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FOTOGRAFIERTVONGUILLAUMEPERRET/LUNDI13
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Helden
AN DIESEM JANUARTAG 2016
ist es sonnig, aber eiskalt. Die Gipfel
des Genfer Hausbergs Salève sind
schneebedeckt, die Gemüseäcker
starr vor Frost. In der halb städti-
schen, halb ländlichen Umgebung
der Genfer Agglomerationsgemeinde
Plans-les-Ouates fällt ein fröhlicher
Farbtupfer auf: Eine Handvoll bunte
Quader stehen rund um ein zentrales
Gebäude, das als Treffpunkt dient.
Noël Constant, der Gründer und
Präsident des gemeinnützigen Ver-
eins Carrefour-Rue stellt diese Unter-
künfte Menschen zur Verfügung, die
in Notsituationen geraten sind. Das
können Armut, Obdachlosigkeit oder
auch familiäre Umbruchsituationen
sein. In der Siedlung finden sie ein
temporäres Zuhause. „Wir fragen
nicht nach dem Woher oder dem
Warum. Wir fragen die Menschen
nur, was ihnen fehlt und was sie
brauchen“, erläutert der 77-Jährige
das Projekt. Hier erhielten sie die
Möglichkeit, ihr Leben in Ruhe wie-
der auf die Reihe zu bringen.
Wir setzen uns in den grosszügi-
gen Gemeinschaftsraum. Constant
zieht einen der schweren, roten
Samtvorhänge auf, die die einzelnen
Bereiche abtrennen. Ein Mädchen
kommt hereingestürmt und umarmt
ihn wie eine Enkelin den geliebten
Grossvater. Constant ist gerührt. Es
ist die Tochter einer alleinerziehen-
den Frau, die in der Siedlung lebt. Er
habe selber zwei Enkelkinder, aber
seine grossväterliche Liebe reiche
auch noch für weitere.
Man könnte sich in die späten
1960er-Jahre zurückversetzt fühlen,
in eine Kommune von gutmüti-
gen Sonderlingen. Doch Vince
Noël Constant hat in Genf ein Siedlung
für Menschen in Notlagen gebaut
Ein Ort zum Bleiben
VON SYLVIE CASTAGNÉ
03•2016 | |11
| 03•201612
R E A D E R ’ S D I G E S T
Fasciani, seit Jahren Noël Cons­
tants rechte Hand, legt Wert auf die
Feststellung: „Wir setzen hier auf
Eigenverantwortung und freiwillige
gegenseitige Hilfe. Wir stellen keine
Bedingungen an unsere Bewohner.“
Als Hilfe zur Selbsthilfe könnte man
die Hausordnung des Vereins be­
zeichnen.
Der Gemeinschafts­
bereich mit einer
Grundfläche von rund
50 Quadratmetern
bildet das Zentrum
der Siedlung. Er ist mit
einer Küche und einer
modernen Wasch­
küche ausgestattet. Im
Wohnzimmer stehen
bequeme Sofas, im
Esszimmer ein grosser
Tisch und eine Büro­
ecke mit einem Computer, der allen
zur Verfügung steht.
Überhaupt wirkt die ganze Sied­
lung trotz ihres vorübergehenden
Charakters sehr durchdacht: Es gibt
Begegnungsorte und gleichzeitig
ausreichend Privatsphäre für alle,
die das wünschen. Alle neun Wohn­
einheiten haben einen Namen. Ihre
Ausrichtung, Farbe und die zweck­
mässige Innenausstattung sind mi­
nutiös geplant. „Man muss denen,
die nichts haben, das Beste geben“,
sagt Constant.
Doch das Idyll ist vergänglich. Die
Wohnanlage steht auf einem priva­
ten Grundstück, das einer Architek­
tengruppe gehört. Früher oder später
wird es dem Baudruck der Stadt zum
Opfer fallen, befürchtet Constant.
Es ist die zweite von bis jetzt drei
Siedlungen, die er mit Carrefour­Rue
geplant hat. Aber nur eines der zahl­
reichen Engagements in seiner lang­
jährigen gemeinnützigen Tätigkeit
als Vereinspräsident.
Carrefour­Rue veran­
staltet Gassenküchen,
sammelt Möbel, Kleider
und Spielzeug für Be­
dürftige und beschäftigt
Arbeitslose innerhalb
eines Sozialprogramms.
Der Verein betreibt zu­
dem ein Internetradio
und gibt sogar eine
Zeitschrift heraus.
Vor einem halben
Jahrhundert ist Noël
Constant in die Schweiz gekom­
men. Fast ebenso lange widme er
sich schon Menschen „mit allen
möglichen Problemen“. Heute sei es
leicht, den Anschluss zu verlieren,
aber umso schwerer, ihn wieder zu
finden, sagt er. Einen Grund dafür
erkennt der gebürtige Burgunder in
der fortschreitenden „Formatierung
der Gesellschaft“.
Constant präsentiert sich als eine
Mischung aus verschmitztem Men­
schenfreund mit einer Prise Anar­
chist. Von sich selber gibt er ungern
etwas preis – lieber erzählt er eine
Anekdote: So habe ihn seine Mutter
am 24. Dezember nach der Mitter­
„Heuteistes
leicht,den
Anschlusszu
verlieren,aber
umsoschwerer,
ihnwiederzu
finden.“
03•2016 | |13
FOTO:©ASSOCIATIONCARREFOUR-RUE(WWW.CARREFOUR-RUE.CH)
Die farbenfrohen Notunterkünfte
ermöglichen ihren Bewohnern
eine Auszeit von ihren Sorgen
nachtsmesse auf den Stufen einer
Kirche im französischen Mâcon zur
Welt gebracht. Er zeigt auf eine Beule
an der Stirn, die er sich damals an­
geblich beim Sturz auf die vereisten
Steinstufen zugezogen habe. Man ist
sich nicht ganz sicher, wie ernst er
das wirklich meint.
Zusammen mit einem Team von
mittlerweile rund 70 Freiwilligen
ist Constant seit über 30 Jahren bei
den Unglücklichen, Hungrigen und
Obdachlosen in und um Genf unter­
wegs. „Wir stellen bei unserer Arbeit
eine zunehmende Verarmung der
Bevölkerung in der Region fest“, sagt
er. Die Behörden hätten heute bereits
Mühe, dagegen anzukommen.
Doch es gibt Lösungen. Und die
Berührungsängste weichen: Die
positive Berichterstattung der West­
schweizer Medien über die ersten
Notunterkünfte des Vereins im Gen­
fer Vorort Chêne­Bougeries hat viel
zur Akzeptanz der neuen Siedlung in
der breiten Bevölkerung beigetragen.
Carrefour­Rue will den Menschen,
die von der modernen Gesellschaft
an den Rand gedrängt wurden, eine
Auszeit von ihren Sorgen ermög­
lichen – damit sie wieder Tritt fassen
können im Leben. Dieses Credo
zieht sich wie ein roter Faden durch
alle Angebote des Vereins.
Der französische Schauspieler und
Gründer der Hilfsorganisation Restos
du Coeur Coluche begründete sein
soziales Engagement einst so: „Die
Politiker sagen, sie wüssten nicht,
was man tun könne. Wir wissen
es, also tun wir es.“ Es ist dasselbe
Wissen, aus dem Noël Constant die
Energie für seinen unermüdlichen
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«Ein Ort zum Bleiben»

  • 1.
  • 2. FOTOGRAFIERTVONGUILLAUMEPERRET/LUNDI13 ➸ Helden AN DIESEM JANUARTAG 2016 ist es sonnig, aber eiskalt. Die Gipfel des Genfer Hausbergs Salève sind schneebedeckt, die Gemüseäcker starr vor Frost. In der halb städti- schen, halb ländlichen Umgebung der Genfer Agglomerationsgemeinde Plans-les-Ouates fällt ein fröhlicher Farbtupfer auf: Eine Handvoll bunte Quader stehen rund um ein zentrales Gebäude, das als Treffpunkt dient. Noël Constant, der Gründer und Präsident des gemeinnützigen Ver- eins Carrefour-Rue stellt diese Unter- künfte Menschen zur Verfügung, die in Notsituationen geraten sind. Das können Armut, Obdachlosigkeit oder auch familiäre Umbruchsituationen sein. In der Siedlung finden sie ein temporäres Zuhause. „Wir fragen nicht nach dem Woher oder dem Warum. Wir fragen die Menschen nur, was ihnen fehlt und was sie brauchen“, erläutert der 77-Jährige das Projekt. Hier erhielten sie die Möglichkeit, ihr Leben in Ruhe wie- der auf die Reihe zu bringen. Wir setzen uns in den grosszügi- gen Gemeinschaftsraum. Constant zieht einen der schweren, roten Samtvorhänge auf, die die einzelnen Bereiche abtrennen. Ein Mädchen kommt hereingestürmt und umarmt ihn wie eine Enkelin den geliebten Grossvater. Constant ist gerührt. Es ist die Tochter einer alleinerziehen- den Frau, die in der Siedlung lebt. Er habe selber zwei Enkelkinder, aber seine grossväterliche Liebe reiche auch noch für weitere. Man könnte sich in die späten 1960er-Jahre zurückversetzt fühlen, in eine Kommune von gutmüti- gen Sonderlingen. Doch Vince Noël Constant hat in Genf ein Siedlung für Menschen in Notlagen gebaut Ein Ort zum Bleiben VON SYLVIE CASTAGNÉ 03•2016 | |11
  • 3. | 03•201612 R E A D E R ’ S D I G E S T Fasciani, seit Jahren Noël Cons­ tants rechte Hand, legt Wert auf die Feststellung: „Wir setzen hier auf Eigenverantwortung und freiwillige gegenseitige Hilfe. Wir stellen keine Bedingungen an unsere Bewohner.“ Als Hilfe zur Selbsthilfe könnte man die Hausordnung des Vereins be­ zeichnen. Der Gemeinschafts­ bereich mit einer Grundfläche von rund 50 Quadratmetern bildet das Zentrum der Siedlung. Er ist mit einer Küche und einer modernen Wasch­ küche ausgestattet. Im Wohnzimmer stehen bequeme Sofas, im Esszimmer ein grosser Tisch und eine Büro­ ecke mit einem Computer, der allen zur Verfügung steht. Überhaupt wirkt die ganze Sied­ lung trotz ihres vorübergehenden Charakters sehr durchdacht: Es gibt Begegnungsorte und gleichzeitig ausreichend Privatsphäre für alle, die das wünschen. Alle neun Wohn­ einheiten haben einen Namen. Ihre Ausrichtung, Farbe und die zweck­ mässige Innenausstattung sind mi­ nutiös geplant. „Man muss denen, die nichts haben, das Beste geben“, sagt Constant. Doch das Idyll ist vergänglich. Die Wohnanlage steht auf einem priva­ ten Grundstück, das einer Architek­ tengruppe gehört. Früher oder später wird es dem Baudruck der Stadt zum Opfer fallen, befürchtet Constant. Es ist die zweite von bis jetzt drei Siedlungen, die er mit Carrefour­Rue geplant hat. Aber nur eines der zahl­ reichen Engagements in seiner lang­ jährigen gemeinnützigen Tätigkeit als Vereinspräsident. Carrefour­Rue veran­ staltet Gassenküchen, sammelt Möbel, Kleider und Spielzeug für Be­ dürftige und beschäftigt Arbeitslose innerhalb eines Sozialprogramms. Der Verein betreibt zu­ dem ein Internetradio und gibt sogar eine Zeitschrift heraus. Vor einem halben Jahrhundert ist Noël Constant in die Schweiz gekom­ men. Fast ebenso lange widme er sich schon Menschen „mit allen möglichen Problemen“. Heute sei es leicht, den Anschluss zu verlieren, aber umso schwerer, ihn wieder zu finden, sagt er. Einen Grund dafür erkennt der gebürtige Burgunder in der fortschreitenden „Formatierung der Gesellschaft“. Constant präsentiert sich als eine Mischung aus verschmitztem Men­ schenfreund mit einer Prise Anar­ chist. Von sich selber gibt er ungern etwas preis – lieber erzählt er eine Anekdote: So habe ihn seine Mutter am 24. Dezember nach der Mitter­ „Heuteistes leicht,den Anschlusszu verlieren,aber umsoschwerer, ihnwiederzu finden.“
  • 4. 03•2016 | |13 FOTO:©ASSOCIATIONCARREFOUR-RUE(WWW.CARREFOUR-RUE.CH) Die farbenfrohen Notunterkünfte ermöglichen ihren Bewohnern eine Auszeit von ihren Sorgen nachtsmesse auf den Stufen einer Kirche im französischen Mâcon zur Welt gebracht. Er zeigt auf eine Beule an der Stirn, die er sich damals an­ geblich beim Sturz auf die vereisten Steinstufen zugezogen habe. Man ist sich nicht ganz sicher, wie ernst er das wirklich meint. Zusammen mit einem Team von mittlerweile rund 70 Freiwilligen ist Constant seit über 30 Jahren bei den Unglücklichen, Hungrigen und Obdachlosen in und um Genf unter­ wegs. „Wir stellen bei unserer Arbeit eine zunehmende Verarmung der Bevölkerung in der Region fest“, sagt er. Die Behörden hätten heute bereits Mühe, dagegen anzukommen. Doch es gibt Lösungen. Und die Berührungsängste weichen: Die positive Berichterstattung der West­ schweizer Medien über die ersten Notunterkünfte des Vereins im Gen­ fer Vorort Chêne­Bougeries hat viel zur Akzeptanz der neuen Siedlung in der breiten Bevölkerung beigetragen. Carrefour­Rue will den Menschen, die von der modernen Gesellschaft an den Rand gedrängt wurden, eine Auszeit von ihren Sorgen ermög­ lichen – damit sie wieder Tritt fassen können im Leben. Dieses Credo zieht sich wie ein roter Faden durch alle Angebote des Vereins. Der französische Schauspieler und Gründer der Hilfsorganisation Restos du Coeur Coluche begründete sein soziales Engagement einst so: „Die Politiker sagen, sie wüssten nicht, was man tun könne. Wir wissen es, also tun wir es.“ Es ist dasselbe Wissen, aus dem Noël Constant die Energie für seinen unermüdlichen Einsatz schöpft.