Wien für Wiener
Die Stadt
neu entdecken.
Andros
Wandern auf der
Kykladeninsel.
DER MÜLLER
VOM FLUSS
Martin Zöberl mahlt auf der
Donau traditionell Korn.
Nummer 35 | 28. August 2009
BÜCHER I DVD I KROBATH I RÄTSEL I SCHACH I TAROCK I WEIN
16 wiener journal 35|2009
REISEN I GRIECHENLAND
– TEXT + FOTOS: HARALD STEINER –
Müllers Lust auf Griechisch
H
ört sich an wie ein griechischer
Inselurlaubstraum: viele nette
kleine Sand- und Kieselstrände,
tolle Routen für Wanderfexe,
gebirgiges Terrain mit zahl-
reichen Quellen und Wäldchen,
eine malerisch auf einer Halbinsel
gelegene alte Inselhauptstadt mit
prächtigen Reedervillen, arkadisch
anmutende grüne Tallandschaften.
Und das Beste ist: Massentourismus
hat hier nichts verloren, Pauschal-
reisende gibt es auf der Insel keine,
Unterkunft findet man in Famili-
enhotels, kleinen Pensionen und
bei Privatzimmervermietern. Das
Paradies für Griechenland-Fans hat
einen Namen: Andros, die nörd-
lichste der Kykladen-Inseln, mit
einer Fläche ein wenig kleiner als
das Bundesland Wien und einer
ständigen Bevölkerung von 9000
Menschen.
Und noch ein Vorteil: Andros
ist sehr leicht zu erreichen, zu allen
IN DEN NÖRDLICHEN KYKLADEN gibt es für Wander- und Naturfreunde eine
Trauminsel zu entdecken: Andros.
Jahreszeiten. Wenn man mit den
Fahrplänen von Bus und Schiffsfäh-
re Glück hat, dann kann man schon
drei Stunden nach der Landung am
Flughafen Athen den Fuß auf and-
rotische Erde setzen, im Hafenort
der Insel Gavrion. Die Schiffsver-
bindung ist übrigens auch die ein-
zige Möglichkeit, nach Andros zu
gelangen, es sei denn, man verfügt
über einen Hubschrauber wie Milli-
ardär Roman Abramowitsch, den es
ab und zu nach Andros verschlägt.
Nicht als Urlauber, sondern aus re-
ligiösen Gründen: Das St. Nikolaus-
Kloster, das mit seinen meterdicken
Mauern wie eine Trutzburg an einer
steilen Bergflanke klebt, ist das Ziel
des frommen reichen Russen.
Neben Sonnenanbetern und
orthodoxen Pilgern zieht Andros
aber auch noch eine dritte Spezies
von Besuchern an: die Wanderer
und Naturfreunde. Als Urlauber,
versteht sich, aber auch als ständige
Bewohner; zu den Letzteren gehört
Konstantinos Mentzelopoulos, ein
Ex-Banker, der den Großteil sei-
nes Lebens in New York und Brüs-
sel verbracht hat und sich nun im
zweiten Lebensabschnitt um den
Naturschutz in seinem Heimatland
kümmert.
„Ein paar Jahre haben mei-
ne Frau Candice und ich auf der
Dodekanes-Insel Tilos verbracht
und dort ein Ökologieprojekt mit
Schwerpunkt Vogelschutz betreut.
Seit dem Vorjahr leben wir auf An-
dros, wo uns der Bürgermeister von
Korthi eingeladen hat, eine Initia-
tive namens Blue Nature ins Leben
zu rufen, in Kooperation mit Part-
nergemeinden auf mehreren Nach-
barinseln. Auf Andros gibt es fast
hundert Berufsfischer, und Blue Na-
ture verfolgt das Ziel, nachhaltige
Fischereimethoden durchzusetzen
und so der Überfischung der Ägäis
entgegenzuwirken.“
Einer der Strände von Korthi mit dem makabren Namen „Tis Grias
To Pidima“ (= „Wo die alte Frau in den Tod sprang“).
17
REISEN I GRIECHENLA ND
wiener journal 35|2009
Korthi liegt im südlichsten und
am dünnsten besiedelten Teil der
Insel. Schon bei der Anfahrt merkt
man, warum Konstantinos Ment-
zelopoulos Andros halb im Scherz
mit der Toskana verglichen hat: In-
tensives Grün mit zahlreichen Zy-
pressen prägt die Täler, und wegen
der vielen Quellen braucht man
keine Flachdächer wie auf anderen
griechischen Inseln, um das Regen-
wasser in die Zisternen zu lenken,
sondern man baut Giebeldächer,
mit roten Dachziegeln. Die Haupt-
straße von Korthi ist eine Fußgän-
gerzone mit Geschäften und ver-
führerisch duftenden Bäckereien;
weniger gut lässt es sich derzeit an
der Hafenpromenade flanieren, die
wird nämlich gerade mit viel Getö-
se umgebaut und neu gepflastert.
Wir treffen uns mit Konstantinos
und Bürgermeister Yannis Glynos
im „Lithodomi“, einem urgemüt-
lichen Kafeneion, wo man auch
hervorragend und preiswert essen
kann: von frittierten Fleisch-, Gemü-
se- und Kichererbsenbällchen über
die Inselspezialität „Fourtalia“ (ein
Omelett mit Kartoffeln und Speck)
bis zu fangfrischen Fisch- und Mee-
resfrüchtegerichten.
Yannis Glynos, im Brotberuf
Schullehrer für Mathematik und
Physik, will in seiner Gemeinde den
sanften Tourismus voranbringen:
„Andros besitzt eine intakte Natur-
und Kulturlandschaft und ist alles
andere als von Touristen überlau-
fen. Nur im Juli und August strömen
die Athener in großer Zahl auf un-
sere Insel zur Sommerfrische, aber
im Frühjahr oder Herbst kann man
hier die Stille genießen und hat die
Strände meist für sich alleine. Wenn
man Glück hat, kann man sogar
Mönchsrobben beobachten, die im
Mittelmeer heute sehr selten gewor-
den sind. Und für Wanderer ist An-
dros überhaupt ideal – es gibt jede
Menge abwechslungsreiche Routen,
die den alten, immer noch gut er-
haltenen Maultierpfaden folgen.“
Abwechslungsreich – das ist die In-
sellandschaft in der Tat. Gerade war
man noch zwischen kahlen Felsen,
und schon findet man sich in üp-
pig wuchernder Vegetation wieder,
mit Obstbäumen, Blumenwiese und
plätschernden Bächen, von male-
rischen steinernen Bogenbrücken
überspannt. Vier parallele Bergketten
durchziehen Andros, die höchsten
Gipfel kratzen an der 1000-Meter-
Marke – im Winter kann hier sogar
Schnee fallen. Die Fuß- und Maul-
tierpfade, anno dazumal Hauptver-
bindungsrouten für den Inselver-
kehr über Land, sind fast schon so
etwas wie die Luxusausgaben von
Wanderwegen – mit Steinplatten ge-
pflastert und von kunstvoll errich-
teten Trockenmauern aus Schiefer-
steinen gesäumt. Zwölf Tagestouren
sind ausgeschildert und markiert,
als „Königsetappe“ gilt die Nr. 3, die
von Korthi im Süden zur Inselhaupt-
stadt Chora im Osten führt.
Korthi liegt im südlichsten Teil der Insel.
>
18
„Korthi liegt am Meer, und
Chora auch“, schmunzelt Yannis
Glynos, „aber der Weg Nr. 3 führt
über zwei Bergketten, insgesamt
sind mehr als tausend Höhen-
meter zu bewältigen.“ Gleich am
Ortsrand von Korthi geht es steil
los: Über einen alten Pfad, der stre-
ckenweise eine richtige Treppe bil-
det, hinauf zum Bergdorf Kochilou
erklimmt man erst noch das Paleo-
kastro-Hochplateau mit seinen
kaum noch erkennbaren Überres-
ten einer venezianischen Festung,
bevor es wieder den Berg hinunter
geht. Und zwar in das tiefe, dun-
kle, grüne Dipotamata-Tal, vom
Stefanes durchflossen, einem Wild-
bach, der selbst im heißesten Som-
mer reichlich Wasser führt. Wasser-
kraft, die früher nicht ungenutzt
verplätscherte, bis zum Ausgang
der Schlucht an einem einsamen,
hübsch gelegenen Sandstrand.
Und so gibt es hier eine ganz be-
sondere Sehenswürdigkeit zu er-
wandern: Die Ruinen von 24 Was-
sermühlen, wie Perlen auf einer
Schnur hintereinander aufgefädelt,
die erahnen lassen, wie betriebsam
es einst hier zugegangen sein muss,
in der vorindustriellen Zeit, vor der
Elektrizität und bevor die Land-
wirtschaft ihre einstige Bedeutung
weitgehend einbüßte. Zumindest
wiener journal 35|2009
REISEN I GRIECHENLAND
>
gilt das für den Getreideanbau;
Obst- und Weinbau, Mandeln und
Oliven, Schaf- und Ziegenhaltung
sind auf Andros auch heute noch
nennenswert.
Müller gibt es keine mehr, ge-
wandert wird immer noch. Durch
das Labyrinth der engen Gassen im
Bergdorf Sineti führt der Weg Nr. 3
auf die Anhöhe, wo man zuguter-
letzt die tiefblaue Bucht von Chora
überblickt. Eine atemberaubende
Von links nach rechts: Taubenturm; gepflasterter Fußpfad mit alter Steinbrücke.
18
Die Landschaft bei Korthi kann man auf einem der zahlreichen Wanderwege erkunden.
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REISEN I GRIECHENLAND
wiener journal 35|2009
info
ALLGEMEINE INFORMATION.
Griechische Zentrale für Fremdenverkehr
Adresse: Opernring 8, 1010 Wien
T: 01/512 53 17
Internet:
www.andros.gr
www.korthi.gr
ANREISE.
Vom (seit den Olympischen Spielen 2004)
neuen Athener Flughafen kommt man mit
dem Bus in knapp einer halben Stunde
direkt zum Fährhafen des Städtchens
Rafina an der Ostküste von Attika; man
erspart sich also den Weg über das Athe-
ner Stadtzentrum. Die Fähre von Rafina
nach Andros (und weiter nach Tinos und
Mykonos) verkehrt mindestens zweimal
täglich (auch im Winter), zur Hauptsaison
noch häufiger.
Homepage für die Fahrpläne der
Inselfähren: www.gtp.gr
UNTERKUNFT.
Z.B. in den komfortablen Nikolas-Stu-
dios, etwas außerhalb von Korthi an einer
Hügelflanke gelegen, mit Blick über den
ganzen Ort, auf das Meer und die Berge.
Ein örtliches Fremdenverkehrsbüro mit
Zimmervermittlung ist „Volta Travel“ in
Chora: www.voltatravel.gr. Wenn Inhaber
Achilleas Grigorakakis in seinem Büro
gerade nichts zu tun hat, hilft er im
Delikatessgeschäft seiner Frau Athanasia
aus, das in der Hauptstraße liegt. Typisch
griechische Süßigkeiten aus Honig,
Mandeln und Pinienkernen, Wein, Olivenöl
und selbstgebrannten Trebernschnaps
kann man dort kaufen und verkosten. Eine
besondere Spezialität sind getrocknete
Feigen mit Zimt, Sesam und Lorbeer.
EMPFEHLENSWERTE
REISELITERATUR.
Eberhard Fohrer: „Reiseführer Kykladen“
(Michael-Müller-Verlag),
Dieter Graf: „Wanderführer Amorgos,
Naxos, Paros, östliche und nördliche Ky-
kladen - 50 Wanderungen auf 12 Inseln“
(Graf Editions); Andros ist mit 6 Wander-
routenvorschlägen vertreten.
Aussicht: Das breite Zentraltal von
Andros endet hier in einer weitge-
schwungenen Bucht, und in diese
ragt zwischen zwei Sandstränden
ein langer, schmaler Felssporn.
Genau auf diesem Sporn ist die
Stadt erbaut, an seiner Spitze führt
eine halsbrecherische Bogenbrü-
cke auf eine Insel mit der Ruine
eines Kastells aus venezianischer
Zeit, und auf einem davorgelager-
ten Felsen vervollständigt ein alter
Leuchtturm das Postkartenbild.
Die Republik Venedig beherrschte
die griechische Inselwelt übrigens
drei Jahrhunderte lang, bis zu den
türkischen Eroberungszügen; auf
Andros wehte das Banner des Mar-
kuslöwen sogar bis 1537.
Die prächtige Architektur von
Chora stammt allerdings aus jün-
gerer Zeit, derjenigen des unab-
hängigen griechischen Staates, als
fast die gesamte männliche Bevöl-
kerung der Insel zur See fuhr. Wohl
wegen der Nähe zu Athen hatten
sich zahlreiche Reeder auf Andros
etabliert, Geld strömte nach Cho-
ra, und herrschaftliche klassizis-
tische Villen demonstrierten den
Reichtum. Auf zwei großen pla-
tanenbeschatteten Plätzen kann
man seinen Kaffee schlürfen und
sich von den Strapazen der Wan-
derung erholen, und wenn man
noch Energie für Kultur hat, dann
sind die beiden Museen von Cho-
ra einen Besuch wert. Das eine ist
der modernen Kunst gewidmet,
das andere der Archäologie; Prunk-
stück ist eine Jünglingsstatue des
berühmten antiken Bildhauers Pra-
xiteles.
Vor allem aber ist Chora herr-
lich malerisch, mitten in der Stadt
finden sich Brunnenhäuser aus
weißem Marmor und Taubentür-
me mit reichem Ornamentdekor.
Und steigt man vom Felssporn
hinab, dann steht man an einem
verschilften Bachlauf, in dem
sich Wasserschildkröten und Frö-
sche tummeln. Bergauf ginge es
natürlich auch wieder, in allen
gewünschten Steilheitsgraden:
Bergdörfer, alte Klosteranlagen,
Wasserfälle, Gipfel und Panorama-
blicke locken. Wem fiele da nicht
das Wandern ein?
Konstantinos Mentzelopoulos, Leiter des Blue Nature-Projekts, mit Gattin Candice.

Wiener Journal August 2009

  • 1.
    Wien für Wiener DieStadt neu entdecken. Andros Wandern auf der Kykladeninsel. DER MÜLLER VOM FLUSS Martin Zöberl mahlt auf der Donau traditionell Korn. Nummer 35 | 28. August 2009 BÜCHER I DVD I KROBATH I RÄTSEL I SCHACH I TAROCK I WEIN
  • 2.
    16 wiener journal35|2009 REISEN I GRIECHENLAND – TEXT + FOTOS: HARALD STEINER – Müllers Lust auf Griechisch H ört sich an wie ein griechischer Inselurlaubstraum: viele nette kleine Sand- und Kieselstrände, tolle Routen für Wanderfexe, gebirgiges Terrain mit zahl- reichen Quellen und Wäldchen, eine malerisch auf einer Halbinsel gelegene alte Inselhauptstadt mit prächtigen Reedervillen, arkadisch anmutende grüne Tallandschaften. Und das Beste ist: Massentourismus hat hier nichts verloren, Pauschal- reisende gibt es auf der Insel keine, Unterkunft findet man in Famili- enhotels, kleinen Pensionen und bei Privatzimmervermietern. Das Paradies für Griechenland-Fans hat einen Namen: Andros, die nörd- lichste der Kykladen-Inseln, mit einer Fläche ein wenig kleiner als das Bundesland Wien und einer ständigen Bevölkerung von 9000 Menschen. Und noch ein Vorteil: Andros ist sehr leicht zu erreichen, zu allen IN DEN NÖRDLICHEN KYKLADEN gibt es für Wander- und Naturfreunde eine Trauminsel zu entdecken: Andros. Jahreszeiten. Wenn man mit den Fahrplänen von Bus und Schiffsfäh- re Glück hat, dann kann man schon drei Stunden nach der Landung am Flughafen Athen den Fuß auf and- rotische Erde setzen, im Hafenort der Insel Gavrion. Die Schiffsver- bindung ist übrigens auch die ein- zige Möglichkeit, nach Andros zu gelangen, es sei denn, man verfügt über einen Hubschrauber wie Milli- ardär Roman Abramowitsch, den es ab und zu nach Andros verschlägt. Nicht als Urlauber, sondern aus re- ligiösen Gründen: Das St. Nikolaus- Kloster, das mit seinen meterdicken Mauern wie eine Trutzburg an einer steilen Bergflanke klebt, ist das Ziel des frommen reichen Russen. Neben Sonnenanbetern und orthodoxen Pilgern zieht Andros aber auch noch eine dritte Spezies von Besuchern an: die Wanderer und Naturfreunde. Als Urlauber, versteht sich, aber auch als ständige Bewohner; zu den Letzteren gehört Konstantinos Mentzelopoulos, ein Ex-Banker, der den Großteil sei- nes Lebens in New York und Brüs- sel verbracht hat und sich nun im zweiten Lebensabschnitt um den Naturschutz in seinem Heimatland kümmert. „Ein paar Jahre haben mei- ne Frau Candice und ich auf der Dodekanes-Insel Tilos verbracht und dort ein Ökologieprojekt mit Schwerpunkt Vogelschutz betreut. Seit dem Vorjahr leben wir auf An- dros, wo uns der Bürgermeister von Korthi eingeladen hat, eine Initia- tive namens Blue Nature ins Leben zu rufen, in Kooperation mit Part- nergemeinden auf mehreren Nach- barinseln. Auf Andros gibt es fast hundert Berufsfischer, und Blue Na- ture verfolgt das Ziel, nachhaltige Fischereimethoden durchzusetzen und so der Überfischung der Ägäis entgegenzuwirken.“ Einer der Strände von Korthi mit dem makabren Namen „Tis Grias To Pidima“ (= „Wo die alte Frau in den Tod sprang“).
  • 3.
    17 REISEN I GRIECHENLAND wiener journal 35|2009 Korthi liegt im südlichsten und am dünnsten besiedelten Teil der Insel. Schon bei der Anfahrt merkt man, warum Konstantinos Ment- zelopoulos Andros halb im Scherz mit der Toskana verglichen hat: In- tensives Grün mit zahlreichen Zy- pressen prägt die Täler, und wegen der vielen Quellen braucht man keine Flachdächer wie auf anderen griechischen Inseln, um das Regen- wasser in die Zisternen zu lenken, sondern man baut Giebeldächer, mit roten Dachziegeln. Die Haupt- straße von Korthi ist eine Fußgän- gerzone mit Geschäften und ver- führerisch duftenden Bäckereien; weniger gut lässt es sich derzeit an der Hafenpromenade flanieren, die wird nämlich gerade mit viel Getö- se umgebaut und neu gepflastert. Wir treffen uns mit Konstantinos und Bürgermeister Yannis Glynos im „Lithodomi“, einem urgemüt- lichen Kafeneion, wo man auch hervorragend und preiswert essen kann: von frittierten Fleisch-, Gemü- se- und Kichererbsenbällchen über die Inselspezialität „Fourtalia“ (ein Omelett mit Kartoffeln und Speck) bis zu fangfrischen Fisch- und Mee- resfrüchtegerichten. Yannis Glynos, im Brotberuf Schullehrer für Mathematik und Physik, will in seiner Gemeinde den sanften Tourismus voranbringen: „Andros besitzt eine intakte Natur- und Kulturlandschaft und ist alles andere als von Touristen überlau- fen. Nur im Juli und August strömen die Athener in großer Zahl auf un- sere Insel zur Sommerfrische, aber im Frühjahr oder Herbst kann man hier die Stille genießen und hat die Strände meist für sich alleine. Wenn man Glück hat, kann man sogar Mönchsrobben beobachten, die im Mittelmeer heute sehr selten gewor- den sind. Und für Wanderer ist An- dros überhaupt ideal – es gibt jede Menge abwechslungsreiche Routen, die den alten, immer noch gut er- haltenen Maultierpfaden folgen.“ Abwechslungsreich – das ist die In- sellandschaft in der Tat. Gerade war man noch zwischen kahlen Felsen, und schon findet man sich in üp- pig wuchernder Vegetation wieder, mit Obstbäumen, Blumenwiese und plätschernden Bächen, von male- rischen steinernen Bogenbrücken überspannt. Vier parallele Bergketten durchziehen Andros, die höchsten Gipfel kratzen an der 1000-Meter- Marke – im Winter kann hier sogar Schnee fallen. Die Fuß- und Maul- tierpfade, anno dazumal Hauptver- bindungsrouten für den Inselver- kehr über Land, sind fast schon so etwas wie die Luxusausgaben von Wanderwegen – mit Steinplatten ge- pflastert und von kunstvoll errich- teten Trockenmauern aus Schiefer- steinen gesäumt. Zwölf Tagestouren sind ausgeschildert und markiert, als „Königsetappe“ gilt die Nr. 3, die von Korthi im Süden zur Inselhaupt- stadt Chora im Osten führt. Korthi liegt im südlichsten Teil der Insel. >
  • 4.
    18 „Korthi liegt amMeer, und Chora auch“, schmunzelt Yannis Glynos, „aber der Weg Nr. 3 führt über zwei Bergketten, insgesamt sind mehr als tausend Höhen- meter zu bewältigen.“ Gleich am Ortsrand von Korthi geht es steil los: Über einen alten Pfad, der stre- ckenweise eine richtige Treppe bil- det, hinauf zum Bergdorf Kochilou erklimmt man erst noch das Paleo- kastro-Hochplateau mit seinen kaum noch erkennbaren Überres- ten einer venezianischen Festung, bevor es wieder den Berg hinunter geht. Und zwar in das tiefe, dun- kle, grüne Dipotamata-Tal, vom Stefanes durchflossen, einem Wild- bach, der selbst im heißesten Som- mer reichlich Wasser führt. Wasser- kraft, die früher nicht ungenutzt verplätscherte, bis zum Ausgang der Schlucht an einem einsamen, hübsch gelegenen Sandstrand. Und so gibt es hier eine ganz be- sondere Sehenswürdigkeit zu er- wandern: Die Ruinen von 24 Was- sermühlen, wie Perlen auf einer Schnur hintereinander aufgefädelt, die erahnen lassen, wie betriebsam es einst hier zugegangen sein muss, in der vorindustriellen Zeit, vor der Elektrizität und bevor die Land- wirtschaft ihre einstige Bedeutung weitgehend einbüßte. Zumindest wiener journal 35|2009 REISEN I GRIECHENLAND > gilt das für den Getreideanbau; Obst- und Weinbau, Mandeln und Oliven, Schaf- und Ziegenhaltung sind auf Andros auch heute noch nennenswert. Müller gibt es keine mehr, ge- wandert wird immer noch. Durch das Labyrinth der engen Gassen im Bergdorf Sineti führt der Weg Nr. 3 auf die Anhöhe, wo man zuguter- letzt die tiefblaue Bucht von Chora überblickt. Eine atemberaubende Von links nach rechts: Taubenturm; gepflasterter Fußpfad mit alter Steinbrücke. 18 Die Landschaft bei Korthi kann man auf einem der zahlreichen Wanderwege erkunden.
  • 5.
    19 REISEN I GRIECHENLAND wienerjournal 35|2009 info ALLGEMEINE INFORMATION. Griechische Zentrale für Fremdenverkehr Adresse: Opernring 8, 1010 Wien T: 01/512 53 17 Internet: www.andros.gr www.korthi.gr ANREISE. Vom (seit den Olympischen Spielen 2004) neuen Athener Flughafen kommt man mit dem Bus in knapp einer halben Stunde direkt zum Fährhafen des Städtchens Rafina an der Ostküste von Attika; man erspart sich also den Weg über das Athe- ner Stadtzentrum. Die Fähre von Rafina nach Andros (und weiter nach Tinos und Mykonos) verkehrt mindestens zweimal täglich (auch im Winter), zur Hauptsaison noch häufiger. Homepage für die Fahrpläne der Inselfähren: www.gtp.gr UNTERKUNFT. Z.B. in den komfortablen Nikolas-Stu- dios, etwas außerhalb von Korthi an einer Hügelflanke gelegen, mit Blick über den ganzen Ort, auf das Meer und die Berge. Ein örtliches Fremdenverkehrsbüro mit Zimmervermittlung ist „Volta Travel“ in Chora: www.voltatravel.gr. Wenn Inhaber Achilleas Grigorakakis in seinem Büro gerade nichts zu tun hat, hilft er im Delikatessgeschäft seiner Frau Athanasia aus, das in der Hauptstraße liegt. Typisch griechische Süßigkeiten aus Honig, Mandeln und Pinienkernen, Wein, Olivenöl und selbstgebrannten Trebernschnaps kann man dort kaufen und verkosten. Eine besondere Spezialität sind getrocknete Feigen mit Zimt, Sesam und Lorbeer. EMPFEHLENSWERTE REISELITERATUR. Eberhard Fohrer: „Reiseführer Kykladen“ (Michael-Müller-Verlag), Dieter Graf: „Wanderführer Amorgos, Naxos, Paros, östliche und nördliche Ky- kladen - 50 Wanderungen auf 12 Inseln“ (Graf Editions); Andros ist mit 6 Wander- routenvorschlägen vertreten. Aussicht: Das breite Zentraltal von Andros endet hier in einer weitge- schwungenen Bucht, und in diese ragt zwischen zwei Sandstränden ein langer, schmaler Felssporn. Genau auf diesem Sporn ist die Stadt erbaut, an seiner Spitze führt eine halsbrecherische Bogenbrü- cke auf eine Insel mit der Ruine eines Kastells aus venezianischer Zeit, und auf einem davorgelager- ten Felsen vervollständigt ein alter Leuchtturm das Postkartenbild. Die Republik Venedig beherrschte die griechische Inselwelt übrigens drei Jahrhunderte lang, bis zu den türkischen Eroberungszügen; auf Andros wehte das Banner des Mar- kuslöwen sogar bis 1537. Die prächtige Architektur von Chora stammt allerdings aus jün- gerer Zeit, derjenigen des unab- hängigen griechischen Staates, als fast die gesamte männliche Bevöl- kerung der Insel zur See fuhr. Wohl wegen der Nähe zu Athen hatten sich zahlreiche Reeder auf Andros etabliert, Geld strömte nach Cho- ra, und herrschaftliche klassizis- tische Villen demonstrierten den Reichtum. Auf zwei großen pla- tanenbeschatteten Plätzen kann man seinen Kaffee schlürfen und sich von den Strapazen der Wan- derung erholen, und wenn man noch Energie für Kultur hat, dann sind die beiden Museen von Cho- ra einen Besuch wert. Das eine ist der modernen Kunst gewidmet, das andere der Archäologie; Prunk- stück ist eine Jünglingsstatue des berühmten antiken Bildhauers Pra- xiteles. Vor allem aber ist Chora herr- lich malerisch, mitten in der Stadt finden sich Brunnenhäuser aus weißem Marmor und Taubentür- me mit reichem Ornamentdekor. Und steigt man vom Felssporn hinab, dann steht man an einem verschilften Bachlauf, in dem sich Wasserschildkröten und Frö- sche tummeln. Bergauf ginge es natürlich auch wieder, in allen gewünschten Steilheitsgraden: Bergdörfer, alte Klosteranlagen, Wasserfälle, Gipfel und Panorama- blicke locken. Wem fiele da nicht das Wandern ein? Konstantinos Mentzelopoulos, Leiter des Blue Nature-Projekts, mit Gattin Candice.