielart um darzustellen, wie  Bedeutung nicht alleine entsteht.  Aber wo entsteht Bedeutung? Die begrifflichen abstrakten Voraussetzungen dafuer haben wir  besprochen. Welche Annahmen haben wir praktisch? ­ Wir tun  so, als ob wir Sinn und Bedeutung inszenieren koennten, als ob  eine grosse Inszenierung die Interpretation bestimmen koennte.  Praechtige Events, rote Teppiche, kunstvoll inszenierte Speaker,  wuerdevolle   Rahmen,   beeindruckende   Buffets,   Anspielungen  und   exakte   Wortwahl   in   Aussendungen   und   Reden   sollen  helfen, die Botschaft zu unterstuetzen.  Das   gelingt   zweifelsohne,   nur   entsteht   dadurch   keine  Bedeutung. ­ Und das ist unser Vorteil. Natuerlich ist es eine  Einschraenkung,   nicht   jeden   Kommunikationsakt   bis   zuletzt  kontrollieren zu koennen, aber es ist ein wichtiger Grundsatz,  eine   wirksame   Einstellung,   genau   die   Grenze   als  Orientierungspunkt heranzuziehen: Wie weit kann ich gehen,  wo haengen Fakten, Worte und Sinn zusammen, wo werden  Interpretation, Kontext und Werte des Gespraechspartners das  dominierende   Element?  Wo  muss  ich zur   Kenntnis   nehmen,  dass wir die gleichen Worte verwenden, vielleicht  sogar zum  gleichen Schluss kommen (“Das ist gut/schlecht”) ­ dass das  aber, vor dem Hintergrund unserer Vorstellungen und Werte,  fuer uns auch nicht nur annaehernd das gleiche bedeutet? 150
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    Wie die Tiere Bedeutung entsteht nicht in den offiziellen Kanaelen. Medien  sind  Darstellungswerkzeuge,   die   etwas   zeigen.   Ohne   das  komplette Paket von Medium, Aussage, Publikum, aehnlichen  Aussagen, aehnlichen Medien, aehnlichen Rezipienten, anderen  Medien usw. zu betrachten, haben wir eben nur Anhaltspunkte  dafuer, was mit der Aussage gemeint sein koennte, wie jene  Botschaft beim Empfaenger ankommen koennte. ­ So geht es  uns eben meistens... Inszenierung   versucht,   so   viel   Sinn   und   Bedeutung   wie  moeglich   in   urspruenglich   nicht   sinnstiftenden   Elementen  mitzutransportieren.   Namen,   Zeichnungen,   Logos   stehen  ploetzlich fuer etwas, die Anwesenheit von jemandem an einem  bestimmten Ort kann ebenfalls symbolisch werden, Medien (als  Marken und Produkte) bestimmen ebenfalls in ihrer Eigenschaft  als mit Bedeutung belegtes Produkt schon die Bedeutung ihrer  Inhalte, bevor sie noch konkrete (aktuelle) Inhalte haben: Die  grundlegende   Richtung   bestimmt   nicht   nur   im   Zweifel,   wie  dieser oder jener Inhalt zu verstehen ist.  Diese Inszenierung funktioniert so gut, dass wir beginnen, ihr  freiwillig   zu   folgen.   Wir   lieben   Hypes,   betonen   unsere  (Sub)Kulturen,   inszenieren   durch   Abgrenzung   oder   Ignoranz  von   Inszenierungen   und   sind   oft   ueberrascht,   wenn   sich  manchmal   ploetzlich   die   Gelegenheit   ergibt,   etwas   ohne  Inszenierung   tun   zu   koennen.   Schlicht:   Wir   lieben   das  (Wieder)Erkennbare, alles andere ist eben nicht “das Wahre”,  nicht das, was wir kennen. In Kunst und Kultur gilt das ebenso  (in   Live­Konzerten   Neues   auszuprobieren,   wird   selten  geschaetzt),   wie   in   Wissenschaft   und   Business.   Wo   wir   den  Hype vermuten, wollen wir ihn jedesmal. Ich habe schon oft  ehrlich   erstaunt   zugesehen,   wie   das   Publikum   bei   diversen  Events nach der Praesentation (dem Showteil, der das vorstellt,  was man ohnehin schon kennt), den Raum verlassen hat, ohne  die   Diskussion   zu   beachten   –   man   haette   Neues   erfahren  koennen,   an   Denkmaelern   kratzen,   hinter   die   Vorhaenge  schauen. Auch hier gilt: Ist das gut oder schlecht? ­ Fuer den  einen ist die Zwischenraeume auszunutzen und zu erfahren der  151
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    Wie die Tiere Sinn  jedes   Tuns,   fuer   den   anderen   eine   beaengstigende  Vorstellung... *** Ein paar Beispiele zum Perspektivenwechsel: Fuer   unsere   Hunde   sind   wir   praktische   Futterautomaten:  Berechenbar,   eindimensional,   leicht   zu   reparieren,   wenn   es  einmal nicht nach Wunsch laeuft – unerwuenschte Geraeusche  und Aufdringlichkeiten helfen nach. An den Raendern, wenn  diese   einfache   Welt   aus   den   Fugen   laeuft,   offenbart   sich  dagegen   die   ganze   unfassbare   Magie   der   Welt   aus   der  Perspektive eines Haushundes: Die bewaehrten Mittel versagen,  wenn niemand da ist. Manche Menschen verstehen sie nicht.  Lichtschalter,   die   Helligkeit   in   die   Nacht   bringen,  Wurfgeschosse,   Elektrozaeune   und   versperrte  Tueren   bleiben  immer unergruendbar. Unsere Hunde sind fuer uns Freunde, trotz aller Verformungen  Ueberbleibsel   aus   einer   anderen   Zeit,   einer   anderen   Welt,  Gefahr, Indiz einer verdrehten Welt mit verkehrten Prioritaeten,  laestiges stinkendes Aergernis.  Hundebesitzer sind fuer Nicht­Hundebesitzer Freaks mit einer  Vorliebe   fuer   modisch   furchtbar   geschmacklose  Outdoorkleidung, Perverse, verantwortungsbewusste Menschen. Nicht­Hundebesitzer   haben   fuer   Hundebesitzer   keine  besonderen   Merkmale,   es   sei   denn,   sie   deklarieren   sich  irgendeiner Form.  Diese vielfaeltigen Vorstellungsraeume ergeben sich allein durch  einige   alltaegliche   Klischees,   die   noch   ganz   ohne  Beanspruchung   grosser   Bedeutungszusammenhaenge   wie  Religion, Wissenschaft oder Kunst entstehen.  Islamische   Traditionen   koennen   diese   Beziehungen   in   ganz  152
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    Wie die Tiere andere Perspektiven ruecken.  Homer laesst Odysseus zuerst von seinem Hund Argos, der in  dessen Abwesenheit ein aermliches Dasein auf dem Misthaufen  fristete (und bei der Rueckkehr steinalt gewesen sein muss),  wiedererkannt werden.  Die  Hilfsorganisation   Caritas   warb   mit   Plakaten   von  uebergewichtigen Hunden und anderen Haustieren fuer mehr  Spendenbereitschaft.  Das sind Beispiele fuer die komplex vermittelte und verdrehte  Bedeutung   von   Sinn,   die   Welten   und   Weltanschauungen  entstehen   laesst   (oder   instrumentalisiert)   und   damit   etwas  beschreibt, bewertet, zu bewirken versucht – ohne dass sich am  Gegenstand   etwas   aendert,   ohne   dass   es   den   Gegenstand  beruehrt.  Dem Hund ist egal, ob er als laestiges stinkendes Aergernis, als  aus   religioesen   Gruenden     nicht   willkommenes   Tier,   als  asoziales   Fetisch­Objekt   oder   als   enttaeuschender   Freund  getreten wird. Fuer ihn bleibt es eine unklare Welt der Magie –  bis sich aus der regelmaessigen Wiederkehr einzelner Bausteine  Erfahrungswerte ergeben. Diese ermoeglichen es, zu reagieren,  ganz   ohne   ueber   die   Hintergruende   bescheid   wissen   zu  muessen.  Die konkreten Ablaeufe dabei sind uns ebenso egal wie dem  Hund – es reicht uns, zu wissen, dass es sie gibt. Auf diesem  Weg koennen wir gut miteinander auskommen.  Dieses Bewusstsein der Differenz verlieren wir leicht, wenn die  Unterschiede nicht mehr so offensichtlich sind, wie sie zwischen  uns und etwas Nicht­Menschlichem zu sein scheinen.  Nach   uebergangenen   Voraussetzungen   zu   suchen   bedeutet  nicht nur, den anderen danach zu fragen, was er denn jetzt  153
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    Wie die Tiere genau gemeint hat. Das liefert wieder nur eine Aussage, deren  Bedeutung wir uns erarbeiten muessen.  Der Umgang mit Differenz erfordert eine neutrale Perspektive,  die  Daten   sammelt,   aggregiert   und   Schluesse   zieht,   eben  Bausteine sammelt und sie so glatt und unveraendert laesst,  dass sie gestapelt, geschlichtet, gesammelt werden koennen. Technik erleichtert das Sammeln; moderne Medien verschaffen  uns immer weitreichendere Ueberblicke. Sie verleiten natuerlich  auch   zu   Spekulation   und   Uebertreibung:   Die   verkuerzte  hochfrequente Darstellung von Leben, wie Social Networks sie  gestalten, schafft Bilder, die mit Sicherheit nicht zutreffen.  Die  rasante Beschleunigung, die Vernetzung mit sich bringt und die  durch   soziale   Faktoren,   Aehnlichkeitsanalysen   und  Empfehlungssysteme   potenziert   wird,   bedingt   durch   die  permanente Ueberforderung aber auch wieder die Reduktion  auf   die   Tatsachen.   Wir   bekommen   laufend   so   viel   neue  Information,   dass   wir   schlicht   gar   keine   Zeit   haben,   uns  darueber den Kopf zu zerbrechen. Wir koennen das allenfalls  ablegen,   bookmarken,   taggen.   Diese   Interaktion   aus   kurzen  Beruehrungen   hilft,   Distanz   zu   bewahren;   einzelne   Events  ziehen folgenlos an uns vorbei. Lose Archivierungstechniken wir  Bookmarks, Tags, Microblogs oder schlichte Notizen helfen, die  Information auch lange spaeter unveraendert und unbeeinflusst  wiederzufinden – und durch die historische Entwicklung neue  Perspektiven   und   Zusammenhaenge   herzustellen.   Die   neuen  Zusammenhaenge (etwa die simple Ansammlung von mehreren  Links  zu einem Themenkreis, die wir mit den gleichen  Tags  versehen haben) veraendern ihre Objekte nicht, aber sie bieten  Optionen:   Anstoesse,   die   eigene   Position   zu   ueberdenken,  Analogien herzustellen, Horizonte zu verschieben – oder auch,  die Fuelle zu ignorieren und einfach beiseite zu schieben.  Sammeln   ist   eine   Leidenschaft,   die   nicht   unbedingt   ein  konkretes Ziel braucht. Das gilt insbesondere fuer das Sammeln  von Information:   Die Faehigkeit, mit Diversitaet und Dissens  154
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    Wie die Tiere umzugehen, ist etwas, das wir trainieren muessen. Positionen  wahrnehmen, analysieren, respektieren, ohne jedesmal Partei  zu ergreifen, ist ein grundsaetzlich gesicherter Weg, Respekt zu  erlernen, respektvollen Umgang mit ungewohnten Positionen zu  ueben. Sich an den Gedanken von Dissens als tolerierbarem  Zustand  zu   gewoehnen   bedeutet   –   oder   trainiert   –  darueberhinaus   auch   die   Faehigkeit,   unterschiedliche  Positionen ueberhaupt wahrzunehmen. Der   Umgang   mit   Social   Media   unterstuetzt   uns   dabei.   Wir  lernen mit einer Fuelle von Information umzugehen, sie in ihren  Zusammenhaengen   und   Abhaengigkeiten   einzuschaetzen,  professionelle,   kommerzielle   und   marketingorientierte  Kommunikation von verstaendigungsorientierter und diese von  explorativer Kommunikation zu unterscheiden. Wir gehen damit  um,   dass   wir   keine   besonderen   Autoritaeten   haben,   dass  Medien,   Themen,   Meinungen   in   Hinblick   auf   potentielle  Reichweite,   Einfluss,   Qualitaet   und   Originalitaet  gleichberechtigt nebeneinander stehen.  Der Umgang mit Social Media unterstuetzt diese Wahrnehmung  und trainiert diese Faehigkeit.  Social   Media,   neue   Online­Medien   erzeugen   darueberhinaus  natuerlich   auch   Dissens.   Das   ist   eine   ihrer   mittlerweile  unhinterfragten   Hauptaufgaben.   Ob   das   ein   unerwuenschter  Stoereffekt   ist   oder   der   angemessene   Weg,   mit   aktuellen  Gegebenheiten umzugehen, ein Weg zur Repraesentation und  Diskussion der Wirklichkeit, ist in Beziehung zu Sprachspielen,  Legitimationsdiskursen   und   schliesslich   auch   moralischen  Einstellungen zu sehen.  Akzeptieren   wir   die   Modelle,   die   Diversitaet   darstellen,   oder  wuenschen   wir   uns   jene,   die   Normen   positionieren   und  durchsetzen, zurureck? Auch   diese   Frage   wird   bald   nur   noch   unter   historischen  Bedingungen, als Gedankenspiel gestellt werden koennen. Dass  ist   die   dritte   Wirkungsweise   von   neuen   Online­Medien   in  155
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    Wie die Tiere Hinblick auf Dissens: Sie unterstuetzen und erzeugen Dissens,  sie trainieren unsere Faehigkeiten im Umgang mit Dissens, und  sie  setzen   das   begrifflich­abstrakte   Konzept   von   Dissens   in  Realitaet um. Sie erzeugen und veraendern Realitaet, sie bieten  angreifbare Manifestationen eines philosophischen Konzepts. Im  doppelten Sinn: Als Produkt von Vielfalt einerseits, als Beispiel  fuer   die   Macht   des   Sprechens,   die   reale   Produktivitaet   von  Kommunikation andererseits.  Kommunikationswerkzeuge – auch mit explosiver Verbreitung –  loesen aber nicht alles. Sie koennen nur Leitmotive liefern, an  denen wir uns im Face­to­Face­Alltag orientieren.  Sie unterstuetzen uns in der Beobachterposition. Wir koennen  leicht   eine   zweite,   dritte,   zwanzigste   Meinung   einholen.  Hintergruende,   Bezugsrahmen   und   andere   theoretisch  sinnvollen   Elemente   sind   zumindest   andeutungsweise  verfuegbar: Profile, Verlaufsinformationen (was hat dieser User  bisher gemacht) Netzwerke (welche Kontakte und Beziehungen  gibt es, wie lebendig sind diese).  Beziehungen   und   Informationsvielfalt   koennen   wir   als  Marketingnetzwerk betrachten, als Quelle, die uns allwissend  und allmaechtig macht; die schlichte Menge und das Tempo der  Interaktionen   koennen   auch   bedrohlich   und   ueberfordernd  wirken. Wir als Teil dieser Menge sind auch nicht immer in der  Beobachterposition,   sondern   genauso   in   der   Position   des  Beobachteten.  Medien sind eine plakative Erscheinungsform fuer Beziehungen,  Vielfalt und Bewegung. Sie sind aber kein Sonderfall, nur eine  ueberzeichnete   Fortsetzung   realer   Verhaeltnisse.   In   einem  Meetingraum,   einem   Grossraumbuero,   sind   wir   genauso  Beobachter   und   Beobachteter,   die   Flut   an  Informationsbruchteilen  laedt auch im realen Alltag staendig  dazu ein, Schluesse zu ziehen, Urteile zu treffen.  Warum machen wir das? Bruchstuecke, Elemente mit Sinn zu  156
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    Wie die Tiere versehen, sie in einen Zusammenhang zu stellen, in dem sie  Bedeutung haben, sortiert die Welt fuer uns. Wir haben das  Gefuehl, uns auf Ergebnisse, auf das Wesentliche konzentrieren  zu koennen. Wer sich Zusammenhaenge merken kann, muss  nicht alle Details wissen – das ist eine praktische Lerntechnik,  die die Welt vereinfacht. und voraussetzt, dass Ursache und  Wirkung nicht nur als Prinzip, sondern auch im Einzelfall in  ihrer Reihenfolge bekannt sind. Die so gewonnene Kontrolle ist  eher Kontrolle ueber uns selbst: Wir kontrollieren, womit wir  uns beschaeftigen und was wir fuer uns ausblenden. Sofern das  nicht andere fuer uns kontrollieren.  Die englische  Bookseller­Organisation   vergibt   alljaehrlich  den  Diagram   Prize   ­   “Award   for   the   oddest   Booktitle”.   Die  praemierten Titel wirken aus dem Zusammenhang gerissen in  einer hype­ und skurrilitaetsdominierten Welt nur noch schraeg  – dennoch haben sich ein Autor und Verleger (also durchaus  Leute, denen Kommunikation nicht ganz fremd ist) bei deren  Erstellung vermutlich viele Gedanken gemacht. Was den einen  als   treffendste   und   aufmerksamkeitserregende   Beschreibung  eines interessanten Sachverhalts schien, scheint den anderen  laecherlich, lustig und vollkommen unverstaendlich. Auch das  ist keine Frage der Formulierung, der verwendeten Begriffe oder  des allgemeinen Humors – es entscheidet der jeweilige Horizont  des Betrachters: “Bombproof your Horse”, einer der Finalisten  2008,   ist   auch   fuer   einen   nur   wenig   erfahrenen   Reiter   ein  plausibles   und   durchaus   praktisches   Versprechen,   wer   sich  dagegen die Problemstellung nicht vorstellen kann, entwickelt  stattdessen bei diesem Titel offenbar lustige Ideen.   Wir   brauchen   nicht   immer   zu   urteilen.   Auch   das   ist   keine  moralische   Aussage,   aber   auch   keine   rein   faktenbezogene,  beschreibende. Es ist eine Empfehlung.  Unsere Urteile, die scheinbar strukturieren, zusammenfassen  157
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    Wie die Tiere und  sortieren,   packen   uns   in   eine   Wattewelt   fernab   jeder  Realitaet ausser unserer eigenen, ohne relevante Bezuege, ohne  Erkenntisgewinn ueber irgendetwas anderes ausser uns selbst. Die   Alternative  besteht  darin,   auf   Urteile   zu   verzichten.   Wir  bleiben   offen,   beweglich   –   und   muessen   uns   immer   wieder  zurueckhalten. Das ist humorlos, ueberkorrekt und langweilig.  Wenn   wir   von   uns   behaupten   wollen,   fair,   offen,  unvoreingenommen   und   realitaetsbezogen   zu   sein,   dann  muessen wir uns auch so benehmen. Das verschafft uns eine  reale Chance, etwas von dem mitzubekommen, was rund um  uns   geschieht,   Dinge   ohne   vorgefertigte   Filter   zu   sehen,  mitzubekommen, dass es auch neues gibt.  Wir bleiben offen und massen den Dingen rund um uns keine  Bedeutung   an,   massen   uns   nicht   an,   ihnen   die   richtige  Bedeutung zumessen zu koennen.  Und auch wir sind fuer die andern – und das sind alle anderen  – nur einer von vielen Bausteinen, mit denen sie, sofern sie es  moechten, Sinn erzeugen koennen.  Sie koennten uns auch genauso als sinnlos und bedeutungsleer  beiseite legen. Ein paar Grundsaetze Dinge und Werte bewegen sich. Wo wir gerade sind, wo andere  sind,   in   welchem   Blickwinkel,   ­   das   wissen   wir   nicht.  Ausgangspunkt   war   die   Frage   nach   Moeglichkeiten   und  Bedingungen von Verstehen. Es gibt kein Rezept dafuer was wir  tun sollen. Es gibt Einstellungen, mit denen wir nicht so falsch  liegen. In der bewegten und vielschichtigen Umgebung, in die  wir eintreten, wenn wir einige Fragen ernsthaft stellen, helfen  einige Punkte bei der Orientierung, wo wir gerade sind.  158
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    Wie die Tiere 1 Eine  unabdingbare   Voraussetzung   fuer   Verstehen,   egal   in  welcher   Auspraegung,   ist   Respekt.   Respekt   bedeutet   dabei,  insofern auf Sinn (fuer uns) zu verzichten, als wir die eigene  Interpretation hintanstellen koennen. Nicht was wir meinen, ist  wichtig, sondern was hier passiert ist. Auch wenn wir uns nie  ganz   aus   dem   Bild   nehmen   koennen,     weil   wir   immer   nur  unsere   Sicht   sehen   (oder   das,   was   wir   fuer   objektiv   richtig  halten)   haben   wir   dennoch   die   Moeglichkeit,   die  Beschraenktheit   unserer   Position   zu   akzeptieren.   Damit  erfahren wir nichts Neues, wir steigern unsere Chance, etwas  durchzusetzen   nicht,   aber   wir   bleiben   lernbereit.   Wir   lassen  Erfahrungen,   Werte,   Perspektiven   anderer   liegen   und   gehen  weiter,   ohne   einer   anderen   Welt   unsere   Sicht   aufzuzwingen. Respekt   bedeutet   nicht   nur   Offenheit   und   Lernbereitschaft,  auch Konzentration und Aufnahmefaehigkeit sind Zeichen von  Respekt: Wir kuerzen, sortieren, kontrollieren nicht, indem wir  Sinn suchen und den Weg dazwischen ueberspringen. Wir sind  bei der Sache, hoeren zu und akzeptieren auch Veraenderung. “Die sind doch alle...”, “Du bist immer so...”, “Ich weiss, aber...” ­  ist das Gegenteil von Respekt. Wir versuchen, die Initiative zu  ergreifen, wenn wir etwas nicht verstehen. Dabei reimen wir uns  etwas zusammen, das allenfalls fuer uns relevant ist, nicht aber  fuer alles andere. Verzicht auf Spekulation als Bescheidenheit  schaerft die Wahrnehmung, bei den Dingen zu bleiben erzeugt  Verbindlichkeit, es reduziert die eigene Position. Respekt bedeutet zu wissen, dass hier nur wir sind. Damit ist  eine Auspraegung von Bescheidenheit gemeint, nicht Egoismus.  Fuer   uns   mag   es   hunderprozentig   so   sein.   Fuer   uns.   alles  weitere ist davon nicht betroffen.   159
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    Wie die Tiere 2 Verstehen  ist   ein   Begriff,   der   gerne   falsche  Erwartungshaltungen   weckt.   Verstehen   hat   unterschiedliche  Dimensionen; eine handlungsorientierte Komponente ist aber  nur dann eingeschlossen, wenn auch Macht im Spiel ist. “Du  verstehst   mich   nicht”   als   Vorwurf   fehlender   oder  unerwuenschter   Handlungen   ist   eines   der   urspruenglichsten  Missverstaendnisse. Verstehen ist meist sehr wohl gegeben, nur  will der andere eben nicht. Verstehen   ist   ein   Begriff   aus   einer   rationalen   Welt,   in   der  Begriffe und Fomulierungen definiert, getauscht, geklaert und  gehandelt werden. Verstehen kann sich auf Akustik beziehen,  auf Form und Grammatik, oder sogar emphatische Bedeutung  haben (“Ich verstehe, wie du dich fuehlst”), es fehlt aber immer  ein   Sprung   zur   Ueberzeugung.   Verstaendnis   bedeutet  manchmal   auch   Einverstaendnis,   es   gibt   zwischen   diesen  beiden   Begriffen   aber   keinen   notwendigen   Zusammenhang.  Verstehen bezieht sich auf Ideelles, einverstanden sein zielt in  der   Regel   auf   Handungen   ab.   Ich   kann   einverstanden   sein,  etwas   zu   tun,   lassen   oder   zu   dulden,   obwohl   ich   es   nicht  verstehe,   weil   Gegengeschaefte,   Bezahlung   oder   andere  Perspektiven mir mein Verhalten attraktiv machen. Umgekehrt  muss ich, auch wenn ich sehr wohl verstehe, was der andere  warum von mir moechte, damit weder einverstanden sein noch  muss ich es tun. Die Situation bietet jede Verkaufsgespraech:  Ich weiss, dass der andere moeglichst guenstig kaufen moechte,  um moeglichst viel zu sparen – trotzdem moechte ich moeglichst  teuer verkaufen. Verstehen ist rational, in Hinblick auf Emotion und Transaktion  wird   es   ueberschaetzt.   Verstehen   ist   subjektiv;   ich   verstehe  immer   nur   mich,   meine   Sicht,   meine   Interpretation.   ­   Vor  diesem   Hintergrund   koennen   wir   unsere   an   Verstehen  gekoppelten   Erwartungen   besser   einschaetzen   –   wir   sollten  keine   Erwartungen   an   Verstehen   als   Motivator,  160
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    Wie die Tiere Handlungsgrund haben; es gibt nichts Gutes, ausser man tut  es. Und wir koennen uns damit anfreunden, dass wir andere  auch fuer uns gewinnen koennen, dass wir uns bei anderen  durchsetzen koennen, ohne auf Verstehen zu pochen. Vielleicht  fuehlt es sich manchmal besser an – aber Verstaendnis ist keine  notwendige Voraussetzung fuer Aktion. Hier kippt das Bild: Denn eigentlich muessen wir verstehen,  was wir tun sollen, wenn wir etwas tun sollen. Und wir koennen  hinterfragen, ob wir tatsaechlich mit etwas einverstanden sind,  wenn  das   Einverstaendnis   erkauft   oder   erzwungen   ist.   Wieviel muessen wir verstehen, um etwas zu tun koennen, und  wo wird der durch Verstehen erreichte Vorteil durch die Gefahr  von   Missverstaendnissen   wieder   zunichte   gemacht?   ­   Die  oberflaechlichsten   Formen   von   Verstehen   (akustisch,  sprachlich)   sind   wohl   notwendig   –   danach   beginnt   wieder  Spekulation: Was haben sie wirklich gemeint? Verstehen zu wollen bedeutet: Nur die Oberflaeche zaehlt, das,  was uns der andere an dieser Oberflaeche gezeigt hat. Wenn wir  das nicht mehr wissen oder wenn wir mehr brauchen, muessen  wir nachfragen. Das ist auch eine Sache des Respekts.  3 Wir sind immer im Bild. Sinn besteht immer nur fuer uns. Das  gilt, egal ob wir uns mir dem Sinn einzelner Worte und Saetze  oder   mit   grossen   Themen   wie   dem   Sinn   des   Lebens,   der  Bedeutung   von   Freiheit   beschaeftigen.   Wir   beziehen   die  Umgebung auf uns, wir beziehen uns auf die Umgebung. Das  ist keine egoistische Laune, die wir ablegen koennen, sondern  eine der wenigen kaum bestreitbaren Tatsachen. Hinterfragbar ist, ob es eine Grenze gibt: Gibt es irgendetwas  ausser uns? Diese Perspektive haben nicht nur wir;  jeder hat seine eigene,  161
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    Wie die Tiere unbegrenzte, absolute Perspektive. Jeder ist sein Zentrum der  Welt. Ist das ein Indiz dafuer, dass es Grenzen, etwas ausser  uns geben muss? Oder ist es ein Indiz dafuer, dass es keine  Grenzen  geben   kann,   dass   fuer   alle   die   gleichen  Voraussetzungen gelten? Hier   stehen   abstrakte   Begriffe   zur   Diskussion,   nicht   soziale  Befindlichkeiten und Chancen. Es   ist   egal,   ob   wir   Diversitaet   oder   Homogenitaet   in   den  Vordergrund stellen, wir kommen zum gleichen Ergebnis: Wir  bekommen uns nicht aus dem Bild. Wenn wir Werte anfuehren,  wichtig, unwichtig, schoen, abstossend, interessant, wertlos als  Praedikate vergeben wollen, dann sind wir es, die werten. Auch   wenn   wir   uns   auf   Kulturkreise,   politische   Systeme,  Religionen   beziehen   –   es   sind   noch   immer   wir,   die   diese  Legitimatoren fuer wichtig halten; ohne uns haetten sie keine  Bedeutung. Und auch wenn etwas nicht fuer uns, sondern fuer  andere wichtig ist, sind noch immer wir es, die die anderen fuer  wichtig halten, sodass wichtig ist, was fuer sie wichtig ist – weil  uns Familie, Partner, Kunden wichtig sind, weil wir Demokraten  sind. Der   andere   taucht   an   den   Raendern   als   wahrnehmbare  Oberflaeche   auf.   Was   wir   sehen,   sehen   wir   aus   unserer  Pespektive.   Dem   anderen   muessen   wir   seine   Perspektive  zugestehen.   Diese   Flexibilitaet   zu   bewahren,   Perspektiven  zuzugestehen,   die   Ambivalenz   von   unhinterfragbarer  Allgemeingueltigkeit   und   enger   Beschraenktheit   unserer  Perspektive zu sehen, ist eine Angelegenheit von Respekt und  Verstehen: Wir sind in dieser Welt, wir sind alles fuer unsere  Welt – und die endet dort, wo die anderen sind.  4 Laehmt   diese   Einstellung   uns,   andere   um   uns   und   die  162
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    Wie die Tiere allgemeine  Unterhaltung?     Das   ist   eine   Frage   unseres  persoenlichen   Ehrgeizes   und   manchmal   auch   unserer  Tagesverfassung:   Kommen   wir   damit   zurecht,   nichtig   und  niemand   zu   sein   und   beliebige,   austauschbare   Dinge   zu  schaffen? Koennen wir trotzdem darauf schauen, dass die Dinge  “gut”  sind,  in  dem Rahmen,  innerhalb dessen wir verstehen  koennen,   Sinn   machen?   Oder   brauchen   wir   einen   letzten  Grund, mit dem wir im Einklang sein muessen, auf den wir  unsere Handlungen und Haltungen zurueckfuehren koennen.  Brauchen wir etwas, so sagt man das oft, das uns antreibt, das  uns Hoffnung gibt? Etwas, das uns korrekt und rechthaberisch,  angepasst   und   wohlerzogen,   verlaesslich   und   berechenbar   –  immer je nach Perspektive – macht? Aus dem Wissen, dass es keine unmittelbaren Bedeutungen,  keinen   direkten   Sinn,   keine   letzten   Gruende   und   nichts  Unverhandelbares gibt, leiten wir nur dann ab, es waere alles  egal, wenn wir der Meinung sind, dass es Unverhandelbares,  Unmittelbares, direkt Bedeutungsvolles geben sollte, wenn wir  Hoffnung brauchen, statt jetzt etwas zu tun. Hoffnung   steht   fuer   Passivitaet,   Hoffnung   ist   in   jenen  Situationen wichtig, in denen wir keine Optionen haben, nichts  mehr tun koennen. Diese Situationen sind sehr selten – wir  sind   in   der   Regel   weder   eingesperrt,   noch   geknechtet,   am  Verhungern  oder  im Kriegszustand. Andere  sind  es;  dort  ist  Hoffnung wichtig. Fuer uns ist Hoffnung eine weitere Form der  Spekulation,   die   dem   ausweicht,   was   ist;   Hoffnung   ist   eine  Form der Aufgabe oder eine Form, sich freiwillig Zwaengen zu  unterwerfen – in der Hoffnung, dass das, worauf wir hoffen,  positiv auf uns abfaerbt. Nicht   hoffen,   bedeutet   handeln   zu   koennen.   Im   Moment   zu  handeln, statt auf die Zukunft zu hoffen, oeffnet den Blick fuer  die Vielfalt der Welten anderer, die an uns vorueberziehen; wir  koennen   kurz   hineinschauen,   wir   werden   keine   Loesungen  erfahren, nichts Neues sehen, nichts Brauchbares mitnehmen  koennen, aber einfach nur immer wieder sehen, dass es anderes  163
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    Wie die Tiere gibt, dass es Unterschiede gibt, und dass sich nur der kleinste  Teil der Welt um uns dreht. Der Rest zieht gleichgueltig an uns  vorbei;  es   ist   unsere   Sache,   ob   wir   mitreden   und   in   die  Verhandungen   eintreten   wollen,   oder   ob   wir  warten,   bis   wir  entdeckt, erkannt, erloest werden. Auf   Allgemeingueltiges,   Unhinterfragbares,   ueberall  Annehmbares   zu   verzichten,   macht   Kommunikation   erst  moeglich.   Andernfalls   koennen   wir   nicht   mitreden   –   nur  nachsprechen.  5 Instinkt ist kein Gegensatz zur abstrahierenden, theoretischen  und   destruktiven   Betrachtung   von   Verstaendigung,   die  Direktheit   ausschliesst   und   wackelige   Konstrukte   relativer  Vorbedingungen   einfuehrt.   Instinktives   Verhalten   ist   ebenso  eine Interaktionsform, die keine Vorbedingungen zulaesst, sich  nicht   mit   Regeln   und   Ordnungen   aufhaelt,   sondern   einfach  agiert.   Das   sind   viele   Gemeinsamkeiten   an   der   Oberflaeche.  Aber die scheinbar unmittelbare instinktive Reaktion geschieht  nicht   aus   dem   Nichts   –   alles   hat   seine   Geschichte.   Hier  beginnen Unterschiede. Instinkt ist sich seiner Geschichte und  seiner Voraussetzungen nicht bewusst. Die alles hinterfragende  Einstellung   will   sich   jedes   kleinen   Bausteins   bewusst   sein.  Instinkt reagiert.  Hinterfragen fuehrt zu Zurueckhaltung. Instinkt ist eine Sache  des Moments – und dann wieder vorbei; alles zu Hinterfragen  geschieht auch im Moment – aber in jedem einzelnen. Instinkt  ist eher impulsiv, Reflexion das Gegenteil. Wozu dann ueberhaupt Parallelen erwaehnen? Der scheinbar  kalten nuechternen Einstellung, alles in Frage zu stellen, wird  oft   die   Herzlichkeit,   Waerme,   Emotionalitaet   instinktiver  164
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    Wie die Tiere Reaktionen  entgegengesetzt.   Etwas   bei   einem   anderen   als  instinktiv   zu   beschreiben,   setzt   wieder   Distanz   und  Objektivierung voraus. Der andere wird behandelt, es werden  Vermutungen angestellt, Welten konstruiert. Informationsbruchteile   und   Vorurteile   werden   zu   einem   Bild  subsumiert und es wird ein Urteil gefaellt, gegen das der andere  nichts sagen kann. Eine Reaktion als instinktiv zu beschreiben,  ist eine verkuerzte Form, “Ich versteh schon” zu sagen und dem  anderen jede Wahlmoeglichkeit zu nehmen. Die   Gegenueberstellung   der   hier   beschriebenen  Kommunikations­   und   Verhaltensformen   mit   Instinkt   oder  Emotion   betonenden   Kommunikationssichten   drueckt   der  Wunsch  nach   Sicherheit   und   Kontrolle   aus:   wenn   es   schon  keine   rationalen   letzten   Gruende   gibt,   dann   wenigstens  emotionale oder unterbewusste. Irgendetwas muss sich direkt  durchschlagen   und   so   fuer   Kontrollierbarkeit   sorgen.   Damit  koennen   wir   nicht   dienen,   damit   beginnt   die   Diskussion,  vielleicht in einem anderen Rahmen, aufs Neue. Genauso, als  wuerden   wir  auf   die   Wirksamkeit   politischer   oder  religioeser  Werte hoffen.  6 Koennen wir uns entscheiden, koennen wir festlegen, wohin wir  wollen, wenn wir auf unmittelbare Zusammmenhaenge, “wahre  Werte”   und   andere   allumfassende   Legitimationsinstanzen  verzichtet haben? Wie grenzen wir ab, was dann doch gelten  soll, wenn wir etwas erreichen wollen und ein gewisses Mass an  Konsistenz   in   unseren   Schritten   und   Entscheidungen  brauchen? Wir sind in Bewegung, unsere Ziele sind in Bewegung. Das ist  kein   gezieltes,   gesteuertes   Verhalten,   nicht   nur   Mittel   zum  Zweck. Es ist angemessenes Verhalten angesichts dessen, was  wir um uns erleben. Der Inhalt unserer Ziele aendert sich nicht  165
  • 166.
    Wie die Tiere zwangslaeufig. Sehr wohl aber deren Bedeutung, ihr Wert fuer  uns, was wir fuer sie zu tun bereit sind. Das gleiche gilt fuer unsere Einschaetzung unserer Umwelt und  unsere  Bewertung   unserer   Beziehungen.   Solange   wir  zurueckhaltend   sammeln   –   kein   Problem.   Solange   wir   im  Moment   handeln   und   praesent   sind,   koennen   wir   bei   den  Dingen sein, wo und wie sie sich auch bewegen. Ein Problem  entsteht,   wenn   wir   zu   systematisieren,   zu   kontrollieren  versuchen.   Hoffnung   auf   etwas   in   der   Zukunft   fixiert,   statt  Varianten zuzulassen. Was den einen wichtig ist, bedeutet den  anderen nichts, was mir heute wichtig war, muss es morgen  nicht sein – nicht weil ich es mir anders ueberlege, weil sich das  Objekt aendert, sondern weil schon die naechste Stunde nicht  mehr die Stunde jetzt ist, die Welt der naechsten Stunde ist eine  andere.   Die   Plaene   von   jetzt   gelten   fuer   jetzt,   nicht  zwangslaeufig fuer die Zukunft. Denn die ist schon wieder jetzt. Festlegen heisst archivieren. Fest steht, was vorbei ist. ­ Das  bedeutet   nicht,   dass   wir   uns   nicht   festlegen   sollen.   im  Gegenteil: Wenn wir (jeder) nicht vorlegen, geschieht nichts. Wir  muessen alles mitbringen, was unsere Bedeutung ausmachen  soll. Nur muessen wir dabei immer wissen, wo wir sind.  7 Der andere bleibt immer anders. Wir schaffen gerne Raeume,  lernen   Leute   kennen,   finden   Gemeinsamkeiten,   einigen   uns  ueber einige wichtige Eckpunkte­ und gehen davon  davon aus,  dass   wir   eine   gemeinsame   Perspektive  haben.   Die   fuer   den  Moment erreichte Verstaendigung (vielleicht ist es sogar fuer  den Moment erreichtes Einverstaendnis) wird abstrahiert und  verallgemeinert:”Wir waren uns doch einig” ist ein aehnlicher  Vorwurf wie “Du verstehst micht nicht”. ­ Wir uebergehen in  beiden Faellen die Tatsache, dass die Beruehrungspunkte nur  wenige, ausdruecklich her­ und festgestellte Punkte sind. 166
  • 167.
    Wie die Tiere Ueberbruecken gelingt uns nur an Oberflaechen. Oberflaechen  werden  hergestellt,   verhandelt   und   praesentiert,   sie   sind  Momentaufnahmen, mitunter laufend aktualisiert, aber immer  mit  deutlicher Distanz zu dem, was sie beschreiben sollen.   Die   Hersteller   dieser   Oberflaechen   –   also   wir   und   unser  Gegenueber,   haben   sonst   nichts   miteinander   zu   tun,   wir  begegnen   einander   auch   im   persoenlichen   Kontakt   nur   in  moderierten Umgebungen. Wir muessen gezielt Verbindungen  herstellen, wenn wir gehoert werden wollen, wir muessen uns  benehmen, wenn  wir angehoert  werden wollen, wir muessen  fuer   jeden   Kommunikationsakt   Regeln   einhalten,   um   im  sinnstiftenden Rahmen zu bleiben, und muessen daher auch  diesen   Rahmen   und   diese   Regeln   thematisieren   koennen.   Fuer unser Verhaeltnis zum anderen bedeutet das: Wir treffen  uns immer in der Mitte, keiner ist zuhause. Jeder ist ein Stueck  weit weg, hat Distanz zu seinem Ausgangspunkt. Was wir in der  Begegnung sehen, sind also weder wir, noch der andere an sich.  Beide   Seiten   erfuellen   Kriterien   funktionierender  Kommunikation, beide sind Kompromisse eingegangen. Gerade  wenn wir einander verstehen, verstehen wir nicht einander im  Sinn  von   uns   als   lebendige  Personen   mit   all   ihren  staendig  wechselnden   Perspektiven   und   Hintergruenden.   Was   wir  verstehen, sind die Konstrukte, die wir einander zeigen, die fuer  den   oeffentlichen   Gebrauch   aufbereiteten   Oberflaechen. Wir haben das hergestellt, mitgebracht, praesentiert, angepasst  – was wir von uns zeigen, betrifft uns nicht unbedingt. Dann  gehen wir wieder zurueck; wir haben Information, Positionen  ausgetauscht,   danach   macht   jeder   wieder   weiter. Manchmal bleiben wir in Position, im Kontakt – dann bleibt  auch  die  Distanz.   ­   Jedenfall   bleiben   wir  anders,  bleibt   der  andere   anders.   Fuer   uns   bedeutet   das:   Gemeinsamkeiten  vorauszusetzen,   bedeutet   verstehen   zu   verhindern.  Gemeinsamkeit, sei es in Form eines gemeinsamen Rahmens,  einer   geteilten   Perspektive   oder   auch   eines   guten   Gefuehls,  muessen   wir   immer   erst   herstellen.   Das   funktioniert   wie  Aufwaermen im Sport: Ohne ist es nicht unmoeglich. Aber die  Verletzungsgefahr ist aus dummen Gruenden unnoetig hoch.  167
  • 168.
    Wie die Tiere Die Beweglichkeit der Umwelt erfordert, dass wir selbst auch  ebenso  beweglich   bleiben.   Grundsaetzlich   sind   wir   es;   wir  werden so wahrgenommen – als von der Situation abhaengig,  manchmal   inkonsequent,   manmchmal   von   der   Situation   der  anderen   abhaengig,   Wir   werden   nur   als   Streiflichter  wahrgenommen – und auch wir bleiben immer anders.  8 In einer Umgebung, die nicht unsere ist, die Ziele erfordert und  auf Organisation und Verbindungen angewiesen ist, muessen  wir   zielgerichtet   vorgehen.   Richtung,   Tempo,   Stetigkeit   der  Bewegung haengen von der Sache und von uns ab – es geht  nicht von selbst, wir sind koennen aber auch nicht stillhalten.  Rueckzug,   Verweigerung,   Abgrenzung   bedeutet,   zur  Projektionsflaeche   fuer   andere   zu   werden.   Wir   nehmen   uns  nicht aus dem Spiel, wir haben nur weniger direkte Kontrolle.  Je mehr wir mitmischen und zu bewegen versuchen – das hilft  uns   nicht   unbedingt,   mehr   oder   effizientere   Kontrolle   zu  erreichen. Wir gehen mehr Beziehungen ein, haben mehr zu  beachten   und   schaffen   durch   den   Versuch,   mehr   zu  kontrollieren, auch weitere Abhaengigkeiten. Zielgerichtetes   Vorgehen   mit   langfristiger   Perspektive   ist  Strategie.   Strategie   bedeutet   auch,   Optionen   zu   schaffen,  Alternativen   vorherzusehen   und   Loesungsvarianten   fuer  verschiedene   Verlaeufe   parat   zu   haben.   Um   das   zu   wissen,  muessen wir uns die Schritte unseres Gegenuebers vorstellen  koennen, bevor er sie unternimmt. Wir wollen an Andeutungen,  ersten Schritten erkennen, welche Schritte als naechste gesetzt  werden –  oder  welche Varianten  weiter plausibel sind, wenn  unsere erste Annahme nicht zutrifft. Um dieses Spiel auch nur annaehernd mitspielen zu koennen,  brauchen   wir   Unmengen   an   Information   –   moeglichst  unverfaelscht,   moeglichst   nicht   vom   anderen   fuer   uns  168
  • 169.
    Wie die Tiere aufbereitet. Wir stapeln unsere Bausteine. Voraussetzung  und   Konsequenz   effizienten   strategischen  Vorgehens ist daher Allgegenwart. Wir sammeln, als waeren wir  ueberall dabei, wir treffen unsere Entscheidungen, als waeren  wir   schon   dort,   wo  der   andere   hin   will,   als   haetten   wir   es  gewusst   und   wuerden   auf   ihn   warten.   Dann   wirken   wir  maechtig, erfahren und wissend. Wir   sind   nie   nur   jetzt,   wir   sind   von   bedeutungsstiftenden  Zusammenhaengen   abhaengig,   wir   planen   in   die   Zukunft   –  darum faellt es uns so schwer, auf Spekulation zu verzichten.  Bruchstuecke,   die   wir   im   Moment   erleben,   setzen   wir   mit  Bedeutungen  in  Beziehung,  die  sich  viel  spaeter,  frueher,  in  anderen   Zusammenhaengen,   mit   anderen   Personen   ergeben  haben   oder   ergeben   koennten;   es   kostet   Uberwindung,   die  Dinge einfach sein zu lassen. Je mehr wir erfahren, desto mehr  potentielle   Verknuepfungen   und   irregeleitete   Spekulationen  ergeben sich – bis der Punkt erreicht ist, an dem wir schlicht  gar   nichts   mehr   verarbeiten   koennen   und   gezwungen   sind,  Informationsbruchstuecke   einfach   liegen   zu   lassen.   Unsere  persoenliche Erfahrung wird dann zur statistischen Erhebung –  wir   sind   dann  nicht   nur   allgegenwaertig,  schnell   und  ueber  verschiedenste Kanaele mit Information versorgt wie ein Cyborg,  wir   sammeln,   scannen   und   archivieren   dann   auch  wie   eine  Rechenmaschine. Klingt nach dummer Science Fiction? ­ Bei der Verbreitung von  Information   haben   wir   schon   Cyborg­Qualitaeten.   Unsere  Reichweite   ueber   Netzwerke   ist   enorm   und   kann   sich  leicht  multiplizieren, mobile Devices verleihen uns einen Touch von  Allgegenwart   (wir   sind   im   Buero,   im   Wohnzimmer,   im   Cafe  gleichzeitig und koennen auf verschiedene Welten angemessen  eingehen).   Wir   koennen   problemlos   kopieren,   vernetzen   und  einen   eindrucksvollen   Strudel   erzeugen,   in   dem   kaum   noch  erkennbar ist, was wir sind, und was geliehene Hilfsmittel. In der Wahrnehmung und Verarbeitung koennen wir noch nicht  mithalten. Wir koennen viel zur Kenntnis nehmen, uns aber  169
  • 170.
    Wie die Tiere nicht mit den Inhalten beschaeftigen. Auch aus diesem Grund  nutzen  wir   dankbar   jede   Gelegenheit   zur   spekulativen  Verkuerzung.   Indem   wir   unsere   Sicht   von   Sinn   auf   die  Tatsachen anwenden, ersparen wir es uns, alles aufnehmen zu  muessen. Information   liegen   zu   lassen,   bis   wir   handeln   koennen   als  waeren   wir   allgegenwaertig,   bis   wir   in   der   Menge   an  Moeglichkeiten   Perspektiven   wechseln   koennen,   Sichtweisen  durchspielen koennen, uns auf Varianten vorbereiten koennen,  ist nicht immer unser Ding – aber eine angemessene Sichtweise. Technologie   hilft   und   behindert   dabei   gleichermassen;   wir  bekommen   Information   von   dort,   wo   wir   nicht   sind   und  schaffen   Transaktionen   weit   ueber   unsere   gewoehnliche  Reichweite hinaus. Das lindert und verschaerft das Problem; es  erzeugt   Distanz   und   erfordert   Bewegung,   die   Luecken  ueberbrueckt,   und   doch   deutlich   macht,   dass   alles   immer  anders ist: Auch wir selbst sind jetzt nicht mehr dort, wo wir  eben noch waren. Darauf muessen wir uns einstellen.   9 Muster, Welten, und Werte sind unser Spielzeug. Damit schaffen  wir Zusammenhaenge, und Experimentierrraum fuer Ideen. Mit  einer   Perspektive,   die   viele   Bruechstuecke   gesammelt   hat,  verschieben   wir   mit   kleinen   Gedanken   Welten   und   koennen  sogar   ein   kleines   bisschen   hinter   das   schauen,   was   unser  Gegenueber   uns   an   der   Oberflaeche   zeigt.   Wir   wissen   zwar  nicht,   was   er   sonst   oder   darueberhinaus   meint,   aber   wir  koennen  uns  ein   Bild  davon  machen,  wie  diese Oberflaeche  zustandekommt. Je mehr  Oberflaechen und deren Geschichten  wir kennen, desto mehr Varianten und Lebensmodelle haben  wir zur Auswahl. Das bedeutet noch nicht, dass damit auch  automatisch unsere Chancen steigen, die richtige Auswahl zu  treffen, etwas korrekt zu interpretieren. Wir koennen uns mehr  vorstellen   –   vielleicht   erhoeht   das   die   Zahl   der  170
  • 171.
    Wie die Tiere Gespraechsmoeglichkeiten, vielleicht koennen wir auf dem Weg  eher erklaeren, was wir eigentlich glauben und verstehen – und  haben so eher die Chance, auch angemessene Rueckmeldungen  zu  bekommen.   Eine   Situation   in   Beziehung   zu   vergangenen  Details zu setzen erfordert eben die passive Aufnahmefaehigkeit,  die Details sammelt, ohne sie zu bewerten (und dadurch zu  verkuerzen), und sich auch nachher noch daran erinner kann.  Das koennen lange Zeitraeume sein. Solange wir an etwas glauben, Werte fuer verbindlich halten  oder bestimmte Reaktionen, Verhaltensweisen fuer natuerlich,  solange   fehlen   uns   diese   Moeglichkeiten.   Das ist kein Plaedoyer fuer Nihilismus – eher fuer Toleranz. In  den eigenen Grenzen machen viele Systeme Sinn, sie koennen  vieles begruenden, erklaeren, Anleitungen geben, Sie koennen  auch ihre eigene Entstehung erklaeren, den Grund, warum sie  wichtig   und   richtig   sind.   Dabei   verwenden   sie   ihre   eigenen  Regeln, um ueber sich hinauszugehen: Mit den eigenen Regeln  werden die eigenen Regeln diskutiert, hinterfragt, erklaert; man  moechte  ueber   das   hinausgehgen,   was   geregelt   ist,   und   die  unmittelbare Gueltigkeit der Regelungen und der Regeln zeigen.  Das   funktioniert   natuerlich   nur   innerhalb   des   Regelwerks.  Wenn   die   eigenen   Regeln   auf   Sachverhalte   ausserhalb   des  eigenen Systems projiziert werden, ist das Interpretation. Das  Ergebnis   muss   nicht   unbedingt   falsch  sein,   aber   es   ist   mit  Sicherheit   nicht   von   den   eigenen   Regeln   unabhaengig.  Welterklaerungen   sind   natuerlich   von   den   eigenen   Regeln  abhaengig,   Religionen   funktionieren   nur   mit   den   eigenen  Zielsetzungen, aber das Prinzip wiederholt sich auch in weit  profanerem Rahmen: Die Rechtswissenschaft analysiert eigene  selbstgeschaffene   Grundsaetze   und   versucht   noch,   daraus  normative Funktionen und zwingende Sanktionen abzuleiten.  Im   Unterschied   zu   anderen   Wissenschaften,   die   alle   ihre  eigenen Voraussetzungen brauchen, um zu funktionieren, ist  das Ergebnis hier nicht so leicht zu ignorieren: Durch die gute  Vernetzung   mit   anderen   Systemen   koennen   effiziente  Zwangssysteme   geschaffen   werden;   die   gemeinsame   Nutzung  171
  • 172.
    Wie die Tiere und Anerkennung von Voraussetzunge erhoeht den Einfluss.  Ohne  dass   die   Annahmen   dadurch   richtiger   werden.   Umgekehrt   gilt   aber   auch:   Nicht   jede   theoretische  Unschluessigkeit,   Unschaerfe   bedeutet   praktisches   Versagen.  Die Physik stellt ihre eigenen Grundlagen in Frage und kann sie  im   Detail   nicht   restlos   klaeren   –   wir   fliegen   trotzdem.   Wertorientierte   Systeme   verlieren   lange   schon   an   Bedeutung  und   Stabilitaet.   Zerstoerung,   Diskussion   und   Infragestellung  von   Werten   haben   deren   Bedeutung   noch   einige   Zeit  verlaengert. Diese Diskussionen gibt es heute kaum noch. Wir  haben   kein   Problem   damit,   unterschiedliche   Werte  nebeneinander,   hintereinander,   je   nach   Kontext   oder   fuer  verschiedene Beduerfnisse zu akzeptieren. Der Grund ist nicht  immer   klar;   dass   die   fehlende   Begruendbarkeit   eine   der  Ursachen   dieser   Situation   sein   mag,   steht  oft   gar  nicht   zur  Diskussion.   Es   gibt   auch  selten   Diskussion.   Denn   zur   Debatte  –   sofern  ueberhaupt debattiert wird – steht nicht die Frage nach richtig  oder falsch, sondern die Frage, was ein angemessener Ausdruck  dieser Diversitaet ist und wie wir damit umgehen koennen.   Zuschauen   und   Protokollieren   ist   das   geeignetste   Mittel;  einzelne   Bausteine   koennen   wir   sammeln,   Dinge   an   die  Oberflaeche   zu   zwingen,   funktioniert   nicht.   Versuche,   darueber   hinauszugehen   (“Jetzt   will   ich   das   aber  wirlich wissen”, “Das  musst  Du mir  erklaeren”), produzieren  laehmende   Killerphrasen   oder   Machtverhaeltnisse.   Aus   den   meisten   Worten,   die   versuchen,   ueber   diese   Basis  hinauszugehen,   werden   blosse   Geraeusche,   sie   produzieren  nichts als Rauschen.  172
  • 173.
    Wie die Tiere Wenn  wir   das   Rauschen   kennen   und   zuordnen   koennen,  koennen wir das Buch schliessen und einfach weitermachen. Es  funktioniert   schon.   Aber   wir   wissen,   wo   wir   gelegentlich  nachsehen koennen.  173
  • 174.
    Wie die Tiere Wiedie Tiere Hier gibt es keine griffigen Case Studies. "Wie die Tiere" beschaeftigt sich ganz trocken mit der Frage: Warum bedeutet, was wir sagen, ueberhaupt etwas? Wie gehen wir davon aus, zu verstehen und verstanden zu werden? Und warum funktioniert trotz allem immer irgendetwas? Das Anerkennen der grundlegenden Unterschiede zwischen uns und allem anderen ist eine Frage des Respekts. Gemeinsamkeiten vorauszusetzen, Differenzen vor einem gemeinsamen Hintergund zu beschreiben, ist die respektlose Vereinnahmung eines anderen, der genau so Mittelpunkt seiner Welt ist, wie wir Mittelpunkt unserer Welt sind. "Wir verstehen Sie nicht, Sie verstehen uns nicht - das ist die beste Voraussetzung fuer ein gutes Gespraech." 174