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Macht und
                         der
Experten
Markus Saurer




Retraite I/2013
31. Januar 2013
Novartis Campus, Basel
VORBEMERKUNGEN I

TESTIMONY BY EXPERT WITNESSES (Gutachter in Rechtsstreitigkeiten, USA)

A witness who is qualified as an expert by knowledge, skill, experience, training, or
education may testify in the form of an opinion or otherwise if:

a) the expert’s scientific, technical, or other specialized knowledge will help the trier
   of fact to understand the evidence or to determine a fact in issue;

b) the testimony is based on sufficient facts or data;

c) the testimony is the product of reliable principles and methods; and

d) the expert has reliably applied the principles and methods to the facts of the
   case.

 Selbst Nobelpreisträger müssen erst ihre Glaubwürdigkeit anhand dieser
  Punkte belegen. Und dies wird von den Richtern ebenso seriös geprüft wie die
  Daten und Fakten des Falls erwogen werden.




Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest   2
VORBEMERKUNGEN II
• Ich bin kein anerkannter Experte in der Frage „Macht und Ohnmacht der Experten“
  (naja, Prof. Borner auch nicht)
• kein prominenter öffentlicher Intellektueller
  (nun, Prof. Borner schon)
• aber
    • Begleiter von Studien und Expertisen (Seite des Auftraggebers)
      (Bundesamt für Verkehr, Stv. Sektionschef Planung)
    • interner Berater in Liberalisierungsfragen und interner Strategieberater
      (GD PTT Unternehmensentwicklung, Leiter Ökonomie)
    • interner Experte in einer Untersuchungsbehörde
      (Sekretariat Wettbewerbskommission WEKO, Vizedirektor, Leiter Produktemärkte)
    • Leiter einer Beratungsfirma /Auftragnehmer von Studien, Expertisen und
      Strategieberatungen
      (Plaut Economics bei Plaut AG - heute als Polynomics AG verselbständigt)

• heute als selbständiger Berater in Expertenbereichen tätig
  (mit ad hoc Partnern wie Prof. Borner und IWSB AG)




Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest   3
VORBEMERKUNGEN III

• Merkur-Sonderheft ist ausgezeichnete Grundlage

• ich erzähle von meinen Erfahrungen und streue
  theorie- oder thesenartige Überlegungen ein

Inhalt:

• Öffentliche Intellektuelle (Posner)

• Wissenschaftstheorie und Wissensgeneration

• Politische Ökonomie und Eigennutz

• Parteiexperten und "neutrale" Experten

• Instrumentalisierung der Experten

• Auftraggeber wollen Zahlen (und somit angelogen werden)




Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest   4
ÖFFENTLICHE INTELLEKTUELLE

“A public intellectual is an individual who writes or speaks on issues of
political or ideological moment ... addressing a general, educated public.
Socrates was the first public intellectual in the modern sense.”

“In recent years, the rapid growth of the media has led to an

1.    increasing number of highly visible forms for discussion,

2.    while greater academic specialization has yielded a proliferation of narrowly
      trained scholars.

The intersection of these two trends has resulted in modern academics’ writing and
commenting on topics outside their ken. … the quality of today’s punditry is degraded
by narrow vision and the often instant demand for media-savvy expertise.” [Zitate von
Posners Umschlagtext]
                                                     ken =                 geistiger Horizont
                                                     media-savvy =         medienwirksam, die Medien für bestimmte
                                                                           Zwecke ausnützend




Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest         5
WISSENSCHAFT UND WISSEN

Wissenschaft ist nicht wertneutral, sondern
bestenfalls werturteilsfrei (Weber, Popper u.v.a.).
(Von Beratern/Experten werden aber Werturteile verlangt.)

Wissensgeneration und Anmassung von Wissen
(F. A. von Hayek, Rede zum Nobelpreis, 1974):

• Ordnung ist spontanes Resultat menschlichen Handelns. Der Markt bildet
  im Preissystem alle relevanten Informationen ab und führt zu sinnvollen
  Allokationen.

• Eine zentrale Planung kann nicht über die Informationen verfügen, die sie für vernünftige
  Allokationsentscheide benötigen würde. "Sozialingenieure" massen sich Wissen an, das
  sie nicht haben.

• Ökonomische Modelle sind kaum in der Lage, die "unorganisierte Komplexität" in der Vielfalt
  der beteiligten Variablen adäquat abzubilden.




Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest   6
POLITISCHE ÖKONOMIE UND EIGENNUTZ
• Es gibt natürlich auch Altruismus und selbstlose individuelle
  Einsätze für die Gesellschaft (Common Good), sogar wohlmeinende
  Diktatoren kann man sich vorstellen...
• aber die beste Übereinstimmung mit der Realität erzielt die
  ökonomische Theorie der Politik und der Verwaltung, wenn sie
  eigennützige Politiker und Beamte unterstellt.
                                                                                                    James M. Buchanan Jr.
• Genauso wie mit der Annahme eigennütziger Akteure in den                                          3. 10.1919 – 9. 1. 2013
  Märkten die besten Ergebnisse erzielt werden.                                                        Nobel Prize 1986
                                                                                                  "For his development of the
• In diesem Sinne sollte auch von der Annahme ausgegangen                                                contractual and
  werden, dass Berater und Experten eigennützige Ziele                                            constitutional bases for the
  verfolgen. Das macht sie manipulierbar.                                                           theory of economic and
                                                                                                   political decision-making"
• Das Common Good, das Gemeinwohl, lässt sich selbst in nahezu perfekten
  demokratischen Prozessen nicht widerspruchsfrei bestimmen (Condorcet
  Paradox, Arrow-Unmöglichkeitstheorem) – es sei denn, es werde Einstimmigkeit
  verlangt (doch dann sind die Koordinationskosten prohibitiv).

• Ich bin der Meinung, dass das KVG 1995 teilweise versagt hat, weil es nicht
  durchwegs mit eigennützigen Akteuren gerechnet hat.




Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest                 7
PARTEIEXPERTEN UND "NEUTRALE" EXPERTEN
• Parteigutachten in Rechtsverfahren sowie Auftragsstudien von interessierten
  Kreisen (Parteien, Verbände, Unternehmen, Private) sind den Behörden und den
  Medien in der Schweiz "suspekt".
   "Gefälligkeitsgutachten", "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing"
   "Verbandsgutachten", "Studie im Auftrag von Interpharma" ....
• Hohe Akzeptanz geniessen Gutachten und Studien, die von Politik und Behörden
  bei "neutralen" Experten (Uni, Fachhochschulen) in Auftrag gegeben werden.
   "wissenschaftliches Gutachten", "wissenschaftliche Studie"
   "Gutachten der ETH", "Studie der Uni Basel"
• Diese Differenzierung ist im Lichte der vorne angestellten Überlegungen nicht
  gerechtfertigt!
    • Wissenschaft wird von Personen betrieben und ist nicht neutral.
    • Experten und Behörden verfolgen ebenso ihre Interessen wie "interessierte Kreise".

• Der wissenschaftliche Diskurs sollte unabhängig von der Herkunft der Argumente
  gepflegt werden.
• Verfahren: Kontradiktorisch. (Vgl. auch Expert Witnesses im anglo-
  amerikanischen Rechtsraum)



Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest   8
INSTRUMENTALISIERUNG DER EXPERTEN I
 Konkrete Beispiele werden nur mündlich geliefert... heikel.
Fiktive Beispiele
• Bundesrat X zu Amtsdirektor:
  "Geben Sie Prof. Y wieder einmal einen Studienauftrag, vielleicht können wir so
  seine kritische Haltung beeinflussen."
• Amtsdirektor zur Auswahl unter Offerenten:
  "Wir erteilen den Auftrag dem Büro Z – auf diese Weise können wir auch die Linken
  für die Sache gewinnen."
Evaluationen
• Die zu evaluierenden Behörden bestimmen oft die Evaluatoren gleich selber und
  übernehmen die Oberleitung der Evaluation. Selbstevaluation – z.B. zur
  Kartellgesetzrevision 2003.
• Als Offerenten für eine Evaluation einer BAG-Raucherkampagne werden Raucher
  ausdrücklich ausgeschlosssen (das war wahrscheinlich sogar illegal).
                                                                               Fortsetzung nächste Folie



Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest        9
INSTRUMENTALISIERUNG DER EXPERTEN II
Länderexamen durch supranationale Organisationen
(Ich war als Mitarbeiter des Bundesamts für Verkehr an einem OECD-
Länderexamen betreffend Verkehrspolitik und als Mitglied des
Sekretariats der WEKO an einem OECD-Länderexamen betreffend
Wettbewerbspolitik beteiligt.)
• Die internationalen Inspektoren haben keine Ahnung von den nationalen
  Verhältnissen und sind so von den Examinierten (Behörden) abhängig.
• Man kennt sich und beisst sich nicht – ganz im Gegenteil: Länderexamen                          ... oder was die
  sind eine ausgezeichnete Gelegenheit, Forderungen nationaler Behörden                                 österr.
  auf die internationale Ebene zu heben.                                                             Verwaltung
                                                                                                  Österreich rät?
• Wer Textrohstoffe liefert hat das Sagen.
Krass: Das letzte OECD-Länderexamen zur CH-Wettbewerbspolitik wurde
von einem Schweizer Prof. geleitet, der kurz zuvor noch als Vizedirektor im
Sekretariat der WEKO geamtet hatte. Im Schlussbericht wurden
millimetergenau die Forderungen das damaligen WEKO-Präsidenten als
Empfehlungen der OECD an die Schweiz formuliert.



Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest   10
AUFTRAGGEBER WOLLEN ZAHLEN
Mittwoch, 30. Januar 2013, Medienmitteilung Economiesuisse

Energiestrategie: Zwei Dekaden Wachstumseinbussen?

Neue ETH-Studie ermittelt massiven Einfluss auf Bruttoinlandsprodukt

Die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der bundesrätlichen Energiestrategie
2050 sind gravierender als bisher angenommen. Bleiben heute noch unbekannte
Technologiesprünge aus, drohen der Schweiz je nach Szenario Einbussen von
bis zu 25 Prozent des realen Bruttoinlandsprodukts. Zu diesem Schluss
kommen die Autoren einer Studie, die economiesuisse bei Professor Egger der
KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich in Auftrag gegeben hat. Grund
für die markanten Abweichungen von den Prognosen des Bundes ist die
Verwendung von anderen Annahmen.

vgl. auch Beitrag in NZZonline.

• Ecoplan und eine ETH-Studie (nicht ETH/KOF) sind im Auftrag des Bundes auf
  kaum spürbare Auswirkungen gekommen.

• Borner et al. haben sich in verschiedenen Studien zur Energiestrategie
  geweigert, quantitative Schätzungen anzugeben!



Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest   11
FOLGERUNGEN

• Öffentliche Intellektuelle können grossen Einfluss (Macht ist m.E. übertrieben)
  haben. Das ist dort kein Problem, wo sie wirklich gut sind. Und das ist dort
  gefährlich, wo sie nicht mehr Kompetenzen haben als der "Mann auf der Strasse".

• In der Schweiz haben Parteiexperten kaum, "neutrale" externe Experten im Auftrag
  der Verwaltung scheinbar grossen Einfluss.

• Aus wissenschaftstheoretischen (Nichtneutralität der
  Forschung, Wissensanmassung) und politisch-ökonomischen Gründen (Eigennutz
  der Akteure) können die Experten gesteuert und instrumentalisiert werden.
  Einfluss oder Macht können die Auftraggeber ausüben. Die Experten werden zum
  Spielball von Partikularinteressen unter Steuerung der Verwaltung.

• Korrekturfaktoren:
    • Kontradiktorische Verfahren mit Gutachten und Gegengutachten.
    • Kritische Presse und Öffentlichkeit – Problematik thematisieren.
    • Wettbewerb spielen lassen – auch wenn dieser mehr kostet.
    • u.a. – abhängig vom konkreten Fall.



Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest   12

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  • 1. Macht und der Experten Markus Saurer Retraite I/2013 31. Januar 2013 Novartis Campus, Basel
  • 2. VORBEMERKUNGEN I TESTIMONY BY EXPERT WITNESSES (Gutachter in Rechtsstreitigkeiten, USA) A witness who is qualified as an expert by knowledge, skill, experience, training, or education may testify in the form of an opinion or otherwise if: a) the expert’s scientific, technical, or other specialized knowledge will help the trier of fact to understand the evidence or to determine a fact in issue; b) the testimony is based on sufficient facts or data; c) the testimony is the product of reliable principles and methods; and d) the expert has reliably applied the principles and methods to the facts of the case.  Selbst Nobelpreisträger müssen erst ihre Glaubwürdigkeit anhand dieser Punkte belegen. Und dies wird von den Richtern ebenso seriös geprüft wie die Daten und Fakten des Falls erwogen werden. Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 2
  • 3. VORBEMERKUNGEN II • Ich bin kein anerkannter Experte in der Frage „Macht und Ohnmacht der Experten“ (naja, Prof. Borner auch nicht) • kein prominenter öffentlicher Intellektueller (nun, Prof. Borner schon) • aber • Begleiter von Studien und Expertisen (Seite des Auftraggebers) (Bundesamt für Verkehr, Stv. Sektionschef Planung) • interner Berater in Liberalisierungsfragen und interner Strategieberater (GD PTT Unternehmensentwicklung, Leiter Ökonomie) • interner Experte in einer Untersuchungsbehörde (Sekretariat Wettbewerbskommission WEKO, Vizedirektor, Leiter Produktemärkte) • Leiter einer Beratungsfirma /Auftragnehmer von Studien, Expertisen und Strategieberatungen (Plaut Economics bei Plaut AG - heute als Polynomics AG verselbständigt) • heute als selbständiger Berater in Expertenbereichen tätig (mit ad hoc Partnern wie Prof. Borner und IWSB AG) Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 3
  • 4. VORBEMERKUNGEN III • Merkur-Sonderheft ist ausgezeichnete Grundlage • ich erzähle von meinen Erfahrungen und streue theorie- oder thesenartige Überlegungen ein Inhalt: • Öffentliche Intellektuelle (Posner) • Wissenschaftstheorie und Wissensgeneration • Politische Ökonomie und Eigennutz • Parteiexperten und "neutrale" Experten • Instrumentalisierung der Experten • Auftraggeber wollen Zahlen (und somit angelogen werden) Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 4
  • 5. ÖFFENTLICHE INTELLEKTUELLE “A public intellectual is an individual who writes or speaks on issues of political or ideological moment ... addressing a general, educated public. Socrates was the first public intellectual in the modern sense.” “In recent years, the rapid growth of the media has led to an 1. increasing number of highly visible forms for discussion, 2. while greater academic specialization has yielded a proliferation of narrowly trained scholars. The intersection of these two trends has resulted in modern academics’ writing and commenting on topics outside their ken. … the quality of today’s punditry is degraded by narrow vision and the often instant demand for media-savvy expertise.” [Zitate von Posners Umschlagtext] ken = geistiger Horizont media-savvy = medienwirksam, die Medien für bestimmte Zwecke ausnützend Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 5
  • 6. WISSENSCHAFT UND WISSEN Wissenschaft ist nicht wertneutral, sondern bestenfalls werturteilsfrei (Weber, Popper u.v.a.). (Von Beratern/Experten werden aber Werturteile verlangt.) Wissensgeneration und Anmassung von Wissen (F. A. von Hayek, Rede zum Nobelpreis, 1974): • Ordnung ist spontanes Resultat menschlichen Handelns. Der Markt bildet im Preissystem alle relevanten Informationen ab und führt zu sinnvollen Allokationen. • Eine zentrale Planung kann nicht über die Informationen verfügen, die sie für vernünftige Allokationsentscheide benötigen würde. "Sozialingenieure" massen sich Wissen an, das sie nicht haben. • Ökonomische Modelle sind kaum in der Lage, die "unorganisierte Komplexität" in der Vielfalt der beteiligten Variablen adäquat abzubilden. Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 6
  • 7. POLITISCHE ÖKONOMIE UND EIGENNUTZ • Es gibt natürlich auch Altruismus und selbstlose individuelle Einsätze für die Gesellschaft (Common Good), sogar wohlmeinende Diktatoren kann man sich vorstellen... • aber die beste Übereinstimmung mit der Realität erzielt die ökonomische Theorie der Politik und der Verwaltung, wenn sie eigennützige Politiker und Beamte unterstellt. James M. Buchanan Jr. • Genauso wie mit der Annahme eigennütziger Akteure in den 3. 10.1919 – 9. 1. 2013 Märkten die besten Ergebnisse erzielt werden. Nobel Prize 1986 "For his development of the • In diesem Sinne sollte auch von der Annahme ausgegangen contractual and werden, dass Berater und Experten eigennützige Ziele constitutional bases for the verfolgen. Das macht sie manipulierbar. theory of economic and political decision-making" • Das Common Good, das Gemeinwohl, lässt sich selbst in nahezu perfekten demokratischen Prozessen nicht widerspruchsfrei bestimmen (Condorcet Paradox, Arrow-Unmöglichkeitstheorem) – es sei denn, es werde Einstimmigkeit verlangt (doch dann sind die Koordinationskosten prohibitiv). • Ich bin der Meinung, dass das KVG 1995 teilweise versagt hat, weil es nicht durchwegs mit eigennützigen Akteuren gerechnet hat. Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 7
  • 8. PARTEIEXPERTEN UND "NEUTRALE" EXPERTEN • Parteigutachten in Rechtsverfahren sowie Auftragsstudien von interessierten Kreisen (Parteien, Verbände, Unternehmen, Private) sind den Behörden und den Medien in der Schweiz "suspekt".  "Gefälligkeitsgutachten", "Wes Brot ich ess, des Lied ich sing"  "Verbandsgutachten", "Studie im Auftrag von Interpharma" .... • Hohe Akzeptanz geniessen Gutachten und Studien, die von Politik und Behörden bei "neutralen" Experten (Uni, Fachhochschulen) in Auftrag gegeben werden.  "wissenschaftliches Gutachten", "wissenschaftliche Studie"  "Gutachten der ETH", "Studie der Uni Basel" • Diese Differenzierung ist im Lichte der vorne angestellten Überlegungen nicht gerechtfertigt! • Wissenschaft wird von Personen betrieben und ist nicht neutral. • Experten und Behörden verfolgen ebenso ihre Interessen wie "interessierte Kreise". • Der wissenschaftliche Diskurs sollte unabhängig von der Herkunft der Argumente gepflegt werden. • Verfahren: Kontradiktorisch. (Vgl. auch Expert Witnesses im anglo- amerikanischen Rechtsraum) Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 8
  • 9. INSTRUMENTALISIERUNG DER EXPERTEN I  Konkrete Beispiele werden nur mündlich geliefert... heikel. Fiktive Beispiele • Bundesrat X zu Amtsdirektor: "Geben Sie Prof. Y wieder einmal einen Studienauftrag, vielleicht können wir so seine kritische Haltung beeinflussen." • Amtsdirektor zur Auswahl unter Offerenten: "Wir erteilen den Auftrag dem Büro Z – auf diese Weise können wir auch die Linken für die Sache gewinnen." Evaluationen • Die zu evaluierenden Behörden bestimmen oft die Evaluatoren gleich selber und übernehmen die Oberleitung der Evaluation. Selbstevaluation – z.B. zur Kartellgesetzrevision 2003. • Als Offerenten für eine Evaluation einer BAG-Raucherkampagne werden Raucher ausdrücklich ausgeschlosssen (das war wahrscheinlich sogar illegal). Fortsetzung nächste Folie Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 9
  • 10. INSTRUMENTALISIERUNG DER EXPERTEN II Länderexamen durch supranationale Organisationen (Ich war als Mitarbeiter des Bundesamts für Verkehr an einem OECD- Länderexamen betreffend Verkehrspolitik und als Mitglied des Sekretariats der WEKO an einem OECD-Länderexamen betreffend Wettbewerbspolitik beteiligt.) • Die internationalen Inspektoren haben keine Ahnung von den nationalen Verhältnissen und sind so von den Examinierten (Behörden) abhängig. • Man kennt sich und beisst sich nicht – ganz im Gegenteil: Länderexamen ... oder was die sind eine ausgezeichnete Gelegenheit, Forderungen nationaler Behörden österr. auf die internationale Ebene zu heben. Verwaltung Österreich rät? • Wer Textrohstoffe liefert hat das Sagen. Krass: Das letzte OECD-Länderexamen zur CH-Wettbewerbspolitik wurde von einem Schweizer Prof. geleitet, der kurz zuvor noch als Vizedirektor im Sekretariat der WEKO geamtet hatte. Im Schlussbericht wurden millimetergenau die Forderungen das damaligen WEKO-Präsidenten als Empfehlungen der OECD an die Schweiz formuliert. Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 10
  • 11. AUFTRAGGEBER WOLLEN ZAHLEN Mittwoch, 30. Januar 2013, Medienmitteilung Economiesuisse Energiestrategie: Zwei Dekaden Wachstumseinbussen? Neue ETH-Studie ermittelt massiven Einfluss auf Bruttoinlandsprodukt Die volkswirtschaftlichen Konsequenzen der bundesrätlichen Energiestrategie 2050 sind gravierender als bisher angenommen. Bleiben heute noch unbekannte Technologiesprünge aus, drohen der Schweiz je nach Szenario Einbussen von bis zu 25 Prozent des realen Bruttoinlandsprodukts. Zu diesem Schluss kommen die Autoren einer Studie, die economiesuisse bei Professor Egger der KOF Konjunkturforschungsstelle der ETH Zürich in Auftrag gegeben hat. Grund für die markanten Abweichungen von den Prognosen des Bundes ist die Verwendung von anderen Annahmen. vgl. auch Beitrag in NZZonline. • Ecoplan und eine ETH-Studie (nicht ETH/KOF) sind im Auftrag des Bundes auf kaum spürbare Auswirkungen gekommen. • Borner et al. haben sich in verschiedenen Studien zur Energiestrategie geweigert, quantitative Schätzungen anzugeben! Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 11
  • 12. FOLGERUNGEN • Öffentliche Intellektuelle können grossen Einfluss (Macht ist m.E. übertrieben) haben. Das ist dort kein Problem, wo sie wirklich gut sind. Und das ist dort gefährlich, wo sie nicht mehr Kompetenzen haben als der "Mann auf der Strasse". • In der Schweiz haben Parteiexperten kaum, "neutrale" externe Experten im Auftrag der Verwaltung scheinbar grossen Einfluss. • Aus wissenschaftstheoretischen (Nichtneutralität der Forschung, Wissensanmassung) und politisch-ökonomischen Gründen (Eigennutz der Akteure) können die Experten gesteuert und instrumentalisiert werden. Einfluss oder Macht können die Auftraggeber ausüben. Die Experten werden zum Spielball von Partikularinteressen unter Steuerung der Verwaltung. • Korrekturfaktoren: • Kontradiktorische Verfahren mit Gutachten und Gegengutachten. • Kritische Presse und Öffentlichkeit – Problematik thematisieren. • Wettbewerb spielen lassen – auch wenn dieser mehr kostet. • u.a. – abhängig vom konkreten Fall. Markus Saurer | 31. Januar 2012 | Macht und Ohnmacht der Experten | Retraite Ärztenetz Nordwest 12