Steinkohle
2009Globalisierung
Sicherheit
Gesamtverband Steinkohle
braucht
Steinkohle
Jahresbericht
2009
Gesamtverband Steinkohle
3
Auch der deut­sche Steinkohlen-
bergbau ist auf einen gesicherten
politischen Rahmen angewiesen, um
seinen gesetzlichen und vertragli-
chen Auftrag zuverlässig erfüllen zu
können. Diesen Rahmen haben wir
durch das Steinkohlefinanzierungs-
gesetz erhalten. Die­sem Auftrag
gemäß ist unsere Bergbauplanung
darauf ausgerichtet, die subven-
tionierte Steinkohlenförderung in
Deutschland weiter sozialverträglich
zurückzuführen und zum Ende des
Jahres 2018 zu beenden. Wir sind
aber auch darauf vorbereitet, im
Falle einer Revision der Auslauf-
entscheidung durch den Deutschen
Bundestag den heimischen Stein-
kohlenbergbau langfristig weiter-
zuführen.
Globalisierung ist notwendig.
Globalisierung braucht in Zukunft
gleichzeitig sichere Leitplanken,
in den Regionen und vor Ort. Dazu
zählen auch sichere Energiekonzep-
te. Wir werden hierzu unseren Teil
beitragen.
Essen, im Oktober 2009
	 Bernd Tönjes
Vorsitzender des Vorstands des
Ge­samt­ver­ban­ds Steinkohle e.V.
„Globalisierung braucht Sicherheit“,
das ist das Motto des Steinkohlen-
tags 2009 des Gesamtverbands
Steinkohle und auch des vorliegen-
den Jahresberichts. Damit wollen
wir betonen: Die Globalisierung ist
für die gesamte Wirtschaft und
somit auch für die Energie- und
Kohlewirtschaft heute Normali-
tät. Niemand kann sich mehr den
globalen ökonomischen wie auch
politischen Zusammenhängen
entziehen. Daraus ergeben sich
für eine Volkswirtschaft beson-
dere Chancen, aber auch Risiken.
Eindrucksvoll gezeigt haben das in
diesem Jahr die Auswirkungen der
globalen Wirtschafts- und Finanz-
krise, die die deutsche Volkswirt-
schaft in die tiefste Rezession
der Nachkriegszeit gestürzt hat.
Dadurch wurden zeitweise auch
der Steinkohlen- und Koksabsatz in
Deutschland beeinträchtigt.
Deutschland ist eine führende
Exportnation. Unser Wohlstand
hängt langfristig von dem Erfolg auf
den internationalen Märkten und
von den Fähigkeiten ab, die Chan-
cen der Globalisierung zu nutzen.
Dafür ist unser Wirtschaftsstandort
auf nationaler und europäischer
Ebene auf ge­eignete Rahmenbedin-
gungen wie Rechts- und Planungs-
sicherheit, so­ziale Sicherheit und
auch Energiesicherheit angewiesen.
Dass gerade die Energiesicherheit
hier­zulande vor großen, in der
öffentlichen Debatte allerdings
wenig beachteten Herausforderun-
gen steht, macht der vorliegende
Jahresbericht deutlich.
Ein Wort zuvor
4
Inhalt
Ein Wort zuvor	 3
Globalisierung braucht Sicherheit 	 5
Deutsche Steinkohle	 9
Besondere Herausforderungen für den Personalabbau	 10
Konsultationsverfahren für die Verlängerung der EU-Ratsverordnung zur Genehmigung
von Steinkohlebeihilfen	 14
Innovative deutsche Bergbautechnik ist weltweit führend	 22
Innovationen treiben die Technologieentwicklung voran	 22
Klima und Umwelt	 27
Aktuelle Entwicklungen in der nationalen und internationalen Klimapolitik	 28
CO2
-Abtrennung und -Speicherung (CCS)	 32
Erneuerbare Energien und Grubengas	 35
Potenziale der Kohlenutzung	 36
Energieeffizienz und Industrieemissionen	 38
Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte	 41
Die Krise hat auch den Energiesektor getroffen	 42
Globale Megatrends setzen sich fort	 43
Entwicklung auf den internationalen Steinkohlenmärkten 2008/2009	 46
Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit - Gastbeitrag von Dr. Frank Umbach	 49
Internationale Energienachfrage bis 2030 und die Frage der globalen Versorgungssicherheit	 51
Geopolitische Risiken und strukturelle Versorgungsengpässe	 53
Auswirkungen auf die europäische Energieversorgungssicherheit	 54
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik	 57	
Die heimische Steinkohle im Zieldreieck der Energiepolitik	 58
Die Suche nach einem energiepolitischen Gesamtkonzept	 61
Gegenwärtige Situation und Trends der deutschen Energieversorgung	 68
Staatliche und marktbestimmte Entwicklungen der Energiepreise	 70
Importabhängigkeit, heimische Primärenergiegewinnung und Versorgungsrisiken	 72
Perspektiven der Energieversorgung bis 2020 – gefährdete Energiesicherheit	 75
Anhang	
	 Statistik	 82
	 Organisation des GVSt	 86
	 Verzeichnis der Grafiken und Tabellen	 87
	 Impressum	 88
	 Kennzahlen zum Steinkohlenbergbau 2008	 89
5
Globalisierung braucht Sicherheit
Im GVSt-Jahresbericht „Steinkohle
2008“ vom November 2008 wurde
noch betont, wie sich die Preise
von Rohstoffen und Energie in un-
geahnte Höhen geschraubt hatten.
Der darauf folgende massive
Einbruch durch die globale Wirt-
schafts- und Finanzkrise über-
raschte Marktteilnehmer und Ana-
lysten gleichermaßen. Nun stehen
die Auswirkungen der Krise und
andere globale Zusammenhänge
von energie-, umwelt- und rohstoff-
politischer Relevanz zusammen mit
der Lage des deutschen Steinkoh-
lenbergbaus im Mittelpunkt dieses
neuen Jahresberichts „Steinkohle
2009“ des Gesamtverbands Stein-
kohle.
Der Anpassungsprozess wurde
und wird entsprechend der durch
das Steinkohlefinanzierungsgesetz
vorgegebenen Beendigung des
subventionierten Steinkohlenab-
baus zum Ende des Jahres 2018
weitergeführt – auch wenn der
Bundestag den Beschluss 2012
noch einmal energiepolitisch über-
prüfen wird. Der Bergbauplanung
entsprechend ging die Belegschaft
auf rund 30.000 Mitarbeiter (Ende
2008) und die Förderung auf 17
Mio. t zurück. Im Jahr 2009 hat
sich diese Anpassung fortgesetzt.
Staatliche Beihilfen müssen in
der EU von der Europäischen
Kommission genehmigt werden.
Diese Genehmigung wiederum
braucht eine gemeinschaftsrecht-
liche Grundlage. Gegenwärtig
besteht dieser Rechtsrahmen in
der Ratsverordnung 1407/2002
über die Steinkohlebeihilfen. Ihre
Geltungsdauer endet 2010. Über
eine Anschlussregelung wird
derzeit intensiv beraten. Von der
Europäischen Kommission wurde
ein Konsultationsverfahren in Gang
gesetzt, in dessen Rahmen auch
die deutsche Steinkohle ausführ-
lich ihren Standpunkt darlegte.
Diese Position wird in dem vorlie-
genden Bericht näher erläutert. Ihr
Kernpunkt: Grundsätzlich müssen
zur Umsetzung der deutschen
Steinkohlepolitik alle bisherigen
Beihilfeinstrumente auch künftig
verfügbar bleiben.
Klar ist: Der bisherige und vorge-
zeichnete weitere Anpassungspro-
zess des Steinkohlenbergbaus in
Deutschland zieht neben den ener-
giepolitischen Implikationen auch
erhebliche regionalwirtschaftliche,
soziale und sektorale Folgen nach
sich. Sie müssen politisch eben-
falls bedacht und berücksichtigt
werden. Die deutsche Zuliefer-
industrie treibt die Entwicklung
modernster Techniken beim Abbau
der Steinkohle sowie bei ihrer
Nutzung gemeinsam mit dem deut-
schen Steinkohlenbergbau voran.
Herausragende Leistungen bei der
unternehmensinternen Entwicklung
innovativer Techniken zeichnet die
RAG Aktiengesellschaft jedes Jahr
mit ihrem Forschungspreis aus.
Die Zukunft des Energieträgers
Steinkohle insgesamt wird zuneh-
mend von den Weichenstellungen
in der Klimapolitik bestimmt.
Eine CO2
-arme Energiegewinnung
und -verwertung gehört seit den
international eingegangenen
Verpflichtungen im Kyoto-Protokoll
zu den Zielvorgaben der deutschen
Energiepolitik. Gerade hier wird
deutlich, wie sehr Deutschland in
ein globalisiertes Umfeld einge-
6
bettet ist, in dem es bislang eine
internationale Vorreiterfunktion
übernommen hat. Die in die Kyoto-
Verpflichtungen zumindest bis zur
Konferenz in Kopenhagen noch
nicht eingebundenen großen CO2
-
Emittenten USA, China und Indien
haben mittlerweile erkannt, dass
auch sie eigene Anstrengungen
unternehmen müssen. Ob die Welt-
klimakonferenz in Kopenhagen
jedoch zu einem neuen internatio-
nalen oder sogar wirklich globa-
len Abkommen führt, muss sich
zeigen. Die Kohle, weltweit und
hierzulande der Energieträger Nr.1
in der Stromerzeugung und der
Energierohstoff mit den größten
Vorkommen, wird unter dem Aspekt
der CO2
-Emissionen als Problem
angesehen. Sie kann aber auch Teil
der Lösung der Klimafrage sein.
Eine Lösung wird im globalen Maß-
stab nicht allein über erneuerbare
Energien und Energieeinsparung
zu erreichen sein, sondern auch
auf innovative Kohletechnologien
setzen müssen. Dazu sind weitere
Forschungs- und Entwicklungsan-
strengungen nötig.
In besonderem Maße gilt dies für
Techniken, mit denen CO2
abge-
trennt werden kann (CCS – Carbon
Capture and Storage = CO2
-Abtren-
nung und -speicherung) aber auch
für weitere Wirkungsgradverbes-
serung – die vielversprechendsten
Methoden zur Emissionsbegren-
zung. Dabei muss CCS noch in
Pilotanlagen getestet und techno-
logisch weiterentwickelt werden.
Zudem muss für diese Technologie
noch die Akzeptanz der Bevölke-
rung erreicht werden. Der Einsatz
von CCS ist aber nicht nur beim
Einsatz in Kraftwerken eine erfolg-
versprechende Maßnahme. Auch
in Kohleverflüssigungsanlagen
oder kombiniert bei einer untertä-
gigen Kohlevergasung sind CCS-
Technologien eine Möglichkeit,
die CO2
-Emissionen zu verringern.
Entsprechende Forschungen hierzu
finden bereits statt. Eine weitere
Klimaschutzmaßnahme ist die
bewährte und zunehmende Absau-
gung und Nutzung von Grubengas.
Die globalen konjunkturellen Ent-
wicklungen der vergangenen Mo-
nate überlagern die seit längerem
vorhandenen Megatrends, wie der
global steigende Energie- und Roh-
stoffbedarf. Die Weltbevölkerung
wächst weiter – vorwiegend in den
Entwicklungs- und Schwellenlän-
dern – und somit steigt dort der
Energiebedarf überproportional.
Die Rezession der vergangenen
Monate hat auf den Energie- und
Rohstoffmärkten zwar zu Nachfra-
gerückgängen und Preiseinbrüchen
geführt. Nachfrage und Preise
sind hier aber trotz der Krise auf
einem höheren Niveau als noch
vor wenigen Jahren. Sie werden
aller Voraussicht nach im nächsten
Aufschwung wieder anziehen.
Speziell China weist weiterhin ein
hohes Wachstum auf und zeigt
sich in der Baisse vorausschauend
als Hauptakteur im Kampf um die
Rohstoffe.
Der weltweite Energiemix wandelt
sich nur allmählich. 2030 werden
noch gut 80% des Energiebe-
darfs von fossilen Energieträgern
gedeckt werden, so z. B eine
IEA-Prognose. Selbst bei stärkerer
Nutzung der regenerativen Ener-
gien würde dieser Anteil dann
noch um die 70% betragen. Die
Sicherheit der Versorgung mit Ener-
gierohstoffen wird angesichts des
Wachstums insbesondere in China
und Indien mit zunehmenden öko-
nomischen wie auch geopolitischen
Risiken behaftet sein. Bestehen-
de oder neu gebildete Allianzen
Rohstoff produzierender Länder
(OPEC, bzw. GECF – Gas Exporting
Countries Forum) zeigen bereits
auf, wie hoch die Machtballung in
diesem Bereich ist.
Die Abhängigkeiten auf dem Ener-
gie- und Rohstoffsektor sind für ei-
nen Industriestandort wie Deutsch-
land von herausragender Bedeu-
tung. Heimische Rohstoffe, so auch
die Steinkohle, haben deswegen
einen besonderen Stellenwert. Es
gilt dabei, das Zieldreieck der Ener-
giepolitik – Wirt­schaftlichkeit, Ver-
sorgungssicherheit und Umwelt-
verträglichkeit – zu beachten, ohne
dass die drei Ziele aus der Balance
geraten. Wie diese Balance er-
reicht wird, hängt maßgeblich von
den Entscheidungen der Politik ab.
Ein energiepolitisches Gesamtkon-
zept, das allen drei zentralen Zielen
gleichgewichtig Rechnung trägt,
liegt seit Jahren nicht vor. Ver-
suche gab es immer wieder. Anfang
2009 hat eine Projektgruppe Ener-
giepolitisches Programm (PEPP)
7
Globalisierung braucht Sicherheit
des Bundeswirtschaftsministeri-
ums neue energiepolitische Hand-
lungsleitlinien vorgeschlagen. Auch
das Bundesumwelt­ministerium
widmete sich dem Thema mit einer
„Roadmap Energiepolitik 2020“,
die mit eigenen Akzenten die Ver-
einbarkeit bisheriger energiepoli-
tischer Weichenstellungen auch in
mittel- und langfristiger Hinsicht
darzustellen versucht.
Auf europäischer Ebene
wurden die drei zentra-
len Ziele der Ener-
giepolitik ebenfalls
verstärkt themati-
siert, wenngleich
mit dem EU-
„Klimapaket“
eher einseitige
Akzente ge-
setzt worden
sind. Die Ener-
gieversorgungs­
sicherheit wird
bislang nicht mit
gleichem Gewicht
in den Abwägungs-
prozess einbezogen.
Der noch nicht verab-
schiedete Vertrag von
Lissabon verlangt definitiv
ihre Gewährleistung. Die Be-
deutung dieser Fragen gerade aus
europäischer Sicht hat der Gaskon-
flikt Russland/Ukraine im Januar
2009 drastisch unterstrichen.
In Deutschland ist der Energie-
trägermix breit angelegt. Doch
er beginnt sich durch die gegen-
wärtigen klima- und energiepo-
Deutschland bei Mineralöl und
Erdgas vollständig von Importen
abhängig sein. Wenn es keine
Revision der Auslaufentscheidung
für den heimischen Steinkohlen-
bergbau gibt, gilt das auch für die
Steinkohle. Das RWI hat dafür
einen Indikator entwickelt: Dem-
nach hat sich das Gesamtrisiko der
deutschen Primärenergieversor-
gung seit 1980 mehr als verdoppelt
und wird sich bis 2020 mehr als
verdreifachen. Was kann
gegen die zunehmenden
Bezugsrisiken auf den
Rohstoff- und Ener-
giemärkten unter-
nommen werden?
Der Ausbau der
erneuerbaren
Energien allein
wird nicht
reichen. Der
vorliegende
Bericht zeigt
einige wichtige
Aspekte und
Ansatzpunkte
zur Beantwortung
dieser Frage auf.
Auch energiepolitisch
lautet die Schlussfolge-
rung: Globalisierung braucht
Sicherheit.
In einem Gastbeitrag geht Dr. Frank
Umbach, Senior Associate für in-
ternationale Energiesicherheit am
Centre for European Security Stra-
tegies (CESS), München-Berlin,
auf „die strategischen Risiken der
globalen Energiesicherheit“ ein.
litischen Maßnahmen deutlich
zu verschieben. Im Strombereich
haben erneuerbare Energien und
Erdgas in den letzten Jahren ihren
Anteil verdoppeln können, während
Kohle und Kernenergie ihren Anteil
verringerten. Diese Tendenz dürfte
sich fortsetzen.
Fest steht auch: Die hohe und ten-
denziell zunehmende Abhängigkeit
von Energieimporten aus Ländern
mit teils hohen Risikokennziffern
(nach HERMES oder OECD) hat das
Energieversorgungsrisiko hierzu-
lande steigen lassen und wird es
weiter erhöhen. Nach 2020 wird
Deutsche Steinkohle
Fotos:
Steinkohlenmischhalle; im Streb
10
Die globale Finanz- und Wirt-
schaftskrise machte auch vor der
deutschen Wirtschaft nicht Halt.
Waren im Herbst 2008 erst nur
die Finanzmärkte betroffen, zog
die Krise anschließend nahezu alle
Wirtschaftsbereiche in ihren Sog.
So auch die deutsche Steinkohle.
Das den deutschen Steinkohlen-
bergbau tragende Unternehmen
RAG Aktiengesellschaft erlebte
infolge der Rezession zu Jahres-
beginn 2009 temporäre Störungen
beim Kohleabsatz, die voraussicht-
lich bis zum Jahresende wieder
ausgeglichen werden.
Das Jahr 2009 stand zunächst ganz
im Zeichen der Umsetzung der
Bergbauplanung, die der Vorstand
und Aufsichtsrat der RAG im Som-
mer 2008 beschlossen hatten. Mit
dem Steinkohlefinanzierungsgesetz
vom Dezember 2007 und dem damit
verknüpften Vertragswerk waren
hierfür die entsprechenden Rah-
menbedingungen geschaffen. Da-
mit ist der weitere Anpassungskurs
vorgegeben. Gemäß § 1 Abs. 1 des
Steinkohlefinanzierungsgesetzes
wird „die subventionierte Förde-
rung der Steinkohle in Deutschland
zum Ende des Jahres 2018 been-
det“. Zugleich gibt es in § 1 Abs. 2
ein Überprüfungsgebot: Auf der
Grundlage eines spätestens bis
zum 30. Juni 2012 vorzulegenden
Berichts der Bundesregierung prüft
danach der Deutsche Bundestag
„unter Beachtung der Gesichts-
punkte der Wirtschaftlichkeit, der
Sicherung der Energieversorgung
und der übrigen energiepolitischen
Ziele, ob der Steinkohlenberg-
bau weiter gefördert wird“. Der
Bundestag kann somit aus ener-
giepolitischen Gründen auch die
Weiterführung eines tragfähigen
Steinkohlenbergbaus beschließen.
Die RAG ist für beide Fälle gerüs-
tet. Garant dafür ist das für den
Personalabbau politisch zugesagte
Prinzip der Sozialverträglichkeit.
Die Umsetzung dieses Anpassungs-
prozesses hat für den Steinkohlen-
bergbau höchste Priorität.
Seit 2008 vereint die „neue“ RAG
Aktiengesellschaft mit Sitz in
Herne unter ihrem Dach u. a. die
RAG Deutsche Steinkohle AG, die
RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH
als reine Bergbaubetriebsgesell-
schaften sowie die RAG BILDUNG
GmbH und die RAG Montan Immo-
bilien GmbH. Mitte April 2009 kam
als weitere Gesellschaft die RAG
Mining Solutions GmbH hinzu. Ihre
Aufgabe ist die internationale
Vermarktung gebrauchter und er-
probter Bergbauausrüstungen und
des im Unternehmen vorhandenen
Know-hows zur Förderung von
Steinkohle.
Im Berichtszeitraum wurde zum
1. Januar 2009 das Bergwerk Lippe
in Gelsenkirchen stillgelegt. Die
Stilllegung des Bergwerks Ost in
Hamm ist zum 30. September 2010
festgelegt. Das letzte Bergwerk
im Saarrevier, das Bergwerk Saar
mit dem Förderstandort Ensdorf,
stellt zum 1. Juli 2012 seine För-
derung ein. Darüber hinaus sieht
die Bergbauplanung das Ende des
Bergwerks West in Kamp-Lintfort
zum Jahreswechsel 2012/2013 vor,
auch wenn es dazu noch keinen
Gremienbeschluss gibt. So wird
sich die heimische Steinkohlenför-
derung ab 2013 voraussichtlich auf
nur noch drei Bergwerke in Nord-
rhein-Westfalen konzentrieren:
Prosper-Haniel in Bottrop, Auguste
Victoria in Marl und Ibbenbüren an
der Grenze zu Niedersachsen.
Mit der Zahl der Bergwerke wird
bis 2012 auch die Förderung von
17 Mio. t im Jahr 2008 auf unter
12 Mio. t/a zurückgehen. Zugleich
wird sich die Mitarbeiterzahl auf
etwa 15.000 verringern. Gerade die
Belegschaftsanpassung stellt den
Steinkohlenbergbau vor große Her-
ausforderungen. Dies setzt weiter-
hin die Nutzung aller verfügbaren
personal- und sozialpolitischen
Anpassungsinstrumente voraus.
Darüber hinaus sind begleitende
tarifvertragliche Regelungen
getroffen worden, um die Ziele
erreichen zu können.
Für die Personalanpassung gibt es
ein vielfältiges Instrumentarium.
Eine wesentliche Rolle spielt dabei
auch in Zukunft das seit 1972 be-
stehende Anpassungsgeld (APG)
für Arbeitnehmer im Steinkohlen-
Besondere Herausforderungen für den
Personalabbau
11
Bergwerke zur Still-
legung vorgesehen
1 West
2 Prosper-Haniel
3 Auguste Victoria
4 Ost
5 Saar
6 Ibbenbüren
Bergwerke
Stand: Oktober 2009
6
Osnabrück
Ibbenbüren
Saar
Saarbrücken
Saarrevier
Saarlouis
1
Kamp-
Lintfort Dinslaken
Duisburg
Lippe
Bottrop
2 Herne
Bochum
Essen
Dortmund
Hamm
Ruhr
Ruhrrevier
Reckling-
hausen
Marl
3
4
Gelsen-
kirchen
Steinkohlenbergwerke in Deutschland
5
20-4_2009 23.09.2009
Rhein
Deutsche Steinkohle
bergbau. Danach können die Mitar-
beiter bei Erfüllung bestimmter Vor-
aussetzungen – etwa Überschreiten
einer festgelegten Altersgrenze
und Betriebszugehörigkeitsdauer
– vorzeitig in den Vorruhestand
wechseln. 2008 konnten damit
1.840 Mitarbeiter aus dem aktiven
Arbeitsleben ausscheiden.
Allerdings können für z. Zt. noch
rund 2.100 jüngere Mitarbeiter
diese Regelungen nicht angewandt
werden. Sie sollen bis 2012 das
Unternehmen verlassen und eine
andere Beschäftigung außerhalb
des Bergbaubereichs finden. Auf
diese Problematik hat die deut-
sche Steinkohle mit einem breit
gefächerten personalpolitischen
Instrumentarium reagiert. Es unter-
stützt in unterschiedlichster Form
eine Integration der betroffenen
Mitarbeiter in den allgemeinen
12
30,4
7*
17,7
130,3
71,0
27
0
150
50
100
Steinkohlenförderung
in Mio. t SKE
Bergwerke
Anzahl
Belegschaft
in Tausend
1990
* 2009: 6
1995 20082000 2005
23-1_2009 17.09.2009
Arbeitsmarkt. Hervorzuheben ist
die Einarbeitungsqualifizierung: Sie
ermöglicht es, in einer mehrmona-
tigen „Kennenlernphase“ Arbeits-
plätze außerhalb des Bergbaus zu
erproben. Des Weiteren können
sich Mitarbeiter in bis zu dreijäh-
rigen Umschulungsmaßnahmen
für zukunftsträchtige Berufsfelder
außerhalb des Bergbaus qualifi-
zieren. Darüber hinaus behalten
auch weitere, in den vergangenen
Jahren erfolgreich erprobte unter-
nehmensinterne Programme ihre
Gültigkeit. Sie geben jüngeren
Mitarbeitern alternative beruf-
liche Perspektiven innerhalb und
außerhalb des RAG-Konzerns und
bieten ihnen Anreize zur Förderung
der Flexibilität.
Ein geordneter Stilllegungsprozess
des deutschen Steinkohlenberg-
baus bei gleichzeitiger Aufrecht-
erhaltung einer mit Blick auf die
Revisionsklausel funktionsfähigen
Unternehmensstruktur: Mit diesem
Ziel schlossen die Tarifparteien
des Steinkohlenbergbaus – GVSt
und IG BCE – im Juni 2009 den
„Tarifvertrag zur sozialverträglichen
Flexibilisierung des rheinisch-
westfälischen und des Ibbenbü-
rener Steinkohlenbergbaus“. Er trat
zum 1. Juli 2009 in Kraft und kann
frühestens zum 31. Dezember 2012
gekündigt werden. Damit sollen die
Interessen aller an dem Prozess Be-
teiligten zu einem angemessenen
Ausgleich gebracht werden. So
tragen seine Regelungen einerseits
den Interessen der Mitarbeiter an
einem höchstmöglichen Bestands-
schutz ihrer Arbeitsverhältnisse
Rechnung. Andererseits fordern
sie im Gegenzug von den Arbeit-
nehmern aber ein sehr hohes Maß
an Flexibilität – sowohl hinsichtlich
Art und Ort ihrer Arbeitstätigkeit
als auch der Bereitschaft zur Teil-
nahme an erforderlichen Qualifizie-
rungen.
Mit diesen und ähnlichen Instru-
menten ist es in den vergangenen
40 Jahren seit Gründung der Ruhr-
kohle AG gelungen, die Anzahl der
Mitarbeiter von damals 280.000
auf rund 30.000 (Stand Ende 2008)
– also um über 90 % – sozialver-
träglich, d. h. ohne betriebsbe-
dingte Kündigungen zu reduzieren.
Um das personalpolitische Ziel
einer sozialverträglichen Anpas-
sung der Belegschaft bis 2012 zu
realisieren, wird es nötig sein, alle
genannten Instrumente weiterhin
anzuwenden. Erschwert werden die
Bemühungen, den Personalabbau
zu bewältigen, derzeit allerdings
durch die Entwicklungen auf dem
Arbeitsmarkt. Viele Betriebe leiden
unter dem durch die Wirtschafts-
krise ausgelösten Konjunkturein-
bruch und nehmen derzeit keine
Neueinstellungen vor. Es ist nicht
auszuschließen, dass sich die Ar-
beitsmarktlage in Deutschland und
so auch in den Bergbauregionen
noch spürbar verschärfen wird.
Auch der GVSt hat Anpassungen
vorgenommen und seine Strukturen
verändert. Bei seiner Gründung
im Jahr 1968 vereinte er noch die
Interessen von fünf Unternehmens-
verbänden des deutschen Steinkoh-
lenbergbaus unter seinem Dach.
Heute ist er die einzige Interessen-
vertretung der Branche. Nachdem
der GVSt bereits die Aufgaben des
Unternehmensverbandes Stein-
kohle (UVSt) übernommen hatte,
wurde 2009 der traditionsreiche
Verein für die bergbaulichen Inte-
ressen (VbI), der im letzten Jahr
sein 150-jähriges Jubiläum gefeiert
hatte, auf den GVSt verschmolzen.
Außerdem wurde der Gesamtver-
band Steinkohle in das Vereinsregi-
ster eingetragen. Die Belegschaft
wird parallel zur Anpassung im
Steinkohlenbergbau verkleinert.
Im Zuge der Anpassung wird der
Verband seinen Sitz zum 1. Januar
2010 nach Herne verlegen – an
den Standort seines wichtigsten
Mitglieds, der RAG Aktiengesell-
schaft.
Trotz der Notwendigkeit, die Perso-
nalzahlen an die geringer werdende
Förderung anzupassen, gehört der
deutsche Steinkohlenbergbau noch
immer zu den großen Ausbildern
in Nordrhein-Westfalen und dem
Saarland. Er kommt so seiner sozia-
len und regionalen Verpflichtung
Anpassung
im deutschen
Steinkohlen-
bergbau
13
Fachrichtungen der Auszubildenden im Steinkohlenbergbau 2008
neu_01-1_2009 23.09.09
4%
Elektro-
technik
Bergtechnik
Maschinen-
technik
Sonstige
40%
Auszubildende 2008 insgesamt 1.797
6%
50%
Deutsche Steinkohle
nach. Auch im Jahr 2009 haben
wieder rund 300 junge Menschen
ihre Ausbildung bei der RAG
begonnen. Damit beschäftigt das
Unternehmen zu Beginn des Aus-
bildungsjahres 2009/10 insgesamt
ca. 1.340 Auszubildende, wobei die
Schwerpunkte in den Bereichen
Industriemechaniker, Elektroniker
Aufgaben des Gesamtverbands Steinkohle e. V.
Der Gesamtverband Steinkohle e. V. (GVSt) wurde am 11. Dezember
1968 als Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus ge-
gründet. Heute vertritt und fördert er die allgemeinen Belange seiner
Mitglieder aus Steinkohlenbergbau und verwandten Branchen, insbe-
sondere auf wirt­schaftspolitischem und sozialpolitischem Gebiet, und
fungiert als Arbeitgebervereinigung und Tarifpartei für seine ordent-
lichen Mitglieder.
Wie andere Branchenverbände auch beteiligt er sich direkt und indirekt
über Dachverbände an der politischen Willens- und Entscheidungsbil-
dung in Deutschland. So ist der GVSt über die Vereinigung Rohstoffe
und Bergbau e. V. (VRB) mittelbar im Bundesverband der Deutschen
Industrie e. V. (BDI) vertreten. Als Arbeitgeberverband des deutschen
Steinkoh­lenbergbaus ist der GVSt Mitglied der Bundesvereinigung der
Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sowie der Landesvereinigung
der Arbeitgeberverbände NRW und ist in allen wichtigen Gremien der
Sozialversicherungsträger vertreten. Der Verband pflegt als Interessen­
vertretung der Branche Kontakte zu den für den Steinkohlenbergbau
maßgeblichen Instanzen in Politik, Ministerien, Behörden sowie zu
Universitäten, Forschungseinrichtungen, Kirchen und der Öffentlichkeit.
Gerade der Montanbereich steht – und stand seit 1950 – unter einem
besonderen europäischen Fokus. So ist der GVSt auch Gründungsmit-
glied des Dachverbands des europäischen Kohleberg­baus EURACOAL,
dem mittlerweile 28 Verbände und Unternehmen aus fast allen Kohle-
ländern Europas angehören. Er vertritt über sein Brüsseler Büro auch
spezifische Belange der deutschen Steinkohle, so vor allem in der euro-
päischen Umweltpolitik. Darüber hinaus wirkt er in weiteren internatio-
nalen Organisationen wie dem World Coal Institute (WCI) mit.
Gemeinsam mit dem Deutschen Braunkohlen-Industrie-Verein e. V.
(DEBRIV) betreibt der GVSt den Statistik der Kohlenwirtschaft e. V.
Dieser Verein hat die Aufgabe, für die Kohleunternehmen die behördlich
angeforderten Statistiken zu erstellen und im Rahmen dieses Zweckes
Behörden und öffentliche Institutionen zu beraten.
für Betriebstechnik, Mechatroniker
sowie im kaufmännischen Bereich
liegen.
Mit der personellen Anpassung eng
verbunden ist die Notwendigkeit
der Know-how-Sicherung. Mit je-
dem Mitarbeiter, der das Unterneh-
men verlässt, drohen auch dessen
Fachwissen und Erfahrung verloren
zu gehen. Um diesem Problem wirk-
sam begegnen zu können, bedarf
es zunächst eines Überblicks über
alle unternehmensweit vorhan-
denen Qualifikationen. Hierfür hat
die RAG das Know-how-Siche-
rungssystem (KHS) eingeführt, das
die Qualifikationen und Kompe-
tenzen aller Mitarbeiter umfassend
abbildet. Dadurch wird es möglich,
für die auftretenden Qualifika-
tionslücken den bestmöglichen
Know-how-Träger zu identifizieren.
Er kann dann entsprechend dem
Bedarf im Unternehmen eingesetzt
oder qualifiziert werden.
Fachrichtungen
der Auszu-
bildenden im
Steinkohlen-
bergbau
14
Für den sozialverträglichen An-
passungsprozess des deutschen
Steinkohlenbergbaus und die Um-
setzung der steinkohlepolitischen
Beschlüsse muss auch weiterhin die
EU-rechtliche Genehmigung der ge-
währten Kohlehilfen möglich sein.
Rechtsgrundlage dafür ist bis zum
Jahr 2010 die geltende EU-Ratsver-
ordnung 1407/2002 über staatliche
Beihilfen für den Steinkohlenberg-
bau. Für die Zeit ab 2011 ist eine
neue EU-Regelung der Kohlebeihil-
fen nötig. Andernfalls würden die
allgemeinen Bestimmungen des
EU-Vertrags Anwendung finden,
die allerdings für die Zwecke des
deutschen Steinkohlenbergbaus
nicht ausreichen.
Auf europäischer Ebene ist 2009
ein Konsultationsverfahren zum
Auslaufen der Gemeinschaftsre-
gelungen der Steinkohlebeihilfen
eingeleitet worden. Es hat eine
Reihe von kohlepolitischen und
beihilferechtlichen Grundsatzfragen
aufgeworfen. In diesem Zusam-
menhang haben der GVSt und die
RAG der Europäischen Kommission
eine gemeinsame Stellungnahme
vorgelegt.
Darin betonen sie, dass ein we-
sentlicher Aspekt des Steinkohle-
finanzierungsgesetzes die Sozial-
verträglichkeit bei der Rückführung
der Förderung ist. Ein Auslaufen der
Subventionen zu einem früheren
Konsultationsverfahren für die Verlängerung der EU-Ratsverordnung zur
Genehmigung von Steinkohlebeihilfen
Zeitpunkt wäre angesichts der
Altersstruktur der Belegschaft und
der gerade in den Bergbauregionen
schwierigen Arbeitsmarktsituation
sozialverträglich unmöglich. Darauf
weist auch der von der deutschen
Bundesregierung in diesem Zusam-
menhang bei der EU-Kommission
notifizierte Umstrukturierungsplan
bis 2018 hin. Seine Genehmigung
steht noch aus und ist in enger Ver-
bindung zu sehen mit den Konsulta-
tionen in Zusammenhang mit dem
Auslaufen der EU-Ratsverordnung
1407/2002.
Wettbewerb durch Beihilfen
nicht beeinträchtigt
Auch aus Sicht der EU-Kommission
haben die Steinkohlebeihilfen bis-
her nie zu Beeinträchtigungen des
Wettbewerbs auf den wichtigsten
Kohleabsatzmärkten geführt. Spe-
ziell in Deutschland hat sich gerade
durch die stark rückläufige Stein-
kohlenförderung ein großer Raum
für Steinkohlenimporte eröffnet.
Insofern ist der Umstrukturierungs­
plan mit dem Gemeinschaftsrecht
vereinbar. Die Kommission hat sich
dieser Einschätzung nicht anschlie-
ßen können.
In ihrer Stellungnahme weist die
deutsche Steinkohle des Weiteren
darauf hin, dass der Steinkohlen-
bergbau in den Ländern der EU
größtenteils unter geologisch
schwierigen Bedingungen statt-
findet. Dies verhindert, dass sich
seine Produktionskosten so weit
verringern lassen, dass sie das
Niveau von Importkohle aus Dritt-
ländern erreichen. Der Steinkohlen-
bergbau insgesamt wäre daher dau-
erhaft nicht überlebensfähig, wenn
keine Maßnahmen zur Gewährung
staatlicher Hilfen getroffen würden.
Erst recht ist er auf Beihilfen zur
Rücknahme der Fördertätigkeit
angewiesen, die unter Wahrung des
Prinzips der Sozialverträglichkeit
durchgeführt werden sollen, wie es
im deutschen Steinkohlenbergbau
der Fall ist.
Heimische Steinkohle be-
deutet Energieversorgungs-
sicherheit
Die Europäische Kommission be-
gründete die bestehende Verord-
nung bisher auch immer mit dem
Beitrag der Steinkohlenförderung
für die Energieversorgungssicher-
heit. Denn eine völlige Abhängigkeit
von Importkohle aus Drittländern
könnte nach Auffassung der
Kommission die Risiken und Un-
wägbarkeiten bei der langfristigen
Sicherheit der Energieversorgung
der EU vergrößern. Gerade in einer
immer stärker globalisierten Welt
mit zunehmender Konkurrenz um
die vorhandenen Ressourcen stellt
die Versorgungssicherheit durch
Zugang zu heimischen Steinkohlen-
vorkommen ein hohes Gut dar.
15
Deutsche Steinkohle
Es ist nämlich durchaus nicht sicher,
dass Kohle immer in ausreichendem
Maße in der gewünschten Qua-
lität zu einem akzeptablen Preis
auf dem Weltmarkt zur Verfügung
steht. Einer Analyse vom Frühjahr
2008 zufolge wird bereits im Jahr
2011 wieder damit zu rechnen sein,
dass Angebot und Nach­frage auf
dem Weltkraftwerkskohlenmarkt
die Kapazitätsgrenzen erreichen.
Ab 2012 müssten sogar Engpässe
erwartet werden („Development
and Perspectives on Supply and
Demand in the Global Hard Coal
Market“, Maggi Rademacher in:
Zeitschrift für Energiewirtschaft
2/2008, S. 67ff.). Durch die danach
eingetretene globale Wirtschafts-
krise ist eine zeitliche Verschiebung
dieser Tendenz zu erwarten. Am
Ergebnis der Analyse ändert dies im
Grundsatz aber wenig.
Ähnliche Einschätzungen hat die im
Jahr 2007 veröffentlichte Studie
„The Future of Coal“ des Energie-
Instituts des Joint Research Center
der EU-Kommission vertreten. Nach
dieser Studie ist es nicht sicher,
dass die zur Deckung der mittel-
und langfristigen Koh­lenachfrage
erforderliche Steigerung des
globalen Angebots erfolgen wird.
Die Lieferper­spektiven für Kohle
auf dem Weltmarkt wären auf
Dauer keineswegs so sicher wie
häufig angenommen. Der Grund
dafür ist die re­lativ rasche Abnah-
me der wirtschaftlich gewinnbaren
Reserven sowie die sehr hohe
Länder- und die steigende Unter-
nehmenskonzentration. In jedem
Fall würden die Weltmarktpreise
erheblich stei­gen; ein Szenario, das
2008 – zunächst vorübergehend –
auch eingetreten ist. Auf Grund der
Studie erscheint eine umfassendere
und effizientere Nutzung der heimi-
schen Steinkohlenre­serven der EU
sinnvoll. Dies würde nicht nur die
Importabhängigkeit reduzieren, son-
dern auch zusätzliche vorteilhafte
Synergien wie z. B. eine Sicherung
der Beschäftigung in Bergbau und
Zulieferindustrie ermöglichen. Die
Sicherung der Beschäftigung hat
in Folge der Krise europaweit nach
Auffassung der EU-Kommission
höchste Priorität erlangt.
Auch wenn durch die Weltwirt-
schaftskrise ein anderes zeitliches
Szenario eintreten wird, so ist eine
Verknappung offenbar nur eine
Frage der Zeit. Be­reits vor Erreichen
der Vollauslastung der Kapazitäten
in der gesamten Kohlekette werden
die Preise deutlich anstei­gen, wie
die Erfahrung im vergangenen Jahr
zeigte.
Eine Umstellung der bestehenden
Kohlekraftwerke auf Weltmarktkoh-
le wäre im Übrigen nicht in je­dem
Fall möglich – und wenn, dann auch
nur nach mehr oder weniger um-
fangreichem Umbau der Kraftwerke
bzw. Umstellung der Transportinfra­
struktur. Vor dem Hintergrund der
öffentlichen Diskussion über den
Neubau von Kohlekraftwerken sind
daher zusätzliche Veränderungen
im Kraftwerkspark zu Las­ten eines
ausgewogenen Energiemix in der
Stromerzeugung absehbar(s. a.
Kapitel Herausforderungen für die
europäische und deutsche Energie-
politik).
Unter Umweltgesichtspunkten
ist die Frage der Beihilfen für die
Steinkohlengewinnung im Übrigen
getrennt zu betrachten von den
Auswirkungen der Steinkohlen-
nutzung. Letztere treten beim
Einsatz von Importkohle genauso
ein. Die Probleme gelten unabhän-
gig von der Herkunft der Kohlen.
Dies gilt insbesondere für die
Verringerung der CO2
-Emissionen
aus Kohlekraftwerken. Denn die
Umwelt- und Klimafreundlichkeit
der Kohlekraftwerke hängt ab von
den jeweiligen Emissions­standards
im Kraftwerkssektor und der Höhe
der Wirkungsgrade, künftig auch
von der Entwick­lung und Durchset-
zung der nahezu CO2
-freien CCS-
Technologien.
Umgekehrt würde die Einstellung
der Steinkohlenförderung in den
Mitgliedstaaten der EU bedeuten,
dass die Produktion auch für den
europäischen Markt verstärkt in
dritte Länder verlagert wird, in
denen in der Regel erheblich gerin-
gere Umweltstandards als in der
EU herrschen. Hinzu kämen unter
Klimagesichtspunkten u. a. auch die
Emissionen durch den zusätzli­chen
internationalen Kohletransport.
Die globale „Ökobilanz“ der Stein-
kohlenproduktion insgesamt würde
dadurch keineswegs verbessert,
sondern in aller Regel verschlech-
tert. Eine Mindestproduktion
subventionierter heimischer Stein-
kohle dagegen hätte klare Vorteile.
Sie würde – wie schon die bisher
geltende EU-Regelung feststellt
– die An­reize und Chancen in den
Mitgliedstaaten erhöhen. Auch die
16
Führungsposition der europäischen
Technologie würde gesichert wer-
den, in der eine umweltschonende
Förderung der Kohle, deren sau-
bere Verbrennung und zugleich ein
Transfer dieser Technologie zu den
großen Kohle produzierenden Re­
gionen außerhalb der EU ermöglicht
würde.
Zugang zur Lagerstätte
sichern
Eine Fortsetzung der Steinkohlen-
förderung sichert auch den Zugang
zur Lagerstätte. Die technisch
gewinnbaren Vorräte in den deut-
schen Steinkohlenlagerstätten sind
die bei weitem größten Energie-
vorräte innerhalb der EU. Bezogen
auf Deutschland haben sie einen
Anteil von 63% an den heimischen
Energievorräten.
Die heimische Steinkohle liefert –
bei einem Anteil von rund 4% am
Primärenergieverbrauch und etwa
einem Drittel bei der Stromerzeu-
gung aus Steinkohle – nicht nur
im Hinblick auf den Zugang zu den
Vorkommen nach wie vor einen
bedeutsamen Beitrag zur Energie-
versorgung in Deutschland. Sie
könnte dies vor dem Hintergrund
der vorhandenen Vorkommen auch
noch für mehrere Jahrhunderte
leisten. Anders als noch vor 25
Jahren dominiert heute mit einem
Anteil von rund 77% der Absatz an
die Stromwirtschaft. Der Anteil, der
2008 in die Stahlindustrie ging, be-
trug 21%. Kleinere Mengen werden
daneben – subventionsfrei – in den
Wärmemarkt geliefert (Anthrazit-
kohlen).
Dem infolge der einsetzenden
Rezession bereits 2008 nahezu
stagnierenden Stromverbrauch
folgte 2009 auch ein monatelanger
Abwärtstrend bei der Stromerzeu-
gung – begründet im geringeren
industriellen Verbrauch. So hat es
beispielsweise bei der Rohstahl-
produktion in Deutschland seit dem
Jahresbeginn massive Einbrüche
um bis zu 42% gegeben. Sowohl
beim Absatz von Kraftwerkskohle
als auch von Kokskohle und Koks ist
es im ersten Halbjahr konjunkturell
bedingt zu erheblichen Rückgängen
gekommen. Die letzte unter dem
Dach der RAG verbliebene Kokerei
Prosper musste nach Jahren der
Vollauslastung ihre Kapazitätsaus-
lastung zeitweise auf die tech-
nische Untergrenze zurücknehmen,
genauso wie alle übrigen sich im
Besitz der Stahlproduzenten befin-
denden Kokereien in Deutschland
auch.
Seit dem Sommer 2009 gibt es
allerdings wieder deutliche Signale
dafür, dass die konjunkturelle Tal-
sohle durchschritten ist (Stand
September 2009).
Öffentliche Hilfen
Für das Jahr 2008 waren für den
deutschen Steinkohlenbergbau
gemäß Haushaltsplan 2,378 Mrd.€
an öffentlichen Hilfen für die
laufende Förderung, Altlasten und
Stilllegungsmaßnahmen bereit-
gestellt worden. Davon entfielen
1,862 Mrd.€ auf den Bundes- und
0,516 Mrd.€ auf den nordrhein-
53,8
Braunkohle
Steinkohle
Erdgas
Mineralöl
* u. a. Grubengas, Geothermie
36-2_2009 05.10.09
4,5
6,1
16,8
17,7
2008 insgesamt: 130,7 Mio. t SKE
18,4
5,0
Erneuerbare Energien (27 %):
- Sonstige Erneuerbare* (2,4 Mio. t SKE)
- Solarenergie (1,0 Mio. t SKE)
- Wasserkraft (2,5 Mio. t SKE)
- Windkraft
- Biosprit
- Biomasse
Übrige Energie-
träger (2 % = 2,5
Mio. t SKE)
Fossile Energieträger (71 %):
Primärenergiegewinnung in Deutschland
in Mio. t SKE
17
0
20
40
60
80
100
120
140
160
180
Entwicklung der Subventionen in Deutschland
Index
(1996 = 100)
1996 97 99 2000 01
Quelle: IfW, Bundes- und Länderhaushalte
* 2006/07: verringerter Abbau wegen Umstellung der Auszahlungsmodalitäten
und Nachzahlung vorher verschobener Auszahlungen („Bugwelle“)
** 2008: Kohlehilfen nach erlösabhängiger Kürzung
02 03
17-2_2009 08.10.2009
Subventions-
abbau
Subventions-
zunahmeMrd. €
branchenübergreifende Subventionen
Steinkohle-Subventionen
sektorspezifische Subventionen
98 04 2005 06 07* 08**
5,3
21,5
1,8
-66%
73,3
+6%
29,7
+38%
69,1
Mrd. €Mrd. €
0
1
2
3
4
5
6
16-2_2009 09.10.09
Mrd. €
Öffentliche Hilfen für die deutsche Steinkohle
Ohne RAG-Eigenanteil; * erlösabhängige Kürzung
Bis 2008: gemäß Zusagen aus den kohlepolitischen Vereinbarungen 2003 (ohne Berücksichtigung
der zeitlichen Zahlungsverschiebungen); ab 2009 Planansätze gemäß Rahmenvereinbarung 2007;
2018 unter Vorbehalt der Revision in 2012; ab 2019: keine Absatzhilfen
2,4
0,6*
1,8
2,2
2008 2009
1,8
1,1
2012
5,3
1996 2000
4,3
20302018
0
Planansätze
(vor erlösabhängiger Kürzung)
Deutsche Steinkohle
westfälischen Landeshaushalt. Das
Saarland beteiligt sich an diesen
Kohlehilfen nicht. Auf Grund der
auf dem Importkohlenmarkt zu
verzeichnenden Preissteigerungen
reduzierte sich der Bedarf jedoch,
sodass Anfang 2009 ein um fast
600 Mio.€ verminderter Betrag
ausgezahlt wurde.
Wurden die Steinkohlesubventio-
nen in den vergangenen Jahren
gerade von Ökonomen sehr kritisch
beurteilt, so scheint sich mittler-
weile hier und da eine Neubewer-
tung zu ergeben. Die Wirtschafts-
und Finanzkrise und die dadurch ini-
tiierten umfangreichen staatlichen
Rettungsmaßnahmen verschoben
die Relationen im Subventionsge-
schehen und im staatlichen Handeln
sehr deutlich. So äußerte sich bei-
spielsweise Prof. Peter Bofinger,
Mitglied des Sachverständigenrats,
in seinem Buch „Ist der Markt noch
zu retten?“ im Zusammenhang mit
der Subventionsdebatte und spezi-
ell zu den Subventionsstudien des
Kieler Instituts für Weltwirtschaft
(IfW): „Man kann sich bei jeder
dieser Positionen streiten, ob dafür
öffentliche Mittel eingesetzt werden
sollten. Aber es gibt für die meisten
dieser Subventionen durchaus eine
ökonomische Rechtfertigung. Dies
gilt selbst für die Steinkohle, die bei
steigenden Energiepreisen durchaus
wieder attraktiv werden kann.“
Fiskalische Folgekosten
Der Steinkohlenbergbau ist nach
wie vor von beträchtlicher Be­
deutung für die Städte und Gemein-
den in den Revieren. Ein Anfang
2008 veröffentlichtes Gutachten
der Prognos AG zur regional-
wirtschaftlichen Bedeutung des
Steinkohlenbergbaus im Ruhr­gebiet
zeigte Folgendes: Auf einen Berg-
bauarbeitsplatz kommen 1,3 wei-
tere Arbeitsplätze im wirtschaft-
18
Ruhrrevier
Saarrevier
Ibbenbüren
Bergleute
in den Revieren
Zusätzlich
bergbauabhängig
Beschäftigte
- außerhalb
der Reviere
- in den Revieren
Bundesweit vom
Bergbau abhängig
Beschäftigte
Bergleute
in den Revieren
2008
Tausend
Beschäftigungseffekte des deutschen
Steinkohlenbergbaus nach Regionen
0
20
10
30
40
60
70
50
lichen Umfeld – davon rechnerisch
ungefähr ein Arbeitsplatz in der
Region selbst. So wird durch den
Bergbau nicht nur direkt, sondern
auch indirekt Arbeit geschaffen.
Es handelt sich hier zum einen um
Arbeitsplätze in der Zulieferindu-
strie, zum anderen aber auch um
solche, die durch die Kauf­kraft der
Bergbaubeschäftigten zusätzlich
gesichert werden – etwa im Handel
oder im Handwerk der Region. In
vielen ehemaligen Bergbauregionen
und Berg­baurückzugsgebieten
ist deshalb die Arbeitslosigkeit
typischerweise überdurchschnitt­
lich hoch.
Zu berücksichtigen sind auch die
fiskalischen Folgekosten. Werden
in der Folge von Bergwerksstillle-
gungen Steuern und Sozialversiche-
rungsbeiträge nicht mehr geleistet,
kann das trotz der eingesparten
Subventionen per Saldo für viele
Jahre sogar zu Nettobelastun­gen
der öffentlichen Kassen führen.
Erschwert wird somit auch die
Finanzierung regionalpoli­tischer
Strukturanpassungsmaßnahmen.
Zwar hat es in der Vergangenheit
vielfältige regionalwirtschaftliche
Flankie­rungsmaßnahmen auch
durch EU-Programme gegeben (z. B.
RECHAR,RESIDER oder Ziel-2-Maß-
nahmen); doch sie konzentrierten
sich auf das allgemeine Umfeld,
nicht aber auf die unmittelbaren
Auswir­kungen der Arbeitsplatzver-
luste im Steinkohlenbergbau und
den von ihm abhängigen Sektoren.
Bereits vor dem Beschluss im Jahr
2007, die subventionierte Förderung
der Steinkohle in Deutschland zu
beenden, wurde die Förderung über
Jahre hinweg deutlich, aber immer
so­zialverträglich zurückgeführt.
Dies hat zumindest bruchartige Ent-
wicklungen in den Bergbaurevieren
verhindert. Das Auslaufdatum Ende
2018 wurde be­wusst so gewählt,
um größere negative soziale und
regionale Auswirkungen vermeiden
zu können.
Zusammenfassend ist über die Ende
2010 auslaufende EU-Ratsverord-
nung über Steinkohlebeihilfen daher
festzuhalten: Sie hat sich bewährt
und zu keinen gravierenden Proble-
men geführt, die Anlass zu einer
Änderung während der Laufzeit
der Verordnung gegeben haben.
Dies hat die EU-Kommission in
ihrem Monitoring-Bericht zu dieser
Verordnung selbst festgestellt.
Der deutsche Steinkohlenbergbau
hatte sich deshalb schon 2006 in
seiner Stellungnahme im Rahmen
der Konsul­tation zum Monitoring-
Bericht für eine – modifizierte –
Fortschreibung dieser Verordnung
ausgesprochen. Dies sehen auch
etliche andere Kohleländer so.
Künftig sollten in jedem Fall alle
bisher bestehenden Beihilfein-
strumente im EU-Rahmen zulässig
bleiben.
Fiskalische Folgekosten bei unterschiedlichen
Arbeitsplatzersatzraten
	 Arbeits-	 Fiskalische	 Fiskalische
	 platzverluste	 Folgekosten	 Folgekosten
Arbeitsplatz-	 in 2018	 2007 - 2018	 2007 - 2018
ersatzrate p. a.	 NRW	 NRW	 Deutschland
0%* 	 - 43.726	 1,43 Mrd. €	 9,54 Mrd. €
2,25%	 - 37.390	 1,30 Mrd. €	 8,57 Mrd. €
4,5%** 	 - 32.963	 1,18 Mrd. €	 7,71 Mrd. €
9%	 - 25.054	 0,99 Mrd. €	 6,25 Mrd. €
* Status quo mit Normaltrend ** Referenzfall UK 	
	 Quelle: Prognos, 2008
“Arbeitsauftrag”,
Foto und Montage:
Andreas Ermert, 2009.
22
Produktion
der deutschen
Bergbaumaschi-
nenindustrie
Quelle: VDMA, 2009
32-1_2009 23.09.09
200320022001 20072004
Gesamtproduktion
Mio. €
0
500
1.000
2.000
4.000
2005
2.500
3.000
1.500
2006 2008
3.500
Exportanteil 2008: 86%
Die geordnete und schrittwei-
se Rückführung des deutschen
Steinkohlenbergbaus hat nicht nur
regionale und soziale Folgen abge-
federt, sondern zugleich auch die
Anpassungsprozesse der Zulieferin-
dustrie. Der gute Ruf der deutschen
Bergbautechnik ist nicht zuletzt
auf die Herausforderungen zurück-
zuführen, die die geologischen
und klimatischen Bedingungen an
einen Bergbau in Tiefen von bis
zu 1.500 m stellen. So beträgt die
durchschnittliche Gewinnungsteufe
im heimischen Steinkohlenbergbau
aktuell rund 1.150 m. Bis zum Jahr
2012 wird sie etwa um weitere
100 m zunehmen. Beispiellos auf
der Welt sind darüber hinaus die
hierzulande anerkannt hohen Stan-
dards für die Arbeitssicherheit, den
Arbeits- und Gesundheits- sowie
den Umweltschutz. Die inländische
Bergbauzulieferindustrie hat hierzu
im Ver­bund mit dem heimischen
Steinkohlenbergbau entscheidende
Innovative deutsche Bergbautechnik ist
weltweit führend
Innovationen treiben die Technologie-
entwicklung voran
Produktivitätssteigerungen und
Prozessinnovationen sind heut-
zutage mitentscheidend für den
wirtschaftlichen Erfolg von Berg-
bauunternehmen. Weltweit geht
der Trend zu immer leistungsfä-
higeren Tiefbaubetrieben: Zum
einen, weil die im Tagebau gewinn-
baren Vorräte langsam aber sicher
zur Neige gehen; zum anderen, weil
auch andernorts die Anforderungen
an einen umweltschonenderen
Umgang mit der Landschaft über
Beiträge geleistet und ist auf dem
Weltmarkt nicht nur wettbewerbs-
fähig, sondern auch an der Spitze
der technologischen Entwicklung.
Ihr Bei­trag ist in der EU, in Osteuro-
pa sowie in Ländern wie China und
Indien von großer Bedeutung.
Die Entwicklung in Deutschland
zeigt inzwischen aber, dass mit
Rückführung der Steinkohlenpro­
duktion der Bestand einzelner
Bergbauzulieferer gefährdet ist und
bereits Insolvenzen einzel­ner Un-
ternehmen zur Folge hatte. Zudem
dürften einige deutsche Anbieter
finanziell kaum in der Lage sein,
technische Neuerungen in weit
entfernten Bergwerken im Einsatz
­zu testen und zur Marktreife zu
führen.
Der überwiegende Teil der Berg-
bauzulieferbetriebe ist mit seinen
Wertschöpfungs- und Beschäfti-
gungspotenzialen in den Bergbau-
revieren angesiedelt. 80% aller
Bergbauzulieferer Deutschlands
sind z. B. in Nordrhein-Westfalen
ansässig. 115 überwiegend mittel-
ständische Unternehmen mit mehr
als 13.500 Beschäftigten decken
die gesamte Palette der Tief- und
Tagebautechnik in allen Bergbau-
zweigen ab. Die Branche verzeich-
net seit Jahren steigende Umsätze,
die den geringer werdenden Anteil
des heimischen Markts mehr als
kompensieren. Zuletzt betrug der
Zuwachs 7% für das Jahr 2008.
Die führende Position der deut-
schen Bergbaumaschinenindus-
trie auf dem Weltmarkt ist laut
Fachverband Bergbaumaschinen
im Verband Deutscher Maschinen-
und Anlagenbau (VDMA) allerdings
gefährdet, sollte der Auslauf-
beschluss für den deutschen
Steinkohlenbergbau tatsächlich
umgesetzt werden. Zur Aufrecht-
erhaltung des weltweit hohen
technologischen Standards der
deutschen Bergbautechnik ist nach
Ansicht des VDMA ein lebensfähi-
ger heimischer Steinkohlenbergbau
unverzichtbar: Die erforderlichen
Innovationen erfolgen und gelin-
gen gerade durch die Erprobung
und Weiterentwicklung unter den
anspruchsvollen Bedingungen in
der heimischen Lagerstätte.
23
neu_03-1_2009 23.09.2009
Unfallrückgang im Steinkohlenbergbau (1998 bis 2008)
Unfälle
(Gesamtzahl je 1 Mio. Arbeitsstunden)
Unfälle Gewerbliche
Wirtschaft insgesamt Unfälle
Steinkohlenbergbau
insgesamt*
Unfälle unter Tage
0
10
20
30
40
1998 200620022000 2004 2008
* nur unter Bergaufsicht stehende Unternehmensteile
Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung; RAG
50
Deutsche Steinkohle
tegie und zu den Voraussetzungen
für eine wirtschaftliche Produktion.
Die Arbeit in Steinkohlenberg-
werken ist durch die natürlichen
Gegebenheiten für die Bergleute
in besonderer Weise nicht ohne
Gefahren. Dennoch konnten die
Unfallzahlen im deutschen Stein-
kohlenbergbau seit Anfang der
1990er Jahre um fast 90% gesenkt
werden. Sie erreichten zuletzt
einen historischen Tiefstwert. Im
internationalen Vergleich wie auch
im Vergleich zu anderen Branchen
in Deutschland nimmt damit der
heimische Steinkohlenbergbau
einen Spitzenplatz bei der Arbeits-
sicherheit ein.
Zum Selbstverständnis des deut-
schen Steinkohlenbergbaus zählt
auch der verantwortungsvolle
Umgang mit der Umwelt. Dies
zeigt sich insbesondere bei den
im Vorfeld aller Abbauvorhaben
durchgeführten Umweltverträglich-
keitsprüfungen. Diese setzen sich
mit den erwarteten Umweltaus-
wirkungen auseinander und legen
die erforderlichen Ausgleichs- und
Ersatzmaßnahmen sowie deren
kontinuierliche Überwachung fest.
Ausschlaggebend für weitere
Produktivitätssteigerungen sind
Innovationen in den Bereichen
Automatisierung, Kommunikation
und Infrastruktur. Diese umfassen
Verbesserungen in der Antriebs-
und Gewinnungstechnik, Logistik,
Instandhaltung, Planung und
Organisation. Um dabei weitere
Fortschritte zu erzielen, arbeitet
die deutsche Steinkohle eng mit
Einrichtungen aus Wissenschaft
und Forschung zusammen.
Zur Förderung der innerbetrieb-
lichen Anstrengungen zugunsten
Tage steigen. Dort, wo ohnehin
bereits Steinkohle unter Tage
gewonnen wird, dringt man inzwi-
schen ebenfalls in immer größere
Teufen vor und lernt zunehmend die
damit verbundenen Anforderungen
hinsichtlich steigender Gebirgsdrü-
cke, höherer wetter- und klima-
technischer Anforderungen und
ähnlichem kennen.
Arbeits-, Gesundheits- und Um-
weltschutz besitzen im deutschen
Steinkohlenbergbau seit jeher
einen hohen Stellenwert. Sie zäh-
len zu den wichtigen Grundsätzen
innerhalb der Unternehmensstra-
Zum 1. August 2009 startete in der Nachfolge des Bergmechanikers der
neue Ausbildungsberuf des „Bergbautechnologen“. Mit diesem Berufsfeld
trägt die Ausbildungspolitik den veränderten Rahmenbedingungen für den
Steinkohlenbergbau sowie dem Strukturwandel der bergbaulichen und
bergbaunahen Berufstätigkeiten in Deutschland Rechnung.
Berufsanfänger können sich zwischen den Spezialisierungen Tiefbohr-
technik und Tiefbautechnik entscheiden. Die Tiefbohrtechnik setzt
Schwerpunkte in den Bereichen Geologie sowie der Bohrlochkonstruktion
und -kontrolle. Die Tiefbautechnik besitzt ihre Einsatzfelder neben dem
Steinkohlenbergbau hierzulande im Kali-, Deponie-, Sanierungs- und neuer-
dings auch wieder im Erzbergbau. Ausbildungsschwerpunkte liegen dabei
auf Fragen des Grubengebäudes, sowie der Wetter- und Klimatechnik, die
für die Tiefbohrtechnik nicht relevant sind.
Künftig können auch Frauen in diesem Beruf ausgebildet werden: Der Deut-
sche Bundestag hat das Beschäftigungsverbot für Frauen unter Tage am
20. Januar 2009 aufgehoben. Zuvor hatte der Europäische Gerichtshof die
EU-Länder verpflichtet, ein Übereinkommen der Internationalen Arbeitsor-
ganisation aus dem Jahr 1935 zu kündigen, das jegliche Untertagearbeiten
von Frauen verbot, da es gegen eine europäische Richtlinie verstoße.
Änderungen im Berufsfeld Bergbautechnologe
Unfallrückgang
im Steinkohlen-
bergbau
24
stetiger Innovationen vergibt die
RAG Aktiengesellschaft einen
Forschungspreis.
Eine zentrale Rolle bei der Vergabe
des Forschungspreises spielen die
Anstrengungen zur Automatisie-
rung der Arbeitsprozesse. Dazu
zählt die Entwicklung einer neuen
Hobeltechnik: Sie führte in den
Betrieben der RAG zu einer deut-
lichen Steigerung der Tagesförde-
rung bei halbiertem Aufwand für
Wartung und Instandhaltung sowie
längerer Lebensdauer der Anla-
gen. Ferner geht es um ein neues
Antriebssystem für Kohleförderer:
Es ermöglichte eine deutliche
Produktivitätssteigerung und damit
verbundene Kostensenkungen. Zum
dritten wurde ein vollautomatisier-
tes Transportsystem entwickelt.
Für die Chancen auf dem Welt-
markt ist neben der Weiterent-
wicklung dieser Techniken auch
das Know-how über das Verhalten
des Gebirges und den Umgang
mit ihm von unschätzbarem Wert.
Für dieses Wissen wurde unter
Einsatz modernster IT-Systeme
und -Strukturen bei der RAG ein
geotechnisches Bewertungssys-
tem entwickelt. Es liefert Planern
ein transparenteres Bild über die
Gesteinsschichten. Zur besseren
Gebirgsbeherrschung in Flözstre-
cken wurde eine selbstlernende
Datenbank aufgebaut. Sie spiegelt
die Erfahrungen aus über hundert
Jahren Steinkohlenbergbau in
Deutschland wider. Diese Daten-
bank liefert erstmalig ein umfang-
reiches, vernetztes Zahlen- und
Formelwerk, das für die Planung
und Auffahrung neuer Strecken
genutzt wird. Insbesondere das
Wissen und die Erfahrungen
der letzten 25 Jahre sind dabei
weltweit einzigartig. Eine ähnliche
Datenbank wurde auch für das
Grubenrettungswesen entwickelt.
Sie hilft nicht nur, die Sicherheit in
deutschen Bergwerken zu erhö-
hen und Know-how zu sichern:
Deutsche Standards werden damit
weltweit bekannt gemacht und
weitere Impulse gesetzt.
Daneben wurden auch Arbeiten mit
dem RAG-Forschungspreis ausge-
zeichnet, die nicht direkt mit den
Vorgängen unter Tage in Verbin-
dung gebracht werden. In einem
Fall wurde ein Planungs- und Steu-
erungssystem für eine umfassende
und effiziente Abwicklung des
Flächenrecyclings und vergleich-
barer Großprojekte entwickelt. Bei
einem weiteren Projekt („MINEO“)
handelt es sich um ein Forschungs-
vorhaben zur Umweltüberwachung
in Bergbaugebieten mit neuen
Fernerkundungsmethoden.
Den Forschungspreis 2008 verlieh
die RAG für ein System, das die
computergestützte Übermittlung
von Sprache, Bildern und Daten
möglich macht. Der Elektriker unter
Tage repariert eine hochkompli-
zierte Anlage. Visuell und akustisch
zugeschaltet wird ein Experte der
Herstellerfirma. Ohne Zeitverlust
durch Anreise, ohne stundenlan-
ge Stillstände im Betrieb, ist der
Schaden schnell behoben. In der
Komplexität der Untertage-Welt
waren viele Voraussetzungen zu
schaffen, um diese Technologie
Prozessleitwarte
der Zukunft
25
Die RAG Aktiengesellschaft ver-
leiht seit 2002 einmal jährlich ei-
nen Forschungspreis an Mitarbeiter
für außerordentliche Leistungen
aus dem Bereich Forschung und
Entwicklung. Hierfür bewertet
eine Jury unter Vorsitz des RAG-
Vorstandsmitglieds Jürgen Eikhoff
Ideen und Verbesse-
rungen, die dem Unter-
nehmen neue Impulse
geben und somit Inno-
vationen vorantreiben.
Die besonders an-
spruchsvolle Geologie
der Lagerstätte sowie
die weltweit führenden
deutschen Standards
bei Arbeitssicherheit
und Umweltschutz er-
fordern eine ständige
Weiterentwicklung der
deutschen Bergbau-
technologie, um eine
immer höhere Effizienz zu errei-
chen. Hinzu kommen die Anstren-
gungen, trotz Personalabbau vor-
handenes Know-how zu erhalten
und weiterzuentwickeln.
An der Verleihung des Preises –
einem stilisierten Schildausbau
aus Kohle und Acrylglas – an die
Preisträger nehmen Vertreter aus
Politik, Wirtschaft und der Tages-
und Fachpresse teil.
Die bisherigen Veranstaltungen
stoßen auf positive Resonanz. So
betonte im Jahre 2003 die damalige
Ministerin für Wissenschaft und
Forschung des Landes Nordrhein-
Westfalen, Hannelore Kraft, dass
der Forschungspreis zum einen die
strategische Bedeutung der For-
schungs- und Entwicklungsarbeit
für den deutschen Steinkohlenberg-
bau unterstreiche und zum anderen
die Innovationskraft nordrhein-
westfälischer Forscherinnen und
Forscher verdeutliche. Zwei Jahre
später unterstrich dies auch Dr.
Michael Stückradt, Staatssekre-
tär im NRW-Ministerium für Inno-
vation, Wissenschaft, Forschung
und Technologie. Die deutsche
Bergbautechnologie
ist weltweit führend.
Stückradt: „Der Ga-
rant, dass diese stolze
Bilanz auch in Zukunft
erhalten bleibt, ist Ex-
zellenz in Forschung und
Entwicklung und deren
Umsetzung.“
Auch die Berichterstat-
tung der Medien fiel
durchweg positiv aus.
Hierbei ging neben der
Innovationskraft der
Mitarbeiter auch die
des deutschen Steinkohlenberg-
baus im internationalen Zusammen-
spiel hervor. Eine Partnerschaft, die
bis in den Weltraum reicht, wie
der Auftritt von Gastredner und
Astronaut Dr. Ulf Merbold bei der
Forschungspreisverleihung im Jahr
2004 zeigte.
Der Forschungspreis der RAG Aktiengesellschaft
Deutsche Steinkohle
zu realisieren. Das Projekt wurde
von der Europäischen Kommission
gefördert.
Der Konzentrationsprozess im
deutschen Steinkohlenbergbau
hat zu einem großen Angebot an
gebrauchter, erprobter Bergbau-
technik geführt. Was unter den
hiesigen schwierigen Bedingungen
unter Tage funktioniert, kann oft
auch anderswo genutzt werden.
Um diesen Markt in Zukunft zu
bedienen, hat die RAG als weiteres
Unternehmen unter ihrem Konzern-
dach in diesem Jahr die Tochter-
gesellschaft RAG Mining Solutions
gegründet. So wurden bereits mit
Bergbaugesellschaften in Polen,
Tschechien und der Ukraine Kon-
26
Der Forschungspreis 2009
Zur visuellen Unterstützung wurden auf beiden
Walzentragarmen Videokameras und Scheinwer-
fer installiert. Die Kameras liefern kontinuierlich
Bilder.
Zur Vollautomation zählt auch die Möglichkeit
der Grenzschichterkennung zwischen Kohle und
Nebengestein. Dies erfolgt mit zwei kohlenstoß-
seitig installierten Infrarotkameras. Mit der Infra-
rottechnik werden Texturen im Flöz erkannt, die
mit dem bloßen Auge kaum sichtbar sind.
Nach20JahrenEntwicklungsarbeitistesbeiderRAGge-
lungen, den sogenannten Schrämwalzenlader – eine Ab-
baumaschine – „intelligent“ zu machen. Leistungsfähige
Rechner und Kommunikationssysteme sowie modernste
Sensorik wie Infrarotkameras, Radar und Schwingungs-
messer machen das möglich. Die Maschine erkennt
selbstständig Hindernisse und die Grenzen zwischen
Kohle und Gestein. Ein effektiver und Material scho-
nenderAbbauvonSteinkohleunterTageistdasErgebnis.
Das Projekt wurde im Jahr 2009 mit dem Forschungspreis
der RAG-Aktiengesellschaft ausgezeichnet.
takte und Geschäftsbeziehungen
aufgebaut zur Vermarktung des
hochmodernen Equipments – für
das es zum Teil hierzulande keine
Einsatzmöglichkeiten mehr gibt –
sowie des vorhandenen Know-
hows. Darüber hinaus gibt es
zunehmend Anfragen aus China,
der Türkei, Russland und Mexiko.
Die Beispiele zeigen, dass die Ent-
wicklung der Bergbautechnik trotz
des gesunkenen Fördervolumens
in Deutschland Jahr für Jahr bis
heute wesentliche Fortschritte ge-
macht hat und immer noch macht.
Dies liegt nicht zuletzt daran,
dass die Förderung von Kohle aus
einer der tiefsten Lagerstätten der
Welt technische Höchstleistungen
und umfangreiches Know-how
erfordert. Messbarer Ausdruck
der weltweiten Wertschätzung
der Innovationsanstrengungen des
deutschen Steinkohlenbergbaus
ist das große Interesse, das die
Präsentationen von Mitarbeitern
der deutschen Steinkohle auf inter-
national besetzten Kolloquien und
Tagungen finden.
Klima und Umwelt
Foto:
Grubengas-BHKW
der Stadtwerke Herne
am Standort der
ehemaligen Schachtanlage
Mont Cenis
28
Aktuelle Entwicklungen in der nationalen und
internationalen Klimapolitik
Die nationale und europäische
Klimapolitik wurde in der zweiten
Jahreshälfte 2008 und 2009 durch
die Umsetzung des europäischen
Klimaschutzpaketes vom Januar
2008 („Green Package“) geprägt.
Zentraler Teil des Green Package
ist die Novellierung des europä-
ischen Emissionshandelssystems
für die Zeit nach 2012, dem Ende
der zweiten Handelsperiode und
der Verpflichtungsperiode unter
dem Kyoto-Protokoll. Kernelement
der Novellierung des europäischen
Emissionshandelssystems, die im
Europäischen Parlament am 17.
Dezember 2008 mit überwälti-
gender Mehrheit verabschiedet
wurde, ist die deutliche Verringe-
rung der Emissionen im Rahmen
des Emissionshandels in der Zeit
2013 bis 2020. So sollen die dem
Emissionshandel unterliegenden
Anlagen ihre Emissionen bis 2020
um 21% gegenüber 2005 verrin-
gern. Der überwiegende Teil der
Emissionsrechte wird an die Strom-
erzeugungsunternehmen zugeteilt.
Diese Rechte sollen nicht – wie in
der Vergangenheit – kostenfrei,
sondern mit einem Auktionsver-
fahren kostenpflichtig zugeteilt
werden. Dies führt absehbar zu
einem erheblichen Kostenschub bei
den Strompreisen, den sowohl die
industriellen als auch die privaten
Stromverbraucher der Europäischen
Union schultern müssen.
Die Vollauktionierung von Emis-
sionsrechten im Bereich der
Stromerzeugung wird die kohlen-
stoffreichen Primärenergieträger
Braun- und Steinkohle besonders
hart treffen, da sich die Strom-
erzeugungskosten hier am stärk-
sten erhöhen. Absehbar ist eine
„Dekarbonisierung“ besonders
im Bereich von Neuanlagen, da
Neuinvestitionen auf Stein- und
Braunkohlebasis nur getätigt
werden, wenn die Vollkosten am
Strommarkt durchgesetzt werden
können. Der Emissionshandel
favorisiert kohlenstoffarme Primär-
energieträger, wie Gas. Preisniveau
und Preisrisiken ließen diese im
Wärmemarkt mit großen Nutzungs-
vorteilen angesiedelten Energieträ-
ger in Deutschland bislang nicht zu
grundlastfähigen Energieträgern in
der Stromerzeugung werden. Durch
den Emissionshandel droht jedoch
eine Verschiebung. Bei den übrigen
Industrieanlagen soll ein stufen-
weiser Einstieg in die Auktionie-
rung erfolgen, wobei die kosten-
lose Zuteilung im Jahr 2013 80%
beträgt, bis 2020 auf 30% und bis
2027 auf 0% abgesenkt wird.
Die vom EU-Rat im März 2009
verabschiedete Richtlinie enthält
eine Reihe von Regelungslücken,
die die Kommission noch vor
Beginn der dritten Handels­periode
im Januar 2013 schließen muss.
Hierzu gehören insbesondere die
Abgrenzung der Carbon Leakage-
Sektoren, die im internationalen
Wettbewerb stehen, und die
Definition von Benchmarks für eben
jene Sektoren.
Um die Wettbewerbsfähigkeit der
europäischen Industrien nicht zu
stark zu beeinträchtigen, sollen
für energieintensive Wirtschafts-
zweige – wie beispielweise auch
die Kokereien – gewisse Ausnah-
men vom Einstieg in die Auktio-
nierung geschaffen werden. Diese
Ausnahmen sehen eine kostenlose
Zuteilung von Emissionsrechten für
die 10% der effizientesten Anlagen
im jeweiligen Wirtschaftszweig
vor, wobei die übrigen Anlagen des
Carbon Leakage-Sektors die ihnen
zugeteilten Emissionsrechte letzt-
endlich doch zumindest teilweise
kostenpflichtig erwerben müssten.
Zudem wird die Anzahl der im
gesamten Emissionshandelssys-
tem zugeteilten Rechte – egal ob
kostenfrei oder kostenpflichtig –
zwischen 2013 und 2020 um 1,74%
pro Jahr reduziert, sodass gegen
Ende des Zeitraums von einer
erheblichen Verknappung von
Emissionsrechten ausgegangen
werden muss.
Auf internationaler Ebene wird die
klimapolitische Diskussion im Jahr
2009 durch die Vorbereitung auf
die 15. Vertragsstaatenkonferenz
(COP15) geprägt, die im Dezember
2009 in Kopenhagen stattfindet.
Auf ihr sollen ein Nachfolge­
abkommen für das Kyoto-Protokoll
aus dem Jahr 1997 verabschiedet
und klimapolitische Zielvorgaben
29
Energiebedingte CO2-Emissionen in der Welt
2008: 31,5 Mrd. t CO2
übrige Welt China
RusslandJapan
USA
nach BP, 2009
30%
4%
20%
6%
22%
Deutschland
11%übrige
EU-27-Länder
Indien
4%
77u-2_2009 17.09.09
(davon Kohlekraftwerke
in Deutschland: 1%)
Klima und Umwelt
für die Zeit nach 2012 festgelegt
werden. Die Europäische Union hat
sich im Vorfeld dieser Verhand-
lungen im Januar 2009 unilateral
auf eine Minderungsverpflichtung
von 20% gegenüber 1990 festge-
legt und sich dazu bereit erklärt,
ihre CO2
-Emissionen um 30% zu
senken, falls andere Industrie-
staaten vergleichbare Emissions-
minderungen beschließen. Sie for-
dert ferner, den globalen Tempe-
raturanstieg auf 2°C zu begrenzen
und zur Erreichung dieses Ziels, die
globalen Emissionen bis 2050 um
50% gegenüber 1990 zu senken.
Die endgültige Verhandlungspositi-
on der EU soll auf einem Ratsgipfel
im Oktober 2009 verabschiedet
werden.
Die europäischen Forderungen wur-
den vom G8-Gipfel im italienischen
L’Aquila im Juli 2009 aufgegriffen.
Die G8-Staaten wollen ihre Klima-
gasemissionen bis 2050 um 80%
reduzieren, wobei die weltweiten
Emissionen um 50% verringert
werden sollen. Um dieses Ziel
zu erreichen, müssten auch die
Entwicklungs- und Schwellenlän-
der ihre Emissionen gegenüber
heute bis 2050 um mindestens
30% reduzieren, je nach dem,
welcher Basiszeitraum seit 1990
als Ausgangspunkt für die Emissi-
onsminderung gewählt wird. Diese
implizite Forderung des G8-Gipfels
wird die internationale Klimapolitik
vor neue, schwierige Herausforde-
rungen stellen.
Vergleicht man dies mit den
CO2
-Minderungszielen, die die
Entwicklungsländer den Industrie-
staaten abverlangen (etwa 40%
gegenüber 1990 bis 2020), so
fallen die bislang publik gemachten
Reduzierungsabsichten deutlich
dahinter zurück. Die UN-Klimaver-
handlungen werden weiter dadurch
erschwert, dass die Entwicklungs-
länder von den Industriestaaten
jährliche Zahlungen für „Klimaschä-
den“ im Bereich von ca. 200 Mrd.
US-$ fordern, Forderungen, die
vor dem Hintergrund der gegen-
wärtigen Wirtschafts- und Finanz-
krise wenig realistisch anmuten.
Die Entwicklungsländer selbst,
hauptsächlich China und Indien,
die maßgeblich für den drastischen
Emissionsanstieg der letzten zehn
Jahre verantwortlich sind, sind
dagegen nicht bereit, verpflichten-
de Emissions­begrenzungszusagen
zu machen. Sie haben aber zu
erkennen gegeben, dass sie
generell bereit sind, aus Gründen
des Klimaschutzes zumindest ihre
Energieeffizienz (d. h. Energieein-
satz bzw. CO2
-Emission pro Einheit
Bruttosozialprodukt) bis 2020
deutlich zu verbessern, bzw. ihre
CO2
-Emissionen ab ca. 2030 sogar
zu stabilisieren. Dies würde gegen-
über den Trendannahmen zu einer
Emissionsminderung auch in den
Entwicklungsländern, insbesondere
China und Indien führen.
In den USA wurde nach dem Einzug
von Präsident Barack Obama ins
Weiße Haus im Januar 2009 umge-
hend versucht, eine klimapolitische
Kurswende einzuleiten. Dies führte
zur raschen Vorlage und Verab-
schiedung eines Gesetzentwurfs
durch den Kongress, der nach
Angaben des World Resources
30
Institute in der Summe die 28%-ige
Senkung der Treibhausgasemissio-
nen der USA bis zum Jahr 2020
im Vergleich zu 2005 zur Folge
hätte. Die Verabschiedung durch
den US-Senat steht noch aus und
wird als unsicher eingeschätzt.
Dieses Klimaschutzprogramm ist
in seiner Breite noch umfassender
als das europäische Green Package
oder die deutschen klimapoli-
tischen Beschlüsse von Meseberg/
Brandenburg (August 2007). Es
umfasst nämlich alle sechs Kyoto-
Gase und deckt vergleichsweise
erheblich größere Bereiche der
amerikanischen Wirtschaft ab als
das europäische Emissionshan-
delssystem. Die Gesamt­emissions­
minderungen des Gesetzentwurfs
von Waxman-Markey werden auf
ca. 17% bis 2020 im Vergleich zu
1990 veranschlagt. Dies ist relativ
ambitioniert, insbesondere im Ver-
gleich zu den gegenwärtigen Emis-
sionen, und dürfte im Vergleich
zum Bezugsjahr 2005 auf stärkere
Emissions­minderungsvorgaben
als in der Europäischen Union
hinauslaufen. Abgesehen von der
Europäischen Union und den USA
ist jedoch in den übrigen OECD-
Ländern gegenwärtig nicht zu
erkennen, ob Bereitschaft besteht,
die Klimagasemissionen bis 2020 in
vergleichbarem Maße zu mindern.
In Deutschland wird in der klimapo-
litischen Diskussion verstärkt eine
CO2
-Minderung um mindestens
40% bis 2020 mit dem Hinweis
darauf gefordert, dass der Klima-
wandel sich in den letzten Jahren
beschleunigt habe und dass es
auch aus diesem Grund erforder-
lich sei, die Klimagasemissionen
noch deutlicher und nachhaltiger
zu reduzieren als man es noch vor
wenigen Jahren für erforderlich
hielt. Für die Öffentlichkeit nicht
erkennbar besteht in der Wis-
senschaft ein Meinungsspektrum
darüber, in welchem Maße anthro-
pogene Treibhausgas­emissionen
für den Temperaturanstieg der
letzten Jahrzehnte verantwortlich
sind. In den Medien und der Politik
finden weitgehend diejenigen
Wissenschaftler Gehör, die dem
„alarmistischen“ Ende dieses
Spektrums angehören und mög-
lichst drastische CO2
-Minderungen
verlangen, obwohl sich der Klima-
wandel – beschrieben z. B. durch
die globale Mitteltemperatur, den
Meeresspiegelanstieg oder die
Hurricane-Häufigkeit – in den letz-
ten Jahren nach Aussagen anderer
Wissenschaftler nicht beschleunigt
habe. So wird ausführlich von
mehreren Autoren im Bulletin of
the American Meteorological So-
ciety (Peterson und Bariger, Hrsg.:
Special Supplement „State of the
Climate 2008”, Vol. 8, Aug. 2009)
auf die Entwicklung auch der letz-
ten Jahre im Vergleich zu früheren
Zeiträumen eingegangen. Im Bei-
trag von Knight et al. (ebenda), der
Werte bis einschließlich Dezember
2008 verwendet, heißt es sogar
„Observations indicate that global
temperature rise has slowed in the
last decade“.
Die Initiative des Bundesverbands
der Deutschen Industrie (BDI)
„Wirtschaft für Klimaschutz“, der
40 Unternehmen und Verbände
angehören, u. a. auch der GVSt, hat
Ende März 2009 im Rahmen einer
klimapolitischen Veranstaltung des
BDI eine aktualisierte Fassung der
erstmals 2007 vorgelegten McKin-
sey-Studie „Kosten und Potenziale
der Vermeidung von Treibhausgas-
emissionen in Deutschland“ veröf-
fentlicht. Damit verfügt Deutsch-
land als erstes Land der Welt über
eine detaillierte Bewertung aller
bekannten Klimaschutztechniken in
„€/t CO2
“. Wesentliches Kriteri-
um für die „Vertretbarkeit“ von
entsprechenden Umstellungs- und
Vermeidungsinvestitionen war, ob
sie zu Einbußen an Wirtschafts-
wachstum, Wettbewerbsfähigkeit
und Lebensqualität führen oder
nicht.
Die bis 2020 für tragbar erachtete
Reduktion der Treibhausgas (THG)-
Emissionen wird auf 30% veran-
schlagt. 25% Reduktion könnten
demnach im Zielzeitraum durch
wirtschaftliche Hebel realisiert
„Die Weltuntergangshysterie,
die manche Medien verbreiten,
wird von den wissenschaftlichen
Schätzungen nicht unterstützt.“
Prof. Dr. Richard S. J. Tol,
Umweltökonom und Mitarbeiter
des Intergovernmental Panel
on Climate Change (IPCC),
zitiert von Philip Plickert in der FAZ
vom 14. September 2009.
31
alt_01-3_2009 17.09.2009
Reduzierung von Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2020
A Nach Umsetzung wirtschaftlicher Hebel
B zzgl. Umsetzung Hebel (0-20 €/t CO2e)
C zzgl. Umstellung Energiemix (Ø 64 €/t CO2e)
D zzgl. aller übrigen Hebel (Ø 430 €/t CO2e)
Quelle: McKinsey-Studie, 2009 (Basisszenario) im Auftrag der BDI-Initiative „Wirtschaft für Klimaschutz“.
Die Daten berücksichtigen die Beibehaltung des Kernkraftausstiegs
Reduzierung 1990 - 2020
(gegenüber Stand der Technik
Projektion 2020)
Mt CO2e*
Basis-
jahr
1990
926
1200
1000
800
600
400
200
0
1400
2004 Projek-
tion
2020**
A B C D
911
862
800
-25% -26% -30% -35%1232
1025 1048
-17%
* CO2-Äquivalent
** Nach Stand der Technik
624915
122
Vermeidungspotenzial
Klima und Umwelt
werden. 30% sind möglich, wenn
mit politischer Unterstützung –
bzw. Mehrkosten von bis zu 49 €/t
CO2
-Äquivalent (CO2
e) – zusätzlich
die Umstellung des Energiemix auf
einen höheren Anteil erneuerbarer
Energien erfolgt. 40% THG-Min-
derung werden hingegen erst bis
2030 für tragbar gehalten, sofern
nach 2020 die CCS-Technologie
zum Durchbruch gelangt.
In die Untersuchung wurden
neben dem Energiesektor auch die
Sektoren Gebäude, Transport und
Industrie einbezogen. Unterstellt
wurde die Beibehaltung des Kern-
energieausstiegs wie auch des
EEG. Zu den Ergebnissen gehör-
te, dass die kostengünstigsten
Einsparpotenziale keineswegs im
Energiesektor zu finden sind, son-
dern im Gebäudesektor sowie in
Teilen der industriellen Produktion
(insbesondere Antriebssysteme).
Innerhalb des Energiesektors
zählen Retrofit-Maßnahmen bei
Kohlekraftwerken zu den kosten-
günstigsten Optionen, teilweise als
sich selbst rechnende „wirtschaft-
liche Hebel“. Deutlich gemacht
hat die Studie auch, dass über die
Ernte der wirtschaftlichen und
tragbaren Vermeidungs­potenziale
hinaus mit relativ steil anstei-
genden Grenzvermeidungskosten
zu rechnen ist, d. h. zusätzliche
Reduktionen erfordern dann je Ton-
ne CO2
-Äquivalent immer höhere
Vermeidungskosten.
BDI-Präsident Hans-Peter Keitel
sieht die Studie als Beleg dafür,
dass sich Klimaschutz und Wirt-
schaftswachstum miteinander
verbinden lassen und auch in der
Wirt­schaftskrise an den Klima-
schutzzielen festzuhalten ist. Die
Klimapolitik müsse aber so ausge-
staltet werden, dass sie Anreize
für nachhaltiges Wachstum setzt
und fairen Wettbewerb ermög-
licht. Unabhängig von der Höhe des
Ölpreises und selbst bei extremen
Preisschwankungen gebe es ein
enormes Potenzial zur Vermeidung
von Treibhausgasen.
32
Anlieferung der
Kohle und Abtrennung
des CO2 ...
mit dem Schiff
via Pipeline
... vor der Verbrennung
(IGCC)
... nach der Verbrennung
(Post-Combustion oder Oxyfuel)
1
2
3
Nichtabbaubare
Kohlevorkommen
Erschöpfte
Gas- und
Öllager
CO2
CO2
CO2
CO2
CO2
CO2
Zwischenlager
Saline Aquifere
CCS-Technologie: Möglichkeiten der CO2-Abtrennung und CO2-Speicherung
Quelle: nach IZ Klima/Total AG
Abtrennung
Transport
Speicherung
1
2
3
Der Klimawandel ist ein globales
Thema, Lösungen werden intensiv
gesucht, Europa und vor allem
Deutschland wollen einerseits
eine Vorreiterfunktion einnehmen,
können andererseits aber allein das
Klima nicht „retten“. Deshalb muss
eine nachhaltige Klimaschutzpolitik
in internationale Klimaschutzstra-
tegien und -vereinbarungen einge-
bettet sein, um die Wettbewerbs-
fähigkeit der Volkswirtschaft nicht
zu schwächen und Arbeitsplätze zu
sichern. Neue Energietechnologien
für die Stromerzeugung, im Ver-
kehr, zum Heizen und zum Kühlen
werden erforscht und an den Markt
gebracht. Carbon Capture and Sto-
rage (CCS) – die Abtrennung von
CO2
aus dem Rauchgas von Kraft-
werken und das sichere Verpressen
des CO2
in unterirdische Lagerstät-
ten – ist eine solche Technologie,
die aber noch nicht großtechnisch
einsatzreif ist.
Der Ministerrat und das Europä-
ische Parlament konnten sich im
Rahmen eines Trilogs am 13. De-
zember 2008 auf einen Kompromiss
zur Richtlinie über die Abscheidung
und geologische Speicherung von
Kohlendioxid (CCS-Richtlinie) eini-
CO2
-Abtrennung und -Speicherung (CCS)
33
Klima und Umwelt
gen. Die Richtlinie wurde end-
gültig im Frühjahr 2009 formal
verabschiedet und erschien am 5.
Juni 2009 im Amtsblatt. Die vom
Umwelt­ausschuss im Europäischen
Parlament vorgenommenen Ver-
änderungen des EU-Kommissions­
vorschlags wurden wieder auf ein
praktikables Maß zurückgefahren.
Die Richtlinie sieht u. a. vor, dass
die Genehmigung von Feuerungs-
anlagen ≥ 300 MW zukünftig an
ihre „capture readiness“ geknüpft
wird. D. h., eine Neuanlage soll
räumliche Kapazitäten für die
Abscheidung und Komprimierung
von CO2
vorsehen, sofern Speicher-
stätten verfügbar und der CO2
-
Transport und die Nachrüstung der
Kraftwerke technisch machbar und
ökonomisch tragbar sind. Der vom
Europäischen Parlament geforderte
CO2
-Grenzwert für Neuanlagen
wurde zurückgenommen, jedoch
enthält die Richtlinie eine Revisi-
onsklausel, die im Jahr 2015 eine
Neubewertung der Bestimmungen
erlauben soll. Die Anforderungen
an die capture readiness werden in
der Richtlinie nicht konkret defi-
niert. Damit wird die Aufstellung
präziser Kriterien den nationalen
Behörden überlassen.
Die zeitgleich beschlossene Emissi-
onshandelsrichtlinie besagt zudem,
dass bis Dezember 2015 bis zu
300 Mio. CO2
-Emissionszertifikate
aus dem Emission Trading System
(ETS)-Neuanlagenreservefond
2013 bis 2020 für die Förderung
von bis zu zwölf kommerziellen
CCS-Demonstrationsprojekten für
Technologien erneuerbarer Ener-
gien zur Verfügung stehen. Die
EU-Kommission hat darüber hinaus
im Rahmen des European Energy
Programme for Recovery (EEPR) für
CCS-Projekte 1,05 Mrd. € bereit
gestellt.
Die CCS-Richtlinie muss innerhalb
von zwei Jahren nach der Veröf-
fentlichung in nationales Recht
umgesetzt werden. Die meisten
großen Energieversorgungs­
unternehmen, die sich mit der Koh-
leverstromung befassen, drängten
auf eine schnelle nationale Umset-
zung, um Rechtssicherheit für ihre
Investitionen in die CCS-Projekte
zu erhalten. Bereits am 1. April
2009 wurde der „Gesetzentwurf
zur Regelung von Abscheidung,
Transport und dauerhafter Spei-
cherung von Kohlendioxid“ vom
Kabinett verabschiedet. Die Eile
war geboten, damit der Entwurf
noch in der im September 2009
endenden Legislaturperiode hätte
verabschiedet werden können.
Mit den CCS-Technologien wird
Neuland betreten. Da die For-
schungs- und Entwicklungsphase
viele Jahre in Anspruch nehmen
wird und um zügig voran zu
kommen, haben Unternehmen wie
Vattenfall Europe, RWE Power
und E.ON die Arbeiten bereits
aufgenommen und Pilotprojekte
gestartet. Letztendlich fand
aber der Regierungsentwurf der
Koalition keine Mehrheit. Von der
Verschiebung des Gesetzes auf
die Zeit nach der Bundestagswahl
am 27. September 2009 verspricht
man sich, die noch offenen Fragen
lösen zu können. So hatte u. a. der
Sachverständigenrat für Umwelt-
fragen, ein wissenschaftliches
Beratungsgremium der Bundesre-
gierung, in seiner Stellungnahme
zum Gesetzentwurf auf viele tech-
nische, ökologische und finanzielle
Fragen im Zusammenhang mit den
CCS-Technologien, die derzeit noch
ungeklärt seien, hingewiesen. Ver-
lässliche Zahlen zum Umfang der
Speicherkapazitäten in Deutsch-
land lägen nicht vor, sicher sei nur,
dass sie begrenzt sind. Die ökolo-
gischen Risiken der Lagerung von
CO2
seien weitgehend unerforscht.
Eine befriedigende gesetzliche Re-
gelung der Anwendung von CCS in
großem Maßstab sei zum heutigen
Zeitpunkt nicht möglich. Zudem
würden die zu erwartenden Akzep-
tanzprobleme im Hinblick auf den
Transport von CO2
in Rohrleitungen
und der unterirdischen Speicherung
des CO2
unterschätzt. Auf dem
BDEW-Kongress im Juni 2009 hob
Bundeskanzlerin Angela Merkel die
Bedeutung der CCS-Technologien
für die deutsche Exportwirt-
schaft hervor. Sie verwies auf
die Gefahr einer Schädigung des
Industriestandortes Deutschland,
wenn Deutschland nicht an den
europäischen CCS-Pilotprojekten
teilnehmen könne. Sie sagte aber
auch, sofern die noch offenen Fra-
gen nicht geklärt werden können,
„lassen wir lieber die Finger davon,
als dass wir ein falsches Infrastruk-
turgesetz machen.“
Bei einem zweiten Anlauf für ein
CCS-Gesetz nach der Bundestags-
wahl ist neben den technischen
Lösungswegen die größte He-
rausforderung die Schaffung der
Akzeptanz in der breiten Öffent-
34
Kondensator CO²-Kompression
speicherung
CO²-Nutzung
CO²-Kompression
speicherung
CO²-Nutzung
CO²-Kompression
speicherung
CO²-Nutzung
* IGCC: Integrated Coal Gasification Combined Cycle
Konventioneller Kraftwerksprozess:
O²-Verbrennungsprozess (Oxyfuel):
Quelle: Euracoal
CO²-Abtrennungsverfahren
bekannte Technik neu zu entwickelnde Prozessstufen
IGCC-Prozess*:
58-3_2009 23.10.2009
Kohle
Luft Luftzerlegung
O²
CO², H²O
Kessel
mit Rauchgasreinigung
Kohle
Luft
Konventionelles Kraftwerk
mit Rauchgasreinigung
CO²-Abtrennung
Luft Vergasung,
GasreinigungLuftzerlegung CO²-Abtrennung
H²-Gasturbine
AbhitzekesselKohle
O²
H²
lichkeit. Dies gelingt nur durch eine
frühzeitige, glaubwürdige, sachlich
umfassende Informationsarbeit, vor
allem vor Ort. Wenn durch fehlende
Rücksichtnahme auf die Befind-
lichkeiten vor Ort neue Ängste
entstehen, werden neue technische
Optionen verhindert.
Die SPD beabsichtigte in ihrem Re-
gierungsprogramm, die Technologie
zur Abscheidung von Kohlendioxid
in Deutschland weiterzuentwickeln
– auch durch geförderte Demons-
trationsprojekte der Europäischen
Union. Die CDU/CSU sagt in ihrem
Regierungsprogramm: „Die Tech-
nologie kann zur Abscheidung und
Speicherung von CO2
(CCS) einen
wichtigen Beitrag zur klimafreund-
lichen Nutzung fossiler Energieträ-
ger leisten.“
Eine Einschätzung der Wirtschaft-
lichkeit der CCS-Technologien ist
bisher nur sehr grob möglich, da
sich die einzelnen Prozessschritte
noch weitgehend in der For-
schungs- und Entwicklungsphase
befinden. Dennoch lässt sich
auf Basis der von verschiedenen
Institutionen bereits angestellten
Berechnungen ein ökonomischer
Vergleich zwischen der Anwendung
herkömmlicher Kohle­technologie
nach aktuellem technischem
Standard, Clean-Coal-Technologies
(CCT) – d. h. mit heute darstell-
baren und den für 2020 erwarteten
Wirkungsgraden – und von CCS
vornehmen. Ein solcher Vergleich
der Wirkungsgrade und der Strom-
gestehungskosten zeigt den bei der
Anwendung von CCS zu erwar-
tenden Rückgang der Kraftwerks-
wirkungsgrade – was letztlich ei-
nen höheren Brennstoffeinsatz für
die erzeugte Strommenge bedeutet
– und nahezu eine Verdopplung bei
den Kosten.
Gemäß einer Studie der Beratungs-
gesellschaft McKinsey & Company
mit dem Titel „CCS: Assessing
the Economics“ vom September
2008 könnten die CCS-Kosten mit
Eintreten in die kommerzielle Phase
ab etwa 2020 in den Bereich der
zukünftigen – geschätzten – CO2
-
Zertifikatspreise sinken. Dieser
Überlegung liegt die Erwartung
zugrunde, dass die Zertifikats-
preise für CO2
-Emissionen aus
konventionellen Kraftwerken in
etwa vergleichbar sind mit den Ko-
sten für CCS pro Tonne CO2
. Unter
35
Wirkungsgrad und Kosten von CCT und CCS
Quelle: STEAG/VGB PowerTech, 2007
CT: Kohletechnologie
IGCC: Integrated Gasification Combined Cycle
heuteCT intern. morgen „end-of-pipe“ IGCC
200%
150%
100%
50%
0%
40%
80%
45%
100%
50%
180%
33% 37%
200%
CCT CCS
Stromgestehungskosten
Wirkungsgrad
Clean Coal
Technology (CCT)
CO2-Abscheidung und
-Speicherung (CCS)
47-2_2009 23.09.2009
105%
Klima und Umwelt
Erneuerbare Energien und Grubengas
Im August 2007 hatte das Bun-
deskabinett in Meseberg ein
ambitioniertes Energie- und
Klimaprogramm mit 29 Eckpunk-
ten beschlossen. Hierzu wurde im
Dezember 2007 und im Mai 2008
ein Paket mit 21 Gesetzen und Ver-
ordnungen geschnürt. Die meisten
Vorhaben konnten bis heute umge-
setzt werden, so u. a. die Novellen
des Kraft-Wärme-Kopplungsge-
setzes, des Erneuerbare Energien
Gesetzes (EEG), des Energiewirt-
schaftsgesetzes zum Ausbau des
Stromnetzes, der Energieeinspar-
und der Heizkostenverordnungen.
In einem Monitoring sollen die
Zielerreichung und die Effekte der
beschlossenen Maßnahmen kon-
trolliert werden. Im November 2010
und danach folgend alle zwei Jahre
sollen die beteiligten Ressorts
dem Bundeskabinett einen Bericht
vorlegen, der die Wirkung des
Klima- und Energiepakets darstellt.
Grundlage des Berichts sind Erhe-
bungen unabhängiger Gutachter.
Der Anteil der erneuerbaren Ener-
gien in Deutschland am gesamten
Endenergie­verbrauch wurde im
Zeitraum 2000 bis 2007 auf 9,8%
mehr als verdoppelt. Ziel der Bun-
desregierung ist es, bis zum Jahr
2010 12,5% des Bruttostromver-
brauchs mit erneuerbaren Energien
zu decken. Bereits 2007 wurde es
mit 14% deutlich überschritten.
Der Deutsche Bundestag hat am 6.
Juni 2008 das neue EEG und das
Erneuerbare-Energien-Wärmege-
setz (EEWärmeG) beschlossen.
Beide Gesetze sind am 1. Januar
2009 in Kraft getreten. Für 2020
möchte die Bundesregierung den
Beitrag der erneuerbaren Energien
zur Strombereitstellung auf min-
destens 30% steigern und danach
kontinuierlich weiter erhöhen. Bei
Neubauten legt das EEWärmeG
Pflichten für die Nutzung erneu-
erbarer Energien fest. Bis 2020
soll der Anteil der erneuerbaren
Energien an der Wärmebereit-
stellung auf 14% (heute 7,7%)
ansteigen. Nach den vorläufigen
Abschätzungen der Arbeitsgruppe
Erneuerbare-Energien-Statistik
(AGEE-Stat) werden durch den
Einsatz erneuerbarer Energien rund
Kostengesichtspunkten würde dann
CCS-Kraftwerken kein Nachteil
mehr entstehen. Insgesamt lässt
sich aus heutiger Sicht des Kohle­
bergbaus in der EU festhalten, dass
CCS vor dem Hintergrund klima-
politischer Anforderungen durchaus
eine sinnvolle Strategie darstellen
kann.
Diese Einschätzung hängt aber
von einer Reihe von Rahmenbe-
dingungen ab. Insbesondere die
Verlängerung der Restlaufzeit der
deutschen Kernkraftwerke könnte
einen erheblichen Einfluss auf den
CO2
-Zertifikatepreis und damit die
Realisierungschancen der CCS-
Technologie haben.
36
Photovoltaik
Windenergie
regenerative Energien
Bio-
energie
5%
46%35%
Grubengas Grubengas
11% 31%
69%
Wasserkraft
Stromerzeugung
(2007 insgesamt 9,75 TWh)
CO2-Minderung
(2007 insgesamt 15,7 Mio t CO2)
Stromerzeugung und CO2-Minderung durch regenerative
Energien und Grubengas in NRW
neu_11-2_2009 23.09.2009
3%3%
Quelle: Bez. Reg. Arnsberg; IWR
Potenziale der Kohlenutzung
Auf der Suche nach möglichen
Alternativen zur Nutzung von Erdöl
im Transportbereich erlebt die
Kohlehydrierung derzeit weltweit
eine Renaissance. Mit den seit
langem erforschten Verfahren der
Kohleverflüssigung, bei denen je
nach Prozess verschiedene flüssige
Kohlenwasserstoffe wie z. B. Ver-
gaser- und Dieselkraftstoffe, Me-
thanol (als Beimischung zu Benzin
oder als Grundstoff) oder Kohleöl
als Heizmittel hergestellt werden
können, ließe sich in Deutschland
und der EU die Abhängigkeit vom
Rohöl nachhaltig verringern. Aus
einer Tonne Kohle lassen sich rund
zwei Barrel (1 bl = 159 l) Flüssig-
kraftstoff gewinnen. Kohle hat
von den fossilen Energieträgern
die weitreichendsten Vorkommen
und steht in Deutschland und der
EU, anders als Rohöl, aus großen
eigenen Vorräten zur Verfügung.
Allerdings ist die Bereitstellung von
Treibstoffen aus Rohöl im Vergleich
mit der aus Kohle gegenwärtig
energiegünstiger. Zudem stoßen
solche Pläne auf starke klima-
politische Vorbehalte, da dabei
115 Mio. t CO2
pro Jahr in Deutsch-
land vermieden – davon sind allein
57 Mio. t auf das EEG zurückzufüh-
ren.
Seit dem Jahr 2000 wird Gruben-
gas mittels EEG-Förderung ener-
giepolitisch gezielt erschlossen. Im
Vordergrund steht dessen Nutzung
als Energieträger, mit Vorteilen
für die Grubensicherheit und die
Umwelt. Im Ruhrrevier und im
Saarland hat sich ein Industrie-
zweig dynamisch und mit neuen
Arbeitsplätzen im Umwelt­bereich
entwickelt. Im Bereich stillge-
legter Bergwerke werden noch
vorhandene Rohrsysteme genutzt
oder Bohrungen nach Auswertung
vorliegender Karten und Daten
dort durchgeführt, wo vermutet
wird, dass die Gashöffigkeit am
größten ist. Im aktiven Bergbau
gelangt abgesaugtes Grubengas
über Leitungen nach über Tage. Der
in Blockheizkraftwerken (BHKW)
erzeugte Strom wird in regionale
Netze eingespeist. Die Gesamt-
verstromung von Grubengas aus
laufenden und bereits stillgelegten
Bergwerken leistet einen nicht
unerheblichen Beitrag zur kommu-
nalen Stromversorgung an über 50
Standorten. Im Jahr 2008 er-
zeugten rund 150 BHKWs mit einer
installierten Leistung von 228 MW
über 1,3 Mrd. kWh. Die Wärmeer-
zeugung beläuft sich auf rund 710
GWh und wird soweit möglich zur
Wärmeversorgung der Bergwerke
bzw. Dritter eingesetzt. Mit 5,9
Mio. t CO2
-Äquivalent vermiedener
Treibhausgasemissionen leisten
die Grubengasverwertungsgesell-
schaften einen wichtigen Beitrag
zum Klimaschutz. In NRW liegt
der Anteil des Grubengases an der
Stromerzeugung durch regenera-
tive Energien bei 11%, der Anteil
an der CO2
-Minderung sogar bei
31%.
37
Klima und Umwelt
insgesamt mehr CO2
emittiert wird
als bei der Verwendung von Rohöl.
Andererseits könnten die Kohlever-
flüssigungsanlagen mit CCS ver-
knüpft werden. Bei Anwendung des
Fischer-Tropsch-Verfahrens muss
das CO2
ohnehin aus dem Synthe-
segas entfernt werden, so dass
keine zusätzlichen Abspaltungs-
kosten entstehen. Ohne adäquate
politische Rahmensetzung und
Unterstützung sind Investitionen in
Kohleverflüssigungsprojekte aller-
dings nicht realisierbar. Internatio-
nale Entwicklungen und Impulse
sowie Überlegungen zu einer natio-
nalen Rohstoffstrategie könnten
es in einem neuen Licht erscheinen
lassen. Die einstmals hierzulande
hoch entwickelte Technologie wird
in anderen Ländern wie China
oder den USA mittlerweile in einer
Reihe von Projekten realisiert.
Eine Möglichkeit, auch geringmäch-
tige oder tiefliegende Kohleflöze,
die mit modernen Abbaumethoden
nicht betrieben werden können
oder solche, die unwirtschaftlich
wären, zu nutzen, ist die untertä-
gige Kohlevergasung (Underground
Coal Gasification – UCG). Die Kohle
wird in situ, d. h. in ihrer Lager-
stätte, in ein Synthesegas umge-
wandelt. Dabei wird die Kohle über
ein Bohrloch gezündet, kontrolliert
erhitzt, sodass keine Verbrennung
erfolgt, und das entstehende Gas
über ein weiteres Bohrloch abge-
zogen. Pro Tonne Kohle können
so etwa 2.700 m³ Gas produziert
werden. Dieses Synthesegas kann
zur Stromerzeugung, als chemi-
scher Grundstoff oder zur Treib-
stoffgewinnung eingesetzt werden.
Aktuell gibt es weltweit bereits
zahlreiche UCG-Projekte, z. B. in
den USA, in Russland, China und
Australien. China betreibt zurzeit
mit 16 Projekten das größte UCG-
Programm.
Seit wenigen Jahren wird auf
internationaler Ebene geforscht,
ob sich die durch den UCG-Prozess
ausgegasten Flözbereiche mögli-
cherweise auch als CO2
-Speicher
eignen können. Beim Vergasungs-
prozess bläht sich die Kohle auf
und verändert ihr plastisches
Verhalten. Brüche und Poren der
entstandenen Kavernenoberfläche
werden dadurch versiegelt und
verhindern damit Leckagen. Für den
Speichervorgang können die für die
Vergasung benutzten Bohrungen
ein zweites Mal benutzt werden.
Das spart Kosten, da die Bohrko-
sten den größten Teil der gesamten
Speicherkosten ausmachen. Die
Rheinisch-Westfälische Technische
Hochschule (RWTH) Aachen
arbeitet zusammen mit der DMT
GmbH & Co. KG, Essen, im Projekt
CO2SINUS an der Implementie-
rung eines innovativen Konzepts
zur CO2
-Speicherung in durch
Kohlevergasung umgewandelten
Kohleflözen mit der Bewertung von
Umweltauswirkungen und einer
Wirtschaftlichkeitsanalyse der ent-
wickelten UCG-CCS-Technologie.
Die wissenschaftlichen Arbeiten
sollen die Durchführung eines
Pilotprojekts im großtechnischen
Maßstab vorbereiten.
Weltweit wird mit einem Potenzial
von rund 70 Mrd. t konventionell nicht
förderbaren, für den UCG-Prozess
Kohleverflüssigungsanlagen und -projekte weltweit
Weltmarktführer im Bereich der Kohleverflüssigung ist das südafrikanische
Unternehmen Sasol. Der staatseigene Betrieb wurde in den 1950er Jahren
gegründet und produziert heute rund 150.000 Barrel/Tag (bl/d).
Chinas größtes Kohleunternehmen, die Shenhua Group, ist mit Projekten in
Shaanxi, in der Inneren Mongolei, Ningxia und Xinjiang aktiv. In der Inneren
Mongolei wurde 2004 das erste chinesische Kohleverflüssigungsprojekt im
Direktverfahren begonnen. Jährlich sollen aus rund 9,7 Mio. t Kohle etwa
5 Mio. t Benzin, Kerosin, Diesel u. a. hergestellt werden (Investition: rund
3 Mrd. US-$). Insgesamt will die Shenhua Group bis 2020 Kapazitäten
zur Kohleverflüssigung von 30 Mio. t in den vier Nordprovinzen Chinas
aufgebaut haben.
In den USA hat das Pentagon ein Forschungsprogramm zur Gewinnung von
Flugzeugkraftstoff aus Kohle aufgelegt. Elf Projekte mit einer Kapazität von
mehr als 230.000 bl/d sind in Planung bzw. in der Umsetzungsphase.
38
Im Klimaschutz sollte man sich der
globalen Dimension gewärtig sein.
Eine Vorreiterrolle Deutschlands
reicht nicht aus, die globalen Emis-
sionszuwächse zu mindern. Viel
wichtiger ist die Vorbildfunktion –
die Entwicklung und Zurverfügung-
stellung neuer Technologien.
Der Umweltministerrat einigte sich
am 25. Juni 2009 über die Richtli-
nie zu Industrieemissionen, die die
bisherige Richtlinie über die inte-
grierte Vermeidung und Vermin-
derung der Umweltverschmutzung
(IVU-Richtlinie) und sechs weitere
Sektorenrichtlinien, zu denen die
Großfeuerungsanlagen- und die
Abfall­verbrennungs-Richtlinie
gehören, zusammenfasst. Von der
Richtlinie werden rund 52.000
Industrieanlagen in der EU erfasst,
u. a. auch die Kohlekraftwerke. In
ihr werden z. B. für Feuerungsanla-
gen strengere Grenzwerte für SO2
,
NOx
und Staub festgelegt. Größere
Beachtung sollen die künftig in
allen Amtssprachen der EU über-
setzten Merkblätter mit den besten
verfügbaren Techniken (BVT)
finden. Den nationalen Geneh-
migungsbehörden wird somit der
Spielraum für Ausnahme­regelungen
bei Anlagen mit schlechten Emis-
sionsgrenzwerten eingeschränkt.
Innerhalb von fünf Jahren müssen
Genehmigungen nach Herausgabe
eines neuen BVT-Merkblattes auf
den neuesten Stand gebracht wer-
den. Dennoch können wie bisher
geographische, technische und
ökologische Erwägungen bei der
Festlegung der Genehmigungsbe-
Versuch der Bundesregierung bei
der Umsetzung der europäischen
Richtlinie über Endenergieeffizienz
und Energiedienstleistungen in
nationales Recht. Richtig ist, dass
im Meseberg-Paket beschlossen
worden ist, spätestens bis 2013
mit der deutschen Wirtschaft eine
Vereinbarung über die Kopplung
von Steuerermäßigungen/Ausnah-
meregelungen an die Einführung
eines Energiemanagementsystems
treffen zu wollen. Dies bedeutet
jedoch keine allgemeine Verpflich-
tung der Industrie zur Anwendung
eines Energie­managementsystems;
erst recht keine vorzeitige Einfüh-
rung. Denn im Hinblick auf die CO2
-
Minderungszusagen der Wirtschaft
in der Klimaschutzvereinbarung von
November 2001 hat die Bundes-
regierung als Gegenleistung auf
die Einführung eines verbindlichen
Energieaudits verzichtet. Ein fak-
tenorientierter Umweltschutz wägt
Kosten und Nutzen ab. Die Wege
zur Erreichung von Umweltschutz-
zielen sollten jedoch dem Wettbe-
werb überlassen werden.
Ein Begriff, der in jüngster Zeit im
Zusammenhang mit Klimaschutz
immer wieder auftaucht, ist die
Energieeffizienz. Studien werden
zitiert, denen zufolge durch Effizi-
enzsteigerung mehrere Milliarden
Kilowattstunden Strom eingespart
werden könnten. Für die privaten
Haushalte klingt das sinnvoll,
wenn ihr Budget den Umstieg auf
effiziente Techniken zulässt. Indus-
trieunternehmen haben ohnehin ein
hohes Eigeninteresse daran, ihre
Kosten – inkl. der Energiekosten –
zu minimieren. Deswegen entwi-
ckeln und setzen sie maßgeschnei-
derte Energiemanagement­systeme
zur Senkung der Energiekosten ein;
auch die Unternehmen der Kohle-
gewinnung und -nutzung. Da die
Verhältnisse in jeder Branche sehr
unterschiedlich sind, verfolgt jede
für sich andere Ansätze zur Redu-
zierung des Energieeinsatzes. Inso-
fern ist es nicht zielführend, diese
betrieblich zugeschnittenen Ener-
giemanagementsysteme staatlich
zu regulieren. Dies gilt auch für den
aber nutzbaren Kohlereserven ge-
rechnet. Von daher erscheint UCG in
Verbindung mit CCS als eine interes-
sante nutzbare Zukunftstechnologie.
Ob in Europa wieder in die Koh-
leverflüssigung und -vergasung
investiert wird, hängt nicht allein
von der Wirtschaftlichkeit ab.
Wenn die Infrastruktur fehlt und
die Erfahrung abgewandert ist,
bedarf es zusätzlicher Anreize,
um Versäumtes aufzuholen. Umso
wichtiger ist es, die Forschung und
Entwicklung in diesem Bereich in
Deutschland wieder zu beleben und
die mit der Rohstoffreserve Kohle
verbundenen Optionen nicht völlig
zu verspielen.
Energieeffizienz und Industrieemissionen
39
bedarf, wenn die Rechtsvorgaben
stringent eingehalten werden.
Zudem schafft das Ordnungsrecht
Planungssicherheit, während
ein Handels­system massiv in die
Planungen eines Unternehmens
eingreift. Offensichtlich fehlt es in
einigen europäischen Mitgliedstaa-
ten an einer entschlossenen und
stringenten Umweltpolitik. Dieses
grundsätzliche Problem wird durch
den Wechsel der Instrumente nicht
gelöst.
Im Kompetenz-Netzwerk Kraft-
werkstechnik NRW arbeiten Exper-
ten entlang der gesamten Wert-
schöpfungskette unternehmens-
übergreifend an Strategien und
Lösungen innovativer Kraftwerks-
technik, wie der 700-Grad-Techno-
logie und dem CO2
-armen Kraft-
werk. Aufgabe der Politik ist es für
günstige Rahmen­bedingungen zu
sorgen, allerdings weist das Minis-
terium für Wirtschaft, Mittelstand
und Energie NRW darauf hin, dass
die europäischen Beschlüsse zum
Emissionshandel besonders hart
das Land Nordrhein-Westfalen
treffen.
Heute werden Kraftwerke i. d. R.
mit einem Wirkungsgrad zwischen
40 und 45% geplant, zukünftig
werden es sogar mehr als 50%
sein. Ein Beispiel für ein hoch
effizientes Steinkohlenkraftwerk
ist der durch die Evonik Steag
GmbH derzeit im Bau befindliche
modernste Steinkohlenkraftwerks-
block „Walsum 10“ mit ca. 46%
Wirkungsgrad und einer Leistung
von 750 MW. Rein rechnerisch
reicht das aus, um mehr als 1,3
Millionen Einfamilienhaushalte
mit Strom zu versorgen. Das neue
Kraftwerk setzt mit dem genann-
ten Wirkungsgrad internationale
Maßstäbe. Einen besseren Wert
dingungen berücksichtigt werden.
Die unzureichende Anwendung der
BVT und die unvollständige Einhal-
tung und Durchsetzung der Rechts-
vorschriften können auf Gemein-
schaftsebene den Umweltschutz
behindern. In Deutschland hat die
Industrie ihre SO2
-Emissionen in
den letzten zehn Jahren um mehr
als 80% reduziert. Der Anteil der
Industrie an den NOx
-Emissionen
beträgt lediglich 15%.
Mit ihrem Ende März 2007 heraus-
gegebenen „Grünbuch“ kündigte
die EU-Kommission an, weitere
Schritte in Richtung marktbasier-
ter Instrumente umzusetzen. So
kommentierte das Kommissions-
mitglied Stavros Dimas: „Marktba-
sierte Instrumente wie Emissions-
handel, Umweltsteuern und gezielte
Beihilfen setzen die Marktkräfte
zum Schutz der Umwelt ein. Dieser
flexiblere und kosten­effizientere
Ansatz hat seine Wirksamkeit unter
Beweis gestellt, wird aber noch
nicht ausreichend genutzt.“ So
könnte es innerhalb der nächsten
Jahre zur Einführung eines NOx
-/
SO2
-Emissionshandelssystems
kommen. Bisher haben die Nie-
derlande und die Slowakei ein
solches Handelssystem. Die
Generaldirektion Umwelt ist der
Ansicht, dass Emissionsminde-
rungen durch den Einsatz von BVT
sehr lange auf sich warten lassen,
hingegen ein Handelssystem dies
sehr viel schneller bewerkstelli-
gen könne. Die oben genannten
SO2
- und NOx
-Emissions­mengen
für Deutschland legen dar, dass es
hierzulande keines Handelssystems
Kraftwerk
Walsum
Klima und Umwelt
40
Heute 2020
neu_05-2_2009 05.10.2009
CO2
-Reduzierung von Steinkohlenkraftwerken durch
Wirkungsgradsteigerungen / CCS-Technologie
Quelle: nach VGB
CO2-
Reduktion
(gegenüber
Weltdurchschnitt
heute)
Wirkungsgrade
(bei CCS:
Wirkungsgrad-
verluste von
7-12 %)
CO2-Emissionen pro kWh
1200
1000
800
600
400
200
0
Welt EU Heutige
Technik
Dampf-
kraftwerk
700°C-
Technik
CCS-
Technik
-21% -33% -40% -90%
30% 38% 45%
rd.
50%
Durchschnitt
hat bislang noch kein vergleichba-
res Steinkohlen­kraftwerk in Europa
erreicht. Als weltweiter Durch-
schnittswert gelten heute rund
30% Wirkungsgrad. In Deutschland
liegt der Durchschnitt bei rund
38%.
Ein höherer Wirkungsgrad heißt:
Ein Kraftwerk braucht weniger
Kohle, um die gleiche Menge Strom
zu erzeugen – was einerseits eine
Schonung der Ressource Kohle
bedeutet, andererseits eine Redu-
zierung der Emissionen, insbeson-
dere der CO2
-Emissionen. Erreicht
wird dies bei Walsum 10 u. a.
durch höhere Dampf­temperaturen,
höhere Dampfdrücke und einen
leistungsfähigen, 181 m hohen
Kühlturm. Dieser erlaubt eine hohe
Ausnutzung der Dampfenergie in
der Turbine. Das aufwändigste
Einzelbauteil des Kraftwerks ist
der rund 106 m hohe Großdampfer-
zeuger (Kessel). Im Großdampfer-
zeuger wird künftig extrem heißer
(über 600°C) und unter sehr hohem
Druck (rund 270 bar) stehender
Wasserdampf erzeugt. Der Dampf
strömt anschließend in eine Turbi-
ne, ein angeschlossener Generator
wandelt die Bewegungsenergie in
elektrische Energie um.
Bundesumweltminister Sigmar
Gabriel zollte schon bei der Grund-
steinlegung am 20. November 2006
Lob: „Solche Investitionen in hohe
Wirkungsgrade mit weniger CO2
kommen zum richtigen Zeitpunkt.
Wir haben hier eine Technologie,
die zum Umweltschutz beitra-
gen kann.“ Einen noch größeren
Umweltbeitrag könnte die Technik
leisten, wenn sie auch internatio-
nal Schule macht – etwa in China,
wo bis zum Jahr 2015 mehr als
550 neue Kohlekraftwerke gebaut
werden sollen. Würde weltweit
der Wirkungsgrad von 30 auf 45%
erhöht, könnten die globalen CO2
-
Emissionen um knapp 2 Mrd. t
jährlich sinken. „Den wichtigsten
landesspezifischen Beitrag zum
Klimaschutz kann die Erneuerung
des Kohlekraftwerksparks leisten.
Zu hocheffizienten, modernsten
Kohlekraftwerken wie Walsum 10
gibt es keine Alternative“, so NRW-
Wirtschafts­ministerin Christa
Thoben anlässlich der Kesseldruck-
probe am 2. Juli 2009. Die Lan-
desregierung setze auf moderne
Kraftwerks­technologien, weil sie
maßgeblich zur Reduktion des CO2
-
Ausstoßes in Nordrhein-Westfalen
bis 2020 beitragen sollen.
Internationale Trends der Energie-
und Steinkohlenmärkte
Fotomontage:
Börse
42
Einfuhrpreis-
entwicklung von
Erdöl, Erdgas und
Steinkohle
0
50
100
200
150
250
350
300
400
450
Quelle: BAFA / Mc Closkey's Coal Report / Enerlgate /Intercontinental
Exchange (ICE), London / Eigene Berechnungen
€/t SKE
2005040302012000 07 08 2009
neu_04-1_2009 17.09.2009
Preisentwicklungen für Kraftwerkskohle, Erdgas und Erdöl
06
Erdgas
(Grenzübergangs-
preis Frankf./Oder)
Brent-Erdöl
(NW-Europa gem.
ICE London)
Kraftwerkskohle
(cif NW-Europa
gem. MCIS)
Ölfeldern, zudem davon aus, dass
die meisten der großen Ölfelder
der Welt ihren Produktions-Zenit
bereits überschritten hätten und in
ca. fünf Jahren versiegen würden.
Die niedrigen Investitionen im Ener-
giesektor, nicht nur in der Öl- und
Kohleindustrie, werden sich nach
Ansicht der IEA in wenigen Jahren
erneut sehr ungünstig auf die Welt-
konjunktur auswirken. Die IEA hält
deshalb für die Zeit um 2013 herum
eine neue Energie- und eventuell
auch Weltwirtschaftskrise infolge
mangelnder Ölvorräte und entspre-
chender Versorgungsengpässe für
möglich.
Rückblende: Nur ein Jahr zuvor
schien die gesamtwirtschaftliche
Lage für einen großen Teil der
Weltwirtschaft und so auch für
Bergbauunternehmen und die damit
verbundenen Wirtschaftszweige
noch in Ordnung zu sein. Zwar war
die Finanzkrise schon zum Ausbruch
gekommen. Sie wurde aber in ihren
realwirtschaftlichen Auswirkungen
in der übrigen Welt zunächst
unterschätzt. Nicht nur Industrieun-
ternehmen verzeichneten noch Re-
kordumsätze und -gewinne. Speziell
die Energie- und Rohstoffpreise
stießen in Regionen vor, die bis
dahin niemand für möglich gehalten
hätte. Das Angebot konnte mit der
sich explosionsartig entwickelnden
Nachfrageentwicklung insbeson-
dere der Schwellenländer nicht
mehr mithalten. Teilweise kam
es zu Engpässen, denn Produkti-
onskapazitäten und Infrastruktur
waren unzureichend: Es war in
Die Krise hat auch den Energiesektor getroffen
Die globale Wirtschafts- und
Finanzkrise hat seit dem Jah-
reswechsel 2008/2009 auch im
Energiesektor erhebliche Verwer-
fungen verursacht. Die Internatio-
nale Energieagentur (IEA) hat den
Einfluss der weltweiten Krise auf
das laufende Jahr zwischenzeitlich
in einer neuen Studie als Hinter-
grundpapier für das G-8-Treffen
im Mai 2009 genauer untersucht.
Demnach sind die Investitionen in
allen nachfrage- und angebotssei-
tigen Bereichen des Energiesektors
massiv zurückgegangen. Der welt-
weite Stromverbrauch könnte 2009
zum ersten Mal seit dem zweiten
Weltkrieg um über 3% sinken.
Die Investitionen insbesondere im
Kraftwerkssektor drohen drastisch
einzubrechen. Besonders besorgt
zeigte sich die IEA um Investitionen
in Energieeffizienz und saubere
Energien („clean energy“).
Gemäß der IEA-Studie dürfte ins-
besondere die weltweite Kohlein-
dustrie mit einem Investitionsrück-
gang um rund 40% gegenüber dem
Vorjahr sehr stark betroffen sein.
Mitte des letzten Jahres lagen
Spotpreise für Kraftwerkskohle bei
über 200 US-$/t und Kontraktpreise
für Kokskohle bei über 300 US-$/t.
Sie führten vorübergehend zu einer
enorm gesteigerten Profitabilität
und – bei anhaltend hoher Nach-
frage – zu einem stark gestiegenen
Investitionsvolumen. Das allerdings
waren zum Teil auch Nachholeffek-
te gegenüber manchen in den
Vorjahren aufgelaufenen Investiti-
onsdefiziten in bergbauliche Pro-
duktionsbetriebe und Infrastruktur-
kapazitäten. Unter dem Einfluss der
Weltwirtschaftskrise und des Preis-
verfalls infolge der schwindenden
Nachfrage brachen die zunächst
geplanten Investitionen dann in der
gesamten Kohlelieferkette stark
ein. Für die mittel- und langfristige
Entwicklung der Förderkapazitäten
im internationalen Kohlebergbau
bedeutete dies einen starken Rück-
schlag. Auch die internationalen
Ölfirmen haben ihre Investitionen
um ein Viertel gekürzt, nachdem
sich die Ölpreise, ausgehend von
ihren Rekordständen Mitte Juli
2008, zwischenzeitlich um fast zwei
Drittel verringert hatten. Anfang
August 2009 ging Fatih Birol, Chef-
ökonom der IEA, nach weltweiter
Untersuchung von mehr als 800
43
Energieverbrauch im Vergleich zur Weltbevölkerung
und zum Bruttoinlandsprodukt
Industrieländer*
Weltbevölkerung
Mrd.
Welt-Bruttoinlandsprodukt
Bill. US-$
Entwicklungs- und Schwellenländer
Weltenergieverbrauch
Mrd. t SKE
1990 2008 2030 1990 2008 2030 20081990 2030
76%
24%
79%
21%
81%
19%
34%
66%
55%
45%
57%
43%
47%
53%
54%
46%
5,3
6,8
8,3
35,7
69,0
54%
46%
12,6
137
17,8
25
Quellen: UN, IWF, DOE, 2009* OECD-Länder
68-2_2009 22.09.2009
Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte
den Vorjahren zu wenig investiert
worden. Teilweise entdeckten auch
Spekulanten diese Märkte für sich.
Die Tagesnotierung für Rohöl der
Nordseesorte Brent schnellte in der
Folge Anfang Juli 2008 auf mehr als
145 US-Dollar pro Barrel (US-$/bl)
hoch. Zur gleichen Zeit musste für
Kraftwerkssteinkohle ein Spotpreis
cif ARA von knapp 220 US-$/t
gezahlt werden.
Doch diese historische Hausse auf
den Rohstoff- und Energiemärk-
ten währte nicht lange. Infolge
der realwirtschaftlichen Auswir-
kungen der globalen Krise sackte
die Nachfrage z. B. im Stahlmarkt
dramatisch ab und dann auch auf
den damit verbundenen Märkten für
Stahlschrott, Kokskohle, Koks und
mineralische Rohstoffe. Im weiteren
Krisenverlauf kam es auf nahezu
sämtlichen Rohstoff- und Ener-
giemärkten zu mehr oder minder
drastischen Nachfrageeinbrüchen
und rapide sinkenden Preisen. Dem
Preisboom des Vorjahrs folgte ein
drastischer und abrupter Absturz
unerwarteten Ausmaßes, der zu
Kapazitätsanpassungen und auch
Marktaustritten geführt hat. Im
Energie- und Rohstoffsektor zeich-
nen sich daher krisenbedingt starke
Strukturveränderungen ab. Sie
dürften in den kommenden Jahren
eine gänzlich veränderte Unterneh-
menslandschaft bewirken.
Globale Megatrends setzen sich fort
Im Jahr 2008 stieg der Weltener-
gieverbrauch (Welt-PEV) gegenüber
dem Vorjahr trotz der ersten Auswir-
kungen der Krise um 1,7% auf 17,8
Mrd. t SKE. Dabei deckten fossile
Energieträger den weltweiten
Primärenergieverbrauch zu gut 80%.
Die Dominanz der fossilen Energie-
träger wird auch in Zukunft weiter
bestehen bleiben, wie es nicht nur
die Prognosen des US-Department
of Energy (DOE) sondern auch die
Prognosen der IEA erwarten lassen.
Auch wenn die oben skizzierten
Entwicklungen die internationale
Energiewirtschaft in sehr kurzer Zeit
gehörig durcheinander gebracht ha-
ben, gibt es globale Megatrends, die
auch in und nach der Krise weiterhin
ihre Bedeutung behalten. Dazu zählt
vor allem ein weltweit anhaltend
steigender Energie- und Rohstoffbe-
darf, der die internationale Konkur-
renz um knappe Energieträger und
Rohstoffe verschärfen wird. Diese
Tendenz beruht wiederum auf fun-
damentalen tieferen Ursachen.
So setzt sich das Weltbevölke-
rungswachstum weiter fort. Nach
UN-Angaben wird die Weltbevölke-
rung von derzeit 6,8 Mrd. Menschen
(2008) die 7-Milliarden-Marke in
2012 überschreiten. Für das Jahr
2050 gehen die UN von rund 9,1
Mrd. Menschen aus, wobei der
größte Teil des Zuwachses auf die
Entwicklungs- und Schwellenländer
entfallen wird. Dagegen werde sich
die Bevölkerungsgröße der Industrie-
länder in diesem Zeitraum absolut
kaum verändern.
Durch das stärkere Bevölkerungs-
wachstum und den wirtschaftlichen
Aufholprozess der Entwicklungs-
und Schwellenländer werden
sich zugleich die wirtschaftlichen
Gewichte in der Welt verschieben.
44
Bevölkerung
CO2-Emissionen
Primärenergieverbrauch
Mineralölverbrauch
Rohstahlerzeugung
Kohlenverbrauch
Steinkohlenförderung
Eisenerzimporte 2007
%
Anteile im Weltmaßstab 2008
China
200
20%
45%
43%
43%
38%
10%
18%
22%
40
USA
1%
5%
18%
17%
7%
23%
20%
20%
200
Indien
17%
6%
7%
4%
3%
5%
5%
0%
200
Deutschland
1%
2%
2%
4%
3%
3%
3%
5%
200Quellen: BP, IISI, UN
57-2_2009 15.09.2009
Energiebedingte
CO2
-Emissionen
in der Welt
Industrieländer
Entwicklungs- u. Schwellenländer
Prognose: DOE, 2009; basiert auf Daten von 2006
1990 2005
Mrd. t CO2
21,2
28,1
50
10
0
30
20
42u_1_2009 15.09.2009
40
2020 20302010
35
40
31
2008
31,5
Noch wird der größere Teil des
weltweiten Bruttoinlandsprodukts
in den Industrieländern erzeugt.
Doch schon in wenigen Jahren wird
dieser Anteil auf unter 50% sinken
und weiter zurückgehen. Damit
verlagern sich die Produktions- wie
auch die Nachfragezentren der
Weltwirtschaft. Im Energiebereich
geht diese Entwicklung sogar
schneller voran. Im vergangenen
Jahr haben die nicht der OECD an-
gehörenden Länder nach Einschät-
zung des aktuellen „BP Statistical
Review of World Energy“ mit einem
Anteil von gut 53% am Weltener-
gieverbrauch die OECD-Staaten
überholt.
Gleichzeitig kommt es dabei zu
erheblichen weiteren regionalen
Verlagerungen, vor allem in Rich-
tung auf China und den asiatischen
Raum. Das Wachstum des weltwei-
ten Energieverbrauchs in 2008
entfiel bereits zu 87% auf den asia-
tisch-pazifischen Raum und wur­de
neben China vor allem von Indien,
Indonesien, Thailand, Südkorea
und den anderen sog. Tigerstaaten
verursacht. Ähnliche Tendenzen
zeichnen sich auch bei den nicht-
energetischen Rohstoffen ab.
Zu den anhaltenden globalen Mega-
trends gehört auch die zunehmende
Urbanisierung. Seit 2007 leben zum
ersten Mal in der Geschichte mehr
Menschen in Städten als auf dem
Land. Nach UN-Prognosen werden
in 25 Jahren knapp zwei Drittel der
Weltbevölkerung in Städten leben.
Auch die Städte selbst werden
immer bevölkerungsreicher. „Mega-
cities“ mit mehr als 10 Mio. Einwoh-
nern – z. B. Tokio mit fast 36 Mio.,
New York oder Mexiko-Stadt mit
jeweils 19 Mio. Menschen – werden
in sich immer größer und ihre Anzahl
nimmt zu. Mit der Größe wachsen
jedoch die Probleme der Städte auch
bei der Energieversorgung.
Nicht nur in den Städten, sondern
ebenfalls und gerade auf dem Land
bleibt zudem die Elektrifizierung
eine zentrale Herausforderung.
Nach Angaben des Bundesministe-
riums für wirtschaftliche Zusam-
menarbeit und Entwicklung (BMZ)
haben derzeit weltweit etwa 1,6
Mrd. Menschen noch immer keinen
Zugang zu elektrischem Strom.
Zu den globalen Megatrends zählen
auch das weiter zunehmende Um-
weltbewusstsein und die politischen
Maßnahmen zur Begrenzung des
globalen Klimawandels. Ihr Schwer-
punkt ist derzeit noch vorwiegend
auf die Minderung der CO2
-Emissi-
onen ausgerichtet. Diese lagen nach
BP-Angaben im Jahr 2008 bei rund
31,5 Mrd. t CO2
. Gegenüber 1990
entsprach dies allerdings einer welt-
weiten Steigerung um 49%.
Die globalen Megatrends im
Energiebereich werden auch von
den weltweiten Ressourcen und
Reserven an Energierohstoffen
sowie deren Verfügbarkeit geprägt
sein. Gemessen am Welt-PEV
reichen gemäß jüngster Angaben
der Bundesanstalt für Geowissen-
schaften und Rohstoffe (BGR) die
weltweit gewinnbaren Ölreserven
noch rund 40 Jahre, die Erdgasre-
serven rund 50 Jahre. Kohle (Stein-
45
Kohle
Mrd. t SKE
ErdgasErdöl inkl. Ölsande
Gewinnbare Weltreserven
1146 Mrd. t SKE
Weltverbrauch 2008
14,2 Mrd. t SKE
Kohle
Erdgas
Erdöl
27%
40%
33%
59%
23% 18%
rund 140 Jahre
rd.40Jahre
rd.50Jahre
Statische Reichweite
600
400
200
0
800
60_3_2009 17.09.2009
Missverhältnis zwischen Energiereserven und Verbrauchsstruktur
Quelle: BP, 2009Quelle: BGR, 2009
Weltvorräte an Öl und Gas, OPEC- und GECF-Anteile*
* OPEC Oil Producing Exporting Countries
GECF Gas Exporting Countries Forum
** 2008 gewinnbar; bei Öl einschl. Ölsande
„Strategische
Energieellipse“:
70% der Weltölvorräte
40% der Weltgasvorräte
Gas
212,4 Mrd. t SKE**
Öl
261,9 Mrd. t SKE**
16%
26%
14%
Westeuropa
Rest-OPEC
Weitere
OPEC-GECF-Staaten
70%
Katar
Iran
Sonstige
GECF-Staaten
übrige Welt
Russland
OPEC
3%3%
24%
1%1%
5%5%
61-2_2009 23.09.2009
10%
12%
16%
3%3%
Russland
OPEC:
52%
OPEC-
GECF
GECF:
71%
Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte
und Braunkohle) reicht noch für rund
140 Jahre: Sie ist mit einem Anteil
an den gewinnbaren Weltreserven
von fast 60% der am reichlichsten
vorhandene Energierohstoff.
Bei Mineralöl und Erdgas ist auch
die besonders starke Konzentration
auf geopolitische Unruhezonen
zu beachten, deren strategische
Risiken in dem Gastbeitrag dieses
Jahresberichts beschrieben werden.
Dass die starke Konzentration der
weltweiten Öl- und Gasvorräte
besondere ökonomische Interessen
weckt, liegt auf der Hand. Ende
Dezember 2008 fand in Moskau
ein Treffen der Energieminister der
zwölf bedeutendsten Exporteure
von Erdgas im Rahmen des Gas Ex-
porting Countries Forum (GECF) mit
folgendem Ziel statt: Es galt „die
Zusammenarbeit zu vertiefen“ und
künftig auch institutionell auf eine
festere Grundlage zu stellen, um
auf einem immer stärker globalisier-
ten Markt An­gebot und Preise zu
stabilisieren. Mitglieder des GECF
sind neben Russland u. a. zahlreiche
OPEC-Länder. Viele Beobachter
sehen als Ziel dieses Forums, einen
der OPEC ähnlichen Zusammen-
schluss zu erreichen („Gas-OPEC“).
Russland hatte zuvor schon mit dem
Iran und Katar eine internationale
Troika zur Marktführerschaft ver-
einbart und war die treibende Kraft
bei diesem Treffen.
46
Mittel-und
Südamerika
Afrika
China
Ferner Osten
Australien
Nordamerika
Eurasien
79
235
498
334
1106
733
Eu-27
149
2716
1053
41
172
401
347
2712
861
73
Japan
190
Weltförderung 2008:
Steinkohle
Braunkohle
4797 Mio. t SKE
333 Mio. t SKE
Kohle insgesamt 5130 Mio. t SKE
Förderung
Mio. t
Verbrauch
Weltsteinkohlenförderung und -verbrauch
5850 Mio. t =
951 Mio. t =
68u-3_2009 05.10.2009
Quelle: VDKI, WCI, 2009
Entwicklung auf den internationalen Steinkohlenmärkten 2008/2009
Im Jahr 2008 erhöhte sich die Welt-
steinkohlenförderung gegenüber
dem Vorjahr um rund 550 Mio. t oder
um 11% auf 5,9 Mrd. t. Die bedeu-
tendsten Förderländer waren China
(2,7 Mrd. t) und die USA (1,1 Mrd. t).
Größter Steinkohlenexporteur war
jedoch Australien mit 261 Mio. t.
Lediglich rund 16% der Weltproduk-
tion gelangten in den internationa-
len Handel (Binnen- und Seehan-
del), rund 14% in den Überseehan-
del. Insgesamt wurden 839 Mio. t
über den Seeweg gehandelt, wobei
davon rund 25% auf Kokskohle und
75% auf Kesselkohle entfielen.
Im Jahr 2009 wirkt sich die Welt-
wirtschaftskrise mit voller Wucht
auf den Weltsteinkohlenmarkt aus.
Nach Angaben von EURACOAL ist
der seewärtige Weltsteinkohlen-
markt im ersten Halbjahr signifikant
(-8%) geschrumpft. Der Rückgang
betraf vor allem Koks und Kokskoh-
le, die vom Einbruch in der interna-
tionalen Stahlkonjunktur besonders
hart betroffen waren.
Dabei entwickelten sich die ein-
zelnen Kohlemärkte auch in geo-
47
0
2
4
6
8
Mrd. t
2008
5,9
2030
7,7
14% 15%
Quellen: BP, VDKI, DOE; 2009
Förderung
Seehandel
Verbrauch in den
Förderländern /
Binnenhandel
62-1_2009 17.09.2009 Welthandel von Steinkohle
Preisentwicklung der Steinkohlenimporte
neu_02-1_2009 17.09.09
2009
0
30
60
90
120
150
Quelle: BAFA, Quartalspreise für Kraftwerkskohle
2000 01 02 03 04 2005 06 07 08
€ / t SKE
Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte
grafischer Differenzierung sehr
unterschiedlich. Deutlich ist eine
erheblich stärkere Verschiebung der
Gewichte vom atlantischen in den
pazifischen Markt zu beobachten.
Während die Exporte im atlanti-
schen Kraftwerkskohlenmarkt stark
rückläufig waren, konnte der pazi-
fische Markt insbesondere infolge
der wieder stärkeren chinesischen
Nachfrage leicht hinzugewinnen.
Dies war vor allem den steigenden
australischen Exporten zu verdan-
ken. Alle anderen Exportländer in
diesem Teilmarkt lieferten deutlich
weniger als im Vorjahr. Im atlan-
tischen Kraftwerkskohlenmarkt
reichten die Zuwächse bei den
südafrikanischen und russischen
Exporten nicht aus, die geringeren
Lieferungen der restlichen Anbieter
zu kompensieren. Das geringe Han-
delsvolumen am nordwesteuropä-
ischen Kraftwerkskohlenmarkt ist
vorwiegend auf die zuletzt relativ
schwache Nachfrage in Europa
zurückzuführen. Insbesondere die
nordeuropäische Steinkohlenver-
stromung hat rezessionsbedingt
nachgelassen. Doch auch die Koks-
kohlen- und Koksnachfrage der
Stahlindustrie verzeichnete 2009
massive Einbrüche. Eine Besserung
der Situation wird sich nur langsam
einstellen können, da die nordwest-
europäischen Kohlelagerkapazitä-
ten ihre Auslastungsgrenzen schon
überschritten haben.
Der internationale Markt für Koks-
kohle ging 2009 ebenfalls stark
zurück. Allein im ersten Quartal
2009 sank die Nachfrage um rund
30%. Dies war eine direkte Folge
der Drosselung der Stahlerzeugung
vor allem in den Industrieländern
Asiens, Amerikas und Europas.
Australien, die USA und Kanada
meldeten historische Tiefststände
bei ihren Kokskohlenexporten. Chi-
na wandelte sich bei Kraftwerks-
wie Kokskohle zum Nettoimporteur.
Für die vorwiegend in Küsten- und
Hafennähe angesiedelte chinesi-
sche Stahlindustrie waren Importe
günstiger als Kokskohle aus heimi-
scher Förderung, die erst über lange
Entfernungen auf dem Landweg
herangeschafft werden müsste.
Für das gesamte Jahr 2009 wird
ein Rückgang des Weltkokskohlen-
marktes um rund 40 bis 50 Mio. t
erwartet.
Im Koksmarkt war China in den
letzten Jahren mit einem Marktan-
teil von fast 50% der dominierende
Anbieter. In den ersten Monaten
des Jahrs 2009 brach der Markt
für China-Koks jedoch nahezu
vollständig ein. Trotz der Freigabe
von Exportlizenzen in annähernd
gleicher Höhe wie im Vorjahr fand
sich zumindest bis August 2009
weltweit kein Markt für chinesi-
schen Koks. Insbesondere infolge
der hohen Koksexportsteuer von
40% war chinesische Ware – poli-
tisch gewollt – viel zu teuer für den
Weltmarkt. Bedeutendste Anbieter
sind daher vorerst Kanada und die
USA.
Die chinesische Wirtschaft weist
trotz der Weltwirtschaftskrise eine
vergleichsweise robuste Verfas-
sung auf. Nach Einschätzung der
OECD könnte China wie auch Indien
in diesem Jahr wieder eine ver-
gleichsweise hohe Wachstumsrate
erzielen. Das macht sich bereits
nicht nur beim Koks, sondern auch
auf den internationalen Kraftwerks-
kohlen- und Kokskohlenmärkten
bemerkbar. Die starke Nachfrage
Chinas insbesondere nach Kohle
und Erzen hat 2009 vor australi-
schen Beladungs- und chinesischen
Entladungshäfen schon zu langen
Staus von Massengutfrachtschiffen
geführt, die auf Abfertigung war-
ten. Dadurch wurde Schiffsraum
Welthandels-
intensität bei
Steinkohle
Preise für
Kraftwerkskohle
48
Frachtraten
nach Europa
0
100
200
300
400
500
650
550
450
350
250
150
50
600
Mio. t
Sonstige
Steinkohlen- und Koks-Exporte weltweit 2008
Kraftwerks-
kohle
Kokskohle Koks
28
207
632
Kolumbien
Südafrika
Indonesien
China
Australien
Sonstige
China Sonstige
USA
Kanada
Australien
70o-2_2009 23.09.2009
Russland
Quelle: VDKI, 2009
0
10
20
30
40
50
60
70
Quelle: McCloskey Coal Report, Wochennotierungen
US-$/t
20052004 2007 2008 2009
64-1_2009 18.09.2009 Seefrachtraten nach Europa
2006
Herkunftshäfen:
Ziel: Nordwesteuropäische Häfen (ARA)
Queensland
Australien
Richards Bay
Südafrika
Hampton Roads
USA
gebunden, der an anderer Stelle
fehlte und zeitweilig wieder zu stei-
genden Frachtraten führte, so auch
im atlantischen Markt. Im Zuge der
weltweit stark rückläufigen Nach-
frage nach Massengütern waren
auch die Seefrachtraten seit Ende
2008/Anfang 2009 von historischen
Höchstständen auf ein teilweise
ruinöses Niveau gefallen. Dies hat-
te zu zahlreichen Marktaustritten
geführt. Aufgrund von Aufgabe und
Umwidmung von Exportkapazitäten
werden Verknappungen am interna-
tionalen Steinkohlenmarkt künftig
wahrscheinlicher.
Abzusehen ist bereits auch: Der
Kampf um die Einflussnahme auf
die Rohstoffvorkommen der Welt
wird generell deutlich härter.
Mitte 2009 nahmen chinesische
Sicherheitsbehörden Mitarbeiter
des australischen Bergbaukonzerns
Rio Tinto unter dem Verdacht der
Industriespionage fest. Zuvor war
der Versuch des staatlichen chinesi-
schen Aluminiumkonzerns Chinalco
gescheitert, seinen Mehrheitsanteil
an Rio Tinto – vor allem wegen des
Eisenerzes in Westaustralien – auf-
zustocken. Dieses Ansinnen wurde
durch Intervention der australi-
schen Regierung, Medienproteste
und Einreden weiterer Anteilseigner
vereitelt. Dies hat zu erheblichen
diplomatischen Differenzen zwi-
schen den beiden Staaten geführt.
Zuvor war Ende 2007 bereits ein
Übernahmeversuch seitens BHP
Billiton, das wie Rio Tinto zu den
„Big Four“ der internationalen
Rohstoffwirtschaft zählt, vorerst
gescheitert. Mitte 2009 verban-
den sich die beiden Unternehmen
allerdings durch Joint-Ventures im
Eisenerz- und Kohlegeschäft auf
andere Art stärker miteinander.
China ist seit Frühjahr 2009 wieder
verstärkt auf den internationalen
Rohstoffmärkten aktiv: So hat es
2009 beispielsweise den internatio-
nalen Markt für Industriemetalle
nahezu leer gekauft. Es bemüht sich
darüber hinaus um die Beteiligung
und Kontrolle an Bergbauunterneh-
men in Australien wie in anderen
Ländern – dies auch im Hinblick auf
den Zugriff auf Produktionskapazi-
täten im Kohlesektor (Felix Resour-
ces). Neben einer zunehmenden Un-
ternehmenskonzentration auf den
internationalen Steinkohlenmärkten
zeichnet sich also auch hier, wie
schon auf anderen Rohstoffmärk-
ten, eine verstärkte Einflussnahme
von einzelstaatlichen Rohstoffsi-
cherungsstrategien ab.
Strategische Risiken der
globalen Energiesicherheit
Gastbeitrag
Foto:
LNG-
Tankschiff
50
Gastbeitrag
Dr. Frank Umbach, Senior Associate für Internationale Energiesicherheit
Centre for European Security Strategies (CESS), München-Berlin
Im Zuge der stark gefallenen inter-
nationalen Rohöl- und Erdgaspreise
seit Sommer 2008 scheinen die
großen Besorgnisse über die globa-
le Energieversorgung und die Aus-
wirkungen der Rohstoffhausse auf
die Stabilität der internationalen
Beziehungen zunächst einmal ver-
flogen zu sein. Doch die moderaten
Energiepreise dürften nur temporär
sein und nicht die langfristigen
strategischen Trends der interna-
tionalen Energiepolitik hinsichtlich
hoher volatiler Öl- und Gaspreise
sowie Versorgungsengpässe in
Frage stellen. Mittelfristig könnte
die weltweite Energieversorgung
durch den weiteren Aufschub
zeitkritischer Investitionen in neue
Explorationsprojekte und sonstige
Energieinfrastruktur sogar noch
stärker gefährdet sein. Auch die
geopolitischen Risiken und Aus-
wirkungen auf die globalen ord-
nungspoli­ti­schen Strukturen wer-
den sich nicht verflüchtigen. Dies
gilt umso mehr, als der weltweite
Markt für die fossilen Energieträger
Öl, Gas und Kohle vor einem dra-
matischen Strukturwandel steht. In
2008 haben die Entwicklungsländer
mit China an der Spitze erstmals
die OECD-Staa­ten beim Verbrauch
von Primärenergie übertroffen. 79%
der Weltbevölkerung erwirt­schaf­
ten 45% des globalen Bruttoin-
landsproduktes und benötigen
dafür 53% der Welt­ener­gie. Dieser
Trend wird sich in den näch­sten
Jahren verstärken und erheblich
die Preise be­ein­flussen sowie neue
Herausforderun­gen für die interna-
tionale Energiesicherheit und die
An­strengungen der Weltgemein-
schaft ha­ben, den globalen Klima-
wandel zumindest zu ver­lang­samen.
Damit steht die Welt vor einer dop-
pelten Herausforderung: einerseits
eine bezahlbare Energieversor­
gungs­sicherheit zu gewährleisten,
andererseits aus Grün­den des
globalen Klimawandels vor allem in
den Nicht-OECD-Staaten auf höhe-
re Energieeffizienz mit gleichzeitig
niedrigerem CO2
-Ausstoß struktu-
rell umzusteuern.
Bereits seit Ende der 1990er-Jah-
re hat sich das Machtverhältnis
zwischen Energieproduzenten und
-konsumenten zugunsten der Ener-
gieproduzenten und dem Entstehen
eines weltweiten „Verkäufermark-
tes“ sukzessiv verändert. Diese
internationalen Machtverschie-
bungen zugunsten der asiatischen
und arabischen Schwellenländer,
aber auch Russlands und anderer
Energieexporteure und die interna-
tionale Expansion ihrer Staatsfonds
in die USA und nach Europa waren
wesentlich durch die hohen Öl-
und Gaspreise sowie die Rohstoff-
hausse bei nichtenergetischen
Ressourcen erklärbar. So hat sich
seit 2002 nicht nur der Ölpreis auf
bis zu 147 US-$ pro Barrel (bl) im
Juli 2008 verfünffacht, sondern
auch die Preise für Eisenerz und
Stahlschrott waren zwischen 2003
und 2006 um 100% sowie der
Nichteisenmetalle um über 128%
und anderer Metalle sogar um über
500% gestiegen. Die Frage der
Versorgungssicherheit von Energie-
und anderen Rohstoffen rückte da-
mit auf die politische Tagesordnung
der westlichen Regierungen, da die
Energie- und Rohstoffsicherheit
die zentrale Voraussetzung für die
Stabilität der gesamten wirtschaft-
lichen Wertschöpfungskette ist.
Im Zuge der globalen Rohstoff-
hausse und ihren rapiden Preis-
steigerungen, einer steigenden
Angebotskonzentration auf immer
weniger Länder und Unterneh-
men, zunehmenden Handels- und
Wettbewerbsverzerrungen durch
politisch induzierte Einschränkun-
gen der Rohstoffverfügbarkeit, der
Subventionierung des Energiever-
brauchs sowie vermehrter Strategi-
en der staatlich forcierten Rück-
wärtsintegration durch zunehmende
Beteiligungen an Bergbauunterneh-
men im Ausland (direkter Zugriff
und Kontrolle der Lagerstätten im
Ausland) stellten sich vermehrt
Fragen hinsichtlich der Lieferfähig-
keit der Rohstoffexporteure – und
damit Fragen, die über 20 Jahre
von der EU nicht mehr diskutiert
worden sind. Zudem spiegelt sich
beim „Ressourcenfluch“ nicht nur
ein enger Zusammenhang zwischen
hohen Ölpreisen und „Rentieröko-
nomien“ wider, sondern auch jener
zwischen hohen Ölpreisen und der
mangelnden Reformbereitschaft
sowie der Demokratisierung in der
Innenpolitik und einer konfrontati-
veren Außenpolitik vieler reicheren
Produzentenstaaten.
All dies wirft zentrale Fragen nicht
nur für die internationale Ener-
giepolitik, sondern auch für die
weltweite regionale Ordnungspo-
litik und Außen-, Sicher­heits- und
Entwicklungspolitik des Westens
und damit auch für die GASP (Ge-
meinsame Außen- und Sicherheits-
politik) sowie Nachbarschaftspolitik
der EU auf. Im Zuge einer globalen
Energie- und Rohstoffhausse sowie
Der Energiemarkt
ist ein
„Verkäufermarkt“
51
Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit
Verknappung können somit welt-
weit künftige gewaltsame Kon-
flikte und Kriege vor allem um die
knapper werdenden Rohstoffe (vor
allem um Öl, Gas und Wasser) kei-
neswegs ausgeschlossen werden,
die u.a. mit Massenmigrationen und
Flüchtlingsproblemen verbunden
sind. Hinzu kommen die Folgen
der globalen Klimaveränderungen,
die neue Konflikte verursachen
und vor allem bereits bestehende
Konfliktlagen erheblich verschärfen
könnten.
Vor diesem komplexen Hinter-
grund sollen zunächst die globalen
Energietrends und Prog­no­sen der
Internationalen Energieagentur
(IEA), der Energy Information Admi-
nistration (EIA) und des Weltener-
gierats (WEC) analysiert werden,
bevor die mittel- und langfristigen
geopo­li­tischen Risiken untersucht
werden, um auf dieser Basis quali-
fizierte Schlussfolgerungen für die
mittelfristige Energieversorgungs-
sicherheit der EU und Deutschlands
zu ziehen.
Internationale Energienachfrage bis 2030 und
die Frage der globalen Versorgungssicherheit
Die Unsicherheiten der globalen
Energieversorgungssicherheit bis
zum Ausbruch der gegenwärtigen
globalen Finanz- und Wirtschafts-
krise im Sommer 2008 erklärten
sich einerseits aus der rapide
zunehmenden Energienach­frage
vor allem in China und Indien
sowie einer Ver­fünffachung der
Ölpreise von 2002 bis 2008 auf
über 147 US-$/bl, andererseits aus
zunehmenden Un­gewissheiten, wie
lange die Öl- und Gasre­ser­ven noch
ausreichen und wie viele Res­sour­
cen zukünftig tatsächlich auf dem
Weltmarkt zur Verfü­gung stehen
werden. Deshalb unter­schied
sich diese Krise der weltweiten
Ener­gie­preise und globalen Ener­
gie­versorgung grundlegend von
früheren. Ent­schei­dende Ent­wick­
lun­gen der letzten Jahre auf dem
Energiesektor sowie die neuesten
Prognosen der IEA, EIA und des
WEC über die fossilen Energieres-
sourcen bis 2030 bestätigen diese
Annahmen:
•	Die globale Energienachfrage
wird bis 2030 um 37-45% zu-
nehmen. Verantwortlich für den
weltweiten Anstieg des Ener-
gieverbrauchs sind vor allem die
Nicht-OECD-Staaten mit 73%,
während der Energieanstieg
der OECD-Staaten selbst beim
Referenzszenario der EIA nur bei
15% liegen dürfte.
•	Trotz weltweiter Anstrengungen
zur Entwicklung der erneuerba-
ren Energien mit einem jährlich
prognostizierten Wachstum von
rund 7% werden in mittelfristiger
Perspektive weiterhin die fossi-
len Energieträger (Rohöl, Erdgas
und Kohle) den weitaus größten
Teil des weltweiten Ver­brauchs
ausmachen. Sie werden rund
80% des globalen Nachfragean-
stiegs bis 2030 decken.
•	Rohöl bleibt mit etwa 30-32%
(derzeit 34%) im weltweiten
Energiemix der wichtigste Ener-
gieträger bis 2030. Der durch-
schnittliche Rohölbedarf wird
Quelle: BP Statistical Review of World Energy, 2009 / World Energy Outlook, 2009; IEA
Prognose: IEA Referenzszenario basierend auf Zahlen von 2006
Öl
Kohle
Erdgas
Kernenergie
Sonstige
Wasserkraft
Weltenergieverbrauch
Mrd. t SKE
42o-2_2009 14.09.2009
2020
29%
21,6
2005
26%
16,6
1990
26%
12,6
0
20
25
15
10
5
2008
28%
17,8
2030
29%
24,3
52
bis 2030 weltweit um 37% ge-
genüber 2006 zunehmen – von
derzeit über 85 auf 106 Millionen
Barrel pro Tag (Mio. bl/d; IEA-
Referenz­sze­nario). China wird
dabei für 43% des Zuwachses
der globalen Rohölnachfrage,
der Mittlere Osten für 20% und
Indien für 19% verant­wort­lich
sein. Da nicht nur die Zunah-
me der Weltrohölnachfrage zu
erwarten ist, sondern auch viele
er­schöpfte Ölfelder ersetzt wer-
den müssen, muss die Rohölpro-
duktion bis 2030 um 64 Mio. bl/d
wachsen – das Sechsfache der
heutigen Gesamtrohölproduktion
Saudi Arabiens als weltgrößter
Rohölproduzent. Nach dem opti-
mistischeren Alternativszenario
der IEA von 2007 ist die Welt
zwar in der Lage, 14 Mio. bl/d
einzusparen, doch auch dann
bleibt Rohöl der weltweit wich-
tigste Energieträger. Zwar sind
gegen­wär­tig mehr als 182 Mrd.t
konventionelle Rohölreserven
(ohne kanadi­sche Ölsande) nach-
weisbar vorhanden, doch hält die
Entdeckung neuer Ölressour­cen
bereits seit 1986 mit der sich
rapide beschleunigenden Nach-
frage nicht mehr Schritt.
•	Die weltweite Nachfrage des kli-
mafreundlicheren Erdgases wird
aufgrund der Koppelung mit den
wieder ansteigenden Rohölprei-
sen lediglich um 1,8% zunehmen
und im globalen Energiemix von
21% auf 22% bis 2030 nur margi-
nal wachsen. Der interregionale
Gashandel wird sich von 441
Mrd. m3
auf mehr als 1 Bill. m3
verdoppeln, der größtenteils in
Form von Liquified Natural Gas
(LNG) transportiert und dessen
Anteil von 52% in 2006 auf 69%
in 2030 ansteigen wird. Zugleich
wird die Zunahme der weltwei-
ten Erdgasproduktion mit 46% im
Mittleren Osten erfolgen müssen
– also in derjenigen Region, die
bereits für die Weltrohölver-
sorgung ohne Alternative ist.
Dabei befinden sich allein 56%
der weltweiten Erdgasreserven
allein in den drei Staaten Russ-
land, Iran und Qatar und mehr als
die Hälfte der globalen Re­ser­ven
wird von lediglich 25 Erdgasfel-
dern gespeist. Eine Entspannung
des Erdgas­mark­tes zeichnet sich
mit der zunehmenden Ausbeu-
tung der bis vor kurzem unrenta-
blen un­kon­ventionellen Gasre-
serven in den USA ab, die durch
neue Bohrtechniken und den
höheren Rohölpreis wirtschaft-
lich erschlossen werden und den
früher antizipier­ten starken An-
stieg von LNG-Importen ersetzen
können. Die künftige Produktion
von unkon­ven­­tionellem Gas aus
Schiefer- und Kohleschichten
sowie dichten Sandsteinforma-
tionen („tight gas“) soll von 47%
der gesamten Erdgasproduktion
in 2006 auf 56% in 2030 weiter
steigen. In dem neuesten Refe-
renzszenario geht die EIA sogar
davon aus, dass die USA bei
Erdgas faktisch selbstversorgend
werden.
•	Im Gegensatz zu den hiesigen
Bemühungen des Klimaschutzes
ist seit 2000 mit jährlich durch-
schnittlich 4,9% ein stärkeres
Wachstum der globalen Kohlen­
nach­frage zu konstatieren als bei
irgendeinem anderen fossilen
Energieträger oder der gesamten
weltweiten Primärenergienach-
frage. Nach Prognosen der IEA
wird der Kohlenverbrauch bis
2030 um jährlich 1-2% zunehmen
und könnte damit auch weiterhin
stärker wachsen als die Erdgas-
nachfrage. Die weltweite Koh-
lennachfrage würde zwischen
2006 und 2015 um 32% und im
Zeitraum 2006-2030 sogar um
bis zu 61% von 3.053 Millionen
Tonnen Öläquivalent (Mtoe) auf
4.908 Mtoe ansteigen. Selbst
wenn sich das optimi­sti­sche­re
Alternativszenario bestä­tigen
sollte, wird Kohle mit 23-29%
in 2030 der zweitwichtigste
Energieträger noch vor Erdgas
weltweit bleiben.
•	Nach der neuesten Analyse
der EIA wird der weltweite
Strombedarf im Referenz­sze­
na­rio zwischen 2006 und 2030
um 77% ansteigen. Dabei wird
der globale Beitrag der Kern-
energie zur Stromerzeugung bis
2025 absolut höher liegen als
in der vergleichba­ren Projektion
von 2004, auch wenn sich der
Kernenergieanteil von 15% in
2006 auf 10% in 2030 verringern
wird. Demgegenüber wird der
Kohleanteil an der weltweiten
Stromerzeugung von 41% auf
44% zunehmen und der Anteil
der erneuerbaren Energien von
18% auf 23% bis 2030 ansteigen
– und damit Erdgas bereits kurz
nach 2010 als zweitwichtigste
globale Erzeugungsquelle für
Strom ablösen.
Gastbeitrag
Rohöl bleibt
weltweit der
wichtigste
Energieträger –
Kohle steht an
zweiter Stelle
53
Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit
Um die weltweite Energienachfra-
ge zu befriedigen und die globale
Energiesicherheit zu garantieren,
sind nach Auffassung der IEA
rund 26 Bill. US-$ an Investitionen
bis 2030 notwendig. Gleichzeitig
beläuft sich die Subventionierung
von Energieressourcen und des
Energieverbrauchs in den 20 größ-
ten Nicht-OECD-Staaten jährlich
allein auf 310 Mrd. US-$. Dement-
sprechend ist der Energieverbrauch
dieser Staaten von realen Markt­
preisen weitgehend abgekoppelt,
sodass auch keine Anreize beste-
hen, den Energie­verbrauch durch
Einsparungen zu verringern und die
Energieeffizienz zu erhöhen. Die zu-
künftig notwendigen Investitionen
in die globale Energiewirtschaft
zur Auf­recht­erhaltung der interna-
tionalen Energiesicherheit werden
zudem nur dann er­folgen, wenn
sich die Rahmenbedingungen für
ausländische Investoren und die
politische Stabilität in vielen der
Förderländer deutlich verbessern.
Die entscheidende Frage jedoch
– wie viele Erdöl- und Erdgas-
ressourcen stehen nicht nur auf
dem Papier, sondern tatsächlich
auf dem Weltmarkt jederzeit zur
Verfügung? – hängt nicht nur von
eng definierten ökonomischen Fak-
toren wie Angebot und Nachfrage
oder der globalen Klimapolitik ab,
sondern maßgeblich auch von den
dramatisch veränderten poli­ti­schen
Rahmenbedingungen seit Ende der
1990er-Jahre.
Geopolitische Risiken und strukturelle
Versorgungsengpässe
Seit den terroristischen Anschlä-
gen vom 11. September 2001 auf
das World Trade Center und das
Pentagon sowie der Militärinter­
ven­tion in Afghanistan und dem
Irak-Krieg ist die internationale
Auf­merk­­­sam­keit stärker denn je
einerseits auf den Mittleren Osten
und Süd- sowie Zentral­asien als
auch auf den zukünftigen welt-
weiten „Bogen der Instabilität“
(„arc of instability“), andererseits
auf den Zusammenhang zwischen
künftigen Kriegen und der globalen
Ressourcenkonkurrenz gerichtet.
Dieser „Größe­re Mittlere Osten“
(auch „Strategische Ellipse“
genannt) besitzt für die Sta­bi­lität
der welt­weiten Energieversor-
gungssicherheit im 21. Jahrhun-
dert herausra­gende stra­te­­gi­­sche
Be­deutung, da in dieser Weltregion
der Großteil der verbleibenden
glo­balen Öl- und Gasreserven wie
folgt konzentriert sind.
•	90% der Erdölreserven befinden
sich in der islamischen Welt;
•	70% der Weltrohölreserven
und 40% der Weltgasreserven
befinden sich in der Region der
„Strategischen Ellipse“;
•	62% aller Weltölreserven und
34% aller globalen Erdgasreser-
ven sind allein in der Region des
Persischen Golfes konzentriert.
Darüber hinaus gelten 10 der 14
führenden Rohöl exportierenden
Staaten seit Ende der 1990er-Jahre
als politisch instabil. Ein Aufbre-
chen der innenpolitischen Konflikte
könnte jederzeit zu größeren Unter-
brechungen des Rohöl- und Erdgas-
exports dieser Länder führen. 50%
der Weltenergienachfrage werden
von Erdöl produzierenden Staaten
gedeckt, deren innen­po­li­ti­sche
Spannungen ein hohes Risiko dar-
stellen. Zukünftig wird die Welt auf
immer weniger Erdöl- und Erdgas-
förderstaaten angewiesen sein, die
zudem häufig politisch instabil ein
immer höheres Produktionsniveau
zur globalen Erdöl- und Erdgasver-
sorgungssicherheit gewährleisten
müssen.
Energieengpässe mit drastischen
Preissteigerungen oder sogar grö-
ßeren Versorgungskrisen können
daher auch für den mittelfristigen
Zeitraum bis 2020 immer weniger
ausgeschlossen werden.
Im Gegensatz zur Ölkrise in den
1970er-Jahren oder während des
irakisch-iranischen Kriegs ab 1980
waren die hohen Preise bis zum
August 2008 somit nicht auf eine
einzelne akute politische Krise und
eine temporäre Angebotsverknap-
pung im Mittleren Osten zurückzu-
führen, sondern vor allem auf die
globale Nachfrage und auf struktu-
relle Probleme auf der Angebots-
seite (Engpässe bei Produktions-,
Raffinerie- und Transportkapazi-
täten).
Die Schlüsselstellung Saudi-Arabi-
ens als die „Zentralbank von Rohöl“
Energieengpässe
können immer
weniger ausge-
schlossen werden
54
für die globale Energiesicherheit
resultiert vor allem aus dem Um-
stand, dass Riad der einzige Öllie-
ferant ist, der noch über nennens-
werte ungenutzte Förderkapazitä-
ten verfügt (US-Experten sprechen
von einem „Energieäquivalent von
Nuklearwaffen“). Allerdings waren
es (bei einem Produktions­niveau
von insgesamt rund 10 Mio. bl/d)
bis zum Sommer letzten Jahres
nur rund 1,5 -2 Mio. bl/d, die der
weltweit größte Rohölpro­duzent in
Krisenzeiten zusätzlich mobilisie-
ren konnte. Damit sank der Anteil
der freien Produktionskapazitä-
ten im Vergleich zur weltweiten
Ölnachfrage von 15% auf lediglich
2-3%. Die OPEC-Förder­ka­pa­zi­tä­ten
waren bis Mitte 2008 fast zu 99%
ausgelastet – verglichen mit 90%
in 2001 und lediglich 80% im Jahr
1990. Vor diesem Hintergrund hat
der Interna­tionale Währungsfonds
(IWF) im Frühjahr 2005 die OPEC-
Staaten aufgefordert, zusätzliche
freie Produktionskapazitäten von
mindestens 5 Mio. bl/d in den
nächsten Jahren bereitzustellen,
da sonst die globale Rohölversor-
gung nicht länger stabil zu halten
sei. Doch mit Aus­nahme Saudi-
Arabiens ist bis heute kein anderer
OPEC-Staat sowohl aus politischen
als auch wirtschaftlichen Gründen
bereit, dieser Aufforderung Folge
zu leisten.
Mit der Verschiebung der welt-
weiten Rohölnachfrage aus den
westlichen Industriestaaten in die
bevölkerungsreichsten industriellen
Schwellenstaaten wie China und
Indien wird sich im 21. Jahrhundert
auch der Hauptanteil der Raffine-
rien aus den USA und aus Europa
nach Asien und in andere Weltre-
gionen verlagern. Dies bedeutet:
Nicht nur der größte Teil der
Erdölförderung, sondern auch 60%
der weltweiten Raffineriekapazi-
tät werden sich dann in zumeist
politisch instabileren Ländern und
Regionen befinden.
Daher suchen die Energie impor-
tierenden Staaten nach Möglich-
keiten, einerseits die Abhän­gig-
­keiten zu reduzieren und anderer-
seits im Rahmen ihrer Außen- und
Sicherheitspolitik gute Beziehun-
gen zu den Erdöl und Erdgas expor-
tierenden Staaten aufzubauen. Die
Frage nach der Energiesicherheit
in den Industriestaaten war somit
zu keiner Zeit nur eine außenwirt-
schaftliche Problematik, der mit
ausschließlich (markt-)wirtschaftli-
chen Mitteln zu begegnen wäre.
Auswirkungen auf die europäische
Energieversorgungssicherheit
Erst infolge des ersten russisch-
ukrainischen Gaskonflikts vom Ja-
nuar 2006 stand die Frage nach der
Versorgungssicherheit der EU und
Deutschlands auf der politischen
Tagesordnung und hat seitdem
hohe Priorität, wie der jüngste
russisch-ukrainische Gaskonflikt
vom Januar 2009 – die größte
Energiekrise Europas seit mehr
als 30 Jahren – bestätigt hat. Vor
allem die Gasversorgungssicherheit
Europas gilt als die Achillesferse
der europäischen Energiepolitik, da
diese sich von der Ölversorgungs-
sicherheit grundlegend unterschei-
det. So gibt es einerseits keinen
globalen Gasmarkt; andererseits
ist die Versorgungssicherheit in Eu-
ropa von stabilen Lieferungen über
in Krisen inflexible Pipelinesysteme
abhängig.
Zwischen den internationalen
Experten und Energieorganisatio-
nen, wie der IEA, der EIA sowie
dem WEC, und der EU-Kommission
besteht einhellig die Auffassung,
dass nur ein ausgewo­gener und
breitest möglicher Energiemix, der
keinen Energieträger ausschließt,
die globale, regionale und natio-
nale Energiesicherheit nachhaltig
garantieren kann. Vor allem in
der mittelfristigen Perspektive
bis 2030 darf vor den gewaltigen
Herausforderungen der globalen
Energiesicherheit und des welt-
weiten Klimawandels weder auf
die Kernenergie noch die Kohle
verzichtet werden. Dies gilt ins-
besondere auch für Deutschland,
dessen Versorgungsrisiko seit den
Ölpreiskrisen und einer drastischen
Zunahme der Öl- und Gasimporte
aus Russland als Folge des bisher
geplanten Doppelausstiegs bei
Kernenergie und der heimischen
Steinkohlenförderung deutlich
gestiegen ist.
Die EU hat mit den März 2007-Be-
schlüssen einer integrierten, nach-
Gastbeitrag
Die Energie-
abhängigkeit ist
eine Frage der
Außen- und
Sicherheitspolitik
55
Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit
haltigen Klima- und Energiepolitik
sowie der 20-20-20-Formel (s. a.
S. 65) die Weichen für die Zukunft
gestellt, um aus der Spirale aus
stark ansteigendem Energiever-
brauch und Energieimportabhängig-
keiten zumin­dest teilweise aus-
zusteigen bzw. den Anstieg stark
zu reduzieren. Im Mittelpunkt ihrer
energiepolitischen Konzeption ste-
hen zu Recht die Energieeinsparung
und Erhöhung der Energieeffizienz
sowie die Diversifizierung des
Energieträger­mix und der Importe.
Auch die Proklamierung einer ak-
tiven europäischen und deutschen
Energieaußenpolitik unter Be-
rücksichtigung der geopolitischen
Risiken ist wichtig und richtig.
Noch vor dem jüngsten Gaskon-
flikt im November 2008 hatte die
Europäische Kommission unter der
französischen Präsidentschaft mit
dem „Zweiten Überprüfungsbericht
der Energiestrategie der EU“ ein
weitreichendes Energiepaket zur
Stärkung der Energieversor­gungs­
sicherheit und Unterstützung der
Klimaschutzvorschläge vorgelegt.
Der in der Öffentlichkeit und zum
Teil auch in der deutschen Politik
viel zu wenig beachtete „Akti-
onsplan für Energieversorgungs-
sicherheit und -solidarität“ zeigte
zum ersten Mal auf, dass eine
erfolgreiche Implementierung der
Energiebeschlüsse vom März 2007
den bis dahin prognostizierten
Energiebedarf der EU bis 2020 um
bis zu 15% und den Importbedarf
um sogar 26% gegenüber den
bisherigen Energiebedarfsprogno-
sen reduzieren könnte. Ohne die
Märzbeschlüsse würden dagegen
die Nettoenergieimporte um rund
41% zwischen 2005 bis 2030
ansteigen. Tatsächlich zeigt der
EU-Aktionsplan vom November
2008 und seine neuen Prognosen
erstmals auf, dass der Erdgasim-
portbedarf mit der Implemen­
tierung des 20-20-20-Programms
(dabei abhängig von der Höhe des
internationalen Ölpreises), bis
auf das heutige Niveau von rund
300 Mrd. m3
eingefroren werden
könnte anstatt auf 452 Mrd. m3
anzusteigen. Je nach Szenario
könnte der Erdgasimport­bedarf der
EU bei einem erneuten Anstieg des
Ölpreises auf 100 US-$/bl sogar
unter 300 Mrd. m3
liegen (s. Tabelle
im Anhang).
Auch das vom Rat der EU am 20.
März 2009 beschlossene und von
der Kommission vor­ge­schlagene
Energieinfrastrukturprogramm in
einem Umfang von rund 4 Mrd. €
dient der Stärkung der Energiever-
sorgungssicherheit und der phy-
sischen Infrastruktur effektiverer
Krisenreaktionsmechanismen. Seit
Anfang 2008 wurden auch die
Maßnahmen zur Entwicklung des
süd­euro­päischen Gastransportkor-
ridors und des Zu­gangs zu kas-
pischem Gas durch das Nabucco-
Projekt entscheidend forciert.
Allerdings kann die EU kurz- und
mittelfristig auch nach Unterzeich-
nung des jüngsten Abkommens
zwischen Russ­land und der Ukraine
zur Beilegung des Gaskonflikts und
des Energiememorandums zur Mo-
dernisierung der ukrainischen Gas-
infrastruktur vom 23. März 2009
keineswegs von einer sicheren
Gasversorgung aus Russland aus-
gehen, da dies nicht nur
1)	wirtschaftliche Stabilisierung
und umfassende Reform des
Energiesektors der Ukraine
voraussetzt, sondern
2)	auch eine völlige Normalisierung
der bilate­ral­en Beziehungen
zwischen Moskau und Kiew,
3)	eine Ausschaltung aller Zwi-
schenhändler,
4)	die Gewährleistung von weitaus
größerer Transparenz über die
Abkommen und die Gassektoren
auf beiden Seiten,
5)	die Abkoppelung des bilateralen
Gashandels von geopolitischen
Motivatio­nen und auch voraus-
setzt, dass
6)	die gegenwärtige Finanz- und
Wirtschaftskrise die dringend
notwendigen Investitionen der
russischen Gaswirtschaft in die
Exploration neuer und erheblich
teurerer Gasfelder nicht verrin-
gert und zeitlich weiter auf-
schiebt.
Daher bleibt aus europäischer und
deutscher Sicht – neben neuen
Maßnahmen zur Energieeinsparung
und Erhöhung der Energieeffizienz
– die breitest mögliche Diversifizie-
rung des Energieträgermix und der
Importe die beste Garantie für eine
langfristige stabile Energieversor-
gungssicherheit. Bei Erdgas sollte
dies durch eine neue Kombination
von langfristigen Lieferverträgen,
liquiden Handelsplätzen, einer
bedarfsge­rech­ten und sicheren
Infrastruktur sowie die Stärkung
Breiter Energie-
trägermix ist
Garantie für eine
stabile Energie-
versorgungs-
sicherheit
56
der grenzüberschreitenden Koope-
ration zwischen Gasunternehmen
im Zusammenspiel mit Regierungen
und der EU mit ihren neuen Krisen-
und Kooperationsinstrumenten
sichergestellt werden.
Dem Ziel der Stärkung der Versor-
gungssicherheit durch die Diversifi-
zierung von Energie­trä­gern, Impor-
ten und der Elektrizitätserzeugung
soll auch das derzeit viel diskutier-
te Solar- und Wüstenstromprojekt
„DESERTEC“ dienen – derzeit läuft
eine Machbarkeitsstudie. Dieses
von 12 vor allem deutschen Konzer-
nen forcierte Projekt sieht eine so-
larthermische Stromerzeugung vor,
bei der das Sonnenlicht in riesigen
Parabolspiegeln gebündelt und
dann in einer im Kreislauf ge­führ­
ten Flüssigkeit auf 400°C erhitzt
wird, um in einem anschließenden
Dampf­tur­binen­kraftwerk in Strom
ver­wan­delt zu werden. Das derzeit
auf 400 Mrd. € geschätzte Projekt
soll 15-20% seiner Stromerzeu-
gung über Hochspannungsgleich-
stromleitungen nach Europa führen.
Obwohl es auch technologisch vor
allem beim Stromtransport nach
Europa noch einige Probleme zu
lösen gilt, müssen die finanziellen
und vor allem bisher kaum ana-
lysierten sicherheitspolitischen
Probleme als die größten Hinder-
nisse angesehen werden. Gerade
in der Redundanz der zahlreichen
Infrastrukturanlagen und bei den
Kontrollzentren der de­zentralen
Erzeugerstrukturen dürften in
den politisch instabilen Regionen
Nordafrikas und dem Nahen Osten
die physischen und elektronischen
Sicherheitsaufwendungen immens
sein, die aber bisher offenbar kaum
in den operativen Projektkosten
ausreichend berücksichtigt worden
sind. Zudem müssen erhebliche
politische Konflikte zwischen den
Regionalstaaten selbst gelöst
werden wie aber auch beim grenz-
überschreitenden Stromtransport
zwischen EU-Staaten. Darüber
hinaus darf bezweifelt werden,
dass Spanien oder Italien sich von
der politisch so instabilen Region
noch weiter abhängig machen
und ihre Versorgungssicherheit
gefährden wollen, da die EU-Mit-
telmeerstaaten bereits in hohem
Maße durch die Öl- und Gasimporte
von dieser instabilen Weltregion
abhängig sind.
Des weiteren benötigen solar-
thermische Kraftwerke Millionen
Kubikmeter Kühlwasser, die in den
Wüstenregionen zumeist grenz-
überschreitend sicher gestellt wer-
den müssen und einen ebenfalls
nicht unerheblichen Kostenfaktor
darstellen dürften. Ebensowenig
dürfen die Risiken für die Versor-
gungssicherheit der EU übersehen
werden. Zwar haben solarther-
mische Kraftwerke den großen Vor-
teil gegenüber der herkömmlichen
Photovoltaik, Strom in Salzschmel-
zen speichern zu können, doch der
Ausfall von 15-20% der impor-
tierten Stromlieferungen als Folge
terroristischer oder elektronischer
Angriffe gegen die Hochspan-
nungsleitungen oder die Strom-
kontrollzentren in Nordafrika hätte
katastrophale Auswirkungen in
Europa, da Strom bisher nicht wie
Öl und Gas strategisch in Europa
bevorratet werden kann. Für ara-
bische Terroristen dürfte die solare
Infrastruktur nicht zuletzt deshalb
besonders attraktiv sein, weil sie
mit Anschlägen gleichzeitig sowohl
die verhassten einheimischen Re-
gierungen als auch die EU treffen
und politisch erpressen könnten.
Auch aus diesem Grund könnte sich
die dezentralisierte Photovoltaik
unter Berücksichtigung großer
Fortschritte bei Speichertechnolo-
gien langfristig womöglich tatsäch-
lich als kostengünstigere solare
Variante erweisen. Doch sprechen
all diese Vorbehalte nicht grund-
sätzlich gegen das Projekt, das
vor allem für die Regionalstaaten
selbst von großem Nutzen wäre,
sofern ihre politischen und wirt-
schaftlichen Eliten den großen
Nutzen derartiger solarthermischer
Kraftwerke angesichts der Rolle
ihrer staatlichen Energiekonzerne
und deren politischen Einfluss auf
die Regierungen erkennen.
Die strategischen Risiken der deut-
schen Energieversorgung werden
jedoch durch „Wüstenstrom“ in
der mittelfristigen Perspektive
bis 2030 kaum verringert, da das
DESERTEC-Projekt angesichts der
noch zu überwindenden tech-
nischen und vor allem wirtschaft-
lichen sowie politischen Probleme
wahrscheinlich erst in der länger-
fristigen Perspektive 2030-2050
eine größere strategische Bedeu-
tung für die Regionalstaaten in
Nordafrika sowie des Mittleren
Ostens und vielleicht auch Europas
gewinnen wird.
Gastbeitrag
Projekte wie
DESERTEC er-
fordern immense
Sicherheits-
aufwendungen
Herausforderungen
für die europäische
und deutsche EnergiepolitikFotomontage:
Steinkohlenkraftwerk
Bexbach, Saarland
58
Energiepolitische Ziele
Umwelt-
verträglichkeit
Ausgewogener
Energiemix
Wirtschaft-
lichkeit
Ver-
sorgungs-
sicherheit
30-1_2009 21.09.09
Die heimische Steinkohle im Zieldreieck der Energiepolitik
Die heimische Steinkohle und ihr
Beitrag zur Energieversorgung in
Deutschland sind seit je Gegen-
stand energiepolitisch begründeter
Entscheidungen und Rahmenset-
zungen. 2007 wurden maßgebliche
politische Weichenstellungen mit
dem Beschluss zur sozialverträg-
lichen Beendigung des subventio-
nierten Steinkohlenbergbaus zum
Ende des Jahres 2018 und dem
dazu in Kraft gesetzten Steinkohle-
finanzierungsgesetz vom 20. De-
zember 2007 vorgenommen. Die so
genannte„Revisionsklausel“bein-
haltet, dass der Deutsche Bundes-
tag den Auslaufbeschluss bis 2012
noch einmal überprüft. Ausdrück-
lich benannt werden die Gesichts-
punkte der Wirtschaftlichkeit und
die Sicherung der Energieversor-
gung. Dies erfordert eine volkswirt-
schaftliche Perspektive. Daneben
wird auf „übrige energiepolitische
Ziele“ verwiesen. Vor allem dürften
hier die Umwelt- und Klimaver-
träglichkeit gemeint sein. Denn
damit angesprochen wäre die
dritte wesentliche Komponente des
klassischen und nach wie vor auf
nationaler wie europäischer Ebene
maßgeblichen Zieldreiecks der
Energiepolitik: Wirtschaftlichkeit,
Versorgungssicherheit und Um-
weltverträglichkeit.
Die Bedeutung dieses Zieldreiecks
als Orientierungsrahmen für ener-
giepolitische Entscheidungen ist
kaum zu überschätzen. Der Bundes-
verband der Energie- und Wasser-
wirtschaft in Deutschland (BDEW)
nannte es auf seinem Kongress
„Zukunft gestalten“ im Juni 2009
„Eckpfeiler der deutschen Energie-
wirtschaft“ ja sogar ein „energie-
politisches Grundgesetz“ und „auch
im kommenden Jahrzehnt die Basis
für eine zukunftssichere Energiepo-
litik“. Allerdings müssten die drei
Ziele in einer gegenseitigen Ba-
lance gehalten werden, damit „wir
auch in Zukunft eine Energieversor-
gung haben…, die unsere Umwelt
und das Klima schont, die dauerhaft
verfügbar ist oder sich gar erneuert
und die für uns bezahlbar bleibt“.
Die drei zentralen Ziele gegenein-
ander auszuspielen, so warnt der
BDEW, führe in eine „energiepoliti-
sche Sackgasse“. Denn die energie-
politischen Ziele sind miteinander
verwoben und erfordern einen
gleichgewichtigen Ansatz, „was bei
allen anstehenden Entscheidungen
mit Bedacht und ehrlicherweise
auch kommuniziert werden muss“.
Geschieht das nicht, ginge also die
Balance verloren, drohen zwangs-
läufig negative Folgen sowohl für
die jeweils anderen Ziele als auch
für die gesamte Volkswirtschaft.
„Eine unterschiedliche Dehnung
würde zu einer gefährlichen Schief-
lage führen, die letztlich nicht nur
die jeweils anderen Ziele gefähr-
den, sondern auch das gesamte
energie- und volkswirtschaftliche
Fundament zerstören könnte“, so
der BDEW. Ausdrücklich wird von
ihm beklagt, dass es in den letzten
„Die Bundesregierung leitet dem
Deutschen Bundestag bis späte-
stens 30. Juni 2012 einen Bericht
zu, auf dessen Grundlage der
Deutsche Bundestag unter Be-
achtung der Gesichtspunkte der
Wirtschaftlichkeit, der Sicherung
der Energieversorgung und der
übrigen energiepolitischen Ziele
prüft, ob der Steinkohlenbergbau
weiter gefördert wird. Der Stein-
kohlenbergbau und die Industrie-
gewerkschaft Bergbau, Chemie,
Energie (IG BCE) werden ange-
hört. Dem Bericht sind Gutach-
ten anerkannter Wirtschaftsfor-
schungsinstitute zugrunde zu
legen und beizufügen.“
§1 Abs.2 Steinkohlefinanzierungs-
gesetz („Revisionsklausel“) vom
20. Dezember 2007
59
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
Jahren in der deutschen Ener-
giepolitik kein gleichschenkliges
Zieldreieck mehr gab. Vielmehr
sei die Ausrichtung zugunsten
der Umwelt- und Klimaschutz-
ziele verschoben worden. Dieses
Ungleichgewicht könnte auch die
künftige Energiepolitik dominieren.
Die Wirtschaftlichkeit wie auch die
Versorgungssicherheit könnten so
ins Hintertreffen geraten.
Eingeordnet in das skizzierte Ziel-
dreieck ergibt sich speziell für die
heimische Steinkohle und ihre Zu-
kunft zweifellos ein differenzierter
Befund. Auch die energiepolitische
Diskussion über die Steinkohle ist
in jüngerer Zeit zunehmend von
Klimagesichtspunkten dominiert
worden. Dabei ist die Vereinbarkeit
der Steinkohlenutzung mit den
klimapolitischen Zielsetzungen
allerdings eine Frage, die sich nicht
unmittelbar auf die heimische
Steinkohle beziehen kann. Sie muss
beantwortet werden – unabhängig
von der Herkunft der jeweiligen
Energieträger – durch die zu ihrer
Nutzung eingesetzte Energietech-
nologie bzw. deren Effizienz sowie
durch die konkreten klimapoliti-
schen Vorgaben. In das seit 2005
etablierte CO2
-Emissionshandels-
system mit seiner Gesamtkontin-
gentierung der Emissionsrechte ist
fast der gesamte Steinkohlenver-
brauch in Deutschland einbezogen
– und damit auch der Verbrauch
heimischer Steinkohle. So wird die
Vereinbarkeit mit den Klimazielen
gerade im Kohlesektor vollständig
sichergestellt.
Bedauerlich ist, dass in letzter Zeit
zumindest von Teilen der Öffent-
lichkeit auch die Umweltverträg-
lichkeit der Steinkohlengewinnung
zunehmend in Frage gestellt wird.
Tatsächlich gehen die Umwelt-
auswirkungen des deutschen
Steinkohlenbergbaus durch den
seit Jahrzehnten vollzogenen und
weiter laufenden Anpassungspro-
zess immer mehr zurück – ohne
besondere lokale und regionale
Probleme für bergbaubetroffene
Anwohner in Abrede zu stellen.
Gleichzeitig wird der verbliebene
Steinkohlenbergbau in Deutschland
gemäß den hierzulande gelten-
den hohen Umweltstandards und
Nachhaltigkeitsgrundsätzen für
bergbauliche Gewinnungstätigkei-
ten durchgeführt.
Das Hauptproblem der heimi-
schen Steinkohle liegt bei ihrer
Wirtschaftlichkeit. Infolge der
geologischen Abbau- und anderen
Standortbedingungen sind hier-
zulande die Förderkosten höher
als der Weltmarktpreis. Daher
besteht ein anhaltender Subventi-
onsbedarf. Dass sich dies durchaus
auch einmal ändern kann, hat die
Hochpreisphase 2008 demons-
triert: Dadurch kam auch der
deutsche Steinkohlenbergbau der
Wirtschaftlichkeitsgrenze nahe und
der Subventionsbedarf vermin-
derte sich zeitweise deutlich. Zu
berücksichtigen sind zudem die im
deutschen Subventionssystem von
den Förderkosten mitgetragenen
außergewöhnlichen Belastungen,
etwa die Altlasten stillgelegter
Bergwerke und Stilllegungsauf-
wendungen. Zu bedenken ist auch,
dass nur ein lebender Bergbau die
Chance bietet, bei hinreichend
gestiegenen Marktpreisen ggf. als
Grenzanbieter auch in Deutsch-
land wieder eine wirtschaftliche
Steinkohlenproduktion betreiben
zu können. Eine volkswirtschaftli-
che Betrachtung hat darüber noch
anderes zu berücksichtigen:
2%2%
Stahlindustrie
Andere8%
43%
11%
2008
Kraftwerke
38%
77%
21%
Wärmemarkt
1980
88,3 Mio. t SKE 19,5 Mio. t SKE
Absatzstruktur deutscher Steinkohle
74o-2_2009 15.09.2009
60
Haushalt der
EU 2008
44,2%
„Nachhaltiges
Wachstum“
- Sonstiges in der Rubrik
„Bewahrung und Bewirtschaftung…“
- Agrarhilfen
Sonstiges (1,4%)
* Verpflichtungs-
ermächtigungen
Quelle: EU-Haushalt 2008 - Finanzbericht
der Europäischen Kommission, 2009
12,4%
Ausgaben* nach Rubriken
30,9%
Haushalt der EU 2008
neu_16-1_2009 29.09.2009
5,6%
5,5%
Verwaltungsausgaben
„Bewahrung
und Bewirt-
schaftung der
natürlichen
Ressource“:
„EU als globaler
Akteur“
-	 beispielsweise die positiven
technologischen „Spill-over-
Effekte“ für andere Wirtschaft-
sektoren,
-	 die regionalökonomische Bedeu-
tung des Steinkohlenbergbaus
für die Bergbaugebiete
-	 oder umgekehrt auch die fiskali-
schen Folgekosten einer völligen
Einstellung der Kohleförderung
-	 und der damit verbundenen
erhöhten regionalen Arbeitslo-
sigkeit.
Die Einstellung der Steinkohlen-
förderung kann dadurch für die
öffentlichen Hände insgesamt
teurer werden als die Fortführung.
Die Subventionsfrage relativiert
sich zugleich in Anbetracht des seit
den 1990er-Jahren eingeleiteten,
im westdeutschen Vergleich fast
beispiellosen Subventionsabbaus
bei der Steinkohle (Reduzierung
bis 2009 um mehr als die Hälfte).
Der Anteil der Steinkohlehilfen
am gesamten Subventionsvolu-
men in Deutschland lag nach den
Untersuchungen des Instituts für
Weltwirtschaft (IfW), Kiel, bereits
2007 unter 2%. Die zur Abfederung
der Wirtschafts- und Finanzkrise
in den Jahren 2008 und 2009 in
Deutschland eingesetzten Beihilfen
haben inzwischen die Subventions-
Größenordnungen in ganz andere
Dimensionen verschoben: fast
500 Mrd. € für den Sonderfonds
zur Bankenrettung, 100 Mrd. €
Bürgschaftsrahmen für Rettungs-
maßnahmen in der Realwirtschaft,
gut 60 Mrd. € für weitere Finan-
zierungshilfen in den Konjunktur-
paketen.
Auch im EU-Kontext relativiert
sich die Bedeutung der Steinkoh-
lenbeihilfen deutlich. EU-weit
wurden bisher schon Beihilfen von
über 3 Bill. € zur Stabilisierung
der Finanzmärkte verausgabt. Im
Haushalt der Union dominieren
mit 55 Mrd.€ die Agrarhilfen, die
Deutschland als größter Netto-
zahler (2008: 8,8 Mrd. €) wesent-
lich mitfinanziert. Der größte Emp-
fänger ist Frankreich mit 10 Mrd. €,
gefolgt von Spanien mit 7,1 Mrd. €
und Deutschland mit 6,6 Mrd. €.
Klare Pluspunkte beim Ziel Versor-
gungssicherheit hat die deutsche
Steinkohle als heimische Ener-
giequelle angesichts der hohen
und zunehmenden Abhängigkeit
Deutschlands von Energieimporten.
Richtig ist zwar, dass der Stein-
kohlenbergbau in seiner heutigen
Größenordnung nur noch einen
begrenzten Beitrag zur Energiever-
sorgung leisten kann. Aber auch
die Windkraft oder die inländische
Erdgasförderung leisten Versor-
gungsbeiträge in ähnlicher Höhe.
Die heimische Steinkohle erbringt
indessen noch immer einen signi-
neu_12-2_2009 06.10.2009
Subventionen des
Bundes* für 2008
in Mrd. €
Gesamt
1,9 davon
Steinkohle
Maßnahmen infolge Finanzkrise in Mrd. €
Hilfen des Bundes
*) Subventionsbericht der Bundesregierung Quelle: nach Der Spiegel, 9/2009
21,5
61,0
Konjunktur-
pakete
100,0
Bürgschaften
480,0
Sonderfonds
Finanzmarktstabilisierung
61
Die Suche nach einem energiepolitischen
Gesamtkonzept
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
Darin enthalten sind zahlreiche
Einzelmaßnahmen, die seither
schrittweise von der Großen
Koalition umgesetzt wurden. Die
Bezeichnung „Klima- und Energie-
programm“ drückt allerdings tref-
fend aus, dass der Schwerpunkt
dieses Programms bei klima-
schutzorientierten Maßnahmen im
Energiebereich liegt. Insbesondere
handelt es sich um Schritte zur
Energie- bzw. CO2
-Einsparung
und zur Steigerung der Energie-
effizienz sowie beim weiteren Aus-
bau der erneuerbaren Energien.
Viele andere wichtige energiepoli-
tische Fragen blieben jedoch weiter
offen – nicht zuletzt zur Vorsorge
für die künftige Energiesicherheit.
Der Anspruch eines energiepoliti-
schen Gesamtkonzepts ist nach wie
vor nicht erfüllt worden.
Dieses Manko belegen diverse
Reaktionen aus der Wirtschaft. So
haben die Industrie- und Handels-
kammern in Nordrhein-Westfalen
im Frühjahr 2009 ihre im engen
Dialog mit der Wirtschaft in
NRW und mit wissenschaftlicher
Unterstützung erarbeiteten „Ener-
giepolitischen Positionen 2009“
vorgelegt. Sie versuchen fundierte
eigene Antworten auf eine Reihe
der weiterhin offenen Fragen der
deutschen Energiepolitik zu geben.
Um zu einer kostengünstigen und
zukunftsfähigen Energieversorgung
in NRW zu gelangen, schlagen die
Industrie- und Handelskammern
in NRW u. a. folgende Schritte
vor: zügiger Ausbau der Netz- und
Kraftwerkskapazitäten, stärkerer
Wettbewerb in der leitungsge-
Da ein energiepolitisches Gesamt-
konzept fehlt, ist es auch nicht
verwunderlich, dass in Deutschland
im „Superwahljahr 2009“ nicht
nur zahlreiche Experten ein neues
Energiekonzept oder eine natio-
nale Energiestrategie gefordert
haben. Vielmehr tauchten solche
Forderungen auch in fast allen
Wahlprogrammen auf; und die
für die Energiepolitik zuständigen
Fachressorts legten jeweils eigene
Vorschläge dazu vor.
Im Jahr 2006 gab Bundeskanzlerin
Angela Merkel in der Großen Koa-
lition den neuerlichen Startschuss
zur Entwicklung eines energiepoli-
tischen Gesamtkonzepts, das 2006
und 2007 in drei Runden eines so
genannten Energiegipfels erörtert
wurde.
Diese Energiegipfel setzten sich
wie folgt zusammen: Vertreter der
Bundesregierung, der Energiewirt-
schaft, der erneuerbaren Energien,
der industriellen und privaten
Stromverbraucher, der Gewerk-
schaften, der Energieforschung und
der Umweltorganisationen. Fach-
lich begleitet wurden sie von einer
umfänglichen energiewirtschaftli-
chen und -politischen Bestandsauf-
nahme sowie Szenarienrechnungen
durch die zuständigen Ministerien
und kompetente Institute. Ergebnis
dieser Gipfelberatungen waren
grundsätzliche konzeptionelle
Überlegungen mit unterschiedlicher
Konsensbreite. Auf dieser Basis
beschloss die Bundesregierung
noch im Jahr 2007 ein Integriertes
Klima- und Energieprogramm (kurz:
IKEP) ihr so genanntes Meseberg-
Paket – dies wurde im Kapitel
Klima und Umwelt dargestellt.
fikanten Beitrag zur Steinkohlen-
versorgung des deutschen Markts.
Sie gewährleistet im Mix mit der
kostengünstigeren Importkohle ein
messbar deutlich höheres Maß an
Versorgungssicherheit als etwa
Deutschlands Erdöl- und Erdgasver-
sorgung (siehe dazu etwa den un-
ten dargestellten RWI-Risikoindex).
Darüber hinaus gewährleistet der
Steinkohlenbergbau den Zugang
zu den großen heimischen Stein-
kohlenvorkommen: Sie reichen bei
heutiger Förderung noch für meh-
rere Jahrhunderte und könnten als
Option gegen künftige Weltmarkt-
risiken auch für kommende Genera-
tionen offen gehalten werden.
Die Gesamtabwägung der energie-
politischen Vor- und Nachteile der
heimischen Steinkohle und ihrer
Stellung im energiepolitischen
Zieldreieck liegt bei den zuständi-
gen politischen Entscheidungsträ-
gern. Sie wird allerdings dadurch
erschwert, dass es in Deutschland
nach wie vor kein energiepoliti-
sches Gesamtkonzept gibt – jeden-
falls kein Gesamtkonzept, das allen
drei Zielen umfassend Rechnung
trägt.
62
Energiepolitische Konzepte 1973 bis 2001
In Deutschland wird schon seit langem um ein
energiepolitisches Gesamtkonzept gerungen. Jede
nationale Energiepolitik muss dabei auch den europä-
ischen und internationalen Rahmenbedingungen und
Herausforderungen angemessen Rechnung tragen.
Bereits 1973 hatte die damalige Bundesregierung
ein erstes nationales Energieprogramm aufgestellt.
Es wurde unter dem Eindruck der ersten globalen
Ölkrise und den dadurch ausgelösten tiefgreifenden
Veränderungen der Weltenergiemärkte überarbeitet
und mehrfach fortgeschrieben. In den 1980er-Jahren
verlor es aber nach einem Regierungswechsel und un-
ter dem Eindruck entspannterer Verhältnisse auf den
Weltenergiemärkten die Anerkennung als Richtschnur
für die deutsche Energiepolitik.
Es folgte daraufhin in der deutschen Energiepolitik
ein Vierteljahrhundert, in dem es diverse Energiebe-
richte der Bundesregierung gab: So etwa 1991 den
Bericht „Energiepolitik für das vereinte Deutschland“,
der den Anspruch eines energiepolitischen Gesamt-
konzepts erhob. Er beschränkte sich allerdings im
Wesentlichen darauf, bestehende bzw. bereits ein-
geleitete Maßnahmen der Energiepolitik im Zusam-
menhang darzustellen und allgemeine Leitlinien ohne
konkrete Ziele zu formulieren. In den 1990er-Jahren
gab es zudem (im Ergebnis weitgehend erfolglose)
politische Gespräche über einen partei- und bundes-
länderübergreifenden Energiekonsens.
Im Jahr 2000 folgte ein Energiedialog der nun rot-
grünen Bundesregierung mit relevanten gesellschaft-
lichen Gruppen sowie eine Enquete-Kommission
des Bundestags zu Fragen der Zukunft der Energie-
versorgung. Das Bemühen um ein einvernehmliches
Energieprogramm scheiterte jedoch erneut. Gleich-
wohl nahm die rot-grüne Bundesregierung eine ganze
Reihe von neuen energiepolitischen Weichenstel-
lungen vor: etwa die Einführung der Ökosteuer, das
Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) oder das Gesetz
über den Atomausstieg. 2001 legte das Bundeswirt-
schaftsministerium einen weiteren Energiebericht vor
(„Nachhaltige Energiepolitik für eine zukunftsfähige
Energieversorgung“), der verschiedene programmati-
sche Optionen aufzeigte und dazu eigene Empfehlun-
gen abgab. Ein umfassendes neues Energieprogramm
der Bundesregierung ließ sich aber nicht erreichen.
Der Grund dafür war vor allem der koalitionsinterne
Ressortkonflikt über die Ausrichtung der Energiepo-
litik zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium.
Er hat sich seither fortgesetzt und blieb auch in der
2005 gebildeten Großen Koalition ungelöst.
63
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
bundenen Energieversorgung
und erleichterte Marktzutritte,
Senkung von Zusatzbelastungen
für die deutsche Wirtschaft bei
den Strom- und anderen Ener-
giepreisen aufgrund klima- und
energiepolitischer Regelungen,
systematischer Ausbau von Infor-
mationen für Energieeffizienz und
breiter angelegte und gestärkte
weit gefächerte Energieforschung.
Außerdem müsse eine moderne
Energiepolitik auch künftig auf
einen breiten Energiemix setzen,
in den die Industrie- und Handels-
kammern die Kernenergieoption
weiterhin einbezogen wissen
wollen. Erster „Meilenstein“ dieser
„Energiepolitischen Positionen
2009“ ist für die IHKs der stärkere
Einsatz heimischer Energieträger,
um so die Importabhängigkeit der
Energieversorgung zu verringern.
Dazu sollen alle Optionen auf
heimische Energieträger gesichert
werden. Speziell zur heimischen
Steinkohle heißt es: „Auch die
Steinkohle muss – als in NRW ver-
fügbare Ressource und mit Blick auf
die steigenden Energiepreise – als
ernsthafte Option Berücksichtigung
finden.“
Ganz ähnliche Positionen hat
der Bundesverband der Deut-
schen Industrie (BDI) in seinen
zu Jahresbeginn 2009 erhobenen
„energiepolitischen Kernforderun-
gen“ vertreten. Darin betont der
BDI: „Das im Koalitionsvertrag (der
Großen Koalition) angekündigte
energiepolitische Gesamtkonzept
fehlt bislang“, auch wenn in der
deutschen und europäischen Klima-
und Energiepolitik inzwischen
entscheidende Weichenstellungen
eingeleitet worden sind. Deren
weitere Ausgestaltung müsse
jedoch wirtschaftspolitisch ausge-
wogener erfolgen, um den Indus-
triestandort Deutschland und seine
Arbeitsplätze nachhaltig sichern zu
können. Das Ziel des Klimaschutzes
müsse dafür mit den Zielen Versor-
gungssicherheit und Wirtschaft-
lichkeit „in einen angemessenen
Ausgleich“ gebracht werden. Dabei
gehe es nicht nur um die Kosten-
effizienz der Klimaschutzmaßnah-
men. Gleichermaßen betrachtet
werden müssten auch die Höhe der
Energiekosten und ihre Auswirkun-
gen auf die Wettbewerbsfähigkeit
der Industrieproduktion in Deutsch-
land, die nötige Modernisierung
der Energieinfrastruktur und die
Sicherheit der Energieversorgung.
Sie erfordere vor dem Hintergrund
des global wachsenden Energiebe-
darfs und der dadurch steigenden
internationalen Nachfragekonkur-
renz auf den Energiemärkten hier-
zulande einen breiten Energiemix.
Diese Forderung setzt auch der
BDI an erste Stelle. Alle Energie-
ressourcen – fossil, regenerativ
und nuklear – werden nach seiner
Auffassung weiter benötigt. Dazu
müssten heimische Energiequellen
genutzt, Importe diversifiziert und
neue Energiequellen erschlossen
werden. In seinem Positionspapier
„Industrieland Deutschland stär-
ken“ vom Juli 2009 fordert der BDI
noch einmal, ein „ganzheitliches
Energiekonzept (zu) realisieren“, die
drei zentralen energiepolitischen
Ziele „gleichrangig“ zu behandeln
und u. a. die „Versorgungssicher-
heit durch Nutzung heimischer
Energierohstoffe (zu) verbessern“.
Innerhalb der Großen Koalition
ist unterdessen durchaus intensiv
nach Antworten gesucht worden,
dem konzeptionellen Defizit in der
Energiepolitik zu begegnen. Das
Bundeswirtschaftsministerium
(BMWi) hat eine Projektgruppe
„Energiepolitisches Programm“
(PEPP) eingesetzt, in der Fachleute
Handlungsleitlinien für die künftige
deutsche Energiepolitik erör-
tert und formuliert haben. Erste
Vorschläge wurden im Herbst 2008
veröffentlicht. Darin wurden die
Anforderungen an ein energiepoliti-
sches Programm analysiert und ein
besonderes Augenmerk auch auf
die Herausforderungen der Roh-
stoffsicherheit gelegt. Im Februar
2009 hat die PEPP sodann „zehn
langfristige Handlungsleitlinien für
die künftige Energieversorgung in
Deutschland“ vorgelegt. Inhaltlich
64
technologien in den nächsten
Jahrzehnten weiterhin Eckpfeiler
der Energieversorgung bleiben.
Erst in langfristiger Perspektive
könnten die erneuerbaren Energien
diese tragende Rolle übernehmen.
Bis dahin sollten die fossilen
Energieträger durch Steigerung
der Wirkungsgrade bzw. Erhöhung
der Umwandlungseffizienz sowie
die Entwicklung und Verbreitung
der CCS-Technologie schrittweise
„dekarbonisiert“ werden.
Außerdem empfiehlt die PEPP eine
Energie- und Klimapolitik „aus
einem Guss“. In einem „integrativen
Ansatz (sollte) die Verantwortlich-
keit für die Energiepolitik konzen-
triert und die bestehende Vielstim-
migkeit aus energiepolitischen
Szenarien und Idealvorstellungen
empfohlen wird in diesen Hand-
lungsleitlinien im Wesentlichen
eine „technologieoffene Energie-
politik … mit einer geschlossenen
Verbindung von energiepolitischen
Zielen, einem entsprechenden
Ordnungsrahmen und einer dazu
passenden Anreizstruktur“. Beson-
ders betont wird dabei die Geltung
des Zieldreiecks der Energiepolitik:
Wirtschaftlichkeit, Versorgungs-
sicherheit, Umweltverträglichkeit.
Darüber hinaus müsse die langfris-
tige Verlässlichkeit der strategi-
schen Leitlinien gewahrt werden.
Die PEPP-Analyse erwartet in den
nächsten Jahrzehnten eine starke
Veränderung der Energieversor-
gungsstrukturen in Deutschland,
in Europa und der Welt. Die
globalisierten Energiemärkte
würden sich „immer stärker auf das
energieimportabhängige Deutsch-
land auswirken, was besonderer
Anstrengungen bedarf, um eine
wettbewerbsfähige Energiever-
sorgung am Standort Deutschland
zu gewährleisten“. Treiber der
Veränderungen seien „steigende
Energiepreise, der Klimawandel
sowie der wachsende Wettbewerb
um zunehmend knappere und
teurere Energierohstoffe“, ferner
technologische Veränderungen
und die Wettbewerbsprozesse vor
allem im Stromsektor. Unabhängig
von unterschiedlichen Technolo-
gie- und Marktszenarien könnten
die wesentlichen Elemente für
eine zukünftige Energieversorgung
schon heute klar bestimmt und da-
rauf gerichtete Handlungsleitlinien
definiert werden.
Diese Leitlinien sind allerdings von
der PEPP recht abstrakt formuliert
worden. Sie liefern auch in den
inhaltlichen Erläuterungen nur
sehr grobe Orientierungshilfen
für die Energiepolitik. Etliche
Punkte, die etwa von den Indus-
trie- und Handelskammern in NRW
konkret angesprochen worden
sind, bleiben außer Betrachtung.
Generell hervorgehoben wird in
den PEPP-Vorschlägen indessen
das „begrenzte Zeitfenster, um
unser gesamtes Energiesystem
zukunftsfähig zu machen“. Dazu
müssten nicht nur die Energie-
effizienz massiv erhöht, sondern
auch die Nutzung fossiler Energien
optimiert und die Kernenergie als
„Übergangstechnologie“ genutzt
werden. Auch alle anderen kon-
ventionellen Energieträger (wie
die Kohle) würden als Übergangs-
Leitsätze der BMU-Roadmap Energiepolitik 2020
1.		Wir werden die Energieversorgung dauerhaft sicherstellen.
2.		Wir werden unsere Energiekosten senken und 500.000 neue Arbeits-
	plätze schaffen.
3.	Wir werden mehr als 30% des Stroms aus erneuerbaren Energien
	gewinnen.
4.	Wir werden den Atomausstieg bis 2022 umsetzen.
5.	Wir werden 40% des Stroms aus hocheffizienten Kohlekraftwerken
	bereitstellen.
6.	Wir werden eine bundesweite Netzgesellschaft gründen und unser
	Stromnetz umweltverträglich und effizient ausbauen.
7.		Wir werden unseren Stromverbrauch um 11% senken.
8.	Wir werden den fossilen Wärmebedarf um mindestens 25% senken
	und die Kraft-Wärme-Kopplung auf 25% verdoppeln.
9.	Wir werden unsere Emissionen im Verkehr um mindestens 20% senken.
10.	Wir werden die internationalen Klimaverhandlungen zum Erfolg führen.
65
0
100
200
300
400
500
600
700
22% 20%
Entwicklung der Stromerzeugung in Deutschland
nach BMU-Szenario „Roadmap 2020“
TWh
2005 2008 2020
542
639621
neu_06-2_2009 17.09.2009
Regenerative
Erdgas
Kernenergie
Sonstige
Braunkohle
Steinkohle20%
Quellen: AGEB, 2009; Prognose: BMU, 2009; Szenario „Roadmap 2020“
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
in wenigen Handlungsleitlinien
gebündelt werden“. Gebündelt und
gestrafft werden sollen insbeson-
dere auch die vielfältigen staatli-
chen Finanzinterventionen im Ener-
giebereich (einschließlich etwa der
Hilfen für den Steinkohlenbergbau
über die Ökosteuer bis zum EEG).
Zwar fällt der Begriff „Energiemi-
nisterium“ in den PEPP-Vorschlägen
nicht. Jedoch sind die Vorschläge
in der Öffentlichkeit und auch von
Mitgliedern des Expertengremiums
selbst so interpretiert worden, dass
sie die Einrichtung eines (Bundes-)
Energieministeriums empfehlen.
Es sollte die energiepolitischen
Kompetenzen aus dem bisherigen
Wirtschaftsministerium, aber auch
aus dem Umweltministerium und
anderen Ressorts (Forschung, Bau
etc.) übernehmen und auf sich ver-
einen. In Politik und Wirtschaft war
das erste Echo geteilt. In der neuen
Legislaturperiode dürfte speziell
dieser Vorschlag lebhaft diskutiert
werden.
Das BMWi stellte also durch die
PEPP allgemeine Leitlinien für
ein energiepolitisches Programm
nebst einem institutionellen
Reformvorschlag zur Diskussion.
Fast zeitgleich präsentierte das
Bundesumweltministerium (BMU)
zehn energiepolitische Leitsätze in
Verbindung mit einem konkreten
Szenario zu deren Umsetzung im
Bereich der Stromerzeugung bis
2020. Vorgestellt wurde diese
„Roadmap Energiepolitik 2020“
vom BMU als „seriös durchgerech-
nete Handlungsanweisung für die
vor uns liegenden energiepoliti-
schen Herausforderungen“ auf der
Konferenz „Neues Denken – neue
Energie“ im Februar 2009. Dort
sollte ein Konzept für eine „kli-
mafreundliche, sichere und preis-
günstige Energieversorgung ohne
Atomstrom“ entworfen werden. Die
Leitsätze fassen in erster Linie bis
dahin bestehende Teilziele zusam-
men.
Kern dieser Roadmap ist die
„Doppelstrategie“ des Ausbaus
der erneuerbaren Energien so-
wie der weiteren Steigerung der
Energieeffizienz. Beim Ausbau der
erneuerbaren Energien sei zwar
schon Vieles erreicht oder auf den
Weg gebracht worden. Hingegen
bestehe auf dem Weg nach 2020
der größere akute Handlungsbedarf
bei der Steigerung der Energieef-
fizienz. Auch die Kohle (Steinkohle
und Braunkohle) hat und behält
ihren Platz in diesem Konzept.
Ihr Anteil an der Stromerzeugung
wird in der Roadmap als weiterhin
„wichtig“ eingestuft und für 2020
auf 40% beziffert (davon 19%
Steinkohle). Anteilsmäßig ginge
er gegenüber heute (2008: 44%)
nur etwas zurück, allerdings bei
einem dann zielgemäß reduzierten
Gesamtstromverbrauch. Notwen-
dig sei, die Kohle wie alle fossilen
Energieträger möglichst effizient
einzusetzen.
Als Voraussetzung in der Strom-
erzeugung wird dafür der Bau und
Einsatz „hocheffizienter Kohle-
kraftwerke“ angesehen. Gestei-
gert werden ihre Wirkungsgrade
mit der Verbreitung der heute
verfügbaren Spitzentechnik (45%
Wirkungsgrad) und durch weitere
Forschung und Entwicklung (Ziel
für die Wirkungs­grade nach 2010:
mehr als 50%). Außerdem soll die
Kraft-Wärme-Kopplung auch auf
66
Stromerzeugung in der EU-27
Mio. GWh
Prognose: EU-Kommission, 2008; Baseline-Szenario
2008
3,4
Kohle
Öl
Gas
Kernenergie
Wasserkraft und
sonstige Energien
2020
4,1
35%
30%
2030
4,4
35%
0
0,5
1,0
1,5
2,0
2,5
3,0
3,5
4,0
5,0
72u-2_2009 17.09.2009
4,5
Kohlebasis ausgebaut werden, um
den Brennstoff optimal zu nutzen.
Dazu müssten allerdings noch zu-
sätzliche „Wärmesenken“ erschlos-
sen werden. Die CCS-Technolo­gien
seien dagegen eine „wichtige
Minderungsoption“ vor allem für
die Zeit „nach 2020“. Als „Vision
für 2030“ wird jedoch formuliert,
dass dann die „Hälfte aller Kohle-
kraftwerke mit CCS-Technologie
betrieben wird“.
Anders als die PEPP-Leitlinien des
BMWi hat die Roadmap des BMU
also auch quantifizierte Zielvor-
stellungen formuliert. Über die
gesamtwirtschaftlichen Kosten und
Preisbelastungen macht sie jedoch
nur selektive Angaben. Es wird
kaum erörtert, wie der für 2020
gewünschte Beitrag der Kohle
unter den absehbar schwierigen
wirtschaftlichen wie energie- und
klimapolitischen Rahmenbedingun-
gen tatsächlich sichergestellt und
etwa ein größerer „Fuel Switch“
zum Erdgas verhindert werden
kann. Auch zur heimischen Kohle
wird nichts gesagt. Es wird nur
darauf hingewiesen, dass wesent-
liche Signale für die Modernisie-
rung des Kohlekraftwerksparks
vom Emissionshandel sowie von
einer endgültigen Bestätigung des
Atomausstiegs ausgehen sollen.
In letzter Zeit wurde also innerhalb
der Bundesregierung durchaus ein
energiepolitisches Gesamtkon-
zept gesucht, das über vorrangig
klimapolitische Zielsetzungen hin-
ausgeht. Es gibt jedoch bisher nur
wenige belastbare Antworten und
noch dazu solche, die in verschie-
dene Richtungen weisen.
Auf europäischer Ebene ist die
Energiepolitik in den letzten Jahren
ebenfalls verstärkt thematisiert
worden, ohne dass ein wirkliches
Gesamtkonzept zustande gebracht
worden wäre. Anfang 2007 hatte
die Europäische Kommission ein
umfangreiches Vorschlagspaket für
eine „Energiepolitik für Europa“ zur
Diskussion gestellt. Daraufhin hat
der Europäische Rat im Frühjahr
2007 seine nunmehr als ener-
giepolitische Vorgaben gültigen
„20-20-20-Ziele“ beschlossen: Bis
zum Jahr 2020 sollen die CO2
-Emis-
sionen und der Energieverbrauch
der EU um 20% reduziert werden,
während der Anteil der erneuerba-
ren Energien auf 20% ausgebaut
werden soll. In der Umsetzung der
Zielvorgaben des Rats ist Ende
2008 sodann das neue Klimapaket
der EU beschlossen worden. Wie
sein Name besagt, umfasst es in
erster Linie klimapolitische Maß-
nahmen: etwa die Novellierung des
CO2
-Emissionsrechtehandelssys-
tems in der EU ab 2013, die neue
EU-Richtlinie über erneuerbare
Energien oder die neue europäische
CCS-Richtlinie. Es wird deshalb
auch nur „Green Package“ genannt.
Die Herausforderungen für die
Wirtschaftlichkeit und Sicherheit
der Energieversorgung Europas
sind von diesem Klimapaket aber
nur am Rand erfasst (und teilweise
eher vergrößert) worden – ge-
schweige denn, dass sie gelöst
werden konnten.
Dies hat auch die Europäische Kom-
mission erkannt. Sie hat deshalb
bereits mit ihrem „Second Strate-
gic Energy Review“ vom November
67
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
2008 einige Herausforderungen für
die Versorgungssicherheit ange-
sprochen. Ihre eigenen Szenarien,
wie das auf strengere klimapoliti-
sche Zielvorgaben ausgerichtete
„New Energy Policy Scenario“,
belegen: Ein rein umweltpolitisch
orientiertes Umsteuern in der
Stromerzeugung führt dazu, dass
Kohle und Kernenergie in den
Hintergrund gedrängt werden. Er-
neuerbare Energien dagegen, aber
auch Erdgas würden durch massi-
ven Zubau der Kapazitäten statt
dessen EU-weit die ersten Ränge
in der Stromerzeugung einnehmen.
Mit einem wachsenden Erdgas-
anteil an der Stromerzeugung
würde sich jedoch unweigerlich die
ohnehin große Abhängigkeit der
europäischen Energieversorgung
von dritten Ländern vergrößern
– insbesondere von Russland.
Deshalb hat die Kommission eine
Reihe von Initiativen gestartet, mit
denen auch der Problematik der
zunehmenden Abhängigkeit der eu-
ropäischen Energieversorgung von
dritten Ländern besser Rechnung
getragen werden soll.
In diesem Kontext hat die Kommis-
sion auch den Vorschlag gemacht,
die noch verfügbaren heimischen
Energieressourcen künftig best-
möglich zu nutzen – eine Zielset-
zung, der sich daraufhin auch der
Rat angeschlossen hat. Zunächst
soll dazu eine genauere Bestands-
aufnahme der EU-eigenen Energie-
reserven und -ressourcen erfolgen
– einschließlich der „substanziel-
len“ Kohlevorräte der EU. Anschlie-
ßend werden die gegenwärtige und
künftige Bedeutung der heimischen
Energiequellen herausgearbeitet
und hinreichend beleuchtet. Erst
auf einer dergestalt gründlicher
untersuchten Basis soll bis Ende
2010 eine neue Energiepolitik
für Europa mit Zeithorizont bis
2030 umfassend konzipiert, durch
Aktionspläne unterlegt und mit
einer energiepolitischen „Vision“
bis 2050 verknüpft werden. Eine
europäische Energiestrategie muss
die Aspekte Versorgungssicherheit
und Wirtschaftlichkeit einbezie-
hen und darf die strategische
Bedeutung eigener Reserven nicht
vernachlässigen. Wie notwendig
dies ist, hat zum Jahreswechsel
2008/2009 der erneute Erdgaskon-
flikt zwischen Russland und der
Ukraine deutlich gemacht. Dieser
Konflikt führte mitten in einem
eiskalten Winter für fast zwei Wo-
chen praktisch zu einem Embargo
für den Großteil der russischen
Erdgaslieferungen in die EU und
andere benachbarte Staaten. Auch
Teile von Deutschland waren davon
betroffen. In einigen europäischen
Ländern brach ein Energienotstand
aus. Diese Krise hat insgesamt zu
einer „extrem ernsten Lage“ der
Energieversorgung geführt (EU-
Kommission). Dieser Konflikt hat
nachdrücklich die möglichen Folgen
der großen Energieabhängigkeit
Europas von Russland aufgezeigt.
Das gilt für Deutschland nicht
minder. Die Beratungsgesellschaft
A. T. Kearney übertitelte vor
diesem Hintergrund eine Studie
zur Erdgasversorgungssituation
der EU: „Russland am Gashahn –
Europa friert“. Trotz intensiver
diplomatischer Bemühungen konnte
dieser Konflikt noch immer nicht
vollständig beigelegt werden.
Experten aus der Gaswirtschaft
halten daher Lieferunterbrechun-
gen auch im Winter 2009/2010 für
möglich. Auf europäischer Ebene
sind deswegen schon Notfallpläne
beraten worden.
Selbst wenn diese konkrete
Bedrohung nicht gegeben wäre,
muss jede Energiepolitik in Europa
künftig mehr tun, um die Energie-
versorgungssicherheit zu gewähr-
leisten bzw. dementsprechende
Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen.
Denn sobald der EU-Reformvertrag,
der „Vertrag von Lissabon“, in
Kraft tritt, gilt mit ihm sein neues
Energiekapitel (Artikel 194 AEUV).
Es verlangt gemäß Absatz 1, dass
die Energiepolitik der Union „im
Geiste der Solidarität zwischen
den Mitgliedstaaten“, im Rah-
men des Binnenmarkts und unter
Berücksichtigung der Umweltziele
folgende energiepolitischen Ziele
verfolgt:
-	 Sicherstellung des Funktionie-
rens des Energiemarkts;
-	 Gewährleistung der Energiever-
sorgungssicherheit in der Union;
-	 Förderung der Energieeffizienz
und von Energieeinsparungen
sowie
-	 Entwicklung neuer und erneuer-
barer Energiequellen und
-	 Förderung der Interkonnektion
der Energienetze.
Beschlüsse dazu werden gemäß
dem Vertrag mit qualifizierter
Mehrheit gefasst, solche steuerli-
68
Primärenergie-
verbrauch in
Deutschland
0
25
50
75
100
125
150
175
Mio t SKE
Kern-
energie
55
166
Mineralöl Kohle
116
Erdgas
106
Wasser u.
Sonstige
35
Braunkohle
Steinkohle
2008: 477,8 Mio. t SKE
34-1_2009 15.09.09
53
63
Die Primärenergieversorgung
Deutschlands kennzeichnet ein
nach wie vor relativ breiter Ener-
gieträgermix mit einem hohen und
wachsenden Grad der Importab-
hängigkeit. Importenergien decken
inzwischen über 70% des Primär-
energieverbrauchs – vor allem
Mineralöl- und Erdgasimporte,
zunehmend auch Importsteinkohle.
Berücksichtigt man die auf Uranim-
porte angewiesene Kernenergie als
„quasi-heimische Energiequelle“,
reduziert sich die Importabhän-
gigkeit auf gut 60%. Heimische
Kohle lieferte 2008 einen Versor-
gungsbeitrag von 15% (Braunkohle:
11%, Steinkohle: 4%), erneuerbare
Energien von 7%, die inländische
Öl- und Gasförderung sowie sonsti-
ge Energieträger von rund 5%.
Betrachtet man die Gesamtstruk-
tur der Primärenergieversorgung
in Deutschland und vergleicht sie
mit den aktuellen energiepoliti-
schen Debatten, so fällt folgendes
auf: Die beiden Energiequellen,
die am stärksten im Mittelpunkt
der öffentlichen Aufmerksamkeit
Gegenwärtige Situation und Trends
der deutschen Energieversorgung
stehen – nämlich die Kernkraft
und die erneuerbaren Energien –
machen zusammen einen Anteil
von weniger als 20% des Primär-
energieverbrauchs aus. Der Großteil
der Primärenergieversorgung, über
80%, entfällt nach wie vor auf
Mineralöl, Erdgas, Steinkohle und
Braunkohle. Deren versorgungspo-
litische Bedeutung wird jedoch in
der Öffentlichkeit weitaus weniger
wahrgenommen. Vielmehr werden
sie als „fossile“ Energieträger vor
allem in die klimapolitische Kritik
gestellt.
Von manchen Medien wird mitun-
ter der Eindruck erweckt, Energie
würde in Deutschland wenig effi-
zient eingesetzt, wenn nicht sogar
ziemlich hemmungslos vergeudet.
Speziell der Kohleverbrauch würde
hierzulande nicht vermindert und
die CO2
-Emissionen kaum ge-
bremst. All das ist unzutreffend.
Der Primärenergieverbrauch (PEV)
Deutschlands wächst gemessen
am Wirtschaftswachstum schon
seit langem nur noch moderat. Die
„Entkopplung“ von Wirtschafts-
wachstum und Stomverbrauch setzt
sich immer weiter fort. Maßgeblich
dafür sind die Fortschritte bei der
gesamtwirtschaftlichen Energie-
produktivität. Wie die Arbeitsge-
meinschaft Energiebilanzen (AGEB)
ermittelte, nahm die Energiepro-
duktivität in Deutschland bei einem
PEV-Zuwachs von 1% temperatur-
und lagerbestandsbereinigt 2008
um rund 3% zu. Dies lag deutlich
über dem seit 1990 feststellbaren
Durchschnittswert der Zuwachsrate
von 2%, womit die Energieproduk-
cher Art weiterhin nur einstimmig.
Bei „gravierenden Schwierigkeiten
in der Versorgung mit bestimmten
Waren, vor allem im Energie-
bereich“, kann der Ministerrat
gemeinschaftlich auch noch zusätz-
liche, der Wirtschaftslage ange-
messene Maßnahmen beschließen
(Art. 122 AEUV). Erinnerungen an
die Montanunion werden wach.
Es gelten allerdings auch künftig
geteilte Zuständigkeiten. Die
Mitgliedstaaten sind daher zwar
den gemeinsamen energiepoliti-
schen Zielen verpflichtet. Art. 194
Abs. 2 AEUV stellt aber klar, dass
sie auch künftig das Recht haben,
„die Bedingung für die Nutzung
ihrer Energieressourcen, die Wahl
zwischen verschiedenen Energie-
quellen und die allgemeine Struktur
ihrer Energieversorgung selbst zu
bestimmen“. Die Sicherung der
Primärenergieversorgung obliegt
daher in der EU auch künftig den
Mitgliedstaaten. Sie sind indes
dem Ziel als solchem verpflichtet.
So tragen sie dafür aber gegenüber
der gesamten Union die Verant-
wortung und haben eine Solida-
ritätspflicht, auch und gerade
im Hinblick auf ihre jeweiligen
Energieressourcen einschließlich
der Kohlevorkommen.
69
2008: 639,1 TWh
Kernenergie
Erdgas
Braunkohle
Steinkohle
Sonstige
Erdöl
Wasser
Wind
23%
20%
24%
8%
4%
6%
13%
2%2%
Stromerzeugung in Deutschland
54-1_2009 17.09.200
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
Stromerzeugung
in Deutschland
2008
tivität schon schneller als die Wirt-
schaftsleistung gewachsen war.
Anders gesagt: Die Energieeffizienz
hierzulande ist 2008 wie schon in
den Vorjahren erheblich gesteigert
worden. Das bedeutet keineswegs,
dass alle Effizienzpotenziale im
Energiebereich voll erschlossen
sind. Ob aber die großen Erwar-
tungen an eine weitere Steigerung
der Energieeffizienz oder gar an
eine „Effizienzrevolution“ in den
nächsten Jahren und Jahrzehnten
erfüllbar sind, bleibt zumindest
fraglich. Realistischerweise sollten
kleinere Fortschritte bzw. eher
eine Evolution der Energieeffizienz
angenommen werden.
Im Jahr 2009 ist rezessionsbedingt
mit einem deutlichen absoluten
PEV-Rückgang zu rechnen. Im
ersten Halbjahr lag er bei etwa
6%. Davon waren fast alle Energie-
träger betroffen, am stärksten die
Steinkohle mit einem Verbrauchs-
rückgang von 22%. Lediglich der
Mineralölverbrauch nahm haupt-
sächlich aufgrund der gesunkenen
Heizölpreise sogar noch um 1%
zu. Letzteres zeigt, wie sehr die
Trends beim Energieverbrauch
neben exogenen Faktoren wie der
Wirtschafts- und der Tempera-
turentwicklung von den relativen
Veränderungen bei den Energieprei-
sen beeinflusst werden, die sich
seit 2008 sehr turbulent entwickelt
haben.
Die CO2
-Emissionen sanken in
Deutschland 2008 sogar trotz der
leichten PEV-Zunahme und erreich-
ten den tiefsten Stand seit 1990
(mit einer Gesamtminderung von
rund 22%). Die CO2
-Emissionen
aus der Kohlenutzung sind dabei im
Vergleich der Energieträger bislang
weit überproportional zurückgegan-
gen (seit 1990 um 39%), während
sie beim Öl nicht so stark rückläufig
sind (-19%) und beim Erdgas gar
zugenommen haben (+ 43%).
In der deutschen Stromerzeugung
zeichnen sich weniger Niveau- als
vielmehr Strukturveränderungen
ab. Zwar hat es durch die kon-
junkturelle Talfahrt der deutschen
Volkswirtschaft und den enormen
Stromverbrauchsrückgang gerade
in der deutschen Industrie in der
ersten Jahreshälfte auch hier einen
– allerdings nur zeitweisen –
Niveaueinbruch gegeben. Er dürfte
durch den nächsten Wirtschafts-
aufschwung wieder korrigiert
werden. Längerfristige Entwick-
lungen auf der Verbrauchsseite
werden den Stromverbrauch künftig
eher nach oben treiben. Zu nennen
wären etwa die Ausbreitung der
elektronischen Informations- und
Kommunikationstechnologien, der
Trend zu dezentraleren Erzeugungs-
strukturen, der Ausbau der Wär-
meversorgung aus KWK-Anlagen,
Fortschritte in der Nutzbarkeit der
Wasserstofftechnologie oder auch
das mittlerweile viel beschworene
Wachstumspotenzial der Elektro-
mobilität. Und dies steht nicht im
Widerspruch zu dem Ziel, Energie
insgesamt noch effizienter zu nut-
zen. Umso dringlicher wird es, für
die Stromerzeugung in Deutschland
eine langfristig verlässliche Basis
sicherzustellen.
70
Kohlesteuer und andere Energie-
steuern noch um eine CO2
-Kom-
ponente zu erweitern und damit
weiter anzuheben. Allerdings muss
dafür Einstimmigkeit im Ministerrat
erreicht werden. Der Kohlever-
brauch in der Stromerzeugung und
der Stahlproduktion unterliegt
dagegen wie der Verbrauch anderer
fossiler Energieträger in Ener-
giewirtschaft und Industrie dem
bestehenden europäischen CO2
-
Emissionshandelssystem. Dieser
Verbrauch also setzt entsprechende
Emissionsrechte voraus, deren Preis
wiederum zu Aufschlägen in den
Strom-, Stahl- und anderen Pro-
duktpreisen führt. Ihre Höhe kann
je nach Entwicklung der CO2
-Preise
und möglichen Weitergabe an die
Verbraucher zweistellige Milliar-
denbeträge erreichen.
Die zuletzt genannten preislichen
Zusatzlasten beinhalten noch nicht
die schon länger etablierten Steuer-
Staatliche und marktbestimmte Entwicklungen
der Energiepreise
Erstaunlich wenig öffentliche Be-
achtung findet in Deutschland noch
immer der große Einfluss staatli-
cher Maßnahmen auf die Energie-
preise. Das gilt auch für die längst
bestehenden politischen Belastun-
gen und Einschränkungen für den
Verbrauch fossiler Energieträger.
Sie schlagen sich in entsprechend
erhöhten Energiepreisen nieder. So
ist die Mineralölsteuer mit einem
Aufkommen von über 39 Mrd. €
eine der ergiebigsten Steuerquellen
überhaupt. Rund 70% des Benzin-
preises beruhen auf staatlich erho-
benen Steuern und Abgaben. Auch
auf Kohle wird in Deutschland ge-
mäß der EU-Energiesteuerrichtlinie
seit einigen Jahren eine spezifische
Kohlesteuer von knapp 10 €/t erho-
ben. Sie gilt für den Kohleverbrauch
außerhalb der Stromerzeugung und
der Stahlproduktion, also haupt-
sächlich beim Absatz von Anthrazit-
kohle in den Wärmemarkt. Bei der
EU-Kommission gibt es inzwischen
schon konkrete Vorstellungen, diese
Die veränderten klima- und ener-
giepolitischen Weichenstellungen
der letzten Jahre haben demgegen-
über gerade im Elektrizitätssektor
manche Planungsunsicherheiten
erzeugt. Die mit ihnen verbundenen
Strukturveränderungen haben
zugleich erhebliche versorgungs-
politische Konsequenzen. Denn die
im Hinblick auf die Sicherheit der
Stromversorgung in Deutschland
tragenden und bislang in hohem
Maß verlässlichen Beiträge von
Kohle und Kernenergie gehen
immer mehr zurück. 2008 entfielen
in der Stromerzeugung Anteile von
knapp 44% auf die Kohle (Braun-
kohle: 24%, Steinkohle: 20%)
sowie 23% auf die Kernenergie. Im
Jahr 2000 lagen diese Anteile noch
bei 51% Kohle (Braunkohle: 26%,
Steinkohle: 25%) sowie knapp 30%
Kernenergie. Zusammengenommen
hat sich der Anteil von Kohle und
Kernenergie an der Stromerzeugung
in Deutschland seit dem Jahr 2000
um fast ein Fünftel verringert.
Ein starker und anhaltender Zu-
wachs hat sich dagegen im selben
Zeitraum für die Stromerzeugung
durch erneuerbare Energien (insb.
Biomassestrom, Windkraft und
Wasserkraft) ergeben. Ihr Anteil
erreichte 2008 bereits 15% und soll
künftig weiter ausgebaut werden.
Im Jahr 2000 lag ihr Anteil erst bei
6%. Ähnliches gilt für das Erdgas
– wenngleich mit nicht ganz so
schnellem Zuwachstempo. Sein An-
teil lag 2008 bei 13% (2000 waren
es erst 9%). Erneuerbare Energien
und Erdgas zusammengenommen
haben also seit 2000 ihren Anteil
verdoppelt. Diese Parallelentwick-
lung ist nicht ganz zufällig erfolgt
und dürfte sich fortsetzen. Denn zur
Absicherung einer stetigen Versor-
gungsleistung der erneuerbaren
Energien werden Kapazitäten an
Reserve- und Regelenergie benö-
tigt. Wirtschaftlich günstiger ist
dazu der Zubau von weniger kapi-
talintensiven Erdgaskraftwerken,
auch wenn die Preis- und Liefer-
risiken beim Erdgas höher sind
als bei der Kohle. Der bisher sehr
ausgewogene Primärenergiemix
in der deutschen Stromerzeugung
verändert sich also merklich. Er
könnte sich schon in absehbarer
Zukunft auf eine immer schmalere
Basis an Energieträgern bzw. -quel-
len verengen. Für die Sicherheit
der Primärenergieversorgung und
der Stromerzeugung ist das keine
positive Entwicklung.
71
Außenwirtschaftliche Energierechnung
Mrd. €
Ausgaben
Einnahmen
1973 1995908580 2000 04030201 06
53
17
8
2
40
7
48
8
24
4
21
4
47
9
47 44
10
46
10
58-2_2009 23.09.2009
73
9
15
05 2008
91
23
82
112
23 26
07
belastungen. Sie machen bereits
mehr als 40% des Strompreises aus
(Stromsteuer, Konzessionsabgaben,
EEG-Umlage, KWK-Umlage). Im
Jahr 2008 ergab sich daraus für
die Stromverbraucher ein Belas-
tungsvolumen von rund 16 Mrd. €.
Speziell die über die Strompreise
gedeckten Einspeisevergütungen
für erneuerbare Energien gemäß
dem Erneuerbare-Energien-Gesetz
(EEG) betrugen 2008 annähernd
10 Mrd. €. Ungefähr die Hälfte da-
von wird als so genannte Differenz-
kosten gegenüber dem niedrigeren
Börsenpreis für Strom eingestuft:
Sie sind also eine Quasi-Subven-
tion, die aber nicht vom Staat, son-
dern von den Stromverbrauchern
gezahlt wird. Die erneuerbaren
Energien haben somit allein in der
Stromerzeugung ein Subventions-
volumen, das mehr als dem Doppel-
ten der Steinkohlebeihilfen ent-
spricht, die zudem noch Finanzie-
rungshilfen zur Deckung von Still-
legungsaufwendungen und Alt-
lasten beinhalten. Weitere mehr
als 7 Mrd. € zur Förderung erneu-
erbarer Energien wurden 2008
außerdem über andere steuerfi-
nanzierte Programme aufgewendet
(Marktanreizprogramm, 100.000
Dächer-Solarstromprogramm, KfW-
Umweltprogramm, KfW-CO2
-Ein-
sparungsprogramm Gebäude, ERP
Umwelt & Energieprogramm etc.).
Die hohen politisch bedingten
Belastungen des Energieverbrauchs
und bestimmter Energieträger
wurden längere Zeit durch niedrige
Marktpreise abgemildert. Denn
der Weltmarkt bot preisgünstige
Primärenergieimporte, die als
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
einigermaßen kalkulierbar unter-
stellt werden konnten. Inzwischen
haben sich die Weltmarktpreise für
Energie auf breiter Front als eher
unberechenbar erwiesen. Das zeig-
ten die Preisexplosionen im Vorjahr
mit dem anschließenden Preiskol-
laps zum Jahresende 2008 sowie
das erneute Anziehen der Energie-
preise auch im Krisenjahr 2009.
Die steigenden Energiepreise sind
inzwischen auch zu einer sozialen
Frage geworden: Manche Politiker
bezeichnen den Energiepreis plaka-
tiv schon als den „Brotpreis des 21.
Jahrhunderts“.
Die gewachsene Abhängigkeit von
Energieimporten und die histori-
schen Rekordpreise an den interna-
tionalen Energiemärkten im Vorjahr
haben der außenwirtschaftlichen
Energierechnung Deutschlands für
2008 ein ebenfalls historisches
Rekordhoch beschert. Die deutsche
Volkswirtschaft musste noch nie
einen so hohen Betrag, nämlich 112
Mrd. €, für Energieeinfuhren auf-
bringen wie im Jahr 2008. Auch der
Saldo aus Einfuhren und Ausfuhren
im Energiebereich erreichte mit 86
Mrd. € einen neuen Spitzenwert.
Untersuchungen belegen, dass
allenfalls ein Teil dieser volkswirt-
schaftlichen Mehrausgaben durch
verstärkte Käufe aus den Liefer-
ländern nach Deutschland zurück-
fließt. Maßgeblich dafür war das
Aufkommen der Mineralöleinfuhren,
das sich auf einen Einfuhrwert von
knapp 75 Mrd. € steigerte. Dies
bedeutete binnen Jahresfrist eine
Steigerung um 37% (rein mengen-
mäßig betrug die Zunahme nur
knapp 5%). Im Jahr 2008 mussten
außerdem für Erdgaseinfuhren rund
29 Mrd. €, für Kohleeinfuhren 5,5
Mrd. € (Steigerung gegenüber dem
Vorjahr um 49%!) und für Uranim-
porte 1,2 Mrd. € bezahlt werden.
Dies waren nicht nur erhebliche
72
0%
20%
40%
60%
80%
100%
2000 20081990
Anteile der deutschen Nettoimporte
Steinkohle Erdgas Mineralöl Uran
Importabhängigkeit der Primärenergieversorgung insgesamt
Importabhängigkeit Deutschlands bei Energieträgern steigt
neu_14-2_2009 28.09.2009
Quelle:
BMWi, 2009
die mit der EU assoziiert sind.
Erhebliche Teile stammen aber auch
aus politischen und ökonomisch risi-
koreicheren Lieferländern. Russland
hat sich nicht nur zum dominieren-
den Lieferanten für die deutschen
Ölimporte (31% des Ölaufkom-
mens) und Gasimporte (37% des
Gasaufkommens) entwickelt. Es ist
inzwischen auch das bedeutendste
Lieferland für die Steinkohlenim-
porte nach Deutschland (14% des
Steinkohlenaufkommens) wie auch
in die EU.
In der deutschen Öffentlichkeit
wird Russland bisher hauptsächlich
Importabhängigkeit, heimische Primärenergie-
gewinnung und Versorgungsrisiken
Deutschlands Primärenergieversor-
gung war 2008 im Gesamtdurch-
schnitt zu 73% von Energieimporten
abhängig. Dabei war die Importab-
hängigkeit beim Mineralöl mit 97%
am größten, beim Erdgas lag sie bei
84% und bei der Steinkohle lag sie
mit 72% – noch – leicht unter dem
Durchschnitt.
Bedenklich erscheint nicht nur die
Höhe der Abhängigkeit von Energie-
importen, sondern deren Konzentra-
tion auf bestimmte Lieferregionen
und -länder. Zwar stammt ein
beträchtlicher Teil der Importe auch
aus Ländern der EU oder Ländern,
Erhöhungen der außenwirtschaft-
lichen Energierechnung gegenüber
dem Vorjahr. Sie bedeuten histori-
sche Spitzenwerte bei ausnahmslos
allen Energieträgereinfuhren und
das Vier- bis Fünffache der Aus-
gaben für Energieeinfuhren nach
Deutschland seit der Jahrtausend-
wende.
Diese neuen Rekordwerte gab es,
obwohl auch die Energiepreise in
den letzten Monaten des Jah-
res 2008 rezessionsbedingt ins
Rutschen kamen. Das unterstreicht,
welche enorme Preisexplosion im
vorherigen Jahresverlauf stattge-
funden hatte. Für 2009 ist ange-
sichts der anhaltenden gesamtwirt-
schaftlichen Rezession und der im
Vorjahrsvergleich vorerst weiterhin
niedrigen Energiepreise gegenüber
2008 eine erhebliche Absenkung
der außenwirtschaftlichen Energie-
rechnung zu erwarten. Das dürfte
die zumindest im ersten Halbjahr
2009 extrem schlechte Konjunktur-
entwicklung in Deutschland von der
Seite der Energiepreise entlasten.
Allerdings sind die Preiseinbrüche
im Energiebereich im längerfris-
tigen Vergleich keineswegs so
gewaltig gewesen, dass nun ein
historisch niedriges Niveau der
Ausgaben für Energieeinfuhren
zu erwarten ist. Vielmehr hat sich
in der Krise bestätigt, dass sich
das Niveau der Weltmarktpreise
für Energie tendenziell nach oben
verschoben hat. Die fundamentalen
Trends wurden durch die globale
Rezession zwar unterbrochen, aber
nicht aufgehoben. Bei anziehender
Konjunktur erwarten viele Experten
auch einen kräftigen Wiederan-
stieg der Energiepreise. Dann
dürfte die außenwirtschaftliche
Energierechnung ebenfalls wieder
steigen, zumal die mengenmäßige
Abhängigkeit Deutschlands von
Energieimporten auf Sicht eher
noch zunimmt.
73
Russland
Russland
Deutsche
Förderung
Sonstige*
* (davon OPEC-Länder: 21%)
Deutsche
Förderung
15%
38% 31%
Großbritannien
Großbrit./Dänemark
13%
14%
14%
Norwegen
Norwegen
Nieder-
lande
Rohölaufkommen
2008: 108 Mio. t
97% Importanteil 86%
Erdgasaufkommen
2008: 97,4 Mrd. m3
Rohöl- und Erdgasaufkommen in Deutschland
neu_07-2_2009 17.09.2009
38%
28%
3%3%
3%3%
Steinkohlen-
aufkommen in
Deutschland
2008: 63,6 Mio. t SKE Importanteil: 72%
Südafrika
Polen
Deutsche
Förderung
Russland
Sonstige
USA/
Kanada
neu_08_1_2009 17.09.2009
Steinkohleaufkommen in Deutschland
Australien
Kolum-
bien
11%
13%
28%
10%
11%
13%
7%
7%
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
als wichtigster Erdgaslieferant
wahrgenommen. Tatsächlich deckt
Russland allein heute 20% der
gesamten Primärenergieversorgung
Deutschlands. Dies verleitete auch
eher wirtschaftsliberale Kommen-
tatoren zu sorgenvollen Äußerun-
gen. Russland trägt beinahe in
der gleichen Größenordnung zur
Energieversorgung Deutschlands
bei wie die gesamte heimische
Primärenergiegewinnung, die 2008
einen Anteil am Primärenergiever-
brauch von 27% verzeichnete.
In absoluten Mengen ging die
heimische Primärenergiegewinnung
2008 mit einem Aufkommen von
131 Mio. t SKE trotz des wachsen-
den Beitrags (überwiegend heimi-
scher) erneuerbarer Energien um
gut 4% gegenüber 2007 zurück. Den
größten Beitrag zur heimischen Pri-
märenergiegewinnung lieferte 2008
die heimische Braunkohle (41%).
Aber auch die heimische Steinkohle
spielte mit einem Anteil von rund
14% eine wesentliche Rolle. Ihr An-
teil war größer als etwa der Beitrag
der inländischen Erdgasförderung
(13%) und mehr als dreimal höher
als der Beitrag der Windkraft (4%).
Nicht ganz unerheblich ist auch der
i. d. R. unter „Sonstige“ subsumier-
te Beitrag der Nutzung von Gruben-
gas aus stillgelegten und aktiven
Bergwerken.
Die erneuerbaren Energien hatten
zusammengenommen 2008 einen
Anteil von 27% an der heimischen
Primärenergiegewinnung (s. S. 16).
Bei ihnen dominieren – entgegen
dem öffentlich vielfach erweckten
Eindruck – nicht die symbolisch
immer wieder in den Vordergrund
gestellte Windkraft oder die finan-
ziell am intensivsten geförderte
Solarenergie. Vielmehr liefern die
Bioenergien (Biomasse, Biogas,
Biosprit) drei Viertel der gesamten
erneuerbaren Energieerzeugung.
Fazit: Auch durch den Ausbau der
erneuerbaren Energien wurde
die Abhängigkeit Deutschlands
von Energieimporten bisher nicht
reduziert. Allenfalls konnte die Zu-
nahme dieser Abhängigkeit etwas
gebremst werden.
Durch die hohe und tendenziell
zunehmende Abhängigkeit von
Energieimporten stieg das damit
zusammenhängende Energiever-
sorgungsrisiko für Deutschland
messbar. Es gibt inzwischen eine
Reihe von Untersuchungen zur
Quantifizierung der Sensitivität und
Verwundbarkeit der Energieversor-
gung. Ihre Ergebnisse schätzen die-
sen Befund nicht nur qualitativ ab,
sondern sie belegen ihn nun auch
quantitativ-empirisch eindeutig.
Beispiel Steinkohle: Das österrei-
chische Wirtschaftsministerium
hat seine von ihm erhobenen „Welt-
Bergbau-Daten“ 2009 in aktuali-
sierter Fassung vorgelegt. Demnach
74
Energieversorgungsrisiken der G7 Staaten
neu_15-1_2009 28.09.09
2008
0
100
200
300
500
400
Quelle: Frondel, Ritter u. Schmidt, ZfE 1/2009, S. 42 ff.
1978 1983 1988 1993 1998 2003
USA
Frankreich
UK
Italien
Deutschland
JapanIndex
(Deutschland 1980:100)
sind bei den Produzentenländern
für Kohle weltweit fast zwei Drittel
den politisch eher instabilen Län-
dern zuzurechnen. Die Welt-Berg-
bau-Daten gehen nach folgendem
System vor: Den Produktionsmen-
gen sämtlicher erfasster Rohstoffe
der jeweiligen Produzentenländer –
darunter Kraftwerkskohle („Steam
Coal“) und Kokskohle („Coking
Coal“) – wird die Einstufung der
politischen Stabilität gemäß einem
Weltbank-Ranking gegenüber ge-
stellt. Eher stabile Länder werden
mit „stable“ oder „fair“ eingestuft,
eher instabile Länder mit „critical“
bis „extremely critical“. Danach
mussten (bezogen auf das daten-
technisch zuletzt verfügbare Jahr
2007) rund 65% der Produzenten-
länder von Kraftwerkskohlen und
beinahe ebensoviel, rund 64%, der
Produzentenländer von Kokskohlen
als eher instabil eingestuft werden.
Im Zeitvergleich ab 2003, den die
Welt-Bergbau-Daten 2009 erlau-
ben, hat sich der Anteil der instabi-
len Länder bei der Kraftwerkskohle
kaum verbessert, bei der Kokskohle
sogar noch deutlich verschlechtert.
Deshalb führt auch bei der Stein-
kohle die zunehmende Importab-
hängigkeit nahezu zwangsläufig
zu einem erhöhten Versorgungs-
risiko – auch wenn hier noch ein
geringeres Ausmaß als bei Öl und
Gas vorherrscht und anders als dort
ein Mix aus heimischer Produktion
und Importen möglich bleibt.
Das Rheinisch-Westfälische Wirt-
schaftsforschungsinstitut (RWI)
lieferte schon seit 2007 zunächst
im Auftrag der Bundesregierung
mehrere Analysen zur Messung der
Energiesicherheit in Deutschland.
Sie erlauben Vergleiche im Zeitab-
lauf und zwischen verschiedenen
Ländern. Den Schwerpunkt legt das
RWI auf die Importabhängigkeiten
der Energieversorgung von den je-
weiligen Lieferländern. Es hat einen
Risikoindex entwickelt. In ihm ent-
halten sind die Konzentration bzw.
Diversifikation von Lieferländern
sowie die politische Zuverlässigkeit
dieser Länder nach der Einstufung
für die Hermes-Auslandsbürgschaf-
ten der Bundesregierung oder nach
einer OECD-Klassifikation. Die
Studien belegen Folgendes: Die
Energiesicherheit in Deutschland
hat seit den 1980er-Jahren infolge
der gestiegenen Abhängigkeit von
Energieimporten abgenommen; sie
ist erheblich geringer als in vielen
anderen Industrieländern (z. B. als
in den USA) und droht trotz des
Ausbaus der „quasi-heimischen“
erneuerbaren Energien weiter abzu-
nehmen. Das RWI führt dies auf das
immer stärkere Gewicht Russlands
sowie u. a. auch auf den sinkenden
Anteil der heimischen Steinkohle an
der Energieversorgung zurück. Eine
Anfang 2009 vom RWI vorgelegte
Untersuchung hat den Titel: „Am
Tropf Russlands? Ein Konzept zur
empirischen Messung von Energie-
versorgungssicherheit“. Das RWI
bejaht seine im Titel gestellte Frage
im Ergebnis weitgehend.
Im Energieträgervergleich ist der
Anstieg des Versorgungsrisikos bei
Mineralöl und Erdgas zwar noch
ausgeprägter als bei der Steinkoh-
le. Doch ist bei der Steinkohle der
Energieversor-
gungsrisiken der
G7-Staaten
Anteil der „stabilen“ bzw. „instabilen“ Produzentenländer von
Kraftwerks- und Kokskohle in den Jahren 2003 und 2007
	 Kraftwerkskohle	 Kokskohle
	 2003	 2007	 2003	 2007
Politisch stabile Länder
(„stable“– „fair“)		 34,6 %	 35,0 %	 45,6 %	 39,3 %
Politisch instabile Länder
(„critical“– „extremely critical“)		 65,4 %	 65,0%	 54,4 %	 63,7 %
Quelle: Welt-Bergbau-Daten, 2009; Österreichisches Wirtschaftsministerium
75
Versorgungsrisiko bei Öl, Gas und Steinkohle
1978 bis 2007 gemäß RWI
0,00
0,02
0,04
0,06
0,08
0,10
0,12
1978 1983 1988 1993 1998 2003 2008
38-2_2009 17.09.2009
Quelle: RWI, 2008
Öl Gas Steinkohle
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
Perspektiven der Energieversorgung bis 2020 –
gefährdete Energiesicherheit
Unzweifelhaft geht es bei der
Energiesicherheit nicht nur um die
Risiken der Primärenergieversor-
gung. Auch bei den Erzeugungs-,
Verarbeitungs- und Verteilungska-
pazitäten im Energiesektor deuten
sich hierzulande beträchtliche
Defizite an. Abschreckend für
die Investitionsbereitschaft der
Energieversorgungsunternehmen
wirken vor allem umwelt- und
klimapolitisch bedingte Planungs-
unsicherheiten in Verbindung mit
der umfassenden Liberalisierung
der Energiemärkte und den zuletzt
enormen gesamtwirtschaftlichen
Instabilitäten. So hat die Deutsche
Energie-Agentur (dena) inzwischen
wiederholt vor einer „Stromlücke“
in Deutschland gewarnt: Nach
den bisherigen Planungen der
deutschen Energiewirtschaft für
Neubau und Ersatz „konventio-
neller“ Kraftwerkskapazitäten
beim Atomausstieg und auch beim
Ausbau der erneuerbaren Energien
fehlen bis 2020 rund 12.000 MW
an Erzeugungskapazitäten. Das
entspricht etwa 15% der prognos-
tizierten Stromnachfrage und ließe
insbesondere in Spitzenlastzeiten
Versorgungsausfälle erwarten.
Die Einbindung in den europäischen
Elektrizitätsbinnenmarkt mildert
zwar die Spitzenlastproblematik et-
was. Sie löst aber nicht das Kapa-
Anteil der heimischen Produktion
bislang noch signifikant größer.
Gleichwohl ist auch hier der das
Risiko erhöhende Effekt zunehmen-
der Importabhängigkeit messbar.
Im Hinblick auf die langfristigen
Perspektiven der internationalen
Kohlemärkte weist das RWI auf Fol-
gendes hin: Knapp drei Viertel der
weltweiten Kohlereserven entfallen
auf nur vier Länder – die Großmäch-
te USA, China, Russland und Indien.
Das könnte dem politischen Risiko
in diesem Bereich langfristig eine
besondere Dimension verleihen. Die
Problematik des Länderrisikos bei
Steinkohlenimporten beschränkt
sich aber nicht nur auf die enormen
Anteile Russlands und der anderen
vorgenannten Großmächte an den
langfristig verfügbaren Vorräten.
Eine andere RWI-Untersuchung
zu „Deutschlands Energieversor-
gungsrisiko gestern, heute und
morgen“ beziffert gemäß einem
RWI-Indikator das Versorgungsrisi-
ko des Energiemixes in Deutschland
im Zeitvergleich 1980 bis 2007 und
ergänzt es sogar um eine Prognose
bis 2020 (siehe: Zeitschrift für
Energiewirtschaft 1/2009, S. 42-
48). Danach ist das Versorgungs-
risiko nicht nur in den letzten Jah-
ren deutlich angestiegen – es hat
sich seit 1990 sogar mehr als ver-
doppelt. Es droht auch eine weitere
drastische Zunahme.
Diese mit wissenschaftlich-
quantitativen Methoden belegte
Einschätzung eines steigenden
Gesamtrisikos der deutschen
Primärenergieversorgung bestätigt
auch eine neue, weiter gefasste
Untersuchung des renommierten
EEFA-Instituts über die Verwund-
barkeit der Energieversorgung der
deutschen Volkswirtschaft.
76
zitätsproblem. Studien der europä-
ischen Stromnetzbetreiber (UCPTE)
zeigen, dass auch europaweit an-
gesichts zunehmender Stromnach-
frage eher Kapazitätsengpässe als
-überschüsse zu erwarten sind.
Engpässe in der Versorgung der
Verbraucher kann es selbst bei
genügenden Erzeugungskapazitä-
ten geben, wenn die Stromnetze
innerhalb Deutschlands und über
die nationalen Landesgrenzen
hinweg nicht zügig genug ausge-
baut werden. Das gilt für andere
Bereiche der Energieinfrastruktur
nicht minder. Dass hier erheblicher
energiepolitischer Handlungsbedarf
besteht, wird durch das Energielei-
tungsausbaugesetz und andere
Maßnahmen der Bundesregierung
bestätigt.
Nichtsdestoweniger droht die von
der dena vorausgesagte Stromlücke
bei den Erzeugungskapazitäten.
Insbesondere fehlt es aufgrund
klimapolitischer Zusatzbelastungen
und Planungsunsicherheiten sowie
teilweise massiver lokaler und auch
überregionaler Widerstände am
Zubau von neuen Kohlekraftwerken.
Die Zahl der verzögerten, vorerst auf
Eis gelegten oder sogar stornierten
Kohlekraftwerksprojekte in Deutsch-
land nimmt ständig zu – von Berlin
über Kiel und Herne im Ruhrgebiet
bis nach Ensdorf im Saarland. Die
Widerstände richten sich ausgerech-
net gegen neue, deutlich effizientere
und umweltverträglichere Kohle-
kraftwerke. Der weit fortgeschritte-
ne Bau des hochmodernen Stein-
kohlenkraftwerks Datteln wurde
durch das Oberverwaltungsgericht
Münster gestoppt.
Es gilt nun genau zu untersuchen,
auf welcher Ebene es im Rahmen
der Genehmigung zu den Bean-
standungen des Gerichts kommen
konnte. Dieser Fall kann jedenfalls
nicht dafür herhalten, das Ende
des Baus neuer Steinkohlenkraft-
werke zu verkünden. Trotz allem:
Planungssicherheit scheint es für
Großinvestitionen in Deutschland
immer weniger zu geben.
Die Klimafrage ist ein globales
Problem, das auf nationaler Ebene
nicht einmal ansatzweise gelöst
werden kann. Aus deutschen Kohle-
kraftwerken – weltweit unter den
klimaverträglichsten – stammen
rund 1% der weltweiten CO2
-
Emissionen. Die Probleme für die
Versorgungssicherheit – begründet
im Fehlen genügender Kohlekraft-
werkskapazität – treffen dagegen
die deutsche Volkswirtschaft in vol-
lem Maße. Kaum gesehen werden
die Chancen moderner Kohletechno-
logien wie auch die Wirkungsweise
der schon eingeführten klimapoli-
tischen Maßnahmen. Durch das
europäische Emissionshandelssys-
tem werden die Klimaschutzvorga-
ben in den Sektoren automatisch
erfüllt, in denen Kohle zum aller-
größten Teil eingesetzt wird. Neue
Kraftwerke können dagegen gar
nicht verstoßen. Die oben erwähnte
BMU-Roadmap hat belegt, dass
ein Kohleanteil von 40% an der
deutschen Stromerzeugung in 2020
mit ehrgeizigen Klimaschutzzielen
ebenso zu vereinbaren wäre wie
mit dem Atomausstieg.
Die Wirtschafts- und Finanzkri-
se 2008/2009 hat unterdessen
Kraftwerk
Datteln
77
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
infolge gestiegener Kapitalkosten
zu einer zusätzlichen Rücknahme
zunächst geplanter Investitionen
im gesamten Kraftwerkssektor der
EU geführt. Die im Frühjahr 2009
veröffentlichte Analyse der Bera-
tungsgesellschaft A. T. Kearney hat
diese Investitionsrücknahmen bis
2020 hochgerechnet. Geschätztes
Ergebnis: eine Minderkapazität von
20-25%. Dies betrifft weniger die
ohnehin revidierten Pläne für neue
Kohlekraftwerke. Vielmehr betrof-
fen sind die bisherigen Planungen
zum Ausbau der Stromerzeugung
auf Basis erneuerbarer Energien,
insbesondere der geplanten großen
neuen Offshore-Windkraftkapazi-
täten. Die Studie stellte daher die
Frage „Folgt der Finanzkrise die
Energiekrise?“
Gefährdet bleibt jedoch ebenso die
Sicherheit der Primärenergieversor-
gung in Deutschland. Viele Progno-
sen und fast alle Experten erwarten
– trotz der temporären Einbrüche
durch die globale Wirtschaftskri-
se – eine Fortsetzung der in den
Vorjahren manifest gewordenen
Trendwende auf den internationa-
len Energie- und Rohstoffmärkten.
Dies machen auch diverse Ein-
schätzungen in dem vorliegenden
Jahresbericht deutlich.
Energierohstoffe werden im 21.
Jahrhundert tendenziell knapp und
teuer. Warnungen vor der nächsten
Ölkrise gibt es zuhauf. Ebenso wird
vor einer drohenden „Gaslücke“ und
der Gefahr eines internationalen
Gaskartells gewarnt. Bei der Kohle
liegt das Problem nicht bei den
Reserven. Sie reichen weltweit
und hierzulande noch für weit
mehr als ein Jahrhundert. Kritisch
ist vielmehr die regionale Verfüg-
barkeit. Der nächste Wirtschafts-
aufschwung bedeutet weiteres
Nachfragewachstum und zugleich
Nachfrage-Verschiebungen an den
Kohleweltmärkten in Richtung
Asien. In Anbetracht dessen stellt
die Bundesanstalt für Geowissen-
schaften und Rohstoffe (BGR) in
ihrem Bericht „Energierohstoffe
2009“ mit Blick auf die EU be-
sorgt fest: „Vor dem Hintergrund
einer auch weiter abnehmenden
Hartkohlenförderung (= Steinkohle)
in Europa und der damit verbunde-
nen Zunahme der Importabhängig-
keit würde eine Verknappung den
europäischen Raum besonders hart
treffen“. – Zu den ökonomischen
Risiken gesellen sich an den inter-
nationalen Energiemärkten zudem
die geopolitischen Risiken, wie sie
im Gastbeitrag dieses Jahresbe-
richts beschrieben sind.
Was kann aber energiepolitisch ge-
gen die zunehmenden Bezugsrisiken
auf den internationalen Energie-
und Rohstoffmärkten unternommen
werden? Eine gängige Antwort
lautet stets Diversifizierung – also
systematische Streuung der Be-
zugsquellen. Diversifizierungsstra-
tegien stoßen allerdings stets an
die Grenzen, die durch die Konzen-
tration der Vorräte und des Markt-
angebots gesetzt sind. Sie stehen
in der Regel im Konflikt mit der
Wirtschaftlichkeit. Denn andern-
falls hätten die Preis- und Kos-
tensignale des Markts von selbst
für einen hinreichenden Diversi-
fizierungsgrad gesorgt. Analoge
Konflikte können in Bezug auf die
Umweltziele bestehen. Und schließ-
lich kann eine marktwirtschaftlich
orientierte Energiepolitik auf
staatlicher Ebene bzw. supranatio-
naler Ebene nur einen erweiterten
Rahmen schaffen für entsprechen-
de Bemühungen der Unternehmen.
Grenzüberschreitende Leitungspro-
jekte als Beispiel für supranationale
Projekte etwa bedeuten zusätzliche
Koordinierungsprobleme. Es ist kei-
neswegs zu gewährleisten, ob die
Unternehmen dann davon Gebrauch
machen, aus einzelwirtschaftlichen
Gründen doch andere Prioritäten
setzen oder mit gegenläufigen Stra-
tegien anderer Staaten konfrontiert
werden.
Eine weitere gängige Antwort auf
die Herausforderungen der Versor-
gungssicherheit ist die forcierte
Steigerung der Energieeffizienz
bzw. des Energiesparens. Sie
kommt zugleich auch den anderen
zentralen energiepolitischen Zielen
Wirtschaftlichkeit und Umwelt-
verträglichkeit entgegen. Dieser
Ansatz hat zweifellos seine Be-
rechtigung. Die Energieeffizienz ist
womöglich sogar der „schlafende
Riese“ der Energiepolitik. Allerdings
liegen ihre Potenziale nicht so
sehr in der Energieerzeugung als
vielmehr in der Energienutzung –
und hier weniger in der Energiewirt-
schaft als vielmehr im Gebäudesek-
tor, im Verkehrswesen und in Teilen
der industriellen Produktion. Die
Frage ist allerdings, inwieweit und
in welchem Tempo sich die Energie-
effizienz vorantreiben lässt, ohne
Wohlfahrtseinbußen an anderer
Stelle zu erleiden. Denn (energie-)
78
technische Bestverhältnisse sind
noch lange keine ökonomischen
Bestverhältnisse. Es wäre daher
mehr als leichtsinnig, Energiespa-
ren mit einer verlässlichen Energie-
quelle gleichzusetzen oder gar von
politisch gesetzten Einsparzielen
der fernen Zukunft auf die Verzicht-
barkeit heute verfügbarer Versor-
gungsquellen zu schließen.
Der Blick auf die Perspektiven der
Primärenergieversorgung etwa
im Jahr 2020 stellt die deutsche
Energiepolitik vor große Herausfor-
derungen.
Wird der Kernenergieausstieg wie
im geltenden Atomgesetz vorge-
sehen planmäßig vollzogen, wird
das letzte deutsche Kernkraftwerk
im Jahr 2022 stillgelegt. Im Jahr
2020 werden von den heute 17
Kernkraftwerken in Deutschland
nur noch drei in Betrieb sein. Sie
decken dann etwa nur noch 8% der
inländischen Stromerzeugung und
damit allenfalls noch ganze 3% des
Primärenergieverbrauchs. In den
Folgejahren sinkt dieser Restbei-
trag dann auf null.
Etwa um 2019/2020 wird es auf-
grund der Erschöpfung der be-
kannten inländischen Reserven
kaum noch eine inländische Erdöl-
und Erdgasförderung geben. Auch
die Erdöl- und Erdgasförderung der
übrigen EU wird dann wegen der
zur Neige gehenden Nordseequel-
len nur noch gering sein. Bei Öl und
Gas steigt die Abhängigkeit von
Importlieferungen, die schon bald
vollständig aus Nicht-EU-Ländern
stammen werden, ab 2020 auf
100%. Das wird wegen der gerin-
gen heimischen Vorräte unvermeid-
lich sein.
Bei der heimischen Steinkohle mit
ihren großen Vorkommen hängt die
weitere Verfügbarkeit keineswegs
von der Begrenztheit der Vorräte
ab, sondern von wirtschaftlichen
Entwicklungen und politischen
Entscheidungen. Sie wird 2020
wegen kompletter Stilllegung
aller verbliebenen Bergwerke
keinen Versorgungsbeitrag mehr
leisten können, sollte das Gesetz
zur Finanzierung der Beendigung
des subventionierten Steinkoh-
lenbergbaus zum Ende desJahres
2018 ohne eine Revision umge-
setzt werden. Der Zugriff auf die
heimischen Vorkommen wäre somit
verloren. Die Steinkohlenversor-
gung des deutschen Markts wäre
dann ebenfalls total von Importen
abhängig. Schon heute werden die
„Reserven“ heimischer Steinkohle
aufgrund der politischen Vorgaben
minimalisiert angegeben, obwohl
die großen Vorkommen physisch
keinesfalls verschwunden sind.	
In hohem Maße von politischen
Rahmenbedingungen abhängig ist
auch die Zukunft der heimischen
Braunkohle. Sie steht von allen
Energieträgern am stärksten
im Fadenkreuz der Klimapolitik.
Entscheidend ist deshalb, dass
eine Perspektive für eine klimaver-
trägliche Braunkohlenverstromung
nach 2020 durch eine erfolgreiche
Realisierung der CCS-Technologie
hergestellt werden kann.
Die erneuerbaren Energien sollen
mit massiver politischer Unterstüt-
zung weiter zunehmende Versor-
gungsbeiträge leisten und dabei
die Wirtschaftlichkeitsgrenze,
von der sie heute noch teilweise
weit entfernt sind, durchbrechen.
Langfristig – d. h. bis Mitte dieses
Jahrhunderts – sollen die erneu-
erbaren Energien nach Erwartung
der Bundesregierung sogar rund
die Hälfte der Energieversorgung
Heimische Stein-
kohle: Bergwerk
Auguste Victoria,
Schacht 8
79
neu_13-2_2009 05.10.2009
Technisch-wirtschaftlich gewinnbare Mengen nach BGR
in Mio. t SKE
Energierohstoffreserven in Deutschland
Quelle: BGR 2002 und BGR 2008 (*)
23000
12900?
11800*
267118* 230* 73 50*
Steinkohle Erdgas ErdölBraunkohle
Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik
tragen. Erklärtes energiepolitisches
Ziel in Deutschland ist es, dass der
Anteil der erneuerbaren Energien
am gesamten Bruttostromver-
brauch im Jahr 2020 mindestens
30% betragen wird und danach
kontinuierlich steigt. An der
gesamten Wärmeversorgung soll
der Anteil erneuerbarer Energien
dann 14% betragen, der Anteil der
biogenen Kraftstoffe bis dahin auf
12% ansteigen. Gemäß der BMU-
Leitstudie 2008 für den Ausbau
der erneuerbaren Energien läge ihr
Anteil am gesamten Primärenergie-
verbrauch 2020 dann bei rund 16%
– damit noch hinter dem der Kohle
(19%) und deutlich hinter dem von
Erdgas (27%) und Mineralöl (35%).
Der Ausbau der erneuerbaren
Energien wird vor allem klimapoli-
tisch begründet. Dabei entsprechen
politisch gesetzte quantitative
Ausbauziele eigentlich nicht den
ökonomischen Wirkungsprinzipien
des etablierten CO2
-Emissionshan-
delssystems und der steuerlichen
Maßnahmen der Klimapolitik.
Denn sie lassen vom Prinzip her
offen, mit welchem Energiemix die
Klimaziele erreicht werden. Ener-
gie- und rohstoffpolitisch zwingend
erscheint der Ausbau der erneuer-
baren Energien auch viel weniger
als Substitut zu Kohle und Kern-
energie in der Stromerzeugung.
Dort wurde er bislang am stärksten
vorangetrieben.
Viel wichtiger erscheint der Wär-
me- und Verkehrssektor, wo die
endlichen natürlichen Ressourcen
an Öl und Gas schon in den näch-
sten Jahrzehnten ersetzt werden
müssen. In Bezug auf 2020 abseh-
bar ist zudem, dass ein Ausbau
der erneuerbaren Energien in der
Stromerzeugung auf 30% schon
rechnerisch nicht die schwinden-
den Beiträge der Kernenergie und
der heimischen Kohle vollständig
ausgleichen könnte. Daher wird
zusätzlich Importenergie benötigt.
Einen Beitrag zur Verbesserung
der Energieversorgungssicherheit
leisten die erneuerbaren Energien
allerdings dann nicht, wenn sie
heimische oder andere quasi-
heimische Energiequellen verdrän-
gen. Ihr Angebot bleibt zudem von
naturbedingten Unstetigkeiten
geprägt, solange keine adäquate
Speichertechnologie entwickelt
und zum Einsatz gebracht worden
ist. Ob dies 2020 anders aussieht,
lässt sich vorerst kaum beantwor-
ten.
Die Ausbauziele für die erneuer-
baren Energien dürfen überdies
nicht als gesetzt angesehen wer-
den, denn ihnen stehen noch viele
erhebliche Hemmnisse entgegen.
Es gibt einerseits die nach wie vor
enormen wirtschaftlichen Barri-
eren durch die Differenzkosten
bzw. Mehrkosten, die durch eine
staatliche oder staatlich auferlegte
Subventionierung ausgeglichen
werden müssen. Die Leitstudie des
BMU sieht für 2020 nur die Wärme-
energie aus erneuerbaren Energien
im Bereich der Wirtschaftlichkeit.
Alle anderen Bereiche werden noch
immer zuschussabhängig sein. In
der Stromerzeugung belaufen sich
die Differenzkosten gemäß der
Leitstudie auch 2020 noch auf rund
3 Mrd. €. Die Ausbauziele im rege-
nerativen Sektor kosten gemäß der
Leitstudie bis 2020 kumuliert rund
80 Mrd. €. Ein wesentlicher Grund
für die nach wie vor hohen Mehrko-
80
sten der erneuerbaren Energien ist
der gegenüber der konventionellen
Energieerzeugung je Energieeinheit
größere Rohstoffbedarf der Anla-
gen. Bei allen Vorteilen mit Blick
auf die Klimavorsorge und andere
Umweltziele: Die erneuerbaren
Energien haben spezifische Nach-
teile im Hinblick auf die Schonung
nichtenergetischer Ressourcen:
Sie bewirken einen hohen Ver-
brauch von Metallrohstoffen – z. B.
Eisen- und Kupfererze, Bauxit oder
Erze der Sondermetalle, wie etwa
Gallium – bis zu Seltenen Erden
oder zur Siliziumgewinnung aus ge-
eigneten Sanden. Sie sind deshalb
unter Nachhaltigkeitsgesichtspunk-
ten kein Allheilmittel. Gleiches gilt
für den großen Flächenbedarf der
Anlagen zur Erzeugung erneuer-
barer Energien: Er steht nicht nur
im direkten Konflikt zum Natur-
und Landschaftsschutz, wie das
etwa bei manchen Windkraft- und
Wasserkraftprojekten der Fall ist.
Vielmehr gibt es auch vielfache
Nutzungskonkurrenzen mit der
Landwirtschaft und anderen Flä-
chennutzungsformen, wie das bei
der Bioenergie sogar der Regelfall
ist. Nicht zu vergessen auch die
wachsenden Emissionen an Lach-
gas, einem Treibhausgas, das bei
der Düngung freigesetzt wird.
Sachlich betrachtet nicht erstaun-
lich sind daher einige im Frühjahr
2009 veröffentlichte Forschungs-
ergebnisse des europäischen
Forschungsprojekts NEEDS („New
Energy Externalities Development
for Sustainability“). Es bemüht sich
um eine nachhaltigkeitsorientierte
Betrachtung sämtlicher relevanter
Externalitäten in der Energiege-
winnung und zeigt ein durchaus
differenziertes Bild der nachhal-
tigen Umweltverträglichkeit auch
erneuerbarer Energien. Auch und
speziell im Vergleich mit der Kohle
– zumal bei einer künftigen Nut-
zung von Kohle mit CCS-Technolo-
gie – stehen nur einige erneuer-
bare Energietechnologien eindeutig
besser da, so die Wellen-/Gezei-
tenenergie, die allerdings nur für
Küstenländer verfügbar ist. Dage-
gen weisen andere wie die Bio-
massenutzung oder die Photovol-
taik keineswegs einen generellen
Nachhaltigkeitsvorteil gegenüber
der Kohle auf. Auch unter Umwelt-
und Nachhaltigkeitsgesichtspunk-
ten darf die Energiedebatte also
nicht so einseitig geführt werden.
Und die Akzeptanzsteigerung für
die CCS-Technologie ist eine der
wichtigsten Aufgaben der nächsten
Zeit.
Die Energieversorgungssicherheit in
Deutschland wird deswegen auch
beim Ausbau der erneuerbaren
Energien in den nächsten Jahren
zunehmend gefährdet werden.
Eine Analyse des Instituts für
Wirtschaftspolitik der Universität
Köln vom Oktober 2008 über die
„Sicherheit der Energieversorgung“
(Autoren J. Eekhoff u. a.) zieht eine
ernüchternde Schlussfolgerung.
Demnach gibt es zur Verbesserung
der Versorgungssicherheit durch
Verringerung der Abhängigkeit von
politisch instabilen Drittstaaten
in Deutschland auch bei allen
Bemühungen um die Förderung der
erneuerbaren Energien und ihres
langfristigen Beitrags auf Sicht nur
zwei stichhaltige Ansatzpunkte:
Zum einen die Verlängerung der
Laufzeiten der Kernkraftwerke, die
zugleich Vorteile für den Klima-
schutz bringt, allerdings andere gra-
vierende umweltpolitische Proble-
me beinhaltet. Hier sei „die Versor-
gungssicherheit gegen die Gefahren
aus der Nutzung der Kernenergie
abzuwägen“. Zum anderen wäre
„der zweite mengenmäßig relevante
Weg in Richtung Versorgungssicher-
heit die stärkere Nutzung der Kohle.
Soll die Versorgungssicherheit durch
eine Förderung der heimischen
Energieerzeugung erhöht werden,
muss dies selbstverständlich der
Kohle zugute kommen“. Da das Po-
tenzial der heimischen Braunkohle
begrenzt ist, kann dieses Plädoyer
für eine stärkere Nutzung heimi-
scher Kohle nur der heimischen
Steinkohle gelten.
Die Kölner Ökonomen sehen in einer
Strategie, durch die importiertes
Gas auf dem Strommarkt teilwei-
se durch heimische Kohle ersetzt
würde, überdies nicht nur eine Ver-
besserung der Versorgungssicher-
heit. Sie machen auch deutlich,
dass diese Strategie durchaus
„klimaneutral“ wäre, wenn statt
dessen das Erdgas in den Förderlän-
dern wie Russland selbst eingesetzt
und dort Kohle (in Kraftwerken mit
geringeren Umweltstandards als
hierzulande) substituiert wird. In
der Energiepolitik kommt es eben
sehr auf die Gesamtbetrachtung,
d. h. auf ein Gesamtkonzept an.
Foto:
Bergwerk
Prosper-Haniel,
Schacht 10
82
Weltstromerzeugung
			 Kern-			 Wasserkraft	
		 Kohle	 energie	 Öl	 Gas	 u. Sonstige	 Insgesamt
Jahr	 TWh
	 1970	  2075	   80	 1625	 –	 1175	  4955
	 1980	  3163	  714	 1661	  976	 1802	  8316
	 1990	  4286	 1989	 1216	 1632	 2212	 11335
	 2000	  5759	 2407	 1402	 2664	 2968	 15200
	 2005	  7040	 2640	 1240	 3750	 3550	 18220
	 2006	  7370	 2670	 1280	 3950	 3650	 18920
	 2007	  7950	 2580	 1120	 4290	 3955	 19895
	 2008	  8160	 2620	 950	 4380	 4090	 20200
	 2010	  8668	 2761	 926	 4157	 4043	 20555
	 2020	 10401	 3385	 901	 5678	 5638	 26003
	 2030	 13579	 3844	 866	 6769	 6696	 31754
	 Quelle der Prognosen: DOE, 2009
Kohle, Erdöl und Erdgas in der Welt 2009
	 Vorräte	 Verbrauch
	
	 Energieträger	 Mrd. t SKE	 %	 Mrd. t SKE	 %
	 Kohle	  710	  60	  4,7	  33
	 Erdöl*	  262	  22	  5,6	  39
	 Erdgas	  212	  18	  3,9	  28
	 Insgesamt	 1184	 100	 14,2	 100
gewinnbare Vorräte, * einschl. Ölsande
Quellen: BGR, 2009; Oil and Gas Journal, 2008
Weltvorräte an Kohle, Erdöl und Erdgas
		 Kohle	 Erdöl	 Erdgas	 Insgesamt
	
Region	 Mrd. t SKE
	 EU-27	  52,2	   1,2	   2,6	   56,0
	 Eurasien*	 139,4	  21,0	  69,2	  229,6
	 Afrika	  26,8	  22,4	  17,5	   66,7
	 Naher Osten	   0,4	 145,2	  88,2	  233,8
	 Nordamerika	 206,4	  40,6	  10,7	  257,7
	 Mittel- und Südamerika	   9,2	  25,0	   9,7	   43,9
	 VR China	 151,9	   3,1	   2,7	  157,7
	 Ferner Osten	  75,3	   3,2	  10,8	   89,3
	 Australien	  48,4	   0,3	   1,0	   49,7
	 Welt	 710,0	 262,0	 212,4	 1184,4
		 59,9%	 22,2%	 17,9%	 100,0%
Gewinnbare Vorräte, * ehem. UdSSR und übriges Europa
Quellen: BGR, 2009; Oil and Gas Journal, 2008
Weltvorräte und -förderung an Steinkohle 2008
		 Vorräte	 Förderung
	 Region	 Mrd. t SKE	 Mio. t
	 EU-27	  34	  149
	 Eurasien	 102	  498
	 Afrika	  27	  235
	 Nordamerika	 195	 1106
	 Mittel- und Südamerika	   7	   79
	 VR China	 148	 2716
	 Ferner Osten	  70	  733
	 Australien	  33	  334
	 Welt	 617	 5850
		 Quelle: BGR, 2009; VDKI, 2009
Weltenergieverbrauch
	 Nicht erneuerbare	 Erneuerbare
	 Energien	 Energien
								
		 Kern-			 Erd-	 Wasser-		 Ins-­
		 energie	 Kohle	 Erdöl	 gas	 kraft	 Sonstige	 gesamt
Jahr	 Mio. t SKE
	 1970	   28	 2277	 3262	 1326	 146	  827	  7866
	 1980	  247	 2724	 4320	 1853	 206	 1066	 10416
	 1990	  738	 3205	 4477	 2525	 271	 1420	 12636
	 2000	  955	 3123	 5005	 3091	 329	 1535	 14038
	 2005	 1031	 4191	 5488	 3522	 379	 1960	 16571
	 2006	 1047	 4418	 5575	 3682	 387	 2030	 17139
	 2007	 1024	 4544	 5653	 3772	 375	 2120	 17493
	 2008	 1020	 4724	 5619	 3898	 380	 2150	 17791
	 2020	 1204	 6255	 6784	 4476	 505	 2402	 21626
	 2030	 1288	 7018	 7306	 5248	 592	 2878	 24330
Kernenergie und erneuerbare Energien mit Wirkungsgradansatz bewertet
Quelle der Prognosen: Internationale Energie-Agentur, 2008
Globale CO2
-Emissionen
		 1990	 2000	 2005	 2008	 Veränderung
	 Staatenverbund/	 (Basisjahr)				 1990 - 2008
	 Region/Land	 CO2
-Emissionen in Mio. t	 in %
	 Annex I-Staaten	 14930,1	 14338,2	 14858,3	 14788,6	 - 0,9
	 EU-27	  4404,2	 4112,0	 4238,4	 4149,6	 - 5,8
	 davon EU-15*	 3364,9	 3359,7	 3465,7	 3348,5	 - 0,5
	 davon Deutschland*	 1215,2	 1008,2	 968,9	 944,6	 - 22,3
	 Australien*	 277,8	 349,8	 382,7	 378,2	 + 36,1
	 Kanada*	 455,8	 559,9	 569,1	 569,9	 + 30,9
	 USA*	 5068,6	 5964,4	 6081,9	 5909,3	 + 16,6
	 Russland*	 2499,1	 1471,1	 1525,7	 1610,9	 - 35,5
	 Ukraine*	 715,6	 289,1	 320,7	 332,8	 - 53,5
	 Japan*	 1143,2	 1226,6	 1267,3	 1301,1	 + 13,8
	 Korea	 229,2	 431,3	 468,9	 511,6	 + 123,1
	 Indien	 589,3	 976,5	 1160,7	 1449,6	 + 146,0
	 VR China	 2244,0	 3077,6	 5100,5	 6496,2	 + 189,5
	 (Übr.) Ferner Osten	 685,3	 1143,5	 1437,0	 1552,1	 + 126,5
	 Naher Osten	 587,9	 971,5	 1227,2	 1428,5	 + 143,0
	 Afrika	 549,3	 694,4	 831,8	 925,4	 + 68,5
	 Lateinamerika	 603,1	 859,8	 931,9	 1068,9	 + 77,1
	 Übrige Staaten	 1958,1	 1992,4	 2262,3	 2467,8	 + 26,0
	 Welt	 22010,5	 24119,9	 27826,1	 30178,0	 + 37,1
		 *	Annex-I-Staaten nach UN-Klimarahmenkonvention (vgl. u. a. http://unfcc.int)
			 Quelle: Ziesing ET, 9/2009
83
Primärenergieverbrauch in der EU-27
	 					 Wasserkraft	­
					 Kern-	 und sonst.	 Ins-
		 Kohle	 Mineralöl	 Gas	 energie	 Energien	 gesamt
Jahr	 Mio. t SKE
	 2005	 431	 1003	 606	 367	 123	 2530
	 2006	 458	 1032	 627	 371	 132	 2620
	 2007	 455	 1006	 615	 347	 144	 2567
	 2008	 431	 1005	 631	 350	 138	 2554
	 2020	 488	 1003	 721	 317	 283	 2812
	 2030	 480	 1012	 738	 295	 340	 2865
	 Kernenergie und erneuerbare Energien mit Wirkungsgradansatz bewertet
	 Quelle der Prognosen: Europäische Kommission, 2008, Baseline Szenario
Stromerzeugung in der EU-27
	 					 Wasserkraft	­
					 Kern-	 und sonst.	 Ins-
		 Kohle	 Öl	 Gas	 energie	 Energien	 gesamt
Jahr	 TWh
	 2005	  990	 160	  660	 930	  440	 3180
	 2006	  995	 140	  710	 966	  474	 3285
	 2007	 1040	 110	  710	 935	  515	 3310
	 2008	  990	  95	  780	 920	  587	 3372
	 2020	 1440	  70	  860	 870	  860	 4100
	 2030	 1530	  60	  880	 870	 1060	 4400
		 Quelle der Prognosen: Europäische Kommission, 2008, Baseline Szenario
Kohlenförderung in der EU-27 im Jahre 2008
	 	 Steinkohle	 Braunkohle
	
Land 	 Mio. t SKE
	 Deutschland	 17,7	 52,3
	 Großbritannien	 14,5	 –
	 Frankreich	 –	 –
	 Griechenland	 –	 11,8
	 Irland	 –	  0,9
	 Italien	 –	 –
	 Spanien	 6,5	  1,5
	 Finnland	 –	  1,2
	 Österreich	 –	 –
	 Polen	 67,0	 17,5
	 Ungarn	 –	  2,8
	 Tschechien	  7,6	 20,3
	 Slowakei	 –	  1,0
	 Slowenien	 –	  1,4
	 Estland	 –	  5,2
	 Bulgarien	 –	  6,7
	 Rumänien	  2,1	  8,6
	 EU-27	 115,41	 131,21
Primärenergieverbrauch in Deutschland
								 Wasser-	
		 Mineral-	 Stein-	 Braun-		 Kern-	 Wind-	 kraft u.	 Ins-­
		 öl	 kohle	 kohle	 Erdgas	 energie	energie	 Sonstige	 gesamt
Jahr	 Mio. t SKE
	 1980	 206,7	 85,2	 115,7	  73,9	 20,7	 0,0	  5,9	 508,1
	 1990	 178,7	 78,7	 109,2	  78,2	 56,9	 0,0	  7,2	 508,9
	 1995	 194,1	 70,3	  59,2	  95,5	 57,4	 0,2	 10,2	 486,9
	 2000	 187,6	 69,0	  52,9	 101,9	 63,2	 1,2	 15,6	 491,4
	 2005	 176,3	 61,7	  54,4	 110,2	 60,7	 3,3	 26,9	 493,5
	 2006	 174,7	 67,0	  53,8	 111,3	 62,3	 3,8	 30,6	 503,5
	 20071)
	 157,9	 67,4	  55,0	 106,6	 52,3	 4,9	 28,3	 472,4
	 20081)
	 166,1	 62,5	  53,0	 105,5	 55,4	 4,9	 30,4	 477,8
1)
vorläufig
Kernenergie und erneuerbare Energien mit Wirkungsgradansatz bewertet
Statistik
EU-Energie- und Erdgasbedarfs und -importprognosen*
	 2005	 2020
		 New Energy
EU-27	 Baseline Projection	 Policy Projection
Millionen Tonnen		 Ölpreis 	 Ölpreis	 Ölpreis	 Ölpreis
Öläquivalent(Mtoe)		 61US-$/bl	 100US-$/bl	 61US-$/bl	 100US-$/bl
Primärenergie-		 	
verbrauch	 1811	 1986	 1903	 1712	 1672
Öl	 666	 702	 648	 608	 567
Gas	 445	 505	 443	 399	 345
Kohle	 320	 342	 340	 216	 253
Erneuerbare	 123	 197	 221	 270	 274
Kernenergie	 257	 221	 249	 218	 233
EU-Energie-
erzeugung	 896	 725	 774	 733	 763
Öl	 133	 53	 53	 53	 52
Gas	 188	 115	 113	 107	 100
Kohle	 196	 142	 146	 108	 129
Erneuerbare	 122	 193	 213	 247	 250
Kernenergie	 257	 221	 249	 218	 233
Nettoimporte	 975	 1301	 1184	 1033	 962
Öl	 590	 707	 651	 610	 569
Gas Mtoe	 257	 390	 330	 291	 245
(Bill. m3
)	 (298)	 (452)	 (383)	 (337)	 (284)
Kohle	 127	 200	 194	 108	 124
Endenergie-		 	
verbrauch Strom	 238	 303	 302	 257	 260
*	von November 2008 unter Berücksichtigung der Implementierung der
	 Märzbeschlüsse von 2007
Quelle: Europäische Kommission, An EU Energy Security and Solidarity Action Plan.
Second Strategic Energy Review. Communication from the Commission to the European
Parliament, the Council, the European Economic and Social Committee of the Regions,
Brüssel, November 2008, Annex 1, p. 19 f.
84
Absatz des deutschen Steinkohlenbergbaus
	 Inland	 EU-Länder
		 Wärme-	 Kraft-	 Stahl-	 Stahl-		 Dritt-	 Gesamt-
		 markt	 werke	 industrie	 industrie	 übrige	 länder	 absatz
Jahr	 Mio. t SKE
	 1960	 61,3	 22,1	 31,3	 27,0		 5,3	 147,0
	 1970	 28,5	 31,8	 27,9	 19,8	 5,7	 3,2	 116,9
	 1980	  9,4	 34,1	 24,9	 13,0	 4,8	 2,1	  88,3
	 1990	  4,1	 39,3	 19,8	  5,2	 2,2	 0,4	  71,0
	 2000	  0,7	 27,6	 10,0	  0,0	 0,3	 0,0	  38,6
	 2005	  0,3	 20,3	  6,1	  0,0	 0,1	 0,0	  26,8
	 2006	  0,3	 18,3	  3,7	  0,0	 0,1	 0,0	  22,4
	 2007	  0,3	 18,8	  4,1	  0,0	 0,1	 0,0	  23,3
	 2008	  0,3	 15,0	  4,1	  0,0	 0,1	 0,0	  19,5
Rationalisierung im deutschen Steinkohlenbergbau
		 Leistung	 Förderung1)
		
		 unter Tage je	 je Abbau-		 Abbau-­
		 Mann/Schicht	 betriebspunkt	 Bergwerke2)	
betriebspunkte
Jahr	 kg v. F.3)
	 t v. F.3)
	 Anzahl
	 1960	 2057	  310	 146	 1631
	 1970	 3755	  868	  69	  476
	 1980	 3948	 1408	  39	  229
	 1990	 5008	 1803	  27	  147
	 2000	 6685	 3431	  12	   37
	 2005	 6735	 3888	   9	   24
	 2006	 6409	 3686	   8	   21
	 2007	 7071	 3680	   8	   22
	 2008	 6309	 3740	   7	   18
1)
fördertäglich 2)
Stand Jahresende ohne Kleinzechen 3)
Bis 1996 Saar in t = t
Stromerzeugung in Deutschland
								 Wasser-	
		 Stein-	 Braun-	 Kern-	 Mineral-		 Wind-	 kraft u.	 Ins-­
		 kohle	 kohle	 energie	 öl	 Erdgas	 energie	 Sonstige	 gesamt
Jahr	 TWh
	 1980	 111,5	 172,7	  55,6	 27,0	  61,0	  0,0	 39,8	 467,6
	 1990	 140,8	 170,9	 152,5	 10,8	  35,9	  0,1	 38,9	 549,9
	 1995	 147,1	 142,6	 154,1	  9,1	  41,1	  1,5	 41,3	 536,8
	 2000	 143,1	 148,3	 169,6	  5,9	  49,2	  9,5	 50,9	 576,5
	 2005	 134,1	 154,1	 163,0	 11,6	  71,0	 27,2	 59,6	 620,6
	 2006	 137,9	 151,1	 167,4	 10,5	  73,4	 30,7	 65,9	 636,8
	 20071)
	 142,0	 155,1	 140,5	  9,6	  75,9	 39,7	 74,8	 637,6
	 20081)
	 128,5	 150,0	 148,8	 10,5	  83,0	 40,2	 78,1	 639,1
1)
vorläufig
Belegschaft1)
im deutschen Steinkohlenbergbau
			 Arbeiter und
	 Arbeiter	 Angestellte	 Angestellte
	 	 unter	 über	 unter	 über	 Ins-	 darunter	
	 	 Tage	 Tage	 Tage	 Tage	 gesamt	 Auszubildende
Jahres-
ende	 1000
	 1957	 384,3	 169,3	 16,3	 37,4	 607,3	 48,2
	 1960	 297,0	 140,2	 16,8	 36,2	 490,2	 22,7
	 1965	 216,8	 110,5	 15,6	 34,1	 377,0	 15,2
	 1970	 138,3	  75,6	 13,0	 25,8	 252,7	 11,5
	 1975	 107,9	  60,9	 11,5	 22,0	 202,3	 14,1
	 1980	  99,7	  55,8	 10,6	 20,7	 186,8	 16,4
	 1985	  90,1	  47,4	 10,2	 18,5	 166,2	 15,7
	 1990	  69,6	  35,9	  8,9	 15,9	 130,3	  8,3
	 1995	  47,2	  25,7	  6,1	 13,6	  92,6	  2,9
	 2000	  25,6	  18,2	  3,8	 10,5	  58,1	  2,3
	 2001	  23,0	  16,2	  3,4	 10,0	  52,6	  2,2
	 2002	  21,6	  14,4	  3,1	  9,6	  48,7	  2,4
	 2003	  20,0	  13,6	  2,8	  9,2	  45,6	  2,7
	 2004	  19,6	  11,6	  2,8	  8,0	  42,0	  2,9
	 2005	  17,7	  10,9	  2,6	  7,3	  38,5	  3,2
	 2006	  16,2	  9,9	  2,4	  6,9	  35,4	  3,0
	 2007	  15,1	  9,1	  2,3	  6,3	  32,8	  2,4
	 2008	  13,6	  8,5	  2,0	  6,3	  30,4	  1,8
1)
  Belegschaft einschließlich Mitarbeiter in struktureller Kurzarbeit und Qualifizierung
Steinkohlenförderung in Deutschland
	 Revier	­
					 Ibben-	 Bundes-
		 Ruhr	 Saar	 Aachen	 büren	 republik
Jahr	 Mio. t v. F.
	 1957	 123,2	 16,3	 7,6	 2,3	 149,4
	 1960	 115,5	 16,2	 8,2	 2,4	 142,3
	 1965	 110,9	 14,2	 7,8	 2,2	 135,1
	 1970	  91,1	 10,5	 6,9	 2,8	 111,3
	 1975	  75,9	  9,0	 5,7	 1,8	  92,4
	 1980	  69,2	 10,1	 5,1	 2,2	  86,6
	 1985	  64,0	 10,7	 4,7	 2,4	  81,8
	 1990	  54,6	  9,7	 3,4	 2,1	  69,8
	 1995	  41,6	  8,2	 1,6	 1,7	  53,1
	 2000	  25,9	  5,7	 –	 1,7	  33,3
	 2001	  20,0	  5,3	 –	 1,8	  27,1
	 2002	  18,9	  5,4	 –	 1,8	  26,1
	 2003	  18,2	  5,6	 –	 1,9	  25,7
	 2004	  17,8	  6,0	 –	 1,9	  25,7
	 2005	  18,1	  4,7	 –	 1,9	  24,7
	 2006	  15,2	  3,6	 –	 1,9	  20,7
	 2007	  15,9	  3,5	 –	 1,9	  21,3
	 2008	  14,2	  1,0	 –	 1,9	  17,1
Bis 1996 Saar in t = t
Bergbau und Kultur:
Deutsches Bergbau-Museum, Bochum
Der Erweiterungsbau „Schwarzer Diamant”
(Entwurf: Benthem Crouwel) wird mit der Sonderausstellung
„Glück auf! Ruhrgebiet – Der Steinkohlenbergbau nach 1945”
am 4. Dezember 2009 eröffnet.
86
Organisation des Gesamtverbands Steinkohle e.V.
Vorstand
Vorsitzender (Präsident):
Bernd Tönjes, Herne,
Vorsitzender des Vorstands der
RAG Aktiengesellschaft
Stellvertretende Vorsitzende:
Dr. Wilhelm Beermann, Essen,
(Ehrenpräsident)
Jürgen Eikhoff, Herne,
Mitglied des Vorstands der
RAG Aktiengesellschaft
Dr. Jürgen-Johann Rupp, Herne,
Mitglied des Vorstands der
RAG Aktiengesellschaft
Mitglieder des Vorstands:
Rainer Platzek, Rheinberg
Joachim Rumstadt,
Vorsitzender der Geschäftsführung
Evonik Steag GmbH
K.-Rainer Trösken, Essen
Ulrich Weber, Essen,
Mitglied des Vorstands der
RAG-Stiftung
Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia, Essen,
Geschäftsf. Vorstandsmitglied
Michael G. Ziesler, Saarbrücken
Stand: Mitte Oktober 2009
Mitglieder
RAG Aktiengesellschaft, Herne
RAG Deutsche Steinkohle AG,
Herne
RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH,
Ibbenbüren
RAG Beteiligungs-GmbH, Herne
RAG Mining Solutions GmbH,
Herne
RAG Montan Immobilien GmbH,
Essen
Evonik Steag GmbH, Essen
Bergwerksgesellschaft
Merchweiler mbH, Quierschied
Geschäftsführung
Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia, Essen,
Hauptgeschäftsführer	
Elmar Milles, Essen
Geschäftsbereiche
Wirtschaft/Umwelt/Energie
Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia, Essen
Recht/Soziales/Tarife
Elmar Milles, Essen
87
Verzeichnis der Grafiken und Tabellen
Deutsche Steinkohle
Steinkohlenbergwerke in Deutschland	 11
Anpassung im deutschen Steinkohlenbergbau	 12
Fachrichtungen der Auszubildenden im Steinkohlenbergbau	 13
Primärenergiegewinnung in Deutschland	 16
Entwicklung der Subventionen in Deutschland	 17
Öffentliche Hilfen für die deutsche Steinkohle	 17
Fiskalische Folgekosten bei unterschiedlichen
Arbeitsplatzersatzraten	 18
Beschäftigungseffekte des deutschen Steinkohlenbergbaus
nach Regionen	 18
Produktion der deutschen Bergbaumaschinen-
industrie	 22
Unfallrückgang im Steinkohlenbergbau	 23
Klima und Umwelt
Energiebedingte CO2
-Emissionen in der Welt	 29
Reduzierung von Treibhausgasemissionen in Deutschland
bis 2020	 31
CCS-Technologie: Möglichkeiten der CO2
-Abtrennung und
CO2
-Speicherung	 32
CO2
-Abtrennungsverfahren	 34
Wirkungsgrad und Kosten von CCT und CCS	 35
Stromerzeugung und CO2
-Minderung durch regenerative
Energien und Grubengas in NRW	 36
CO2
-Reduzierung von Steinkohlenkraftwerken durch
Wirkungsgradsteigerungen/CCS-Technologie	 40
Internationale Trends der Energie-
und Steinkohlenmärkte
Einfuhrpreisentwicklung von Erdöl, Erdgas und Steinkohle	 42
Energieverbrauch im Vergleich zur Weltbevölkerung und zum
Bruttoinlandsprodukt	 43
Energiebedingte CO2
-Emissionen in der Welt	 44
Bedeutung von China, Indien, USA im Vergleich zu Deutschland	 44
Weltvorräte an Öl und Gas, OPEC- und GECF-Anteile	 45
Missverhältnis zwischen Energiereserven und
Verbrauchsstruktur	 45
Weltsteinkohlenförderung und -verbrauch	 46
Welthandelsintensität bei Steinkohle	 47
Preise für Kraftwerkskohle	 47
Frachtraten nach Europa	 48
Steinkohlen- und Koks-Exporte nach Deutschland 2008	 48
Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit
Weltenergieverbrauch	 51
Herausforderungen für die europäische und deutsche
Energiepolitik
Energiepolitische Ziele	 58
Absatzstruktur deutscher Steinkohle	 59
Haushalt der EU 2008	 60
Hilfen des Bundes	 60
Entwicklung der Stromerzeugung in Deutschland nach
BMU-Szenario „Roadmap 2020“	 65
Stromerzeugung in der EU-27	 66
Primärenergieverbrauch in Deutschland	 68
Stromerzeugung in Deutschland 2008	 69
Außenwirtschaftliche Energierechnung	 71
Importabhängigkeit Deutschlands bei Energieträgern steigt	 72
Rohöl- und Erdgasaufkommen in Deutschland	 73
Steinkohlenaufkommen in Deutschland	 73
„Stabile“ bzw. „instabile“ Produzentenländer von
Kraftwerks- und Kokskohle 2003 und 2007 	 74
Energieversorgungsrisiken der G7-Staaten 	 74
Versorgungsrisiko bei Öl, Gas und Steinkohle 1978 bis 2007	 75
Energierohstoffreserven in Deutschland	 79
Statistiken	 82
Weitere Grafiken unter www.gvst.de
88
Impressum
Impressum
Herausgegeben von der
Geschäftsführung des
Gesamtverbands Stein­koh­le e.V.
Rüttenscheider Straße 1 - 3
45128 Essen
Tel.:	 +49 (0)201/801 4305
Fax:	 +49 (0)201/801 4262
Adresse ab 1. Januar 2010:
Shamrockring 1
44623 Herne
Tel.:	 +49 (0)23 23/15 4305
Fax:	 +49 (0)23 23/15 4291
E-Mail:	 kommunikation@gvst.de
Internet:	www.gvst.de
Redaktion:
Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia,
Jürgen Ilse, Roland Lübke,
Dr. Detlef Riedel, Andreas-Peter
Sitte, Dr. Kai van de Loo,
Dr. Gerd-Rainer Weber
Fotos:
Bethem Crowel, Deutsches Berg-
bau-Museum, Dreamstime, Ermert,
Evonik, Getty Images, GVSt, RAG
Bildmontagen:
Bethem Crowel, Ermert, Q-Medien
Layout, Grafik:
Q-Medien GmbH,
42699 Solingen
Verlag:
VGE Verlag GmbH,
45219 Essen
Druck:
B.o.s.s Druck und Medien GmbH,
47574 Goch
ISSN		 0343-7981
Bergwerke1)
(Anzahl) 	 7	 (Jan. 2009: 6)
Zechenkokereien* (Anzahl) 	 1
Belegschaft1)
insgesamt	 30 384	 Mitarbeiter
-	Ruhrrevier 	 23 286	 Mit­ar­bei­ter
-	Saarrevier 	 4 690	 Mit­ar­bei­ter
-	Ibbenbüren 	 2 408	 Mit­ar­bei­ter
Steinkohlenförderung insgesamt	 17,1	 Mio. t v. F.3)
		 = 17,7	 Mio. t SKE2)
-	Ruhrrevier 	 14,2	 Mio. t v. F.
-	Saarrevier 	 1,0	 Mio. t v. F.
-	Ibbenbüren	 1,9	 Mio. t v. F.
Kokserzeugung (Zechenkokerei)	 2,0	 Mio. t
Technische Kennzahlen
Förderung je Abbaubetriebspunkt	 3 740 	t v.F./Tag
Mittlere Flözmächtigkeit 	 146	 cm
Mittlere Streblänge 	 338	 m
Mittlere Gewinnungsteufe 	 1145	 m
Größte Schachttiefe 	 1 750	 m­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­
Absatz insgesamt	 19,5	 Mio. t SKE
-	Elektrizitätswirtschaft 	 15,0	 Mio. t SKE
-	Stahlindustrie 	 4,1	 Mio. t SKE
-	Wärmemarkt 	 0,4	 Mio. t SKE
Anteil deutscher Steinkohle
-	am Primärenergieverbrauch in Deutschland	 4	 %
-	an der Stromerzeugung in Deutschland	 7	 %
-	am Steinkohlenverbrauch	 30	 %
-	an der Stromerzeugung aus Steinkohle	 34	 %
1)
	 Ende des Jahres; Belegschaft einschließlich Mitarbeiter in struktureller Kurzarbeit und
	 Qualifizierung
2)
	 SKE = Steinkohleneinheit. 1 kg SKE = 7 000 kcal bzw. 29 308 kJ
	 (entspricht dem mittleren Heizwert eines Kilogramms Steinkohle)
3)
	 v. F. = verwertbare Förderung (berücksichtigt werden Wasser und Asche­ge­halt)
Kennzahlen zum Steinkohlenbergbau
in Deutschland 2008
Steinkohle2008
Steinkohle
2008Kompetenz
Kohle
Gesamtverband Steinkohle
in Sachen

Steinkohle Jahresbericht 2009

  • 1.
  • 3.
  • 5.
    3 Auch der deut­scheSteinkohlen- bergbau ist auf einen gesicherten politischen Rahmen angewiesen, um seinen gesetzlichen und vertragli- chen Auftrag zuverlässig erfüllen zu können. Diesen Rahmen haben wir durch das Steinkohlefinanzierungs- gesetz erhalten. Die­sem Auftrag gemäß ist unsere Bergbauplanung darauf ausgerichtet, die subven- tionierte Steinkohlenförderung in Deutschland weiter sozialverträglich zurückzuführen und zum Ende des Jahres 2018 zu beenden. Wir sind aber auch darauf vorbereitet, im Falle einer Revision der Auslauf- entscheidung durch den Deutschen Bundestag den heimischen Stein- kohlenbergbau langfristig weiter- zuführen. Globalisierung ist notwendig. Globalisierung braucht in Zukunft gleichzeitig sichere Leitplanken, in den Regionen und vor Ort. Dazu zählen auch sichere Energiekonzep- te. Wir werden hierzu unseren Teil beitragen. Essen, im Oktober 2009 Bernd Tönjes Vorsitzender des Vorstands des Ge­samt­ver­ban­ds Steinkohle e.V. „Globalisierung braucht Sicherheit“, das ist das Motto des Steinkohlen- tags 2009 des Gesamtverbands Steinkohle und auch des vorliegen- den Jahresberichts. Damit wollen wir betonen: Die Globalisierung ist für die gesamte Wirtschaft und somit auch für die Energie- und Kohlewirtschaft heute Normali- tät. Niemand kann sich mehr den globalen ökonomischen wie auch politischen Zusammenhängen entziehen. Daraus ergeben sich für eine Volkswirtschaft beson- dere Chancen, aber auch Risiken. Eindrucksvoll gezeigt haben das in diesem Jahr die Auswirkungen der globalen Wirtschafts- und Finanz- krise, die die deutsche Volkswirt- schaft in die tiefste Rezession der Nachkriegszeit gestürzt hat. Dadurch wurden zeitweise auch der Steinkohlen- und Koksabsatz in Deutschland beeinträchtigt. Deutschland ist eine führende Exportnation. Unser Wohlstand hängt langfristig von dem Erfolg auf den internationalen Märkten und von den Fähigkeiten ab, die Chan- cen der Globalisierung zu nutzen. Dafür ist unser Wirtschaftsstandort auf nationaler und europäischer Ebene auf ge­eignete Rahmenbedin- gungen wie Rechts- und Planungs- sicherheit, so­ziale Sicherheit und auch Energiesicherheit angewiesen. Dass gerade die Energiesicherheit hier­zulande vor großen, in der öffentlichen Debatte allerdings wenig beachteten Herausforderun- gen steht, macht der vorliegende Jahresbericht deutlich. Ein Wort zuvor
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    4 Inhalt Ein Wort zuvor 3 Globalisierung braucht Sicherheit 5 Deutsche Steinkohle 9 Besondere Herausforderungen für den Personalabbau 10 Konsultationsverfahren für die Verlängerung der EU-Ratsverordnung zur Genehmigung von Steinkohlebeihilfen 14 Innovative deutsche Bergbautechnik ist weltweit führend 22 Innovationen treiben die Technologieentwicklung voran 22 Klima und Umwelt 27 Aktuelle Entwicklungen in der nationalen und internationalen Klimapolitik 28 CO2 -Abtrennung und -Speicherung (CCS) 32 Erneuerbare Energien und Grubengas 35 Potenziale der Kohlenutzung 36 Energieeffizienz und Industrieemissionen 38 Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte 41 Die Krise hat auch den Energiesektor getroffen 42 Globale Megatrends setzen sich fort 43 Entwicklung auf den internationalen Steinkohlenmärkten 2008/2009 46 Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit - Gastbeitrag von Dr. Frank Umbach 49 Internationale Energienachfrage bis 2030 und die Frage der globalen Versorgungssicherheit 51 Geopolitische Risiken und strukturelle Versorgungsengpässe 53 Auswirkungen auf die europäische Energieversorgungssicherheit 54 Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik 57 Die heimische Steinkohle im Zieldreieck der Energiepolitik 58 Die Suche nach einem energiepolitischen Gesamtkonzept 61 Gegenwärtige Situation und Trends der deutschen Energieversorgung 68 Staatliche und marktbestimmte Entwicklungen der Energiepreise 70 Importabhängigkeit, heimische Primärenergiegewinnung und Versorgungsrisiken 72 Perspektiven der Energieversorgung bis 2020 – gefährdete Energiesicherheit 75 Anhang Statistik 82 Organisation des GVSt 86 Verzeichnis der Grafiken und Tabellen 87 Impressum 88 Kennzahlen zum Steinkohlenbergbau 2008 89
  • 7.
    5 Globalisierung braucht Sicherheit ImGVSt-Jahresbericht „Steinkohle 2008“ vom November 2008 wurde noch betont, wie sich die Preise von Rohstoffen und Energie in un- geahnte Höhen geschraubt hatten. Der darauf folgende massive Einbruch durch die globale Wirt- schafts- und Finanzkrise über- raschte Marktteilnehmer und Ana- lysten gleichermaßen. Nun stehen die Auswirkungen der Krise und andere globale Zusammenhänge von energie-, umwelt- und rohstoff- politischer Relevanz zusammen mit der Lage des deutschen Steinkoh- lenbergbaus im Mittelpunkt dieses neuen Jahresberichts „Steinkohle 2009“ des Gesamtverbands Stein- kohle. Der Anpassungsprozess wurde und wird entsprechend der durch das Steinkohlefinanzierungsgesetz vorgegebenen Beendigung des subventionierten Steinkohlenab- baus zum Ende des Jahres 2018 weitergeführt – auch wenn der Bundestag den Beschluss 2012 noch einmal energiepolitisch über- prüfen wird. Der Bergbauplanung entsprechend ging die Belegschaft auf rund 30.000 Mitarbeiter (Ende 2008) und die Förderung auf 17 Mio. t zurück. Im Jahr 2009 hat sich diese Anpassung fortgesetzt. Staatliche Beihilfen müssen in der EU von der Europäischen Kommission genehmigt werden. Diese Genehmigung wiederum braucht eine gemeinschaftsrecht- liche Grundlage. Gegenwärtig besteht dieser Rechtsrahmen in der Ratsverordnung 1407/2002 über die Steinkohlebeihilfen. Ihre Geltungsdauer endet 2010. Über eine Anschlussregelung wird derzeit intensiv beraten. Von der Europäischen Kommission wurde ein Konsultationsverfahren in Gang gesetzt, in dessen Rahmen auch die deutsche Steinkohle ausführ- lich ihren Standpunkt darlegte. Diese Position wird in dem vorlie- genden Bericht näher erläutert. Ihr Kernpunkt: Grundsätzlich müssen zur Umsetzung der deutschen Steinkohlepolitik alle bisherigen Beihilfeinstrumente auch künftig verfügbar bleiben. Klar ist: Der bisherige und vorge- zeichnete weitere Anpassungspro- zess des Steinkohlenbergbaus in Deutschland zieht neben den ener- giepolitischen Implikationen auch erhebliche regionalwirtschaftliche, soziale und sektorale Folgen nach sich. Sie müssen politisch eben- falls bedacht und berücksichtigt werden. Die deutsche Zuliefer- industrie treibt die Entwicklung modernster Techniken beim Abbau der Steinkohle sowie bei ihrer Nutzung gemeinsam mit dem deut- schen Steinkohlenbergbau voran. Herausragende Leistungen bei der unternehmensinternen Entwicklung innovativer Techniken zeichnet die RAG Aktiengesellschaft jedes Jahr mit ihrem Forschungspreis aus. Die Zukunft des Energieträgers Steinkohle insgesamt wird zuneh- mend von den Weichenstellungen in der Klimapolitik bestimmt. Eine CO2 -arme Energiegewinnung und -verwertung gehört seit den international eingegangenen Verpflichtungen im Kyoto-Protokoll zu den Zielvorgaben der deutschen Energiepolitik. Gerade hier wird deutlich, wie sehr Deutschland in ein globalisiertes Umfeld einge-
  • 8.
    6 bettet ist, indem es bislang eine internationale Vorreiterfunktion übernommen hat. Die in die Kyoto- Verpflichtungen zumindest bis zur Konferenz in Kopenhagen noch nicht eingebundenen großen CO2 - Emittenten USA, China und Indien haben mittlerweile erkannt, dass auch sie eigene Anstrengungen unternehmen müssen. Ob die Welt- klimakonferenz in Kopenhagen jedoch zu einem neuen internatio- nalen oder sogar wirklich globa- len Abkommen führt, muss sich zeigen. Die Kohle, weltweit und hierzulande der Energieträger Nr.1 in der Stromerzeugung und der Energierohstoff mit den größten Vorkommen, wird unter dem Aspekt der CO2 -Emissionen als Problem angesehen. Sie kann aber auch Teil der Lösung der Klimafrage sein. Eine Lösung wird im globalen Maß- stab nicht allein über erneuerbare Energien und Energieeinsparung zu erreichen sein, sondern auch auf innovative Kohletechnologien setzen müssen. Dazu sind weitere Forschungs- und Entwicklungsan- strengungen nötig. In besonderem Maße gilt dies für Techniken, mit denen CO2 abge- trennt werden kann (CCS – Carbon Capture and Storage = CO2 -Abtren- nung und -speicherung) aber auch für weitere Wirkungsgradverbes- serung – die vielversprechendsten Methoden zur Emissionsbegren- zung. Dabei muss CCS noch in Pilotanlagen getestet und techno- logisch weiterentwickelt werden. Zudem muss für diese Technologie noch die Akzeptanz der Bevölke- rung erreicht werden. Der Einsatz von CCS ist aber nicht nur beim Einsatz in Kraftwerken eine erfolg- versprechende Maßnahme. Auch in Kohleverflüssigungsanlagen oder kombiniert bei einer untertä- gigen Kohlevergasung sind CCS- Technologien eine Möglichkeit, die CO2 -Emissionen zu verringern. Entsprechende Forschungen hierzu finden bereits statt. Eine weitere Klimaschutzmaßnahme ist die bewährte und zunehmende Absau- gung und Nutzung von Grubengas. Die globalen konjunkturellen Ent- wicklungen der vergangenen Mo- nate überlagern die seit längerem vorhandenen Megatrends, wie der global steigende Energie- und Roh- stoffbedarf. Die Weltbevölkerung wächst weiter – vorwiegend in den Entwicklungs- und Schwellenlän- dern – und somit steigt dort der Energiebedarf überproportional. Die Rezession der vergangenen Monate hat auf den Energie- und Rohstoffmärkten zwar zu Nachfra- gerückgängen und Preiseinbrüchen geführt. Nachfrage und Preise sind hier aber trotz der Krise auf einem höheren Niveau als noch vor wenigen Jahren. Sie werden aller Voraussicht nach im nächsten Aufschwung wieder anziehen. Speziell China weist weiterhin ein hohes Wachstum auf und zeigt sich in der Baisse vorausschauend als Hauptakteur im Kampf um die Rohstoffe. Der weltweite Energiemix wandelt sich nur allmählich. 2030 werden noch gut 80% des Energiebe- darfs von fossilen Energieträgern gedeckt werden, so z. B eine IEA-Prognose. Selbst bei stärkerer Nutzung der regenerativen Ener- gien würde dieser Anteil dann noch um die 70% betragen. Die Sicherheit der Versorgung mit Ener- gierohstoffen wird angesichts des Wachstums insbesondere in China und Indien mit zunehmenden öko- nomischen wie auch geopolitischen Risiken behaftet sein. Bestehen- de oder neu gebildete Allianzen Rohstoff produzierender Länder (OPEC, bzw. GECF – Gas Exporting Countries Forum) zeigen bereits auf, wie hoch die Machtballung in diesem Bereich ist. Die Abhängigkeiten auf dem Ener- gie- und Rohstoffsektor sind für ei- nen Industriestandort wie Deutsch- land von herausragender Bedeu- tung. Heimische Rohstoffe, so auch die Steinkohle, haben deswegen einen besonderen Stellenwert. Es gilt dabei, das Zieldreieck der Ener- giepolitik – Wirt­schaftlichkeit, Ver- sorgungssicherheit und Umwelt- verträglichkeit – zu beachten, ohne dass die drei Ziele aus der Balance geraten. Wie diese Balance er- reicht wird, hängt maßgeblich von den Entscheidungen der Politik ab. Ein energiepolitisches Gesamtkon- zept, das allen drei zentralen Zielen gleichgewichtig Rechnung trägt, liegt seit Jahren nicht vor. Ver- suche gab es immer wieder. Anfang 2009 hat eine Projektgruppe Ener- giepolitisches Programm (PEPP)
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    7 Globalisierung braucht Sicherheit desBundeswirtschaftsministeri- ums neue energiepolitische Hand- lungsleitlinien vorgeschlagen. Auch das Bundesumwelt­ministerium widmete sich dem Thema mit einer „Roadmap Energiepolitik 2020“, die mit eigenen Akzenten die Ver- einbarkeit bisheriger energiepoli- tischer Weichenstellungen auch in mittel- und langfristiger Hinsicht darzustellen versucht. Auf europäischer Ebene wurden die drei zentra- len Ziele der Ener- giepolitik ebenfalls verstärkt themati- siert, wenngleich mit dem EU- „Klimapaket“ eher einseitige Akzente ge- setzt worden sind. Die Ener- gieversorgungs­ sicherheit wird bislang nicht mit gleichem Gewicht in den Abwägungs- prozess einbezogen. Der noch nicht verab- schiedete Vertrag von Lissabon verlangt definitiv ihre Gewährleistung. Die Be- deutung dieser Fragen gerade aus europäischer Sicht hat der Gaskon- flikt Russland/Ukraine im Januar 2009 drastisch unterstrichen. In Deutschland ist der Energie- trägermix breit angelegt. Doch er beginnt sich durch die gegen- wärtigen klima- und energiepo- Deutschland bei Mineralöl und Erdgas vollständig von Importen abhängig sein. Wenn es keine Revision der Auslaufentscheidung für den heimischen Steinkohlen- bergbau gibt, gilt das auch für die Steinkohle. Das RWI hat dafür einen Indikator entwickelt: Dem- nach hat sich das Gesamtrisiko der deutschen Primärenergieversor- gung seit 1980 mehr als verdoppelt und wird sich bis 2020 mehr als verdreifachen. Was kann gegen die zunehmenden Bezugsrisiken auf den Rohstoff- und Ener- giemärkten unter- nommen werden? Der Ausbau der erneuerbaren Energien allein wird nicht reichen. Der vorliegende Bericht zeigt einige wichtige Aspekte und Ansatzpunkte zur Beantwortung dieser Frage auf. Auch energiepolitisch lautet die Schlussfolge- rung: Globalisierung braucht Sicherheit. In einem Gastbeitrag geht Dr. Frank Umbach, Senior Associate für in- ternationale Energiesicherheit am Centre for European Security Stra- tegies (CESS), München-Berlin, auf „die strategischen Risiken der globalen Energiesicherheit“ ein. litischen Maßnahmen deutlich zu verschieben. Im Strombereich haben erneuerbare Energien und Erdgas in den letzten Jahren ihren Anteil verdoppeln können, während Kohle und Kernenergie ihren Anteil verringerten. Diese Tendenz dürfte sich fortsetzen. Fest steht auch: Die hohe und ten- denziell zunehmende Abhängigkeit von Energieimporten aus Ländern mit teils hohen Risikokennziffern (nach HERMES oder OECD) hat das Energieversorgungsrisiko hierzu- lande steigen lassen und wird es weiter erhöhen. Nach 2020 wird
  • 11.
  • 12.
    10 Die globale Finanz-und Wirt- schaftskrise machte auch vor der deutschen Wirtschaft nicht Halt. Waren im Herbst 2008 erst nur die Finanzmärkte betroffen, zog die Krise anschließend nahezu alle Wirtschaftsbereiche in ihren Sog. So auch die deutsche Steinkohle. Das den deutschen Steinkohlen- bergbau tragende Unternehmen RAG Aktiengesellschaft erlebte infolge der Rezession zu Jahres- beginn 2009 temporäre Störungen beim Kohleabsatz, die voraussicht- lich bis zum Jahresende wieder ausgeglichen werden. Das Jahr 2009 stand zunächst ganz im Zeichen der Umsetzung der Bergbauplanung, die der Vorstand und Aufsichtsrat der RAG im Som- mer 2008 beschlossen hatten. Mit dem Steinkohlefinanzierungsgesetz vom Dezember 2007 und dem damit verknüpften Vertragswerk waren hierfür die entsprechenden Rah- menbedingungen geschaffen. Da- mit ist der weitere Anpassungskurs vorgegeben. Gemäß § 1 Abs. 1 des Steinkohlefinanzierungsgesetzes wird „die subventionierte Förde- rung der Steinkohle in Deutschland zum Ende des Jahres 2018 been- det“. Zugleich gibt es in § 1 Abs. 2 ein Überprüfungsgebot: Auf der Grundlage eines spätestens bis zum 30. Juni 2012 vorzulegenden Berichts der Bundesregierung prüft danach der Deutsche Bundestag „unter Beachtung der Gesichts- punkte der Wirtschaftlichkeit, der Sicherung der Energieversorgung und der übrigen energiepolitischen Ziele, ob der Steinkohlenberg- bau weiter gefördert wird“. Der Bundestag kann somit aus ener- giepolitischen Gründen auch die Weiterführung eines tragfähigen Steinkohlenbergbaus beschließen. Die RAG ist für beide Fälle gerüs- tet. Garant dafür ist das für den Personalabbau politisch zugesagte Prinzip der Sozialverträglichkeit. Die Umsetzung dieses Anpassungs- prozesses hat für den Steinkohlen- bergbau höchste Priorität. Seit 2008 vereint die „neue“ RAG Aktiengesellschaft mit Sitz in Herne unter ihrem Dach u. a. die RAG Deutsche Steinkohle AG, die RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH als reine Bergbaubetriebsgesell- schaften sowie die RAG BILDUNG GmbH und die RAG Montan Immo- bilien GmbH. Mitte April 2009 kam als weitere Gesellschaft die RAG Mining Solutions GmbH hinzu. Ihre Aufgabe ist die internationale Vermarktung gebrauchter und er- probter Bergbauausrüstungen und des im Unternehmen vorhandenen Know-hows zur Förderung von Steinkohle. Im Berichtszeitraum wurde zum 1. Januar 2009 das Bergwerk Lippe in Gelsenkirchen stillgelegt. Die Stilllegung des Bergwerks Ost in Hamm ist zum 30. September 2010 festgelegt. Das letzte Bergwerk im Saarrevier, das Bergwerk Saar mit dem Förderstandort Ensdorf, stellt zum 1. Juli 2012 seine För- derung ein. Darüber hinaus sieht die Bergbauplanung das Ende des Bergwerks West in Kamp-Lintfort zum Jahreswechsel 2012/2013 vor, auch wenn es dazu noch keinen Gremienbeschluss gibt. So wird sich die heimische Steinkohlenför- derung ab 2013 voraussichtlich auf nur noch drei Bergwerke in Nord- rhein-Westfalen konzentrieren: Prosper-Haniel in Bottrop, Auguste Victoria in Marl und Ibbenbüren an der Grenze zu Niedersachsen. Mit der Zahl der Bergwerke wird bis 2012 auch die Förderung von 17 Mio. t im Jahr 2008 auf unter 12 Mio. t/a zurückgehen. Zugleich wird sich die Mitarbeiterzahl auf etwa 15.000 verringern. Gerade die Belegschaftsanpassung stellt den Steinkohlenbergbau vor große Her- ausforderungen. Dies setzt weiter- hin die Nutzung aller verfügbaren personal- und sozialpolitischen Anpassungsinstrumente voraus. Darüber hinaus sind begleitende tarifvertragliche Regelungen getroffen worden, um die Ziele erreichen zu können. Für die Personalanpassung gibt es ein vielfältiges Instrumentarium. Eine wesentliche Rolle spielt dabei auch in Zukunft das seit 1972 be- stehende Anpassungsgeld (APG) für Arbeitnehmer im Steinkohlen- Besondere Herausforderungen für den Personalabbau
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    11 Bergwerke zur Still- legungvorgesehen 1 West 2 Prosper-Haniel 3 Auguste Victoria 4 Ost 5 Saar 6 Ibbenbüren Bergwerke Stand: Oktober 2009 6 Osnabrück Ibbenbüren Saar Saarbrücken Saarrevier Saarlouis 1 Kamp- Lintfort Dinslaken Duisburg Lippe Bottrop 2 Herne Bochum Essen Dortmund Hamm Ruhr Ruhrrevier Reckling- hausen Marl 3 4 Gelsen- kirchen Steinkohlenbergwerke in Deutschland 5 20-4_2009 23.09.2009 Rhein Deutsche Steinkohle bergbau. Danach können die Mitar- beiter bei Erfüllung bestimmter Vor- aussetzungen – etwa Überschreiten einer festgelegten Altersgrenze und Betriebszugehörigkeitsdauer – vorzeitig in den Vorruhestand wechseln. 2008 konnten damit 1.840 Mitarbeiter aus dem aktiven Arbeitsleben ausscheiden. Allerdings können für z. Zt. noch rund 2.100 jüngere Mitarbeiter diese Regelungen nicht angewandt werden. Sie sollen bis 2012 das Unternehmen verlassen und eine andere Beschäftigung außerhalb des Bergbaubereichs finden. Auf diese Problematik hat die deut- sche Steinkohle mit einem breit gefächerten personalpolitischen Instrumentarium reagiert. Es unter- stützt in unterschiedlichster Form eine Integration der betroffenen Mitarbeiter in den allgemeinen
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    12 30,4 7* 17,7 130,3 71,0 27 0 150 50 100 Steinkohlenförderung in Mio. tSKE Bergwerke Anzahl Belegschaft in Tausend 1990 * 2009: 6 1995 20082000 2005 23-1_2009 17.09.2009 Arbeitsmarkt. Hervorzuheben ist die Einarbeitungsqualifizierung: Sie ermöglicht es, in einer mehrmona- tigen „Kennenlernphase“ Arbeits- plätze außerhalb des Bergbaus zu erproben. Des Weiteren können sich Mitarbeiter in bis zu dreijäh- rigen Umschulungsmaßnahmen für zukunftsträchtige Berufsfelder außerhalb des Bergbaus qualifi- zieren. Darüber hinaus behalten auch weitere, in den vergangenen Jahren erfolgreich erprobte unter- nehmensinterne Programme ihre Gültigkeit. Sie geben jüngeren Mitarbeitern alternative beruf- liche Perspektiven innerhalb und außerhalb des RAG-Konzerns und bieten ihnen Anreize zur Förderung der Flexibilität. Ein geordneter Stilllegungsprozess des deutschen Steinkohlenberg- baus bei gleichzeitiger Aufrecht- erhaltung einer mit Blick auf die Revisionsklausel funktionsfähigen Unternehmensstruktur: Mit diesem Ziel schlossen die Tarifparteien des Steinkohlenbergbaus – GVSt und IG BCE – im Juni 2009 den „Tarifvertrag zur sozialverträglichen Flexibilisierung des rheinisch- westfälischen und des Ibbenbü- rener Steinkohlenbergbaus“. Er trat zum 1. Juli 2009 in Kraft und kann frühestens zum 31. Dezember 2012 gekündigt werden. Damit sollen die Interessen aller an dem Prozess Be- teiligten zu einem angemessenen Ausgleich gebracht werden. So tragen seine Regelungen einerseits den Interessen der Mitarbeiter an einem höchstmöglichen Bestands- schutz ihrer Arbeitsverhältnisse Rechnung. Andererseits fordern sie im Gegenzug von den Arbeit- nehmern aber ein sehr hohes Maß an Flexibilität – sowohl hinsichtlich Art und Ort ihrer Arbeitstätigkeit als auch der Bereitschaft zur Teil- nahme an erforderlichen Qualifizie- rungen. Mit diesen und ähnlichen Instru- menten ist es in den vergangenen 40 Jahren seit Gründung der Ruhr- kohle AG gelungen, die Anzahl der Mitarbeiter von damals 280.000 auf rund 30.000 (Stand Ende 2008) – also um über 90 % – sozialver- träglich, d. h. ohne betriebsbe- dingte Kündigungen zu reduzieren. Um das personalpolitische Ziel einer sozialverträglichen Anpas- sung der Belegschaft bis 2012 zu realisieren, wird es nötig sein, alle genannten Instrumente weiterhin anzuwenden. Erschwert werden die Bemühungen, den Personalabbau zu bewältigen, derzeit allerdings durch die Entwicklungen auf dem Arbeitsmarkt. Viele Betriebe leiden unter dem durch die Wirtschafts- krise ausgelösten Konjunkturein- bruch und nehmen derzeit keine Neueinstellungen vor. Es ist nicht auszuschließen, dass sich die Ar- beitsmarktlage in Deutschland und so auch in den Bergbauregionen noch spürbar verschärfen wird. Auch der GVSt hat Anpassungen vorgenommen und seine Strukturen verändert. Bei seiner Gründung im Jahr 1968 vereinte er noch die Interessen von fünf Unternehmens- verbänden des deutschen Steinkoh- lenbergbaus unter seinem Dach. Heute ist er die einzige Interessen- vertretung der Branche. Nachdem der GVSt bereits die Aufgaben des Unternehmensverbandes Stein- kohle (UVSt) übernommen hatte, wurde 2009 der traditionsreiche Verein für die bergbaulichen Inte- ressen (VbI), der im letzten Jahr sein 150-jähriges Jubiläum gefeiert hatte, auf den GVSt verschmolzen. Außerdem wurde der Gesamtver- band Steinkohle in das Vereinsregi- ster eingetragen. Die Belegschaft wird parallel zur Anpassung im Steinkohlenbergbau verkleinert. Im Zuge der Anpassung wird der Verband seinen Sitz zum 1. Januar 2010 nach Herne verlegen – an den Standort seines wichtigsten Mitglieds, der RAG Aktiengesell- schaft. Trotz der Notwendigkeit, die Perso- nalzahlen an die geringer werdende Förderung anzupassen, gehört der deutsche Steinkohlenbergbau noch immer zu den großen Ausbildern in Nordrhein-Westfalen und dem Saarland. Er kommt so seiner sozia- len und regionalen Verpflichtung Anpassung im deutschen Steinkohlen- bergbau
  • 15.
    13 Fachrichtungen der Auszubildendenim Steinkohlenbergbau 2008 neu_01-1_2009 23.09.09 4% Elektro- technik Bergtechnik Maschinen- technik Sonstige 40% Auszubildende 2008 insgesamt 1.797 6% 50% Deutsche Steinkohle nach. Auch im Jahr 2009 haben wieder rund 300 junge Menschen ihre Ausbildung bei der RAG begonnen. Damit beschäftigt das Unternehmen zu Beginn des Aus- bildungsjahres 2009/10 insgesamt ca. 1.340 Auszubildende, wobei die Schwerpunkte in den Bereichen Industriemechaniker, Elektroniker Aufgaben des Gesamtverbands Steinkohle e. V. Der Gesamtverband Steinkohle e. V. (GVSt) wurde am 11. Dezember 1968 als Gesamtverband des deutschen Steinkohlenbergbaus ge- gründet. Heute vertritt und fördert er die allgemeinen Belange seiner Mitglieder aus Steinkohlenbergbau und verwandten Branchen, insbe- sondere auf wirt­schaftspolitischem und sozialpolitischem Gebiet, und fungiert als Arbeitgebervereinigung und Tarifpartei für seine ordent- lichen Mitglieder. Wie andere Branchenverbände auch beteiligt er sich direkt und indirekt über Dachverbände an der politischen Willens- und Entscheidungsbil- dung in Deutschland. So ist der GVSt über die Vereinigung Rohstoffe und Bergbau e. V. (VRB) mittelbar im Bundesverband der Deutschen Industrie e. V. (BDI) vertreten. Als Arbeitgeberverband des deutschen Steinkoh­lenbergbaus ist der GVSt Mitglied der Bundesvereinigung der Deutschen Arbeitgeberverbände (BDA) sowie der Landesvereinigung der Arbeitgeberverbände NRW und ist in allen wichtigen Gremien der Sozialversicherungsträger vertreten. Der Verband pflegt als Interessen­ vertretung der Branche Kontakte zu den für den Steinkohlenbergbau maßgeblichen Instanzen in Politik, Ministerien, Behörden sowie zu Universitäten, Forschungseinrichtungen, Kirchen und der Öffentlichkeit. Gerade der Montanbereich steht – und stand seit 1950 – unter einem besonderen europäischen Fokus. So ist der GVSt auch Gründungsmit- glied des Dachverbands des europäischen Kohleberg­baus EURACOAL, dem mittlerweile 28 Verbände und Unternehmen aus fast allen Kohle- ländern Europas angehören. Er vertritt über sein Brüsseler Büro auch spezifische Belange der deutschen Steinkohle, so vor allem in der euro- päischen Umweltpolitik. Darüber hinaus wirkt er in weiteren internatio- nalen Organisationen wie dem World Coal Institute (WCI) mit. Gemeinsam mit dem Deutschen Braunkohlen-Industrie-Verein e. V. (DEBRIV) betreibt der GVSt den Statistik der Kohlenwirtschaft e. V. Dieser Verein hat die Aufgabe, für die Kohleunternehmen die behördlich angeforderten Statistiken zu erstellen und im Rahmen dieses Zweckes Behörden und öffentliche Institutionen zu beraten. für Betriebstechnik, Mechatroniker sowie im kaufmännischen Bereich liegen. Mit der personellen Anpassung eng verbunden ist die Notwendigkeit der Know-how-Sicherung. Mit je- dem Mitarbeiter, der das Unterneh- men verlässt, drohen auch dessen Fachwissen und Erfahrung verloren zu gehen. Um diesem Problem wirk- sam begegnen zu können, bedarf es zunächst eines Überblicks über alle unternehmensweit vorhan- denen Qualifikationen. Hierfür hat die RAG das Know-how-Siche- rungssystem (KHS) eingeführt, das die Qualifikationen und Kompe- tenzen aller Mitarbeiter umfassend abbildet. Dadurch wird es möglich, für die auftretenden Qualifika- tionslücken den bestmöglichen Know-how-Träger zu identifizieren. Er kann dann entsprechend dem Bedarf im Unternehmen eingesetzt oder qualifiziert werden. Fachrichtungen der Auszu- bildenden im Steinkohlen- bergbau
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    14 Für den sozialverträglichenAn- passungsprozess des deutschen Steinkohlenbergbaus und die Um- setzung der steinkohlepolitischen Beschlüsse muss auch weiterhin die EU-rechtliche Genehmigung der ge- währten Kohlehilfen möglich sein. Rechtsgrundlage dafür ist bis zum Jahr 2010 die geltende EU-Ratsver- ordnung 1407/2002 über staatliche Beihilfen für den Steinkohlenberg- bau. Für die Zeit ab 2011 ist eine neue EU-Regelung der Kohlebeihil- fen nötig. Andernfalls würden die allgemeinen Bestimmungen des EU-Vertrags Anwendung finden, die allerdings für die Zwecke des deutschen Steinkohlenbergbaus nicht ausreichen. Auf europäischer Ebene ist 2009 ein Konsultationsverfahren zum Auslaufen der Gemeinschaftsre- gelungen der Steinkohlebeihilfen eingeleitet worden. Es hat eine Reihe von kohlepolitischen und beihilferechtlichen Grundsatzfragen aufgeworfen. In diesem Zusam- menhang haben der GVSt und die RAG der Europäischen Kommission eine gemeinsame Stellungnahme vorgelegt. Darin betonen sie, dass ein we- sentlicher Aspekt des Steinkohle- finanzierungsgesetzes die Sozial- verträglichkeit bei der Rückführung der Förderung ist. Ein Auslaufen der Subventionen zu einem früheren Konsultationsverfahren für die Verlängerung der EU-Ratsverordnung zur Genehmigung von Steinkohlebeihilfen Zeitpunkt wäre angesichts der Altersstruktur der Belegschaft und der gerade in den Bergbauregionen schwierigen Arbeitsmarktsituation sozialverträglich unmöglich. Darauf weist auch der von der deutschen Bundesregierung in diesem Zusam- menhang bei der EU-Kommission notifizierte Umstrukturierungsplan bis 2018 hin. Seine Genehmigung steht noch aus und ist in enger Ver- bindung zu sehen mit den Konsulta- tionen in Zusammenhang mit dem Auslaufen der EU-Ratsverordnung 1407/2002. Wettbewerb durch Beihilfen nicht beeinträchtigt Auch aus Sicht der EU-Kommission haben die Steinkohlebeihilfen bis- her nie zu Beeinträchtigungen des Wettbewerbs auf den wichtigsten Kohleabsatzmärkten geführt. Spe- ziell in Deutschland hat sich gerade durch die stark rückläufige Stein- kohlenförderung ein großer Raum für Steinkohlenimporte eröffnet. Insofern ist der Umstrukturierungs­ plan mit dem Gemeinschaftsrecht vereinbar. Die Kommission hat sich dieser Einschätzung nicht anschlie- ßen können. In ihrer Stellungnahme weist die deutsche Steinkohle des Weiteren darauf hin, dass der Steinkohlen- bergbau in den Ländern der EU größtenteils unter geologisch schwierigen Bedingungen statt- findet. Dies verhindert, dass sich seine Produktionskosten so weit verringern lassen, dass sie das Niveau von Importkohle aus Dritt- ländern erreichen. Der Steinkohlen- bergbau insgesamt wäre daher dau- erhaft nicht überlebensfähig, wenn keine Maßnahmen zur Gewährung staatlicher Hilfen getroffen würden. Erst recht ist er auf Beihilfen zur Rücknahme der Fördertätigkeit angewiesen, die unter Wahrung des Prinzips der Sozialverträglichkeit durchgeführt werden sollen, wie es im deutschen Steinkohlenbergbau der Fall ist. Heimische Steinkohle be- deutet Energieversorgungs- sicherheit Die Europäische Kommission be- gründete die bestehende Verord- nung bisher auch immer mit dem Beitrag der Steinkohlenförderung für die Energieversorgungssicher- heit. Denn eine völlige Abhängigkeit von Importkohle aus Drittländern könnte nach Auffassung der Kommission die Risiken und Un- wägbarkeiten bei der langfristigen Sicherheit der Energieversorgung der EU vergrößern. Gerade in einer immer stärker globalisierten Welt mit zunehmender Konkurrenz um die vorhandenen Ressourcen stellt die Versorgungssicherheit durch Zugang zu heimischen Steinkohlen- vorkommen ein hohes Gut dar.
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    15 Deutsche Steinkohle Es istnämlich durchaus nicht sicher, dass Kohle immer in ausreichendem Maße in der gewünschten Qua- lität zu einem akzeptablen Preis auf dem Weltmarkt zur Verfügung steht. Einer Analyse vom Frühjahr 2008 zufolge wird bereits im Jahr 2011 wieder damit zu rechnen sein, dass Angebot und Nach­frage auf dem Weltkraftwerkskohlenmarkt die Kapazitätsgrenzen erreichen. Ab 2012 müssten sogar Engpässe erwartet werden („Development and Perspectives on Supply and Demand in the Global Hard Coal Market“, Maggi Rademacher in: Zeitschrift für Energiewirtschaft 2/2008, S. 67ff.). Durch die danach eingetretene globale Wirtschafts- krise ist eine zeitliche Verschiebung dieser Tendenz zu erwarten. Am Ergebnis der Analyse ändert dies im Grundsatz aber wenig. Ähnliche Einschätzungen hat die im Jahr 2007 veröffentlichte Studie „The Future of Coal“ des Energie- Instituts des Joint Research Center der EU-Kommission vertreten. Nach dieser Studie ist es nicht sicher, dass die zur Deckung der mittel- und langfristigen Koh­lenachfrage erforderliche Steigerung des globalen Angebots erfolgen wird. Die Lieferper­spektiven für Kohle auf dem Weltmarkt wären auf Dauer keineswegs so sicher wie häufig angenommen. Der Grund dafür ist die re­lativ rasche Abnah- me der wirtschaftlich gewinnbaren Reserven sowie die sehr hohe Länder- und die steigende Unter- nehmenskonzentration. In jedem Fall würden die Weltmarktpreise erheblich stei­gen; ein Szenario, das 2008 – zunächst vorübergehend – auch eingetreten ist. Auf Grund der Studie erscheint eine umfassendere und effizientere Nutzung der heimi- schen Steinkohlenre­serven der EU sinnvoll. Dies würde nicht nur die Importabhängigkeit reduzieren, son- dern auch zusätzliche vorteilhafte Synergien wie z. B. eine Sicherung der Beschäftigung in Bergbau und Zulieferindustrie ermöglichen. Die Sicherung der Beschäftigung hat in Folge der Krise europaweit nach Auffassung der EU-Kommission höchste Priorität erlangt. Auch wenn durch die Weltwirt- schaftskrise ein anderes zeitliches Szenario eintreten wird, so ist eine Verknappung offenbar nur eine Frage der Zeit. Be­reits vor Erreichen der Vollauslastung der Kapazitäten in der gesamten Kohlekette werden die Preise deutlich anstei­gen, wie die Erfahrung im vergangenen Jahr zeigte. Eine Umstellung der bestehenden Kohlekraftwerke auf Weltmarktkoh- le wäre im Übrigen nicht in je­dem Fall möglich – und wenn, dann auch nur nach mehr oder weniger um- fangreichem Umbau der Kraftwerke bzw. Umstellung der Transportinfra­ struktur. Vor dem Hintergrund der öffentlichen Diskussion über den Neubau von Kohlekraftwerken sind daher zusätzliche Veränderungen im Kraftwerkspark zu Las­ten eines ausgewogenen Energiemix in der Stromerzeugung absehbar(s. a. Kapitel Herausforderungen für die europäische und deutsche Energie- politik). Unter Umweltgesichtspunkten ist die Frage der Beihilfen für die Steinkohlengewinnung im Übrigen getrennt zu betrachten von den Auswirkungen der Steinkohlen- nutzung. Letztere treten beim Einsatz von Importkohle genauso ein. Die Probleme gelten unabhän- gig von der Herkunft der Kohlen. Dies gilt insbesondere für die Verringerung der CO2 -Emissionen aus Kohlekraftwerken. Denn die Umwelt- und Klimafreundlichkeit der Kohlekraftwerke hängt ab von den jeweiligen Emissions­standards im Kraftwerkssektor und der Höhe der Wirkungsgrade, künftig auch von der Entwick­lung und Durchset- zung der nahezu CO2 -freien CCS- Technologien. Umgekehrt würde die Einstellung der Steinkohlenförderung in den Mitgliedstaaten der EU bedeuten, dass die Produktion auch für den europäischen Markt verstärkt in dritte Länder verlagert wird, in denen in der Regel erheblich gerin- gere Umweltstandards als in der EU herrschen. Hinzu kämen unter Klimagesichtspunkten u. a. auch die Emissionen durch den zusätzli­chen internationalen Kohletransport. Die globale „Ökobilanz“ der Stein- kohlenproduktion insgesamt würde dadurch keineswegs verbessert, sondern in aller Regel verschlech- tert. Eine Mindestproduktion subventionierter heimischer Stein- kohle dagegen hätte klare Vorteile. Sie würde – wie schon die bisher geltende EU-Regelung feststellt – die An­reize und Chancen in den Mitgliedstaaten erhöhen. Auch die
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    16 Führungsposition der europäischen Technologiewürde gesichert wer- den, in der eine umweltschonende Förderung der Kohle, deren sau- bere Verbrennung und zugleich ein Transfer dieser Technologie zu den großen Kohle produzierenden Re­ gionen außerhalb der EU ermöglicht würde. Zugang zur Lagerstätte sichern Eine Fortsetzung der Steinkohlen- förderung sichert auch den Zugang zur Lagerstätte. Die technisch gewinnbaren Vorräte in den deut- schen Steinkohlenlagerstätten sind die bei weitem größten Energie- vorräte innerhalb der EU. Bezogen auf Deutschland haben sie einen Anteil von 63% an den heimischen Energievorräten. Die heimische Steinkohle liefert – bei einem Anteil von rund 4% am Primärenergieverbrauch und etwa einem Drittel bei der Stromerzeu- gung aus Steinkohle – nicht nur im Hinblick auf den Zugang zu den Vorkommen nach wie vor einen bedeutsamen Beitrag zur Energie- versorgung in Deutschland. Sie könnte dies vor dem Hintergrund der vorhandenen Vorkommen auch noch für mehrere Jahrhunderte leisten. Anders als noch vor 25 Jahren dominiert heute mit einem Anteil von rund 77% der Absatz an die Stromwirtschaft. Der Anteil, der 2008 in die Stahlindustrie ging, be- trug 21%. Kleinere Mengen werden daneben – subventionsfrei – in den Wärmemarkt geliefert (Anthrazit- kohlen). Dem infolge der einsetzenden Rezession bereits 2008 nahezu stagnierenden Stromverbrauch folgte 2009 auch ein monatelanger Abwärtstrend bei der Stromerzeu- gung – begründet im geringeren industriellen Verbrauch. So hat es beispielsweise bei der Rohstahl- produktion in Deutschland seit dem Jahresbeginn massive Einbrüche um bis zu 42% gegeben. Sowohl beim Absatz von Kraftwerkskohle als auch von Kokskohle und Koks ist es im ersten Halbjahr konjunkturell bedingt zu erheblichen Rückgängen gekommen. Die letzte unter dem Dach der RAG verbliebene Kokerei Prosper musste nach Jahren der Vollauslastung ihre Kapazitätsaus- lastung zeitweise auf die tech- nische Untergrenze zurücknehmen, genauso wie alle übrigen sich im Besitz der Stahlproduzenten befin- denden Kokereien in Deutschland auch. Seit dem Sommer 2009 gibt es allerdings wieder deutliche Signale dafür, dass die konjunkturelle Tal- sohle durchschritten ist (Stand September 2009). Öffentliche Hilfen Für das Jahr 2008 waren für den deutschen Steinkohlenbergbau gemäß Haushaltsplan 2,378 Mrd.€ an öffentlichen Hilfen für die laufende Förderung, Altlasten und Stilllegungsmaßnahmen bereit- gestellt worden. Davon entfielen 1,862 Mrd.€ auf den Bundes- und 0,516 Mrd.€ auf den nordrhein- 53,8 Braunkohle Steinkohle Erdgas Mineralöl * u. a. Grubengas, Geothermie 36-2_2009 05.10.09 4,5 6,1 16,8 17,7 2008 insgesamt: 130,7 Mio. t SKE 18,4 5,0 Erneuerbare Energien (27 %): - Sonstige Erneuerbare* (2,4 Mio. t SKE) - Solarenergie (1,0 Mio. t SKE) - Wasserkraft (2,5 Mio. t SKE) - Windkraft - Biosprit - Biomasse Übrige Energie- träger (2 % = 2,5 Mio. t SKE) Fossile Energieträger (71 %): Primärenergiegewinnung in Deutschland in Mio. t SKE
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    17 0 20 40 60 80 100 120 140 160 180 Entwicklung der Subventionenin Deutschland Index (1996 = 100) 1996 97 99 2000 01 Quelle: IfW, Bundes- und Länderhaushalte * 2006/07: verringerter Abbau wegen Umstellung der Auszahlungsmodalitäten und Nachzahlung vorher verschobener Auszahlungen („Bugwelle“) ** 2008: Kohlehilfen nach erlösabhängiger Kürzung 02 03 17-2_2009 08.10.2009 Subventions- abbau Subventions- zunahmeMrd. € branchenübergreifende Subventionen Steinkohle-Subventionen sektorspezifische Subventionen 98 04 2005 06 07* 08** 5,3 21,5 1,8 -66% 73,3 +6% 29,7 +38% 69,1 Mrd. €Mrd. € 0 1 2 3 4 5 6 16-2_2009 09.10.09 Mrd. € Öffentliche Hilfen für die deutsche Steinkohle Ohne RAG-Eigenanteil; * erlösabhängige Kürzung Bis 2008: gemäß Zusagen aus den kohlepolitischen Vereinbarungen 2003 (ohne Berücksichtigung der zeitlichen Zahlungsverschiebungen); ab 2009 Planansätze gemäß Rahmenvereinbarung 2007; 2018 unter Vorbehalt der Revision in 2012; ab 2019: keine Absatzhilfen 2,4 0,6* 1,8 2,2 2008 2009 1,8 1,1 2012 5,3 1996 2000 4,3 20302018 0 Planansätze (vor erlösabhängiger Kürzung) Deutsche Steinkohle westfälischen Landeshaushalt. Das Saarland beteiligt sich an diesen Kohlehilfen nicht. Auf Grund der auf dem Importkohlenmarkt zu verzeichnenden Preissteigerungen reduzierte sich der Bedarf jedoch, sodass Anfang 2009 ein um fast 600 Mio.€ verminderter Betrag ausgezahlt wurde. Wurden die Steinkohlesubventio- nen in den vergangenen Jahren gerade von Ökonomen sehr kritisch beurteilt, so scheint sich mittler- weile hier und da eine Neubewer- tung zu ergeben. Die Wirtschafts- und Finanzkrise und die dadurch ini- tiierten umfangreichen staatlichen Rettungsmaßnahmen verschoben die Relationen im Subventionsge- schehen und im staatlichen Handeln sehr deutlich. So äußerte sich bei- spielsweise Prof. Peter Bofinger, Mitglied des Sachverständigenrats, in seinem Buch „Ist der Markt noch zu retten?“ im Zusammenhang mit der Subventionsdebatte und spezi- ell zu den Subventionsstudien des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW): „Man kann sich bei jeder dieser Positionen streiten, ob dafür öffentliche Mittel eingesetzt werden sollten. Aber es gibt für die meisten dieser Subventionen durchaus eine ökonomische Rechtfertigung. Dies gilt selbst für die Steinkohle, die bei steigenden Energiepreisen durchaus wieder attraktiv werden kann.“ Fiskalische Folgekosten Der Steinkohlenbergbau ist nach wie vor von beträchtlicher Be­ deutung für die Städte und Gemein- den in den Revieren. Ein Anfang 2008 veröffentlichtes Gutachten der Prognos AG zur regional- wirtschaftlichen Bedeutung des Steinkohlenbergbaus im Ruhr­gebiet zeigte Folgendes: Auf einen Berg- bauarbeitsplatz kommen 1,3 wei- tere Arbeitsplätze im wirtschaft-
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    18 Ruhrrevier Saarrevier Ibbenbüren Bergleute in den Revieren Zusätzlich bergbauabhängig Beschäftigte -außerhalb der Reviere - in den Revieren Bundesweit vom Bergbau abhängig Beschäftigte Bergleute in den Revieren 2008 Tausend Beschäftigungseffekte des deutschen Steinkohlenbergbaus nach Regionen 0 20 10 30 40 60 70 50 lichen Umfeld – davon rechnerisch ungefähr ein Arbeitsplatz in der Region selbst. So wird durch den Bergbau nicht nur direkt, sondern auch indirekt Arbeit geschaffen. Es handelt sich hier zum einen um Arbeitsplätze in der Zulieferindu- strie, zum anderen aber auch um solche, die durch die Kauf­kraft der Bergbaubeschäftigten zusätzlich gesichert werden – etwa im Handel oder im Handwerk der Region. In vielen ehemaligen Bergbauregionen und Berg­baurückzugsgebieten ist deshalb die Arbeitslosigkeit typischerweise überdurchschnitt­ lich hoch. Zu berücksichtigen sind auch die fiskalischen Folgekosten. Werden in der Folge von Bergwerksstillle- gungen Steuern und Sozialversiche- rungsbeiträge nicht mehr geleistet, kann das trotz der eingesparten Subventionen per Saldo für viele Jahre sogar zu Nettobelastun­gen der öffentlichen Kassen führen. Erschwert wird somit auch die Finanzierung regionalpoli­tischer Strukturanpassungsmaßnahmen. Zwar hat es in der Vergangenheit vielfältige regionalwirtschaftliche Flankie­rungsmaßnahmen auch durch EU-Programme gegeben (z. B. RECHAR,RESIDER oder Ziel-2-Maß- nahmen); doch sie konzentrierten sich auf das allgemeine Umfeld, nicht aber auf die unmittelbaren Auswir­kungen der Arbeitsplatzver- luste im Steinkohlenbergbau und den von ihm abhängigen Sektoren. Bereits vor dem Beschluss im Jahr 2007, die subventionierte Förderung der Steinkohle in Deutschland zu beenden, wurde die Förderung über Jahre hinweg deutlich, aber immer so­zialverträglich zurückgeführt. Dies hat zumindest bruchartige Ent- wicklungen in den Bergbaurevieren verhindert. Das Auslaufdatum Ende 2018 wurde be­wusst so gewählt, um größere negative soziale und regionale Auswirkungen vermeiden zu können. Zusammenfassend ist über die Ende 2010 auslaufende EU-Ratsverord- nung über Steinkohlebeihilfen daher festzuhalten: Sie hat sich bewährt und zu keinen gravierenden Proble- men geführt, die Anlass zu einer Änderung während der Laufzeit der Verordnung gegeben haben. Dies hat die EU-Kommission in ihrem Monitoring-Bericht zu dieser Verordnung selbst festgestellt. Der deutsche Steinkohlenbergbau hatte sich deshalb schon 2006 in seiner Stellungnahme im Rahmen der Konsul­tation zum Monitoring- Bericht für eine – modifizierte – Fortschreibung dieser Verordnung ausgesprochen. Dies sehen auch etliche andere Kohleländer so. Künftig sollten in jedem Fall alle bisher bestehenden Beihilfein- strumente im EU-Rahmen zulässig bleiben. Fiskalische Folgekosten bei unterschiedlichen Arbeitsplatzersatzraten Arbeits- Fiskalische Fiskalische platzverluste Folgekosten Folgekosten Arbeitsplatz- in 2018 2007 - 2018 2007 - 2018 ersatzrate p. a. NRW NRW Deutschland 0%* - 43.726 1,43 Mrd. € 9,54 Mrd. € 2,25% - 37.390 1,30 Mrd. € 8,57 Mrd. € 4,5%** - 32.963 1,18 Mrd. € 7,71 Mrd. € 9% - 25.054 0,99 Mrd. € 6,25 Mrd. € * Status quo mit Normaltrend ** Referenzfall UK Quelle: Prognos, 2008
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    22 Produktion der deutschen Bergbaumaschi- nenindustrie Quelle: VDMA,2009 32-1_2009 23.09.09 200320022001 20072004 Gesamtproduktion Mio. € 0 500 1.000 2.000 4.000 2005 2.500 3.000 1.500 2006 2008 3.500 Exportanteil 2008: 86% Die geordnete und schrittwei- se Rückführung des deutschen Steinkohlenbergbaus hat nicht nur regionale und soziale Folgen abge- federt, sondern zugleich auch die Anpassungsprozesse der Zulieferin- dustrie. Der gute Ruf der deutschen Bergbautechnik ist nicht zuletzt auf die Herausforderungen zurück- zuführen, die die geologischen und klimatischen Bedingungen an einen Bergbau in Tiefen von bis zu 1.500 m stellen. So beträgt die durchschnittliche Gewinnungsteufe im heimischen Steinkohlenbergbau aktuell rund 1.150 m. Bis zum Jahr 2012 wird sie etwa um weitere 100 m zunehmen. Beispiellos auf der Welt sind darüber hinaus die hierzulande anerkannt hohen Stan- dards für die Arbeitssicherheit, den Arbeits- und Gesundheits- sowie den Umweltschutz. Die inländische Bergbauzulieferindustrie hat hierzu im Ver­bund mit dem heimischen Steinkohlenbergbau entscheidende Innovative deutsche Bergbautechnik ist weltweit führend Innovationen treiben die Technologie- entwicklung voran Produktivitätssteigerungen und Prozessinnovationen sind heut- zutage mitentscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg von Berg- bauunternehmen. Weltweit geht der Trend zu immer leistungsfä- higeren Tiefbaubetrieben: Zum einen, weil die im Tagebau gewinn- baren Vorräte langsam aber sicher zur Neige gehen; zum anderen, weil auch andernorts die Anforderungen an einen umweltschonenderen Umgang mit der Landschaft über Beiträge geleistet und ist auf dem Weltmarkt nicht nur wettbewerbs- fähig, sondern auch an der Spitze der technologischen Entwicklung. Ihr Bei­trag ist in der EU, in Osteuro- pa sowie in Ländern wie China und Indien von großer Bedeutung. Die Entwicklung in Deutschland zeigt inzwischen aber, dass mit Rückführung der Steinkohlenpro­ duktion der Bestand einzelner Bergbauzulieferer gefährdet ist und bereits Insolvenzen einzel­ner Un- ternehmen zur Folge hatte. Zudem dürften einige deutsche Anbieter finanziell kaum in der Lage sein, technische Neuerungen in weit entfernten Bergwerken im Einsatz ­zu testen und zur Marktreife zu führen. Der überwiegende Teil der Berg- bauzulieferbetriebe ist mit seinen Wertschöpfungs- und Beschäfti- gungspotenzialen in den Bergbau- revieren angesiedelt. 80% aller Bergbauzulieferer Deutschlands sind z. B. in Nordrhein-Westfalen ansässig. 115 überwiegend mittel- ständische Unternehmen mit mehr als 13.500 Beschäftigten decken die gesamte Palette der Tief- und Tagebautechnik in allen Bergbau- zweigen ab. Die Branche verzeich- net seit Jahren steigende Umsätze, die den geringer werdenden Anteil des heimischen Markts mehr als kompensieren. Zuletzt betrug der Zuwachs 7% für das Jahr 2008. Die führende Position der deut- schen Bergbaumaschinenindus- trie auf dem Weltmarkt ist laut Fachverband Bergbaumaschinen im Verband Deutscher Maschinen- und Anlagenbau (VDMA) allerdings gefährdet, sollte der Auslauf- beschluss für den deutschen Steinkohlenbergbau tatsächlich umgesetzt werden. Zur Aufrecht- erhaltung des weltweit hohen technologischen Standards der deutschen Bergbautechnik ist nach Ansicht des VDMA ein lebensfähi- ger heimischer Steinkohlenbergbau unverzichtbar: Die erforderlichen Innovationen erfolgen und gelin- gen gerade durch die Erprobung und Weiterentwicklung unter den anspruchsvollen Bedingungen in der heimischen Lagerstätte.
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    23 neu_03-1_2009 23.09.2009 Unfallrückgang imSteinkohlenbergbau (1998 bis 2008) Unfälle (Gesamtzahl je 1 Mio. Arbeitsstunden) Unfälle Gewerbliche Wirtschaft insgesamt Unfälle Steinkohlenbergbau insgesamt* Unfälle unter Tage 0 10 20 30 40 1998 200620022000 2004 2008 * nur unter Bergaufsicht stehende Unternehmensteile Quelle: Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung; RAG 50 Deutsche Steinkohle tegie und zu den Voraussetzungen für eine wirtschaftliche Produktion. Die Arbeit in Steinkohlenberg- werken ist durch die natürlichen Gegebenheiten für die Bergleute in besonderer Weise nicht ohne Gefahren. Dennoch konnten die Unfallzahlen im deutschen Stein- kohlenbergbau seit Anfang der 1990er Jahre um fast 90% gesenkt werden. Sie erreichten zuletzt einen historischen Tiefstwert. Im internationalen Vergleich wie auch im Vergleich zu anderen Branchen in Deutschland nimmt damit der heimische Steinkohlenbergbau einen Spitzenplatz bei der Arbeits- sicherheit ein. Zum Selbstverständnis des deut- schen Steinkohlenbergbaus zählt auch der verantwortungsvolle Umgang mit der Umwelt. Dies zeigt sich insbesondere bei den im Vorfeld aller Abbauvorhaben durchgeführten Umweltverträglich- keitsprüfungen. Diese setzen sich mit den erwarteten Umweltaus- wirkungen auseinander und legen die erforderlichen Ausgleichs- und Ersatzmaßnahmen sowie deren kontinuierliche Überwachung fest. Ausschlaggebend für weitere Produktivitätssteigerungen sind Innovationen in den Bereichen Automatisierung, Kommunikation und Infrastruktur. Diese umfassen Verbesserungen in der Antriebs- und Gewinnungstechnik, Logistik, Instandhaltung, Planung und Organisation. Um dabei weitere Fortschritte zu erzielen, arbeitet die deutsche Steinkohle eng mit Einrichtungen aus Wissenschaft und Forschung zusammen. Zur Förderung der innerbetrieb- lichen Anstrengungen zugunsten Tage steigen. Dort, wo ohnehin bereits Steinkohle unter Tage gewonnen wird, dringt man inzwi- schen ebenfalls in immer größere Teufen vor und lernt zunehmend die damit verbundenen Anforderungen hinsichtlich steigender Gebirgsdrü- cke, höherer wetter- und klima- technischer Anforderungen und ähnlichem kennen. Arbeits-, Gesundheits- und Um- weltschutz besitzen im deutschen Steinkohlenbergbau seit jeher einen hohen Stellenwert. Sie zäh- len zu den wichtigen Grundsätzen innerhalb der Unternehmensstra- Zum 1. August 2009 startete in der Nachfolge des Bergmechanikers der neue Ausbildungsberuf des „Bergbautechnologen“. Mit diesem Berufsfeld trägt die Ausbildungspolitik den veränderten Rahmenbedingungen für den Steinkohlenbergbau sowie dem Strukturwandel der bergbaulichen und bergbaunahen Berufstätigkeiten in Deutschland Rechnung. Berufsanfänger können sich zwischen den Spezialisierungen Tiefbohr- technik und Tiefbautechnik entscheiden. Die Tiefbohrtechnik setzt Schwerpunkte in den Bereichen Geologie sowie der Bohrlochkonstruktion und -kontrolle. Die Tiefbautechnik besitzt ihre Einsatzfelder neben dem Steinkohlenbergbau hierzulande im Kali-, Deponie-, Sanierungs- und neuer- dings auch wieder im Erzbergbau. Ausbildungsschwerpunkte liegen dabei auf Fragen des Grubengebäudes, sowie der Wetter- und Klimatechnik, die für die Tiefbohrtechnik nicht relevant sind. Künftig können auch Frauen in diesem Beruf ausgebildet werden: Der Deut- sche Bundestag hat das Beschäftigungsverbot für Frauen unter Tage am 20. Januar 2009 aufgehoben. Zuvor hatte der Europäische Gerichtshof die EU-Länder verpflichtet, ein Übereinkommen der Internationalen Arbeitsor- ganisation aus dem Jahr 1935 zu kündigen, das jegliche Untertagearbeiten von Frauen verbot, da es gegen eine europäische Richtlinie verstoße. Änderungen im Berufsfeld Bergbautechnologe Unfallrückgang im Steinkohlen- bergbau
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    24 stetiger Innovationen vergibtdie RAG Aktiengesellschaft einen Forschungspreis. Eine zentrale Rolle bei der Vergabe des Forschungspreises spielen die Anstrengungen zur Automatisie- rung der Arbeitsprozesse. Dazu zählt die Entwicklung einer neuen Hobeltechnik: Sie führte in den Betrieben der RAG zu einer deut- lichen Steigerung der Tagesförde- rung bei halbiertem Aufwand für Wartung und Instandhaltung sowie längerer Lebensdauer der Anla- gen. Ferner geht es um ein neues Antriebssystem für Kohleförderer: Es ermöglichte eine deutliche Produktivitätssteigerung und damit verbundene Kostensenkungen. Zum dritten wurde ein vollautomatisier- tes Transportsystem entwickelt. Für die Chancen auf dem Welt- markt ist neben der Weiterent- wicklung dieser Techniken auch das Know-how über das Verhalten des Gebirges und den Umgang mit ihm von unschätzbarem Wert. Für dieses Wissen wurde unter Einsatz modernster IT-Systeme und -Strukturen bei der RAG ein geotechnisches Bewertungssys- tem entwickelt. Es liefert Planern ein transparenteres Bild über die Gesteinsschichten. Zur besseren Gebirgsbeherrschung in Flözstre- cken wurde eine selbstlernende Datenbank aufgebaut. Sie spiegelt die Erfahrungen aus über hundert Jahren Steinkohlenbergbau in Deutschland wider. Diese Daten- bank liefert erstmalig ein umfang- reiches, vernetztes Zahlen- und Formelwerk, das für die Planung und Auffahrung neuer Strecken genutzt wird. Insbesondere das Wissen und die Erfahrungen der letzten 25 Jahre sind dabei weltweit einzigartig. Eine ähnliche Datenbank wurde auch für das Grubenrettungswesen entwickelt. Sie hilft nicht nur, die Sicherheit in deutschen Bergwerken zu erhö- hen und Know-how zu sichern: Deutsche Standards werden damit weltweit bekannt gemacht und weitere Impulse gesetzt. Daneben wurden auch Arbeiten mit dem RAG-Forschungspreis ausge- zeichnet, die nicht direkt mit den Vorgängen unter Tage in Verbin- dung gebracht werden. In einem Fall wurde ein Planungs- und Steu- erungssystem für eine umfassende und effiziente Abwicklung des Flächenrecyclings und vergleich- barer Großprojekte entwickelt. Bei einem weiteren Projekt („MINEO“) handelt es sich um ein Forschungs- vorhaben zur Umweltüberwachung in Bergbaugebieten mit neuen Fernerkundungsmethoden. Den Forschungspreis 2008 verlieh die RAG für ein System, das die computergestützte Übermittlung von Sprache, Bildern und Daten möglich macht. Der Elektriker unter Tage repariert eine hochkompli- zierte Anlage. Visuell und akustisch zugeschaltet wird ein Experte der Herstellerfirma. Ohne Zeitverlust durch Anreise, ohne stundenlan- ge Stillstände im Betrieb, ist der Schaden schnell behoben. In der Komplexität der Untertage-Welt waren viele Voraussetzungen zu schaffen, um diese Technologie Prozessleitwarte der Zukunft
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    25 Die RAG Aktiengesellschaftver- leiht seit 2002 einmal jährlich ei- nen Forschungspreis an Mitarbeiter für außerordentliche Leistungen aus dem Bereich Forschung und Entwicklung. Hierfür bewertet eine Jury unter Vorsitz des RAG- Vorstandsmitglieds Jürgen Eikhoff Ideen und Verbesse- rungen, die dem Unter- nehmen neue Impulse geben und somit Inno- vationen vorantreiben. Die besonders an- spruchsvolle Geologie der Lagerstätte sowie die weltweit führenden deutschen Standards bei Arbeitssicherheit und Umweltschutz er- fordern eine ständige Weiterentwicklung der deutschen Bergbau- technologie, um eine immer höhere Effizienz zu errei- chen. Hinzu kommen die Anstren- gungen, trotz Personalabbau vor- handenes Know-how zu erhalten und weiterzuentwickeln. An der Verleihung des Preises – einem stilisierten Schildausbau aus Kohle und Acrylglas – an die Preisträger nehmen Vertreter aus Politik, Wirtschaft und der Tages- und Fachpresse teil. Die bisherigen Veranstaltungen stoßen auf positive Resonanz. So betonte im Jahre 2003 die damalige Ministerin für Wissenschaft und Forschung des Landes Nordrhein- Westfalen, Hannelore Kraft, dass der Forschungspreis zum einen die strategische Bedeutung der For- schungs- und Entwicklungsarbeit für den deutschen Steinkohlenberg- bau unterstreiche und zum anderen die Innovationskraft nordrhein- westfälischer Forscherinnen und Forscher verdeutliche. Zwei Jahre später unterstrich dies auch Dr. Michael Stückradt, Staatssekre- tär im NRW-Ministerium für Inno- vation, Wissenschaft, Forschung und Technologie. Die deutsche Bergbautechnologie ist weltweit führend. Stückradt: „Der Ga- rant, dass diese stolze Bilanz auch in Zukunft erhalten bleibt, ist Ex- zellenz in Forschung und Entwicklung und deren Umsetzung.“ Auch die Berichterstat- tung der Medien fiel durchweg positiv aus. Hierbei ging neben der Innovationskraft der Mitarbeiter auch die des deutschen Steinkohlenberg- baus im internationalen Zusammen- spiel hervor. Eine Partnerschaft, die bis in den Weltraum reicht, wie der Auftritt von Gastredner und Astronaut Dr. Ulf Merbold bei der Forschungspreisverleihung im Jahr 2004 zeigte. Der Forschungspreis der RAG Aktiengesellschaft Deutsche Steinkohle zu realisieren. Das Projekt wurde von der Europäischen Kommission gefördert. Der Konzentrationsprozess im deutschen Steinkohlenbergbau hat zu einem großen Angebot an gebrauchter, erprobter Bergbau- technik geführt. Was unter den hiesigen schwierigen Bedingungen unter Tage funktioniert, kann oft auch anderswo genutzt werden. Um diesen Markt in Zukunft zu bedienen, hat die RAG als weiteres Unternehmen unter ihrem Konzern- dach in diesem Jahr die Tochter- gesellschaft RAG Mining Solutions gegründet. So wurden bereits mit Bergbaugesellschaften in Polen, Tschechien und der Ukraine Kon-
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    26 Der Forschungspreis 2009 Zurvisuellen Unterstützung wurden auf beiden Walzentragarmen Videokameras und Scheinwer- fer installiert. Die Kameras liefern kontinuierlich Bilder. Zur Vollautomation zählt auch die Möglichkeit der Grenzschichterkennung zwischen Kohle und Nebengestein. Dies erfolgt mit zwei kohlenstoß- seitig installierten Infrarotkameras. Mit der Infra- rottechnik werden Texturen im Flöz erkannt, die mit dem bloßen Auge kaum sichtbar sind. Nach20JahrenEntwicklungsarbeitistesbeiderRAGge- lungen, den sogenannten Schrämwalzenlader – eine Ab- baumaschine – „intelligent“ zu machen. Leistungsfähige Rechner und Kommunikationssysteme sowie modernste Sensorik wie Infrarotkameras, Radar und Schwingungs- messer machen das möglich. Die Maschine erkennt selbstständig Hindernisse und die Grenzen zwischen Kohle und Gestein. Ein effektiver und Material scho- nenderAbbauvonSteinkohleunterTageistdasErgebnis. Das Projekt wurde im Jahr 2009 mit dem Forschungspreis der RAG-Aktiengesellschaft ausgezeichnet. takte und Geschäftsbeziehungen aufgebaut zur Vermarktung des hochmodernen Equipments – für das es zum Teil hierzulande keine Einsatzmöglichkeiten mehr gibt – sowie des vorhandenen Know- hows. Darüber hinaus gibt es zunehmend Anfragen aus China, der Türkei, Russland und Mexiko. Die Beispiele zeigen, dass die Ent- wicklung der Bergbautechnik trotz des gesunkenen Fördervolumens in Deutschland Jahr für Jahr bis heute wesentliche Fortschritte ge- macht hat und immer noch macht. Dies liegt nicht zuletzt daran, dass die Förderung von Kohle aus einer der tiefsten Lagerstätten der Welt technische Höchstleistungen und umfangreiches Know-how erfordert. Messbarer Ausdruck der weltweiten Wertschätzung der Innovationsanstrengungen des deutschen Steinkohlenbergbaus ist das große Interesse, das die Präsentationen von Mitarbeitern der deutschen Steinkohle auf inter- national besetzten Kolloquien und Tagungen finden.
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    Klima und Umwelt Foto: Grubengas-BHKW derStadtwerke Herne am Standort der ehemaligen Schachtanlage Mont Cenis
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    28 Aktuelle Entwicklungen inder nationalen und internationalen Klimapolitik Die nationale und europäische Klimapolitik wurde in der zweiten Jahreshälfte 2008 und 2009 durch die Umsetzung des europäischen Klimaschutzpaketes vom Januar 2008 („Green Package“) geprägt. Zentraler Teil des Green Package ist die Novellierung des europä- ischen Emissionshandelssystems für die Zeit nach 2012, dem Ende der zweiten Handelsperiode und der Verpflichtungsperiode unter dem Kyoto-Protokoll. Kernelement der Novellierung des europäischen Emissionshandelssystems, die im Europäischen Parlament am 17. Dezember 2008 mit überwälti- gender Mehrheit verabschiedet wurde, ist die deutliche Verringe- rung der Emissionen im Rahmen des Emissionshandels in der Zeit 2013 bis 2020. So sollen die dem Emissionshandel unterliegenden Anlagen ihre Emissionen bis 2020 um 21% gegenüber 2005 verrin- gern. Der überwiegende Teil der Emissionsrechte wird an die Strom- erzeugungsunternehmen zugeteilt. Diese Rechte sollen nicht – wie in der Vergangenheit – kostenfrei, sondern mit einem Auktionsver- fahren kostenpflichtig zugeteilt werden. Dies führt absehbar zu einem erheblichen Kostenschub bei den Strompreisen, den sowohl die industriellen als auch die privaten Stromverbraucher der Europäischen Union schultern müssen. Die Vollauktionierung von Emis- sionsrechten im Bereich der Stromerzeugung wird die kohlen- stoffreichen Primärenergieträger Braun- und Steinkohle besonders hart treffen, da sich die Strom- erzeugungskosten hier am stärk- sten erhöhen. Absehbar ist eine „Dekarbonisierung“ besonders im Bereich von Neuanlagen, da Neuinvestitionen auf Stein- und Braunkohlebasis nur getätigt werden, wenn die Vollkosten am Strommarkt durchgesetzt werden können. Der Emissionshandel favorisiert kohlenstoffarme Primär- energieträger, wie Gas. Preisniveau und Preisrisiken ließen diese im Wärmemarkt mit großen Nutzungs- vorteilen angesiedelten Energieträ- ger in Deutschland bislang nicht zu grundlastfähigen Energieträgern in der Stromerzeugung werden. Durch den Emissionshandel droht jedoch eine Verschiebung. Bei den übrigen Industrieanlagen soll ein stufen- weiser Einstieg in die Auktionie- rung erfolgen, wobei die kosten- lose Zuteilung im Jahr 2013 80% beträgt, bis 2020 auf 30% und bis 2027 auf 0% abgesenkt wird. Die vom EU-Rat im März 2009 verabschiedete Richtlinie enthält eine Reihe von Regelungslücken, die die Kommission noch vor Beginn der dritten Handels­periode im Januar 2013 schließen muss. Hierzu gehören insbesondere die Abgrenzung der Carbon Leakage- Sektoren, die im internationalen Wettbewerb stehen, und die Definition von Benchmarks für eben jene Sektoren. Um die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Industrien nicht zu stark zu beeinträchtigen, sollen für energieintensive Wirtschafts- zweige – wie beispielweise auch die Kokereien – gewisse Ausnah- men vom Einstieg in die Auktio- nierung geschaffen werden. Diese Ausnahmen sehen eine kostenlose Zuteilung von Emissionsrechten für die 10% der effizientesten Anlagen im jeweiligen Wirtschaftszweig vor, wobei die übrigen Anlagen des Carbon Leakage-Sektors die ihnen zugeteilten Emissionsrechte letzt- endlich doch zumindest teilweise kostenpflichtig erwerben müssten. Zudem wird die Anzahl der im gesamten Emissionshandelssys- tem zugeteilten Rechte – egal ob kostenfrei oder kostenpflichtig – zwischen 2013 und 2020 um 1,74% pro Jahr reduziert, sodass gegen Ende des Zeitraums von einer erheblichen Verknappung von Emissionsrechten ausgegangen werden muss. Auf internationaler Ebene wird die klimapolitische Diskussion im Jahr 2009 durch die Vorbereitung auf die 15. Vertragsstaatenkonferenz (COP15) geprägt, die im Dezember 2009 in Kopenhagen stattfindet. Auf ihr sollen ein Nachfolge­ abkommen für das Kyoto-Protokoll aus dem Jahr 1997 verabschiedet und klimapolitische Zielvorgaben
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    29 Energiebedingte CO2-Emissionen inder Welt 2008: 31,5 Mrd. t CO2 übrige Welt China RusslandJapan USA nach BP, 2009 30% 4% 20% 6% 22% Deutschland 11%übrige EU-27-Länder Indien 4% 77u-2_2009 17.09.09 (davon Kohlekraftwerke in Deutschland: 1%) Klima und Umwelt für die Zeit nach 2012 festgelegt werden. Die Europäische Union hat sich im Vorfeld dieser Verhand- lungen im Januar 2009 unilateral auf eine Minderungsverpflichtung von 20% gegenüber 1990 festge- legt und sich dazu bereit erklärt, ihre CO2 -Emissionen um 30% zu senken, falls andere Industrie- staaten vergleichbare Emissions- minderungen beschließen. Sie for- dert ferner, den globalen Tempe- raturanstieg auf 2°C zu begrenzen und zur Erreichung dieses Ziels, die globalen Emissionen bis 2050 um 50% gegenüber 1990 zu senken. Die endgültige Verhandlungspositi- on der EU soll auf einem Ratsgipfel im Oktober 2009 verabschiedet werden. Die europäischen Forderungen wur- den vom G8-Gipfel im italienischen L’Aquila im Juli 2009 aufgegriffen. Die G8-Staaten wollen ihre Klima- gasemissionen bis 2050 um 80% reduzieren, wobei die weltweiten Emissionen um 50% verringert werden sollen. Um dieses Ziel zu erreichen, müssten auch die Entwicklungs- und Schwellenlän- der ihre Emissionen gegenüber heute bis 2050 um mindestens 30% reduzieren, je nach dem, welcher Basiszeitraum seit 1990 als Ausgangspunkt für die Emissi- onsminderung gewählt wird. Diese implizite Forderung des G8-Gipfels wird die internationale Klimapolitik vor neue, schwierige Herausforde- rungen stellen. Vergleicht man dies mit den CO2 -Minderungszielen, die die Entwicklungsländer den Industrie- staaten abverlangen (etwa 40% gegenüber 1990 bis 2020), so fallen die bislang publik gemachten Reduzierungsabsichten deutlich dahinter zurück. Die UN-Klimaver- handlungen werden weiter dadurch erschwert, dass die Entwicklungs- länder von den Industriestaaten jährliche Zahlungen für „Klimaschä- den“ im Bereich von ca. 200 Mrd. US-$ fordern, Forderungen, die vor dem Hintergrund der gegen- wärtigen Wirtschafts- und Finanz- krise wenig realistisch anmuten. Die Entwicklungsländer selbst, hauptsächlich China und Indien, die maßgeblich für den drastischen Emissionsanstieg der letzten zehn Jahre verantwortlich sind, sind dagegen nicht bereit, verpflichten- de Emissions­begrenzungszusagen zu machen. Sie haben aber zu erkennen gegeben, dass sie generell bereit sind, aus Gründen des Klimaschutzes zumindest ihre Energieeffizienz (d. h. Energieein- satz bzw. CO2 -Emission pro Einheit Bruttosozialprodukt) bis 2020 deutlich zu verbessern, bzw. ihre CO2 -Emissionen ab ca. 2030 sogar zu stabilisieren. Dies würde gegen- über den Trendannahmen zu einer Emissionsminderung auch in den Entwicklungsländern, insbesondere China und Indien führen. In den USA wurde nach dem Einzug von Präsident Barack Obama ins Weiße Haus im Januar 2009 umge- hend versucht, eine klimapolitische Kurswende einzuleiten. Dies führte zur raschen Vorlage und Verab- schiedung eines Gesetzentwurfs durch den Kongress, der nach Angaben des World Resources
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    30 Institute in derSumme die 28%-ige Senkung der Treibhausgasemissio- nen der USA bis zum Jahr 2020 im Vergleich zu 2005 zur Folge hätte. Die Verabschiedung durch den US-Senat steht noch aus und wird als unsicher eingeschätzt. Dieses Klimaschutzprogramm ist in seiner Breite noch umfassender als das europäische Green Package oder die deutschen klimapoli- tischen Beschlüsse von Meseberg/ Brandenburg (August 2007). Es umfasst nämlich alle sechs Kyoto- Gase und deckt vergleichsweise erheblich größere Bereiche der amerikanischen Wirtschaft ab als das europäische Emissionshan- delssystem. Die Gesamt­emissions­ minderungen des Gesetzentwurfs von Waxman-Markey werden auf ca. 17% bis 2020 im Vergleich zu 1990 veranschlagt. Dies ist relativ ambitioniert, insbesondere im Ver- gleich zu den gegenwärtigen Emis- sionen, und dürfte im Vergleich zum Bezugsjahr 2005 auf stärkere Emissions­minderungsvorgaben als in der Europäischen Union hinauslaufen. Abgesehen von der Europäischen Union und den USA ist jedoch in den übrigen OECD- Ländern gegenwärtig nicht zu erkennen, ob Bereitschaft besteht, die Klimagasemissionen bis 2020 in vergleichbarem Maße zu mindern. In Deutschland wird in der klimapo- litischen Diskussion verstärkt eine CO2 -Minderung um mindestens 40% bis 2020 mit dem Hinweis darauf gefordert, dass der Klima- wandel sich in den letzten Jahren beschleunigt habe und dass es auch aus diesem Grund erforder- lich sei, die Klimagasemissionen noch deutlicher und nachhaltiger zu reduzieren als man es noch vor wenigen Jahren für erforderlich hielt. Für die Öffentlichkeit nicht erkennbar besteht in der Wis- senschaft ein Meinungsspektrum darüber, in welchem Maße anthro- pogene Treibhausgas­emissionen für den Temperaturanstieg der letzten Jahrzehnte verantwortlich sind. In den Medien und der Politik finden weitgehend diejenigen Wissenschaftler Gehör, die dem „alarmistischen“ Ende dieses Spektrums angehören und mög- lichst drastische CO2 -Minderungen verlangen, obwohl sich der Klima- wandel – beschrieben z. B. durch die globale Mitteltemperatur, den Meeresspiegelanstieg oder die Hurricane-Häufigkeit – in den letz- ten Jahren nach Aussagen anderer Wissenschaftler nicht beschleunigt habe. So wird ausführlich von mehreren Autoren im Bulletin of the American Meteorological So- ciety (Peterson und Bariger, Hrsg.: Special Supplement „State of the Climate 2008”, Vol. 8, Aug. 2009) auf die Entwicklung auch der letz- ten Jahre im Vergleich zu früheren Zeiträumen eingegangen. Im Bei- trag von Knight et al. (ebenda), der Werte bis einschließlich Dezember 2008 verwendet, heißt es sogar „Observations indicate that global temperature rise has slowed in the last decade“. Die Initiative des Bundesverbands der Deutschen Industrie (BDI) „Wirtschaft für Klimaschutz“, der 40 Unternehmen und Verbände angehören, u. a. auch der GVSt, hat Ende März 2009 im Rahmen einer klimapolitischen Veranstaltung des BDI eine aktualisierte Fassung der erstmals 2007 vorgelegten McKin- sey-Studie „Kosten und Potenziale der Vermeidung von Treibhausgas- emissionen in Deutschland“ veröf- fentlicht. Damit verfügt Deutsch- land als erstes Land der Welt über eine detaillierte Bewertung aller bekannten Klimaschutztechniken in „€/t CO2 “. Wesentliches Kriteri- um für die „Vertretbarkeit“ von entsprechenden Umstellungs- und Vermeidungsinvestitionen war, ob sie zu Einbußen an Wirtschafts- wachstum, Wettbewerbsfähigkeit und Lebensqualität führen oder nicht. Die bis 2020 für tragbar erachtete Reduktion der Treibhausgas (THG)- Emissionen wird auf 30% veran- schlagt. 25% Reduktion könnten demnach im Zielzeitraum durch wirtschaftliche Hebel realisiert „Die Weltuntergangshysterie, die manche Medien verbreiten, wird von den wissenschaftlichen Schätzungen nicht unterstützt.“ Prof. Dr. Richard S. J. Tol, Umweltökonom und Mitarbeiter des Intergovernmental Panel on Climate Change (IPCC), zitiert von Philip Plickert in der FAZ vom 14. September 2009.
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    31 alt_01-3_2009 17.09.2009 Reduzierung vonTreibhausgasemissionen in Deutschland bis 2020 A Nach Umsetzung wirtschaftlicher Hebel B zzgl. Umsetzung Hebel (0-20 €/t CO2e) C zzgl. Umstellung Energiemix (Ø 64 €/t CO2e) D zzgl. aller übrigen Hebel (Ø 430 €/t CO2e) Quelle: McKinsey-Studie, 2009 (Basisszenario) im Auftrag der BDI-Initiative „Wirtschaft für Klimaschutz“. Die Daten berücksichtigen die Beibehaltung des Kernkraftausstiegs Reduzierung 1990 - 2020 (gegenüber Stand der Technik Projektion 2020) Mt CO2e* Basis- jahr 1990 926 1200 1000 800 600 400 200 0 1400 2004 Projek- tion 2020** A B C D 911 862 800 -25% -26% -30% -35%1232 1025 1048 -17% * CO2-Äquivalent ** Nach Stand der Technik 624915 122 Vermeidungspotenzial Klima und Umwelt werden. 30% sind möglich, wenn mit politischer Unterstützung – bzw. Mehrkosten von bis zu 49 €/t CO2 -Äquivalent (CO2 e) – zusätzlich die Umstellung des Energiemix auf einen höheren Anteil erneuerbarer Energien erfolgt. 40% THG-Min- derung werden hingegen erst bis 2030 für tragbar gehalten, sofern nach 2020 die CCS-Technologie zum Durchbruch gelangt. In die Untersuchung wurden neben dem Energiesektor auch die Sektoren Gebäude, Transport und Industrie einbezogen. Unterstellt wurde die Beibehaltung des Kern- energieausstiegs wie auch des EEG. Zu den Ergebnissen gehör- te, dass die kostengünstigsten Einsparpotenziale keineswegs im Energiesektor zu finden sind, son- dern im Gebäudesektor sowie in Teilen der industriellen Produktion (insbesondere Antriebssysteme). Innerhalb des Energiesektors zählen Retrofit-Maßnahmen bei Kohlekraftwerken zu den kosten- günstigsten Optionen, teilweise als sich selbst rechnende „wirtschaft- liche Hebel“. Deutlich gemacht hat die Studie auch, dass über die Ernte der wirtschaftlichen und tragbaren Vermeidungs­potenziale hinaus mit relativ steil anstei- genden Grenzvermeidungskosten zu rechnen ist, d. h. zusätzliche Reduktionen erfordern dann je Ton- ne CO2 -Äquivalent immer höhere Vermeidungskosten. BDI-Präsident Hans-Peter Keitel sieht die Studie als Beleg dafür, dass sich Klimaschutz und Wirt- schaftswachstum miteinander verbinden lassen und auch in der Wirt­schaftskrise an den Klima- schutzzielen festzuhalten ist. Die Klimapolitik müsse aber so ausge- staltet werden, dass sie Anreize für nachhaltiges Wachstum setzt und fairen Wettbewerb ermög- licht. Unabhängig von der Höhe des Ölpreises und selbst bei extremen Preisschwankungen gebe es ein enormes Potenzial zur Vermeidung von Treibhausgasen.
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    32 Anlieferung der Kohle undAbtrennung des CO2 ... mit dem Schiff via Pipeline ... vor der Verbrennung (IGCC) ... nach der Verbrennung (Post-Combustion oder Oxyfuel) 1 2 3 Nichtabbaubare Kohlevorkommen Erschöpfte Gas- und Öllager CO2 CO2 CO2 CO2 CO2 CO2 Zwischenlager Saline Aquifere CCS-Technologie: Möglichkeiten der CO2-Abtrennung und CO2-Speicherung Quelle: nach IZ Klima/Total AG Abtrennung Transport Speicherung 1 2 3 Der Klimawandel ist ein globales Thema, Lösungen werden intensiv gesucht, Europa und vor allem Deutschland wollen einerseits eine Vorreiterfunktion einnehmen, können andererseits aber allein das Klima nicht „retten“. Deshalb muss eine nachhaltige Klimaschutzpolitik in internationale Klimaschutzstra- tegien und -vereinbarungen einge- bettet sein, um die Wettbewerbs- fähigkeit der Volkswirtschaft nicht zu schwächen und Arbeitsplätze zu sichern. Neue Energietechnologien für die Stromerzeugung, im Ver- kehr, zum Heizen und zum Kühlen werden erforscht und an den Markt gebracht. Carbon Capture and Sto- rage (CCS) – die Abtrennung von CO2 aus dem Rauchgas von Kraft- werken und das sichere Verpressen des CO2 in unterirdische Lagerstät- ten – ist eine solche Technologie, die aber noch nicht großtechnisch einsatzreif ist. Der Ministerrat und das Europä- ische Parlament konnten sich im Rahmen eines Trilogs am 13. De- zember 2008 auf einen Kompromiss zur Richtlinie über die Abscheidung und geologische Speicherung von Kohlendioxid (CCS-Richtlinie) eini- CO2 -Abtrennung und -Speicherung (CCS)
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    33 Klima und Umwelt gen.Die Richtlinie wurde end- gültig im Frühjahr 2009 formal verabschiedet und erschien am 5. Juni 2009 im Amtsblatt. Die vom Umwelt­ausschuss im Europäischen Parlament vorgenommenen Ver- änderungen des EU-Kommissions­ vorschlags wurden wieder auf ein praktikables Maß zurückgefahren. Die Richtlinie sieht u. a. vor, dass die Genehmigung von Feuerungs- anlagen ≥ 300 MW zukünftig an ihre „capture readiness“ geknüpft wird. D. h., eine Neuanlage soll räumliche Kapazitäten für die Abscheidung und Komprimierung von CO2 vorsehen, sofern Speicher- stätten verfügbar und der CO2 - Transport und die Nachrüstung der Kraftwerke technisch machbar und ökonomisch tragbar sind. Der vom Europäischen Parlament geforderte CO2 -Grenzwert für Neuanlagen wurde zurückgenommen, jedoch enthält die Richtlinie eine Revisi- onsklausel, die im Jahr 2015 eine Neubewertung der Bestimmungen erlauben soll. Die Anforderungen an die capture readiness werden in der Richtlinie nicht konkret defi- niert. Damit wird die Aufstellung präziser Kriterien den nationalen Behörden überlassen. Die zeitgleich beschlossene Emissi- onshandelsrichtlinie besagt zudem, dass bis Dezember 2015 bis zu 300 Mio. CO2 -Emissionszertifikate aus dem Emission Trading System (ETS)-Neuanlagenreservefond 2013 bis 2020 für die Förderung von bis zu zwölf kommerziellen CCS-Demonstrationsprojekten für Technologien erneuerbarer Ener- gien zur Verfügung stehen. Die EU-Kommission hat darüber hinaus im Rahmen des European Energy Programme for Recovery (EEPR) für CCS-Projekte 1,05 Mrd. € bereit gestellt. Die CCS-Richtlinie muss innerhalb von zwei Jahren nach der Veröf- fentlichung in nationales Recht umgesetzt werden. Die meisten großen Energieversorgungs­ unternehmen, die sich mit der Koh- leverstromung befassen, drängten auf eine schnelle nationale Umset- zung, um Rechtssicherheit für ihre Investitionen in die CCS-Projekte zu erhalten. Bereits am 1. April 2009 wurde der „Gesetzentwurf zur Regelung von Abscheidung, Transport und dauerhafter Spei- cherung von Kohlendioxid“ vom Kabinett verabschiedet. Die Eile war geboten, damit der Entwurf noch in der im September 2009 endenden Legislaturperiode hätte verabschiedet werden können. Mit den CCS-Technologien wird Neuland betreten. Da die For- schungs- und Entwicklungsphase viele Jahre in Anspruch nehmen wird und um zügig voran zu kommen, haben Unternehmen wie Vattenfall Europe, RWE Power und E.ON die Arbeiten bereits aufgenommen und Pilotprojekte gestartet. Letztendlich fand aber der Regierungsentwurf der Koalition keine Mehrheit. Von der Verschiebung des Gesetzes auf die Zeit nach der Bundestagswahl am 27. September 2009 verspricht man sich, die noch offenen Fragen lösen zu können. So hatte u. a. der Sachverständigenrat für Umwelt- fragen, ein wissenschaftliches Beratungsgremium der Bundesre- gierung, in seiner Stellungnahme zum Gesetzentwurf auf viele tech- nische, ökologische und finanzielle Fragen im Zusammenhang mit den CCS-Technologien, die derzeit noch ungeklärt seien, hingewiesen. Ver- lässliche Zahlen zum Umfang der Speicherkapazitäten in Deutsch- land lägen nicht vor, sicher sei nur, dass sie begrenzt sind. Die ökolo- gischen Risiken der Lagerung von CO2 seien weitgehend unerforscht. Eine befriedigende gesetzliche Re- gelung der Anwendung von CCS in großem Maßstab sei zum heutigen Zeitpunkt nicht möglich. Zudem würden die zu erwartenden Akzep- tanzprobleme im Hinblick auf den Transport von CO2 in Rohrleitungen und der unterirdischen Speicherung des CO2 unterschätzt. Auf dem BDEW-Kongress im Juni 2009 hob Bundeskanzlerin Angela Merkel die Bedeutung der CCS-Technologien für die deutsche Exportwirt- schaft hervor. Sie verwies auf die Gefahr einer Schädigung des Industriestandortes Deutschland, wenn Deutschland nicht an den europäischen CCS-Pilotprojekten teilnehmen könne. Sie sagte aber auch, sofern die noch offenen Fra- gen nicht geklärt werden können, „lassen wir lieber die Finger davon, als dass wir ein falsches Infrastruk- turgesetz machen.“ Bei einem zweiten Anlauf für ein CCS-Gesetz nach der Bundestags- wahl ist neben den technischen Lösungswegen die größte He- rausforderung die Schaffung der Akzeptanz in der breiten Öffent-
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    34 Kondensator CO²-Kompression speicherung CO²-Nutzung CO²-Kompression speicherung CO²-Nutzung CO²-Kompression speicherung CO²-Nutzung * IGCC:Integrated Coal Gasification Combined Cycle Konventioneller Kraftwerksprozess: O²-Verbrennungsprozess (Oxyfuel): Quelle: Euracoal CO²-Abtrennungsverfahren bekannte Technik neu zu entwickelnde Prozessstufen IGCC-Prozess*: 58-3_2009 23.10.2009 Kohle Luft Luftzerlegung O² CO², H²O Kessel mit Rauchgasreinigung Kohle Luft Konventionelles Kraftwerk mit Rauchgasreinigung CO²-Abtrennung Luft Vergasung, GasreinigungLuftzerlegung CO²-Abtrennung H²-Gasturbine AbhitzekesselKohle O² H² lichkeit. Dies gelingt nur durch eine frühzeitige, glaubwürdige, sachlich umfassende Informationsarbeit, vor allem vor Ort. Wenn durch fehlende Rücksichtnahme auf die Befind- lichkeiten vor Ort neue Ängste entstehen, werden neue technische Optionen verhindert. Die SPD beabsichtigte in ihrem Re- gierungsprogramm, die Technologie zur Abscheidung von Kohlendioxid in Deutschland weiterzuentwickeln – auch durch geförderte Demons- trationsprojekte der Europäischen Union. Die CDU/CSU sagt in ihrem Regierungsprogramm: „Die Tech- nologie kann zur Abscheidung und Speicherung von CO2 (CCS) einen wichtigen Beitrag zur klimafreund- lichen Nutzung fossiler Energieträ- ger leisten.“ Eine Einschätzung der Wirtschaft- lichkeit der CCS-Technologien ist bisher nur sehr grob möglich, da sich die einzelnen Prozessschritte noch weitgehend in der For- schungs- und Entwicklungsphase befinden. Dennoch lässt sich auf Basis der von verschiedenen Institutionen bereits angestellten Berechnungen ein ökonomischer Vergleich zwischen der Anwendung herkömmlicher Kohle­technologie nach aktuellem technischem Standard, Clean-Coal-Technologies (CCT) – d. h. mit heute darstell- baren und den für 2020 erwarteten Wirkungsgraden – und von CCS vornehmen. Ein solcher Vergleich der Wirkungsgrade und der Strom- gestehungskosten zeigt den bei der Anwendung von CCS zu erwar- tenden Rückgang der Kraftwerks- wirkungsgrade – was letztlich ei- nen höheren Brennstoffeinsatz für die erzeugte Strommenge bedeutet – und nahezu eine Verdopplung bei den Kosten. Gemäß einer Studie der Beratungs- gesellschaft McKinsey & Company mit dem Titel „CCS: Assessing the Economics“ vom September 2008 könnten die CCS-Kosten mit Eintreten in die kommerzielle Phase ab etwa 2020 in den Bereich der zukünftigen – geschätzten – CO2 - Zertifikatspreise sinken. Dieser Überlegung liegt die Erwartung zugrunde, dass die Zertifikats- preise für CO2 -Emissionen aus konventionellen Kraftwerken in etwa vergleichbar sind mit den Ko- sten für CCS pro Tonne CO2 . Unter
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    35 Wirkungsgrad und Kostenvon CCT und CCS Quelle: STEAG/VGB PowerTech, 2007 CT: Kohletechnologie IGCC: Integrated Gasification Combined Cycle heuteCT intern. morgen „end-of-pipe“ IGCC 200% 150% 100% 50% 0% 40% 80% 45% 100% 50% 180% 33% 37% 200% CCT CCS Stromgestehungskosten Wirkungsgrad Clean Coal Technology (CCT) CO2-Abscheidung und -Speicherung (CCS) 47-2_2009 23.09.2009 105% Klima und Umwelt Erneuerbare Energien und Grubengas Im August 2007 hatte das Bun- deskabinett in Meseberg ein ambitioniertes Energie- und Klimaprogramm mit 29 Eckpunk- ten beschlossen. Hierzu wurde im Dezember 2007 und im Mai 2008 ein Paket mit 21 Gesetzen und Ver- ordnungen geschnürt. Die meisten Vorhaben konnten bis heute umge- setzt werden, so u. a. die Novellen des Kraft-Wärme-Kopplungsge- setzes, des Erneuerbare Energien Gesetzes (EEG), des Energiewirt- schaftsgesetzes zum Ausbau des Stromnetzes, der Energieeinspar- und der Heizkostenverordnungen. In einem Monitoring sollen die Zielerreichung und die Effekte der beschlossenen Maßnahmen kon- trolliert werden. Im November 2010 und danach folgend alle zwei Jahre sollen die beteiligten Ressorts dem Bundeskabinett einen Bericht vorlegen, der die Wirkung des Klima- und Energiepakets darstellt. Grundlage des Berichts sind Erhe- bungen unabhängiger Gutachter. Der Anteil der erneuerbaren Ener- gien in Deutschland am gesamten Endenergie­verbrauch wurde im Zeitraum 2000 bis 2007 auf 9,8% mehr als verdoppelt. Ziel der Bun- desregierung ist es, bis zum Jahr 2010 12,5% des Bruttostromver- brauchs mit erneuerbaren Energien zu decken. Bereits 2007 wurde es mit 14% deutlich überschritten. Der Deutsche Bundestag hat am 6. Juni 2008 das neue EEG und das Erneuerbare-Energien-Wärmege- setz (EEWärmeG) beschlossen. Beide Gesetze sind am 1. Januar 2009 in Kraft getreten. Für 2020 möchte die Bundesregierung den Beitrag der erneuerbaren Energien zur Strombereitstellung auf min- destens 30% steigern und danach kontinuierlich weiter erhöhen. Bei Neubauten legt das EEWärmeG Pflichten für die Nutzung erneu- erbarer Energien fest. Bis 2020 soll der Anteil der erneuerbaren Energien an der Wärmebereit- stellung auf 14% (heute 7,7%) ansteigen. Nach den vorläufigen Abschätzungen der Arbeitsgruppe Erneuerbare-Energien-Statistik (AGEE-Stat) werden durch den Einsatz erneuerbarer Energien rund Kostengesichtspunkten würde dann CCS-Kraftwerken kein Nachteil mehr entstehen. Insgesamt lässt sich aus heutiger Sicht des Kohle­ bergbaus in der EU festhalten, dass CCS vor dem Hintergrund klima- politischer Anforderungen durchaus eine sinnvolle Strategie darstellen kann. Diese Einschätzung hängt aber von einer Reihe von Rahmenbe- dingungen ab. Insbesondere die Verlängerung der Restlaufzeit der deutschen Kernkraftwerke könnte einen erheblichen Einfluss auf den CO2 -Zertifikatepreis und damit die Realisierungschancen der CCS- Technologie haben.
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    36 Photovoltaik Windenergie regenerative Energien Bio- energie 5% 46%35% Grubengas Grubengas 11%31% 69% Wasserkraft Stromerzeugung (2007 insgesamt 9,75 TWh) CO2-Minderung (2007 insgesamt 15,7 Mio t CO2) Stromerzeugung und CO2-Minderung durch regenerative Energien und Grubengas in NRW neu_11-2_2009 23.09.2009 3%3% Quelle: Bez. Reg. Arnsberg; IWR Potenziale der Kohlenutzung Auf der Suche nach möglichen Alternativen zur Nutzung von Erdöl im Transportbereich erlebt die Kohlehydrierung derzeit weltweit eine Renaissance. Mit den seit langem erforschten Verfahren der Kohleverflüssigung, bei denen je nach Prozess verschiedene flüssige Kohlenwasserstoffe wie z. B. Ver- gaser- und Dieselkraftstoffe, Me- thanol (als Beimischung zu Benzin oder als Grundstoff) oder Kohleöl als Heizmittel hergestellt werden können, ließe sich in Deutschland und der EU die Abhängigkeit vom Rohöl nachhaltig verringern. Aus einer Tonne Kohle lassen sich rund zwei Barrel (1 bl = 159 l) Flüssig- kraftstoff gewinnen. Kohle hat von den fossilen Energieträgern die weitreichendsten Vorkommen und steht in Deutschland und der EU, anders als Rohöl, aus großen eigenen Vorräten zur Verfügung. Allerdings ist die Bereitstellung von Treibstoffen aus Rohöl im Vergleich mit der aus Kohle gegenwärtig energiegünstiger. Zudem stoßen solche Pläne auf starke klima- politische Vorbehalte, da dabei 115 Mio. t CO2 pro Jahr in Deutsch- land vermieden – davon sind allein 57 Mio. t auf das EEG zurückzufüh- ren. Seit dem Jahr 2000 wird Gruben- gas mittels EEG-Förderung ener- giepolitisch gezielt erschlossen. Im Vordergrund steht dessen Nutzung als Energieträger, mit Vorteilen für die Grubensicherheit und die Umwelt. Im Ruhrrevier und im Saarland hat sich ein Industrie- zweig dynamisch und mit neuen Arbeitsplätzen im Umwelt­bereich entwickelt. Im Bereich stillge- legter Bergwerke werden noch vorhandene Rohrsysteme genutzt oder Bohrungen nach Auswertung vorliegender Karten und Daten dort durchgeführt, wo vermutet wird, dass die Gashöffigkeit am größten ist. Im aktiven Bergbau gelangt abgesaugtes Grubengas über Leitungen nach über Tage. Der in Blockheizkraftwerken (BHKW) erzeugte Strom wird in regionale Netze eingespeist. Die Gesamt- verstromung von Grubengas aus laufenden und bereits stillgelegten Bergwerken leistet einen nicht unerheblichen Beitrag zur kommu- nalen Stromversorgung an über 50 Standorten. Im Jahr 2008 er- zeugten rund 150 BHKWs mit einer installierten Leistung von 228 MW über 1,3 Mrd. kWh. Die Wärmeer- zeugung beläuft sich auf rund 710 GWh und wird soweit möglich zur Wärmeversorgung der Bergwerke bzw. Dritter eingesetzt. Mit 5,9 Mio. t CO2 -Äquivalent vermiedener Treibhausgasemissionen leisten die Grubengasverwertungsgesell- schaften einen wichtigen Beitrag zum Klimaschutz. In NRW liegt der Anteil des Grubengases an der Stromerzeugung durch regenera- tive Energien bei 11%, der Anteil an der CO2 -Minderung sogar bei 31%.
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    37 Klima und Umwelt insgesamtmehr CO2 emittiert wird als bei der Verwendung von Rohöl. Andererseits könnten die Kohlever- flüssigungsanlagen mit CCS ver- knüpft werden. Bei Anwendung des Fischer-Tropsch-Verfahrens muss das CO2 ohnehin aus dem Synthe- segas entfernt werden, so dass keine zusätzlichen Abspaltungs- kosten entstehen. Ohne adäquate politische Rahmensetzung und Unterstützung sind Investitionen in Kohleverflüssigungsprojekte aller- dings nicht realisierbar. Internatio- nale Entwicklungen und Impulse sowie Überlegungen zu einer natio- nalen Rohstoffstrategie könnten es in einem neuen Licht erscheinen lassen. Die einstmals hierzulande hoch entwickelte Technologie wird in anderen Ländern wie China oder den USA mittlerweile in einer Reihe von Projekten realisiert. Eine Möglichkeit, auch geringmäch- tige oder tiefliegende Kohleflöze, die mit modernen Abbaumethoden nicht betrieben werden können oder solche, die unwirtschaftlich wären, zu nutzen, ist die untertä- gige Kohlevergasung (Underground Coal Gasification – UCG). Die Kohle wird in situ, d. h. in ihrer Lager- stätte, in ein Synthesegas umge- wandelt. Dabei wird die Kohle über ein Bohrloch gezündet, kontrolliert erhitzt, sodass keine Verbrennung erfolgt, und das entstehende Gas über ein weiteres Bohrloch abge- zogen. Pro Tonne Kohle können so etwa 2.700 m³ Gas produziert werden. Dieses Synthesegas kann zur Stromerzeugung, als chemi- scher Grundstoff oder zur Treib- stoffgewinnung eingesetzt werden. Aktuell gibt es weltweit bereits zahlreiche UCG-Projekte, z. B. in den USA, in Russland, China und Australien. China betreibt zurzeit mit 16 Projekten das größte UCG- Programm. Seit wenigen Jahren wird auf internationaler Ebene geforscht, ob sich die durch den UCG-Prozess ausgegasten Flözbereiche mögli- cherweise auch als CO2 -Speicher eignen können. Beim Vergasungs- prozess bläht sich die Kohle auf und verändert ihr plastisches Verhalten. Brüche und Poren der entstandenen Kavernenoberfläche werden dadurch versiegelt und verhindern damit Leckagen. Für den Speichervorgang können die für die Vergasung benutzten Bohrungen ein zweites Mal benutzt werden. Das spart Kosten, da die Bohrko- sten den größten Teil der gesamten Speicherkosten ausmachen. Die Rheinisch-Westfälische Technische Hochschule (RWTH) Aachen arbeitet zusammen mit der DMT GmbH & Co. KG, Essen, im Projekt CO2SINUS an der Implementie- rung eines innovativen Konzepts zur CO2 -Speicherung in durch Kohlevergasung umgewandelten Kohleflözen mit der Bewertung von Umweltauswirkungen und einer Wirtschaftlichkeitsanalyse der ent- wickelten UCG-CCS-Technologie. Die wissenschaftlichen Arbeiten sollen die Durchführung eines Pilotprojekts im großtechnischen Maßstab vorbereiten. Weltweit wird mit einem Potenzial von rund 70 Mrd. t konventionell nicht förderbaren, für den UCG-Prozess Kohleverflüssigungsanlagen und -projekte weltweit Weltmarktführer im Bereich der Kohleverflüssigung ist das südafrikanische Unternehmen Sasol. Der staatseigene Betrieb wurde in den 1950er Jahren gegründet und produziert heute rund 150.000 Barrel/Tag (bl/d). Chinas größtes Kohleunternehmen, die Shenhua Group, ist mit Projekten in Shaanxi, in der Inneren Mongolei, Ningxia und Xinjiang aktiv. In der Inneren Mongolei wurde 2004 das erste chinesische Kohleverflüssigungsprojekt im Direktverfahren begonnen. Jährlich sollen aus rund 9,7 Mio. t Kohle etwa 5 Mio. t Benzin, Kerosin, Diesel u. a. hergestellt werden (Investition: rund 3 Mrd. US-$). Insgesamt will die Shenhua Group bis 2020 Kapazitäten zur Kohleverflüssigung von 30 Mio. t in den vier Nordprovinzen Chinas aufgebaut haben. In den USA hat das Pentagon ein Forschungsprogramm zur Gewinnung von Flugzeugkraftstoff aus Kohle aufgelegt. Elf Projekte mit einer Kapazität von mehr als 230.000 bl/d sind in Planung bzw. in der Umsetzungsphase.
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    38 Im Klimaschutz sollteman sich der globalen Dimension gewärtig sein. Eine Vorreiterrolle Deutschlands reicht nicht aus, die globalen Emis- sionszuwächse zu mindern. Viel wichtiger ist die Vorbildfunktion – die Entwicklung und Zurverfügung- stellung neuer Technologien. Der Umweltministerrat einigte sich am 25. Juni 2009 über die Richtli- nie zu Industrieemissionen, die die bisherige Richtlinie über die inte- grierte Vermeidung und Vermin- derung der Umweltverschmutzung (IVU-Richtlinie) und sechs weitere Sektorenrichtlinien, zu denen die Großfeuerungsanlagen- und die Abfall­verbrennungs-Richtlinie gehören, zusammenfasst. Von der Richtlinie werden rund 52.000 Industrieanlagen in der EU erfasst, u. a. auch die Kohlekraftwerke. In ihr werden z. B. für Feuerungsanla- gen strengere Grenzwerte für SO2 , NOx und Staub festgelegt. Größere Beachtung sollen die künftig in allen Amtssprachen der EU über- setzten Merkblätter mit den besten verfügbaren Techniken (BVT) finden. Den nationalen Geneh- migungsbehörden wird somit der Spielraum für Ausnahme­regelungen bei Anlagen mit schlechten Emis- sionsgrenzwerten eingeschränkt. Innerhalb von fünf Jahren müssen Genehmigungen nach Herausgabe eines neuen BVT-Merkblattes auf den neuesten Stand gebracht wer- den. Dennoch können wie bisher geographische, technische und ökologische Erwägungen bei der Festlegung der Genehmigungsbe- Versuch der Bundesregierung bei der Umsetzung der europäischen Richtlinie über Endenergieeffizienz und Energiedienstleistungen in nationales Recht. Richtig ist, dass im Meseberg-Paket beschlossen worden ist, spätestens bis 2013 mit der deutschen Wirtschaft eine Vereinbarung über die Kopplung von Steuerermäßigungen/Ausnah- meregelungen an die Einführung eines Energiemanagementsystems treffen zu wollen. Dies bedeutet jedoch keine allgemeine Verpflich- tung der Industrie zur Anwendung eines Energie­managementsystems; erst recht keine vorzeitige Einfüh- rung. Denn im Hinblick auf die CO2 - Minderungszusagen der Wirtschaft in der Klimaschutzvereinbarung von November 2001 hat die Bundes- regierung als Gegenleistung auf die Einführung eines verbindlichen Energieaudits verzichtet. Ein fak- tenorientierter Umweltschutz wägt Kosten und Nutzen ab. Die Wege zur Erreichung von Umweltschutz- zielen sollten jedoch dem Wettbe- werb überlassen werden. Ein Begriff, der in jüngster Zeit im Zusammenhang mit Klimaschutz immer wieder auftaucht, ist die Energieeffizienz. Studien werden zitiert, denen zufolge durch Effizi- enzsteigerung mehrere Milliarden Kilowattstunden Strom eingespart werden könnten. Für die privaten Haushalte klingt das sinnvoll, wenn ihr Budget den Umstieg auf effiziente Techniken zulässt. Indus- trieunternehmen haben ohnehin ein hohes Eigeninteresse daran, ihre Kosten – inkl. der Energiekosten – zu minimieren. Deswegen entwi- ckeln und setzen sie maßgeschnei- derte Energiemanagement­systeme zur Senkung der Energiekosten ein; auch die Unternehmen der Kohle- gewinnung und -nutzung. Da die Verhältnisse in jeder Branche sehr unterschiedlich sind, verfolgt jede für sich andere Ansätze zur Redu- zierung des Energieeinsatzes. Inso- fern ist es nicht zielführend, diese betrieblich zugeschnittenen Ener- giemanagementsysteme staatlich zu regulieren. Dies gilt auch für den aber nutzbaren Kohlereserven ge- rechnet. Von daher erscheint UCG in Verbindung mit CCS als eine interes- sante nutzbare Zukunftstechnologie. Ob in Europa wieder in die Koh- leverflüssigung und -vergasung investiert wird, hängt nicht allein von der Wirtschaftlichkeit ab. Wenn die Infrastruktur fehlt und die Erfahrung abgewandert ist, bedarf es zusätzlicher Anreize, um Versäumtes aufzuholen. Umso wichtiger ist es, die Forschung und Entwicklung in diesem Bereich in Deutschland wieder zu beleben und die mit der Rohstoffreserve Kohle verbundenen Optionen nicht völlig zu verspielen. Energieeffizienz und Industrieemissionen
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    39 bedarf, wenn dieRechtsvorgaben stringent eingehalten werden. Zudem schafft das Ordnungsrecht Planungssicherheit, während ein Handels­system massiv in die Planungen eines Unternehmens eingreift. Offensichtlich fehlt es in einigen europäischen Mitgliedstaa- ten an einer entschlossenen und stringenten Umweltpolitik. Dieses grundsätzliche Problem wird durch den Wechsel der Instrumente nicht gelöst. Im Kompetenz-Netzwerk Kraft- werkstechnik NRW arbeiten Exper- ten entlang der gesamten Wert- schöpfungskette unternehmens- übergreifend an Strategien und Lösungen innovativer Kraftwerks- technik, wie der 700-Grad-Techno- logie und dem CO2 -armen Kraft- werk. Aufgabe der Politik ist es für günstige Rahmen­bedingungen zu sorgen, allerdings weist das Minis- terium für Wirtschaft, Mittelstand und Energie NRW darauf hin, dass die europäischen Beschlüsse zum Emissionshandel besonders hart das Land Nordrhein-Westfalen treffen. Heute werden Kraftwerke i. d. R. mit einem Wirkungsgrad zwischen 40 und 45% geplant, zukünftig werden es sogar mehr als 50% sein. Ein Beispiel für ein hoch effizientes Steinkohlenkraftwerk ist der durch die Evonik Steag GmbH derzeit im Bau befindliche modernste Steinkohlenkraftwerks- block „Walsum 10“ mit ca. 46% Wirkungsgrad und einer Leistung von 750 MW. Rein rechnerisch reicht das aus, um mehr als 1,3 Millionen Einfamilienhaushalte mit Strom zu versorgen. Das neue Kraftwerk setzt mit dem genann- ten Wirkungsgrad internationale Maßstäbe. Einen besseren Wert dingungen berücksichtigt werden. Die unzureichende Anwendung der BVT und die unvollständige Einhal- tung und Durchsetzung der Rechts- vorschriften können auf Gemein- schaftsebene den Umweltschutz behindern. In Deutschland hat die Industrie ihre SO2 -Emissionen in den letzten zehn Jahren um mehr als 80% reduziert. Der Anteil der Industrie an den NOx -Emissionen beträgt lediglich 15%. Mit ihrem Ende März 2007 heraus- gegebenen „Grünbuch“ kündigte die EU-Kommission an, weitere Schritte in Richtung marktbasier- ter Instrumente umzusetzen. So kommentierte das Kommissions- mitglied Stavros Dimas: „Marktba- sierte Instrumente wie Emissions- handel, Umweltsteuern und gezielte Beihilfen setzen die Marktkräfte zum Schutz der Umwelt ein. Dieser flexiblere und kosten­effizientere Ansatz hat seine Wirksamkeit unter Beweis gestellt, wird aber noch nicht ausreichend genutzt.“ So könnte es innerhalb der nächsten Jahre zur Einführung eines NOx -/ SO2 -Emissionshandelssystems kommen. Bisher haben die Nie- derlande und die Slowakei ein solches Handelssystem. Die Generaldirektion Umwelt ist der Ansicht, dass Emissionsminde- rungen durch den Einsatz von BVT sehr lange auf sich warten lassen, hingegen ein Handelssystem dies sehr viel schneller bewerkstelli- gen könne. Die oben genannten SO2 - und NOx -Emissions­mengen für Deutschland legen dar, dass es hierzulande keines Handelssystems Kraftwerk Walsum Klima und Umwelt
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    40 Heute 2020 neu_05-2_2009 05.10.2009 CO2 -Reduzierungvon Steinkohlenkraftwerken durch Wirkungsgradsteigerungen / CCS-Technologie Quelle: nach VGB CO2- Reduktion (gegenüber Weltdurchschnitt heute) Wirkungsgrade (bei CCS: Wirkungsgrad- verluste von 7-12 %) CO2-Emissionen pro kWh 1200 1000 800 600 400 200 0 Welt EU Heutige Technik Dampf- kraftwerk 700°C- Technik CCS- Technik -21% -33% -40% -90% 30% 38% 45% rd. 50% Durchschnitt hat bislang noch kein vergleichba- res Steinkohlen­kraftwerk in Europa erreicht. Als weltweiter Durch- schnittswert gelten heute rund 30% Wirkungsgrad. In Deutschland liegt der Durchschnitt bei rund 38%. Ein höherer Wirkungsgrad heißt: Ein Kraftwerk braucht weniger Kohle, um die gleiche Menge Strom zu erzeugen – was einerseits eine Schonung der Ressource Kohle bedeutet, andererseits eine Redu- zierung der Emissionen, insbeson- dere der CO2 -Emissionen. Erreicht wird dies bei Walsum 10 u. a. durch höhere Dampf­temperaturen, höhere Dampfdrücke und einen leistungsfähigen, 181 m hohen Kühlturm. Dieser erlaubt eine hohe Ausnutzung der Dampfenergie in der Turbine. Das aufwändigste Einzelbauteil des Kraftwerks ist der rund 106 m hohe Großdampfer- zeuger (Kessel). Im Großdampfer- zeuger wird künftig extrem heißer (über 600°C) und unter sehr hohem Druck (rund 270 bar) stehender Wasserdampf erzeugt. Der Dampf strömt anschließend in eine Turbi- ne, ein angeschlossener Generator wandelt die Bewegungsenergie in elektrische Energie um. Bundesumweltminister Sigmar Gabriel zollte schon bei der Grund- steinlegung am 20. November 2006 Lob: „Solche Investitionen in hohe Wirkungsgrade mit weniger CO2 kommen zum richtigen Zeitpunkt. Wir haben hier eine Technologie, die zum Umweltschutz beitra- gen kann.“ Einen noch größeren Umweltbeitrag könnte die Technik leisten, wenn sie auch internatio- nal Schule macht – etwa in China, wo bis zum Jahr 2015 mehr als 550 neue Kohlekraftwerke gebaut werden sollen. Würde weltweit der Wirkungsgrad von 30 auf 45% erhöht, könnten die globalen CO2 - Emissionen um knapp 2 Mrd. t jährlich sinken. „Den wichtigsten landesspezifischen Beitrag zum Klimaschutz kann die Erneuerung des Kohlekraftwerksparks leisten. Zu hocheffizienten, modernsten Kohlekraftwerken wie Walsum 10 gibt es keine Alternative“, so NRW- Wirtschafts­ministerin Christa Thoben anlässlich der Kesseldruck- probe am 2. Juli 2009. Die Lan- desregierung setze auf moderne Kraftwerks­technologien, weil sie maßgeblich zur Reduktion des CO2 - Ausstoßes in Nordrhein-Westfalen bis 2020 beitragen sollen.
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    Internationale Trends derEnergie- und Steinkohlenmärkte Fotomontage: Börse
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    42 Einfuhrpreis- entwicklung von Erdöl, Erdgasund Steinkohle 0 50 100 200 150 250 350 300 400 450 Quelle: BAFA / Mc Closkey's Coal Report / Enerlgate /Intercontinental Exchange (ICE), London / Eigene Berechnungen €/t SKE 2005040302012000 07 08 2009 neu_04-1_2009 17.09.2009 Preisentwicklungen für Kraftwerkskohle, Erdgas und Erdöl 06 Erdgas (Grenzübergangs- preis Frankf./Oder) Brent-Erdöl (NW-Europa gem. ICE London) Kraftwerkskohle (cif NW-Europa gem. MCIS) Ölfeldern, zudem davon aus, dass die meisten der großen Ölfelder der Welt ihren Produktions-Zenit bereits überschritten hätten und in ca. fünf Jahren versiegen würden. Die niedrigen Investitionen im Ener- giesektor, nicht nur in der Öl- und Kohleindustrie, werden sich nach Ansicht der IEA in wenigen Jahren erneut sehr ungünstig auf die Welt- konjunktur auswirken. Die IEA hält deshalb für die Zeit um 2013 herum eine neue Energie- und eventuell auch Weltwirtschaftskrise infolge mangelnder Ölvorräte und entspre- chender Versorgungsengpässe für möglich. Rückblende: Nur ein Jahr zuvor schien die gesamtwirtschaftliche Lage für einen großen Teil der Weltwirtschaft und so auch für Bergbauunternehmen und die damit verbundenen Wirtschaftszweige noch in Ordnung zu sein. Zwar war die Finanzkrise schon zum Ausbruch gekommen. Sie wurde aber in ihren realwirtschaftlichen Auswirkungen in der übrigen Welt zunächst unterschätzt. Nicht nur Industrieun- ternehmen verzeichneten noch Re- kordumsätze und -gewinne. Speziell die Energie- und Rohstoffpreise stießen in Regionen vor, die bis dahin niemand für möglich gehalten hätte. Das Angebot konnte mit der sich explosionsartig entwickelnden Nachfrageentwicklung insbeson- dere der Schwellenländer nicht mehr mithalten. Teilweise kam es zu Engpässen, denn Produkti- onskapazitäten und Infrastruktur waren unzureichend: Es war in Die Krise hat auch den Energiesektor getroffen Die globale Wirtschafts- und Finanzkrise hat seit dem Jah- reswechsel 2008/2009 auch im Energiesektor erhebliche Verwer- fungen verursacht. Die Internatio- nale Energieagentur (IEA) hat den Einfluss der weltweiten Krise auf das laufende Jahr zwischenzeitlich in einer neuen Studie als Hinter- grundpapier für das G-8-Treffen im Mai 2009 genauer untersucht. Demnach sind die Investitionen in allen nachfrage- und angebotssei- tigen Bereichen des Energiesektors massiv zurückgegangen. Der welt- weite Stromverbrauch könnte 2009 zum ersten Mal seit dem zweiten Weltkrieg um über 3% sinken. Die Investitionen insbesondere im Kraftwerkssektor drohen drastisch einzubrechen. Besonders besorgt zeigte sich die IEA um Investitionen in Energieeffizienz und saubere Energien („clean energy“). Gemäß der IEA-Studie dürfte ins- besondere die weltweite Kohlein- dustrie mit einem Investitionsrück- gang um rund 40% gegenüber dem Vorjahr sehr stark betroffen sein. Mitte des letzten Jahres lagen Spotpreise für Kraftwerkskohle bei über 200 US-$/t und Kontraktpreise für Kokskohle bei über 300 US-$/t. Sie führten vorübergehend zu einer enorm gesteigerten Profitabilität und – bei anhaltend hoher Nach- frage – zu einem stark gestiegenen Investitionsvolumen. Das allerdings waren zum Teil auch Nachholeffek- te gegenüber manchen in den Vorjahren aufgelaufenen Investiti- onsdefiziten in bergbauliche Pro- duktionsbetriebe und Infrastruktur- kapazitäten. Unter dem Einfluss der Weltwirtschaftskrise und des Preis- verfalls infolge der schwindenden Nachfrage brachen die zunächst geplanten Investitionen dann in der gesamten Kohlelieferkette stark ein. Für die mittel- und langfristige Entwicklung der Förderkapazitäten im internationalen Kohlebergbau bedeutete dies einen starken Rück- schlag. Auch die internationalen Ölfirmen haben ihre Investitionen um ein Viertel gekürzt, nachdem sich die Ölpreise, ausgehend von ihren Rekordständen Mitte Juli 2008, zwischenzeitlich um fast zwei Drittel verringert hatten. Anfang August 2009 ging Fatih Birol, Chef- ökonom der IEA, nach weltweiter Untersuchung von mehr als 800
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    43 Energieverbrauch im Vergleichzur Weltbevölkerung und zum Bruttoinlandsprodukt Industrieländer* Weltbevölkerung Mrd. Welt-Bruttoinlandsprodukt Bill. US-$ Entwicklungs- und Schwellenländer Weltenergieverbrauch Mrd. t SKE 1990 2008 2030 1990 2008 2030 20081990 2030 76% 24% 79% 21% 81% 19% 34% 66% 55% 45% 57% 43% 47% 53% 54% 46% 5,3 6,8 8,3 35,7 69,0 54% 46% 12,6 137 17,8 25 Quellen: UN, IWF, DOE, 2009* OECD-Länder 68-2_2009 22.09.2009 Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte den Vorjahren zu wenig investiert worden. Teilweise entdeckten auch Spekulanten diese Märkte für sich. Die Tagesnotierung für Rohöl der Nordseesorte Brent schnellte in der Folge Anfang Juli 2008 auf mehr als 145 US-Dollar pro Barrel (US-$/bl) hoch. Zur gleichen Zeit musste für Kraftwerkssteinkohle ein Spotpreis cif ARA von knapp 220 US-$/t gezahlt werden. Doch diese historische Hausse auf den Rohstoff- und Energiemärk- ten währte nicht lange. Infolge der realwirtschaftlichen Auswir- kungen der globalen Krise sackte die Nachfrage z. B. im Stahlmarkt dramatisch ab und dann auch auf den damit verbundenen Märkten für Stahlschrott, Kokskohle, Koks und mineralische Rohstoffe. Im weiteren Krisenverlauf kam es auf nahezu sämtlichen Rohstoff- und Ener- giemärkten zu mehr oder minder drastischen Nachfrageeinbrüchen und rapide sinkenden Preisen. Dem Preisboom des Vorjahrs folgte ein drastischer und abrupter Absturz unerwarteten Ausmaßes, der zu Kapazitätsanpassungen und auch Marktaustritten geführt hat. Im Energie- und Rohstoffsektor zeich- nen sich daher krisenbedingt starke Strukturveränderungen ab. Sie dürften in den kommenden Jahren eine gänzlich veränderte Unterneh- menslandschaft bewirken. Globale Megatrends setzen sich fort Im Jahr 2008 stieg der Weltener- gieverbrauch (Welt-PEV) gegenüber dem Vorjahr trotz der ersten Auswir- kungen der Krise um 1,7% auf 17,8 Mrd. t SKE. Dabei deckten fossile Energieträger den weltweiten Primärenergieverbrauch zu gut 80%. Die Dominanz der fossilen Energie- träger wird auch in Zukunft weiter bestehen bleiben, wie es nicht nur die Prognosen des US-Department of Energy (DOE) sondern auch die Prognosen der IEA erwarten lassen. Auch wenn die oben skizzierten Entwicklungen die internationale Energiewirtschaft in sehr kurzer Zeit gehörig durcheinander gebracht ha- ben, gibt es globale Megatrends, die auch in und nach der Krise weiterhin ihre Bedeutung behalten. Dazu zählt vor allem ein weltweit anhaltend steigender Energie- und Rohstoffbe- darf, der die internationale Konkur- renz um knappe Energieträger und Rohstoffe verschärfen wird. Diese Tendenz beruht wiederum auf fun- damentalen tieferen Ursachen. So setzt sich das Weltbevölke- rungswachstum weiter fort. Nach UN-Angaben wird die Weltbevölke- rung von derzeit 6,8 Mrd. Menschen (2008) die 7-Milliarden-Marke in 2012 überschreiten. Für das Jahr 2050 gehen die UN von rund 9,1 Mrd. Menschen aus, wobei der größte Teil des Zuwachses auf die Entwicklungs- und Schwellenländer entfallen wird. Dagegen werde sich die Bevölkerungsgröße der Industrie- länder in diesem Zeitraum absolut kaum verändern. Durch das stärkere Bevölkerungs- wachstum und den wirtschaftlichen Aufholprozess der Entwicklungs- und Schwellenländer werden sich zugleich die wirtschaftlichen Gewichte in der Welt verschieben.
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    44 Bevölkerung CO2-Emissionen Primärenergieverbrauch Mineralölverbrauch Rohstahlerzeugung Kohlenverbrauch Steinkohlenförderung Eisenerzimporte 2007 % Anteile imWeltmaßstab 2008 China 200 20% 45% 43% 43% 38% 10% 18% 22% 40 USA 1% 5% 18% 17% 7% 23% 20% 20% 200 Indien 17% 6% 7% 4% 3% 5% 5% 0% 200 Deutschland 1% 2% 2% 4% 3% 3% 3% 5% 200Quellen: BP, IISI, UN 57-2_2009 15.09.2009 Energiebedingte CO2 -Emissionen in der Welt Industrieländer Entwicklungs- u. Schwellenländer Prognose: DOE, 2009; basiert auf Daten von 2006 1990 2005 Mrd. t CO2 21,2 28,1 50 10 0 30 20 42u_1_2009 15.09.2009 40 2020 20302010 35 40 31 2008 31,5 Noch wird der größere Teil des weltweiten Bruttoinlandsprodukts in den Industrieländern erzeugt. Doch schon in wenigen Jahren wird dieser Anteil auf unter 50% sinken und weiter zurückgehen. Damit verlagern sich die Produktions- wie auch die Nachfragezentren der Weltwirtschaft. Im Energiebereich geht diese Entwicklung sogar schneller voran. Im vergangenen Jahr haben die nicht der OECD an- gehörenden Länder nach Einschät- zung des aktuellen „BP Statistical Review of World Energy“ mit einem Anteil von gut 53% am Weltener- gieverbrauch die OECD-Staaten überholt. Gleichzeitig kommt es dabei zu erheblichen weiteren regionalen Verlagerungen, vor allem in Rich- tung auf China und den asiatischen Raum. Das Wachstum des weltwei- ten Energieverbrauchs in 2008 entfiel bereits zu 87% auf den asia- tisch-pazifischen Raum und wur­de neben China vor allem von Indien, Indonesien, Thailand, Südkorea und den anderen sog. Tigerstaaten verursacht. Ähnliche Tendenzen zeichnen sich auch bei den nicht- energetischen Rohstoffen ab. Zu den anhaltenden globalen Mega- trends gehört auch die zunehmende Urbanisierung. Seit 2007 leben zum ersten Mal in der Geschichte mehr Menschen in Städten als auf dem Land. Nach UN-Prognosen werden in 25 Jahren knapp zwei Drittel der Weltbevölkerung in Städten leben. Auch die Städte selbst werden immer bevölkerungsreicher. „Mega- cities“ mit mehr als 10 Mio. Einwoh- nern – z. B. Tokio mit fast 36 Mio., New York oder Mexiko-Stadt mit jeweils 19 Mio. Menschen – werden in sich immer größer und ihre Anzahl nimmt zu. Mit der Größe wachsen jedoch die Probleme der Städte auch bei der Energieversorgung. Nicht nur in den Städten, sondern ebenfalls und gerade auf dem Land bleibt zudem die Elektrifizierung eine zentrale Herausforderung. Nach Angaben des Bundesministe- riums für wirtschaftliche Zusam- menarbeit und Entwicklung (BMZ) haben derzeit weltweit etwa 1,6 Mrd. Menschen noch immer keinen Zugang zu elektrischem Strom. Zu den globalen Megatrends zählen auch das weiter zunehmende Um- weltbewusstsein und die politischen Maßnahmen zur Begrenzung des globalen Klimawandels. Ihr Schwer- punkt ist derzeit noch vorwiegend auf die Minderung der CO2 -Emissi- onen ausgerichtet. Diese lagen nach BP-Angaben im Jahr 2008 bei rund 31,5 Mrd. t CO2 . Gegenüber 1990 entsprach dies allerdings einer welt- weiten Steigerung um 49%. Die globalen Megatrends im Energiebereich werden auch von den weltweiten Ressourcen und Reserven an Energierohstoffen sowie deren Verfügbarkeit geprägt sein. Gemessen am Welt-PEV reichen gemäß jüngster Angaben der Bundesanstalt für Geowissen- schaften und Rohstoffe (BGR) die weltweit gewinnbaren Ölreserven noch rund 40 Jahre, die Erdgasre- serven rund 50 Jahre. Kohle (Stein-
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    45 Kohle Mrd. t SKE ErdgasErdölinkl. Ölsande Gewinnbare Weltreserven 1146 Mrd. t SKE Weltverbrauch 2008 14,2 Mrd. t SKE Kohle Erdgas Erdöl 27% 40% 33% 59% 23% 18% rund 140 Jahre rd.40Jahre rd.50Jahre Statische Reichweite 600 400 200 0 800 60_3_2009 17.09.2009 Missverhältnis zwischen Energiereserven und Verbrauchsstruktur Quelle: BP, 2009Quelle: BGR, 2009 Weltvorräte an Öl und Gas, OPEC- und GECF-Anteile* * OPEC Oil Producing Exporting Countries GECF Gas Exporting Countries Forum ** 2008 gewinnbar; bei Öl einschl. Ölsande „Strategische Energieellipse“: 70% der Weltölvorräte 40% der Weltgasvorräte Gas 212,4 Mrd. t SKE** Öl 261,9 Mrd. t SKE** 16% 26% 14% Westeuropa Rest-OPEC Weitere OPEC-GECF-Staaten 70% Katar Iran Sonstige GECF-Staaten übrige Welt Russland OPEC 3%3% 24% 1%1% 5%5% 61-2_2009 23.09.2009 10% 12% 16% 3%3% Russland OPEC: 52% OPEC- GECF GECF: 71% Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte und Braunkohle) reicht noch für rund 140 Jahre: Sie ist mit einem Anteil an den gewinnbaren Weltreserven von fast 60% der am reichlichsten vorhandene Energierohstoff. Bei Mineralöl und Erdgas ist auch die besonders starke Konzentration auf geopolitische Unruhezonen zu beachten, deren strategische Risiken in dem Gastbeitrag dieses Jahresberichts beschrieben werden. Dass die starke Konzentration der weltweiten Öl- und Gasvorräte besondere ökonomische Interessen weckt, liegt auf der Hand. Ende Dezember 2008 fand in Moskau ein Treffen der Energieminister der zwölf bedeutendsten Exporteure von Erdgas im Rahmen des Gas Ex- porting Countries Forum (GECF) mit folgendem Ziel statt: Es galt „die Zusammenarbeit zu vertiefen“ und künftig auch institutionell auf eine festere Grundlage zu stellen, um auf einem immer stärker globalisier- ten Markt An­gebot und Preise zu stabilisieren. Mitglieder des GECF sind neben Russland u. a. zahlreiche OPEC-Länder. Viele Beobachter sehen als Ziel dieses Forums, einen der OPEC ähnlichen Zusammen- schluss zu erreichen („Gas-OPEC“). Russland hatte zuvor schon mit dem Iran und Katar eine internationale Troika zur Marktführerschaft ver- einbart und war die treibende Kraft bei diesem Treffen.
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    46 Mittel-und Südamerika Afrika China Ferner Osten Australien Nordamerika Eurasien 79 235 498 334 1106 733 Eu-27 149 2716 1053 41 172 401 347 2712 861 73 Japan 190 Weltförderung 2008: Steinkohle Braunkohle 4797Mio. t SKE 333 Mio. t SKE Kohle insgesamt 5130 Mio. t SKE Förderung Mio. t Verbrauch Weltsteinkohlenförderung und -verbrauch 5850 Mio. t = 951 Mio. t = 68u-3_2009 05.10.2009 Quelle: VDKI, WCI, 2009 Entwicklung auf den internationalen Steinkohlenmärkten 2008/2009 Im Jahr 2008 erhöhte sich die Welt- steinkohlenförderung gegenüber dem Vorjahr um rund 550 Mio. t oder um 11% auf 5,9 Mrd. t. Die bedeu- tendsten Förderländer waren China (2,7 Mrd. t) und die USA (1,1 Mrd. t). Größter Steinkohlenexporteur war jedoch Australien mit 261 Mio. t. Lediglich rund 16% der Weltproduk- tion gelangten in den internationa- len Handel (Binnen- und Seehan- del), rund 14% in den Überseehan- del. Insgesamt wurden 839 Mio. t über den Seeweg gehandelt, wobei davon rund 25% auf Kokskohle und 75% auf Kesselkohle entfielen. Im Jahr 2009 wirkt sich die Welt- wirtschaftskrise mit voller Wucht auf den Weltsteinkohlenmarkt aus. Nach Angaben von EURACOAL ist der seewärtige Weltsteinkohlen- markt im ersten Halbjahr signifikant (-8%) geschrumpft. Der Rückgang betraf vor allem Koks und Kokskoh- le, die vom Einbruch in der interna- tionalen Stahlkonjunktur besonders hart betroffen waren. Dabei entwickelten sich die ein- zelnen Kohlemärkte auch in geo-
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    47 0 2 4 6 8 Mrd. t 2008 5,9 2030 7,7 14% 15% Quellen:BP, VDKI, DOE; 2009 Förderung Seehandel Verbrauch in den Förderländern / Binnenhandel 62-1_2009 17.09.2009 Welthandel von Steinkohle Preisentwicklung der Steinkohlenimporte neu_02-1_2009 17.09.09 2009 0 30 60 90 120 150 Quelle: BAFA, Quartalspreise für Kraftwerkskohle 2000 01 02 03 04 2005 06 07 08 € / t SKE Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte grafischer Differenzierung sehr unterschiedlich. Deutlich ist eine erheblich stärkere Verschiebung der Gewichte vom atlantischen in den pazifischen Markt zu beobachten. Während die Exporte im atlanti- schen Kraftwerkskohlenmarkt stark rückläufig waren, konnte der pazi- fische Markt insbesondere infolge der wieder stärkeren chinesischen Nachfrage leicht hinzugewinnen. Dies war vor allem den steigenden australischen Exporten zu verdan- ken. Alle anderen Exportländer in diesem Teilmarkt lieferten deutlich weniger als im Vorjahr. Im atlan- tischen Kraftwerkskohlenmarkt reichten die Zuwächse bei den südafrikanischen und russischen Exporten nicht aus, die geringeren Lieferungen der restlichen Anbieter zu kompensieren. Das geringe Han- delsvolumen am nordwesteuropä- ischen Kraftwerkskohlenmarkt ist vorwiegend auf die zuletzt relativ schwache Nachfrage in Europa zurückzuführen. Insbesondere die nordeuropäische Steinkohlenver- stromung hat rezessionsbedingt nachgelassen. Doch auch die Koks- kohlen- und Koksnachfrage der Stahlindustrie verzeichnete 2009 massive Einbrüche. Eine Besserung der Situation wird sich nur langsam einstellen können, da die nordwest- europäischen Kohlelagerkapazitä- ten ihre Auslastungsgrenzen schon überschritten haben. Der internationale Markt für Koks- kohle ging 2009 ebenfalls stark zurück. Allein im ersten Quartal 2009 sank die Nachfrage um rund 30%. Dies war eine direkte Folge der Drosselung der Stahlerzeugung vor allem in den Industrieländern Asiens, Amerikas und Europas. Australien, die USA und Kanada meldeten historische Tiefststände bei ihren Kokskohlenexporten. Chi- na wandelte sich bei Kraftwerks- wie Kokskohle zum Nettoimporteur. Für die vorwiegend in Küsten- und Hafennähe angesiedelte chinesi- sche Stahlindustrie waren Importe günstiger als Kokskohle aus heimi- scher Förderung, die erst über lange Entfernungen auf dem Landweg herangeschafft werden müsste. Für das gesamte Jahr 2009 wird ein Rückgang des Weltkokskohlen- marktes um rund 40 bis 50 Mio. t erwartet. Im Koksmarkt war China in den letzten Jahren mit einem Marktan- teil von fast 50% der dominierende Anbieter. In den ersten Monaten des Jahrs 2009 brach der Markt für China-Koks jedoch nahezu vollständig ein. Trotz der Freigabe von Exportlizenzen in annähernd gleicher Höhe wie im Vorjahr fand sich zumindest bis August 2009 weltweit kein Markt für chinesi- schen Koks. Insbesondere infolge der hohen Koksexportsteuer von 40% war chinesische Ware – poli- tisch gewollt – viel zu teuer für den Weltmarkt. Bedeutendste Anbieter sind daher vorerst Kanada und die USA. Die chinesische Wirtschaft weist trotz der Weltwirtschaftskrise eine vergleichsweise robuste Verfas- sung auf. Nach Einschätzung der OECD könnte China wie auch Indien in diesem Jahr wieder eine ver- gleichsweise hohe Wachstumsrate erzielen. Das macht sich bereits nicht nur beim Koks, sondern auch auf den internationalen Kraftwerks- kohlen- und Kokskohlenmärkten bemerkbar. Die starke Nachfrage Chinas insbesondere nach Kohle und Erzen hat 2009 vor australi- schen Beladungs- und chinesischen Entladungshäfen schon zu langen Staus von Massengutfrachtschiffen geführt, die auf Abfertigung war- ten. Dadurch wurde Schiffsraum Welthandels- intensität bei Steinkohle Preise für Kraftwerkskohle
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    48 Frachtraten nach Europa 0 100 200 300 400 500 650 550 450 350 250 150 50 600 Mio. t Sonstige Steinkohlen-und Koks-Exporte weltweit 2008 Kraftwerks- kohle Kokskohle Koks 28 207 632 Kolumbien Südafrika Indonesien China Australien Sonstige China Sonstige USA Kanada Australien 70o-2_2009 23.09.2009 Russland Quelle: VDKI, 2009 0 10 20 30 40 50 60 70 Quelle: McCloskey Coal Report, Wochennotierungen US-$/t 20052004 2007 2008 2009 64-1_2009 18.09.2009 Seefrachtraten nach Europa 2006 Herkunftshäfen: Ziel: Nordwesteuropäische Häfen (ARA) Queensland Australien Richards Bay Südafrika Hampton Roads USA gebunden, der an anderer Stelle fehlte und zeitweilig wieder zu stei- genden Frachtraten führte, so auch im atlantischen Markt. Im Zuge der weltweit stark rückläufigen Nach- frage nach Massengütern waren auch die Seefrachtraten seit Ende 2008/Anfang 2009 von historischen Höchstständen auf ein teilweise ruinöses Niveau gefallen. Dies hat- te zu zahlreichen Marktaustritten geführt. Aufgrund von Aufgabe und Umwidmung von Exportkapazitäten werden Verknappungen am interna- tionalen Steinkohlenmarkt künftig wahrscheinlicher. Abzusehen ist bereits auch: Der Kampf um die Einflussnahme auf die Rohstoffvorkommen der Welt wird generell deutlich härter. Mitte 2009 nahmen chinesische Sicherheitsbehörden Mitarbeiter des australischen Bergbaukonzerns Rio Tinto unter dem Verdacht der Industriespionage fest. Zuvor war der Versuch des staatlichen chinesi- schen Aluminiumkonzerns Chinalco gescheitert, seinen Mehrheitsanteil an Rio Tinto – vor allem wegen des Eisenerzes in Westaustralien – auf- zustocken. Dieses Ansinnen wurde durch Intervention der australi- schen Regierung, Medienproteste und Einreden weiterer Anteilseigner vereitelt. Dies hat zu erheblichen diplomatischen Differenzen zwi- schen den beiden Staaten geführt. Zuvor war Ende 2007 bereits ein Übernahmeversuch seitens BHP Billiton, das wie Rio Tinto zu den „Big Four“ der internationalen Rohstoffwirtschaft zählt, vorerst gescheitert. Mitte 2009 verban- den sich die beiden Unternehmen allerdings durch Joint-Ventures im Eisenerz- und Kohlegeschäft auf andere Art stärker miteinander. China ist seit Frühjahr 2009 wieder verstärkt auf den internationalen Rohstoffmärkten aktiv: So hat es 2009 beispielsweise den internatio- nalen Markt für Industriemetalle nahezu leer gekauft. Es bemüht sich darüber hinaus um die Beteiligung und Kontrolle an Bergbauunterneh- men in Australien wie in anderen Ländern – dies auch im Hinblick auf den Zugriff auf Produktionskapazi- täten im Kohlesektor (Felix Resour- ces). Neben einer zunehmenden Un- ternehmenskonzentration auf den internationalen Steinkohlenmärkten zeichnet sich also auch hier, wie schon auf anderen Rohstoffmärk- ten, eine verstärkte Einflussnahme von einzelstaatlichen Rohstoffsi- cherungsstrategien ab.
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    Strategische Risiken der globalenEnergiesicherheit Gastbeitrag Foto: LNG- Tankschiff
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    50 Gastbeitrag Dr. Frank Umbach,Senior Associate für Internationale Energiesicherheit Centre for European Security Strategies (CESS), München-Berlin Im Zuge der stark gefallenen inter- nationalen Rohöl- und Erdgaspreise seit Sommer 2008 scheinen die großen Besorgnisse über die globa- le Energieversorgung und die Aus- wirkungen der Rohstoffhausse auf die Stabilität der internationalen Beziehungen zunächst einmal ver- flogen zu sein. Doch die moderaten Energiepreise dürften nur temporär sein und nicht die langfristigen strategischen Trends der interna- tionalen Energiepolitik hinsichtlich hoher volatiler Öl- und Gaspreise sowie Versorgungsengpässe in Frage stellen. Mittelfristig könnte die weltweite Energieversorgung durch den weiteren Aufschub zeitkritischer Investitionen in neue Explorationsprojekte und sonstige Energieinfrastruktur sogar noch stärker gefährdet sein. Auch die geopolitischen Risiken und Aus- wirkungen auf die globalen ord- nungspoli­ti­schen Strukturen wer- den sich nicht verflüchtigen. Dies gilt umso mehr, als der weltweite Markt für die fossilen Energieträger Öl, Gas und Kohle vor einem dra- matischen Strukturwandel steht. In 2008 haben die Entwicklungsländer mit China an der Spitze erstmals die OECD-Staa­ten beim Verbrauch von Primärenergie übertroffen. 79% der Weltbevölkerung erwirt­schaf­ ten 45% des globalen Bruttoin- landsproduktes und benötigen dafür 53% der Welt­ener­gie. Dieser Trend wird sich in den näch­sten Jahren verstärken und erheblich die Preise be­ein­flussen sowie neue Herausforderun­gen für die interna- tionale Energiesicherheit und die An­strengungen der Weltgemein- schaft ha­ben, den globalen Klima- wandel zumindest zu ver­lang­samen. Damit steht die Welt vor einer dop- pelten Herausforderung: einerseits eine bezahlbare Energieversor­ gungs­sicherheit zu gewährleisten, andererseits aus Grün­den des globalen Klimawandels vor allem in den Nicht-OECD-Staaten auf höhe- re Energieeffizienz mit gleichzeitig niedrigerem CO2 -Ausstoß struktu- rell umzusteuern. Bereits seit Ende der 1990er-Jah- re hat sich das Machtverhältnis zwischen Energieproduzenten und -konsumenten zugunsten der Ener- gieproduzenten und dem Entstehen eines weltweiten „Verkäufermark- tes“ sukzessiv verändert. Diese internationalen Machtverschie- bungen zugunsten der asiatischen und arabischen Schwellenländer, aber auch Russlands und anderer Energieexporteure und die interna- tionale Expansion ihrer Staatsfonds in die USA und nach Europa waren wesentlich durch die hohen Öl- und Gaspreise sowie die Rohstoff- hausse bei nichtenergetischen Ressourcen erklärbar. So hat sich seit 2002 nicht nur der Ölpreis auf bis zu 147 US-$ pro Barrel (bl) im Juli 2008 verfünffacht, sondern auch die Preise für Eisenerz und Stahlschrott waren zwischen 2003 und 2006 um 100% sowie der Nichteisenmetalle um über 128% und anderer Metalle sogar um über 500% gestiegen. Die Frage der Versorgungssicherheit von Energie- und anderen Rohstoffen rückte da- mit auf die politische Tagesordnung der westlichen Regierungen, da die Energie- und Rohstoffsicherheit die zentrale Voraussetzung für die Stabilität der gesamten wirtschaft- lichen Wertschöpfungskette ist. Im Zuge der globalen Rohstoff- hausse und ihren rapiden Preis- steigerungen, einer steigenden Angebotskonzentration auf immer weniger Länder und Unterneh- men, zunehmenden Handels- und Wettbewerbsverzerrungen durch politisch induzierte Einschränkun- gen der Rohstoffverfügbarkeit, der Subventionierung des Energiever- brauchs sowie vermehrter Strategi- en der staatlich forcierten Rück- wärtsintegration durch zunehmende Beteiligungen an Bergbauunterneh- men im Ausland (direkter Zugriff und Kontrolle der Lagerstätten im Ausland) stellten sich vermehrt Fragen hinsichtlich der Lieferfähig- keit der Rohstoffexporteure – und damit Fragen, die über 20 Jahre von der EU nicht mehr diskutiert worden sind. Zudem spiegelt sich beim „Ressourcenfluch“ nicht nur ein enger Zusammenhang zwischen hohen Ölpreisen und „Rentieröko- nomien“ wider, sondern auch jener zwischen hohen Ölpreisen und der mangelnden Reformbereitschaft sowie der Demokratisierung in der Innenpolitik und einer konfrontati- veren Außenpolitik vieler reicheren Produzentenstaaten. All dies wirft zentrale Fragen nicht nur für die internationale Ener- giepolitik, sondern auch für die weltweite regionale Ordnungspo- litik und Außen-, Sicher­heits- und Entwicklungspolitik des Westens und damit auch für die GASP (Ge- meinsame Außen- und Sicherheits- politik) sowie Nachbarschaftspolitik der EU auf. Im Zuge einer globalen Energie- und Rohstoffhausse sowie Der Energiemarkt ist ein „Verkäufermarkt“
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    51 Strategische Risiken derglobalen Energiesicherheit Verknappung können somit welt- weit künftige gewaltsame Kon- flikte und Kriege vor allem um die knapper werdenden Rohstoffe (vor allem um Öl, Gas und Wasser) kei- neswegs ausgeschlossen werden, die u.a. mit Massenmigrationen und Flüchtlingsproblemen verbunden sind. Hinzu kommen die Folgen der globalen Klimaveränderungen, die neue Konflikte verursachen und vor allem bereits bestehende Konfliktlagen erheblich verschärfen könnten. Vor diesem komplexen Hinter- grund sollen zunächst die globalen Energietrends und Prog­no­sen der Internationalen Energieagentur (IEA), der Energy Information Admi- nistration (EIA) und des Weltener- gierats (WEC) analysiert werden, bevor die mittel- und langfristigen geopo­li­tischen Risiken untersucht werden, um auf dieser Basis quali- fizierte Schlussfolgerungen für die mittelfristige Energieversorgungs- sicherheit der EU und Deutschlands zu ziehen. Internationale Energienachfrage bis 2030 und die Frage der globalen Versorgungssicherheit Die Unsicherheiten der globalen Energieversorgungssicherheit bis zum Ausbruch der gegenwärtigen globalen Finanz- und Wirtschafts- krise im Sommer 2008 erklärten sich einerseits aus der rapide zunehmenden Energienach­frage vor allem in China und Indien sowie einer Ver­fünffachung der Ölpreise von 2002 bis 2008 auf über 147 US-$/bl, andererseits aus zunehmenden Un­gewissheiten, wie lange die Öl- und Gasre­ser­ven noch ausreichen und wie viele Res­sour­ cen zukünftig tatsächlich auf dem Weltmarkt zur Verfü­gung stehen werden. Deshalb unter­schied sich diese Krise der weltweiten Ener­gie­preise und globalen Ener­ gie­versorgung grundlegend von früheren. Ent­schei­dende Ent­wick­ lun­gen der letzten Jahre auf dem Energiesektor sowie die neuesten Prognosen der IEA, EIA und des WEC über die fossilen Energieres- sourcen bis 2030 bestätigen diese Annahmen: • Die globale Energienachfrage wird bis 2030 um 37-45% zu- nehmen. Verantwortlich für den weltweiten Anstieg des Ener- gieverbrauchs sind vor allem die Nicht-OECD-Staaten mit 73%, während der Energieanstieg der OECD-Staaten selbst beim Referenzszenario der EIA nur bei 15% liegen dürfte. • Trotz weltweiter Anstrengungen zur Entwicklung der erneuerba- ren Energien mit einem jährlich prognostizierten Wachstum von rund 7% werden in mittelfristiger Perspektive weiterhin die fossi- len Energieträger (Rohöl, Erdgas und Kohle) den weitaus größten Teil des weltweiten Ver­brauchs ausmachen. Sie werden rund 80% des globalen Nachfragean- stiegs bis 2030 decken. • Rohöl bleibt mit etwa 30-32% (derzeit 34%) im weltweiten Energiemix der wichtigste Ener- gieträger bis 2030. Der durch- schnittliche Rohölbedarf wird Quelle: BP Statistical Review of World Energy, 2009 / World Energy Outlook, 2009; IEA Prognose: IEA Referenzszenario basierend auf Zahlen von 2006 Öl Kohle Erdgas Kernenergie Sonstige Wasserkraft Weltenergieverbrauch Mrd. t SKE 42o-2_2009 14.09.2009 2020 29% 21,6 2005 26% 16,6 1990 26% 12,6 0 20 25 15 10 5 2008 28% 17,8 2030 29% 24,3
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    52 bis 2030 weltweitum 37% ge- genüber 2006 zunehmen – von derzeit über 85 auf 106 Millionen Barrel pro Tag (Mio. bl/d; IEA- Referenz­sze­nario). China wird dabei für 43% des Zuwachses der globalen Rohölnachfrage, der Mittlere Osten für 20% und Indien für 19% verant­wort­lich sein. Da nicht nur die Zunah- me der Weltrohölnachfrage zu erwarten ist, sondern auch viele er­schöpfte Ölfelder ersetzt wer- den müssen, muss die Rohölpro- duktion bis 2030 um 64 Mio. bl/d wachsen – das Sechsfache der heutigen Gesamtrohölproduktion Saudi Arabiens als weltgrößter Rohölproduzent. Nach dem opti- mistischeren Alternativszenario der IEA von 2007 ist die Welt zwar in der Lage, 14 Mio. bl/d einzusparen, doch auch dann bleibt Rohöl der weltweit wich- tigste Energieträger. Zwar sind gegen­wär­tig mehr als 182 Mrd.t konventionelle Rohölreserven (ohne kanadi­sche Ölsande) nach- weisbar vorhanden, doch hält die Entdeckung neuer Ölressour­cen bereits seit 1986 mit der sich rapide beschleunigenden Nach- frage nicht mehr Schritt. • Die weltweite Nachfrage des kli- mafreundlicheren Erdgases wird aufgrund der Koppelung mit den wieder ansteigenden Rohölprei- sen lediglich um 1,8% zunehmen und im globalen Energiemix von 21% auf 22% bis 2030 nur margi- nal wachsen. Der interregionale Gashandel wird sich von 441 Mrd. m3 auf mehr als 1 Bill. m3 verdoppeln, der größtenteils in Form von Liquified Natural Gas (LNG) transportiert und dessen Anteil von 52% in 2006 auf 69% in 2030 ansteigen wird. Zugleich wird die Zunahme der weltwei- ten Erdgasproduktion mit 46% im Mittleren Osten erfolgen müssen – also in derjenigen Region, die bereits für die Weltrohölver- sorgung ohne Alternative ist. Dabei befinden sich allein 56% der weltweiten Erdgasreserven allein in den drei Staaten Russ- land, Iran und Qatar und mehr als die Hälfte der globalen Re­ser­ven wird von lediglich 25 Erdgasfel- dern gespeist. Eine Entspannung des Erdgas­mark­tes zeichnet sich mit der zunehmenden Ausbeu- tung der bis vor kurzem unrenta- blen un­kon­ventionellen Gasre- serven in den USA ab, die durch neue Bohrtechniken und den höheren Rohölpreis wirtschaft- lich erschlossen werden und den früher antizipier­ten starken An- stieg von LNG-Importen ersetzen können. Die künftige Produktion von unkon­ven­­tionellem Gas aus Schiefer- und Kohleschichten sowie dichten Sandsteinforma- tionen („tight gas“) soll von 47% der gesamten Erdgasproduktion in 2006 auf 56% in 2030 weiter steigen. In dem neuesten Refe- renzszenario geht die EIA sogar davon aus, dass die USA bei Erdgas faktisch selbstversorgend werden. • Im Gegensatz zu den hiesigen Bemühungen des Klimaschutzes ist seit 2000 mit jährlich durch- schnittlich 4,9% ein stärkeres Wachstum der globalen Kohlen­ nach­frage zu konstatieren als bei irgendeinem anderen fossilen Energieträger oder der gesamten weltweiten Primärenergienach- frage. Nach Prognosen der IEA wird der Kohlenverbrauch bis 2030 um jährlich 1-2% zunehmen und könnte damit auch weiterhin stärker wachsen als die Erdgas- nachfrage. Die weltweite Koh- lennachfrage würde zwischen 2006 und 2015 um 32% und im Zeitraum 2006-2030 sogar um bis zu 61% von 3.053 Millionen Tonnen Öläquivalent (Mtoe) auf 4.908 Mtoe ansteigen. Selbst wenn sich das optimi­sti­sche­re Alternativszenario bestä­tigen sollte, wird Kohle mit 23-29% in 2030 der zweitwichtigste Energieträger noch vor Erdgas weltweit bleiben. • Nach der neuesten Analyse der EIA wird der weltweite Strombedarf im Referenz­sze­ na­rio zwischen 2006 und 2030 um 77% ansteigen. Dabei wird der globale Beitrag der Kern- energie zur Stromerzeugung bis 2025 absolut höher liegen als in der vergleichba­ren Projektion von 2004, auch wenn sich der Kernenergieanteil von 15% in 2006 auf 10% in 2030 verringern wird. Demgegenüber wird der Kohleanteil an der weltweiten Stromerzeugung von 41% auf 44% zunehmen und der Anteil der erneuerbaren Energien von 18% auf 23% bis 2030 ansteigen – und damit Erdgas bereits kurz nach 2010 als zweitwichtigste globale Erzeugungsquelle für Strom ablösen. Gastbeitrag Rohöl bleibt weltweit der wichtigste Energieträger – Kohle steht an zweiter Stelle
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    53 Strategische Risiken derglobalen Energiesicherheit Um die weltweite Energienachfra- ge zu befriedigen und die globale Energiesicherheit zu garantieren, sind nach Auffassung der IEA rund 26 Bill. US-$ an Investitionen bis 2030 notwendig. Gleichzeitig beläuft sich die Subventionierung von Energieressourcen und des Energieverbrauchs in den 20 größ- ten Nicht-OECD-Staaten jährlich allein auf 310 Mrd. US-$. Dement- sprechend ist der Energieverbrauch dieser Staaten von realen Markt­ preisen weitgehend abgekoppelt, sodass auch keine Anreize beste- hen, den Energie­verbrauch durch Einsparungen zu verringern und die Energieeffizienz zu erhöhen. Die zu- künftig notwendigen Investitionen in die globale Energiewirtschaft zur Auf­recht­erhaltung der interna- tionalen Energiesicherheit werden zudem nur dann er­folgen, wenn sich die Rahmenbedingungen für ausländische Investoren und die politische Stabilität in vielen der Förderländer deutlich verbessern. Die entscheidende Frage jedoch – wie viele Erdöl- und Erdgas- ressourcen stehen nicht nur auf dem Papier, sondern tatsächlich auf dem Weltmarkt jederzeit zur Verfügung? – hängt nicht nur von eng definierten ökonomischen Fak- toren wie Angebot und Nachfrage oder der globalen Klimapolitik ab, sondern maßgeblich auch von den dramatisch veränderten poli­ti­schen Rahmenbedingungen seit Ende der 1990er-Jahre. Geopolitische Risiken und strukturelle Versorgungsengpässe Seit den terroristischen Anschlä- gen vom 11. September 2001 auf das World Trade Center und das Pentagon sowie der Militärinter­ ven­tion in Afghanistan und dem Irak-Krieg ist die internationale Auf­merk­­­sam­keit stärker denn je einerseits auf den Mittleren Osten und Süd- sowie Zentral­asien als auch auf den zukünftigen welt- weiten „Bogen der Instabilität“ („arc of instability“), andererseits auf den Zusammenhang zwischen künftigen Kriegen und der globalen Ressourcenkonkurrenz gerichtet. Dieser „Größe­re Mittlere Osten“ (auch „Strategische Ellipse“ genannt) besitzt für die Sta­bi­lität der welt­weiten Energieversor- gungssicherheit im 21. Jahrhun- dert herausra­gende stra­te­­gi­­sche Be­deutung, da in dieser Weltregion der Großteil der verbleibenden glo­balen Öl- und Gasreserven wie folgt konzentriert sind. • 90% der Erdölreserven befinden sich in der islamischen Welt; • 70% der Weltrohölreserven und 40% der Weltgasreserven befinden sich in der Region der „Strategischen Ellipse“; • 62% aller Weltölreserven und 34% aller globalen Erdgasreser- ven sind allein in der Region des Persischen Golfes konzentriert. Darüber hinaus gelten 10 der 14 führenden Rohöl exportierenden Staaten seit Ende der 1990er-Jahre als politisch instabil. Ein Aufbre- chen der innenpolitischen Konflikte könnte jederzeit zu größeren Unter- brechungen des Rohöl- und Erdgas- exports dieser Länder führen. 50% der Weltenergienachfrage werden von Erdöl produzierenden Staaten gedeckt, deren innen­po­li­ti­sche Spannungen ein hohes Risiko dar- stellen. Zukünftig wird die Welt auf immer weniger Erdöl- und Erdgas- förderstaaten angewiesen sein, die zudem häufig politisch instabil ein immer höheres Produktionsniveau zur globalen Erdöl- und Erdgasver- sorgungssicherheit gewährleisten müssen. Energieengpässe mit drastischen Preissteigerungen oder sogar grö- ßeren Versorgungskrisen können daher auch für den mittelfristigen Zeitraum bis 2020 immer weniger ausgeschlossen werden. Im Gegensatz zur Ölkrise in den 1970er-Jahren oder während des irakisch-iranischen Kriegs ab 1980 waren die hohen Preise bis zum August 2008 somit nicht auf eine einzelne akute politische Krise und eine temporäre Angebotsverknap- pung im Mittleren Osten zurückzu- führen, sondern vor allem auf die globale Nachfrage und auf struktu- relle Probleme auf der Angebots- seite (Engpässe bei Produktions-, Raffinerie- und Transportkapazi- täten). Die Schlüsselstellung Saudi-Arabi- ens als die „Zentralbank von Rohöl“ Energieengpässe können immer weniger ausge- schlossen werden
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    54 für die globaleEnergiesicherheit resultiert vor allem aus dem Um- stand, dass Riad der einzige Öllie- ferant ist, der noch über nennens- werte ungenutzte Förderkapazitä- ten verfügt (US-Experten sprechen von einem „Energieäquivalent von Nuklearwaffen“). Allerdings waren es (bei einem Produktions­niveau von insgesamt rund 10 Mio. bl/d) bis zum Sommer letzten Jahres nur rund 1,5 -2 Mio. bl/d, die der weltweit größte Rohölpro­duzent in Krisenzeiten zusätzlich mobilisie- ren konnte. Damit sank der Anteil der freien Produktionskapazitä- ten im Vergleich zur weltweiten Ölnachfrage von 15% auf lediglich 2-3%. Die OPEC-Förder­ka­pa­zi­tä­ten waren bis Mitte 2008 fast zu 99% ausgelastet – verglichen mit 90% in 2001 und lediglich 80% im Jahr 1990. Vor diesem Hintergrund hat der Interna­tionale Währungsfonds (IWF) im Frühjahr 2005 die OPEC- Staaten aufgefordert, zusätzliche freie Produktionskapazitäten von mindestens 5 Mio. bl/d in den nächsten Jahren bereitzustellen, da sonst die globale Rohölversor- gung nicht länger stabil zu halten sei. Doch mit Aus­nahme Saudi- Arabiens ist bis heute kein anderer OPEC-Staat sowohl aus politischen als auch wirtschaftlichen Gründen bereit, dieser Aufforderung Folge zu leisten. Mit der Verschiebung der welt- weiten Rohölnachfrage aus den westlichen Industriestaaten in die bevölkerungsreichsten industriellen Schwellenstaaten wie China und Indien wird sich im 21. Jahrhundert auch der Hauptanteil der Raffine- rien aus den USA und aus Europa nach Asien und in andere Weltre- gionen verlagern. Dies bedeutet: Nicht nur der größte Teil der Erdölförderung, sondern auch 60% der weltweiten Raffineriekapazi- tät werden sich dann in zumeist politisch instabileren Ländern und Regionen befinden. Daher suchen die Energie impor- tierenden Staaten nach Möglich- keiten, einerseits die Abhän­gig- ­keiten zu reduzieren und anderer- seits im Rahmen ihrer Außen- und Sicherheitspolitik gute Beziehun- gen zu den Erdöl und Erdgas expor- tierenden Staaten aufzubauen. Die Frage nach der Energiesicherheit in den Industriestaaten war somit zu keiner Zeit nur eine außenwirt- schaftliche Problematik, der mit ausschließlich (markt-)wirtschaftli- chen Mitteln zu begegnen wäre. Auswirkungen auf die europäische Energieversorgungssicherheit Erst infolge des ersten russisch- ukrainischen Gaskonflikts vom Ja- nuar 2006 stand die Frage nach der Versorgungssicherheit der EU und Deutschlands auf der politischen Tagesordnung und hat seitdem hohe Priorität, wie der jüngste russisch-ukrainische Gaskonflikt vom Januar 2009 – die größte Energiekrise Europas seit mehr als 30 Jahren – bestätigt hat. Vor allem die Gasversorgungssicherheit Europas gilt als die Achillesferse der europäischen Energiepolitik, da diese sich von der Ölversorgungs- sicherheit grundlegend unterschei- det. So gibt es einerseits keinen globalen Gasmarkt; andererseits ist die Versorgungssicherheit in Eu- ropa von stabilen Lieferungen über in Krisen inflexible Pipelinesysteme abhängig. Zwischen den internationalen Experten und Energieorganisatio- nen, wie der IEA, der EIA sowie dem WEC, und der EU-Kommission besteht einhellig die Auffassung, dass nur ein ausgewo­gener und breitest möglicher Energiemix, der keinen Energieträger ausschließt, die globale, regionale und natio- nale Energiesicherheit nachhaltig garantieren kann. Vor allem in der mittelfristigen Perspektive bis 2030 darf vor den gewaltigen Herausforderungen der globalen Energiesicherheit und des welt- weiten Klimawandels weder auf die Kernenergie noch die Kohle verzichtet werden. Dies gilt ins- besondere auch für Deutschland, dessen Versorgungsrisiko seit den Ölpreiskrisen und einer drastischen Zunahme der Öl- und Gasimporte aus Russland als Folge des bisher geplanten Doppelausstiegs bei Kernenergie und der heimischen Steinkohlenförderung deutlich gestiegen ist. Die EU hat mit den März 2007-Be- schlüssen einer integrierten, nach- Gastbeitrag Die Energie- abhängigkeit ist eine Frage der Außen- und Sicherheitspolitik
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    55 Strategische Risiken derglobalen Energiesicherheit haltigen Klima- und Energiepolitik sowie der 20-20-20-Formel (s. a. S. 65) die Weichen für die Zukunft gestellt, um aus der Spirale aus stark ansteigendem Energiever- brauch und Energieimportabhängig- keiten zumin­dest teilweise aus- zusteigen bzw. den Anstieg stark zu reduzieren. Im Mittelpunkt ihrer energiepolitischen Konzeption ste- hen zu Recht die Energieeinsparung und Erhöhung der Energieeffizienz sowie die Diversifizierung des Energieträger­mix und der Importe. Auch die Proklamierung einer ak- tiven europäischen und deutschen Energieaußenpolitik unter Be- rücksichtigung der geopolitischen Risiken ist wichtig und richtig. Noch vor dem jüngsten Gaskon- flikt im November 2008 hatte die Europäische Kommission unter der französischen Präsidentschaft mit dem „Zweiten Überprüfungsbericht der Energiestrategie der EU“ ein weitreichendes Energiepaket zur Stärkung der Energieversor­gungs­ sicherheit und Unterstützung der Klimaschutzvorschläge vorgelegt. Der in der Öffentlichkeit und zum Teil auch in der deutschen Politik viel zu wenig beachtete „Akti- onsplan für Energieversorgungs- sicherheit und -solidarität“ zeigte zum ersten Mal auf, dass eine erfolgreiche Implementierung der Energiebeschlüsse vom März 2007 den bis dahin prognostizierten Energiebedarf der EU bis 2020 um bis zu 15% und den Importbedarf um sogar 26% gegenüber den bisherigen Energiebedarfsprogno- sen reduzieren könnte. Ohne die Märzbeschlüsse würden dagegen die Nettoenergieimporte um rund 41% zwischen 2005 bis 2030 ansteigen. Tatsächlich zeigt der EU-Aktionsplan vom November 2008 und seine neuen Prognosen erstmals auf, dass der Erdgasim- portbedarf mit der Implemen­ tierung des 20-20-20-Programms (dabei abhängig von der Höhe des internationalen Ölpreises), bis auf das heutige Niveau von rund 300 Mrd. m3 eingefroren werden könnte anstatt auf 452 Mrd. m3 anzusteigen. Je nach Szenario könnte der Erdgasimport­bedarf der EU bei einem erneuten Anstieg des Ölpreises auf 100 US-$/bl sogar unter 300 Mrd. m3 liegen (s. Tabelle im Anhang). Auch das vom Rat der EU am 20. März 2009 beschlossene und von der Kommission vor­ge­schlagene Energieinfrastrukturprogramm in einem Umfang von rund 4 Mrd. € dient der Stärkung der Energiever- sorgungssicherheit und der phy- sischen Infrastruktur effektiverer Krisenreaktionsmechanismen. Seit Anfang 2008 wurden auch die Maßnahmen zur Entwicklung des süd­euro­päischen Gastransportkor- ridors und des Zu­gangs zu kas- pischem Gas durch das Nabucco- Projekt entscheidend forciert. Allerdings kann die EU kurz- und mittelfristig auch nach Unterzeich- nung des jüngsten Abkommens zwischen Russ­land und der Ukraine zur Beilegung des Gaskonflikts und des Energiememorandums zur Mo- dernisierung der ukrainischen Gas- infrastruktur vom 23. März 2009 keineswegs von einer sicheren Gasversorgung aus Russland aus- gehen, da dies nicht nur 1) wirtschaftliche Stabilisierung und umfassende Reform des Energiesektors der Ukraine voraussetzt, sondern 2) auch eine völlige Normalisierung der bilate­ral­en Beziehungen zwischen Moskau und Kiew, 3) eine Ausschaltung aller Zwi- schenhändler, 4) die Gewährleistung von weitaus größerer Transparenz über die Abkommen und die Gassektoren auf beiden Seiten, 5) die Abkoppelung des bilateralen Gashandels von geopolitischen Motivatio­nen und auch voraus- setzt, dass 6) die gegenwärtige Finanz- und Wirtschaftskrise die dringend notwendigen Investitionen der russischen Gaswirtschaft in die Exploration neuer und erheblich teurerer Gasfelder nicht verrin- gert und zeitlich weiter auf- schiebt. Daher bleibt aus europäischer und deutscher Sicht – neben neuen Maßnahmen zur Energieeinsparung und Erhöhung der Energieeffizienz – die breitest mögliche Diversifizie- rung des Energieträgermix und der Importe die beste Garantie für eine langfristige stabile Energieversor- gungssicherheit. Bei Erdgas sollte dies durch eine neue Kombination von langfristigen Lieferverträgen, liquiden Handelsplätzen, einer bedarfsge­rech­ten und sicheren Infrastruktur sowie die Stärkung Breiter Energie- trägermix ist Garantie für eine stabile Energie- versorgungs- sicherheit
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    56 der grenzüberschreitenden Koope- rationzwischen Gasunternehmen im Zusammenspiel mit Regierungen und der EU mit ihren neuen Krisen- und Kooperationsinstrumenten sichergestellt werden. Dem Ziel der Stärkung der Versor- gungssicherheit durch die Diversifi- zierung von Energie­trä­gern, Impor- ten und der Elektrizitätserzeugung soll auch das derzeit viel diskutier- te Solar- und Wüstenstromprojekt „DESERTEC“ dienen – derzeit läuft eine Machbarkeitsstudie. Dieses von 12 vor allem deutschen Konzer- nen forcierte Projekt sieht eine so- larthermische Stromerzeugung vor, bei der das Sonnenlicht in riesigen Parabolspiegeln gebündelt und dann in einer im Kreislauf ge­führ­ ten Flüssigkeit auf 400°C erhitzt wird, um in einem anschließenden Dampf­tur­binen­kraftwerk in Strom ver­wan­delt zu werden. Das derzeit auf 400 Mrd. € geschätzte Projekt soll 15-20% seiner Stromerzeu- gung über Hochspannungsgleich- stromleitungen nach Europa führen. Obwohl es auch technologisch vor allem beim Stromtransport nach Europa noch einige Probleme zu lösen gilt, müssen die finanziellen und vor allem bisher kaum ana- lysierten sicherheitspolitischen Probleme als die größten Hinder- nisse angesehen werden. Gerade in der Redundanz der zahlreichen Infrastrukturanlagen und bei den Kontrollzentren der de­zentralen Erzeugerstrukturen dürften in den politisch instabilen Regionen Nordafrikas und dem Nahen Osten die physischen und elektronischen Sicherheitsaufwendungen immens sein, die aber bisher offenbar kaum in den operativen Projektkosten ausreichend berücksichtigt worden sind. Zudem müssen erhebliche politische Konflikte zwischen den Regionalstaaten selbst gelöst werden wie aber auch beim grenz- überschreitenden Stromtransport zwischen EU-Staaten. Darüber hinaus darf bezweifelt werden, dass Spanien oder Italien sich von der politisch so instabilen Region noch weiter abhängig machen und ihre Versorgungssicherheit gefährden wollen, da die EU-Mit- telmeerstaaten bereits in hohem Maße durch die Öl- und Gasimporte von dieser instabilen Weltregion abhängig sind. Des weiteren benötigen solar- thermische Kraftwerke Millionen Kubikmeter Kühlwasser, die in den Wüstenregionen zumeist grenz- überschreitend sicher gestellt wer- den müssen und einen ebenfalls nicht unerheblichen Kostenfaktor darstellen dürften. Ebensowenig dürfen die Risiken für die Versor- gungssicherheit der EU übersehen werden. Zwar haben solarther- mische Kraftwerke den großen Vor- teil gegenüber der herkömmlichen Photovoltaik, Strom in Salzschmel- zen speichern zu können, doch der Ausfall von 15-20% der impor- tierten Stromlieferungen als Folge terroristischer oder elektronischer Angriffe gegen die Hochspan- nungsleitungen oder die Strom- kontrollzentren in Nordafrika hätte katastrophale Auswirkungen in Europa, da Strom bisher nicht wie Öl und Gas strategisch in Europa bevorratet werden kann. Für ara- bische Terroristen dürfte die solare Infrastruktur nicht zuletzt deshalb besonders attraktiv sein, weil sie mit Anschlägen gleichzeitig sowohl die verhassten einheimischen Re- gierungen als auch die EU treffen und politisch erpressen könnten. Auch aus diesem Grund könnte sich die dezentralisierte Photovoltaik unter Berücksichtigung großer Fortschritte bei Speichertechnolo- gien langfristig womöglich tatsäch- lich als kostengünstigere solare Variante erweisen. Doch sprechen all diese Vorbehalte nicht grund- sätzlich gegen das Projekt, das vor allem für die Regionalstaaten selbst von großem Nutzen wäre, sofern ihre politischen und wirt- schaftlichen Eliten den großen Nutzen derartiger solarthermischer Kraftwerke angesichts der Rolle ihrer staatlichen Energiekonzerne und deren politischen Einfluss auf die Regierungen erkennen. Die strategischen Risiken der deut- schen Energieversorgung werden jedoch durch „Wüstenstrom“ in der mittelfristigen Perspektive bis 2030 kaum verringert, da das DESERTEC-Projekt angesichts der noch zu überwindenden tech- nischen und vor allem wirtschaft- lichen sowie politischen Probleme wahrscheinlich erst in der länger- fristigen Perspektive 2030-2050 eine größere strategische Bedeu- tung für die Regionalstaaten in Nordafrika sowie des Mittleren Ostens und vielleicht auch Europas gewinnen wird. Gastbeitrag Projekte wie DESERTEC er- fordern immense Sicherheits- aufwendungen
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    Herausforderungen für die europäische unddeutsche EnergiepolitikFotomontage: Steinkohlenkraftwerk Bexbach, Saarland
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    58 Energiepolitische Ziele Umwelt- verträglichkeit Ausgewogener Energiemix Wirtschaft- lichkeit Ver- sorgungs- sicherheit 30-1_2009 21.09.09 Dieheimische Steinkohle im Zieldreieck der Energiepolitik Die heimische Steinkohle und ihr Beitrag zur Energieversorgung in Deutschland sind seit je Gegen- stand energiepolitisch begründeter Entscheidungen und Rahmenset- zungen. 2007 wurden maßgebliche politische Weichenstellungen mit dem Beschluss zur sozialverträg- lichen Beendigung des subventio- nierten Steinkohlenbergbaus zum Ende des Jahres 2018 und dem dazu in Kraft gesetzten Steinkohle- finanzierungsgesetz vom 20. De- zember 2007 vorgenommen. Die so genannte„Revisionsklausel“bein- haltet, dass der Deutsche Bundes- tag den Auslaufbeschluss bis 2012 noch einmal überprüft. Ausdrück- lich benannt werden die Gesichts- punkte der Wirtschaftlichkeit und die Sicherung der Energieversor- gung. Dies erfordert eine volkswirt- schaftliche Perspektive. Daneben wird auf „übrige energiepolitische Ziele“ verwiesen. Vor allem dürften hier die Umwelt- und Klimaver- träglichkeit gemeint sein. Denn damit angesprochen wäre die dritte wesentliche Komponente des klassischen und nach wie vor auf nationaler wie europäischer Ebene maßgeblichen Zieldreiecks der Energiepolitik: Wirtschaftlichkeit, Versorgungssicherheit und Um- weltverträglichkeit. Die Bedeutung dieses Zieldreiecks als Orientierungsrahmen für ener- giepolitische Entscheidungen ist kaum zu überschätzen. Der Bundes- verband der Energie- und Wasser- wirtschaft in Deutschland (BDEW) nannte es auf seinem Kongress „Zukunft gestalten“ im Juni 2009 „Eckpfeiler der deutschen Energie- wirtschaft“ ja sogar ein „energie- politisches Grundgesetz“ und „auch im kommenden Jahrzehnt die Basis für eine zukunftssichere Energiepo- litik“. Allerdings müssten die drei Ziele in einer gegenseitigen Ba- lance gehalten werden, damit „wir auch in Zukunft eine Energieversor- gung haben…, die unsere Umwelt und das Klima schont, die dauerhaft verfügbar ist oder sich gar erneuert und die für uns bezahlbar bleibt“. Die drei zentralen Ziele gegenein- ander auszuspielen, so warnt der BDEW, führe in eine „energiepoliti- sche Sackgasse“. Denn die energie- politischen Ziele sind miteinander verwoben und erfordern einen gleichgewichtigen Ansatz, „was bei allen anstehenden Entscheidungen mit Bedacht und ehrlicherweise auch kommuniziert werden muss“. Geschieht das nicht, ginge also die Balance verloren, drohen zwangs- läufig negative Folgen sowohl für die jeweils anderen Ziele als auch für die gesamte Volkswirtschaft. „Eine unterschiedliche Dehnung würde zu einer gefährlichen Schief- lage führen, die letztlich nicht nur die jeweils anderen Ziele gefähr- den, sondern auch das gesamte energie- und volkswirtschaftliche Fundament zerstören könnte“, so der BDEW. Ausdrücklich wird von ihm beklagt, dass es in den letzten „Die Bundesregierung leitet dem Deutschen Bundestag bis späte- stens 30. Juni 2012 einen Bericht zu, auf dessen Grundlage der Deutsche Bundestag unter Be- achtung der Gesichtspunkte der Wirtschaftlichkeit, der Sicherung der Energieversorgung und der übrigen energiepolitischen Ziele prüft, ob der Steinkohlenbergbau weiter gefördert wird. Der Stein- kohlenbergbau und die Industrie- gewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE) werden ange- hört. Dem Bericht sind Gutach- ten anerkannter Wirtschaftsfor- schungsinstitute zugrunde zu legen und beizufügen.“ §1 Abs.2 Steinkohlefinanzierungs- gesetz („Revisionsklausel“) vom 20. Dezember 2007
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    59 Herausforderungen für dieeuropäische und deutsche Energiepolitik Jahren in der deutschen Ener- giepolitik kein gleichschenkliges Zieldreieck mehr gab. Vielmehr sei die Ausrichtung zugunsten der Umwelt- und Klimaschutz- ziele verschoben worden. Dieses Ungleichgewicht könnte auch die künftige Energiepolitik dominieren. Die Wirtschaftlichkeit wie auch die Versorgungssicherheit könnten so ins Hintertreffen geraten. Eingeordnet in das skizzierte Ziel- dreieck ergibt sich speziell für die heimische Steinkohle und ihre Zu- kunft zweifellos ein differenzierter Befund. Auch die energiepolitische Diskussion über die Steinkohle ist in jüngerer Zeit zunehmend von Klimagesichtspunkten dominiert worden. Dabei ist die Vereinbarkeit der Steinkohlenutzung mit den klimapolitischen Zielsetzungen allerdings eine Frage, die sich nicht unmittelbar auf die heimische Steinkohle beziehen kann. Sie muss beantwortet werden – unabhängig von der Herkunft der jeweiligen Energieträger – durch die zu ihrer Nutzung eingesetzte Energietech- nologie bzw. deren Effizienz sowie durch die konkreten klimapoliti- schen Vorgaben. In das seit 2005 etablierte CO2 -Emissionshandels- system mit seiner Gesamtkontin- gentierung der Emissionsrechte ist fast der gesamte Steinkohlenver- brauch in Deutschland einbezogen – und damit auch der Verbrauch heimischer Steinkohle. So wird die Vereinbarkeit mit den Klimazielen gerade im Kohlesektor vollständig sichergestellt. Bedauerlich ist, dass in letzter Zeit zumindest von Teilen der Öffent- lichkeit auch die Umweltverträg- lichkeit der Steinkohlengewinnung zunehmend in Frage gestellt wird. Tatsächlich gehen die Umwelt- auswirkungen des deutschen Steinkohlenbergbaus durch den seit Jahrzehnten vollzogenen und weiter laufenden Anpassungspro- zess immer mehr zurück – ohne besondere lokale und regionale Probleme für bergbaubetroffene Anwohner in Abrede zu stellen. Gleichzeitig wird der verbliebene Steinkohlenbergbau in Deutschland gemäß den hierzulande gelten- den hohen Umweltstandards und Nachhaltigkeitsgrundsätzen für bergbauliche Gewinnungstätigkei- ten durchgeführt. Das Hauptproblem der heimi- schen Steinkohle liegt bei ihrer Wirtschaftlichkeit. Infolge der geologischen Abbau- und anderen Standortbedingungen sind hier- zulande die Förderkosten höher als der Weltmarktpreis. Daher besteht ein anhaltender Subventi- onsbedarf. Dass sich dies durchaus auch einmal ändern kann, hat die Hochpreisphase 2008 demons- triert: Dadurch kam auch der deutsche Steinkohlenbergbau der Wirtschaftlichkeitsgrenze nahe und der Subventionsbedarf vermin- derte sich zeitweise deutlich. Zu berücksichtigen sind zudem die im deutschen Subventionssystem von den Förderkosten mitgetragenen außergewöhnlichen Belastungen, etwa die Altlasten stillgelegter Bergwerke und Stilllegungsauf- wendungen. Zu bedenken ist auch, dass nur ein lebender Bergbau die Chance bietet, bei hinreichend gestiegenen Marktpreisen ggf. als Grenzanbieter auch in Deutsch- land wieder eine wirtschaftliche Steinkohlenproduktion betreiben zu können. Eine volkswirtschaftli- che Betrachtung hat darüber noch anderes zu berücksichtigen: 2%2% Stahlindustrie Andere8% 43% 11% 2008 Kraftwerke 38% 77% 21% Wärmemarkt 1980 88,3 Mio. t SKE 19,5 Mio. t SKE Absatzstruktur deutscher Steinkohle 74o-2_2009 15.09.2009
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    60 Haushalt der EU 2008 44,2% „Nachhaltiges Wachstum“ -Sonstiges in der Rubrik „Bewahrung und Bewirtschaftung…“ - Agrarhilfen Sonstiges (1,4%) * Verpflichtungs- ermächtigungen Quelle: EU-Haushalt 2008 - Finanzbericht der Europäischen Kommission, 2009 12,4% Ausgaben* nach Rubriken 30,9% Haushalt der EU 2008 neu_16-1_2009 29.09.2009 5,6% 5,5% Verwaltungsausgaben „Bewahrung und Bewirt- schaftung der natürlichen Ressource“: „EU als globaler Akteur“ - beispielsweise die positiven technologischen „Spill-over- Effekte“ für andere Wirtschaft- sektoren, - die regionalökonomische Bedeu- tung des Steinkohlenbergbaus für die Bergbaugebiete - oder umgekehrt auch die fiskali- schen Folgekosten einer völligen Einstellung der Kohleförderung - und der damit verbundenen erhöhten regionalen Arbeitslo- sigkeit. Die Einstellung der Steinkohlen- förderung kann dadurch für die öffentlichen Hände insgesamt teurer werden als die Fortführung. Die Subventionsfrage relativiert sich zugleich in Anbetracht des seit den 1990er-Jahren eingeleiteten, im westdeutschen Vergleich fast beispiellosen Subventionsabbaus bei der Steinkohle (Reduzierung bis 2009 um mehr als die Hälfte). Der Anteil der Steinkohlehilfen am gesamten Subventionsvolu- men in Deutschland lag nach den Untersuchungen des Instituts für Weltwirtschaft (IfW), Kiel, bereits 2007 unter 2%. Die zur Abfederung der Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2008 und 2009 in Deutschland eingesetzten Beihilfen haben inzwischen die Subventions- Größenordnungen in ganz andere Dimensionen verschoben: fast 500 Mrd. € für den Sonderfonds zur Bankenrettung, 100 Mrd. € Bürgschaftsrahmen für Rettungs- maßnahmen in der Realwirtschaft, gut 60 Mrd. € für weitere Finan- zierungshilfen in den Konjunktur- paketen. Auch im EU-Kontext relativiert sich die Bedeutung der Steinkoh- lenbeihilfen deutlich. EU-weit wurden bisher schon Beihilfen von über 3 Bill. € zur Stabilisierung der Finanzmärkte verausgabt. Im Haushalt der Union dominieren mit 55 Mrd.€ die Agrarhilfen, die Deutschland als größter Netto- zahler (2008: 8,8 Mrd. €) wesent- lich mitfinanziert. Der größte Emp- fänger ist Frankreich mit 10 Mrd. €, gefolgt von Spanien mit 7,1 Mrd. € und Deutschland mit 6,6 Mrd. €. Klare Pluspunkte beim Ziel Versor- gungssicherheit hat die deutsche Steinkohle als heimische Ener- giequelle angesichts der hohen und zunehmenden Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten. Richtig ist zwar, dass der Stein- kohlenbergbau in seiner heutigen Größenordnung nur noch einen begrenzten Beitrag zur Energiever- sorgung leisten kann. Aber auch die Windkraft oder die inländische Erdgasförderung leisten Versor- gungsbeiträge in ähnlicher Höhe. Die heimische Steinkohle erbringt indessen noch immer einen signi- neu_12-2_2009 06.10.2009 Subventionen des Bundes* für 2008 in Mrd. € Gesamt 1,9 davon Steinkohle Maßnahmen infolge Finanzkrise in Mrd. € Hilfen des Bundes *) Subventionsbericht der Bundesregierung Quelle: nach Der Spiegel, 9/2009 21,5 61,0 Konjunktur- pakete 100,0 Bürgschaften 480,0 Sonderfonds Finanzmarktstabilisierung
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    61 Die Suche nacheinem energiepolitischen Gesamtkonzept Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik Darin enthalten sind zahlreiche Einzelmaßnahmen, die seither schrittweise von der Großen Koalition umgesetzt wurden. Die Bezeichnung „Klima- und Energie- programm“ drückt allerdings tref- fend aus, dass der Schwerpunkt dieses Programms bei klima- schutzorientierten Maßnahmen im Energiebereich liegt. Insbesondere handelt es sich um Schritte zur Energie- bzw. CO2 -Einsparung und zur Steigerung der Energie- effizienz sowie beim weiteren Aus- bau der erneuerbaren Energien. Viele andere wichtige energiepoli- tische Fragen blieben jedoch weiter offen – nicht zuletzt zur Vorsorge für die künftige Energiesicherheit. Der Anspruch eines energiepoliti- schen Gesamtkonzepts ist nach wie vor nicht erfüllt worden. Dieses Manko belegen diverse Reaktionen aus der Wirtschaft. So haben die Industrie- und Handels- kammern in Nordrhein-Westfalen im Frühjahr 2009 ihre im engen Dialog mit der Wirtschaft in NRW und mit wissenschaftlicher Unterstützung erarbeiteten „Ener- giepolitischen Positionen 2009“ vorgelegt. Sie versuchen fundierte eigene Antworten auf eine Reihe der weiterhin offenen Fragen der deutschen Energiepolitik zu geben. Um zu einer kostengünstigen und zukunftsfähigen Energieversorgung in NRW zu gelangen, schlagen die Industrie- und Handelskammern in NRW u. a. folgende Schritte vor: zügiger Ausbau der Netz- und Kraftwerkskapazitäten, stärkerer Wettbewerb in der leitungsge- Da ein energiepolitisches Gesamt- konzept fehlt, ist es auch nicht verwunderlich, dass in Deutschland im „Superwahljahr 2009“ nicht nur zahlreiche Experten ein neues Energiekonzept oder eine natio- nale Energiestrategie gefordert haben. Vielmehr tauchten solche Forderungen auch in fast allen Wahlprogrammen auf; und die für die Energiepolitik zuständigen Fachressorts legten jeweils eigene Vorschläge dazu vor. Im Jahr 2006 gab Bundeskanzlerin Angela Merkel in der Großen Koa- lition den neuerlichen Startschuss zur Entwicklung eines energiepoli- tischen Gesamtkonzepts, das 2006 und 2007 in drei Runden eines so genannten Energiegipfels erörtert wurde. Diese Energiegipfel setzten sich wie folgt zusammen: Vertreter der Bundesregierung, der Energiewirt- schaft, der erneuerbaren Energien, der industriellen und privaten Stromverbraucher, der Gewerk- schaften, der Energieforschung und der Umweltorganisationen. Fach- lich begleitet wurden sie von einer umfänglichen energiewirtschaftli- chen und -politischen Bestandsauf- nahme sowie Szenarienrechnungen durch die zuständigen Ministerien und kompetente Institute. Ergebnis dieser Gipfelberatungen waren grundsätzliche konzeptionelle Überlegungen mit unterschiedlicher Konsensbreite. Auf dieser Basis beschloss die Bundesregierung noch im Jahr 2007 ein Integriertes Klima- und Energieprogramm (kurz: IKEP) ihr so genanntes Meseberg- Paket – dies wurde im Kapitel Klima und Umwelt dargestellt. fikanten Beitrag zur Steinkohlen- versorgung des deutschen Markts. Sie gewährleistet im Mix mit der kostengünstigeren Importkohle ein messbar deutlich höheres Maß an Versorgungssicherheit als etwa Deutschlands Erdöl- und Erdgasver- sorgung (siehe dazu etwa den un- ten dargestellten RWI-Risikoindex). Darüber hinaus gewährleistet der Steinkohlenbergbau den Zugang zu den großen heimischen Stein- kohlenvorkommen: Sie reichen bei heutiger Förderung noch für meh- rere Jahrhunderte und könnten als Option gegen künftige Weltmarkt- risiken auch für kommende Genera- tionen offen gehalten werden. Die Gesamtabwägung der energie- politischen Vor- und Nachteile der heimischen Steinkohle und ihrer Stellung im energiepolitischen Zieldreieck liegt bei den zuständi- gen politischen Entscheidungsträ- gern. Sie wird allerdings dadurch erschwert, dass es in Deutschland nach wie vor kein energiepoliti- sches Gesamtkonzept gibt – jeden- falls kein Gesamtkonzept, das allen drei Zielen umfassend Rechnung trägt.
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    62 Energiepolitische Konzepte 1973bis 2001 In Deutschland wird schon seit langem um ein energiepolitisches Gesamtkonzept gerungen. Jede nationale Energiepolitik muss dabei auch den europä- ischen und internationalen Rahmenbedingungen und Herausforderungen angemessen Rechnung tragen. Bereits 1973 hatte die damalige Bundesregierung ein erstes nationales Energieprogramm aufgestellt. Es wurde unter dem Eindruck der ersten globalen Ölkrise und den dadurch ausgelösten tiefgreifenden Veränderungen der Weltenergiemärkte überarbeitet und mehrfach fortgeschrieben. In den 1980er-Jahren verlor es aber nach einem Regierungswechsel und un- ter dem Eindruck entspannterer Verhältnisse auf den Weltenergiemärkten die Anerkennung als Richtschnur für die deutsche Energiepolitik. Es folgte daraufhin in der deutschen Energiepolitik ein Vierteljahrhundert, in dem es diverse Energiebe- richte der Bundesregierung gab: So etwa 1991 den Bericht „Energiepolitik für das vereinte Deutschland“, der den Anspruch eines energiepolitischen Gesamt- konzepts erhob. Er beschränkte sich allerdings im Wesentlichen darauf, bestehende bzw. bereits ein- geleitete Maßnahmen der Energiepolitik im Zusam- menhang darzustellen und allgemeine Leitlinien ohne konkrete Ziele zu formulieren. In den 1990er-Jahren gab es zudem (im Ergebnis weitgehend erfolglose) politische Gespräche über einen partei- und bundes- länderübergreifenden Energiekonsens. Im Jahr 2000 folgte ein Energiedialog der nun rot- grünen Bundesregierung mit relevanten gesellschaft- lichen Gruppen sowie eine Enquete-Kommission des Bundestags zu Fragen der Zukunft der Energie- versorgung. Das Bemühen um ein einvernehmliches Energieprogramm scheiterte jedoch erneut. Gleich- wohl nahm die rot-grüne Bundesregierung eine ganze Reihe von neuen energiepolitischen Weichenstel- lungen vor: etwa die Einführung der Ökosteuer, das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) oder das Gesetz über den Atomausstieg. 2001 legte das Bundeswirt- schaftsministerium einen weiteren Energiebericht vor („Nachhaltige Energiepolitik für eine zukunftsfähige Energieversorgung“), der verschiedene programmati- sche Optionen aufzeigte und dazu eigene Empfehlun- gen abgab. Ein umfassendes neues Energieprogramm der Bundesregierung ließ sich aber nicht erreichen. Der Grund dafür war vor allem der koalitionsinterne Ressortkonflikt über die Ausrichtung der Energiepo- litik zwischen Wirtschafts- und Umweltministerium. Er hat sich seither fortgesetzt und blieb auch in der 2005 gebildeten Großen Koalition ungelöst.
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    63 Herausforderungen für dieeuropäische und deutsche Energiepolitik bundenen Energieversorgung und erleichterte Marktzutritte, Senkung von Zusatzbelastungen für die deutsche Wirtschaft bei den Strom- und anderen Ener- giepreisen aufgrund klima- und energiepolitischer Regelungen, systematischer Ausbau von Infor- mationen für Energieeffizienz und breiter angelegte und gestärkte weit gefächerte Energieforschung. Außerdem müsse eine moderne Energiepolitik auch künftig auf einen breiten Energiemix setzen, in den die Industrie- und Handels- kammern die Kernenergieoption weiterhin einbezogen wissen wollen. Erster „Meilenstein“ dieser „Energiepolitischen Positionen 2009“ ist für die IHKs der stärkere Einsatz heimischer Energieträger, um so die Importabhängigkeit der Energieversorgung zu verringern. Dazu sollen alle Optionen auf heimische Energieträger gesichert werden. Speziell zur heimischen Steinkohle heißt es: „Auch die Steinkohle muss – als in NRW ver- fügbare Ressource und mit Blick auf die steigenden Energiepreise – als ernsthafte Option Berücksichtigung finden.“ Ganz ähnliche Positionen hat der Bundesverband der Deut- schen Industrie (BDI) in seinen zu Jahresbeginn 2009 erhobenen „energiepolitischen Kernforderun- gen“ vertreten. Darin betont der BDI: „Das im Koalitionsvertrag (der Großen Koalition) angekündigte energiepolitische Gesamtkonzept fehlt bislang“, auch wenn in der deutschen und europäischen Klima- und Energiepolitik inzwischen entscheidende Weichenstellungen eingeleitet worden sind. Deren weitere Ausgestaltung müsse jedoch wirtschaftspolitisch ausge- wogener erfolgen, um den Indus- triestandort Deutschland und seine Arbeitsplätze nachhaltig sichern zu können. Das Ziel des Klimaschutzes müsse dafür mit den Zielen Versor- gungssicherheit und Wirtschaft- lichkeit „in einen angemessenen Ausgleich“ gebracht werden. Dabei gehe es nicht nur um die Kosten- effizienz der Klimaschutzmaßnah- men. Gleichermaßen betrachtet werden müssten auch die Höhe der Energiekosten und ihre Auswirkun- gen auf die Wettbewerbsfähigkeit der Industrieproduktion in Deutsch- land, die nötige Modernisierung der Energieinfrastruktur und die Sicherheit der Energieversorgung. Sie erfordere vor dem Hintergrund des global wachsenden Energiebe- darfs und der dadurch steigenden internationalen Nachfragekonkur- renz auf den Energiemärkten hier- zulande einen breiten Energiemix. Diese Forderung setzt auch der BDI an erste Stelle. Alle Energie- ressourcen – fossil, regenerativ und nuklear – werden nach seiner Auffassung weiter benötigt. Dazu müssten heimische Energiequellen genutzt, Importe diversifiziert und neue Energiequellen erschlossen werden. In seinem Positionspapier „Industrieland Deutschland stär- ken“ vom Juli 2009 fordert der BDI noch einmal, ein „ganzheitliches Energiekonzept (zu) realisieren“, die drei zentralen energiepolitischen Ziele „gleichrangig“ zu behandeln und u. a. die „Versorgungssicher- heit durch Nutzung heimischer Energierohstoffe (zu) verbessern“. Innerhalb der Großen Koalition ist unterdessen durchaus intensiv nach Antworten gesucht worden, dem konzeptionellen Defizit in der Energiepolitik zu begegnen. Das Bundeswirtschaftsministerium (BMWi) hat eine Projektgruppe „Energiepolitisches Programm“ (PEPP) eingesetzt, in der Fachleute Handlungsleitlinien für die künftige deutsche Energiepolitik erör- tert und formuliert haben. Erste Vorschläge wurden im Herbst 2008 veröffentlicht. Darin wurden die Anforderungen an ein energiepoliti- sches Programm analysiert und ein besonderes Augenmerk auch auf die Herausforderungen der Roh- stoffsicherheit gelegt. Im Februar 2009 hat die PEPP sodann „zehn langfristige Handlungsleitlinien für die künftige Energieversorgung in Deutschland“ vorgelegt. Inhaltlich
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    64 technologien in dennächsten Jahrzehnten weiterhin Eckpfeiler der Energieversorgung bleiben. Erst in langfristiger Perspektive könnten die erneuerbaren Energien diese tragende Rolle übernehmen. Bis dahin sollten die fossilen Energieträger durch Steigerung der Wirkungsgrade bzw. Erhöhung der Umwandlungseffizienz sowie die Entwicklung und Verbreitung der CCS-Technologie schrittweise „dekarbonisiert“ werden. Außerdem empfiehlt die PEPP eine Energie- und Klimapolitik „aus einem Guss“. In einem „integrativen Ansatz (sollte) die Verantwortlich- keit für die Energiepolitik konzen- triert und die bestehende Vielstim- migkeit aus energiepolitischen Szenarien und Idealvorstellungen empfohlen wird in diesen Hand- lungsleitlinien im Wesentlichen eine „technologieoffene Energie- politik … mit einer geschlossenen Verbindung von energiepolitischen Zielen, einem entsprechenden Ordnungsrahmen und einer dazu passenden Anreizstruktur“. Beson- ders betont wird dabei die Geltung des Zieldreiecks der Energiepolitik: Wirtschaftlichkeit, Versorgungs- sicherheit, Umweltverträglichkeit. Darüber hinaus müsse die langfris- tige Verlässlichkeit der strategi- schen Leitlinien gewahrt werden. Die PEPP-Analyse erwartet in den nächsten Jahrzehnten eine starke Veränderung der Energieversor- gungsstrukturen in Deutschland, in Europa und der Welt. Die globalisierten Energiemärkte würden sich „immer stärker auf das energieimportabhängige Deutsch- land auswirken, was besonderer Anstrengungen bedarf, um eine wettbewerbsfähige Energiever- sorgung am Standort Deutschland zu gewährleisten“. Treiber der Veränderungen seien „steigende Energiepreise, der Klimawandel sowie der wachsende Wettbewerb um zunehmend knappere und teurere Energierohstoffe“, ferner technologische Veränderungen und die Wettbewerbsprozesse vor allem im Stromsektor. Unabhängig von unterschiedlichen Technolo- gie- und Marktszenarien könnten die wesentlichen Elemente für eine zukünftige Energieversorgung schon heute klar bestimmt und da- rauf gerichtete Handlungsleitlinien definiert werden. Diese Leitlinien sind allerdings von der PEPP recht abstrakt formuliert worden. Sie liefern auch in den inhaltlichen Erläuterungen nur sehr grobe Orientierungshilfen für die Energiepolitik. Etliche Punkte, die etwa von den Indus- trie- und Handelskammern in NRW konkret angesprochen worden sind, bleiben außer Betrachtung. Generell hervorgehoben wird in den PEPP-Vorschlägen indessen das „begrenzte Zeitfenster, um unser gesamtes Energiesystem zukunftsfähig zu machen“. Dazu müssten nicht nur die Energie- effizienz massiv erhöht, sondern auch die Nutzung fossiler Energien optimiert und die Kernenergie als „Übergangstechnologie“ genutzt werden. Auch alle anderen kon- ventionellen Energieträger (wie die Kohle) würden als Übergangs- Leitsätze der BMU-Roadmap Energiepolitik 2020 1. Wir werden die Energieversorgung dauerhaft sicherstellen. 2. Wir werden unsere Energiekosten senken und 500.000 neue Arbeits- plätze schaffen. 3. Wir werden mehr als 30% des Stroms aus erneuerbaren Energien gewinnen. 4. Wir werden den Atomausstieg bis 2022 umsetzen. 5. Wir werden 40% des Stroms aus hocheffizienten Kohlekraftwerken bereitstellen. 6. Wir werden eine bundesweite Netzgesellschaft gründen und unser Stromnetz umweltverträglich und effizient ausbauen. 7. Wir werden unseren Stromverbrauch um 11% senken. 8. Wir werden den fossilen Wärmebedarf um mindestens 25% senken und die Kraft-Wärme-Kopplung auf 25% verdoppeln. 9. Wir werden unsere Emissionen im Verkehr um mindestens 20% senken. 10. Wir werden die internationalen Klimaverhandlungen zum Erfolg führen.
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    65 0 100 200 300 400 500 600 700 22% 20% Entwicklung derStromerzeugung in Deutschland nach BMU-Szenario „Roadmap 2020“ TWh 2005 2008 2020 542 639621 neu_06-2_2009 17.09.2009 Regenerative Erdgas Kernenergie Sonstige Braunkohle Steinkohle20% Quellen: AGEB, 2009; Prognose: BMU, 2009; Szenario „Roadmap 2020“ Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik in wenigen Handlungsleitlinien gebündelt werden“. Gebündelt und gestrafft werden sollen insbeson- dere auch die vielfältigen staatli- chen Finanzinterventionen im Ener- giebereich (einschließlich etwa der Hilfen für den Steinkohlenbergbau über die Ökosteuer bis zum EEG). Zwar fällt der Begriff „Energiemi- nisterium“ in den PEPP-Vorschlägen nicht. Jedoch sind die Vorschläge in der Öffentlichkeit und auch von Mitgliedern des Expertengremiums selbst so interpretiert worden, dass sie die Einrichtung eines (Bundes-) Energieministeriums empfehlen. Es sollte die energiepolitischen Kompetenzen aus dem bisherigen Wirtschaftsministerium, aber auch aus dem Umweltministerium und anderen Ressorts (Forschung, Bau etc.) übernehmen und auf sich ver- einen. In Politik und Wirtschaft war das erste Echo geteilt. In der neuen Legislaturperiode dürfte speziell dieser Vorschlag lebhaft diskutiert werden. Das BMWi stellte also durch die PEPP allgemeine Leitlinien für ein energiepolitisches Programm nebst einem institutionellen Reformvorschlag zur Diskussion. Fast zeitgleich präsentierte das Bundesumweltministerium (BMU) zehn energiepolitische Leitsätze in Verbindung mit einem konkreten Szenario zu deren Umsetzung im Bereich der Stromerzeugung bis 2020. Vorgestellt wurde diese „Roadmap Energiepolitik 2020“ vom BMU als „seriös durchgerech- nete Handlungsanweisung für die vor uns liegenden energiepoliti- schen Herausforderungen“ auf der Konferenz „Neues Denken – neue Energie“ im Februar 2009. Dort sollte ein Konzept für eine „kli- mafreundliche, sichere und preis- günstige Energieversorgung ohne Atomstrom“ entworfen werden. Die Leitsätze fassen in erster Linie bis dahin bestehende Teilziele zusam- men. Kern dieser Roadmap ist die „Doppelstrategie“ des Ausbaus der erneuerbaren Energien so- wie der weiteren Steigerung der Energieeffizienz. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien sei zwar schon Vieles erreicht oder auf den Weg gebracht worden. Hingegen bestehe auf dem Weg nach 2020 der größere akute Handlungsbedarf bei der Steigerung der Energieef- fizienz. Auch die Kohle (Steinkohle und Braunkohle) hat und behält ihren Platz in diesem Konzept. Ihr Anteil an der Stromerzeugung wird in der Roadmap als weiterhin „wichtig“ eingestuft und für 2020 auf 40% beziffert (davon 19% Steinkohle). Anteilsmäßig ginge er gegenüber heute (2008: 44%) nur etwas zurück, allerdings bei einem dann zielgemäß reduzierten Gesamtstromverbrauch. Notwen- dig sei, die Kohle wie alle fossilen Energieträger möglichst effizient einzusetzen. Als Voraussetzung in der Strom- erzeugung wird dafür der Bau und Einsatz „hocheffizienter Kohle- kraftwerke“ angesehen. Gestei- gert werden ihre Wirkungsgrade mit der Verbreitung der heute verfügbaren Spitzentechnik (45% Wirkungsgrad) und durch weitere Forschung und Entwicklung (Ziel für die Wirkungs­grade nach 2010: mehr als 50%). Außerdem soll die Kraft-Wärme-Kopplung auch auf
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    66 Stromerzeugung in derEU-27 Mio. GWh Prognose: EU-Kommission, 2008; Baseline-Szenario 2008 3,4 Kohle Öl Gas Kernenergie Wasserkraft und sonstige Energien 2020 4,1 35% 30% 2030 4,4 35% 0 0,5 1,0 1,5 2,0 2,5 3,0 3,5 4,0 5,0 72u-2_2009 17.09.2009 4,5 Kohlebasis ausgebaut werden, um den Brennstoff optimal zu nutzen. Dazu müssten allerdings noch zu- sätzliche „Wärmesenken“ erschlos- sen werden. Die CCS-Technolo­gien seien dagegen eine „wichtige Minderungsoption“ vor allem für die Zeit „nach 2020“. Als „Vision für 2030“ wird jedoch formuliert, dass dann die „Hälfte aller Kohle- kraftwerke mit CCS-Technologie betrieben wird“. Anders als die PEPP-Leitlinien des BMWi hat die Roadmap des BMU also auch quantifizierte Zielvor- stellungen formuliert. Über die gesamtwirtschaftlichen Kosten und Preisbelastungen macht sie jedoch nur selektive Angaben. Es wird kaum erörtert, wie der für 2020 gewünschte Beitrag der Kohle unter den absehbar schwierigen wirtschaftlichen wie energie- und klimapolitischen Rahmenbedingun- gen tatsächlich sichergestellt und etwa ein größerer „Fuel Switch“ zum Erdgas verhindert werden kann. Auch zur heimischen Kohle wird nichts gesagt. Es wird nur darauf hingewiesen, dass wesent- liche Signale für die Modernisie- rung des Kohlekraftwerksparks vom Emissionshandel sowie von einer endgültigen Bestätigung des Atomausstiegs ausgehen sollen. In letzter Zeit wurde also innerhalb der Bundesregierung durchaus ein energiepolitisches Gesamtkon- zept gesucht, das über vorrangig klimapolitische Zielsetzungen hin- ausgeht. Es gibt jedoch bisher nur wenige belastbare Antworten und noch dazu solche, die in verschie- dene Richtungen weisen. Auf europäischer Ebene ist die Energiepolitik in den letzten Jahren ebenfalls verstärkt thematisiert worden, ohne dass ein wirkliches Gesamtkonzept zustande gebracht worden wäre. Anfang 2007 hatte die Europäische Kommission ein umfangreiches Vorschlagspaket für eine „Energiepolitik für Europa“ zur Diskussion gestellt. Daraufhin hat der Europäische Rat im Frühjahr 2007 seine nunmehr als ener- giepolitische Vorgaben gültigen „20-20-20-Ziele“ beschlossen: Bis zum Jahr 2020 sollen die CO2 -Emis- sionen und der Energieverbrauch der EU um 20% reduziert werden, während der Anteil der erneuerba- ren Energien auf 20% ausgebaut werden soll. In der Umsetzung der Zielvorgaben des Rats ist Ende 2008 sodann das neue Klimapaket der EU beschlossen worden. Wie sein Name besagt, umfasst es in erster Linie klimapolitische Maß- nahmen: etwa die Novellierung des CO2 -Emissionsrechtehandelssys- tems in der EU ab 2013, die neue EU-Richtlinie über erneuerbare Energien oder die neue europäische CCS-Richtlinie. Es wird deshalb auch nur „Green Package“ genannt. Die Herausforderungen für die Wirtschaftlichkeit und Sicherheit der Energieversorgung Europas sind von diesem Klimapaket aber nur am Rand erfasst (und teilweise eher vergrößert) worden – ge- schweige denn, dass sie gelöst werden konnten. Dies hat auch die Europäische Kom- mission erkannt. Sie hat deshalb bereits mit ihrem „Second Strate- gic Energy Review“ vom November
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    67 Herausforderungen für dieeuropäische und deutsche Energiepolitik 2008 einige Herausforderungen für die Versorgungssicherheit ange- sprochen. Ihre eigenen Szenarien, wie das auf strengere klimapoliti- sche Zielvorgaben ausgerichtete „New Energy Policy Scenario“, belegen: Ein rein umweltpolitisch orientiertes Umsteuern in der Stromerzeugung führt dazu, dass Kohle und Kernenergie in den Hintergrund gedrängt werden. Er- neuerbare Energien dagegen, aber auch Erdgas würden durch massi- ven Zubau der Kapazitäten statt dessen EU-weit die ersten Ränge in der Stromerzeugung einnehmen. Mit einem wachsenden Erdgas- anteil an der Stromerzeugung würde sich jedoch unweigerlich die ohnehin große Abhängigkeit der europäischen Energieversorgung von dritten Ländern vergrößern – insbesondere von Russland. Deshalb hat die Kommission eine Reihe von Initiativen gestartet, mit denen auch der Problematik der zunehmenden Abhängigkeit der eu- ropäischen Energieversorgung von dritten Ländern besser Rechnung getragen werden soll. In diesem Kontext hat die Kommis- sion auch den Vorschlag gemacht, die noch verfügbaren heimischen Energieressourcen künftig best- möglich zu nutzen – eine Zielset- zung, der sich daraufhin auch der Rat angeschlossen hat. Zunächst soll dazu eine genauere Bestands- aufnahme der EU-eigenen Energie- reserven und -ressourcen erfolgen – einschließlich der „substanziel- len“ Kohlevorräte der EU. Anschlie- ßend werden die gegenwärtige und künftige Bedeutung der heimischen Energiequellen herausgearbeitet und hinreichend beleuchtet. Erst auf einer dergestalt gründlicher untersuchten Basis soll bis Ende 2010 eine neue Energiepolitik für Europa mit Zeithorizont bis 2030 umfassend konzipiert, durch Aktionspläne unterlegt und mit einer energiepolitischen „Vision“ bis 2050 verknüpft werden. Eine europäische Energiestrategie muss die Aspekte Versorgungssicherheit und Wirtschaftlichkeit einbezie- hen und darf die strategische Bedeutung eigener Reserven nicht vernachlässigen. Wie notwendig dies ist, hat zum Jahreswechsel 2008/2009 der erneute Erdgaskon- flikt zwischen Russland und der Ukraine deutlich gemacht. Dieser Konflikt führte mitten in einem eiskalten Winter für fast zwei Wo- chen praktisch zu einem Embargo für den Großteil der russischen Erdgaslieferungen in die EU und andere benachbarte Staaten. Auch Teile von Deutschland waren davon betroffen. In einigen europäischen Ländern brach ein Energienotstand aus. Diese Krise hat insgesamt zu einer „extrem ernsten Lage“ der Energieversorgung geführt (EU- Kommission). Dieser Konflikt hat nachdrücklich die möglichen Folgen der großen Energieabhängigkeit Europas von Russland aufgezeigt. Das gilt für Deutschland nicht minder. Die Beratungsgesellschaft A. T. Kearney übertitelte vor diesem Hintergrund eine Studie zur Erdgasversorgungssituation der EU: „Russland am Gashahn – Europa friert“. Trotz intensiver diplomatischer Bemühungen konnte dieser Konflikt noch immer nicht vollständig beigelegt werden. Experten aus der Gaswirtschaft halten daher Lieferunterbrechun- gen auch im Winter 2009/2010 für möglich. Auf europäischer Ebene sind deswegen schon Notfallpläne beraten worden. Selbst wenn diese konkrete Bedrohung nicht gegeben wäre, muss jede Energiepolitik in Europa künftig mehr tun, um die Energie- versorgungssicherheit zu gewähr- leisten bzw. dementsprechende Vorsorgemaßnahmen zu ergreifen. Denn sobald der EU-Reformvertrag, der „Vertrag von Lissabon“, in Kraft tritt, gilt mit ihm sein neues Energiekapitel (Artikel 194 AEUV). Es verlangt gemäß Absatz 1, dass die Energiepolitik der Union „im Geiste der Solidarität zwischen den Mitgliedstaaten“, im Rah- men des Binnenmarkts und unter Berücksichtigung der Umweltziele folgende energiepolitischen Ziele verfolgt: - Sicherstellung des Funktionie- rens des Energiemarkts; - Gewährleistung der Energiever- sorgungssicherheit in der Union; - Förderung der Energieeffizienz und von Energieeinsparungen sowie - Entwicklung neuer und erneuer- barer Energiequellen und - Förderung der Interkonnektion der Energienetze. Beschlüsse dazu werden gemäß dem Vertrag mit qualifizierter Mehrheit gefasst, solche steuerli-
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    68 Primärenergie- verbrauch in Deutschland 0 25 50 75 100 125 150 175 Mio tSKE Kern- energie 55 166 Mineralöl Kohle 116 Erdgas 106 Wasser u. Sonstige 35 Braunkohle Steinkohle 2008: 477,8 Mio. t SKE 34-1_2009 15.09.09 53 63 Die Primärenergieversorgung Deutschlands kennzeichnet ein nach wie vor relativ breiter Ener- gieträgermix mit einem hohen und wachsenden Grad der Importab- hängigkeit. Importenergien decken inzwischen über 70% des Primär- energieverbrauchs – vor allem Mineralöl- und Erdgasimporte, zunehmend auch Importsteinkohle. Berücksichtigt man die auf Uranim- porte angewiesene Kernenergie als „quasi-heimische Energiequelle“, reduziert sich die Importabhän- gigkeit auf gut 60%. Heimische Kohle lieferte 2008 einen Versor- gungsbeitrag von 15% (Braunkohle: 11%, Steinkohle: 4%), erneuerbare Energien von 7%, die inländische Öl- und Gasförderung sowie sonsti- ge Energieträger von rund 5%. Betrachtet man die Gesamtstruk- tur der Primärenergieversorgung in Deutschland und vergleicht sie mit den aktuellen energiepoliti- schen Debatten, so fällt folgendes auf: Die beiden Energiequellen, die am stärksten im Mittelpunkt der öffentlichen Aufmerksamkeit Gegenwärtige Situation und Trends der deutschen Energieversorgung stehen – nämlich die Kernkraft und die erneuerbaren Energien – machen zusammen einen Anteil von weniger als 20% des Primär- energieverbrauchs aus. Der Großteil der Primärenergieversorgung, über 80%, entfällt nach wie vor auf Mineralöl, Erdgas, Steinkohle und Braunkohle. Deren versorgungspo- litische Bedeutung wird jedoch in der Öffentlichkeit weitaus weniger wahrgenommen. Vielmehr werden sie als „fossile“ Energieträger vor allem in die klimapolitische Kritik gestellt. Von manchen Medien wird mitun- ter der Eindruck erweckt, Energie würde in Deutschland wenig effi- zient eingesetzt, wenn nicht sogar ziemlich hemmungslos vergeudet. Speziell der Kohleverbrauch würde hierzulande nicht vermindert und die CO2 -Emissionen kaum ge- bremst. All das ist unzutreffend. Der Primärenergieverbrauch (PEV) Deutschlands wächst gemessen am Wirtschaftswachstum schon seit langem nur noch moderat. Die „Entkopplung“ von Wirtschafts- wachstum und Stomverbrauch setzt sich immer weiter fort. Maßgeblich dafür sind die Fortschritte bei der gesamtwirtschaftlichen Energie- produktivität. Wie die Arbeitsge- meinschaft Energiebilanzen (AGEB) ermittelte, nahm die Energiepro- duktivität in Deutschland bei einem PEV-Zuwachs von 1% temperatur- und lagerbestandsbereinigt 2008 um rund 3% zu. Dies lag deutlich über dem seit 1990 feststellbaren Durchschnittswert der Zuwachsrate von 2%, womit die Energieproduk- cher Art weiterhin nur einstimmig. Bei „gravierenden Schwierigkeiten in der Versorgung mit bestimmten Waren, vor allem im Energie- bereich“, kann der Ministerrat gemeinschaftlich auch noch zusätz- liche, der Wirtschaftslage ange- messene Maßnahmen beschließen (Art. 122 AEUV). Erinnerungen an die Montanunion werden wach. Es gelten allerdings auch künftig geteilte Zuständigkeiten. Die Mitgliedstaaten sind daher zwar den gemeinsamen energiepoliti- schen Zielen verpflichtet. Art. 194 Abs. 2 AEUV stellt aber klar, dass sie auch künftig das Recht haben, „die Bedingung für die Nutzung ihrer Energieressourcen, die Wahl zwischen verschiedenen Energie- quellen und die allgemeine Struktur ihrer Energieversorgung selbst zu bestimmen“. Die Sicherung der Primärenergieversorgung obliegt daher in der EU auch künftig den Mitgliedstaaten. Sie sind indes dem Ziel als solchem verpflichtet. So tragen sie dafür aber gegenüber der gesamten Union die Verant- wortung und haben eine Solida- ritätspflicht, auch und gerade im Hinblick auf ihre jeweiligen Energieressourcen einschließlich der Kohlevorkommen.
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    69 2008: 639,1 TWh Kernenergie Erdgas Braunkohle Steinkohle Sonstige Erdöl Wasser Wind 23% 20% 24% 8% 4% 6% 13% 2%2% Stromerzeugungin Deutschland 54-1_2009 17.09.200 Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik Stromerzeugung in Deutschland 2008 tivität schon schneller als die Wirt- schaftsleistung gewachsen war. Anders gesagt: Die Energieeffizienz hierzulande ist 2008 wie schon in den Vorjahren erheblich gesteigert worden. Das bedeutet keineswegs, dass alle Effizienzpotenziale im Energiebereich voll erschlossen sind. Ob aber die großen Erwar- tungen an eine weitere Steigerung der Energieeffizienz oder gar an eine „Effizienzrevolution“ in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erfüllbar sind, bleibt zumindest fraglich. Realistischerweise sollten kleinere Fortschritte bzw. eher eine Evolution der Energieeffizienz angenommen werden. Im Jahr 2009 ist rezessionsbedingt mit einem deutlichen absoluten PEV-Rückgang zu rechnen. Im ersten Halbjahr lag er bei etwa 6%. Davon waren fast alle Energie- träger betroffen, am stärksten die Steinkohle mit einem Verbrauchs- rückgang von 22%. Lediglich der Mineralölverbrauch nahm haupt- sächlich aufgrund der gesunkenen Heizölpreise sogar noch um 1% zu. Letzteres zeigt, wie sehr die Trends beim Energieverbrauch neben exogenen Faktoren wie der Wirtschafts- und der Tempera- turentwicklung von den relativen Veränderungen bei den Energieprei- sen beeinflusst werden, die sich seit 2008 sehr turbulent entwickelt haben. Die CO2 -Emissionen sanken in Deutschland 2008 sogar trotz der leichten PEV-Zunahme und erreich- ten den tiefsten Stand seit 1990 (mit einer Gesamtminderung von rund 22%). Die CO2 -Emissionen aus der Kohlenutzung sind dabei im Vergleich der Energieträger bislang weit überproportional zurückgegan- gen (seit 1990 um 39%), während sie beim Öl nicht so stark rückläufig sind (-19%) und beim Erdgas gar zugenommen haben (+ 43%). In der deutschen Stromerzeugung zeichnen sich weniger Niveau- als vielmehr Strukturveränderungen ab. Zwar hat es durch die kon- junkturelle Talfahrt der deutschen Volkswirtschaft und den enormen Stromverbrauchsrückgang gerade in der deutschen Industrie in der ersten Jahreshälfte auch hier einen – allerdings nur zeitweisen – Niveaueinbruch gegeben. Er dürfte durch den nächsten Wirtschafts- aufschwung wieder korrigiert werden. Längerfristige Entwick- lungen auf der Verbrauchsseite werden den Stromverbrauch künftig eher nach oben treiben. Zu nennen wären etwa die Ausbreitung der elektronischen Informations- und Kommunikationstechnologien, der Trend zu dezentraleren Erzeugungs- strukturen, der Ausbau der Wär- meversorgung aus KWK-Anlagen, Fortschritte in der Nutzbarkeit der Wasserstofftechnologie oder auch das mittlerweile viel beschworene Wachstumspotenzial der Elektro- mobilität. Und dies steht nicht im Widerspruch zu dem Ziel, Energie insgesamt noch effizienter zu nut- zen. Umso dringlicher wird es, für die Stromerzeugung in Deutschland eine langfristig verlässliche Basis sicherzustellen.
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    70 Kohlesteuer und andereEnergie- steuern noch um eine CO2 -Kom- ponente zu erweitern und damit weiter anzuheben. Allerdings muss dafür Einstimmigkeit im Ministerrat erreicht werden. Der Kohlever- brauch in der Stromerzeugung und der Stahlproduktion unterliegt dagegen wie der Verbrauch anderer fossiler Energieträger in Ener- giewirtschaft und Industrie dem bestehenden europäischen CO2 - Emissionshandelssystem. Dieser Verbrauch also setzt entsprechende Emissionsrechte voraus, deren Preis wiederum zu Aufschlägen in den Strom-, Stahl- und anderen Pro- duktpreisen führt. Ihre Höhe kann je nach Entwicklung der CO2 -Preise und möglichen Weitergabe an die Verbraucher zweistellige Milliar- denbeträge erreichen. Die zuletzt genannten preislichen Zusatzlasten beinhalten noch nicht die schon länger etablierten Steuer- Staatliche und marktbestimmte Entwicklungen der Energiepreise Erstaunlich wenig öffentliche Be- achtung findet in Deutschland noch immer der große Einfluss staatli- cher Maßnahmen auf die Energie- preise. Das gilt auch für die längst bestehenden politischen Belastun- gen und Einschränkungen für den Verbrauch fossiler Energieträger. Sie schlagen sich in entsprechend erhöhten Energiepreisen nieder. So ist die Mineralölsteuer mit einem Aufkommen von über 39 Mrd. € eine der ergiebigsten Steuerquellen überhaupt. Rund 70% des Benzin- preises beruhen auf staatlich erho- benen Steuern und Abgaben. Auch auf Kohle wird in Deutschland ge- mäß der EU-Energiesteuerrichtlinie seit einigen Jahren eine spezifische Kohlesteuer von knapp 10 €/t erho- ben. Sie gilt für den Kohleverbrauch außerhalb der Stromerzeugung und der Stahlproduktion, also haupt- sächlich beim Absatz von Anthrazit- kohle in den Wärmemarkt. Bei der EU-Kommission gibt es inzwischen schon konkrete Vorstellungen, diese Die veränderten klima- und ener- giepolitischen Weichenstellungen der letzten Jahre haben demgegen- über gerade im Elektrizitätssektor manche Planungsunsicherheiten erzeugt. Die mit ihnen verbundenen Strukturveränderungen haben zugleich erhebliche versorgungs- politische Konsequenzen. Denn die im Hinblick auf die Sicherheit der Stromversorgung in Deutschland tragenden und bislang in hohem Maß verlässlichen Beiträge von Kohle und Kernenergie gehen immer mehr zurück. 2008 entfielen in der Stromerzeugung Anteile von knapp 44% auf die Kohle (Braun- kohle: 24%, Steinkohle: 20%) sowie 23% auf die Kernenergie. Im Jahr 2000 lagen diese Anteile noch bei 51% Kohle (Braunkohle: 26%, Steinkohle: 25%) sowie knapp 30% Kernenergie. Zusammengenommen hat sich der Anteil von Kohle und Kernenergie an der Stromerzeugung in Deutschland seit dem Jahr 2000 um fast ein Fünftel verringert. Ein starker und anhaltender Zu- wachs hat sich dagegen im selben Zeitraum für die Stromerzeugung durch erneuerbare Energien (insb. Biomassestrom, Windkraft und Wasserkraft) ergeben. Ihr Anteil erreichte 2008 bereits 15% und soll künftig weiter ausgebaut werden. Im Jahr 2000 lag ihr Anteil erst bei 6%. Ähnliches gilt für das Erdgas – wenngleich mit nicht ganz so schnellem Zuwachstempo. Sein An- teil lag 2008 bei 13% (2000 waren es erst 9%). Erneuerbare Energien und Erdgas zusammengenommen haben also seit 2000 ihren Anteil verdoppelt. Diese Parallelentwick- lung ist nicht ganz zufällig erfolgt und dürfte sich fortsetzen. Denn zur Absicherung einer stetigen Versor- gungsleistung der erneuerbaren Energien werden Kapazitäten an Reserve- und Regelenergie benö- tigt. Wirtschaftlich günstiger ist dazu der Zubau von weniger kapi- talintensiven Erdgaskraftwerken, auch wenn die Preis- und Liefer- risiken beim Erdgas höher sind als bei der Kohle. Der bisher sehr ausgewogene Primärenergiemix in der deutschen Stromerzeugung verändert sich also merklich. Er könnte sich schon in absehbarer Zukunft auf eine immer schmalere Basis an Energieträgern bzw. -quel- len verengen. Für die Sicherheit der Primärenergieversorgung und der Stromerzeugung ist das keine positive Entwicklung.
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    71 Außenwirtschaftliche Energierechnung Mrd. € Ausgaben Einnahmen 19731995908580 2000 04030201 06 53 17 8 2 40 7 48 8 24 4 21 4 47 9 47 44 10 46 10 58-2_2009 23.09.2009 73 9 15 05 2008 91 23 82 112 23 26 07 belastungen. Sie machen bereits mehr als 40% des Strompreises aus (Stromsteuer, Konzessionsabgaben, EEG-Umlage, KWK-Umlage). Im Jahr 2008 ergab sich daraus für die Stromverbraucher ein Belas- tungsvolumen von rund 16 Mrd. €. Speziell die über die Strompreise gedeckten Einspeisevergütungen für erneuerbare Energien gemäß dem Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) betrugen 2008 annähernd 10 Mrd. €. Ungefähr die Hälfte da- von wird als so genannte Differenz- kosten gegenüber dem niedrigeren Börsenpreis für Strom eingestuft: Sie sind also eine Quasi-Subven- tion, die aber nicht vom Staat, son- dern von den Stromverbrauchern gezahlt wird. Die erneuerbaren Energien haben somit allein in der Stromerzeugung ein Subventions- volumen, das mehr als dem Doppel- ten der Steinkohlebeihilfen ent- spricht, die zudem noch Finanzie- rungshilfen zur Deckung von Still- legungsaufwendungen und Alt- lasten beinhalten. Weitere mehr als 7 Mrd. € zur Förderung erneu- erbarer Energien wurden 2008 außerdem über andere steuerfi- nanzierte Programme aufgewendet (Marktanreizprogramm, 100.000 Dächer-Solarstromprogramm, KfW- Umweltprogramm, KfW-CO2 -Ein- sparungsprogramm Gebäude, ERP Umwelt & Energieprogramm etc.). Die hohen politisch bedingten Belastungen des Energieverbrauchs und bestimmter Energieträger wurden längere Zeit durch niedrige Marktpreise abgemildert. Denn der Weltmarkt bot preisgünstige Primärenergieimporte, die als Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik einigermaßen kalkulierbar unter- stellt werden konnten. Inzwischen haben sich die Weltmarktpreise für Energie auf breiter Front als eher unberechenbar erwiesen. Das zeig- ten die Preisexplosionen im Vorjahr mit dem anschließenden Preiskol- laps zum Jahresende 2008 sowie das erneute Anziehen der Energie- preise auch im Krisenjahr 2009. Die steigenden Energiepreise sind inzwischen auch zu einer sozialen Frage geworden: Manche Politiker bezeichnen den Energiepreis plaka- tiv schon als den „Brotpreis des 21. Jahrhunderts“. Die gewachsene Abhängigkeit von Energieimporten und die histori- schen Rekordpreise an den interna- tionalen Energiemärkten im Vorjahr haben der außenwirtschaftlichen Energierechnung Deutschlands für 2008 ein ebenfalls historisches Rekordhoch beschert. Die deutsche Volkswirtschaft musste noch nie einen so hohen Betrag, nämlich 112 Mrd. €, für Energieeinfuhren auf- bringen wie im Jahr 2008. Auch der Saldo aus Einfuhren und Ausfuhren im Energiebereich erreichte mit 86 Mrd. € einen neuen Spitzenwert. Untersuchungen belegen, dass allenfalls ein Teil dieser volkswirt- schaftlichen Mehrausgaben durch verstärkte Käufe aus den Liefer- ländern nach Deutschland zurück- fließt. Maßgeblich dafür war das Aufkommen der Mineralöleinfuhren, das sich auf einen Einfuhrwert von knapp 75 Mrd. € steigerte. Dies bedeutete binnen Jahresfrist eine Steigerung um 37% (rein mengen- mäßig betrug die Zunahme nur knapp 5%). Im Jahr 2008 mussten außerdem für Erdgaseinfuhren rund 29 Mrd. €, für Kohleeinfuhren 5,5 Mrd. € (Steigerung gegenüber dem Vorjahr um 49%!) und für Uranim- porte 1,2 Mrd. € bezahlt werden. Dies waren nicht nur erhebliche
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    72 0% 20% 40% 60% 80% 100% 2000 20081990 Anteile derdeutschen Nettoimporte Steinkohle Erdgas Mineralöl Uran Importabhängigkeit der Primärenergieversorgung insgesamt Importabhängigkeit Deutschlands bei Energieträgern steigt neu_14-2_2009 28.09.2009 Quelle: BMWi, 2009 die mit der EU assoziiert sind. Erhebliche Teile stammen aber auch aus politischen und ökonomisch risi- koreicheren Lieferländern. Russland hat sich nicht nur zum dominieren- den Lieferanten für die deutschen Ölimporte (31% des Ölaufkom- mens) und Gasimporte (37% des Gasaufkommens) entwickelt. Es ist inzwischen auch das bedeutendste Lieferland für die Steinkohlenim- porte nach Deutschland (14% des Steinkohlenaufkommens) wie auch in die EU. In der deutschen Öffentlichkeit wird Russland bisher hauptsächlich Importabhängigkeit, heimische Primärenergie- gewinnung und Versorgungsrisiken Deutschlands Primärenergieversor- gung war 2008 im Gesamtdurch- schnitt zu 73% von Energieimporten abhängig. Dabei war die Importab- hängigkeit beim Mineralöl mit 97% am größten, beim Erdgas lag sie bei 84% und bei der Steinkohle lag sie mit 72% – noch – leicht unter dem Durchschnitt. Bedenklich erscheint nicht nur die Höhe der Abhängigkeit von Energie- importen, sondern deren Konzentra- tion auf bestimmte Lieferregionen und -länder. Zwar stammt ein beträchtlicher Teil der Importe auch aus Ländern der EU oder Ländern, Erhöhungen der außenwirtschaft- lichen Energierechnung gegenüber dem Vorjahr. Sie bedeuten histori- sche Spitzenwerte bei ausnahmslos allen Energieträgereinfuhren und das Vier- bis Fünffache der Aus- gaben für Energieeinfuhren nach Deutschland seit der Jahrtausend- wende. Diese neuen Rekordwerte gab es, obwohl auch die Energiepreise in den letzten Monaten des Jah- res 2008 rezessionsbedingt ins Rutschen kamen. Das unterstreicht, welche enorme Preisexplosion im vorherigen Jahresverlauf stattge- funden hatte. Für 2009 ist ange- sichts der anhaltenden gesamtwirt- schaftlichen Rezession und der im Vorjahrsvergleich vorerst weiterhin niedrigen Energiepreise gegenüber 2008 eine erhebliche Absenkung der außenwirtschaftlichen Energie- rechnung zu erwarten. Das dürfte die zumindest im ersten Halbjahr 2009 extrem schlechte Konjunktur- entwicklung in Deutschland von der Seite der Energiepreise entlasten. Allerdings sind die Preiseinbrüche im Energiebereich im längerfris- tigen Vergleich keineswegs so gewaltig gewesen, dass nun ein historisch niedriges Niveau der Ausgaben für Energieeinfuhren zu erwarten ist. Vielmehr hat sich in der Krise bestätigt, dass sich das Niveau der Weltmarktpreise für Energie tendenziell nach oben verschoben hat. Die fundamentalen Trends wurden durch die globale Rezession zwar unterbrochen, aber nicht aufgehoben. Bei anziehender Konjunktur erwarten viele Experten auch einen kräftigen Wiederan- stieg der Energiepreise. Dann dürfte die außenwirtschaftliche Energierechnung ebenfalls wieder steigen, zumal die mengenmäßige Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten auf Sicht eher noch zunimmt.
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    73 Russland Russland Deutsche Förderung Sonstige* * (davon OPEC-Länder:21%) Deutsche Förderung 15% 38% 31% Großbritannien Großbrit./Dänemark 13% 14% 14% Norwegen Norwegen Nieder- lande Rohölaufkommen 2008: 108 Mio. t 97% Importanteil 86% Erdgasaufkommen 2008: 97,4 Mrd. m3 Rohöl- und Erdgasaufkommen in Deutschland neu_07-2_2009 17.09.2009 38% 28% 3%3% 3%3% Steinkohlen- aufkommen in Deutschland 2008: 63,6 Mio. t SKE Importanteil: 72% Südafrika Polen Deutsche Förderung Russland Sonstige USA/ Kanada neu_08_1_2009 17.09.2009 Steinkohleaufkommen in Deutschland Australien Kolum- bien 11% 13% 28% 10% 11% 13% 7% 7% Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik als wichtigster Erdgaslieferant wahrgenommen. Tatsächlich deckt Russland allein heute 20% der gesamten Primärenergieversorgung Deutschlands. Dies verleitete auch eher wirtschaftsliberale Kommen- tatoren zu sorgenvollen Äußerun- gen. Russland trägt beinahe in der gleichen Größenordnung zur Energieversorgung Deutschlands bei wie die gesamte heimische Primärenergiegewinnung, die 2008 einen Anteil am Primärenergiever- brauch von 27% verzeichnete. In absoluten Mengen ging die heimische Primärenergiegewinnung 2008 mit einem Aufkommen von 131 Mio. t SKE trotz des wachsen- den Beitrags (überwiegend heimi- scher) erneuerbarer Energien um gut 4% gegenüber 2007 zurück. Den größten Beitrag zur heimischen Pri- märenergiegewinnung lieferte 2008 die heimische Braunkohle (41%). Aber auch die heimische Steinkohle spielte mit einem Anteil von rund 14% eine wesentliche Rolle. Ihr An- teil war größer als etwa der Beitrag der inländischen Erdgasförderung (13%) und mehr als dreimal höher als der Beitrag der Windkraft (4%). Nicht ganz unerheblich ist auch der i. d. R. unter „Sonstige“ subsumier- te Beitrag der Nutzung von Gruben- gas aus stillgelegten und aktiven Bergwerken. Die erneuerbaren Energien hatten zusammengenommen 2008 einen Anteil von 27% an der heimischen Primärenergiegewinnung (s. S. 16). Bei ihnen dominieren – entgegen dem öffentlich vielfach erweckten Eindruck – nicht die symbolisch immer wieder in den Vordergrund gestellte Windkraft oder die finan- ziell am intensivsten geförderte Solarenergie. Vielmehr liefern die Bioenergien (Biomasse, Biogas, Biosprit) drei Viertel der gesamten erneuerbaren Energieerzeugung. Fazit: Auch durch den Ausbau der erneuerbaren Energien wurde die Abhängigkeit Deutschlands von Energieimporten bisher nicht reduziert. Allenfalls konnte die Zu- nahme dieser Abhängigkeit etwas gebremst werden. Durch die hohe und tendenziell zunehmende Abhängigkeit von Energieimporten stieg das damit zusammenhängende Energiever- sorgungsrisiko für Deutschland messbar. Es gibt inzwischen eine Reihe von Untersuchungen zur Quantifizierung der Sensitivität und Verwundbarkeit der Energieversor- gung. Ihre Ergebnisse schätzen die- sen Befund nicht nur qualitativ ab, sondern sie belegen ihn nun auch quantitativ-empirisch eindeutig. Beispiel Steinkohle: Das österrei- chische Wirtschaftsministerium hat seine von ihm erhobenen „Welt- Bergbau-Daten“ 2009 in aktuali- sierter Fassung vorgelegt. Demnach
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    74 Energieversorgungsrisiken der G7Staaten neu_15-1_2009 28.09.09 2008 0 100 200 300 500 400 Quelle: Frondel, Ritter u. Schmidt, ZfE 1/2009, S. 42 ff. 1978 1983 1988 1993 1998 2003 USA Frankreich UK Italien Deutschland JapanIndex (Deutschland 1980:100) sind bei den Produzentenländern für Kohle weltweit fast zwei Drittel den politisch eher instabilen Län- dern zuzurechnen. Die Welt-Berg- bau-Daten gehen nach folgendem System vor: Den Produktionsmen- gen sämtlicher erfasster Rohstoffe der jeweiligen Produzentenländer – darunter Kraftwerkskohle („Steam Coal“) und Kokskohle („Coking Coal“) – wird die Einstufung der politischen Stabilität gemäß einem Weltbank-Ranking gegenüber ge- stellt. Eher stabile Länder werden mit „stable“ oder „fair“ eingestuft, eher instabile Länder mit „critical“ bis „extremely critical“. Danach mussten (bezogen auf das daten- technisch zuletzt verfügbare Jahr 2007) rund 65% der Produzenten- länder von Kraftwerkskohlen und beinahe ebensoviel, rund 64%, der Produzentenländer von Kokskohlen als eher instabil eingestuft werden. Im Zeitvergleich ab 2003, den die Welt-Bergbau-Daten 2009 erlau- ben, hat sich der Anteil der instabi- len Länder bei der Kraftwerkskohle kaum verbessert, bei der Kokskohle sogar noch deutlich verschlechtert. Deshalb führt auch bei der Stein- kohle die zunehmende Importab- hängigkeit nahezu zwangsläufig zu einem erhöhten Versorgungs- risiko – auch wenn hier noch ein geringeres Ausmaß als bei Öl und Gas vorherrscht und anders als dort ein Mix aus heimischer Produktion und Importen möglich bleibt. Das Rheinisch-Westfälische Wirt- schaftsforschungsinstitut (RWI) lieferte schon seit 2007 zunächst im Auftrag der Bundesregierung mehrere Analysen zur Messung der Energiesicherheit in Deutschland. Sie erlauben Vergleiche im Zeitab- lauf und zwischen verschiedenen Ländern. Den Schwerpunkt legt das RWI auf die Importabhängigkeiten der Energieversorgung von den je- weiligen Lieferländern. Es hat einen Risikoindex entwickelt. In ihm ent- halten sind die Konzentration bzw. Diversifikation von Lieferländern sowie die politische Zuverlässigkeit dieser Länder nach der Einstufung für die Hermes-Auslandsbürgschaf- ten der Bundesregierung oder nach einer OECD-Klassifikation. Die Studien belegen Folgendes: Die Energiesicherheit in Deutschland hat seit den 1980er-Jahren infolge der gestiegenen Abhängigkeit von Energieimporten abgenommen; sie ist erheblich geringer als in vielen anderen Industrieländern (z. B. als in den USA) und droht trotz des Ausbaus der „quasi-heimischen“ erneuerbaren Energien weiter abzu- nehmen. Das RWI führt dies auf das immer stärkere Gewicht Russlands sowie u. a. auch auf den sinkenden Anteil der heimischen Steinkohle an der Energieversorgung zurück. Eine Anfang 2009 vom RWI vorgelegte Untersuchung hat den Titel: „Am Tropf Russlands? Ein Konzept zur empirischen Messung von Energie- versorgungssicherheit“. Das RWI bejaht seine im Titel gestellte Frage im Ergebnis weitgehend. Im Energieträgervergleich ist der Anstieg des Versorgungsrisikos bei Mineralöl und Erdgas zwar noch ausgeprägter als bei der Steinkoh- le. Doch ist bei der Steinkohle der Energieversor- gungsrisiken der G7-Staaten Anteil der „stabilen“ bzw. „instabilen“ Produzentenländer von Kraftwerks- und Kokskohle in den Jahren 2003 und 2007 Kraftwerkskohle Kokskohle 2003 2007 2003 2007 Politisch stabile Länder („stable“– „fair“) 34,6 % 35,0 % 45,6 % 39,3 % Politisch instabile Länder („critical“– „extremely critical“) 65,4 % 65,0% 54,4 % 63,7 % Quelle: Welt-Bergbau-Daten, 2009; Österreichisches Wirtschaftsministerium
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    75 Versorgungsrisiko bei Öl,Gas und Steinkohle 1978 bis 2007 gemäß RWI 0,00 0,02 0,04 0,06 0,08 0,10 0,12 1978 1983 1988 1993 1998 2003 2008 38-2_2009 17.09.2009 Quelle: RWI, 2008 Öl Gas Steinkohle Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik Perspektiven der Energieversorgung bis 2020 – gefährdete Energiesicherheit Unzweifelhaft geht es bei der Energiesicherheit nicht nur um die Risiken der Primärenergieversor- gung. Auch bei den Erzeugungs-, Verarbeitungs- und Verteilungska- pazitäten im Energiesektor deuten sich hierzulande beträchtliche Defizite an. Abschreckend für die Investitionsbereitschaft der Energieversorgungsunternehmen wirken vor allem umwelt- und klimapolitisch bedingte Planungs- unsicherheiten in Verbindung mit der umfassenden Liberalisierung der Energiemärkte und den zuletzt enormen gesamtwirtschaftlichen Instabilitäten. So hat die Deutsche Energie-Agentur (dena) inzwischen wiederholt vor einer „Stromlücke“ in Deutschland gewarnt: Nach den bisherigen Planungen der deutschen Energiewirtschaft für Neubau und Ersatz „konventio- neller“ Kraftwerkskapazitäten beim Atomausstieg und auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien fehlen bis 2020 rund 12.000 MW an Erzeugungskapazitäten. Das entspricht etwa 15% der prognos- tizierten Stromnachfrage und ließe insbesondere in Spitzenlastzeiten Versorgungsausfälle erwarten. Die Einbindung in den europäischen Elektrizitätsbinnenmarkt mildert zwar die Spitzenlastproblematik et- was. Sie löst aber nicht das Kapa- Anteil der heimischen Produktion bislang noch signifikant größer. Gleichwohl ist auch hier der das Risiko erhöhende Effekt zunehmen- der Importabhängigkeit messbar. Im Hinblick auf die langfristigen Perspektiven der internationalen Kohlemärkte weist das RWI auf Fol- gendes hin: Knapp drei Viertel der weltweiten Kohlereserven entfallen auf nur vier Länder – die Großmäch- te USA, China, Russland und Indien. Das könnte dem politischen Risiko in diesem Bereich langfristig eine besondere Dimension verleihen. Die Problematik des Länderrisikos bei Steinkohlenimporten beschränkt sich aber nicht nur auf die enormen Anteile Russlands und der anderen vorgenannten Großmächte an den langfristig verfügbaren Vorräten. Eine andere RWI-Untersuchung zu „Deutschlands Energieversor- gungsrisiko gestern, heute und morgen“ beziffert gemäß einem RWI-Indikator das Versorgungsrisi- ko des Energiemixes in Deutschland im Zeitvergleich 1980 bis 2007 und ergänzt es sogar um eine Prognose bis 2020 (siehe: Zeitschrift für Energiewirtschaft 1/2009, S. 42- 48). Danach ist das Versorgungs- risiko nicht nur in den letzten Jah- ren deutlich angestiegen – es hat sich seit 1990 sogar mehr als ver- doppelt. Es droht auch eine weitere drastische Zunahme. Diese mit wissenschaftlich- quantitativen Methoden belegte Einschätzung eines steigenden Gesamtrisikos der deutschen Primärenergieversorgung bestätigt auch eine neue, weiter gefasste Untersuchung des renommierten EEFA-Instituts über die Verwund- barkeit der Energieversorgung der deutschen Volkswirtschaft.
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    76 zitätsproblem. Studien dereuropä- ischen Stromnetzbetreiber (UCPTE) zeigen, dass auch europaweit an- gesichts zunehmender Stromnach- frage eher Kapazitätsengpässe als -überschüsse zu erwarten sind. Engpässe in der Versorgung der Verbraucher kann es selbst bei genügenden Erzeugungskapazitä- ten geben, wenn die Stromnetze innerhalb Deutschlands und über die nationalen Landesgrenzen hinweg nicht zügig genug ausge- baut werden. Das gilt für andere Bereiche der Energieinfrastruktur nicht minder. Dass hier erheblicher energiepolitischer Handlungsbedarf besteht, wird durch das Energielei- tungsausbaugesetz und andere Maßnahmen der Bundesregierung bestätigt. Nichtsdestoweniger droht die von der dena vorausgesagte Stromlücke bei den Erzeugungskapazitäten. Insbesondere fehlt es aufgrund klimapolitischer Zusatzbelastungen und Planungsunsicherheiten sowie teilweise massiver lokaler und auch überregionaler Widerstände am Zubau von neuen Kohlekraftwerken. Die Zahl der verzögerten, vorerst auf Eis gelegten oder sogar stornierten Kohlekraftwerksprojekte in Deutsch- land nimmt ständig zu – von Berlin über Kiel und Herne im Ruhrgebiet bis nach Ensdorf im Saarland. Die Widerstände richten sich ausgerech- net gegen neue, deutlich effizientere und umweltverträglichere Kohle- kraftwerke. Der weit fortgeschritte- ne Bau des hochmodernen Stein- kohlenkraftwerks Datteln wurde durch das Oberverwaltungsgericht Münster gestoppt. Es gilt nun genau zu untersuchen, auf welcher Ebene es im Rahmen der Genehmigung zu den Bean- standungen des Gerichts kommen konnte. Dieser Fall kann jedenfalls nicht dafür herhalten, das Ende des Baus neuer Steinkohlenkraft- werke zu verkünden. Trotz allem: Planungssicherheit scheint es für Großinvestitionen in Deutschland immer weniger zu geben. Die Klimafrage ist ein globales Problem, das auf nationaler Ebene nicht einmal ansatzweise gelöst werden kann. Aus deutschen Kohle- kraftwerken – weltweit unter den klimaverträglichsten – stammen rund 1% der weltweiten CO2 - Emissionen. Die Probleme für die Versorgungssicherheit – begründet im Fehlen genügender Kohlekraft- werkskapazität – treffen dagegen die deutsche Volkswirtschaft in vol- lem Maße. Kaum gesehen werden die Chancen moderner Kohletechno- logien wie auch die Wirkungsweise der schon eingeführten klimapoli- tischen Maßnahmen. Durch das europäische Emissionshandelssys- tem werden die Klimaschutzvorga- ben in den Sektoren automatisch erfüllt, in denen Kohle zum aller- größten Teil eingesetzt wird. Neue Kraftwerke können dagegen gar nicht verstoßen. Die oben erwähnte BMU-Roadmap hat belegt, dass ein Kohleanteil von 40% an der deutschen Stromerzeugung in 2020 mit ehrgeizigen Klimaschutzzielen ebenso zu vereinbaren wäre wie mit dem Atomausstieg. Die Wirtschafts- und Finanzkri- se 2008/2009 hat unterdessen Kraftwerk Datteln
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    77 Herausforderungen für dieeuropäische und deutsche Energiepolitik infolge gestiegener Kapitalkosten zu einer zusätzlichen Rücknahme zunächst geplanter Investitionen im gesamten Kraftwerkssektor der EU geführt. Die im Frühjahr 2009 veröffentlichte Analyse der Bera- tungsgesellschaft A. T. Kearney hat diese Investitionsrücknahmen bis 2020 hochgerechnet. Geschätztes Ergebnis: eine Minderkapazität von 20-25%. Dies betrifft weniger die ohnehin revidierten Pläne für neue Kohlekraftwerke. Vielmehr betrof- fen sind die bisherigen Planungen zum Ausbau der Stromerzeugung auf Basis erneuerbarer Energien, insbesondere der geplanten großen neuen Offshore-Windkraftkapazi- täten. Die Studie stellte daher die Frage „Folgt der Finanzkrise die Energiekrise?“ Gefährdet bleibt jedoch ebenso die Sicherheit der Primärenergieversor- gung in Deutschland. Viele Progno- sen und fast alle Experten erwarten – trotz der temporären Einbrüche durch die globale Wirtschaftskri- se – eine Fortsetzung der in den Vorjahren manifest gewordenen Trendwende auf den internationa- len Energie- und Rohstoffmärkten. Dies machen auch diverse Ein- schätzungen in dem vorliegenden Jahresbericht deutlich. Energierohstoffe werden im 21. Jahrhundert tendenziell knapp und teuer. Warnungen vor der nächsten Ölkrise gibt es zuhauf. Ebenso wird vor einer drohenden „Gaslücke“ und der Gefahr eines internationalen Gaskartells gewarnt. Bei der Kohle liegt das Problem nicht bei den Reserven. Sie reichen weltweit und hierzulande noch für weit mehr als ein Jahrhundert. Kritisch ist vielmehr die regionale Verfüg- barkeit. Der nächste Wirtschafts- aufschwung bedeutet weiteres Nachfragewachstum und zugleich Nachfrage-Verschiebungen an den Kohleweltmärkten in Richtung Asien. In Anbetracht dessen stellt die Bundesanstalt für Geowissen- schaften und Rohstoffe (BGR) in ihrem Bericht „Energierohstoffe 2009“ mit Blick auf die EU be- sorgt fest: „Vor dem Hintergrund einer auch weiter abnehmenden Hartkohlenförderung (= Steinkohle) in Europa und der damit verbunde- nen Zunahme der Importabhängig- keit würde eine Verknappung den europäischen Raum besonders hart treffen“. – Zu den ökonomischen Risiken gesellen sich an den inter- nationalen Energiemärkten zudem die geopolitischen Risiken, wie sie im Gastbeitrag dieses Jahresbe- richts beschrieben sind. Was kann aber energiepolitisch ge- gen die zunehmenden Bezugsrisiken auf den internationalen Energie- und Rohstoffmärkten unternommen werden? Eine gängige Antwort lautet stets Diversifizierung – also systematische Streuung der Be- zugsquellen. Diversifizierungsstra- tegien stoßen allerdings stets an die Grenzen, die durch die Konzen- tration der Vorräte und des Markt- angebots gesetzt sind. Sie stehen in der Regel im Konflikt mit der Wirtschaftlichkeit. Denn andern- falls hätten die Preis- und Kos- tensignale des Markts von selbst für einen hinreichenden Diversi- fizierungsgrad gesorgt. Analoge Konflikte können in Bezug auf die Umweltziele bestehen. Und schließ- lich kann eine marktwirtschaftlich orientierte Energiepolitik auf staatlicher Ebene bzw. supranatio- naler Ebene nur einen erweiterten Rahmen schaffen für entsprechen- de Bemühungen der Unternehmen. Grenzüberschreitende Leitungspro- jekte als Beispiel für supranationale Projekte etwa bedeuten zusätzliche Koordinierungsprobleme. Es ist kei- neswegs zu gewährleisten, ob die Unternehmen dann davon Gebrauch machen, aus einzelwirtschaftlichen Gründen doch andere Prioritäten setzen oder mit gegenläufigen Stra- tegien anderer Staaten konfrontiert werden. Eine weitere gängige Antwort auf die Herausforderungen der Versor- gungssicherheit ist die forcierte Steigerung der Energieeffizienz bzw. des Energiesparens. Sie kommt zugleich auch den anderen zentralen energiepolitischen Zielen Wirtschaftlichkeit und Umwelt- verträglichkeit entgegen. Dieser Ansatz hat zweifellos seine Be- rechtigung. Die Energieeffizienz ist womöglich sogar der „schlafende Riese“ der Energiepolitik. Allerdings liegen ihre Potenziale nicht so sehr in der Energieerzeugung als vielmehr in der Energienutzung – und hier weniger in der Energiewirt- schaft als vielmehr im Gebäudesek- tor, im Verkehrswesen und in Teilen der industriellen Produktion. Die Frage ist allerdings, inwieweit und in welchem Tempo sich die Energie- effizienz vorantreiben lässt, ohne Wohlfahrtseinbußen an anderer Stelle zu erleiden. Denn (energie-)
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    78 technische Bestverhältnisse sind nochlange keine ökonomischen Bestverhältnisse. Es wäre daher mehr als leichtsinnig, Energiespa- ren mit einer verlässlichen Energie- quelle gleichzusetzen oder gar von politisch gesetzten Einsparzielen der fernen Zukunft auf die Verzicht- barkeit heute verfügbarer Versor- gungsquellen zu schließen. Der Blick auf die Perspektiven der Primärenergieversorgung etwa im Jahr 2020 stellt die deutsche Energiepolitik vor große Herausfor- derungen. Wird der Kernenergieausstieg wie im geltenden Atomgesetz vorge- sehen planmäßig vollzogen, wird das letzte deutsche Kernkraftwerk im Jahr 2022 stillgelegt. Im Jahr 2020 werden von den heute 17 Kernkraftwerken in Deutschland nur noch drei in Betrieb sein. Sie decken dann etwa nur noch 8% der inländischen Stromerzeugung und damit allenfalls noch ganze 3% des Primärenergieverbrauchs. In den Folgejahren sinkt dieser Restbei- trag dann auf null. Etwa um 2019/2020 wird es auf- grund der Erschöpfung der be- kannten inländischen Reserven kaum noch eine inländische Erdöl- und Erdgasförderung geben. Auch die Erdöl- und Erdgasförderung der übrigen EU wird dann wegen der zur Neige gehenden Nordseequel- len nur noch gering sein. Bei Öl und Gas steigt die Abhängigkeit von Importlieferungen, die schon bald vollständig aus Nicht-EU-Ländern stammen werden, ab 2020 auf 100%. Das wird wegen der gerin- gen heimischen Vorräte unvermeid- lich sein. Bei der heimischen Steinkohle mit ihren großen Vorkommen hängt die weitere Verfügbarkeit keineswegs von der Begrenztheit der Vorräte ab, sondern von wirtschaftlichen Entwicklungen und politischen Entscheidungen. Sie wird 2020 wegen kompletter Stilllegung aller verbliebenen Bergwerke keinen Versorgungsbeitrag mehr leisten können, sollte das Gesetz zur Finanzierung der Beendigung des subventionierten Steinkoh- lenbergbaus zum Ende desJahres 2018 ohne eine Revision umge- setzt werden. Der Zugriff auf die heimischen Vorkommen wäre somit verloren. Die Steinkohlenversor- gung des deutschen Markts wäre dann ebenfalls total von Importen abhängig. Schon heute werden die „Reserven“ heimischer Steinkohle aufgrund der politischen Vorgaben minimalisiert angegeben, obwohl die großen Vorkommen physisch keinesfalls verschwunden sind. In hohem Maße von politischen Rahmenbedingungen abhängig ist auch die Zukunft der heimischen Braunkohle. Sie steht von allen Energieträgern am stärksten im Fadenkreuz der Klimapolitik. Entscheidend ist deshalb, dass eine Perspektive für eine klimaver- trägliche Braunkohlenverstromung nach 2020 durch eine erfolgreiche Realisierung der CCS-Technologie hergestellt werden kann. Die erneuerbaren Energien sollen mit massiver politischer Unterstüt- zung weiter zunehmende Versor- gungsbeiträge leisten und dabei die Wirtschaftlichkeitsgrenze, von der sie heute noch teilweise weit entfernt sind, durchbrechen. Langfristig – d. h. bis Mitte dieses Jahrhunderts – sollen die erneu- erbaren Energien nach Erwartung der Bundesregierung sogar rund die Hälfte der Energieversorgung Heimische Stein- kohle: Bergwerk Auguste Victoria, Schacht 8
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    79 neu_13-2_2009 05.10.2009 Technisch-wirtschaftlich gewinnbareMengen nach BGR in Mio. t SKE Energierohstoffreserven in Deutschland Quelle: BGR 2002 und BGR 2008 (*) 23000 12900? 11800* 267118* 230* 73 50* Steinkohle Erdgas ErdölBraunkohle Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik tragen. Erklärtes energiepolitisches Ziel in Deutschland ist es, dass der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Bruttostromver- brauch im Jahr 2020 mindestens 30% betragen wird und danach kontinuierlich steigt. An der gesamten Wärmeversorgung soll der Anteil erneuerbarer Energien dann 14% betragen, der Anteil der biogenen Kraftstoffe bis dahin auf 12% ansteigen. Gemäß der BMU- Leitstudie 2008 für den Ausbau der erneuerbaren Energien läge ihr Anteil am gesamten Primärenergie- verbrauch 2020 dann bei rund 16% – damit noch hinter dem der Kohle (19%) und deutlich hinter dem von Erdgas (27%) und Mineralöl (35%). Der Ausbau der erneuerbaren Energien wird vor allem klimapoli- tisch begründet. Dabei entsprechen politisch gesetzte quantitative Ausbauziele eigentlich nicht den ökonomischen Wirkungsprinzipien des etablierten CO2 -Emissionshan- delssystems und der steuerlichen Maßnahmen der Klimapolitik. Denn sie lassen vom Prinzip her offen, mit welchem Energiemix die Klimaziele erreicht werden. Ener- gie- und rohstoffpolitisch zwingend erscheint der Ausbau der erneuer- baren Energien auch viel weniger als Substitut zu Kohle und Kern- energie in der Stromerzeugung. Dort wurde er bislang am stärksten vorangetrieben. Viel wichtiger erscheint der Wär- me- und Verkehrssektor, wo die endlichen natürlichen Ressourcen an Öl und Gas schon in den näch- sten Jahrzehnten ersetzt werden müssen. In Bezug auf 2020 abseh- bar ist zudem, dass ein Ausbau der erneuerbaren Energien in der Stromerzeugung auf 30% schon rechnerisch nicht die schwinden- den Beiträge der Kernenergie und der heimischen Kohle vollständig ausgleichen könnte. Daher wird zusätzlich Importenergie benötigt. Einen Beitrag zur Verbesserung der Energieversorgungssicherheit leisten die erneuerbaren Energien allerdings dann nicht, wenn sie heimische oder andere quasi- heimische Energiequellen verdrän- gen. Ihr Angebot bleibt zudem von naturbedingten Unstetigkeiten geprägt, solange keine adäquate Speichertechnologie entwickelt und zum Einsatz gebracht worden ist. Ob dies 2020 anders aussieht, lässt sich vorerst kaum beantwor- ten. Die Ausbauziele für die erneuer- baren Energien dürfen überdies nicht als gesetzt angesehen wer- den, denn ihnen stehen noch viele erhebliche Hemmnisse entgegen. Es gibt einerseits die nach wie vor enormen wirtschaftlichen Barri- eren durch die Differenzkosten bzw. Mehrkosten, die durch eine staatliche oder staatlich auferlegte Subventionierung ausgeglichen werden müssen. Die Leitstudie des BMU sieht für 2020 nur die Wärme- energie aus erneuerbaren Energien im Bereich der Wirtschaftlichkeit. Alle anderen Bereiche werden noch immer zuschussabhängig sein. In der Stromerzeugung belaufen sich die Differenzkosten gemäß der Leitstudie auch 2020 noch auf rund 3 Mrd. €. Die Ausbauziele im rege- nerativen Sektor kosten gemäß der Leitstudie bis 2020 kumuliert rund 80 Mrd. €. Ein wesentlicher Grund für die nach wie vor hohen Mehrko-
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    80 sten der erneuerbarenEnergien ist der gegenüber der konventionellen Energieerzeugung je Energieeinheit größere Rohstoffbedarf der Anla- gen. Bei allen Vorteilen mit Blick auf die Klimavorsorge und andere Umweltziele: Die erneuerbaren Energien haben spezifische Nach- teile im Hinblick auf die Schonung nichtenergetischer Ressourcen: Sie bewirken einen hohen Ver- brauch von Metallrohstoffen – z. B. Eisen- und Kupfererze, Bauxit oder Erze der Sondermetalle, wie etwa Gallium – bis zu Seltenen Erden oder zur Siliziumgewinnung aus ge- eigneten Sanden. Sie sind deshalb unter Nachhaltigkeitsgesichtspunk- ten kein Allheilmittel. Gleiches gilt für den großen Flächenbedarf der Anlagen zur Erzeugung erneuer- barer Energien: Er steht nicht nur im direkten Konflikt zum Natur- und Landschaftsschutz, wie das etwa bei manchen Windkraft- und Wasserkraftprojekten der Fall ist. Vielmehr gibt es auch vielfache Nutzungskonkurrenzen mit der Landwirtschaft und anderen Flä- chennutzungsformen, wie das bei der Bioenergie sogar der Regelfall ist. Nicht zu vergessen auch die wachsenden Emissionen an Lach- gas, einem Treibhausgas, das bei der Düngung freigesetzt wird. Sachlich betrachtet nicht erstaun- lich sind daher einige im Frühjahr 2009 veröffentlichte Forschungs- ergebnisse des europäischen Forschungsprojekts NEEDS („New Energy Externalities Development for Sustainability“). Es bemüht sich um eine nachhaltigkeitsorientierte Betrachtung sämtlicher relevanter Externalitäten in der Energiege- winnung und zeigt ein durchaus differenziertes Bild der nachhal- tigen Umweltverträglichkeit auch erneuerbarer Energien. Auch und speziell im Vergleich mit der Kohle – zumal bei einer künftigen Nut- zung von Kohle mit CCS-Technolo- gie – stehen nur einige erneuer- bare Energietechnologien eindeutig besser da, so die Wellen-/Gezei- tenenergie, die allerdings nur für Küstenländer verfügbar ist. Dage- gen weisen andere wie die Bio- massenutzung oder die Photovol- taik keineswegs einen generellen Nachhaltigkeitsvorteil gegenüber der Kohle auf. Auch unter Umwelt- und Nachhaltigkeitsgesichtspunk- ten darf die Energiedebatte also nicht so einseitig geführt werden. Und die Akzeptanzsteigerung für die CCS-Technologie ist eine der wichtigsten Aufgaben der nächsten Zeit. Die Energieversorgungssicherheit in Deutschland wird deswegen auch beim Ausbau der erneuerbaren Energien in den nächsten Jahren zunehmend gefährdet werden. Eine Analyse des Instituts für Wirtschaftspolitik der Universität Köln vom Oktober 2008 über die „Sicherheit der Energieversorgung“ (Autoren J. Eekhoff u. a.) zieht eine ernüchternde Schlussfolgerung. Demnach gibt es zur Verbesserung der Versorgungssicherheit durch Verringerung der Abhängigkeit von politisch instabilen Drittstaaten in Deutschland auch bei allen Bemühungen um die Förderung der erneuerbaren Energien und ihres langfristigen Beitrags auf Sicht nur zwei stichhaltige Ansatzpunkte: Zum einen die Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke, die zugleich Vorteile für den Klima- schutz bringt, allerdings andere gra- vierende umweltpolitische Proble- me beinhaltet. Hier sei „die Versor- gungssicherheit gegen die Gefahren aus der Nutzung der Kernenergie abzuwägen“. Zum anderen wäre „der zweite mengenmäßig relevante Weg in Richtung Versorgungssicher- heit die stärkere Nutzung der Kohle. Soll die Versorgungssicherheit durch eine Förderung der heimischen Energieerzeugung erhöht werden, muss dies selbstverständlich der Kohle zugute kommen“. Da das Po- tenzial der heimischen Braunkohle begrenzt ist, kann dieses Plädoyer für eine stärkere Nutzung heimi- scher Kohle nur der heimischen Steinkohle gelten. Die Kölner Ökonomen sehen in einer Strategie, durch die importiertes Gas auf dem Strommarkt teilwei- se durch heimische Kohle ersetzt würde, überdies nicht nur eine Ver- besserung der Versorgungssicher- heit. Sie machen auch deutlich, dass diese Strategie durchaus „klimaneutral“ wäre, wenn statt dessen das Erdgas in den Förderlän- dern wie Russland selbst eingesetzt und dort Kohle (in Kraftwerken mit geringeren Umweltstandards als hierzulande) substituiert wird. In der Energiepolitik kommt es eben sehr auf die Gesamtbetrachtung, d. h. auf ein Gesamtkonzept an.
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    82 Weltstromerzeugung Kern- Wasserkraft Kohle energie Öl Gas u. Sonstige Insgesamt Jahr TWh 1970   2075    80 1625 – 1175   4955 1980   3163   714 1661   976 1802   8316 1990   4286 1989 1216 1632 2212 11335 2000   5759 2407 1402 2664 2968 15200 2005   7040 2640 1240 3750 3550 18220 2006   7370 2670 1280 3950 3650 18920 2007   7950 2580 1120 4290 3955 19895 2008   8160 2620 950 4380 4090 20200 2010   8668 2761 926 4157 4043 20555 2020 10401 3385 901 5678 5638 26003 2030 13579 3844 866 6769 6696 31754 Quelle der Prognosen: DOE, 2009 Kohle, Erdöl und Erdgas in der Welt 2009 Vorräte Verbrauch Energieträger Mrd. t SKE % Mrd. t SKE % Kohle   710   60   4,7   33 Erdöl*   262   22   5,6   39 Erdgas   212   18   3,9   28 Insgesamt 1184 100 14,2 100 gewinnbare Vorräte, * einschl. Ölsande Quellen: BGR, 2009; Oil and Gas Journal, 2008 Weltvorräte an Kohle, Erdöl und Erdgas Kohle Erdöl Erdgas Insgesamt Region Mrd. t SKE EU-27   52,2    1,2    2,6    56,0 Eurasien* 139,4   21,0   69,2   229,6 Afrika   26,8   22,4   17,5    66,7 Naher Osten    0,4 145,2   88,2   233,8 Nordamerika 206,4   40,6   10,7   257,7 Mittel- und Südamerika    9,2   25,0    9,7    43,9 VR China 151,9    3,1    2,7   157,7 Ferner Osten   75,3    3,2   10,8    89,3 Australien   48,4    0,3    1,0    49,7 Welt 710,0 262,0 212,4 1184,4 59,9% 22,2% 17,9% 100,0% Gewinnbare Vorräte, * ehem. UdSSR und übriges Europa Quellen: BGR, 2009; Oil and Gas Journal, 2008 Weltvorräte und -förderung an Steinkohle 2008 Vorräte Förderung Region Mrd. t SKE Mio. t EU-27   34   149 Eurasien 102   498 Afrika   27   235 Nordamerika 195 1106 Mittel- und Südamerika    7    79 VR China 148 2716 Ferner Osten   70   733 Australien   33   334 Welt 617 5850 Quelle: BGR, 2009; VDKI, 2009 Weltenergieverbrauch Nicht erneuerbare Erneuerbare Energien Energien Kern- Erd- Wasser- Ins-­ energie Kohle Erdöl gas kraft Sonstige gesamt Jahr Mio. t SKE 1970    28 2277 3262 1326 146   827   7866 1980   247 2724 4320 1853 206 1066 10416 1990   738 3205 4477 2525 271 1420 12636 2000   955 3123 5005 3091 329 1535 14038 2005 1031 4191 5488 3522 379 1960 16571 2006 1047 4418 5575 3682 387 2030 17139 2007 1024 4544 5653 3772 375 2120 17493 2008 1020 4724 5619 3898 380 2150 17791 2020 1204 6255 6784 4476 505 2402 21626 2030 1288 7018 7306 5248 592 2878 24330 Kernenergie und erneuerbare Energien mit Wirkungsgradansatz bewertet Quelle der Prognosen: Internationale Energie-Agentur, 2008 Globale CO2 -Emissionen 1990 2000 2005 2008 Veränderung Staatenverbund/ (Basisjahr) 1990 - 2008 Region/Land CO2 -Emissionen in Mio. t in % Annex I-Staaten 14930,1 14338,2 14858,3 14788,6 - 0,9 EU-27   4404,2 4112,0 4238,4 4149,6 - 5,8 davon EU-15* 3364,9 3359,7 3465,7 3348,5 - 0,5 davon Deutschland* 1215,2 1008,2 968,9 944,6 - 22,3 Australien* 277,8 349,8 382,7 378,2 + 36,1 Kanada* 455,8 559,9 569,1 569,9 + 30,9 USA* 5068,6 5964,4 6081,9 5909,3 + 16,6 Russland* 2499,1 1471,1 1525,7 1610,9 - 35,5 Ukraine* 715,6 289,1 320,7 332,8 - 53,5 Japan* 1143,2 1226,6 1267,3 1301,1 + 13,8 Korea 229,2 431,3 468,9 511,6 + 123,1 Indien 589,3 976,5 1160,7 1449,6 + 146,0 VR China 2244,0 3077,6 5100,5 6496,2 + 189,5 (Übr.) Ferner Osten 685,3 1143,5 1437,0 1552,1 + 126,5 Naher Osten 587,9 971,5 1227,2 1428,5 + 143,0 Afrika 549,3 694,4 831,8 925,4 + 68,5 Lateinamerika 603,1 859,8 931,9 1068,9 + 77,1 Übrige Staaten 1958,1 1992,4 2262,3 2467,8 + 26,0 Welt 22010,5 24119,9 27826,1 30178,0 + 37,1 * Annex-I-Staaten nach UN-Klimarahmenkonvention (vgl. u. a. http://unfcc.int) Quelle: Ziesing ET, 9/2009
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    83 Primärenergieverbrauch in derEU-27 Wasserkraft ­ Kern- und sonst. Ins- Kohle Mineralöl Gas energie Energien gesamt Jahr Mio. t SKE 2005 431 1003 606 367 123 2530 2006 458 1032 627 371 132 2620 2007 455 1006 615 347 144 2567 2008 431 1005 631 350 138 2554 2020 488 1003 721 317 283 2812 2030 480 1012 738 295 340 2865 Kernenergie und erneuerbare Energien mit Wirkungsgradansatz bewertet Quelle der Prognosen: Europäische Kommission, 2008, Baseline Szenario Stromerzeugung in der EU-27 Wasserkraft ­ Kern- und sonst. Ins- Kohle Öl Gas energie Energien gesamt Jahr TWh 2005   990 160   660 930   440 3180 2006   995 140   710 966   474 3285 2007 1040 110   710 935   515 3310 2008   990   95   780 920   587 3372 2020 1440   70   860 870   860 4100 2030 1530   60   880 870 1060 4400 Quelle der Prognosen: Europäische Kommission, 2008, Baseline Szenario Kohlenförderung in der EU-27 im Jahre 2008 Steinkohle Braunkohle Land Mio. t SKE Deutschland 17,7 52,3 Großbritannien 14,5 – Frankreich – – Griechenland – 11,8 Irland –   0,9 Italien – – Spanien 6,5   1,5 Finnland –   1,2 Österreich – – Polen 67,0 17,5 Ungarn –   2,8 Tschechien   7,6 20,3 Slowakei –   1,0 Slowenien –   1,4 Estland –   5,2 Bulgarien –   6,7 Rumänien   2,1   8,6 EU-27 115,41 131,21 Primärenergieverbrauch in Deutschland Wasser- Mineral- Stein- Braun- Kern- Wind- kraft u. Ins-­ öl kohle kohle Erdgas energie energie Sonstige gesamt Jahr Mio. t SKE 1980 206,7 85,2 115,7   73,9 20,7 0,0   5,9 508,1 1990 178,7 78,7 109,2   78,2 56,9 0,0   7,2 508,9 1995 194,1 70,3   59,2   95,5 57,4 0,2 10,2 486,9 2000 187,6 69,0   52,9 101,9 63,2 1,2 15,6 491,4 2005 176,3 61,7   54,4 110,2 60,7 3,3 26,9 493,5 2006 174,7 67,0   53,8 111,3 62,3 3,8 30,6 503,5 20071) 157,9 67,4   55,0 106,6 52,3 4,9 28,3 472,4 20081) 166,1 62,5   53,0 105,5 55,4 4,9 30,4 477,8 1) vorläufig Kernenergie und erneuerbare Energien mit Wirkungsgradansatz bewertet Statistik EU-Energie- und Erdgasbedarfs und -importprognosen* 2005 2020 New Energy EU-27 Baseline Projection Policy Projection Millionen Tonnen Ölpreis Ölpreis Ölpreis Ölpreis Öläquivalent(Mtoe) 61US-$/bl 100US-$/bl 61US-$/bl 100US-$/bl Primärenergie- verbrauch 1811 1986 1903 1712 1672 Öl 666 702 648 608 567 Gas 445 505 443 399 345 Kohle 320 342 340 216 253 Erneuerbare 123 197 221 270 274 Kernenergie 257 221 249 218 233 EU-Energie- erzeugung 896 725 774 733 763 Öl 133 53 53 53 52 Gas 188 115 113 107 100 Kohle 196 142 146 108 129 Erneuerbare 122 193 213 247 250 Kernenergie 257 221 249 218 233 Nettoimporte 975 1301 1184 1033 962 Öl 590 707 651 610 569 Gas Mtoe 257 390 330 291 245 (Bill. m3 ) (298) (452) (383) (337) (284) Kohle 127 200 194 108 124 Endenergie- verbrauch Strom 238 303 302 257 260 * von November 2008 unter Berücksichtigung der Implementierung der Märzbeschlüsse von 2007 Quelle: Europäische Kommission, An EU Energy Security and Solidarity Action Plan. Second Strategic Energy Review. Communication from the Commission to the European Parliament, the Council, the European Economic and Social Committee of the Regions, Brüssel, November 2008, Annex 1, p. 19 f.
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    84 Absatz des deutschenSteinkohlenbergbaus Inland EU-Länder Wärme- Kraft- Stahl- Stahl- Dritt- Gesamt- markt werke industrie industrie übrige länder absatz Jahr Mio. t SKE 1960 61,3 22,1 31,3 27,0 5,3 147,0 1970 28,5 31,8 27,9 19,8 5,7 3,2 116,9 1980   9,4 34,1 24,9 13,0 4,8 2,1   88,3 1990   4,1 39,3 19,8   5,2 2,2 0,4   71,0 2000   0,7 27,6 10,0   0,0 0,3 0,0   38,6 2005   0,3 20,3   6,1   0,0 0,1 0,0   26,8 2006   0,3 18,3   3,7   0,0 0,1 0,0   22,4 2007   0,3 18,8   4,1   0,0 0,1 0,0   23,3 2008   0,3 15,0   4,1   0,0 0,1 0,0   19,5 Rationalisierung im deutschen Steinkohlenbergbau Leistung Förderung1) unter Tage je je Abbau- Abbau-­ Mann/Schicht betriebspunkt Bergwerke2) betriebspunkte Jahr kg v. F.3) t v. F.3) Anzahl 1960 2057   310 146 1631 1970 3755   868   69   476 1980 3948 1408   39   229 1990 5008 1803   27   147 2000 6685 3431   12    37 2005 6735 3888    9    24 2006 6409 3686    8    21 2007 7071 3680    8    22 2008 6309 3740    7    18 1) fördertäglich 2) Stand Jahresende ohne Kleinzechen 3) Bis 1996 Saar in t = t Stromerzeugung in Deutschland Wasser- Stein- Braun- Kern- Mineral- Wind- kraft u. Ins-­ kohle kohle energie öl Erdgas energie Sonstige gesamt Jahr TWh 1980 111,5 172,7   55,6 27,0   61,0   0,0 39,8 467,6 1990 140,8 170,9 152,5 10,8   35,9   0,1 38,9 549,9 1995 147,1 142,6 154,1   9,1   41,1   1,5 41,3 536,8 2000 143,1 148,3 169,6   5,9   49,2   9,5 50,9 576,5 2005 134,1 154,1 163,0 11,6   71,0 27,2 59,6 620,6 2006 137,9 151,1 167,4 10,5   73,4 30,7 65,9 636,8 20071) 142,0 155,1 140,5   9,6   75,9 39,7 74,8 637,6 20081) 128,5 150,0 148,8 10,5   83,0 40,2 78,1 639,1 1) vorläufig Belegschaft1) im deutschen Steinkohlenbergbau Arbeiter und Arbeiter Angestellte Angestellte unter über unter über Ins- darunter Tage Tage Tage Tage gesamt Auszubildende Jahres- ende 1000 1957 384,3 169,3 16,3 37,4 607,3 48,2 1960 297,0 140,2 16,8 36,2 490,2 22,7 1965 216,8 110,5 15,6 34,1 377,0 15,2 1970 138,3   75,6 13,0 25,8 252,7 11,5 1975 107,9   60,9 11,5 22,0 202,3 14,1 1980   99,7   55,8 10,6 20,7 186,8 16,4 1985   90,1   47,4 10,2 18,5 166,2 15,7 1990   69,6   35,9   8,9 15,9 130,3   8,3 1995   47,2   25,7   6,1 13,6   92,6   2,9 2000   25,6   18,2   3,8 10,5   58,1   2,3 2001   23,0   16,2   3,4 10,0   52,6   2,2 2002   21,6   14,4   3,1   9,6   48,7   2,4 2003   20,0   13,6   2,8   9,2   45,6   2,7 2004   19,6   11,6   2,8   8,0   42,0   2,9 2005   17,7   10,9   2,6   7,3   38,5   3,2 2006   16,2   9,9   2,4   6,9   35,4   3,0 2007   15,1   9,1   2,3   6,3   32,8   2,4 2008   13,6   8,5   2,0   6,3   30,4   1,8 1)   Belegschaft einschließlich Mitarbeiter in struktureller Kurzarbeit und Qualifizierung Steinkohlenförderung in Deutschland Revier ­ Ibben- Bundes- Ruhr Saar Aachen büren republik Jahr Mio. t v. F. 1957 123,2 16,3 7,6 2,3 149,4 1960 115,5 16,2 8,2 2,4 142,3 1965 110,9 14,2 7,8 2,2 135,1 1970   91,1 10,5 6,9 2,8 111,3 1975   75,9   9,0 5,7 1,8   92,4 1980   69,2 10,1 5,1 2,2   86,6 1985   64,0 10,7 4,7 2,4   81,8 1990   54,6   9,7 3,4 2,1   69,8 1995   41,6   8,2 1,6 1,7   53,1 2000   25,9   5,7 – 1,7   33,3 2001   20,0   5,3 – 1,8   27,1 2002   18,9   5,4 – 1,8   26,1 2003   18,2   5,6 – 1,9   25,7 2004   17,8   6,0 – 1,9   25,7 2005   18,1   4,7 – 1,9   24,7 2006   15,2   3,6 – 1,9   20,7 2007   15,9   3,5 – 1,9   21,3 2008   14,2   1,0 – 1,9   17,1 Bis 1996 Saar in t = t
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    Bergbau und Kultur: DeutschesBergbau-Museum, Bochum Der Erweiterungsbau „Schwarzer Diamant” (Entwurf: Benthem Crouwel) wird mit der Sonderausstellung „Glück auf! Ruhrgebiet – Der Steinkohlenbergbau nach 1945” am 4. Dezember 2009 eröffnet.
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    86 Organisation des GesamtverbandsSteinkohle e.V. Vorstand Vorsitzender (Präsident): Bernd Tönjes, Herne, Vorsitzender des Vorstands der RAG Aktiengesellschaft Stellvertretende Vorsitzende: Dr. Wilhelm Beermann, Essen, (Ehrenpräsident) Jürgen Eikhoff, Herne, Mitglied des Vorstands der RAG Aktiengesellschaft Dr. Jürgen-Johann Rupp, Herne, Mitglied des Vorstands der RAG Aktiengesellschaft Mitglieder des Vorstands: Rainer Platzek, Rheinberg Joachim Rumstadt, Vorsitzender der Geschäftsführung Evonik Steag GmbH K.-Rainer Trösken, Essen Ulrich Weber, Essen, Mitglied des Vorstands der RAG-Stiftung Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia, Essen, Geschäftsf. Vorstandsmitglied Michael G. Ziesler, Saarbrücken Stand: Mitte Oktober 2009 Mitglieder RAG Aktiengesellschaft, Herne RAG Deutsche Steinkohle AG, Herne RAG Anthrazit Ibbenbüren GmbH, Ibbenbüren RAG Beteiligungs-GmbH, Herne RAG Mining Solutions GmbH, Herne RAG Montan Immobilien GmbH, Essen Evonik Steag GmbH, Essen Bergwerksgesellschaft Merchweiler mbH, Quierschied Geschäftsführung Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia, Essen, Hauptgeschäftsführer Elmar Milles, Essen Geschäftsbereiche Wirtschaft/Umwelt/Energie Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia, Essen Recht/Soziales/Tarife Elmar Milles, Essen
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    87 Verzeichnis der Grafikenund Tabellen Deutsche Steinkohle Steinkohlenbergwerke in Deutschland 11 Anpassung im deutschen Steinkohlenbergbau 12 Fachrichtungen der Auszubildenden im Steinkohlenbergbau 13 Primärenergiegewinnung in Deutschland 16 Entwicklung der Subventionen in Deutschland 17 Öffentliche Hilfen für die deutsche Steinkohle 17 Fiskalische Folgekosten bei unterschiedlichen Arbeitsplatzersatzraten 18 Beschäftigungseffekte des deutschen Steinkohlenbergbaus nach Regionen 18 Produktion der deutschen Bergbaumaschinen- industrie 22 Unfallrückgang im Steinkohlenbergbau 23 Klima und Umwelt Energiebedingte CO2 -Emissionen in der Welt 29 Reduzierung von Treibhausgasemissionen in Deutschland bis 2020 31 CCS-Technologie: Möglichkeiten der CO2 -Abtrennung und CO2 -Speicherung 32 CO2 -Abtrennungsverfahren 34 Wirkungsgrad und Kosten von CCT und CCS 35 Stromerzeugung und CO2 -Minderung durch regenerative Energien und Grubengas in NRW 36 CO2 -Reduzierung von Steinkohlenkraftwerken durch Wirkungsgradsteigerungen/CCS-Technologie 40 Internationale Trends der Energie- und Steinkohlenmärkte Einfuhrpreisentwicklung von Erdöl, Erdgas und Steinkohle 42 Energieverbrauch im Vergleich zur Weltbevölkerung und zum Bruttoinlandsprodukt 43 Energiebedingte CO2 -Emissionen in der Welt 44 Bedeutung von China, Indien, USA im Vergleich zu Deutschland 44 Weltvorräte an Öl und Gas, OPEC- und GECF-Anteile 45 Missverhältnis zwischen Energiereserven und Verbrauchsstruktur 45 Weltsteinkohlenförderung und -verbrauch 46 Welthandelsintensität bei Steinkohle 47 Preise für Kraftwerkskohle 47 Frachtraten nach Europa 48 Steinkohlen- und Koks-Exporte nach Deutschland 2008 48 Strategische Risiken der globalen Energiesicherheit Weltenergieverbrauch 51 Herausforderungen für die europäische und deutsche Energiepolitik Energiepolitische Ziele 58 Absatzstruktur deutscher Steinkohle 59 Haushalt der EU 2008 60 Hilfen des Bundes 60 Entwicklung der Stromerzeugung in Deutschland nach BMU-Szenario „Roadmap 2020“ 65 Stromerzeugung in der EU-27 66 Primärenergieverbrauch in Deutschland 68 Stromerzeugung in Deutschland 2008 69 Außenwirtschaftliche Energierechnung 71 Importabhängigkeit Deutschlands bei Energieträgern steigt 72 Rohöl- und Erdgasaufkommen in Deutschland 73 Steinkohlenaufkommen in Deutschland 73 „Stabile“ bzw. „instabile“ Produzentenländer von Kraftwerks- und Kokskohle 2003 und 2007 74 Energieversorgungsrisiken der G7-Staaten 74 Versorgungsrisiko bei Öl, Gas und Steinkohle 1978 bis 2007 75 Energierohstoffreserven in Deutschland 79 Statistiken 82 Weitere Grafiken unter www.gvst.de
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    88 Impressum Impressum Herausgegeben von der Geschäftsführungdes Gesamtverbands Stein­koh­le e.V. Rüttenscheider Straße 1 - 3 45128 Essen Tel.: +49 (0)201/801 4305 Fax: +49 (0)201/801 4262 Adresse ab 1. Januar 2010: Shamrockring 1 44623 Herne Tel.: +49 (0)23 23/15 4305 Fax: +49 (0)23 23/15 4291 E-Mail: kommunikation@gvst.de Internet: www.gvst.de Redaktion: Prof. Dr. Franz-Josef Wodopia, Jürgen Ilse, Roland Lübke, Dr. Detlef Riedel, Andreas-Peter Sitte, Dr. Kai van de Loo, Dr. Gerd-Rainer Weber Fotos: Bethem Crowel, Deutsches Berg- bau-Museum, Dreamstime, Ermert, Evonik, Getty Images, GVSt, RAG Bildmontagen: Bethem Crowel, Ermert, Q-Medien Layout, Grafik: Q-Medien GmbH, 42699 Solingen Verlag: VGE Verlag GmbH, 45219 Essen Druck: B.o.s.s Druck und Medien GmbH, 47574 Goch ISSN 0343-7981
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    Bergwerke1) (Anzahl) 7 (Jan. 2009: 6) Zechenkokereien* (Anzahl) 1 Belegschaft1) insgesamt 30 384 Mitarbeiter - Ruhrrevier 23 286 Mit­ar­bei­ter - Saarrevier 4 690 Mit­ar­bei­ter - Ibbenbüren 2 408 Mit­ar­bei­ter Steinkohlenförderung insgesamt 17,1 Mio. t v. F.3) = 17,7 Mio. t SKE2) - Ruhrrevier 14,2 Mio. t v. F. - Saarrevier 1,0 Mio. t v. F. - Ibbenbüren 1,9 Mio. t v. F. Kokserzeugung (Zechenkokerei) 2,0 Mio. t Technische Kennzahlen Förderung je Abbaubetriebspunkt 3 740 t v.F./Tag Mittlere Flözmächtigkeit 146 cm Mittlere Streblänge 338 m Mittlere Gewinnungsteufe 1145 m Größte Schachttiefe 1 750 m­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­­ Absatz insgesamt 19,5 Mio. t SKE - Elektrizitätswirtschaft 15,0 Mio. t SKE - Stahlindustrie 4,1 Mio. t SKE - Wärmemarkt 0,4 Mio. t SKE Anteil deutscher Steinkohle - am Primärenergieverbrauch in Deutschland 4 % - an der Stromerzeugung in Deutschland 7 % - am Steinkohlenverbrauch 30 % - an der Stromerzeugung aus Steinkohle 34 % 1) Ende des Jahres; Belegschaft einschließlich Mitarbeiter in struktureller Kurzarbeit und Qualifizierung 2) SKE = Steinkohleneinheit. 1 kg SKE = 7 000 kcal bzw. 29 308 kJ (entspricht dem mittleren Heizwert eines Kilogramms Steinkohle) 3) v. F. = verwertbare Förderung (berücksichtigt werden Wasser und Asche­ge­halt) Kennzahlen zum Steinkohlenbergbau in Deutschland 2008
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