S   WA M I   V   E N K AT E S A N A N D A


Yo g a Vā s i « Â h a
Swami Venkatesananda
   Yoga Vāsi«Âha
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                                               Clemens Vargas Ramos, im Januar 2010
                                                              vargasramos@gmx.net




Übersetzung von Clemens Vargas Ramos aus dem Englischen der
ungekürzten Übersetzung des Yoga Vasistha von Swami Venkatesananda.

Dies ist eine Rohübersetzung.
Die letzte Überarbeitung war am Montag, 1. Februar 2010.
S w a m i Ve n k a t e s a n a n d a


Yo g a V ā s i « Â h a
Inhalt
Vorwort zur deutschen Übersetzung ................................................................................... 9
Über Swami Venkatesananda............................................................................................... 10
Aus dem Klappentext .............................................................................................................. 12
Segnung ....................................................................................................................................... 13
Vorwort ........................................................................................................................................ 14
Einführung .................................................................................................................................. 16
Gebet............................................................................................................................................. 18
Teil I: Über die Leidenschaftslosigkeit.............................................................................. 19
Teil II: Über die Qualitäten des Suchers ........................................................................... 38
    Die Geschichte von Śuka................................................................................................. 38
    Eigenbemühung ................................................................................................................ 40
Teil III: Über die Weltentstehung........................................................................................ 54
    Die Geschichte von Līlā ................................................................................................... 70
    Die Geschichte von KarkaÂī..........................................................................................109
    Die Geschichte von den Söhnen Indus (Zehn junge Männer) .........................126
    Die Geschichte von Ahalyā ...........................................................................................128
    Die Geschichte vom Großen Wald.............................................................................138
    Die Geschichte von den drei inexistenten Prinzen .............................................141
    Die Geschichte von Lavaïa ..........................................................................................143
Teil IV: Über die Existenz.....................................................................................................164
    Die Geschichte von Śukra .............................................................................................166
    Die Geschichte von Dāma, Vyāla und KaÂa .............................................................185
    Die Geschichte von Bhīma, Bhāsa und D−¬ha.......................................................193
    Die Geschichte von DÃÓÆra...........................................................................................208
    Kaca's Lied.........................................................................................................................215
Teil V: Über die Auflösung ...................................................................................................220
    Die Geschichte von König Janaka ..............................................................................224
    Die Geschichte von Puïya und Pāvana....................................................................244
    Die Geschichte von Bali.................................................................................................247
    Die Geschichte von Prahlāda ......................................................................................257
    Die Geschichte von Gādhi.............................................................................................281
    Die Geschichte von Uddālaka......................................................................................292
    Die Geschichte von Suraghu........................................................................................305
    Die Geschichte von Bhāsa und Vilāsa ......................................................................310
    Die Geschichte von Vītahavya ....................................................................................330
Teil VI: Über die Befreiung ..................................................................................................349
    Diskurs über Brahman..................................................................................................365
    Die Geschichte von BhuÓuï¬a ....................................................................................371
    Die Beschreibung des Höchsten Herrn ...................................................................391
    Deva PÆjā ...........................................................................................................................402
    Die Geschichte vom Holzapfel ....................................................................................416
    Die Geschichte vom Fels ...............................................................................................417
    Die Geschichte von Arjuna...........................................................................................422
    Die Geschichte von den hundert Rudras ................................................................435
    Die Geschichte vom Vampir ........................................................................................446
    Die Geschichte von BhagÅratha ..................................................................................448
    Die Geschichte von Áikhidhvaja und Cū¬ālāFehler! Textmarke nicht definiert.
Die Geschichte vom Stein der Weisen..... Fehler! Textmarke nicht definiert.
Die Geschichte vom Cintāmaïi ................. Fehler! Textmarke nicht definiert.
Die Geschichte vom närrischen ElefantenFehler! Textmarke nicht definiert.
Die Geschichte von Kaca...............................................................................................499
Die Geschichte vom irregeführten Mann................................................................501
Die Geschichte von Bh−ÇgÅśa ......................................................................................503
                          −
Die Geschichte von Ikåvāku ........................................................................................508
Die Welt im Felsen ..........................................................................................................581
Die Geschichte vom Weisen aus dem Weltraum ..................................................621
Die Geschichte von VipaÁcit ........................................................................................643
Die Geschichte vom Jäger und dem Hirsch ............................................................667
Die Geschichte von Kundadanta ................................................................................728
Vorwort zur deutschen Übersetzung

  Das Brihat (das Große) Yoga Vāsi«Âha oder Yoga Vāsi«Âha Yoga Maha
Ramayana, wie es auch genannt wird, ist ein Werk bestehend aus 32000
Versen in Sanskrit, die traditionellerweise Valmiki, dem Autor des
Ramanayana, zugeschrieben werden. Sie behandeln einen Dialog zwischen
dem Weisen Vāsi«Âha und Shri Rāma, in dem der Advaita (die Doktrin der
Non-Dualität) in seiner reinsten Form des Ajatavada (Theorie der Nicht-
Erzeugung) mit Hilfe eingeschobener historischer Verbildlichungen erläutert
wird. Der große Weise Shri Ramana Maharshi (1879-1950) zitierte häufig aus
dem Yoga Vāsi«Âha.
  Im Yoga Vāsi«Âha geht es um die Unwirklichkeit der Welt, die Erkenntnis
des Selbst und den Weg des Weisen.
  Eine der zentralen Aussagen dieses Werkes lautet:
   „Diese Welterscheinung ist nichts als eine Täuschung – so wie die Bläue
   des Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem
   Verstand nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern
   sie einfach zu ignorieren. Solange in einem Menschen nicht die Über-
   zeugung wächst, dass diese Welterscheinung keinerlei Wirklichkeit be-
   sitzt, ist weder die Freiheit vom Kummer noch die Verwirklichung der
   eigenen wahren Natur möglich. Mok«a oder Befreiung besteht in der to-
   talen Aufgabe aller vasana bzw. mentalen Konditionierung, und zwar
   ohne den geringsten Vorbehalt.“
  Diese Übersetzung ist aus einem persönlichen Antrieb heraus entstanden.
Sie beansprucht in keiner Weise, den Sinngehalt, den Wortlaut oder den Geist
der ursprünglichen Übersetzung ins Englische vollständig, angemessen oder
auch nur sprachlich, grammatisch oder semantisch korrekt wiedergegeben zu
haben.
  Mein besonderer Dank gilt Swami Sarvamangalananda in Rishikesh, die die
Mühe nicht gescheut hat, dieses umfangreiche Werk gründlich zu überarbei-
ten und dadurch der Druckreife näher zu bringen. Ich danke auch Maria Pal-
mes, die die Qualität dieses Buches durch Korrekturlesen weiter gesteigert
hat.

Clemens Vargas Ramos
Bremen, im Januar 2010




                                     9
Über Swami Venkatesananda

  Über Swami Venkatesananda sagte Swami Sivananda (Venkatesanandas
Meister, Heiliger und Vedanta-Lehrer): „Seine Briefe sind voller Honig. Er
benötigte nicht einmal einen Entwurf; er setzte sich an die Schreibmaschine
und so war der Brief sofort fertig. Die Arbeit, die er geleistet hat, würden
andere Leute nicht geschafft haben. So viele Bücher und Schriften sind ge-
druckt worden allein aufgrund seiner Arbeit. Nicht ein einziges Wort hat er
jemals geäußert, das mir missfallen hätte. Wenn ich gerade dringend Arbeit
zu erledigen hatte, war sie am nächsten Morgen schon fertig – er hatte dann
einfach die ganze Nacht durchgearbeitet. Er hat kein Ego. Nie würde er sagen:
'Dies ist nicht gut.' Er ist bescheiden und egolos.“
  Swami Venkatesananda (damals unter dem Namen Parthsarathy bekannt)
wurde in Tanjore am 29. Dezember 1921 als Kind einer südindischen
Brahmanenfamilie geboren. Er erlernte noch im jungen Alter von seinem
Onkel und Großvater Sanskrit und liebte die Pflege religiöser Sitten und Ge-
bräuche. Er war intelligent und voller Humor (auf späteren Reisen im Westen
pflegte er Alltagsbegebenheiten mit seinem wunderbaren Humor zu kom-
mentieren).
  Im Alter von vierzehn Jahren entdeckte er ein Buch von Swami Sivananda in
einem Buchgeschäft. Er war davon so beeindruckt, dass er Swami Sivananda
schrieb und bat, ihn in seinem Ashram begleiten zu dürfen. Swami Sivananda
schrieb ihm zurück, lieber erst seine Ausbildung zu beenden und danach
nach Rishikesh zu kommen. Später arbeitete er dann für die Madras Company
und erlangte die Position des Privatsekretärs des Kriegsministers. Eines
Tages wurde er gebeten, einige wichtige Persönlichkeiten nach Rishikesh zu
begleiten. Als er realisierte, dass er nun Swami Sivananda sehen könnte,
kannte seine Freude keine Grenzen. Während die Persönlichkeiten in
Rishikesh abstiegen, ging er zum Büro des Ashrams und fragte nach Swami
Sivananda. Es wurde ihm bedeutet, dass Swami Sivananda gerade ruhe und
ihn nicht empfangen könne. Er ging an Swami Sivanandas Zimmer vorbei, als
dieser plötzlich herauskam und sagte: „So! Du bist also gekommen.“ Swami
Venkatesananda bat ihn, im Ashram bleiben zu dürfen. Swami Sivananda bat
ihn seinerseits darum, erst seine Ausbildung zu beenden und danach zu
kommen. Nach einem Jahr, in dem er alle seine Verpflichtungen erfüllt hatte,
kehrte er nach Rishikesh zurück und blieb. Sivananda ließ ihn verschiedene
Aufgaben in der Küche, dem Tempel, dem Büro des Ashrams und Schreib- und
Pressearbeiten verrichten. Danach wurde er der Privatsekretär von Swami
Sivananda. Er tippte seine Bücher, beantwortete Briefe und ging ihm bei den
täglichen Arbeiten zur Hand.
  Später bereiste er die Welt. In Südafrika schrieb er schließlich viele seiner
Bücher wie den Kommentar zur Bhagavad Gita und die Übersetzungen des
Bhagavatam, des Ramayana, des Yoga Vāsi«Âha und der Aussprüche Buddhas,
die er Sanskrit- und Pali-Texten entnahm. Dazwischen beantwortete Briefe,


                                      10
deren 50 ihn oft täglich erreichten. Kennzeichnend für seine praktische Ver-
nunft war seine Empfehlung, von allen seinen Büchern jeweils nur so viel zu
lesen, wie man als Botschaft für den Tag verdauen konnte, damit die erhabe-
nen und subtilen Gedanken der Texte durch beständiges Nachsinnen einsin-
ken konnten. Für das Vāsi«Âha's Yoga empfahl Swami Venkatesananda das
Lesen nur einer Seite auf einmal, um die Einverleibung der Unterweisung zu
unterstützen.
  Swami Venkatesananda starb am 2. Dezember 1982 in Johannesburg, Süd-
afrika.

                                   ***




                                    11
Aus dem Klappentext

  Dies ist Swami Venkatesanandas längere Version des Yoga Vāsi«Âha. Sein
zweibändiges Werk ist hier zwischen zwei Buchdeckeln enthalten. Es ist eine
gelungene Zusammenfassung des drittlängsten Buches der Welt. Sein Ziel
besteht darin, ein Mittel zur Beseitigung der psychologischen Konditionie-
rung und zum Erlangen der Befreiung zur Verfügung zu stellen. Dieses Werk
ist, um einen Ausspruch von Shri Ramakrishna zu zitieren, „gesotten in der
Butter der Erkenntnis und getaucht in den Honig der Liebe“.



                                   ***




                                    12
Segnung

  Das Yoga Vāsi«Âha ist ein einzigartiges Werk der indischen Philosophie, dem
wegen seiner praktisch verstandenen spirituellen Weisheit hohe Wertschät-
zung entgegengebracht wird. Allein das Studium dieser bedeutenden Schrift
schon kann jemandem ganz gewiss dabei helfen, Gottbewusstsein zu erlan-
gen. Für die Sucher nach vollkommener Schönheit ist Yoga Vāsi«Âha wie
Nektar – es ist ein Schatzhaus der Weisheit. Wie das Amritanubhava von Sri
Jñáneshwar eignet sich der in diesem Werk aufgezeigte Weg für diejenigen,
die spirituell auf das Äußerste entwickelt sind; schon fast nahe am Zustand
eines Siddha. Es erläutert die höchste Wahrheit mit Hilfe zahlreicher Ge-
schichten und bildhafter Darstellungen. Nicht nur Philosophen, sondern auch
moderne Psychologen und Wissenschaftler werden darin gewiss Dinge fin-
den, die sie mit ihren eigenen Entdeckungen in Zusammenhang bringen kön-
nen.
  Die meisten Schriften enthalten das, was Gott seinen Verehrern mitzuteilen
hatte. Das Yoga Vāsi«Âha jedoch enthält, was die Verehrer Gottes Diesem
Selbst mitzuteilen hatten. Hier ist von den Unterweisungen des Weisen
Vāsi«Âha an Lord Rāma die Rede, die das wahre Verständnis der Erschaffung
der Welt enthalten. Die Philosophie des Yoga Vāsi«Âha ähnelt stark derjenigen
des kashmirischen Śivaismus. Ihre Hauptaussage besteht darin, dass alles
einschließlich der materiellen Welt Bewusstsein ist und die Welt eben so ist,
wie wir sie sehen. Dies ist absolut wahr – denn die Welt ist nichts als das Spiel
des Bewusstseins.
  Abhinavagupta, der große Gelehrte des 10. Jh. des kashmirischen
Shivaismus, sagte einmal: „Śiva, das unabhängige und reine Selbst, welches
stets im Gemüt vibriert, ist die Parashakti, die in den Sinneserlebnissen als
Freude erfahren wird. Die Erfahrung dieser äußeren Welt erscheint als sein
Selbst. Ich habe keine Ahnung, woher eigentlich diese Rede von ‚saæsāra‘
herstammt.“ Dies ist ebenso auch die unvergleichliche Philosophie des Yoga
Vāsi«Âha.
   Swami Venkatesananda, der dieses monumentale Werk übersetzt hat, hat
hart dafür gearbeitet, seine Philosophie dem normalen Menschen verständ-
lich zu machen. Damit hat er allen Suchern nach der Wahrheit einen wertvol-
len Dienst erwiesen. Swamiji ist eine reine Persönlichkeit mit herausragen-
dem Wissen – er ist daher der Übersetzung dieses Werkes des höchsten Yoga
würdig.
   Möge dieses Buch dem Leser echte Erkenntnis vermitteln.




Swami Muktananda



                                       13
Vorwort

  Das Buch Vāsi«Âha's Yoga stellt eine Übersetzung ins Englische begleitet von
kurzen Erläuterungen von Swami Venkatesananda der Divine Life Society,
Rishikesh, India, dar. Es ist die Übersetzung einer wohlbekannten Abhand-
lung des Vedanta in Sanskrit, des Yoga Vāsi«Âha.
  Das Yoga Vāsi«Âha war über die Jahrhunderte hinweg stets ein bevorzugtes
Buch spiritueller Sucher in Indien. Seine besondere Anziehungskraft liegt in
seiner gänzlich rationalen Darstellungsweise und seiner Darlegung des
Vedanta als einer Philosophie, die wie die Bhagavadgita durch erleuchtetes
Verstehen und erhabene Spiritualität die Kluft zwischen dem Weltlichen und
dem Heiligen, der Tätigkeit und der Kontemplation, zu schließen unternimmt.
Hier findet der Leser Passagen wie etwa den Eingangssatz von Kapitel II-18,
der die Bedeutung der Vernunft erläutert:
  „Die Worte sogar eines kleinen Jungen sollten akzeptiert werden, wenn
  es Worte der Weisheit sind. Andernfalls müssen sie wie Strohhalme bei-
  seite geworfen werden, auch wenn sie von Brahmā dem Schöpfer selbst
  stammen sollten.“
  Es ist eben diese Philosophie einer umfassenden, rationalen und praktisch
orientierten Spiritualität, der der Mensch der modernen Zeit bedarf, um sich
selbst von der Fessel der Weltlichkeit zu befreien und die breite Straße des
schöpferischen Lebens und der Erfüllung zu betreten.
  Indem Swami Venkatesananda, der jahrzehntelang unermüdlich an der
Verbreitung der lebenspendenden Botschaften des Yoga und Vedanta in Ost
und West gearbeitet hat, diese Übersetzung des Yoga Vāsi«Âha im Geist seiner
Übersetzungen der bereits erwähnten beiden Bücher herausgebracht hat, hat
er den spirituellen Suchern von nah und fern einen großen Dienst erwiesen.
  Dem Chiltern Yoga Trust of Elgin, South Africa, gebührt der stille Dank der
Leser für die Veröffentlichung dieser drei Bücher des Swami und die Unter-
stützung in der Verbreitung der lebendigen, reinigenden und inspirierenden
Ideen des Vedanta des Ewigen Indien, Amat Bharat.



(Swami Ranganathananda)

Präsident des Ramakrishna Math, Hyderabad
A. P. Indien, 20. Dezember 1975




                                     14
15
Einführung

  Die Gelehrten spekulieren über den Autor dieser monumentalen Schrift
und andere damit in Zusammenhang stehende akademische Fragen. Möge
Gott ihnen eines Tages die gewünschten Erkenntnisse schenken.
  Das Yoga Vāsi«Âha ist eine der großartigsten Hilfestellungen für das spiritu-
elle Erwachen und die unmittelbare Erfahrung der Wahrheit – das ist gewiss.
Wenn es dies ist, was du suchst, dann sei willkommen beim Yoga Vāsi«Âha.
  Der Text scheint vor Wiederholungen überzufließen, die jedoch in Wahrheit
keineswegs müßig sind. Falls du Wiederholungen nicht magst oder benötigst,
dann lies nur diesen einen Satz:
  „Diese Welterscheinung ist nichts als eine Täuschung – so wie die Bläue
  des Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem
  Verstand nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern
  sie einfach zu ignorieren.“ (I, 3)
  Gerade diese Aussage erscheint mehrere Male in dieser Schrift, und sie
scheint auch die wesentliche Aussage der hier vorgelegten Unterweisung zu
sein.
  Falls dir dies noch nicht ganz klar sein sollte, dann lies aufmerksam diese
Schrift. Die vielfältigen Wege, mit deren Hilfe diese Wahrheit enthüllt wird,
werden dir dabei helfen, deinen Verstand aufzuschließen.
  Es ist klug, pro Tag nur eine Seite zu lesen. Die Lehre ist revolutionär, jedoch
wird der voreingenommene Verstand sie nicht ohne weiteres akzeptieren.
Nach dem täglichen Studium meditiere – lass die Botschaft in dich eindrin-
gen.

                                      ***

  Ein stets wiederkehrender Ausdruck in dieser Schrift ist „kākatālīya“ – eine
Krähe lässt sich auf einer Kokospalme nieder, und in genau diesem Augen-
blick fällt eine reife Kokosnuss herunter. Die beiden nicht miteinander in
Zusammenhang stehenden Ereignisse scheinen auf rätselhafte Art in Zeit und
Raum miteinander in Beziehung zu stehen – trotz ihrer offenbar inexistenten
kausalen Beziehung.
  Genauso ist auch das Leben – genauso auch die „Schöpfung“. Der Verstand
jedoch verfängt sich selbst in seiner unaufhörlichen Endlosschleife der logi-
schen Fragen nach dem “Warum” – er erfindet ein „Warum“ und ein „Wozu“,
um sich selbst zufrieden stellen zu können, wobei er bequemerweise und
fortgesetzt die unbequemen Fragen meidet, die einen intelligenteren Ver-
stand heimsuchen.
  Vāsi«Âha verlangt die direkte Beobachtung des Verstandes und Gemüts, ih-
rer Bewegungsformen, ihrer Wahrnehmungen und Begründungen. Er fordert


                                       16
die Untersuchung der angenommenen Ursachen und des daraus folgenden
Schlusses, und er fordert sogar die Untersuchung des Beobachteten und der
Beobachtung sowie deren letztliche Verwirklichung ihrer unteilbaren Einheit
als das unendliche, absolute Bewusstsein.
  Darin besteht die Einzigartigkeit dieser Schrift, die sich somit selbst als die
höchste erklärt:
  „Außer mit Hilfe dieser Schrift kann niemand das Gute erlangen – jetzt
  nicht und nicht in Zukunft. Für die vollkommene Verwirklichung dieser
  höchsten Wahrheit sollte man daher eifrig und nachdrücklich nur diese
  Schrift studieren.“ (VI, 2:103)
 Es ist gewiss die Unterweisung selbst, die erlesen ist – nicht etwa ein Buch
oder ein Weiser. Daher scheut Vāsi«Âha sich nicht zu sagen:
  „Falls jemand meinen sollte, dass diese Schrift nicht autoritativ und
  menschlichen Ursprungs sei, dann kann er immer noch seine Zuflucht
  zu einer anderen Schrift nehmen, die sich mit der Selbsterkenntnis und
  der endgültigen Befreiung befasst.“ (VI, 2:175)
  Welches auch immer die Schrift sei, und von wem auch immer sie gelehrt
wird, unabhängig von dem von dir gewählten Pfad der Erkenntnis – höre
niemals auf, bis nicht alle psychologische Konditionierung gänzlich aufgehört
hat. Daher ermahnt Vāsi«Âha den Sucher:
  „Man sollte jeden Tag wenigstens einen kleinen Teil dieser Schrift stu-
  dieren. Ihre Schönheit liegt auch darin, dass der Leser niemals mit sei-
  ner Ratlosigkeit alleingelassen wird – falls etwas nicht sofort klar sein
  sollte, so macht das weitere Studium dieser Schrift das Verständnis fes-
  ter.“ (VI, 2:175)



                                      ***




                                       17
Gebet

  yata÷ sarvÃïi bhūtÃni pratibhÃnti sthitÃni ca
  yatrai 'vo' paśamaæ yÃnti tasmai satyÃtmane nama÷ (1)
  jñÃtà jñÃñaæ tathà jñeyaæ draşÂà darśana d−śyabhÆ÷
  kartà hetu÷ kriyà yasmÃt tasmai jñaptyÃtmane nama÷ (2)
  sphuranti sÅkarà yasmÃd Ãnandasyà 'æbare 'vanau
  sarveşÃæ jÅvanaæ tasmai brÃhmanandÃtmane nama÷ (3)


  Wir verneigen uns vor dieser Wirklichkeit, in welcher alle Elemente und
alle belebten und unbelebten Wesen erstrahlen, als hätten sie eine unabhän-
gige Existenz, und in welcher sie eine Zeitlang existieren, um wieder mit ihr
zu verschmelzen.

  Wir verneigen uns vor diesem Bewusstsein, welches die Quelle der
scheinbar unterschiedlichen Dreiheit des Wissenden, des Wissens und des
Gewussten, des Sehers, des Sehens und des Gesehenen, des Täters, des Tuns
und des Getanen ist.

  Wir verneigen uns vor dieser absoluten Seligkeit (dem Ozean der Selig-
keit), die das wahre Leben aller Wesen ist, deren Glück und Wohlergehen aus
einem einzigen Wasserspritzer dieses Ozeans der Seligkeit hervorgegangen
sind.


                                    ***




                                     18
Teil I: Über die Leidenschaftslosigkeit

 SUTĪKå×A, der Weise, fragte den Weisen Agastya:                                  I:1
   Oh Weiser, bitte erleuchte mich zu diesem Problem der Befreiung! Welches
von diesen beiden ist der Befreiung förderlich – die Tätigkeit oder die Er-
kenntnis?
   AGASTYA erwiderte:
   Wahrlich, so wie Vögel zum Fliegen beider Flügel bedürfen, so führen auch
Tätigkeit und Erkenntnis beide zusammen zum höchsten Ziel der Befreiung.
Nicht jedoch können Tätigkeit oder Erkenntnis allein zur Befreiung führen –
beide zusammen erst bilden das Mittel zur Erlangung der Freiheit. Höre: Ich
erzähle dir nun als Antwort auf deine Frage eine alte Geschichte. Einst lebte
ein heiliger Mann namens Kāruïya, der Sohn des Agniveśya. Nachdem er die
heiligen Schriften gemeistert und ihren Sinn verstanden hatte, wurde der
junge Mann gegenüber dem Leben gleichgültig. Als Agniveśya dies bemerkte,
verlangte er zu wissen, weshalb Kāruïya die Ausführung seiner täglichen
Pflichten aufgegeben habe. Daraufhin erwiderte Kāruïya: „Sagen die Schrif-
ten denn nicht auf der einen Seite, dass man alle ihre Vorschriften bis zum
Ende des Lebens erfüllen sollte, während sie auf der anderen Seite feststellen,
dass die Unsterblichkeit nur durch die Aufgabe aller Tätigkeit erlangt werden
kann? Was soll ich, der ich zwischen diesen beiden Aussagen gefangen bin,
nun tun, oh mein Guru und Vater?“ Nachdem er dies geäußert hatte, ver-
stummte der junge Mann.
   AGNIVEŚYA sagte:
   Mein Sohn, höre zu – ich werde eine alte Legende erzählen. Erwäge ihren
Sinn gebührend und handle dann, wie du es für richtig hältst. Vor langer Zeit
saß einmal auf einem Gipfel des Himālayas eine himmlische Nymphe namens
Suruci. Eines Tages sah sie einen Boten Indras, des Königs der Götter, vorbei-
fliegen. Von ihr über den Zweck seiner Mission befragt, antwortete dieser wie
folgt: „Ein königlicher Weiser namens Ari«Âanemi hatte sein Königreich sei-
nem Sohn übergeben und unterzog sich in den Gandhamādana-Bergen atem-
raubenden Askesepraktiken. Als er dies bemerkte, bat mich Indra, mich ihm
zusammen mit einer Anzahl von Nymphen zu nähern und den königlichen
Weisen in den Himmel zu geleiten. Der königliche Weise jedoch wünschte
zuvor Auskunft über die Vorteile und Nachteile des Himmels zu erhalten. Ich
erwiderte: Im Himmel erhalten die Besten, die Mittleren und die Geringeren
unter den frommen Sterblichen die ihnen zukommende Belohnung. Sobald
sie die Früchte der ihnen zustehenden Verdienste genossen haben, kehren sie
in die Welt der Sterblichen zurück. Daraufhin lehnte der königliche Weise die
Einladung Indras in den Himmel ab. Indra sandte mich ein weiteres Mal zu
dem königlichen Weisen – diesmal mit der Weisung, dass er vor einer noch-
maligen Ablehnung den Rat des Weisen Vālmīki einholen möge.




                                      19
So wurde der königliche Weise dann Vālmīki vorgestellt. Er fragte Vālmīki:
      „Worin besteht der beste Weg, von Geburt und Tod frei zu werden?“ Als Ant-
      wort darauf erzählte Vālmīki ihm von dem Dialog zwischen Rāma und
      Vāsi«Âha.
       VùLMýKI sagte:
I:2
        Nur derjenige ist qualifiziert zum Studium dieser Schrift (nämlich des Dia-
      logs zwischen Rāma und Vāsi«Âha), der so empfindet: „Ich bin gebunden, ich
      möchte frei werden“ und der weder völlig unwissend noch erleuchtet ist.
      Derjenige, welcher mit Bedacht die in dieser Schrift vorgeschlagenen Mittel
      zur Befreiung, welche in der Form von Erzählungen mitgeteilt werden, er-
      wägt, wird ganz gewiss die Freiheit von der Wiederholung des Lebens (von
      Geburt und Tod) erlangen.
        Ich habe die Geschichte von Rāma schon früher verfasst und sie auch mei-
      nem geliebten Schüler Bharadvāja mitgeteilt. Als wir einmal gemeinsam zum
      Berg Meru gewandert sind, hat Bharadvāja sie Brahmā, dem Schöpfer, weiter-
      erzählt. Dieser war über sie so hoch erfreut, dass er Bharadvāja einen
      Wunsch gewährte. Bharadvāja wünschte sich, dass „alle menschlichen Wesen
      frei vom Leiden sein mögen“ und bat Brahmā, den besten Weg aufzuzeigen,
      um dieses Ziel zu erreichen.
        Brahmā sagte dann zu Bharadvāja: „Suche den Weisen Vālmīki auf und bitte
      ihn darum, die erhabene Geschichte von Rāma zu erzählen, damit der Zuhö-
      rer auf diese Weise frei von der Dunkelheit der Unwissenheit werde.“ Noch
      nicht befriedigt, kam Brahmā, begleitet von dem Weisen Bharadvāja, zu mei-
      ner Einsiedelei.
        Nachdem er meine Verehrung entgegengenommen hatte, sagte Brahmā zu
      mir: „Oh Weiser, deine Geschichte von Rāma soll das Floß sein, mit dem die
      Menschen den Ozean von saæsāra (der Wiederholung von Geburt und Tod)
      überqueren. Erzähle diese Geschichte daher von Anfang an bis zu ihrem
      glücklichen Ende.“ Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Schöp-
      fer.
        Durch das plötzliche Verschwinden von Brahmā verwirrt, bat ich den Wei-
      sen Bharadvāja mir zu erklären, was Brahmā gerade gesagt hatte. Bharadvāja
      wiederholte Brahmā's Worte: „Brahmā wünscht, dass du die Geschichte von
      Rāma auf eine Weise darlegen möchtest, dass sie allen Wesen ermöglicht, den
      Kummer hinter sich zu lassen. Auch ich bitte dich, oh Weiser – teile mir bitte
      in allen Einzelheiten mit, wie Rāma, Lak«maïa und die anderen Brüder sich
      selbst vom Kummer befreien konnten.“
        Daraufhin enthüllte ich Bharadvāja das Geheimnis der Befreiung von Rāma,
      Lak«maïa und den anderen Brüdern wie auch deren Eltern und den Mitglie-
      dern des königlichen Hofes. Und ich fügte für Bharadvāja noch hinzu: „Mein
      Sohn, wenn du wie diese lebst, dann wirst auch du hier und jetzt frei vom
      Kummer werden.“
        VùLMýKI fuhr dann fort:
                                                                                       I:3

                                           20
Diese Welterscheinung ist nichts als eine Täuschung, so wie die Bläue des
            Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem Verstand
            nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern sie einfach zu
            ignorieren. Solange in einem Menschen nicht die Überzeugung wächst, dass
            diese Welterscheinung keinerlei Wirklichkeit besitzt, ist weder die Freiheit
            vom Leiden noch die Verwirklichung der eigenen wahren Natur möglich.
            Diese Überzeugung aber wird wachsen, wenn man eifrig diese Schrift stu-
            diert. Schließlich wird man zu der festen Überzeugung gelangen, dass diese
            objektive Welt nichts als eine Verwechslung des Wirklichen mit dem Unwirk-
            lichen darstellt. In jemandem, der diese Schrift nicht studiert, wird die wahre
            Erkenntnis nicht aufsteigen – auch nicht in Millionen von Jahren.
               Mok«a oder Befreiung besteht in der totalen Aufgabe aller vasana oder
            mentalen Konditionierung, und zwar ohne den geringsten Vorbehalt. Die
            mentale Konditionierung besteht aus zwei Arten – der reinen und der unrei-
            nen. Die unreine ist die Ursache der Geburten, während die reine von der
            Geburt befreit. Die unreine hat die Natur der Unwissenheit und des Ich-
            Sinnes, die seit jeher die Samenursachen für den Kreislauf der Wiedergebur-
            ten darstellen. Werden dagegen diese Samenursachen aufgegeben, dann wird
            die mentale Konditionierung, die nichts anderes als die Aufrechterhaltung
            des körperlichen Lebens bezweckt, von reiner Natur sein. Eine mentale Kon-
            ditionierung dieser Art existiert sogar noch in jenen, die noch zu Lebzeiten
            befreit wurden. Sie bewirkt keine Wiedergeburt, weil sie nur ein Überbleibsel
            aus der Vergangenheit ist, das die gegenwärtig bestehenden Absichten nicht
            beeinflusst.
               Ich werde dir nun davon berichten, wie Rāma ein erleuchtetes Leben als
            befreiter Weiser führte. Wenn du diese Geschichte kennst, wirst du von allen
            Missverständnissen betreffend das Altern und den Tod befreit werden.
               Nach seiner Rückkehr aus der Einsiedelei seines Lehrers ging Rāma im Pa-
            last seines Vaters verschiedenen Beschäftigungen nach. Da entstand in ihm
            der Wunsch, durch das ganze Land zu reisen und heilige Pilgerorte zu besu-
            chen. Rāma ging zu seinem Vater auf und bat um die Erlaubnis, selbst eine
            Pilgerreise unternehmen zu dürfen. Der König bestimmte einen günstigen
            Tag für den Beginn der Pilgerreise, und nachdem Rāma die liebevollen Se-
            genswünsche der Ältesten der Familie empfangen hatte, reiste er ab.
               Zusammen mit seinen Brüdern durchreiste Rāma das ganze Land südlich
            der Himālayas. Schließlich kehrte er zur großen Freude seiner Landsleute in
            die Hauptstadt zurück.
               VùLMýKI fuhr fort:
I:4, 5, 6
              Beim Betreten des Palastes verbeugte Rāma sich demütig vor seinem Vater,
            dem Weisen Vāsi«Âha und den anderen Ältesten und heiligen Männern. Die
            ganze Stadt Ayodhyā war zu Ehren der Rückkehr Rāma‘s von seiner Pilgerrei-
            se für acht Tage festlich geschmückt.




                                                  21
Nun folgte eine Zeit, in der Rāma im Palast lebend seinen täglichen Pflich-
ten nachging. Jedoch schon sehr bald machte sich in ihm ein tiefer Wandel
bemerkbar. Er wurde dünner und schmächtiger, blasser und schwächer. König
Daśaratha war über diesen plötzlichen und gänzlich unerwarteten Wechsel
im Erscheinen und Verhalten seines geliebten Sohns besorgt. Wann immer er
Rāma zu dessen Gesundheit befragte, erwiderte dieser, dass es keinen Grund
zur Besorgnis gäbe. Und wenn Daśaratha Rāma fragte: „Geliebter Sohn, was
beschäftigt dich?“, da antwortete Rāma höflich: „Nichts, Vater“ und verstumm-
te.
  Schließlich wandte sich Daśaratha an den Weisen Vāsi«Âha, um von diesem
eine Antwort über das rätselhafte Verhalten des Sohnes zu erhalten. Der
Weise antwortete zweideutig: „Gewiss gibt es einen Grund, weshalb Rāma
sich auf diese Weise verhält. So wie sich in dieser Welt ohne Grund keine
größeren Veränderungen ergeben, bevor nicht die dafür verantwortliche
Ursache (bzw. die kosmischen Elemente) in die Entstehung gekommen ist, so
finden in den Edelmütigen auch Wandel wie Ärger, Verzagtheit und Freude
nicht grundlos statt.“ Daśaratha drang nicht weiter in ihn.
  Bald nach diesem Gespräch kam der überall berühmte Weise Viśvāmitra
zum Palast. Als der König über den heiligen Besuch unterrichtet wurde, beeil-
te er sich, den Weisen zu begrüßen. Daśaratha sagte: „Willkommen, oh will-
kommen, heiliger Weiser! Deine Ankunft in meinem bescheidenen Haus er-
freut mich sehr. Sie ist mir so lieb wie das Erblicken der Welt für den blinden
Mann, der Regen für die ausgedörrte Erde, der Sohn für die unfruchtbare
Frau, die Wiederaufstehung des Totgeglaubten und der Rückgewinn verlo-
rengegangenen Reichtums. Oh Weiser, sage mir – was kann ich für dich tun?
Sei versichert – aus welchem Wunsche heraus du zu mir gekommen sein
magst, diesen Wunsch betrachte bereits als erfüllt. Du bist die Gottheit, die
ich verehre. Ich werde tun, was immer du von mir verlangst.“
  VùLMýKI fuhr fort:
  Viśvāmitra war über Daśaratha's Worte erfreut und begann damit, diesem          I:7, 8, 9
den Zweck seines Kommens zu enthüllen. Er sagte zum König:
  „Oh König! Ich brauche deine Hilfe bei der Durchführung eines religiösen
Rituals, dem ich mich verpflichtet habe. Wann immer ich dieses Ritual durch-
zuführen beginne, dringen die Dämonen, die Gesellen von Khara und DÆ«aïa,
in den heiligen Ort ein und entweihen ihn. Da ich unter dem Gebot des Rituals
stehe, kann ich sie nicht verfluchen.
  Du kannst mir helfen. Dein Sohn Rāma kann leicht mit diesen Dämonen fer-
tig werden. Als Gegenleistung für diese Hilfe werde ich ihm vielfältige Gunst-
beweise zukommen lassen, die dir vortrefflichen Segen bringen werden.
Deine Liebe zu deinem Sohn sollte nicht deine Treue zur Pflicht in Frage
stellen. In dieser Welt gibt es für die Edelmütigen kein Geschenk, das ihre
Mittel übersteigt.




                                      22
Im selben Moment, in dem du ‚ja‘ sagst, betrachte ich diese Dämonen als
       getötet. Denn ich weiß, wer Rāma ist. Ebenso wissen dies Vāsi«Âha und die
       anderen Heiligen an diesem Hof. Dulde keinen weiteren Aufschub, oh König –
       sende mir Rāma ohne weitere Verzögerung.“
         Nachdem er diese sehr unwillkommene Botschaft vernommen hatte, ver-
       blieb der König eine Weile stumm und nachdenklich. Schließlich antwortete
       er: „Oh Weiser, Rāma ist noch keine sechzehn Jahre alt. Für einen solchen
       Kampf ist er nicht reif genug. Er hat noch niemals an einem Kampf teilge-
       nommen und kennt nichts als das, was sich in den innersten Gemächern
       dieses Palastes abspielt. Befiehl mir stattdessen, dich zu begleiten! Befiehl,
       dass meine große Armee dich begleitet, um diese Dämonen auszulöschen!
       Aber von Rāma kann ich mich nicht trennen. Ist es nicht natürlich für alle
       Lebewesen, ihre Jungen zu lieben? Unternehmen denn nicht auch die weisen
       Männer außergewöhnliche Handlungen aus Liebe zu ihren Kindern? Und
       geben die Menschen nicht lieber all ihr Glück, ihren Wohlstand und ihre Gat-
       ten als ihre Kinder auf? Nein, von Rāma vermag ich mich nicht zu trennen.
         Ich habe von dem mächtigen Dämon Rāvaïa gehört. Sollte er derjenige sein,
       der die Störung deines Rituals verursacht? In diesem Falle kann nichts dir
       helfen, denn mir ist bekannt, dass gegen ihn sogar die Götter machtlos sind.
       Immer wieder einmal werden mächtige Wesen dieser Art auf der Welt gebo-
       ren, und wenn ihre Zeit gekommen ist, verlassen sie die Bühne des Lebens
       wieder.“
         Viśvāmitra war zornig. Als Vāsi«Âha dies bemerkte, griff er ein. Er versuchte
       den König davon zu überzeugen, sein Versprechen nicht zurückzuziehen,
       sondern Rāma dem Weisen Viśvāmitra zur Seite zu geben. „Oh König! Es ist
       deiner unwürdig, ein Versprechen zu brechen. Ein König soll stets das Vorbild
       rechtschaffenen Verhaltens sein. Rāma ist sicher in der Gesellschaft
       Viśvāmitra’s, der außerordentlich mächtig ist und über zahllose unbesiegbare
       Waffen verfügt.“
         VùLMýKI fuhr fort:
I:10
         Um den Wünschen des Gurus Vāsi«Âha nachzukommen, befahl König
       Daśaratha nun einem Diener, Rāma herbeizuholen. Der Diener kehrte zurück
       und meldete, dass Rāma in einer Minute erscheinen würde. Er fügte hinzu:
       „Der Prinz scheint niedergeschlagen zu sein und Gesellschaft meiden zu wol-
       len.” Bestürzt durch diese Aussage wandte sich Daśaratha an Rāma's Kam-
       merdiener und verlangte Auskunft über Rāma's Gemüts- und Gesundheits-
       verfassung.
         Der Kammerdiener war sichtlich betrübt und sagte:
         „Oh Herr, seit seiner Rückkehr von der Pilgerreise ist im Prinzen ein großer
       Wandel vorgefallen. Er scheint sich nicht einmal mehr für das reinigende Bad,
       die täglichen Gebete und die Verehrung der Götter zu interessieren. Er emp-
       findet kein Vergnügen mehr an der Gesellschaft der Menschen in den Gemä-
       chern des Palastes. Juwelen und kostbaren Steinen bedeuten ihm nichts mehr.


                                             23
Auch wenn ihm schöne und erfreuliche Objekte präsentiert werden, betrach-
tet er sie nur mit traurigen, gleichgültigen Augen. Er weist sogar die Palast-
tänzer zurück – er bezeichnet sie als Quälgeister! Trübsinnig und mechanisch
vollzieht er die Handlungen des Essens, Spazierengehens, Ruhens, Badens
und Sitzens, wie jemand, der taub und stumm ist. Oft murmelt er vor sich hin:
‚Was ist der Sinn von Wohlstand und Reichtum, was ist der Sinn von Heim
und Glück? All dies ist unwirklich.‘ Die meiste Zeit ist er stumm und unbetei-
ligt bei den Unterhaltungen. Er zieht stets das Alleinsein vor. Die ganze Zeit
über ist er in seine eigenen Gedanken versunken. Weder wissen wir, was
unseren Prinzen überkommen hat noch über was nachsinnt oder was er
sonst hier suchen mag. Tag für Tag magert er weiter ab.
  Immer wieder sagt er zu sich selbst: ‚Oh weh! Wir vertun unser Leben auf
die unterschiedlichste Art und Weise, anstatt nach dem Höchsten zu streben!
Die Leute beklagen laut all ihr Leiden und ihr Elend, aber niemand vermag
sich ernstlich von den Ursachen seiner Schmerzen und seines Kummers
abzuwenden!‘ Wir, seine ergebenen Diener, die all dies jeden Tag hören und
sehen, sind darüber außerordentlich betrübt. Wir wissen nicht, was wir tun
sollen. Er ist ohne jede Hoffnung und ohne jeden Wunsch. Er ist an nichts
gebunden und von nichts abhängig. Er ist weder verblendet noch verrückt,
aber er ist auch nicht erleuchtet. Manchmal jedoch scheint er von dem Ge-
danken der Selbsttötung überwältigt zu werden – angetrieben von Gefühlen
der Verzagtheit: ‚Was ist der Nutzen von Reichtum, Müttern und Verwandten,
was ist der Nutzen des Königtums, und was ist der Sinn aller Tätigkeit hier in
dieser Welt?‘ Oh Herr, nur du kannst das Hilfsmittel gegen diese Verfassung
des Prinzen finden.“
  VIŚVùMITRA sagte:
  Wenn es so steht, dann möge Rāma hierher kommen. Seine Verfassung ist
nicht das Ergebnis eines Wahns, sondern sie ist voll von Weisheit und Leiden-      I:11, 12
schaftslosigkeit – sie zielt auf die Erleuchtung. Bringt ihn zu uns – wir werden
seine Mutlosigkeit vertreiben.
  VùLMýKI sagte:
  Und so forderte der König den Kammerdiener auf, Rāma unverzüglich zum
Hof zu bringen. Währenddessen hatte Rāma sich bereits auf das Treffen mit
seinem Vater vorbereitet. Schon von weitem erkannte und grüßte er seinen
Vater und die Weisen. Diese wiederum bemerkten, wie dieses noch jugendli-
che Antlitz schon vom Frieden der Reife leuchtete. Er verneigte sich zu Füßen
des Königs, der ihn umarmte und zu sich emporhob. Er sprach zu ihm: „Was
macht dich so traurig, mein Sohn? Trübsinn ist eine offene Einladung für
zahllose Übel.“ Die Weisen Vāsi«Âha und Viśvāmitra stimmten dem König zu.
 RùMA erwiderte:
  Heiliger Herr, ich werde deine Fragen pflichtschuldigst beantworten. Ich
wuchs glücklich im Hause meines Vaters auf; ich wurde von würdigen Leh-
rern unterrichtet. Kürzlich unternahm ich eine Pilgerreise. Während dieser


                                      24
Zeit ergriffen mich gewisse Gedanken, die mir alle Hoffnungen in dieser Welt
raubten. Mein Herz begann Fragen zu stellen: Was nennen die Menschen
„Glück” und wie kann es in dieser Welt der stets wechselnden Objekte jemals
erlangt werden? Alle Wesen in dieser Welt werden geboren, um zu sterben
und sind dem Tode unterworfen, nur um wiedergeboren zu werden! In all
diesen vergänglichen Phänomenen, die die Wurzeln von Leiden und Sünde
darstellen, vermag ich keinerlei Sinn zu erblicken. Wesen ohne irgendwelche
Beziehung treffen aufeinander und das Gemüt erfindet dann eine Verbindung
zwischen ihnen. Alles in dieser Welt hängt vom Gemüt ab, von der mentalen
Verfassung. Wird es aber untersucht, erweist sich dasselbe Gemüt als unwirk-
lich! Trotzdem lassen wir uns von ihm verhexen. Wir scheinen hinter einer
Fata Morgana in der Wüste herzulaufen, um unseren Durst zu stillen!
   Herr, gewiss sind wir keine an einen Herrn verkaufte Sklaven, doch leben
wir ein Leben in Sklaverei und ohne jegliche Freiheit. Unwissend gegenüber
der Wahrheit scheinen wir ziellos in diesem dichten Urwald, welcher Welt
genannt wird, umherzuwandern. Was ist denn diese Welt? Was ist es, das
wird, wächst und stirbt? Wie kann all dieses Leiden beendet werden? Mein
Herz blutet vor Schmerz, obschon ich aus Rücksicht auf die Gefühle meiner
Gefährten keine Tränen vergieße.
   RùMA fuhr fort:                                                                 I:13, 14
   Gleichermaßen nutzlos, oh Weiser, ist der Reichtum, der nur die Unwissen-
den verführt. Unstet und wechselhaft, verursacht Reichtum nichts als zahllo-
se Sorgen und erzeugt ein unstillbares Verlangen nach immer mehr. Der
Reichtum ist ohne Ansehen der Person, denn sowohl die Guten wie die
Schlechten können reich werden. Aber die Menschen sind nur so lange gut,
mitfühlend und freundlich, so lange ihre Herzen nicht durch die leidenschaft-
liche Jagd nach Wohlstand verhärtet sind. Der Reichtum verdirbt sogar die
Herzen von weisen Gelehrten, von Helden, von ehrenhaften Menschen und
von freundlichen und geschätzten Personen. Reichtum und Glück vertragen
einander nicht. Selten gibt es einen wohlhabenden Mann, der keine Feinde
und Gegner hat, die seinem Ruf zu schaden trachten. Für den Lotos der rech-
ten Handlung ist der Reichtum die finstere Nacht, für den weißen Lotos des
Kummers ist er der Mondschein, für die Leuchte der klaren Einsicht ist er der
Wind, für die Welle der Feindschaft ist er die Flut, für die Wolke der Verwirrt-
heit ist er der günstige Wind und für das Gift der Trübsinns ist er der be-
schleunigende Wirkstoff. Er ist wie die Schlange aus üblen Gedanken, er fügt
der Qual die Furcht hinzu, er ist für den Sehnsüchtigen nach der Leiden-
schaftslosigkeit wie der bitterkalte Schneefall, er ist der Einbruch der Nacht
für die Eule der bösen Wünsche, er ist der Niedergang für den Mond der
Weisheit und in seiner Gegenwart schrumpft die gute Natur des Menschen zu
einem Nichts zusammen.
   Wahrhaftig – der Reichtum sucht denjenigen, der bereits im Griff des Todes
ist.



                                      25
Und so ist auch diese Lebensspanne, oh Weiser. Sie ist so kurzlebig wie der
           an einem Blatt hängende Wassertropfen. Die Lebensspanne ist fruchtbar nur
           für diejenigen, die Selbsterkenntnis haben. Wir mögen den Wind umfassen,
           den Raum zerstückeln oder Wellen zu einer Girlande zusammenbinden, aber
           wir können unsere Zuversicht nicht an diese Lebensspanne heften. Wie eifrig
           versucht der Mensch, das Alter hinauszuzögern und wie viele neue Sorgen
           sammelt er dann, und wie sehr verlängert er die Zeit seines Leidens! Nur
           derjenige lebt wirklich, der nach Selbsterkenntnis strebt; nur dieser allein
           weiß, was wirklich wichtig ist in dieser Welt und wie er der Wiedergeburt ein
           Ende setzen kann. Alle anderen hier leben wie Esel. Für den Unweisen ist die
           Kenntnis der Schriften nur eine Last; für den, der voll von Wünschen ist, ist
           die Weisheit eine Bürde; für den Ruhelosen ist schon sein eigenes Gemüt eine
           Beschwernis, und für denjenigen, der ohne Selbsterkenntnis ist, ist der Kör-
           per (d. h. die Lebensspanne) eine Qual.
             Ohne Pause nagt die Ratte der Zeit an der Lebenspanne des Menschen. Die
           Termite der Krankheit (frisst) zerstört die vitalen Kräfte des Lebewesens. So
           wie die Katze, die die Maus jagt, sie wachsam und sprungbereit beobachtet,
           so wendet der Tod sein Auge nicht ab von dieser Lebenspanne.
             RùMA fuhr fort:
              Heiliger Herr, ich bin verwirrt und voll Angst, wenn ich darüber nachdenke,
I:15, 16
           wie der furchtbare Feind der Weisheit ins Leben tritt, der als Ich-Sinn be-
           kannt ist. Er entsteht in der Finsternis der Unwissenheit und gedeiht in ihr. Er
           erzeugt endlos sündige Neigungen und Handlungen. Ganz gewiss dreht sich
           sämtliches Leiden nur um den Ich-Sinn, denn es ist das „Ich”, das leidet. Der
           Ich-Sinn ist die einzige Ursache für jedwede mentale Verwirrtheit. Ich be-
           trachte den Ich-Sinn als meine schlimmste Krankheit! Indem er das Netz der
           wohlgefälligen Objekte des Vergnügens ausbreitet, führt der Ich-Sinn die
           Lebewesen in die Falle. Gewiss sind alle die entsetzlichen Nöte dieser Welt
           aus dem Ich-Sinn geboren. Der Ich-Sinn verdunkelt die Selbstbeherrschung,
           zerstört die Tugend und den Gleichmut. Ich möchte nichts anderes, als die
           Wahrnehmung des Ich-Sinns: „ich bin Rāma” und alle Wünsche aufgeben und
           nur noch im Selbst ruhen. Ich erkenne, dass alles umsonst ist, was ich mit der
           Vorstellung des Ich-Sinns unternommen habe – der Nicht-Ich-Sinn allein ist
           die Wahrheit. Wenn ich unter dem Einfluss des Ich-Sinns bin, bin ich unglück-
           lich – bin ich frei von ihm, bin ich glücklich. Der Ich-Sinn fördert das Verlan-
           gen – ohne dieses stirbt es ab. Es ist allein der Ich-Sinn, der ohne Vernunft
           und Verstand ist; der das Netz des Familienlebens und der sozialen Bezie-
           hungen ausgeworfen hat, um die unvorsichtige Seele einzufangen. Ich glaube,
           ich bin frei vom Ich-Sinn, und doch fühle ich mich noch elend. Bitte, erleuchte
           mich!
              Ohne die Gnade, die der heilige Dienst am Weisen gewährt, streift der un-
           reine Verstand ruhelos umher wie der Wind. Unzufrieden mit allem, was er
           erlangt, nimmt seine Rastlosigkeit Tag für Tag zu. Das Sieb kann nie mit Was-
           ser gefüllt werden und das Gemüt erlangt niemals den Zustand der Erfüllung,


                                                 26
gleichgültig wie viele weltliche Objekte angehäuft werden. Der Verstand
flattert stets in allen Himmelsrichtungen umher, ist aber unfähig, dort das
Glück zu finden. Ohne die großen Leiden zu bedenken, die es einst in der
Hölle erdulden muss, sucht das Gemüt hier nach dem Vergnügen und findet
es nicht. Wie der Löwe im Käfig ist das Gemüt ruhelos. Es hat seine Freiheit
verloren und ist seiner gegenwärtigen Lage überdrüssig. Oh Heiliger – ich bin
von den Fesseln des Verlangens an das Netz gebunden, welches das Gemüt
ausgelegt hat. So wie die dahineilenden Gewässer des Flusses die Bäume am
Ufer entwurzeln, so hat das rastlose Gemüt mein ganzes Sein entwurzelt. Wie
ein trockenes Blatt werde ich vom Wind meines Gemüts umhergetrieben.
Nirgendwo lässt es mich ruhen. Es ist nur dieses Gemüt, welches die Quelle
aller Objekte in der Welt ist. Diese drei Welten existieren nur aufgrund von
Gedankentätigkeit. Wenn das Gemüt verschwindet, verschwindet auch diese
Welt.
  RùMA fuhr fort:                                                                I:17
  Wahrhaftig ist es die in das Verlangen eingekleidete Gedankentätigkeit, die
in der dadurch verursachten Finsternis der Unwissenheit diese zahllosen
Irrtümer entstehen lässt. Dies Verlangen dörrt die edlen und guten Eigen-
schaften des Gemüts und Herzens wie die Wärme und die Freundlichkeit des
Charakters aus und macht mich hart und grausam. In dieser Finsternis wir-
belt das Verlangen in seinen verschiedenen Gestalten wie ein Kobold umher.
  Obgleich ich mir verschiedene Methoden zur Beherrschung dieses Verlan-
gens zu Eigen gemacht habe, überwältigt es mich im Nu von neuem und treibt
mich hilflos vor sich her, wie der Sturm den Strohhalm mitreißt. Was immer
ich mir durch die Pflege der Leidenschaftslosigkeit und ähnlicher Qualitäten
erhoffe – das Verlangen vernichtet diese Hoffnung rascher, als eine Maus
einen Faden durchbeißt. So bin ich hilflos gefangen im sich drehenden Rad
des Verlangens. Wie der im Netz gefangene Vogel sind wir, obwohl wir Flügel
besitzen, unfähig, unser Ziel zu erreichen oder Zuflucht im sicheren Hafen der
Selbsterkenntnis zu finden. Auch kann dieses Verlangen niemals gestillt wer-
den, sogar dann nicht, wenn ich Nektar in großen Zügen trinken würde. Die
Besonderheit dieses Verlangens besteht darin, dass es keinerlei Ziel hat:
Heute wirft es mich in diese Richtung und im nächsten Moment schon befin-
de ich mich gänzlich woanders – wie ein durchgegangenes Pferd. Es breitet
vor unseren Augen ein riesiges Netz bestehend aus dem Sohn, dem Freund,
der Ehefrau und anderen Verwandten aus, in dem wir uns verfangen.
  Obgleich ich mich als einen Held betrachte, macht dieses Verlangen aus mir
einen furchtsamen Feigling. Obgleich ich Augen habe zu sehen, macht es mich
blind. Obgleich ich eine freudige Natur habe, macht es mich elend. Es ist wie
ein furchtbarer Kobold. Es ist dieser schreckliche Kobold namens Verlangen,
der für Bindung und Unglück verantwortlich ist. Er bricht das Herz des Men-
schen und sät die Saat der Täuschung in ihm. Gefangen von diesem Kobold, ist
der Mensch sogar unfähig, die Freuden zu genießen, die sich in seiner Reich-
weite befinden. Obschon das Verlangen dem Anschein nach zum Glück führt,


                                     27
führt es weder dorthin noch zu einem sinnvollen Leben; im Gegenteil – es
       beschwört nur nutzloses Bemühen herauf und bringt in unser Leben allerlei
       übeldeutende Zeichen. Sobald es die Bühne dieses Lebens betritt, auf der
       vielerlei glückliche und unglückliche Begebenheiten sich abspielen, so ist
       doch das Verlangen wie eine alternde Diva unfähig, Gutes und Edles zu be-
       wirken; im Gegenteil erzeugt es auf Schritt und Tritt Misslichkeit und Nieder-
       lage. Und doch gibt es seinen Tanz auf dieser Bühne nicht auf!
         Das Verlangen steigt jetzt in die Höhe des Himmels auf und im nächsten
       Moment sieht man es in den Tiefen der unteren Welten. Es ist stets rastlos. Es
       gründet auf nichts anderem als auf der Leere des Gemüts. In einem Moment
       leuchtet im Gemüt das Licht der Weisheit auf, aber schon im nächsten Mo-
       ment herrscht nichts als Verwirrung. Es ist ein Wunder, dass die Weisen diese
       Not mit dem Schwert der Selbsterkenntnis zu durchhauen vermögen.
         RùMA fuhr fort:
       Auch dieser bedauernswerte Körper, der aus Venen, Arterien und Nerven
I:18
       besteht, ist eine Quelle der Schmerzen. Obwohl leblos, täuscht er Intelligenz
       vor. So erzeugt er Verwirrung und man weiß nicht, ob er fühlend oder nicht-
       fühlend ist. Zufrieden schon mit der leisesten Erleichterung und bestürzt
       durch die geringste Widerwärtigkeit ist dieser Körper in der Tat verachtens-
       wert.
         Den Körper vermag ich nur mit einem Baum zu vergleichen: Die Äste sind
       die Arme, der Stamm ist der Rumpf, die Löcher sind die Augen, die Früchte
       sind der Kopf, und die Blätter stehen für die zahllosen Krankheiten. Er ist
       nichts als ein Grab für die Lebewesen. Wer kann schon mit vollem Recht
       behaupten, dass der Körper sein eigen sei? Seine Hoffnung auf ihn zu setzen
       oder seine Verzweiflung mit ihm in Verbindung zu bringen, ist sinnlos. Er ist
       nichts als ein Floß, mit dem man diesen Ozean aus Geburt und Tod überquert
       – niemand sollte ihn für sein eigenes Selbst halten.
         Dieser Baum, der der Körper ist, wächst in einem Wald, der saæsāra (Kreis-
       lauf der Wiedergeburt) genannt wird. In ihm spielt der ruhelose Affe (das
       Gemüt); er ist die Wohnstätte der Grillen (der Sorgen); er wird beständig von
       den Insekten (der endlosen Leiden)gefressen; er beherbergt die giftige
       Schlange (des Verlangens), und die wilde Krähe (des Zorns) bedrängt ihn. Auf
       ihm wachsen die Blumen (des Gelächters) und die Früchte von Gut und Böse.
       Er scheint lebendig zu sein, und wird doch nur durch den Wind (der Lebens-
       kraft) bewegt. Er bietet Wohnung den Vögeln (der Sinne) und ist der Unter-
       stand der Reisenden (Lust und Verlangen), denn er bietet ihnen den Schatten
       des Vergnügens. Auf ihm sitzt der riesenhafte Geier (des Ich-Sinns) und er ist
       gänzlich hohl und leer. Ganz gewiss kann er keinerlei Glücksverheißung dar-
       stellen. Ob er lange lebt oder in kurzer Zeit abstirbt – nutzlos ist er in jedem
       Fall. Er ist aus Fleisch und Blut zusammengesetzt und Alter und Tod unter-
       worfen. Ich schätze ihn nicht. Er ist im Übermaß angefüllt mit unreinen Sub-
       stanzen und von der Unwissenheit geschlagen. Wie könnte er jemals meine
       Hoffnungen erfüllen?


                                             28
Dieser Körper ist die Heimat der Krankheiten, ein Feld der mentalen Ver-
       wirrtheit und der wechselhaften Gefühle und Bewusstseinszustände. Ich
       schätze ihn nicht. Was sind Wohlstand, Königtum und Körper? Alle diese
       werden gnadenlos vom Zahn der Zeit (Tod) zernagt. Zum Zeitpunkt des Todes
       gibt dieser undankbare Körper die Seele auf, die in ihm lebte und ihn be-
       schützt hat. Welche Hoffnung könnte ich jemals in ihn setzen? Schamlos
       stürzt er sich wieder und wieder in dieselben (schädlichen) Handlungen! Sein
       einziger Zweck besteht anscheinend darin, am Ende auf dem Scheiterhaufen
       zu verbrennen. Unbeirrt durch Alter und Tod, die den Reichen wie den Armen
       treffen, sucht er nach Wohlstand und Macht. Schande, Schande über diejeni-
       gen, die an diesen Körper gebunden sind – trunken vom Wein der Unwissen-
       heit! Schande über diejenigen, die an diese Welt gefesselt sind!
         RùMA sagte:
I:19
         Sogar die Kindheit, der Teil des Lebens, den die Leute irrigerweise als er-
       freulich und glücklich betrachten, ist voll von Kummer, oh Weiser. Hilflosig-
       keit, Missgeschicke, Verlangen, Sprachlosigkeit, Stummsein, völlige Torheit,
       Verspieltheit, Unbeständigkeit und Schwäche – all das ist in der Kindheit
       enthalten. Das Kind ist leicht verletzt, schnell erregbar bis zum Zorn und
       bricht rasch in Tränen aus. Wahrhaftig lässt sich mit Gewissheit behaupten,
       dass die Furcht des Kindes schrecklicher als die einer sterbenden Person,
       eines alternden Mannes, eines kranken Menschen oder irgendeines anderen
       Erwachsenen ist. Denn in der Kindheit lebt man wie ein Tier, das gänzlich von
       der Gnade anderer abhängig ist.
         Das Kind ist schutzlos den zahllosen Ereignissen rund herum ausgeliefert –
       sie bestürzen das Kind, verwirren und verwickeln es in verschiedene Wahn-
       vorstellungen und Ängste. Das Kind ist beeindruckbar und leicht von den
       Übelwollenden verführbar. So ist das Kind auf vielfältige Weise dem Willen
       und der Bestrafung seiner Eltern unterworfen. Die Kindheit scheint eine Zeit
       der Unterwerfung und nichts anderes zu sein!
         Obgleich das Kind reine Unschuld zu sein scheint, besteht die Wahrheit da-
       rin, dass es alle Arten von Defekten, sündigen Neigungen und neurotischem
       Verhalten verborgen und schlummernd in sich beherbergt, so wie eine Eule
       am Tage versteckt in einem dunklen Loch wohnt. Oh Weiser – ich bedauere
       die Menschen, die törichterweise diese Kindheit als eine glückliche Lebens-
       periode ansehen!
         Welches Leiden ist schlimmer als ein ruheloses Gemüt? Und ist nicht das
       Gemüt des Kindes von extremer Ruhelosigkeit? Wenn das Kind nicht jeden
       Tag etwas Neues erfährt, wird es unglücklich. Tatsächlich scheinen Weinen
       und Jammern die Hauptbeschäftigung jedes Kindes zu sein. Bekommt das
       Kind nicht, was es sich wünscht, dann scheint sein Herz zu brechen.
         Geht das Kind dann in die Schule, empfängt es aus der Hand seiner Lehrer
       die Bestrafungen – all dies vergrößert seine Qualen nur noch.




                                            29
Schreit das Kind, dann versprechen ihm die Eltern das Blaue vom Himmel
herunter, um es zu beschwichtigen. Von da an beginnt das Kind die Welt zu
schätzen und die Dinge darin zu begehren. Die Eltern sagen: „Ich gebe dir den
Mond für ein Spielzeug”, und das Kind, ihren Worten glaubend, denkt, es
könne den Mond in seinen Händen halten. Auf diese Weise werden die Samen
der Täuschung in dem kleinen Herz gesät.
  Obgleich das Kind Hitze und Kälte fühlt, ist es unfähig, sie zu vermeiden.
Wie kann es sich dann besser als ein Baum fühlen? Wie die Tiere und die
Vögel langt auch das Kind vergeblich nach den Dingen, die es begehrt. Furcht-
sam meidet es die Älteren, mit denen es zusammenlebt.
  RùMA fuhr fort:                                                                  I:20
  Nach dem Ende der Kindheit betritt das menschliche Wesen die Stufe der
Jugend, aber auch hier kann es den Zustand des Unglücklichseins nicht hinter
sich lassen! Nun ist es den zahllosen mentalen Modifikationen der Jugendzeit
unterworfen und schreitet vom Elend zu noch größerem Elend fort, denn es
gibt alle Weisheit auf und umarmt den schrecklichen Kobold – die Lust, die in
seinem Herzen wohnt. Sein Leben ist voll von Wunsch und Furcht. Wahrhaf-
tig, diejenigen, die sich die Weisheit in ihrer Jugend nicht rauben lassen, kön-
nen wohl jedem Ansturm standhalten.
  Ich schätze sie nicht, diese vergängliche Jugend, in der kurzlebiges Vergnü-
gen rasch von langandauerndem Leiden gefolgt wird, und in der so viele
getäuscht werden von dem, was so viele Menschen als wandellos ansehen,
was aber in Wirklichkeit wechselhaft ist. Was noch schlimmer ist: In der
Jugend begeht man viele Handlungen, die auch anderen nichts als Unglück
bringen.
  So wie ein Baum von einem Waldbrand vernichtet wird, so wird das Herz
des Jugendlichen vom Feuer der Leidenschaft verbrannt, sobald seine Gelieb-
te ihn verlässt. Wie sehr er auch streben mag, um die Reinheit des Herzens zu
entwickeln – das Herz des Jugendlichen bleibt stets vom Makel der Unrein-
heit befleckt. Auch wenn seine Geliebte nicht bei ihm ist, wird er ständig von
den Gedanken an ihre Schönheit verfolgt. Eine solche Person, angefüllt mit
Verlangen, kann in den Augen der guten Menschen keine hohe Wertschätzung
genießen.
  Die Jugend ist die Heimstatt des Leidens und der Bedrängnis (mentalen
Zerrüttung). Sie kann mit einem Vogel verglichen werden, der mit den beiden
Flügeln der guten und schlechten Handlungen fliegt. Die Jugend ist wie der
Sandsturm, der die guten Eigenschaften des Menschen verweht und zer-
streut. Die Jugend erweckt alle Arten des Bösen im Herzen und vertreibt die
guten Eigenschaften, die noch existieren mögen; sie ist daher nichts anderes
als der Anstifter des Üblen. Sie lässt Täuschung und blinde Anhaftung entste-
hen. Jugend erscheint dem Körper begehrenswert, ist aber für das Gemüt die
Quelle der Zerstörung. In der Jugend wird der Mensch vom Wahnbild des
Glücks verführt, welches ihn unmittelbar zu der Quelle des Kummer geleitet.
Daher bin ich gar nicht erfreut über die Jugend.


                                      30
Ach! Und auch wenn die Jugend den Körper verlässt, brennen die Leiden-
           schaften, die sie im Menschen erweckt hat, sogar noch heftiger und führen
           nur allzu schnell die Zerstörung herbei. Wer sich an dieser Jugend erfreut, ist
           kein Mensch, sondern nur ein stumpfes Tier, dass sich in ein menschliches
           Gewand gekleidet hat.
             Nur diejenigen verdienen es, bewundernswert und große Seelen genannt
           und als wahre Menschen betrachtet zu werden, die sich nicht von den Übeln
           der Jugend überwältigen ließen und diese Stufe des Lebens überwanden,
           ohne sich seinen Verführungen zu unterwerfen. Es ist wohl leicht, einen gro-
           ßen Ozean zu überqueren, aber das andere Ufer der Jugend zu erreichen,
           ohne von ihren Neigungen und Abneigungen beeinträchtigt zu werden, ist
           wahrhaftig eine schwierige Aufgabe.
             RùMA fuhr fort:
I:21, 22
             In der Jugend ist der Mensch ein Sklave der sexuellen Anziehung. In einem
           Körper, der tatsächlich nichts als ein Aggregat aus Fleisch, Blut, Knochen,
           Haaren und Haut ist, nimmt er irrigerweise Schönheit und Anmut wahr. Wenn
           diese „Schönheit” dauerhaft wäre, so hätte diese Illusion wohl einige Berech-
           tigung. Jedoch – oh weh! – sie dauert nicht allzu lange. Im Gegenteil, schon
           sehr bald wird das Fleisch, das vorher der Gegenstand der Anbetung war,
           wird die Anmut und Schönheit der Geliebten in die welke Hässlichkeit des
           Alters verwandelt. Und noch später wird es vom Feuer, von Würmern oder
           Geiern verzehrt. Solange es jedoch andauert, verbrennt die sexuelle Anzie-
           hung das Herz und die Weisheit des Menschen. Auf diese Weise wird die
           gesamte Schöpfung am Leben erhalten. Wenn diese Anziehung endet, dann
           endet auch dieses saæsāra (Zyklus von Geburt und Tod).
             Sobald das Kind seiner Kindheit überdrüssig geworden ist, nimmt die Ju-
           gend ihre Stelle ein. Endet die Jugendzeit mit ihren Plagen der Unzufrieden-
           heit und Frustration, so wird sie vom Altern abgelöst – wie grausam das Le-
           ben doch ist! So wie der Luftzug einen Tautropfen vom Blatt fegt, so beseitigt
           das Alter den Körper. So wie ein Tropfen Gift den ganzen Körper zersetzt,
           wenn er einmal in diesen eingedrungen ist, so zersetzt die Senilität schon
           bald den gesamten Körper, lässt ihn zusammenbrechen und zu einem Gegen-
           stand des Gelächters der Leute werden.
             Obwohl der alte Mann seine Wünsche physisch nicht mehr befriedigen
           kann, wachsen und gedeihen diese in ihm nach wie vor. Erst jetzt, wo es
           schon zu spät ist, um noch den Lauf seines Lebens und seine Lebensweise zu
           ändern oder sein Leben bedeutungsvoller zu gestalten, beginnt er sich zu
           fragen: „Wer bin ich? Was sollte ich tun?“ usw. Mit dem Anbruch der Senilität
           beginnen sich nun alle die peinigenden Zeichen des körperlichen Zusammen-
           bruchs wie Keuchen, weiße Haare, Kurzatmigkeit, Verdauungsstörungen und
           Auszehrung zu zeigen.
             Und vielleicht betrachtet der Gott des Todes das silberne Haupt des alten
           Mannes schon bald wie eine gesalzene Melone und eilt, um sie zu besitzen.



                                                 31
Wie die Fluten des Wassers die Wurzeln der Bäume am Ufer fortreißen, so
durchtrennt die Senilität unnachsichtig die Wurzeln des Lebens. Es folgt der
Tod, der das Leben mit sich nimmt. Die Senilität ist wie der königliche Diener,
der dem König, dem Tode, vorangeht.
  Oh wie rätselhaft und bestürzend dies alles doch ist! Sogar jene, die nie von
ihre Feinden besiegt wurden und ihre Zuflucht in unerreichbaren Berggipfeln
gefunden haben – auch sie werden von diesem Dämon gequält, der als Senili-
tät und Degeneration bekannt ist.
  RùMA fuhr fort:                                                                     I:23, 24
  Alle Freuden in dieser Welt sind Täuschung, so wie der Genuss eines Irren,
der sich am Geschmack einer im Spiegel erscheinenden Frucht erfreut. Alle
Hoffnungen des Menschen in dieser Welt werden unablässig von der Zeit
zerstört. Es ist die Zeit, oh Weiser, die alles in dieser Welt verbraucht – es gibt
nichts in der Schöpfung, was sich außerhalb ihrer Reichweite befindet. Die
Zeit ist es, die zahllose Universen erschafft – und schon nach kurzer Zeit hat
sie alles wieder zerstört.
  Die Zeit erlaubt in ihrer teilweisen Manifestation als das Jahr, das Zeitalter
und die Epoche einen kleinen Blick auf sich selbst, aber ihre wahre Natur ist
verborgen. Es ist diese Zeit, die alles überragt. Die Zeit ist gnadenlos, uner-
bittlich, grausam, allesverschlingend und unersättlich. Die Zeit ist der größte
Zauberer – voll von irreführenden Tricks. Die Zeit selbst kann nicht erforscht
werden – wie viele Male sie auch zergliedert wird, sie überlebt doch stets und
zeigt sich als unzerstörbar. Ihr Appetit auf alles und jedes ist unstillbar. Sie
verschlingt die kleinsten Insekten, die größten Berge und sogar den König des
Himmels! So wie der kleine Junge zum Zeitvertreib mit einem Ball spielt, so
spielt die Zeit zu ihrem Zeitvertreib mit den beiden Bällen, die als Sonne und
Mond bekannt sind. Es ist in der Tat die Zeit allein, die als Zerstörer des Uni-
versums (Rudra), als Schöpfer der Welt (Brahmā), als König des Himmels
(Indra), als Gebieter des Wohlstands (Kubera) und als das Nichts der kosmi-
schen Auflösung erscheint. Es ist in der Tat diese Zeit, die beständig und
wiederholt das Universum erschafft und auflöst. So wie der große und mäch-
tige Berg auf der Erde ruht, so ruht diese allmächtige Zeit auch im absoluten
Sein (Brahman).
  Obwohl die Zeit unermüdlich neue Universen erschafft, verbraucht sie sich
weder noch erfreut sie sich daran. Weder kommt sie noch geht sie; weder
steigt sie auf noch geht sie unter.
  Die Zeit, der Genießer, sieht die Objekte dieser Welt, wie sie im Feuer der
Sonne reifen. Befindet sie sie für reif, dann isst sie sie! Alle Epochen der Zeit
waren und sind zur Freude der Zeit bedeckt mit den lieblichen Edelsteinen
der lebendigen Wesen, die sie spielerisch auslöscht, wenn ihre Zeit gekom-
men ist.
  Für den Lotos der Jugend ist die Zeit der Einbruch der Nacht; für den Ele-
fanten der Lebenszeit ist die Zeit der Löwe. Es gibt in dieser Welt nichts Ho-


                                       32
hes oder Niedriges, was die Zeit nicht zerstören würde. Und wenn all dieses
           schließlich zerstört ist, so wird die Zeit selbst jedoch niemals zerstört. So wie
           ein Mensch nach der Tätigkeit des Tages in Schlaf fällt, als ob er bewusstlos
           sei, so schläft oder ruht auch die Zeit nach der Auflösung des Kosmos und
           behält die Fähigkeit zur Neuerschaffung der Welten verborgen in sich. Nie-
           mand weiß wirklich, was die Zeit ist.
             RùMA fuhr fort:
I:25, 26
              Abgesehen von der Zeit, die ich gerade beschrieben habe, gibt es noch eine
           weitere Zeit, die für Geburt und Tod verantwortlich ist. Die Leute bezeichnen
           sie als die Gottheit, die über den Tod herrscht.
              Und es gibt noch einen weiteren Aspekt der Zeit, der k−tānta genannt wird
           — es ist dies das Ende der Tätigkeit, ihr unvermeidliches Ergebnis oder ihre
           Frucht. Dieser k−tānta ist wie der Tänzer, der niyati (das Gesetz der Natur) als
           sein Weib hat. Beide zusammen erlegen allen Wesen die unvermeidbare
           Frucht ihrer Handlungen auf. Während der Existenz des Universums sind sie
           unermüdlich in ihrem Schaffen, unbeirrbar in ihrer Wachsamkeit und un-
           nachgiebig in ihrem Eifer.
              Wenn die Zeit also in diesem Universum tanzt und alles erschafft und zer-
           stört – welche Hoffnung können wir dann haben? K−tānta hat sogar diejeni-
           gen im Griff, deren Glaube stark ist, und macht sie ruhelos. K−tānta ist die
           dafür verantwortlich, dass alles in dieser Welt sich in konstantem Wandel
           befindet; eine Dauerhaftigkeit gibt es hier nicht.
              Alle Wesen in dieser Welt sind vom Übel berührt, alle Beziehungen bedeu-
           ten Bindung, alle Freuden sind in Wirklichkeit große Leiden, und alle Wün-
           sche nach dem Glück sind tatsächlich nur Luftspiegelungen. Die eigenen
           Sinne sind die Feinde; die Wirklichkeit wurde unwirklich (unerkennbar); der
           eigene Verstand wurde zum schlimmsten Feind. Der Ich-Sinn ist die Hauptur-
           sache alles Bösen. Die Weisheit ist machtlos; alle Tätigkeiten führen zum
           Missvergnügen, und die Freude ist rein sexuell. Die Intelligenz wird vom
           Egoismus regiert anstatt der Egoismus von der Intelligenz. Daher kann es im
           Gemüt des Menschen weder Frieden noch Glück geben. Die Jugend schwin-
           det. Die Gesellschaft der Heiligen ist selten. Es gibt keinen Ausweg aus diesem
           Leiden. Nirgendwo ist die Erkenntnis der Wahrheit zu beobachten. Weder
           freut man sich über das Gedeihen und das Glück anderer, noch kann in ir-
           gendeinem Herzen Mitgefühl gefunden werden. Die Menschen werden von
           Tag zu Tag schlechter. Schwäche hat die Stärke überwunden, Feigheit den Mut
           überwältigt. Schlechte Gesellschaft ist leicht zu haben, gute dagegen kaum zu
           finden. Ich frage mich, wohin die Zeit die Menschlichkeit führen wird.
              Ihr Heiligen, diese rätselhafte Macht, die diese Schöpfung regiert, zerstört
           sogar die mächtigsten Dämonen, raubt auch das, was aufgrund seiner schein-
           baren Dauerhaftigkeit für ewig angesehen wird, und tötet sogar die Unsterb-
           lichen. Kann es da für einfache Menschen wie mich irgendeine Hoffnung
           geben? Dieses rätselhafte Wesen scheint in allen zu wohnen, und sein indivi-



                                                  33
dualisierter Aspekt wird als der Ich-Sinn bezeichnet. Anscheinend gibt es
       nichts, was von ihm nicht zerstört wird. Das gesamte Universum befindet sich
       unter seiner Herrschaft – gewiss wird es immer die Oberhand behalten.
         RùMA fuhr fort:
I:27
         Oh Weiser, weder in der Kindheit, in der Jugend noch im Alter erfährt man
       hier das wahre Glück. Keines der weltlichen Objekte kann irgendjemandem
       echtes Glück verschaffen. Vergeblich hält das Gemüt in den Objekten dieser
       Welt Ausschau nach dem Glück. Nur der ist glücklich, der frei vom Ich-Sinn ist
       und nicht von der Begierde nach dem Sinnesvergnügen beherrscht wird. Aber
       eine solche Person ist in dieser Welt außerordentlich selten. Ich betrachte in
       der Tat keinen als Helden, der erfolgreich eine mächtige Armee niederwirft,
       aber ich achte den als Helden, der in der Lage ist, diesen Ozean des Verstan-
       des und der Sinne zu durchqueren.
         Ich vermag nicht das als einen „Gewinn” zu betrachten, was schon bald dem
       Verlust ausgesetzt ist. Es kann nur das ein Gewinn sein, was niemals verloren
       geht. Aber nirgendwo in dieser Welt ist ein solcher Gewinn zu finden, wie
       sehr man auch immer darum kämpfen mag. Ohne dass er danach sucht, set-
       zen dem Menschen wiederholte Missgeschicke und schon bald wieder verge-
       hende Erfolge nach. Ich bin bestürzt darüber, Heiliger Herr, wie ein Mensch
       den ganzen Tag lang vorgeblich stark beschäftigt umherstreifen und aus-
       schließlich mit selbstsüchtiger Tätigkeit beschäftigt sein kann und nicht eine
       gute Tat vollbringt, aber dennoch einen festen Schlaf in der Nacht findet!
         Und obwohl diese so stark umtriebigen Menschen alle ihre irdischen Feinde
       besiegen und sich mit Wohlstand und Luxus umgeben und sogar noch mit
       ihrem Glück prahlen, so sind sie doch von Anfang an des Todes gewesen. Wie
       der Tod einen solchen Menschen schließlich niederstreckt, das weiß nur Gott.
         In seiner Unwissenheit bindet sich der Mann an die Frau, den Sohn und die
       Freunde. Er hat keine Ahnung davon, dass diese Welt wie ein riesiges Pilger-
       lager ist, in dem zahllose Menschen, unter denen sich auch seine sogenannte
       Frau, sein Sohn und seine Freunde befinden, durch Zufall aufeinandertreffen.
         Diese Welt ist wie eine Töpferscheibe: Die Scheibe scheint stillzustehen,
       obwohl sie sich mit ungeheurer Geschwindigkeit dreht. Auf dieselbe Weise
       erscheint der getäuschten Person diese Welt als beständig, obwohl sie sich in
       Wahrheit andauernd im Wechsel befindet. Diese Welt ist wie ein giftiger
       Baum: Wer mit ihm in Berührung tritt, wird mit Bewusstlosigkeit geschlagen
       und betäubt. Alle Gesichtspunkte in dieser Welt sind mit Makeln behaftet; alle
       Länder dieser Erde sind Gebiete des Übels; alle Menschen auf dieser Erde
       sind dem Tode unterworfen; alle Handlungen sind irreführend.
         Äonen über Äonen sind bereits gekommen und gegangen, die nichts als Au-
       genblicke in der Zeit sind, da es in Wahrheit keinerlei Unterschied zwischen
       einer Epoche und einem Moment gibt, denn beide sind nur Maßzahlen der
       Zeit. Vom Standpunkt der Götter aus ist eine Epoche nur ein Augenzwinkern.
       Und auf dieselbe Weise ist auch diese ganze Erde nur eine Modifikation des


                                            34
Erdelements! Wie sinnlos, all unsere Hoffnungen und unseren Glauben auf sie
zu gründen!
  RùMA fuhr fort:                                                                I:28, 29
  Oh Heiliger! Was immer in dieser Welt als dauerhaft oder vergänglich er-
scheinen mag – all dies ist wie ein Traum. Was heute ein Krater ist, war ein-
mal ein Berg, und was der Berg heute ist, wird in kurzer Zeit ein Loch in der
Erde sein. Der dichte Urwald wird schon bald in eine große Stadt verwandelt,
und was jetzt noch fruchtbare Erde ist, wird in naher Zukunft öde Wüste sein.
So steht es auch mit dem wandelhaften Körper und mit dem eigenen Leben
und dem Fortkommen darin.
  Dieser Zyklus von Geburt und Tod scheint nichts als eine talentierte Tänze-
rin zu sein, deren Rock aus lebenden Seelen gewebt ist, und deren Gebärden
darin bestehen, die Seelen hinauf in den Himmel zu befördern, in die Hölle zu
stoßen oder zurück auf die Erde zu zerren. All die großartigen Taten der
Menschen und sogar die einflussreichen religiösen Riten, die hier ausgeführt
werden, sind schon bald nur noch eine Erinnerung. Die menschlichen Wesen
werden als Tiere geboren und umgekehrt, und sogar die Götter verlieren ihre
Göttlichkeit – was ist denn hier nicht ständigem Wechsel unterworfen? Ich
sehe, wie selbst der Schöpfer Brahmā, der Beschützer Vi«ïu, der Erlöser
Rudra und andere unaufhaltsam ihrer Vernichtung entgegengehen. Diese
Welt der Sinnesobjekte erscheint nur so lange erfreulich, als man nicht ihre
unvermeidliche Zerstörung erkannt hat. So wie ein Kind mit Lehm spielt und
verschiedene Dinge erschafft, so erschafft der Gebieter des Universums neue
Dinge und zerstört sie schon bald wieder.
  Es ist diese Erkenntnis der Fehler dieser Welt, die die unerwünschten Nei-
gungen meines Gemüts vernichtet hat. Ein Verlangen nach Sinnesvergnügen
taucht daher nicht länger in meinem Gemüt auf, so wie eine Fata Morgana
nicht auf der Oberfläche eines Gewässers erscheint. Diese Welt und ihre Ge-
nüsse kommen mir bitter vor. Ich bin nicht geneigt, in den Gärten der Freu-
den umherzuwandern; weder schätze ich die Gesellschaft der Frauen noch
den Erwerb von Reichtum. Ich wünsche im Frieden mit mir selbst zu verblei-
ben. Unablässig forsche ich nach: „Wie kann ich mein Herz ganz und für im-
mer von diesem wandelhaften Phantom abwenden, das man die Welt nennt?“
Weder verlange ich nach dem Tod noch nach dem Leben; ich bleibe wie ich
bin – frei vom Fieber der Leidenschaften. Was kann ich mit dem Königtum
tun, mit Vergnügen oder Wohlstand, die nichts als Spielzeuge des Ich-Sinns
sind, von dem ich frei bin?
  Wenn ich nicht jetzt mit der Weisheit vertraut werde – wann wird es je
wieder eine Gelegenheit dafür geben? Denn es ist die Nachgiebigkeit gegen-
über den Sinnesvergnügen, die das Gemüt so sehr vergiftet, dass die Wirkun-
gen mehrere Leben lang anhalten. Nur der Mensch der Selbsterkenntnis ist
frei davon. Daher, oh Weiser, bitte ich dich: Unterweise mich, so dass ich für
immer frei sein kann von Schmerz, Furcht und Qualen. Vertreibe mit dem
Licht deiner Lehre die Finsternis der Unwissenheit in meinem Herzen.


                                     35
RùMA fuhr fort:
I:30, 31
              Nachsinnend über das bedauernswerte Schicksal der Lebewesen, die in die
           furchterregende Grube endlosen Leides gefallen sind, bin ich von tiefer Trau-
           er erfüllt. Mein Gemüt ist verwirrt, mich schaudert, und bei jedem Schritt
           überkommt mich die Angst. Ich habe alles aufgegeben, aber ich bin nicht in
           der Weisheit gegründet. So bin ich teils gefangen und teils frei, wie ein Vogel
           mit einem kranken und einem gesunden Flügel. Ich bin wie ein Baum, der
           gefällt, aber nicht gänzlich von seiner Wurzel getrennt wurde. Ich wünsche
           mein Gemüt zu befrieden, verfüge aber nicht über die nötige Weisheit dafür.
              Ich bitte dich, sage mir: Worin besteht der Zustand oder die Verfassung, in
           der man keinerlei Kummer mehr erfährt? Wie kann jemand wie ich, der in die
           Welt und ihre Handlungen eingebunden ist, den höchsten Zustand von Frie-
           den und Seligkeit erreichen? Worin besteht die Haltung, mit der man fähig
           wird, unbeeinflusst von den verschiedenen Arten von Tätigkeiten und Erfah-
           rungen zu bleiben? Bitte kläre mich auf: Wie lebt ihr Weise, die erleuchtet
           seid, in dieser Welt? Wie kann der Verstand frei werden von Leidenschaft und
           Lust und eine Betrachtungsweise erlangen, in der die Welt gleichzeitig als das
           eigene Selbst und als so gering wie ein Grashalm angesehen wird? Die Le-
           bensweise welches Großen empfiehlst du uns zu studieren, um den Pfad der
           Weisheit kennenzulernen? Wie sollte man in dieser Welt leben? Heiliger Herr,
           unterweise mich in dieser Weisheit, mit deren Hilfe ich meinen rastlosen
           Verstand in die Lage versetze, so still wie ein Berg zu sein. Du bist ein er-
           leuchtetes Wesen – lehre mich, so dass ich nie wieder in Trauer versinke.
              Offensichtlich ist diese Welt voll von Sorge und Tod – wie kann sie eine
           Quelle der Freude werden, ohne dass sie unser Herz betäubt? Der Verstand
           ist offenbar voll von Unreinheiten – wie kann er gereinigt werden? Und von
           welchem großen Weisen bekommen wir das Mittel für die Reinigung? Wie
           kann man hier so leben, dass man nicht den Zwillingsbrüdern Liebe und Hass
           zum Opfer fällt? Ganz eindeutig gibt es hier ein Geheimnis, das einem ermög-
           licht, unberührt von Trauer und Leiden dieser Welt zu verbleiben, so wie
           Quecksilber unberührt vom Feuer bleibt, in welches es geworfen wird. Worin
           besteht das Geheimnis? Worin besteht das Geheimnis, das der Gewohnheit
           des Gemüts entgegenarbeitet, sich als dieses Universums vor unseren Augen
           auszubreiten?
              Wo sind die Helden, die sich selbst von der Täuschung befreit haben? Und
           welchen Lehren folgten sie, um sich selbst zu befreien? Solltest du jedoch zu
           dem Schluss kommen, dass ich weder geeignet noch fähig bin, dieses zu ver-
           stehen, dann werde ich fasten bis zum Tode.
              VùLMýKI sagte:                                                                 I:32, 33
            Nachdem er so gesprochen hatte, verstummte Rāma.
            VùLMýKI sagte:
             Alle hier an diesem Hof Versammelten waren begeistert von Rāma’s Weis-
           heit und seinen leidenschaftlichen Worten, die die Illusionen des Verstandes


                                                 36
zu vertreiben vermochten. Sie hatten das Empfinden, nun selbst frei von allen
Zweifeln und allem irreführenden Verständnis zu sein. So tranken sie die
nektargleichen Worte Rāma’s mit großem Genuss. Wie sie so am Hof saßen
und Rāma's Worten zuhörten, erschienen sie nicht länger wie lebendige We-
sen, sondern wie gemalte Figuren eines Gemäldes – so still und voll hingeris-
sener Aufmerksamkeit.
  Wer hatte Rāma's Ausführungen gelauscht? Es waren dies Weise wie
Vāsi«Âha und Viśvāmitra, die Minister, die Mitglieder der königlichen Familie
einschließlich König Daśaratha, Bürger, Heilige, Diener, Vögel in Käfigen,
Haustiere, die Pferde des königlichen Stalles und die himmlischen Wesen
einschließlich der vollkommenen Weisen und der überirdischen Musiker. Und
ganz gewiss hatten auch der König des Himmels und die Herrscher der Un-
terwelt Rāma zugehört.
  Beglückt von Rāma's Rede, riefen sie wie alle aus einem Munde „Bravo, bra-
vo!“ mit einer einzigen, den Luftraum erfüllenden, freudigen Stimme. Ein
Blumenregen kam vom Himmel herunter und segnete Rāma. Alle Versammel-
ten des Hofes ließen ihn hochleben. Nur Rāma, erfüllt von Leidenschaftslosig-
keit und Weltentsagung, konnte diese Worte von sich geben, die nicht einmal
der Lehrer der Götter hätte äußern können. Wir konnten glücklich genannt
werden, ihm zuhören zu dürfen. Während wir ihm lauschten, schien es so, als
stiege in uns allen das tiefe Empfinden auf, dass es nicht einmal im Himmel
wahres Glück geben könne.
  DIE VOLLKOMMENEN WEISEN in der Versammlung erklärten:
  Gewiss sind die Antworten, die die Heiligen auf die gewichtigen und weisen
Fragen Rāma’s geben werden, es wert, von allen Wesen des Universums ver-
nommen zu werden. Oh ihr Weisen – kommt, kommt! Wir wollen uns alle am
Hofe des Königs Daśaratha versammeln, um die Antwort des höchsten Wei-
sen Vāsi«Âha zu hören.
 VùLMýKI sagte:
  Dies vernehmend, beeilten sich die Weisen der Welt, den Hof zu erreichen,
an dem sie würdig empfangen, geehrt und zu ihrem Platz in der Versammlung
geleitet wurden. Dies ist gewiss: Sollte sich in unseren Herzen diese erhabene
Weisheit Rāma's nicht widerspiegeln, dann sind wir in der Tat nichtswürdig.
Was dann auch immer unsere Fähigkeiten und Eignungen sein mögen – wir
hätten doch nichts anderes als den Verlust unserer Intelligenz bewiesen!

                                    ***




                                     37
Teil II: Über die Qualitäten des Suchers

Die Geschichte von Śuka

 VIŚVùMITRA sagte:                                                                II:1
  Oh Rāma, du bist in der Tat der Beste unter den Weisen. Es gibt wahrhaftig
nichts mehr, was du noch zu lernen hättest. Jedoch benötigt deine Erkenntnis
eine Bestätigung, so wie die Selbsterkenntnis von Śuka der Bestätigung durch
Janaka bedurfte, bevor Śuka den Frieden finden konnte, der das Verstehen
übersteigt.
  RùMA fragte:
  Oh Heiliger! Bitte teile mir mit, wie es dazu kam, dass Śuka trotz seiner Er-
kenntnis keinen Frieden fand und wie er diesen später gefunden hat.
  VIŚVùMITRA sagte:
   Höre, oh Rāma. Ich werde dir nun diese für die Seele so erhebende Ge-
schichte des schon als Weisen geborenen Śuka, des Sohnes von Vedavyāsa,
erzählen, der jetzt hier neben deinem Vater sitzt.
   So wie du gelangte auch Śuka zur Wahrheit über diese Existenz, nachdem er
tief über die Flüchtigkeit der Welt nachgesinnt hatte. Da es sich jedoch um
selbsterworbene Erkenntnis handelte, konnte er sich selbst nicht ausdrück-
lich bestätigen: „dies ist die Wahrheit“. Gewiss befand er sich aber bereits in
einem Zustand von höchster und außerordentlicher Leidenschaftslosigkeit.
   Eines Tages suchte Śuka seinen Vater Vedavyāsa auf und fragte ihn: „Mein
Herr, wie kam diese Vielfalt der Weltentstehung ins Sein, und wie wird sie
einmal enden?“ Vedavyāsa gab ihm auf diese Frage zwar eine bis in die Ein-
zelheiten gehende Antwort, aber Śuka dachte: ‚All dies weiss ich bereits; was
ist schon neu daran?’ und war nicht beeindruckt. Vedavyāsa spürte dies so-
gleich und sagte daher zu Śuka: „Mein Sohn, mehr darüber vermag ich dir
nicht zu sagen. Es gibt aber auf dieser Erde einen königlichen Weisen namens
Janaka, der mehr darüber weiß. Gehe zu ihm und befrage ihn.“
   So kam Śuka schließlich zu Janaka’s Palast. Janaka, den die Palastwachen
von der Ankunft des jungen Śuka unterrichtet hatten, beachtete ihn jedoch
eine ganze Woche lang nicht. Während dieser Zeit harrte Śuka geduldig vor
dem Palast aus. In der folgenden Woche ließ Janaka Śuka dann in den Palast
ein, wo ihn Tänzerinnen und Musiker empfingen. Auch davon blieb Śuka
ungerührt. Schließlich wurde Śuka die Audienz beim König gewährt. Janaka
sagte: „Du kennst die Wahrheit bereits; was kann ich dir darüber hinaus noch
mitteilen?“ Śuka wiederholte nun die Frage, die er auch seinem Vater gestellt
hatte, und Janaka gab daraufhin dieselbe Antwort, die auch sein Vater gege-
ben hatte. Śuka erwiderte: „Ich wusste dies bereits, mein Vater hat es mir
gesagt, und auch die Schriften bestätigen es. Nun tust du mir diese Wahrheit



                                      38
kund, die darin besteht, dass die Vielfalt aufgrund der mentalen Modifikatio-
          nen entsteht und aufhört, wenn diese enden.“ Nachdem seine Selbsterkennt-
          nis bestätigt worden war, erlangte Śuka den Frieden und verblieb in
          nirvikalpa samādhi.
            VIŚVùMITRA sagte zu den versammelten Weisen:
II:2, 3
            Wie Śuka hat auch Rāma die höchste Weisheit erlangt. Das sicherste Anzei-
          chen für einen Menschen mit der höchsten Weisheit besteht darin, dass er
          gleichgültig gegenüber den Vergnügen der Welt ist, da bei ihm alle subtilen
          Neigungen aufgehört haben. Solange diese Neigungen stark sind, gibt es
          Bindung; sobald sie aufgehört haben, ist die Befreiung da. Der ist wahrhaftig
          ein befreiter Weiser, der von Natur aus nicht von den Sinnesvergnügen be-
          herrscht und nicht durch Ruhm oder andere Wünsche nach Belohnung ange-
          spornt wird. Und ich bitte darum, dass der Weise Vāsi«Âha Rāma so unter-
          weisen möge, dass er sich in dieser Weisheit verankert und auch wir inspi-
          riert werden. Gewiss wird diese Unterweisung zur größten Weisheit und zur
          besten aller Schriften werden, da sie von einem erleuchteten Weisen dem
          qualifizierten, leidenschaftslosen Schüler erteilt wird.
            VASIåèHA sagte:
           Gewiss werde ich deiner Bitte nachkommen. Und, oh Rāma, ich werde dir
          nun die Weisheit darlegen, dir mir vom göttlichen Schöpfer Brahmā selbst
          kundgetan worden ist.
           RùMA sagte:
            Heiliger Herr, bitte teile mir zuvor mit: Weshalb wurde Vedavyāsa als nicht
          befreit angesehen, während sein Sohn Śuka dagegen als befreiter Weiser
          betrachtet wurde?
            VASIåèHA sagte:
            Oh Rāma, zahllos sind die Universen, die ins Leben gerufen und aufgelöst
          worden sind. In der Tat, sogar die zahllosen Universen, die in diesem Moment
          existieren, können unmöglich erfasst werden. Im eigenen Herzen jedoch kann
          all dies unverzüglich realisiert werden, denn diese Universen sind die Schöp-
          fung der Wünsche, die im Herzen auftauchen wie Luftschlösser. Der Mensch
          beschwört diese Welt in seinem Herzen herauf. Während er lebt, verstärkt er
          diese Illusion. Wenn er stirbt, beschwört er eine neue, jenseitige Welt herauf
          und erfährt dann diese. So erscheinen also Welten innerhalb von Welten, wie
          die Blätter, die den Stamm einer Bananenpflanze bilden. Weder die Welt der
          Materie noch die Art und Weise der Entstehung sind wahrhaft wirklich – und
          doch empfinden die Lebenden und die Toten sie als real. Die Unwissenheit
          über diese Wahrheit erhält die Erscheinungen am Leben.
            Oh Rāma – in diesem kosmischen Ozean der Existenz tauchen hier und dort
          Lebewesen auf, die gleich manchen anderen sind, und wiederum tauchen
          solche auf, die sich von anderen unterscheiden. Der genannte Vedavyāsa ist
          der Dreiundzwanzigste in diesem Strom der Schöpfung. Er und andere Weise



                                               39
erlangen wieder und wieder die Verkörperung und Entkörperung. Manche
sind gleich oder verschieden von den anderen. In seiner augenblicklichen
Verkörperung ist Vedavyāsa jedoch ein befreiter Weiser. Diese befreiten Wei-
sen werden ebenfalls zahllose Male verkörpert und stellen Beziehungen mit
anderen her. Manchmal sind sie den anderen gleich, und dann wiederum sind
sie in ihrem Wissen, ihrem Verhalten usw. unterschiedlich.

                                     ***



Eigenbemühung

 VASIåèHA fuhr fort:                                                              II:4, 5
  Oh Rāma, so wie Wasser stets Wasser ist, unabhängig davon, ob es Wellen
darauf gibt oder nicht, so ist auch die Weisheit des befreiten Weisen, wie auch
immer sein äußeres Erscheinungsbild sein mag, stets dieselbe. Der Unter-
schied liegt allein in den Augen des unwissenden Beobachters.
  Daher, oh Rāma, höre, was ich dir jetzt zu sagen haben, denn diese Unter-
weisung wird ganz gewiss die Dunkelheit der Unwissenheit vertreiben.
  In dieser Welt wird jedweder Gewinn durch nichts anderes als durch Ei-
genbemühung erworben. Wo der Misserfolg auftritt, dort hat es mit Sicher-
heit einen Mangel an Bemühung gegeben. Dies sollte gänzlich klar sein. Was
man jedoch gemeinhin als „Schicksal“ (das im Text verwendete Wort für
„Schicksal“ lautet „daivam“, was auch „Gott“ bedeutet) bezeichnet, ist rein
fiktiv und nirgends erwiesen.
  Eigenbemühung, Rāma, ist diejenige mentale, verbale und physische Tätig-
keit, die in Übereinstimmung mit den Anweisungen einer heiligen, in den
Schriften wohl bewanderten Person ist. Nur aufgrund von Bemühungen die-
ser Art wurde Indra zum König des Himmels und Brahmā zum Schöpfer, und
auch die anderen Gottheiten erlangten nur nach ihrem Verdienst ihren Platz.
  Die Eigenbemühung besteht aus zwei Arten - die Bemühungen aus vergan-
genen Geburten und die aus der jetzigen Geburt. Die letztere arbeitet der
vorherigen entgegen. „Schicksal” ist nichts anderes als die Eigenbemühung
aus einer vergangenen Verkörperung. Zwischen diesen beiden gibt es in der
jetzigen Verkörperung einen andauernden Konflikt. Dabei triumphiert derje-
nige Anteil, der sich als der stärkere erweist.
  Die Eigenbemühung, die nicht in Übereinstimmung mit den Schriften ist,
wird durch Täuschung angetrieben. Wenn es ein Hindernis bei der Verwirkli-
chung der Eigenbemühung gibt, sollte man untersuchen, ob eine auf Täu-
schung beruhende Tätigkeit vorliegt und diese Täuschung dann unverzüglich
beseitigen. Es gibt keine größere Macht als die rechte Handlung in der ge-
genwärtigen Situation. Daher sollte man stets seine Zuflucht zur Eigenbemü-


                                      40
hung nehmen, seine Zähne zusammenbeißen und das Böse durch Gutes und
das Schicksal durch Bemühung in der Gegenwart überwinden.
  Der faule Mensch ist schlimmer als ein Esel. Niemals sollte man der Faulheit
nachgeben, sondern stets nach der Erlangung der Befreiung trachten, denn
das Leben verebbt von Moment zu Moment. Niemals sollte man sich in den
Sinnesvergnügen suhlen, wie sich der Wurm im Eiter wälzt.
  Wer sagt: „Mein Schicksal hat mich genötigt, dies zu tun“, ist ohne Verstand
und die Göttin Fortuna verlässt ihn. Erwirb stattdessen Weisheit durch Ei-
genbemühung und erkenne, dass diese Eigenbemühung zu ihrem eigenen
Erfolg führt, nämlich zur direkten Verwirklichung der Wahrheit.
  Wenn es diese schreckliche Quelle des Bösen auf dieser Erde, die Faulheit,
nicht gäbe, würde es dann noch Analphabeten oder Arme geben? Nur an der
Faulheit liegt es, dass Menschen das Leben von Tieren führen müssen, im
Elend und in der Armut.
  VùLMýKI sagte:
  Inzwischen war es Zeit für die Abendgebete und die Versammlung löste
sich für diesen Tag auf.
  VASIåèHA begann die Unterweisung des zweiten Tages:                            II:6
  Wie die Bemühung, so das Ergebnis, oh Rāma – dies ist die Bedeutung von
Eigenbemühung. Außerdem ist dies auch als „Schicksal“ (göttlicher Wille)
bekannt. Wenn die Menschen vom Leiden betroffen sind, dann klagen sie: „oh
weh, welche Tragödie“ oder „oh weh, seht euch nur mein trauriges Los an“,
was in beiden Fällen dasselbe bedeutet. Was man Schicksal oder göttlichen
Willen nennt, ist nichts anderes als die Tätigkeit oder Eigenbemühung der
Vergangenheit. Jedoch ist die Gegenwart unendlich mächtiger als die Vergan-
genheit. Es sind in der Tat nur die Narren, die zufrieden mit den Früchten
ihrer vergangenen Bemühungen sind (die sie als das Ergebnis des göttlichen
Willens betrachten) und nicht nach der Eigenbemühung in der Gegenwart
streben.
  Wenn du bemerkst, dass die gegenwärtige Eigenbemühung manchmal
durch das Schicksal (oder den göttlichen Willen) durchkreuzt wird, dann
solltest du verstehen, dass die Eigenbemühung noch zu schwach ist. Ein
schwacher und stumpfsinniger Mensch sieht die Hand der Vorsehung, sobald
er sich einem starken und mächtigen Gegner gegenüber sieht, und unterliegt
ihm.
  Gelegentlich geschieht es, dass jemand ohne die geringste Eigenbemühung
einen großen Gewinn erlangt. So erwählt beispielsweise der Staatselefant (in
Übereinstimmung mit einer historischen Gepflogenheit) einen Bettler zum
Herrscher des Landes, dessen König unerwartet verstarb, ohne einen Erben
zu hinterlassen. Und dies ist gewiss weder ein Zufall noch irgendeine Art von
göttlicher Vorsehung, sondern nichts als die Frucht der Eigenbemühung des
Bettlers in seiner vergangenen Geburt.



                                     41
Manchmal geschieht es, dass die Bemühungen eines Bauern durch einen
          Hagelsturm zunichte gemacht werden. Ganz sicher waren hier die Kräfte des
          Hagelsturms größer als die Bemühungen des Bauern, und dieser Bauer sollte
          nun größere Anstrengungen unternehmen, um eine Wiederholung zu ver-
          meiden. Er sollte über den unvermeidbaren Verlust nicht klagen. Wenn sol-
          ches Klagen gerechtfertigt wäre, dann müsste man auch täglich über den
          unvermeidlichen Tod klagen! Der Weise sollte von Natur aus stets wissen,
          was durch Eigenbemühung erreicht werden kann und was nicht. Es ist jedoch
          nichts als Unwissenheit, all dies einer äußeren Macht zuzuschreiben und
          Dinge zu sagen wie: „Gott schickt mich in die Hölle oder in den Himmel“ oder
          „eine fremde Kraft hat mich veranlasst, dies zu tun“ usw. Von solchen unwis-
          senden Personen sollte man sich fernhalten.
            Man sollte sich selbst von Zuneigungen und Abneigungen befreien, sich um
          die rechte Eigenbemühung kümmern und die höchste Wahrheit erlangen,
          indem man versteht, dass Eigenbemühung nur ein anderer Name für göttli-
          chen Willen ist. Wir lehnen lediglich den Fatalisten ab. Nur das ist Eigenbe-
          mühung, was dem rechten Verständnis entspringt, welches sich im eigenen
          Herzen manifestiert und das Ergebnis der Lehren aus den Schriften und der
          Führung durch die Heiligen ist.
            VASIåèHA fuhr fort:
II:7, 8
             Oh Rāma, jeder sollte mit einem Körper frei von Krankheit und einem Ge-
          müt frei von Verwirrung nach der Selbsterkenntnis streben, damit er nicht
          wiedergeboren wird. Eigenbemühung dieser Art hat eine dreifache Wurzel
          und daher auch eine dreifache Frucht – nämlich ein inneres Erwachen der
          Intelligenz, eine Entscheidung im Gemüt und die physische Tätigkeit.
             Eigenbemühung basiert auf diesen dreien – die Kenntnis der Schriften, die
          Anweisungen der Lehrer und die eigene Bemühung. Das Schicksal (oder
          göttliche Fügung) hat hier keinerlei Zutritt. Wer also nach Erlösung verlangt,
          sollte durch andauernde Bemühung das unreine Gemüt hinlenken zur reinen
          Bemühung – dies ist die Essenz aller Schriften. Die Heiligen heben unermüd-
          lich dies hervor: Beschreite mit Ausdauer und Hartnäckigkeit den Pfad, der
          zum ewigen Guten führt. Und der weise Sucher weiß: Die Frucht meiner
          Anstrengungen wird allein von der Stärke meiner Eigenbemühung abhängen,
          und weder das Schicksal noch ein Gott können es anders befehlen. In der Tat
          ist es diese Eigenbemühung, die allein für alles verantwortlich ist, was der
          Mensch hier zu erlangen vermag. Aber sobald er im Missgeschick versunken
          ist, kommen die Leute und behaupten, um ihn zu trösten, dass er nur das
          Opfer des Schicksals sei. Eines dürfte offensichtlich sein: Um in die Fremde zu
          gehen, muss man eine Reise unternehmen, und um den Hunger zu befriedi-
          gen, nimmt man Nahrung zu sich – gewiss geschieht dies nicht aufgrund eines
          Schicksals. Noch niemand hat hierfür ein Schicksal als Ursache beobachtet,
          aber sehr wohl hat schon jeder erfahren, wie eine Handlung (gut oder böse)
          zu einem Ergebnis (gut oder böse) geführt hat. Daher sollte man schon in der
          Kindheit stets danach streben, das Gute (das Heil) im Menschen zu fördern,


                                                42
indem man auf intelligente Weise die Schriften studiert und anwendet, und
indem man die Gesellschaft der Heiligen sucht und die rechte Eigenbemü-
hung unternimmt.
  Das Schicksal oder die göttliche Bestimmung sind nur Konventionen, auf-
grund derer man als Wahrheit betrachtet, was nur durch wiederholte Be-
hauptung als wahr erklärt worden ist. Wenn der Gott oder das Schicksal
wahrhaftig für all dieses in der Welt verantwortlich sein sollte, welchen Sinn
hätte dann noch irgendeine Handlung (wie baden, sprechen oder geben)?
Und weshalb sollte man dann überhaupt noch irgendjemandem eine Unter-
weisung zukommen lassen? Nein – in dieser Welt ist alles, ausgenommen ein
Leichnam, aktiv. Und alle Aktivität erzielt ihr angemessenes Ergebnis. Nir-
gendwo hat jemand jemals das Schicksal oder die göttliche Verfügung gese-
hen.
  Zu ihrer eigenen Befriedigung benutzen die Leute Ausdrücke wie „ich wur-
de vom Schicksal oder der göttlichen Vorsehung gezwungen, dies oder das zu
tun“, aber dies ist nicht die Wahrheit. Wenn beispielsweise ein Astrologe
einem jungen Mann vorhersagt, dass er ein großer Gelehrter werde, wird
dann dieser junge Mann ein Gelehrter, ohne studiert zu haben? Nein. Weshalb
also an göttliche Fügung glauben? Rāma, dieser Weise Viśvāmitra wurde ein
Brahma-ã«i nur durch Eigenbemühung – alle von uns haben die Selbster-
kenntnis ausschließlich durch Eigenbemühung erworben. Weise daher den
Fatalismus zurück und verpflichte dich der Eigenbemühung.
  RùMA fragte:                                                                   II:9
  Herr, du bist gewiss der Kenner der Wahrheit. Bitte, sage mir, was die Leute
eigentlich mit Gott, Schicksal oder daivaæ meinen.
 VASIåèHA erwiderte:
  Die Früchte der Eigenbemühungen, welche man als gute und schlechte Re-
sultate vergangener Handlungen erfährt, wird von den Leuten Schicksal oder
daivaæ genannt. Die Leute betrachten außerdem auch das als Schicksal oder
daivaæ, was die gute oder schlechte Natur dieser Ergebnisse ausmacht. Wenn
du beispielsweise wahrnimmst, wie „diese Pflanze aus diesem Samen hervor-
keimt“, dann wird dies als ein Akt des erwähnten daivaæ betrachtet. Meine
Wahrnehmung besteht jedoch darin, dass das Schicksal nichts anderes als das
Ergebnis der eigenen Tätigkeit ist.
  Im Gemüt des Menschen liegen zahllose latente Neigungen verborgen. Es
sind diese Neigungen, die die verschiedenen Tätigkeiten physischer, verbaler
und mentaler Art entstehen lassen. Gewiss befinden sich die eigenen Tätig-
keiten stets in strikter Übereinstimmung mit diesen Neigungen, denn anders
kann es gar nicht sein. Eine Tätigkeit geschieht auf die folgende Weise: Die
Tätigkeit ist nicht verschieden von den am stärksten ausgeprägten latenten
Neigungen, und diese Neigungen wiederum sind nicht verschieden vom Ge-
müt, während der Mensch nicht verschieden vom Gemüt ist! Letztlich kann
man nicht eindeutig bestimmen, ob Kategorien wie das Gemüt, die latenten


                                     43
Neigungen, Tätigkeit oder Schicksal (daivaæ) wirklich oder unwirklich sind.
Die Weisen erwähnen sie daher stets nur im symbolischen Sinne.
 RùMA fragte dann:
  Heiliger Herr, wenn die latenten Neigungen aus der früheren Geburt mein
Handeln in der Gegenwart bestimmen, wie kann es denn dann eine Hand-
lungsfreiheit geben?
  VASIåèHA sagte:
  Rāma, alle aus den früheren Geburten mitgebrachten Neigungen bestehen
aus zwei Arten – reinen und unreinen. Die reinen führen zur Befreiung, und
die unreinen bringen einen in Schwierigkeiten. Ganz gewiss bist du Bewusst-
sein selbst – nicht leblose, tote Materie. Du bist daher durch keine andere
Tätigkeit als nur diejenige angetrieben, die du aus eigenem Willen unter-
nimmst. Daher hast du die völlige Freiheit, der Stärkung der reinen Neigun-
gen den Vorzug zu geben gegenüber den unreinen. Die unreinen müssen
dabei schrittweise aufgegeben und das Gemüt stetig aber behutsam, damit
keine heftigen Reaktionen entstehen, von ihnen abgewendet werden. Stärke
die guten Neigungen, indem du sie wieder und wieder durch entsprechende,
wiederholte Handlung ermunterst. Auf diese Weise werden die unreinen
Neigungen außer Gebrauch kommen und schwächer werden. Schon bald
wirst du dich guter Neigungen und Taten erfreuen können. Wenn du dann die
Macht der bösartigen Neigungen endgültig überwunden hast, so musst du
anschließend auch noch die guten Neigungen aufgeben. Dann wirst du die
höchste Wahrheit durch die Intelligenz erfahren, die den guten Neigungen
entspringt.
  VASIåèHA fuhr fort:                                                          II:10
  Die kosmische Ordnung, auf die sich die Menschen mit Namen wie Schick-
sal, daivaæ oder niyati beziehen, und die sicherstellt, dass jede Bemühung
mit ihrer angemessenen Frucht belohnt wird, gründet auf der allgegenwärti-
gen und allmächtigen Allwissenheit (die als Brahman bezeichnet wird). Halte
daher durch Eigenbemühung die Sinne und das Gemüt im Zaum, und lausche
ruhig und mit großer Aufmerksamkeit dem, was ich dir sagen werde.
  Diese Erzählung handelt von der Befreiung. Indem du ihr zusammen mit
den anderen hier versammelten Suchern lauschst, wirst du dieses Höchste
Sein erkennen, in dem es weder Leid noch Zerstörung gibt. Enthüllt wurde
dies mir in einem früheren Leben vom Schöpfer Brahmā selbst.
  Rāma, die allgegenwärtige Allwissenheit oder das kosmische Sein leuchtet
auf ewig in allen Lebewesen. Sobald in diesem kosmischen Sein eine Schwin-
gung entsteht, wird Gott Vi«ïu geboren; so wie eine Welle auf der Oberfläche
des Ozeans erscheint, wenn diese aufgerührt wird. Aus diesem Vi«ïu wird
dann Brahmā, der Schöpfer, geboren. Brahmā beginnt sodann, all die zahllo-
sen Formen des Belebten und Unbelebten, der fühlenden und nichtfühlenden
Wesen des Universums zu erschaffen. Und das Universum ist wieder so, wie
es vor der kosmischen Auflösung war.


                                    44
Der Schöpfer sah, dass alle Lebewesen im Universum Krankheit und Tod,
        Schmerz und Freude, unterworfen waren. In seinem Herzen entstand großes
        Mitgefühl und er suchte nach einem Weg, der die lebenden Wesen aus all dem
        herauszuführen vermochte. Daraufhin rief er Pilgerorte und edle Tugenden
        wie Askese, Wohltätigkeit, Wahrhaftigkeit und rechtes Betragen ins Leben.
        Jedoch erwiesen sich diese als unzureichend, denn sie konnten dem Leiden
        der Menschen nur zeitweise Erleichterung verschaffen und keinerlei endgül-
        tige Befreiung vom Kummer gewähren.
           Nachdem er hierüber nachgesonnen hatte, erschuf der Schöpfer mich. Er
        zog mich zu sich und legte die Wolke der Unwissenheit auf mein Herz. Sofort
        vergaß ich meine wahre Natur und meine Identität. Ich fühlte mich elend. Ich
        flehte den Schöpfer Brahmā, meinen eigenen Vater, an, mir den Ausweg aus
        dieser Misere zu zeigen. Versunken im Elend war ich unfähig und unwillig,
        irgend etwas zu tun – ich blieb träge und müßig.
           Als Erwiderung meines Gebets enthüllte mir mein Vater das wahre Wissen,
        das unverzüglich den Schleier der Unwissenheit, den er selbst über mich
        ausgebreitet hatte,lüftete. Daraufhin sprach der Schöpfer zu mir: „Mein Sohn,
        ich verhüllte das Wissen und ich enthüllte es wieder, so dass du seine Herr-
        lichkeit erfahren mögest, denn nur so kannst du die Qualen der unwissenden
        Wesen verstehen und ihnen beistehen.“ Ausgestattet mit dieser Erkenntnis,
        Rāma, bin ich hierher gekommen, und ich werde hier sein bis zum Ende der
        Schöpfung.
           VASIåèHA fuhr fort:
II:11
           In jedem neuen Zeitalter erschafft der Schöpfer aus freien Stücken ver-
        schiedene Weise wie mich, um der spirituellen Erleuchtung aller zu dienen.
        Und zur Aufrechterhaltung der gerechten Ordnung der täglichen Pflichten
        aller erschafft Brahmā darüber hinaus die Könige, die gerecht und weise über
        Teile der Erde herrschen. Diese Könige werden jedoch schon bald durch die
        Lust nach Macht und Vergnügen verdorben, und Interessenskonflikte führen
        zu Kriegen, welche in Trauer und Reue enden. Um ihre Unwissenheit zu be-
        seitigen, pflegen die Weisen sie in der spirituellen Weisheit zu unterrichten.
        In den alten Zeiten, oh Rāma, empfingen die Könige diese Weisheit und
        schätzten sie auch. Aus diesem Grunde war dieselbe als Rāja-Vidyā, die könig-
        liche Wissenschaft, bekannt.
           In deinem Herzen ist die höchste Form der Leidenschaftslosigkeit erwacht,
        geboren aus Unterscheidung, oh Rāma, und diese ist der Leidenschaftslosig-
        keit, die aus zufälligen Umständen oder großem Ekel entstanden ist, überle-
        gen. Eine Leidenschaftslosigkeit dieser Art ist gewiss nur der Gnade Gottes zu
        verdanken. Es ist diese Gnade, die mit der Reife des Unterscheidungsvermö-
        gens in genau dem Moment zusammentrifft, wenn im Herzen die Leiden-
        schaftslosigkeit entsteht.
           Solange nicht die höchste Wahrheit im Herzen dämmert, bleibt der Mensch
        in diesem Rad von Geburt und Tod gefangen. Höre nun bitte meiner Darle-
        gung dieser Weisheit mit aufmerksamem Gemüt zu.


                                             45
Diese Weisheit zerstört den Wald der Unwissenheit. Solange man in diesem
Wald umherstreift, erfährt man nichts als Verwirrung und endlos erschei-
nendes Leiden. Daher sollte man zu einem erleuchteten Lehrer gehen und
durch richtige Fragen mit der richtigen Haltung die Lehre ans Licht beför-
dern. Dann wird sie zu einem integralen Teil des eigenen Seins werden. Der
Dummkopf stellt respektlos bedeutungslose Fragen, und der größte Narr ist,
der die Weisheit des Weisen achtlos fortwirft. Gewiss ist derjenige nicht als
Weiser zu bezeichnen, der die müßigen Fragen eines närrischen Fragestellers
beantwortet.
   Oh Rāma – du bist wohl der Beste unter den Suchern, denn du hast gründ-
lich über die Wahrheit nachgedacht und bist von der höchsten Form der
Leidenschaftslosigkeit inspiriert. Und ich bin sicher, dass das, was ich dir nun
mitteilen werde, seinen festen Platz in deinem Herzen erlangen wird. Mit
Entschiedenheit sollte man darum kämpfen, der Weisheit ihren Thron im
eigenen Herzen zu errichten, denn das Gemüt ist unruhig wie ein Affe. Und
man sollte auch die Gesellschaft von Unweisen meiden.
   Rāma, über den Einlass ins Reich der Freiheit (Mok«a) wachen vier Tor-
wächter. Es sind dies die Selbstbeherrschung, der Geist der Selbsterfor-
schung, die Zufriedenheit und die gute Gesellschaft. Der weise Suchende
sollte sich eifrig um die Freundschaft aller dieser Torwächter oder zumindest
um die von einem bemühen.
   VASIåèHA fuhr fort:                                                             II:12, 13
  Mit einem reinen Herzen und einem aufgeschlossenen Verstand, frei von
der Wolke der Zweifel und der Ruhelosigkeit des Gemüts, lausche der Darle-
gung der Natur und der Mittel der Befreiung, oh Rāma. Denn solange das
Höchste Sein nicht verwirklicht ist, werden die furchtbaren Schrecken von
Tod und Geburt nicht enden. Wenn diese tödliche Schlange, die als die Unwis-
senheit des Lebens bezeichnet wird, nicht hier und jetzt überwältigt wird,
wird endloses Leiden nicht nur in diesem, sondern auch in zahllosen Leben
danach entstehen. Ignorieren kann man dieses Leiden nicht, aber man kann
es mit den Mitteln der Weisheit, die ich dir nun mitteile, überwinden.
  Oh Rāma, wenn du einmal diese Qual der Wiedergeburt (saæsāra) über-
wunden hast, dann wirst du auf dieser Erde wie ein Gott leben, wie Brahmā
oder Vi«ïu! Denn wenn die Täuschung gegangen und die Wahrheit mit den
Mitteln der Erforschung der eigenen, wahren Natur verwirklicht worden ist,
wenn das Gemüt befriedet ist und das Herz sich in die höchste Wahrheit
aufschwingt, wenn alle störenden Gedankenwellen im Verstand sich gelegt
haben und ein ununterbrochener Strom von Frieden herrscht und das Herz
voll von der Seligkeit des Absoluten ist, wenn somit die Wahrheit im eigenen
Herzen geschaut worden ist – dann wird diese Welt wahrlich die Heimstatt
der Freude.
  Eine solche Person hat nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren. Sie ist
unbefleckt von den Makeln des Lebens, unberührt von seinen Sorgen. Weder



                                      46
tritt diese Person in die Existenz noch verlässt sie diese, obwohl sie dies in
den Augen der Zuschauer zu tun scheint. Auch religiöse Vorschriften sind für
sie unnötig geworden. Sie ist nicht mehr von vergangenen Neigungen betrof-
fen, da diese ihre Antriebskraft verloren haben. Das Gemüt dieser Person hat
seine Ruhelosigkeit verloren; es ruht in der Seligkeit, die seine eigentliche
Natur ist. Solche Seligkeit ist nur durch die Selbsterkenntnis erreichbar und
mit keinem anderen Mittel. Daher sollte man sich konstant der Selbster-
kenntnis verpflichten – dies allein ist die Pflicht des Menschen.
  Derjenige, der die heiligen Schriften und die heiligen Männer missachtet,
wird niemals Selbsterkenntnis erlangen. Eine solche Dummheit Art ist weit-
aus schädlicher als sämtliche Krankheiten, denen man auf dieser Welt ausge-
setzt ist. Daher sollte man demütig dieser Schrift lauschen, die den Zuhörer
zur Selbsterkenntnis führen wird. Wer diese Schrift empfängt, der wird nie
wieder in das finstere Loch der Unwissenheit fallen. Oh Rāma, wenn du dich
vom Kummer des saæsāra (des Lebenszyklus) befreien willst, dann empfan-
ge die heilsamen Unterweisungen von einem Weisen wie mir und sei frei.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Um diesen ungeheuren Ozean von saæsāra (des Lebenszyklus) zu überque-
ren, sollte man Zuflucht zu dem nehmen, was ewiglich und wandellos ist. Nur
der ist der Beste unter den Menschen, oh Rāma, dessen Gemüt im Ewigen
wohnt und der daher vollkommen selbstbeherrscht und im Frieden ist. Er
vermag zu sehen, wie sich Freude und Schmerz gegenseitig jagen und aufhe-
ben, und nur in dieser Weisheit sind Selbstbeherrschung und Frieden zu
finden. Wer dies nicht zu erkennen vermag, schläft in einem brennenden
Haus.
  Wer auch immer diese Weisheit des Ewigen hier zu erlangen versteht, wird
befreit vom saæsāra und nicht wieder in Unwissenheit geboren. Man mag
nun zweifeln, ob eine solche wandellose Wahrheit tatsächlich existiert. Sollte
dies nicht der Fall sein, dann wäre es gut, über die Natur des Lebens nachzu-
denken. Denn nach dem Ewigen zu suchen, mildert die Schmerzen des Le-
bens, die durch seine fortwährende Wechselhaftigkeit erzeugt werden. Sollte
diese Wahrheit jedoch tatsächlich existieren, dann wird man durch ihre Er-
kenntnis frei.
  Das Ewige wird nicht durch Gottesdienst und Rituale, durch Pilgerreisen
oder Wohlstand erlangt. Es wird nur durch die Eroberung des Gemüts, durch
die Kultivierung der Weisheit erlangt. Daher sollte wahrhaftig jeder – ob
Götter, Halbgötter oder Menschen – beständig (beim Gehen, Stehen und sogar
im Fallen) nach der Eroberung des Gemüts und der Selbstbeherrschung
trachten, die die Früchte der Weisheit sind.
  Sobald das Gemüt im Frieden, rein, still, frei von Täuschung oder Wahn, klar
und frei vom Verlangen ist, wünscht es nichts mehr und weist nichts zurück.
Darin besteht die Selbstbeherrschung oder die Eroberung des Gemüts – einer
der vier Torwächter der Befreiung, die ich früher erwähnt habe.



                                     47
Aus der Selbstbeherrschung fließt alles Gute und Verheißungsvolle. Selbst-
        beherrschung zerstreut alles Böse. Kein Gewinn, kein Vergnügen in dieser
        Welt oder im Himmel ist vergleichbar mit der Wonne der Selbstbeherr-
        schung. Die Freude, die man in der Gegenwart des Selbstbeherrschten emp-
        findet, ist unvergleichlich. Von allen wird ihm spontan Vertrauen entgegenge-
        bracht. Niemand hasst ihn, nicht einmal Dämonen und Kobolde.
          Selbstbeherrschung, oh Rāma, ist das beste Hilfsmittel gegen alle physi-
        schen und mentalen Beschwerden. Mit Selbstbeherrschung schmeckt sogar
        die Nahrung, die du isst, besser, andernfalls ist sie nur bitter. Wer den Har-
        nisch der Selbstbeherrschung trägt, wird vom Kummer nicht getroffen.
          Wer beim Hören, Berühren, Sehen, Riechen und Schmecken dessen, was als
        erfreulich und unerfreulich angesehen wird, weder erfreut noch unerfreut ist
        – dieser ist wahrhaftig selbstbeherrscht. Wer alle Wesen mit demselben
        Gleichmut betrachtet und die Empfindungen von Freude und Schmerz unter
        Kontrolle gebracht hat – dieser ist wahrhaftig selbstbeherrscht. Wer, obwohl
        er unter der Menge lebt, völlig unbeeinflusst von dieser ist und weder freudi-
        ge Erregung noch Abscheu verspürt, wie im Tiefschlaf – dieser ist wahrhaftig
        selbstbeherrscht.
          VASIåèHA fuhr fort:
II:14
          Die Selbsterforschung (der zweite Torwächter der Befreiung) sollte von ei-
        nem Gemüt unternommen werden, das durch ein intensives Studium der
        Schriften gereinigt ist. Die Selbsterforschung sollte ununterbrochen stattfin-
        den. Durch diese Erforschung wird das Gemüt kühn und fähig, das Höchste zu
        realisieren. Daher ist die Erforschung allein das Heilmittel für die langandau-
        ernde Krankheit namens saæsāra.
          Der weise Mann betrachtet Stärke, Klugheit, Tüchtigkeit und richtiges Han-
        deln als Früchte der Selbsterforschung. Tatsächlich sind Königtum, Wohl-
        stand, Genuss und schlussendlich die Befreiung alles Früchte der Selbsterfor-
        schung. Der Geist der Selbsterforschung schützt vor Unheil, das den gedan-
        kenlosen Narren überfällt. Wenn das Gemüt durch die Abwesenheit der
        Selbsterforschung stumpf geworden ist, dann verwandeln sich sogar die
        Strahlen des Mondlichts in tödliche Waffen und die kindische Einbildungs-
        kraft beschwört in jeder dunklen Ecke einen Kobold herauf. Daher ist der
        nicht forschende Narr wahrhaftig ein Lagerhaus für Sorgen. Es ist die Abwe-
        senheit der Selbsterforschung, die Handlungen herbeizieht, die einem selbst
        und anderen schaden und die Ursache zahlloser psychosomatischer Be-
        schwerden ist. Daher sollte man die Gesellschaft von gedankenlosen Leuten
        meiden.
          Diejenigen, in denen der Geist der Selbsterforschung stets wach ist, erleuch-
        ten die Welt und alle, die mit ihnen in Berührung kommen. Sie vertreiben die
        Gespenster, die der unwissende Verstand erschafft, und durchschauen die
        Falschheit der Sinnesvergnügen und ihrer Objekte. Oh Rāma, im Licht der
        Selbsterforschung kann die Verwirklichung der ewigen und wandellosen



                                              48
Wirklichkeit geschehen, und dies ist das Höchste. In ihrer Gesellschaft ver-
langt man weder nach etwas noch weist man irgendetwas zurück. Ein solcher
Mensch ist frei von Täuschung und Anhaftung; weder ist er untätig noch
ertrinkt er in Betriebsamkeit; er lebt und wirkt in dieser Welt, und am Ende
seiner natürlichen Lebenszeit erlangt er den segensreichen Zustand der
vollkommenen Freiheit.
  Das Auge der spirituellen Selbsterforschung erblindet auch nicht inmitten
intensiver Tätigkeit. Wer dieses Auge nicht besitzt, ist wahrhaftig zu bedau-
ern. Es ist besser, als Frosch im Schlamm, als Wurm im Mist, als Schlange in
einem Loch geboren zu werden, als dieses Auge vermissen zu müssen. Worin
besteht die Selbsterforschung? Wer ständig diese Fragen stellt: „Wer bin ich?
Wie konnte dieses Übel von saæsāra (des Lebenszyklus) entstehen?“ betreibt
echte Selbsterforschung. Die Erkenntnis der Wahrheit entsteht durch diese
Erforschung, und aus der Erkenntnis entsteht die Stille im eigenen Sein. Und
daraus erwächst wiederum der höchste Friede, der jedes Verstehen über-
steigt und das Ende allen Kummers bedeutet.
  (Vichara oder Selbst-Erforschung ist weder Argumentieren noch Analysie-
ren, sondern der direkte Blick in sich selbst.)
  VASIåèHA fuhr fort:                                                            II:15, 16
  Ein weiterer Torwächter der Befreiung ist die Zufriedenheit. Wer einmal in
großen Zügen den Nektar der Zufriedenheit genossen hat, verlangt nicht
mehr nach Sinnesvergnügen. Keine Freude in dieser Welt ist so süß wie die
Zufriedenheit, die alle Sünden vernichtet.
  Worin besteht Zufriedenheit? In der Zurückweisung allen Verlangens nach
dem, was gesucht werden muss, und in der Zufriedenheit mit dem, was unge-
sucht kommt, ohne erfreut oder nicht erfreut davon zu sein – darin besteht
die Zufriedenheit. Solange man nicht zufrieden ist im Selbst, ist man dem
Kummer ausgeliefert. Mit dem Wachsen der Zufriedenheit erblüht die Rein-
heit des Herzens. Dem zufriedenen Menschen, der nichts besitzt, gehört die
Welt.
  SatsaÇga (Gemeinschaft mit weisen, heiligen und erleuchteten Personen)
ist ein weiterer Torwächter zur Befreiung. SatsaÇga erweitert die Intelligenz,
zerstört die Unwissenheit und beseitigt die psychologische Unruhe. SatsaÇga
sollte niemals vernachlässigt werden – wie hoch auch immer die Kosten, wie
groß auch immer die Schwierigkeiten und wie viele Hindernisse auch immer
im Wege stehen mögen. SatsaÇga allein ist für den Menschen ein Licht auf
dem Weg des Lebens. SatsaÇga ist allen anderen Formen religiöser Praktiken
wie Wohltätigkeit, Askese, Pilgerreisen und religiösen Riten überlegen.
  Unter allen Umständen sollte man alle einem zur Verfügung stehenden Mit-
tel nutzen, um den Heiligen, die die Wahrheit verwirklicht und in deren Her-
zen die Finsternis der Unwissenheit vertrieben ist, zu dienen und sie zu lie-
ben. Wer dagegen diese Heiligen mit Missachtung behandelt, lädt mit Sicher-
heit großes Leiden in sein Haus ein.


                                     49
Diese vier – Zufriedenheit, satsaÇga (Gemeinschaft mit Heiligen), der Geist
        der Selbsterforschung und Selbstbeherrschung sind die vier sichersten Mittel,
        mit deren Hilfe diejenigen, die im Ozean dieses saæsāra (des Lebenszyklus)
        zu ertrinken drohen, gerettet werden. Die Zufriedenheit ist der größte Ge-
        winn. SatsaÇga ist der beste Begleiter zum endgültigen Ziel. Der Geist der
        Selbsterforschung ist in sich selbst die größte Weisheit. Und Selbstbeherr-
        schung bedeutet höchstes Glück. Falls du nicht in der Lage sein solltest, alle
        diese vier zu praktizieren, dann praktiziere wenigstens eine davon, denn
        durch die eifrige Praxis einer dieser Eigenschaften werden sich die anderen
        ebenfalls einfinden. Dann wird dich die höchste Weisheit ohne dein eigenes
        Zutun aufsuchen. Solange du nicht den wilden Elefanten deines Gemüts mit
        Hilfe dieser edlen Qualitäten bezähmst, kannst du keinerlei Fortschritt hin
        zum Höchsten machen; auch dann nicht, falls du ein Gott oder ein Halbgott
        werden solltest. Du wärest dann nicht besser dran als ein Baum. Daher, oh
        Rāma, strebe unter allen Umständen danach, diese vier edlen Qualitäten zu
        kultivieren.
          VASIåèHA sagte:
II:17
          Wer mit den Qualitäten ausgestattet ist, die ich bis hierhin aufgezählt habe,
        ist geeignet zu erfahren, was ich als nächstes darzulegen habe. Du bist in der
        Tat eine solche qualifizierte Person, oh Rāma. Nur derjenige wünscht diese
        Dinge zu hören, der reif für die Befreiung ist. Diese Enthüllung der Wahrheit
        führt einen jedoch sogar dann zur Befreiung, wenn man gar nicht den
        Wunsch danach hat – auf dieselbe Weise, wie ein Licht die Augen sogar einer
        schlafenden Person zu erleuchten vermag. So wie die Furcht aufgrund des
        Missverständnisses, dass ein Seil eine Schlange sei, verschwindet, sobald die
        Wahrheit erkannt wird, so befreit das Studium dieser Schrift den Menschen
        vom Leid, das aus saæsāra geboren wird.
          Diese Schrift besteht aus 32000 Versen. Der erste Abschnitt ist unter dem
        Namen Vairāgya Prakaraïam (das Kapitel über Leidenschaftslosigkeit) be-
        kannt. Es unterweist über die Erkenntnis der wahren Natur des Lebens in
        dieser Welt. Sein sorgfältiges Studium reinigt das Herz. Dieser Abschnitt
        besteht aus 1500 Versen.
          Der nächste Abschnitt ist bekannt als Mumuk«u Vyavahāra Prakaraïaæ
        (betreffend das Verhalten eines Suchers nach der Befreiung) und besteht aus
        1000 Versen. Darin werden die Qualifikationen eines Suchers beschrieben.
          Danach kommt Utpatti Prakaraïaæ (der Abschnitt über die Weltentste-
        hung), der aus 7000 Versen besteht. In ihm finden sich viele inspirierende
        Geschichten, die die großartige Wahrheit illustrieren helfen, die darin be-
        steht: Aufgrund des Wechselspiels der falschen Ideen des „dies“ und „Ich“
        erscheint dieses Universum, welches tatsächlich niemals erschaffen wurde.
          Der nächste Abschnitt ist Sthiti Prakaraïaæ (Abschnitt über die Existenz),
        der aus 3000 Versen besteht. Wiederum mit Unterstützung durch Erzählun-



                                              50
gen wird die Wahrheit betreffend die Existenz dieser Welt dargelegt und ihre
Grundlage enthüllt.
  Danach kommt Upasanti Prakaraïaæ (der Abschnitt über das Aufhören),
der aus 5000 Versen besteht. Durch das Studium dieses Abschnitts findet die
irrige Wahrnehmung dieser Welt ihr Ende und hinterlässt nur noch eine
geringfügige Spur der Unwissenheit.
  Zuletzt kommt das Nirvāna Prakaraïaæ (der Abschnitt über die Befreiung),
der aus 14500 Versen besteht. Das Studium und Verstehen dieses Abschnitts
zerstört die grundlegende Unwissenheit eines Menschen. Wenn so alle Täu-
schungen und Halluzinationen aufgehört haben, entsteht die vollkommene
Freiheit. Obwohl noch im physischen Körper weilend, lebt der Mensch dann
so, als wäre er von ihm frei; er ist frei von allem Verlangen und allen Wün-
schen, Anhaftungen und Abneigungen. Er ist befreit von saæsāra (dem Le-
benszyklus). Hier und jetzt ist er frei vom Dämon mit dem Namen „Ich-Sinn“.
Er ist eins mit dem Unendlichen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wer auch immer die Samen der Erkenntnis dieser Schrift aussäht, wird die
                                                                                   II:18
Frucht der Verwirklichung der Wahrheit ernten. Eine Darlegung der Wahr-
heit, auch wenn sie menschlichen Ursprungs ist, sollte stets angenommen
werden. Andernfalls sollte die Unwahrheit sogar dann zurückgewiesen wer-
den, wenn sie angeblich göttlicher Offenbarung entstammt. Die Worte sogar
eines kleinen Jungen sollten akzeptiert werden, wenn es Worte der Weisheit
sind. Andernfalls müssen sie wie Strohhalme beiseite geworfen werden, auch
wenn sie von Brahmā dem Schöpfer selbst stammen sollten.
  Wer immer der Darlegung dieser Schrift lauscht und darüber nachdenkt,
wird sich unergründlicher Weisheit, fester Überzeugung und unbeirrbarer
Ruhe des Geistes erfreuen. Schon bald wird er ein befreiter Weiser sein, des-
sen Glanz unbeschreiblich ist.
  Der Weise mit der Vision des Unendlichen sieht in der Einen Ungeteilten
Intelligenz zahllose Universen erscheinen, denn er hat die Zauberei von Māyā
oder die kosmische Illusion erkannt. Er sieht das Unendliche in jedem Atom
und ist daher unbeeindruckt vom Aufstieg und Zerfall der Gedanken und
Ideen der Schöpfung. Daher ist er stets mit allem zufrieden, was ungesucht zu
ihm kommt und weist es nicht zurück. Auch läuft er nicht hinter dem her, was
ihm weggenommen wird, da er um nichts trauert.
  Diese Schrift ist leicht zu verstehen, da sie reichlich mit inspirierenden Er-
zählungen ausgeschmückt ist. Wer diese Schrift studiert und über ihre Aussa-
gen nachsinnt, braucht keinerlei Askesepraktiken, Meditation oder Wieder-
holung von Mantras zu unternehmen, denn was könnte großartiger sein als
die Befreiung, die durch das Studium dieser Schrift gewährt wird?
  Wer diese Schrift studiert und ihre Lehren versteht, wird nicht länger durch
die Welterscheinung getäuscht. Wer einmal erkannt hat, dass jene tödliche
Schlange nichts als ein lebensechtes Gemälde ist, der fürchtet sich nicht län-


                                      51
ger vor ihr. Wenn die Welterscheinung als bloße Erscheinung erkannt wird,
dann ruft sie weder Freude noch Leid hervor. Es ist in der Tat bedauerlich,
dass die Menschen immer noch nach Sinnesvergnügen suchen, die nichts als
großen Kummer hervorbringen, obwohl eine Schrift wie diese hier vorliegt.
   Oh Rāma – eine Wahrheit, die erläutert, aber noch nicht persönlich erfahren
wurde, kann nur mit Hilfe einer Veranschaulichung erfasst werden. Solche
Veranschaulichungen werden daher in dieser Schrift mit einem bestimmten
Zweck und einer begrenzten Absicht verwendet. Sie dürfen weder wortwört-
lich verstanden noch in ihrer Bedeutung über diese Absicht hinaus erweitert
werden. Wenn die Schrift in diesem Sinne studiert wird, erscheint die Welt
wie ein Traumbild. Eben dies ist der Zweck und die Absicht der Verbildli-
chungen. Möge daher niemand aufgrund eines entstellenden Verstandes die
in dieser Schrift enthaltenen Veranschaulichungen missverstehen.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Eine Parabel hat nur den Zweck, den Zuhörer hin zur Wahrheit zu führen.
Die Erkenntnis der Wahrheit ist so lebenswichtig, dass alle irgendwie ver-
nünftigen Methoden gerechtfertigt sind, auch wenn die Parabeln rein fiktiv
sind. Die Parabel selbst ist auf die mit ihrer Hilfe veranschaulichte Wahrheit
nur teilweise anwendbar, und es ist nur dieser Teil, der erfasst werden sollte.
Den Rest sollte man ignorieren. Das Studium und das Verstehen der Schrift
mit Hilfe der Verbildlichungen und eines qualifizierten Lehrers sind nur so
lange erforderlich, bis man die Wahrheit verwirklicht hat.
  Es sei noch einmal gesagt, dass ein Studium dieser Art bis zur Erkenntnis
der Wahrheit fortgesetzt werden sollte – man sollte nicht vor dem Erlangen
der Erleuchtung damit aufhören. Eine mangelhafte Kenntnis der Schrift ergibt
nur größere Verwirrung. Die Nichterkenntnis der Existenz des höchsten
Friedens im eigenen Herzen und der Glaube an eine Wirklichkeit eingebilde-
ter Dinge sind beide aus mangelhaftem Wissen geboren und das Ergebnis
einer verdrehten Denkweise.
  So wie der Ozean der Grund aller Wellen ist, so ist allein die direkte Erfah-
rung der Grund aller Beweise, nämlich die unmittelbare Erfahrung der Wahr-
heit, so wie sie ist. Die Basis ist die erfahrende und verstehende Intelligenz,
die selbst zum Erfahrenden, zum Akt des Erfahrens und zur Erfahrung wird.
Das Erfahren allein ist die Wirklichkeit. Im Zustand des Nicht-Verstehens
jedoch scheint dieses Erfahren ein Subjekt zu haben (den Erfahrenden).
Weisheit, die aus dem Geist der Selbsterforschung geboren ist, zerstreut
dieses Nicht-Verstehen – so kann schließlich die ungeteilte Intelligenz in
ihrem eigenen Licht erstrahlen. Auf dieser Stufe wird sogar der Geist der
Selbsterforschung überflüssig und löst sich von selbst auf.
  So wie der Luft die Bewegung eigentümlich ist, so ist die Manifestation (in
der Form des subtilen wahrnehmenden Gemüts und der wahrgenommenen
groben Objekte) dieser erfahrenden Intelligenz eigentümlich. Der wahrneh-
mende Verstand denkt aufgrund der Unwissenheit: „Ich bin dieses oder jenes



                                      52
Objekt“, und er wird es dann auch. Das Objekt wird stets nur im Subjekt er-
fahren und nirgendwo sonst!
  Oh Rāma, bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese Weisheit direkt in dir auf-
taucht, nimm wiederholt deine Zuflucht zu dem Wissen, welches von den
großen Lehrern übermittelt wird. Wenn du dieses Wissen von großen Leh-
rern empfängst, dann wird dein Betragen das ihrige widerspiegeln, und wenn
du auf diese Weise ihre einzigartigen Qualitäten übernimmst, dann wird sich
auch die Weisheit in dir entfalten. Die Weisheit und das Nacheifern der edlen
Tugenden der Heiligen gedeihen aneinander!

                                    ***




                                     53
Teil III: Über die Weltentstehung

                      ùKùŚA — Raum oder Dimension

  Im Text tauchen drei wichtige Wörter auf, nämlich cidākāśa, cittākāśa und
bhÆtākāśa. Wörtlich bedeutet ākāśha unendlicher Raum bzw. Äther. Daher
bedeutet cidākāśa Raum des Bewusstseins, cittākāśa Raum des menschlichen
Geistes oder Gemüts (mind-space) und bhÆtākāśa Raum der Elemente. Diese
drei Konzepte wurden von Bhagavān Rāmaïa Mahar«i wunderbar erklärt:
  „Es heißt, dass cidākāśa selbst ātma svarÆpa (die Form von ātmā, Seele) sei,
und dass wir dies nur mit Hilfe des Gemüts (mind) sehen können. Wie kön-
nen wir es aber sehen, wenn das Gemüt aufgehört hat?” fragte jemand.
Bhagavān erwiderte: „Wenn man den Himmel als bildliches Beispiel nimmt,
dann kann man ihn als dreierlei betrachten, nämlich cidākāśa, cittākāśa und
bhÆtākāśa. Der natürliche Zustand wäre cidākāśa, und das Ich-Empfinden,
welches aus cidākāśa entsteht, wäre cittākāśa. Wenn dieses cittākāśa sich
ausdehnt und die Gestalt aller bhÆtas (Elemente) annimmt, dann ist dies alles
bhÆtākāśa. Wenn dann das cittākāśa, das Bewusstsein des Selbst (‚Ich’), nicht
das cidākāśa, sondern das bhÆtākāśa wahrnimmt, dann spricht man von
mano ākāśha (Raum des menschlichen Geistes oder Gemüts; mano = mind),
und wenn es mano ākāśha hinter sich lässt und das cidākāśa wahrnimmt,
dann nennt man dies cinmaya (reines Bewusstsein). Mit dem Aufhören des
Gemüts ist gemeint, dass die Idee der Vielfalt der Objekte verschwindet und
die Idee der Einheit aller Objekte erscheint. Wenn dies geschieht, dann er-
scheint alles als natürlich.“
  Eine bessere Übersetzung für den Begriff ākāśha wäre vielleicht „Dimensi-
on“. Ein und dasselbe unendliche Bewusstsein ist als cidākāśa, cittākāśa und
bhÆtākāśa bekannt je nach dem spirituellen, mentalen (konzeptionellen) und
physischen Gesichtspunkt, von dem aus es betrachtet wird.



                                    ***




                                     54
VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  III:1
   Nun werde ich dir die Weltentstehung und ihr Geheimnis erläutern. Die Hö-
rigkeit dauert so lange, wie man das wahrgenommene Objekt als wirklich
ansieht. Sobald dieser Gedanke fallen gelassen wird, verschwindet auch die
Bindung. Hier in dieser Welt wächst und stirbt nur das, was zuvor erschaffen
wurde, und es geht dann entweder in den Himmel oder in die Hölle und es
wird befreit.
   Während der kosmischen Auflösung wird die gesamte objektive Schöpfung
in das unendliche Sein zurückgenommen, welches von den Weisen ùtmā,
Brahman oder Wahrheit usw. genannt wird, um das Gespräch und den Mei-
nungsaustausch darüber zu erleichtern. Dieses selbige unendliche Sein
(Selbst) ersinnt in sich die Dualität von sich selbst und etwas anderem. Da-
raus entsteht das Gemüt, wie eine Welle auf dem stillen Ozean erscheint, der
aufgewühlt wird. Denke jedoch stets daran, dass die Eigenschaften und die
Natur des Geschaffenen sowie die Potentialität der Schöpfung dem Schöpfer
selbst innewohnen; so wie ein goldenes Schmuckstück nichts anderes als
Gold ist (obwohl Gold auch ohne das Schmuckstück existieren kann, so kann
doch das Schmuckstück selbst nicht ohne das Gold oder ein anderes Metall
existieren). Das Gemüt ist nicht verschieden (hat selbst keinerlei unabhängi-
ge Existenz) vom unendlichen Selbst.
   Ebenso wie eine Luftspiegelung täuschend echt als ein Fluss voll Wasser
erscheinen kann, so erscheint diese Welt als gänzlich real. Solange man an
dem Gedanken der Wirklichkeit von „du“ und „ich“ festhält, gibt es keine
Befreiung. Der Gedanke der Wirklichkeit der Existenz verschwindet nicht
dadurch, dass man diese bloß verwirft oder verbal verneint – im Gegenteil,
eine solche Ablehnung wird zu einer Quelle weiterer Verwirrung.
   Rāma, wenn die Welt tatsächlich wirklich wäre, dann gäbe es keinerlei Mög-
lichkeit ihres Aufhörens, denn es gilt das unveränderliche Gesetz, dass das
Unwirkliche nicht wirklich ist und das Wirkliche nicht aufhört zu sein. Aske-
se, Meditation und andere ähnliche Praktiken können daher weder ihr Aufhö-
ren verursachen noch die Erleuchtung herbeiführen. Solange die Wahrneh-
mung der Welt andauert, so lange ist sogar die Kontemplation (samādhi), in
der es keinerlei Gedankenbewegung (nirvikalpa) gibt, unmöglich. Und auch
wenn dies möglich sein sollte, so würde doch nach der Rückkehr aus dieser
Kontemplation die Welt mit all ihrem Kummer sogleich wieder im Gemüt
erscheinen. Es ist die Bewegung der Gedanken, die die Wahrnehmung er-
schaffener Objekte hervorruft.
   So wie die Essenz in allen Dingen existiert wie das Öl im Sesamsamen oder
der Duft in den Blumen, so existiert die Fähigkeit der objektiven Wahrneh-
mung im Wahrnehmenden. So wie die Traumobjekte nur dem Träumer er-
scheinen, so werden die Objekte der Wahrnehmung vom Wahrnehmenden
erfahren. Ebenso wie der aus der Saat hervorgegangene Keimling zur vorbe-
stimmten Zeit erscheint, so manifestiert sich diese Potentialität als Idee oder
Vorstellung der Schöpfung.


                                      55
VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   III:2
   Es gibt einen heiligen Mann namens ùkāśaja (wörtl. „geboren aus leerem
Raum“). Er befindet sich in ständiger Meditation und bewegt in seinem Her-
zen die Wohlfahrt aller Wesen. Er hatte schon eine lange Zeit gelebt, als ihn
eines Tages der Tod zu verschlingen suchte. Als der Tod sich ihm näherte,
hatte er jedoch mit einem grimmigen Feuer zu kämpfen, das den heiligen
Mann schützte. Aber auch nachdem der Tod dieses abgewehrt hatte, konnte
er ihn immer noch nicht berühren. Verblüfft durch diese unerwartete und
außergewöhnliche Begebenheit wandte sich der Tod an Gott Yama als den
Gebieter über die Schicksale der Sterblichen und fragte ihn: „Bitte, Herr, teile
mit mir, weshalb es mir unmöglich ist, ihn zu ergreifen.“
   Yama erwiderte: „In Wahrheit ist es so, oh Tod, dass du niemanden wirklich
tötest! Der Tod wird in Wirklichkeit durch das Karma der Person (die Frucht
der eigenen Handlungen) herbeigeführt. Versuche daher zu entdecken, was
das entsprechende, verhängnisvolle Karma dieses Mannes ist.“
   Jedoch auf dieselbe Weise, wie man nicht das Woher und Wohin des Sohnes
einer unfruchtbaren Frau finden kann, so konnte auch der Tod nirgendwo in
der Welt das Karma dieses heiligen Mannes entdecken. Er ging zu Yama und
berichtete ihm dies.
   Yama sagte: „Oh Tod, dieser heilige Mann namens ùkāśaja wurde aus lee-
rem Raum geboren und hat überhaupt kein Karma. Er ist so rein wie der
Raum. Daher hat er keinerlei Karma hervorgerufen, das dir helfen könnte, ihn
zu ergreifen oder zu verzehren. So wie der Sohn einer unfruchtbaren Frau
wurde auch dieser heilige Mann nicht geboren. Weil er keinerlei Karma aus
‚früheren Geburten’ hat, besitzt er auch kein Gemüt. Er hat daher keinerlei
mentale Tätigkeit verursacht, die ihn in deine Reichweite bringen könnte. Er
ist tatsächlich nichts anderes als eine Masse reinen Geistes. Als lebendes
Wesen erscheint er nur in deinen Augen – in ihm selbst gibt es keinerlei Ge-
danken, die ein Karma entstehen lassen könnten. Bewusstsein wird im Be-
wusstsein reflektiert, und es ist diese Reflektion, die dann an ihre eigene
Unabhängigkeit glaubt! Es ist jedoch ein falscher Glaube, eine Annahme, die
auf Unwirklichkeit beruht. Der heilige Mann kennt diese Wahrheit.
   So wie Flüssigkeit auf natürliche Weise im Wasser und Leere im Raum vor-
kommt, so lebt dieser heilige Mann im Höchsten Geist. Er ist selbst eine
unverursachte Manifestation, und daher wird er auch als „selbst-erschaffen“
bezeichnet. Wer die närrische Vorstellung ‚Ich bin dieser Körper, der aus Erde
besteht' unterhält, verwickelt sich selbst in die Materie. Einen solchen Men-
schen kannst du leicht überwältigen. Da dieser heilige Mann jedoch keine
solche Vorstellung hat (und deshalb wahrhaftig körperlos ist), befindet er
sich außerhalb deiner Reichweite.
   Dieser heilige Mann wurde niemals geboren. Er ist reines Bewusstsein, das
stets unverändert ist. Im unendlichen Sein taucht zu Beginn jeder Epoche
eine Schwingung auf, die aus der latenten Unwissenheit entsteht. Diese mani-



                                      56
festiert sich dann als die verschiedenen Wesen – wie in einem kosmischen
Traum. Unberührt davon, verbleibt dieser heilige Mann stets reines Bewusst-
sein.”
  VASIåèHA sagte: Im Schöpfer gibt es weder einen Seher noch ein Objekt der
Wahrnehmung. Doch er wird auch als ‚selbst-erschaffen’ bezeichnet. Er er-
strahlt im kosmischen Bewusstsein wie das Bild im Geist eines Künstlers.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Im Schöpfer gibt es keinerlei Erinnerung an die Vergangenheit, weil er kei-
nerlei vorhergegangenes Karma in sich trägt. Er besitzt nicht einmal einen
physischen Körper, denn das Ungeborene besteht nur aus spiritueller Sub-
stanz. Sterbliche Wesen haben zwei Körper – nämlich den physischen und
den spirituellen. Der ungeborene Schöpfer jedoch hat nur den spirituellen, da
die Ursache, die den physischen entstehen lässt, nicht in ihm existiert.
  Selbst nicht erschaffen, ist er der Erschaffer aller Wesen. Gewiss ist das Ge-
schaffene (wie das Schmuckstück) stets von derselben Substanz wie das, aus
dem es erschaffen wurde (Gold). Wie der Gedanke des Schöpfers die Ursache
dieser mannigfaltigen Schöpfung ist und der Schöpfer selbst keinen physi-
schen Körper hat, so ist wahrhaftig auch diese Welt von der Natur des Gedan-
kens – ohne jede Materialität.
  Ein Pulsieren entstand im Schöpfer, und sein Gedanke breitete sich als das
Universum aus. Diese Bewegung brachte den subtilen Körper (bestehend aus
reinem Geist) aller Lebewesen hervor. Nur aus Gedanken bestehend, sind all
diese Wesen nur scheinbar, obgleich sie alle fühlen, dass sie wirklich sind.
Und diese Scheinhaftigkeit, die als wirklich empfunden wird, erzeugt realisti-
sche Ergebnisse oder Konsequenzen, so wie sexuelles Vergnügen in einem
Traum. Vergleichbar damit scheint auch der Schöpfer (der heilige Mann in
der Geschichte) einen Körper zu haben, obwohl er überhaupt keinen hat.
  Auch der Schöpfer ist zweifacher Natur, nämlich Bewusstsein und Denken.
Bewusstsein ist rein, Denken ist der Täuschung unterworfen. Auf diese Weise
scheint er zu sein. Er ist die Intelligenz, die das gesamte Universum aufrecht-
erhält. Jeder Gedanke, der in dieser Intelligenz auftaucht, lässt eine Form
entstehen. Obgleich alle diese Formen aus reinem Geist sind, kristallisieren
sie aufgrund des Selbstvergessens und der Vorstellung von physischen For-
men zu physischen Formen – so wie gestaltlose Kobolde aufgrund der ge-
täuschten Wahrnehmung eine Gestalt zu haben scheinen.
  Der Schöpfer selbst jedoch ist dieser Täuschung nicht unterworfen. Denn er
verbleibt stets in seiner spirituellen, nicht materiellen Natur. Der Schöpfer ist
spirituell, weshalb auch seine Schöpfung in ihrer Essenz spirituell ist. Diese
Schöpfung ist unverursacht. Folglich ist sie in ihrer Essenz rein spirituell, wie
das Höchste Sein, Brahman, selbst. Die Materialität der Welt ist wie das Luft-
schloss – eine illusionäre Projektion des eigenen Gemüts – eine Einbildung.
  Der Schöpfer ist das Gemüt, und das Gemüt oder reine Intelligenz sind sein
Körper. Dem Gemüt ist das Denken eingeboren. Das Objekt der Wahrneh-


                                       57
                                                                                    III:4
mung ist wiederum dem Wahrnehmenden eingeboren. Wer hat jemals einen
Unterschied zwischen den beiden feststellen können?
 VùLMýKI sagte:
  An diesem Punkt der Unterweisung beschleunigte die Sonne ihren Lauf in
Richtung der Berge im Westen, als wäre sie begierig, über die Worte des
Weisen zu meditieren und andere Teile der Erde zu erleuchten. Die Versamm-
lung löste sich für die Abendgebete auf. Am nächsten Morgen kamen alle
Mitglieder des Hofes wieder wie zuvor zusammen.
  RùMA fragte:
 Oh heiliger Weiser! Bitte unterrichte mich darüber, was das Gemüt in
Wahrheit ist.
 VASIåèHA erwiderte:
  So wie leeres, lebloses Nichts als Raum bekannt ist, so ist auch das Gemüt
ein leeres Nichts. Ob das Gemüt nun wirklich oder unwirklich ist – es ist stets
das, was in den Objekten der Wahrnehmung gesehen wird. Rāma, Denken ist
Gemüt – es gibt keinen Unterschied zwischen den beiden. Das Selbst, einge-
kleidet in den spirituellen Körper, wird als Gemüt gekannt. Dieses ist es, wel-
ches dann den materiellen oder physischen Körper in die Existenz treten
lässt. Unwissenheit saæsāra (der Lebenszyklus), Denken, Bindung, Unrein-
heit, Finsternis und Trägheit oder Fühllosigkeit sind alles Synonyme. Gemüt
ist nichts als Erfahrung – es ist selbst nichts anderes als das Wahrgenomme-
ne.
  Dieses gesamte Universum ist auf ewig nicht verschieden vom Bewusstsein,
das in jedem Atom wohnt, wie das Schmuckstück nicht verschieden vom Gold
ist. So wie das Schmuckstück potentiell im Gold existiert, so existiert das
Objekt im Subjekt. Sobald jedoch dieser Gedanke des Objekts entschieden
zurückgewiesen und vom Subjekt entfernt wird, existiert allein nur noch
Bewusstsein ohne den geringsten Anschein von Objektivität. Wenn dies er-
kannt wird, hören alle diese Übel wie Anziehung und Abstoßung, Liebe und
Hass, im eigenen Herzen auf; wie auch die falschen Wahrnehmungen der
Welt, des Du, des Ich usw. Sogar die Neigung zur Objektivierung hört auf, und
dies bedeutet die Freiheit.
  RùMA fragte:
  Heiliger Herr, wenn das Objekt der Wahrnehmung wirklich wäre, dann
könnte es nicht aufhören zu sein. Obwohl es aber unwirklich ist, vermögen
wir es nicht als unwirklich zu erkennen. Wie können wir dieses Problem
überwinden?
  VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, es gibt die Heiligen, die dieses Problem überwunden haben! Ex-
terne Objekte wie Raum usw. und psychologische Faktoren wie „Ich“ usw.
existieren nur als Namen. In Wirklichkeit existieren weder das objektive
Universum noch das wahrnehmende Selbst; weder die Wahrnehmung als


                                      58
solche noch das Nichts. Stets ist als Einziges nur das kosmische Bewusstsein
(cit). In diesem ist es das Gemüt, welches die Vielfalt, die verschiedenen Tä-
tigkeiten und Erfahrungen, die Idee von Bindung und den Wunsch nach Be-
freiung heraufbeschwört.
  Rāma fragte:
  Oh heiliger Weiser! Worin besteht der Ursprung dieses Gemüts, und wie
                                                                                  III:5, 6
konnte es entstehen? Bitte sei so gut, mich in dieser Frage zu erleuchten.
  VASIåèHA erwiderte:
  Nach der kosmischen Auflösung und noch vor dem Aufdämmern der nächs-
ten Epoche befand sich das gesamte Universum in vollkommenem Gleichge-
wichts. Es existierte nur der Höchste Herr, der Ewige, Ungeborene, Selbster-
strahlende, der das Universum ist und allmächtig. Er befindet sich jenseits
jeder Vorstellung und Beschreibung. Obgleich er unter verschiedenen Namen
wie ùtmā usw. bekannt ist, sind alle diese doch nur Gesichtspunkte und nicht
die eigentliche Wahrheit. Er ist – und doch wird er von der Welt nicht er-
kannt; er befindet sich auch im Körper – und ist doch wie weit entfernt. Aus
ihm gehen zahllose Gottheiten wie Vi«ïu hervor, so wie zahllose Strahlen aus
der Sonne hervorgehen. Aus ihm kommen endlose Welten – so wie Wellen an
der Oberfläche des Ozeans entstehen.
  Er ist die kosmische Intelligenz, in die die unzählbaren Objekte der Wahr-
nehmung eintreten. Er ist das Licht, in dem das Selbst und die Welt erstrah-
len. Er befiehlt die Eigentümlichkeit der Natur aller erschaffenen Dinge. In
Ihm erscheint und verschwindet die Welt – wie eine Luftspiegelung wieder
und wieder erscheint und wieder und wieder verschwindet. Seine Gestalt
(die Welt) verschwindet, aber sein Selbst ist wandellos. Er wohnt in allem. Er
ist verborgen und doch überströmend gegenwärtig. Durch Seine bloße Ge-
genwart sind diese anscheinend leblose materielle Welt und ihre Bewohner
unaufhörlich tätig. Wegen Seiner allgegenwärtigen, allmächtigen Allwissen-
heit materialisieren sich alle seine Gedanken.
  Dieses Höchste Selbst, oh Rāma, kann durch kein anderes Mittel als durch
die Weisheit erkannt werden – nicht einmal durch die Ausübung religiöser
Praktiken. Dieses Selbst ist weder nah noch fern; es ist weder unerreichbar
noch weit weg – es ist das, was in einem selbst als Seligkeit auftaucht, und es
wird daher nur in einem selbst erkannt.
  Askese oder Buße, Wohltätigkeit und die Einhaltung religiöser Gelübde füh-
ren nicht zur Verwirklichung des Höchsten Herrn – nur die Gemeinschaft mit
Heiligen und das Studium der wahren Schriften können hier helfen, denn sie
zerstreuen die Unwissenheit und Täuschung. Sogar wenn man davon über-
zeugt ist, dass nur dieses Selbst wirklich ist, geht man auf dem Pfad der Be-
freiung jenseits von Kummer.
  Askese oder Buße sind nichts als selbst zugefügter Schmerz. Was für einen
Wert hat eine aus dem Reichtum entstandene Wohltätigkeit, der aus dem
Betrug an anderen gewonnen wurde? Aus solcher Wohltätigkeit können nur


                                      59
die entsprechenden Früchte entstehen! Religiöse Pflichtbefolgung steigert
        nur die Eitelkeit. Gegen die Unkenntnis des Höchsten Herrn hilft nur eine
        einzige Arznei – die entschiedene und feste Zurückweisung aller Sinnesver-
        gnügen.
          RùMA fragte:
III:7
         Wo wohnt dieser Höchste Herr, und wie kann ich ihn erreichen?
         VASIåèHA erwiderte:
          Er, der als der Herr gesehen wird, ist nicht sehr weit entfernt – Er ist die
        Intelligenz, die im Körper wohnt. Er ist das Universum, obgleich das Univer-
        sum nicht Er ist. Er ist das reine Bewusstsein.
          RùMA bemerkte:
         Sogar ein kleiner Junge sagt, dass der Herr Intelligenz sei. Weshalb sollte
        man dies also in Form einer besonderen Unterweisung betonen?
         VASIåèHA erwiderte:
          Nun, jemand, der das objektive Universum als reine Intelligenz erkennt,
        weiß noch gar nichts. Fühlend ist das Universum, und fühlend ist auch die
        Seele (jīva). Das Fühlende erschafft das Kennbare und verwickelt sich selbst
        in den Kummer. Sobald es ein Aufhören des Kennbaren gibt und der Strom
        des Gewahrseins auf das nicht Kennbare (reine Intelligenz) gerichtet wird,
        entsteht die Erfüllung – und so geht man über Kummer und Sorge hinaus.
          Ohne dieses Aufhören des Kennbaren kann man sein Gewahrsein nicht er-
        folgreich vom Kennbaren abwenden. Die bloße Erkenntnis der Verwicklung
        des jīva in dieses saæsāra ist nutzlos. Wird jedoch der Höchste Herr erkannt,
        dann kommt der Kummer an sein Ende.
          RùMA fragte:
         Heiliger Herr, bitte beschreibe uns den Höchsten Herrn.
         VASIåèHA erwiderte:
          Die kosmische Intelligenz, in der das Universum sozusagen aufhört zu sein,
        ist der Höchste Herr. In Ihm scheint die Subjekt-Objekt-Beziehung als solche
        aufgehört zu haben. Er ist das Nichts oder die Leere, in der das Universum
        scheinbar existiert. In Ihm steht sogar das kosmische Bewusstsein still wie
        ein Berg.
          RùMA fragte erneut:
          Wie können wir diesen Herrn erkennen und die Unwirklichkeit dieses Uni-
        versums verstehen, welches wir bisher als wirklich betrachtet haben?
          VASIåèHA antwortete: Der Herr kann nur dann erkannt werden, wenn man
        fest im Verstehen der Unwirklichkeit des Universums verankert ist, wie auch
        die Bläue des Himmels als unwirklich verstanden wird. Dualität setzt Einheit
        voraus und Nicht-Dualität legt Dualität nahe. Der Höchste Herr wird nur dann
        erkannt, wenn die Welt als gänzlich inexistent erkannt wird.



                                             60
RùMA fragte:
 Heiliger Herr, mit welcher Methode wird dies erkannt, und was muss ich             III:8, 9
wissen, damit das Kennbare an ein Ende gelangt?
 VASIåèHA erwiderte:
  Die falsche Vorstellung, dass diese Welt wirklich sei, hat sich tief verwurzelt
aufgrund der andauernden Gewohnheit falschen Denkens. Jedoch kann sie
beseitigt werden, indem du Zuflucht zur Gemeinschaft mit Heiligen und zum
Studium der heiligen Schriften nimmst. Von allen Schriften ist dieses
Mahārāmāyaïaæ hier das Beste. Was hier gefunden wird, wird auch woan-
ders gefunden, und was hier nicht gefunden wird, findet man auch sonst
nirgends. Wer daher nicht diese, sondern eine andere Schrift studieren möch-
te, kann dies zu tun – dagegen gibt es keinerlei Einwände.
  Sobald die falsche Vorstellung aufgegeben und die Wahrheit erkannt wird,
wird man von ihr in einem so großen Ausmaße erfüllt, dass man nur noch
daran denken, davon sprechen und sich nur noch an ihr erfreuen und ande-
ren davon mitteilen möchte. Solche Menschen werden manchmal auch
Jīvanmuktas oder auch Videhamuktas genannt.
  RùMA fragte:
  Hoher Herr, worin bestehen die Eigenschaften der Jīvanmuktas (im Leben
befreit) und Videhamuktas (nach dem Tode befreit, körperlos befreit)?
  VASIåèHA erwiderte:
  Wer, obwohl er scheinbar ein normales Leben führt, die gesamte Welt als
eine Leerheit empfindet, ist ein Jīvanmukta. Obwohl er wach ist, erfreut er
sich der Stille des Tiefschlafs; er ist völlig unbeeinflusst von Freude und
Schmerz. Er ist wach im Tiefschlaf, aber er ist niemals wach für diese Welt.
Seine Weisheit ist unbewölkt von latenten Neigungen. Er scheint wie andere
Zu-, Abneigungen und Furcht unterworfen zu sein, aber in Wahrheit ist er so
frei wie der Raum. Er ist frei vom Ich-Sinn und vom Wollen. Seine Intelligenz
klammert sich weder an Tätigkeit noch an Untätigkeit. Niemand fürchtet ihn
– er fürchtet niemanden. Wenn dann sein Körper nach der vorgesehenen Zeit
aufgegeben wird, wird er zum Videhamukta.
  Der Videhamukta ist und ist nicht; er ist weder ‚Ich’ noch ‚ein Anderer’. Er
ist die Sonne, die scheint, Vi«ïu, der alle beschützt, Rudra, der alles zerstört,
Brahmā, der erschafft. Er ist Raum, Erde, Wasser und Feuer. Er ist in Wahrheit
kosmisches Bewusstsein – das, was die eigentliche Essenz aller Wesen ist.
Alles, was es in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geben mag – all
dieses ist er und er allein.
  RùMA fragte erneut:
  Hoher Herr, meine Wahrnehmung ist unklar. Wie kann ich diesen Zustand
erlangen, den du angedeutet hast?
  VASIåèHA erwiderte:



                                       61
Was man als Befreiung bezeichnet, oh Rāma, ist in Wahrheit das absolute
Selbst, welches allein ist. Was man hier als ‚Ich‘, ‚Du’ usw., wahrnimmt, scheint
nur zu existieren; tatsächlich wurde es niemals erschaffen. Wie können wir
sagen, dass Brahman zu all diesen Welten geworden sei?
   Oh Rāma, in Schmuckstücken sehe ich nichts als Gold, in Wellen sehe ich
nichts als Wasser, in Luft sehe ich nichts als Bewegung, im Raum sehe ich nur
Leere, in der Luftspiegelung sehe ich nur Hitze und nichts anderes. Und eben-
so sehe ich stets nur Brahman, das Absolute – nicht aber die Welten.
   Der Gedanke der ‚Welten’ ist nichts als anfangslose Unwissenheit. Durch die
Erforschung der Wahrheit jedoch verschwindet sie schließlich. Es hört nur
das auf, was in die Existenz getreten ist. Diese Welt ist niemals wirklich in die
Existenz getreten, erscheint aber weiterhin. Die Darlegung dieser Wahrheit
ist in diesem Kapitel über die Weltentstehung enthalten.
   Als die kosmische Auflösung stattfand, verschwand alles, was zuvor er-
schienen war. Das Unendliche allein verblieb. Und dieses war weder Leerheit
noch Form, weder das Sehen noch das Gesehene. Niemand vermag zu sagen,
ob es gewesen oder nicht gewesen ist. Es hat keine Ohren, keine Augen, keine
Zunge – und doch hört, sieht und schmeckt es. Es ist unverursacht und
unerschaffen. Es ist die Ursache von allem, wie Wasser die Ursache von Wel-
len ist. Dieses unendliche und ewigliche Licht ist in den Herzen aller und in
seinem Licht erstrahlen die drei Welten wie eine Luftspiegelung.
   Wenn das Unendliche zu vibrieren beginnt, scheinen all diese Welten aufzu-
tauchen; wenn es aufhört zu vibrieren, dann scheinen alle Welten unterzuge-
hen. Wenn eine brennende Fackel im Kreise herumgewirbelt wird, dann
erscheint ein Feuerkreis; wenn sie stillgehalten wird, verschwindet der Feu-
erkreis. Vibrierend oder nicht vibrierend – Es ist stets dasselbe überall und
zu allen Zeiten. Wer dies nicht erkennt, ist der Täuschung unterworfen; wird
es dagegen erkannt, dann hören alle Ängste auf.
   Aus Ihm kommt die Zeit – aus Ihm stammt die Wahrnehmung des wahr-
nehmbaren Objekts. Tätigkeit, Gestalt, Geschmack, Geruch, Klang, Berührung
und Denken – alles was du weißt, ist nur Es allein. Und Es ist das, wodurch du
all dieses kennst! Es lebt im Seher, im Sehen und im Gesehenen als das eigent-
liche Sehen – wenn du dieses kennst, dann erkennst du dein Selbst.
   RùMA sagte:
 Heiliger Herr, wie kann man vom Ihm sagen, es sei nicht leer, es könne nicht       III:10
beleuchtet werden, und es sei nicht dunkel (unerkennbar)? Du verwirrst
mich mit solchen widersprüchlichen Aussagen!
 VASIåèHA erwiderte:
  Rāma, du stellst unreife Fragen. Ich werde dich jedoch über die korrekte
Bedeutung aufklären.
  So wie das nicht herausgehauene Bildnis auf ewig im Stein enthalten ist, so
ist auch diese Welt, ob sie nun als wirklich oder unwirklich betrachtet wird,



                                       62
im Absoluten enthalten, das daher kein bloßes Nichts ist. So wie man von
einem ruhigen Ozean nicht sagen kann, dass da keinerlei Wellen seien, so ist
auch das Absolute nicht ohne Welt. Selbstverständlich haben diese Verbildli-
chungen nur eine begrenzte Anwendbarkeit – sie sollten in dieser Hinsicht
nicht übertrieben werden.
  In Wahrheit ist es jedoch so, dass diese Welt weder aus dem Absoluten auf-
taucht noch wieder darin verschwindet. Nur das Absolute existiert jetzt und
für immer. Wenn man es sich als ein Nichts vorstellt, dann ist dies wegen der
Empfindung, dass es kein Nichts ist; wenn man es sich als Nicht-Nichts vor-
stellt, dann ist dies wegen des Empfindens, dass es ein Nichts ist.
  Das Absolute ist immateriell. Daher können es materielle Quellen wie das
Sonnenlicht nicht beleuchten. Jedoch ist es selbst-strahlend und aus diesem
Grunde weder leblos noch dunkel. Dieses Absolute kann von etwas anderem
nicht erkannt oder erfahren werden – nur das Absolute vermag sich selbst zu
erkennen.
  Der unendliche Bewusstseinsraum ist sogar reiner als der eigentliche un-
endliche Raum, und die Welt ist so, wie das Unendliche ist. Jedoch – wer noch
nie Pfeffer gekostet hat, kennt seinen Geschmack nicht. Ebenso kann niemand
Bewusstsein im Unendlichen in Abwesenheit von Objektivität erfahren. Selbst
dieses Bewusstsein erscheint daher als träge oder leblos – und so wird auch
die Welt erfahren. So wie im berührbaren Ozean berührbare Wellen gesehen
werden, so existiert im formlosen Brahman die Welt ohne Form. Aus dem
Unendlichen entsteht das Unendliche und existiert in diesem als das Unendli-
che. Daher wurde die Welt niemals wirklich erschaffen, weil sie dasselbe ist
wie das, aus dem sie auftaucht.
  Wenn der Vorstellung des (persönlichen) Selbst der Brennstoff der Ideen
aus dem Gemüt entzogen wird, dann ist das, was ist, das Unendliche. Was
weder schläft noch leblos ist, ist das Unendliche. Es geschieht wegen dieses
Unendlichen, dass Erkenntnis, Erkenner und Erkanntes als Eines existieren –
in Abwesenheit des Verstandes.
  RùMA sagte:
 Hoher Herr, wohin geht während der kosmischen Auflösung diese Welt, die
wir jetzt so leibhaftig sehen?
 VASIåèHA erwiderte:
  Von woher kommt der Sohn einer unfruchtbaren Frau, und wohin geht er?
Der Sohn einer unfruchtbaren Frau existiert nicht – niemals. Ebenso existiert
auch diese Welt nicht – niemals. Diese Analogie verblüfft dich nur deshalb,
weil du die Existenz der Welt für bare Münze nimmst.
  Bedenke folgendes: Gibt es eine Wesenheit „Schmuckstück“ in einem golde-
nen Schmuckstück? Ist es nicht tatsächlich einfach nur Gold? Gibt es so etwas
wie ein Ding namens Himmel unabhängig von der Leerheit? Ebenso gibt es
kein „Ding” namens „Welt“ unabhängig von Brahman, dem Absoluten. Gerade



                                     63
so wie die Kälte untrennbar vom Eis ist, so ist das, was man Welt nennt, un-
         trennbar von Brahman.
           Wasser in der Fata Morgana tritt weder in die Existenz noch aus dieser her-
         aus. Ebenso ist es mit dieser Welt, die weder aus dem Absoluten kommt noch
         irgendwo anders hin verschwindet. Die Erschaffung der Welt hat keine Ursa-
         che und daher auch keinen Anfang. Sie existiert nicht einmal jetzt – wie könn-
         te sie dann zerstört werden?
           Wenn du zugibst, dass die Welt nicht aus Brahman heraus erschaffen wor-
         den ist, aber bestätigst, dass sie eine Erscheinung ist, die auf der Wirklichkeit
         Brahmans gründet, dann ist ihre Inexistenz in der Tat erwiesen, und nur
         Brahman allein existiert. Es ist wie in einem Traum: Im Zustand der Unwis-
         senheit erscheint die Intelligenz in uns als zahllose Traumobjekte, die wiede-
         rum nichts anderes als diese Intelligenz sind. Auf dieselbe Weise tritt in dem,
         was als Anfang der Schöpfung bekannt ist, eine derartige Erscheinung hervor.
         Jedoch ist sie nicht unabhängig von Brahman – sie existiert nicht getrennt von
         ihm, und daher existiert sie nicht.
           RùMA sagte:
            Heiliger Herr, wenn dies so ist, wie kommt es dann, dass diese Welt so wirk-
         lich erscheint? Solange der Wahrnehmende ist, existiert auch das Wahrge-
         nommene und umgekehrt, und nur wenn diese beiden enden, dann gibt es
         die Befreiung. Ein klarer Spiegel reflektiert die ganze Zeit über etwas. Auf
         dieselbe Weise wird diese Welt im Seher wieder und wieder auftauchen.
         Wenn jedoch die Nicht-Existenz der Welt erkannt wird, dann hört der Seher
         auf zu sein. Eine solche Erkenntnis ist allerdings nur schwer zu erlangen!
            VASIåèHA erwiderte:
           Rāma, ich werde deine Zweifel mit Hilfe einer Parabel zerstreuen. Danach
         wirst du die Nicht-Existenz der Welt verstehen und in dieser Welt ein er-
         leuchtetes Leben führen.
           VASIåèHA sagte:
III:12
           Oh Rāma, ich werde dir nun erzählen, wie diese Schöpfung in dem einen
         reinen, ungeteilten kosmischen Sein erschienen ist, so wie Träume im Be-
         wusstsein der schlafenden Person auftauchen.
           Dieses Universum ist in Wirklichkeit das ewiglich strahlende, unendliche
         Bewusstsein. Es erzeugt in sich selbst das Kennbare (welches zu dem wird,
         was man das Existierende nennt) zusammen mit einer Vorstellung von des-
         sen Form (die Raum ist) und der Selbsterforschung. Auf diese Weise tritt
         unendlicher Raum ins Sein. Wenn dann nach einer beträchtlichen Zeit das
         Bewusstsein der Schöpfung im unendlichen Sein stärker wird, taucht darin
         der zukünftige jīva auf (die lebendige kosmische Seele, die auch
         Hiraïyagarbha genannt wird). Das Unendliche gibt nun seinen höchsten
         Zustand auf und begrenzt sich selbst in der Gestalt des jīva. Jedoch – Brahman
         verbleibt selbst jetzt als das Unendliche – Es verwandelt sich in keiner Weise
         in all diese Formen.


                                                64
Im Raum manifestiert sich von selbst der Klang. Dann tritt als nächstes der
Ich-Sinn ins Sein, der von entscheidender Wichtigkeit für die weitere Schöp-
fung des Universums ist, und zur selben Zeit auch der Faktor, der als Zeit
bekannt ist. All dies geschieht nur durch den Schöpfungsgedanken des kos-
mischen Seins, nicht aber etwa durch wirkliche Transformationen des Unend-
lichen.
   Durch den Schöpfungsgedanken wird dann die Luft erschaffen. Auch die
Veden treten auf diese Weise ins Sein. Das Bewusstsein, welches von all die-
sen Dingen umgeben ist, wird jīva genannt, welcher all die verschiedenen
Elemente in dieser Welt entstehen lässt.
   Es gibt vierzehn Ebenen der Existenz, jede mit ihrer eigenen Art von Be-
wohnern. Und alle diese Manifestationen entstehen aus dem Schöpfungsge-
danken. So werden auch die Lichtquellen wie die Sonne usw. unverzüglich
erschaffen, sobald dieses Bewusstsein denkt „Ich bin Licht“. Auf ähnliche
Weise entstehen Wasser und Erde.
   Alle diese fundamentalen Elemente wirken aufeinander als Erfahrender
und Erfahrung. Diese gesamte Welt trat ins Sein wie die Wellen auf der Ober-
fläche des Ozeans. Und all dies ist so wirkungsvoll miteinander verflochten
und vermischt, dass es nicht vor der nächsten kosmischen Auflösung vonei-
nander getrennt werden kann. Alle diese materiellen Erscheinungsformen
verändern sich unaufhörlich, während die zugrundeliegende Wirklichkeit
unverändert bleibt. Weil sie alle vom Bewusstsein durchzogen sind, werden
sie unverzüglich zu grober physischer Substanz, obgleich sie nichts anderes
als Bewusstsein sind, das sich niemals auf irgendeine Weise verändert hat.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Im Höchsten Sein existiert die Vibration, die Gleichgewicht und Ungleich-      III:13
gewicht ist. Wegen dieser erscheinen da Raum, Licht und Trägheit, obgleich
diese niemals wirklich erschaffen werden. Da all dies im Bewusstsein ge-
schieht, besitzen sie die Eigenschaft des Kennbaren. Zur selben Zeit entsteht
auch der Kenner. Es ist die innewohnende Macht des Bewusstseins, alle Dinge
zu erleuchten; daher ist es der kosmische Kenner. Dieses Bewusstsein wird
für sich selbst zum Kennbaren und Kenner. Sobald diese Beziehung auftaucht,
erscheint im Bewusstsein auch der Gedanke „Ich bin der jīva, die lebendige
Seele“.
  Durch weitere Identifikation mit dem Kennbaren entstehen im reinen Be-
wusstsein der Gedanke des Ich und schließlich die Fähigkeit der Unterschei-
dung oder der rationalisierende Verstand. Danach entstehen das Gemüt und
die Wurzelelemente. Diese Wurzelelemente verbinden sich wieder und wie-
der, um die Welten zu gestalten. Spontan und durch wohlgeordnete Abläufe
erscheinen und verschwinden alle diese zahllosen Formen wieder und wie-
der, so wie Städte im Traum kommen und gehen. Keine von ihnen benötigt
irgendeine instrumentale oder materielle Ursache wie Erde, Wasser oder
Feuer. Denn die essenzielle Natur von all diesem ist Bewusstsein, und es ist



                                     65
dieses Bewusstsein, welches scheinbar alle diese Dinge erschafft; wie jemand
Städte in einem Traum erschafft. All das ist nichts als reines Bewusstsein.
  Die fünf Elemente sind die Samen, aus denen diese Welt als der Baum ent-
steht, während das ewige Bewusstsein der Samen der Elemente ist. Wie der
Same, so ist die Frucht (der Baum). Daher ist die Welt nichts anderes als
Brahman, das Absolute.
  Auf diese Weise ist das Universum im kosmischen Raum durch kosmisches
Bewusstsein mit den ihm innewohnenden unendlichen Kräften heraufbe-
schworen worden – es ist nicht real und wurde niemals wirklich erschaffen.
Obgleich alle diese Elemente sich miteinander vermischen und die scheinbare
Materialität in der Welt geschaffen haben, ist all dies in Wahrheit nur eine
bloße Erscheinung, wie die Formen, die man im Äther sieht. Sie verdanken
ihre Realität ihrer Grundlage, dem kosmischen Bewusstsein, welches als
einziges wirklich ist.
  Verfalle nicht in die Vorstellung, dass die Welt der fünf Elemente die Schöp-
fung dieser Elemente sei. Betrachte die fünf Elemente selbst als Manifestation
der dem absoluten Bewusstsein innewohnenden Kräfte. Man kann sagen,
dass die Elemente wie Erde usw. wie Traumobjekte im Bewusstsein erschei-
nen, oder dass sie bloße Erscheinungen sind, die aufgrund von Unwissenheit
dem kosmischen Bewusstsein überlagert werden. So ist die Sichtweise oder
die Wahrnehmung der Heiligen.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Rāma, ich werde dir nun mitteilen, wie der jīva (lebendige Seele) in diesen
Körper eingegangen ist.
   Der jīva hatte den Gedanken: „Von Natur und Gestalt her bin ich atomisch
(getrennt)“. Und so wurde er in seiner Natur atomisch. Jedoch wurde er nur
scheinbar so, und zwar aufgrund seiner falschen Vorstellung. So wie jemand
träumt, er sei tot und habe einen neuen Körper bekommen, so beginnt dieser
jīva, der in Wahrheit über einen extrem subtilen Körper reinen Bewusstseins
verfügt, sich nun selbst mit dem Groben zu identifizieren und daraufhin
selbst von grober Natur zu werden.
   So wie ein Berg in einem Spiegel erscheint und so wahrgenommen wird, als
befände er sich im Spiegel, so reflektiert der jīva die externen Objekte und
Tätigkeiten. Schon bald beginnt er dann zu denken, dass sie alle innerhalb
von ihm selbst seien und er der Täter der Tätigkeiten und der Erfahrende der
Erfahrungen sei.
   Wenn der jīva zu sehen wünscht, werden im groben Körper die Augen ge-
bildet. Ebenso geschieht es mit der Haut (dem Berührungssinn), den Ohren,
der Zunge, der Nase und den Organen, die alle als Ergebnis eines entspre-
chenden im jīva auftauchenden Wunsches entstehen. Auf diese Weise im
Körper wohnend, stellt sich nun der jīva, der den extrem subtilen Körper des
Bewusstseins besitzt, unterschiedliche physische und psychologische Erfah-



                                      66
rungen vor. Auf diese Weise, durch Verbleiben im Unwirklichen, das aber als
real erscheint, gerät Brahman, das nun als jīva erscheint, in Verwirrung.
  Dasselbe Brahman, welches sich nun selbst als den endlichen jīva betrach-
tet und mit einem physischen Körper ausgestattet zu sein scheint, versteht
die externe Welt nun aufgrund des Schleiers der Unwissenheit als aus Materie
bestehend. Jemand hält sich für Brahmā, und jemand anderes denkt, er sei
irgendetwas anderes. Auf diese Weise stellt sich auch der jīva als dies oder
das vor und bindet sich so selbst an die Illusion der Welterscheinung.
  Jedoch ist all dies nichts als reine Einbildung oder Denken. Sogar in diesem
Augenblick existiert nichts Geschaffenes – es existiert nur der reine, unendli-
che Raum. Brahmā der Schöpfer konnte die Welt nicht so erschaffen, wie sie
vor der kosmischen Auflösung war, weil Brahmā die letztliche Befreiung
erlangt hat. Nur kosmisches Bewusstsein allein existiert jetzt und für immer –
in ihm sind keine Welten, keine erschaffenen Wesen. Dieses in sich selbst
reflektierte Bewusstsein erscheint als die Schöpfung. So wie der unwirkliche
Albtraum scheinbar reale Ergebnisse erzeugt, so lässt auch diese Welt im
Zustand der Unwissenheit das Gefühl der Echtheit entstehen. Sobald die
wahre Weisheit entsteht, verflüchtigt sich diese Unwirklichkeit.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Wie ich dir bereits erklärt habe, oh Rāma, wurde diese aus dem Ich-Sinn          III:14
und den unzähligen Objekten der Erfahrung bestehende Welt niemals er-
schaffen und existiert daher nicht als solche; was existiert, ist allein Brahman,
die Absolute Existenz. So wie Wellen auf der stillen Oberfläche des Ozeans
erscheinen, sobald dieser aufgewühlt wird, ebenso manifestiert sich die jīva-
Natur in demselben Moment, da das Absolute sozusagen ‚denkt’, dass es ein
jīva sei. So wie eine schlafende Person in sich selbst anscheinend zahllose
Kreaturen erschafft, ohne dabei jemals ihre einzigartige und alleinige Wirk-
lichkeit aufzugeben, so lässt das Absolute durch den bloßen Gedanken oder
Willen all diese zahllosen Kreaturen ins Dasein treten, ohne dadurch den
geringsten Wandel oder eine Verkleinerung seiner selbst zu erfahren.
   Die kosmische Gestalt (VirāÂ) dieses kosmischen Bewusstseins ist selbst-
verständlich von der Natur reinen Bewusstseins und wird nicht durch die
grobe Materialität verunreinigt. Die kosmische Gestalt bestehend aus reinem
Bewusstsein kann verglichen werden mit einem ewig dauernden Traum in
einer schlafenden Person, in dem Paläste und andere Wesen existieren.
   Sogar der Schöpfer Brahmā ist innerhalb dieses kosmischen Bewusstseins
nichts als ein bloßer Gedanke, denn das Bewusstsein, welches seine eigenen
Gedankenformen innerhalb seiner selbst reflektiert, ist stets dieser scheinba-
re Seher und das Gesehene, was reine Einbildung ist. Alles dieses existiert nur
als Name; auch die Vielfalt besteht nur im Namen. So wie das kosmische Sein
im kosmischen Bewusstsein als eine kosmische Gedankenform auftaucht, so
tauchen aus den Gedanken dieser kosmischen Gedankenform weitere auf – so
wie eine Lampe an einer anderen entzündet wird. Jedoch sind sie alle nicht



                                       67
verschieden von diesem einen kosmischen Sein, aus dessen Gedanken-
schwingung sie allesamt entstanden sind.
  Brahman allein ist das kosmische Sein (VirāÂ), und das kosmische Sein ist
diese gesamte Schöpfung, zusammen mit dem jīva und all den Elementen, aus
denen diese Schöpfung besteht.
  RùMA fragte:
  Hoher Herr, gibt es nur einen kosmischen jīva oder mehrere jīvas? Oder gibt
es vielleicht eine riesige Ansammlung von jīvas?
  VASIåèHA antwortete:
  Rāma, da sind weder ein einziger jīva noch viele oder gar ein Konglomerat
von jīvas. „Jīva“ ist nichts als ein Name! Was existiert, ist einzig und allein
immer nur Brahman. Da er allmächtig ist, materialisieren sich seine Gedan-
kenformen. Das Eine erscheint nur aufgrund der Unwissenheit als Vieles. Wir
werden durch diese Unwissenheit nicht getäuscht, da sie durch Erforschung
verschwindet, wie die Finsternis schwindet, sobald das Licht gebracht wird,
um sie anzuschauen. Brahman ist die kosmische (Mahājīva) Seele und die
Millionen von jīvas. Nichts anderes ist da.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Durch das Wahrnehmen von etwas Kennbarem wird das Bewusstsein zum
jīva (der lebendigen Seele) und verwickelt sich scheinbar in den Lebenszyk-
lus (saæsāra). Sobald diese falsche Vorstellung von etwas Kennbarem ge-
trennt vom Kenner (Bewusstsein) aufhört, erlangt es sein Gleichgewicht
wieder.
   Auf eine wohlgeordnete, aber manchmal auch auf ungeordnete Art und
Weise wird der eine Mahājīva zum individuellen jīva, der von der vorherigen
Generation das Empfinden der Dualität und Individualität ererbt.
   Die mysteriöse Kraft des Bewusstseins, welches auf eine unerklärliche und
rätselhafte Weise diese unendliche Vielfalt von Namen und Formen (Körper)
hervorbringt, wird als Ich-Sinn bezeichnet. Dasselbe Bewusstsein wird, so-
bald es zu schmecken oder sich selbst zu erfahren wünscht, zum kennbaren
Universum. Nur unreife Menschen sehen darin eine wirklich stattfindende
Transformation oder betrachten es als eine irreführende Erscheinung, denn
hier gibt es nichts anderes als Bewusstsein.
   Der Ozean ist Wasser, die Wellen sind Wasser, und wenn diese Wellen auf
der Oberfläche des Ozeans spielen, dann entstehen Kräuselwellen (ebenfalls
Wasser). Ebenso ist es mit dem Universum. So wie der Ozean die „Individuali-
tät“ der einzelnen Wellen wahrnehmen könnte, so sieht auch das Bewusstsein
die Individuen als unabhängig – auf diese Weise wird der Ich-Sinn geboren
(die „Ich-heit“). All dies ist nur das wunderbare Spiel der mysteriösen Kräfte
des Bewusstseins – dies allein wird Universum genannt.
   Sobald der Ich-Sinn in die Existenz tritt, stellt sich dieser (der nicht ver-
schieden vom Bewusstsein ist) die Ideen der mannigfaltigen Elemente vor,


                                      68
die dieses Universum ausmachen, und diese tauchen dann auch auf. In der
Einheit entsteht so die Vielfalt. Oh Rāma, gib alle diese falschen Vorstellungen
von „ich” und „du” auf, indem du sogar die Idee eines jīva und seiner Ursache
aufgibst. Wenn alle diese Dinge verschwunden sind, wirst du die Wahrheit
erkennen, die sich in der Mitte zwischen dem Wirklichen und dem Unwirkli-
chen befindet. Wenn alle diese „Wolken“ zerstreut sind, leuchtet das Eine
Unteilbare Ganze, das niemals aufgehört hat zu leuchten. Wir können nicht
wissen, was wirklich oder was falsch ist!
  Dieses Bewusstsein ist nicht erfassbar – sobald es wünscht, erkannt zu
werden, wird es als das Universum erkannt. Gemüt, Intellekt, Ich-Sinn, die
fünf Grundelemente und die Welt – all diese unzähligen Namen und Formen
sind nichts als Bewusstsein. Ein Mensch, sein Leben und seine Taten sind
ununterscheidbar – sie sind die statischen und bewegten Manifestationen
desselben Faktors. Der Jīva, das Gemüt und alles andere sind nichts als
Schwingungen im Bewusstsein.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Dieses Bewusstsein ist in der Tat, was hier und jetzt existiert, und es weiß:
„Ich kann weder verletzt noch verbrannt, weder genässt noch getrocknet
werden – Ich bin ewiglich, allgegenwärtig, wandellos und unbeweglich.“ Dies
ist die Wahrheit. Die Menschen lieben es zu argumentieren und andere zu
verwirren; sie sind in der Tat alle verwirrt. Wir jedoch, oh Rāma, sind jenseits
jeder Verwirrung. Wandel im Wandellosen wird nur von den unwissenden
und irregeführten Leuten wahrgenommen. In der Sicht der Weisen jedoch,
die Selbsterkenntnis erlangt haben, findet im Bewusstseins niemals auch nur
der kleinste Wandel statt.
  Oh Rāma, es ist nur das Bewusstsein selbst, welches sich als Raum ausge-
breitet hat, ohne in sich den kleinsten Wandel zu erfahren. Danach erscheint
das Bewusstsein als der Wind, der die Eigenschaft der Bewegung besitzt. Und
auf dieselbe Weise erscheint das Bewusstsein als Feuer, Wasser und Erde mit
ihren Mineralien, und ebenso als die Körper der lebenden Wesen.
  Sobald die Idee eines im Außen liegenden Kennbaren beseitigt ist, taucht
die Selbsterkenntnis auf, aber wenn in ihm die Idee der Trägheit (Materiel-
len) oder Unwissenheit auftaucht, so ist der Zustand des Tiefschlafs über es
gekommen. Weil daher alle Zeit Bewusstsein allein existiert, kann man sagen,
dass Raum existiert und nicht existiert, dass die Welt existiert und doch nicht
existiert.
  So wie die Hitze zum Feuer gehört, die Weiße zum Innern der Muschel, die
Festigkeit zum Berg, das Fließen zum Wasser, die Süße zum Zuckerrohr, die
Butter zur Milch, die Kühle zum Eis, die Strahlkraft zum Glanz, das Öl zum
Senfsamen, das Strömen zum Fluss, die Süße zum Honig, das Schmuckstück
zum Gold und der Duft zur Blume, so gehört das Universum zum Bewusst-
sein. Die Welt existiert, weil es Bewusstsein gibt; und die Welt ist der Körper
des Bewusstseins. Da gibt es keinerlei Teilung, Unterschied oder Unterschei-
dung. Daher kann das Universum als gleichzeitig real und irreal angesehen


                                      69
werden: Real, weil es die Realität des Bewusstseins hat, welches seine eigene
Realität ist, und irreal, weil das Universum als Universum nicht unabhängig
vom Bewusstsein existiert. Dieses Bewusstsein ist unteilbar und hat keinerlei
Teile oder Glieder. In ihm existieren weder der Ozean, die Erde noch die Flüs-
se usw. als solche, sondern nur als Bewusstsein, denn im Bewusstsein gibt es
keinerlei Teile oder Glieder.
  Wegen der Irrealität des Universums usw. darf man aber nicht behaupten,
dass seine Ursache, d. h. das Bewusstsein, selbst irreal sei. Eine derartige
Aussage wäre nur Worte ohne Sinn, weil sie im Gegensatz zu unserer Erfah-
rung steht, und die Existenz des Bewusstseins kann nicht geleugnet werden.
  (An diesem Punkt der Unterweisung brach der Abend herein und die Ver-
sammlung löste sich auf.)

                                     ***



Die Geschichte von Līlā

 VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, so wie wir im Wachzustand erkennen, dass die Traumobjekte               III:15
nicht materiell sind, obschon sie im Traum als solide erscheinen, so erscheint
diese Welt als solide und materiell, während sie in Wirklichkeit reines Be-
wusstsein ist. In einer Luftspiegelung gibt es weder „zeitlich begrenztes“ noch
„subtiles“ Wasser. Auf dieselbe Weise existiert in keiner Weise eine reale Welt,
sondern stets nur reines Bewusstsein. Nur falsches Wissen klammert sich an
den Gedanken einer Welt. In Wirklichkeit gibt es keinen Unterschied zwi-
schen den Wörtern „Welt“, „Brahman oder das Unendliche“ und „Selbst“. Die
Welt ist so wahr in Beziehung zu Brahman wie die Traumstadt wahr ist in
Beziehung zum Wachbewusstsein. Folglich sind „Welt“ und „kosmisches
Bewusstsein“ Synonyme.
  Um dies alles kristallklar zu machen, oh Rāma, werde ich dir nun die Ge-
schichte von Mandapa erzählen; bitte höre aufmerksam zu.
  Es gab einmal, oh Rāma, auf der Erde einen König namens Padma. In jeder
Hinsicht war er vollkommen. Durch sein Auftreten und sein Betragen erhöhte
er den Ruhm seiner Dynastie. Er hielt die religiöse Überlieferung in Ehren, so
wie der Ozean das Dasein des Ufers respektiert. Er unterwarf seine Feinde, so
wie die Sonne die Finsternis vernichtet. Und wie Feuer Stroh zu Asche ver-
brennt, so zerstörte er das Böse in der Gesellschaft. Heilige suchten bei ihm
Zuflucht, so wie die Götter Zuflucht in den Himmeln suchen. Er war die Heim-
statt der Tugend. Er ließ seine Feinde erzittern auf dem Schlachtfeld, so wie
ein Windstoß eine Kletterpflanze zerzaust. Er war außerordentlich gelehrt



                                      70
und ein Meister der Künste. Es gab nichts, was er nicht erreichen konnte, wie
         es auch für Gott Nārāyana keine Unmöglichkeit gibt.
            Dieser König hatte eine Gemahlin namens Līlā. Sie war eine vollkommene
         Frau und sehr schön. Tatsächlich erschien sie wie die auf der Erde geborene
         Göttin Lak«mī (die Gemahlin Nārāyanas). Ihre Rede war sanft, ihr Schritt
         bedachtsam und anmutig und ihr Lächeln wie die Strahlen des Mondlichts.
         Sie war makellos. Sie war so süß wie Honig. Ihre Arme waren weich und zart.
         Ihr Körper war rein und klar wie die Wasser des heiligen Flusses GaÇgā. So
         wie eine Berührung des heiligen GaÇgā Seligkeit hervorbringt, so erfuhr, wer
         sie berührte, die Seligkeit. Sie war ihrem Gemahl Padma vollkommen ergeben
         und wusste, wie sie ihm dienen und ihn erfreuen konnte.
            Sie war eins mit dem König und teilte Freuden und Leiden mit ihm. Tatsäch-
         lich war sie wie das Alter Ego von Padma, mit einer Ausnahme: Wenn der
         König verärgert war, dann zeigte sie nur Furcht.
            VASIåèHA fuhr fort:
III:16
            König Padma und die Königin Līlā lebten ein ideales Leben. Sie erfreuten
         sich ihres Lebens in jeder möglichen und rechtschaffenen Hinsicht. Sie waren
         jung und jugendlich wie Götter, und ihre Liebe füreinander war rein und
         stark, ohne eine Falschheit oder Künstlichkeit.
            Eines Tages dachte die Königin Līlā: „Dieser edelste König, der mein Gemahl
         ist, ist mir teurer als mein eigenes Leben. Was kann ich tun, damit er und ich
         für immer leben mögen, um die Freuden des Lebens zu genießen? Ich werde
         unverzüglich mit Askeseübungen beginnen, die von den Heiligen empfohlen
         werden, um diesen Wunsch zu erfüllen.“ So holte sie den Rat der Heiligen ein.
            Die Heiligen sagten zu ihr: „Oh Königin, Askese oder Buße, die Wiederho-
         lung von Mantras und ein Leben der Selbstbeschränkung wird dir sicher alles
         gewähren, was jemand in dieser Welt erlangen kann, jedoch ist die Unsterb-
         lichkeit des Körpers in dieser Welt nicht möglich.“
            Die Königin dachte über diesen Rat nach und entschied: „Falls ich noch vor
         meinem Gemahl sterben sollte, dann sollte ich die Selbsterkenntnis erlangen
         und frei vom Leiden werden. Falls er mich jedoch vorher verlassen sollte,
         dann werde ich mich jetzt bemühen, die Gunst von den Göttern zu erlangen,
         dass sein jīva niemals diesen Palast verlässt. Und so werde ich glücklich in
         dem Wissen leben, dass er auf immer mit mir ist.“
            Nachdem sie zu diesem Entschluss gekommen war, begann Līlā damit, die
         Gnade der Göttin Sarasvatī zu erlangen, ohne ihr Vorhaben mit ihrem Gemahl
         zu besprechen. Einmal in drei Nächten pflegte sie zu essen, nachdem sie
         hingebungsvoll Gott, die Heiligen, den Lehrer, die Gelehrten und die Weisen
         verehrt hatte. Sie war gänzlich davon überzeugt, dass diese Bußübungen
         erfolgreich sein würden, und die Überzeugung verstärkte ihre Hingabe an
         ihre Übungen. Obgleich sie ihre Absicht dem König nicht enthüllt hatte, ließ
         sie es an ihrem Dienst gegenüber ihrem Ehemann nicht im Kleinsten fehlen.
         Nach einhundert dieser drei-nächtigen Verehrungsübungen erschien die


                                              71
Göttin Sarasvatī vor ihr und gewährte ihr die Wünsche ihrer Wahl. Līlā bat:
„Oh Göttliche Mutter, gewähre mit zwei Wünsche: 1. wenn mein Gemahl sei-
nen Körper verlässt, dann möge sein jīva im Palast bleiben, und 2. mögest du
immer dann erscheinen, wenn ich dich darum bitte.“ Sarasvatī gewährte
beide Wünsche und verschwand.
   Die Zeit verging unerbittlich. König Padma wurde auf dem Schlachtfeld töd-
lich verwundet und starb im Palast. Die Königin Līlā war untröstlich in ihrem
Kummer. Während sie in tiefe Trauer versunken war, sprach eine himmlische             III:17
Stimme zu ihr.
   DIE HIMMLISCHE STIMME VON SARASVATĪ sagte:
   Mein Kind, bedecke den toten Körper des Königs mit Blumen, denn so wird
er nicht zerfallen. Er wird dann den Palast nicht verlassen.
   (Līlā tat so. Doch fühlte sie sich nicht befriedigt. Es ging ihr wie dem reichen
Mann, der betrogen wurde und nun ein Leben voller Armut führt. Sie rief die
Göttin Sarasvatī an, die erschien und sagte:)
   Mein Kind, weshalb trauerst du? Kummer ist eine Illusion, wie Wasser in
der Luftspiegelung.
   (Līlā fragte sie: Bitte, sage mir, wo mein Gemahl ist.)
   Oh Līlā, es gibt drei Arten von Raum – den Raum des Gemüts, den physi-
schen Raum und den unendlichen Raum des Bewusstseins. Von diesen ist der
unendliche Raum des Bewusstseins der subtilste. Mit Hilfe intensiver Medita-
tion über diesen unendlichen Raum des Bewusstseins kannst du die Gegen-
wart von jemandem (wie deinem Gemahl), dessen Körper dieser unendliche
Raum ist, sehen und erfahren, auch wenn du ihn hier nicht sehen kannst. Das
ist der unendliche Raum, der in der Mitte existiert, wenn die begrenzte Intel-
ligenz von einem Ort zum anderen reist, denn er ist unendlich. Sobald du alle
Gedanken aufgegeben hast, wirst du hier und jetzt die Verwirklichung der
Einheit von allem erlangen. Normalerweise vermag dies nur derjenige zu
erfahren, der zuvor die absolute Inexistenz des Universums erkannt hat. Dir
jedoch gebe ich diese Erfahrung aus meiner Gnade heraus.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Līlā begann zu meditieren. Unverzüglich trat sie in den höchsten Zustand
des Bewusstseins ein, der frei von allen Störungen war (nirvikalpa). Sie be-
fand sich nun im unendlichen Raum des Bewusstseins. Dort sah sie aufs Neue
den König auf einem Thron, umgeben von vielen Königen, die ihm huldigten,
von vielen Weisen und heiligen Männern, die die Veden sangen, und von
vielen Frauen und bewaffneten Kriegern. Sie sah alle, jedoch sie sahen sie
nicht, da die eigenen Gedankenformen nur für einen selbst, jedoch nicht für
andere sichtbar sind. Sie sah, dass der König einen jugendlichen Körper be-
saß. Außerdem bemerkte sie an seinem Hof viele Mitglieder des Hofes von
König Padma. Sie fragte sich: Wie kann dies sein? Alle diese sind also auch tot!




                                       72
Durch die Gnade der Göttin Sarasvatī gelangte Līlā wieder in ihren Palast
         und fand ihre Dienerinnen schlafend. Sie weckte sie und bat sie, unverzüglich
         die Mitglieder des königlichen Hofes zu versammeln. Boten wurden rasch
         ausgesandt, um alle herbei zu holen. Schon bald war der königliche Hof von
         König Padma bevölkert mit Ministern, Weisen, Bediensteten, Verwandten und
         Freunden. Wie sie alle sah, freute Līlā sich.
III:18
           VASIåèHA fuhr fort:
           Als sie nun alle Mitglieder des königlichen Hofes sah, war Līlā verwirrt. Sie
         dachte: „Wie seltsam! Denn alle diese Leute scheinen an zwei Orten gleichzei-
         tig zu existieren – an dem Ort, den ich in meiner Meditation gesehen habe,
         und hier direkt vor mir. So wie ein Berg in einem Spiegel und außerhalb gese-
         hen wird, so scheint diese Schöpfung sowohl innerhalb wie außerhalb des
         Bewusstseins zu existieren. Aber welche von diesen ist nun wirklich und
         welche bloße Reflektion? Ich muss dies Sarasvatī fragen“. Sie huldigte erneut
         Sarasvatī und sah sie schon bald vor ihr erscheinen.
           LĪLù fragte:
           Sei gnädig, oh Gottheit, und sage mir dieses: Das, worin diese Welt reflek-
         tiert wird, ist von höchster Reinheit und ungeteilt, und es ist nicht das Objekt
         des Wissens. Diese Welt existiert sowohl innerhalb als ihre Reflektion als
         auch außerhalb als feste Materie. Was davon ist nun wirklich und was die
         Reflektion?
           SARASVATĪ fragte:
           Sage mir zuvor: Was nennst du wirklich und was unwirklich?
           LĪLù erwiderte:
           Dass ich hier bin und du vor mir bist, dies erachte ich als wirklich. Jene Re-
         gion, wo ich mein Gemahl jetzt ist, erachte ich als unwirklich.
           SARASVATĪ sagte:
           Wie kann Unwirkliches die Wirkung des Wirklichen sein? Die Wirkung ist
         die Ursache – einen essenziellen Unterschied gibt es nicht. Wie im Fall eines
         Gefäßes, der das Wasser zu halten vermag, was seine Ursache (der Ton) aber
         nicht kann, so ist dieser Unterschied den zusammenwirkenden Ursachen
         zuzuschreiben. Was war die materielle Ursache der Geburt deines Gemahls?
         Denn nur materielle Wirkungen können von materiellen Ursachen erzeugt
         werden.
           Wenn du daher keine direkte Ursache für eine Wirkung finden kannst, dann
         existierte die Ursache gewiss in der Erinnerung aus der Vergangenheit. Erin-
         nerung ist wie Raum – leer. Alle Schöpfung hier ist die Wirkung dieser Leer-
         heit, und folglich ist auch die Schöpfung selbst leer. So wie die Geburt deines
         Gemahls das illusionäre Produkt der Erinnerung ist, so sehe ich all dieses als
         das illusorische und unwirkliche Produkt der Einbildungskraft.
           Ich werde dir nun eine Geschichte erzählen, die die traumartige Natur die-
         ser Schöpfung verdeutlicht. Im reinen Bewusstsein, in einer Ecke im Gemüt


                                               73
des Schöpfers, gab es einmal einen verfallenen Schrein mit einer blauen Kup-
            pel. In ihm waren vierzehn Zimmer, die die vierzehn Welten darstellten. Die
            drei Teile des (unendlichen) Raumes waren durch Löcher darin repräsentiert.
            Die Sonne war das Licht. Es gab darin kleine Ameisenhaufen (die Städte),
            kleine Erdhaufen (Berge) und kleine Wasserbecken (die Ozeane). Dies war
            die Schöpfung, das Universum. In einer sehr kleinen Ecke darin lebte ein
            heiliger Mann mit seiner Frau und seinen Kindern. Er war gesund und kräftig
            und frei von Furcht. Er ging auf rechtschaffene Weise seinen religiösen und
            sozialen Pflichten nach.
III:19,20
              SARASVATĪ fuhr fort:
              Dieser heilige Mann war bekannt als Vāsi«Âha, und seine Frau war
            Arundhatī (jedoch handelt es sich hier um andere Personen als der Vāsi«Âha
            und die Arundhatī von legendärer Berühmtheit). Eines Tages, als der heilige
            Mann auf dem Gipfel eines Berges saß, bemerkte er am Fuße des Berges eine
            farbenfrohe Prozession, der ein König auf einem prächtigen Elefanten voraus-
            ritt, begleitet von seiner Armee und anderem königlichen Gefolge. Während
            er dies betrachtete, entstand im Herzen des heiligen Mannes ein Wunsch:
            „Das Leben eines Königs ist wahrhaftig reich und voll an Freuden und Glanz.
            Wann werde ich einen solchen königlichen Elefanten reiten und von einer
            Armee begleitet werden? “
              Der heilige Mann wurde alt und der Tod ergriff ihn. Seine Frau, die ihn zeit-
            lebens verehrt hatte, betete zu mir und bat um dieselbe Gunst, die auch du dir
            erbeten hast: Dass der Geist ihres Ehemanns niemals ihr Haus verlassen
            möge. Ich gewährte ihr diese Gunst.
              Obwohl der heilige Mann ein himmlisches Wesen war, wurde er nun auf-
            grund seines festen Wunsches ein mächtiger König und regierte ein großes
            Reich, das wie der Himmel auf Erden war. Von seinen Widersachern wurde er
            gefürchtet, gegenüber den Frauen war er wie der Gott der Liebe, er war fest
            und unnachgiebig wie ein Berg gegenüber Verführungen, er war in seinem
            Innern wie ein reiner Spiegel der Schriften, er war der Wunscherfüller aller in
            Not Geratenen und der Ruheort für alle Heiligen; mit einem Wort – er war
            wahrhaftig der Vollmond der Rechtschaffenheit. (Arundhatī hatte inzwischen
            ebenfalls ihren Körper aufgegeben und war wieder mit ihrem Ehemann ver-
            eint.) Dies geschah vor acht Tagen.
              Līlā, es ist eben derselbe heilige Mann, der jetzt dein Gemahl ist, der König.
            Und du bist die nämliche Arundhatī, die seine Frau war. Aufgrund von Unwis-
            senheit und Täuschung scheint all dies im unendlichen Bewusstsein zu ge-
            schehen – du kannst es als wahr oder falsch betrachten.
              LĪLù fragte:
              Oh Gottheit, all dieses kommt mir seltsam und unglaublich vor. Es ist, als
            würde man sagen, dass ein riesiger Elefant im Innern eines Senfsamens ge-
            fesselt ist, oder dass in einem Atom ein Moskito mit einem Löwen kämpft,
            oder dass da ein Berg in einer Lotos-Schote sei.


                                                  74
SARASVATĪ sagte: Mein Kind, ich äußere keine Falschheit, sondern sage die
Wahrheit. Es klingt unglaubwürdig, aber dieses Königreich erscheint nur
aufgrund seines Wunsches nach einem Königreich in der Hütte des heiligen
Mannes. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist verborgen – und ihr beide
seid aufs Neue auferstanden. Tod ist nur das Erwachen aus einem Traum.
Eine Geburt, die aus einem Wunsch entsteht, ist nicht wirklicher als der
Wunsch selbst – wie Wasser in einer Luftspiegelung!
  SARASVATĪ fuhr fort:
  Līlā, dein Haus, du selbst, ich und all dies hier ist reines Bewusstsein und    III:20, 21
nichts anderes. Dein Haus war auch in dem Haus des heiligen Mannes
Vāsi«Âha enthalten. Im Raum seines jīva existierten die Flüsse, die Berge und
alles andere. Sogar nach der „Erschaffung“ von all diesem im Haus des heili-
gen Mannes blieb dieses wie zuvor. In der Tat befinden sich in jedem Atom
Welten innerhalb von Welten.
  LĪLù fragte:
  Oh Gottheit, du sagtest, dass der heilige Mann vor gerade acht Tagen ge-
storben sei, und doch haben mein Gemahl und ich eine lange Zeit gelebt. Wie
kannst du diese Diskrepanz erklären?
  SARASVATĪ sagte:
  Oh Līlā, so wie Raum keinerlei festes Maß hat, so hat auch die Zeit kein fes-
tes Maß. So wie die Welt und ihre Entstehung bloße Erscheinungen sind, so
sind ein Moment und eine Epoche rein imaginär – nicht real. Im Moment
eines Augenzwinkerns erlebt der jīva die Illusion des Todes, vergisst, was
davor geschehen ist, und denkt innerhalb des unendlichen Bewusstseins „Ich
bin dies“ und „Ich bin dessen Sohn, bin so und so alt“ usw. Es gibt keinen
substanziellen Unterschied zwischen den Erfahrungen dieser Welt und denen
in einer anderen – alle sind nur Gedankenformen im unendlichen Bewusst-
sein. Sie sind wie zwei Wellen im selben Ozean. Da diese Welten niemals
erschaffen worden sind, werden sie auch niemals aufhören zu sein – so lautet
das Gesetz. Ihre wahre Natur ist Bewusstsein.
  So wie es in einem Traum in kurzer Zeit Geburt, Tod und Beziehungen gibt,
und wie dem Liebhaber eine einzige Nacht ohne seine Geliebte wie eine Epo-
che vorkommt, so denkt der jīva an erfahrene und nicht-erfahrene Objekte in
der Zeit eines Augenzwinkerns. Und unverzüglich danach stellt er sich diese
Dinge (die Welt) als wirklich vor. Sogar diejenigen Dinge, die er weder erfah-
ren noch gesehen hat, zeigen sich vor seinen Augen wie in einem Traum.
  Diese Welt und ihre Entstehung besteht aus nichts als Erinnerung und
Traum. Entfernungen und Zeitmaße wie ein Moment oder ein Zeitalter sind
nichts als Halluzinationen. Dies ist die eine Art des Wissens, nämlich diejeni-
ge der Erinnerung. Es gibt noch eine andere, die sich nicht auf die Erinnerung
an vergangene Erfahrungen gründet. Sie besteht in der zufälligen Begegnung
eines Atoms und des Bewusstseins, die dann auf ihre eigene Art Wirkungen
hervorruft.


                                      75
Die Befreiung besteht im Realisieren der totalen Nicht-Existenz des Univer-
sums als solches. Dies ist zu unterscheiden von einer bloßen Leugnung des
Egos und des Universums! Das letztere ist nur Halbwissen. Die Befreiung
besteht darin zu realisieren, dass all dies reines Bewusstsein ist.
  LĪLù fragte:
  Oh Gottheit, wie war ohne vorhergegangene Halluzination die Erschaffung
des heiligen Mannes und seiner Frau möglich?
  SARASVATĪ sagte:
  Dies geschah aufgrund der Gedankenform von Brahmā, dem Schöpfer. Er
selbst trägt keinerlei verborgene Gedankenformen (Erinnerungen) in sich, da
vor der Weltentstehung die Auflösung stattfand, und zu diesem Zeitpunkt
erlangte der Schöpfer die Befreiung. Zu Beginn dieser Epoche hat dann ir-
gendjemand den Platz des Schöpfers eingenommen und gedacht „Ich bin der
neue Schöpfer“, wobei dies auf reinem Zufall beruht, ebenso wie wenn eine
Krähe sich auf einer Palme niederlässt und im selben Augenblick eine Kokos-
nuss herunterfällt – obgleich diese beiden Ereignisse gänzlich unabhängig
voneinander geschehen. Vergiss aber nie, dass obwohl all dies anscheinend
stattfindet, es keinerlei Schöpfung gibt! Das Eine unendliche Bewusstsein
allein ist Gedankenform oder Erfahrung – eine Beziehung zwischen Ursache
und Wirkung gibt es nicht. Begriffe wie „Ursache“ und „Wirkung“ sind daher
nur Worte, keine Tatsachen. Das unendliche Bewusstsein ist für immer im
unendlichen Bewusstsein.
  LĪLù sagte:
  Oh Göttin, deine Worte sind wahrhaftig erleuchtend. Aber weil ich Worte
wie diese noch nie gehört habe, ist meine Weisheit noch nicht gut gegründet.
Ich möchte daher gern das frühere Haus des heiligen Vāsi«Âha sehen.
  SARASVATĪ sagte:
  Oh Līlā, gib nun diese deine Gestalt auf und erlange die reine spirituelle
Einsicht. Denn nur Brahman selbst kann wirklich Brahman sehen oder er-
kennen. Mein Körper besteht aus reinem Licht, aus reinem Bewusstsein. Dein
Körper jedoch nicht. Du vermagst mit diesem Körper nicht einmal die Orte
deiner eigenen Einbildungskraft zu erreichen. Wie kannst du dann mit ihm
die Gebiete der Einbildungskraft eines anderen betreten? Wenn du jedoch
den Körper aus Licht erwirbst, dann wirst du auf der Stelle das Haus des
heiligen Mannes sehen können. Sage zu dir selbst: „Ich werde nun meinen
Körper hier und jetzt verlassen und einen Körper aus Licht annehmen. Mit
dem Körper werde ich dann wie der Duft des Weihrauchs das Haus des heili-
gen Mannes betreten.“ So wie sich Wasser mit Wasser vermischt, so wirst du
eins mit dem Feld des Bewusstseins werden.
  Durch beständige Praxis dieser Meditation wird sogar dein Körper mehr
und mehr zu reinem Bewusstsein und von großer Subtilität werden. Ich sehe
sogar meinen Körper als Bewusstsein. Du aber nicht, weil du diese Welt der
Materie wahrnimmst, so wie ein unwissender Mensch einen Edelstein für


                                     76
einen Kiesel hält. Diese Unwissenheit entsteht aus sich selbst heraus, wird
jedoch durch Weisheit und Erforschung vertrieben. Tatsache ist, dass sogar
diese Unwissenheit als solche überhaupt nicht existiert! Weder Weisheitslo-
sigkeit noch Unwissenheit, weder Bindung noch Befreiung existieren wirk-
lich. Es gibt stets nur das eine reine Bewusstsein.
   SARASVATĪ sagte:
   Teure Līlā, im Traum erscheint der Traumkörper als wirklich. Jedoch sobald   III:22,23
der Traum verlassen und das Erwachen zur Wirklichkeit geschieht, ver-
schwindet die scheinbare Realität des Körpers. Ebenso wie sich der physische
Körper, der durch die Erinnerung und die latenten Neigungen aufrechterhal-
ten wird, als unwirklich erweist, wenn diese als unwirklich erkannt werden.
Am Ende des Traums wirst du dir deines physischen Körpers bewusst, und
am Ende dieser Neigungen wirst du dir deines geistigen Körpers bewusst.
Wenn der Traum endet, folgt der Tiefschlaf. Wenn die Samen des Denkens
absterben, bist du befreit. In der Befreiung existieren die Samen des Denkens
nicht mehr. Wenn von dem Weisen gesagt wird, dass er lebe und denke wie
andere, dann erscheint dies nur so – so wie ein verbranntes Kleid, das auf
dem Boden liegt. Jedoch ist dies nicht dasselbe wie Tiefschlaf oder Un-
bewusstheit, in denen die Samen des Denkens verborgen schlummern.
   Durch beständige Praxis (abhyāsa) wird der Ich-Sinn zum Schweigen ge-
bracht. Dann wirst du auf natürliche Weise in deinem Bewusstsein ruhen,
während das wahrgenommene Universum sich dem Punkt nähert, an dem es
gänzlich verschwindet. Was ist es, was man Praxis nennt?
   Nur noch an das denken, davon sprechen, mit anderen sich darüber unter-
halten und äußerste Hingabe an dieses Eine allein – dies wird von den Weisen
abhyāsa oder Praxis genannt. Wenn der eigene Verstand mit Schönheit und
Seligkeit angefüllt ist, wenn die eigene Sichtweise weit und die Leidenschaft
nach sinnlichem Vergnügen in einem abwesend ist – dies nennt man Praxis.
Wer fest in der Überzeugung verwurzelt ist, dass dieses Universum niemals
wirklich erschaffen wurde und daher als solches nicht existiert, und wenn
Gedanken wie „dies ist die Welt, dies bin ich“ überhaupt nicht mehr auftau-
chen – das ist abhyāsa oder Praxis. Dann geschieht es, dass Anziehung und
Abstoßung nicht mehr auftreten. Die Überwindung der Anziehung und Ab-
stoßung durch Willenskraft ist dagegen Askese, nicht aber Weisheit.
   (An diesem Punkt der Unterweisung brach der Abend herein und der Hof
zerstreute sich.) Am nächsten Morgen versammelte sich der Hof aufs Neue
und Vāsi«Âha fuhr mit seinen Ausführungen fort.
 VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, Sarasvatī und Königin Līlā saßen nun beide in tiefer Meditation
oder nirvikalpa samādhi. Sie erhoben sich über das Körperbewusstsein. Da
sie alle Vorstellungen über die Welt hinter sich gelassen hatten, verschwand
diese vollständig aus ihrem Bewusstsein. Auf diese Weise bewegten sie sich
frei in ihrem Weisheitskörper umher. Obwohl es so aussah, als hätten sie sich


                                     77
Millionen von Meilen im Raum bewegt, saßen sie immer noch still in demsel-
ben „Raum“ – sie befanden sich jedoch auf einer anderen Ebene des Bewusst-
seins.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 III:25, 25
  Hand in Hand stiegen Sarasvatī und Līlā langsam in die fernsten Räume des
Äthers auf. Dieser Raum war von immenser Reinheit und vollkommen leer.
Sie ruhten auf dem Berg Meru, der Achse der Erde. Sie schauten zahllose
fesselnde Dinge, als sie sich weiter weg von der Umlaufbahn des Mondes
bewegten. Sie durchstreiften riesige Wolkengebilde im Raum. Sie betraten
den unendlichen Raum – den Schoß und die Quelle unzähliger Wesen in un-
zähligen Welten.
  Sie sahen die sieben großen Berge des Kosmos, die wie das Feuer der End-
zeit strahlten; sie sahen die goldenen Ebenen nahe des Berges Meru, und sie
sahen die dichtesten Finsternisse. Sie sahen die siddhas (Wesen mit überna-
türlichen Kräften); sie sahen die Mengen und Abermengen Dämonen, Kobol-
de und anderer Geister; sie sahen die Raumfahrzeuge kommen und irgendwo
hinfliegen; sie sahen die himmlischen Nymphen singen und tanzen; sie sahen
eine Vielfalt von Vögeln und Tieren; sie sahen die Engel und Götter; sie sahen
große Yogis mit ihren glückverheißenden Eigenschaften; sie sahen den
Wohnort des Schöpfers, den Wohnort von Śiva und anderen. Durch alle diese
Regionen wanderten sie wie zwei Moskitos.
  (Anmerkung: Die Beschreibung wird im Originaltext graphisch in allen Ein-
zelheiten dargestellt.)
  Kurz gefasst – sie sahen all das, was sich im Gemüt von Sarasvatī befand,
und was Sarasvatī der Königin Līlā zeigen wollte. Es war wie der Lotos des
Herzens, mit den Blütenblättern als den Himmelsrichtungen, der Unterwelt
als dem Schlamm, in dem er gedieh, und mit der göttlichen Schlange als seine
Wurzel, die ihn hielt.
  In diesem Lotos sahen sie, was JaæbÆdvīpa genannt wird, und in dem es
sehr viele Länder und Kontinente gibt. Umschlossen wird dies von einem
salzigen Ozean. Jenseits davon befindet sich Śākadvīpa, umgeben von einem
Ozean aus Milch. Wieder jenseits davon liegt Kuśadvīpa mit einem Ozean aus
saurem Rahm. Dann folgen Krauñcadvīpa und ein Ozean aus Ghee (geklärte
Butter). Dann folgt Śālmalīdvīpa, umgeben von einem Ozean aus Wein. Dann
kommt Gomedadvīpa, umgeben von einem Ozean aus süßem Zuckerrohrsaft.
Dann gibt es noch Pu«karadvīpa – umgeben aus einem Ozean aus süßem
Wasser. Schließlich gibt es dort ein kosmisches Loch. Und jenseits davon
befindet sich der Berg Lokāloka im strahlenden Glanz. Noch weiter jenseits
davon ist der endlose Wald usw. Ganz zum Schluss kommt unendlicher Raum
– schiere Leere.
  (Anmerkung: Vergleiche dies mit der Beschreibung im Bhāgavataæ.)




                                     78
Als sie so all die Ozeane, Berge, die Beschützer dieses Universums, das Kö-
         nigreich der Götter, den Himmel und das Innerste der Erde gesehen hatten,
         sah Līlā schließlich ihr eigenes Haus.
III:26
           VASIåèHA fuhr fort:
           Oh Rāma, die beiden Damen betraten nun das Haus den heiligen Mannes.
         Dort befand sich die ganze Familie in Trauer. Wegen dieser Trauer atmete das
         Haus selbst eine tief bedrückende Atmosphäre. Durch die Praxis des Yoga der
         reinen Weisheit hatte Līlā die Fähigkeit erworben, mit deren Hilfe ihre Ge-
         danken sich unverzüglich materialisierten. Sie wünschte sich, dass „Diese,
         meine Verwandten, mich und Sarasvatī als ganz gewöhnliche Frauen sehen
         möchten“. So erschienen sie vor der trauernden Familie. Doch beide Frauen
         waren von übernatürlichem Glanz, der die düstere Atmosphäre vertrieb.
           Der älteste Sohn des verstorbenen heiligen Paares begrüßte die beiden
         Damen und hielt sie für zwei Engel des Waldes! Er sagte zu ihnen: „Oh ihr
         Engel des Waldes, gewiss seid ihr hierher gekommen, um uns von unserer
         Trauer zu befreien. Denn dies ist ja die Natur der Gottheiten – dass sie stets
         bemüht sind, den Kummer anderer zu beseitigen.“
           Die zwei Damen fragten den jungen Mann: „Sage uns, was die Ursache die-
         ses Schmerzes ist, der alle Menschen hier überfallen zu haben scheint.“
           Der Sohn des heiligen Paares erwiderte: „Oh ihr hohen Damen, in diesem
         Haus hier lebten ein frommer Mann und seine ihm ergebene Frau, die beide
         ein Leben der Rechtschaffenheit führten. Vor kurzem gaben sie ihre Kinder
         und Enkel, ihr Haus und ihr Vieh auf und stiegen in den Himmel hinauf. Aus
         diesem Grunde erscheint uns Verbliebenen nun diese ganze Welt leer und
         trostlos. Schaut, oh ihr hohen Damen – sogar die Vögel weinen wegen der
         Abgeschiedenen, und die Götter weinen vor Kummer (Tränenregen!). Die
         Bäume vergießen jeden Morgen Tränen (die Tautropfen). Nachdem sie diese
         Erde verlassen haben, sind meine Eltern gewiss in die Welt der Unsterblichen
         eingegangen.“
           Als sie dieses vernahm, legte Līlā ihre Hand auf den Kopf des jungen Man-
         nes. Und unverzüglich war er von seinem Kummer befreit. Als die anderen
         dies sahen, verschwand ihr Kummer ebenfalls.
           RùMA fragte:
           Oh Heiliger, wie kam es, dass Līlā ihrem eigenen Sohn nicht als dessen Mut-
         ter erschien?
           VASIåèHA erwiderte: Rāma, wer die Unwirklichkeit der materiellen Sub-
         stanzen realisiert hat, sieht überall nur das eine, ungeteilte Bewusstsein. Ein
         Träumer sieht diese Welt nicht; ein Mann in tiefem Koma sieht vielleicht
         sogar die andere Welt. Līlā hatte die Wahrheit verwirklicht. Wer die Wahrheit
         erkannt hat, dass Brahman, das Selbst usw. nur das eine, unendliche Be-
         wusstsein sind – wie kann es für ihn noch Sohn, Freund oder Ehefrau geben?
         Sogar das Auflegen ihrer Hand auf den Kopf des jungen Mannes war ein spon-
         taner Ausdruck der Gnade Brahmans.


                                               79
VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    III:27
   Nachdem sie so die Familie des verschiedenen heiligen Mannes gesegnet
hatten, verschwanden die beiden Damen. Die getrösteten Mitglieder der
Familie kehrten in ihre Häuser zurück. Līlā wandte sich mit einer Frage an
Sarasvatī. Natürlich waren dabei ihre beiden Körper weder aus Materie wie
Erde noch in einem psychosomatischen Zustand wie dem Lebensatem. Es war
so, als würden zwei Traumobjekte miteinander sprechen. Līlā fragte also
Sarasvatī: „Wie kam es, dass uns meine Familie dort sehen konnten, aber
nicht so mein Gemahl, der ein Königreich regierte, als wir ihn besuchten?“
Sarasvatī erwiderte: „Weil du da noch an deiner Idee ‚Ich bin Līlā‘ festhieltest,
während du jetzt dieses Körperbewusstsein überwunden hast. Solange das
Bewusstsein der Dualität nicht völlig verschwunden ist, kannst du im unend-
lichen Bewusstsein nicht agieren. Du vermagst es dann nicht einmal zu ver-
stehen; so wie jemand, der in der Sonne steht, die Kühle im Schatten eines
Baumes nicht kennt. Wenn du jetzt aber zu deinem Gemahl gehst, dann wirst
du mit ihm so verkehren können wie zuvor.”
   LĪLù sagte:
  Oh Gottheit! Es geschah hier, dass mein Gemahl der heilige Mann war und
ich seine Frau, und hier wiederum geschah es, dass ich seine Königin wurde.
Er starb hier und ebenfalls hier regiert er jetzt! Bitte, sage mir, wo ich ihn
treffen kann.
  SARASVATĪ sagte:
  Līlā, du und dein Gemahl, ihr seid durch viele Verkörperungen gewandert,
von denen du nun drei kennst. In dieser Verkörperung ist der König zutiefst
in die Falle der Weltlichkeit geraten und denkt: „Ich bin der Gebieter, ich bin
stark, ich bin glücklich usw.“ Obwohl vom spirituellen Gesichtspunkt aus das
gesamte Universum hier und jetzt erfahren wird, werden die unterschiedli-
chen Ebenen vom physischen Gesichtspunkt aus durch Millionen von Meilen
getrennt. Im unendlichen Bewusstsein, in jedem seiner Atome, kommen und
gehen die Universen wie Staubkörnchen in einem Sonnenstrahl, der durch ein
Loch im Dach scheint. Sie kommen und gehen wie kleine Wellen auf dem
Ozean.
  LĪLù erinnerte sich: Oh Gottheit! Seit ich als eine Reflektion im unendlichen
Bewusstsein erschienen bin, habe ich 800 Geburten erlebt. Jetzt vermag ich
es zu sehen. Ich war eine Nymphe, ein lasterhaftes Menschenweib, eine
Schlange, eine Stammesangehörige im Wald, und aufgrund böser Taten wur-
de ich zu einer Kletterpflanze. Dann wurde ich durch den Umgang mit Weisen
die Tochter eines Weisen; schließlich wurde ich ein König, der böse Taten
beging, und so wurde ich zu einem Moskito, einer Biene, einem Hirsch, einem
Fisch. Dann wieder war ich ein himmlisches Wesen und danach eine Schild-
kröte, ein Schwan und wieder ein Moskito. Ich war auch einmal eine himmli-
sche Nymphe, der andere himmlische Wesen (Männer) zu Füßen fielen. So




                                       80
wie die Waagschalen sich in einem beständigen Auf und Ab befinden, so war
         auch ich im Auf und Ab des Lebenszyklus, des saæsāra, gefangen.
          RùMA fragte:
III:28
           Heiliger Herr, wie war es möglich, dass die beiden Damen zu den entfernten
         Galaxien des Universums reisen konnten, und wie überwanden sie die zahl-
         reichen Hindernisse auf diesem Weg?
           VASIåèHA erwiderte:
           Oh Rāma, wo ist das Universum, wo sind die Galaxien, und wo sind die Hin-
         dernisse? Die beiden Damen blieben stets in den innersten Gemächern der
         Königin. Dort geschah es, dass der heilige Mann Vāsi«Âha als König Vidūratha
         regierte; er war es, der zuvor der König Padma war. All dies geschah im rei-
         nen, unendlichen Raum – es gibt kein Universum, keine Entfernungen, keine
         Hindernisse.
           Während sie miteinander plauderten, verließen die beiden Damen das
         Zimmer und bewegten sich hin zu einem Dorf auf einem Berg. Die Schönheit
         und der Glanz dieses Berges sind unbeschreiblich. Alle Häuser waren bedeckt
         mit Blumen, die beständig von den Bäumen fielen. Junge Frauen schliefen in
         ihren Räumen auf Betten aus Wolken. Erleuchtet wurden die Häuser durch
         Blitze.
           Aufgrund ihrer intensiven Praxis des Yogas der Weisheit hatte Līlā die volle
         Kenntnis der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlangt. Sie erinnerte
         sich an die Vergangenheit und sprach zu Sarasvatī: „Oh Gottheit, vor einiger
         Zeit war ich eine alte Frau und lebte hier. Ich führte in jeder Hinsicht ein gutes
         Leben, aber ich hatte nie die Erforschung des Selbst (‚Wer bin ich, was ist
         diese Welt?’) praktiziert. Mein Gemahl war ebenfalls gut, rechtschaffen und
         ein gebildeter Mann, aber auch seine innere Weisheit war nicht erweckt. Wir
         waren Vorbilder des rechtschaffenen Lebens und durch unser Beispiel lehr-
         ten wir andere, wie sie leben sollten.“ Nachdem sie dies gesagt hatte, zeigte
         Līlā Sarasvatī ihren früheren Wohnort und fuhr fort: „Sieh, dies ist mein Lieb-
         lings-Kalb. Es hat seit meiner Abwesenheit nicht einmal mehr Gras gefressen
         und in den vergangenen acht Tagen nur geweint. Hier hat mein Gemahl die
         Welt regiert. Wegen seines starken Willens, und weil er fest entschlossen war,
         schon bald ein großer König zu werden, wurde er wahrhaftig in der kurzen
         Zeit von acht Tagen zu einem Kaiser, obwohl der Zeitraum viel, viel länger zu
         sein schien. So wie sich Luft unsichtbar im Raum bewegt, so lebt mein Ge-
         mahl unsichtbar im Raum dieses Hauses. Hier, in einem Raum von der Größe
         eines Daumens, erdachten wir uns, dass das Königreich meines Gemahls
         Millionen von Quadratmeilen umfassen würde. Oh Gottheit, gewiss sind so-
         wohl mein Gemahl als auch ich reines Bewusstsein. Und doch sieht es auf-
         grund der mysteriösen, illusorischen Macht von Māyā so aus, als würde das
         Königreich meines Gemahls hunderte von Bergen enthalten und umfassen.
         Wahrhaftig ist dies wunderbar. Ich möchte in die Hauptstadt gehen, in der




                                                81
mein Gemahl regiert. Komm, lass uns dorthin gehen! Denn für die Strebsa-
             men ist nichts unmöglich.“
III:29, 30
              VASIåèHA fuhr fort:
               Zusammen mit Sarasvatī erhob sich Līlā in den Himmel. Sie kamen in die
             Region des Polarsterns, jenseits der Reiche der Weisen von Vollkommenheit,
             und sogar jenseits der Reiche der Götter, von Brahmā (dem Schöpfer), und
             der Reiche von Śiva, den Manen (Vorfahren) und der Befreiten. Von dort aus
             sah Līlā, wie sogar die Sonne und der Mond weit, weit unterhalb von ihr lagen
             und kaum noch sichtbar waren. Sarasvatī sagte zu Līlā, „Teure, du bist nun
             jenseits von wahrhaftig allem gegangen und am Anfang der Schöpfung ange-
             langt. Alles, was du bisher gesehen hast, sind nur einige wenige Teilchen, die
             von hier aus verstreut worden sind.“ Schnell hatten sie diesen Gipfel erreicht,
             denn der Wille derer wird unerbittlich, deren Bewusstsein rein und unver-
             hüllt ist.
               Dort sah Līlā, dass diese Schöpfung eingehüllt war in Schichten von Wasser,
             Feuer, Luft und Raum, und dass jenseits reines Bewusstsein war. Dieses
             Höchste Unendliche Bewusstsein ist rein, friedlich, frei von Täuschung und
             selig in seinem eigenen Glanz. Darin sah Līlā die zahllosen Schöpfungen
             schweben und treiben wie Staubpartikel in einem Lichtstrahl. Die Gedanken-
             projektionen der jīvas, die diese Universen bewohnten, gaben diesen ihre
             Gestalt und Natur. Wegen der wahren Natur dieses unendlichen Bewusstseins
             tauchten alle diese wieder und wieder auf und verschwanden, bis sie durch
             ihre eigene Gedankenkraft schließlich in einen Zustand der Stille zurückkehr-
             ten. All dies war wie das spontane Spiel eines Kindes.
               RùMA fragte:
              Was meinen die Menschen mit „oberhalb“, „unterhalb“ und ähnlichem,
             wenn doch nur das Unendliche die Wahrheit ist?
              VASIåèHA erwiderte:
               Oh Rāma, es ist wie bei den winzigen Ameisen, die über den runden Fels
             krabbeln – alles, was sich unter ihren Füßchen befindet, ist für sie immer
             „unterhalb“, und alles, was sich über ihrem Rücken befindet, ist für sie „ober-
             halb“. Auf dieselbe Weise reden die Menschen über diese Richtungen.
               Unter all diesen zahllosen Universen, oh Rāma, gibt es welche, in denen es
             nur Pflanzen gibt. In anderen wiederum sind Brahmā, Vi«ïu, Rudra und an-
             dere die herrschenden Gottheiten, und wieder andere enthalten überhaupt           III:31, 40
             nichts. In einigen gibt es nur Tiere und Vögel, in anderen nur einen Ozean.
             Dann wieder gibt es solche mit solidem Gestein. In weiteren sind nur Würmer
             enthalten, und wiederum andere sind von dichter Finsternis durchdrungen.
             Manche sind von Göttern bewohnt, und manche sind unaufhörlich beleuchtet.
             Manche scheinen der Auflösung entgegenzugehen, und andere scheinen im
             Raum zu fallen und ihrer Zerstörung entgegenzugehen. Da Bewusstsein über-
             all für immer existiert, geht auch die Entstehung dieser Universen und deren
             Auflösung für immer weiter. All dies wird von einer mysteriösen, allgegen-


                                                   82
wärtigen Macht zusammengehalten. Rāma, alles existiert in dem einen un-
endlichen Bewusstsein; alles entsteht daraus; Es allein ist alles.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Nachdem sie all dies gesehen hatte, erblickte Līlā das innerste Gemach des
Palastes, in dem der Leichnam des Königs unter einem Haufen von Blumen
lag. Da entstand in ihr der intensive Wunsch, das jenseitige Leben ihres Ge-
mahls zu erschauen. In einem Augenblick überflog sie den Gipfel des Univer-
sums und betrat das Reich, in dem ihr Gemahl nun regierte.
   Zur selben Zeit begann ein mächtiger König, der über die Sindhu-Region
herrschte, das Königreich ihres Gemahls zu belagern. Als die beiden Damen
im Raum oberhalb des Schlachtfeldes waren, begegneten sie zahllosen himm-
lischen Wesen, die sich dort versammelt hatten, um die Schlacht und die
Taten der großen Helden zu verfolgen.
   RùMA fragte:
  Oh Heiliger, bitte sage mir: Wer ist ein Held unter den Kriegern, und wer ist
ein Ungeheuer oder ein Kriegsverbrecher?
  VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, wer eine Schlacht ficht, die sich in Übereinstimmung mit den Be-
stimmungen der Schriften befindet, wie etwa bei einem rechtschaffenen
König von untadeligem Betragen, der ist ein Held, ob er nun in der Schlacht
fällt oder siegreich ist. Wer dagegen für einen ungerechten Monarchen
kämpft, wer die Menschen quält und ihre Körper verstümmelt, der ist ein
Ungeheuer oder ein Verbrecher und wandert in die Hölle, auch dann, wenn er
kämpfend in der Schlacht fällt. Wer für den Schutz der Kühe, der Heiligen, der
Freunde kämpft oder ihnen Zuflucht gewährt, der ist eine Zierde des Him-
mels. Wer aber für einen König kämpft, derzu seinem Vergnügen die Men-
schen quält, der geht in die Hölle (ob er nun ein König oder nur ein Grundbe-
sitzer ist). Nur der Held, der in der Schlacht fällt, geht in den Himmel. Diejeni-
gen, die unrechtmäßig kämpfen, gehen nicht in den Himmel; auch dann nicht,
wenn sie in der Schlacht fallen.
  Oh Rāma, immer noch im Himmel stehend, sah Līlā, wie die zwei großen
Armeen sich einander näherten, um sich in die Schlacht zu stürzen. (An die-
ser Stelle folgt eine graphische Darstellung der Schlachtbereitschaft der Ar-
meen und der verschiedenen Formationen der Bataillone als auch der
Grimmigkeit der Schlacht sowie der schrecklichen Szene der Zerstörung, die
darauf folgte. Alle diese Dinge wurden in dieser Übersetzung beiseite gelas-
sen.)
  Als der Abend hereinbrach, hielt Līlā's Gemahl eine Versammlung mit sei-
nen Ministern ab, der die Ereignisse des Morgens betraf. Danach ging er zu
Bett.




                                       83
Die beiden Damen verließen den Platz, von dem aus sie die grimmige
Schlacht beobachtet hatten, und schwebten wie ein Lufthauch davon. Sie
kamen in das Zimmer, in dem der König schlafend lag.
  RùMA fragte:
  Oh Heiliger, der Körper scheint so schwer und groß – wie konnte er durch
ein so winziges Loch gelangen?
  VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, in der Tat ist es unmöglich fürjemanden, der in der Idee verwur-
zelt ist, der physische Körper zu sein, durch ein kleines Loch oder einen
schmalen Durchlass zu gelangen. Es ist die innerste Überzeugung des „Ich bin
der Körper, der in seiner Bewegung behindert ist“, die Hindernisse diese Art
erzeugt. Sobald jene Überzeugung fort ist, ist auch das Hindernis fort.
  So wie Wasser stets Wasser bleibt und abwärts fließt, und wie Feuer nie
seine aufwärts aufsteigende Natur verliert, so bleibt das Bewusstsein für
immer Bewusstsein. Wer dies jedoch nicht verstanden hat, der erfährt auch
nicht die Subtilitätoder die wahre Natur der Sache. Wie das Verständnis der
Person ist, entsprechend ist ihr Gemüt, denn das Verstehen selbst ist das
Gemüt. Seine Richtung jedoch kann durch starke Bemühung geändert wer-
den. Normalerweise befinden sich die eigenen Tätigkeiten in Übereinstim-
mung mit dem Gemüt (d. h., mit dem eigenen Verständnis einer Sache).
  Wer jedoch weiß, dass dieser Körper geistiger Natur ist – wie könnte des-
sen Bewegung jemals behindert werden? In Wahrheit sind alle Körper an
jedem Ort reines Bewusstsein. Nur aufgrund der Idee, die im Herzen der
Menschen entsteht, scheint es überall dieses Kommen und Gehen zu geben.
Denn dasselbe unendliche Bewusstsein ist gleichzeitig das individuelle Be-
wusstsein (Gemüt) und der kosmische Raum (Materie). Daher kann der geis-
tige Körper jederzeit überall eintreten – er wird dahin gelenkt, wohin ihn der
Wunsch seines Herzens denkt.
  Oh Rāma, jedermanns Bewusstsein hat diese Natur und Fähigkeit. In jedem
Bewusstsein gibt es eine andere Idee von der Welt. Der Tod und andere Er-
fahrungen sind wie die kosmische Auflösung, die Nacht des kosmischen Be-
wusstseins. Wenn dies an ein Ende gelangt, dann erwacht jeder zu seiner
eigenen mentalen Schöpfung, welche die Materialisation seiner Ideen, Wahr-
nehmungen und Illusionen darstellt. So wie das kosmische Sein nach der
kosmischen Auflösung das Universum erschafft, so erschafft das Individuum
nach seinem Tod seine eigene Welt.
  Aber Gottheiten wie Brahma, Vi«ïu und Śiva wie auch die heiligen Weisen
erlangen während der kosmischen Auflösung die letztliche Befreiung – ihre
Schöpfungen während des nächsten Zyklus des Universums stammen nicht
aus der Erinnerung. Im Falle aller anderen Wesen ist die neue Schöpfung
nach dem Tod in der vorhergegangenen Schöpfung durch die Eindrücke fest-
gelegt, die während der Lebensspanne im Gemüt aufgrund der unterschiedli-
chen Erfahrungen vorhanden waren.


                                     84
VASIåèHA fuhr fort:
           Unmittelbar nach dem Tode, dem Zustand, von dem man sagen könnte, dass
         man in ihm weder ist noch nicht ist, und in dem das Bewusstsein sozusagen
         ein wenig die Augen öffnet, obwohl dies nicht stattzufinden scheint – dieser
         Zustand wird pradhāna bzw. der materielle oder träge Zustand des Bewusst-
         seins genannt. Er ist ferner als die ätherisch-geistige, nicht-manifeste Natur
         bekannt. Er wird daher sowohl als fühlend wie nicht-fühlend betrachtet. Er
         ist das, was für die Erinnerung und ihre Abwesenheit, und daher auch für die
         nächste Geburt verantwortlich ist.
           Sobald diese ätherisch-geistige Natur erwacht und sich in ihrem Bewusst-
         sein der Ich-Sinn manifestiert, entstehen dadurch die fünf Elemente (Erde,
         Wasser, Feuer, Luft und Äther), das Raum-Zeit-Kontinuum und alle weiteren
         Stoffe, die für die physische Geburt und Existenz benötigt werden. Diese
         kondensieren dann in ihre materiellen Gegenstücke. Während der Wach- und
         Traumzustände führen sie das Empfinden des physischen Körpers herbei.
         Aber all dies ist in Wirklichkeit der ätherisch-geistige Körper des jīva.
           Sobald die Idee „Ich bin der Körper“ tief eingewurzelt ist, entwickelt der-
         selbe ätherisch-geistige Körper die physischen Eigenschaften eines Körpers
         (wie z.B. die Augen usw.), wobei all dies nur wie eine Schwingung oder Bewe-
         gung der Luft vor sich geht. Obwohl all dies als vollkommen real erscheint, ist
         es doch ebenso unwirklich wie die Erfahrung von sexuellem Vergnügen in
         einem Traum.
           Wo auch immer man stirbt – genau dort sieht der jīva all dies geschehen. In
         diesem Raum, in diesem Feld des Bewusstseins selbst, stellt er sich vor: „Dies
         ist die Welt, dies bin ich”. Er glaubt, dass er geboren sei und erfährt die Welt,
         die nichts als Raum ist. Er selbst, der jīva, ist ebenfalls nichts als Raum! Nun
         denkt er: „Er ist mein Vater, sie ist meine Mutter, dies ist mein Besitz, ich habe
         diese wunderbare Tat vollbracht; oh weh – ich habe gesündigt.“ Er phanta-
         siert: „Ich wurde ein kleines Kind, und jetzt bin ich ein Jugendlicher”. Und alle
         diese Dinge sieht er in seinem Herzen.
           Dieser Dschungel, der als Schöpfung bekannt ist, taucht im Herzen eines
         jeden jīvas auf. Wo auch immer eine Person stirbt, dort sieht sie diesen
         Dschungel. Auf diese Weise werden im Bewusstsein jedes einzelnen jīvas
         zahllose Welten geboren, die alle wieder verschwinden; gleich wie zahllose
         Brahmā's, Rudras, Vi«ïu und Sonnen wieder verschwunden sind. Auf diese
         Weise hat die illusionäre Wahrnehmung der Welt schon unzählige Male statt-
         gefunden. Sie findet jetzt gerade statt, und sie wird auch in der Zukunft statt-
         finden. Denn all dieses ist nicht verschieden von der Bewegung der Gedan-
         ken, die wiederum nicht unabhängig vom unendlichen Bewusstsein ist. Denn
         was ist in Wirklichkeit die mentale Aktivität anderes als Bewusstsein selbst?
         Und dieses Bewusstsein ist die höchste Wahrheit.
           VASIåèHA fuhr fort:


III:41

                                                85
Die beiden Damen betraten das Gemach des Königs wie zwei Gottheiten –
         strahlend wie zwei Monde. Durch ihre göttlichen Kräfte geschah es, dass die
         Diener schliefen. Als sie sich niederließen, erwachte der König und erblickte
         sie. Er verehrte ihre lotos-gleichen Füße und bestreute sie mit Blumen.
         Sarasvatī wünschte, dass sein Minister Līlā mit den Vorfahren des Königs
         bekannt machen möge. Durch ihren Willen erwachte der Minister.
            Als Sarasvatī den König befragte, wer er sei, informierte der Minister die
         Damen, dass er ein Abkömmling des großen Königs Ik«vāku sei; dass sein
         Vater Nabhoratha war, der ihm, als der Sohn 10 Jahre alt war, das Königreich
         anvertraut habe und selbst in den Wald gegangen sei, um dort ein spirituelles
         Leben zu führen. Der Name des Königs war VidÆratha. Sarasvatī segnete
         VidÆratha, indem sie ihm ihre Hand auf den Kopf legte und ihn dazu inspi-
         rierte, sich die Einzelheiten seiner vergangenen Leben zu vergegenwärtigen.
         Unmittelbar darauf erinnerte sich der König an alles und fragte Sarasvatī:
            „Oh Göttin, wie kommt es, dass ich in diesem Körper für volle siebzig Jahre
         gelebt zu haben scheine, obwohl ich vor kaum einem Tag gestorben bin? Und
         wie kommt es, dass ich mich an alle die Dinge zu erinnern vermag, die ge-
         schehen sind, als ich in dieser Lebensspanne jung war? “
            SARASVATĪ erwiderte:
            Oh König, im Moment deines Todes, genau an dem Ort, an dem du starbst,
         manifestierte sich alles, was du jetzt hier siehst. All dieses hier ist, wo der
         heilige Mann Vāsi«Âha lebte, nämlich im Dorf auf den Bergen. Dies hier ist
         seine Welt, und in dieser Welt befindet sich die Welt des Königs Padma, und
         in dieser wiederum die Welt, in der du selbst dich befindest. Indem du in ihr
         lebst, denkst du: „Dies sind meine Verwandten, dies sind meine Untergebe-
         nen, dies sind meine Minister, diese sind meine Feinde.“ Du denkst, dass du
         hier regierst, dass du religiöse Riten ausübst; du denkst, dass du gegen deine
         Feinde gekämpft hast und von ihnen besiegt wurdest; du denkst, dass du uns
         siehst, uns verehrst und von uns die Erleuchtung empfängst; du denkst „Ich
         habe allen Kummer überwunden und erfreue mich der höchsten Seligkeit, ich
         werde in der Verwirklichung des Absoluten verankert bleiben.“
            All dieses benötigt keinerlei Zeit, um zu geschehen, so wie während eines
         Traums das Drama eines ganzen Lebens gelebt wird. In Wirklichkeit wurdest
         du weder geboren noch stirbst du. Du siehst all dieses, und sozusagen siehst
         du es wiederum nicht: Denn wenn all dies hier nichts anderes als das unend-
         liche Bewusstsein ist – wer sieht dann was? (VIDŪRATHA fragte: Dann sind
         demnach diese meine Minister hier keine unabhängigen Wesen?) Für die
         erleuchtete Person gibt es nur das eine unendliche Bewusstsein; es gibt kei-
         nerlei Wahrnehmung von „Ich bin“ oder „diese hier sind“. Nachdem Vāsi«Âha
         so gesprochen hatte, ging ein weiterer Tag zur Neige.
            SARASVATĪ fuhr fort:
III:42
            Für eine unreife und kindische Person, die überzeugt ist, dass diese Welt
         realist, wird sie weiterhin real sein; so wie ein Kind, das an Geister glaubt,


                                               86
sein ganzes Leben lang von ihnen verfolgt wird. Die Person, die angetan ist
von dem goldenen Schmuckstück, vermag nicht zu sehen, dass es einfach nur
Gold ist; wer den Glanz der Paläste, Elefanten und Städte sieht, vermag nicht
das unendliche Bewusstsein zu sehen, welches als einziges wahr ist.
  Dieses Universum ist nur ein langer Traum. Der Ich-Sinn wie auch die Phan-
tasievorstellung, dass da noch andere seien, sind so wirklich wie Traumobjek-
te. Die einzige Wirklichkeit ist das unendliche Bewusstsein, welches allge-
genwärtig, rein, still, allmächtig ist und dessen Körper und Wesen absolutes
Bewusstsein ist (und das daher kein Objekt, nicht kennbar ist). Wo auch
immer und in welcher Form sich dieses Bewusstsein manifestiert, zu dem
wird es. Ebenso, wenn der Seher sich ein menschliches Wesen einbildet, dann
tritt dieses menschliche Wesen hier auf. Da das Substrat (das unendliche
Bewusstsein) wirklich ist, erwirbt auch alles, was auf ihm gründet, dessen
Wirklichkeit, obgleich das Substrat allein wirklich ist. Dieses Universum und
alle Wesen darin sind nichts als ein langer Traum: Für mich bist du wirklich,
und für dich bin ich wirklich. Ebenso sind die anderen wirklich für dich oder
mich. Und diese relative Wirklichkeit ist wie die Wirklichkeit der Traumob-
jekte.
  RùMA fragte:
  Oh Heiliger, eine Stadt, die im Traum erscheint, fährt fort, als eine wirkliche
Stadt zu erscheinen. Ist es dies, was deine Lehre besagt?
  VASIåèHA erwiderte:
  So ist es, oh Rāma. Weil der Traum der Stadt usw. auf der realen Grundlage
des unendlichen Bewusstseins gründet, erscheinen diese Traumobjekte wie
wirklich. Jedoch gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen dem Wach-
und dem Traumzustand des Bewusstseins. Was als wirklich in dem einen
erscheint, gilt als unwirklich in dem anderen. Folglich sind beide Zustände
essenziell von derselben Natur.
  Daher sind die Objekte des wachen oder träumenden Bewusstseins glei-
chermaßen unwirklich mit der Ausnahme des unendlichen Bewusstseins,
dem sie überlagert sind.
  Nachdem Sarasvatī dem König diese Unterweisung erteilt hatte, segnete sie
ihn und sprach: „Möge alles Verheißungsvolle dich begleiten. Du hast gese-
hen, was es zu sehen gibt. Lass uns nun gehen. “
  VidÆratha sprach: „Schon bald, oh Göttin, werde ich fort von hier gehen, so
wie jemand im Schlaf von einem Traum in den anderen geht. Bitte gewähre,
dass meine Minister und meine jungfräuliche Tochter mit mir gehen.“
Sarasvatī gewährte ihm den Wunsch.
  SARASVATĪ sagte:
  Oh König, du wirst in diesem Krieg sterben und dann dein früheres König-
                                                                                    III:43
reich wiedererlangen. Nach deinem Tod in diesem Körper wirst du in der
früheren Stadt erneut mit deiner Tochter und deinen Ministern herrschen.



                                       87
Wir werden nun gehen wie wir gekommen sind, und ihr alle werdet uns
         entsprechend dem natürlichen Verlauf der Dinge folgen, denn schon die Na-
         tur zeigt uns, wie die Bewegungen eines Pferdes, eines Elefanten und eines
         Kamels von Natur aus unterschiedlich sind.
           VASIåèHA fuhr fort:
            Gerade als Sarasvatī dies zu dem König gesprochen hatte, stürzte ein könig-
         licher Bote herein und verkündete, dass die feindlichen Kräfte die Hauptstadt
         gestürmt und mit deren Zerstörung begonnen hätten. Überall wurde Feuer
         gelegt, und die ganze Stadt stand in Flammen. Die beiden Damen, der König
         und seine Minister eilten zu einem Fenster, um die schreckliche Szene
         zuverfolgen.
            Die Plünderung der Stadt hatte begonnen, und die Plünderer liefen wild
         schreiend umher. Die ganze Stadt war in dichten Rauch gehüllt. Feuer regnete
         vom Himmel. (Flugabwehr-Geschosse?) Raketen beschrieben am Himmel
         halbmondförmige, flammende Bogen. Schwere, felsenartige Flugkörper
         (Bomben) fielen auf Häuser und zerstörten diese und die Straßen der Umge-
         bung.
            Der König und die anderen hörten die Entsetzensschreie der Bürger. Über-
         all waren Weinen und Klagen und die herzzerreißenden Schreie der Frauen
         und Kinder zu hören. Jemand schrie: „Mein Gott, diese Frau hat ihren Vater,
         ihre Mutter, ihren Bruder und ihr kleines Kind verloren. Selber ist sie mit dem
         Leben davongekommen, aber diese Tragödie ihres Lebens hat ihr Herz zer-
         rissen.“ Wieder ein anderer rief: „Geht sofort aus dem Haus, denn es wird
         gleich einstürzen.“ Und ein anderer: „Seht nur, wie Bomben und Geschosse
         auf alle Häuser regnen.“ Flugkörper regneten hernieder wie die Wasser vor
         der kosmischen Auflösung. Alle Bäume rund um die Häuser standen in
         Flammen – der gesamte Ort war verwüstet. Vom Schlachtfeld wurde etwas in
         die Luft geschleudert, das aussah wie Elefanten, und warf von dort Feuerre-
         gen auf die Stadt hinab. Überall gab es Straßenblockaden. Aus Anhänglichkeit
         zögerten die Männer, die brennenden Häuser zu verlassen, in denen sie nach
         ihren Frauen und Kindern suchten. Sogar die Frauen des königlichen Haus-
         halts wurden von marodierenden Soldaten verschleppt. Weinend und kla-
         gend, wussten diese edlen Damen nicht, was sie tun sollten. Sie schrien: „Oh
         weh, wer wird uns in dieser furchtbaren Lage helfen?“. Sie waren von Solda-
         ten umringt.
            So ist es mit dem Glanz der Herrschaften, Königreiche und Weltreiche. (Die
         Beschreibung ist erstaunlich und erinnert an moderne Kriegsführung und die
         Bombardierung von Zivilisten.)
            VASIåèHA fuhr fort:
III:44
           In der Zwischenzeit traf die Königin ein. Die Kammerfrau kündigte sie dem
         König an. Sie sagte: „Eure Majestät, alle anderen Damen dieses Harems wur-
         den gewaltsam vom Feind zusammengetrieben und fortgeführt. Aus diesem
         schrecklichen Unglück kann uns nur Eure Majestät erretten.“


                                               88
Der König verbeugte sich vor Sarasvatī und empfahl sich: „Ich werde nun
selbst an die Front gehen, oh Göttin, um den Feind zu schlagen. Meine Frau
wird dir hier in der Zwischenzeit aufwarten.“
  Die nun erleuchtete Līlā war überrascht zu sehen, dass die Königin ein voll-
kommenes Ebenbild von ihr selbst war. Līlā fragte Sarasvatī: „Oh Gottheit, wie
kann es sein, dass sie genau wie ich ist? Was ich in meiner eigenen Jugend
war, das ist sie jetzt. Worin besteht das Geheimnis dessen? Außerdem sind
auch alle diese Minister usw., die sich hier aufhalten, dieselben wie schon
früher in unserem Palast. Sind sie denn fühlend und ebenfalls erfüllt von
Bewusstsein, obwohl sie doch nur die Reflektion oder die Objekte unserer
Einbildungskraft sind?“
  SARASVATĪ erwiderte:
  Oh Līlā, wenn eine Vision im Innern auftaucht, so wird diese unverzüglich
erfahren. Bewusstsein (als Subjekt) wird sozusagen zum Objekt des Wissens.
Sobald im Bewusstsein das Bild der Welt auftaucht, so wird es in eben diesem
Moment zur Welt. Zeit, Raum, Dauer und Objektivität entstehen nicht aus der
Materie, denn dann wären sie materiell. Was im eigenen Bewusstsein reflek-
tiert wird, erstrahlt auch außerhalb.
  Was man als die reale, objektive Welt betrachtet, die im Wachzustand erfah-
ren wird, ist nicht wirklicher als diejenige, die im Traum erfahren wird. Im
Schlaf existiert die Welt nicht, und im Wachzustand existiert der Traum nicht!
Ebenso widerspricht der Tod dem Leben: Im Leben ist der Tod nicht existent,
und im Tod ist das Leben nicht existent. Das, was die jeweilige Erfahrung
zusammenhält, ist im anderen Zustand abwesend.
  Man kann nicht sagen, dass eines von beiden wirklich oder unwirklich sei,
sondern man kann lediglich feststellen, dass allein ihr Substrat wirklich ist.
Das Universum existiert in Brahman nur als ein Wort, eine Idee. Es ist weder
wirklich noch unwirklich – wie eine Schlange, die in einem Seil gesehen wird,
weder wirklich noch unwirklich ist. Mit der Existenz des jīva ist es ebenso.
Dieser jīva erfährt nur seine eigenen Wünsche. Er bildet sich ein, dass er
erfährt, was er zuvor erfahren hat, und dass andere Erfahrungen wiederum
neu seien. Manchmal sind diese ähnlich und dann wieder unähnlich. Alle
diese Erfahrungen, obgleich essenziell unwirklich, erscheinen als wirklich.
Ebenso steht es mit der Natur dieser Minister und der anderen. Auf dieselbe
Weise existiert diese Līlā hier als das Produkt der Reflektion im Bewusstsein.
Ebenso ist es mit dir, mir und allen anderen. Verstehe dies und bleibe so im
Frieden.
  DIE ZWEITE LĪLù sagte zu Sarasvatī:
  Oh Gottheit, ich habe Sarasvatī stets verehrt, und sie erschien mir häufig in
                                                                                  III:45, 46
meinen Träumen. Du siehst genau wie sie aus, daher gehe ich davon aus, dass
du Sarasvatī bist. Ich bitte dich demütig um eine Gunst: Wenn mein Gemahl
auf dem Schlachtfeld stirbt, dann möge ich ihn begleiten, in welches Reich
auch immer er sich begeben mag; in diesem meinem eigenen Körper.


                                      89
SARASVATĪ erwiderte:
  Oh teure Dame, du hast mich schon seit lange Zeit mit großer Hingabe ver-
ehrt, daher gewähre ich dir diese Gunst.
  DIE ERSTE LĪLù sprach daraufhin zu Sarasvatī:
  Wahrhaftig gehen deine Worte niemals fehl; dein Wunsch wird immer
Wirklichkeit. Bitte sage mir – weshalb hast du mir nicht gewährt, mit demsel-
ben Körper von einer Bewusstseinsebene zur anderen zu reisen?
  SARASVATĪ erwiderte:
  Meine liebe Līlā, in Wahrheit tue ich nichts für irgendjemanden. Jeder jīva
erntet seinen gegenwärtigen Zustand entsprechend seiner eigenen Taten. Ich
bin lediglich die Gottheit, die über den Geist jedes Wesens wacht; ich bin die
Macht seines Bewusstseins und seine Lebenskraft. Welche Form auch immer
die Energie des Lebewesens in ihm selbst annimmt – nur diese geht zu seiner
Zeit in Erfüllung. Du verlangtest nach der Befreiung, und so hast du sie erhal-
ten. Du magst dies als die Frucht deiner Askese oder Verehrung der Gottheit
betrachten, aber all dies kommt nur aus dem Bewusstsein, so wie die Frucht,
die vom Himmel zu fallen scheint, in Wirklichkeit vom Baume fällt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wie sie so miteinander sprachen, bestieg VidÆratha seinen prachtvollen
Streitwagen und fuhr zum Schlachtfeld. Unglücklicherweise hatte er die Stär-
ke seiner Streitkräfte und die der Armee des Feindes bis zu dem Zeitpunkt,
als er dem Feind gegenüberstand, nicht klar eingeschätzt.
  Beide Līlās, Sarasvatī und die Prinzessin, die den Segen von Sarasvatī emp-
fangen hatte, beobachteten vom Palast aus den furchtbaren Kampf.
  Der Himmel war voll von den Geschossen aus beiden Armeen. Überall wa-
ren die Schlachtrufe der Krieger zu hören. Über der gesamten Stadt lag eine
dichte Wolke aus Rauch und Staub.
  Gerade als König VidÆratha in die Reihen der Feinde eindrang, ertönte ein
lautes „tut-tut“ vom intensiven Kreuzfeuer. Als die Flugkörper aufeinander
prallten, wurde es zu „khut-khut, tuk-tuk, jhun-jhun“.
  DIE ZWEITE LĪLù fragte Sarasvatī:
  Oh Gottheit, bitte sage mir: Wie kann es geschehen, dass mein Gemahl die
                                                                                  III:47-50
Schlacht nicht gewinnen kann, obwohl wir deinen Segen erhalten haben?
  SARASVATĪ erwiderte:
  Tatsächlich hat König VidÆratha mich eine beträchtliche Zeit angebetet, je-
doch hat er nicht für den Sieg in der Schlacht gebetet. Weil ich das Bewusst-
sein bin, welches im Verstand aller Personen wohnt, gewähre ich der Person
das, wonach diese verlangt. Wonach auch immer jemand mich fragt – ich
gewähre diese Frucht. Es ist nur natürlich, dass Feuer Hitze abgibt. Er hat die
Befreiung verlangt, und daher wird er die Befreiung erhalten.



                                      90
Andererseits hat auch der König von Sindhu mich verehrt und für den Sieg
in der Schlacht gebetet. Daher wird König VidÆratha in der Schlacht fallen, zu
euch beiden zurückkehren und dann im Laufe der entsprechenden Zeit die
Befreiung erlangen. Jener König von Sindhu dagegen wird den Krieg gewin-
nen und das Land als siegreicher Monarch regieren.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wie die Frauen die Schlacht verfolgten, stieg die Sonne am östlichen Him-
mel auf, als wäre sie begierig, die Schlussphase des schrecklichen Kampfes zu
bezeugen. Umgeben von je einem Tausend Soldaten kämpften beide Könige
gegeneinander. Ihre Geschosse waren von verschiedener Art und Größe.
Einige von ihnen, wennsie vom Boden aufstiegen, bestanden aus einem einzi-
gen Kopf, der sich dann in der Luft in Tausende vervielfältigte. Sobald er sein
Ziel traf, zerplatzte er in zehntausende Teile, buchstäblich wie ein Regen-
schauer.
  Beide Könige waren einander in Stärke und Heldenmut ebenbürtig:
VidÆratha’s Kräfte waren ihm angeboren, während die Stärke des Feindes aus
der Gunst entstanden war, die er von Gott Nārāyana erlangt hatte. Wären sie
miteinander kämpften, beobachteten ihre Armeen sie voll Verblüffung.
  An einem bestimmten Punkt der Schlacht sah es so aus, als würde
VidÆratha gewinnen, was die zweite Līlā in Hochstimmung versetzte, und sie
wies Sarasvati darauf hin. Jedoch schon im nächsten Moment erhob sich der
Feind unversehrt wieder. Jedes tödliche Wurfgeschoss beantwortete der
Gegner mit einer entsprechenden Abwehrwaffe. Jedes Geschoss, das Ver-
zweiflung unter den Kriegern schuf, wurde mit einem anderen beantwortet,
das ihren Mut wieder steigen ließ. Das Schlangen-Geschoss fand sein Gegen-
mittel. Das Wasser-Geschoss wurde mit dem Feuer-Geschoss begegnet. Und
von beiden Königen wurde das Vi«ïu-Geschoss verwendet.
  Beide Könige verloren ihre Streitwagen und setzten den Kampf stehend auf
dem Boden fort. Als Vidúratha einen neuen Wagen besteigen wollte, wurde er
vom König von Sindhu niedergeschlagen. VidÆratha's Körper wurde in den
Palast gebracht, den der nachsetzende Feind aber aufgrund von Sarasvatī's
Gegenwart nicht zu betreten vermochte.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  III:51, 52
  Bald nachdem König VidÆratha gefallen war, gab es äußerste Verwirrung
und Chaos in der Stadt, wie immer nach einer verlorenen Schlacht. Der König
von Sindhu kündigte seinen Sohn als den neuen Regenten an. Unter seinen
Untertanen und Ministern gab es daraufhin ein großes Frohlocken, und sie
bereiteten rasch die Krönungsfeierlichkeiten vor. Unverzüglich danach pro-
klamierte die neue Regierung das Kriegsrecht im neuen Staat, welches Ruhe
und Ordnung wiederherstellte.
  Als VidÆratha fiel, sank die zweite Līlā bewusstlos zu Boden. Die erste Līlā
sagte zu Sarasvatī: „Oh Göttin, siehe doch, mein Gemahl gibt seinen Geist auf.“



                                      91
SARASVATĪ sagte:
  Meine Liebe, dieser ganze schreckliche Krieg, all diese Zerstörung und Tode
sind so wirklich wie ein Traum, denn es gibt weder dieses Königreich noch
die Erde. All dies geschieht im Hause des heiligen Mannes namens Vāsi«Âha
auf dem Gipfel des Berges. Dieser Palast und das Schlachtfeld und alles ande-
re befinden sich nirgendwo anders als in den innersten Räumen deines eige-
nen Palastes. Tatsächlich befindet sich darin das gesamte Universum. Denn
innerhalb des Hauses des heiligen Mannes befindet sich die Welt von König
Padma, und innerhalb des Palastes dieses Königs in jener Welt befindet sich
alles, was du hier gesehen hast. Alles ist reine Einbildung, Halluzination. Was
in Wahrheit ist, ist allein die Wirklichkeit – weder erschaffen noch zerstört.
Es ist das unendliche Bewusstsein, welches vom Unwissenden als das Univer-
sum wahrgenommen wird.
  So wie eine ganze Stadt im Träumer existiert, so existieren die drei Welten
in einem kleinen Atom. Und in diesen Welten gibt es wieder Atome, und in
jedem dieser Atome existieren wiederum drei Welten.
  Die andere Līlā, die bewusstlos zu Boden gefallen war, hat inzwischen die
Welt erreicht, in der der Körper von Padma, deinem Gemahl, liegt.
  LĪLù fragte:
  Oh Göttin, bitte sage mir: Wie ist sie dorthin gelangt, und was sagen die
Leute dort zu ihr?
  SARASVATĪ erwiderte: So wie ihr beide die eingebildeten Wahrnehmungs-
objekte des Königs seid, so sind auch der König selbst und ich nur Traumob-
jekte. Wer dies weiß, gibt das Suchen nach „Objekten der Wahrnehmung“ auf.
Im unendlichen Bewusstsein haben wir uns alle gegenseitig durch unsere
Einbildungskraft erschaffen. Diese andere, jugendliche Līlā warst tatsächlich
du selbst. Sie verehrte mich und betete darum, dass sie niemals Witwe wer-
den möge. Daher konnte sie diesen Ort verlassen, bevor König Viduratha
starb. Liebe, ihr alle seid nichts als individualisiertes kosmisches Bewusst-
sein, während ich das kosmische Bewusstsein selbst bin, welches alle diese
Dinge geschehen macht.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, die zweite Līlā, die von Sarasvatī die Gunst erlangt hatte, stieg in
                                                                                  III:53
den Himmel auf und traf dort auf ihre Tochter. Das Mädchen selbst stellte sich
Līlā vor. Und Līlā bat sie, sie zu ihrem Gemahl, dem König, zu führen. Das
Mädchen flog gemeinsam mit ihrer Mutter davon.
  Als erstes durchreisten sie die Region der Wolken, danach die Region der
Lüfte. Jenseits davon durchquerten sie die Umlaufbahn der Sonne und kamen
in den strahlenden Sternenhimmel. Sie reisten noch weiter bis zu den Rei-
chen von Brahmā dem Schöpfer, Vi«ïu und Śiva, und schließlich gelangten sie
zum Gipfel des Universums. Es war so leicht für sie, wie es der Kälte des Eises
leicht ist, durch einen Eisbecher zu dringen, ohne ihn zu beschädigen. Natür-



                                      92
lich erfuhr Līlā, die über einen ätherischen Körper aus materialisierten Ge-
         danken verfügte, all dies innerhalb von sich selbst.
            Jenseits von diesem Universum durchquerte Līlā die Ozeane und andere
         Elemente, die dieses Universum umhüllen, und kam schließlich ins unendli-
         che Bewusstsein. In diesem unendlichen Bewusstsein gab es zahllose Univer-
         sen, von denen keines um die Existenz des anderen wusste.
            Līlā betrat jenes Universum, in dem der tote Körper des Königs Padma, be-
         deckt von einem Haufen Blumen, lag. Sie durchquerte wieder die Regionen
         der Götter (Brahmā usw.), betrat die Stadt und dann den Palast, in dem der
         Körper lag. Aber, oh weh! als sie sich umsah, konnte sie nirgends ihre Tochter
         sehen – sie war auf rätselhafte Weise verschwunden. Sie erkannte den König
         als ihren Gemahl und dachte, dass er, nachdem er den glorreichen Tod des
         Helden auf dem Schlachtfeld gestorben war, nun in den Himmel der Helden
         aufgestiegen sei. Sie dachte: „Durch die Gnade von Sarasvatī habe ich phy-
         sisch diesen Ort erreicht. Ich gehöre wahrhaftig zu den gesegnetsten unter
         den Menschen.“ Sie begann damit, dem Körper des Königs Luft zuzufächeln.
            DIE ERSTE LĪLĀ fragte Sarasvatī: Was taten die Diener des Königs, als sie sie
         erblickten?
            Sarasvatī erwiderte: Der König, die Diener des königlichen Haushalts und
         alle anderen sind nichts als unendliches Bewusstsein. Da das Substrat davon
         jedoch die Reflektion des unendlichen Bewusstseins ist, welches wirklich ist,
         und da es im Ablauf der Schöpfungen der Einbildungskraft einen ordnungs-
         gemäßen, durch Überzeugung begründeten Sinn gibt, können sie einander
         erkennen. Der Gemahl sagt: „Sie ist meine Frau“, und die Frau sagt: „Er ist
         mein Mann.“
            Sie vermochte nicht in ihrem eigenen physischen Körper dieses neue Reich
         zu betreten, weil Licht nicht mit der Finsternis koexistieren kann. Und so
         lange in einem Menschen die blinde Vorstellung der Unwissenheit herrscht,
         kann keine Weisheit entstehen. Sobald die Weisheit über den eigenen äthe-
         risch-geistigen Körper entsteht, wird der physische Körper nicht mehr als
         real gesehen. Das ist die Gunst, die ich ihr gewährt habe. Der Empfänger der
         Gunst denkt: „So wie du mich durch deine Gunst denken lässt, so bin ich.“ Sie
         denkt daher, dass sie den Aufenthaltsort ihres Gemahls in ihrem physischen
         Körper erreicht habe. Man kann in einem Seil eine Schlange sehen, aber das
         Seil kann sich nicht wie eine Schlange verhalten.
            SARASVATĪ sagte:
III:54
            Nur derjenige, der den Hafen der Weisheit erreicht hat, oh Līlā, kann die
         ätherisch-geistigen Reiche betreten; niemand sonst. Diese Līlā besitzt diese
         Weisheit nicht, und daher bildet sie sich ein, dass sie die Stadt erreicht hat, in
         der ihr Gemahl wohnte.
            DIE ERLEUCHTETE LĪLù erwiderte:
           Es sei so, wie du sagst, oh Göttin. Aber sage mir bitte: Wie erlangen die Ob-
         jekte ihre Eigenschaften, wie das Feuer die Hitze, das Eis die Kälte und die


                                                93
Erde die Festigkeit? Auf welche Weise erschien diese Weltordnung (niyati)
ursprünglich? Wie entstanden Geburt und Tod?
  SARASVATĪ sagte:
  Meine Teure, während der kosmischen Auflösung verblieb, nachdem das
gesamte Universum verschwunden war, nur das unendliche friedvolle Brah-
man. Dieses unendliche Wesen der Natur des Bewusstseins fühlte dann „Ich
bin“ und „Ich bin ein Atom aus Licht“. So erfährt es die Wahrheit dieser Aus-
sage innerhalb von sich selbst. Es stellt sich auch innerhalb von sich selbst die
Existenz der verschiedenen Geschöpfe vor. Da seine Natur reines und absolu-
tes Bewusstsein ist, erscheint diese eingebildete Schöpfung als wirklich,
wobei die Objekte ihre verschiedenen Eigenschaften in Übereinstimmung mit
der Idee des unendlichen Bewusstseins erhielten.
  Was, wo und wie auch immer etwas während dieser ersten Schöpfung vom
unendlichen Bewusstsein ersonnen oder ihm zu Gefallen erdacht wurde – all
das ist hier und jetzt auf dieselbe ursprüngliche Weise und mit denselben
Eigenschaften verblieben und erhalten. Auf diese Weise entstand hier eine
endgültige Ordnung.
  Und diese Ordnung ist dem unendlichen Bewusstsein innewohnend. Alle
diese Objekte und deren Eigenschaften waren sogar während der kosmischen
Auflösung potentiell gegenwärtig – wohin hätten sie sich auflösen können?
Und darüber hinaus – wie kann etwas nichts werden? Gold, das als Schmuck-
stück erscheint, kann nicht gänzlich formlos werden.
  Obwohl alle Elemente dieser Schöpfung nichts als äußerste Leere sind, so
existieren doch sämtliche Elemente mit sämtlichen Eigenschaften innerhalb
dieser Ordnung bis heute weiter; genauso, wie sie anfangs ersonnen worden
sind. All dieses ist nur von einem relativen Gesichtspunkt aus wahr, denn das
Universum wurde niemals wirklich erschaffen. Das einzige, was immer ist, ist
das unendliche Bewusstsein und nichts anderes. Es gehört zur Natur der
Erscheinung, als real zu erscheinen, obwohl sie unreal ist.
  So besteht die Ordnung (niyati) des Universums, und bis heute konnte
nichts an ihr geändert werden. Das unendliche Bewusstsein selbst hat alle
diese Elemente innerhalb seiner selbst erdacht und sie innerhalb seiner
selbst erfahren. Und diese Erfahrung hat sich dann scheinbar materialisiert.
  SARASVATĪ fuhr fort:
  In Übereinstimmung mit der Ordnung in der allerersten Schöpfung wurden
die menschlichen Wesen mit einer Lebenspanne von ein-, zwei-, drei- oder
vierhundert Jahren ausgestattet. Die Kürze oder Länge einer Lebensspanne
hängt von der Reinheit oder Unreinheit der folgenden Faktoren ab: Dem
Land, der Zeit, der Aktivität und den verwendeten und verbrauchten Materia-
lien. Wer die Vorschriften der Schriften befolgt, erfreut sich der von diesen
Schriften garantierten Lebensspanne. So lebt also die Person ein kürzeres
oder längeres Leben, bis sie an ihr Ende gelangt.



                                       94
DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte: Oh Göttin, erleuchte mich bitte zur Frage
         des Todes: Ist er angenehm oder unangenehm, und was geschieht nach dem
         Tode?
           SARASVATĪ sagte: Meine Teure, es gibt drei Arten menschlicher Wesen: Der
         Tor, derjenige, der Konzentration und Meditation praktiziert, und der Yogi
         (der Weise). Die beiden letzten Arten des menschlichen Lebewesens geben
         den Körper mit Hilfe der Praxis des Yoga der Konzentration und Meditation
         auf und scheiden nur durch ihren eigenen Willen und wann es ihnen gefällt,
         ab. Der Tor jedoch, der keine Konzentration und Meditation praktiziert hat
         und das Opfer der Kräfte außerhalb von ihm selbst ist, erfährt beim Nahen
         des Todes große Qual. Er empfindet dann ein schreckliches Brennen in sich.
         Sein Atmen wird mühsam und schwer. Sein Körper verfärbt sich. Er betritt
         eine tiefe Finsternis und sieht den ganzen Tag lang die Sterne. Er wird be-
         nommen und fühlt sich schwindlig. Sein Sehvermögen ist verwirrt: Er sieht
         die Erde als Raum und den Himmel als feste Erde. Er erfährt alle möglichen
         Arten von Wahnvorstellungen – dass er in einen Brunnen falle, in einem Stein
         eingeschlossen sei, in einem ungeheuer schnellen Fahrzeug fahre, dass er wie
         Schnee dahinschmelze, dass er mit einem Seil abgeschleppt werde, dass er
         wie ein Grashalm davonfliege usw. Er möchte diese Leiden ausdrücken, ver-
         mag es jedoch nicht. Nach und nach verlieren seine Sinne ihre Kräfte, und
         schließlich vermag er nicht einmal mehr zu denken. Daher versinkt er
         schließlich in Unwissenheit und Ahnungslosigkeit.
           DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte: Wie kann es sein, dass er diese Agonie und
         Unwissenheit erfährt, wenn doch alle stets mit den acht Gliedern ausgestattet
         sind?
           SARASVATĪ erwiderte:
           So ist die Ordnung, die am Anfang der Schöpfung durch das unendliche Be-
         wusstsein errichtet worden ist. Wenn der Lebensatem nicht mehr frei fließt,
         hört das Leben der Person auf. Jedoch ist all dies nur imaginär, eingebildet.
         Wie kann unendliches Bewusstsein aufhören zu sein? Der Mensch ist selbst
         nichts anderes als unendliches Bewusstsein. Wer stirbt also und wann, und
         zu wem gehört dieses unendliche Bewusstsein, und wie? Sogar wenn Millio-
         nen von Körpern sterben, existiert dieses Bewusstsein ohne jede Verminde-
         rung weiter.
           DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte:
III:55
           Bitte fahre mit deinen Ausführungen zu Geburt und Tod fort. Indem ich ih-
         nen zuhöre, werde ich gewiss meine Weisheit vertiefen.
           SARASVATĪ sagte:
           Wenn der Lebensatem zu fließen aufgehört hat, wird das Bewusstsein des
         Individuums völlig passiv. Bitte denke aber daran, oh Līlā, dass Bewusstsein
         stets rein, ewiglich und unendlich ist – weder entsteht es, noch hört es auf zu
         sein. Auf immer ist es anwesend in den bewegten und unbewegten Kreaturen,
         im Himmel, auf den Bergen und in Feuer und Luft. Wenn der Lebensatem


                                               95
aufhört, sagt man vom Körper, dass er „tot“ oder „leblos“ sei. Der Lebensatem
kehrt zu seiner Quelle – der Luft – zurück, und das Bewusstsein verbleibt,
befreit von Erinnerungen und Neigungen, als das Selbst.
  Dieses atomische, ätherisch-geistige Partikel, welches von diesen Erinne-
rungen und Neigungen besessen ist, wird als der jīva bezeichnet. Er verbleibt
dort, wo sich der tote Körper befindet. Und dies bezeichnet man als „preta“
(abgeschiedene Seele). Dieser jīva gibt nun alle seine Ideen und all das, was er
bis dahin gesehen und aufgenommen hat, auf und nimmt andere Dinge wahr,
ähnlich wie im nächtlichen Traum oder beim Tagträumen.
  Nach einem kurzen Absinken des Bewusstseins beginnt der jīva sich dann
einzubilden, dass er einen anderen Körper, eine andere Welt und eine weitere
Lebensspanne vor sich hat.
  Oh Līlā, es gibt sechs verschiedene Arten dieser „abgeschiedenen Seelen“,
nämlich böse, schlimme und schlimmste Sünder und gute, bessere und beste
Tugendhafte. Und diese sind natürlich wieder in Untergruppen einzuteilen.
(Im Falle des schlimmsten Sünders kann der Zeitraum des Absinkens des
Bewusstseins eine beträchtliche Zeit dauern.)
  Die schweren Sünder erleiden schreckliche Qualen in der Hölle und werden
sodann als zahllose Lebewesen wiedergeboren, bevor sie endlich das Ende
ihrer Seelenangst sehen. Sie können auch als Bäume für eine sehr lange Zeit
existieren.
  Die mittleren unter den Sündern erleiden ebenfalls für eine beträchtliche
Zeit ein Absinken des Bewusstseins und werden sodann als Würmer oder
andere Tiere wiedergeboren.
  Die leichten Sünder werden schon bald als menschliche Wesen wiederge-
boren.
  Der Beste unter den Rechtschaffenen steigt in den Himmel auf und erfreut
sich dort seines Lebens. Später wird er dann in einer guten und wohlhaben-
den Familie auf der Erde wiedergeboren.
  Der Mittlere unter den Rechtschaffenen geht in die Regionen der Himmli-
schen und kehrt als Kind von Brāhmaïen usw. auf die Erde zurück.
  Sogar die Rechtschaffenen unter den Abgeschiedenen müssen, nachdem sie
die himmlischen Freuden genossen haben, die Reiche der Halbgötter durch-
schreiten, um die Konsequenzen der Ungerechtigkeiten zu erleiden, die sie
vielleicht begangen haben.
  SARASVATĪ fuhr fort:
  Alle diese abgeschiedenen Seelen erfahren im eigenen Innern die Früchte
ihrer vergangenen Handlungen. Zuerst entsteht da die Idee von „Ich bin tot“,
und dann „Ich werde von den Boten des Todesgottes davongetragen“. Der
Rechtschaffene bildet sich dann ein, dass er in den Himmel kommt, während
der gewöhnliche Sünder sich einbildet, er stünde vor dem Gerichtshof Gottes,
wo er für sein vergangenes Leben mit der Unterstützung von Citragupta (der


                                      96
verborgenen Aufzeichnung aller Taten einer Person) geprüft und beurteilt
wird.
  Was immer der jīva sieht, dass erfährt der jīva. Denn in diesem leeren Raum
des unendlichen Bewusstseins gibt es nichts, was als Zeit, Tätigkeit usw.
bekannt ist. Dann bildet sich der jīva ein: „Der Gott des Todes hat mich in den
Himmel (oder die Hölle) geschickt“, und „ich habe die Freuden (oder Leiden)
des Himmels (oder der Hölle) genossen (oder erlitten)“, und „Ich bin als Tier
usw. geboren, wie es der Todesgott mir bestimmt hat“.
  In diesem Moment betritt der jīva den Körper des Mannes durch die Nah-
rung, die dieser isst. Er wird dann in die Frau übertragen und in diese Welt
gebracht, wo er wiederum sein Leben in Übereinstimmung mit den Früchten
seiner vergangenen Taten lebt. Dort wächst und vergeht er wie der Mond.
Aufs Neue wird er dem Altern und dem Tod unterworfen. Dies wiederholt
sich wieder und wieder, bis der jīva durch die Selbsterkenntnis Erleuchtung
erfährt.
  DIE ERLEUCHTETE LĪLù fragte:
  Oh Göttin, teile mir bitte mit, wie all dieses ganz zu Anfang entstanden ist.
  SARASVATĪ erwiderte:
  Die Berge, die Wälder, die Erde und der Himmel – all dies ist nichts als un-
endliches Bewusstsein. Nur dieses allein ist das wahre Wesen von allem.
Daher vermag das reine, unendliche Bewusstsein als jede beliebige Form zu
erscheinen, in der es sich zu manifestieren wünscht. Bis heute ist es so ge-
blieben. Sobald der Lebensatem in die Körper eintritt und in den verschiede-
nen Teilen des Körpers zu vibrieren beginnt, wird gesagt, dass die Körper
leben. Solch lebende Körper existierten bereit zu Beginn der Schöpfung.
Wenn der Lebensatem, der in die Körper eingetreten ist, nicht vibriert, dann
sind diese Körper als Bäume oder Pflanzen bekannt. Es ist in der Tat nur ein
winziger Teil des unendlichen Bewusstseins, der zur Intelligenz in diesen
Körpern wird. Wenn diese Intelligenz in die Körper eintritt, lässt sie die ver-
schiedenen Organe wie zum Beispiel die Augen entstehen.
  Wofür auch immer dieses Bewusstsein sich selbst durch Denken hält, des-
sen Gestalt nimmt es an. Dieses Selbst von allem existiert daher in allen Kör-
pern; mit der Eigenschaft der Bewegtheit in den bewegten und mit der der
Unbewegtheit in den unbewegten Körpern.
  Daher sind alle diese Körper bis heute das, was sie immer waren.
  SARASVATĪ fuhr fort:
  Wenn dann diese Intelligenz, die Teil des unendlichen Bewusstseins ist, sich
selbst für einen Baum hält, dann wird sie ein Baum; oder wenn sie sich für
einen Stein hält, wird sie zum Stein; oder wenn sie Gras sein will, wird sie zu
Gras. Da ist kein Unterschied zwischen dem Fühlenden und dem Nicht-
Fühlenden, zwischen dem Trägen und dem Geistigen. In der Essenz der Sub-
stanzen existiert überhaupt keinerlei Unterschied, denn das unendliche Be-



                                      97
wusstsein ist überall und an jedem Ort gleichermaßen gegenwärtig. Die Un-
terschiede entstehen nur, weil die Intelligenz sich selbst mit unterschiedli-
chen Substanzen identifiziert. Dasselbe unendliche Bewusstsein wird in
diesen unterschiedlichen Substanzen unter verschiedenen Namen gekannt.
Dieses unendliche Bewusstsein wird von der Intelligenz als Würmer, Ameisen
und Vögel gesehen. In ihm gibt es weder einen Vergleich noch einen Sinn für
Unterschiede; ebenso wie Menschen, die am Nordpol leben, nichts von den
Menschen am Südpol wissen (und sich daher nicht mit diesen vergleichen).
Jede unabhängige Substanz, die als solche von dieser Intelligenz identifiziert
werden, existiert für sich selbst, ohne sich von andern zu unterscheiden.
Ihnen Unterschiede zuzuweisen wie „fühlend“ oder „nicht-fühlend“ ist so, wie
wenn ein Frosch, der in einem Stein, und ein Frosch, der außerhalb geboren
wurde, sich selbst als fühlend oder nicht-fühlend bezeichnen würden!
  Die Intelligenz, die Teil des unendlichen Bewusstseins ist, befindet sich
überall und ist selbst zu Allem geworden. Indem sie etwas Bestimmtes zu
sein wünschte, wurde sie am Anfang der Schöpfung dazu und ist bis heute so
geblieben.
  Sie dachte sich selbst als endlosen Raum, sie dachte sich selbst als bewegte
Luft, sie dachte sich selbst als das Nicht-Fühlende, sie dachte sich selbst als
die fühlenden Wesen. All dies sind nur Einbildungen dieser Intelligenz. Er-
scheinungen dieser Art sind nicht die Wirklichkeit, obschon sie wirklich
scheinen.
  Oh Līlā, ich glaube, dass König VidÆratha nun in das Herz im Körper von
König Padma einzutreten wünscht. Er bewegt sich gerade dorthin.
  DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte:
  Oh Göttin, lass uns in dieselbe Richtung gehen.
  SARASVATĪ sagte:
  VidÆratha stimmt sich nun auf das Ego-Prinzip (den Ich-Sinn) im Herzen
von Padma ein und stellt sich vor, dass er in eine andere Welt reist. Lass uns
dasselbe tun, aber auf unserem eigenen Weg, denn niemand kann den Weg
eines anderen betreten!
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  III:56
  In der Zwischenzeit verließ der Lebensatem von König VidÆratha dessen
Körper, wie die Vögel einen Baum verlassen, der zu fallen beginnt. Sein Geist
stieg in astraler Form in den Raum auf. Līlā und Sarasvatī sahen dies und
folgten ihm. Nach wenigen Augenblicken, als die Periode des Bewusstseins-
zustandes nach dem Tode vorüber war, wurde diese astrale Form bewusst.
Und der König phantasierte nun, dass er die dichte Form sehen könne, die die
Verwandten für die Begräbnisriten zusammengesetzt hatten.
  Mit dieser reiste er südwärts und kam zum Gott des Todes, der dem König
kundtat, dass er keine sündige Taten begangen habe, weshalb er seinen Boten




                                      98
befahl, den König unverzüglich in seinen eigenen früheren Körper (den des
Padma) eingehen zu lassen, der einbalsamiert dalag.
  Sofort durchquerte der jīva des VidÆratha das Universum, in dem Padma’s
Körper lag, und gelangte zum Palast. Ganz offenbar war VidÆratha mit dem
Körper Padma’s durch den Ich-Sinn verbunden; so wie ein Mann, der in ferne
Länder reist, immer noch an den Ort gebunden ist, an dem er seinen Schatz
vergraben hat!
  RùMA fragte:
  Oh heiliger Herr, wenn die Verwandten eines Verstorbenen die Begräbnisri-
ten nicht ordnungsgemäß ausgeführt haben, wie kann dann jemand die astra-
le (ätherische) Form annehmen?
  VASIåèHA antwortete:
  Ob die Begräbnisriten nun ordnungsgemäß ausgeführt wurden oder nicht –
sobald der Abgeschiedene davon überzeugt ist, dass sie ausgeführt wurden,
erlangt er den Vorteil der astralen Gestalt. Es ist dies die altbekannte Wahr-
heit: Was immer das eigene Bewusstsein in einem Moment ist – das ist, was
man ist. Dinge (Objekte oder Substanzen) gelangen ins Sein aufgrund der
eigenen Einbildung (Gedanke oder Idee), und an den Dingen entzünden sich
dann neue Einbildungen. Gift verwandelt sich durch die eigene Einbildungs-
kraft (oder den festen Glauben) in Nektar. Auf dieselbe Weise wird ein un-
wirkliches Objekt oder eine Substanz wirklich, wenn der entsprechende
intensive Glaube da ist. Ohne eine Ursache wird nirgendwo und zu keiner Zeit
eine Wirkung produziert, und deshalb gibt es weder Einbildungen noch Ge-
danken. Folglich ist außer dem einen ursachelosen, unendlichen Bewusstsein
niemals irgendetwas entstanden oder erschaffen worden. Bleibe dieser
Wahrheit auf immer gegenwärtig.
  Wenn die Begräbnisriten von den Verwandten mit dem rechten Glauben
ausgeführt worden sind, dann hilft dies dem Geist der abgeschiedenen Seele;
es sei denn, diese Seele ist ausgesprochen verwerflich gewesen.
  Kehren wir nun in den Palast von König Padma zurück. Wie schon gesagt,
kamen Līlā und Sarasvatī wieder in den herrlichen Palast und in den Raum, in
dem der einbalsamierte Leichnam von König Padma aufgebahrt lag. Alle
königlichen Diener schliefen fest.
  VASIåèHA fuhr fort:
 Dort sahen sie neben König Padma die zweite Līlā, wie sie hingebungsvoll        III:57
den Körper des Königs fächelte. Die erste Līlā und Sarasvatī konnten sie se-
hen, aber jene sah sie nicht.
 RùMA fragte:
  Es wurde davon gesprochen, dass die erste Līlā zeitweise ihren Körper in
der Nähe des Königs verlassen und mit Sarasvatī in einem ätherischen Körper
gereist sein, aber nun wird der Körper der ersten Līlā überhaupt nicht mehr
erwähnt.


                                     99
VASIåèHA erwiderte:
           Als die erste Līlā erleuchtet wurde, gab die egoistische Einbildung ihres
         ätherischen, wahren Wesens ihre Verbindung mit der groben, physischen
         Form auf, die dann wie Schnee hinwegschmolz. Tatsächlich war es Līlā's aus
         Unwissenheit geborene Einbildung, die die Dinge so erscheinen ließ, als hätte
         sie einen physischen Körper. Es war so, wie wenn jemand träumt: „Ich bin ein
         Hirsch“. Wenn er dann aufwacht und den Hirsch nicht mehr vorfindet – würde
         er sich dann etwa auf die Suche nach ihm machen? Im Gemüt des Irregeführ-
         ten manifestiert sich das Unwirkliche selbst. Wenn diese Täuschung dann
         zerstreut wird (wie nach der Erkenntnis, dass da ein Seil und keine Schlange
         ist), dann gibt es auch nicht länger die unwissende Einbildung. Diese einge-
         bildete Gewissheit, dass das Unwirkliche wirklich sei, ist durch wiederholtes
         Daran-Glauben tief eingewurzelt worden.
           Auch ohne ihn zuvor zerstören zu müssen, kann man von einem ätheri-
         schen Körper zum nächsten gehen; so wie man in einem Traum eine Form
         nach der anderen annehmen kann, ohne die vorherige aufzugeben. Der Kör-
         per des Yogi ist wahrhaft unsichtbar und ätherisch, obwohl er in den Augen
         des unwissenden Zuschauers sichtbar zu sein scheint. Und es ist dieser durch
         seine eigene Unwissenheit getäuschte Zuschauer, der denkt und sagt: „Dieser
         Yogi ist nun tot.“ Denn wo ist der Körper – was existiert, und was stirbt? Was
         ist, das ist; es ist nur die Illusion, die verschwindet!
           RùMA fragte: Heiliger Herr, wird der physische Körper eines Yogis denn zu
         einem ätherischen Körper?
           VASIåèHA erwiderte:
           Wie viele Male habe ich es dir schon erklärt, oh Rāma, aber noch hast du es
         nicht erfasst. Es existiert immer nur der ätherische Körper, der jedoch auf-
         grund von Einbildung mit dem physischen Körper verbunden zu sein scheint.
         So wie ein unwissender Mensch (sich selbst für den physischen Körper hal-
         tend) nach dem Tode und der Verbrennung des Körpers einen subtilen Kör-
         per hat, so verfügt auch der Yogi zu Lebzeiten über einen ätherischen Körper,
         wenn er erleuchtet ist.
           Der physische Körper ist nur die Schöpfung der eigenen Einbildungskraft –
         er ist nicht wirklich. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Körper und
         der Unwissenheit. Zu glauben, sie seien zwei, ist saæsāra (der Lebenszyklus).
          VASIåèHA fuhr fort:
III:58
          In der Zwischenzeit hatte Sarasvatī VidÆratha's jīva davon abgehalten, in
         den Körper des Königs Padma einzutreten.
          DIE ERLEUCHTETE LĪLù fragte Sarasvatī:
           Oh Göttin – wieviel Zeit ist denn bis jetzt vergangen, seit ich hier in Kon-
         templation saß?
           SARASVATĪ erwiderte:



                                             100
Du Teure, seit du angefangen hast zu meditieren, ist ein Monat vergangen.
Im Verlauf der ersten fünfzehn Tage ist dein Körper aufgrund der vom
prāïāyāma erzeugten Hitze verdampft. Dann wurde er wie ein trockenes
Blatt und fiel zu Boden. Dann wurde er steif und kalt. Die Minister dachten,
du seiest aus freiem Willen gestorben und verbrannten diesen Körper. Auf-
grund deines eigenen Wunsches erscheinst du nun hier in deinem ätheri-
schen Körper. In dir sind jetzt weder Erinnerungen an vergangene Leben
noch Neigungen vorhanden, die aus früheren Inkarnationen stammen. Denn
wenn der Geist einmal in der Gewissheit seiner ätherischen Natur verankert
ist, wird der Körper vergessen, so wie man in der Jugend sein Leben als Fötus
vergisst. Heute ist der einunddreißigste Tag, und du bist nun hier. Komm, wir
wollen uns dieser anderen Līlā zu erkennen geben.
  Als die zweite Līlā sie vor sich sah, fiel sie auf ihre Knie und betete sie an.
  SARASVATĪ fragte sie: Sage uns, wie du hierher gekommen bist.
  DIE ZWEITE LĪLù antwortete:
  Als ich im Palast von VidÆratha ohnmächtig wurde, wusste ich eine Zeitlang
überhaupt nichts mehr. Dann sah ich, wie mein subtiler Körper in den Him-
mel stieg und in einem Luftfahrzeug Platz nahm, das mich hierher brachte.
Und dann sah ich, wie VidÆratha hier in einem Garten voller Blumen schla-
fend lag. Ich glaubte, dass er von der Schlacht ermüdet sei und begann ihm
zuzufächeln, ohne ihn aufzuwecken. Sarasvatī ließ nun VidÆratha's jīva un-
verzüglich den Körper betreten. Der König erwachte sofort wie aus einem
Schlummer. Beide Līlā‘s verbeugten sich vor ihm. Der König fragte sodann die
erleuchtete Līlā: „Wer bist du und wer ist sie? Und von woher ist sie gekom-
men?“
  Die erleuchtete Līlā erwiderte: „Herr, ich bin deine Gemahlin aus deiner
früheren Inkarnation und deine ständige Begleiterin, so wie das Wort und
seine Bedeutung stets beieinander sind. Diese Līlā ist deine andere Frau; sie
ist meine eigene Reflektion, die von mir zu deiner Freude erschaffen worden
ist. Und jene, die dort drüben auf einem goldenen Thron sitzt, ist die Göttin
Sarasvatī selbst. Sie befindet sich hier dank unserem guten, glücklichen Ge-
schick.“
  Als er dies hörte, setzte sich der König auf und begrüßte Sarasvatī. Sarasvatī
segnete ihn mit langen Leben, Wohlstand usw. und mit der Erleuchtung.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    III:59, 60
  Nachdem sie dem König den erbetenen Segen gewährt hatte, verschwand
Sarasvatī an Ort und Stelle. Der König und die Königin umarmten einander
voll Liebe. Die königlichen Diener, die beim Körper des Königs Wache hielten,
erwachten und jubelten, dass der König wieder ins Leben getreten war.
  Der ganze Staat war in Feststimmung. Noch lange Zeit danach erzählten die
Menschen aus nah und fern die Geschichte, wie die Königin Līlā aus der ande-
ren Welt zurück kam, um dem König als Geschenk eine andere Līlā zu geben.



                                      101
Der König vernahm von der erleuchteten Līlā die Geschichte, die sich wäh-
rend des vergangenen Monats abgespielt hatte. Er fuhr fort zu regieren und
erfreute sich durch die Gnade Sarasvatī’s der Segnungen der drei Welten, die
er ohne Zweifel durch seine Eigenbemühungen erlangt hatte.
  Dies ist die Geschichte von Līlā, oh Rāma, die ich dir hiermit in allen Einzel-
heiten berichtet habe. Die Kontemplation dieser Geschichte wird dein Gemüt
vom geringsten Glauben an die Wirklichkeit des Wahrgenommenen befreien.
Wahrhaftig – wenn doch nur das, was wahr ist (was existiert), beseitigt wer-
den kann – wie könnte dann das Unwirkliche beseitigt werden? Es gibt nichts
zu beseitigen, denn all dieses (die Erde usw.), was vor deinen Augen erschie-
nen ist, ist nichts als das unendliche Bewusstsein. Und falls irgendetwas er-
schaffen worden sein sollte, dann geschah es durch dieses Bewusstsein und
innerhalb davon. Alles ist so, wie es ist – nichts wurde jemals erschaffen. Du
magst sagen, dass alles, was erscheint, die Schöpfung von Māyā sei, aber nicht
einmal Māyā selbst ist wirklich!
  RùMA sagte:
  Hoher Herr, was für eine großartige Vision der letzten Wahrheit hast du mir
verschafft! Aber, oh Heiliger, es gibt noch einen unstillbaren Hunger in mir
nach dem Nektar deiner erleuchtenden Worte. Bitte, erkläre mir das Mysteri-
um der Zeit, denn in der Geschichte von Līlā gibt es manchmal eine ganze
Lebensspanne, die in acht Tagen und dann wiederum in einem Monat durch-
lebt wird. Ich bin verwirrt. Sind dies verschiedene Zeitmaße in verschiedenen
Universen?
  VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, was auch immer man innerhalb seines eigenen Geistes denkt,
wird von einem selbst erfahren. Sogar Nektar wird von demjenigen als Gift
erfahren, der glaubt, es sei Gift. Freunde werden zu Feinden, und Feinde wer-
den zu Freunden – ganz nach der inneren Einstellung. Das Objekt wird stets
genau entsprechend den eigenen inneren Gefühlen erfahren. Für die leidende
Person ist eine Nacht wie eine Ewigkeit, und eine Festnacht verfliegt wie ein
Augenblick. Im Traum ist ein Moment nicht verschieden von einer Epoche.
Für Brahmā ist die Lebensspanne eines Manu wie anderthalb Stunden, und
Brahmā's Lebensspanne ist ein Tag für Vi«ïu. Vi«ïu's Lebensspanne wiede-
rum ist ein Tag für Śiva. Aber für den Weisen, dessen Bewusstsein die Be-
grenzungen überwunden hat, gibt es weder Tag noch Nacht.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Der Yogi weiß, dass es das eigene Denken ist, welches Süßes in Bitteres und
Bitteres in Süßes, Freunde in Feinde und Feinde in Freunde verwandelt. Auf
dieselbe Weise kann man durch den Wandel des Gesichtspunkts und durch
beharrliche Praxis Geschmack am Studium der Schriften, an Japa usw. entwi-
ckeln, auch wenn man zuvor keinerlei Interesse dafür gezeigt hat. Denn alle
diese Qualitäten befinden sich nicht in den Objekten, sondern allein im eige-
nen Denken. Für den seekranken Mann dreht sich die Welt. Und so ähnlich


                                      102
denkt der Unwissende, dass sich diese Qualitäten in den Objekten befinden.
         Der Betrunkene sieht an einer freien Stelle eine Mauer, und ein nicht-
         existenter Kobold tötet die verblendete Person.
           Diese Welt ist nichts als die Vibration von Bewusstsein im unendlichen
         Raum. Sie existiert so, wie auch der Kobold in den Augen des Unwissenden zu
         existieren scheint. Alles dies ist nichts als Māyā – denn es gibt keinerlei Wi-
         derspruch zwischen dem unendlichen Bewusstsein und der scheinbaren
         Existenz des Universums. Es ist wie der wunderbare Traum einer wachenden
         Person.
           Oh Rāma, im Herbst werfen die Bäume ihre Blätter ab; im Frühling lässt
         derselbe Baum neue Blätter sprießen, die gewiss schon zuvor im Baum vor-
         handen waren. Auf dieselbe Weise existiert diese Schöpfung die ganze Zeit
         über im absoluten Bewusstsein. Sie wird nicht als solche gesehen, wie auch
         die Flüssigkeit, welche im Gold existiert, nicht immer offensichtlich ist. Wenn
         der Schöpfer einer Epoche die Befreiung erlangt und der Schöpfer der nächs-
         ten Epoche das neue Universum aus seiner Erinnerung heraus projiziert,
         dann ist auch diese Erinnerung nichts anderes als unendliches Bewusstsein.
           RùMA fragte:
          Hoher Herr, wie kommt es, dass der König und auch die Untertanen diesel-
         ben objektiven Tatsachen erfuhren?
          VASIåèHA erwiderte:
           Es liegt daran, dass die Intelligenz all dieser jīvas stets auf dem einen, un-
         endlichen Bewusstsein gründet, oh Rāma. Auch die Untertanen dachten, dass
         dieser ihr König sei. Die Gedankenwellen im unendlichen Bewusstsein sind
         diesem natürlich und innewohnend – sie wurden durch nichts Bestimmtes
         hervorgerufen. So wie ein Diamant auf natürliche Weise funkelt, so denkt die
         Intelligenz des Königs „Ich bin König VidÆratha“. Ebenso ist es mit allen We-
         sen im Universum. Sobald jemandes Intelligenz in der Wahrheit über das
         unendliche Bewusstsein verankert ist, erreicht er den höchsten Zustand der
         Befreiung. Abhängig ist dies von der Stärke der Eigenbemühung. Der Mensch
         wird in zwei verschiedene Richtungen gezogen – hin zur Verwirklichung von
         Brahman dem Absoluten, und hin zum falschen Glauben an die Wirklichkeit
         der Welt. Wofür einer mit all seinen Kräften kämpft – das erreicht er! Sobald
         einer die Unwissenheit überwunden hat, verschwindet die irreführende
         Sichtweise des Unwirklichen für immer.
           RùMA fragte:
III:61
           Heiliger Herr, bitte kläre mich in Kürze ein weiteres Mal auf: Wie entstand
         ganz am Anfang, ohne jede Ursache, die täuschende Wahrnehmung von „Ich“
         und „die Welt“?
           VASIåèHA erwiderte:
           So wie allen Dingen gleichermaßen die Intelligenz innewohnt, so existiert
         alle Zeit hindurch überall nur das Ungeschaffene, das Selbst von allem. Zwar


                                              103
verwenden wir den Ausdruck „alle Dinge“, jedoch ist dies nur eine Redensart,
denn es existiert stets nur das unendliche Bewusstsein bzw. Brahman. So wie
es keinen Unterschied zwischen einem Schmuckstück und Gold oder zwi-
schen Wellen und Wasser gibt, so gibt es keinen Unterschied zwischen dem
Universum und dem unendlichen Bewusstsein. Das letztere allein ist das
eigentliche Universum, während das Universum als solches nicht das unend-
liche Bewusstsein ist; ebenso wie das Schmuckstück aus Gold gemacht ist,
aber das Gold nicht aus einem Schmuckstück. So wie wir uns auf einen Men-
schen und dessen Gliedmaßen als auf ein und denselben Menschen beziehen,
so beziehen wir uns auch auf die Gegenwart des unendlichen Bewusstseins
als alle diese Wesen, worin in keiner Weise ein Unterschied impliziert ist.
   In diesem unendlichen Bewusstsein gibt es eine innewohnende Nicht-
Anerkennung seiner unendlichen Natur. Diese manifestiert sich dann schein-
bar als „Ich“ und „die Welt“. So wie das fertige Bildnis im Marmorblock exis-
tiert, auch wenn es noch nicht herausgehauen worden ist, so existiert auch
diese Idee von „Ich“ and „die Welt“ im unendlichen Bewusstsein. So wie in
einem stillen Meer die Wellen in ihrem potentiellen Zustand bereits existie-
ren, so existiert die Welt in ihrem potentiellen Zustand im unendlichen Be-
wusstsein – eben dies wird als Schöpfung bezeichnet. Eine andere Bedeutung
hat das Wort „Schöpfung“ nicht. Im Höchsten Sein oder im unendlichen Be-
wusstsein findet keinerlei Schöpfung statt – das unendliche Bewusstsein ist
in keiner Weise an der Schöpfung beteiligt. Sie stehen in keiner separaten
Beziehung zueinander.
   Dieses unendliche Bewusstsein betrachtet sozusagen seinen eigenen Geist
innerhalb seines eigenen Herzens, obgleich es nicht verschieden von ihm ist,
wie auch der Wind nicht verschieden ist von seiner eigenen Bewegtheit. Im
selben Moment, in dem sich eine unwirkliche Teilung ergibt, taucht im Be-
wusstsein die Vorstellung von Raum auf, und dank der Macht des Bewusst-
seins wird dies zum Element Raum oder Äther. Später glaubt dieses daran,
Luft und dann Feuer zu sein. Aus dieser Idee heraus erscheinen dann Feuer
und Licht. Es entwickelt ferner die Vorstellung von Wasser mit der Eigen-
schaft des Geschmacks, und wiederum hält es sich dann selbst für die Erde,
mit den Eigenschaften des Geruchs und der Festigkeit. So scheinen dann zum
Schluss Erde und Wasser sich von selbst manifestiert zu haben.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Zur selben Zeit unterhält dasselbe unendliche Bewusstsein in sich selbst die
Vorstellung einer Zeiteinheit von einem Millionstel eines Augenblinzelns.
Daraus entwickelte sich die gesamte Zeitskala bis hinauf zur Epoche, die aus
mehreren Umwälzungen der vier Zeitalter besteht, was dann die Lebens-
spanne einer kosmischen Schöpfung ergibt. Das unendliche Bewusstsein
selbst ist an all dem nicht beteiligt, denn es ist frei von Aufgang und Nieder-
gang (wie dies wesentlich für sämtliche Zeitskalen ist), und es ist frei von
Anfang, Mitte und Ende.



                                     104
Dieses unendliche Bewusstsein ist die alleinige Wirklichkeit – immer er-
             wacht und erleuchtet. Ebenso steht es mit der Schöpfung. Dieses unendliche
             Bewusstsein ist die unerleuchtete Erscheinung dieser Schöpfung. Sogar nach
             dieser Schöpfung ist es stets dasselbe. Es ist auf ewig dasselbe. Wenn einer im
             Selbst und durch das Selbst realisiert, dass dieses Bewusstsein das absolute
             Brahman ist, dann erfährt er es als alles – so wie die eine Lebenskraft alle
             seine Glieder durchdringt.
               Man kann sagen, dass diese Welterscheinung nur insofern wirklich ist, als
             sie die Manifestation des Bewusstseins und eine direkte Erfahrung ist, und
             dass sie unwirklich ist, wenn sie mit dem Verstand und den Sinnesorganen
             erfasst wird. Wind wird in seiner Bewegtheit als wirklich erfahren und er-
             scheint als inexistent, wenn es keine Bewegung gibt. Auf diese Weise kann
             diese Welterscheinung als wirklich und unwirklich betrachtet werden. Diese
             einer Luftspiegelung ähnliche Erscheinung der drei Welten existiert als nicht
             verschieden vom absoluten Brahman.
               Die Schöpfung existiert in Brahman so, wie der Keimling im Samen ist, Flüs-
             sigkeit im Wasser, Süße in der Milch und Schärfe im Pfeffer. In der Unwissen-
             heit jedoch erscheint sie als verschieden und unabhängig von Brahman. Es
             gibt keine andere Ursache für die Existenz der Welt als die einer reinen Ref-
             lektion im absoluten Brahman. Sobald es eine Vorstellung der Schöpfung gibt,
             scheint diese auch zu sein. Wenn es dagegen durch Eigenbemühung ein Ver-
             stehen ihrer Nicht-Entstehung gibt, dann gibt es auch keine Welt mehr.
               Nichts wurde jemals irgendwo und irgendwann erschaffen, und nichts ge-
             langt daher jemals an ein Ende. Das absolute Brahman ist alles – höchster
             Friede, ungeboren, reines Bewusstsein und ewig. In jedem Atom entstehen
             Welten innerhalb von Welten. Was ist deren Ursache, und wie entstehen sie?!
               Wenn man sich von den Ideen des „Ich“ und der „Welt“ abwendet, dann ist
             man befreit, denn die Vorstellung von „Ich bin dies“ ist die die einzige Bin-
             dung hier. Diejenigen, die dieses unendliche Bewusstsein als das namenlose,
             formlose Substrat des Univerums erkennen, erlangen den Sieg über saæsāra
             (den Lebenszklus).
               RùMA fragte:
III:62, 63
               Es ist offensichtlich, dass Brahman allein existiert, oh heiliger Weiser! Aber
             aus welchem Grunde existieren dann alle diese Weisen und Heiligen in dieser
             Welt, als wären sie von Gott gesandt, und was überhaupt ist „Gott“?
               VASIåèHA erwiderte:
               Es existiert da, oh Rāma, die Macht oder Energie des unendlichen Bewusst-
             seins, welche alle Zeit in Bewegung ist. Diese allein ist die Wirklichkeit all
             dieser unvermeidlichen zukünftigen Ereignisse, denn sie durchdringt alle
             Epochen der Zeit. Durch diese Macht wird die Natur aller Objekte im Univer-
             sum bestimmt. Diese Macht (cit śakti) ist auch als Mahāsattā (die große Exis-
             tenz), Mahāciti (der große Geist), Mahāśakti (die große Macht), Mahād−«Âi
             (die große Sicht), Mahākriyā (das große Tun), Mahodbhavā (das große Wer-


                                                  105
den) und Mahāspandā (die große Vibration) bekannt. Es ist diese Macht, die
             jedem Ding seine eigentümlichen Qualitäten verleiht. Jedoch ist diese Macht
             nicht verschieden von oder unabhängig vom absoluten Brahman – sie ist so
             wirklich wie ein verrückter Traum. Die Weisen machen eine verbale Unter-
             scheidung zwischen Brahman und dieser Macht und erklären, dass die Schöp-
             fung das Werk dieser Macht sei.
               Die Unterscheidung bleibt jedoch rein verbal, so wie jemand vom Körper
             (als Ganzes) und seinen Teilen spricht. Das unendliche Bewusstsein wird
             seiner eigenen Macht bewusst, so wie jemand der Glieder seines Körpers
             bewusst wird. Dieses Gewahrsein wird niyati (die Macht des Absoluten, die
             der Natur gebietet) genannt. Es wird auch als daiva bzw. göttliche Fügung
             bezeichnet.
               Niyati hat dafür gesorgt, dass du mir diese Fragen stellst, und es ist eben-
             falls niyati, dass du entsprechend meiner Unterweisung tätig werden solltest.
             Und wenn jemand sagt: „Das Göttliche wird mich ernähren“, und untätig
             bleibt, dann ist dies ebenfalls das Werk von niyati. Dieses niyati kann nicht
             einmal von Göttern wie Rudra übergangen werden. Weise Menschen jedoch
             sollten deswegen nie die Eigenbemühung aufgeben, weil niyati nur als und
             durch die Eigenbemühung funktioniert. Dieses niyati verfügt über zwei As-
             pekte, nämlich menschliche und übermenschliche, wobei der erstere dort
             gesehen wird, wo die Eigenbemühung Früchte trägt, und der zweite dort, wo
             dies nicht der Fall ist.
               Wenn jemand untätig bleibt und sich darauf verlässt, dass niyati alles für
             ihn erledigt, dann wird er bald feststellen, dass das Leben schwindet, denn
             Leben ist Aktivität. Er kann durch Eintritt in den höchsten überbewussten
             Zustand den Atem anhalten und die Befreiung erlangen – aber eben das ist in
             der Tat die allergrößte Eigenbemühung!
               Allein das unendliche Bewusstsein erscheint als ein Ding an einem Ort und
             als ein anderes an einem anderen Ort. Da ist keinerlei Trennung zwischen
             diesem Bewusstsein und seiner Macht, wie es auch keine Trennung zwischen
             Welle und Wasser, Glieder und Körper gibt. Solche Trennungen werden nur
             von den Unwissenden erfahren.
               RùMA fragte:
III:64, 65
               Wenn also das unendliche Bewusstsein und seine eingeborene Kraft der
             Bewegung die einzige Wirklichkeit sind, wie erwirbt dann der jīva seine
             scheinbare Wirklichkeit in dieser Einheit, die ohne ein Zweites ist?
               VASIåèHA erwiderte:
               Es ist nur im Gemüt des Unwissenden, dass dieser schreckliche Kobold na-
             mens jīva als reflektierte Realität oder Erscheinungsform auftaucht. Niemand,
             nicht einmal die Weisen selbst vermögen zu sagen, was dieses ist, denn es ist
             ohne irgendwelche Anzeichen einer eigenen Natur.
               Im Spiegel des unendlichen Bewusstseins werden zahllose Reflektionen
             gesehen, die die Erscheinung der Welt bilden. Dies sind die jīvas. Der jīva ist


                                                  106
wie eine kleine Wellenbewegung auf der Oberfläche des Ozeans von Brahman
oder wie ein kleines Zittern der Kerzenflamme in einem windgeschützten
Raum zu verstehen. Sobald aufgrund dieser leichten Erregung die Unendlich-
keit des unendlichen Bewusstseins verschleiert wird, scheint eine Begren-
zung des Bewusstseins aufzutauchen. Auch diese wohnt diesem unendlichen
Bewusstsein inne. Und dieses begrenzte Bewusstsein ist als jīva bekannt.
  So wie der Funke einer Flamme mit einer brennbaren Substanz in Kontakt
kommt und sich dann zu einer unabhängigen Flamme entzündet, so verdich-
tet sich diese Begrenzung des Bewusstseins, sobald sie von den latenten
Tendenzen und Erinnerungen gespeist wird, zu dem Ich-Sinn. Dieser Ich-Sinn
ist keine feste Realität, aber der jīva betrachtet ihn als real – so wie man die
Bläue des Himmels als real betrachtet. Sobald der Ich-Sinn seine eigenen
Vorstellungen zu unterhalten beginnt, entstehen dadurch die Gedankenwel-
len, das Konzept eines selbstständigen und getrennten jīva, das Gemüt, Māyā
oder die kosmische Illusion, die kosmische Natur usw.
  Die Intelligenz, die alle diese Vorstellungen unterhält, beschwört dann die
natürlichen Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum) herauf. Mit diesen
verknüpft wird dann dieselbe Intelligenz zu einem Funken aus Licht, obwohl
sie in Wahrheit das kosmische Licht ist. Schließlich verdichtet sie sich in
zahllose Formen; irgendwo wird sie zu einem Baum usw., anderswo zu einem
Vogel, wieder woanders zu einem Kobold usw., und wieder anderswo zu
Halbgöttern usw. Die allererste dieser Modifikationen wird zum Schöpfer
Brahmā und erzeugt durch Gedanke und Wille weitere. Somit ist diese Vibra-
tion im Bewusstsein allein der jīva, karma und Gott, und dann folgt der ganze
Rest.
  Die Schöpfung (des Gemüts) ist nichts als eine Erregung im Bewusstsein,
und die Welt existiert imGemüt! Sie scheint zu existieren aufgrund einer
mangelhaften Sichtweise, eines mangelhaften Verstehens. Sie ist wirklich
nicht mehr als ein langer Traum. Wird dies einmal verstanden, dann hört alle
Dualität auf, und Brahman, jīva, Gemüt, Māyā, Täter, Tätigkeit und Welt wer-
den als Synonyme für das eine, nicht-duale, unendliche Bewusstsein gesehen.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   III:66, 67
  Das Eine wurde nie zur Vielfalt, oh Rāma. Wenn viele Kerzen aneinander
angezündet werden, dann brennt dieselbe Flamme in allen Kerzen, und so
erscheint auch dieses eine Brahman als viele. Wer über die Unwirklichkeit
dieser Vielfalt kontempliert – der ist frei vom Kummer.
  Der Jīva ist nichts anderes als eine Begrenzung des Bewusstseins. Sobald
diese Begrenztheit verschwunden ist, kommt der Friede; so wie für jeman-
den, der Schuhe trägt, die ganze Welt mit Leder gepflastert zu sein scheint.
Was ist denn diese Welt? Nichts als eine Erscheinung; so wie eine Bananen-
pflanze nur aus Blättern besteht. So wie der Alkohol einen dazu bringen kann,
im leeren Himmel alle Arten von Wahnbildern zu erblicken, so bringt das
Gemüt jemanden dazu, Vielfalt in der Einheitzu sehen. So wie ein Trunken-



                                     107
bold die Bäume laufen sieht, so nimmt der Unwissende in dieser Welt Bewe-
gung wahr.
  Wenn das Gemüt Dualität wahrnimmt, dann sind da gleichzeitig die Dualität
und ihr Gegenstück, die Einheit. Wenn das Gemüt die Wahrnehmung der
Dualität fallen lässt, dann gibt es weder Dualität noch Einheit. Wenn jemand
fest in der Identität des unendlichen Bewusstseins verankert ist, ob er nun
untätig oder intensiv tätig ist, dann ist er im Frieden mit sich selbst. Wenn er
auf diese Weise im höchsten Zustand gegründet ist, so wird dies auch als der
Zustand des Nicht-Selbst oder der Zustand der Erkenntnis der Nicht-heit
oderLeere bezeichnet.
  Aufgrund der Erregung des Gemüts sieht es so aus, als würde das Bewusst-
sein zum Objekt der Erkenntnis werden! Daraufhin entstehen im Gemüt
allerlei falsche Vorstellungen wie „Ich wurde geboren“ usw. Dieses Wissen ist
nicht verschieden vom Gemüt. Daher wird es als Unwissenheit oder Täu-
schung bezeichnet.
  Es gibt kein anderes Mittel, um sich von saæsāra oder der Welterscheinung
zu befreien als die Weisheit oder Selbsterkenntnis. Nur Erkenntnis allein ist
das Heilmittel für die falsche Wahrnehmung einer Schlange in einem Seil.
Sobald es dieses Wissen gibt, hört das Verlangen des Gemüts nach Sinnesver-
gnügen, welches die Unwissenheit vertieft, auf. Daher: Wenn du solche Be-
gierden empfindest, dann befriedige sie einfach nicht! Worin besteht hier die
Schwierigkeit?
  Solange das Gemüt Vorstellungen von Objekten unterhält, gibt es Erregung
und Bewegung im Gemüt. Haben dagegen die Objekte oder Ideen aufgehört,
dann gibt es weder Bewegung noch Gedanken im Gemüt. Sobald es da eine
Bewegung gibt, erscheint die Welt als real; hat die Bewegung aufgehört, dann
hört auch diese Welterscheinung auf. Die Bewegung der Gedanken selbst
wird jīva, Ursache und Handlung genannt. Sie ist der keimende Same der
Welterscheinung. Anschließend erfolgt die Schaffung des Körpers.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Diese Bewegung der Gedanken entsteht aufgrund verschiedenster Ursa-
chen. Der eine wird davon in dieser Lebensspanne befreit, und ein anderer
nach Tausenden von Geburten. Sobald es diese Bewegung der Gedanken gibt,
kann man die Wahrheit nicht sehen – dann entsteht dieses Gefühl von „Ich
bin“, „Dies ist mein“ usw.
  Die Welterscheinung ist der Wachzustand des Bewusstseins, der Ich-Sinn
ist der Traumzustand, die (potentiellen) Gedankenwellen sind der Zustand
des Tiefschlafs, und reines Bewusstsein ist der vierte Zustand oder die unbe-
strittene Wahrheit. Jenseits dieses vierten Zustandes ist die absolute Reinheit
des Bewusstseins. Wer hier verankert ist, ist jenseits des Kummers.
  Man sagt, dass die Welterscheinung als Ursache das absolute Brahman ha-
be; auf dieselbe Weise, wie der Himmel (Raum) die Ursache für das Wachs-
tum eines Baumes ist (der Himmel behindert sein Wachstum nicht und somit


                                     108
fördert oder verursacht er es). Die Wahrheit ist jedoch, dass Brahman weder
             ein aktiver noch kausaler Faktor ist – enthüllt wird dies durch die Erfor-
             schung. So wie jemand in der festen Erde gräbt und nichts als leeren Raum
             findet, je weiter er gräbt, so wird einer, der erforscht, die Wahrheit entdecken,
             dass all dies nichts anderes als das unendliche Bewusstsein ist.
               RùMA fragte: Bitte sage mir, wie es kommt, dass diese Schöpfung so sehr
             ausgebreitet vor uns liegt?
               VASIåèHA fuhr fort:
               Die Vibration im unendlichen Bewusstsein ist nicht verschieden vom Be-
             wusstsein selbst. Von dieser Vibration wird der jīva manifest, und auf diesel-
             be Weise geschieht es ausgehend vom jīva, dass das Gemüt manifest wird,
             weil der jīva denkt. Das Gemüt selbst unterhält die Vorstellungder fünf Ele-
             mente und transformiert sich dann selbst in diese Elemente hinein. Woran
             auch immer das Gemüt denkt – dies allein sieht es dann. Nach all diesem
             erwirbt der jīva die Sinnesorgane – die Zunge, die Augen, die Nase, den Be-
             rührungssinn usw. Hier gibt es keinerlei kausale Verbindung zwischen dem
             Gemüt und den Sinnen, aber eine Koinzidenz zwischen dem Gedanken und
             der Manifestation der Sinnesorgane – so wie eine Krähe auf einem Palmbaum
             sitzt und zufällig eine Frucht herunterfällt, und es nun so aussieht, als hätte
             die Krähe die Frucht gelöst! Auf diese Weise tritt der erste kosmische jīva ins
             Sein.
               RùMA fragte: Heiliger Herr, wenn die Unwissenheit in Wahrheit als solche
             nicht existiert, weshalb sollte man sich dann überhaupt um Befreiung oder
             Untersuchung kümmern?
               VASIåèHA erwiderte: Rāma, dieser Gedanke sollte zu seiner eigenen Zeit
             auftauchen, aber nicht jetzt! Blumen blühen und Früchte reifen, wenn ihre
             Zeit gekommen ist.
               Der kosmische jīva spricht „OM“ und erzeugt durch puren Willen die ver-
             schiedenen Objekte. So wie der Schöpfer Brahmā willentlich ins Leben geru-
             fen worden ist, so wird auch ein Wurm ins Leben gerufen. Da der Wurm je-
             doch in Unreinheit gefangen ist, ist seine Tätigkeit bedeutungslos. Die Unter-
             scheidung ist illusorisch. In Wahrheit gibt es keine Schöpfung und daher auch
             keinerlei Trennung.

                                                   ***



             Die Geschichte von KarkaÂī
III:68, 69
              VASIåèHA fuhr fort:




                                                   109
In diesem Zusammenhang, oh Rāma, existiert eine alte Legende, die ich dir
jetzt erzählen werde.
  Im Norden des Himālaya lebte einmal eine schreckenerregende Dämonin
namens KarkaÂī. Sie war riesig, schwarz und fürchterlich anzusehen. Diese
Dämonin konnte nie genug zu essen bekommen und war deshalb niemals
satt.
  Sie dachte: „Wenn ich nur alle Menschen, die auf dem JambÆdvīpa-
Kontinent leben, als eine einzige Mahlzeit aufessen könnte, dann würde mein
Hunger verschwinden wie eine Luftspiegelung nach einem starken Regen.
Das wäre eigentlich nicht unangemessen, da angemessen ist, was das eigene
Leben erhält. Da die guten Leute von JambÆdvīpa jedoch fromm, wohltätig
und Gott ergeben sind und über gute Heilkräuterkenntnisse verfügen, wäre
es unangemessen, diese friedliebenden Leute zu quälen. Ich werde mich mit
Bußübungen begnügen, denn durch Bußübungen kann das erlangt werden,
was ansonsten äußerst schwer zu erlangen ist.“
  KarkaÂī stieg sodann auf einen der schneebedeckten Gipfel und begann ihre
Bußübung, indem sie auf einem Bein stand. Sie stand fest wie eine Marmor-
statue und bemerkte nicht, wie die Tage und Monate vergingen. Im Laufe der
Zeit wurde sie so mager, dass sie wie ein in durchsichtige Haut gekleidetes
Skelett aussah. So verblieb sie eintausend Jahre lang.
  Nachdem tausend Jahre vergangen waren, erschien ihr der Schöpfer
Brahmā, der über ihre Bußübung erfreut war, denn durch intensive Buß-
übung kann alles erlangt werden – sogar giftige Nebel werden durch sie auf-
gelöst. Sie verneigte sich im Geiste vor ihm und fragte sich, um welche Gunst
sie ihn bitten sollte. „Aber ja“, dachte sie, „ich werde darum bitten, dass ich zu
einer lebenden Stahlnadel (SÆcikā, ), einer Verkörperung von Krankheit,
werde. Mit Hilfe dieser Gunst werde ich gleichzeitig in die Herzen aller Wesen
eindringen, meinen Wunsch erfüllen und meinen Hunger befriedigen.“ Als
Brahmā zu ihr sprach: „Deine Bußübungen haben mich erfreut. Sprich einen
Wunsch nach deiner Wahl aus“, äußerte sie ihren Wunsch.
  BRAHMù sagte: So sei es, du sollst dann auch Vi«Æcikā ( Cholera-Virus)
sein. Indem du eine subtile Gestalt erhältst und in ihre Herzen eindringst,
wirst du in denjenigen Qualen hervorrufen, die die falsche Nahrung essen
und unbekümmert ein falsches Leben leben. Jedoch vermag man sich davon
zu befreien, wenn man das folgende Mantra spricht:
  himādrer uttare pārśve karkaÂī nāma rāk«asī
 vi«Æcikābhidhānā sānāmnā 'py anyāyabādhikā
 oæ hrāæ hriæ śrīæ rāæ vi«ïuśākttaye namo bhagavati
 vi«ïuśaktti ehi enāæ hara hara daha daha hana hana paca paca
 matha matha utsādaya utsādaya dÆre kuru kuru svāhā vi«Æcike
 tvam himavantaæ gaccha gaccha jīvasāra candramaïdalam gato



                                      110
'si svāhā
 Wer ein Meister dieses Mantras ist, sollte es an seinem linken Arm tragen.
Und indem er dabei an den Mond denkt, soll er mit dieser Hand über den
Patienten streichen, der daraufhin sofort geheilt sein wird.
 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                III:70
  Und sofort, oh Rāma, begann der Körper der Dämonin langsam auf die Grö-
ße einer Nadel zu schrumpfen. Sie wurde so fein, dass man sich ihre Existenz
nicht einmal mehr vorzustellen vermochte. Sie wurde von so extrem subtiler
Gestalt wie die susumna nadi (subtile, spirituelle Nervenbahn), die die Basis
des Rückgrats mit der Krone des Hauptes verbindet. Sie war wie das von den
Buddhisten beschriebene alaya-Bewusstsein. Unverzüglich folgte ihr ihre
andere Gestalt, die als Vi«Æcikā (Cholera) bezeichnet wurde.
  Obgleich sie nun extrem subtil und unsichtbar geworden war, hatte sich ih-
re dämonische Mentalität nicht im geringsten verändert. Zwar hatte sie die
Gunst erhalten, die sie sich gewünscht hatte, jedoch konnte sie ihr Verlangen
nach dem Verzehr aller Wesen immer noch nicht befriedigen! Der Grund lag
darin, dass sie nur die Größe einer Nadel hatte!! Wie seltsam: Die Verblende-
ten verfügen über keine Voraussicht. Die gewaltsamen Anstrengungen, die
eine selbstsüchtige Person macht, um ihre selbstsüchtigen Ziele zu erlangen,
führen am Ende zu gegenteiligen Ergebnissen; so wie eine Person ihr eigenes
Spiegelbild nicht sehen kann, wenn sie heftig atmet und keucht, weil durch
ihren Atem der Spiegel beschlagen wird.
  Auf ähnliche Weise hatte die Dämonin ihren riesigen Körper aufgegeben
und war für diesen Körper gestorben, nur um ihr Bestreben zu verwirklichen,
zu einer Nadel zu werden. Sogar der Tod wird wünschenswert für eine Per-
son, die hinter einem selbstsüchtigen Ziel herjagt und die von einem exzessi-
ven Verlangen besessen ist.
  Vi«Æcikā strahlte und war so subtil wie Blumenduft. Abhängig von der Le-
benskraft anderer, war sie ihrer eigenen Aufgabe ergegeben.
  Mit Hilfe ihrer zweifachen Gestalt als SÆcikā und Vi«Æcikā wanderte die
Dämonin nun in der Welt umher und suchte die Menschen heim. Durch ihren
eigenen Wunsch wurde sie winzig – denn die Menschen werden das, was sie
sich intensiv wünschen. Menschen mit niedriger Gesinnung beten sogar um
Bagatellen, so wie die Dämonin darum gebetet hatte, in eine mörderische
Nadel verwandelt zu werden. Die eigene Natur kann nur sehr schwer durch
Bußübungen überwunden werden.
  SÆcikā betrat die physischen Körper von Menschen, die aufgrund von frü-
heren Krankheiten schon hinfällig geworden waren, oder die Fettleibigkeit
entwickelt hatten, und verwandelte sich dann selbst in Vi«Æcikā (Cholera).
SÆcikā betrat sogar das Herz einer gesunden und intelligenten Person und
verdarb deren Intellekt. In manchen Fällen jedoch verließ sie diese Person
wieder, sobald diese sich mit der Hilfe eines Mantras oder mit Medizin einer
Heilbehandlung unterzog.


                                    111
So durchstreifte die Dämonin viele Jahre lang die Erde (diese Dämonin
stellt vielleicht den Cholera-Virus dar. Der aufgezeigte Zusammenhang von
falscher Ernährung und falschen Lebensgewohnheiten ist interessant).
  VASIåèHA fuhr fort:
  SÆcikā verfügte über zahllose Verstecke. Unter diesen waren: Staub und
Schmutz der Erde, schmutzige Finger, Fäden im Stoff, in den Muskeln inner-
halb des Körpers eines Menschen, schmutzige, mit Staub bedeckte Haut,
unsaubere Furchen in den Handflächen und anderen Teilen des Körpers
(aufgrund von Altersschwäche), von Fliegen bedeckte Orte, in glanzlosen
Körpern, an Stellen voll von verrottenden Blättern, an Orten ohne gesund-
heitsfördernde Bäume, in Leuten mit schmieriger Kleidung und mit ungesun-
den Gewohnheiten, in von Waldrodungen zurückgebliebenen Baumstümpfen,
die eine Brutstätte von Fliegen sind, in Lachen von brackigem Wasser, in
verseuchtem Wasser, in offenen Abwasserabläufen, in von Durchreisenden
benutzten Herbergen und in denjenigen Städten, in denen es viele Tiere wie
Elefanten, Pferde usw. gibt.
  Wenn sie SÆcikā (eine Nähnadel) war, trug sie schmutzige Kleidungsstücke,
die sie auf der Straße aufgelesen und zusammengenäht hatte. Sie wanderte
frei in den Körpern kranker Menschen umher. So wie eine während langer
Zeit vom Schneider benutzte Nähnadel ermüdet und auf den Boden fällt, um
ein Schläfchen zu machen, so wurde auch SÆcikā müde von ihrer zerstöreri-
schen Tätigkeit. So wie das Nähen die natürliche Funktion einer Nadel ist, so
war Grausamkeit die Natur von SÆcikā. So wie die Nadel fortwährend den
Faden verschlingt, der durch sie hindurch wandert, so fuhr SÆcikā damit fort,
ihre Opfer zu verschlingen.
  In dieser Welt kann man beobachten, dass sogar gemeine und schlechte
Menschen manchmal Mitleid mit anderen empfinden, die lange Zeit in Armut
und Elend leben müssen. Auch SÆcikā sah den endlosen Faden, der durch sie
in die Kleidung (ihr eigenes karma) gewandert war. Das beunruhigte sie.
Siefühlte, dass diese düster anmutende Kleidung, die von ihr gewebt worden
war (als SÆcikā oder die Nähnadel), ihr Gesicht bedeckte und sie blind mach-
te. Sie fragte sich: „Wie kann ich diesen düsteren Schleier zerreißen? “ Sie (die
Nadel) wanderte durch weiche (die guten Menschen) ebenso hindurch wie
durch harte Kleidung (die schlechten Menschen), denn welche verrückte oder
böse Person unterscheidet schon zwischen dem, was gut oder schlecht ist?
  Unbedroht und unbelästigt von anderen arbeitete SÆcikā weiter an Tod und
Verderben für andere. Gebunden durch ihren karma-Faden baumelt sie auf
gefährliche Weise hin und her. Als Jīva-sÆcikā bewegt sie sich in allen Wesen
als die Lebenskraft, unterstützt von prana und apana. Sie unterzieht den jīva
dem Leiden, indem sie ihm schreckliche Schmerzen bereitet (durch Gicht,
Rheumatismus), die ihn den Verstand verlieren lassen. Sie betritt den Körper
durch die Füße (wie eine Nadel) und saugt am Blut. Wie alle bösen Menschen
erfreut sie sich am Leiden anderer.



                                      112
(Als Vāsi«Âha so gesprochen hatte, ging die Sonne unter – ein weiterer Tag
             war zu Ende. Die Versammlung schloss für die Abendgebete.)
              VASIåèHA fuhr fort:
III:71, 72
               Nachdem sie auf diese Weise lange, lange Zeit gelebt hatte, war die
             Dämonin KarkaÂī schließlich gänzlich desillusioniert. Sie bereute ihren törich-
             ten Wunsch danach, die Menschen zu verschlingen, der ihr nichts als tausend
             Jahre schmerzhafter Bußübung und die niedrige Existenzform einer Nadel
             (und eines Cholera-Virus) eingebracht hatte. Nun begann sie ihr selbst her-
             beigeführtes Missgeschick zu beklagen:
               „Oh weh – wo ist mein Körper, riesig wie ein Berg, und was taugt diese
             Form einer Nadel hier? Manchmal falle ich in den Schlamm und versinke im
             Schmutz; die Leute trampeln mich nieder. Oh weh – ich bin verloren! Ich habe
             keine Freunde, niemand bedauert mich. Weder habe ich eine feste Unterkunft
             noch einen Körper, der dieses Namens wert ist. Ganz gewiss habe ich meinen
             Verstand und meine Sinne verloren! Das Gemüt, das auf Schwierigkeiten
             zusteuert, erzeugt zuerst Täuschung und Schlechtigkeit, und diese verwan-
             deln sich dann später in Missgeschick und Kummer. Nie bin ich frei, ich lebe
             immer nur durch die Gnade anderer. Ich bin in der Hand der anderen und
             muss tun, was diese mich zu tun machen. Ich suchte dem Kobold eines Wun-
             sches zu gefallen, um alle zu verschlingen, aber dies hat mir nur ein „Heilmit-
             tel“ in die Hand gegeben, das noch schlimmer als die eigentliche Krankheit
             ist. Und so ist ein noch größerer Kobold entstanden. Ganz sicher bin ich eine
             gehirnlose Närrin. Denn ich warf diesen großartigen und gigantischen Körper
             fort, um freiwillig den verabscheuungswürdigen Körper eines Virus (oder
             einer Nadel) zu erlangen. Wer wird mich nun aus der elenden Existenz eines
             Wesens, das sogar geringer ist als ein Wurm, befreien? Nicht einmal im Her-
             zen eines Weisen wird das kleinste Mitgefühl für ein derart lasterhaftes We-
             sen wie mich entstehen. Oh, wann werde ich wieder groß wie ein Berg sein
             und das Blut großer Wesen trinken?... Ich werde wieder eine Asketin werden
             und wie schon früher Bußübungen unternehmen.“
               Und sofort gab KarkaÂī alle Wünsche nach dem Verschlingen lebender We-
             sen auf und ging in die Himālayas, um ihre strengen Bußübungen erneut
             aufzunehmen. Sie begann ihre Übungen, indem sie sich auf ein Bein stellte.
             Das Feuer ihrer Buße ließ die Krone ihres Hauptes rauchen, und daraus ent-
             stand eine andere Súcika – ein wohltuender Helfer. Ihr Schatten wurde zu
             einer weiteren Súcika – einem weiteren Helfer.
               Sogar die Bäume und Kletterpflanzen des Waldes bewunderten Súcika's
             Buße und verstreuten ihre Pollen für sie als Nahrung. Sie jedoch nahm nichts
             davon an. Sie blieb fest in ihrem Entschluss. Der Gott des Himmels sandte
             dort, wo sie stand, kleine Fleischstückchen herab, aber sie berührte sie nicht
             einmal. So stand sie siebentausend Jahre lang, gänzlich bewegungslos, unbe-
             rührt von Wind, Regen oder Waldbränden.




                                                  113
KarkaÂī's gesamtes Wesen wurde durch diese Bußübung vollständig gerei-
             nigt. Alle ihre sündhaften Neigungen wurden weggewaschen und sie erlangte
             die höchste Weisheit. Die Kraft ihrer Buße setzte sozusagen die Himālayas in
             Brand. Indra, der König des Himmels, erfuhr vom Weisen Nārada von
             KarkaÂī's noch nie dagewesenem Unternehmen.
               Als Antwort auf Indra’s Anfrage erzählte der WEISE NùRADA die Geschich-
                                                                                              III:73
             te von KarkaÂī:
               Dieser abscheuliche Kobold KarkaÂī wurde zu einer lebendigen Nadel, ein-
             geschlossen in einer metallenen Nadel. Als diese drang sie in die Körper sün-
             diger Menschen ein und befiel deren Muskeln, Gelenke und Blut. Sie trat in
             diese Körper wie der Wind ein und verursachte stechende und prickelnde
             Schmerzen. In diesen Körpern, die durch unreine Nahrung wie Fleisch usw.
             ernährt worden waren, rief sie die Schmerzen hervor.
               Sie fuhr auch in die Körper anderer Wesen wie Aasgeier und verschlang
             durch diese andere Köper. Durch die Macht ihrer Bußübungen erwarb sie die
             Fähigkeit, die Herzen und Gemüter aller Wesen zu betreten und an allem
             teilzuhaben, was ihr „Wirt“ tat. Was ist denn unmöglich für den, der unsicht-
             bar und subtil wie der Wind ist?
               Da sie jedoch manchmal einige Wesen mehr als andere und manche Ver-
             gnügen mehr als andere mochte (aufgrund ihrer unreinen Neigungen), band
             sie sich an diese und wurde von ihnen überwältigt. So wanderte sie frei um-
             her, zog sich jedoch bei Schwierigkeiten in den Nadelkörper zurück, so wie es
             unwissende Menschen in schwierigen Zeiten tun.
               Und doch war sie physisch nicht zufriedengestellt. Nur ein existenzielle Ge-
             gebenheit kann die entsprechenden existenziellen Erfahrungen machen – wie
             kann ein nicht-existenter Körper Zufriedenheit erfahren? Und so, gänzlich
             unzufrieden, fühlte Súcika sich elend. Um ihren früheren Körper eines gigan-
             tischen Kobolds wiederzuerlangen, begann sie aufs neue Bußübungen auszu-
             führen. Sie betrat den Körper eines Geiers, der auf die Gipfel des Himālayas
             flog. Dort warf der Geier die Nadel ab und flog davon.
               Mit der soliden Nadel als Unterstützung begann Súcika mit ihren Bußübun-
             gen, die bis heute andauern. Oh Indra – wenn du ihre Buße nicht unter-
             brichst, wird sie die Welt allein durch die Macht dieser Übungen zerstören.
               VASIåèHA fuhr fort:
              Als er dies vernahm, beauftragte Indra den Wind-Gott Vāyu, den genauen
             Aufenthaltsort von Súcika herauszufinden. Vāyu wehte durch sämtliche Pla-
             netensysteme des Universums, kam schließlich in die Regionen der Erde und
             des Himālayas, wo es wegen der Nähe zur Sonne keine Vegetation gab und
             das gesamte Gebiet wie eine öde Wüste war.
              VASIåèHA fuhr fort:
III:74, 75
              In den Himālayas sah Vāyu dann die Asketin Súcika stehen wie ein weiterer
             Berggipel. Da sie überhaupt nichts mehr gegessen hatte, war sie inzwischen


                                                 114
fast völlig ausgetrocknet. Als Vāyu (der Wind) in ihren Mund eindrang, spuck-
te sie ihn wieder und wieder aus. Sie hatte ihre gesamte Lebensenergie in der
Krone ihres Hauptes zusammengezogen und stand fest wie eine vollkomme-
ne Yogini. Als er sie betrachtete, stand Vāyu staunend und vor Bewunderung
still. Er konnte nicht einmal mit ihr sprechen. Überzeugt davon, dass sie sich
den höchsten Bußübungen unterzogen hatte, kehrte Vāyu unverzüglich zu-
rück in den Himmel und berichtete Indra:
  „Höchster Herr, im JambÆdvīpa-Kontinent vollführt SÆcikā beispiellose
Bußübungen. Nicht einmal den Wind lässt sie in ihren Mund eintreten! Um
den Hunger zu überwinden, hat sie ihren Magen in solides Metall verwandelt.
Bitte gehe sofort zu Brahmā, dem Schöpfer, um sie durch die Gewährung der
gewünschten Gunst zufriedenzustellen. Andernfalls wird die Macht ihrer
Bußübung uns alle verbrennen.“
  Daraufhin wandte Indra sich an Brahmā, der als Antwort auf sein Gebet sich
dorthin begab, wo SÆcikā mit ihrer Buße beschäftigt war.
  SÆcikā war in der Zwischenzeit aufgrund ihrer Buße vollkommen rein ge-
worden. Nur ihre beiden anderen Gestalten, nämlich ihr Schatten und das
Feuer ihrer Askese, waren die Zeugen ihrer Buße. Sogar die Luft um sie her-
um und die Staubpartikel, die mit ihr in Berührung kamen, erlangten nur
durch den Kontakt mit ihr die letztliche Befreiung! Nun hatte sie tatsächlich
die direkte Erkenntnis der höchsten, unverursachten Ursache von Allem
erreicht – durch bloße Erforschung ihres eigenen Geistes. Ganz gewiss ist die
direkte Erforschung der Gedankenbewegungen im eigenen Bewusstsein der
höchste Guru oder Lehrer, oh Rāma, und niemand sonst.
  Brahmā sprach zu ihr: „Frage nach einer Gunst“ (sie hörte dies nicht mit
ihren Sinnesorganen, die sie nicht mehr besaß, sondern sie nahm diese Frage
in sich selbst wahr). Als Antwort darauf begann sie, sich selbst zu erforschen:
„Ich habe die Verwirklichung des Absoluten erlangt – in mir gibt es keine
Zweifel oder Wünsche mehr. Was für einen Nutzen kann eine Gunst jetzt noch
für mich haben? Als ich ein unwissendes Mädchen war, wurde ich vom Ko-
bold meiner Wünsche verfolgt. Jetzt, durch Selbsterkenntnis, ist dieser Geist
von mir gegangen.“
  Brahmā sagte: „Die ewige Weltordnung kann nicht ignoriert werden, oh As-
ketin. Und es ist diese, die bestimmt hat, dass du deinen früheren Körper
wiedererlangen, eine lange Zeit glücklich leben und dann die Befreiung erhal-
ten sollst. Du sollst daher ein erleuchtetes Leben führen, nur die Schlechten
und Sündigen heimsuchen und nur wenig Schaden verursachen, und dies
auch nur, um deinen natürlichen Hunger zu stillen.“ SÆcikā akzeptierte, was
Brahmā gesagt hatte, und schon bald wuchs ihr Nadelkörper wieder zu dem
alten, bergähnlichen Körper heran.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  III:76, 77
 Obgleich sie ihre alte, dämonische Gestalt wiedererlangt hatte, verharrte
KarkaÂī für eine beträchtliche Zeit im überbewussten Zustand, frei von allen


                                     115
dämonischen Neigungen. Sie verblieb am selben Ort – in der Lotoshaltung der
Meditation sitzend. Nach einem Zeitraum von sechs Monaten wurde sie der
äußeren Welt und ihres Körpers wieder voll bewusst. Unverzüglich begann
sie Hunger zu spüren, denn solange der Körper existiert, ist er auch seinen
eigenen physischen Gesetzen wie Hunger und Durst unterworfen.
  KarkaÂī überlegte: „Was soll ich nun essen? Wen soll ich verschlingen? Die
Vernichtung anderer Lebewesen zum Zweck der Verlängerung des eigenen
Lebens wird von den Weisen verurteilt. Da ich nun meinen Körper
aufgebenmuss, wenn ich nicht diese verbotene Nahrung zu mir nehme, dann
soll es so geschehen – ich vermag keinen Schaden darin zu erkennen. Unge-
sunde Nahrung ist wie Gift. Außerdem gibt es für eine erleuchtete Person wie
mich keinen Unterschied zwischen dem physischen Leben und dem Tod.“
  Als sie so überlegte, hörte sie eine Stimme aus der Luft sagen: „Oh KarkaÂī,
gehe zu den unwissenden und irregeführten Menschen und erwecke die
Weisheit in ihnen.
  Für erleuchtete Wesen ist dies die einzig sinnvolle Aufgabe.
  Wer deinen Bemühungen, ihn zur Wahrheit zu erwecken, nicht folgt, den
darfst du verzehren. Wenn du eine solche Person verschlingst, wirst du keine
Sünde begehen.“
  Als sie dies vernahm, stand KarkaÂī auf und stieg von den Bergen herab. Sie
betrat einen dichten Wald, der von Bergstämmen und Jägern bewohnt war.
Die Nacht brach herein.
  Es gab in diesem Gebiet einen König der Jäger namens Vikram. Wie es seine
Gewohnheit war, ging dieser König zusammen mit seinem Minister in die
finstere Nacht hinaus, um seine Untertanen durch die Unterwerfung von
Räubern und Dieben zu beschützen. KarkaÂī erblickte diese beiden kühnen
Männer, als sie ihre Gebete zu den Stammes-Halbgöttern des Waldes spra-
chen.
  Als sie sie sah, überlegte KarkaÂī: „Gewiss sind diese beiden Männer hier-
hergekommen, um meinen Hunger zu stillen. Sie sind unwissend und daher
eine Last für diese Erde. Unwissende Leute wie diese leiden hier und hernach
– Leiden ist die einzige Bestimmung in ihrem Leben! Der Tod ist eine will-
kommene Befreiung von solchem Leiden. Vielleicht erwachen sie sogar nach
ihrem Tode und suchen die Erlösung. Aber vielleicht sind sie ja weise Männer
– und ich will keine weisen Leute töten. Denn wer sich ungetrübten Glücks,
Ruhmes und eines langen Lebens zu erfreuen wünscht, der sollte unter allen
Umständen gute Menschen würdigen und ehren, indem er ihnen all das gibt,
was sie sich wünschen. Ich werde daher die Festigkeit ihrer Weisheit über-
prüfen. Sollten sie tatsächlich weise sein, dann werde ich ihnen nichts tun.
Weise und gute Menschen sind in der Tat große Wohltäter der Menschheit.“
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 III:78




                                    116
Nachdem sie sich so zu einer Überprüfung des Königs und seines Ministers
entschlossen hatte, stieß die Dämonin KarkaÂī einen schrillen Schrei aus und
begann zu brüllen. Dann rief sie: „He, ihr beiden kleinen Würmer, die diesen
finsteren Wald durchwandern! Wer seid ihr? Sagt es schnell, oder ich werde
euch verschlingen.“
  Der König erwiderte: „Oh du Geist, wer bist du, und wo bist du? Ich höre
dich nur; lass dich doch auch sehen.“
  Als die Dämonin diese kaltblütige und ruhige Frage des Königs vernommen
hatte, erkannte sie sogleich, dass diese Frage berechtigt war und machte sich
sichtbar. Der König und der Minister bekamen nun ihre schreckliche Gestalt
zu sehen. Ohne aber im Geringsten beunruhigt zu sein, sprach der Minister zu
ihr: „Oh Dämonin, weshalb bist du denn so böse? Es ist natürlich für alle
Lebewesen, nach Nahrung zu verlangen. In der Ausübung und Verfolgung der
natürlichen Lebensfunktionen muss niemand übel gesinnt sein. Sogar selbst-
süchtige Ziele werden von den Weisen durch angemessene Mittel und sinn-
volles Verhalten oder Tätigkeit erreicht, wenn sie ihren Ärger und ihre menta-
le Erregung aufgegeben und Gleichmut und einen klaren Verstand gewonnen
haben. Wir haben schon Tausende solcher Insekten wie dich kennen gelernt
und sind stets auf gerechte Weise mit ihnen verfahren, denn es ist die Pflicht
eines Königs, die Schlechten zu bestrafen und die Guten zu schützen. Gib
deinen Ärger auf und erreiche dein Ziel, indem du dich der Besonnenheit
zuwendest. Darin besteht das rechte Betragen; unabhängig davon, ob man
nun seine Ziele verwirklichen kann oder nicht, sollte man stets friedfertig
bleiben. Wende dich vertrauensvoll an uns mit deinen Bedürfnissen, denn wir
haben noch niemals einen Bettler mit leeren Händen gehen lassen.“
  KarkaÂī bewunderte aufs Äußerste den Mut und die Weisheit der beiden
Männer. Siesah, dass es sich bei den beiden nicht um gewöhnliche menschli-
che Wesen, sondern um erleuchtete Männer handelte, da schon der Anblick
ihrer Antlitze ihr Herz mit Frieden erfüllte. Sobald zwei erleuchtete Wesen
einander treffen, verschmelzen ihre Herzen in Frieden und Seligkeit, wie sich
die Wasser zweier Bergflüsse im Zusammenfluss vermischen. Außerdem –
wer sonst als ein weiser Mann könnte angesichts des fast sicheren Todes den
Gleichmut bewahren? KarkaÂī dachte daher: „Ich will diese Gelegenheit nut-
zen, um die Zweifel zu beseitigen, die sich noch in meinem Geist befinden.
Wer die Gelegenheit des Zusammenseins mit weisen Männern nicht dazu
nutzt, seine Zweifel zu klären, ist wahrhaftig ein Dummkopf. “
  Auf ihre Bitte informierte der Minister sie über die Person des Königs.
KarkaÂī gab daraufhin die folgende scharfe Erwiderung: „Oh König, du
scheinst keinen sehr weisen Minister zu haben! Ein guter Minister macht den
König weise, und so wie der König ist, so werden auch seine Untertanen sein.
Die Herrschaft über das Reich und die gerechte Sichtweise entstehen aus der
königlichen Wissenschaft (der Selbsterkenntnis). Wer diese nicht beherrscht,
ist weder ein guter Minister noch ein weiser König. Wenn ihr beide keinerlei
Selbsterkenntnis besitzt, dann werde ich euch entsprechend meiner eigenen


                                    117
Natur verschlingen müssen. Um diese Frage zuvor zu klären, werde ich euch
         nun einige Fragen stellen. Ihr habt nichts anderes zu tun, als mir auf meine
         Fragen die richtigen Antworten geben.
           DIE DÄMONIN fragte:
III:79
           Oh König, was ist dies, was eins und doch viele ist, und in dem Millionen
         von Universen schwimmen wie Wellen im Ozean? Was ist reiner Raum, ob-
         gleich es nicht als solcher erscheint? Was ist es, das ich in dir und du in mir
         bist; was ist es, was sich bewegt und doch nicht bewegt, was feststeht, obwohl
         es nicht feststeht; was ist es, das wie ein Felsen ist, aber bewusst ist und
         wunderbare Spiele im leeren Raum spielt; was ist dies, das weder die Sonne,
         noch der Mond, noch das Feuer ist und doch auf ewig scheint; was ist dieses
         Atom, das so fern und doch so nah zu sein scheint; was ist dies, dass von der
         Natur des Bewusstseins ist und doch nicht gekannt werden kann; was ist
         dies, das alles und doch keines davon ist; was ist dies, das das Selbst von allen
         ist, und doch von Unwissenheit verhüllt und erst nach vielen Leben großer
         und hartnäckiger Bemühung wiedererlangt wird; was ist dies, das winzig wie
         ein Atom ist und doch einen Berg in sich trägt und die drei Welten in einen
         Grashalm verwandelt; was ist so klein wie ein Atom und doch unermesslich
         groß; was ist dies, das ohne seine winzige Natur aufzugeben, größer als der
         größte Berg ist; was ist dieses Atom, in dem das gesamte Universum wie der
         Same während der kosmischen Auflösung ruht?
           Was ist dies, das verantwortlich für die Funktion aller Elemente des Univer-
         sums ist, obwohl es selbst nicht im Geringsten tätig ist; wie Schmuckstücke
         aus Gold gemacht sind, aus was sind Seher, Sicht und Gesehenes gemacht;
         was ist es, das die dreifache Manifestation (d. h., der Seher, die Sicht und das
         Gesehene) verhüllt und enthüllt und in dem die scheinbar dreifache Untertei-
         lung der Zeit (in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) enthalten ist, wie
         der Baum im Samen; was ist dies, das abwechselnd sich manifestiert und
         wieder verschwindet, wie der Baum aus dem Samen kommt und der Samen
         wiederum aus dem Baume?
           Oh König, wer ist der Schöpfer dieses Universums, und durch welche Macht
         existierst du und bist tätig als ein König, der seine Untertanen schützt und die
         Schlechten bestraft; was ist dies, das du mit deiner eigenen gereinigten
         Sichtweise erkennst, und in dem du als dieses allein ohne eine Trennung
         existierst?
           Oh König, beantworte mir diese Fragen, um dich selbst vom sicheren Tod zu
         erretten. Vertreibe mit dem Licht deiner Weisheit diese Finsternis des Zwei-
         fels in mir. Der ist kein weiser Mann, der nicht in der Lage ist, auf Fragen die
         Wurzel der Unwissenheit und der Zweifel zu durchschneiden.
           Wenn du jedoch nicht in der Lage sein solltest, diese Unwissenheit in mir zu
         vertreiben und diese Fragen zu beantworten, dann wirst du heute meinen
         Hunger stillen.
           DER MINISTER erwiderte:
                                                                                             III:80



                                               118
Gewiss werde ich deine Fragen beantworten, oh ehrenwerte Dame! Denn
alle deine Fragen beziehen sich auf das Höchste Selbst.
  Das Selbst ist subtiler als der Raum, denn es hat keinen Namen und kann
nicht beschrieben werden. Weder der Verstand noch die Sinne können es
erreichen oder verstehen. Es ist reines Bewusstsein. Das gesamte Universum
existiert im Bewusstsein, welches wie ein Atom ist, so wie der Baum im Sa-
men existiert. Jedoch existiert das Universum als Bewusstsein und nicht als
das Universum. Dieses Bewusstsein ist, was die Erfahrung aller ist, und es ist
daher allein das Selbst von allen. Da es selbst ist, ist auch alles andere.
  Das Selbst ist wie leerer Raum, aber kein Nichts, denn es ist Bewusstsein. Es
ist – jedoch kann es vom Gemüt und den Sinnen nicht erfahren werden, und
deshalb ist es gleichzeitig nicht. Obwohl das Selbst von allem, kann es selbst
von niemandem erfahren werden (wie ein Objekt der Erfahrung). Obgleich
Eines, wird es in den unendlichen Atomen des Seins reflektiert und erscheint
daher als viele. Jedoch ist diese Erscheinungsweise ebenso unwirklich, wie
das „Schmuckstück“ eine illusionäre Erscheinung des Goldes ist, welches als
einziges wirklich ist. Und doch ist das Selbst nicht unwirklich. Weder ist es
ein Nichts noch eine Leere – denn es ist das Selbst von allen; es ist sowohl das
Selbst von dem, der sagt, dass es nicht sei, und es ist das Selbst von dem, der
sagt, dass es sei! Mehr als das – seine Existenz kann indirekt erfahren werden,
wie man die Existenz von Kampfer anhand seiner Geruchs erfahren kann. Es
allein ist das Selbst von allen als Bewusstsein, und es allein ist die Substanz,
die die Welterscheinung möglich macht.
  In diesem unendlichen Ozean des Bewusstseins tauchen spontan und auf
natürliche Weise die als die drei Welten bekannten Wirbel auf; so wie auf
ganz natürliche Weise Wirbel im fließenden Wasser entstehen. Weil dieses
Bewusstsein jenseits der Reichweite von Gemüt und Sinnen ist, scheint es
leer zu sein – da es jedoch durch Selbsterkenntnis erkannt werden kann, ist
es kein Nichts. Aufgrund der Unteilbarkeit von Bewusstsein bin ich du und du
bist ich – das unteilbare Bewusstsein jedoch wird niemals zu ich oder du!
Sobald die falsche Vorstellung von „du“ und „ich“ aufgegeben wird, entsteht
das Gewahrsein, dass es dich, mich und alles andere nicht gibt– vielleicht ist
Es allein alles.
  Das Selbst, das Unendliche, bewegt sich nicht, obwohl es sich bewegt, und
ist für immer in jedem Atom des Seins enthalten. Weder geht das Selbst ir-
gendwo hin noch kommt es von irgendwo her, denn Raum und Zeit leiten ihre
Bedeutung allein vom Bewusstsein selbst ab. Wohin könnte das Selbst gehen,
wenn alles, was ist, in ihm ist? Wenn ein Krug von einer Stelle zu anderen
getragen wird, so bewegt sich der darin enthaltene Raum nicht von einer
Stelle zur anderen, denn alles ist stets nur im Raum enthalten.
  DER MINISTER fuhr fort:
  Das Selbst, welches reines Bewusstseins ist, scheint leblos und träge zu
sein, wenn es scheinbar mit Leblosem und Trägem in Verbindung gebracht
wird. Im unendlichen Raum lässt dieses unendliche Bewusstsein unendliche


                                     119
Objekte erscheinen. Obgleich es so aussieht, als ob all dies geschah, ist die
         durch sie hervorgerufene Wirkung doch nichts als reine Phantasie, denn
         nichts ist geschehen. Folglich ist es sowohl Bewusstsein als auch Trägheit –
         der Täter und der Nicht-Täter.
            Die Wirklichkeit des Feuers ist dieses Selbst oder Bewusstsein, obwohl das
         Selbst weder brennt noch verbrannt wird, da es die Wirklichkeit in allem ist
         und unendlich. Es ist das ewige Licht, welches in der Sonne, dem Mond und
         dem Feuer scheint, aber unabhängig ist. Es leuchtet sogar dann noch, wenn
         jene untergegangen sind – es erleuchtet alles aus allem heraus. Es allein ist
         die Intelligenz, die Bäumen, Pflanzen und Kletterpflanzen innewohnt und sie
         erhält. Dieses Selbst oder unendliche Bewusstsein ist, vom gewöhnlichen
         Standpunkt her gesehen, der Schöpfer, der Erhalter und der Gebieter von
         allem. Und doch – von einem absoluten Standpunkt her betrachtet – hat es in
         Wirklichkeit als das Selbst von allem keine dieser begrenzten Rollen.
            Unabhängig von diesem Bewusstsein gibt es keine Welt – auch die Berge
         sind im atomischen Selbst. In ihm entstehen Bilder eines Momentes und einer
         Epoche, die wie reale Zeitabläufe erscheinen, so wie Dinge im Traum wirklich
         erscheinen. Im Zeitraum eines Augenblinzelns existiert eine ganze Epoche, so
         wie eine riesige Stadt in einem Spiegel erscheint. Wenn dies so ist – wie kann
         man dann noch die Realität von Dualität oder Non-Dualität geltend machen?
         Dieses atomische Selbst oder unendliche Bewusstsein allein ist es, welches
         als ein Moment oder eine Epoche, als nah oder fern erscheint, und es gibt
         nichts, was getrennt von ihm ist. Diese Aussage ist in keiner Weise wider-
         sprüchlich in sich selbst.
            Solange man das Schmuckstück als Schmuckstück sieht, wird es nicht als
         Gold gesehen, aber wenn klar ist, dass „Schmuckstück“ nur ein Wort und
         nicht die Wirklichkeit ist, dann wird das Gold gesehen. Auf dieselbe Weise
         geschieht es, dass das Selbst nicht gesehen wird, wenn man die Welt für wirk-
         lich hält. Wird diese Annahme jedoch aufgegeben, dann wird Bewusstsein
         realisiert. Es ist das alles – folglich ist es wirklich. Es wird nicht erfahren –
         daher ist es unwirklich. Was erscheint, ist nichts als die Zauberei von Māyā,
         die eine Trennung im Bewusstsein erschafft – in Subjekt und Objekt. Sie ist so
         wirklich wie eine geträumte Stadt. Weder wirklich noch unwirklich, ist sie
         nichts als eine andauernde Täuschung. Es ist die Annahme der Getrenntheit,
         die die Vielfalt erschafft, vom Schöpfer Brahmā bis hin zum winzigen Insekt.
         So wie ein einziger Same alle die vielfältigen Eigenschaften des Baumes alle
         Zeit in sich bewahrt, so existiert diese Vielfalt alle Zeit im Selbst, aber als
         Bewusstsein.
            KARKAèĪ sprach:
III:81
          Ich bin hoch erfreut über die Antworten deines Ministers, oh König. Nun
         würde ich gern deine Antworten vernehmen.
          DER KÖNIG sprach:




                                               120
Deine Fragen, oh edle Dame, beziehen sich auf das ewige Brahman, welches
reines Sein ist. Es wird gekannt, sobald die dreifache Modifikation von Wa-
chen, Träumen und Tiefschlaf aufhört und das Gemüt von allen Gedankenwel-
len befreit ist. Die Ausbreitung und der Rückzug seiner Manifestation werden
allgemein als die Schöpfung und die Auflösung des Universums bezeichnet.
Dies kommt als Stille zum Ausdruck, wenn das Bekannte an sein Ende ge-
langt, denn jenes ist jenseits von jedem Ausdrucks. Es ist die extrem subtile
Mitte zwischen den beiden Extremen, und diese Mitte selbst verfügt über
zwei Seiten. Alle diese Universen sind nichts als seine spielerische, aber be-
wusste Projektion. Als die Vielfalt des Universums scheint es in sich selbst
geteilt zu sein, obwohl es in Wahrheit ungeteilt ist.
  Wenn dieses Brahman es wünscht, entsteht der Wind, obwohl dieser Wind
selbst nichts anderes als reines Bewusstsein ist. Ähnlich dazu gibt es die
unwirkliche Projektion von etwas, das wie Klang ist, sobald es den Gedanken
an den Klang gibt. Die Wirklichkeit jedoch, die nichts als reines Bewusstsein
ist, ist weit von dem entfernt, was als Klang und als dessen Bedeutung oder
Substanz gedacht wird. Dieses höchste, subtile atomische Sein ist alles und
nichts – ich bin es, und bin es doch wiederum nicht. Es allein ist. Durch seine
Allmacht scheint all dieses zu sein.
  Dieses Selbst kann auf hunderterlei Art und Weise erlangt werden. Doch
wenn es erlangt ist, dann wird in Wahrheit gar nichts erlangt! Es ist das
Höchste Selbst, doch es ist nichts. So wandert man in diesem Urwald des
saæsāra bzw. des Lebenszyklus umher, bis die Weisheit dämmert und die
Wurzel der Unwissenheit durchschneidet, welche diese Welt als real erschei-
nen lässt. So wie der unwissende Mensch vom Wasser in der Fata Morgana
angezogen wird, so zieht diese Welterscheinung den unwissenden Menschen
an. Die Wahrheit aber lautet, dass es das unendliche Bewusstsein ist, welches
das Universum innerhalb von sich selbst wahrnimmt, durch die ihm eigene,
als Māyā bekannte Macht. Was innerhalb gesehen wird, erscheint auch au-
ßerhalb – wie die Halluzinationen eines Menschen, den die Leidenschaft
rasend macht.
  Obwohl das Selbst extrem subtil, atomisch und reines Bewusstsein ist, wird
das gesamte Universum gänzlich von ihm durchdrungen. Es ist dieses allge-
genwärtige Wesen, welches durch seine Gegenwart diese Welterscheinung
nach seiner Pfeife tanzen lässt. Es ist aufgrund seiner Allgegenwart, dass
dieses feiner als der hundertste Teil einer Haarspitzeist und doch zugleich
größer als das Größte.
  DER KÖNIG fuhr fort:
  Das Licht der Selbsterkenntnis allein erleuchtet alle Erfahrungen. Es leuch-
tet durch sich selbst. Was ist das Licht, durch welches man „sieht“, wenn alle
Lichter der Welt von der Sonne abwärts verlöscht sind? Es ist stets nur dieses
innere Licht. Dieses innere Licht scheint außerhalb zu sein und die externen
Objekte zu beleuchten. Die anderen Lichtquellen sind in der Tat nicht ver-
schieden von der Dunkelheit der Unwissenheit und scheinen nur zu leuchten.


                                     121
Denn obgleich es zwischen Nebel und Wolken keinen essenziellen Unter-
schied gibt, beobachtet man oft, wie der Nebel Licht auszusenden scheint,
während die Wolken es dagegen zu verdunkeln scheinen. Das innere Licht des
Bewusstseins scheint auf immer innerhalb und außerhalb, Tag und Nacht.
Rätselhafterweise erleuchtet es die Wirkungen der Unwissenheit, ohne je-
doch die Finsternis der Unwissenheit zu entfernen. So wie die immer leuch-
tende Sonne ihre wahre Natur mit Hilfe von Tag und Nacht enthüllt, so ent-
hüllt das Licht des Selbst seine wahre Natur, indem es Bewusstsein und Un-
wissenheit enthüllt.
   Innerhalb des atomischen Raumes des Bewusstseins existieren sämtliche
Erfahrungen, so wie in einem Tropfen Honig die subtilen Essenzen von Blu-
men, Blättern und Früchten existieren. Von diesem Bewusstsein gehen sämt-
liche Erfahrungen aus, denn das Erfahren ist der alleinige Erfahrende. Was
auch immer die besondere Beschreibung von Erfahrungen ist – sie sind alle
enthalten im Errahren des Bewusstseins. Tatsächlich ist dieses unendliche
Bewusstsein all dies. Alle Hände und Augen sind die seinen; obwohl es, weil
es so extrem subtil ist, keine Glieder hat. Während eines Augenblinzelns
erfährt dieses unendliche Bewusstsein innerhalb von sich selbst eine Epoche,
so wie man in einem kurzen Traum Jugend, Alter und sogar Tod erfährt. Alle
diese Objekte, die im Bewusstsein auftauchen, sind in der Tat nicht verschie-
den vom Bewusstsein, so wie eine aus einem Stein herausgehauene Skulptur
nichts als Stein ist. So wie der ganze Baum mit all seinen Verzweigungen
schon im Samen enthalten ist, so ist das gesamte Universum der Vergangen-
heit, Gegenwart und Zukunft im Atom des unendlichen Bewusstseins enthal-
ten. Obwohl das Selbst weder der Täter von Handlungen noch der Erfahrende
von Erfahrungen ist, ist es doch gleichwohl der Täter aller Handlungen und
der Erfahrende aller Erfahrungen, denn es gibt nichts von ihm getrenntes.
Innerhalb des Atoms des unendlichen Bewusstseins sind die Täterschaft und
der Erfahrende enthalten.
   Die Welt jedoch wurde weder jemals wirklich erschaffen noch wird sie ver-
schwinden. Als unwirklich wird sie nur von einem relativen Standpunkt her
angesehen, während sie vom absoluten Standpunkt aus nicht verschieden
vom unendlichen Bewusstsein ist.
   DER KÖNIG fuhr fort:
   Die Weisen benützen die Begriffe „Innen“ und „Außen“ – für sie sind es nur
Worte ohne eine dazugehörige Substanz; sie dienen nur zur Belehrung der
Unwissenden. Der Seher, der selbst ungesehen bleibt, sieht sich selbst, und
der Seher wird niemals zu einem Objekt des Bewusstseins. Der Seher besteht
nur in der Sicht. Sobald die latenten psychischen Eindrücke aufgehört haben,
erlangt der Seher sein reines Wesen zurück. Sobald das externe Objekt imagi-
niert wird, wird auch ein Seher erzeugt. Wenn es kein Subjekt gibt, gibt es
auch kein Objekt – es ist der Sohn, der einen Mann zum „Vater“ macht. Es ist
das Subjekt, das zum Objekt wird. Ohne ein Subjekt kann es kein Objekt ge-
ben, so wie es auch ohne den Vater keinen Sohn geben kann. Weil das Subjekt


                                    122
reines Bewusstsein ist, ist es auch fähig, das Objekt zu erzeugen. Es kann
dagegen nicht anders herum sein, nämlich dass das Objekt die Geburt des
Subjekts bewirkt. Der Seher allein ist wirklich, während das Objekt reine
Halluzination ist. Gold allein ist wirklich, während das Schmuckstück nur
Name und Form ist. Solange die Vorstellung des Schmuckstücks existiert, so
lange wird auch das reine Gold nicht wahrgenommen. Solange die Vorstellung
des Objekts andauert, so lange existiert auch die Trennung zwischen dem
Seher und dem Gesehenen. So wie jedoch wegen des Bewusstseins im
Schmuckstück das Gold seine „Güldenheit“ realisiert, so realisiert das Subjekt,
welches sich als Objekt manifestiert, seine Subjektivität. Eines ist die Reflek-
tion des anderen – eine echte Dualität besteht nicht. Der Seher sieht sich
selbst nicht, wie er das Objekt sieht; er sieht sich selbst als das Objekt, und
eben deshalb sieht er nicht – obgleich er selbst die zugrundeliegende Wirk-
lichkeit ist, erscheint er als unwirklich. Wenn jedoch die Selbsterkenntnis
auftaucht und das Objekt zu existieren aufhört, dann wird der Seher als die
einzige Wirklichkeit realisiert.
   Das Subjekt existiert wegen des Objekts, und das Objekt selbst ist nichts als
eine Reflektion des Subjekts. Die Dualität kann nicht existieren, wenn es nicht
„eines“ gibt, und wozu dient die Idee von „Einheit“, wenn nur das Eine exis-
tiert? Sobald daher mit den Mitteln der rechten Selbsterforschung und des
rechten Verstehens wahre Erkenntnis erlangt wird, dann bleibt nur das zu-
rück, was nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Von diesem kann nicht
ausgesagt werden, dass es Eines oder Vieles ist. Weder ist es der Seher noch
das Gesehene, weder das Subjekt noch das Objekt, weder dies noch das. We-
der die Einheit noch die Vielfalt kann wirklich als die Wahrheit angesehen
werden, weil jede These die Antithese entstehen lässt. Und doch ist eines
nicht verschieden vom „anderen“, so wie die Welle nichts als Wasser ist, und
wie das Schmuckstück nichts als Gold ist. Und tatsächlich entspricht es der
Wahrheit, dass die Getrenntheit keinen Widerspruch zur Einheit darstellt!
Alle diese Spekulationen betreffend Einheit und Vielfalt dienen zu nichts
anderem als zur Überwindung des Leidens – zur Realisierung dessen, was
jenseits aller Wahrheit ist, das Höchste Selbst.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   III:82
 Nachdem sie diesen weisen Worten des Königs gelauscht hatte, wurde
KarkaÂī still, und ihre dämonische Natur verließ sie. Sie sprach zu ihnen:
  „Oh ihr weisen Männer seid beide wert, von allen verehrt und bedient zu
werden. Durch die heilige Gemeinschaft mit euch gelangte ich zum gänzlichen
Erwachen. Wer sich der Gemeinschaft mit erleuchteten Männern erfreut,
leidet nicht in dieser Welt, so wie jemand mit einer brennenden Kerze in der
Hand keinerlei Dunkelheit sieht. Bitte, sagt mir, was ich für euch tun kann.
  DER KÖNIG sprach: „Oh Edle, in meiner Stadt leiden viele Menschen an
rheumatischen Herzbeschwerden. Außerdem gibt es im Land eine Cholera-
Epidemie. Um diese Vorfälle zu untersuchen und eine Abhilfe für sie zu fin-
den, sind mein Minister und ich heute nacht aus dem Palast hierher gekom-


                                     123
men. Meine demütige Bitte an dich ist: Nimm nicht das Leben meiner Leute
(KarkaÂī entsprach unverzüglich dieser Bitte des Königs). Aber sage mir nun
bitte: Wie kann ich deine Güte erwidern und deinen Hunger stillen?“
  KARKAèĪ erwiderte: „Ich hatte einst die Absicht, mich im Himālaya
Askeseübungen hinzugeben und den Körper zu verlassen. Jetzt jedoch habe
ich diese Idee fallengelassen. Ich werde dir etwas aus meinem früheren Leben
erzählen. Früher einmal was ich eine Dämonin von riesigen Ausmaßen. Ich
wollte Menschen verschlingen und übte deshalb Askesepraktiken aus. Vom
Schöpfer Brahmā erhielt ich eine Gunst, und als Ergebnis davon wurde ich zu
einer Nadel (und gleichzeitig zum Cholera-Virus). So brachte ich unsägliches
Elend unter die Menschen. Brahmā ließ jedoch gleichzeitig ein Mantra ent-
stehen, durch welches ich unter Kontrolle gebracht werden konnte. Lerne
dieses Mantra kennen, und mit seiner Hilfe können die rheumatischen Herz-
beschwerden wie die Leukämie und andere Blutkrankheiten der Menschen
beseitigt werden. Normalerweise verbreite ich die Leukämie durch die Eltern,
die sie an ihre Kinder weitergeben!“
  Alle drei begaben sich ans Flussufer, wo der König von KarkaÂī das Mantra
empfing. Dieses Mantra wird wirksam durch seine Wiederholung (japa).
  Der dankbare KÖNIG sagte daraufhin zu KarkaÂī: „Oh du freundliche Edle,
damit bist du zu meinem Guru und Freund geworden. Freundschaft wird von
guten Menschen geschätzt. Bitte, nimm eine angenehmere und kleinere Ge-
stalt an, begleite mich zu meinem Palast und sei dort mein Gast. Du brauchst
nicht länger die guten Menschen zu quälen. Zum Ausgleich werde ich dich mit
den Sündern und Dieben füttern.“
  KarkaÂī stimmte zu. Sie wurde zu einer bezaubernden jungen Frau und be-
gleitete den König, um als sein Gast bei ihm zu leben. Dieser wiederum über-
gab ihr Diebe, andere Kriminelle und die Sünder. In jeder Nacht nahm sie ihre
dämonische Form an und verschlang sie. Während des Tages war sie wieder
die bezaubernde Frau – Freund und Gast des Königs. Nach ihrem Mahl ging
sie oft für einige Jahre in samādhi, bevor sie wieder zu ihrem normalen Be-
wusstsein und ihrem normalen Leben zurückkehrte.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                III:83, 84
  So lebt KarkaÂī heute noch und beschützt die Untertanen des Königs. Sie
war die Tochter eines Dämons, der einer Krabbe ähnelte. Es gibt viele Arten
von Dämonen von verschiedenster Farbe (weiß, schwarz, grün und rot). Sie
selber war von der schwarzen Art. Ich erzählte dir diese Geschichte, weil ich
mich an ihre Fragen und die Antworten des Königs erinnerte. Das Universum
der Vielheit entfaltet sich aus dem unendlichen Bewusstsein, so wie die Ver-
zweigungen des Baumes (mit seinen Blättern, Blüten, Früchten usw.) aus dem
Samen entstehen, in dem selbst keine solche Vielheit existiert.
  Oh Rāma, nur indem du meinen Worten zuhörst, wirst du erleuchtet wer-
den, daran kann gar kein Zweifel bestehen. Erkenne, dass das Universum aus
Brahman entstanden ist und Brahman und nichts anderes ist.


                                    124
RùMA fragte: Wenn nur das Eins-Sein die Wahrheit ist, weshalb sagen wir
         dann: „Dadurch erlangen wir dieses“?
          VASIåèHA erwiderte:
            Rāma, in den Schriften werden die Worte benützt, um die Unterweisung auf
         sinnvolle Weise zu unterstützen. Ursache und Wirkung, das Selbst und der
         Höchste Herr, Unterschied und Nicht-Unterschied, Erkenntnis und Unwissen-
         heit, Schmerz und Freude – alle diese Gegensätze wurden nur zur Unterwei-
         sung der Unwissenden geschaffen. In sich selbst kommt ihnen keinerlei Wirk-
         lichkeit zu. Alle diese Diskussionen und Argumentationen finden nur in und
         wegen der Unwissenheit statt. Sobald es die Erkenntnis gibt, gibt es auch
         keine Dualität mehr. Sobald die Wahrheit erkannt wird, hören alle Beschrei-
         bungen auf – es verbleibt allein die Stille.
            Dann wirst du realisieren, dass es nur Eines gibt – ohne Anfang, ohne Ende.
         Solange jedoch Worte zur Bezeichnung einer Wahrheit verwendet werden, ist
         die Dualität unvermeidbar. Diese Dualität jedoch ist nicht die Wahrheit. Alle
         Getrenntheiten sind illusorisch.
            Ich werde dir jetzt noch ein weiteres Beispiel geben, höre aufmerksam zu.
         Mit den Mitteln der sehr kraftvollen Medizin meiner Erläuterungen wirst du
         gewiss die Krankheit überwinden, die dein Gemüt befallen hat. Saæsāra
         (Welterscheinung) ist nichts als das Gemüt selbst, welches von Zu- und Ab-
         neigungen erfüllt ist. Sobald man davon frei ist, endet diese Welterscheinung.
         Das Bewusstsein im Gemüt ist der Same aller Substanzen, während der trä-
         ge,leblose Aspekt des Gemüts die Ursache der illusorischen Welterscheinung
         ist. Aufgrund der Allgegenwart des Bewusstseins nimmt das Gemüt die Form
         des Kennbaren an und wird somit zum Samen des ganzen Universums. Das
         Gemüt stellt sich wie ein Kind die Existenz dieser Welt vor. Sobald das Gemüt
         erleuchtet wird, erfährt es das unendliche Bewusstsein in sich selbst. Ich
         werde dir sogleich erläutern, wie diese Subjekt-Objekt-Trennung entsteht.
            VASIåèHA fuhr fort:
III:85
           Ich bat einmal den Schöpfer Brahmā, mir mitzuteilen, wie dieses Universum
         ursprünglich entstanden sei. Daraufhin gab er mir die folgende Antwort.
           BRAHMù sagte:
           Mein Kind, es ist einzig und allein das Gemüt, welches all dieses entstehen
         lässt. Ich werde dir mitteilen, was mir selbst zu Beginn dieser Epoche wider-
         fahren ist. Am Ende der vorhergegangenen Epoche gab es die kosmische
         Nacht. Als ich dann am Ende dieser Nacht erwachte, sprach ich meine Mor-
         gengebete und schaute mich um, wobei ich den Wunsch nach der Erschaffung
         des Universums hegte. Ich nahm die unendliche Leere wahr, die weder er-
         leuchtet noch finster war.
           In meinem Gemüt entstand die Absicht des Erschaffens, während ich in
         meinem Herzen die subtilen Visionen zu sehen begann. In meinem Gemüt
         und mit meinem Gemüt sah ich dann mehrere, anscheinend unabhängig



                                             125
voneinander existierende Universen. In diesem sah ich außerdem meine
eigenen Gegenstücke, nämlich weitere Schöpfer. In diesen Universen sah ich
ferner verschiedene Wesen und Berge und Flüsse, Ozeane und Winde, Sonne
und himmlische Wesen und auch die Unterwelten und die Dämonen.
  In allen diesen Universen sah ich ferner die Schriften und die Tugendlehren,
die das Gute und das Böse, Himmel und Hölle festlegten. Des weiteren waren
da die Schriften, die den Weg des Vergnügens und den Pfad der Befreiung
niederlegten. Und ich sah Menschen, die alle diese verschiedenen Ziele ver-
folgten.
  Ich sah sieben Welten, sieben Kontinente und auch Ozeane und Berge, die
alle unerbittlich ihrer eigenen Auslöschung entgegengingen. Ich sah die Zeit
und ihre Einteilungen bis hin zu Tagen und Nächten. Ich sah den heiligen
Fluss GaÇgā, der die drei Welten – den Himmel, die Atmosphäre und die Erde
– miteinander verflocht.
  Wie ein Schloss in der Luft erstrahlte diese Schöpfung mit all ihren Him-
meln, Erden und Ozeanen. Dies alles erblickend, war ich starr vor Staunen
und vor Verwirrung: „Wie kann es denn sein, dass ich all dies in meinem
Gemüt in dieser großartigen Leere zu erblicken vermag, obwohl ich dies alles
mit meinem physischen Augen noch nie erblickt habe?“ Ich sann eine be-
trächtliche Zeit über dieses Problem nach. Schließlich dachte ich an eine der
Sonnen in einem der Sonnensysteme und bat diese, sich mir zu nähern. Ich
stellte ihr die Frage, die meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte.
  DIE SONNE erwiderte:
  Oh du Großer, als der allmächtige Schöpfer von all diesem hier bist du
wahrhaftig der Höchste Herr. Es ist nur das Gemüt, welches als all diese un-
aufhörliche und endlose schöpferische Tätigkeit erscheint, die aufgrund des
Nichtwissens jemanden täuscht und ihn glauben macht, dass dies wirklich
oder unwirklich sei. Gewiss kennst du die Wahrheit, oh Hoher Herr, doch da
du mir befahlst, deine Frage zu beantworten, sage ich nun folgendes.



                                    ***


Die Geschichte von den Söhnen Indus (Zehn junge
Männer)
                                                                                 III:86
  DIE SONNE sprach:
  Oh Gott der Götter, nahe des heiligen Berges Kailāsa an einem Ort, der
SuvarïajaÂa genannt wird, hatten deine Söhne eine Siedlung errichtet. An
diesem Ort gab es einen heiligen Mann namens Indu, ein Abkömmling des
Weisen Kaśyapa. Er und seine Frau erfreuten sich aller Segnungen mit Aus-


                                    126
nahme eines eigenen Kindes. Um diese letzte Segnung zu erlangen, begaben
sie sich zu Kailāsa und unternahmen beide eine strenge Bußübung, die darin
bestand, nur noch von einer winzigen Menge Wasser zu leben. Sie hatten den
Zustand von Bäumen angenommen und standen da, bewegungslos.
  Lord Śiva war von ihrer Bußübung erfreut und erschien vor ihnen. Er fragte
sie, welche Gunst sie sich von ihm erhofften. Sie beteten, dass ihnen zehn edle
Söhne geboren würden, die sich Gott und der Rechtschaffenheit widmen
sollten. Lord Śiva gewährte diese Gunst.
  Sehr bald danach schenkte die Frau des heiligen Mannes zehn strahlenden
und prächtigen Söhnen das Leben. Diese Jungen wuchsen zu zehn jungen
Männern heran. Bereits im Alter von sieben Jahren waren sie in sämtlichen
Schriften bewandert. Nach einer beträchtlichen Zeit gaben ihre Eltern ihre
Körper auf und wurden befreit.
  Die zehn jungen Männer waren wegen des Verlustes ihrer Eltern zu Tode
betrübt. Eines Tages kamen sie zusammen und besprachen sich untereinan-
der: „Oh Brüder, worin besteht hier das höchste Ziel, nach dem wir streben
sollten und welches uns nicht ins Unglück führt? Ein König, ein Eroberer,
sogar Indra, der König des Himmels zu sein – all dies sind nur wertlose Ziele,
denn sogar Indra regiert den Himmel nur anderthalb Stunden der Lebenszeit
des Schöpfers. Daher ist allein das Erlangen des Schöpfer-seins das beste Ziel
für uns, denn diese Herrschaft wird eine ganze Epoche dauern.“
  Die übrigen Brüder stimmten von ganzen Herzen zu. Sie sprachen zueinan-
der: „Nun denn – wir sollten schon baldin der Lage sein, die Brahmā-schaft zu
erlangen, die nicht von Alter und Tod betroffen ist.“
  Der älteste Bruder sprach: „Bitte tut, wie ich euch sage. Von jetzt an kon-
templieren wir wie folgt: ‚Ich bin Brahmā, der auf einem voll erblühten Lotos
sitzt.“ Alle Brüder begannen daraufhin auf die folgende Weise zu meditieren:
„Ich bin Brahmā, der Schöpfer des Universums. Die Weisen und auch
Saraswati, die Göttin der Weisheit, befinden sich in ihrer persönlichen Gestalt
in mir. Der Himmel mit all seinen himmlischen Wesen befindet sich in mir.
Berge, Kontinente und Ozeane befinden sich in mir. Halbgötter und Dämonen
befinden sich in mir. Die Sonne erstrahlt in mir. Nun findet die Schöpfung
statt. Nun existiert die Schöpfung. Nun ist die Zeit für die Auflösung gekom-
men. Eine Epoche ist vorüber. Nun ist die Nacht Brahmās da. Ich habe Selbst-
erkenntnis erlangt und bin befreit.“
  Indem sie mit ihrem ganzen Wesen so meditierten, wurden sie all das.
  DIE SONNE fuhr fort:
                                                                                  III:87, 88
  Hoher Herr, danach standen die zehn heiligen Männer still in ihrer Kon-
templation, während sie noch tief über ihre Absicht, die Schöpfer des Univer-
sums zu sein, meditierten. Ihre Körper verfielen, und was von ihnen noch
übrigblieb, wurde von wilden Tieren verzehrt. Jedoch blieben sie in diesem
entkörperten Zustand unverändert stehen – eine lange, lange Zeit, bis eine
Epoche vorüber war und eine schrecklich sengende Sonne zu brennen be-


                                     127
gann, und ein fürchterlicher Wolkenbruch entstand, der alles vernichtete. Die
         heiligen Männer aber standen still in ihrem entkörperten Zustand – in der
         festen Absicht, zu den Schöpfern des Universums zu werden.
            Beim Anbruch einer neuen Schöpfung standen diese Männer immer noch
         an derselben Stelle und auf dieselbe Weise mit derselben Absicht. Sie wurden
         zu Schöpfern. Sie sind die zehn Schöpfer, die du gesehen hast, und auch ihre
         Universen hast du gesehen. Herr, ich bin eine der Sonnen, die in diesen Uni-
         versen scheint, die von diesen Männern geschaffen worden sind.
            DER SCHÖPFER fragte die Sonne:
            Oh Sonne, wenn somit diese Universen von diesen zehn Schöpfern erschaf-
         fen worden sind, worin besteht dann meine Aufgabe? Was bleibt für mich zu
         tun?
            DIE SONNE erwiderte:
            Herr, du hast weder eigene Wünsche noch Motive. Und so gibt es für dich
         überhaupt nichts zu tun. Welchen Vorteil erwartest du von der Schöpfung des
         Universums? Die Schöpfung des Universums ist für dich ein reiner Zeitver-
         treib!
            Herr, die Schöpfung entsteht aus dir, der selbst frei vom kleinsten Wunsch
         oder Motiv ist – so wie die Sonne ohne jede Absicht zu scheinen in einem
         Teich reflektiert wird, ohne dass das Wasser die Absicht hat, sie zu reflektie-
         ren. So wie die Sonne ohne jede Absicht bewirkt, dass Tag und Nacht einan-
         der ablösen, so sollst du auf die gleiche, nicht-willentliche Weise mit dem Akt
         der Schöpfung beginnen. Denn was willst du durch die Aufgabe deiner natür-
         lichen Funktion erreichen?
            Weise Männer haben keinen Wunsch, irgendetwas zu tun, und weise Män-
         ner haben auch nicht den Wunsch, Tätigkeit aufzugeben.
            Herr, mit deinem eigenen mentalen Auge siehst du dieses Universum, wel-
         ches von diesen heiligen Männern erschaffen worden ist. Mit den physischen
         Augen nimmt man nur diejenigen Objekte wahr, die man im eigenen Verstand
         erzeugt hat – nichts anderes. Diese Objekte, die vom Verstand erschaffen
         worden sind, sind unzerstörbar. Nur diejenigen Objekte, die aus materiellen
         Substanzen zusammengesetzt worden sind, lösen sich auf. Ein Mensch be-
         steht aus dem, was als die Wahrheit seines eigenen Seins fest in seinem Ge-
         müt verankert ist – dies ist er und nichts anderes.

                                              ***

         Die Geschichte von Ahalyā

III:89
          DIE SONNE fuhr fort:



                                              128
Herr, das Gemüt ist der Schöpfer der Welt – das Gemüt allein ist die höchste
Person. Was vom Gemüt getan wird, ist Tätigkeit – was vom Körper getan
wird, gilt nicht als Tätigkeit. Schau nur diese Kräfte des Gemütes – nur durch
entschlossenes Daran-Denken wurden die heiligen Männer zu Schöpfern
dieses Universums! Denkt jedoch jemand andererseits: „Ich bin ein unbedeu-
tender Körper“, dann wird er zu einem sterblichen Wesen. Wessen Bewusst-
sein nach außen gerichtet ist, der erfährt Freuden und Schmerzen, während
andererseits der Yogi, dessen Sichtweise nach innen gewandt ist, keinerlei
Ideen von Schmerzen und Freuden hegt. Es gibt in dieser Hinsicht eine Le-
gende, die ich dir erzählen werde.
  Im Lande Magadha gab es einen König namens Indradyumna. Ahalyā war
seine Frau. An diesem Ort befand sich außerdem ein stattlicher junger Mann
von lockeren Sitten, der Indra hieß. Eines Tages, während einer Unterhaltung,
hörte die Königin die Geschichte von der Verführung der berühmten Ahalyā
durch Indra, den König des Himmels. Als Ergebnis davon begann sie eine
große Liebe für den jungen Mann Indra zu hegen.
  Ahalyā war außer sich vor Liebe zu Indra. Mit der Hilfe einer ihrer Diene-
rinnen gelang es ihr, den jungen Mann zu sich kommen zu lassen. Von da an
pflegten Indra und Ahalyā einander regelmäßig in einem geheimen Haus zu
treffen und sich aneinander zu erfreuen.
  Ahalyā war so vernarrt in Indra, dass sie ihn überall erblickte. Schon der
Gedanke an ihn ließ ihr Gesicht leuchten. Als ihre Liebe wuchs, wurde ihr
Verhältnisallbekannt, und so kam sie dem König zu Ohren.
  Der zornige König versuchte ihre Beziehung zu zerstören und bestrafte sie
auf zahlreiche Arten: Sie wurden in eiskaltes Wasser getaucht, in siedendem
Öl gebraten, an die Beine eines Elefanten gebunden und ausgepeitscht. Indra
lachte nur und sprach zum König:
  „Oh König, das gesamte Universum sehe ich als nichts anderes als meine
Geliebte. Genauso ist es mit Ahalyā. Daher berührt uns dies alles nicht. Mein
                                                                                 III:90, 92
Herr, ich bin nurGemüt– das Gemüt allein ist das Individuum. Du kannst den
Körper schlagen, aber du kannst weder das Gemüt strafen noch den kleinsten
Wandel in ihm hervorrufen. Wenn das Gemüt vollständig von etwas erfüllt ist,
dann ist es gleichgültig, was mit dem Körper geschieht – es berührt das Ge-
müt nicht. Das Gemüt ist unberührt von Gunsterweisen und Flüchen – so wie
ein fest gegründeter Berg nicht von den Hörnern eines kleinen Wildtieres
bewegt wird... Nicht der Körper erschafft das Gemüt, sondern das Gemüt
erschafft den Körper. Das Gemüt allein ist der Same für den Körper – wenn
der Baum stirbt, so doch nicht auch der Same; verdirbt jedoch der Same,
dann auch der Baum. Sollte aber der Körper verderben, dann kann das Gemüt
jederzeit neue Körper für sich selbst erschaffen.“DIE SONNE fuhr fort:
  Oh Herr, daraufhin ging der König zum Weisen Bharata und bat ihn darum,
das widerspenstige Paar durch Verfluchen zu bestrafen. Und so sprach der
Weise einen Fluch gegen das Paar aus. Doch antwortete dieses daraufhin dem
Weisen und dem König: „Oh weh! Euer Verstehen ist nur gering! Durch diese


                                    129
unsere Verfluchung habt ihr nur die durch Bußübungen erworbenen Ver-
dienste vergeudet. Euer Fluch wird gewiss unsere Körper zerstören, aber wir
werden dadurch nicht den geringsten Schaden erleiden. Niemand kann das
Gemüt anderer zerstören.“ Der Fluch des Weisen zerstörte ihre Körper. Wäh-
rend sie diese Körper verließen, wurden sie zusammen erst als Tiere und
dann als Vögel, und anschließend als menschliches Paar in einer heiligen
Familie wiedergeboren. Seitdem werden sie aufgrund der vollkommenen
Liebe und Hingabe füreinander als Gemahl und Gemahlin wiedergeboren.
Durch die erlesene Liebe und Hingabe dieses Paares wurden sogar die Bäume
im Wald inspiriert und berührt.
  Sogar die Verfluchung des Weisen vermochte keine Veränderung im Gemüt
des Paares hervorzurufen. Ebenso, oh Herr, kannst auch du nicht in die
Schöpfung der zehn Söhne des heiligen Mannes eingreifen. Was verlierst du
dadurch, dass diese mit ihren eigenen Schöpfungen beschäftigt sind? Lass
ihnen diese mit ihrem eigenen Verstand erschaffenen Dinge! Sie können
durch dich genauso wenig zerstört werden wie eine Reflektion in einem
Kristall.
  Oh Herr, erschaffe in deinem eigenen Bewusstsein die Welt deiner Vorstel-
lung. In Wahrheit sind das unendliche Bewusstsein, das Gemüt (das eigene
Bewusstsein) und der unendliche Raum von einer einzigen Substanz, die vom
unendlichen Bewusstsein durchdrungen wird. Daher kannst du unabhängig
von dem, was diese jungen Männer geschaffen haben, so viele Welten erschaf-
fen, wie du nur möchtest!
  BRAHMù sprach zu Vāsi«Âha:
   Nachdem ich diesen Rat der Sonne vernommen hatte, begann ich unverzüg-
lich damit, die Welten zu erschaffen, denn dies war der natürliche Ausdruck
meines eigenen Seins. Ich bat die Sonne darum, bei dieser Aufgabe mein
erster Partner zu sein. So wurde sie zur Sonne in der Schöpfung der jungen
Männer und die Vorfahrin der menschlichen Rasse in meiner eigenen Schöp-
fung. Sie spielte ihre Doppelrolle sehr wirkungsvoll. Entsprechend meinen
Absichten brachte sie daher die Schöpfung all dieser Welten hervor. Was auch
immer im Bewusstsein auftaucht, das gelangt auch scheinbar ins Sein, veran-
kert sich und trägt sogar noch Früchte! Darin besteht die Macht des Gemüts.
So wie die Söhne des heiligen Mannes die Positionen als Schöpfer der Welt
aufgrund der Macht ihres Gemüts erlangten, so wurde ich auf dieselbe Weise
zum Schöpfer der Welt. Es ist das Gemüt, welches hier die Dinge geschehen
lässt. Es bringt die Erscheinung des Körpers usw. hervor. Nichts anderes ist
sich des Körpers bewusst.
   DER SCHÖPFER BRAHMù sprach:
 Das individualisierte Bewusstsein (Gemüt) trägt in sich selbst mannigfaltige
Möglichkeiten, so wie Gewürz den Geschmack in sich trägt. Es ist dieses Be-
wusstsein, welches dann als der subtile oder ätherische Körper erscheint.
Wird dieser dann grob, dann nimmt er die Erscheinungsform des physischen



                                    130
oder materiellen Körpers an. Dieses individualisierte Bewusstsein ist als der
         jīva bzw. die individuelle Seele bekannt, so lange sich diese Möglichkeiten in
         einem extrem subtilen Zustand befinden. Und sobald alle diese Tricks des jīva
         aufhören, dann leuchtet er als das Höchste Sein. Weder bin ich noch ist da
         irgendetwas anderes in diesem Universum – all dies ist nichts als das unend-
         liche Bewusstsein. So wie die Absichten der jungen Männer sich manifestier-
         ten, so ist all dies nur Erscheinung, basierend auf dem unendlichen Bewusst-
         sein. Es war die Absicht der jungen Männer, die ihnen das Gefühl gab, die
         Schöpfer zu sein – ebenso ist es auch mit mir.
            Das reine und unendliche Bewusstsein stellt sich selbst als der jīva und das
         Gemüt vor und hält sich dann für den Körper. Wenn diese traumartige Wahn-
         vorstellung verlängert wird, dann fühlt sich dieser lange Traum als wirklich
         an! Er ist gleichzeitig wirklich und unwirklich – da er wahrgenommen wird,
         erscheint er als wirklich, aber aufgrund der eingeborenen Widersprüche ist
         er unwirklich. Das Gemüt ist fühlend, weil es auf dem Bewusstsein gründet.
         Wird es dagegen als getrennt vom Bewusstsein gesehen, dann ist es leblos
         und irregeführt. Sobald es Wahrnehmung gibt, übernimmt das Gemüt die
         Rolle des Objektes der Wahrnehmung. Dies ist jedoch nicht wirklich – wenn
         das Schmuckstück als Schmuckstück gesehen wird, dann wird es als solches
         wahrgenommen, obwohl die Wahrheit darin besteht, dass es Gold ist.
            Denn Brahman allein ist all dieses. Sogar dasjenige, was als leblos erscheint,
         ist reines Bewusstsein. Jedoch wir alle, von mir selbst bis zu dem Stein, sind
         undefinierbar – weder leblos noch fühlend. Es kann keine Wahrnehmung von
         zwei völlig verschiedenen Dingen geben, denn Wahrnehmung ist nur dann
         möglich, wenn es eine Ähnlichkeit zwischen Subjekt und Objekt gibt. Wenn
         man das in Betracht zieht, was undefinierbar und dessen Existenz ungewiss
         ist, dann sind Worte wie „leblos“ und „fühlend“ nur Worte ohne jede Bedeu-
         tung. Was das Gemüt betrifft, so spricht man vom Subjekt als fühlend und
         vom Objekt als leblos. So wandert der jīva, gefangen in der Täuschung, umher.
         In Wahrheit ist jedoch diese Dualität selbst nichts als die Schöpfung des Ge-
         müts – eine Halluzination. Natürlich können wir andererseits auch nicht mit
         Gewissheit sagen, ob diese Halluzination als solche überhaupt existiert. Nur
         das unendliche Bewusstsein IST.
            Wenn diese illusorische Trennung nicht als das erkannt wird, was sie ist,
         dann entsteht daraus der irreführende Ich-Sinn. Sobald das Gemüt jedoch
         seine eigene Natur zu erforschen beginnt, verschwindet diese Getrenntheit.
         Dann gibt es die Verwirklichung des einen, unendlichen Bewusstseins, und so
         erlangt man große Seligkeit.
            VASIåèHA fragte Brahmā:
III:92
           Oh Herr, wie ist es möglich, dass der Fluch des Weisen Indras Körper, aber
         nicht sein Gemüt angreifen konnte? Wenn der Körper wirklich nicht ver-
         schieden vom Gemüt ist, dann müsste der Fluch doch auch das Gemüt angrei-
         fen können. Sei so freundlich und erkläre mir, weshalb das Gemüt nicht oder
         vielleicht tatsächlich doch betroffen war!


                                               131
DER SCHÖPFER BRAHMù sprach:
  Mein Teurer, im Universum besitzt alles, von Brahmā bis zu einem Berg, ei-
nen zweifachen Körper. Von diesen beiden ist der erste der mentale Körper,
der ruhelos ist und sich schnell bewegt. Der zweite ist der aus Fleisch ge-
machte Körper, der als solcher nicht wirklich tätig ist. Von diesen beiden wird
der letztere von Verfluchungen und ebenso auch von Gunsterweisen oder
Zaubersprüchen überwältigt. Dieser Körper ist stumpf, kraftlos, schwach und
vergänglich wie ein an einem Lotosblatt hängender Wassertropfen. Er ist
gänzlich von Schicksal und Vorsehung und ähnlichen Faktoren abhängig. Das
Gemüt jedoch ist unabhängig, obwohl es abhängig zu sein scheint. Sobald
dieses Gemüt sich zuversichtlich der Eigenbemühung widmet, befindet es
sich außerhalb der Reichweite des Kummers. Wann immer es nach etwas
strebt, trifft es mit Sicherheit auch auf die Früchte seines Strebens.
  Der physische Körper erreicht überhaupt nichts. Es ist der mentale Körper,
der die Ergebnisse erlangt. Sobald das Gemüt beständig in dem ruht, was rein
ist, wird es unempfindlich gegenüber den Wirkungen von Flüchen. Der Kör-
per mag ins Feuer oder in den Schlamm fallen, aber das Gemüt erfährt immer
nur das, worüber es kontempliert. Demonstriert wurde dies von Indra. De-
monstriert wurde es weiterhin von dem Weisen Dīrghatapā, der religiöse
Riten auszuführen wünschte und nach den Materialien dafür suchte, dabei
aber in einen toten Brunnen fiel. Er führte dann die Riten auf mentale Weise
aus und erlangte daraufhin die Frucht, die sich andernfalls aus der körperli-
chen Ausübung der Riten ergeben hätte. Auch die zehn Söhne des heiligen
Mannes waren in der Lage, die Brahmā-schaft nur durch ihre mentalen An-
strengungen zu erlangen – nicht einmal ich konnte dies verhindern.
  Mentale und körperliche Krankheit wie auch Flüche oder der „böse Blick“
berühren das Gemüt, welches dem Selbst ergeben ist, so wenig wie eine Lo-
tosblüte einen Felsblock spalten könnte, auf den sie herabfällt. Daher sollte
man mit dem Gemüt das Gemüt dazu anhalten, den Pfad der Reinheit einzu-
schlagen, und mit dem Selbst das Selbst veranlassen, den Weg der Reinheit zu
gehen. Was auch immer das Gemüt kontempliert, das materialisiert sich
unverzüglich. Durch intensive Kontemplation vermag es, in sich selbst radika-
le Umwälzungen hervorzubringen und so sich von den falschen Sichtweisen
zu heilen, aufgrund derer Illusionen als Realität wahrgenommen werden. Was
immer das Gemüt macht, das erfährt es als Wahrheit. Es lässt geschehen, dass
der im Mondlicht sitzende Mann Hitze erfährt, und es lässt es geschehen, dass
ein Mann in der Sonne das Behagen der Kühle empfindet!
  Darin besteht diese mysteriöse Macht des Gemüts.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  III:93
  So wurde ich in den alten Zeiten von Brahmā, dem Schöpfer, unterrichtet,
und so habe ich es jetzt an dich weitergegeben, oh Rāma.
  Da das absolute Brahman in seinem undifferenzierten Zustand alles durch-
dringt, befindet sich auch alles in einem undifferenzierten Zustand. Sobald


                                     132
sich dieses aufgrund seiner selbst verdichtet, wird das kosmische Gemüt
         geboren. In diesem Gemüt entsteht sodann der Wunsch nach der Existenz der
         verschiedenen Elemente in ihrem extrem subtilen Zustand. Die Gesamtheit
         von all diesem ist dann die leuchtende kosmische Person, die als Brahmā der
         Schöpfer bekannt ist. Daher ist dieser Schöpfer nichts anderes als das kosmi-
         sche Gemüt.
           Brahmā der Schöpfer sieht alles, was er zu sehen wünscht, in seinem eige-
         nen Verstand, da er selbst die Natur des Bewusstseins hat. Er ist es (d. h.,
         Brahmā der Schöpfer), der dieses Nichtwissen, welches das differenzierende
         Prinzip des Universums darstellt, in die Existenz gerufen hat, und aufgrund
         dessen man das Selbst mit dem Nicht-Selbst verwechselt. Und es ist ferner
         aufgrund dieses Faktors des Nicht-Wissens, dass der Schöpfer dieses Univer-
         sum (Berge, Grashalme, Wasser usw.) als die Vielfalt der verschiedenen Krea-
         turen erscheinen lässt. Aufgrund dessen erscheinen die Kreaturen, anschei-
         nend geboren aus atomischen Teilchen und Molekülen, obwohl dieses gesam-
         te Universum nichts als unendliches Bewusstsein ist.
           Daher, oh Rāma, sind sämtliche Objekte und Substanzen dieses Universum
         aufgetaucht in Brahman dem Absoluten; so wie Wellen sich im Ozean mani-
         festieren. In diesem manifestierten Universum nimmt das Gemüt Brahmās
         des Schöpfers sich selbst als das Ego wahr. Auf diese Weise wird dann aus
         Brahmā, dem kosmischen Gemüt, Brahmā der Schöpfer des Universums. Es
         ist nur diese Macht des kosmischen Gemüts, die als die verschiedenen Kräfte
         des Universums erscheint. In diesem kosmischen Gemüt manifestieren sich
         selbst zahllose verschiedene Kreaturen, die dann als die verschiedenen jīvas
         bezeichnet werden.
           Sobald diese verschiedenen jīvas im unendlichen Raum des Bewusstseins
         auftauchen, anscheinend selbst aus den Elementen zusammengesetzt, tritt in
         jeden dieser Körper durch die Öffnung der Lebenskraft das Bewusstsein ein.
         Dadurch wiederum wird der Same all dieser bewegten und unbewegten
         Körper gebildet. So geschehen dann die individuellen Geburten, durch welche
         das individuelle Wesen dann zufällig (wie bei der landenden Krähe und der
         fallenden Kokosnuss) mit den verschiedenen potentiellen Kräften in Kontakt
         kommt, deren Spiel wiederum das Gesetz von Ursache und Wirkung usw.
         entstehen lässt. So geschieht der Aufstieg und Fall der Evolution. Von da an ist
         einzig und allein der Wunsch die Ursache von allem.
           Rāma, darin besteht dieser Urwald, der als die „Welterscheinung“ bekannt
         ist. Wer dessen Wurzel mit der Axt der Untersuchung (Selbsterforschung)
         durchtrennt, wird von ihm befreit. Einige gelangen sehr schnell zu diesem
         Verstehen, andere dagegen erst nach einer sehr langen Zeit.
           VASIåèHA fuhr fort:
III:94
           Rāma, ich werde dir nun die Unterteilung der Wesen in die Besten, die
         Schlechtesten und die Mittleren beschreiben, die am Beginn dieses Zyklus der
         Erschaffung entstanden ist.



                                              133
Die Ersten und Herausragenden unter den Geschöpfen entstehen aus der
         Tugend heraus. Sie sind von Natur aus gut und den guten Taten ergegeben.
         Sie erlangen die Befreiung in einigen wenigen Lebensspannen. Sie sind ange-
         füllt mit den Qualitäten der Reinheit und des Lichts (sattva). Dann gibt es
         diejenigen, die voll von Unreinheiten sind, in denen die weltlichen Gewohn-
         heiten stark und vielfältig sind, und die möglicherweise die Befreiung erst
         nach tausenden von Geburten erlangen. Diese sind die Geringeren unter den
         Guten. Unter diesen sind diejenigen, deren Befreiung innerhalb dieses Le-
         benszyklus zweifelhaft ist, denn es sind Wesen, die in dichter Finsternis le-
         ben.
           Die mittleren Typen sind diejenigen, die erfüllt sind von der Qualität des
         Dynamischen und des Verlangens (rājas). Solche Menschen, die so nahe an
         der Befreiung sind, dass sie diese beim Verlassen dieser Welt erlangen kön-
         nen, zeigen eine Mischung aus rājas und sattva. Wenn jedoch die rājasische
         (das leidenschaftliche Verlangen) Neigung so stark ist, dass ihre Sublimierung
         längere Zeit in Anspruch nimmt, dann sind sie gänzlich rājasisch. Ist jedoch
         die rājasische Tendenz extrem stark, dann geht sie in die Finsternis (tamas)
         über. Im Fall derjenigen, deren Befreiung so fernab liegt, dass sie zweifelhaft
         wird, geht die Qualität von rājas in die dichte Finsternis über.
           Diejenigen, die auch nach tausend Geburten immer noch unerleuchtet in
         der Finsternis verweilen, werden die Wesen der Finsternis genannt (tamas).
         Sie brauchen eine lange, lange Zeit, um die Befreiung zu erlangen. Sobald die
         Befreiung in ihre Reichweite gelangt, wird ihr tamas mit sattva vermischt.
         Wenn sie dann der Befreiung immer näher kommen, wird ihr tamas mit rājas
         vermischt. Und wenn dann nach hunderten von Geburten die Befreiung noch
         weitere hundert Geburten entfernt liegt, dann sind sie voll von tamas. Wenn
         die Befreiung zweifelhaft ist, dann befinden sie sich in dichter Finsternis.
           (Dieses Kapitel scheint nahezulegen, dass sattva, rājas und tamas in sich
         selbst nicht Hindernisse zur Befreiung darstellen, sondern dass es die weite-
         ren Modifikationen aufgrund von falschem Denken und falschem Handeln
         sind, die die Befreiung immer weiter hinausschieben. — S.V.)
           Alle diese Wesen sind im absoluten Brahman entstanden, als es eine nur
         ganz geringfügige Störung in dessen Gleichgewicht gab – so wie Wellen auf
         der Oberfläche des Ozeans entstehen. So wie der Raum in einem Topf, der
         Raum in einem Zimmer und der Raum in einem kleinen Loch integraler Be-
         standteil des kosmischen Raums ist, so sind auch diese Wesen nichts als das
         unendliche Wesen, in dem es keine Teile gibt. Und da sie in ihm entstanden
         sind, gehen sie auch wieder in es ein. Somit scheinen alle diese Wesen durch
         den Willen des unendlichen Brahman aufzutauchen und sich in ihm wieder
         aufzulösen.
           VASIåèHA fuhr fort:
III:95
           Handlung und Täter der Handlung tauchen gleichzeitig und spontan im
         höchsten Sein auf, so wie Blüte und Duft gleichzeitig auftauchen. Es geschieht
         jedoch nur in den Augen der Unwissenden, dass die Schöpfung der jīvas als


                                              134
wirklich erscheint, so wie die Unwissenden Bläue im Himmel sehen! Für den
Erleuchteten sind Aussagen wie „Jīvas sind aus Brahman entstanden“ oder
„Jīvas sind nicht aus Brahman entstanden“ gleichermaßen bedeutungslos.
  Nur für den Zweck der Unterweisung wird der Dualismus hilfsweise unter-
stellt, denn andernfalls ist eine Unterweisung unmöglich. Nachdem der Leh-
rer herausgestellt hat, dass jīvas aus Brahman heraus entstanden sind, zeigt
er auf, dass die Wirkung nicht verschieden von der Ursache ist und deshalb
die jīvas nicht verschieden von Brahman sind. Alle diese scheinen nur aus
Brahman geboren zu sein, ebenso wie der Duft aus der Blüte geboren zu sein
scheint. Und sie gehen in das Brahman auf dieselbe Weise wieder ein, wie die
Jahreszeiten „ineinander übergehen“!
  Zusammen mit jeder Spezies, die sich selbst im Universum manifestiert,
wird gleichzeitig auch ihr natürliches Verhalten geboren. Es ist nur ihre Un-
wissenheit bezüglich ihrer eigenen essenziellen Natur, die zu einem Verhalten
oder einer Handlung führt, die dann zur Ursache einer Reaktion in einer
späteren Geburt wird.
  RùMA sagte:
  Heiliger Herr, wahrhaftig sind es die Erklärungen der Weisen, deren Gemü-
ter unvoreingenommen sind, die den Inhalt der Schriften bilden. Und diejeni-
gen, deren Herzen rein und deren Sichtweise nicht von Getrenntheit getrübt
ist, werden wahrlich als Weise bezeichnet. Die unreife Person kann nur mit
der Hilfe der Schriften und der Erkenntnis einer erleuchteten Person die
Hoffnung hegen, das Licht der Wahrheit zu erblicken. Heiliger Herr, wir se-
hen, dass in dieser Welt der Same vom Baum und der Baum aus dem Samen
geboren wird. Ist es dann angemessen zu behaupten, dass ohne Samen aus
früherem karma verschiedene Wesen aus dem absoluten Brahman entste-
hen?
  VASIåèHA erwiderte:
  Wenn du aufmerksam beobachtest, oh Rāma, wirst du feststellen, dass nur
aufgrund des in die Tätigkeit involvierten Gemüts diese Handlung ihre eigene
Frucht erzeugt. Daher ist das Gemüt der Same der Handlung. Ebenso geschah
es, dass bei der Manifestierung des kosmischen Gemüts im absoluten Brah-
man gleichzeitig die natürlichen Neigungen der verschiedenen Wesen und
ihre vielfältigen Verhaltensweisen geboren und dann die verkörperten Wesen
als die jīvas angesehen wurden. Zwischen Gemüt und Handlung gibt es keine
Getrenntheit. Bevor die Handlung als solche projiziert wird, taucht sie im
Gemüt auf, wobei das Gemüt selbst ihr „Körper“ ist. Daher ist die Handlung
nichts anderes als die Bewegung von Energie im Bewusstsein – sie führt
unvermeidlicherweise zu ihren eigenen Früchten. Wenn solches Handeln an
sein Ende gelangt, gelangt auch das Gemüt an sein Ende, und wenn das Ge-
müt aufhört zu sein, gibt es auch kein Handeln. Dies betrifft nur den befreiten
Weisen, aber nicht andere.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  III:96



                                     135
Gemüt ist nichts als Wahrnehmung – und Wahrnehmung ist Bewegung im
         Bewusstsein. Der Ausdruck dieser Bewegung ist Handlung, und daraus erfol-
         gen die Früchte. Das Gemüt ist eine Absicht, die im allmächtigen und unendli-
         chen Bewusstsein auftaucht. Es (das Gemüt) steht sozusagen zwischen dem
         Wirklichen und dem Unwirklichen. Es steht aber der Fähigkeit des Verstehens
         nahe. Obschon nicht verschieden vom unendlichen Bewusstsein, denkt es, es
         sei verschieden. Obschon nicht-tätig, hält es sich selbst für tätig. Solcher Art
         ist das Gemüt, und diese seine Qualitäten sind von ihm selbst untrennbar. Auf
         dieselbe Weise sind auch der jīva und das Gemüt untrennbar.
           Woran auch immer das Gemüt denkt, das versuchen die Organe der Hand-
         lung sofort zu materialisieren – folglich ist das Gemüt nichts als Handlung.
         Jedoch sind Worte wie Gemüt, Intellekt, Ich-Sinn, individualisiertes Bewusst-
         sein, Handlung, Einbildung, Geburt und Tod, latente Neigungen, Erkenntnis,
         Bemühung, Erinnerung, die Sinne, Natur, Māyā oder Illusion, Aktivität und
         andere Worte dieser Art nichts als Worte ohne eine dazugehörige Realität –
         die einzige Realität ist stets nur das unendliche Bewusstsein, in dem diese
         Konzepte als existierend wahrgenommen werden. Alle diese Konzepte sind
         aufgetaucht, als das unendliche Bewusstsein in einem Moment der Selbstver-
         gessenheit aufgrund einer Koinzidenz (die Krähe, die die Kokosnuss gelöst
         hat) sich selbst als Objekt der Wahrnehmung erblickt hat.
           Wenn dann dasselbe Bewusstsein, verdunkelt von der Unwissenheit, in ei-
         nem erregten Zustand Vielfalt wahrnimmt und Objekte zu identifizieren
         beginnt, dann nennt man dies das Gemüt. Das, was fest in der Überzeugung
         einer bestimmten Wahrnehmung verwurzelt ist, nennt man den Intellekt
         (bzw. den Verstand). Wenn er sich selbst unwissenderweise und
         närrischerweise als real existierendes, getrenntes Individuum betrachtet,
         dann wird dies Ich-Sinn genannt. Wenn es die beständige Erforschung aufgibt
         und sich selbst dem Spiel der zahllosen Gedanken, die kommen und gehen,
         hingibt, dann wird es als das individualisierte Bewusstsein (bzw. als das Spiel
         der Gedankenwellen) bezeichnet.
           Während die reine Bewegung im Bewusstsein karma oder Tun ohne einen
III:97   unabhängigen Handelnden ist, so wird, sobald die Frucht dieser Handlung
         verfolgt wird, dies auch als karma, aber mit einem Handelnden, bezeichnet.
         Wenn das Bewusstsein in Verbindung mit etwas Gesehenem oder Ungesehe-
         nem die Wahrnehmung „Ich habe dies schon früher gesehen“ unterhält, wird
         es als Erinnerung bezeichnet. Wenn die Wirkungen vergangener Vergnügen
         im Feld des Bewusstseins verbleiben, obwohl die Wirkungen selbst nicht
         gesehen werden, dann wird dies als latente Neigungen (bzw. Potentialität)
         bezeichnet. Wenn es der Wahrheit bewusst ist, dass die Sichtweise der
         Getrenntheit das Ergebnis der Unwissenheit ist, wird es als Erkenntnis be-
         zeichnet. Wenn es sich andererseits in die falsche Richtung bewegt, in Rich-
         tung vermehrter Selbstvergessenheit und tieferer Involviertheit in täuschen-
         de Phantasien, dann wird es als Unreinheit bezeichnet. Wenn es das inne-
         wohnende Selbst mit Sinnesempfindungen unterhält, dann wird es als die



                                              136
Sinne (indriya) bezeichnet. Wenn es unmanifestiert im kosmischen Sein ver-
bleibt, wird es als Natur bezeichnet. Sobald es Verwirrung zwischen Wesen
und Erscheinungsform stiftet, wird es Māyā (Illusion) genannt. Sobald es
denkt „Ich bin gebunden“, ist da Gebundenheit; wenn es denkt „Ich bin frei“,
ist da Freiheit.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wenn das Licht des Bewusstseins von der festen Überzeugung der Existenz
des Gemüts verfinstert wird, dann ist dies in der Tat nichts als das Gemüt.
Dieses Gemüt verkörpert sich selbst als die verschiedenen Wesen – Men-
schen, Götter, Halbgötter und himmlische Wesen. Dann breitet es sich selbst
als die verschiedenen Formen des Verhaltens aus, wie auch als Städte, Dörfer
usw. Wenn dies die Wahrheit ist – welchen Sinn hat es dann, alle diese äuße-
ren Erscheinungsformen zu erforschen? Nur das Gemüt selbst ist der sinnvol-
le Forschungsgegenstand. Denn sobald wir die Natur des Gemüts erforschen,
können wir sämtliche erzeugten Objekte bzw. alle die Erscheinungsformen
als dessen Schöpfungen sehen. Nur das unendliche Bewusstsein wird nicht
durch das Gemüt erschaffen. Wenn das Gemüt tief erforscht wird, dann wird
es in sein Substrat absorbiert, und sobald es absorbiert ist, findet es die
höchste Seligkeit.
  Wenn daher das Gemüt aufgelöst ist, geschieht die Befreiung und es gibt
keinerlei Wiedergeburt mehr, denn es war das Gemüt allein, welches Geburt
und Tod für wahr hielt.
   (Vicāra, üblicherweise mit „Erforschen“ übersetzt, ist „unmittelbares Be-
obachten“.)
  RùMA fragte erneut:
  Bitte, oh Herr, wie konnte dies alles im reinen unendlichen Bewusstsein ge-
schehen? Wie war es dem Gemüt, welches anscheinend aus einer Mischung
von wirklich und unwirklich besteht, möglich, darin zu erscheinen?
  VASIåèHA erwiderte:
  Rāma, Raum ist dreifach, nämlich der unendliche Raum des ungeteilten
Bewusstseins, der endliche Raum des geteilten Bewusstseins und der physi-
sche Raum, in dem die materielle Welt existiert. Der unendliche Raum des
ungeteilten Bewusstseins (cid ákasa) existiert in allem (und zwar innen wie
außen) als der reine Zeuge von dem, was real und dem, was nur scheinbar ist.
Der endliche Raum des geteilten Bewusstseins (citta ākāśa) ist das, was die
Unterteilungen der Zeit erschafft, was alle Wesen durchdringt, und was für
das Wohlergehen aller Wesen sorgt. Der physische Raum ist das, in dem
sämtliche anderen Elemente (Luft usw.) existieren. Die beiden letzteren sind
nicht unabhängig vom ersteren, dem unendlichen Raum des ungeteilten
Bewusstseins. Tatsächlich existieren die anderen überhaupt nicht, und diese
Unterteilung des Bewusstseins in drei ist rein willkürlich – sie dient lediglich
zum Zweck der Unterweisung der Unwissenden. Der Erleuchtete weiß, dass
es nur eine einzige Wirklichkeit gibt – das unendliche Bewusstsein.


                                     137
Rāma, wenn das Bewusstsein denkt: „Ich bin intelligent“ oder „Ich bin leb-
         los“, dann ist dies das Gemüt. Es kommt von dieser falschen Wahrnehmung,
         dass alle die sonstigen physischen und psychologischen Faktoren imaginär
         erzeugt werden.

                                              ***


         Die Geschichte vom Großen Wald

III:98    VASIåèHA fuhr fort:
           Oh Rāma, was auch immer der Ursprung des Gemüts sei, und wie auch im-
         mer es beschaffen sei – stets sollte man es in Richtung der Befreiung durch
         Eigenbemühung lenken. Das reine Gemüt ist frei von latenten Neigungen und
         erlangt daher die Selbsterkenntnis. Da sich das gesamte Universum im Gemüt
         befindet, befindet sich die Vorstellung von Bindung und Befreiung ebenfalls
         in ihm. In diesem Zusammenhang mag die folgende Geschichte interessant
         sein, die ich vom Schöpfer Brahmā selbst gehört habe. Höre aufmerksam zu:
           Es gab einmal einen großen Wald, ein Wald von solcher Größe, dass darin
         eine Million Quadratmeilen nur wie der Raum innerhalb eines Atoms waren.
         Darin gab es nur einen einzigen Menschen, mit tausenden von Armen und
         Gliedern. Dieser war für immer zu Ruhe- und Rastlosigkeit verdammt. Er
         hatte eine Keule in der Hand, mit der er sich selbst schlug und, erschreckt von
         seinem eigenen Schlagen, voller Panik davonlief. Er fiel dann in einen toten
         Brunnen. Er kletterte aus demselben heraus, schlug sich selbst wieder und
         wieder, und rannte wieder panikerfüllt davon, diesmal in ein Gehölz. Er kam
         dort wieder heraus, schlug sich erneut und rannte erneut im Schrecken da-
         von, diesmal in einen Bananenhain. Obgleich es weit und breit kein anderes
         Wesen gab, vor dem er Angst hätte haben müssen, weinte und schrie er laut
         vor Furcht. So rannte er und schlug sich die ganze Zeit.
           Ich betrachtete dies eine Zeitlang und hielt ihn dann schließlich durch die
         Kraft meines Willens einen Moment lang zurück. Ich fragte ihn: „Wer bist du?“
         Jedoch war er so verzweifelt, dass er mich seinen Feind nannte, laut weinte
         und dann plötzlich wieder laut auflachte. Daraufhin begann er nach und nach,
         Glied für Glied, seinen Körper abzulegen.
           Gleich darauf, nachdem dies geschehen war, sah ich einen anderen wie den
         ersten herumlaufen, sich selbst schlagen und jammern. Als ich ihn auf ähnli-
         che Weise wie den ersten zurückzuhalten versuchte, beschimpfte er mich und
         lief davon – ohne nach rechts oder links zu schauen. Auf diese Weise begegne-
         ten mir mehrere dieser Personen. Einige hörten meinen Worten zu und gaben
         diese Art zu leben auf – sie wurden erleuchtet. Andere wiederum ignorierten
         oder verachteten mich sogar. Wieder andere weigerten sich strikt, aus ihrem
         toten Brunnen zu klettern oder die dichten Gehölze zu verlassen.


                                              138
Und so ist dieser riesige Wald, oh Rāma – niemand vermag darin einen si-
cheren Ruheplatz zu finden, wie sehr er auch immer danach sucht, und wie
viel verschiedene Lebensweisen er auch ausprobieren mag. Noch heute fin-
dest du in dieser Welt solche Leute, und auch du selbst hast dieses Leben der
Unwissenheit und Täuschung kennen gelernt. Weil du noch jung und unwis-
send bist, kannst du es nicht verstehen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, weder ist dieser riesige Wald weit entfernt noch befindet sich       III:99
diese verrückte Person in einem verrückten Land! Denn diese Welt selbst ist
dieser Wald. Sie ist nichts als eine große Leere – gesehen wird diese Leere
jedoch nur im Licht der Selbsterforschung. Das Licht der Selbsterforschung
ist das „Ich“ in der Geschichte. Akzeptiert wird diese Weisheit von einigen,
und von anderen zurückgewiesen, die dann weiterleiden. Diejenigen, die sie
akzeptieren, sind erleuchtet.
  Die Person mit den tausenden von Armen ist das Gemüt mit seinen zahllo-
sen Manifestationen. Dieses Gemüt bestraft sich selbst durch seine latenten
Neigungen und wandert ruhelos in dieser Welt umher. Der tote Brunnen in
der Geschichte ist die Hölle, und der Bananenhain der Himmel. Das dichte
Gehölz aus Dornenbüschen ist das Leben des weltlichen Menschen mit seinen
zahlreichen Dornen aus Frau, Kindern, Besitz usw. die ihn die ganze Zeit über
quälen. Einmal wandert das Gemüt in die Hölle, dann wieder in den Himmel,
und schließlich in die Welt der menschlichen Wesen.
  Sogar dann, wenn das Licht der Weisheit das Leben des irregeführten Ge-
müts beleuchtet, weist dieses die Weisheit törichterweise zurück und sieht
sie sogar noch als seinen Feind an. Dann jammert und heult es verzweifelt.
Manchmal erfährt es ein teilweises Erwachen und weist die Vergnügen dieser
Welt ohne klares Verstehen zurück. Und diese Art der Entsagung wird dann
zu einer weiteren Quelle von Kummer. Sobald jedoch eine Entsagung aus der
Fülle des Verstehens und aus der Weisheit der tiefgründigen Erforschung des
Gemüts hervorgeht, führt sie zur höchsten Seligkeit. Ein solches Gemüt be-
trachtet unter Umständen sogar seine eigenen, früheren Vorstellungen von
Vergnügen mit Verblüffung. So wie die Glieder der Person nach dem Ab-
schneiden wegfallen und verschwinden, so verschwinden auch die latenten
Neigungen der Person, die auf weise Art der Welt entsagt hat, aus dem Ge-
müt.
  Sieh nur dieses Spiel der Unwissenheit! Wie es macht, dass sich der Unvor-
sichtige aus eigenem, freien Willen verletzt, und wie es macht, dass man
wieder und wieder in sinnloser Panik umherrennt! Obgleich das Licht der
Selbsterkenntnis in jedem Herzen leuchtet, wandert man doch, getrieben von
den eigenen latenten Neigungen, in dieser Welt hin und her. Und das Gemüt
selbst verstärkt noch all diesen Kummer und stachelt einen an, sich dauernd
im Kreis zu drehen. Durch seine eigenen Launen und Wahnvorstellungen,
Gedanken und Hoffnungen, bindet es sich selbst. Wenn die Sorgen es heimsu-
chen, wird es verzweifelt und rastlos.


                                    139
Jemand, der die Weisheit erlangt, sie lange Zeit hindurch behütet hat und
          ausdauernd der Praxis der Erforschung nachgeht, erfährt keinerlei Kummer.
          Ein unkontrolliertes Gemüt ist die Quelle der Sorgen. Wird es dagegen tief-
          gründig verstanden, dann verschwindet das Leid wie Nebel in der Morgen-
          sonne.
            VASIåèHA fuhr fort:
III:100
            Das individualisierte Bewusstsein (das Gemüt) ist im Höchsten Sein aufge-
          taucht, oh Rāma – es ist gleichzeitig verschieden und nicht-verschieden vom
          unendlichen Bewusstsein, so wie eine Welle verschieden und nicht-
          verschieden vom Ozean ist. Für den Erleuchteten gibt es nur das absolute
          Brahman und sonst nichts. Für den Unerleuchteten ist das Gemüt die Quelle
          des Lebenszyklus (saæsāra). Wenn wir dualistische Konzepte verwenden, oh
          Rāma, so geschieht dies ausschließlich zur Erleichterung der Unterweisung,
          denn die Getrenntheit ist irreal.
            Das absolute Brahman ist allmächtig – es gibt nichts, was außerhalb von
          ihm ist. Es ist seine eigene Kraft oder Energie, die alle Dinge durchdringt. In
          den verkörperten Wesen ist es cit-śakti (die Macht des Bewusstseins oder des
          Geistes). Es ist die Bewegtheit der Luft, die Festigkeit der Erde, die Leere im
          Raum, und es ist die Macht des Selbstbewusstseins („Ich bin“) in den erschaf-
          fenen Wesen. All dies ist nichts anderes als die Macht des absoluten Brahman.
          Es ist die Macht der Auflösung, die Macht, die den Kummer im Beladenen und
          die Hochstimmung im Freudigen verursacht, es ist die Tapferkeit des Krie-
          gers, es ist die Macht, die die Schöpfung hervorbringt, und dieselbe Macht
          bewirkt wiederum die Auflösung des Universums.
            Der jīva ist der Verbindungspunkt von Bewusstsein und Materie. Weil er
          eine Widerspiegelung des absoluten Brahman ist, sagt man von ihm, dass er
          in Brahman sei. Sieh das gesamte Universum wie auch das „Ich“ als das abso-
          lute Brahman, denn das Selbst (welches Brahman ist) ist allgegenwärtig.
          Wenn dieses Selbst zu denken beginnt, wird es als Gemüt bezeichnet. Es ist
          nichts anderes als die Macht des absoluten Brahman, welche nicht verschie-
          den von Brahman ist. In diesem sind sämtliche willkürlichen Unterteilungen
          in „Ich“ und „dies“ nichts als scheinbar reale Reflektionen. Die einzige Realität
          des Gemüts ist Brahman allein.
            Hier und da, ab und zu manifestiert diese Macht Brahmans die eine oder
          andere seiner Kräfte. Jedoch alle diese Manifestationen sind nichts als die nur
          scheinbar reale Reflektion der Macht Brahmans – keine reale Schöpfung.
          Erschaffung, Umwandlung, Existenz und Zerstörung werden von Brahman in
          Brahman hervorgebracht – all dies ist nichts als Brahman. Die Werkzeuge von
          Handlung, Täter und Tat, Geburt, Tod und Existenz – all das ist nur Brahman.
          Nichts anderes ist – nicht einmal in der Vorstellung. Täuschung, Verlangen,
          Gier und Anhaftung sind inexistent – wie könnten sie existieren, wenn es
          keine Dualität gibt? Wenn Bindung inexistent ist, dann ist es natürlich auch
          die Befreiung.



                                                140
RùMA fragte: Heiliger Herr, du sagtest, dass das Gemüt materialisiert, wo-
          ran es denkt. Nun jedoch sagst du, dass Bindung gar nicht existiere! Wie kön-
          nen diese beiden Aussagen vereinbart werden?
            VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, das Gemüt stellt sich im Zustand der Un-
          wissenheit die Bindung nur vor. Die Bindung existiert nur in diesem Zustand
          der Unwissenheit. So wie Traumobjekte beim Erwachen des Träumers ver-
          schwinden, so existieren in den Augen des Erleuchteten all diese als Bindung
          und Befreiung bekannten Halluzinationen überhaupt nicht.



                                                ***



          Die Geschichte von den drei inexistenten Prinzen

           VASIåèHA fuhr fort:
III:101
            Die folgende interessante Legende illustriert dies. Höre gut zu. Ein kleiner
          Junge bat einmal sein Kindermädchen um eine Geschichte. Das Kindermäd-
          chen erzählte ihm die folgende Geschichte, der der Junge mit großer Auf-
          merksamkeit lauschte:
            Es gab einmal in einer Stadt, die nicht existierte, drei Prinzen, die sehr tap-
          fer und glücklich waren. Zwei von ihnen waren noch nicht geboren, und der
          dritte noch gar nicht gezeugt. Leider starben alle ihre Verwandten. Die Prin-
          zen verließen ihre Geburtsstadt, um irgendwo anders hinzugehen. Schon bald
          fielen sie wegen der großen Hitze in Ohnmacht. Ihre Füße wurden von hei-
          ßem Sand verbrannt. Die Spitzen der Grashalme stachen sie. Sie erreichten
          die Schatten von drei Bäumen, von denen zwei überhaupt nicht existierten,
          während der dritte noch nicht einmal gepflanzt war. Nachdem sie dort einige
          Zeit geruht und die Früchte dieser Bäume gegessen hatten, gingen sie weiter.
            Sie erreichten die Ufer dreier Flüsse, von denen zwei trocken und der dritte
          ohne Wasser war. Die Prinzen nahmen ein erfrischendes Bad und stillten
          ihren Durst. Dann erreichten sie eine riesige Stadt, die gerade erbaut werden
          sollte. Sie betraten sie und fanden darin drei Paläste von außerordentlicher
          Schönheit. Von diesen waren zwei noch nicht gebaut, und der dritte hatte
          keine Mauern. Sie betraten die Paläste und fanden drei goldene Teller vor.
          Zwei davon waren entzwei gebrochen, und der dritte war pulverisiert. Sie
          nahmen den einen, der pulverisiert war. Sie nahmen ferner 99 Gramm minus
          100 Gramm Reis und kochten ihn. Dann luden sie drei heilige Männer als ihre
          Gäste ein, von denen zwei keinen Körper und der dritte keinen Mund hatte.
          Nachdem diese heiligen Männer das Essen zu sich genommen hatten, aßen
          die drei Prinzen den Rest der gekochten Nahrung. So waren sie in sehr ange-
          nehmer Stimmung. In dieser Stadt lebten sie eine lange Zeit in Frieden und


                                                141
Freude. Mein Kind, dies ist eine besonders schöne Legende. Bitte denke im-
mer an sie, denn so wirst du zu einem gebildeten Mann heranwachsen.
  Oh Rāma, als der kleine Junge dies hörte, war er ganz begeistert.
  Was als die Schöpfung der Welt bezeichnet wird, ist nicht wirklicher als die-
se Geschichte. Diese Welt ist nichts als reine Halluzination. Sie ist wahrhaftig
nicht mehr als eine bloße Idee. Im unendlichen Bewusstsein tauchte irgend-
wann die Idee der Schöpfung auf – und so entstand dann diese Welt, wie sie
ist. Oh Rāma, diese Welt ist nichts als eine Idee – sämtliche Objekte des Be-
wusstseins in dieser Welt sind nur eine Idee. Weise diesen Makel der Ideen-
bildung von dir und sei frei von Ideen. Verbleibe fest verwurzelt in der Wahr-
heit und erlange den Frieden.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   III:102
   Nur ein Tor, aber nicht der weise Mensch, wird von seinen eigenen Ideen
irregeführt. Nur ein Tor denkt, dass das Unvergängliche vergänglich werden
kann, und so wird er getäuscht. Der Ich-Sinn ist nichts als eine Idee, die auf
der falschen Verknüpfung des Selbst mit physischen Elementen beruht. Wenn
in all diesem nur eines als das unendliche Bewusstsein existiert – wie kann
dann etwas wie der Ich-Sinn auftauchen? Tatsächlich existiert dieser Ich-Sinn
nicht anders als die Luftspiegelung in der Wüste. Gib daher, oh Rāma, deine
unvollkommene Sichtweise auf, die nicht auf Fakten basiert. Verbleibe in der
vollkommenen Sicht, die die Natur der Seligkeit hat und auf der Wahrheit
gründet.
   Erforsche die Natur der Wahrheit. Gib die Falschheit auf. Du bist immer frei
– weshalb nennst du dich selbst gebunden und trauerst? Das Selbst ist unend-
lich – weshalb, wie und durch wen sollte es gebunden sein? Im Selbst gibt es
keinerlei Getrenntheit, da dieses absolute Brahman alles ist, was es gibt. Was
heisst Bindung, und was heißt Befreiung? Nur im Zustand der Unwissenheit
denkst du, dass du leidest, obwohl du in Wahrheit unberührt vom Schmerz
bist. Diese Dinge existieren einfach nicht im Selbst.
   Lass den Körper fallen oder erstehen oder sogar in ein anderes Universum
wandern. Ich bin nicht auf diesen Körper beschränkt – wie kann ich dann von
all diesem berührt werden? Die Beziehung zwischen dem Körper und dem
Selbst ist wie die Beziehung zwischen einer Wolke und dem Wind, wie zwi-
schen dem Lotos und der Biene. Sobald die Wolke aufgelöst ist, wird der
Wind eins mit dem unendlichen Raum. Wenn der Lotos verblüht, fliegt die
Biene in den Himmel hinauf und davon. Das Selbst wird nicht zerstört, wenn
der Körper vergeht. Nicht einmal das Gemüt hört auf – es vergeht erst, wenn
es im Feuer der Selbsterkenntnis verbrannt wird.
   Der Tod ist nur die Verschleierung des immer gegenwärtigen Selbst durch
Zeit und Raum. Nur Toren fürchten den Tod.
   Gib deine latenten Neigungen auf dieselbe Weise auf, wie ein Vogel, der in
den Himmel fliegen will, seine Eierschale durchbricht. Geboren aus der Un-
wissenheit, sind diese Tendenzen schwer zu zerstören – sie geben Anlass zu


                                     142
endlosem Kummer. Es ist nur diese unwissende, sich selbst begrenzende
           Tendenz des Gemüts, die das Unendliche als das Endliche sieht. Die Erfor-
           schung der Natur des Selbst jedoch löst diese durch Unwissenheit hervorge-
           brachte selbst-begrenzende Tendenz auf wie die Sonne den Nebel auflöst.
           Nur der ernsthafte Wunsch, diese Erforschung zu unternehmen, kann einen
           Wandel hervorbringen. Askese und ähnliche Praktiken sind in dieser Hinsicht
           nutzlos.
             Wenn das Gemüt durch zunehmende Weisheit von seiner Vergangenheit
           gereinigt wird, gibt es seine früheren Tendenzen auf. Das Gemüt sucht das
           Selbst nur, um sich selbst darin aufzulösen. Das ist in Wahrheit die Natur des
           Gemüts. Darin besteht das höchste Ziel, Rāma – strebe danach.
             Als der Weise geendet hatte, ging ein weiterer Tag zur Neige.

                                               ***



           Die Geschichte von Lavaïa

            VASIåèHA fuhr fort:
III:103,
  104        Durch seine eigene Manifestation im unendlichen Bewusstsein hat sich das
           Gemüt aufgrund seiner eigenen Natur verzweigt und ausgebreitet. Aufgrund
           seiner Natur lässt es das Lange als kurz und umgekehrt erscheinen. Es lässt
           das Eigene als verschieden und umgekehrt erscheinen. Sogar ein winziges
           Ding vermag es durch Berührung ins Riesenhafte zu vergrößern und sich zu
           eigen zu machen. Während eines Augenblinzelns erschafft es zahllose Welten,
           und während eines Augenblinzelns zerstört es sie wieder. So wie ein ge-
           schickter Schauspieler verschiedene Rollen spielt, eine nach der anderen, so
           nimmt das Gemüt verschiedene Aspekte an, einen nach dem anderen. Es lässt
           das Unwirkliche als wirklich und umgekehrt erscheinen. Als Ergebnis davon
           erfährt man dann Leid oder Freude. Sogar das, was ihm auf natürliche Weise
           zufällt, ergreift es mit Händen und Füßen. Als Ergebnis dieses falschen Ge-
           fühls des persönlichen Besitzes erleidet es dann die Konsequenzen.
             Zeit, als die wechselnden Jahreszeiten bringt indirekt den Wandel in den
           Bäumen und Pflanzen hervor. Auf dieselbe Weise lässt das Gemüt die Dinge
           anders erscheinen, als sie sind, indem es seine Kräfte des Denkens und der
           Ideenbildung spielen lässt. Folglich stehen alle Dinge, sogar Zeit und Raum,
           unter der Kontrolle des Gemüts. In Abhängigkeit von seiner Aktivität oder
           Stumpfheit, und in Abhängigkeit von der Größe (klein oder groß) des erzeug-
           ten oder beeinflussten Objekts vermag das Gemüt alles geschehen zu lassen,
           was auch immer es früher oder später geschehen lassen will – es ist fähig,
           alles, was immer es auch sei, entstehen zu lassen.



                                               143
Bitte, oh Rāma, höre eine andere interessante Geschichte, die dies verdeut-
           licht.
              In einem Land mit dem Namen Uttarāpāndava, in dessen Wäldern Weise
           lebten und dessen Dörfer schön und wohlhabend waren, regierte ein König
           mit Namen Lavaïa, ein Abkömmling des berühmten Herrschers Hariścandra.
           Er war rechtschaffen, edel, ritterlich, wohltätig und in jeder Hinsicht ein wür-
           diger König. Seine Feinde waren alle besiegt – und ihre Nachfolger konnten
           nicht ohne Angst an ihn denken.
              Eines Tages kam dieser König zu seinen Hof und bestieg den Thron. Nach-
           dem seine Minister und alle anderen ihm den schuldigen Respekt erwiesen
           hatten, betrat ein Zauberkünstler den Hof und grüßte ihn. Er sagte zum Kö-
           nig: „Ich werde dir etwas Wunderbares zeigen!“ Und schon ließ er einen
           Strauß Pfauenfedern herumwirbeln. Daraufhin betrat ein Ritter den Hof, der
           ein herrliches Pferd mit sich führte. Er bat den König, dieses als ein Geschenk
           anzunehmen. Der Zauberkünstler forderte den König auf, das Pferd zu bestei-
           gen und nach Lust und Laune damit in der Welt umherzureiten. Der König
           betrachtete das herrliche Pferd.
              Nun schloss der König die Augen und saß bewegungslos da. Die ganze Ver-
           sammlung wurde völlig still. Am Hof herrschte absolute Stille, da niemand
           den Frieden des Königs zu stören wagte.
              VASIåèHA fuhr fort:
III:105,
  106        Rāma, nach einiger Zeit nun öffnete der König wieder die Augen und be-
           gann, wie vor Furcht zu zittern. Weil er zu stürzen drohte, eilten die Minister
           zu ihm, um ihn zu stützen. Erschreckt von ihrem Anblick sprach der König:
           „Wer seid ihr, und was tut ihr mit mir?“ Die beunruhigten Minister erwiderten
           ihm: „Herr, du bist ein mächtiger König voll Weisheit, und doch konnte dich
           diese Täuschung überwältigen. Was ist mit deinem Gemüt geschehen? Nur
           diejenigen, die an den bedeutungslosen Objekten dieser Welt und den fal-
           schen Beziehungen zu Frauen, Kindern usw. hängen, sind den mentalen Abir-
           rungen unterworfen, jedoch nicht jemand wie du – hingegeben an das Höchs-
           te. Außerdem ist nur derjenige, der nicht die Weisheit kultiviert hat, nachtei-
           lig von Zaubersprüchen, Drogen usw. betroffen, nicht jedoch derjenige, des-
           sen Gemüt voll entwickelt ist.“
             Als er dies vernahm, gewann der König seine frühere Haltung zurück, ob-
           wohl er den Zauberkünstler immer noch zitternd vor Furcht betrachtete. Er
           sprach zu ihm: „Oh du Zauberer, was hast du mit mir getan? Du hast ein Netz
           der Täuschung über mich geworfen. Wahrhaftig werden sogar die Weisen von
           Maya’s Zauberkunststücken überwältigt – so wie ich, obgleich in diesem
           Körper, innerhalb eines Augenblicks wundersame Halluzinationen erlebt
           habe.“ Der König wandte sich an die Mitglieder des Hofes und begann von den
           Erfahrungen der vergangenen Stunde zu berichten:
             „Sobald ich diesen Zauberer sah, der diesen Strauß Pfauenfedern herum-
           wirbelte, schwang ich mich auf das Pferd, das vor mir stand, und erfuhr eine


                                                144
leichte mentale Täuschung. Nun ging ich auf eine Jagdexpedition. Das Pferd
brachte mich ein eine trostlose Wüste, in der niemand lebte, nichts wuchs, wo
es kein Wasser gab und wo es bitterkalt war. Ich durchlebte große Qualen.
Dort verbrachte ich den ganzen Tag. Später ritt ich dann auf dem Pferd weiter,
durchquerte die Wüste und betrat eine andere, die weniger öde war. Ich ruhte
unter einem Baum. Das Pferd lief davon. Ich ruhte mich eine Weile aus, bis die
Sonne unterging. Voll Angst versteckte ich mich in den Büschen. Die Nacht
dauerte länger als eine Ewigkeit.
  Der Tag brach an. Die Sonne ging auf. Etwas später sah ich ein dunkelhäuti-
ges Mädchen in schwarzen Kleidern, das einen Teller mit Essen in der Hand
trug. Ich näherte mich ihr und bettelte sie um Essen an. Ich war sehr hungrig.
Sie beachtete mich nicht – ich verfolgte sie. Schließlich sagte sie: „Ich gebe dir
Essen, wenn du mir versprichst, mich zu heiraten.“ Ich versprach es, denn das
Überleben war jetzt mein erstes und wichtigstes Ziel. Sie gab mir zu essen
und stellte mich später ihrem Vater vor, der noch schrecklicher als sie anzu-
schauen war. Schon bald gelangten wir drei in das Dorf der beiden, welches
von Blut und Fleisch schwamm. Ich wurde allen als der Gemahl dieses Mäd-
chens vorgestellt. Ich wurde von allen mit großem Respekt behandelt. Sie
unterhielten mich mit verschiedenen, unangenehmen Geschichten, die nichts
als eine Quelle des Schmerzes waren. Dann gab es eine teuflische Zeremonie,
in deren Verlauf ich mit dem Mädchen verheiratet wurde.“
  DER KÖNIG fuhrt fort:
  Bald danach wurde ich ein Mitglied des primitiven Stammes. Meine Frau
gebar eine Tochter – Quelle noch weiteren Unglücks für mich. Im Laufe der
Zeit kamen noch drei weitere Kinder. So wurde ich in diesem Stamm zum                III:107,
                                                                                       108
Familienvater. Ich verbrachte dort viele Jahre (zusammen mit ihm) und erlitt
die Qualen eines Familienmannes mit Frau und Kindern, die ernährt und
beschützt werden mussten. Ich schlug Feuerholz und musste oft zur Nacht-
zeit unter einem Baum schlafen. Wenn es kälter wurde, suchte ich Schutz in
den Büschen, um es wärmer zu haben. Meine Hauptnahrung war Schweine-
fleisch.
  Die Zeit schritt voran und ich wurde alt. Ich begann mit Fleisch zu handeln.
Ich brachte das Fleisch zu den Dörfern auf den Vindhya-Bergen und verkaufte
das meiste dort. Was ich nicht zu einem angemessenen Gewinn verkaufen
konnte, schnitt ich in kleine Stückchen, die ich an einem schmierigen, ver-
schmutzen Ort trocknete. Oft genug musste ich mit anderen im Stamm um ein
kleines Stückchen Fleisch kämpfen, wenn der Hunger mich quälte und ich
essen wollte. Mein Körper war in der Zwischenzeit schwarz wie Ruß gewor-
den.
  Auf diese Weise in sündige Tätigkeiten verstrickt, neigte sich auch mein
Gemüt mehr und mehr in Richtung der Sünde. Meine früheren guten Gedan-
ken und Gefühle hatten mich verlassen. Mein Herz hatte sämtliches Mitgefühl
verloren – so wie eine Schlange ihre Haut abwirft. Mit Hilfe von Netzen und



                                      145
anderen Fallen und Waffen fügte ich den Vögeln und Tieren unsägliches Leid
          zu.
            Nur in ein Lendentuch gekleidet, ertrug ich alle Unbilden des Wetters. So
          verbrachte ich sieben Jahre. Gebunden durch die Stricke der bösen Neigungen
          lebte ich wild vor Wut und schlimme Worte gebrauchend, gebadet in Unglück
          und verrottete Nahrung essend. So verbrachte ich an diesem Ort eine lange,
          lange Zeit. Ich trieb wie in trockenes Blatt im Wind umher, und meine einzige
          Lebensaufgabe war das Essen.
            Dann kam eine Dürre über das Land. Die Luft war so heiß, dass ihre Winde
          Feuerzungen entsandten. Der Wald fing Feuer – und nur Asche blieb von ihm
          übrig. Die Menschen starben an Hunger. Sie verfolgten Luftspiegelungen, in
          dem Irrtum, da sei Wasser. Sie hielten Kiesel für Fleischbällchen und began-
          nen sie zu kauen.
            Einige unter ihnen begann sogar Leichen zu fressen. Während sie ihren
          kannibalischen Neigungen nachgingen, kauten sie sogar auf ihren Fingern
          herum, die vom Blut dieser toten Körper besudelt waren. So weit war es mit
          ihnen in ihrem Hungerwahn gekommen.
            Was einmal ein blühender Wald war, wurde in ein riesiges Krematorium
          verwandelt. Was einst ein freudeerfülltes Land war, war nun ein grauenhafter
          Ort, in dem die Todesschreie der Sterbenden widerhallten.
            (Hinweis: Diese beiden Kapitel sind voll von passenden graphischen Dar-
          stellungen.)
            DER KÖNIG fuhrt fort:
III:109
            Vom Hungertod bedroht, verließen viele Menschen das Land und wander-
          ten in andere Gegenden. Andere wiederum, die sehr an ihren Frauen und
          Kindern hingen, kamen in diesem Land um. Viele wurden von wilden Tieren
          getötet.
            Auch ich verließ zusammen mit meiner Frau und den Kindern das Land. An
          der Grenze des Landes lockte mich der kühle Schatten eines Baumes. Ich legte
          die kleinen Kinder, die ich auf den Schultern trug, nieder, und ruhte unter
          diesem Baum eine lange Zeit aus.
            Das jüngste meiner Kinder war noch ganz klein und unschuldig und war
          mir daher am liebsten. Mit Tränen in den Augen verlangte es nach Essen.
          Obwohl ich ihm schon gesagt hatte, dass es kein Fleisch mehr zu essen gab,
          bestand es in seiner kindlichen Unschuld auf seinem Verlangen, unfähig, den
          Hunger zu ertragen. Verzweifelt sagte ich ihm: „Nun gut, dann iss eben mein
          Fleisch!“ Das unschuldige Kind sagte ohne nachzudenken: „Dann gib es mir.“
            Ich war von Liebe und Mitleid bewegt. Ich sah, wie das Kind nicht länger die
          Schmerzen des Hungers zu ertragen vermochte. Daher beschloss ich, dass der
          beste Weg, all dieses Elend zu beenden, die Beendigung meines Lebens sei.
          Mit in der Nähe zusammengesuchtem Holz errichtete ich einen Scheiterhau-
          fen. Und als ich dann den Scheiterhaufen bestieg, schauderte ich – und in



                                              146
demselben Moment befand ich mich an diesem Hof – begrüßt und umjubelt
          von euch allen.“
            (Als der König diese Worte gesprochen hatte, verschwand der Zauberkünst-
          ler.)
            Die MINISTER sprachen:
            O König, dies kann kein Zauberkünstler gewesen sein, weil er nicht an einer
          Belohnung, an Geld, interessiert gewesen ist. Ganz sicher war dies ein göttli-
          ches Wesen, das dir und uns allen die Macht der kosmischen Illusion zeigen
          wollte. Aus all dem ist klar geworden, dass diese Welterscheinung nichts
          anderes als das Spiel des Gemüts ist –das Gemüt selbst ist das Spielzeug des
          allmächtigen, unendlichen Seins. Dieses Gemüt ist fähig, sogar einen Mann
          von großer Weisheit an der Nase herumzuführen. Wo ist der König, der in
          allen Wissensgebieten bewandert war, und wo ist diese so verblüffende Illu-
          sion?
            Ganz gewiss ist dies nicht der Trick eines Taschenspielers – denn ein Zau-
          berer arbeitet für materiellen Gewinn. Es war nichts als die Macht der Illusi-
          on. Daher verschwand der Zauberer, ohne eine Belohnung zu verlangen.
            VASIåèHA sprach:
            Rāma, ich selbst befand mich zu jener Zeit an diesem Hof und weiß daher
          alles aus erster Hand. Auf diese Weise vermag das Gemüt die wahre Natur des
          Selbst zu verhüllen und eine illusorische Realität mit zahlreichen Bäumen,
          Blumen und Früchten zu erschaffen. Zerstöre diese Illusion mit Hilfe der
          Weisheit und ruhe im Frieden.
            VASIåèHA fuhr fort:
III:110
            Ganz zu Beginn entstand eine Trennung im Höchsten Sein bzw. unendlichen
          Bewusstsein, und das Unendliche wurde scheinbar gleichzeitig zum Beobach-
          ter und Beobachteten. Als dieser Beobachter das Beobachtete zu begreifen
          und zu verstehen versuchte, gab es eine Vermischung (von Realität und Er-
          scheinung) oder eine Verwirrung. Aufgrund dieser Verwirrung entstand im
          unendlichen Bewusstsein das Konzept der Endlichkeit.
            Das endliche Gemüt erschafft sodann in sich zahllose Ideen, die es schwä-
          chen und verschleiern und die Sorgen herbeischaffen, die dann vom Gemüt
          wiederum stark vergrößert werden. Diese Ideen und Erfahrungen hinterlas-
          sen Spuren im Gemüt. Sie bilden die Eindrücke oder die konditionierten
          Tendenzen, die zum allergrößten Teil latent oder schlafend sind. Wenn das
          Gemüt es jedoch schafft, sie wieder loszuwerden, verschwinden die Schleier
          wie Nebel im Sonnenaufgang – und damit auch all diese Sorgen. Bis dahin
          spielt das Gemüt mit all diesen– wie kleine Kinder mit Küken spielen und sie
          quälen.
            Das unreine Gemüt sieht dort ein Gespenst, wo nur ein Pfahl ist. Es vergiftet
          die Beziehungen unter den Menschen, indem es Verdächtigungen unter
          Freunden sät und Feinde aus ihnen macht – so wie ein Betrunkener glaubt,



                                               147
dass sich die Welt um ihn dreht. Ein zerquältes Gemüt verwandelt Nahrung in
Gift und verursacht Krankheit und Tod.
  Das unreine (mit Tendenzen beladene) Gemüt ist die Ursache der Täu-
schungen (der Manien und Phobien). Man soll danach streben, sie zu entwur-
zeln und abzutun. Was ist denn der Mensch anderes als das Gemüt? Der Kör-
per selbst ist leblos und fühlt nichts. Man kann aber nicht sagen, dass das
Gemüt leblos sei, obschon man andererseits auch nicht behaupten könnte, es
sei fühlend. Was vom Gemüt getan wird, ist Tätigkeit – was vom Gemüt aufge-
geben wird, ist Entsagung.
  Das Gemüt ist diese ganze Welt; das Gemüt ist die Atmosphäre, das Gemüt
ist der Himmel, das Gemüt ist die Erde, das Gemüt ist der Wind, und das
Gemüt ist wahrhaftig groß. Nur derjenige, dessen Gemüt töricht ist, wird ein
Tor genannt. Wenn der Körper jedoch die Vernunft verliert (wie z. B. im To-
de), dann sagt man vom Körper nicht, dass er töricht sei!
  Das Gemüt sieht – so bilden sich die Augen. Das Gemüt hört– so entstehen
die Ohren. Und so ist es auch mit den anderen Sinnen – es ist das Gemüt, das
sie erschafft.
  Das Gemüt entscheidet darüber, was süß oder sauer ist, wer Freund oder
Feind ist. Das Gemüt entscheidet über die Dauer der Zeit, denn der König
Lavaïa erfuhr in weniger als einer Stunde eine ganze Lebenszeit. Das Gemüt
befindet darüber, was Himmel und Hölle ist. Wenn daher dieses Gemüt ge-
meistert wird, dann ist alles, einschließlich der Sinne, gemeistert.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Was ist wohl mysteriöser, Rāma, als dieses Gemüt, welches fähig ist, das all-
gegenwärtige, reine, ewigliche und unendliche Bewusstsein zu verdunkeln
und dich dazu bringt, dich selbst mit diesem leblosen physischen Körper zu
identifizieren? Das Gemüt selbst erscheint wie Wind im bewegten Element,
wie Glanz im Glänzenden, wie Festigkeit in der Erde und Leere im Raum.
  Wenn das Gemüt abwesend ist, wird der Geschmack des gegessenen Essens
nicht wirklich erfahren. Wenn das Gemüt abwesend ist, sieht man nicht ein-
mal das, was sich direkt vor einem befindet. Die Sinne sind aus dem Gemüt
entstanden und nicht anders herum.
  Nur Narren halten Körper und Gemüt für völlig verschieden – tatsächlich
sind sie nicht verschieden, sie sind nichts anderes als das Gemüt. Wir vernei-
gen uns vor den Weisen, die diese Wahrheit wahrhaftig verwirklicht haben!
  Der Weise, der dies verwirklicht hat, kommt nicht aus der Ruhe, auch wenn
sein Körper von einer Frau umarmt wird. Für ihn ist dies, als ob ein Stück
Holz mit dem Körper in Kontakt kommen würde. Auch wenn seine Arme
abgeschnitten werden, erfährt er dies nicht als wirklich. Er ist fähig, sämtli-
ches Leid in Seligkeit zu verwandeln.
  Wenn das Gemüt abwesend ist, selbst bei einer sehr interessanten Ge-
schichte, dann hörst du überhaupt nichts.



                                     148
So wie ein Schauspieler sich die Charaktere von verschiedenen Persönlich-
          keiten vorzustellen vermag, so ist das Gemüt in der Lage, verschiedene Be-
          wusstseinszustände wie Wachen oder Träumen zu erschaffen. Wie rätselhaft
          ist doch das Gemüt, welches den König Lavaïa fühlen ließ, dass er ein primi-
          tiver Stammesangehöriger sei! Das Gemüt erfährt, was es sich selbst konstru-
          iert. Das Gemüt ist nichts anderes als das, was durch Denken zusammenge-
          setzt wird. Wisse dies, und dann handle, wie es dir gefällt.
            Es ist in der Tat das Gemüt, das aufgrund von ständigem Denken glaubt,
          dass es geboren sei und dann stürbe. Und obwohl es keinerlei Form hat,
          denkt es, dass es ein jīva mit einem Körper usw. sei. Nur aufgrund der Gedan-
          ken nimmt es eine Nationalität an und erfreut oder erleidet Vergnügen oder
          Schmerzen. All dieses ist im Gemüt enthalten wie Öl in einem Samen.
            Wer seinem Gemüt nicht erlaubt, in den Objekten des Vergnügens umher-
          zuwandern, ist in der Lage, es zu meistern. So wie jemand, der an einen Pfei-
          ler gefesselt ist, sich nicht bewegen kann, so entfernt sich das Gemüt des
          edlen Mannes nicht von der Wirklichkeit – dieser allein ist ein menschliches
          Wesen; alle anderen sind nur Würmer. Er erlangt das Höchste Sein durch
          beständige Meditation.
            VASIåèHA fuhr fort:
III:111
            Der Sieg über diesen als Gemüt bekannten Kobold wird erlangt, wenn man
          durch Eigenbemühung die Selbsterkenntnis erlangt und das Verlangen nach
          dem aufgibt, was sich das Gemüt als sein Vergnügen wünscht. Erreicht wer-
          den kann dies auf einfache Weise ohne alle Bemühung (so leicht, wie man die
          Aufmerksamkeit eines Kindes ablenken kann) durch die Kultivierung der
          richtigen Einstellung. Schande über den, der unfähig ist, sein Verlangen auf-
          zugeben, denn das ist das einzige Mittel zum Erreichen des wahrhaftig Guten.
          Durch intensive Eigenbemühung ist es möglich, über das Gemüt zu trium-
          phieren. Und dann wird das individualisierte Bewusstsein ohne die kleinste
          Mühe in das unendliche Bewusstsein absorbiert, sobald seine Individualität
          gebrochen ist. Dies ist einfach und wird sehr schnell erreicht. Wer dazu nicht
          fähig ist, ist in der Tat ein Geier in menschlicher Gestalt.
            Einen anderen Weg zur Erlösung des Menschen als den der Kontrolle des
          Gemüts, womit die entschlossene Aufgabe des Verlangens gemeint ist, gibt es
          nicht. Fasse den festen Entschluss, dieses Gemüt sozusagen zu töten, was
          ohne Zweifel leicht erreicht werden kann. Wenn einer das Verlangen des
          Gemüts nicht aufgegeben hat, dann sind sämtliche Anweisungen der Lehrer,
          das Studium der Schriften, die Rezitation von Mantras usw. so wertlos wie
          Stroh! Nur wenn einer die Wurzel des Gemüts mit der Waffe des Nicht-
          Konzeptualisierens durchtrennt, kann er das absolute Brahman erlangen,
          welches allgegenwärtiger höchster Friede ist. Die Konzeptualisierung oder
          Einbildung ist die Quelle von Irrtum und Leid; und man kann sie leicht durch
          Selbsterkenntnis los werden. Wenn man sie los geworden ist, dann ist da
          großer Friede. Weshalb finden die Menschen dies so schwierig?



                                              149
Gib deinen blinden Glauben auf an das Schicksal oder die Götter, der von
          verrückten und dummen Menschen geschaffen worden ist. Mache durch
          Eigenbemühung und Selbsterkenntnis das Gemüt gemütlos. Lass das unendli-
          che Bewusstsein sozusagen dieses endliche Gemüt verschlucken, und dann
          gehe jenseits von allem. Sobald dein Geist mit dem Höchsten vereint ist, halte
          an dem Selbst fest, welches unvergänglich ist.
            Sobald das Gemüt einmal durch vollständige Ruhe erobert worden ist, wirst
          du sogar die Eroberung der drei Welten als wertlos befinden. Hierfür ist
          keinerlei Studium der Schriften oder ein Niederfallen und Wiederaufstehen
          nötig – nur Selbsterkenntnis wird benötigt. Weshalb hältst du dies für
          schwierig? Wenn jemand dies schwierig findet – wie kann er dann in dieser
          Welt leben ohne Selbsterkenntnis?
            Wer die todlose Natur des Selbst kennt, fürchtet sich nicht vor dem Tod.
          Auch ist er nicht berührt durch die Trennung von Freunden und Verwandten.
          Die Gefühle „Dies bin ich" und "Dies ist mein" sind das Gemüt – sobald sie
          nicht mehr da sind, hört das Gemüt auf zu sein. Dann wird man furchtlos.
          Waffen wie Schwerter erzeugen Furcht – diese Waffe (Weisheit) jedoch, die
          den Ich-Sinn zerstört, erzeugt Furchtlosigkeit.
            VASIåèHA fuhr fort:
            Auf welches Objekt das Gemüt auch immer den Strom seiner Energien rich-
III:112   tet – darin sieht es die Erfüllung all seines Verlangens. Die Ursache dieser
          Bewegung in eine bestimmte Richtung ist nicht offensichtlich. Wie die Wellen
          auf dem Ozean erscheint solch intensive Bewegung einmal hier und dann
          dort, sie entsteht und vergeht. Wie Kühle jedoch untrennbar vom Eis ist, so ist
          diese rastlose Bewegung untrennbar vom Gemüt.
            RùMA fragte:
            Wie aber, heiliger Herr, kann diese ruhelose Bewegung des Gemüts mit
          Kraftaufwand zurückgehalten werden, ohne dadurch noch größere Rastlosig-
          keit auszulösen?
            VASIåèHA sprach:
            Ganz gewiss gibt es kein Gemüt ohne Rastlosigkeit, denn Rastlosigkeit ist
          die eigentliche Natur des Gemüts. Es ist das Werk dieser Rastlosigkeit des
          Gemüts, welches auf dem unendlichen Bewusstsein gründet, das als diese
          Welt erscheint, oh Rāma – eben darin besteht die Macht des Gemüts. Wird
          das Gemüt jedoch seiner Rastlosigkeit beraubt, dann bezeichnet man es als
          ein totes Gemüt, und dies ist nichts anderes als Entsagung (tapas) und gleich-
          zeitig die wahrheitsgemäße Bestätigung der Schriften und die Befreiung.
            Wenn das Gemüt auf diese Weise im unendlichen Bewusstsein absorbiert
          ist, dann herrscht höchster Friede. Ist das Gemüt jedoch in Gedanken invol-
          viert, dann ist da großes Leid. Die Ruhelosigkeit des Gemüts selbst nennt man
          Unwissenheit oder Finsternis. Sie ist der Wohnort der Tendenzen, der Nei-
          gungen und der Konditionierung. Zerstöre dies durch die Erforschung und



                                               150
durch die feste Entscheidung, nicht an die Objekte der Sinnesvergnügen zu
          denken.
            Oh Rāma, das Gemüt schwingt ständig wie ein Pendel zwischen der Realität
          und der Erscheinungswelt hin und her, zwischen Bewusstheit und Trägheit.
          Sobald das Gemüt die trägen Objekte eine Zeitlang betrachtet hat, übernimmt
          es selbst die Eigenschaften dieser Trägheit. Wenn sich dasselbe Gemüt dage-
          gen der Erforschung und Weisheit hingibt, schüttelt es dadurch alle Konditio-
          nierung ab und kehrt zu seinem ursprünglichen Zustand als reines Bewusst-
          sein zurück. Das Gemüt nimmt die Gestalt des Dinges an, über welches es
          nachsinnt – ob dieses nun natürlich oder durch Kultivierung entstanden sei.
          Kontempliere daher mit Entschlossenheit den Zustand jenseits des Leides,
          frei von allen Zweifeln. Das Gemüt ist fähig, sich selbst zu beherrschen. Einen
          anderen Weg gibt es in der Tat nicht.
            Die Weisen beseitigen die Manifestationen der latenten Tendenzen oder
          Konditionierungen (die nichts als das Gemüt sind) aus ihrem Gemüt, wann
          und wo sie auftauchen, und so wird die Unwissenheit beseitigt. Zerstöre als
          erstes die mentale Konditionierung durch Aufgeben der Begierden, und dann
          entferne aus deinem Gemüt sogar die Konzepte von Bindung und Befreiung.
          Sei vollkommen frei von jeglicher Konditionierung.
            VASIåèHA fuhr fort:
III:113
            Die psychologischen Neigungen (bzw. die mentale Disponiertheit oder
          Konditionierung) sind unwirklich und erscheinen doch im Gemüt. Sie kann
          daher mit der Wahrnehmung zweier Monde verglichen werden, wie sie bei
          einer fehlsichtigen Person auftritt. Diese Neigung sollte folglich als schiere
          Täuschung verworfen werden. Das Produkt der Unwissenheit ist nur für die
          unwissende Person wirklich – für den Weisen ist dies nur eine verbale Aus-
          drucksweise (als würde man vom Sohn einer unfruchtbaren Frau sprechen).
          Verbleibe nicht länger in der Unwissenheit, oh Rāma, sondern strebe danach,
          weise zu sein, indem du die mentale Konditionierung verwirfst, so wie du die
          Idee eines zweiten Mondes verwirfst.
            Du bist nicht der Täter irgendeiner Tätigkeit hier, oh Rāma – weshalb gehst
          du dann von einer Täterschaft aus? Wenn Eines allein existiert – wer tut dann
          was und wie? Werde auch nicht inaktiv, denn für was sollte die Untätigkeit
          gut sein? Was getan werden muss, muss getan werden. Ruhe im Selbst. Wenn
          du unberührt von allen diesen Tätigkeiten bleibst, dann bist du wahrhaftig
          der Nicht-Täter, auch wenn du sämtliche für dich natürlichen Dinge tust. Du
          wirst jedoch zum Täter, sobald du nichts tust und dann dieser Nicht-
          Täterschaft anhängst, indem du glaubst, nichts zu tun! Wenn doch diese gan-
          ze Welt wie ein Taschenspielertrick ist – was muss dann aufgegeben und was
          gesucht werden?
            Der Same dieser Welterscheinung ist die Unwissenheit. Wenn diese nicht
          als das gesehen wird, was sie ist, dann erhält sie das Siegel der Wahrheit! Die
          Macht, die diese Welterscheinung erschafft und sie in Bewegung hält wie der
          Töpfer seine Töpferscheibe, ist die psychologische Tendenz (oder die mentale


                                               151
Konditionierung). Wie ein Bambus ist sie leer und ohne jede Substanz. Wie
die Wellen im Ozean stirbt sie nicht einmal dann, wenn sie zerteilt wird. Sie
kann nicht erfasst werden. Sie ist subtil und flüchtig, aber sie hat die Kraft
eines Schwertes. Obwohl sie in ihrer eigenen Widerspiegelung als ihre Wir-
kung wahrgenommen wird, ist sie bei der Suche nach der Wahrheit nicht von
Nutzen. Wegen dieser Konditionierung werden in den Objekten dieser Schöp-
fung Unterschiede gesehen.
  Obwohl man diese Konditionierung nicht irgendwo festlegen kann, wird sie
doch überall gesehen. Sie ist keine Manifestation der Vernunft, aber weil sie
auf der Intelligenz basiert, hat sie den Anschein von Intelligenz. Obgleich sie
sich stets verändert, erzeugt sie in einem die Illusion der Dauerhaftigkeit.
Aufgrund ihrer Nähe zum unendlichen Bewusstsein erscheint sie als tätig.
Wenn dieses unendliche Bewusstsein realisiert wird, dann gelangt sie (die
Konditionierung) an ihr Ende.
  Diese mentale Konditionierung stirbt, wenn sie nicht weiter durch die An-
haftung an Objekte genährt wird. Sie verbleibt jedoch auch in der Abwesen-
heit dieser Anhaftung als Potentialität bestehen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung wird vom Menschen oh-
ne Anstrengung erworben und übernommen und scheint Vergnügen zu för-
dern. In Wahrheit jedoch bereitet sie Leiden. Die Illusion des Vergnügens
entsteht nur durch die völlige Verdunkelung der Selbsterkenntnis. So liess sie
König Lavaïa einen Zeitraum von weniger als einer Stunde wie mehrere
Jahre erleben.
  Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung ist machtlos, irgend et-
was zu tun, und doch scheint sie äußerst aktiv zu sein – auf dieselbe Weise,
wie ein Spiegel das Licht einer Lampe reflektiert. So wie ein lebensechtes
Bildnis einer Frau niemals die Pflichten einer lebendigen Frau übernehmen
kann, so ist auch diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung unfähig,
selber zu funktionieren, obschon es aussieht, als wäre sie dazu fähig. Den
Weisen vermag sie nicht zu täuschen, sehr wohl aber den Dummen zu über-
wältigen – so einfach, wie eine Luftspiegelung ein Tier, aber nicht einen intel-
ligenten Menschen, zu täuschen vermag.
  Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung besitzt nur eine momen-
tane Existenz. Weil sie jedoch fortwährend tätig zu sein scheint, erweckt sie
wie ein Fluss den Anschein von Dauerhaftigkeit. Weil sie die Realität zu ver-
dunkeln vermag, erscheint sie als real. Wenn du sie aber zu begreifen ver-
suchst, entdeckst du, dass sie nichts ist. Und doch erlangt sie aufgrund dieser
Eigenschaften in der Welterscheinung eine Stärke und Überzeugungskraft so,
wie eine einzelne Faser durch Eindrehen in ein Seil große Festigkeit erlangt.
Es sieht so aus, als würde diese Konditionierung wachsen – aber tatsächlich
geschieht dies nicht. Denn wenn du nach ihr zu greifen versuchst, verschwin-
det sie wie die Spitze einer Flamme. Und doch – so wie der farblose Himmel



                                     152
blau erscheint, so hat auch diese Konditionierung den Anschein einer wirkli-
chen Existenz! Sie entsteht wie der zweite Mond beim Fehlsichtigen und
existiert wie die Traumobjekte. Sie erzeugt Verwirrung, so wie sich für Men-
schen, die in einem Boot fahren, das Ufer zu bewegen scheint. Sobald sie aktiv
wird, erzeugt sie die Täuschung des langen, langen Traums der Welterschei-
nung. Sie pervertiert die Freundschaften und Erfahrungen. Es ist diese Un-
wissenheit oder mentale Konditionierung, die verantwortlich ist für die
Schaffung und Wahrnehmung der Dualität, für die Getrenntheit und die nach-
folgende Verwirrung der Wahrnehmung und Erfahrung.
  Sobald diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung gemeistert ist,
indem man sich ihrer Irrealität bewusst wird, hört das Gemüt auf zu sein – so
wie der Fluss austrocknet, wenn das Wasser aufhört zu fließen.
  RùMA fragte:
  Andererseits, heiliger Herr, scheint der in einer Luftspiegelung wahrge-
nommene Fluss kein Ende zu haben. Wie erstaunlich ist es doch, dass diese
Unwissenheit die ganze Welt hat erblinden lassen! Diese Unwissenheit oder
mentale Konditionierung gedeiht durch die Zwillingskräfte von Verlangen
und Hass. Bitte sage mir, wie kann ich sicherstellen, dass diese Unwissenheit
oder mentale Konditionierung überhaupt nicht mehr auftaucht!
Und heiliger Herr, teile mir bitte außerdem mit, auf welche Weise diese
schreckliche Finsternis der Unwissenheit verschwindet.
                                                                                   III:114
  VASIåèHA sprach:
  Oh Rāma, so wie die Dunkelheit beim Auftauchen des Lichts verschwindet,
so verschwindet die Unwissenheit, sobald du dich dem Licht des Selbst zu-
wendest.
  So lange es kein natürliches Verlangen nach Selbsterkenntnis gibt, so lange
beschwört diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung den endlosen
Strom der Welterscheinung herauf.
  So wie ein Schatten verschwindet, wenn er das Licht zu sehen wünscht, so
wird diese Unwissenheit vernichtet, wenn man sich der Selbsterkenntnis
zuwendet. Rāma, das Verlangen selbst ist diese Unwissenheit oder mentale
Konditionierung, und die Beendigung des Verlangens ist die Befreiung Dies
geschieht, wenn es keinerlei Bewegung von Gedanken mehr im Gemüt gibt.
  RùMA fragte:
  Oh Weiser, du sagtest, dass da Selbsterkenntnis sei, sobald die Unwissenheit
aufhört zu sein. Was ist das Selbst (ātman)?
  VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, von Brahmā dem Schöpfer bis hinunter zum Grashalm ist all dies
nichts anderes als das Selbst – die Unwissenheit ist nichts als eine inexistente
Irrealität. Es gibt hier kein zweites Ding, das man das Gemüt nennen könnte.
In diesem Selbst treibt dieser Schleier der Verdunkelung herum (der auch das
Selbst ist) und erzeugt die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt. Es ist


                                     153
das unendliche Bewusstsein selbst, welches dann als das Gemüt bezeichnet
wird. Dieser Schleier ist nur eine Idee, eine Absicht oder ein Gedanke in eben
diesem unendlichen Bewusstsein. Das Gemüt ist aus dieser Idee oder diesem
Gedanken heraus entstanden, und es muss auf dieselbe Weise mit der Unter-
stützung einer Idee oder eines Gedankens auch wieder verschwinden; d. h.,
durch die Beendigung der Idee oder des Gedankens.
  Die feste Überzeugung „Ich bin nicht das absolute Brahman“ bindet das
Gemüt, und es wird befreit durch die ebenso feste Überzeugung, dass „alles
ist das absolute Brahman“. Die Ideen und Gedanken sind Bindung und ihr
Ende ist die Befreiung. Sei daher vollkommen frei von ihnen und tue, was
immer spontan zu tun ist.
  So wie die Gedanken oder Ideen die Bläue im Himmel „sehen“, so sieht die-
ses Gemüt die Welt als real an. Da ist aber keinerlei Bläue im Himmel – es ist
nur das Unvermögen des Sehsinns, über eine bestimmte Grenze hinaus zu
sehen, die als Bläue erscheint. Auf dieselbe Weise ist es nur die Begrenztheit
des Denkens, die diese Welterscheinung wahrnimmt. Diese Welterscheinung
ist eine Täuschung, oh Rāma –ich rate dir, keinen einzigen Gedanken daran
jemals wieder im Gemüt entstehen zu lassen.
  Indem man denkt „Ich bin verloren“, entsteht das Leid, und indem man
denkt „Ich bin erwacht“, geht man in Richtung der Seligkeit.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wenn das Gemüt kontinuierlich irreführenden oder unsinnigen Ideen
nachhängt, wird es getäuscht, und wenn das Gemüt kontinuierlich über er-
leuchtete und hochherzige Ideen nachsinnt, dann wird es erleuchtet. Sobald
der Gedanke der Unwissenheit fest im Gemüt aufrechterhalten wird, ist auch
die Unwissenheit fest verankert. Wird jedoch das Selbst erkannt, dann wird
diese Unwissenheit aufgelöst. Und darüber hinaus – was immer das Gemüt zu
erlangen versucht, danach streben die Sinne mit all ihrer Kraft.
  Wer folglich sein Gemüt nicht auf solchen Gedanken und Ideen ausruhen
lässt, aber stets danach strebt, des Selbst bewusst zu bleiben, der erfreut sich
des Friedens. Das, was nicht am Anfang war, existiert auch jetzt nicht! Das,
was war und folglich auch jetzt ist, ist das absolute Brahman. Die Kontempla-
tion darüber verleiht Frieden, denn Brahman ist Friede. Man sollte nicht
irgend etwas anderes als dies zu irgendwelcher Zeit in irgendwelcher Art
irgendwo kontemplieren. Man sollte jede Hoffnung auf Vergnügen mit der
größten, einem selbst möglichen, Strenge entwurzeln und sich dazu aller zur
Verfügung stehenden Geisteskraft bedienen.
  Es ist nur die Unwissenheit, die die Ursache von Altern und Tod ist. Hoff-
nungen und Anhaftungen verbreiten und verzweigen sich nur aufgrund der
mentalen Konditionierung, die nichts als Unwissenheit ist. Diese Verbreitung
und Verzweigung nimmt die Gestalt von Ideen wie „Dies ist mein Besitz“,
„Dies sind meine Söhne“ usw. an. Wo kann es denn in diesem physischen
Körper etwas geben, was man „Ich“ nennen könnte? In Wahrheit, oh Rāma,


                                     154
haben „Ich“, „mein“ usw. überhaupt keine Existenz –das Selbst allein ist alle-
          zeit die einzige Wahrheit.
            Nur im Zustand der Unwissenheit geschieht es, dass man eine Schlange in
          einem Seil erblickt – nicht im erleuchteten Zustand. Auf dieselbe Weise exis-
          tiert in der erleuchteten Sicht nur das unendliche Bewusstsein und nichts
          sonst. Oh Rāma, werde kein unwissender Mensch – werde ein Weiser! Zerstö-
          re die mentale Konditionierung, die diese Welterscheinung entstehen lässt.
          Weshalb betrachtest du wie der unwissende Mensch diesen Körper als dein
          Selbst und fühlst dich dann elend? Auch wenn Körper und Selbst gemeinsam
          zu existieren scheinen, sind sie nicht untrennbar, denn wenn der Körper
          stirbt, stirbt das Selbst nicht.
            Ist es nicht ein großes Wunder, oh Rāma, dass die Menschen die Wahrheit
          vergessen, dass nur das absolute Brahman ist, und anstelle dessen von der
          Existenz des Unwirklichen und der nicht-existenten Unwissenheit überzeugt
          sind? Rāma, lass die närrische Idee der Existenz der Unwissenheit nicht in dir
          Wurzeln schlagen, denn wenn das Bewusstsein einmal davon verseucht ist,
          dann lädt dies endloses Leiden ein. Obwohl unwirklich, kann dies ganz reales
          Leiden verursachen! Es geschieht aufgrund der Unwissenheit, dass die Illusi-
          onen wie in einer Luftspiegelung existieren, und dass man verschiedene
          Wahnbilder und Halluzinationen wahrzunehmen glaubt (als würde man in
          der Luft oder im Raum fliegen) und Himmel und Hölle erfährt. Gib daher, oh
          Rāma, die mentale Konditionierung, die allein verantwortlich für die Wahr-
          nehmung der Dualität ist, auf und verbleibe völlig unkonditioniert. Dann
          wirst du eine unvergleichliche Überlegenheit über alles erlangen!
            Nach einigen Minuten tiefer Kontemplation sprach RùMA:
III:115
           Heiliger Weiser! Es scheint in der Tat unglaublich, dass diese nicht-existente
          Unwissenheit solche Illusionen hervorzubringen vermag, aufgrund derer
          man diese nicht-existierende Welt für völlig real hält. Bitte kläre mich weiter
          darüber auf, wie dies möglich ist. Und teile mir bitte auch mit, weshalb der
          König Lavaïa allen Arten von Leiden unterworfen war. Bitte unterrichte mich
          darüber, wer oder was dies ist, das all diese Leiden erfährt.
           VASIåèHA erwiderte:
             Oh Rāma, es stimmt nicht wirklich, dass das Bewusstsein in irgendeiner
          Weise mit diesem Körper in Verbindung steht. Der Körper wird vom Be-
          wusstsein nur phantasiert – wie in einem Traum. Sobald das Bewusstsein
          sozusagen sich durch seine eigenen Kräfte selbst begrenzt und sich für einen
          jīva hält, dann verwickelt sich dieser jīva, ausgestattet mit seiner Energie der
          Rastlosigkeit, in diese Welterscheinung.
             Das verkörperte Wesen, welches die Früchte vergangener Handlungen er-
          leidet oder sich ihrer erfreut und welches in die verschiedensten Körper
          schlüpft, wird als Ich-Sinn, Gemüt und auch jīva bezeichnet. Weder der Kör-
          per noch das erleuchtete Wesen ist irgendeinem Leiden unterworfen – es ist
          nur das unwissende Gemüt, welches leidet. Es geschieht nur im Zustand der


                                               155
Unwissenheit (der wie Schlaf ist), dass das Gemüt die Welterscheinung er-
träumt, nicht aber, wenn es erwacht oder erleuchtet ist. Daher wird das ver-
körperte Wesen, welches dem Leiden unterworfen ist, verschiedentlich das
Gemüt, Unwissenheit, jīva und mentale Konditionierung oder auch individua-
lisiertes Bewusstsein genannt.
   Der Körper ist nicht-fühlend und kann daher weder Freude oder Schmerz
erfahren. Die Unwissenheit lässt die Achtlosigkeit und die Unklugheit entste-
hen – folglich ist es die Unwissenheit allein, die Freude und Schmerz erfährt.
Es ist in der Tat das Gemüt allein, welches geboren wird, klagt, tötet, umher
wandert, andere missbraucht usw., jedoch nicht der Körper. In allen diesen
Erfahrungen von Glücklichsein und Unglücklichsein wie auch in allen Hallu-
zinationen und Imaginationen ist es allein das Gemüt, das alles tut, und es ist
wiederum das Gemüt, welches all dieses erfährt; denn das Gemüt ist der
Mensch.
   Ich werde dir jetzt den Grund der Leiden von König Lavaïa erzählen.
Lavaïa war ein Abkömmling von Hariścandra. Lavaïa dachte bei sich: „Mein
Großvater verrichtete ein großes religiöses Ritual und wurde ein großer
Mann. Auch ich sollte daher ein solches Ritual ausführen.“ Er beschaffte sich
die für die religiösen Riten erforderlichen Materialien und Priester und führte
alle Riten mental aus (ein ganzes Jahr lang).
   Da er erfolgreich die religiösen Riten rein mental ausgeführt hatte, erwarb
er dadurch auch deren Früchte. Oh Rāma, darin kannst du erkennen, wie das
Gemüt allein der Täter aller Handlungen und daher auch der Erfahrende von
allem Unglück und Glück ist. Führe daher dein Gemüt auf den Pfad der Erlö-
sung, Rāma.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Ich selbst war Zeuge der Szene am Hof von Lavaïa, und als sie wissen woll-         III:116,
                                                                                       117
ten, wer dieser Zauberkünstler war, der plötzlich verschwand, da erkannte
ich seine Identität mit Hilfe meiner subtilen Sehkräfte. Ich stellte fest, dass er
ein Bote der Götter war. Es ist Tradition, dass Indra jedem, der sich diesen
religiösen Riten hingibt, die Lavaïa mental ausführte, allerhand von Qualen
sendet, um seine Stärke zu testen. Als Ergebnis davon erlebte er diese Hallu-
zinationen. Der Ritus wurde von seinem Gemüt ausgeführt, und diese Hallu-
zinationen wurden ebenfalls von seinem Gemüt erfahren.
  Sobald dasselbe Gemüt gründlich gereinigt ist, wirst du alle von ihm er-
schaffenen Dualitäten und alle Vielfalt loswerden.
  Rāma, ich habe dir bereits von dem Prozess der zyklischen Schöpfung (nach
der letzten kosmischen Auflösung) erzählt und wie man zu der falschen Vor-
stellung von „Ich“ und „mein“ kommt. Ausgestattet mit Weisheit sollte jeder,
der nach und nach die sieben Stufen der Yoga-Vervollkommnung erklimmt,
von jenen Vorstellungen befreit sein.
  RùMA fragte:



                                      156
Heiliger Herr, worin bestehen die sieben Stufen, auf die du dich beziehst?
           VASIåèHA erwiderte:
            Oh Rāma, es gibt sieben absteigende Stufen der Unwissenheit und sieben
          aufsteigende Stufen der Weisheit. Diese werde ich dir nun beschreiben. In der
          Selbsterkenntnis verankert zu sein ist Befreiung. Sobald dies gestört wird,
          tauchen der Ich-Sinn und die Bindung auf. Der Zustand der Selbsterkenntnis
          besteht darin, dass es keinerlei mentale Erregung gibt – weder Zerstreutheit
          noch Stumpfheit des Gemüts, weder ein Ich-Sinn noch eine Wahrnehmung
          der Vielfalt.
            Die Täuschung, die diese Selbsterkenntnis verdunkelt, ist siebenfach – es
          sind der Samenzustand des Wachens, des Wachzustands, des großen Wach-
          zustands, des wachen Traums, des Traums, des traumartigen Wachzustandes
          und des Schlafs. Im reinen Bewusstsein, wenn das Gemüt und der jīva nur als
          Namen existieren, herrscht der Samenzustand des Wachzustandes.
            Sobald die Vorstellungen von „Ich“ und „dies“ auftauchen, wird dies der
          Wachzustand genannt. Wenn diese Vorstellungen durch die Erinnerungen aus
          früheren Inkarnationen verstärkt werden, dann ist dies der große Wachzu-
          stand. Wenn das Gemüt vollständig seiner eigenen Phantasien bewusst und
          von diesen erfüllt ist, dann ist dies der wache Traum. Die falschen Vorstellun-
          gen während des Schlafs, die trotzdem als real erscheinen, sind die Träume.
          Im traumartigen Wachzustand erinnert man sich an die vergangenen Erfah-
          rungen so, als wären sie in diesem Moment real. Wenn diese zugunsten einer
          völlig trägen Dumpfheit aufgegeben werden, ist dies Schlaf. Diese sieben
          Stufen besitzen alle ihre eigenen zahllosen Unterteilungen.
III:118     VASIåèHA fuhr fort:
            Ich werde dir jetzt, oh Rāma, die sieben Stufen oder Zustände der Weisheit
          beschreiben. Wenn du diese kennst, wirst du nicht länger in der Täuschung
          befangen sein. Die erste ist der reine Wunsch oder die reine Absicht, die Er-
          forschung ist die zweite, die dritte ist, wenn das Gemüt subtil wird, die Veran-
          kerung in der Wahrheit ist die vierte, die völlige Freiheit von Anhaftung oder
          Bindung ist die fünfte, die sechste ist das Aufhören der Objektivität und die
          siebente ist jenseits von all diesen.
            „Weshalb benehme ich mich immer noch wie ein Narr? Ich sollte die Schrif-
          ten studieren und die Heiligen aufsuchen, die die Leidenschaftslosigkeit kul-
          tiviert haben“ – darin besteht der Wunsch dieses ersten Zustands. Daraufhin
          befasst man sich mit der Praxis der Erforschung (direkte Beobachtung). Mit
          all diesem entsteht dann die Nicht-Anhaftung und das Gemüt wird subtil und
          transparent – darin besteht der dritte Zustand. Wenn diese drei praktiziert
          werden, entsteht im Sucher eine natürliches Abwenden von den Sinnesver-
          gnügen, und es taucht ein natürliches Verweilen in der Wahrheit auf – darin
          besteht der vierte Zustand.
            Wenn alle diese intelligent praktiziert werden, entsteht eine totale Nicht-
          Anhaftung und zur selben Zeit eine Überzeugung von der Natur der Wahrheit


                                               157
– darin besteht der fünfte Zustand. Dann erfreut man sich seines eigenen
          Selbst. Die Wahrnehmung von Dualität und Vielfalt sowohl innerhalb wie
          außerhalb (von einem selbst) hört auf, und die Bemühungen, die man durch
          die Inspiration durch andere unternommen hat, tragen als Ergebnis ihre
          Frucht in der Form der direkten spirituellen Erfahrung.
            Danach gibt es keine weiteren Bemühungen mehr, keine Getrenntheit, keine
          Verschiedenheit. Die Selbsterkenntnis ist spontan, natürlich und ununterbro-
          chen – darin besteht der siebente, transzendentale Zustand. Dies ist der Zu-
          stand desjenigen, der in diesem Leben befreit ist. Darüber hinaus liegt noch
          der Zustand desjenigen, der sogar den Körper transzendiert hat (der Zustand
          des turīyātīta).
            Rāma, alle Großen, die diese sieben Stufen der Weisheit erklommen haben,
          sind Heilige. Sie sind befreit und fallen niemals mehr in den Sumpf von
          Glücklichsein und Unglücklichsein. Vielleicht arbeiten sie und sind tätig –
          vielleicht auch nicht. Sie erfreuen sich am Selbst und bedürfen nicht anderer,
          um glücklich zu sein.
            Der höchste Zustand des Bewusstseins kann von allen, sogar von Tieren
          und primitiven Menschen, erlangt werden; von denen mit einem Körper und
          von entkörperten Wesen, denn er beinhaltet nichts als das Auftauchen der
          Weisheit.
            Diejenigen, die die höchsten Ebenen des Bewusstseins erreicht haben, sind
          wahrhaftig große Menschen. Sie sind bewundernswert. Sogar ein Kaiser ist
          im Vergleich mit ihnen nur wie ein Grashalm, denn jene sind hier und jetzt
          befreit.
            VASIåèHA fuhr fort:
III:119
            Das Selbst stellt sich unwissenderweise eine egoische Existenz vor; auf die-
          selbe Weise, wie wenn das Gold seine Goldheit vergessen hätte und denken
          würde, es sei ein Ring – und dann weint und jammert: „Oh weh! Ich habe
          meine Goldheit verloren!“
            RùMA fragte:
            Heiliger Herr, wie konnten diese Unwissenheit und der Ich-Sinn im Selbst
          entstehen?
            VASIåèHA sprach:
            Rāma, man sollte stets nur Fragen stellen, die das Wirkliche betreffen –
          nicht das Unwirkliche. Weder die goldlose „Ringheit“ noch der begrenzte Ich-
          Sinn existieren in Wahrheit. Wenn der Goldschmied den Ring verkauft, wiegt
          er dazu das Gold aus, weil der Ring Gold ist. Wenn man über die Existenz der
          „Ringheit“ im Ring oder über die endliche Form im unendlichen Bewusstsein
          diskutieren möchte, dann muss man dies mit dem Sohn der unfruchtbaren
          Frau vergleichen. Die Existenz des Unwirklichen ist unwirklich – sie entsteht
          in der Unwissenheit und verschwindet nach dem Erforschen. In der Unwis-
          senheit sieht man im Perlmutter Silber – jedoch kann dieses Silber nicht



                                              158
einen einzigen Augenblick lang wirklich sein! Solange die Wahrheit nicht
erkannt wird, dass es sich nur um Perlmutter handelt, dauert die Unwissen-
heit an. So wie man nicht aus Sand Öl gewinnen, und wie man vom Ring stets
nichts als Gold erhält, so gibt es hier in diesem Universum nicht zwei Dinge –
das eine, unendliche Bewusstsein leuchtet in allen Namen und Formen.
  So ist in der Tat die Natur dieser völligen Unwissenheit, dieser Täuschung
und dieses ganzen Weltvorgangs – ohne reale Existenz gibt es da diese illuso-
rische Vorstellung des Ich-Sinns. Dieser Ich-Sinn existiert im unendlichen
Selbst nicht. Im unendlichen Selbst gibt es keinen Schöpfer, keine Welten,
keinen Himmel, keine Menschen, keine Dämonen, keine Körper, keine Ele-
mente, keine Zeit, keine Existenz oder Zerstörung, kein „du“, kein „Ich“, kein
Selbst, kein „dies“, weder Wahrheit noch Falschheit, keine Wahrnehmung von
Vielfalt, keine Kontemplation und keine Freuden. Was als einziges ist und als
das Universum bezeichnet wird, ist dieser Höchste Friede. Da ist kein Beginn,
keine Mitte und kein Ende – alles ist alles zu allen Zeiten und jenseits von
Verstehen und Sprache. Schöpfung gibt es nicht. Das Unendliche hat zu kei-
nem Zeitpunkt seine Unendlichkeit aufgegeben. Jenes ist niemals zu diesem
geworden. Es ist wie der Ozean, jedoch ohne dessen Bewegung. Selbstleuch-
tend wie die Sonne ist es, jedoch ohne Tätigkeit. In der Unwissenheit wird das
Höchste Sein als das Objekt, die Welt, gesehen. So wie Raum im unendlichen
Raum existiert und eins mit Raum ist, ebenso ist, was als die Schöpfung er-
scheint, Brahman existierend in Brahman als Brahman. Die Vorstellungen von
fern und nah, von Vielfalt, von hier und dort, sind so gültig, wie die Entfer-
nung zwischen zwei Objekten in einem Spiegel, in dem eine ganze Stadt wi-
derspiegelt wird.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  III:120,
  Am Tag nach dieser halluzinatorischen Erfahrung dachte König Lavaïa: „Ich         121
sollte nun selbst zu diesen Plätzen gehen, die ich meiner Vision erblickt habe
– vielleicht existieren sie wirklich!“ Unverzüglich rückte er mit seinem Gefol-
ge aus und begab sich in südliche Richtung. Schon bald begegnete er den
Schauplätzen seiner Visionen und den verschiedenen Leuten, die er dort
kennen gelernt hatte. Er traf tatsächlich dieselben Leute, die er während
seines Lebens als Stammesangehöriger kannte. Er sah sogar seine eigenen,
notleidenden Kinder.
  Er erblickte da eine alte Frau, die jammerte und klagte in tiefster Verzweif-
lung: „Oh mein geliebter Ehemann – wohin bist du gegangen, und weshalb
hast du uns alle hier zurückgelassen? Ich habe meine schöne Tochter verlo-
ren, die das außerordentliche Glück hatte, einen edlen König als Ehegemahl
zu erhalten. Wohin sind sie alle gegangen? Oh weh! Alle habe ich verloren!“
Der König ging zu ihr, tröstete sie und erfuhr von ihr, dass sie in der Tat die
Mutter seiner Stammesgemahlin war! Aus Mitgefühl gab er ihnen genug
Mittel, um ihre Bedürfnisse zu befriedigenund um ihnen aus der schreckli-
chen Dürre herauszuhelfen, die den gesamten Landstrich verwüstet hatte,



                                     159
wie er am vorigen Tage gesehen hatte. Er blieb einige Zeitlang unter ihnen
und kehrte dann in seinen Palast zurück.
 Am nächsten Morgen bat mich der König, dieses Mysterium zu erklären. Mit
meiner Antwort zeigte er sich schließlich völlig zufrieden. Oh Rāma, darin
besteht die Macht der Unwissenheit – sie ist fähig, eine totale Verwirrung
zwischen dem Realen und dem Irrealen zu schaffen.
 RùMA fragte:
   Oh Weiser, wahrhaftig bereitet dies Kopfzerbrechen! Wie kann das, was in
einem Traum oder einer Halluzination erblickt wurde, denn auch in der Rea-
lität des Wachzustandes erfahren werden?
   VASIåèHA antwortete:
  Aber oh Rāma, all dies ist Unwissenheit! Die Vorstellungen von fern und
nah, eines Moments und der Ewigkeit, sind nichts als Halluzinationen. Denn
in der Unwissenheit erscheint das Reale als irreal und das Irreale als real. Das
individualisierte Bewusstsein nimmt wahr, was es sich als seine Wahrneh-
mungen ausdenkt – aufgrund seiner Konditionierung. Aufgrund der Unwis-
senheit entsteht in demselben Moment, in dem die Vorstellung des Ich-Sinns
auftaucht, auch die Täuschung eines Anfangs, einer Mitte und eines Endes.
Wer sich dadurch täuschen lässt, stellt sich vor, dass er ein Tier sei und macht
dessen Erfahrungen. All dies geschieht aufgrund der zufälligen Koinzidenz –
wie die Krähe, die eine Kokospalme anfliegt, sich auf dieser niedersetzt und
im selben Moment eine Frucht hinunterfällt, als ob die Krähe sie gelöst hätte.
Aber die Krähe tat es überhaupt nicht! Auf ähnliche Weise erscheint durch
puren Zufall und in der Unwissenheit das Irreale als real.
  VASIåèHA fuhr fort:
  In seinem hypnotisierten Zustand vermochte König Lavaïa, reflektiert in
seinem eigenen Bewusstsein, die Heirat eines Prinzen mit einer Stammesan-
gehörigen zu erblicken, und er erfuhr dies ganz real, als wäre ihm dies wahr-
haftig geschehen. Ein Mann vergisst, was er früher einmal in seinem Leben
getan, auch wenn er viel Zeit und Energie für diese Handlung aufgebracht hat.
Und so denkt er nun, dass er das, was er damals tat, niemals getan hat. Solche
Diskrepanzen in der Erinnerung werden sehr häufig festgestellt.
  So wie man manchmal von einem vergangenen Vorfall so träumt, als würde
er gerade jetzt geschehen, so erfuhr Lavaïa in seiner Vision die vergangenen
mit dem Stamm in Verbindung stehenden Vorfälle. Es ist auch möglich, dass
die Leute in den Wäldern der Vindhya-Huegel in ihren eigenen Gemütern
dieselben Visionen erfahren haben, die im Bewusstsein des Lavaïa aufge-
taucht sind. Es ist ferner möglich, dass Lavaïa und die Stammesleute in ihren
eigenen Gemütern jeweils alles das erfahren haben, was auch die anderen
erfahren haben. Halluzinationen dieser Art werden zur Realität, wenn sie von
vielen erfahren werden – so wie eine Behauptung, die von vielen Menschen
geglaubt wird, für wahr gehalten wird. Sobald diese in das eigene Leben
integriert werden, erwerben sie ihren eigenen Anschein der Realität. Denn


                                     160
schließlich – was ist denn die Wahrheit betreffend die Dinge in dieser Welt
anderes als die Art und Weise, wie sie im eigenen Bewusstsein erfahren wer-
den?
  Die Unwissenheit ist keine reale Gegebenheit, ebenso wenig wie Öl im Sand
eine reale Gegebenheit ist. Die Unwissenheit und das Selbst können keinerlei
Beziehung miteinander haben, denn es kann eine Beziehung stets nur zwi-
schen denselben oder ähnlichen Gegebenheiten stattfinden, was sich aus
jedermanns Erfahrung ergibt. Daher ist es allein aufgrund des unendlichen
Bewusstseins, dass alles im Universum kennbar wird. Es ist aber nicht so, als
würde das Subjekt das Objekt beleuchten, welches keine eigene Leuchtkraft
besitzt, sondern es ist so, dass alles selbstleuchtend ist, weil alles nur Be-
wusstsein ist – keine wahrnehmende Intelligenz wird benötigt. Es geschieht
durch die Tätigkeit des Bewusstseins, welches seiner selbst bewusst wird,
dass Intelligenz sich selbst manifestiert – es ist nicht so, dass das Bewusstsein
ein lebloses Objekt wahrnimmt.
  Es ist nicht korrekt zu sagen, dass es in diesem Universum eine Vermi-
schung des Leblosen und des Fühlenden gibt, weil sich diese überhaupt nicht
verbinden können. Es geschieht nur deshalb, weil alle Dinge voll Bewusstheit
sind. Wenn dieses Bewusstsein sich selbst erfasst, dann gibt es Wissen.
  Man könnte eine Beziehung zwischen einem Baum und einem Stein sehen,
obgleich beide als leblos erscheinen. Jedoch existiert diese Beziehung nur
aufgrund ihrer grundlegenden Bestandteile, die einem bestimmten Wandel
unterworfen worden sind, um einerseits als Baum und andererseits als Stein
zu erscheinen. Dies kann man auch beim Geschmackssinn feststellen – die
Geschmacksnerven der Zunge reagieren auf den Geschmack im Essen usw.
aufgrund der Ähnlichkeit im Aufbau der Substanzen.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Alle Beziehung ist daher die Realisation der schon zuvor existierenden Ein-
heit. Die vermeintliche Beziehung wird nur deshalb gesehen, weil es zuvor
die falsche und täuschende Annahme einer Getrenntheit in Subjekt und Ob-
jekt gegeben hat. Wahr ist, dass es nur Ein Alles gibt – das unendliche Be-
wusstsein. Daher, oh Rāma, realisiere dieses Universum als das unendliche
Bewusstsein. Es ist angefüllt mit den Zaubereien der Macht dieses Bewusst-
seins – und doch ist niemals etwas geschehen, denn die Fülle kann nicht mit
mehr angefüllt werden. Es ist nur in dem Sinne angefüllt, wie ein Raum, der
mit einer eingebildeten Stadt gefüllt ist.
   Nur wenn das Gold vergessen wird, sieht man da ein Schmuckstück. Das
Schmuckstück ist die illusorische Erscheinung des Goldes – gleich wie die
illusorischen Vorstellungen einer Nation oder der Welt und auch der Wieder-
geburten. Sobald die falsche Vorstellung des Schmuckstücks zurückgewiesen
wird, wird die Wahrheit des Goldes erkannt, und wenn die falsche Vorstellung
der Subjekt-Objekt-Beziehung zurückgewiesen wird, gibt es keinerlei Unwis-
senheit, welche Getrenntheiten erschafft. Das Denken allein erschafft alle
diese Getrenntheiten und Illusionen. Wenn es aufhört, hört auch die Schöp-


                                      161
fung auf. Dann erkennst du, dass alle Wellen nur den einen Ozean bilden, dass
Puppen aus Holz sind, Töpfe aus Lehm, und dass diese drei Welten das abso-
lute Brahman sind.
  In der Mitte zwischen dem Gesehenen und der Sicht gibt es eine Beziehung,
die als der Seher bezeichnet wird. Sobald diese Getrenntheit zwischen dem
Seher, der Sicht und dem Gesehenen aufgegeben wird, ist da das Höchste.
Wenn das Gemüt von einem Land in das andere reist, dann befindet sich
dazwischen nichts als die kosmische Intelligenz. Sei dieses für immer. Deine
wahre Natur ist verschieden vom begrenzten wachen, träumenden und schla-
fenden Bewusstsein – sie ist ewiglich, unkennbar, nicht leblos. Verbleibe
immer als dieses. Entferne die Stumpfheit und sei verankert in der Wahrheit
deines Herzens. Verbleibe sodann, unabhängig davon, ob du intensiv tätig
oder in Kontemplation bist, als dieses allein – ohne Verlangen, Hass und ohne
dich in das Körperbewusstsein zu verwickeln. So wie du dich nicht um die
Angelegenheiten eines zukünftigen Dorfes kümmerst, so lass dich nicht in die
Stimmungen deines Gemüts verwickeln, sondern sei in der Wahrheit veran-
kert. Betrachte das Gemüt wie einen Fremden oder ein Stück Holz oder einen
Stein. Im unendlichen Bewusstsein gibt es kein Gemüt. Was von diesem nicht-
existenten Gemüt getan wird, ist irreal. Sei verankert in dieser Erkenntnis.
  Die Wahrheit ist, dass dieses Gemüt überhaupt nicht existiert – und wenn
es je existiert hat, dann ist es jetzt tot. Und doch sieht dieses tote Gemüt alles
dieses, was folglich nichts als falsche Wahrnehmung ist. Sei fest in dieser
Erkenntnis verankert. Derjenige, der von diesem Gemüt regiert wird, welches
völlig inexistent ist, ist wirklich geisteskrank und glaubt, dass vom Mond ein
Donnerblitz herabfährt! Weise daher den Glauben an die Wirklichkeit des
Gemüts gänzlich von dir und widme dich dem rechtem Denken und der Medi-
tation. Ich habe diese Wahrheit betreffend das Gemüt über eine sehr lange
Zeit hindurch erforscht, oh Rāma, und habe es nirgends gefunden – nur das
unendliche Bewusstsein existiert.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                     III:122
  Dieser anscheinend endlose Strom der Unwissenheit kann nur mit Hilfe der
stetigen Gesellschaft der Heiligen überquert werden. Daraus entsteht die
Weisheit und man erkennt, was wert ist zu suchen und was man vermeiden
sollte. Schließlich entsteht daraus der reine Wunsch nach der Erlangung der
Befreiung. Dies führt zur ernsthaften Erforschung. Schließlich wird das Ge-
müt subtil, weil die Erforschung die mentale Konditionierung ausdünnt. Als
Ergebnis des Aufsteigens der reinen Weisheit bewegt sich das eigene Be-
wusstsein in der Wirklichkeit. Dann verschwindet die mentale Konditionie-
rung und es gibt die Nicht-Anhaftung. Die Bindung an Handlungen und ihre
Früchte hört auf. Die eigene Sicht wird fest in der Wahrheit verwurzelt und
die Wahrnehmung des Unwirklichen geschwächt. Obwohl er in dieser Welt
lebt und tätig ist, erfüllt derjenige, der über diese unkonditionierte Sicht
verfügt, seine Arbeiten als ob er schlafend wäre – ohne an die Welt und ihre
Vergnügen zu denken. Nachdem er einige Jahre so gelebt hat, wird er voll-


                                      162
ständig befreit und geht jenseits all dieser Zustände – er ist, noch lebend,
befreit.
   Ein solch befreiter Weiser ist nicht entzückt über das, was er gewinnt, noch
trauert er um das, was er nicht hat. Oh Rāma, auch in dir wurde die Konditio-
nierung des Gemüts geschwächt – strebe danach, die Wahrheit zu erfassen.
Mit der Erkenntnis des Selbst, welches unendliches Bewusstsein ist, wirst du
jenseits von Trauer, Täuschung, Geburt und Tod, Glück und Unglück gehen.
Das Selbst ist eins und ungeteilt, und so hast du keine Verwandten und daher
auch keine Sorgen, die aus diesen falschen Beziehungen entstehen. Das Selbst
ist eins und ungeteilt, und so gibt es nichts mehr zu wünschen oder zu errei-
chen. Dieses Selbst ist keinerlei Wandel unterworfen und stirbt niemals –
wenn der Topf zerbrochen ist, wird doch der Raum darin nicht zerbrochen.
   Sobald die mentale Konditionierung überwunden und das Gemüt vollkom-
men still geworden ist, gelangt diese Täuschung, die den Unwissenden irre-
führt, an ihr Ende. Es geschieht nur aufgrund dieser nicht klar verstandenen
Illusion (Māyā), dass sie diese gewaltige Täuschung zu erschaffen vermag.
Wird sie dagegen klar verstanden, dann wird sie als das Unendliche selbst
gesehen und die Quelle des Glücks und der Verwirklichung des absoluten
Brahman. Es ist nur wegen der spirituellen Unterweisung, dass man vom
Selbst, Brahman usw. spricht. In Wahrheit gibt es nur Eines. Es ist reines
Bewusstsein – kein verkörpertes Wesen. Es ist – ob man es nun kennt oder
nicht, ob man verkörpert oder ohne Körper ist. All dieses Unglücklichsein, das
du in dieser Welt siehst, gehört zum Körper. Das Selbst, welches von den
Sinnen nicht erfasst werden kann, ist jenseits des Kummers. Im Selbst ist
keinerlei Wunsch – die Welt erscheint in ihm ohne einen Wunsch oder eine
Absicht. Oh Rāma, durch meine Unterweisung ist nun die falsche Vorstellung
von der Schöpfung und ihrer Existenz zerstreut worden. Dein Bewusstsein ist
rein geworden – frei von aller Dualität.

                                      ***




                                     163
Teil IV: Über die Existenz

 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  IV:1
  Oh Rāma, nach der Darlegung der wahren Natur der Weltentstehung werde
ich nun die Darlegung der wahren Natur der Fortdauer dieser Welterschei-
nung behandeln. Es gibt die Existenz der Welt als Objekt der Wahrnehmung
nur so lange, wie die Illusion dieser Welterscheinung andauert. Tatsächlich ist
sie so wirklich wie die Traumerscheinung, denn sie ist das Ergebnis von
nichts, was aus nichts heraus von niemandem und mit nichts entstanden ist.
  Diese Welterscheinung wird nur wie ein Tagtraum erfahren – sie ist essen-
ziell unwirklich. Sie ist eine Malerei in der Leere – wie die Farben des Regen-
bogens. Sie ist wie ein in die Ferne reichender Dunst – wenn du ihn zu ergrei-
fen versuchst, ist da nichts. Einige Philosophen betrachten sie als leblose
Substanz oder Leere, oder wie ein Aggregat von Atomen.
  RùMA fragte:
  Es wurde zuvor gesagt, dass dieses Universum in einem Samenzustand im
Höchsten Sein verbleibt und sich dann in der nächsten Weltepoche erneut
manifestiert. Wie kann dies sein, und werden diejenigen, die diese Sichtweise
vertreten, als Erleuchtete oder Unwissende angesehen?
  VASIåèHA fuhr fort:
   Diejenigen, die sagen, dass dieses Universum nach der kosmischen Auflö-
sung in einem Samenzustand existiert, haben den festen Glauben an die Rea-
lität dieses Universums! Dies ist reine Unwissenheit, oh Rāma. Es handelt sich
dabei um eine völlig verkehrte Sicht, die sowohl den Lehrer als auch den
Zuhörer irreführt. Der Same einer Pflanze enthält den zukünftigen Baum.
Dies ist möglich, weil sowohl der Same als auch der Keimling materielle Ob-
jekte sind, die von den Sinnen und dem Verstand wahrgenommen werden
können. Jedoch wie könnte, was sich jenseits der Reichweite von Verstand
und Sinnen befindet, der Same der Welten sein?
   Wie kann in dem, was subtiler als Raum selber ist, der Same des Univer-
sums existieren? Wenn dies so ist – wie kann dann das Universum aus dem
Höchsten Sein entspringen?
   Wie kann etwas in nichts existieren? Und wenn es da etwas namens „Uni-
versum“ gibt – wie ist es möglich, dass es nicht gesehen wird? Wie kann ein
Baum im leeren Raum eines Topfes entstehen? Wie können wohl zwei gegen-
sätzliche Dinge (Brahman und das Universum) gemeinsam existieren? Kann
denn in der Sonne Dunkelheit sein? Es ist angemessen zu sagen, dass der
Baum im Samen existiert, weil beide ihre entsprechenden Formen besitzen.
Aber von dem, was ohne jede Form ist (Brahman), kann nicht angemessen
behauptet werden, dass in diesem diese kosmische Form der Welt existiert.
Es ist folglich reine Torheit zu unterstellen, dass es zwischen Brahman und
der Welt eine kausale Beziehung gibt. Die Wahrheit ist, dass Brahman allein



                                     164
existiert und das, was als die Welt erscheint, nur das ist (Brahman) und nichts
         anderes.
           VASIåèHA fuhr fort:
IV:2,3
           Rāma, wenn das Universum im absoluten Brahman während der kosmi-
         schen Auflösung in einem Samenzustand existieren würde, dann würde es für
         seine Manifestation nach der Auflösung einer zusammenwirkenden Ursache
         bedürfen. Anzunehmen, dass das manifestierte Universum ohne eine solche
         zusammenwirkende Ursache existieren könnte, käme der Annahme gleich,
         dass eine unfruchtbare Frau eine Tochter haben kann. Daher muss als die
         fundamentale Ursache die eigentliche Natur des Höchsten Seins selbst gese-
         hen werden, welche es auch während der Periode nach der Auflösung dieser
         Weltschöpfung beibehält. Zwischen dem Höchsten Sein und dem Universum
         existiert keinerlei Ursache-Wirkung-Beziehung.
           Im unendlichen Bewusstsein (cid ākāśa) erscheinen Millionen von Univer-
         sen wie Staubpartikel in einem Lichtstrahl, der durch ein Loch im Dach in ein
         Zimmer fällt. Aber wie diese Staubpartikel draußen im vollen Sonnenlicht
         nicht gesehen werden, so wird auch diese Welt im höchsten, nicht-dualen
         Bewusstsein nicht gesehen. Dies ist so, weil diese Universen nicht verschie-
         den vom unendlichen Bewusstsein sind – so wie die eigene Natur nicht ver-
         schieden von einem selbst ist.
           Am Ende der kosmischen Auflösung taucht der Schöpfer des Universums
         auf, der nichts anderes als ein Gedanke aus der Erinnerung ist. Die Gedanken,
         die aus dieser Erinnerung entstehen, bilden diese Welterscheinung, die nicht
         realer als ein schöner Traum ist: denn die Erinnerung, aus der diese Gedan-
         ken entsprungen sind, hat selbst keinerlei reale Basis. Alle Gottheiten des
         vorherigen Weltzyklus (wie der Schöpfer Brahmā u.a.) haben ganz gewiss die
         Befreiung erlangt. Wenn es niemanden gibt, der sich erinnert – wie könnte
         dann die Erinnerung existieren?
           Folglich erscheint diese Erinnerung, die im Bewusstsein auftaucht (ob auf-
         grund früherer Erfahrungen oder anderweitig) als die Welt. Diese spontane
         Welterscheinung im unendlichen Bewusstsein wird als spontane Schöpfung
         bezeichnet. Diese Welterscheinung nahm eine gewisse ätherische Gestalt an,
         die man die kosmische Person nennt.
           In einem winzigen Atom scheinen alle drei Welten mit allen ihren Bestand-
         teilen wie Raum, Zeit, Handlung, Substanz und Tag und Nacht zu existieren. In
         diesen Welten gibt es wiederum weitere Atome, in denen es dieselben Welt-
         erscheinungen gibt – so wie es das noch nicht herausgehauene Bildnis in
         einem Marmorblock gibt, und wie dieses Bildnis in sich selbst weitere Bild-
         nisse enthält und so weiter ad infinitum. Das ist der Grund, oh Rāma, weshalb
         diese Vision sowohl in den Augen der Erleuchteten und der Unwissenden
         nicht verschwindet. Für den Erleuchteten ist dies immer nur Brahman, wäh-
         rend es für den Unwissenden immer nur die Welt ist! In der gänzlichen Leere
         siehst du das, was man als „Entfernung” bezeichnet, wie du im unendlichen



                                              165
Bewusstsein das siehst, was man als „Schöpfung“ bezeichnet. Die Schöpfung
ist nur ein Wort ohne die damit im Zusammenhang stehende Realität.

                                     ***



Die Geschichte von Śukra
                                                                                   IV:4,
 VASIåèHA fuhr fort:                                                                5, 6
  Oh Rāma, der einzige Weg zur Überquerung dieses ungeheuren Ozeans der
Welterscheinung besteht in der erfolgreichen Beherrschung der Sinne. Keine
andere Bemühung kann erfolgreich sein. Wer mit der Weisheit ausgerüstet
ist, wie sie durch das Studium der Schriften und die Gemeinschaft mit Weisen
vermittelt wird, und wer seine Sinne unter Kontrolle hat, der realisiert die
absolute Nicht-Existenz sämtlicher Objekte der Wahrnehmung.
  Rāma, es ist nur das Gemüt, das als all dies erscheint. Sobald es geheilt ist,
ist gleichzeitig diese Idee der Welterscheinung geheilt. Es ist nur dieses Ge-
müt, das durch seine Fähigkeit des Denkens das heraufbeschwört, was man
den Körper nennt – wo das Gemüt nicht tätig ist, wird auch der Körper nicht
gesehen! Folglich ist die Behandlung dieser psychologischen Krankheit, die
als Wahrnehmung von Objekten bezeichnet wird, die beste Behandlung, die
man in dieser Welt erlangen kann. Das Gemüt erzeugt die Täuschung, das
Gemüt produziert die Ideen von Geburt und Tod – und als Ergebnis seiner
eigenen Gedankentätigkeit wird es dann gebunden und schließlich befreit.
  RùMA fragte:
 Oh heiliger Weiser, bitte sage mir: Wie kann dieses riesige Universum im
Gemüt existieren?
 VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, es ist wie mit den Universen, die von den zehn brāhmaïa-Söhnen
erzeugt wurden. Und außerdem ist es wie bei den Halluzinationen, unter
denen König Lavaïa gelitten hatte. Es gibt dafür eine weitere Erläuterung. Sie
besteht in der Geschichte des Weisen Śukra, die ich dir nun erzählen werde.
  Vor langer Zeit übte der Weise Bh−gu auf dem Gipfel eines Berges sehr in-
tensive Bußübungen aus. Sein Sohn Śukra war zu dieser Zeit noch ein junger
Mann. Während der Vater bewegungslos in Meditation saß, sorgte der junge
Sohn für die Bedürfnisse des Vaters. Eines Tages erblickte dieser junge Mann
am Himmel eine herrliche fliegende Nymphe. Als er sie sah, war sein Gemüt
tief aufgewühlt von Verlangen nach ihr, und ebenso erging es der Nymphe, als
sie den strahlenden jungen Śukra sah.
  Gänzlich von seinem Verlangen nach dieser Nymphe überwältigt, schloss
Śukra seine Augen und folgte ihr (mental). So erreichte er den Himmel. Dort


                                     166
sah er die herrlichen himmlischen Wesen, die Götter und ihre Gemahlinnen,
die himmlischen Elefanten und Pferde. Er sah den Schöpfer Brahmā persön-
lich und alle die anderen Gottheiten, die dieses Universum regieren. Er sah
weiterhin die siddhas (die vollkommenen Wesen). Er hörte himmlische Mu-
sik. Er besuchte die himmlischen Gärten. Schließlich sah er auch noch Indra,
den König des Himmels, wie er in all seiner Majestät dort saß und von unzäh-
ligen himmlischen Nymphen umgeben war, die ihm aufwarteten. Er grüßte
Indra. Auch Indra grüßte ihn und stieg von seinem Thron herab, um den
jungen Weisen Śukra zu grüßen. Er bat ihn, für lange Zeit im Himmel zu blei-
ben. Śukra war damit einverstanden.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   IV:7,
   Śukra hatte seine frühere Identität völlig vergessen. Nachdem er einige Zeit     5, 6
am Hofe Indras verbracht hatte, durchzog Śukra den Himmel und entdeckte
schon bald den Aufenthaltsort der Nymphe, die er gesehen hatte. Als sie
einander sahen, wurden sie wiederum von gegenseitigem Verlangen überwäl-
tigt, denn die Wunscherfüllung gehört zu den besonderen Eigenschaften des
Himmels.
   Śukra wünschte, dass die Dunkelheit der Nacht eintreten und den Lustgar-
ten umhüllen möge, damit er dort die Nymphe treffen könne. Daraufhin wur-
de es dunkel. Śukra betrat dann den wunderschönen Pavillon in diesem Gar-
ten, und die Nymphe folgte ihm dorthin. Sie flehte ihn an: „Du Großartiger, ich
werde von dem Wunsch nach dir verzehrt. Nur die Stumpfsinnigen verlachen
die Liebe, nicht die Weisen. Sogar die Herrschaft über die drei Welten ist
nichts im Vergleich mit der Freude, die die Gesellschaft des Geliebten bereitet.
Daher bitte ich dich – gewähre mir einen Platz in deinem Herzen.“ Nachdem
sie so gesprochen hatte, sank sie an seine Brust.
   Śukra verbrachte eine sehr lange Zeit mit dieser Nymphe und zusammen
zogen sie nach Lust und Laune durch den Himmel. Er lebte mit dieser Nym-
phe für einen Zeitraum von acht Weltzeitaltern.
   Nach dieser Zeit, als ob seine Verdienste erschöpft waren, fiel Śukra zu-
sammen mit der Nymphe aus dem Himmel. Ihre subtilen Körper fielen auf die
Erde und wurden zu Tautropfen, die in Getreidehalme eingingen. Diese wie-
derum wurden von einem heiligen brāhmaïa verzehrt, und von ihm empfing
dessen Frau seine Samenessenz. Śukra wurde ihr Sohn. Er wuchs bei ihnen
auf. Die Nymphe wurde zu einem Reh, und Śukra erhielt von ihr ein mensch-
liches Kind. Er entwickelte eine große Zuneigung zu seinem Sohn. Die durch
seinen Sohn entstehenden Sorgen und Ängste ließen Śukra altern, und so
starb er, immer noch nach Vergnügen verlangend.
   Aufgrund dessen wurde Śukra in seiner nächsten Geburt zum Regenten ei-
nes Königreiches. In dieser Verkörperung starb er, nachdem er den Wunsch
nach einem Leben der Enthaltsamkeit und Heiligkeit entwickelt hatte. In
seiner nächsten Geburt wurde er dann zu einem heiligen Mann.




                                     167
Nachdem er von einer Verkörperung zur nächsten gewandert und alle mög-
        lichen Arten von Schicksalen ausgelebt hatte, praktizierte Śukra schließlich,
        beharrlich am Ufer eines Flusses stehend, sehr intensive Bußübungen.
           So verbrachte Śukra eine lange Zeit – vor seinem Vater sitzend und in Kon-
        templation versunken. Sein Körper war ausgezehrt. Währenddessen erzeugte
        der ruhelose Verstand eine Vielzahl aufeinanderfolgender Bilder von Lebens-
        spannen - Geburt und Tod, Aufstieg in den Himmel und Abstieg zur Erde und
        das friedvolle Leben eines Einsiedlers. Er war so vertieft in sie, dass er sie als
        die Wahrheit betrachtete. Der Körper wurde zu Haut und Knochen, denn er
        war sämtlichen Unbilden des Wetters schutzlos ausgesetzt. Schon sein An-
        blick war entsetzlich. Und doch wurde er nicht von fleischfressenden, wilden
        Tieren verzehrt, denn er saß direkt vor dem Weisen Bh−gu, der in tiefe Medi-
        tation versunken war, und Śukra selbst hatte den Körper durch die Praxis des
        Yoga mit großer psychischer Kraft ausgestattet.
           VASIåèHA fuhr fort:
          Nach einhundert himmlischen Jahren der Kontemplation stand der Weise
        Bh−gu von seinem Sitz auf. Er sah seinen Sohn Śukra nicht vor sich, sondern
        nur den ausgetrockneten Körper. Der Körper sah abscheulich aus, denn in der
IV:10
        Zwischenzeit war er zu einer Wohnstätte von Würmern geworden, die in
        seinen Augenhöhlen lebten und sich sehr schnell vermehrten. Tief bestürzt
        über das, was er sah, und ohne wirklich über den natürlichen Lauf der Dinge
        nachzudenken, war Bh−gu erfüllt von Zorn und verfluchte die Zeit dafür, die-
        sen unzeitgemäßen Tod seines Sohnes verursacht zu haben.
          Die ZEIT (bzw. der Tod) erschien unverzüglich in physischer Gestalt vor
        dem Weisen. Die ZEIT hielt in der einen Hand ein Schwert und in der anderen
        eine Schlinge. Sie hatte eine undurchdringliche Rüstung. Sie besaß sechs
        Arme und sechs Gesichter. Sie war umgeben von einer großen Anzahl von
        Dienern und Boten. Die ZEIT strahlte mit den Flammen der Vernichtung, die
        von ihrem Körper ausgingen, und von den Waffen, die sie in Händen hielt.
          Ruhig und mit fester Stimme wandte sich die ZEIT an Bh−gu:
          Oh Weiser, wie kommt es, dass ein Großer wie du ein solch unwürdiges Be-
        tragen in Erwägung gezogen hat? Weise Männer sind niemals zornig – auch
        nicht, wenn sie beleidigt werden. Du hast jedoch das Gleichgewicht deines
        Gemüts verloren, obwohl niemand dich beleidigt hat! In Wirklichkeit bist du
        eine verehrungswürdige Person, und ich gehöre zu denjenigen, die sich stets
        an die vorgeschriebenen Verhaltensweisen halten. Und aus diesem Grunde
        grüße ich dich, nicht jedoch aus einem anderen Grund.
          Vertue nicht deine Verdienste durch die nutzlose Zurschaustellung deiner
        Macht zu verfluchen! Wisse, dass ich sogar von den Feuern der kosmischen
        Auflösung unberührt bleibe Wie kindisch ist angesichts dessen deine Hoff-
        nung, mich mit deinem Fluch zu beseitigen!
          Ich bin die Zeit. Ich habe nicht nur zahllose Wesen getötet, sondern sogar
        die Götter, die dieses Universum regieren. Du Heiliger, ich bin der Essende


                                              168
und du bist unsere Nahrung. So ist es durch die Natur bestimmt. Diese Bezie-
hung beruht nicht auf wechselseitiger Ab- oder Zuneigung. Aufgrund ihrer
wahren Natur flammt das Feuer himmelaufwärts und die Wasser fließen
abwärts. Ebenso sucht die Nahrung den Essenden und die erschaffenen Dinge
suchen ihr Ende. So wurde es vom Herrn festgelegt: Im Selbst von allen
wohnt das Selbst als es selbst. In der reinen Sichtweise gibt es weder einen
Täter noch einen Genießenden, während dagegen die unreine Sichtweise, die
stets die Getrenntheit wahrnimmt, diese Getrenntheit als Wirklichkeit wahr-
zunehmen glaubt.
   Du dagegen bist in der Tat ein Kenner der Wahrheit, und du weißt, dass es
weder eine Täterschaft noch eine Nicht-Täterschaft gibt. Die Wesen kommen
und gehen wie die Blüten der Bäume – ihre Verursachung beruht auf nichts
anderem als Mutmaßung. All dieses ist der Zeit zuzuschreiben. Man kann dies
als real oder irreal ansehen. Denn wenn die Oberfläche eines Sees aufgewühlt
wird, dann scheint auch der Mond sich aufgrund seiner Widerspiegelung zu
bewegen. Man kann dies gleichzeitig als wahr und falsch betrachten.
   Die ZEIT fuhr fort:
   Ergib dich nicht dem Zorn, oh Weiser, denn das wäre der sichere Weg in
das Unheil. Was sein soll, das wird auch sein. Erkenne diese Wahrheit. Wir
sind nicht durch persönliche Eitelkeit angetrieben – wir erfüllen auf natürli-
che Weise unsere natürlichen Funktionen. Das ist in der Tat die Natur der
Weisen. Was getan werden muss, muss von den Weisen hier getan werden,
die egolos und ohne jeden Ich-Sinn wie im tiefen Schlaf verbleiben: dagegen
sollst du dich nicht vergehen.
   Wo sind deine Weisheit, deine Größe und deine moralische Kraft geblieben?
Oh Weiser, weshalb handelst du wie ein Narr, obwohl du den Pfad des Segens
kennst? Gewiss doch ist dir bekannt, dass die reife Frucht zu Boden fällt –
weshalb also ignorierst du dies und willst mich verfluchen?
   Und ganz gewiss ist dir bekannt, dass jeder über zwei Körper verfügt, näm-
lich über den physischen und den mentalen. Der physische Körper ist leblos
und geht seiner Zerstörung entgegen. Das Gemüt ist endlich, aber zur
Geordnetheit fähig. Jedoch ist dieses Gemüt in dir jetzt in einem ungeordne-
ten Zustand! Das Gemüt bringt den Körper dazu, nach seiner Pfeife zu tanzen
und verursacht unablässig Veränderungen in ihm – wie das Kind, welches mit
Lehm spielt. Handlungen sind immer nur mentale Handlungen. Die Gedanken
verursachen Bindung, während der reine Zustand des Gemüts Befreiung
bedeutet. Es ist das Gemüt, das den Körper mit all seinen Gliedern erschafft.
Das Gemüt bildet gleichzeitig die belebten und leblosen Wesenheiten. Diese
ganze unendliche Vielfalt besteht aus nichts anderem als dem Gemüt. Das
Gemüt mit seiner Funktion der Entschlossenheit wird Intellekt genannt. In
seiner Funktion der Identifiziertheit wird es als der Ich-Sinn bezeichnet. Der
physische Körper besteht nur aus physischer Materie, während das Gemüt
ihn jedoch als seinen eigenen betrachtet. Wendet sich das Gemüt dagegen der



                                    169
Wahrheit zu, gibt es seine Identifikation mit dem Körper auf und erlangt das
Höchste.
  Oh Weiser, während du in Kontemplation versunken warst, ging dein Sohn
in seiner Fantasie zu weit, weit entfernten Orten. Er ließ diesen Körper, der
als „der Sohn von Bh−gu“ betrachtet wurde, zurück und stieg in den Himmel
auf. Dort erfreute er sich der himmlischen Nymphen. Im Laufe der Zeit, als
seine Verdienste aufgrund der genossenen Freuden erschöpft waren, fiel er
wie eine reife Frucht zusammen mit der Nymphe auf die Erde zurück. Seinen
himmlischen Körper musste er zurücklassen. Er fiel auf die Erde, um dort mit
einem physischen Körper wiedergeboren zu werden. Hier auf der Erde hatte
er eine Reihe von Geburten zu durchleben. So wurde er nacheinander zu
einem brāhmaïa-Knaben, einem König, einem Fischer, einem Schwan, wiede-
rum zu einem König, einem großen Yogi mit psychischen Kräften, einem
himmlischen Halbgott, dem Sohn eines Weisen, wieder zu einem König und
wiederum zum Sohn eines Weisen. Aufgrund schlechter Taten wurde er da-
nach zu einem Jäger, einem König, und schließlich zu Würmern und Pflanzen,
zu einem Esel, einem Bambus, einem Reh in China, einer Schlange, einem
Vogel, und wiederum zu einem Halbgott. Jetzt ist er erneut zum Sohn eines
brāhmaïa namens Vasudeva geworden. Er ist gut bewandert in den Schriften
und ist gegenwärtig mit Bußübungen am Ufer des heiligen Flusses Samañga
beschäftigt.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 IV:11
  Ermutigt von Yama (der Zeit) erschaute der Weise Bh−gu daraufhin mit dem
Auge der Weisheit das Leben seines Sohnes. In einem Augenblick sah er in
seinem Intellekt den gesamten Ablauf der Wiederverkörperungen seines
Sohnes. Von Staunen über das ergriffen, was er da gesehen hatte, kam er
zurück in seinen Körper.
  Nun vollständig frei von aller Anhaftung an seinen Sohn, sagte BHãGU:
  Hoher Herr, du bist in der Tat der Kenner der Vergangenheit, Gegenwart
und Zukunft, während wir hier nur wenig von all dem begreifen. Diese Welt-
erscheinung, die unwirklich ist und doch als wirklich erscheint, täuscht sogar
die heroischen Männer der Weisheit. Gewiss befindet sich all dies innerhalb
von dir selbst. Nur du kennst die wahre Gestalt dieses Phantoms, welches von
den Einbildungen des Verstandes geschaffen wurde.
  Dieser mein Sohn ist nicht tot – jedoch geriet ich in Erregung, weil ich ihn
für tot hielt. Ich dachte, dass mein Sohn von mir genommen wurde, noch
bevor seine Zeit gekommen war. Hoher Herr, obwohl wir den Verlauf der
irdischen Ereignisse verstehen, werden wir zu Freude und Schmerz bewegt,
von dem, was wir als ein glückliches oder ein unglückliches Geschick betrach-
ten.
  In dieser Welt bringt der Zorn den Menschen dazu zu tun, was nicht getan
werden sollte, während die Stille uns fähig macht, das zu tun, was getan wer-
den sollte. Solange diese Täuschung der Weltexistenz besteht, so lange ist


                                    170
auch die Unterscheidung zwischen der angemessenen und unangemessenen
Handlung gültig. Es ist nicht angemessen, dass wir uns von deiner natürli-
chen Funktion erregen lassen, welche die Ursache des scheinbaren Todes der
Wesen ist.
  Durch deine Gnade habe ich meinen Sohn wiedergesehen, und ich habe er-
kannt, dass der Körper nichts anderes als das Gemüt ist. Und es ist dieses
Gemüt, welches diese Welterscheinung heraufbeschwört.
  Die ZEIT sagte:
  Gut gesprochen, oh Weiser! Wahr ist es, dass der Körper nur dieses Gemüt
ist. Es ist das Gemüt, welches durch reine Gedankentätigkeit den Körper
„erschafft“ – so wie der Töpfer einen Topf herstellt. Es erzeugt neue Körper
und bewirkt die Zerstörung dessen, was existiert, und all dies durch bloßen
Gedankenwunsch. Es ist ganz offensichtlich, dass im Gemüt die Fähigkeiten
der Täuschung oder Halluzination, des Träumens und des irrationalen Den-
kens existieren, die all die schönen Luftschlösser erzeugen. Auf dieselbe Wei-
se erzeugt es in sich selbst die Erscheinung des Körpers. Der unwissende
Mensch mit einer groben physischen Sichtweise jedoch betrachtet den physi-
schen Körper als getrennt und unabhängig vom Gemüt.
  Die drei Welten (von Wachen, Träumen und Schlafen) sind nichts als der
Ausdruck der Fähigkeiten des Gemüts, und dieser Ausdruck kann weder als
real noch irreal erachtet werden. Wenn das Gemüt, durch die Wahrnehmung
von Vielfalt konditioniert, zu „sehen“ beginnt, dann sieht es die Vielfalt.
  Die ZEIT fuhr fort:
  Das Gemüt verwickelt sich selbst in diese Welterscheinung, indem es zahl-
lose Vorstellungen (wie etwa „ich bin schwach, unglücklich, töricht “ usw.)
unterhält. Wenn dann das Verstehen auftaucht, dass all dies nur falsche Vor-
stellungen des Gemüts sind – ‚Ich bin, was ich bin‘ – dann taucht der Friede
des Höchsten im Bewusstsein des Menschen auf.
  Das Gemüt ist wie ein ungeheurer Ozean mit einer unendlichen Vielfalt von
Wesen darin. Auf seiner sich stets kräuselnden Oberfläche steigen und fallen
große und kleine Wellen unablässig auf und ab. Die kleine Welle denkt, dass
sie klein ist, und die große denkt, dass sie groß ist. Diejenige, die vom Wind
gebrochen wird, denkt, dass sie zerstört ist. Eine andere glaubt, dass es kalt
und wieder eine andere, dass es warm ist. Alle Wellen sind jedoch nichts als
das Wasser des Ozeans. Es ist in der Tat wahr, dass es keinerlei Wellen im
Ozean gibt, sondern dass der Ozean allein existiert. Und doch ist ebenso wahr,
dass es die Wellen gibt!
  Auf dieselbe Weise existiert auch das absolute Brahman. Da es allmächtig
ist, erscheint der natürliche Ausdruck seiner unendlichen Möglichkeiten als
die unendliche Vielfalt in diesem Universum. Die Vielfalt hat keinerlei reale
Existenz außer in der eigenen Einbildungskraft. „All dies ist wahrhaftig das
absolute Brahman“ — bleibe stets in dieser Wahrheit verwurzelt. Gib alle
anderen Vorstellungen auf. So wie die Wellen nicht verschieden vom Ozean


                                    171
sind, so sind alle diese Dinge nicht verschieden von Brahman. So wie der
            Same in sich den ganzen Baum als Möglichkeit birgt, so existiert in Brahman
            das gesamte Universum für alle Zeiten. So wie der vielfarbige Regenbogen im
            Sonnenlicht entsteht, so wird all diese Vielfalt in dem Einen gesehen. So wie
            das leblose Netz aus der lebendigen Spinne heraus entsteht, so entspringt
            diese leblose Welterscheinung aus dem unendlichen Bewusstsein.
               So wie die Seidenraupe sich in seinen Kokon einspinnt und selbst bindet, so
            fantasiert das unendliche Sein dieses Universum und sieht sich schließlich in
            diesem gefangen. So wie sich ein Elefant mühelos von dem Pfahl losreißt, an
            den er gefesselt ist, so befreit sich das Selbst selbst von seiner Bindung. Denn
            das Selbst ist stets nur das, wofür es sich hält. Für den Höchsten Herrn gibt es
            weder Bindung noch Befreiung. Ich habe keine Ahnung, wie diese Auffassun-
            gen von Bindung und Befreiung überhaupt entstehen konnten! Da gibt es
            weder Bindung noch Befreiung – nur dieses unendliche Sein wird gesehen.
            Und doch wird dieses Ewigliche durch das Vergängliche verhüllt, und dies ist
            in der Tat ein großes Wunder (oder eine große Illusion).
               Im Moment, wo dieses Gemüt sich im unendlichen Bewusstsein manifes-
            tiert, entstehen auch die Vorstellungen von Vielfalt, und diese Vorstellungen
            existieren im unendlichen Bewusstsein. Aufgrund dessen scheinen in diesen
            Universum all diese verschiedenen Gottheiten und die zahllosen Wesen der
            Schöpfung zu existieren — einige von ihnen langlebig, andere dagegen kurz-
            lebig, wieder andere sind anscheinend groß oder klein, und einige sind glück-
            lich oder unglücklich. Alle diese lebendigen Wesenheiten sind nichts als Vor-
            stellungen im unendlichen Bewusstsein. Manche betrachten sich selbst als
            unwissend und gebunden, andere sind ohne Unwissenheit und befreit.
               Die ZEIT fuhr fort:
IV:12, 13
               Oh Weiser! Götter, Dämonen und menschliche Wesen sind nicht verschie-
            den von diesem kosmischen Ozean des Bewusstseins, der Brahman genannt
            wird – dies ist die Wahrheit, alle anderen Annahmen sind falsch. Sie (die
            Götter usw.) unterhalten falsche Vorstellungen (wie etwa „ich bin nicht das
            Absolute“) und überlagern sich selbst mit Unreinheit und dem Empfinden
            einer Entwertung. Aber auch diese sind für alle Zeit in diesem kosmischen
            Ozean des Bewusstseins, obschon sie sich selbst als getrennt von Brahman
            betrachten und daher irregeführt sind. Obgleich sie für immer rein sind,
            überlagern sie sich mit Unreinheit, was dann der Same all ihrer Handlungen
            und deren Konsequenzen ist; d. h. von Glück, Unglück, Unwissenheit und
            Erleuchtung.
               Von diesen Wesen sind manche rein wie Śiva und Vi«ïu, andere nur leicht
            befleckt wie Menschen und Götter, manche wandeln in finsterer Täuschung
            wie Bäume und Sträucher, andere sind durch Unwissenheit geblendet wie
            Würmer, wieder andere bewegen sich weit weg von der Weisheit, und wieder
            andere haben den Zustand von Erleuchtung und Befreiung erlangt wie
            Brahmā, Vi«ïu und Śiva.



                                                 172
Sobald jemand die Weisheit erfasst, die die höchste Wahrheit betrifft, ist er
unverzüglich erlöst – auch wenn er auf die zuvor beschriebene Weise im Rad
der Unwissenheit und Täuschung kreiste.
  Von diesen müssen sich weder diejenigen, die wie Bäume fest in der Täu-
schung verwurzelt sind, noch diejenigen, die ihre Täuschung gänzlich zerstört
haben, mit der Erforschung der Schriften erfassen. Die Schriften wurden von
erleuchteten Wesen zur Anleitung derjenigen geschaffen, die aus dem
Schlummer der Unwissenheit erwacht sind, nachdem ihre schlechte Natur
und deren Ausdrucksformen aufgehört haben und deren Intellekt auf natürli-
che Weise nach der Führung durch die Schriften verlangt.
  Oh Weiser! Es ist nur das Gemüt, welches Vergnügen und Schmerzen in die-
ser Welt erfährt, aber nicht der physische Körper der Lebewesen. Der physi-
sche Körper ist nichts anderes als die Frucht der Einbildungen des Gemüts –
der physische Körper ist keine existenzielle Tatsache, die unabhängig vom
Gemüt existiert. Was auch immer dein Sohn in seinem eigenen Gemüt entste-
hen lassen will, das erfährt er – wir sind dafür nicht verantwortlich. Alle
Lebewesen in dieser Welt erfahren nur diejenigen Handlungen, die aus dem
Lagerhaus ihrer eigenen Möglichkeiten und Veranlagungen hervorgehen –
niemand sonst ist verantwortlich für diese Handlungen; keine übermenschli-
chen Wesen und kein Gott.
  Komm, lass uns dorthin gehen, wo dein Sohn mit Bußübungen befasst ist,
nachdem er vorübergehend die Vergnügen des Himmels genossen hat.
  (Nachdem er das gesagt hatte, nahm Yama (die Zeit) Bh−gu mit sich fort....
Als der Weise Vāsi«Âha geendet hatte, schloss der achte Tag und die Versamm-
lung löste sich auf.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  IV:14
  Oh Rāma, der Weise Bh−gu und die Gottheit, die über die Zeit regiert, wand-
ten sich in Richtung des Flusses SamaÇga. Als sie vom Berg Mandara herab-
stiegen, sahen sie herrliche Wälder, die von vollkommenen und erleuchteten
Weisen bewohnt waren. Sie sahen mächtige Elefanten in Brunst. Sie sahen
andere vollkommene Weise, die von himmlischen Nymphen spielerisch mit
Blumen beworfen wurden. Sie sahen buddhistische (oder erleuchtete) Mön-
che im Walde wandern. Dann stiegen sie in die Ebene hinab mit ihren Dörfern
und Städten. Schon sehr bald erreichten sie die Ufer des Flusses Samañga.
  Dort sah der Weise Bh−gu seinen Sohn, der nun einen anderen Körper hatte
und dessen Natur ganz verschieden von seiner früheren war. Jetzt hatte er
eine friedvolle Veranlagung, und sein Gemüt war in der Stille der Erleuchtung
verankert, obgleich er tief über das Schicksal der lebendigen Wesen des Uni-
versums nachdachte. Dieser strahlende junge Mann hatte offenbar die voll-
kommene Stille des Gemüts erlangt, in welcher das Spiel der Gedanken und
Gegengedanken aufgehört hatten. Er war absolut rein, wie ein Kristall, der
nicht einmal mehr daran interessiert war, die Dinge um sich herum zu spie-



                                     173
geln! Da war in seinem Verstand kein Gedanke an „dies ist zu erlangen“ oder
        „dies ist zu vermeiden“.
          Die ZEIT wies auf diesen jungen Mann und sagte zu Bh−gu: „Dies ist dein
        Sohn“. Śukra hörte die Worte „steh auf“ und öffnete sanft die Augen. Als er die
        beiden strahlenden Wesen vor sich stehen sah, begrüßte er sie und bat sie,
        auf einem Stein Platz zu nehmen. Mit sanften und liebevollen Worten sagte
        er: „Oh göttliche Wesen, wie gesegnet bin ich, euch beide hier bei mir zu se-
        hen! Durch eure bloße Anwesenheit wurden die Täuschungen meines Gemüts
        zerstört; Täuschungen, die weder durch das Studium der Schriften, durch
        Askesepraktiken noch durch Weisheit oder Erkenntnis zerstört werden konn-
        ten. Nicht einmal ein Strom aus Nektar ist so segensvoll wie die Ansicht der
        Heiligen. Die Erde, über die eure Füße gegangen sind, ist heilig.“
          Der Weise Bh−gu sagte daraufhin zu ihm: „Besinne dich, denn du bist kein
        Unwissender!“ Śukra wurde unverzüglich der Erinnerung an seine früheren
        Existenzen gewahr, über die er für eine kurze Zeit mit geschlossenen Augen
        nachsann.
          ŚUKRA sagte:
          „Siehe da, ich habe zahllose Wiederverkörperungen durchlebt und bin
        durch zahllose Erfahrungen von Schmerz und Freude, Weisheit und Täu-
        schung gewandert. Ich war ein grausamer König, ein gieriger Händler und ein
        wandernder Asket. Es gab kein Vergnügen, dass ich nicht genossen habe,
        keine Handlung, die ich unterlassen habe, kein Unglück oder Glück, dem ich
        nicht ausgesetzt war. Weder wünsche ich mir nun noch etwas noch trachte
        ich danach, etwas zu vermeiden – die Natur soll ihren Lauf nehmen. Komm,
        Vater, lass uns zum früheren Körper gehen, der jetzt ausgetrocknet ist.
IV:15
          VASIåèHA fuhr fort:
          Schon bald gelangten sie an den Ort, an dem der Körper von Śukra, des
        Sohnes von Bh−gu, in einem fortgeschrittenen Zustand der Verwesung am
        Boden lag. Als er ihn sah, jammerte Śukra: „Ach, sieh‘ nur diesen Körper, der
        einst sogar von den himmlischen Nymphen so bewundert und geliebt wurde,
        und der jetzt die Heimstatt von Würmern und Ungeziefer ist! Dieser Körper,
        der einst mit Sandelholzpaste bestrichen wurde, ist nun mit Schmutz be-
        deckt. Oh du Körper! Nun nennt man dich eine Leiche, und wirklich, du jagst
        mir Angst ein. Sogar die wilden Tiere fürchten sich vor deinem grausigen
        Anblick. Völlig frei von Empfindungen, ist dieser Körper nun in einem Zu-
        stand gänzlicher Freiheit von Gedanken und Ideen. Er ist nun frei vom Kobold
        des Gemütes und verbleibt unberührt von allem natürlichen Unheil. Da er frei
        von der Unrast des ruhelosen Affen geworden ist, den man Gemüt nennt, liegt
        dieser Baum von Körper entwurzelt da. Es ist in der Tat ein glückliches Ge-
        schick, dass ich diesen Körper sehen kann, befreit von Leiden in diesem dich-
        ten Wald.“




                                             174
RùMA fragte: Heiliger Herr, du hast gesagt, dass Śukra zahllose Verkörpe-
        rungen durchlebt hat, und doch beklagt er das Schicksal dieses Körpers, der
        durch Bh−gu geboren wurde. Wie ist dies möglich?
         VASIåèHA erwiderte:
          Rāma, der Grund liegt darin, dass alle anderen Körper nur die Halluzinatio-
        nen dieses ursprünglichen Körpers waren, der zu Śukra, dem Sohn des Wei-
        sen Bh−gu, gehört. Bald nach Beginn der Neuschöpfung am Ende der letzten
        kosmischen Auflösung wurde der jīva bzw. die lebendige Seele, die aus der
        Nahrung entstand, die in den Körper des Weisen Bh−gu einging, als Śukra
        geboren. Es geschah in dieser Verkörperung, dass diese Seele all die Riten
        und Rituale erfuhr, die angemessen für die Geburt eines brāhmaïa-Knaben
        sind.
          Weshalb beklagte Śukra (jetzt Vasudeva genannt) diesen Körper? Ob einer
        weise oder unwissend ist – so lange der Körper lebt, leben seine Funktionen
        unverändert weiter, die seiner Natur entsprechen. Und so funktioniert dann
        auch die verkörperte Person auf entsprechende Weise in dieser Welt, nämlich
        mit oder ohne Anhaftung. Der Unterschied liegt in ihren mentalen Neigungen
        – im Falle des Weisen wirken sie auf befreiende und im Falle des Unwissen-
        den auf bindende Art. So lange es den Körper gibt, so lange werden der
        Schmerz schmerzhaft und das Vergnügen erfreulich sein – der Weise jedoch
        ist weder an das eine noch an das andere gebunden. Sich an der Freude er-
        freuend und leidend am Leiden scheinen sich die Großen nur wie Unwissen-
        de zu verhalten, aber in Wahrheit sind sie erleuchtet. Der ist befreit, dessen
        Sinnesorgane frei, aber dessen Handlungsorgane beherrscht sind. Derjenige
        jedoch ist gebunden, dessen Sinnesorgane zwar zurückhaltend, aber dessen
        Handlungsorgane unbeherrscht und unkontrolliert sind. Der Weise verhält
        sich in Gesellschaft auf angemessene Art, obwohl er innerlich frei von allem
        Anpassungszwang ist. Oh Rāma, entsage allem Verlangen und Bestreben und
        tue, was getan werden muss – in der Erkenntnis, dass du auf immer das reine,
        unendliche Bewusstsein bist.
          VASIåèHA fuhr fort:
IV:16
          Als sie den jungen Asketen Vasudeva das Schicksal seines früheren Körpers
        betrauern sah, griff die ZEIT (oder der Tod) ein und sprach zu Śukra:
          Die ZEIT (bzw. der TOD) sagte:
          Oh Sohn des Bh−gu! Gib diesen deinen Körper auf und gehe in deinen ande-
        ren Körper ein – so wie ein König sein Königreich betritt. Mit diesem Körper
        von Śukra widme dich erneut deinen Bußübungen und werde so zum spiritu-
        ellen Guru der Dämonen. Am Ende dieser Epoche wirst du dann auch diesen
        Körper aufgeben, um niemals wieder eine Verkörperung zu erleben. Nach-
        dem sie so gesprochen hatte, verschwand die ZEIT.
          Daraufhin gab Śukra den Körper Vasudevas auf, in dem er intensive Buß-
        übungen am Ufer des Flusses SamaÇga ausgeübt hatte, und ging erneut in den



                                            175
verwesten Körper von Śukra ein, dem Sohn des Weisen Bh−gu. Im selben
Moment fiel der Körper Vasudevas wie ein gefällter Baum zu Boden und
wurde ein Leichnam. Der Weise Bh−gu besprengte den Körper Śukras mit
heiligem Wasser aus seinem eigenen Wassertopf und murmelte dabei heilige
Hymnen, die die Macht hatten, diesen Körper wiederzubeleben, mit Fleisch
zu bekleiden usw. Und unverzüglich wurde der Körper so strahlend und
jugendlich wie früher.
  Śukra erhob sich aus seiner Meditationshaltung und, seinen Vater, den Wei-
sen Bh−gu, vor sich sehend, warf er sich ihm zu Füßen. Bh−gu war hocher-
freut, seinen Sohn zu sehen, wie er von den Toten auferstanden war und
umarmte ihn glückstrahlend und mit großer Herzlichkeit. Sogar der Weise
Bh−gu wurde von dem Gefühl überwältigt: „Dies ist mein Sohn“, was nur na-
türlich ist, so lange es das Körperbewusstsein gibt. Beide erfreuten sich die-
ses erneuten, glücklichen Zusammenseins.
  Sowohl Bh−gu als auch Śukra führten dann die vorgeschriebenen Begräb-
nisriten für den brāhmaïa-Knaben Vasudeva aus, denn die Männer der Weis-
heit halten die sozialen Gewohnheiten und Traditionen stets in Ehren.
  Beide von ihnen strahlten wie Sonne und Mond. Sie, die gewiss die spiritu-
ellen Lehrer des ganzen Universums waren, durchwanderten die Welt. Fest
verankert in der Erkenntnis des Selbst blieben sie von allen Veränderungen
unberührt, die in der Zeit und der Umgebung stattfanden. Im Verlaufe der
Zeit wurde Śukra der Guru der Dämonen, während sein Vater Bh−gu zu einem
Weisen mit der höchsten Weisheit wurde.
  Dies ist die Geschichte des Weisen Śukra, der aufgrund seiner Leidenschaft
für eine Nymphe zahllose Leben durchwanderte.
  RùMA fragte:
                                                                                   IV:11, 17
  Heiliger Herr, weshalb materialisieren sich nicht die Wünsche anderer Leu-
te so, wie sich der Wunsch von Śukra als Aufstieg in den Himmel usw. materi-
alisierte?
  VASIåèHA erwiderte:
  Śukras Gemüt war rein, denn dies war seine erste Verkörperung. Sein Ge-
müt war nicht mit den Unreinheiten früherer Verkörperungen beladen. Ein
Gemüt ist rein, in dem sich sämtliche Verlangen in einem Zustand der Stille
befinden. Was auch immer sich das reine Gemüt wünscht, das materialisiert
sich. Was im Hinblick auf Śukra geschehen ist, ist für jedermann möglich.
  Die Welt existiert in jedem jīva in einem Samenzustand und wird manifest,
so wie der Baum aus dem Keimling sprießt. Die Welt wird daher fälschli-
cherweise von jedem einzelnen Individuum nur phantasiert. Weder entsteht
die Welt noch vergeht sie – dies alles ist nichts als die Einbildung des irrege-
führten Gemütes. Innerhalb von jedem befindet sich eine Phantasiewelt. So
wie die eigenen Träume anderen unbekannt sind, so ist die eigene Welt ande-
ren unbekannt. Da gibt es Kobolde, Halbgötter und Dämonen, die sämtlich die



                                     176
Verkörperungen der Täuschung sind. Auf dieselbe Weise sind auch wir ins
        Sein getreten, oh Rāma, aus reiner Gedankenkraft heraus, und wir erachten
        das Falsche als wirklich. Darin besteht in der Tat der Ursprung der Schöpfung
        im unendlichen Bewusstsein. Die Materialität ist keine Tatsache, obwohl sie
        in der gänzlichen Leerheit aller Dinge wahrgenommen wird. Jeder phanta-
        siert seine eigene Welt zusammen. Sobald diese Wahrheit einmal erkannt
        wurde, gelangt diese phantasierte Welt an ihr Ende. Diese Welt existiert nur
        als Erscheinung oder Einbildung und nicht deshalb, weil man diese materiel-
        len Substanzen, die man zu sehen glaubt, tatsächlich sieht. Das Ganze ist wie
        ein langer Traum oder ein Taschenspielertrick. Es ist wie der Pfahl, an den
        der Gemüts-Elefant angebunden ist.
          Das Gemüt ist die Welt, die Welt ist das Gemüt – sobald eines von beiden als
        unwahr erkannt wird, verschwindet beides! Wenn das Gemüt gereinigt ist,
        reflektiert es die Wahrheit und die irreale Welterscheinung verschwindet.
        Das Gemüt wird gereinigt durch die beständige Kontemplation der Wahrheit.
          RùMA fragte:
          Wie konnte diese Reihe von Geburten usw. im Gemüt von Śukra auftau-
        chen?
          VASIåèHA erwiderte:
IV:18     Śukra wurde von seinem Vater Bh−gu über die Aufeinanderfolge der Gebur-
        ten unterwiesen. Es war diese Unterweisung, die Śukras Gemüt so konditio-
        niert hat, dass es den Inhalt dieser Unterweisung aus sich selbst heraus er-
        weitert hat. Nur dann, wenn das Gemüt gänzlich gereinigt von aller Konditio-
        nierung ist, erlangt es seine äußerste Reinheit zurück. Ein solch reines Gemüt
        erfährt die Befreiung.
          VASIåèHA fuhr fort:
          Die Vielfalt, die in dieser Schöpfung zu sehen ist, oh Rāma, hat nur den An-
        schein der Vielfalt. Die Evolution oder Involution hat nur das eine, unendliche
        Bewusstsein als seine Quelle und sein Ziel. Während der Evolution taucht in
        dem einen, unendlichen Bewusstsein diese scheinbare Vielfalt in Überein-
        stimmung mit den gegebenen Vorstellungen dieses Bewusstseins auf.
          Einige dieser Vorstellungen vermischen sich miteinander und produzieren
        auf diese Weise innerhalb dieser Vielfalt diese unendlichen Verschiedenhei-
        ten. Einige wiederum vermischen sich nicht. Jedoch alle diese Vorstellungen
        erscheinen tatsächlich in jedem Atom der Existenz, und alle diese Atome
        existieren unabhängig voneinander. Die Gesamtheit all dessen wird das abso-
        lute Brahman genannt.
          Jedes Individuum sieht nur diejenigen Objekte, die in seinem eigenen Ge-
        müt verwurzelt sind. Wenn die Ideen des Gemüts keine Früchte tragen, gibt
        es einen Wandel im Gemüt. Daraufhin entsteht eine Aufeinanderfolge von
        Geburten, die diesen psychologischen Veränderungen Rechnung tragen. Es ist
        diese psychologische Verbindung, die die Überzeugung von der Realität von



                                             177
Geburt und Tod und von der Realität des Körpers erschafft. Sobald diese
Überzeugung aufgegeben wird, hören die Verkörperungen auf.
  Wenn die Wahrheit vergessen wird, dann entsteht diese Verwirrung, die
das Unwirkliche für wirklich hält. Durch die Reinigung der Lebenskräfte
(prana) und durch die Erkenntnis dessen, was jenseits dieses prana oder
Lebenskräfte liegt, erlangt man die Erkenntnis von allem, was man wissen
muss, um die Aktivitäten des Gemüts wie auch die Grundlage für die Aufei-
nanderfolge von Geburten zu verstehen.
  Das Selbst aller Lebewesen wandert durch drei Zustände hindurch, nämlich
Wachen, Träumen und Tiefschlaf. Diese haben nichts mit dem Körper zu tun.
(Sogar diese Aussage beruht nur auf der Annahme, dass Lebewesen in dem
einen Selbst existieren, was nicht der Wahrheit entspricht.) Der weise
Mensch, der den Zustand jenseits des Tiefschlafs erreicht, (das reine Be-
wusstsein) kehrt zur Quelle zurück. Der Narr jedoch, der diesen Weg nicht
geht, wird im Lebenszyklus gefangen. Da das Bewusstsein unendlich ist, wird
man von einem Lebenszyklus zum nächsten geführt – sogar noch über den
eigentlichen Weltzyklus hinaus. Schöpfungen dieser Art sind endlos – die eine
erscheint aus der andern wie die Blätter der Bananenpflanze. Natürlich wäre
es unweise, Brahman, das Absolute, mit irgendetwas zu vergleichen.
  Man sollte stets nur das erforschen, was in Wahrheit die unverursachte
Quelle aller Substanzen ist, was jenseits aller Verursachung ist. Nur dies ist
die Erforschung wert, denn es allein ist die Essenz. Weshalb sollte man das
Inessenzielle erforschen?
  VASIåèHA fuhr fort:
   Oh Rāma, der Baum in einem Samen wächst aus ihm heraus, nachdem er
den Samen zerstört hat; aber Brahman erschafft diese Welt, ohne sich selbst
zu zerstören. Der Baum (die Welt) erscheint auch dann, wenn der Same
(Brahman) bleibt, wie er ist.
   Folglich ist es unmöglich, das unvergleichbare Brahman mit irgendetwas zu
vergleichen. Während der Baum usw. eine definierbare materielle Substanz
ist, ist Brahman ein namen- und formloses Sein.
   Es ist Brahman allein, das zu dem wird, was anscheinend von einer gänz-
lich andersartigen Natur ist. Von einem anderen Standpunkt aus jedoch wird
Brahman zu gar nichts, weil es ewiglich und wandellos ist.
   Daher kann man nichts betreffend das Brahman postulieren – weder ist es
möglich zu sagen, dass es nicht zu all diesem geworden ist, noch ist es mög-
lich zu sagen, dass es zu all diesem geworden ist.
   Wenn das Selbst als ein Objekt gesehen wird, wird der Seher nicht gesehen
(erkannt) – solange das objektive Universum wahrgenommen wird, erkennt
man das Selbst nicht. Sobald du nur das Wasser in der Luftspiegelung siehst,
nimmst du nicht die aufsteigende flimmernde Luft wahr. Siehst du dagegen
die heiße Luft, dann siehst du das Wasser nicht mehr! Sobald das eine wahr
wird, wird das andere unwahr.


                                    178
Die Augen, die alle Objekte in der Welt wahrnehmen, nehmen nicht sich
selber wahr. Solange man die Wahrnehmung von Objektivität unterhält, wird
das Selbst nicht erkannt. Brahman ist so subtil und rein wie Raum. Es kann
nicht durch irgendwelche Bemühung erkannt werden. Solange man das, was
man wahrzunehmen glaubt, mit der Überzeugung betrachtet, dass es sich
hierbei um Objekte der Wahrnehmung handelt (wobei man sich selbst als den
von ihnen getrennten Seher oder das Subjekt ansieht), ist die Erkenntnis des
Brahman in der Tat weit entfernt.
  Es geschieht nur, wenn die Trennung zwischen dem Seher und dem Gese-
henen aufgegeben wird, nur dann, wenn die beiden als eine Substanz „gese-
hen“ werden, dass die Wahrheit realisiert wird. Es gibt kein Objekt, welches
von völlig anderer Natur als das Subjekt ist. Noch weniger kann das Subjekt
(das Selbst) wie ein Objekt gesehen werden! Tatsächlich erscheint allein das
Subjekt (das Selbst) in der Sicht als das Gesehene (das Objekt) – ein anderes
Objekt der Wahrnehmung gibt es nicht. Wenn wiederum das Subjekt oder das
Selbst allein all dies ist, dann ist es weder das Subjekt noch der Seher! Inner-
halb einer solchen Sichtweise existiert keinerlei Getrenntheit.
  So wie Zucker zu verschiedenen Süßigkeiten wird, ohne dabei jemals seine
natürliche Süße einzubüßen, so visualisiert sich dieses unendliche Bewusst-
sein oder Brahman selbst als all diese unendliche Vielfalt, ohne sich dabei im
mindesten seiner essenziellen Natur zu entäußern. Für die Manifestation in
diesem unendlichen Bewusstsein existiert keinerlei wie auch immer geartete
Grenze.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Jeder jīva erfährt in sich selbst das, was immer und wie immer es mit Hilfe
seiner eigenen Lebenskraft in ihm aufgetaucht ist. Oh Rāma, sieh mit dem
Auge deiner inneren Weisheit die Wahrheit, dass es in jedem Atom der Exis-
tenz zahllose Welterscheinungen gibt. Im Gemüt eines jeden, im Raum selbst,
in jedem Stein, in der Flamme des Feuers und im Wasser existieren ungezähl-
te Welterscheinungen, so wie Öl im Sesamsamen existiert. Wenn das Gemüt
absolut rein wird, dann wird es zu reinem Bewusstsein und wird eins mit
dem unendlichen Bewusstsein.
  Diese Welterscheinung ist nichts als ein langer Traum, der sich überall ma-
nifestiert, da sie die Imagination von Brahmā dem Schöpfer und allen ande-
ren ist. Die Objekte, die auf diese Weise im Traum des Schöpfers geboren
wurden, wandern von Traum zu Traum, von Verkörperung zu Verkörperung.
Dadurch schaffen sie die Illusion der scheinbaren Festigkeit dieser Welter-
scheinung. Diese traumartige Erscheinung erscheint während der Periode
des Traums als völlig wahr.
  Innerhalb jedes Atoms sind sämtliche Arten von potentiellen Erfahrungen
enthalten, so wie in einem Samen die verschiedenen Aspekte des Baums
(Blüten, Blätter, Früchte usw.) sind. Innerhalb jedes Atoms der Existenz exis-
tiert das unendliche Bewusstsein – folglich ist alles unteilbar. Gib daher alle
deine Vorstellungen von Vielfalt oder Einheit auf. Zeit, Raum, Handlung oder


                                     179
Bewegung und Materie sind nur verschiedene Aspekte des einen, unendli-
        chen Bewusstseins: und Bewusstsein erfährt diese in sich selbst – gleichgül-
        tig, ob es sich um den Körper des Schöpfers Brahmā oder den eines Wurms
        handelt.
           Ein Atom des Bewusstseins erfährt, sobald es den voll herangereiften Zu-
        stand eines Körpers erlangt hat, seine eigenen Anlagen und Möglichkeiten.
        Jemand empfindet die vor ihm ausgebreiteten Objekte als außerhalb liegend,
        weil das unendliche Bewusstsein allgegenwärtig ist. Andere wiederum neh-
        men alles als inneliegend wahr, wie es sich abwechslungsweise entwickelt
        und wieder zurückentwickelt. Wieder andere gehen von einer Traumerfah-
        rung zur nächsten, umherwandernd in dieser Welterscheinung.
           Ein paar wenige jedoch erkennen, dass die in sich selbst gesehene Welter-
        scheinung illusorisch ist mit Ausnahme des einen, unendlichen Bewusstseins,
        welches allein auf ewig wahr ist. Aufgrund dieses Bewusstseins erscheint die
        Welt im jīva, und darin gibt es wiederum jīvas innerhalb von jīvas usw. – ad
        infinitum. Wenn jemand diese Wahrheit erfährt, dann ist er befreit von der
        Illusion. Gleichzeitig wird das Verlangen nach Sinnesvergnügen immer
        schwächer. Nur dies ist der gültige Erweis der erworbenen Weisheit. Weder
        ist ein gemalter Honigtopf Honig noch eine gemalte Flamme Feuer, und das
        Bildnis einer Frau ist nicht die Frau. Weise Worte sind nur Worte (Unwissen-
        heit), solange sie nicht durch die Abwesenheit von Wünschen und Zorn bestä-
        tigt werden.
           VASIåèHA fuhr fort:
IV:19
          Der eigentliche Same aller jīvas, der das absolute Brahman ist, existiert
        überall, und innerhalb der jīvas existieren zahllose weitere jīvas. All dies ist
        deshalb, weil das gesamte Universum gänzlich vom unendlichen Bewusstsein
        durchdrungen ist.
          Aufgrund ihrer Erscheinungsform als jīvas nehmen sie durch ihre Kontemp-
        lation, unabhängig davon, welcher Art diese ist, schon sehr bald die Natur des
        Gegenstands der Kontemplation an. Diejenigen, die den Göttern ergeben sind,
        erreichen die Götter, diejenigen, die die Halbgötter verehren, erlangen die
        Halbgötter. Diejenigen, die das absolute Brahman kontemplieren, werden zu
        Brahman. Man sollte daher stets zu dem Zuflucht nehmen, was nicht be-
        grenzt, konditioniert oder endlich ist.
          Durch die Kontemplation der Gestalt der Nymphe wurde Śukra gebunden,
        und als er die Reinheit seines Selbst erkannt hatte, welches unendliches Be-
        wusstsein ist, wurde er unverzüglich befreit.
          RùMA fragte:
          Heiliger Herr, bitte sage mir, was die wahre Natur der Wach- und Traumzu-
        stände ist. Was konstituiert den Wachzustand, und wie können Traum oder
        Täuschung im Wachzustand auftauchen?
          VASIåèHA sprach:



                                             180
Der Zustand, der andauert, wird der Wachzustand genannt, und derjenige,
der vergänglich ist, ist der Traumzustand. Während der Dauer des Traums
nimmt dieser die Eigenschaft des Wachzustandes an, und sobald die vergäng-
liche Natur des Wachzustandes realisiert wird, hat er die Eigenschaften des
Traums. Abgesehen davon sind beide gleich.
   Sobald sich die Lebenskraft im Körper rührt, üben die verschiedenen Orga-
ne des Denkens, des Sprechens und der Handlung ihre Funktionen aus. Sie
bewegen sich in Richtung ihrer Wahrnehmungsobjekte entsprechend den
illusorischen Vorstellungen, die im Gemüt vorherrschen. Diese Lebenskraft
nimmt im Selbst verschiedene Formen wahr. Weil die Natur dieser Wahr-
nehmungen als dauerhaft empfunden wird, nennt man sie den Wachzustand.
   Aber wenn die Lebenskraft (jīva-cetana) nicht vom Gemüt und dem Körper
abgelenkt wird, verbleibt sie friedlich innerhalb des Herzens verwurzelt. Es
gibt dann weder eine Bewegung des Bewusstseins in den Nerven des Körpers
noch aktiviert die Lebenskraft die Sinne. Das Bewusstsein jedoch, welches
sogar im Tiefschlaf wach und welches das Licht ist, das im Wachen und
Träumen scheint, ist das transzendentale Bewusstsein, turiya.
   Sobald sich wieder die Samen der Unwissenheit und Täuschung regen und
ausbreiten, entsteht der allererste Gedanke – der Gedanke „Ich bin“. Dann
nimmt man innerhalb des Gemüts im Traum Gedankenformen wahr. Zu die-
sem Zeitpunkt arbeiten die externen Sinnesorgane nicht, während dagegen
die inneren Sinne funktionieren und Wahrnehmungen im eigenen Innern
entstehen lassen. Dies ist der Traumzustand. Sobald die Lebenskraft die Sin-
nesorgane aktiviert, beginnt wieder der Wachzustand.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 IV:20, 21
  Ich habe die Zustände des Gemüts nur deshalb beschrieben, damit du die
Natur des Gemüts verstehen lernst – einen anderen Zweck der Unterweisung
gibt es nicht. Denn das Gemüt nimmt die Form von dem an, worüber es inten-
siv kontempliert. Existenz, Nicht-Existenz, Erlangen und Entsagen – all dieses
sind nur Stimmungen im Gemüt.
  RùMA fragte:
 Wenn das Gemüt also all dies ist, oh Herr, wie kann es dann befleckt wer-
den?
 VASIåèHA erwiderte:
  Dies ist eine schöne Frage, Rāma, aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt
dafür. Wenn du dem, was ich dir mitgeteilt habe, zugehört hast, dann wirst du
die Antwort auf diese Frage mit der äußersten Klarheit herausfinden.
  Dass das Gemüt unrein ist, ist die Erfahrung von allen, die nach der Befrei-
ung streben. Je nach der Art seines besonderen Gesichtspunkts beschreibt es
jeder unterschiedlich.
  So wie Luft, in Kontakt mit verschiedenen Blumen kommend, deren Düfte
mit sich nimmt, so nimmt das Gemüt in Abhängigkeit von seinen verschiede-


                                    181
nen Vorstellungen verschiedene Stimmungen an, erschafft dann die passen-
        den Körper dazu und erfreut sich der Früchte seiner eigenen Vorstellungen,
        sobald die entsprechenden Energien die Sinne angeregt haben. Es ist das
        Gemüt, wie ich schon sagte, das den Brennstoff für das Funktionieren der
        Handlungsorgane liefert. Das Gemüt ist die Handlung und die Handlung ist
        das Gemüt – beide sind wie Blüte und Duft. Die Überzeugung des Gemüts
        bestimmt die Handlung, und die Handlung stärkt wiederum die Überzeugung.
          Das Gemüt ist überall dem dharma, dem Wohlstand, dem Vergnügen und
        der Freiheit gewidmet, aber jeder hat davon eine unterschiedliche Definition,
        von deren Wahrheit er dann völlig überzeugt ist. Daher kommt es, dass die
        Anhänger von Kapila, die Vedāntins, die Vijñānavādins, die Jainas und andere
        vollständig sicher sind, dass der ihrige der einzig richtige Pfad zur Befreiung
        ist. Ihre Philosophien sind der Ausdruck ihrer Erfahrungen, die wiederum die
        Frucht ihrer eigenen Praxis sind, die wiederum entsprechend den Überzeu-
        gungen in ihrem Gemüt verlaufen ist.
          Rāma, Bindung ist nichts anderes als die Wahrnehmung eines Objekts. Die-
        se Wahrnehmung ist Māyā, Unwissenheit usw. Sie ist der graue Star, der die
        Sonne der Wahrheit blendet. Die Unwissenheit lässt einen Zweifel entstehen,
        dieser Zweifel leitet eine Wahrnehmung ein – und diese Wahrnehmung ist
        verzerrt. In der Dunkelheit ist man erschreckt, wenn man sich versehentlich
        dem Käfig eines Löwen genähert hat, obwohl dieser leer ist. Auf dieselbe
        Weise glaubt man unwissenderweise, in diesem leeren Körper gefangen zu
        sein. Die Vorstellungen von „Ich” und „Welt“ sind nur Schatten, nicht die
        Wahrheit. Solche Vorstellungen allein erzeugen „Objekte“ – und diese Objekte
        sind weder wahr noch falsch. Eine Mutter, die sich selbst als eine Haus-
        hälterin ansieht, benimmt sich auch wie eine solche; eine Frau, die sich selbst
        als die Mutter des Gemahls ansieht, benimmt sich vorübergehend auch wie
        eine solche. Gib daher, Rāma, die Vorstellungen von „Ich“ und „dies“ auf, und
        verbleibe verankert in der Wahrheit.
          VASIåèHA fuhr fort:
IV:12
          Wer durch Selbsterforschung Weisheit erworben hat und die folgenden
        Qualifikationen besitzt, erfreut sich der Klarheit der Selbsterkenntnis, so wie
        Wasser klar wird, wenn man ein Stückchen Alaun hineinwirft. Sein Gemüt ist
        ungestört durch Modifikationen. Sein Wesen ist völlig umgewandelt. Da er
        erworben hat, was als einziges wert zu erwerben ist (d.h., die Selbsterkennt-
        nis), hat er die Vorstellung von Objektivität völlig aufgegeben. Da der Seher
        als einziger sieht, betrachtet er keinen anderen Faktor als den Seher (das
        Subjekt). Er ist zur höchsten Wahrheit erwacht und daher gegenüber dieser
        Welterscheinung sozusagen wie ein Schlafender. Mit seiner vollkommenen
        Leidenschaftslosigkeit ist er gleichgültig gegenüber dem Vergnügen und
        dessen Gegenteil. Seine Verlangen haben aufgehört wie die Rastlosigkeit der
        strömenden Flüsse beim Eintritt in den Ozean t. Er hat dieses Netz der Welt-
        erscheinung durchschnitten wie die Maus den Faden durchbeißt, der sie
        gefangen hält.


                                             182
Nur dann, wenn das Gemüt ohne jede Anhaftung ist und von den Gegen-
satzpaaren nicht hin und her geworfen wird, wenn es sich nicht mehr von
Objekten angezogen fühlt und gänzlich unabhängig von jeder Hilfe ist, kann
es dem Käfig der Täuschung entkommen. Wenn sämtliche Zweifel zur Ruhe
gekommen sind und es da weder Jubel noch Niedergeschlagenheit gibt, dann
scheint das Gemüt wie der Vollmond. Wenn die Unreinheiten des Gemüts
aufgehört haben, dann entstehen im Herzen alle diese verheißungsvollen
Qualitäten; dann herrscht für alles die gleiche Sicht. So wie die Dunkelheit
von der aufsteigenden Sonne vertrieben wird, so löst sich diese Weltillusion
in nichts auf, wenn die Sonne des unendlichen Bewusstseins im Herzen auf-
leuchtet. Die Weisheit, die fähig ist, die Herzen aller Wesen im Universum zu
erfreuen, offenbart und verbreitet sich. Kurz gesagt – wer dies kennt, was
allein wert ist gekannt zu werden, der transzendiert alles Kommen und Ge-
hen, Geburt und Tod.
  Sogar die Götter Brahmā, Vi«ïu, Indra und Śiva werden von diesen Heiligen,
in denen durch Selbst-Erforschung oder direkte Beobachtung die Selbster-
kenntnis aufgetaucht ist, befreundet und unterstützt.
  Sobald der Egoismus abwesend ist, gibt es keinerlei Verwirrung mehr im
Gemüt, wenn dieses auf natürliche Weise funktioniert. So wie die Wellen im
Ozean steigen und fallen, so entstehen diese Welten und verschwinden wie-
der – sie täuschen den Unwissenden, aber nicht den Weisen. Der Raum in
einem Topf entsteht nicht, wenn ein Topf entsteht. Er wird auch nicht zer-
stört, wenn der Topf zerbricht. Wem bewusst ist, dass dieselbe Beziehung
auch zwischen seinem Körper (dem Topf) und dem Selbst (dem Raum) be-
steht, ist nicht beeindruckt von Lob und Tadel.
  Diese glänzende Welterscheinung sucht einen nur so lange heim, als man
sich nicht mit der Erforschung des Selbst beschäftigt. Sobald die Weisheit
auftaucht, verschwindet die Täuschung.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, der sieht die Wahrheit, der den Körper als das Produkt eines irre-
geführten Verständnisses und als die Quelle von Unheil erachtet und weiß,
dass der Körper nicht das Selbst ist.
  Er sieht die Wahrheit, wenn er erkennt, dass Vergnügen und Schmerz in
diesem Körper nur aufgrund des Verstreichens der Zeit und der Umstände, in
die er versetzt ist, erfahren werden, und dass all dies ihn in keiner Weise
betrifft.
  Der sieht die Wahrheit, der erkennen kann, dass er selbst das allgegenwär-
tige unendliche Bewusstsein ist, welches in sich selbst all das umfasst, was
überall und immer gegeben ist.
  Der erkennt die Wahrheit, der weiß, dass das Selbst, welches subtiler als
der millionste Teil einer Haarspitze geteilt durch eine Million ist, alles durch-
dringt.



                                      183
Der sieht die Wahrheit, der zu erkennen vermag, dass es keinerlei Trennung
zwischen dem Selbst und anderen gibt, und dass das eine unendliche Licht
des Bewusstseins als die einzige Realität existiert.
  Der sieht die Wahrheit, der erkennen kann, dass das nicht-duale Bewusst-
sein, welches in allen Wesen wohnt, allmächtig und allgegenwärtig ist.
  Der sieht die Wahrheit, der sich nicht durch den Gedanken irreführen lässt,
dass er der Körper sei, der Krankheit, Furcht, Unruhe, Alter und Tod unter-
worfen ist.
  Der sieht die Wahrheit, der zu erkennen vermag, dass alle Dinge vom Selbst
durchzogen werden wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht sind, und der
weiß: „Ich bin nicht das Gemüt“.
  Der sieht die Wahrheit, der erkennen kann, dass all dies Brahman ist und
weder „ich“ noch „andere“ wirklich sind.
  Der sieht die Wahrheit, der erkennt, dass alle Wesen der drei Welten seine
eigene Familie sind, die seine Achtung und seinen Schutz verdienen.
  Der sieht die Wahrheit, der weiß, dass nur das Selbst existiert, und dass es
da keinerlei Substanz für Objektivität gibt.
  Derjenige ist unberührt, der weiß, dass Schmerz und Freude, Geburt und
Tod usw. nur das Selbst sind.
  Derjenige ruht fest in der Wahrheit, der fühlt: „Was habe ich zu gewinnen,
wessen habe ich zu entsagen, wenn doch all dies nur das Selbst ist?“
  Wir verneigen uns vor dem Gesegneten, der erfüllt ist von der höchsten
Erkenntnis, dass das gesamte Universum wahrhaftig Brahman allein ist, wel-
ches selbst wandellos in jeder scheinbaren Schöpfung, Existenz und Auflö-
sung des Universums verbleibt.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 IV:23
  Rāma, wer den erhabenen Pfad wandelt, obwohl er noch in diesem Körper
wohnt, der wie das Rad des Töpfers von der Schwungkraft der Vergangenheit
angetrieben wird, der ist unbefleckt von allen Handlungen, die er ausführt.
Der Körper existiert in seinem Fall nur für sein Vergnügen und für die Befrei-
ung seiner Seele – er erfährt in ihm keinerlei Missbehagen.
  Für den Unwissenden ist dieser Körper die Quelle des Leidens, aber für den
erleuchteten Menschen ist er die Quelle unaufhörlicher Freude. Solange der
Körper existiert, erlangt der weise Mensch von ihm großes Vergnügen und
das Entzücken der Erleuchtung, und wenn dann die Lebensspanne des Kör-
pers an ihr Ende gelangt ist, betrachtet der Weise sein Verschwinden in kei-
ner Weise als einen Verlust. Daher ist der Körper für die erleuchtete Person
eine Quelle endloser Wonne. Und da er ihn durch diese Welt trägt, in der der
Weise frei und vergnügt umherwandert, betrachtet ihn dieser als ein Fahr-
zeug der Weisheit. Durch den Körper macht der weise Mensch die verschie-
denen Sinneserfahrungen und gewinnt die Freundschaft und Zuneigung
anderer, und so ist er für ihn eine Quelle des Reichtums. Der erleuchtete


                                    184
Mensch regiert fröhlich in dieser Stadt, die man den Körper nennt – so wie
            Indra, der König des Himmels, in seiner eigenen Stadt regiert.
              Der Körper liefert den weisen Menschen weder den Gefahren von Lust und
            Gier aus noch erlaubt er, dass Unwissenheit oder Furcht ihn heimsuchen. Die
            Intelligenz, die den Körper des weisen Menschen steuert, wird nicht durch
            die Aufregung, die der Unwissende „Vergnügen“ nennt, nach außen gezogen,
            sondern sie ruht im Innern in einem Zustand der Kontemplation.
              Das verkörperte Lebewesen steht mit dem Körper, so lange er existiert, nur
            in einer leichten Verbindung. Es ist unberührt, wenn der Körper eines Tages
            verschwindet – so wie Luft einen Topf berührt, der existiert, aber keinen, der
            nicht existiert.
              So wie das tödliche Gift, dass von Gott Śiva getrunken wurde, ihm nicht nur
            nicht schadete, sondern sogar noch seine Schönheit erhöhte, so binden die
            verschiedenen Handlungen und Freuden einer erleuchteten Person diese
            nicht an den Zyklus von Geburt und Tod. So wie jemand dir nicht mehr scha-
            den kann und sogar dein Freund wird, wenn du weißt, dass er ein Dieb ist
            und du mit ihm in diesem Wissen Umgang hast, so erfreust du dich der Ob-
            jekte und ziehst Genuss aus ihnen, wenn du ihre wahre Natur einmal erkannt
            hast. Der weise Mensch, der alle Zweifel losgeworden ist und in dem kein
            persönliches Selbst zurückgeblieben ist, herrscht in diesem Körper in aller
            Hoheit.
              Man sollte daher sämtliches Verlangen nach Vergnügen aufgeben und
            Weisheit erlangen. Nur das disziplinierte Gemüt erfährt echtes Glück. Der
            gefangengesetzte König ist, einmal befreit, schon über ein Stück Brot hoch
            erfreut. Der König, der nie gefangen genommen wurde, ist nicht einmal so
            erfreut mit der Eroberung eines anderen Königreiches. Daher beißt der ver-
            nünftige Mensch auf die Zähne und strebt mit allen Kräften nach der Erobe-
            rung seines Gemüts und der Sinne, denn eine solche Eroberung ist bei weitem
            größer als die Eroberung äußerer Widersacher.

                                                ***


            Die Geschichte von Dāma, Vyāla und KaÂa

             VASIåèHA fuhr fort:
IV:24, 25
              Oh Rāma, in dem großen Reich, welches als die entsetzliche Hölle bezeich-
            net wird, treiben die bösen Taten umher wie mächtige Elefanten in Brunst.
            Die Sinne, die für diese Taten verantwortlich sind, sind wie ein gewaltiges
            Lagerhaus voller Verlangen. Folglich sind diese Sinne äußerst schwer zu
            erobern. Diese undankbaren Sinne zerstören den Körper, ihre eigene Woh-
            nung und Grundlage.



                                                185
Derjenige jedoch, der mit Weisheit ausgestattet ist, ist fähig, das Verlangen
            zu bremsen, ohne das Wesen zu beschädigen – so wie eine Schlinge den Ele-
            fanten zurückhält, ohne ihn zu verletzen. Die Seligkeit, die der weise Mensch
            empfängt, der seine Sinne unter Kontrolle hat, ist den Freuden eines Königs
            unvergleichlich überlegen, der über eine aus Ziegeln und Mörtel erbaute
            Stadt herrscht. Die Intelligenz des Weisen wächst in dem Maße, wie sein
            Verlangen nach Sinnesvergnügen abnimmt. Jedoch verschwindet das Verlan-
            gen vollständig erst dann, wenn die höchste Wahrheit erkannt wird.
              Für den Weisen ist das Gemüt ein gehorsamer Diener, ein guter Ratgeber,
            ein fähiger Befehlshaber der Sinne, eine gefällige Frau, ein fürsorglicher Vater
            und ein vertrauenswürdiger Freund. Es veranlasst ihn stets zu guten Taten.
              Rāma, sei in der Wahrheit verankert und lebe in Freiheit in einem Zustand
            frei von Gedanken. Benimm dich nicht wie die Dämonen Dāma, Vyāla und
            KaÂa, deren Geschichte ich dir nun erzählen werde.
              In den Unterwelten gab es einmal einen mächtigen Dämon, der Saæbara
            genannt wurde. Er war ein Altmeister in der Kunst der Magie. Er erschuf eine
            magische Stadt mit Hunderten von Sonnen am Horizont, mit sprechenden
            und gehenden Wesen aus Gold, mit Schwänen, herausgehauen aus kostbaren
            Steinen, mit eiskaltem Feuer und mit seinen eigenen Himmelskörpern. Auf
            die Götter des Himmels wirkte dieser Dämon wie ein schreckliches Verhäng-
            nis. Sobald er schlief oder seine Stadt einmal verließ, zogen die Götter ihren
            Vorteil aus der Situation und vernichteten seine Armee. Wütend fiel dann der
            Dämon in die Himmel ein. Die Götter, voll Angst vor seinen magischen Kräf-
            ten, versteckten sich. So konnte er sie nicht finden. In geeigneten Momenten
            gelang es ihnen dann wiederum, die Streitkräfte des Dämons zu vernichten.
            Um seine Streitkräfte zu schützen, erschuf der Dämon drei weitere Dämonen:
            Dāma, Vyāla und KaÂa.
              Diese drei hatten noch keine früheren Inkarnationen erlebt und waren da-
            her frei von jeder mentalen Konditionierung. Sie hatten keine Furcht, Zweifel
            oder andere Veranlagungen; sie flohen nicht vor dem Feind; sie hatten keine
            Angst vor dem Tod; sie kannten nicht die Bedeutung von Krieg, Sieg oder
            Niederlage. Tatsächlich waren sie überhaupt keine selbständigen jīvas, son-
            dern bloß roboterhafte, tätige Projektionen des Dämons Saæbara. Ihr Verhal-
            ten war wie von jemandem, der alle latenten Tendenzen oder Konditionie-
            rungen ausgelöscht, aber noch keine Erleuchtung erlangt hat. Der Dämon
            Saæbara war hocherfreut darüber, dass seine Armee nun über unbesiegbare
            Beschützer verfügte.
              VASIåèHA fuhr fort:
IV:26, 27     Der Dämon Saæbara entsandte seine unverwundbare Armee erneut – ge-
            schützt von den drei neuen Dämonen – in den Kampf mit den Göttern. Auch
            die Armee der Götter bereitete sich auf den Kampf vor. Die Dämonen waren
            unbewaffnet und wurden von den Göttern in ein Mann-gegen-Mann-Gefecht
            verwickelt. Eine grimmige Schlacht entstand. Später wurde die Schlacht mit


                                                 186
schreckenerregenden Raketen fortgesetzt, die alle Städte, Dörfer, Höhlen,
Tiere und anderes zerstörten. Beide Seiten erfuhren abwechselnd die Freude
des Sieges und das Leid der Niederlage.
  Die drei anführenden Dämonen suchten nach den anführenden Göttern,
konnten sie aber nirgends entdecken. Die Dämonen gingen zu Saæbara, um
ihm dies zu berichten. Die Götter riefen den Schöpfer Brahmā an, der sofort
vor ihnen erschien, und flehten ihn an, ihnen zu offenbaren, wie sie die drei
Dämonen vernichten könnten.
  BRAHMù sagte:
   Oh ihr Götter, Saæbara kann jetzt nicht vernichtet werden. Er wird in hun-
dert Jahren von Gott Vi«ïu getötet werden. Ihr seid gut beraten, wenn ihr
euch vorläufig von der Schlacht zurückzieht, so als ob ihr von den drei Dämo-
nen besiegt worden wäret.
   Im Laufe der Zeit wird aufgrund ihrer Teilnahme an diesem Krieg der Ich-
Sinn in ihnen erwachen. Dann werden sie der psychologischen Konditionie-
rung unterworfen sein und latente Neigungen entwickeln. Jetzt im Moment
sind diese drei Dämonen gänzlich frei vom Ich-Sinn und seinen Beimischun-
gen (den Konditionierungen und Neigungen).
   Diejenigen, in denen der Ich-Sinn („ich“) und seine Produkte (die Neigun-
gen) nicht existieren, kennen weder Wunsch noch Zorn. Sie sind unüberwind-
lich. Wer dagegen durch den Ich-Sinn („ich“) und durch die Konditionierung
des Gemüts gebunden ist, kann, auch wenn er als große Persönlichkeit oder
als ein großer Gelehrter angesehen wird, sogar von einem Kind besiegt wer-
den.
   Tatsächlich sind die Vorstellungen von „ich“ und „mein“ der fruchtbare Bo-
den, in denen Sorgen und Leiden wachsen. Wer den Körper mit dem Selbst
identifiziert, versinkt im Elend – wer das Selbst als das Allgegenwärtige sieht,
überwindet den Kummer. Für diesen gibt es nichts in den drei Welten, was
nicht das Selbst ist, und nichts, was Gegenstand von Wünschen sein könnte.
   Derjenige, dessen Gemüt konditioniert ist, kann besiegt werden – in der
Abwesenheit dieser Konditionierung jedoch wird sogar ein Moskito unsterb-
lich. Das konditionierte Gemüt erfährt Leiden – wird es dagegen die Kondi-
tionierung los, dann erfährt es Wonne. Die Konditionierung oder das Verlan-
gen schwächt eine Person. Daher solltet ihr keine Angst davor haben, gegen
diese drei Dämonen zu kämpfen. Tut was immer ihr könnt, um in ihnen die
Gefühle von „Ich“ und „mein“ zu erzeugen. Da sie nur die unwissenden Krea-
turen des Dämons Saæbara sind, werden sie nur zu schnell den Köder schlu-
cken. Dann können sie von euch allen leicht besiegt werden.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   IV:28, 5,6
  Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Schöpfer Brahmā. Die
Götter ruhten eine Weile in ihren Verstecken aus und bereiteten sich auf
einen neuen Ansturm auf die Dämonen vor. Die dann einsetzende Schlacht



                                     187
zwischen den Armeen der Götter und Dämonen war noch grausamer als die
        vorherige. Überall geschah eine schreckliche Zerstörung.
           Dieses fortgesetzte Treiben im Kampfe ließ in den drei Dämonenführern die
        grundlegende Vorstellung von „Ich bin“ entstehen. So wie ein Spiegel ein
        Objekt widerspiegelt, das davor gehalten wird, so spiegelt sich das eigene
        Verhalten als Ich-Sinn im eigenen Bewusstsein wider. Wird dieses Verhalten
        jedoch auf „Distanz“ vom Bewusstsein gehalten, und geschieht keinerlei Iden-
        tifikation mit diesem Verhalten, dann taucht der Ich-Sinn nicht auf.
           Sobald jedoch dieser Ich-Sinn erschien, folgte sehr schnell der Wunsch nach
        Verlängerung des Lebens im Körper und das Verlangen nach Wohlstand,
        Gesundheit, Vergnügen usw. Diese Wünsche führten zu einer gewaltigen
        Schwächung ihrer Persönlichkeit. Es entstand Verwirrung in ihrem Gemüt,
        die in der Folge die Gefühle von „dies ist mein“ und „dies ist mein Körper“
        entstehen ließ. All dies führte unvermeidbar zu Ineffizienz und Unfähigkeit,
        ihre Aufgabe zu erledigen. Sie waren nun stark interessiert an Essen und
        Trinken. Die Objekte gaben ihnen Gefühle von Vergnügen und raubten ihnen
        ihre Freiheit. Mit dem Verlust der Freiheit verließ sie auch ihr Mut und sie
        erfuhren Furcht. Der Gedanke „wir werden in dieser Schlacht sterben" erfüll-
        te sie mit schrecklicher Angst.
           Die Götter nutzten diese Situation und begannen, die Dämonen zu attackie-
        ren. Die drei Dämonen, die nun von der Todesangst besessen waren, flohen.
           Als die Dämonenarmee sah, dass ihre unbesiegbaren Beschützer vor den
        einfallenden Göttern flohen, verließ sie ihr Mut gänzlich – sie fielen zu Tau-
        senden auf dem Schlachtfeld.
           Als der Dämon Saæbara vernahm, dass seine Armee von den Göttern ver-
        nichtet worden war, war er wutentbrannt. Er verlangte nach den drei unbe-
        siegbaren Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa: „Wo sind sie?“
          Aus Furcht vor seinem Zorn nahmen diese drei Dämonen ihre Zuflucht in
        der untersten Unterwelt.
          Dort gewährten ihnen die Diener des Todesgottes Yama Zuflucht. Sie gaben
        ihnen außerdem drei Mädchen zu Ehefrauen. Sie lebten eine lange Zeit in der
        Unterwelt. Eines Tages besuchte sie Yama persönlich ohne sein ihn üblicher-
        weise begleitendes Gefolge. Sie erkannten ihn nicht und erwiesen ihm nicht
        die ihm gebührenden Ehren. Zornig verbannte Yama sie in die schrecklichs-
        ten Höllen. Nachdem sie dort gelitten und anschließend zahlreiche Inkarnati-
        onen in verschiedenen untermenschlichen Arten erfahren hatten, leben sie
        heute als Fische in einem See in Kashmir.
          VASIåèHA fuhr fort:
IV:31     So siehst du selbst, welche katastrophalen Ergebnisse die Unweisheit zei-
        tigt. Du siehst, wie die unbesiegbaren Dämonen gänzlich niedergeworfen und
        entehrt werden konnten aufgrund ihres Ich-Sinnes, der Furcht in ihren Her-
        zen entstehen ließ. Das tödliche Gewächs der Weltlichkeit keimt aus dem
        Samen des Ich-Sinns. Daher, oh Rāma, weise diesen Ich-Sinn mit allen dir zur


                                            188
Verfügung stehenden Mitteln von dir und sei verwurzelt in der Überzeugung:
        „’Ich’ ist ein Nichts“. Sei glücklich. Das eine unendliche Bewusstsein, welches
        die Natur reiner Seligkeit hat, wird vom Schatten des Ich-Sinns verdunkelt.
           Obwohl die Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa in Wirklichkeit frei vom Zyklus
        von Geburt und Tod waren, wurden sie demselben im Moment unterworfen,
        als ihr Ich-Sinn entstand. Sie, vor denen sich einst sogar die Götter gefürchtet
        hatten, sind nun nichts als elende Fische in einem See in Kashmir.
           RùMA fragte:
          Heiliger Herr, die Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa waren unwirklich und
        reine Geschöpfe der Magie von Saæbara. Wie konnte es geschehen, dass sie
        zu wirklichen Wesen wie wir wurden?
          VASIåèHA erwiderte:
          Rāma, ebenso wie die Dämonen Dāma, Vyala und Kata unwirklich und das
        Ergebnis von Magie waren, so sind dies auch wir, die Götter und alle anderen.
        Alle diese Vorstellungen von „Ich“ und „du“, oh Rāma, sind unwirklich. Dass
        du und ich wie wirkliche Wesen erscheinen, ändert nichts an der Wahrheit;
        denn selbst wenn eine tote Person vor dir erscheint, so ist sie trotzdem tot!
          Jedoch wäre es unklug, den Unwissenden die Wahrheit („Brahman allein ist
        wirklich") zu verkünden. Denn die scheinbare Realität der Welterscheinung,
        die allzu tief in den Herzen der Unwissenden verwurzelt ist, wird außer
        durch intensive Erforschung der Schriften nicht zerstreut werden. Wer er-
        klärt: „Diese Welt ist unwirklich, nur Brahman allein ist wirklich“, wird von
        unwissenden Menschen nur ausgelacht. Wie ausführlich du ihnen auch im-
        mer erklärst, dass „all dies nur Brahman“ ist – der Unwissende vermag dies
        ebenso wenig zu erfassen wie ein Leichnam wieder lebendig werden kann.
           Diese Wahrheit kann nur von den Weisen erfahren werden.
          Oh Rāma, weder wir noch diese Dämonen sind wirklich. Die Wirklichkeit ist
        das eine unendliche Bewusstsein, welches keinerlei Wandel unterworfen ist.
        In diesem unendlichen Bewusstsein tauchen die Vorstellungen von dir, von
        mir, von diesen Dämonen usw. auf. Sie werden mit scheinbarer Wirklichkeit
        ausgestattet, weil das sie wahrnehmende Bewusstsein wirklich ist. Wenn
        dieses Bewusstsein sozusagen „wach“ ist, dann tauchen alle diese Vorstellun-
        gen auf, und wenn es „schläft“, dann lösen sich diese Vorstellungen auf. Im
        unendlichen Bewusstsein jedoch gibt es keinerlei Zustände wie Wachen oder
        Schlafen – es ist nichts anderes als reines Bewusstsein.
           Erkenne dies und sei dann frei von der Sorge und Furcht, wie sie durch die
IV:32   Wahrnehmung von Getrenntheit verursacht wird.
          RùMA fragte:
         Oh heiliger Weiser, bitte sage mir, wann und auf welche Weise die drei Dä-
        monen die Befreiung erlangen werden?
         VASIåèHA erwiderte:



                                             189
Rāma, sobald sie die Erzählung ihrer Geschichte hören und an ihre eigene
Natur als reines Bewusstsein erinnert werden, sind sie befreit.
  Im Verlaufe der Zeit wird dann inmitten eines Landes, das Kashmir genannt
wird, eine Stadt namens Adhi«ÂhÃna auftauchen. Inmitten dieser Stadt wird
es einen Berg geben, dessen Gipfel Pradyumna heisst. Dort wiederum wird es
einen Turm geben. In einer Ecke dieses Gebäudes wird dann der Dämon
Vyāla als Sperling wiedergeboren.
  In diesem Gebäude wird ein König namens YaÓaskar regieren. Der Dämon
Dāma wird als Moskito wiedergeboren und in einem Loch in einer Säule des
Palastes leben.
  Irgendwo in dieser Stadt wird es außerdem den Palast RatnÃvalÅhÃra geben,
der vom Staatsminister Narasiæha bewohnt ist. Der Dämon KaÂa wird als
Vogel (myna) wiedergeboren und in diesem Palast zuhause sein.
  Eines Tages wird dann der Minister Narasiæha eben diese Geschichte der
drei Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa erzählen. Durch Hören dieser Geschichte
wird der Vogel erleuchtet werden. Er wird sich daran erinnern, dass seine
ursprüngliche Persönlichkeit nichts als eine magische Schöpfung des
Saæbara gewesen ist, und eben diese Erinnerung wird ihn vom Bann des
Saæbara befreien. Der Dämon KaÂa erlangt daraufhin nirvÃïa (Befreiung).
  Andere Leute werden diese Geschichte weitererzählen, und auch der Sper-
ling wird nach dem Hören dieser Geschichte die Befreiung erlangen. So wird
der Dämon Vyāla Befreiung erlangen.
  Und auf dieselbe Weise wird auch der Moskito-Dämon Dāma der Geschichte
lauschen und ebenfalls die Befreiung erlangen.
  Dies ist also die Geschichte, o Rāma, der drei Dämonen Dāma, Vyāla und
KaÂa, die aufgrund ihres Ich-Sinns und ihrer Verlangen in die Hölle stürzten.
All dies ist nichts anderes als das Spiel der Unwissenheit und Täuschung.
  In der Tat ist es das reine Bewusstsein selbst, welches die unreine Vorstel-
lung von „Ich bin“ unterhält – spielerisch sozusagen – und ohne seine essen-
zielle Natur als Bewusstsein je aufzugeben; es erfährt das verzerrte Bild von
sich selbst in sich selber. Obschon dieses verzerrte Bild unwirklich ist, hält es
der Ich-Sinn („Ich bin“) für wahr und wird getäuscht.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    IV:33
  Oh Rāma, diejenigen, die im Zustande der Befreiung gefestigt sind, wie er
von den Schriften aufgezeigt wird, überqueren diesen Ozean der Welter-
scheinung mit Sicherheit, da ihr Bewusstsein zum Selbst strebt. Diejenigen
jedoch, die im Netz ihrer Polemiken gefangen sind, die nichts als Sorge und
Verwirrtheit hervorbringen, verwirken ihr eigenes höchstes Gut. Sogar auf
dem Pfad, der von den Schriften dargelegt wird, ist es letztlich doch immer
nur die eigene, direkte Erfahrung, die den Menschen sicher zum höchsten Ziel
führt.



                                      190
Was bleibt denn von einem gierigen Manne schon als eine Handvoll Asche?
Aber wer diese Welt als weniger wertvoll als einen Grashalm erachtet, wird
niemals Kummer erleiden. Wer vollständig das Unendliche verwirklicht hat,
wird von den kosmischen Gottheiten beschützt. Daher sollte man auch nicht
in Zeiten großer Bestürzung seinen Fuß auf den falschen Pfad setzen. Wer
durch ein tugendhaftes Leben einen guten Ruf erworben hat, gewinnt, was
zuvor nicht gewonnen wurde, und ist fortan des Unglücks ledig. Nur derjeni-
ge kann als echtes menschliches Wesen bezeichnet werden, der nicht selbst-
gefällig ist wegen seinen Tugenden, der den Lehren ergeben ist, die er gehört
hat und der danach strebt, den Pfad der Wahrheit zu gehen. Andere aber sind
nichts als Tiere in menschlicher Verkleidung. Wer mit der Milch der Men-
schenliebe erfüllt ist, in dem wohnt ganz gewiss Gott Hari (von dem gesagt
wird, dass er in einem Ozean aus Milch wohne).
  Was man genießen muss, wurde bereits genossen; was gesehen werden
muss, wurde gesehen – was kann es noch Neues in dieser Welt geben, nach
dem ein weiser Mensch zu suchen hätte? Daher sollte man sich auf seine
Pflicht besinnen, so wie sie von den Schriften angeordnet wird, und alle seine
Verlangen nach Vergnügen aufgeben. Verehre stets die Heiligen, denn dies
wird dich vom Tode erretten.
   Während man die Anweisungen der Schriften befolgt, sollte man geduldig
die Vervollkommnung erwarten, die zu ihrer eigenen Zeit eintreten wird.
Halte jede Abwärtstendenz auf, indem du diese heilige Schrift der Befreiung
aufmerksam studierst. Erforsche beständig und unaufhörlich die Natur der
Wahrheit und wisse, dass „all dies nichts als eine Widerspiegelung ist“. Lass
dich nicht von anderen davon abbringen – nur Tiere lassen sich von der Her-
de führen. Erwache aus dem Schlummer der Unwissenheit! Erwache und
strebe danach, Alter und Tod zu besiegen.
  Wohlstand ist die Mutter des Bösen. Sinnesvergnügen sind die Quelle der
Leiden. Missgeschick ist das Beste, was dir widerfahren kann. Von allen zu-
rückgewiesen zu werden, bedeutet Sieg. Leben, Ehre und edle Eigenschaften
blühen und tragen Früchte in demjenigen, dessen Betragen und Haltung gut
und erfreulich ist, der für sich bleibt und nicht nach den Vergnügen dieser
Welt verlangt, die zu nichts als Leiden führen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, alle eifrige Bemühung wird stets von Erfolg gekrönt. Gib daher
niemals die rechte Bemühung auf. Natürlich ist es nötig, vor der Aufnahme
strenger Mühen zuvor den Wert und die Rechtfertigung des Endergebnisses
zu überprüfen. Wenn du hier eine sorgfältige Abwägung und Erforschung
unternimmst, wirst du gewiss zu dem Ergebnis kommen, dass die Selbster-
kenntnis allein in der Lage ist, alle Schmerzen und Vergnügen mit ihren Wur-
zeln auszurotten. Die eifrige Bemühung sollte daher immer nur in Richtung
Selbsterkenntnis gelenkt werden. Schaffe alle diese Vorstellungen von Objek-
tivität, die die Wünsche nach Sinnesvergnügen in dir erschaffen haben, ab.



                                    191
Kann es denn irgendeine Art von Glück geben, die unbefleckt vom Unglück
ist?
   Gewiss sind die Abwesenheit der Selbstkontrolle und die Praxis der Selbst-
kontrolle im absoluten Brahman ein und dasselbe – eine echte Trennung gibt
es nicht. Doch wird die Praxis der Selbstkontrolle dir große Freude und Segen
bringen. Nimm daher deine Zuflucht zur Selbstkontrolle und gib den Ich-Sinn
auf. Erforsche die Natur der Wahrheit und suche die Gesellschaft der Weisen.
Gute und weise Menschen leben im Einklang mit den Anweisungen der
Schriften, und in ihnen nehmen Gier, Täuschung und Zorn Tag um Tag ab.
   In der Gesellschaft der Weisen wächst die Selbsterkenntnis. Zur selben Zeit
nimmt die Vorstellung, dass die Objekte der Wahrnehmung real sind, von
selbst ab und verschwindet schließlich ganz. Wenn die Welt als Objekt der
Wahrnehmung verblasst, existiert nur noch die höchste Wahrheit. Dann wird
der jīva bzw. die individuelle Persönlichkeit davon absorbiert, da er kein
Objekt mehr findet, das er des Hängens daran wert findet. Die Welt als ein
Objekt wurde niemals erschaffen noch existiert sie als solche, noch wird dies
jemals so sein. Es ist allein das Höchste Sein, welches als die einzige Wirk-
lichkeit allezeit bestand und besteht.
   Somit habe ich dir nun auf tausenderlei Arten die essenzielle Unwirklich-
keit der Welt-als-Objekt-der-Wahrnehmung nachgewiesen. Sie ist nichts
anderes als der reine Raum des Bewusstseins – es gibt in ihr keinerlei
Getrenntheit, auf die man mit Aussagen wie „dies ist die Wahrheit“ oder „dies
ist nicht wirklich“ Bezug nehmen könnte. Nur diese wunderbare Manifestati-
on dieses unendlichen Bewusstseins kann als die Welt betrachtet werden,
nichts anderes. In ihm sind alle Getrenntheiten wie Subjekt und Objekt, Sub-
stanz und Schatten gleichermaßen willkürliche Annahmen wie die Trennung,
die zwischen den Strahlen der Sonne und dem Sonnenlicht gemacht wird. In
Wahrheit existiert nur das unteilbare und unveränderte Bewusstsein. Wenn
es gemäß seiner eigenen Natur sozusagen die Augen öffnet und schließt,
dann geschieht das, was man die Auflösung und Neuerschaffung des Univer-
sums nennt.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Wenn es nicht klar verstanden wird, dann erscheint das „Ich“ als eine un-
reine Vorstellung innerhalb des unendlichen Bewusstseins. Wird dieses „Ich“
jedoch klar verstanden, dann wird es in seiner wahren Bedeutung als das
unendliche Bewusstsein selbst gesehen. Wenn seine eigene Wirklichkeit
erkannt wird, dann erscheint es nicht mehr als der Ich-Sinn, sondern als die
alleinige unendliche Wirklichkeit. Tatsächlich gibt es kein besonderes Etwas
wie das „Ich“.
  Wird diese Wahrheit jemandem mit einem reinen Verstand enthüllt, dann
wird seine Unwissenheit unverzüglich zerstreut. Andere jedoch hängen an
ihren eigenen falschen Vorstellungen wie ein Kind, das an die Existenz eines
Geistes glaubt.



                                    192
Wenn dieses „Ich“ als ein besonderes Etwas einmal als falsch erkannt wor-
den ist, wie kann man dann noch an die anderen mit ihm verknüpften Vor-
stellungen (wie Himmel, Hölle usw.) glauben? Das Verlangen nach dem Him-
mel und sogar nach Befreiung taucht nur so lange im eigenen Herzen auf, als
das „Ich“ als ein besonderes Etwas betrachtet wird. So lange daher dieses
„Ich“ besteht, gibt es nur Unglücklichsein im eigenen Leben. Und eben diese
Vorstellung kann durch nichts anders als Selbsterkenntnis fallengelassen
werden. Solange man von diesem Gespenst der „Ich-heit“ besessen ist, kann
man sich weder durch die Schriften, mit Mantras oder anderen Dingen davon
befreien.
   Nur durch die beständige Erinnerung an die Wahrheit, dass das Selbst eine
reine Reflektion im unendlichen Bewusstsein ist, hört die „Ich-heit“ auf zu
gedeihen. Die Welterscheinung ist nur ein Taschenspielertrick – alle Subjekt-
Objekt-Beziehungen zwischen ihr und mir sind nichts als Narrheit. Sobald
dieses Verstehen einmal Fuß gefasst hat, wird die „Ich-heit" mit Stumpf und
Stiel ausgerottet. Wenn einmal verstanden wird, dass es dieses „Ich“ ist, wel-
ches die Vorstellung einer „Welt“ entstehen lässt, dann hören beide auf ganz
natürliche und friedliche Weise auf.
   Die höhere Form der "Ich-heit", welche in dem Gefühl besteht: „Ich bin eins
mit dem gesamten Universum; es existiert nichts von mir Getrenntes“ ist das
Verstehen eines Erleuchteten. Eine weitere Form der „Ich-heit" besteht darin,
wenn jemand fühlt, dass das „Ich“ extrem subtil und atomisch und daher
verschieden und unabhängig von allem anderen in diesem Universum ist –
auch diese Anschauung ist unwidersprochen förderlich für die Befreiung. Die
zuvor besprochene „Ich-heit“ jedoch, bei der man das Selbst mit dem Körper
identifiziert, muss entschieden aufgegeben werden. Mit Hilfe der beständigen
Kultivierung der höheren Form der „Ich-heit“ wird die niedere Form schließ-
lich ausgelöscht.
   Indem man die niedere „Ich-heit“ in Schach hält, sollte man Zuflucht neh-
men zur höheren Form der „Ich-heit“ und dabei beständig in sich selbst das
Gefühl erzeugen: „Ich bin das Alles“ oder „Ich bin von äußerster Subtilität und
völlig unabhängig von allem“. Zu gegebener Zeit sollte dann diese höhere
Form der "Ich-heit" ebenfalls vollständig aufgegeben werden. Danach kann
man sich entweder beliebigen Tätigkeiten widmen oder in Abgeschiedenheit
leben – die Gefahr eines Falles besteht für diesen nicht länger.

                                     ***


Die Geschichte von Bhīma, Bhāsa und D−¬ha

 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  IV:34



                                     193
Oh Rāma, nachdem Saæbara von den drei Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa
verlassen worden war, erkannte er, dass sie törichterweise egoistische Ge-
danken unterhalten hatten und so ins Unglück gerieten. Deshalb kam er zu
dem Entschluss, weitere Dämonen zu erschaffen, aber diesmal mit Selbster-
kenntnis und Weisheit, so dass sie nicht wieder in die Falle des Ich-Sinns
geraten.
  Saæbara erschuf dann durch seine magischen Kräfte drei weitere Dämo-
nen, die als Bhīma, Bhāsa und D−¬ha bekannt wurden. Sie waren allwissend,
mit Selbsterkenntnis versehen, erfüllt von Leidenschaftslosigkeit und ohne
Sünde. Sie betrachteten das gesamte Universum als nicht wertvoller als einen
Grashalm.
  Diese begannen nun mit der Armee der Götter zu streiten. Obwohl der
Kampf eine beträchtliche Zeit hin und her wogte, regte sich keinerlei Ich-Sinn
in ihnen. Wann immer der Ich-Sinn sein Haupt erhob, unterwarfen sie ihn mit
Hilfe der Selbsterforschung („Wer bin ich?“). Aus diesem Grunde waren sie
frei von Todesangst, hingegeben an die rechte Handlung in jedem Augenblick,
frei von sämtlichen Anhaftungen, ledig des Gefühls von „ich habe dies getan“,
verpflichtet der Erfüllung der Arbeit, die ihr Meister Saæbara ihnen aufgetra-
gen hatte, frei von Zuneigung und Abneigung und ausgestattet mit Gleichmut.
So wurde die Armee der Götter schließlich rasch von ihnen besiegt. Die Göt-
ter flohen schutzsuchend zu Gott Vi«ïu. Auf seinen Befehl nahmen sie sodann
ihren Wohnort in einer anderen Gegend auf.
   Danach musste Vi«ïu selbst mit dem Dämon Saæbara kämpfen. Nachdem
er von Gott Vishnu erschlagen worden war, erlangte der Dämon unverzüglich
Vishnu‘s Wohnsitz. Vi«ïu befreite auch die drei Dämonen Bhīma, Bhāsa und
D−¬ha, die nach dem Tod ihrer Körper erleuchtet wurden, da sie keinerlei Ich-
Sinn besaßen.
  Oh Rāma, es ist nur das konditionierte Gemüt, welches die Bindung schafft,
und Befreiung taucht auf, sobald das Gemüt dekonditioniert ist. Die Konditio-
nierung des Gemüts fällt dahin, sobald die Wahrheit klar gesehen und ver-
wirklicht wird. Sobald die Konditionierung des Gemüts aufgehört hat, wird
das Bewusstsein in hohem Maße friedlich – wie wenn die Flamme einer fla-
ckernden Kerze gelöscht wird. Zu erkennen: „Das Selbst allein existiert, was
immer man auch sonst denken mag“ ist die klare Wahrnehmung. „Konditio-
nierung“ und „Gemüt“ sind nichts als Worte ohne einen Wahrheitsgehalt.
Sobald die Wahrheit erforscht wird, verlieren sie ihre Bedeutung – das ist die
klare Wahrnehmung. Sobald diese klare Wahrnehmung auftaucht, taucht
auch die Befreiung auf.
  Das Beispiel Dāmas, Vyālas und KaÂas zeigte, wie das Gemüt vom Ich-Sinn
konditioniert wird. Das Beispiel Bhīma, Bhāsa und D−¬ha zeigt das Gemüt,
das frei von Konditionierung oder Ich-Sinn ist. Oh Rāma, sei nicht wie die
ersteren, sondern wie diese letzteren. Das ist der Grund, weshalb ich dir diese
Geschichte erzählt habe, mein teurer und hochintelligenter Schüler.



                                     194
VASIåèHA fuhr fort:
IV:35      Oh Rāma, die wahren Helden sind jene, die das Gemüt, welches von Unwis-
        senheit und Täuschung beherrscht wird, unter ihre Kontrolle gebracht haben.
        Die Kontrolle des Gemüts ist das einzige Mittel, mit dem man die Leiden die-
        ser Welterscheinung (oder den Zyklus von Geburt und Tod) und die endlose
        Kette der Tragödien heilen kann. Ich werde dir nun die Quintessenz aller
        Weisheit darlegen – höre aufmerksam zu und lass sie dein Leben mit süßem
        Duft erfüllen. Bindung besteht im Verlangen nach Vergnügen, während die
        Aufgabe dessen Befreiung bedeutet. Betrachte aus diesem Grunde sämtliche
        Vergnügen in dieser Welt als giftigen Rauch.
           Das blinde Aufgeben des Verlangens ist nicht hilfreich. Erforsche stattdes-
        sen tiefgründig und ernsthaft die Natur der Sinnesvergnügen und gib alles
        Verlangen nach ihnen auf. Dann kannst du glücklich leben.
           Durch die Kultivierung segensvoller Eigenschaften und dem allmählichen
        Schwinden allen falschen Wissens wird das Gemüt wunschlos, frei von den
        Gegensatzpaaren, der Ruhelosigkeit, der Furcht und der Täuschung. Schließ-
        lich ruht das Gemüt in einem Zustand von Frieden und Seligkeit. Dann ist es
        gänzlich frei von dem Gift des Ich-Sinns, bösen Gedanken und Gefühlen, An-
        haftung und Leid.
           Auf diese Weise wird das Gemüt seinen gewalttätigen Sohn namens Zweifel
        und dessen Gemahlin namens Verlangen los. Ironischerweise hat das erleuch-
        tete Gemüt das Aufhören eben der Dinge zur Folge, die sein Wachstum unter-
        stützt haben. Indem die Erforschung seiner wahren Natur immer weiter
        getrieben wird, gibt das Gemüt schließlich sogar seine Identifizierung mit
        dem Körper auf. Das unwissende Gemüt breitet sich aus – beim Aufdämmern
        der Weisheit jedoch hört dasselbe Gemüt auf, das Gemüt zu sein.
           Das Gemüt selbst ist dieses ganze Universum. Das Gemüt ist die Bergkette.
        Das Gemüt ist Raum. Das Gemüt ist Gott. Nur das Gemüt ist Freund oder
        Feind. Sobald das Bewusstsein sich selbst vergisst und der Modifikation und
        psychologischen Konditionierung unterworfen ist, wird es zu dem, was man
        Gemüt nennt, welches wiederum Geburt und Tod entstehen lässt. Dann ist es
        als der jīva bekannt, der zu dem Teil des unendlichen Bewusstseins geworden
        ist, welcher die Eigenschaften eines Objektes in diesem Bewusstsein ange-
        nommen hat, nur ein wenig durch psychologische Konditionierung umhüllt.
        Dieser jīva entfernt sich von der Wahrheit des unendlichen Bewusstseins und
        versinkt durch den Kontakt mit der Welterscheinung tiefer und tiefer in der
        Konditionierung.
           Selbstverständlich ist das Selbst weder der jīva noch der Körper noch des-
        sen Bestandteile. Das Selbst ist wie Raum, gänzlich unabhängig von all die-
        sem.
           VASIåèHA fuhr fort:




                                            195
Oh Rāma, das Gemüt selbst ist der jīva – das Gemüt erfährt nur das, was es
aus sich selbst heraus nach außen projiziert hat. Dadurch wird es gebunden.
Die Verfassung des Gemüts bestimmt die Art der Wiedergeburt des jīva.
   Wer ein König sein will, träumt, dass er ein König ist. Was jemand intensiv
wünscht, wird er früher oder später auch erlangen. Wenn das Gemüt unrein
ist, sind auch seine Wirkungen unrein; ist es dagegen rein, dann sind es auch
seine Produkte. Der edle Mensch vergisst auch in schwierigen Umständen
nicht seine spirituellen Ziele.
   In der Wahrheit gibt es weder Bindung noch Befreiung. Das Unendliche
denkt „Ich bin der Körper“, und so wird dieser Gedanke zur Bindung. Wenn
man erkennt, dass all dieses falsch ist, dann leuchtet man selbst als das un-
endliche Bewusstsein. Sobald das Gemüt durch reine Gedanken und Hand-
lungen geläutert worden ist, nimmt es die Natur des Unendlichen an; so wie
reines, weißes Tuch leicht zu färben ist.
   Sobald in einem reinen Gemüt die Konzepte und Vorstellungen von Körper,
Wissen um die Schriften und Leidenschaftslosigkeit usw. auftauchen, dann
erscheint die Welt. Sobald sich das Gemüt in das äußere, objektive Universum
verwickeln lässt, entfernt es sich vom Selbst. Wenn das Gemüt jedoch die
Subjekt-Objekt-Beziehung aufgibt, die es mit der Welt hat, wird es unverzüg-
lich im Unendlichen absorbiert.
   Das Gemüt besteht nicht getrennt vom unendlichen Bewusstsein – es exis-
tierte nicht am Anfang, es wird nicht am Ende existieren, und es existiert
nicht einmal in diesem Augenblick! Wer denkt, es existiere, lädt nichts als
Leid auf sein Haupt. Wer erkennt, dass diese Welt in Wahrheit das Selbst ist,
kann dieses Leid hinter sich lassen, und die Welt gibt ihm Freude und Befrei-
ung.
   Das Gemüt ist nichts anderes als die Ideen und Vorstellungen – wer würde
wohl trauern, wenn ein solches Gemüt an sein Ende gelangt? Die Wirklichkeit
ist Bewusstsein, das in der Mitte zwischen Seher und Objekt liegt. Es ist diese
Realität, die vom Gemüt verhüllt wird und die enthüllt ist, sobald das Gemüt
aufhört.
   Sobald die Konditionierung des Gemüts aufhört, gelangen auch Unwissen-
heit, Verlangen, Wünsche und Abneigungen, Täuschung, Torheit, Furcht und
Ideengebilde an ihr Ende; Reinheit, Segen und Güte tauchen auf. Man erfreut
sich der Selbsterkenntnis.
    Wessen Intelligenz durch die Vernichtung aller inneren Unreinheiten klar
geworden ist, dessen Herz wird vom Licht des Selbst erleuchtet, welches
durch die Erforschung des Selbst erlangt wird. Wer die Bedeutungslosigkeit
von Geburt und Tod erkannt hat, wohnt ohne Furcht und Angst in der Stadt
des Körpers.
   RùMA fragte:
                                                                                  IV:36
 Hoher Herr, das unendliche Bewusstsein ist transzendental. Bitte sage mir,
wie dieses Universum darin existieren kann.


                                     196
VASIåèHA erwiderte:
          Oh Rāma, dieses Universum existiert im unendlichen Bewusstsein wie die
        zukünftigen Wellen in einem stillen Meer existieren – nicht-verschieden in
        Wahrheit, jedoch mit der Potentialität einer scheinbaren Verschiedenheit.
        Das unendliche Bewusstsein ist unmanifestiert, obgleich allgegenwärtig wie
        Raum, der auch unmanifestiert ist und doch überall existiert. So wie man von
        der Widerspiegelung eines Objektes in einem Kristall nicht sagen könnte,
        dass sie gänzlich unwirklich oder gänzlich wirklich sei, so kann man dasselbe
        auch nicht von diesem Universum sagen, welches im unendlichen Bewusst-
        sein widerspiegelt wird. Noch einmal: So wie Raum unberührt von den Wol-
        ken ist, die in ihm treiben, so ist dieses unendliche Bewusstsein unberührt
        und unangetastet von dem Universum, welches in ihm erscheint. Ebenso wie
        das Licht nur durch ein strahlenbrechendes Medium wahrgenommen werden
        kann, so wird das unendliche Bewusstsein durch das Medium dieser ver-
        schiedenen Körper enthüllt. Obwohl es in seinem Wesen namen- und formlos
        ist, werden seinen Reflektionen Namen und Formen zugeschrieben.
          Bewusstsein, das im Bewusstsein reflektiert wird, leuchtet als Bewusstsein
        und existiert als Bewusstsein. Für den Unwissenden jedoch (auch wenn die-
        ser sich selbst für weise und vernünftig hält ) sieht es so aus, als ob da etwas
        in die Existenz getreten sei und daher etwas anderes als nur Bewusstsein
        existiert. Für den Unwissenden erscheint dieses Bewusstsein als die schre-
        ckenerregende Welterscheinung – für den Weisen dagegen erscheint dasselbe
        Bewusstsein als das eine Selbst. Dieses Bewusstsein allein ist das reine Erfah-
        ren – nur dank ihm scheint die Sonne, und alle Wesen erfreuen sich ihres
        Lebens hier.
          Dieses Bewusstsein ist weder erschaffen noch dem Vergehen unterworfen,
        es ist ewiglich. Die Welterscheinung wird ihm nur überlagert, so wie die
        Wellen in Beziehung zum Ozean. In diesem Bewusstsein taucht, sobald es sich
        in sich selbst reflektiert, die Vorstellung „Ich“ auf, die Anlass zum Erscheinen
        der Vielfalt gibt. Als Raum befähigt dasselbe Bewusstsein den Samen zu kei-
        men, als Luft lockt es den Samen hervor, als Wasser nährt es ihn, als Erde gibt
        es ihm Festigkeit, und als Licht enthüllt das Bewusstsein selbst das neue
        Leben. Es ist das Bewusstsein in dem Samen selbst, das nach gebührender
        Zeit sich als Frucht manifestiert.
           Das Bewusstsein allein ist die verschiedenen Jahreszeiten mit ihren Eigen-
        schaften. Es geschieht aufgrund dieses Bewusstseins, dass das gesamte Uni-
        versum auf diese Weise existiert und dabei eine unendliche Anzahl Lebewe-
        sen unterhält bis zur Zeit der kosmischen Auflösung.
          VASIåèHA fuhr fort:
          Und so kommt und geht diese Welterscheinung als die wahre Natur des
IV:37   unendlichen Bewusstseins. Nicht-verschieden vom unendlichen Bewusstsein
        weist diese Welterscheinung eine wechselseitige Beziehung mit diesem auf –
        es taucht in ihm auf, existiert in ihm und wird in ihm absorbiert. Obschon es



                                             197
wie die Tiefsee nicht erregt ist, so ist es doch erregt wie die Wellen, die an der
Oberfläche erscheinen. So wie eine unter Drogen stehende Person sich für
eine gänzlich andere Person hält, so betrachtet sich dieses Bewusstsein, sei-
ner selbst bewusst werdend, als etwas ganz anderes.
  Dieses Universum ist weder wirklich noch unwirklich – es existiert im Be-
wusstsein, jedoch nicht unabhängig in eben diesem. Obschon es wie eine
Hinzufügung zum Bewusstsein erscheint, existiert es doch in keiner Weise
außerhalb von diesem. Die Beziehung ist so wie diejenige zwischen Gold und
Schmuckstücken aus Gold.
  Dieses Selbst, das Höchste Brahman, welches alles durchdringt, befähigt
dich zum Erfahren von Klang, Geschmack, Gestalt und Duft, o Rāma. Es ist
transzendental und allgegenwärtig – es ist nicht-dual und rein. In ihm gibt es
nicht einmal eine Vorstellung von etwas anderem. Diese ganze Vielfalt von
Existenz und Nicht-Existenz, Gut und Böse, sind die leeren Vorstellungen
unwissender Menschen. Es spielt keine Rolle, ob man sagt, dass diese Imagi-
nation auf dem Selbst gründet oder auf dem Nichtselbst.
  Da es nichts anderes als das Selbst gibt – wie kann es dann noch den
Wunsch nach etwas anderem geben? Vorstellungen wie „dies ist zu erstre-
ben“ oder „dies ist abzulehnen“ berühren das Selbst daher nicht. Da das
Selbst wunschlos ist, und da der Täter, das Instrument der Handlung und die
Handlung selbst nicht-dual sind, wird es nicht in Handlung verstrickt. Da das,
was existiert, und das, in welchem es existiert, identisch sind, kann man nicht
einmal sagen, dass es ist. Da es in ihm keinerlei Verlangen irgendwelcher Art
gibt, gibt es in ihm auch keinerlei Vorstellung von Untätigkeit.
  Da ist nichts anderes, o Rāma. Du bist wahrhaftig dieses absolute Brahman.
Befreie dich daher von allen Vorstellungen der Dualität und lebe ein aktives
Leben. Was hast du zu gewinnen, indem du irgendwelche Handlungen wieder
und wieder ausführst? Und was gewinnst du, wenn du inaktiv bleibst? Oder
durch Festhalten an den Schriften? Oh Rāma, verbleibe im Frieden und in
Reinheit wie der Ozean, wenn er nicht durch Wind aufgewühlt wird. Dieses
Selbst, von dem alles gänzlich durchdrungen ist, wird nicht durch Reisen in
die Ferne gewonnen. Lass dein Gemüt nicht unter den Objekten der Welt
umherwandern. Du selbst bist das Höchste Selbst, das unendliche Bewusst-
sein – du bist nichts anderes!
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                     IV:36
  Oh Rāma, das Gefühl der Täterschaft (die Vorstellung von „ich tue dies“),
welches zu Glück und Unglück oder auch zum Yoga-Zustand führt, ist in den
Augen der Weisen rein fiktiv; in den Augen des Unwissenden ist es jedoch
real. Denn was ist schließlich die Quelle dieser Vorstellung? Diese Vorstellung
entsteht, wenn das Gemüt, angespornt durch Neigungen,, etwas für sich ge-
winnen will. Die sich daraus ergebenden Handlungen schreibt man dann sich
selbst zu. Wenn dann dieselbe Handlung zu Ergebnissen führt, entsteht die
Vorstellung „Ich erfreue mich an diesem“. Beide Vorstellungen sind in Wahr-
heit die zwei Gesichter derselben Vorstellung.


                                      198
Ob man handelt oder nicht, ob man im Himmel oder in der Hölle ist – was
        auch immer die Art der psychologischen Konditionierung ist, dieses wird vom
        Gemüt erfahren. Für die unwissende und konditionierte Person gibt es daher
        immer die Vorstellung „Ich tat dies“, unabhängig davon, ob sie etwas tut oder
        nicht. Im Erleuchteten und Unkonditionierten taucht diese Vorstellung dage-
        gen nicht auf. Sobald die Wahrheit diesbezüglich erkannt wird, wird die Kon-
        ditionierung schwächer. Als Ergebnis davon ist der weise Mensch nicht länger
        an den Früchten solcher Handlungen interessiert, obwohl er fortfährt, in der
        Welt zu handeln. Er lässt die Handlungen in seinem Leben ohne Anhaftung an
        diese Handlungen einfach geschehen. Was auch immer die Ergebnisse dieser
        Handlungen sein mögen – er betrachtet sie als nicht verschieden von seinem
        eigenen Selbst. Jedoch ist dies nicht die Haltung derjenigen, die in den menta-
        len Zuständen versunken sind.
          Nur was das Gemüt tut, kann als Handlung bezeichnet werden. Daher ist
        das Gemüt allein der Täter aller Handlungen, nicht der Körper. Das Gemüt
        allein ist diese Welterscheinung, die in ihm aufgetaucht ist und in ihm ver-
        bleibt. Sobald die Objekte und das erfahrende Gemüt still geworden sind,
        verbleibt nur noch Bewusstsein.
          Die Weisen erklären, dass das Gemüt des Erleuchteten weder in einem Zu-
        stand der Seligkeit noch ledig der Seligkeit sei, weder in Bewegung noch
        bewegungslos, weder wirklich noch unwirklich, sondern zwischen allen
        diesen Konzepten. Sein unkonditioniertes Bewusstsein spielt seine Rolle selig
        in dieser Welterscheinung wie in einem Spiel. Da es die mentale Konditionie-
        rung ist (die im Unwissenden existiert), die die Natur der Handlung und
        Erfahrung bestimmt, und da all dies im Erleuchteten abwesend ist, befindet
        sich der Letzere auf ewig in der Seligkeit. Seine Handlungen sind Nicht-
        Handlungen. Er lädt daher weder Verdienst noch Schuld auf sich. Sein Verhal-
        ten ist das eines Kindes – auch wenn er Schmerzen zu erleiden scheint, so
        erleidet er sie nicht. Er ist dieser Welterscheinung und den Handlungen von
        Verstand und Sinnen vollständig unverhaftet. Er unterhält nicht einmal die
        Vorstellung von Bindung oder Befreiung. Er sieht das Selbst und das Selbst
        allein.
          VASIåèHA fuhr fort:
           Rāma, im absoluten, allmächtigen Brahman erscheinen dessen unendliche
IV:39
        Möglichkeiten in der Gestalt dieses sichtbaren Universums. Alle diese ver-
        schiedenen Kategorien wie Realität, Irrealität, Vielfalt, Anfang und Ende
        existieren in diesem Brahman. Wie Wellen auf dem Meer erscheint auch der
        jīva in Brahman aufgrund des individualisierten Bewusstseins als selbst-
        begrenzt. Dieser jīva erleidet fortschreitend eine immer massivere Konditio-
        nierung. Er funktioniert in Übereinstimmung mit dieser Konditionierung und
        erfährt die Ergebnisse der entsprechenden Handlungen.
           RùMA fragte: Oh Herr, Brahman ist frei von Leid, und doch ist das, was aus
        ihm entstanden ist, wie eine Kerze an einer anderen entzündet wird, dieses
        ganze Universum bis oben angefüllt mit Leid. Wie ist dies möglich?


                                             199
VùLMýKI sagte: Nachdem er diese Frage vernommen hatte, dachte
        Vāsi«Âha eine Weile nach. Offensichtlich war Rāmas Verständnis aufgrund
        von Unreinheiten im Gemüt noch nicht vollständig genug. Aber wenn er die
        Wahrheit nicht vollständig erfassen kann, wird sein Gemüt niemals Ruhe
        finden. Solange das Gemüt von Gedanken an Vergnügen oder Glück bewegt
        wird, bleibt es unfähig, die Wahrheit zu verstehen. Ist das Gemüt aber rein,
        dann versteht er die Wahrheit sofort. Daher sagt man: Wer jemandem, der
        unwissend oder erst halb-erwacht ist, erklärt: „Alles ist Brahman“, geht zur
        Hölle. Ein weiser Lehrer sollte daher seine Schüler zuvor dazu anhalten, in
        der Selbstbeherrschung und im Stillsein zu verbleiben. Weiterhin sollte der
        Schüler geprüft werden, bevor ihm das Wahrheitswissen mitgeteilt wird.
        Dann sagte
          VASIåèHA:
          Du wirst die Wahrheit, ob Brahman frei von Leid ist oder nicht, für dich
        selbst entdecken. Andernfalls werde ich dir zu gegebener Zeit zu Hilfe kom-
        men. Für den Moment betrachte dies:
          Brahman ist allmächtig und allgegenwärtig und die allem innewohnende
        Präsenz. Es ist dieses Brahman, welches mit Hilfe der unbeschreibbaren
        Macht namens Māyā diese Schöpfung ins Sein gerufen hat. Māyā ist fähig, das
        Unwirkliche als wirklich erscheinen zu lassen und umgekehrt – so wie der
        leere Raum des Himmels von blauer Farbe zu sein scheint.
          Bedenke, Rāma: In dieser Welt selbst siehst du diese unendliche Vielfalt von
        Lebewesen. Darin besteht die Manifestation der unendlichen Möglichkeiten
        des Höchsten Herrn. Heiße die Ruhe des Gemüts willkommen! Der schaut die
        Wahrheit, der in sich selbst im Frieden ist. Sobald das Gemüt nicht im Frieden
        ist, erscheint die Welt als ein Tollhaus der Vielfalt. In Wirklichkeit aber ist
        dieses Universum die offenbare Manifestation der unendlichen Möglichkeiten
        des Höchsten Herrn. So wie dort, wo Licht ist, die Dinge auf natürliche Weise
        sichtbar werden, so ist diese Welterscheinung aufgrund der Allmacht des
        Herrn als seine eigene Natur aufgetaucht. Jedoch ist gleichzeitig mit dieser
        Welterscheinung auch die Unwissenheit aufgetreten, die die Ursache der
        Kümmernisse ist. Gib diese Unwissenheit auf und sei frei.
          VASIåèHA fuhr fort:
IV:40
          Oh Rāma, diese ganze Welterscheinung ist nichts als eine zufällige Manifes-
        tation, wie sie aus der Absicht der allmächtigen Bewusstseinsenergie (cit-
        śakti) des unendlichen Bewusstseins bzw. Brahman hervorgegangen ist.
        Diese Absicht verdichtet sich und erscheint im Gemüt als Substanz. Das Ge-
        müt reproduziert daraufhin unverzüglich die Substanz wie ein objektives
        Ding. An diesem Punkt entsteht die Vorstellung, dass diese Schöpfung faktisch
        ihre fundamentale und wahre Natur als das unendliche Bewusstsein aufgege-
        ben habe.
          Dieses unendliche Bewusstsein nimmt innerhalb von sich selbst anschei-
        nend eine vollkommene Leere wahr, und es ist dann die Bewusstseinsenergie


                                             200
(cit-Óakti), die daraufhin Raum ins Sein treten lässt. In dieser Bewusstseins-
energie taucht sodann eine Absicht zur Vielheit auf. Es ist diese Absicht, die
als der Schöpfer Brahmā angesehen wird, zusammen mit seinem Gefolge
weiterer Lebewesen. Auf diese Weise sind sämtliche vierzehn Welten im
Raum des unendlichen Bewusstseins mit ihrer unendlichen Vielfalt von Le-
bewesen erschienen. Einige von diesen sind in dichte Finsternis eingetaucht,
andere wiederum sind sehr nahe an der Erleuchtung, während andere voll-
ständig erleuchtet sind.
   In dieser Welt, o Rāma, unter den vielen Arten von Lebewesen sind nur die
menschlichen Wesen fähig, über die Natur der Wahrheit belehrt zu werden.
Unter diesen sind außerdem viele von Leid und Täuschung, Hass und Furcht
besessen. Alle diese Dinge werde ich in allen Einzelheiten erörtern.
   Jedoch sind alle diese Diskussionen darüber, wer diese Welt erschaffen hat
und wie, nur da, um die Schriften zu erschaffen und auszulegen. – sie basie-
ren nicht auf der Wahrheit. Die Modifikationen, die im unendlichen Bewusst-
sein oder der Gestalt des kosmischen Seins auftauchen, finden nicht wirklich
im Höchsten Herrn statt, obwohl eben dies so zu sein scheint. Es gibt tatsäch-
lich nichts anderes als das unendliche Bewusstsein, selbst in der Fantasie! Zu
denken, dass hier der Schöpfer und dort das erschaffene Universum sei, ist
absurd. Wenn eine Lampe an der anderen entzündet wird, dann gibt es zwi-
schen ihnen keinerlei Schöpfer-Schöpfungsbeziehung – Feuer ist nur eines.
Schöpfung ist nur ein Wort ohne eine damit zusammenhängende substanziel-
le Realität.
   Bewusstsein ist Brahman, das Gemüt ist Brahman, der Intellekt ist Brahman
– Brahman allein ist die Substanz von allem. Klang oder Worte sind Brahman
und Brahman allein ist der Bestandteil sämtlicher Substanzen. Alles dies ist in
der Tat Brahman – in Wirklichkeit gibt es keine Welt.
   So wie nach Entfernen des Schmutzes die darunterliegende Substanz zum
Vorschein kommt, so wie nach dem Schwinden der nächtlichen Dunkelheit
die von der Finsternis verhüllten Objekte deutlich gesehen werden, so wird
die Wahrheit realisiert, sobald die Unwissenheit aufgelöst ist.
   Rāma fragte:
   Mein Herr, wie kann es im unendlichen Bewusstsein die Absicht zur Vielfalt     IV:41
geben?
   VASIåèHA sagte:
  Oh Rāma, in meinen Aussagen gibt es keinerlei Widersprüche. Du wirst die
Schönheit der Wahrheit in meinen Aussagen selbst erfahren, wenn du die
Wahrheit siehst. Beschreibungen der Schöpfung usw., wie sie in den Schriften
gegeben werden, existieren nur für den Zweck der Belehrung der Schüler;
erlaube nicht, dass dein Gemüt von ihnen beeindruckt wird. Wenn du erst
einmal das erkannt hast, worauf alle Worte hindeuten, wirst du alle Wortge-
fechte aufgeben.



                                     201
Im unendlichen Bewusstsein selbst gibt es weder eine Absicht noch den
        Schleier der Täuschung. Und doch erscheint dies alles vor dir als die Welt.
          Dies kann nur dann erkannt werden, wenn die Unwissenheit an ihr Ende
        gelangt. Die Unwissenheit wird nicht aufhören außer mit Hilfe der Unterwei-
        sung, die in diesen Worten und Beschreibungen verborgen liegt. Diese Unwis-
        senheit sucht sich selbst zu zerstören und fahndet daher nach dem Licht des
        Wahrheitswissens. Waffen werden durch andere Waffen zerstört, Schmutz
        beseitigt Schmutz, Gift kuriert die Vergiftung und Feinde werden von Feinden
        vernichtet – auf dieselbe Weise frohlockt diese Māyā, wenn sie selbst zerstört
        wird! Im selben Moment, indem du dir dieser Māyā bewusst wirst, ver-
        schwindet sie schon.
          Diese Unwissenheit oder Māyā verdunkelt die Wahrheit und erzeugt diese
        Vielfalt, jedoch kennt sie ihre eigene wahre Natur nicht, und das ist sehr selt-
        sam. Solange man nicht herausfindet, was sie ist, wird man von ihr be-
        herrscht. Im selben Moment, wo es Erforschung dieser Natur gab, hört sie
        auf.
           Māyā existiert in Wahrheit überhaupt nicht. So lange diese Wahrheit von
        dir nicht direkt erfahren wird, musst du mein Wort dafür nehmen. Wer weiß,
        dass Brahman allein die Wahrheit ist, der ist befreit. Alle anderen Gesichts-
        punkte binden eine Person an die Unwissenheit.
          Ohne Selbsterkenntnis wird diese Unwissenheit nicht verschwinden. Und
        Selbsterkenntnis tritt nur nach tiefem Studium der Schriften ein. Was auch
        immer der Ursprung dieser Unwissenheit sein mag – sicherlich existiert
        sogar das im Selbst. Daher, o Rāma, erforsche nicht die Frage „Wie ist diese
        Unwissenheit aufgetaucht?“, sondern erforsche mit der Frage „Wie kann ich
        sie loswerden?“. Erst wenn diese Unwissenheit oder Māyā aufgehört hat zu
        sein, wirst du verstehen, wie sie auftreten konnte. Du wirst realisieren, dass
        diese Unwissenheit nicht real ist. Sie entsteht nur im Zustand der Nicht-
        Weisheit. Keine einzige Person, ob sie nun ein großer Gelehrter oder ein Held
        sei, wurde jemals von dieser Unwissenheit verschont! Diese Unwissenheit ist
        die Quelle aller Kümmernisse – entwurzele und zerstöre sie.
          VASIåèHA fuhr fort: Ich werde dir nun nochmals erklären, auf welche Weise
IV:42
        das unendliche Bewusstsein als jīva und alles andere erscheinen konnte. Am
        Meer beobachtest du, wie es an einigen Stellen ruhig und an anderen bewegt
        ist. Auf dieselbe Weise scheint das unendliche Bewusstsein an einigen Stellen
        die Vielfalt zu beherbergen, während es jedoch in sich selbst nicht-dual ist. Es
        ist ganz natürlich für das allmächtige, unendliche Bewusstsein, sich in seiner
        unendlichen Herrlichkeit zu manifestieren.
          Diese Manifestation der Allmacht des unendlichen Bewusstseins geht ein
        Bündnis mit Zeit, Raum und Verursachung ein, die für die Manifestation un-
        entbehrlich sind. Anschließend erscheint all dies als Namen und Formen.
        Jedoch sind alle diese scheinbaren Manifestationen in Wirklichkeit nicht-
        verschieden vom unendlichen Bewusstsein. Dieser Aspekt des unendlichen
        Bewusstseins, der sich selbst zur Manifestation der Namen und Formen und


                                             202
somit zu Zeit, Raum und Verursachung in Beziehung setzt, wird als „der Ken-
ner des Feldes“ bzw. das Zeugenbewusstsein bezeichnet. Der Körper ist das
Feld; das, was dieses Feld innen und außen und in allen seinen Aspekten
kennt, ist der Kenner des Feldes.
  Dieses Zeugenbewusstsein wird in die latenten Neigungen hineingezogen
und entwickelt den Ich-Sinn. Sobald dieser Ich-Sinn in sich selbst Vorstellun-
gen und Absichten erzeugt, ist er als der Intellekt bekannt. Als Denkinstru-
ment wiederum ist er als Gemüt oder Verstand bekannt. Wenn die Intelligenz
sich weiter modifiziert oder pervertiert, dann wird sie zu den Sinnen. All
dieses bildet dann den Körper. So wie eine Frucht während der Reife ver-
schiedene Wandlungen der Größe, Farbe usw. erfährt, so wird das Bewusst-
sein scheinbar den Wandlungen unterworfen, während die Unwissenheit sich
vertieft und verdichtet.
  Die törichte Person verwirft dann alles rechte Denken oder die Erforschung
der Wahrheit und wirft sich aus freien Stücken in die angeblich seligmachen-
den Arme der Unwissenheit. Gefangen in seiner eigenen Falle der verschie-
denen Tätigkeiten und aufgrund der Identifikation seiner selbst mit dem
Täter erleidet er endlosen Kummer, der selbst-auferlegt und aus eigenem
Willen entstanden ist. Oh Rāma, die Ursache allen Unheils in dieser Welt ist
nur das Gemüt, welches voll von Sorgen, Kummer, Wunsch und Täuschung ist.
Die Selbsterkenntnis beiseiteschiebend, erzeugt es Verlangen und Zorn, böse
Gedanken und Gier, durch die der Mensch in das Feuer der Sinnesobjekte
geworfen wird. Oh Rāma, befreie dieses Gemüt von dem Sumpf der Unwis-
senheit.
  Oh Rāma, der ist in der Tat ein Dämon in Menschengestalt, der nicht ver-
zweifelt in diesem unreinen Zustand des Gemüts, wie er durch ständig wech-
selnde gute und böse Gedanken hervorgerufen wird, und der dem Altern,
dem Tod und der Hoffnungslosigkeit ausgeliefert ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Diese zufällig entstandene Manifestation der Macht des unendlichen Be-
                                                                                 IV:43
wusstseins erscheint als die Millionen Lebewesen dieses Universums. Diese
zahllosen Wesen sind in ihrer eigenen mentalen Konditionierung gefangen.
Sie finden sich in jedem Land und an jedem Ort dieses Universums und in
allen nur vorstellbaren Situationen.
  Einige von ihnen sind Teil der neuen Schöpfung dieser Epoche, während
andere schon sehr viel älter sind. Einige haben erst einige Male inkarniert,
während andere bereits zahllose Inkarnationen hinter sich haben. Einige sind
befreit. Andere wiederum sind in schrecklichem Leiden versunken. Einige
sind himmlische Wesen, einige Halbgötter, und andere wiederum sind die
Gottheiten, die dieses manifestierte Universum regieren. Einige sind Dämo-
nen, andere Kobolde. Einige gehören einer der vier Kasten der menschlichen
Gesellschaft an, während andere in primitiven, unzivilisierten Stämmen le-
ben.



                                    203
Einige von ihnen haben die Gestalt von Kräutern und Gräsern, während an-
dere als Wurzeln, Früchte und Blätter erscheinen. Einige sind Kletterpflanzen,
während andere als Blumen leben. Einige sind Könige mit ihren Ministern,
gekleidet in königliche Roben, andere wiederum sind in Lumpen oder Baum-
rinde gekleidet, weil sie entweder Bettler oder Einsiedler sind.
   Manche sind Schlangen, andere Insekten; wieder andere sind Tiere wie Lö-
wen, Tiger usw. Einige sind Vögel, andere dagegen Elefanten oder Esel.
   Manche sind wohlhabend, während andere in Armut leben. Einige sind im
Himmel, andere befinden sich in der Hölle. Manche leben in den Regionen der
Sterne, andere in den Höhlungen sterbender Bäume. Manche leben unter
befreiten Weisen, während andere bereits befreite Weise sind, die sich über
ihr Körperbewusstsein erhoben haben. Einige sind mit erleuchteter Intelli-
genz gesegnet, während andere außerordentlich stumpfsinnig sind.
   Oh Rāma, so wie es in diesem Universum zahllose Lebewesen verschiedens-
ter Art gibt, so leben auch in anderen Universen ähnliche Lebewesen mit
anderen Körpern, die für jene Universen gemacht sind.
   Jedoch alle von ihnen sind durch ihre eigenen mentalen Konditionierungen
gebunden. Alle diese Wesen durchwandern dieses Universum – manchmal
himmelhoch jauchzend, manchmal zu Tode betrübt. Und mit ihnen allen
spielt der Tod wie mit einem Ball. Gebunden durch ihre zahllosen Wünsche
und Anhaftungen und begrenzt durch ihre eigene mentale Konditionierung
wandern sie von einem Körper zum nächsten. Sie werden dies so lange fort-
setzen, bis sie die Wahrheit ihres eigenen Selbst erfahren, welches das unend-
liche Bewusstsein ist. Nach der Erlangung der Selbsterkenntnis sind sie von
der Täuschung befreit und kehren nicht wieder auf diese Stufe von Geburt
und Tod zurück.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  IV:44
  Und doch geschieht all diese Schöpfung nur wie im Traum. Diese Schöpfung
ist nicht wirklich – sie erscheint nur so. Wer seine Unwissenheit vollständig
aufgelöst hat und in dem alle Formen der Konditionierung erloschen sind –
der ist ein befreiter Weiser. Obwohl er sich dieser Fata Morgana, die als Welt-
erscheinung auftritt, bewusst zu sein scheint, sieht er sie in Wahrheit nicht
als die Welt. Diese Welterscheinung wird auf ganz natürliche Weise immer
von sämtlichen jīvas wahrgenommen, bis der jīva schließlich die Befreiung
erlangt. Daher existiert in jedem jīva der Körper in potentieller Gestalt; je-
doch nicht in seiner eigentlichen physischen Substanz, sondern als Gedanke
und Absicht.
  Ich werde dir nun noch einmal beschreiben, wie der Schöpfer Brahmā im
unendlichen Bewusstsein auftaucht. Du wirst dann aufgrund dessen sehen,
wie in demselben Bewusstsein die unendlichen Lebewesen auftauchen. Das
unendliche Bewusstsein, welches ohne Zeit, ohne Raum und ohne Ursache
ist, nimmt diese auf spielerische Weise an. Auf diese Weise tritt dann die




                                     204
kosmische Person ins Sein. Diese kosmische Person ist gleichzeitig das kos-
        mische Gemüt und das kosmische Leben.
          Diese kosmische Person wünscht den Klang zu erfahren – und so tritt Raum
        ins Sein, mit der Eigenschaft, Klang zu übertragen. Die kosmische Person
        wünscht Berührung zu erfahren – so entsteht die Luft. Diese beiden sind noch
        unsichtbar und subtil. Die kosmische Person, die nun zu sehen wünscht, lässt
        das Feuer ins Sein treten, und dieses Feuer erweitert sich dann zu den zahllo-
        sen Quellen des Lichts. Die kosmische Person wünscht des weiteren Ge-
        schmack und Kühle zu erfahren, um dem Feuer entgegen zu wirken – auf
        diese Weise entsteht das Wasser. Und zuletzt entsteht durch den bloßen
        Wunsch, riechen zu können, die Erde mit ihrer Vielzahl von Düften.
          Diese kosmische Person mit allen ihren Fähigkeiten ist immer noch extrem
        subtil und ungeteilt. Anscheinend gibt sie dann diese Existenzform auf und
        nimmt sich selbst wie unendliche Funken im Raum wahr. Sie hält sich selbst
        für jeden einzelnen dieser Funken, und so entsteht der Ich-Sinn. Dieser Ich-
        Sinn verfügt ebenfalls über eine eingeborene Intelligenz. Er ersinnt mit Hilfe
        der bereits erwähnten fünf kosmischen Elemente einen Körper für sich
        selbst. Diesen Körper stellt er sich grob, physisch und materiell vor – und so
        wird dann dieser Körper auch.
          Diese kosmische Person ist Brahmā. Er scheint all diese zahllosen Wesen zu
        erschaffen, und er beschützt sie auch. Er erschien zuerst im unendlichen
        Bewusstsein. Aber aufgrund von scheinbarer Selbst-Begrenzung und Verges-
        sen seiner eigenen, unendlichen Natur (wie im fötalen Schlafe), identifiziert
        er sich selbst mit dem Körper, wie dieser von der Lebenskraft (prāïa) ange-
        trieben und erhalten wird und aus materiellen Substanzen zusammengesetzt
        ist. Sobald er seinen Ursprung zu erforschen beginnt, enthüllt sich ihm seine
        wahre Natur und er ist befreit von der Selbst-Begrenzung.
          VASIåèHA fuhr fort:
IV:45
           Oh Rāma, obwohl dieses Universum zu existieren scheint, gibt es nichts,
        was als das Universum existieren könnte. All dies ist nichts als die Erschei-
        nung oder Reflektion des unendlichen Bewusstseins, welches die einzige
        Realität ist. In diesem Bewusstsein erscheint diese Schöpfung wie in einem
        Traum. Es ist daher nur die Realität, in der dieser Traum erscheint, die wirk-
        lich ist – und diese ist unendliche Leere. Du siehst die Welt deshalb, weil die
        Augen (und die anderen Sinne) die Welt wahrnehmen. Auf dieselbe Weise
        denkst oder glaubst du, dass sie existiert, weil dein Gemüt so denkt. Und es
        ist dieses Gemüt, welches diesen Körper für seine eigenen Zwecke ins Leben
        gerufen hat.
           Alle diese Kräfte, die dem Gemüt eingeboren sind, und mit deren Hilfe diese
        Welt ins Sein getreten ist, stammen aus dem unendlichen Bewusstsein. Aus
        diesem Grunde haben die Weisen erklärt, dass das Gemüt allmächtig sei. Alle
        diese Götter, Dämonen und Menschenwesen sind allein vom Gemüt heraufbe-




                                             205
schworen worden – wenn das Gemüt diese Vorstellungen aufgibt, dann hören
sie alle auf zu sein, wie eine Lampe ohne Öl.
  Der weise Mensch, der weiß, dass alle diese Objekte unwirklich sind, be-
trachtet sie nicht als Objekte des Vergnügens, die zu erlangen sind. Wer hinter
den von seinem eigenen Verstand erschaffenen Objekten herläuft, wird ge-
wiss Leid erfahren. Diese Welterscheinung trat infolge von Wunsch und Ver-
langen ins Dasein – sie hört nur dann auf, wenn Wünsche und Begierden
nicht mehr auftauchen (nicht aber, wenn du dich gegen die Welt wendest
oder sie hasst). Wenn diese Welterscheinung aufgelöst wird, dann wurde
niemals etwas zerstört.
  Was kann man durch das Verschwinden einer unwirklichen Erscheinung
verlieren? Wenn sie doch gänzlich irreal ist – wie könnte sie dann überhaupt
zerstört werden, und weshalb sollte man über einen irrealen Verlust trauern?
Ist es hingegen real, dann kann es auch durch nichts und niemanden zerstört
oder unwirklich gemacht werden. Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist
die Welt nichts anderes als Brahman, die ewige Wahrheit. Und in diesem Fall,
kann es überhaupt irgendwelches Leid geben?
  Und außerdem – was unwirklich ist, kann weder wachsen noch blühen;
weshalb sollte man also frohlocken? Was bleibt noch zu wünschen übrig?
Wenn all dieses nichts als das eine unendliche Bewusstsein ist, was gibt es,
dem man entsagen muss?
  Was es am Anfang nicht gab und am Ende aufhören wird, ist auch in der
Mitte (in der Gegenwart) nicht existent. Was dagegen am Anfang und am
Ende existiert, ist auch die Realität der Gegenwart. Sieh klar, dass „all dies
unwirklich ist, einschließlich meiner selbst“ – dann wird es keinerlei Leiden
in dir geben. Oder betrachte es so: "All dieses ist wirklich, einschließlich mei-
ner selbst" – und auch dann wird keine Sorge dich heimsuchen.
  (Als der Weise dies gesagt hatte, ging der neunte Tag zur Neige und die Ver-
sammlung löste sich auf.)
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wer erkennt, dass das gesamte Universum einschließlich seines Wohlstan-
                                                                                    IV:46
des, seiner Frau und seiner Kinder usw. nur die Schöpfung eines Taschenspie-
lertricks des Gemütes ist, trauert nicht, wenn alles verloren geht, noch erfreut
er sich am Gedeihen dieser Dinge. Im Gegenteil – es ist angemessener, sich
beim Gedeihen dieser Dinge unglücklich zu fühlen, denn eben dieses Gedei-
hen kann die Unwissenheit intensivieren. Was daher im Toren Anhaftung und
Verlangen entstehen lässt, erzeugt im Weisen Loslösung und kühlen Gleich-
mut.
  Die Natur der weisen Person besteht darin, nach keiner Erfahrung zu ver-
langen, die nicht mühelos erlangt werden kann, und sich derjenigen zu er-
freuen, die bereits eingetroffen ist. Wer fähig ist, das Gemüt vom Verlangen
nach Sinnesvergnügen zu entwöhnen, der ertrinkt nicht mehr im Ozean der
Täuschung. Wer sein Eins-Sein mit dem gesamten Universum erkannt und


                                      206
sich selbst über Abneigungen und Zuneigungen erhoben hat, wird niemals
getäuscht.
   Daher, o Rāma, erkenne dieses Selbst oder das unendliche Bewusstsein,
welches sowohl das Wirkliche als auch das Unwirkliche durchdringt und
daher transzendiert. Danach sollst du nichts halten und nichts aufgeben, ob
es nun außen oder innen ist. Der weise Mensch, der in dieser Selbsterkennt-
nis verankert ist, ist frei von allen Neigungen oder mentaler Konditionierung
oder Selbst-Begrenzung – er ist wie der Himmel oder Raum, welcher durch
die sich in ihm abspielenden Vorgänge ist völlig unberührt ist.
   Erlaube deinem Gemüt in keiner Weise, das Gefühl von „mein“ in Gegenwart
der Sinnesobjekte zu unterhalten – ob du nun tätig oder untätig bist. Auf
diese Weise wirst du den Sumpf der Unwissenheit glücklich vermeiden. Wenn
dein Herz keinerlei Sinnesvergnügen mehr als süß und angenehm kostet,
dann hast du alles erkannt, was es zu erkennen gibt, und du bist frei von
diesem Zyklus von Geburt und Wiedergeburt. Wer weder von den Vergnügen
dieser Welt noch von denen des Himmels angezogen wird (ob mit oder ohne
Körperbewusstsein), der ist befreit – sogar dann, wenn er nicht absichtlich
nach dieser Art von Befreiung gestrebt oder verlangt hat.
   Oh Rāma, in diesem Ozean der mentalen Konditionierung wird derjenige
als gerettet erachtet, der das Floß der Selbsterkenntnis gefunden hat. Wer
dieses Floß verpasst, geht mit Sicherheit unter. Daher, o Rāma, untersuche
mit einer Intelligenz so scharf wie des Messers Schneide die Natur des Selbst.
Danach ruhe in dieser Selbsterkenntnis.
   Lebe so, wie die Weisen mit Selbsterkenntnis leben. Sie kennen das unend-
liche Bewusstsein und diese Welterscheinung. Sie entsagen daher weder der
Aktivität in dieser Welt, noch wünschen sie sie herbei. Auch du hast nun die
Selbsterkenntnis erlangt, Rāma, und ruhst daher im Frieden.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 IV:47
  O Rāma, in der Vergangenheit hat es Millionen von BrahmÃs, Śivas, Indras
und NÃrÃyaïas gegeben. Und doch waren alle diese Götter wahrhaftig nichts
als die Zauberei von MÃyÃ! Alle diese Schöpfungen waren manchmal von
BrahmÃ; oder sie werden Śiva, NÃrÃyaïa oder den Weisen zugeschrieben.
Für manche ist Brahmà aus dem Lotos geboren, während er für andere dem
Meer entstiegen oder aus einem Ei oder dem Raum hervorgegangen ist. In
manchen Universen ist Brahmà die höchste Gottheit, während dies in ande-
ren die Sonne, Indra, NÃrÃyaïa oder Śiva ist. In manchen Universen ist die
Erde mit Bäumen gefüllt, in anderen dagegen mit Lebewesen oder Bergen.
Manchmal besteht die Erde aus Schlamm oder Lehm, anderswo ist sie felsig
oder golden oder aus Kupfer. Man vermag vielleicht, die Anzahl der Sonnen-
strahlen zu zählen, aber es ist unmöglich, die Anzahl der Universen zu zählen,
die existieren. Diese Schöpfung ist anfangslos. In dieser „Stadt Brahmans“
(welche das unendliche Bewusstsein oder das Bewusstsein im Innern des
eigenen Herzens ist) tauchen alle diese Universen auf und verschwinden


                                    207
wieder und wieder. Jedoch sind sie alle verschieden von dem einen unendli-
        chen Bewusstsein.
          Diese Schöpfungen, seien sie nun grob oder fein, gefestigt oder auseinan-
        derfallend, sind wie Girlanden der subtilen Elemente, die allesamt aus dem
        unendlichen Raum des Bewusstseins aufgetaucht sind. Zuweilen entsteht
        Raum als erstes, und dann sagt man vom Schöpfer, dass er aus dem Raum
        geboren ist, und zu anderen Zeiten wird als erstes die Luft erzeugt. Wieder
        woanders entstehen Feuer, Wasser oder Erde, und der Schöpfer erhält dann
        die entsprechende Betitelung. Vom Körper dieses Schöpfers her entstehen
        dann „Wörter“ wie BrÃhmaïa (Priester) usw. Diese Wörter werden dann zu
        „Lebewesen“ mit ihren entsprechenden Bezeichnungen.
          Natürlich ist dies alles unwirklich wie die Schöpfungen, die im Traum gese-
        hen werden. Daher ist die Frage „Wie konnte dies alles in dem einen unendli-
        chen Bewusstsein entstehen?“ unreif und kindisch. Die Schöpfung scheint
        einfach aufgrund der Absichten des Gemüts zu entstehen. Gewiss ist dies ein
        Mysterium und ein Wunder!
          All dieses habe ich dir nur in einem rein illustrativen Sinne als Beschrei-
        bung der Wahrheit dargelegt. In dieser Schöpfung jedoch gibt es keinerlei
        solche Ordnung oder Abfolge. Diese Schöpfung ist nichts als die Schöpfung
        des Gemütes – dies ist die Wahrheit. Alles andere ist nichts als eine fantasie-
        volle Beschreibung. Aufgrund der Aufeinanderfolge von Erschaffung und
        Auflösung dieses Universums entsteht eine Zeitskala, die von einem Augen-
        blick bis zu einem Äon reicht. Jedoch ist dieses Universum auf ewig in diesem
        Bewusstsein gegenwärtig so wie Funken in rotglühendem Eisen. In der reinen
        Sicht einer erleuchteten Person jedoch ist all dies nichts als Brahman – da
        gibt es keinerlei Welterscheinung. Die wiederholte Erschaffung und Auflö-
        sung einer unendlichen Anzahl von Universen zusammen mit der unendli-
        chen Vielzahl der Schöpfer darin ist nichts als die fantasievolle Wahrnehmung
        der Unwissenden und Verblendeten.

                                             ***


        Die Geschichte von DÃÓÆra

        VASIåèHA fuhr fort:
IV:48     Oh Rāma, wer mit den verschiedenen Geschäften in dieser Welt befasst ist
        und nach Vergnügen und Macht sucht, wird nicht nach der Wahrheit verlan-
        gen, die er ganz offensichtlich auch nicht zu erkennen vermag. Wer weise
        geworden ist, aber die Neigungen seiner Sinne noch nicht vollständig be-
        herrscht, sieht gleichzeitig die Wahrheit und die Illusion. Und wer gänzlich
        und klar die Natur der Welt und des jīva erkennt und diese Welterscheinung
        als eine Realität entschieden zurückweist, ist befreit und wird nicht wieder-


                                             208
geboren. Der Unwissende strebt nach der Wohlfahrt des Körpers, aber nicht
nach dem Selbst. Sei nicht wie dieser, o Rāma, sondern sei weise.
  Zur Illustration dieser Worte werde ich dir nun eine interessante Legende
erzählen. In einem Land namens Magadha, das über eine Vielzahl von herrli-
chen Gärten verfügte, lebte ein Weiser namens DÃÓÆra. Er war mit atemrau-
benden Bußübungen beschäftigt. Er war ein großer Asket, der keinerlei Inte-
resse an weltlichen Freuden hatte. Außerdem war er gelehrt.
  Er war der Sohn des Weisen Áaraloma. Das Unglück wollte es, dass er beide
Eltern verlor, als er noch klein war. Die Gottheiten des Waldes bedauerten den
Waisenknaben, der untröstlich in seinem Schmerz war. Sie sagten zu ihm:
  „Oh weiser Knabe! Du bist der Sohn eines Weisen – weshalb weinst du wie
in unwissender Tor? Kennst du nicht die flüchtige Natur dieser Welterschei-
nung? Dies ist, oh Junge, die eigentliche Natur dieser Welterscheinung: Dinge
entstehen, existieren eine Weile und werden dann vernichtet. Alle Wesen, die
hier erscheinen (vom relativen Standpunkt aus) – sie alle sind dem unver-
meidlichen Ende unterworfen (und sollte es sich bei dem Wesen sogar um
Brahmā, den Schöpfer, handeln). Keinerlei Zweifel besteht hierüber. Gräme
dich daher nicht über den unvermeidlichen Tod deiner Eltern.“
  Der Kummer des Jungen war damit etwas erleichtert. Er erhob sich und
führte die Begräbnisriten für seine Eltern aus. Dann begann er ein streng
religiöses Leben zu führen, in dem er sich selbst auf allen Seiten mit Vor-
schriften wie: „dies ist zu tun“ und „das ist zu vermeiden“ begrenzte. Da er die
Wahrheit noch nicht erkannt hatte, war er gänzlich gefangen in der Ausübung
der Rituale mit ihren endlosen Geboten und Verboten. All dies erzeugte in
ihm das Empfinden, dass die ganze Welt voller Unreinheiten sei. Daher suchte
er nach einem Ort ohne Unreinheiten. Der Wipfel eines Baumes! – so ent-
schied er. Und mit diesem Wunsch, im Wipfel eines Baumes zu leben, führte
er einen heiligen Ritus aus, während dem er ein Stück seines eigenen Flei-
sches abschnitt und im heiligen Feuer opferte. Bald darauf erschien die Feu-
er-Gottheit höchstpersönlich vor ihm und verkündete: „Du wirst den Wunsch,
der in deinem Herzen aufgetaucht ist, bald erfüllt sehen.“
  Das Feuer verschwand, nachdem es die Verehrung des Asketen entgegen-
genommen hatte.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   IV:49,
  Der Weise sah nun vor sich einen riesigen Kadamba-Baum von majestäti-            50,51
schem Aussehen. Mit seinen Händen (Blättern) schien er die Tränen (Regen-
tropfen) seines geliebten Firmamentes zu trocknen. Er füllte mit seinen tau-
senden von Armen (Ästen) gänzlich den Raum zwischen Himmel und Erde
aus und stand wie die kosmische Gestalt des Herrn selbst da – mit Sonne und
Mond als Augen. Überladen mit Blüten, regnete er diese auf die heiligen und
göttlichen Weisen herab, die den Himmel durchquerten. Die Bienen, die ihn
bewohnten, sangen den Weisen ihren Willkommensgruß. (Die detaillierte
Beschreibung dieses Baumes ist graphisch und wunderschön. — S.V.)


                                     209
Der Weise bestieg diesen Baum, der wie eine Säule, Himmel und Erde ver-
bindend, dastand. Schließlich befand er sich auf dem obersten Ast des Bau-
mes. Er ließ einen Augenblick lang seine Augen in alle Richtungen schweifen.
Er erfuhr die Vision des kosmischen Seins. (Die detaillierte Beschreibung in
Kapitel 50 dessen, was er sah, ist ebenfalls außerordentlich interessant. —
S.V.)
  Da er seine Wohnstatt auf dem Kadamba-Baum genommen hatte, wurde er
bald unter dem Namen Kadamba-DÃÓÆra bekannt. Im Gipfel des Baumes
wohnend, setzte er seine Askeseübungen fort. Da er an die rituellen Praktiken
gewöhnt war, wie sie in den Veden vorgeschrieben werden, führte er sie aus,
aber jetzt mental. Und so ist die Macht solch mentaler Praxis - sie reinigte das
Gemüt des Weisen und sein Herz, und er erlangte die reine Weisheit.
  Eines Tages gewahrte er vor sich eine in Blumen gekleidete Nymphe. Sie
war außerordentlich schön. Der Weise fragte sie: „Oh schöne Dame, deine
Ausstrahlung vermag sogar Amor zu bezaubern. Wer bist du?“ Sie erwiderte:
„Mein Herr, ich bin eine Waldgöttin. In dieser Welt ist nichts unmöglich für
den, der zu einem erleuchteten Weisen wie dir seine Zuflucht nimmt. Ich
komme gerade von einem Fest im Wald, auf dem ich verschiedene andere
Göttinnen dieses Waldes getroffen habe, die alle mit ihrem eigenen Sprössling
gekommen waren. Ich war die einzige, die kein Kind hatte. Daher fühle ich
mich unglücklich. Jedoch – da du in diesem Wald bist, weshalb sollte ich län-
ger unglücklich sein? Schenke mir einen Sohn – andernfalls werde ich mich
selbst zu Asche verbrennen.“ Der Weise nahm eine Kletterpflanze und über-
gab sie ihr, indem er sprach: „Geh nun. So wie diese Kletterpflanze in einem
Monat Blüten hervorbringen wird, so wirst auch du einem Sohn das Leben
schenken.“ Die dankbare Göttin verschwand.
  Nach zwölf Jahren kehrte sie zu dem Weisen mit einem Sohn desselben Al-
ters zurück. Sie sprach: „Mein Herr, dies ist dein Sohn. Ich habe ihn in allen
Gebieten des Wissens unterwiesen. Bitte unterweise ihn nun in der Selbster-
kenntnis, denn wer möchte schon, dass aus seinem Sohn ein Dummkopf
wird?“ Der Weise versprach, den Wunsch der Göttin zu erfüllen. Von diesem
Tag an begann er, den Knaben in allen Gebieten der Selbsterkenntnis zu un-
terweisen.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   IV:52
  Zu dieser Zeit bewegte ich mich über diesem Baum im Wald und hörte die
Unterweisungen des Weisen für seinen Sohn.
 DùÁôRA sprach:
  Ich möchte das, was ich über diese Welt sagen will, mit einer Geschichte
darstellen. Es gibt einen mächtigen König namens Khottha, der die drei Wel-
ten erobern kann. Die Gottheiten, die die Welt regieren, gehorchen vertrau-
ensvoll seinen Befehlen. Keiner vermag seine zahllosen Taten zu verzeichnen,
die Glück und Unglück brachten. Seine Tapferkeit kann niemand herausfor-
dern, mit keiner Waffe und auch nicht durch Feuer, so wenig als eine Faust die


                                     210
leere Luft erschlagen kann. Nicht einmal Indra, Vişnu und Śiva kamen ihm in
        ihren Unternehmungen gleich.
          Dieser König verfügte über drei Körper, die vollständig die Welten umfass-
        ten: Einen ausgezeichneten, einen mittleren und einen geringeren. Dieser
        König erschien im Raum und lebte im Raum. Dort, im Raum, erbaute der
        König eine Stadt mit vierzehn Straßen und drei Stadtteilen. Darin befanden
        sich Lustgärten, herrliche Berggipfel für allerhand Vergnügungen und sieben
        Seen mit Perlen und Schlingpflanzen darin. Es befanden sich ferner in der
        Stadt zwei Lichter, welche heiß und kalt waren und deren Licht niemals ab-
        nahm.
          In dieser Stadt erschuf der König verschiedene Arten von Lebewesen. Eini-
        ge wurden zuoberst, einige in der Mitte und andere weiter unten angesiedelt.
        Einige von ihnen waren lang- und andere kurzlebig. Sie waren bedeckt von
        schwarzem Haar. Sie verfügten über neun Tore. Alle waren gut durchlüftet.
        Sie besaßen fünf Lampen, drei Säulen und weiße, hölzerne Tragestützen.
        Weicher Lehm war ihre Haut.
           All dieses wurde durch Māyā oder die illusorische Macht des Königs her-
        vorgerufen.
           In dieser Stadt vergnügte sich der König mit all den Geistern und Kobolden
        (die die Erforschung und Selbsterkenntnis scheuen), welche zum Schutz der
        Herrenhäuser (der verschiedenen Körper) geschaffen worden waren. Sobald
        er umzuziehen wünscht, denkt er an eine zukünftige Stadt und kontempliert,
        wie er zu dieser wandert. Umgeben von den Geistern rennt er schnell in die
        neue Stadt, nachdem er die vorherige aufgegeben hat, und bewohnt die neue,
        die er wie eine magische Schöpfung ins Leben gerufen hat. In dieser wiede-
        rum zerstört er sich selbst, sobald er über die Zerstörung der Stadt kontemp-
        liert. Manchmal klagt er: „Was soll ich tun? Ich bin unwissend, ich bin elend“.
        Manchmal ist er glücklich, manchmal bedauernswert.
          Auf diese Art lebt und webt er, geht, spricht, gedeiht, leuchtet oder leuchtet
        nicht – mein Sohn, so wird der König in diesem Ozean der Welterscheinung
        hin und her geworfen.
          DùÁôRA fuhr fort:
          Damit wurde die Erschaffung des Universums und des Menschen beschrie-
IV:53
        ben. Khottha, der in der großen Leere erschien, ist nichts als eine Vorstellung
        oder eine Absicht. Diese Vorstellung taucht aus sich selbst in der großen
        Leere auf und löst sich, wiederum aus sich selbst heraus, in dieser wieder auf.
        Das gesamte Universum mit allem, was darin ist, ist die Schöpfung dieses
        Gedanken oder dieser Absicht, nichts anderes. Sogar das Dreigestirn (Brah-
        ma, Vişnu und Śiva) sind Glieder dieser Vorstellung. Nur dieser absichtsvolle
        Gedanke ist verantwortlich für die Schaffung der drei Welten, der vierzehn
        Regionen und der sieben Ozeane. Die vom König erbaute Stadt ist nichts
        anderes als das Lebewesen selbst mit seinen verschiedenen Organen und




                                             211
deren Eigenschaften. Von den verschiedenen erschaffenen Lebewesen sind
einige (die Götter) in höheren Regionen, und andere in den niederen Reichen.
   Nach dem Bau dieser imaginären Stadt unterstellte der König sie dem
Schutz der Geister. Diese Geister sind das Ahaækāra (Ego-Prinzip). Der König
vergnügt sich von nun an in dieser Welt, in seinem Körper. In einem Moment
gewahrt er die Welt im Wachzustand, und kurze Zeit danach richtet er seine
Aufmerksamkeit abrupt auf die innere Welt, die er in seinen Träumen erlebt.
So bewegt er sich von einer Stadt in die andere, von einem Körper zum ande-
ren, von einer Ebene zur nächsten.
   Nach zahlreichen solchen Wanderungen entwickelt er schließlich Weisheit,
verliert seine Illusionen betreffend diese Welten und ihre Vergnügungen, und
erlangt durch das Aufhören all seiner Vorstellungen das Ende seiner Wande-
rung.
   Einmal scheint er sich der Weisheit zu erfreuen, während er im nächsten
Moment schon wieder in den Sinnesfreuden gefangen ist. In weniger als einer
Sekunde wird dann sein Verstehen verzerrt, wie im Falle eines kleinen, un-
vernünftigen Kindes. All diese Vorstellungen sind entweder wie dichte Fins-
ternis (die Anlass zur Unwissenheit und zu Geburten in den niederen Reichen
der Schöpfung geben) oder rein und transparent (die wiederum Anlass zur
Weisheit geben und sehr nahe an die Wahrheit heranführen), oder sie sind
unrein (und geben Anlass zum Auftauchen der Weltlichkeit), Sobald alle diese
Vorstellungen aufhören, ist die Befreiung da.
   Auch wenn man sich selbst in jeder Art spiritueller Bestrebungen ergeht,
und wenn man sogar die Götter als Lehrer hat, und auch wenn man im Him-
mel oder anderen Regionen sein sollte, kann Befreiung nicht anders als durch
das Aufhören aller Vorstellungen erlangt werden. Das Wirkliche, das Unwirk-
liche und die Vermischung beider sind Vorstellungen und nichts anderes—
diese Vorstellungen selbst sind weder wirklich noch unwirklich. Was sollte
man dann in diesem Universum als real ansehen? Daher, mein Sohn, gib alle
diese Vorstellungen, Gedanken und Absichten auf. Sobald sie aufhören, wen-
det sich das Gemüt auf natürliche Weise dem zu, was das Gemüt überschrei-
tet – das unendliche Bewusstsein.
   DER JUNGE MANN fragte:
                                                                                  IV:54
   Vater, bitte teile mir mit, wie dieses saÇkalpa (Vorstellung, Gedanke, Idee,
Konzept) erscheint und wodurch es wächst und gedeiht.
   DùÁôRA sprach:
  Mein Sohn, wenn im unendlichen Bewusstsein dieses Bewusstsein seiner
selbst als sein eigenes Objekt gewahr wird, dann wird der Same der Ideenbil-
dung gesät. Dieser ganze Vorgang ist außerordentlich subtil. Jedoch schon
bald wird er gröber und füllt sozusagen den gesamten Raum aus. Sobald sich
das Bewusstsein in dieser Ideenbildung vergröbert, glaubt es, dass das Objekt
verschieden vom Subjekt ist. Dann beginnt die Ideenbildung zu wachsen und
zu gedeihen. Jede Ideenbildung vervielfältigt sich ganz von selbst. Dies führt


                                     212
dann zum Kummer, nicht zum Glück. In dieser Welt ist allein diese Ideenbil-
dung für alle Sorgen verantwortlich!
  Diese Ideenbildung oder Vorstellung ist durch schiere Koinzidenz entstan-
den (die Krähe lässt sich auf einem Baum nieder, und eine Frucht fällt auf den
Boden ohne kausale Verknüpfung). Und doch ist diese völlig unwirkliche
Nicht-Substantialität fähig zu wachsen! Deine Geburt ist daher unwirklich –
auch deine Existenz selbst ist unwirklich. Sobald du dies erkennst und ver-
wirklichst, hört das Unwirkliche auf.
  Unterhalte daher keine Ideen. Halte nicht an der Vorstellung deiner eigenen
Existenz fest. Denn allein dadurch geschieht es, dass die Zukunft in Erschei-
nung tritt. Man muss die Zerstörung all dieser Ideenbildungen nicht fürchten.
Wenn es keine Gedanken gibt, hören die Vorstellungen oder die Ideenbildung
auf. Mein Sohn, es ist einfacher, Vorstellungen aufzugeben, als eine Blume auf
der Handfläche zu zerdrücken. Das letztere erfordert Anstrengung, das erste-
re ist dagegen mühelos. Wenn somit alle Vorstellungen aufhören, entsteht ein
großer Friede, und alle Sorge wird an der Wurzel zerstört. Denn alles in die-
sem Universum ist nichts als eine Idee, eine Vorstellung, ein Konzept; es hat
unterschiedliche Namen wie Gemüt, lebendige Seele oder jīva, Vernunft und
Konditionierung. Da sind keinerlei reale Gegebenheiten, die diesen Wörtern
entsprechen. Entferne daher alle Gedanken. Verschwende nicht dein Leben
und deine Bemühung in anderen Aktivitäten.
   Sobald die Vorstellungen schwächer werden, ist man weniger anfällig für
Glück und Unglück, während die Erkenntnis der Unwirklichkeit der Objekte
die Anhaftung verhindert. Gibt es keinerlei Erwartungen mehr, dann gibt es
auch keine Hochstimmungen oder Depressionen mehr. Das Gemüt selbst ist
der jīva, wenn er im Bewusstsein reflektiert wird, und es ist das Gemüt, das
Luftschlösser baut und sich in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft
erstreckt. Die vielfältigen Wellen der Ideenbildungen nachzuvollziehen ist
letztlich unmöglich, aber soviel kann gesagt werden: Es sind die Sinneserfah-
rungen, die sie vervielfältigen, und sobald diese aufgegeben werden, hören
die Ideenbildungen auf. Wenn diese Vorstellungen real wären wie etwa die
Schwärze der Kohle, dann könnten sie nicht entfernt werden. Tatsächlich
aber ist es nicht so. Daher können sie sehr wohl beseitigt werden.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 IV:55,56
  Nachdem ich die Worte des Weisen vernommen hatte, ließ ich mich auf den
Kadamba-Baumnieder. Wir waren alle drei ziemlich lange in Diskussionen
über die Selbsterkenntnis vertieft, und ich erweckte in ihnen die höchste
Erkenntnis. Dann verabschiedete ich mich von ihnen und zog weiter. Oh
Rāma, all diese Erzählungen dienen zur Illustration der Natur dieser Welter-
scheinung. Die ganze Geschichte ist daher so wahr wie diese Welt selbst!
  Aber auch wenn du glaubst, dass diese Welt und du selbst real sind, dann
sei es so – verbleibe dann fest in deinem eigenen Selbst! Denkst du dagegen,
dass all dies sowohl real wie irreal sei, dann nimm die dementsprechende
Haltung gegenüber der wechselhaften Welt ein. Glaubst du dagegen, dass die


                                    213
Welt irreal sei, dann sei fest im unendlichen Bewusstsein verankert. Und lass
        dein Verständnis nicht umwölkt werden von Glaubensvorstellungen wie zum
        Beispiel, dass die Welt einen Schöpfer oder keinen Schöpfer hat.
          Das Selbst hat keine Sinnesorgane – deshalb ist es wie leblos, obschon es all
        dies geschehen macht. Wir haben nur diese kurze Lebensspanne von viel-
        leicht hundert Jahren – weshalb sollte das unsterbliche Selbst in dieser knap-
        pen Zeit hinter flüchtigen Sinnesvergnügen herlaufen? Selbst wenn die Welt
        und ihre Objekte real wären, gäbe es immer noch keinen Grund für das be-
        wusste Selbst, die leblosen Objekte zu begehren! Und wenn sie irreal sind,
        kann jedes Verlangen nach ihnen nur im Unglücklichsein enden.
          Gib die Wünsche deines Herzens auf. In dieser Welt bist du, was du bist –
        erkenne dies und erfreue dich dann der Welt. Es ist in der Gegenwart des
        Selbst, dass alle Aktivitäten in dieser Welt stattfinden können, so wie es in der
        Gegenwart einer Lampe Licht gibt. Es ist nicht die Absicht der Lampe zu
        leuchten – auf dieselbe Weise hat das Selbst keinerlei Absicht, irgendetwas zu
        tun. Und doch geschehen in seiner Gegenwart zahllose Handlungen. Du magst
        eine dieser Haltungen annehmen: 1) Ich bin das allgegenwärtige Sein, wel-
        ches nicht tätig ist, 2) Ich bin der Täter aller Handlungen in dieser Welt. In
        beiden Fällen wirst du denselben Zustand des vollkommenen Gleichmuts
        erlangen, der mit der Unsterblichkeit gleichzusetzen ist. Du wirst frei sein
        von Zu- und Abneigungen, von Anziehung und Abstoßung. Du wirst törichte
        Gefühle wie „dieser hat mir geschadet“ oder „dieser hat mir genutzt“ loswer-
        den. Daher, o Rāma, magst du wie folgt empfinden: „Ich bin nicht der Täter,
        ich existiere nicht“ oder „Ich bin der Täter – ich bin alles“. Oder erforsche die
        Natur des Selbst („Wer bin ich?“) und erkenne, dass „ich nichts von all dem
        bin, was mir zugeschrieben wird.“ Ruhe im Selbst, das der höchste Zustand
        des Bewusstseins ist und wo die besten Heiligen ewig verweilen, denn sie
        haben diesen Zustand erkannt.
          RùMA fragte:
IV:57
          Heiliger Weiser, auf welche Weise kann diese unwirkliche Welt im absolu-
        ten Brahman existieren? Wie kann Schnee in der Sonne existieren?
          VASIåèHA sagte:
          Rāma, dies ist nicht die richtige Zeit, um diese Frage zu stellen, denn du
        würdest die Antwort jetzt nicht verstehen. Für einen kleinen Jungen sind die
        Romanzen der Erwachsenen uninteressant. Alle Bäume tragen ihre Frucht
        zur angemessenen Zeit, und auch meine Instruktionen werden zu gegebener
        Zeit ihre Früchte erbringen. Wenn du dich mit Hilfe des Selbst und deiner
        eigenen Bemühung auf die Suche nach deinem eigenen Selbst begibst, wirst
        du die Antwort auf deine Frage klar erhalten. Die Frage der Täterschaft oder
        Nicht-Täterschaft habe ich nur deshalb erörtert, damit die mentale Konditio-
        nierung oder Ideenbildung verständlich wird.
          Die Bindung besteht in der Bindung an Gedanken und Vorstellungen dieser
        Art – die Befreiung ist die Freiheit davon. Gib daher alle Vorstellungen auf,


                                              214
sogar die der Befreiung. Gib als erstes durch die Kultivierung guter Beziehun-
gen zu anderen Menschen (wie etwa Freundschaft) die Neigungen und Ten-
denzen auf, die grob und materialistisch sind. Später gib sogar Vorstellungen
wie Freundschaft auf, aber bleibe weiterhin freundlich. Gib alle Wünsche auf
und meditiere über die Natur (oder die Vorstellung) des kosmischen Be-
wusstseins.
   Sogar diese Dinge befinden sich sämtlich noch in den Reichen der Ideen
oder Gedanken.
   Gib folglich im Verlaufe der Zeit auch sie auf. Verbleibe in dem, was nach
der Aufgabe all dieser Dinge als einziges übrig bleibt. Und entsage dem
Entsager all dieser Vorstellungen. Sobald die Idee des Ich-Sinns aufgehört hat,
wirst du zu unendlichem Raum. Wer in seinem Herzen allem entsagt hat, der
ist in der Tat der Höchste Herr – ob er nun weiterhin ein aktives Leben führt
oder ob er allezeit in der Kontemplation verharrt. Für diesen sind weder
Tätigkeit noch Untätigkeit von irgendeinem Nutzen. Oh Rāma, ich habe sämt-
liche Schriften überprüft und die Wahrheit erforscht. Ohne totale Entsagung
von allen Vorstellungen, Ideen oder mentaler Konditionierung kann es keine
Erlösung geben.
   Diese Welt der vielfältigen Namen und Formen ist nur aus Erwünschtem
und Unerwünschtem zusammengesetzt! Die Leute streben nach der Befriedi-
gung ihrer Wünsche, aber nach der Selbsterkenntnis strebt niemand. Selten
sind die Weisen mit Selbsterkenntnis in allen drei Welten. Man kann ein Kai-
ser in der Welt oder der König des Himmels sein – aber all dies ist aus den
fünf Elementen zusammengesetzt! Es ist traurig, dass die Menschen für den
Erwerb bedeutungsloser Ziele ihr Leben völlig zerstören. Schande über sie!
Nichts von dem erregt die Aufmerksamkeit des Weisen, der mit der Selbster-
kenntnis gewappnet ist. Er ruht auf diesem höchsten Thron, den Sonne und
Mond nicht erreichen können (die su«umnÃ?). Der Weise mit Selbsterkennt-
nis ist nicht angetan vom Gewinn oder den Vergnügen des gesamten Univer-
sums.

                                     ***


Kaca's Lied

 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  IV:55
  In diesem Zusammenhang, o Rāma, erinnere ich mich an ein höchst inspi-
rierendes Lied vom Sohn des Gurus der Götter, Kaca. Dieser Kaca war in der
Selbsterkenntnis verwurzelt. Er lebte in einer Höhle auf dem Berg Meru. Sein
Gemüt war gesättigt mit der höchsten Weisheit und folglich nicht von den aus
den fünf Elementen bestehenden Objekten der Welt angezogen. Verzweiflung
spielend, sang Kaca eines Tages dieses Lied voller Bedeutung. Bitte höre zu.


                                     215
KACA sang: „Was soll ich tun? Wohin soll ich gehen? Was soll ich festhalten?
        Was soll ich aufgeben? Dieses ganze Universum ist von dem einen Selbst
        durchdrungen. Unglücklichsein und Sorge sind das Selbst. Glück ist auch das
        Selbst. Denn alle Wünsche sind nur leeres Nichts. Wissend, dass all dies das
        Selbst ist, bin ich befreit von allen Mühen. In diesem Körper, innerhalb und
        außerhalb, oberhalb und unterhalb, überall – hier wie dort – gibt es nichts als
        das Selbst und das Selbst allein. Ein Nicht-Selbst existiert nicht. Das Selbst
        allein ist allüberall – alles existiert als das Selbst. All dies ist wahrhaftig das
        Selbst. Ich existiere im Selbst als das Selbst. Ich existiere als all dieses – als die
        Wirklichkeit in allem allüberall. Ich bin die Fülle. Ich bin die Selbst-Seligkeit.
        Ich erfülle das gesamte Universum wie der kosmische Ozean.“
          So sang er. Dann intonierte er das heilige Wort OM – tönend wie eine Glo-
        cke. Sein gesamtes Wesen hatte er mit diesem heiligen Klang vereint. Weder
        befand er sich innerhalb oder außerhalb von irgendetwas. Dieser Weise lebte
        auf dieser Ebene, vollkommen absorbiert im Selbst.
          VASIåèHA fuhr fort:
          Was gibt es schon in dieser Welt, o Rāma, als Essen, Trinken und Sex? Was
        sollte daher ein weiser Mensch wohl anziehend finden? Diese Welt der fünf
IV:59
        Elemente und der Körper aus Fleisch, Blut, Haar und all dem Rest werden von
        den Unwissenden als wirklich betrachtet. All das existiert nur zu ihrer Unter-
        haltung. Der Weise sieht in all diesem ein vergängliches und unwirkliches,
        aber schreckliches Gift.
          RùMA fragte:
          Wenn das Gemüt nach der Zerstörung aller Vorstellungen den Zustand des
        Schöpfers selbst wiedererlangt – wie kann dann in ihm noch die Vorstellung
        der Welt auftauchen?
          VASIåèHA fuhr fort:
          Rāma, der erstgeborene Schöpfer stieß beim Auftauchen aus dem unendli-
        chen Bewusstsein den Klang „Brahmā“ aus. Deshalb ist er als Brahmā be-
        kannt, der Schöpfer. Dieser Schöpfer unterhielt als erstes die Vorstellung von
        Licht, und so entstand Licht. In diesem Licht visualisierte er seinen eigenen
        kosmischen Körper, und so trat dieser ins Sein - von der strahlenden Sonne
        bis zu den verschiedenen Objekten, die das Universum füllen. Er kontemplier-
        te dasselbe Licht als unendlich viele Feuerfunken, und all diese Funken wur-
        den zu den verschiedenen Lebewesen. Ganz gewiss ist es nur dieser kosmi-
        sche Verstand, der zu Brahmā und all diesen Wesen geworden ist. Was immer
        dieser Brahmā am Anfang erschaffen hat, wird noch heute gesehen.
          Diese unwirkliche Welt hat ihre scheinbare Substantialität allein aufgrund
        der beharrlichen Vorstellung ihrer angeblichen Existenz erlangt. Sämtliche
        Wesen dieses Universums halten sie aufgrund ihrer eigenen Vorstellungen
        und Ideen aufrecht.
          Nach der Erschaffung des Universums durch seine Gedankenkraft überlegte
        der Schöpfer wie folgt: „Ich habe all dieses nur durch die Kraft einer geringfü-


                                                216
gigen Erregung im kosmischen Gemüt erschaffen. Ich habe jetzt genug davon.
Alles wird sich nun von selbst fortsetzen. Ich werde jetzt ruhen.“ So kontemp-
lierend ruhte Brahmā der Schöpfer – er ruhte in seinem eigenen Selbst in
tiefer Meditation.
  Dann eines Tages enthüllte der Schöpfer aus Mitgefühl für die erschaffenen
Lebewesen die Schriften, die von der Selbsterkenntnis handeln. Erneut wurde
er absorbiert in der Erkenntnis seines eigenen Selbst, jenseits aller Konzepte
und Beschreibungen. Dies allein verdient, der höchste „Zustand des Schöp-
fers“ (brāhmÅ-sthiti) genannt zu werden.
  Von da an nahmen die erschaffenen Wesen die Eigenschaften der Dinge an,
mit denen sie sich verbanden. Durch Verbindung mit dem Guten wurden sie
gut, durch Verbindung mit dem Weltlichen wurden sie weltlich. Auf diese
Weise wird man an diese Welterscheinung gebunden, und so wird man auch
befreit.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 IV:60,61
  Nach der Erschaffung dieser Welterscheinung wurde diese wie ein Wasser-
topf, in dem die lebendigen Wesen fortwährend emporstiegen und
hinuntersanken in einen toten Brunnen – gefesselt durch das Seil des Wun-
sches „Ich will leben“. Diese Lebewesen, die im Ozean des unendlichen Be-
wusstseins wie Wellen und Kräusel auf der Oberfläche des unendlichen Be-
wusstseins auftauchten, kamen auf die physische Ebene. Sobald die Elemente
wie Luft, Feuer, Wasser und Erde geboren worden waren, verbanden sie sich
mit diesen. So begann das Rad von Geburt und Tod sich zu drehen.
  Die jīvas kamen sozusagen auf den Strahlen des Mondes in die Pflanzen und
Kräuter. Sie wurden sozusagen die Früchte dieser Pflanzen, die durch die
Strahlen der Sonne reiften. So wurden sie bereit zur Inkarnation. Die subtilen
Vorstellungen, Ideen und die mentale Konditionierung schlafen schon im
ungeborenen Wesen. Zur Geburtsstunde wird dann der Schleier, der sie be-
deckte, aufgehoben.
  Einige dieser Wesen werden rein und erleuchtet geboren (sātvika). Schon in
ihren früheren Leben haben sie sich von der Verführung der Sinnesvergnügen
abgewendet. Die Natur der anderen jedoch, die allein zur Verlängerung des
Zyklus von Geburt und Tod geborensind, besteht aus einer Verbindung des
Reinen, des Unreinen und des Finsteren. Es gibt wiederum andere, deren
Natur rein ist und nur wenig mit Unreinheit vermischt – diese sind der Wahr-
heit ergeben und voll edler Eigenschaften. Selten sind jedoch die Menschen,
die frei von Unwissenheit sind. Wiederum andere Menschen sind eingehüllt
in der Dunkelheit der Unwissenheit und Stumpfheit – sie sind wie Steine oder
Berge!
  Diejenigen Lebewesen, in denen Reinheit überwiegt mit nur wenig Unrein-
heit (die rājasa-sātvika Menschen), sind stets glücklich, erleuchtet und frei
von Trauer oder Verzweiflung. Sie sind selbstlos wie Bäume und wie diese
durchleben sie nur die Resultate vergangener Handlungen, ohne neue zu


                                    217
erzeugen. Sie sind wunschlos. Sie befinden sich im Frieden mit sich selbst,
        und sie geben diese Friedfertigkeit auch nicht in den schlimmsten Katastro-
        phen auf. Sie lieben alle Wesen und schauen auf alle mit demselben Gleich-
        mut. Sie ertrinken nicht im Meer des Leidens. Unter allen Umständen sollte
        man das Untertauchen im Ozean des Kummers verhindern, sondern sich mit
        der Erforschung des Selbst befassen: „Wer bin ich, wie konnte diese Welter-
        scheinung entstehen?“ Man sollte den im Körper wohnenden Egoismus und
        die Hinneigung zur Welt aufgeben. Dann wird man erkennen, dass es im
        Raum keine Unterteilungen gibt – ob nun ein Gebäude dort steht oder nicht.
        Dasselbe Bewusstsein, welches in der Sonne erstrahlt, bewohnt auch den
        kleinsten Wurm, der in einem Erdloch herumkriecht.
          VASIåèHA fuhr fort:
          Oh Rāma, wer weise ist und fähig, die Natur der Wahrheit zu erforschen,
IV:62   sollte zu einer edlen und gelehrten Person gehen und die Schriften studieren.
        Der Lehrer sollte frei vom Verlangen nach Sinnesvergnügen sein und über
        eine direkte Erfahrung der Wahrheit verfügen. Mit dieser Unterstützung
        sollte man dann die Schriften studieren und durch die Praxis des großen Yoga
        kann man den höchsten Zustand erlangen.
          Oh Rāma, du bist in der Tat ein spiritueller Held und voll edler Tugenden.
        Du bist frei vom Kummer. Du hast den Zustand des Gleichmuts erreicht. Gib
        alle Täuschungen durch die höchste Intelligenz auf. Sobald dich die Dinge
        dieser Welt nichts mehr angehen, wirst du im nicht-dualen Bewusstsein
        verankert sein, und darin besteht die endgültige Befreiung. Darüber besteht
        kein Zweifel. Und alle Weisen der Selbsterkenntnis werden deinem edlen
        Vorbild folgen.
          Rāma, nur jemand, der intelligent ist wie du, der gutartig ist wie du und al-
        les aus der gleichen Sicht betrachtet, und der nur Gutes sieht, ist bestimmt
        zur Vision der Weisheit, wie ich sie dir beschrieben habe.
          Oh Rāma, solange du verkörpert bist, lebe ohne dich von Zuneigungen und
        Abneigungen, Anziehung und Abstoßung erschüttern zu lassen, in Überein-
        stimmung mit den Regeln der Gesellschaft, in der du lebst, jedoch ohne Wün-
        sche und ohne Verlangen. Suche beständig den höchsten Frieden, wie es die
        Heiligen tun.
           Indem man dem Vorbild der Heiligen nacheifert, kommt man dem höchsten
        Zustand näher. Wie auch immer die Natur einer Person hier in diesem Leben
        ist – diese wird er nach dem Ablauf seiner Lebensspanne erlangen. Aber wer
        sich ernsthaft schon jetzt bemüht, der vermag solche Veranlagungen zu
        überwinden und sich selbst über die Zustände der Finsternis und Stumpfheit
        (tamas) und der Unreinheit (rajas) zu erheben. Durch die eigene Weisheit
        kann man von diesen Zuständen emporsteigen in den Zustand der Reinheit
        und Erleuchtung (satva).
          Nur durch intensive Selbst-Bemühung erlangt man eine gute Verkörperung.
        Es gibt nichts, was intensive Selbst-Bemühung nicht erreichen kann. Durch



                                             218
die Praxis von brahmacarya (Enthaltsamkeit oder Hingabe an Brahman aus
ganzer Seele), Mut, Leidenschaftslosigkeit und Ausdauer sowie durch intelli-
gente Praxis, welche auf gesundem Menschenverstand gründet, erlangt man
schließlich, was man zu erlangen sucht – die Selbsterkenntnis.
  Rāma, du bist schon ein befreiter Mensch – lebe nun wie einer!

                                    ***




                                   219
Teil V: Über die Auflösung

 VùLMýKI sprach:
  Die Menschen (einschließlich der Götter, Halbgötter und der Mitglieder des
                                                                                 V:1,2
königlichen Hofes) lauschten den Weisheitsworten des Weisen Vāsi«Âha mit
vollkommener Aufmerksamkeit. Der Herrscher Daśaratha und seine Minister
hatten für diese Zeit all ihre königlichen Verpflichtungen und Vergnügen
vertagt, um sich ungeteilt den Belehrungen des großen Weisen zu widmen.
Zur Mittagszeit ertönten die Muschelhörner, und die Versammlung erhob sich
zur Mittagspause. Am Abend zog sich die Gesellschaft dann zur Ruhe zurück.
Wenn die Könige und Prinzen sich erhoben, um den Hof zu verlassen, schie-
nen ihre schillernden Gewänder und ihr Schmuck den Raum zu erleuchten.
Der gesamte Hof wirkte wie ein Miniaturuniversum.
  Nachdem die Versammlung auseinander gegangen war, verehrte König
Daśaratha traditionsgemäß die Weisen und empfing deren Segnungen. Da-
nach erlaubte Vāsi«Âha den Prinzen, Rāma und seinen Brüdern, sich zur Ruhe
zurückzuziehen. Auch sie fielen dem Weisen zu Füßen und empfingen seinen
Segen.
  Wenn die Nacht kam, gingen alle zu Bett, außer Rāma, der nicht zu schlafen
vermochte.
  RùMA kontemplierte wie folgt die erleuchtenden Worte des Weisen
Vāsi«Âha:
  Worin besteht diese Welterscheinung? Wer sind all diese verschiedenarti-
gen Menschen und anderen Lebewesen? Wie erscheinen sie hier, von wo sind
sie gekommen und wohin werden sie gehen? Worin besteht die Natur des
Gemütes, und wie kann es zur Ruhe kommen? Wie konnte Māyā (die kosmi-
sche Illusion) überhaupt entstehen, und wie kann sie an ein Ende gelangen?
Ist das Ende einer solchen Illusion wünschenswert oder nicht? Wie konnte im
unendlichen Selbst die Begrenztheit auftauchen?
  Worin genau bestehen die Mittel, die der Weise Vāsi«Âha zur Eroberung von
Gemüt und Sinnen vorschreibt? Denn diese sind ganz gewiss die Quellen des
Leidens. Es ist nicht möglich, die Freude der Sinnesvergnügen aufzugeben,
und ohne die Aufgabe der Freude daran ist ein Ende des Leidens unmöglich –
dies ist in der Tat ein Problem. Das Gemüt jedoch ist der kritische Faktor in
dieser Konstellation, und solange es nicht zumindest einmal den höchsten
Frieden, der frei von aller weltlichen Illusion ist, gekostet hat, wird es die
Sinnesvergnügen gewiss nicht aufgeben und weiterhin hinter ihnen herlau-
fen.
  Oh, wann wird mein Gemüt rein sein? Und wann wird es im Höchsten Sein
ruhen? Wann wird mein Gemüt im Unendlichen ruhen wie eine Welle, die
wieder mit dem Ozean vereint ist? Wann werde ich befreit sein von allem
Verlangen? Wann werde ich mit Gleichmut gesegnet sein? Wann werde ich
ohne dieses schreckliche Fieber der Weltlichkeit sein ?


                                    220
Oh Gemüt, wirst du wirklich fest in der Weisheit verankert bleiben, wie sie
von den großen Weisen offenbart wird? Oh mein Intellekt, du bist mein
Freund – kontempliere die Lehren des Weisen Vāsi«Âha so, dass wir beide
zusammen vom Elend dieser weltlichen Existenz errettet werden mögen.
  VùLMýKI fuhr fort:
  Als der Morgen dämmerte, erhoben sich Rāma und die anderen und voll-
führten die religiösen Pflichten. Anschließend begaben sie sich zu den Gemä-       V:3,4
chern des Weisen Vāsi«Âha. Auch der Weise hatte seine Morgengebete been-
det und befand sich in tiefer Meditation. Als er sich schließlich erhob, bestieg
er zusammen mit seinen Gefährten den Wagen und fuhr zum Palast des Kö-
nigs Daśaratha. Als sie den königlichen Hof betraten, ging ihnen der König
drei Schritte entgegen, um ihnen den gebührenden Respekt zu erweisen.
  Bald danach kamen auch alle anderen Mitglieder der Versammlung (die
Götter, Halbgötter, die Weisen und andere) und nahmen ihre Plätze ein.
  DAŚARATHA eröffnete die Versammlung und sprach:
  Oh gesegneter Höchster Herr, ich hoffe, dass du dich von den Mühen der
gestrigen Belehrung gut erholt hast. Was uns anbelangt, so sind wir von den
Worten höchster Weisheit, die du gestern geäußert hast, sehr erhoben. Die
Worte der erleuchteten Weisen zerstreuen die Sorgen aller Lebewesen und
lassen Segen auf sie herabkommen. Sie beseitigen all die Unreinheiten, die
wir durch unsere eigenen bösen Taten in uns gesät haben. Schlechte Neigun-
gen wie Verlangen, Gier usw. werden allein durch deine Weisheit geschwächt.
Auch unser irriger Glaube an die Wirklichkeit dieser Welterscheinung wird
einer harten Prüfung unterzogen.
  Oh Rāma, nur der Tag, an dem solche Weisen verehrt werden, darf als ein
fruchtbarer angesehen werden; alle anderen Tage sind Tage der Finsternis.
Dies ist für dich die beste Gelegenheit: frage und erlerne alles von dem Wei-
sen, was des Erlernens wert ist.
  VASIåèHA sprach:
  Oh Rāma, hast du tief über die Lehren nachgedacht, die ich dir gestern habe
zukommen lassen? Hast du über sie während der Nachstunden reflektiert,
und hast du sie deutlich auf der Tafel deines Herzens niedergeschrieben?
Erinnerst du dich noch an die Worte, die ich zu dir gesprochen habe, nämlich
dass das Gemüt der Mensch ist? Erinnerst du dich in allen Einzelheiten an
das, was ich über die Schöpfung dieses Weltalls gesagt habe? Denn nur durch
die wiederholte Erinnerung führen solche Unterweisungen zu Klarheit.
  RùMA erwiderte:
  Hoher Herr, so tat ich. Dem Schlafe wehrend, verbrachte ich die ganze Nacht
meditierend über deine erleuchtenden Worte und habe mich bemüht, die
Wahrheit zu sehen, auf die sie verweisen. So habe ich diese Wahrheit im
Schrein meines Herzens verwahrt. Wer würde wohl nicht deine Unterwei-
sungen mit Freuden auf seinem Haupte tragen, wissend, dass sie ihm den


                                     221
größten Segen bringen? Außerdem sind sie wunderbar zu hören; sie sind
      äußerst segensreich, und sie bringen uns die unvergleichliche Erfahrung.
        Daher, oh Höchster Herr, bitte ich dich: fahre fort mit deiner unübertreffli-
      chen Unterweisung.
        VASIåèHA erwiderte:
V:5     Oh Rāma, bitte höre nun die Darlegung über die Auflösung des Universums
      und die Erlangung des allerhöchsten Friedens.
        Diese anscheinend endlose Welterscheinung wird durch unreine (rājasa)
      und stumpfe (tāmasa) Wesen am Leben erhalten; auf dieselbe Weise, wie ein
      Gebäude durch Säulen aufrechterhalten wird. Jedoch wird sie leicht und
      mühelos von denjenigen aufgegeben, die von reiner Natur sind, so wie die
      alte Haut mühelos von der Schlange abgestreift wird. Diejenigen, die von
      reiner (satva) Natur sind, und deren Tätigkeiten (rajas) auf Reinheit und Licht
      gründen (satva), leben ihr Leben nicht mechanisch, sondern erforschen den
      Ursprung und die Natur dieser Welterscheinung. Sobald diese Erforschung
      durch rechtes Studium der Schriften und in der Gesellschaft von Weisen un-
      ternommen wird, entsteht in einem ein klares Verstehen der Wahrheit – so
      wie im Licht einer Lampe. Die Wahrheit wird erst dann ganz klar gesehen,
      wenn man sie durch sich selbst in sich selbst wahrnimmt. Oh Rāma, du be-
      sitzt in der Tat eine reine Natur. Erforsche daher die Natur der Wahrheit und
      der Falschheit, und sei der Wahrheit ergeben. Was am Anfang nicht war und
      irgendwann aufhört zu sein, wie kann es als Wahrheit angesehen werden?
      Nur das kann als Wahrheit oder Wirklichkeit betrachtet werden, was immer
      da ist und immer sein wird.
        Geburt ist im Gemüt, o Rāma, und Wachsen ist ebenfalls im Gemüt. Wenn
      die Wahrheit klar gesehen wird, dann ist es das Gemüt, welches von seiner
      eigenen Unwissenheit befreit wird. Lass daher das Gemüt zuerst durch das
      Studium der Schriften, die Gesellschaft der Heiligen und die Kultivierung der
      Leidenschaftslosigkeit den Weg der Rechtschaffenheit wandern. Damit ausge-
      rüstet, sollte man Zuflucht zu den Füßen eines Meisters (Guru) nehmen,
      dessen Weisheit vollkommen ist. Durch schrittweises und vertrauensvolles
      Befolgen der Lehren dieses Meisters wird man schließlich das Feld der voll-
      kommenen Reinheit betreten.
        Rāma, gewahre durch reine Selbst-Erforschung das Selbst durch das Selbst
      – ebenso wie der kühle Mond den gesamten Raum wahrnimmt. Wie ein
      Strohhalm wird man durch die wildbewegten Wasser dieser Welterscheinung
      gewirbelt, solange man nicht im sicheren Boot der Selbst-Erforschung ist. So
      wie die Sandpartikel eins nach dem anderen im stillen Wasser zu Boden
      sinken, so ruht das Gemüt des Menschen, der das Wissen um die Wahrheit
      erworben hat, im vollkommenen Frieden. Wenn diese Erkenntnis einmal
      gewonnen ist, kann sie nicht wieder verloren gehen – so wie der Goldschmied
      Gold auch sieht, wenn es in der Asche liegt. Solange die Wahrheit noch nicht
      erkannt ist, gibt es noch Verwirrung - aber ist sie erkannt, gibt es keine Ver-



                                           222
wirrung mehr. Die Ursache deines Kummers ist die Unwissenheit über das
Selbst – die Erkenntnis des Selbst hingegen führt zu Wonne und Gelassenheit.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Kläre die Verwirrung von Körper und Selbst – und du wirst im sofortigen
Frieden sein. So wie ein Goldkorn, das in den Schmutz fällt, niemals schmut-
zig wird, so ist auch das Selbst unbefleckt vom Körper. Ich wiederhole und
verkünde mit erhobenen Armen: „Wie Wasser und Lotos ist der Körper eines
und das Selbst ein anderes!“ – aber niemand hörte mir zu! Solange dieses
träge und leblose Gemüt den Pfad des Vergnügens wandelt, solange kann
diese Finsternis der Weltillusion nicht vertrieben werden. Aber sobald man
hieraus erwacht und die Natur des Selbst erforscht, verschwindet diese Fins-
ternis unverzüglich. Daher sollte man sich beständig bemühen, das im Körper
wohnende Gemüt zu erwecken, um den Prozess des Werdens hinter sich zu
lassen – denn das Werden ist voll von Kummer und Leiden.
  So wie der Himmel nicht vom darin schwebenden Staub berührt wird, so ist
das Selbst vom Körper unberührt. Vergnügen und Schmerz werden fälschlich
als eigene Empfindungen wahrgenommen – so wie man glaubt, dass „der
Himmel von Staub verschmutzt ist“. Tatsächlich gehören aber Vergnügen und
Schmerz weder zum Körper noch zum Selbst, welches alles transzendiert –
sie gehören allein zur Unwissenheit. Ihr Verlust ist kein Verlust. Weder Ver-
gnügen noch Schmerz gehören irgendjemandem – alles ist stets nur das
Selbst, welches höchster Friede und Unendlichkeit ist. Erkenne dies, o Rāma.
  Selbst und Welt sind weder identisch noch verschieden (dual). All dies ist
nichts als die Widerspiegelung der Wahrheit. Nichts als das eine Brahman
existiert. „Ich bin verschieden“ ist reine Einbildung – gib es auf, oh Rāma. Das
eine Selbst nimmt sich selbst innerhalb von sich selbst als das unendliche
Bewusstsein wahr. Es gibt daher keinerlei Kummer, Täuschung, Geburt
(Schöpfung) noch Geschaffenes – was immer ist, ist. Sei frei von Bedrängnis,
oh Rāma. Sei frei von Dualität – verbleibe stets fest im Selbst verankert und
gib alle Sorge um dein eigenes Wohlergehen auf. Sei in dir selbst im Frieden,
mit einem beständig ruhigen Gemüt. Keine Sorge sei in deinem Gemüt. Ruhe
in innerer Stille. Bleibe bei dir selbst und allein, ohne gewollte Gedanken. Sei
mutig und erobere das Gemüt und die Sinne. Sei wunschlos und zufrieden mit
dem, was ungesucht zu dir kommt. Lebe mühelos, ohne nach Dingen zu grei-
fen oder ihnen zu entsagen. Sei frei von aller mentalen Verwirrtheit (Irratio-
nalität) und der blindmachenden Illusion. Ruhe zufrieden in deinem eigenen
Selbst. Sei auf diese Weise frei von aller Qual. Verbleibe in einem weit offenen
Zustand im Selbst – wie der weite Ozean. Erfreue dich im Selbst am Selbst wie
die segensreichen Strahlen des Vollmonds.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   V:6,7
  Oh Rāma, wer erkennt, dass sämtliche Tätigkeiten allein aufgrund der Ge-
genwart des Bewusstseins stattfinden, so wie ein Kristall die ihn umgeben-
den Objekte reflektiert, ohne dies zu beabsichtigen, der ist befreit. Diejenigen



                                     223
jedoch, die auch nach Erlangung ihrer menschlichen Geburt nicht an dieser
nicht-willentlichen Tätigkeit interessiert sind, gehen vom Himmel zur Hölle
und wiederum von der Hölle zum Himmel.
  Es gibt einige, die sich der Untätigkeit hingegeben und sich von aller Tätig-
keit abgewendet oder diese unterdrückt haben – sie gehen von Hölle zu Hölle,
von Kummer zu Kummer, von Furcht zu Furcht. Einige sind aufgrund ihrer
Neigungen und Absichten an die Früchte ihres eigenen Handelns gebunden.
Diese werden als Würmer oder Ungeziefer geboren, dann als Bäume und
Pflanzen, und wiederum als Würmer und Ungeziefer. Es gibt andere, die das
Selbst kennen und in der Tat gesegnet sind. Sie haben mit aller Umsicht die
Natur des Verstandes erforscht und alles Verlangen überwunden; beständig
wandern sie in höhere Regionen des Bewusstseins.
  Wer seine letzte Geburt durchlebt, ist mit einer Mischung von Licht (satva)
und etwas Unreinheit (rajas) ausgestattet. Vom Zeitpunkt der Geburt an
nimmt seine Heiligkeit ständig zu. Mit Leichtigkeit tritt die edle und höchste
Form des Wissens in ihn ein. Alle edlen Tugenden wie Freundlichkeit, Mitge-
fühl, Weisheit, Rechtschaffenheit und Großherzigkeit suchen ihn und wohnen
in seinem Herzen. Er vollführt alle angemessenen Handlungen, gerät jedoch
nicht ins Schwanken, wenn deren Ergebnisse in Form von Verlust oder Ge-
winn erscheinen; auch ist er weder erfreut noch betrübt. Sein Herz ist unge-
trübt. Er wird von den Menschen verehrt und gesucht.
  Ein solcher in dem alle edlen Eigenschaften vereint sind, sucht und folgt ei-
nem erleuchteten Meister, der ihm den Weg zur Selbsterkenntnis weist.
Schließlich verwirklicht er das Selbst, welches das eine kosmische Sein ist.
Ein solcher Befreiter hat seine innerste Intelligenz erweckt, die bis dahin
schlief, und diese innerste Intelligenz erkennt sich selbst sogleich als das
unendliche Bewusstsein. Indem er dieses inneren Lichts dauernd gewahr ist,
erhebt sich dieser Gesegnete in den gänzlich reinen Zustand.
  Dies ist der normale Verlauf der Evolution, oh Rāma. Jedoch gibt es Aus-
nahmen von dieser Regel. Für diejenigen, die in dieser Welt geboren sind,
existieren zwei Möglichkeiten, um die Befreiung zu erreichen. Die erste ist:
Dem Pfad folgen, der vom Meister gewiesen wird. Auf diese Weise erlangt der
Suchende nach und nach die Befreiung. Die zweite ist: Die Selbsterkenntnis
fällt einem buchstäblich in den Schoß und führt zu einer sofortigen Erleuch-
tung.
  Ich möchte dir nun eine uralte Legende erzählen, die den zweiten Fall der
Erleuchtung illustriert. Höre bitte aufmerksam zu.

                                     ***


Die Geschichte von König Janaka


                                     224
VASIåèHA fuhr fort:
V:8     Oh Rāma, es gibt einen großen Monarchen, dessen Weitblick unbegrenzt ist
      und der das Videha-Land regiert. Sein Name ist Janaka. Für diejenigen, die
      seine Hilfe suchen, ist er wie ein Füllhorn. In seiner Gegenwart erblüht der
      Herz-Lotos aller seiner Freunde; fürwahr ist er für sie wie die leibhaftige
      Sonne. Für die guten Menschen ist er ein großer Wohltäter.
        Eines Tages betrat er einen Lustgarten, in dem er nach Belieben umher-
      streifte. Während er dort einherging, vernahm er die inspirierenden Worte,
      die von gewissen vollkommenen Heiligen geäußert wurden. Diese
        VOLLKOMMENEN WEISEN sangen:
        Wir kontemplieren dieses Selbst, welches sich selbst als reine Erfahrung
      der Seligkeit enthüllt, wenn der Seher (der Erfahrende) ohne jede Trennung
      oder Konzeptualisierung mit dem Objekt (der Erfahrung) in Kontakt kommt.
        Wir kontemplieren dieses Selbst, in dem alle Objekte nicht-willentlich re-
      flektiert werden, sobald die (behauptete) Erfahrung der Getrenntheit von
      Subjekt und Objekt und die Absicht oder der Wille, der diese Getrenntheit
      erzeugt hat, aufgehört haben.
        Wir kontemplieren dieses Licht, das alle Lichter erleuchtet – das Selbst,
      welches die Gegensatzpaare des Konzepts von „ist“ und „ist nicht“ überschrei-
      tet und sich sozusagen in der Mitte von den beiden befindet.
        Wir kontemplieren diese Wirklichkeit, in der alles existiert, der alles ange-
      hört, aus dem alles aufgetaucht ist, welches die Ursache von allem ist und
      welches selbst alles ist.
        Wir kontemplieren dieses Selbst, welches die eigentliche Grundlage aller
      Sprache und Ausdrucksform ist, das Alpha und das Omega, welches das ge-
      samte Feld von „a“ bis „ha“ umfasst und durch das Wort „aham“ („Ich“) ange-
      zeigt wird.
        Oh weh – wie doch die Menschen hinter den Objekten herlaufen und törich-
      terweise den Höchsten Herrn vergessen, welcher doch im tiefsten Innern
      ihres Herzens wohnt!
        Wer immer noch sein Herz an diese Objekte hängt, obwohl er ihre Wertlo-
      sigkeit erkannt hat, kann nicht als menschliches Wesen bezeichnet werden!
        Man sollte jedwedes Verlangen mit der Rute der Weisheit niederschlagen –
      ob dieses Verlangen nun schon da ist oder aber künftig im eigenen Herzen
      auftaucht.
        Man soll die Freude genießen, die aus dem Frieden strömt. Der Mensch, der
      sein Gemüt beherrscht, ist im Frieden verankert. Wenn das Herz auf diese
      Weise im Frieden lebt, entsteht ohne weitere Verzögerung der reine Segen
      des Selbst.
        VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                        V:9




                                           225
Nachdem König Janaka diese Worte der Weisen vernommen hatte, verfiel er
in eine tiefe, tiefe Niedergeschlagenheit. Eilig ging er zurück zum Palast. Er
entließ seine Diener und zog sich in die Abgeschiedenheit seines Gemachs
zurück. In seiner Seelenqual sprach
  KÖNIG JANAKA:
  Oh weh! Oh weh! Hilflos schwinge ich wie ein Stein in dieser Welt voll
Elend! Was bedeutet denn schon diese Lebensspanne in der Ewigkeit – und
doch habe ich ihr mein Herz hingegeben! Schande über das Gemüt. Was ist
denn das Königtum schon wert – auch wenn es ein ganzes Leben dauert? Und
doch glaube ich wie ein Narr, dass ich ohne es nicht leben kann! Diese meine
kurze Lebenszeit ist nichts als ein unbedeutender Moment – denn die Ewig-
keit erstreckt sich davor und danach. Wie kann ich sie nun noch schätzen?
  Wer nur ist dieser Magier, der diese Illusion namens Welt um mich herum
ausgebreitet und mich so in die Irre geführt hat? Wie konnte ich mich so
täuschen lassen? Da doch Nähe und Ferne nur in meinem Gemüt sind, werde
ich nun das Wahrnehmen aller äußeren Objekte aufgeben. Welche Hoffnung
sollte ich noch für Glück hegen, da ich doch erkannt habe, dass alle Geschäf-
tigkeit in dieser Welt nur zu endlosem Leiden führt? Tag um Tag, Monat um
Monat und Jahr um Jahr sehe ich, wie das Glücklichsein-Wollen mir nichts als
Leiden bringt – ohne Ende!
  Was auch immer hier gesehen und erfahren wird, ist dem Wandel und der
Zerstörung unterworfen – in dieser Welt gibt es wahrhaftig nichts, worauf
sich Weise verlassen. Wer heute himmelhoch jauchzt, wird schon morgen
niedergetrampelt. Oh närrischer Verstand – weshalb sollten wir dieser Welt
denn trauen?
  Oh weh! Ich bin ohne Seil gebunden; ich bin befleckt, obwohl rein; ich bin
gefallen, obwohl ich zuoberst stehe. Oh du mein Selbst – was ist dies für ein
Rätsel! So wie die immer strahlende Sonne plötzlich durch die vorüberzie-
hende Wolke verdeckt wird, so sehe ich diese mysteriöse Täuschung sich mir
nähern. Wer sind meine Freunde und Verwandten, was sind all diese Freu-
den? So wie ein Kind erschrickt, wenn es ein Gespenst sieht, so bin ich von all
diesen eingebildeten Verwandten verwirrt. Obwohl alle diese Bindungen wie
Fesseln sind, die mich Alter und Tod unterwerfen, hänge ich immer noch an
ihnen. Sollen doch diese Verwandten leben oder sterben – was bedeutet es
mir? Große Ereignisse und große Männer sind gekommen und gegangen und
haben nichts als eine Erinnerung hinterlassen – worauf soll man da die Zu-
versicht gründen? Sogar die Götter und die göttliche Trinität sind millionen-
mal gekommen und wieder gegangen – was ist in diesem Universum von
Dauer? Es ist eine vergebliche Hoffnung, sich an diesen Albtraum zu binden,
der als die Welterscheinung bekannt ist. Schande über solch einen jämmerli-
chen Zustand!
  KÖNIG JANAKA fuhr fort:




                                     226
Ich bin wie ein unwissender Dummkopf, der von diesem Kobold namens
       Ich-Sinn, der das täuschende Gefühl „Ich bin so und so“ erschafft, an der Nase
       herumgeführt wird. Obwohl ich weiß, dass die Zeit bereits zahllose Götter
       und Trinitäten unter ihren Füßen zertrampelt hat, hege ich immer noch Liebe
       für das Leben. Tage und Nächte werden in sinnlosem Verlangen, aber nicht in
       der Erfahrung der Seligkeit des unendlichen Bewusstseins verbracht. Vom
       Leiden bin ich zu immer größerem Leiden gegangen, ohne dass Leiden-
       schaftslosigkeit in mir entstanden wäre.
         Was könnte ich als vorzüglich und wünschenswert in dieser Welt erachten,
       wenn ich doch sehe, wie alles Geschätzte wieder verschwindet und einen im
       Elend zurücklässt? Tag um Tag nehmen Sünde und Gewalt in den Menschen
       zu – Tag um Tag erfahren sie größeres Leiden. Die Kindheit wird in Unwis-
       senheit verbracht – die Jugend in Sehnsucht nach dem Vergnügen ver-
       schwendet. Der Rest des Lebens besteht aus Familienstreitigkeiten – was
       erreicht die dumme Person denn schon in diesem Leben?
         Auch wenn man wichtige religiöse Riten vollzieht, wartet doch letztlich nur
       der Himmel auf einen, aber nicht mehr. Was ist schon der Himmel? Befindet
       er sich auf der Erde oder in den Unterwelten, und gibt es denn einen Ort, der
       frei vom Leiden ist? Aus Kummer wird Glück, und das Glück trägt auf seinen
       Schultern wiederum den Kummer herbei! Die Poren der Erde sind angefüllt
       mit den Kadavern der Lebewesen – darum sieht sie so solid aus! Es gibt Le-
       bewesen hier in diesem Universum, deren Augenzwinkern eine ganze Epoche
       beträgt. Was ist dagegen meine Lebensspanne? Gewiss scheinen in dieser
       Welt erfreuliche und dauerhafte Objekte zu sein; aber sie bringen endlose
       Sorgen und Ängste mit sich! Wohlstand ist wahrhaftig ein Unheil, und Unheil
       kann durchaus wünschenswert sein – es kommt darauf an, was es für eine
       Wirkung auf das Gemüt hat Das Gemüt allein ist der Same für diese Illusion
       der Welterscheinung; das Gemüt lässt die irrige Idee von „Ich“ und „mein“
       entstehen.
         In dieser Welt, die auf dieselbe Weise als erschaffen erscheint, wie eine Ko-
       kosnuss zufällig gelöst wird, wenn in dem Moment eine Krähe auf der Palme
       landet, erzeugt die schiere Unwissenheit Gefühle wie „dies sollte ich haben“
       und „dies sollte ich vermeiden“. Es wäre weitaus besser, seine Zeit in der
       Abgeschiedenheit oder in der Hölle zu verbringen, als in dieser Welterschei-
       nung zu leben.
         Nur Absicht oder Motivation ist der Keimling dieser Welterscheinung. Ich
       werde diese Motivation austrocknen! Alle Arten von Erfahrungen habe ich
       bereits genossen und erlitten. Nun werde ich endlich zur Ruhe gelangen. Ich
       werde nicht länger trauern. Ich bin erwacht. Ich werde diesen Dieb, das Ge-
       müt, erschlagen, der mir die Weisheit geraubt hat. Von den Weisen wurde ich
       wohl unterrichtet: Jetzt werde ich die Selbsterkenntnis suchen.
         VASIåèHA fuhr fort:
V:10     Sein Leibwächter sah, wie der König tief in der Meditation versunken war;
       er näherte sich ihm respektvoll und sagte: „Mein Herr, es ist Zeit für eure


                                            227
königlichen Pflichten. Die Dienerin eurer Majestät erwartet eure Befehle und
hat ein wohlriechendes Bad bereitet. Die heiligen Priester erwarten eure
Ankunft im Badegemach, um die geeigneten Gesänge anzustimmen. Mein
Herr, erhebt euch und erledigt, was zu erledigen ist, denn edle Männer sind
niemals unzeitig oder nachlässig.“
  Aber der König hörte nicht auf die Worte seines Leibwächters und fuhr fort
zu sinnen:
  Was soll ich mit diesem Hof und den königlichen Pflichten, wenn ich doch
weiß, dass all dies vergänglich ist? Nutzlos sind sie für mich. Ich werde alle
Aktivitäten und Pflichten aufgeben und in der Seligkeit des Selbst verbleiben.
  Oh Gemüt, gib dein Begehren nach Sinnesvergnügen auf, so dass das immer
wiederkehrende Elend von Alter und Tod ein Ende nimmt. Was auch immer
dich dazu bringt, nach dem Glück zu jagen – genau dies wird sich als die Quel-
le des Unglücks herausstellen. Genug dieses sündigen, konditionierten, ver-
gnügungssüchtigen Lebens! Suche die Freude, die natürlich und eingeboren
in dir selbst wohnt.
  Als der Leibwächter sah, dass der König stumm blieb, schwieg er auch.
  DER KÖNIG sagte wieder zu sich selbst:
  Was habe ich in diesem Universum zu gewinnen; welche ewig bestehende
Wahrheit in diesem Universum gibt es, auf die ich meine Zuversicht gründen
kann? Welchen Unterschied macht es, ob ich mit unaufhörlicher Tätigkeit
befasst oder untätig bin? Nichts in dieser Welt kann als wahrhaft beständig
bezeichnet werden. Ob tätig oder müßig – dieser Körper ist vergänglich und
verändert sich ständig. Wenn die Vernunft im Gleichmut verwurzelt ist – was
geht verloren und wie?
  Ich verlange nicht nach dem, was ich nicht habe, und wünsche nicht aufzu-
geben, was ungesucht zu mir gekommen ist. Ich bin fest im Selbst verwurzelt
– und so soll mein sein, was mein ist! Es gibt nichts, wofür ich zu arbeiten
hätte, und auch die Nicht-Tätigkeit hat keine Bedeutung. Was auch immer
durch Tätigkeit und Untätigkeit erlangt wird, ist falsch. Sobald das Gemüt in
der Wunschlosigkeit gefestigt ist und nicht nach Sinnesvergnügen verlangt
und sobald der Körper und seine Organe ihre natürlichen Tätigkeiten verrich-
ten – dann sind Tätigkeit und Untätigkeit gleichbedeutend und gleichwertig.
Lass daher den Körper sich mit seinen natürlichen Aufgaben befassen, denn
ohne diese wird er zerfallen. Wenn das Gemüt aufhört, in Bezug auf stattge-
fundene Handlungen Vorstellungen wie „Ich tat dies“ oder „Ich erfreute mich
daran“ zu unterhalten, wird die Tätigkeit zur Nicht-Tätigkeit.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Indem er so nachdachte, erhob sich König Janaka von seinem Sitz, wie die       V:11
Sonne, die am Horizont erscheint, und begann, sich seinen königlichen Pflich-
ten zu widmen, ohne Anhaftung an sie zu entwickeln. Indem er sämtliche
Konzepte des Wünschenswerten und Nicht-Wünschenswerten aufgegeben
hatte und frei von aller psychologischen Konditionierung und Absicht war,


                                    228
agierte er wie im Tiefschlaf – aber hellwach – spontan und mit der Situation
       angemessenem Handeln. Er absolvierte die täglichen Aufgaben einschließlich
       der Verehrung der Heiligen, und am Abend zog er sich in die Abgeschieden-
       heit zurück, um die Nacht in tiefer Meditation zu verbringen, was nun natür-
       lich und leicht für ihn geworden war. Sein Gemüt hatte sich auf natürliche
       Weise von aller Verwirrtheit und Täuschung abgewandt und war fest im
       Gleichmut verwurzelt. Und wenn er sich am nächsten Morgen erhob, reflek-
       tierte
          KÖNIG JANAKA wie folgt:
          Oh unstetes Gemüt! Dieses weltliche Leben ist wahrhaftig deinem wahren
       Glück nicht dienlich. Erlange daher den Zustand des Gleichmuts. Nur in einem
       solchen Zustand kannst du Frieden, Seligkeit und Wahrheit erfahren. Immer
       dann, wenn du aus reinem Mutwillen in dir selbst alle diese verdrehten Ge-
       danken pflegst, beginnt sich diese Weltillusion zu erheben und zu verbreiten.
       Sobald du den Wunsch nach Vergnügen in dir entwickelst, geschieht es, dass
       sich diese Weltillusion auf‘s vielfältigste verzweigt. Es ist das Denken, das
       dieses Netz der Welterscheinung auftauchen lässt. Gib daher all diese Grillen
       und Fantasien auf und erlange den Gleichmut. Wirf auf der einen Seite die
       Sinnesvergnügen und auf der anderen die Seligkeit des Friedens in die Waag-
       schale deiner Weisheit. Strebe dann nach dem, was du als Ergebnis davon als
       die Wahrheit erkannt hast. Gib alle Hoffnungen und Erwartungen auf und
       wandere, frei von dem Wunsch, etwas zu gewinnen oder zu vermeiden, um-
       her. Lass diese Welterscheinung wirklich oder unwirklich sein, lass sie auf-
       tauchen oder verschwinden – aber deinen Gleichmut lass keinesfalls durch
       ihren Wert oder Unwert stören. Denn zu keinem Zeitpunkt trittst du mit
       dieser Welterscheinung in eine echte Beziehung – eine solche Beziehung
       erscheint nur aufgrund von Unwissenheit in dir. Oh Gemüt – falsch bist du,
       und falsch ist auch diese Welterscheinung. Daher existiert zwischen euch
       beiden eine rätselhafte und unerklärbare Beziehung – wie die zwischen einer
       unfruchtbaren Frau und ihrem Sohn. Wenn du denkst, dass du wirklich, die
       Welt aber unwirklich ist – wie kann dann zwischen den beiden eine echte
       Beziehung existieren? Andererseits – falls beide wirklich sind, wo wäre dann
       die Rechtfertigung für all den Jubel und all den Kummer? Gib deshalb den
       Kummer auf und nimm Zuflucht zu tiefer Meditation. In dieser Welt hier
       existiert überhaupt nichts, was dich in einen Zustand der Erfüllung versetzen
       könnte. Nimm daher entschlossen deine Zuflucht zum Mut und zur Ausdauer
       und überwältige deinen Eigensinn.
          VASIåèHA fuhr fort:
V:12     Nachdem König Janaka dieses Verständnis realisiert hatte, spielte er fortan
       seine Rolle als König und erledigte alles, was zu erledigen nötig war, ohne je
       wieder in Verwirrung zu geraten, und mit großer Disziplin in Gemüt und
       Geist. Sein Gemüt wurde durch königliche Vergnügungen nicht abgelenkt. In
       der Tat bewegte er sich durch die Welt wie jemand, der sich beständig im
       Tiefschlaf befindet.


                                           229
Von da an war er weder am Erwerb noch am Zurückweisen von irgendet-
was interessiert – ohne jeden Zweifel und ohne Verwirrtheit lebte er in der
Gegenwart. Seine Weisheit war ununterbrochen, und seine Intelligenz wurde
nicht wieder durch Unreinheiten umwölkt. In seinem Herzen erschien das
Licht der Selbsterkenntnis (cid-ātmā), frei von der geringsten Befleckung
durch Unreinheit und Kummer, so wie die Sonne am Horizont aufsteigt. Alles
im Universum erblickte er als Ergebnis der kosmischen Kraft (cid-śakti).
Ausgestattet mit Selbsterkenntnis, sah er sämtliche Dinge im Selbst, das un-
endlich ist. Da er wusste, dass alle Dinge, die geschehen, auf natürliche Weise
geschehen, war er weder himmelhoch jauchzend noch zu Tode betrübt und
verblieb stets in ungebrochenem Gleichmut. Janaka wurde noch zu seinen
Lebzeiten zu einem befreiten Weisen (jīvan mukta).
  Janaka setzte seine Herrschaft über das Königreich fort, ohne dass seine
Selbsterkenntnis sich aufgrund des Einflusses von Gut und Böse um ihn her-
um verminderte oder vermehrte. Indem er für immer im Bewusstsein des
Unendlichen verblieb, erfuhr er den Zustand des Nicht-Handelns, obschon er
in den Augen anderer in einer Vielzahl von Tätigkeiten als aktiv erschien. Alle
Neigungen und Absichten hatten aufgehört, in ihm zu existieren. Daher be-
fand er sich, obwohl er aktiv zu sein schien, in Wahrheit stetig in einem Zu-
stand von Tiefschlaf.
  Weder brütete er über der Vergangenheit noch sorgte er sich um die Zu-
kunft – er lebte im gegenwärtigen Moment und lächelte immerfort glücklich.
  Janaka erlangte, was er auch tat, kraft seiner Selbsterforschung. Jeder sollte
nach seinem Beispiel durch Forschen in die Natur der Wahrheit eindringen,
bis er die äußerste Grenze einer solchen Erforschung erreicht hat. Selbster-
kenntnis oder Erkenntnis der Wahrheit wird weder durch die Zufluchtnahme
zu einem Guru (Lehrer) noch durch das Studium der Schriften erlangt, noch
durch gute Taten, sondern allein durch die Erforschung, inspiriert durch die
Gesellschaft von Weisen und Heiligen. Nur das eigene innere Licht ist das
Mittel – nichts anderes. Wenn dieses innere Licht am Leben erhalten wird,
können Finsternis der Trägheit und Leblosigkeit es nicht berühren.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Welche Sorgen auch immer auftauchen und schwer zu überwinden sein
mögen – mit Hilfe der Weisheit als dem sicheren Boot (das innere Licht)
werden sie bewältigt. Wer dieser Weisheit bar ist, wird sogar durch unbedeu-
tende Schwierigkeiten in Bedrängnis versetzt. Wer jedoch über diese Weis-
heit verfügt, überquert den See der Sorgen auch dann unbeschadet, wenn er
allein und ohne Unterstützung in dieser Welt lebt und die Schriften nicht
kennt. Ohne die Hilfe anderer vermag ein weiser Mensch seine Arbeit zu tun.
Ohne Weisheit vermag er es nicht – ja sogar sein Vermögen, das er in die
Waagschale geworfen hat, geht verloren. Daher sollte man beständig dieses
innere Licht oder die Weisheit zu erlangen suchen – so wie jemand, der
Früchte ernten will, seinen Garten ständig hegt und pflegt. Die Weisheit ist



                                     230
die Wurzel, die bei beständiger Fürsorge, die guten Früchte der Selbster-
kenntnis gedeihen lässt.
  All die Kraft und Energie, die die Menschen auf die weltlichen Aktivitäten
lenken, sollten zuallererst in die Erlangung dieser Weisheit gelenkt werden.
Man sollte zuerst die Trägheit des Geistes überwinden, die die Quelle aller
Sorgen und Schwierigkeiten und der Keim für den ungeheuren Baum der
Welterscheinung ist. Und außerdem: Was auch immer im Himmel oder in der
Unterwelt oder in Kaiserreichen erlangt werden kann, dies wird hier und
jetzt durch Weisheit erlangt. Mit Weisheit wird dieser Ozean der Welterschei-
nung überquert – nicht aber durch Wohltätigkeit und Pilgerfahrten oder
Askesepraktiken. Die Menschen, die hier mit all den göttlichen Tugenden
gesegnet sind, haben sie durch die Weisheit erlangt. Sogar die Könige haben
ihren Thron durch Weisheit erlangt. So ist es wahrhaftig die Weisheit, die den
sicheren Pfad in den Himmel wie auch zum höchsten Guten und zur Befrei-
ung weist.
  Nur durch Weisheit gewinnt ein demütiger Gelehrter den Wettstreit gegen
einen mächtigen Gegner. Die Weisheit oder das innere Licht ist der legendäre
Edelstein, oh Rāma, der seinem Besitzer verschafft, was immer dieser be-
gehrt. Wer diese Weisheit besitzt, erreicht mit Leichtigkeit das andere Ufer
der Weltillusion; wer sie dagegen nicht besitzt, ertrinkt darin. Sobald die
eigene Intelligenz und das eigene Verstehen durch dieses innere Licht richtig
geleitet werden, erreicht man das andere Ufer; andernfalls wird man von
Hindernissen zu Fall gebracht.
  Gebrechen, Begierden und Verderbtheit können den weisen Menschen, des-
sen Gemüt ungetäuscht ist, nicht erreichen. Durch das Auge der Weisheit (im
inneren Licht) wird die gesamte Welt so gesehen, wie sie in Wahrheit ist.
Weder Glück noch Missgeschick können denjenigen berühren, der über diese
klare Sichtweise verfügt. So wie die dichte schwarze Wolke, die die Sonne
verdunkelt, vom Wind zerstreut wird, so wird die Finsternis des Ich-Sinnes,
die das Selbst verdunkelt, von der Weisheit (dem inneren Licht) zerstreut.
Wer im höchsten Zustand des Bewusstseins verankert sein möchte, sollte als
erstes durch Kultivierung der Weisheit oder durch Entzünden des inneren
Lichtes sein Gemüt reinigen, so wie man ein Feld bestellt, auf dem man Ge-
treide anpflanzen möchte.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, erforsche auf diese Weise die Natur des Selbst, wie es Janaka ge-     V:13
tan hat. Schon bald wirst du dann ohne Hindernisse das Reich derer betreten,
die wissen, was man wissen muss. Wieder und wieder sollte man die feindli-
chen Sinne überwinden – danach erlangt das Selbst durch seine eigene Be-
mühung die Selbst-Befriedigtheit. Sobald das unendliche Selbst realisiert
wird, gelangt aller Kummer an sein Ende. Sogar die Samen der Verblendung
werden zerstört, das Unheil hört auf und die Wahrnehmung des Üblen ver-
schwindet. Oh Rāma, sei wie König Janaka – und erkenne mit Hilfe des inne-
ren Lichtes das Selbst. Sei ein vortrefflicher Mensch. Wer konstante Selbster-


                                    231
forschung betreibt und die wandelhafte Natur der Welt erkennt, wird wie
Janaka die Selbsterkenntnis erlangen. Von Nutzen hierbei sind weder Gott,
Riten und Rituale (oder irgendeine Tätigkeit) noch Wohlstand und Verwand-
te. Für diejenigen, die diese Welterscheinung mit Schrecken betrachten, ist
die Eigenbemühung in Form von Selbst-Erforschung der einzige Weg, um die
Selbsterkenntnis hervorzubringen. Bitte folge niemals den Lehren derjenigen,
die sich auf Götter, Riten und gewohnheitsmäßige Handlungen oder andere
pervertierte Praktiken verlassen. Dieser Ozean der Welterscheinung kann nur
überquert werden, wenn du fest in der höchsten Weisheit gegründet bist,
wenn du das Selbst allein durch das Selbst siehst, und wenn deine Vernunft
durch die Sinneswahrnehmungen nicht zerstreut und gefärbt ist.
  Nun habe ich dir erzählt, wie König Janaka die Weisheit erworben hat, die
wie durch einen Akt der Gnade vom Himmel herab gefallen zu sein scheint.
Wer die Weisheit kultiviert, wie Janaka sie hatte, wird in seinem eigenen
Herzen das innere Licht erfahren, welches die aus der Unwissenheit geborene
Einbildung der Weltillusion unverzüglich beseitigt. Sobald das begrenzende
und konditionierte Empfinden von „Ich bin so und so“ aufhört, taucht das
Bewusstsein des alles erfüllenden Unendlichen auf. Gib daher auch du, o
Rāma, wie König Janaka die falsche und eingebildete Vorstellung des Ich-
Sinnes in deinem eigenen Herzen auf. Wenn dieser Ich-Sinn aufgelöst ist, wird
das höchste Licht der Selbsterkenntnis ganz gewiss in deinem Herzen auf-
leuchten. Nur dieser Ich-Sinn ist diese dichte Finsternis – sobald er beseitigt
ist, leuchtet das innere Licht aus sich selbst. Wer weiß: „Ich bin nicht“, „Auch
andere existieren nicht“, „Nicht-Existenz gibt es ebenfalls nicht“, und dessen
mentale Tätigkeit daraufhin zu einem Stillstand gekommen ist, will nichts
mehr erwerben. Oh Rāma, es gibt keine andere Bindung als diejenige, wie sie
durch das Verlangen nach Erwerb und die Furcht vor dem Unerwünschten
entsteht. Unterliege nicht dieser Furcht, und lass nicht den Erwerb dessen,
was als wünschenswert gilt, zu deinem Ziel werden. Indem du diese beiden
Ideen aufgibst, ruhe in dem, was verbleibt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Diejenigen, in denen der Zwillingsdrang nach Erwerb und Zurückweisung
an ein Ende gekommen ist, wünschen nichts und lehnen nichts ab. Das Gemüt
vermag den Zustand der gänzlichen Stille nicht zu erreichen, solange diese
beiden Triebe (des Erwerbs und der Vermeidung) nicht eliminiert sind. Auch
kann das Gemüt Frieden und inneres Gleichgewicht nicht erfahren, solange
man Empfindungen unterhält wie „dies ist real“ und „dies ist nicht real“. Wie
könnten wohl Gleichmut, Reinheit oder Leidenschaftslosigkeit im Gemüt
eines Menschen entstehen, dessen Gedanken zwischen „dies ist richtig“, „dies
ist falsch“, „dies ist Gewinn “ und „dies ist Verlust “ hin und her pendeln?
Wenn es doch nur dieses eine Brahman gibt (welches auf alle Zeiten das Eine
und das Viele ist) – was sollte dann wohl richtig oder falsch sein? Solange das
Gemüt von den Gedanken an das Wünschenswerte und Nicht-
Wünschenswerte getrieben wird, kann es keinerlei Gleichmut geben.



                                     232
Wunschlosigkeit (die Abwesenheit aller Erwartungen), Furchtlosigkeit,
wandellose Stetigkeit, Gleichmut, Weisheit, Nicht-Anhaftung, Nicht-Handeln,
Güte, völlige Abwesenheit von Perversion, Mut, Ausdauer, Freundlichkeit,
Vernunft, Zufriedenheit, Sanftheit und angenehme Rede – alle diese Eigen-
schaften sind natürlich für denjenigen, der frei von den Instinkten des Er-
werbs und der Ablehnung ist. Und all diese Eigenschaften sind unbeabsichtigt
und spontan.
  Man sollte das Gemüt stets davon abhalten, abwärts zu sinken, so wie der
Lauf eines Flusses durch den Bau eines Dammes aufgehalten wird. Nachdem
du entschlossen allen Kontakt mit externen Objekten aufgegeben hast, wende
das Gemüt nach innen und reflektiere über alles im eigenen Inneren; auch
dann, wenn du mit den verschiedenen Tätigkeiten des Alltags befasst bist. Mit
Hilfe des scharfen Schwertes der Weisheit durchschneide dann dieses Netz
der Konditionierung (welches Verlangen, Absichten, Antriebe, Erwartungen
und Ablehnungen entstehen lässt), welches allein die Ursache des Stromes
der Welterscheinung ist.
  Vernichte das Gemüt mit Hilfe des Gemüts. Sobald du den Zustand der
Reinheit erlangt hast, verbleibe darin in Ruhe. Vernichte das Gemüt mit dem
Gemüt und weise jeden Gedanken an das Gemütes zurück, wodurch das Ge-
müt selbst verneint wird – auf diese Weise wirst du die Welterscheinung
endlich ausmerzen. Wenn dann die Welterscheinung eliminiert ist, wird auch
die Täuschung nicht länger auftauchen, und auch das Gemüt wird diese Welt-
erscheinung nicht wieder aufs Neue erschaffen. Auch wenn du alle von dir
erwarteten Handlungen in dieser Welt verrichtest – sei stets fest verwurzelt
im Bewusstsein der Unwirklichkeit alles dessen; gib auf diese Weise alle
deine Erwartungen und Hoffnungen auf. Lebe, verwurzelt im Gleichmut und
jeder Situation entsprechend handelnd, ohne daran zu denken, was auf diese
Weise ungesucht zu dir kommt, ein nicht-willentliches Leben hier. So wie vom
Höchsten Herrn gesagt wird, dass er gleichzeitig der Täter wie auch der
Nicht-Täter aller Handlungen ist, so lebe auch du nicht-willentlich – indem du
tust, was getan werden muss, ohne es tatsächlich zu tun.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Du bist der Kenner von allem, das Selbst. Du bist das ungeborene Sein, du
bist der Höchste Herr, du bist nicht-verschieden vom Selbst, das alles durch-
dringt. Wer die Idee aufgegeben hat, dass es ein Objekt der Wahrnehmung
gibt, welches vom Selbst verschieden ist, ist nicht länger den Leiden ausgelie-
fert, die aus Freude und Kummer entstehen. Er wird ein Yogi genannt, frei von
aller Anziehung und Abstoßung; für ihn sind ein Erdkloß und ein Goldkorn
von gleichem Wert und gleicher Bedeutung – er hat sämtliche Neigungen
aufgegeben, die diese Welterscheinung bestätigen. Was immer er tut, an was
er sich erfreut, was immer er gibt und was er zerstört – sein Bewusstsein
bleibt frei und daher ungerührt in Schmerz und Freude. Indem er tut, was zu
tun ist, ohne zwischen Wünschenswertem und Unerwünschtem zu unter-
scheiden, ist er tätig, ohne in der Tätigkeit zu ertrinken.


                                     233
Wer die feste Überzeugung hat, dass nur das unendliche Bewusstsein exis-
tiert, ist unverzüglich frei von allen Gedanken an Vergnügen und daher still
und selbstbeherrscht. Das Gemüt ist von Natur aus leblos – es erborgt seine
Intelligenz vom Bewusstsein und benutzt sie dazu, um Erfahrungen zu ma-
chen. Auf diese Weise gelangt das Gemüt in Verbindung mit allem, was durch
die Macht oder Energie des Bewusstseins (cit-śakti) ins Leben gerufen wor-
den ist. Das Gemüt existiert daher allein durch die Gnade des Bewusstseins –
es unterhält seine verschiedenen Gedanken aufgrund seiner eigenen Wahr-
nehmung dieses Universums. Nur das Bewusstsein ist sein Licht – wie könnte
andernfalls das leblose Gemüt auf intelligente Weise funktionieren?
  Diejenigen, die in den Schriften wohl bewandert sind, erklären, dass die fik-
tive Bewegung der Energie im Bewusstsein als das Gemüt bekannt ist. Und
weiterhin sind die Ausdrucksformen des Gemütes (wie das Zischen der
Schlange) seine Gedanken oder Ideen. Bewusstsein minus Konzeptualisie-
rung ist das ewige Brahman, das Absolute; Bewusstsein plus Konzeptualisie-
rung ist Denken. Ein winziger Teil hiervon lebt im Herzen als die Wirklichkeit.
Dies ist die endliche Intelligenz oder das individualisierte Bewusstsein. Je-
doch „vergisst“ dieses begrenzte Bewusstsein schon bald seine eigene, essen-
ziell bewusste Natur und lebt als ein lebloses Ding weiter. Dann wird es zum
Denkapparat, dem die Neigungen zur Anziehung und Abstoßung eingeboren
sind. Tatsächlich aber ist das unendliche Bewusstsein zu all diesem gewor-
den. Solange es jedoch nicht zu seiner unendlichen Natur erwacht, vermag es
sich selbst nicht zu erkennen. Daher sollte das Gemüt durch die in den Schrif-
ten empfohlenen Mittel erweckt werden, nämlich durch Leidenschaftslosig-
keit und Sinnesbeherrschung. Wenn diese Intelligenz erwacht, leuchtet sie als
Brahman das Absolute – andernfalls erfährt sie wieder und wieder diese
endliche Welt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Solange diese innere Intelligenz nicht erweckt ist, weiß oder versteht man
wirklich nichts. Außerdem ist natürlich all das, was mit Hilfe des Denkens
erkannt wird, nicht die Realität. Gedanken dieser Art entlehnen ihren Wert
vom Bewusstsein – so wie ein Weihrauchgefäß seinen Duft vom Weihrauch
erhält. Dank dieser erborgten Intelligenz ist das Denken in der Lage, ein win-
ziges Fragment dieses kosmischen Bewusstseins zu kennen. Das Gemüt er-
blüht nur dann voll, wenn das Licht des Unendlichen auf es fällt.
  Andernfalls ist das Denken, obschon es intelligent erscheint, nicht wirklich
in der Lage, irgendein Ding sicher zu erfassen – so wie die Statue eines Tän-
zers nicht tanzt, auch wenn man sie dazu auffordert. Könnte das auf Lein-
wand gemalte Schlachtengemälde wirklich das Kampfgeschrei zwischen den
Heeren wiedergeben? Könnte ein Leichnam sich erheben und umherwan-
dern? Kann das auf einem Stein eingemeißelte Bildnis der Sonne die Dunkel-
heit vertreiben? Was kann dementsprechend das leblose Gemüt schon tun?
So wie eine Fata Morgana nur im Sonnenlicht wie strömendes Wasser er-



                                     234
scheint, so erscheint auch das Gemüt nur dank dem inneren Licht des Be-
wusstseins als intelligent und aktiv.
  Unwissende Menschen missdeuten die Bewegung der Lebenskraft als Ge-
müt – aber es ist das prāïa oder die Lebenskraft. Für diejenigen jedoch, deren
Intelligenz nicht durch Gedanken zersplittert oder konditioniert ist, ist es das
Erstrahlen des Höchsten Seins oder des Selbst. Die Intelligenz, die sich mit
bestimmten Bewegungen der Lebenskraft im Selbst identifiziert (durch Vor-
stellungen wie „dies bin ich“, „dies ist mein“), ist der jīva oder die individuelle
Seele. Intelligenz, Gemüt, jīva usw. sind Begriffe, die auch von den Weisen
verwendet werden. Jedoch besitzen sie vom absoluten Standpunkt aus kei-
nerlei Realität. In Wahrheit existiert da kein Verstand, keine Intelligenz oder
Vernunft und kein verkörpertes Lebewesen – nur das Selbst existiert alle Zeit.
Nur das Selbst ist diese Welt; das Selbst allein ist die Zeit und der evolutionä-
re Prozess. Weil es von so extremer Subtilität ist, scheint es nicht zu existie-
ren, obwohl es existiert. Einerseits ist es eine bloße Widerspiegelung oder
Erscheinung, andererseits wird es als die Wahrheit erkannt. Das Selbst ist
jedoch jenseits all dieser Beschreibungen – seine Wahrheit kann nur unmit-
telbar in der Selbsterkenntnis erfahren werden.
  Wenn das innere Licht zu leuchten beginnt, hört das Gemüt auf zu bestehen,
so wie die Dunkelheit schwindet, sobald da Licht ist. Wenn das Bewusstsein
jedoch objektiviert wird, um die Objekte der Sinne zu erfahren, dann wird das
Selbst sozusagen vergessen. Die Gedanken, die dann entstehen, drehen sich
allein um die Schöpfungen des Verstandes.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Ein Gedanke, der im höchsten Sein auftaucht, ist individuelles Bewusstsein.
Sobald dieses individuelle Bewusstsein frei vom Denken und der Individuati-
on ist, geschieht Befreiung. Der Keim oder die einzige Ursache für diese Welt-
erscheinung ist nur das Auftauchen eines Gedankens im unendlichen Be-
wusstsein, welcher das Entstehen des begrenzten, endlichen, individuellen
Bewusstseins bewirkte. Indem das Bewusstsein sich vom Zustand äußerster
Stille entfernte und sozusagen vom Denken vergiftet wurde, entstand der
Denkapparat und mit diesem erdachte das Gemüt das Universum.
  Oh Rāma, durch die Kontrolle der Lebenskräfte wird auch das Gemüt zu-
rückgehalten. So wie der Schatten verschwindet, wenn der schattenwerfende
Gegenstand fortgenommen wird, so hört das Gemüt auf, sobald die Lebens-
kräfte zurückgehalten werden. Es geschieht aufgrund der Bewegung der
Lebenskraft, dass man sich an die irgendwo gemachten Erfahrungen erinnert.
Es wird als Gemüt bezeichnet, weil es die Bewegung der Lebenskraft wahr-
nimmt. Die Lebenskraft wird mit Hilfe der folgenden Mittel zurückgehalten:
Durch Leidenschaftslosigkeit, durch die Übung des prāïāyāma (Atemkontrol-
le) oder durch das Erforschen der Bewegungsursache der Lebenskraft, durch
die Beendigung des Kummers mit Hilfe intelligenter Mittel und durch die
direkte Erfahrung oder Erkenntnis der höchsten Wahrheit.



                                       235
Dem Gemüt ist es möglich, Intelligenz in einem Stein zu sehen oder anzu-
nehmen. Doch das Gemüt selbst besitzt nicht die geringste Intelligenz. Seine
Bewegungen gehören zur Lebenskraft, die selbst leblos ist. Die Intelligenz
oder die Macht des Bewusstseins gehört zum Selbst, das rein und auf ewig
allgegenwärtig ist. Es ist das Gemüt, welches eine Beziehung zwischen diesen
beiden Faktoren herbeifantasiert. Da jedoch diese Fantasie falsch ist, ist auch
sämtliches Wissen falsch, das aus dieser falschen Beziehung entsteht. Ge-
nannt wird dies Unwissenheit, Māyā oder kosmische Illusion, die alle dieses
tödliche Gift der Welterscheinung entstehen lassen.
  Diese Beziehung zwischen der Lebenskraft und dem Bewusstsein ist imagi-
när – wird sie nicht imaginiert, entsteht auch keine Welterscheinung! Die
Lebenskraft wird durch ihre Verbindung mit dem Bewusstsein bewusst und
erfährt diese Welt als ihr Objekt. Jedoch ist all dieses so irreal wie die Erfah-
rung eines Gespenstes von seiten eines Kindes – nur die Bewegung innerhalb
des unendlichen Bewusstseins ist wahr. Kann dieses unendliche Bewusstsein
denn durch irgendeinen endlichen Faktor beeinflusst werden? Anders gesagt
– kann ein Schwacher einen Stärkeren überwältigen? Daher, o Rāma, existiert
in Wirklichkeit kein Gemüt oder individuelles Bewusstsein. Sobald diese
Wahrheit klar verstanden wird, gelangt das, was fälschlich als der Verstand
imaginiert wurde, an ein Ende. Alles dies erscheint aufgrund von unvollkom-
menem Verstehen – sobald dieses Missverständnis aufhört, hört auch das
Gemüt auf zu sein.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Das Gemüt ist leblos und keine reale Wesenheit – daher ist es auf ewig tot!
Und doch werden die Lebewesen in dieser Welt von eben diesem toten Ding
getötet – wie rätselhaft ist doch diese Dummheit!! Das Gemüt besitzt kein
Selbst, keinen Körper, keinen Halt und keine Form – und doch vertilgt das
Gemüt die gesamte Welt. Was für ein Mysterium. Wer behauptet, dass er
durch das Gemüt zerstört wurde, behauptet damit, dass sein Kopf von einem
Lotosblütenblatt zertrümmert wurde. Zu behaupten, dass man vom Gemüt
verletzt werden kann, welches leblos, stumpf und blind ist, ist dasselbe wie
zu sagen, dass man von der Hitze des Vollmondes geröstet wird. Der Held, der
den realen Gegner, der vor ihm steht, niederstrecken kann, wird selbst von
diesem Gemüt niedergestreckt, welches nicht einmal existiert.
  Was ist die Macht dieses Dings, das aus Gedanken zusammengesetzt ist,
dessen Existenz falsch ist und welches sich als nicht-existent erweist, sobald
sein Dasein erforscht wird?
  Dummheit und Unwissenheit allein sind die Quellen aller Sorgen in der
Welt; diese Schöpfung wurde allein durch Unwissenheit und Dummheit ins
Leben gerufen. Obschon dies bekannt ist, wird dieses irreale und falsche Ding
durch die Lebewesen immer wieder am Leben erhalten.
  Diese Weltillusion kann mit der Einbildung des Helden verglichen werden,
der glaubt, er sei durch unsichtbare Ketten, die von den Augen seines Gegners
ausgesendet werden, gefesselt oder der sich von einer unsichtbaren Armee


                                      236
bedroht fühlt, die durch die schieren Gedanken seines Gegners erschaffen
       wurde. Diese so vom inexistenten Gemüt heraufbeschworene Welt wird nur
       von einem weiteren, ebenso inexistenten Gemüt zerstört. Diese illusorische
       Welterscheinung ist nichts anderes als das Gemüt. Wer nicht in der Lage ist,
       die wahre Natur des Gemüts zu verstehen, erweist sich auch als ungeeignet,
       über die in den Schriften dargelegte Wahrheit unterrichtet zu werden. Das
       Gemüt einer solchen Person ist unfähig, die subtile Wahrheit, die in den
       Schriften dargelegte Lehre zu erfassen; es scheint gänzlich zufrieden zu sein
       mit dieser illusorischen Welterscheinung. Ein solches Gemüt ist voller Furcht
       – es erschrickt vor dem melodiösen Klang der Veena und hat sogar Angst vor
       einem schlafenden Verwandten. Es ist verängstigt, wenn jemand laut schreit,
       und flüchtet sofort von diesem Ort. Der unwissende Mensch ist vollständig in
       der Hand seines eigenen, getäuschten Gemüts.
         Ein Mensch wird vom eigenen Gemüt, das so gefährlich wie Gift ist, auch
       wenn es mit ein wenig Glück vermischt ist, zu Asche verbrannt. Wer die
       Wahrheit nicht kennt, wird vom Gemüt wie ein Narr an der Nase herumge-
       führt. Dies ist fürwahr ein großes Mysterium.
         VASIåèHA fuhr fort:
V:14     Meine Unterweisungen richten sich nicht an diejenigen, o Rāma, deren In-
       telligenz durch den festen Glauben an die Realität dieser illusorischen Welt
       und durch stetiges Streben nach ihren Vergnügungen eingeschlafen ist. Wel-
       cher Narr wird einem Menschen einen farbenprächtigen Wald zeigen wollen,
       der sich weigert, die Augen zu öffnen? Wer würde einen Mann, dessen Nase
       durch Lepra weggefressen wurde, in der feinen Kunst unterweisen, verschie-
       dene Parfums zu unterscheiden? Wer würde einen Trunkenbold in die Fein-
       heiten der Metaphysik einführen? Wer würde einen Leichnam, der auf dem
       Verbrennungsplatz liegt, über die Angelegenheiten seines Dorfes befragen?
       Und wenn ein Narr dies täte – wer könnte ihn von seinem idiotischen Vorha-
       ben abbringen? Und wer kann eine unwissende Person belehren, die nicht in
       der Lage ist, den tauben und blinden Verstand zu beherrschen?
         Tatsächlich existiert das Gemüt überhaupt nicht. Sei daher versichert, dass
       es für alle Zeiten erobert ist. Wer es schwierig findet, das inexistente Gemüt
       zu erobern, leidet an den Wirkungen eines Giftes, das er niemals zu sich ge-
       nommen hat. Der weise Mensch sieht allezeit das Selbst; er weiß, dass sämtli-
       che Bewegungen im Gemüt aus der Bewegung der Lebenskräfte stammen,
       und er weiß auch, dass die Sinne die ihnen entsprechenden Funktionen aus-
       führen. Was ist also das Gemüt? Alle Bewegungen gehören zur Lebenskraft
       und alles Bewusstsein gehört zum Selbst, während alle Sinne über ihre eige-
       nen Kräfte verfügen – durch welche Kraft wird all dieses zusammengehalten?
       Alle sind nur Aspekte des einen unendlichen allmächtigen Bewusstseins –
       Verschiedenheit ist ein Wort ohne Bedeutung. Wie konnte überhaupt die Idee
       der Getrenntheit in dir auftauchen?
         Was ist der jīva (die individuelle Seele) schon anderes als ein bloßes Wort,
       welches unnötigerweise die Vernunft der Leute verwirrt? Sogar das endliche


                                           237
oder individuelle Bewusstsein ist eine unwirkliche Einbildung, denn was
kann es denn schon tun? Mit Bedauern beobachte ich das Schicksal der Men-
schen, die unter den Wirkungen des Gemüts leiden, welches sie durch reine
Einbildung ins Leben gerufen haben und welches die Wahrheit verdunkelt.
  In dieser Welt werden Toren geboren, um zu leiden und zugrunde zu gehen.
Jeden Tag kommen Millionen Tiere überall auf der Welt um, jeden Tag werden
Millionen über Millionen Insekten durch den Wind getötet, jeden Tag fressen
die großen Fische des Ozeans die kleinen – was sollte da zu bedauern sein? In
dieser Welt töten die stärkeren Tiere die schwächeren – von der kleinsten
Ameise bis zu den größten Gottheiten sind sie alle Geburt und Tod unterwor-
fen. In jedem Augenblick sterben zahllose Lebewesen und zahllose werden
geboren – ganz gleich, ob die Leute dies mögen oder nicht, ob sie trauern
oder jubeln. Es wäre wahrhaftig weiser, über das Unvermeidliche weder zu
trauern noch zu jubeln!
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, wer versucht, den Kummer der Menschen von pervertierter Ver-
nunft zu lindern, versucht nichts anderes, als den Himmel mit einem winzi-
gen Sonnenschirm zu verdecken. Diejenigen, die sich wie Tiere benehmen,
können nicht belehrt werden, denn wie die Tiere werden sie an der langen
Leine ihres Gemüts geführt. Sogar die Steine vergießen Tränen, wenn sie
diese unwissenden Menschen betrachten – versunken im Sumpf ihres eige-
nen Gemüts – deren Handlungen ihren eigenen Untergang herbeirufen. Der
weise Mensch versucht daher nicht, diejenigen zu belehren, die ihr eigenes
Gemüt noch nicht überwunden haben und daher in jeder Hinsicht elend sind.
Andererseits ist der Weise stets bemüht, den Kummer derjenigen zu beseiti-
gen, die ihr Gemüt beherrschen und daher reif sind für die Selbst-
Erforschung.
  Das Gemüt ist nicht, o Rāma – bilde dir daher nicht unnötigerweise seine
Existenz ein. Wenn du dir seine Existenz einzubilden beginnst, wird es dich
vernichten, wie ein Geist. Solange du dein Selbst vergessen hast, so lange
wird dieses imaginäre Gemüt existieren. Da du nun erkannt hast, dass das
Gemüt durch die fortgesetzte Bestätigung seiner Existenz zunimmt, gib diese
Art des Denkens auf.
  Sobald Objektivität in deinem Bewusstsein auftaucht, wird dieses konditio-
niert und begrenzt, und darin besteht die Bindung. Wird die Objektivität
aufgegeben, wirst du gemütlos – und das ist Befreiung. In Kontakt mit den
Eigenschaften der Natur zu kommen, bedeutet die Gefahr der Bindung – das
Aufgeben dessen führt zur Befreiung. Wenn du dies weißt, kannst du tun, was
dir beliebt. Verbleibe in dem Wissen „Ich bin nicht“ und „dies ist nicht“ fest
und unbewegt wie der unendliche Raum. Gib alle unreinen Gedanken auf, die
eine Dualität von Selbst und Welt erschaffen. In der Mitte zwischen dem
Selbst als dem Seher und der Welt als dem Gesehenen bist du das Sehen (die
Sicht) – verbleibe stets in dieser Erkenntnis. Zwischen dem Erfahrenden und



                                    238
der Erfahrung bist du als das Erfahren – verbleibe in diesem Wissen der
Selbsterkenntnis.
  Wenn du durch Vergessen des Selbst an ein Objekt denkst, dann wirst du
zum Gemüt (Subjekt) und damit zum Subjekt des Unglücklichseins. Es ist
diese von der Selbsterkenntnis verschiedene Intelligenz, die zum Gemüt wird,
und das ist die Quelle des Kummers. Wenn erkannt wird, dass „all dies nichts
anderes als das Selbst ist“, gibt es kein Gemüt, kein Subjekt, kein Objekt und
kein Denken mehr. Sobald du denkst: „ich bin der jīva“ usw. taucht das Gemüt
auf und mit ihm zusammen die Sorge. Weißt du aber: „ich bin das Selbst, und
der jīva und andere ähnliche Dinge existieren nicht“, dann hört das Gemüt auf
und es entsteht ein erhabener Friede. Im Licht der Wahrheit „dieses gesamte
Universum ist nur das Selbst“ existiert das Gemüt nicht. Nur so lange diese
Schlange des Gemüts im Körper lebt, so lange gibt es Furcht – wo gibt es eine
Ursache für Furcht, wenn sie durch die Praxis des Yoga beseitigt wurde?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wenn das Selbst sich selbstvergessen mit den gesehenen und erfahrenen V:15
Objekten identifiziert und daher unrein wird, taucht das Gift des Verlangens
auf. Das Verlangen verstärkt die Täuschung. Götter wie Śiva u.a. mögen dem
Feuer der kosmischen Auflösung gewachsen sein, aber niemand ist dem ver-
zehrenden Feuer des Verlangens gewachsen. Alle die schrecklichen Leiden
und Notlagen, die es in der Welt gibt, sind allein die Frucht des Verlangens.
Oh Rāma, obwohl es unsichtbar und subtil ist, ist dieses Verlangen sogar in
der Lage, Fleisch, Blut und Knochen des Körpers zu verzehren. In einem Mo-
ment scheint es abzuflauen, im anderen wiederum breitet es sich aus. Wer
von ihm befallen ist, wird bedauernswert, schwächlich, glanzlos, minderwer-
tig, getäuscht, elend und entehrt.
  Sobald dieses Verlangen aufgehört hat, ist die eigene Lebenskraft gereinigt
und alle göttlichen Qualitäten und Tugenden halten Einzug ins Herz. Der
Fluss des Verlangens fließt nur ins Herz der unweisen Person. So wie ein Tier
aufgrund seines Verlangens nach Nahrung (der Köder) in die Falle geht (den
toten Brunnen), so fällt der Mensch in die Hölle, wenn er der Spur seines
Verlangens folgt. Die krasseste Blindheit von Senilität ist harmlos im Ver-
gleich mit der blindmachenden Täuschung, die das Verlangen in einem Au-
genblick im eigenen Herzen entstehen lässt.
  Das Verlangen macht einen Menschen kriecherisch und lässt ihn schrump-
fen – sogar Lord Vi«ïu wurde zu einem Zwerg, als er sich entschloss, betteln
zu gehen. Daher sollte man dieses Verlangen, welches die Quelle aller Sorgen
ist und das Leben aller Wesen zerstört, weit von sich weisen.
  Und doch geschieht es aufgrund dieses Verlangens, dass die Sonne den Pla-
neten bescheint, der Wind weht, die Berge fest stehen und die Erde die Le-
bewesen trägt – alle drei Welten existieren nur aufgrund des Verlangens. Alle
Wesen in den drei Welten sind an die Fessel des Verlangens gebunden. Es ist




                                    239
möglich, die stärkste Fessel der Welt zu brechen, aber die Fessel des Verlan-
       gens ist nur sehr schwer zu brechen.
         Gib daher, o Rāma, das Verlangen auf, indem du das Denken oder Konzep-
       tualisieren aufgibst. Das Gemüt kann ohne Denken oder Konzeptualisierung
       nicht existieren. Lass als erstes die Bilder von „ ich“, „du“ und „dies“ nicht im
       Gemüt erscheinen, weil es aufgrund dieser Bilder geschieht, dass Hoffnungen
       und Erwartungen entstehen. Wenn du dich enthalten kannst, solche Bilder zu
       erzeugen, dann wirst du ebenfalls als ein Mann der Weisheit angesehen.
       Verlangen ist nicht verschieden vom Ich-Sinn. Der Ich-Sinn wiederum ist die
       Quelle aller Sünden. Durchhaue die Wurzel dieses Ich-Sinnes mit dem
       Schwert der Weisheit des Nicht-Egos. Sei frei von der Furcht.
         RùMA sprach:
V:16     Hoher Herr, du gibst mir die Anweisung, den Ich-Sinn aufzugeben und das
       Verlangen, welches diesen entstehen lässt. Wenn ich den Ich-Sinn aufgebe,
       werde ich mit Sicherheit auch diesen Körper aufgeben und alles, was auf dem
       Ich-Sinn basiert. Denn der Körper und die Lebenskräfte gründen sich auf dem
       Ich-Sinn. Wenn die Wurzel (der Ich-Sinn) durchhauen ist, wird auch der
       Baum (der Körper usw.) fallen. Wie ist es für mich möglich, den Ich-Sinn
       aufzugeben und trotzdem weiterzuleben?
         VASIåèHA erwiderte:
         Rāma! Das Aufgeben aller Vorstellungen, Konditionierungen und der Kon-
       zeptualisierung wird allgemein als bestehend aus zwei Arten beschrieben:
       Die eine gründet auf der Erkenntnis oder direkter Erfahrung, und die zweite
       auf Kontemplation. Ich werde dir diese beiden nun detailliert erläutern.
         Zunächst sollte man sich der eigenen falschen Vorstellung bewusst werden,
       die darin besteht zu glauben: „Ich gehöre zu den Objekten in dieser Welt, und
       mein Leben hängt von ihnen ab. Ohne sie kann ich nicht leben, und auch sie
       können nicht ohne mich leben“. Durch tiefgründige Erforschung kontempliere
       man dann wie folgt: „Weder gehöre ich zu diesen Objekten noch gehören
       diese Objekte zu mir“. Indem man auf diese Weise mit Hilfe intensiver Kon-
       templation den Ich-Sinn aufgibt, soll man außerdem ganz zwanglos die Hand-
       lungen ausführen, die auf natürliche Weise geschehen, wobei aber Herz und
       Verstand stets kühl und ruhig bleiben. Dieses Aufgeben des Ich-Sinnes und
       der Konditionierung wird die kontemplative Egolosigkeit genannt.
         Gibt es dagegen die Erkenntnis oder direkte Erfahrung der nicht-dualen
       Wahrheit, dann gibt man den Ich-Sinn und die Konditionierung auf und un-
       terhält in Bezug auf den Körper kein Gefühl von „dies ist mein“. Dies wird die
       direkte Realisation der Egolosigkeit genannt.
         Der ist schon im Leben befreit, der auf zwanglose Weise mit Hilfe der kon-
       templativen Methode den Ich-Sinn aufgibt. Wer ferner seinen Ich-Sinn mit
       Hilfe der direkten Erfahrung an der Wurzel ausreißt, ist im Gleichmut fest
       verankert – er ist befreit. Janaka und andere wie er folgen der kontemplativen
       Methode. Wieder andere, die die direkte Erfahrung der Egolosigkeit haben,


                                             240
sind eins mit Brahman und haben sich über das Körperbewusstsein erhoben.
Beide sind befreit, und beide sind eins mit Brahman geworden.
  Der wird ein befreiter Weiser genannt, der nicht vom Erwünschten und Un-
erwünschten hin und her getrieben wird, der in dieser Welt lebt und handelt,
obwohl er inwendig wie im Tiefschlaf von dieser Welt vollkommen unberührt
ist.
  (Nachdem der Weise Vāsi«Âha so gesprochen hatte, war der Abend ange-
brochen. Die Versammlung löste sich auf.)
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, diejenigen, die jenseits des Körperbewusstseins sind, sind gleich-    V:17
zeitig jenseits jeder Beschreibung. Ich werde dir nun die Natur derjenigen
erläutern, die noch im Leben befreit sind.
   Die Wünsche, die aus natürlichen Funktionen entstehen und frei vom Ver-
langen sind, gehören zu einem befreiten Weisen. Der Wunsch jedoch, der mit
Verlangen nach externen Objekten gekoppelt ist, führt zur Bindung. Sobald
alle auf dem Ich-Sinn gründenden Vorstellungen im eigenen Herzen aufge-
hört haben, dann gehört die auf natürliche Weise dirigierte Bewusstheit zur
Natur des befreiten Weisen. Nur das durch den Kontakt mit externen Objek-
ten gequälte und verwirrte Verlangen führt zur Bindung – der nicht-
willentliche Wunsch, der unberührt von einem Objekt ist, ist dagegen Befrei-
ung. Derjenige Wunsch, der noch vor dem Kontakt mit den Objekten existier-
te, und der sogar jetzt und überhaupt immer existieren wird, ist natürlich und
daher frei von Sorgen und Unreinheit. Ein derartiger Wunsch wird von den
Weisen als frei von Bindung betrachtet.
  „Dies soll mein sein “ – sobald ein solches Verlangen im eigenen Herzen
entsteht, lässt es die Unreinheit entstehen. Ein derartiges Verlangen sollte
von einem weisen Menschen jederzeit und mit allen verfügbaren Mitteln
aufgegeben werden. Gib den Wunsch auf, der zur Bindung führt, und gib auch
den Wunsch nach Befreiung auf. Verbleibe still wie der Ozean. Wissend, dass
das Selbst frei von Alter und Tod ist, lasse dich nicht davon in deinem Gemüt
beunruhigen. Sobald das gesamte Universum als illusorisch erkannt worden
ist, verliert jedes Verlangen seine Bedeutung.
  Die folgenden vier Arten von Gefühlen tauchen im Herzen eines Menschen
auf: 1) Ich bin der Körper, der von meinen Eltern geboren worden ist, 2) Ich
bin das subtile atomische Prinzip, das verschieden vom Körper ist, 3) Ich bin
das ewige Prinzip, das über all diesen vergänglichen Objekten in dieser Welt
steht, 4) das „Ich“ wie auch die „Welt“ sind rein wie leerer Raum. Von diesen
führt das erste zur Bindung und die anderen zur Freiheit. Die Wünsche, die
mit dem ersten Gefühl in Verbindung stehen, führen zur Bindung, und die
Wünsche, die die anderen drei Gefühle begleiten, bewirken keinerlei Bindung.
  Nachdem die Erkenntnis „Ich bin das Selbst“ oder „ich bin das Selbst von
allem“ aufgetaucht ist, fällt man nicht wieder in Irrtum und Kummer zurück.
Es ist dieses Selbst allein, welches verschiedentlich als Leere, Natur, Māyā,


                                    241
Brahman, Bewusstsein, Śiva, Puru«a usw. bezeichnet wird. Dieses allein ist
auf ewig wirklich – etwas anderes gibt es nicht. Versuche die Nicht-Dualität
zu verstehen, denn die Wahrheit ist nicht-dual. Jedoch bedeutet Handlung
immer Dualität und funktioniert in scheinbarer Dualität – lasse daher deine
Natur gleichzeitig an der Dualität und der Nicht-Dualität teilhaben. Die Reali-
tät ist weder Dualität (denn es ist das Gemüt, das die Teilung erschafft) noch
Einheit (da das Konzept der Einheit als Antithese der Dualität entsteht).
Wenn diese Konzepte aufhören, wird das unendliche Bewusstsein als einzige
Wirklichkeit erkannt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Der befreite Weise, der an den Geschehnissen der Vergangenheit, Gegen-           V:18
wart und Zukunft nicht interessiert ist, betrachtet den Zustand der Welt mit
Erheiterung. Da er beständig die angemessene Handlung ausführt und stets
verankert in der glücklichen Mitte zwischen zwei extremen und widerstrei-
tenden Gesichtspunkten ist, verharrt er unangefochten, dabei alle Formen
von Konditionierung oder Absicht von sich weisend. Er ruht im höchsten
Zustand der Fülle und ist daher weder erregt durch noch neugierig auf die
Ereignisse in dieser Welt. Bei allen Zwistigkeiten befindet er sich in der neut-
ralen Position, empfindet aber stets Mitgefühl und Wertschätzung für alle. Er
ist unbeeindruckt von der Welterscheinung. Wenn man ihn anspricht, ant-
wortet er auf einfache und zweckmäßige Weise; wird er nicht angesprochen,
ist er still. Er sucht nach nichts und hasst nichts. Daher ist er in diese Welt
nicht verwickelt. Er spricht von dem, was gut für alle ist, und auf Befragen
erläutert er seine Sichtweise überzeugend. Er weiß, was angemessen und
unangemessen ist. Er ist sich der Sichtweisen anderer Menschen bewusst. Er
ist fest verankert im höchsten Zustand, bleibt in seinem eigenen Herzen kühl
und ruhig und betrachtet den Zustand der Welt mit heiterer Gelassenheit.
Solcherart ist der Zustand der Weisen, die die Befreiung noch zu ihren Lebzei-
ten erlangt haben.
  Die Philosophien der Toren zu erläutern, die ihr eigenes Gemüt nicht be-
herrschen und in den Sumpf der Sinnesvergnügen untergetaucht sind, geht
über unser Vermögen hinaus. Sie sind ausschließlich an sexuellem Genuss
und dem Erwerb materiellen Reichtums interessiert. Wir können auch nicht
die Wege all der Rituale und Gebräuche darlegen, die allerhand Belohnungen
in Form von Freude und Schmerz erbringen.
  Oh Rāma, lebe in dieser Welt mit uneingeschränkter Sicht, und weise ent-
schieden alle Begrenztheit zurück. Sei innerlich frei von allem Verlangen und
allen Hoffnungen, aber äußerlich tue, was zu tun ist. Prüfe alle Dinge und
wähle stets das, was nicht begrenzt oder endlich ist; lebe in dieser Welt in
beständiger Kontemplation des Unendlichen. Ohne irgendeine Art von Hoff-
nung in deinem Herzen zu hegen, lebe so als wärest du voller Hoffnungen;
lebe in dieser Welt mit einem ruhigen und kühlen Herzen, und benimm dich
nach außen hin wie alle anderen. Gib in deinem Innern alle Vorstellungen von



                                     242
„Ich bin der Täter“ auf, jedoch beteilige dich an allen äußeren Tätigkeiten.
Lebe so in dieser Welt, o Rāma, frei von der geringsten Spur des Ich-Sinns.
  Bindung gibt es in Wahrheit nicht, und daher existiert auch keine Befreiung.
Diese Welterscheinung ist in ihrem Wesen irreal und wie ein Taschenspieler-
trick. Das allgegenwärtige, unendliche Selbst kann niemals gebunden werden
– wie sollte es daher befreit werden? All diese Verwirrtheit entsteht nur auf-
grund der Unwissenheit – sobald die Wahrheit erkannt wird, schwindet auch
diese Konfusion wie die imaginäre Schlange im Seil.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Du bist ein weiser Mensch, o Rāma, sei fest verwurzelt in der Egolosigkeit
und bleibe rein wie der Raum. Wie können Vorstellungen wie „Dies sind
meine Verwandten“ entstehen, wenn der Ich-Sinn abwesend ist? Das Selbst
ist weder in diese Vorstellungen noch in die Vorstellungen von Freude und
Schmerz, Gut und Böse involviert. Sei frei von der durch die Welterscheinung
verursachten Furcht und Täuschung. Für jemanden, der ungeboren ist, gibt es
keine Verwandten und keine durch diese Verwandten verursachten Sorgen!
  Wenn du erkennst, dass du schon jemand warst und auch jetzt jemand bist,
und auch in Zukunft jemand sein wirst, und wenn du ferner erkennst, dass
dies auch für alle diese Verwandten zutrifft, dann wirst du befreit von der
Täuschung. Und falls du die Empfindung haben solltest, dass du warst, jetzt
bist, aber später nicht mehr sein wirst, brauchst du ebenfalls nicht zu trauern,
weil dies das natürliche Ende dieser Welterscheinung ist. Daher wäre es
dumm, hier in dieser Welt zu trauern – es ist viel besser, allezeit glücklich zu
sein und stets die nötigen Handlungen zu vollziehen. Oh Rāma, ergib dich
jedoch weder dem Frohlocken noch dem Kummer, sondern ruhe immer in
einem ausgeglichenen Zustand des Gemüts. Du bist das ewige unendliche
Licht – rein und außerordentlich subtil.
  Diese Welterscheinung existiert jetzt – später wird sie verschwinden, um
erneut aufzutauchen, jedoch nur für die Unwissenden, nicht für die Erleuch-
teten. Diese Welterscheinung trägt in sich den Kummer – die Unwissenheit
vermehrt und verschärft diesen. Du jedoch bist weise, o Rāma – sei daher
glücklich. Die illusorische Erscheinung ist nichts als Illusion – Traum ist nie-
mals etwas anderes als Traum! All dies ist die Macht des Allmächtigen – Er-
scheinungen sind stets nur Erscheinungen.
  Wer ist der Verwandte hier und von wem, und wer ist Feind von wem?
Durch den Wunsch des Höchsten Herrn sind alle alles für alle zu allen Zeiten!
Dieser Strom der menschlichen Beziehungen fließt und fließt. Was oben ist,
geht nach unten, und was unten ist, steigt auf; wie das Wagenrad. Diejenigen
im Himmel gehen später in die Hölle, und die in der Hölle kommen in den
Himmel. Sie wandern von einer Wesensart in die nächste, von einem Teil des
Universums in den anderen. Die Tapferen werden Feiglinge und die Feiglinge
werden Helden. Es gibt nichts in diesem Universum, das sich nicht verändert,
o Rāma. Diejenigen, die als Verwandte betrachtet werden, gehen nach einer
Weile fort. Freunde, Feinde, Verwandte, Fremde, ich und du sind nur Worte


                                     243
ohne dazugehörige Substanz. „Er ist ein Freund“, „dieser ist kein Verwandter“
sind nur Gedanken einer mittelmäßigen Person – eine großmütige Person
trifft keine derartigen Unterscheidungen. Oh Rāma, alle Wesen sind unsere
Verwandten – denn in diesem Universum existiert keine absolute Bezie-
hungslosigkeit. Die Weisen wissen, dass „es kein irgendwo gibt, wo ich nicht
bin“ und „es gibt nichts, was nicht mein ist“ – auf diese Weise überwinden sie
die Begrenztheit oder Konditioniertheit.

                                    ***



Die Geschichte von Puïya und Pāvana

 VASIåèHA fuhr fort:
   Oh Rāma, in diesem Zusammenhang gibt es eine alte Legende, die ich dir        V:19
nun erzählen werde.
   Auf dem Kontinent, der unter dem Namen JambÆdvīpa bekannt ist, gibt es
einen großen Berg, der Mahendra genannt wird. In den Wäldern, die die
Hänge dieses Berges bedecken, leben viele Heilige und Weise. Es war ihnen
gelungen, die Wasser des Flusses Vyoma GaÇgā (oder Akāsa GaÇgā) zum
Baden und Trinken usw. auf den Berg zu lenken. Am Ufer dieses Flusses lebte
ein heiliger Mann namens Dīrghatapā, der, wie der Name schon sagt, die
Verkörperung unaufhörlicher Askese war.
   Dieser Asket hatte zwei Söhne, Puïya und Pāvana. Von den beiden hatte
Puïya die volle Erleuchtung erlangt, während Pāvana, obschon er die Unwis-
senheit überwunden hatte, die volle Erleuchtung noch nicht erlangt hatte und
daher nur teilweise Weisheit besass.
   Im Verlauf der unsichtbaren und unberührbaren Zeit war der Weise
Dīrghatapā (der sich selbst von allen Formen der Anhaftung und des Verlan-
gens befreit hatte) schließlich alt geworden. Wie ein Vogel aus dem Käfig
fliegt, hatte er seinen Körper verlassen und den Zustand äußerster Reinheit
erlangt. Seine Frau, die von ihm die Wissenschaft des Yoga erlernt hatte,
folgte ihm.
   Als seine Eltern so plötzlich verschieden waren, verfiel Pāvana in tiefe
Trauer und klagte laut. Puïya dagegen führte die vorgeschriebenen Begräb-
niszeremonien aus und blieb ungerührt durch diesen Verlust. Er suchte sei-
nen trauernden Bruder Pāvana auf.
   PU×YA sprach: Bruder, weshalb nur lässt du dich von diesem schrecklichen
Kummer überwältigen? Nur die Blindheit der Unwissenheit ist verantwort-
lich für den Strom deiner Tränen. Unser Vater ist von hier geschieden, zu-
sammen mit unserer Mutter, in den Zustand der Befreiung oder in den höchs-


                                    244
ten Zustand, der für alle Wesen natürlich und das wahre Sein derjenigen ist,
die das persönliche Selbst überwunden haben. Weshalb trauerst du, da sie
doch nur zu ihrer eigenen Natur zurückgekehrt sind? Du hast dich selbst
aufgrund von Unwissenheit an die Vorstellungen von „Vater“ und „Mutter“
gebunden, und nun trauerst du um diejenigen, die von dieser Unwissenheit
frei geworden sind? Weder war er dein Vater, noch war sie deine Mutter, noch
bist du ihr Sohn. Du hast zahllose Mütter und Väter gehabt. Sie haben zahllose
Kinder gehabt, und zahllos waren deine bisherigen Inkarnationen! Wenn du
über den Tod deiner Eltern trauerst, weshalb trauerst du dann nicht auch
unaufhörlich über den Tod der zahllosen Lebewesen?
   Edler du – was du als die Welt wahrnimmst, ist nichts als eine illusorische
Erscheinung. In Wahrheit gibt es weder Freunde noch Verwandte. In Wirk-
lichkeit gibt es weder Tod noch Trennung. Alle diesen wundervollen Zeichen
des Wachsens und Gedeihens rings um dich sind Zaubereien, von denen
einige drei und andere fünf Tage dauern! Erforsche mit deiner kühnen Intelli-
genz die Wahrheit – gib Vorstellungen wie „ ich“, „du“ usw. auf, oder „er ist
tot“, „er ist gegangen“. All dies ist nur deine eigene Vorstellung – nicht die
Wahrheit.
   PU×YA fuhr fort:
  Diese falschen Vorstellungen von Vater, Mutter, Freund, Verwandten usw.
werden von der Weisheit wie Staub im Wind fortgeweht. Diese „Verwandten“           V:20
haben nichts mit der eigentlichen Wahrheit zu tun, sondern sind nichts als
Worte! Wen man für einen Freund hält, der wird zum Freund, und wen man
für jemand anderes hält, der wird zu jemand anderem! Wenn all dies als das
allgegenwärtige Sein gesehen wird, wo bleibt dann die Unterscheidung zwi-
schen „Freund und einem anderen“?
  Bruder, erforsche dein eigenes Inneres. Dieser Körper ist leblos und aus
Blut, Fleisch, Knochen usw. zusammengesetzt – wo ist das „ich“ in ihm? Wenn
du so nach der Wahrheit forschst, wirst du erkennen, dass es da weder etwas
wie ein „ du“ noch ein „ ich“ gibt. Was wir „Puïya“ oder „Pāvana“ nennen, sind
nur falsche Vorstellungen. Wenn du es jedoch vorziehst zu denken „ich bin“,
dann denke daran, dass du in deinen vergangenen Inkarnationen schon zahl-
lose Verwandte hattest. Weshalb trauerst du nicht um diese? Als du ein
Schwan warst, hattest du viele Verwandte; als du ein Baum warst, hattest du
viele Baum-Verwandte, als Löwe hattest du viele Löwen-Verwandte, und
ebenso sehr viele Fisch-Verwandte als Fisch. Weshalb weinst du nicht auch
ihretwegen? Du warst einmal ein Prinz, du warst ein Esel, du warst ein
Peepul- und dann ein Banyan-Baum. Du warst ein Brāhmaïa, du warst eine
Fliege und auch ein Moskito, du warst eine Ameise. Ein halbes Jahr lang warst
du ein Skorpion, dann eine Biene und nun mein Bruder. In diesen und vielen
weiteren Inkarnationen bist du zahllose Male wieder und wieder geboren
worden.
  So wie du habe auch ich viele, viele Wiederverkörperungen erfahren. Mit
meiner subtilen Intelligenz, die rein und klarsichtig ist, vermag ich alle diese


                                     245
und auch deine wahrzunehmen. Ich war ein Vogel, ein Kranich, ein Frosch, ein
       Baum, ein Kamel, ein König, ein Tiger – und jetzt bin ich dein älterer Bruder.
       Zehn Jahre lang war ich ein Adler, fünf Monate lang ein Krokodil und einhun-
       dert Jahre lang ein Löwe – jetzt bin ich dein älterer Bruder. Ich erinnere mich
       an all diese und noch viele andere Verkörperungen, die ich in einem Zustand
       der Unwissenheit und Täuschung durchlebt habe. In all diesen Inkarnationen
       gab es zahlreiche Verwandte. Wen sollte ich beklagen? Indem ich dies verste-
       he, unterlasse ich jede Trauer.
         Diesen gesamten Weg des Lebens entlang sind die Verwandten verstreut
       wie trockene Blätter auf einem Waldweg. Was kann in dieser Welt, Bruder, ein
       echter Grund für Trauer oder Freude sein? Lass uns daher all diese irrigen
       Vorstellungen aufgeben und im Frieden verbleiben. Gib die Idee der Welt auf,
       die in deinem Gemüt als das „ ich“ aufsteigt. Und sei still – weder sollst du
       aufwärts noch abwärts wandern! An dir haftet kein Unglücklichsein, keine
       Geburt, kein Vater, keine Mutter – du bist das Selbst und nichts anderes. Die
       Weisen wandern den Weg der Mitte – sie sehen, was im Moment geschieht,
       sie sind im Frieden, sie sind im Zeugenbewusstsein verankert. Sie leuchten
       wie die Lampe in der Dunkelheit, in deren Schein die Dinge lediglich gesche-
       hen (ohne dass die Lampe davon betroffen ist).
         VASIåèHA fuhr fort:
V:21     Indem er auf diese Weise von seinem Bruder unterrichtet wurde, erwachte
       Pāvana. Beide lebten fortan als erleuchtete Wesen, ausgestattet mit Weisheit
       und direkter Erkenntnis. Sie durchwanderten den Wald in völliger Freiheit
       ihres Tuns, aber ohne jeden Makel. Im Verlaufe der Zeit gaben sie schließlich
       ihre Verkörperung auf und erlangten die letzte Befreiung – wie eine Lampe
       ohne Brennstoff.
         Verlangen ist die Quelle allen Kummers, oh Rāma – der einzig intelligente
       Weg besteht darin, allem Verlangen vollständig zu entsagen und sich ihm in
       keiner Weise hinzugeben. So wie ein Feuer heftig zu brennen beginnt, in das
       man Öl gießt, so werden die Gedanken durch Denken vervielfältigt. Die Ge-
       danken hören nur auf, wenn das Denken ausgelöscht wird. Besteige daher
       den Triumphwagen des Nicht-Denkens und nimm diese im Kummer versun-
       kene Welt mit mitfühlender und unbegrenzter Sichtweise wahr.
         Erhebe dich, Oh Rāma.
         Dies in der Tat ist der Zustand des Brahman – rein, frei vom Verlangen und
       von Krankheit. Sogar einer, der ein Tor war, wird vom Irrtum befreit, wenn er
       diesen Zustand erreicht. Wer auf dieser Erde frei umherwandert, in Beglei-
       tung der Weisheit als seinem Freund und der Bewusstheit als seinem weibli-
       chen Gefährten, gerät nie in Täuschung.
         In den drei Welten ist nichts von Wert enthalten – nichts, was man sich
       wünschen könnte, und was man nicht jederzeit erlangen könnte mit einem
       Gemüt, das frei von der Täuschung ist. Diejenigen, die vom Fieber des Verlan-
       gens befreit sind, unterziehen sich nicht länger dem Auf und Ab der verkör-


                                            246
perten Existenz. Erfüllung erlangt das Gemüt nur durch äußerste Leiden-
schaftslosigkeit, nicht aber durch Anhäufung von Wünschen und Hoffnungen.
Für diejenigen, die bar jeder Anhaftung und allen Verlangens sind, sind diese
drei Welten nicht viel größer als die Trittspur eines Kälbchens, und ein gan-
zer Weltzyklus dauert für sie nicht länger als ein Augenblick. Die Kühle des
Eises auf den Gipfeln der Himālayas ist nichts verglichen mit der Kühle des
Gemütes eines Weisen, der frei vom Verlangen ist. Das Licht des Vollmonds ist
nicht so leuchtend und der Ozean ist nicht so voll, noch ist das Antlitz der
Göttin des Glücks so strahlend wie das Gemüt, das frei von Verlangen ist.
  Sobald alle Wünsche und Hoffnungen, die wie die Zweige des Baumes im
Gemüt sind, abgeschnitten sind, nimmt das Gemüt seine eigene wahre Natur
wieder an. Wenn du entschlossen diesen Hoffnungen und Verlangen die Wie-
derkehr in dein Gemüt verweigerst, brauchst du dich vor nichts mehr zu
fürchten. Wenn das Gemüt frei von den Gedankenbewegungen ist (die durch
Hoffnungen oder Verlangen motiviert sind), dann wird es zum Nicht-Gemüt –
und darin besteht die Befreiung. Das Denken, welches durch Hoffnungen und
Verlangen ins Leben gerufen wird, wird „vÌtti“ (Gedankenregung) genannt.
Sobald Hoffnungen und Verlangen aufgegeben werden, gibt es keinerlei vÌtti
mehr. Sobald die Ursache verschwunden ist, hört auch die Wirkung auf. Ent-
ferne daher zur Wiederherstellung des Friedens im Gemüt die störende Ursa-
che, die in der Hoffnung und dem Verlangen besteht.

                                     ***


Die Geschichte von Bali

 VASIåèHA fuhr fort:
  Oder, o Rāma, führe eine Verwandlung des Gemüts herbei, wie dies König           V:22
Bali getan hat. Ich werde die nun die Geschichte von König Bali erzählen –
höre aufmerksam zu, und du wirst die ewige Wahrheit erkennen.
  In einem Teil dieser Welt hier (jagat) gibt es das, was als Pātāla (Unterwelt)
bekannt ist. Dort befinden sich außerordentlich schöne Dämoninnen, seltsa-
me Reptilien mit mehreren Köpfen, Dämonen mit riesigen Körpern, ungeheu-
re Elefanten, Orte, die stark verunreinigt sind und in denen ein entsetzlicher
„kaÂa-kaÂa“-Lärm beständig die Luft erfüllt; es gibt Höhlen und Bergstollen
voll mit Edelsteinen und Orte, die vom Staub der heiligen Füße des Weisen
Kapila geweiht wurden (von einigen wird angenommen, dass Kalifornien der
Kapila-araïya ist, der von Kapila bewohnte Wald!), und wiederum andere, die
von Gott HāÂakeśvara geheiligt wurden, welcher von den himmlischen Mai-
den verehrt wird.




                                     247
Der Dämonen-König Bali, Sohn von Virocana, regierte dieses Gebiet. Der
Beschützer dieses Königs war der Herr des Universums, Śri Hari selbst, daher
verehrte ihn sogar der König der Himmel, Indra. Die Hitze der Ausstrahlung
von diesem König Bali war so groß, dass die Ozeane austrockneten. Ein blo-
ßer Blick aus seinen Augen konnte Berge versetzen. Bali herrschte eine sehr
lange Zeit über die Unterwelt.
  Im Verlaufe der Zeit kam eine große Leidenschaftslosigkeit über König Bali.
Er forschte wie folgt:
  Wie lange noch soll ich diese Unterwelt regieren, wie lange noch soll ich in
diesen drei Welten wandern? Was gewinne ich durch die Herrschaft über
dieses Königreich? Wenn doch alles, was es in den drei Welten gibt, der Zer-
störung unterworfen ist – wie kann man dann erhoffen, Glück durch all das zu
erfahren?
  Wieder und wieder erfährt man diese abgeschmackten Vergnügen, und die-
selben Handlungen werden Tag für Tag in dieser Welt wiederholt – warum ist
nicht einmal ein weiser Mensch davon beschämt? Derselbe Tag und dieselbe
Nacht, immer wieder aufs Neue – das Leben in dieser Welt dreht sich wie ein
Strudel.
  Wie kann man, indem man all das den ganzen Tag lang lebt, den Zustand
erlangen, in dem diese wiederholte Existenz endlich aufhört? Wie lange müs-
sen wir uns noch in diesem Strudel drehen, und welchen Nutzen hat all dies?
  Während er so reflektierte, erinnerte er sich:
  Ah, ich erinnere mich daran, was einst mein Vater Virocana sagte. Ich fragte
ihn damals: „Vater, was ist das Ziel dieser Welterscheinung oder wiederholten
Existenz? Wann wird sie an ein Ende gelangen? Wann wird die Täuschung des
Gemüts aufhören? Durch was werden wir völlige Zufriedenheit erlangen –
sodass wir nachher nichts mehr suchen müssen? Ich sehe, wie es unmöglich
ist, dies durch die Erfahrung der weltlichen Vergnügen oder Handlungen zu
erlangen, denn sie vertiefen die Täuschung nur noch! Bitte, teile mir mit, wie
ich für immer im höchsten Frieden ruhen kann.“
  VIROCANA sagte zu Bali:
  Mein Sohn, es gibt da ein ungeheures Reich – groß genug, um die drei Wel-        V:23
ten zu verschlingen. Es gibt in ihm keine Seen, keine Ozeane, keine Berge,
keine Wälder, keine Flüsse, keine Erde, keinen Himmel, keine Winde, keinen
Mond, keine Götter, keine Dämonen, keine Halb-Götter, keine Pflanzen, kein
Firmament, nicht hoch und niedrig, keine Worte, nicht mich, nicht die Götter
wie etwa Vi«ïu. Nur das eine ist da, und dies ist das höchste Licht. Es ist all-
mächtig, allgegenwärtig, es ist alles – und es ist still, als ob es untätig sei.
Veranlasst durch es, den König, tut sein Minister alles. Was es nicht gibt,
bringt er hervor, und was ist, verwandelt er. Dieser Minister ist unfähig, sich
an irgendetwas zu erfreuen noch weiß er etwas. Obwohl er unwissend und
leblos ist, tut er alles nach dem Willen seines Meisters, des Königs. Der König
jedoch verbleibt allein und für sich, im Frieden.


                                     248
BALI fragte:
         Vater, was ist das für ein Reich, das frei von psychosomatischen Krankhei-
       ten ist? Wo befindet sich der Minister, und wo befindet sich dieser König? Die
       Geschichte ist wunderbar und wurde noch nie vernommen. Sei so freundlich,
       mir all dies in allen Einzelheiten zu erläutern.
         VIROCANA erwiderte:
          Sämtliche Götter und Dämonen und auch eine Kraft, welche sie an Stärke
       um ein Vielfaches übertrifft, können den Minister auch nur herausfordern. Er
       ist weder Indra, der König der Götter, noch der Gott des Todes oder der Gott
       des Wohlstands, und auch kein Gott oder Dämon, den du leicht besiegen
       kannst. Zwar glaubt man, dass Vi«ïu die Dämonen getötet hat, aber in Wahr-
       heit war es dieser Minister, der sie vernichtete. Auch Götter wie Vi«ïu wur-
       den von ihm überwältigt und dazu gebracht, hier geboren zu werden. Amor
       hat seine Macht von diesem Minister bekommen. Auch der Zorn hat seine
       Macht von ihm. Es geschieht aufgrund seines Wunsches, dass es hier einen
       unaufhörlichen Konflikt zwischen Gut und Böse gibt.
         Dieser Minister kann nur durch seinen eigenen Herrn, den König, besiegt
       werden, durch niemanden sonst. Wenn im Verlauf der Zeit im Herzen des
       Königs ein solcher Wunsch erwacht, kann dieser Minister sehr leicht nieder-
       geworfen werden. In den drei Welten ist er der Mächtigste, und diese drei
       Welten sind nichts anderes als seine Ausatmung! Wenn du fähig bist, ihn zu
       überwinden, bist du in der Tat ein Held.
         Sobald der Minister auftaucht, werden die drei Welten manifestiert, so wie
       ein Lotos beim Aufstieg der Sonne erblüht. Wenn er zur Ruhe geht, legen sich
       die drei Welten schlafen. Falls du ihn überwinden kannst, mit einem gänzlich
       einsgerichteten Gemüt und völlig frei von Täuschung und Unwissenheit, dann
       bist du in der Tat ein Held. Sobald er überwunden ist, sind alle Welten und
       alles in ihnen Befindliche überwunden. Bleibt er dagegen unbesiegt, dann
       kann nichts als besiegt gelten – auch dann nicht, falls du glauben solltest, dies
       oder jenes in dieser Welt erobert zu haben.
          Daher, mein Sohn, um die absolute Vollkommenheit und die ewige Seligkeit
       zu erlangen, versuche mit allen deinen Kräften und in jeder denkbaren Weise,
       was immer auch die Schwierigkeiten und Hindernisse sein mögen, diesen
       Minister zu besiegen.
         BALI fragte: Vater, mit welchen wirksamen Mitteln kann dieser mächtige
V:24   Minister überwunden werden?
         VIROCANA erwiderte:
         Obschon dieser Minister fast unbesiegbar ist, werde ich dir, mein Sohn, nun
       mitteilen, wie du ihn besiegen kannst. Er wird überwältigt, wenn man ihn
       durch intelligentes Handeln erfasst – ohne dies verbrennt er alles wie eine
       giftige Schlange. Wer sich ihm auf intelligente Weise nähert, mit ihm wie ein
       Kind spielt und ihn sich auf spielerische Weise unterordnet, der nimmt den
       König wahr und verankert sich im höchsten Zustand. Denn sobald der König


                                             249
einmal gesehen wurde, gerät der Minister vollständig unter seine Kontrolle,
und wenn der Minister unter seiner Kontrolle ist, dann wird der König noch
deutlicher wahrgenommen. Solange der König nicht gesehen wird, wird auch
der Minister nicht wirklich überwunden, und solange der Minister nicht
überwältigt ist, kann auch der König nicht gesehen werden! Wird der König
nicht gesehen, dann wütet der Minister und sorgt für Kummer überall; wenn
der Minister nicht besiegt ist, bleibt der König unsichtbar. Die eigene kluge
Praxis sollte daher zweifach vorgehen, nämlich den Minister unterwerfen und
den König zu Gesicht bekommen. Durch intensive Eigenbemühung und steti-
ge Praxis kannst du beides erreichen und dann dieses Gebiet betreten, in dem
du nie wieder Kummer erfährst. Es ist das Gebiet, welches von den Heiligen
bewohnt wird, die für immer im höchsten Zustand verankert sind.
  Mein Sohn, all dieses werde ich dir nun eindeutig erläutern! Das Gebiet, von
dem ich sprach, ist der Zustand der Befreiung, der das Ende aller Sorgen
bedeutet. Der König dort ist das Selbst, welches sämtliche anderen Reiche
und Bewusstseinszustände transzendiert. Der Minister ist das Gemüt. Es ist
das Gemüt, welches alles in dieser Welt erzeugt hat, wie etwa einen Topf aus
Ton. Wenn das Gemüt erobert ist, dann ist damit alles erobert. Vergiss nicht,
dass das Gemüt nahezu unbesiegbar ist, außer durch kluge Vorgehensweise
und Praxis.
  BALI fragte: Vater, bitte teile mir mit, mit welcher intelligenten Praxis ich
das Gemüt besiegen kann.
  VIROCANA erwiderte:
  Das bei weitem intelligenteste Mittel zur Unterwerfung des Gemüts ist voll-
ständig ohne Wunsch, Hoffnung oder Erwartung zu sein im Hinblick auf alle
Objekte und zu allen Zeiten. Dadurch kann dieser mächtige Elefant (das Ge-
müt) unterworfen werden. Dieses Mittel ist gleichzeitig äußerst einfach und
extrem schwierig, mein Sohn – es ist außerordentlich schwierig für denjeni-
gen, der sich nicht einer ernsthaften Praxis widmet, aber sehr einfach für
denjenigen, der in seinen Bemühungen unbeirrbar ist. Eine Ernte ohne die
Aussaat gibt es nicht – ohne ausdauernde Praxis wird das Gemüt daher nicht
unterworfen. Nimm daher diese Praxis der Enthaltung an.
  Solange man sich nicht von den Sinnesvergnügen abgewendet hat, wird
man in dieser Welt voller Sorgen umherwandern. Auch ein entschlossener
Mensch wird sein Ziel nicht erreichen, solange er sich nicht in die Richtung
des Ziels bewegt. Niemand vermag ohne fortgesetzte Praxis den Zustand
vollkommener Leidenschaftslosigkeit zu erlangen.
  VIROCANA fuhr fort:
  Allein durch rechte Bemühung vermag man die Leidenschaftslosigkeit zu
erreichen – durch kein anderes Mittel. Die Leute reden von göttlicher Gnade
oder Schicksal, aber in dieser Welt nehmen wir den Körper wahr, nicht Gott.
Wenn die Leute von Gott sprechen, meinen sie damit das Unvermeidbare, was
jenseits ihrer Einflussnahme ist und sich auf den Ablauf der natürlichen Vor-



                                     250
gänge bezieht. In derselben Weise wird auch hier das als göttliche Gnade
bezeichnet, was den völligen Gleichmut und das Aufhören von Freude und
Schmerz bewirkt. Göttliche Gnade, natürliche Ordnung und rechte Selbst-
Bemühung beziehen sich alle auf dieselbe Wahrheit – die Unterscheidung
rührt nur von falscher Wahrnehmung oder Illusion her.
  Was immer das Gemüt sich durch rechte Selbst-Bemühung ausdenkt, wird
seine Früchte tragen, und sobald das Gemüt diese Früchte zu genießen be-
ginnt, gibt es die Erfahrung der Freude usw. Das Gemüt ist der Täter – was
immer es als die natürliche Ordnung (niyati) wahrnimmt, erschafft und er-
zeugt es. Das Gemüt ist auch in der Lage, sich gegen die natürliche Ordnung
zu wenden, aber man kann auch sagen, dass es der Urheber der natürlichen
Ordnung ist.
  So wie der Wind sich im Raume bewegt, so funktioniert der jīva (die indivi-
duelle Seele) in dieser Welt, indem er tut, was der natürlichen Ordnung ent-
spricht, auch wenn diese Aktionen selbstsüchtig oder egoistisch erscheinen.
Veranlasst durch die Natur scheint er still zu stehen oder sich zu bewegen –
was beides nur Eindrücke oder falsche Überlagerungen sind, wie die vom
Wind bewegten Wipfel der Bäume auf einem Berg den Eindruck vermitteln,
dass der Gipfel selbst schwankt.
  So lange es daher das Gemüt gibt, gibt es weder Gott noch eine natürliche
Ordnung – hat das Gemüt dagegen aufgehört, kann sein, was ist!
  BALI fragte:
  Hoher Herr, teile mir mit, wie ich das Nicht-Verlangen nach Vergnügen fest
in meinem Herzen verankern kann.
  VIROCANA erwiderte:
  Mein Sohn, die Selbsterkenntnis ist die Kletterpflanze, deren Früchte das
Nicht-Verlangen nach Vergnügen sind. Nur wenn das Selbst erkannt wird,
kann sich die höchste Form der Leidenschaftslosigkeit fest im eigenen Herzen
verwurzeln. Man sollte daher beständig das Selbst betrachten durch intelli-
gente Erforschung und auf diese Weise gleichzeitig das Verlangen nach Ver-
gnügen aufgeben.
  Solange das Gemüt noch unerweckt ist, sollte man zwei Viertel des Gemüts
mit der Freude am Vergnügen beschäftigen, ein Viertel mit dem Studium der
Schriften und das restliche Viertel mit dem Dienst für den Guru. Wenn das
Gemüt teilweise erweckt ist, dann werden zwei Viertel dem Dienen des Gurus
gewidmet und die anderen erhalten jeweils ein Viertel. Wenn das Gemüt dann
voll erwacht ist, werden zwei Viertel wieder dem Dienen des Gurus gewid-
met, während die anderen beiden Viertel sich mit dem Studium der Schriften
befassen; dabei pflege man als ständigen Begleiter die Leidenschaftslosigkeit.
  VIROCANA fuhr fort:
  Nur wer von Güte erfüllt ist, ist qualifiziert, die Darlegung der höchsten
Weisheit zu hören. Daher sollte man stets danach streben, sein Gemüt mit



                                    251
Hilfe des reinigenden Wissens zu bilden und es durch die innere Verwand-
           lung zu nähren, die durch das Studium der Schriften hervorgerufen wird.
           Wenn das Gemüt verwandelt ist, kann es die Wahrheit ohne Verzerrung re-
           flektieren. Ohne Verzögerung sollte man dann danach streben, das Selbst zu
           erblicken. Diese beiden – Selbsterkenntnis und das Aufhören des Verlangens
           – sollten gleichzeitig erfolgen und Hand in Hand gehen.
             Wahre Leidenschaftslosigkeit entsteht in einem nicht aufgrund von Enthalt-
           samkeit, Wohltätigkeit, Pilgerfahrten u. ä., sondern nur durch die unmittelba-
           re Wahrnehmung der eigenen Natur. Und nur die rechte Selbstbemühung
           führt zur direkten Selbsterfahrung. Daher sollte man jede Abhängigkeit an
           einen Gott oder das Schicksal aufgeben und durch rechte Bemühung ent-
           schlossen das Verlangen nach Vergnügen aufgeben. Sobald die Leiden-
           schaftslosigkeit gereift ist, erhebt sich der Geist der Erforschung in einem.
           Der Geist der Erforschung stärkt die Leidenschaftslosigkeit. Beide sind von-
           einander abhängig wie der Ozean und die Wolken. Diese beiden wie auch die
           Selbst-Verwirklichung sind alle zusammen intime Freunde und existieren
           stets gemeinsam.
             Daher sollte man als erstes alle Anhänglichkeit an fremde Faktoren (wie
           Gott) aufgeben und durch Zusammenbeißen der Zähne und intensiver Selbst-
           bemühung die Leidenschaftslosigkeit kultivieren. Man mag aber, ohne gegen
           die örtlichen Traditionen und Gebräuche zu verstoßen und ohne sich den
           Verwandten zu widersetzen, Wohlstand erwerben. Man sollte diesen Wohl-
           stand dann dazu verwenden, die Gesellschaft der guten und heiligen Männer
           zu erlangen, die mit edlen Tugenden ausgestattet sind. Die Gemeinschaft mit
           Heiligen erzeugt Leidenschaftslosigkeit. Dann folgen der Geist der Erfor-
           schung, die Erkenntnis und das Studium der Schriften. Stufenweise erreicht
           man dann die höchste Wahrheit.
             Wenn du dich vollständig davon abwendest, Vergnügungen zu suchen, er-
           langst du durch Erforschung den höchsten Zustand. Sobald das Selbst voll-
           ständig gereinigt ist, wirst du dich im höchsten Frieden verankert finden. Du
           wirst nie wieder in den Sumpf der Konzeptualisierung fallen, der die Quelle
           des Kummers ist. Du wirst frei von allen Hoffnungen und Erwartungen wei-
           terleben. Du bist rein! Ich verneige mich vor dir, o Verkörperung von Glückse-
           ligkeit!
             Erwirb in Übereinstimmung mit der herrschenden sozialen Tradition ein
           wenig Wohlstand und suche damit die Gesellschaft der Heiligen zu erlangen.
           Verehre sie. In ihrer Gesellschaft wirst du lernen, die Objekte des Vergnügens
           zu verachten. Und durch rechte Erforschung wirst du Selbsterkenntnis erlan-
           gen.
             BALI sprach zu sich selbst:
V:25, 26     Glücklicherweise erinnere ich mich an alles, was mein Vater mir gesagt hat.
           Da jetzt das Verlangen nach Vergnügen in mir aufgehört hat, werde ich den
           Zustand der Stille erreichen, der wie Nektar ist. Wirklich und wahrhaftig bin
           ich müde des erfolglosen Suchens nach Reichtum, Wunscherfüllung und nach


                                               252
sexuellem Vergnügen. Wunderbar ist dieser Zustand des inneren Friedens,
       wenn alle Vergnügen und Schmerzen ihre Bedeutung verlieren.
         Das Leben ist der wiederholte Ablauf der immergleichen Erfahrungen – nie
       wird wirklich etwas Neues erfahren. Ich werde daher alles aufgeben und mit
       einem Gemüt, das sich von allem Suchen nach Freuden abgewendet hat, auf
       immer glücklich im Selbst verbleiben. Dieses Universum ist nur die Schöp-
       fung meines Gemütes – was verliere ich, indem ich es aufgebe?
         Genug sogar von all diesem Bereuen ! Was in einer Kur als einziges zählt, ist
       die unverzügliche Behandlung der Krankheit. „Wer bin ich?“ „Was ist all
       dies?“ – diese Fragen werde ich meinem Guru Śukra stellen.
         VASIåèHA fuhr fort:
         Nachdem er zu diesem Entschluss gelangt war, kontemplierte Bali über
       Śukra, den Guru der Dämonen. Śukra war aufgrund des unendlichen Be-
       wusstseins, in dem er verankert war, allgegenwärtig und wusste daher, dass
       sein Schüler seiner Gegenwart bedurfte. Unverzüglich materialisierte er da-
       raufhin seinen Körper vor König Bali.
         In der unmittelbaren Gegenwart des Gurus begann Bali zu strahlen und zu
       leuchten. Er erwies dem Guru die ihm zukommenden Ehren und huldigte mit
       besonderer Hingabe den Füßen des Gurus.
         BALI fragte Śukra: Hoher Herr, es geschieht durch die Widerspiegelung dei-
       ner göttlichen Ausstrahlung, dass ich mich veranlasst fühle, diese Fragen zu
       stellen. Ich habe keinerlei Verlangen nach Vergnügen und ich will die Wahr-
       heit erfahren. Wer bin ich? Und wer bist du? Was ist diese Welt? Bitte unter-
       weise mich in diesen Fragen!
         ŚUKRA erwiderte:
         Ich bin unterwegs zu einem anderen Reich, oh Bali, aber ich werde dir in
       wenigen Worten die eigentliche Essenz der Weisheit mitteilen. Bewusstsein
       allein existiert, Bewusstsein allein ist alles hier, all dies ist angefüllt mit Be-
       wusstsein. Ich, du und diese ganze Welt sind nichts als Bewusstsein. Wenn du
       demütig und aufrichtig bist, wirst du aus dieser meiner Darlegung alles ge-
       winnen, was es zu gewinnen gibt; wenn nicht, dann wäre der Versuch einer
       weiteren Erklärung wie Opfergaben in einen Haufen Asche zu geben (d.h.
       nutzlos, da Opfergaben sinnvollerweise nur in heiliges Feuer gegeben wer-
       den). Die Objektivität (Konzeptualisierung) des Bewusstseins wird Bindung
       genannt, und die Aufgabe dieser Objektivität Befreiung. Bewusstsein minus
       diese Objektivität ist die Realität von allem – das ist die Überzeugung in allen
       Philosophien. Wenn du in dieser Sichtweise verankert bist, erlangst auch du
       das unendliche Bewusstsein. Ich werde dich nun verlassen, um die Arbeit der
       Götter zu tun, denn solange dieser Körper andauert, soll man die rechte
       Handlung niemals unterlassen.
         Nachdem Śukra ihn verlassen hatte, überlegte BALI wie folgt:
V:27




                                              253
Was mein Guru mir gesagt hat, ist in der Tat zutreffend und angemessen.
Gewiss – all dies hier ist nur Bewusstsein und nichts anderes. Nur wenn das
unendliche Bewusstsein das Konzept „Dies ist die Sonne“ unterhält, wird
diese Sonne von der Dunkelheit unterschieden; es ist das Bewusstsein, wel-
ches Licht von der Dunkelheit unterscheidet. Es ist Bewusstsein, das Erde als
Erde, die Richtungen im Raum als Richtungen und die ganze Welt als Welt
wahrnimmt. Wenn das Bewusstsein einen Berg nicht als Berg verstehen
würde, würde dieser dann als Berg existieren?
  Bewusstsein ist all dieses – die Sinne, der Körper, die Wünsche, die im Ge-
müt auftauchen, alles was innen und alles was außen ist, Raum und die ewig
wechselnden Phänomene. Es geschieht in der Tat aufgrund dieses Bewusst-
seins, dass ich in der Lage bin, mit den Objekten in Kontakt zu kommen und
sie zu erfahren – nicht aber aufgrund des Körpers selbst. Auch ohne den
Körper bin ich Bewusstsein, das das Selbst des gesamten Universums ist.
  Da nur Bewusstsein als Eines ohne ein Zweites existiert – wer ist mein
Freund und wer ist mein Feind? Auch wenn der Kopf des Körpers namens
Bali abgehauen würde – würde das unendliche Bewusstsein seinen Kopf
verlieren? Sogar Hass und ähnliche Eigenschaften dieser Art sind nichts als
Modifikationen des Bewusstseins. Daher, es sei noch einmal gesagt, gibt es
weder Hass noch Anhaftung und weder Gemüt noch seine Modifikationen –
da Bewusstsein unendlich und absolut rein ist, wie können Perversionen in
ihm entstehen? „Bewusstsein“ ist nicht sein Name – es ist nichts als ein Wort!
Bewusstsein hat keinen Namen.
  Ich bin das ewige Subjekt, frei von Objekt und Prädikat. Ich verneige mich
vor dem allgegenwärtigen Bewusstsein, das frei von dem verführerischen
Konzept der Objekte ist und daher ewig frei. Ich verneige mich vor mir selbst
als das von der Subjekt-Objekt-Trennung freie Bewusstsein, welches stets in
angemessener Weise ohne Getrenntheit handelt und das Licht ist, welches in
allen Erscheinungen widerspiegelt wird. Ich bin dieses Bewusstsein, in dem
das Verlangen nach Erfahrungen aufgehört hat. Ich bin unbegrenzt wie Raum,
ich bin unberührt von Glück, Unglück und ähnlichem. Alle können mit mir
tun, was sie wollen, denn ich bin von ihnen nicht verschieden. Die Bewegung
der Energie in einer Substanz führt weder zu Verlust noch zu Gewinn. Wenn
das Bewusstsein allein alles ist, dann bewirken Gedanken oder ihre Expansi-
on nicht, dass das Bewusstsein expandiert oder kontrahiert. Ich werde daher
weiterhin aktiv sein, bis ich den Zustand absoluter Stille im Selbst erlangt
habe.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Nachdem er so nachgedacht hatte, sprach Bali das geheiligte Wort OM aus
und verblieb in der Stille, indem er über dessen subtile Bedeutung kontemp-
lierte. Frei von allen Zweifeln, von der Wahrnehmung von Objekten und ohne
eine Trennung zwischen Denker, Gedanke und Denken, Meditation, Meditie-
render und Objekt der Meditation, und ohne Intentionen und Konzepte, ruhte
Bali fest im höchsten Zustand mit einem Gemüt, in dem alle Gedankenregun-


                                    254
gen aufgehört hatten, wie bei einer Lampe an einem windstillen Ort. Auf
diese Weise lebte er eine beträchtliche Zeit.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Alle Dämonen (Gefolgsleute oder Untertanen des Königs Bali) eilten zum
                                                                               V:28, 29
Palast und umgaben den König, der in tiefer Kontemplation saß. Unfähig,
dieses Mysterium zu verstehen, dachten sie an ihren Guru Śukra. Sie erblick-
ten Śukra vor sich. Śukra sah, dass sich Bali in einem überbewussten Zustand
befand. Er sprach zu den Dämonen und strahlte dabei vor Freude: „Dies ist in
der Tat wundervoll, oh ihr Dämonen, dass dieser König Bali vermöge seiner
eigenen entschlossenen Forschung eine solche Vollkommenheit erlangt hat.
Lassen wir ihn in seinem eigenen Selbst ruhen. Die mentale Aktivität, welche
die Wahrnehmung dieser Welt in ihm auftauchen ließ, hat aufgehört zu sein –
versucht daher nicht, ihn anzusprechen. Wenn die finstere Nacht der Unwis-
senheit an ein Ende gelangt, steigt die Sonne der Selbsterkenntnis auf – in
eben diesem Zustand befindet er sich jetzt. Im Verlaufe der Zeit wird er von
selbst aus diesem Zustand zurückkommen, sobald der Same der Weltwahr-
nehmung wieder in ihm zu wachsen beginnt. Widmet euch daher wie bisher
euren Tätigkeiten – er wird in tausend Jahren zum Weltbewusstsein zurück-
kehren.“
  Nachdem sie dies vernommen hatten, kehrten die Dämonen zu ihren Pflich-
ten und Ämtern zurück und fuhren fort, die für das Reich erforderlichen
Tätigkeiten auszuüben. Nach tausend Jahren (in der Zeitrechnung der Götter)
der Kontemplation wurde König Bali durch die Musik der himmlischen We-
sen und Gottheiten erweckt. Ein übernatürliches Licht ging von ihm aus und
erleuchtete die ganze Stadt.
  Noch bevor die Dämonen zu ihm kamen, dachte Bali wie folgt nach:
  Dies war in der Tat ein wunderbarer Zustand, in dem ich für einen kurzen
Moment verweilte. Ich werde für immer in diesem Zustand verbleiben, denn
was habe ich mit den Angelegenheiten der äußeren Welt zu schaffen? In mei-
nem Herzen herrschen nun höchster Friede und Seligkeit.
  (Unterdessen hatten die Dämonen den Ort erreicht, an dem er saß. Nach-
dem er sie betrachtet hatte, fuhr Bali fort zu reflektieren:)
  Ich bin Bewusstsein und in mir existieren keine irrigen Vorstellungen. Was
gibt es für mich zu erlangen oder aufzugeben? Was für ein Scherz – ich suche
nach der Befreiung, aber wer hat mich gebunden, wann und wie? Weshalb
verlange ich dann nach der Befreiung? Es gibt weder Bindung noch Befreiung
– was könnte ich durch meditieren oder nicht-meditieren erreichen? Befreit
von der Täuschung von Meditation oder Nicht-Meditation sollen die Dinge
sein, wie sie sind – für mich bedeutet dies weder Gewinn noch Verlust. Weder
verlangt es mich nach Meditation noch nach Nicht-Meditation, und weder
verlangt es mich nach Freude noch nach Nicht-Freude. Ich wünsche mir we-
der das höchste Sein noch die Welt. Weder bin ich tot noch lebendig – weder
wirklich noch unwirklich. Ich verneige mich vor mir selbst, dem unendlichen


                                   255
Sein! Lass diese Welt mein Königreich sein, und ich bin, was ich bin; lass diese
Welt nicht mein Königreich sein, und ich bin, was ich bin. Was habe ich mit
Meditation zu tun, und was habe ich mit dem Königreich zu tun? Lasst ge-
schehen, was zu geschehen hat. Ich gehöre zu niemandem und niemand ge-
hört zu mir. Es gibt absolut nichts zu tun, was von dem zu tun wäre, der ich
sein soll – weshalb sollte ich dann nicht einfach tun, was natürlich ist?
   Nach diesen Überlegungen ließ König Bali seinen strahlenden Blick über
die Versammlung der Dämonen wandern, so wie die Sonne den Lotos be-
strahlt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Anschließend regierte König Bali das Königreich, wobei er alles spontan
und ohne Vorsätzlichkeit ausführte, was zu tun war. Er verehrte die
Brāhmanen, die Götter und die Heiligen. Er trat seinen Verwandten mit Ver-
ehrung entgegen. Er belohnte seine Dienerschaft reichlich und war in der
Wohltätigkeit freigebiger, als man normalerweise erwartete. Er war acht-
ungsvoll und anständig gegenüber den Frauen.
  In seinem Herzen entstand der Wunsch nach der Ausübung eines heiligen
Ritus. Rasch versammelte er die Männer und Gegenstände, die dafür benötigt
wurden. Während der Ausübung der Riten geschah es, dass Lord Vi«ïu, der
Bali die Herrschaft über die drei Welten entwenden und an Indra übergeben
wollte, die Gestalt eines Zwerges annahm und Bali betrog. Er veranlasste ihn,
die Regierungsgewalt über die Welt Vi«ïu als wohltätige Gabe zu übertragen.
  Oh Rāma, dieser Bali wird der nächste Indra sein. Deshalb bewohnt er jetzt
die Unterwelt (in die er von Lord Vi«ïu selbst gesandt worden ist) als befrei-
ter und erleuchteter Weiser, die Zeit erwartend, in der er den Himmel regie-
ren wird. Ob er von Glück oder Unglück heimgesucht wird – stets bleibt er
vollkommen unbetroffen. Sein Bewusstsein erfährt weder Jubel noch Nieder-
geschlagenheit in Glück oder Unglück. Die drei Welten hat er Milliarden von
Jahren regiert – nun ist sein Herz im Frieden. Ein weiteres Mal wird er als
Indra für sehr lange Zeit die drei Welten regieren.
  Jedoch ist er weder erregt über die Aussicht, Indra zu werden, noch war er
betrübt, als er seine Position verlor und in die Unterwelt geschleudert wurde.
Er heißt willkommen, was immer ihm ungesucht begegnet und ist im Frieden
mit sich selbst.
  Nun habe ich dir also die Geschichte von König Bali erzählt, oh Rāma. Er-
lange dieselbe Sichtweise, die er hatte, und erfreue dich des höchsten Glü-
ckes. Gib das Verlangen nach den substanzlosen und nutzlosen Sinnesver-
gnügen in dieser Welt auf. Die anziehenden Objekte, die dich verführen und
deine Aufmerksamkeit fesseln, verdienen deine Bewunderung nicht mehr als
Steinfiguren in der Ferne. Verankere dein Gemüt, welches von einem Ding
zum nächsten flitzt, fest in deinem Herzen.
  Du bist das Licht des Bewusstseins, oh Rāma; in dir selbst sind diese Welten
verwurzelt. Wer ist dein Freund, wer sind andere? Du bist das Unendliche. In


                                     256
dir sind alle Welten wie die Perlen eines Rosenkranzes aufgereiht. Das Wesen,
           welches du selbst bist, wurde weder geboren noch wird es sterben. Das
           Selbst ist wirklich, Geburt und Tod sind reine Einbildung. Erforsche die Natur
           aller dieser Krankheiten, die das Leben heimsuchen, und lebe ohne Verlan-
           gen. Du bist das Licht und der Herr, Rāma, und diese Welt erscheint in diesem
           Licht. Sie hat keinerlei reale und unabhängige Existenz.
             Zuvor hast du wiederholt die falschen Vorstellungen von Erwünschtem und
           Unerwünschtem gehabt – gib diese beiden ebenfalls auf. Dann wirst du dich
           des Gleichmuts erfreuen; das Rad der Geburt wird zum Stillstand kommen. In
           was auch immer das Gemüt versinken will – hole es von dort heraus und
           lenke es in Richtung der Wahrheit. Auf diese Weise wird der wilde Elefant des
           Gemüts gezähmt. Lass dich nicht von den langatmigen, leeren Aussagen der
           schlechten selbsternannten Lehrer verwirren, die über keinerlei direkte
           Erfahrung verfügen. Durch Lauschen auf meine Darlegungen wirst du be-
           stimmt die Erleuchtung erlangen.

                                               ***


           Die Geschichte von Prahlāda

            VASIåèHA fuhr fort:
V:30, 31     Oh Rāma, ich werde dir nun eine andere Geschichte erzählen, die den Pfad
           zur Erleuchtung illustriert, der frei von Hindernissen ist.
             In den Unterwelten gab es einmal einen mächtigen Dämonenkönig namens
           Hiraïyakaśipu. Er hatte die Herrschaft über die drei Welten Indra (Hari?)
           abgerungen. Er regierte diese drei Welten. Er hatte viele Söhne. Unter ihnen
           befand sich der berühmte Prahlāda, der wie ein Diamant unter Juwelenfun-
           kelte.
             Der Dämonenkönig, der sich so der Souveränität über die drei Welten, der
           Segnung einer mächtigen Armee und wohlgeratener Kinder erfreute, wurde
           stolz und anmaßend. Seine gewalttätigen Methoden und seine Schreckens-
           herrschaft beunruhigten die Götter, die den Schöpfer Brahmā anflehten, sie
           aus ihrer gefährlichen Lage zu befreien. In Erwiderung ihrer Gebete nahm
           Lord Hari die Gestalt von Narasimha an und vernichtete den Dämonenkönig.
           Narasimhas Körper war riesig und machtvoll. Er hatte scharfe und schreckli-
           che Zähne und Nägel. Seine Ohrringe waren wie Feuerringe. Sein Bauch war
           wie ein Berg. Er besaß machtvolle Arme, mit denen er die gesamte Schöpfung
           ins Wanken bringen konnte. Sein Atem ließ die Berge erbeben. Die Haare
           seines Körpers waren wie Feuerzungen. Seine Glieder wirkten wie furchtbare
           Geschosse. Unfähig, dem glühenden Blick Narasimhas zu widerstehen, flohen
           die Dämonen in alle Richtungen. Die innersten Gemächer des Palastes brann-
           ten zu Asche nieder.


                                               257
Prahlāda, dessen Leben geschont wurde, führte die Begräbnisriten für seine
gefallenen Verwandten aus. Er kümmerte sich um die Verwundeten. Fas-
sungslos über das Ausmaß der Zerstörung standen er und andere, die am
Leben geblieben waren, unbeweglich da.
  PRAHLùDA grübelte: Wer ist jetzt noch da, um uns zu helfen? Hari hat die
eigentlichen Wurzeln der Dämonenfamilien vernichtet. Oh weh – unser Feind
hat mit Leichtigkeit den Gipfel des militärischen Sieges erklommen. Die Göt-
ter, die sich demütig zu Füßen meines Vatersverneigten, haben nun unser
Reich besetzt. Meine eigenen Verwandten sind glanzlos, müßig, ohne Begeis-
terung, notleidend und elend. Die Dämonen, die einst stark und mächtig
waren, sind nun schwach und schüchtern wie einst die Götter – das Schicksal
ist in der Tat mysteriös. Ein zaghaftes Reh, das in ein unbekanntes Dorf gerät,
erschreckt schon beim Geräusch eines fallenden Blattes. Auf die gleiche Weise
geraten die Dämoninnen, die die Stärke des Gegners gesehen haben, vor
allem und jedem in Panik.
  Die Götter haben den wunscherfüllenden Baum zurückgenommen. So wie
zuvor die Dämonen erfreut waren, die Angesichter der Göttinnen zu erbli-
cken, so erfreuen sich jetzt die Götter am Anblick der Dämoninnen. Die Halb-
Göttinnen und andere, die das Leben in den inneren Gemächern der Dämo-
nen genossen, sind geflohen und in die Wälder des Berges Meru entschwun-
den, wo sie wie Vögel des Waldes leben. Meine eigenen Mütter (die Königin-
nen) sind zu leibhaftigen Abbildern des Kummers geworden. Oh weh – der
Fächer meines Vaters dient nun Indra. Durch die Gnade Haris wurden wir
unvergleichlichem und unsäglichem Leiden unterworfen. Schon der bloße
Gedanke daran macht uns elend und verzweifelt.
  PRAHLùDA fuhr fort zu grübeln:
  So wie die schneebedeckten Gipfel der Himālayas niemals der sengenden
Hitze der Sonne ausgesetzt sind, so sind die Götter, die im Schutze von Vi«ïu
leben, niemals der Unterdrückung ausgesetzt. So wie ein kleiner auf einem
Ast sitzender Affe einen großen Hund, der unter dem Baum steht, irritieren
kann, so plagen die Götter dank ihrer Sicherheit im Schutze Vi«ïus die Dä-
monen.
  Es ist Vi«ïu, der das ganze Universum schützt und aufrechterhält. Auch
wenn Vi«ïu den Gebrauch von Waffen aufgeben würde, wäre niemand fähig,
ihm zu widerstehen (Narahimsa benutzte keine konventionellen Waffen). Er
allein ist die Zuflucht aller Wesen in dieser Welt, und daher sollte man unter
allen Umständen das Heil in ihm suchen – eine andere Möglichkeit gibt es
nicht. Keiner ist ihm überlegen, er allein ist die Ursache der Schöpfung, der
Erhaltung und Auflösung des Universums. Von jetzt an werde ich mich Vi«ïu
ergeben und so leben, als ob seine Gegenwart mich erfüllt. Das ihm gewidme-
te Mantra „Namo Nārāyaïāya“ kann dem Ergebenen jeden Segen bringen –
mag es mein Herz niemals verlassen.




                                     258
Wer jedoch selbst nicht Vi«ïu ist, kann auch keinen Nutzen aus der Vereh-
rung Vi«ïus ziehen. Man muss Vi«ïu verehren, indem man selbst Vi«ïu ist.
Daher bin ich Vi«ïu! Der als Prahlāda bekannt war, wird hinfort niemand
anderes als Vi«ïu sein - Dualität gibt es nicht mehr. Nun trägt mich Vi«ïus
Reittier Garu¬a. Seine Insignien zieren meine Glieder. Lak«mi, seine Gefähr-
tin, steht an meiner Seite. Alle göttliche Pracht Vi«ïus ist damit mein gewor-
den.
   Das Muschelhorn, der Diskus, der Streitkolben und das Schwert – diese Zei-
chen, die unverwechselbar mit Vi«ïu in Verbindung stehen, sind nun mit mir.
Der Lotos, aus dem der Schöpfer Brahmā geboren wird, entspringt meinem
Nabel. Das gesamte Universum, welches wiederholt erscheint und ver-
schwindet, befindet sich in meinem Bauch.
   Meine Farbe ist nun die Farbe Vi«ïus – die Bläue. Gekleidet bin ich in das
gelbe Gewand Vi«ïus. Ich bin Vi«ïu. Wer kann noch mein Feind sein, und wer
kann mich noch herausfordern? Da ich Vi«ïu bin, hat derjenige, der mir feind-
lich entgegentritt, zweifellos das Ende seiner Lebenszeit erreicht. All diese
Dämonen, die mir gegenüberstehen, finden es schwierig oder unmöglich, den
von mir ausgehenden Glanz auszuhalten. Und die Götter singen wahrhaftig zu
meinem Ruhm, da ich nun Vi«ïu bin.
  Ich habe allen Sinn der Dualität transzendiert und bin selbst zu Vi«ïu ge-
worden. In dessen Bauch auf immer die drei Welten existieren, der alle bösen
Mächte des Universums überwindet und die Sorgen und Kümmernisse aller
zerstreut – ich bin er, und vor ihm verneige ich mich..
  VASIåèHA fuhr fort:
  Indem er sich auf diese Weise selbst in das Abbild Vi«ïus versetzt hatte,        V:32, 33
dachte Prahlāda an die Verehrung Vi«ïus. Er dachte: „Hier steht ein weiterer
Vi«ïu, der ebenfalls auf seinem Reittier Garu¬a sitzt, der mit allen göttlichen
Eigenschaften und Kräften ausgestattet ist und alle die Insignien trägt, die die
Stellung Vi«ïus anzeigen. Ich werde ihn nun entsprechend der Tradition, auf
die sich diese Verehrung bezieht, verehren, jedoch rein mental.“
  Nachdem er zu diesem Entschluss gekommen war, verehrte Prahlāda Vi«ïu
mental mit all den Gegenständen, die von der Tradition und den Schriften
angeordnet werden. Danach verehrte er Vi«ïu mit äußeren Riten und Ge-
bräuchen. Nach Beendigung seiner Verehrung frohlockte Prahlāda.
  Von diesem Zeitpunkt an verehrte Prahlāda Vi«ïu täglich auf diese Weise.
Alle Dämonen des Königreiches, die ihn beobachteten und seinem Beispiel
folgten, wurden ebenfalls zu standhaften Anhängern Vi«ïus. Wie ein wildes
Feuer verbreitete sich im Himmel die Nachricht, dass die Dämonen, die vor
kurzem noch Feinde von Vi«ïu waren, nun zu seinen Verehrern geworden
waren! Die Götter des Himmels waren verblüfft – wie konnten die Dämonen
zu Verehrern werden? Rasch gingen sie zu Vi«ïu und befragten ihn.
 DIE GÖTTER sprachen:


                                     259
Höchster Herr, was ist dieses Mysterium? Die Dämonen sind traditioneller-
weise deine Feinde. Dass sie sich nun in deine Anhänger verwandelt haben,
kann nichts als unrealistisch und ein Trick sein. Wohin ist die teuflische Natur
der Dämonen gegangen, und woher sollte ihre Ergebenheit für dich kommen,
die nur in der letzten Verkörperung eines jīva entstehen kann? Gute und
göttliche Qualitäten passen in keiner Weise zu diesen Dämonen – es klingt so
unglaubwürdig. Gewiss befinden sich die Qualitäten eines Wesens stets in
Übereinstimmung mit der fundamentalen Natur dieses Wesens. Zu hören,
dass diese Dämonen über Nacht zu deinen Verehrern geworden sind, ist
geradezu schmerzlich. Wenn man sagen würde, dass sie nach und nach höhe-
re Zustände des Seins erreicht hätten, edle Eigenschaften kultiviert und so
schließlich zu deinen Anhängern geworden sind, dann würden wir dies sehr
wohl zu verstehen wissen. Aber es erscheint unglaubwürdig, dass jemand mit
einer verruchten Veranlagung urplötzlich dein Ergebener geworden sein soll.
  DER HÖCHSTE HERR erwiderte:
  Oh ihr Götter, plagt euch nicht mit Zweifeln und Hoffnungslosigkeit.
Prahlāda wurde zu meinem Ergebenen. Gewiss ist dies seine letzte Geburt,
und er verdient es, jetzt die Befreiung zu erlangen. Die Keime seiner Unwis-
senheit sind verbrannt – er wird nicht wiedergeboren werden. Es ist sinnlos
und schmerzlich zu hören, dass ein guter Mensch zu einem böse Gesinnten
geworden ist. Es ist jedoch recht und gut zu vernehmen, dass einer, der zuvor
ohne gute Qualitäten war, nun gut geworden ist. Prahlādas Wandel ist zu
eurem Guten. (alternative Deutung: Es ist unrichtig zu sagen, dass einer, der
begrenzt und konditioniert war, nun unkonditioniert geworden ist, aber es ist
wahr zu sagen, dass das unkonditionierte Wesen ohne Qualitäten als konditi-
oniert erscheint.)
  VASIåèHA fuhr fort:
  Nachdem Vi«ïu dies den Göttern versichert hatte, verschwand er. Die Göt-
ter kehrten daraufhin zu ihren Wohnstätten zurück. Gegenüber Prahlāda
wurden sie freundlich gesinnt.
  Täglich verehrte Prahlāda nun Lord Vi«ïu durch Gedanken, Worte und Ta-
ten. Als unverzügliche Frucht dieser Verehrung wuchsen alle edlen Eigen-
schaften wie Weisheit und Leidenschaftslosigkeit in ihm. Er suchte nicht
mehr das Vergnügen, und auch sein Gemüt hegte keinen Wunsch nach Ver-
gnügen. Nachdem er alles Verlangen nach Vergnügen aufgegeben hatte, bau-
melte sein Gemüt haltlos in der Luft. Lord Vi«ïu erschien nun, um den Zu-
stand Prahlādas in Augenschein zu nehmen. Er bereiste die Unterwelt bis zu
dem Ort, an dem Prahlāda seine Verehrung ausführte. Als dieser ihn sah, war
er überwältigt vor Freude und betete Vi«ïu wiederum an.
 PRAHLùDA betete:
  Ich nehme Zuflucht in den Höchsten Herrn, in welchem die drei Welten voll
Freude sind, der das höchste Licht ist, welches die Finsternis von Unwissen-
heit und Unreinheit vernichtet, der die Zuflucht der hilflos Notleidenden ist,


                                     260
der der Höchste Herr ist, dessen Zuflucht allein gesucht werden soll, die un-
       geborene, die sicherste Sicherheit. Du bist strahlend wie der blaue Lotos oder
       das blaue Juwel, dein Körper ist blau wie der Zenit des klaren Winterhim-
       mels, und du hältst in deinen Händen die göttlichen Insignien – zu dir nehme
       ich Zuflucht. Ich nehme Zuflucht zu ihm, dessen Stimme die Wahrheit ist (die
       heiligen Schriften), dessen Nabel-Lotos der Sitz von Brahmā dem Schöpfer ist,
       und der in den Herzen aller Lebewesen wohnt. Ich nehme Zuflucht zu ihm,
       dessen Nägel wie die Sterne des Firmaments funkeln, dessen liebevoll lä-
       chelndes Antlitz der Mond ist, in dessen Herzen ein Juwel ist, dessen Strahlen
       unaufhörlich fließen wie der heilige Fluss GaÇgā, und der in den reinen
       herbstlichen Himmel gekleidet ist. Ich nehme Zuflucht zu ihm, in dem dieses
       ausgedehnte Universum ruht, ohne jemals weniger zu werden; der auf immer
       ungeboren und wandellos ist; dessen Körper aus segenbringenden Eigen-
       schaften zusammengesetzt ist, und der auf dem Blatt eines Banyan-Baumes
       ruht. Ich nehme Zuflucht zu ihm, der die Göttin Lak«mi an seiner Seite hat,
       deren Schönheit wie die Schönheit der untergehenden Sonne ist. Ich nehme
       Zuflucht zum Höchsten Herrn, welcher wie die Sonne über dem Lotos der
       drei Welten scheint, der wie die Lampe auf die Finsternis der Unwissenheit
       wirkt, dessen Natur das unendliche Bewusstsein ist und der die Leiden und
       Verwirrung aller Wesen des Universums vernichtet.
         DER HÖCHSTE HERR sprach:
V:34
         Oh Prahlāda, du bist ein Ozean der guten Eigenschaften und in der Tat das
       Juwel unter den Dämonen. Bitte mich daher um einen Segen, der das Leiden
       der Wiedergeburt beenden wird.
         PRAHLùDA sprach:
         Höchster Herr, du bist das Innewohnende aller Wesen und gewährst die Er-
       füllung all unserer Wünsche. Bitte gewähre mich den Gunstbeweis, den du als
       unbegrenzt und unendlich ansiehst.
         DER HÖCHSTE HERR sprach:
         Prahlāda, du sollst mit dem Geist der Erforschung ausgestattet sein, bis du
       im unendlichen Brahman ruhst, damit alle deine Illusionen an ein Ende ge-
       langen und du die höchste Frucht (Segnung) erhältst.
         VASIåèHA fuhr fort:
         Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Höchste Herr. Prahlāda
       beendete seine Verehrung und, nachdem er Hymnen zum Lobpreis des Herrn
       gesungen hatte, begann er auf die folgende Weise nachzudenken.
         PRAHLùDA überlegte:
         Der Herr hat befohlen: „Sei unaufhörlich mit der Erforschung beschäftigt“.
       Daher werde ich mich mit der Erforschung des Selbst befassen. Was bin ich,
       der da spricht, geht, steht und auf dieser Bühne, die man die Welt nennt, tätig
       ist – dies sollte ich als erstes herausfinden.




                                            261
Gewiss bin ich nicht diese Welt, die äußerlich und leblos ist und aus Bäu-
men, Sträuchern und Bergen besteht. Auch der Körper bin ich nicht, der auf-
grund des Lebensatems geboren wurde und nur einen sehr kurzen Moment
lang lebt. Ich bin nicht Klang (das Wort oder der Name oder der Ausdruck),
der von der leblosen Substanz namens Ohr wahrgenommen wird, und der
nur wie die augenblickliche Bewegung der Luft und leer von Form und Exis-
tenz ist. Ich bin nicht der Sinn oder die Erfahrung der Berührung, die eben-
falls nur flüchtig ist und nur aufgrund der Gegenwart des unendlichen Be-
wusstseins sein kann. Auch bin ich nicht der Geschmackssinn, der auf der sich
stets wandelnden und ruhelosen Zunge beruht, die nur ihren Objekten hinge-
geben ist. Ich bin nicht der Sehsinn (oder das Sehobjekt), der ebenfalls nur
momentan und nichts als ein verzerrtes Verständnis des Sehers ist. Auch bin
ich nicht der Geruchssinn, der nur eine von der Nase erschaffene Einbildung
und von unbestimmter Form ist.
  Ich bin ohne alle diese imaginären Qualitäten. Ich habe überhaupt nichts
mit den Funktionen dieser Sinne zu tun. Ich bin reines Bewusstsein. Ich bin
Friede jenseits von allem Denken.
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
  Ich bin die alles durchdringende Realität, die frei von Objektivität und da-
her frei von Konzepten und Wahrnehmbarem ist. Ich bin reines Bewusstsein.
Es geschieht durch dieses Bewusstsein, dass alle Dinge, vom kleinen Topf bis
zur mächtigen Sonne, wahrgenommen werden. Nun endlich erinnere ich
mich an die Wahrheit, dass ich das Selbst bin, welches allgegenwärtig ist und
in dem keinerlei Konzeptualität ist. Es geschieht durch dieses Selbst, dass alle
Sinne und deren Erfahrungen möglich werden, weil es das innere Licht ist. Es
geschieht aufgrund dieses inneren Lichtes, dass diese Objekte ihre scheinbare
Wirklichkeit erhalten.
  Dank diesem inneren Licht des Bewusstseins, welches gänzlich frei von al-
len Modifikationen ist, ist die Sonne heiß, der Mond kühl, der Berg schwer
und das Wasser flüssig. Es ist die Ursache aller Wirkungen, die sich als diese
Schöpfung manifestieren, aber es selbst ist unverursacht. Es geschieht auf-
grund des inneren Lichtes dieses Bewusstseins, dass die charakteristische
Natur der verschiedenen Objekte erscheint. Da es selbst formlos und die
Ursache aller Wirkungen ist, ist dieses Universum darin mit all seiner Vielfalt
erschienen. Es allein ist die Manifestation der Dreiheit (Brahmā der Schöpfer,
Vi«ïu der Erhalter und Śiva der Auflöser), hat aber selbst keine Ursache.
  Ich verneige mich vor diesem Selbst, welches sein eigenes Licht ist, frei von
der Dualität von Kenner und Gekanntem, Subjekt und Objekt. In ihm existie-
ren alle Dinge des Universums, und in es treten sie ein. Woran dieses innere
Selbst denkt, dies geschieht – scheinbar als eine äußere Realität. Sobald die-
ses Bewusstsein an Dinge denkt, treten dieselben ins Sein; sie gelangen an ihr
Ende, wenn sie als nicht-existierend gedacht werden. Sie scheinen zu wach-
sen und dann kleiner zu werden, wie ein Schatten im Licht der Sonne zu
wachsen und zu schwinden scheint.


                                     262
Dieses Selbst oder innere Licht des Bewusstseins ist unbekannt und unge-
sehen – nur von denjenigen wird es erlangt, die ihre Herzen gereinigt haben.
Von den Heiligen jedoch wird es im höchst reinen kosmischen Raum (Dimen-
sion) des Bewusstseins wahrgenommen.
  Dieses Selbst existiert in einem ungeteilten Zustand in den drei Welten –
von Brahmā dem Schöpfer bis zum Grashalm – als das unendliche und selbst-
strahlende Bewusstsein. Es ist eines, ohne Anfang und Ende, es existiert als
dies alles, als die innere Erfahrung aller beweglichen und unbeweglichen
Lebewesen.
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
  Das eine Selbst, das alleinige Erfahren, ist daher der Erfahrende in allen;
daher spricht man davon, dass das Selbst tausend Hände und tausend Augen
habe. Mit diesem herrlichen Körper der Sonne wandert dieses Selbst, das
„Ich“, im Raum, wie auch in dem Körper aus Luft. Ein und dasselbe Selbst,
verkörpert in der Gottheit, die das Muschelhorn, den Diskus, den Lotos und
den Streitkolben hält, wird in dieser Welt verehrt. Es ist dieses Selbst oder
„Ich“, welches als das eine geboren wurde und auf immer im Lotos wohnt (der
Schöpfer Brahmā). Es ist wiederum das Selbst, welches diese Schöpfung
auflöst oder am Ende des Weltzyklus aus der Manifestation zurückzieht.
  Das Selbst, als „Ich“ bezeichnet, welches in Indra verkörpert ist, schützt die
Welt. Ich bin eine Frau, Ich bin ein Mann, Ich bin ein Jugendlicher, Ich bin ein
seniler alter Mann, und aufgrund der Verkörperung bin Ich hier scheinbar
geboren worden. Ich bin das Allgegenwärtige. Vom Grunde des unendlichen
Bewusstseins aus lasse ich Bäume und Pflanzen wachsen, indem ich in ihnen
als ihre Essenz lebe. Wie Lehm in der Hand eines spielenden Kindes ist diese
Welterscheinung zu meiner eigenen Freude von mir durchdrungen. Die Welt
erhält ihr Dasein vom Selbst (mir), es ist in ihm und durch mich tätig, und
wenn ich sie aufgebe oder aufhöre, sie wahrzunehmen, hört auch ihr Dasein
auf. Denn diese Welt existiert in mir, dem Selbst oder unendlichen Bewusst-
sein, wie eine Spiegelung in einem Spiegel zu existieren scheint.
  Ich bin der Duft der Blüten, Ich bin der Glanz der Blumen und Blätter, ich
bin das Licht im Strahlen, und sogar in diesem Licht bin ich selbst die Erfah-
rung. Welche beweglichen und unbeweglichen Wesen auch immer in diesem
Universum existieren mögen – ich bin deren höchste Wahrheit oder Bewusst-
sein, frei von Konzeptualisierung. Ich bin die eigentliche Essenz aller Dinge in
diesem Universum. So wie Butter in der Milch existiert und Flüssigkeit im
Wasser, so existiere ich als die Energie des Bewusstseins in allem, was exis-
tiert. Diese Welterscheinung der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zu-
kunft existiert im unendlichen Bewusstsein ohne eine Unterscheidung der
Objektivität. Dieses allgegenwärtige, allmächtige kosmische Sein ist das
Selbst, welches mit „Ich“ bezeichnet wird. Dieses kosmische Königreich, be-
kannt als das Universum, ist ungesucht auf mich gekommen und wird von mir
durchdrungen. Als das Selbst oder das unendliche Bewusstsein durchdringe
ich dieses ganze Universum, so wie der eine kosmische Ozean den Kosmos


                                     263
erfüllt, wenn die kosmische Schöpfung aufgelöst wird. So wie ein lahmes
(gebrechliches) Meereswesen einen unbegrenzten kosmischen Ozean vorfin-
det, so finde ich kein Ende der Ausdehnung meines Selbst, das unendlich ist.
Diese Welterscheinung ist wie ein Staubpartikel im unendlichen Bewusstsein
–sie befriedigt mich nicht, so wie eine winzige Frucht nicht den Hunger eines
Elefanten stillen kann. Daher wächst diese Gestalt, die im Hause des Schöp-
fers Brahmā zu entstehen begann, sogar noch jetzt weiter.
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
   Wahrhaftig, nur dieses unendliche Bewusstsein existierte – wie ist in ihm
der begrenzte, endliche Ich-Sinn entstanden, ohne jede Rechtfertigung und
Grundlage? Was hat diese Täuschung entstehen lassen, welche sich selbst in
Aussagen wie „Dies bist du“, „Dies bin Ich“ zum Ausdruck bringt? Was ist
dieser Körper, und was ist die Körperlosigkeit, wer lebt und wer ist es, der
stirbt? Ganz sicher haben meine Vorfahren nur wenig Verständnis gehabt,
dass sie dieses unendliche Bewusstsein aufgaben und auf dieser kleinen Erde
umherwanderten. Welchen Vergleich kann es zwischen der Vision des Unend-
lichen und dieser furchterregenden Eitelkeit geben, die man den weltlichen
Ruhm nennt, angefüllt mit schrecklichen Wünschen und Verlangen? Diese
Vision des unendlichen Bewusstseins ist rein und von der Natur des höchsten
Friedens – gewiss gehört sie zu den bestmöglichen in diesem Universum.
   Ich verneige mich vor meinem eigenen Selbst, welches in allen Wesen
wohnt, welches das Bewusstsein frei von Objektivität oder Konzeptualität ist,
und welches die Intelligenz aller Wesen ist. Ich bin das Nie-Geborene, in dem
die Welterscheinung verschwunden ist. Ich habe erlangt, was als einziges zu
erlangen wert ist. Ich habe triumphiert, und ich lebe nun im Triumph. Ich
empfinde keinerlei Freude, über ein Königreich zu regieren, und dafür die
höchste Seligkeit des kosmischen Bewusstseins aufzugeben. Schande über
diese bösen Dämonen, die im Schmutz dieses weltlichen Lebens schwelgen!
   Oh weh – wie dumm und unwissend doch mein Vater war, der sich mit die-
ser physischen Existenz zufrieden gab und sich an ihr erfreute! Was hat er
denn dadurch erreicht, dass er ein langes Leben lebte und über diesen klei-
nen Klumpen namens Erde regierte? Das Entzücken endloser solcher Welten
ist nichts verglichen mit der Seligkeit des Selbst. Wer nichts als diese Selbst-
erkenntnis besitzt, besitzt alles. Wer dagegen dies missachtet und nach ande-
ren Dingen sucht, ist kein Mann der Weisheit. Welchen Vergleich kann es
geben zwischen dieser sterblichen, physischen Existenz (die wie eine öde
Wüste ist) und der Seligkeit der Erleuchtung (die wie ein wunderschöner
Lustgarten ist)? Die Souveränität der Welt wie auch aller Dinge in den drei
Welten liegt einzig und allein im Bewusstsein – weshalb erleben die Men-
schen diese Wahrheit nicht, nämlich, dass es außerhalb dieses Bewusstseins
nichts gibt?
   Alles wird überall und zu jeder Zeit mit Leichtigkeit durch das Bewusstsein
erlangt, welches allgegenwärtig und ohne Unterscheidungen ist. Das Licht,
welches in der Sonne und im Mond scheint, die Energie, die die Götter belebt,


                                     264
die immanenten Eigenschaften von Gemüt und Elementen, die Qualitäten und
Ordnungen, die in der Natur existieren (wie die Luft, die die Fortbewegung
von Luftfahrzeugen ermöglicht) und die unendliche Vielfalt der Manifestatio-
nen von Energie und Intelligenz sind allesamt nichts als Erweiterungen und
Funktionen des einen kosmischen Bewusstseins, welches in sich selbst unge-
teilt und unmodifiziert ist. So wie die Sonne alle Wesen ohne Unterschied
bescheint, so erleuchtet dieses kosmische Bewusstsein alle Dinge ohne Un-
terschied, augenblicklich und spontan als das eigentliche Selbst aller Dinge
im Universum.
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
  Das unendliche Bewusstsein durchdringt gleichzeitig die drei Perioden der
Zeit und erfährt die unendlichen Welten. Es umschliesst alles, es sieht alles,
und weil es ungetrübt und unmodifiziert ist, verbleibt nur es für alle Zeit.
Dieses Bewusstsein erfährt gleichzeitig das, was süß und bitter ist, es ist still
und im Frieden. Da dieses Bewusstsein in sich selbst frei von allen Modifika-
tionen (Konzepten und Vorstellungen) und subtil ist und alle Dinge zur sel-
ben Zeit erfährt, ist es immer im Frieden und homogen, auch während es
scheinbar die Vielfalt der unterschiedlichen Phänomene erfährt.
  Wenn das anscheinend Verwandelte dieses Sein sucht und in ihm ruht, wel-
ches selbst keiner Modifikation unterzogen wurde, dann wird das erstere von
Sorge befreit. Und wenn das, was ist, gesehen wird von dem, was nicht ist
(oder von einem Gemüt, das frei von allen Gedankenbewegungen ist), dann
gibt das, was ist, seine Bosheit auf.
  Wenn das Bewusstsein die Wahrnehmung der drei Modi der Zeit aufgibt,
wenn es frei von der Bindung an Objektivität oder Konzeptualisierung ist,
ruht es in absoluter Stille. Es ist dann so, als wäre es unwirklich, da es enseits
jeder Beschreibung ist, weshalb manche Leute auch erklären, dass das Selbst
nicht existiere. Ob da nun das Selbst (Brahman) existiert oder nicht – das, was
nicht der Auflösung unterworfen ist, ist die höchste Befreiung.
  Aufgrund der Modifikation ( Denken) wird dieses Bewusstsein scheinbar
verschleiert und nicht erkannt. Diejenigen, die im Schlamm von Anziehung
und Abstoßung stecken, sind unfähig zur Erlangung des Verstehens. Sie sind
im Netz der Gedanken gefangen. Solcherart waren meine Vorfahren. Aufgrund
ihrer Vorlieben und ihres Hasses sowie der getäuschten Wahrnehmung von
Dualität führten sie das Leben von Ungeziefer.
  Derjenige, in dem die Gespenster des Verlangens und der Feindseligkeit
verschwunden sind und die Fata Morgana von irrigem Denken und psycholo-
gischer Perversion durch das Licht des wahren, inneren Erwachens beseitigt
worden ist, der allein lebt. Denn wie können Konzepte und Wahrnehmungen
im unendlichen Bewusstsein auftauchen, welches allein ist?
  Ich verneige mich vor dem Selbst! Ich verneige mich vor mir selbst – dem
ungeteilten Bewusstsein, dem Juwel aller sichtbaren und unsichtbaren Wel-
ten! Du wurdest in der Tat sehr bald erlangt! Du wurdest berührt, du wurdest


                                      265
erreicht, du wurdest realisiert, du wurdest über alle Arten von Perversion
       erhoben – du bist, was du bist. Ich verneige mich vor dir. Ich verneige mich
       vor dir – oh mein Selbst, Śiva, Gott der Götter, das Höchste Selbst.
         Ich verneige mich vor dem Selbst, welches sich seines eigenen Körpers er-
       freut, welches verankert in sich selbst ist, in voller Kontrolle seiner selbst,
       gänzlich frei vom Schleier der selbstauferlegten Unwissenheit (Gedanken und
       Konzepte).
         PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
         OM ist das nonduale Bewusstsein, frei von aller Verzerrung. Was auch im-
V:35
       mer in diesem Universum ist, ist nur das eine Selbst. Sogar in diesem aus
       Fleisch und Blut bestehenden Körper ist es die Intelligenz, die leuchtet – wie
       dies auch in und durch die Lichtquellen wie die Sonne usw. geschieht. Es
       macht das Feuer heiß und schmeckt die Süßigkeit des Nektars; es erfährt
       sozusagen alle Sinneswahrnehmungen. Stillstehend, ist es nicht unbeweglich;
       gehend, bewegt es sich nicht; ruhend, ist es doch stets tätig; handelnd, ist es
       unberührt davon. In der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ist es
       hier, dort und überall in allen scheinbaren Modifikationen immer gleich.
       Gänzlich furchtlos und ungehindert ist es dieses Bewusstsein, welches die
       Manifestation hervorbringt und die unendliche Vielfalt der Lebewesen von
       Brahmā dem Schöpfer bis zum Grashalm aufrecht erhält. Es ist immer dyna-
       misch und aktiv – und gleichzeitig ist es unbewegter als ein Stein und noch
       weniger berührt von aller Tätigkeit als der unendliche Raum.
         Es ist dieses Selbst oder Bewusstsein, welches das Gemüt erregt wie der
       Wind die Blätter vor sich hertreibt; es lässt die Sinne arbeiten wie der Reiter
       das Pferdlenkt. Obgleich das Selbst der Herr dieses Körpers ist, ist es wie ein
       Sklave mit den verschiedenen Tätigkeiten befasst.
         Dieses Selbst allein sollte gesucht, angebetet und kontempliert werden. Nur
       durch Zuflucht zu ihm geschieht es, dass man diese Welterscheinung mit
       seinen Zyklen von Geburt und Tod und Täuschung überquert. Es kann sehr
       leicht gefunden werden, es kann sehr leicht als ein guter Freund gewonnen
       werden, da es im Herz-Lotos eines jeden wohnt. Erlangt wird es im eigenen
       Körper – es ist nicht einmal nötig, es anzurufen, da es sich von selbst manifes-
       tiert und enthüllt, wenn man nur einen Augenblick lang darüber meditiert.
       Obschon es der Höchste Herr und mit allen Vorzüglichkeiten ausgestattet ist,
       ist derjenige, der es verehrt, frei von Arroganz und Stolz.
         Dieses Selbst bewohnt alle Körper, so wie der Blütenduft in den Blumen
       wohnt. Es wird nicht von jedem erkannt, weil niemand die Wahrheit betref-
       fend das Selbst erforscht. Wenn es durch Selbst-Erforschung realisiert wird,
       dann ist da eine plötzliche Erfahrung der höchsten Seligkeit, und man erfährt
       eine unvergängliche Vision der Wahrheit. Sämtliche Fesseln fallen ab, sämtli-
       che Feinde sind bezwungen, und kein Verlangen beunruhigt das Gemüt. Wenn
       dies gesehen wird, wurde alles gesehen; wenn dies gehört wird, wurde alles
       gehört; wenn dies berührt wird, wurde alles berührt –denn die Welt ist, weil
       dieses ist. Es ist wach, wenn man schläft, es treibt die Unweisen in das Erwa-


                                            266
chen, es entfernt die Verzweiflung des Leidens und schenkt alle gewünschten
Objekte. Es erscheint in dieser Schöpfung als der jīva (lebendige Seele), es
scheint sich der Vergnügen zu erfreuen, und es scheint sich in die Objekte
dieser Welt auszubreiten.
  In allen Körpern existiert es als das Selbst, sich selbst in gänzlicher Stillheit
erfahrend. Es ist die eine und einzige kosmische Realität im gesamten Univer-
sum.
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
  Dieses Selbst ist die Leere im Raum. Es ist die Bewegung in allen bewegten
Dingen. Es ist das Licht in allen leuchtenden Dingen. Es ist in allem Flüssigen
der Geschmack. Es ist die Festigkeit der Erde. Es ist die Hitze im Feuer. Es ist
die Kühle des Mondes. Es ist die eigentliche Existenz der Welten. So wie alle
diese eigentümlichen Charakteristiken in den entsprechenden Substanzen
existieren, so existiert es als der Höchste Herr im Körper. So wie die Existenz
überall existiert, und wie die Zeit zu allen Zeiten existiert, so existiert dieses
Selbst in allen Körpern mit allen ihren physischen und psychologischen Fä-
higkeiten.
  Dieses Selbst ist die ewige Existenz. Es erleuchtet sogar die Götter. Ich, das
Selbst, allein bin – in Mir gibt es weder Begriff noch Konzept. So wie der un-
endliche Raum von in ihm treibenden Staubpartikeln unberührt bleibt und
der Lotos nicht nass wird vom Wasser, so bin Ich durch nichts berührt. Lasst
den Körper von Glück oder Unglück betroffen sein – wie könnte dies das
Selbst betreffen? Wie die Flamme einer Lampe nicht durch die Fäden des
geflochtenen Dochtes gebunden werden kann, so ist das Selbst, welches alle
materiellen Existenzformen übersteigt oder transzendiert, nicht durch diese
Materialität gebunden. Welche Beziehung könnte zwischen uns (dem Selbst)
und dem Verlangen, welches der Vorstellung von Existenz und Nicht-Existenz
und den Sinnen entspringt, bestehen? Wer oder was könnte den Raum bin-
den, und durch wen könnte das Gemüt gebunden werden?
  Sogar wenn der Körper in hundert Stücke geschnitten wird, ist das Selbst
nicht verletzt. Auch wenn der Topf pulverisiert wird, ist der Raum darin nicht
zerstört. Auch wenn dieser Kobold namens Gemüt, der nur als ein Wort und
nicht als Realität existiert, aufhört zu sein – was hätten wir verloren? Früher
gab es dieses Gemüt, welches aus den Vorstellungen von Glück und Unglück
bestand – da nun alle diese Ideen in mir aufgehört haben, wo ist mein Gemüt?
Welcher Tor würde denn Vorstellungen unterhalten wie „Man erfreut sich
eines anderen“, „Man erfasst einen anderen“, „Man sieht den anderen“, „Man
erleidet eine Notlage“? Die Natur allein genießt, das Gemüt erfasst oder ver-
steht, das Leiden gehört zum Körper, die schlechte Person ist ein Narr – aber
in demjenigen, der die Befreiung erlangt hat, gibt es nichts von all diesem. Ich
verlange nicht nach Vergnügen, noch wünsche ich, es loszuwerden. Was
kommt, soll kommen – und was geht, soll gehen. Lass die Vorstellung ver-
schiedenster Erfahrungen im Körper auftauchen oder verschwinden – weder
bin Ich in ihnen noch sind sie in Mir.


                                       267
So lange Zeit war ich versklavt durch diesen schrecklichen Feind namens
Unwissenheit, der mir den Reichtum der Weisheit geraubt hat. Jetzt aber,
durch Vishnu‘s Gnade und durch meine eigene, hervorragende Eigenbemü-
hung habe ich die Weisheit erlangt. Durch den Zauberspruch der Selbster-
kenntnis wurde dieser Kobold namens Ich-Sinn vertrieben. Indem ich das
Elend der Täuschung losgeworden bin, verbleibe ich als der Höchste Herr.
Alles was wert ist, erkannt zu werden, wurde erkannt; alles was wert ist
gesehen zu werden, wurde gesehen – ich habe nun das erlangt, worüber
hinaus nichts weiter zu erlangen ist.
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
  Zu meinem Glück habe ich die tödliche Schlange des Verlangens nach Sin-
nesvergnügen weit hinter mir gelassen, und sämtliche Hoffnungen und Täu-
schungen wurden beruhigt. Ich habe nun die Ebene der höchsten Wahrheit
erreicht. Der Höchste Herr, der das Selbst ist, wurde von mir durch Singen
von Hymnen, Verehrung, Gebete, den Frieden des Gemüts und durch eine
selbstbeherrschte Lebensweise erkannt. Durch die Gnade von Gott Vi«ïu
wurde die Erkenntnis des Höchsten Seins fest in meinem Herzen verankert.
  Bis jetzt wurde ich von aus der Unwissenheit geborenen Begrenztheiten
und Täuschungen gequält. Der Wald der Unwissenheit kennt zahlreiche
Ameisenhügel, die von den tödlichen Schlangen der Sinnesverlangen be-
wohnt werden, und viele tote Gruben, die als Tod bekannt sind, sowie die
vielen Waldbrände der Leiden und der Kümmernisse. In diesen streifen die
Diebe der Gewalttätigkeit und der Gier sowie der tödlichste Feind, der Ich-
Sinn, umher. Davon bin ich nun dank der Gnade von Gott Vi«ïu wie auch
meiner Eigenbemühung frei, und meine Intelligenz wurde vollkommen er-
weckt. Im Licht dieser erweckten Intelligenz vermag ich nichts mehr wahrzu-
nehmen, das als Ich-Sinn bezeichnet werden könnte, so wie man die Finster-
nis nicht mehr wahrnimmt, wenn die Sonne aufgegangen ist. Da nun der
Kobold des Ich-Sinns gegangen ist, verbleibe ich in mir selbst im Frieden.
  Wenn die Wahrheit gesehen und der Ich-Sinn verschwunden ist – wo gibt es
dann noch Raum für Täuschung, Sorgen, Hoffnungen, Wünsche und mentale
Not? Himmel und Hölle wie auch diese Täuschungen betreffend die Befreiung
existieren nur so lange, als der Ich-Sinn existiert – Bilder werden auf die
Leinwand gemalt, nicht auf den Himmel! Sobald die Intelligenz befreit ist von
der Wolke des Ich-Sinnes und dem Gewitter des Verlangens, leuchtet sie mit
dem Licht der Selbsterkenntnis, so hell wie der Himmel in den herbstlichen
Vollmondnächten.
  Oh du Selbst, frei vom Schlamm des Ich-Sinns – ich grüße Dich! Oh Selbst, in
dem die grässlichen Sinne und das allesverschlingende Gemüt die Stillheit
erlangt haben – ich grüße Dich! Oh Selbst, in dem der Lotos der Seligkeit voll
erblüht ist – ich grüße Dich! Oh Selbst, dessen zwei Schwingen Bewusstsein
und seine Widerspiegelung sind, und welches im Lotos des Herzens wohnt –
ich grüße Dich! Oh Selbst, Sonne, die die Finsternis der Unwissenheit des



                                    268
Herzens vertreibt – ich grüße Dich! Oh Selbst, Geber der höchsten Liebe und
       Erhalter aller Dinge im Universum – ich grüße Dich!
         So wie Stahl den glühenden Stahl durchschneidet, so habe ich den Verstand
       mit der Hilfe seines eigenen gereinigten Zustands bezwungen. Ich habe das
       Verlangen, die Unwissenheit und die Torheit durch ihre Gegenteile entzwei
       gehauen. Egolos funktioniert mein Körper nun mit Hilfe der ihm angeborenen
       Kräfte. Die früheren Neigungen, die mentale Konditionierung und die Begren-
       zungen wurden vollständig vernichtet. Ich beginne mich zu wundern, wie ich
       so lange Zeit in der Falle des Ich-Sinns gefangen sein konnte! Frei von Abhän-
       gigkeit, von der Gewohnheit des Denkens, von den Wünschen und dem Ver-
       langen, vom irrigen Glauben an die Existenz des Egos, vom Einfluss der ver-
       gnügungssüchtigen Neigungen und der Unruhe hat mein Gemüt nun den
       Zustand äußerster Stille erlangt. Damit ist alles Sorgen an sein Ende gelangt
       und der Morgen der höchsten Seligkeit hat gedämmert!
         PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
V:36     Zu guter Letzt wurde das Selbst, welches jenseits aller Zustände oder Modi
       des Bewusstseins ist, realisiert. Oh Selbst! Zum Glück wurdest du schließlich
       erkannt – ich verneige mich vor Dir! Ich grüße Dich, ich umarme Dich –nur
       Du allein bist mein Freund und Verwandter in diesen drei Welten! Du allein
       zerstörst, du allein beschützt, du gibst, du preisest und du bewegst – nun, oh
       Selbst, wurdest du gesehen und erlangt. Was wirst du nun tun, und wohin
       willst du gehen? Von deiner Wirklichkeit sind alle Welten durchdrungen – du
       allein wirst überall gesehen, oh Selbst – wohin wirst du nun davonrennen?
         Seit anfangsloser Zeit stand zwischen uns die riesige Mauer der Unwissen-
       heit. Nun, da die Mauer gefallen ist, wirst du, wie sich jetzt herausgestellt hat,
       als etwas gesehen, was nah und ganz und gar nicht fern ist. Grüße an das
       Selbst, welches in vollkommener Weise vollendet hat, was zu vollendenwar;
       der wahre Täter aller Tätigkeiten, der Höchste Herr, das ewige und auf immer
       reine Wesen. Ich verehre Vi«ïu, Śiva und Brahmā den Schöpfer! Oh Selbst, die
       Unterscheidung zwischen dir (dem Selbst) und mir ist rein verbal wie die
       Unterscheidung zwischen dem Wort und der Substanz, auf die es verweist;
       die Unterscheidung ist irreal und eingebildet wie die verbale Unterscheidung
       zwischen der Welle und dem Wasser in der Welle. In Wahrheit breitest du
       allein dich als diese unendliche Vielfalt der geschaffenen Objekte aus, die in
       dieser Welt sind.
         Grüße an den Seher, den Erfahrer! Grüße an das Eine, das erschafft, an das
       Eine, das alle Dinge entfaltet und erweitert! Grüße an Das, welches die innere
       Wirklichkeit von allem ist! Grüße an das Allgegenwärtige! Oh weh – aufgrund
       deiner Identifikation mit der Verkörperung hattest du, oh Selbst, sozusagen
       deine eigene Natur vergessen. Daher wurdest du in zahllosen Geburten end-
       losen Leiden unterworfen und hast äußere Wahrnehmungen ohne Selbster-
       kenntnis erfahren müssen. Diese äußere Welt ist nichts als Erde, Holz und
       Stein. Oh Selbst! – in all diesem bist Du die einzige Realität! Mit dem Erlangen
       der Selbsterkenntnis verlangt man nach nichts anderem mehr.


                                             269
Nun, Höchster Herr, wurdest du gesehen und erlangt. Infolge davon wirst
du nun nicht länger getäuscht sein – Grüße an Dich! Höchster Herr, wie kann
es sein, dass das Selbst, welches doch das Licht der Augen ist und den ganzen
Körper als die innewohnende Intelligenz erfüllt, nicht erkannt oder erfahren
wird? Wie kann es sein, dass diese Intelligenz, die als Berührungssinn alle
Objekte erfährt, selbst nicht erkannt wird? Wie kann diese Intelligenz ver-
schieden von einem selbst sein, die als der Sinn des Hörens, Sehens usw. tätig
ist und die Gänsehaut erzeugt? Wie kann es sein, dass man nicht die Süße
dieser Intelligenz wahrnimmt, die die Süße oder andere Eigenarten der Ob-
jekte wahrnimmt, die man ihr zuführt? Wie kann es sein, dass man nicht
unmittelbar die Gegenwart dieser Intelligenz erfährt, welche sich des Ge-
ruchssinns erfreut? Wie kann es sein, dass das Selbst, dessen Ruhm von den
Schriften besungen wird und welches Weisheit und Erkenntnis selbst ist, sich
selbst vergisst? Oh Selbst – nun, da du erkannt bist, sind die Sinnesvergnügen,
in denen ich geschwelgt habe, nichts mehr wert!
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
  Oh Selbst, es ist Dein eigenes Licht der Reinheit, welches in der Sonne
leuchtet, es ist Deine nektargleiche Kühle, die im Mond strahlt. Die Schwere
der Berge ist von Dir, und Du bist die Eile des Windes. Es ist wegen Dir, dass
die Erde fest und Raum leer ist. Glücklicherweise wurdest Du von mir er-
kannt, glücklicherweise bin ich Dein geworden. Glücklicherweise, oh Höchs-
ter Herr, gibt es keine Trennung zwischen Dir (dem Selbst) und mir – Du bist
ich, ich bin Du. Was auch immer man als „Du“ (das Selbst) oder als „Ich“ be-
zeichnet, was auch immer die Wurzel und was der Ast ist – vor diesem ver-
neige ich mich wieder und wieder. Grüße an mein Selbst, welches unendlich
und egolos ist – Grüße an das formlose Selbst!
  Du (das Selbst) wohnst in mir in einem Zustand von Ausgeglichenheit als
reines Zeugenbewusstsein, ohne Form und ohne Trennung von Raum und
Zeit. Das Gemüt wird erregt, die Sinne beginnen sich zu rühren, und die Ener-
gie beginnt zu strömen, dadurch die Zwillingskräfte von prāïa und apāna (die
beiden Modifikationen der Lebenskraft) in Bewegung setzend. Getrieben von
der Macht der Wünsche trägt der Kutscher (das Gemüt) den aus Fleisch, Blut,
Knochen und Haut erbauten Körper davon. Ich bin jedoch reines Bewusstsein
– weder vom Körper noch von irgendetwas anderem abhängig. Lass diesen
Körper entsprechend den Wünschen, die ihn antreiben, geboren werden oder
sterben.
  Im Verlaufe der Zeit entsteht der Ich-Sinn, und im Verlaufe der Zeit hört er
wieder auf zu sein – so wie sich das Universum am Ende des kosmischen
Zyklus auflöst. Aber nach einem lange andauernden Zyklus dieser Schöpfung
habe ich den Frieden gefunden und ruhe, so wie der Kosmos am Ende seiner
Existenz zur Ruhe kommt. Grüsse an Dich, Mich, alles was transzendental und
alles in allem ist! Und Verneigungen vor allen, die von uns sprechen!
  Das höchste Selbst als Zeugenbewusstsein ist völlig unberührt von allen
Fehlern seiner Erfahrungen. Das Selbst ist alles in allem überall und existiert


                                     270
in allen Dingen, so wie Duft in Blumen und Öl im Sesamsamen existieren. Oh
Selbst, Du zerstörst, Du schützt, Du gibst, Du brüllst und Du bist hier tätig,
obgleich Du völlig frei vom Ich-Sinn bist – dies ist in der Tat ein großes Wun-
der. Das Licht des Selbst seiend, öffne ich sozusagen meine Augen – und das
Universum tritt in Erscheinung. Ich schließe meine Augen, und das Univer-
sum hört auf. Oh Selbst, Du bist das Höchste Atom, in dem dieses gesamte
Universum existiert wie der große Banyan-Baum potentiell im winzigen
Banyan-Samen existiert. So wie die Wolkenformationen am Himmel oft Pfer-
den, Elefanten und anderen Tieren ähneln, so erscheinst Du selbst, oh Selbst,
im kosmischen Raum als die unendliche Vielfalt aller Objekte. Frei vom Sein
und Nicht-Sein existiert das Selbst als das Sein und das Nicht-Sein und auch
als all die verschiedenen Wesen, eines sozusagen vom andern getrennt und
verschieden.
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
  Gib Eitelkeit, Ärger, Unreinheit und Gewalt auf – große Seelen werden von
diesen Übeln nicht überwältigt. Bedenke die vergangenen Leiden wieder und
wieder – sei dann mit einer freudigen Haltung des Gemüts frei von all diesem,
indem du erforschst: „Wer bin ich?“, „Wie konnte all dies geschehen?“ Alles,
was vergangen ist, ist Vergangenheit, und alle Sorgen und Ängste, die dich
verbrannt haben, haben aufgehört zu sein. Heute nun bist du der Herrscher
dieser Stadt, die man den Körper nennt. So wie man den Himmel mit der
Faust nicht ergreifen kann, so ist die Sorge nicht fähig, Hand an dich zu legen.
Du bist jetzt der Meister deiner Sinne und deines Gemüts – du erfreust dich
höchster Wonne.
  Höchster Herr, oh Selbst – für immer bist du sozusagen schlummernd,
scheinbar erwachend durch deine eigene Energie, um dir der stattfindenden
Erfahrungen bewusst zu werden. Es ist eigentlich diese Energie, die mit den
Objekten dieser Erfahrungen in Kontakt kommt. Aber aufgrund des
Gewahrwerdens schreibst du dir diese Erfahrungen selbst zu. Diejenigen, die
durch Disziplinierung der Lebenskräfte die „ Öffnung Brahmās“ in der Krone
des Hauptes erreichen, nehmen in jedem Moment das wahr, was vergangen
ist und was in der Zukunft in der Stadt von Brahmā, dem Schöpfer, sein wird.
  Oh Selbst, Du bist der Duft in der Blume, die man den Körper nennt; Du bist
der Nektar im Mond, den man den Körper nennt; Du bist die Essenz der
Pflanze, die man den Körper nennt; Du bist die Kühle im Eis, das man den
Körper nennt. So wie es Butter in der Milch gibt, so gibt es Freundschaft und
Anziehung in diesem Körper. Du wohnst in diesem Körper wie das Feuer im
Holz wohnt. Du bist das Licht aller leuchtenden Objekte, Du bist das innere
Feuer, welches die Kenntnis der Objekte möglich macht. Du bist die Stärke
des Elefanten, den man das Gemüt nennt. Du bist gleichzeitig das Licht und
die Hitze des Feuers der Selbsterkenntnis.
  Alle Rede endet in dir, oh Selbst! Sie erscheint wieder an anderer Stelle. So
wie verschiedene Schmuckstücke aus Gold geformt werden, so werden die
zahllosen Objekte der Schöpfung aus Dir geformt; die Unterscheidung ist rein


                                     271
verbal. „Dies bist du“, „Dies bin ich“ – solche Ausdrucksweisen werden ver-
wendet, wenn man sich selbst bewundert oder sich selbst zu seiner eigenen
Freude beschreibt. So wie ein riesiger Waldbrand in einem Moment verschie-
denartigste Formen annehmen kann, obwohl er nur eine einzige Flamme ist,
so erscheint Dein nonduales Sein als alle diese unterschiedlichen Objekte in
diesem Universum. Du bist die Schnur, auf dem alle diese verschiedenen
Objekte des Universums aufgereiht sind. Du bist der Grund der Wahrheit, in
dem alle diese Welten ruhen. Die Welten sind auf immer potentiell in Dir
anwesend; durch Dich werden sie manifestiert wie der Geruch der Nahrung
durch Kochen manifestiert wird. Obwohl jedoch diese Welten wahrhaftig zu
existieren scheinen, würden sie doch aufhören zu sein, wenn es Dich nicht
gäbe! Du bist ihre Wirklichkeit. Sogar dieser Körper würde leblos wie ein
Holzklotz zu Boden fallen. Glück und Unglück zerfallen, sobald sie Dich errei-
chen, so wie die Finsternis verschwindet, sobald das Licht kommt. Jedoch ist
die Erfahrung des Glücklichseins usw. nur deshalb möglich, weil es das von
Dir stammende Licht des Gewahrseins gibt.
  PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken:
   Vergnügen und Schmerz, Glücklichsein und Unglücklichsein verdanken ihre
Existenz Dir, oh Selbst – sie sind aus Dir heraus geboren und verlieren ihre
Natur, sobald ihre von Dir nicht unabhängige Existenz erkannt wurde. So wie
eine optische Täuschung in einem Augenblick entsteht und vergeht, so er-
scheinen und verschwinden die illusorischen Erfahrungen von Schmerz und
Freude in einem Augenblick. Sie erscheinen im Licht des Gewahrseins und
verschwinden, sobald sie als nicht verschieden von diesem Gewahrsein er-
kannt werden. Sie werden im selben Moment, in dem sie sterben, geboren,
und sie sterben im Moment, in dem sie geboren werden. Wer ist der Wahr-
nehmende all dieser Mysterien?
   Alles ist stets wandelhaft über alle Zeiten hinweg – wie könnten diese mo-
mentanen Ursachen jemals feste und stabile Resultate erzielen? Wellen mö-
gen manchmal wie Blumen aussehen, aber kann eine Girlande aus ihnen
geflochten werden? Wenn jemand glaubt, dass stabile Wirkungen aus solch
instabilen Ursachen wie die flüchtigen Phänomene entstehen, dann wäre es
auch möglich, aus Blitzen eine leuchtende Girlande zu binden und als
Schmuckstück zu tragen! Oh Selbst – Du genießt Freuden und Schmerzen, als
ob sie real wären, wenn Du sie im Bewusstsein einer weisen Person emp-
fängst und wahrnimmst, und gibst dabei nie den Zustand des vollkommenen
Gleichmuts auf. Was jedoch Deine Erfahrungen sind, wenn dieselben Dinge
im Herzen einer unweisen oder unerweckten Person geschehen – dies zu
beschreiben, ist für mich unmöglich! Oh Selbst – Du bist in Wahrheit nicht
anhaftend und frei von allen Wünschen und Hoffnungen; Du bist eins und
homogen ohne Teile, du bist ohne Ich-Sinn. Du übernimmst die Täterschaft
aller Handlungen, und du scheinst die Vielfalt zu erfahren, sei diese nun wirk-
lich und faktisch oder unwirklich und fiktiv.




                                     272
Heil, Heil Dir, oh Selbst, Du manifestierst dich als dieses endlose Universum.
Heil dem Selbst, welches höchster Friede ist. Heil Dir, oh Selbst, das jenseits
der Schriften ist. Heil Dir, oh Selbst, das die Grundlage und das Ziel aller
Schriften ist. Heil Dir, oh Selbst, welches geboren ist und in allen Wesen
wohnt. Heil Dir, oh Selbst, das Wandel und Zerstörungen ausgesetzt ist. Heil
Dir, oh Selbst, Du bist ungeboren. Heil Dir, oh Selbst, das unveränderlich und
unzerstörbar bist. Heil Dir, oh Selbst, welches Existenz ist – Heil Dir, oh Selbst,
das Nicht-Existenz ist. Heil Dir, oh Selbst, Du bist besiegbar und erreichbar.
Heil Dir, oh Selbst, Du bist unbesiegbar und nicht erreichbar.
   Ich bin überglücklich. Ich befinde mich in einem Zustand äußersten
Gleichmuts und höchsten Friedens. Ich stehe unbewegt. Ich habe Selbster-
kenntnis erlangt. Ich bin der Sieger. Ich lebe um zu erobern. Ich grüße mich
selbst – ich grüße Dich. Solange Du, oh Selbst, als die reine, unberührte Wirk-
lichkeit existierst – wo sollte da Bindung, wo sollte Unglück, wo sollte Glück,
und wo sollten Geburt und Tod sein? Ich werde für immer in höchstem Frie-
den ruhen.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Nachdem er so kontempliert hatte, fand sich Prahlāda in einem Zustand, in           V:37, 38
dem es keine mentalen Modifikationen mehr gab, sondern nur noch höchste
Seligkeit – ohne jede Gedankenbewegung. So saß er da – unbewegt wie eine
Statue.
  Auf diese Weise verging eine sehr lange Zeit. Die Dämonen versuchten ihr
Möglichstes, um ihn zu stören – es gelang ihnen nicht. Tausend Jahre vergin-
gen. Die Dämonen kamen zu dem Schluss, dass er tot sei.
  In der Unterwelt nahm die Anarchie überhand. Hiraïyakaśipu war tot, und
sein Sohn war für die Welt ebenfalls gestorben. Niemand bestieg den Thron.
Die Dämonen durchzogen ungehindert das Land – geleitet nur von ihren
Launen und Gelüsten. Es herrschte äußerste Unordnung – die Schwächeren
wurden von den Stärkeren überwältigt, wie im großen Ozean die großen
Fische die kleinen verschlingen.
  In der Zwischenzeit bedachte der Beschützer des Universums, Lord Vi«ïu,
auf seiner Schlangen-Couch im Milch-Ozean ruhend, den Zustand des Univer-
sums. Er betrachtete in seinem eigenen Gemüt den Himmel und die Erde und
war zufrieden, dass in diesen Regionen alles in Ordnung war. Anschließend
betrachtete er den Zustand der Unterwelt. Er nahm wahr, wie Prahlāda tief im
transzendentalen Zustand des Bewusstseins versunken war. Von der Bedro-
hung durch die Dämonen befreit, erfreuten sich die Götter des Himmels eines
zweifelhaften Wohlstandes. Dies sehend, dachte
  LORD VIå×U:
  Weil Prahlāda im transzendentalen Zustand des Bewusstseins versunken
ist, haben die führerlosen Dämonen ihre Macht verloren. In Abwesenheit
einer Bedrohung durch die Dämonen haben die Götter im Himmel nichts
mehr zu fürchten und daher nichts mehr zu hassen. Wenn sie nichts mehr


                                       273
fürchten oder hassen, werden sie bald selbst den transzendentalen Zustand
des Bewusstseins erlangen, der jenseits der Gegensatzpaare ist, und die Be-
freiung erlangen! Dann würden die Erdlinge religiöse Gebräuche bedeutungs-
los finden, da es keine Götter mehr gibt, um sie zu belohnen. Dieses Univer-
sum, welches bis zur natürlichen kosmischen Auflösung existieren soll, wür-
de dann abrupt aufhören zu sein. Ich kann darin nichts Gutes sehen – daher
denke ich, dass die Dämonen ihr Leben als Dämonen fortsetzen sollen. Wenn
die Dämonen als die Feinde der Götter auftreten, werden in dieser Schöpfung
religiöse und gerechte Handlungen gepflegt und die Schöpfung wird somit
weiter existieren und gedeihen; andernfalls aber nicht.
  Daher werde ich unverzüglich in die Unterwelt gehen und sie wieder so
herstellen, wie sie sein sollte. Wenn Prahlāda kein Interesse hat, dieses Reich
zu regieren, dann werde ich jemanden an seiner Stelle ernennen. Gewiss ist
dies die letzte Inkarnation Prahlādas – er wird in dieser Verkörperung bis
zum Ende dieses Weltzyklus leben. So ist die Weltordnung. Ich werde mich
daher in die Unterwelt begeben, um Prahlāda durch mein Donnern aufzuwe-
cken. Ich werde ihn davon überzeugen, das Reich zu regieren und sich gleich-
zeitig des Bewusstseins der Befreiung zu erfreuen. Auf diese Weise werde ich
in der Lage sein, diese Schöpfung bis zu ihrem natürlichen Ende am Leben zu
erhalten.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Nachdem er zu diesem Entschluss gekommen war, erreichte Lord Vi«ïu              V:39
rasch die Unterwelt. Durch seinen Glanz erlangten die Dämonen neue Stärke
und Vitalität. Sie waren aber verwirrt durch seine göttliche Erscheinung und
rannten davon. Vi«ïu kam zu dem Ort, an dem Prahlāda saß, und donnerte:
„Edler – erwache!“ und blies gleichzeitig sein Muschelhorn. Die Dämonen
fielen daraufhin zu Boden und die Götter frohlockten.
  In der Krone von Prahlādas Kopf begann sich die Lebenskraft wieder zu re-
gen. Anschließend verteilte sie sich über seinen ganzen Körper. Die Sinne
erlangten ihre Energie zurück und nahmen wieder die ihnen entsprechenden
Objekte wahr. Das Gemüt begann zu arbeiten. Die nā¬Ås (Nerven)fingen an zu
vibrieren. Das Gemüt wurde sich seines Gehäuses, des Körpers gewahr. Nun
war Prahlāda wieder vollständig seiner Umgebung bewusst und blickte auf
den Höchsten Herrn.
  LORD VIå×U sprach zu Prahlāda:
  Bedenke, oh Prahlāda, deine Rolle und deine Aufgabe als Herrscher der Un-
terwelt. Es gibt nichts, was du zu erwerben oder zurückzuweisen hättest:
Ergib dich! In diesem Körper musst du bis zum Ende dieses Weltzyklus ver-
bleiben – dies ist unvermeidlich, da ich das Gesetz dieser Weltordnung kenne.
Daher musst du dieses Reich regieren, als ein Weiser, der von allen Täuschun-
gen befreit ist.
  Die Zeit der kosmischen Auflösung ist noch nicht gekommen – weshalb
wünschest du dir vergeblich, diesen Körper aufzugeben? Die Zeichen, Symp-


                                     274
tome und Ereignisse, die einer solchen natürlichen Auflösung vorausgehen,
       wurden noch nicht gesehen – weshalb wünschest du dir dann vergeblich,
       diesen Körper aufzugeben?
         Ich existiere. Diese ganze Welt und die Wesen darin existieren. Denke daher
       nicht daran, deinen Körper schon jetzt preiszugeben.
         Derjenige ist für den Tod geeignet, der in Unwissenheit und Kummer ver-
       sunken ist. Wer trauert und denkt: „Ich bin schwach, elend, dumm“ usw. ist
       für den Tod bereit. Wer von zahllosen Wünschen und Hoffnungen gejagt wird
       und dessen Gemüt ruhelos ist, der ist geeignet für den Tod. Wer den Gegen-
       satzpaaren wie Glück und Unglück unterworfen ist, wer diesem Körper ver-
       haftet ist, wer physisch und mental gequält ist, wessen Herz von den Feuern
       von Lust und Zorn ausgetrocknet ist, der ist bereit für die Erfahrung des
       Todes. Die Menschen sehen es als Tod an, wenn jemand den Körper aufgibt!
         Das Leben ist aber sinnvoll für denjenigen, der das Gemüt durch Selbster-
       kenntnis beherrscht und der der Wahrheit gewahr ist. Derjenige sollte leben,
       der keine Vorstellungen von Egoismus unterhält und nichts anhaftet, der frei
       von Zu- und Abneigungen ist und ein stilles Gemüt besitzt, dessen Gemüt den
       Zustand des Nicht-Gemüts erreicht hat. Richtig ist, dass derjenige lebt, der in
       der Wahrheit verankert ist und hier auf zwanglose Art und Weise lebt, der
       durch äußere Ereignisse weder freudig erregt noch niedergeschlagen ist, der
       frei ist vom Wunsch, etwas zu erwerben oder abzuweisen. Derjenige, der den
       Menschen, die von ihm hören oder die ihm zuhören, große Freude bringt, für
       den ist allein das Leben richtig und nicht der Tod.
         DER HÖCHSTE HERR fuhr fort:
V:40
         Das Funktionieren oder die Existenz des Körpers wird von den Menschen
       als Leben bezeichnet, während die Aufgabe des Körpers, um einen neuen
       Körper zu erlangen, als Tod bezeichnet wird. Du bist frei von diesen beiden
       Vorstellungen, oh Prahlāda – was ist für dich Tod oder Leben? Ich habe nur
       aus Gründen der Erklärung diese volkstümlichen Beschreibungen verwendet
       – in Wahrheit lebst du nicht und stirbst du nicht. Obwohl du in diesem Körper
       bist, bist du körperlos, da du keinen Körper hast. Du bist der Beobachter, d.h.
       immaterielle Intelligenz; so wie Luft im Raum existiert, aber nicht an den
       Raum gebunden ist und daher frei von allen räumlichen Begrenzungen ist. In
       gewisser Weise jedoch kann man in einem konventionellen Sinne davon
       sprechen, dass du der Körper bist, da du mit Hilfe des Körpers Empfindungen
       erfährst; so wie man sagen kann, dass der Raum verantwortlich für das
       Wachstum der Pflanze ist, insofern als er ihr Wachsen nicht behindert.
         Du bist erleuchtet. Was bedeutet dir der Körper oder die Verkörperung?
       Nur in den Augen der Unwissenden ist es so, dass deine Form überhaupt
       existiert. Immer bist du alles, du bist das höchste innere Licht des Bewusst-
       seins – was bedeuten dir der Körper oder die Körperlosigkeit, und was
       kannst du erlangen oder aufgeben? Ob es nun Frühling ist oder der Tag der
       kosmischen Auflösung gekommen ist – was kann dies für jemanden bedeu-
       ten, der die Wahrnehmung von Sein und Nicht-Sein überschritten hat? Denn


                                            275
dieser ist unter allen Umständen fest in der Selbsterkenntnis verankert. Ob
nun die Wesen des Universums leben oder verderben oder wachsen und
gedeihen – er verbleibt fest verankert in der Selbsterkenntnis.
  Der Höchste Herr wohnt im Körper. Er bleibt lebendig, wenn der Körper
stirbt, und unverändert, wenn der Körper sich wandelt. Wenn du die falschen
Ideen „Ich gehöre zum Körper“ oder „Der Körper gehört zu mir“ aufgibst,
dann gibt es keine Bedeutung mehr in Ausdrücken wie „Ich werde ihn aufge-
ben“ oder „Ich werde ihn nicht aufgeben“, „Ich habe dies getan“ und „Ich wer-
de nun dies tun“.
  Erleuchtete Menschen tun überhaupt nichts, auch wenn sie ständig tätig
sind – es geschieht aber nicht durch eine Form von Inaktivität, dass sie diesen
Zustand des Nicht-Tuns erlangen! Nicht-Tun befreit dich von den Erfahrun-
gen – wo nichts gesät wurde, wird auch nichts geerntet. Wenn daher die
Ideen von „Ich tue“ und „Ich erfahre“ aufgehört haben, dann verbleibt nur der
Friede, und sobald dieser Friede dauerhaft verwurzelt ist, ist da die Befrei-
ung.
  Für solch eine erleuchtete Person gibt es weder Erwerb noch Verzicht.
Denn nur wenn die Vorstellung von Subjekt und Objekt aufgehört hat, dann
kommt die Befreiung. Diese erleuchteten Personen (wie du selbst auch) leben
in der Welt, als ob sie sich auf ewig im Zustand des Tiefschlafs befinden.
Ebenso, nimm, oh Prahlāda, diese Welt wie im Halbschlaf wahr! Erleuchtete
Wesen ergehen sich weder in Vergnügen noch versinken sie im Kummer – sie
funktionieren nicht-willentlich, sondern wie ein Kristall, der die Objekte, die
in seine Nähe gerückt werden, widerspiegelt ohne es zu wollen. In der Selbst-
erkenntnis sind sie hell wach, jedoch gegenüber der Welt schlafen sie; sie
funktionieren in der Welt wie Kinder, ohne Ich-Sinn und dessen ganzes Gefol-
ge. Oh Prahlāda, du hast das Reich von Vi«ïu erreicht – regiere nun die Un-
terwelt einen Weltzyklus lang, was gleichbedeutend mit einem Tag im Leben
des Schöpfers Brahmā ist.
  PRAHLùDA sprach:
  Herr, ich wurde von Müdigkeit überwältigt und bin für einen kurzen Mo-          V:41
ment eingeschlafen. Durch Deine Gnade habe ich die Realisation erlangt, in
welcher es keine Unterscheidung zwischen Kontemplation und Nicht-
Kontemplation gibt. Ich habe Dich für eine lange Zeit in meinem Herzen ge-
sehen – zu meinem großen Glück sehe ich Dich nun vor mir. Ich habe in mei-
nem Innersten die Wahrheit des unendlichen Bewusstseins erfahren, in wel-
chem kein Kummer, keine Täuschung, keine Sorge über Leidenschaftslosig-
keit, kein Wunsch nach Aufgabe des Körpers und keine Furcht vor dieser
Welterscheinung ist. Wenn diese einzige ungeteilte Wirklichkeit erkannt wird
– wo sind dann noch Leiden und Zerstörung? Was ist dann der Körper, was ist
die Welterscheinung, was ist Furcht oder ihre Abwesenheit? Dieser Zustand
des Bewusstseins tauchte spontan in mir auf.




                                     276
„Oh, wie verabscheue ich diese Welt; ich will sie aufgeben!“ – solche Gedan-
ken tauchen nur im Unwissenden auf. Nur der Unwissende denkt, dass es
Leiden gibt, solange es den Körper gibt, und dass es kein Leiden mehr gibt,
wenn der Körper aufgegeben ist. „Dies ist Vergnügen“, „dies ist Schmerz“,
„dies ist“, „dies ist nicht“ – nur das Gemüt des Unwissenden, nicht dasjenige
des Weisen, schwankt auf diese Weise hin und her. Vorstellungen von „Ich“
und „andere“ existieren nur in den Gemütern von Unwissenden, die die Weis-
heit weit hinter sich gelassen haben. „Dies muss erworben werden“, „Dies
muss aufgegeben werden“ – Gedanken dieser Art entstehen nur im Gemüt der
Unwissenden. Wenn doch alles von Dir durchdrungen wird – wo ist dann
dieses „andere“, was man erwerben oder vermeiden sollte? Das ganze Univer-
sum ist von Bewusstsein durchdrungen – was wäre aufzugeben oder abzu-
lehnen?
  Auf natürliche Weise erforschte ich mich selbst in mir selbst, und ich habe
nur einen kurzen Moment geruht, ohne jede Vorstellung von Existierendem
oder Nicht-Existierendem, von Erwerb oder Nicht-Erwerb. Ich habe nun die
Selbsterkenntnis erlangt – nun werde ich tun, was immer dir gefällt. Ich bitte
dich, nimm meine verehrende Anbetung an!
  Nachdem er Prahlādas Verehrung angenommen hatte, sprach LORD VIå×U
zu ihm:
  Erhebe dich, oh Prahlāda – ich werde dich nun zum König der Unterwelt
ernennen, und die hier anwesenden Götter und Weisen sollen deinen Ruhm
besingen. (Nachdem er ihn zum König der Unterwelt gekrönt hatte, fuhr er
fort:) Sei der Herrscher der Unterwelt so lange die Sonne und der Mond
scheinen. Schütze dieses Reich, ohne von Wunsch, Furcht oder Hass verwirrt
zu werden, und schaue auf alle mit demselben Gleichmut. Erfreue dich der
königlichen Privilegien – und möge Wohlfahrt immer mit dir sein ! Aber
handle stets auf eine Weise, die weder den Göttern im Himmel noch den
Menschen auf der Erde Grund zu Unruhe oder Besorgnis gibt. Vollziehe an-
gemessene Tätigkeit, ohne dich von Gedanken und persönlichen Motiven
leiten zu lassen. Auf diese Weise wirst du durch die Handlungen nicht gebun-
den. Oh Prahlāda – du weißt bereits alles – wer kann dich noch belehren? Von
jetzt an werden die Götter und die Dämonen in Freundschaft miteinander
leben, die Göttinnen und Dämoninnen in Harmonie. Oh König, halte die Un-
wissenheit fern von dir und lebe ein erleuchtetes Leben. Regiere diese Welt
für eine lange, lange Zeit!
  VASIåèHA fuhr fort:
  Nachdem er so gesprochen hatte, verließ Lord Vi«ïu das Reich der Dämo-         V:42
nen. Durch die Gnade und Segnungen des Höchsten Herrn lebten fortan die
Götter im Himmel, die Dämonen in der Unterwelt und die Menschen auf der
Erde glücklich und ohne Leid.
  So habe ich dir also, o Rāma, die segensreiche Geschichte von Prahlāda er-
zählt, die sämtliche Unreinheiten im eigenen Herzen vernichten kann. Wer



                                    277
über diese vielsagende Geschichte meditiert, wird schon bald einen höheren
       Bewusstseinszustand erlangen – auch wenn er zuvor böse und sündhaft
       gewesen ist. Sogar eine einfache Erforschung dieser bedeutenden Geschichte
       zerstört alle Sünden – wird die Erforschung dagegen mit yogischen Mitteln
       vorgenommen, dann führt sie gewiss zur höchsten Verwirklichung. Sünde ist
       nichts als Unwissenheit, die durch Erforschung beseitigt werden kann – da-
       her sollte man die Erforschung niemals aufgeben.
         RùMA fragte:
        Wie konnte es geschehen, oh Höchster Herr, dass Prahlāda, der sich im
       höchsten Zustande des nondualen Bewustseins befand, durch den Klang des
       Muschelhorns aufgeweckt wurde?
        VASIåèHA erwiderte:
         Oh Rāma, Befreiung geschieht auf zweierlei Arten – „mit Körper“ und „ohne
       Körper“. Der Zustand der Befreiung, in dem das Gemüt vollkommen unange-
       haftet ist (weder an Handlungen, die Erwerb beinhalten, noch an Entsagung)
       und in dem überhaupt kein Verlangen mehr ist, wird als „Befreiung mit Kör-
       per“ genannt. Dasselbe nennt man „Befreiung ohne Körper“, wenn der Körper
       gefallen ist.
         Im Falle der „Befreiung mit Körper“ sind alle Neigungen und mentalen Kon-
       ditionierungen wie geröstete Keimlinge, aus denen keine künftigen Verkörpe-
       rungen mehr entstehen können. Es verbleiben aber noch die Konditionierun-
       gen, in der Art von Reinheit, Ausdehnungsfähigkeit und Selbsterkenntnis,
       obwohl sogar diese Konditionierung nicht-willentlich und völlig absichtslos
       ist (wie bei einer schlafenden Person). Solange diese Spuren noch vorhanden
       sind, kann der Weise, der „befreit mit Körper“ ist, auch nach hundert Jahren
       innerer Kontemplation noch zum Weltbewusstsein erweckt werden. In eben
       diesem Zustand befand sich Prahlāda, und daher konnte er durch den Klang
       des Muschelhorns erweckt werden.
         Außerdem ist Lord Vi«ïu das Selbst von allen – welcher Gedanke auch im-
       mer in ihm entsteht, der materialisiert sich unverzüglich. Seine Manifestation
       ist unverursacht und hat selbst nur den Zweck, dieses Universum mit seinen
       zahllosen Lebewesen zu erschaffen. Durch das Erlangen der Selbsterkenntnis
       wird Lord Vi«ïu erkannt – und durch die Verehrung von Lord Vi«ïu wird die
       Selbstverwirklichung erlangt.
         Oh Rāma, erlange die Vision, die Prahlāda hatte, und befasse dich mit un-
       aufhörlicher Erforschung – so wirst du den höchsten Zustand erreichen.
       Diese Welt täuscht einen nur so lange, als die Sonne der Selbst-Erforschung
       noch nicht im eigenen Herzen aufgegangen ist. Wer einmal die Gnade des
       Selbst und von Lord Vi«ïu erlangt hat, der wird nicht mehr vom Gespenst
       dieser illusorischen Welterscheinung getäuscht.
          RùMA fragte:
V:43     Heiliger Herr, du sagtest, dass Prahlāda die Erleuchtung durch die Gnade



                                           278
von Lord Vi«ïu erlangt hat. Wenn alles durch Eigenbemühung erreicht wird,
weshalb war er dann nicht in der Lage, die Erleuchtung ohne die Gnade Lord
Vi«ïus zu erlangen?
 VASIåèHA erwiderte:
  Ganz gewiss hat Prahlāda, was immer er erlangt hat, durch Eigenbemühung
erlangt, oh Rāma, und durch nichts anderes. Vi«ïu ist das Selbst und das
Selbst ist Vi«ïu – die Unterscheidung ist rein verbal. Es war das Selbst
Prahlādas, welches in sich selbst Hingabe für Vi«ïu erzeugte. Prahlāda bekam
von Vi«ïu, der sein eigenes Selbst ist, den Gunstbeweis der Selbsterforschung
– und durch diese erlangte er schließlich die Selbsterkenntnis. Manchmal
erlangt man die Selbsterkenntnis durch Selbsterforschung, wie sie durch
Eigenbemühung unternommen wird, und manchmal manifestiert sich diese
Eigenbemühung als Hingabe an Vi«ïu, der ebenfalls das Selbst ist. Auch so
erlangt man die Erleuchtung.
  Auch wenn jemand lange Zeit hindurch Vi«ïu verehrt, verleiht er ihm nicht
die Erleuchtung, wenn er nicht durch Selbst-Erforschung weise geworden ist.
Daher ist das allererste Mittel für die Selbsterkenntnis stets die Selbsterfor-
schung; Gnade und andere ähnliche Faktoren sind zweitrangig. Meistere
deshalb die Sinne und führe das Gemüt durch eine aus ganzem Herzen erfol-
gende spirituelle Suche auf den Weg der Selbsterforschung. Nimm deine
Zuflucht zur Eigenbemühung, überquere diesen Ozean der Welterscheinung
und erreiche das andere Ufer.
  Wenn du denkst, dass Lord Vi«ïu ohne Eigenbemühung erreicht werden
kann, weshalb werden dann nicht auch die Vögel und Tiere zu ihm erhoben?
Wenn es wahr ist, dass ein Guru jemanden ohne dessen eigene Bemühung
erheben kann, weshalb erhebt er dann nicht auch ein Kamel oder einen Och-
sen? Nein, nein – nichts wird mit Hilfe eines Gottes oder Guru oder durch
Wohlstand oder andere Mittel erreicht, sondern kann stets nur durch Eigen-
bemühung für die vollständige Beherrschung des Gemüts erlangt werden.
Was nicht durch entschlossene Bemühung der Selbstbeherrschung in Verbin-
dung mit Vorurteilslosigkeit (Freiheit von allen Formen mentaler Konditio-
nierung) erreicht werden kann, kann mit keinen anderen Mitteln in den drei
Welten erreicht werden.
  Verehre daher mit dem Selbst das Selbst, halte dich mit Hilfe des Selbst an
das Selbst, und sei fest durch das Selbst im Selbst verankert. Der Kult der
Hingabe an Vi«ïu wurde mit der Absicht eingeführt, diejenigen Menschen zu
inspirieren, die sich vom Studium der Schriften, von der Eigenbemühung und
Selbst-Erforschung und den guten Taten abgewendet haben. Entschlossene
und andauernde Eigenbemühung wird als das Beste erachtet – fehlt sie, dann
werden andere Formen der Verehrung vorgeschrieben. Wenn es dann die
vollständige Beherrschung der Sinne gibt, dann hat auch die Verehrung keine
Bedeutung mehr, und falls es die Beherrschung der Sinne nicht gibt – welchen
Zweck sollte dann die Verehrung haben? Ohne Selbsterforschung und die



                                     279
daraus erfolgende innere Stille ist weder die Hingabe an Lord Vi«ïu noch die
Selbsterkenntnis möglich. Nimm daher deine Zuflucht zur Selbsterforschung
und dazu, alle Verwirrung zu beseitigen, und verehre auf diese Weise das
Selbst – wenn du darin erfolgreich bist, dann hast du die Vollkommenheit
erlangt; falls nicht, dann bist du nicht mehr als ein wilder Esel.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wenn du Lord Vi«ïu und andere verehrst, weshalb verehrst du dann nicht
auch dein eigenes Selbst? Lord Vi«ïu wohnt in Wahrheit in allen Wesen als
deren innerstes Sein. Gewiss sind dies die schlechtesten unter den Menschen,
die Vi«ïu außen suchen und ihn in ihrem eigenen Innern missachten. Die
primäre Wohnung des Höchsten Herrn befindet sich im Herzensinnern aller
Wesen – das ist sein ewiger Körper. Die Gestalt, die zusammen mit dem Mu-
schelhorn, dem Diskus und dem Streitkolben usw. gesehen wird, ist die se-
kundäre Form des Selbst. Wer die höchste Wahrheit aufgibt und hinter den
sekundären Aspekten herrennt, benimmt sich wie jemand, der ein wirksames
Medikament fortwirft und sich auf die vergebliche Suche nach einer anderen
Kur begibt. Wer nicht in der Lage ist, mit vollkommener Aufmerksamkeit das
innewohnende Selbst zu betrachten und daher die Weisheit betreffend das
Selbst nicht erlangen kann, sollte sich mit der Verehrung der äußeren Gestalt
von Lord Vi«ïu befassen. Durch die mit dieser Praxis erzielten Ergebnisse
wird das Gemüt nach und nach gereinigt und vorurteilsfrei. Wenn diese Pra-
xis fortgesetzt wird mit Intelligenz und Weisheit, entstehen im Laufe der Zeit
Freude und Frieden im Herzen, und man erlangt Reife und Befähigung zur
Selbsterforschung. Tatsächlich ergibt sich dies auch aus dem Selbst – die
Verehrung von Lord Vi«ïu (wie sie genannt wird) ist nur ein Vorwand dafür.
  Welche Segnungen auch immer von Lord Vi«ïu erhalten werden – sie
kommen in der Tat vom Selbst allein zu demjenigen, der die Erforschung der
wahren Natur des Selbst praktiziert. Alle diese unterschiedlichen Praktiken
und alle Segnungen, die aus ihnen zu entspringen scheinen, gründen allesamt
auf dem Verstehen und dem Meistern des eigenen Gemüts; so wie die Erde
die Grundlage für all die unterschiedlichen Nahrungsmittel ist. Sogar für das
Pflügen der Erde und das Entfernen der Steine muss man das eigene Gemüt
meistern !
  Man mag sich während tausend Leben auf dem Rad von Tod und Geburt
drehen – aufhören wird dies erst, wenn man das Gemüt vollkommen gemeis-
tert und es den Zustand des höchsten Friedens und Gleichmuts erlangt hat.
Niemand in den drei Welten, nicht einmal die Götter oder die Personen der
Trinität, können einen Menschen vor den Torturen des verwahrlosten Ge-
müts bewahren.
  Deshalb, oh Rāma, gib all die illusorischen Erscheinungen der objektiven
Welt auf, ob diese nun in dir oder außerhalb von dir auftreten. Meditiere über
die einzige Wirklichkeit des Bewusstseins, damit die Geburtenfolge aufhören
möge. Koste durch entschlossenes Abweisen der Objektivität des Bewusst-



                                    280
seins (aller Konzepte und Begriffe) das reine Bewusstsein (welches die ei-
gentliche Essenz von allem ist, was existiert) – kontempliere das wandellose,
unendliche Bewusstsein. So wirst du sicher diesen Strom der Welterschei-
nung und der Wiedergeburt überqueren.

                                     ***




Die Geschichte von Gādhi

 VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, dieser Zyklus von Geburt und Wiedergeburt ist wahrhaftigohne           V:44
Ende. Māyā hört erst mit der Meisterschaft über das eigene Herz (das Gemüt)
auf – nicht eher. Um dies zu illustrieren, erzähle ich dir nun eine Geschichte.
  Es gibt in dieser Welt eine Region, die Kosala genannt wird. In ihr gab es
einen Brāhmaïa namens Gādhi. Er war sehr gelehrt und das lebendige Abbild
des dharma. Schon von früher Kindheit an war er erfüllt vom Geist der Entsa-
gung und der Leidenschaftslosigkeit. Eines Tages ging dieser Brāhmaïa in
den Wald, um dort seinen Askesepraktiken nachzugehen. Er hegte den
Wunsch, Vi«ïu zu sehen, und stieg in die Wasser eines Flusses, um dort ver-
schiedene Mantras zu rezitieren, welche in kurzer Zeit sein ganzes Wesen
vollständig reinigten.
  Nach acht Monaten erschien LORD VIå×U vor ihm und sprach ihn an: „Bitte
mich um eine Gunst deiner Wahl.“
  Der BRĀHMA×A erwiderte: „Hoher Herr, ich wünsche die Macht deiner Il-
lusion (Māyā) kennenzulernen, die alle Wesen irreführt und in der Unwissen-
heit festhält.“
  LORD VIå×U sprach: „Du wirst meine Māyā kennenlernen, und dann wirst
du sofort die illusorische Wahrnehmung von Objekten aufgeben.“
  Nachdem Vi«ïu verschwunden war, stieg Gādhi aus dem Fluss heraus; er
war hoch erfreut. Mehrere Tage lang führte Gādhi verschiedene heilige Hand-
lungen aus, wobei er beständig in der Seligkeit versunken blieb, die das Er-
gebnis seiner Vision von Lord Vi«ïu war.
  Eines Tages ging er zum Fluss, um sein Bad zu nehmen und meditierte im-
mer noch über die Worte Vi«ïus. Nachdem er ins Wasser getaucht war, sah er
sich plötzlich selbst tot und von allen betrauert. Sein Körper war gefallen und
sein Gesicht blass und leblos geworden.
  Er sah sich von vielen Verwandten und Freunden umgeben, die alle weinten
und laut klagten, und in untröstlichen Kummer versunken waren. Seine Frau



                                     281
vergoss Tränen wie wenn ein Damm einbricht und hielt seine Füße umklam-
       mert. Seine Mutter, an der Seite seiner Frau und auch voller Kummer, berühr-
       te sein Gesicht und weinte bittere Tränen und schrie laut. So war er umgeben
       von lauter trauernden Angehörigen.
         Er sah sich selbst bewegungslos liegen wie schlafend oder in tiefer Medita-
       tion, oder als ob er sozusagen eine lange Mittagsruhe machte. Er vernahm all
       dieses Weinen und Wehklagen der Angehörigen und fragte sich verwundert:
       „Was hat dies alles zu bedeuten?“ Er wurde nun neugierig, die Frage der
       Natur von Freundschaft und Verwandtschaft zu erforschen.
         Bald schon trugen die Angehörigen seinen Körper fort zum Verbrennungs-
       platz. Nach der Ausführung der Sterberiten, hoben sie seinen Körper auf den
       Scheiterhaufen. Sie setzen den Scheiterhaufen in Brand, und schon bald war
       der Körper des Gādhi von den Flammen verzehrt.
          VASIåèHA fuhr fort:
V:45      Oh Rāma, Gādhi, der immer noch im Fluss stand, sah schließlich, wie er in
        der Region Bhūtamaï¬alaæ als Fötus im Leib einer Stammesangehörigen
       lag. Rings umher war er von Gewebe und Fleisch im Körper dieser Frau um-
       geben. Schließlich wurde er als ihr Sohn geboren. Eine Zeit lang suhlte er in
       seinen eigenen Exkrementen. Er war dunkelhäutig wie seine Eltern, und er
       war sehr geliebt in seiner Familie.
         Schnell wuchs er zu einem kräftigen jungen Mann heran. Er war ein guter
       Jäger. Er heiratete eine Stammesfrau. Frei wanderte er im Wald umher. Er
       führte ein nomadisches Leben – manchmal schlief er unter einem Baum,
       verbarg sich manchmal im Gebüsch und machte gelegentlich eine Höhle zu
       seinem Wohnplatz. Und schließlich wurde er Vater – seine Kinder gerieten
       ebenso grob und böse wie er selbst.
         Er hatte eine große Familie. Er besaß zahlreiche Freunde und Verwandte
       Schließlich wurde er alt. Er selbst starb nicht, verlor aber nach und nach alle
       seine Freunde und Verwandten an den Tod. Enttäuscht verließ er sein Hei-
       matgebiet und wanderte in fremde Länder. Ziellos durchstreifte er viele Län-
       der.
         Eines Tages, als er auf diese Weise von einem Ort zum nächsten wanderte,
       kam er in ein Königreich, das offensichtlich mit Reichtum und Wohlstand
       gesegnet war. Er ging die Promenade der Hauptstadt dieses Königreiches
       entlang. Vor sich bemerkte er einen riesigen königlichen Elefanten, der präch-
       tig herausgeputzt war.
         Dieser königliche Elefant hatte eine Aufgabe. Der König, der dieses König-
       reich regiert hatte, war eben verstorben und hatte keinen Erben hinterlassen.
       Gemäß alten Bräuchen wurde nun der Elefant mit der Aufgabe betraut, einen
       geeigneten Nachfolger zu finden. Er suchte nach einer passenden Person, so
       wie ein Juwelier nach einem kostbaren Edelstein sucht.
         Der Jäger musterte den Elefanten eine Zeitlang mit einer Mischung aus
       Neugierde und Staunen. Der Elefant ergriff ihn schließlich mit seinem Rüssel


                                            282
und setzte ihn auf seinen Rücken. Im selben Moment erklang in der ganzen
       Stadt ein Dröhnen der Trommeln und der Posaunen. Alle Leute riefen in
       größter Freude „Lang lebe der König!“ – der Elefant hatte den neuen König
       erwählt.
         Schon bald war der neue König von den Mitgliedern des königlichen Hofes
       umgeben. Die schönen Damen des Hofes umgaben ihn und kleideten ihn ein.
       Sie schmückten ihn mit königlichen Roben und Edelsteinen. Sie bekränzten
       und salbten und parfümierten ihn. Der Jäger wurde zu einem strahlenden
       König. Und sie krönten ihn, während er auf einem Thron auf dem Rücken des
       Elefanten saß. Auf diese Weise wurde ein Stammesangehöriger und Jäger
       zum König von KÅrapura! Von da an erfreute er sich aller königlichen Vergnü-
       gen und Privilegien.
         Nach und nach lehrte ihn seine neue Position die Kunst, ein Reich zu regie-
       ren und er wurde ein wohlbekannter König mit dem Namen Gavala.
         VASIåèHA fuhr fort:
V:46      Gavala der König, dem die Damen des Palastes und seine Minister ergeben
       dienten, hatte seine bescheidene Herkunft völlig vergessen. So vergingen
       acht Jahre. Sein Königreich regierte er weise und gerecht, mit Hingabe und
       Reinheit.
         Eines Tages verließ er seine Gemächer, um in die Stadt zu wandern. Seine
       königliche Kleidung und seine königlichen Insignien hatte er abgelegt – Men-
       schen, die ihrer Vorzüglichkeit bewusst sind, benötigen keine äußeren Zei-
       chen. Außerhalb des Palastes bemerkte er eine Gruppe von Stammesangehö-
       rigen, die vertraute Lieder sangen. Ohne Aufsehen zu erregen, gesellte er sich
       zu ihnen und begann mitzusingen.
         Ein älterer Stammesangehöriger erkannte ihn, erhob sich aus der Menge
       und sprach ihn an: „Oh KaÂanja! Belohnt dich der König dieses Palastes mit
       Geschenken und Gaben für deine musikalischen Fähigkeiten? Oh wie bin ich
       erfreut, dich zu sehen! Wer würde sich nicht freuen, einen alten Freund wie-
       derzutreffen?“ Gavala ignorierte dies, aber die Damen und Mitglieder des
       königlichen Hofes, die aus der Entfernung der Szene zusahen, waren scho-
       ckiert. Der König kehrte rasch in den Palast zurück.
         Die königlichen Bediensteten und Mitglieder des Hofes jedoch vermochten
       sich nicht von dem Schock zu erholen, dass ihr König nichts als ein unwürdi-
       ger Stammesangehöriger gewesen war, den sie nicht einmal hätten berühren
       mögen. Sie begannen ihn zu meiden – sie behandelten ihn, als wäre er ein
       verwesender Kadaver.
          Von seinen Ministern, Dienern und den Dienerinnen, die ihn bisher ge-
       schmückt hatten, vernachlässigt, nahm Gavala nach und nach wieder seine
       wirkliche Gestalt an –ein dunkler und hässlicher Stammesangehöriger, ab-
       scheulich anzusehen wie ein Verbrennungsplatz. Sogar die Bürger des König-
       reichs mieden ihn und rannten fort, sobald sie ihn nur zu Gesicht bekamen.
       Obwohl er im Palast lebte und von vielen Menschen umgeben war, fühlte er


                                           283
sich völlig einsam – man behandelte ihn wie eine elende Person, obwohl er
doch der König war. Sie antworteten ihm nicht einmal, wenn er sie anzuspre-
chen versuchte!
  Die Ältesten kamen zusammen und hielten Rat. Sie sprachen zueinander:
„Oh weh! Wir sind befleckt durch die Berührung dieses Stammesangehörigen,
der von Hundefleisch gelebt hat! Es gibt keine Sühne für diese Befleckung
außer dem Tod. Lasst uns daher einen riesigen Scheiterhaufen errichten,
unsere besudelten Körper auf diesen werfen und so unsere Seelen reinigen.“
Nachdem sie dies beschlossen hatten, sammelten sie Feuerholz und errichte-
ten damit einen riesigen Scheiterhaufen. Einer nach dem anderen warf sich
dann ins Feuer. Nachdem so alle Ältesten umgekommen waren, brachen in
der Stadt Chaos und Anarchie aus.
  König Gavala überlegte: „Oh weh! All dies ist nur wegen mir geschehen!
Weshalb sollte ich noch länger leben – der Tod ist dem Leben jetzt vorzuzie-
hen! Für jemanden, der in den Augen der Leute entehrt ist, ist der Tod besser
als das Leben.“ Nachdem er zu diesem Entschluss gekommen war, übergab
König Gavala seinen Körper ruhig dem Feuer. Als das Feuer die Glieder von
Gavala zu verzehren begann, erlangte Gādhi, der immer noch, eingetaucht in
das Wasser des Flusses, Gebete rezitierte, sein Bewusstsein wieder.
  (Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen. Ein weiterer Tag war zu
Ende gegangen.)
  VASIåèHA fuhr fort:
  Nun wurde Gādhi befreit von seiner illusorischen Vision. Er gewann jetzt           V:47
sein Bewusstsein wieder von „Ich bin Gādhi“. Er beendete seinen religiösen
Dienst und stieg aus dem Fluss. Er fragte sich jetzt fortwährend, wie verwun-
dert, „Wer bin ich? Was habe ich da gesehen? Und wie?“ Er kam schließlich zu
dem Ergebnis, dass sein ermüdeter Verstand ihm offensichtlich einige Strei-
che gespielt haben musste. Auch nachdem er den Ort bereits verlassen hatte,
dachte er immer noch über seine Vision nach und grübelte über die Natur
seiner Eltern, der Freunde und der Leute nach, die er in dieser Vision gesehen
hatte. Er dachte bei sich: „Gewiss war all dies illusorisch, weil ich jetzt nichts
mehr davon wahrnehme!“
  Nach einigen Tagen besuchte ihn ein ehrenwerter Brāhmaïa, den Gādhi mit
allen ihm zukommenden Ehren empfing. Im Verlaufe ihrer Unterhaltung
fragte GùDHI den Gast: „Oh Heiliger, weshalb siehst du so müde und er-
schöpft aus?“ Der GAST antwortete: „Du Heiliger, ich werde dir die ganze
Wahrheit erzählen. Im Norden gibt es ein Königreich, genannt KÅra. Ich ver-
brachte dort einen Monat und wurde festlich von den Bürgern dieses König-
reiches bewirtet. Von ihnen vernahm ich sodann eine ungewöhnliche Ge-
schichte. Sie erzählten mir folgendes: „Acht Jahre lang hat ein Stammesange-
höriger dieses Königreich regiert. Schließlich wurde seine Herkunft ruchbar.
Wegen ihm sind sehr viele Brāhmaïas an diesem Ort umgekommen.“ Als ich
dies hörte, fühlte ich mich ebenfalls verunreinigt, und so ging ich fort an



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einen heiligen Ort namens Prayāga und unterzog mich dort strenger Askese
und langem Fasten. Dieses Fasten habe ich heute zum ersten Mal gebrochen.“
Der Gast verbrachte die Nacht bei Gādhi und verließ ihn am folgenden Tag.
  GùDHI dachte weiter nach: „Was ich in einer Halluzination gesehen habe,
hat mein Gast als tatsächliches Ereignis vernommen! Ich sollte jetzt diese
Geschichte selbst untersuchen.“ Nachdem er dies beschlossen hatte, ging
Gādhi als erstes zu dem Ort, der Bhūtamaï¬alam genannt wird. Menschen
mit hoch entwickeltem Bewusstsein können mit Hilfe angemessener Eigen-
bemühung sogar das erreichen, was sie im Geist visualisieren. Daher sah
Gādhi an seinem Ziel das, was er schon in seiner Vision wahrgenommen
hatte.
  Er sah ein Dorf, welches sich tief in seinBewusstsein eingeprägt hatte. Er
sah sein eigenes Heim als Stammesangehöriger, und er sah die verschiedenen
Gegenstände des Alltags, die er benutzt hatte. Das Haus befand sich in einem
sehr schlechten Zustand. Er sah ferner darin die Knochen der Tiere, deren
Fleisch von der Familie gegessen wurde - er betrachtete diesen schrecklichen
Ort, der wirklich wie ein Friedhof war. Dann wandte er sich in Richtung des
nächsten Dorfes und fragte die Dorfbewohner: „Wisst ihr irgendetwas über
einen Stammesangehörigen, der da drüben gewohnt hat?“
  Die DORFBEWOHNER antworteten: „Heiliger Herr, natürlich wissen wir da-
von. Es gab einmal einen schrecklich anzusehenden und grimmigen Stam-
mesangehörigen, der bis zum hohen Alter dort gelebt hat. Als er alle Ver-
wandten verloren hatte, ging er fort und wurde König von Kīra. Er regierte
dort acht Jahre lang. Schließlich wurde er enttarnt, und als Ergebnis davon
mussten viele Menschen sterben. Er tötete sich dann auch selbst. Aber bitte,
weshalb fragst du danach? Kannte er dich, oder glaubst du, ihn gekannt zu
haben?“ Als Gādhi dies vernahm, war er tief verwirrt.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 V:48
  Gādhi erkannte nun die verschiedenen Gegenstände und Plätze, die mit sei-
nem „Leben“ in diesem Dorf in Zusammenhang standen: Wo er lag, wenn er
betrunken war, wo er schlief, wo er aß, welche Kleidung er trug usw. Von
diesem Ort aus wanderte Gādhi dann zum Königreich von Kīra. Er ging in die
Hauptstadt und befragte die Bürger: „Ist es wahr, dass dieses Land eine Zeit
lang von einem Stammesangehörigen regiert worden ist?“ Die Bürger erwi-
derten mit großer Erregung: „Oh ja! Und er regierte hier acht lange Jahre,
denn er wurde vom königlichen Elefanten erwählt. Als seine Herkunft
schließlich aufgedeckt wurde, beging er Selbstmord. Das war vor zwölf Jah-
ren.“
   In diesem Moment kam der König mit seinem Gefolge aus dem Palast, der
niemand anderes als der verehrte Lord Vi«ïu war! Dies alles sehend, fragte
sich Gādhi: Tatsächlich ist dies das Königreich Kīra, welches ich vor nicht
langer Zeit regiert habe und nun so sehe, als hätte ich hier in einer früheren
Geburt gelebt! Er überlegte: „Dies war nichts als ein Traum, und doch er-



                                    285
scheint es jetzt lebhaft vor mir im Wachzustand! Oh weh! Ich bin gewiss ge-
       fangen in einem Netz von Einbildungen. Ich erinnere mich, dass Lord Vi«ïu
       mir die Gunst gewährt hat, seine Māyā zu sehen. Gewiss sehe ich hier das
       Ergebnis davon.“ Er verließ unverzüglich die Stadt, ging in eine nahebei gele-
       gene Höhle und begann dort mit intensiver Askesepraxis.
         Schon bald erschien Lord Vi«ïu vor ihm und fragte ihn, welchen Gunstbe-
       weis er sich erbat. GHùDI fragte den Herrn: „Die Halluzination, die ich im
       Traum hatte – wie kann es sein, dass ich sie nun auch im Wachzustand habe?“
          LORD Vishnu erwiderte:
         Oh Gādhi! Was du jetzt siehst, ist eine Illusion – tatsächlich ist dies nichts
       als das Selbst, jedoch wahrgenommen von einem Gemüt, das nicht gereinigt
       ist und die Wahrheit noch nicht realisiert hat. Außerhalb des Selbst existiert
       nichts – so wie der Baum im Samen existiert, so existiert all dieses bereits im
       Gemüt, und das Gemüt sieht es so, als wäre es außerhalb. Es ist nur das Ge-
       müt, das all dies sieht und alles als der Zukunft oder der Vergangenheit ange-
       hörig visualisiert. Das Gemüt allein wird als Traum, Illusion, Krankheit usw.
       erfahren. Im Gemüt existieren zahllose „Ereignisse“ wie die Blüten eines
       Baumes, der in voller Blüte steht. Und so wie ein entwurzelter Baum keine
       Blüten mehr hervorbringt, so bringt das von Ideen und Konzepten freie Ge-
       müt keine Wiedergeburt usw. mehr hervor.
          Ist es denn so unglaubwürdig, dass dieser Verstand, der all die zahllosen
       Gedankenformen in sich trägt, nicht auch die Idee „Ich bin ein Stammesange-
       höriger“ hervorbringt? Oder dass er auf dieselbe Weise weitere Ideen wie
       „Ich hatte einen Brāhmaïa-Gast, der mir die Geschichte berichtete usw.“ oder
       „Ich gehe nach Bhūtamaï¬alam“, oder „Ich befinde mich im Königreich Kīra“
       gebiert? All dies war nichts als Halluzination! Oh Heiliger, du hast nun beide
       Formen der Illusion kennen gelernt – diejenige, die du selbst für eine Illusion
       gehalten hast, und diejenige, die du als Realität ansiehst – beide sind jedoch
       nichts als Illusion. Du hast niemals einen Gast bewirtet, und niemals bist du
       irgendwo hingegangen! All dieses war tatsächlich nichts als Einbildung. In
       Wirklichkeit bist du niemals in Bhūtamaï¬alam oder Kīra gewesen – auch
       dies war nur Illusion. Erhebe dich, oh Weiser, und betätige dich hier in der
       geeigneten Weise, denn ohne solche Tätigkeit kann nichts von dem erlangt
       werden, was in diesem Leben wirklich wichtig ist!
          VASIåèHA fuhr fort:
V:49     Um sich nun selbst zu vergewissern, begab sich Gādhi noch einmal nach
       Bhūtamaï¬alam usw. Noch einmal vernahm er dieselben Geschichten von
       den Leuten, die dort wohnten. Ein weiteres Mal verehrte er Lord Vi«ïu, und
       wieder erschien dieser vor ihm. GHùDI fragte den Herrn: „Höchster Herr,
       zwei Monate lang wanderte ich in beiden Reichen und hörte dieselben Ge-
       schichten, die die Leute als wahr erzählen. Ich bitte dich demütig, kläre diese
       Verwirrung auf.“
         DER LORD erwiderte:


                                            286
Oh Gādhi, diese Vorgänge sind in deinem Verstand widerspiegelt, obwohl
       sie gänzlich ohne Beziehung mit dir stattgefunden haben, so wie es eine rein
       zufällige Beziehung zwischen der Krähe, die auf einem Kokosnussbaum lan-
       det, und einer plötzlich herunterfallenden Kokosnuss gibt. Diese Leute erzäh-
       len daher dieselbe Geschichte, und du hältst sie wiederum für die deine! Eine
       derartige Koinzidenz ist nicht ungewöhnlich – manchmal wird dieselbe Illu-
       sion von vielen Menschen wahrgenommen. Manchmal haben viele Menschen
       denselben Traum oder mehrere Menschen erfahren dieselbe Halluzination,
       oder Trunkenbolde haben alle den Eindruck, dass sich die Welt um sie herum
       dreht. Mehrere Kinder spielen dasselbe Spiel.
          Eine solche Verwirrung kann in den Gemütern der Menschen auch in Bezug
       auf die Zeit entstehen. Die Zeit ist ein Konzept des Verstandes. Die Zeit steht
       in wechselseitiger Beziehung zu gewissen Phänomenen.
          (Lord Vi«ïu verschwand, und Gādhi kontemplierte lange, lange Zeit. Noch
       einmal betete er, und der Herr erschien aufs Neue. GHùDI bat: „Höchster
       Herr, ich bin gänzlich verwirrt durch deine Māyā. Bitte nimm diese Verwir-
       rung von mir.“ Und der Herr erwiderte:)
          Was immer du in Bhūtamaï¬alam und Kīra gesehen hast, war möglicher-
       weise wahr. Der als KaÂanja bekannte Stammesangehörige wurde tatsächlich
       vor einiger Zeit geboren. Er verlor seine Verwandten und wurde zum König
       von Kīra. All dieses war in deinem Bewusstsein enthalten und widerspiegelt.
       So wie der Verstand manchmal vergisst, was er tatsächlich erfahren hat, so
       glaubt er auch manchmal, etwas erfahren zu haben, was er tatsächlich nie-
       mals erfahren hat. So wie man Träume und Visionen erfährt, so erfährt man
       Halluzinationen sogar im Wachzustand. Obgleich KaÂanja vor mehreren Jah-
       ren gelebt hat, erscheint er doch in deinem Bewusstsein als wie in der Ge-
       genwart seiend.
          „Dies bin ich“ – ein solches Konzept entsteht nicht in der Person mit Selbst-
       erkenntnis, sondern im Verstand der unwissenden Person. „Ich bin dies alles“
       – wer dies als Kenner der Wahrheit weiß, der ertrinkt nicht in der Sorge und
       verlangt nicht vergeblich nach den vergänglichen Objekten, die den Kummer
       in sich tragen. Daher wird er nicht von Jubel und Trauer hin und her getrie-
       ben.
          Weil du noch nicht vollständig erleuchtet bist, hängt dein Gemüt noch an
       der Illusion der objektiven Wahrnehmung, den Konzepten. Māyā breitet sich
       in alle Richtungen aus – wer dagegen im Zentrum verbleibt, ist frei von der
       Täuschung. Erhebe dich und meditiere darüber zehn Jahre lang.
          (Gādhi befasste sich danach mit intensiver Meditation und erlangte schließ-
       lich die Selbstverwirklichung. Dann lebte er weiter als befreiter Weiser – frei
       von Furcht und Sorge.)
          VASIåèHA fuhr fort:
V:50    Diese kosmische Illusion (Māyā) schafft große Täuschung und ist selbst von
       der Natur des Ungleichgewichts. Sie ist extrem schwierig zu verstehen. Wel-


                                            287
chen Vergleich gibt es zwischen einer Halluzination, die für die kurze Dauer
eines Traums besteht, und derjenigen, die eine ganze Lebenszeit lang mit all
den verschiedenen Erfahrungen eines Stammesangehörigen besteht? Und
wiederum – wie können wir das, was in einer Halluzination und das, was „vor
unseren Augen“ gesehen wird, miteinander vergleichen? Was davon wäre als
wahrhaft unwirklich, und was als etwas zu bezeichnen, das sich einer tatsäch-
lichen Verwandlung unterzogen hat? Ich versichere dir daher, oh Rāma, dass
diese kosmische Illusion das unvorsichtige Gemüt in endlose Schwierigkeiten
hineinzieht.
   RùMA fragte: Aber, oh Hoher Herr, kann man dieses Rad der kosmischen
Illusion anhalten, welches sich mit dieser unwiderstehlichen Gewalt dreht
und dreht?
   VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, das Gemüt ist die Nabe, um die herum sich dieser böse Zyklus
bewegt und Illusionen in den Gemütern der Irregeführten erzeugt. Es ge-
schieht nur durch entschlossenes Bremsen dieser Nabe durch intensive Ei-
genbemühung und kühne Intelligenz, dass das gesamte Rad schließlich zum
Stillstand gebracht wird. Sobald die Bewegung der Nabe angehalten ist, dreht
sich auch das Rad nicht mehr – ist das Gemüt einmal gestillt, dann hört es
einfach auf. Wer diesen Trick nicht kennt und ihn nicht praktiziert, ist endlo-
sem Kummer unterworfen. Wird jedoch die Wahrheit erkannt – siehe da! –
dann gelangt der Kummer an sein Ende.
  Die Krankheit der Wahrnehmung dieser Weltillusion wird nur geheilt, wenn
das Gemüt gemeistert ist; das ist die einzige Arznei. Daher, oh Rāma, gib alle
anderen Aktivitäten wie Pilgerreisen, Geschenke und Wohltätigkeit auf und
bringe das Gemüt unter deine Kontrolle, zu deinem eigenen Besten. Diese
Welterscheinung lebt im Gemüt wie der Raum in einem Topf – wenn der Topf
zerbricht, verschwindet die illusorische Erscheinung einer Teilung des Rau-
mes, und auf dieselbe Weise verschwindet das Konzept einer Welt, sobald das
Gemüt aufhört zu sein. So wie ein Insekt, das in einem Topf gefangen ist, seine
Bewegungsfreiheit nach dem Zerbrechen des Topfes wiedererlangt, so wirst
du dich deiner Freiheit erfreuen, wenn das Gemüt zusammen mit der darin
enthaltenen Weltillusion nicht länger besteht.
  Lebe in der Gegenwart – mit einem Bewusstsein, das sich momentweise
und mühelos den äußeren Objekten zuwendet. Sobald das Gemüt damit auf-
hört, sich an die Vergangenheit und die Zukunft zu binden, wird es zum Nicht-
Gemüt. Wenn dein Gemüt von Augenblick zu Augenblick nur kurz bei dem
verbleibt, was gerade ist und es dann ohne Anstrengung gleich wieder beisei-
telegt, dann wird das Gemüt zum Nicht-Gemüt – voller Reinheit. Nur so lange
das Gemüt im Zustand der Erregtheit verweilt, erfährt es die Vielfalt seiner
eigenen Projektionen oder seiner Erweiterung – so wie der Regen nur so
lange fällt, wie da Wolken sind. Und nur so lange das unendliche Bewusstsein
sich selbst auf das endliche Gemüt begrenzt, findet diese Erregtheit und Er-
weiterung überhaupt statt. Wenn das unendliche Bewusstsein aufhört, das


                                     288
endliche Gemüt zu sein, dann wisse, dass die Wurzeln der zyklischen Welter-
scheinung (Geburt und Tod) verbrannt sind und da nur noch Vollkommenheit
ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Bewusstsein, das frei von den Begrenzungen des Gemüts ist, wird die inne-
re Intelligenz genannt; es ist die eigentliche Natur des Nicht-Gemüts und
daher nicht von den Unreinheiten der Konzepte und Ideen befleckt. Das ist
die Wirklichkeit, der grösste Segensreichtum – und dieser Zustand wird das
höchste Selbst genannt; das ist Allwissenheit. Diese Vision kann nicht erlangt
werden, solange das verdorbene Gemüt existiert. Solange es das Gemüt gibt,
florieren die Hoffnungen und Wünsche – und so lange gibt es die Erfahrungen
von Freude und Leid. Das Bewusstsein, welches zur Wahrheit erweckt wurde,
verfällt nicht mehr den Ideen und Konzepten. Obwohl es verschiedenen psy-
chologischen Erlebnissen unterzogen zu werden scheint, gibt es der Entste-
hung der Weltillusion und des Zyklus der Welterscheinung keinen Raum.
   Diejenigen, die durch das Studium der Schriften, die Gemeinschaft mit Hei-
ligen und die unaufhörliche und wachsame Praxis der Wahrheit erweckt sind,
haben ein Bewusstsein erlangt, welches sich im reinen Zustand der Nicht-
Objektivität befindet. Daher sollte man mit aller Kraft das eigene Gemüt aus
Unwissenheit und Schwanken herausholen und es mit dem Studium der
Schriften und der Gesellschaft der Heiligen beschäftigen.
   Das Selbst ist die einzige Hilfe für die Realisierung des höchsten Selbst oder
des unendlichen Bewusstseins. Es ist das eigene Selbst, welches danach
strebt, den Kummer und die Sorgen loszuwerden – und dafür ist die Verwirk-
lichung des eigenen Selbst durch sich selbst der einzige Weg.
   Daher, oh Rāma, während du noch in dieser Welt tätig bist (sprechend,
nehmend und gebend), sei ohne das Gemüt und erkenne, dass du reines Be-
wusstsein bist. Gib Ideen wie „Dies gehört mir“, „Dies ist er“, „Dies bin ich“ auf,
und sei im Bewusstsein der ungeteilten Wirklichkeit verankert. Solange der
Körper dauert, betrachte die Gegenwart und die Zukunft mit demselben
Gleichmut. Verbleibe auf immer in diesem Bewusstsein des Selbst in allen
Zuständen – Jugend, Mannes- und Greisenalter, in Freude und Schmerz, im
Wachen, Träumen und Tiefschlaf. Gib die Unreinheit der objektiven Wahr-
nehmung, der Hoffnungen und Wünsche auf; sei stets in der Selbsterkenntnis
verankert. Gib Ideen von glückverheißenden und unglückverheißenden Ge-
schehnissen auf, gib Vorstellungen von Wünschenswertem und Unerwünsch-
tem auf. Wisse, dass du die Essenz des Bewusstseins bist. Erkenne, dass we-
der Subjekt, Objekt noch Tätigkeiten dich berühren; verbleibe ohne irgend-
welche Beunruhigung im reinen Bewusstsein. Wisse: „Ich bin all das “, und
lebe im Wachzustand als ob du im Tiefschlaf wärest. Sei frei von Bedingthei-
ten wie Dualität und Nicht-Dualität und verbleibe vollkommen ausgeglichen
im Zustand des reinen Bewusstseins und der Freiheit. Erkenne, dass dieses
kosmische Bewusstsein nicht teilbar ist in ein „Ich“ und „anderes“, und bleibe
daher fest und unerschütterlich.


                                       289
VASIåèHA fuhr fort:
  Durchtrenne sämtliche Fesseln von Wunsch und Verlangen allein mit der
Intelligenz, die unbegrenzt und voll Geduld und Beständigkeit ist, und gehe
jenseits von dharma und adharma. Wenn man fest in der Selbsterkenntnis
verwurzelt ist, verwandelt sich sogar das stärkste Gift in den Nektar der
Unsterblichkeit. Nur wenn diese Selbsterkenntnis von der Unwissenheit
überwältigt wird, entsteht die Täuschung der Welterscheinung im Gemüt. Ist
jemand jedoch fest in der Selbsterkenntnis, welche grenzenlos, unendlich und
unkonditioniert ist, dann kommt die Täuschung oder die Unwissenheit, die
die Welterscheinung entstehen ließen, an ein Ende. Dann wird das Licht dei-
ner Weisheit in allen vier Himmelsrichtungen dieser Erde leuchten.
  Für denjenigen, der gewohnt ist, den Nektar der Unsterblichkeit in der
Form der Selbsterkenntnis zu genießen, sind die Freuden der Sinnesvergnü-
gen qualvoll. Nur zur Gesellschaft derjenigen, die Selbsterkenntnis erlangt
haben, nehmen wir unsere Zuflucht – alle anderen sind nur Esel in menschli-
chen Leibern. So wie Elefanten mit großen Schritten schreiten, so schreiten
die Weisen, die die höheren Stufen des Bewusstseins erlangt haben, mit gro-
ßen Schritten in noch höhere Stufen auf. Sie besitzen überhaupt keine äuße-
ren Hilfen und keine Sonne erleuchtet ihren Pfad – allein die Selbsterkenntnis
ist ihr Licht. Tatsächlich werden sogar die Sonne und die Welten zu Nicht-
Objekten für diejenigen, die jenseits der objektiven Wahrnehmung und des
objektiven Wissens gegangen sind– so wie Lampen ihre Leuchtkraft verlieren,
wenn die Mittagssonne scheint.
  Der Weise der Selbsterkenntnis (der Kenner der Wahrheit) ist der höchste
unter denjenigen, die strahlend, glorreich, stark, groß und ausgestattet sind
mit weiteren Eigenschaften, die als die Zeichen der Vorzüglichkeit anerkannt
werden. Diese Weisen leuchten in dieser Welt wie die Sonne, das Feuer, der
Mond und alle Sterne zusammen genommen. Auf der anderen Seite sind
diejenigen, die die Selbsterkenntnis noch nicht erlangt haben, schlimmer
dran als Würmer und Insekten.
  Das Gespenst der Täuschung plagt einen nur so lange, wie die Selbster-
kenntnis noch nicht im Menschen aufgestiegen ist. Der unwissende Mensch
ist ewig sorgenvoll, obwohl er alles unternimmt, um die Sorge loszuwerden.
Wahrlich ist er nichts als ein wandelnder Leichnam. Nur der Weise der
Selbsterkenntnis ist ein wirklich lebendiges, fühlendes Wesen. So wie dichte
Wolkenformationen am Himmel das Sonnenlicht verdunkeln, so wird das
Licht der Selbsterkenntnis verdunkelt, wenn das Gemüt aufgrund von Un-
reinheiten und Unwissenheit roh ist. Daher sollte man das Verlangen nach
Vergnügen (und zwar diejenigen, die man in der Vergangenheit erfahren hat,
und andere, die man sich für die Zukunft wünscht und nach denen es einen
gelüstet) aufgeben und auf diese Weise nach und nach das Verlangen des
Gemüts nach Vergnügen durch Abgewöhnen schwächer machen. Durch das
Pflegen einer falschen Beziehung mit dem, was nicht das Selbst ist (wie der
Körper und diejenigen, die mit ihm in Verbindung stehen wie Ehepartner,


                                    290
Kinder, Familie und Verwandte usw.) wird das Gemüt grob. Die Wahrneh-
mungen von „Ich“ und „mein“ machen das Gemüt schwer und unwissend.
Vertieft wird dies ferner durch das Alter, den Kummer, die Ambitionen, psy-
chische Schmerzen, Anstrengungen, etwas zu erlangen oder abzuweisen,
Anhaftungen, Gier, Lust nach Wohlstand und Sex und durch das Genießen der
Sinneserfahrungen, die alle in der Unwissenheit und Täuschung gründen.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie ein Baum, der fest in diesem verderbten Feld
namens Körper verwurzelt ist. Qualen und Ängste sind seine Blüten, beladen
ist er mit den Früchten des Alters und der Krankheit, er ist geschmückt mit
den Blumen der Wünsche und Sinnesvergnügen; Hoffnungen und Verlangen
sind seine Zweige, und die Perversionen sind seine Blätter. Fälle diesen töd-
lich giftigen Baum, der so unbeweglich wie ein Berg aussieht, mit der schar-
fen Axt der Erforschung.
   Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie der Elefant, der den Wald namens Körper
durchstreift. Seine Sichtweise ist von Täuschung umwölkt; es ist einseitig
(indem es sich stets nur auf der konditionierten und unwissenden Seite auf-
hält); es ist unfähig, in seiner eigenen Seligkeit zu ruhen; es ist gewalttätig;
obwohl es die Wahrheit zu erlangen wünscht, von der es durch die Weisen
gehört hat, ist es in der Wahrnehmung der Vielfalt gefangen und konditio-
niert durch seine eigenen Konzepte von Freude und Schmerz; es ist ausge-
stattet mit den scharfen Stoßzähnen der Lust usw. Oh Rāma, du bist der Löwe
unter den Prinzen! Reiße diesen Elefanten mit Hilfe deines Scharfsinns in
Stücke!
   Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie eine Krähe, die im Nest dieses Körpers
schwelgt. Es wälzt sich im Unrat, es wächst durch den Verzehr von Fleisch, es
durchbohrt die Herzen anderer, es kennt nur seine eigene Sichtweise, die es
als die Wahrheit erachtet, es ist voller Finsternis aufgrund seiner stetig wach-
senden Dummheit, es ist voller böser Neigungen und ergeht sich in aggressi-
ven Ausdrucksformen. Es ist auf dieser Erde eine Last, oh Rāma – weise es
weit, weit weg von dir!
   Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie ein Gespenst. Bedient wird es von dem
weiblichen Kobold Begierde; es ruht im Wald der Unwissenheit; aus Täu-
schung wandert es in zahllosen Körpern umher. Wie kann man die Selbster-
kenntnis erlangen, wenn man dieses Gespenst nicht mit Hilfe von Weisheit
und Leidenschaftslosigkeit, der Gnade des Guru, der Eigenbemühung, dem
Singen von Mantras usw. besiegt?
   Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie die giftige Schlange, die schon zahllose Le-
bewesen getötet hat. Vernichte es mit dem Adler der wirksamen meditativen
Formel oder Anweisung.
   Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie ein Affe. Es hüpft von einem Ort zum nächs-
ten, sucht nach Früchten (den Belohnungen und Vergnügen usw.), springt und




                                     291
tanzt nach der Pfeife dieses Weltzyklus und unterhält die Leute. Halte es auf
allen Ebenen zurück, wenn du nach der Vollkommenheit strebst.
  Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie eine Wolke der Unwissenheit – vertreibe sie
durch die wiederholte Zurückweisung aller Konzepte und Ideen.
  So wie eine furchtbare Waffe durch eine noch mächtigere zerstört wird, so
beruhige das Gemüt mit Hilfe des Gemüts selbst. Gib für immer jede mentale
Erregtheit auf. Verbleibe in Frieden mit dir selbst wie ein Baum, der nicht
mehr durch die unsteten Affen gestört wird.

                                    ***



Die Geschichte von Uddālaka

  Oh Rāma, verlasse dich nicht auf subtile und scharfsinnige Konzepte und
Ideen des Gemütes. Das Gemüt wurde durch die Zeit zusammengesetzt und
                                                                                 V:51
erlangte so große Stärke. Bringe es mit Hilfe der Weisheit unter Kontrolle,
bevor die Zeit diese Kletterpflanze, genannt Körper, zu Fall bringt. Durch das
inbrünstige Kontemplieren meiner Worte wirst du die höchste Seligkeit er-
langen.
  Ich werde dir nun erzählen, oh Rāma, wie einst der Weise Uddālaka die
höchste Sichtweise der Wahrheit erlangte.
  Irgendwo in einem Winkel der Erde gibt es einen großen Berg, der
Gandhamādana genannt wird. Auf einem seiner Gipfel gab es einen großen
Baum. Dort lebte der Weise Uddālaka. Schon als Knabe trachtete er durch
seine eigene Bemühung, die allerhöchste Weisheit zu erlangen. Natürlich
verstand er zu der Zeit noch sehr wenig, und er hatte eine ruheloses Gemüt,
obgleich er ein reines Herz besaß. Er befasste sich mit Askesepraktiken, dem
Studium der Schriften usw., und eines Tages stieg die Weisheit in ihm auf.
  Als er so allein dasaß, dachte der WEISE UDDALĀKA folgendermaßen nach:
  Was ist die Befreiung, die man als das allerhöchste unter den erstrebens-
werten Zielen betrachtet, nach deren Erlangung man kein Leid mehr erfährt
und nicht wiedergeboren wird? Wann werde ich in diesem Zustand ruhen?
Wann werden die mentalen Erregungen, verursacht durch Wünsche und
Verlangen, aufhören? Wann werde ich frei sein von Gedanken wie „Dies habe
ich getan“ und „Dies sollte ich tun“? Wann wird mein Gemüt, auch wenn es
hier in Beziehungen ist, aufhören, mentalen Verzerrungen unterworfen zu
sein, so wie der Lotos, obwohl im Wasser lebend, nicht von diesem nass wird?
Wann werde ich endlich, mit dem Boot der höchsten Weisheit, das andere
Ufer der Befreiung erreichen? Wann werde ich fähig sein, auf die verschiede-
nen Handlungen der Leute zu blicken, spielerisch wie ein Kind? Wann wird



                                    292
das Gemüt die äußerste Stille erlangen? Wann wird die illusorische Trennung
zwischen der subjektiven und objektiven Erfahrung enden aufgrund der
Erfahrung des unendlichen Bewusstseins? Wann werde ich in der Lage sein,
dieses Konzept namens Zeit anzuschauen, ohne in es involviert zu sein? Wann
werde ich in einer Höhle leben mit einem Gemüt in äußerster Ruhe, und wie
ein Felsen sein in dem Zustand, in dem es überhaupt keine Gedankenbewe-
gungen mehr gibt?
   So nachdenkend setzte Uddālaka seine Praxis der Meditation fort. Sein Ge-
müt blieb aber unruhig. An manchen Tagen jedoch gab sein Gemüt die äuße-
ren Objekte auf und ruhte in einem Zustand der Reinheit. An anderen Tagen
wiederum befand es sich in einem Zustand großer Unruhe. Stark verunsi-
chert von diesen wechselnden Stimmungen, durchwanderte Uddālaka den
Wald. Eines Tages kam er zu einem einsamen Platz, wo zuvor noch niemand
gewesen war. Dort sah eine Höhle, die wie geschaffen war für das Erlangen
von höchstem Frieden und Stille. Es war ein wunderschöner Ort mit herrli-
chen Pflanzen und Blumen überall, mit einem milden Klima, und er sah aus,
als wäre er aus einem Smaragd herausgearbeitet worden.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Uddālaka betrat die wunderschöne Höhle und saß dort in der Meditations-
haltung. In der Absicht, einen Geisteszustand ohne alle Bewegung von Ge-
                                                                                   V:52
danken zu erreichen, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die unterschwelli-
gen Neigungen seines Gemüts.
  UDDALĀKA dachte in sich wie folgt nach:
  Oh Gemüt! Was hast du zu schaffen mit dieser Welterscheinung? Weise
Menschen meiden den Kontakt mit dem, was Vergnügen genannt wird und
sich nur zu bald in Schmerz verwandelt. Wer den höchsten Frieden, der nur
im eigenen Innern liegt, leichtfertig aufgibt und nach Sinnesvergnügen sucht,
verlässt seinen herrlichen Garten und gerät in ein Feld voller giftiger Kräuter.
Du magst gehen, wohin du möchtest – niemals wirst du den höchsten Frieden
genießen außer durch vollkommene Stille. Gib daher sämtliche Hoffnungen
und Wünsche auf. Denn alle diese scheinbar so wundervollen Objekte in der
Natur sind, seiend oder nicht-seiend, nicht zu deinem Wohlergehen da.
  Ende nicht wie der Hirsch, der wegen des Klanges von Musik und Glocken
in die Falle gerät; verende nicht wie der Elefant, der mit Hilfe des weiblichen
Elefanten gefangen wird; ende auch nicht wie der Fisch, dessen Geschmacks-
sinn den Tod am Angelhaken herbeiführt; ende nicht wie die Motte, die von
der Flamme angelockt wird und darin umkommt; ende auch nicht wie die
Biene, deren Geruchssinn sie zur Blume führt, in der sie gefangen wird und
stirbt, wenn sich die Blume zur Nachtzeit schließt.
  Oh närrisches Gemüt! Alle diese kamen um, weil sie sich der Anziehungs-
kraft nur eines einzigen Sinnes hingegeben hatten: Der Hirsch durch den
Gehörsinn, die Biene durch den Geruchssinn, die Motte durch den Gesichts-
sinn, der Elefant durch den Berührungssinn und der Fisch durch den Ge-


                                     293
schmackssinn. Du aber bist das Opfer all dieser fünf verführerischen Sinne –
wie kannst du glücklich sein? So wie die Seidenraupe den Kokon spinnt, in
dem sie sich selbst einsperrt, so hast du den Kokon deiner eigenen Konzepte
gewoben und bist darin gefangen. Wenn du dich von all dem befreien kannst,
Reinheit erlangst, die Lebensangst und die Todesfurcht überwindest und auf
diese Weise völligen Gleichmut entwickelst, dann hast du den größten Sieg
errungen. Wenn du aber an diesem stetig wechselhaften Phänomen namens
Welt festhältst, dann wirst du gewiss in nicht endender Sorge umkommen.
   Weshalb unterweise ich dich auf diese Weise, oh Gemüt? Weil man nach ei-
ner eifrigen Untersuchung der Wahrheit entdeckt, dass es überhaupt kein
Ding wie ein Gemüt gibt! Das Gemüt ist nur ein Produkt der Unwissenheit –
sobald die Unwissenheit verschwindet, dann verschwindet auch das Gemüt.
Von jetzt an befindest du dich in diesem Prozess des Verschwindens. Es ist
unweise und närrisch, jemanden zu unterweisen, der sich im Prozess der
Auflösung befindet! Da du nun Tag um Tag schwächer und schwächer wirst,
schwöre ich dir ab – weise Menschen unterweisen nicht jemanden, der als
hoffnungslos aufgegeben worden ist.
   Oh Gemüt – ich bin das egolose, unendliche und einheitliche Bewusstsein;
nichts habe ich mit dir, der Ursache des Egos, zu tun.
   UDDALĀKA fuhr fort nachzudenken:
   Das unendliche Selbst kann unmöglich in das Gemüt hineingezwängt wer-
den, wie auch ein Elefant nicht in eine Walnuss gezwängt werden kann. Das
Bewusstsein, das sich durch den Vorgang der Selbstbegrenzung auf die End-
lichkeit (und damit auf Konzepte und Ideen) beschränkt hat, wird das Gemüt
genannt und ist das Ergebnis der Unwissenheit –ich akzeptiere es daher
nicht. Der Ich-Sinn ist nichts als ein Kinderglaube und wird nur von jeman-
dem für wahr gehalten, der die Wahrheit nicht erforscht hat.
   Ich habe alles sorgfältig erforscht, ich habe alles von Kopf bis Fuß beobach-
tet, und ich habe dabei nichts entdeckt, von dem ich sagen könnte: „Dies bin
ich“. Wer soll „Ich“ sein? Ich bin das alles durchdringende Bewusstsein, wel-
ches selbst kein Objekt des Wissens oder des Kennens und frei von der
Selbstbezogenheit ist. Ich bin das, was unteilbar ist, was weder Name hat
noch wandelhaft ist, was jenseits aller Konzepte von Einheit und Vielfalt ist,
was jenseits aller Messungen (klein und groß) ist und außer dem nichts exis-
tiert. Folglich, oh Gemüt, schwöre ich dir ab, denn du bist die Quelle der Sor-
ge.
   In diesem Körper, in dem es Fleisch, Knochen, Blut usw. gibt – wer sagt da:
„Dies bin ich“? Bewegung ist die Natur der Energie, Denken ist dem Bewusst-
sein eigen, Alter und Tod sind natürlich für den Körper – wer sagt da: „Dies
bin ich“? Dies ist die Zunge, dies sind die Ohren, dies ist die Nase, dies ist
Bewegung und dies sind die Augen – wer sagt da: „Dies bin ich“? Ich bin
nichts von diesem – weder bin ich du, oh Gemüt, noch diese Konzepte. Tat-
sächlich bin ich nichts anderes als das unendliche Bewusstsein – rein und



                                     294
unabhängig. „Ich bin all dies“ oder „Da ist kein Ich“ – beides ist der Ausdruck
derselben Wahrheit, und nichts anderes ist wahr.
   Oh weh! So lange war ich das Opfer der Unwissenheit! Glücklicherweise ha-
be ich entdeckt, was mir die Selbsterkenntnis geraubt hat! Nie wieder werde
ich das Opfer der Unwissenheit sein. So wie die auf dem Berg ruhende Wolke
nicht Teil des Berges ist, so bin ich frei von allem Kummer, und obwohl es so
aussieht, als würde Kummer zu mir gehören, bin ich völlig unabhängig davon.
In Abwesenheit der Selbsterkenntnis entstand der Ich-Sinn, aber jetzt bin ich
völlig frei davon. Lass den Körper, die Sinne usw. sein oder verderben – nichts
habe ich mit diesen zu tun. Die Sinne (die Augen usw.) existieren, um ihrer
selbst willen mit ihren Erfahrungsgegenständen in Kontakt zu kommen – wer
ist das Ich, welches irrtümlicherweise denkt: „Dies bin ich“ oder „Ich sehe“
usw.? Diese Augen usw. sehen oder erfahren ihre Objekte auf natürliche Wei-
se, ohne dazu durch vorherige Konditionierung genötigt zu sein. Folglich sind
Handlungen, die spontan und ohne jede mentale Konditionierung ausgeführt
werden, in ihrer Erfahrung rein und frei von Erinnerungen an vergangenes
Glück oder Unglück. Daher, oh ihr Sinne, setzt eure Tätigkeiten fort, ohne über
die Fußangel der Erinnerung zu stolpern. Diese Erinnerung oder mentale
Konditionierung ist keine Tatsache, sondern in Wahrheit nicht-verschieden
und nicht unabhängig vom unendlichen Bewusstsein. Sie kann daher leicht
aufgelöst werden, indem man sie im Bewusstsein nicht wiederbelebt. Folg-
lich, oh Gemüt, gib die Wahrnehmung der Vielfalt auf und erkenne, wie unreal
die Idee deiner eigenen unabhängigen Existenz im unendlichen Bewusstsein
ist – darin besteht die Befreiung.
   UDDALĀKA fuhr fort nachzudenken:
   In Wahrheit kann Bewusstsein nicht konditioniert werden – es ist unbe-
grenzt und subtiler als das subtilste Atom und folglich jenseits der Beeinflus-
                                                                                  V:53
sung durch die mentale Konditionierung. Das Gemüt ruht im Ich-Sinn und das
reflektierte Bewusstsein in den Sinnen – von daher taucht die Illusion der
Selbstbegrenzung des Bewusstseins auf. Wenn dies wieder und wieder erfah-
ren und ins Denken übernommen wird, erlangen der Ich-Sinn und die Illusion
der Selbstbegrenzung eine scheinbare Realität. Jedoch bin ich Bewusstsein –
unberührt von all diesem.
   Lass den Körper weiter in einer Welt leben, die durch seine unwissenden
Aktivitäten ins Leben gerufen worden ist, oder er kann sie aufgeben – Ich bin
Bewusstsein, das unberührt von all diesem ist. Bewusstsein, das unendlich
und allesdurchdringend ist, hat weder Geburt und Tod, noch hat es einen
Besitzer. Da es allesdurchdringend ist, hat es nichts zu gewinnen, wenn es als
getrennte Einheit „lebt“. Geburt und Tod sind mentale Konzepte – das Selbst
hat nichts mit ihnen zu schaffen. Nur das, was die Vorstellung des Ich-Sinns
unterhält, kann ergriffen und gebunden werden – das Selbst ist frei vom Ich-
Sinn und daher jenseits von Sein und Nicht-Sein.
   Der Ich-Sinn ist nichtige Illusion, das Gemüt ist wie eine Luftspiegelung,
und die Objekte der Welt sind leblose Substanzen – wo ist da derjenige, der


                                     295
sagt: „Ich bin“? Der Körper ist ein Aggregat aus Fleisch, Blut usw., das Gemüt
verschwindet bei der Erforschung seiner wahren Natur, die Selbstbegrenzung
des Bewusstseins und ähnliche andere Konzepte sind leblos (unsinnig) – was
ist dann das Ego? Die Sinne existieren und sind immer mit selbstzufriedener
Tätigkeit befasst; die Substanzen der Welt sind die Substanzen der Welt – wo
ist das Ego? Die Natur ist Natur und ihre Qualitäten agieren und reagieren
aufeinander (wie das Auge und das Licht, das Ohr und der Klang usw.), und
was ist, ruht im Selbst – wo ist das Ego?
  Das Selbst, welches Bewusstsein ist, existiert als das Höchste Selbst von al-
lem- überall zu jeder Zeit in allen Körpern. Wer bin ich, aus was bin ich ge-
macht, was ist meine Gestalt, gemacht von wem; was soll ich erwerben und
was verwerfen? Da ist nichts, was „Ich“ genannt werden könnte und Sein und
Nicht-Sein unterworfen ist. Wenn es doch in Wahrheit keinen Ich-Sinn gibt –
auf was und wen könnte sich der Ich-Sinn beziehen? Wenn also erkannt wird,
dass es keinerlei Beziehung gibt, dann schwindet die falsche Vorstellung von
Dualität. Deshalb, was als einziges immer ist, ist das eine kosmische Sein
(Brahman oder das Selbst). Ich bin diese Wirklichkeit – weshalb leide ich
unter Illusionen? Wenn doch nur dieses Eine als das allgegenwärtige, reine
Sein existiert, wie kann dann etwas auftauchen, das Ich-Sinn genannt wird? In
Wahrheit hat keine Substanz echte Substantialität – das Selbst allein existiert.
Nimmt man dagegen an, dass Substantialität doch existiere, dann gilt immer
noch, dass es keinerlei Beziehung zwischen dieser und dem Selbst gibt. Die
Sinne funktionieren als Sinne, das Gemüt existiert als Gemüt, das Bewusst-
sein ist unberührt von all dem – was ist Beziehung, und wie ist sie entstan-
den? Nur weil sie Seite an Seite existieren, ist es nicht korrekt, eine Beziehung
zwischen ihnen anzunehmen - ein Stein und ein Eisenstab können nebenei-
nander liegen, ohne irgendeine Art von Beziehung miteinander zu haben.
  UDDALĀKA fuhr fort nachzudenken:
  Es geschieht nur beim Auftauchen dieses falschen Ich-Sinnes, dass die irri-
gen Vorstellungen von „Dies ist mein“ und „Das ist sein“ entstehen. Und so-
bald gesehen wird, dass all diese die Tricks des falschen Ich-Sinns sind, hören
diese falschen Ideen auf zu existieren. In Wahrheit ist da nichts als das Selbst
– und ich erkenne, dass all dies das eine kosmische Sein oder Brahman ist.
Die Täuschung, genannt Ich-Sinn, ist wie die Bläue des Himmels – es ist bes-
ser, diese Vorstellung nicht zu nähren, sondern sie aufzugeben. Nachdem ich
nun die Wurzel des Ich-Sinns aufgegeben habe, ruhe ich im Selbst, das die
Natur des Friedens besitzt.
  Der Ich-Sinn ist die Quelle endloser Sorgen, Leiden und böser Taten. Leben
endet mit dem Tod und Tod führt zu Geburt; was ist, wird schließlich durch
sein eigenes Ende abgebrochen – diese vom Ich-Sinn unterhaltenen Ideen
führen zu großem Kummer. Gedanken wie „Ich habe dies nun erhalten“ oder
„Ich sollte jenes auch noch erhalten“ verursachen Angst und quälen den Un-
wissenden. „Dies ist“ und „Dies ist nicht“ – Vorstellungen dieser Art bewirken
im Selbstsüchtigen große Ruhelosigkeit. Hört jedoch der Ich-Sinn auf, dann


                                      296
wird auch diese illusorische Welterscheinung nicht länger genährt und alles
Verlangen kommt an ein Ende.
  Dieses Universum ist gewiss ohne eine Ursache entstanden - wie kann man
die Wahrheit einer Schöpfung akzeptieren, die ohne eine Ursache oder einen
Zweck ins Sein getreten ist? Seit unausdenklicher Zeit sind alle diese Körper
stets im kosmischen Sein enthalten, so wie Töpfe für immer im Ton enthalten
sind. So wie der Ozean in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Ozean
existiert und ein und dasselbe Wasser eine Zeitlang die Gestalt einer Welle
annimmt, so ist alles hier für alle Zeiten das kosmische Sein. Nur ein Narr
unterhält die Idee „Dies bin ich“ in Bezug zu dieser temporären Erscheinung,
die Körper usw. genannt wird.
  Auf dieselbe Weise war das Gemüt am Anfang Bewusstsein und wird auch
am Ende wieder Bewusstsein sein (nachdem seine Natur und seine Funkti-
onsweise als das Gemüt aufgehört haben). Weshalb sollte es dann in der Mitte
(also jetzt) anders genannt werden?
  Alle diese Phänomene scheinen eine flüchtige Natur zu haben wie Traum-
erscheinungen, Visionen in einem Delirium, Halluzinationen eines Trunken-
bolds, optische Täuschungen, psychosomatische Erkrankungen, emotionale
Störungen und psychotische Zustände. Jedoch hast du, oh Gemüt, diesen
Dingen eine dauerhafte Realität verliehen, so wie ein Liebhaber leidet, wenn
er sich einbildet, von seiner Geliebten getrennt zu sein. Aber natürlich ist dies
nicht dein Fehler – es ist der meine, da ich immer noch die Idee habe, dass du,
mein Gemüt, ein reales Ding seiest. Sobald ich erkenne, dass alle diese Phä-
nomene nichts als illusorische Erscheinungen sind, wirst du zum Nicht-
Gemüt und sämtliche Erinnerungen an Sinneserfahrungen usw. gelangen an
ihr Ende. Wenn Bewusstsein sich selbst erkennt und seine selbstbegrenzende
mentale Konditionierung ablegt, wird das Gemüt frei von seinen Färbungen
und ruht in seiner essenziellen Natur, die Bewusstsein ist. Sobald das Gemüt
all seine Glieder sammelt und sich selbst dem Feuer des reinen Bewusstseins
darbietet, wird es gereinigt und erlangt die Unsterblichkeit.
  UDDALĀKA fuhr fort nachzudenken:
  Wenn das Gemüt erkennt, dass der Körper verschieden von ihm ist, wenn
es die eigene Konditioniertheit (die Konzepte) aufgibt und seine eigene flüch-
tige Natur wahrnimmt, dann ist dies ein großer Sieg. Gemüt und Körper sind
einer des anderen Widersacher – folglich bringt die Vernichtung der beiden
höchstes Glück. Denn sobald sie zusammenkommen, entsteht aufgrund ihrer
wechselseitigen Feindschaft eine Unzahl Leiden.
  Das Gemüt gebiert den Körper aus seiner eigenen Gedankenkraft heraus,
und während der gesamten Lebenszeit des Körpers füttert das Gemüt diesen
mit seinen (des Gemüts) eigenen Sorgen. Und so von Sorgen gequält, wünscht
der Körper das Gemüt, seinen eigenen Vater, zu vernichten! In dieser Welt
gibt es weder Freund noch Feind – was uns Freude bereitet, ist unser Freund,
und was uns Schmerzen verursacht, ist unser Feind!



                                      297
Wenn folglich Gemüt und Körper beständig mit der gegenseitigen Zerstö-
rung befasst sind – wie kann es da Glücklichsein geben? Nur die Vernichtung
des Gemüts kann dauerhaftes Glück bieten – daher versucht der Körper jeden
Tag aufs Neue das Gemüt zu beseitigen (im Tiefschlaf). Bis jedoch die Selbst-
erkenntnis erlangt ist, fördert eines unwissentlich stets die Stärke des an-
dern; und sie scheinen für einen gemeinsamen Zweck zusammenzuarbeiten –
so wie Feuer und Wasser, obwohl von Natur aus einander entgegengesetzt,
für einen gemeinsamen Zweck zusammenarbeiten (nämlich zum Kochen).
  Wenn das Gemüt aufhört zu sein, dann hört auch der Körper aufgrund des
Aufhörens der Gedankenkraft und der mentalen Konditionierung auf; jedoch
hört das Gemüt nicht einfach auf, wenn der Körper stirbt. Daher sollte man
mit allen Kräften danach streben, das Gemüt zu töten. Das Gemüt ist wie ein
Wald mit den Gedankenformen als Bäume und dem Verlangen als Büsche und
Sträucher. Indem ich dies alles vernichte, erlange ich Seligkeit. Wenn das
Gemüt erst einmal tot ist, dann ist es für mich gleichgültig, ob der aus Fleisch
und Blut zusammengesetzte Körper existiert oder nicht. Dass ich nicht der
Körper bin, ist offensichtlich, denn der Leichnam ist leblos!
  Wo die Selbsterkenntnis ist, dort sind weder das Gemüt noch die Sinne;
auch nicht die Neigungen und Gewohnheiten (die Konzepte und Ideen). Ich
habe diesen höchsten Zustand erlangt – ich bin siegreich hervorgegangen! Ich
habe Befreiung (nirvāïa) erlangt. Ich habe mich über sämtliche Beziehungen
mit Gemüt, Körper und den Sinnen erhoben, sowie das Öl, welches aus dem
Samen gepresst wird, keinerlei Gemeinsamkeit mehr mit dem Samen hat. Für
mich sind nun das Gemüt, der Körper und die Sinne Spielzeuge. Reinheit,
vollkommene Erfüllung aller Wünsche (daher ihre völlige Abwesenheit),
Freundlichkeit gegenüber allen, Weisheit, Stille und Seligkeit, Sanftheit der
Rede, edler Großmut, Glanz, Einsgerichtetheit, Verwirklichung der kosmi-
schen Einheit, Furchtlosigkeit, Abwesenheit des geteilten Bewusstseins, Klar-
heit des Verstandes – alle diese sind meine ständigen Begleiter. Da stets und
immer alles an jedem Ort auf seine Art und Weise geschieht, gibt es in mir
weder Wunsch noch Abneigung gegen irgendetwas, sei dies nun erfreulich
oder unerfreulich. Da alle Täuschungen geendet haben, da das Gemüt aufge-
hört hat zu sein und alle bösen Gedanken verschwunden sind, ruhe ich im
Frieden in meinem Selbst.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Der Weise Uddālaka setzte sich dann zum meditieren in die Lotosposition,         V:54
mit halbgeschlossenen Augen. Er sprach das heilige Wort OM aus, welches
den höchsten Zustand verleiht. Er intonierte OM so, dass die Vibrationen sein
ganzes Wesen bis zur Krone seines Kopfes erfüllten. Als ersten Teil seiner
Übung atmete er vollständig aus. Es war, als würde die gesamte Lebenskraft
den Körper aufgeben und frei im Raum (Dimension) des reinen Bewusstseins
schweben. Das Feuer, das nun in seinem Herzen entstand, verbrannte seinen
ganzen Körper. (Diese Übungen praktizierte Uddālaka ohne die gewaltsamen
Disziplinen des Hatha Yoga, denn Hatha Yoga führt zu Schmerzen).


                                     298
Mit der zweiten Äußerung des heiligen Wortes OM erlangte er den Zustand
völligen inneren Gleichgewichts, und nun geschah in ihm eine spontane Zu-
rückhaltung des Atems (der Lebenskraft) ohne Erregung oder Vibration. Die
Lebenskraft stand still – weder außerhalb noch innerhalb, weder unterhalb
noch oberhalb. Nachdem das Feuer den Körper zu Asche verbrannt hatte,
brannte es sich selber aus und verschwand; nur noch die reine Asche war
sichtbar. Es war so, als wären die Knochen zu reinem Kampfer geworden,
welcher in Anbetung verbrannt wurde. Die Asche wurde sodann von einem
machtvollen Wind hinweggeblasen und im Raum zerstreut. (All dies geschah
ohne die gewaltsamen Disziplinen des Hatha Yoga, denn Hatha Yoga führt zu
Schmerzen).
  Im dritten Stadium, als das heilige Wort OM seinen Höhepunkt oder die
vollkommene Stille erreichte, kam die Einatmung ganz von selbst (das Ein-
ziehen der Lebenskraft). Während dieses Stadiums verteilten sich die Le-
benskräfte, die im Zentrum des Nektars des Bewusstseins konzentriert wa-
ren, im Raum wie eine kühle Brise. Diese Kräfte erreichten schließlich die
Region des Mondes. Dort breiteten sie sich als segensreiche Strahlen aus und
regneten anschließend auf die Asche nieder, die vom Körper übrig geblieben
war.
  Unverzüglich erhob sich aus der Asche ein strahlendes Wesen mit vier Ar-
men, wie Lord Vi«ïu. Uddālaka leuchtete wie eine Gottheit; sein gesamtes
Wesen hatte sich in eine Gottheit verwandelt. Die Lebenskraft erfüllte nun die
innere kuï¬alinÅ, die sich in Form einer Spirale ausdehnte. So wurde
Uddālakas Körper vollkommen gereinigt. Dann nahm er, der bereits in der
Lotosposition saß, eine noch festere Haltung ein, band seine Sinne fest zu-
sammen und setzte seine Bemühung fort, sein Bewusstsein absolut frei von
der geringsten Gedankenbewegung zu halten. Mit aller Kraft zog er sein Ge-
müt von den Quellen der Zerstreutheit zurück. Seine halbgeschlossenen
Augen blieben still und bewegungslos. Mit seinem Gemüt, verankert in der
inneren Stille, glich er die Bewegung der Zwillings-Lebenskräfte, prāïa und
apāna, aus. Er zog seine Sinne von jedem Kontakt mit ihren Objekten zurück –
so wie Öl vom Samen getrennt wird. Daraufhin erlangte er ein unmittelbares
Gewahrsein der mentalen Konditionierung, wie sie durch vergangene Erfah-
rungen erzeugt worden war, und er dekonditionierte das Gewahrsein und
machte es rein. Schließlich schloss er fest sein Rektum und die übrigen Kör-
peröffnungen (die Augen usw.). Indem er so seine Lebenskraft und sein Ge-
wahrsein durch vollkommene Selbstbeherrschung an der Veräußerlichung
hinderte, bewahrte er sein Gemüt im Herzen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Uddālakas Gemüt hatte einen Zustand absoluter Stillheit erreicht – keinerlei
Zerstreuung konnte ihn berühren. In seinem Herzen nahm er auf direkte
Weise die Finsternis der Unwissenheit wahr, die das Licht der Selbsterkennt-
nis verdunkelt hatte. Mit dem Licht der Erkenntnis, welche in ihm auftauchte,
zerstreute er sogar diese Finsternis. Dann nahm er in sich ein Licht wahr.


                                    299
Wenn dieses Licht schwächer wurde, überkam ihn der Schlaf. Jedoch vertrieb
der Weise nun auch noch die Dumpfheit des Schlafes. Sobald die Trunkenheit
des Schlafes vertrieben worden war, ließ das Gemüt des Weisen plötzlich
verschiedene leuchtende Formen aufsteigen. Der Weise beseitigte diese For-
men aus seinem Bewusstsein. Anschließend wurde er von einer großen Träg-
heit befallen; wie ein Betrunkener. Auch diese Trägheit überwand er. Danach
ruhte sein Gemüt in einem weiteren Zustand, der von allen bis jetzt beschrie-
benen verschieden war. Nachdem er eine Weile in diesem Zustand geruht
hatte, erwachte sein Gemüt jedoch wieder zur Erfahrung der Totalität der
Existenz. Unverzüglich danach erfuhr er reines Gewahrsein. Dieses Gewahr-
sein, welches bis dahin mit anderen, unreinen Faktoren vermischt war, hatte
nun seine Reinheit und Unabhängigkeit wiedererlangt, wie wenn lehmiges
Wasser in einem Topf völlig verdunstet ist, so dass der Lehm eins mit dem
Topf wird, der aus derselben Substanz gemacht ist. So wie eine Welle im
Ozean verschwindet und eines und nichtverschieden von diesem wird, so gab
das Bewusstsein seine Objektivität auf und erlangte seine absolute Reinheit
wieder. Uddālaka war erleuchtet. Er erfreute sich der höchsten Seligkeit, wie
sie nur Götter wie Brahmā erfahren. Sein Zustand befand sich jenseits jeder
Beschreibung. Er war eins mit dem Ozean der Seligkeit.
  Schon bald nahm Uddālaka in diesem unendlichen Bewusstsein große Wei-
se wahr. Er ignorierte sie. Er fuhr damit fort, die Erfahrung der höchsten
Seligkeit zu vertiefen. Er erlangte den Zustand desjenigen, der „noch im Kör-
per weilend befreit ist“. Er nahm die Götter und Weisen und sogar die Perso-
nen der Trinität wahr. Er ging auch über diesen Zustand hinaus. Er war nun
vollständig verwandelt in Seligkeit selbst und befand sich daher bereits jen-
seits des Reiches der Seligkeit. Er erfuhr nun weder Seligkeit noch Nicht-
Seligkeit. Er wurde zu reinem Bewusstsein. Wer dieses auch nur für einen
winzigen Moment erfährt, interessiert sich nicht einmal mehr für die Freuden
des Himmels. Dies ist der höchste Zustand – dies ist das Ziel – dies ist die
ewige Heimat. Wer darin ruht, wird nie wieder getäuscht und ist nicht länger
in der Subjekt-Objekt-Beziehung gefangen. Er ist voll erwacht und unterhält
niemals wieder Ideen der Objektivität oder Konzeptualisierung. Ganz gewiss
ist dies nicht eine „Erlangung von etwas“.
  Uddālaka blieb sechs Monate in diesem Zustand, dabei wachsam jede Ver-
führung durch erwachende psychische Kräfte vermeidend. Sogar Weise und
Götter verehrten ihn. Er wurde in den Himmel eingeladen – er schlug die
Einladung aus. Völlig frei von allen Wünschen wanderte Uddālaka als ein
noch zu Lebzeiten befreiter Weiser umher. Oft verbrachte er Tage und Monate
in Meditation in den Höhlen der Berge. Zu anderen Zeiten wiederum widmete
er sich den gewöhnlichen Betätigungen des Alltags, befand sich dabei jedoch
stets in einem Zustand vollkommenen Gleichmuts. Alles betrachtete er mit
demselben Auge des Gleichmuts. Sein inneres Licht leuchtete immerfort –
weder wurde es heller noch schwächte es sich ab. Ohne die geringste Vorstel-
lung von Dualität lebte er frei vom Körperbewusstsein; verankert in reinem
Sein.


                                    300
Als Antwort auf Rāmas Frage betreffend das reine Sein erwiderte
V:55   VASIåèHA:
          Wenn das Gemüt aufgrund der totalen Abwesenheit aller Ideen der materi-
       ellen Existenz aufgehört hat, dann existiert das Bewusstsein in seiner eigenen
       Natur als Bewusstsein, und dies ist, was als reines Sein bezeichnet wird.
       Sobald Bewusstsein, ohne jede Vorstellung von Objektivität, sich in sich selbst
       verliert und seine getrennte Identität verliert, wird es zu reinem Bewusstsein.
       Sobald alle äußeren (materiellen) und inneren (Vostellungs-) Objekte im
       Bewusstsein verschmelzen, ist da das reine Sein des Bewusstseins. Dies ist
       die höchste Sicht, die allen Befreiten zuteil wird, ob sie nun einen Körper zu
       besitzen scheinen oder nicht. Diese Sicht wird nur von demjenigen erfahren,
       der „erwacht“ ist, demjenigen, der sich in einem Zustand tiefer Kontemplati-
       on befindet, und demjenigen, der ein Mensch der Selbsterkenntnis ist. Sie
       wird nicht von der unwissenden Person erfahren. Weise und die Personen
       der Trinität sind in diesem Bewusstsein verankert. Oh Rāma – als Uddālaka
       diesen Zustand des Bewusstseins erlangt hatte, lebte er noch einige Zeit.
          Eines Tages entstand dann in seinem Gemüt der Wunsch: „Ich will diesen
       verkörperten Zustand aufgeben.“ Er begab sich in eine Berghöhle und setzte
       sich in die Lotosposition, mit halbgeschlossenen Augen. Er schloss die neun
       Tore des Körpers, indem er die Ferse gegen das Rektum presste usw. Er zog
       alle Sinne ins Herz zurück. Er hielt seine Lebenskraft (prāïa) an. Er hielt
       seinen Körper in einem Zustand vollkommenen Gleichgewichts. Er drückte
       die Spitze seiner Zunge gegen den Gaumen, Ober- und Unterkiefer waren
       leicht geöffnet. Sein Gewahrsein war nun weder innen noch außen, weder
       unterhalb noch außerhalb, weder mit Substanz behaftet noch leer. Er war in
       reinem Bewusstsein verankert und erfuhr reine Seligkeit in seinem Innern. Er
       hatte das Bewusstsein des reinen Seins erreicht – jenseits des Zustandes der
       Seligkeit. Sein gesamtes Sein war nun absolut rein geworden.
          Uddālaka blieb einige Zeit lang in diesem Zustand – wie eine Figur in einem
       Gemälde. Nach und nach, Tag um Tag, erlangte er die vollkommene Stille; er
       ruhte in seinem eigenen reinen Sein. Er hatte sich über den Zyklus von Geburt
       und Tod erhoben. Alle seine Zweifel waren beseitigt, irrige Gedanken hatten
       aufgehört, alle Unreinheiten seines Herzens waren fortgewaschen – er hatte
       den Zustand der Seligkeit erlangt, der jenseits jeder Beschreibung ist und in
       dem man sogar die Freuden eines Königs des Himmels als wertlos erachtet.
       In dieser Verfassung verblieb der Körper für einen Zeitraum von sechs Mona-
       ten.
          Danach gelangten eines Tag mehrere Göttinnen, geführt von Pārvati, an die-
       sem Ort, um die Gebete eines ihrer Anhänger zu erwidern. Diese Göttin, ver-
       ehrt sogar von den Göttern selbst, sah den Körper von Uddālaka, der von den
       glühenden Strahlen der Sonne ausgetrocknet war, und setzte ihn unverzüg-
       lich auf die Krone ihres Hauptes.




                                            301
Dies ist die glorreiche Geschichte des Weisen Uddālaka, oh Rāma, die die
höchste Weisheit im Herzen desjenigen erweckt, der in ihrem Schatten Zu-
flucht sucht.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  V:56
  Oh Rāma, lebe auf diese Weise und erlange den Frieden, indem du bestän-
dig die Natur des Selbst ergründest. Dieser Zustand des Bewusstseins kann
durch die Kultivierung von Leidenschaftslosigkeit, das Studium der Schriften,
die Befolgung der Anweisungen des Guru und eine beharrliche Praxis der
Erforschung erlangt werden. Wenn die erwachte Intelligenz jedoch scharf
und kühn ist, dann kann er sogar ohne diese Hilfsmittel erlangt werden.
  RùMA fragte: Heiliger Herr, es gibt solche, die in der Selbsterkenntnis ru-
hen, erleuchtet sind und doch mit vielfältigen Tätigkeiten befasst sind, und es
gibt andere, die sich zurückziehen und Kontemplation (samādhi) praktizie-
ren. Welche von diesen sind besser?
  VASIåèHA erwiderte:
  Rāma, Im samādhi (Kontemplation oder Meditation)erkennt man die Ob-
jekte der Sinne als Nicht-Selbst und man erfreut sich daher der inneren Stille
und Ruhe alle Zeit. Im Erkennen, dass die Objekte nur dem Gemüt angehören,
und ruhend im dadurch entstehenden fortwährenden inneren Frieden, befas-
sen sich manche mit Tätigkeiten, während andere in der Zurückgezogenheit
leben. Beide erfreuen sich der Seligkeit der Kontemplation. Wenn das Gemüt
desjenigen zerstreut sein sollte, der vorgibt, sich in samādhi zu befinden,
dann ist er nichts als ein verrückter Mensch. Wenn andererseits das Gemüt
desjenigen, der ein verrückter Mensch zu sein scheint, frei von allen Ideen
und Zerstreutheiten ist, dann ist dieser erleuchtet und lebt in ungebroche-
nem samādhi. Ob jemand mit Tätigkeit befasst ist oder isoliert im Wald lebt –
in der Erleuchtung gibt es keine Unterscheidung. Das Gemüt, welches frei von
Konditionierung ist, ist unberührt auch wenn es tätig ist. Die Nicht-Tätigkeit
des Gemüts wird Stillheit (samādhāna) genannt; dies ist totale Freiheit, es ist
Glückseligkeit.
  Der Unterschied zwischen Kontemplation und ihrer Abwesenheit wird da-
durch angezeigt, ob es eine Bewegung von Gedanken im Gemüt gibt – mache
daher das Gemüt frei von Konditionierung. Das unkonditionierte Gemüt ist
fest, und schon das allein ist Meditation, Freiheit und ewiger Friede. Das
konditionierte Gemüt ist die Quelle der Sorge, während das unkonditionierte
Gemüt nicht handelnd ist und den höchsten Zustand der Erleuchtung erlangt.
Daher sollte man daran arbeiten, alle mentale Konditioniertheit zu beseitigen.
Dies ist Kontemplation oder samādhi, wenn sämtliche Hoffnungen und Wün-
sche bezüglich der Welt aufgehört haben und da Freiheit von Kummer, Furcht
und Verlangen ist und das Selbst in sich selbst ruht.
  Entsage mental aller falschen Identifikation des Selbst mit den Objekten
hier, und lebe anschließend, wo du willst – entweder zuhause oder in einer
Berghöhle. Für den Haushälter, dessen Gemüt die äußerste Stillheit erlangt


                                     302
hat, ist sein eigenes Haus der Wald. Wenn das Gemüt im Frieden ist und es
keinerlei Ich-Sinn gibt, dann werden sogar Städte zu leeren Plätzen. Anderer-
seits sind Wälder wie Städte für denjenigen, dessen Herz voll von Wünschen
und anderen Übeln ist. Die Störungen im Gemüt ruhen in Tiefschlaf; Erleuch-
tung erlangt Erleuchtung – tue, wie es dir beliebt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wer sieht, dass das Selbst das überragende oder das immanente Sein ist
(als das Selbst von allem), ist verankert im Gleichmut. Derjenige, in dem alle
Vorlieben und Abneigungen aufgehört haben, der alle Wesen als eins betrach-
tet und die Welt im Wachzustand so sieht wie Objekte in einem Traum, der ist
im Gleichmut verankert und lebt im Wald, obwohl er sich in einem Dorf be-
findet. Wer mit nach innen gerichtetem Bewusstsein in die Welt hinaus geht,
sieht eine Stadt oder ein Dorf als einen Wald.
  Wer innere Stille und Frieden erlangt hat, findet überall in der Welt Frieden
und Stille. Wessen Gemüt erregt und ruhelos ist, findet die Welt voll von Ru-
helosigkeit. Denn man erfährt im Außen nur das, was man im Innern erfährt.
In Wahrheit sind der Himmel, die Erde, die Luft und Raum, die Berge und
Flüsse alle Bestandteile dieses inneren Apparates, des Gemüts – es sieht nur
so aus, als wären sie außerhalb. All dies existiert wie der Baum im Samen –
sie erscheinen im Außen wie der Duft einer Blume. In Wahrheit gibt es nichts
außerhalb oder innerhalb; was auch immer das Bewusstsein wahrnehmen
möchte, dass erscheint auch so. Daher ist nur das Selbst all dieses – innen und
außen.
  Wer von dieser inneren Wonne erfüllt ist und nicht von Jubel oder Kummer
bewegt wird, wer Handlungen nur mit dem physischen Körper vollzieht – der
ist im Gleichmut verankert. Er ist rein wie der Himmel, er ist frei von Wün-
schen, seine Taten sind spontan und der Situation angemessen, und in Bezie-
hung zu Jubel oder Sorge verhält er sich so, als bestünde er aus Holz oder
Ton. Er ist im Frieden, er sieht alles als sein eigenes Selbst, er erachtet den
Besitz der anderen als Schmutz, und zwar auf natürliche Weise und nicht
aufgrund von Furcht. Ein solcher allein sieht die Wahrheit.
  Der unwissende Mensch erkennt nicht die Unwirklichkeit der Objekte
(klein oder groß), weil er die Wirklichkeit noch nicht erkannt hat.
  Wer den Zustand des reinen Seins erlangt hat, ist niemals befleckt, ganz
gleich ob er nun lebt oder stirbt, zu Hause oder irgendwo sonst, in Luxus oder
Armut, ob er sich freut und tanzt oder allem entsagt hat und sich selbst auf
einen Berg zurückzieht, ob er teure Salben und Parfüme benutzt oder verfilz-
te Locken wie Lord Siva trägt, ob er ins Feuer fällt oder nicht, ob er Sünden
begeht oder tugendhafte Taten ausführt, ob er stirbt oder bis zum Ende des
Weltzyklus lebt. Denn er tut nichts. Nur das konditionierte Gemüt ist befleckt
aufgrund seines Ich-Sinns und der Ideen, die daran gebunden sind. Wenn
sämtliche Ideen aufgehört haben und die Weisheit aufsteigt, dann werden die
Unreinheiten des Gemüts auf natürliche Weise entfernt.



                                     303
Der erleuchtete Weise gewinnt nichts dadurch, dass er etwas tut oder nicht
tut. So wie ein Baum nicht aus einem Stein entspringen kann, so tauchen im
Leben eines Weisen keine Wünsche auf. Wenn sie von Zeit zu Zeit auftauchen
sollten, dann schwinden sie unverzüglich wie Schriftzüge auf der Wasser-
oberfläche. Der Weise und das gesamte Universum sind voneinander nicht-
verschieden.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, das unendliche Bewusstsein gewahrt die Schärfe der Pfefferscho-       V:57
te – und eben dies lässt den Ich-Sinn mit all seinen Unterschiedlichkeiten in
Zeit und Raum entstehen. Das unendliche Bewusstsein gewahrt den Ge-
schmack des Salzigen im Salz – und eben dies lässt den Ich-Sinn mit all seinen
Unterschiedlichkeiten entstehen, welcher in Zeit und Raum zu existieren
scheint. Das unendliche Bewusstsein gewahrt die Süße des Zuckerrohrs –
und dies lässt das Gewahrsein seiner spezifischen Besonderheiten entstehen.
Auf ähnliche Weise wird das unendliche Bewusstsein, die allem innewohnen-
de Allgegenwart, der Natur eines Steins, eines Berges, eines Baums gewahr,
wie auch von Wasser, von Raum, und es entsteht Selbst-Bewusstheit oder
Individualität.
  So wirkt die natürliche Kombination der atomischen Partikel und Moleküle
(in denen das Bewusstsein wohnt) scheinbar wie Abteilungen und damit
entstehen die Getrenntheiten des „Ich“, „du“ usw., und es sind diese, die dann
dem Bewusstsein als seine vermeintlich äußeren Objekte erscheinen. In
Wahrheit sind jedoch all diese nichts als Reflektionen im Bewusstsein selbst,
das ihnen, wenn es sie in sich selbst gewahr wird, den Anschein von Individu-
alität verleiht. Bewusstsein schmeckt sich selbst; dieses Gewahrsein ist nicht
verschieden von Bewusstsein und nur dieses lässt den Ich-Sinn usw. entste-
hen. Der Kristall dieses unendlichen Bewusstseins reflektiert sein eigenes
Licht des Bewusstseins, das in all diesen Kombinationen der atomischen
Partikel gegenwärtig ist, und diese erlangen dann eine scheinbare Selbst-
Bewusstheit und denken „Ich bin“ usw.
  In Wahrheit gibt es zwischen ihnen keinerlei Subjekt-Objekt-Beziehung,
weil das innere Gewahrsein in all diesen Kombinationen nicht verschieden
vom unendlichen Bewusstsein ist. Folglich erfährt keines das andere, erlangt
keines das andere oder verändert oder verwandelt keines das andere. Oh
Rāma, alle meine Erklärungen hier sind nichts als ein Spiel mit Worten, das
deinem Verständnis weiterhelfen soll – natürlich gibt es kein Ding wie „Ich“
oder „die Welt“ (die Kombination der atomischen Partikel usw.). Weder gibt
es ein Gemüt noch ein Objekt der Erkenntnis noch die Weltillusion. So wie
Wasser in der Form eines Strudels eine eigene Individualität zu erhalten
scheint, so lässt das Bewusstsein den Anschein des „Ich“ usw. in sich selbst
entstehen. Bewusstsein ist jedoch niemals etwas anderes als Bewusstsein –
gleichgültig, ob sich dieses nun für Lord Śiva oder den kleinen jīva hält!
  Alle diese Verschiedenheiten wie „Ich“, „du“ usw. und materielle Substanzen
sind nur in der Sichtweise des Unwissenden da – was auch immer die unwis-


                                    304
sende Person sich im unendlichen Bewusstsein vorstellt, das allein nimmt sie
dann wahr. Im Licht des Gewahrseins wird das Leben als Bewusstsein gese-
hen; wird es jedoch als „Leben“ angesehen, dann scheint es auch nicht mehr
als „Leben“ zu sein! In Wirklichkeit gibt es keinen essenziellen Unterschied
zwischen Leben und Bewusstsein. In derselben Weise existiert kein realer
und essenzieller Unterschied zwischen dem Individuum (jīva) und dem kos-
mischen Sein (Śiva). Wisse, dass all dies das ungeteilte und unteilbare unend-
liche Bewusstsein ist.

                                     ***



Die Geschichte von Suraghu

 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  V:58
  In diesem Zusammenhang gibt es eine interessante Legende, oh Rāma, die
ich dir nun erzählen möchte.
  In den Bergketten des Himālaya gibt es einen Berg, den man Kailāsa nennt.
Am Fuß dieses Berges lebte ein Bergstamm, der HemajaÂa (die Gelbhaarigen)
genannt wurde. Ihr König hieß Suraghu. Er war mächtig, stark und weise. Er
besaß Selbsterkenntnis und war sehr gebildet in Dichtkunst und Literatur. Er
kannte keinerlei Müdigkeit. In seiner Regierungskunst war er gerecht, se-
gensreich für diejenigen, die Segen verdienten, und verhängnisvoll für dieje-
nigen, die das Verhängnis verdienten. Im Verlaufe all seiner vielfältigen Akti-
vitäten jedoch wurde seine spirituelle Sichtweise mehr und mehr verdunkelt.
  Suraghu begann nachzudenken: „Die Leute haben aufgrund meiner Hand-
lungen viel zu leiden. Ihr Leiden ist wahrhaftig auch mein Leiden. Ich sollte
sie mit Reichtum überhäufen, und dann würden sie frohlocken, wie ich froh-
locken würde, wenn ich reich würde. Ihre Freude wäre auch meine Freude.
Aber indem ich sie abwechselnd belohne und bestrafe, belohne und bestrafe
ich mich selbst in ständigem Wechsel.“ So denkend, geriet der König in große
Bedrängnis.
  Eines Tages besuchte der Weise Māï¬avya den König. Suraghu hieß den
Weisen willkommen, verbeugte sich vor ihm, ehrte ihn und sprach: „Hoher
Herr, ich bin gequält von dem Gedanken, dass all die Segnungen und Bestra-
fungen, die ich meinem Volk zuteil werden lasse, eines Tages auf mich kom-
men werden. Bitte hilf mir, eine ausgeglichene Sichtweise zu erwerben und
errette mich von Vorurteil und Voreingenommenheit!“
  MĀ×ÖAVYA erwiderte:
  Alle mentalen Schwächen gelangen an ein Ende, sobald die auf Eigenbemü-
hung gegründete Weisheit in einem Menschen auftaucht, der fest in der
Selbsterkenntnis verankert ist. Die Qualen in seinem Gemüt verliert er durch


                                     305
die Ergründung der Natur des Selbst. Daher sollte man seinen eigenen Ver-
       stand wie folgt erforschen: „Was sind dies für Stimmungen und Schwankun-
       gen und Gefühle, die da in mir auftauchen?“ Infolge dieser Ergründungen
       erweitert sich dein Verstand. Sobald du durch eine derartige Ergründung
       deine wahre Natur realisiert hast, wirst du nicht länger durch Frohlocken und
       Niedergeschlagenheit gestört. Das Gemüt gibt dann Vergangenheit und Zu-
       kunft und damit auch seine bruchstückhafte Funktionsweise auf. Dann wirst
       du den höchsten Frieden erfahren. Sobald du erst einmal in diesem Zustand
       der Stillheit wohnst, wirst du diejenigen bedauern, die in großem Reichtum
       und weltlicher Macht schwelgen. Sobald du die Selbsterkenntnis erlangt hast
       und dein Bewusstsein sich ins Unendliche ausgedehnt hat, fällt dein Gemüt
       nicht länger in die Dunggrube dieser Welt; ebenso wenig wie ein Elefant in
       eine Pfütze fallen würde. Es ist stets nur das kleine Gemüt, welches die klei-
       nen Vergnügen und Lüste sucht.
         Das Gemüt gibt alles auf, sobald die Sichtweise des Höchsten erlangt wird.
       Daher sollte man entschlossen allem entsagen, bis man die höchste Sichtwei-
       se erlangt hat. Selbsterkenntnis wird nicht erlangt, bis man nicht allem ent-
       sagt hat – wenn sämtliche Gesichtspunkte aufgegeben worden sind, verbleibt
       nur das Selbst. Dies gilt sogar für alle weltlichen Bemühungen: man erhält
       nur dann das Objekt seiner Wünsche, wenn zuvor sämtliche Hindernisse
       beseitigt worden sind. Noch viel mehr gilt dies für die Selbsterkenntnis.
         Als der Weise Māï¬avya geendet und sich verabschiedet hatte, kontemp-
       lierte SURAGHU wie folgt:
V:59     Was ist dies, was man als „Ich“ bezeichnet? Ich bin nicht der Berg Meru, der
       Berg Meru ist nicht mein. Ich bin weder der Bergstamm noch ist dieser mein.
       Dies hier ist nur, was mein Königreich genannt wird – hiermit gebe ich diese
       Idee auf. Nun bleibt noch diese Hauptstadt – weder bin ich diese Stadt noch
       ist sie mein. Folglich gebe ich auch diese Idee auf. Auf dieselbe Weise gebe ich
       alle meine Ideen betreffend meine Verwandtschaft auf – Frau, Sohn usw.
         Lass mich diesen Körper untersuchen. Ich bin nicht diese leblosen Substan-
       zen wie Fleisch und Knochen, denn ich bin fühlend. Auch nicht bin ich das
       Blut oder die Tätigkeitsorgane. Alle diese sind leblose Substanzen, während
       ich fühlend bin. Ich bin weder die Freuden noch gehören mir diese an; auch
       nicht bin ich dieser Intellekt und die Sinnesorgane noch gehören diese mir an,
       denn sie sind leblos und ich selbst fühlend. Ich bin nicht das Gemüt, welches
       die Wurzelursache dieses unwissenden Zyklus von Geburt und Tod ist. Ich bin
       weder diese Fähigkeit zur Unterscheidung noch der Ich-Sinn, denn dies sind
       nur Ideen, die im Verstand auftauchen.
         Was bleibt dann übrig? Was verbleibt, ist der fühlende jīva. Jedoch ist dieser
       in die Subjekt-Objekt-Beziehung verstrickt. Was das Objekt der Erkenntnis
       oder des Verstehens ist, ist nicht das Selbst. Daher gebe ich das auf, was ge-
       kannt werden kann – das Objekt. Was nun noch verbleibt, ist das reine Be-
       wusstsein frei vom Schatten des Zweifels. Ich bin das unendliche Selbst, denn
       es ist da keine Schranke für dieses Selbst. Sogar die Götter wie etwa Brahmā


                                            306
der Schöpfer, Indra, der König der Götter, Yama, der König des Todes, Vāyu,
der Gott des Windes und all die zahllosen Wesen sind aufgereiht auf der Per-
lenschnur dieses unendlichen Bewusstseins.
  Dieses cit-Óakti (das allmächtige Bewusstsein) ist frei vom Fehler der Ob-
jektivität. Es ist jenseits von Sein und Nicht-Sein, obwohl es die Realität in
allen Wesen ist. Es durchdringt alle Wesen im Universum. Es ist die Schönheit
in allem, es ist das Licht in allem. Es ist die Essenz aller Formen und aller
Modifikationen; und doch ist es jenseits von all diesem. Immer ist es alles in
allem. Es ist selbst als die vierzehn Ebenen der Existenz ausgebreitet – sogar
die Idee dieses Universums ist nichts anderes als dieses allmächtige Bewusst-
sein.
  Falsch sind die bruchstückhaften Ideen von Schmerz und Vergnügen, denn
dieses allmächtige Bewusstsein ist allgegenwärtig und unendlich. Das ist das
Selbst – wenn ich in der Täuschung bin, dann wird es selbst zum König. Es
geschieht durch seine Gnade, dass der Körper, das Gemüt usw. arbeiten. Es
geschieht durch seine Macht, dass alles im gesamten Universum nach seiner
Melodie tanzt. Wie närrisch von mir, diese Verwirrung aufgrund von Segen
und Bestrafung erfahren zu haben. Ich wurde nun erweckt. Ich habe alles
erkannt, was wert zu erkennen ist; ich habe alles erlangt, was wert zu erlan-
gen ist. All dies ist von Brahman durchdrungen. Wo ist die Rechtfertigung für
Trauer und Täuschung; wer ist der Täter von irgend etwas? Nichts als das
unendliche Bewusstsein existiert. Ich verneige mich vor dir, oh herrlicher
Gott, ich verneige mich vor dem unendlichen Selbst!
  VASIåèHA fuhr fort:
  Infolge dieser Ergründung erlangte Suraghu den höchsten Zustand des Be-
wusstseins. Niemals wieder trauerte er, sondern führte von da an alle seine      V:60,61
Handlungen in einem stets ausgeglichen Zustand des Gemüts aus. Mitfühlend,
jedoch nicht herablassend, die Gegensatzpaare nicht vermeidend und nicht
missgünstig, weder intelligent noch unintelligent, weder motiviert noch un-
motiviert –lebte er ein Leben des Gleichmuts und der inneren Stille. Er hatte
erkannt, dass „all dieses nichts als die Manifestation des Bewusstseins ist“ –
daher befand er sich sowohl in Schmerz als auch in Freude im Frieden. Er
hatte die Fülle des Verstehens erreicht.
  Auf diese Weise regierte er in dieser Welt eine beträchtliche Zeit und gab
dann auf eigenen Wunsch seinen Körper auf. Er erlangte die Einheit mit dem
unendlichen Bewusstsein. Oh Rāma – lebe und regiere die Welt auf eben
dieselbe Weise mit einem erleuchteten Verstand.
  RùMA fragte: Aber das Gemüt ist so überaus unstetig, oh Hoher Herr. Wie
kann man den Zustand vollkommener Ausgeglichenheit erlangen?
  VASIåèHA fuhr fort:
 Oh Rāma, einmal fand ein dieses Problem betreffender Dialog zwischen
dem König Suraghu und dem Weisen Parigha statt. Höre ihn dir an.



                                    307
In Persien gab es einen König namens Parigha, der ein enger Freund des
Königs Suraghu war. Einmal gab es im Königreich von Parigha eine große
Hungersnot. Entsetzlich gequält und ins Herz getroffen angesichts der Leiden
seines Volkes und erkennend, dass alle Versuche, Linderung zu bringen, er-
folglos blieben, ging Parigha ohne Wissen seines Volkes fort in den Wald und
führte Askesepraktiken aus. Er lebte von trockenen Blättern und bekam so
den Namen Parïāda. Nach tausend Jahren der Buße und Kontemplation
erlangte er die Selbsterkenntnis. Anschließend durchwanderte er die drei
Welten.
  Eines Tages traf er den König Suraghu, den er schon früher gekannt hatte.
Die beiden erleuchteten Könige verehrten einander nach Gebühr. Dann fragte
PARIGHA Suraghu: „So wie du die Selbsterkenntnis durch den Weisen
Māï¬avya erlangt hast, so erhielt ich sie durch die Gnade des Herrn aufgrund
meiner Bußübungen. Bitte sage mir: Befindet sich dein Gemüt nun in voll-
kommener Stille? Leben deine Untertanen in Frieden und Wohlstand? Bist du
nun fest in der Leidenschaftslosigkeit verankert?“
  SURAGHU erwiderte:
  Wer könnte wirklich den Lauf des göttlichen Willens verstehen? Du und ich
waren durch eine so große Entfernung voneinander getrennt, aber nun wur-
den wir zusammengebracht. Was ist unmöglich für das Göttliche? Wahrhaftig
sind wir durch deine heilige Anwesenheit gesegnet. Durch deine Gegenwart
in unserer aller Mitte wurden wir alle Sünden und Fehler los, und nun fühle
ich, wie der ganze Reichtum der Erde vor uns steht in deiner Gestalt. Die
Gemeinschaft mit heiligen und guten Menschen ist in der Tat dem höchsten
Zustand der Befreiung gleichzusetzen.
  PARIGHA sagte:
  Oh König, nur Handlungen, die von jemanden, der fest im Gleichmut veran-      V:62,63
kert ist, ausgeführt werden, geben Anlass zur Freude, jedoch nicht diejenigen
anderer. Bist du in diesem Zustand des höchsten Friedens gefestigt, in dem
keinerlei Gedanken oder Ideen in deinem Gemüt auftauchen und der als
samādhi bezeichnet wird?
  SURAGHU sagte:
  Heiliger Herr, bitte sage mir: Weshalb wird nur der Zustand des Gemüts, der
frei von Gedanken und Ideen ist, samādhi genannt? Würde das Gemüt desje-
nigen, der die Wahrheit kennt, jemals den Zustand des samādhi verlieren, ob
er sich nun in ständiger Tätigkeit oder in Kontemplation befindet? Nein. Die
Erleuchteten befinden sich für immer im samādhi, auch wenn sie mit Tätig-
keiten in der Welt befasst sind. Andererseits befindet sich das Gemüt eines
Menschen, der bloß in der Lotosposition sitzt, nicht einfach nur deshalb im
Frieden.
  Die Erkenntnis der Wahrheit, Hoher Herr, ist das Feuer, das die Hoffnungen
und Wünsche wie trockenes Stroh verbrennt, und eben das ist mit dem Wort
samādhi gemeint – nicht einfach nur das Stillschweigen! Man bezeichnet das


                                    308
als den Zustand des samādhi, was ewige Zufriedenheit ist, klare Wahrneh-
       mung der Dinge, wie sie sind, Egolosigkeit, Meisterung der Gegensatzpaare,
       Freiheit von Furcht und von dem Wunsch zu erwerben oder zurückzuweisen.
       Vom Moment des Dämmerns der Selbsterkenntnis an wird der Zustand des
       samādhi im Weisen stetig – weder verliert er ihn noch wird er unterbrochen;
       nicht einmal für einen Moment. So wie die Zeit nie vergisst weiterzugehen, so
       vergisst der Mensch der Selbsterkenntnis nicht das Selbst. So wie ein materi-
       elles Objekt für immer materiell bleibt, so ist der Weise der Selbsterkenntnis
       für immer ein Weiser der Selbsterkenntnis.
         Folglich bin ich auf immer erwacht, rein, im Frieden mit mir selbst und im
       Zustand des samādhi. Wie könnte es wohl anders sein? Wie kann es irgend
       etwas anderes als das Selbst geben? Wenn doch alle Zeit und in jeder denkba-
       ren Weise stets nur das Selbst alles in allem ist – wie kann es überhaupt einen
       anderen Zustand als samādhi geben? Und was kann man als samādhi be-
       zeichnen?
         PARIGHA sagte: Gewiss, oh König, hast du die volle Erleuchtung erlangt. Du
       strahlst und leuchtest in Seligkeit, im Frieden, mit Liebe und mit Reinheit. In
       dir gibt es keinen Ich-Sinn, keinen Wunsch und keine Abneigung.
         SURAGHU fuhr fort: Oh Weiser, es gibt in der Tat nichts, was wert wäre, es
       zu wünschen oder ihm zu entsagen. Denn solange diese Dinge als Objekte
       gesehen werden, sind sie nichts als Konzepte, Ideen und Vorstellungen. Wenn
       nichts Erstrebenswertes existiert, ist auch nichts der Entsagung wert. Gutes
       und Böses, klein und groß, wert oder unwert – all dies gründet auf der Idee
       des Wünschenswerten. Ist die Wünschbarkeit bedeutungslos geworden, dann
       taucht auch alles andere nicht mehr auf. Wahrhaftig gibt es keinerlei Essenz
       in dem, was in dieser Welt gesehen wird – die Berge, die Ozeane, die Wälder,
       die Männer und Frauen und all die Objekte. Folglich kann es kein Verlangen
       nach ihnen geben. Gibt es kein Verlangen mehr, dann herrscht im Herzen
       höchster Friede.
         VASIåèHA fuhr fort:
V:64
         Nachdem sie so die illusorische Natur der Welterscheinung erörtert und
       sich gegenseitig verehrt hatten, fuhren Suraghu und Parigha fort, sich ihren
       jeweiligen Pflichten zu widmen. Sei fest in dieser Weisheit verankert und
       weise die unreine Idee des Ich-Sinnes aus deinem Herzen. Wenn das reine
       Herz die unendliche Dimension des Bewusstseins kontempliert, der die Quel-
       le aller Seligkeit ist und sich in unmittelbarer Reichweite aller befindet, dann
       ruht es im Höchsten Selbst. Das Gemüt, welches sich auf diese Weise dem
       unendlichen Bewusstsein hingibt, welches nach innen gerichtet und angefüllt
       mit Selbsterkenntnis ist, wird nicht von Kummer berührt.
         Auch wenn du dich mit Alltagstätigkeiten deines Lebens befasst und sogar
       dann, wenn du Abneigungen oder Zuneigungen verspürst, dann wird dein
       inneres Wesen doch niemals unrein. So wie das Licht allein die Dunkelheit
       vertreibt, so ist die Erkenntnis, dass diese Welt nur die Schöpfung der Unwis-
       senheit ist, die einzige Medizin gegen ihre Krankheiten. Sobald diese Er-


                                            309
kenntnis einmal da ist, hört die aus der Unwissenheit geborene Wahrneh-
           mung der Welt als etwas Reales ein für allemal auf. Danach bist du selbst
           dann, wenn du mit weltlicher Tätigkeit befasst bist, unangehaftet daran und
           folglich auch davon nicht berührt – so wie die Augen des Fisches keinen
           Schaden durch das Meerwasser erleiden. Du wirst nie wieder Täuschung
           erfahren.
             Nur an denjenigen Tagen, an denen das Licht der Selbsterkenntnis im eige-
           nen Herzen erstrahlt, lebt man wahrhaftig. An solchen Tagen sind alle Hand-
           lungen voller Segen. Nur dies sind wahre Freunde, Schriften und Tage, die im
           eigenen Herzen wahre Leidenschaftslosigkeit und Selbsterkenntnis erzeugen.
           Oh Rāma, rette deinen jīva aus diesem entsetzlichen Schlamm der Welter-
           scheinung. Sobald du die diesbezügliche Wahrheit realisiert hast, wirst du nie
           wieder dahin zurückkehren müssen.
             Oh Rāma, die Gemeinschaft mit Weisen wird dir das Wissen um die Mittel
           zur Erlangung der Selbsterkenntnis verschaffen. Daher sollte man nicht ir-
           gendwo leben, wo es diese Gemeinschaft nicht gibt. In der Gemeinschaft der
           Weisen wird das Gemüt des Suchenden sofort still. Man sollte sich selbst
           emporarbeiten und nicht im Schlammloch der Unwissenheit verbleiben. Der
           weise Mensch sollte beständig die Natur der Welt, des Selbst usw. ergründen.
           In dieser Angelegenheit sind weder Freunde, Verwandte, noch Schriften von
           irgend einem Nutzen – nur das reine Gemüt, beständig mit der Selbstergrün-
           dung befasst und ausgestattet mit Leidenschaftslosigkeit, verhilft einem,
           diesen Ozean der Unwissenheit zu überqueren.
             Im selben Moment, in dem man den Körper als leblose Substanz betrachtet,
           erlangt man die Selbsterkenntnis. Wenn die Finsternis der Unwissenheit oder
           des Ich-Sinns vertrieben ist, strahlt das Licht der Selbsterkenntnis. Dieser
           Zustand der Selbsterkenntnis oder der vollkommenen Erleuchtung ist jen-
           seits jeder Beschreibung. So wie die Süße des Zuckers nur durch direkte
           Erfahrung gekannt werden kann, so wird die Natur der Erleuchtung nur
           durch direkte Erfahrung gekannt. Wenn Gemüt und Ich-Sinn aufhören, dann
           erscheint diese Selbsterkenntnis. Erreicht werden kann sie durch die Praxis
           des Yoga; vergleichbar ist sie in gewisser Hinsicht mit dem Tiefschlaf – in
           Wahrheit aber ist sie unbeschreibbar und unvergleichlich.

                                               ***



           Die Geschichte von Bhāsa und Vilāsa

            VASIåèHA fuhr fort:
V:65, 66
             Oh Rāma, solange einer nicht das Gemüt mit Hilfe des Gemüts unterwirft,
           kann er keine Selbsterkenntnis erlangen, und so lange einer die falsche Idee


                                               310
„Ich“ und „mein“ unterhält, so lange kommt der Kummer nicht an ein Ende –
wie die Sonne in einem Gemälde niemals untergeht. Es gibt eine Sage, die
diese Wahrheit veranschaulicht. Ich werde sie dir nun erzählen.
  Da gab es einst einen riesigen Berg, höher als die drei Welten übereinander
getürmt. Auf seinen Gipfeln wohnten die Götter, in seiner Mitte lebten die
menschlichen Wesen, und an seinem Fuß hausten die Wesen der Unterwelt.
Der Berg wurde Sahya genannt. Er enthielt sozusagen alle Dinge des Univer-
sums. Auf ihm befand sich die Einsiedelei des Weisen Atri. Darin lebten zwei
Weise namens B−haspati und Śukra, die jeder einen Sohn hatten; einer hieß
Vilāsa und der andere Bhāsa. Beide Knaben wuchsen zu jungen Männern
heran. Sie hingen sehr aneinander und waren unzertrennlich.
  Im Verlaufe der Zeit verließen die beiden Weisen B−haspati und Śukra diese
Welt. Tief trauernd führten die beiden jungen Männer die Begräbnisriten aus.
Aufgrund des Verlustes ihrer Väter verloren sie jegliches Interesse an Reich-
tum, Besitz usw. Beide gingen daher in den Wald, um ein nomadisches Leben
zu führen; jeder in eine andere Richtung. Nach einer beträchtlichen Zeit tra-
fen sie einander wieder.
  VILùSA sagte zu seinem Freund Bhāsa:
  Was für eine Freude, dich zu treffen, oh mein teuerster Freund! Sage mir,
wie es dir ergangen ist, seit wir uns getrennt haben. Haben deine
Askesepraktiken Früchte getragen? Ist dein Gemüt das brennende Verlangen
der Weltlichkeit losgeworden? Hast du Selbsterkenntnis erlangt? Sage mir:
Bist du wohlauf und glücklich?
  BHùSA erwiderte:
  Ich preise mich glücklich, dich wiederzusehen, mein lieber Freund und
Bruder! Wie aber können wir, wandernd in dieser Welterscheinung, jemals
wohlauf und glücklich sein, solange wir nicht die höchste Weisheit erlangt
haben und die psychologische Verwirrung aufgehört hat? Wie können wir
wahrhaftig zufrieden sein, solange wir nicht diesen Ozean des Weltzyklus
überquert haben? Solange nicht die aus dem Gemüt geborenen Wünsche und
Hoffnungen vollständig zerstört worden sind – wie können wir wohlauf und
glücklich sein?
  Bis zum Erlangen der Selbsterkenntnis müssen wir wieder und wieder in
diese Welt von Geburt und Tod zurückkehren, um Kindheit, Jugend, Erwach-
sensein, Alter und Tod wieder und wieder zu erfahren und wieder und wie-
der dieselben sinnlosen Betätigungen und Erfahrungen durchmachen. Ver-
langen zerstört die Weisheit. Verloren in der Befriedigung sinnlicher Begier-
den schwindet das Leben schnell dahin. Das Gemüt fällt in den toten Brunnen
der Sinnesvergnügen. Es ist wahrhaftig ein Rätsel, wie und weshalb dieser
Körper, der doch ein hervorragendes Fahrzeug ist, um uns ans andere Ufer
der Selbsterkenntnis zu tragen, stattdessen in den Schlamm der Weltlichkeit
stürzt! Im Zeitraum eines Augenblinzelns nimmt diese winzige Welle namens
Gemüt schreckenerregende Ausmaße an. Närrischerweise schreibt der


                                    311
Mensch die Sorgen und das Leiden dem Selbst zu, welches davon jedoch in
       keiner Weise berührt ist, und fühlt sich dann elend.
         VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                        V:67
         Indem sie sich auf diese Weise miteinander unterhielten und die Natur der
       Welt ergründeten, erlangten sie schon bald die höchste Weisheit. Daher, oh
       Rāma, sage ich dir, dass es für das Durchtrennen der Bindung und das Über-
       queren dieses Weltozeans kein anderes Mittel als die Selbsterkenntnis gibt.
       Für die erleuchtete Person ist dieser Ozean des Leides wie eine kleine Pfütze.
       Er betrachtet den Körper so, wie jemand eine entfernte Menge betrachtet.
       Daher ist er nicht von den Qualen berührt, denen der Körper unterworfen ist.
       Die Existenz des Körpers verringert die Allgegenwart des Selbst so wenig wie
       die Wellen die Fülle des Ozeans verringern.
         Worin besteht die Beziehung eines Schwans, eines Steins oder eines Holz-
       stückes mit dem Wasser, welches sie umgibt? Auf dieselbe Weise hat das
       Höchste Selbst keinerlei Beziehung mit dieser Welterscheinung. Ein fallender
       Baum scheint Wellen im Wasser zu erzeugen – ähnlich ist die Erfahrung von
       Schmerz und Vergnügen des Körpers für das Selbst. So wie seine Nähe zum
       Wasser das Holz in diesem widerspiegelt, so wird der Körper im Selbst wi-
       derspiegelt. Aber ebenso wie ein ins Wasser fallender Stein weder dem Was-
       ser noch dem Stein selbst Schaden zufügt, so gibt es auch im Kontakt des
       Körpers mit anderen materiellen Substanzen (wie Frau, Kinder oder materi-
       elle Objekte) keinerlei Schaden oder Schmerzen für irgendjemanden.
         Von der Widerspiegelung eines Objekts im Spiegel kann man sagen, dass sie
       weder real noch irreal, sondern unbeschreibbar ist. Ebenso ist der im Selbst
       widerspiegelte Körper weder real noch irreal, sondern unbeschreibbar. Die
       unwissende Person akzeptiert als real, was immer sie in dieser Welt wahr-
       nimmt, aber der Weise nicht. So wie ein Stück Holz und das Wasser, in dem es
       widerspiegelt wird, keine reale Beziehung miteinander haben, so haben das
       Selbst und der Körper keine reale Beziehung miteinander. Darüber hinaus
       gibt es dort, wo eine solche Beziehung existieren würde, keinerlei Dualität.
       Das eine unendliche Bewusstsein allein existiert ohne jede Subjekt-Objekt-
       Trennung. In diesem stellt man sich dann Vielfalt vor, und so glaubt das, was
       eigentlich unberührt vom Kummer ist, elend zu sein – so wie jemand, der
       meint, einen Geist zu sehen, tatsächlich einen Geist sieht! Aufgrund der Macht
       des Denkens erwirbt diese illusorische Beziehung sodann die Macht des
       Faktischen. Das Selbst ist auf immer unberührt von Schmerz und Freude,
       aber indem es sich für den Körper hält, unterzieht es sich selbst den Erfah-
       rungen des Körpers. Die Aufgabe dieses falschen Glaubens ist Befreiung.
         Wer sich daher nicht der falschen Identifikation oder Anhaftung hingibt, ist
V:68   sofort vom Leid befreit. Es ist diese Konditionierung, die der Same des Al-
       terns, des Todes und der Täuschung ist; hört sie auf, dann geht man jenseits
       dieses Ozeans der Täuschung. Das konditionierte Gemüt schafft sogar in den
       Asketen Bindung, während das unkonditionierte Gemüt sogar in einem
       Haushälter rein ist. Das Gemüt, auf diese Weise konditioniert, bedeutet Bin-


                                           312
dung, während Befreiung die Freiheit von der Konditionierung (innerer Kon-
takt, Anhaftung oder Identifikation) bedeutet. Dieser innere Kontakt (der
eine fiktive Getrenntheit voraussetzt) allein ist die Ursache für Bindung und
Befreiung. Die vom unkonditionierten Gemüt ausgeführten Handlungen sind
Nicht-Handlungen, während das konditionierte Gemüt sogar dann tätig ist,
wenn es nach außen Abstand von Tätigkeiten nimmt. Handlung oder Nicht-
Handlung sind im Gemüt – der Körper selbst ist nicht tätig. Daher sollte man
entschlossen diese falsche innere Getrenntheit aufgeben.
  RùMA fragte:
  Worin besteht die Konditionierung, oh Hoher Herr, und wie kann sie Bin-
dung verursachen? Und worin besteht die Befreiung und wie wird sie er-
langt?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wenn man von der Wirklichkeit des Körpers überzeugt ist und die Unter-
scheidung zwischen dem Körper und dem Selbst aufgegeben hat, dies wird
als Konditionierung bezeichnet. Wer glaubt, dass das unbegrenzte Selbst
begrenzt sei, und wer daher nach Vergnügen sucht, wird gebunden. Wer
dagegen ergründet: „All dieses ist in der Tat das Selbst; was sollte ich daher
wünschen, und welchem sollte ich entsagen?“ ist im unkonditionierten Zu-
stand der Befreiung verankert. Wer weiß: „Weder bin ich, noch ist da ein
anderer“ oder „Lass doch dieses sein oder nicht sein“, und daher nicht nach
Vergnügen sucht, der ist befreit. Weder ist er von der Nicht-Tätigkeit verführt
noch verliert er sich in den Ergebnissen der Tätigkeit; weder ist er himmel-
hoch jauchzend noch zu Tode betrübt. Den Früchten seiner Handlungen ent-
sagt er mit Hilfe seines Gemüts (nicht aber durch Tätigkeit!). Es geschieht
durch die Zurückweisung von Konditionierung, dass die Bindung abgestreift
und das höchste Gut erlangt wird. Die Konditionierung ist die Quelle allen
Kummers.
  Konditionierung kann mit Hilfe der folgenden Beispiele illustriert werden.
1) der Esel wird vom Meister am Seil geführt und trägt aus Furcht schwere
Lasten; 2) der im Boden verwurzelte Baum erträgt Hitze, Kälte, Wind und
Regen; 3) der Wurm liegt in seinem Loch in der Erde und wartet seine Zeit
ab; 4) der hungrige Vogel sitzt auf dem Zweig eines Baums, voller Furcht vor
Feinden; 5) das ahnungslose Reh grast friedlich und fällt mit Leichtigkeit dem
Schuss des Jägers zum Opfer; 6) zahllose Leute werden wieder und wieder als
Würmer und Insekten geboren; 7) die zahllosen Wesen steigen und sinken in
dieser Schöpfung auf und nieder wie die Wellen auf der Oberfläche des Oze-
ans; 8) die schwachen menschlichen Wesen, unfähig, Fortschritte zu machen,
sterben wieder und wieder; 9) diese Sträucher und Kletterpflanzen, die ihre
Nahrung aus der Erde empfangen und auf dieser wachsen; und 10) diese
Weltillusion, die wie ein Fluss ist, der in seinen Wassern die unermesslichen
Sorgen und Leiden mit sich führt. All dieses kann die Erweiterung der Kondi-
tionierung genannt werden.



                                     313
Die Konditionierung (oder der innere Kontakt, die Anhaftung oder die
Selbst-Begrenzung) ist von zweierlei Art: die verehrungswürdige und die
sterile oder unfruchtbare. Die sterile oder unfruchtbare Konditionierung ist
überall bei den Toren zu beobachten, während die verehrungswürdige Kondi-
tionierung unter denen zu sehen ist, die die Wahrheit kennen. Diejenige Kon-
ditionierung, die in den Gemütern der Wesen ohne Selbsterkenntnis existiert
und Dingen wie dem Körper entsteigt und die ferner wiederholt Geburt und
Tod hervorruft – diese ist unfruchtbar und steril. Die andere Form der Kondi-
tionierung, die in verehrungswürdigen Wesen mit Selbsterkenntnis zu finden
ist, entsteigt der Verwirklichung reiner Weisheit und befähigt einen dazu,
Geburt und Tod zu vermeiden.
   (Die verehrungswürdige Konditionierung respektiert und erkennt die „na-
türlichen“ Begrenzungen; d.h. sie versteht, dass Augen und Ohren usw. auf
natürliche Weise in ihrer Wahrnehmung begrenzt sind. Die Konditionierung
des Toren ist hingegen eine selbstauferlegte – er erachtet das unendliche
Selbst als identisch mit dem physischen Körper. Das im Text verwendete Wort
samsaktti wird üblicherweise mit „Anhaftung“ übersetzt. Anhaftung jedoch
beinhaltet Trennung und Dualität, die wiederum eine Begrenzung des Unend-
lichen und die Konditionierung des Unkonditionierten bedeuten.)
   VASIåèHA fuhr fort:
  Der Gott, der in seinen Händen das Muschelhorn, den Diskus usw. hält,
schützt die drei Welten aufgrund der „verehrungswürdigen Konditionierung“.
Dank dieser Art von Konditionierung geschieht es, dass die Sonne scheint und
der kosmische Körper des Schöpfers diese gewaltige Schöpfung leitet und
erhält. Und sogar Lord Śiva leuchtet als Gottheit aufgrund dieser Art der
Konditionierung. Die Götter, die die Welt am Leben erhalten und alle auf ihre
Art tätig sind, erhalten ihre spezifischen Fähigkeiten aufgrund dieser vereh-
rungswürdigen Konditionierung oder Selbstbegrenzung.
  Auf der anderen Seite fällt das Gemüt unter dem Einfluss der sterilen oder
unfruchtbaren Konditionierung mit Leichtigkeit dem Wunsch nach Vergnü-
gen zum Opfer, wie er durch den getäuschten Glauben entsteht, dass diese
Erfahrung erfreulich sei werde.
  Sogar die Funktion der kosmischen Elemente ist der Konditionierungzu
verdanken. Und aufgrund ihrer geschieht es ferner, dass die Götter im Him-
mel, die Menschen auf der Erde und die Dämonen der Unterwelt auftauchen
und fallen wie Wellen auf dem Ozean. So wie im Ozean die großen Fische die
kleinen fressen, so dienen all diese zahllosen Wesen einander als Nahrung
und werden hilflos aufgrund ihrer Konditionierung im Raum umhergetrie-
ben. Und aufgrund ihrer Konditionierung kreisen auch die Sterne auf ihren
Umlaufbahnen. Aufgehend und niedergehend, jetzt strahlend und im nächs-
ten Moment verdunkelt (und man sagt sogar, dass er Flecken und Fehler
habe) bewegt sich der Mond um die Erde und hört aufgrund der Konditionie-
rung nicht damit auf.



                                    314
Oh Rāma, betrachte diese mysteriöse Schöpfung, wie sie als Antwort auf die
mentalen Konzepte der Wesen von niemand-weiß-von-wem ins Dasein geru-
fen worden ist. Dieses Universum wurde allein durch mentale Konditionie-
rung im leeren Raum heraufbeschworen – es besitzt keinerlei Realität. Und
innerhalb dieses Universums zehrt das Verlangen nach Vergnügen an den
vitalen Lebenskräften aller Wesen, die der Welt, dem Körper usw. verhaftet
sind. Niemand vermag ihre Zahl zu nennen, so wenig man die Zahl der Sand-
körner entlang der Küsten des Ozeans zu nennen vermag. Der Schöpfer die-
ses Universums hat dieses Universum, sozusagen, nur aufgrund der mentalen
Konditionierung all dieser zahllosen Wesen ins Leben gerufen. Diese Wesen
sind in der Tat der vorzügliche, trockene Brennstoff für die flammenden Feu-
er der Hölle hier. Welche Leiden auch immer in der Welt gefunden werden –
bedenke, dass sie allein für diese Wesen gedacht sind. So wie die Flüsse rasch
dem Meer entgegen fließen, so fließt das Leiden rasch denjenigen entgegen,
die mental konditioniert sind. Diese ganze Schöpfung ist daher von Unwis-
senheit durchdrungen. Durchtrennt jedoch einer dieses Verlangen nach Ver-
gnügen, dann erweitert sich die begrenzte mentale Konditionierung in einer
gewaltigen Ausdehnung. Die mentale Konditioniertheit (oder Anhaftung an
das Endliche und Verderbliche) ist glühende Hitze für die Glieder, oh Rāma;
aber die unendliche Ausdehnung (oder Hingabe an das Unendliche) ist die
Zauberkur für den brennenden Schmerz. Das Gemüt, welches an nichts anhaf-
tet und verankert ist im Frieden des Unendlichen, geht mit Leichtigkeit der
Freude entgegen. Wer in der Selbsterkenntnis Fuß gefasst hat, ist hier und
jetzt befreit.
  (In diesem Kapitel wird die wahre Bedeutung von „Konditionierung“ ver-
mittelt, obschon das verwendete Wort saæsańgaæ ist, welches auch als „Kon-
takt“ oder „Anhaftung“ übersetzt werden kann. Gemeint sind aber tatsächlich
„Identifikation“ oder „Konditionierung“.)
  VASIåèHA fuhr fort:                                                            V:69, 70
  Oh Rāma, indem es zu allen Zeiten das Angemessene erledigt, sollte das
Gemüt nicht der Tätigkeit, den Gedanken oder dem Objekt anhaften. Weder
sollte es an den Himmeln oben noch an dem unten Befindlichen noch an
irgendeiner anderen Richtung haften. Es sollte sich weder an externe Bezie-
hungen, an die natürliche Bewegung der inneren Sinne noch an die Lebens-
kraft binden. Das Gemüt sollte nicht im Kopf sein, nicht am Gaumen, nicht
zwischen den Augenbrauen, nicht an der Nasenspitze oder im Mund oder in
den Augen. Es sollte weder in der Dunkelheit noch im Licht und nicht einmal
im innersten Herzen sein; weder im Wachzustand, noch im Traum oder im
Schlaf, und nicht einmal der weite, reine Raum sollte sein Zuhause werden.
Unangehaftet an das Spektrum der Farben, die Bewegung oder die Stetigkeit,
den Anfang, die Mitte, das Ende und alles andere dazwischen, sollte das Ge-
müt weder in der Entfernung noch in der Nähe ruhen, nicht vor und in Objek-
ten, und auch nicht im Selbst. Sinneserfahrungen, der illusorische Zustand




                                    315
des Glücks, Konzepte und Ideen sollten keinerlei Macht über das Gemüt ha-
ben.
  Das Gemüt sollte in reinem Bewusstsein als reines Bewusstsein ruhen und
dabei nur ein klein wenig äußerliche Gedankenregung aufweisen, als ob es
sich der gänzlichen Flüchtigkeit der Objekte dieser Welt bewusst bliebe.
Wenn auf diese Weise sämtliche Anhaftungen zerrissen sind, wird der jīva
zum Nicht-jīva – was immer auch in der Folge geschieht, ob es Aktivität oder
Inaktivität ist. In einem derartigen Zustand der Nicht-Anhaftung ist der jīva
nicht an die Früchte der Tätigkeit gebunden. Oder indem er sogar diesen
Zustand eines minimen Verständnisses der Objekte aufgibt, ruht der Jiva im
höchsten Frieden. Ein derartig befreiter Mensch ist, ob er in den Augen ande-
rer nun als tätig oder untätig erscheint, für immer frei von Sorgen und Furcht.
Sämtliche Leute lieben und schätzen ihn. Auch wenn er in den Augen der
Menschen erregt zu sein scheint – im Innern ist er fest in der Weisheit veran-
kert. Sein Bewusstsein wird durch Glück oder Unglück nicht gefärbt. Er wird
nicht durch den Glanz der Welt verführt. Infolge der Selbsterkenntnis lebt er
auf immer in beständiger Kontemplation und ist daher frei von aller Anhaf-
tung an sämtliche Dinge dieses Universums. Indem er jenseits der Gegensatz-
paare ist, scheint er sich sogar im Wachzustand wie im Tiefschlaf zu befinden.
  Dieser Zustand, in dem das Gemüt frei von seinen charakteristischen Bewe-
gungen der Gedanken ist und da nur die Erfahrung des Friedens ist, wird
„Tiefschlaf im Wachzustand“ genannt. Wer darin lebt, lebt ein nicht-
willentliches Leben, frei von mentaler Irritation oder Verwirrung, unbeküm-
mert durch ein kurzes oder langes Leben. Sobald dieser Zustand des „Tief-
schlafs im Wachzustand“ reifer wird, wird er turīya oder der „vierte Zustand“
genannt. Der Weise, der fest darin verankert ist, erlebt das Universum wie
einen kosmischen Spielplatz und das Leben darin wie einen kosmischen Tanz.
Gänzlich frei von Sorge und Furcht und der Illusion der Welterscheinung fällt
derjenige, der im turīya lebt, nicht wieder in den alten Irrtum zurück. Auf
immer ist er getränkt von Seligkeit. Er geht sogar noch weiter in diesen groß-
artigen, unbeschreiblichen Zustand höchster Seligkeit. Dieser Zustand befin-
det sich sogar noch jenseits von turīya – und jenseits von jedem Verstehen
und jeder Beschreibung.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Es mag möglich sein, den Zustand desjenigen, der noch lebend befreit ist, in
Worte zu fassen, womit der Zustand des turīya oder des „Tiefschlafs im
                                                                                  V:71
Wachzustand“ oder der Zustand totaler Freiheit gemeint ist. Aber der Zu-
stand darüber hinaus (derjenigen, die sogar das Körperbewusstsein über-
wunden haben) ist nicht durch Worte zu beschreiben. Das ist der Zustand
„jenseits von turīya“. Strebe danach, oh Rāma, diesen zu erreichen!
  Sei jedoch zuerst verankert im „Tiefschlaf im Wachzustand“. Kümmere dich
nicht um die Existenz oder die sonstigen Angelegenheiten des Körpers; wis-
send, dass der Körper nichts als ein Produkt der Illusion ist. Du bist ein Mann
der Weisheit, oh Rāma – du hast die innerliche Erweckung erlangt. Das Gemüt


                                     316
des Menschen der Selbsterkenntnis schlägt nicht wieder einen abwärts füh-
renden Weg ein. Nur das reine Bewusstsein existiert dann noch – lass daher
in dir niemals die Ideen von „Ich bin so-und-so“ oder „Dies ist mein“ auftau-
chen. Sogar das Wort „Selbst“ wird nur verwendet, um die Verständigung zu
ermöglichen – die Wahrheit befindet sich jenseits all dieser Beschreibungen.
Da ist keine Dualität, da sind keine Körper, und folglich gibt es auch keinerlei
Beziehungen zwischen ihnen – in der Sonne gibt es keine Schatten! Obwohl
ich dir gegenüber für den Zweck unseres Gesprächs von einer Dualität ausge-
he, existiert diese in Wahrheit nicht.
  So wie es keine Beziehung zwischen Licht und Dunkelheit gibt, so gibt es
auch keine zwischen dem Körper und dem darin Verkörperten. Wenn die
Wahrheit erkannt wird, hören alle irrigen Ideen auf. Das Selbst ist Bewusst-
sein – rein, ewig, selbstleuchtend und frei von Wandel. Der Körper dagegen
ist vergänglich und unrein. Wie kann zwischen beiden eine Beziehung beste-
hen? Der Körper wird durch die Lebenskräfte oder die anderen Elemente am
Leben erhalten – daher kann dieser Körper keine wie auch immer geartete
Beziehung mit dem Selbst haben. Auch wenn daher diese beiden (Selbst und
Körper) als zwei unterschiedliche Realitäten betrachtet werden, könnte es
keinerlei Beziehung zwischen ihnen geben. Aber wenn diese Dualität unreal
ist, dann ist das Denken daran belanglos. Lass diese Wahrheit tief in dir ver-
wurzelt sein: Zu keiner Zeit hat es irgendwo für irgendjemanden Bindung
oder Befreiung gegeben.
  Es ist klar, dass all dieses nichts als das eine, unendliche Selbst oder Be-
wusstsein ist. Wenn du Konzepten wie „Ich bin glücklich oder unglücklich“
oder „Ich bin unwissend“ Ohr leihst, werden dir diese nicht endende Sorgen
bringen. Der Körper trat aufgrund von Wind (Lebensatem) ins Dasein; er
existiert aufgrund dessen, er spricht als Ursache davon, und sämtliche Sinne
arbeiten aufgrund dessen: Die Intelligenz in ihm ist nichts anderes als das
unteilbare Bewusstsein. Dieses unendliche Bewusstsein allein ist überall
ausgebreitet als Raum usw., und der letztere ist im Bewusstsein widerspie-
gelt, wobei diese Widerspiegelung „Gemüt“ genannt wird. Wenn das Gemüt
den Käfig des Körpers aufgibt und davon fliegt, dann erfährt es das Selbst,
welches Bewusstsein ist. Wo es Duft gibt, gibt es Blumen; wo das Gemüt ist,
da gibt es Bewusstsein. Jedoch ist das Gemüt allein die Ursache für das Ent-
stehen dieser Welt – da das Bewusstsein allgegenwärtig und unendlich ist, ist
es zwar die letztgültige Ursache, jedoch nicht die Ursache der Welterschei-
nung. Daher besteht in Wahrheit die Ursache dieser Welterscheinung in der
Nicht-Ergründung der Natur der Realität, also in der Unwissenheit. So wie
eine Lampe unverzüglich die Dunkelheit beseitigt, so zerstreut das Licht der
Selbsterkenntnis unverzüglich die Dunkelheit der Unwissenheit. Daher sollte
man das ergründen, was als jīva oder als Gemüt oder der innere psychologi-
sche Faktor bezeichnet wird.
  RùMA fragte:




                                     317
Heiliger Herr, wie kommt es, dass an alle diese Konzepte und Denkkatego-
rien so fest geglaubt wird? Bitte erleuchte mich!
  VASIåèHA fuhr fort:
   All dies ist wirklich das Selbst. Jedoch wie Wellen die Oberfläche des Ozeans
aufrühren, so taucht die Vielfalt, die das Universum genannt wird, im Gemüt
auf. Ab und zu scheint das Selbst das bewegte Selbst zu sein. Dann wieder
verbleibt das Selbst in einem unbewegten Zustand. Das Unbewegte sind die
leblosen Substanzen wie etwa die Steine, während die bewegten Substanzen
die Menschen usw. sind. In all diesen unterhält das allmächtige Selbst die Idee
der Unwissenheit und verbleibt daher in einem Zustand scheinbarer Unwis-
senheit. Das Unendliche, auf diese Weise in Unwissenheit gekleidet, wird der
jīva genannt, der in dieser Welterscheinung wie ein in die Falle gegangener
Elefant ist.
   Da er lebt, wird er jīva genannt. Da er egoistische Ideen unterhält, wird er
Ego genannt. Da er unterscheidet und entscheidet, wird er als buddhi (Intel-
lekt) oder unterscheidendes Wesen bezeichnet. Aufgrund seiner Fähigkeit,
Konzepte und Ideen zu bilden, wird er als Gemüt bezeichnet. In seiner natür-
lichen Gestalt wird er als Natur bezeichnet. Der jīva ist als Körper bekannt,
weil er wandelhaft ist. Er wird auch als Bewusstsein bezeichnet, weil seine
Natur Bewusstsein ist.
   Das Höchste Selbst allein ist die Wahrheit, die sich genau in der Mitte zwi-
schen dem Leblosen und dem Intelligenten befindet – dieses allein erschafft
Vielfalt und ist unter all diesen unterschiedlichen Namen bekannt. Aber all
diese Kategorien wurden von Menschen mit verdrehtem Intellekt für das
Vergnügen des Polemisierens und die Verwirrung der Unwissenden erfunden.
   Daher, oh Rāma, ist es dieser jīva allein, der die Ursache dieser Welterschei-
nung ist, denn was könnte dieser taube und stumpfe Körper schon tun? Wenn
der Körper verdirbt, verdirbt nicht das Selbst; so wenig wie der Baum ver-
dirbt, wenn ein Blatt herabfällt. Nur die getäuschten Personen denken an-
dersherum.
   Andererseits stirbt alles, sobald das Gemüt stirbt, und eben darin besteht
die letztliche Befreiung. Der Mensch, der jammert: „Ich sterbe, ich verderbe!“
hält närrischerweise an einer falschen Idee fest. Er wird die Welterscheinung
an einem anderen Ort zu einem anderen Zeitpunkt weiterhin erleben. Der
jīva, der in der mentalen Konditionierung gefangen ist, gibt einen Körper auf
und sucht nach einem anderen; so wie ein Affe im Wald einen Baum verlässt
und auf einen anderen springt. Und schon im nächsten Moment gibt er auch
diesen wieder auf und hält Ausschau nach einem anderen in einem anderen
Teil des unendlichen Raumes und in einer anderen Zeitperiode. So wie die
Kinderfrau das kleine Kind von einem Ort zum andern trägt, um es zu unter-
halten, so führt diese mentale Konditionierung (oder die psychologische
Gewohnheit) den jīva hierhin und dorthin. Auf diese Weise, mit dem Seil der
mentalen Konditionierung gefesselt, unterzieht sich der jīva wiederholten
Geburten in verschiedenen Spezies, dabei nicht endende Leiden erfahrend.


                                      318
(Nachdem der Weise Vāsi«Âha so gesprochen hatte, endete ein weiterer Tag,
       und die Versammlung löste sich für die Abendgebete auf.)
        VASIåèHA fuhr fort:
V:72
         Oh Rāma, weder wirst du geboren, wenn der Körper geboren wird, noch
       stirbst du, wenn dieser stirbt. Zu glauben, dass der Raum in einem Topf ins
       Dasein kam, als dieser gefertigt wurde, und dass der Raum dann mit dem
       Topf zerbricht, ist völlige Torheit. Außerdem ist das innewohnende Bewusst-
       sein frei von den Ideen des Wünschenswerten und des Nicht-
       Wünschenswerten in Bezug auf Körper, Gemüt und Sinne. Das innewohnende
       Bewusstsein tritt mit diesen so in Kontakt, wie Reisende in einem Gasthaus
       oder Baumstämme in einem Fluss aufeinander treffen und sich wieder tren-
       nen – das Zusammentreffen oder Trennen ruft im Bewusstsein keinerlei
       Glück oder Unglück hervor. Weshalb frohlocken oder trauern die Menschen
       dann unter diesen Umständen?
         Das Selbst erscheint aufgrund seiner unwissenden Selbstbegrenzung als
       das Gemüt so, als würde es von den Objekten in der Welt berührt werden,
       aber dasselbe Selbst, einmal zu seiner wahren Natur erwacht, gibt seine aus
       Unwissenheit geborene Getäuschtheit auf und erlangt die Selbsterkenntnis.
       Dann sieht das Gemüt den Körper wie aus großer Höhe. Den Körper als eine
       Zusammensetzung von Elementen erkennend, transzendiert es das Körper-
       bewusstsein und wird erleuchtet.
         Ein solch erleuchteter Mensch ist unberührt von der Weltlichkeit oder Un-
       wissenheit, und zwar sogar dann, wenn er in dieser Welt tätig ist. Er ist durch
       nichts in dieser Welt angezogen oder abgestoßen. Er weiß: „Was als das 'ich'
       und in den drei Perioden der Zeit als 'die Welt' bezeichnet wird, ist nichts als
       die Erweiterung der Verbindung zwischen dem reinen Erfahrenden und der
       Erfahrung selbst.“ Ob das Objekt des Erfahrens real oder irreal ist, hängt
       gänzlich vom Erfahren ab – wie kann es dann noch Freude oder Kummer
       geben? Das Falsche ist falsch, das Wahre ist wahr – und eine Vermischung
       dieser beiden ist sicherlich falsch! Lass dich nicht täuschen. Gib die falsche
       Wahrnehmung auf und erkenne die Wahrheit – dann wirst du niemals wieder
       getäuscht werden.
         Alles was ist, ist nur die Beziehung zwischen reinem Erfahren und seiner
       Erfahrung. Diese Erfahrung ist wahrhaftig die Wonne der Selbst-Seligkeit. Sie
       ist reines Erfahren selbst. Daher wird dies als Brahman das Absolute be-
       zeichnet. Diese Wonne, die im Kontakt dieses reinen Erfahrens mit der Erfah-
       rung entsteht, ist die höchste: Für den Unwissenden ist sie Weltlichkeit, und
       für den Weisen ist sie Befreiung. Dieses reine Erfahren ist das unendliche
       Selbst. Sobald es sich den Objekten zuneigt, wird es zur Bindung; wenn es
       jedoch frei ist, ist es Befreiung. Wenn ein solches Erfahren frei von Verfall
       oder Neugierde ist, dann ist es Befreiung. Und sobald dieses Erfahren sogar
       noch frei von diesem Kontakt (der Subjekt-Objekt-Beziehung) ist, dann hört
       die Welterscheinung gänzlich auf. Dann taucht das turīya-Bewusstsein oder
       der „Tiefschlaf im Wachzustand“ auf.


                                            319
Das Selbst ist weder dies noch das – es transzendiert jedes Objekt des Er-
fahrens hier. In der unbegrenzten und unkonditionierten Sichtweise des
Kenners der Wahrheit ist all dies nichts als das eine Selbst, das unendliche
Bewusstsein – da ist nichts, was als das Nicht-Selbst betrachtet werden kann.
Die Substantialität sämtlicher Substanzen ist nichts anderes als das Selbst
oder das unendliche Bewusstsein.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Oh Rāma, es gibt noch eine andere Geisteshaltung, mit der du ebenfalls die        V:73
göttliche Einsicht erlangst und fest in der Selbsterkenntnis verankert bist.
Diese ist wie folgt:
   „Ich bin Raum. Ich bin die Sonne. Ich bin die Himmelsrichtungen, oben wie
unten. Ich bin die Götter. Ich bin die Dämonen. Ich bin alle Wesen. Ich bin die
Dunkelheit. Ich bin die Erde, die Ozeane usw. Ich bin der Staub, der Wind, das
Feuer und die ganze Welt. Ich bin allgegenwärtig. Wie könnte es irgendetwas
anderes geben als mich?“
   Indem du diese Haltung einnimmst, wirst du jenseits von Freud und Leid
gehen.
   Beide Haltungen führen zur Befreiung: Die eine ist „Ich bin das extrem sub-
tile, transzendente Selbst“, und die andere ist „Ich bin alles und jedes“. Es gibt
noch eine weitere Haltung mit Bezug auf das „Ich“, und diese besteht in „Ich
bin dieser Körper“. Diese Haltung ist die Ursache endlosen Kummers. Gib alle
drei Haltungen auf, Oh Rāma, und verbleibe als reines Bewusstsein. Denn das
Selbst ist transzendental und, da es allgegenwärtig ist, das Licht in allen Din-
gen der Welt, obschon diese Dinge in Wahrheit trügerisch sind.
    Selbsterkenntnis wird nicht durch Erläuterungen und Beschreibungen er-
langt, auch nicht durch die Anweisungen anderer. Sie wird immer nur durch
direkte Erfahrung erkannt. Was immer auch in dieser Welt erfahren und
gekannt wird, alles ist das Selbst – das Bewusstsein, ohne Dualität des Erfah-
renden und der Erfahrung. Es ist das Selbst allein, welches immer und überall
existiert, aber aufgrund seiner extremen Subtilität wird es nicht erfahren. In
allen Wesen ist es der jīva. Alle Tätigkeiten geschehen im Licht der Sonne,
aber wenn die Tätigkeiten aufhören, erleidet die Sonne keinen Verlust. Eben-
so geschieht es aufgrund des Selbst, dass der Körper usw. arbeitet; aber wenn
dieser stirbt, dann erleidet das Selbst keinerlei Verlust. Weder ist das Selbst
geboren noch stirbt es; weder erwirbt noch wünscht es etwas; weder ist es
gebunden noch befreit – das Selbst ist immer das Selbst.
   Das Selbst ist unbeeinflusst von Zeit, Raum usw. – wie kann es dann gebun-
den werden? Wenn es demnach keine Bindung gibt – wie könnte es dann
Befreiung geben? Darin besteht die Herrlichkeit des Selbst. Aber weil sie die
Natur des Selbst nicht kennen, weinen und klagen die Menschen hier. Gib die
beiden falschen Konzepte der Bindung und der Befreiung auf und lebe hier
ein erleuchtetes Leben. Da ist keinerlei Befreiung im Himmel oder auf der
Erde oder in den Unterwelten – Befreiung ist stets nur ein Synonym für das


                                      320
reine Gemüt, echte Selbsterkenntnis und einen wahrhaft erwachten Zustand.
Die vollständige Abwesenheit sämtlicher Wünsche und Hoffnungen ist Be-
freiung. Solange einer nicht dieses wahre innere Erwachen oder die Selbster-
kenntnis erlangt hat, hält er sich selbst für gebunden und strebt nach Befrei-
ung. Gib diese falschen Ideen von Bindung und Befreiung auf und werde ein
„Mensch der höchsten Entsagung“, oh Rāma. Lebe danach ein sehr langes
Leben und regiere die ganze Welt.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Das Selbst, das spielerisch den Körper wahrnimmt, unterhält dann die Idee,     V:74
dass es zum Körper geworden sei. All dies, was die Weltillusion ausmacht,
tritt ins Dasein wie eine Luftspiegelung in der Wüste. Diese Illusion breitet
sich dann aus wie Wellen im Ozean und nimmt verschiedene Namen an wie
Gemüt, die Fähigkeit der Unterscheidung, der Ich-Sinn, die latenten Neigun-
gen und die Sinne. Das Gemüt und der Ich-Sinn sind in Wahrheit nicht zwei,
sondern ein und dasselbe; die Unterscheidung ist rein verbal. Das Gemüt ist
der Ich-Sinn und der Ich-Sinn ist das Gemüt. Nur unwissende Menschen glau-
ben, dass das eine aus dem anderen geboren worden sei – so wie unwissende
Menschen vielleicht sagen würden, dass die Weiße aus dem Schnee entstan-
den sei.
   So ist es auch mit Gemüt und Ich-Sinn – hört das eine auf, hört auch das an-
dere auf. Anstatt die Ideen von Bindung und Befreiung zu unterhalten, gib
alles Verlangen auf und führe durch Weisheit und Leidenschaftslosigkeit das
Ende des Gemüts herbei. Sogar wenn nur der Wunsch „Möge ich doch befreit
sein!“ in dir auftaucht, wird das Gemüt dadurch wiederbelebt. Wenn das
Gemüt dann weitere Ideen unterhält, wird dadurch der Körper geschaffen.
Dann entstehen wiederum andere Konzepte wie „Ich tue dies“, „Ich erfreue
mich dessen“ und „Ich kenne dies alles“. Alle diese Konzepte sind unwirklich
wie eine Luftspiegelung in der Wüste. Da ihre Unwirklichkeit jedoch nicht
erkannt wird, üben diese Illusionen auf das Gemüt eine anziehende Wirkung
aus, so wie eine Luftspiegelung die Tiere irreführt. Wird sie dagegen als eine
Illusion erkannt, dann zieht sie das Gemüt nicht mehr an, so wenig wie eine
Luftspiegelung denjenigen nicht mehr in Bann zieht, der sie als eine solche
erkannt hat. So wie eine Lampe die Dunkelheit vertreibt, so entwurzelt die
Erkenntnis der Wahrheit vollständig alle Konzepte und Konditionierungen.
   Wenn einer ernsthaft fragt: „Dieser Körper ist nichts als eine leblose Sub-
stanz – weshalb sollte man seinetwillen auf die Suche nach Vergnügen ge-
hen?“, dann schwindet alles Verlangen dahin. Und wenn es kein Verlangen
mehr gibt, dann erlebt man im Innern große Seligkeit und höchsten Frieden.
Der Weise der Selbsterkenntnis gewinnt Mut und Festigkeit und strahlt in
seinem eigenen Glanz. Er erfreut sich höchster Zufriedenheit. Er ist erleuch-
tet, und dieses innere Licht leuchtet hell in ihm. Er sieht das Selbst als das
Selbst von allen; allgegenwärtig, der Höchste Herr von allem, formlos und
doch alle Formen durchdringend.



                                     321
Wenn er sich an die Vergangenheit erinnert, wo er noch von Leidenschaft
geschüttelt wurde, lacht er über seine eigene Unwissenheit. Er ist weit ent-
fernt von schlechter Gesellschaft, frei von mentaler Verzweiflung, jedoch fest
verankert in der Selbsterkenntnis. Er wird von allen verehrt, von allen ge-
sucht, von allen gelobt, aber er verbleibt gleichgültig. Weder gibt er, noch
nimmt er; weder beleidigt er, noch preist er jemanden; weder frohlockt er,
noch trauert er. Er ist ein Weiser, befreit noch im Leben – der alle vorsätzli-
chen Tätigkeiten aufgegeben hat, der frei von der Konditionierung ist und alle
Wünsche und Hoffnungen fahren gelassen hat. Oh Rāma, gib alle Wünsche auf
und verbleibe im Frieden in dir selbst. Keine Freude in dieser Welt ist ver-
gleichbar mit dem Entzücken, welche dein Herz erfüllen wird, sobald du alle
Wünsche und Hoffnungen vollständig aufgegeben hast. Nicht in einem König-
reich, nicht im Himmel, nicht in der Gesellschaft der Geliebten erfährt man
dieses Entzücken, wie wenn man frei von Hoffnung ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wer mit Wunschlosigkeit (Hoffnungslosigkeit) ausgestattet ist, der behan-
delt die ganze große Welt wie den Hufabdruck eines Kälbchens, den höchsten
Berg wie den Stumpf eines gefällten Baumes, den Weltraum wie eine kleine
Schachtel und die drei Welten wie einen Grashalm. Über die Aktivitäten der
weltlich gesinnten Menschen lacht er nur. Mit wem oder was kann man eine
solche Person vergleichen? Wie kann irgendetwas den Gleichmut einer Per-
son erschüttern, die gänzlich frei von Gedanken ist wie „Ich wünschte, dies
wäre mir geschehen“? Oh Rāma, es ist der Wunsch oder die Hoffnung, die uns
in Bewegung hält, die wir auf das Rad der Weltillusion gebunden sind.
  Wenn du die Wahrheit erkennst, dass das Selbst allein all dieses ist und
dass Vielfalt nur ein Wort ohne jede Substanz ist, dann wirst du vollkommen
frei von Wunsch und Erwartung werden. Ein solcher Held, ausgestattet mit
der höchsten Leidenschaftslosigkeit, vertreibt den Kobold der Illusion schon
durch seine bloße Gegenwart. Er ist nicht vergnügt durch Vergnügen, nicht
beunruhigt durch Schwierigkeiten. Sensationen bewegen ihn so wenig wie
der Wind einen Berg entwurzeln kann. Die Zwillingskräfte der Anziehung und
Abstoßung vermögen ihn nicht zu berühren. Auf alles schaut er mit demsel-
ben Gleichmut.
  Frei von der leisesten Anhaftung erfreut er sich dessen, was ungesucht zu
ihm kommt, so wie die Augen ihre Objekte ohne Wunsch oder Hass anschau-
en. Daher erzeugen die Erfahrungen in ihm weder Jubel noch Leid. Obwohl er
ausgiebig mit den alltäglichen Beschäftigungen in der Welt befasst zu sein
scheint, wird sein Bewusstsein davon nicht im mindestens berührt. Was
immer ihm gemäß der Gesetzmäßigkeiten von Zeit, Raum und Verursachung
zustoßen mag, sei dieses nun erfreulich oder unerfreulich – innerlich ver-
bleibt er stets unberührt.
  So wie ein Seil, das versehentlich für eine Schlange gehalten wurde, denje-
nigen nicht beunruhigen kann, der es als Seil und nicht als Schlange zu sehen
vermag, so kehrt die einmal zerstörte Illusion nicht zurück, und so geht auch


                                     322
die einmal erlangte Selbsterkenntnis nicht wieder verloren. Kann denn je-
mand die vom Baum gefallene Frucht wieder an ihren alten Platz setzen?
  Der Kenner der Wahrheit betrachtet selbst die schönste Frau wie ein gemal-
tes Bild, was auch der Wahrheit entspricht, denn beide bestehen aus densel-
ben Substanzen (Erde und Wasser usw.) Wenn einmal die Wahrheit gesehen
wird, dann taucht der Wunsch zu besitzen nicht länger im Herzen auf. So wie
eine Frau, die einen Liebhaber hat, ihrer Hausarbeit nachgeht und dabei
beständig an den Liebhaber denkt, so ist auch der Weise in dieser Welt tätig,
während sein Bewusstsein ständig in der Wahrheit fest verankert ist. In bei-
den Fällen wäre es unmöglich, dieses Verhalten zu verhindern – d.h., die Frau
den Liebhaber oder den Weisen die Wahrheit vergessen zu machen.
  Der erleuchtete Weise weiß, dass dieses Selbst nicht stirbt, wenn der Kör-
per stirbt; nicht weint, wenn die Augen Tränen vergießen; nicht verbrannt
wird, wenn der Körper verbrannt wird; nicht verloren ist, wenn alles verloren
ist. Was immer ihm widerfährt, ob er nun mittellos oder wohlhabend ist, ob
er in einem Palast wohnt oder im Wald – stets ist er im Innern unberührt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Sehr viele dieser befreiten Weisen leben im Universum, oh Rāma. Ich werde            V:75
dir nur einige wenige Beispiele dafür geben: Janaka der Kaiser, dein eigener
Ahn, der Kaiser Dilīpa, Manu, der erste Regent der Welt, der Kaiser Māndhātā,
der viele Kriege führte, die Dämonenkönige Bali, NamÆci, V−tra (der sogar mit
Indra, dem König der Götter, focht), Prahlāda und Saæbara, die Lehrer der
Götter und Dämonen, wie auch die Trinität (die mit der Schöpfung, Erhaltung
und Auflösung des Universums befasst ist), Weise wie Viśvāmitra und Nārada
als auch die Gottheiten, die über die natürlichen Elemente wie Feuer und Luft
herrschen.
  Es gibt noch tausende, oh Rāma, die im Universum existieren und befreit
sind. Einige von ihnen sind Weise, andere sind Könige, manche wiederum
erstrahlen als Sterne und Planeten, wieder andere sind Gottheiten oder Dä-
monen. Oh Rāma, befreite Wesen gibt es sogar unter Würmern und Insekten,
so wie es närrische Dummköpfe unter den Göttern gibt. Das Selbst ist in allen
– es existiert als alles überall alle Zeit und auf alle Arten. Das Selbst allein ist
der Höchste Herr und alle Gottheiten. Es gibt Leere (Raum) in den Substan-
zen und Substantialität in der Leere oder im Raum. Was ungeeignet ist, er-
scheint im Verlauf der Ergründung als geeignet. Die Menschen sind recht-
schaffen, weil sie die Folgen der Sünde fürchten. Sogar was nicht ist, führt
schließlich zu dem, was ist: Die Kontemplation von Raum oder Leere führt
zur Erlangung der höchsten Wahrheit! Was nicht ist, tritt ins Dasein, geleitet
von Raum und Zeit. Was stark und mächtig ist, geht nur seiner eigenen Zer-
störung entgegen. Gib, oh Rāma, auf diese Weise betrachtend, Freude und
Sorge, Trauer und Anhaftung auf. Das Unwirkliche erscheint als wirklich und
das Wirkliche als unwirklich – gib daher Hoffnung als auch Hoffnungslosig-
keit auf und erlange den Gleichmut.



                                       323
In dieser Welt, oh Rāma, ist die Befreiung immer und überall erreichbar.
Durch Eigenbemühung haben schon Millionen von Wesen die Befreiung er-
langt. Die Befreiung ist, je nach der eigenen Weisheit oder Unweisheit, leicht
oder schwierig. Entzünde daher, oh Rāma, die Lampe der Weisheit in dir.
Durch die Vision des Selbst wird der Kummer enthauptet.
  Es hat schon zahllose Wesen in dieser Welt gegeben, die die Selbsterkennt-
nis und Befreiung noch zu Lebzeiten erlangt haben wie etwa Kaiser Janaka.
Deshalb werde auch du hier und jetzt befreit. Das Erlangen des inneren Frie-
dens durch äußerste Nicht-Anhaftung an irgendetwas wird Befreiung ge-
nannt. Möglich wird dies unabhängig davon, ob der Körper existiert oder
nicht existiert. Wer frei von sämtlichen Anhaftungen ist, der ist befreit. Man
soll auf intelligente und weise Art nach der Erlangung dieser Befreiung stre-
ben. Wer sich nicht bemüht, der vermag nicht einmal die Hufspur eines Kälb-
chens zu überspringen. Daher, oh Rāma, nimm deine Zuflucht zum spirituel-
len Heldenmut, zu rechter Übung, und kämpfe mit rechter Selbstergründung
danach, die Vollkommenheit der Selbsterkenntnis zu erlangen. Für den, der
danach strebt, ist das gesamte Universum nur wie die Hufabdruck eines Kälb-
chens.
  VASIåèHA fuhr fort:
   All diese Welten, oh Rāma, erscheinen in Brahman dem Absoluten; wahrge-         V:76, 77
nommen werden sie jedoch aufgrund der Unwissenheit oder Nicht-Weisheit
als eine unabhängige, substanzielle Realität. Diese fehlerhafte Vorstellung
hört mit der Erlangung der Weisheit auf. Es ist die fehlerhafte Wahrnehmung,
die all dies hier als „die Welt“ in Erscheinung treten lässt; die richtige Wahr-
nehmung dagegen führt zum Aufhören dieses Fehlers. Rāma, dieser Fehler
wird nur durch die rechte Bemühung zusammen mit der rechten Haltung und
Weisheit beseitigt. Schande über die Person, oh Rāma, die versunken im
Sumpf der Weltillusion bleibt, obwohl doch die Möglichkeit zur Überwindung
dieses Fehlers existiert. Gesegnet bist du, oh Rāma, dass sich in deinem Her-
zen bereits der Geist der rechten Ergründung manifestiert hat. Sobald die
Wahrheit durch diese Ergründung realisiert wird, werden Stärke, Intelligenz
und Ausstrahlung gekräftigt.
   Der Weise, der die Wahrheit erkannt hat und hier und jetzt befreit von Irr-
tum ist, der nimmt diese Welt wahr, als wäre er im Tiefschlaf, ohne das ge-
ringste Verlangen. Mit seiner inneren Intelligenz nimmt er nicht einmal die
Objekte und Erfahrungen wahr, die ungesucht zu ihm kommen, denn sein
Herz ist gänzlich in sich selbst zurückgezogen. Er hegt keinerlei Hoffnungen
für die Zukunft und erinnert sich nicht an die Vergangenheit; er lebt nicht in
der Gegenwart und ist doch stets tätig. Schlafend ist er wach, wachend schläft
er. Er tut alles und tut doch nichts. Innerlich hat er allem entsagt, obwohl er
äußerlich als tätig erscheint. Für immer befindet er sich im Zustand des
Gleichgewichts. Seine Handlungen sind vollkommen nicht-willentlich.
   Der Weise haftet an nichts und niemandem. Daher ist sein Betragen herz-
lich gegenüber den Herzlichen und rau gegenüber den Rauen. Er ist wie ein


                                     324
Kind unter Kindern, ein alter Mann unter den Alten, ein Held unter Helden,
       ein Jugendlicher unter Jugendlichen und ein Trauernder unter den Trauern-
       den. Seine sanften und liebevollen Worte sind voller Weisheit. Nichts hat er
       von edlen Taten zu gewinnen, und doch ist er edel; er empfindet kein Verlan-
       gen nach Vergnügen und wird daher nicht von ihm verführt. Er ist nicht an
       Bindung und nicht einmal an Befreiung interessiert. Wenn das Fangnetz der
       Unwissenheit und des Irrtums vom Feuer der Weisheit verbrannt ist, fliegt
       der Vogel des Bewusstseins fort in die Freiheit.
         Weder jubelt er, wenn seine Bemühungen Früchte tragen, noch klagt er, falls
       nicht. Wie ein spielendes Kind scheint er zu geben und zu nehmen. Er ist
       nicht überrascht, wenn der Mond heiß oder die Sonne kalt scheinen sollten.
       Wissend, dass das unendliche Bewusstsein all dies und noch mehr mit Leich-
       tigkeit herbeiführen kann, ist er nicht im mindesten über seltsame Phänome-
       ne erstaunt. Weder ist er schüchtern noch wird er von Zornausbrüchen heim-
       gesucht.
         Wissend, dass die Wesen dauernd geboren werden und sterben, gibt er
       Trauer und Kummer keinerlei Raum. Er weiß, dass die Welt in ihm auftaucht
       so wie Traumobjekte im Schlaf auftauchen, und dass daher alle diese Objekte
       nur von momentaner Existenz sind. Deshalb gibt es für ihn keinen Grund zu
       jubeln oder zu trauern. Sobald alle diese Konzepte wie Vergnügen und
       Schmerzen, Wünschenswertes und Nicht-Wünschenswertes aufhören, hören
       auch alle Ideen im Gemüt auf. Irrtümer tauchen nie wieder auf, so wie aus
       verbrannten Samen kein Öl mehr gewonnen werden kann.
         VASIåèHA fuhr fort:
V:78
         Oh Rāma, so wie ein illusorischer Feuerkreis durch einen kreisenden Feu-
       erbrand entsteht, so entsteht durch Vibration im Bewusstsein diese illusori-
       sche Erscheinung der Welt. Vibration und Bewusstsein sind unzertrennlich
       wie die Weiße des Schnees, das Öl im Sesamsamen, der Duft der Blüte und die
       Hitze des Feuers. Ihre Beschreibung als verschiedene Kategorien beruht auf
       Irrtum. Das Gemüt und die Bewegung der Gedanken sind untrennbar – das
       Aufhören des einen ist das Aufhören des anderen.
         Oh Rāma, es gibt zwei Wege, mit denen dieses Aufhören erlangt werden
       kann: Der Weg des Yoga, der die Zurückhaltung der Gedankenwellen beinhal-
       tet, und der Weg der Erkenntnis, der die rechte Erkenntnis der Wahrheit
       beinhaltet.
         Die Energie (wörtlich Luft), die in diesem Körper in den Energiekanälen
       (nādī bedeutet wörtlich „Kanal für Bewegung“, aber nicht notwendigerweise
       Nerv, obwohl man dies zur Vereinfachung so nennen kann) zirkuliert, wird
       prāïa genannt. Entsprechend seiner verschiedenen Funktionen im Körper
       wird es auch apāna usw. genannt. Dieses prāïa ist untrennbar eins mit dem
       Gemüt. In Wahrheit ist das Bewusstsein, welches aufgrund der Bewegung von
       prāïa zum Denken neigt, das Gemüt. Die Gedankenbewegungen im Gemüt
       entstehen aufgrund der Bewegungen des prāïa, während die Bewegungen



                                           325
des prāïa aus den Bewegungen der Gedanken im Bewusstsein entstehen.
       Beide bilden so einen Zyklus wechselseitiger Bedingtheit – wie Wellen und
       Strömungen im Wasser.
         Die Weisen erklären, dass das Gemüt durch die Bewegung des prāïa verur-
       sacht wird und das Zurückhalten des prāïa daher zur Stillheit des Gemüts
       führt. Wenn das Gemüt die Bewegung der Gedanken aufgibt, dann hört auch
       die Erscheinung der Weltillusion auf. Wenn alle Hoffnungen und Wünsche im
       Herzen aufgehört haben durch das ernsthafte Praktizieren der Anweisungen
       der Schriften und der Weisen, durch Leidenschaftslosigkeit aus früheren
       Geburten und man durch Kontemplation oder Meditation so weit gekommen
       ist, dass man der einen Wahrheit vollkommen und ausschließlich ergeben ist,
       dann wird die Bewegung des prana angehalten.
         Die Bewegung des prāïa wird ferner angehalten durch die mühelose Praxis
       des Einatmens usw. ohne Anstrengung, in der Abgeschiedenheit; oder durch
       die Wiederholung des heiligen Wortes OM zusammen mit der Erfahrung
       seiner Bedeutung, wenn das Bewusstsein den Zustand des Tiefschlafs erlangt.
       Folgende Praktiken führen alle zum Anhalten der Bewegungen des prāïa: Die
       Praxis des Ausatmens, wenn das prāïa frei im Raum schwebt ohne die Glie-
       der des Körpers zu berühren; durch Einatmen und das dadurch entstehende
       ruhige Fließen des prāïa; und durch Zurückhaltung, wodurch das prana für
       eine längere Zeitdauer zu einem Stillstand kommt; durch das Schließen der
       Nasenhöhleneingänge mit der Zungenspitze, wenn das prāïa sich in Richtung
       des Schädeldachs bewegt; durch die Praxis der Meditation, in der es keine
       Gedankenbewegung gibt; durch die stetige Konzentration des Bewusstseins
       auf einen Punkt 30 Zentimeter vor der Nasenspitze; durch das Eintreten des
       prāïa in die Stirn durch den Gaumen und die oberste Öffnung; durch das
       Fixieren des prāïa zwischen den Augenbrauen; oder durch das plötzliche
       Aufhören der Gedankenbewegung oder das Aufhören aller mentalen Kondi-
       tionierung durch Meditation im Herzzentrum über eine längere Zeitdauer
       hinweg.
         RùMA fragte: Hoher Herr, was ist dieses Herz, von dem ihr sprecht?
V:79    VASIåèHA fuhr fort:
         Oh Rāma, in diesem Zusammenhang spricht man von zwei Aspekten des
       „Herzens“, von denen der eine akzeptabel und der andere zu ignorieren ist.
       Das Herz, welches Bestandteil dieses physischen Körpers ist und sich auf der
       einen Seite desselben befindet, muss ignoriert werden! Das akzeptable Herz
       dagegen ist reines Bewusstsein. Es befindet sich innen und außen und ist
       weder innen noch außen. Dieses ist das wirkliche Herz, und in ihm wird alles
       im Universum widerspiegelt, und es ist das Schatzhaus, das allen Reichtum
       enthält. Nur Bewusstsein ist das Herz aller Wesen, nicht aber das Stück
       Fleisch, welches die Leute Herz nennen! Sobald daher das Gemüt, frei von
       aller Konditionierung, in reines Bewusstsein übergeht, wird die Bewegung
       des prāïa angehalten.


                                          326
Durch eine dieser Methoden, vorgeschlagen von verschiedenen Lehrern,
kann die Bewegung des prāïa angehalten werden. Diese yogischen Methoden
führen zum gewünschten Erfolg, wenn sie ohne Gewalt oder übertriebene
Anstrengung praktiziert werden. Sobald jemand in einer solchen Praxis ver-
ankert ist, gleichzeitig in Leidenschaftslosigkeit wächst und die mentale Kon-
ditionierung vollkommen aufgelöst ist, dann erfolgt daraus die Zurückhaltung
des prāïa.
  In seiner Praxis kann man entweder das Zentrum zwischen den Augen-
brauen, den Gaumen, die Nasenspitze oder die Stirn (30 cm vor der Nase) zur
Orientierung verwenden – das Ergebnis wird sein, dass das prāïa zurückge-
halten wird. Außerdem, wenn durch ständige und ausdauernde Praxis mit
der Zungenspitze das Zäpfchen berührt werden kann, dann wird die Bewe-
gung des prāïa eingeschränkt. Gewiss scheinen alle diese Praktiken wie
Ablenkungen zu sein, jedoch erreicht man durch stetiges Üben die Abwesen-
heit aller Ablenkungen. Es geschieht nur durch solch ausdauernde Übungen,
dass man frei vom Kummer wird und die Seligkeit des Selbst erfährt. Prakti-
ziere daher Yoga. Wenn durch eine solche Praxis die Bewegung des prāïa
angehalten wird, dann verbleibt nur noch nirvāïa oder die Befreiung. Darin
liegt alles; von daher kommt alles; es ist selbst alles, und es ist überall: In ihm
ist weder diese Welterscheinung, noch entstammt es dieser, noch ist die
Welterscheinung wie jenes! Wer fest darin verankert ist, ist noch zu Lebzeiten
befreit.
  Wessen Gemüt durch die Praxis des Yoga fest im Frieden verankert ist, der
hat die rechte Sicht der Wahrheit. Die rechte Sicht besteht darin zu sehen,
dass das höchste Selbst ohne Anfang und Ende ist, und dass alle diese zahllo-
sen Objekte in Wahrheit das Selbst und nichts anderes sind. Irrtümliche Sicht
führt zur Wiedergeburt; rechte Sicht beendet die Wiedergeburt. Es ist darin
keinerlei Subjekt-Objekt-Beziehung (Kenner und Gekanntes), denn das Selbst
(Bewusstsein) ist der Kenner, das Kennen und das Gekannte zugleich – eine
Getrenntheit ist reine Unwissenheit. Wird dieses unmittelbar erkannt, dann
gibt es keine Bindung und keine Befreiung. Wenn der Weise in seinem eige-
nen Selbst ruht, wobei sein Verstand fest im inneren Selbst verankert ist –
welche Vergnügen könnten ihn dann noch fesseln in dieser Welt?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wer mit der Selbstergründung befasst ist, wird nicht durch Zerstreuungen            V:80
verführt. Die Augen sehen einfach, sonst nichts – die Ideen des Erfreulichen,
Unerfreulichen usw. tauchen nicht im Auge auf, sondern anderswo, und eben-
so ist es auch mit den übrigen Sinnen. Die Sinnesfunktionen sind daher nicht
von Natur aus schlecht. Wenn das egoistische Denken mit diesen Sinnesfunk-
tionen (welche in einem Augenblick entstehen und wieder vergehen) ver-
knüpft wird, dann gibt es mentale Erregung.
  Oh ihr Augen! Die Gegenstände eurer Wahrnehmung entstehen und verge-
hen und sind nichts als Schatten. Lasst euren Blick nicht auf ihnen verweilen,



                                       327
damit nicht das innewohnende ewige Bewusstsein die Sterblichkeit zu erlei-
       den hat. Sei der Beobachter von allem, der du in Wahrheit bist. Oh Gemüt!
       Zahllose Bilder werden von den Augen in Übereinstimmung mit ihrer natürli-
       chen Funktion gesehen – weshalb lässt du dich hineinziehen? Auch wenn
       diese Bilderfolgen im Gemüt reflektiert und von ihm ausgewertet werden –
       weshalb reagierst du auf sie mit dem Ich-Sinn? Es gibt ohne jeden Zweifel
       eine intime Beziehung zwischen den Augen und ihren Objekten – aber wes-
       halb musst du dich selbst anbieten und sie anerkennen? Wahrlich sind Bild,
       Sicht und Gemüt ohne jede Beziehung zueinander wie das Gesicht, der Spie-
       gel und die Widerspiegelung. Und doch taucht irgendwie die illusorische Idee
       von „Ich sehe dies“ auf. Die Unwissenheit ist das Wachs, in dem all dies zu-
       sammen eingeschmolzen wird, aber die Selbsterkenntnis ist das Feuer, in
       dessen Hitze das Wachs wieder schmilzt!
         In der Tat geschieht es durch wiederholtes Denken, dass diese irrige Bezie-
       hung gekräftigt wird, aber nun werde ich sie durch rechte Ergründung zer-
       stören. Sobald die Unwissenheit zerstört ist, taucht diese illusorische Bezie-
       hung zwischen Bild, Sicht und Gemüt niemals wieder auf. Das Gemüt allein
       liefert den Sinnen die nötige Intelligenz – folglich muss das Gemüt zerstört
       werden. Oh Gemüt – weshalb lässt du dich vergeblich durch die fünf Sinne
       erregen? Nur derjenige, der denkt: „Es ist mein Gemüt“, wird durch dich ge-
       täuscht. Du existierst überhaupt nicht, oh Gemüt. Mich kümmert nicht, ob du
       bleibst oder mich verlässt. Du bist unwirklich, leblos, illusorisch. Nur der
       Narr lässt sich von dir belästigen, nicht aber der weise Mensch. Das Verstehen
       setzt der Finsternis der Unwissenheit ein Ende. Verlasse diesen Körper, oh
       Gespenst, zusammen mit deinem Verlangen und deinen Emotionen wie dem
       Zorn. Oh Gemüt, heute habe ich dich umgebracht, denn ich habe erkannt, dass
       du in Wahrheit niemals existiert hast.
         Eine sehr lange Zeit hindurch hat dieses Gespenst des Gemüts zahllose böse
       Vorstellungen wie Lust, Zorn u.a. erzeugt. Da nun dieses Gespenst endlich
       gefallen ist, lache ich nur über meine eigene, vergangene Dummheit. Das
       Gemüt ist tot – alle meine Ängste und Besorgnisse sind tot – der Dämon Ich-
       Sinn ist ebenfalls tot. All dieses erlangte ich durch das Mantra der Selbst-
       Ergründung. Nun bin ich frei und glücklich. All meine Hoffnungen und Wün-
       sche haben mich verlassen. Ich verneige mich vor meinem eigenen Selbst! Da
       ist keine Täuschung, keine Sorge, kein Ich und kein anderer mehr! Weder bin
       ich das Selbst noch irgendjemand sonst – ich bin Alles in Allem: Ich verneige
       mich vor meinem eigenen Selbst! Ich bin der Anfang. Ich bin das Bewusstsein.
       Ich bin alle Universen. Es gibt keinerlei Getrenntheit in mir. Verehrung für
       mein eigenes Selbst allein! Dem, was gleichermaßen allgegenwärtig in allen
       ist – dieser subtilen, innewohnenden Allgegenwart, dem Selbst, entbiete ich
       meine höchste Verehrung!
         VASIåèHA fuhr fort:
V:81
         Oh Rāma, nachdem der weise Mensch auf diese Weise überlegt hat, sollte er
       in der folgenden Weise fortfahren:


                                           328
„Wenn das Selbst (Bewusstsein) allein all dieses ist, und wenn das Gemüt
durch dieses Verstehen gereinigt worden ist – was ist dann noch als Gemüt zu
bezeichnen? Das Gemüt ist gewiss inexistent. Ob es nun unsichtbar, das Nicht-
Gemüt oder die illusorische Erscheinung ist – so viel ist gewiss: entweder
existiert es nicht oder es ist eine bloße Illusion. Da nun all die Verrücktheit
und Täuschung aufgehört hat, vermag ich nicht länger zu erkennen, was
eigentlich das Gemüt ist.
  „Alle meine Zweifel sind verschwunden. Ich bin frei vom Fieber der Erregt-
heit. Was immer ich bin, bin ich, aber ohne alles Verlangen. Wenn das Gemüt
aufhört zu sein, dann hört auch das Verlangen auf. Wenn das Gemüt tot ist,
wenn das Verlangen tot ist – dann ist die Täuschung verschwunden und die
Egolosigkeit geboren. Daher bin ich nun in diesen Zustand des Wachseins
erwacht. Wenn es nur eine Wahrheit gibt und Vielfalt keinerlei Realität bean-
spruchen kann – was soll ich dann noch erforschen?
  „Ich bin das ewige Selbst, welches allgegenwärtig und subtil ist. Ich habe
den Zustand der Wirklichkeit erreicht, der in nichts reflektiert wird, der an-
fangslos ist und endlos und gänzlich rein. Was auch immer ist, und was auch
immer nicht ist – das Gemüt und die innere Wirklichkeit sind nichts als das
eine unendliche Bewusstsein, welches höchster Friede jenseits von allem
Verstehen ist und von dem alles durchdrungen wird. Lass das Gemüt leben
oder sterben. Was hat es für einen Sinn, all dies zu erforschen und zu unter-
suchen, wenn doch das Selbst in äußerstem Gleichmut verharrt? Ich verharr-
te, solange ich närrischerweise mit dieser Ergründung befasst war, in einem
konditionierten Zustand. Nun, da ich das unkonditionierte Sein erlangt habe –
wer ist jetzt noch der Ergründer?
  „Solche Gedanken sind von äußerster Nutzlosigkeit; jetzt, da das Gemüt tot
ist. Sie könnten aber dieses Gespenst neu beleben, welches man das Gemüt
nennt. Und darum gebe ich alle diese Gedanken und Ideen ein für allemal auf.
Ich kontempliere OM und verbleibe im Selbst, im vollkommenen inneren
Frieden.“
  Auf diese Weise sollte ein weiser Mensch stets die Natur der Wahrheit un-
tersuchen, was auch immer er dabei tun mag. Aufgrund dieser Untersuchung
verbleibt das Gemüt verankert in sich selbst. Es ist dann frei von aller Erre-
gung und führt seine natürlichen Funktionen aus.
  Die Heiligen mit unkonditioniertem Bewusstsein leben und arbeiten hier
frei von Stolz und Täuschung mit einem Herzen, das stets frohlockt. Sie leuch-
ten mit göttlicher Ausstrahlung und gehen ihren natürlichen Beschäftigungen
nach.
  Die oben beschriebene Form der Ergründung wurde von dem Weisen
Samvarta praktiziert, und er hat sie mir selbst einmal beschrieben.

                                      ***



                                     329
Die Geschichte von Vītahavya

        VASIåèHA fuhr fort:
V:82
         Es gibt noch eine weitere Form der Ergründung, wie sie der Weise
       Vītahavya gepflegt hat. Dieser Weise wanderte einst in den Wäldern der
       Bergregionen umher, die die Vindhyas genannt werden. Eines Tages wurde er
       der Angelegenheiten dieser Weltgänzlich überdrüssig. Mit Hilfe einer Kon-
       templation, die völlig frei von allen irrigen Vorstellungen und Gedanken war,
       legte er die Welt wie eine abgetragene Illusion beiseite. Er betrat seine Ein-
       siedelei, setzte sich in die Lotos-Position und verblieb so, fest wie ein Berg-
       gipfel. Nachdem er alle Sinne in sich zurückgezogen und
       die Aufmerksamkeit seines Gemüts auf sein Inneres gerichtet hatte, begann
       er wie folgt zu kontemplieren:
         Wie launisch doch mein Gemüt ist! Sogar dann, wenn es nach innen gekehrt
       ist, verbleibt es nicht in der Ruhe, sondern gerät schon nach kurzer Zeit wie-
       der in Erregung, wie die Oberfläche des Meeres. An die Sinne (wie z. B. das
       Sehvermögen) gebunden, hüpft es wieder und wieder wie ein Ball hin und
       her. Aufs Neue durch die Sinne gefüttert, ergreift das Gemüt die Objekte, die
       es eben noch verworfen hat, und rennt, wie eine wahnsinnige Person, hinter
       dem her, was es schon beiseitegelegt hatte. Es springt wie ein Affe von einem
       Objekt zum nächsten.
         Ich werde mich nun mit der Untersuchung der fünf Sinne befassen, durch
       welche sich das Gemüt so sehr zerstreuen lässt. Oh ihr Sinne! Ist für euch die
       Zeit der Selbsterkenntnis immer noch nicht gekommen? Erinnert ihr euch
       denn nicht der Leiden, die euch beim Verfolgen des Vergnügens auf dem Fuße
       folgten? Gebt doch endlich diese sinnlosen Erregungen auf! In Wirklichkeit
       seid ihr leblos und nicht fühlend – ihr seid nur der Weg, auf dem das Gemüt
       auf der Suche nach objektiven Erfahrungen wandert. Ich dagegen bin euer
       Herr, ich bin Bewusstsein, und ich allein als die reine Intelligenz tue all dies.
       Ihr, oh ihr Sinne, seid nicht echt! Zwischen euch und dem Bewusstsein, wel-
       ches das Selbst ist, besteht nicht die geringste Verbindung. Im Licht des Be-
       wusstseins, welches nicht-willentlich ist, arbeitet ihr auf die gleiche Weise
       wie die Menschen, die im Licht der Sonne ihren verschiedenen Tätigkeiten
       nachgehen. Gebt euch nicht der Illusion hin, oh ihr Sinne, dass ihr intelligent
       seid, denn ihr seid es nicht! Sogar die Idee „Ich bin lebendig“, die ihr fälschli-
       cherweise unterhaltet, führt zu nichts als Leid.
         Es gibt nichts als Bewusstsein, das anfangslos und endlos ist. Oh du ver-
       rücktes Gemüt – was bist du dann noch? Diese Ideen, die in dir entstehen, wie
       „Ich bin der Täter“ oder „Ich bin der Genießer“, scheinen ein großartiges
       Verjüngungsmittel zu sein, aber sie sind nichts als tödliche Gifte. Sei nicht so
       getäuscht, oh Gemüt – weder bist du in Wahrheit der Täter von irgendetwas
       noch der Erfahrende. Du bist leblos, und deine Intelligenz kommt von einer



                                             330
anderen Quelle. Wie stehen dann Vergnügen mit dir in Verbindung? Du selbst
existierst überhaupt nicht – wie kannst du dann eine Beziehung mit etwas
haben? Wenn du erkennst: „Ich bin nichts als reines Bewusstsein“, dann bist
du in der Tat das Selbst. Und wie kann dann noch Kummer in dir sein, der du
das unbegrenzte und unkonditionierte Bewusstsein bist?
  VĪTAHAVYA fuhr fort zu kontemplieren:
  Oh Gemüt, ich werde dir sanft beibringen, dass du in der Tat weder der Tä-
ter noch der Erfahrende bist. Du bist in der Tat leblos – wie kann eine Statue
aus Stein tanzen? Wenn deine Intelligenz gänzlich abhängig ist vom unendli-
chen Bewusstsein, dann lebe lang in dieser Erkenntnis. Was ferner mit der
Intelligenz oder der Energie eines anderen getan wird, das wird in Wahrheit
von diesem letzteren getan. Die Sichel schneidet mit der Energie des Bauern
das Korn, und daher ist der Bauer eigentlich der Schnitter. Und ebenso ist der
Mann, der das Schwert führt, der Tötende, aber nicht das Schwert, welches
tötet. Du bist leblos, oh Gemüt, deine Intelligenz stammt vom unendlichen
Bewusstsein. Das Selbst oder das unendliche Bewusstsein kennt sich selbst
durch sich selbst und erfährt sich selbst in sich selbst durch sich selbst. Der
Höchste Herr bemüht sich beständig um deine Erleuchtung, denn die Weisen
sollen die Unwissenden auf hundert Arten unterweisen. Das Licht des Selbst
allein existiert als Bewusstsein oder Intelligenz, und dies wurde als das Ge-
müt bekannt. Sobald du diese Wahrheit realisierst, wirst du dich im selben
Moment auflösen.
   Oh du Narr, wenn du doch in Wahrheit das unendliche Bewusstsein bist –
weshalb trauerst du? Dies ist das Allgegenwärtige, dies ist Alles – sobald du
dies realisiert hast, wirst du selbst zu Allem. Du bist nicht, der Körper ist
nicht – nur die eine unendliche Bewusstheit existiert, und in diesem homoge-
nen Sein erscheinen die verschiedenen Konzepte wie „Ich“ und „Du“. Wenn du
das Selbst bist, dann existiert auch nur das Selbst allein, aber nicht du! Wenn
du leblos bist, aber verschieden vom Selbst, dann existiert du ebenfalls nicht!
Denn das Selbst oder das unendliche Bewusstsein allein ist Alles – etwas
anderes gibt es nicht. Die Existenz von etwas Drittem, getrennt vom Bewusst-
sein und der leblosen Substanz, ist unmöglich.
  Folglich, oh Gemüt, bist du weder der Täter noch der Erfahrende. Du wirst
von den Weisen nur als Kanal benutzt, um die Unwissenden zu unterweisen.
Tatsächlich jedoch ist dieser Kanal irreal und leblos – das Selbst ist die einzi-
ge Realität. Kann die Sichel selber ernten, wenn es keinen Bauern gibt? Auch
das Schwert verfügt nicht über eine eigene Macht zu töten. Oh Gemüt – weder
bist du der Täter noch der Erfahrende; trauere daher nicht. Der Höchste Herr
(Bewusstsein) ist nicht wie du – trauere daher auch nicht um ihn! Er gewinnt
nichts dadurch, dass er etwas tut oder unterlässt. Er allein durchdringt alles –
etwas anderes gibt es nicht. Was sollte er also tun oder wünschen?
  Du hast keinerlei Beziehung zum Selbst, es sei denn in der Art und Weise
des Duftes in Beziehung zur Blume. Eine Beziehung herrscht nur zwischen
zwei unabhängigen Dingen einer ähnlichen Natur, die eins sein wollen. Du, oh


                                      331
Gemüt, bist stets erregt, während das Selbst stets im Frieden ist. Es kann
folglich keinerlei Beziehung zwischen euch beiden geben. Wenn du jedoch im
Zustand des samādhi oder in vollkommenem Gleichmut weilst, dann wirst du
fest im Bewusstsein verankert sein ohne die Ablenkungen der Vielfalt, ohne
die Ideen des Einen oder des Vielen. Dann wirst du realisieren, dass es nichts
als das Selbst gibt, das unendliche Bewusstsein, welches als diese zahllosen
Wesen leuchtet.
  VĪTAHAVYA fuhr fort zu kontemplieren:
                                                                                 V:83
  Oh ihr Sinne, ich fühle, dass ihr im Lichte meiner Ermahnungen alle ver-
schwunden seid, denn ihr seid nur aus der Finsternis der Unwissenheit her-
aus entstanden. Oh Gemüt, gewiss ist der Anschein deiner Existenz nur zu
deinem eigenen Kummer aufgetaucht! Sieh nur, was geschieht, sobald du
existierst: Alle die zahllosen Wesen werden getäuscht und gehen in diesen
Ozean der Sorgen ein mit all seinem Wohlstand und seinen Widerwärtigkei-
ten, seinen Krankheiten, seinem Altern und seinem Tod. Sieh nur, wie die Gier
an den edlen Eigenschaften nagt und sie schließlich zerstört, wie Lust und
Verlangen ihre Kraft verzehren und zerstreuen.
  Oh Gemüt, wenn du aufhörst zu sein, dann erblühen alle edlen und guten
Eigenschaften. Dann gibt es den Frieden und die Reinheit des Herzens. Die
Menschen fallen nicht Zweifel und Fehlern zum Opfer. Dann ist da die Freund-
schaft, die das Glück aller fördert. Ängste und Sorgen werden ausgetrocknet.
Sobald die Finsternis der Unwissenheit vertrieben ist, erstrahlt das innere
Licht. Mentale Störungen und Qualen hören auf, so wie der Ozean wieder
ruhig wird, wenn der Wind sich legt. Dann entsteht aus dem Innern die
Selbsterkenntnis, und die Realisation der Wahrheit setzt der Idee der Weltil-
lusion ein Ende – nur noch das unendliche Bewusstsein leuchtet. Dann gibt es
eine Erfahrung der Seligkeit, die der Unwissende mit all seinen Wünschen
niemals erlangen kann. So wie aus verbrannten Blättern frische Keime sprie-
ßen können, so kann hier neues Leben auftauchen. Wer jedoch die Verwick-
lung in neue Täuschungen vermeiden will, ruht beständig in der Selbster-
kenntnis. Das sind die Früchte deiner eigenen Abwesenheit, oh Gemüt, und
darüber hinaus gibt es zahllose weitere. Oh Gemüt – du bist die Grundlage all
unserer Hoffnungen und Wünsche. Wenn du aufhörst, dann hören auch alle
diese Hoffnungen und Wünsche auf. Du hast nun die Wahl, ob du mit der
Wirklichkeit eins sein oder als eine unabhängige Entität aufhörst zu existie-
ren.
  Deine Existenz in der Identität mit und der Nichtverschiedenheit vom
Selbst führt das Glück herbei, oh Gemüt. Sei daher fest in der Realisation
deiner eigenen Unwirklichkeit verankert. Gewiss ist es töricht, das Glück zu
verwerfen. Wenn du doch als das innerste Sein oder Bewusstsein von allem
existierst – wer würde deine Inexistenz wünschen? Jedoch bist du keine reale
Entität – dein Glück ist daher Täuschung. Du warst nie real, sondern du
tratest aufgrund von Unwissenheit und Irreführung ins Dasein. Jetzt jedoch
hast du, aufgrund der Ergründung deiner Natur und derjenigen der Sinne und


                                    332
des Selbst, aufgehört zu sein. Du existierst nur so lange, wie man nicht diese
       Ergründung unternimmt. Sobald der Geist der Ergründung auftaucht, gibt es
       da völligen Gleichmut oder Homogenität. Du bist aus der Unwissenheit gebo-
       ren, die auf der Abwesenheit von Weisheit und Unterscheidung beruht. So-
       bald diese Weisheit auftaucht, hörst du auf zu existieren. Daher verehre ich
       diese Weisheit! Oh Gemüt, vielfältig sind die Mittel, mit denen man dich zu
       erwecken suchte. Nun, da du die falschen Eigenschaften eines Gemüts verlo-
       ren hast, existierst du als das Höchste Sein oder das unendliche Bewusstsein,
       befreit von allen Begrenzungen und Konditionierungen. Das, was in der Un-
       wissenheit erzeugt wurde, stirbt in der Weisheit. Ungeachtet deiner selbst, oh
       du gutes Gemüt, ist diese Ergründung in dir aufgetaucht, und dies ganz ge-
       wiss zur Erlangung der Seligkeit. In Wirklichkeit gibt es kein Gemüt; nein,
       kein Gemüt! Nur das Selbst existiert, es allein ist, etwas anderes gibt es nicht.
       Ich bin dieses Selbst – folglich gibt es außer mir nichts in diesem Universum.
       Ich bin das unendliche Bewusstsein, dessen bewegter Zustand als dieses
       Universum erscheint.
         VASIåèHA fuhr fort:
         Nach dieser Ergründung verblieb der Weise Vītahavya in einem Zustand
V:84
       völliger Stillheit (samādhi) – nicht einmal sein prāïa bewegte sich. Sein Be-
       wusstsein war weder im Innern fixiert noch nahm es im Außen Objekte wahr.
       Seine Augen waren leicht auf den Bereich der Nase ausgerichtet. Mit seinem
       aufrechten Körper bot er das Bild einer lebendigen Statue. Er blieb so drei-
       hundert Jahre lang, ohne dabei seinen Körper aufzugeben. Sein samādhi
       wurde weder durch die zahllosen natürlichen noch durch die von Menschen
       oder anderen Lebewesen verursachten Störungen beeinträchtigt. Dreihun-
       dert Jahre verbrachte er so, als wären sie eine Stunde. Der Körper, der im
       Bewusstsein reflektiert wurde, wurde durch dieses geschützt.
         Nach dieser Periode begann sein Gemüt, sich im Herzen zu bewegen und
       Ideen einer Schöpfung tauchten auf. Anschließend verbrachte er einhundert
       Jahre als Weiser am Berg Kailāsa. Dann war er für hundert Jahre ein Halbgott.
       Schließlich regierte er als Indra, König des Himmels, für einen Zeitraum von
       fünf Weltzeitaltern.
         RùMA fragte: Wie war es möglich, sich in die Zeitläufte von Göttern wie In-
       dra einzumischen, oh du Heiliger?
         VASIåèHA erwiderte:
         Die Energie des unendlichen Bewusstseins ist allgegenwärtig – sie manifes-
       tiert sich, wo und wie auch immer sie will. Was auch immer sich dieses Be-
       wusstsein ausdenkt und wo und wie, genau dies geschieht. So sah er all dies
       in seinem eigenen Herzen, das frei von aller Konditionierung war. Da er das
       unendliche Bewusstsein realisiert hatte, entstanden scheinbar all diese Ideen
       darin unwillentlich. Später diente er dann Lord Siva eine ganze Epoche lang.
       All dieses hat der befreite Weise Vītahavya selbst erfahren.




                                             333
RùMA fragte: Wenn dies die Erfahrung des Vītahavya, eines befreiten Wei-
       sen, gewesen ist, dann scheint es, als würden sogar für die Weisen Bindung
       und Befreiung existieren!
         VASIåèHA erwiderte:
         Oh Rāma, für den befreiten Weisen existiert diese Welt in aller Reinheit,
       Frieden und Vollkommenheit als Brahman, das Unendliche – wie könnte es
       für ihn also Bindung oder Befreiung geben? Da Vītahavya eins mit dem un-
       endlichen Bewusstsein geworden ist, erlebte er die Erfahrungen aller und
       dies ist sogar heute noch so!
         RùMA fragte: Wenn die Schöpfung des Weisen fiktiv und eingebildet war,
       wie konnten dann die verkörperten Wesen darin bewusst und fühlend sein?
         VASIåèHA erwiderte: So wie die Schöpfung des Vītahavya fiktiv war, oh
V:85   Rāma, so verhält es sich auch mit dieser! Diese und jene sind beide nichts als
       reines, unendliches Bewusstsein. Ihre Erscheinung ist nichts als das Ergebnis
       des irregeführten Gemüts. In Wahrheit hat weder jene Schöpfung jemals
       existiert noch existiert diese. In den drei Perioden der Zeit existiert Brahman
       allein. Bis diese Wahrheit erkannt wird, erscheint die Welt als eine solide
       Realität.
         RùMA fragte:
        Hoher Herr, bitte teile mir mit, wie Vītahavya seinen Körper in der Höhle
       wiederbeleben konnte.
        VASIåèHA fuhr fort:
         Der Weise hatte das unendliche Bewusstsein realisiert – er wusste, dass das
       Gemüt namens Vītahavya nichts als ein Trick des unendlichen Bewusstseins
       war. Während er Lord Śiva diente, hatte er einmal den Gedanken, den Körper
       des Vītahavya zu sehen. Als er so dachte, konnte er in seinem eigenen Be-
       wusstsein alle seine früheren Verkörperungen wahrnehmen, von denen eini-
       ge geendet hatten und andere noch immer aktiv waren. Und er sah weiterhin,
       wie der Körper namens Vītahavya wie ein Wurm im Schlamm versank.
         Dies sehend, reflektierte er: „Gewiss ist dieser mein Körper leer von Le-
       benskraft und daher unfähig zu funktionieren. Ich werde mich nun in die
       Umlaufbahn der Sonne begeben und mit Hilfe der Sonnenenergie, die piÇgalā
       genannt wird, diesen Körper wieder betreten. Oder sollte ich ihn besser auf-
       geben? Denn was habe ich schon mit dem Körper von Vītahavya zu schaffen?
       Andererseits ist dieser Körper weder der Wiederbelebung noch der Beseiti-
       gung wert. Für mich ist es völlig gleich, ob dieser Körper wiederbelebt oder
       aufgegeben wird. Da dieser Körper aber noch nicht zerfallen ist und seine
       Stoffe an die Elemente zurückgegeben hat, werde ich ihn nun betreten und
       eine Weile darin leben.“
         Der subtile Körper des Weisen versetzte sich daraufhin in die Umlaufbahn
       der Sonne. Über die Absicht des Eintritts des Weisen in die solare Umlauf-
       bahn und die angemessene Handlung reflektierend, bestimmte die Sonne ihre


                                            334
eigene Energie zur Ausführung der beabsichtigten Tat. Der subtile Körper des
Weisen verehrte daraufhin die Sonne.
   Die Energie der Sonne führte und kam, wie von der Sonne bestimmt, in die
Region der Vindhya-Berge. Sie ging genau dorthin, wo der Körper des Weisen
von Schlamm bedeckt lag, um ihn wieder aufzurichten. Der subtile Körper
von Vītahavya, der der Sonnenenergie folgte, ging nun auch in diesen Körper
ein. Der Körper wurde unverzüglich wieder lebendig. Vītahavya verbeugte
sich daraufhin vor der Sonnenenergie, piÇgalā, welche die Begrüßung erwi-
derte.
   PiÇgalā kehrte in die Sonnenumlaufbahn zurück, während der Weise sich in
Richtung des Sees bewegte, um sein Bad und seine Reinigungen vorzuneh-
men. Nachdem er sein Bad genommen und die Sonne verehrt hatte, nahm der
Weise sein altes Leben wieder auf. Er lebte ein erleuchtetes Leben in Freund-
lichkeit, mit ausgeglichenem Gemüt, im Frieden und mit Mitgefühl und Freu-
de.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   V:86
  Am Abend betrat dann der Weise wieder den Wald, in dem er sich heimisch
fühlte, um seine Praxis der intensiven Meditation fortzusetzen. Er dachte: „Ich
habe bereits die Falschheit der Sinne realisiert; eine weitere Ergründung sie
betreffend wäre ein Widerspruch.“ Er hatte alle überflüssigen Vorstellungen
(wie „Dies ist“ und „Dies ist nicht“) aufgegeben, und saß er in der Lotospositi-
on, wobei in ihm die Erkenntnis auftauchte: „Ich bin im Bewusstsein des
vollkommenen Gleichgewichts verankert. Wachend bin ich, als ob ich schliefe.
In diesem Zustand des transzendentalen Bewusstseins werde ich verbleiben,
bis der Körper zerfällt.“
  Auf diese Weise entschlossen, meditierte er sodann sechs Tage lang, die wie
ein kurzer Augenblick vergingen. Danach lebte er ein langes Leben als befrei-
ter Weiser. Frei war er von Frohlocken und Trauern. Von Zeit zu Zeit wandte
er sich wie folgt an sein Gemüt: „Oh Gemüt, betrachte dich in deiner eigenen
Seligkeit, da du nun in einem ausgeglichenen Zustand bist! Bleibe so für alle
Zeit.“
  An seine Sinne richtete er die folgenden Worte: „Oh Sinne! Weder gehört
das Selbst zu euch, noch gehört ihr zum Selbst. Möget ihr auf immer verder-
ben! Eure Verlangen haben aufgehört. Ihr werdet nicht länger über mich
herrschen. Der Irrtum eurer Existenz entstand aus der Unwissenheit über das
Selbst, so wie das Nicht-Wahrnehmen des Seils die irrtümliche Wahrneh-
mung einer Schlange entstehen lässt. Aller Irrtum existiert nur in der Fins-
ternis der Unweisheit – er verschwindet gänzlich im Licht der Weisheit.
  „Oh ihr Sinne! Ihr seid verschieden vom Selbst, der Täter der Handlungen
ist verschieden von all diesem, der Erfahrende der Erfahrungen ist wiederum
verschieden, und das unendliche Bewusstsein ist wiederum verschieden von
allem diesem zusammengenommen. Was ist wessen Irrtum, und wie ist er
entstanden? Es geschieht wie folgt: die Bäume wachsen im Wald; mit Seilen,


                                     335
die aus andern Fasern gemacht sind, wird das Holz zusammengebunden; der
Schmied stellt die Axt her, und mit all diesen Dingen errichtet der Zimmer-
mann dann nur für seinen eigenen Lebensunterhalt ein Haus – nicht weil er
ein Haus bauen will! Auf die gleiche Art und Weise geschehen in dieser Welt
alle Dinge unabhängig voneinander; ihr Zusammentreffen ist unbeabsichtigt
wie bei der reifen Kokosnuss, die zufällig fällt, wenn die Krähe auf der Kokos-
palme landet und unwissende Menschen glauben macht, dass die Krähe die
Kokosnuss gelöst hat. Wen soll man dafür verantwortlich machen? Wenn
diese Wahrheit einmal erkannt wird, dann bleibt der Irrtum Irrtum, die Er-
kenntnis wird klare Erkenntnis, das Reale ist real, das Irreale ist irreal, was
zerstört wurde, ist zerstört, und was übrig bleibt, bleibt übrig.“
  Auf diese Weise reflektierend und verankert in dieser Erkenntnis lebte der
Weise in dieser Welt ein sehr langes Leben. Er war gänzlich in diesem Zu-
stand, der vollkommen frei von Unwissenheit und Irrtum ist und sicherstellt,
dass einer nicht wiedergeboren wird. Wann immer es einen Kontakt mit den
Objekten der Sinne gab, nahm er Zuflucht zum Frieden der Kontemplation
und erfreute sich an der Seligkeit des Selbst. Sein Herz war frei von Anzie-
hung und Abstoßung sogar dann, wenn alle Arten von Erfahrungen ungesucht
zu ihm kamen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Einmal entstand der Wunsch im Weisen Vītahavya, seinen Körper aufzuge-
ben und sicherzustellen, dass er nie wieder in eine Verkörperung zurückkeh-
ren würde. Er zog sich in eine Höhle auf dem Berg Sahya zurück, setzte sich in
die Lotosposition und
  VĪTAHAVYA sprach wie folgt zu sich selbst:
  Oh Anziehung, gib deine Kraft der Anziehung auf. Oh Hass, gib den Hass auf.
Lange genug habt ihr mit mir gespielt. Oh ihr Vergnügen, Grüße an euch!
Wahrhaftig habt ihr mich alle die Jahre getragen und mich sogar das Selbst
vergessen lassen. Oh ihr Sorgen, Grüße an euch! Ihr habe mich zur Suche
nach der Selbsterkenntnis angespornt, und es geschah durch eure Gnade,
dass ich diese Selbsterkenntnis erlangt habe. In der Tat habt ihr mir die Won-
ne geschenkt.
  Oh Körper, mein Freund, erlaube mir, mich in meine ewige Heimat der
Selbsterkenntnis zu begeben. Dies ist der natürliche Verlauf der Dinge, denn
jeder muss zu einer gewissen Zeit den Körper aufgeben. Oh Körper, du warst
für eine sehr lange Zeit mein Verwandter. Ich gebe dich nun dahin. Du selbst
hast diese endgültige Trennung herbeigeführt, indem du mich
großmütigerweise zur Erkenntnis des Selbst geführt hast. Wie wunderbar
dies doch ist! Um mir die Erlangung der Selbsterkenntnis zu ermöglichen,
hast du dich selbst zerstört.
  Oh du Mutter Verlangen! Erlaube mir zu gehen. Du bist nun allein mit dir
selbst und wirst verwelken, denn ich habe den Zustand des höchsten Frie-
dens erlangt. Oh Lust! Um dich zu überwinden, habe ich mich mit deinem


                                     336
Feind namens Leidenschaftslosigkeit befreundet – vergib mir! Ich gehe in die
Freiheit, segne mich. Oh Verdienst! Ich verneige mich, denn du hast mich vor
der Hölle errettet und in den Himmel geleitet. Ich verneige mich vor der
Fehlhandlung, die Quelle der Schmerzen und Strafen. Ich verneige mich vor
der Täuschung, unter der ich lange Zeit gelitten habe und die nun gänzlich
aus meinem Blickfeld verschwunden ist.
  Oh Höhle, du Freund des samādhi (Meditation), Ich verneige mich! Du hast
mir Unterschlupf gewährt, als ich vom Feuer der weltlichen Existenz gepei-
nigt wurde. Oh Stock, auch du warst mein Freund, indem du mich vor Schlan-
gen usw. geschützt und mich davor bewahrt hast, in Löcher usw. zu fallen. Ich
verneige mich!
  Oh Körper, kehre zu den Elementen zurück, aus denen du entstanden bist.
Ich verneige mich vor Tätigkeiten wie das Baden; ich verneige mich vor allen
Tätigkeiten in dieser Welt! Ich verneige mich vor den Lebenskräften (prāïa),
die meine Begleiter waren. Was immer ich in dieser Welt getan habe, habe ich
mit euch, durch euch und aufgrund eurer Energie getan. Bitte, kehrt nun zu
eurer eigenen Quelle zurück, denn ich werde jetzt mit dem unendlichen Be-
wusstsein (Brahman) verschmelzen. Alle Dinge, die in dieser Welt zusam-
mentreffen, müssen eines Tages voneinander scheiden. Oh ihr Sinne, kehrt zu
euren eigenen Quellen, den kosmischen Elementen, zurück.
  Ich werde nun, wie eine Lampe ohne Öl, auf dem Höhepunkt des OM-Lautes
durch das Selbst in das Selbst eintreten. Ich bin frei von allen Aktivitäten
dieser Welt und von allen Vorstellungen von Wahrnehmung und Erfahrung.
Mein Herz ist in dem Frieden verankert, der durch die Schwingung des OM
angezeigt wird. Verlassen haben mich Illusion und Irrtum.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Mit gänzlich zum Schweigen gebrachten Wünschen des Gemüts und selbst          V:87,88
im Feld des nondualen Bewusstseins verankert, sprach der Weise Vītahavya
das Wort OM aus. Während er die esoterische Bedeutung von OM kontemp-
lierte, gewahrte er den Irrtum, wie er durch die Verwechslung der Erschei-
nung mit der Wirklichkeit entsteht. Durch die völlige Aufgabe aller Konzepte
und Wahrnehmungen entsagte er den drei Welten. Er wurde sodann voll-
kommen still, so wie das Rad des Töpfers zu einem Stillstand gelangt. Mit OM
vertrieb er die Gespinste der Sinnesorgane und ihrer Objekte, so wie der
Wind die Düfte zerstreut. Danach durchdrang er die Finsternis der Unwis-
senheit. Er nahm das innere Licht nur für den Bruchteil einer Sekunde wahr,
entsagte aber auch diesem unverzüglich. Er transzendierte sowohl Licht und
Finsternis. Es verblieb da nur noch die Spur einer Gedankenformation – auch
diese durchtrennte der Weise mit seinem Verstand im Zeitraum eines Augen-
blinzelns. Nun verblieb der Weise in reinem, unendlichen Bewusstsein, das
nicht im Geringsten einer Veränderung unterlag. Es war wie der Bewusst-
seinszustand eines neugeborenen Kindes. Er gab sämtliche Objektivität des
Bewusstseins und auch die geringfügigste Erregung innerhalb des Bewusst-
seins auf. Er durchquerte den Zustand, den man „paÓyantī“ nennt, und er-


                                    337
reichte das Bewusstsein des Tiefschlafs. Er ging auch über dieses hinaus und
erreichte schließlich das transzendentale oder das „turīya“ genannte Be-
wusstsein. Es ist dies ein Zustand der Seligkeit, der jenseits aller Beschrei-
bungen ist; welcher gleichzeitig das „ist“ und das „ist nicht“ ist, gleichzeitig
etwas und nichts, Licht und Dunkelheit. Dieser Zustand ist angefüllt mit
Nicht-Bewusstsein und (objektlosem) Bewusstsein. Beschrieben werden
kann er nur durch Verneinung (nicht dies, nicht dies). Der Weise wurde zu
dem, was jenseits aller Beschreibung ist.
  Dieser Zustand wird von den Mystikern unterschiedlich beschrieben als
Leere, Brahman, Bewusstsein, der Purusa der SāÇkhya, Īśvara des Yogi, Śiva,
ùtman oder das Selbst, Nicht-Selbst, die Mitte usw. Es ist der Zustand, der
von den verschiedenen Gesichtspunkten der Schriften her als Wahrheit be-
zeichnet wird, der Alles ist - und in dem blieb der Weise fest verankert.
  Als der Weise mit dem unendlichen Bewusstsein eins geworden war, zerfiel
der Körper und die Elemente kehrten jedes zu seiner Quelle zurück.
  So habe ich dir also, oh Rāma, die segenbringende Geschichte des Weisen
Vītahavya erzählt. Denke eingehend über sie nach. Was immer ich dir gesagt
habe und was immer ich dir nun sagen werde, stammt aus direkter Wahr-
nehmung, direkter Erfahrung und tiefer Kontemplation.
  Meditiere darüber, oh Rāma, und erlange die Weisheit. Befreiung wird nur
durch Weisheit oder Selbsterkenntnis erlangt. Nur durch diese Weisheit
geschieht es, dass einer über das Leid hinausgeht, die Unwissenheit zerstört
und die Vollkommenheit erreicht.
  Was als „Vītahavya“ beschrieben wurde, ist nur eine Vorstellung in unserem
Gemüt, die Vorstellung von „so bin ich“ und „so bist du“. All die Sinne und
diese ganze Welt sind nichts als das Gemüt. Was anderes könnte die Welt
denn wohl sein, oh Rāma?
  RùMA fragte: Hoher Herr, weshalb können wir nicht alle diese befreiten
Weisen hier den Himmel durchqueren sehen?                                          V:89

  VASIåèHA erwiderte: Fliegen im Himmel und andere Kräfte dieser Art ge-
hören zur Natur mancher Wesen, oh Rāma. Außergewöhnliche Fähigkeiten
und Kräfte, die in dieser Welt beobachtet werden, sind natürlich für diese,
aber nicht für die Weisen der Selbsterkenntnis. Übernatürliche Kräfte (wie
Fliegen in der Luft) werden nur von denjenigen entwickelt, die ohne Selbst-
erkenntnis oder Befreiung sind, indem sie dazu gewisse Substanzen oder
Praktiken brauchen. All dies interessiert den Menschen der Selbsterkenntnis
nicht, der gänzlich zufrieden in sich selbst ist. Diejenigen, die auf der Jagd
nach Vergnügen solche von Unwissenheit befleckte Kräfte erwerben, sind
gewiss voller Unwissenheit. Die Weisen der Selbsterkenntnis begeben sich
niemals auf solche Pfade.
  Ob man nun ein Kenner der Wahrheit oder ein Unwissender ist – Kräfte wie
Fliegen in der Luft kommen zu demjenigen, der sich mit solchen Praktiken
befasst. Der Weise der Selbsterkenntnis jedoch hat keinerlei Verlangen, sol-


                                     338
che Kräfte zu erwerben. Es liegt in der Natur dieser Kräfte, ihre Früchte je-
       dermann zu verleihen, der sich mit ihnen beschäftigt. Das Gift tötet alle, wäh-
       rend der Wein alle trunken macht. Ebenso bringen diese Kräfte für alle die
       Fähigkeit zu fliegen usw. Diejenigen jedoch, die die höchste Selbsterkenntnis
       erlangt haben, oh Rāma, interessieren sich nicht dafür. Interessiert daran sind
       nur diejenigen, die voller Wünsche sind. Der Weise jedoch ist frei von jedem
       Wunsch. Die Selbsterkenntnis ist der größte Gewinn – wie kann der Weise
       noch irgendetwas verlangen? Im Falle von Vītahavya bestand kein Wunsch
       nach diesen Kräften – sie kamen ungesucht zu ihm.
         RùMA fragte: Wie geschah es, dass Würmer und Ungeziefer Vītahavyas
       Körper nicht angreifen konnten, als er verlassen in der Höhle lag? Und wie
       konnte es geschehen, dass Vītahavya nicht sofort die körperlose Befreiung
       erlangt hat?
         VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, der Körper des unwissenden Menschen
       wird entsprechend seiner mentalen Konditionierung aufgebaut und wieder
       zersetzt. Im Falle eines Menschen, der keinerlei Konditionierung unterworfen
       ist, gibt es auch kein Momentum für die Zersetzung. Es sei daran erinnert,
       dass das Gemüt aller Lebewesen auf die Eigenschaften desjenigen Objekts
       reagiert, mit denen es in Kontakt kommt. Wenn eine gewalttätige Kreatur in
       Kontakt mit jemandem kommt, der den Zustand äußersten Gleichmuts er-
       langt hat, wird sie ebenfalls zeitweise gleichmütig und ruhig, obschon sie
       nach dem Verlust des Kontaktes zur Gewalttätigkeit zurückkehren kann.
       Deshalb auch blieb Vītahavyas Körper unbeschädigt. Dies trifft sogar für
       materielle Substanzen wie Erde, Holz usw. zu, denn Bewusstsein durchdringt
       alles. Da Vītahavyas Bewusstsein keinen Wandel durchmachte, geschah auch
       kein Wandel in seinem Körper. Weil keinerlei prāïa sich in ihm regte, konnte
       auch keine Zersetzung stattfinden. Der Weise ist unabhängig und es steht ihm
       frei, zu leben oder seinen Körper zu verlassen. Dass er seinen Körper nicht
       sofort aufgegeben hat, sondern erst später, ist rein zufällig und kann mögli-
       cherweise seinem Karma usw. zugeschrieben werden. In Wahrheit jedoch ist
       er gänzlich jenseits von Karma, Schicksal und ohne jedwede mentale Kondi-
       tionierung. Es sei nochmals gesagt, dass es sich hiermit ebenso verhält wie
       mit der Krähe, die die Kokosnuss beim Landen auf der Kokospalme zu lösen
       scheint – rein zufällig.
         VASIåèHA fuhr fort:
V:90
         Als das Gemüt von Vītahavya durch die Praxis der Ergründung gänzlich los-
       gelöst und frei geworden war, entstanden in ihm die edlen Eigenschaften wie
       Freundlichkeit usw.
         RùMA fragte:
        Wenn das Gemüt sich in Brahman dem Absoluten auflöst – in wem entste-
       hen dann Eigenschaften wie Freundlichkeit?
        VASIåèHA erwiderte:



                                            339
Oh Rāma, es gibt zwei Arten von „Tod des Gemüts“. Die eine besteht darin,
       dass die Gestalt des Gemüts fortbesteht, während bei der anderen sogar die
       Gestalt des Gemüts aufhört. Das erstere geschieht, wenn der Weise noch am
       Leben ist, während das zweite geschieht, wenn er entkörpert ist. Die Existenz
       des Gemüts bedeutet Elend – sein Aufhören bringt Freude. Das Gemüt, wel-
       ches schwer konditioniert und in seiner eigenen Konditionierung gefangen
       ist, führt wiederholte Geburten herbei. Ein solches Gemüt bringt nichts als
       Unglück. Das, was die anfangslosen Eigenschaften als „mein eigenes“ erachtet,
       ist der jīva. Es taucht im Gemüt ohne Selbsterkenntnis auf, das folglich un-
       glücklich ist.
         So lange es das Gemüt gibt, nimmt das Leid kein Ende. Hört das Gemüt auf,
       dann hört auch die Welterscheinung auf. Das Gemüt ist der Samen des Elends
       Ich werde nun beschreiben, wie das Gemüt aufhört zu sein. Wenn sowohl
       Glück als auch Unglück einen Menschen nicht in seinem vollkommenen
       Gleichmut stören, dann wird dieses Gemüt als „tot“ bezeichnet. In wem die
       Ideen des „Dies bin ich“ und „Dies bin ich nicht“ nicht mehr auftauchen – sein
       Bewusstsein auf diese Weise begrenzend – dessen Gemüt ist tot. Derjenige, in
       dem die Ideen von Unheil, Armut, Jubel, Stolz, Dumpfheit und Erregtheit nicht
       mehr auftauchen – dessen Gemüt ist tot, und der ist noch lebend befreit.
         Die eigentliche Natur des Gemüts ist die Stupidität. Folglich entstehen
       Reinheit und edle Eigenschaften, wenn es stirbt. Einige Weise bezeichnen als
       „reines Gemüt “ den Zustand der äußersten Reinheit in einem Weisen, dessen
       Gemüt tot ist. Das Gemüt eines befreiten Weisen ist folglich erfüllt von edlen
       Eigenschaften wie Freundlichkeit usw. Eine solche natürliche Güte (sattā) im
       befreiten Weisen wird satva, Reinheit usw. genannt. Daher wird auch dies als
       „Tod des Gemüts bei Beibehaltung der Form“ bezeichnet.
         Der Tod des Gemüts, bei dem sogar die Form verschwindet, gehört dem
       entkörperten Weisen an. Hier bleiben keinerlei Spuren des Gemüts zurück. Es
       ist unmöglich, dies irgendwie positiv zu beschreiben; es gibt darin weder
       Qualitäten noch deren Abwesenheit; weder Tugenden noch deren Abwesen-
       heit; weder Licht noch Dunkelheit; keine Ideen; keinerlei Konditionierung;
       weder Existenz noch Nicht-Existenz. Es ist ein Zustand höchster Stillheit und
       vollkommenen Gleichgewichts. Diejenigen, die jenseits des Gemüts und des
       Verstandes gegangen sind, erlangen diesen höchsten Zustand des Friedens.
         RùMA fragte:
V:91
         Hoher Herr, worin besteht der Same dieses furchterregenden Baumes, der
       „Gemüt“ genannt wird, und was ist der Same dieses Samens usw.?
         VASIåèHA erwiderte:
         Rāma, der Same dieser Welterscheinung ist der Körper darin mit all seinen
       Ideen und Konzepten von Gut und Böse. Auch dieser Körper hat einen Samen,
       und der besteht im Gemüt, das beständig in Richtung der Hoffnungen und
       Wünsche fließt und ferner das Lagerhaus der Ideen von „Seiend“ und „Nicht-
       seiend“ und der sich daraus ergebenden Sorgen ist. Die Welterscheinung


                                           340
entsteht nur im Gemüt, was besonders im Traumzustand deutlich wird. Was
immer hier als die vermeintliche Welt gesehen wird, ist nichts anderes als die
Ausbreitung des Gemüts in demselben Sinne, in dem Töpfe die Verwand-
lungsformen von Ton sind.
  Es gibt zwei Samen für diesen Baum genannt „Gemüt“, das in sich selbst die
zahllosen Ideen und Vorstellungen trägt, nämlich 1) die Bewegung des prāïa
(der Lebenskraft) und 2) eigensinnige Einbildungskraft. Sobald es eine Be-
wegung des prāïa in den entsprechenden Kanälen gibt, gibt es auch eine
Bewegung im Bewusstsein, woraufhin das Gemüt auftaucht. Auch dies ist
wiederum nur die Bewegung des prāïa, sobald diese vom Gemüt wahrge-
nommen oder gesehen wird. Und das Gemüt beginnt dann, die Welterschei-
nung wahrzunehmen, die so real ist wie die Bläue des Himmels. Das Aufhören
des prāïa ist gleichzeitig das Aufhören der Welterscheinung. Das allgegen-
wärtige Bewusstsein wird durch die Bewegung des prāïa sozusagen „er-
weckt“. Geschieht dies nicht, dann ist da das höchste Wohl.
  Sobald Bewusstsein auf diese Art „erweckt“ wird, beginnt es Objekte wahr-
zunehmen; es entstehen Ideen und infolgedessen Sorgen. Wenn dieses Be-
wusstsein andererseits in sich selbst ruht, fast wie in tiefem Schlaf, dann
erlangt man das, was am wünschenwertesten ist, und dies ist der höchste
Zustand. Daher wirst du den ungeborenen Zustand des Bewusstseins dann
realisieren, wenn du entweder in deinem psychischen Raum (der Konzepte
und Ideen) die Bewegung des prāïa anhältst oder aber aufhörst, die Ruhe des
Bewusstseins zu stören. Wenn diese Ruhe oder Homogenität aufgerührt wird
und das Bewusstsein die Vielfalt zu erfahren beginnt, dann taucht das Gemüt
auf und all die zahllosen psychologischen Konditionierungen treten ins Da-
sein.
  Um die Stillheit des Gemüts herbeizuführen, praktizieren die Yogis
prāïayāma (die Zurückhaltung der Bewegung der Lebenskraft), Meditation
und andere geeignete und angemessene Methoden. Große Yogis erachten
prāïayāma als die am besten geeignete Methode, um die Stille des Gemüts,
des Friedens usw. zu erreichen.
  Ich werde dir nun den anderen Gesichtspunkt beschreiben, nämlich denje-
nigen der Weisen, der aus ihrer direkten Erfahrung entsprungen ist. Sie er-
klären, dass das Gemüt geboren ist wegen hartnäckigem Hängen an Vorstel-
lungen oder illusorischer Einbildungskraft.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Als Konditionierung oder Begrenzung wird die Wahrnehmung eines Ob-
jekts bezeichnet, wenn jemand hartnäckig an seiner Idee betreffend das Ob-
jekt festhält und die tiefgehende Ergründung in die Natur der Wahrheit auf-
gibt. Wird dann eine solche Idee dauerhaft und intensiv unterhalten, dann
entsteht dadurch im Bewusstsein diese Welterscheinung. Die Person wird
sodann in ihrer eigenen Konditionierung gefangen und hält das, was sie sieht,
für die Realität. So entsteht die Täuschung. Weiterhin, aufgrund der Intensität


                                     341
der Konditionierung und der Einbildungskraft, gibt diese Person ihre eigene
wahre Natur auf und nimmt schließlich nur noch die Welterscheinung wahr.
All dies widerfährt nur der unweisen Person. Man nennt das „Gemüt“, was
eine auf diese Weise verdrehte Wahrnehmung enthält. Wenn dieses Gemüt
sich in seiner verdrehten Wahrnehmung bestätigt sieht, entsteht daraus der
Same für wiederholte Geburten, Altern und Tod.
  Wenn keine Ideen vom Wünschenswerten und Nicht-Wünschenswerten
entstehen, dann taucht auch das Gemüt nicht auf, und es herrscht höchster
Friede. Nur dies bildet die Form des Gemüts: Konzeptualisierung, Einbildung,
Gedanke und Erinnerung. Wenn diese abwesend sind – wie kann ein Gemüt
existieren? Wenn einer, verankert im Bereich des Nicht-Werdens, das kon-
templiert, was sich nicht in Werden verwandelt hat, und der folglich das was
ist, sieht wie es ist, dann wird das Gemüt zum Nicht-Gemüt. Sobald die psy-
chologische Konditionierung oder die Begrenzung nicht mehr dicht, sondern
eher transparent ist, dann wird man ein befreiter Weiser, der noch aufgrund
des vergangenen Momentums ( wie sich das Rad des Töpfers noch weiter-
dreht, obwohl es keinerlei Antriebsimpuls mehr erfährt) lebt und funktio-
niert, aber nicht mehr wiedergeboren wird. In seinem Fall wurde der Samen
sozusagen geröstet und kann nicht mehr zur Welterscheinung auskeimen.
Wenn dann sein Körper fällt, wird der Weise in das Unendliche absorbiert.
  Was die zwei Samen dieser Welterscheinung (d.h. die Bewegung des prāïa
und das Hängen an Einbildungen) betrifft, so fällt, wenn man erst einmal das
eine losgeworden ist, auch das andere automatisch weg, da sie wechselseitig
voneinander abhängig sind. Das Gemüt erzeugt die Weltillusion, und das
Gemüt wiederum wird durch die Bewegung des prāïa in der dem Menschen
eigenen Konditionierung erzeugt. Das zeigt, dass der Grund für die Bewegung
des prāïa die mentale Konditionierung oder die Einbildungskraft ist. Auf
diese Weise wird dieser Teufelskreis vollendet: Das eine füttert das andere,
das eine treibt das andere zum Handeln. Bewegung ist natürlich für das
prāïa. Und wenn es sich im Bewusstsein bewegt, taucht das Gemüt auf, und
dann hält die Konditionierung das prāïa in Bewegung. Wird eines der beiden
angehalten, so fallen beide.
  Nur die psychologische Konditionierung oder Bewegung ist die Quelle all
der unsagbaren Schmerzen und Sorgen sowie die Wurzel der Unwissenheit.
Wenn diese beiden an ihr Ende gelangen, dann fällt unverzüglich auch das
Gemüt. Auf die gleiche Weise gelangt das Gemüt durch die Zurückhaltung der
Bewegung des prāïa (Lebenskraft) zu einem Stillstand. Es nimmt dann die
Welt, die in ihm wohnt, nicht mehr wahr.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Rāma, die Vorstellung eines Objekts (der Erkenntnis, der Erfahrung) ist der
Same für die Bewegung des prāïa als auch für das Hängen an einer Idee,
denn es geschieht nur durch das Auftauchen eines Wunsches nach einer
Erfahrung, dass diese Bewegung des prāïa und die mentale Konditionierung



                                    342
stattfinden. Wird der Wunsch nach Erfahrung aufgegeben, dann hören beide
unverzüglich auf.
  Natürlich ist hier das innewohnende Bewusstsein der Same für diesen
Wunsch nach Erfahrung, denn ohne dieses Bewusstsein wäre dieser Wunsch
überhaupt nicht aufgetaucht. Jedoch hat es kein Objekt der Erfahrung, weder
im Innen noch im Außen; denn es ist das Bewusstsein selbst, welches, auf-
grund einer Gedankenregung innerhalb von sich selbst, sich selbst als ein
Objekt zu erfahren wünscht. So wie ein Mann von seinem eigenen Tod oder
einer Reise ins Ausland träumt, so erfährt dieses Bewusstsein sich selbst
aufgrund seiner eigenen Intelligenz als ein Objekt. Sobald diese Erfahrung
stattfindet, findet auch die Welterscheinung statt, oh Rāma. Wird diese
Wahrheit realisiert, so hört auch die Illusion auf.
  Was ist die Wahrheit? Sie besteht darin, dass all dies nur das absolute Be-
wusstsein ist, neben dem es nichts anderes gibt. Was immer gesehen oder
nicht gesehen wird, ist das unendliche Bewusstsein – so sollte der Weise
erkennen und seine Sichtweise reinigen. Die unreine Sichtweise nimmt die
Welt wahr – die reine Sichtweise nimmt das unendliche Bewusstsein wahr,
und das ist Befreiung. Folglich, oh Rāma, strebe danach, den Wunsch nach
Erfahrung auszulöschen. Werde die Trägheit los. Befreie dich selbst von allen
Erfahrungen.
  RùMA fragte:
  Hoher Herr, wie können diese beiden Aussagen miteinander vereinbart
werden: Kann ich denn gleichzeitig die Freiheit von allen Erfahrungen und
die Freiheit von der Trägheit erlangen?
  VASIåèHA erwiderte:
  Wer keinerlei Wunsch nach oder Hoffnung auf irgendetwas in dieser Welt
hegt und auch nicht den Wunsch hat, in der Untätigkeit zu verharren, der
existiert nicht als jīva. Weder ist er inaktiv, noch sucht er nach Erfahrungen.
Wer nicht nach Erfahrungen oder der Wahrnehmung von Objekten sucht,
obschon er sich in ununterbrochener Tätigkeit befinden mag, ist weder inak-
tiv, noch tut oder erfährt er etwas. Die objektiven Erfahrungen berühren das
Herz überhaupt nicht – daher ist derjenige ein befreiter Weiser hier und jetzt,
dessen Bewusstsein nicht inaktiv ist.
  Frei von aller Konditionierung, fest verankert im Zustand des
unmodifizierten Bewusstseins, verbleibt der Yogi wie ein Kind oder eine
stumme Person – in ihm ist Seligkeit, wie die Bläue des Himmels. Diese Selig-
keit ist keine Erfahrung, sondern die eigentliche Natur des Bewusstseins.
Folglich wirkt sie nicht wie eine Störung, sondern sie verbleibt stets integriert
im Bewusstsein. Darin liegt die Freiheit von allen Erfahrungen. Zur selben
Zeit ist der Yogi beständig mit Tätigkeit befasst – und das ergibt die Freiheit
von der Inaktivität.
  VASIåèHA fuhr fort:



                                      343
Strebe immer danach, diesen Zustand zu erlangen, oh Rāma, wie schwierig
er auch zu erreichen sein mag, und überquere so diesen Ozean des Leides.
   Dieser Wunsch nach Erfahrung taucht im Bewusstsein als ein Gedanke auf
und sammelt durch stetige Wiederholung Kraft. Nachdem das Bewusstsein in
sich selbst die illusorische Schöpfung hervorgebracht hat, führt es sich selbst
auch zur Befreiung. Was immer es wahrnimmt, das materialisiert sich. Indem
das Bewusstsein, welches unendliches Bewusstsein ist, sich zunächst selbst
gebunden und dem Kummer unterzogen hat (wie die Seidenraupe, die sich in
ihren Kokon einspinnt), erlangt es im Laufe der Zeit wiederum die Freiheit.
Was als das Universum gesehen wird, ist nichts als reines Bewusstsein, oh
Rāma.
   Reines Sein allein ist der Same für dieses unendliche Bewusstsein. Un-
trennbar sind sie wie die Sonne und ihre Strahlen. Jedoch verfügt dieses reine
Sein über zwei Aspekte – der eine ist die Vielfalt und der andere die Einheit.
Was man als „dies“, „das“, „ich“ und „du“ beschreibt, ist die Vielfalt. Wird diese
Vielfalt aufgegeben und gibt es dann das reine Sein, dann spricht man von der
Einheit. Wenn die Vielfalt aufgegeben wird und die Einheit vorherrscht, dann
gibt es auch das Nicht-Erfahren und folglich ist Einheit weder ein „Ding“ noch
ein Objekt der Erfahrung. Diese Einheit ist folglich ewiglich und unvergäng-
lich.
   Gib daher, oh Rāma, alle Formen von Getrenntheit auf – Getrenntheit von
Zeitbegriffen oder Teile von etwas oder von Substanzen. Ruhe dann in reinem
Sein. Diese Getrenntheiten führen zum Auftauchen von Konzepten. Sie sind
nicht verschieden vom reinen Bewusstsein, und außerdem sind sie keine
Tatsachen. Die Kontemplation der Getrenntheit führt nicht zu einer reinen
Sichtweise.
   Nur das reine Sein ohne jede Getrenntheit darin ist der Same für all das,
was wir bis jetzt erörtert haben, aber für das reine Sein selbst gibt es keinen
Samen. Es ist die Ursache von allem und ist selbst unverursacht. In ihm wird
all dies reflektiert. Alle diese verschiedenen Erfahrungen werden im reinen
Sein erfahren, so wie verschiedene Geschmäcker von ein und derselben Zun-
ge geschmeckt werden. Eine unendliche Zahl von Universen wird darin gebo-
ren, existiert darin, löst sich in ihm wieder auf und gelangt darin in eine
wechselseitige Beziehung.
   Dieses reine Sein ist die Schwere in allen schweren Dingen; es ist die Leich-
tigkeit in allem, was leicht ist. Nur dieses ist das Grobe, und nur dieses ist das
Subtile. Es ist das Erste unter den Ersten, das Letzte unter den Letzten. Es ist
das Licht im Leuchtenden und die Finsternis im Finstern. Es ist die Substanz
aller Substanzen und auch Raum. Es ist nichts und alles; es ist und ist nicht.
Es wird gesehen und es wird nicht gesehen. Das bin ich, und das bin ich nicht.
   Oh Rāma, mit allem was in deiner Macht steht, strebe danach, in diesem
höchsten Zustand verankert zu sein. Tue sodann, was dir angemessen er-
scheint. Diejenigen, die diesen Zustand erreichen, welcher rein und alterslos
ist und die Wahrheit des eigenen Selbst ist, erlangen den allerhöchsten Frie-


                                      344
den. Indem du diesen Zustand erreichst, wirst du für immer von der Angst
vor dieser weltlichen Existenz befreit sein.
  RùMA fragte:
                                                                                  V:92
  Heiliger Herr, bitte sage mir, wie man möglichst rasch alle diese Samen der
Zerstreutheit vernichten und den höchsten Zustand erlangen kann!
  VASIåèHA sagte:
  Diese Samen des Kummers, oh Rāma, können vernichtet werden, und zwar
einer nach dem andern. Wenn du jedoch auf einen Schlag sämtliche mentale
Konditionierung unterbrechen und durch intensive Eigenbemühung im Zu-
stand reiner Existenz verweilen kannst (und sei es auch nur für eine Sekun-
de), dann bist du im selben Moment darin verankert. Falls du jedoch deinen
Stand einzig in der reinen Existenz nehmen möchtest, dann kannst du auch
dies erreichen, durch noch größere Bemühung. Und du kannst auch durch die
Kontemplation des unendlichen Bewusstseins im höchsten Zustand ruhen,
jedoch erfordert dies noch größere Selbstbemühung.
  Meditation über Objekte der Erfahrung ist nicht möglich, da diese nur im
Bewusstsein oder dem Selbst existieren. Wenn du jedoch danach strebst, die
Konditionierung zu vernichten (die Konzepte, Ideen und Gewohnheiten usw.),
dann werden innerhalb eines Augenblicks alle deine Fehler und Gebrechen
verschwinden. Aber dieser Weg ist noch schwieriger als die zuvor beschrie-
benen. Denn solange das Gemüt nicht frei von Gedankenbewegungen ist, ist
das Aufhören der Konditionierung schwierig zu erreichen und umgekehrt.
Andererseits hört das Gemüt nicht auf zu arbeiten, solange die Wahrheit nicht
erkannt wurde, und umgekehrt. Da also die Realisation der Wahrheit, das
Aufhören des Gemüts und das Ende der Konditionierung miteinander ver-
flochten sind, ist es extrem schwierig, sie einzeln und separat anzugehen,
  Daher, oh Rāma, entsage mit allem was in deiner Macht steht den Objekten
des Vergnügens und nimm deine Zuflucht gleichzeitig zu allen drei Mitteln.
Erst wenn diese drei gleichzeitig eine beträchtliche Zeit lang praktiziert wor-
den sind, dann tragen sie Früchte, nicht vorher. Oh Rāma, diese Welterschei-
nung ist seit langer, langer Zeit als Wahrheit erfahren worden – es bedarf
daher beständiger, gleichzeitiger Praxis durch die drei genannten Mittel, um
sie zu überwinden.
  Die Weisen erklären, dass die Aufgabe der Konditionierung und die Zurück-
haltung des prāïa dieselbe Wirkung haben – daher sollte man dies gleichzei-
tig praktizieren. Das prāïa wird durch die Praxis des prāïayāma und der
yoga āsana beherrscht, wie es der Guru lehrt, oder aber durch andere Mittel.
Sobald Wünsche, Abneigungen und Verlangen im Gemüt nicht mehr auftau-
chen, auch wenn die entsprechenden Objekte gesehen werden, dann lässt
sich daraus schließen, dass die mentale Konditionierung schwächer ist. Da-
raufhin taucht die Weisheit auf, die die Konditionierung weiter schwächt.
Schließlich hört das Gemüt auf zu sein.



                                     345
Ohne die richtigen Verfahrensweisen ist es nicht möglich, „das Gemüt zu
töten“. Die Erkenntnis des Selbst, die Gemeinschaft mit Heiligen, die Aufgabe
der Konditionierung und die Zurückhaltung des prāïa sind die Mittel zur
Überwindung des Gemüts. Diese nicht zu würdigen und anstelle dessen zu
groben Methoden wie HaÂha Yoga, Askesepraktiken, Pilgerfahrten, Riten und
Ritualen zu greifen, ist reine Zeitverschwendung. Nur die Selbsterkenntnis
verleiht dir die höchste Seligkeit. Nur der Mensch der Selbsterkenntnis kann
als wahrhaft lebender Mensch bezeichnet werden. Erlange daher die Selbst-
erkenntnis, oh Rāma.
   Vasistha fuhr fort:
   Jemand, der durch Selbstergründung auch nur ein wenig Kontrolle über
sein Gemüt erlangt hat, hat dadurch schon das Ziel seines Lebens erreicht.       V:93
Denn die Selbstergründung wird in seinem Herzen Fuß fassen. Sobald eine
solche Ergründung von Leidenschaftslosigkeit begleitet und im Verlaufe der
Praxis stabil geworden ist, kommen alle edlen Eigenschaften von selbst zu
ihm. Die Unwissenheit und deren Gefolge kümmert ihn nicht, wenn er voll-
ständig in der Selbstergründung verankert ist und alles was ist, ohne Verzer-
rung betrachtet. Wenn er erst einmal einen festen Stand im spirituellen Be-
reich hat, dann wird er nicht von den Räubern namens Sinnesvergnügen
übemannt werden.
   Die Sinnesvergnügen überwältigen jedoch denjenigen, der nicht fest veran-
kert ist. Wer sich nicht beständig mit der Selbstergründung befasst und daher
nicht andauernd des Selbstes gewahr ist, der kann nur als toter Mann be-
zeichnet werden. Daher, oh Rāma, praktiziere unablässig diese Ergründung.
Sie vertreibt die Finsternis der Unwissenheit und enthüllt die Wahrheit. Und
die Erkenntnis der Wahrheit vertreibt alles Leid. Mit der Erkenntnis kommt
auch deren Erfahrung. Wenn das innere Licht, entzündet durch richtiges
Studium der Schriften und die Ergründung der in ihnen niedergelegten
Wahrheit, die Erkenntnis und die aus ihr entstehende Erfahrung beleuchtet,
dann wird ihre vollkommene Identität realisiert. Dieses innere Licht wird von
den Heiligen als Selbsterkenntnis erachtet, und die Erfahrung dessen ist ein
integraler Bestandteil der Selbsterkenntnis und nicht verschieden davon. Wer
die Selbsterkenntnis erlangt hat, ist auf ewig eins mit dieser Erfahrung. Noch
lebend ist er befreit, und er lebt fortan wie der Kaiser dieser Welt.
   Ein solcher Weiser ist nicht verwirrt durch die verschiedenen Erfahrungen,
denen er scheinbar unterworfen ist, ob diese nun vom Beobachter als erfreu-
lich oder unerfreulich angesehen werden. Er ist weder gebunden noch über-
wältigt von Vergnügen, noch existiert in ihm ein Verlangen nach Vergnügen.
Er lebt völlig befriedigt in seinem eigenen Selbst. Er ist an nichts und nie-
manden gebunden, und er trägt weder Groll noch Hass in seinem Herzen. Er
erschrickt weder vom Geschrei eines Feindes noch vom Brüllen eines Löwen
im Urwald. Weder frohlockt er beim Anblick eines blühenden Gartens, noch
ist er beunruhigt, wenn er eine Wüste durchqueren muss. Im Innern immer
frei, ist er mit den Tätigkeiten befasst, die im gegebenen Moment auf ihn


                                    346
zukommen. Seine Haltung gegenüber einem Mörder und einem Philanthro-
pen ist gleich. In seiner kosmischen Sichtweise erscheinen alle großen und
kleinen Dinge gleich, denn er weiß, dass das gesamte Universum nichts als
reines Bewusstsein ist.
  Wer ohne jede Anhaftung handelt und lediglich mit den Handlungsorganen
tätig ist, der wird von nichts berührt – weder von Freude noch Sorge. Seine
Handlungen sind nicht-willentlich. Er sieht nicht, obwohl seine Augen sehen;
er hört nicht, obwohl seine Ohren hören; er berührt nicht, obwohl der Körper
berührt. Gewiss ist die Anhaftung (Kontakt oder Verbindung) die Ursache für
diese Weltillusion; sie allein ist es, die die Objekte erzeugt. Die Anhaftung
erzeugt Bindung und endloses Leid. Daher haben die Heiligen erklärt, dass
die Aufgabe der Anhaftung in sich selbst Befreiung bedeutet. Gib die Anhaf-
tung auf, oh Rāma, und sei so ein befreiter Weiser.
  RùMA fragte: Hoher Herr, bitte sage mir, was man unter dieser Anhaftung
versteht?
  VASIåèHA erwiderte:
  Anhaftung ist das, oh Rāma, was die Konditionierung des Gemüts dichter
und dichter werden lässt, indem wiederholt die Erfahrungen von Vergnügen
und Schmerz in Bezug auf Existenz und Nicht-Existenz der Objekte des Ver-
gnügens verursacht werden. Dadurch geschieht es, dass die Verbindung die-
ser Dinge als unvermeidbar angesehen und so eine nachdrückliche Anhaftung
an die Objekte des Vergnügens geschaffen wird. Im Falle eines befreiten Wei-
sen ist diese Konditionierung jedoch frei von der Erfahrung von Freude und
Kummer. Folglich ist sie rein, d.h. die Konditionierung ist schwach, wenn nicht
sogar gänzlich zerstört. Auch wenn sie in einem extrem schwachen Zustand
bis zum Tode des Körpers andauern sollte, würden die Tätigkeiten, die aus
einer so schwachen und reinen Konditionierung entspringen, keinerlei Wie-
dergeburt verursachen.
  Die starke Konditionierung, die im Unweisen existiert, wird die eigentliche
Anhaftung genannt. Wenn du diese Anhaftung aufgibst, die in dir verkehrte
Ideen hervorruft, dann werden dich die spontan ausgeführten Handlungen
nicht mehr negativbeeinflussen. Wenn du dich über Freude und Leid erhebst
und beide gleich behandelst, wenn du frei von Anziehung, Abneigung und
Furcht bist, dann bist du unangehaftet. Wenn du nicht in Trauer versinkst,
nicht himmelhoch jauchzt und von deinen eigenen Wünschen und Hoffnun-
gen nicht abhängig bist, dann bist du unangehaftet. Wenn du dein Gewahrsein
der sich selbst immer gleichen Wahrheit nicht aufgibst, auch nicht während
der Ausübung deiner täglichen Beschäftigungen, dann bist du unangehaftet.
Wenn du Selbsterkenntnis erlangt hast und, ausgestattet mit der Sichtweise
des Gleichmuts, dich im Hier und Jetzt mit spontanen und der Situation an-
gemessenen Handlungen befasst, dann bist du unangehaftet.
  Lebe hier als ein befreiter Weiser, ohne von irgendetwas angezogen zu wer-
den, indem du mühelos in der Nicht-Anhaftung verankert bleibst. Der befreite



                                     347
Weise lebt in der inneren Stille – ohne Stolz und Eitelkeit, ohne Eifersucht
und mit völlig beherrschten Sinnen. Auch wenn sämtliche Objekte der Welt
vor ihm ausgebreitet liegen, wird der Weise, der frei von Verlangen ist, nicht
von ihnen verführt, und er handelt völlig natürlich und angemessen. Was
unvermeidbar und angemessen ist, das tut er, während er seine eigentliche
Freude und sein Entzücken aus seinem Innern gewinnt, und so ist er frei von
dieser Welterscheinung. So wie Milch ihre Farbe auch beim Kochen nicht
verliert, so gibt er seine Weisheit auch dann nicht auf, wenn er durch
schlimmste Lebensumstände geprüft wird. Ob er nun größtem Schmerz un-
terworfen oder zum Herrscher des Himmels ernannt wird – er behält seinen
unerschütterlichen Gleichmut immer bei.
   Folglich, oh Rāma, befasse dich beständig mit der Selbstergründung und
ruhe fest verankert in der Selbsterkenntnis. Niemals wieder wirst du dann
Geburt und Bindung unterzogen werden.
   (Auf den vorhergegangenen Seiten wurde „Vicāra“ mit „Ergründung“ oder
„Selbstergründung“ übersetzt. Es ist dies die gängige Übersetzung. Tatsäch-
lich jedoch ist mit dem Wort vor allem eine wirksame Organisation der eige-
nen inneren Intelligenz gemeint. In Sanskrit bedeutet „car“ „bewegen“. Ver-
wechselt werden sollte dies jedoch nicht mit intellektueller Analyse. Es han-
delt sich hier vielmehr um direkte Beobachtung oder „inneres Schauen.)

                                     ***




                                    348
Teil VI: Über die Befreiung

 Bhagavān Sri Ramaïa Mahar«i sagte:
  Cidābhāsa ist das Gefühl des Selbst, welches als Leuchten des Gemüts er-
scheint. Das eine wird drei, die drei werden fünf, und die fünf werden zu
vielen. Dies bedeutet, dass das reine Selbst (satva, das als eines erscheint)
durch Kontakt zu dreien wird (satva, rajas und tamas). Mit diesen dreien
dann treten wiederum die fünf Elemente ins Dasein, und mit diesen das ge-
samte Universum. Dies erzeugt die Illusion, dass der Körper das Selbst ist. In
Begriffen von Raum oder Himmel (ākāÓa) wird dies mit drei Kategorien er-
klärt, wie sie in der Seele widerspiegelt sind, nämlich die grenzenlose Welt
des reinen Bewusstseins, die grenzenlose Welt des mentalen Bewusstseins
und die grenzenlose Welt der Materie (cidākāÓa, cittākāÓa und bhutākāÓa).
Wenn das Gemüt (citta) in seine drei Aspekte geteilt wird, nämlich Verstand,
Intuition und den Erzeuger des „Ich“ (manas, buddhi und ahaækāra), wird es
das innere Organ oder anta÷karaïa genannt. Karaïaæ bedeutet
upakaraïaæ. Beine, Hände und die anderen Organe des Körpers werden
bāhyakarana oder äußere Organe genannt, während die Sinne (indriyas), die
innerhalb des Körper arbeiten, anta÷karaïas oder innere Organe genannt
werden. Das Gefühl des Selbst oder das Leuchten des Gemüts, welches mit
diesen inneren Organen arbeitet, nennt man die individuelle Seele oder jīva.
Wenn das mentale Bewusstsein, welches eine Widerspiegelung des fühlbaren
oder greifbaren Aspektes des reinen Bewusstseins ist, die Welt der Materie
wahrnimmt, wird es mentale Welt (mano ākāÓa) genannt, aber wenn es den
fühlbaren Aspekt des reinen Bewusstseins wahrnimmt, wird es totales Be-
wusstsein (cinmaya) genannt. Aus diesem Grunde wird gesagt: „Das Gemüt
ist die Ursache von Bindung und Befreiung des Menschen.“ Das Gemüt er-
zeugt viele Illusionen.
  Sobald diese Wahrheit durch die Selbst-Erforschung bestätigt wird, löst sich
die Vielfalt in Fünf auf, die Fünf in Drei, und diese wiederum in Eines. Nimm
an, du hast Kopfschmerzen – wenn sie durch Einnehmen der Medizin ver-
schwinden, verbleibst du als das, was du ursprünglich warst; der Kopf-
schmerz ist wie die Illusion, dass der Körper das Selbst ist. Sie verschwindet,
sobald die Medizin namens Selbst-Erforschung verabreicht worden ist.
  Es ist wahr, dass diese Erkenntnis nur für reife, nicht für unreife, Gemüter
möglich ist. Für letztere schreiben die Schriften die innere Wiederholung
eines Mantras (japa), die Verehrung von Gottesbildern, die Atemkontrolle
(prÃïÃyÃma), die Visualisierung von Lichtsäulen und ähnliche yogische,
spirituelle und religiöse Praktiken vor. Mit Hilfe dieser Praktiken werden die
Menschen dann allmählich reif und erkennen schließlich das Selbst durch
Selbst-Erforschung.

                                     ***



                                     349
VùLMýKI sprach:
                                                                                   VI:1,1

  Der Weise Vāsi«Âha hatte die Lehren, die im upaÓama prakaraïam enthalten
waren, beendet und äußerte die Worte: „Oh Rāma, du hast das upaÓama
prakaraïam vernommen – höre nun den Abschnitt an, der von der Befreiung
handelt.“ Sämtliche Könige und Weisen, die sich am Hofe befanden, waren tief
beeindruckt von den Darlegungen des großen Weisen Vāsi«Âha. Mit ihrer
ganzen Aufmerksamkeit hingen sie an seinen Worten und Gebärden und
wirkten eher wie die gemalten Figuren eines Bildnisses als lebendige,
menschliche Wesen. Und es schien, als seien sogar die Sonne, die Luft, die
Vögel und die wilden Tiere – die gesamte Natur – gänzlich vom Anhören der
Darlegung des Weisen in Anspruch genommen, indem ihre Seelen sich in die
erhabene Darstellung der Natur des innersten Selbst versenkten.
  Als die Sonne unterging, erklang der Palast plötzlich vom Schall der Trom-
meln und Trompeten. Einige Augenblicke lang ertränkte dieser die Stimme
des Weisen Vāsi«Âha. Als der Klang der Trommeln, Trompeten und Muschel-
hörner schließlich erstarb, stellte der Weise Rāma die folgende Frage:
  VASIåèHA sprach:
  Ich habe dir hiermit ein aus Worten gewobenes Netz, deutend auf die
höchste Wahrheit, gegeben. Fange den Vogel deines Gemüts mit Hilfe dieses
Netzes und lass ihn dann in deinem Herzen ruhen. So wirst du die Selbster-
kenntnis erlangen. Oh Rāma, hast du diese Wahrheit, die ich dir mitgeteilt
habe, in dein Innerstes aufgenommen, auch wenn sie mit verschiedenen
Verbildlichungen und Ausdrücken durchsetzt war – so wie der sprichwörtli-
che Schwan fähig ist, die mit Wasser versetzte Milch vom Wasser zu scheiden
und nur die Milch zu trinken?
  Du solltest diese Wahrheit wieder und wieder von Anfang bis Ende kon-
templieren, über sie nachdenken und den durch sie vorgegebenen Pfad ent-
lang wandern, oh du Edler. Auch wenn du mit den verschiedensten Tätigkei-
ten befasst bist, werden sie dich nicht binden, wenn dein Gemüt mit dieser
Wahrheit gesättigt ist. Andernfalls wirst du fallen – so wie der Elefant von der
Klippe stürzt. Außerdem – wenn du diese Lehre nur für deine intellektuelle
Unterhaltung verwendest, aber in deinem Alltag nicht lebst, dann wirst du
wie der blinde Mann taumeln und stürzen.
  Um den Zustand der Vollkommenheit oder der Befreiung, wie er durch mich
gelehrt worden ist, zu erlangen, musst du ein Leben der Nicht-Anhaftung
annehmen und tun, was immer im Augenblick auf dich zukommt. Sei versi-
chert, dass dies in den Lehren aller Schriften der entscheidende Faktor ist.
  Als das Zeichen zur Verabschiedung gegeben wurde, verließen alle Könige
und Weisen die Versammlung, um sich in ihre Wohnräume zu begeben. Sie
kontemplierten die Lehren Vāsi«Âhas und diskutierten sie untereinander und
verbrachten nur einige wenige Stunden angenehmen, tiefen Schlafes.



                                     350
VùLMýKI fuhr fort:
VI:1, 2
             Schon bald begann die Dunkelheit zu weichen, so wie die mentale Kondi-
          tionierung beim Aufstieg des inneren Erwachens zu weichen beginnt. Licht-
          strahlen vom östlichen Horizont beleuchteten die östlichen und westlichen
          Bergspitzen.
            Rāma, Lak«maïa und alle anderen erwachten zu dieser gesegneten Stunde
          und vollführten ihre morgendlichen religiösen Riten. Dann begaben sie sich
          zur Einsiedelei des Weisen Vāsi«Âha. Sie entboten ihre Verehrung, fielen zu
          seinen Füßen und folgten ihm zum königlichen Hof. Obwohl der gesamte Hof
          mit Publikum angefüllt war, herrschte eine Stille, in der man eine Stecknadel
          fallen hören konnte. Die Luft des Versammlungssaales war wiederum erfüllt
          von himmlischen Wesen und Weisen, die Vollkommenheit erlangt hatten. Alle
          Anwesenden nahmen wie zuvor ihre Plätze ein. Rāma blickte mit Innigkeit
          dem Weisen Vāsi«Âha ins Antlitz.
           VASIåèHA sprach:
            Rāma, erinnerst du dich an das, was ich dir bis jetzt gesagt habe und an die
          Worte, die fähig sind, die Erkenntnis der Wahrheit oder die Selbsterkenntnis
          wachzurufen? Ich werde dir nun erläutern, wie die Vollkommenheit dauer-
          haft herbeigeführt werden kann.
            Durch Zufluchtnehmen zur Leidenschaftslosigkeit (d.h. zum unkonditio-
          nierten Gemüt) und durch ein klares Verständnis der Wahrheit kann dieser
          Ozean von saæsāra (die Bindung an Leben und Tod) überquert werden. Be-
          mühe dich daher nachhaltig im Sinne dieses Strebens. Sobald die Wahrheit
          klar wahrgenommen wird und Missverständnisse vollständig beseitigt sind,
          wird durch die Auflösung sämtlicher latenten Neigungen oder mentalen
          Konditionierung schließlich der sorgenfreie Zustand erlangt.
            Nur das eine unendliche Sein oder kosmische Bewusstsein existiert. Es ist
          weder berührt von den Konzepten von Zeit und Raum noch der Polarisierung
          und Teilung unterworfen. Nur das Unendliche allein existiert und hat irgend-
          wie die Dualität angenommen. Wenn jedoch das Unendliche nicht geteilt
          werden kann, wie kann dann die Dualität entstehen? Wisse dies, sei frei vom
          Ich-Sinn, und erfreue dich des Selbst.
            Es gibt weder Gemüt, Unwissenheit noch die individuelle Seele – all dies
          sind Konzepte, die im Schöpfer Brahmā auftauchten. Sämtliche Objekte und
          auch das Gemüt mit all seinen Wünschen – all dies ist das unendliche kosmi-
          sche Bewusstsein. Dieses allein leuchtet in der Unterwelt, auf der Erde und
          im Himmel als das Bewusstsein.
            So lange die aus der Unwissenheit geborenen Konzepte existieren, so lange
          es die Wahrnehmung dessen gibt, was nicht das Unendliche ist, und so lange
          es die Hoffnung in diese Falle gibt, die man „Welt“ nennt, so lange unterhält
          man auch die Vorstellungen des Gemüts usw. So lange man den Körper als
          das „Ich“ ansieht, und so lange man das Selbst mit dem in Verbindung bringt,
          was man wahrnimmt, so lange man Hoffnung hegt für die Objekte, die man


                                              351
mit dem Gefühl „dies ist mein“ verbindet, so lange gibt es auch die Täuschung,
die mit dem Gemüt usw. in Zusammenhang steht.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Die illusorische Wahrnehmung der Existenz des Gemüts usw. besteht nur so
lange, als noch nicht mit Hilfe der Weisen, die selbst vollkommen unangehaf-
tet sind, die erhabene Realisierung der Wahrheit erfahren und die mentale
Verdrehtheit geschwächt wurde. So lange die Erfahrung dieser Welt noch
nicht erschüttert wurde durch die klare Wahrnehmung der Wahrheit, so
lange erscheint die Existenz des Gemüts usw. als selbstverständlich. Diese
Vorstellung besteht so lange, wie es aufgrund des Verlangens nach objektiven
Erfahrungen eine blinde Abhängigkeit und als Konsequenz daraus mentale
Verrücktheit und Täuschung gibt.
  Im Falle derjenigen jedoch, die nicht von Vergnügungen angezogen werden,
deren Herzen aufgrund ihrer Reinheit kühl sind, und die den Käfig des Ver-
langens, der Wünsche und Hoffnungen zertrümmert haben, hört die irrefüh-
rende Vorstellung der Existenz des Gemüts auf. Wie kann in demjenigen, der
sogar seinen Körper als die irrige Erfahrung einer Nicht-Wesenheit versteht,
noch ein Gemüt auftauchen? Wer diese Vision des Unendlichen hat, und in
wessen Herzen die Welterscheinung verschwunden ist, der unterhält nicht
mehr die täuschenden Ideen des jīva usw.
  Wisse, dass sobald die falschen Wahrnehmungen an ein Ende gelangt sind
und die Sonne der Selbsterkenntnis im Herzen aufgegangen ist, das Gemüt zu
einem nichts wird. Es wird nicht mehr gesehen – wie verbrannte trockene
Blätter. Der Zustand des Gemüts der Befreiten, die noch leben und die gleich-
zeitig die höchste Wahrheit und die relative Existenz zu sehen vermögen,
wird als satva bezeichnet (Transparenz). Es ist unrichtig, dies als Gemüt zu
bezeichnen – in Wahrheit ist es satva. Diese Kenner der Wahrheit sind ge-
mütslos und befinden sich in einem Zustand perfekten Gleichgewichts – sie
leben ihr irdisches Leben auf eine spielerische Weise. Die ganze Zeit über
nehmen sie in ihrem Innern das Licht wahr, auch dann, wenn sie mit den
verschiedensten Beschäftigungen befasst zu sein scheinen. Konzepte der
Dualität, der Einheit oder andere dieser Art tauchen nicht in ihnen auf, da es
keinerlei Neigungen mehr in ihren Herzen gibt. Der Same der Täuschung ist
im Zustand von satva verbrannt und lässt die Täuschung nie wieder entste-
hen.
  Oh Rāma, du hast nun den Zustand von satva erlangt – dein Gemüt wurde
im Feuer der Weisheit verbrannt. Worin besteht diese Weisheit? Sie besteht
darin, dass das unendliche Brahman in der Tat das unendliche Brahman ist –
die Welterscheinung ist nichts als eine Erscheinung, deren Realität Brahman
ist. Die Erscheinung (wie beispielsweise dein Körper als „Rāma“) ist nicht-
fühlend, unwirklich. Ihre Realität ist die Realität ihres Substrates, welches
Bewusstsein ist. Weshalb trauerst du also? Wenn du jedoch zu empfinden
vermagst, dass all dieses nur Bewusstsein ist, dann gibt es keinerlei Notwen-
digkeit für das Entstehen von Vielfalt in dir. Erinnere dich an deine essenzielle


                                      352
Natur als das unendliche Bewusstsein. Gib die Vorstellung der Verschieden-
heit auf. Du bist was du bist – sogar dies ist noch ein Konzept, denn in Wahr-
heit bist du das selbstleuchtende Sein hinter allem. Grüße an Dich, oh kosmi-
sches Wesen, der du das unendliche Bewusstsein bist.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Du bist der Ozean des Bewusstseins, in dem die zahllosen großen und klei-      VI:1, 3
nen Wellen erscheinen, die man „Universen“ nennt. Du bist in der Tat jenseits
des Zustandes von Sein und Nicht-Sein, die beide bloße Konzepte des Gemüts
sind. Gehe jenseits dieser Konditionierung und so jenseits aller Dualität. Wie
können in dir noch Neigungen und Begrenzungen existieren? Alle diese Kon-
zepte (wie „dies ist eine latente Neigung oder Begrenzung“ und „dies ist ein
jīva oder eine lebendige Seele“) tauchen im Bewusstsein auf – wie können sie
dann vom Bewusstsein verschieden sein? Und wenn doch – wie können wir
dann sagen, dass sie im Bewusstsein auftauchen?
   Das, was man „Rāma“ nennt, ist in Wahrheit nichts anderes als der herrliche
und unendliche Ozean, in dem die zahllosen Universen wie große und kleine
Wellen erscheinen und verschwinden. Verbleibe im Zustand vollkommenen
Gleichmuts. Du bist wie der unendliche Raum. Feuer ist untrennbar von der
Hitze, Duft ist untrennbar vom Lotos, Schwärze ist untrennbar vom Collyrium
(medizinisches Augenwasser), Weiße untrennbar vom Schnee, Süße un-
trennbar vom Zuckerrohr und Licht untrennbar vom Leuchtenden. Auf die-
selbe Weise ist das Erfahren untrennbar vom Bewusstsein. So wie die Wellen
untrennbar vom Ozean sind, so sind die Universen untrennbar vom Bewusst-
sein.
   Das Erfahren ist nicht verschieden vom Bewusstsein, der Ich-Sinn ist nicht
verschieden vom Erfahren, der jīva ist nicht verschieden vom Ich-Sinn, und
das Gemüt ist wiederum nicht verschieden vom jīva (nicht verschieden oder
untrennbar). Die Sinne sind nicht verschieden vom Gemüt, der Körper nicht
verschieden von den Sinnen, die Welt nicht verschieden vom Körper und
überhaupt gibt es nichts anderes als diese Welt. Diese Gegenüberstellung
voneinander abhängiger Kategorien existiert schon seit einer sehr langen
Zeit, und doch hat dies niemand in Szene gesetzt noch vermag jemand zu
sagen, ob es seit einer langen oder kurzen Zeit existiert. Die Wahrheit lautet,
oh Rāma, dass all dies nichts anderes als die Selbst-Erfahrung des Unendli-
chen ist.
   Es gibt die Leere im Leeren, Brahman durchdringt Brahman, die Wahrheit
leuchtet in der Wahrheit, und die Fülle erfüllt die Fülle. Der weise Mensch,
obschon er in dieser Welt tätig ist, tut nichts, da er nach nichts sucht. Auf
dieselbe Weise, oh Rāma, verbleibe wie der Raum rein in deinem Herzen,
während du äußerlich angemessenen Handlungen nachgehst. In Umständen,
die Frohlocken oder Niedergeschlagenheit hervorrufen, verbleibe unberührt
von diesen wie ein Holzklotz. Wer sogar demjenigen gegenüber freundlich
bleibt, der ihn ermorden will, der sieht die Wahrheit. Jemanden zu verehren,
der noch nicht jenseits von Zu- und Abneigungen (rāga und dve«a) ist, ist


                                     353
sinnlos. Nur der, der frei von egoistischer und willentlicher Tätigkeit und
          gänzlich unangehaftet an alles ist, ist befreit – auch wenn er die ganze Welt
          zerstört, so hat er in Wahrheit nichts getan.
            Derjenige, in dem sämtliche Konzepte und gewohnheitsmäßigen Neigungen
          aufgehört haben, hat alle mentalen Konditionierungen und Fesseln überwun-
          den. Er ist wie die Lampe, die kein Öl mehr hat.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI:4, 5     Oh Rāma, das Gemüt, der Intellekt und der Ich-Sinn wie auch die Sinne sind
          alle ohne unabhängige Intelligenz. Wo können dann der jīva und alles andere
          wohnen? So wie es nur einen Mond gibt, aber aufgrund eines Augenschadens
          oder einer Störung des reflektierenden Mediums als zwei oder mehrere er-
          scheint, so ist das Selbst (die innere Intelligenz oder das Bewusstsein) eines,
          erscheint jedoch aufgrund der durch Gedankenwellen hervorgerufenen Stö-
          rung als viele.
            So wie die Nacht ein Ende nimmt, sobald die Dunkelheit schwindet, so
          nimmt die Unwissenheit ein Ende, sobald das Gift des Verlangens nach Ver-
          gnügen schwindet. Dieser tödliche Virus namens Verlangen nach Vergnügen
          wird durch die magische Formel der Erläuterungen, wie sie in den Schriften
          enthalten sind, unverzüglich kuriert. Im selben Moment, da die mentale Ver-
          rücktheit und Verdrehtheit an ein Ende gelangt, verschwindet auch das Ge-
          müt mit seinem ganzen Gefolge, so wie die Perlen auf den Boden rollen, wenn
          die sie verbindende Schnur zerrissen ist. Daher, oh Rāma, haben sich diejeni-
          gen, die die Schriften aufgeben, ein Leben als Würmer und Ungeziefer er-
          wählt und sich damit in die Selbstzerstörung begeben.
            Wenn der Wind nachlässt, wird die Oberfläche des Sees wieder ruhig – und
          ebenso hört die Unstetigkeit der Augen auf, welche durch die Sehnsucht nach
          Ehefrau und anderen Objekten des Vergnügens entsteht, wenn die durch
          Unwissenheit entstandene Erregtheit aufhört. Offensichtlich, oh Rāma, hast
          du diesen Ruhezustand nun erlangt. Du hast meinen Worten aufmerksam
          gelauscht, und aufgrund dessen wurde in dir der Schleier der Unwissenheit
          gelüftet. Alle gewöhnlichen Menschen werden durch die Worte ihres Fami-
          liengurus tief bewegt – wie sollte es bei jemandem, der wie du eine weite
          Sicht besitzt, anders sein?
            RùMA sprach:
            Hoher Herr, durch das Hören deiner Weisheitsworte hat die Welt, die au-
          ßerhalb von mir erscheint, ihre Wirklichkeit verloren, und mein Gemüt ist
          nicht mehr. Ich ruhe im höchsten Frieden. Ich nehme die Welt wahr wie sie ist
          – als das unendliche Bewusstsein, unendlich vor mir ausgebreitet. Alle meine
          Zweifel sind verschwunden. Ich bin frei von Anziehung und Abstoßung. Ich
          bin im Natürlichen verankert, ich bin gut (svasthah: Ich ruhe im Selbst), und
          ich bin glücklich. Ich bin Rāma, in dem alle Welten ihre Zuflucht finden. Ich
          verehre Mich, Ich verehre Dich. Die mentale Konditionierung hat aufgehört.
          Das Gemüt ist an ein Ende gelangt. Ich sehe das Selbst als Alles-in-allem.


                                               354
Wenn ich an die Vergangenheit denke, lächle ich über die törichten Ideen der
Dualität, die ich einmal hatte. All dieses geschah dank deiner nektargleichen
Worte. Während ich in dieser Welt lebe, bin ich gleichzeitig in der Welt des
Lichts. Dank der Strahlen, die von deinem erleuchteten Herzen als Worte der
höchsten Weisheit ausgehen, bin ich hier und jetzt voll höchster Seligkeit.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                VI:1,6
  Oh Rāma, du bist mir teuer – daher lege ich dir die Wahrheit noch einmal
dar. Höre aufmerksam zu. Gehe zunächst von der Existenz der Vielfalt aus.
Dein Bewusstsein wird sich erweitern. Und die Wahrheit, die ich dir nun
darlege, wird sogar diejenigen vom Kummer befreien, die noch nicht voll-
ständig erwacht sind.
  Wenn einer unwissend ist, dann unterhält er die falsche Idee, dass der Kör-
per das Selbst ist – seine eigenen Sinne werden zu seinen schlimmsten Fein-
den. Andererseits genießt derjenige, der Selbsterkenntnis besitzt und die
Wahrheit kennt, die Freundschaft seiner Sinne, die nun befriedet und beru-
higt sind, denn sie schaden ihm nicht mehr. Wer nichts als Abscheu für den
physischen Körper und seine Funktionen empfindet, ist ihm gegenüber ge-
wiss nicht nachsichtig und lädt nicht das Leiden ein.
  Weder wird das Selbst vom Körper berührt noch ist der Körper auf irgend-
eine Weise mit dem Selbst in Beziehung – sie sind wie Licht und Dunkelheit.
Das Selbst, welches sämtliche Modifikationen und mentalen Verdrehtheiten
transzendiert, entsteht nicht und vergeht nicht. Was auch immer geschieht,
geschieht diesem Körper, der leblos, unwissend, nicht-fühlend, endlich, ver-
derblich und undankbar ist. Lass diese Dinge einfach geschehen. Wie kann
dieser Körper jemals (durch Sinne oder Verstand) das ewigliche Bewusstsein
verstehen? Denn sobald das eine als real gesehen wird, hört die Existenz des
anderen auf. Wenn daher beider Natur gänzlich verschieden voneinander ist
– wie können ihre Erfahrungen von Schmerz und Vergnügen dieselben sein?
Da sie keinerlei Beziehung zueinander haben und auch nicht haben können –
wie können sie dann miteinander existieren? Sobald das eine erscheint, ver-
schwindet das andere; so wie beim Anbruch der Morgendämmerung die
Nacht verschwindet. Selbsterkenntnis kann sich niemals in Selbst-
Unwissenheit verwandeln, so wie der Schatten niemals heiß werden kann.
  Brahman, der die Wirklichkeit ist, wird nie unwirklich – auch dann nicht,
wenn man sich der Vielfalt bewusst ist – noch kann der Körper jemals die
Natur des unendlichen Bewusstseins annehmen. Obgleich das Selbst allge-
genwärtig ist, wird es vom Körper nicht berührt, so wie der Lotos nicht vom
Wasser berührt wird. Auf dieselbe Weise wird auch dieses unendliche Selbst
nicht von Bedingtheiten wie Alter, Tod, Vergnügen und Schmerz, Existenz und
Nicht-Existenz berührt, die alle dem Körper zugehörig sind. Obgleich all die
Körper aufgrund von irregeführtem Verständnis wahrgenommen werden,
befinden sie sich alle im unendlichen Bewusstsein – so wie Wellen auf dem
Ozean erscheinen. Die Vielfalt und die Eigenart der Erscheinungen beruht auf
dem reflektierenden Medium. Die Wahrheit oder das unendliche Selbst wird


                                    355
von all diesem nicht berührt, so wie die Sonne nicht von der Vielfalt und der
Bewegtheit ihrer Widerspiegelung in mehreren Spiegeln oder anderen reflek-
tierenden Medien berührt wird.
  Wenn die Wahrheit des Selbst verstanden wird, hört die Vorstellung der
Unwissenheit betreffend das Selbst unverzüglich auf.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Das korrekte Verständnis des Körpers und der Intelligenz, die im Körper
wohnt, befähigt einen dazu, die gesamte Schöpfung in all ihren materiellen
und spirituellen Aspekten so leicht zu erkennen, wie man die von einer Lam-
pe beleuchteten Objekte erkennt. Es geschieht nur aufgrund des falschen
Verstehens, dass irreführende und falsche Ideen auftauchen und im eigenen
Herzen zu wachsen beginnen – Ideen, die gänzlich bar jeder Substanz sind.
Benebelt von all diesen falschen Ideen, die in der Abwesenheit des Lichtes
wahrer Erkenntnis entstehen, wird man wie ein Grashalm im Wind mal hier-
hin und mal dorthin getrieben.
  Ohne das „Kosten“ (die direkte Erkenntnis) der kosmischen Intelligenz
streben die Sinne mit allen Kräften danach, ihre Objekte zu erkennen und
hoffen vergeblich, durch den Kontakt mit diesen Objekten sinnvolle Erfah-
rungen machen zu können! Gewiss wohnt die unendliche und unerschöpfli-
che Intelligenz (Bewusstsein) in all diesen Objekten, jedoch erscheint sie
aufgrund des Fehlens der Selbsterkenntnis als unwissend und daher begrenzt
und endlich.
  Die Lebenskraft und ihre Gefolgschaft funktionieren nur, um die nötige
Energie für die Bewegungen zu liefern, die dem Leben innewohnen; es gibt
kein anderes Motiv. In Abwesenheit der Selbsterkenntnis ist all das Reden
und Schreien der Menschen wie der Lärm einer Schusswaffe! Es führt unver-
meidlich zur Zerstörung und dient keinem sinnvollen Endzweck. Narren
erfreuen sich der Früchte ihrer Tätigkeiten, ohne zu wissen, dass sie auf ei-
nem glühendheißen Felsen ihren Ruhe- und Schlafplatz eingenommen haben.
  Die Gesellschaft solcher Narren ist dasselbe, wie in einem Wald auf einem
Baum zu sitzen, der gefällt werden soll. Was auch immer du für diese Men-
schen tust, ist wie das Prügeln der Luft mit einem Stock. Was man ihnen gibt,
landet im Dreck, und die Unterhaltung mit ihnen ist so sinnreich wie der
Hund, der den Himmel anbellt.
  Die Unwissenheit über das Selbst ist die Quelle sämtlicher Katastrophen
und Schwierigkeiten. Sage mir doch, oh Rāma, ob es eine einzige Schwierig-
keit gibt, die nicht der Unwissenheit über das Selbst entspringt? Die gesamte
Schöpfung wird von dieser Unwissenheit durchdrungen und hält sie aufrecht.
Wer unwissend ist, wird wieder und wieder von schrecklichem Leid heimge-
sucht und erfährt nur selten etwas Freude. Die Quelle der Sorgen wegen
Körper, Wohlstand und Ehefrau hören nicht auf, solange man das Selbst nicht
kennt. Denn wer fest daran glaubt, dass der Körper das Selbst ist, für ihn
nimmt die Unwissenheit kein Ende. Wie kann dann echte Selbsterkenntnis


                                    356
entstehen? So lange die Unwissenheit herrscht, kommt der Tor immer und
immer wieder zu Fall. Sogar die kühlen Strahlen des Mondes erfährt er wie
giftige Dämpfe. Die Tore der Hölle stehen weit, weit offen – begierig, ihn zu
empfangen.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Es ist nur in den Augen des Narren so, dass die giftige Schlingpflanze (Frau)
den Schmuck verführerischer Augen und perlweißer Zähne trägt. Denn nur in
den Herzen der Gottlosen wächst dieser schreckenerregende Baum der Ver-
blendung, die Heimstatt für die zahllosen Vögel der sündhaften Neigungen.
Im Urwald seines lasterhaften Herzens tobt das Feuer des Hasses. Sein Gemüt
ist überschwemmt von Eifersucht, die wiederum das Unkraut der zerstöreri-
schen Kritiksucht gegenüber anderen entstehen lässt. Der einzige Lotos, den
sein Herz kennt, ist die Missgunst, die von den Wespen endloser Kümmernis-
se heimgesucht wird.
   Nur diesen sündigen Narren kommt das zu, was man „Tod“ nennt. Geburt
und Kindheit führen zur Jugend, die Jugend zum Alter, und das Alter endet im
Tod – all dieses wird wiederholt vom Unwissenden erfahren. Der unwissende
Mensch ist wie ein mit dem Seil, genannt Welt, gebundener Topf, mit dem er
in den toten Brunnen des saæsāra hinunter gelassen und im nächsten Mo-
ment wieder emporgezogen wird. Dieser Ozean der Welterscheinung ist für
den Weisen wie der Huftritt eines Kälbchens und für den Unwissenden ein
unergründlicher und endloser See der Kümmernisse. So wie ein gefangener
Vogel nicht die Freiheit erlangen kann, so ist der an seinen Weltenhunger
hingegebene Mensch unfähig, Erlösung von seinen Fesseln zu finden. Sein
Gemüt, das von den unzähligen Neigungen und Konditionierungen besudelt
ist, ist nicht in der Lage, dieses gewaltige, sich drehende Rad von Leben und
Tod klar zu erkennen.
   Seine eigene Verblendung überzieht die ganze Welt mit einem Netzwerk
illusorischer Beziehungen und Kontakte und trägt so dazu bei, dass er noch
tiefer in die Bindung gerät und darin versinkt. Mit einem winzigen Stück
Fleisch (dem Auge) sieht der närrische Mensch einen winzigen Teil dieser
Erde, den er als Berge, Seen, Wälder und Städte betrachtet. Die Unwissenheit
ist wie ein mächtiger Baum, der seine Zweige in alle Richtungen auslädt und
zahllose Blätter der illusorischen Objekte erschafft. Auf diesem Baum woh-
nen wiederum die unzähligen Vögel der Neigungen (die die vielen Erfahrun-
gen des Vergnügens für den Unwissenden darstellen). Geburten sind die
Blätter, die Handlungen die Knospen, Verdienst und Mangel die Früchte,
Wohlstand und Glück die Blüten.
   Diese Unwissenheit ist wie der Mond, der nach dem Untergang der Sonne
der Weisheit aufgeht. Die wiederholten Geburten sind die Strahlen des Mon-
des, und die Unwissenheit ist der Herr der Fehler und Unvollkommenheiten.
Neigungen und Gewohnheiten sind die Nektarstrahlen, die von diesem Mond
herabgesandt werden, und von diesem Nektar trinken die Vögel der Hoffnun-



                                     357
gen und Wünsche. Es geschieht in der Finsternis der Unwissenheit, dass der
         Narr glaubt, er erfahre Vergnügen oder Glück in den Objekten dieser Welt.
           Der äußerliche Anschein von Annehmlichkeit und Güte in den Objekten
         wird durch Unwissenheit verursacht. Denn all diese Objekte haben einen
         Anfang und ein Ende; sie sind verderblich, sie sind begrenzt.
           VASIåèHA fuhr fort:
VI:1,7     Wenn du hier strahlende Frauen siehst, die mit Perlen und Juwelen ge-
         schmückt sind, dann erblickst du nichts als die von deiner eigenen Täuschung
         erschaffenen Illusionen – sie sind nur Wellen auf dem Ozean der Lüste. Diese
         Täuschung lässt in dem, was nur eine Modifikation von Fleisch, Haut, Fett
         usw. darstellt, Anziehung und verführerische Eigenschaften wahrnehmen und
         all dies als reizvoll erscheinen; und dank dieser Täuschung werden ihre Brüs-
         te als goldene Töpfe und ihre Lippen als Nektarquellen usw. beschrieben.
           Aufgrund dieser Illusion sucht man nach Wohlstand und Erfolg, was sich am
         Anfang für die Dummköpfe süß anfühlt, die aber bald zur Ursache der Gegen-
         satzpaare (Glück und Unglück, Vergnügen und Schmerz, Erfolg und Versagen)
         werden und schließlich schnell an ihr Ende gelangen. Aus der Jagd nach dem
         Erfolg erwachsen die zahllosen Verzweigungen des Vergnügens und die un-
         zähligen Verzweigungen des Unglücks.
           Diese Täuschung strömt wie ein Fluss seit undenklicher Zeit und ist ver-
         schlammt und verdunkelt durch all die nutzlosen Handlungen und Gegen-
         handlungen. Er lässt wiederholt Geburten entstehen und schwillt aufgrund
         der bitteren Erfahrungen aus diesen Handlungen, die auf Erfolg und Glück
         abgezielt waren, immer mehr an.
           Alle diese Handlungen haben die Wirkung eines unguten Windes, der eine
         Wolke von Staub aufwirbelt, deren Partikel physische und mentale Defekte,
         Alter und die verschiedenen menschlichen Beziehungen sind. All dieses führt
         zum Tod (oder dem Vergehen der Zeit), der einen unstillbaren und gefräßigen
         Appetit besitzt und – sozusagen – die Welten verzehrt, sobald sie reif sind.
           Die Jugend wird von den Gespenstern der Kümmernisse und Ängste ver-
         folgt, die zu spuken beginnen, wenn der Weisheits-Mond nicht scheint, und
         sie schreitet unablässig weiter in immer dichter werdende Täuschung. Die
         eigene Zunge wird im Dienst all der gemeinen und unkultivierten Menschen
         missbraucht und wird immer schwächer.
           In der Zwischenzeit breitet die Armut die tausend Verzweigungen aus und
         liefert die Früchte von Unglück und harter Arbeit. Und die Gier, die doch leer
         und ohne jede Substanz und der Todfeind des spirituellen Fortschritts ist,
         proklamiert ihren Sieg in dieser Finsternis der Täuschung.
           Schließlich schleicht sich heimlich die Katze der Senilität an und fängt die
         Maus der Jugend.
           Diese Schöpfung ist substanzlos – und doch erwirbt sie eine falsche Reali-
         tät. Sie lässt sogar die Früchte des dharma (rechtschaffenen Lebens) und



                                             358
artha (Streben nach Wohlstand) wachsen. Diese vom Himmel umhüllte und
mit den Augen der Sonne und des Mondes ausgestattete Welt wird nur durch
die Illusion ihrer Substantialität am Leben erhalten. Im See dieser Welter-
scheinung blühen die Lilien der Körper, die wiederum von den Bienen der
Lebenskräfte besucht werden.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Das morbide Konzept der Welterscheinung ist in den Sinnen gefangen; es
ist gebunden durch die Selbst-Begrenzung und Konditionierung sowie die
starke Fessel der Hoffnungen und Wünsche. Diese Welterscheinung ist wie
eine empfindliche Schlingpflanze, die beständig im Wind des prāïa oder der
Lebenskraft schwankt und dabei fortwährend alle Arten von Lebewesen
ausschüttet, die sie ihrer Vernichtung überlässt.
  Es gibt viele edle Seelen, die sich über diesen Morast namens Welterschei-
nung erhoben haben und, befreit von allen Zweifeln, sich für eine kurze Zeit
erfreuen. Es gibt die göttlichen Wesen, die wie Lotosse in der blauen Weite
des Firmamentes leben.
  In dieser Schöpfung sind die Handlungen wie der Lotos, der von den ver-
geblichen Bemühungen nach den Früchten dieser Handlungen besudelt ist. Es
sind diese Bemühungen, die im Netz der psychologischen Konditionierung
gefangen und mit dem unverwechselbaren Geruch des Dynamismus ausge-
stattet sind. Jedoch ist diese Welterscheinung nur wie ein kleiner Fisch, der in
diesem endlichen Raum in die Existenz tritt und schon bald von dem wider-
spenstigen und unbesiegbaren alten Geier namens k−tānta (Abschluss oder
Endergebnis der Handlung) verschluckt wird. Und doch erscheinen alle diese
Szenen des Lebens täglich aufs Neue und verschwinden wieder – wie Wellen
auf der Oberfläche des Ozeans auftauchen und verschwinden. Der Töpfer, die
Zeit, hält alle diese Dinge wie das Töpferrad in ständiger Umdrehung. Unzäh-
lige Wälder, genannt Schöpfung, sind schon von diesem Waldbrand, genannt
Zeit, in Schutt und Asche gelegt worden. Das ist das Wesen dieser Schöpfung!
Aber da die Unwissenden fest an all ihren falschen Ideen festhalten, vermö-
gen weder die Vergänglichkeit dieser Welt noch die harten Schläge, die sie in
ihrem Leben erleiden, sie zu erwecken.
  Diese psychologische Konditionierung oder Selbst-Begrenzung dauert wie
der Körper des Herrschers über die Götter (Indra) den gesamten Weltzyklus
über an. Wie zufällig treten dann inmitten von all diesem göttliche Manifesta-
tionen auf, in welchen die reinste Natur enthüllt wird.
  Während die unbeweglichen Kreaturen still stehend das Mysterium der Zeit
kontemplieren, werden die beweglichen von den Zwillingskräften der Anzie-
hung und Abstoßung geschüttelt, von Liebe und von Hass. Sie werden von der
entsetzlichen Krankheit namens Vergnügen und Schmerz, Alter und Tod
befallen, verlieren ihre Kräfte und gehen zugrunde. Unter den letzteren ertra-
gen die Würmer und das Ungeziefer schweigend und geduldig die Früchte
ihrer vergangenen schlechten Taten, als ob sie sie die ganze Zeit kontemplie-



                                     359
ren würden. Aber die unbemerkbare Zeit (der Tod), welche sogar jenseits der
Kontemplation ist, rafft alles und jeden dahin.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Die Bäume, überladen mit Blüten und Früchten, sind wahre Sinnbilder des
Elends, die Kälte, Wind und Hitze zu ertragen haben. Gefangen im Lotos, den
man Welt nennt, summen die Wesen wie Bienen unaufhörlich und ruhelos
umher.
   Dieses Universum ist sozusagen die Bettelschale von Kālī (die hier
doppelsinnnig verwendete weibliche Form von kāla, die Zeit und Tod bedeu-
tet), die Gottheit, deren Natur Tätigkeit und Bewegung ist. Diese Kālī sucht
nur danach, die Schale mit all den Wesen der Welt zu füllen und sie wieder
und wieder ihrem Herrn darzubieten.
   Das Universum kann mit einer alternden Frau verglichen werden. Ihre Haa-
re bestehen aus der Finsternis der Unwissenheit über das Selbst. Sonne und
Mond bilden ihre ruhelosen Augen. Ihr inneres und äußeres Wesen enthält
die Götter Brahmā, Vi«ïu, Indra, die Erde, die Berge usw. Die Wahrheit betref-
fend Brahman das Absolute hütet sie wie einen Schatz, den sie in ihrer Brust
verborgen hält. Ihre Mutter ist die Bewusstseinsenergie (oder sie ist die Mut-
ter, die man als Bewusstseinsenergie bezeichnet). Wie eine Wolke ist sie
außerordentlich unruhig und unstet. Ihre Zähne sind die Sterne. Morgenröte
und Abenddämmerung sind ihre Lippen. Ihre Handfläche ist der Lotos. Ihr
Mund ist der Himmel. Ihr Perlenhalsband sind die sieben Ozeane. Ihr Nabel
ist der Pol der Erde. Ihre Körperhaare sind die Wälder. Diese alternde Frau
wird wieder und wieder geboren; sie stirbt wieder und wieder.
   All dieses findet im Lichte des Bewusstseins statt. In diesem erscheinen
                                                                                 VI:1,8
Götter, die während eines Augenblinzelns vom Schöpfer Brahma erschaffen
werden, und es finden sich da Wesen, die einfach durch das Augenschließen
von Brahmā getötet werden. In diesem höchsten Bewusstsein gibt es Rudras,
die Tausende von Lebenszyklen innerhalb eines Augenzwinkerns beginnen
und beschließen. Und es gibt andere Gottheiten, die in einem Augenblick
Götter wie Rudra erschaffen und vernichten! Gewiss ist eine solche Manifes-
tation unendlich. Wie kann es denn für das unendliche Bewusstsein unmög-
lich sein, irgendetwas im unendlichen Raum hervorzubringen? Und doch ist
all dies nichts als Einbildung, das Ergebnis der Unwissenheit. Sämtliche
Reichtümer und alles Unglück, die Kindheit, die Jugend, das Alter und der Tod
wie auch das Leiden, und was man das Verlorensein in Glück und Unglück
nennt und alles andere – all das ist die Ausdehnung der dichten Finsternis
der Unwissenheit.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, ich werde dir nun erzählen, wie diese Schlingpflanze namens
Unwissenheit sich in sämtliche Richtungen fortentwickelt. Sie gedeiht im
Wald der Welterscheinung und wurzelt in den Bergen des Bewusstseins. Die
drei Welten sind ihr Körper, das gesamte Universum ihre Haut. Vergnügen


                                    360
und Schmerz, Sein und Nicht-Sein, Weisheit und Unwissenheit sind ihre Wur-
zeln und Früchte. Wenn diese Unwissenheit die Vorstellung von Freude hat,
wird Freude erfahren; wenn sie die Vorstellung von Schmerz hat, wird
Schmerz erfahren. Wenn die Vorstellung von Sein vorherrscht, wird Sein
erfahren. Wenn die Vorstellung von Nicht-Sein vorherrscht, wird Nicht-Sein
erfahren. Diese Unwissenheit wird mit den Mitteln der Unwissenheit selbst
vergrößert und führt zu noch größerer Unwissenheit. Sobald sie die Weisheit
sucht, wächst und gedeiht sie an Weisheit und wird am Ende selbst zu Weis-
heit.
   Diese Schlingpflanze der Unwissenheit manifestiert sich zu ihrem Zeitver-
treib und in ihren verschiedenen psychologischen Zuständen oder Modi.
Irgendwann stolpert sie über die (oder kommt in Kontakt mit) Weisheit und
wird gereinigt, gerät aber wiederum in die Anhaftung. Sie ist die Quelle sämt-
licher Emotionen und Sinneserfahrungen. Ihr Mark besteht aus der Erinne-
rung an vergangene Erfahrungen. Vicāra oder die Ergründung der Natur des
Selbst ist die Termite, die sie zerstört. Die Sterne und Planeten, die am Fir-
mament scheinen, sind ihre Blüten.
   Diese Schlingpflanze wird vom Gemüt geschüttelt. Sie wird von den Vögeln
der Vorstellung heimgesucht. Die tödlichen Schlangen der Sinne umkreisen
sie. In ihr wohnt der Python der verbotenen Handlungen. Sie wird vom Licht
des Himmels erleuchtet. Sie ist angefüllt mit dem Unterhalt der Lebewesen.
Sie enthält darüber hinaus noch anderes, nämlich all die Dinge, die die Narren
in die Irre führen, wie auch die Dinge, die die Weisheit fördern und auch eine
endlose Vielfalt an Lebewesen. In ihr befinden sich alle, die geboren sind, die
künftig geboren werden, die Toten und die Sterbenden. Manchmal ist diese
Schlingpflanze ernstlich beschädigt, dann wieder ist sie gänzlich intakt und
wirksam wie im Falle der völlig unreifen Personen. Es ist aber unmöglich, sie
ganz zu zerstören. In ihr befinden sich die Vergangenheit, die Gegenwart und
die Zukunft. Sie ist das tödliche Gewächs, welches einen besinnungslos
macht, welches aber stirbt, sobald es entschlossen untersucht wird.
   Diese Schlingpflanze manifestiert alles: Die Sterne und Planeten, die Lebe-
wesen, die Pflanzen, die Elemente, den Himmel und die Erde, die Götter als
auch die Würmer und das Ungeziefer. Was auch immer sich in diesem Univer-
sum befindet, wird von dieser Unwissenheit durchdrungen. Sobald sie trans-
zendiert wird, erlangst du die Selbsterkenntnis.
   RùMA fragte:
                                                                                  VI:1,9
  Hoher Herr, ich bin von deiner Aussage, dass sogar Götter wie Vi«ïu und
Śiva Teil dieser Unwissenheit oder avidyā seien, verwirrt. Bitte erkläre dies
eingehender.
  VASIåèHA erwiderte:
  Die Wahrheit oder Sein-Bewusstsein-Seligkeit (Satchidananda) befindet
sich absolut jenseits von Denken und Verstehen – sie ist höchster Friede und
Allgegenwart; sie transzendiert die Vorstellungskraft und jede Beschreibung.


                                     361
Auf natürliche Weise entsteht in ihr die Fähigkeit der Konzeptualisierung.
          Dieses Selbst-Verstehen wird als dreifach betrachtet, nämlich als subtil, mittel
          und grob. Der Intellekt, der diese drei erwägt, betrachtet sie als satva, rajas
          und tamas. Die drei zusammen bilden das, was man prak−ti oder Natur nennt.
          Avidyā oder Unwissenheit ist prak−ti oder Natur, und sie ist dreifach. Dies ist
          die Quelle aller Wesen – jenseits davon ist das Höchste.
            Diese drei Qualitäten der Natur (sātva, rajas und tamas) werden wiederum
          in die drei Unterkategorien des Subtilen, Mittleren und Groben unterteilt, so
          dass schließlich neun Kategorien entstehen. Es sind diese neun Qualitäten,
          die das gesamte Universum bilden.
            Die Weisen, die Asketen, die Vollkommenen, die Bewohner der Unterwel-
          ten, die himmlischen Wesen und die Götter bilden alle den sātvischen Teil der
          Unwissenheit. Unter diesen stellen die himmlischen Wesen und die Bewoh-
          ner der Unterwelten den groben (tamas), die Weisen den mittleren (rajas),
          und die Götter Vi«ïu, Śiva usw. den subtilen Teil dar. Diejenigen, die unter die
          Kategorie des sātva fallen, werden nicht wiedergeboren – sie gelten als be-
          freit. Sie existieren so lange, wie diese Welt andauert. Die anderen (wie die
          Weisen), die noch lebend befreit sind (jīvanmukta), werden im Laufe der Zeit
          ihre Körper verlieren und erreichen dann das Reich der Götter, verbleiben da
          während der Existenz der Welt und werden danach befreit. So wird aus die-
          sem Teil von avidyā oder Unwissenheit tatsächlich vidyā oder Selbsterkennt-
          nis! Avidyā taucht in vidya auf wie die Wellen auf dem Ozean, und wie Wellen
          im Ozean wieder vergehen, so löst sich auch avidyā wieder in vidyā auf.
            Die Unterscheidung zwischen den Wellen und dem Wasser ist irreal und
          rein verbal. Ebenso ist die Unterscheidung zwischen Unwissenheit und Er-
          kenntnis irreal und verbal. Es gibt hier weder Unwissenheit noch Erkenntnis!
          Sobald du aufhörst, Erkenntnis und Unwissenheit als zwei getrennte Entitä-
          ten zu sehen, existiert nur noch das, was eben existiert. Die Reflektion von
          vidyā in sich selbst wird als avidyā bezeichnet. Sobald diese beiden Ideen
          aufgegeben werden, verbleibt als einziges die Wahrheit – diese mag etwas
          oder gar nichts sein! Die Wahrheit ist allmächtig, leerer als der Raum und
          doch nicht leer, da sie voll von Bewusstsein ist. Wie der Raum in einem Topf
          ist sie unzerstörbar und überall gegenwärtig. Sie ist die Wirklichkeit in allen
          Dingen. So wie ein Magnet kraft seiner Gegenwart die Eisenfeilspäne anzieht,
          so verursacht die Wahrheit die kosmische Aktivität, ohne selbst die Absicht
          dazu zu haben. Daher sagt man von ihr, dass sie überhaupt nichts tut.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI:1,10
            Daher ist diese gesamte Welterscheinung mit all den beweglichen und un-
          beweglichen Wesen ein reines Garnichts – nichts darin ist wirklich physisch
          oder materiell geworden. Sobald die Konzeptualisierung eliminiert ist, wel-
          che die Ideen von Sein und Nicht-Sein entstehen lässt, wird erkannt, dass alle
          diese jīvas (die lebendigen Seelen) usw. nur inhaltslose Worte sind. Alle Be-
          ziehungen zu anderen Menschen, die aufgrund von Unwissenheit im eigenen
          Herzen sind, erweisen sich als nicht existent. Auch wenn man irrtümlicher-


                                               362
weise das Seil für eine Schlange hält, kann doch niemand von dieser Schlange
gebissen werden!
  Es ist die Abwesenheit der Selbsterkenntnis, die man Unwissenheit oder
Täuschung nennt. Sobald das Selbst erkannt wird, erreicht man die Ufer der
unbegrenzten Intelligenz. Sobald Bewusstsein sich selbst objektifiziert und
sich als sein Beobachtungsobjekt erachtet, gibt es avidyā oder Unwissenheit.
Wird diese Subjekt-Objekt-Vorstellung transzendiert, dann werden sämtliche
Schleier, die die Wirklichkeit verhüllen, aufgehoben. Das Individuum ist
nichts anderes als das persönliche Gemüt. Die Individualität hört auf, sobald
das Gemüt aufhört; sie bleibt, so lange es die Idee der Persönlichkeit gibt. So
lange es einen Topf gibt, gibt es auch die Idee vom Raum, der in ihm um-
schlossen oder gefangen ist. Ist der Topf zerbrochen, dann verbleibt nur der
unendliche Raum, auch dort, wo man sich zuvor einen Topf-Raum vorgestellt
hat.
  RùMA fragte: Hoher Herr, bitte sage mir, wie aus dieser kosmischen Intelli-
genz leblose Dinge wie Felsen werden können.
  VASIåèHA erwiderte:
  In Substanzen wie Felsen mit unbewegtem Bewusstsein wurde das Denken
aufgegeben, aber sie sind nicht fähig, in den Zustand des Nicht-Denkens (no-
mind) überzugehen. Es ist wie ein Zustand des Tiefschlafs, der weit weg vom
Zustand der Befreiung ist.
  RùMA fragte weiter:
  Wenn diese Dinge in einem Zustand des Tiefschlafs ohne alle Konzepte oder
Ideen existieren, dann sollten sie doch nahe an der Befreiung sein?
  VASIåèHA erwiderte:
  Mok«a, Befreiung oder die Realisierung des Unendlichen bedeutet nicht die
Existenz in der Form einer unbeweglichen Kreatur! Befreiung ist dann er-
reicht, wenn einer nach intelligenter Ergründung der Natur des Selbst, und
nach innerem Erwachen als Folge davon, den Zustand des höchsten Friedens
erlangt. Kaivalya oder totale Freiheit ist die Erlangung des reinen Seins,
nachdem sämtliche mentalen Konditionierungen bewusst transzendiert und
infolge einer gründlichen Erforschung aufgegeben wurden. Die Weisen sagen,
dass einer nur dann in reinem Sein oder in Brahman verankert ist, wenn er
die Wahrheit, wie sie in den Schriften dargelegt wird, in der Gesellschaft und
mit Hilfe erleuchteter Weiser ergründet hat.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Solange die psychologischen Begrenzungen und Konditionierungen im Her-
zen verbleiben – und seien sie auch nur im subtilen „Samen-Zustand“ – soll-
ten sie als Tiefschlafzustand betrachtet werden. Sie veranlassen die Wieder-
geburt, auch wenn ein Zustand der Stille erfahren wird und sogar dann, wenn
das Gemüt vom Selbst absorbiert zu sein scheint. Dieser Zustand ist ein leblo-
ser Zustand und die Quelle des Kummers. Genauso muss der Zustand von


                                     363
leblosen und unbeweglichen Objekten wie Felsen usw. betrachtet werden. Sie
sind nicht frei von der Selbst-Begrenzung (vāsanā), sondern diese ist latent in
ihnen verborgen, so wie Blumen latent in den Samen verborgen liegen (und
keimen, wachsen und Blumen hervorbringen) oder wie Töpfe im Lehm. Wo
aber die Samen der vāsanās (Selbst-Begrenzung, Konditionierungen oder
Neigungen) existieren, dort ist der Zustand des Tiefschlafs. Das ist nicht die
Vollkommenheit. Sind aber alle vāsanās vernichtet und existiert nicht einmal
mehr die Potentialität von vāsanās, dann nennt man diesen Zustand den
vierten und transzendentalen (d.h. jenseits von Wachen, Träumen und Tief-
schlaf). Dieser führt die Vollkommenheit herbei. Vāsanās, Feuer, Schulden,
Krankheit, Feinde, Freundschaft (bzw. Leim), Hass und Gift – alle diese Dinge
verursachen Leiden, wenn nach ihrer Beseitigung auch nur kleinste Restbe-
stände zurückbleiben.
   Andererseits ist man im Zustand des reinen Seins verankert, wenn alle
vāsanās vollständig beseitigt worden sind – und man wird nie wieder von
Sorge übermannt, ob man nun lebt oder nicht. Cit-śakti (die Bewusstseins-
energie) liegt verborgen in den unbeweglichen Kreaturen usw. als latentes
vāsanā. Es dieses cit-śakti, welches die Natur jedes einzelnen Objekts be-
stimmt; es ist die fundamentale Eigenschaft sogar der Moleküle jedes einzel-
nen Objekts.
   So lange dieses nicht als ātma-śakti (die Energie des Selbst oder das unend-
liche Bewusstsein) erkannt wird, erzeugt es die Illusion der Welterscheinung.
Wird es als die Wahrheit realisiert, welche das unendliche Bewusstsein ist,
dann vernichtet diese Erkenntnis sämtlichen Kummer. Diese Wahrheit nicht
zu sehen, bedeutet avidyā oder Unwissenheit – und diese Unwissenheit ist die
Ursache der Welterscheinung, die wiederum die Quelle aller weiteren Phä-
nomene ist. So wie das Auftauchen des ersten Gedankens den Schlaf stört und
beendet, so zerstört das leiseste Erwachen der inneren Intelligenz die Unwis-
senheit. Wenn man sich der Finsternis mit einer Lampe in der Hand nähert,
um sie anzuschauen, dann verschwindet die Finsternis. Wird das Licht der
Ergründung auf die Unwissenheit gerichtet, dann verschwindet die Unwis-
senheit. Wenn man zu fragen beginnt: „Was ist dieses ‚Ich‘ in diesem Körper
aus Fleisch, Blut, Knochen usw.?“ dann hört die Unwissenheit sofort auf. Was
einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Wenn sämtliche Dinge, die einen Anfang
haben, ausgeschlossen werden, dann verbleibt als einziges die Wahrheit, die
das Ende von avidyā oder Unwissenheit bedeutet. Du magst es als ein Ding
oder ein Nicht-Ding ansehen, aber man muss das suchen, was IST, wenn die
Unwissenheit vernichtet ist. Die Süße, die man schmeckt, wird nicht von
jemand anderem genossen – die Beschreibung vom Ende von avidyā anzuhö-
ren, bewirkt nicht deine eigene Erleuchtung. Jeder muss es selbst realisieren.
In Kürze, avidya besteht in dem Glauben, dass „es eine Realität gibt, die nicht
Brahman oder das kosmische Bewusstsein ist“. Sobald es eine gewisse Er-
kenntnis gibt, dass „dies in der Tat Brahman ist“, hört avidyā auf.




                                     364
***

VI:1,11   Diskurs über Brahman

           VASIåèHA fuhr fort:
            Wieder und wieder erläutere ich all dies zum Nutzen und Frommen deines
          spirituellen Erwachens, oh Rāma, denn ohne diese stetigen Wiederholungen
          (oder spirituelle Praxis) kann die Realisation des Selbst nicht geschehen.
          Diese Unwissenheit, genannt avidyā oder ajñāna, ist deshalb so undurch-
          dringlich geworden, weil sie in Tausenden von Inkarnationen durch die Sinne
          innerhalb und außerhalb dieses Körpers wieder und wieder gelebt und er-
          fahren worden ist. Die Selbsterkenntnis jedoch befindet sich nicht innerhalb
          der Reichweite der Sinne. Sie taucht auf, wenn die Sinne und das Gemüt,
          welches der sechste Sinn ist, aufhören.
            Oh Rāma, lebe fest verankert in der Selbsterkenntnis, so wie König Janaka
          lebt, nachdem er erkannt hatte, was es zu erkennen gibt. Er kennt die Wahr-
          heit allezeit, ob er nun tätig ist oder nicht, ob er wach ist oder nicht. Lord
          Vi«ïu inkarniert in dieser Welt und nimmt eine Verkörperung an, fest veran-
          kert in der Selbsterkenntnis. Auf die gleiche Weise verbleibt Lord Śiva in der
          Selbsterkenntnis, und ebenso ist auch Lord Brahmā in der Selbsterkenntnis
          verankert. Sei verankert in der Selbsterkenntnis, oh Rāma, wie diese.
            RùMA fragte:
            Hoher Herr, bitte sage mir, worin diese Selbsterkenntnis besteht, in der alle
          diese großen Seelen verankert sind.
            VASIåèHA erwiderte:
            Rāma, du weißt dies bereits. Aber du fragst wieder danach, weil du es voll-
          auf geklärt haben willst.
            Alles was hier ist und alles was als die Welt erscheint, ist nur das reine
          Brahman oder das absolute Bewusstsein und nichts anderes. Bewusstsein ist
          Brahman, die Welt ist Brahman, sämtliche Elemente sind Brahman, ich bin
          Brahman, mein Feind ist Brahman, meine Freunde und Verwandten sind
          Brahman, die drei Perioden der Zeit sind Brahman, denn all dies wurzelt in
          Brahman. So wie der Ozean aufgrund der Wellenbildung größer erscheint, so
          scheint Brahman aufgrund der unendlichen Vielfalt der Substanzen größer zu
          werden. Brahman nimmt Brahman wahr, Brahman erfährt oder erfreut sich
          Brahmans, und Brahman manifestiert sich in Brahman durch die Macht von
          Brahman selbst. Brahman ist die Gestalt meines Feindes, der mir missfällt,
          der ich doch Brahman bin. Wenn dies sich so verhält – wer fügt da dem ande-
          ren was zu?
            Die verschiedenen Stimmungen des Gemüts wie Anziehung und Abstoßung,
          Abneigung und Zuneigung wurden durch Einbildung heraufbeschworen. Sie



                                               365
wurden durch die Abwesenheit der Gedanken wiederum zerstört. Wie kön-
nen sie dann vergrößert werden? Wenn Brahman allein in allem lebt, was
Brahman ist, und wenn Brahman allein sich als Brahman in allem entfaltet –
wo sind dann Freude und Leid? Brahman ist befriedigt mit Brahman, Brah-
man ist verankert in Brahman. Da gibt es weder ein „Ich“ noch ein anderes!
 VASIåèHA fuhr fort:
  Alle Objekte dieser Welt sind Brahman. „Ich“ bin Brahman. Wenn dies der
Fall ist, dann sind sowohl Leidenschaft als auch Leidenschaftslosigkeit, Ver-
langen und Widerwille, nichts als Ideen. Der Körper ist Brahman, und der Tod
ist auch Brahman – wenn beide zusammenkommen wie das reale Seil und die
irreale, eingebildete Schlange – wo ist dann ein Anlass für Trauer? Ebenso ist
der Körper Brahman, und das Vergnügen ist Brahman – wo ist der Anlass für
Frohlocken, wenn der Körper Vergnügen erfährt? Wenn auf der Oberfläche
eines stillen Ozeans Wellen erscheinen, dann bewegen sie sich, aber als Wel-
len hören sie nicht auf, Wasser zu sein! Auf die gleiche Weise bleibt Brahman
in seiner Essenz unverändert, wenn es in der Welterscheinung als bewegt
erscheint – es gibt da weder eine „Ich“-heit noch eine „Du“-heit. Wenn der
Wasserstrudel im Wasser erstirbt, ist gar nichts gestorben! Wenn der Tod-
Brahman den Körper-Brahman überwältigt, geht nichts verloren.
  Wasser vermag ruhig oder bewegt zu sein – auf die gleiche Weise kann
Brahman still oder ruhelos sein. Das ist seine Natur. Es ist Unwissenheit oder
Täuschung, die das Eine in „dies ist der fühlende jīva“ und „dies ist leblose
Materie“ teilt. Der Weise unterhält keine solch fehlerhaften Ideen. Daher ist
die Welt für den Unwissenden voller Sorgen, während dieselbe Welt für den
Weisen voll Seligkeit ist; gleich wie die Welt für den Blinden finster und für
den Sehenden voller Licht ist.
  Wenn das eine Brahman alles durchdringt, dann gibt es weder Tod noch
überhaupt eine lebendige Person. Die Wellen spielen auf der Oberfläche des
Ozeans – weder werden sie geboren noch sterben sie! Ebenso steht es mit
den Elementen in dieser Schöpfung. „Dies ist“ und „dies ist nicht“ – derartige
Vorstellungen tauchen im Selbst auf. Diese Vorstellungen sind weder wirklich
verursacht noch haben sie eine Motivation, genauso wie ein Kristall verschie-
denfarbige Objekte ohne Motivation reflektiert.
  Das Selbst bleibt sich selbst auch dann, wenn die Energien der Welt endlose
Verschiedenheiten auf der Oberfläche des Ozeans des Bewusstseins hervor-
bringen. In dieser Welt, die man den Körper usw. nennt, gibt es keine unab-
hängige Einheiten. Was man als den Körper oder die Ideen ansieht, als die
Objekte der Wahrnehmung, als das Verderbliche und das Unverderbliche, die
Gedanken und Gefühle und ihre Bedeutungen – alle diese sind Brahman in
Brahman, das unendliche Bewusstsein. Dualität gibt es nur in den Augen der
Irregeführten und Unwissenden. Das Gemüt, der Intellekt, der Ich-Sinn, die
kosmischen Grundelemente, die Sinne und alle die verschiedenen Phänome-
ne sind Brahman allein – Vergnügen und Schmerz sind Illusionen (sie sind
Worte ohne Substanz). So wie ein einzelner Ton ein Echo in den Bergen er-


                                    366
zeugt, die wiederum verschiedene Echos zurückwerfen, so erfährt das eine
kosmische Bewusstsein in sich selbst die Vielfalt der Ideen von „Dies bin ich“
oder „Dies ist das Gemüt“ usw. Das eine kosmische Bewusstsein sieht in sich
selbst die Vielfalt so, wie ein Träumer innerhalb von sich selbst von verschie-
denen Objekten träumt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wenn Gold nicht als solches erkannt wird, dann wird es mit Erde vermischt;
wenn Brahman als solcher nicht erkannt wird, dann taucht die Unreinheit der
Unwissenheit auf. Diejenigen, die Brahman erkannt haben, erklären, dass ein
solch Großer selbst der Höchste Herr und Brahman ist; im Falle des Unwis-
senden nennt man die Nicht-Erkenntnis der Wahrheit Unwissenheit (oder es
ist die Meinung der Kenner Brahmans, dass der Höchste Herr oder das höchs-
te Sein in den Unwissenden als Unwissenheit gesehen wird). Wenn Gold als
solches erkannt wird, dann „wird“ es sofort Gold; wenn Brahman als solches
erkannt wird, dann „wird“ es sofort Brahman.
  Da es allmächtig ist, wird Brahman unverzüglich und ohne eigene Motivati-
on zu dem, wofür es sich selbst hält. Die Kenner Brahmans erklären, dass
Brahman der Höchste Herr ist, das große Wesen, welches ohne Tätigkeit,
Täter und Tätigkeitsorgan ist, ohne kausale Motivation und ohne Umwand-
lung oder Veränderung.
  Wenn diese Wahrheit nicht erkannt wird, verwandelt sie sich im Unwissen-
den zu Unwissenheit, aber wenn sie realisiert wird, verschwindet die Unwis-
senheit. Wenn ein Verwandter nicht als solcher erkannt wird, gilt er als
Fremder; wird er dann erkannt, so verschwindet die Idee des Fremden un-
verzüglich.
  Wenn man weiß, dass Dualität eine illusorische Erscheinung ist, dann ge-
schieht die Realisation von Brahman dem Absoluten. Wenn man weiß: „Dies
ist nicht ich“, wird die Irrealität des Ich-Sinns realisiert, und wahre Leiden-
schaftslosigkeit entsteht. „Ich bin wahrhaftig Brahman“ – sobald diese Wahr-
heit erkannt wird, verschmelzen sämtliche Dinge in diesem Gewahrsein.
Wenn die Ideen „ich“ und „du“ verschwunden sind, taucht die Realisierung
der Wahrheit auf und man erkennt, dass alles, was immer es auch sei, wahr-
haftig Brahman ist.
  Was ist die Wahrheit? „Ich habe nichts mit dem Kummer, mit Tätigkeiten,
mit Täuschung oder Wunsch zu tun. Ich bin Friede, frei von Sorgen. Ich bin
Brahman“ – das ist die Wahrheit. „Ich bin ohne jeden Mangel, Ich bin Alles,
weder suche Ich etwas noch trachte ich danach, etwas aufzugeben. Ich bin
Brahman“ – so lautet die Wahrheit. „Ich bin Blut, Ich bin Fleisch, Ich bin Kno-
chen, Ich bin der Körper, Ich bin Bewusstsein, Ich bin auch das Gemüt, Ich bin
Brahman“ – das ist die Wahrheit. „Ich bin das Firmament, Ich bin Raum, Ich
bin die Sonne und das gesamte Weltall, Ich bin alle Dinge hier. Ich bin Brah-
man“ – darin besteht die Wahrheit. „Ich bin der Grashalm, Ich bin die Erde,
Ich bin der Baumstumpf, Ich bin der Wald, Ich bin die Berge und Ozeane. Ich
bin das nonduale Brahman“ – das ist die Wahrheit. „Ich bin das Bewusstsein,


                                     367
welches alle Dinge durchzieht und durch dessen Macht alle Wesen ihren
Tätigkeiten nachgehen; Ich bin die Essenz aller Dinge“ – so lautet die Wahr-
heit.
  Dies ist gewiss: Alle Dinge existieren in Brahman, alle Dinge fließen von ihm
aus, alle Dinge sind Brahman. Brahman ist allmächtig, es ist das eine Selbst, es
ist die Wahrheit.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Die Wahrheit, die allgegenwärtig und reines Bewusstsein ohne jede Objek-
tivität ist, wird verschiedentlich als Bewusstsein, Selbst, Brahman, Existenz,
Wahrheit, Ordnung und auch als reine Erkenntnis bezeichnet. Sie ist rein und
in ihrem Licht erkennen alle Wesen ihr eigenes Selbst. Ich bin Brahman, das
reines Bewusstsein ist, nachdem seine Erscheinung als Gemüt, Intellekt,
Sinne und alle anderen Ideen verneint worden ist. Ich bin das unvergängliche
Bewusstsein oder Brahman, in dessen Licht allein alle Elemente und das
gesamte Universum leuchten. Ich bin das Bewusstsein oder Brahman, von
dem beständig Funken sprühen und im Universum Bewusstsein reflektieren.
In einem reinen Gemüt drückt es sich als Stille aus. Obwohl es mit den unauf-
hörlichen Erfahrungen des Ich-Sinnes der zahllosen Lebewesen in Kontakt zu
stehen scheint, die auf diese Weise die Freude erfahren, die von Brahman
stammt, ist es doch gänzlich jenseits ihrer Reichweite und unberührt von
ihnen. Denn obwohl es letztendlich die Quelle allen Glücks und allen Entzü-
ckens ist, ist es selbst von der Natur des Tiefschlafs (ohne jede Vielfalt), fried-
lich und rein. Ein unendlich winziger Teil der Seligkeit Brahmans wird in den
Subjekt-Objekt-Beziehungen und der daraus entstehenden Freude erfahren.
   Ich bin das ewige Brahman, frei von den falschen Vorstellungen von Freude
und Schmerz usw. und daher rein. Ich bin das Bewusstsein, in dem wahres
und reines Erfahren ist. Ich bin dieses reine Bewusstsein, in dem die reine
Intelligenz ohne Störung durch Gedankenwellen arbeitet. Ich bin dieses
Brahman, welches die intelligente Energie ist, die in sämtlichen Elementen
(Erde, Wasser, Feuer usw.) wirkt. Ich bin das reine Bewusstsein, welches sich
als die Eigenschaften des Geschmacks usw. der verschiedenen Früchte mani-
festiert.
   Ich bin das unveränderliche Brahman, welches realisiert wird, sobald der
Jubel über das Erlangen der ersehnten Ziele und die Niedergeschlagenheit
über das Nichterlangen der Ziele transzendiert sind. Wenn die Sonne scheint
und die Objekte der Welt in ihrem Licht gesehen werden, dann bin ich das
reine Bewusstsein, welches sich in der Mitte zwischen diesen beiden befindet
und das ureigene Selbst des Lichtes wie auch des beleuchteten Objekts ist. Ich
bin dieses reine Bewusstsein oder Brahman, welches ohne Unterbruch in den
Zuständen des Wachens, Träumens und Tiefschlafs existiert und daher der
vierte Zustand oder die transzendentale Wahrheit ist.
   So wie der Geschmack des Zuckerrohrsaftes, kultiviert auf Hunderten von
unterschiedlichen Feldern, überall gleich ist, so ist das den Lebewesen inne-
wohnende Bewusstsein ein und dasselbe – dieses Bewusstsein bin ich. Ich


                                       368
bin die Bewusstseinsenergie (cit-śakti), die größer als das Universum ist und
           doch kleiner als das winzigste atomare Partikel und folglich unsichtbar. Ich
           bin das Bewusstsein, welches überall wie Butter in der Milch existiert und
           dessen wesenhafte Natur das Erfahren ist.
             VASIåèHA fuhr fort:
              So wie die Ornamente aus Gold nichts als Gold sind, so bin Ich das reine
           Bewusstsein im Körper. Ich bin das Selbst, welches alle Dinge im Innen und
           im Außen durchdringt. Ich bin das Bewusstsein, welches alle Erfahrungen
           reflektiert, ohne selbst dem geringsten Wandel zu unterliegen und von der
           Unreinheit unberührt ist.
              Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein, welches der Geber der Früchte
           aller Gedanken ist, das Licht, welches in allen Leuchtkörpern scheint, der
           höchste Gewinn, das Bewusstsein, welches alle Glieder durchdringt, welches
           stets wachend und gewahr ist, welches beständig in allen Substanzen vibriert
           und welches homogen und ungestört ist, als sei es im Tiefschlaf, aber es ist
           hellwach. Dieses Bewusstsein ist die Realität, welche jeder einzelnen Sub-
           stanz im Universum ihre Eigenschaften verleiht und, obwohl es in allem
           wohnt und somit das allernächste ist, aufgrund seiner Unerreichbarkeit für
           das Gemüt und die Sinne weit weg ist. Kontinuierlich und homogen im Wa-
           chen, Träumen, Tiefschlaf und dem vierten (transzendentalen) Zustand des
           Bewusstseins, leuchtet es, wenn alle Gedanken aufgehört haben, wenn sämt-
           liche Erregungen an ihr Ende gelangt sind und wenn aller Hass beendigt ist.
           Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein – das ohne jeden Wunsch und
           ohne Ich-Sinn ist und welches nicht geteilt werden kann.
              Ich habe dieses Bewusstsein erlangt, welches allem innewohnt, und obwohl
           es alles ist, jenseits der Vielfalt ist. Es ist das kosmische Netz, in dem die end-
           lose Zahl der Lebewesen wie Vögel gefangen sind, in dem alle Welten sich
           manifestieren, und in dem entgegen dem Augenschein nichts jemals gesche-
           hen ist. Dieses Bewusstsein ist die Natur des Seins und des Nicht-Seins sowie
           der Ruheort von allem, was gut und göttlich ist. Es spielt die Rollen sämtli-
           cher Lebewesen und ist die Quelle aller Liebe und allen Friedens, obwohl es
           auf ewig frei und eins ist. Es ist das Leben aller lebendigen Wesen, der
           unerschaffene Nektar, der von niemandem gestohlen werden kann, die auf
           immer existierende Wirklichkeit. Dieses Bewusstsein, welches in den Sinnes-
           erfahrungen reflektiert wird, ist dennoch leer von diesen und kann von ihnen
           nicht erfahren werden. In ihm freuen sich alle Wesen, obgleich es selbst reine
           Seligkeit jenseits aller Freude ist; wie Raum ist es, jedoch jenseits von Raums;
           glorreich ist es, jedoch ohne alle Eroberungen und Glorien. Obwohl es alles zu
           tun scheint, tut es nichts.
              All dies bin „Ich“ und all dies ist mein. Jedoch bin Ich nicht, und Ich bin
           nichts „anderes als Ich“. Ich habe dies realisiert. Diese Welt kann Illusion oder
           real sein – Ich bin jenseits und frei vom Fieber des Elends.
              VASIåèHA fuhr fort:
VI:1,12,
   13


                                                  369
Verankert in dieser Realisation der Wahrheit lebten die großen Weisen auf
immer in Frieden und Gleichmut. Sie waren frei von psychologischen Neigun-
gen und daher suchten sie, noch wiesen sie den Tod oder das Leben zurück.
Sie verblieben unerschütterlich in ihrer direkten Erfahrung wie ein zweiter
Berg Meru. Aber sie durchwanderten die Wälder, die Inseln und die Städte,
reisten in den Himmeln, als wären sie Engel oder Götter, sie besiegten ihre
Feinde und regierten als Herrscher. Sie befassten sich mit verschiedenen
Tätigkeiten, da sie erkannten, dass dies in Übereinstimmung mit den heiligen
Schriften war. Sie erfreuten sich des Lebens, sie besuchten die himmlischen
Gärten und wurden von den himmlischen Maiden unterhalten. Sie erfüllten
pflichtschuldigst die Aufgaben des Haushälterlebens. Sie nahmen sogar an
großen Kriegen teil. Sie behielten ihren Gleichmut in katastrophalen Umstän-
den, unter denen andere ihren Frieden und die Ausgeglichenheit des Gemüts
verloren hätten.
   Ihr Gemüt war völlig im Zustand von sātva oder Göttlichkeit und war folg-
lich frei von der Täuschung, von der egoistischen Idee (des „Ich tue dies“) und
vom Wunsch nach Gewinn, obwohl sie Gewinn oder Belohnung für ihre Hand-
lungen in keiner Weise zurückwiesen. Weder ergingen sie sich nach dem Sieg
über ihre Feinde in überflüssigem Jubel, noch fielen sie nach einer Niederlage
in Verzweiflung und Trauer. Sie waren auf natürliche Weise mit ihren Tätig-
keiten beschäftigt und all ihre Handlungen entsprangen dem Geist der Nicht-
Willentlichkeit.
   Folge ihrem Beispiel, oh Rāma. Lass deine Persönlichkeit (den Ich-Sinn)
egolos sein, und lass die Handlungen spontan aus dir heraus erfolgen. Denn
das unendliche, unteilbare Bewusstsein allein ist die Wahrheit, und es ist
dieses, welches sich mit dem Anschein der Vielfalt, die weder real noch irreal
ist, bekleidet hat. Lebe daher gänzlich unangehaftet. Weshalb trauerst du wie
ein Unwissender?
   RùMA sprach:
  Hoher Herr, durch deine Gnade bin ich vollständig zur Wirklichkeit er-
wacht. Meine Täuschung ist verschwunden. Ich werde tun, was du mir gebie-
test zu tun. Gewiss werde ich von nun an im Zustande desjenigen ruhen, der
noch lebend befreit ist. Bitte, hoher Herr, sage mir, wie man diesen Zustand
der Befreiung durch Zurückhaltung der Lebenskraft (prāïa) und durch Aus-
löschung aller Selbstbegrenzung oder psychologischer Konditionierung er-
langt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Normalerweise nennt man dies Yoga, also die Methode, mit der dieser Zyk-
lus von Geburt und Tod aufhört. Dies bedeutet die absolute Transzendenz des
Gemüts, und diese besteht aus zwei Arten. Die eine Art ist die Selbsterkennt-
nis, die Zurückhaltung der Lebenskraft die andere. Heute bedeutet Yoga nur
noch die letztere Art. Und doch führen beide Methoden zum selben Ergebnis.
Für manche ist die Selbsterkenntnis mit Hilfe der Ergründung schwierig,



                                     370
während für andere wiederum Yoga schwierig ist. Meine Überzeugung ist,
           dass der Pfad der Ergründung für alle der einfachste ist, weil die Selbster-
           kenntnis die immer gegenwärtige Wahrheit ist. Ich werde dir nun die Metho-
           de des Yoga beschreiben.

                                               ***


           Die Geschichte von BhuÓuï¬a

VI:1,14,    VASIåèHA fuhr fort:
   15
             Im unendlichen und unteilbaren Bewusstsein gibt es sozusagen in einer
           Ecke eine Welterscheinung, die wie eine Luftspiegelung ist. Der Schöpfer
           Brahmā, der die augenscheinliche Ursache dieser Welterscheinung ist, wohnt
           darin. Ich bin sein Sohn, aus seinem Gemüt entsprungen. Als ich einst im
           Himmel Indras war, hörte ich von Weisen wie Nārada die Geschichten über
           die langlebigen Wesen. Im Verlaufe der Gespräche sagte der große Weise
           Śātātapa:
             „In einer Ecke des Berges Meru gibt es den wunscherfüllenden Baum na-
           mens CÆta, dessen Blätter aus Gold und Silber sind. Auf diesem Baum lebt
           eine Krähe namens BhuÓuï¬a, die gänzlich frei von aller Anziehung und
           Abstoßung ist. Nichts auf der Erde und im Himmel hat länger als sie gelebt.
           Sie ist nicht nur schon sehr alt, sondern gleichzeitig eine erleuchtete und
           friedvolle Persönlichkeit. Falls irgendeiner von euch so leben kann wie sie,
           würde das als ein höchst verdienstvolles und lobenswertes Leben bezeichnet
           werden.“
             Ich hörte diese Worte und fühlte mich durch sie außerordentlich inspiriert.
           Bald darauf machte ich mich auf, um diesen BhuÓuï¬a zu treffen. Schnell
           erreichte ich den Gipfel des Berges Meru, wo BhuÓuï¬a lebte. Der Berg leuch-
           tete und strahlte – vergleichbar mit dem Glanz der Yogis, die durch die Praxis
           des Yoga das psychische Tor der Krone des Hauptes und das obere Ende der
           nā¬i, genannt su«umnā (die auch als der Berg Meru bezeichnet wird) geöffnet
           haben. Der Gipfel ragte bis in den Himmel hinein.
             Dort sah ich den Baum namens CÆta, dessen Blätter und Blüten wie Juwelen
           glänzten. Es war ein wahrer Wolkenkratzer-Baum. Die himmlischen Wesen,
           die darin wohnten, erfüllten die Luft mit ihren Gesängen. Vollkommene Wei-
           se, die jede beliebige Gestalt annehmen konnten, wohnten ebenfalls darauf.
           Es war ein riesiger Baum mit unermesslichen Dimensionen.
             Ich sah auf diesem Baum die verschiedensten Vogelarten. Ich sah den be-
           rühmten Schwan, der das Fortbewegungsmittel für den Schöpfer Brahmā ist.
           Ich sah den Vogel Śuka, der das Fortbewegungsmittel für den Feuergott und
           gelehrt in den Schriften ist. Ich sah den Pfau, der das Fortbewegungsmittel
           des Gottes Kārtikeya ist. Und ich sah ferner den Vogel, den man Bharadvāja


                                               371
nennt, sowie noch viele andere. Und in großer Entfernung sah ich auf dem
Baum Krähen sitzen. Unter diesen entdeckte ich den großen BhuÓuï¬a, der
dort in gänzlicher Stille und im Frieden saß. Er war herrlich, strahlend und
friedvoll.
  Dies war der berühmte BhuÓuï¬a, der Langlebige. Er hatte schon mehrere
Weltzyklen erlebt. Er erinnerte sich sogar noch derjenigen, die schon vor
Äonen gelebt hatten. Er blieb still. Er war frei von der Ich-heit und vom
Meins-sein. Er war für alle ein Freund und Verwandter.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 VI.1:16,
  Ich ließ mich direkt vor BhuÓuï¬a nieder. Er wusste, dass ich Vasi«Âha war        17
und begrüßte mich angemessen. Durch seine bloße Gedankenkraft materiali-
sierte er Blumen, mit denen er mir seine Verehrung entgegenbrachte. Er bat
mich, mich neben ihn zu setzen. Dann sagte BhuÓuï¬a zu mir:
  „Ich betrachte es als einen großen Segen, dass du uns nach einer langen Zeit
deinen darśan (Besuch) gibst. Gebadet im Nektar deines darśans (Gegenwart
oder Gesellschaft) werden wir wie ein guter Baum erneuert. Du bist unter
denjenigen, die Verehrung verdienen, der Größte, und du bist allein aufgrund
meiner angesammelten Verdienste zu mir gekommen. Bitte teile mir den
Grund deines Kommens mit. Ganz gewiss doch leuchtet in deinem Herzen das
Licht der Selbsterkenntnis, entzündet durch beständige und intensive Er-
gründung der Natur dieser unwirklichen Welterscheinung? Was ist der Zweck
deines Besuchs? Ah, schon beim Anblick deiner gesegneten Füße habe ich
dein Ziel erraten. Du kamst hierher, um das Geheimnis der außerordentlichen
Langlebigkeit zu ergründen. Doch ich möchte die Absicht deines Besuches
von deinen eigenen Lippen hören.“
  Ich antwortete wie folgt: „Du bist wahrhaftig gesegnet, da du dich des
höchsten Friedens um dich herum erfreust, mit der höchsten Weisheit (der
Selbsterkenntnis) ausgestattet bist und nicht im Netz dieser Illusion, genannt
Welterscheinung, gefangen bist. Bitte gewähre mir ein paar Fragen betreffend
deine eigene Person.“
  „In welcher Sippe wurdest du geboren? Wie vermochtest du die Erkenntnis
dessen zu erlangen, welches als einziges wert ist zu wissen? Wie alt bist du
heute? Erinnerst du dich noch an Dinge aus der Vergangenheit? Wer hat ver-
fügt, dass du langlebig sein und auf diesem Baum leben wirst?“
  BHUŚU×ÖA erwiderte:
  Da du mir diese mich betreffenden Fragen gestellt hast, oh Weiser, werde
ich sie dir beantworten. Bitte höre aufmerksam zu. Die Geschichte, die ich dir
nun erzählen werde, ist so wunderbar, dass sie die Sünden von allen vernich-
ten wird, auf die sie zutrifft und die ihr zuhören.
  Nachdem er so gesprochen hatte, oh Rāma, begann BhuÓuï¬a mit der fol-
genden Erzählung. Seine Worte waren ernst und fein. Sie besaßen Macht, weil
er jenseits aller Wünsche und Absichten nach Vergnügen war. Sein Herz war



                                    372
rein, weil es seine Erfüllung erlangt hatte. Er war der Geburt und der Aus-
          löschung der Schöpfungen voll bewusst. Seine Worte waren liebevoll. Er hatte
          die Würde des Schöpfers Brahmā selbst. Seine Worte waren wie Nektar. Er
          begann seine Erzählung wie folgt:
            BHUŚU×ÖA sprach:
VI.1:18
             In diesem Universum gibt es eine Gottheit namens Hara. Hara ist der Gott
          der Götter und wird von sämtlichen Göttern im Himmel verehrt. Seine Ge-
          mahlin hat die eine Hälfte seines Körpers inne. Von seinen verfilzten Locken
          fließt der heilige Fluss GaÇgā. Auf seinem Haupt erstrahlt der leuchtende
          Mond. Eine tödliche Kobra schlingt sich um seinen Hals – scheinbar ihres
          Giftes beraubt wegen des Nektars, der vom Mond herabfließt. Der einzige
          Schmuck dieser Gottheit ist die heilige Asche auf seinem Körper. Er weilt auf
          Verbrennungsstätten und bei Scheiterhaufen. Er trägt eine Kette aus Schä-
          deln. Seine Amulette und Armreifen sind Schlangen.
             Mit seinem bloßen Blick vernichtet er die Dämonen. Er ist dem Wohlerge-
          hen des ganzen Universums ergeben. Berge und Hügel, die auf ewig in Medi-
          tation versunken scheinen, sind Symbole für ihn. Seine Helfer und Diener
          sind Kobolde mit Köpfen und Händen wie Messerklingen und Gesichtern wie
          Bären, Kamele, Mäuse usw. Er hat drei strahlende Augen. Diese Kobolde ver-
          neigen sich vor ihm. Und die weiblichen Gottheiten, die sich von den Wesen in
          den vierzehn Welten ernähren, tanzen vor ihm.
             Diese weiblichen Gottheiten besitzen ebenfalls Gesichter verschiedener
          Tierarten. Sie wohnen auf den Gipfeln der Berge, im Raum, in verschiedenen
          Welten, auf Verbrennungsstätten und in den Körpern der inkarnierten Lebe-
          wesen. Von diesen weiblichen Gottheiten gehören acht zu den herausragen-
          den, und zwar sind dies Jayā, Vijayā, Jayanti, Aparājitā, Siddhā, Rakttā,
          Alaæbusā und Utpalā. Alle anderen gehorchen diesen acht Gottheiten. Von
          den acht war die siebente, Alaæbusā, die angesehenste. Ihr Fortbewegungs-
          mittel ist die Krähe, und diese ist außerordentlich mächtig und von blauer
          Farbe.
             Einmal begab es sich, dass sich diese weiblichen Gottheiten im Raum ver-
          sammelten. Sie verehrten dort pflichtgemäß die Gottheit, die Tumburu ge-
          nannt wird (und die ein Aspekt von Rudra ist) und befassten sich mit
          linkshändischen Ritualen, die die höchste Wahrheit enthüllten. Sie verehrten
          Tumburu und die unter dem Namen Bhairava bekannte Göttin. Schließlich
          waren sie alle vom Wein berauscht und führten verschiedene Riten aus. Bald
          begannen sie eine wichtige Frage zu erörtern: Wie kommt es, dass der Ge-
          mahl von Umā (Hara) uns so geringschätzig behandelt? Sie beschlossen: „Wir
          werden unsere Tapferkeit auf so überzeugende Weise beweisen, dass er uns
          nicht mehr verachten wird.“ Sie überwältigten Umā mit ihren magischen
          Kräften und trennten sie von ihrem Lord Hara. Alle weiblichen Gottheiten
          sangen und tanzten in Ekstase. Manche tranken, manche sangen, andere
          lachten oder schrien, rannten, stürzten oder aßen Fleisch. Schon bald hatten
          diese berauschten Gottheiten überall auf der Welt Unordnung angerichtet.


                                              373
BHUŚU×ÖA fuhr fort:
                                                                                           VI.1:19
            Während die Gottheiten auf diese Weise feierten und ihrem Vergnügen
          nachgingen, wurden auch ihre Fortbewegungsmittel trunken und begannen
          zu tanzen. Alle Schwäne tanzten zusammen mit der Krähe (Caï¬a), die das
          Fortbewegungsmittel von Alaæbusā war. Als die weiblichen Schwäne trunken
          waren, entstand in ihnen der Wunsch, sich zu paaren. Eine nach der anderen
          paarte sich mit der Krähe (Canda), denn alle waren berauscht. Schon bald
          darauf wurden sie schwanger.
            Als das Feiern vorbei war, begaben sich alle Gottheiten zu Lord Hara (Śiva)
          und überbrachten ihm den Körper von Umā, den sie durch ihre Zauberkräfte
          in Nahrung verwandelt hatten. Lord Siva wusste um die Wahrheit und war
          über die Gottheiten erzürnt. Diese erschufen Umā neu und boten sie dem
          Herrn an, und so erlangte er seine Gemahlin zurück. Alle Gottheiten kehrten
          zu ihren Wohnstätten zurück. Die Schwäne, die die Fortbewegungsmittel von
          Brahmī waren, unterrichteten diese über alles, was sich zugetragen hatte.
            Die Göttin Brahmī sprach zu ihnen: „Da ihr alle dicke Bäuche habt, werdet
          ihr euren Pflichten nicht nachkommen können. Begebt euch daher für einige
          Zeit wohin ihr wollt.“ Nachdem sie so gesprochen hatte, saß die Göttin in
          tiefer Kontemplation.
            Zu gegebener Zeit legten die Schwäne einundzwanzig Eier, die schon bald
          ausgebrütet waren. So wurden einundzwanzig von uns in der Familie von
          Caï¬a, der Krähe, geboren. Zusammen mit unseren Müttern verehrten wir
          die Göttin Brahmī. Wir erlangten durch ihre Gnade Selbsterkenntnis und die
          Befreiung. Anschließend gingen wir zu unserem Vater, der uns herzlich um-
          armte. Wir verehrten danach alle zusammen die Göttin Alaæbusā.
             Caï¬a sagte zu uns: „Kinder, seid ihr dem Fangnetz namens Welterschei-
          nung entgangen, indem ihr die Fesseln der vāsanās oder der mentalen Kondi-
          tionierung abgeworfen habt? Andernfalls lasst uns die Göttin verehren, durch
          deren Gnade ihr die höchste Weisheit erlangen werdet.“
             Wir erwiderten: „Vater, wir haben durch die Gnade der Göttin Brahmī die
          Erkenntnis erlangt, die als einzige wert ist zu erlangen. Wir suchen nun einen
          abgeschiedenen und geeigneten Platz, um dort zu leben.“
             Caï¬a erwiderte: „Es gibt in der Welt einen wunderbaren Berg namens
          Meru, der die Stütze aller vierzehn Welten und aller Wesen ist, die darin
          wohnen. Alle Götter und Weisen leben dort. Auf ihm wächst der wunscherfül-
          lende Baum. Auf einem seiner Äste habe ich einst ein Nest gebaut, während
          sich die Göttin Alaæbusā in tiefer Meditation befand. Es ist schön und vorzüg-
          lich in jeder Hinsicht. Kinder, begebt euch zu diesem Nest und lebt darin. Ihr
          werdet niemals einem Hindernis begegnen.“
             Wir folgten dem Willen unseres Vaters und kamen alle hierher, um in die-
          sem Nest zu leben.
             BHUŚU×ÖA fuhr fort:
VI.1:20

                                              374
Es gab da eine Welt in uralten Zeiten, die nicht jenseits unserer Erinnerung
ist, weil wir sie selbst gesehen haben.
  VASIåèHA fragte: Was geschah mit deinen Brüdern, da ich nur dich hier se-
he?
  BHUŚU×ÖA erwiderte:
  Eine sehr lange Zeit verstrich, oh Weiser, und im Verlaufe dieser Zeit gaben
meine Brüder ihre physische Existenz auf und stiegen in den Himmel Lord
Śivas auf. Auch langlebige Personen, die heilig und fromm und stark sind,
werden schließlich von der Zeit (oder dem Tod) verzehrt.
  VASIåèHA fragte weiter: Wie kam es, dass du von Hitze, Kälte, Wind und
Feuer nicht berührt worden bist?
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
   Nun, als Krähe verkörpert zu sein, die von den Menschen verachtet wird, ist
kein glücklicher Zustand, obwohl der Schöpfer reichlich für das Überleben
der bescheidenen Krähe gesorgt hat. Weil wir jedoch beständig im Selbst
verweilen und glücklich und zufrieden sind, haben wir manche Katastrophen
glücklich überstanden. Wir blieben fest im Selbst verankert und haben alle
unnötigen Aktivitäten aufgegeben, die nichts als eine Qual für Körper und
Geist sind. Für diesen physischen Körper gibt es kein Elend, weder im Leben
noch im Tod – daher verbleiben wir, wie wir sind und suchen nichts anderes
als das, was ist.
   Wir haben die Schicksale aller Welten gesehen. Wir haben mental die Iden-
tifikation mit dem Körper aufgegeben. Verankert in der Selbsterkenntnis und
auf diesem Baum sitzend, betrachte ich das Vergehen der Zeit. Durch die
Praxis des prāïāyāma habe ich mich über die Zeiteinteilungen erhoben. Da-
her bin ich in meinem Herzen im Frieden und unberührt von den Ereignissen
der Welt. Sämtliche Wesen können verschwinden oder geboren werden – wir
fürchten weder das eine noch das andere. All diese Wesen mögen in den
Ozean namens Zeit (oder Tod) eingehen – wir aber ruhen am Ufer dieses
Ozeans und bleiben unberührt davon. Weder nehmen wir an noch weisen wir
zurück; wir scheinen zu existieren, aber wir sind nicht, was wir zu sein schei-
nen. Deshalb bleiben wir in Ruhe auf diesem Baum.
   Obgleich wir uns mit verschiedenen Tätigkeiten befassen, ertrinken wir
nicht im See der mentalen Modifikationen und verlieren niemals den Kontakt
mit der Realität.
   Hoher Herr, der Nektar, für dessen Erwerb die Götter den Ozean aufwühl-
ten, ist weniger kostbar als der nektargleiche Segen, der aus der Gegenwart
von Weisen wie dir hervorgeht. Ich erachte nichts als lobenswerter als die
Gesellschaft von Weisen, die frei von allen Wünschen und Verlangen sind. Oh
Heiliger, obwohl ich bereits die Selbsterkenntnis erlangt habe, empfinde ich
erst heute die wahre Erfüllung meines Lebens, da ich dich gesehen und mich
deiner Gesellschaft erfreuen durfte.



                                     375
BHUŚU×ÖA fuhr fort:
  Dieser wunscherfüllende Baum hier wird weder von den verschiedenen               VI.1:21
Naturkatastrophen noch von den von den Lebewesen verursachten Umwäl-
zungen erschüttert. Es gab verschiedene von den letzteren, als die Dämonen
die Erde zu zerstören oder zu überwältigen versuchten, und auch anlässlich
der Intervention des Herrn, der die Erde von den Dämonen befreite. Von all
diesen Geschehnissen blieb dieser Baum völlig unberührt. Nicht einmal die
große Flut und die sengende Hitze der Sonne, wie sie die kosmische Auflö-
sung begleiten, konnten diesen Baum ins Wanken bringen. Daher konnten
wir, die wir hier auf diesem Baum leben, allem Unheil entgehen. Das Böse
überwältigt immer nur diejenigen, die an unheiligen Orten leben.
  VASIåèHA fragte:
 Aber wie hast das Ende des Kosmos überlebt, wenn alles aufgelöst wird?
 BHUŚU×ÖA erwiderte:
  Während dieser Periode, oh Weiser, gab ich dieses Nest auf, so wie ein un-
dankbarer Mensch seinen Freund verlässt. Sodann verblieb ich vereint mit
dem kosmischen Raum, vollkommen frei von allen Gedanken und mentalen
Modifikationen. Als dann die zwölf kosmischen Sonnen unerträgliche Hitze
über die gesamte Schöpfung ausstrahlten, praktizierte ich vāruïi-dhāraïā
und blieb unbetroffen (Vāruïa ist der Herr der Wasser; vāruïi-dhāraïā ist
die Kontemplation von Vāruïa). Als die Winde mit Gewalt zu blasen began-
nen und sogar die Berge versetzten, praktizierte ich pārvatī-dhāraïā und
blieb unbetroffen (Parvata heißt Berg und pārvatī-dhāraïā bedeutet die
Kontemplation des Berges). Als das gesamte Universum mit den Wassern der
kosmischen Auflösung überflutet wurde, praktizierte ich vāyu-dhāraïā und
blieb unbetroffen (Vāyu bedeutet Wind und vāyu-dhāraïā ist die Kontempla-
tion des Windes). Sodann verblieb ich bis zum Beginn des nächsten kosmi-
schen Zyklus im Tiefschlaf. Als der neue Schöpfer einen neuen Kosmos zu
erzeugen begann, kehrte ich wieder in dieses Nest zurück.
  VASIåèHA fragte:
 Woher kommt es, dass nicht auch andere fähig sind, zu tun was du tatest?
 BHUŚU×ÖA erwiderte:
  Oh Weiser, der Wille des Höchsten Wesens kann nicht umgangen werden.
Es ist sein Wille, dass ich so sein soll, wie ich bin, und dass die anderen sein
sollen, wie sie sind. Weder kann man ergründen noch ermessen, was gesche-
hen wird. In Übereinstimmung mit der Natur jedes Wesens tritt das ins Sein,
was ins Sein zu treten hat. Daher findet sich entsprechend meiner Gedanken-
kraft oder Konzeption dieser Baum in jedem Weltzyklus an dieser Stelle und
in dieser Beschaffenheit.
  VASIåèHA fragte:
  Du erfreust dich einer so außerordentlichen Langlebigkeit, dass allein dies
schon nahelegt, dass du die endgültige Befreiung erlangt hast! Und du bist ein


                                     376
weiser, tapferer und großer Yogi. Bitte teile mir mit, an welche außergewöhn-
lichen Geschehnisse in diesem und den vorherigen Weltzyklen du dich erin-
nerst.
   BHUŚU×ÖA sprach:
  Ich erinnere mich daran, dass es irgendeinmal nichts auf dieser Erde gab,
keine Pflanzen und Bäume, nicht einmal Berge. Die Erde war für den Zeit-
raum von elftausend Jahren mit Lava bedeckt. In diesen Tagen gab es unter-
halb der Polarregion weder Tag noch Nacht, denn auf dem Rest der Erde
schien weder die Sonne noch der Mond. Nur die Hälfte der Polarregion war
erleuchtet.
  Zu dieser Zeit regierten die Dämonen die Erde – sie waren verblendet,
mächtig und reich. Die Erde war ihr Spielplatz.
  Außer der Polarregion war der Rest der Erde von Wasser bedeckt. Für eine
sehr lange Zeit dann war die gesamte Erde ausgenommen die Polarregion
bedeckt von Wäldern. Schließlich entstanden große Berge, aber es gab kei-
nerlei menschliche Bewohner. Während zehntausend Jahren war die Erde mit
den Kadavern der Dämonen bedeckt.
  Einmal waren die Götter, die die Himmel zu durchqueren pflegten, aus
Furcht verschwunden und wurden nicht mehr gesehen. Und die Erde wurde
zu einem einzigen Berg! Ich erinnere mich an viele solche Geschehnisse, aber
lass mich das erzählen, was wirklich wichtig ist.
  Während meiner Lebenszeit habe ich das Erscheinen und Verschwinden
zahlloser Manus (Urväter der menschlichen Rasse) verfolgt. Es gab eine Zeit,
in der die Welt ohne Götter und Dämonen und nichts anderes als ein strah-
lendes, kosmisches Ei war. Zu einer anderen Zeit wiederum war die Erde von
Brāhmaïas (Mitglieder der Priesterklasse) bevölkert, die dem Alkohol erge-
ben waren, von ŚÆdras (Dienerklasse), die die Götter verlachten, und von
Frauen, die Vielmännerei betrieben. Ich erinnere mich ferner an eine andere
Epoche, als die Erde von Urwäldern bedeckt war und man sich die Weite des
Ozeans nicht einmal vorstellen konnte, und als menschliche Wesen spontan
entstanden. Zu einer anderen Zeit gab es dagegen weder Berge noch Erde –
die Götter und die Weisen hausten im Raum. Zu einem anderen Zeitpunkt
wiederum gab es weder Götter noch Weise usw., überall herrschte Finsternis.
  Als erstes tauchte die Idee der Schöpfung auf. Dann entstanden Licht und
die Aufteilung des Universums. Schließlich wurden, eines nach dem anderen,
die verschiedenen Wesen wie auch Sterne und Planeten erschaffen,
  Ich sah während einer dieser Epochen, dass Lord Vi«ïu (der allgemein als
der Erhalter des Universums betrachtet wird) das Universum erschuf, wäh-
rend es in einer anderen Brahmā war, der das Universum erzeugte. Und wie-
derum in einer anderen Epoche war es Śiva, der zum Schöpfer wurde.
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
                                                                                VI.1:22




                                    377
Natürlich erinnere ich mich an Weise wie dich, an Göttinnen wie Gauri, an
Dämonen wie Hiranyāksa, Könige wie Śibi, an die letzte Vergangenheit und an
vergangene Zeitalter. Oh Weiser – dies ist das achte Mal, dass du eine Geburt
als der Weise Vasi«Âha angenommen hast, und es ist dies das achte Mal, dass
wir uns treffen. Einmal wurdest du aus dem Raum geboren, zu einer anderen
Zeit aus dem Wasser, dann wiederum aus dem Wind, dann aus einem Berg
und schließlich aus dem Feuer.
  Was auch immer in der gegenwärtigen Schöpfung geschieht, geschah auf
genau dieselbe Weise während dreier vergangener Schöpfungen. Ich aber
entsinne mich der Geschehnisse von zehn solchen Schöpfungen. (Hinweis:
Nun folgt eine Aufzählung aller wichtigen Weltgeschehnisse, die nicht alle in
anderen Schöpfungen wiederholt wurden und so auf die unterschiedlichen
Zeiten hinweist, in denen BhuÓuï¬a Augenzeuge war. Einige wenige von
ihnen werden hier zur Veranschaulichung wiedergegeben). In jedem Zeitalter
hat es Weise gegeben, die die Wahrheit verkündet und die Veden dargelegt
haben. Es gab Vyāsas, die die Legenden (bzw. die prähistorischen Erzählun-
gen) niedergeschrieben haben. Und immer wieder dichtete Vālmikī das heili-
ge Rāmāyaïa. Zusätzlich dazu wurde von dem Weisen Vālmikī ein heiliges
Buch geschrieben, in dem deine Instruktionen an Rāma verzeichnet sind;
ursprünglich bestand es aus hunderttausend Versen. Auch in diesem Zeitalter
wird es von Vālmikī geschrieben, diesmal zum zwölften Mal. Es gab außer-
dem noch ein großartiges Werk namens „Bharata“, das in Vergessenheit gera-
ten ist.
  Um die Dämonen zu vernichten, nahm Lord Vi«ïu wieder und wieder die
Geburt als Rāma an, und in diesem Zeitalter wird er zum elften Mal wieder-
geboren werden. Und Lord Vi«ïu wird zum sechzehnten Mal als K−«ïa inkar-
nieren.
  Und doch ist dies alles nur wie eine illusorische Erscheinung – die Welt als
solche ist nicht die Wirklichkeit. Sie erscheint nur dem getäuschten Verstand
als real. Sie erscheint und verschwindet wie die Wellen auf dem Ozean im
einem Augenblick. Die drei Welten sind in manchen Epochen ähnlich und in
anderen wiederum gänzlich verschieden. Aufgrund dieser Unterschiede habe
ich in jedem Zeitalter neue Freunde, neue Verwandte, neue Bedienstete und
neue Wohnungen. Manchmal lebe ich in den Himālayas, dann in den Malaya-
Bergen, und zu anderen Zeiten wiederum nehme ich aufgrund der ererbten
Neigungen meine Wohnstatt hier in diesem Nest auf.
  Sogar die Himmelsrichtungen wechseln von Zeitalter zu Zeitalter. Da ich als
einziger die Nacht des Schöpfers Brahmā überlebt habe, kenne ich die Wahr-
heit über alle diese Veränderungen. Je nach Position der Pole und der Bewe-
gungen der Sterne, der Sonne und des Mondes werden die Himmelsrichtun-
gen (wie Nord, Süd usw.) festgelegt. Wenn diese sich ändern, ändern sich
auch die Himmelsrichtungen. Aber ich weiß, dass diese Welt weder wirklich
noch unwirklich ist. Die einzige Realität ist die Bewegung der Energie inner-
halb des kosmischen Bewusstseins. Diese erscheint aufgrund von falschem


                                    378
Verstehen als diese Schöpfung hier, um dann wieder zu verschwinden. Ein
falsches Verständnis dieser Art erzeugt außerdem die Verwirrung in den
menschlichen Beziehungen und Pflichten. In manchen Zeitaltern benimmt
sich der Sohn wie der Vater, der Freund wie ein Feind und der Mann wie eine
Frau. Manchmal benehmen sich die Menschen in den „dunklen Zeitaltern“ so,
als würden sie sich im „goldenen Zeitalter“ befinden und umgekehrt.
  VASIåèHA fragte:
 Oh BhuÓuï¬a, wie kam es, dass dein Körper nicht vom Tod verzehrt wurde?        VI.1:23

 BHUŚU×ÖA erwiderte:
  Oh Weiser, du hast das Wissen von allem, und doch stellst du diese Frage,
um die Beredsamkeit deines Dieners anzuspornen. Ich werde deine Frage
beantworten, denn Gehorsamkeit ist die beste Verehrung der Heiligen.
  Der Tod will nicht denjenigen töten, der weder rāga-dve«a (Anziehung und
Abneigung) noch falsche Ideen oder mentale Gewohnheiten besitzt. Der Tod
will nicht denjenigen töten, der nicht an mentaler Verwirrung leidet, der
keine Wünsche und Hoffnungen unterhält, die Anlass zu Sorgen und Ängsten
geben, der nicht von der Gier vergiftet ist, dessen Körper und Gemüt nicht
vom Feuer des Zorns und des Hasses brennen, der nicht von der Lust aufge-
wühlt ist, der fest im reinen Gewahrsein des Brahman verankert ist und des-
sen Gemüt nicht wie ein Affe umherspringt.
  Oh Weiser, all diese Übel suchen denjenigen nicht, dessen Herz den Zustand
äußerster Ruhe und Gleichmuts erreicht hat. Auch die Krankheiten von Kör-
per und Gemüt betreffen ihn nicht länger. Sein Gewahrsein vermindert oder
vermehrt sich nicht, weder im Tiefschlaf noch im Wachzustand. Er, dessen
Gemüt und Herz im höchsten Frieden verankert sind, wird von den blindma-
chenden Übeln, wie sie aus Lust und Hass entstehen, nicht berührt. Er sucht
nicht, noch weist er zurück, weder gibt er auf, noch sammelt er an, obwohl er
beständig mit angemessener Handlung befasst ist. Keine einzige der bösen
Mächte befällt ihn. Zu ihm kommen auf natürliche Weise nur Freude, Glück
und alle segenbringenden Eigenschaften.
  Daher, oh Weiser, sollte man fest im unvergänglichen und ewigen Selbst
verankert sein, welches frei von Finsternis und von allem Suchen ist. Man
sollte das Gespenst der Dualität oder Getrenntheit erschlagen und das Herz
an die eine Wahrheit heften, die als einzige am Anfang, in der Mitte und am
Ende wohltuend ist.
  Weder in der Gesellschaft der Götter und Dämonen noch der himmlischen
Künstler oder Maiden kann dauerhafte Freude gefunden werden. Weder im
Himmel, auf der Erde noch in der Unterwelt kann man das ewigliche Gute
finden – nirgendwo in dieser Schöpfung ist dies möglich. Sämtliche Aktivitä-
ten sind mit physischer und mentaler Gebrechlichkeit und vielen Formen des
Leids durchsetzt – das ewigliche Gute ist in ihnen nicht vorhanden. Dieses
ewigliche Gute ist in überhaupt keiner Aktivität der Sinne zu finden, denn
deren Erfahrungen haben einen Anfang und ein Ende.


                                    379
Weder die Herrschaft über die ganze Welt noch die Erlangung der Form ei-
          nes Gottes, weder das Studium der Schriften noch Betätigung in der Gesell-
          schaft, weder das Anhören noch das Rezitieren von Geschichten, weder die
          Langlebigkeit noch der Tod, weder der Himmel noch die Hölle ist vergleich-
          bar mit dem Gemüt eines Heiligen.
            BHUŚU×ÖA fuhr fort:
VI.1:24      Der beste aller Zustände, oh Weiser, ist in der Tat die Vision des einen un-
          endlichen Bewusstseins. Sogar die Kontemplation des Selbst, welches unend-
          liches Bewusstsein ist, bannt die Kümmernisse, beendet den langlebigen
          Traum der Welterscheinung, reinigt Gemüt und Herz und vertreibt Ängste
          und Missgeschick. Diese Kontemplation des Selbst ist frei von Gedankenwel-
          len. Es ist leicht für jemanden wie dich – es ist schwierig für jemanden wie
          mich.
             Jedoch verfügt diese Kontemplation des Selbst sozusagen über Gesinnungs-
          freunde, die dieser Art der Kontemplation sehr nahe kommen, und zu ihnen
          gehört die Kontemplation der Lebenskräfte oder von prāïa, die jemanden
          dazu befähigt, Sorge zu überwinden und Glück zu fördern. Diese Kontempla-
          tion habe ich mir zu Eigen gemacht.
              Diese Art der Kontemplation von prāïa hat mir Langlebigkeit und auch
          Selbsterkenntnis gebracht. Ich werde sie dir nun beschreiben.
             Hoher Herr – betrachte diesen erfreulichen Körper, der von drei Säulen
          (den drei Körpern oder den drei nādīs?) getragen wird, mit neun Toren aus-
          gestattet ist und vom Ich-Sinn beschützt wird, der acht Gemahlinnen
          (purya«Âaka) sowie verschiedene Verwandte (die Wurzelelemente) besitzt.
            Eingeschlossen in der Mitte dieses Körpers sind die subtilen īda und
          piÇgalā. Es gibt drei lotos-gleiche Räder. Diese Räder bestehen aus Knochen
          und Fleisch. Wenn der vitale Wind diese Räder befeuchtet, dann beginnen die
          Blumenblätter oder Umkreise dieser lotos-gleichen Räder zu vibrieren. Die
          vitalen Winde erweitern sich aufgrund ihrer Ausdehnung noch weiter. Auf-
          grund dessen beginnen diese nādīs unterhalb und oberhalb zu strahlen. Die
          Weisen nennen diese vitalen Winde entsprechend ihrer unterschiedlichen
          Funktionen mit verschiedenen Namen wie prāïa, apāna, samāna usw. Die
          Funktionen leiten ihre Energien wiederum vom zentralen psychischen Herz-
          zentrum her, das der Herzlotos ist.
            Die Energie, die im Herzlotos vibriert, wird prāïa genannt. Mit ihrer Hilfe
          sieht das Auge, die Haut fühlt, der Mund spricht, die Nahrung wird durch sie
          verdaut. Sie führt die verschiedenen Funktionen des Körpers aus. Sie hat zwei
          verschiedene Rollen, eine ober- und eine unterhalb, und wird dementspre-
          chend als prāïa bzw. apāïa bezeichnet. Ich binihnen ergeben, die frei von
          Ermüdung sind, die wie die Sonne und der Mond im Herzen scheinen, die wie
          die Karrenräder des Gemüts sind, welches der Wächter der Stadt genannt der
          Körper ist, und die die bevorzugten Pferde des Königs sind, den man den Ich-



                                               380
Sinn nennt. Da ich ihnen so ergeben bin, lebe ich wie im Tiefschlaf – für im-
mer in gleichförmigem Bewusstsein.
  Wer prāïa und apāïa verehrt, wird in dieser Welt nicht wiedergeboren und
ist frei von aller Bindung.
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
  Prāïa befindet sich ständig in Bewegung, innerhalb und außerhalb des           VI.1:25

Körpers. Prāïa ist der vitale Wind, der sich im oberen Teil aufhält, während
apāïa auf ähnliche Weise beständig im Innern und außerhalb des Körpers in
Bewegung ist, jedoch im unteren Teil wohnt. Bitte höre dir die Erläuterung
zur Praxis der Verlängerung oder Kontrolle dieser Lebenskraft an, die die
Wohlfahrt desjenigen fördert, der wachend oder schlafend ist.
  Das Ausströmen des im Herzlotos zentralisierten vitalen Windes, welches
von selbst und ohne Bemühung vonstatten geht, wird als recaka oder Ausat-
men bezeichnet. Der Kontakt mit der Quelle der prāïischen Kraft, die zwölf
Finger breit weiter unten ist, wird als pÆraka oder Einatmen bezeichnet.
  Wenn apāïa aufhört, sich zu bewegen und prāïa nicht aufsteigt und sich
außerhalb des Herzens begibt (und bevor dies zu geschehen beginnt), wird es
kumbhaka (die Einbehaltung wie bei einem gefüllten Topf) genannt. Man
sagt, es gäbe drei Punkte für recaka, kumbhaka und pÆraka, nämlich 1) au-
ßerhalb (der Nase), 2) unterhalb des Ortes, den man dvādaśānta nennt
(oberhalb oder vor der Stirn in einem Bereich, der zwölf Finger breit ist), 3)
die Quelle des prāïa (Herzlotos).
  (Hinweis: Dvādaśānta bezeichnet eine Art magnetisches Feld um den Kör-
per herum von zwölf Fingerbreiten. Dieses magnetische Feld besteht eben-
falls aus prāïa-apāna).
  Bitte lausche stets auf die natürliche und mühelose Bewegung der Lebens-
kraft. Die Bewegung der vitalen Winde zwölf Finger breit vom Körper ent-
fernt stellt recaka dar. Der Zustand, in dem die apāna-Kraft im dvādaśānta
verbleibt wie der unfertige Topf im Töpferlehm, wird als externes kumbhaka
bezeichnet.
  Wenn die nach außen strömenden Winde sich bis zur Nasenspitze bewegt
haben, wird dies als recaka bezeichnet. Bewegen sie sich dagegen in der
Breite von dvādaśānta, dann nennt man sie externes recaka. Hat die äußere
Bewegung von prāïa von selbst aufgehört und ist apāna noch nicht aufgestie-
gen, dann nennt man dieses externes recaka. Wenn dann jedoch apāna nach
innen strömt, ohne dass innerhalb prāïa aufsteigt, dann nennt man dies
internes kumbhaka. Sobald apāna in dvādaśānta aufsteigt und eine äußere
Erweiterung erfährt, wird es als externes pÆraka bezeichnet. Wer diese
kumbhakas kennt, wird nicht wieder geboren.
  Ob man geht, steht, wacht oder schläft – durch die genannten Praktiken
werden diese vitalen Winde, die von Natur aus ruhelos sind, gezügelt. Dann
ist derjenige, der diese kumbhakas kennt, nicht mehr der Täter seiner Hand-


                                    381
lungen, ob er nun etwas tut oder isst. Er erlangt in nur wenigen Tagen den
höchsten Zustand. Wer diese kumbhakas praktiziert, wird nicht mehr von
externen Objekten angezogen. Diejenigen, die mit dieser Sichtweise ausge-
stattet sind – seien sie nun bewegt oder unbewegt (aktiv oder inaktiv) – be-
finden sich nicht länger in Bindung. Sie haben erlangt, was als einziges wert
ist zu erlangen.
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
  Wenn durch die Hingabe an die Praxis von prāïa und apāna die Unreinhei-
ten des eigenen Herzens und Gemüts vernichtet sind, dann ist man frei von
der Täuschung, erlangt inneres Erwachen und ruht im eigenen Selbst auch
dann, wenn man äußerlich den Tätigkeiten nachgeht, so wie sie auf einen
zukommen.
  Hoher Herr, prāïa entsteht im Lotos des Herzens und endet in einer Distanz
von zwölf Fingerbreiten außerhalb des Körpers. Apāna taucht im dvādaśānta
(zwölf Fingerbreiten außerhalb des Körpers) auf und endet im Herzenslotos.
Apāna entsteht, wo prāïa endet. Prāïa ist wie die Flamme – es steigt auf und
hinaus. Apāna ist wie Wasser und fließt hinab in Richtung des Herzlotos.
  Apāna ist der Mond, der den Körper von außen beschützt. Prāïa ist wie die
Sonne oder das Feuer und fördert die innere Wohlfahrt des Körpers. Prāïa
erzeugt in jedem Moment das Feuer im Herzensraum und nach der Erzeu-
gung dieser Hitze die Hitze vor dem Gesicht. Apāna, das der Mond ist, nährt
erst den Raum vor dem Gesicht und dann den Raum im Herzen.
  Wenn jemand fähig ist, den Punkt zu erreichen, wo apāna sich mit prāïa
vereinigt, dann gibt es für ihn kein Leid mehr und keine Wiedergeburt.
  Tatsächlich ist es nur prāïa, das eine Modifikation erfährt und als apāna
auftritt, nachdem es seine sengende Hitze aufgegeben hat. Und dann gewinnt
dasselbe prāïa, nachdem es die Kühle des Mondes abgelegt hat, seine Natur
als das reinigende Feuer der Sonne. Der Weise ergründet die Natur von prāïa
so lange, wie dieses nicht seine solare Natur aufgegeben hat, um die lunare
anzunehmen. Wer die Wahrheit bezüglich des Auf- und Untergangs von Son-
ne und Mond in seinem eigenen Herzen kennt, wird nicht wiedergeboren.
Wer den höchsten Herrn, die Sonne, im eigenen Herzen sieht, sieht die Wahr-
heit.
  Um Vollkommenheit zu erlangen, muss man nicht die äußere Dunkelheit
am Kommen und Gehen hindern, sondern man muss die Dunkelheit der Un-
wissenheit im Herzen zerstören. Wenn die externe Dunkelheit vergangen ist,
taucht die Welt auf, aber wenn die Dunkelheit der Unwissenheit im Herzen
vertrieben ist, taucht die Selbsterkenntnis auf. Daher sollte man danach stre-
ben, prāïa und apāna zu beobachten, weil das Erkennen von diesen beiden
die Befreiung gewährt.
  Apāna endet im Herzen dort, wo prāïa entsteht. Wo prāïa geboren wird,
dort stirbt apāna, und wo apāna geboren wird, dort hört prāïa auf. Wenn



                                    382
prāïa sich nicht mehr bewegt und apāna aufzusteigen beginnt, dann erfährt
man externes kumbhaka. Einer, der hierin gefestigt ist, erfährt kein Leid mehr.
Hat apāna aufgehört, sich zu bewegen, um prāïa aufsteigen zu lassen, dann
erfährt man inneres kumbhaka. Wer darin gefestigt ist, erfährt ebenfalls kein
Leid mehr.
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
  Wer kumbhaka (Zurückhaltung des Atems) praktiziert, nachdem er das
prāïa auf eine Entfernung von mehr als zwölf Fingerbreiten vom Körper
entfernt, also am Entstehungspunkt von apāna, ausgeatmet hat, ist nicht
länger dem Kummer unterworfen. Oder wenn man in sich selbst sehen kann,
wo sich das Einatmen in den Impuls zum Ausatmen verwandelt –dann wird
man nicht wiedergeboren. Wer zu sehen vermag, wo apāna und prāïa ihre
Bewegungen beenden und stetig in diesem Zustand des Friedens verbleibt, ist
ebenfalls nicht länger dem Kummer unterworfen.
  Wer kühn und entschlossen den exakten Moment und den Punkt beobach-
tet, an dem das prāïa vom apāna verzehrt wird, wird nie wieder trauern.
Oder wer kühn und entschlossen den exakten Moment und den Punkt beo-
bachtet, an dem das apāna vom prāïa verzehrt wird, dessen Gemüt wird
nicht wieder aufsteigen. Nimm daher diesen Punkt und diesen Moment wahr,
an dem prāïa von apāna und apāna vonprāïa außerhalb und innerhalb des
Körpers verzehrt wird,. Denn in dem genauen Moment, in dem das prāïa
aufhört, sich zu bewegen und apāna mit der Bewegung noch nicht begonnen
hat, dort taucht ein kumbhaka auf, das mühelos ist. Die Weisen erachten dies
als einen sehr bedeutsamen Zustand. Sobald es die mühelose Zurückhaltung
des Atems gibt, ist der höchste Zustand erreicht. Dies ist das Selbst, dies ist
reines, unendliches Bewusstsein. Wer dies erlangt, gerät nicht mehr ins
Elend.
  Ich kontempliere dieses unendliche Bewusstsein, welches die innewohnen-
de Präsenz im prāïa ist, jedoch weder prāïa noch etwas anderes ist. Ich
kontempliere dieses unendliche Bewusstsein, welches die innewohnende
Präsenz im apāna ist, aber weder apāna noch etwas anderes als apāna ist. Das
was IST, nachdem prāïa und apāna zu sein aufgehört haben, und welches sich
in der Mitte zwischen prāïa und apāna befindet –dieses unendliche Bewusst-
sein kontempliere ich. Ich kontempliere dieses unendliche Bewusstsein,
welches das prāïa des prāïa ist, welches das Leben des Lebens ist, welches
allein verantwortlich für die Erhaltung des Körpers ist, welches das Gemüt
des Gemüts ist, welches die Intelligenz im Intellekt ist und die Realität im Ich-
Sinn. Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein, in dem alle Dinge sind, aus
dem sie kommen, welches alles und überall ist, und welches alles in allem
und ewiglich ist, welches das Reinerhaltende von allem und dessen Vision der
größte Gewinn ist. Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein, in welchem
prāïa aufhört, sich zu bewegen und apāna nicht aufsteigt, und welches vor
(oder an der Wurzel) der Nase weilt. Ich verneige mich vor diesem Bewusst-



                                      383
sein, welches die Quelle von prāïa und apāna ist, welches die Energie in
          prāïa und apāna ist und die Sinnestätigkeit ermöglicht. Ich verneige mich vor
          diesem Bewusstsein, welches in der Tat die Essenz der internen und externen
          kumbhakas und das einzige Ziel der Kontemplation von prāïa ist, die Tätig-
          keit von prāïa bewirkt und die Ursache sämtlicher Ursachen ist. Ich nehme
          meine Zuflucht in diesem Höchsten Wesen.
            BHUŚU×ÖA fuhr fort:
VI.1:26      Durch die regelmäßige und systematische Praxis des prāïāyāma wie ich es
          beschrieben habe, habe ich den Zustand der Reinheit erlangt und werde auch
          nicht vom Beben des Berges Meru (oder des Nordpoles) beunruhigt. Dieser
          Zustand des samādhi oder des vollkommenen Gleichmuts geht nie verloren,
          ob ich nun gehe oder stehe, wache, schlafe oder träume. Mit meiner Schau,
          die sich dem Selbst zuwendet, ruhe ich im Selbst und bin im Selbst in allen
          Lebensumständen, was auch immer in der Welt oder in der Umgebung statt-
          finden mag. So habe ich seit der Zeit der letzten kosmischen Auflösung gelebt.
             Ich kontempliere weder die Vergangenheit noch die Zukunft – mein Ge-
          wahrsein richtet sich direkt und stetig nur auf die Gegenwart. Ich tue, was ich
          in der Gegenwart zu tun habe, ohne dabei an Ergebnisse zu denken. Ohne
          mich um Dinge wie Sein oder Nicht-Sein, wünschenswert oder nicht wün-
          schenswert zu kümmern, verbleibe ich im Selbst. Daher bin ich immer glück-
          lich, gesund und frei von der Verwirrtheit.
             Mein Zustand ist die Frucht der Kontemplation des Moments der Vereini-
          gung von prāïa und apāna (nämlich wenn das Selbst enthüllt wird). Ich un-
          terhalte keine müßigen Ideen wie „Ich habe dies oder jenes erreicht und
          sollte auch noch dieses erreichen“ usw. Ich preise oder tadle niemanden
          (weder mich selbst noch andere) oder irgendetwas zu irgendeinem Zeit-
          punkt. Mein Gemüt frohlockt weder, wenn es Begehrenswertes erlangt, noch
          ist es betrübt, wenn es Übles erfährt – mein Zustand ist daher jederzeit glück-
          lich und gesund. Ich huldige der höchsten Entsagung und habe sogar dem
          Wunsch zu leben entsagt. Aufgrund dessen unterhält mein Gemüt keinerlei
          Verlangen und ist friedvoll und ausgeglichen. Ich erkenne das eine gemein-
          same Sein in allen Dingen (in einem Stück Holz, in einer schönen Frau, in
          einem Berg, einem Grashalm und in Feuer und Raum) und bin nicht beunru-
          higt von Gedanken wie „Was soll ich nun tun?“ oder „Was wird morgen sein?“
          Ich kümmere mich weder um Gedanken an Alter oder Tod oder an das Ver-
          langen nach Glück, noch betrachte ich etwas als „mein“ oder „nicht mein“. Ich
          weiß, dass alles zu jeder Zeit und überall immer nur das eine kosmische
          Bewusstsein ist. Darin bestehen die Geheimnisse meines Zustandes von
          Glücklichsein und Gesundheit. Ich denke nicht an Dinge wie „Ich bin der
          Körper“, auch dann nicht, wenn ich mit physischer Tätigkeit befasst bin, denn
          ich weiß, dass diese Welterscheinung illusorisch ist. Ich lebe in ihr wie im
          Tiefschlafzustand. Weder fühle ich mich vom Erfolg noch von den Widrigkei-
          ten, wie sie mir gerade entgegenkommen, berührt, da ich sie mit gleicher
          Sichtweise betrachte (so wie ich meine beiden Arme als Arme anschaue). Was


                                               384
immer ich tue, ist unbefleckt von Wünschen oder vom Schlamm des Ich-
Sinns. Daher verliere ich nicht den Kopf, wenn ich mächtig bin und gehe nicht
betteln, wenn ich arm bin. Ich erlaube nicht, dass Hoffnungen oder Erwartun-
gen mich antasten, und ich betrachte jedes Ding, auch wenn es alt und schä-
big ist, mit frischem Blick so, als wäre es gänzlich neu und unverbraucht. Ich
freue mich mit den Fröhlichen und trauere mit den Bekümmerten, denn ich
bin der Freund von allen. Ich weiß, dass ich niemandem gehöre und niemand
zu mir gehört. Ich weiß, dass ich selbst die ganze Welt, alle Tätigkeiten darin
und die ihr innewohnende Intelligenz bin. Darin besteht das Geheimnis mei-
ner Langlebigkeit.
  VASIåèHA sprach:
  Daraufhin sprach ich zu BhuÓuï¬a: „Deine Lebensbeschreibung ist in der          VI.1:27,
                                                                                     28
Tat wunderbar, oh Hoher Herr. Gesegnet sind alle, die dich zu sehen vermö-
gen. Du bist selbst wie ein zweiter Schöpfer. Personen wie du sind sehr selten.
In deiner Gegenwart habe ich wahrhaftig großes Verdienst angesammelt.
Mögest du auf immer gesegnet sein! Gib mir nun bitte die Erlaubnis zu ge-
hen.“
  Oh Rāma, nachdem BhuÓuï¬a dies gehört hatte, verehrte er mich und be-
gleitete mich trotz meiner Einwände ein Stück des Weges, wobei er zum
Zeichen der Freundschaft meine Hand fest in der seinen hielt. Schließlich
trennten wir uns, und die Trennung von Freunden ist immer ein schweres
Ereignis. All dies geschah im vorherigen Zeitalter (Krta), während wir nun im
Tretā-Zeitalter weilen.
  Dies war die Geschichte von BhuÓuï¬a, oh Rāma – praktiziere auch du den
von BhuÓuï¬a beschriebenen prāïāyāma und strebe danach, so wie er zu
leben.
  RùMA fragte: Hoher Herr, das von dir ausgehende Licht hat die dichte Fins-
ternis um uns alle vertrieben. Wir sind nun spirituell erwacht, hocherfreut
durch deine Worte und ruhen in unserem eigenen Selbst; wir sind sozusagen
zu deinem Abbild geworden, indem wir erkannt haben, was als einziges es zu
erkennen gibt.
  In der inspirierenden Geschichte von BhuÓuï¬a, die du uns erzählt hast,
hast du einen Körper mit drei Säulen und neun Toren usw. erwähnt. Bitte
teile mir mit, wie dieser entstanden ist, wie er fortbesteht und wer darin
wohnt?
  VASIåèHA sprach:
  Oh Rāma, dieses als der Körper bekannte Haus wurde tatsächlich von nie-
mandem erbaut! Er ist nichts als eine Erscheinung wie die zwei Monde, die
von fehlsichtigen Personen gesehen werden. Der Mond ist nur einer – die
Zweiheit ist eine optische Täuschung. Der Körper wird nur dann als existent
erfahren, wenn die Idee eines physischen Körpers im Gemüt vorherrscht; er
ist unwirklich. Da er jedoch zu existieren scheint, sobald die Vorstellung von
ihm auftaucht, wird er als real und irreal angesehen. Träume sind während


                                     385
des Traumzustandes real und zu anderen Zeiten irreal; Wellen im Ozean sind
real, sobald sie als existierend wahrgenommen werden und zu anderen Zei-
ten inexistent. Ebenso ist der Körper real, sobald er als eine reale Gegeben-
heit erfahren wird. Er ist nichts als eine illusorische Erscheinung, die als real
erfahren wird.
  Die Idee von „ich bin dieser Körper“ taucht in Bezug zu dem auf, was in
Wirklichkeit nur ein Stück Fleisch und Knochen usw. ist und nur aufgrund
einer mentalen Disposition erscheint. Sie ist eine Illusion – gib sie auf. Es gibt
tausende von weiteren Körpern, die nur durch deine Gedankenkraft ins Le-
ben gerufen worden sind. Wenn du schläfst und träumst, erfährst du in die-
sem Zustand einen Körper. Wo entsteht er oder wo existiert er? In Tagträu-
men fantasierst du, im Himmel zu sein usw. – wo ist dieser Körper? Sobald all
dies aufgehört hat, befasst du dich mit verschiedenen Tätigkeiten und spielst
die unterschiedlichsten Rollen – wo befindet sich dann der Körper, mit dem
du alle diese Dinge tust? Wenn du dich selbstvergessen und hingegeben mit
deinen Freunden vergnügst und dich ihrer Gesellschaft erfreust – wo befindet
sich dann dieser Körper? Daher, oh Rāma, sind die Körper nur die Produkte
des Gemüts – sie werden daher als gleichzeitig real und irreal betrachtet. Ihr
Verhalten wird vom Gemüt festgelegt; sie sind nicht verschieden vom Gemüt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  „Dies ist Wohlstand“, „dies ist der Körper“ und „dies ist eine Nation“ – all
dieses sind nur Ideen, oh Rāma, und die Manifestationen der Energie des
Gemüts – sie sind tatsächlich illusorisch. Erkenne, dass es sich hierbei um
einen langdauernden Traum, eine ununterbrochene Halluzination, reines
Tagträumen oder Wunschdenken handelt. Sobald du durch die Gnade Gottes
oder des Selbst das innere Erwachen erfahren hast, wirst du all dies ganz klar
sehen. Die Existenz einer von dir oder dem Gemüt unabhängigen Welt ist
nichts als ein Taschenspielertrick des Gemüts; es ist nur das Sehen einer
Vorstellung als ob es eine Substanz sei.
  Ich habe erwähnt, dass ich aus dem Gemüt des Schöpfers geboren worden
bin – auf dieselbe Weise entsteht die Welt aus dem Gemüt in der Form einer
Idee. Tatsächlich ist sogar der Schöpfer nichts anderes als eine Idee im kos-
mischen Verstand. Ebenso ist auch die Welterscheinung nur eine solche Idee
des Gemüts. Diese Ideen erlangen ihre Kraft im Gemüt durch wiederholtes
Auftreten im Gewand scheinbarer Wahrheit. So treten sie wieder und wieder
auf und erzeugen die Illusion der Welterscheinung.
  Wenn ein Mensch entschlossen nach der Quelle dieser Ideen sucht, erkennt
er das Bewusstsein. Andernfalls erfährt er wieder und wieder diese illusori-
sche Welterscheinung. Durch die kontinuierliche Unterhaltung von Ideen wie
„dies ist das“, „dies ist mein“ und „dies ist meine Welt“ usw. erlangen diese die
Festigkeit einer realen Substanz. Auch die scheinbare Dauerhaftigkeit der
Welt ist nur eine Illusion, denn im Traumzustand wird ein sehr kurzer Mo-
ment vom Träumer als ein ganzes Leben erfahren. In einer Luftspiegelung
wird nur das eingebildete „Wasser“ wahrgenommen, nicht aber die Grundla-


                                      386
ge der Täuschung. Auf dieselbe Weise sieht man im Zustand der Unwissenheit
nur diese illusorische Welterscheinung, jedoch nicht deren Grundlage. Hat
man jedoch diese Unwissenheit abgelegt, dann schwindet die illusorische
Wahrnehmung. So wie ein ängstlicher Mensch sich nicht vor einem eingebil-
deten Tiger fürchtet, so fürchtet sich der Weise, der diese Welt nur als eine
Idee oder Einbildung erkennt, vor nichts und niemandem. Wenn man weiß,
dass die Welt nur die Erscheinung des eigenen Selbst ist – vor was sollte man
sich dann fürchten? Sobald die eigene Sichtweise durch Ergründung gereinigt
ist, schwindet das eigene getäuschte Verständnis dieser Welt.
  Durch klare Wahrnehmung und klares Verständnis wird die eigene Natur
gereinigt und fortan nicht wieder unrein. Worin besteht dieses rechte Ver-
ständnis? Es besteht in der Erkenntnis, dass diese Welt nichts als eine Wider-
spiegelung (und daher eine Erscheinung) des reinen Bewusstseins ist und
somit weder real noch irreal. Geburt, Tod, Himmel, Erkenntnis und Unwis-
senheit sind alles Widerspiegelungen von Bewusstsein. Ich, du, die zehn
Himmelsrichtungen und all dies sind Bewusstsein – darin besteht das rechte
Verständnis. Sobald es das rechte Verständnis gibt, taucht das Gemüt nicht
länger auf und unter, sondern es erlangt den höchsten Frieden. Es ergeht sich
nicht länger in Lob und Tadel, in Frohlocken und Niedergeschlagenheit, son-
dern bleibt stets kühl und ruht in der Wahrheit.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Wenn man erkannt hat, dass der Tod für alle unvermeidlich ist, warum soll-
te man dann über den Tod von Verwandten oder das Nahen des eigenen En-
des trauern? Wenn man erkennt, dass jedermann einmal in guten und dann
wieder in schlechten Umständen ist – weshalb sollte man jubeln oder ver-
drossen sein? Wenn man erkennt, dass die lebendigen Wesen wie Wellen auf
dem Ozean erscheinen und vergehen – wo ist dann noch Raum für Klage?
Was wahr ist, ist auf immer wahr (was existiert, existiert auf immer), und was
irreal ist, ist auf immer irreal – wo ist da die Ursache für Kummer?
   Das „Ich“ ist nicht, war nicht, und wird auch niemals sein. Der Körper ist
aufgrund einer mysteriösen Täuschung entstanden und hat nur den Anschein
von Existenz. Worin sollte die Ursache des Kummers bestehen? Sobald das
rechte Verständnis der Wahrheit da ist, nämlich dass sogar wenn der Körper
real wäre, das „Ich“ etwas anderes und nur eine Widerspiegelung des unend-
lichen Bewusstseins ist, gibt es keinen Kummer mehr.
   Daher sollte man seine Zuversicht, seine Hoffnungen und seine Bestrebun-
gen nicht auf etwas heften, was irreal ist, denn solche Erwartungen sind eine
Fessel. Oh Rāma, lebe in dieser Welt, ohne irgendwelche Hoffnungen zu he-
gen. Was getan werden muss, muss getan werden, und was unangemessen ist,
soll aufgegeben werden. Lebe glücklich und spielerisch in dieser Welt ohne
das Wünschenswerte und das Unerwünschte zu erwägen.
   Das unendliche Bewusstsein allein existiert überall und immer. Was zu sein
scheint, ist nur eine Erscheinung. Sobald diese Erscheinung als solche er-
kannt worden ist, wird das, was IST, realisiert. Realisiere entweder: „Ich bin


                                    387
nicht, und diese Erfahrungen gehören nicht zu mir“, oder wisse: „Ich bin al-
          les“. Dann wirst du frei von der trügerischen Verführung der Welterscheinung
          sein. Beide Haltungen sind gleichermaßen gut – nimm diejenige an, die dir
          zusagt. Du wirst sodann frei von Anziehung und Abstoßung sein (rāga-dve«a).
            Alles was in der Welt ist, am Firmament oder in den Himmeln, wird nur von
          dem erreicht, der die Zwillingsmächte von Anziehung und Abstoßung über-
          wunden hat. Was auch immer der irregeführte Mensch unternehmen mag,
          der sich von diesen Kräften getrieben fühlt, führt ihn unverzüglich auf das
          Feld der Sorgen. Wer diese Mächte nicht überwunden hat, obwohl er in den
          Schriften bewandert ist, ist in der Tat gleichzeitig bedauernswert und verach-
          tenswert. Seine Gespräche bestehen aus Sätzen wie „ich wurde von jeman-
          dem betrogen“ oder „ich habe Wohlstand und Vergnügen hinter mir gelassen“.
          Wohlstand, Verwandte und Freunde kommen und gehen – weder sucht sie
          der Weise, noch gibt er sie auf. Was einen Anfang und ein Ende hat, ist der
          Aufmerksamkeit des Weisen nicht wert. In dieser Welt erzeugt jemand etwas
          (wie etwa eine Tochter), und ein anderer (wie etwa der Bräutigam) erfreut
          sich ihrer – wer wird durch so etwas getäuscht?
            Oh Rāma, für dein spirituelles Erwachen erkläre ich dir wieder und wieder,
          dass diese Welterscheinung wie ein lang andauernder Traum ist. Wach auf –
          wach auf! Gewahre das Selbst, welches wie die Sonne leuchtet. In der Tat bist
          du bereits durch all diese nektargleichen Worte erleuchtet – du hast mit Ge-
          burt und Tod, Sorge, Sünde und Illusion nichts mehr zu tun. Gib alle diese
          Ideen auf und ruhe im Selbst.
            VASIåèHA, der plötzlich verstummte, weil er gewahrte, dass Rāma voll-
VI.1:29   ständig im Selbst absorbiert war, nahm seinen Diskurs nach einer Pause und
          nach der Rückkehr Rāmas in sein normales Bewusstsein wieder auf:
            Oh Rāma, du bist gänzlich erwacht und hast Selbsterkenntnis erlangt. Ver-
          bleibe für immer in diesem erhabenen Zustand und lass dich nicht mehr in
          diese Welterscheinung hineinziehen. Dieses Rad der Welterscheinung (das
          Rad von Geburt und Tod) besitzt als seine Nabe Gedanken und Ideen. Sobald
          diese zum Stillstand gekommen sind, steht auch diese Welterscheinung still
          und hört auf. Falls jemand mit Willenskraft dieses Rad zum Stillstand bringt,
          dann dreht es sich so lange weiter, wie die durch Gedanken hervorgerufenen
          Verwirrtheiten nicht aufhören. Man sollte daher diese Nabe (die Gedanken
          und Ideen) abbremsen, indem man zuvor Zuflucht zur höchsten Form der
          Eigenbemühung nimmt, zur inneren Stärke, zur Weisheit und zum gesunden
          Menschenverstand. Was mit Hilfe dieser gebündelten Bemühung nicht er-
          reicht wird, wird auch durch keine andere Bemühung erreicht. Daher sollte
          jeglicher Hilferuf nach göttlicher Intervention, welche nur die Einbildung
          eines kindlichen Gemütes ist, abgelehnt und mit der Kraft intensiver Eigen-
          bemühung die Herrschaft über das Gemüt erlangt werden.
            Diese Welterscheinung fing mit der Gedankenkraft des Schöpfers an. Sie ist
          jedoch falsch. In ihr wandern diese Körper, geboren aus den natürlichen
          Eigenschaften der verschiedenen Elemente, umher. Folglich sollte man nie-


                                              388
mals mehr die Idee unterhalten, dass diese Körper existieren und dass Ver-
gnügen und Schmerz faktische Wirklichkeiten seien.
  Der unwissende Mensch, der zu leiden glaubt und dessen Gesicht ständig
von Tränen übergossen ist, ist schlimmer daran als ein Bildnis oder eine
Statue, denn die letzteren erleiden keinen Kummer! Die Statue ist außerdem
nicht der Krankheit und dem Tode unterworfen. Sie wird nur dann zerstört,
wenn jemand sie willentlich zerstört, während der menschliche Körper zum
Sterben verdammt ist. Wird die Statue sorgsam behandelt und beschützt,
kann sie eine sehr lange Zeit in guter Verfassung bestehen. Der menschliche
Leib jedoch, auch wenn er stets gut erhalten und beschützt wird, zerfällt von
Tag zu Tag und verliert seine gute Verfassung. Daher ist die Statue besser als
der aus Gedanken und Ideen geschaffene Körper. Wer setzt denn auf diesen
menschlichen Körper alle seine Hoffnungen?
  Der Wachkörper ist sogar noch schlechter als der geträumte Körper. Der
geträumte Körper wird durch eine kurzlebige Idee (den Traum) erzeugt und
ist folglich nicht der dauernden Sorge unterworfen. Der Wachkörper jedoch
ist das Ergebnis langlebiger Ideen und Konzepte und wird also für eine sehr
lange Zeit von den Sorgen terrorisiert. Ob man den Körper nun für real oder
irreal hält – gewiss ist, dass er das Produkt von Gedanken und Ideen ist. Da-
her braucht man diesbezüglich keinerlei Kummer zu haben.
  Bei einer zerbrochenen Statue ist kein Leben verloren, und so geht auch
beim aus Gedanken und Ideen geborenen Körper bei dessen Tod nichts verlo-
ren. Es ist wie beim Verlust des zweiten Mondes, den der von der Fehlsichtig-
keit Geheilte zuvor zu sehen glaubte. Das Selbst, welches unendliches Be-
wusstsein ist, stirbt nicht, noch wird es irgendeinem Wandel unterzogen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, für jemanden, der in einem Karussell sitzt, dreht sich die Welt in
der entgegengesetzten Richtung, und genau so denkt der Mann, der auf dem
Rad der Unwissenheit umherwirbelt, dass der Körper und die Welt sich dre-
hen. Der spirituelle Held jedoch sollte all dies zurückweisen – dieser Körper
ist nichts als das Produkt der Gedanken und Konzepte eines unwissenden
Gemüts. Die Erzeugung der Unwissenheit geschieht fälschlicherweise. Auch
wenn der Körper aktiv und alle möglichen Tätigkeiten auszuführen scheint,
ist er doch unwirklich wie die Schlange, die man sich in einem Seil liegend
einbildet, und die immer das Produkt der Fantasie bleibt. Was von einem
leblosen Objekt getan wird, wird nicht von diesem getan. Obwohl der Körper
den Anschein der Tätigkeit erweckt, tut er tatsächlich nichts.
  Der leblose Körper unterhält keinerlei Wunsch danach, Handlungen auszu-
führen, während das Selbst (welches unendliches Bewusstsein ist), ebenfalls
keine solchen Wünsche hat. Folglich gibt es in Wahrheit keinen Täter aller
Handlungen, sondern es gibt nur die beobachtende Intelligenz. So wie eine
Lampe an einem windstillen Ort spontan und auf selbstverständliche Weise
scheint, so sollte man unter allen Lebensumständen stets als das Selbst ver-
bleiben. So wie die Sonne in sich selbst ruht und ihrer eigenen, essenziellen


                                    389
Natur gemäß beständig mit den Angelegenheiten von Tag und Nacht befasst
ist, so sollst auch du in deinem eigenen Selbst ruhen und dich mit den Ange-
legenheiten des Staates befassen.
  Sobald die getäuschte Wahrnehmung, dass dieser falsche Körper eine Reali-
tät ist, auftaucht wie ein Gespenst, das von einem kleinen Jungen
herbeifantasiert wird, entsteht gleichzeitig der Kobold namens Ich-Sinn oder
Gemüt. Dieses falsche Gemüt oder Ich-Sinn beginnt dann so laut zu brüllen,
dass sogar tapfere Männer, erschreckt von diesem Gebrüll, sich unverzüglich
in tiefe Meditation zurückziehen. Derjenige, der dieses Gespenst im Körper
namens Gemüt (oder Ich-Sinn) niederwirft, wohnt ohne jede Furcht in der
Leere, die den Namen „Welt“ hat.
   Es ist seltsam, dass immer noch Menschen leben, die den vom illusorischen
Gespenst namens Gemüt erschaffenen Körper für ihr eigenes Selbst halten.
Diejenigen, die sterben, während sie sich immer noch im Griff dieses Ge-
spenstes namens Gemüt befinden, bestehen nur aus Unwissenheit! Derjenige,
der freiwillig in diesem Hause lebt und sich von ihm beschützt glaubt, wel-
ches von dem Gespenst namens Gemüt bewohnt wird, ist selbst ein Kobold
und in die Irre geführt, denn dieses Haus (der Körper) ist unbeständig und
vergänglich. Daher, oh Rāma, gib die Unterwürfigkeit dem Geist namens Ich-
Sinn gegenüber auf und ruhe im Selbst, ohne einen zweiten Gedanken an den
Ich-Sinn zu verschwenden.
  Wer sich unter dem bösen Einfluss des Gespenstes namens Ich-Sinn befin-
det, ist irregeführt und ohne Freund und ohne Verwandte. Eine Tat, die mit
einem vom Ich-Sinn durchtränkten Geist begangen wird, ist vergiftet und
führt keine andere Frucht als diejenige des Todes herbei. Der Tor, der ohne
Weisheit und Mut lebt und sich mit dem Ich-Sinn verheiratet hat, ist bereits
tot. Er ist wie das bereitliegende Feuerholz, welches in das Feuer mit dem
Namen „Hölle“ geworfen wird.
  Lass dieses Gespenst namens Ich-Sinn im Körper bleiben oder ihn verlas-
sen. Erlaube deinem Gemüt nicht einmal einen Blick darauf, oh Rāma!
  VASIåèHA fuhr fort:
  Sobald der Ich-Sinn, seiner Tarnungen beraubt, beiseitegelegt und von ei-
ner erwachten Intelligenz aufgegeben worden ist, kann er dir nicht länger
schaden. Das Selbst ist unendliches Bewusstsein. Auch wenn der Ich-Sinn im
Körper wohnt– wie kann das Selbst von ihm betroffen sein?
  Oh Rāma – es ist unmöglich, all die Nöte zu beschreiben, die jemanden be-
suchen, der unter dem Einfluss des Gemütes steht. Alle das endlose Klagen
und Weinen „oh weh! ich bin tot“ oder „Hilfe, ich verbrenne!“, die man in der
Welt vernimmt, ist nichts anderes als das Spiel des Ich-Sinns. Wie der alles-
durchdringende Raum von nichts beschmutzt wird, so wird auch das allge-
genwärtige Selbst nicht vom Ich-Sinn berührt.
  Was ein Mensch mit dem Körper tut, wird in Wahrheit vom Ich-Sinn mit Hil-
fe der Zügel von Einatmung und Ausatmung getan. Indirekt wird das Selbst


                                    390
als die Ursache von all diesem betrachtet, so wie der unendliche Raum inso-
fern verantwortlich für das Wachstum der Pflanzen gemacht werden kann,
als er die Pflanzen nicht daran hindert, in den Raum hineinzuwachsen. So wie
man eine Lampe als Ursache für die Sicht auf ein Objekt sieht, so wird das
Selbst als verantwortlich für die Tätigkeiten von Körper, Gemüt usw., die im
Lichte des Selbst stattfinden, betrachtet. Es geschieht nur aufgrund der Ener-
gie des Selbst (prāïa), die beständig vibriert und überall Erregtheit schafft,
dass das Gemüt mit dem Selbst verwechselt wird.
   Du bist das Selbst, oh Rāma, nicht das Gemüt. Was hast du mit dem Gemüt
zu tun? Gib diese Täuschung auf. Der Gemüts-Kobold, der im Körper wohnt,
hat nichts mit dem Selbst zu tun, gibt aber still und leise vor: „Ich bin das
Selbst“. Dies wird zur Ursache von Geburt und Tod. Diese Unterstellung be-
raubt dich deines Mutes und deiner Tatkraft. Gib dieses Gespenst auf, oh
Rāma, und bleibe fest. Weder die Schriften noch die Verwandten und nicht
einmal die Gurus oder Lehrer können einen Menschen beschützen, der gänz-
lich von dem Gespenst namens Gemüt beherrscht wird. Hat dagegen jemand
dieses Gespenst besiegt, dann können der Guru, die Schriften und die Ver-
wandten einem solchen Menschen leicht und einfach helfen, so wie man ein
Tier aus dem Schlamm ziehen kann. Diejenigen, die dieses Gespenst bezwun-
gen haben, sind die guten Menschen, die dieser Welt einen Dienst erweisen.
Man sollte daher sich selbst aus der Unwissenheit erheben, indem man das
Gespenst namens Ich-Sinn bezwingt. Oh Rāma –wandere nicht länger in
diesem Dschungel der weltlichen Existenz umher wie ein Tier in einem
menschlichen Körper. Schwelge nicht im Schlamm der so genannten Fami-
lienbeziehungen wegen diesem vergänglichen Körper. Der Körper wurde von
jemandem geboren, er wird vom Ich-Sinn beschützt, und Freude und Sorgen
werden in ihm wiederum von jemand anderem erfahren – all dies ist in der
Tat ein großes Mysterium.
   So wie die essenzielle Natur eines Topfes und die eines Stücks Stoff nicht
unterschiedlich ist, so ist die essenzielle Natur des Gemüts und des unendli-
chen Bewusstseins nicht unterschiedlich. In dieser Hinsicht werde ich dir nun
die Unterweisung berichten, die mir einst von Lord Śiva erteilt wurde. Die in
dieser Unterweisung enthüllte Schau wird auch noch die stärkste Täuschung
vernichten.


                                    ***



Die Beschreibung des Höchsten Herrn
 VASIåèHA fuhr fort:
  Es gibt den Berg von Lord Śiva namens Kailāsa. Ich habe dort einige Zeit
gelebt, Lord Śiva verehrt und Entsagung praktiziert. Ich war von vollkomme-


                                    391
nen Weisen umgeben, mit denen ich die Wahrheit der Schriften zu erörtern
pflegte.
  Eines Abends war ich mit der Verehrung Lord Śivas befasst. Die Atmosphä-
re um mich herum war von Frieden und Stille erfüllt. Im Wald, in dem ich
mich befand, war die Finsternis so dicht, dass man sie mit einem Schwert
hätte durchschneiden können.
  Da sah ich im Wald ein großes Licht. Mit meiner äußeren Schau sah ich die-
ses Licht, und mit meiner inneren Schau ergründete ich seine Natur. Ich sah,
dass es Lord Śiva selbst war, der Hand in Hand mit seiner Gemahlin Pārvatī
einherging. Vor ihm ging sein Reittier Nandi und machte den Weg frei für den
Höchsten Herrn. Ich machte meine um mich herum versammelten Schüler auf
die göttliche Gegenwart aufmerksam und begab mich dann zu der Stelle, an
der sich der Höchste Herr befand.
  Ich verneigte mich vor dem Höchsten Herrn und verehrte ihn. Dann blieb
ich lange in den Anblick der göttlichen Erscheinung versunken. Schließlich
sprach Lord Śiva zu mir: „Verlaufen deine Entsagungspraktiken erfolgreich
und ohne Störung? Hast du erlangen können, was wert ist zu erlangen, und
haben deine inneren Ängste aufgehört?“
  Als Antwort sprach ich zum Höchsten Herrn: „Allerhöchster Herr, diejeni-
gen, die sich so glücklich nennen können, dir ergeben zu sein, finden nirgends
Schwierigkeiten und erleben keine Furcht. Jeder in der Welt grüßt sie und
wirft sich ihnen zu Füßen, die dir hingegeben sind und immer deiner geden-
ken. Nur Orte, wo Menschen leben, die Dir allein und mit ganzem Herzen
ergeben sind, verdienen es, als Länder, Städte, Himmelsrichtungen und Berge
bezeichnet zu werden. Deiner zu gedenken ist die Frucht der in vergangenen
Geburten erworbenen Verdienste und ist auch die Gewähr für noch mehr
Segen in der Zukunft. Das beständige Gedenken Deiner, oh Höchster Herr, ist
wie ein Gefäß, gefüllt mit Nektar und ist die immer offenstehende Tür zur
Befreiung. Höchster Herr, indem ich das kostbare und strahlende Juwel Dei-
nes immerwährenden Gedenkens besitze, habe ich alles Elend, das mich
zukünftig in Bedrängnis versetzen könnte, unter die Füße getreten.
  „Höchster Herr, obwohl ich durch Deine Gnade den Zustand der Selbsterfül-
lung erlangt habe, möchte ich über etwas Bestimmtes noch mehr wissen.
Bitte erleuchte michWorin besteht die Verehrung des Höchsten Herrn, die alle
Sünden zerstört und sämtliche segenbringenden Eigenschaften fördert?“
  DER HÖCHSTE HERR sprach:
  Weißt du, wer „Gott“ ist? Gott ist nicht Vi«ïu, Śiva oder Brahmā, nicht der
Wind, die Sonne oder der Mond, nicht der Brahmāne oder der König, nicht Ich
oder du, weder Lak«mī noch das Gemüt. Gott ist ohne Form und ungeteilt (er
ist nicht in den Objekten). Er ist dieser Glanz und die Pracht (devanam), die
weder erzeugt wurden noch einen Anfang oder ein Ende habent. Dies ist es,
was man Gott (deva) oder Lord Śiva nennt, und es ist reines Bewusstsein..
Dies allein sollte verehrt werden – dies allein ist alles.


                                    392
Falls jemand nicht in der Lage ist, diesen Śiva zu verehren, dann soll er sei-
          ne Form verehren. Das letztere erzielt vergängliche Früchte, während das
          erstere unendlichen Segen bringt. Wer das Unendliche ignoriert und sich dem
          Endlichen ergibt, verlässt freiwillig einen Lustgarten und begibt sich in ein
          Dornengestrüpp. Und doch verehren manchmal auch die Weisen auf spieleri-
          sche Weise die Form.
             Nun zu den in der Verehrung verwendeten Dingen: Weisheit, Selbstkontrol-
          le und die Wahrnehmung des Selbst in allen Wesen gehören zum Besten, was
          dargebracht werden kann. Das Selbst allein ist Lord Śiva und sollte immer mit
          den Blumen der Weisheit verehrt werden.
             (Ich fragte als nächstes den Höchsten Herrn: „Bitte teile mir mit, wie diese
          Welt in reines Bewusstsein verwandelt wird und wie das reine Bewusstsein
          als der jīva und all die anderen Dinge erscheint.“ Der HÖCHSTE HERR fuhr
          fort:)
             In der Tat ist es cid-ākāśa (das unendliche Bewusstsein) allein, das als ein-
          ziges nach der kosmischen Auflösung noch existiert, jetzt als einziges existiert
          und gänzlich frei von aller Objektivität ist. Die Konzepte und Ideen, die vom
          Bewusstsein erleuchtet werden, erstrahlen innerhalb von diesem selbst als
          diese Schöpfung, und zwar aufgrund der Energiebewegungen innerhalb des
          Bewusstseins. Dies geschieht genau auf dieselbe Art und Weise, wie Träume
          im Schlaf auftauchen. Es ist völlig unmöglich, dass ein Objekt der Wahrneh-
          mung außerhalb des allgegenwärtigen, unendlichen Bewusstseins existiert.
             Alle diese Berge, diese gesamte Welt, das Firmament, das Selbst, der jīva
          oder die Persönlichkeit und alle Elemente dieses Universums, aus denen die
          Welt besteht – all dies ist nichts anderes als reines Bewusstsein. Bevor die
          sogenannte Schöpfung existiert und es nur dieses reine Bewusstsein gab – wo
          war da all dies (der Himmel usw.)? Raum (ākāśa), höchster oder unendlicher
          Raum (paramākāśam), absoluter Raum (brahmākāśam), die Schöpfung, das
          Bewusstsein – all dies sind nur Worte, die auf dasselbe verweisen, wie Syno-
          nyme dies tun. So wie die im Traum erfahrene Dualität illusorisch ist, so ist
          die in der Schöpfung der Welt beinhaltete Dualität illusorisch. So wie die
          Traumobjekte in der inneren Welt des Bewusstseins zu existieren und zu
          funktionieren scheinen, so scheinen die Objekte in der äußeren Welt des
          Wachzustandes zu existieren und zu funktionieren. In beiden Zuständen
          geschieht tatsächlich nicht das Geringste. So wie das Bewusstsein als einziges
          die Wirklichkeit des Traumzustandes ist, so ist Bewusstsein allein die Wirk-
          lichkeit des Wachzustandes. Das ist der Höchste Herr, das ist die Allerhöchste
          Wahrheit, das bist du, das bin Ich und das ist alles.
             Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
VI.1:30      Die Verehrung dieses Höchsten Herrn ist die wahre Verehrung – durch die-
          se Verehrung erlangt man alles. Er ist ungeteilt und unteilbar, non-dual und
          nicht durch Tätigkeit gebildet oder erschaffen. Er wird nicht durch äußere
          Bemühungen erlangt. Seine Verehrung ist die Urquelle der Freude.



                                                393
Die äußerliche Verehrung einer Form wird nur für diejenigen vorgeschrie-
ben, deren innere Intelligenz noch nicht erwacht ist und die noch unreif wie
kleine Jungen sind. Wer keine Selbstbeherrschung usw. erlangt hat, benutzt
für seine Verehrung Blumen usw. – eine solche Verehrung ist nutzlos, wie
auch die Verehrung des Selbst in einer äußeren Form nutzlos ist. Und doch
gewinnen solche Anhänger Befriedigung aus der Hingabe an ein von ihnen
selbst geschaffenes Objekt; vielleicht ziehen sie aus dieser Art der Verehrung
sogar irgendwelche wertlose Belohnungen.
  Ich werde dir nun die Form der Verehrung beschreiben, die für erleuchtete
Menschen wie dich angemessen ist. Der Höchste Herr, der allein der Vereh-
rung wert ist, erhält die gesamte Schöpfung am Leben und ist jenseits von
Gedanken oder Beschreibungen und sogar jenseits von Konzepten des „Alles“
und der „allumfassenden Totalität“. Allein er wird als „Gott“ bezeichnet, der
durch Zeit und Raum ungeteilt und auch unteilbar ist, dessen Licht die Objek-
te erleuchtet, und der reines und absolutes Bewusstsein ist. Er ist die Intelli-
genz, die jenseits all ihrer Aufteilungen ist, die in allem was ist, verborgen
liegt, welche das Sein in allem Seienden ist und alles, was existiert, ihres Seins
beraubt (d.h. die die Wahrheit verschleiert). Dieses Brahman ist in der Mitte
von Sein und Nicht-Sein, es ist Gott, und es ist die Wahrheit, die man mit „OM“
bezeichnet. Es existiert überall wie die Essenz in der Pflanze. Dieses reine
Bewusstsein, welches in dir, in mir und in sämtlichen Göttern und Göttinnen
lebt, ist Gott. Oh Heiliger – sogar die mit einer Gestalt ausgestatteten Götter
sind doch nichts anderes als dieses reine Bewusstsein. Das gesamte Univer-
sum ist nichts als reines Bewusstsein. Das ist Gott, das „alles“ bin ich, von ihm
und durch ihn wird alles erlangt.
  Dieser Gott ist weder fern von dir, oh Heiliger, noch schwierig zu erlangen –
für immer ist er im Körper, und er ist überall wie unendlicher Raum. Er tut
alles – er isst, er hält alles zusammen, er schreitet, er atmet, er kennt jedes
Glied des Körpers. Er ist das Licht, in dem alle diese Glieder ihre verschiede-
nen Funktionen ausführen und tätig sind. Er ist es, der im innersten des Her-
zens lebt. Er transzendiert die Sinne und die fünf Organe der Wahrnehmung –
deshalb kann er von diesen nicht verstanden und nicht beschrieben werden,
und doch wird für den Zweck der Unterweisung auf ihn als „Bewusstsein“
hingedeutet. Obwohl er alles zu tun scheint, tut er doch in Wahrheit über-
haupt nichts. Dieses Bewusstsein ist rein und auf dieselbe Weise mit den
Aktivitäten der Welt befasst, wie der Frühling die Blüten der Bäume hervor-
bringt.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
  Irgendwo funktioniert dieses Bewusstsein als Raum, dann wiederum als
der jīva, irgendwo als Tätigkeit, wiederum woanders als Substanz usw., ohne
jedoch die Absicht dazu zu haben. So wie die „verschiedenen“ Ozeane nur
eine einzige, unteilbare Masse Wasser sind, so ist dieses Bewusstsein, obwohl
auf vielfältige Weisen beschrieben, nichts als eine einzige, kosmische Masse
von Bewusstsein. Im Körper, der wie ein Lotos ist, saugt das gleiche Bewusst-


                                      394
sein durch das ruhelose Gemüt Erfahrungen auf, wie Bienen den Honig ein-
sammeln. Im Universum treiben alle diese verschiedenen Lebewesen ( Götter,
Dämonen, Berge, Ozeane usw.) in diesem unendlichen Bewusstsein umher, so
wie Wirbel und Strudel im Ozean auftauchen. Sogar das Rad der Unwissen-
heit, welches das Rad von Geburt und Tod in beständiger Bewegung hält,
dreht sich in diesem kosmischen Bewusstsein, dessen Energie sich in dau-
erndem Fluss befindet.
  Es war das Bewusstsein in der Gestalt des vierarmigen Vi«ïu, welches die
Dämonen vernichtete; so wie ein Gewittersturm, bewaffnet mit dem Regen-
bogen, die Hitze löscht, die von der Erde aufsteigt. Es ist das Bewusstsein
allein, welches die Gestalt von Śiva und Pārvatī, von Brahmā dem Schöpfer
und den zahllosen anderen Wesen annimmt. Dieses Bewusstsein ist wie ein
Spiegel, der innerhalb von sich selbst sozusagen eine Reflektion wahrnimmt,
ohne irgendeine Modifikation zu erleiden. Ohne Modifikationen in sich selbst
zu erfahren, erscheint dieses Bewusstsein als all diese zahllosen Wesen in
diesem Universum.
  Das unendliche Bewusstsein ist wie ein Kriechgewächs – es ist übersät mit
all den latenten Neigungen der zahllosen jīvas. Die Knospen dieses Gewäch-
ses sind die Wünsche. Die vergangenen Schöpfungen sind die Fasern. Die
fühlenden und nicht fühlenden Lebewesen sind Teile des Kriechgewächses.
Das Eine erscheint als viele, wurde aber in Wahrheit niemals zu vielen.
  Es geschieht durch dieses unendliche Bewusstsein, dass all dies gedacht,
zum Ausdruck gebracht und erledigt wird. Es ist das unendliche Bewusstsein
allein, welches als die Sonne erstrahlt. Es ist das unendliche Bewusstsein,
welches als die Körper auftaucht, die in Wirklichkeit leblos sind und mitei-
nander mit Hilfe dieses Bewusstseins in Kontakt treten und aus diesem Kon-
takt ihre verschiedenen Erfahrungen gewinnen. Dieses Bewusstsein ist wie
ein Taifun, der selbst unsichtbar ist, aber in welchem Sand und Staub aufstei-
gen und wie von selbst zu tanzen beginnen. Dieses Bewusstsein wirft sozusa-
gen einen Schatten auf sich selbst, was dann als tamas oder Fühllosigkeit
empfunden wird.
  In diesem Körper erzeugen die Gedanken und Ideen Tätigkeiten im Licht
eben dieses Bewusstseins. Ohne dieses Bewusstsein kann kein Objekt, auch
wenn es sich direkt vor einem befindet, erfahren werden. Ohne dieses Be-
wusstsein kann der Körper weder arbeiten noch existieren. Er isst, wächst
und verfällt. Dieses Bewusstsein erschafft und erhält sämtliche beweglichen
und unbeweglichen Wesen im Universum. Das unendliche Bewusstsein allein
existiert – und nichts anderes.. Es ist nur Bewusstsein, das im Bewusstsein
auftaucht.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Daraufhin fragte ich den Höchsten Herrn: „Wenn dieses Bewusstsein also
allgegenwärtig ist, wie konnte es dann in dieser Welt zu etwas Leblosem und




                                    395
Fühllosem werden? Wie ist es möglich, dass einer, der mit Bewusstsein ge-
segnet ist, dieses Bewusstsein wieder verliert?“
  Der HÖCHSTE HERR spendete dieser Frage seinen Beifall und erwiderte:
  Das allgegenwärtige Bewusstsein, welches alles in allem ist, existiert im
Körper gleichzeitig als das Wandelbare und das Unwandelbare und Unverän-
derliche. So wie eine Frau träumt, sie sei eine andere Frau mit einem anderen
Gemahl, so hält dasselbe Bewusstsein sich selbst für etwas anderes. So wie
ein Mann sich unter dem Einfluss von unkontrollierter Wut völlig anders
benimmt, so erwirbt das Bewusstsein plötzlich andere Eigenschaften und
Funktionen. Stufenweise wird es dann leblos und fühllos.
  Bewusstsein wird zu seinem eigenen Objekt; es erzeugt Raum und dann die
Luft, und danach deren Eigenschaften. Gleichzeitig bringt es in sich selbst Zeit
und Raum hervor und wird dann zum jīva mit dem individualisierten, endli-
chen Intellekt und Gemüt. Daraus tauchen dann die zyklische Welterschei-
nung und die Ideen von „ich bin ein Unberührbarer“ usw. auf. Das unendliche
Bewusstsein wird sodann selbst anscheinend leblos und gefühllos, so wie
Wasser zu einem Kristall wird. Anschließend entsteht dann das getäuschte
Gemüt, das Wünsche unterhält, das Opfer von Lust und Zorn wird, Wohlstand
und Unglück erfährt, Schmerzen und Vergnügen erleidet, sich an Hoffnungen
klammert, entsetzliche Qualen erduldet und mit Vorlieben und Abneigungen
erfüllt ist, die die Täuschung weiter am Leben erhalten. Gänzlich in die Irre
geführt, wandert es von Irrtum zu Irrtum, von Unwissenheit in immer größe-
re Unwissenheit.
  In der Kindheit hängt dieses getäuschte Bewusstsein gänzlich von den Er-
wachsenen ab. In der Jugend rennt es dem Wohlstand hinterher und ist von
Ängsten und Sorge erfüllt. Im Alter versinkt es im Kummer, Und im Tode wird
es von seinem eigenen karma geführt. In Übereinstimmung mit diesem karma
wird es dann im Himmel oder in der Hölle, in den Unterwelten oder auf der
Erde als Mensch, als Tier oder als unbeseeltes Wesen wiedergeboren. Dassel-
be Bewusstsein erscheint als Vi«ïu, Śiva, Brahmā und andere. Es ist dasselbe
Bewusstsein, welches als die Sonne, der Mond, der Wind und die Faktoren
wirkt, welche die Veränderung der Jahreszeiten und von Tag und Nacht ver-
ursachen. Es ist dasselbe Bewusstsein, welches die Lebenskraft in den Samen
und die Beschaffenheit aller materiellen Substanzen hervorruft. Dieses Be-
wusstsein, welches durch die Selbstbegrenzung konditioniert ist, fürchtet
sich sogar vor sich selbst! Das ist die Wahrheit betreffend das jīva-
Bewusstsein. Es ist auch als karma-ātmā bekannt (d.h. das Selbst, welches im
Rad von Aktion und Reaktion gefangen ist).
  Sei der Macht der Unwissenheit und der Unbeseeltheit gewahr! Durch blo-
ßes Vergessen seiner eigenen, wahren Natur ist das Bewusstsein großen
Nöten und Sorgen ausgesetzt und erlebt einen erbärmlichen Sturz.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
                                                                                   VI.1:31




                                     396
Das Bewusstsein denkt (empfindet oder stellt sich vor) fälschlicherweise
„ich bin unglücklich“ –gleich wie ein Geisteskranker denkt, dass er elend ist.
So wie aufgrund von verzerrtem Verständnis jemand laut weint und klagt:
„Oh weh, ich bin tot!“, obwohl er nicht tot ist, oder wie jemand, der nicht
verloren ist, schreit: „Hilfe, ich bin verloren!“ – so stellt sich das Bewusstsein
fälschlicherweise sein eigenes Elend und seine Begrenztheit vor. Einbildun-
gen dieser Art sind unsinnig und unbegründet. Aufgrund der falschen Ideen-
bildung des Ich-Sinns hält das Bewusstsein die Welterscheinung für real. Es
ist einzig das Gemüt, welches die Wurzelursache des Erfahrens ist und die
Welt für etwas Reales hält. Tatsächlich kann dies jedoch nicht als eine Ursa-
che betrachtet werden, da das Gemüt nichts anderes als reines Bewusstsein
sein kann. Sobald folglich erkannt wird, dass das wahrnehmende Gemüt
selbst irreal ist, muss natürlich auch die von ihm wahrgenommene Welt irreal
sein.
  So wie es in einem Felsen kein Öl gibt, so existiert im reinen Bewusstsein
nicht die Teilung in Seher, Sehen und Gesehenes, in Täter, Tun und Tat oder
Kenner, Kennen und Gekanntes. Ähnlich dazu ist die Unterscheidung zwi-
schen „ich“ und „du“ reine Einbildung. Alle Unterscheidung zwischen dem
Einen und dem Vielen ist rein verbal. All dies existiert überhaupt nicht –
ebenso wenig, wie die Finsternis nicht in der Sonne existieren kann. Gegen-
sätze wie Substanz und Nicht-Substanz, Leere und Nicht-Leere sind reine
Konzepte. Im Zuge der Selbst-Ergründung verschwinden sie alle – nur reines
Bewusstsein verbleibt.
  Bewusstsein wird in Wirklichkeit weder einem Wandel unterzogen noch
wird es unrein. Diese Unreinheit selbst ist nur eingebildet – es ist diese Ein-
bildung selbst, die die Unreinheit ist. Sobald dies realisiert wird, wird die
Einbildung fallen gelassen und die vermeintliche Unreinheit hört auf. Jedoch
kann selbst noch in denjenigen, die dies realisiert haben, erneut Unreinheit
auftauchen; dies geschieht so lange, wie diese Einbildung nicht entschlossen
zurückgewiesen wird. Mit Hilfe der Eigenbemühung kann dies leicht erreicht
werden –wenn man einen Strohhalm fallenlassen kann, dann kann man mit
derselben Leichtigkeit die drei Welten fallenlassen! Was könnte denn nicht
durch Eigenbemühung erreicht werden?
  Dieses unendliche Bewusstsein, welches unverändert und nicht-dual ist,
kann mit Hilfe des einen selbstleuchtenden inneren Lichtes erkannt werden.
Es ist rein und ewiglich, es ist allgegenwärtig und frei vom Gemüt, es ist unve-
ränderbar und unbefleckt, es ist in allen Objekten. Es ist in der Tat das unbe-
wegliche Bewusstsein, welches wie ein Zeuge von allem existiert, so wie ein
Licht leuchtet, aber das Leuchten nicht sein Tun ist. Obwohl es rein ist, er-
scheint das Bewusstsein als befleckt; in der trägen Materie ist es die nicht-
träge Energie. Es ist allgegenwärtig, ohne dabei durch die Partikel, die das
Weltall konstituieren, aufgeteilt zu werden.
  Dieses unendliche Bewusstsein, welches ohne alle Konzepte und extrem
subtil ist, kennt sich selbst. In seiner Selbst-Vergessenheit unterhält dieses


                                      397
Bewusstsein dann Gedanken und macht Erfahrungen, obwohl all dieses nur
aufgrund seiner wahren Natur als unendliches Bewusstsein möglich ist – so
wie jemand, der schläft, gleichzeitig im Innern wach ist!
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
  Durch Identifikation mit seinen eigenen Objekten scheint sich das Bewusst-
sein selbst auf den Zustand des Denkens oder Besorgtseins zu reduzieren, so
wie unreines Gold wie Kupfer aussieht, solange es noch nicht gereinigt ist und
als Gold glänzt. Durch Selbstvergessenheit seitens des unendlichen Bewusst-
seins entsteht das Konzept des Universums, welches wiederum als irreal
erkannt wird, sobald es Selbsterkenntnis gibt.
  Sobald Bewusstsein sich in sich selbst seiner selbst bewusst wird, taucht
der Ich-Sinn auf. Nur ein kleiner Anstoß ist erforderlich, und dieser Ich-Sinn
(der in Wahrheit nichts anderes als Bewusstsein ist) stürzt zu Boden, so wie
ein Felsen den Berghang hinabstürzt. Und selbst dann ist es Bewusstsein
allein, das die Wirklichkeit in allen Formen und in allen Erfahrungen ist. Die
Bewegungen der vitalen Winde lassen eine innere Schau und ein anscheinend
im Außen befindliches Objekt entstehen. Aber auch das Erfahren der Schau
(des Sehvorgangs) ist nichts als das reine (höchste) Bewusstsein! Die an-
scheinend unbeseelten vitalen Winde, die das Berührungsempfinden hervor-
rufen, kommen mit ihrem Objekt in Kontakt, und daraufhin entsteht das
Empfinden von Berührung. Jedoch auch das Gewahrsein der Berührungsemp-
findung ist nichts als reines Bewusstsein. Auf dieselbe Weise ist es der vitale
Wind (prāïa), der die Nase zum Riechen der Gerüche befähigt, die wiederum
Modifikationen derselben Energie sind, während das Gewahrsein des Ge-
ruchs reines Bewusstsein ist. Wäre das Gemüt nicht mit dem Gehörsinn ver-
bunden, wäre Hören nicht möglich. Alles dies ist nichts als reines Bewusst-
sein – darin besteht die Erfahrung des Hörens.
  Die Handlungen entspringen dem Denken, das Denken ist die Funktion des
Gemüts, das Gemüt ist konditioniertes Bewusstsein, aber Bewusstsein selbst
ist unkonditioniert! Das Universum ist nur eine Widerspiegelung im Be-
wusstsein (wie die in einer Kristallkugel widerspiegelte Umgebung), wäh-
rend Bewusstsein selbst nicht durch die Widerspiegelung konditioniert wird.
Der jīva ist das Vehikel des Bewusstseins, der Ich-Sinn das Vehikel des jīva,
die Intelligenz das des Ich-Sinns, das Gemüt das der Intelligenz, das prāïa das
des Gemüts, die Sinne das des prāïa, der Körper das der Sinne, und die Be-
wegung ist das Vehikel des Körpers. Diese Bewegung ist das karma. Da das
prāïa das Vehikel des Gemüts ist, geht das Gemüt dahin, wohin es das prāïa
führt. Wird das Gemüt jedoch in das spirituelle Herz eingetaucht, dann be-
wegt sich das prāïa nicht mehr. Und wenn sich das prāïa nicht bewegt, dann
erlangt das Gemüt den Zustand der Stillheit. Wohin das prāïa geht, dahin
folgt ihm das Gemüt – so wie der Reisende seinem Fahrzeug folgt.
  Die Widerspiegelung des Bewusstseins innerhalb von sich selbst wird
purya«Âaka genannt. Nur das Gemüt ist purya«Âaka, obwohl manche Leute es



                                     398
ausgiebig und weitgehender beschrieben haben (nämlich zusammengesetzt
aus den fünf Elementen, dem inneren Organ [Gemüt, buddhi, Ich-Sinn und
citta], prāïa, den Tätigkeitsorganen, den Sinnen, der Unwissenheit, dem
Wunsch und karma oder der Tätigkeit). Genannt wird dies auch das liÇga-
śarīra, der subtile Körper. Da all dies im Bewusstseinerscheint, darin existiert
und sich darin wieder auflöst, ist Bewusstsein allein die zugrundeliegende
Realität.
  Der HÖCHSTE HERR sprach:
                                                                                   VI.1:32
  Ausser dem Gemüt und prāïa ist der Körper eine leblose Masse. So wie sich
ein kleines Stück Eisen in der Nähe eines Magneten bewegt, so bewegt sich
der jīva in der Gegenwart des Bewusstseins, welches unendlich und allge-
genwärtig ist. Der Körper ist leblos und abhängig – es ist das Bewusstsein,
welches ihn funktionieren lässt und sich dabei für etwas Ähnliches wie die
vitalen Winde (prāïa) hält. Daher ist es das karma-Selbst oder das aktive
Selbst (karmātmā), welches den Körper in Bewegung versetzt. Es ist jedoch
das höchste Selbst, welches Gemüt und prāïaals die Beweger des Lebens im
Körper bestimmt hat. Es ist das Bewusstsein selbst, welches die
Unbeseeltheit mimt und das Gemüt als jīva steuert.
  Sobald diese Begrenzung einmal vorhanden und wirksam ist, folgen weitere
Konsequenzen, zu denen beispielsweise die physischen und mentalen Krank-
heiten gehören! Es ist wie bei den Wellen, die auf der Oberfläche des Meeres
erscheinen und dann weitere Wellen und Strudel entstehen lassen. Das Be-
wusstsein als jīva wird abhängig, da es die Selbsterkenntnis als Bewusstsein
aufgegeben hat. Unter einem dichten Schleier der Unwissenheit sein Unwe-
sen treibend, ist es närrischerweise unfähig, den Schaden zu ermessen, den
es über sich selbst bringt – so wie ein Trunkenbold mit einem Schwert her-
umfuchtelt und dabei das eigene Bein verwundet. Jedoch wie der Trunken-
bold bald wieder nüchtern werden kann, so kann auch das Bewusstsein
schon bald die Selbsterkenntnis zurückgewinnen.
  Sobald das Gemüt seiner Stützen beraubt ist, bleibt es allein im Selbst zu-
rück. Sobald purya«Âaka (der subtile Körper) ohne all seine Stützen ist, er-
langt es den Zustand der Stillheit und fällt bewegungslos. Wenn das Bewusst-
sein aufgrund der Objektifizierung irregeführt wird, werden die latenten
psychologischen Tendenzen aktiv. Indem sich das Bewusstsein mit diesen
identifiziert, vergisst es seine eigene, essenzielle Natur.
  Wenn sich der Lotos des Herzens entfaltet, beginnt das purya«Âaka zu arbei-
ten – faltet sich dieser Lotos wieder zusammen, dann hört das purya«Âaka auf
zu arbeiten. Solange das purya«Âaka im Körper arbeitet, lebt der Körper; hört
es zu arbeiten auf, dann stirbt der Körper. Dieses Aufhören kann auch durch
einen gewissen inneren Konflikt zwischen den Unreinheiten und dem inne-
ren Erwachen verursacht sein. Sobald das eigene Herz nur von reinen
vāsanās oder Neigungen erfüllt ist, hören alle Konflikte auf, und es gibt da
Harmonie, Befreiung und Langlebigkeit. Wenn das purya«Âaka andererseits



                                     399
zu arbeiten aufhört, dann stirbt der physische Körper. Der subtile Leib sucht
sich nun in Übereinstimmung mit seinen verborgenen vāsanās einen anderen
Körper. Aufgrund dieser vāsanās versucht das purya«Âaka gewaltsam neue
Verbindungen mit dem neuen subtilen Körper zu schaffen und vergisst dabei
seine Natur als reines Bewusstsein. Da Bewusstsein jedoch unendlich und
allgegenwärtig ist, wandert das Gemüt, welches das purya«Âaka steuert, über-
all frei umher. So werden dann vom jīva die Körper angenommen und wieder
aufgegeben wie die Bäume neue Triebe sprießen lassen und alte abstoßen.
Weise Menschen halten sich mit diesen Wandelerscheinungen nicht auf.
  Als Erwiderung auf Vasi«Âhas Fragen: (a) Wie erscheint im unendlichen
                                                                                    VI.1:33
Bewusstsein die Dualität und (b) wie kann diese Dualität, die in Äonen der
Bestätigung gewachsen ist, aufhören, fährt der HÖCHSTE HERR wie folgt fort:
  Da das allgegenwärtige, unendliche Bewusstsein allein und immer gegen-
wärtig ist, ist die Vielfalt (Dualität) widersinnig und als solche unmöglich. Das
Konzept des Einen taucht auf, sobald das Konzept der Zwei auftaucht und
umgekehrt – wenn die Vielfalt als aus Bewusstsein bestehend erkannt wird,
dann ist die Vielfalt auch nur das und nichts anderes! In ihrer Essenz sind
Ursache und Wirkung ein und dasselbe. Diese Essenz ist unteilbar. Bewusst-
sein als sein eigenes Objekt ist stets nur Bewusstsein – die Vorstellungen von
Modifikationen darin sind nur nichtige Ideen (zu sagen: Es gibt Wellen AUF
der Oberfläche des Ozeans, ist dasselbe wie zu sagen: „Berge aus Wasser
schwimmen auf der Oberfläche des Ozeans“. Sind denn die Wellen außerhalb
des Ozeans?). Nur Bewusstsein allein ist „dies“, „das“, und „in der Mitte“ (d.h.,
der Faktor, der die Modifikation wahrnimmt). Es ist das eine unendliche
Bewusstsein, welches verschiedentlich als Brahman, Wahrheit, Gott, Śiva,
Leere, Eines und Höchstes Selbst bezeichnet wird.
  Was jenseits all dieser Formen und Zustände des Bewusstseins ist, was das
Höchste Selbst ist, was durch das reine „Ich“ bezeichnet wird – dies kann
durch Worte nicht beschrieben werden. Das, was hier wahrgenommen wird,
ist in sich selbst unteilbar. Wenn dieses Bewusstsein sich selbst mit einer
zweiten Schau ausstattet, dann nimmt es Dualität wahr. Gebunden wird es
durch seine eigene, aus Unwissenheit entstandene Einbildung. Diese Einbil-
dung lässt wiederum die Substantialität von allem entstehen, und die Erfah-
rung der Objekte scheint dann die Realität dieser Objekte zu bestätigen. An-
schließend erlangt der Ich-Sinn seine scheinbare Gültigkeit und ist festge-
gründet, indem er die Rolle des Täters aller Handlungen und des Erfahrenden
aller Erfahrungen übernimmt. Was also zu Anfang ein zufälliges Zusammen-
treffen war, wird sehr schnell zu einer anscheinend feststehenden Tatsache.
  Der Glaube an einen Kobold erschafft ihn. Der Glaube an die Dualität (Viel-
falt) erschafft sie. Sobald das nicht-duale Sein erkannt wird, verschwindet die
Dualität. Der Glaube (oder die Einbildung) lässt die Vielfalt entstehen – wird
dieser Glaube aufgegeben, dann verschwindet auch die Vielfalt. Denken, Ein-
bildung und Glauben lassen den Kummer entstehen – diese Art des Denkens
aufzugeben ist nicht schmerzhaft sein! Es ist das ständige Unterhalten all


                                      400
dieser Gedanken und Glaubensvorstellungen, das den Kummer erzeugt – all
          dieses gelangt an sein Ende, wenn diese Gedanken und Glaubensvorstellun-
          gen aufgegeben werden. Wo liegt da die Schwierigkeit ? Sämtliche Gedanken
          und Glaubensvorstellungen führen zum Leiden, während das Nicht-Denken
          und der Nicht-Glaube reine Seligkeit bedeuten. Mit dem Feuer der Weisheit
          lass deshalb die Wasser deiner Glaubensvorstellungen sich in Dampf auflö-
          sen, und erlange Frieden und höchsten Segen. Gewahre das eine unendliche
          Bewusstsein.
             Nur so lange der König die Tatsache vergisst: „Ich bin der König“, lebt er im
          Elend. Sobald er diese Erkenntnis wiedererlangt, schwindet diese Sorge. So
          wie der Himmel nach der Regenzeit und am Anfang des Winters keine Wol-
          ken mehr bilden kann, um sich zu verhüllen, so sind die Wolken der Unwis-
          senheit für immer gebannt, wenn das unendliche Bewusstsein realisiert wird.
             Der HÖCHSTE HERR sprach:
VI.1:34      Das Universum existiert sowohl wirklich als auch unwirklich. Das Göttliche,
          frei von aller Dualität, vereinigt, transzendiert und ist beides. Das manifeste
          Bewusstsein ist das Universum und das unmanifestierte Bewusstsein ist
          Bewusstsein. Durch die Idee „Ich bin dies“ wird das Bewusstsein gebunden;
          durch seine Selbsterkenntnis wird es befreit. Die Objektifizierung (oder Kon-
          zeptualisierung) führt zur Selbst-Vergessenheit. Und doch ist das Bewusst-
          sein sogar im Zustand der Vielfalt und Aktivität stets ungeteilt. Denn es ist
          immer nur das höchste, friedvolle Brahman, welches sich durch die Instru-
          mente des Gemüts und seiner drei Modi (sātva, rajas und tamas oder Wachen,
          Träumen und Schlafen) als Universum zu manifestieren scheint.
             Wird jedoch das Gemüt durch das Gemüt zerstört, dann ist der Schleier zer-
          rissen und die Wahrheit des Welt-Theaters wird gesehen – die Idee der Welt-
          erscheinung und der Existenz eines jīva ist vernichtet. Das Gemüt wird dann
          klar, denn es gibt das beständige Wiederbeleben all seiner Ideen einer objek-
          tiven Existenz von Dingen auf. Dieser Zustand wird als „paśyanti“ bezeichnet.
          In diesem Zustand hat das rein gewordene Gemüt seine Neigung aufgegeben,
          die Bilder von Objekten heraufzubeschwören. Es erlangt einen Zustand wie
          im Tiefschlaf oder das Bewusstsein der Gleichförmigkeit und transzendiert
          die Möglichkeit einer Wiedergeburt. Es ruht im höchsten Frieden. Dies ist der
          erste Zustand.
             Nun höre dir die Beschreibung des zweiten Zustandes an. Bewusstsein oh-
          ne Gemüt ist all-erleuchtet, ohne Finsternis und schön wie Raum. Das unend-
          liche Bewusstsein befreit sich selbst gänzlich von allen Modifikationen oder
          Dualität und verbleibt wie im Tiefschlaf oder wie eine Figur in einem unbe-
          hauenen Marmorblock. Es gibt alle Vorstellungen von Zeit und Raum auf und
          transzendiert Unbeseeltheit und Beseeltheit – es verbleibt als reines Sein
          jenseits jeder Ausdrucksmöglichkeit. Es transzendiert die drei Zustände des
          Bewusstseins und verbleibt als der vierte oder als der Zustand des ungeteil-
          ten unendlichen Bewusstseins.



                                               401
Nun höre die Beschreibung des dritten Zustands. Dieser befindet sich sogar
noch jenseits von Begriffen wie „Brahman“, „das Selbst“ usw. Manchmal nennt
man ihn turīya-atīta (jenseits des vierten oder turiya-Zustandes). Er ist der
höchste und letztgültige. Er widersetzt sich jeder Beschreibung, denn er
befindet sich jenseits der Praktiken, die von denjenigen, die sieunternehmen,
beschrieben werden.
  Oh Weiser – verbleibe für immer in diesem dritten Zustand. Dieser stellt die
wahre Verehrung des Höchsten Herrn dar. Dann wirst du in dem verankert
sein, was sich jenseits von dem befindet, was ist und nicht ist. Nichts wurde
erschaffen, und es gibt nichts, was jemals verschwinden könnte. Dieser Zu-
stand ist jenseits des Einen und der Zwei. Er ist das Ewige, aber jenseits des
Ewigen und Vergänglichen - er ist eine einzige, reine Masse von Bewusstsein.
Es gibt darin keine Frage der Vielfalt. Er ist das Alles, er ist erhabenes
Gesegnetsein und Frieden, er befindet sich jenseits jeder Ausdrucksmöglich-
keit. Es ist das reine OM. Es ist transzendent. Es ist das Höchste.
  (VùLMýKI sprach: „Nachdem er so gesprochen hatte, verblieb Lord Śiva für
einige Zeit in stiller und tiefer Kontemplation.“)

                                     ***




Deva PÆjā

  Nachdem er einige Zeit in sich selbst vertieft blieb, öffnete der HÖCHSTE
                                                                                 VI.1:35
HERR die Augen und fuhr fort:
  Oh Weiser, gib die Gewohnheit auf, mit deinem Verstand Objekte wahrzu-
nehmen. Diejenigen, die Dieses (das Selbst) realisiert haben, haben gesehen
was wert ist, gesehen zu werden. Was gäbe es darüber hinaus noch zu sehen
oder nicht zu sehen? Gewahre das Selbst. Sei ein Schwert, welches trennt, was
als Frieden und Ruhelosigkeit betrachtet wird. Oder schenke mir noch einen
kleinen Teil deiner nach außen gerichteten Aufmerksamkeit, denn durch
bloßes Ruhigbleiben wird nichts gewonnen!
  Dieser Körper wird durch die Lebenskraft oder prāïa am Leben erhalten
und in Tätigkeit versetzt. Die Energie, die den Körper bewegt, ist prāïa. Die
Intelligenz, die durch alles ihre Erfahrungen macht, ist Bewusstsein. Dieses
Bewusstsein ist formlos und reiner als der Himmel. Wenn die Beziehung
zwischen der Lebenskraft und dem Körper aufgehoben wird, wird nur die
Lebenskraft vom Körper getrennt. Das Bewusstsein, welches reiner als Raum
ist, verdirbt nicht.




                                    402
Ein reiner Spiegel reflektiert das, was sich vor ihm befindet. Aber die Spie-
          gelung wird nicht gesehen, wenn der Spiegel mit Staub bedeckt ist. Auf die-
          selbe Weise spiegelt die Intelligenz die Objekte nicht mehr, sobald das prāïa
          den Körper verlassen hat, obwohl dieser noch sichtbar ist.
            Das Bewusstsein ist zwar unendlich und allgegenwärtig, aber es ist fähig,
          der Bewegungen von Gemüt und Körper gewahr zu werden. Sobald dieser
          Defekt der Objektivierung (Konzeptualisierung) beseitigt ist, scheint es als
          das höchste Sein. Es selbst ist der Schöpfer Brahmā, Vi«ïu, Śiva, Indra, die
          Sonne, der Mond und der höchste Herr. Manche dieser Gottheiten wie etwa
          Brahmā, Vi«ïu und Śiva, lassen sich von der kosmischen Illusion nicht täu-
          schen. Sie sind Teile des unendlichen Bewusstseins – sie teilen seine wahre
          Natur so, wie rotglühendes Eisen die Natur des Feuers teilt. Jedoch wurde in
          Wirklichkeit keiner von diesen vom unendlichen Bewusstsein erschaffen, und
          keiner existiert getrennt von diesem. Sie sind nichts als bloße Ideen – einige
          Vorstellungen sind dichter, solider als andere. Es ist unmöglich, das Ausmaß
          der Ideen zu beschreiben, die in der Unwissenheit aufgestiegen sind.
            Man könnte sagen, dass das höchste Sein (das unendliche Bewusstsein) der
          Vater von Brahmā, Vi«ïu, Śiva und all den anderen ist. Es ist dies aber nur
          eine Redensart. Nur dieses unendliche Bewusstsein soll verehrt und bewun-
          dert werden. Es ist jedoch sinnlos, es zum Zweck der Verehrung herbeizuru-
          fen; Mantras sind ohne Nutzen für seine Anbetung denn es ist unmittelbar
          (das eigene Selbst und näher als das nächste). Es muss nicht eingeladen wer-
          den. Es ist das allgegenwärtige Selbst von allem. Die Verwirklichung dieses
          unendlichen Bewusstseins allein (welche gänzlich mühelos ist) ist die beste
          Form der Verehrung.
            Der HÖCHSTE HERR sprach:
VI.1:36
            Man sagt daher, dass Lord Rudra die reine, spontane Selbsterfahrung und
          das in allen Substanzen wohnende eine Bewusstsein ist. Es ist der Same aller
          Samen, die Essenz dieser Welterscheinung, die größte aller Taten. Es ist die
          Ursache aller Ursachen und die Essenz in allen Wesen, obwohl es tatsächlich
          weder etwas tut, noch den Gedanken des Seins enthält und daher nicht be-
          griffen werden kann. Es ist das Gewahrsein in allem, was fühlend ist; es kennt
          sich selbst als sein eigenes Objekt. Es ist sein eigenes höchstes Objekt und der
          unendlichen Vielfalt in sich selbst gewahr.
            Es ist das Bewusstsein in allen Erfahrungen, aber rein und unkonditioniert.
          Es ist die absolute Wahrheit und daher nicht die Wahrheit in Form eines
          Konzeptes. Es wird durch die Definitionen von Wahrheit oder Falschheit nicht
          begrenzt. Es ist in Wirklichkeit das Ende der höchsten Wahrheit oder die
          uranfängliche Wirklichkeit. Es ist reines, absolutes Bewusstsein und nichts
          anderes.
            Und doch wird es durch Wünsche oder den Hang nach Vergnügen ver-
          fälscht. Es wird selbst der Erfahrende des Vergnügens, die Erfahrung des
          Vergnügens und die dadurch verursachte Unreinheit oder Befleckung. Ob-



                                               403
gleich es wie der Himmel ist, unkonditioniert und ungeteilt, wird es schnell
begrenzt und konditioniert. In diesem unendlichen Bewusstsein hat es schon
Millionen von Spiegelungen gegeben, die man Welterscheinung nennt, und es
wird auch ferner Millionen weiterer Spiegelungen geben, die man Welter-
scheinung nennt. Und doch ist niemals etwas unabhängig von diesem unend-
lichen Bewusstsein ins Sein getreten – Licht und Feuer scheinen aus dem
Feuer zu kommen, aber sie sind vom Feuer nicht unabhängig.
   Dieses unendliche Bewusstsein kann mit dem letztendlichen subatomaren
Partikel verglichen werden, das in seinem Innersten die allergrößten Berge
verbirgt. Es umfasst die Zeitspanne all der zahllosen Epochen und lässt doch
nicht eine einzige Sekunde der Zeit fallen. Es ist subtiler als die Spitze eines
einzelnen Haares und durchdringt doch das ganze Universum. Niemand hat
jemals seine Grenzen oder sein Ende gesehen.
   Es tut nichts und stattet doch das gesamte Universum mit seinen Reichtü-
mern aus. Obwohl es den gesamten Kosmos am Leben erhält, tut es nicht das          VI.1:37

Geringste. Obwohl sämtliche Substanzen nicht von ihm verschieden sind, ist
es selbst keine Substanz; obwohl es nicht-substanziell ist, durchdringt es alle
Substanzen. Der Kosmos ist sein Körper, obwohl es keinen Körper hat. Es ist
das ewige „jetzt“, aber auch das „morgen“ (der Morgen). Oft geschieht es, dass
anscheinend bedeutungslose Klänge eine Bedeutung erlangen und in der
Kommunikation mit anderen Wesen als inhaltsvoll betrachtet werden – auf
dieselbe Weise ist dieses unendliche Bewusstsein und ist doch nicht. Es ist
sogar das, was es nicht ist. Alle diese Aussagen darüber, was ist und nicht ist,
gründen auf der Logik, während das unendliche Bewusstsein selbst jenseits
von Wahrheit und jenseits von Logik ist. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
   Dieses unendliche Bewusstsein lässt den Keimling mit Hilfe von Erde, Was-
ser, Zeit usw. sprießen und zu Nahrung werden . Es lässt die Blumen erblühen
und ermöglicht der Nase, die verschiedenen Düfte zu riechen. Auf dieselbe
Weise ist es fähig, die Substanzen der Welt wie auch die dazugehörigen Sin-
nesorgane zu erschaffen und am Leben zu erhalten, indem es sich dazu der
Unterstützung der geeigneten Mittel bedient, die durch dasselbe Bewusstsein
ins Dasein gerufen werden. Die Energie dieses Bewusstseins ist fähig, den
gesamten Kosmos zu erschaffen und anschließend, durch bloße Erzeugung
der Idee „dies alles ist nicht“, in einen Zustand reiner Leere zu reduzieren.
   Diese scheinbare Schöpfung ist nichts als die Reflektion des Bewusstseins
innerhalb von sich selbst, welches scheinbar im Verlaufe der Zeit einen eige-
nen Körper angenommen hat. Die Trinität ist die Manifestation und auch die
kosmische Macht oder Energie, welche festgelegt : „So soll es sein, und es soll
nicht anders sein.“ Und doch hat das Bewusstsein nichts erschaffen – es ist
wie eine Lampe, die den Raum erleuchtet, in dem Handlungen stattfinden.
   VASIåèHA fragte:
 Höchster Herr, worin bestehen die Energien dieses Śiva (Bewusstseins) und
deren Kräfte und Aktivitäten?



                                     404
Der HÖCHSTE HERR erwiderte:
            Das höchste Sein ist formlos, und doch verfügt es über die folgenden fünf
          Aspekte: Wille, Raum, Zeit, Ordnung (oder Schicksal) und die kosmische,
          unmanifestierte Natur. Es verfügt über zahllose Kräfte oder Energien oder
          Potenzen. Die wichtigsten unter ihnen sind Erkenntnis, Dynamik, Tätigkeit
          und Nicht-Tätigkeit.
            All diese sind reines Bewusstsein. Weil sie die Potenzen des Bewusstseins
          genannt werden, sieht es so aus, als wären sie verschieden vom Bewusstsein,
          obwohl sie es tatsächlich nicht sind.
            Die gesamte Schöpfung ist wie eine Bühne, auf der all diese Potenzen des
          Bewusstseins zur Melodie der Zeit tanzen. Die herausragende unter diesen ist
          diejenige, die „Ordnung“ (d.h. die natürliche Ordnung der Dinge und deren
          Abfolge) heißt. Sie wird auch als Tätigkeit, Wunsch oder Wille zum Handeln,
          Zeit usw. bezeichnet. Diese Potenz legt die spezifischen Eigenschaften jedes
          Dinges fest, vom Grashalm bis zum Schöpfer Brahmā. Diese natürliche Ord-
          nung ist frei von Aufregung, jedoch nicht von ihrer Begrenztheit gereinigt –
          sie (d.h. die natürliche Ordnung) tanzt das Tanzdrama namens Welterschei-
          nung. Sie zeigt die verschiedenen Stimmungen (Leidenschaft, Zorn usw.) und
          bringt die verschiedenen Jahreszeiten und Epochen hervor und zieht sie
          wieder zurück; sie wird von himmlischer Musik und dem Tosen der Ozeane
          begleitet; ihre Bühne wird von Sonne, Mond und Sternen beleuchtet; ihre
          Schauspieler und Schauspielerinnen sind die lebendigen Wesen aller Welten
          – darin besteht dieser Tanz der natürlichen Ordnung. Der Höchste Herr, der
          das unendliche, kosmische Bewusstsein ist, ist der stille, aber wache Zeuge
          dieses kosmischen Tanzes. Er ist nicht verschieden vom Tänzer (der kosmi-
          schen, natürlichen Ordnung) und dem Tanz (den Ereignissen).
            Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
VI.1:38     So ist er, der Höchste Herr, der für die Heiligen das beständige Ziel und Ob-
          jekt der Verehrung ist. Er ist es in der Tat, der von den weisen Menschen auf
          die vielfältigste Art und Weise und in verschiedenen Formen wie beispiels-
          weise Śiva, Vi«ïu usw. verehrt wird. Höre nun, auf welche Weise er verehrt
          werden soll:
            Als erstes sollte man die Körper-Idee (d.h. die Idee: „Ich bin dieser Körper“)
          aufgeben. Nur die Meditation ist die wahre Verehrung. Folglich sollte man
          beständig durch Meditation den Höchsten Herrn der drei Welten verehren.
          Wie sollte man diese Kontemplation ausführen? Er ist reine Intelligenz, Er ist
          strahlend wie hunderttausend Sonnen, die gleichzeitig aufgehen. Er ist das
          Licht, welches alle Lichter erleuchtet, Er ist das innere Licht, der grenzenlose
          Raum ist Seine Kehle, das Firmament ist Sein Fuß, die Himmelsrichtungen
          sind Seine Arme, die Welten sind die Waffen, die Er in seinen Händen hält, das
          gesamte Universum liegt in Seinem Herzen verborgen, die Götter sind die
          Haare Seines Körpers, die kosmischen Potenzen sind die Energien in Seinem
          Körper, die Zeit ist Sein Torwächter, und Er verfügt über Tausende von Köp-
          fen, Augen, Ohren und Armen. Er berührt alles, Er schmeckt alles, Er hört


                                               405
alles, Er denkt durch alle, obgleich Er jenseits des Denkens ist. Er tut alles zu
allen Zeiten , Er gewährt das, was man denkt oder wünscht , Er wohnt in
allem, Er ist Alles, Er allein wird von allen gesucht. So sollte man über ihn
kontemplieren.
  Dieser Höchste Herr soll nicht mit materiellen Substanzen, sondern nur
vom eigenen Bewusstsein verehrt werden. Nicht durch das Schwenken von
Lichtern oder das Abbrennen von Räucherstäbchen, nicht durch Darbieten
von Blumen, Nahrung und Sandelpaste verehrt man ihn. Erlangt wird er ohne
die geringste Anstrengung – er wird nur durch Selbsterkenntnis verehrt. Dies
ist die höchste Form der Meditation, dies ist die höchste Verehrung: Das kon-
tinuierliche und ununterbrochene Gewahrsein der innewohnenden Gegen-
wart, des inneren Lichtes oder Bewusstseins. Während man tut, was immer
man tut – hören, sehen, berühren, riechen, essen, gehen, schlafen, atmen oder
sprechen – soll man stets die eigene essenzielle Natur als reines Bewusstsein
erkennen. Auf diese Weise erlangt man die Befreiung.
  Die Meditation ist Darbieten, die Meditation ist das der Gottheit dargebote-
ne Wasser zum Waschen der Hände und Füße, die durch Meditation erlangte
Selbsterkenntnis ist die Blume –tatsächlich ist für alldieses die Meditation
erforderlich. Das Selbst wird durch kein anderes Mittel als die Meditation
verwirklicht. Wenn man fähig ist, auch nur dreizehn Sekunden lang zu medi-
tieren, dann erlangt man, auch wenn man unwissend ist, das Verdienst, eine
Kuh aus Wohltätigkeit gegeben zu haben. Tut man es einhundertundeine
Sekunden lang, dann ist das Verdienst so groß wie bei der Ausführung eines
heiligen Ritus. Beträgt die Dauer zwölf Minuten, dann wird das Verdienst
vertausendfacht. Beträgt die Dauer einen Tag, dann kommt man in das höchs-
te Reich. Dies ist der allerhöchste Yoga. Dies ist das höchste kriyā (Handlung
oder Dienst).Jemand, der diese Art der Verehrung praktiziert, wird selbst von
den Göttern und Dämonen und allen anderen Wesen verehrt. Jedoch handelt
es sich hierbei noch um äußere Verehrung.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
                                                                                    VI.1:39
  Ich werde dir nun die innere Verehrung des Selbst darlegen, die die höchste
aller reinigenden Handlungen ist und welche alle Finsternis vollständig ver-
nichtet. Dies ist die ununterbrochene Meditation – ob man nun geht oder
steht, schläft oder wacht, handelt oder nicht handelt, in allen und durch alle
Handlungen.. Man sollte den Höchsten Herrn, der im Herzen wohnt und sozu-
sagen alle Modifikationen innerhalb von einem selbst hervorbringt, verehren.
Man sollte den „bodhaliÇgaæ“ (das manifeste Bewusstsein oder Selbst-
Gewahrsein) verehren, welches schläft und wacht, umhergeht oder steht,
berührt, was es an Berührbarem gibt, aufgibt, was aufzugeben ist, Vergnügen
genießt und verwirft, sich in den verschiedenen äußeren Tätigkeiten ergeht,
allen Handlungen ihren Wert verleiht und als Friede in den lebenswichtigen
Organen des Körpers verbleibt (das Wort deha-liÇgaæ im Text kann sich auch
auf die mit den psychischen Zentren des Körpers verbundenen drei „liÇgaæs“
beziehen) . Diese innere Intelligenz sollte verehrt werden mit all dem, was


                                      406
ungesucht auf einen zukommt. Nachdem man in der Selbsterkenntnis geba-
det hat, soll man sicher im Lebensstrom und seinen Erfahrungen verbleiben
und diese innere Intelligenz mit den Mitteln der Selbsterkenntnis verehren.
  Man sollte den Höchsten Herrn auf die folgende Weise verehren: Er ist das
Licht, erleuchtet von der solaren als auch der lunaren Kraft ; Er ist die Intelli-
genz, die auf ewig in sämtlichen materiellen Substanzen verborgen liegt; Er
ist das nach außen gerichtete Gewahrsein, welches durch die Alleen des Kör-
pers hin zur äußeren Welt fließt; Er ist das prāïa, welches sich im Gesicht
(Nase) bewegt; Durch Ihn werden die Kontakte der Sinne mit ihren Objekten
zu sinnvollen Erfahrungen; Er steuert die Kutsche, die aus prāïa und apāna
besteht; er wohnt im Innersten des Herzens. Er ist der Kenner des Kennbaren
und der Täter aller Handlungen, der Erfahrende aller Erfahrungen, der Den-
ker aller Gedanken. Er ist derjenige, der sämtliche Teile und Glieder des Kör-
pers gründlich kennt, der durch Sein und Nicht-Sein wahrgenommen wird
und alle Erfahrungen mit seinem Licht erleuchtet.
  Er ist ohne Teile und doch ist Er in allem; Er wohnt im Körper und ist doch
allgegenwärtig; Er genießt und genießt nicht; Er ist die Intelligenz in jedem
Glied. Er ist das Denkorgan im Gemüt. Er entsteht in der Mitte von prāïa und
apāna. Er wohnt im Herzen, in der Kehle, in der Mitte des Gaumens, zwischen
den Augenbrauen und an der Spitze der Nase. Er ist die Realität aller sech-
sunddreißig Elemente (oder metaphysischen Kategorien), Er transzendiert
die inneren Zustände, Er ruft die inneren Klänge hervor, und Er gebiert den
Vogel, den man „Gemüt“ nennt. Er ist die Wirklichkeit in allem, was als Ein-
bildung und Nicht-Einbildung bezeichnet wird. Er wohnt in allen Wesen wie
das Öl im Samen. Er wohnt im Herzenslotos und wiederum auch im gesamten
Körper. Er wird unmittelbar überall von allen gesehen, denn Er ist das reine
Erfahren in allen Erfahrungen – er vermehrt sich scheinbar, wenn Er die
Objekte der Erfahrungen wahrnimmt.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
  Man sollte darüber kontemplieren, dass der Höchste Herr die Intelligenz
des Körpers ist. Die verschiedenen Funktionen und Organe des Körpers die-
nen dieser Intelligenz so, wie Gemahlinnen ihrem Gemahl dienen. Das Gemüt
ist der Bote, der dem Höchsten Herrn das Wissen der drei Welten überbringt
und darbietet. Die zwei fundamentalen Energien, d.h. die Energie der Weis-
heit (jñāna śakti) und die Energie der Tätigkeit (kriyā śakti) sind die Gemah-
linnen des Höchsten Herrn. Die verschiedenen Aspekte der Erkenntnis sind
seine Ornamente. Die Organe der Tätigkeit sind die Tore, durch die der
Höchste Herr die äußere Welt betritt. „Ich bin dieses unendliche Selbst, wel-
ches unteilbar ist; Ich bin voll und unendlich“ – so weilt diese Intelligenz im
Körper.
  Wer auf diese Weise kontempliert, ist selbst reiner Gleichmut. Sein Verhal-
ten ist gleichmütig und wird von der Sichtweise des Gleichmuts geleitet. Er
hat den Zustand der natürlichen Güte und inneren Reinheit erlangt und ist



                                      407
herrlich in jedem einzelnen Aspekt seines Seins. Er verehrt den Höchsten
Herrn, der die Intelligenz ist, die seinen ganzen Körper durchdringt.
  Diese Verehrung wird beständig Tag und Nacht ausgeführt, und zwar mit
den Objekten, die mühelos erlangt und dem Höchsten Herrn mit einem fest
im Gleichmut verankerten Gemüt und mit dem rechten Geist (denn der
Höchste Herr ist Bewusstsein und nur durch den rechten Geist ansprechbar)
dargeboten werden. Der Höchste Herr soll mit allem verehrt werden, das sich
mühelos erlangen lässt. Man sollte niemals die geringste Anstrengung unter-
nehmen, um etwas zu erlangen, was man nicht besitzt. Der Höchste Herr soll
mit all den Mitteln des Genießens verehrt werden, die durch den Körper
genossen werden: Durch Essen, Trinken, durch das Zusammenleben mit dem
Ehegatten und andere ähnliche Vergnügen. Der Höchste Herr soll mit den
Krankheiten verehrt werden, die man erfährt, und auch mit sämtlichen Arten
von Unglück oder Leiden, die zu einem kommen. Der Höchste Herr soll mit
den eigenen Aktivitäten einschließlich von Leben und Tod und sämtlichen
Träumen, die man hat, verehrt werden. Der Höchste Herr soll mit der eigenen
Armut und dem eigenen Reichtum verehrt werden. Der Höchste Herr soll
sogar mit Kämpfen und Hader als auch mit Spielen und anderen Zeitvertrei-
ben verehrt werden; wie auch mit den Manifestationen der Gefühle von An-
ziehung und Abstoßung. Der Höchste Herr soll mit den edlen Qualitäten eines
frommen Herzens verehrt werden: Freundschaft, Mitgefühl, Freude und
Gleichgültigkeit.
  Der Höchste Herr soll mit allen Arten von Vergnügen verehrt werden, die
ungesucht auf einen zukommen, ob diese Vergnügen nun durch die Schriften
gebilligt oder verboten werden. Der Höchste Herr soll mit den Vergnügen
verehrt werden, die als wünschenswert als auch mit denjenigen, die als nicht
wünschenswert betrachtet werden. Er soll mit denjenigen verehrt werden,
die als angemessen als auch mit denjenigen, die als unpassend gelten. Für den
Zweck dieser Verehrung soll man aufgeben, was verloren ist, und man soll
annehmen und entgegennehmen, was man ohne Mühe empfangen hat.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
  Dieser Form der Verehrung soll man sich jederzeit hingeben und dabei im
Hinblick auf alle Wahrnehmungen, seien sie nun erfreulich oder unerfreulich,
stets im höchsten Gleichmut verankert sein. Man soll stets alles als gut und
vorzüglich betrachten (oder alles als eine Vermengung von Gut und Böse
ansehen). Durch die Erkenntnis, dass alles das eine Selbst ist, soll man stets
das Selbst in diesem Geiste verehren. Man soll alles stets mit gleicher Sicht-
weise betrachten, ob dieses nun erfreulich und durch und durch wunder-
schön oder unerträglich und abscheulich ist. Auf diese Art soll man das Selbst
verehren.
  Man soll all die verschiedenen trennenden Ideen von „dies bin ich“ oder
„dies bin ich nicht“ aufgeben und erkennen, dass „All dies in der Tat Brahman
ist“, das eine unteilbare und unendliche Bewusstsein. In diesem Geiste soll
man das Selbst verehren. Immer und in allen Formen und deren Modifikatio-


                                    408
nen soll man das Selbst verehren in und durch alles, was man bekommt. Man
          sollte das Selbst nach Aufgabe der Trennung zwischen dem Wünschenswer-
          ten und dem Nicht-Wünschenswerten verehren oder sogar noch während der
          Aufrechterhaltung dieser Trennung (diese dann jedoch als Stoff für die Vereh-
          rung verwenden).
            Ohne Verlangen und ohne Verweigerung mag man das, was mühelos und
          auf natürliche Weise zu einem kommt, genießen. Angesichts bedeutender
          oder unbedeutender Objekte soll man weder aufgeregt noch niedergeschla-
          gen sein, so wie der Himmel und Raum von den verschiedenen Objekten, die
          in ihnen wachsen und gedeihen, nicht berührt werden. Man soll das Selbst
          ohne jede psychologische Verdrehtheit verehren, indem man jedes Objekt
          schätzt, so wie es durch Zufall von Zeit, Ort und Aktivität auf einen kommt –
          ganz gleich ob es nun allgemein als gut oder schlecht angesehen wird.
            Bei einer solchen Verehrung des Selbst sieht man alle Gegenstände, die bis-
          her als notwendig für die Verehrung erwähnt worden sind, als gleichwertig,
          obgleich die dafür verwendeten Worte unterschiedlich sind. Gleichmut ist
          Glück an sich, und gerade dieses Glück ist jenseits von Gemüt und Sinnen.
          Was immer auch von diesem Gleichmut berührt wird, erlangt unverzüglich
          den Zustand des Glücks, worin auch immer die Beschreibung des Gegenstan-
          des oder seine Definition bestehen mögen. Das allein wird als Verehrung
          angesehen, was von jemandem ausgeführt wird, der sich in einem Zustand
          von Gleichmut wie Raum befindet, wenn ferner das Gemüt gänzlich still ohne
          die geringste Gedankenwelle geworden ist und wenn da die vollkommen
          mühelose Abwesenheit von mentaler Verdrehtheit ist. Indem der weise
          Mensch in diesem Zustand des Gleichmuts verankert ist, sollte er in sich
          selbst eine unendliche Erweiterung erfahren, während er nach außen hin
          seinen natürlichen Tätigkeiten nachgeht, ohne Verlangen oder Zurückwei-
          sung. Darin besteht die Natur des Verehrers dieser Höchsten Intelligenz. In
          ihm tauchen Täuschung, Unwissenheit und Ich-Sinn nicht einmal im Traum
          auf. Verbleibe in diesem Zustand, oh Weiser, und erfahre alles wie ein Kind.
          Verehre den Höchsten Herrn dieses Körpers (die Intelligenz, die ihn durch-
          dringt) mit allem, was im Verlaufe von Zeit, Umständen und Umgebung zu dir
          kommt, und ruhe, frei von Wünschen, im höchsten Frieden.
            Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
VI.1:40     Was auch immer du tust, und wann immer du es tust (oder Abstand davon
          nimmst) – alles ist die Verehrung des Höchsten Herrn, der selbst reines Be-
          wusstsein ist. Indem all das als die Verehrung des Selbst, welches der Höchste
          Herr ist, betrachtet wird, wird dieser erfreut.
            Zuneigungen und Abneigungen, Anziehung und Abstoßung finden sich
          nicht im Selbst unabhängig von seiner essenziellen Natur – sie sind bloße
          Worte. Sogar die Konzepte, auf die Worte wie „Souveränität“, „Armut“, „Ver-
          gnügen“, „Schmerz“, „mein Eigentum“ und „andere“ hinweisen, sind in der Tat
          nichts anderes als die Verehrung des Selbst, denn die sie wahrnehmende



                                              409
Intelligenz ist das Selbst. Die Erkenntnis des kosmischen Seins allein ist die
wahre Verehrung des kosmischen Seins.
  Es ist einzig das Selbstoder das kosmische Bewusstsein, auf welches durch
Ausdrücke wie „diese Welt“ hingewiesen wird. Oh, wie groß ist doch dieses
rätselhafte Wunderwerk, dass das Selbst, welches reines Bewusstsein oder
Intelligenz ist, auf seltsame Weise seine eigene Natur zu vergessen scheint
und sich selbst als jīva (die individuelle Seele) betrachtet. In Wahrheit exis-
tiert in diesem kosmischen Sein, welches die Realität in allem ist, nicht einmal
die Trennung in Verehrer, Verehrung und Verehrtes. Es ist unmöglich, dieses
kosmische Sein zu beschreiben, welches das gesamte Universum ohne Tei-
lung erhält und trägt; es ist unmöglich, jemanden darüber zu belehren. Und
wir erachten diejenigen dieser Unterweisung nicht wert, die sich Gott als
begrenzt durch Raum und Zeit vorstellen. Verehre daher das Selbst durch das
Selbst, indem du alle diese begrenzenden Konzepte aufgibst, indem du auch
die Trennung zwischen Verehrer und dem Verehrten (dem Höchsten Herrn)
aufgibst. Sei im Frieden, rein, frei von Verlangen. Denke stets daran, dass alle
deine Erfahrungen und Ausdrucksformen die Verehrung des Selbst sind.
   (Als Erwiderung auf Vasi«Âhas Frage nach einer umfänglicheren Erläute-
rung von Śiva, Brahman und dem Selbst, weshalb sie so genannt werden und
wie solche Unterscheidungen entstehen, fuhr der Höchste Herr folgenderma-
ßen fort:)
  Die Wirklichkeit ist anfanglos und endlos und wird nicht einmal in irgend-
etwas widerspiegelt – das ist die Wirklichkeit. Weil es nicht möglich ist, sie
mit Hilfe der Sinne und des Gemüts zu erfahren, denkt man über sie so, als sei
sie nicht-existent.
   (Als Antwort auf Vasi«Âhas Frage: „Wenn sie jenseits des Verstandes ist –
wie kann sie dann realisiert werden?“, erwiderte der HÖCHSTE HERR:)
  Im Falle des Suchers, der sich nach Freiheit von der Unwissenheit sehnt und
der folglich mit „sātvic avidyā“ (subtile Unwissenheit) ausgestattet ist , ent-
fernt diese sātvic avidyā die Unwissenheit auf dieselbe Weise, wie der Wä-
scher mit Hilfe einer anderen Art von Schmutz (Seife) den Schmutz aus der
Wäsche wäscht. Auf die gleiche Weise wird die Unwissenheit entfernt – das
Selbst erkennt das Selbst durch das Selbst, und das Selbst sieht das Selbst
aufgrund seiner eigenen, selbstleuchtenden Natur.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
                                                                                   VI.1:41
  Wenn ein Kind mit Kohle spielt, werden seine Finger schwarz. Wenn es sei-
ne Hände wäscht, aber gleich wieder mit der Kohle spielt, werden sie wieder
schwarz. Rührt es die Kohle nach dem Waschen jedoch nicht wieder an, dann
bleiben seine Hände sauber. Wenn jemand auf dieselbe Weise die Natur des
Selbst ergründet und sich gleichzeitig aller Tätigkeiten enthält, die avidyā
oder Unwissenheit fördern und unterstützen, dann verschwindet die Finster-
nis der Unwissenheit. Jedoch ist es stets nur das Selbst, welches sich des
Selbst bewusst wird.


                                     410
Betrachte Vielfalt nicht als das Selbst. Denke nicht, dass die Selbsterkennt-
nis das Ergebnis der Unterweisung eines Lehrers sei. Der Guru oder Lehrer
ist mit Sinnen und Verstand ausgestattet – das Selbst oder Brahman ist jen-
seits von Sinnen und Verstand. Das, was erst erlangt wird, wenn das andere
aufgehört hat, wird nicht mit Hilfe dieses anderen erlangt, solange dieses
andere noch existiert. Obwohl jedoch die Anweisungen des Lehrers und alles,
was damit zusammenhängt, nicht wirklich ein Mittel zur Erlangung der
Selbsterkenntnis darstellen, werden sie doch allgemein als das Mittel dazu
betrachtet.
  Das Selbst enthüllt sich nicht mit Hilfe der Schriften oder der Anweisungen
des Lehrers, und das Selbst enthüllt sich nicht ohne Hilfe der Schriften und
Anweisungen des Lehrers. Es enthüllt sich nur dann, wenn all dieses zusam-
menkommt. Die Enthüllung des Selbst geschieht nur dann, wenn die Kenntnis
der Schriften, die Anweisungen eines Lehrers und wahre Schülerschaft zu-
sammentreffen.
  Das, was IST, nachdem sämtliche Sinne aufgehört haben zu funktionieren
und sämtliche Vorstellungen von Vergnügen und Schmerz verschwunden
sind, ist das Selbst oder Śiva, was ebenfalls durch Ausdrücke wie „Das“,
„Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ angezeigt wird. Jedoch existiert das, was IST,
wenn all dies aufhört zu existieren, sogar dann, wenn all dies gegenwärtig ist
– wie der grenzenlose Raum. Die Erlöser des Universums (Brahmā, Indra,
Rudra und andere) haben aus Mitgefühl die Schriften wie die Veden und die
Purāïas (die mythischen Legenden) verfasst, um den Getäuschten, den Un-
wissenden das spirituelle Erwachen zu ermöglichen und in ihnen den Durst
nach Befreiung zu erwecken. In diesen Schriften haben sie dann Begriffe wie
„Brahman“, „Bewusstsein“, „Śiva“, „Selbst“, „Höchster Herr“, „Höchstes Selbst“
usw. verwendet. Diese Begriffe deuten auf eine Vielfalt, aber in Wahrheit gibt
es diese Vielfalt nicht.
  Die durch Begriffe wie „Brahman“ usw. angedeutete Wahrheit ist selbst in
der Tat reines Bewusstsein. Im Vergleich zu diesem ist sogar der grenzenlose
Raum grob und solide wie ein riesiger Berg. Dieses reine Bewusstsein scheint
ein kennbares Objekt zu sein und lässt das Konzept der Intelligenz oder des
Bewusstseins entstehen, obwohl das innerste Selbst keineswegs ein Objekt
der Erkenntnis ist. Aufgrund einer momentan entstehenden Konzeptualisie-
rung lässt dieses reine Bewusstsein den Ich-Sinn („ich weiß“) entstehen.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
  Dieser Ich-Sinn lässt schließlich die Ideen von Raum und Zeit entstehen.
Ausgestattet mit der Energie der vitalen Winde wird er sodann zum jīva oder
Individuum. Das Individuum folgt von da an den Diktaten der Vorstellungen
und gleitet in immer dichtere Unwissenheit hinein – so wird das Gemüt gebo-
ren in Verbindung mit dem Ich-Sinn und den verschiedenen Formen psycho-
logischer Energie. All dies zusammen wird der „ātivāhika-Körper“ genannt –
der subtile Körper, der sich von einer Ebene zur nächsten bewegt.



                                     411
Danach wurden die Substanzen (die Objekte der Welt), die den subtilen
          Energien des ātivāhika-Körpers entsprechen, erdacht und dann die verschie-
          denen Sinne (Sehen, Berühren, Hören, Schmecken und Riechen), die ihnen
          zugehörigen Objekte und die entsprechenden Erfahrungen geschaffen. Diese
          zusammen sind als purya«Âaka bekannt. In ihrem subtilen Zustand werden
          sie auch der ātivāhika-Körper genannt.
            Auf diese Art und Weise wurden alle diese Substanzen erzeugt, während
          doch in Wirklichkeit nichts erzeugt wurde. All diese sind nur scheinbare
          Modifikationen in dem einen unendlichen Bewusstsein. So wie Traumobjekte
          innerhalb von einem selbsterscheinen, so ist all dies nicht verschieden vom
          unendlichen Bewusstsein. Wie wenn man Objekte im Traum erblickt, so
          scheinen all diese ebenfalls zu objektiver Realität zu werden.
            Sobald die sie betreffende Wahrheit realisiert wiurd, leuchten alle diese Ob-
          jekte als der Höchste Herr. Und sogar diese Aussage ist unwahr, denn sie sind
          niemals zu materiellen Substanzen oder Objekten geworden. Aufgrund der
          eigenen Ideenbildung, die sie als Substanzen betrachtet, welche man erfährt,
          erwerben sie den Anschein von Substantialität. Indem so eine Substantialität
          heraufbeschworen wird, sieht das Bewusstsein diese Substantialität auch.
            Durch solche Ideen wird es dann konditioniert und scheint zu leiden. Kon-
          ditionierung bedeutet Sorge und Kummer. Die Konditionierung jedoch grün-
          det sich auf Gedanken und Ideen (oder sinnliche und psychologische Erfah-
          rungen). Die Wahrheit jedoch befindet sich jenseits solcher Erfahrungen und
          die Welt ist eine Erscheinung wie eine Fata Morgana! Worin besteht die psy-
          chologische Konditionierung, wer konditioniert was und wer wird durch
          diese Konditionierung konditioniert? Wer trinkt das Wasser der Fata Morga-
          na? Wenn daher all dies zurückgewiesen wird, verbleibt als einziges die Reali-
          tät, in der es keinerlei Konditionierung gibt und nichts konditioniert ist. Es
          mag dann als Sein oder Nicht-Sein dargestellt werden, aber es allein ist. Men-
          tale Konditionierung ist illusorisches Nicht-Sein – wie ein Gespenst. Sobald es
          erlegt ist, hört auch die Illusion der Erschaffung auf. Wer diesen Ich-Sinn und
          diese Luftspiegelung namens Schöpfung für real hält, ist nicht bereit für die
          Unterweisung. Die Lehrer unterweisen nur Menschen, die mit Weisheit aus-
          gestattet sind, nicht die Toren. Die letzteren heften ihre Zuversicht und Hoff-
          nung auf die Welterscheinung – wie ein dummer Vater, der seine Tochter
          einem Manne zur Frau gibt, den er nur im Traum gesehen hat!
            Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:
VI.1:42     Der jīva nimmt alle diese scheinbar seinen Körper bildenden Elemente in
          der Leere wahr, so wie die träumende Person in ihrer inneren Leerheit ver-
          schiedene Objekte wahrnimmt. Dies ist auch heute noch wahr; denn das
          kosmische Bewusstsein oder das kosmische Sein nimmt das Universum der
          Vielfalt in sich selbst so wahr, wie der Träumer die Vielfalt in sich selbst
          wahrnimmt.




                                               412
Der jīva hält sich selbst für Brahmā, Vi«ïu usw., aber dies ist reine Gedan-
kenform. Und doch nimmt diese Gedankenform andere Gedankenformen
wahr und erfährt sie auch. Die einzige Realität all dieser Wahrnehmungen ist
das Urkonzept namens Ich-Sinn, welcher im selben Moment auftaucht, in
dem das Bewusstsein sich selbst als ein Objekt wahrnimmt und glaubt, dieses
dann auch tatsächlich zu sehen (als sein eigenes Objekt). Dieser Moment ist
die Epoche und das Vielfache und die Unterteilungen der Epochen. In jedem
einzelnen Atom der Existenz findet ununterbrochen dieses Drama von Selbst-
Verschleierung und –Enthüllung statt, welches doch nichts anderes als vom
kosmischen Bewusstsein erzeugte Gedankenformen ist. Und doch wird durch
oder im kosmischen Bewusstsein nichts tatsächlich erzeugt, denn es ver-
bleibt unverwandelt und unverändert.
  Der im Traum gesehene Berg scheint nur in Raum und Zeit zu existieren.
Weder benötigt er Platz noch Zeit, um aufzutauchen und zu verschwinden. So
ist es auch mit der Welt. Wie die allmächtige Gottheit ins Sein getreten ist, auf
genau dieselbe Weise tritt auch der Wurm ins Sein - innerhalb eines Augen-
zwinkerns. Von Lord Rudra bis hinab zum Grashalm sind sämtliche Lebewe-
sen, die man im Universum erblicken kann, seien sie nun Mikroorganismen
oder kolossale Persönlichkeiten, auf dieselbe Weise ins Leben getreten. Wenn
einer die eigentliche Natur dieses saæsāra (Welterscheinung) ergründet,
dann verschwindet mit dem Dämmern der Selbsterkenntnis oder Gotteser-
kenntnis die Wahrnehmung der Vielfalt. Entgleitet dagegen die wirkliche
Natur des unendlichen Bewusstseins auch nur für eine halbe hundertstel
Sekunde, dann treten all diese unseligen illusorischen Schöpfungen wieder
ins Dasein. Durch den Ausdruck „Brahman“ verweist der weise Mensch auf
den Zustand, in dem man für immer fest im unendlichen Bewusstsein veran-
kert ist. Sobald dieser Zustand gestört wird, hat man wiederum die Idee von
der Wirklichkeit der Welt, was wiederum zum Auftauchen von unendlicher
Vielfalt führt – Götter, Dämonen, menschliche und untermenschliche Wesen,
Pflanzen und Würmer. Sofern man jedoch den Zustand des kosmischen Be-
wusstseins nicht mehr verliert, erkennt man, dass die Wahrheit überall ge-
genwärtig ist.
  VASIåèHA sprach:
  Oh Rāma, nachdem Lord Śiva so gesprochen hatte, nahm er meine Vereh-
rung entgegen und segnete mich. Dann verließ er mich zusammen mit seiner
Gemahlin Pārvatī. Erfüllt von seiner Unterweisung gab ich meine frühere
Verehrungspraxis auf und begann mit der Verehrung des allgegenwärtigen,
nicht-dualen Selbst.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.1:43
  Oh Rāma, der irreale jīva nimmt die irreale Welt aufgrund des irrealen Ein-
flusses der Irrealität wahr. Was kann man in all diesem als real oder irreal
betrachten? Ein eingebildetes Objekt wird von jemand Eingebildetem be-
schrieben, und ein anderer glaubt dies im Rahmen seiner eigenen Einbildung
zu verstehen und bildet sich dann ein, etwas verstanden zu haben. So wie


                                      413
Flüssiges in Flüssigkeit, Bewegung im Wind und Leere im Raum ist, so ist die
          Allgegenwart im Selbst.
            Seit der Unterweisung durch den Höchsten Herrn habe ich stets die Vereh-
          rung des unendlichen Selbst gepflegt. Durch die Gnade dieser Verehrung bin
          ich ohne jede Sorge, obgleich ich beständig mit den unterschiedlichsten Tä-
          tigkeiten befasst bin. Ich führe die Verehrung des Selbst – welches ungeteilt,
          aber scheinbar geteilt ist – aus mit den Blumen von allem, was auf natürliche
          Weise auf mich zukommt und mit den Blumen der Handlungen, die sich na-
          türlich ergeben.
            Verwandtschaftliche Bindungen einzugehen (d.h. zu besitzen und besessen
          zu werden) ist natürlich für alle verkörperten Lebewesen. Die Yogis jedoch
          sind immer wachsam, und diese Wachsamkeit ist die Verehrung des Selbst.
          Durch die Pflege dieser inneren Haltung und mit einem Gemüt, das gänzlich
          frei von aller Anhaftung ist, wandere ich durch diesen schrecklichen Urwald
          namens saæsāra (Welterscheinung). Wenn du dasselbe tust, wirst du nicht
          leiden.
            Wenn dir großer Kummer widerfährt (wie der Verlust von Reichtum und
          Verwandten), dann ergründe die Wahrheit in der oben beschriebenen Art
          und Weise. Du wirst nicht von Freude oder Leid erschüttert werden. Du weißt
          nun, wie alle diese Dinge entstehen und wie sie aufhören. Du kennst ferner
          das Schicksal des Menschen, der von ihnen in die Irre geführt wird, der ihre
          wahre Natur nicht ergründet hat. Weder gehören dir diese Dinge noch ge-
          hörst du zu ihnen. Darin besteht die unwirkliche Natur der Welt –gräme dich
          nicht.
            Teurer Rāma – du bist reines Bewusstsein, das von der illusorischen Wahr-
          nehmung der Vielfalt in der Schöpfung nicht berührt wird. Wenn du dies
          siehst, wie können dann Ideen des Wünschenswerten und des Nicht-
          Wünschenswerten in dir entstehen? Verbleibe oh Rāma, fest im turīya (trans-
          zendentalen)-Zustand des Bewusstseins.
            RùMA sprach:
            Hoher Herr, ich bin befreit vom Staub der Dualität. Ich habe erkannt, dass
          all dieses wahrhaftig Brahman ist. Mein Geist wurde gereinigt, er ist seine
          Zweifel und Wünsche und sogar seine Fragen alle losgeworden. Weder ver-
          langt es mich jetzt nach dem Himmel, noch fürchte ich die Hölle. Ich verbleibe
          verankert im Selbst. Durch deine Gnade, oh hoher Herr, habe ich diesen Oze-
          an des saæsāra (Welterscheinung) überquert. Ich habe die Fülle der direkten
          Selbsterkenntnis realisiert.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:44
            Das wird nicht Tätigkeit genannt, oh Rāma, was du lediglich mit den Tator-
          ganen und mit einem unangehafteten Gemüt ausführst. Das aus den sinnli-
          chen Erlebnissen abgeleitete Entzücken ist flüchtig. Eine Wiederholung die-
          ses Erlebnisses bietet nicht gleichzeitig die Wiederholung desselben Entzü-
          ckens. Nur ein Tor hegt Wünsche nach solchen momentanen Freuden? Au-


                                              414
ßerdem – ein Objekt kann Vergnügen nur dann geben, wenn es dich nach ihm
verlangt. Daher gehört das Vergnügen immer auch zum Verlangen. Gib daher
den Wunsch oder das Verlangen auf.
  Wenn du dann im Verlaufe der Zeit die Erfahrung dessen (des Selbst) er-
langt hast, dann speichere diese Erfahrung nicht in deinem Gemüt oder Ich-
Sinn auf, um sie in der Form eines Wunsches wiederzubeleben. Denn es wäre
unweise, wieder in das Tal des Ich-Sinnes zu stürzen, nachdem man einmal
Platz auf dem Gipfel der Selbsterkenntnis genommen hat. Lass die Hoffnun-
gen fahren und die Ideen schwinden; lass das Gemüt den Zustand des Nicht-
Gemüts erlangen, indem du unangehaftet lebst. Du bist nur im Zustand der
Unwissenheit gebunden. Verfügst du dagegen über Selbsterkenntnis, bist du
nicht der Bindung unterworfen. Strebe unbedingt danach, wachsam in der
Selbsterkenntnis zu verbleiben.
  Wenn du dich nicht mit den Sinneserfahrungen befasst und alles das, was
ungesucht auf dich zukommt, erfährst, befindest du dich in einem Zustand
von Gleichmut und Reinheit, frei von latenten Neigungen und Erinnerungen.
In einem solchen Zustand, der rein wie der Himmel ist, wirst du nicht einmal
von tausend Zerstreuungen befleckt. Sobald der Kenner, das Gekannte und
das Kennen im Selbst vereint sind, wird der reine Erfahrende in sich selbst
nie wieder eine Trennung erzeugen.
  Saæsāra (Welterscheinung) erscheint und verschwindet durch die gerings-
te Bewegung im Gemüt (nämlich sobald das Gemüt „zwinkert“). Mache das
Gemüt durch die Zurückhaltung des prāïa und auch der latenten Neigungen
(vāsanā) „nicht-zwinkernd“ (frei von den Gedankenwellen). Durch die Vibra-
tion des prāïa taucht saæsāra auf und verschwindet wieder – mache das
prāïa durch fleissige Praxis frei von diesen Bewegungen. Durch das Entste-
hen und das Aufhören der Torheit (Unwissenheit) entstehen und vergehen
die selbst-bindenden Handlungen – halte diese mit den Mitteln der Selbst-
Disziplin und den Anweisungen der Lehrer und der Schriften zurück.
  Diese Weltillusion ist durch die Bewegung der Gedankenwellen im Gemüt
entstanden – hören diese auf, dann hört auch die Illusion auf, und das Gemüt
wird zum Nicht-Gemüt. Erlangt werden kann dies auch durch die Zurückhal-
tung des prāïa. Dies ist der höchste Zustand. Die Seligkeit, die im Zustand des
Nicht-Gemüts erfahren wird, ist unverursacht und wird nicht einmal in den
höchsten Himmeln gefunden. In Wahrheit ist diese Seligkeit unsäglich und
unbeschreiblich, und sie sollte nicht einmal als Glück bezeichnet werden! Das
Gemüt des Wissenden ist Nicht-Gemüt – es ist reines sātva. Nach einer gewis-
sen Zeit entsteht aus diesem Nicht-Gemüt der als turīya-ātīta bezeichnete
Zustand (der Zustand jenseits des transzendentalen oder des turīyā-
Zustandes).

                                     ***




                                     415
Die Geschichte vom Holzapfel

 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                     VI.1:45
  In diesem Zusammenhang, oh Rāma, höre dir die folgende, sehr lehrreiche
Parabel an, die ich dir nun erzählen möchte.
  Es gibt da eine Holzapfelfrucht, die unermesslich groß ist und niemals ver-
dirbt oder verfault, obgleich sie bereits seit unzähligen Äonen existiert. Sie ist
die Quelle und die Grundlage des Nektars der Unsterblichkeit und Unzerstör-
barkeit. Sie ist die Heimstatt des Glückes selbst. Obgleich sie bereits sehr, sehr
alt ist, ist sie auf ewig jung und neu, wie der Neumond. Sie ist das eigentliche
Herz des Universums, sie ist bewegungslos und wird nicht einmal von den
Kräften der kosmischen Auflösung erschüttert. Diese Holzapfelfrucht, die
unmessbar groß ist, ist die ursprüngliche Quelle dieser Schöpfung.
  Auch wenn diese Frucht reif geworden ist, fällt sie nicht herunter. Sie ist
immer ausgereift, wird aber niemals überreif. Nicht einmal der Schöpfer
Brahmā oder Vi«ïu und Rudra oder andere Götter kennen den Ursprung
dieser Holzapfelfrucht. Niemand hat jemals den Samen oder den Baum gese-
hen, auf dem diese Frucht wächst. Das Einzige, was man über sie zu sagen
vermag, ist, dass diese Frucht existiert, und zwar ohne Anfang, Mitteund
Ende, ohne Wandel und ohne Modifikation. Innerhalb dieser Frucht gibt es
überhaupt keine Vielfalt – sie ist ganz voll ohne jede Leerheit. Sie ist die Ur-
quelle aller Freuden und Entzücken, und zwar von der Freude des einfachen
Mannes bis hin zur höchsten Freude der Gottheiten. Diese Frucht ist selbst
nichts anderes als die Manifestation der Energie des komischen Bewusst-
seins.
   Diese Energie des unendlichen Bewusstseins hat, ohne auch nur einen
Moment lang ihre eigene wahre Natur aufzugeben, sozusagen diese Schöp-
fung durch bloßes Wollen innerhalb ihrer eigenen Intelligenz manifestiert.
Und tatsächlich ist nicht einmal dies wahr (nämlich dass sie es so gewollt
hat)! Der Ich-Sinn, den ein solches Wollenvoraussetzt, ist selbst irreal –aber
daraus sind alle Elemente und die ihnen entsprechenden subjektiven Sinne
entstanden. In Wahrheit ist diese Energie des unendlichen Bewusstseins
selbst Zeit, Raum, natürliche Ordnung, Ausbreitung der Gedanken, Anziehung
und Abstoßung, Ich-heit, Du-heit und Es-heit, unten, oben, die anderen Him-
melsrichtungen, die Berge, das Firmament und die Sterne, Erkenntnis und
Unwissenheit – sie ist alles, was ist, war und jemals sein wird. All dies ist
nichts anderes als die Energie des unendlichen Bewusstseins.
  Obgleich sie Eines ist, wird sie als verschiedene Lebewesen wahrgenom-
men – sie ist weder eins noch viele. Sie ist nicht einmal sie selbst! Verankert
ist sie in der Wirklichkeit. Sie ist höchster, alles umfassender Friede. Sie ist
das eine, unermesslich große kosmische Wesen oder Selbst. Sie ist die (kos-
mische) Energie des (kosmischen) Bewusstseins.


                                      416
***


          Die Geschichte vom Fels

           VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:46
             Es gibt noch eine weitere Geschichte, oh Rāma, die dies illustriert. Ich wer-
          de sie dir nun erzählen.
             Es gibt einen großen Fels voll Zärtlichkeit und Liebe, der immer ganz klar
          und deutlich wahrgenommen wird, der weich ist, allgegenwärtig und ewig-
          lich. In ihm blühen zahllose Lotosblüten. Manchmal berühren sich die Blätter
          dieses Lotos, manchmal nicht, manchmal zeigen sie sich dem Betrachter und
          manchmal verbergen sie sich vor ihm. Manche schauen abwärts, andere wie-
          derum aufwärts, während die Wurzeln mancher miteinander verflochten
          sind. Manche haben aber auch überhaupt keine Wurzeln. Alle Dinge existie-
          ren darin, obwohl sie aber auch nicht darin sind.
             Oh Rāma, dieser Fels ist in Wahrheit das kosmische Bewusstsein; in seiner
          Homogenität ist es felsengleich. Und doch erscheinen in ihm alle die ver-
          schiedenen Lebewesen des Universums. So wie sich jemand innerhalb eines
          Steinblocks verschiedene Figuren und Formen vorstellt, wird auch dieses
          Universum fälschlicherweise in diesem Bewusstsein gesehen. Ein Fels bleibt
          ein Fels, auch wenn ein Bildhauer verschiedene Figuren aus diesem Fels
          heraus „erschafft“, und ebenso steht es auch mit diesem kosmischen Be-
          wusstsein, dass eine homogene Masse von Bewusstsein ist. So wie ein massi-
          ver Fels potenziell verschiedene Figuren enthält, die aus ihm herausgearbei-
          tet werden können, so existieren die verschiedenen Namen und Gestalten der
          Kreaturen in diesem Universum potentiell im kosmischen Bewusstsein. So
          wie ein Fels immer ein Fels bleibt, behauen oder unbehauen, so bleibt Be-
          wusstsein immer Bewusstsein, ob die Welt nun erscheint oder nicht. Die
          Welterscheinung ist nichts als ein leerer Ausdruck – seine Substanz ist tat-
          sächlich nur Bewusstsein und nichts anderes.
             In Wahrheit sind alle diese Manifestationen und Modifikationen nichts an-
          deres als Brahman, das kosmische Bewusstsein, obschon nicht im Sinne der
          Manifestation oder Modifikation (d.h. nicht als diese manifestierten Formen).
          Sogar solche Unterscheidungen, nämlich „Modifikation im Sinne von Modifi-
          kation oder in irgendeinem anderen Sinn“, sind in Brahman bedeutungslos.
          Werden solche Ausdrücke im Zusammenhang mit Brahman benutzt, dann
          bedeuten sie etwas ganz anderes, wie das Wasser in einer Fata Morgana. Weil
          ein Same nie etwas anderes als den Samen enthalten kann, sind auch die
          Blüten und Früchte von derselben Natur wie der Same, und die Substanz des
          Samens ist auch die Substanz der ihr entspringenden Wirkungen. Auf diesel-
          be Weise kann aus der homogenen Masse des kosmischen Bewusstseins nicht
          etwas anderes als das entspringen, was seiner Essenz entspricht. Sobald


                                               417
diese Wahrheit realisiert wird, hört die Dualität auf. Bewusstsein wird nie-
mals zu Un-Bewusstheit. Sollte es da eine Modifikation geben, dann ist diese
selbst nichts als Bewusstsein. Daher ist all dies– was auch immer, wo auch
immer und in welcher Form es auch immer sein mag – nichts als Brahman. All
dieses existiert für immer in seinem potentiellen Zustand in dieser Masse aus
homogenem Bewusstsein.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 VI.1:47
  Zeit, Raum und die anderen Faktoren dieser sogenannten Schöpfung (die in
Wahrheit nur ein weiterer Aspekt des Bewusstseins ist), sind nichts anderes
als eben dieses Bewusstsein. Wenn erkannt wird, dass all diese nichts als
Gedanken und Ideen sind und das Selbst Eines und unteilbar ist, wie können
sie dann als unwirklich betrachtet werden? Im Samen gibt es nichts anderes
als den Samen – da ist keine Verschiedenheit. Zur gleichen Zeit gibt es die
Idee der potentiellen Verschiedenheit (von Blüten, Früchten usw.), die
angenommenerweise innerhalb des Samens existiert. Und trotzdem bleibt
dieses kosmische Bewusstsein Eines – es ist ohne (dualistische) Vielfalt; doch
es wird gesagt, dass das Universum der Vielfalt nur als Vorstellung existiert.
  Der Fels ist einer – die Idee der zahllosen Lotosse darin taucht nur in Ver-
bindung mit diesem einzelnen Fels auf. Auf dieselbe Weise entsteht die Idee
der Vielfalt im Bewusstsein, ohne aber Vielfalt zu verursachen. Aber wie das
Wasser in einer Fata Morgana gleichzeitig ist und nicht ist, ebenso verhält es
sich mit der Vielfalt in Verbindung mit dem unendlichen Bewusstsein. All dies
ist in der Tat Brahman, das unendliche Bewusstsein. So wie die Idee der Exis-
tenz von Lotosblüten im Fels den Fels nicht zerstört, so ist Brahman
unbetroffen von der Welterscheinung, die in Brahman als die eigene Natur
Brahmans existiert. In Wahrheit gibt es keinen Unterschied zwischen Brah-
man und der Welt – sie sind Synonyme. Sobald diese Realität erkannt wird,
wird Brahman allein gesehen.
  So wie alles was in dieser Welt als Wasser gesehen wird, nur Wasserstoff
und Sauerstoff ist, so ist die Welterscheinung nichts anderes als Brahman.
Das eine Bewusstsein erscheint als das Gemüt, die Berge usw., so wie die
vielfarbigen Federn und Flügel des Pfaus schon im Ei des Pfaus gegenwärtig
sind. Dieselbe Macht oder Potentialität wohnt auch im unendlichen Bewusst-
sein. Was auch immer jetzt als die verschiedenen Objekte des Universums
wahrgenommen wird, wird, sobald alles mit dem Auge der Weisheit (dem
Auge, welches selbst Weisheit ist) betrachtet wird, nur noch als Brahman
oder das unendliche Bewusstsein gesehen. Denn all dieses ist in Wirklichkeit
non-dual und nur scheinbar vielfältig, so wie die Wahrnehmung der Vielfalt
im Flüssigen des Pfaueneis. Die Idee von Brahman und der Welt ist daher
sowohl dual als auch non-dual. Das, was das Substrat all dieser Ideen von
Einheit und Vielfalt ist – das ist der höchste Zustand.
  Das unendliche Bewusstsein durchdringt das gesamte Universum, während
das Universum im unendlichen Bewusstsein existiert. Die Beziehung ist eine
der Vielfalt und Nicht-Vielfalt zugleich – so wie die verschiedenen Teile des


                                    418
Pfaus sich in ein und derselben Eisubstanz befinden. Wo in all diesem ist
          Vielfalt?
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:48
            All dies – der Ich-Sinn und der Raum usw. – hat die Natur realer Substanzen
          angenommen, obwohl diese niemals erzeugt worden sind. Wo nichts entstan-
          den ist (erschaffen wurde), wird alles gesehen. Auf dieselbe Weise verweilen
          die Weisen, die Götter und die Vollkommenen in ihrem transzendentalen
          Bewusstsein, die Seligkeit ihrer eigenen Natur kostend. Sie haben die Illusion
          der Dualität zwischen Betrachter und Objekt und den daraus folgenden
          Strom der Gedanken aufgegeben. Ihr Blick ist fest und ruhig.
            Obwohl diese Weisen in dieser Welt tätig sind, hegen sie nicht die geringste
          Idee einer illusorischen Existenz. Fest sind sie verwurzelt in der Erkenntnis,
          dass es keine Beziehung zwischen Kenner und Gekanntem (Subjekt und Ob-
          jekt) gibt. Ihre Lebenskraft wird nicht erregt.. Sie sind wie gemalte Figuren in
          einem Gemälde – ihr Gemüt bewegt sich nicht, so wie sich das Gemüt gemal-
          ter Figuren nicht bewegt. Denn sie haben die konzeptualisierende Neigung
          des Bewusstseins völlig aufgegeben.
            Sie reagieren angemessenen auf die Gegebenheiten des Alltags mit Hilfe
          einer geringfügigen Bewegung im Bewusstsein (so wie es auch der Höchste
          Herr tut). Und doch erzeugt auch diese geringe Gedankenbewegung und die
          Erfahrung des Kontaktes des Betrachters mit seinem Objekt in ihnen großes
          Entzücken. Ihr Bewusstsein ist absolut rein – gereinigt von allen mentalen
          Bildern (Konzepten) und Ideen.
            Ein solcher Zustand der Reinheit des Selbst, der wahren Natur des unendli-
          chen Bewusstseins, ist keine Sichtweise oder Art, die Dinge zu sehen (d.h.
          eine Erfahrung des Gemüts und der Sinne). Dieser Zustand kann nicht gelehrt
          werden. Er ist weder sehr einfach zu erlangen, noch ist er weit entfernt oder
          unmöglich. Nur durch direkte Erfahrung wird er erlangt.
            Allein dies existiert und nichts anderes – weder der Körper und die Sinne
          noch die Lebenskraft, weder das Gemüt noch das Lagerhaus der Erinnerun-
          gen oder latenten Neigungen, weder der jīva noch überhaupt eine Bewegung
          im Bewusstsein, weder Bewusstsein noch die Welt. Es ist weder real noch
          irreal oder irgendetwas dazwischen, es ist weder leer noch nicht-leer, weder
          Zeit noch Raum noch Substanz. Frei von all diesem und frei von den tausend
          Schleiern im Herzen sollte man das Selbst in allem gewahren, was wahrge-
          nommen wird.
            Es ist weder der Anfang noch das Ende. Da es überall gegenwärtig ist, wird
          es für etwas anderes gehalten. Tausende werden geboren, und Tausende
          sterben – das Selbst, welches überall ist, innerhalb und außerhalb, wird da-
          von nicht berührt. Es verbleibt in allen diesen Körpern usw. so, als wäre es
          nur ganz wenig verschieden vom Unendlichen.
            Obschon glückstrahlend in die verschiedensten Tätigkeiten involviert, ist es
          ohne Sinn von Ich und Mein. Denn was auch immer in dieser Welt wahrge-


                                               419
nommen wird, ist nur Brahman, frei von allen Eigenschaften und Qualitäten.
Es ist ewiglich, friedvoll, rein und gänzlich still.
 RùMA fragte:
                                                                                   VI.1:49
  Wenn Brahman niemals irgendwelchen Modifikationen unterworfen ist,
wie kann dann diese Welterscheinung, die real und irreal zugleich ist, in ihm
auftauchen?
  VASIåèHA erwiderte:
   Echte Modifikation, oh Rāma, ist eine Umwandlung von einer Substanz in
eine andere, so wie beim Gerinnen von Milch das Geronnene nicht wieder in
den Milchzustand zurückversetzt werden kann. Mit Brahman ist dies aber
nicht der Fall, da es vor der Welterscheinung unmodifiziert war und nach
dem Ende der Welterscheinung seinen unmodifizierten Zustand wiederer-
langt. Sowohl am Anfang wie auch am Ende ist es stets unmodifiziertes, ho-
mogenes Bewusstsein. Die momentanen und scheinbaren Modifikationen
darin sind nur eine schwache Unruhe innerhalb des Bewusstseins und in
keinem Fall eine echte Modifikation. In diesem Brahman gibt es weder ein
Subjekt noch ein Objekt des Bewusstseins. Was ein Ding am Anfang und auch
am Ende ist, das ist es und nichts anderes. Sollte es in der Mitte als irgendet-
was anderes erscheinen, dann muss diese Erscheinung als irreal betrachtet
werden. Folglich ist das Selbst das Selbst am Anfang und am Ende und natür-
lich auch in der Mitte! Es wird niemals irgendwelchen Umwandlungen oder
Modifikationen unterworfen.
   RùMA fragte: In diesem Selbst, welches reines Bewusstsein ist, wie kann
darin diese schwache Unruhe entstehen?
   VASIåèHA erwiderte:
  Ich bin davon überzeugt, oh Rāma, dass dieses unendliche Bewusstsein al-
lein real ist, und dass es in seiner Natur überhaupt keine Unruhe gibt. Worte
wie „Brahman“ usw. verwenden wir nur zum Zweck der Kommunikation oder
Unterweisung, nicht aber, damit die Ideen des Einen und Zweiten entstehen.
Du, ich und alle diese Dinge sind reines Brahman – Unwissenheit gibt es
überhaupt nicht.
  RùMA fragte erneut:
  Und doch hast du mich am Ende des vorherigen Abschnitts dazu ermahnt,
die Natur dieser Unwissenheit zu ergründen!
  VASIåèHA erwiderte:
  Ja, weil du zu dieser Zeit noch nicht vollständig erwacht warst. Ausdrücke
wie „Unwissenheit“, „jīva“ usw. sind Hilfsmittel, um die Unerwachten zu in-
struieren. Bevor man die Erkenntnis der Wahrheit mitteilt, sollte man den
gesunden Menschenverstand und andere geeignete Mittel (das im Text ver-
wendete Wort yuktti bedeutet im Alltagsgebrauch auch „Trick“) verwenden,
um den Sucher zu erwecken. Wenn man einer unerwachten Person erklärt:
„All dies ist Brahman“, dann wäre das so, als würde ein Mann einen Baum


                                     420
anflehen, ihn von seinem Leid zu befreien. Es geschieht durch geeignete Mit-
          tel, dass der Unerweckte erweckt wird. Der Erweckte wird dann durch die
          Wahrheit erleuchtet. Daher, da du nun erwacht bist, erkläre ich dir die Wahr-
          heit.
            Du bist Brahman, ich bin Brahman, das gesamte Universum ist Brahman.
          Was auch immer du tust – realisiere stets diese Wahrheit. Dieses Brahman
          oder das Selbst allein ist die Wirklichkeit in allen Wesen, so wie der Ton die
          eigentliche Substanz aller Töpfe ist. So wie der Wind und seine Bewegung
          nicht verschieden sind, so sind das Bewusstsein und seine inneren Bewegun-
          gen (Energien), die alle Manifestationen verursachen, nicht- verschieden
          voneinander. Es ist der Same der Idee, der auf den Boden des Bewusstseins
          fällt und dann all diese scheinbare Vielfalt entstehen lässt. Fällt dieser Same
          nicht, dann sprießt auch das Gemüt nicht.
            RùMA fragte:
VI.1:50
            Was erkannt werden kann, ist erkannt; was gesehen werden kann, wird ge-
          sehen – wir alle sind angefüllt mit der höchsten Wahrheit, dank der nektar-
          gleichen Weisheit des Brahman, die du uns mitgeteilt hast. Diese Fülle ist
          angefüllt mit Fülle. Fülle ist aus der Fülle geboren. Fülle füllt Fülle. In der
          Fülle ist die Fülle für immer enthalten. Bitte habe Nachsicht mit mir - um
          mein Gewahrsein noch zu vertiefen, erlaube mir noch eine Frage: Die Sinnes-
          organe sind offensichtlich in allen gegenwärtig – wie kann es dann geschehen,
          dass eine tote Person keine Sinneserfahrungen mehr macht, obwohl sie ihre
          Objekte zu Lebzeiten mit Hilfe dieser Organe erfahren hat?
            VASIåèHA fuhr fort:
            Getrennt vom reinen Bewusstsein gibt es weder die Sinne noch das Gemüt
          noch ihre Objekte. Es ist nur dieses Bewusstsein, welches als die Objekte in
          der Natur und als die Sinne in dieser Person auftritt. Wenn dieses Bewusst-
          sein scheinbar zum subtilen Körper (purya«Âaka) geworden ist, reflektiert es
          die externen Objekte.
            Das ewige und unendliche Bewusstsein ist in Wahrheit frei von allen Modi-
          fikationen. Taucht in ihm jedoch die Idee „Ich bin“ auf, dann wird diese Idee
          als der jīva bezeichnet. Es ist dieser jīva, der im Körper lebt und sich bewegt.
          Sobald die Idee des „Ich“ auftaucht (ahaæbhāvanā), wird es als Ich-Sinn
          (ahaækāra) bezeichnet. Gibt es dann Gedanken (manana), dann spricht man
          vom Gemüt (manas). Taucht ein Gewahrsein (bodha) auf, dann bezeichnet
          man dieses als Geist oder Intelligenz (buddhi). Wenn Bewusstsein von der
          individuellen Seele (indra) gesehen (d−ś) wird, spricht man von den Sinnen
          (indriya). Sobald die Idee des Körpers vorherrschend ist, erscheint Bewusst-
          sein als solcher; ist die Idee der verschiedenen Objekte vorherrschend, dann
          erscheint Bewusstsein als die verschiedenen Objekte. Durch die Fortdauer
          dieser Ideen verdichtet sich dann die subtile Persönlichkeit langsam in die
          materielle Substantialität. Dasselbe Bewusstsein denkt dann schließlich: „Ich
          bin der Körper“, „Ich bin ein Baum“ usw. Dadurch getäuscht, steigt und fällt



                                               421
es, bis es schließlich eine reine Geburt erlangt und spirituell erwacht. Durch
          Hingabe an die Wahrheit erlangt es dann die Selbsterkenntnis.
             Ich werde dir nun erklären, wie es die Objekte wahrnimmt. Ich sprach da-
          von, dass das Bewusstsein aufgrund der Idee „Ich bin“ als der jīva im Körper
          wohnt. Sobald dessen Sinne auf ähnliche Körper treffen, gibt es Kontakt zwi-
          schen beiden und den Wunsch, diese zu kennen (eins mit ihnen zu werden).
          Sobald dieser Kontakt entsteht, wird das Objekt in einem selbst reflektiert
          und der jīva nimmt diese Reflektion wahr, wobei er jedoch glaubt, dass sich
          diese Reflektion außerhalb befindet! Der jīva kennt nur diese Reflektion, was
          bedeutet, dass er sich selbst kennt. Dieser Kontakt ist die Ursache der Wahr-
          nehmung externer Objekte. Folglich ist sie nur im Fall des Unwissenden mög-
          lich, dessen Gemüt getäuscht ist, aber nicht im Fall des befreiten Weisen.
          Natürlich sind der jīva (der ja nur eine Idee ist) und alles was mit ihm zu-
          sammenhängt, leblos und nicht-fühlend. Daher ist die Reflektion, die gesehen
          und erfahren wird, nichts als eine optische Täuschung oder geistige Ver-
          drehtheit. Das Selbst ist alles in Allem und für alle Zeiten.

                                               ***


          Die Geschichte von Arjuna

           VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:51
            So wie der kosmische Körper (zusammengesetzt aus der Geist-Energie und
          den kosmischen Elementen) oder der erste purya«Âaka (der kosmische subti-
          le Körper) im unendlichen Bewusstsein als eine Idee auftauchte, so tauchten
          alle anderen Körper (purya«Âaka) auf dieselbe Weise auf. Was immer der jīva
          (welcher der purya«Âaka oder subtile Körper ist) wahrnimmt, während er
          noch in der Gebärmutter lebt, betrachtet er als existent. So wie sich im Mak-
          rokosmos die kosmischen Elemente entfalten, so werden im Mikrokosmos die
          Sinne entsprechend diesen Elementen entwickelt. Natürlich werden sie nicht
          wirklich erschaffen. Ausdrücke und Beschreibungen dieser Art werden nur
          zum Zweck der Unterweisung verwendet. Diese Ideen, die man in der Unter-
          weisung benutzt, werden schließlich durch die Selbstergründung zerstreut,
          welche sie ursprünglich eingeführt und gefördert hat.
            Auch wenn du diese Unwissenheit sehr sorgfältig und mit kühnem Verstand
          beobachtest, siehst du sie nirgendwo – sie verschwindet einfach. Das Irreale
          wurzelt in der Irrealität. Wasser in der Luftspiegelung gibt es nicht wirklich –
          wir reden nur davon. Das Wasser in der Luftspiegelung, welches unwirklich
          ist, ist niemals Wasser gewesen. Im Lichte der Wahrheit wird die Realität
          aller Dinge enthüllt, und Täuschung und illusorische Wahrnehmung ver-
          schwinden.



                                               422
Das Selbst ist wirklich. Jīva, purya«Âaka (der subtile Körper) und alles ande-
re sind unwirklich – die Ergründung ihrer Natur ist ohne jeden Zweifel nichts
als die Ergründung ihrer Unwirklichkeit! Nur um jemanden über die Realität
ihrer Irrealität aufzuklären, existieren Ausdrücke wie „jīva“, „purya«Âaka“ usw.
  Dieses unendliche Bewusstsein hat sozusagen die Natur des jīva angenom-
men und, seine wahre Natur vergessend, erfährt alles, was es sich als existie-
rend vorstellt. So wie für ein Kind das Gespenst, welches es in der Nacht sieht,
real ist, so nimmt der jīva die fünf Elemente wahr, die er als existierend be-
trachtet. Diese sind jedoch nichts als Ideen des jīva, obwohl der jīva sie als
außerhalb von sich selbst sieht. Er glaubt, dass einige von ihnen innerhalb
und andere außerhalb von ihm selbst sind. Und auf diese Weise erfährt er sie
dann auch.
  Erkenntnis wohnt dem Bewusstsein inne wie die Leere dem Raum. Jedoch
glaubt das Bewusstsein nun, dass Wissen sein eigenes Objekt sei. Die ver-
schiedenen Elemente sind durch Zeit und Raum begrenzt und sind selbst
nichts anderes als die eingebildeten Aufteilungen im Bewusstsein, welche
durch diese Trennung (in Bewusstsein und Erkenntnis als Subjekt und Ob-
jekt) selbst hervorgerufen worden sind. Solche Aufteilungen existieren nicht
im Selbst, das Zeit und Raum überschreitet.
  Und doch ersinnt das unendliche Bewusstsein mit dem ihm eingeborenen
Wissen die verschiedenen Kreaturen. Darin eben besteht seine Macht, die von
nichts übertroffen werden kann. Der leblose Raum ist nicht in der Lage, sich
selbst in sich selbst zu reflektieren. Weil die Natur Brahmans jedoch das
unendliche Bewusstsein ist, reflektiert Brahman sich selbst in sich selbst und
nimmt sich selbst als eine Dualität wahr, obgleich es körperlos ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Was immer dieses Bewusstsein ersinnt, das betrachtet es als existierend –
seine Konzepte und Ideen sind niemals unfruchtbar. In einer goldenen Hals-
kette gibt es beides – das Gold und die Kette, wovon das eine die Realität (das
Gold) und das andere die Erscheinung (die Kette) ist. Ebenso gibt es im Selbst
sowohl Bewusstsein als auch die Idee der materiellen (leblosen) Substantiali-
tät. Da Bewusstsein allgegenwärtig ist, ist es immer im Gemüt, in welchem die
Idee auftaucht, gegenwärtig.
  Der Träumer träumt von einem Dorf, das sein Gemüt beschäftigt und in
dem er einige Zeit lebt. Nur wenig später träumt er von einer anderen Situa-
tion und glaubt, er würde nun dort leben. Auf dieselbe Weise wandert der jīva
von einem Körper zum nächsten, und der Körper ist nur die Reflektion der
vom jīva gehegten Idee. Nur das Unwirkliche (der Körper)stirbt, und dieses
Unwirkliche wird dann scheinbar in einem neuen Körper wiedergeboren. So
wie man im Traum gesehene und nicht gesehene Dinge erträumt, so erfährt
der jīva in seinem Traum die Welt und sieht sogar, was in der Zukunft gesche-
hen wird.




                                     423
So wie ein Fehler der Vergangenheit geradegerichtet und durch die Eigen-
          bemühung des heutigen Tages in eine gute Tat verwandelt werden kann, so
          können die Gewohnheiten der Vergangenheit durch angemessene Eigenbe-
          mühung überwunden werden. Jedoch kann die Idee des Jīva-seins sowie der
          Existenz und des Funktionierens der Augen usw. nur durch die Erlangung der
          Befreiung abgeschafft werden. Bis dahin werden sie abwechselnd verborgen
          oder offenbar.
            Eine vom Bewusstsein gehegte Idee erscheint als Körper. Sie verfügt über
          einen korrespondierenden subtilen Körper (ātivāhika, der auch purya«Âaka
          genannt wird), der aus Gemüt, Intellekt, Ich-Sinn und den fünf Elementen
          zusammengesetzt ist. Das Selbst ist formlos, während der purya«Âaka in die-
          ser Schöpfung in fühllosen und fühlenden Körpern umherwandert, bis er sich
          selbst gereinigt hat, wie im Tiefschlaf lebt und die Befreiung erlangt. Der
          subtile Körper existiert die gesamte Zeit über, während dem Träumen und
          Schlafen. Er fährt fort, in den nicht-fühlenden „Körpern“ zu existieren (die
          wie unbelebte Objekte sind), als befände er sich im Tiefschlaf. All dieses wird
          auch in diesem (menschlichen) Körper erfahren. Sein Tiefschlaf ist ebenfalls
          leblos und nicht-fühlend, sein Traumzustand besteht in der Erfahrung dieser
          Schöpfung, sein Wachzustand ist in Wahrheit das transzendentale (turīya)
          Bewusstsein, während die Realisation der Wahrheit Befreiung ist. Der Zu-
          stand der Befreiung noch zu Lebzeiten ist in sich selbst das turīya-
          Bewusstsein. Jenseits davon befindet sich Brahman, welches turīya-atīta
          (jenseits von turīya) ist. In jedem einzelnen Atom der Existenz gibt es nichts
          als das höchste Sein – wo immer eine Welt gesehen wird, ist dies nichts als
          eine illusionäre Erscheinung. Diese Illusion und die sich aus ihr ergebende
          Bindung werden durch psychologische Konditionierung am Leben erhalten.
          Diese Konditionierung ist selbst Bindung und ihre Aufgabe bedeutet Befrei-
          ung. Eine dichte und massive Konditionierung führt zu einer Existenz als
          leblose Objekte, eine mittlere Konditionierung führt zu einer Existenz als
          Tiere, und eine geringe Konditionierung führt zu einer Existenz als Menschen.
          Jedoch genug von der Wahrnehmung von Getrenntheit – das gesamte Univer-
          sum ist nichts als die Manifestation der Energie des unendlichen Bewusst-
          seins.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:52
            Was als dieses saæsāra bekannt ist (Welterscheinung), ist nichts als der ur-
          sprüngliche Traum des jīva (der Ersten Person). Der Traum des jīva ist nicht
          wie der Traum einer Person, denn der Traum des jiva wird als Wachzustand
          erfahren. Daher wird der Wachzustand als Traum bezeichnet. Der lange
          Traum des jīva wird unverzüglich materialisiert, obwohl er irreal und nicht
          substanziell ist. Der jīva wandert innerhalb dieses Traums von einem Traum
          zum nächsten, und so wird die irrtümliche Auffassung des Traums als Realität
          solider und solider – er wird als eine Realität erfahren, während das Reale als
          irreal ignoriert wird. Sei weise und lebe wie Arjuna, der durch die Unterwei-
          sung des Höchsten Herrn erleuchtet wird.


                                               424
Das gesamte Universum erscheint im Ozean des kosmischen Bewusstseins,
und in diesem Universum wohnen vierzehn Arten von Lebewesen. Als die
herrschenden Gottheiten dieses Universum gab es bereits Yama, Candra,
Surya und andere. Sie haben die Leitsätze des rechtmäßigen Lebens vorgege-
ben. Wenn die Menschen jedoch mehrheitlich in Sünde leben, zieht sich Yama,
der Gott des Todes, zurück, um für einige Jahre zu meditieren, was zur Folge
hat, dass die Bevölkerung wächst und geradezu explodiert.
  Die Götter, erschreckt von dieser Zunahme des Bevölkerung, versuchen, sie
mit verschiedenen Mitteln zu reduzieren. Zahllosen Males ist dies wieder und
wieder geschehen. Der gegenwärtige Herrscher (Yama) ist Vaivasvata. Auch
er wird sich zu gegebener Zeit in die Meditation zurückziehen müssen. Wenn
sich dann die Bevölkerung der Erde sehr schnell vervielfacht, werden alle
Götter Lord Vi«ïu anflehen, ihnen zu Hilfe zu kommen. Er wird zusammen
mit seinem Alter Ego namens Arjuna als Lord K−«Ça inkarnieren.
  Sein älterer Bruder wird Yudhi«Âhiraoder der Sohn des Dharma sein, der
selbst die Verkörperung der Rechtmäßigkeit ist. Sein Vetter Duryodhana wird
mit Bhīma, Arjunas Bruder, ein Duell ausfechten. In dieser Schlacht zwischen
den Vettern werden 18 Divisionen der bewaffneten Streitkräfte ausgelöscht
werden – auf diese Weise wird Vi«ïu die unerträglichen Lasten der Erde
erleichtern.
  K−«Ça und Arjuna werden die Rolle einfacher, menschlicher Lebewesen
spielen. Wenn Arjuna sieht, dass die Armeen auf beiden Seiten aus seinen
eigenen Blutsverwandten bestehen, wird er verzagen und den Kampf verwei-
gern. Dann wird Lord K−«Ça ihn in der höchsten Weisheit unterweisen und
ein spirituelles Erwachen in ihm hervorrufen. Er wird zu Arjuna sprechen:
„Dieses (Selbst) wird weder geboren noch stirbt es, es ist ewiglich und wird
nicht getötet, wenn der Körper getötet wird. Wer glaubt, dass er tötet oder
getötet wird, ist unwissend. Wie, weshalb und durch wen sollte dies unendli-
che Sein, welches ohne ein Zweites und feiner als Raum ist, zerstört werden?
Arjuna, gewahre das Selbst, welches unendlich, unmanifestiert, ewiglich und
von der Natur reinen Bewusstseins und unbefleckt ist. Du bist ungeboren und
ewiglich!“
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen:
                                                                                  VI.1:53
  Arjuna, du bist kein Mörder – gib diese leere, selbstsüchtige Idee auf. Du
bist das Selbst – frei von Alter und Tod. Wer frei vom Ich-Sinn ist und dessen
Intelligenz an nichts verhaftet ist, der tötet weder noch ist er dadurch gebun-
den, auch wenn er die ganze Welt vernichtet. Gib daher diese falschen Ideen
des „Dies bin ich“ und „Dies ist mein“ auf. Nur aufgrund dieser falschen Ideen
denkst du: „Ich bin vernichtet“, und dann leidest du. Nur die selbstsüchtige
und unwissende Person glaubt: „Ich tue dies“, während alles nur durch die
verschiedenen Aspekte des einen Selbst oder des unendlichen Bewusstseins
getan wird.




                                     425
Lass die Augen sehen, lass die Ohren hören, lass die Haut fühlen, lass die
Zunge schmecken. Wo ist das „Ich“ in all dem? Auch wenn das Gemüt all die
verschiedenen Ideen weiterhin hegt, so gibt es doch nirgends etwas, das als
„Ich“ identifiziert werden könnte. Während alle diese Faktoren in Aktivität
verwickelt sind, ist es das „Ich“, welches die Täterschaft übernimmt und als
Folge davon leidet. Die Yogis führen Aktivitäten lediglich mit ihrem Gemüt
und ihren Sinnen zum Zweck der Selbstreinigung aus. Wer dagegen vom Ich-
Sinn verseucht ist, sei er nun ein Gelehrter oder ein noch Höherer als dieser,
der ist ein verdorbener Mensch. Wer aber frei vom Ich-Sinn und dem Besitz-
sinn ist und Gleichmut in Freude und Schmerz zeigt, der wird nicht gebunden
durch das, was er an Erlaubtem oder Verbotenem tut.
  Folglich, oh Arjuna, ist deine Pflicht als Krieger, auch wenn sie Gewalttätig-
keit beinhaltet, edel und rechtmäßig. Die Ausübung der Handlung, die dir
zugedacht ist, auch wenn sie verabscheuungswürdig und unrecht ist, ist das
Beste. Werde schon hier auf der Erde unsterblich durch die Ausübung deiner
Pflicht. Sogar die natürliche Handlung eines Narren ist in seinem Fall edel.
Wie viel mehr gilt dies im Fall eines guten Menschen! Sei verankert im Geist
des Yoga und handle unangehaftet an die Handlung – so wirst du nicht ge-
bunden sein.
  Sei im Frieden, so wie Brahman im Frieden ist. Und lass deine Handlung
von der Natur Brahmans sein. Indem du alles Brahman darbringst, wirst du
unverzüglich selbst zu Brahman werden. Der Höchste Herr wohnt in allem.
Indem du alle Handlungen als ein Opfer für Ihn verrichtest, leuchtest du
selbst wie der von allen verehrte Höchste Herr. Werde ein wahrer sanyāsi
(Entsagender) durch das entschiedene Aufgeben aller Gedanken und Ideen –
auf diese Weise wirst du dein Bewusstsein wahrlich befreien.
  Das Aufhören aller Gedanken und Ideen oder mentalen Bilder sowie das
Aufhören der tiefgreifenden psychologischen Konditionierung sind selbst das
höchste Selbst oder Brahman. Danach zu streben wird sowohl Yoga als auch
Weisheit (Jñāna) genannt. Die Überzeugung, dass Brahman allein dies alles
ist, einschließlich der Welt und des „Ich“, wird genannt, „Alles Brahman op-
fern oder übergeben“ (Brahmārparïaæ).
  Der HÖCHSTE HERR instruierte Arjuna:
  Brahman ist innen und außen leer (undifferenziert und homogen). Es ist
weder ein Objekt der Beobachtung noch ist es verschieden vom Beobachter.
Die Welterscheinung taucht in ihm als ein unendlich kleiner Bestandteil sei-
ner selbst auf. Da die „Welt“ in Wahrheit nur eine Erscheinung ist, ist sie in
Wahrheit Leere, Nichts und unwirklich. Auf mysteriöse Weise taucht in all
diesem ein Gefühl des „Ich“ auf, welches sogar im Vergleich mit der Welter-
scheinung unendlich winzig ist! Das Unendliche verbleibt ungeteilt durch
alles und erscheint doch aufgrund des „Ich“-Gefühls als geteilt. So wie das
„Ich“ nicht-verschieden vom unendlichen Bewusstsein ist, so sind materielle
Objekte wie Töpfe und Lebewesen wie etwa ein Affe nicht verschieden vonei-
nander. Wer würde dann noch diesem „Ich“ nachhängen? Weshalb sich nicht


                                     426
an das unendliche Bewusstsein halten, welches allein als all dies erscheint
aufgrund seiner eigenen, mysteriösen Energien? Dieses Verstehen mit dem
anschließenden Aufgeben des Verlangens nach dem Genuss der Früchte der
eigenen, natürlichen Handlungen wird als „Entsagung“ (sanyāsa) bezeichnet.
Entsagung bedeutet, allen Hoffnungen und Bestrebungen zu entsagen. Sobald
man die Gegenwart des Höchsten Herrn in allen Erscheinungen und Modifi-
kationen wahrnimmt und die Illusion der Dualität aufgibt, bezeichnet man
dies als das sich Ergeben an den Höchsten Herrn oder das Darbieten des
Selbst und von allem an den Höchsten Herrn.
  Ich bin die Hoffnung, Ich bin die Welt, Ich bin die Tätigkeit, Ich bin die Zeit,
Ich bin das Eine und auch das Viele. Sättige daher dein Gemüt gänzlich mit
mir, sei mir ergeben, diene mir, verneige dich vor mir. Indem du so ständig
eins mit mir bist und mich als dein höchstes Ziel hast, wirst du mich errei-
chen.
  Ich besitze zwei Gestalten, oh Arjuna, die gewöhnliche und die höchste. Die
gewöhnliche Form ist diejenige, die mit Händen usw. und dem Muschelhorn,
dem Diskus, dem Streitkolben usw. ausgestattet ist. Die höchste Form ist ohne
Anfang und Ende, ohne ein Zweites. Sie wird verschiedentlich als Brahman,
Selbst, höchstes Selbst usw. bezeichnet. Solange man nicht vollständig er-
wacht ist, soll man die gewöhnliche Form verehren. Durch diese Verehrung
wird man spirituell erwachen und eines Tages die höchste Form kennen,
deren Kennen die Wiedergeburt verhindert.
  Ich sehe, dass du durch meine Unterweisung erwacht bist. Gewahre das
Selbst in allem und alles im Selbst und verbleibe für immer fest verankert im
Yoga. Wer darin fest verankert ist, wird nicht wiedergeboren, obwohl er hier
auf der Erde all seine natürlichen Tätigkeiten ausführt. Das Konzept der Ein-
heit dient dazu, das Konzept der Vielfalt aufzuheben, das Konzept des Selbst
(unendliches Bewusstsein) dient dazu, die Konzeptualisierung der Einheit
aufzuheben. Das Selbst kann weder als existierend noch als nicht-existierend
betrachtet werden – es ist, was es ist.
  Das innere Licht, welches als reines Erfahren in allen Wesen leuchtet – das
allein ist das Selbst, welches durch das Wort „Ich“ bezeichnet wird, dies ist
gewiss.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen:
  Die reine Erfahrung des Geschmacks, die in allen Substanzen der Welt exis-
tiert, ist das Selbst. Die Fähigkeit des Erfahrens, die in allen Geschöpfen exis-
tiert, ist das allgegenwärtige Selbst. Es existiert in allem, so wie Butter in
Milch existiert.
  Wie eine Sammlung von tausend Töpfen Raum außerhalb und innerhalb
aller Töpfe enthält, ungeteilt und unteilbar, so existiert das allesdurchdrin-
gende Selbst alle Wesen in den drei Welten. So wie in einem Perlenhalsband
die verbindende Schnur unsichtbar ist, so verbindet das Selbst alles und hält
alles zusammen, während es selbst unsichtbar bleibt. Diese Wahrheit oder



                                      427
Realität wird als das Selbst bezeichnet, welches alle Dinge von Brahmā dem
          Schöpfer bis hin zum Grashalm durchdringt.
             In diesem Brahman gibt es eine kleine Manifestation, die ebenfalls Brahman
          ist, und die hier aufgrund von Unwissenheit und Täuschung als „Ich-bin-heit“
          und „Welt“ bezeichnet wird. Wenn doch alles nur das eine Selbst ist, oh
          Arjuna, was bedeuten dann Ausdrücke wie „dies wurde getötet“, „er tötet“
          oder „gut“, „nicht gut“, „Unglück“ usw.? Wer weiß, dass das Selbst der Zeuge
          aller dieser Wandlungen ist und von ihnen unberührt und unbetroffen bleibt,
          der kennt die Wahrheit.
             Obgleich ich Ausdrücke verwende, die Vielfalt nahelegen, ist die Wirklich-
          keit doch nondual. All dieses Kommen und Gehen, Erschaffen und Wiederauf-
          lösen ist nicht-verschieden vom Selbst. Das Selbst ist die eigentliche Natur
          der Totalität der Existenz, so wie Härte die Eigenschaft des Felsens und Flüs-
          sigkeit die Natur der Wellen ist.
             Wer das Selbst in allem und in allem das Selbst sieht und erkennt, dass das
          Selbst der Nicht-Handelnde (nondual) ist, der sieht die Wahrheit. So wie in
          allen aus Gold gemachten Schmuckstücken unabhängig von ihrer Form und
          Größe das Gold die Wirklichkeit ist, und so wie Wasser die Wirklichkeit sämt-
          licher Wellen und Wirbel auf dem Ozean ist, unabhängig von ihrer Größe und
          Gestalt, so ist das höchste Selbst oder das unendliche Bewusstsein allein die
          Wirklichkeit, in der die Welt der vielfältigen Schöpfungen erscheint.
             Weshalb trauerst du also? Was gibt es denn schon in all diesen sich ständig
          wandelnden Phänomenen, dem sich dein Herz verbunden fühlen sollte? In-
          dem sie sich selbst auf diese Art befragen,, durchwandern die Weisen diese
          Welt in totaler Freiheit und in perfektem innerem Gleichgewicht. Ihre Wün-
          sche sind in sich selbst (als Wünsche) zurückgekehrt und ihre Täuschungen
          zerstreut; sie hängen an nichts, aber sind fest in der Selbsterkenntnis veran-
          kert; frei von allem Sinn der Dualität, wie er als Glück oder Unglück bezeich-
          net wird, so haben die Weisen den höchsten Zustand erlangt.
             Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen:
VI.1:54
             Höre, was ich dir nun weiter sagen werde. Ich teile dir dies mit, weil mir
          dein Wohl am Herzen liegt und weil du mir teuer bist.
             Ertrage, was auch immer dir an Vergnügen und Schmerz, an Hitze und Kälte
          widerfährt –sie kommen und gehen. Sie gehören nicht zum Selbst, das an-
          fangslos und endlos ist und ohne Teile. Sinneserfahrungen werden aus dem
          täuschenden Kontakt mit den illusorischen Elementen geboren. Wer dies
          weiß und ungerührt bleibt, trägt das Zeichen der Befreiung auf der Stirn.
          Wenn doch das Selbst allein existiert – wo können da Vergnügen und Schmerz
          entstehen? Da das höchste Selbst allein allgegenwärtig ist, existieren Vergnü-
          gen und Schmerz nicht wirklich. Das Unwirkliche besitzt keinerlei Sein, und
          das Wirkliche hört nicht auf zu sein.
             Das Selbst frohlockt weder im Vergnügen noch trauert es im Schmerz! Es ist
          nur das leblose Gemüt (ohne eigene Intelligenz und Bewusstheit) , welches,


                                              428
im Körper wohnend, Schmerz erfährt. Wenn der Körper verfällt, ist das Selbst
nicht betroffen. Weder gibt es unabhängig vom Selbst ein Ding wie den Kör-
per usw. noch so etwas wie Schmerz usw. Was wird also von wem erfahren?
Folglich ist der voll erwachte Mensch frei von solchen Täuschungen. So wie
die Illusion einer Schlange in einem Seil bei richtigem Hinsehen verschwin-
det, so verschwindet die Täuschung des Körpers und des Kummers im spiri-
tuellen Erwachen. Rechtes Verständnis oder spirituelles Erwachen ist, dass
das universale Brahman weder geboren wird noch stirbt.
  Vernichte die Kräfte der Täuschung wie Stolz, Sorge, Furcht, Wunsch als
auch Schmerz und Freude. Diese Gegensatzpaare sind allesamt illusorisch. Sei
im Eins-sein verankert. Du bist dieser einzige Ozean des Bewusstseins.
Schmerz und Freude, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage sind aus der
Unwissenheit geboren. Verbleibe daher unberührt von allem. Was auch im-
mer du tust, isst und in Verehrung darbringst und gibst – all dies ist das
Selbst. Was dein inneres Sein ist, das wirst du gewiss erlangen. Fülle daher
dein gesamtes Sein mit Brahman an, um die Realisation von Brahman zu
erlangen.
  Wer in der Handlung die Nicht-Handlung und in der Nicht-Handlung die
Handlung sieht, der ist weise und erlangt alles. Sei weder an die Früchte der
Handlung noch an die Nicht-Handlung verhaftet. Anhaftung ist die eigentliche
„Täterschaft“     und     auch    die    „Nicht-Täterschaft     (indem     man
selbstsüchtigerweise denkt: „Ich tue“ oder „ich tue nicht“). Beide sind Aspek-
te der Torheit – gib daher die Torheit auf. Gib das Konzept der Vielfalt auf -
auch wenn du handelst. Du bist nicht der Täter dieser Handlungen. Ein wei-
ser Mensch ist, wessen Handlungen im Feuer der Selbsterkenntnis verbrannt
und der folglich frei von Wünschen sind. Wer sich physischer Handlungen
enthält, aber fortfährt, sich mental in Erfahrungen des Vergnügens zu erge-
hen, ist ein Heuchler. Wer jedoch mit Hilfe des Gemüts seine Sinne beherrscht
und mit seinem Körper tätig und dabei frei von Anhaftung ist, der ist eine
überlegene Person. In wessen Herzen die Wünsche in sich selbst zurückkeh-
ren, so wie die Flüsse wieder in den Ozean fließen, der lebt im Frieden, nicht
jedoch der Mensch mit Wünschen.
  Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen:
                                                                                  VI.1:55
  Ohne etwas zu entsagen und ohne das selbstsüchtige Empfinden von „ich
genieße“ oder „ich leide“ sollte man in allen natürlichen Situationen in einem
Zustand des Gleichmuts verweilen. Hege nicht das Gefühl von „dies ist das
Selbst oder Bewusstsein“ für das was das Nicht-Selbst (Nicht-Bewusstsein)
ist. Wenn der Körperzerfällt, geht nichts verloren. Das Selbst kann niemals
verloren gehen! Das Selbst ist per definitionem das unzerstörbare und un-
endliche Bewusstsein. Lass nicht einmal den Gedanken „Das Selbst ist ver-
derblich“ je in deinem Gemüt auftauchen. Was verdirbt oder wandelhaft ist,
ist nur die Vorstellung von „dies ist verloren“ oder „dies wurde erlangt“. Das
Selbst, welches ewiglich und unendlich ist, hört nicht auf, die Wirklichkeit zu
sein, während das Unwirkliche gar nicht existiert. Das Selbst, welches alles


                                     429
durchdringt, ist unverderblich. Die Körper gelangen an ihr Ende, aber das
          Selbst (das unendliche Bewusstsein) ist ewig. Das Selbst oder das unendliche
          Bewusstsein ist eines und nicht-dual. Was verbleibt, sobald aller Sinn für die
          Dualität verloren ist, ist das Selbst, das ist die höchste Wahrheit.
            ARJUNA fragt;
            Was, oh Höchster Herr, ist dann der sogenannte Tod, und was ist, was man
          Himmel und Hölle nennt?
            Der HÖCHSTE HERR erwiderte:
            Der jīva oder die lebendige Seele oder Persönlichkeit lebt in einem Netz, das
          aus den Elementen (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum) und auch dem Ge-
          müt und dem Intellekt geknüpft ist. Dieser jīva wird durch die latenten Nei-
          gungen (vergangene Eindrücke, Erinnerungen usw.) umhergetrieben, da er
          sich im Käfig namens Körper aufhält. Im Verlaufe der Zeit altert der Körper
          und der jīva verlässt den Körper, so wie der Saft aus einem gepressten Blatt
          austritt. Er nimmt die Sinne und das Gemüt mit sich und gibt den Körper auf,
          so wie Duft seine Quelle verlässt und davonzieht. Der Körper des jīva ist
          nichts anderes als die vāsanās oder die verbleibenden Eindrücke, die im
          Körper gewonnen wurden. Sobald der jīva den Körper verlässt, wird dieser
          leblos – dann nennt man ihn „tot“.
            Während er im Raume umherzieht, sieht der jīva, der die Natur des prāïa
          oder der Lebenskraft hat, die Formen, die durch seine vergangenen vāsanās
          oder Eindrücke heraufbeschworen werden. Diese früheren Eindrücke werden
          nur durch intensive Selbst-Erforschung zerstört. Auch wenn die Berge pulve-
          risiert werden und die Welten verschwinden, sollte man niemals die Eigen-
          bemühung aufgeben. Auch Himmel und Hölle sind nichts als Projektionen
          dieser Eindrücke oder vāsanās.
            Diese vāsanās entstehen aus Unwissenheit und Torheit und hören nur in
          der Morgendämmerung der Selbsterkenntnis auf. Was ist der jīva schon an-
          deres als vāsanā oder mentale Konditionierung, die wiederum nichts als leere
          Vorstellungen oder Gedankenformen sind? Wer fähig ist, diese vāsanās auf-
          zugeben, während er noch in dieser Welt und in diesem Körper lebt, der wird
          als befreit bezeichnet. Wer nicht vermag, diese vāsanās aufzugeben, befindet
          sich in Bindung, auch wenn er ein großer Gelehrter ist.
            Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen:
VI.1:56
            Sei eine befreite Seele, indem du die mentale Konditionierung aufgibst. Sei
          im Innern ruhig und kühl, und gib die durch Beziehungen entstehenden Sor-
          gen auf. Gib den leisesten Zweifel betreffend Alter und Tod auf, entwickle eine
          Sichtweise, die so weit wie der Himmel ist, und sei frei von der Anziehung
          und auch von der Abstoßung. Führe die Handlung aus, welche natürlich für
          dich ist. Nichts geht hier zugrunde. Darin besteht die Natur eines befreiten
          Weisen. Nur der Narr denkt: „ich werde dies tun“ oder „ich werde dies lassen“.
            Die Sinne des befreiten Weisen sind auf natürliche Weise fest in seinem
          Herzen verankert. Es ist das Gemüt (Herz), welches das Gemälde der drei


                                               430
Welten auf die Leinwand des allgegenwärtigen Seins malt. Das Gemüt erzeugt
Fragmentierung und Trennung. In Wahrheit gibt es keine solche Fragmentie-
rung – es ist nur das Gemälde des Gemüts, welches als Fragmentierung in
dieser Schöpfung beobachtet wird. Raum ist absolute Leere. Und doch ent-
steht und vergeht diese Welterscheinung im Gemüt während eines Augen-
blinzelns! Da das Selbst (auf dem die Welt vom Gemüt gemalt wird) die ge-
samte Schöpfung durchdringt, erscheint die Schöpfung selbst als wirklich. Bei
korrekter Ergründung jedoch löst sie sich im Selbst auf.
   Weder existieren „andere“ noch „du“ selbst. Weshalb grämt du dich? Im rei-
nen Raum gibt es weder Tätigkeit noch Bewegung, denn Tätigkeit und Bewe-
gung selbst sind leer. Daher ist der reine Raum unberührt von Konzepten wie
Zeit, Tätigkeit usw. All dies ist nichts als das Gemüt, dessen Ideen sich in Form
dieser Bilder ausbreiten. Der reine Raum ist leer. Dieser Raum kann zu keiner
Zeit getrennt und geteilt werden.
   Nun ist diese eingebildete Schöpfung aufgelöst worden, oh Arjuna. Sie ent-
stand im Moment einer Täuschung. Sie ist irreal, und doch vermag das Gemüt
diese Fantasie in einem Augenblick zu erzeugen. Es (das Gemüt) kann einen
Moment wie eine ganze Epoche erscheinen lassen, etwas weniges als viel
darstellen, und das Irreale im Nu als gänzlich real erscheinen lassen – so ist
diese Illusion entstanden. Es ist diese in einem Augenblick entstehende Täu-
schung, die die Illusion zurücklässt, welche „Welt“ genannt wird und die in
den Augen der Unwissenden eine unbestreitbare und solide Realität ist.
   Da diese Welterscheinung jedoch auf der Realität des unendlichen Be-
wusstseins gründet, sind alle Argumente betreffend seine reale oder irreale
Natur von geringer Bedeutung. Es ist in der Tat ein großes Wunder, dass diese
Welt der Vielfalt im unteilbaren unendlichen Bewusstsein erscheint. Und
doch ist sie nicht mehr als das Gemälde einer Tänzerin, in der die Phänomene
die verschiedenen Teile und die Götter und Dämonen und andere Lebewesen
ihre Glieder sind. Alles ist in der Tat nur ihr eigenes Substrat, das niemals
einem Wandel unterzogen wurde. Es ist das unendliche, unteilbare Bewusst-
sein.
   Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen:
                                                                                    VI.1:57,
   Dies ist in der Tat ein großes Wunder: Zuerst erscheint das Bild, und dann          58
taucht daraus die Fragmentierung auf. Das Bild existiert nur im Gemüt. Was
auch immer getan wird, wird von der Leerheit in der Leerheit (Raum) getan.
Leerheit löst sich in Leerheit auf, Leerheit erfreut sich an Leerheit, Leerheit
durchdringt Leerheit. Was zu sein scheint, ist durchdrungen von vāsanās
(psychologischer Konditionierung oder mentalen Bildern). Die Welterschei-
nung ist illusorisch. Sie existiert in Brahman so, wie ein Bild in einem Spiegel
existiert – unberührbar, ohne Löcher (Brüche) und ohne Getrenntheiten;
nicht-verschieden von Brahman. Auch was man vāsanā nennt, ist essenziell
auf unendlichem Bewusstsein gegründet und nicht verschieden davon.
   Wer sich nicht von den Fesseln der vāsanās befreit hat, ist gänzlich an ihre
Illusionen gebunden. Auch wenn jemand sämtliche vāsanās bis auf einen


                                      431
winzigen Restbestand abgelegt haben sollte, genügt dieser Rest doch, um
          schon bald einen neuen, mächtigen Urwald des saæsāra (Welterscheinung
          oder Zyklus von Geburt und Tod) entstehen zu lassen. Falls jedoch dieser
          Same des vāsanā durch beständige Bemühung mit Hilfe des Feuers des richti-
          gen Verstehens und der Selbsterkenntnis zu Asche verbrannt wird, dann ruft
          er keine weitere Bindung hervor. Wer seine vāsanās zu Asche verbrannt hat,
          verliert sich nicht in der Freude und im Schmerz – er lebt in dieser Welt wie
          ein Lotosblatt im Wasser.
            ARJUNA sprach:
            Höchster Herr, meine Täuschungen sind verschwunden. Durch deine Gnade
          erfuhr ich das Erwachen meiner inneren Intelligenz. Ich bin nun von allen
          Zweifeln befreit. Ich werde in allem Deinen Willen tun.
            Der HÖCHSTE HERR beschloss seine Unterweisung wie folgt:
            Sobald die mentalen Modifikationen befriedet sind, ist auch das Gemüt im
          Frieden. Dann ist das Bewusstsein vom Objekt befreit und es gibt da das
          reine, innere Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist alles und allgegenwärtig. Es
          ist rein und ohne jede Gedankenbewegung. Es ist transzendental. Es wird erst
          dann erlangt, wenn es von sämtlichen vāsanās gereinigt worden ist. So wie
          die Hitze den Schnee schmilzt, so löst dieses reine Bewusstsein die Unwis-
          senheit auf und vertreibt sie. Das, was alles in diesem Universum ist; das, was
          ohne alles in diesem Universum ist; das, was unbeschreiblich ist; das, was die
          höchste Wahrheit ist –welchen Namen soll man ihm geben?
            VASIåèHA fuhr fort:
            Wenn der Höchste Herr auf diese Weise Arjuna unterweist, wird dieser ei-
          nige Momente lang still bleiben und dann sprechen: „Höchster Herr, im Son-
          nenlicht deiner Ermahnungen hat sich der Lotos der Intelligenz in meinem
          Herzen voll entfaltet.“ Nach diesen Worten, wird Arjuna unverzüglich seine
          Waffen an sich nehmen und sich am Krieg beteiligen als wäre es ein Spiel.
          (Hinweis: Dieses Kapitel enthält die Essenz der Bhagavad Gita)
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:59
            Eigne dir diese Haltung an, oh Rāma, und verbleibe unangehaftet, ausgerüs-
          tet mit dem Geist der Entsagung und der Erkenntnis, dass du alles, was du
          tust oder erfährst, dem allgegenwärtigen Sein, Brahman, darbringst. Dann
          wirst du die Wahrheit erkennen, und das ist das Ende aller Zweifel.
            Das ist der höchste Zustand, der Guru aller Gurus, dies ist das Selbst, das
          Licht, welches die Welt von innen erleuchtet. Es ist die Wirklichkeit aller
          Substanzen, das, was den Substanzen die essenziellen Eigenschaften verleiht.
          Die Idee der „Welt“ taucht nur dann auf, wenn der Geist der Erforschung
          abwesend ist. Jedoch war „Ich“, bevor die Welt war. Wie könnte dann die Idee
          der Welt usw. mich binden? Wer auf diese Weise die Wahrheit erkennt, ist frei
          von allem Anfang und allem Ende. Wer auf diese Weise mit dem Geist der
          Nondualität ausgestattet ist (als wäre er wachend im Tiefschlaf), ist nie mehr
          beunruhigt, obwohl er ein aktives Leben führt. Er ist hier und jetzt befreit.


                                               432
Was als die Welt erscheint, ist wahrhaftig nichts als die Zauberei (das Werk)
des unendlichen Bewusstseins. Weder gibt es hier Einheit noch Dualität. Und
meine Unterweisungen sind ebenso! Die Worte, ihre Bedeutung, der Schüler,
der Wunsch (oder die Bemühung des Schülers) und die Fähigkeit des Gurus
zur Verwendung der Worte sind alle ebenfalls das Spiel der Energie des un-
endlichen Bewusstseins! Im Frieden des eigenen inneren Seins vibriert das
Bewusstsein – die Welterscheinung taucht auf. Würde dieses Bewusstsein
nicht vibrieren, würde es auch keine Welterscheinung geben.
  Das Gemüt ist nichts anderes als die Bewegung im Bewusstsein. Die Nicht-
Realisation dieser Wahrheit ist die Welterscheinung! Die Nicht-Realisation
dieser Wahrheit verstärkt und vertieft die Bewegung der Gedankenwellen im
Bewusstsein. Auf diese Weise entsteht ein Weltzyklus. Unwissenheit und
mentale Aktivität setzen sich gegenseitig fort.
  Sobald die innere Intelligenz erwacht ist, hört das Verlangen nach Sinnes-
vergnügen auf, und das ist die Natur des Weisen. Das Nicht-Verlangen nach
Sinnesvergnügen geschieht daher in ihm auf ganz natürliche und mühelose
Weise. Er weiß, dass es die Energie des Selbst ist, die die Erfahrungen erfährt.
Wer verweigert, das zu erfahren was er zu erfahren hat, nur um der Welt zu
gefallen, schlägt die Luft mit einem Stock! Man erlangt die Selbsterkenntnis,
indem man die angemessenen Mittel verwendet.
  Der Wunsch nach Befreiung verhält sich konträr zur Fülle des Selbst – aber
die Abwesenheit dieses Wunsches fördert die Bindung! Daher sollte man
dessen beständig gewahr sein. Die einzige Ursache für Bindung und Befrei-
ung ist die Bewegung im Bewusstsein. Das Gewahrsein dessen beendet diese
Bewegung. Der Ich-Sinn hört in dem Moment auf, in dem er beobachtet wird,
weil er dann keine Stütze mehr hat. Wer ist dann von wem gebunden oder
wer wird vom wem befreit?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Darin besteht das höchste Sein, welches unendliches Bewusstsein ist. Die-
jenigen, die wie der Schöpfer Brahmā, Vi«ïu oder Śiva mit einer makrokosmi-
schen Form ausgestattet sind, sind verankert in diesem höchsten Sein, sie
sind die Herrscher oder Könige dieser Welt. Darin verankert, wandern die
vollkommenen Weisen in den Himmeln umher. Wer dies erlangt hat, stirbt
nicht und trauert nicht. Der Weise, selbst wenn nur für einen Augenblick in
diesem reinen Sein verweilt, welches von der Natur des unbegrenzbaren und
unendlichen Bewusstseins ist und auch das Höchste Selbst genannt wird,
wird nie wieder betrübt, auch wenn er sich weiterhin mit den Angelegenhei-
ten dieser Welt befasst.
  RùMA fragte:
  Wenn das Gemüt, der Intellekt und der Ich-Sinn alle zusammen aufgehört
haben, wie kann dann dieses reine Sein oder unendliche Bewusstsein hier
erscheinen?
  VASIåèHA fuhr fort:


                                     433
Brahman, das in sämtlichen Körpern wohnt und Erfahrungen erfährt, isst,
          trinkt, spricht, sammelt undzerstört, ist selbst gänzlich frei von der Teilung
          des Bewusstseins und seiner Bewusstheit. Was allgegenwärtig und ohne
          Anfang und Ende und ein völlig reines, unmodifiziertes, undifferenziertes
          Sein ist – dies wird Existenz (vastu-tattvam) oder Realität genannt.
            Dieses existiert im Raum als Raum , als Klang im Klang, als Berührung in
          der Berührung, als Haut in der Haut, als Geschmack im Geschmack, als Form
          in der Form, in den Augen als die Sehkraft, im Geruch als Geruch, im Duft als
          Duft, im Körper als Kraft, in der Erde als Erde, in der Milch als Milch, im Wind
          als Wind, im Feuer als Feuer, in der Intelligenz als Intelligenz, im Gemüt als
          Gemüt, im Ich-Sinn als Ich-Sinn . Es erscheint als citta oder als Gemüt im
          Gemüt. Es ist der Baum im Baum. Es ist die Unbewegtheit im Unbewegten
          und die Bewegtheit in den beweglichen Lebewesen. Es ist das Leblose im
          Leblosen und die Intelligenz des Lebendigen. Es ist die Göttlichkeit der Götter
          und die Menschlichkeit in menschlichen Lebewesen. In den Tieren ist es
          deren animalische Natur und in den Würmern deren Wurmartigkeit. Es ist
          die eigentliche Essenz der Zeit und der Jahreszeiten. Es ist die Dynamik in der
          Aktion und die Ordnung in der Ordnung. Es ist die Existenz in der Existenz
          und der Tod im Verderblichen. Es ist die Kindheit, die Jugend und das Alter
          und auch der Tod.
            Es ist ungeteilt und unteilbar, denn es ist die eigentliche Essenz aller Dinge.
          Die Vielfalt ist unwirklich, obwohl sie wirklich ist in dem oben genannten
          Sinne (nämlich dass die Vielfalt wahrgenommen und durchdrungen wird vom
          unendlichen Bewusstsein). Erkenne dies: „All dies ist durchdrungen von Mir,
          denn ich bin allgegenwärtig und und ohne Körper und solch anderen Begren-
          zungen.“ Ruhe dann im Frieden und im höchsten Glück.
            VùLMýKI sprach:
           Nachdem der Weise Vasi«Âha so gesprochen hatte, gelangte der Tag an sein
          Ende und die Versammlung löste sich für die Abendgebete auf.
           RùMA fragte:
VI.1:61
            Oh Weiser, so wie die Städte usw., die wir in unseren Träumen sehen, irreal
          sind, so ist diese Welt, welche der Traum von Brahmā dem Schöpfer ist, in der
          Tat irreal und illusorisch. Wie kommt es aber, dass sie in unseren Augen die-
          sen außerordentlich hohen Grad an Solidität erlangt?
            VASIåèHA erwiderte:
             Die allererste Schöpfung Brahmās wird sogar heute noch von uns gesehen,
          als wäre sie real! Da das Bewusstsein unendlich ist, findet die Erschaffung des
          jīva ebenfalls überall statt. Diese Schöpfung ist ohne Zweifel aus der Unwis-
          senheit geboren – der Glaube an diese Schöpfung vernichtet die wahre Sicht-
          weise. Obwohl diese Schöpfung unwirklich ist, erscheint sie doch aufgrund
          des Ich-Sinnes als gänzlich real und solide. Der Träumer realisiert die Flüch-
          tigkeit der Objekte, die er im Traum wahrnimmt, nicht. Auf dieselbe Weise
          verhält es sich mit dem kosmischen Traum des Schöpfers. Der Traum teilt die


                                                434
Eigenschaften des Träumers. Was aus dem Unwirklichen geboren wurde,
muss daher ebenfalls unwirklich sein! Daher erscheint diese Welt nur als
wirklich, da sie aus dem unwirklichen Konzept (dem Traum des Schöpfers)
geboren wurde. Sie sollte folglich entschieden zurückgewiesen werden.
  Im Selbst, das unendliches Bewusstsein ist, erscheint diese Schöpfung nur
für einen Moment. Während dieses Momentes entsteht die Idee, dass diese
Schöpfung von sehr langer Dauer ist. Die Schöpfung scheint daher völlig real
zu sein. So wie dieses Universum als ein Traum im Bewusstsein des Schöpfers
existiert, so wird es als eine lange Zeitperiode im Bewusstsein (Traum) all
der Wesen erfahren, die selbst die Traumobjekte des Schöpfers sind.
  Was und in welcher Form in diesem Traum wahrgenommen wird, entsteht
augenblicklich. Natürlich gibt es für einen verwirrten oder gestörten Ver-
stand nichts, was er in dieser Welt als unreal erfahren würde. Sogar hier
werden so viele außergewöhnliche Phänomene gesehen: Feuer brennt mitten
im Wasser, Wasser bleibt im Himmel stehen, Lebewesen werden in einem
Felsen entdeckt, leblose Maschinen funktionieren auf verschiedenste wun-
derbare Weise. Man kann auch sehen, was offensichtlich unwirklich ist: so
wie man von seinem eigenen Tod träumen kann.
  Da gibt es nichts, was real ist, noch ist da irgendetwas, was irreal ist – in
diesem Traum, der die Schöpfung genannt wird, ist alles überall möglich! So
wie man im Traum den Traum als gänzlich real empfindet, so empfindet
jemand, der in diese Schöpfung verwickelt ist, sie als gänzlich real. So wie
man von einem Traum zum nächsten wandert, so wandert man von einer
Täuschung zur nächsten und erfährt diese Welt als gänzlich real.



                                      ***



Die Geschichte von den hundert Rudras

 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.1:62
  In diesem Zusammenhang erzähle ich dir nun die folgende Legende, oh
Rāma, der du bitte dein Ohr leihen mögest.
  Es gab einmal einen Bettelmönch, der der Meditation ergeben war. Sein
Gemüt, durch solche Meditation gereinigt, erlangte die Fähigkeit zum Materi-
alisieren der Gedanken.
  Eines Tages, der ständigen Meditation müde, aber immer noch in vollkom-
mener Gedankenkonzentration, dachte er daran, etwas zu tun. Er stellte sich
vor, dass er Analphabet und ein Angehöriger einer Familie war, die nicht zur
Brāhmanenkaste gehörte. Unverzüglich wurde er sozusagen zu einem Stam-


                                     435
mesangehörigen, und es entstand in ihm das Gefühl „Ich bin Jīvata“. Dieses
          Traumwesen durchwanderte eine Zeitlang eine Stadt, die ebenfalls aus
          Traumobjekten bestand. Eines Tages war er betrunken und schlief ein. Er
          träumte, dass er ein Brāhmane sei, der Kenntnis der Schriften hatte. Während
          er so ein rechtschaffenes Leben führte, träumte dieser Brāhmane eines Tages,
          dass er ein mächtiger König sei. Er träumte, ein unbesiegter Kaiser mit un-
          übertroffenem Glanz zu sein. Eines Tages erging dieser sich in königlichen
          Vergnügungen, schlief danach ein und träumte von einer himmlischen Nym-
          phe.
            Auch diese Nymphe träumte eines Tages, und zwar dass sie ein Reh sei. Und
          dieses Reh wiederum träumte davon, eine Kletterpflanze zu sein. Auch Tiere
          träumen, da die Natur des Gemüts darin besteht, sich an gesehene und gehör-
          te Dinge zu erinnern. Das Reh wurde also zu einer Kletterpflanze. Die innere
          Intelligenz in dieser Kletterpflanze sah daraufhin im eigenen Herzen eine
          Biene. Die Kletterpflanze wurde zur Biene, und diese Biene begann den Nek-
          tar der Blumen zu schlürfen, die auf der Kletterpflanze wuchsen. Die Biene
          verfiel dem Nektar in einer dieser Blüten und läutete damit gewiss ihr eige-
          nes Verderben ein!
            In der Nacht kam ein Elefant zu dieser Kletterpflanze, riss sie zusammen
          mit der Biene aus und zermalmte sie in seinem Maul. Die Biene jedoch, die
          den Elefanten hatte kommen sehen, komtemplierte den Elefanten und wurde
          zu einem solchen. Dieser Elefant wurde sodann von einem König eingefangen.
          Eines Tages sah der Elefant einen Bienenstock und wurde aufgrund der Erin-
          nerung an seine vergangene Geburt zu einer Biene. Sie begann, den Nektar
          der Blüten wilder Kletterpflanzen zu schlürfen. Sie wurde zur Kletterpflanze.
          Die Kletterpflanze wiederum wurde von einem Elefanten zertrampelt. Weil
          die Kletterpflanze jedoch in einem nahen See Schwäne gesehen hatte, wurde
          sie zu einem Schwan.
            Eines Tages befand sich dieser Schwan in der Gesellschaft vieler weiterer
          Schwäne. Während der Bettelmönch über den Schwan meditierte, starb er
          plötzlich. Sein Bewusstsein wurde daraufhin in den Schwan verpflanzt.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:63
             Dieser Schwan sah eines Tages Lord Rudra und entwickelte in seinem Her-
          zen die Überzeugung: „Ich bin Lord Rudra“. Unverzüglich gab er seinen Kör-
          per als Schwan auf und wurde zu Lord Rudra. Und dieser Rudra lebte dann in
          der Heimstätte Rudras Da Rudra jedoch mit wahrer Erkenntnis ausgestattet
          war, erinnerte er sich an alles, was bis dahin geschehen war!
             RUDRA rekapitulierte daher wie folgt:
             Schaut nur! Wie mysteriös doch diese Māyā ist, die alle Welt täuscht! Sie ist
          unwirklich, erscheint aber als wirklich. Als erstes entstand in diesem unend-
          lichen Bewusstsein, welches ich selbst bin, das Gemüt mit objektivem Be-
          wusstsein, aber immer noch kosmisch und allwissend. Dann wurde ich zufäl-
          ligerweise zum jīva, der sich von den feinsten Teilen der kosmischen Elemen-


                                               436
te angezogen fühlte. Aufgrund dessen wurde ich während eines bestimmten
Schöpfungszyklus zum Bettelmönch, der in vollkommener Stillheit lebte. Er
überwand sämtliche Zerstreutheiten und verblieb vertieft in die Praxis der
Kontemplation.
  Jedoch ist jede nachfolgende Aktion mächtiger als die vorangegangene. Der
Bettelmönch erachtete sich selbst als Jīvata und wurde dann zu diesem. Da-
nach begann er sich für einen Brāhmanen zu halten. Ganz bestimmt überwäl-
tigt die mächtigere Gedankenform die schwächere. Im Verlaufe der Zeit und
aufgrund beständiger Kontemplation wurde er dann zum König – so wie das
von der Pflanze aufgenommene Wasser schließlich zu ihrer Frucht wird!
Königliche Vergnügen gehen mit dem Lustspiel der Nymphen einher – indem
der König diese kontemplierte, wurde er zur Nymphe. Einzig und allein auf-
grund einer Betörung wurde diese Nymphe eines Tages ein Reh. Das Reh
wurde zur Kletterpflanze, die von der Idee besessen war, sie würde durchsto-
chen werden. Indem sie die Biene kontemplierte, wurde sie zu einer solchen,
die dann ein Loch in die Kletterpflanze stach. Die Biene wurde sodann zum
Elefanten.
  Ich bin Rudra, der während der letzten hundert Schöpfungszyklen immer
Rudra gewesen ist. Ich durchwandere diese Welterscheinung, die nichts als
eine psychologische Täuschung ist. In einem der Schöpfungszyklen war ich
Jīvata, in einem anderen der Brāhmane, in einem weiteren der König und in
wieder einem anderen der Schwan. Auf diese Weise drehte ich in diesem Rad
namens Gemüt und Körper.
  Es geschah vor Äonen, dass ich diesem Höchsten Selbst oder unendlichen
Bewusstsein entschlüpfte. Schon bald nach diesem Sturz fand ich mich als
Bettelmönch wieder, der jedoch immer noch die Erkenntnis der Wahrheit
hatte. Nachdem ich viele Inkarnationen durchlebt hatte, wurde ich durch die
Gnade Rudras, den zu erblicken ich das Glück hatte, zu Lord Rudra selbst.
Wenn der jīva durch Zufall einem Erleuchteten begegnet, verschwinden seine
unreinen vāsanās (Neigungen). Dies geschieht,, wenn man sich ständig nach
einem Kontakt mit einem erleuchteten Menschen sehnt. Ein solch stetiges
Sehnen und Verlangen (abhyāsa) materialisiert sich und wird zur vollendeten
Tatsache.
  RUDRA rekapitulierte ferner wie folgt:
  Gewiss geschieht es aufgrund der eigenen inneren Überzeugung „Dieser
Körper ist mein Selbst“, dass diese falsche Wahrnehmung sich ausbreitet.
Wenn man dann seine wahre Natur ergründet, stellt man fest, dass nichts
mehr übrig bleibt! Legen wir schließlich auch diese Ergründung beiseite, da
sie zu nichts führt. Diese Welt ist eine optische Täuschung – wie die Bläue des
Himmels. Sie entsteht aus Unwissenheit. Legen wir nun sogar alle Bemühun-
gen zur Reinigung dieser Unwissenheit beiseite! Sollte dann diese Welter-
scheinung, die gänzlich irreal ist, weiterhin erscheinen, dann soll sie – Scha-
den kann sie keinen mehr anrichten. Ich werde nun die Kette der imaginären



                                     437
Verkörperungen zurückverfolgen und die ihnen zugrundeliegende Einheit
wieder herstellen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Nachdem er die Dinge so bedacht hatte, ging Rudra dorthin, wo der Körper
des Bettelmönchs lag. Er hieß ihn erwachen und sich an all das erinnern, was
bisher geschehen war. Der Bettelmönch erkannte Rudra als sein eigenes
Selbst und erinnerte sich ferner an alle vergangenen Erlebnisse.
  Dann gingen beide dorthin, wo JīvaÂa in demselben unendlichen Bewusst-
sein gelebt hatte. Sie wiederbelebten seinen Körper. Alle drei waren in der Tat
nur einer. Alle drei, verblüfft über dieses Mysterium, begaben sich dann dort-
hin, wo der von seiner Frau umarmte, schlafende Brāhmane lag. Sie erweck-
ten sein Bewusstsein. Dann gingen sie zum König, der schlafend in seinem
königlichen Schlafgemach lag, umgeben von Nymphen. Sie erweckten auch
seine innere Intelligenz. Auch der König zeigte sich fasziniert im Angesicht
der Wahrheit. Alle zusammen gingen nun dorthin, wo der Schwan lebte –
derselbe Schwan, der dann Rudra wurde.
  Sie durchzogen die Welt der einhundert Rudras der Vergangenheit. Sie er-
kannten, dass alle diese verschiedenen, illusorischen Ereignisse, die schein-
bar stattgefunden hatten, nur in diesem einen, unendlichen Bewusstsein
geschehen waren. Die eine Form war sozusagen zu vielen geworden. Diese
einhundert Rudras durchdrangen das gesamte Universum und waren allge-
genwärtig.
  Aufgrund der Tatsache, dass der jīva auf allen Seiten von der Welt umgeben
ist, wie sie aus ihm entsteht, gewahren die unerwachten jīvas einander nicht
und verstehen einander nicht. So wie sämtliche Wellen von derselben Sub-
stanz und daher eines sind, so erkennen die erwachten jīvas ihr Einssein und
verstehen sich gegenseitig. Jeder jīva besitzt seine eigene illusorische Welter-
scheinung. Wenn jedoch diese Welterscheinung der jīvas ergründet wird,
führt dies unfehlbar zu demselben, unendlichen Bewusstsein, und zwar auf
dieselbe Weise, wie das Graben an einer beliebigen Stelle des Erdreichs über-
all nur leeren Raum enthüllt.
  Unterscheidendes Bewusstsein bedeutet Bindung – Befreiung ist die Abwe-
senheit davon. Was dir gefällt – das bejahe und bleibe dabei. Denn zwischen
beiden gibt es keinen Unterschied, da in beiden nur Gewahrsein und nichts
anderes ist. Wer würde den Verlust von etwas betrauern, was nur in der
Unwissenheit existiert? Das, was durch „Stillsein“ gewonnen wird, existiert
bereits; es ist daher schon längst „gewonnen“ worden!
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.1:64
   Alle von ihnen erlangten zusammen mit Lord Rudra ihr spirituelles Be-
wusstsein. Erkennend, dass sie ein Teil von Rudra waren, wurden sie glück-
lich. Rudra betrachtete das Spiel von Māyā, wie es entstand, und er inspirierte
die anderen dazu, wieder ihre Rolle darin zu spielen und nach diesen schein-
bar unabhängigen Existenzformen zu ihm zurückzukehren. Er versicherte


                                     438
ihnen ferner, dass sie am Ende des Weltzyklus den höchsten Zustand errei-
           chen würden. Rudra entschwand dann ihrem Blick, und JīvaÂa und die ande-
           ren kehrten in ihre eigenen Wohnstätten zurück.
             RùMA fragte:
            Waren denn nicht JīvaÂa und die anderen bloße Traumgebilde (imaginäre
           Entitäten) des Bettelmönchs? Wie konnten sie dann zu echten Existenzen
           werden?
            VASIåèHA erwiderte:
             Gib die Idee auf, dass Imagination etwas Reales sei! Wenn das Illusorische
           der Illusion aufgegeben ist, existiert das, was existiert, im unendlichen Be-
           wusstsein. Was im Traum gesehen und als real erlebt wird, erscheint immer
           so – auf dieselbe Weise, wie dem Reisenden seine zeitlichen und räumlichen
           Erfahrungen als real in Bezug auf die verschiedenen Orte erscheinen. Im
           Herzen dieses unendlichen Bewusstseins existiert alles, und alles, was man
           darin sieht, erfährt man auch.
             Die traumartige Natur der Gedankenformen wird nur durch die intensive
           Praxis des Yoga erkannt, nicht auf andere Weise. Durch diese Praxis nehmen
           Lord Śiva und andere alles überall wahr. Was sich direkt vor dir befindet und
           zur selben Zeit von deinem Verstand wahrgenommen wird, wird nicht er-
           kannt, so lange es eine Fehlwahrnehmung dieser Wahrnehmung oder dieser
           Art von Existenz gibt. Nur wenn die Fehlwahrnehmung dieser Wahrnehmung
           aufgehoben ist, kann das Objekt erkannt und realisiert werden. Was man sich
           wünscht, erlangt man nur, wenn das innerste Sein diesem voll und aus-
           schließlich ergeben ist! Derjenige, der dem, was vor ihm ist, total ergeben ist,
           kennt dieses vollkommen, so wie jemand, der einem illusorischen Objekt
           total ergeben ist, dieses ebenfalls vollkommen kennt. Fehlt bei jemandem
           eine solche einsgerichtete Hingabe, dann zerstört er das Objekt (er ist dessen
           nicht gewahr). Es geschah durch eben diese einsgerichtete Hingabe, dass der
           Bettelmönch zu Rudra und den anderen wurde. Jeder von diesen verfügte
           über seine eigene Welt, und bis das Rudra-Bewusstsein in ihnen erweckt
           wurde, kannten sie einander nicht. Es geschah durch den Willen Rudras, dass
           ihr Bewusstsein verschleiert war und siezu verschiedenen Gestalten und
           verschiedenen Naturen wurden.
             Es geschieht durch die einsgerichtete Kontemplation des „Möge ich ein
           himmlisches Wesen werden!“ oder „Möge ich ein Gelehrter werden!“, dass
           man als Resultat dieser Kontemplation zu einem oder vielen, zu einem Unge-
           bildeten oder einem Mann der Gelehrsamkeit wird. Durch Konzentration und
           Meditation ist es möglich, dass man zu einem Gott oder einem menschlichen
           Wesen wird und entsprechend lebt.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:64,     Das unendliche Bewusstsein, welches das wahre Selbst aller ist, ist mit All-
   65
           macht ausgestattet, aber der jīva (der essenziell nicht verschieden vom Selbst
           ist), ist nur mit einer begrenzten Fähigkeit (entsprechend seinen Ideen) aus-


                                                439
gestattet. Daher erfährt der jīva aufgrund seiner eigenen Natur entweder
endlose oder begrenzte Kräfte. Das unendliche Bewusstsein dehnt sich nicht
aus und zieht sich nicht zusammen – es ist der jīva, der erhält, wonach er
sucht. Die Yogis, die verschiedene Kräfte erlangt haben, manifestieren diese
Kräfte hier und auch anderswo. Da sie jedoch hier und dort und an verschie-
denen Orten erfahren werden, erscheinen solche Erfahrungen als viele und-
unterschiedlich, so wie der berühmte KārtavÅrya Furcht in den Herzen vieler
erzeugte, obgleich er in seinem eigenen Heim verblieb! (Ein modernes Bei-
spiel ist das Radio: Ohne das Studio zu verlassen, dringt der Sprecher oder
Sänger in zahllose Stuben.)
   Dementsprechend inkarnierte Lord Vi«ïu, ohne seine Heimstatt zu verlas-
sen, als menschliches Wesen auf der Erde. Und dementsprechend ist Indra
(der der Beschützer der heiligen Riten ist), ohne seine himmlische Heimstatt
zu verlassen, an tausend Orten anwesend, wo die Riten praktiziert werden.
Als Antwort auf den Ruf seiner Verehrer wird Lord Vi«ïu, der Einer ist, tau-
sende, um seinen Verehrern zu erscheinen. Auf dieselbe Weise gingen Jīvata
und die anderen, die nur die Geschöpfe der Einbildung oder der Wunschvor-
stellung des Bettelmönchs und durch das Rudra-Bewusstsein belebt waren,
zu ihren verschiedenen Wohnsitzen und handelten gänzlich unabhängig
voneinander. Sie spielten eine Zeitlang ihre verschiedenen Rollen und kehrten
sodann zur Heimstätte Rudras zurück.
   All dies war nur eine momentane Täuschung, die im Bewusstsein des Bet-
telmönchs aufstieg, obwohl esschien, als wäre sie gänzlich unabhängig von
ihm. Auf dieselbe Weise finden auch Geburt und Tod all der zahllosen Wesen
sozusagen in dem einen, unendlichen Bewusstsein statt. Sie bilden sich Viel-
falt in dieser Welterscheinung ein und suchen dann nach Einheit im Selbst.
Zur Zeit ihres Todes stellen sie sich in ihrem Innern eine andere Existenz vor,
welche ihnen erscheint, als würde sie außerhalb stattfinden! Bis zur Verwirk-
lichung der Befreiung werden die verkörperten Wesen endlosen Leiden un-
terzogen. Ich habe dir diese Geschichte erzählt, um eben diese Wahrheit zu
verdeutlichen. Es ist dies das Schicksal nicht nur des Bettelmönchs, sondern
aller Wesen. Das Wesen, welches seine Untrennbarkeit vom Höchsten Selbst
vergisst, sieht seine Vorstellungen als unabhängig und gänzlich real und
substanziell. Von diesem Traum wandert es zu anderen Träumen, bis es die
falsche Idee „Ich bin der Körper“ endlich ablegt.
   RùMA fragte:
 Oh was für eine wunderbare Geschichte! Hoher Herr, du sagtest, dass alle
Dinge, die man als real wahrnimmt, auch real sind und als solche erfahren
werden. Bitte, teile mir mit, ob dieser Bettelmönch auch irgendwo existiert?
 VASIåèHA erwiderte:
  Ich werde über diese Frage kontemplieren und sie später beantworten. (Die
Versammlung erhob sich nun für die Mittagsgebete.)
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.1:66


                                     440
Oh König, oh Rāma! Mit meinem Auge der Weisheit habe ich nach dem Bet-
telmönch gesucht. Ich versank in tiefe Meditation mit dem Wunsch, diesen
Bettelmönch zu erblicken. Ich suchte nach ihm in diesem Universum, konnte
ihn jedoch nicht finden. Wie kann die eigene Einbildungskraft außerhalb als
etwas völlig Reales erscheinen?
  Dann ging ich weiter Richtung Norden bis zum Land der Jīnas. Auf einem
Ameisenhügel ist ein vihara (Schrein? Oder bihar), der von Menschen be-
wohnt war. Dort, in seiner eigenen Hütte, lebte ein Bettelmönch (bhik«u), der
als DÅrghadśa bekannt war und einen gelben Kopf hatte. Er befand sich in
tiefer Meditation. Sogar die ihm dienten, betraten seine Hütte nicht, um ihn
nicht in seiner Meditation zu stören. Es war der einundzwanzigste Tag seiner
Meditation, und es sollte gleichzeitig der letzte sein.
  Obgleich er von einem bestimmten Gesichtspunkt aus nur einundzwanzig
Tage meditiert hatte, waren von einem anderen Gesichtspunkt aus Tausende
von Jahren vergangen. Denn das war die Idee, die in seinem Gemüt aufge-
taucht war. Ich wusste, dass ein solcher Bettelmönch bereits in einer anderen
Epoche gelebt hatte, und sogar in jener Epoche war er bereits der zweite
Bettelmönch dieser Art. Außer diesen beiden vermochte ich jedoch keinen
weiteren, dritten zusehen. Als nächstes betrat ich mit allen mir zur Verfügung
stehenden geistigen Fähigkeiten und allem, was unter meiner Kontrollewar,
das eigentliche Herz dieser Schöpfung und suchte nach dem dritten Bettel-
mönch.
  Schließlich fand ich ihn doch noch, jedoch nicht in diesem Universum. Er
befand sich in einem anderen Universum, das jedoch fast genauso wie dieses
hier war, wenn auch von einem anderen Brahmā erschaffen. Auf dieselbe Art
und Weise hat es schon immer zahllose Wesen gegeben, und so wird es sie
auch in Zukunft sein. In dieser Versammlung hier gibt es Weise und heilige
Brāhmanen, die ihrerseits Vorstellungen von anderen Wesen unterhalten, die
daraufhin als solche in Erscheinung treten werden. Darin besteht die Natur
der Māyā.
  Einige dieser Wesen werden eine ähnliche Natur haben wie derjenige, der
sie sich vorstellt. Andere wiederum werden völlig anders sein. Und wieder
andere werden ihm teilweise ähnlich sein. Darin besteht die große Māyā, die
sogar die Weisen verblüfft. Jedoch existiert sie weder wirklich noch wirkt sie
hier – es ist immer nur die Täuschung, die all dieses erscheinen und ver-
schwinden lässt! Außerdem – wo ist eine kurze Zeitperiode von einundzwan-
zig Tagen und eine ganze Epoche? Es ist geradezu erschreckend, sich alle
diese Spiele des Gemüts zu vergegenwärtigen.
  All dieses ist nichts als Erscheinung, die sich wie der Lotos am Morgen ent-
faltet und dann wie der voll erblühte Lotos die Vielfalt enthüllt. All dieses
taucht im unendlichen Bewusstsein auf, das rein ist, und doch wirkt die Er-
scheinung wie von der Unreinheit befleckt. Jedes Ding sieht wie bruchstück-
haft aus und wird am Ende seiner bruchstückhaften Existenz weiterer selt-
samer Fragmentierung unterworfen. All dieses ist relativ real, nicht gänzlich


                                    441
irreal. Alle manifestieren sich in dem All – die Ursache befindet sich in der
          Ursache selbst!
            DAÁARATHA sprach:
VI.1:67
            Oh Weiser, sage mir bitte, wo der Bettelmönch (bhik«u) meditiert, so dass
          ich unverzüglich meine Soldaten aussenden kann, um ihn von seiner Medita-
          tion aufzuwecken und hierher zu bringen.
            VASIåèHA erwiderte:
            Oh König, der Körper dieses Bettelmönchs ist bereits leblos geworden und
          kann nicht wiedererweckt werden. Sein jīva hat Erleuchtung und Befreiung
          erlangt und kann nicht erneut der Erfahrung dieser Welterscheinung unter-
          worfen werden. Seine Ergebenen stehen vor seiner Hütte und warten bis zum
          Ende des Monats, um dann die Tür zu öffnen, wie von ihm angewiesen wor-
          den ist. Sie werden feststellen, dass er in der Zwischenzeit seinen Körper
          aufgegeben hat und werden einenanderen an seine Stelle einsetzen.
            Diese Māyā (oder Welterscheinung oder Illusion) besitzt die Natur begrenz-
          ter und begrenzender Qualitäten und Eigenschaften. Man sagt, dass man sie
          unwissend nicht überqueren kann, aber mit der Erkenntnis der Wahrheit
          kann sie leicht überwunden werden.
            Es ist falsche Wahrnehmung, die im Gold ein Schmuckstück sieht. Die bloße
          Erscheinungsweise wird zur Ursache solch falscher Wahrnehmung. Diese
          Māyā (unwirkliche Erscheinung) ist nur eine Redensart, denn die Erschei-
          nung hat dieselbe Beziehung zum höchsten Selbst wie eine Welle zum Ozean.
          Sobald einer die Wahrheit erkennt, hört die täuschende Natur der Erschei-
          nung auf. Aufgrund der Unwissenheit erscheint dieser lange Traum der Welt-
          erscheinung als wirklich, und es geschieht deshalb, dass der jīva ins Dasein
          tritt. Wird jedoch die Wahrheit realisiert, wird alles nur als das Selbst gese-
          hen.
            Was auch immer die Idee sein mag, die man hat – es ist das Selbst allein,
          welches als diese Idee erscheint. Dieses Universum ist das Ergebnis der Ideen
          zahlloser Individuen. Die ursprüngliche Idee Brahmās wird nun vom jīva als
          feste Realität erfahren. Wenn man jedoch die Reinheit des Bewusstsein er-
          langt, wie sie Brahmā besitzt, betrachtet man alles wie einen langen Traum.
            Es ist die Idee des Objekts, die zum Gemüt wird und dem unendlichen Be-
          wusstsein entschlüpft. Dann wird das Gemüt verschiedenen Erfahrungen
          unterzogen. Aber ist dieses Gemüt unabhängig vom höchsten Selbst? Ist nicht
          das höchste Selbst auch das Gemüt? Der jīva, der Körper und alles andere
          sind nichts als Reflexionen oder Erscheinungen im höchsten Selbst! Alle diese
          Bewegungen usw. geschehen in dem einen, unendlichen Bewusstsein, wel-
          ches für immer unendlich und Bewusstsein und nichts anderes ist – Bewe-
          gungen usw. darin sind nur Redensarten, die auf Einbildung basieren. Da gibt
          es weder Bewegung noch Nicht-Bewegung, weder eines noch vieles – was ist,
          ist wie es ist. Vielfalt taucht im unerwachten Zustand auf und verschwindet,
          sobald einer die Ergründung beginnt. Der Ergründende existiert, aber ohne


                                               442
Zweifel, was in der Tat der höchste Zustand ist. Friede wird als die Welt er-
kannt; Friede allein ist diese Welterscheinung. Unwissenheit ist unwirklich;
weder gibt es den Seher, das Gesehene noch die Sicht! Das Gemüt bildet sich
einen Fehler im Mond ein – einen solchen Fehler gibt es dort nicht. Das un-
endliche Bewusstsein hat nichts als Bewusstsein als seinen „Körper“ oder
seine Manifestation oder seine Erscheinung.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.1:68
 Oh Rāma, verbleibe für immer fest verankert im Zustand, der ohne jede Ge-
dankenbewegung ist und bleibe im Schweigen des Tiefschlafs.
 RùMA sprach:
  Herr, ich habe vom Schweigen des Mundes, vom Schweigen der Augen und
anderer Sinne, und außerdem vom strengen Schweigen der extremen Askese
gehört. Aber worin besteht das Schweigen des Tiefschlafs?
  VASIåèHA erwiderte:
  Rāma, es gibt zwei Arten von muni (ein Weiser, der mouna oder Schweigen
pflegt). Der eine ist ein strenger Asket, während der andere ein befreiter
Weiser ist. Der erstere hält gewaltsam seine Sinne zurück und befasst sich
fanatisch mit trockenen kriyās (d.h. Aktivitäten ohne Weisheit). Der befreite
Weise dagegen weiß, was was ist (d.h. er kennt die Wahrheit als Wahrheit
und das Unwirkliche als unwirklich). Er besitzt Selbsterkenntnis und be-
nimmt sich doch wie ein gewöhnlicher Mensch. Was als Schweigen oder
mouna bezeichnet wird, hängt von der Natur und dem Verhalten dieser
munis ab.
  Es werden vier Arten von Schweigen beschrieben: 1) das Schweigen des
Mundes, 2) das Schweigen der Sinne (Augen usw.), 3) gewaltsame Zurückhal-
tung, und auch 4) das Schweigen des Tiefschlafs. Es gibt noch das Schweigen
des Gemüts. Jedoch ist dieszu praktizieren nur möglich für jemanden, der tot
ist oder der rigides mouna (kā«Âha mouna) oder das Schweigen des Tief-
schlafs (su«upti mouna) praktiziert. Die ersten drei Arten beinhalten Elemen-
te des rigiden mouna. Es ist die vierte Art, die dann wirklich zur Befreiung
führt. Daher erkläre ich, auch wenn dies das Missvergnügen derjenigen erre-
gen sollte, die die ersten drei Arten von mouna praktizieren, dass diese drei
nichts Erstrebenswertes enthalten.
  Das Schweigen des Tiefschlafs führt zur Befreiung. In ihm werden weder
das prāïa noch die Lebenskraft zurückgehalten oderangeregt, die Sinne wer-
den weder genährt noch ausgehungert, die Wahrnehmung der Vielfalt wird
weder betont noch unterdrückt, das Gemüt ist weder Gemüt noch Nicht-
Gemüt. Es gibt keine Getrenntheit und folglich muss sie auch nicht aufgege-
ben werden. Dies wird das Schweigen des Tiefschlafs genannt, und derjenige,
der darin gefestigt ist, mag meditieren oder auch nicht. Hier ist das Wissen
von dem, was ist wie es ist, und da ist die Freiheit vom Zweifel. Es ist äußerste
Leerheit. Da gibt es keinerlei Unterstützung. Es ist höchster Friede, von dem
man weder sagen kann, dass er real noch dass er irreal ist. Der Zustand, in


                                      443
dem man weiß: „Da ist kein ‚Ich‘, noch sind da andere oder das Gemüt oder
          irgendetwas aus dem Gemüt Entstandenes“, in dem man weiß: „‘Ich‘ ist nichts
          als eine Idee in diesem Universum, und hier ist wirklich reines Sein" – dies
          wird als Schweigen des Tiefschlafs bezeichnet. Wo kann in diesem reinen
          Sein, welches unendliches Bewusstsein ist, “Ich“ oder „etwas anderes“ sein?
            RùMA fragte:
VI.1:69
           Wie gelangten die einhundert Rudras ins Dasein, oh Weiser?
           VASIåèHA erwiderte:
            Der Bettelmönch (bik«hu) träumte die einhundert Rudras. Was diejenigen,
          deren Gemüter klar und nicht von Unreinheiten verdunkelt sind, sich vorstel-
          len oder willentlich ins Dasein rufen, dies erfahren sie dann als real. Welche
          Gedankenform auch immer in dem einen, unendlichen Bewusstsein auf-
          taucht, erscheint als solche.
            RùMA fragte erneut:
            Warum, oh Weiser, beschloss Lord Śiva unbekleidet und auf dem Begräb-
          nisplatz zu leben, mit menschlichen Schädeln als Schmuck und bestrichen mit
          Asche, wie einer, dervon Lust überwältigt werden kann?
            VASIåèHA erwiderte:
            Das Verhalten der Götter, der vollkommenen Wesen und der befreiten Wei-
          sen wird nicht bestimmt von Regeln oder Vorschriften, welche von unwissen-
          den Menschen erfunden werden. Wird jedoch das Betragen der Unwissenden,
          deren Gemüt aufs schwerste konditioniert ist, andererseits nicht durch Vor-
          schriften und Regeln des Betragens gesteuert, dann entsteht Unordnung, in
          der die großen Fische die kleinen fressen. Der Mensch der Weisheit jedoch
          ertrinkt nicht in dem, was als wünschenswert oder nicht wünschenswert gilt,
          denn er hat seine Sinne auf natürliche Weise unter Kontrolle und ist wachsam
          und gewahr. Er lebt und arbeitet ohne Vorsatz dazu. Er reagiert auf die Ereig-
          nisse nicht auf der Grundlage der Kausalität; seine Handlungen sind rein und
          spontan (so wie die Kokosnuss ohne kausalen Zusammenhang mit der auf
          dem Baum landenden Krähe niederfällt). Es kann auch sein, dass er über-
          haupt nichts tut!
            Auf ähnliche Weise handeln sogar die Mitglieder der Trinität (Brahmā,
          Vi«ïu und Áiva) in ihren Inkarnationen. Und die Tätigkeiten der Erleuchteten
          sind jenseits von Lob und Tadel, jenseits von Annahme und Zurückweisung,
          denn sie haben nicht die Idee von „Dies ist meins“ und „Dies ist ein anderes“.
          Ihre Handlungen sind so rein wie das Feuer.
            Ich möchte nicht weiter auf die Form von mouna als das Schweigen der
          Entkörperten eingehen, da du noch verkörpert bist. Aber ich werde sie nun
          kurz beschreiben. Diejenigen, die voll erwacht sind, beständig in samādhi
          verweilen und als gänzlich erleuchtet gelten, werden sāækhya-yogis genannt.
          Diejenigen, die durch prāïāyāma usw. den Zustand des körperlosen Bewusst-
          seins erlangt haben, werden yoga-yogis genannt. Tatsächlich sind beide im


                                              444
Wesentlichen gleich. Die Ursache dieser Welterscheinung und der Bindung ist
in der Tat das Gemüt. Beide Pfade führen dazu, dass das Gemüt aufhört. Da-
her wird durch die hingebungsvolle und nachdrückliche Praxis zum Aufhören
der Bewegung des prāïa oder zum Enden der Gedanken die Befreiung er-
langt. Darin besteht die Essenz aller Schriften, die von der Befreiung handeln.
  RùMA fragte:
 Oh Weiser, wenn das Aufhören aller Bewegungen des prāïa Befreiung be-
deutet, dann muss der Tod Befreiung sein! Und damit erlangen alle Menschen
nach dem Tode die Befreiung!
 VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, sobald das prāïa dabei ist, den Körper zu verlassen, stellt es be-
reits die Verbindung mit denjenigen Elementen her, die dem nächsten Körper
dienen. Diese Elemente sind tatsächlich nichts anderes als die Verfestigung
oder Kristallisierung der vāsanās (psychologische Konditionierung, gespei-
cherte Erinnerungen, vergangene Eindrücke oder Neigungen) des jīva, die der
Grund dafür sind, weshalb sich der jiva an diese Elemente klammert. Wenn
das prāïa den Körper verlässt, nimmt es alle vāsanās des jīva mit sich.
  Erst wenn alle diese vāsanās zerstört sind, wird das Gemüt zum Nicht-
Gemüt. Das Gemüt gibt die Lebenskraft nicht auf, bevor nicht die Selbster-
kenntnis aufgetaucht ist. Durch die Selbsterkenntnis werden die vāsanās
zerstört und damit auch das Gemüt; dann ist im prāïa keine Bewegung mehr.
Darin besteht in der Tat der höchste Friede. Durch die Selbsterkenntniswird
die Unwirklichkeit der Konzepte, die die weltlichen Objekte betreffen er-
kannt. Dies setzt den vāsanās und der Verbindung zwischen dem Gemüt und
der Lebenskraft ein Ende. Die vāsanās bilden das Gemüt. Das Gemüt ist das
Aggregat der vāsanās und nichts sonst; wenn die letzteren aufhören, dann ist
dies der höchste Zustand. Erkenntnis ist die Erkenntnis der Wirklichkeit.
Vicāra oder Ergründung selbst ist Erkenntnis.
  Totale Hingabe an eine Sache, die Zurückhaltung des prāïa und das Aufhö-
ren des Gemüts – sobald nur eines dieser drei vervollkommnet ist, erlangt
man den höchsten Zustand. Die Lebenskraft und das Gemüt sind so eng mit-
einander verbunden wie die Blume und ihr Duft oder der Sesamsame und
sein Öl. Wenn daher die Bewegung der Gedanken im Gemüt aufhört, hört
folglich auch die Bewegung des prāïa auf. Wenn das Gemüt einsgerichtet
einer einzigen Wahrheit ergeben ist, dann hören die Bewegungen des Gemüts
und daher auch die der Lebenskräfte auf. Die beste Methode besteht in der
Ergründung des Selbst, welches unendlich ist. Dein Gemüt wird vollständig
davon absorbiert sein. Dann hören sowohl das Gemüt als auch die Ergrün-
dung auf. Verbleibe fest in dem, was sich danach zeigt.
  Ein Gemüt, das nicht nach Vergnügen verlangt, ist absorbiert vom Selbst,
gemeinsam mit der Lebenskraft. Unwissenheit ist Nicht-Existenz, Selbster-
kenntnis ist der höchste Zustand! Es ist nur das Gemüt, welches Unwissenheit
ist, sobald es als eine Realität erscheint; daher ist die Realisierung seiner


                                     445
Nicht-Existenz der höchste Zustand. Ein Gemüt, das auch nur eine Viertel-
           stunde lang im absorbierten Zustand verbleibt, wird einem vollständigen
           Wandel unterzogen, denn es hat den höchsten Zustand der Selbsterkenntnis
           gekostet und wird ihn nicht mehr aufgeben. Nein – auch wenn das Gemüt
           diesen Zustand auch nur eine Sekunde lang gekostet hat, wird es nicht wieder
           in diesen weltlichen Zustand zurückkehren! Die eigentlichen Samen des
           saæsāra (Welterscheinung oder Zyklus von Geburt und Tod) wurden geröstet
           und sind verbrannt. Dadurch werden die Unwissenheit vertrieben und die
           vāsanās gänzlich befriedet; wer dies erreicht hat, ist in sātva (Wahrheit)
           verwurzelt. Er ist des inneren Lichts gewahr und ruht in höchstem Frieden.

                                               ***



           Die Geschichte vom Vampir

            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:70,
   71        Man nennt das mok«a oder Befreiung, wenn durch Selbst-Ergründung die
           Unwissenheit aufhört, der jīva unverzüglich zum Nicht-jīva und das Gemüt
           zum Nicht-Gemüt wird. Weil der Ich-Sinn usw. nur wie Wasser in einer Luft-
           spiegelung ist, hören diese Dinge auf, sobald das Licht der Ergründung auf sie
           gelenkt wird. Höre, oh Rāma, in diesem Zusammenhang die folgenden inspi-
           rierenden und erleuchteten Fragen, die einst von einem Vampir gestellt wur-
           den.
             In den Vindhya-Wäldern lebte ein Vampir. Einmal betrat er ein gewisses
           Land, und es gelüstete ihn danach, seinen Hunger zu stillen. Jedoch pflegte er
           niemanden zur Befriedigung seinen Hungers zu töten, es sei denn, das Opfer
           verdiente den Tod. Da er im Wald nirgendwo eine solche Person fand, ging er
           in die Stadt und traf dort den König.
             Der VAMPIR sprach zum König:
             Oh König, ich werde dich nicht töten und fressen, solange du es nicht ver-
           dienst. Du bist der Herrscher hier und erfüllst die Wünsche der Bedürftigen.
           Bitte, erfülle mir meinen Wunsch. Ich werde dir nun einige Fragen stellen. Gib
           mir die passenden Antworten dazu.
             Was ist diese Sonne, deren Strahlenpartikel diese Universen sind? In wel-
           chem machtvollen Wind manifestiert sich dieser machtvolle Raum? Man
           wandert endlos von einem Traum zum andern und gibt doch nie das Selbst
           auf, aber sehr wohl stets diese Traumrealitäten. Was ist das Selbst? Der
           Stamm des Bananenbaums enthüllt, wenn geöffnet, eine Schicht nach der
           anderen, bis das Mark schließlich freiliegt. Worin besteht diese subtile Es-
           senz, wenn diese Welterscheinung auf ähnliche Weise ergründet wird? Was
           ist das Atom, von dem die Universen selbst nur wie abgespaltene Atome sind?


                                               446
In welchem ungestalteten „Fels“ liegen die drei Welten verborgen (wie ein
nicht herausgehauenes Bildnis in einem Steinblock)? Beantworte diese Fra-
gen. Falls nicht, verdienst du gewiss, von mir gefressen zu werden!
  Der KÖNIG erwiderte:
  Oh Vampir! Dieses Universum wurde einst in mehrere Hüllen eingeschla-
gen, so wie eine Frucht in ihre Schale eingeschlossen ist. Es gab da einen
Zweig, auf dem sich Tausende solcher Früchte befanden. Es gab da einen
Baum mit Tausenden solcher Zweige, einen Wald mit Tausenden solcher
Bäume, einen Berg mit Tausenden solcher Wälder, ein Land mit Tausenden
solcher Berge, einen Kontinent mit Tausenden solcher Länder, eine Kugel mit
Tausenden solcher Kontinente, einen Ozean mit Tausenden solcher Kugeln,
ein Wesen mit Tausenden solcher Ozeane in ihm selbst und eine höchste
Person, die Tausende solcher Wesen wie eine Girlande trägt. Da gibt es eine
Sonne, in deren Strahlen Tausende solcher höchsten Personen gefunden
werden – diese Sonne erleuchtet alles. Diese Sonne ist die Sonne des Be-
wusstseins, oh Vampir! Im Licht dieser Sonne sind all diese Universen nichts
als winzigste, atomare Partikel. Es geschieht aufgrund dieser Sonne, dass alle
die aufzählbaren Dinge als real erscheinen.
  Der KÖNIG sprach:
                                                                                    VI.1:72,
  Im höchsten Selbst erstrahlen als Staubpartikel Substanzen (Konzepte oder            73
relative Realitäten), bekannt als Zeit, Raum und Bewegung, und welche be-
wusste (Bewegung im Bewusstsein und selber Bewusstsein) und reine Intel-
ligenz sind.
  Das Selbst oder Brahman scheint von einer Traumwelt zur nächsten zu
wandern, gibt aber weder seine eigene, essenzielle Natur auf noch ist es je-
mals unwissend über sich selbst.
  So wie beim Zerlegen eines Bananenstammes jede abgeschälte Schicht eine
weitere, ähnliche Schicht freilegt, so wird diese Welterscheinung im Zuge
ihrer Ergründung als nichts anderes als Brahman gesehen. Auf dieses Brah-
man wird positiv als Wahrheit, Brahman usw. Bezug genommen, und da es
jenseits jeder Beschreibung ist, wird es außerdem negativ als Leerheit, unbe-
schreiblich usw. bezeichnet. Was als real erfahren wird, ist die Realität. Ob-
wohl deren jeweilige Form durch die Erfahrung zusammengesetzt wird, ist
sie doch nichts anderes als reines Bewusstsein – so wie der Bananenstamm
nichts als ein Bananenstamm und jede Schicht darin von derselben, identi-
schen Natur ist.
  Das Selbst wird als atomisch angesehen, weil es extrem subtil und unfass-
bar ist. Da jedoch das Selbst allein ist, ist es das Unendliche und die eigentli-
che Wurzel der gesamten Existenz. Es ist formlos, obgleich es als alle Formen
erscheint.
  Diese Welterscheinung ist nichts als das Fleisch, in die die Wahrheit, die
reines Bewusstsein ist, eingekleidet ist.
  VASIåèHA fuhr fort:


                                      447
Nachdem er diese Antwort von den Lippen des Königs vernommen hatte,
          wurde der Vampir still undtiefsinnig. Er vergaß seinen großen Hunger und
          versank in unergründlicher Meditation.
            Damit habe ich dir die Geschichte des Vampirs erzählt, oh Rāma, die die
          Wahrheit betreffend das subtile, unendliche Bewusstsein beschreibt. Das
          Universum ist nur eine Umhüllung oder ein Schleier dieses Bewusstseins –
          bei einer gewissenhaften Ergründung gibt es seine reale Natur preis. Es ist in
          der Tat ebenso real wie der „Körper“ des Vampirs!
            Rāma, erweitere das Gemüt mit Hilfe des Gemüts. Verbleibe im Frieden mit
          dir selbst und erblicke in allem nichts als das eine, unendliche Wesen. Wie
          der König BhagÅratha wirst du das unmöglich Scheinende erlangen, wenn du
          fest in deiner Erkenntnis der Wahrheit verweilst und dich mit angemessenen
          Handlungen des Alltags befasst, die durch das mühelose Erfahren des natürli-
          chen Verlaufs der Ereignisse gekennzeichnet sind.

                                                ***



          Die Geschichte von BhagÅratha

           Auf Rāmas Bitte erzählte VASIåèHA die folgende Geschichte:
VI.1:74
            Es gab einmal einen König namens BhagÅratha, der dem dharma ergeben
          war. Er gab den Frommen und Heiligen großzügige Geschenke und war ein
          Schrecken für die Übeltäter. Unermüdlich arbeitete er daran, die Ursachen
          der Armut zu beheben. In der Gesellschaft der Heiligen schmolz sein Herz in
          Ergebenheit.
            BhagÅratha holte wahrhaftig den heiligen Fluss GaÇgā vom Himmel auf die
          Erde nieder. Dabei hatte er große Schwierigkeiten zu überwinden und musste
          auch die Götter Brahmā und Áiva sowie den Weisen Jahnu versöhnen. Wegen
          all dem erlitt er häufig Vereitelungen und Enttäuschungen.
            Schon in jungen Jahren besaß dieser König, oh Rāma, Unterscheidungsfä-
          higkeit und Leidenschaftslosigkeit. Eines Tages, als er allein war, dachte er
          wie folgt nach: „Dieses weltliche Leben ist wahrhaftig substanzlos und stupi-
          de. Tage und Nächte jagen einander. Die Leute wiederholen dieselben bedeu-
          tungslosen Tätigkeiten. Ich erachte nur das als sinnvolle Tätigkeit, was zu
          einem Ziel führt, jenseits dessen es nichts weiter zu erlangen gibt; alles ande-
          re ist nur wiederholte, widerwärtige Ausscheidung (wie bei einer Cholera-
          Erkrankung).“ Er ging zu seinem Guru Tritala und bat: „Hoher Herr, wie kann
          man diesen Sorgen, dem Alter, dem Tod und der Täuschung, die zu diesen
          wiederholten Geburten hier führen, ein Ende bereiten?“
            TRITALA sprach:


                                               448
Alle Sorgen hören auf, alle Bindungen werden zerrissen und alle Zweifel
           zerstreut, sobald man während einer langen Zeit voll im Gleichmut des Selbst
           verankert ist, wenn die Wahrnehmung von Getrenntheit aufgehört hat und
           man die Fülle erfährt durch die Erkenntnis dessen, was erkannt werden
           muss. Was muss erkannt werden? Es ist das Selbst, welches rein und von der
           Natur reinen Bewusstseins ist, welches allgegenwärtig und ewiglich ist.
             BHAGýRATHA fragte:
             Ich weiß bereits, dass nur das Selbst real ist, während der Körper usw. nicht
           real ist. Aber weshalb ist dies alles für mich immer noch nicht vollkommen
           klar?
             TRITALA sprach:
             Ein intellektuelles Wissen dieser Art ist keine Erkenntnis! Dies ist Erkennt-
           nis: Unangehaftet sein an Weib, Sohn und Haus, Gleichmut in Freud und Leid,
           Liebe zur Einsamkeit, feste Verankerung in der Selbsterkenntnis. Alles andere
           ist Unwissenheit! Nur wenn der Ich-Sinn ausgedünnt ist, taucht diese Selbst-
           erkenntnis auf.
             BHAGýRATHA fragte:
             Wie kann dieser so fest im Körper verankerte Ich-Sinn entwurzelt werden?
             TRITALA erwiderte:
             Durch Eigenbemühung und entschlossenes Abwenden vom Verlangen nach
           Vergnügen. Und durch nachdrückliches Niederreißen des Gefängnisses von
           Scham und Schande (falsche Würde) usw. Wenn du all dies aufgibst und fest
           dabei bleibst, wird der Ich-Sinn verschwinden und du realisierst, dass du das
           höchste Wesen bist!
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:75,
   76        Nachdem er diese Anweisungen des Lehrers vernommen hatte, entschloss
           sich BhagÅratha einen religiösen Ritus auszuüben als Auftakt zur vollkomme-
           nen Entsagung der Welt. Innerhalb von drei Tagen verschenkte er alles an die
           Priester und seine eigenen Verwandten, ob diese nun einen guten Charakter
           hatten oder nicht. Sein eigenes Königreich übergab er seinen Feinden, die
           jenseits der Landesgrenzen lebten. Gekleidet in ein kleines Lendentuch, ver-
           ließ er das Königreich und wanderte in Ländern und Wäldern umher, in de-
           nen er unbekannt war.
             Schon sehr bald erlangte er den Zustand des höchsten Friedens in seinem
           Innern. Zufällig und unwissentlich betrat BhagÅratha eines Tages wieder sein
           eigenes, früheres Königreich und bat die Bewohner um Almosen. Diese er-
           kannten ihn, verehrten ihn und beteten, dass er wieder ihr König werde. Er
           jedoch nahm nichts anderes entgegen als etwas Essen. Die Bürger klagten:
           „Seht doch, dies ist der König BhagÅratha! Was für ein trauriger Anblick, welch
           eine unglückliche Wendung des Schicksals!" Nach einigen Tagen verließ
           BhagÅratha das Königreich wieder.



                                                449
BhagÅratha traf wieder seinen Lehrer und beide durchwanderten, vertieft in
spirituelle Gespräche, das Land: „Weshalb ertragen wir eigentlich immer
noch die Last dieses physischen Körpers? Aber andererseits: Weshalb sie mit
Gewalt abwerfen? Lass den Körper sein, so lange er ist!“ Beide waren ohne
Sorgen und ohne Frohlocken; auch war nicht klar, ob sie Anhänger des mittle-
ren Pfades waren. Sogar wenn die Götter und Weisen ihnen Reichtum und
psychische Kräfteanboten, wiesen sie diese von sich wie Stroh.
   In einem gewissen Königreich war der dort herrschende König verstorben,
ohne einen Erben zu hinterlassen. Seine Minister waren nun auf der Suche
nach einem geeigneten, neuen Herrscher. BhagÅratha, gekleidet in ein Len-
dentuch, befand sich zufällig in diesem Königreich. Die Minister entschieden,
dass er die für die Thronbesteigung geeignete Person sei und umringten ihn.
BhagÅratha bestieg den königlichen Elefanten. Schon bald war er der neue,
gekrönte König. Als er das Königreich zu regieren begann, kamen die Bewoh-
ner seines früheren Königreiches zu ihm und baten ihn erneut, auch das
frühere Königreich zu regieren. BhagÅratha nahm an. So wurde er zum Herr-
scher der ganzen Welt. Im Frieden mit sich selbst, mit einem ruhigen Gemüt,
frei von Wunsch und Neid, befasste er sich mit angemessenem Handeln in
allenUmständen, wie sie sich ergaben.
   Einmal hörte er davon, dass das einzige Mittel, um für die Seelen seiner Ah-
nen zu sühnen, das Darbringen des Wassers aus der Gaïgā sei. Um die himm-
lische Gaïgā auf die Erde niederzuholen, zog er sich zur Ausübung von
Askesepraktiken in die Wälder zurück und vertraute in der Zwischenzeit das
Reich seinen Ministern an. Dort versöhnte er die Götter und Weisen und
vollbrachte die äußerst schwierige Tat, die Gaïgā auf die Erde hernieder zu
lenken, damit alle Menschen für alle Zukunft ihren Ahnen Sühneopfer mit
dem Wasser der heiligen Gaïgā darbieten können. Von da an begann die
heilige Gaïgā, die Lord Áivas Haupt schmückt, auf der Erde zu fließen.

                                      ***



Die Geschichte von Áikhidhvaja und Cū¬ālā

 VASIåèHA erwiderte:
                                                                                  VI.1:77
  Verbleibe so wie König BhagÅratha stets im Zustand des Gleichmuts, Rāma.
Und verbleibe wie Áikhidhvaja, der allem entsagt hatte, unbewegt. Ich werde
dir nun die Geschichte von Áikhidhvaja erzählen. Höre bitte zu. Es gab einmal
zwei Liebende, die aufgrund ihrer göttlichen Liebe füreinander in einem
späteren Zeitalter wiedergeboren wurden.
  RùMA fragte:


                                     450
Oh Weiser, wie ist es möglich, dass das Paar, welches als Gemahl und Ge-
          mahlin zusammenlebte, wiederum als Gemahl und Gemahlin in einem späte-
          ren Zeitalter wiedergeboren werden konnte?
            VASIåèHA erwiderte:
            So ist die subtile Natur der Weltordnung, oh Rāma. Einige Dinge erscheinen
          im Überfluss und manifestieren sich erneut im Überfluss. Andere wiederum
          werden jetzt geboren und waren vorher niemals da; und hier seiend, werden
          sie nicht wiedergeboren. Wieder andere erscheinen heute in derselben Form,
          in der sie schon früher existiert haben. Es ist wie mit den Wellen des Ozeans –
          es gibt ähnliche und unähnliche.
            Im Mālva-Königreich gab es einen König namens Áikhidhvaja. Er besaß alle
          königlichen, vortrefflichen Eigenschaften! Er war rechtschaffen und edel,
          tapfer und liebenswürdig. Sehr früh im Leben hatte er seinen Vater verloren.
          Obgleich jung an Jahren, konnte er seine königliche Souveränität behaupten.
          Unterstützt wurde er bei der Regierung seines Königreiches von seinen tüch-
          tigen Ministern.
            Es wurde Frühling. Die Luft war geschwängert von Liebesverlangen. Der
          junge König begann von einer Partnerin zu träumen. Tag und Nacht verlangte
          sein Herz nach der Geliebten. Die klugen und weisen Minister erahnten die
          Wünsche des königlichen Herzens. Sie gingen in das Saurāstra-Königreich
          und hielten für ihren König um die Hand einer Prinzessin an. Schon bald
          konnte der König Áikhidhvaja Cū¬ālā heiraten.
             Áikhidhvaja und Cū¬ālā waren einander so sehr zugetan, dass sie wie ein
          jīva mit zwei verschiedenen Körpern waren. Viele gemeinsame Interessen
          teilten sie miteinander, und sie vergnügten sich zusammen in den Lustgärten.
          So wie die Sonne ihre Strahlen auf den Lotos herabsendet, so dass er sich
          entfalten kann, so überschüttete der König seine Geliebte mit seiner Liebe
          und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab.
             Sie teilten ihr Wissen und ihre Weisheit miteinander und erlangten so in
          allen Zweigen des Wissens große Gelehrtheit. Jeder wohnte in vollem Glanz
          im Herzen des andern. Es schien fast so, als wäre Lord Vi«ïu mit seiner Ge-
          mahlin selbst auf die Erde herabgekommen, um hier eine besondere Mission
          zu erfüllen!
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:78
            Auf diese Weise erfreuten sich Áikhidhvaja und Cū¬ālā viele Jahre lang, oh-
          ne auch nur einen einzigen Augenblick Langeweile zu empfinden. Jedoch
          vermag niemand den Lauf der Zeit anzuhalten. Das Leben erscheint und
          verschwindet wie der Trick eines Taschenspielers. Das Vergnügen, welches
          man verfolgt, gerät wie der von der Sehne geschnellte Pfeil rasch außer
          Sichtweite. Die Sorgen umwölken das Gemüt, wie Geier den Kadaver umkrei-
          sen. „Was gibt es in dieser Welt zu erlangen, das niemals mehr Sorgen im
          Gemüt entstehen lässt?“ Nachdem es auf diese Weise nachgedacht hatte,
          wandte sich das königliche Paar dem Studium der spirituellen Schriften zu.


                                               451
Sie gelangten zum Schluss, dass nur die Selbsterkenntnis jemanden befähi-
gen kann, die Sorgen hinter sich zu lassen. Sie gaben sich mit Herz und Seele
der Selbsterkenntnis hin. Sie nahmen Zuflucht zur Gesellschaft der Weisen
der Selbsterkenntnis und verehrten diese. Sie befassten sich beständig mit
Erörterungen über Selbsterkenntnis und förderten so gegenseitig die Selbst-
erkenntnis.
   Nachdem sie dauernd den Pfad der Selbsterkenntnis kontempliert hatte,
begann die Königin wie folgt zu reflektieren:
   „Ich sehe mich jetzt und frage: ‚Wer bin ich‘?“ Wie konnten Unwissenheit
betreffend das Selbst und Täuschung entstehen? Der physische Körper ist mit
Sicherheit leblos und gewiss nicht das Selbst. Nur aufgrund der Gedanken-
bewegungen im Gemüt wird er überhaupt erfahren. Die Tätigkeitsorgane sind
nur Teile des Körpers und ebenfalls leblos, da Teile des leblosen Körpers nur
leblos sein können. Auch die Sinnesorgane sind leblos, da sie nur mit Hilfe des
Gemüts funktionieren. Ich erachte sogar das Gemüt für leblos. Das Gemüt
denkt und hat Ideen, wird aber vom Intellekt dazu veranlasst, der das be-
stimmende Agens ist. Und sogar dieser Intellekt (buddhi) ist leblos, weil er
vom Ich-Sinn gesteuert wird. Der Ich-Sinn ist ebenfalls leblos, da er vom jīva
heraufbeschworen wird, so wie ein Gespenst von einem unwissenden Kind
heraufbeschworen wird. Der jīva wiederum ist nichts als reines Bewusstsein,
das sozusagen von der Lebenskraft eingekleidet wurde und im Herzen wohnt.
   Siehe da und schau! Ich habe realisiert, dass das Selbst, welches reines Be-
wusstsein ist, als der jīva einhergeht, da das Bewusstsein seiner selbst als
sein eigenes Objekt gewahr wird. Dieses Objekt ist nicht-fühlend und unwirk-
lich. Da das Selbst sich mit diesem Objekt identifiziert, bekleidet es sich
scheinbar selbst mit Fühllosigkeit und hat (dem Anschein nach) seine essen-
zielle Natur als Bewusstsein aufgegeben. Denn darin besteht die Natur des
Bewusstseins: Was es als sich selbst wahrnimmt, ob dies nun wirklich oder
unwirklich sei, dazu wird es, wobei es scheinbar seine eigene Natur aufgibt.
Folglich ist das Selbst reines Bewusstsein, es bildet sich wegen seiner Fähig-
keit zur Wahrnehmung von Objekten nur ein, dass es nicht-fühlend und un-
wirklich ist.“
   Nachdem Cū¬ālā auf diese Weise eine beträchtliche Zeit lang kontempliert
hatte, wurde sie erleuchtet.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Beglückt von ihrer Selbst-Entdeckung rief die Königin aus: „Endlich habe
ich also das erlangt, was erlangt (gekannt) werden sollte. Nun gibt es keinen
Mangel mehr. Sogar das Gemüt und die Sinne sind nur Reflektionen des Be-
wusstseins, obgleich sie unabhängig vom Bewusstsein unwirklich sind. Die-
ses höchste Bewusstsein allein existiert. Es ist die höchste Wahrheit, unbe-
rührt von jedweder Unreinheit, für immer im Zustand vollkommenen Gleich-
gewichts und ohne Ich-Sinn. Wenn diese Wahrheit realisiert wird, leuchtet
dieses Bewusstsein immerwährend, ohne je unterzugehen.



                                     452
”Dieses Bewusstsein bezeichnet man mit verschiedenen Namen wie Brah-
          man, Höchstes Selbst usw. In ihm existiert keine Trennung von Subjekt und
          Objekt und deren Beziehung (Wissen). Bewusstsein wird seiner eigenen
          Bewusstheit bewusst – es kann nicht anders (nicht als ein Objekt des Be-
          wusstseins) erkannt werden. Dieses Bewusstsein allein manifestiert sich als
          Gemüt, Intellekt und Sinne. Die Welterscheinung ist ebenfalls nichts als Be-
          wusstsein, und abgesehen davon existiert nichts. Bewusstsein ist keinerlei
          Wandel unterworfen – der einzige scheinbare Wandel besteht in der illusori-
          schen Erscheinung, die reine Täuschung und folglich unwirklich ist! In einem
          illusorischen Ozean tauchen illusorische Wellen auf. Das Gemüt ist der Ozean,
          und die Wellen sind ebenfalls Gemüt. Auf dieselbe Weise taucht die Welter-
          scheinung im Bewusstsein auf und ist daher nicht verschieden von diesem.
             „Ich bin reines Bewusstsein, ohne Ich-Sinn und alles durchdringend. Für
          dieses Bewusstsein existieren weder Geburt noch Tod. Es kann nicht vernich-
          tet werden, denn es ist wie Raum. Es kann weder verletzt noch verbrannt
          werden. Es ist das reine Licht des Bewusstseins – ohne jeden Makel.
             „Frei bin ich von aller Täuschung. Ich bin im Frieden. All diese Götter, Dä-
          monen und zahllosen Wesen sind wirklich unerschaffen, da sie nichtver-
          schieden vom Bewusstsein sind. Die Erscheinungen sind reine Täuschung, so
          wie ein tönerner Soldat nur Ton und kein Soldat ist.
             „Der Seher (Subjekt) und das Gesehene (Objekt) sind in Wirklichkeit das
          eine reine Bewusstsein. Wie konnte diese Täuschung entstehen, die zu Kon-
          zepten führte wie „Dies ist Einheit, dies ist Dualität“? In wem existiert diese
          Täuschung? Wessen ist sie? Ich ruhe im nirvāïa (Befreiung oder Erleuchtung)
          ohne die geringste mentale Erregung, indem ich realisiert habe, dass alles
          Existierende (ob fühlend oder nicht-fühlend) reines Bewusstsein ist. Es gibt
          weder ein 'dieses' noch ein 'Ich' noch ein anderes, weder Sein noch Nicht-
          Sein. Alles ist Friede.“
             Als sie dies erkannte, ruhte Cū¬ālā im höchsten Frieden.
VI.1:79
           VASIåèHA fuhr fort:
            Täglich zog sich die Königin mehr und mehr in sich selbst zurück, und mehr
          und mehr erfreute sie sich in der Seligkeit des Selbst. Sie war ohne Verlangen
          oder Anhaftung. Ohne irgendetwas zu suchen oder aufzugeben, blieb ihr
          Betragen natürlich und ihre Handlungen spontan. Alle ihre Zweifel waren zur
          Ruhe gekommen. Sie hatte den Ozean des Werdens überquert. Sie ruhte in
          einem unvergleichlichen Zustand des Friedens.
            So hatte sie in einer sehr kurzen Zeit die Erkenntnis erlangt, dass diese
          Welterscheinung auf dieselbe Weise, wie sie entstanden war, wieder ver-
          schwinden wird! Sie strahlte im Licht dieser Selbsterkenntnis.
            Als Áikhidhvaja sie so strahlend und friedvoll sah, fragte er sie: „Geliebte, du
          scheinst deine Jugendlichkeit wiedererlangt zu haben, und du erstrahlst auf
          ungewöhnliche Weise. Von nichts wirst du mehr verwirrt, und auch Verlan-
          gen besitzt du keines mehr. Dagegen bist du nun voller Seligkeit. Sage mir:


                                                453
Hast du endlich vom Nektar der Götter in vollen Zügen getrunken? Gewiss
hast du etwas erlangt, was zu erlangen extrem schwierig ist?“
 CŪÖĀLĀ erwiderte:
   Ich habe dieses Nichts aufgegeben, das eine gewisse Gestalt angenommen
hatte. Ich bin nun verwurzelt in der Wahrheit und nicht mehr in der Erschei-
nung. Daher strahle ich. Ich habe all dieses aufgegeben und Zuflucht zu etwas
anderem genommen, das gleichzeitig wirklich und unwirklich ist. Daher
strahle ich. Ds ist etwas, und das ist gleichzeitig nicht etwas. Ich kenne es als
das, was es ist. Daher strahle ich. Ich erfreue mich am Nichtgenießen der
Vergnügen, als ob ich sie genossen hätte. Weder gebe ich der Freude noch
dem Ärger nach. Daher strahle ich. Ich erfahre die größte Freude, in der Wirk-
lichkeit verankert zu sein, die in meinem Herzen leuchtet. Ich werde von den
königlichen Vergnügen nicht abgelenkt. Daher strahle ich. Auch wenn ich in
den Lustgärten weile, verbleibe ich fest verankert im Selbst, sowohl im Ge-
nuss der Freuden als auch in der Schüchternheit. Deshalb strahle ich.
   Ich bin die Herrscherin des Universums. Ich bin nicht ein sterbliches Wesen.
Ich erfreue mich am Selbst. Daher strahle ich. Dies bin ich, dies bin ich nicht;
in Wahrheit bin ich weder noch bin ich nicht. Ich bin alles, ich bin nichts.
Daher strahle ich. Weder suche ich Vergnügen noch Reichtum, weder Armut
noch irgendeine andere Form der Existenz. Ich bin glücklich mit allem, was
ohne Mühe erlangt wird. Daher strahle ich. Ich spiele mit ganz schwachen
Zuständen von Anziehung und Abstoßung, mit den durch die Schriften ge-
wonnenen Einsichten. Daher strahle ich. Was immer ich mit diesen Augen
sehe und mit diesen Sinnen erfahre, und was immer ich mit meinem Gemüt
wahrnehme – überall sehe ich nichts als die eine Wahrheit, die klar von mir
selbst in mir selbst gesehen wird.
   ÁIKHIDHVAJA lachte über diese Worte, da er nicht fähig war, sie zu verste-
                                                                                    VI.1:80
hen. Er sagte:
   Du bist kindisch und albern, mein Liebes, und ganz gewiss plapperst du
nur! Wie kann man denn erstrahlen, indem man etwas für nichts aufgegeben
hat, indem man reale Substanzen verworfen und den Zustand einer
Nichtsheit erlangt hat? Wie kann es zur Freude führen, wenn man, wie der
verärgerte Mann das Bett ablehnt, Vergnügen verwirft und prahlt: „Ich er-
freue mich am Nichtgenießen der Vergnügen“? Wer alles (Vergnügen usw.)
aufgibt und dann denkt, er erfreue sich am Leersein, tut etwas, was über-
haupt keinen Sinn ergibt. Ebenso ist es sinnlos zu denken, dass einer glück-
lich sei, nachdem er Kleidung, Nahrung, Bett usw. zurückgewiesen hat. „Ich
bin nicht der Körper“, „Noch bin ich irgendetwas anderes“, „Nichts ist alles“ –
was anderes als Geschwätz sind denn solche Aussagen? „Ich sehe nicht, was
ich sehe“ und „Ich sehe etwas anderes“ ist ebenfalls nichts als Unsinn.
   Aber meinetwegen – erfreue dich an den Vergnügen, die dir zugedacht sind.
Ich werde weiterhin mit dir leben. Erfreue dich an dir selbst.
   VASIåèHA fuhr fort:


                                      454
Nachdem er so gesprochen hatte, verließ der König die inneren Gemächer.
Cū¬ālā dachte: „Ist es nichttraurig, dass der König nicht verstehen kann?“ und
fuhr mit ihrer Arbeit fort. Auf diese Weise lebten sie eine beträchtliche Zeit
miteinander. Obgleich Cū¬ālā keinerlei Wünsche hatte, entstand doch ir-
gendwann der Wunsch in ihr, sich im Raum zu bewegen. Um diese Kraft zu
erlangen, zog sie sich in die Abgeschiedenheit zurück und übte die vitalen
Winde, die nach oben steigen.
  Es gibt in dieser Welt drei Arten erlangbarer Ziele, oh Rāma: Wünschens-
werte, verabscheuenswerte und solche, die zu ignorieren sind. Das Wün-
schenswerte wird mit großer Anstrengung gesucht, das Verabscheuenswerte
wird verworfen und dazwischen befindet sich dasjenige, dem gegenüber man
gleichgültig ist. Gewöhnlich erachtet man das als wünschenswert, was Glück
bringt, während das Gegenteil als verabscheuenswert angesehen wird. Ge-
genüber dem, was weder Glück noch Unglück bringt, ist man gleichgültig. Im
Falle der Erleuchteten jedoch existieren diese Kategorien nicht. Denn sie
betrachten alles als ein bloßes Spiel und sind daher gegenüber allem Sichtba-
ren und Unsichtbaren gänzlich gleichgültig.
  Ich werde dir nun die Methode beschreiben, mit deren Hilfe das erlangt
werden kann (siddhi oder psychische Kräfte), dem gegenüber der Weise der
Selbsterkenntnis gleichgültig ist, welches von den irregeführten Personen
dagegen als wünschenswert angesehen wird und was von einem, der die
Absicht der Kultivierung der Selbsterkenntnis hegt, tunlichst vermieden
sollte.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Alle Errungenschaften beruhen auf vier Faktoren, nämlich Zeit, Ort, Tätig-
keit und Mittel. Unter diesen ist Tätigkeit oder Bemühung der Schlüssel, weil
sicherlich alle Bestrebungen nach Errungenschaft auf Tätigkeit oder Bemü-
hung beruhen.
  Es existieren einige perverse Praktiken, von denen behauptet wird, dass sie
Errungenschaften möglich machen. Insbesondere in der Hand von unreifen
Personen können diese Praktiken großen Schaden anrichten. Es gehören in
diese Kategorie magische Pillen, Salben und Zauberstäbe wie auch die Ver-
wendung von magischen Steinen, Drogen, Selbst-Kasteiungen und Zauber-
sprüchen. Darüber hinaus ist der Glaube falsch, dass allein der Aufenthalt an
heiligen Plätzen wie ÁrÅśaila oder Meru jemanden befähigt, spirituelle Voll-
kommenheit zu erlangen.
  Im Zusammenhang mit der Geschichte von Áikhidhvaja werde ich dir nun
die Technik des prāïāyāma oder die Übung der Lebenskraft und die Errun-
genschaften, die man dadurch gewinnt, erläutern. Höre bitte aufmerksam zu.
  Als Vorbereitung sollte man zunächst sämtliche Gewohnheiten und Neigun-
gen ablegen, die nicht mit dem, was man zu erlangen trachtet, in Beziehung
stehen. Man sollte lernen, die Öffnungen des Körpers zu schließen und au-
ßerdem die verschiedenen Yoga-Haltungen praktizieren. Die Nahrung sollte


                                    455
rein sein. Man sollte die Bedeutung der heiligen Schriften kontemplieren. Die
Gemeinschaft mit Heiligen und rechtes Betragen sind essenziell. Nachdem
man allem entsagt hat, sollte man bequem sitzen. Wenn man dann auf diese
Weise einige Zeitlang prāïāyāma praktiziert, ohne im Innern Ärger, Gier usw.
aufsteigen zu lassen, wird die Lebenskraft vollkommen beherrscht.
  Von der unumschränkten Herrschaft über die Erde bis zur totalen Befreiung
– alles hängt von den Bewegungen der Lebenskraft ab. Daher sind alle diese
Errungenschaften durch die Praxis des prāïāyāma erlangbar.
  Tief innerhalb des Körpers gibt es eine nādÅ, die man āntrave«Âikā nennt. Sie
ruht in den vitalen Teilen und ist die Quelle von hundert weiteren nādÅs. Sie
existiert in sämtlichen Lebewesen – in den Göttern, Dämonen und Menschen,
in Tieren und Vögeln, Würmern und Fischen. In ihrer Quelle liegt sie aufge-
rollt. Sie ist verbunden mit allen lebenswichtigen Bahnen innerhalb des Kör-
pers; vom Becken aufwärts bis zur Krone des Hauptes.
  Innerhalb dieser nādÅ wohnt die höchste Kraft. Genannt wird sie kuï¬alinÅ
(Schlangenkraft), weil sie aussieht als wäre sie aufgerollt. Sie ist die höchste
Macht in allen Wesen und der Hauptbeweger aller Kräfte. Sobald das prāïa
oder die Lebenskraft, die im Herzen wohnt, den Ort der kuï¬alinÅ erreicht,
taucht in einem ein Gewahrsein der Elemente der Natur auf. Sobald sich die
kuï¬alinÅ zu entrollen und zu bewegen beginnt, ist Gewahrsein in einem
selbst.
  Alle anderen nādÅs (strahlenförmiger Energiefluss) sind ebenfalls sozusa-
gen an die kuï¬alinÅ gebunden. Die kuï¬alinÅ ist daher der eigentliche Same
des Bewusstseins und des Verstehens oder der Erkenntnis.
  RùMA fragte:
  Ist nicht das unendliche Bewusstsein ewig unteilbar? Wenn dies so ist – wie
kann die kuï¬alinÅ auftauchen und sich manifestieren und so dieses Be-
wusstsein offenbaren?
  VASIåèHA fuhr fort:
  In der Tat befindet sich stets überall nur dieses unendliche Bewusstsein. Es
manifestiert sich jedoch hier und dort als die Elemente. Die Sonne bescheint
alles, wird jedoch auf besondere Weise reflektiert, wenn die Strahlen auf
einen Spiegel treffen. Auf ähnliche Weise scheint dasselbe unendliche Be-
wusstsein in einigen Elementen „verlorengegangen“, in anderen klar und
wiederum in anderen Elementen in all seiner Pracht manifestiert zu sein.
  So wie Raum überall nichts als (leerer) Raum ist, so ist Bewusstsein Be-
wusstsein und nichts anderes, was auch immer die Erscheinungsform sein
mag. Es ist niemals einem Wandel unterworfen. Dieses Bewusstsein selbst ist
die fünf Wurzelemente. Mit deinem eigenen Bewusstsein siehst du dieses
Bewusstsein, welches die fünf Wurzelelemente ist, auf dieselbe Weise, wie
wenn du jemand anderes in dir selbst oder mit einer Lampe hundert andere
Lampen sehen würdest.


                                     456
Aufgrund einer leichten Bewegung der Gedanken scheint dieselbe Wirk-
          lichkeit, die Bewusstsein ist, zu den fünf Elementen und dann zum Körper zu
          werden. Auf dieselbe Weise wird dasselbe Bewusstsein zu Würmern und
          anderen Kreaturen, zu Metallen und Mineralien, zu Erde und dem darauf
          Befindlichen, zu Wasser und weiteren Elementen. Daher ist die ganze Welt
          nichts anderes als die Bewegung von Energie im Bewusstsein, welche als die
          fünf Elemente erscheint. An irgendeiner Stelle ist dann diese Energie fühlend,
          an anderer dagegen erscheint sie als nicht-fühlend. Dies geschieht auf diesel-
          be Weise, wie Wasser, dem eisigen Wind ausgesetzt, gefriert und fest wird. So
          wird die Natur herangebildet und alle Dinge entsprechen dieser Natur.
             Und trotzdem ist dies alles nichts als ein Spiel der Worte, eine Redeweise.
          Was sind denn Hitze und Kälte, Eis und Feuer? Noch einmal sei gesagt, dass
          alle diese Unterscheidungen nur aufgrund der Konditionierung und der Ge-
          dankenmuster auftauchen. Der weise Mensch ergründet daher die Natur
          dieser Konditionierung; er schaut, ob diese latent oder offenbar, gut oder
          böse ist. Darin besteht eine fruchtbare Ergründung – müßiges Argumentieren
          ist wie Boxen mit der Luft.
             Latente Konditionierung erzeugt nicht-fühlende Wesen, offenbare Kondi-
          tionierung lässt Götter, Menschen usw. entstehen. In einigen befindet sich
          eine dichte, zur Unwissenheit führende Konditionierung, in anderen wiede-
          rum ist die Konditionierung schwächer, was die Befreiung begünstigt. Diese
          Konditionierung ist für die Vielfalt der Kreaturen verantwortlich.
             Denn für diesen kosmischen Baum, genannt die Schöpfung, ist die allererste
          Gedankenform der Same, während die verschiedenen Sphären die verschie-
          denen Teile des Baums und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seine
          Früchte sind. Die fünffachen Elemente, aus denen der Baum gebildet ist,
          entstehen aufgrund ihres eigenen Antriebs und verschwinden wieder aus
          eigenem Antrieb. Aus eigenem Antrieb vervielfältigen sie sich und nach Ab-
          lauf einer bestimmten Zeit werden sie wiederum vereint und bewegungslos.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:81     Die kuï¬alinÅ funktioniert im Körper, der aus den fünf Elementen besteht,
          als Lebenskraft. Es ist dieselbe kuï¬alinÅ, die verschiedentlich als Konditio-
          nierung oder Begrenzung, als Gemüt, jīva, Bewegung der Gedanken, Intellekt
          (oder bestimmende Fähigkeit) und als Ich-Sinn bezeichnet wird, da sie die
          höchste Lebenskraft im Körper darstellt. Als apāna fließt sie beständig ab-
          wärts, als samāna wohnt sie im Solarplexus, und als udāna steigt diese Le-
          benskraft aufwärts. Aufgrund dieser Kräfte ist das Gesamtsystems im Gleich-
          gewicht. Falls jedoch der abwärtsgerichtete Zug zu stark ist und ihm keine
          entsprechende Kraft entgegenwirkt, erfolgt der Tod. Wenn die Bewegung der
          Lebenskraft so beherrscht wird, dass sie weder ab- noch aufwärts wandert,
          herrscht ein unaufhörlicher Zustand des Gleichgewichts, und sämtliche
          Krankheiten werden überwunden. Wenn es andernfalls eine Dysfunktion der
          gewöhnlichen (zweitrangigen) nādÅs gibt, dann ist der Mensch geringfügigen



                                              457
Krankheiten unterworfen, während ernstliche Leiden auftreten, wenn die
Hauptnadis betroffen sind.
 RùMA fragte:
  Worin bestehen die vyādhis (Krankheiten) und die ādhis (psychische Dys-
funktionen) und was ist mit der Degeneration des Körpers gemeint? Bitte
erleuchte mich dazu!
  VASIåèHA fuhr fort:
  Ādhi und vyādhi (Krankheiten) sind die Quellen der Leiden. Können sie
vermieden werden, entsteht Glück; ihr Aufhören bedeutet Befreiung. Manch-
mal tauchen sie gemeinsam auf, manchmal verursachen sie sich gegenseitig,
und manchmal folgen sie einander. Die körperlichen Krankheiten nennt man
vyādhi, während psychische Störungen, die durch psychologische Konditio-
nierung (Neurosen) verursacht sind, ādhi genannt werden. Beide wurzeln in
Unwissenheit und Schlechtigkeit. Sie enden, sobald die Selbsterkenntnis oder
Erkenntnis der Wahrheit erlangt wird.
  Durch Unwissenheit verliert man die Selbstbeherrschung und ist ständig
von Zuneigungen und Abneigungen gequält und von Gedanken wie „dies habe
ich gewonnen, nun habe ich noch dieses zu gewinnen“. All dies verstärkt die
Täuschung; all dies lässt psychische Störungen entstehen.
  Physische Beschwerden werden durch Unwissenheit und deren Begleiter-
scheinung von fehlender mentaler Selbstkontrolle verursacht. Dies führt
dann zu falschen Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Andere Ursachen
sind ungeeignete und unregelmäßige Aktivitäten, ungesunde Lebensgewohn-
heiten, schlechte Gesellschaft, böse Gedanken. Auch diese werden von der
Schwächung oder Blockierung der nādÅs verursacht, wodurch der freie Fluss
der Lebenskraft beeinträchtigt wird. Eine weitere Ursache ist eine ungesunde
Umgebung. All dies wird natürlich letztlich durch die Früchte vergangener
Handlungen, wie sie entweder in der näheren oder ferneren Vergangenheit
begangen wurden, bestimmt.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Alle diese psychischen Störungen und physischen Beschwerden resultieren
aus den fünffachen Elementen. Ich werde dir nun mitteilen, wie diese aufhö-
ren. Physische Beschwerden sind zweifacher Art, nämlich gewöhnliche und
ernstliche. Die ersteren tauchen aufgrund von alltäglichen Umständen auf,
während die letzteren angeboren sind. Die ersteren werden mit Hilfe der von
Tag zu Tag stattfindenden medizinischen Maßnahmen und dem Erwerb der
richtigen mentalen Einstellung behoben. Die letzteren (ernstlichen) Be-
schwerden jedoch wie auch die psychischen Störungen hören erst dann auf,
wenn die Selbsterkenntnis erlangt wird – die Schlange im Seil stirbt erst
dann, wenn das Seil anstatt der Schlange gesehen wird. Selbsterkenntnis
beendet sämtliche physischen und psychischen Störungen. Jedoch können
physische Beschwerden, die nicht psychosomatischer Natur sind, auch durch
medikamentöse Behandlung, Gebete und rechte Handlung wie auch durch


                                   458
Bäder behandelt werden. All diese Dinge werden in den medizinischen Ab-
handlungen beschrieben.
 RùMA fragte:
  Bitte teile mir mit, wie physische Beschwerden aus psychischen Störungen
entstehen können und wie sie mit anderen als medizinischen Mitteln behan-
delt werden können.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Bei mentaler Verwirrtheit kann man seinen eigenen Weg nicht klar wahr-
nehmen. Man wählt dann einen falschen Weg, weil man buchstäblich den Weg
vor den eigenen Füßen nicht sieht. Die Lebenskräfte werden durch diese
Verwirrtheit aufgerührt und fließen willkürlich und planlos in den nādÅs auf
und ab. Als Ergebnis davon leiden dann manche nādÅs an Energiemangel,
während andere wiederum durch zu viel Energie verstopft sind.
  Schließlich entstehen Störungen im Stoffwechsel, Verstopfung, exzessiver
Appetit wie auch eine gestörte Funktion des Verdauungssystems. Nahrung
verwandelt sich so in Gift. Der natürliche Umlauf der Nahrung im und durch
den Körper wird angehalten. Dadurch entstehen die verschiedenen physi-
schen Beschwerden.
  So führen psychische Störungen zu physischen Beschwerden. So wie
Myrobalan (Gerbstoff) die Gedärme arbeiten lässt, so helfen manche Mantras
wie ya, ra, la, va diesen psychosomatischen Störungen ab. Weitere Maßnah-
men sind reine und segenbringende Handlungen, das Dienen der Heiligen
usw. Dadurch wird das Gemüt rein und im Herzen entsteht große Freude. Die
Lebenskräfte fließen nun wieder ordnungsgemäß entlang der nādÅs. Die
Verdauung normalisiert sich, die Krankheiten hören auf.
  Durch die Praxis von pūraka oder Inhalation bleibt der Körper stark, indem
dadurch die kuï¬alinÅ am Ende des Rückgrats „gesättigt“ und in einen Zu-
stand des Gleichgewichts versetzt wird. Sobald durch Zurückhaltung des
Atems sämtliche nādÅs aufgewärmt sind, richtet sich die kuï¬alinÅ wie ein
Stab auf, und ihre Energien durchfluten dann sämtliche nādÅs des Körpers.
Aufgrund dessen werden die nādÅs gereinigt und leicht. Dann ist der yogi in
der Lage, sich im Raum zu bewegen. Wenn die kuï¬alinÅ durch den brahmā-
nādÅ aufsteigt und während des recaka oder Exhalation den Punkt erreicht,
der dvādaśānta genannt wird (zwölf Fingerbreiten ob der Krone des Hauptes)
und die kuï¬alinÅ dort eine Stunde lang gehalten werden kann, dann erblickt
der yogi die Götter und vollkommenen Wesen, die sich im Raum bewegen.
  RùMA fragte:
 Wie ist es diesen Sterblichen möglich, die himmlischen Wesen wahrzuneh-
men?
 VASIåèHA fuhr fort:




                                   459
In der Tat vermag kein Sterblicher himmlische Wesen mit seinen sterbli-
chen Augen wahrzunehmen. Jedoch werden diese himmlischen Wesen wie im
Traum mit den Augen der reinen Intelligenz gesehen. Die Himmlischen sind
in der Lage, die Wünsche zu erfüllen. Das Wahrnehmen der himmlischen
Wesen ist nicht anders als im Traum. Der einzige Unterschied ist, dass die
Wirkung der Vision andauert. Noch einmal: Wenn jemand fähig ist, die Le-
benskraft im dvādaśānta (zwölf Fingerbreiten vom Körper entfernt) eine
beträchtliche Zeit nach der Exhalation zu halten, dann kann die Lebenskraft
andere Körper betreten. Diese Macht ist der Lebenskraft eingeboren; obwohl
sie unstetig ist, kann sie stetig gemacht werden. Weil die alles verhüllende
Unwissenheit nicht substanziell ist, können wir solche außergewöhnlichen
Vorkommnisse manchmal während der Bewegung der Energie in dieser Welt
beobachten. Gewiss ist all dies nichts als Brahman – Vielfalt und verschiedene
Funktionen sind nichts als Redeweisen.
  RùMA fragte:
 Um in die engen Räume (nādÅs) eindringen und dann den inneren Raum mit
der Lebenskraft ausfüllen zu können, muss man seinen Körper zugleich ato-
misch und fest machen! Wie kann man dies erreichen?
 VASIåèHA fuhr fort:
  Kommen Holz und Säge zusammen, wird das Holz zerteilt. Wenn jedoch
zwei Stück Holz zusammen kommen, entsteht Feuer! All dies ist Teil der
Natur.
  [Das „sie“ im folgenden Absatz bezieht sich möglicherweise auf das gastri-
sche Feuer, die Lebenskraft oder vielleicht sogar die kuï¬alinÅ. Vasi«Âha hat
sicherlich kein besonders großes Interesse daran, hier präzise Unterschei-
dungen walten zu lassen!!] In diesem physischen Körper treffen im Unterleib
zwei Kräfte aufeinander. Zusammen formen sie einen hohlen Stab. Darin ruht
dann die kuï¬alinÅ. Diese kuï¬alinÅ befindet sich genau in der Mitte zwi-
schen Himmel und Erde und vibriert immer mit der Lebenskraft. Im Herzen
wohnend erfährt sie alles. Sie hält alle psychischen Zentren in konstanter
Schwingung oder Bewegung. Sie verdaut und verzehrt jedes Ding. Sie macht
die psychischen Zentren zittern durch die Bewegung des prāïa. Sie unterhält
das Feuer im Körper, bis sämtliche Essenzen erschöpft sind.
  Von Natur aus ist sie kühl, aber wegen ihr wird der Körper warm. Im gan-
zen Körper liegt sie ausgebreitet, obwohl sie im Herzen wohnt, wo sie vom
yogi kontempliert wird. Sie besitzt die Natur von jñāna (Erkenntnis) und in
ihrem Licht werden ferne Objekte gesehen als wären sie nahe. Alles Kühle ist
der Mond, das Selbst, und aus diesem Mond geht Feuer hervor. Der Körper ist
aus diesem Mond und diesem Feuer gemacht. Tatsächlich besteht die ganze
Welt aus diesen beiden, dem kühlen Mond und dem warmen Feuer. Oder du
kannst diese Welt auch als die Schöpfung von Erkenntnis und Unwissenheit,
des Realen und des Irrealen betrachten. In diesem Fall werden Bewusstsein,




                                    460
Licht und Erkenntnis als die Sonne oder das Feuer gesehen, während Finster-
nis und Unwissenheit als der Mond betrachtet werden.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Feuer und Mond existieren aufgrund wechselseitiger kausaler Beziehung
(im Körper). In gewisser Weise sind sie wie Same und Baum – das eine lässt
das andere entstehen. In gewisser Weise aber sind sie auch wie Licht und
Finsternis, wobei das eine das andere zerstört. (Wer dies alles in Frage stellt
mit der Aussage: „Da es keinen Wunsch und keine Motivation gibt, sind solche
Kausalitäten und Aktivitäten absolut unlogisch“ sollte sofort verwiesen wer-
den, denn diese Aktivitäten sind offensichtlich und werden von allen erfah-
ren.)
  Das (Feuer) prāïa trinkt die nektargleiche Kühle aus dem Munde des küh-
len Mondes und erfüllt dabei den ganzen Raum innerhalb des Körpers. (Die
Theorie des yogis besagt, dass der Nektar im Gaumen zu fließen beginnt und
vom gastrischen Feuer im Solarplexus verzehrt wird. Daher ist der kühle
Mond die Ursache des verzehrenden Feuers. Er beschreibt dann weiter
viparÅtakaraïÅ, um diesen Verlust an Nektar zu verhindern. S.V.)) Feuer stirbt
und wird zum Mond, so wie der Tag endet und die Nacht anbricht.
  Am Knotenpunkt von Feuer und Mond, am Knotenpunkt von Licht und
Finsternis, von Nacht und Tag entsteht die Offenbarung der Wahrheit, welche
sich sogar der Erkenntnis der Weisen entzieht.
  Ebenso wie ein Tag aus Tag und Nacht besteht, ist der jīva durch Bewusst-
sein und Trägheit gekennzeichnet. Feuer und Sonne symbolisieren Bewusst-
sein, während der Mond Finsternis oder Trägheit symbolisiert. So wie die
Dunkelheit auf der Erde schwindet, sobald die Sonne am Himmel steht, so
verschwindet die Finsternis der Unwissenheit und der Zyklus des Werdens
gelangt an sein Ende, sobald das Licht des Bewusstseins gesehen wird. Und
sobald der Mond (die Finsternis der Unwissenheit oder Trägheit) als das
gesehen wird, was er ist, wird Bewusstsein als die einzige Wahrheit realisiert.
Es ist dieses Licht des Bewusstseins, welches den leblosen Körper enthüllt.
Bewusstsein selbst, unbewegt und nondual, kann nicht erfasst werden. Es
kann jedoch durch seine eigene Reflektion, den Körper, realisiert werden.
  Bewusstsein, das seiner selbst gewahr wird, gewinnt die ganze Welt. Sobald
die Objektifizierung aufgegeben wird, geschieht die Befreiung. Prāïa ist Hitze
(Feuer), apāna ist der kühle Mond und beide wiederum existieren wie Licht
und Schatten gemeinsam im Körper. Das Licht des Bewusstseins und der
Mond der Beschreibung führen beide zusammen die Erfahrung herbei. Auch
das Sonne und Mond genannte Phänomen, welches seit Beginn der Welt
existiert hat, wohnt im Körper.
  Oh Rāma, verbleibe in dem Zustand, in dem die Sonne den Mond in sich
selbst absorbiert hat. Verbleibe in dem Zustand, in dem der Mond mit der
Sonne im Herzen verschmolzen ist. Verbleibe in dem Zustand, in dem die
Erkenntnis stattfindet, dass der Mond nichts als die Reflektion der Sonne ist.


                                     461
Kenne den Knotenpunkt von Sonne und Mond in dir selbst. Die äußeren Phä-
          nomene sind gänzlich uninteressant.
           VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:82      Nun werde ich dir erklären, wie die yogis ihre Körper atomisch klein und
          riesengroß machen.
             Es gibt da einen Funken Feuer, der knapp oberhalb des Herzenslotos
          brennt. Dieses Feuer nimmt sehr schnell zu, aber da es von der Natur des
          Bewusstseins ist, steigt es als das Licht der Erkenntnis auf. Wenn es plötzlich
          so an Größe zunimmt, kann es den ganzen Körper auflösen; so wie das Was-
          serelement im Körper durch Hitze verdampft. Sobald es beide Körper (den
          physischen und den subtilen) hinter sich gelassen hat, kann es wandern,
          wohin es will. Die kuï¬alinÅ-Kraft steigt wie Rauch aus dem Feuer empor und
          vereinigt sich sozusagen mit dem Raum. Diese kuï¬alinÅ, die Gemüt, buddhi
          und Ich-Sinn fest im Griff behält, leuchtet als ein Staubpartikel. Dieser Funke
          oder Partikel ist dann fähig, überall hineinzugehen. Anschließend gibt die
          kuï¬alinÅ die Wasser- und Erdelemente, die sie zuvor in sich selbst absor-
          biert hatte, wieder frei und der Körper nimmt seine ursprüngliche Gestalt
          wieder an. Auf diese Weise vermag der jīva so winzig wie ein Atom und so
          riesig wie ein Berg zu werden.
             Bisher habe ich dir die yogische Methode beschrieben. Nun werde ich dir
          die Herangehensweise aus Sicht der Weisheit beschreiben.
             Es gibt nur ein Bewusstsein, das rein, unteilbar, subtiler als das Subtilste,
          still und weder die Welt noch ihre Aktivitäten ist. Es ist seiner selbst gewahr –
          aufgrund dessen taucht dieser jīva auf. Dieser jīva nimmt den unwirklichen
          Körper als wirklich wahr. Sieht der jīva ihn jedoch im Lichte der Selbster-
          kenntnis, schwindet diese Täuschung. Und auch der Körper wird dann gänz-
          lich still. Der jīva nimmt sodann den Körper nicht mehr wahr. Die Verwechs-
          lung des Körpers mit dem Selbst ist die allergrößte Täuschung, die auch das
          Licht der Sonne nicht vertreiben kann.
             Wird der Körper als real wahrgenommen, wird er zu einem realen Körper.
          Wird er dagegen im Licht der Erkenntnis als irreal gesehen, verschmilzt er
          mit dem Raum. Welche Idee auch immer betreffend den Körper beibehalten
          wird, diese Idee wird dann zur Realität.
             Eine andere Methode besteht in der Praxis der Exhalation, bei welcher der
          jīva vom Sitz der kuï¬alinÅ emporgehoben wird und seinen Körper aufzuge-
          ben hat, der dann leblos wie ein Stück Holz ist. Anschließend kann der jīva
          dann einen anderen bewegten oder unbewegten Körper betreten und darin
          die gewünschten Erfahrungen machen. Nachdem er diese erlebt hat, kann er
          den alten Körper e oder einen anderen nur durch seine Willenskraft und zu
          seinem Vergnügen betreten. Er kann aber auch als das allesdurchdringende
          Bewusstsein verbleiben, ohne einen Körper anzunehmen.
             VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                              VI.1:83



                                                462
Auf diese Weise gelangte die Königin Cū¬ālā zu all ihren psychischen Kräf-
ten (wie etwa die Fähigkeit, sich selbst atomisch winzig oder riesengroß zu
machen). Sie durchquerte den Himmel, tauchte in die tiefsten Ozeane und
wanderte auf der Erde umher, ohne dabei jemals die Gesellschaft ihres Man-
nes aufzugeben. Sie ging in jede nur denkbare Substanz ein – Holz, Fels, Ber-
ge, Gras, Himmel und Wasser – ohne das geringste Hindernis. Sie wandelte
mit den himmlischen Wesen und befreiten Weisen einher und unterhielt sich
mit ihnen.
  Obgleich sie alles unternahm, um auch ihren Mann zu erleuchten, blieb die-
ser gänzlich uninteressiert und lachte sogar über ihre angeblichen Narrhei-
ten. Er blieb daher unwissend. Sie jedoch fand es nicht weise, ihm ihre psy-
chischen Kräfte zu demonstrieren.
  RùMA fragte:
  Wenn nicht einmal eine solch große siddha-yogini wie Cū¬ālā das spirituel-
le Erwachen und die Erleuchtung von König Áikhidhvaja herbeiführen konnte,
wie kann man dann überhaupt Erleuchtung erlangen?
  VASIåèHA sagte:
  Die Unterweisung des Schülers durch einen Lehrer ist nur der Weg der Tra-
dition. Die Ursache der Erleuchtung besteht allein in der Reinheit des Be-
wusstseins des Schülers. Selbsterkenntnis wird weder durch Zuhören noch
durch Ausübung rechtschaffener Handlungen erlangt. Nur das Selbst kennt
das Selbst, nur die Schlange kennt ihre Füße! Jedoch...

                                     ***



Die Geschichte vom Stein der Weisen

  Es lebte in den Vindhya-Bergen ein reicher Dorfbewohner. Als er einmal im
Wald spazieren ging, verlor er eine Kupfermünze (ein Centstück). Weil er ein
Geizhals war, begann er im Dickicht danach zu suchen. Die ganze Zeit über
rechnete er: „Mit einem Cent werde ich ein kleines Geschäft machen, und
schnell werden dann vier und schließlich acht Cent daraus usw.“. Drei Tage
lang suchte er nach dem Geldstück und kümmerte sich nicht um den Spott
der Zuschauer. Am Ende dieser drei Tage fand er plötzlich einen wertvollen
Stein! (Es war der Stein der Weisen) Er nahm ihn mit sich nach Hause und
lebte glücklich und zufrieden.
  Was war der Grund dafür, dass der Geizhals den Stein der Weisen fand?
Ganz gewiss sein Geiz und sein Suchen im Dickicht nach dem verlorenen
Cent. Auf dieselbe Weise hält der Schüler im Falle der Unterweisung durch
den Lehrer nach etwas Ausschau, um dann etwas anderes zu finden! Brah-


                                    463
man ist jenseits der Sinne und des Gemüts – es kann durch die Unterweisung
durch jemanden nicht erkannt werden. Doch erlangt man diese Erkenntnis
auch nicht ohne die Unterweisung des Lehrers! Der Geizhals hätte den kost-
baren Stein nicht gefunden, wenn er nicht im Gebüsch nach seinem Cent
gesucht hätte. Daher wird die Unterweisung durch den Lehrer als die Ursache
der Selbsterkenntnis bezeichnet, obwohl sie nicht die Ursache ist! Sieh nur
dieses Mysterium der Māyā, oh Rāma – man sucht etwas, erlangt aber etwas
anderes!
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                VI.1:84
  Ohne alle Selbsterkenntnis war König Áikhidhvaja geblendet von der Täu-
schung. Er versank im Kummer, den nichts in der Welt mildern kann. Schon
bald begann er, wie du oh Rāma, die Abgeschiedenheit zu suchen und erledig-
te nur noch diejenigen königlichen Pflichten, die seine Minister ihm zu tun
nahelegten. Er war großzügig in seiner Wohltätigkeit. Er übte verschiedene
Entsagungspraktiken. Bezüglich seiner Täuschung und der Sorgen trat jedoch
kein Wandel ein. Nach beträchtlichen Bemühungen sagte er eines Tages:
  ŚIKHIDHVAJA sprach zur Königin:
  Meine Teure, ich habe nun lange Zeit die Regentschaft genossen und mich
aller königlichen Vergnügen erfreut. Das Gemüt des Asketen vermögen weder
Vergnügen noch Schmerz, Wohlstand noch Missgeschick zu stören. Ich will
mich in den Wald zurückzuziehen und ein Asket zu werden. Dieser herrliche
Wald, der dir in jeder Hinsicht ähnlich sieht (hier folgt eine romantische
Beschreibung des Waldes, in der dieser mit den Gliedern der Königin vergli-
chen wird), soll mein Herz so entzücken wie er deines entzückte. Gib mir
daher die Erlaubnis zu gehen, denn eine gute Gattin sollte sich den Wünschen
ihres Gatten nicht widersetzen.
  CŪÖĀLĀ erwiderte:
  Mein Gebieter, nur diejenige Handlung leuchtet als angemessen, die zur
richtigen Zeit unternommen wird, so wie die Blumen der Frühlingszeit und
die Früchte der Herbstzeit angemessen sind. Das Leben im Walde ist der
späteren Lebenszeit zugedacht, jedoch nicht einem Menschen in deinem
Alter. In deinem Alter ist das Leben eines Haushälters angemessen. Wenn wir
älter geworden sind, werden wir beide dieses Leben im Haushalt aufgeben
und in den Wald gehen! Außerdem werden deine Untertanen über deine
unzeitgemäße Abreise aus dem Königreich trauern.
  ŚIKHIDHVAJA sagte:
  Meine Teure, lege keine Hindernisse in meinen Weg. Wisse, dass ich mich
bereits für den Wald entschieden habe! Du bist noch ein Kind. Für dich ist es
nicht richtig, im Wald zu leben und ein hartes, asketisches Leben zu führen.
Bleibe daher hier und regiere das Königreich.
  VASIåèHA fuhr fort:




                                    464
In der folgenden Nacht, als die Königin noch schlief, verließ der König den
          Palast unter dem Vorwand, in der Stadt auf Streife zu gehen. Er ritt den gan-
          zen Tag und erreichte schließlich am Mandara-Berg einen dichten Dschungel.
          Dieser war weit, weit entfernt von menschlichen Behausungen. Es gab Anzei-
          chen dafür, dass dieser Ort früher von heiligen Brāhmanen bewohnt worden
          war. Dort baute er für sich selbst eine Hütte und stattete diese mit allem aus,
          was er als notwendig für ein asketisches Leben erachtete, wie etwa einem
          Bambusstock, einem Teller für das Essen, einem Wasserkessel, einer Schale
          für die Blumen, einem kamaï¬alu, einem Rosenkranz (Mala), Kleidung als
          Schutz vor der Kälte, einem Hirschfell. Dann nahm er das asketische Leben
          auf. Den ersten Teil des Tages verbrachte er mit Meditation und japa (Wie-
          derholung heiliger Mantras). Den zweiten Teil des Tages verbrachte er mit
          dem Sammeln von Blumen. Dann folgten das Bad und anschließend die Ver-
          ehrung der Gottheit. Danach nahm er ein karges Mahl ein bestehend aus
          Früchten und Wurzeln. Den Rest des Tages verbrachte er mit japa oder der
          Wiederholung von Mantras. So lebte er eine lange Zeit in der Hütte, ohne
          jemals an sein Königreich usw. zu denken.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:85     Cū¬ālā erwachte mit einem Schreck, als sie entdeckte, dass ihr Gemahl den
          Palast verlassen hatte. Sie fühlte sich unglücklich und kam zu dem Ergebnis,
          dass ihr Platz an der Seite ihres Gemahls sei. Rasch verließ auch sie durch ein
          kleines Fenster den Palast und flog durch den Himmel, dabei Ausschau hal-
          tend nach ihrem Gemahl. Schon bald hatte sie ihn entdeckt, wie er im Wald
          umherwanderte. Jedoch bevor sie sich in seiner Nähe niederließ,, begann sie
          mit Hilfe ihrer psychischen Kräfte die zukünftigen Ereignisse zu betrachten.
          Sie vermochte alles zu sehen, wie es entsprechend dem Schicksal zu gesche-
          hen hatte, bis in das kleinste Detail. Indem sie sich dem Unvermeidlichen
          beugte, kehrte sie auf der gleichen Himmelsroute zum Palast zurück.
            Cū¬ālā kündigte an, dass der König den Palast für eine wichtige Mission
          verlassen habe. Von nun an übernahm sie selbst die Staatsangelegenheiten.
          Achtzehn Jahre lang weilte sie im Palast, während ihr Gemahl im Walde lebte,
          und niemals trafen sie einander. Ihr Gemahl begann, erste Zeichen des Alterns
          zu zeigen.
            Nun „sah“ Cū¬ālā, dass das Gemüt ihres Mannes beträchtlich an Reife ge-
          wonnen hatte und ihre Aufgabe nun darin bestand, ihm bei der Erlangung der
          Erleuchtung zu helfen. Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, verließ
          sie des Nachts den Palast und begab sich an den Ort, wo ihr Gemahl lebte. Sie
          nahm in den Himmeln die himmlischen Wesen und die vollkommenen Wei-
          sen wahr. Sie durchflog die Wolken, atmete den himmlischen Duft ein und
          schaute mit großer Erwartung der Wiedervereinigung mit ihrem Gemahl
          entgegen. Sie war erregt und ihr Gemüt befand sich in Aufruhr. Nachdem sie
          ihres mentalen Zustandes gewahr geworden war, sagte sie sich: „Oh, so lange
          in diesem Körper Leben ist, hört dessen Natur nicht auf, aktiv zu sein. Sogar
          mein Gemüt ist so stark erregt! Oder vielleicht, oh Gemüt, suchst du deinen


                                               465
eigenen Gemahl? Aber es kann auch sein, dass mein Gatte nach all diesen
Jahren der Askese sein Königreich und mich vergessen hat. In diesem Fall ist
es gänzlich überflüssig, oh Gemüt, durch die Aussicht des Wiedersehens mit
ihm in Erregung zu geraten! Ich werde das Gleichgewicht im Herzen meines
Gemahls so wieder herstellen, dass er in sein Königreich zurückkehrt, wo wir
dann zusammen eine lange Zeit glücklich leben werden. Das Entzücken, wel-
ches in einem Zustand vollkommenen inneren Gleichgewichts empfunden
wird, ist jedem anderen Glück überlegen.“
  Während sie so dachte, erreichte Cū¬ālā den Mandara-Berg. Noch in der
Luft befindlich, erblickte sie ihren Gemahl wie einen völlig Fremden, denn der
König, der früher in königliche Gewänder gekleidet war, erschien nun als ein
abgezehrter Asket. Cū¬ālā war erschüttert vom herzzerreißenden Anblick
ihres Gatten, gekleidet in groben Stoff, mit verfilztem Haar, still und einsam
und mit beträchtlich dunklerer Haut, als hätte er in einem Fluss voll Tinte
gebadet. Einen Moment lang dachte sie: „Oh weh – dies ist wahrhaftig die
Frucht der Torheit! Denn nur Toren gelangen in den Zustand, in dem der
König ist. Sicherlich geschah es aufgrund seiner Täuschung, dass er sich hier
in dieser Einsiedelei selbst abgeschlossen hat. Hier und jetzt werde ich ihm
nun zur Erleuchtung verhelfen. Ich werde mich ihm in einer Verkleidung
zeigen.“
  VASIåèHA fuhr fort:
  Da sie fürchtete, dass Áikhidhvaja aufs Neue ihre Unterweisung verspotten
und sie immer noch für ein unwissendes Mädchen halten würde, verwandelte
Cū¬ālā sich selbst in einen jungen, Brāhmanen Asketen und ließ sich direkt
vor ihrem Gemahls nieder. Áikhidhvaja erblickte den jungen Asketen und war
hoch erfreut. Beide schienen einander in ihrem spirituellen Glanz übertreffen
zu wollen. Der junge Asket war in der Tat so unvergleichlich strahlend, dass
Áikhidhvaja ihn für ein himmlisches Wesen hielt. Er brachte dem Asketen
seine Verehrung entgegen. Cū¬ālā nahm die Verehrung an und bemerkte: „Ich
habe die ganze Welt bereist, aber noch nie bin ich mit solcher Hingabe ver-
ehrt worden! Ich bewundere deine Ruhe und Entsagung. Du hast dich ent-
schlossen, auf des Messers Schneide zu wandern, indem du dein Königreich
aufgegeben und dich in die Waldeinsamkeit zurückgezogen hast.“
  Áikhidhvaja erwiderte: „Gewiss weißt du alles. Oh Sohn der Götter! Durch
deinen bloßen Blick ergießt sich der Nektar über mich. Ich habe eine liebliche
Ehefrau, die jetzt mein Königreich regiert, und du ähnelst ihr in gewisser
Weise. Und die Blumen, die ich dir in Verehrung dargeboten habe, mögen sie
gesegnet sein. Das Leben findet seine Erfüllung in der Verehrung der Gäste,
die unerwartet eintreffen. Die Verehrung eines solchen Gastes ist sogar der
Verehrung der Götter überlegen. Bitte sage mir, wer du bist und wie ich den
Segen deines Besuches verdiene?“
  DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sprach:




                                    466
Es gibt einen heiligen Mann in diesem Universum, den man Nārada nennt.
Einst war er in einer Höhle am Ufer des heiligen Flusses GaÇgā in Meditation
versunken. Am Ende seiner Meditation hörte er den Klang von Armreifen, die
anscheinend einigen Leuten gehörten, die sich im Wasser vergnügten. Aus
bloßer Neugierde blickte er in ihre Richtung und erschaute einige der höchs-
ten himmlischen Nymphen, die nackt im Wasser spielten. Sie waren unbe-
schreiblich schön. Sein Herz erfuhr ein Entzücken und sein Gemüt verlor
einen Augenblick lang das Gleichgewicht, überwältigt von Lust.
  ŚIKHIDHVAJA fragte:
  Oh Heiliger, obschon er ein Weiser von großem Wissen und sogar ein Be-
freiter war, ohne Wunsch und Anhaftung, und obschon sein Bewusstsein
unbegrenzt wie der Himmel war, wie kam es, dass er von Lust überwältigt
wurde?
  DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sagte:
  Oh königlicher Weiser, sämtliche Wesen in den drei Welten einschließlich
der Götter im Himmel haben einen Körper, der den zwiefachen Mächten
unterworfen ist. Ob man nun unwissend oder weise ist – so lange man ver-
körpert ist, ist der Körper dem Glück und dem Unglück, Vergnügen und
Schmerz unterworfen. Indem man sich erfreulichen Objekten hingibt, erfährt
man Vergnügen und durch Mangel daran (Hunger usw.) erfährt man Qualen.
Darin besteht nun einmal die Natur der Dinge.
  DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) fuhr fort:
  Wird das Selbst, welches die Wirklichkeit und rein ist, auch nur einen Mo-
ment lang vergessen, dann erfährt das Objekt der Erfahrung eine Erweite-
rung. Dies geschieht nicht, sofern ein ungebrochenes Gewahrsein herrscht. So
wie Finsternis und Licht seit jeher mit Tag und Nacht in Verbindung gebracht
werden, so hat die Erfahrung von Freude und Schmerz für den unwissenden
Menschen die Existenz des Körpers bestätigt. Im Weisen jedoch, auch wenn
eine solche Erfahrung im Bewusstsein reflektiert wird, erzeugt sie keinen
Eindruck. Wie im Fall eines Kristalls wird der weise Mensch von einem Ob-
jekt nur dann beeinflusst, wenn dieses sich aktuell und physisch in seiner
unmittelbaren Nähe befindet. Die unwissende Person jedoch ist so stark
beeinflusst, dass sie über die Objekte sogar in deren Abwesenheit brütet. Das
ist also das Kennzeichen: Eine ausgedünnte Verletzlichkeit bedeutet Befrei-
ung, während die dichte Eintrübung des Gemüts Bindung bedeutet.
  (Als Erwiderung auf Áikhidhvaja‘s Frage: „Wie können Vergnügen und
Schmerz sogar in der Abwesenheit des Objektes auftreten?“ sprach der
Brāhmane:) Die Ursache liegt in dem Eindruck, der über den Körper, die
Augen usw. im Herzen empfangen worden ist. Später dann erweitert sich
dieses von selbst. Sobald das Herz erregt ist, erregt die Erinnerung den jīva
am Sitz der kuï¬alinÅ. Die nādÅs, die im gesamten Körper verzweigt sind,
werden betroffen. Die Erfahrungen von Vergnügen und von Schmerz betref-



                                    467
fen die nādÅs jedoch unterschiedlich – nur in der Erfahrung von Vergnügen,
nicht aber im Schmerz, erweitern sie sich sozusagen und blühen auf.
   Wenn der jīva nicht mehr in den Zustand der erregten nādÅs kommt, ist er
befreit. Bindung ist nichts anderes als die Unterwerfung des jīva unter Ver-
gnügen und Schmerz. Der jīva wird schon allein durch den „Anblick“ von
Vergnügen und Schmerz erregt. Erkennt er jedoch mit Hilfe der Selbster-
kenntnis, dass Vergnügen und Schmerz in Wahrheit nicht existieren, erlangt
er sein Gleichgewicht wieder. Oder er erlangt die totale Freiheit, wenn er
realisiert, dass Vergnügen und Schmerz weder in ihm noch er in ihnen exis-
tiert. Sobald er realisiert, dass all dies nichts als das eine, unendliche Be-
wusstsein ist, erlangt er sein Gleichgewicht zurück. Wie eine Lampe ohne Öl
wird er nicht aufs Neue erregt. Der jīva wird dann als nicht-existierend er-
kannt und ins Bewusstsein reabsorbiert, in dem er nur der erste auftretende
Wurzelgedanke ist.
   (zur Frage Áikhidhvaja‘s, wie die Erfahrung von Vergnügen zu einem Verlust
von Energie führen könne, antwortete der Brāhmane:) Wie ich schon sagte,
erregt der jīva die Lebenskraft. Die Bewegung der Lebenskraft entzieht die
vitale Energie aus dem ganzen Körper. Diese Energie fließt dann als Samen-
energie hinab und wird auf natürliche Weise entladen.
   (Nach dem Wesen der Natur befragt, antwortete der Brāhmane:) Ursprüng-
lich existierte Brahman allein als Brahman. In ihm tauchten wie Wellen auf
der Oberfläche des Ozeans unzählbare Substanzen auf. Dies ist, was man
Natur nennt. Sie steht nicht kausal mit Brahman in Zusammenhang, sondern
geschieht so, wie zufällig eine Kokosnuss fällt, wenn eine Krähe auf der Ko-
kospalme landet. In dieser Natur finden sich die verschiedensten Geschöpfe,
die mit den unterschiedlichsten Eigenschaften ausgestattet sind.
   DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) fuhr fort:
                                                                                 VI.1:86,
  Durch die Natur des Selbst wird das Universum geboren. Es wird durch              87
Selbstbegrenzung oder Konditionierung aufrechterhalten, die aufgrund von
ständig wechselnder Ordnung und Unordnung entsteht. Hören diese Selbst-
begrenzung und die Konflikte zwischen Ordnung und Unordnung auf, werden
die Wesen nicht wieder geboren.
  (Fortfahrend mit der Geschichte von Nārada sprach der Brāhmane:) Nārada
erlangte seine Selbstbeherrschung zurück. Er sammelte den Samen, der ver-
gossen wurde, in einem Kristallgefäß. Anschließend füllte er ihn mit Milch,
die er mit Hilfe seiner Gedankenkraft erzeugt hatte. Nach einer gewissen Zeit
gebar dieses Kristallgefäß ein Kind, das in jeder Hinsicht vollkommen war.
Nārada taufte das Kind und teilte ihm im Laufe der Zeit die höchste Weisheit
mit. Der Knabe war ein Ebenbild seines Vaters.
  Später nahm Nārada den Jungen mit zu Brahmā, dem Schöpfer, dem Vater
Nāradas. Brahmā segnete den Jungen (dessen Name Kuæbha war) mit der
höchsten Weisheit. Dieser Junge, dieser Kuæbha, der Enkel Brahmas, steht
nun vor dir. Ich durchwandere die Welt zu meinem Vergnügen, denn ich habe


                                    468
nichts darin zu gewinnen. Wenn ich in diese Welt komme, berühren meine
Füße nicht die Erde.
  (Nachdem Vasi«Âha so gesprochen hatte, ging der siebzehnte Tag zur Neige.)
 ŚIKHIDHVAJA sprach:
 Es ist wahrhaftig die Erfüllung vergangener guter Taten, die in vielen Inkar-
nationen getan wurden, dass ich dich heute getroffen habe und den Nektar
deiner Weisheit trinke! Nichts in der Welt kann den Frieden geben, den die
Gemeinschaft mit Heiligen einem Menschen verleiht.
 DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sagte:
  Ich habe dir meine Lebensgeschichte erzählt. Bitte teile du mir nun mit, wer
du bist und was du hier tust. Wie lange bist du schon hier? Erzähle mir alles
wahrheitsgemäß, denn Einsiedler sprechen nur die Wahrheit.
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  Oh Sohn der Götter, du hast Kenntnis von allen Dingen wie sie sind. Was soll
ich dir denn noch erzählen? Ich lebe in diesem Dschungel aufgrund meiner
Furcht vor diesem saæsāra (Weltzyklus oder Zyklus von Geburt und Tod).
Obgleich du schon alles weißt, werde ich dir kurz meine Geschichte erzählen.
Ich bin König Áikhidhvaja. Ich habe mein Königreich aufgegeben. Ich fürchte
diesen saæsāra, in dem man wiederholt und abwechselnd Vergnügen und
Schmerz, Geburt und Tod erlebt. Obwohl ich jedoch weit gewandert und
ausgiebigen Entsagungspraktiken nachgegangen bin, habe ich Frieden und
Stillheit noch nichtgefunden. Mein Gemüt ist immer noch ruhelos. Ich ergehe
mich weder in Aktivitäten, noch suche ich irgendeinen Gewinn zu erzielen –
ich bin alleine hier und hafte an nichts an. Und doch bin ich trocken und uner-
füllt. Ich habe ununterbrochen sämtliche kriyās (yogische Methoden) prakti-
ziert. Und doch schreite ich nur vom Kummer zu größerem Kummer; sogar
Nektar wird für mich zu Gift.
  DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sagte:
  Einst fragte ich meinen Großvater: „Was ist besser – kriyā (Handlung, die
Praktik einer Technik) oder jñāna (Selbsterkenntnis)?“ Er sprach dann zu
mir:
  „Gewiss ist jñāna dem kriya überlegen, denn durch jñāna realisiert man das
Eine, welches als Einziges ist. Dagegen wurde kriyā schon immer als Zeitver-
treib beschrieben. Wenn man jñāna nicht besitzt, dann klammert man sich an
kriyā; wenn man keine gute Kleidung hat, klammert man sich an einen Sack.
  Die Unwissenden sind aufgrund ihrer Konditionierung (vāsanā) durch die
Früchte ihrer Handlungen gefangen. Wird die Konditionierung aufgegeben,
wird Handlung zur Nicht-Handlung, gleichgültig ob sie nun als gut oder böse
betrachtet wird. Wenn es keine Selbst-Begrenzung oder Wollen gibt, tragen
die Handlungen keine Früchte mehr. Handlungen selber erzeugen keinerlei
Reaktionen oder „Früchte“ – es sind die vāsanā oder das Wollen, die Früchte
aus einer Handlung erzeugen. So wie ein schreckhafter Junge sich einen Geist


                                     469
vorstellt und diesen dann auch tatsächlich vor sich sieht, so hat der Unwis-
          sende die Ideen von Sorgen und erleidet dann auch Sorgen.
            Jedoch sind weder die vāsanā (Selbst-Begrenzung oder Konditionierung)
          noch der Ich-Sinn real! Sie entstehen aufgrund von Torheit. Sobald diese
          Torheit aufgegeben wird, entsteht die Realisierung, dass all dies nichts als
          Brahman ist und Selbst-Begrenzung nicht existiert. Gibt es vāsanā, dann gibt
          es das Gemüt. Hören die vāsanā im Gemüt auf, entsteht die Selbsterkenntnis.
          Wenn jemand die Selbsterkenntnis erlangt hat, wird er nicht wiedergeboren."
            Daher haben schon die Götter, Brahmā und andere, erklärt, dass die Selbst-
          erkenntnis das Höchste ist. Weshalb bleibst du noch weiter unwissend? Wes-
          halb denkst du: „Dies ist das kamandalu“, „Dies ist ein Stock“ und verbleibst
          unwissend? Weshalb ergründest du nicht: „Wer bin ich?“, „Wie ist diese Welt
          entstanden?“ und „Wie gelangt all dies an ein Ende?“? Weshalb erreichst du
          nicht den Zustand der Erleuchteten, indem du die Natur von Bindung und
          Befreiung ergründest? Weshalb verschwendest du deine Zeit mit nutzlosen
          Askesepraktiken und anderen kriyās? Du erlangst Selbsterkenntnis, indem du
          die Gemeinschaft mit Heiligen suchst, ihnen dienst und sie befragst.
            ŚIKHIDHVAJA sagte:
            Oh, ich wurde durch dich wahrhaftig erweckt, oh Weiser! Ich gebe die Tor-
          heit auf! Du bist mein guru, ich bin dein Schüler. Bitte unterweise mich in
          deinem Wissen, welches allen Kummer vertreibt.
            DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) erwiderte:
            Oh königlicher Weiser, ich werde dich unterrichten, wenn du zuhören
          kannst und meine Worte würdigst. Eine Unterweisung wird ergebnislos ver-
          laufen, wenn man nur auf Fragen Antworten gibt, wenn der Fragende nicht
          wirklich zuzuhören bereit ist und die Lehren nicht schätzt und sie sich nicht
          aneignet. (Nachdem sie die entsprechende Versicherung Áikhidhvajas erhal-
          ten hatte, sprach Cū¬ālā:) Höre nun aufmerksam zu, denn ich werde dir eine
          Geschichte erzählen, die der deinen ähnelt.

                                              ***



          Die Geschichte vom Cintāmaïi

           DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sprach:
VI.1:88     Es gab einmal einen Mann, der in sich selbst eine nahezu undenkbare Ver-
          bindung von Reichtum und Klugheit vereinigte. Er besaß die besten Eigen-
          schaften, er war erfolgreich in seinen Geschäften und erreichte alle seine
          Ziele; aber er war seines Selbstes nicht gewahr. Er begann schließlich mit
          Entsagungspraktiken, um das himmlische Juwels namens cintāmaïi zu ge-


                                              470
winnen (der Stein der Weisen, von dem man sagt, dass er seinem Besitzer
sämtliche Wünsche erfüllt). Seine Bemühungen waren so intensiv, dass nach
kurzer Zeit das gewünschte Juwel vor ihm erschien. Was ist unmöglich für
jemanden, der bis zum Äußersten nach etwas strebt? Wenn man sich voll und
ganz einer Aufgabe widmet und dabei Mühen und Schwierigkeiten nicht
beachtet, dann wird auch ein armer Mann das Ziel erreichen.
  Dieser Mann sah also das Juwel vor sich in unmittelbarer Reichweite. Je-
doch war er unfähig, eine Gewissheit über dieses Objekt zu erlangen. Mit
einem Gemüt, das verwirrt war von all dem Kämpfen und Leiden, begann er
zu grübeln: „Kann dies der cintāmaïi sein? Oder ist er es vielleicht gar nicht?
Soll ich ihn berühren oder nicht? Vielleicht wird er verschwinden, wenn ich
ihn anfasse? Es ist doch unmöglich, ihn in so kurzer Zeit zu erlangen! Die
Schriften erklären, dass er nur nach einer lebenslangen Zeit des Strebens
erlangt werden könne. Ich bin ja nur ein armer, gieriger Mensch – gewiss
bilde ich mir die Existenz dieses Juwels vor mir nur ein. Womit hätte ich das
Glück verdient, es so bald zu erlangen? Es mag Große geben, die dieses Juwel
in so kurzer Zeit rechtmäßig ihr Eigen nennen können, aber ich selbst bin
doch nur ein gewöhnlicher Mann mit nur wenig durch Entsagung erworbe-
nen Verdiensten. Wie könnte ich es daher in so kurzer Zeit erlangt haben?“
  Da er so verwirrt war, tat er nichts, um das Juwel an sich zu nehmen. Er war
nicht dazu ausersehen, es zu erlangen. Man bekommt immer nur das, was
man verdient, und wann man es verdient. Sogar als das himmlische Juwel vor
ihm lag, ignorierte der Dummkopf es! Das Juwel aber, unbeachtet geblieben,
verschwand wieder. Psychische Kräfte (siddhis) verleihen einem Menschen
alles, wonach er verlangt. Haben sie dann seine Weisheit restlos zerstört,
gehen sie fort und kehren nicht mehr zurück. Dieser Mann setzte dann seine
Entsagungsbemühungen fort, um den cintāmaïi zu erlangen. Die Fleißigen
geben ihre Unternehmungen niemals auf. Nach einiger Zeit sah er ein Stück
farbiges Glas, das zufällig während dem Spiel der himmlischen Wesen herun-
terfiel. Er dachte, dass dies nun endlich der cintāmaïi sei und griff gierig
danach. Überzeugt, dass er nun alles erlangen werde, was er sich wünscht,
gab er seinen Wohlstand, seine Familie usw. auf und ging in den Dschungel.
Wegen seiner Dummheit erfuhr er dort aber nichts als Leiden. Unglück, Al-
tern und Tod sind nichts im Vergleich mit dem durch Dummheit verursachten
Leiden. Tatsächlich ist die Dummheit die Krönung aller Leiden und Notlagen!

                                      ***



Die Geschichte vom dummen Elefanten

 DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) fuhr fort:



                                     471
Höre dir nun, oh König, eine weitere Geschichte an, die der deinen ähnlich
          ist. Im Vindhya-Wald gab es einst einen Elefanten, der außerordentlich stark
          und mit mächtigen Stoßzähnen bewaffnet war. Der Elefantentreiber hatte ihn
          jedoch in einen Käfig gesperrt. Dadurch und wegen der wiederholten An-
          wendung des Stachelstocks durch den Treiber erlitt der Elefant große Pein.
            Wenn der Treiber fort war, versuchte sich der Elefant aus dem Käfig zu be-
          freien. Er setzte diese Bemühungen drei Tage lang fort. Schließlich hatte er
          den Käfig zertrümmert. Doch da sah der Treiber, was der Elefant angerichtet
          hatte. Während der Elefant sich bereits auf der Flucht befand, erkletterte er
          einen Baum in der Absicht, sich auf den Rücken des Elefanten zu werfen und
          ihn erneut zu unterwerfen. Als er heruntersprang, verfehlte er jedoch den
          Kopf des Elefanten und stürzte direkt vor ihm nieder. Der Elefant sah seinen
          Peiniger(den Treiber) vor sich am Boden liegen, doch wurde er von Bedauern
          überwältigt und tat ihm daher nichts zuleide. Mitgefühl findet man sogar bei
          den wilden Tieren. Der Elefant ging davon.
            Der Treiber stand auf, er war nicht ernstlich verletzt. Der Körper eines Bö-
          sewichts nimmt nicht so leicht Schaden! Ihre bösen Taten scheinen ihre Kör-
          per sogar noch zu stärken. Der Treiber wollte den Verlust des Elefanten nicht
          hinnehmen. Er durchstreifte den Wald auf der Suche nach dem verlorenen
          Elefanten. Nach einer langen Zeit sah er den Elefanten am Rande eines dich-
          ten Urwaldes stehen. Er holte weitere Elefantentreiber und grub, eifrig um
          den Fang des Elefanten bemüht, mit ihrer Hilfe ein riesiges Erdloch. Das Erd-
          loch deckten sie mit Laubwerk zu.
            Nach ein paar Tagen fiel der mächtige Elefant in die Grube. Und so steht der
          Elefant immer noch in seinem Käfig, nachdem er von seinem grausamen
          Besitzer erneut gefangen und gefesselt wurde!
            Der Elefant hatte versäumt, den Feind zu töten, obschon er vor ihm am Bo-
          den lag und musste daher neue Qualen auf sich nehmen. Wer aufgrund von
          Dummheit die Gelegenheit, die sich ihm bietet, nicht nutzt und auf diese
          Weise alle Hindernisse beseitigt, lädt den Kummer ein. Aufgrund der falschen
          Selbstzufriedenheit des Gedankens „ich bin frei“ geriet der Elefant erneut in
          Ketten, denn die Dummheit lädt den Kummer geradezu ein. Torheit bedeutet,
          gebunden zu sein, Oh Heiliger! Jemand, der gebunden ist, glaubt in seiner
          Dummheit, dass er frei ist. Obwohl in den drei Welten nichts als das Selbst
          existiert, ist all dies für jemanden, der fest in der Dummheit lebt, nur eine
          Ausdehnung der Dummheit.
            ŚIKHIDHVAJA sagte:
VI.1:90
            Heiliger, erkläre mir bitte die Bedeutung dieser Geschichten!
            DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sprach:
            Der reiche, gebildete Mann, der auf die Suche nach dem himmlischen Juwel
          ging, bist du selbst, oh König! Du verfügst über die Kenntnis der Schriften und
          doch ruhst du nicht im Frieden – so wie ein Stein, der im Wasser ruht.
          Cintāmaïi bedeutet die totale Entsagung von allem, und dies setzt dann allen


                                               472
Sorgen ein Ende. Durch reine, totale Entsagung wird alles gewonnen. Was ist
im Vergleich damit das himmlische Juwel? Insofern du bereit warst, das Reich
usw. aufzugeben, hast du eben diese totale Entsagung erfahren.
  Nachdem du allem entsagt hattest, gelangtest du in diese Einsiedelei. Je-
doch ist da noch etwas, dem du entsagen musst – dein Ich-Sinn. Wenn das
Herz das Gemüt aufgibt (die Bewegung der Gedanken) entsteht die Realisati-
on des Absoluten. Du jedoch bist beherrscht von dem Gedanken der Entsa-
gung, den deine eigene Entsagung in dir erzeugt hat. Jedoch ist dies nicht die
Seligkeit, die aus totaler Entsagung entsteht. Wer alles aufgegeben hat, wird
nicht von der Sorge heimgesucht; wenn der Wind die Zweige eines Baumes
hin und her bewegt, kann man nicht sagen, er sei unbeweglich.
  Solche Sorgen (oder Gedankenbewegungen) sind selbst das Gemüt. Gedan-
ken (Ideen, Konzepte) sind nur ein anderer Name für dieselbe Sache. Wie
kann das Gemüt als ein entsagendes Gemüt bezeichnet werden, wenn es
darin immer noch Gedanken gibt? Sobald das Gemüt durch Gedanken (Sorgen
usw.) bewegt wird, erscheinen sofort die drei Welten. So lange also noch
Gedanken da sind, kann es auch keine reine und totale Entsagung geben.
Folglich: Sobald solche Gedanken in deinem Herzen entstehen, wird deine
Entsagung dein Herz verlassen (wie der cintāmaïi den Mann verlassen hat).
Weil du den Geist der Entsagung nicht genügend verstanden und geschätzt
hast, hat er dich verlassen – zusammen mit der Freiheit von Gedanken und
Sorgen.
  Als du dann von dem Juwel (dem Geist der totalen Entsagung) verlassen
worden bist, hast du anstelle dessen das wertlose Stück Glas (die
Askesepraktiken und alles andere) aufgelesen und es aufgrund deiner
Getäuschtheit als etwas Wertvolles betrachtet. Du hast damit das
unkonditionierte, unangehaftete und unendliche Bewusstsein durch die nutz-
lose Ausübung von Askesepraktiken ersetzt, die einen Anfang und ein Ende
haben und daher, oh weh, nur zu neuen Sorgen führen. Wer die unendliche
Freude aufgibt, die leicht zu erlangen ist, und sich anstelle dessen mit dem
Erwerb des Unmöglichen befasst, ist gewiss ein dickköpfiger Narr und
Selbstmörder. Du bist in die Falle dieses Waldlebens gefallen und hast nicht
versucht, den Geist der totalen Entsagung wachzuhalten. Du hast die Fesseln
des Königreiches und all der anderen Dinge aufgegeben, nur um durch das
gebunden zu werden, was als asketisches Leben bezeichnet wird. Jetzt leidest
du sogar noch mehr als vorher durch Kälte, Hitze und Wind usw. und bist
noch enger gefesselt. Törichterweise denkst du: „Ich habe den cintāmaïi
erworben!“, aber in Wahrheit hast du nicht einmal ein Stückchen Kristall in
der Hand!
  Darin liegt die Bedeutung der ersten Geschichte.
  DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) fuhr fort:
                                                                                 VI.1:91
 Höre dir nun die Bedeutung der zweiten Geschichte an.
 Was als der Elefant im Vindhya-Wald beschrieben wurde, bist du selbst auf


                                    473
dieser Erde. Die zwei mächtigen Stoßzähne sind viveka (Unterscheidung,
          Weisheit) und vairāgya (Leidenschaftslosigkeit), die du beide besitzt. Der
          Treiber, der den Elefanten quälte, ist die Unwissenheit, die deine Sorgen
          verursacht. Obgleich der Elefant stark war, wurde er vom Treiber überwältigt.
          Auf dieselbe Weise wurdest du, obwohl in jeder Hinsicht vorzüglich, von
          dieser Unwissenheit oder Dummheit überwältigt.
            Der Käfig des Elefanten steht für den Käfig der Wünsche, in dem du einge-
          kerkert bist. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der eiserne Käfig im
          Verlaufe der Zeit zerfällt, während der Käfig der Wünsche im Laufe der Zeit
          immer stärker wird. So wie der Elefant aus seinem Käfig ausgebrochen ist,
          hast du dein Königreich verlassen und bist hierhergekommen. Jedoch ist die
          Aufgabe der psychologischen Neigungen nicht so einfach wie der Ausbruch
          aus einem materiellen Käfig.
            So wie der Treiber durch die Flucht des Elefanten alarmiert war, zitterten
          Unwissenheit und Torheit in dir, als sich dein Geist der Entsagung zu manifes-
          tieren begann. Wenn der weise Mensch das Jagen nach dem Vergnügen auf-
          gibt, flieht ihn alle Unwissenheit. Als du in den Wald gegangen bist, hast du
          dieser Unwissenheit einen ernstlichen Schaden zugefügt. Du hast jedoch
          versäumt, sie durch Aufgabe des Gemüts oder der Bewegung der Energie im
          Bewusstsein zu zerstören, so wie der Elefant versäumte, den Treiber zu töten.
          Daher hat diese Unwissenheit erneut ihr Haupt erhoben und, sich daran
          erinnernd, wie du deine früheren Wünsche besiegt hast, dich in die Grube
          genannt Askese gelockt.
            Hättest du diese Unwissenheit gleich nach der Entsagung deines König-
          reichs ein und für alle Male ausgerottet, würdest du jetzt nicht in der Falle der
          Askese sitzen.
            Du bist der König der Elefanten – ausgestattet mit den machtvollen Stoß-
          zähnen von viveka oder Weisheit. Hier in diesem dichten Urwald jedoch bist
          du von diesem Besitzer namens Unwissenheit in die Falle gelockt worden und
          liegst nun in diesem toten Brunnen namens Askese.
            Oh König, weshalb hast du die weisen Worte deiner Ehefrau Cū¬ālā, nicht
          ernstgenommen, die in der Tat eine Wissende ist? Von allen die das Selbst
          realisiert haben, ist sie die Hervorragendste – zwischen ihren Worten und
          Taten gibt es keinerlei Widerspruch. Was sie sagt, ist wahr und wert, in die
          Praxis umgesetzt zu werden. Aber auch wenn du früher nicht auf ihre Worte
          gehört und sie angenommen hast, warum hast du nicht alles aufgegeben in
          vollkommener Entsagung?
            ŚIKHIDHVAJA sagte:
VI.1:92     Ich habe dem Königreich entsagt, dem Palast, dem Land und meiner Ehe-
          frau. Weshalb denkst du, dass ich nicht allem entsagt hätte?
            DIE BRĀHMA×A (CôÖĀLĀ) erwiderte:
           Reichtum, Frau, Palast, Königreich, die Erde und der königliche Schirm so-
          wie deine Verwandten gehören dir nicht, oh König. Diesen zu entsagen ist


                                                474
nicht wahre Entsagung! Es gibt noch etwas anderes, was dein zu sein scheint
und dem du noch nicht entsagt hast, und dies ist die eigentliche Entsagung.
Entsage dem vollständig und restlos und erlange dadurch die Freiheit vom
Leiden.
  ŚIKHIDHVAJA sprach:
  Wenn das Königreich mit allem, was darin ist, nicht mir gehört, dann entsa-
ge ich hiermit diesem Wald mit allem, was sich darin befindet. (Indem er so
sprach, entsagte Áikhidhvaja mental dem Wald usw.)
  (Nachdem der Brāhmane ihm erklärt hatte, dass „alle diese Dinge nicht dir
gehören und daher kein Sinn darin liegt, ihnen zu entsagen" sprach
Áikhidhvaja:) Gewiss ist diese Einsiedelei hier in diesem Moment mein ein
und alles, sie gehört mir. Ich werde daher auch ihr entsagen. (Nachdem er
sich dazu entschlossen hatte, reinigte Áikhidhvaja sein Herz von der Idee,
dass die Einsiedelei sein sei:) Jetzt habe ich wahrhaftig allem völlig entsagt!
  DER BRĀHMANE(CôÖĀLĀ) wiederholte:
  Auch all dies ist nicht dein. Wie konntest du dem überhaupt entsagen? Es
gibt noch etwas, dem du nicht entsagt hast und was den wertvollsten Teil der
Entsagung bildet. Indem du dem entsagst, erlangst du die Freiheit vom Kum-
mer.
  ŚIKHIDHVAJA sprach:
  Wenn also auch dies alles nicht mir gehörte, dann entsage ich nun meinem
Stock, dem Hirschfell usw. und meiner Hütte.
  VASIåèHA sagte:
   Indem er so sprach, sprang er von seinem Platz auf. Während der Brāhmane
zuschaute, las Áikhidhvaja alles in der Hütte liegende Zeug auf und zündete
damit ein Feuer an. Er warf seinen Rosenkranz fort: „Ich bin nun frei von der
Illusion, dass die Wiederholung eines mantras heilig sei, daher brauche ich
dich nicht länger.“ Er verbrannte sein Hirschfell zu Asche. Er gab seinen Was-
serkessel (kamaï¬alu) einem Brāhmanen (oder warf ihn ins Feuer).
  Er sagte sich: „Was auch immer aufgegeben werden kann, dem muss ein für
alle Mal entsagt werden; denn andernfalls tritt es wieder ins Dasein und wird
gesammelt. Daher werde ich ein für alle Mal alles verbrennen.“
  Nachdem er den Entschluss gefasst hatte, alle heiligen und weltlichen
Handlungen aufzugeben, nahm Sikhidvaja all die Dinge, die er bis dahin be-
nutzt hatte und verbrannte sie.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.1:93
  Schließlich zündete Áikhidhvaja auch noch die Hütte an, die er unnötiger-
weise, geleitet von seiner früheren falschen Vorstellungen, gebaut hatte.
Danach verbrannte er systematisch alles, was übrig geblieben und noch ver-
gessen worden war. Er warf alles fort oder ins Feuer einschließlich seiner
Kleider. Erschreckt von diesem Feuer liefen sogar die Tiere davon.


                                     475
ŚIKHIDHVAJA sagte schließlich zum Brāhmanen:
  Erleuchtet durch dich, oh Sohn der Götter, habe ich nun allen Ideen entsagt,
die ich so lange in mir getragen habe. Jetzt bin ich verankert in reinem und
seligem Wissen. Von allem, was Ursache der Bindung sein könnte, hat sich
das Gemüt abgewendet und ruht nun im Gleichmut. Ich habe allem entsagt.
Ich bin frei von aller Bindung. Ich bin im Frieden, Ich bin siegreich geblieben.
Der Himmel ist mein Kleid, meine Wohnstatt, und ich selbst bin wie der
Himmel. Existiert noch etwas jenseits dieser höchsten Entsagung, oh Sohn
der Götter?
  DIE BRĀHMA×A (CôÖĀLĀ) sagte:
  Du hast noch nicht allem entsagt, oh König. Betrage dich daher nicht so, als
würdest du dich des Segens der höchsten Entsagung erfreuen! Es gibt da
etwas, dem du immer noch nicht entsagt hast und dies ist der wertvollste Teil
der Entsagung. Erst wenn auch dieses gänzlich ohne einen Überbleibsel auf-
gegeben ist, wirst du den höchsten Zustand, frei von Kummer, erreichen.
  Nach einigem Nachdenken sprach ŚIKHIDHVAJA:
  Es gibt da nur noch ein weiteres Ding, oh Sohn der Götter, das übriggeblie-
ben ist, und das ist dieser Körper, wo die tödlichen Schlangen namens Sinne
hausen, und der aus Blut, Fleisch usw. zusammengesetzt ist. Ich werde nun
auch ihn aufgeben und zerstören und damit die totale Entsagung erlangen.
  Als er sich daran machte, seinen Entschluss auszuführen, sagte DER
BRĀHMANE:
  Oh König, weshalb willst du vergeblich diesen schuldlosen Körper zerstö-
ren? Gib diesen Zorn auf, der die Eigenschaft eines Bullen ist, der sich auf-
macht, ein Kalb zu töten! Dieser asketische Körper ist leblos und taub. Mit
ihm hast du nicht das Geringste zu tun. Versuche daher nicht, ihn zu zerstö-
ren. Der Körper ist, was er ist – leblos und taub. Angetrieben und funktions-
fähig wird er durch eine andere Kraft oder Energie. Der Körper ist für die
Erfahrung von Vergnügen und Schmerz nicht verantwortlich. Außerdem
bedeutet die Zerstörung des Körpers nicht die totale Entsagung. Im Gegenteil
– du wirfst etwas fort, was tatsächlich eine Hilfe beim Erlangen totaler Entsa-
gung ist! hast Erst wenn du dem zu entsagen vermagst, was durch diesen
Körper tätig ist und ihn in Bewegung versetzt, dann hast du wahrhaftig alles
Böse und alle Sünden aufgegeben und wirst zum höchsten Entsagenden.
Wenn man dem entsagt hat, dann hat man allem (einschließlich dem Körper)
entsagt. Andernfalls werden Sünde und Böses, auch wenn sie eine Zeitlang
untertauchen, wieder auferstehen.
  DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sagte:
 Wahre Entsagung ist die Entsagung von dem, was alles ist, was die einzige
Ursache von all diesem ist und in dem all dieses lebt.
 ŚIKHIDHVAJA bat:
 Heiliger Herr, bitte teile mir mit, was dies ist, dem entsagt werden soll.


                                     476
DIE BRĀHMA×A (CôÖĀLĀ) sagte:
  Oh du Edler! Es ist das Gemüt (welches auch „jīva“, „prāïa“ usw. genannt
wird) oder citta, welches weder leblos noch nicht leblos ist und sich in einem
Zustand von Verwirrtheit befindet – dieses ist das „Alles“. Es ist citta (Gemüt),
welches die Verwirrtheit ist, es ist das menschliche Wesen, es ist die Welt, es
ist alles. Es ist der Same für ein Königreich, für den Körper, für die Ehefrau
und den ganzen Rest. Sobald diesem Samen entsagt wird, geschieht die totale
Entsagung von allem, was jetzt ist und in Zukunft!
  All dies – Gut und Böse, Königreich und Urwald – verursacht Qualen im
Herzen desjenigen, der citta besitzt, und große Freude in demjenigen, der
ohne Gemüt ist. So wie der Baum vom Wind bewegt wird, wird dieser Körper
vom Gemüt bewegt. Die verschiedenen Erfahrungen der Wesen (Altern, Tod,
Geburt usw.) wie auch die Festigkeit der heiligen Weisen – all dies sind nichts
als Veränderungen im Gemüts. Nur dieses Gemüt ist gemeint, wenn man
verschiedentlich von buddhi, Kosmos, Ich-Sinn, prāïa usw. spricht. Daher ist
die Aufgabe des Gemüts totale Entsagung. Sobald es aufgegeben worden ist,
wird die Wahrheit erfahren. Sämtliche Ideen von Einheit und Verschiedenheit
finden ein Ende – dann ist da Friede.
  Wenn du andererseits etwas aufgibst, was du als „nicht mein“ betrachtest,
erzeugst du eine Getrenntheit in dir selbst. Wenn man allem entsagt, dann
existiert dieses „alles“ innerhalb der Leerheit des einen, unendlichen Be-
wusstseins. Wenn man in diesem Zustand totaler Entsagung ruht wie eine
Lampe ohne Öl, dann leuchtet man mit einem überwältigenden Glanz wie
eine Lampe mit Öl. Auch nachdem du das Königreich usw. aufgegeben hast,
existierst du immer noch. Dementsprechend existiert auch dieses unendliche
Bewusstsein weiter, wenn dem Gemüt entsagt worden ist. Du hast all dies
verbrannt, aber in dir hat kein Wandel stattgefunden; auch wenn du das
Gemüt total aufgibst, wird es keine Veränderung geben. Wer allem total ent-
sagt hat, wird von der Furcht des Alterns, des Todes und anderen Ereignissen
im Leben nicht berührt. Das allein ist höchste Seligkeit. Alles andere ist nichts
als schrecklicher Kummer. OM! Eigne dir daher diese Wahrheit an und tu, was
du willst. In einer solchen totalen Entsagung existiert die höchste Weisheit
oder Selbsterkenntnis: in der vollkommenen Leere eines Gefäßes werden die
kostbarsten Juwelen aufbewahrt. Durch vollkommene Entsagung hat Śākya
Muni (Buddha) schließlich den Zustand jenseits allen Zweifels erlangt und
blieb darin fest verankert. Folglich, oh König, nach der vollkommenen Entsa-
gung verbleibe fest in dem Zustand, in welchem du dich selbst finden wirst.
Gib sogar die Idee von „ich habe allem entsagt" auf und ruhe im Zustand des
höchsten Friedens.
  ŚIKHIDHVAJA sprach:
                                                                                    VI.1:94
  Bitte erkläre mir die genaue Natur von citta (Gemüt) und auch, wie man es
aufgeben kann, damit es nicht wieder und wieder erscheint.
  KUõBHA (DER BRĀHMANE – CôÖĀLĀ) erwiderte:



                                      477
Die Natur von citta (Gemüt) sind die vāsanās (subtile Eindrücke der Kondi-
tionierung aus der Vergangenheit). Tatsächlich sind beide Begriffe Synonyme.
Die Aufgabe von diesem oder das Entsagen dieser ist leicht, sehr leicht
erlangbar und beglückender als die Herrschaft über ein Königreich und noch
schöner als eine Blume. Gewiss ist die Entsagung des Gemüts äußerst schwie-
rig für einen Toren, so wie es für einen Einfaltspinsel schwierig ist, ein König-
reich zu regieren.
   Die gänzliche Zerstörung oder Auslöschung des Gemüts bedeutet die Aus-
löschung des saæsāra (des Schöpfungszyklus). Es wird auch als die Aufgabe
des Gemüts bezeichnet. Entwurzele daher diesen Baum, dessen Same die
„Ich“-Idee ist, mit seinen sämtlichen Zweigen, Früchten und Blättern und ruhe
im Himmelsraum deines Herzens.
   Was man das „Ich“ nennt, entsteht in Abwesenheit der Erkenntnis des Ge-
müts (Selbsterkenntnis). Dieses „Ich „ist der Same des Baumes namens Ge-
müt. Er wächst im Felde des höchsten Selbst, welches gleichzeitig von der
illusionenschaffenden Macht namens Māyā durchdrungen wird. Auf diese
Weise wird in diesem Feld eine Teilung erzeugt und Erfahrung erschaffen.
Dadurch entsteht die unterscheidende Wesenheit namens buddhi. Natürlich
besitzt sie keine eigene, klar umgrenzte Gestalt, weil sie nichts als die erwei-
terte Gestalt des Samens ist. Ihre Natur besteht in der Konzeptualisierung
oder Ideenbildung, und sie wird auch als das Gemüt, jīva und Leerheit be-
zeichnet.
   Der Stamm dieses Baumes ist der Körper. Die Bewegungen der Energie da-
rin, die sein Wachstum fördern, ist die Wirkung der psychologischen Kondi-
tionierung. Seine Zweige sind lang und reichen über große Entfernungen
hinweg – dies sind die endlichen Sinneserfahrungen, die durch Sein und
Nicht-Sein charakterisiert sind. Seine Früchte sind Gut und Böse (Vergnügen
und Schmerz, Glück und Unglück).
   Dieser Baum ist äußerst bösartig. Strebe dauernd danach, seine Zweige zu
beschneiden und ihn zu entwurzeln. Auch seine Zweige haben die Natur der
Konditionierung, die Natur der Konzepte und Wahrnehmungen. Sie (die
Zweige) sind mit den Früchten von all diesen ausgestattet. Wenn du ihnen
nicht anhaftest, und dich mit ihnen nicht beschäftigst und nicht identifizierst,
dann werden diese vāsanās mit Hilfe deiner Intelligenz (Bewusstsein) sehr
stark geschwächt. Du wirst dann fähig, den ganzen Baum zu entwurzeln. Die
Zerstörung der Zweige ist zweitrangig – die hauptsächliche Aufgabe besteht
in der Entwurzelung dieses Baumes.
   Wie wird dieser Baum entwurzelt? Indem man sich mit der Ergründung des
Selbst befasst – „Wer bin ich?“ Diese Ergründung ist das Feuer, in dem die
Samen und die Wurzeln dieses Baumes namens citta (Gemüt) vollständig
verbrannt werden.
   ŚIKHIDHVAJA sprach:




                                      478
Ich weiß, dass ich reines Bewusstsein bin. Wie diese Unreinheit (Unwissen-
heit) darin entstehen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bin verwirrt,
weil ich diese Unreinheit nicht los werden kann, die nicht das Selbst und
unwirklich ist.
  KUõBHA fragte:
  Sage mir, ob diese Unreinheit (Unwissenheit), aufgrund derer du ein an die-
ses saæsāra gebundener unwissender Mann bist, real oder irreal ist?
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  Es ist diese Unreinheit, die gleichzeitig der Ich-Sinn und der Same dieses
riesigen Baumes namens citta (Gemüt) ist. Ich weiß nicht, wie ich dies los-
werden kann. Sogar nachdem ich ihr entsagt habe, kehrt sie wieder zu mir
zurück!
   KUõBHA sprach:
  Die Wirkung, die aus einer realen Ursache entsteht, ist stets unabweisbar
und feststehend. Wenn aber die Ursache nicht real ist, ist die Wirkung gewiss
ebenso unwirklich wie der doppelte Mond in den Augen eines Fehlsichtigen.
Der Keim des saæsāra ist aus dem Samen des Ich-Sinnes entstanden. Ergrün-
de dessen Natur und teile mir deine Ergebnisse mit.
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  Oh Weiser, ich sehe, dass die Erfahrung die Ursache des Ich-Sinnes ist. Sage
mir bitte, wie ich sie loswerden kann.
  KUõBHA fragte erneut:
  Ah, nun bist du fähig, die Ursachen der Wirkungen zu entdecken! Was ist
die Ursache dieser Erfahrungen? Dann werde ich dir erklären, wie du die
Ursache loswerden kannst. Wenn Bewusstsein gleichzeitig das Erfahren und
die Erfahrung ist und es für die Erfahrung keine Ursache als das auftauchen-
de Objekt gab, wie kann dann die Wirkung (Erfahrung) auftauchen?
  ŚIKHIDHVAJA antwortete:
  Gewiss wohl nur aufgrund einer objektiven Realität wie der des Körpers?
Ich bin nicht fähig zu sehen, wie diese objektive Realität als falsch gesehen
werden kann.
  KUõBHA sprach:
 Wenn Erfahrung auf der Realität von Objekten wie dem Körper beruht, und
der Körper usw. als unwirklich erwiesen ist, auf was kann sich die Erfahrung
dann noch stützen? Wenn die Ursache abwesend oder unwirklich ist, ist die
Wirkung inexistent und die Erfahrung einer solchen Wirkung ist eine Illusion.
Was ist dann die Ursache von Objekten wie der Körper?
 ŚIKHIDHVAJA fragte:
 Der doppelte Mond kann nicht unwirklich sein, da er als seine Ursache die
Augenkrankheit hat. Der Sohn der unfruchtbaren Frau wurde niemals gese-



                                    479
hen und ist daher unwirklich. Nun, ist nicht der Vater die Ursache für die
Existenz des Körpers?
 KUõBHA erwiderte:
   Was aus der Unwirklichkeit geboren wurde, ist selbst unwirklich, und daher
ist auch der Vater unwirklich. Wenn einer behauptet, dass der erste Schöpfer
die Ursache aller danach entstandenen Körper sei, dann ist noch nicht einmal
dies die Wahrheit! Der Schöpfer selbst ist nicht verschieden von der Wirk-
lichkeit – seine Erscheinung als etwas anderes als die Realität (diese Schöp-
fung usw.) ist daher nichts als Täuschung. Durch die Realisierung dieser
Wahrheit wird man fähig, Unwissenheit und Ich-Sinn loszuwerden.
   ŚIKHIDHVAJA fragte:
                                                                                 VI.1:95
   Wenn all dies vom Schöpfer bis zur Säule unwirklich ist, wie entstand dann
dieser sehr reale Kummer?
   KUõBHA erwiderte:
  Diese Illusion der Welterscheinung erfährt durch ihre wiederholte Bestäti-
gung eine Verstärkung – zu einem Block gefrorenes Wasser dient als Sitz! Erst
wenn Unwissenheit vertrieben ist, realisiert man die Wahrheit, erst dann
manifestiert sich der ursprüngliche Zustand von selbst. Sobald die Wahrneh-
mung von Vielfalt reduziert wird, hört die Erfahrung dieses saæsāra auf und
du strahlst in deinem ursprünglichen Glanz.
  Du bist somit das höchste, uranfängliche Wesen. Dieser Körper, diese Ge-
stalt usw. ist aufgrund von Unwissenheit und Missverständnis ins Dasein
getreten. Alle diese Ideen vom Schöpfer und einer Schöpfung bestehend aus
verschiedenen Wesen können nicht als real bewiesen werden. Wenn die
Ursache unbewiesen ist, wie kann man die Wirkung als real betrachten?
  Alle diese verschiedenen Wesen sind nur Erscheinungen wie Wasser in der
Luftspiegelung. Solche täuschenden Erscheinungen verschwinden, wenn sie
ergründet werden.
  ŚIKHIDHVAJA fragte:
  Weshalb kann man nicht sagen, dass das höchste Selbst oder das unendli-
che Bewusstsein (Brahman) die Ursache ist, deren Wirkung wiederum der
Schöpfer ist?
  KUõBHA erwiderte:
  Brahman oder das höchste Selbst ist Eines ohne ein Zweites, ohne Ursache
und ohne Wirkung, da es keinerlei Veranlassung (Antrieb oder Bedarf) hat,
irgendetwas zu tun oder entstehen zu lassen. Daher ist es weder der Täter
noch findet da eine Tätigkeit statt, noch gibt es ein Instrument dazu oder den
Samen dafür. Daher ist es nicht die Ursache für diese Schöpfung oder den
Schöpfer.
  Somit gibt es so etwas wie Schöpfung überhaupt nicht. Daher bist du weder
der Täter der Handlungen noch der Genießende der Erfahrungen. Du bist das



                                    480
Alles, immer im Frieden, ungeboren und vollkommen. Da es keinerlei Ursache
(Grund für die Schöpfung) gibt, gibt es keine als Welt zu bezeichnende Wir-
kung. Die Welterscheinung ist daher nichts als Täuschung.
  Wenn somit die Objektivität der Welt als unwirklich erkannt wird, was ist
dann Erfahrung und von was? Wenn es keine Erfahrung gibt, gibt es keinen
Erfahrenden (Ich-Sinn). Daher bist du rein und befreit. Bindung und Befrei-
ung sind bloße Worte.
  ŚIKHIDHVAJA sprach:
  Hoher Herr, durch deine weisen und gut begründeten Worte, bin ich voll-
ständig erwacht. Ich erkenne, da es keine Ursache gibt, dass Brahman weder
der Täter noch der Schöpfer von etwas sein kann. Daher gibt es weder das
Gemüt noch den Ich-Sinn. Da dies der Fall ist, bin ich rein, bin ich erwacht. Ich
verneige mich vor meinem Selbst! Da ist nichts, was das Objekt meines Be-
wusstseins wäre.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.1:96
  Auf diese Weise endlich spirituell erwacht, versank Áikhidhvaja in tiefer
Meditation, aus der ihn Kuæbha freundschaftlich wieder erweckte. Kuæbha
sagte:
  „Oh König, endlich bist du erwacht und erleuchtet. Was jetzt zu tun ist,
muss getan werden, ohne Rücksicht darauf, ob diese Welterscheinung aufhört
oder nicht aufhört. Sobald das Licht des Selbst gesehen wird, bist du unver-
züglich frei vom Unerwünschten und von den mentalen Modifizierungen und
bist, noch lebend, ein Befreiter.“
  Áikhidhvaja, der nun strahlte im Licht der Selbsterkenntnis, fragte den
Brāhmanen Kuæbha „um weiteres Verständnis“: „Wenn die Wirklichkeit
unteilbares und unendliches Bewusstsein ist, wie konnte dann darin diese
scheinbare Getrenntheit von Seher, Gesehenes und Sicht darin auftauchen?“
  KUõBHA erwiderte:
   Eine gute Frage, oh König. Dies allein musst du noch wissen. Was auch im-
mer in diesem Universum ist, hört am Ende dieses Weltzyklus auf zu sein.
Übrig bleibt lediglich die Essenz, die weder Licht noch Dunkelheit ist. Das ist
reines Bewusstsein, welches höchster Friede und unendlich ist. Jenseits ist es
von Logik und intellektuellem Verstehen. Genannt wird es Brahman oder
nirvāïa. Es ist kleiner als das Kleinste, größer als das Größte und das Vorzüg-
lichste unter dem Vorzüglichen. Verglichen mit diesem ist alles, was hier und
jetzt erscheint, nichts als ein atomares Partikel!
   Das, was als das Ich-Bewusstsein erstrahlt und das universale Selbst ist, ist
dasselbe, was hier als das Universum existiert. In der Tat gibt es keinen wirk-
lichen Unterschied zwischen dem universalen Selbst und dem Universum, so
wie es auch keinen solchen zwischen der Luft und ihrer Bewegtheit gibt. Man
mag wohl sagen, dass es zwischen den Wellen und dem Ozean in Begriffen
von Zeit und Raum eine kausale Beziehung gibt, aber im universalen Selbst


                                      481
oder unendlichen Bewusstsein gibt es keine solche Beziehung. Das Univer-
sum ist daher ohne jede Ursache. In diesem unendlichen Bewusstsein treibt
dieses Universum wie ein Staubpartikel dahin. In ihm geschieht es, dass das
Wort „Welt“ mit Substantialität oder Realität ausgestattet wird.
  Dieses (unendliche Bewusstsein) allein ist die Essenz hier. Es durchdringt
alles. Es ist eines. Es ist Bewusstsein. Es hält alles zusammen. Und doch kann
man nicht sagen, dass es eines sei, weil es da absolut keine Getrenntheit oder
Dualität gibt. Daher genügt es zu wissen, dass das Selbst allein die Wahrheit
ist, und keine Vorstellung von Dualität soll entstehen. Dieses allein ist überall
zu jeder Zeit in all den verschiedenen Gestalten. Weder wird es gesehen
(durch die Sinne und das Gemüt erfahren) noch ist es ein Objekt, das man
erreichen kann. Es ist weder die Ursache noch die Wirkung. Es ist äußerst
subtil. Es ist reines Erfahren (weder der Erfahrende noch die Erfahrung).
Obwohl es hiermit beschrieben worden ist, ist es jenseits aller Beschreibung.
Deshalb kann man nicht sagen, dass es ist oder dass es nicht ist. Wie kann es
dann die Ursache dieser Schöpfung sein?
  KUõBHA sprach:
  Das, was keinen Samen (Ursache) besitzt und nicht beschrieben werden
kann, ist daher nicht die Ursache von etwas anderem –nichts wird aus ihm
geboren. Folglich ist das Selbst weder der Täter noch die Handlung noch das
Instrument der Handlung. Es ist die Wahrheit. Es ist das ewigliche, absolute
Bewusstsein. Es ist Selbsterkenntnis. Im höchsten Brahman existiert keine
Schöpfung. Rein theoretisch könnte man das Erscheinen und Existieren einer
Welle im Ozean auf der Basis von Zeit (die für das Erscheinen benötigt wird)
und Raum (in dem die Welle zu existieren scheint) erklären. Wer jedoch
konnte jemals eine derartige Beziehung zwischen Brahman und der Schöp-
fung herstellen? Denn in Brahman existieren Zeit und Raum nicht. Daher
besitzt diese Welt nicht die geringste Grundlage.
  ŚIKHIDHVAJA sagte:
  Gewiss könnte man die Existenz von Wellen im Ozean auf rationalistische
Weise darstellen. Jedoch verstehe ich nicht, wie es sein kann, dass Welt und
Ich-Sinn ohne Ursache sind.
  KUõBHA erwiderte:
  Jetzt hast du die Wahrheit auf die richtige Weise verstanden, oh König! Dies
ist deshalb so, weil es faktisch keine Realität gibt, die den Wörtern „Welt“ und
„Ich-Sinn“ entspricht. So wie die Leerheit (oder die Idee von Entfernung)
existiert und nicht verschieden vom Raum ist, so existiert auch diese Welter-
scheinung im höchsten Sein oder unendlichen Bewusstsein, und zwar in
derselben oder auch einer ganz anderen Form.
  Wenn so die Realität dieser Welt richtig verstanden wird, dann wird sie als
das höchste Selbst (Áiva) realisiert. Richtigverstanden, verwandelt sich sogar
Gift in Nektar. Die Welt, nicht richtig verstanden, wird böse (aÁivam) und zur
Welt des Kummers. Denn was dieses Bewusstsein als sich selbst realisiert,


                                      482
dazu wird es. Aufgrund einer Verwirrung im Selbst sieht sich dieses Bewusst-
sein als verkörpert und als die Welt.
  Es ist dieses höchste Selbst allein, welches als das höchste Wesen (Áivam)
erstrahlt. Daher sind alle Fragen betreffend die Welt und den Ich-Sinn unan-
gebracht. Nur Fragen betreffend reale Substanzen können als angebracht
betrachtet werden, nicht jedoch solche über Dinge, deren Existenz unbewie-
sen ist. Die Welt und der Ich-Sinn besitzen keine vom höchsten Selbst unab-
hängige Existenz. Da es keine Grundlage für ihre Existenz gibt, ist die Wahr-
heit, dass nur das höchste Selbst existiert. Die Energie Brahmans (Māyā)hat
diese Illusion durch die Kombination der fünf Elemente erschaffen. Aber
Bewusstsein bleibt Bewusstsein und wird durch Bewusstsein erkannt, wäh-
rend Vielfalt durch die Idee der Vielfalt wahrgenommen wird. Das Unendliche
lässt innerhalb von sich selbst Unendlichkeit entstehen, das Unendliche er-
schafft Unendlichkeit, das Unendliche ist aus der Unendlichkeit geboren und
Unendlichkeit verbleibt unendlich. Bewusstsein leuchtet als Bewusstsein.
  KUõBHA sagte:
                                                                                 VI.1:97
  Im Falle von Gold mag man sagen, dass es zu einer gewissen Zeit und an
einem gewissen Ort Anlass zur Entstehung eines Schmuckstücks gegeben hat.
Aber aus dem Selbst (welches absoluter Friede ist) wurde nichts erschaffen
und nichts kehrt jemals ins Selbst zurück. Brahman ruht in sich selbst. Es ist
daher weder Same noch Ursache für die Schöpfung der Welt, die eine Angele-
genheit bloßer Erfahrung ist. Außer dieser Erfahrung existiert nichts, was als
Welt oder Ich-Sinn bezeichnet werden könnte. Daher existiert allein das un-
endliche Bewusstsein.
  ŚIKHIDHVAJA sagte:
  Ich erkenne, oh Weiser, dass es im Höchsten Herrn weder eine Welt noch
den Ich-Sinn geben kann. Aber wie kommt es, dass Welt und Ich-Sinn erstrah-
len, als gäbe es sie wirklich?
  KUõBHA erwiderte:
  Tatsächlich ist es das Unendliche, welches, anfangslos und endlos, als rei-
nes, erfahrendes Bewusstsein existiert. Nur dieses ist das ausgebreitete Uni-
versum, welches sozusagen sein Körper ist. Es gibt keine andere Substanz wie
den Intellekt noch gibt es ein Außen noch eine Leerheit. Die Essenz des Seins
ist reines Erfahren, welche daher die Essenz des Bewusstseins ist. So wie
Flüssigkeit untrennbar vom Wasser existiert, so existieren Bewusstsein und
Unbewusstsein zusammen. Es gibt keiner vernunftgemäße Erklärung für ein
solches Sein, denn es ist einfach was es ist.
  Da es im Bewusstsein weder einen Widerspruch noch eine Getrenntheit
gibt, ist es offensichtlich.
  Wenn das unendliche Bewusstsein die Ursache von etwas anderem ist, wie
kann es dann als unbeschreibbar und unvergleichbar bezeichnet werden?
Folglich ist Brahman weder eine Ursache noch der Same für etwas. Was soll-
ten wir dann als die Wirkung ansehen? Daher ist es unangebracht, die Schöp-


                                    483
fung mit Brahman in Verbindung zu bringen und das Leblose mit dem unend-
          lichen Bewusstsein zu verknüpfen. Wenn da eine Welt oder der Ich-Sinn
          erscheinen, so sind diese nur leere Worte zum Zweck der Unterhaltung.
             Bewusstsein wird nicht zerstört. Falls eine solche Zerstörung jedoch wahr-
          genommen werden sollte, dann ist das Bewusstsein, welches sie wahrnimmt,
          frei von der Zerstörung und Erschaffung. Falls eine solche Zerstörung wahr-
          genommen wird, ist sie sicherlich nur ein Trick des Bewusstseins. Folglich
          existiert nur Bewusstsein allein –weder eines noch vieles! Genug daher mit
          dieser Debatte.
             Wenn es keine materielle Existenz gibt, existiert auch das Denken nicht. Da
          sind weder eine Welt noch der Ich-Sinn. Verbleibe fest verankert im Frieden
          und in der Stille, frei von der mentalen Konditionierung, ob du nun verkör-
          pert oder unverkörpert bist. Sobald die Realität Brahmans erkannt ist, gibt es
          keinen Platzmehr für Kummer und Angst.
             ŚIKHIDHVAJA sagte:
VI.1:98
             Oh Heiliger, bitte unterweise mich so, dass ich vollkommen verstehe, dass
          das Gemüt nicht existiert.
             KUõBHA sprach:
             Oh König, in der Tat hat es niemals eine Wesenheit namens Gemüt gegeben.
          Das, was hier leuchtet und als Gemüt bezeichnet wird, ist nichts als das un-
          endliche Brahman (Bewusstsein). Das Nichtwissen um seine wahre Natur-
          lässt die Idee des Gemüts, der Welt und allem andern entstehen. Wenn sogar
          diese Ideen ohne Substanz sind, wie können dann „Ich“, „Du“ usw. als real
          erachtet werden? Es gibt daher kein Ding wie die „Welt“ – was auch immer zu
          sein scheint, ist unerschaffen. All dies ist in der Tat Brahman. Wie kann es
          gekannt werden, und durch wen?
             Sogar zu Beginn des gegenwärtigen Weltzyklus war diese Welt nicht er-
          schaffen. Nur für dein Verständnis habe ich sie als Schöpfung beschrieben. In
          der völligen Abwesenheit kausaler Faktoren konnte all dies nicht erschaffen
          werden. Daher ist alles, was ist, Brahman und nichts anderes. Es ist nicht
          einmal logisch zu sagen, dass der Höchste Herr, der ohne Namen und ohne
          Form ist, diese Welt erschaffen hat! Es ist nicht wahr. Wenn daher die Idee der
          Schöpfung dieser Welt als falsch gesehen wird, dann ist gewiss auch das Ge-
          müt, welches die Idee einer solchen Schöpfung hegt, falsch.
             Das Gemüt ist ein Bündel von Ideen, die die Wahrheit begrenzen. Schließ-
          lich beinhaltet Teilung immer Teilbarkeit. Wenn jedoch das unendliche Be-
          wusstsein unfähig zur Teilung ist, kann es auch keinerlei Teilbarkeit und
          folglich keine Teilung geben. Wie kann das Gemüt, der Teiler, real sein? Was
          auch immer erscheint, wird in und durch Brahman wahrgenommen und wird
          nur umständehalber als Gemüt bezeichnet! Es ist das unendliche Bewusstsein
          allein, welches sich als das Universum ausbreitet. Weshalb es dann überhaupt
          Universum nennen? In diesem gewaltigen Feld oder Raum des unendlichen
          Bewusstseins ist sogar die minimste Erscheinung nichts als die Widerspiege-


                                               484
lung von Bewusstsein in sich selbst – folglich sind da weder ein Gemüt noch
eine Welt. Nur in der Unwissenheit wird all dies als „Welt“ gesehen. Das Ge-
müt ist daher irreal.
  Durch dies hier wird nicht geleugnet was ist, sondern nur die Schöpfung
selbst. Die Realität, die als Welt gesehen wird, ist anfangslos und
unerschaffen. Daher können die Erklärungen der Schriften und die eigenen
Erfahrungen bezüglich Erscheinen und Verschwinden der Substanzen hier
nicht als ungültig erachtet werden, außer von einem Ignoranten. Wer die
Gültigkeit dieser Erklärungen und Erfahrungen verleugnet, von dem sollte
man sich fernhalten. Die transzendentale Realität ist ewiglich, die Welt ist
nicht unwirklich (nur die begrenzende Beifügung, das Gemüt, ist falsch).
Daher ist all dieses das unteilbare, unbegrenzbare, namenlose und formlose
unendliche Bewusstsein. Es ist die Selbstspiegelung Brahmans in all seinen
unendlichen Gestalten, die als das Universum mit seinen Zyklen von Erschaf-
fung und Auflösung erscheint. Es ist dieses Brahman selbst, welches sich in
einem Augenblick als das Universum kennt und als solches erscheint. Ein
Gemüt gibt es nicht.
  ŚIKHIDHVAJA sagte:
                                                                                   VI.1:99
  Meine Täuschung ist dahin! Weisheit wurde aufgrund deiner Gnade erlangt.
Ich bin für immer frei von allen Zweifeln. Ich weiß nun, was zu wissen ist. Der
Ozean der Illusionen wurde überquert. Ich bin im Frieden ohne Idee eines
„ich“; als reine Erkenntnis.
  KUõBHA sprach:
   Wenn die Welt als solche nicht existiert, dann sind auch „ich“ und „du“ nicht
auffindbar. Verbleibe daher im Frieden in dir selbst, befasse dich mit nicht-
willentlichen Handlungen, die von Moment zu Moment auf natürliche Weise
entstehen. All dies ist nichts als Brahman, der Friede ist – Worte wie „ich“ und
„die Welt“ sind bedeutungs- und substanzlos. Sobald die fehlende Substantia-
lität solcher Ausdrucksweisen verstanden ist, wird das, was bisher als Welt
betrachtet wurde, als Brahman gesehen.
   Der Schöpfer Brahmā ist nur eine Idee oder ein Konzept. Und so ist es auch
mit dem „Selbst“ oder „Ich“. Im richtigen oder falschen Verständnis ist Befrei-
ung oder Bindung! Die Idee „Ich bin“ lässt Bindung und Selbstzerstörung
entstehen. Die Realisierung von „Ich bin (ist) nicht“ führt zu Freiheit und
Reinheit. Bindung und Befreiung sind nur Ideen. Was sich dieser Ideen be-
wusst ist, ist das unendliche Bewusstsein, welches als einziges ist. Die Idee
„Ich bin“ ist die Quelle AllerQualen. Die Abwesenheit dieser Empfindung ist
Vollkommenheit. Erkenne dieses „Ich bin nicht dieser Ich-Sinn“ und ruhe in
reinem Gewahrsein.
   Wenn ein solch reines Gewahrsein auftaucht, verschwinden sämtliche
Ideen. Dann ist da Vollkommenheit. Im reinen Gewahrsein, in Vollkommen-
heit oder im Höchsten Herrn gibt es weder Kausalität noch die daraus entste-
hende Schöpfung oder Objekte. In der Abwesenheit von Objekten gibt es auch


                                     485
keine Erfahrung oder den sie begleitenden Ich-Sinn. Wenn der Ich-Sinn ine-
           xistent ist, dann gibt es kein saæsāra (Zyklus von Geburt und Tod). Wenn
           demnach saæsāra nicht existiert, dann existiert allein das höchste Wesen. In
           ihm existiert dieses Universum wie Formen in nicht behauenem Stein. Wer
           auf diese Weise das Universum ohne Dazwischentreten des Gemüts und da-
           her ohne Vorstellung eines Universums sieht, der allein sieht die Wahrheit.
           Eine solche Vision wird als nirvāïa bezeichnet.
             So wie allein der Ozean existiert, wenn das Wort „Welle“ seiner Bedeutung
           entkleidet worden ist, so existiert allein Brahman, sobald das Wort „Schöp-
           fung“ als bedeutungslos verstanden wird. Diese Schöpfung ist Brahman,
           Brahman allein ist dieser Schöpfung gewahr. Wird die Wortbedeutung von
           „Schöpfung“ fallengelassen, dann wird die wahre Bedeutung von „Schöpfung“
           als das ewige Brahman erkannt. Sobald man das Wort „Brahman“ zu ergrün-
           den beginnt, wird ALLES verstanden. Und wenn man das Wort „Schöpfung“
           ergründet, wird Brahman verstanden. Dieses Bewusstsein, welches die
           Grundlage und das Substratum all dieser Ideen und ihres Gewahrseins ist,
           wird durch das Wort „Brahman“ gekannt. Sobald diese Wahrheit klar reali-
           siert und die Dualität von Erkenntnis und Erkanntem fallengelassen wird,
           verbleibt der höchste Friede, der unbeschreibbar und unausdrückbar ist.
             ŚIKHIDHVAJA sagte:
VI.1:100     Wenn das höchste Wesen real ist und die Welt real ist, dann nehme ich an,
           dass das höchste Wesen die Ursache und die Welt die Wirkung sind?
             KUõBHA sprach:
             Nur wenn es Kausalität gibt, kann eine Wirkung unterstellt werden. Wenn
           es jedoch keinerlei Kausalität gibt, wie kann dann daraus eine Wirkung ent-
           stehen? Zwischen Brahman und dem Universum existiert keiner kausale
           Beziehung – was auch immer ist, ist Brahman. Wenn es keinen Samen gibt,
           wie kann dann etwas geboren werden? Wenn Brahman namen- und gestalt-
           los ist, gibt es in ihm sicher keine Kausalität (Samen). Folglich ist Brahman
           der Nicht-Täter, in dem keine Kausalität existiert. Daher gibt es auch keine
           Wirkung, die Welt genannt werden kann.
             Brahman – das ist, was du bist, und Brahman allein existiert. Wenn dieses
           Brahman mit dem Auge der Unweisheit gesehen wird, wird es als das Univer-
           sum erfahren. Dieses Universum ist sozusagen der Körper Brahmans. Sobald
           dieses unendliche Bewusstsein sich selbst als etwas anderes ansieht, als es
           wirklich ist, spricht man von Selbstzerstörung oder Selbst-Erfahrung. Diese
           Selbstzerstörung ist eigentlich das Gemüt. Auch wenn eine solche Selbstzer-
           störung nur einen Augenblick lang andauert, wird sie als Gemüt bezeichnet,
           welches einen ganzen Weltzyklus lang dauert.
             Solch ideenmäßige Existenzen hören erst mit dem Dämmern der rechten
           Erkenntnis und dem Verschwinden aller Ideen auf. Da die ideenmäßige Exis-
           tenz unwirklich ist, hört sie beim Erkennen der Wahrheit auf natürliche Wei-
           se auf. Wie könnte die Welt, die nur als ein Wort, aber nicht als reale, unab-


                                               486
hängige Substanz existiert, als eine reale Existenz akzeptiert werden? Ihre
angeblich unabhängige Existenz ist nicht anders als das Wasser in der Luft-
spiegelung. Wie könnte es real sein? Dieser verwirrte Zustand, in dem diese
Unwirklichkeit als wirklich erscheint, wird als Gemüt bezeichnet. Nicht-
Verstehen der Wahrheit ist Unwissenheit oder Gemüt. Rechte Erkenntnis ist
dagegen Selbsterkenntnis oder Selbstverwirklichung. So wie die Realisierung
von „dies ist kein Wasser“ die Erkenntnis der Luftspiegelung als Luftspiege-
lung herbeiführt, so führt die Realisierung von „dies ist nicht das reine Be-
wusstsein, sondern das Bewusstsein in Bewegung, welches als Gemüt be-
zeichnet wird“ die Zerstörung des Gemüts herbei.
  Sobald daher die Nicht-Existenz des Gemüts realisiert wird, wird gesehen,
dass der Ich-Sinn usw. ebenfalls nicht existiert. Eines allein existiert – das
unendliche Bewusstsein. Sämtliche Ideen hören auf. Die Falschheit, welche
als Gemüt erschien, hört auf, sobald die Ideen aufhören. Weder bin ich, noch
ist da ein anderer, noch existieren du oder jene –es gibt weder Gemüt noch
Sinne. Eines allein ist – das unendliche Bewusstsein. Nichts in den drei Wel-
ten wurde jemals geboren oder stirbt. Nur das unendliche Bewusstsein exis-
tiert. Da gibt es weder Vielfalt noch Einheit, weder Verwirrtheit noch Täu-
schung. Nichts verdirbt und nichts gedeiht. Alles (sogar die sich als Wunsch
und Wunschlosigkeit manifestierende Energie) ist dein eigenes Selbst.
  KUõBHA (CôÖĀLĀ) sagte:
                                                                                 VI.1:101
  Ich hoffe, dass du nun in deinen Innern spirituell erweckt wurdest und
weißt, was zu wissen ist und siehst, was zu sehen ist.
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  In der Tat, hoher Herr, habe ich durch deine Gnade den höchsten Zustand
erlangt. Wie konnte es geschehen, dass sich dieser mir so lange entzog?
  KUõBHA sagte:
  Erst wenn das Gemüt gänzlich still ist und man alle Wünsche nach Vergnü-
gen aufgegeben hat und außerdem die Sinne ihre Eintrübung oder Verschlei-
erung losgeworden sind, werden die Worte des Lehrers richtig verstanden.
(Doch die Bemühungen bis dahin waren nicht verschwendet.) Die unter-
nommenen Anstrengungen haben heute ihre Früchte getragen – die Unrein-
heiten im Körper sind weggefallen. Wenn man frei von psychologischer Kon-
ditionierung ist und die Unreinheiten beseitigt oder gereinigt sind, gehen die
Worte des guru ins Innerste des eigenen Seins, so wie ein Pfeil in den Stengel
des Lotos eindringt. Du hast diesen Zustand der Reinheit erlangt und daher
bist du durch meine Unterweisung erleuchtet worden; deine Unwissenheit
wurde zerstreut.
  Durch unser satsaÇga (heilige Gemeinschaft) wurden deine karmas (Hand-
lungen und deren übrigbleibende Eindrücke) zerstört. Bis heute Vormittag
warst du aufgrund der Unwissenheit erfüllt von den falschen Ideen des „Ich“
und „mein“. Nun, da dein Herz aufgrund des Lichtes in meinen Worten das
Gemüt aufgegeben hat, bist du vollkommen erwacht; denn die Unwissenheit


                                    487
kann nur so lange andauern, wie das Gemüt im Herzen wirkt. Nun bist du
erleuchtet und befreit. Verbleibe verankert im unendlichen Bewusstsein, frei
von Sorge, vom Streben und aller Anhaftung.
  ŚIKHIDHVAJA sprach:
  Hoher Herr, hat ein Befreiter noch ein Gemüt? Wie kann er ohne Gemüt le-
ben und tätig sein?
  KUõBHA sagte:
  Es gibt tatsächlich in den Befreiten keinerlei Gemüt mehr. Was ist denn das
Gemüt? Es ist nichts als die dichte, psychologische Konditionierung oder
Begrenzung, die zur Wiedergeburt führt. In den befreiten Weisen ist dies alles
abwesend. Der befreite Weise lebt mit Hilfe eines von der Konditionierung
freien Gemüts, das keine Wiedergeburt verursacht. Es ist überhaupt kein
Gemüt, sondern reines Licht (sātva). Der Befreite lebt und ist tätig, verankert
in diesem sātva, nicht im Gemüt. Das unwissende und leblose Gemüt ist das
Gemüt – das erleuchtete Gemüt wird als sātva bezeichnet. Der Unwissende
lebt in seinem Gemüt, der Erleuchtete lebt in sātva.
  KUõBHA fuhr fort:
   Du hast aufgrund deiner vorzüglichen Entsagung den Zustand von sātva
(unkonditioniertes Gemüt) erlangt. Dem konditionierten Gemüt wurde voll-
kommen entsagt, dessen bin ich sicher. Dein Gemüt ist nun wie reiner, unend-
licher Raum. Du hast den Zustand des vollkommenen Gleichgewichts erreicht,
den Zustand der Vollkommenheit. Dies ist die totale Entsagung, in der alles
ohne jeden Restbestand aufgegeben wird.
   Welche Art von Glück (Zerstörung des Kummers) kann man durch
Askesepraktiken erlangen? Höchstes und nicht endendes Glück werden allein
durch gänzlichen Gleichmut erlangt. Welche Art Glück erlangt man in den
Himmeln? Wer bar der Selbsterkenntnis ist, versucht einen Zipfel des Glücks
durch Ausübung mancher Rituale zu erhaschen. Wer kein Gold besitzt,
schätzt den Kupfer!
   Oh königlicher Weiser, mit der Hilfe Cū¬ālās wärest du sehr schnell weise
geworden. Weshalb hast du dich dieser nutzlosen und sinnlosen Askese hin-
gegeben? Sie haben einen Anfang und ein Ende und nur in der Mitte gibt es
ein Auftauchen von Glück. Und doch hat deine Askese in gewisser Hinsicht zu
diesem spirituellen Erwachen geführt. Verbleibe nun verwurzelt in Weisheit.
   Es geschieht innerhalb dieses unendlichen Bewusstseins, dass all diese Rea-
litäten und sogar die irrealen Ideen darin auftauchen und sich darin auch
wieder auflösen. Sogar Ideen wie „Dies ist zu tun“ und „Dies ist nicht zu tun“
sind nur Tröpfchen des unendlichen Bewusstseins. Gib sogar diese auf und
ruhe im Unkonditionierten. All diese (Askese usw.) sind indirekte Methoden.
Weshalb wählt man anstelle dessen nicht lieber die direkte Methode der
Selbsterkenntnis?




                                     488
Was als sātva beschrieben wurde, dem sollte durch sātva selbst entsagt
werden – d.h. durch die totale Freiheit davon oder durch Nicht-Anhaftung
daran. Welche Sorgen auch immer in den drei Welten auftauchen, oh König,
tauchen nur aufgrund von mentalem Verlangen auf. Wenn du im Zustand des
Gleichmuts verankert bist, der sowohl die Bewegung als auch die Nicht-
Bewegung der Gedanken als gleich ansieht, wirst du im Ewigen ruhen.
   Es gibt nur ein einziges, unendliches Bewusstsein. Dieses Brahman, welches
reines Bewusstsein ist, wird selbst als sātva gekannt. Der Unwissende sieht es
als die Welt. Bewegtheit (Erregung) wie auch Nicht-Bewegtheit in diesem
unendlichen Bewusstsein sind lediglich Ideen im Gemüt des Beobachters,
denn die Totalität des unendlichen Bewusstseins ist all dieses, jedoch gänz-
lich frei von solchen Ideen. Seine Realität ist jenseits von Worten!
   VASIåèHA fuhr fort:
  Nachdem er dies gesagt hatte, verschwand Kuæbha aus der Sicht des Kö-
nigs, als dieser gerade Blumen als Zeichen der Verehrung anbieten wollte.
Nachdenkend über die Worte Kuæbhas trat er in tiefe Meditation ein, in der
er vollkommen frei von allen Wünschen und Verlangen und fest im unkondi-
tionierten Zustand verankert war.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 VI.1:103
  Während Śikhidhvaja so in tiefer Meditation und gänzlich frei von der ge-
ringsten mentalen Modifikation oder Bewegung im Bewusstsein war, legte
Cū¬ālā ihre Verkleidung ab und kehrte in ihrer weiblichen Gestalt in den
Palast zurück, um die Leitung der Staatsangelegenheiten wieder aufzuneh-
men. Nach drei Tagen kehrte sie an den Ort zurück, an dem sie Śikhidhvaja
verlassen hatte und war erfreut zu sehen, dass er sich immer noch in tiefer
Meditation befand. Sie dachte bei sich: „Ich sollte ihn zum Weltbewusstsein
wiedererwecken –warum sollte er jetzt schon den Körper aufgeben? Er soll
das Königreich noch eine Zeitlang regieren. Anschließend können wir beide
zusammen den Körper aufgeben. Gewiss werden die Unterweisungen, die ich
ihm erteilt habe, nicht verlorengehen und umsonst gewesen sein. Ich werde
ihn mit der Praxis des Yoga wach und gewahr erhalten.“
  Wieder und wieder begann sie nun wie ein Löwe zu brüllen. Doch der König
öffnete nicht die Augen. Sie drückte seinen Körper zu Boden. Aber immer
noch blieb der König versunken im Selbst. Sie dachte: „Oh weh, nun ist er
völlig absorbiert im Selbst. Wie kann ich ihn nun ins Körperbewusstsein
zurückbringen? Andererseits – weshalb sollte ich? Soll er den unverkörperten
Zustand erlangen, und auch ich werde diesen Körper aufgeben!“
  Während sie sich bereitmachte, ihren Körper aufzugeben, dachte sie noch:
„Lass mich zuvor sehen, ob ich in seinem Körper noch irgendwo den Samen
des Gemüts (vāsanā) finde. Falls es einen gibt, kann er wiedererweckt wer-
den, und wir beide können dann als befreite Wesen weiterleben. Falls es
einen solchen Samen nicht mehr geben und er also die letztliche Befreiung
erlangt haben sollte, werde ich diesen Körper ebenfalls verlassen.“ Sie unter-


                                    489
suchte seinen Körper und stellte fest, dass der Same der Individualität noch
in ihm wohnte.
  RùMA fragte:
  Hoher Herr, wenn der Körper des Weisen wie ein Holzklotz am Boden liegt,
wie kann man wissen, dass es noch eine Spur von sātva (gereinigtem Gemüt)
in ihm gibt?
  VASIåèHA sprach:
  Es gibt in seinem Herzen, unsichtbar und äußerst subtil, noch eine Spur von
sātva, die die Ursache der Wiederbelebung des Körperbewusstseins ist. Es ist
wie mit der Blume und der Frucht, die beide potentiell im Samen anwesend
sind. Im Falle des Weisen, dessen Gemüt gänzlich frei von Gedankenbewe-
gungen ist, der ohne die kleinste Idee der Dualität oder Einheit ist, dessen
Bewusstsein äußerst fest und stetig wie ein Berg ist, befindet sich der Körper
in einem Zustand eines perfekten Gleichgewichts. Er fällt weder noch steigt er
(stirbt oder lebt), sondern er verbleibt in vollkommener Harmonie mit der
Natur. Nur so lange es Ideen von Dualität oder Einheit gibt, geschieht es, dass
der Körper denselben Verwandlungen wie das Gemüt unterworfen wird. Es
sind die Bewegungen der Gedanken, die als die Welt erscheinen. Aufgrund
dessen erfährt das Gemüt Vergnügen, Ärger und Täuschung, die unvermeid-
bar und ununterdrückbar sind. Ist das Gemüt jedoch fest im Gleichmut ver-
ankert, tauchen Störungen dieser Art nicht mehr in ihm auf. Ein solcher
Mensch ist wie reiner Raum.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Wenn sich sātva in einem Zustand totalen Gleichgewichts befindet, werden
keinerlei physische und psychologische Defekte erfahren. Es ist nicht möglich,
sātva aufzugeben, denn es erreicht von selbst im Verlaufe der Zeit sein Ende.
Wenn es weder das Gemüt und auch sātva nicht mehr im Körper gibt – wie in
der Wärme schmelzender Schnee –, löst sich der Körper in die Elemente auf.
Śikhidhvajas Körper war frei vom Gemüt (Gedankenbewegung), enthielt aber
immer noch eine Spur von satva. Daher hatte er sich noch nicht in die Ele-
mente aufgelöst. Cū¬ālā hatte dies bemerkt und entschied: „Ich werde in die
reine Intelligenz eingehen, die allgegenwärtig ist, und mich bemühen, das
Körperbewusstsein in ihm wiederzuerwecken. Falls ich es nicht tue, wird er
gewiss nach einiger Zeit von selbst erwachen. Aber weshalb sollte ich so
lange allein bleiben?“
  Cū¬ālā gab also ihren Körper auf und betrat das reine Gemüt (sātva) von
Śhidhvaja. Sie berührte dieses reine Gemüt und ging schnell wieder in ihren
eigenen Körper, den sie rasch in den des jungen Asketen Kuæbha verwandelt
hatte. Kuæbha begann auf angenehme Weise die Hymnen der Sāma Vedas zu
singen. Der König hörte dies und kehrte ins Körperbewusstsein zurück. Er
sah Kuæbha vor sich und war glücklich. Er sprach zu Kuæbha: „Wunderba-
rerweise sind wir zusammen erneut in deinem Bewusstsein aufgetaucht, oh



                                     490
Höchster Herr! Und du bist hierhergekommen, nur um deine Segnungen über
mich auszuschütten!“
 KUõBHA sprach:
  Seit der Zeit, als ich dich verließ und fortging, ist mein Gemüt (Herz) hier
mit dir gewesen. Es gibt keinen Wunsch, in den Himmel zu gehen, sondern
nur den Wunsch, in deiner Nähe zu sein. Einen Verwandten, Freund, eine
vertrauenswürdige Person oder einen Schüler wie dich habe ich in der gan-
zen Welt nicht.
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  Ich betrachte mich im höchsten Maße gesegnet dadurch, dass du, obwohl
vollkommen erleuchtet und unangehaftet, mit mir zu sein wünschest. Bitte,
bleibe mit mir zusammen hier in diesem Wald!
  KUõBHA fragte:
  Sage mir: Hat du für eine Weile im höchsten Zustand geruht? Hast du Ideen
wie „dies ist unterschiedlich“, „dies ist Unglück“ usw. aufgegeben? Hat dein
Verlangen nach Vergnügen aufgehört?
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  Durch deine Gnade habe ich das andere Ufer dieses saæsāra (Welterschei-
nung) erreicht. Ich habe erlangt, was zu erlangen ist. Da ist nichts als das
Selbst – weder das Gekannte noch was noch zu kennen ist (das Unbekannte),
weder Erlangen noch das, was aufgegeben wurde oder aufgegeben sollte,
weder eine Wesenheit noch das Andere und noch nicht einmal sātva (ein
reines Gemüt). Wie unbegrenzter Raum verbleibe ich in einem unkonditio-
nierten Zustand.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.1:104
  Nachdem sie eine Stunde an diesem Platz verbracht hatten, gingen der Kö-
nig und Kuæbha zurück in den Wald, in dem sie ungezwungen acht Tage lang
umherwanderten. Sie befolgten dabei die üblichen Regeln des Lebens und
führten zur Ehrung der Ahnen und Götter die vorgeschriebenen religiösen
Riten aus. Falsche Ideen wie „dies ist unser Heim“ oder „dies ist nicht“ tauch-
ten in ihren Herzen nicht auf. Manchmal waren sie in prächtige Roben geklei-
det, ein anderes Mal in Lumpen. Gelegentlich waren sie mit Sandelpaste be-
strichen, zu anderen Gelegenheiten mit Asche. Nach einigen Tagen erstrahlte
auch der König wie Kuæbha selbst.
  Als Kuæbha (Cū¬ālā) das Strahlen des Königs bemerkte, sprach sie zu sich
selbst: „Dies hier ist mein edler und starker Gemahl. Der Wald ist herrlich.
Beide sind wir in einem Zustand, der keine Müdigkeit kennt. Warum entsteht
dann in unseren Herzen nicht der Wunsch nach Vergnügen? Der befreite
Weise begrüßt und erfährt, was ungesucht auf ihn kommt. Sollte er im Kon-
formismus (Rigidität) gefangen sein, dann würde dies Torheit (Unwissenheit)
entstehen lassen. Wenn die Leidenschaft nicht wieder erwacht in der unmit-
telbaren Nähe ihres edlen und starken Gatten, umgeben von einem Blumen-


                                     491
garten, ist so gut wie tot! Was gewinnt ein Wissender oder ein Weiser mit
           Selbsterkenntnis, wenn er das aufgibt, was mühelos zu ihm kommt? Ich sollte
           dafür sorgen, dass mein Gemahl zusammen mit mir die ehelichen Freuden
           genießen kann.“ Nachdem sie sich so entschieden hatte, sprach Kuæbha zu
           Śikhidhvaja: „Heute ist ein besonderer Tag, wo ich im Himmel sein sollte, um
           meinen Vater zu sehen. Erlaube mir zu gehen, und bis zum Abend werde ich
           wieder zurück sein.“
             Die beiden Freunde schenkten einander Blumen. Kuæbha ging fort. Schon
           bald warf Cū¬ālā ihre Verkleidung ab, ging zum Palast und erledigte die kö-
           niglichen Pflichten. Sie kehrte an den Ort zurück, an dem sie Śikhidhvaja
           verlassen hatte, aber erneut in der Verkleidung Kuæbhas. Der König bemerk-
           te eine Veränderung im Gesichtsausdruck Kuæbhas und fragte: „Oh Sohn der
           Götter, weshalb siehst du so unglücklich aus? Die Heiligen lassen sich in ih-
           rem Gleichmut nicht von äußeren Umständen stören.“
             KUõBHA sprach:
             Diejenigen, die, obwohl verankert im Gleichmut, ihre Organe nicht während
           der Lebenszeit des Körpers auf natürliche Weise tätig sein lassen, sind wider-
           spenstige und sture Menschen. So lange es Sesamsamen gibt, gibt es Öl; so-
           lange es den Körper gibt, gibt es also auch die verschiedenen Gefühle. Wer
           gegen die Zustände des Körpers, denen dieser auf natürliche Weise unterwor-
           fen ist, rebelliert, haut mit einem Schwert die Luft in Stücke. Der Gleichmut
           des Yoga hat mit dem Gemüt, nicht aber mit den Tätigkeitsorganen und ihren
           Zuständen zu tun. Solange der Körper lebt, sollte man die natürlichen Funkti-
           onen walten lassen, wobei Verstand und Sinne im Zustand der Gelassenheit
           verweilen. Darin besteht das Gesetz der Natur, dem sogar die Götter unter-
           worfen sind.
             KUõBHA fuhr fort:
VI.1:105     Nun, oh König, vernimm, welches Unglück mich befallen hat. Denn wenn
           man einem Freund sein Missgeschick anvertraut, verschafft man sich große
           Erleichterung, so wie die dunkle, schwere Wolke hell und leicht wird, wenn
           sie den Regen fallen lässt. Auch das Gemüt wird klar und friedlich, wenn ein
           Freund dem Schicksal des anderen lauscht, so wie Wasser klar wird, wenn ein
           Stück Alaun hineingeworfen wird.
             Nachdem ich von dir fortging, ging ich in die Himmel und erledigte dort
           meine Pflichten. Der Abend brach herein, und ich verließ den Himmel, um zu
           dir zurückzukehren. Als ich den Raum durchflog, begegnete ich dem Weisen
           Durvāsa, der auf dem Weg für die Abendgebete war und es eilig hatte. Wie
           seit jeher war er in dunkle Wolken gekleidet und mit Blitzen geschmückt. All
           dies verlieh ihm das Aussehen einer Frau, die auf dem Wege zur Begegnung
           mit ihrem Liebhaberist. Ich grüßte ihn und sagte, nur zum Spaß, genau dieses
           zu ihm. Empört über meine Respektlosigkeit verfluchte er mich: „Für diese
           Unverschämtheit wirst du von nun an jede Nacht zu einer Frau werden.“ Ich
           bin traurig schon bei dem Gedanken, jede Nacht eine Frau zu werden. Es ist


                                               492
wirklich tragisch, dass der Sohn der Götter, welche leichthin von der Lust
überwältigt werden, nun die Konsequenzen einer Beleidigung heiliger Weiser
zu erleiden hat. Doch weshalb sollte ich trauern, da all dies mein Selbst nicht
berühren kann.
  ŚIKHIDHVAJA sagte:
  Was nützt das Trauern, oh Sohn der Götter? Komme was wolle - das Selbst
ist vom Schicksal des Körpers nicht betroffen. Was auch immer an Freude
oder Sorge jemandem zugedacht ist, betrifft lediglich den Körper, nicht seinen
Bewohner. Wenn sogar du trauerst was ist dann von den unwissenden Men-
schen zu sagen? Vielleicht aber hast du, indem du dieses unglückliche Ereig-
nis erzählt hast, nur die entsprechenden Worte und Ausdrücke gebraucht!!
  VASIåèHA fuhr fort:
  So trösteten sie einander, denn waren sie zu unzertrennlichen Freunden
geworden. Die Sonne begann unterzugehen und die Finsternis der Nacht
legte ihren Mantel über die Erde. Beide vollführten die Abendgebete. Schon
bald danach begann Kuæbhas Körper eine schleichende Verwandlung durch-
zumachen. Indem er seine Tränen hinunterschluckte, sprach er mit erstickter
Stimme zu Śikhidhvaja: „Oh wehe, ich fühle meinen Körper dahinschmelzen
und auf die Erde niedertropfen. Meine Brust entwickelt weibliche Brüste.
Meine Knochen entwickeln sich zu denen einer Frau. Aussehen, Kleidung und
Schmuck einer Frau entspringen aus dem Körper selbst. Oh was soll ich tun?
Wie kann ich diese Schande, wahrhaftig eine Frau geworden zu sein, verber-
gen?“
  Śikhidhvaja erwiderte: „Heiliger, du weißt, was zu wissen ist. Trauere nicht
über das Unvermeidliche. Das Schicksal berührt nur den Körper, nicht den
Verkörperten.“ Kuæbha stimmte zu: „Du hast recht. Ich empfinde nun keinen
Kummer mehr. Wer kann der Weltordnung oder der Natur schon widerste-
hen?“
  Indem sie so sprachen, begaben sie sich zu Bett (sie schliefen in demselben
Bett). Auf diese Weise lebte Cū¬ālā mit ihrem Gemahl tagsüber als junger
Asket und nächtens als Frau zusammen.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.1:106
  Einige Tage lebten sie so, und dann sagte Kuæbha zu Śikhidhvaja: „Oh Kö-
nig, höre dir meinen Vorschlag an. Eine Zeitlang war ich nächstens eine Frau.
Nun möchte ich die Rolle einer Frau während der Nacht erfüllen; Denn ich
empfinde, dass ich als die Frau eines würdigen Gemahls lebe. In den drei
Welten gibt es niemanden, der mir teurer ist als du. Daher wünsche ich dich
zu heiraten und gemeinsam mit dir eheliche Freuden zu genießen. Dies ist
nur natürlich, erfreulich und naheliegend. Welcher Fehler sollte darin liegen?
Wir haben beide Wunsch und Ablehnung aufgegeben und verfügen über eine
ausgewogene Sicht. Lass uns daher das Natürliche ohne Verlangen und Ab-
neigung tun.“



                                     493
Śikhidhvaja erwiderte: „Oh Freund, ich vermag weder Gutes noch Böses in
           diesem Vorhaben zu erblicken. Oh Weiser, tue was dir beliebt. Da das Gemüt
           in vollkommenem Gleichgewicht ruht, sehe ich überall nichts als das Selbst.
           Tue daher wie dir beliebt.“
              Kuæbha antwortete: „Wenn dies deine wahren Empfindungen sind, oh Kö-
           nig, dann ist heute der vorzüglichste aller Tage. Die himmlischen Wesen sol-
           len unsere Hochzeit bezeugen.“
              Beide sammelten alle für den Hochzeitsritus benötigten Gegenstände. Sie
           badeten als Vorbereitung für den geheiligten Ritus zusammen in heiligem
           Wasser. Sie entboten den Ahnen und Göttern ihre Verehrung.
              Unterdessen war die Nacht hereingebrochen. Kuæbha wurde eine liebliche
           Frau. „Er“ sprach zum König: „Oh teurer Freund, nun bin ich eine Frau. Mein
           Name ist Madanikā. Ich grüße dich. Ich bin deine Frau.“ Śikhidhvaja verehrte
           Madanikā mit Girlanden, Blumen und Juwelen. Ihre Schönheit bewundernd,
           sagte der König: „Oh Madanikā, du strahlst wie die Göttin Lak«mÅ. Mögen wir
           zusammenleben wie die Sonne und der Schatten, Lak«mÅ und Nārāyaïa, Áiva
           und PārvatÅ und dabei gesegnet sein. Mögen wir mit allem Glückverheißen-
           dem gesegnet sein.“
              Das Paar entzündete das heilige Feuer und vollführte in strenger Beachtung
           der Vorschriften die Hochzeitsriten. Der Altar war mit blühenden Gewinden
           und Edelsteinen sowie Halbedelsteinen bedeckt. Seine vier Ecken schmück-
           ten Kokosnüsse, und es gab Gefäße mit heiligem Gangeswasser. In der Mitte
           brannte das heilige Feuer. Sie umwandelten dieses Feuer und entboten die
           vorgeschriebenen Opfergaben zusammen mit den dafür bestimmten heiligen
           Hymnen. Noch während sie so taten, nahm der König häufig Madanikās Hand,
           um ihr seine Liebe und Freude zu zeigen. Dann umschritten sie dreimal das
           geheiligte Feuer und vollführten damit das so genannte Lājā Homa. Schließ-
           lich zogen sie sich in das Hochzeitsgemach zurück (eine besonders für diesen
           Zweck vorbereitete Höhle). Der Mond überschüttete sie mit kühlen Strahlen.
           Das Brautbett war aus duftenden Blüten gemacht. Sie bestiegen dieses Bett
           und vollzogen die Ehe.
              VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:107
             Als die Sonne aufging, wurde aus Madanikā wieder Kuæbha. Auf diese Wei-
           se lebte das Paar als Freunde tagsüber und als Ehefrau und Ehemann in der
           Nacht. Als Śikhidhvaja eines Nachts schlief, schlüpfte Kuæbha (als Cū¬ālā) in
           den Palast, erledigte die königlichen Pflichten und kehrte rasch an die Seite
           des Königs zurück.
             Einen Monat lang lebten sie so in den Höhlen des Mahendra-Berges. Sie
           durchwanderten verschiedene Wälder und zogen von einem Berghang zu
           einem anderen. Eine Zeitlang lebten sie im Garten der Götter, der als der
           Pārijāta-Wald bekannt ist und sich auf den südlichen Hängen des Maināka-
           Berges befindet. Außerdem durchstreiften sie auch das Kuru- und das Kosala-
           Gebiet.


                                               494
Nachdem sie sich einige Monate lang auf diese Weise aneinander erfreut
hatten, dachte Cū¬ālā (als Kuæbha verkleidet): „Ich werde nun die Reife des
Königs testen, indem ich ihm die Vergnügen und Freuden des Himmels
schmackhaft mache. Wenn er dagegen unempfindlich bleibt, wird er gewiss
nie wieder Vergnügen suchen.“
   Nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, erschuf Cū¬ālā mit Hilfe ihrer
magischen Kräfte eine Illusion, in der Śikhidhvaja den König der Götter (In-
dra) vor sich stehend erblickte, begleitet von himmlischen Wesen. Ohne
durch deren plötzliches Erscheinen aus der Fassung zu geraten, entbot der
König ihnen die pflichtschuldige Verehrung. Dann fragte er Indra: „Bitte teile
mir mit, womit habe ich es verdient, dass du es auf dich genommen hast,
heute hierher zu kommen?“
   Indra erwiderte: „Oh Heiliger, wir alle kamen hierher, weil wir unwidersteh-
lich durch deine Gegenwart angezogen worden sind. Wir haben in den Him-
meln von deiner Glorie singen gehört. Komm, komm in den Himmel – die
himmlischen Wesen, die von deiner Größe vernommen haben, sind begierig
dich zu sehen. Bitte nimm diese himmlischen Insignien an, mit deren Hilfe du
wie die vollkommenen Weisen den Raum durchqueren kannst. Gewiss, oh
Weiser, verschmähen befreite Wesen wie du nicht das Glück, welches unge-
sucht zu ihnen gelangt. Möge dein Besuch den Himmel reinigen.“ Śikhidhvaja
sagte: „Ich kenne die Umstände, die im Himmel herrschen, oh Indra! Jedoch
mein Himmel befindet sich überall und auch nirgendwo. Ich bin glücklich, wo
immer ich bin, weil ich mir nichts wünsche. Jedoch bin ich nicht fähig, den
von dir beschriebenen Himmel aufzusuchen, der nur auf einen bestimmten
Ort begrenzt ist! Daher vermag ich deinem Befehl nicht Folge zu leisten.“
„Aber“, sprach Indra, „ich denke, dass es nur recht ist, dass die befreiten Wei-
sen leiden, um die ihnen zugeteilten Freuden zu erfahren.“ Śikhidhvaja
schwieg. Indra machte sich bereit zur Abreise. Śikhidhvaja sagte: „Ich werde
nicht jetzt kommen, denn es ist nicht die Zeit dafür.“
   Nachdem Indra den König und Kuæbha gesegnet hatte, verschwanden er
und sein Gefolge.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.1:108
  Nachdem Cū¬ālā dieses magische Schauspiel aufgelöst hatte, sprach sie zu
sich selbst: „Glücklicherweise wird der König von Verführungen des Vergnü-
gens nicht angesprochen. Sogar als Indra ihn besuchte und in den Himmel
einlud, blieb der König ungerührt und rein wie Raum. Ich werde ihn nun
einem weiteren Test unterziehen, der zeigen soll, ob er von den Zwillingskräf-
ten von Anziehung und Abstoßung bewegt werden kann.“
  Noch in derselben Nacht erzeugte Cū¬ālā mit Hilfe ihrer magischen Kräfte
einen entzückenden Lustgarten mit einem außerordentlich schönen Bett
darin. Sie schuf einen jungen Mann, physisch sogar noch attraktiver als
Śikhidhvaja. Dann erschien sie zusammen mit ihrem Liebhaber, sitzend auf
dem Bett, in enger Umarmung.



                                     495
Śikhidhvaja hatte seine Abendgebete beendet und suchte nach seiner Frau
           Madanikā. Nach einigem Suchen fand er das Versteck des Paares. Er sah sie
           völlig versunken in ihre Liebesspiele. Ihr Haar umfloss ihn. Mit ihren Händen
           hielt sie sein Gesicht umfangen. Ihre Münder begegneten sich in einem lei-
           denschaftlichen Kuss. Offensichtlich waren sie in verzehrender Leidenschaft
           füreinander entbrannt. Jede Bewegung ihrer Glieder drückte ihre äußerste
           Liebe füreinander aus. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich das Entzücken
           ihrer Herzen. Die Brust des einen presste sich an die des anderen. Sie hatten
           ihre Umgebung offensichtlich völlig vergessen.
              Śikhidhvaja sah all dies, war aber gänzlich unbewegt. Er wollte sie nicht
           stören und wandte sich ab, um zu gehen. Das Paar jedoch hatte seine Gegen-
           wart bemerkt. Er sagte zu ihnen: „Bitte, lasst euch durch mich nicht in eurem
           Glück stören.“
              Nach einiger Zeit kam Madanikā aus dem Garten und traf, beschämt durch
           ihr Betragen, Śikhidhvaja. Jedoch der König sagte: „Meine Teure, weshalb bist
           du so schnell gekommen? Gewiss leben die Wesen nur, um Glück zu erfahren.
           Und in dieser Welt ist es schwierig, ein Paar zu finden, das in solcher Harmo-
           nie ist. Ich fühle mich dadurch nicht betroffen, da ich sehr wohl weiß, was die
           Menschen in dieser Welt am meisten lieben. Kuæbha und ich sind große
           Freunde füreinander, während Madanikā nur die Frucht von Durvāsas Fluch
           ist!“
              Madanikā erwiderte: „Darin besteht die Natur der Frauen, oh hoher Herr!
           Sie sind schwankend in ihrer Ergebenheit. Sie sind achtmal so leidenschaft-
           lich wie Männer. Sie sind schwach und vermögen in der Gegenwart eines
           verführerischen Mannes nicht, der Lust zu widerstehen. Bitte vergib mir, und
           sei mir nicht böse.“
              Śikhidhvaja erwiderte: „Ich bin dir überhaupt nichtböse, meine Liebe. Je-
           doch werde ich, dich von nun an als einen guten Freund und nicht mehr als
           meine Frau behandeln.“ Cū¬ālā war erfreut über die Haltung des Königs, die
           ihr überzeugend bewies, dass er jenseits von Lust und Zorn war. Unverzüglich
           gab sie die Form als Madanikā auf und nahm ihre ursprüngliche als Cū¬ālā
           wieder an.
              ŚIKHIDHVAJA sagte:
VI.1:109
              Wer bist du, oh reizende Frau, und wie bist du hierhergekommen? Seit
           wann bist duschen hier? Du siehst so sehr wie meine Frau aus!
              CôÖĀLĀ erwiderte:
             Ich bin tatsächlich Cū¬ālā. Ich habe die Gestalten von Kuæbha und anderen
           angenommen, um deinen Geist zu erwecken. Außerdem habe ich die Gestalt
           dieser kleinen, illusorischen Welt mit dem Garten usw. erschaffen, die du
           soeben gesehen hast. Von dem Tage an, als du unklugerweise dein Königreich
           aufgegeben hast und hierher zur Ausübung von Askese gekommen bist, habe
           ich mich um dein spirituelles Erwachen bemüht. Ich unterwies dich in der
           Gestalt von Kuæbha. Die Gestalten von Kuæbha und anderen, die du gesehen


                                                496
hast, waren nicht wirklich. Nun bist du vollkommen erwacht und weißt alles,
was zu wissen ist.
 VASIåèHA fuhr fort:
  Śikhidhvaja ging in tiefe Meditation und sah in seinem Innern alle Gescheh-
nisse, die sich seit dem Verlassen des Palastes ereignet hatten. Er war über-
glücklich, und seine Zuneigung zu seiner Frau wuchs und wuchs. Nachdem er
das Körperbewusstsein wiedererlangt hatte, umarmte er Cū¬ālā mit einer
Leidenschaft, die nicht zu beschreiben ist. Ihre Herzen überflossen in Liebe
füreinander, und so verblieben sie einige Zeitlang wie in einem überbewuss-
ten Zustand.
  ŚIKHIDHVAJA sagte schließlich zu CôÖĀLĀ:
  Oh wie süß ist die Liebe einer teuren Frau – süßer als Nektar! Wie viel Mü-
hen und Schmerz hast du für mich auf dich genommen! Die Art und Weise,
wie du mich diesem schrecklichen Ozean der Unwissenheit entrissen hast,
kann mit nichts verglichen werden. Die Tradition hat uns einige große Frauen
geschenkt, die außerordentliche Ehegattinnen waren, doch sie sind nichts im
Vergleich mit dir. In sämtlichen Tugenden und edlen Qualitäten übertriffst du
sie. Du hast hart gekämpft und meine Erleuchtung herbeigeführt. Wie kann
ich dir dies jemals vergelten? Liebende Frauen kämpfen für die Befreiung
ihrer Männer aus diesem Ozean des saæsāra. In diesem Bemühen erreichen
sie aufgrund ihrer Liebe für ihren Gemahl Dinge, die sogar die Schriften, der
guru und ein mantra nicht vollbringen. Für den Ehemann ist seine Frau alles –
Freundin, Bruder, Gönner, Dienerin, guru, Kamerad, Reichtum, Glück, Schrif-
ten, Wohnung (Gefäß) und Sklavin. Eine solche Frau sollte daher immer und
mit allen Mitteln verehrt und bewundert werden.
  Meine teure Cū¬ālā, du bist in der Tat die wunderbarste von allen Frauen in
dieser Welt. Komm und umarme mich noch einmal.
  VASIåèHA sagte:
  Nachdem er so gesprochen hatte, umarmte Śikhidhvaja Cū¬ālā aufs Neue in
starker und leidenschaftlicher Liebe.
  CôÖĀLĀ sprach:
  Hoher Herr, als ich dich deine nutzlose Askese praktizieren sah, war mein
Herz voller Schmerzen. Ich erleichterte diese Schmerzen, indem ich hierher
kam und mich bemühte, dich zu erwecken. Ich tat dies nur aus Selbstsucht
und zu meiner eigenen Freude. Gewiss verdiene ich dafür keinerlei Lob!
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  Von nun an sollten alle Frauen ihre selbstsüchtigen Ziele verfolgen, indem
sie ihre Ehemänner spirituell erwecken, wie du es getan hast!
  CôÖĀLĀ sprach:




                                    497
Ich sehe in dir nicht länger all diese kleinlichen Verlangen, Gedanken und
Gefühle, die dich Jahre zuvor gequält haben. Bitte sage mir, was du heute bist,
worin du verankert bist und was du siehst.
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  Meine Teure, ich ruhe in dem, was mir durch deine Hilfe gegeben wurde. Ich
habe keinerlei Anhaftungen mehr. Ich bin wie der unendliche, unteilbare
Raum. Ich bin Friede. Ich habe den Zustand erlangt, der sogar für Götter wie
Vi«ïu und Áiva schwierig zu erlangen ist. Ich bin frei von Verwirrung und
Täuschung. Ich erfahre weder Sorge noch Freude. Ich vermag weder „Dies ist“
noch „Das andere ist“ zu sagen. Ich bin frei von aller Verhüllung und erfreue
mich eines Zustandes des innerlichen Wohlseins. Was ich bin, das bin ich –
schwierig, dies in Worte zu fassen! Du bist mein guru, meine Liebe – ichver-
neige mich vor dir. Durch deine Gnade, meine Geliebte, habe ich diesen Ozean
des saæsāra überquert. Ich werde nicht wieder denselben Fehler begehen.
 CôÖĀLĀ fragte:
  Was wünschest du dann jetzt zu tun?
  ŚIKHIDHVAJA erwiderte:
  Ich kenne weder Gebote noch Verbote. Was immer du tust, dass anerkenne
ich als das Richtige. Tue, was du für das Richtige hältst, und ich werde dir
darin folgen.
  CôÖĀLĀ sprach:
  Hoher Herr, wir sind nun beide im Zustand der befreiten Weisen verankert.
Für uns sind jetzt Wunsch und das Gegenteil davon dasselbe. Von welchem
Nutzen sollte für uns die Disziplin von prāïa oder diejenige des unendlichen
Bewusstseins sein? Daher sollten wir das sein, was wir zu Beginn, in der
Mitte und am Ende sind, und das eine Ding aufgeben, das danach verbleibt.
Wir sind der König und die Königin zu Beginn, in der Mitte und am Ende. Das
eine noch aufzugebende Ding ist die Täuschung! Lass uns daher ins König-
reich zurückkehren und dort ein weiser Herrscher sein.
  ŚIKHIDHVAJA fragte:
  Weshalb sollten wir dann nicht die Einladung Indras in den Himmel an-
nehmen?
  CôÖĀLĀ erwiderte:
  Oh König, ich wünsche mir weder die Vergnügen des Himmels noch den
Glanz des Königreichs. Ich verbleibe in der Verfassung, in welche mich meine
eigene Natur versetzt. Sobald dem Gedanken „dies ist Vergnügen“ der Gedan-
ke „dies ist nicht“ entgegengestellt wird, verderben beide. Ich verbleibe in
dem Frieden, der beides überlebt.
  Die beiden befreiten Weisen verbrachten alsdann die Nacht im Entzücken
der ehelichen Freuden.




                                     498
***



           Die Geschichte von Kaca

            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:110
             Bei Tagesanbruch erhob sich das Paar und erledigte seine morgendlichen
           Pflichten. Cū¬ālā materialisierte durch ihre Gedankenkraft ein goldenes Ge-
           fäß, das die heiligen Wasser von sieben Ozeanen enthielt. Mit diesen Wassern
           badete sie den König und krönte ihn zum König. Sie sprach: „Mögest du mit all
           dem Glanz der acht göttlichen Beschützer des Universums ausgestattet sein.“
             Der König seinerseits setzte Cū¬ālā erneut als seine Königin ein. Er riet ihr,
           mit Hilfe ihrer Gedankenkraft eine Armee zu erschaffen, was sie auch tat.
             Angeführt vom königlichen Paar, das auf dem stattlichsten Elefanten Platz
           genommen hatte, bewegte sich die gesamte Armee in Richtung des König-
           reichs. Auf dem Wege dahin machte Śik hidhvaja Cū¬ālā auf die verschiede-
           nen Plätze aufmerksam, die mit seinem asktischen Leben in Verbindung
           standen. Bald schon erreichten sie die Außenbezirke ihrer Stadt, wo ihnen ein
           überwältigender Empfang der Einwohner zuteil wurde.
             Unterstützt von Cū¬ālā regierte Śik hidhvaja das Königreich für einen Zeit-
           raum von zehntausend Jahren, Danach erlangte er nirvāïa (Befreiung; wie
           bei einer Lampe, deren Öl aufgebraucht ist), von wo es keine Wiederkehr gibt.
           Nachdem er die Freuden der Welt genossen hatte, wie es dem herausragends-
           ten unter den Königen zukam, und ein sehr langes Leben gelebt hatte, erlang-
           te er, da in ihm nicht mehr der kleinste Rest von satva war, den höchsten
           Zustand. Befasse dich, oh Rāma, auf dieselbe Weise, ohne dich zu sorgen, mit
           spontaner und natürlicher Tätigkeit. Erhebe dich! Erfreue dich der Vergnügen
           der Welt und auch der letzten Befreiung.
             So habe ich dir, oh Rāma, also die Geschichte von Śik hidhvaja erzählt. Wenn
           du diesem Pfade folgst, wirst du niemals trauern. Regiere so, wie Śik hidhvaja
           es tat. Auch du wirst dann die Freuden dieser Welt genießen und die letzte
           Befreiung erlangen. Auch Kaca, der der Sohn von B−haspati, dem Lehrer der
           Götter war, tat so.
             RĀMA fragte:
             Hoher Herr, bitte teile mir mit, wie Kaca, der Sohn des B−haspati, die Er-
           leuchtung erlangt hat.
VI.1:111     VASIåèHA sprach:
             Wie Śik hidhvaja erlangte Kaca die Erleuchtung. Eines Tages, als er noch
           sehr jung war, war er sehr eifrig um die Befreiung aus dem saæsāra bemüht.
           Er suchte seinen Vater B−haspati auf und fragte diesen: „Hoher Herr, du bist



                                                499
derjenige, der alles weiß. Bitte teile mir mit, wie man sich selbst aus diesem
saæsāra genannten Käfig befreien kann.“
 BãHASPATI sprach:
  Mein Sohn, die Befreiung aus diesem als saæsāra bezeichneten Gefängnis
kann einzig und allein nur durch Entsagung geschehen!
  VASIåèHA fuhr fort:
  Nachdem er dies vernommen hatte, wandte sich Kaca in Richtung des Wal-
des, nachdem er allem entsagt hatte. B−haspati ließ dieses Ereignis unge-
rührt. Die Weisen werden durch Vereinigungen oder Trennungen nicht ge-
stört. Nach acht Jahren der Abgeschiedenheit und Askese traf Kaca seinen
Vater wieder und fragte ihn: „Vater, ich habe acht Jahre lang Askese geübt,
nachdem ich allem entsagt habe. Weshalb habe ich bisher noch nicht den
Zustand des höchsten Friedens erlangen können?“
  B−haspati wiederholte daraufhin lediglich seine erste Aufforderung: „Entsa-
ge allem“, und ging fort. Dies wörtlich nehmend, warf Kaca sogar noch die
Baumrinde ab, mit der er seinen Körper bedeckt hatte. Dann setzte er die
Askesepraktiken drei weitere Jahre lang fort. Erneut suchte er danach die
Gegenwart seines Vaters auf und fragte ihn, nachdem er ihm Verehrung er-
wiesen hatte: „Vater, ich habe sogar noch dem Stab und der Kleidung usw.
entsagt. Aber Selbsterkenntnis habe ich immer noch nicht erlangt!“
  B−haspati erwiderte daraufhin: „Mit „totaler Entsagung“ ist nur das Gemüt
gemeint, denn das Gemüt ist alles, was es gibt. Die totale Entsagung besteht
daher in der Entsagung des Gemüts.“ Nachdem er so gesprochen hatte, ver-
schwand B−haspati außer Sichtweite. Kaca begann auf der Suche nach dem
Gemüt, dem zu entsagen wäre, in sich selbst hineinzuschauen. Jedoch so viel
er auch suchte, er vermochte das, was man „Gemüt“ nennt, einfach nicht zu
finden! Da er das Gemüt also nicht zu finden vermochte, dachte er bei sich
folgendermaßen nach: „Die physischen Stoffe wie der Körper können nicht
das sein, was man als Gemüt betrachtet. Weshalb strafe ich dann also über-
flüssigerweise den unschuldigen Körper? Ich sollte zu meinem Vater zurück-
kehren und das Wo und Wie dieses furchterregenden Feindes namens Gemüt
ergründen. Sobald ich es erkannt habe, werde ich ihm entsagen.“
  Nachdem er zu diesem Entschluss gelangt war, suchte Kaca erneut die Ge-
genwart seines Vaters auf und bat: „Bitte teile mir mit, was das Gemüt ist,
damit ich ihm entsagen kann.“ B−haspati erwiderte: „Diejenigen, die Kenner
des Gemüts sind, erklären, dass das Gemüt das 'Ich' sei. Der Ich-Sinn, der in
dir erscheint, ist das Gemüt.“ Kaca antwortete: „Dies ist jedoch sehr schwie-
rig, wenn nicht gar unmöglich!“ B−haspati sagte: „Es ist sogar einfacher, als
eine auf deiner Hand liegende Blume zu zerdrücken; einfacher, als deine
Augen zu schließen! Denn was aufgrund von Unwissenheit real zu sein
scheint, verschwindet beim Aufdämmern der Erkenntnis. In Wahrheit gibt es
keinen Ich-Sinn. Er scheint nur zu existieren, und zwar aufgrund von Unwis-
senheit und Täuschung. Wo sollte dieser Ich-Sinn denn wohl sein, wie konnte


                                    500
er entstehen, was genau ist er? In allen Wesen gibt es stets nichts als das eine,
            reine Bewusstsein! Folglich ist dieser Ich-Sinn nichts anderes als nur ein
            Wort. Gib ihn auf, mein Sohn, und gib die Selbstbegrenzung und psychologi-
            sche Konditionierung auf. Du bist das Unkonditionierte – das niemals durch
            Zeit, Raum usw. konditionierbare.“

                                                  ***


            Die Geschichte vom irregeführten Mann

             VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:112,      Als er so mit der höchsten Weisheit bekannt gemacht worden war, erlangte
   113
            Kaca die Erleuchtung. Er blieb frei vom Ich-Sinn und allem Besitzverlangen.
            Lebe wie er, oh Rāma. Der Ich-Sinn ist unwirklich. Vertraue ihm weder noch
            gib ihn auf. Wie könnte das Unwirkliche wohl ergriffen werden, oder wie
            könnte man ihm entsagen? Wenn der Ich-Sinn selbst unwirklich ist – was
            sollten dann Geburt und Tod sein? Du bist dieses subtile und reine Bewusst-
            sein, welches unteilbar und frei von Ideenbildung ist, aber alle Wesen um-
            fasst. Nur im Zustand der Unwissenheit geschieht es, dass diese Welt als eine
            illusionäre Erscheinung auftaucht. In der Sichtweise der Erleuchteten jedoch
            wird all dies hier als Brāhman gesehen. Gib die Konzepte von Einheit und
            Verschiedenheit auf und bleibe in der Seligkeit. Betrage dich nicht wie der
            irregeführte Mann und leide!
               RĀMA sprach:
               Aus deinen nektargleichen Worten gewinne ich höchste Freude. Nun bin ich
            im transzendentalen Zustand verankert. Und doch fühle ich mich noch nicht
            gesättigt. Obgleich ich zufrieden bin, befrage ich dich noch weiter, da niemand
            allein durch Nektar gesättigt ist. Wer ist der irregeführte Mann, von dem du
            gesprochen hast?
               VASIåèHA sprach:
              Höre der folgenden lustigen Geschichte über den irregeführten Mann zu,
            der von dem Netzwerk der Täuschung an der Nase herumgeführt wurde. Er
            wurde in einer Wüste geboren und wuchs in dieser auch auf. Eines Tages
            entstand in ihm eine verrückte Idee: „Ich bin aus dem Raum geboren, Ich bin
            Raum, der Raum ist mein. Diesen Raum sollte ich daher schützen.“ Nachdem
            er diesen Entschluss gefasst hatte, baute er ein Haus, das den Raum schützen
            sollte. Wie er sah, dass der Raum sicher in diesem Haus eingeschlossen war,
            war er glücklich. Im Verlaufe der Zeit jedoch verfiel das Haus und stürzte ein.
            Laut klagte er: „Oh du mein Raum! Wohin bist du gegangen? Oh weh – alles ist
            verloren!“




                                                  501
Dann grub er einen Brunnen. Er meinte, dass der Raum darin nun sicher
           geschützt sei. Auch der Brunnen ging jedoch im Laufe der Zeit verloren.
           Schließlich baute er nach und nach noch einen Kasten, eine Grube und einen
           kleinen Hain mit vier Salbäumen. Alle diese Dinge verdarben nach kurzer Zeit
           und machten den Mann erneut zutiefst unglücklich.
             Höre die Bedeutung dieser Geschichte an, oh Rāma. Der Mann, der von der
           Täuschung an der Nase herumgeführt wurde, ist der Ich-Sinn. Er taucht auf
           dieselbe Weise wie die Bewegung im Wind auf. Seine Wirklichkeit ist Brah-
           man. Weil er dies nicht weiß, betrachtet der Ich-Sinn den Raum um sich her-
           um als sich selbst und sein Besitztum. Daher identifiziert er sich selbst mit
           dem Körper usw. in der Absicht, ihn zu schützen. Der Körper usw. lebt wiede-
           rum einige Zeitlang und verdirbt dann. Aufgrund dieser Täuschung trauert
           der Ich-Sinn wieder und wieder und glaubt, dass das Selbst tot und verloren
           sei. Wenn der Kasten usw. verloren gehen, bleibt der Raum unbetroffen da-
           von. Das Selbst bleibt ferner unbetroffen, wenn die Körper verloren gehen.
           Das Selbst ist reines Bewusstsein, subtiler noch als Raum, oh Rāma. Niemals
           wird es zerstört. Es ist ungeboren. Es verdirbt nicht. Und nur das unendliche
           Brahman allein leuchtet als diese Welterscheinung. Kenne es als solches und
           lebe auf immer glücklich.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:114
              Dem höchsten Brahman entsteigt als erstes das Gemüt mitsamt seiner Fä-
           higkeit des Denkens und Vorstellens Und dieses Gemüt wohnt dann auf die-
           selbe Weise in diesem Brahman wie der Duft in den Blüten, die Wellen im
           Ozean und die Sonnenstrahlen in der Sonne. Weil Brahman, das extrem subtil
           und unsichtbar ist, immer wieder vergessen wird, entsteht diese falsche Idee
           der realen Existenz der Welterscheinung.
              Wenn man denkt, dass die Sonnenstrahlen unterschieden und getrennt von
           der Sonne seien, dann erlangen die Sonnenstrahlen für einen solchen Men-
           schen auch genau diese scheinbar getrennte Existenz. Denkt man, dass ein
           aus Gold gemachtes Schmuckstück ein Schmuckstück sei, dann ist dieses für
           einen solchen Menschen in der Tat auch nur ein Schmuckstück und nicht
           Gold.
              Erkennt einer jedoch, dass die Sonnenstrahlen nicht von der Sonne unter-
           schieden sind, dann bezeichnet man das Verstehen eines solchen Menschen
           als „unmodifiziert“ (nirvikalpa). Wenn einer erkennt, dass die Wellen
           ununterschieden vom Ozean sind, dann spricht man von dem Verstehen eines
           solchen Menschen als „unmodifiziert“ (nirvikalpa). Wenn einer erkennt, dass
           das Schmuckstück nicht unterschieden von Gold ist, dann spricht man von
           dem Verstehen dieses Menschen als „unmodifiziert“ (nirvikalpa).
              Wer die Funken sprühen sieht, realisiert nicht, dass sie nichts als nur Feuer
           sind. Sein Gemüt erfährt Freuden und Leiden, indem diese Feuerfunken auf-
           fliegen und wieder zu Boden fallen und dort zerstreut werden. Sobald er zu
           erkennen vermag, dass diese Funken nichts als Feuer und von diesem nicht



                                                502
verschieden sind, sieht er nur noch das Feuer als solches. Vom Verstehen
           eines solchen Menschen spricht man dann als „unmodifiziert“ (nirvikalpa).
              Wer auf diese Weise im nirvikalpa verankert ist, ist in der Tat ein Großer.
           Sein Verstehen vermindert sich nicht. Er hat erlangt was zu erlangen wahr-
           haftig wert ist. Sein Herz verstrickt sich nicht länger in die Objekte. Daher, oh
           Rāma, gibt diese Wahrnehmung von Vielfalt bzw. die Objektifizierung auf und
           verbleibe im Bewusstsein verankert.
              Was auch immer das Selbst ersinnt, wird aufgrund der diesem Bewusstsein
           innewohnenden Mächte materialisiert. Diese materialisierten Gedanken
           leuchten dann auf, als ob sie eine unabhängige Kraft seien! Was der Verstand
           (ausgestattet mit der Fähigkeit des Denkens) daher ersinnt, wird unverzüg-
           lich materialisiert. Dies wird dann zur Quelle der Vielfalt. Folglich ist diese
           Welterscheinung weder real noch irreal. So wie die fühlenden Wesen in ihren
           eigenen Tagträumen die verschiedenen Objekte erschaffen und erfahren, so
           ist diese Welterscheinung der Tagtraum Brahmans. Wird er als Brahman
           erkannt, löst sich die Welterscheinung auf, denn vom absoluten Gesichts-
           punkt aus gesehen ist diese Welt inexistent. Brahman verbleibt stets als
           Brahman und erzeugt nichts, was nicht bereits zuvor existent war!
              Oh Rāma, was auch immer du tust – wisse, dass all dieses nichts als reines
           Bewusstsein ist. Brahman allein manifestiert sich hier als all dieses, denn
           nichts anderes als Brahman existiert. Eine Handhabe für „dies“ und „anderes“
           gibt es nicht. Gib daher sogar noch die Konzepte von Befreiung und Bindung
           auf. Verbleibe im reinen, egolosen Zustand und befasse dich mit natürlichen
           Aktivitäten.

            ***



           Die Geschichte von Bh−ÇgÅśa

            VASIåèHA fuhr fort:
VI.1:115
              Gib sämtliche Zweifel auf. Nimm Zuflucht zur moralischen Stärke. Sei der
           höchste Handelnde in den Handlungen, der höchste Genießende der Genüsse
           und der höchste Entsagende aller Dinge! Es war diese dreifache Disziplin, die
           in den alten Zeiten von Lord Śiva dem Bh−ÇgÅśa gelehrt wurde, der dadurch
                                                       −
           die vollkommene Freiheit erlangt hat. Bh−ÇgÅśa war ein Mensch mit gewöhn-
                                                     −
           licher bzw. traditioneller Selbsterkenntnis. Er näherte sich Lord Śiva und bat:
           „Hoher Herr, ich werde von dieser Welterscheinung getäuscht. Bitte sage mir,
           welche Haltung ich zu erwerben habe, um frei von dieser Täuschung zu wer-
           den.“
              LORD ŚIVA erwiderte:



                                                 503
Gib sämtliche Zweifel auf. Nimm Zuflucht zur moralischen Stärke. Sei ein
mahābhokttā (ein großer Genießer der Wonne), ein mahākartā (ein großer
Handelnder in den Handlungen) und ein mahātyāgī (ein vollkommener Ent-
sagender).
  Derjenige ist ein mahākartā (ein großer Handelnder in den Handlungen),
der frei von Zweifeln ist und in den natürlich auf ihn kommenden Situationen
die angemessenen Handlungen ausführt, seien diese nun dharma (rechtmä-
ßige) oder adharma (falsche), und ohne währenddessen von Abneigungen
und Zuneigungen, durch Erfolg und Misserfolg, durch den Ich-Sinn oder Ei-
fersucht verwirrt zu werden und dabei stets mit einem Gemüt im Zustand der
Stillheit und Reinheit zu Werke geht. Derjenige ist unangehaftet an die Dinge,
der als der Zeuge von allem verbleibt, wobei er ohne selbstsüchtige Wünsche
oder Beweggründe, ohne Aufregung und Jubel, stets mit einem friedlichen
Gemüt und ohne Kummer oder Trauer, gleichgültig gegenüber Tätigkeit und
Untätigkeit ist; dessen wahre Natur der Friede und das Gleichgewicht bzw.
der Gleichmut sind, die er in allen nur denkbaren Situationen (seien dies
Geburt oder Tod, die Existenz oder die Auslöschung aller Dinge) beibehält.
  Derjenige ist ein mahābhokttā (ein großer Genießer der Wonne), der weder
etwas hasst noch nach irgendetwas verlangt, sondern alle auf natürliche
Weise auf ihn kommenden Erfahrungen genießt; der auch während der Tä-
tigkeiten weder etwas mit Gewalt ergreift noch dem entsagt; der durch das
Erfahren nicht erfährt; der das Spiel der Welt ungerührt bezeugt. Sein Herz
wird durch die Vergnügen und Schmerzen, wie sie im Verlaufe des Lebens
auftauchen, und die Wandel, die die Verwirrtheit erzeugen, nicht berührt. Er
betrachtet Alter und Tod, Königreiche und Hütten und auch die großen Miss-
geschicke und Glücksfälle mit demselben Entzücken. In seiner wahren Natur
ist er tugendhaft und frei von Gewalt. Er erfreut sich an der Süße wie an der
Bitterkeit der Dinge gleichermaßen und trifft keinerlei willkürliche Unter-
scheidungen in „dies ist erfreulich“ und „dies ist es nicht“.
  Derjenige ist ein mahātyāgī (ein vollkommener Entsagender), der aus sei-
nem Verstand alle Konzepte wie dharma und adharma, Schmerz und Vergnü-
gen, Geburt und Tod, sämtliche Wünsche, sämtliche Zweifel, sämtliche Über-
zeugungen verbannt hat; der die Falschheit in der Erfahrung von Schmerz
durch diesen Körper, das Gemüt usw. versteht und realisiert hat: „Ich habe
keinen Körper, habe keine Geburt, kenne kein richtig oder falsch“, und der in
seinem Herzen vollständig die Idee der Welterscheinung beseitigt hat.
  Auf diese Weise unterrichtete Lord Śiva Bh−ÇgÅśa, der daraufhin erleuchtet
                                               −
wurde. Nimm auch du diese Haltung an, oh Rāma, und gehe jenseits des
Kummers.
  RĀMA fragte:
                                                                                 VI.1:116,
  Hoher Herr, du kennst sämtliche Wahrheiten. Woran kann man bei demje-             117
nigen, dessen Ich-Sinn sich im Gemüt aufgelöst hat, die Zeichen der Natur von
Satva erkennen?



                                    504
VASIåèHA sprach:
              Ein solches Gemüt, oh Rāma, ist sogar unter den schlimmsten Herausforde-
            rungen unberührt von Sünden wie denen der Gier und Täuschung. Tugenden
            wie die Freude (am Wohlergehen anderer) bleiben für immer bei dieser Per-
            son, deren Ich-Sinn sich aufgelöst hat. Die Knoten der mentalen Konditionie-
            rung und Tendenzen sind zertrennt. Der Ärger ist weitgehend besänftigt und
            die Täuschung ist wirkungslos geworden. Wünsche haben ihre Macht verlo-
            ren. Die Gier ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Die Sinne sind im
            Gleichgewicht und weder erregbar noch geschwächt. Auch wenn sich auf dem
            Antlitz eines solchen Menschen Vergnügen und Schmerz zeigen sollten, rüh-
            ren sie doch nicht das Gemüt auf, welches all dieses als bedeutungslos ein-
            stuft. Das Herz ruht im Gleichmut.
              Der erleuchtete Mensch, der mit all diesen Tugenden ausgestattet ist, be-
            wohnt mühelos und auf natürliche Weise den Körper. Sein und Nicht-Sein
            (wie Wohlstand und Missgeschick), die einander folgen und all die verschie-
            denen und stark gegensätzlichen Widersprüche erzeugen, haben für den
            Heiligen weder Freude noch Sorge zur Folge.
              Wehe dem, der sich diesem Pfad der Selbsterkenntnis verweigert, den er
            durch die richtige Führung seiner Intelligenz sehr leicht gehen könnte. Die
            Mittel zur Überquerung dieses Ozeans von saæsāra (Welterscheinung bzw.
            Zyklus von Geburt und Tod) und zur Erlangung des höchsten Friedens sind
            die Ergründung der Natur des Selbst (Wer bin ich?), der Welt (Was ist diese
            Welt?) und der Wahrheit (Worin besteht die Wahrheit?).
              Dein eigener Ahne, Ik«vāku, dachte eines Tages, während er noch sein Kö-
            nigreich regierte, folgendermaßen nach: „Worin besteht wohl der Ursprung
            dieser Welt, so voll von den verschiedenen Leiden wie Alter, Tod, Schmerz,
            Vergnügen und Täuschung?“ Er konnte aber keine Antwort finden. Nachdem
            er dann pflichtschuldigst seinen Vater Manu, den Sohn Brahmās, verehrt
            hatte, fragte er diesen: „Hoher Herr, es drängt mich dazu, dir eine wichtige
            Frage vorzulegen. Worin besteht der Ursprung dieser Welt? Wie kann ich frei
            von saæsāra werden?“
              Manu erwiderte: „Was du hier siehst, mein Sohn, existiert nicht, und zwar
            gar nichts davon!Es gibt ebenfalls hier nichts Unsichtbares oder etwas, was
            jenseits der Sinne und des Verstandes wäre. Es gibt nur das Selbst, welches
            ewiglich und unendlich ist. Was als das Universum gesehen wird, ist nichts als
            eine Reflexion in diesem Selbst. Aufgrund der dem kosmischen Bewusstsein
            eingeborenen Kräfte wird diese Reflexion hier als der Kosmos und die darin
            existierenden Lebewesen wahrgenommen. Das ist, was du die „Welt“ nennst.
            Weder gibt es Bindung noch Befreiung. Das eine, unendliche Bewusstsein
            allein existiert – weder gibt es eines noch viele! Gib alle Gedanken an Bindung
            und Befreiung auf und ruhe im Frieden.“
              MANU fuhr fort:
VI.1:118,
119,120



                                                 505
Wenn das reine Bewusstsein in sich selbst Konzepte und Ideen entstehen
lässt, nimmt es die Form einer Individualität (jīva) an. Diese Individuen wan-
dern dann in diesen saæsāra (Welterscheinung) hinein. Während einer Ver-
dunkelung grellen Lichts lässt sich erblicken, was vorher überstrahlt und
nicht erblickt wurde. Auf eine ähnliche Weise ist es möglich, mit Hilfe der
Erfahrungen des Individuums das reine Erfahren selbst kennenzulernen,
welches das unendliche Bewusstsein ist. Jedoch kann diese Selbsterkenntnis
nicht durch das Studium der Schriften oder mit der Hilfe eines Gurus erlangt
werden – es kann nur durch das Selbst für sich selbst erlangt werden.
   Betrachte deinen Körper und die Sinne als Instrumente des Erfahrens, nicht
jedoch als das Selbst. Die Idee „Ich bin der Körper“ bedeutet Bindung – der
Suchende sollte sie daher aufgeben. „Ich bin kein Ding, sondern reines Be-
wusstsein“ – es ist diese beständig am Leben erhaltene Überzeugung, die zur
Befreiung führt. Nur wenn man das Selbst nicht realisiert, welches frei von
Alter, Tod usw. ist, geschieht es, dass man lauthals klagt: „Oh weh – ich bin tot,
ich bin hilflos!“ Nur aufgrund solcher Gedanken geschieht es, dass die Unwis-
senheit gefestigt wird. Befreie dein Gemüt von unreinen Ideen und Gedanken
dieser Art. Ruhe im Selbst, das frei von solchen Ideen ist. Verbleibe während
all deiner verschiedenen Tätigkeiten im Zustand vollkommenen Gleichge-
wichts verankert und regiere dein Königreich in Frieden und Freude.
   Der Höchste Herr erfreut sich dieser Welterscheinung und zieht sie schließ-
lich wieder in sich selbst zurück. Dieselbe Kraft oder Energie, die die Bindung
hervorruft, ist gleichzeitig diejenige Kraft oder Energie, die die Schöpfung
schließlich auflöst und befreit. So wie ein Baum alle seine Teile und Blätter
durchdringt, so durchdringt dieses unendliche Bewusstsein das gesamte
Universum. Aber oh weh – die unwissende Person realisiert dies nicht, ob-
wohl es doch in jeder Zelle seines Körpers zu finden ist. Derjenige, der zu
sehen vermag, dass dieses Selbst allein alles ist, erfreut sich der Seligkeit.
   Dieses Verstehen sollte man durch das Studium der Schriften und die Ge-
meinschaft mit den Heiligen erlangen. Darin besteht der erste Schrift. Nach-
denken bzw. Ergründen ist der zweite. Nicht-Anhaftung bzw. psychologische
Freiheit ist der dritte Schritt. Der vierte Schritt besteht im Zerreißen der
Fesseln der vāsanās (der Konditionierungen und Neigungen). Die Seligkeit,
die aus dem reinen Gewahrsein abgeleitet wird, ist dann der fünfte Schritt –
in dieser Seligkeit lebt der befreite Weise wie im Halbschlaf. Die Selbster-
kenntnis schließlich ist der sechste Schritt, in der der Weise in einer einzigen
Masse von Seligkeit untergetaucht ist und wie im Tiefschlaf lebt. Die siebente
Schritt wird turīya (der transzendentale Zustand) genannt und ist in sich
selbst die Befreiung. In diesem herrschen vollkommener Gleichmut und
Reinheit. Jenseits davon (immer noch der siebente Zustand) ist turīyātīta, der
jenseits jeder Beschreibung ist. Die ersten drei Zustände sind
„Wach“zustände. Der vierte ist der Traumzustand. Der fünfte ist der Tief-
schlaf, weil er voller Seligkeit ist. Der sechste ist turīya bzw. das nonduale
Bewusstsein. Der siebente Zustand ist unbeschreibbar. Wer diesen erreicht



                                      506
hat, ist in reinem Sein, frei von aller Subjekt/Objekt-Getrenntheit, verankert.
Ein solcher Mensch ist weder am Sterben noch am Leben interessiert. Er ist
mit allem eins geworden. Er ist frei von der Individuation. (Hinweis: Bezüg-
lich der Schritte scheint in diesem Absatz etwas Unklarheit zu herrschen.
Geklärt wird diese dann im Kapitel 126 dieses Abschnitts)
   MANU fuhr fort:
                                                                                  VI.1:120,
   Der befreite Weise kann jemand sein, der formell der Welt entsagt hat oder     121,122
auch ganz normal wie ein Haushälter lebt. Da er weiß: „Ich tue nichts“, erfährt
er keinen Kummer. Da er weiß: „Ich bin unberührt, mein Gemüt ist ungerührt
und frei von aller Konditionierung. Ich bin reines und unendliches Bewusst-
sein.“, erfährt er keinen Kummer. Der Erleuchtete, der von den Ideen des „Ich“
und „andere“ befreit worden ist, erfährt keinerlei Kummer. Wo immer er auch
ist und in wessen Gesellschaft er sich auch immer befindet – er weiß, dass
alles, was ist, das ist, was es ist. Er erfährt keinerlei Kummer. Er weiß, dass
alle Himmelsrichtungen angefüllt sind mit dem Strahlen des Selbst, welches
ewiglich ist. Es geschieht in der Tat nur durch die in der Unwissenheit gelebte
Selbstbegrenzung, dass einer Frohlocken und Sorge in ständig wechselnden
Umständen erfährt.. Sobald diese aus der Unwissenheit geborene Selbstbe-
grenzung entweder geschwächt oder zerstört wurde, gibt es da nicht länger
mehr Aufgeregtheit oder Trauer. Diejenigen Handlungen, die aus solcherart
geschwächten vāsanā oder Konditionierungen hervorgehen, sind in Wahrheit
Nicht-Handlungen, deren Samen nicht länger keimen! Ein solcher Mensch
führt seine Tätigkeiten nur noch mit den Gliedern des Körpers aus, während
sein Gemüt und sein Herz im höchsten Frieden ruhen.
   Alle Künste des Menschen gehen aus Mangel an Übung verloren. Diese
Selbsterkenntnis jedoch wächst von Tag zu Tag, sobald sie einmal zum Vor-
schein gekommen ist.
   Die Individualität (die Jīva-schaft) existiert so lange, wie der Wunsch nach
Vergnügen andauert. Auch dieser Wunsch ist aus nichts als Unwissenheit
geboren! Wenn die Selbsterkenntnis auftaucht, schwinden die Wünsche. Mit
ihnen zusammen gibt das Selbst die Idee der Individualität auf und realisiert
seine unendliche Natur. Diejenigen, die Ideen wie „dies ist mein“ und „ich bin
dies“ unterhalten, stürzen in die Grube der Unwissenheit. Diejenigen jedoch,
die diese Ideen in ihrem Herzen und Gemüt aufgegeben haben, steigen höher
und höher hinauf. Gewahre das selbstleuchtende Selbst, welches alles durch-
dringt. Im selben Moment, in dem diese Allgegenwart des Bewusstseins reali-
siert wird, überquert man den Ozean des saæsāra.
  Wisse, dass alles das, was von Brahmā, Vi«ïu usw. getan wird, von dir getan
wird. Was auch immer zu irgendeinem Zeitpunkt gesehen wird, ist nichts als
das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein. Du bist dieses unendliche Be-
wusstsein. Mit was könnte dieses Unvergleichbare verglichen werden? Weder
bist du die Leerheit noch die Nicht-Leerheit, weder Bewusstsein noch Un-
bewusstsein, weder das Selbst noch ein anderes! Ruhe in dieser Erkenntnis.
Weder gibt es einen Ort namens Befreiung noch irgendeinen anderen! Wenn


                                     507
der Ich-Sinn verdorben ist, verdirbt auch die Unwissenheit, und das ist es,
was man als Befreiung bezeichnet.
  Wer diese Selbsterkenntnis erlangt hat, überschreitet das Kastensystem, die
Vorschriften, die die Ordnungen des Lebens betreffen, und die Gebote und
Verbote der Schriften so, wie der Löwe aus seinem Käfig ausbricht. Seine
Handlungen sind unmotiviert und nicht-willentlich, da er von ihren Verdiens-
ten nicht verführt wird. Er ist jenseits von Lobpreis und Tadel, er verehrt
nichts und nimmt auch keinerlei Verehrung entgegen. Weder fühlt er sich
durch andere gestört noch stört er andere. Dieser allein ist würdig der Vereh-
rung, des Lobpreises und des Grußes. Nicht durch Riten und Rituale, sondern
allein durch die Verehrung solcher Weiser erlangt man die Weisheit.

                                    ***


Die Geschichte von Ikåvāku

 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 VI.1:123,
  Nachdem er auf diese Weise von Manu unterrichtet worden war, erlangte             124
Ikåvāku die Erleuchtung. Erwirb auch du diese Haltung, oh Rāma.
  RĀMA fragte:
  Wenn darin die Natur der erleuchteten Person besteht – was sollte dann
daran so außergewöhnlich und wunderbar sein?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Andererseits: Was sollte so ungewöhnlich und wunderbar daran sein, psy-
chische Kräfte wie die Fähigkeit zum Fliegen in der Luft zu erlangen? Die
Natur des Unwissenden besteht in der Abwesenheit des Gleichmuts. Das
Kennzeichen des Erleuchteten ist die Reinheit des Gemüts und die Abwesen-
heit des Verlangens. Der Erleuchtete ist überhaupt nicht durch Merkmale
charakterisierbar. Er ist frei von Verwirrung und Täuschung. Saæsāra ist für
diesen an ein Ende gelangt. Süchte, Ärger, Gram, Täuschung, Gier und andere
ähnliche katastrophale Eigenschaften sind in ihm auf ein Minimum reduziert.
  Der Höchste Herr nimmt die Gestalt der Individualität (jīva) an. Die Ele-
mente tauchen im Kosmos ohne irgendeinen wie auch immer gearteten
Grund auf. Das Individuum, aus dem Höchsten Herrn hervorgegangen, erfährt
die Elemente (Objekte) so, als wären sie von ihm selbst (dem Individuum)
erzeugt worden. Auf diese Art tauchen alle die jīvas auf und sind tätig, ohne
dass es dafür einen offenbaren Grund gibt. Jedoch beginnen nun alle ihre
individuellen Handlungen zur Quelle aller nachfolgenden Erfahrungen von
Vergnügen und Schmerz zu werden. Es ist die Begrenztheit des eigenen Ver-
ständnisses, welches zur Ursache der individuellen Handlungen wird.




                                    508
Die Ursache der Bindung ist das eigene begrenzte Verständnis, während die
            Abwesenheit davon Befreiung ist. Gib daher sämtliche Ideenbildungen
            (saÇkalpa) auf. Sobald du von irgendetwas hier angezogen wirst, trittst du in
            die Bindung ein; bist du dagegen von überhaupt nichts angezogen, bist du
            frei. Was auch immer du tust und wessen auch immer du dich erfreust, tust
            du nicht wirklich, und du erfreust dich dessen auch nicht wirklich. Wisse dies
            und sei frei.
              Alle diese Ideen existieren allein im Verstand. Unterwirf mit Hilfe des Ver-
            standes den Verstand. Reinige den Verstand mit der Hilfe des Verstandes.
            Zerstöre den Verstand mit der Hilfe des Verstandes. Erfahrene Wäscher wa-
            schen Schmutz mit der Hilfe von Schmutz aus. Ein Dorn wird durch einen
            zweiten Dorn entfernt. Gift neutralisiert Gift. Der jīva verfügt über drei Kör-
            per, nämlich den groben, den subtilen und den höchsten. Der physische Kör-
            per stellt die grobe Form dar. Das Gemüt mit seinen Ideen und Begrenzthei-
            ten ist der subtile Körper. Gib diese beiden auf und nimm Zuflucht zum höchs-
            ten, der die Realität selbst ist: Reines, unmodifiziertes Bewusstsein. Dies ist
            das kosmische Wesen. Verbleibe darin verankert, nachdem du die ersten
            beiden entschlossen zurückgewiesen hast.
              RĀMA fragte:
VI.1:124,     Bitte beschreibe den Zustand von turīya, der den Wach-, Traum- und Tief-
   125      schlafzustand durchzieht, ohne als solcher erkannt zu werden.
              VASIåèHA fuhr fort:
              Derjenige Zustand wird turīya (vierter Zustand) genannt, der rein und ge-
            lassen ist, der leer vom Ich-Sinn und Nicht-Egosinn wie vom Realen und
            Irrealen und der frei ist. Es ist der Zustand des befreiten Weisen. Es ist das
            ungebrochene Zeugenbewusstsein. Er ist unterschieden von den Wach- und
            Traumzuständen, die durch Gedankenbewegungen gekennzeichnet sind; er
            ist unterschieden vom Tiefschlafzustand, der durch Trägheit und Unwissen-
            heit gekennzeichnet ist. Sobald der Ich-Sinn aufgegeben wurde, kommt der
            Zustand des vollkommenen Gleichgewichts zum Vorschein, in dem turīya sich
            selbst manifestiert.
              Ich werde nun ein Gleichnis erzählen, und wenn du dieses vernimmst, wirst
            du sogar dann noch Erleuchtung erfahren, falls du bereits erleuchtet sein
            solltest! In einem gewissen Wald gab es einen großen Weisen. Ein Jäger be-
            merkte diesen außergewöhnlichen Weisen, näherte sich ihm und fragte ihn
            folgendes: „Oh Weiser, ein Hirsch, verwundet von meinem Pfeil, muss diesen
            Weg hier genommen haben. Teile mir mit, wo ich ihn finde.“ Der Weise erwi-
            derte: „Wir sind heilige Männer, die diesen Wald bewohnen. Von Natur aus
            sind wir Friede. Wir sind frei vom Ich-Sinn. Der Ich-Sinn und das Gemüt, die
            die Tätigkeiten der Sinne ermöglicht haben, sind zu einem Stillstand gekom-
            men. Ich weiß nicht mehr, was das sein soll, was man als Wachen, Traum und
            Tiefschlaf bezeichnet. Ich bin verankert im turīya. In diesem Zustand gibt es




                                                 509
keinerlei Objekte zu sehen!“ Der Jäger vermochte die Bedeutung der Worte
des Weisen nicht zu erfassen. Er ging schließlich seiner Wege.
  So habe ich dir also nun zu verstehen gegeben, oh Rāma, dass es nichts als
nur turīya gibt. Turīya ist unmodifiziertes Bewusstsein, und dieses ist alles,
was existiert. Wachen, Träumen und Schlafen sind Zustände des Gemüts.
Hören sie auf, stirbt das Gemüt. Dann existiert nur noch satva – und das ist es,
was die Yogis zu erlangen trachten.
  Und darin besteht das Ergebnis aller Schriften: In Wahrheit gibt es weder
Avidyā (Unwissenheit) noch Māyā; nur Brahman allein existiert. Manche
nennen dies Leerheit, andere reines Bewusstsein, wieder andere den Höchs-
ten Herrn. Darüber streiten sie sich dann untereinander. Gib alle diese Ideen
auf. Ruhe im nirvāņa ohne jede Gedankenbewegung, mit einem weitgehend
„geschwächten“ Gemüt und befriedeter Verstandestätigkeit. Ruhe auf diesel-
be Art im Selbst, als ob du taub, stumm und blind wärest. Im Innern gib alles
auf und befasse dich im Außen mit den der Situation angemessenen Hand-
lungen. Es ist die Existenz des Gemüts, die Glück, und es ist die Existenz des
Gemüts, die Unglück entstehen lässt. Lass all dieses einfach vergehen, indem
du dein Gemüt unbeachtet lässt. Verbleibe unberührt von dem, was anzie-
hend und abstoßend ist. Allein schon durch diese Eigenbemühung wird die-
ser saæsāra überwunden! Indem du Vergnügen und Schmerz und allem Da-
zwischenliegenden nicht mehr gewahr bist, gehst du jenseits des Kummers.
Schon durch diese geringfügige Eigenbemühung erlangst du das Unendliche.
  RĀMA fragte:
                                                                                   VI.1:126
  Wie sind die sieben Stufen des Yoga zu verstehen? Worin bestehen die
Kennzeichen dieser sieben Stufen?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Der Mensch ist entweder ein Akzeptierender (prav−tta) oder Verneinender
                                                      −
(niv−tta) der Welt. Der erstere sagt sich: „Was sollte es mit dieser Befreiung
    −
schon auf sich haben? In meinem Fall ist dieser saæsāra und das Leben darin
das Beste!“, und befasst sich sodann weiter mit der Ausübung seiner weltli-
chen Aufgaben. Nach vielen Geburten erlangt er schließlich Weisheit. Er er-
kennt, dass die Tätigkeiten der Welt in nichts anderem als sinnlosen Wieder-
holungen des Immergleichen bestehen und wünscht seine Lebenszeit nicht
mehr damit zu verschwenden. Er denkt sich: „Worin liegt der Sinn von all
diesem? Möge ich doch gänzlich Abstand davon nehmen!“ Dann wird er als
niv−tta angesehen.
   −
  Nun fragt er sich wieder und wieder: „Wie kann ich Leidenschaftslosigkeit
kultivieren und so diesen Ozean des saæsāra überqueren?“ Und mit jedem
weiteren Tag erzeugt allein dieser Gedanke selbst die Leidenschaftslosigkeit
in ihm, bis schließlich Frieden und Freude in seinem Herzen auftauchen. Für
die Aktivitäten des weltlichen Jahrmarktes interessiert er sich nicht mehr,
anstelle dessen pflegt er nun verdienstvolle Tätigkeiten. Er fürchtet auch die
Sünde. Seine Redeweise ist den Umständen angemessen und sanft, wahrhaf-


                                     510
tig und süß. Damit hat er den ersten Schritt auf der Leiter der yoga-bhÆmikā
(des Yoga-Zustands) getan. Er ist dem Dienst an den Heiligen hingegeben. Er
wendet sich den Schriften zu, wann und wo immer er sie antrifft, und studiert
sie. Sein beständiges Bestreben ist nun die Überquerung des Ozeans von
saæsāra. Er allein ist der wahre Suchende – andere dagegen sind nur selbst-
süchtig.
  Dann betritt er die zweite Stufenleiter des Yoga, die vicāra, Ergründung, ge-
nannt wird. Eifrig sucht er nun Zuflucht in der Gemeinschaft mit den Heiligen,
die in den Schriften und in spirituellen Übungen gut bewandert sind. Er weiß
nun, was zu tun und zu unterlassen ist. Er hat Böses wie Eitelkeit, Eifersucht,
Verblendung und Gier hinter sich gelassen. Von den Lehrern hat er alle Ge-
heimnisse des Yoga erfahren. (Hinweis: Vicāra meint natürlich „direkte Be-
obachtung“ bzw. „in etwas hineinschauen“)
  Sehr schnell schreitet er sodann zur dritten Stufe des Yoga fort, die man
asaæsaÇga, Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit nennt. Nun durchwandert er in
Abgeschiedenheit die Wälder und strebt nach der Stillung des Gemüts. Die
Liebe zu den Schriften und tugendhaftes Betragen verleihen ihm schließlich
den Einblick in die tiefen Wahrheiten. Die Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit tritt
in zwei Formen auf, nämlich der gewöhnlichen und der vorzüglichen. Derje-
nige, der die erste Form dieser Freiheit praktiziert, empfindet wie folgt: „We-
der bin ich der Täter noch der Genießende; weder betrübe ich andere noch
werde ich von anderen betrübt. All dies geschieht nur aufgrund des vergan-
genen Karma unter der Ägide Gottes. Ich tue überhaupt nichts – sei dann nun
Schmerz oder Vergnügen, Glück oder Missgeschick. All dieses, auch Begeg-
nung und Trennung, psychische Verwirrtheit und physische Krankheit, wird
allein von den Umständen im Verlaufe der Zeit erzeugt.“ Auf diese Weise
denkend ergründet und erfährt er die Wahrheit. Er praktiziert damit die
gewöhnliche Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Durch fleißiges Üben dieser yogischen Methoden, ferner durch Zu-
fluchtnahme zur Gemeinschaft mit den Heiligen und Vermeiden schlechter
Gesellschaft wird die Wahrheit schließlich offenbar. Wenn so jemand dann
schließlich das Höchste realisiert hat, welches die einzige Essenz oder Wahr-
heit jenseits dieses Ozean von saæsāra ist, erkennt er folgendes: „Ich bin
nicht der Täter, sondern Gott allein ist der Täter. Nicht einmal in der Vergan-
genheit habe ich selbst jemals etwas getan.“ Er gibt die eitlen und bedeu-
tungslosen Worte auf und verbleibt still im Innern und im Geist. Darin be-
steht die vorzügliche Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit. Ein solcher Mensch hat
sämtliche Abhängigkeiten, unten wie oben, innerhalb wie außerhalb,
berührbare und unberührbare, fühlende und nicht-fühlende, aufgegeben. Er
strahlt wie der stützenlose und unbegrenzte Raum selbst. Dies ist die vorzüg-
liche Freiheit. In dieser erfreut sich der Mensch des Friedens und der Zufrie-
denheit, der Tugend und der Reinheit, der Weisheit und der Selbst-
Ergründung.


                                     511
RĀMA fragte:
  Wie aber wäre es einer unwissenden Person möglich, diesen Ozean von
saæsāra zu überqueren, die in einer sündhaften Familie aufgewachsen ist
und die Gemeinschaft mit den Heiligen vermissen musste? Und was geschieht
mit jemandem, der stirbt, während er sich noch auf der ersten, der zweiten
oder der dritten Stufe des Yoga befindet?
  VASIåèHA sprach:
  Nach vielen, sehr vielen Leben wird der unwissende Mensch irgendwann
durch ein beiläufiges Ereignis erweckt. Bis dahin hat er diesen saæsāra er-
fahren und durchlebt. Sobald Leidenschaftslosigkeit in seinem Herzen ent-
steht, beginnt sich der saæsāra zurückzuziehen. Sogar schon eine nur unvoll-
kommene Praxis dieses Yoga zerstört die Auswirkungen vergangener Sünden.
Wer während der Ausübung dieser Praxis den Körper verlässt, steigt in den
Himmel auf und wird unter Umständen wiedergeboren, die günstig zum
Fortsetzen der von ihm begonnenen Praxis sind. Schon sehr bald wird er
dann die Leiter des Yoga höher hinaufklettern.
  Diese drei Zustände werden als „Wachzustand“ bezeichnet, weil es in ihnen
noch eine Getrenntheit im Bewusstsein gibt. Der Praktizierende gilt in diesen
Zuständen jedoch bereits als eine verehrungswürdige Person (ārya). Unwis-
sende, die ihn bemerken, werden durch ihn inspiriert. Derjenige ist vereh-
rungswürdig (ārya), der sich mit rechtschaffenen Handlungen befasst und
das Sündhafte vermeidet. Diese verehrungswürdige Heiligkeit befindet sich
auf der ersten Stufe des Yoga in einem Samenzustand. Sie beginnt auf der
zweiten Stufe zu reifen und beginnt auf der dritten Stufe des Yoga Früchte zu
tragen. Wer den Status eines Verehrungswürdigen (ārya) erlangt und ganz
offensichtlich edle Gedanken kultiviert hat und dann stirbt, erfreut sich einer
sehr langen Zeit lang der Wonnen des Himmels und wird dann als Yogi wie-
dergeboren. Durch fleißiges Praktizieren der ersten drei Stufen des Yoga wird
die Unwissenheit zerstört und das Licht der Weisheit kommt im Herzen des
Menschen zum Vorschein.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Als einen im vierten Zustand des Yoga Befindlichen erachten die Yogis den-
jenigen, der in allem ein von aller Getrenntheit freies Gemüt zeigt. Die
Getrenntheit hat aufgehört, während die Einheit stetig empfunden wird. Ein
solcher Mensch betrachtet die Welt daher wie einen Traum.
  Im fünften Zustand verbleibt als einziges nur die ungeteilte Wirklichkeit. Er
ähnelt daher dem Tiefschlaf. Wer diesen Zustand erlangt hat, während er
noch mit verschiedenen äußeren Tätigkeiten befasst ist, ruht in sich selbst.
  Nachdem der Yoga so von Stufe zu Stufe fortgeschritten ist, erreicht er
schließlich die sechste, die turīya ist. In diesem Zustand erkennt er: „Ich bin
weder real noch irreal und auch nicht egolos. Ich bin jenseits von Dualität
und Einheit. Sämtliche Zweifel sind an ein Ende gelangt.“ Er verbleibt nun wie
das Bildnis einer gemalten Lampe (d.h., er hat nirvāņa – nämlich den Zustand


                                     512
der Lampe ohne Brennstoff – noch nicht erreicht hat, ist aber doch so still wie
           eine gemalte Lampe). Leer ist er im Innern, leer Außen, leer wie ein leeres
           Gefäß. Gleichzeitig ist er jedoch voll im Innern wie im Außen, wie ein ins
           Wasser eingetauchtes Gefäß.
             Diejenigen, die schließlich den siebenten Zustand erreicht haben, nennt
           man „körperlose, befreite Wesen“. Ihr Zustand entzieht sich jeder Beschrei-
           bung durch Worte. Und doch sind verschiedentlich Versuche einer Beschrei-
           bung unternommen worden.
             Diejenigen, die diese sieben Stufen praktizieren, gelangen nie wieder unter
           den Einfluss des Kummers. Man muss wissen, dass es da in einem Wald einen
           umherstreifenden Elefanten gibt, der schreckliche Verwüstungen anrichtet.
           Sobald dieser Elefant getötet wurde, hat der Mensch auf allen sieben Stufen
           den Sieg errungen – nicht aber früher. Der Name des Elefanten ist „Wunsch“.
           Er wandert in dem Urwald umher, den man den Körper nennt. Rasend macht
           ihn die Sinnlichkeit. Unablässig und ruhelos wird er von der Konditionierung
           und den Neigungen (vāsanā) umhergetrieben. Dieser Elefant zerstört alles in
           dieser Welt. Er wird mit verschiedenen Namen genannt wie Wunsch, vāsanā
           (Neigungen bzw. mentale Konditionierung), Gemüt, Gedanke, Gefühl, Anhaf-
           tung u.a. Er muss mit den Waffen des Mutes und der Tapferkeit und der aus
           der Realisierung der Einheit entstandenen Entschlossenheit erschlagen wer-
           den.
             Wünsche entstehen nur so lange, wie man an die objektive Existenz von et-
           was glaubt! Und darin allein besteht dieser saæsāra – nämlich in dem Emp-
           finden von „dieses ist“. Das Aufhören dessen ist Befreiung (mokåa). Darin
           besteht die Essenz von jñāna oder Weisheit. Das Wahrnehmen von „Objekten“
           lässt die Wünsche hervortreten. Das Nicht-Wahrnehmen von Objekten been-
           det die Wünsche. Wenn die Wünsche enden, wirft der jīva seine Selbstbe-
           grenzung ab. Aus diesem Grund gibt die große Seele alle Gedanken an Erfah-
           renes und noch nicht Erfahrenes auf. Ich erkläre hiermit mit hochgereckten
           Armen, dass der gedankenfreie und ideenfreie Zustand der beste ist. Er ist
           der Herrschaft über die gesamte Welt unendlich überlegen. Nicht-Denken ist
           Yoga. Führe in diesem Zustand ruhend die angemessenen Handlungen aus
           oder tue gar nichts! So lange da die Gedanken an „ich“ und „mein“ andauern,
           gelangen die Sorgen nicht an ein Ende. Hören diese Gedanken auf, dann hö-
           ren auch die Sorgen auf. Wisse dies und tue dann, wie es dir beliebt (Hinweis:
           Im Originaltext dieses Absatzes werden für Worte wie „Denken“ und „Nicht-
           Denken“ die Wörter „samvedanam“ und „asamvedanam“ verwendet. Diese
           Wörter beinhalten weitaus mehr als das bloße Denken. Mit dem Wort
           „samvedanam“ sind auch das Erkennen, das Fühlen, die Erfahrung und das
           Wissen gemeint).
             VùLMýKI sprach zu Bharadvāya:
VI.1:127
             Nachdem er der Quintessenz der höchsten Weisheit gelauscht und von
           śakti-pāta überwältigt war, verblieb Rāma eine Zeitlang eingetaucht in den
           Ozean der Seligkeit. Er hatte aufgehört, Fragen zu stellen, Antworten zu er-


                                                513
heischen und nach dem Verstehen ihres Sinns zu streben. Er befand sich
verankert im höchsten Zustand der Selbsterkenntnis.
  BHARADVĀYA fragte:
  Oh Lehrer! Es ist eine Freude zu sehen, dass Rāma nun den vorzüglichen
Zustand erlangt hat. Wie aber ist es für Menschen wie uns, die närrisch, un-
wissend und voll sündhafter Veranlagung sind, möglich, diesen Zustand zu
gewinnen, der sogar für Götter wie Brahmā schwer zu gewinnen ist?
  VùLMýKI sagte:
  Ich habe euch in Gänze diesen Dialog zwischen Rāma und Vāsi«Âha wieder-
erzählt. Bedenkt ihn wohl. Denn die darin enthaltenen Instruktionen gelten
auch für euch.
  Es gibt keine Getrenntheit in dem Bewusstsein, die man Welt nennen könn-
te. Befreit euch durch Praktizieren der euch hier enthüllten Geheimnisse von
der Idee der Getrenntheit. Wach- und Schlafzustand sind Teile dieser Schöp-
fung. Erleuchtung ist durch das reine, innere Licht gekennzeichnet. Diese
Schöpfung hier entsteht aus dem Nichts und löst sich in nichts auf. Ihre wahre
Natur ist die Leerheit, sie existiert nicht. Aufgrund der anfangslosen und
falschen Selbstbegrenzung erweckt diese Schöpfung den Anschein von Exis-
tenz und erzeugt im Zuge dessen endlose Verwirrung. Ihr seid verblendet,
weil ihr euch nicht wieder und wieder und häufig die Wahrheit des unendli-
chen Bewusstseins ins Gedächtnis ruft, sondern anstelle dessen das Gift der
Selbstbegrenzung und der sich daraus ergebenden psychologischen Kondi-
tionierung genießt.
  Diese Verblendung wird anhalten, bis ihr die Füße der erleuchteten Weisen
erreicht und von ihnen das rechte Wissen erfahren habt. Ihr Teuren – das,
was nicht am Anfang existiert hat, wird auch nicht am Ende existieren, und es
existiert noch nicht einmal jetzt. Diese Welterscheinung ist wie ein Traum.
Die einzige Realität, in der sie auftaucht und wieder verschwindet, ist das
unendliche Bewusstsein. Im Ozean des saæsāra bzw. der Unwissenheit taucht
aufgrund der anfangslosen, potentiellen Mächte der Selbstbegrenzung die
Idee des „Ich“ auf. Die Bewegung der Gedanken schafft sodann weitere Ideen
wie die des „Meins-sein“, der „Anziehung“, „Abstoßung“ und noch andere.
Sobald diese Ideen einmal im eigenen Bewusstsein Wurzeln geschlagen ha-
ben, wird man unvermeidbar eine Beute endloser Schwierigkeiten und Sor-
gen.
  Tauche tief in den inneren Frieden, nicht aber in den See der Vielfalt. Wer
lebt, wer ist tot, wer ist gekommen – weshalb beschäftigst du deinen Geist
vergeblich mit solchen falschen Ideen? Wenn das eine Selbst die einzige
Wirklichkeit ist – wo wäre dann noch Raum für „anderes“? Die Theorie, dass
Brahman als die Welt erscheint (so wie eine Schlange im Seil wahrgenommen
wird), ist nur zur Unterhaltung der Kindischen und Unwissenden gedacht.
Der Erleuchtete ruht für immer in der Wahrheit, die nicht einmal den An-
schein von Unterschiedenheit aufweist.


                                    514
VùLMýKI fuhr fort:
  Unwissende Menschen, die die Abgeschiedenheit nicht schätzen, versinken
im Schlamm des Grams und lächeln nur gelegentlich einmal. Die Kenner der
Wahrheit dagegen sind immer glücklich und lächeln fortwährend. Die Wahr-
heit bzw. das Selbst ist subtil und erscheint aufgrund dessen als verdunkelt
von der Unwissenheit. Aber auch falls man an die atomare Substanzialität der
Welt glauben sollte, würde das Selbst nicht verschwinden. Weshalb trauerst
du dann? Das Unwirkliche (die Unwissenheit usw.) tritt weder zu irgendei-
nem Zeitpunkt ins Dasein noch hört die Wirklichkeit bzw. das Selbst jemals
auf zu sein.
  Und doch entsteht aus den unterschiedlichsten Gründen die Verwirrung.
Verehre, um diese zu überwinden, den Höchsten Herrn, der der Lehrer des
gesamten Universums ist. Deine sündigen Karmas sind noch nicht von dir
abgefallen, sondern zur Schlinge geworden, die dich fesselt. Übernimm, so
lange bis dein Gemüt ein Nicht-Gemüt (satva) geworden ist, die Haltung der
Verehrung von Name und Form. Danach wirst du in der Kontemplation des
Absoluten verankert sein. Gewahre dann, und sei es auch nur für einen einzi-
gen Augenblick, mit dem Selbst das innere Selbst im inneren Licht.
  Das Höchste wird von denjenigen erlangt, die durch Eigenbemühung und
rechte Handlungen die Gnade des Höchsten Herrn erlangt haben. Die vergan-
genen Gewohnheiten und Neigungen sind sehr stark. Bloße Eigenbemühung
ist daher nicht ausreichend. Sogar die Götter erweisen sich als unfähig, dem
Unvermeidlichem (dem Schicksal) aus dem Weg zu gehen. Alle sind dieser
Weltordnung (niyati), die jenseits von Denken und Ausdruck ist, unterworfen.
  Der spirituelle Held jedoch sollte stets fest in der Überzeugung verwurzelt
sein, dass ihm die Erleuchtung, wenn auch vielleicht erst nach mehreren
Inkarnationen, gewiss ist. Durch sündige Handlungen wird einer an diesen
saæsāra gebunden, und durch rechte Handlungen wird er frei! Durch die
gegenwärtigen rechten Handlungen werden die Wirkungen der vergangenen
sündigen Taten schwächer. Wenn du alle deine Handlungen Brahman hin-
gibst, wirst du niemals wieder in diesem Mahlstrom des saæsāra
umhergewirbelt werden.
  Sieh doch, wie die unwissenden Menschen in dieser Welt durch den großen
Regisseur, die Zeit, dazu gebracht werden, die unterschiedlichsten Rollen zu
spielen. Die Zeit erschafft, bewahrt und zerstört. Weshalb erregst du dich
über den Verlust des Wohlstands usw., und weshalb bringst du dich selbst
zum tanzen? Sei still und bezeuge diesen kosmischen Tanz! Diejenigen, die
den Göttern, den heiligen brāhmaņas und dem Guru hingegeben sind und
unerschütterlich an den Grundsätzen der Lehren festhalten, erwerben sich
die Gnade des Allerhöchsten Herrn.
  BHARADVĀYA fragte:
  Hoher Herr, ich habe nun erfahren, was es zu erfahren gibt. Ich weiß nun,
dass es keinen größeren Freund als die Leidenschaftslosigkeit (vairāgya) und


                                    515
keinen größeren Feind als saæsāra gibt. Ich wünsche jetzt von dir über die
           eigentliche Essenz der Unterweisungen des heiligen Weisen Vāsi«Âha aufge-
           klärt zu werden.
             VùLMýKI erwiderte:
            Oh Bharadvāya, höre, was ich dir nun mitteilen werde. Nur durch bloßes
           Zuhören schon wirst du niemals wieder in diesem saæsāra ertrinken.
            VùLMýKI fuhr fort:
VI.1:128
             Im Innern sollte man sich im Frieden befinden, wobei man das Gemüt be-
           herrscht, verbotene und selbstsüchtige Handlungen aufgegeben und die aus
           den Sinneskontakten entstehenden Lüste beseitigt hat. Man sollte sich ferner
           mit der Tugend des Glaubens versehen. Dann sollte ein solcher Mensch sich
           auf einer weichen Unterlage in bequemer Haltung, die das Gleichgewicht
           unterstützt, niederlassen. Anschließend sollte er die Tätigkeiten des Gemüts
           und der Sinne bezähmen. Er sollte wiederholt OM intonieren, bis das Gemüt
           völligen Frieden erlangt hat.
             Führe dann zur Reinigung des Gemüts usw. prāïāyāma aus. Trenne sanft
           und nach und nach die Sinne vom Kontakt mit ihren Objekten. Forsche nach
           der Methode, mit deren Hilfe du die Quelle des Körpers, der Sinne, des Ge-
           müts und der buddhi (innere Intelligenz) kennenlernen kannst und lass sie in
           ihre Quelle zurückkehren. Ruhe als erstes im kosmischen, manifestierten
           Wesen (virāÂ). Ruhe anschließend im Unmanifestierten und schließlich in der
           höchsten Ursache von allem.
             Auf diese Weise werden alle diese Faktoren in ihre Quelle zurückgeführt.
           Der physische Körper (das Fleisch usw.) ist Erde und kehrt zur Erde zurück.
           Das Blut usw. ist flüssig und kehrt zum Wasserelement zurück. Das Feuer
           (Hitze) und das Licht im Körper gehören zum Feuerelement – dahin kehren
           sie zurück. Die Winde wiederum werden den kosmischen Winden dargebo-
           ten. Der Raum verschmilzt mit dem Raum.
             Ähnlich dazu kehren die Sinne in ihre Quelle zurück: Der Hörsinn in den
           Raum, der Tastsinn in die Luft, der Gesichtssinn in die Sonne, der Ge-
           schmackssinn ins Wasser. Der Lebensatem kehrt zur Luft zurück, die Kraft
           der Rede ins Feuer, die Hände kehren zu Indra zurück, die Kraft der Fortbe-
           wegung zu Viåņu, das Reproduktionsorgan zu Kaśyapa, das Exkretionsorgan
           zu Mitra, das Gemüt zum Mond und die buddhi zu Brahman, denn alle diese
           sind die Gottheiten, die die Herrscher über diese Organe sind, welche nicht
           von einem selbst (dem „Ich“) geschaffen wurden. Nachdem auf diese Weise
           alle zu ihrer Quelle zurückgekehrt sind, siehe als nächstes dich selbst als das
           kosmische Wesen (virāÂ). Der Höchste Herr, der als zwiegeschlechtlich (d.h.,
           als Bewusstsein und Energie) im Herzen des Universums wohnt, ist sein
           Träger.
             In diesem Universum nehmen die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und
           Raum jedes für sich die doppelte Größe des Elements davor an. Löse die Erde
           im Wasser, das Wasser im Feuer, das Feuer in der Luft und die Luft im Raum


                                                516
auf. Der Raum sollte mit dem kosmischen Raum, der die Ursache von allem
ist, verschmolzen werden. Der Yogi, sodann für einen Augenblick in seinem
subtilen Leibe ruhend, sollte folgendes empfinden: „Ich bin das Selbst von
allem“, und dabei alle Selbstbegrenzung abgelegt haben. Das, worin dieses
Universum ruht und welches leer von Name und Form ist, wird von einigen
prak−ti (Natur), von anderen Māyā (Illusion) und von wieder anderen „sub-
      −
atomar“ genannt. Es wird ferner auch avidyā (Unwissenheit) genannt . Alle
diese Bezeichnungen tragen das Zeichen der Verwirrung durch die Polemik
der Worte. In Diesem existieren alle Dinge in ihrem unmanifestierten Zustand
und ohne Beziehung miteinander. Sie kommen aus ihm heraus zum Vorschein
und existieren als solche darin für die Dauer des Weltzyklus. Äther, Luft ,
Feuer, Wasser und Erde – darin besteht die Ordnung der Schöpfung. Die Auf-
lösung findet in umgekehrter Reihenfolge statt. Durch die Aufgabe der drei
Zustände (Wachen, Träumen und Schlaf) wird turīya erlangt. In der Meditati-
on versinkt sogar der subtile Körper im Höchsten.
  BHARADVĀYA sprach:
  Hoher Herr, ich bin nun frei vom subtilen Körper und schwimme im Ozean
der Seligkeit. Ich bin das unteilbare Selbst, welches das höchste Selbst ist und
in sich selbst die zwei Mächte des Bewusstseins und des Unbewusstseins
besitzt. So wie in Feuer geworfenes Feuer zu ununterscheidbarem Feuer oder
in die See geworfenes Stroh usw. zu Salz wird, so wird diese leblose Welt, dem
unendlichen Bewusstsein dargeboten, eins mit ihr. So wie eine in die See
geworfene Salzpuppe ihren Namen und ihre Form aufgibt und eins mit dem
Ozean wird, mit Wasser gemischtes Wasser Wasser oder mit Butter gemisch-
te Butter Butter ergibt, so bin auch ich in dieses unendliche Bewusstsein
eingetreten.
  „Ich bin dieses höchste Brahman, welches ewiglich, allgegenwärtig, rein,
friedlich, unteilbar und frei von Bewegung ist, welches weder Anhäufen noch
Zerstreuen kennt, dessen Gedanken sich jedoch materialisieren, welches frei
von Verdiensten und Tadeln ist, welches die Quelle dieses Universums und
das Höchste Licht ist, welches Eines ohne ein Zweites ist“. Auf diese Weise
sollte man kontemplieren. Dann hört irgendwann die Aufgewühltheit des
Gemüts auf. Sobald die Bewegung des Gemüts aufgehört hat, erstrahlt das
Selbst in seinem eigenen Licht. In diesem Licht gelangt aller Gram an sein
Ende, und es gibt dann die Seligkeit, die das Selbst in sich selbst erfährt. Es
gibt dann ein direktes Gewahrsein der Wahrheit: „Nichts als das Selbst ist!“.
  VùLMýKI sprach:
  Teurer Freund, wenn du diesen Wahn genannt saæsāra an ein Ende gelan-
gen sehen möchtest, dann gib alle Tätigkeiten auf und werde zum Liebhaber
Brahmans.
  BHARADVĀYA sprach:
  Oh Guru, dein erleuchtender Diskurs hat mich in der Gänze erweckt. Meine
Vernunft ist nun rein und die Welterscheinung erstreckt sich nicht länger vor


                                     517
meinen Augen! Ich wünsche jetzt zu wissen, was die Menschen der Selbster-
kenntnis tun. Besitzen sie überhaupt noch irgendwelche Pflichten?
  VùLMýKI sprach:
  Diejenigen, die nach Befreiung verlangen, sollten sich nur noch mit solchen
Tätigkeiten befassen, die frei von Fehlern sind. Sie sollten von allen selbst-
süchtigen und sündigen Handlungen Abstand nehmen. Wenn die Eigenschaf-
ten des Gemüts fahrengelassen werden, übernimmt das Gemüt die Eigen-
schaften des Unendlichen. Der jīva ist befreit, wenn einer denkt: „Ich bin das,
was jenseits des Körpers, des Gemüts und der Sinne ist“; wenn einer frei von
den Ideen des „Ich bin der Täter“ und „Ich bin der Genießende“ und von allen
Wahrnehmungen von Schmerz und Vergnügen ist; wenn einer erkennt, dass
alle Wesen im Selbst sind und das Selbst in allen Wesen; wenn einer die Zu-
stände des Wachens, Träumens und Tiefschlafes gehen lässt und im trans-
zendentalen Bewusstsein verbleibt. Darin besteht der Zustand der Seligkeit,
welcher selbst das unendliche Bewusstsein ist. Tauche ein in diesen Ozean
aus Nektar, voll von Frieden, aber tauche nicht in die Vielfalt ein.
  Somit habe ich dir also den Vortrag des Weisen Vāsi«Âha kundgetan. Festige
dein Gemüt durch Praxis. Wandle den Pfad der Weisheit und des Yoga. Du
wirst schließlich alles erreichen.
  VùLMýKI fuhr fort:
  Als er bemerkte, dass Rāma völlig vom Selbst absorbiert war, sprach
Viśvamitra zu dem Weisen Vāsi«Âha: „Oh Sohn des Schöpfers, oh Heiliger, in
der Tat bist du ein Großer. Du hast durch diese śakti-pāta (direkte Übertra-
gung der spirituellen Energie) bewiesen, der Guru zu sein, der du bist. Der ist
der Guru, der durch einen Blick, eine Berührung, durch verbale Kommunika-
tion oder durch Gnade das Gottesbewusstsein im Schüler zu erwecken ver-
mag. Die spirituelle Vernunft des Schülers wird jedoch erst dann erwachen,
wenn er sich selbst von den dreifachen Unreinheiten befreit hat und aufgrund
dessen die Kühnheit seiner Vernunft befördert hat. Bringe jedoch bitte, oh
Weiser, Rāma zurück in das Körperbewusstsein, denn er hat noch viele Dinge
zum Zweck der Wohlfahrt der drei Welten und meiner eigenen zu erledigen.“
  Sämtliche versammelten Weisen und andere Teilnehmer der Zusammen-
kunft verbeugten sich vor Rāma. Dann sagte Vāsi«Âha zu Viśvamitra: „Bitte
teile mir mit, wo in Wahrheit Rāma sich jetzt befindet.“ Viśvamitra sprach zu
ihm: „Rāma ist die höchste Person der Gottheit selbst. Er ist der Schöpfer,
Beschützer und Erlöser. Er ist der Höchste Herr und der Freund aller. Er ma-
nifestiert sich auf verschiedene Art – manchmal als voll erleuchtetes Wesen,
manchmal als ein Unwissender. In Wahrheit ist er der Gott der Götter, sämtli-
che Götter sind nichts als Teilmanifestationen von ihm. Gesegnet ist dieser
König Daśaratha, dessen Sohn der Lord Rāma selbst ist. Gesegnet ist Rāvaïa,
dessen Kopf in die Hände Rāmas fallen wird. Oh Weiser Vāsi«Âha – bitte brin-
ge ihn freundlicherweise ins Körperbewusstsein zurück.“




                                     518
Vāsi«Âha sprach zu Rāma: „Oh Rāma, Zeit zur Ruhe ist jetzt nicht! Erhebe
         dich und bringe der Welt Freude. Solange Menschen noch in Bindung leben,
         ist es nicht recht für den Yogi, im Selbst untergetaucht zu verbleiben.“ Rāma
         reagierte nicht auf diese Worte. Daraufhin betrat Vāsi«Âha das Herz Rāmas
         durch dessen suåumnā-nā¬ī. Das prāïa in Rāma begann sich zu bewegen und
         sein Gemüt zu arbeiten. Der jīva, der die Form des inneren Lichts hat, ver-
         streute seinen Glanz auf sämtliche nā¬īs des Körpers. Rāma öffnete leicht die
         Augen und gewahrte Vāsi«Âha vor sich. Rāma sprach zu Vāsi«Âha: „Es gibt
         nichts, was ich tun oder unterlassen sollte. Jedoch sollten deine Worte stets
         gewürdigt werden.“ Indem er sprach, legte Rāma seinen Kopf auf die Füße
         des Heiligen und erklärte dann: „Hört alle her! Es gibt nichts Höheres als die
         Selbsterkenntnis, nichts Höheres als den Guru.“
           Alle versammelten Weisen und himmlischen Wesen ließen einen Blumen-
         regen auf Rāma herniederfallen und segneten ihn. Dann verabschiedeten sie
         sich von der Versammlung.
           So habe ich dir, oh Bharadvāya, die Geschichte von Rāma erzählt. Erlange
         durch Praxis dieses höchsten Yoga die höchste Seligkeit. Wer diesem Dialog
         zwischen Rāma und Vāsi«Âha immer wieder lauscht, ist befreit, wie auch
         immer die Umstände seines Lebens sein sollten, und erlangt die Erkenntnis
         des Brahman.
           RĀMA fragte:
VI.2:1
           Wenn man die Tätigkeiten und den Willen zur Ausübung von Tätigkeiten
         aufgibt, fällt der Körper weg. Wie ist es für ein lebendes Wesen dann möglich,
         in diesem Zustand weiterzuleben?
           VASIåèHA fuhr fort:
           Die Aufgabe der mentalen Konditionierungen und Ideen ist nur dem leben-
         digen Wesen möglich, nicht aber demjenigen, der tot ist. Was ist kalpanā
         (Ideen bzw. mentale Aktivität)? Es ist nur der Ich-Sinn, nichts anderes. Sobald
         dies als leer erkannt wird, geschieht die Preisgabe des Ich-Sinns. Die im eige-
         nen Innern durch das äußere Objekt erzeugte Idee nennt man kalpanā. So-
         bald diese Idee die Merkmale von Leerheit oder Raum annimmt, geschieht
         die Preisgabe der Idee. Erinnerung ist kalpanā. Die Weisen sagen daher, dass
         das Nicht-Erinnern das Beste ist. Die Erinnerung umfasst alles das, was man
         erfahren und auch noch nicht erfahren hat. Verzichte auf das „Erinnern“ des-
         sen, was erfahren und noch nicht erfahren wurde, und ruhe dann im Selbst
         wie ein halbwaches Baby.
           So wie sich das Rad des Töpfers aufgrund des vorherigen Schwunges
         weiterdreht, so fahre fort zu leben und hier zu handeln, ohne dabei Ideen zu
         unterhalten, ohne die Tätigkeit des Gemüts, welches nun in reines satva ver-
         wandelt worden ist. Ich erkläre mit emporgereckten Armen: „Die Aufgabe der
         Ideen ist das höchste Gute.“ Weshalb nur hören die Menschen nicht zu? Wie
         machtvoll doch diese Verblendung ist! Unter ihrem Einfluss gibt nicht einmal
         derjenige, der den kostbaren Edelstein von vicāra (Selbst-Ergründung) schon


                                              519
auf der Handfläche liegen hat, seinen Wahn auf. Dies allein ist das höchste
Gute: Das Nicht-Wahrnehmen von Objekten und das Nicht-Auftauchen von
Ideen. Dies sollte man zu seiner Erfahrung machen.
  Wenn du friedvoll in deinem eigenen Selbst ruhst, wirst du wissen, dass im
Vergleich damit der Status sogar eines Weltherrschers so unbedeutend wie
ein Grashalm ist. Sobald einer den Entschluss gefasst hat, einen bestimmten
Ort aufzusuchen, setzen sich seine Beine ohne weitere mentale Eingriffe in
Bewegung. Funktioniere auf dieselbe Weise wie diese Beine und führe hier
deine Tätigkeiten durch. Handle hier nach der Aufgabe der Wünsche nach
Belohnung oder nach den Früchten der Handlungen ohne ein Streben nach
Vergnügen oder Gewinn. Die Sinnesobjekte werden daraufhin nur noch das
sein, was sie sind, aber keinerlei Anziehung mehr besitzen. Und falls Empfin-
dungen von Vergnügen aufgrund des Kontaktes der Sinne mit ihren Objekten
auftauchen sollten, lässt du dich davon einfach nur nach innen ins Selbst
führen. Lass es dich nicht nach den Früchten der Handlungen verlangen; sei
jedoch auch nicht untätig. Oder zeige dich hingegeben an entweder das eine
oder das andere – wie es gerade auf dich zukommt. Denn was bindet, ist der
Wille, etwas zu tun oder nicht zu tun, und die Abwesenheit von diesem ist
Befreiung. In der Tat gibt es da weder ein Muss noch ein Muss-nicht – all
dieses ist nichts als reines Sein. Halte deine innere Intelligenz davon ab, das
eine oder das andere wahrzunehmen. Verbleibe auf ewig das, was du in
Wahrheit bist. Das Gewahrsein des „Ich“ und „mein“ ist die Wurzel der Sorge
– ihr Aufhören ist Emanzipation. Tue, wie immer es dir beliebt.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:2
  So wie eine Tonsoldatenarmee nichts anderes als eine Armee aus tönernen
Figuren ist, so ist das gesamte Universum reines, nonduales Selbst. Was sollte
das Objekt sein, und durch wen wohl könnte es wahrgenommen werden, da
doch nur dieses eine nonduale Selbst existiert? Getrennt von diesem höchs-
ten Selbst gibt es nichts, auf das man mit „Ich“ oder „mein“ Bezug nehmen
könnte.
  RĀMA fragte:
  Wenn dies so ist, hoher Herr, weshalb sollte man dann die sündigen Taten
aufgeben und sich den tugendhaften Handlungen widmen?
  VASIåèHA sprach:
  Teile mir bitte als erstes mit, oh Rāma, was du unter Tätigkeit verstehst. Wie
entsteht Tätigkeit, was ist deren Wurzel, und wie wird diese Wurzel zerstört?
  RĀMA sprach:
  Gewiss, hoher Herr, muss das, was zu zerstören ist, vollständig entwurzelt
und in seinen Grundfesten beseitigt werden. So lange der Körper lebt, gibt es
auch Tätigkeiten. Er ist in diesem saæsāra, der Welterscheinung, verwurzelt.
In diesem Körper entstehen die Tätigkeiten aus den Gliedern (den Hand-
lungsorganen des Körpers). Vāsanā bzw. mentale Gewohnheiten stellen die
Samen für die Handlungsorgane dar. Diese mentalen Gewohnheiten, wie sie


                                     520
durch die Sinne funktionieren, sind in der Lage, sogar das in weiter Ferne
Liegende zu umfassen. Diese Sinne wiederum sind selbst im Gemüt veran-
kert. Das Gemüt ist im jīva verankert, der unkonditioniertes Bewusstsein ist,
und dieses wiederum ist im Unkonditionierten, der Wurzel von allem, veran-
kert. Brahman ist die Wurzel dieses Unkonditionierten, aber Brahman selbst
besitzt keine Wurzel. Daher gründen alle Tätigkeiten auf Bewusstsein, das
sich selbst objektiviert und dann die Tätigkeiten erzeugt. Geschieht dies nicht,
dann ist dies selbst der höchste Zustand.
  VASIåèHA sprach:
  Was wäre dann, oh Rāma, in diesem Fall zu tun oder zu unterlassen? Das
Gemüt existiert so lange, wie der Körper lebt; ob die verkörperte Person nun
erleuchtet ist oder unwissend. Wie könnte man dies, was als Jīva-schaft (Indi-
vidualität) bezeichnet wird, überhaupt aufgeben? Jedoch kann und sollte man
sehr wohl die Idee „Ich tue etwas“ aufgeben und sich mit den der Situation
angemessenen Handlungen befassen. Beim Erwachen der inneren Intelligenz
hört die Welterscheinung auf und es entsteht die psychologische Freiheit bzw.
die Nicht-Anhaftung. Dies nennt man Emanzipation. Wird die objektive bzw.
konditionierte Wahrnehmung aufgegeben, entsteht der Friede, den man
Brahman nennt. Die Wahrnehmung bzw. das Gewahrsein von Objekten nennt
man Tätigkeit, die sich schließlich zu diesem saæsāra bzw. der Welterschei-
nung auswächst. Das Aufhören eines solchen Gewahrseins nennt man Eman-
zipation. Daher, oh Rāma, ist die Aufgabe aller Tätigkeiten zu Lebzeiten des
Körpers falsch. Eine solche Art von Verzicht verleiht der Tätigkeit einen Wert,
während das, was Wert hat, nicht aufgegeben werden kann.
  RĀMA fragte:
                                                                                   VI.2:3
  Wenn das, was ist, nicht aufhören kann zu sein, und wenn das, was nicht ist,
nicht zu existieren vermag – wie kann dann Gewahrsein (Erfahrung) zu
Nicht-Gewahrsein oder Nicht-Erfahrung gemacht werden?
  VASIåèHA erwiderte:
  Es ist wahr, dass das, was ist, nicht aufhört zu sein, während das, was nicht
ist, auch nicht existiert kann. Erfahrung und Nicht-Erfahrung lassen sich aber
auf dieselbe Weise leicht und einfach vervollkommnen. Denn das Wort „Er-
fahrung“ und das, was mit ihm bezeichnet wird, ist nur aus der Falschheit und
der Verblendung heraus geboren. Daher lässt dieses dann die Sorgen wach-
sen. Gib dieses Gewahrsein von „Erfahrung“ auf und verbleibe verankert im
Gewahrsein der höchsten Weisheit. Das ist nirvāņa.
  Gute und böse Taten hören auf, sobald man erkennt, dass sie in Wirklichkeit
als solche überhaupt nicht existent sind. Aufgrund dessen sollte man die
Wurzel der Tätigkeiten ergründen, und zwar so lange, bis diese Wurzel zer-
stört worden ist. So wie alles, was der Erde entsprießt, nicht unterschieden
von der Erde ist, so ist alles, was aus Bewusstsein entsteht, nicht unterschie-
den vom Bewusstsein. Flüssiges ist nicht unterschieden vom Flüssigen, und
auf dieselbe Weise gibt es in Brahman keinerlei Getrenntheit, nicht einmal


                                     521
zwischen Gemüt und Bewusstsein. In diesem Bewusstsein taucht ohne jede
         Ursache eine Aktivität auf, die man Gewahrsein nennt. Da diese Aktivität
         selbst nichts anderes als inexistent ist, ist sie nicht unterschieden vom Be-
         wusstsein.
           Tätigkeit ist im Körper verwurzelt, der wiederum im Ich-Sinn wurzelt. Wird
         der Begriff des Ich-Sinnes preisgegeben, hört er (der Ich-Sinn) auf. So wird
         schließlich die Wurzel der Tätigkeit zerstört. Diejenigen, in denen so die
         Tätigkeit zum Erliegen gekommen ist, kümmern sich weder um das Zurück-
         weisen noch das Ergreifen. Sie verbleiben verankert in dem, was ist, und ihre
         Handlungen sind gänzlich spontan; tatsächlich tun sie sogar überhaupt
         nichts! So wie den Fluss hinuntertreibende Gegenstände sich völlig nicht-
         willentlich bewegen, so bewegen sich diese Menschen lediglich mit ihren
         Handlungsorganen. Sobald das Gemüt seine Konditionierung aufgegeben hat,
         verlieren die Objekte ihre Anziehungskraft.
           Ein solches Verständnis oder Erwachen der inneren Intelligenz ist allein
         schon wie das Aufgeben der Tätigkeiten. Worin sollte der Nutzen von „tun“
         oder „widerstehen“ bestehen? Was man mit dem Ausdruck „Aufgeben der
         Tätigkeiten“ bezeichnet, ist nichts anderes als das Aufhören des Gewahrseins
         von Tätigkeitsein und Erfahren, das Aufgeben sämtlicher Konditionierungen
         und folglich das Erlangen von Frieden und innerem Gleichgewicht. Sobald
         anstelle des wahren, richtig verstandenen Aufgebens ein falsches Aufgeben
         (Nicht-Aufgeben) ins Spiel kommt, werden die Getäuschten, unwissend wie
         kleine Tiere, vom Kobold des „Aufgebens der Tätigkeiten“ besessen. Diejeni-
         gen dagegen, die die Wahrheit betreffend das Aufgeben der Tätigkeiten zu-
         treffend verstanden haben, haben weder mit Tätigkeit noch Untätigkeit das
         Geringste zu tun. Sie erfreuen sich stets des höchsten Friedens, ob sie nun in
         ihrem Haus oder im Wald leben. Für die Friedevollen ist ein Haus wie ein
         Wald, während für die Ruhelosen sogar der Wald wie eine übervölkerte Stadt
         ist. Für denjenigen, dessen Herz zum Frieden gelangt ist, ist die ganze Welt
         ein friedlicher Wald. Für den Ruhelosen, der von tausend Gedanken umge-
         trieben wird, ist sie ein Ozean des Grams.
           VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:4
           Oh Rāma, sobald der Ich-Sinn beruhigt ist, schwindet auch die Welterschei-
         nung. Dann entsteht, wie bei einer Lampe, deren Öl aufgebraucht ist, ein
         spontanes Fahrenlassen aller objektiven Wahrnehmung. Entsagung beruht
         nicht auf Tätigkeit. Wahre Entsagung beruht auf Verstehen! Sobald die Lampe
         des Verstehens nicht mehr mit dem Öl des Ich-Sinns und des Besitzergreifens
         versorgt wird, bleibt als einziges die Selbsterkenntnis zurück. Derjenige, der
         nicht auf diese Weise den Ich-Sinn und das Empfinden des „meins“ zurück-
         gewiesen hat, kennt in Wahrheit weder die Entsagung noch die Weisheit noch
         den Frieden. Man kann sehr leicht und auf einfache Weise die Idee der Ich-
         heit durch das Verstehen: „Der Ich-Sinn ist nicht!“, aufgeben, und zwar ohne
         alle Schwierigkeiten. Weshalb sollte es daran den geringsten Zweifel geben?



                                             522
All diese Ideen wie „Ich bin dies“ oder „Ich bin nicht dies“ hängen vom Be-
           wusstsein ab. Bewusstsein ist wie Raum, wie Leere. Wie könnte darin
           Getäuschtheit existieren? Daher ist es selbst weder Getäuschtheit noch das
           Getäuschte, weder Verwirrung noch das Verwirrte. All dieses existiert nur
           deshalb (scheinbar), weil man die Wahrheit nicht klar wahrzunehmen ver-
           mag. Verstehe dies. Verbleibe im Frieden in der Stille. Darin besteht nirvāņa.
             Dieselbe Sache, mit deren Hilfe du die Idee des Ich-Sinns unterhältst, befä-
           higt dich im Zeitraum eines Augenblinzelns zur Erkenntnis der Nicht-
           Existenz des Ich-Sinns. Dann wirst du jenseits dieses Ozeans von saæsāra
           gehen können. Derjenige erlangt den höchsten Zustand, der fähig zur Erobe-
           rung seiner eigenen Natur ist. Dieser ist der Held. Wer die sechs Feinde (Lust,
           Ärger, Gier usw.) besiegt hat, ist ein großer Mensch, während andere nur wie
           Esel in menschlicher Verkleidung sind. Derjenige, der fähig zur Überwindung
           der im Verstand auftauchenden Ideen ist, ist ein Mensch (puruåa). Er allein ist
           der Mensch der Weisheit.
             Sobald die Wahrnehmung von Objekten innerhalb von dir auftaucht, be-
           gegne ihnen mit dem klaren Verstehen: „Ich bin dies nicht“. Die aus der Un-
           wissenheit entstandenen Wahrnehmungen werden daraufhin sofort erlö-
           schen. Tatsächlich gibt es in dieser Angelegenheit auch nicht das Geringste zu
           wissen; was allein not tut, ist das Loswerden der Verwirrtheit und des ver-
           blendeten Verständnisses der Dinge. Wenn diese Verblendung nicht mehr
           wiederholt und aufs Neue belebt wird, hört sie einfach auf. Welche Idee auch
           immer in dir auftauchen mag wie die Bewegungen der Winde – erkenne: „Ich
           bin dies nicht“, und ziehe ihr dadurch den Boden unter den Füßen weg.
             Derjenige, der noch keinen Sieg über die Gier, die Scham, die Eitelkeit und
           die Verblendung errungen hat, wird aus dem Lesen dieser Schrift nicht den
           geringsten Nutzen ziehen – dies wäre nur eine Vergeudung von Zeit.
             Der Ich-Sinn taucht im Selbst auf wie die Bewegung im Wind. Er ist daher
           ununterschieden vom Selbst. Der Ich-Sinn scheint von selbst zu leuchten, was
           jedoch nur aufgrund des Selbst, welches seine Wirklichkeit bzw. sein Substrat
           ist, geschieht. Weder taucht das Selbst irgendwann und irgendwo auf noch
           geht es unter. Etwas anderes als das Selbst ist da nicht. Wie könnte man dann
           noch sagen: „Dies ist“ oder „dies ist nicht“? Das Höchste Selbst befindet sich
           im Höchsten Selbst, das Unendliche im Unendlichen, der Friede im Frieden.
           Das ist alles, was ist – weder sind da „Ich“ noch „die Welt“ noch „das Gemüt“.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:4,5     nirvāņa (Emanzipation) ist nirvāņa. Im Frieden ist da nichts als Friede. Im
           Göttlichen gibt es Göttlichkeit. Nirvāņa (Emanzipation) ist auch mit dem
           Raum verbundenes oder auch nicht-verbundenes anirvāņa (Nicht-
           Emanzipation). Sobald das rechte Verständnis betreffend die Unwirklichkeit
           des Ich-Sinnes auftaucht, entstehen keinerlei Schwierigkeiten mehr in der
           Begegnung mit Waffen oder Krankheiten usw. Denn wenn erst einmal der
           Same der Welterscheinung (der Ich-Sinn) zerstört worden ist, verschwindet



                                                523
die Welterscheinung mit ihm zusammen. So wie der Spiegel durch Beschla-
           gen erblindet, wird das Selbst vom unwirklichen Ich-Sinn verhüllt. Es ist
           dieser Ich-Sinn, der sodann den ganzen Rest dieser Welterscheinung entste-
           hen lässt. Geht er, dann leuchtet das Selbst durch sein eigenes Licht; wie die
           Sonne scheint, sobald die finsteren Wolken fortgeblasen sind. So wie ein in
           den Ozean geworfener Gegenstand in diesem untergeht, so geht der Ich-Sinn,
           der einmal das Selbst betreten hat, in diesem unter.
             So lange der Ich-Sinn andauert, leuchtet dieses eine Brahman bzw. das un-
           endliche Bewusstsein als die verschiedenen Objekte mit verschiedenen Na-
           men. Wurde der Ich-Sinn stillgelegt, leuchtet Brahman ungehindert als das
           reine, unendliche Bewusstsein. Der Ich-Sinn ist der Same dieses Universums.
           Sobald dieser Same geröstet wurde, liegt in Worten wie „Welt“, „Bindung“
           oder „Ich-Sinn“ kein Sinn mehr. Wurde der Topf zerbrochen, bleibt nur noch
           Ton zurück; wird der Ich-Sinn aufgegeben, löst sich die Vielfalt auf. So wie die
           Objekte der Welt beim Aufstieg der Sonne sichtbar werden, wird die Vielfalt
           der Welt beim Aufstieg des Ich-Sinns sichtbar. Oh Rāma, zur Selbsterkenntnis,
           die in der Realisierung der Unwirklichkeit des Ich-Sinns besteht, sehe ich
           keinerlei Alternative. Es gibt nichts anderes, was dein wahres Wohlergehen
           besser befördern könnte. Gib daher als erstes den individualistischen Ich-
           Sinn auf und gewahre dein Selbst als das gesamte Universum. Erkenne als
           nächstes, dass das gesamte Universum das Selbst bzw. Brahman ist und
           nichts anderes. Sei frei von aller durch weltliche Ideen verursachten Erregt-
           heit.
             Wer diesen Ich-Sinn nicht zu erobern vermag, erlangt den höchsten Zustand
           nicht. Sollte sein Herz jedoch rein sein, dann kann die die spirituelle Erkennt-
           nis betreffende Unterweisung es so durchdringen, wie ein Tropfen Öl ein
           gewaschenes Kleidungsstück durchdringt. In diesem Zusammenhang möchte
           ich dir nun eine alte Legende erzählen. Vor langer, langer Zeit fragte ich ein-
           mal BhuÓuï¬a: „Wen erachtest du in dieser Welt als unwissend und verblen-
           det?“
             BHUŚU×ÖA erwiderte:
             Es gab einmal ein himmlisches Wesen, welches auf der Kuppe eines Berges
           lebte. Es war unwissend und den Sinnesvergnügen hingegeben, hatte sich
           jedoch eine so strenge, rechtschaffene Lebensführung angeeignet, als sollte
           diese für ein sehr langes Leben reichen. Nach einer sehr langen Zeit entstand
           in diesem Wesen der Gedanke, dass es den Zustand jenseits von Geburt und
           Tod erlangen sollte. Nachdem es sich dazu entschlossen hatte, kam es zu mir.
           Nachdem er mir pflichtschuldigst seine Verehrung entboten hatte, fragte der
           Himmelsbewohner mich: „Diese Sinne, oh hoher Herr, sind ständig aufgerührt
           vom Verlangen nach Belohnung und die Quelle endloser Schmerzen und
           Leiden. Ich habe dies erkannt und nehme daher jetzt Zuflucht zu deinen Fü-
           ßen.“
             DER HIMMELSBEWOHNER fuhr fort:
VI.2:4,6



                                                524
Bitte erzähle mir von dem, was grenzenlos, frei von Wachstum und Verfall
und rein, anfanglos und endlos ist. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich wie schla-
fend, aber nun wurde ich durch die Gnade des Selbst erweckt. Errette mich
freundlicherweise von diesem schrecklichen Feuerbrand der Verblendung.
  Die Wesen werden geboren und sterben, nachdem sie sich hier nutzlos ab-
gemüht haben – all dies ist weder für den dharma noch die Emanzipation zu
gebrauchen. Es scheint bezüglich dieses Wanderns in der Verblendung kein
Ende zu geben. Die Orte des Vergnügens in dieser Welt verschärfen all diese
Täuschung nur noch und sind dazu noch wechselhaft. Ich finde keinerlei
Entzücken an ihnen. Alle Freuden des Himmels habe ich kennen gelernt und
genossen. Durch das Feuer der Unterscheidung wurde nun der Wunsch nach
Vergnügen dieser Art zu Asche verbrannt. Ich vermag nun klar all den Scha-
den zu erkennen, der durch den Sinn des Sehens, des Hörens, des Riechens,
des Schmeckens und des Tastens angerichtet wird. Was könnten mir all diese
sich zwecklos wiederholenden Vergnügen wohl noch bedeuten? Nicht einmal
nach tausend Jahren des Genießens dieser Dinge ist man wirklich befriedigt.
Was sollte schon so außergewöhnlich daran sein, die Herrschaft über die
ganze Welt einschließlich aller damit einhergehenden Freuden zu gewinnen?
All dieses ist dem Tod und der Vernichtung unterworfen. Bitte sage mir, was
es ist, was ich gewinnen muss, um daraus ewige Zufriedenheit zu erlangen.
  Ich habe nun klar die vergiftete Natur all dieser Sinneserlebnisse realisiert,
die mein Leiden hier nur noch vergrößert haben. Derjenige ist ein echter Held
dieser Welt, der sich zur Schlacht gegen diese gewaltige Armee der eigenen
Sinne entschlossen hat. Befehligt wird diese Armee vom Ich-Sinn. Dieser
wiederum ist mit den als Sinneserfahrungen bezeichneten Pferden ausgestat-
tet. Die Stadt, die man den Körper nennt, hat er damit völlig eingekreist. So-
gar die Heiligen haben noch Schlachten mit diesen Sinnen zu schlagen. Nur
diejenigen, die aus diesen Kämpfen siegreich hervorgehen, verdienen es, groß
genannt zu werden. Alle anderen sind nur wie Automaten aus Fleisch (Ma-
schinen).
  Eine andere Abhilfe für diese als Sinnesverlangen bezeichnete Krankheit als
das entschlossene Aufgeben aller Wünsche nach Vergnügen gibt es nicht,
denn keine Medizin, keine Pilgerfahrt und kein Mantra wären hier von ir-
gendeinem Nutzen. Diese Sinne haben mir so aufgelauert wie Räuber einem
einsamen Reisenden im finsteren Wald auflauern. Diese Sinne sind unflätig
und leiten großes Unglück herbei. Schwierig sind sie zu überwältigen. Sie
führen zur Wiedergeburt. Sie sind die Feinde der Menschen der Weisheit und
die Freunde der Dummköpfe. Die Gefallenen suchen ihre Gesellschaft und die
edlen Menschen meiden sie, wo immer es geht. In der Finsternis der Unwis-
senheit streifen sie wie wilde Kobolde ungehindert umher. Sie sind leer und
wertlos und taugen, wie trockener Bambus, zu nichts anderem als zum Ver-
brennen.
  Hoher Herr, für die demütig Bittenden bist du die alleinige Zuflucht. Du bist
ihr Erlöser. Bitte errette mich von diesem schrecklichen Ozean des saæsāra


                                     525
durch deine erleuchtenden Ermahnungen. Die Hingabe an Weise wie dich ist
           in dieser Welt das sicherste Fahrzeug zur Zerstörung des Kummers.
             BHUŚU×ÖA erwiderte:
VI.2:7,8     Du bist in der Tat als gesegnet zu betrachten, oh Himmelsbewohner, weil du
           spirituell erwacht bist und dich selbst zu erheben trachtest. Deine innere
           Intelligenz ist vollständig erweckt. Daher hege ich das Empfinden, dass meine
           Unterweisung mühelos von dir verstanden werden sollte. Bitte höre nun dem
           zu, was ich dir zu sagen habe. Was ich zu sagen habe, ist aus langer Erfahrung
           heraus entstanden.
             Was uns wie unser „Ich“ oder „andere“ vorkommt, ist in Wahrheit nicht un-
           ser Selbst. Denn sobald du nach ihnen suchst, findest du sie nicht. Dagegen
           führt die Überzeugung, das weder „ich“ noch „du“ noch „die Welt“ existieren,
           zum Glück und vermeidet den Kummer. Der Ursprung der Unwissenheit kann
           nicht ermittelt werden. Sogar nach einer sehr ausführlichen Untersuchung
           vermögen wir immer noch nicht zu erklären, ob die Welterscheinung nun aus
           der Unwissenheit oder die Unwissenheit aus der Welterscheinung geboren
           wurde. Beide sind faktisch zwei Aspekte derselben Sache. Was auch immer in
           dem einen, unendlichen Bewusstsein bzw. Brahman existiert, ist wie die
           Welterscheinung nur wie eine Luftspiegelung, von der man nur auszusagen
           vermag: „Es existiert, es existiert nicht“.
             Der Same dieser Welterscheinung ist der Ich-Sinn, denn der Baum der
           Welterscheinung wächst aufgrund des Ich-Sinns. Die Sinne und ihre Objekte,
           die verschiedenen Formen der Konditionierung, Himmel und Erde mit ihren
           Bergen, Ozeanen usw., die Teilungen der Zeit und all die Namen und Formen
           sind die verschiedenen Teile des Baumes der Welterscheinung.
             Sobald dieser Same verbrannt wurde, entsteht aus ihm überhaupt nichts
           mehr. Wie wird dieser Same verbrannt? Sobald du die Natur des Ich-Sinns
           ergründest, wirst du erkennen, dass er nicht gefunden werden kann. Darin
           besteht die Erkenntnis. Durch dieses Feuer der Erkenntnis wird der Ich-Sinn
           verbrannt. Durch Unterhalten der Idee des Ich-Sinns dagegen tritt er wieder
           ins Dasein und lässt die Welterscheinung entstehen. Sobald diese falsche Idee
           fahrengelassen wird, verschwindet der Ich-Sinn und die Selbsterkenntnis
           entsteht.
             Ganz am Anfang dieser Welterscheinung existierte der Ich-Sinn als eine Re-
           alität überhaupt nicht. Wie können wir dann an die Existenz des Ich-Sinns, an
           die Realität des „Ich“ und „Du“ und an Dualität oder Nondualität glauben?
           Diejenigen, die ernsthaft und aufrichtig nach der Erkenntnis der Wahrheit
           streben, nachdem sie sie, wie es sich gehört, von den Lippen eines Lehrers
           vernommen und darüber in den Schriften geforscht haben, erlangen diese
           Selbsterkenntnis sehr leicht.
             Was als die Welt erscheint, ist nichts anderes als die Ausbreitung der eige-
           nen Ideen und Gedanken (saïkalpa). Sie gründet auf dem Bewusstsein. Sie ist
           eine optische Täuschung, deren Substrat Bewusstsein ist. Daher bezeichnet


                                               526
man sie gleichzeitig als real und irreal. Im Schmuckstück besitzt nur das Gold
Realität, während das Schmuckstück nur eine Idee bzw. ein Konzept ist. Auf
dieselbe Weise sind sowohl die Erscheinung als auch auch das Verschwinden
dieser Welterscheinung nichts als Modifikationen von Ideen. Wer dies zu
realisieren vermag, ist an den Freuden dieser Welt und des Himmels desinte-
ressiert – er erlebt seine letzte Inkarnation.
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
                                                                                 VI.2:9,10
  Oh Himmelsbewohner, gib die Idee auf, dass die Objekte dieser Welter-
scheinung die Manifestation des unendlichen Bewusstseins seien. Verbleibe
im reinen Selbst. Trägheit taucht im Bewusstsein aufgrund dessen eigener
Manifestation auf, obgleich eine solche Trägheit selbst dem Bewusstsein so
gänzlich unähnlich zu sein scheint. So wie ein und derselbe Wind ein Feuer
entfachen wie ausblasen kann, so befördert ein und dasselbe Bewusstsein
Bewusstsein und ebenfalls auch Trägheit. Lass dein Bewusstsein bzw. deiner
erweckte innere Intelligenz daher erkennen, dass der Ich-Sinn („Ich“) nicht
ist, und sei dann das, was du in Wahrheit bist. Schließlich wird dein Bewusst-
sein mit dem absoluten Bewusstsein verschmelzen, ohne noch das Objekt des
Bewusstseins jemals wieder hervortreten zu lassen. Und das ist dann Brah-
man, der unvergleichlich ist.
  Das gesamte Universum ist erfüllt von diesem unendlichen und ungeteilten
Bewusstsein. Erkenne dies und tue dann, wie dir beliebt. Es geschieht nur bei
von der Unwissenheit geblendeten Augen, dass man die Welt der Vielfalt
wahrnimmt. In Wahrheit sind alle diese verschiedenen Objekte so real wie
ein am Himmel gesehener Baum, wie ihn jemand mit fehlerhaftem Sehver-
mögen erblicken mag.
  Dieses träge Universum ist nicht unterschieden vom Bewusstsein – so wie
im Wasser reflektiertes Feuer nicht unterschieden davon ist. Auf dieselbe
Weise existiert keine reale Unterscheidung zwischen Erkenntnis und Unwis-
senheit. Weil Brahman mit unendlichen Kräften ausgestattet ist, manifestie-
ren sich Trägheit oder Unbewusstsein im Bewusstsein. Diese Trägheit exis-
tiert in Brahman auf dieselbe Weise, wie die zukünftigen Wellen und Wogen
auf der unbewegten Oberfläche eines stillen Gewässers existieren. Wasser hat
nicht den Wunsch, Wellen entstehen zu lassen. Ebenso hegt auch Brahman
keinen Wunsch danach, die Welt zu „erschaffen“. Und daher ist es recht zu
sagen, dass in der Abwesenheit einer echten Ursache auch niemals eine
Schöpfung stattgefunden haben kann. Sie ist nur eine Erscheinung, wie eine
Luftspiegelung! Brahman allein existiert. Brahman ist Friede und
Unerschaffenheit; Brahman erzeugt nichts.
  Oh Himmelsbewohner, du bist dieses Brahman, welches homogen, ungeteilt
und unteilbar wie Raum ist. Du bist der Kenner, Bleibe immer frei von Zwei-
feln, ob du nun etwas weißt oder nicht weißt. Sobald du realisierst, dass du
ungeborenes, unendliches Bewusstsein bist, hören Unwissenheit und Narr-
heiten auf und diese Welterscheinung verschwindet. Wo immer das höchste
Brahman existiert (und es ist unendlich und überall existent), entsteht die


                                    527
Welterscheinung. In einem Grashalm, in Holz, Wasser und in sämtlichen Din-
           gen des Universums existiert dasselbe Brahman, das unendliche Bewusstsein.
           Die Natur von Brahman ist unbeschreiblich und unbestimmbar. Es gibt darin
           kein Anderes, und daher ist es unvergleichlich. Es ist daher unangemessen,
           die Natur Brahmans auch nur zu erörtern. Das, was nach dem Aufhören die-
           ses Ich-Sinnes erfahren wird, ist dasselbe Brahman, welches von demjenigen
           erfahren wird, der die Natur des Ich-Sinns, in den er verstrickt ist, ergründet.
           Nach der Ergründung löst sich dieser im Bewusstsein auf.
             BHUŚU×ÖA fuhr fort:
VI.2:11,
   12         Derjenige, dem der Kontakt mit einer scharfen Waffe und der Kontakt mit
           einer nackten Frau dieselbe Erfahrung bedeuten, der ist im höchsten Zustand
           verankert. Eifrig sollte man sich der spirituellen Praxis befleißigen, bis man
           den Zustand erlangt hat, in dem der Kontakt mit den Objekten dieselbe Reak-
           tion hervorruft, wie man sie im Tiefschlaf empfinden würde. Der Kenner des
           Selbst ist von mentaler Verrücktheit oder psychologischer Verwirrtheit gänz-
           lich unberührt.
              So wie geschlucktes Gift körperliche Leiden verursacht, ohne dabei seine
           Natur als Gift aufzugeben, so wird das Selbst zum jīva, ohne dabei seine Natur
           als das Selbst bzw. ungeteiltes Bewusstsein aufzugeben. Auf dieselbe Weise
           nimmt das Bewusstsein die Natur des Unbewusstseins bzw. der Trägheit an.
           In Brahman scheint etwas aufgetaucht zu sein, obgleich es tatsächlich
           ununterschieden von Brahman ist. Gift vergiftet den Körper, hört aber nicht
           auf, Gift zu sein. Ebenso wird das Selbst weder geboren noch stirbt es, wäh-
           rend es von einem anderen Gesichtspunkt aus ins Dasein tritt und stirbt.
              Nur dann, wenn die eigene innere Intelligenz nicht in objektiver Wahrneh-
           mung ertränkt ist, ist man in der Lage, diesen Ozean des saæsāra so leicht
           wie die Fußspur eines Kalbs zu überqueren. Erreicht wird dies jedoch nicht
           durch die Hilfe Gottes oder durch andere Mittel. Wie könnte im Selbst, das
           allgegenwärtig ist und in allem wohnt, überhaupt das Gemüt oder der Ich-
           Sinn entstehen? Es gibt da weder Gutes noch Böses irgendwo gegenüber
           irgendjemandem zu irgendeinem Zeitpunkt, es gibt da weder Vergnügen noch
           Schmerz, weder Missgeschick noch Wohlfahrt. Niemand ist der Täter oder
           Genießende von irgend etwas.
              Zu sagen, dass der Ich-Sinn im Selbst aufgetaucht sei, ist dasselbe wie zu
           sagen, dass der Raum (die Entfernung) im Raum in Erscheinung getreten sei.
           Der Ich-Sinn ist nur eine Täuschung und unwirklich. Im Raum gibt es nichts
           als Räumlichkeit – ebenso existiert im Bewusstsein als einziges nur Bewusst-
           sein. Das, was man den Ich-Sinn („Ich“) nennt, bin ich weder noch bin ich es
           nicht. Dieses Bewusstsein existiert wie ein Berg innerhalb jedes einzelnen
           Atoms, denn es ist außerordentlich fein. Dieses extrem feine Bewusstsein
           unterhält die Ideen von „ich“ und „dies“, und diese Ideen geben dann Anlass
           zum Entstehen der mit ihnen in Beziehung stehenden Substanzen. So wie ein
           Strudel nichts anderes als eine rein begriffliche Vorstellung des Wassers ist,
           so sind der Ich-Sinn und der Raum usw. nur Ideen, die im Bewusstsein er-


                                                528
scheinen. Das Aufhören solcher Ideen nennt man dann die kosmische Auflö-
sung. Auf diese Weise, als Ideen und als nichts anderes, treten alle Welten ins
Dasein und verschwinden wieder. In all diesem wird das Bewusstsein nicht
dem geringsten Wandel unterzogen. Im Bewusstsein gibt es weder eine Er-
fahrung von Vergnügen oder Schmerz noch taucht darin die Idee von „Ich bin
dies“ auf. Bewusstsein unterhält keinerlei Qualitäten wie Mut, Vergnügen,
Wohlfahrt, Furcht, Erinnerung, Ruhm oder Pracht. Im Selbst wird all dieses
genauso wenig wahrgenommen wie die Füße einer Schlange in der Dunkel-
heit.
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
  Es gibt da einen Schauer Nektars von Brahman, und dies nennt man dann
die Schöpfung. Da jedoch Zeit und Raum in Wahrheit nicht existieren, ist
diese Schöpfung unwirklich, und was als existierend erscheint, ist
ununterschieden vom Höchsten Herrn. So wie es nur Wasser ist, was als
Strudel erscheint, und wie es nur Rauch ist, was aus der Entfernung wie eine
Wolke am Himmel erscheint, so entsteht, sobald Bewusstsein seiner selbst
gewahr wird und daraufhin eine Idee (die selbst leblos, träge ist) entstehen
lässt, zwischen diesen beiden (Bewusstsein und Idee) ein dritter Faktor, den
man als Schöpfung bezeichnet. Diese Schöpfung jedoch ist nichts als eine
Erscheinung, wie ein in einer Säule oder einem Kristall reflektierter Bana-
nenbaum. Bei rechter Untersuchung jedoch schwindet diese Idee von Reali-
tät, die in der irrealen Erscheinung wahrgenommen wird.
   Diese Welterscheinung ist wie ein auf Leinwand gemaltes Königreich. So
wie die Leinwand durch Verwendung verschiedener Farben ansehnlich ge-
macht wird, so erlangt diese Welterscheinung ihre Anziehungskraft durch die
verschiedenen Sinneserfahrungen. Die Welterscheinung hängt vom Seher,
dem Ich-Sinn, ab, der selbst irreal ist. Daher ist sie nicht unterschieden vom
höchsten Selbst, so wie Flüssigkeit untrennbar vom Wasser ist.
  Das Licht des Bewusstseins ist das Selbst. Es geschieht dann, wenn die Idee
von „Ich“ darin auftaucht, dass diese Schöpfung ins Dasein tritt. Ohne diese
Idee gibt es weder eine Schöpfung noch einen Schöpfer. Die Bewegtheit ge-
hört zur eingeborenen Natur des Wassers; in Beziehung zu sich selbst als
Wasser gibt es kein Fließen von Wasser (es ist, was es ist, nämlich fließendes
Wasser). Ebenso ist Bewusstsein unermesslich und fest wie Raum und daher
keines Raumes innerhalb von sich selbst gewahr. Wenn dasselbe Wasser zu
verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gesehen wird, entsteht die
Idee der Bewegtheit. Ebenso lässt auch das in Verbindung mit den Ideen von
Zeit und Raum im Bewusstsein hervortretende Gewahrsein die Idee der
Schöpfung entstehen. (Obwohl natürlich aufgrund der Unwirklichkeit von
Zeit und Raum eine solche Schöpfung gänzlich unmöglich und der Vergleich
von Bewusstsein mit Wasser unangemessen ist.) Wisse, dass alles von dir im
Namen des Gemüts, des Ich-Sinns, des Intellekts usw. Erfahrene nichts ande-
res als Unwissenheit ist. Durch Eigenbemühung verschwindet diese Unwis-
senheit. Die Hälfte dieser Unwissenheit wird durch die Gemeinschaft mit


                                     529
Heiligen zerstreut, ein Viertel wird durch das Studium der Schriften und das
verbleibende Viertel durch Eigenbemühung zerstört.
  (Als Erwiderung auf Rāmas Frage) erläuterte VASIåèHA:
  Man sollte Zuflucht zur Gemeinschaft mit den Heiligen suchen und in ihrer
Gesellschaft die Wahrheit über diese Schöpfung ergründen. Man sollte ferner
fleißig nach dem Heiligen verlangen und ihn verehren. Im gleichen Augen-
blick, in dem man einen Heiligen gefunden hat, verlöscht schon die Hälfte der
Unwissenheit allein durch seine Gegenwart. Ein weiteres Viertel wird durch
das Studium der Schriften und das restliche durch Eigenbemühung zerstreut.
Die Gesellschaft der Heiligen setzt dem Verlangen nach Vergnügen ein Ende.
Wird die Unwissenheit entschlossen durch Eigenbemühung zurückgewiesen,
hört sie auf. All dies kann entweder auf einmal oder nacheinander geschehen.
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
   Ein am Himmel visualisierter Palast benötigt keine Unterstützung durch       VI.2:13
reale Säulen. Auf dieselbe Weise hängt die eingebildete bzw. illusorische
Welterscheinung nicht von echter Zeit und echtem Raum ab. Zeit, Raum und
Welterscheinung sind rein begrifflich. Diese Welterscheinung ist extrem sub-
til und gründet sich allein auf mentale Aktivität bzw. die Bewegung der Ge-
danken – sie ist wie Duft in der Luft. Jedoch wird diese Welterscheinung an-
ders als der Duft in der Luft nur vom Verstand erfahren, der sie wahrnimmt,
während Duft auch von anderen erfahren werden kann. So wie der eigene
Traum nur vom Träumer erfahren wird, so wird diese Schöpfung nur von
demjenigen erfahren, in dessen Verstand sie auftaucht.
   In diesem Zusammenhang ist eine alte Legende erwähnenswert. Sie erzählt,
wie Indra, der König der Götter, sich selbst im Innern eines subatomaren
Partikels verborgen hat.
   Irgendwann in alter Zeit gab es eine Art von wunscherfüllendem Baum. Auf
einem seiner Zweige wuchs eine Frucht, die dieses Universum war. Diese
Frucht war ganz einzigartig und völlig verschieden von allen anderen Früch-
ten. Wie die Würmer im Apfel lebten in ihr alle Arten von Wesen: Götter,
Dämonen usw. Sie enthielt sowohl die Erde als auch den Himmel und die
Unterwelten. Sie besaß ein enormes Ausmaß, da sie eine Manifestation des
unendlichen Bewusstseins war. Darüber hinaus war sie sehr appetitlich, denn
sie barg in sich selbst all die unendlichen Möglichkeiten der verschiedenen
Erfahrungen. Sie erstrahlte vor Intelligenz und beherbergte in ihrem Innern
den Ich-Sinn. In ihr befanden sich alle Arten von Wesen, und zwar von den
stumpfsten und unwissendsten bis hin zu denjenigen, die der Erleuchtung
nahe waren.
   Auch Indra, der König der Götter, war in dieser Frucht. Einmal, als Lord
Viåņu und andere sich gerade zurückgezogen hatten, wurde dieser Indra von
mächtigen Dämonen überfallen. Indra rannte in alle zehn Himmelsrichtungen
und die Dämonen setzten ihm nach. Schließlich wurde er von den Dämonen
überwältigt. Als die Aufmerksamkeit der Dämonen für einen Moment abge-


                                    530
lenkt war, ergriff Indra den Vorteil der Lage und nahm eine subtile, winzige
          Gestalt an (und zwar durch Aufgabe der Idee seiner Größe und durch An-
          nahme der Idee von Subtilität und Winzigkeit), mit deren Hilfe er in ein sub-
          atomares Teilchen schlüpfte.
            In diesem schließlich fand er Ruhe und Frieden. Er vergaß den Krieg mit
          den Dämonen. Er visualisierte in dem Teilchen einen Palast für sich selbst,
          dann eine Stadt, dann eine ganze Nation mit weiteren Städten und Wäldern,
          und schließlich erblickte er darin die ganze Welt, nämlich ein ganzes Univer-
          sum einschließlich von Himmel und Hölle. Er dachte nun, dass er Indra, der
          König dieses Himmels, sei. Ihm wurde ein Sohn geboren, den er Kunda nann-
          te. Nach einiger Zeit gab dieser Indra seinen Körper auf und erlangte nirvāņa
          – wie eine Lampe ohne Brennstoff.
            Kunda wurde zu Indra und regierte die drei Welten. Auch er war gesegnet
          mit einem Sohn von gleicher Tapferkeit und gleichem Glanz. So vervielfachte
          sich seine Nachkommenschaft und sogar heute noch regiert einer seiner
          Nachkommen den Himmel. Und daher gibt es in diesem subatomaren Teil-
          chen viele solche Könige, die jeder ihr eigenes Königreich regieren.
            BHUŚU×ÖA fuhr fort:
            In dieser Familie wurde schließlich einer geboren, der der Herrscher des
VI.2:14
          Himmels werden sollte, aber gleichzeitig entschlossen war, dem Zyklus von
          Geburt und Tod ein Ende zu setzen. Durch die Anweisungen des Hauslehrers
          der Götter (B−haspati) erlangte er Weisheit. Er führte in allen Situationen, wie
                          −
          sie ohne sein Zutun auf ihn kamen, nur die angemessenen Handlungen aus.
          Auf diese Weise übte er also religiöse Praxis und kämpfte dabei sogar mit den
          Dämonen. Dann entstand in seinem Verstand ein Wunsch: „Ich sollte die
          Wirklichkeit Brahmans des Absoluten erkennen!“ Er trat daraufhin in tiefe
          Meditation ein. Er war nun im Frieden mit sich selbst und verblieb in Abge-
          schiedenheit. Nun vermochte er das höchste Selbst bzw. Brahman, zu sehen:
          Allmächtig, alldurchdringend überall; der alles ist; der überall und immer ist;
          dem alle Hände und Füße gehören; das Brahman, dessen Augen und Köpfe
          und Gesichter alles sind; frei von den Sinnen und doch die wahre Essenz aller
          Sinne; frei von allem (unangehaftet) und doch der Erhalter von allem; gleich-
          zeitig ledig aller Eigenschaften und doch ausgestattet mit allen von ihnen;
          innerhalb und ohne alle Kreaturen (bewegliche und unbewegliche); das
          Brahman, welches weit entfernt und nah und doch aufgrund seiner extremen
          Subtilität unbekannt ist. Er ist die Sonne und der Mond und das Erdelement
          allüberall, die Wirklichkeit in den Bergen und im Ozean, die wahre Essenz
          von allem. Dieses Brahman hat die Natur dieser Schöpfung und der Welt und
          bleibt doch das unabhängige Selbst, das uranfängliche Bewusstsein. Obgleich
          er alles ist, ist er von allen diesen Dingen leer.
            Er (Indra) sah Brahman im Topf, in der Kleidung, im Baum, im Affen, im
          Menschen, im Himmel, im Berg, im Wasser, im Feuer und der Luft, wie er
          darin auf die verschiedenen Weisen manifestiert und tätig war. Er erkannte,
          dass dies die Wirklichkeit in dieser Welterscheinung ist. Indem er so Brah-


                                               531
man mit seinem eigenen, reinen und gereinigten Bewusstsein kontemplierte,
tauchte dieser Indra in die Meditation ein. Indem er erkannte, dass Brahman
selbst die himmlische, unumschränkte Macht in Indra war, regierte er das
Universum.
  So wie dieser Indra das ganze Universum regierte, während er innerhalb
des subatomaren Teilchens lebte, so gab es schon zahllose Indras und Univer-
sen. So lange einer das wahrgenommene Objekt als etwas reales und sub-
stanzielles betrachtet, befindet sich diese Welterscheinung im stetigen Fluss.
Diese Māyā (Welterscheinung) wird sich so lange im Fluss befinden, bis diese
Wahrheit realisiert wurde; erst dann wird die Māyā aufhören, tätig zu sein.
Wo auch immer diese Māyā auf welche Weise auch immer tätig ist, geschieht
dies nur aufgrund der Existenz des Ich-Sinnes. Erinnere dich immer daran.
Diese Māyā verschwindet unverzüglich, sobald die Wahrheit betreffend den
Ich-Sinn untersucht und verstanden wurde. Denn die Wirklichkeit bzw. das
unendliche Bewusstsein ist gänzlich frei von der Subjekt/Objekt-Trennung,
frei von der leisesten Spur der groben Substanzialität. Sie ist reine Leerheit,
deren einzige Realität das unendliche, unkonditionierte Bewusstsein ist.
  BHUŚU×ÖA fuhr fort:
  So wie das gesamte Universum aufgrund Indras und seiner Idee einer sol-         VI.2:15,
                                                                                     16
chen Schöpfung im Herzen des subatomaren Partikels ins Dasein trat, so
manifestiert sich auch die Welt überall da, wo der Ich-Sinn auftaucht. Der Ich-
Sinn ist die erste Ursache dieser Weltillusion, die mit der Bläue des Himmels
verglichen werden kann.
  Dieser Baum der Welterscheinung wächst im Raum auf einem Berg namens
Brahman aufgrund der latenten Neigungen und Ideen. Sein Same ist der Ich-
Sinn. Die Sterne sind seine Blumen. Die Flüße sind seine Adern. Die Berge
sind seine Blätter. Die Essenz der Ideen und Begrenztheiten bildet seine
Früchte. Diese Welt ist nichts als die äußere Ausbreitung des Glaubens an ihre
Existenz.
  Diese Welterscheinung ist wie eine unermessliche Ausdehnung von Wasser.
In diesem Ozean tauchen die Welten auf wie Wellen und Wogen. Aufgrund
der Verblendung, die die Selbsterkenntnis verdunkelt und so die Emanzipati-
on verhindert, beginnt er sich zu erweitern. Anziehend und herrlich anzu-
schauen wird er aufgrund des beständig wechselnden Panoramas der in ihm
ins Dasein tretenden und verderbenden Lebewesen.
  Oh Himmelsbewohner, diese Schöpfung kann ferner mit der Bewegung des
Windes verglichen werden. Der Ich-Sinn ist der Wind und die Welt seine
Bewegtheit. So wie eine solche Bewegtheit nicht unterschieden vom Wind ist
– wie der Duft untrennbar von der Blume ist – so ist auch der Ich-Sinn un-
trennbar von dieser Welt. Die Welt existiert in der eigentlichen Bedeutung
von „Ich-Sinn“ wie der Ich-Sinn in der eigentlichen Bedeutung des Wortes
„Welt“ existiert. Sie hängen folglich voneinander ab. Wer fähig ist, mit den
Mitteln der erweckten inneren Intelligenz den Ich-Sinn zu beseitigen, reinigt
sein Bewusstsein von dieser Unreinheit namens Welterscheinung.


                                     532
Oh Himmelsbewohner, in Wahrheit gibt es nicht so etwas wie den Ich-Sinn.
           Auf mysteriöse Weise ist er irgendwie und ohne jede Ursache und
           Substanzialität aus dem Nichts aufgetaucht. Brahman allein durchdringt alles.
           Der Ich-Sinn ist falsch. Da der Ich-Sinn selbst falsch ist, ist natürlich auch die
           Welt, die dem Ich-Sinn als real erscheint, falsch. Ds Unwirkliche ist unwirkli-
           che – das Verbleibende ist ewiglich und Friede. Das bist du.
             Sobald ich so gesprochen hatte, fiel der Himmelsbewohner in tiefe Medita-
           tion.
             Er erlangte den höchsten Zustand. (VASIåèHA sprach zu Rāma: „Wenn die
           Lehre in ein reifes Herz gelangt, verwurzelt und erweitert sie sich in dessen
           innerer Intelligenz. In einem unreifen Herzen bleibt sie nicht. Aus dem Ich-
           Sinn taucht die Idee „dies ist mein“ auf, die sich dann als die Welterscheinung
           ausbreitet.“)
             Und so, oh Weiser, wird manchmal sogar eine unwissende Person wie die-
           ser Himmelsbewohner unsterblich. Unsterblichkeit wird ausschließlich nur
           durch Erkenntnis der Wirklichkeit erlangt. Ein anderes Mittel gibt es nicht.
             VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, ich kehrte anschließend zum Palast zurück,
           in dem weitere Weise sich zu einer Besprechung versammelt hatten. Nun
           habe ich dir also die Geschichte von der sehr raschen Emanzipation des
           Himmelsbewohners erzählt. Seit ich diese Geschichte von den Lippen
           BhuÓuï¬as vernommen habe, sind elf Weltzyklen vergangen.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:17,
   18        Dieser mächtige Baum namens Welterscheinung, der die süßen und bitte-
           ren Früchte namens Glück und Unglück (bzw. Gut und Böse) hervorbringt,
           hört in demselben Moment auf, in dem der Ich-Sinn als falsch erkannt wurde.
           Wer den Ich-Sinn als falsch erkennt und dadurch den Zustand vollkommenen
           Gleichmuts erlangt, fällt nie wieder der Trauer zum Opfer. Wenn die Selbster-
           kenntnis die unwissende Idee vom Ich-Sinn beseitigt hat, verschwindet der
           Ich-Sinn, der bis dahin für eine solide Realität gehalten wurde, und niemand
           weiß, wohin. Man weiß ebenfalls nicht, wohin der erste Beweger des Körpers,
           den man ebenfalls für solide Realität gehalten hat, gegangen ist. Das Blatt
           (Körper) saugt in sich selbst die Feuchtigkeit (Ich-Sinn) der Erde auf, aber die
           Sonne (Selbsterkenntnis, die den Ich-Sinn als falsch erkennt), lässt sie ver-
           dampfen und verwandelt sie in feinen Wasserdampf (Brahman). In der Ab-
           wesenheit der Selbsterkenntnis jedoch wächst sich der Same des Ich-Sinns im
           Zeitraum eines Augenblinzelns in einen mächtigen Baum aus, denn in diesem
           Samen ist der gesamte Baum mit all seinen unzählbaren Verästelungen, Blät-
           tern, Blüten und Früchten bereits vollständig enthalten. Der Mensch der
           Weisheit erkennt, dass die gesamte Schöpfung im Ich-Sinn verborgen liegt.
             Auch der Tod vermag dem kein Ende zu setzen. Tod nennt man, wenn die
           Idee der Realität von einer Substanz in eine andere transportiert wird. Ge-
           wahre jetzt direkt vor dir zahllose Schöpfungen mit zahllosen Wesen, die in
           wiederum in diesen Wesen existieren. Da ist das Gemüt innerhalb des prāïa


                                                 533
bzw. der Lebenskraft, während die Welt im Gemüt existiert. Zum Zeitpunkt
des Todes verlässt dieses prāïa den Körper und betritt den Raum. Dort weht
es der kosmische Wind hin und her. Gewahre all diese prāïas (jīvas) mit all
ihren in ihnen verborgen liegenden Vorstellungen und Ideen (Welten), wie sie
den gesamten Raum erfüllen. Mit meinem Auge der inneren Intelligenz ver-
mag ich sie hier direkt vor mir zu sehen.
   Die Luft im gesamten Raum ist angefüllt mit den prāïas der abgeschiede-
nen Seelen. In diesen prāïas existiert das Gemüt. Und in den Gemütern exis-
tiert wie das Öl im Samen die Welt. So wie die Lebenskraft (prāïa) in den
Winden des Raums hin und her geweht wird, so werden all diese Welten im
Gemüt, wie der Duft der Blüten in der Luft, hin und her geweht. Gesehen wird
dies ausschließlich nur mit den Augen der inneren Intelligenz, oh Rāma, nicht
aber mit den fleischlichen Augen. Diese Welten existieren überall und immer.
Sie sind noch subtiler als der Raum, weil sie von der Natur der Ideenessenz
sind. Tatsächlich werden sie daher auch weder wirklich hin und her geweht
noch überhaupt von einem Ort zu einem anderen bewegt. Jedoch ist für jeden
jīva (der aus dem kombinierten prāïa, dem Gemüt und seinen Ideen zusam-
mengesetzt ist) die Idee, die er über die Welt seiner eigenen Schöpfung un-
terhält, absolut und aufgrund seines festen Glaubens an die Substanzialität
dieser Schöpfung real. Werden die Objekte am Ufer eines schnell dahin flie-
ßenden Flusses als Reflexionen im Wasser gesehen, scheinen sie sich eben-
falls schnell zu bewegen, obwohl sie sich tatsächlich überhaupt nicht bewe-
gen. Auf dieselbe Weise kann man von diesen Welten innerhalb der jīvas
sagen, dass sie sich in Bewegung oder nicht in Bewegung befinden. Im Selbst
jedoch, das unendliches Bewusstsein ist, gibt es keinerlei Bewegung gleich
welcher Art, denn wenn ein Topf von einem Platz zu einem anderen bewegt
wird, bewegt sich doch nicht der in ihm enthaltene Raum gleichfalls von
einem Platz zum andern. Daher erscheint also diese Welt nur aufgrund des
verblendeten Glaubens an ihre Existenz – in Wahrheit ist sie nur Brahman
allein und wird niemals erschaffen oder zerstört.
   VASIåèHA fuhr fort:
   Auch wenn man erwägt, dass diese Welt im kosmischen Raum erscheint, so
wird sie doch nicht von denjenigen, die sie bewohnen, als solche erfahren. Die
Fahrgäste eines Bootes bewegen sich zusammen mit diesem fort, aber wer im
Boot sitzt, sieht niemanden darin sich fortbewegen. So wie ein talentierter
Künstler in seinen Gemälden oder Bildwerken die Illusion von Räumlichkeit
erschafft, so unterhält das Gemüt sogar innerhalb eines subatomaren Teil-
chens die Idee unermesslicher Entfernungen. Noch einmal: Es gibt eine
Illusionierung der Erfahrung in Bezug auf die Größe oder Kleinheit von Ob-
jekten. Ähnlich dem gibt es die unwirkliche Erfahrung dieser Welt und des-
sen, was als die Anders-Welt bezeichnet wird, obgleich alle diese falsch sind.
Aus all diesem entstehen die falschen Ideen wie „Dies ist wünschenswert“
und „Dies ist nicht wünschenswert“.



                                    534
Ein fühlendes Wesen erfährt die Existenz seiner eigenen Glieder in sich
          selbst mit dem Mittel seiner eigenen inneren Intelligenz. Auf dieselbe Weise
          nimmt der jīva (in diesem Fall das kosmische Wesen) innerhalb von sich
          selbst die Existenz der Welt der Vielfalt wahr. Das unendliche Bewusstsein ist
          ungeboren und ungeteilt wie Raum – alle diese Welten sind wie schon immer
          seine Glieder gewesen. Eine fühlende Eisenkugel mag vielleicht innerhalb von
          sich selbst die potentielle Existenz einer Schere und einer Nadel usw. visuali-
          sieren. Auf dieselbe Weise sieht oder erfährt der jīva innerhalb von sich selbst
          die Existenz der drei Welten, obgleich diese nicht mehr als eine Täuschung
          bzw. falsche Wahrnehmung ist. Auch im nicht-fühlenden Samen existieren
          der potentielle Baum mit all seinen zahllosen Zweigen, Blättern, Blüten und
          Früchten, wenn auch nicht unmittelbar als diese verschiedenen Objekte. Auf
          die gleiche Weise existieren alle diese Welten in Brahman, wenn auch nicht
          als solche, sondern in einem undifferenzierten Zustand. In einem Spiegel (den
          man nun als fühlend oder nicht-fühlend ansehen mag) wird eine Stadt reflek-
          tiert (obschon man wahrheitsgemäß ebenso gut sagen könnte, dass es keiner
          Reflexion dieser Art darin gäbe) – sie wird gesehen oder nicht gesehen. Und
          so ist auch die Beziehung zwischen den drei Welten und Brahman. Was die
          Welt genannt wird, ist nichts als Zeit, Raum, Bewegung und Substanzialität,
          während all dieses aufgrund seiner wechselseitigen Abhängigkeiten nicht
          unterschieden vom Ich-Sinn ist.
             Was man hier als Welt wahrnimmt, ist nichts als das höchste Selbst, wel-
          ches als Welt erscheint, ohne dabei dem geringsten Wandel seiner eigenen
          wahren Natur unterworfen zu sein. Sie erscheint als das, als was man sie zu
          einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort auch immer
          sehen mag. Alle diese scheinbaren Existenzen tauchen im Gemüt als Ideen
          auf, denn das Gemüt ist selbst nichts anderes als Bewusstsein. Folglich taucht
          die Erscheinung im Gemüt als Idee auf, da das Gemüt selbst nichts anderes
          als Bewusstsein ist. Konzepte bzw. Ideen (saïkalpa), altente Konditionierung
          (vāsanā) und ein Lebewesen (jīva) sind nicht unterschieden vom unendlichen
          Bewusstsein. Auch wenn sie als solche erfahren werden, bleiben sie unwirk-
          lich mit der Ausnahme der einen Realität, die das unendliche Bewusstsein ist.
          Folglich gibt es da Emanzipation bzw. mokåa, sobald die unwirkliche Idee
          abgetan wird. Und doch könnte man nicht wahrheitsgemäß behaupten, dass
          alle diese Welten in der Luft umhergeweht werden, weil sie alle nur falsche
          Ideen sind, deren Substrat und einzige Wirklichkeit das unendliche Bewusst-
          sein ist.
             RĀMA fragte:
VI.2:19
             Oh Weiser, bitte erzähle mir freundlicherweise mehr über die Gestalt, die
          Natur und den Wohnort des jīva und seiner Beziehung zum höchsten Selbst.
             VASIåèHA erwiderte:
           Oh Rāma, es ist das unendliche Bewusstsein, welches sich selbst aufgrund
          der Ideen, die es von sich selbst hat, als ein Objekt wahrnimmt und dann als
          der jīva auftritt. Genannt wird es außerdem auch cit bzw. reines Bewusstsein.


                                               535
Dieser jīva ist weder ein subatomares Teilchen noch ist er grob und physisch
noch leer oder irgend etwas anderes. Das allgegenwärtige, reine Bewusstsein
selbst wird dann jīva genannt, wenn es sein eigenes Sein erfährt. Es ist winzi-
ger als ein Atom und größer als das Größte. Es ist alles und es ist reines Be-
wusstsein. Von den Weisen wird es der jīva genannt. Welches Objekt auch
immer hier erfahren wird, ist nichts als eine von ihm selbst erfahrene Refle-
xion. Was immer es von Augenblick zu Augenblick denkt, erfährt es hier und
jetzt. Erfahrung dieser Art gehört zur eigentlichen Natur des jīva, so wie die
Bewegung zur Natur des Windes gehört. Hört diese Erfahrung auf, wird der
jīva zu Brahman.
   Aufgrund seiner Natur als Bewusstsein erzeugt der jīva, sobald er die Idee
des Ich-Sinns unterhält, Zeit, Raum, Bewegung und Substanz und wird im und
durch den Körper tätig. Dann erfährt er alle diese Unwirklichkeiten innerhalb
von sich selbst als reale Gegebenheiten, so wie eine Person von ihrem eigenen
Tod träumt. Dann, seine eigene wahre Natur vergessend, beginnt er sich mit
seinen eigenen falschen Ideen zu identifizieren. Er tritt in eine von den Um-
ständen zufällig hervorgerufene Verbindung mit den fünf Sinnen und erfährt
ihre Funktionen so, als wären es seine eigenen Funktionen. Er leuchtet, aus-
gestattet mit diesen fünf Kräften, als der puruåa (die innewohnende Präsenz)
und als virā (kosmische Person). Es ist dies immer noch das subtile und
mentale Wesen und selbst die erste Emanation des Höchsten Wesens.
   Diese Person entsteht aus eigenem Antrieb, wächst, verfällt, erweitert sich
und zieht sich wieder zusammen und hört schließlich auf zu sein. Sie ist von
der Natur des Gemüts (Idee oder Gedanke) und in ihrer Subtilität als
puryaåÂaka (die achtfältige Stadt) bekannt. Dieses subtile Wesen ist klein und
groß, manifest und unmanifest. Es durchdringt alles im Innern und im Außen.
Seine Glieder sind deren acht – die fünf Sinne, das Gemüt als sechster Sinn,
der Ich-Sinn sowie das gleichzeitige Sein-und-Nicht-Sein. Alle Veden wurden
von ihm bereits besungen. Durch es geschah es, dass die Arten und Regeln
des Betragens und der rechten Lebensführung niedergeschrieben wurden.
Alle diese sind noch heute in Kraft.
   Sein Kopf ist der höchste von allen, seine Füße sind die Unterwelten, der
Raum ist sein Bauch, alle Welten bilden seine Seiten, die Wasser sein Blut, die
Berge und die Erde sein Fleisch, die Flüsse sind seine Blutgefäße, die Him-
melsrichtungen seine Arme, die Sterne seine Haare, der kosmische Wind sein
prāïa, sein Lebensfunke ist die Mondsphäre und sein Gemüt das Aggregat
sämtlicher Ideen. Sein Selbst ist das Höchste Selbst.
   Aus dieser kosmischen Person bzw. dem jīva entstehen weitere jīvas, die
über die ganze Welt verteilt werden. Brahmā, Rudra und andere sind seine
mentalen Schöpfungen. Die Manifestationen seiner Gedankenformen sind die
Götter, Dämonen und Himmelswesen. Der jīva entsteigt dem Bewusstsein und
hat in ihm seinen Wohnort. Tausende solcher virā sind schon entstanden
und werden auch in Zukunft wieder entstehen.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:20,
                                                                                     21
                                     536
Die kosmische Person ist selbst von der Natur einer Idee (bzw. eines Kon-
zepts, Gedankens usw.). Welche Idee auch immer in ihm auftaucht, erscheint
in ihrer Verkörperung durch die fünf Elemente im kosmischen Raum. Daher,
oh Rāma, wird alles das, was hemals als geschaffen auftaucht, von den Weisen
als die Ausbreitung von Ideen betrachtet. Die kosmische Person ist die ur-
sprüngliche Ursache dieser gesamten Welterscheinung – die Wirkung ist
dieselbe wie die Ursache.
  Und doch findet all dieses im Bewusstsein, nicht im Unbewusstsein, statt.
Alle diese verschiedenen Kreaturen (vom Wurm bis zum Gott Rudra) sind aus
der ursprünglichen Idee entstanden wie ein mächtiger Baum, der aus einem
winzigen Samen herausgewachsen ist. Obgleich das Universum sich auf diese
Weise aus einem winzigen Subatom heraus ausgebreitet hat, wurzelt diese
Ausbreitung bzw. Evolution in der Intelligenz, nicht in der Leblosigkeit. So
wie die kosmische Person als dieser Kosmos manifest wurde, so sind alle
Dinge ins Dasein getreten – bis hin zum winzigsten Atom.
  In Wahrheit jedoch gibt es weder Großes noch Winziges. Welche Idee auch
immer im Selbst auftaucht – sie wird wie etwas reales erfahren. Das Gemüt
entsteht im Mondelement, während der Mond vom Gemüt erschaffen wird.
Auf dieselbe Weise lässt der eine jīva den anderen entstehen. Der Weise er-
achtet als die Essenz des Samentropfens den jīva. In ihr ist die Seligkeit des
Selbst verborgen, die der jīva wie etwas von ihm selbst getrenntes empfindet.
Dann entsteht in ihm seine Identifikation mit den fünf Elementen, ohne er-
kennbaren Grund. Und doch fährt der jīva fort, der jīva und nicht wirklich
durch diese Elemente begrenzt zu sein. Er befindet sich innerhalb wie außer-
halb dieser Elemente und ihrer Zusammensetzungen, die als der Körper
bekannt sind. Aufgrund seiner Identifikation mit den Elementen jedoch, die
ihn wie mit einem Schleier umhüllt, sieht er deren wahre Natur nicht – so wie
ein blind geborener Mensch seinen Weg nicht sehen kann. Emanzipation bzw.
mokåa jedoch bedeutet die Zerstörung dieser Unwissenheit und die Realisie-
rung der Unabhängigkeit des jīva von diesen Elementen und vom Ich-Sinn.
  Oh Rāma, man sollte danach streben, ein jñanÅ (Mensch der Weisheit bzw.
direkter Erkenntnis) zu werden, nicht aber ein jñanabandhu, ein Pseudo-
jñanÅ. Wer ist der Pseudo-jñanÅ? Derjenige, der die Schriften aus Vergnügen
oder Gewinndenken heraus studiert wie ein Bildhauer die Künste studiert,
der nicht nach dem Geist der Lehren lebt. In seinem Alltagsleben spiegelt sich
sein Wissen der Schriften in keiner Weise wieder. Viel eher ist er daran inte-
ressiert, Wissen über die Schriften zur Beförderung seiner physischen Wohl-
fahrt und sinnlichen Befriedigung zu erlangen. Aus diesem Grunde erachte
ich einen unwissenden Menschen als dem Pseudo-jñanÅ überlegen.
  Jñāna bzw. Weisheit ist Selbsterkenntnis; andere Art der Erkenntnis sind
nur ihrer blasser Abglanz. In dieser Welt sollte man nur so viel arbeiten wie
nötig ist, um ein ehrliches Leben führen zu können. Man sollte nur leben
(essen), um die Lebenskraft am Leben zu erhalten. Und die Lebenskraft sollte
man nur zu dem Zweck erhalten, das Heil der Erkenntnis zu erlangen. Man


                                    537
sollte diesem seine Forschungen widmen und das kennen, was einen von der
          Sorge befreit.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:22
            Derjenige ist ein jñanÅ, der der Folgen der Handlungen nicht gewahr ist
          (bzw. sich nicht um sie kümmert), weil er in der Selbsterkenntnis verankert
          ist und sowohl das individualisierte Gemüt als auch dessen Objekte missach-
          tet. Derjenige ist ein jñanÅ, dessen psychologische Konditionierung gänzlich
          aufgehört hat. Seine innere Intelligenz ist frei von Verdrehtheiten aller Art.
          Seine Erkenntnis ist von einer Art, die nie wieder zur Wiedergeburt führt. ER
          befasst sich mit so einfachen Akten wie dem Essen und Ankleiden und spon-
          tanen und angemessenen Handlungen, die vom Wunsch und mentaler Aktivi-
          tät frei sind. Man nennt ihn einen paï¬ita.
            Die verschiedenen Kreaturen sind ohne einen Zweck ins Dasein getreten
          und fahren in ihrer Existenz ohne einen Zweck fort. Obwohl es so erscheint,
          handelt es sich bei ihnen nicht um reale Wesenheiten. Ihre kausale Verursa-
          chung wurde erst später ins Spiel gebracht, um diese unwirkliche Schöpfung
          erklärbar zu machen. Gibt es etwa einen Zweck für das Auftauchen einer
          Luftspiegelung? Diejenigen, die nach Ursachen für das Erscheinen solcher
          optischen Täuschungen suchen, versuchen auf den Schultern des Enkels des
          Sohnes einer unfruchtbaren Frau zu reiten! Die einzige Ursache für das Auf-
          tauchen derartiger optischer Täuschung bzw. illusorischer Erscheinungen ist
          das Nicht-Gewahrsein, denn bei näherem Hinsehen verschwinden diese Din-
          ge. Werden solche Dinge auf rechte Weise untersucht und wahrgenommen,
          erweisen sie sich als das höchste Selbst. Werden sie dagegen mit dem Ver-
          stand wahrgenommen, taucht der konditionierte jīva auf. Dieser jīva, wenn er
          nur auf richtige Weise betrachtet und verstanden wird, ist niemand anderes
          als das höchste Selbst. Wird er mit Hilfe des Verstandes erfasst, erscheint er
          als der jīva, der allen Arten von Wandel, Geburt, Verfall usw. unterworfen ist.
          Diejenigen, die die direkte Erfahrung des kosmischen Wesens besitzen, neh-
          men keinerlei Vielfalt wahr; auch dann nicht, wenn sie mit geöffneten Augen
          in die Welt blicken. In ihrem Gemüt gibt es während dessen Tätigkeit keiner-
          lei ungeordnete Bewegung der Gedanken bzw. Bewegungen in verschiedenste
          Richtungen, da ihr Gemüt ein Nicht-Gemüt ist, in dem eine Nicht-Bewegung
          von Gedanken ist. Ihr Verhalten ist auf dieselbe Weise nicht-willentlich wie
          ein im Wind treibendes trockenes Blatt.
            Der unwissende Narr, gebunden an die psychologische Konditionierung,
          rühmt die von den Schriften vorgeschriebenen Handlungen, weil er spirituell
          nicht erwacht ist. Seine Sinne suchen nach der Beute ihrer Objekte. Der Weise
          dagegen hält die Sinne zurück und verbleibt im Selbst zentriert. Weder gibt es
          formloses Gold noch ein Brahman, das vollkommen leer von aller Manifesta-
          tion ist. Und doch besteht Emanzipation in der Beseitigung der Konzepte von
          Schöpfung und Manifestation. Am Abschluss dieses kosmischen Weltzyklus
          gibt es während der Periode der Auflösung eine einzige, äußerste Finsternis,
          die die gesamte Schöpfung bedeckt. Auf dieselbe Weise ist das gesamte Uni-


                                               538
versum in den Augen der Weisen eingehüllt von der einen Wirklichkeit
Brahmans. Trotz all der darin enthaltenen Vielfalt und Bewegung ist der
Ozean eine homogene Einheit. Ebenso gibt es nur das eine Brahman, das alle
Vielfalt und Bewegung umschließt. Es gibt diese Welt innerhalb des Ich-Sinns
und den Ich-Sinn innerhalb dieser Schöpfung; beide sind untrennbar. Der jīva
sieht diese Schöpfung innerhalb von sich selbst, ohne jede Ursache oder
Beweggrund. Das Schmuckstück ist Gold. Wird es nicht mehr als Schmuck-
stück gesehen, hört es auf und das Gold allein bleibt zurück. Die Seher der
Wahrheit leben daher nicht, auch wenn sie lebendig sind, sie sterben nicht,
obwohl sie sterben, sie existieren nicht, obwohl sie existent sind. Ihre Hand-
lungen sind nicht-willentliche Funktionen des Körpers.
  VASIåèHA fuhr fort:
  In jedem Körper existiert der jīva wie eine Schneeflocke – in schweren und
großen Wesen scheint er schwer und groß zu sein, in leichten und feinen
Wesen dagegen leicht und fein. Das „Ich“ betritt in seiner Vorstellung die
Dreiheit, und da es seiner selbst gewahr ist, hält es sich selbst für einen Kör-
per, obwohl dies irreal ist und nur als real erscheint. In dieser Dreiheit, die die
Hülle des Karma darstellt, existiert der jīva, der die eigentliche Essenz des
Samentropfens ist, in diesem Körper wie der Duft in einer Blüte. So wie sich
die Strahlen der Sonne über die Erde ausbreiten, breitet sich der jīva, der im
Samentropfen und in die Dreiheit eingetreten ist, selbst über den ganzen
Körper aus.
  Obgleich der jīva überall außen und innen ist, besitzt er doch ein besonde-
res Zugehörigkeitsempfinden bezüglich dieser vitalen Energie (Samentrop-
fen), die er deshalb als seine eigene, besondere Heimstatt ansieht. So existiert
er dann in den Herzen der Lebewesen – was auch immer er verstehend er-
fasst, während er in den Wesen existiert, wird zu der wahren Erfahrung, die
er daraufhin erfährt. Jedoch erlangt er so lange keinen Frieden und hört nicht
auf, die falsche Idee des „Ich bin dies“ zu unterhalten, wie er nicht sämtliche
Bewegungen der Gedanken im Bewusstsein aufgegeben hat und zum Nicht-
Gemüt geworden ist. Daher, oh Rāma, wirst du wie der Raum sein, und es
wird da Frieden geben auch dann, wenn du fortfährst, Gedanken und Gefühle
zu haben, sobald die Ich-heit bzw. der Ich-Sinn in dir aufgehört hat.
  Es gibt Weise der Selbsterkenntnis, die in dieser Welt so leben und tätig
sind wie das gemeißelte Bildnis einer Skulptur. Ihre Organe arbeiten hier
ganz natürlich, obwohl die Welt in ihrem Bewusstsein nicht die geringste
Störung hervorruft. Wer hier wie der Raum lebt (der von jeder in ihm vorge-
henden Tätigkeit gänzlich unberührt bleibt), ist die Bindung los und ledig und
befreit.
  Wer dagegen seine feste Überzeugung von der Existenz der Vielfalt nicht
aufgibt, den gibt auch der Kummer nicht auf. Wer glücklich mit jedem Kleid
ist, in das man ihn kleiden mag, mit jeder Nahrung, mit der er gefüttert wird,
und mit jedem Ruheplatz, der ihm angeboten wird, strahlt wie ein Weltherr-
scher. Obgleich er ein konditioniertes Leben zu führen scheint, ist er in Wahr-


                                       539
heit unkonditioniert, weil er innerlich frei und leer ist. Obschon er tätig zu
sein scheint, strebt er nicht, sondern ist tätig wie ein im Tiefschlaf Liegender.
Da ist wahrhaftig kein Unterschied zwischen dem Unwissenden und dem
Weisen (der Kenner der Wahrheit) mit der Ausnahme, dass der letztere frei
vom konditionierten Gemüt ist. Was dem konditionierten Gemüt als die Welt
erscheint, wird vom Unkonditionierten als Brahman erachtet.
  Was auch immer hier als existierend erscheint, verdirbt und tritt erneut ins
Dasein. Du dagegen, oh Rāma, bist das, was weder Geburt noch Tod an sich
trägt. Sobald die Selbsterkenntnis in dir aufgetaucht ist, verliert diese Welter-
scheinung ihre Macht, dich zu beeindrucken – so wie aus einem gerösteten
Samen keine Pflanze mehr keimen kann. Ein solcher Mensch ruht im Selbst,
ob er nun tätig oder untätig ist. Nur derjenige, in dem das Verlangen nach
Vergnügen gänzlich aufgehört hat, erfährt höchsten Frieden, nicht aber derje-
nige, der den Frieden des Gemüts mit anderen Mitteln zu erlangen sucht.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:23
  Oh Rāma, erhebe dich, leer vom Wunsch oder von mentaler Voreingenom-
menheit und frei von mentaler Konditionierung, und schreite, wie MaÇki es
tat, fort in Richtung des höchsten Zustands.
  Dein Vorfahr Aja hatte mich zu einer religiösen Zeremonie eingeladen. Als
ich zum Besuch dieser Feier vom Himmel herabstieg, betrat ich einen dichten,
heißen und dunstigen Urwald. Während ich meinen Weg durch diesen Wald
zu nehmen suchte, hörte ich einen Reisenden klagen: „Oh weh! So wie die
Sonne alles verbrennt, so bringt die Gesellschaft mit den Gottlosen nichts als
Kummer und Sünde hervor. Lass mich zu dem Dorf da drüben gehen und
Erleichterung vom Müdesein suchen.“
  Als er sich also anschickte, zum nächsten Dorf zu gehen, sprach ich ihn an:
„Willkommen, oh Wanderer, der du den wahren Weg noch nicht gefunden
hast! An diesem von Unwissenden bewohnten Ort findest du ebenso wenig
ewige Zufriedenheit wie du deinen Durst nicht mit Salzwasser, das ihn nur
noch verschlimmert, löschen kannst. Der Unwissende wandert ziellos umher
und nimmt die falschen Wege. Diese Leute befassen sich weder mit Selbst-
Ergründung noch trennen sie sich von ihren ruchlosen Handlungen. Sie sind
hier nicht anders als wie Maschinen tätig! Besser als in der Gesellschaft un-
wissender Menschen zu bleiben ist es, eine Schlange in einer finsteren Höhle,
ein Wurm in einem Felsen oder ein lahmes Reh in einer Wüste (Luftspiege-
lung) zu sein. Ihre Gesellschaft führt zu momentanen Vergnügen, zerstört
dich aber nur. Sie ist giftig und nichts anderes.“
  Nachdem ich so gesprochen hatte, sagte der Wanderer: „Hoher Herr, wer
bist du? Du strahlst wie ein Weltherrscher, obwohl du nichts besitzt. Bist du
von Nektar trunken? Du bist leer von allem und doch vollkommen erfüllt.
Worin besteht diese deine Gestalt, oh Weiser, die nichts und alles gleichzeitig
ist, die übernatürlich zu sein und doch gleichzeitig in der Welt zu ruhen
scheint? Frei bist du von allen Wünschen und Hoffnungen und scheinst



                                      540
gleichzeitig doch noch Wünsche und Hoffnungen zu haben. In deinem Be-
          wusstsein tauchen verschiedene Konzepte und Ideen in Übereinstimmung
          mit deinem eigenen Wunsch auf, und dieses ganze Universum ruht in dir wie
          der Same in der Frucht. Ich bin Pilger und mein Name ist MaÇki. Ich bin weit
          gewandert und wünsche nun in meine eigene Heimat zurückzukehren. Je-
          doch besitze ich nicht mehr die nötige Kraft für die Heimkehr. Hoher Herr, die
          Großen pflegen als erstes stets die Freundschaft. Ich fühle mich unfähig zur
          Überwindung dieser Weltillusion – bitte erleuchte mich!“
            Ich erwiderte: „Oh Pilger, ich bin Vāsi«Âha. Fürchte nichts. Du hast nun tat-
          sächlich das Tor zur Freiheit erreicht. Du hast nach der Gesellschaft des wah-
          ren Menschen (der durch Selbst-Ergründung gekennzeichnet ist) verlangt
          und daher beinahe schon das andere Ufer dieser Welterscheinung betreten.
          Aufgrund dessen ist in deinem Gemüt die Leidenschaftslosigkeit entstanden
          und daher ist da nun Friede. Sobald die Schleier, die die Dunkelheit verhüllen,
          beseitigt wurden, leuchtet die Wahrheit durch sich selbst. Bitte teile mir doch
          mit, was du nun zu wissen wünschst. Wie gedenkst du diese Weltillusion zu
          zerstören?“
            MA§KI sprach:
VI.2:24
            Hoher Herr, ich habe in sämtlichen zehn Himmelsrichtungen nach jeman-
          dem gesucht, der meine Zweifel zu zerstreuen in der Lage ist, aber bis jetzt
          habe ich niemanden entdecken können. Heute vermochte ich durch deine
          Gesellschaft die höchste Segnung zu erlangen, wie sie verschwenderisch den
          Glücklichsten unter den Wesen zuteil werden kann.
            In dieser Welt treten alle Dinge ins Dasein, verderben und verschwinden
          wieder, weshalb es da die wiederholte Erfahrung des Kummers gibt. Alle
          Vergnügen der Welt enden unvermeidbar im Kummer. Ich erachte daher den
          Kummer als etwas, was dem Vergnügen, welches zum Kummer führt, vorzu-
          ziehen ist. Weil mein Gemüt den wiederholten Erfahrungen von Vergnügen
          und Schmerz unterworfen ist, ist es voller verdrehter Ideen und reflektiert
          nicht mehr das innere Licht der erwachten Intelligenz. Gebunden an die aus
          diesem unwissenden Leben geborenen latenten Tendenzen führt das Gemüt
          mich immer nur in Richtung sündhaften Daseins und schlechter Handlungen.
          Auf diese Weise habe ich also meine Tage verschwendet. Dieses Verlangen
          nach Vergnügen erfährt niemals Befriedigung, wird niemals erfüllt und ge-
          langt niemals an ein endgültiges Ende, obwohl doch all sein Trachten und
          Sehnen stets nur im Misserfolg endet. Im Herbst vertrocknen die Blätter und
          fallen ab. Der Wunsch nach Vergnügen jedoch fällt nie fort – auch nicht all die
          Furchtsamkeit, die im Herzen wohnt und mich unerträglichen Schwierigkei-
          ten aussetzt. Sogar derjenige, der offenbar mit vielen Segnungen versehen ist
          und sich des Wohlstands erfreut, wird zu einem Häufchen von Elend redu-
          ziert. Ein solcher Wohlstand ist oftmals nichts anderes als ein Köder, der den
          Unachtsamen in die Grube des Kummers stürzen lässt.
            Da mein Herz dermaßen von sündhaften Neigungen und Ruhelosigkeit be-
          fleckt ist, nehmen die Weisen, die in mir nichts als das Interesse an Sinnesge-


                                               541
nuss erblicken, keine Notiz von mir. Und immer noch setzt mein Gemüt nach
wie vor seinen zerstörerischen Kurs fort, da der Tod es noch nicht überwäl-
tigt hat. Die Finsternis meiner Unwissenheit, in der der Ich-Sinn wächst und
gedeiht, wurde noch nicht vom Mondlicht des Schriftenstudiums und der
Gemeinschaft mit erleuchteten Wesen vertrieben. Der Elefant der Unwissen-
heit in mir ist noch nicht auf den Löwen der Erkenntnis gestoßen. Das Stroh
meines Karma ist noch nicht vom Feuer der Vernichtung erfasst worden. Die
Sonne der Selbstergründung, die die Dunkelheit der mentalen Konditionie-
rung zerstört, ist noch nicht in mir aufgegangen.
  Oh Weiser, was ich intellektuell als nicht existierend erkannt habe, er-
scheint vor meinen Augen immer noch als reale Wesenheit oder Substanz.
Meine Sinne essen und verdauen mich. Sogar die Kenntnis der Schriften,
anstelle mir bei der Zerstörung der Schleier der Unwissenheit behilflich zu
sein, scheint nur noch mehr Schleier in mir auszubreiten.
  So bin ich also von der Unwissenheit und der Verwirrung erobert worden.
Hoher Herr, bitte teile mir mit, worin für mich das wahrhaft Gute besteht.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Erfahren, Denken (Ideen unterhalten usw.), mentale Konditionierung und         VI.2:25
Vorstellungen sind bedeutungslos und führen zu nichts anderem als zu psy-
chologischer Verwirrung. Sämtliche Sorgen und Missgeschicke des Lebens
wurzeln und ruhen in der Sinneserfahrung und dem Denken. Der Weg dieses
Lebens bzw. saæsāra ist verschlungen und qualvoll für denjenigen, der von
der psychologischen Konditionierung bzw. den latenten Neigungen be-
herrscht wird. Im Falle des Erwachten jedoch hört dieser saæsāra zusammen
mit dem Ende seiner mentalen Konditionierung auf.
  Etwas anderes als das reine Bewusstsein gibt es nicht, wie es ja auch nichts
anderes als reine Leerheit im Raum gibt. Dass es da einen anderen Erfahren-
den als dieses reine Bewusstsein geben soll, ist Unwissenheit, deren Expansi-
on zu diesem saæsāra (Welterscheinung) wird. Was in der Abwesenheit der
Beobachtung auftaucht, verschwindet, sobald die Lampe der Beobachtung
darauf gerichtet wird. So verschwindet auch dieses fiktive erfahrende Selbst,
welches nur die Reflexion des wahren Selbst ist, sobald seine wahre Natur
ergründet wird.
  Die durch das objektive Bewusstsein hervorgerufene Getrenntheit hört auf,
sobald die Erkenntnis der Unteilbarkeit des Bewusstseins erscheint. Tontöpfe
existieren nicht unabhängig vom Ton, das sie nur Modifikationen von Ton
sind. Objekte sind Bewusstsein – sie unterscheiden sich nicht vom Bewusst-
sein als „Objekte des Bewusstseins“. Was durch Erkenntnis gekannt werden
kann, ist nicht unterschieden von dieser Erkenntnis – das Unbekannte wird
nicht gekannt! Bewusstsein ist der gemeinsame Faktor im Subjekt, im Prädi-
kat (dem Kennen) und dem Objekt – folglich gibt es da nichts anderes als
Erkenntnis oder Bewusstsein. Wäre es anders, dann könnte es keinerlei Er-
fassen (d.h., von zwei völlig verschiedenen Substanzen) geben. Folglich sind



                                    542
sogar Holz und Stein von der essenziellen Natur des Bewusstseins, weil sie
          andernfalls nicht wahrgenommen werden könnten. Was auch immer in die-
          ser Welt ist, ist reines Bewusstsein. Obgleich Objekte wie Holz und Wachs
          unterschiedlich zu sein scheinen, sind sie doch vom Blickwinkel des Beobach-
          ters her nicht unterschieden, weil der Beobachter, der beide beobachtet,
          derselbe und selber auch Bewusstsein ist.
            Der Ich-Sinn, der die Vielfalt wahrnimmt, ist der Schöpfer der Getrenntheit.
          Der Ich-Sinn bedeutet Bindung, sein Aufhören bedeutet Befreiung. Alles ist so
          einfach. Worin besteht die Schwierigkeit? Diese Getrenntheit ist so „aufge-
          taucht“ wie der doppelte Mond des Fehlsichtigen. Wie kann man in diesem
          Fall davon sprechen, sie sei „aufgetaucht“? Es ist einfach falsch. Bewusstsein
          und Leblosigkeit können in keiner Beziehung miteinander stehen. Bewusst-
          sein kann nicht zu Unbewusstsein werden. Es ist nur Bewusstsein allein, das
          irgendwie glaubt, es könne leblos werden. Anschließend stürzen all diese
          Begrenztheiten in die Materialität hinein wie ein Regen oder ein Stein, der
          von der Spitze des Berges herabfällt.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:26
            Wer auf diese Illusion der Welterscheinung hereinfällt, wird unverzüglich
          die Beute zahlloser weiterer Illusionen, die wie Insekten nach einem Regen
          der ursprünglichen Illusion entspringen. Das Gemüt ist wie ein Wald im Früh-
          ling. So voll ist es aufgrund der vielen Ideen und Konzepte, dass in ihm nichts
          als dichte Finsternis herrscht. Aufgrund der Selbstbegrenzung bzw. Unwis-
          senheit werden die Menschen den zahllosen Erfahrungen von Vergnügen und
          Schmerz in dieser Welt unterzogen.
            Zwischen dem Weisen und dem Mond gibt es keinen Unterschied – beide
          verstrahlen Freude. Sie sind friedvoll, kühl und still, voll vom unsterblichen
          machenden Nektar und befähigen einen zu sehen. Es gibt keinen Unterschied
          zwischen dem Unwissenden und dem Kind – beide sind in ihrem Leben von
          Launen und Grillen angetrieben und bedenken nicht, was was ist oder sein
          wird; rechtes Betragen kennen sich nicht.
            Niemand, vom Schöpfer bis hin zum kleinsten Insekt, kann höchsten Frie-
          den erlangen, solange er nicht die vollkommene Beherrschung des Gemüts
          erlangt. Durch bloße Ergründung der Natur der Bindung hört diese auf zu
          sein; so wie die Hindernisse auf dem Weg denjenigen nicht behindern, die
          ihrer gewahr ist. Gespenster verfolgen denjenigen nicht, der umsichtig und
          wach ist. Sobald du die Augen schließt, ist die Sicht auf die Welt ausgelöscht.
          Entfernst du die Idee der Welt aus deinem Bewusstsein, dann existiert das
          reine Bewusstsein allein. Dieses reine Bewusstsein existiert auch jetzt als
          einziges, denn die Welt ist nur eine unwirkliche Erscheinung, die aufgrund
          einer kleinen Erregung im Bewusstsein entstanden ist. Wie schon immer ist
          sie nur die Schöpfung des kosmischen Gemüts. Dieses kosmische Gemüt
          unterhält die Idee einer solchen Schöpfung lediglich als eine Idee, denn es
          verfügt überhaupt nicht über die für materielle Realisation nötigen materiel-
          len Substanzen! Die Welt ist ein auf der Brahman-Leinwand gemaltes Gemäl-


                                               543
de – angefertigt ohne Farben und ohne Pinsel. Wie kann man dann sagen,
dass diese Welt tatsächlich erschaffen worden sei – von wem, wie, wann und
wo?!
  Die Idee „Ich bin glücklich“ schafft die Erfahrung von Glücklichsein und die
Idee „Ich bin unglücklich“ schafft die Erfahrung von Unglücklichsein. Alle
diese Ideen sind nur reines Bewusstsein und nichts anderes. Da sie nur Ideen
sind, sind sie falsch. Weil das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein unbe-
grenzt und unkonditioniert ist, gibt es darin keinerlei Bewegung oder Erre-
gung. Es gibt ferner keinerlei Wünsche oder Anhaftungen (Abhängigkeiten)
und daher auch keinerlei Ruhelosigkeit oder Bewegung im Selbst. Bindung
besteht allein schon in der Abhängigkeit – Nicht-Abhängigkeit bedeutet Frei-
heit bzw. Emanzipation. Wer in dem ruht, was mit den Worten „Alles“, „Un-
endliches“ oder „Fülle“ bezeichnet wird, wünscht sich nichts mehr. Was sollte
der weise Mensch noch für sich selbst wünschen, wenn doch der physische
Körper so unwirklich wie der in einem Traum gesehene Körper ist?
  Im spirituell erwachten und erleuchteten Zustand ruht der Weise im Selbst
– alle seine Wünsche sind erfüllt worden. Oh Rāma, MaÇki vernahm all dies
und trat dann, seine Täuschung aufgebend, in tiefe Meditation ein. Er führte
forthin in seinem Leben spontane, den Umständen entsprechende Tätigkeiten
aus (pravāhapatitaæ kāryaæ: unvermeidbare Tätigkeiten; wörtlich: Die Tä-
tigkeit desjenigen, der in einen Strom gefallen ist).
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:27,
  Im Selbst gibt es Einheit und Vielfalt, doch keine Art von Einheit und Viel-        28
falt, die sich gegensätzlich zueinander verhielten. Wie könnte man behaupten,
dass es eine Vielfalt darin gäbe? Das eine Selbst existiert – subtil und allge-
genwärtig wie der Raum. Es ist ungeteilt durch die Geburten und Tode der
Körper. „Ich bin der Körper“ ist Täuschung – nicht die Wahrheit. Du bist das
reine Selbst bzw. ungeteilte Bewusstsein. Das Subjekt (der Beobachter), das
Objekt (das Beobachtete) und das Prädikat (die Beobachtung) sind nichts als
Modifikationen des Gemüts. Die Wahrheit bzw. das Selbst wird durch diese
Teilung nicht geteilt und ist daher jenseits der Kontemplation (dhyāna). All
dies hier ist das eine, ungeteilte Brahman – ein Ding wie die Welt gibt es
nicht. Wie konnten diese Illusionen dann überhaupt entstehen oder existie-
ren? Durch meine Unterweisung wurde das verblendete Empfinden, es gäbe
da eine Welt (entweder als Realität oder Illusion) zerstreut.. Nun sollte es für
dich keinen Grund mehr geben, unter einer Bindung zu leiden. Sei im Glück
und Unglück frei und lebe ohne Ich-Sinn und ohne Wünsche.
  RĀMA sprach:
  Ich möchte von dir noch einmal von der Wahrheit hören, die das Karma be-
trifft bzw. was der göttliche Wille (Schicksal) genannt wird.
  VASIåèHA erwiderte:
 Göttlicher Wille (Schicksal, daivam) und Karma sind nichts als Konzepte,
während die Wahrheit darin besteht, dass sie Bewegungen im Bewusstsein


                                     544
sind. Sobald es eine solche Bewegung gibt, taucht die Welterscheinung auf;
          hört die Bewegung wieder auf, hört ebenfalls die Welterscheinung auf. Es gibt
          da nicht den geringsten Unterschied zwischen einer Person und ihrem Karma
          (Handlung). Ein Tier wird durch seine charakteristischen Tätigkeiten ge-
          kannt, die den Charakter des Tieres zeigen – beide sind untrennbar vonei-
          nander. Und so sind auch die Worte oder Konzepte wie „göttlich“ (daiva),
          „Handlung“ (Karma) und „Person“ (nara) nichts als Ausdrücke, die Bewegun-
          gen innerhalb des Bewusstseins bezeichnen.
            Diese Bewegung innerhalb des Bewusstseins dient zusammen mit der
          Selbstbegrenzung im Bewusstsein als der Same für alles, während es jedoch
          gleichzeitig keinerlei Ursache oder Same für die Bewegung selbst gibt. Es gibt
          keine Getrenntheit zwischen dem Samen und dem Keimling, und daher ist all
          dies (Körper usw.) nichts als Bewegung im Bewusstsein. Diese Bewegung ist
          offensichtlich allmächtig und folglich in der Lage, Götter, Dämonen und ande-
          re Wesen, bewegte wie unbewegte, fühlende und nicht-fühlende, zu erschaf-
          fen. Diejenigen, die behaupten, dass eine Person und ihre Handlungen (Kar-
          ma) unterschiedlich und getrennt seien, sind Tiere in menschlicher Verklei-
          dung – lasst uns sie grüßen!
            Der Same, der als die Welt sprießt, besteht in der Selbstbegrenzung bzw.
          Konditionierung im Bewusstsein. Verbrenne diesen Samen durch Nicht-
          Anhaftung bzw. Freiheitlichkeit. Nicht-willentliche Handlungen (Nicht-
          Handeln im Handeln) nennt man Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit. Die Entwur-
          zelung der Konditionierung (vāsanā) nennt man ebenfalls Nicht-Anhaftung
          bzw. Freiheit. Strebe mit allen Mitteln nach der Erlangung dieser Freiheit.
          Dasjenige Mittel, mit dessen Hilfe du den Samen der vāsanās zerstören
          kannst, ist gleichzeitig das Beste. Hierbei ist nur die Eigenbemühung und
          nichts anderes von Nutzen.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:29
            Oh Rāma, betrachte alle Handlungen zu jeder Zeit als reines Bewusstsein
          und lebe mit einwärts gekehrter Sichtweise. Verbleibe im Kummer und in
          Notlagen, im entsetzlichsten Schrecken und im Schmerz frei vom Kummer in
          dir selbst. Verhalte dich dabei jedoch so, als würdest du trauern, so wie es der
          Etikette und der Schicklichkeit deiner gesellschaftlichen Umgebung ent-
          spricht. Vergieße Tränen, klage und erwecke den Anschein, als erführest und
          erlittest du Vergnügen und Schmerz. Wenn du dich der Gesellschaft deiner
          Frau erfreust und an Festlichkeiten usw. teilnimmst, solltest du alle Arten von
          Entzücken so zeigen, als wärest du der mentalen Konditionierung unterwor-
          fen. Führe die Begräbnisriten aus und benimm dich sogar in der Kriegsfüh-
          rung wie ein unwissender Mensch mit begrenztem Verständnis. Erwirb
          Wohlstand und vernichte deine Feinde, wie die auch die unwissenden Men-
          schen mit begrenztem Verständnis tun würden. Sei mitfühlend gegenüber
          den Leidenden. Verehre die Heiligen. Genieße dein Glücklichsein. Trauere im
          Kummer. Sei ein Held unter Helden. Mit einwärts gekehrten Blick bade in der



                                               545
Seligkeit des Selbst und lebe mit Herzen und Gemüt im Frieden – was du tust,
tust du in Wahrheit nicht.
  Wenn auf diese Weise im Selbst ruhst, vermag nicht einmal die schärfste
Waffe dich zu verletzen (die Selbsterkenntnis). Diese Selbsterkenntnis wird
weder von Waffen getroffen noch vom Feuer verbrannt, weder vom Regen
genässt noch vom Wind getrocknet. Klammere dich an die Säule der Selbster-
kenntnis und kenne das Selbst als frei von Alter und Tod. Wenn du, obgleich
äußerlich tätig, so in der Selbsterkenntnis verwurzelt bist, wirst du nicht
noch einmal in den Fehler der Selbstbegrenzung (vāsanā) verfallen. Führe ein
aktives Leben, während du innerlich wie im Tiefschlaf verbleibst.
  Gib alle Wahrnehmung von Getrenntheit auf. Ruhe in der Selbsterkenntnis
mit einem Gewahrsein, das sich nur wenig ins Außen erstreckt. Auf diese
Weise wirst du gänzlich in der Ruhe leben, als ob du in deinem Innern im
Tiefschlaf lägest, ob du nun äußerlich tätig bist oder nicht, ob du nun etwas
ergreifst oder loslässt. Dann wirst du völlig frei von aller Disharmonie sein,
weil du den Nicht-Unterschied zwischen Wachen und Tiefschlaf realisiert
hast. Dann wirst du mit Hilfe der Praxis der Selbst-Gewahrseins, die
anfanglos und endlos ist, nach und nach diesen höchsten Zustand des Be-
wusstseins erlangen, in dem keinerlei Dualität existiert und der jenseits aller
Materialität ist. Es gibt darin weder Einheit noch Verschiedenheit und nichts
als höchsten Frieden.
  RĀMA fragte:
  Wenn dies die Wahrheit des Ich-Sinns ist, oh Weiser, wie kommt es dann,
dass man dich hier Vāsi«Âha nennt? (Als Rāma dies fragte, wurde Vāsi«Âha
völlig still. Die Teilnehmer der Versammlung begannen sich nun Sorgen zu
machen. Als er dies bemerkte, fragte Rāma erneut:) Weshalb bist du nun still,
oh Weiser? In dieser ganzen Welt sollte es nichts geben, was ein heiliger
Weiser nicht zu beantworten in der Lage wäre.
  VASIåèHA erwiderte:
  Ich war nicht still deswegen, weil ich deine Frage nicht beantworten konnte,
sondern weil Stille die einzige Antwort auf deine Frage ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Es gibt zwei Arten von Fragestellern, nämlich den erleuchteten und den
unwissenden. Man sollte die Fragen der Unwissenden vom Standpunkt des
Unwissenden und die Fragen des Weisen vom Standpunkt des Weisen aus
beantworten. Bis jetzt warst du noch unwissend und verdientest daher ledig-
lich intellektuelle, verstandesmäßige Antworten. Nun, da du die Wahrheit
kennst und im höchsten Zustand ruhst, sind intellektuelle und logische Ant-
worten nicht länger für dich brauchbar. Oh Rāma, alle verbalen Aussagen
(seien sie nun ausführlich oder knapp, in ihrer Fragestellung subtil oder
transzendent) sind sämtlich durch Logik, Dualität und Getrenntheit begrenzt.
   Mit Makeln behaftete Aussagen wie diese sind deiner nicht würdig, mein
Teurer. Worte können keine reine und makellose Aussage herstellen. Jeman-


                                     546
dem wie dir sollte man nur die reinste Wahrheit übermitteln, und die reinste
Wahrheit wird allein durch völlige Stille zum Ausdruck gebracht. Diese Stille,
die frei von rationalem Argumentieren und mentaler Tätigkeit ist, ist der
höchste Zustand. Deshalb war sie allein die einzig gültige Antwort auf die
Frage eines Weisen wie dir. Noch einmal: Jede Form des Ausdrucks ist der
Ausdruck der Natur desjenigen, der sie ausdrückt. Ich verharre fest im reinen,
nondualen und unteilbaren Bewusstsein, das der höchste Zustand ist. Wie
könnte ich mich selbst der Unzulänglichkeit des Ausdrucks des
Unausdrückbaren unterwerfen? Daher versuche ich nicht einmal, das Unend-
liche auf Worte, wie sie der mentalen Aktivität entspringen, zu reduzieren.
   RĀMA sprach:
   Ich erkenne, wie alle Ausdrücke mit dem Makel der Dualität und Begrenzt-
heit befleckt sind. Indem ich diesen berücksichtige und in Betracht ziehe,
erlaube mir die Frage, wer du bist.
   VASIåèHA erwiderte:
  Ich bin das raumgleiche Bewusstsein, frei von aller objektiven Erfahrung
und jenseits aller mentalen Aktivität und aller Gedanken. Ich bin das reine
und unendliche Bewusstsein. Dasselbe bist du. Und auch diese ganze Welt ist
es. Alles ist nur reines, unteilbares Bewusstsein. Ich bin reines Bewusstsein
und niemals etwas anderes als das. Da es nichts davon Getrenntes gibt, ver-
mag ich nicht zu sagen, wie dies zu beschreiben wäre. Sobald jemand dem
eigenen Selbst einen Ausdruck zu verschaffen versucht, geschieht es, dass der
Ich-Sinn und alles andere erscheinen, auch wenn man dabei nur die Absicht
der Erlangung der totalen Freiheit hegen sollte. Man nennt dies den höchsten
Zustand, in dem der Lebende sich verhält wie ein Toter.
  Für den Ich-Sinn wäre es absurd, nach dieser Art von Freiheit zu suchen, da
er die Wahrheit niemals verstehen könnte. Das unendliche Bewusstsein hätte
gewiss nicht die geringste Veranlassung dazu, das unendliche Bewusstsein
realisieren zu müssen! Das Ganze ist in jedem Fall wie beim Blindgeborenen,
der sich bemüht, ein Gemälde zu Gesicht zu bekommen. Das ist nirvāņa
(Emanzipation oder Freiheit), wenn man fest wie ein Felsen steht, ob da nun
Erregtheit oder Bewegung im Bewusstsein sei oder nicht. Ein solcher sieht
kein „anderes“. Er ist frei von allem Wunsch und Verlangen. In ihm gibt es
kein „ich“, „du“ oder „anderes“. Er ist allein („Alles“ plus „Einer“).
  VASIåèHA fuhr fort:
  Das Gewahrsein des unendlichen Bewusstseins seiner selbst ist der Ver-
stand. Dieser selbst ist saæsāra und Bindung, die zur psychischen Gestörtheit
führt. Sobald das unendliche Bewusstsein so verbleibt, als wäre es seiner
selbst nicht gewahr, ist dies mokåa bzw. Befreiung. Gemüt, Intellekt usw. sind
nur Modifikationen des reinen Bewusstseins, denn sie sind bloße Worte.
Tatsächlich existiert allein nur das reine, ungeteilte Bewusstsein. Wenn doch
nur das reine Bewusstsein als einziges existiert und alles innerhalb und au-




                                    547
ßerhalb durchdringt – wie könnte dann die Idee von Getrenntheit überhaupt
auftauchen, und wo?
   Gibt es einen Unterschied zwischen reinem Bewusstsein und der äußersten
Leerheit? Auch falls es einen geben sollte, wäre dies immer noch unmöglich
in Worte zu fassen. Ich bin der reine (Raum des) Bewusstseins, sobald die
Idee der Selbstbegrenzung (mentale Konditionierung) aufhört. Da diese Be-
grenzung jedoch nichts anderes als nur eine Idee ist, kann sie das Unendliche
auch nicht begrenzen. Sobald einer dieses Verstehen entwickelt hat, obwohl
es da immer noch ein Selbstgewahrsein gibt, hört sogar dieses noch auf, weil
es zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten keinerlei Getrenntheit
gibt. Es ist dann so, als ob die Leerheit die ultimative Wahrheit wäre!
   Die Unwissenheit verweist auf die verborgene Weisheit. Weisheit schließ-
lich zerstört diese Unwissenheit und kommt dann selbst ebenfalls zur Ruhe.
Dies ist der höchste Zustand. Der weise Muni (einer, der innerlich schweigt)
wird ein mānava (Mensch) durch Selbsterkenntnis (bzw. der Mensch wird
zum Muni). Als Unwissender wird der Unwissende zu den Tieren und Bäu-
men. „Ich bin Brahman“ und „Dies ist die Welt“ sind aus der Täuschung ent-
standene Ideen. Während einer Untersuchung oder Ergründung werden sie
nicht mehr beobachtet. Sobald das Licht auf die Suche nach der Dunkelheit
geht, verschwindet die Dunkelheit. Der friedvolle Mensch des rechten Ver-
ständnisses besitzt alle Sinne, ist jedoch nicht länger ihren Erfahrungen un-
terworfen, da er nicht mehr von falschen Ideen beherrscht wird. Er lebt wie
im Tiefschlaf.
   So wie alle Träume im Tiefschlaf enden, ähnlich dem Tiefschlaf, der im
samādhi endet, so versinken sämtliche Objekte der Wahrnehmung in der
Erkenntnis, in der alles nur noch als das eine Selbst gesehen wird. Wer zu
sehen vermag, dass alle diese Objekte nur im konditionierten Zustand des
Verstandes erfahren werden, realisiert schlagartig die Unkonditioniertheit
des Selbst. Da es im Unkonditionierten weder die Täterschaft noch den Ge-
nießenden gibt, existieren in Wahrheit weder Sorge noch Vergnügen, weder
Tugend noch Sünde noch ein Mangel für irgend jemanden. All dieses ist reine
Leerheit. Sogar die Ideen des Ich-Sinns und der Mein-heit sind leer. Sämtliche
Erscheinungen sind Illusionen und existieren nicht in unserm Innern. Wer
dies zu sehen vermag, befasst sich nur noch mit nicht-willentlicher Handlung
oder verbleibt in völliger Stillheit (kāåÂha mauna bzw. die Stille eines Holz-
klotzes). Er ist Brahman. Für das verkörperte Wesen gibt es bezüglich der
Erlangung des höchsten Friedens kein anderes Mittel.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                 VI.2:30
  Die Idee des „ich“ ist nichts als äußerste Unwissenheit, die den Pfad zu
nirvāņa bzw. zur Befreiung blockiert. Und doch strebt der närrische Mensch
mit der Hilfe dieser Finsternis der Unwissenheit nach dem Licht der Wahr-
heit! Die Erforschung des Ich-Sinns enthüllt seine Begrenztheit und konditio-
nierte Natur bzw. seine totale Abwesenheit. Gefunden wird er nur im Unwis-
senden, nicht im Kenner der Wahrheit. Der Kenner der Wahrheit andererseits


                                    548
existiert im verkörperten oder entkörperten Zustand ohne die geringste
          Furcht und Sorge, denn er hat die Idee des Egos völlig hinter sich gelassen. In
          einer auf Leinwand gemalten Schlacht gibt es keinerlei Furcht vor Zerstörung
          – auch den in der inneren Gelassenheit verankerten Kenner der Wahrheit
          berühren die Handlungen nicht. Im Falle des befreiten Weisen erweist sich
          sogar die Manifestation des konditionierten Verhaltens als nur scheinbar,
          nicht aber als real. Wie im Falle der Ummantelung einer Gaslampe, die Form
          und Gestalt beibehält, obwohl sie komplett zu Asche verbrannt wurde, so
          handelt es sich bei der Persönlichkeit des befreiten Weisen in Wirklichkeit
          um eine Nicht-Persönlichkeit; sein Gemüt ist ein Nicht-Gemüt und seine
          Konditioniertheit ist tatsächlich von unkonditionierter Art. Er ist Brahman
          und nichts anderes. Wer im totalen Frieden ruht, während er im Außen
          scheinbar mit den unterschiedlichsten Handlungen befasst ist, ist auf ewig
          ein Befreiter.
            Die Elefanten und Streitwagen, die am Himmel zu fliegen scheinen, sind
          nichts als Formationen aus Wolken, Wolken aus Wolken. Die Welten, die hier
          zu existieren scheinen, sind in Wahrheit nichts als das höchste Selbst bzw.
          Brahman. Die Ursache des Kummers besteht folglich im Glauben an das Irrea-
          le als real, der wiederum aus dem Missverstehen bzw. dem verblendeten
          Verständnis der Realität entsteht. So wie ein im Kreis umhergewirbelter
          Feuerbrand illusorische Formen in den Raum zeichnet und dessen einzige
          Realität lediglich der kleine Feuerfunke an der Spitze des Stockes ist, so sind
          alle diese vielen Formen nichts anderes als die real wirkende Erscheinungs-
          form des einen, unteilbaren Brahman bzw. des unendlichen Bewusstseins.
          Lasst all dieses (den Beginn und das Ende, das Aufsteigen und Niederfallen,
          den Raum und die Zeit) so lange existieren, wie es einem gefällt. Man sollte
          im inneren Frieden ruhen.
            Das leblose Wasser ist fähig, ein schwer beladenes Schiff zu tragen, über das
          Wasser zu geleiten und auf diese Weise das durch es selbst (das Wasser)
          entstandene Hindernis zu überwinden. Auf dieselbe Weise befähigt diese
          leblose Welt selbst einen Menschen dazu, die Welterscheinung zu überwin-
          den. Was durch Gedanken erschaffen worden ist, kann auch durch Gedanken
          wieder zerstört werden. Erlange daher durch Erkenntnis dessen, was weder
          „ich“ noch „anderes“ ist, die Furchtlosigkeit. Nichts von dem, was man „ich“
          nennt, wird bei der Untersuchung des Körpers, Gemüts usw. aufgefunden. Gib
          die Ziele und Zwecke des Vergnügens auf, befasse dich mit der Ergründung
          und sei an die Eigenbemühung hingegeben.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:31
            Das unendliche Bewusstsein reflektiert sich selbst als das unendliche und
          unkonditionierte Bewusstsein in allem – nur das allein wird in Wahrheit in
          allem auch erfahren. Sobald jedoch die Idee eines Objekts auftaucht und
          durch Wiederholung bekräftigt wird, manifestiert sich dieses Bewusstsein –
          wie die Traumobjekte – als das Objekt, welches dann, obwohl in einem selbst,
          in diesem Traum als die Objekte erscheint. Wenn ein Traumobjekt verdirbt,


                                               549
ist gar nichts verloren – wenn „die Welt“ oder das „ich“ verdirbt, ist ebenfalls
gar nichts verloren. Wer würde denn wohl eine Halluzination rühmen oder
verdammen? Was verbleibt, ist die Wahrheit. Verbleibe fest darin verankert.
  Diese Welterscheinung ist nur eine Idee, die durch Ergründung gänzlich
zerstreut wird. Was verbleibt, ist Brahman. Die Realität dieser Welt zu bekräf-
tigen ist wie den Worten des Sohnes einer unfruchtbaren Frau zu vertrauen.
Die individuelle Persönlichkeit besteht aufgrund von vāsanā oder mentaler
Konditionierung, die beim Nachforschen verschwindet. Im Zustand der Un-
wissenheit und aufgrund des Versäumnisses der Untersuchung jedoch taucht
die Welterscheinung wieder auf.
  Der Körper ist das Ergebnis Vermischung und Verbindung der fünf Elemen-
te, er ist selbst leblos. Sogar das Gemüt, der Intellekt und der Ich-Sinn beste-
hen aus denselben Elementen. Sobald einer fähig ist, die träge Materialität
des Gemüts, des Intellekts und des Ich-Sinns hinter sich zu lassen, erlangt er
das reine, unkonditionierte Sein. Dies ist Befreiung.
  Das „Objekt“ entsteht im „Subjekt“, verfügt aber über keine unabhängige
Existenz. Folglich ist sogar „der konditionierte Zustand bzw. dessen Existenz“
nichts als eine Idee – sie ist irreal. Daher verschwindet sich auch, sobald man
sie untersucht. Das Beste ist, die Idee zurückzuweisen und sie am erneuten
Auftauchen zu hindern, indem man nie wieder an sie denkt. Weder gibt es da
das Subjekt (Seher) noch einern Erfahrenden, weder das Reale noch das
Irreale. Nur höchster Friede existiert als einziges. Wer in diesem Frieden
verankert ist, ist frei von Zuneigungen und Abneigungen, obgleich er handelt.
Vielleicht ist er auch überhaupt nicht mit Tätigkeiten befasst. Wenn das Ge-
müt frei von allen Ideen, die das unkonditionierte Bewusstsein begrenzen –
wie könnte man dann vom Weisen noch sagen, er handele auf dualistische
Weise? Frei von Liebe, Hass und Furcht existiert er als das unbewegte Selbst,
fest verankert im höchsten Frieden.
  Die Idee des „Objekts“, die im „Subjekt“ auftaucht, wird vom letzteren als
getrennt von ihm selbst erfahren. Tatsächlich sind beide (wie der Träumer
und die wachende Person) untrennbar eins wie Milch, die in zwei verschie-
denen Tassen gegossen wird. Das höchste Selbst ist frei von allen Ideen. Ideen
lassen Objekte entstehen, und wenn die Ideen aufgegeben werden, hören
auch die Objekte auf zu sein.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:32
  Sobald es im unendlichen Bewusstsein eine Bewegung gibt, entstehen die
Ideen von „ich“ und „die Welt“. Beide sind harmlos, solange jemand zu erken-
nen vermag, dass sie faktisch untrennbar vom Selbst bzw. dem unendlichen
Bewusstsein sind. Werden sie jedoch in sich selbst für wirklich gehalten und
wird auch die Welt als real angesehen, dann wird großes Unglück die Folge
sein.
  Sogar diese Bewegung im Unkonditionierten ist kein realer Vorgang. Wenn
sie allein schon irreal ist, wie viel mehr müssen es dann die aufgrund dieser


                                     550
Bewegung auftauchenden Ideen sein! Sie besitzen nicht mehr Wahrheit wie
          der Tanz des Sohnes einer unfruchtbaren Frau. Bewegung dieser Art taucht in
          der Unwissenheit auf – sie ist selbst Unwissenheit. Im Licht des rechten Ver-
          stehens hört sie auf.
            Auf dieselbe Weise taucht der Ich-Sinn auf, sobald er in der Vorstellung
          konzipiert wird. Wird dieses Konzept zurückgewiesen, dann hört der Ich-Sinn
          auf zu sein. Genannt wird dies dhyÃna (Meditation) und samÃdhi (überbe-
          wusster Zustand). Es ist das unkonditionierte Bewusstsein. Bitte falle nicht in
          das Netz der Dualität und Nondualität usw.! All diese Kontroversen und Po-
          lemiken bewirken nichts als Schwierigkeiten und Verzweiflung. Sobald einer
          das Unreale bzw. Undauerhafte zu verfolgen versucht, entsteht der Kummer.
          Wenn die Konditionierung des Bewusstseins fortfällt, gibt es ebensowenig
          Kummer wie es im tiefen Schlaf Kummer gibt. Das Bewusstsein, welches de
          Konditionierung aufgibt, realisiert seine unkonditionierte Natur. Das ist Be-
          freiung.
            Mit der Hilfe meiner Anweisungen wird dein Verständnis fest und uner-
          schütterlich werden, sobald du zu erkennen vermagst, dass das „Ich“ nicht
          existiert. Die Welt und das „Ich“ existieren nur als Ideen, weder als Tatsachen
          noch als Realität. Sie hören auf, sobald einer ergründet: „Wer bin ich?“ und
          „Wie ist diese Welt entstanden?“ Die Realisierung der Nicht-Existenz des „Ich“
          ist nirvāņa bzw. Befreiung. Das Licht dieser Erkenntnis zerteilt die Finsternis
          der Unwissenheit. Daher sollte man bis ans Ende seines Lebens wie folgt
          Ergründung betreiben: „Wer bin ich?“, „Wie konnte diese Welt entstehen?“,
          Was ist der jīva bzw. die individuelle Persönlichkeit?“ und „Was ist Leben?“.
          Die Anweisungen dazu geben die Kenner der Wahrheit. Wenn du dich der
          Gesellschaft der Kenner der Wahrheit anvertraust, wird das Licht ihrer
          Selbsterkenntnis die Finsternis der Unwissenheit mitsamt ihrem Gefolge
          einschließlich des Ich-Sinns vertreiben. Erhalte dir daher ihre Gesellschaft.
            Suche Zuflucht zu diesen Kennern der Wahrheit in der privaten Zurückge-
          zogenheit, nicht aber in der Öffentlichkeit. Der Grund ist, dass dein Verständ-
          nis stocken oder verwirrt werden könnte, wenn du verschiedene Leute ihre
          verschiedenen Standpunkte zum Ausdruck bringen hörst. Der kluge Mensch
          sollte sich dem Kenner der Wahrheit privat nähern, die Wahrheit hören und
          über diese Wahrheit dann kontemplieren. Diese Kontemplation wird dann
          schließlich die Wolken des konzeptionellen Denkens und der Ideen, die einen
          Schatten auf das Bewusstsein werfen, zerstreuen.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:33
            Sobald einer durch Eigenbemühung und mit der Hilfe der Gemeinschaft mit
          Heiligen Weisheit erlangt hat, hört die Ausbreitung dieser Welterscheinung in
          seinem Bewusstsein auf. Wenn einer im Bewusstsein auftauchenden Idee
          eine konträre Idee entgegengehalten wird, wird die erstere einer radikalen
          Verwandlung unterzogen. Befreiung besteht in der totalen Aufgabe sämtli-
          cher Konzepte und Ideen. Möglich wird diese totale Aufgabe durch die Aufga-
          be des Strebens nach Vergnügen. Ideen und Konzepte hören nach und nach


                                               551
auf aufzutauchen und sich zu verbreiten, sobald einer sich selbst entschlos-
sen davon abhält, in seinem Verstand Worte mit Bedeutungen zu verknüpfen
– seien diese Worte nun von anderen geäußert worden oder von allein in
seinem Verstand aufgetaucht.
  Die Aufgabe des Ich-Sinns bedeutet das Aufhören der Unwissenheit – darin
und in nichts anderem besteht die Befreiung. Die Wahrnehmung oder Kon-
zeptualisierung dieser Welt durch den Verstand führt zum Kummer – ob
diese Welt nun existiert oder nicht existiert. Ihre Nicht-Wahrnehmung dage-
gen bedeutet Seligkeit. Für alle verkörperten Wesen gibt es zwei Arten von
Krankheit: Die erste bezieht sich auf diese Welt und die zweite auf die nächste
Welt. Für die im Leben in dieser Welt auftretenden Krankheiten suchen die
unwissenden Menschen Abhilfe noch vor dem Ende ihres Lebens zu schaffen.
Für das Leben danach und die darin auftretenden Probleme jedoch existieren
solche Abhilfemaßnahmen nicht und daher ist das Vertrauen darauf gänzlich
nutzlos. Wer nicht in dieser Welt eine Abhilfe für diese schreckenerregende
Krankheit namens Unwissenheit gefunden hat, wird sie mit Sicherheit auch
dann nicht finden, nachdem er diese Welt verlassen hat. Verschwende daher
nicht deine Zeit damit, nichtige Abhilfen für die mit deinem Leben in dieser
Welt verknüpften Probleme zu finden. Werde deine mit dem nächsten Leben
verbundenen Probleme durch Selbsterkenntnis los. Zeit darf nicht verloren
werden, denn das Leben schwindet mit jedem Augenblick dahin.
  Du wirst keine Zuflucht für deine Probleme finden, wenn du dich nicht
selbst aus dem Sumpf des Vergnügens herausziehst. Der Dummkopf, der sich
im Vergnügen wälzt, lädt Trauer und Missgeschick ein. So wie sich die Kraft
der Männlichkeit bereits in den Taten der Kindheit manifestiert, so beginnt
die Fülle der Vollkommenheit (nirvāņa) mit der Stärke der Selbstdisziplin
bzw. der Aufgabe des Strebens nach Vergnügen. Der Lebensatem des Kenners
der Wahrheit fließt harmonisch darin, während der Lebensatem des Unwis-
senden voller Verwirbelungen ist.
  Die Universen tauchen im unendlichen Bewusstsein wie Blasen auf der
Oberfläche des Ozeans auf. Und doch sind sie ununterschieden vom unkondi-
tionierten Sein. Brahman befindet sich jenseits aller Beschreibung und besitzt
nicht einmal eine „Natur“, die man konzeptualisieren könnte. Daher wäre es
unklug zu behaupten, dass die Manifestation der Universen seiner Natur
entspringe! Schöpfung, Welt, Bewegung im Bewusstsein usw. sind bloße
Worte ohne Substanz. Sobald solche Ideen aufgegeben werden, hören „Welt“
und „ich“ auf zu sein und Bewusstsein allein existiert – rein und unbewegt.
Dieses unkonditionierte Bewusstsein allein ist – nichts anderes sonst; nicht
einmal die hier gesehene Natur der verschiedenen Objekte. Alle diese Ideen
(betreffend die Natur der verschiedenen Objekte) sind Sprösslinge der Ver-
blendung.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:34
 Was durch Glück oder Unglück im Leben ausgelöscht wird, wird eben da-
durch ausgelöscht, aber was nicht ausgelöscht wird, wurde nicht ausgelöscht.


                                     552
Dies ist die Essenz der Unterweisung der Schriften. Wer Wünsche unterhält,
          unterzieht sich fortwährenden erfreulichen und unerfreulichen Erfahrungen.
          Wer dagegen von der Qual solcher Erfahrungen frei zu werden wünscht,
          muss als einziges lediglich die Wünsche loswerden.
             Es gibt da keine Täuschung im höchsten Selbst, dass das „ich“ und „die
          Welt“ existiere. Wer hat diese Ausdrücke geschaffen und sie dann der reinen
          Leerheit, die höchster Friede ist, überlagert. Es gibt weder ein „Ich“ noch die
          „Welt“ noch auch nur „Brahman“. All dieses sind nur Worte. Die einzige Wirk-
          lichkeit ist der höchste Friede. Da dies das Alles ist, gibt es weder eine
          Getrenntheit in ihm noch einen Täter noch einen Erfahrenden. Zum Zweck
          der Unterweisung werden die Definitionen geprägt. Das ist die einzige Wahr-
          heit, dass das Selbst und nur das Selbst allein ist! Jedoch wie die Traumerfah-
          rungen zweier Menschen, die Seite an Seite schlafen, nicht identisch sind und
          der eine vom anderen nicht zu wissen vermag, was dieser träumt, so bleiben
          das eigene Verstehen und die innere Erfahrung rein persönlich und einzigar-
          tig.
             Gewiss ist es Bewusstsein als das Selbst, welches sich allem im Universum
          bewusst ist. Daher bin ich dieses Bewusstsein – ich, die Welt und alle Dinge
          darin sind davon nicht verschieden. Es ist das eine Selbst, welches als das
          Viele erscheint. Aufgrund von Unwissenheit und der extrem subtilen Natur
          des Selbst wird es jedoch nicht als solches erkannt. Es ist das Selbst, welches
          innerhalb von sich selbst dieses Universum sieht, als ob es eine Gestalt hätte,
          obwohl es in Wahrheit keinerlei Form hat. Sämtliche Unterscheidungen zwi-
          schen fühlend, nicht-fühlend usw. dienen, obwohl nicht real, lediglich der
          Unterweisung der Suchenden.
             Die Idee „ich“ taucht zufällig in Brahman auf (wie die Krähe auf einem
          Baum landet und zufällig, gleichzeitig und ohne eine kausale Verbindung eine
          Kokosnuss herunterfällt). In Wahrheit bin ich Brahman, die Welt ist Brahman
          und es gibt da weder einen Anfang noch ein Ende. Wo sollte daher ein Grund
          zum Frohlocken oder Trauern sein? Die Dinge erscheinen als fühlend oder
          nicht-fühlend, weil der Höchste Herr allmächtig ist. In Brahman jedoch gibt es
          Unterteilungen dieser Art nicht. Diese Schöpfung erscheint als ein Glied des
          Höchsten Herrn und es scheint da auch eine kausale Verbindung zu geben.
          Jedoch ist dies nicht wahr, denn in Brahman existiert nichts, auf das man als
          seine Natur Bezug nehmen könnte.
             Dualistische Erfahrung ist Bindung und Befreiung deren Aufgabe. Wird eine
          solche Erfahrung aufgegeben, dann hören sämtliche Getrenntheiten zwischen
          dem Seher (Subjekt), dem Gesehenen (Objekt), dem Beobachter und dem
          Beobachteten auf. Die Bewegung im Bewusstsein wird als Schöpfung angese-
          hen. Sobald diese Bewegung als falsch und inexistent erkannt wurde, gibt es
          nirvāņa. Brahman ist unkonditioniert und unmodifiziert. Das gesamte Uni-
          versum ist das absolute Brahman, ohne die geringste Getrenntheit.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:35




                                               553
Das unendliche Bewusstsein, oh Rāma, ist überall und scheint daher im
Zeitraum eines Augenblinzelns von einem Teil des Universums in den ande-
ren zu wandern. Was auch immer die Tätigkeit sei, mit der du befasst bist –
verbleibe verankert im unkonditionierten Selbst. Das Kennzeichen der Un-
wissenheit besteht darin, dass sie bei der Ergründung bzw. Untersuchung
nicht aufgefunden wird. Falls sie gesehen oder beobachtet werden könnte,
würde sie zu Wissen werden. Wenn daher also die Unwissenheit nicht exis-
tiert, gibt es auch gewiss keinerlei Getrenntheit im Bewusstsein.
  Brahman allein existiert so als wäre es die Welt; dieses Eine erscheint als
geteilt; das Reine erscheint als unrein; das Erfüllte erscheint als Leerheit; das
Leere erscheint als Fülle; die Bewegung erscheint als etwas Unbewegtes und
umgekehrt das Unmodifizierte als Modifiziertes; das Stille als Ruheloses; die
Realität als inexistent; Bewusstsein als leblos; das Selbst als Objekt; das
Nicht-Selbst als das Selbst; das Ewige als sterblich; das Unkennbare als Kenn-
bares, das Offenbare als verborgen in der Dunkelheit. Obwohl es nichts als
Sein ist, ist es schwierig zu erkennen.
  Das Unendliche ist unkonditioniert und scheint daher an keinem bestimm-
ten Ort zu existieren. Es gibt in ihm keine Getrenntheit in der Form des Tä-
ters, der Tätigkeit, des Handlungsinstruments und der Ursache. Es existiert
als alles überall und immer. Es ist unsichtbar und liegt doch stets offen zuta-
ge. In ihm gibt es keine Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Leblosig-
keit. Ich bin, und ich bin sogar die Idee: „Ich bin nicht“; sollte es etwas ande-
res geben, dann bin ich dies auch.
  Alle diese Universen scheinen im unendlichen Bewusstsein zu existieren,
obgleich in ihm keinerlei Erscheinung oder eine Getrenntheit möglich sind. Es
ist so, als würde dieses Bewusstsein sich selbst zu sehen wünschen, worauf-
hin es dann zu seinem eigenen Spiegel wurde, in dem es sich selbst ohne die
geringste Absicht dazu spiegelt. Auf diese Weise wurde das reine Sein zu
seiner eigenen, leblosen Reflexion – dem Universum. Das unendliche Be-
wusstsein kennt sich selbst als die Welt.
  In ihm tauchen sämtliche Substanzen und materiellen Schöpfungen auf; sie
leuchten in ihm und sie sind in ihm absorbiert. Die ganze Welt ist ein Gemäl-
de, während dieses Bewusstsein selbst das reine und farblose Bildnis ist, mit
dem die Welt gemalt wurde. Die Objekte scheinen dabei der Schaffung und
Zerstörung unterworfen zu sein. Bewusstsein jedoch ist ewiglich und unkon-
ditioniert. Obgleich tausende von Welten in diesem Bewusstsein auftauchen,
verbleibt es im Frieden, denn es gibt in ihm keinerlei Absicht des Erschaffens;
so wie ein Spiegel unberührt von den in ihm auftauchenden Reflexionen
bleibt. Dieses unendliche Bewusstsein ist die absichtslose und nicht-
willentliche (Nicht)Ursache der Erscheinung dieser und der nächsten Welt.
Sobald es seine Augen öffnet, kommt die Welt zum Vorschein, und wenn es
sie schließt, verschwindet die Welt.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:36




                                      554
So wie die Halluzination eines Kindes nicht von mir erfahren wird, aber von
diesem für wirklich gehalten wird, so gibt es in meinem Bewusstsein auch
keinerlei Schöpfung. Da die Gestaltungen, die Sicht und die Intelligenz, die sie
erfasst, reines Bewusstsein sind, existiert nur dieses selbst, aber nicht das
Universum. Den Ich-Sinn nehme ich nicht wahr – ich erkenne dagegen die
Existenz des reinen Bewusstseins bzw. absoluten Friedens. Wisse, dass sogar
diese meine Worte reines Bewusstsein sind und dieser Dialog im Feld deines
eigenen, reinen Bewusstseins existiert.
   Der höchste Zustand ist das, worin kein Wunsch auftaucht. Der Weise, der
frei vom Wunsch ist, ist hier so tätig, als wäre er aus Holz gemacht. Er erfährt
im Innern reine Leerheit und im Außen reine Leerheit – für ihn ist die Welt
wie hohles Schilfrohr. Derjenige, der nicht in diese Welt verliebt ist und sein
Herz allein am Höchsten Wesen erfreut, ist im Frieden und hat diesen Ozean
des saæsāra überquert. Nachdem er Wünsche und latente Neigungen bzw.
mentale Konditionierungen überwunden hat, spricht er nur noch, was ge-
sprochen werden muss, berührt nur noch, was berührt werden muss,
schmeckt die verschiedenen Geschmacksrichtungen, betrachtet die verschie-
denen Szenerien und riecht die verschiedenen Düfte.
   Nur aufgrund des Erkennens der Substanzlosigkeit der Objekte der Erfah-
rung geschieht es, dass man frei von der Krankheit der Wünsche wird. Das
Auftauchen der Wünsche führt zu Kummer und ihr Aufhören zur höchsten
Freude, und zu dieser gibt es nichts Vergleichbares bezüglich der Kummer
und Freuden in Himmel oder Hölle. Das Gemüt ist selbst der Wunsch, wäh-
rend das Aufhören des Wunsches mokåa (Befreiung) ist, und darin besteht die
Essenz aller Schriften. Wenn diese Wünsche nicht durch Eigenbemühung
überwunden werden können, werden sie übermächtig werden, und eine
andere Art von Abhilfe existiert nicht! Falls du die Wünsche nicht augenblick-
lich loswerden kannst, dann beseitige sie Schritt für Schritt und nach und
nach. Der Wanderer verzweifelt nicht angesichts der endlosen scheinenden
Straße, sondern nimmt seinen Weg, indem er einen Fuß vor den anderen und
einen Schritt nach dem nächsten setzt. Die Wünsche selbst sind saæsāra bzw.
die Welterscheinung, die nur eine Ausbreitung oder Projektion der eigenen
Wünsche ist – das Nicht-Wahrnehmen ihrer bedeutet Befreiung. Daher sollte
man eifrig nach der Überwindung der Wünsche streben – alles andere ist
wertlos. Weshalb sollte man dabei stehenbleiben, die Schriften zu studieren
und die Anweisungen der Lehrer anzuhören? Samādhi ohne ein Aufhören der
Wünsche gibt es nicht! Falls jemand meint, eine Überwindung der Wünsche
mit der Hilfe seiner eigenen Weisheit sei unmöglich, dann sind auch das Stu-
dium der Schriften und die Anweisung des Hauslehrers von keinem Nutzen.
Wird diese von den Wünschen hervorgerufene Ruhelosigkeit gebremst, dann
wird zur Erlangung der Selbsterkenntnis nur noch sehr wenig Mühe benötigt.
Lasst daher alle mit allen verfügbaren Mitteln eifrig nach der Überwindung
der Wünsche streben, die der Same für Geburt, Alter und Tod sind. Mit dem
Auftauchen der Wünsche taucht auch die Bindung auf – mit dem Aufhören
der Wünsche hört die Bindung auf. Lasst daher den Samen der Wünsche im


                                     555
eigenen Herzen durch das Feuer des Friedens, des Gleichmuts und der
          Selbstbeherrschung zugrunde gehen.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:37
            Yoga bedeutet, das Gift der Wünsche loszuwerden. Obwohl ich bereits da-
          rüber gesprochen habe, werde ich dir nun erneut davon sprechen, damit es
          restlos deutlich werde.
            Auch wenn du einen Wunsch nach etwas hegen solltest, so gibt es doch
          stets nichts anderes als das Selbst. Was solltest du also wünschen? Bewusst-
          sein ist subtil wie der Raum und unteilbar, und das ist selbst auch die Welt.
          Wie könntest du daher Wünsche haben und wonach? Es gibt keine Objekte,
          nach denen man Wünsche hegen könnte. Ebenfalls vermögen wir keine Un-
          terscheidung und Beziehung zwischen dem Gewinn (eines Objekts) und
          seinem Besitzer zu erkennen. Wie könnte eine irreale Substanz wohl erlangt
          werden? Hat schon einmal jemand jemals einen schwarzen Mond eingefan-
          gen? Wenn so die Natur des Gewinns und seines Besitzers klar verstanden
          wurde, dann verschwinden beide, und wir wissen nicht, wohin!
            Sobald die Unterscheidung zwischen dem Seher, der Sicht und der Szenerie
          ebenfalls als inexistent erkannt wurde, versinkt der Ich-Sinn usw. im Selbst
          bzw. Bewusstsein. In nirvāņa bzw. der Befreiung gibt es weder einen Seher
          noch eine Sicht noch eine Szenerie – sollte dieses alles existieren, dann wäre
          es kein nirvāņa. Die illusorische Erscheinung von Objekten stellt keinerlei
          praktischen Nutzen dar – Perlmutter, das wie Silber aussieht, ist wertlos.
          Sobald du die Wirklichkeit dieser illusorischen Erscheinung bekräftigst, lädst
          du das Unglück ein; wird ihre Irrealität dagegen durchschaut, entsteht da
          großes Glück.
            Es gibt nicht zwischen zwei Dingen hier die geringste kausale Beziehung,
          weil nur das eine, unendliche Bewusstsein als einziges real ist. „Ursache“ und
          „Wirkung“ sind Worte ohne jede Bedeutung. Worin sollte die Ursache der
          Flüssigkeit des Wassers oder der Bewegung der Luft bestehen? Kummer oder
          Glück gibt es nicht, da die gesamte Welt nichts als der Höchste Herr ist. Es
          gibt nichts anderes als das unkonditionierte Bewusstsein. Wie könnten dann
          Wünsche entstehen?
            RĀMA fragte:
            Wenn alles Brahman oder unendliches Bewusstsein ist, dann sind die Wün-
          sche dies gewiss auch! Wo wäre dann der Sinn von Vorschriften und Verbo-
          ten?
            VASIåèHA fuhr fort:
            Sobald die Wahrheit realisiert wurde, besteht der Wunsch nur noch aus
          Brahman und aus nichts anderem. Sobald die Selbsterkenntnis bzw. die Er-
          kenntnis der Wahrheit zum Vorschein kommt, hört in demselben Moment das
          Wünschen auf, so wie die Finsternis im Moment des Sonnenaufgangs schwin-
          det. Sobald die Selbsterkenntnis auftaucht, hört zusammen mit den vāsanā
          bzw. der mentalen Konditionierung das Empfinden von Dualität auf. Wie


                                              556
könnte in einem solchen Zustand noch das Wünschen existieren? Im Men-
schen der Selbsterkenntnis gibt es weder eine Ab- noch eine Zuneigung noch
einen Wunsch nach Objekten. Die Abwesenheit des Gefallens daran ist für ihn
ganz natürlich.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Falls der Mensch der Selbsterkenntnis überhaupt noch einen Wunsch un-
terhalten sollte, dann wäre dies rein zufällig und ursachelos oder geschähe
auf Veranlassung anderer. Ein solches Wünschen wäre selbst Brahman. Je-
doch ist soviel gewiss: Im weisen Menschen entsteht kein Wünschen. Vor-
schriften und Verbote gelten nicht für den Menschen der Selbsterkenntnis.
Wer würde wohl Anweisungen jemandem zu erteilen wünschen, in dem
sämtliche Wünsche aufgehört haben? Und tatsächlich sind dies auch die
Zeichen, an denen man den Kenner der Wahrheit erkennen kann – in diesem
sind die Wünsche so gut wie verschwunden; er ist allein hingegeben an das
Glück und die Freude aller.
   Wenn die Wünsche als substanzlos verstanden wurden und das Gefallen am
Vergnügen fort ist, tauchen die Wünsche nicht mehr auf – und eben das ist
Befreiung. Sobald die erleuchtete Person jenseits der Ideen von Einheit und
Dualität gegangen ist, behandelt sie Wunsch und Nicht-Wunsch als ein und
dasselbe und als göttlich. Ein solcher Mensch ist frei von der Erregtheit und
ruht im Frieden des Höchsten Herrn. Weder ist er am Tun interessiert noch
gibt es für ihn irgendetwas dadurch zu gewinnen, dass er sich des Tuns ent-
hält. Nichts ist hier noch von Belang: Wunsch oder Nicht-Wunsch, Wahrheit
oder Falschheit, Selbst oder anderes, Leben oder Tod. In solch einer Person
tauchen Wünsche nicht auf – sollte ein solcher auftauchen, dann ist er Brah-
man.
   Für wen es weder Freude noch Sorge gibt, der im Frieden ruht und inner-
lich ruhig ist, der ist erleuchtet. Er ist hinfort sogar fähig, Sorgen in Freude zu
verwandeln. Wer fest in der Realisierung der Wahrheit verankert ist, für den
ruhen der Raum im Raum, der Friede im Frieden, die Vorzüglichkeit in der
Vorzüglichkeit, die Leerheit in der Leerheit, die Welten in Brahman. Der fal-
sche Ich-Sinn ist gegangen.
   Die Welt, die zu sein scheint, ist nicht anders als die Stadt, die in der Einbil-
dungskraft von jemandem erscheint. Sie ist eine illusorische Erscheinung. Der
Ich-Sinn ist unwirklich, obwohl er als real erscheint. Diese Welterscheinung
ist weder real noch irreal – sie unbeschreibbar. Und obwohl es wahr ist, dass
der Kenner der Wahrheit nicht vom Wunsch oder Nicht-Wunsch berührt
wird, halte ich es für empfehlenswerter zu sagen, dass sogar in seinem Fall
Wünsche überhaupt nicht auftauchen. Das Gemüt ist Bewegung im Bewusst-
sein, wenn es seiner selbst bewusst wird, und dies ist dann selbst saæsāra
und gleichzeitig das Wünschen. Davon frei zu sein ist Befreiung. Wisse dies
und lasse die Wünsche fahren.




                                       557
In Wahrheit jedoch gibt es weder Wunsch noch Nicht-Wunsch, weder eine
Schöpfung noch kosmische Auflösung oder einen Verlust von irgend etwas für
irgend jemanden hier. Wunsch und Nicht-Wunsch, Wahrheit und Falschheit,
Sein und Nicht-Sein, Glück und Unglück sind nichts als Ideen, die im Raum
auftauchen, aus denen aber überhaupt nichts entsteht. Und doch wird derje-
nige als Kandidat für die Befreiung erachtet, der täglich seine Wünsche ver-
ringert und abweist. Kein anderes Mittel in der Welt kann der durch Wünsche
im Herzen verursachten schrecklichen Qual abhelfen.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Keine andere Abhilfe als die Selbsterkenntnis bzw. die Erkenntnis der
Wahrheit ist wirksam in der Beseitigung des Wünschens. Es ist sinnlos, dies
mit Mitteln erreichen zu wollen, die selbst auf dem Falschen (wie dem Ich-
Sinn usw.) basieren.
   Bewusstsein wird aufgrund des Ich-Sinns scheinbar zu lebloser Materie. So
entstehen dann das Gemüt und der Körper. Da es jedoch Bewusstsein ist,
erfährt es sich selbst (jetzt als der Körper), ohne dabei seine Wirklichkeit als
Bewusstsein aufzugeben. Daher kann diese Schöpfung (der Welt, des Körpers
usw.) weder als wahr noch als falsch erachtet werden.
   Der Planet ist Leerheit, die Berge sind Leerheit, die festen Substanzen sind
Leerheit, die Welten sind Leerheit, die Bewegung ist Leerheit und sogar die
Erfahrung dieser Schöpfung ist Leerheit. Deshalb taucht diese Welterschei-
nung in Wahrheit weder auf noch hört sie auf. In diesem Ozean aus unendli-
chem Bewusstsein entstehen alle diese Welten wie Wellen und Wogen –
ununterschieden, obwohl als verschieden erscheinend – ohne den geringsten
Grund und die kleinste Ursache, und in Wahrheit entstehen sie auch weder
noch hören sie jemals auf zu sein. In unendlichen Bewusstsein ist es unmög-
lich für ein Objekt, als etwas anderes als unendliches Bewusstsein selbst
überhaupt zu erscheinen.
   Die Yogis bzw. die vollkommenen Wesen verstehen sich darauf, aus der
ganzen Welt eine Leerheit zu machen und diese im Zeitraum eines Augen-
zwinkerns mit Hilfe des magischen Zaubertranks des Bewusstseins wieder in
die Welt zurückzuverwandeln. Es gibt da zahllose solche Welten, die von
solchen siddhas (vollkommenen Wesen) im Raum erzeugt worden sind, zahl-
lose Schöpfungen, die alle aus nichts als reinem, unendlichen Bewusstsein
bestehen. Erleuchtete Yogis können sogar von der einen Schöpfung zur ande-
ren reisen.
   Alle diese Schöpfungen sind nicht unterschieden vom Bewusstsein, wie
Duft und Blüte, obgleich sie als unterschieden erscheinen. Ihre Erscheinung
im unendlichen Bewusstsein ist rein illusorisch. Da sie mit dem Mittel der
Ideen, wie diese in allen Beobachtern erscheinen, wahrgenommen werden,
werden sie entsprechend diesen Ideen wahrgenommen. In den Yogis sind
diese Ideen jedoch sehr stark vermindert; sie sehen daher die Wahrheit, und
ihre Aussagen befinden sich deshalb nahe an der Wahrheit. Im Falle der an-



                                     558
deren sind deren Erklärungen durch ihre eigenen Ideen bzw. die mentale
          Konditionierung getrübt.
            Oh Rāma, die Zeit versetzt die Welt in Drehung und mit ihr zusammen all
          die fiktiven „ich“, „du“, „sie“, „da“ und „deshalb“. All dieses ist reines, unendli-
          ches Bewusstsein, das höchster Friede, ungeschaffen und unverderblich, ist.
          Dies ist der Höchste Herr, das Selbst. Wie und in wem könnten da das Wün-
          schen und alles andere entstehen?
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:38
            Bewusstsein erblickt innerhalb von sich selbst sein eigenes Selbst, als ob
          dieses sein eigenes Objekt wäre. Obgleich man die Schöpfung als zweifach
          betrachtet, nämlich als die durch Brahmā und die durch das eigene Gemüt
          erzeugte Schöpfung, sind sie doch essenziell ein und dasselbe, da beide aus
          dem Selbst bzw. dem unendlichen Bewusstsein entspringen. Es ist das dem
          Bewusstsein inhärente Gewahrsein, welches diese Idee der Schöpfung als
          außerhalb des Bewusstseins erscheinen lässt. Zwischen dem subjektiven und
          dem absoluten Idealismus vermögen wir daher keine Differenz zu entdecken.
            Alle diese verschiedenen Objekte kommen im unendlichen Bewusstsein
          zum Vorschein, existieren darin und sind von diesem nicht unterschieden. Es
          geschieht aufgrund dieser Wahrheit, dass die Erfahrung dieser verschiedenen
          Objekte entsteht. Da sowohl das Subjekt als auch das Objekt der Erfahrung
          Bewusstsein sind, vermischt sich das Objekt mit dem Subjekt wie Wasser mit
          Wasser. Dann entsteht daraus die Erfahrung. Wäre dem nicht so, könnte es,
          wie zwischen zwei Stücken Holz, auch keinerlei Erfahrung geben. Im Objekt
          existieren die verschiedenen Elemente (Erde, Wasser usw.). Im Subjekt exis-
          tieren die Lebenskraft, das Gemüt, der jīva usw. Jedoch sind diese nicht reines
          Bewusstsein, sondern die Erscheinungen, die im Bewusstsein auftreten. In
          Wahrheit sind sie daher unwirklich. Da das Unwirkliche nicht real sein kann,
          ist es klar, dass die Realität bzw. das unendliche Bewusstsein bzw. Brahman
          als einziges existiert.
            Wenn der Traum der Person, die neben dir schläft, endet und der Schläfer
          erwacht, verlierst du nichts. Für denjenigen, der sich jenseits des Ich-Sinns
          begeben hat, ist das gesamte Universum weniger wert als ein Grashalm. Eine
          solche Person ist durch nichts in den drei Welten verführbar – für sie ist sogar
          der Rang der Götter so bedeutungslos wie ein Haar. Für diese sind Dualität
          und Vielfalt unwirklich und falsch.
            Wie könnte ein Wunsch in den Herzen der weisen Menschen auftauchen,
          wenn doch das gesamte Universum in ihren Augen leer ist? Für sie gibt es
          nicht einmal einen Unterschied zwischen Leben und Tod. Eine Untersuchung
          zeigt, dass sogar der Körper usw. unwirklich und falsch ist. Wenn dann auch
          noch das Gemüt durch Aufhören der Ideenbildungen über Körper und Welt
          aufgehört hat, bleibt als einziges das Selbst bzw. unendliches Bewusstsein
          zurück.




                                                 559
Der Ich-Sinn taucht nur in der Abwesenheit einer solchen Ergründung der
          Natur der Wahrheit auf. Sobald man diese ergründet, hört der Ich-Sinn auf
          und dann ist da reines, unendliches Bewusstsein. Der Verstand wird frei von
          der Objektifizierung. Das tägliche Leben wird in göttliches Leben verwandelt.
          Verbleibe, wunschlos und frei von der Verblendung, in der Selbsterkenntnis
          verankert. Da es nun keine fremden Beweggründe in dir mehr gibt, werden
          die Schriften dich in deinem rechten Betragen führen.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:39
            In wem der Schleier der Unwissenheit zerrissen und die Wünsche aufge-
          hört haben, der strahlt mit dem Licht der reinen Intelligenz. Alle seine Zweifel
          sind an ein Ende gelangt und alles um ihn herum beleuchtet er. Wer mit ihm,
          der frei vom Zweifel und unabhängig (frei von aller Abhängigkeit) ist, in Ver-
          bindung tritt, erfährt ebenfalls Reinigung und Erleuchtung.
            Die Idee der Realität der Objekte dieser Welt entsteht nur in der Unwissen-
          heit. Wie könnten noch Wünsche nach Objekten entstehen, wenn doch er-
          kannt wurde, dass sie unwirklich sind? Auch „Schöpfung“ und „Befreiung“
          sind nur Worte ohne Bedeutung. Diese Welt ist Bewusstsein – wenn dies
          nicht so wäre, wären weder „ich“ noch „das“ überhaupt wahrnehmbar.
            Echter Friede wird dann erlangt, wenn man keinen Ich-Sinn mitsamt sei-
          nem Gefolge einschließlich des Kummers mehr wahrnimmt. Im Tiefschlaf
          gibt es keine Träume, während der Zustand des Tiefschlafs wiederum wäh-
          rend des Träumens nicht erfahren wird. Auf dieselbe Weise existieren die
          Wahrnehmungen des Ich-Sinns, des Kummers (geboren aus der Idee der
          Welterscheinung) und des Friedens (geboren aus nirvāņa) nicht gleichzeitig.
          All dieses sind nur Ideen – in Wahrheit gibt es da weder Schöpfung noch
          nirvāņa, weder Schlaf noch Träume. Wird all dieses zurückgewiesen, entsteht
          der echte Friede.
            Verwirrung und Verblendung sind irreal – das Irreale existiert nicht. Was
          während der Untersuchung realisiert wird, ist die eigene, wahre Natur, die als
          einziges existiert und keinerlei Vielfalt enthält. Bewegt man sich von der
          eigenen, wahren Natur fort, entsteht großer Kummer – gelangt man im Selbst
          zur Ruhe, dann gibt es da einen großen Frieden und Selbstbeherrschung.
            Die Elemente (Sinne und Gemüt usw.) agieren immer nur mit der Hilfe ihrer
          eigenen Gegenstücke (Licht, Raum usw.) Das Selbst bzw. das unendliche
          Bewusstsein tut nichts und ist an Aktivitäten nicht beteiligt. Diejenigen, die
          diese Welt als real ansehen, besitzen keine Selbsterkenntnis und für sie sind
          Leute wie wir „unwirklich“. In mir ist reines Gewahrsein des einen, kosmi-
          schen Bewusstseins, in dem sogar die Aktivitäten der Welt nicht als unter-
          schieden von ihm erscheinen, sondern nur wie die Bewegung des Windes, die
          nicht unterschieden vom Wind ist. Ihr Verstand sieht meinen Körper als real
          an, jedoch für meine erleuchtete Intelligenz ist ihre physische Existenz wie
          für eine schlafende Person nur unwirklich. Meine Beziehung mit ihnen ist
          Brahman und existiert in Brahman. Welche auch immer ihre Sichtweise sein
          mag – lasst sie dabei bleiben; für mich ist dies kein Problem. Da alles dieses


                                               560
von Brahman durchdrungen ist, existiere ich nicht als „ich“. Sogar diese Worte
           entstehen einzig und allein nur zum Zwecke deines besseren Verständnisses.
           Im Herzen eines solchen Kenners der Wahrheit gibt es weder Wünsche nach
           Vergnügen noch nach Befreiung. Weder Befreiung noch Wohlstand usw. sind
           für denjenigen von irgendeinem Nutzen, der in der Erkenntnis des „weder bin
           ich noch diese Welt“ verankert ist.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:40,
   41        Oh Rāma, das nennt man das Selbst (svarÆpaæ), welches die äußeren Ge-
           staltungen und die inneren psychologischen Zustände kennt. Wenn das Nicht-
           Selbst geschwächt ist und die Selbst-Natur sich durchsetzt, dann wird die
           Welt im Licht dessen als nichts als eine bloße Erfahrung erkannt. Wer voll im
           Selbst verankert ist, für den hört diese Welterscheinung auf wie ein Traum
           während des Tiefschlafs.
             Man sollte stets im Selbst ruhen, wissend, dass Vergnügen nur grauenhafte
           Krankheiten, Verwandte nur Bindung und Wohlstand (artha) nur Quelle des
           Unglücks (anartha) sind. Das Nicht-Selbst ist saæsāra – ruhen im Selbst ist
           das Höchste Gute. Daher sollte man wie die Leerheit des Bewusstseins immer
           nur man selbst sein. Ich bin weder das Selbst noch die Objekte noch die Welt-
           erscheinung – ich bin Brahman, der höchste Friede, in den ich eingetreten
           bin. Nur du bist des „du“ gewahr – ich selbst sehe nichts als den höchsten
           Frieden. Das Brahman-Bewusstsein weiß nichts vom Schöpfer-Bewusstsein
           und vice versa, so wie der Träumer nichts vom Tiefschlafzustand weiß und
           der Schlafende wiederum nicht den Traumzustand erfährt. Die erleuchtete
           Person sieht sowohl Brahman als auch die Welt als die Wach- und Traumzu-
           stände an. Daher kennt sie all dieses als das, was es ist.
             So gewiss die Tatsache ist, dass es im Sonnenlicht Beleuchtung gibt, so ist es
           gewiss, dass es in der Erfahrung der Wesenlosigkeit der weltlichen Objekte
           spirituelles Erwachen gibt. Die einzige Wirklichkeit hier besteht darin, dass
           die höchste Essenz des kosmischen Bewusstseins in jedem Atom des Seins
           tanzt. Wer könnte wohl das Unmessbare des Seins messen oder das Unendli-
           che zählen? Dieser köstliche kosmische Tanz, der sich vor deinen Augen, oh
           Rāma, abspielt, ist nichts als das Spiel des kosmischen Bewusstseins. Die
           schlafende Person, die nicht im Tiefschlaf weilt, wird das Feld für das Spiel
           der Träume. Auf dieselbe Weise wird das Selbst, welches nicht in der Selbst-
           erkenntnis weilt, scheinbar zum Samen dieser Welterscheinung. Kontemplie-
           re über das Selbst und lebe im Wachzustand wie im festen Schlaf, frei von
           psychologischer Verwirrung.
             Wer spirituell erwacht ist und in einem Wachzustand lebt, der dem Tief-
           schlaf ähnelt, dessen Zustand, in dem er sich befindet, wird svabhÃva (Selbst-
           Natur) genannt. Dieser Zustand führt zur Befreiung. Wer in Brahman veran-
           kert ist und keinerlei Unterschied zwischen Brahman und der „Welt“ sieht,
           lebt gleichzeitig auch in dieser Welt, ohne einen Unterschied zwischen Sub-
           jekt, Objekt und Prädikat zu machen und ist deshalb frei vom Empfinden der



                                                561
Täterschaft. In seinen Augen erscheint alles als das, was es ist, und es gibt da
weder Einheit noch Vielfalt.
  Eine eingebildete Stadt ist eine Einbildung, keine Stadt. Diese Welterschei-
nung ist eine Erscheinung, nicht aber die Welt. Die Wirklichkeit ist unendli-
ches Bewusstsein bzw. Brahman.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Die Welterscheinung tritt in der Unwissenheit auf und Weisheit setzt ihr ein        VI.2:42
Ende. Für die Realität ist jedoch all dieses bedeutungslos, denn weder taucht
sie auf noch vergeht sie. Diese Realität ist das unteilbare, unendliche Be-
wusstsein, außer dem nichts sonst ist. Dieses scheint innerhalb von sich
selbst Polarisierungen unterworfen zu sein und sich so seiner selbst als sein
eigenes Objekt bewusst zu werden. Daraus entstehen sodann Getrenntheit
und ein Teilwissen, welches selbst Unwissenheit ist. Ein solches Gewahrsein
ist dem Bewusstsein inhärent, aber selbst nicht unterschieden vom Bewusst-
sein.
   Die Unterscheidung zwischen der Welt und ihrem Höchsten Herrn ist ver-
bal und falsch. Im unteilbaren, unendlichen Bewusstsein wäre keine solche
Unterscheidung sinnvoll. Aufgrund der illusorischen Wahrnehmung von
Raum und Zeit erscheint irgendwann und irgendwo Gold als ein Schmuck-
stück – auf dieselbe Weise tritt die Idee einer Schöpfung im Bewusstsein auf.
Wenn dann also die Dualität inexistent ist, wird auch die Ergründung der
kausalen Beziehung zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung sinnlos.
   Wenn das, was existiert, als das erkannt ist, was es ist (d.h., als das unteilba-
re Bewusstsein), hört die Welterscheinung auf. Verbleibe fest wie ein Fels in
der Erkenntnis dieser Wahrheit verankert, während du hier weiter wie ein
intelligentes Lebewesen tätig bist. Verehre das Selbst, welches der Höchste
Herr ist, mit all deinen natürlichen Tätigkeiten und Erfahrungen einschließ-
lich deiner Weisheit. Wenn das Selbst mit diesen Mitteln verehrt wird, ver-
leiht es dir unverzüglich die Gnade der spirituellen Entfaltung, die im Ver-
gleich damit die Verehrung von Göttern wie Rudra und Viåņu wertlos macht.
Das Selbst, welches der Höchste Herr ist, schenkt sofort mokåa bzw. endgülti-
ge Befreiung, sobald es mit der Ergründung in die Natur des Selbst, mit
Selbstbeherrschung und satsaÇga (Gemeinschaft mit Weisen) verehrt wird.
  Erkenntnis der Wirklichkeit ist die beste Form der Verehrung. Da der
Höchste Herr als das Selbst existiert, wäre die Verehrung von anderem nur
die Tat eines Narren. Man sagt, dass die Verehrung der Götter, Pilgerfahrten,
Askesepraktiken usw. ihren Segen gewähren, wenn sie mit Weisheit bzw.
viveka ausgeübt werden. Gewiss ist es die Weisheit, die in all diesem die
eigentliche Kraft ausmacht. Ist es dann nicht ausreichend, das Selbst mit
viveka allein zu verehren? Werde mit der Hilfe dieser Weisheit das Körper-
bewusstsein und zusammen mit diesem die Scham, die Furcht, die Verzweif-
lung, Vergnügen und Schmerz los. Weisheit enthüllt Bewusstsein als das
Selbst, aber in der Abwesenheit von Objekten wie dem Körper usw. tritt die-



                                       562
ses Bewusstsein in den höchsten Frieden ein, der unbeschreibbar ist. Ihn zu
          beschreiben bedeutet ihn zu zerstören. Und sich mit dem aus den Schriften
          gewonnenen Wissen zufriedenzugeben und sich selbst dann noch für er-
          leuchtet zu halten ist nur wie die nichtige Einbildung eines Blindgeborenen.
          Erleuchtung, die jenseits jeder Beschreibung ist, entsteht dann, wenn die
          Unwirklichkeit der Objekte verstanden und erkannt wurde, dass dieses Be-
          wusstsein kein Objekt der Erkenntnis sein kann.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:43
            Die Merkmale desjenigen, der frei vom Fieber der Unwissenheit ist und
          dessen Herz aufgrund der Selbsterkenntnis ruhig und kühl bleibt, besteht
          darin, dass dieser nicht vom Vergnügen verführbar ist. Genug mit all diesem
          Reden über Erkenntnis und Weisheit, die nur Worte und durch diese Worte
          hervorgerufene Ideen ohne eigene Wahrheit sind. Nirvāņa bzw. Befreiung
          besteht in der Nicht-Erfahrung des Ich-Sinns. Lasst uns diese Wahrheit klar
          verstehen.
            So wie der erwachte Mensch keinerlei Nutzen aus den Objekten zieht, die er
          während des Träumens erblickt hat, so erlangen wir durch die in dieser Welt-
          erscheinung erblickten Objekten keine Freude. Alle diese vierzehn Welten
          tauchen in der Finsternis der Unwissenheit und Verblendung so auf, wie
          Vampire und Kobolde im finsteren Wald auftauchen. Sobald die Wahrheit
          ergründet wurde, verschwindet der Kobold auf Nimmerwiedersehen, und
          wenn die Wahrheit bezüglich dieser vierzehn Welten ergründet wurde, wer-
          den sie nur noch als reines Bewusstsein gesehen. Die Objekte existieren ge-
          wiss nicht unabhängig voneinander und sind folglich unwirklich; sie sind von
          Bewusstsein durchdrungen, das das Subjekt ist. Da es jedoch keinerlei Objekt
          in Beziehung zu Bewusstsein, das man als das Subjekt bezeichnen könnte,
          gibt, kann auch das letztere als inexistent bezüglich seines Subjekt-seins
          bezeichnet werden. Da existiert etwas, was nicht beschrieben werden kann.
            Verbleibe als das reine Bewusstsein. Trinke von der Essenz der Selbster-
          kenntnis. Ruhe frei von allen Zweifeln im Garten von nirvāņa bzw. der Befrei-
          ung. Weshalb, oh Mensch, durchstreifst du diesen Wald des saæsāra, der leer
          von jeder Wesenhaftigkeit ist? Oh ihr getäuschten Menschen – lauft nicht
          dieser Luftspiegelung namens Hoffnung und Wunsch nach Glück in dieser
          Welt hinterher! Vergnügen enden in Missvergnügen. Weshalb seht ihr nicht,
          dass diese nichts als Quellen eurer eigenen Zerstörung sind? Lasst euch von
          dieser illusorischen Welterscheinung nicht täuschen. Gewahrt diese Täu-
          schung und ergründet sie. Dann werdet ihr in eurem eigenen Selbst ruhen,
          das anfanglos und endlos ist.
            Der Unwissende betrachtet dieses saæsāra als real. In Wahrheit jedoch
          existiert es überhaupt nicht. Was nach der Zurückweisung dieser Erschei-
          nung noch existiert, ist die eigentliche Wahrheit. Jedoch besitzt sie keinen
          Namen! Brich wie der Löwe aus dem Käfig der Unwissenheit aus und gehe
          jenseits von allem. Die Ideen von „ich“ und „mein“ aufzugeben, darin besteht
          die Befreiung und in nichts anderem. Befreiung ist Friede. Befreiung ist die


                                              563
Auslöschung aller Konditionierung. Befreiung ist Freiheit von allen Arten
physischer, psychologischer und psychischer Qual.
  Diese Welt wird vom Unwissenden und vom Weisen nicht auf dieselbe Art
gesehen. Für denjenigen, der Selbsterkenntnis erlangt hat, erscheint diese
Welt nicht als saæsāra, sondern als das eine unendliche und unteilbare Be-
wusstsein. Der Mensch der Selbsterkenntnis ist zu dem erwacht, was für den
Unwissenden inexistent ist. Was für den letzteren real ist, ist für den Erleuch-
teten inexistent.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Der Kenner der Wahrheit erfährt die Welt so, wie der Blindgeborene die
Welt in seinen Träumen „sieht“ und im Tiefschlaf nicht sieht. Sein Herz und
sein Gemüt sind kühl, da die Feuer der Wünsche in ihnen ausgelöscht sind. Da
das Gemüt des Kenners der Wahrheit frei von der Anziehung ist, befindet es
sich in einem Zustand vollkommenen Gleichgewicht; sogar dann, wenn dieser
gerade nicht „Meditation“ praktizieren sollte. Dies geschieht auf dieselbe
Weise wie die Wasser eines Teichs ungerührt bleiben, solange sie nicht abge-
lassen werden.
  Das Objekt ist (veräußerlichte) mentale Aktivität, während mentale Aktivi-
tät der vom Objekt in der Intelligenz hinterlassene Eindruck ist. So wie in
verschiedenen Flüssen mit verschiedenen Namen dieselben Wasser gen
Ozean fließen, so ist dasselbe Bewusstsein sowohl die verschiedenen Objekte
als auch die dazugehörige mentale Tätigkeit. Objekt und Gemüt sind daher
nicht unterschieden voneinander. Sobald eines von beiden verschwindet,
hören beide auf. Beide sind wesenlos. Daher entsteht Friede, sobald sie auf-
hören. Der Kenner der Wahrheit gibt beide auf und verliert dadurch über-
haupt nichts. Was ist, IST das unendliche Bewusstsein.
  Für den Menschen der Selbsterkenntnis sind die Dinge, die der unwissende
Mensch für real hält (Zeit, Raum, Materie usw.), inexistent. Wie es in den
Augen eines tapferen Mannes keine Kobolde gibt, so gibt es in den Augen des
weisen Menschen keine Welt. Für den unwissenden Menschen jedoch ist
sogar der Kenner der Wahrheit unwissend.
  Oh Rāma, lass dich nicht in die Ideen der Materialität und des Gemüts ver-
stricken, da sie falsch sind. Ruhe in deinem eigenen Selbst. Dieses ist nichts
als Bewusstsein, das wie der Same, welcher sich in die verschiedenen Teile
des Baumes auswächst, all diese unterschiedlichen „Formen“ angenommen
hat. Sobald diese Objekte fallengelassen werden, verbleibt das
Unbeschreibbare (Bewusstsein), denn es „Bewusstsein“ zu nennen bedeutet
schon, es zu begrenzen.
  Materie und Gemüt sind identisch – beide sind falsch. Durch diese falsche
Erscheinung wirst du geblendet. Selbsterkenntnis wird diese Verblendung
zerstreuen. Selbsterkenntnis und Aufhören der Welterscheinung sind beide
die Kennzeichen der Weisheit (bodham bzw. Erwachen). Der Ich-Sinn, der
auftaucht, solange die Wünsche nicht ausgelöscht sind, führt zum Kummer.


                                     564
Von den Wurzel ab aufwärts ist der gesamte Baum mit all seinen Ästen,
          Blättern, Blüten und Früchten nichts als ein und derselbe Baum. Auf dieselbe
          Weise ist Bewusstsein allein alles, unteilbar und unmodifiziert. So wie Butter
          aufgrund ihrer eigentlichen Natur durch Einfrieren hart wie Stein wird, so ist
          die Materie „eingefrorenes“ Bewusstsein. Im unendlichen und
          unmodifizierten bzw. unkonditionierten Bewusstsein jedoch sind solche
          Modifikationen unmöglich, denn die Konditionierung beruht auf falschen
          Ideen. Im Herzen desjenigen, der Selbsterkenntnis besitzt und frei von Ver-
          blendung und Ich-Sinn ist, schmilzt sie dahin.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:44
            Ich werde nun den Baum beschreiben, den man samÃdhÃna (Gleichmut)
          nennt und der in dem Wald wächst, den man als das Herz des Weisen kennt.
            Sein Same besteht in der Abwendung von der „Welt“, sei diese nun auf na-
          türliche Weise oder durch Erfahrungen von Kummer entstanden. Das Gemüt
          ist wie ein Acker. Gepflügt wird er durch rechte Handlungen, Tag und Nacht
          gewässert durch rechtes Empfinden, gedüngt durch die Praxis des
          prÃïÃyÃma. Auf diesen Acker namens Gemüt fällt der Same namens samÃdhi
          (Abwenden von der Welt) von selbst und aus eigenem Antrieb, sobald man
          allein im Wald der Weisheit ist. Der weise Mensch sollte beständig nach der
          Pflege dieses Samens der Meditation streben, der mit Hilfe von intelligenten
          Methoden gewässert und gedüngt wird.
            Man sollte stets nach der Gemeinschaft mit den Weisen verlangen, die deine
          wahren Freunde und Wohlgesinnten sind und rein und freundlich sind. Dann
          sollte man den Samen des samÃdhi bzw. der Meditation mit den Mitteln des
          Anhörens, Nachdenkens und Kontemplierens der Schriften wässern, was
          schließlich die vollkommene innere Leerheit hervorbringen wird, die voller
          Weisheit ist, rein und kühl wie Nektar. Sei dieses kostbaren Samens der Medi-
          tation bzw. samÃdhi gewahr, der auf den Acker des Gemüts gefallen ist. Der
          weise Mensch sollte diesen sorgfältig hegen und pflegen und mit den Mitteln
          der Entsagung, der Wohltätigkeit usw. nähren.
            Sobald dieser Same zu sprießen beginnt, sollte er unter den Schutz des
          Friedens und der Zufriedenheit gestellt werden. Gleichzeitig muss er mit der
          Hilfe der Selbstgenügsamkeit gegen die gefräßigen Vögel der Wünsche, der
          Anhänglichkeit an die Familie, des Stolzes und der Gier usw. verteidigt wer-
          den. Mit dem Besen der rechten und liebenden Handlung muss schließlich
          noch der Schmutz der rÃjasischen Ruhelosigkeit hinweggefegt werden, wäh-
          rend man gleichzeitig die Finsternis der tÃmasischen Unwissenheit mit dem
          Licht des rechten Verständnisses vertreibt.
            Die Gewitter des Besitzstolzes und die Donnerstürme des Verlangens nach
          Vergnügen werden versuchen, diesen Acker zu peitschen und zu verwüsten.
          Verhindert werden sollte dies mit dem Dreizack des Edelmuts, des Mitge-
          fühls, japa (religiöses Singen), Entsagungspraktiken, Selbstbeherrschung und
          Kontemplation der Bedeutung von praïava (OM).


                                              565
Wenn der Same auf diese Weise behütet wurde, keimt und sprießt er in
Weisheit hinein. Durch ihn wird der ganze Acker des Gemüts herrlich zu
strahlen beginnen. Der Spross bildet sodann zwei Blätter aus: Das eine nennt
man das Studium der Schriften und das andere satsaÇga (Gemeinschaft mit
Menschen der Weisheit). Schon bald wird dieser Keimling aus dem Saft na-
mens Leidenschaftslosigkeit oder Vorurteilsfreiheit des Gemüts die feste
Rinde der Zufriedenheit ausbilden. Genährt durch den Regen der Weisheit
der Schriften wird er schnell zu einem Baum heranwachsen. Dieser kann
selbst dann nicht mehr so leicht schwankend gemacht werden, falls er von
den Affen des rāga-dveåa (Anziehung und Abstoßung) geschüttelt werden
sollte. Er bildet sodann die weit und breit ausladenden Äste der reinen Er-
kenntnis aus. Weitere Äste und Zweige dieses Baumes, die wachsen, sobald
jemand vollständig in dhyāna bzw. Meditation verankert ist, sind die Klarheit
der Sichtweise, Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, ungetrübtes Verstehen, Gleichmut,
Friede, Freundlichkeit, Mitgefühl, ein guter Ruf usw.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Der Baum der Meditation wirft einen kühlen Schatten, in dem sämtliche
Wünsche und Verlangen an ein Ende gelangen und all die brennende Qual
aufhört. Meditation erweitert noch den Schatten um die Selbstbeherrschung,
die wiederum die Stetigkeit des Gemüts fördert.
  Unter diesem Baum sucht ein Hirschtier namens Gemüt, das in der Wildnis
zahlloser Konzepte, Ideen und Vorurteile umhergewandert ist, bis es irgend-
wann den richtigen Weg gefunden hat, seine Zuflucht. Dieses Hirschtier wur-
de von seinen zahllosen Feinden verfolgt, die eifrig seinen Zufluchtsort zu
wissen trachteten. Es verbarg sich selbst in den Dornbüschen des Körper in
dem Versuch, sich zu retten. Alle seine Bemühungen jedoch erschöpften nur
seine Kräfte. Hin und her hastend in diesem Wald des saæsāra, belästigt von
den Winden der vāsanās bzw. latenten Neigungen und gebrannt von der Hitze
des Ich-Sinns war das Hirschtier unsagbarer und nicht endender Qual unter-
worfen.
  Dieses Hirschtier ist gar nicht leicht zufriedenzustellen mit dem, was man
ihm gibt. Sein Verlangen verdoppelt sich nur noch und es erweitert seine
Suche nach Befriedigung dieses Verlangens ständig. Es wird anhänglich an die
Zentren der vielen Vergnügen wie Frau, Kinder usw. und erschöpft sich in
seinem steten Wunsche nach ihrer Nähe. Gefangen ist es im Netz des Wohl-
stands usw. und kämpft verzweifelt, um sich selbst frei zu machen. Im Verlau-
fe dieses Kampfes fällt und fällt es wieder und wieder und verletzt sich dabei.
Vom Strom des Verlangens getrieben wird es weit, weit davongetragen. Ver-
folgt und gejagt wird es von unzählbaren Leiden und Unpässlichkeiten. In die
Falle gelockt wird es von den verschiedenen Sinneserfahrungen. Von seinen
abwechselnden Aufstiegen in die Himmelsregionen und den nachfolgenden
Stürzen in die Höllen wird es verwirrt und irregeführt. Zermalmt und ver-
wundet wird es von den Steinen und Felsen namens mentale Modifikationen
und sündhafte Eigenschaften. Um dem zu entkommen, beschwört es intellek-


                                     566
tuell inständig all seine verbliebenen Restbestände sinnvollen und ehrenwer-
          ten Betragens herauf, die sich jedoch als wirkungslos erweisen. Eine Kenntnis
          des Selbst bzw. des unendlichen Bewusstseins hat es nicht.
            Dieses als Gemüt bekannte Hirschtier ist ahnungslos und unbewusst ge-
          genüber den von der Schlange namens weltliche Vergnügen und Verlangen
          nach Vergnügen verströmten Giften. Verbrannt wird es von den Feuern des
          Zorns. Ausgedörrt wird es von den Ängsten und Sorgen. Verfolgt wird es vom
          Tiger namens Armut. Es stürzt rettungslos in die Grube namens Anhaftung
          und sein Herz wird durch den Misserfolg seiner eigenen Anmaßung gebro-
          chen.
            Auf einer gewissen Stufe dann wendet sich das Hirschtier von all dem ab
          und sucht Zuflucht bei dem bereits beschriebenen Baum (der Baum der Me-
          ditation), wo es dann prächtig gedeiht. Höchster Friede oder Seligkeit wird in
          keinem anderen Zustand als in dem unkonditionierten Zustand des Bewusst-
          seins erlangt, und erlangt wird dieser wiederum nur im Schatten des Baumes
          namens samÃdhi bzw. Meditation.
           VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:45
            Nachdem das Hirschtier (Gemüt) also Ruhe gefunden hat, nimmt es sein
          Wohlgefallen an diesem Ort und sucht nicht mehr anderswo hinzugehen.
          Nach einiger Zeit beginnt dann der Baum namens Meditation bzw. samÃdhi
          seine Früchte zu tragen, die in der Enthüllung des höchsten Selbst bestehen.
          Das Hirschtier-Gemüt gewahrt diese Frucht oberhalb von sich auf dem Baum
          der Meditation. Es gibt daraufhin sämtliche anderen Ziele und Zwecke auf
          und erklettert diesen Baum, um von seinen Früchten zu kosten. Auf den
          Baum gestiegen, lässt das Hirschtier-Gemüt die weltlichen Gedankenmuster
          fallen und erwägt nie wieder eine Rückkehr in das niedere Leben. Wie die
          Schlange ihre Haut abwirft, so verlässt auch das Hirschtier-Gemüt seine frü-
          heren Gewohnheiten, um den Baum der Meditation erklimmen zu können.
          Immer beim Auftauchen einer Erinnerung an seine Vergangenheit lacht es
          laut und spricht zu sich selbst: „Wie konnte es nur geschehen, dass ich ein
          solcher Narr gewesen bin?!“ Nachdem es die Gier usw. abgelegt hat, ruht es
          dann auf diesem Baum wie ein Eroberer.
            Sein Verlangen lässt Tag um Tag nach. Weder geht es dem aus dem Weg,
          was ungesucht zu ihm kommt, noch verlangt es nach etwas, was es nur mit
          Mühe bekommen könnte. Es umgibt sich selbst mit dem Wissen der Schriften,
          die vom unendlichen Bewusstsein bzw. unkonditionierten Sein handeln. In
          seinem Innern gewahrt es klar seine eigenen vergangenen Zustände der
          Unwissenheit, und es lacht darüber. Es gewahrt seine Frau und Kinder usw.
          und lacht über sie, als wären sie Verwandte aus einem früheren Leben oder in
          einem Traum wahrgenommene Leute. Sämtliche Aktivitäten, wie diese auf
          Anhaftung und Feindschaft, Furcht und Eitelkeit, Stolz und Verblendung
          gründen, erscheinen ihm nun wie reine Schauspielerei. Beim Betrachten der
          vorübergehenden Erfahrungen in dieser Welt lacht es spöttisch – wissend,
          dass alle diese nur wie die Erfahrungen eines Irren sind.


                                              567
Das Hirschtier-Gemüt, verankert in diesem außergewöhnlichen Zustand,
unterhält keinerlei Ängste oder Sorgen bezüglich Frau, Kinder usw. mehr. In
seiner erleuchteten Sichtweise gewahrt es das, was als einziges ist (die Reali-
tät) und in dem ist, was als einziges ist (das Unendliche). In dieser Sichtweise
gesammelt erklimmt es den Baum des samÃdhi noch weiter. Nun frohlockt es
sogar in dem, was es zuvor als Missgeschick betrachtet hatte. Mit den nötigen
Aktivitäten befasst es sich, als wäre es gerade zu dem Zweck erwacht, nur
diese Arbeit zu tun, um sich danach wieder in die Meditation zu begeben. Auf
natürliche Weise strebt es danach, alle Zeit im Zustand des samÃdhi zu ver-
bleiben. Es ist völlig frei vom Ich-Sinn, erscheint aber so, als würde es wie
andere, mit denen zusammen es atmet, ein Leben im Ich-Sinn führen. Auch
wenn Vergnügen dieser Art ungesucht auf es zukommen, empfindet es für sie
keinerlei Begeisterung, denn sein Herz wendet sich auf natürliche Weise von
allen Vergnügungen ab. Es ist erfüllt. Für die weltlichen Ziele und Zwecke
stellt es sich schlafend. Wer weiß schon, in welchem Zustand es lebt? Näher
und näher wird es zur edlen Frucht von mokåa bzw. Befreiung gezogen. Zu-
letzt wirft es sogar noch die buddhi bzw. den Intellekt ab und betritt das
unkonditionierte Bewusstsein.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Man nennt das die Erlangung des Höchsten, wenn man in diesem die Ideen
der Existenz von Objekten verlassen hat und in diesem als im eigenen, reinen
Selbst ruht. Wenn alle Getrenntheiten beiseite gelegt wurden, verbleibt als
einziges nur das unteilbare Eine. Es ist rein, anfanglos und endlos. Dies nennt
man Brahman. Wer die Wünsche nach Reichtum, Frau und weltlichen Objek-
ten aufgegeben hat, ruht im höchsten Selbst. Wenn sogar die Getrenntheit
zwischen dem Gemüt und dem unendlichen Bewusstsein fortgefallen ist,
versinken sämtliche Getrenntheiten im Nichts. Danach existiert man im
höchsten Wesen so wie das noch nicht herausgehauene Bildnis im Marmor-
block existiert.
  Die unwissende Person vermag weder zu meditieren noch ist dies für sie
überhaupt wünschenswert. Die erleuchtete Person ist bereits im Selbst ver-
ankert! Dieser ist eine erleuchtete Person, der völlig desinteressiert an den
Objekten der Wahrnehmung ist, was für eine unwissende Person unmöglich
wäre. Wenn das Gewahrsein des Objekts als reines Bewusstsein, das ewiglich
ist, verstanden wird, nennt man dies samÃdhÃna, den Zustand des Gleich-
muts. Wenn das Subjekt und Objekt miteinander verschmelzen, spricht man
vom Gemüt als im Zustand von samÃdhÃna befindlich. Im Selbst zu ruhen
beinhaltet das Desinteresse des Selbst an den Objekten. Dagegen besteht
Unwissenheit in der Hinwendung des Selbst zu den Objekten. Gewiss findet
eine solche Hinwendung nur im Unwissenden statt, denn keiner, der jemals
Nektar gekostet hat, interessiert sich noch für bitter schmeckende Dinge. Im
Falle des Weisen wurde die Meditation daher mühelos und natürlich. Wenn es
kein Verlangen gibt, wird das Selbst niemals aufgegeben. Bzw. wenn das
Gemüt sich so erweitert, dass es das gesamte Universum umfasst, wird das


                                     568
Selbst ebenfalls niemals aufgegeben. Soviel ist gewiss: Solange man die
          Selbsterkenntnis nicht erlangt hat, ist das Streben nach samÃdhi erforderlich.
          Wer im samÃdhi verankert ist, ist Brahman in menschlicher Gestalt. Grüße an
          ihn!
            Sobald da ein Desinteresse an Objekten ist, können nicht einmal mehr die
          Götter die eigene Meditation stören. Daher sollte man unerschütterliche
          Meditation (vajra-dhyÃnam) kultivieren. Die Mittel dafür sind 1. die Schriften,
          2. die Gemeinschaft mit Heiligen und 3. die Meditation. So wenig wie man
          sein Frösteln durch Sitzen in der Nähe eines gemalten Feuers beseitigen
          kann, so wird auch die Unwissenheit nicht durch Halbwissen beseitigt. Der
          Unwissende betrachtet die Welt als physische Realität, der Weise betrachtet
          sie als Bewusstsein. Für den Weisen gibt es weder einen Ich-Sinn noch die
          Welt. Seine Sichtweise der Welt ist auf eine unbeschreibbare Weise nur wun-
          derbar zu nennen. Für den Unwissenden besteht die Welt wie aus dürrem
          Holz und Steinen. Wer erleuchtet ist, betrachtet die Welt als das eine Selbst,
          während der Unwissende sie dagegen nicht als das eine Selbst zu sehen ver-
          mag. Der Unwissende ergeht sich in endlosen Argumenten. Der Erleuchtete
          ist mit allen von freundlichem Umgang. Der natürliche Zustand, der in und
          während der Zustände von Wachen, Träumen und Tiefschlaf existiert, ist
          turīya bzw. samÃdhi. Das Gemüt dagegen ist nichts als Konditionierung, die
          bei Ergründung aufhört zu sein.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:46
            Sobald die Frucht der höchsten Wahrheit erlangt wurde und sich in Befrei-
          ung verwandelt hat, wird sogar noch (wie es ohnehin schon immer war) das
          Gewahrsein inexistent, weil das Gemüt nun in der höchsten Wahrheit absor-
          biert ist. Die Hirsch-heit des Hirschtier-Gemüts schwindet wie das Licht einer
          Lampe, die keinen Brennstoff mehr hat. Es verbleibt nur noch die höchste
          Wahrheit. Das Gemüt, welches die Frucht der Meditation, die in der Selbster-
          kenntnis besteht, erlangt hat, ist nun unerschütterlich wie ein Blitzstrahl
          (vajra). Die für das Gemüt typische Bewegung bzw. Ruhelosigkeit verschwin-
          det und niemand weiß, wohin! Ohne Störung oder Getrenntheit erstrahlt als
          einziges nur noch der Glanz des reinen Bewusstseins.
            In diesem Zustand herrscht ein müheloser Fortfall sämtlicher Wünsche –
          mühelose Meditation bleibt als einziges bestehen. Solange und bis Brahman
          nicht realisiert wurde, kann man nicht im Selbst ruhen – bis dahin ist Medita-
          tion einfach nur durch Denken an das Selbst usw. unmöglich. Sobald die
          höchste Wahrheit erkannt wurde, geht das Gemüt (wer weiß, wohin?), und
          wunderbarerweise verschwinden dann auch die vāsanā bzw. mentale Kondi-
          tionierung, das karma wie auch Vergnügen und Verzweiflung. Dann sieht man
          den Yogi in einem Zustand kontinuierlicher und ungebrochener Meditation
          verharren, fest verankert wie ein Berg in felsengleicher Meditation bzw.
          samÃdhi (vajra-samÃdhÃna).
            Wenn doch der Yogi desinteressiert am Vergnügen ist, wenn doch seine
          Sinne gänzlich friedevoll und beherrscht sind, wenn er doch im Entzücken an


                                               569
seinem Selbst ruht, wenn doch alle seine mentalen Modifikationen aufgehört
          haben – was sonst sollte dann für ihn noch im Namen von samÃdhi zu tun
          sein? Sobald der Yogi dieser Welt als ein Objekt der Beobachtung aufgrund
          der Abwesenheit mentaler Konditionierung nicht mehr gewahr ist, kann er
          gar nicht mehr anders als in vajra-samÃdhi (felsengleicher Meditation) zu
          verharren wie als ob er dazu von einer unwiderstehlichen Macht gedrängt
          würde. Das Gemüt wird nicht mehr davon abgelenkt. Sobald das Gemüt im
          Frieden ist, da es (durch das Wissen über die Wahrheit) an weltlichen Objek-
          ten nicht mehr interessiert ist, dann ist dies und nichts anderes samÃdhi. Die
          feste Zurückweisung von Vergnügen ist Meditation. Wenn diese Früchte her-
          vorbringt, ist dies vajra-sÃra (felsengleich). Weil dies gleichzeitig auch der
          Zustand der vollkommenen Erkenntnis ist, wird dies auch als nirvāņa bzw.
          seliger Zustand bezeichnet.
            Welchen Nutzen sollte Meditation haben, solange es da noch ein Verlangen
VI.2:47
          nach Vergnügen gibt? Und von welchem Nutzen sollte etwas wie Meditation
          noch sein, sobald das Verlangen aufgehört hat? Sobald es vollkommene Er-
          kenntnis und gleichzeitig Desinteresse an Vergnügen gibt, ist unkonditionier-
          tes Bewusstsein (nirvikalpa samÃdhi) die natürliche und mühelose Folge.
          Wer nicht mehr vom Verlangen nach Vergnügen hin und her getrieben wird,
          wird der vollkommen Erleuchtete (saæbuddha) genannt. Diese vollkommene
          Erleuchtung entsteht aus der völligen Abwendung von den Zielen und Zwe-
          cken des Vergnügens. Wer im Selbst ruht, erfährt überhaupt kein Verlangen
          mehr. Der Wunsch nach Vergnügen entsteht nur dann, wenn es da eine Bewe-
          gung weg vom Selbst gibt. Als Abschluss des Studiums der Schriften, von japa
          usw. tritt man in samÃdhi ein; nach der Praxis des samÃdhi sollte man weiter
          studieren, japa tun usw. Oh Rāma, ruhe immer im Zustand von nirvāņa.
            VASIåèHA fuhr fort:
            Wenn einer müde und niedergeschlagen von den Schwierigkeiten und
          Drangsalen der irdischen Existenz und „müde von all diesem“ ist, sucht er
          eine Zuflucht. Ich werde dir nun die einzelnen, fortschreitenden Stufen be-
          schreiben, mit deren Hilfe diese Person schließlich den Frieden und die Ruhe
          erlangt. Sie wendet sich entweder aufgrund einer aktuellen Ursache oder
          auch ohne eine solche von den weltlichen Zielen ab (den Zielen und Zwecken
          von Vergnügen und Wohlstand) und flüchtet in die Gemeinschaft mit einer
          weisen Person. Schlechter Gesellschaft geht er in weitem Bogen aus dem Weg.
            Die Segnungen, die aus der Gemeinschaft mit heiligen Männern erwachsen,
          sind unvergleichbar mit sämtlichen anderen Segnungen. Die Natur des heili-
          gen Mannes ist kühl und friedlich, sein Betragen und seine Handlungen sind
          rein. Seine Gesellschaft fördert daher den Frieden und das Gute in jedem, der
          sie sucht. In seiner Gesellschaft verliert man die Furcht. Das Sündhafte ge-
          langt an ein Ende und man nimmt an Reinheit zu. Sogar die Liebe und die
          Zuneigung, die die Götter und Engel ihr eigen nennen, sind nichts im Ver-
          gleich mit der unbegrenzten Liebe, die den Heiligen entströmt.



                                              570
Wer sich selbst mit der Ausübung rechter Handlungen befasst, verfügt über
          eine Intelligenz, die im Frieden ruht und die Wahrheit wie ein vollkommener
          Spiegel reflektiert. Dann geschieht es, dass die Bedeutung der Erklärungen
          der Schriften in reichem Maße klar wird. Der weise Mensch verstrahlt Weis-
          heit und Güte. Indem er sich selbst vom Käfig der Unwissenheit zu befreien
          trachtet, flieht er die Vergnügen und wendet sich in Richtung der unkonditio-
          nierten Seligkeit.
             Es ist ein großes Unglück, nach Vergnügen zu streben. Obgleich der weise
          Mensch sie zurückweist, können sie auch in seinem Herzen noch Unbehag-
          lichkeit erzeugen. Daher ist er in höchstem Maße glücklich, sobald er sich in
          Umständen sieht, die der Sucht nach Vergnügen nicht dienlich sind. Die Wei-
          sen oder Yogis und die Vollkommenen nähern sich einem solchen weisen
          Menschen. Dieser jedoch legt keinen Wert auf die Geschenke der psychischen
          Mächte oder des vielfältigen Wissens, die sie ihm gewähren wollen. Er sucht
          nach der Gemeinschaft mit den erleuchteten Wesen. In ihrer Gesellschaft
          taucht er in die Wahrheiten der Schriften ein. Es ist eines der Kennzeichen
          dieser Erleuchteten, dass sie andere auf ihre eigene Stufe heraufziehen.
             Die weise Person gibt nach und nach alle selbstsüchtigen Handlungen wie
          auch das Streben nach Reichtum und Vergnügen auf. Er gibt alles weg und übt
          damit Selbstaufopferung und Wohltätigkeit. Oh Rāma, erinnere dich daran,
          dass nicht einmal die Leiden der Hölle so schmerzhaft wie das durch selbst-
          süchtige Handlungen verursachte Leiden ist. Reichtum ist eine Quelle endlo-
          sen Missgeschicks, wirtschaftliches Gedeihen ist andauerndes Unglück, Ge-
          nuss des Vergnügens ist unaufhörliche Krankheit. All dieses wird vom perver-
          tierten Intellekt missverstanden. In dieser Welt ist die beste Medizin, das
          beste Tonikum und der allergrößte Glücksfall allein die Zufriedenheit. Das
          zufriedene Herz ist bereit für die Erleuchtung. Wende dich als erstes von der
          Weltlichkeit ab, nimm dann Zuflucht zu satsaÇga, ergründe die Wahrheit der
          Schriften und kultiviere das Desinteresse an Vergnügen – und du wirst die
          höchste Wahrheit erlangen.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:48
            Wenn das Gemüt in Leidenschaftslosigkeit und in der heiligen Gemeinschaft
          verankert ist und es durch Studium der Schriften das Desinteresse an den
          Zielen und Zwecken des Vergnügens gibt, verlangt es einen nicht mehr nach
          Reichtum – man behandelt eigenen Reichtum dann nicht viel anders als ge-
          trockneten Kuhmist. Ein solcher Mensch sieht seine Verwandten und Freunde
          als Mitpilger auf dem Weg an und kommt ihnen zu angemessener Zeit in
          angemessener Weise zu Hilfe. Weder ist ein solcher an der Abgeschiedenheit
          noch an Gärten, heiligen Plätzen, seinem eigenen Heim, Streichen und Spielen
          mit seinen Freunden oder an Diskussionen über die Schriften interessiert;
          mit irgendeiner dieser Beschäftigungen verbringt er nicht allzuviel Zeit.
            Er ruht im höchsten Frieden. Der höchste Zustand ist derjenige, in dem das
          ist, was ist. In diesem taucht, erschaffen von der Unwissenheit, die Zerstreut-
          heit auf, und diese Unwissenheit ist gleichzeitig falsch und inexistent! Wer


                                               571
fest im Selbst verankert und unbewegt wie eine Marmorskulptur ist, wird
nicht von den Sinnesobjekten geschüttelt. „Ich“ und „die Welt“, Zeit und Raum,
Erkenntnis oder Leerheit – alle diese werden, obwohl sie fortfahren mögen zu
existieren, vom Kenner der Wahrheit nicht erfahren. Man sollte diese Sonne
in menschlicher Gestalt begrüßen, deren Persönlichkeit frei von rajas (ruhe-
loser Tätigkeit bzw. Unreinheit) ist, der sogar satva bzw. Reinheit überschrit-
ten hat und in welchem die Finsternis der Unwissenheit keinen Platz mehr
hat. Der Zustand desjenigen, der alle Getrenntheit überwunden und dessen
Gemüt zum Nicht-Gemüt geworden ist, befindet sich jenseits aller Beschrei-
bungen. Der Höchste Herr, den jener Tag und Nacht verehrt, beschenkt ihn
mit dem höchsten Zustand des nirvāņa.
  Der Höchste Herr ist weder weit entfernt noch unerreichbar. Das eigene,
erleuchtete Selbst ist der Höchste Herr. Aus ihm kommen alle Dinge und in
ihn kehren sie zurück. Alle Dinge hier verehren und bewundern ihn immer
und auf ihre eigene Art. Wenn das Selbst so in den unterschiedlichsten For-
men von Geburt zu Geburt von jemandem verehrt wird, ist es erfreut. Erfreut
seiend, sendet das Selbst schließlich einen Boten, der das innere Erwachen
und die Erleuchtung befördert.
  Der Bote, den das Selbst sendet, ist viveka bzw. Weisheit. Sie wohnt in der
Höhle des eigenen Herzens. Es ist diese Weisheit, die schließlich das graduel-
le Erwachen von jemandem, der von der Unwissenheit konditioniert ist,
herbeiführt. Derjenige, der dann erwacht, ist das innere Selbst – das ist das
Höchste Selbst, dessen Name „OM“ ist. Er ist das allgegenwärtige Wesen. Das
Universum ist seit jeher Sein Körper. Sämtliche Köpfe, Augen, Hände usw.
gehören Ihm. Erfreut wird Er durch japa, Wohltätigkeit, rituelle Verehrung,
Studium und ähnliche Praktiken. Wenn dieses Selbst mit der Hilfe von Weis-
heit bzw. viveka erwacht, dann geschieht da eine innere Entfaltung – das
Gemüt schwindet und auch der jīva. In diesem schrecklichen Ozean von
saæsāra ist nur die Weisheit (viveka) allein das Boot, mit dem man überset-
zen kann.
  Das Selbst ist hoch erfreut über die verschiedenen Formen (wähle diejeni-
gen, die dir gefallen) der Verehrung, denen einer obliegt. Es schenkt dieser
Person den reinen Botschafter namens viveka (Weisheit). Mit den Mitteln der
Gemeinschaft mit Heiligen, dem Studium der Wahrheit der Schriften und der
Erleuchtung zieht es den jīva näher an den reinen, uranfänglichen Zustand
des Einsseins heran.
                                                                                  VI.2:49
  VASIåèHA fuhr fort:
  Sobald dieses viveka bzw. Weisheit gestärkt und gekräftigt wurde und die
Unreinheit der Konditionierung fortgewaschen ist, strahlt der Heilige mit
einem starken Glanz. Für ihn haben dann sowohl die innere Ideenbildungen
als auch die äußeren Wahrnehmungen bezüglich der Welt aufgehört. Und
doch – da alle diese nur aus der Unwissenheit geboren wurden, die falsch ist,
hat in Wahrheit nichts wirklich aufgehört zu sein. Die Welt ist nur eine Er-
scheinung – sie ist weder das Nicht-Selbst noch ist sie grob oder physisch.


                                     572
Diese Elemente sind unwirklich, denn weder die Welt noch die Leerheit sind
          real. Es ist Brahman allein, der sich da ausbreitet, und Brahman allein ist es,
          der strahlt.
            Die Welt ist nicht materiell – Leerheit ist nirgendwo zu sehen. Das Gemüt
          wurde zum Nichts. Was verbleibt, ist die Wahrheit – unbeschreibbar, aber
          nicht nicht-seiend. Der Intellekt ist durch die einander widersprechenden
          Aussagen verwirrt, aber sobald die Wahrheit mit Hilfe der korrekten Metho-
          den ergründet wird, wird sie auch realisiert. Wessen Intelligenz erwacht ist,
          der ist als der Kenner der Wahrheit bekannt. Dieser ist verankert im
          nondualen Bewusstsein und sieht die Welt nicht als „die Welt“.
            Die Welterscheinung entsteht nur dann, wenn das unendliche Bewusstsein
          sich selbst als ein Objekt betrachtet; besser wäre es zweifellos, wenn dies
          nicht geschehen würde. Denn sobald dies aufgetaucht ist, wird dieses Be-
          wusstsein veräußerlicht und materialisiert. Das Gemüt selbst ist das Gewahr-
          sein der Materie und bindet sich selbst an den Körper. All dieses sind jedoch
          nur Ideen und verbale Zuschreibungen – all diese Unterscheidungen sind rein
          ideenmäßig und eingebildet. Das Selbst, welches Bewusstsein ist, wird nie-
          mals zu einem Objekt oder zu Materie. Sobald man in der Selbsterkenntnis
          verankert ist, werden sogar Worte wie „Bewusstsein“ und „Unbewusstsein“
          bedeutungslos.
            Der materielle Körper entsteht aufgrund von ständigem Daran-Denken aus
          dem subtilen mentalen Körper. Materie ist folglich unwirklich. Durch ständi-
          ges Denken von „ich bin verwirrt, ich bin verrückt“ wird man dann auch ver-
          rückt. Durch Erkennen von „ich bin nicht verrückt“ erlangt man sein mentales
          Gleichgewicht zurück. Wurde der Traum als Traum erkannt, wird man von
          ihm nicht mehr an der Nase herumgeführt. So wie der subtile Körper durch
          beständiges Daran-Denken zu einem groben materiellen Körper wird, so
          kann dieser Prozess durch richtiges Denken umgekehrt werden. Durch be-
          ständiges rechtes Denken sollte man sogar den subtilen Körper in seinen
          realen Zustand als den jīva und schließlich hin zu Brahman überführen.
            Solange und bis diese beiden (Materie und Gemüt, das Grobe und das Subti-
          le) nicht als das eine, unendliche Bewusstsein realisiert werden, sollte der
          kluge Sucher danach streben, beide zu reinigen und ihre wahre Natur zu
          ergründen. Wer in der Selbsterkenntnis verankert ist, gerät nicht einmal
          durch die größten Unglücksfälle in Bestürzung – nicht einmal falls es Feuer
          und Schwefel regnen oder die Erde in Stücke gehen und sich in Luft auflösen
          oder eine große Flut alles auf der Erde verschlucken sollte. Wer mit der
          höchsten Leidenschaftslosigkeit versehen ist, erfreut sich felsengleichen
          samÃdhis (vajra samÃdhi). Der innere Friede, den man aus solcher Leiden-
          schaftslosigkeit erlangt, ist unvergleichlich gegenüber demjenigen, der aus
          Entsagungspraktiken usw. entsteht.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:50




                                               573
Alle diese in den zehn Himmelsrichtungen gesehenen verschiedenen Wesen
gehören zu einer oder mehreren der folgenden Kategorien: Einige befinden
sich im Traumzustand, andere in einem von Ideenhaftigkeit gekennzeichne-
ten Wachzustand, andere wiederum in einem reinen Wachzustand, wieder
andere befinden sich in einem langen Wachzustand, andere in einem groben
Wachzustand, wiederum andere in einem Zustand eines Wachtraums, wäh-
rend andere in einem abnehmenden Wachzustand leben.
  Oh Rāma, in einem gewissen früheren Weltzyklus, in einem bestimmten
Winkel der Schöpfung verharrten einige Wesen in einem Zustand des Tief-
schlafs, obwohl sie lebendig waren. Die Träume, die sie träumten, erschienen
als dieses bekannte Universum. Sie befinden sich in dem Zustand, den man
dem träumenden Wachzustand nennt. Wir alle sind ihre Traumobjekte. Auf-
grund der Tatsache, dass der ihrige ein sehr langer Traum ist, erscheint er
uns als sehr real und als ein wacher Zustand. Und in all diesem fahren die
Träumer fort, die jīvas zu sein. Da das Allgegenwärtige allmächtiges Bewusst-
sein ist, existiert alles überall. Daher existieren wir als die Traumobjekte der
Träume dieser ursprünglichen Träumer.
  In dieser Traumwelt wird man befreit, sobald man die Verblendung zu-
rückweist. Oder man betrachtet sich selbst entsprechend der Idee, die man
von sich hat, als einen anderen Körper. Die Welterscheinung, die aufgrund
dieser Idee in Erscheinung tritt, wird dann von demjenigen auch so erfahren.
  In einem gewissen Weltzyklus an irgendeinem Ort lebten einige Wesen in
einem Wachzustand, in dem sie verschiedene Ideen unterhielten, die wiede-
rum verschiedene Kreaturen entstehen ließen. Diese befinden sich in einem
von Ideenhaftigkeit gekennzeichneten Wachzustand. Aufgrund der Nachhal-
tigkeit der Ideen, die sie entstehen ließen, sind sie fest darin verankert. Auch
wenn diese Ideen aufhören sollten, existieren sie doch aufgrund ihrer eigenen
vergangenen Ideenbildungen fort.
  Diejenigen, die zu Beginn des expandierenden Bewusstseins Brahmās, als
es weder Schlaf noch Traum gab, aufgetaucht sind, sind als jene bekannt, die
im reinen Wachzustand leben. Sie befinden sich, sobald sie durch weitere
Wiederverkörperungen fortexistieren, in einem langen bzw. fortgesetzten
Wachzustand. Befinden sie sich dagegen in einem verdichteten Zustand von
Bewusstsein, der Unbewusstsein ist, dann spricht man von ihnen als im gro-
ben Wachzustand seiend.
  Diejenigen, die den Wachzustand nach dem Anhören der Erläuterungen der
Schriften als Traum betrachten, befinden sich im Zustand des Wachtraums.
Sobald sie voll erwacht sind und schließlich im höchsten Frieden ruhen,
nimmt die Grobheit ihrer Wahrnehmung der Welt im Wachzustand ab. Diese,
die sich dann ein einem an Vergröberung abnehmenden Wachzustand befin-
den, erlangen dann turīya bzw. den vierten Zustand des Bewusstseins.
  Dies sind die sieben Zustände, in denen die verschiedenen Wesen existie-
ren. In Wahrheit sind auch diese, wie die Ozeane nichts als eine einzige Masse
von Wasser sind, nichts als nur der eine Ozean des Bewusstseins.


                                     574
RĀMA fragte:
VI.2:51
           Hoher Herr, wie konnte der reine Wachzustand überhaupt entstehen und
          wie können Wesen ohne irgendeine Ursache oder einen Beweggrund in ei-
          nem solchen Zustand existieren?
           VASIåèHA erwiderte:
            Oh Rāma, ohne Ursache entsteht keine Wirkung. Der reine Wachzustand
          entsteht deshalb auch gar nicht wirklich noch tritt der ganze Rest dieser
          scheinbaren Schöpfung überhaupt ins Dasein. Nichts wird erschaffen und
          nichts verdirbt – alle diese Beschreibungen dienen nur der Unterweisung.
            RĀMA fragte erneut:
            Wer hat die Körper, das Gemüt usw. erschaffen und wer täuscht alle diese
          Wesen durch die Fesseln namens Freundschaft, Vorlieben usw.?
            VASIåèHA erwiderte:
            Oh Rāma, zu keiner Zeit wurden diese Körper von irgendjemandem er-
          schaffen und zu keiner Zeit hat jemand die Wesen getäuscht. Bewusstsein ist
          anfanglos und ewig – es allein existiert als alle diese verschiedenen Wesen.
          Nichts befindet sich außerhalb dieses Bewusstseins, obgleich es als außer-
          halb von sich selbst erscheint. Dieser Anschein taucht auch in ihm selbst auf –
          wie ein Keimling aus dem Samen. Dieses Universum existiert innerhalb des
          Bewusstseins wie eine noch nicht herausgehauene Figur in einem Marmor-
          block. Dieses Bewusstsein ist überall, innen und außen. Es breitet sich auf-
          grund von Raum und Zeit als diese Welterscheinung aus – so wie sich der
          Duft der Blüten verbreitet. „Dies“ selbst ist „die andere Welt“. Lasst uns diese
          mentale Konditionierung beenden, die eine andere Welt erschafft. Woher
          sollten Ideen von anderen Welten noch auftauchen, wenn sie aufgegeben
          worden sind?
            Das Selbst allein ist wirklich. Während des leer von Konzepten wie Zeit,
          Raum und anderen ähnlichen Ideen ist, ist das Selbst jedoch keine Leerheit.
          Diese Wahrheit wird nur von denjenigen realisiert, die im höchsten Zustand
          verankert sind, nicht jedoch von denen, die im Ich-Sinn leben. Für jemanden,
          der die Wahrheit realisiert hat, sind die vierzehn Welten seine eigenen Glie-
          der. In seiner Sichtweise hört die Trennung zwischen Traum- und Wachzu-
          stand auf zu existieren. Sobald diese Welterscheinung als reines Bewusstsein
          gesehen wird, wird sie zu einer traumähnlichen Erscheinung. So wie alles ins
          Feuer geworfene eines (Asche) wird, so werden sämtliche Zustände zusam-
          men mit der Welterscheinung durch das Feuer der Weisheit zu Einem redu-
          ziert.
            Das Bewusstsein allein erscheint als dieses grobe Universum. Sobald dies
          erkannt wurde, hört der Glaube an die Existenz der Materie auf. Damit hört
          dann auch der Wunsch nach dem Besitz von Materie auf. Anschließend lebt
          man im eigenen, inneren Frieden. Wird das Selbst als weder die Welt noch die
          Leerheit erkannt, bleibt alles, was ist, als das, was es ist. Der Weise der



                                               575
Selbsterkenntnis hat diesen saæsāra überquert und das Ende allen karmas
erreicht.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:52
  Die Idee der Existenz der Welt taucht im Unwissenden so auf wie das Ge-
wahrsein seiner verschiedenen Glieder im „Gemüt“ eines Baumes auftauchen
mag! Diese illusorische Wahrnehmung einer objektiven Welt mit den Namen
„avidyā“ oder „Unwissenheit“ existiert tatsächlich überhaupt nicht – sie ist so
real wie Wasser in einer Luftspiegelung (Realität ohne Substanz). Halte je-
doch zum Zweck des klaren Verständnisses diese Unwissenheit einen Mo-
ment lang für real und höre zu. Danach wirst du selbst verstanden haben,
dass sie tatsächlich nicht existiert.
  Was immer hier auch erscheinen mag, verdirbt am Ende des Weltzyklus.
Niemand vermag diese totale Zerstörung abzuwenden. Nur Brahman existiert
dann noch. Diese Erkenntnis ist keine durch Drogen hervorgerufene Erfah-
rung, denn wir wissen mit Gewissheit, dass der Körper wie ein Traumobjekt
ist und Bewusstsein allein real ist. Diese Welterscheinung verdirbt wieder
und wieder. Was ist daran verdorben und was ist wieder und wieder ins
Dasein getreten? Wenn man davon ausgeht, dass alle diese Objekte irgendwo
im Raum verborgen weiterexistieren, dann muss man auch zugeben können,
dass sie nicht einmal während der kosmischen Auflösung verloren gehen
können.
  Es gibt eine Entsprechung zwischen Ursache und Wirkung. Da es für diese
Welterscheinung keine Ursache gibt, gibt es auch keine Wirkung. Eines allein
ist. Die zahllosen Äste, Blätter, Blüten und Früchte des Baumes sind nur die
Ausbreitung des winzigen Samens. Es gibt da keinen Grund, eine kausale
Verursachung herbeizureden. Nur dieser Same ist die einzige Realität. Sobald
die Wahrheit ergründet wurde, erkennen wir, dass das eine Bewusstsein
allein als Wahrheit verbleibt.
  Am Ende des Weltzyklus hören alle diese Objekte der Weltwahrnehmung
auf zu sein. Das eine Selbst, welches Bewusstsein ist, verbleibt als einziges
und dies ist unbeschreibbar und jenseits von Denken und Erklärung. Nur der
Weise der Selbsterkenntnis erfährt dies – andere lesen diese Worte lediglich.
Denn da ist weder Raum noch Zeit, weder Sein noch Nicht-Sein, weder Be-
wusstsein noch Unbewusstsein. Ich habe dies hier auf negative Weise be-
schreiben, weil auch die Schriften dies so tun. In meiner Sichtweise ist es
reiner und höchster Friede. In diesem existieren die unendlichen Möglichkei-
ten wie Figuren im unbehauenen Marmorblock. Das höchste Selbst ist daher
zu ein und derselben Zeit mannigfaltig und nicht mannigfaltig. Nur wenn du
keine Selbsterkenntnis besitzt, geschieht es, dass da in dir ein Zweifel diesbe-
züglich auftaucht.
  Die Wahrnehmung von Vielfalt ist der Getrenntheit geschuldet, die im
Selbst auftaucht. Das Selbst jedoch ist leer von jedweder Getrenntheit in
Raum, Zeit usw. Das Selbst ist die eigentliche Grundlage und die ungeteilte



                                     576
Realität der Zeit, des Raumes usw. – so wie der Ozean aus Wellen besteht. Die
           Realität ist daher ungeteilt und geteilt, sie ist und ist nicht. Das nicht heraus-
           gehauene Bildnis im Marmorblock mag man irgendwann aus diesem heraus-
           hauen, jedoch ist es unmöglich, die Welt aus dem unendlichen Bewusstsein
           herauszuhauen. Obwohl es geteilt erscheint und doch ungeteilt ist, scheint es
           daher von der Totalität verschieden zu sein und ist doch nicht wirklich ver-
           schieden von dieser.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:53,
   54        Die Realität ist das unendliche, ungeteilte Bewusstsein, welches, ohne ein
           Objekt der Beobachtung zu sein, unkennbar ist. Brahmā, Viåņu, Rudra usw.
           sind Namen, die durch wiederholte Verwendung als eine Realität angesehen
           werden. Die Schöpfung, die weder eine Ursache noch einen Grund hat, ist
           inexistent. Jedoch vermag man weder mit Gewissheit zu sagen, dass da nur
           Nicht-Existenz sei noch dass da ein Ding existiere.
             Wenn das eigene Gemüt in vollkommener Stillheit ruht, dann ist das, was es
           ist, die Realität. In dieser Realität taucht die Welt als eine Erscheinung auf.
           Die Welterscheinung entsteht nicht aus dem Nichts! Daher muss man schluss-
           folgern, dass Brahman allein ist – sogar in der Gestalt dieser Schöpfung. Die
           Schöpfung ist nichts als ein Wort, ein Name. Die Wirklichkeit ist Brahman.
           „Ich“, „du“ und „die Welt“ sind Namen, die in Brahman als Brahman existieren.
             Der Ozean, die Berge, die Wolken, Erde usw. sind sämtlich ungeboren und
           unerschaffen. Dieses Universum existiert in Brahman als die Große Stille
           (kāåÂha mauna – die Stille eines Holzklotzes). Der Seher existiert in der Sze-
           nerie als das Sehen – aufgrund seiner eigenen, wesenhaften Natur. Der Täter
           existiert als die Tat, denn es gibt für ihn keinen Grund, irgendetwas zu tun. Es
           gibt in ihm weder einen Kenner noch einen Täter, weder Leblosigkeit noch
           einen Erfahrenden, weder Leerheit noch Substanz. Leben und Tod, Wahrheit
           und Falschheit, Gut und Böse – alle diese sind nur die eine Substanz, wie
           Wellen im Ozean. Die Trennung zwischen dem Seher (Subjekt) und der Sze-
           nerie (dem Objekt) ist wie eine Fantasie.
             Die Ursache dieser Schöpfung ist nicht auffindbar, wie sehr man sich auch
           immer bemühen mag. Was ohne Grund und Ursache strahlt, ist gewiss inexis-
           tent, es sei denn als Illusion. Es existiert als es selbst und es erstrahlt ohne
           eine Schöpfer-Schöpfung-Beziehung, weil es es selbst ist.
             RĀMA fragte:
             Man kann sehen, wie im Samen des Banyan-Baumes der gesamte Baum
           verborgen liegt. Weshalb sollten wir dann nicht davon ausgehen, dass auch
           die Welt auf diese Weise in Brahman verborgen liegt?
             VASIåèHA antwortete:
            Die Möglichkeit einer solchen Schöpfung bestünde, falls ein solcher Same
           und die zusammenarbeitenden Ursachen existieren würden. Wo sollten je-
           doch die Samenform und die zusammenarbeitenden Ursachen sein, wenn
           doch sämtliche Elemente während der kosmischen Auflösung vernichtet


                                                 577
werden? Wenn das unendliche, unteilbare Bewusstsein allein die Wahrheit
darstellt, gibt es weder Raum für die Existenz auch nur eines subatomaren
Partikels und noch viel weniger für einen Samen dieser Schöpfung. Was auch
immer das höchste Wesen ist, das ist auch dieses Universum selbst. Das eine,
unendliche Bewusstsein ersinnt sich selbst als das falsche innerhalb des
falschen und als das reine Bewusstsein innerhalb des reinen Bewusstseins. So
wie der Raum (Entfernung) im Raum existiert, so existiert all dies in Brah-
man.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:55
  Da es von Beginn an weder eine Ursache noch einen Beweggrund für das
Erscheinen einer Schöpfung gab, gibt es weder Sein noch Nicht-Sein, weder
grobe Materie noch subtiles Gemüt, weder bewegliche noch unbewegliche
Objekte. Bewusstsein ist ohne Form und kann nicht diese Welt aus Namen
und Formen erschaffen, da Ursache und Wirkung identisch sind und etwas,
was selbst Form hat, sich selbst in andere Formen verwandeln oder solche
erschaffen kann. Das Selbst bleibt allezeit das Selbst und fantasiert innerhalb
des ungeteilten Bewusstseins all diese verschiedenen Objekte. Was auch
immer dieses Bewusstsein als in sich selbst seiend erfährt, dass allein „nennt“
man dann die Welt oder diese Schöpfung.
  Wisse, dass das eine Brahman allein gänzlich friedvoll und homogen exis-
tierte, bevor all dies geschah (d.h., bevor man realisiert hat, dass all dies un-
wirklich und inexistent ist). Unendliches Bewusstsein ist unendliches Be-
wusstsein, Wasser ist Wasser. Da diese „Schöpfung“ vom Bewusstsein herauf-
beschworen wird, erscheint sie auch als so entstanden. So wie die Welt, von
der man träumt, eine illusorische Erscheinung im eigenen Bewusstsein ist, so
erscheint im Wachzustand diese Welt im Bewusstsein als Bewusstsein.
  In der ursprünglichen Schöpfung nennt man den Traum des ungeteilten
Bewusstseins den Wachzustand (die Welt, die im Wachen erfahren wird). Der
Traum, der im Bewusstsein der Wesen und in dieser Unwissenheit aufsteigt,
wird der Traumzustand genannt. Dieser fantasievolle Traum hat sich durch
beständige Wiederholung in dieser Welt „materialisiert“. Der Fluss ist nichts
als Bewegung von Wasser – die Schöpfung ist nichts als die Fantasie des un-
endlichen Bewusstseins.
  Es ist nicht recht zu meinen, dass „Tod“ aufgrund der totalen Zerstörung
des Selbst ein Zustand von Seligkeit sei. Es ist vielmehr ein Zustand von Leer-
heit (wie Raum). Diese Vision des saæsāra taucht darin erneut auf. Sollte es
eine Furcht aufgrund böser Taten geben, dann werden die Konsequenzen
daraus hier oder „dort“ dieselben sein. Folglich gibt es keinen fundamentalen
Unterschied zwischen Leben und Tod. Wen man dies weiß, erlangt man den
Frieden des Gemüts. Wenn dann die Wahrnehmung der Vielfalt erlöscht,
taucht die Vision des Einsseins auf. Dies nennt man Befreiung. Ob diese
Schöpfung ist oder nicht ist – es gibt dann sowohl ein vollkommenes Verste-
hen der Abwesenheit der Objekte wie auch der Erfahrung der Unteilbarkeit
des Unendlichen. Werden aufgrund dessen das Objekt und im Gefolge davon


                                      578
auch das Subjekt beiseite gelegt, dann gibt es da einen großen Frieden. Im
          höchsten Selbst natürlich gibt es weder Bindung noch Befreiung.
            Wer diese Wahrheit zu realisieren vermag, erlangt nirvāņa. Diese Welter-
          scheinung, die nichts als eine winzige Bewegung im Bewusstsein ist, wird von
          diesem Menschen dann ebenfalls als nirvāņa erkannt. Er erkennt, dass diese
          Schöpfung keine Vielfalt, sondern in Wahrheit reines Brahman allein ist.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:56
            Die reine Leerheit existiert überall auf jede nur denkbare Weise immer in
          diesem Raum, der Bewusstsein ist. Bewusstsein existiert hier und anderswo
          in der Gestalt dieser Schöpfung – nirgendwo gibt es Unbewusstsein, weil all
          dieses nur reines Bewusstsein ist. Sogar das, was Materie zu sein scheint, ist
          nichts als reines Bewusstsein. Höre dir in diesem Zusammenhang, oh Rāma,
          die folgende Geschichte vom Felsen an, den ich selbst gesehen habe.
            Es gab eine Zeit, in der ich sämtlichen Tätigkeiten in dieser Welt zu entsa-
          gen wünschte, nachdem ich zuvor klar verstanden hatte, was es zu wissen
          gab. Ich hatte das Verlangen, unaufhörlich und ohne Unterbrechung in völli-
          ger Abgeschiedenheit zu meditieren. Nachdem ich mich an einen einsamen
          Ort zurückgezogen hatte, dachte ich wie folgt nach:
            Die gesamte Welt ist wertlos und ohne Belang. Nichts in dieser Welt ist ge-
          eignet, mir auch nur das kleinste Glück zu schenken. Was sehe ich und wer
          bin ich? Um die richtigen Antworten zu finden, muss ich an diesen Ort gehen,
          der sich sogar jenseits der Reichweite der Dämonen und Götter befindet und
          dort in völliger Abgeschiedenheit ohne Furcht vor Ablenkung meditieren.
            Wo könnte ich einen solchen Ort finden? Die Wälder sind erfüllt vom Plät-
          schern der fließenden Gewässer und vom Brüllen der umherstreifenden
          Löwen. So wie die Stadt voll von Menschen und daher Ablenkung ist, so ist
          auch der Ozean voll von den verschiedensten Quellen der Ablenkung. Nicht
          einmal die Höhlen sind frei von Ablenkung – sie ertönen vom Heulen des
          Windes und sind voller Insekten usw. Die Seen sind oftmals Tummelplatz der
          Erholungssuchenden wie der Himmelsbewohner und Dämonen und deshalb
          voller Ablenkungen. Nachdem ich alle die Orte auf Erden auf diese Weise
          erwogen hatte, entschloss ich mich dazu, ins Weltall zu gehen. Aber selbst
          dort fand ich Ablenkungen vor, verursacht durch Wolken, Himmelsbewohner
          und Dämonen, astrale Leiber und abgeschiedene Seelen.
            Nachdem ich den Gedanken an alle diese Orte beiseite gelegt hatte, ging ich
          zu einem einsamen Ort; so weit entfernt, dass nicht einmal die natürlichen
          Elemente dort vorzufinden waren. An diesem einsamen Platz fantasierte ich
          sodann die Existenz einer Einsiedelei herbei. Ich machte sie mit Hilfe meines
          eigenen Gemüts unzugänglich für sämtliche anderen Lebewesen. Ich setzte
          mich in die Lotosposition. Mein Gemüt machte ich ganz still. Ich entschloss
          mich dazu, in dieser Position für hundert Jahre in samÃdhi zu sitzen. Entspre-
          chend der Wahrheit, dass man erblicken wird, woran man für einen sehr
          langen Zeit denkt, materialisierten sich meine Fantasiewünsche und breiteten


                                              579
sich vor meinen Augen aus. Die hundert Jahre vergingen wie ein Augenblin-
zeln, denn wenn das eigene Gemüt vollkommen konzentriert ist, entsteht
keinerlei Wahrnehmung von Zeit mehr.
  Als diese Periode endete, begann mein Gemüt sich zu erweitern und auszu-
breiten. Sämtliche Kobolde der „ich“ und „du“ krochen auf mich zu, zusam-
men mit der Lebenskraft, die sich innerhalb von mir zu bewegen begann. Im
selben Augenblick betraten die verschiedenen Wünsche mein Herz und ich
vermochte nicht zu sagen, von woher sie kamen!
  RĀMA fragte:
  Oh Weiser, wie kam es, dass der Ich-Sinn sogar im Falle der Person, die im     VI.2:57
nirvāņa verankert ist, auftauchen konnte?
  VASIåèHA antwortete:
  Der Körper kann ohne den Ich-Sinn nicht existieren, und dies gilt unabhän-
gig davon, ob einer ein Kenner der Wahrheit ist oder nicht. Was am Leben
erhalten werden muss, bedarf einer Grundlage und kann ohne sie nicht exis-
tieren. Es gibt da jedoch einen entscheidenden Unterschied, den ich dir nun
erläutern werde.
  Der Knabe genannt „Unwissenheit“ hat diesen Kobold genannt „Ich-Sinn“,
der innerhalb von uns selbst zu existieren scheint und nicht erkannt wird,
erschaffen. Diese Unwissenheit ist selbst eine Nicht-Wesenheit, da sie bei
Ergründung als nicht-existierend gefunden wird; so wie die Dunkelheit auf-
hört zu existieren, sobald sie mit einer Lampe gesucht wird. Sobald man nach
diesem Kobold namens Unwissenheit Ausschau hält, ist er unauffindbar. In
der Abwesenheit der Ergründung jedoch und so lange man an ihn als real
glaubt und sich von ihm beeinflussen lässt, breitet er sich aus und wird stär-
ker und stärker. Diese Welt wird von dieser Unwissenheit erschaffen, die nur
für den Unwissenden real ist, in Wahrheit ist sie nicht real. Dieses (unendli-
ches Bewusstsein bzw. Brahman) ist jenseits des Gemüts und der Sinne und
kann daher nicht die Samenursache für die Existenz von etwas sein, was das
Objekt des Gemüts und der Sinne ist. Wie könnte es einen Keimling geben,
wenn kein Same existiert?
  In diesem unendlichen Bewusstsein ist das, was als das erschaffene Univer-
sum erscheint, eine bloße Fantasie. Dieses Bewusstsein allein ist es, was man
ýśvara oder Gott und auch seine Schöpfung nennt. Es ist wie eine eigene
Traumschöpfung, die zur Alltagserfahrung von jedermann geworden ist. Weil
der Träumer ein bewusstes Wesen ist, scheinen die Traumobjekte eine eigene
Intelligenz und ein eigenes Gemüt zu besitzen. Auf dieselbe Weise scheint
diese Nicht-Schöpfung namens Universum unabhängiges Sein und eigene
Intelligenz zu besitzen – als ob es erschaffen worden wäre. Aber da existiert
keine Schöpfung als solche – das eine Brahman existiert als Brahman. Welche
Idee auch immer in diesem Brahman auftaucht, die wird sogleich wie als ein
Objekt der Erfahrung von Brahman erfahren. Dieses Brahman selbst fanta-
siert all dieses als „Schöpfung“ herbei. Dann jedoch müssen der Erfahrende,


                                    580
das Erfahren und die Erfahrung als eines und unteilbar angesehen werden.
           Und so ist auch Brahman selbst – die Idee der Schöpfung sowie die Schöpfung
           selbst sind nichts als Brahman. Wie könnten dann der Ich-Sinn bzw. die fal-
           sche Idee des „ich“ überhaupt auftauchen?
             So habe ich dir nun also erklärt, wie man dieses Gespenst des Ich-Sinns, das
           bei rechtem Verstehen verschwindet, zu Fall bringen kann. Der Ich-Sinn wur-
           de von mir klar und auf die rechte Weise erkannt. Und selbst wenn er auch
           jetzt noch in mir aufzutauchen scheint, so ist er doch wirkungslos wie das
           Bildnis von Feuer geworden. Daher bin ich also den Ich-Sinn losgeworden. Ich
           existiere im Raum so, als wäre ich außerhalb von ihm; in der Schöpfung so,
           als wäre ich außerhalb von ihr. Weder gehöre ich zum Ich-Sinn noch gehört
           dieser zu mir oder existiert auch nur in mir. In meiner Sichtweise bin ich
           weder noch gibt es da andere – alles ist und nichts ist.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:58,
   59        Die Geschichte vom Felsen, die ich dir nun erzählen werde, oh Rāma, wird
           gänzlich klar machen, wie es innerhalb des Innern eines Felsens tausende von
           Schöpfungen geben kann. Auch in diesem physischen Raum gibt es ähnlich
           zahllose Schöpfungen. Tatsächlich existieren in jedem Element oder Objekt
           zahllose Kreaturen. Jedoch existieren sie alle nicht als reale Substanzen oder
           Wesenheiten, sondern nur in diesem unteilbaren, unendlichen Bewusstsein.
           Von Beginn an wurde nichts jemals wirklich geschaffen. Brahman allein exis-
           tiert als Brahman, als Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde, Berge usw. Zwischen
           Brahman und der Schöpfung gibt es keine Getrenntheit oder Dualität, denn
           dies sind nur Worte ohne Bedeutung. Sogar „Einheit“ und „Dualität“ sind nur
           bedeutungslose Worte. Das, was diese Ideen von Einheit und Dualität er-
           schafft, erschafft auch die Ideen von Brahman und der Schöpfung. Wenn diese
           Ideen aufgehört haben, gibt es da einen großen inneren Frieden; selbst wenn
           man mit Tätigkeiten befasst sein sollte. Alles ist nirvāņa. Die wahrgenomme-
           ne Schöpfung ist wie der Himmel (leer, obgleich scheinbar geformt und ge-
           färbt). Gewahre das gesamte Universum als aus dir selbst, mir, Bergen, Göt-
           tern und Dämonen usw. zusammengesetzt, wie du auch die Schöpfungen und
           Ereignisse eines Traums gewahrst.

            ***



           Die Welt im Felsen

             Nachdem ich einhundert Jahre im samÃdhi verblieben war, kehrte ich ins
           Körperbewusstsein zurück und vernahm ein Seufzen. Ich lauschte darauf und
           versuchte herauszufinden, was es sein könnte. Ich befand mich weit, weit im
           Weltall und fragte mich daher, wie mir hier eine Person oder auch nur eine


                                               581
Biene so nahe sein könnte? Außerdem vermochte ich überhaupt niemanden
zu sehen. Ich entschloss mich, die Sache näher zu untersuchen. Ich ging daher
erneut in samÃdhi. Ich brachte Gemüt und Sinne zur Ruhe. Ich verschmolz mit
dem unendlichen Bewusstsein. In diesem Bewusstsein sah ich die Bilder
zahlloser Universen. Ich war in der Lage, überall hinzugehen und alles zu
betrachten. Ich sah zahllose Schöpfungen, die voneinander nicht das Gerings-
te wussten. Einige traten gerade ins Dasein, während andere gerade im Be-
griff waren unterzugehen. Alle besaßen verschiedene, abschirmende Atmo-
sphären um sich herum (fünf bis zu sechsunddreißig solcher Atmosphären).
In allen befanden sich verschiedene Elemente, die wiederum von verschiede-
nen Arten von Wesen in verschiedenen Stadien der Evolution mit unter-
schiedlichen Naturen und Kulturen bewohnt waren. Manche trugen weitere
Universen in sich, während andere Kreaturen enthielten, deren Existenz du
nicht einmal für möglich halten würdest. In einigen gab es eine anscheinend
natürliche Ordnung, während andere sich in gänzlicher Unordnung befanden.
Manche kannten kein Licht und daher auch kein Zeitempfinden. All dieses
war die Frucht des einen, unteilbaren Bewusstseins. Wie und wann sie aufge-
taucht sind, ist gänzlich unmöglich festzustellen. Es ist nur eines gewiss – sie
sind die Schöpfungen der Unwissenheit. In dieser Schöpfung sind die Götter
und Dämonen so zahlreich wie Moskitos. Ob man diese Universen nun als die
Schöpfungen des höchsten Schöpfers oder als falsche Ideen erachtet, so ist es
doch gewiss, dass sie tatsächlich das unendliche Bewusstsein sind,
ununterschieden und nicht unabhängig von diesem. Wie leblose Realitäten
ruhen sie in den in den Schriften gefundenen Beschreibungen. Auf diese
Weise gewahrte ich all diese unendlichen Schöpfungen.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Schließlich richtete sich meine Aufmerksamkeit auf die Quelle des Ge-            VI.2:60

räuschs. Ich sah eine Frau, die strahlte und alle Himmelsrichtungen des
Raums erleuchtete. Sie war in höchstem Maße kultiviert. Sie näherte sich mir
liebenswürdig und sprach mit süßer Stimme: „Oh Weiser, du hast wahrhaftig
das Böse wie die Lust, den Zorn und die Gier überwunden. Dein Gemüt ist
völlig frei und unangehaftet. Ich grüße dich daher von allen Seiten.“ Da ich
nun die Quelle des Seufzers kannte, entschloss ich mich, weiterzugehen, da
ich mit dieser Frau nichts zu tun hatte.
  Ich sah dann viele Universen, deren Vielfalt meine Neugier erweckte. Ich
wollte noch mehr von dem Glanz dieser Schöpfungen kennen lernen. Nach
einiger Zeit gab ich diese Idee auf, indem ich mir klarmachte, dass der
Wunsch danach nur Täuschung ist. Ich verblieb dann verankert im unendli-
chen Bewusstsein. Unverzüglich verschwanden alle diese Wahrnehmungen
von Vielfalt aus meinem Blickfeld. Es gab da nur noch reines Bewusstsein und
nichts sonst. Dies ist die Wahrheit – alles andere ist Einbildung, Ideenbildung,
Verblendung oder illusorische Wahrnehmung.
  Weil die gesamte Schöpfung von dieser Unwissenheit bzw. Verblendung
eingehüllt ist, wissen die Bewohner der einen Schöpfung bzw. eines bestimm-


                                     582
ten Universums oder einer bestimmten Welt nichts von der Existenz der
           anderen. Diese verschiedenen Welten sind der Ideen oder Schöpfungen ande-
           rer nicht gewahr – so wie im selben Raum schlafende Leute der Schlachtrufe
           nicht gewahr sind, die sich in den Träumen der anderen abspielen mögen. Ich
           sah in diesen Universen tausende von Brahmās, Viåņus und Rudras. Alle be-
           fanden sich im Bewusstsein, waren Bewusstsein und Bewusstsein allein ist all
           dieses – daher sah ich all dieses nur als Bewusstsein und nichts anderes.
             Rāma, indem du etwas betrachtest und sagst: „Dies ist so und so“, leuchtet
           nur Bewusstsein als „so und so“, wobei es in Wahrheit dieses Bewusstsein
           allein ist, welches als es selbst existiert; Namen und Formen dagegen existie-
           ren da nicht. Nur dieser Raum bzw. dieses Feld des Bewusstseins allein exis-
           tiert überall und immer, und das ist es dann, was man die Welt nennt. In der
           Wahrnehmung von Objekten hier (was wir dann als das Wissen über dieses
           Objekt bezeichnen) besteht die einzige Unwissenheit bzw. Täuschung. Ich
           erkannte weiterhin, dass andererseits darin der Raum bzw. das Feld des
           Bewusstseins allein existiert. Mit erleuchteter Intelligenz erfuhr ich außer-
           dem die letztgültige Wahrheit über all dieses – nämlich dass all dieses reines,
           unteilbares, unendliches Bewusstsein ist. Aufgrund der Dauerhaftigkeit der
           wahrgenommenen Vielfalt sah ich daran zahllose Vāsi«Âhas, zahllose Zeitalter
           und Weltzyklen und viele Äonen, in denen Rāma wirkte. All dieses kommt
           zum Vorschein, sobald da die Wahrnehmung von Vielfalt entsteht. Sobald
           aber die Realisation der Wahrheit auftaucht, wird alles als reines, unteilbares,
           unendliches Bewusstsein gesehen. Im Unendlichen gibt es natürlich weder
           Namen noch Formen, auf die man sich als „dies ist die Welt bzw. Schöpfung“
           beziehen könnte. Brahman allein existiert als Brahman.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:60,
   61        Brahman ist eines und all dieses sind Erscheinungen, die im Licht von
           Brahman manifest werden, ohne dass dieses die Absicht dazu hegen würde.
           Aufgrund dessen taucht dann die großartige Vielfalt der Erfahrungen auf.
           Zum Beispiel mag es dann in manchen Universen heißes Mondlicht und küh-
           les Sonnenlicht, gute Sicht in der Dunkelheit und Blindheit im Tageslicht,
           zerstörerisches Gutes und schöpferisches Böses, gesundmachende Gifte und
           tödlichen Nektar geben. Dies geschieht entsprechend den Ideen, die im Be-
           wusstsein aufgetaucht sind. In manchen Universen gibt es keine Frauen und
           daher keine Sexualität, während in anderen herzlose Leute leben. In manchen
           Universen besitzen die Leute nicht ein einziges Sinnesorgan. In wieder ande-
           ren existieren nur ein oder zwei der Naturelemente, und doch werden sie von
           Lebewesen bewohnt, die sich an die dort herrschenden Bedingungen ange-
           passt haben.
             All dieses taucht als Bewusstsein im Bewusstsein durch Bewusstsein auf –
           genannt wird dies dann der Verstand.
             RĀMA fragte:




                                                583
Wie konnte überhaupt die Idee einer nächsten Schöpfung entstehen, wenn
doch alles am Ende des Weltzyklus und während der kosmischen Auflösung
Befreiung erlangt:
 VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, Brahman ist eine unbeschreibbare Masse kosmischen Bewusst-
seins. Die Schöpfung ist sein eigentliches Herz und deshalb nicht unterschei-
den von ihm. Sie wird auf mysteriöse, nicht reale, Weise als Schöpfung wahr-
genommen. Da die Schöpfung falsch ist, kann man auch nicht behaupten, dass
sie eines Tages wieder vergehen werde. Auch die kosmische Auflösung usw.
ist nichts als ein Glied Brahmans, und so war es schon immer. Getrenntheiten
dieser Art tauchen nur in der Unwissenheit auf. Folglich stirbt und vergeht
weder etwas zu irgendeinem Zeitpunkt noch tritt irgendetwas überhaupt ins
Dasein. Die höchste Wahrheit bzw. Bewusstsein ist unzerstörbar durch Waf-
fen, Feuer, Wind und Wasser. Sie wird nicht von denen realisiert, die nichts
von ihr wissen. Das Universum, welches das Herz dieser Wahrheit ist, ist wie
diese selbst – weder wurde es geboren noch wird es vergehen. Die Erfahrung
seiner Existenz oder Nicht-Existenz taucht zusammen mit dem Erscheinen
und Aufhören der entsprechenden Idee auf. Daher sind Worte wie „Weltzyk-
lus“, „kosmische Auflösung“ usw. nur Klänge ohne Substanz. Das Gespenst
erscheint und verschwindet nur im Herzen desjenigen, der an es glaubt. Was
als Geburt, Tod, Schmerz, Vergnügen, Form und Formlosigkeit gesehen wird,
sind nur die Glieder des einen Wesens. Unter ihnen gibt es keinerlei
Getrenntheit, so wie es unter den verschiedenen Teilen eines Baumes keine
Getrenntheit geben kann. Wenn diese Wahrheit nicht erkannt wird, taucht
diese scheinbare Getrenntheit auf. In Brahman gibt es weder Wissen noch
Unwissenheit – es ist jenseits von Bindung und Befreiung. Erkenne dies als
die Befreiung.
  RĀMA fragte:
  Hast du all dieses von dem Platz aus gesehen, an dem du dich befandest,        VI.2:62
oder bist du dabei im Raum gewandert?
  VASIåèHA erwiderte:
  Ich hatte bereits das unendliche Bewusstsein erlangt. In diesem gibt es kein
Kommen und Gehen. Weder blieb ich an diesem einen Ort noch wanderte ich
umher. Ich bezeugte all dieses innerhalb des Selbst, welches die Form dessen,
was ich bezeugte, angenommen hatte. So wie du deinen Körper von Kopf bis
Fuß sogar mit geschlossenen Augen zu sehen vermagst, so sah ich alles mit
dem Auge des Bewusstseins. Es ist wie ein Traum: Was auch immer in dem
Traum erfahren wird, ist reiner Raum (Dimension) des Bewusstseins. Ich
gewahre all dieses aufgrund der Erleuchtung sogar noch jetzt. Ich bin nun
eins mit all den erleuchteten Wesen, ich kenne sie als mein eigenes Selbst
ohne die Getrenntheit von Subjekt, Objekt und Beobachtung, da nur das eine
Bewusstsein allein als Unteilbares existiert.
  Als Antwort auf die Frage betreffend die Dame antwortete VASIåèHA:


                                    584
Auch sie stand mit einem Raumkörper zusammen mit mir im Raum. Ich hat-
          te sie zuvor nicht bemerkt. Obgleich sie einen Raumkörper besaß, konnte sie
          mit mir, der ich ebenfalls einen Raumkörper besaß, auf kultivierte Weise und
          mit angenehmer Redeweise kommunizieren, als ob jemand im Traum mit
          jemand anderes sprechen würde. Welche Art von Gewissheit könntest du
          haben, um dich der Existenz der inneren Sinne zu vergewissern? Ähnlich
          diesen hatten wir Körper. Wahr ist dies in meinem Fall, in ihrem, in deinem
          und allen sonstigen Fällen. So wie man im eigenen Traum Kriege erfährt, so
          erfahren die Menschen die Ereignisse in dieser Schöpfung als etwas Reales.
          Alle Vergleiche jedoch sind unangemessen – Wahrheit ist jenseits der Worte.
          Wenn man gefragt würde: „Wie siehst du einen Traum?“, könnte man nur
          antworten: „Als das, was er ist!“. All dieses dient nur deinem Verständnis. Die
          Wahrheit besteht darin, dass dieses Universum wie auch alles von dir im
          Traum gesehene nichts als Brahman ist.
            Einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Traumzustand und dieser
          sichtbaren Schöpfung gibt es nicht. Diese Erfahrung, die unmittelbar dem
          Wachzustand vorausgeht, wird Traum genannt; die Erfahrung oder Wahr-
          nehmung, die zu Beginn der Weltschöpfung aufsteigt, wird Wachzustand
          genannt. Die Erfahrung der Existenz der Welt ist ein langer Traum bzw. eine
          Leerheit. Sie ist reines Bewusstsein, weil sie in der ewiglichen Wirklichkeit
          wurzelt. Du bist der Zeuge bzw. Beobachter deines eigenen Traums – eben so
          ist das unendliche Bewusstsein der Beobachter dieses langen Traums na-
          mens Schöpfung. So wie der Beobachter und das Beobachtete Bewusstsein
          sind, so ist auch das in der Mitte befindliche (die Beobachtung) ebenfalls das
          reine, unteilbare und unmodifizierte Brahman. Da dies der Fall ist, kann auch
          die Schöpfung nicht als solide, substanziell oder materiell erachtet werden.
          Sogar der Traum verkörperter (formhafter) Wesen wie dir ist immateriell.
          Wie könnte dann der lange Traum des unendlichen Bewusstseins, der keine
          Form besitzt, Form haben? Daher ist nur das unerschaffene Brahman allein.
            RĀMA fragte:
VI.2:63
            Oh Weiser, wie war die formlose Frau dazu in der Lage, Worte von sich zu
          geben?
            VASIåèHA erwiderte:
            Natürlich vermögen diejenigen, die mit einem Raumkörper versehen sind,
          keinerlei hörbare Töne von sich zu geben. Falls dies möglich wäre, müssten
          andere, die neben dir schlafen, die Gespräche aus deinen eigenen Traumkon-
          versationen anhören können. Es ist daher klar, dass alles in einem Traum
          gesehene eine auf reinem Bewusstsein allein basierende Illusion ist. Was im
          Wachleben erfahren wird, ist wiederum nicht gänzlich unterschieden von der
          Traumerfahrung. Es ist nichts als ein Spiel des Bewusstseins – in diesem
          Bewusstsein auftauchende Ideen scheinen in eine solide Masse von Realität
          gekleidet zu sein.
            Die Samen der vergangenen Erfahrungen liegen im Bewusstsein und sprie-
          ßen neue Erfahrung aus sich heraus, die manchmal identisch mit vergange-


                                               585
nen Erfahrungen und manchmal aber auch andersartig sind. Die Welten, die
so aus diesen Samen hervorgehen, sind einander nicht gewahr. Im Verlaufe
des Lebens in diesen Traumwelten werden die Dämonen von Göttern getötet
und jene verbleiben dann in ihrem eigenen Traumzustand. Da sich nicht
erleuchtet wurden, erlangen sie keine Befreiung. Da sie nicht nicht-fühlend
sind, werden sie nicht nicht-fühlend, sondern behalten ihr Gewahrsein. Daher
leben sie in einem Raumkörper wie in einer Traumwelt. Dies ist auch bei den
so genannten menschlichen Wesen der Fall. Ihre Welt, ihr Leben und ihre
Mentalität sind wie die unseren und umgekehrt. Wir existieren als ihre
Traumobjekte. Sie betrachten ihre eigenen Leute, obgleich auch diese nur
Traumobjekte sind, wie reale Wesen. Auf dieselbe Weise sind sämtliche Ob-
jekte, die in allen meinen Träumen erscheinen, für mich real.
  Wegen der eigentlichen Natur des unendlichen Bewusstseins scheinen die-
se Traumschöpfungen auch im Wachzustand zu existieren. Ihre Realität ist
selbstverständlich Brahman, die einzige Realität. Alles existiert überall und
immer als das unteilbare, reine Bewusstsein, das selbst nicht ist und daher
als ein Nichts auch nicht zerstört werden kann.
  Im ewigen Raum (Dimension) des unendlichen Bewusstsein, im unendli-
chen Spiel des Unendlichen, gibt es unendliche Gemüter und unendliche
Welten in diesen. In jedem einzelnen befinden sich Kontinente und Berge,
Dörfer und Städte, bewohnt von Menschen, die ihre eigene Zeit und Lebens-
spanne haben. Wenn diese jīvas das Ende der Lebensspanne erreichen, exis-
tieren sie, sofern sie nicht erleuchtet wurden, im unendlichen Raum fort und
schaffen dabei ihre eigenen Traumwelten. Innerhalb von diesen befinden sich
wiederum andere Leute mit Gemütern; in diesem Gemütern sind wiederum
weitere Welten, in denen sich noch mehr Leute befinden usw., ad infinitum.
  Diese illusorische Erscheinung hat keinen Anfang und kein Ende – sie ist
Brahman und nichts als Brahman. Oh Rāma, in all diesen verschiedenen Ob-
jekten gibt es nichts als reines Bewusstsein. Dieses Universum ist nichts als
Bewusstsein allein. Wie wäre es dann möglich zu sagen, dass es da Welten
gäbe, die angeblich in den Gemütern des Unwissenden existierten?
  Von Vāsi«Âha danach gefragt, wer er sei, antwortete die HIMMELSBEWOH-
NERIN:                                                                            VI.2:64
  Oh Weiser, in diesem ungeheuren Universum, in einer Ecke, ist diese Welt,
in der du lebst. Jenseits der Grenzen dieses Universums sind Berge, die als die
Lokāloka-Berge bekannt sind. In dieser Region herrschen alle Arten von
klimatischen Bedingungen und Kombinationen und Verwandlungsformen der
Elemente. (Die Beschreibung im Text dazu ist ausführlich und sehr interes-
sant.) Irgendwo darin leben ausschließlich nur menschliche Wesen, während
woanders nur Götter leben. Es gibt darin Kobolde als auch äußerst langlebige
Wesen. Es existieren darin hell erleuchtete Plätze, während anderswo äußers-
te Finsternis, fruchtbare Äcker und Wüsten, dicht bewohnte und unbewohnte
Gebiete sind.



                                     586
Ich wohne in einem massiven Felsen, der an den nordwestlichen Hängen
          der genannten Bergkette lag. Schicksalhaft bin ich an ein Leben im Herzen
          dieses Felsens gebunden. Darin lebe ich seit zahllosen Äonen. Meinem Ge-
          mahl ist es ebenfalls bestimmt, dort zu leben. Bis heute waren wir aufgrund
          unserer intensiven Wünsche (kāma) und unserer großen Anhänglichkeit
          aneinander nicht fähig, Befreiung zu erlangen. Ähnlich ist auch das Schicksal
          unserer Verwandten.
            Mein Gemahl, der in dieser Bindung leben muss, ist durch Geburt ein
          brāhmaņa. Er stammt aus alter Zeit. Er verlässt niemals seinen Sitzplatz,
          obwohl er dort schon sein zahllosen Jahrhunderten sitzt. Er lebt seit Geburt
          an im Zölibat (brahmārī), ist gebildet und träge. Er lebt in der Abgeschieden-
          heit, da er niemals durch Verlangen nach Vergnügen erregt wird. Als seine
          Frau muss ich ein elendes Leben führen und doch vermag ich nicht einen
          einzigen Moment lang ohne ihn zu sein.
            Ich werde dir nun erzählen, wie ich seine Frau wurde. Als er jung war, war
          er innerlich teilweise erwacht. Als eine Frau wünschte er sich eine, die ihm
          bei seiner spirituellen Suche behilflich sein könnte. Aus diesem Wunsch her-
          aus wurde ich geboren – ein mentales Wesen, das seine mentale Frau werden
          sollte. Mit dieser Bestimmung wuchs ich dann bei einer jungen Frau auf. Ich
          begann mich am Hören guter Musik zu erfreuen und vergnügte mich auf die
          verschiedenste Art und Weise.
            Ich unterstütze nicht nur meinen Gemahl, sondern auch die drei Welten, die
          in ihm existieren. Obwohl ich schließlich heranwuchs und mein Körper über-
          quoll von überdeutlichen Malen der Schönheit und Jugend, verblieb mein
          Gemahl über lange Zeiträume hinweg im Zustand des Tiefschlafs oder war
          mit religiösen Aktivitäten befasst. Er vollzog nicht unsere Ehe, obwohl es
          mich die ganze Zeit über so sehr nach dem Vollzug verlangte. Ich brenne vor
          Verlangen. Meine Diener tun ihr Bestes, um mein Leiden zu erleichtern, aber
          im Grunde bereichern alle diese Bemühungen nur meine Pein. Brennend vor
          Verlangen vergieße ich unaufhörlich Tränen. Oh Weiser, es gibt hier herrliche
          Blumen und kühlen Schnee überall, aber da ich in der Hitze des Verlangens
          brenne, erfahre ich sie nur wie nutzlose Asche. Wenn ich in meinem Bett
          liege, bedeckt mit Blüten und Girlanden zur meiner Freude und zu meinem
          Genuss, dann erfahre ich trotzdem nur eine Leere und Trockenheit; meine
          Jugend wird so nur verschwendet.
            Die HIMMELSBEWOHNERIN fuhr fort:
VI.2:65
            Nach einer sehr langen Zeit wurden aus der Anhänglichkeit und Zuneigung,
          die ich für meinen Gemahl empfand, Nicht-Anhaftung und Leidenschaftslo-
          sigkeit. Mein Gemahl war alt geworden und interessierte sich nur noch für die
          Abgeschiedenheit. Er war leer von allen Anhaftungen und besaß keinerlei
          Geschmack mehr an sinnlichen Vergnügungen; immer blieb er still. Welchen
          Sinn hatte ein solches Leben für mich? Ich betrachtete die Kinder-
          Witwenschaft, den Tod und die Krankheit oder sogar das schlimmste Unglück
          als besser als die Gegenwart eines Ehemannes, dessen Herz nicht nach dem


                                              587
meinen verlangte. Gewiss ist doch dies der größte Segen und die schönste
Blüte des Lebens einer Frau, wenn sie einen Mann findet, der sich des Lebens
erfreut und ein angenehmes und süßes Betragen und Verhalten besitzt.
   Eine Frau, dessen Mann sich des Lebens nicht erfreut, ist frustriert. Der un-
kultivierte Verstand ist zerstörerisch. Reichtum, der in die Hände dummer
Menschen fällt, ist Missgeschick. Sobald das eigene Ehrgefühl durch eine
Prostituierte kompromittiert wurde, ist da eine große Gefahr. Eine wahre
Ehefrau folgt ihrem Ehemann. Das ist Reichtum, wenn dieser auf die guten
Menschen kommt. Das allein ist Geist, wenn dieser süß und weiträumig, edel
und mit Gleichmut ausgestattet ist.
   Wenn Ehemann und Ehefrau einander gefallen, dann können weder körper-
liche noch gemütsmäßige Krankheiten, weder Schwierigkeiten noch natürli-
che Katastrophen ihre Haltung angreifen. Für diejenige Frau, deren Gemahl
von schlechtem Charakter ist oder die keinen Gemahl hat, sind die Lustgärten
der Welt wie heißer, brennender Sand. Eine Frau vermag in dieser Welt alles
aus dem einen oder anderen Grunde aufzugeben, aber sie vermag nicht ihren
Gemahl aufzugeben.
   Du siehst also selbst, oh Weiser, welches Unglück ich in all den Jahren ertra-
gen musste. Nun aber habe ich die Leidenschaftslosigkeit kultiviert. Jetzt habe
ich nur noch einen Wunsch – eine Unterweisung von dir zu erhalten, um
nirvāņa zu erlangen. Der Tod wird von demjenigen dem Leben vorgezogen,
dessen Wünsche hier unerfüllt geblieben sind, dessen Herz in beständiger
Erregung lebt und der langsam dem Tode entgegengeht. Auch meinen Gemahl
verlangt es nach nirvāņa. Er strebt danach, das Gemüt mit Hilfe des Gemüts
zu beherrschen. Hoher Herr, erwecke doch bitte in uns beiden durch deine
Worte der höchsten Weisheit die Selbsterkenntnis.
   Weil mein Gemahl kein Interesse an mir hat, habe ich die Leidenschaftslo-
sigkeit entwickelt. Die mentale Konditionierung wurde schwächer und ich
praktiziere nun Yoga, wodurch ich die Gabe erlangte, den Raum zu kontrollie-
ren, so dass ich mich in demselben bewegen kann. In habe schließlich eine
Konzentrationspraxis ausgeübt, die mich mit den vollkommenen Wesen zu-
sammenbringen sollte. Alle diese Bemühungen haben Früchte getragen.
   Als ich aus meiner eigenen Welt floh, sah ich auf den Lokāloka-Bergen einen
Felsen, den ich dort noch nie gesehen hatte. Zuvor hatten mein Gemahl und
ich nicht den Wunsch, ihn zu sehen. Jetzt verlangt es uns beide nach der Er-
langung der Selbsterkenntnis. Ich bitte dich darum, uns diese Gnade zu ge-
währen, denn heilige Männer lehnen eine solche Bitte niemals ab. Ich habe
schon viele vollkommene Wesen gesehen, aber noch keines wie dich. Ich
nehme Zuflucht zu deinen Füßen – schick mich nicht weg.
   Als sie von Vāsi«Âha danach gefragt wurde, wie sie denn in dem Felsen ge-
lebt habe, antwortete die HIMMELSBEWOHNERIN:                                        VI.2:66,
                                                                                       67
   Oh Weiser, diese unsere Welt innerhalb dieses Felsens ist nicht anders als
deine Welt hier draußen! Auch in unserer Welt gibt es Himmel und Hölle,


                                      588
Götter und Dämonen, Sonne und Mond, Sterne und Firmament, bewegliche
und unbewegliche Kreaturen, Hügel und Meere und die Staubpartikel, die
man die Lebewesen nennt. Weshalb stattest du diesem Felsen nicht einen
kleinen Besuch ab? Weise sind doch immer an Wundern interessiert! (Dieser
Planet ist auch nur ein Kieselstein in diesem ungeheuren Universum! )
  VASIåèHA fuhr fort:
  In ihre Begleitung durchquerte ich dann also den Raum und erreichte den
Lokāloka, wo ich den Felsen erblickte. Ich konnte erkennen, dass es nur ein
Felsen war und keinerlei Welten in ihm waren. Ich fragte sie: Wo ist deine
Welt mit all ihren Göttern und Dämonen, Bergen und Ozeanen – diese Welt,
die du so anschaulich geschildert hast?
  Die HIMMELSBEWOHNERIN erwiderte:
  Wahrhaftig vermag ich nun, oh Weiser, zu erkennen, dass alles das, was ich
zuvor in diesem Felsen sah, in Wirklichkeit nur in mir selbst ist. Durch die
wiederholte Projektion dieser Sichtweise und dieser Art des Erfahrens im
Felsen geschah es, dass ich mir dachte, ich sähe all das – da ich dies nun alles
nicht mehr erfahre, ist auch diese Sichtweise vergangen. In dir hat das Emp-
finden der Dualität schon vor langer Zeit aufgehört; folglich unterhältst du
keine falschen Ideen mehr. Sogar in mir wurde nun nur durch richtige Wahr-
nehmung diese langandauernde Illusion zerstreut – ich sehe die Welt nun
klar und auf die rechte Weise. Da die gegenwärtige Realisation der Wahrheit
so viel stärker als die Illusionen der Vergangenheit ist, sind die letzteren
verblasst.
  Oh Weiser, dies ist der einzige Pfad zur Erlösung: Man sollte sich gänzlich
an das eine wünschenswerte Ziel hingeben, man sollte in der rechten Bemü-
hung zum Erlangen dieses Zieles unterwiesen sein und sich selbst wieder und
wieder um die rechte Handlung bemühen. Mit Hilfe rechter Bemühung
(abhyāsa) wird die Unwissenheit zerstreut und der Unwissende schließlich
erleuchtet. Durch rechte Bemühung geschieht es, dass sogar bittere Dinge
schmackhaft werden. Durch wiederholte Praxis geschieht es, dass Fremde
Freunde werden, und falls ein enger Verwandter sich von jemandem abwen-
det, dann geschieht dieser Verlust der Beziehung aufgrund der Abwesenheit
dieser wiederholten Praxis. Es geschieht durch Wiederholung, dass der subti-
le Körper zum physischen Körper wird. Durch andauernde Bemühung wird
das Unmögliche möglich. Falsche Beziehungen wurden durch beständige
Bemühung ins Leben gerufen und können durch ebenso beständige Bemü-
hung bis zum Ende des eigenen Lebens energisch abgewiesen werden. Durch
ständige Bemühung bringt man das gewünschte Objekt näher zu sich heran.
Diese Bemühung schließlich befähigt einen dazu, es mühelos und ohne weite-
re Hindernisse in Besitz zu nehmen.
  Die beständige und wiederholte Bemühung wird abhyāsa genannt. Nur das
allein ist das größte Ziel des Menschen (puruåārtha) und einen anderen Weg
gibt es nicht. Nur durch feste und entschlossene Eigenbemühung und durch
eigene, direkte Erfahrung wird Vollkommenheit erlangt – nicht durch ir-


                                     589
gendwelche anderen Mittel. Durch diese abhyāsa geschieht es, dass man in
dieser Welt an allen Orten gänzlich furchtlos wird.
(Die Beschreibung des Kapitel 66 der Welt im Felsen ist ausführlich und sehr
interessant.)
  VASIåèHA fuhr fort:
  Als die Himmelsbewohnerin so gesprochen hatte, setzte ich mich in die Lo-       VI.2:68
toshaltung und trat in samÃdhi bzw. tiefe Kontemplation ein. Ich gab alle
materiellen und physischen Konzepte auf und hielt an der Vision des reinen
Bewusstseins fest. Ich wurde zu diesem schon immer existierenden unendli-
chen Bewusstsein und erlangte die kosmische Vision, welche von der aller-
größten Reinheit ist.
  Aufgrund dieser Erkenntnis der Wahrheit hörte die Täuschung des Materi-
ellen und Physischen in mir auf. An ihre Stelle trat das große Bewusstsein,
welches weder steigt noch fällt. Es gab da ein Gewahrsein, in dem ich weder
den Raum noch den Felsen sah, sondern nur noch das Unendliche. Was im-
mer auch zuvor gesehen wurde, war nun nichts als das eine Selbst. Ich reali-
sierte, dass das Selbst allein alles Gesehene und Erfahrene ist. Was mir wie
ein Felsen vorgekommen war, war nichts als (der Raum des) unendlichen
Bewusstsein (cidākāÓa).
  Der Mensch ist nur das Traumobjekt anderer Menschen – er träumt sich
selbst als einen Menschen. Im Verlaufe der Zeit jedoch werden sogar die
Opfer der allerschlimmsten Formen von Verblendung schließlich erleuchtet
(erwacht), da es nichts anderes als die Wahrheit bzw. Brahman, das ewiglich
ist, gibt. Daher kannte ich das, was ich zuvor als Felsen gesehen hatte, nicht
als eine einzige Masse reinen Bewusstseins. Es gibt da kein solches Ding wie
Materie.
  Das Selbst der Elemente bzw. Wesen ist der Körper Brahmans. Dieses Kon-
zept wird nun als eine Idee oder Einbildung gesehen. Der kosmische subtile
Körper erscheint aufgrund des Auftauchens dieser Idee. Die zuerst auftau-
chende Idee bzw. Gedanke wird zum Körper des jīva. Dieser unwissende
Gedanke (d.h., der Ich-Gedanke) glaubt nun, dass das Gemüt eine offenbare
Realität sei. Ohne Grund oder überhaupt einen Zweck tauchen die Ideen auf,
die das Gemüt als offenbare Realität (pratyakåa) betrachten – so wird das
Bewusstsein zu etwas anderem als es selbst. Was man jetzt als offenbare
Realität bezeichnet (den Körper usw.) ist offenbare Unwirklichkeit. Parado-
xerweise wird das Offenbare zum Unwirklichen und das Unwirkliche zum
Offenbaren. Eben darin besteht die Macht der Illusion.
  Der subtile Körper gehört zu den ersten unter diesen offenbaren Wahrhei-
ten. Die Wahrheit ist allgegenwärtig und Materie nur eine Illusion, obwohl sie
als solche erfahren wird. Dies verhält sich so, wie die „Schmuckstück-
haftigkeit“ von Gold die illusorische Erscheinungsform von Gold ist, obgleich
Menschen darauf zeigen und behaupten können, dass es ein Schmuckstück
sei. Der subtile kosmische Körper (ātivāhika) ist nicht materiell. Aufgrund des



                                     590
Nicht-Verstehens geschieht es, dass der jīva unter den Einfluss dieser Illusion
gerät – welche Narrheit! Der materielle oder physische Körper wird bei der
Ergründung nicht gefunden, während der subtile Körper in den zwei Welten
(in dieser und der nächsten) unverändert weiterexistiert.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Der grobe physische Körper existiert im ātivāhika bzw. dem subtilen Körper
so wie Wasser in einer Luftspiegelung existiert. Aufgrund der fehlerhaften
Wahrnehmung von einem Körper wird dieser physische Körper als eine soli-
de Wesenheit akzeptiert – so wie man einen Pfahl für einen Mann hält. Wie
geheimnisvoll und machtvoll ist doch diese Illusion, die das Irreale als real
und das Reale als irreal erscheinen lässt! Diese Illusion existiert nur aufgrund
des Nicht-Verstehens der Wahrheit.
  Aktivität und Verhalten der Wesen in dieser Welt werden überwiegend
durch die Sichtweise der Yogis und in kleineren Ausmaß durch die Wahr-
nehmung des Gemüts regiert. Diese beiden können daher als wahr akzeptiert
werden. Wer jedoch das erstere abgewiesen hat und sich an die Realität der
Materie klammert, strebt danach, seinen Durst am Wasser in einer Luftspie-
gelung zu löschen.
  Die vergänglichen Freuden sind nur Schmerz. Wahrhafte Freude ist
unmodifiziert, anfanglos und endlos. Erforsche daher die Wahrheit mit der
Hilfe der direkten Erfahrung, gewahre die uranfängliche Wahrheit durch
direkte Erfahrung. Wer diese Erfahrung zurückweist und den illusorischen
„Realitäten“ hinterherrennt, ist ein Dummkopf.
  Der subtile immaterielle Körper allein ist wirklich und die Wahrnehmung
des materiellen oder physischen Körpers in ihm ist unwirklich und illuso-
risch. Wie könnte der letztere als real erfahren werden, wenn er doch bloß
ideenmäßig existiert und niemals erschaffen wurde? Was könnte man noch
als real akzeptieren nachdem man erkannt hat, dass das scheinbar offenbare
Gesehene nur illusorisch und irreal ist? Wie könnte das als real akzeptiert
werden, was aufgrund von etwas existiert, das selbst irreal ist?
  Wenn der erste und vornehmste Beweis (pratyakåa bzw. direkte Erfahrung)
dies doch schon erbringt, welcher Wert kann dann noch in bloßer Schlussfol-
gerung liegen?
  Man sagt daher, dass die durch diese beiden Verfahrensweisen (direkte Sin-
neserfahrung, Schlussfolgern und wissenschaftliche Forschung) erwiesene
Realität des objektiven Universum falsch und irreal sei. Dualität und Vielfalt
sind falsch – die eine Masse unendlichen Bewusstseins allein ist real. So wie
ein im Traum gesehenes Objekt real ist, so ist das von uns als Felsen wahrge-
nommene Objekt irreal, denn es ist nichts als reines Bewusstsein. Erkenne,
dass dieser Berg, dieser Raum, die Welt und das „ich“ alle nur das eine, un-
endliche, unteilbare Bewusstsein sind.
  Derjenige, der erleuchtet ist, vermag dies zu erkennen, jedoch nicht der
Unerleuchtete. Aufgrund des falschen Empfindens von „ich bin unerleuchtet“


                                     591
wurde diese Unwissenheit bezüglich der Realität wieder und wieder erhärtet.
Wer die Realisierung der direkten Erfahrung des Höchsten Herrn, der von der
Natur des unteilbaren, unendlichen Bewusstseins ist, abweist und sich an
andere Formen der Erfahrung klammert, ist gewiss närrisch. Was haben wir
mit solchen Menschen überhaupt zu schaffen?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Dann trat diese Himmelsbewohnerin in die Welt innerhalb des Felsens ein.       VI.2:69
Ich begleitete sie. Dann wandte sie sich dorthin, wo der Schöpfer dieser Wel-
ten seinen Aufenthaltsort hatte und setzte sich vor ihn nieder. Sie sagte dann
zu mir: „Oh Weiser, dies ist mein Gemahl. Er hat mich als seine Frau erschaf-
fen. Und doch hat er die Ehe nie vollzogen. Nun sind wie beide gealtert. Ich
habe jetzt Leidenschaftslosigkeit erlangt. Nie geht er aus seiner Meditation
heraus. Bitte erleuchte uns beide bezüglich der Wurzelursache dieses
saæsāra, auf das wir frei von ihr werden mögen.“ Nachdem sie so gesprochen
hatte, „erweckte“ sie ihren Gemahl, den Schöpfer, zum gewöhnlichen Be-
wusstsein und sprach ihn an: „Hoher Herr, gewahre diesen Weisen hier, der in
unserer Heimstatt angelangt ist. Er ist unser Gast. Er ist der Sohn des Schöp-
fers einer anderen Welt. Es ist unsere Pflicht als Haushälter, unsere Gäste zu
ehren und willkommen zu heißen.“
  Der Schöpfer der anderen Welt (des Felsens) öffnete seine Augen. Er wurde
sodann seiner eigenen „Glieder“ gewahr. Diese Glieder waren tatsächlich
verschiedene, „erschaffene“ Lebewesen, die in seinem Gewahrsein auftauch-
ten. Auf einmal erschienen vor ihm verschiedene Arten von Wesen – Götter,
Dämonen, Menschen usw. Er erblickte mich und auch seine Frau, wie wir
beide vor ihm saßen. Er begrüßte mich und bat mich, auf einem juwelenge-
schmückten Sitz Platz zu nehmen. Ich beantwortete den Gruß und nahm auf
diesem Sitz Platz. Es gab dann eine himmlische Musik, und es wurden eben-
falls Hymnen gesungen. Auf angemessene Weise begannen wir uns alle ge-
genseitig zu grüßen.
  Dann fragte ich den zweiten Brahmā: „Hoher Herr, diese Himmelsbewohne-
rin hat mich hierher gebracht und erklärte mir, dass ich euch beide auf eine
Weise unterrichten möge, die euch zu erleuchten vermag. Ist dir dies recht
und ist dies auch dein Wunsch? Du bist für dich selbst ja der Höchste Herr all
dieser Wesen und der Meister höchster Weisheit, während sie nicht mehr von
Wünschen überwältigt wird. Wie geschah es, dass du sie als deine Frau er-
schaffen hast und, falls dies den Tatsachen entsprechen sollte, weshalb hast
du nicht die Ehe mit ihr vollzogen?“
  DER SCHÖPFER IM FELSEN erwiderte:
  Oh Weiser, höre mich an und ich werde dir alles erzählen, was geschehen
ist. Es gibt da nur ein einziges Bewusstsein, das ungeboren und still ist. In
ihm taucht eine winzige Bewegung auf, eine Vibration oder eine Welle. Das
ist, was ich bin. Ich bin von der essenziellen Natur reinen Raums. Ich ruhe im
Selbst. Da ich ohne jede Ursache und ohne eine Stofflichkeit erschienen bin,



                                    592
werde ich als Selbst-geboren bezeichnet. Weder habe ich etwas erschaffen
          noch sehe ich überhaupt irgendetwas. Was man hier als mich und dich sehen
          und als diesen Dialog zwischen uns wahrnehmen kann, ist wie zwei Wellen,
          die im Ozean zusammenstoßen und einen Ton erzeugen. Wir sind wie die
          Wellen des Ozeans – nicht unterschieden vom Ozean des unendlichen Be-
          wusstseins. Wir sind nur Ideen, die darin spontan auftauchen. Diese Dame
          hier, die davon verschieden zu sein scheint, wurde tatsächlich niemals er-
          schaffen, sie trat niemals ins Dasein; sie ist nur eine Idee, ein Konzept, eine
          Gedankenwelle bzw. eine psychologische Konditionierung. Dieser aus den
          Spuren des Ich-Sinns gemachte Körper, der in mir und ihr existiert, ist ledig-
          lich, wie dies schon immer so war, die über Ich-Sinn herrschende Gottheit. Sie
          ist folglich weder meine Frau noch wurde sie überhaupt jemals erschaffen.
             DER BRAHMĀ DER ANDEREN WELT fuhr fort:
VI.2:70
             Nun wünsche ich das Feld bzw. den Raum des unendlichen Bewusstseins zu
          betreten. Daher habe ich diese Auflösung manifestiert, die das Zeichen zur
          kosmischen Auflösung darstellen soll. Und daher gibt es in uns die Leiden-
          schaftslosigkeit. Wenn ich das kosmische Gemüt aufgebe und im unendlichen
          Bewusstsein untertauche, ist die Zerstörung sämtlicher vāsanās (Ideen usw.)
          gewiss. Und daher ist auch diese Frau hier (die ein verkörpertes vāsanā ist)
          leidenschaftslos geworden und hängt mir in diesem Bestreben an.
             Der Weltzyklus ist nun an ein Ende gelangt und mit ihm zusammen ist auch
          das Ende der Götter gekommen. Gleichzeitig ist dies der Moment der kosmi-
          schen Auflösung. Es ist das Ende meiner eigenen Konditionierung (vāsanā)
          und die gänzliche Umformung des Körpers in Raum. Aus diesem Grunde
          werden diese vāsanās nun verderben. Der Wunsch nach Befreiung taucht
          ohne ersichtlichen Grund in den vāsanās auf – auf diese Weise gehen die
          vāsanās ihrer Zerstörung entgegen. Meine Frau hat die Praxis der Meditation
          usw. gepflegt, jedoch noch nicht das Selbst realisiert. Dann erblickte sie plötz-
          lich die Welt, in der du (der erleuchtete Weise) lebst.
             Zu diesem Zeitpunkt erblickte sie sogar den Eckstein meiner Schöpfung.
          Dieser Eckstein kann nur dann wahrgenommen werden, wenn das Gemüt
          bereit ist zur Aufgabe der Wahrnehmung von Vielfalt und diese gänzlich
          abgelegt hat, aber nicht vorher. Wie in diesem Felsen hier gibt es zahllose
          Welten innerhalb von anderen Welten, die wiederum in diesen Objekten und
          Elementen hier überall sind, wie es schon immer gewesen ist. Ihr Erscheinen
          als „die „Welt“ ist natürlich das Ergebnis einer Illusion, denn sie ist nichts als
          reines Bewusstsein. Diese illusorische Vision der „Welt“ verschwindet, sobald
          man ihre wahre Natur verstanden hat. In den Augen anderer Menschen je-
          doch fährt sie fort zu existieren.
             Durch die Praxis der Konzentration und Meditation usw. vermochte sie
          (d.h., das vāsanā) Leidenschaftslosigkeit zu erlangen. Anschließend suchte sie
          dich auf, um Selbsterkenntnis zu erhalten.
             Somit ist es nur die Macht des unendlichen Bewusstseins allein, die hier als
          die unüberschreitbare, illusorische Kraft oder Māyā existiert. Diese Macht ist


                                                593
anfanglos, endlos und unverderblich. Zeit, Raum, Materie, Bewegung, Gemüt
und Intellekt usw. sind nur Teile des Bewusstseins, wie die Teile eines Fel-
sens. Allein das unendliche Bewusstseins existiert als der Felsen des Be-
wusstseins – seine Glieder sind die Welten. Diese Masse Bewusstsein denkt
sich selbst als die Welt. Obgleich es anfanglos und endlos ist, denkt es, dass es
einen Anfang und ein Ende habe. Zu diesen beiden scheint es dann auch zu
werden. Diese Masse Bewusstsein ist formlos und nimmt doch die Form eines
Felsens an. Es gibt hier keine Flüsse. Weder gibt es hier umlaufende Räder
noch Materie, die ständigen Wandlungen und Umformungen unterzogen
wird. All dieses sind nur Erscheinungen innerhalb des Raumes bzw. des Fel-
des des unendlichen Bewusstseins (cidambaram). Im kosmischen Raum
entsteht einfach aus sich heraus der Anschein eines Raumes namens Haus
und ein weiterer namens Topf (obgleich Raum gewiss unteilbar ist und die
Existenz des Raumes innerhalb des Hauses den Raum in seiner Gesamtheit
weder verringert noch vergrößert). Auf dieselbe Weise scheinen auch alle
diese „Welten“ im Unendlichen zu existieren, das selbst unteilbar ist und
dadurch keiner Verkleinerung oder Vergrößerung unterzogen wird.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:71
   Nachdem er so gesprochen hatte, trat der Schöpfer (dieser Welt im Felsen)
in den tiefen und letzten Zustand der Meditation ein. Er äußerte: „OM“, und
kontemplierte über den letzten Teil seiner Intonation. Sein Gemüt war gänz-
lich gestillt. Er war wie ein gemaltes Bild. Auch das vāsanā (die Verkörperun-
gen der psychologischen Konditionierung in der Form der Dame) folgte dem
Schöpfer und trat in tiefe Meditation ein. Sie erlangte schließlich die Form des
Raumes. Ich trat ebenfalls in tiefe Meditation ein und bezeugte all dieses,
nachdem ich zum allgegenwärtigen, unendlichen Bewusstsein geworden war.
   Als die Ideen im kosmischen Gemüt des Schöpfers langsam abzusterben
begannen, begann in demselben Moment auch die Erde selbst mitsamt ihren
Bergen, Kontinenten und Ozeanen zu verschwinden. Gräser und Bäume hör-
ten auf zu sein. Die Erde ist eines der Glieder der kosmischen Person, des
Schöpfers. Sobald diese kosmische Person ihr ihr Gewahrsein entzieht, hört
die Erde auf zu sein – so wie unser Gewahrsein unserer Gliedmaßen in einem
Zustand der Bewusstlosigkeit vergeht und sich auflöst.
   Gleichzeitig wurde die Erde von zahlreichen kosmischen Katastrophen er-
fasst. Die Übeltäter wurden von Feuer verbrannt und in die Hölle gesandt. Die
Erde verlor all ihren Liebreiz und ihre Fruchtbarkeit. Die Frauen wurden
unmoralisch und die Männer verloren ihre Selbstachtung. Ein dichter Sand-
sturm erhob sich und verdunkelte die Sonne. Die Menschen wurden von den
Gegensatzpaaren gequält, denen sie sich in ihrer Narrheit unterworfen fühl-
ten. Die Menschheit wurde aufgrund von Überschwemmungen und Hungers-
nöten, Kriegen und Seuchen dezimiert. Wegen der zahlreichen Leiden began-
nen die Menschen unzivilisiert und unkultiviert zu werden. Da all diese
schrecklichen Dinge so unerwartet auftraten, starben die edlen Menschen
schnell und es gab da ein großes Ach und Weh überall. Das Wasser wurde


                                      594
knapp und die Leute begannen große Brunnen zu bohren. Männer und Frau-
en vermischten sich unkontrolliert und die soziale Ordnung brach zusammen.
Jedermann lebte vom Handeln. Die Frauen verdienten ihren Lebensunterhal-
tung durch Zurschaustellung ihrer schönen Haartracht. Die Könige folgten
dem Grundsatz: „Macht ist Recht!“ Überall gab es Ungerechtigkeit und Recht-
losigkeit. Die herrschenden Schichten war dem Trunk ergeben. Sie belästig-
ten und quälten die gebildeten und die heiligen Männer. Die Menschen gingen
nun Wege der Lebensführung und nahmen Glaubensvorstellungen an, die
gänzlich unnatürlich waren. Die Gebildeten wurden gewalttätig und aggres-
siv. Tempel wurden angezündet. Sogar die Heiligen gaben aufgrund von
Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit die Ausübung heiliger Riten auf.
  Die Städte wurden von Feuern verbrannt, die wie Regenschauer vom Him-
mel fielen. Die Jahreszeiten kamen und gingen jenseits jeder natürlichen
Ordnung. So begann das Erdelement auf den Höhepunkt seiner Zerstörung
zuzusteuern, da der Schöpfer selbst in das unendliche Bewusstsein unterge-
taucht war.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Als dann das Erdelement im unendlichen Bewusstsein absorbiert und seine
Grenzen überschritten hatte, wandte sich als nächstes das Wasserelement in
Richtung seiner Auflösung. Die Gewässer erhoben sich, überfluteten die Ufer
und ihre natürlichen Begrenzungen. Die Ozeane flossen in alle Richtungen
über. Unter schrecklichem Getöse schlugen die Wellen gegen die Wälder und
vernichteten sie. Mächtige Wellen vermischten sich sogar mit den Wolken am
Himmel und wurden gemeinsam mit diesen zu einer einzigen Masse von
Wasser. Sämtliche Berge verschwanden unter Wasser. Die Wasserlebewesen
gerieten in Panik und stürzten Hals-über-Kopf in einem vergeblich Fluchtver-
such vor der Katastrophe davon. Als die Wogen die Bergeshöhlen zerstörten,
rannten die Löwen aus diesen davon, töteten andere Wesen und wurden dann
schließlich selbst getötet. Der durch all diese Geschehnisse entstandene Tu-
mult erreichte sogar noch die Regionen des Sonnenbereichs.
  Es sah so aus, als hätten die Ozeane die Reiche der Götter selbst überflutet
und jene besetzt. Wegen der Zerstörung der Wälder und Berge aufgrund der
Kraft der Flutwellen schaute es nun so aus, als wäre der gesamte Raum ein
riesiger Haufen von Wäldern und Bergen. Die großen Berge waren in den
Wassern des Ozeans untergegangen. In gewisser Weise sah es manchmal so
aus, als würden die Berge weiße Zähne zeigen und lachen, denn wegen der
Auswaschungen durch die Flutwellen waren kostbare Edel- und Halbedel-
steine aus dem Erdinnern hervorgespült worden und lagerten nun auf den
Berghängen.
  Sogar die himmlischen Körper schienen von all dem betroffen zu sein. Die
Berge der Erde stürzten auf sie hernieder, dabei ein lautes Geräusch erzeu-
gend. Sogar die Feuer der kosmischen Zerstörung schienen Furcht vor ihrer
Auslöschung durch die enormen Flutwellen zu empfinden. Irgendwann gab es
sogar einen schrecklichen Krieg zwischen den Erdelefanten und den Seeele-


                                    595
fanten! Als schon so viele irdische Objekte verlorengegangen waren, begann
der ganze, einzige Ozean mit einer übernatürlichen Strahlkraft zu leuchten.
  Dann sah es so aus, als würde der Raum selbst in die Wasser der kosmi-
schen Auflösung stürzen. Das Firmament mit all seinen Lichtern und seinen
kostbaren Juwelen fiel in die Fluten.
  Feuerflammen breiteten sich in alle Richtungen aus und verzehrten alles,
was im Raum existierte. Da der Schöpfer seine Schöpfung aufgegeben hatte,
wurden die Dämonen und andere Wesen dieser Art losgelassen, um nach
ihrem Belieben Zerstörung und Schaden anzurichten. Sämtliche Götter (Indra
usw.), die über die natürlichen Elemente herrschten, ihre Gottheiten waren
und ihre natürliche Ordnung aufrechterhielten, wurden von den Dämonen
überwältigt. Es gab ein großes Chaos. Sogar die Wohnstätten Śivas usw. wur-
den geschändet und gestört. Sterne und Planeten kollidierten miteinander
und da war eine große, kosmische Zerstörung.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                VI.2:72
  Als der Schöpfer Brahmā seine prāïa (die Lebenskräfte) zurückgezogen
hatte, gab die sich im Raum bewegende Luft ihre natürliche Tätigkeit der
Bewegung im Raum auf. Wie konnten jetzt noch die Elemente und die Lebe-
wesen am Leben erhalten werden? Sobald daher die Kraft, die alle himmli-
schen Körper trug, verschwunden war, stürzten die Sterne wie Blüten vom
Baum aus ihren Umlaufbahnen. Auch die Monde, die den Weltraum durch-
querten, lösten sich aufgrund des durch die zurückgezogenen Lebenskräfte
schwindenden Raum-Zeit-Kontinuums auf. Sogar die Wanderpfade der
siddhas bzw. vollkommenen Wesen wurden ausradiert. Wie Baumwollflocken
begannen die siddhas im Raum zu fallen. Sogar Indra (das Haupt der Götter)
und sein Himmel stürzte und löste sich auf.
  RĀMA fragte:
  Bewusstsein ist rein und die kosmische Person ist nur eine Idee. Wie konn-
te es geschehen, dass diese kosmische Person bzw. Brahmā Glieder wie Erde,
Himmel und Unterwelten erwarb?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Zu Beginn, oh Rāma, gab es nur reines Bewusstsein, von dem man nicht zu
sagen vermochte, ob es existiere oder nicht existiere. Innerhalb von sich
selbst wurde es seiner selbst als ein Objekt des Gewahrseins bewusst. Ohne
seine Haltung als das Subjekt aufzugeben, schien es nun gleichzeitig auch
zum Objekt zu werden. Darin besteht der jīva, aus dem das Gemüt usw. auf-
tauchte. Jedoch ist alles dieses ununterschieden vom reinen Bewusstsein.
  Sobald das Gemüt, welches ebenfalls nur reines Bewusstsein ist, denkt: „Ich
bin Raum“, dann erfährt es den Raum, obgleich dieser Raum gänzlich inexis-
tent ist. Das Selbst bzw. das reine Bewusstsein ist leer und immateriell. So
lange es die Wahrnehmung des physischen Universums gibt, erfährt das
Bewusstsein es als real. Sobald es nur den Wunsch dazu verspürt, zieht es
diese Schöpfung wieder in sich hinein, die dann an ein Ende gelangt.


                                    596
Vāsanā bzw. psychologische Konditionierung, die die Ideen und die ver-
          schiedenen Erfahrungen entstehen lassen, hören auf zu sein, sobald die Visi-
          on der Wahrheit bzw. das Verstehen der Realität zum Vorschein gekommen
          ist. Dann gibt es Egolosigkeit und folglich auch Einssein, und danach verbleibt
          als einziges nur noch mokåa bzw. Befreiung.
            Darin besteht die Natur Brahmās. Dies ist die Art und Weise, wie die Welt
          als der Körper Brahmās, der kosmischen Person, existiert. Die Idee, die in
          dieser kosmischen Person auftaucht, wird zu diesem Universum. Dieses wie-
          derum ist reine Leerheit, denn tatsächlich gibt es weder solche Dinge wie die
          Welt noch das, was man als „du“ oder „ich“ bezeichnen könnte. Was sollte im
          reinen Bewusstsein wohl die Welt sein, wie und durch wen sollte sie mit
          welchen Stoffen oder zusammenwirkenden Ursachen erschaffen worden
          sein? Das Universum erscheint und ist doch nicht mehr als ein illusorisches
          Gebilde. Weder ist es eins mit dem unendlichen Bewusstsein noch verschie-
          den davon. Es gibt weder Einheit noch Vielheit. Unendliches, unteilbares
          Bewusstsein allein ist die Wirklichkeit. Lebe daher frei von aller Konditionie-
          rung und handle spontan und angemessen in jeder Situation.
            RĀMA fragte:
VI.2:73
            Hoher Herr, bis hierher habe ich alles, was du mir so weit mitgeteilt hast, in
          Gänze verstanden. Jedoch werde ich nicht müde, immer noch mehr von dei-
          nen Unterweisungen zu vernehmen, denn sie sind wie der Nektar der Un-
          sterblichkeit. Beschreibe daher die Erfahrung der Schöpfung ein weiteres
          Mal!
            VASIåèHA fuhr fort:
             Während der so genannten kosmischen Auflösung wird alles, was bis dahin
          ins Dasein getreten ist, aufgelöst. Es verbleibt nur das Ewige. Dieses wiede-
          rum ist jenseits jeder Beschreibung. Im Vergleich mit einem Senfsamen ist
          der Berg Meru gigantisch – ebenso ist im Vergleich mit diesen ewigen unend-
          lichen Bewusstsein der Raum nur wie der Senfsamen. Im Vergleich mit dem
          größten aller Berge ist ein subatomares Teilchen winzig – ebenso fiele auch
          der Vergleich mit diesem Welt-Universum und dem ewigen unendlichen
          Bewusstsein aus. Während der kosmischen Auflösung, sobald alle Welter-
          scheinungen aufgehört haben zu existieren, ist sich das ewige unendliche
          Bewusstsein trotzdem immer noch jedes einzelnen winzigen subatomaren
          Teilchens im Raum bewusst. Es betrachtet diese (obgleich sie irreal sind) wie
          in einem Traum und stellt sich sich selbst dann als „Brahman“ vor. Es versteht
          sogar sich selbst als das unendliche Bewusstsein. Indem es sich selbst als das
          atomare Teilchen des unendlichen Bewusstseins vorstellt, existiert es als das
          Subjekt und scheint nun atomare Teilchen, die zu Objekten werden, wahrzu-
          nehmen. Dies geschieht auf dieselbe Art wie bei dem Mann, der sich selbst im
          Traum sieht. Bewusstsein scheint sich also selbst in das Subjekt und Objekt
          zu teilen, ohne dabei jedoch jemals seine eigene Unteilbarkeit aufzugeben.
             In diesem Moment tauchen spontan die folgenden Prinzipien auf: Zeit,
          Raum, Tätigkeit, Materie, der Seher (Subjekt), Sehen und das Gesehene (Ob-


                                               597
jekt). Jedoch tauchen diejenigen Kräfte nicht auf, die diese Prinzipien norma-
lerweise bremsen bzw. behindern. Wo das Bewusstseinspartikel strahlt, dort
manifestiert sich auch der Raum. Sobald dies geschieht, gibt es die Zeit. Die
Art und Weise, in der dies geschieht, wird dann zur Tätigkeit. Was immer als
existierend erfahren wird, wird sodann zu Materie. Der Erfahrende wird zum
Subjekt und das Erfahren bzw. das Sehen dieser Materie wird zum Sehen.
Das, was für dieses Sehen bzw. Erfahren verantwortlich ist, wird zum Objekt.
So treten alle diese Dinge scheinbar ins Dasein, obgleich sie sämtlich falsch
sind. Es ist der Raum allein, der im Raum ohne eine bestimmte Geordnetheit
bezüglich der Reihenfolge oder der Prinzipien erscheint.
   Ähnlich dem obigen wird der Stoff, in dem Bewusstsein leuchtet, als Körper
bezeichnet. Das, durch welches dieser sieht, ist das Auge. Ebenso ist es bezüg-
lich der anderen Sinne usw. Der Zustand, in dem dieses Bewusstsein ohne
Name und Form leuchtet, wird tanmātra (reines Element) genannt, das einzig
von der Natur des Raums bzw. der Leerheit ist. Dieses Strahlen des atomaren
Teilchens des Bewusstseins selbst wird dann gröber und zum Körper, so wie
wir ihn kennen. In diesem tauchen dann die fünf Sinne auf. Das, was sich all
dessen bewusst ist, wird buddhi bzw. Intelligenz genannt. Zusammen mit
dem Denken taucht das Gemüt auf, in dem der Ich-Sinn wurzelt.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Indem das Teilchen des Bewusstseins sich im Raum bewegt, tut es „dort“
das, was es früher „hier“ getan hat. Auf diese Weise entstehen dann sowohl
die Abfolge der Zeiten als auch die räumlichen Trennungen wie „oberhalb“,
„unterhalb“ und die Himmelsrichtungen. Obwohl das Teilchen von der Natur
des Raums bzw. der Leerheit ist, wird es scheinbar zu Zeit, Raum, Tätigkeit,
Materie und dem Gewahrsein der Bedeutung von Wörtern usw. So tritt dann
der subtile Leib (ātivāhika) ins Dasein. Dieser kondensiert schließlich durch
das wiederholte Gewahrsein seiner selbst zu dem materiellen Körper.
  Das Bewusstsein verkörpert sich, obwohl es in Wahrheit wie Raum ist und
nicht in irgendetwas enthalten sein kann. In ihm tauchen die Ideen von
„Kopf“ und „Fuß“ auf, die es sodann als wirklich existierende Organe wahr-
nimmt. Dasselbe geschieht mit den restlichen Gliedern des physischen Kör-
pers. Dasselbe Bewusstsein betrachtet sich selbst als seiend und nicht-seiend,
als nehmend und zurückweisend, als die Naturordnung und alles andere. Es
betrachtet alle diese Ideen als eine Realität. Auf dieselbe Weise wird es zu
Brahmā dem Schöpfer, auf dieselbe Weise erlangt es (den Status) von Hari
oder Viåņu, auf dieselbe Weise wird es (oder scheint es) zu Rudra oder Śiva zu
werden, auf dieselbe Weise scheint es sogar zu einem Wurm zu werden. In
Wahrheit jedoch ist es niemals zu irgendetwas von diesem allen geworden –
es ist, was es ist, nämliche reine Leerheit in Leerheit, Bewusstsein im Be-
wusstsein.
  Darin besteht der Same aller Körper in den drei Welten. Dies ist der Same
sogar des saæsāra (Weltillusion), die die Schranke zum Tor zur Befreiung
bildet. Dies ist der Ursache von allem und der Dirigent der Zeit und der Tätig-


                                     598
keit. Dies ist die erste Person, die, obgleich ungeboren, geboren zu sein
          scheint. Sie besitzt keinen materiellen oder physischen Körper und kann
          daher nicht ergriffen werden. So wie ein von einem Löwen träumender und
          mit diesem kämpfender Mensch im Traum schreit, obwohl er tatsächlich still
          und schlafend ist, so befindet sich das unendliche Bewusstsein, obwohl alle
          diese Ideen unterhaltend, innerhalb von sich selbst im Frieden und in der
          Stille. Das Universum, sich in alle Himmelsrichtungen viele Milliarden Kilo-
          meter erstreckend, existiert im winzigsten, subatomaren Teilchen, und die
          drei Welten existieren (im Vergleich mit dem unendlichen Bewusstsein)
          innerhalb einer Haarsträhne.
            Sogar Brahmā der Schöpfer existiert innerhalb eines Atoms, obwohl er doch
          dieses Universum regiert, welches so unvorstellbar ungeheuer groß und sein
          Körper ist. Tatsächlich benötigt er nicht den geringsten Raum – so wie die in
          einem Traum gesehenen Berge. Die kosmische Person wurde mit Namen wie
          svayambhū Brahmā (aus sich selbst geborener Schöpfer) und auch als virāÂ
          (kosmische Person) bezeichnet, aber in Wahrheit, oh Rāma, ist sie nichts als
          reines Bewusstsein. Sobald sich dieses Bewusstsein der Bewegung bewusst
          wird, erfährt es sie bzw. die Lebenskraft auch. Dies ist dann das prāïa und
          das apāna, dessen wirbelnde Bewegungen im Universum als Wind bezeichnet
          werden und der das eigentliche Herz des Universums ist. Die Absonderungen
          dieses prāïa nennt man vāta bzw. Wind, pitta bzw. Hitze und śle«ma bzw.
          Feuchtigkeit (die drei Stoffe des Körpers) und, als ihre kosmischen Gegenstü-
          cke, Wind, Sonne und Mond.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:74
            Die kosmische Person (virāÂ) besitzt zwei Körper: Der edlere ist reines Be-
          wusstsein, das ohne Anfang, Ende oder „Mitte“ ist, während der zweite Kör-
          per diese Welt ist. Aufgrund dessen ist diese Person in der Lage, die Welt (wie
          ein Ei) von außerhalb zu betrachten (wie es die Henne tut). Sie teilt das Ei in
          zwei, nämlich den oberen Teil, den sie das Firmament bzw. den Himmel
          nennt, und den unteren Teil, den sie die Erde nennt. Der obere Teil wird der
          Kopf von virā genannt, der untere Teil seine Füße und die Mitte (die Lufthül-
          le) sein Rücken bzw. sein Hinterteil. Der obere Teil wird als der blaue und
          leere Himmel wahrgenommen, da er so weit entfernt ist.
            Das Firmament ist die Zunge des virā und die Sterne sind die Blutstropfen.
          Die „Luftteilchen“, die im Körper kreisen, sind Götter, Dämonen und Men-
          schen. Die Bakterien und Viren im Körper sind die Gespenster und Kobolde.
          Die Öffnungen des Körpers stellen weitere Welten dar. Seine Lenden sind die
          Ozeane. Die nā¬is sind die Flüsse und der Kontinent genannt JambÆdvīpa ist
          sein Herz. Der leere Raum ist sein Magen. Die Berge sind seine Leber und
          seine Milz. Die Wolken sind sein Fleisch. Sonne und Mond sind seine Augen.
          Die Welt Brahmās ist sein Antlitz. Das Soma ist seine Energie. Die beschneiten
          Berge sind sein Schleim, das unterirdische Feuer ist seine Galle und die Win-
          de sind sein prāïa und apāna. Sämtliche Bäume und Schlangen sind seine
          Haare.


                                               599
Da er selbst das kosmische Gemüt ist, hat er kein Gemüt. Da das unendliche
Selbst allein zu der Erfahrung geworden zu sein scheint, die nichts als reines
Bewusstsein ist, gibt es keinen von ihm getrennten Erfahrenden. Auf dieselbe
Weise gibt es in ihm keine indriyas bzw. Sinne, da er der Erfahrende in allen
Sinnen ist. Daher sind die Unterscheidungen zwischen den Sinnen nichts als
nur Ideen. Das Konzept, dass die indriyas (Sinne) zum Gemüt dieselbe Art
von Beziehung hätten wie die Glieder zum Körper, ist ein Irrtum, denn eine
derartige Unterscheidung existiert nicht – sogar Körper und Glieder sind eine
einzige Einheit.
  Von ihm geht welche auch immer geartete Tätigkeit in dieser Welt aus. Auf-
grund von ihm wird diese Welt als wirklich gesehen – hört er auf zu sein,
dann hört auch diese Welt auf zu sein. Die Welt (Schöpfung), Brahmā der
Schöpfer und virā (die kosmische Person) sind nur Redeweisen – es sind nur
Ideen, die im reinen, unendlichen Bewusstsein auftauchen.
  RĀMA fragte:
  Wie kann diese kosmische Person dann diesem Körper existieren, wenn sie
nur ideenhaft existiert?
  VASIåèHA erwiderte:                                                            VI.2:75
  Als Brahmā der Schöpfer einmal meditierte, sah ich mich etwas um. Ich sah
eine Sonne, die in jeder Himmelsrichtung aufging. Während ich noch dieses
außergewöhnliche Phänomen betrachtete, stieg unmittelbar aus dem Innern
der Erde, wie ein unterirdisches Feuer, eine weitere Sonne auf. Insgesamt
waren es elf und drei eher mondähnliche, satellitenähnliche Sonnen, wie die
drei Augen des Lord Śiva, die zusammen eine zwölfte Sonne bildeten. Mit all
diesen Sonnen wurde mir dann zu heiß. Daher verließ ich diesen Ort und ging
an einen anderen, weit entfernt gelegenen. Das gesamte Firmament war vom
Licht all dieser Sonnen entflammt. Überall hörte man Geräusche wie „kat kat“
und „cat cat“.
  Überall wurden die Lebewesen von der Hitze verbrannt. Nicht einmal die
Wasserlebewesen waren davon ausgenommen. Die Zerstörung war kolossal
und komplett. Berge fielen auf brennende Städte und pulverisierten diese. Die
ganze Zeit über klagten und jammerten die Leute laut. Andere wiederum
(Yogis) schafften es, ihre Lebenskräfte über das Schädeldach hinauszuführen
und so Unsterblichkeit zu erlangen. Die Erde wurde von einem Feuer ver-
zehrt, das von unten und von oben kam.
  Die gesamte Welt mit allen Wesen darin wurde von den Flammen des Feu-
ers, die aus den Augen Rudras schlugen, in Brand gesetzt. Überall gab es
einen Laut wie „bumm bumm bumm“ und es sah so aus, als ob Dämoninnen
sich spielerisch damit vergnügten, einander mit Feuerströmen zu bewerfen.
Meteore begannen auf die Berggipfel zu fallen und zu „tanzen“ – den Tanz von
Tod und Vernichtung. Das der Erde entsteigende Feuer schien die Erde mit
dem Himmel und dem gesamten Universum eins werden zu lassen. Sogar der
Sumeru-Berg, bestehend aus massivem Gold, begann zu schmelzen. Die


                                    600
schneebedeckten Gipfel des Himālaya schmolzen. Allein der Malaya-Berg
          blieb unversehrt. Wie das Herz eines edlen Mannes, der trotz seines eigenen
          Leides immer noch die Wohlfahrt aller zu befördern versucht, stand dieser
          Berg und verstrahlte Freude und Frieden – so wie Sandelholz seinen Duft
          demjenigen schenkt, der es verbrennt.
            Es gab nur zwei Objekte, die unberührt blieben, nämlich der allesdurch-
          dringende Raum, der nicht zerstört werden konnte, und reines Gold, das
          ebenfalls nicht vernichtet wurde. Ich glaube daher, dass nur satva (Reinheit)
          gut und wünschenswert ist, nicht aber rajas (Aktivität bzw. Unreinheit) und
          tamas (Trägheit, Stupidität).
            Als dann alles zerstört war, blieb nicht einmal mehr Asche übrig. So wie
          Unwissenheit und ihre Folgen vom Feuer der Weisheit des Weisen vernichtet
          werden, so bleibt nichts als absolute Reinheit ohne die geringsten Überbleib-
          sel der „Asche“ der vergangenen Unwissenheit zurück. Einige Zeit lang ver-
          suchten die Feuer vergeblich, den Kailāsa, die Heimstatt von Lord Rudra, zu
          erreichen. Aber sobald er seinen glühenden Blick darauf richtete, begann
          auch er zu brennen.
            Nichts blieb übrig. Zukünftige Generationen können sich nur noch fragen:
          „Gab es früher einmal eine Welt, ein Universum, eine Schöpfung?“
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:76
            Schließlich entstand der furchtbare Wind der Auflösung, der so gewaltig
          blies, dass die Berge und Ozeane nach und nach von ihm erfasst wurden und
          ihre Natur aufzugeben begannen. Sogar die Unterwelt schien in etwas zu
          hineinzustürzen, was sich noch tiefer unter ihr befand. Die gesamte Schöp-
          fung dörrte aus und verlor ihre Essenz.
            Danach tauchte wie ein wütender Dämon eine enorm große Wolke auf, die
          schreckenerregende Geräusche hervorbrachte. Diese klangen wie das Ge-
          räusch, welches entstand, als Brahmā der Schöpfer das goldene Ei, welches
          das erschaffene Universum erscheinen ließ, zerbrach. Dieses Geräusch zu-
          sammen mit den Geräuschen der zerfallenden Welten und Ozeane legte
          Furcht in die Herzen aller. Es erfüllte das ganze Universum und vereinte die
          Erde mit dem Himmel und der Unterwelt. Ganz unzweifelhaft handelte es sich
          hierbei um die Geräusche der kosmischen Auflösung.
            Ich vernahm dieses Geräusch von der Wolke. Ich fragte mich: „Wie konnte
          diese Wolke Seite an Seite mit den Feuern der kosmischen Auflösung existie-
          ren?“ Ich schaute in alle Himmelsrichtungen. Um mich herum erblickte ich
          Regenschauer aus Blitzen und Adamantiten. In ein und demselben Moment
          erlebte ich Empfindungen einer Kälte von oben und von etwas sehr heißem
          und brennenden unterhalb von mir. Die Wolke befand sich so hoch oben, dass
          sie weder sichtbar war noch von den Feuer erreicht werden konnte.
            Nachdem das Feuer die Welten verzehrt hatte, bestand es nur noch aus
          Funken, die mit einer außerordentlichen Strahlkraft leuchteten. Die Wasser
          der Ozeane nahmen nur noch einen sehr kleinen Teil in einer Ecke dieser


                                              601
Wolke ein. Es sah so aus, als wären alle Ozeane in den Himmel aufgestiegen.
Die zwölf Sonnen wurden zu Wirbelströmen innerhalb dieser Wolke, wäh-
rend die Wasserlebewesen zu den Blitzen wurden, die sich in der Wolke hin
und her bewegten.
  Dann kam der Regen. Jeder Regentropfen war wie ein Donnerschlag. Diese
Regentropfen erfüllten den gesamten Raum. Sie fielen mit solcher Wucht,
dass sie alles zerstörten, was vom Universum noch übriggeblieben war. Der
ganze Himmel war eine einzige Masse Wassers. Der Regen löschte die Feuer
aus und erreichte den Erdboden.
  Die Wasser dieses außergewöhnlichen und übernatürlichen Regens ver-
mischten sich mit den immer noch brennenden Feuern. Beide vermochten
sich jedoch weder gegenseitig zu vernichten noch zu erobern, was sie zu
ungeeigneten Gegner machte (weil ihre fortgesetzte und unnachgiebige
Kampfkraft diesen Konflikt endlos und ergebnislos werden ließ). Beide besa-
ßen enorme Kraft und Stärke. Ihr Zusammenprall war daher furchterregend
zu beobachten.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                VI.2:77
  Inzwischen war die gesamte Atmosphäre von der Asche der Zerstörung er-
füllt. Heftig hin und her getrieben wurden diese Asche von schrecklichen
Winden. Der niederstürzende Regen erzeugte überall noch zusätzlichen
schreckenerregenden Lärm, der wie die Siegesschreie der Dämonen der
Auflösung klang. Die Winde trugen die Trümmer der zerstörten Städte Indras
(des Himmelsgottes) und anderer Gottheiten davon.
  So waren also die drei Elemente – Feuer, Wasser und Wind – völlig außer
Rand und Band geraten und bewegten sich ohne jede Kontrolle, Ordnung
oder Harmonie, so dass es aussah, als würden sie einander bekämpfen. Der
Tumult und der Lärm dieses Chaos waren ohrenbetäubend. Der strömende
Regen löschte die Feuer aus und machte dabei Geräusche wie „cham cham
cham“. Die mächtigen Flüsse, die die Berge hinabgeflossen waren, rissen nun
andere Berge, ganze Kontinente und Städte mit sich. Die Planeten und Sterne
des Himmels stürzten aus ihren Umlaufbahnen. Die großen Flutwellen rissen
überall die Berge nieder, während der Wind die Reste davonblies.
  Überall herrschte gänzliche Finsternis, da die Strahlen der Sonne durch Re-
gen und Wolken, die von schwarzblauer Farbe waren, verhüllt wurden. Die
Erdoberfläche hatte sich vollständig aufgelöst und daher begannen auch die
Berge sich aufzulösen. Die Flutwellen nahmen diese Berge mit sich und
schleuderten sie gegen die Wolken. Es hatte den Anschein, als würden die
drei Welten laut weinen und jammern.
  Die Götter waren alle samt und sonders dieser grauenerregenden Situation
hilflos ausgeliefert und fuhren doch immer noch fort, einander in ihrem un-
stillbaren Hass an die Kehlen zu gehen.
  Lediglich die vitalen Winde bzw. das prāïa, welches den Zerfall der materi-
ellen und physischen Körper kontrollierte, widerstand dem Zerfall all dieser


                                    602
Objekte und wehte diese hin und her. Zur selben Zeit war der gesamte Him-
           mel mit fliegenden Städten, Dämonen, Feuer, Schlangen und Sonnen erfüllt,
           die wie ebenso viele Fliegen und Moskitos aussahen.
             Sogar die Götter, die über die Himmelsrichtungen herrschten, waren der
           Zerstörung anheimgegeben, weshalb in den Himmelsrichtungen nun ein
           Durcheinander herrschte. Überall lagerte der Staub der zerstörten Schöpfung.
           Das gesamte Universum war mit Schutt der aus verschiedenen kostbaren
           Steinen und verschiedenfarbigen Metallen errichteten „Tempel“ erfüllt. Man
           konnte das Universum selbst kaum noch erkennen.
             Nun von allen Schleiern der Schöpfung befreit, blieb allein das übrig, was
           nach der totalen Vernichtung dessen, was man Schöpfung nennt, als einziges
           zurückbleibt (Wahrheit bzw. Gott). Wieder einmal war da die Fülle, die Fülle,
           die nach der Vernichtung der verschiedenen Lebewesen sichtbar wird; die
           Fülle, die unverändert und allezeit anwesend war. Inzwischen waren die
           kosmischen Feuer der Vernichtung vollständig vom Regen, wie er aus den
           kosmischen Wolken niederströmte, ausgelöscht worden.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:78,
   79         Nun gab es keinen Raum mehr. Die Himmelsrichtungen waren fort. Weder
           gab es „unterhalb“ noch „oberhalb“. Weder gab es Elemente noch eine Schöp-
           fung. Da war nichts mehr außer grenzenlosem Ozean.
              Unterdessen erblickte ich Brahmaloka so, wie die Sonne bei ihrem Aufgang
           die Erde erblickt. Dort sah ich Brahmā den Schöpfer wie einen unerschütter-
           lichen Berg in samÃdhi bzw. Meditation sitzen, umgeben vom pradhāna bzw.
           den ersten Prinzipien, den Göttern, den Weisen, den Himmelsbewohnern und
           den siddhas, die ebenfalls wie leblos in tiefe Meditation versunken in der
           Meditationshaltung saßen. Auch die zwölf Sonnen erreichten diesen Ort und
           traten ebenfalls in die Meditation ein.
              Nach einer kurzen Zeit sah ich Brahmā und alle anderen dann so, wie man
           beim Aufwachen seine eigenen Traumobjekte ansieht. Ich sah sie nicht als die
           Materialisation von Traumobjekten, sondern als ebenso viele Manifestation
           mentaler Konditionierung.
              Ich erkannte schließlich, dass alle diese Götter usw. ebenfalls reine Leerheit
           waren. Ohne ihren Platz zu verlassen, waren sie außer Sichtweite ver-
           schwunden. Ich erkannte, dass sie wie Brahmā der Schöpfer nach der Aufgabe
           von Name und Form nirvāņa erlangt hatten. Als die vāsanā bzw. die selbstbe-
           grenzende Konditionierung in ihnen aufgehört hatte, wurden sie unsichtbar.
           Dieser Körper ist reine Leerheit und existiert nur aufgrund der vāsanā bzw.
           der mentalen Konditionierung. Hört die letztere auf, wird auch der Körper
           wie ein nicht erfahrenes Traumobjekt nicht mehr gesehen bzw. erfahren. Auf
           dieselbe Weise wird weder der subtile (ātivāhika) noch der grobe
           (ādhibhautika) Körper nicht einmal im Wachzustand länger gesehen, sobald
           die mentale Konditionierung aufhört. Das Beispiel des Traumzustandes wird
           hier deshalb genannt, weil er etwas ist, was jedermann erfährt. Wer dies


                                                 603
leugnet, dem sollte man wahrhaftig in großem Bogen aus dem Weg gehen,
denn wer könnte einen Menschen erwecken, der vorgibt zu schlafen?
   Manche argumentieren, dass der Körper die Träume hervorbringe. Höre
jener nun auf zu sein, dann würden auch die Träume aufhören. Und dann
könne es ohne den Körper auch kein Leben in der jenseitigen Welt geben.
Dann würde es gewiss auch keine Schöpfung geben! Wenn man meint, dass
die Welt niemals zu dem geworden sei, was sie nicht ist, dann existiert sie
noch nicht einmal jetzt. Wenn man meint, dass Bewusstsein nur eine Abson-
derung des Körpers usw. sei, dann würden die Lehren der Schriften gänzlich
unbrauchbar werden. Falls du dich gegen ihre Autorität wenden möchtest,
dann würde jedwede Autorität überhaupt überflüssig werden. Wenn du ak-
zeptierst, dass die Täuschung so lange existiert, wie der Körper existiert,
dann wird die Täuschung zu einer Realität. Falls das Bewusstsein zufällig im
Körper zum Vorschein gekommen sein sollte, dann könnte es doch auch mög-
lich sein, dass dieses Bewusstsein seine unendliche Natur realisiert hat.
   Wie auch immer – wessen auch immer Bewusstsein innerhalb von sich
selbst gewahr wird, das erfährt es auch (unabhängig davon, ob man dieses
nun real oder irreal nenne). Daher kennt sich die Selbst-Natur als Bewusst-
sein an allererster Stelle aufgrund ihrer eigenen, inhärenten Bewegung. Dann
erfährt es aufgrund der mentalen Konditionierung (vāsanā) irreführende
Wahrnehmungen. Konditioniertes Gewahrsein ist Bindung – gibt es dagegen
kein Gewahrsein in der Konditionierung (bzw. konditioniertes Gewahrsein),
dann ist dies nirvāņa.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                               VI.2:80
  Als dann alle Götter und ebenfalls die zwölf Sonnen eins mit Brahmā ge-
worden waren, begannen diese Sonnen, wie sie dies schon mit der Erde getan
hatten, sogar die Welt von Brahmā dem Schöpfer zu verzehren. Nachdem sie
die Welt des Schöpfers verzehrt und dann wie Brahmā in tiefe Meditation
eingetreten waren, erlangten sie nirvāņa, wie eine Lampe ohne Brennstoff.
Nun war alles in dichte Finsternis eingehüllt.
  Unterdessen bemerkte ich eine furchterregende Gestalt. Sie war wie die
verkörperte Auflösung des Universums, wie verkörperte Finsternis. Und doch
erstrahlte sie in einem eigenen Glanz. Sie besaß fünf Gesichter, zehn Arme
und drei Augen. In der Hand trug sie einen Dreizack. Sie bewegte sich im
Raum ihres eigenen Seins. Dunkel war sie wie eine regenschwere Wolke. Es
sah so aus, als wäre sie dem kosmischen Ozean entstiegen und selbst die
Verkörperung dieses kosmischen Ozeans. Sie sah aus wie ein geflügelter Berg.
Wegen des Dreizacks und ihrer drei Augen hielt ich diese Gestalt für Rudra
und verbeugte mich aus der Ferne vor ihr.
  RĀMA fragte:
  Wer ist dieser Rudra und was ist die Bedeutung seiner fünf Gesichter, zehn
Hände usw.?
  VASIåèHA fuhr fort:


                                   604
Oh Rāma, man nennt ihn Rudra und er ist der Ich-Sinn. Er ist der Störung
des Gleichgewichts hingegeben. Seine Gestalt ist reiner Raum bzw. Leerheit.
Er ist von der Form des Raumes und hat daher auch dieselbe Farbe wie der
Raum. Da er reines, unteilbares (wie Raum) Bewusstsein ist, nennt man ihn
das Raum-Selbst (ākāÁa-ātmā). Da er das Selbst von allem und allgegenwärtig
ist, nennt man ihn das große Selbst bzw. das höchste Selbst. Die fünf Sinne
(des Wissens) sind seine Gesichter. Die fünf Handlungsorgane und ihre fünf
Felder sind seine zehn Arme.
  Nur wenn das unendliche Bewusstsein seiner selbst gewahr wird, manifes-
tiert sich diese Gestalt. Noch einmal: Diese Gestalt als Rudra ist wie immer
schon nur ein winziges Partikel des unendlichen Bewusstseins und existiert
als solche nicht in Wirklichkeit. Die Gestalt ist nur eine illusorische Wahr-
nehmung.
  Er existiert als die Entfaltung bzw. Bewegung im cidākāÁa (unendliches Be-
wusstsein) und als die Luft sowohl im Raum der Schöpfung als auch in den
Lebewesen (als der Lebensatem). Wenn dann im Laufe der Zeit alle diese
Bewegung an ihr Ende gelangen, erlangt er das höchste Gleichgewicht. Die
drei guïas (satva, rajas und tamas), die drei Zeitperioden (Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft), die drei inneren Instrumente (citta, buddhi und
ahaækāra), die drei Aspekte von AUM und die drei Veden bilden die drei
Augen Rudras. Die Dreiheit beinhaltet, dass er in seinen Händen die drei
Welten trägt. Da er durch satva bzw. Gutheit erlangt wird und seine eigentli-
che Existenz zum Guten aller da ist, wird er auch Śiva genannt. Wenn er den
Zustand des höchsten Friedens erlangt, wird er Kriåïa genannt. Er selbst ist
es, der (als kalpanā, Vorstellungskraft) das gesamte Universum erschafft. Er
trinkt aus dem einen Ozeans des kosmischen Seins und erlangt den höchsten
Frieden.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Schließlich sah ich, wie dieser Rudra mit der Eile der Lebenskraft bzw. des
prāïa aus dem kosmischen Ozean zu trinken begann. Die Wasser des kosmi-
schen Ozeans ergossen sich in seinen Mund, in dem ein gewaltiges, grimmi-
ges Feuer brannte. Dieser Rudra bzw. Ich-Sinn existiert im Innern des Ozeans
(bzw. der Erde) als Feuer. Am Ende des Weltzyklus schlürft er dann den Oze-
an auf. Wahrhaftig ist dieser Ich-Sinn alles zu jeder Zeit!
  Zu dieser Zeit gab es in diesem reinen und unbegrenzten Raum nur noch
vier Dinge: 1. Der schwarzfarbige Rudra, der ohne Boden unter den Füßen
und bewegungslos dastand, 2. Die sehr schlammige Erde als der Heimstatt
aller Welten, von der Unterwelt bis zum Himmel, 3. Der obere Teil der Schöp-
fung, der weit, weit entfernt und außer Sichtweite war, und 4. über allem und
allgegenwärtig das reine Brahman bzw. unendliche Bewusstsein – alle ver-
schiedenen Teile der Schöpfung durchdringend. Nichts anderes sonst exis-
tierte.
  RĀMA fragte:



                                    605
Worin besteht die Heimstatt Brahmās des Schöpfer, was sind ihre Schleier
und auf welche Weise existiert sie?
 VASIåèHA erwiderte:
  Die Heimstatt von Brahmā (dem Zentrum der Erdregion) wird von Wassern
bedeckt, die das Zehnfache der Ausdehnung der Erdregion betragen. Auf
ähnliche Weise ist die Region des Feuers zehnmal so groß wie die Wasserre-
gion. Die Region der Luft jenseits davon ist wiederum zehnmal so groß wir
die Feuerregion. Die Raumregion schließlich beträgt das Zehnfache der Aus-
dehnung der Luftregion. Jenseits davon befindet sich der unbegrenzte Raum
des Brahma-ākāÁa.
  RĀMA fragte:
  Oh Weiser, wer trägt diese ganze Schöpfung von unten und von oben?
  VASIåèHA fuhr fort:
 Die Erde usw. wird durch den großen Körper von brahma-aï¬a (dem gol-
denen Ei bzw. der kosmischen Person) in ihrer Position gehalten.
 RĀMA fragte weiter:
 Oh Hoher Herr, bitte teile mir mit, wer brahma-aï¬a trägt.
 VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma, dieser wird durch überhaupt niemanden getragen, ob du dies nun
als fallend oder nicht-fallend betrachtest. Denn dieses Universum hat keine
Form, keinen Körper und keine Materialität, obschon es eine Form zu haben
scheint. Was genau meinen wir, wenn wir von „es fällt“ oder „wird getragen“
sprechen? Welche Ideen auch immer in dem unendlichen Bewusstsein auf-
tauchen – entsprechend ihrem Inhalt verbleibt dieses dann. Diese Schöpfung
ist nichts als die Traumstadt des unendlichen Bewusstseins. Wird sie als
„fallend“ gedacht, dann scheint sie die ganze Zeit über zu fallen, und wenn sie
als im Raum existierend gedacht wird, steht und bewegt sie sich im Raum.
Denkt man an sie als unbewegt, dann steht sie still, und denkt man sie sich als
zerstört, dann erscheint sie als zerstört.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:81
   Dann plötzlich sah ich Rudra wie trunken im Raum zu tanzen beginnen. Es
sah aus, als hätten die Wasser der kosmischen Auflösung Gestalt angenom-
men und in dieser Gestalt zu tanzen begonnen. Sehet doch! Und als ich dem
Tanz Rudras noch zuschaute, bemerkte ich einen Schatten hinter ihm. Ich
fragte mich, wie wohl ohne Sonne einen Schatten existieren könne? Während
ich noch über dieses Phänomen nachdachte, schritt dieser (weibliche) Schat-
ten vor Rudra einher und begann ebenfalls zu tanzen.
  Sie besaß drei Augen. Sie war von schwarzer Farbe, Sie war dünn. Jedoch
war sie geradezu riesig. Ihr Mund stieß Feuer aus. Sie sah wie die weibliche
Verkörperung der dunklen Nacht oder des grenzenlosen Raumes aus. Ihre
Arme erstreckten sich bis in die fernsten Regionen des Raumes. Sie war so



                                     606
dünn, dass ihre Nerven bloßlagen, und es schien so, als hätte jemand sie mit
eben diesen Nerven gebunden und zusammengehalten, um ihr Auseinander-
fallen aufgrund ihrer extremen Dünne und Riesenhaftigkeit zu verhindern.
Sie trug einen Kranz, der aus den Köpfen der Götter, Sonnen und Dämonen
gemacht war. Sie trug Ohrringe aus Schlangen.
  In einem Moment besaß sie nur einen Arm und im nächsten dann viele da-
von, die sie auf dem Tanzboden umherwirbelte. In einem Moment besaß sie
einen Mund und im nächsten viele davon, und wieder etwas später besaß sie
überhaupt keinen mehr. Jetzt hatte sie einen Fuß, im nächsten Moment viele
und dann wieder war sie ohne Füße. Aus all dem schlussfolgerte ich, dass sie
Kālarātri sein musste (die Nacht des Todes). Die Heiligen nennen sie auch
Kālī bzw. Bhagavatī.
  Sie besaß drei Augen wie Feuerschlünde. Ihre Wangenknochen und ihr Kinn
waren hochliegend. Sie trug ein Halsband aus Sternen, die durch Luft zusam-
mengehalten wurden. Mit ihren mächtigen Armen, deren Hände funkelnde
und strahlende Nägel besaßen, erfüllte sie die Himmelsrichtungen. Ihr Atmen
war so machtvoll, dass die größten Berge davon hinweggefegt wurden.
  Während des Tanzes schien ihr Körper enorm anzuschwellen. Während ich
ihren Tanz beobachtete, fertigte sie spielerisch aus Bergen eine Kette für sich
selbst. In den drei Teilen ihres Körpers (oberer, unterer und mittlerer) spie-
gelten sich die drei Welten. Städte, Wälder, Berge usw. wurden zu
ebensovielen Blumen, die sie sich als Kette um den Körper wand.
  In ihren Gliedern befanden sich Städte und Dörfer, die Jahreszeiten, die drei
Welten, die Monate und Tag und Nacht. Dharma und adharma wurden zu
ihren Ohrringen. Die Veden wurden zu ihren mit der Milch der höchsten
Erkenntnis gefüllten Brüsten. In ihren Händen hielt sie viele verschiedene
Waffen. Die Haare ihres Körpers waren aus den vierzehn verschiedenen We-
senheiten wie den Göttern und allen anderen, gebildet. Alle diese Wesen mit
ihren Städten und Dörfern tanzten zusammen mit ihr, entzückt von dem
Gedanken an ihre eigene Wiedergeburt. Das gesamte Universum befand sich
wegen ihres Tanzes in beständiger Bewegung – von einem anderen Gesichts-
punkt aus wiederum befand sich alles natürlich fest in der Göttin verankert.
  Das ganze Universum spiegelte sich auf ihrem Körper wie in einem Spiegel
wieder. Noch während meiner Betrachtung erschien und verschwand es,
erschien und verschwand es wieder.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Worin bestand dieser Tanz? Der Sternenhimmel drehte sich um sich selbst,
die Berge drehten sich um sich selbst und die Götter und Dämonen ebenfalls
– wie umherfliegende Moskitos. Der umherwirbelnde Himmelsraum sah wie
ein fliegendes Kleid aus. Es war herrlich, die riesigen Bäume (der Kalpa-
Baum) zu beobachten, wie sie wie Haare auf ihrem Körper während ihres
Tanzes wirbelten. Beständig stiegen sie zwischen Himmel und Erde auf und
nieder.


                                     607
Sonne und Mond, Tag und Nacht wurden im Tanz von ihren Fingernägeln
reflektiert. Die riesigen Berge wie die Himālayas, der Berg Meru usw. tanzten
ebenfalls voller Entzücken. Es sah aus, als würde eine weitere kosmische
Auflösung stattfinden.
  Die Göttin trug die heilige, aus drei Strängen gedrehte Schnur, die alle Arten
des Wohlstands, der vollkommenen Erkenntnis und der Opfer darstellten.
  Obgleich der Eindruck des Umherwirbelns von allem vollkommen war, ge-
schah in Wirklichkeit überhaupt nichts. Die in ihre Nüstern einströmende
und wieder aus ihnen ausströmende Luft machte starke Geräusche wie
„ghum ghum“. Aufgrund der Bewegung der zahllosen Arme der Göttin wurde
die Luft des Raumes aufgewirbelt. Durch das bloße Beobachten all dieser
Vorgänge ermüdeten meine Augen (und auch mein Gemüt) und gerieten in
Verwirrung. Sobald die Spiegelbilder auf ihrem Körper durch ihr Tanzen in
Bewegung gerieten, begannen die Berge einzustürzen, die Götter und Him-
melsbewohner zu fallen und ihre Paläste einzubrechen.
  Sämtliche unbewegten Objekte wurden in ihrem Körper zu beweglichen
Objekten. Noch erstaunlicher war, dass die Ozeane auf den Berggipfeln und
die Berge im leeren Raum zu tanzen begannen. Der Raum tanzte unterhalb
der Erdregionen, während die Kontinente mit blühenden Gärten und Städten
in der Umlaufbahn der Sonne tanzten. All dies zusammen trieb wie Stroh im
Spiegel der Göttin hin und her. Fische schwammen in der Luftspiegelungen
und Städte tauchten im Raum auf, der auch alle Berge zu enthalten schien.
Der Himmel und die Wolken der kosmischen Auflösung ruhten auf den Ber-
gen, die heruntergefallen waren.
  Im Körper Kālarātris fanden sich Tag und Nacht, Schöpfung und Auflösung,
Reinheit und Unreinheit. Obwohl sämtliche Götter usw. durch ihren Tanz
Purzelbäume schlugen, befanden sie sich gleichzeitig aufgrund der Ruhe des
unendlichen Bewusstseins selbst in Ruhe. In ihrem (der Göttin) Bewusstsein
befand sich natürliche Erkenntnis. Durch ihren Tanz erschuf und zerstörte sie
in jedem Moment die Universen – so wie ein kleiner Junge seine Aufmerk-
samkeit von Moment zu Moment anderen Dingen zuwendet. Jetzt war sie
nahe, im nächsten Moment fern, jetzt war sie unendlich klein und im nächs-
ten Moment kosmisch groß. Eben darin besteht die Manifestation ihrer kos-
mischen, schöpferischen Kraft. Sie tanzt und hält dabei die Hörner des Büf-
fels, der das Fahrzeug des Todesgottes ist, in ihren Händen; begleitet von
Geräuschen wie „dimbam dimbam paca paca jhamya“. Sie trägt eine Girlande
aus Schädeln und auf ihrem Kopf eine Pfauenfeder. Sie verneigt sich vor
Rudra, dem Gott der Auflösung. Möge er dich beschützen.
  RĀMA fragte:
                                                                                   VI.2:82
  Hoher Herr, wenn dann alles zerstört worden ist – wie konnte sie dann tan-
zen, und mit wem? Und wie konnte sie alle diese Girlanden und alles andere
haben?
  VASIåèHA erwiderte:



                                     608
Oh Rāma, weder war diese weiblich noch männlich noch tanzte sie über-
          haupt. Weder besaß sie überhaupt irgendeine solche Natur noch überhaupt
          eine Gestalt. Nur das ewige, unendliche Bewusstsein, welches die erste und
          Ursache und die Ursache aller existierenden Ursachen ist, existiert – als un-
          endlich, als Friede und als alles durch seine bloße Anwesenheit durchdrin-
          gend. Der Höchste Herr (Śivam) ist es. Der Höchste Herr selbst nahm die
          Erscheinungsweise oder Gestalt von Bhairava an, als das gesamte Universum
          zu existieren aufgehört hatte, jedoch war er in Wahrheit ebenso formlos wie
          der unendliche Raum. Es wäre nicht sinnvoll anzunehmen, dass das unendli-
          che Bewusstsein, welches aufgrund seiner eingeborenen Natur in all seinem
          Glanz manifest geworden ist, plötzlich ohne dies wäre, denn auch Gold kann
          niemals ohne eine Form existieren.
            Wie könnte Bewusstsein wohl existieren und dabei seine Natur als Be-
          wusstsein aufgeben? Kann man irgendwo Gold ohne eine Form erblicken?
          Wie könnte irgendetwas existieren, ohne damit gleichzeitig seine eingebore-
          ne Natur zum Ausdruck zu bringen? Kann Zucker ohne seine Süße existie-
          ren?Hätte es aber seine Süße verloren, dann wäre es nicht länger Zucker und
          sein Saft wäre nicht mehr süß.
            Verlöre Bewusstsein die Bewusstheit, wäre es nicht länger mehr Bewusst-
          sein. Alles muss das sein, was es ist und kann nicht anders als so sein. Daher
          ist das unendliche Bewusstsein immer reines Sein und erfährt keinerlei Ver-
          kleinerung. Es leuchtet durch sein eigenes Licht; weder hat es einen Anfang
          noch eine Mitte noch ein Ende und ist allmächtig. Es ist dieses selbst, welches
          am Ende eines Weltzyklus als der Raum und die Erdregionen usw. auftaucht
          und dann scheinbar all diesen Naturkatastrophen und kosmischen Zerstö-
          rungen unterzogen zu werden, obwohl in Wirklichkeit nichts dergleichen
          passiert.
            Geburt, Tod, Māyā, Täuschung, Blindheit, Nicht-Substanzialität,
          Substanzialität, Weisheit, Bindung, Befreiung, Gut und Böse, Momente und
          Ewigkeiten, Erkenntnis und Unwissenheit, verkörperte und entkörperte
          Zustände, Stetigkeit und Unstetigkeit, du und ich und andere, Wahrheit und
          Falschheit, Klugheit und Dummheit, die Ideen über die Zeit, den Raum, die
          Tätigkeiten und die Materie, die Formen, die Sicht und die damit in Verbin-
          dung stehenden Gedankenbewegungen, die aus dem Intellekt und den Sinnen
          entspringenden Handlungen sowie sämtliche fünf Elemente, durch die alles
          durchdrungen wird – all dieses ist nichts als reines Bewusstsein, das ohne
          Aufgabe seiner Natur als alles dieses erscheint – so wie der Raum in Stücke
          aufgeteilt zu sein scheint, obwohl dies nicht die Wahrheit ist. Nur dieses un-
          endliche Bewusstsein allein ist Lord Śiva, Hari, Brahmā, der Mond und die
          Sonne, Indra und Varuïa. Yama, Kubera und das Feuer. Der Erleuchtete je-
          doch sieht keinerlei Vielfalt, sondern immer nur das eine, unendliche Be-
          wusstsein.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:83



                                               609
Die kosmische Form, die ich dir als Lord Śiva beschrieben habe, war reines
Bewusstsein und dieses selbst war Rudra der Tänzer. Da gab es aber weder
eine solche Gestalt noch war da Formlosigkeit. In dieser Masse von Bewusst-
sein wurde all dieses als eine Erfahrung empfunden. Ich nahm nur diesen
Raum (Feld) wahr, der höchster Friede war, und ich erfuhr in ihm die Gestalt,
die ich beschrieben habe. Niemand hat dies jemals zuvor so gesehen.
  Was als das Ende des Weltzyklus, als Rudra und Bhairavis beschrieben
wurde, war nichts als rein illusorische Erscheinung – erfahren wurden sie in
diesen Gestalten allein durch mich. Nur die Masse Bewusstseins allein exis-
tiert. Sobald sie als eine bestimmte Gestalt (Bhairava) wahrgenommen wird,
wird sie in dieser Gestalt gesehen und scheint diese dann auch tatsächlich
anzunehmen. Das Verstehen eines Wortes und seiner Bedeutung (Objekt) ist
ohne Bewusstsein nicht möglich. Aufgrund der wiederholten Anwendung
solchen Verstehens geschieht es, dass du das durch den Ausdruck bezeichne-
te Objekt als zunehmend real empfindest. Weder gab es jemals Bhairavi noch
eine Bhairava (Kālarātri und Rudra) noch überhaupt die kosmische Auflösung
– alles dieses war nichts als illusorische Erscheinung. Die einzige Realität ist
das unendliche Bewusstsein. So habe ich dir also die Bedeutung von Gestalt
und Gestaltlosigkeit Rudras beschrieben. Nun werde ich dir die Bedeutung
des Tanzes erläutern.
  Bewusstsein ist niemals ohne Bewegung innerhalb von sich selbst. Ohne
eine solche Bewegung würde es „unwirklich“ werden. Aufgrund der Bewegt-
heit innerhalb von sich selbst erschien Bewusstsein daher als Rudra. Bewegt-
heit ist die eigentliche Natur des Bewusstseins und daher untrennbar davon.
Diese Bewegung des Bewusstseins war es, die als der Tanz von Lord Rudra
erfahren wurde. Diese Bewegung war nichts als reine Bewegung bzw. Be-
wegtheit. Sie wurde von mir aufgrund meiner eigenen psychologischem Kon-
ditionierung als Tanz des Lords empfunden. Daher war der Tanz des Lords
die Bewegung innerhalb des reinen Bewusstseins.
  RĀMA fragte:
  Wie wird Bewusstsein überhaupt allem gewahr und wessen wird es ge-
wahr, wenn doch während der kosmischen Auflösung alles Unwirkliche auf-
gelöst wird?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Natürlich wird das Bewusstsein nicht eines anderen gewahr. Was hier als
das Objekt der Beobachtung bezeichnet wird, versteht sich allein als eine
Bezugnahme auf die eigentliche Natur dieses Bewusstseins. So wie die Städte
usw. eines Traumes alle innerhalb des Bewusstseins des Träumers liegen, so
wird sich das Bewusstsein seiner eigenen Bewegung in demselben Moment
des Beginns der Bewegung bewusst. Also entstehen in ihm die Ideen eines
Moments, eines Alters, eines Weltzyklus usw. wie auch die Ideen des „ich“ und
„du“ usw. Daher gibt es da weder eine Dualität noch eine Einheit noch eine
Leerheit; weder Bewusstsein (als Subjekt) noch Unbewusstheit. Da ist nur



                                     610
reine Stille und noch nicht einmal dies. Das unendliche Bewusstsein allein
          existiert.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:84     Das Feld (Raum) des Bewusstsein selbst nennt man Bhairava bzw. Śiva. Un-
          trennbar und nicht-unterschieden von diesem ist seine dynamische Energie,
          die von der Natur des Gemüts ist. Luft wird durch seine Bewegtheit gesehen
          (erfahren), Feuer wird durch seine Hitze gekannt, das reine Bewusstsein ist
          rein und still und wird als Śiva gekannt. Dieser Śiva ist jenseits jeder Be-
          schreibung. Es ist die dynamische Energie des Lords, die alle seine Wünsche
          erfüllt und die Wünsche als Visionen auftauchen lässt. Diese Energie bzw.
          Macht bzw. Māyā ist Bewusstsein. „Sie“ ist eine lebendige Kraft und daher
          wird sie auch der jīva genannt. Weil diese Manifestationen der Schöpfungen
          dem unendlichen Bewusstsein natürlich und eingeboren sind, wird sie auch
          als prak−ti bzw. Natur bezeichnet. Weil sie die Ursache aller gesehenen und
                   −
          erfahrenen Dinge ist, nennt man sie auch kriyā bzw. Tätigkeit.
            Weil sie großen Zorn gegenüber dem Bösen entfaltet, nennt man sie
          caï¬ikā. Da sie die Farbe des blauen Lotos hat, nennt man sie utpalā. Als jayā
          wird sie bezeichnet, weil sie stets siegreich ist. Als sidhhā wird sie bezeichnet,
          weil sie die Wohnstatt der Vollkommenheit ist. Jayā ist gleichzeitig auch
          jayantī wie auch vijayā, was alles „Sieg“ bedeutet. Da sie unbesiegbar ist, wird
          sie auch parājitā genannt. Als durgā ist sie bekannt, weil ihre Gestalt bzw.
          wahre Natur jenseits unseres Begreifens ist. Sie wird umā genannt, weil sie
          die eigentliche Essenz der heiligen Silbe OM ist. Sie wird gāyatrī genannt, weil
          ihre Namen von allen gesungen werden. Sie wird sāvitrī genannt, weil sie die
          Schöpferin von allem ist. Sie ist die Erweiterung der eigenen Sichtweise aller
          Dinge und wird daher auch sarasvatī genannt. Weil sie von weißer (gelber
          oder roter) Farbe ist, wird sie gaurī genannt. Weil sie als Lichtstrahl im Schlä-
          fer und im Erleuchteten als die subtile innere Vibration, hervorgerufen durch
          den Klang des OM, existiert, wird sie indukalā (Mondstrahl) genannt.
            Da sie und Śiva als ihre wahre Gestalt den Raum haben, sind ihre Körper
          von blauer Farbe. Raum ist ihr Fleisch, ihre Knochen und alles andere. Sie
          existieren als Raum im Raum. Ihr Tanz mit den verschiedenen Gesten usw.
          symbolisiert die Schöpfung, den Niedergang derselben und den Tod aller
          Lebewesen. Sie wird mit Gliedern wahrgenommen, weil sie durch die Bewe-
          gungen ihrer Energie die Welten erschafft. Diese kālī stattet alle Dinge seit
          allen Zeiten mit Hilfe der ihren Gliedern innewohnenden Kraft mit ihren
          Eigenschaften aus. Jedoch vermöchte niemand durch kein einziges Mittel
          diese ihre Glieder wahrzunehmen oder ihre wahre Natur zu beschreiben. So
          wie wir die Bewegung im Raum als Luft wahrnehmen, so wird die dynami-
          sche Energie des Bewusstseins durch die Tätigkeit bzw. Bewegung, die in
          diesem Bewusstsein stattfindet, erfahren. Jedoch könnte Bewegung oder
          Tätigkeit nicht als die Qualität dieses Bewusstseins bezeichnet werden, da es
          weder Qualitäten noch Eigenschaften besitzt – Bewusstsein ist gänzlich rein



                                                611
und still und jenseits aller Beschreibungen. Die Idee der Bewegung im Be-
wusstsein ist Unwissenheit.
 VASIåèHA fuhr fort:
  Sobald diese dynamische Energie des Bewusstseins an irgendeinem Ort als
sie selbst zu ruhen beginnt (ohne dabei zu etwas anderem zu werden), wird
dieser selbst als Śiva der Lord bezeichnet. Das bedeutet also, dass das Ding in
sich selbst der Lord ist. Was dann folgt, sind die Glieder dieser dynamischen
Energie des Bewusstseins, die alle als Ideen innerhalb von ihr erzeugt wor-
den sind: Alle diese erschaffenen Welten, die Erde mit ihren Kontinenten und
Ozeanen, den Wäldern und den Bergen, den Schriften, den verschiedenen
Formen der heiligen Riten, den Kriegen, in denen die verschiedensten Waffen
verwendet werden, und als alle vierzehn Welten.
  RĀMA fragte:
  Oh Weiser, sind diese Dinge, die man als die Glieder des Körpers dieser dy-
namischen Energie bezeichnet, real oder falsch?
  VASIåèHA erwiderte:
   Oh Rāma, alle diese sind wirklich real, denn alle sind durch die Arbeit die-
ser dynamischen Energie des Bewusstseins hervorgebracht worden und
werden durch Bewusstsein erfahren. So wie ein Spiegel ein äußerlich befind-
liches Objekt reflektiert, so reflektiert das Bewusstsein innerhalb von sich
selbst das, was innerhalb von ihm ist, und folglich ist dieses real. Sogar die
eingebildeten Städte bzw. die illusorische Erscheinung der Stadt taucht nur
im Bewusstsein auf – unabhängig davon, ob diese Erscheinung nun aufgrund
beständiger Kontemplation oder der Reinheit des Bewusstseins auftaucht.
Diese Schöpfung ist real, ob sie nun als eine Reflexion, als Traumobjekt oder
als Fantasie betrachtet wird, denn sie gründet auf der Wahrheit, die das
Selbst ist – darin besteht meine Überzeugung. Falls du nun einwenden soll-
test: „Jedoch sind diese fantasievollen Schöpfungen von keinerlei Nutzen für
mich!“, bedenke bitte, welchen Nutzen diejenigen haben, die in ein fernes
Land gegangen sind. Sie sind für die Bewohner des Dorfes, zu dem sie gewan-
dert sind, von Nutzen. Mit allem anderen ist es ebenso.
   Was auch immer hier existiert und lebt, ist für das Selbst real, aber nicht für
einen anderen, der es nicht wahrnimmt und seiner nicht gewahr ist. Daher
sind alle diese Schöpfungen und Kreaturen, die im Feld der Energie des Be-
wusstseins existieren, wahr für das wahrnehmende Selbst und irreal für den
Nicht-Wahrnehmenden. All die Ideen und Träume, die in Vergangenheit,
Gegenwart und Zukunft existieren, sind sämtlich real, denn das Selbst ist das
Selbst von allem, und dieses ist real. Alle diese werden von denjenigen, die
den entsprechenden Bewusstseinszustand erlangt haben, erfahren; so wie
jemand in ein fernes Land wandert und die Landschaften dort erblickt. Je-
doch ändern die Bewegungen der Bewusstseinsenergien niemals die Wahr-
heit, so wie ein an einen anderen Ort verbrachter Schlafender, der nicht ge-
stört wird, keine Veränderung seiner Träume erfährt. Sobald erkannt wurde,


                                      612
dass die Wahrnehmung der drei Welten nichts als eine unwirkliche Fantasie-
vorstellung ist, entstehen keine Fragen mehr betreffend ihre Unterbrechung
usw.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:85
   Eine eingebildete Stadt ist eine Einbildung – keine Stadt! Auch die Schöp-
fung ist nur die Idee, die in der Energie des unendlichen Bewusstseins auf-
taucht. Bzw. ist die Idee, die auf diese Weise auftaucht, die Schöpfung selbst.
   Kālarātri ist für den Höchsten Herrn das, was die Bewegung für die Luft ist.
So wie Luft sich im leeren Raum bewegt, als hätte sie eine Gestalt, so bewegt
sie sich im unendlichen Bewusstsein und führt dabei wie schon immer den
Willen bzw. den Wunsch des Höchsten Herrn aus. Sobald es keine solche
Bewegung der Energie gibt, existiert nur der Höchste Herr allein.
   Während sie auf diese Weise im Raum tanzt, gelangt sie auf zufällige Weise
(wie die Krähe und die Kokosnuss) in Kontakt mit dem Höchsten Herrn. Im
Moment dieses Kontaktes wird sie plötzlich schwach, dünn und durchschei-
nend. Sie gibt ihre kosmische Gestalt auf und wird zu einem Berg, anschlie-
ßend zu einer kleinen Stadt und dann zu einem herrlichen Baum. Schließlich
wird sie wie Raum und zu guter Letzt zur Gestalt des Höchsten Herrn selbst –
wie ein Fluss in den Ozean mündet. Dann strahlt der Höchste Herr als Einer
ohne ein Zweites.
   RĀMA fragte:
   Teile mir doch bitte mit, heiliger Herr, weshalb die göttliche Mutter schließ-
lich still wird?
   VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, dies ist die dynamische Energie des Bewusstseins, die man
prak−ti, jaganmāyā usw. nennt. Sie ist unverfälscht. Das Vorzügliche dieser
     −
Energie ist das Bewusstsein selbst, welches das wahre Selbst des Bewusst-
seins ist, höchster Friede. Diese dynamische Energie arbeitet und funktioniert
so lange, wie es das Momentum der Wünsche des Höchsten Herrn gibt. Man
könnte sagen, dass sie so lange tanzt, wie sie den Herrn noch nicht gesehen
hat.
  Da Bewusstsein und Energie untrennbar voneinander sind, gelangt die
Energie in Kontakt (bzw. wird gewahr) des Höchsten Herrn und wird dadurch
der Höchste Herr selbst. Sobald die prak−ti den Höchsten Herrn berührt, gibt
sie ihre Prak−ti-schaft (den Zustand, Bewegung zu sein) auf. Sie verschmilzt
mit dem Höchsten Herrn wie ein Fluss mit dem Ozean verschmilzt. Die Bewe-
gung von Energie ist nur das Ergebnis einer Idee, die im Bewusstsein auf-
taucht, während die Energie auf natürliche Weise ins Bewusstsein zurück-
kehrt – so wie man von einem Schatten sagen könnte, dass er in die Person
zurückkehrt, sobald er aufhört zu sein. Ein heiliger Mann mag in der Gesell-
schaft von Dieben leben, bis er von der Wahrheit hört – danach wird er diese
Gesellschaft nicht wieder aufsuchen. Bewusstsein schwelgt in der Dualität,



                                      613
bis es sein eigenes Selbst sieht. Die Energie des Bewusstseins tanzt, bis sie
den Glanz des nirvāņa wahrnimmt. Sobald es Bewusstsein selbst wahrnimmt,
wird es zu reinem Bewusstsein.
  Man wandert nur so lange in diesem saæsāra mit all seinen Geburten und
Toden umher, bis man das Höchste erkannt hat. Sobald man es erblickt hat,
verschmilzt derjenige unverzüglich mit dem Höchsten. Wer würde wohl frei-
willig das wieder aufgeben, was ihn von allem Gram erlöst hat?
  VASIåèHA erwiderte:
                                                                                 VI.2:86
  Ich werde dir nun mitteilen, oh Rāma, wer dies war, der im kosmischen
Raum mit scheinbarer Gestalt stand, diese abwarf und die totale Stillheit
erlangte.
  Dieser Rudra stand dort und beobachtete die Getrenntheit im Bewusstsein,
die man die Schöpfung nennt. Innerhalb eines Augenblicks „schluckte er die
Getrenntheit“, wie er dies schon immer getan hat. Dann stand dieser Rudra
allein da, eins mit dem Raum, als ob er selbst nichts als Raum wäre. In weni-
gen Minuten wurde er so licht wie eine Wolke, während sein Umfang sehr
schnell abnahm. Mit der Hilfe meiner eigenen göttlichen Sicht sah ich, dass er
schon bald kleiner als ein Atom geworden war. Innerhalb eines Augenblicks
war er nahezu unsichtbar geworden. Er wurde zu höchstem Frieden. Er wur-
de eins mit dem absoluten Brahman bzw. reinen Bewusstsein.
  So also, oh Rāma, erblickte ich in diesem Felsen diese Schöpfung, Erhaltung
und Auflösung des Universums. Verzaubert war ich vom Anblick dieser illuso-
rischen Wahrnehmung. Ich betrachtete erneut den Felsen und schaute alle
Arten von Schöpfungen und Kreaturen darin – wie die Glieder von Kālarātri.
Gesehen wird all dieses nur mit den Augen der erweckten Intelligenz bzw. mit
dem göttlichen Auge, welches alles überall und immer so sieht, wie es ist.
Betrachtete man den Felsen mit den fleischlichen Augen aus der Entfernung,
dann würde man nur den Felsen, jedoch keine Schöpfung usw. erblicken.
  Nach all dem wandte ich mein inneres Auge einem anderen Teil desselben
Felsens zu. Noch einmal erblickte ich die gesamte, ins Dasein tretende Schöp-
fung und alles andere. In jedem einzelnen Teil des Felsens sah ich eine ganze
Schöpfung entstehen. Ebenso sah ich auch in den überall sehr zahlreich auf
dem Berg herumliegenden Felsen, die ich fand, solche Schöpfungen.
  In manchen dieser Schöpfungen hatte gerade Brahmā mit seiner Tätigkeit
des Erschaffens begonnen, während in anderen wiederum die Götter dem
Gemüt des Schöpfers entsprangen. Wieder andere waren von menschlichen
Wesen bevölkert, während in manchen weder Götter noch Dämonen lebten.
In einigen herrschte das satyayuga (Goldenes Zeitalter) und in anderen das
kaliyuga (Eisernes Zeitalter). In manchen Schöpfungen hatten die Menschen
Alter und Tod überwunden und in anderen waren alle Menschen erleuchtet,
da ihrer Rechtschaffenheit keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt wurden.
So erblickte ich also den Zustand des Universums in Vergangenheit, Gegen-
wart und Zukunft. In manchen Teilen erblickte ich dichte Finsternis und Un-


                                    614
wissenheit, in anderen sah ich Rāma gegen Rāvaïa kämpfen, während in
          wieder anderen Rāvaïa Sītā missbrauchte. Manche wurden von den Göttern
          und andere von den Dämonen regiert.
           RĀMA fragte:
           Hoher Herr, sage mir doch bitte, ob ich vor dieser Inkarnation schon als
          Rāma existiert habe?
           VASIåèHA fuhr fort:
             Du und ich, wir wurden beide wieder und wieder geboren, oh Rāma. Natür-
          lich sind vom Standpunkt der absoluten Wirklichkeit aus weder du noch ich
          jemals ins Dasein getreten. All dieses ist nur wie Wellen auf dem Ozean. Ihr
          anscheinendes Auftauchen und Verschwinden ist illusorischer Wahrnehmung
          und getäuschtem Verstehen geschuldet.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:87
            Nachdem ich so eine Zeitlang über das unendliche Bewusstsein nachge-
          dacht hatte, erkannte ich plötzlich, dass all diese Schöpfungen sich innerhalb
          von mir selbst befanden; in meinem eigenen Körper – wie der Baum sich im
          Samen befindet. Wenn man die Augen im Schlafe schließt, betritt man eine
          innere Welt, die durch eine innere Schau erschaffen wird. Wacht man dann
          auf, betritt die Schau des Menschen die Welt des Wachzustandes. Auf dieselbe
          Weise wird die Schöpfung erfahren, indem man sie innerhalb des eigenen
          Herzens betritt.
            Nachdem ich die Erscheinung dieser Schöpfung im reinen Raum erblickt
          hatte, betrat ich andere Teile meiner selbst, da ich begierig war, weitere As-
          pekte der Schöpfung kennenzulernen. Sobald ich daher das Licht meiner
          inneren Intelligenz auf diesen „Raum“ gerichtet hatte, begann in diesem die
          Erfahrung dieses Raumes aufzutauchen. Oh Rāma, sobald du im Wach- oder
          Schlafzustand das Bewusstsein in deinem eigenen Selbst betrittst, weißt du,
          dass es wie eine Masse von Bewusstsein ist. Als erstes sollte man feststellen,
          dass es da nichts als diesen reinen Raum bzw. Leerheit gibt. In diesem taucht
          die Idee „Ich bin“ auf. Die Verfestigung dieser Idee nennt man dann buddhi
          bzw. Intellekt, während die Verfestigung dessen wiederum zum Gemüt wird.
          Dieses erfährt dann das reine Element des Klangs und auch die anderen Ele-
          mente, die tanmātras. Aus diesen Erfahrungen entstehen die verschiedenen
          Sinne.
            Manche behaupten, dass es in dieser Schöpfung eine Art von Ordnung gäbe,
          während andere erklären, dass es diese nicht gäbe. Und doch ist es nicht
          möglich, die Natur und die Eigenschaften der geschaffenen Objekte zu verän-
          dern, da diese ihre Eigenschaften aufgrund einer entsprechenden Ideenbil-
          dung erhalten haben, die ganz zu Beginn im unendlichen Bewusstsein aufge-
          taucht ist.
            Während ich die Schöpfung betrachtete, nahm ich eine atomare Gestalt an.
          Ich realisierte mich selbst als einen Lichtstrahl. Indem ich allein darüber



                                              615
nachzudenken begann, wurde ich zu einer Masse. In dieser Massehaftigkeit
gab es dann all die Möglichkeiten der Sinneserfahrungen.
  Ich begann zu sehen. Die Organe, mit deren Hilfe ich sah, wurden zu den
Augen. Was ich sah, wurde zum Anblick (Objekt). Die Frucht dieser Erfahrung
war die Sicht. „Während“ ich sah, wurde all dieses zu Zeit (Dauer). Die Art
und Weise, in der ich sah, wurde zur Methode bzw. zur Geordnetheit des
Sehens. „Was auch immer“ ich sah, wurde zu Raum. Aufgrund von Überzeug-
theit entstand daraus die Ordnung der Schöpfung.
  Als so das Bewusstsein „die Augen geöffnet hatte“ bzw. seiner eigenen ein-
geborenen Möglichkeiten oder Potentialitäten bewusst geworden war, tauch-
ten die tanmātras (reine Elemente) auf. Anschließend traten all die Sinne, die
in Wahrheit und tatsächlich reiner Raum oder Leerheit sind, ins Dasein.
  Auf dieselbe Art begann ich zu denken: „Lass mich etwas hören“. Daraus
entstanden der Klang und die Organe des Hörens. Schließlich entstanden der
Berührungssinn, der Geschmackssinn und der Geruchssinn usw. Obwohl all
dieses in mir aufzutauchen schien, geschah tatsächlich überhaupt nichts.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Als dann die fünf Elemente und die fünf Sinne ins Dasein getreten waren,
tauchte in mir auf unwiderstehliche Weise gleichzeitig das diesen Dingen
entsprechende Wissen und die Erfahrung auf. Sie waren ohne „Form“
(Substanzialität) und illusorisch. Als ich dann dastand und alle diese Ideen
und Erfahrungen überdachte, wurde dieser Zustand meines Seins durch
Menschen wie dich Ich-heit bzw. Ich-Sinn genannt. Als diese Idee des Ich-
Sinns gröber wurde, nannte man sie buddhi bzw. Intellekt, und als dieses
wiederum gröber wurde, nannte man es das Gemüt. Obwohl ich daher reines
Bewusstsein bin, scheine ich tatsächlich einen subtilen Körper (ātivāhika)
und einen anta÷karaïa (inneres Organ bestehend aus Gemüt, Intellekt usw.)
erworben zu haben.
  Ich bin subtiler und noch leerer als die Luft. Ich widerstehe daher niemals
dem Eintreten irgendwelcher Dinge in ihr Dasein. Da ich aber eine ganz be-
trächtliche Zeit lang dieser ideenhaften Existenz angehangen habe, stellst du
dir nun vor, dass ich einen Körper hätte. Es geschieht aufgrund dieser in dir
wohnenden Idee, dass ich diesen Klang erzeuge, den man Reden nennt. Du
hörst ihn auf dieselbe Weise wie eine schlafende Person Klänge in ihren
Träumen hört. Der erste Klang, den ein Kind von sich gibt, ist OM. OM muss
daher als der Erste unter allen Klängen erachtet werden. Danach hast du
alles, was ich wie im Traum und schlafwandlerisch von mir gegeben habe, als
meine Rede erachtet.
  Ich bin das absolute Brahman. Ich bin in mir selbst enthalten. Ich bin der
Schöpfer dieser Schöpfung und der Lehrer von allen. All dieses habe ich durch
meine eigenen Gedanken und Ideen erschaffen. Ich scheine zu existieren, bin
aber in Wahrheit ungeboren. Dieses Universum habe ich erschaut – jenseits
davon erblicke ich nichts. Jedoch ist all dies, was ich erschaut habe, nichts als


                                      616
reine Leerheit. All dieses ist nichts als reines Erfahren. Nichts (die Erde usw.)
           existiert oder ist jemals ins Dasein getreten. Nichts existiert außerhalb. Alles
           befindet sich im Bewusstsein – alles ist Bewusstsein. Es gibt keine Welt in
           Brahman, doch Brahman erfährt eine Welt. Diese Wahrnehmung ist keine
           Realität oder Faktizität, sondern nur eine Idee.
              Gesehen werden kann diese Wahrheit nicht mit den physischen Augen, die
           lediglich materielle Objekte wahrnehmen können. Sobald du mit deinen sub-
           tilen (ātivāhika) Augen siehst, wirst du die Schöpfung so wahrnehmen, wie
           sie ist – als die Wahrheit, als reines Brahman-nirvāņa.
              Als ich den Raum erfuhr, wusste ich, was die Erde ist. Ich wurde zur Erde. In
           dieser Erde erfuhr ich die Existenz der zahllosen Universen, ohne dabei je-
           mals das Gewahrsein aufzugeben, selbst das unendliche Bewusstsein zu sein.
           Ich erblickte die erstaunlichsten irdischen Phänomene und Ereignisse auf
           dieser Erde (innerhalb von mir). Tatsächlich erfuhr ich sogar, wie die Bauern
           „mich“ (die Erde) pflügten. Ich erfuhr die brennende Hitze der Sonne und die
           kühlen Schauer des Regenwassers. Ich wurde zu dem fürchterlichen Raum, in
           dem die Lokāloka-Berge (die Grenzen der Welt) existieren, und ich erfuhr die
           Taten und Regungen der zahllosen Lebewesen. Zahllose Wesen der verschie-
           densten Arten – Götter, Dämonen, Menschen, Tiere und Würmer – erfüllten
           mich. Angefüllt war ich von den Bergen, Wäldern usw., die auf der Erde exis-
           tierten.
              VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:88,
   89        Während ich in diesem Erd-Bewusstsein verweilte, erlebte ich die Erfah-
           rungen der Erde mit all ihren Flüssen usw. Hier erlebte ich das Weinen und
           Klagen derjenigen, die ihre Lieben und Nahestehenden verloren hatten, dort
           erlebte ich die Freuden tanzender Mädchen, da waren die Schreie der Hun-
           gernden, dort die Vergnügen der Wohlhabenden, und da waren auch Dürren
           und Erdbeben, Krieg und Zerstörung, herrliche Vögel und Seen, leidende
           Würmer, blühende Wälder, meditierende Weise. Oh Rāma, in diesem meinem
           Erd-Körper fand all dies statt!
             RĀMA fragte:
             Als du auf diese Weise mit der Kontemplation des Erde (pārthiva-dhāraïā)
           befasst warst, empfandest du diese Erde als real oder als nur mental?
             VASIåèHA erwiderte:
             Wahrhaftig war sie mental und ich selber bin zur Erde geworden. Gleicher-
           maßen wahr ist, dass dies weder mental noch ich tatsächlich zur Erde gewor-
           den bin. Getrennt vom Gemüt gibt es keine Erde. Ob du nun etwas als real
           oder irreal erachtest – es ist doch nichts anderes als nur mentale Tätigkeit.
           Ich bin nichts als reines, unendliches Bewusstsein und die Idee, die in diesem
           auftaucht, nennt man saÇkalpa bzw. Denken oder Imagination. Diese Bewe-
           gung ist es, die das Gemüt, die Erde, die Welt, der Schöpfer ist – diese Welt
           taucht im Raum aufgrund eben dieser Idee auf, so wie eine eingebildete Stadt
           am Himmel auftaucht.


                                                 617
Was ich als die Erde erfuhr, war nur eine einfache Idee und daher rein men-
tal. Durchdrungen wird sie vom Gemüt und aufgrund des betändigen
Darandenkens (dhāraïā) verharrte sie wie als ob sie die Erde sei. Das Feld
der Erde ist mental – es ist die Idee, die im Bewusstsein auftaucht, und es ist
ansonsten leer. Sobald diese Idee eine Zeitlang beständig ist, gibt sie ihren
scheinbaren mentalen Zustand auf und wird dann wiederum scheinbar zu
dieser festen, materiellen, harten und widerstandsfähigen Erde.
   Von diesem Gesichtspunkt aus existiert die Erde nicht. Jedoch wurde ihre
anscheinende solide, materielle Existenzweise von Beginn der Schöpfung an
als wahr erachtet. So wie das Traumobjekt nichts anderes als das Bewusst-
sein des Träumers ist, so ist diese Welterscheinung nichts anderes als reines
Bewusstsein. Die Idee, die im Bewusstsein auftaucht, ist nichts als reines
Bewusstsein und nichts anderes. Daher gibt es auch überhaupt keine Idee als
solche und weder ein Selbst noch eine Welt. Wird es als das gesehen, existiert
die Welt überhaupt nicht. Wird das alles dagegen nicht sorgfältig genug beo-
bachtet, dann tritt die Welt wieder ins Dasein.
   So wie ein Kristall ohne eigene Absicht dazu Farben reflektiert, so reflek-
tiert das unendliche Bewusstsein das gesamte Universum. Die Welt ist folg-
lich weder mental noch materiell. Sie ist nur reines Bewusstsein, das als diese
Erde erscheint. Es ist nur die von den zahllosen Wesen in den drei Welten
unterhaltene Idee, die zu dieser angeblichen Realität oder Substanz der „Er-
de“ geworden ist. „Ich bin alles dieses und all das dort ist innerhalb von all
diesem.“ Indem ich es so verstand, erschaute ich alles.
   VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:90
  Auf diese Weise erfuhr ich in meinem Herzen das Feld dieser Erde. Obwohl
alles, was ich sah und erfuhr, in meinem Herzen war, sah es gleichzeitig so
aus, als wäre es von mir verschieden, als wäre da eine Subjekt/Objekt-
Beziehung. Dies geschah deshalb, weil es überall das Universum gibt, weil es
überall Brahman und überall die Leerheit gibt. Das Feld der Erde existiert
überall (und ist natürlich in Wahrheit nichts wirklich existierendes) und ist
doch nur reines Bewusstsein. Wie eine Traumstadt wurde es tatsächlich
niemals wirklich erschaffen.
  Weder gibt es eine Vielfalt noch eine Nicht-Vielfalt. Weder gibt es Sein noch
Nicht-Sein. Da gibt es ferner kein „Ich“. Wie könnte man behaupten, dass es da
irgendetwas gäbe? Obwohl diese Schöpfung erfahren wird, existiert sie in
Wahrheit überhaupt nicht – wer sagt, dass sie existiere, muss wissen, dass es
nur Brahman allein ist, das existiert. Wenn sie nur wie eine Traumstadt ist,
vermag niemand ihre Existenz zu bestätigen oder zu verleugnen.
  So wie ich durch die Kontemplation der Erde (Erd-dhāraïā, p−thvÅ-       −
dhāraïā) das Feld der Erde erfuhr, so erfuhr ich durch die Kontemplation des
Wassers (Wasser-dhāraïā) das Feld des Wassers. Durch die Kontemplation
des Wassers wurde ich zu Wasser – obwohl ich nicht leblos war, wurde ich zu
Leblosem. Lange Zeit hindurch wohnte ich in den Tiefen des Ozeans und



                                     618
machte dabei verschiedene, dieser Wohnstatt angemessene Geräusche. Ich
          bewohnte die Körper von Pflanzen und Kriechtieren und machte mir inner-
          halb von diesen meine eigenen Wege. Ich betrat die Körper der verschiede-
          nen Lebewesen durch ihren Mund und vermischte mich mit den vitalen Win-
          den innerhalb ihrer Körper. Ruhelos floss ich die Flussbetten hinab und legte
          an den Dämmen der Uferflächen Ruhepausen ein. Indem ich als Dampf auf-
          stieg, gelangte ich als Wolke in die Himmelsregionen. Dort ruhte ich einige
          Zeit bei meinem Freund, dem Gewitterblitz, aus.
            Ich bewohnte alle Lebewesen als das Wasserelement wie das unendliche
          Bewusstsein in allen Wesen wohnt. Indem ich Verbindung mit den Ge-
          schmacksknospen der Zunge aufnahm, erfuhr ich die verschiedenen Ge-
          schmäcker – ganz gewiss ist diese Erfahrung reine Erkenntnis! Der Ge-
          schmack wurde weder von mir noch vom Körper noch von irgend jemand
          anderen erfahren. Die Erfahrung geschah im Innern als das Objekt des Erfah-
          rens – und als solches war sie falsch.
            Als die Blüten erblühten, stieg ich von ihnen als Tau hinab und schmeckte,
          was die Bienen nach ihrem Besuch noch von ihrer Süße übriggelassen hatten.
          In den vierzehn Klassen der Lebewesen wohnte ich als das Gewahrseins des
          Geschmacks – als Bewusstsein, das gleichwohl nicht-bewusst erschien.Indem
          ich die Gestalt der Wassertröpfchen und der Sprühgischt annahm, genoss ich
          das Reisen mit dem Wind und wanderte von einem Ort zum nächsten. In
          diesem Zustand als Wasser erlebte ich vielfältige und sehr interessante Erfah-
          rungen. Ich sah hunderte Welten, die ins Dasein traten und verschwanden. Ob
          diese Welt nun Gestalt hat oder nicht – sie ist reines Bewusstsein und imma-
          terielle Leerheit. Oh Rāma, zwar bist du nichts, aber nicht nicht-existent. Du
          bist reines und höchstes Bewusstsein.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:91
            Schließlich wurde ich durch Kontemplation des Feuerelements (teja-
          dhāraïā) zum Feuerelement. Feuer bzw. Licht ist überwiegend satva und
          daher stets leuchtend. Es zerstreut die Dunkelheit wie der König durch seine
          Anwesenheit die Diebe fliehen macht. Ich erkannte das Elende der Finsternis,
          die alle guten Eigenschaften zerstört, denn ich wurde zum Licht, in dem alles
          gesehen wurde. Licht gewährt allem Gestalt – so wie der Vater seinem Spröss-
          ling Gestalt schenkt. In der Unterwelt gibt es nur wenig Licht und daher grö-
          ßere Dunkelheit. Im Himmel wiederum gibt es nur noch Licht – immer. Licht
          ist die Sonne, die den Lotos der Tätigkeit erblühen lässt.
            Ich wurde zur Prachtfarbe (survaïa) im Gold usw. Ich wurde zu Vitalität
          und Tapferkeit im Manne und in den Juwelen funkelte ich als ihr Feuer. In den
          Regenwolken wurde ich zum Licht ihrer Blitze, in den leidenschaftlichen
          Frauen zum Zwinkern ihrer Augen und zur Kraft der Löwen. Selber wurde ich
          in den Göttern zum Hass auf die Dämonen und in den Dämonen zum Hass auf
          die Götter. Ich wurde zur vitalen Essenz aller Wesen. Ich erfuhr das Dasein als
          Sonne, Mond, Sterne, Edelstein, Feuer (einschließlich des Feuers der kosmi-
          schen Auflösung), Blitz und Lampe. Als ich zu Feuer wurde, war die glühende


                                               619
Asche meine Zähne, der Rauch mein Haar und der Brennstoff meine Nahrung.
In der Werkstatt des Schmieds war ich das Feuer, welches das Eisen rothitzig
färbte, und als ich geschlagen wurde, versprühte ich mich in einem Funken-
regen.
  RĀMA fragte:
  Oh Weiser, warst du, nachdem du zum Feuerelement wurdest, glücklich
oder unglücklich?
  VASIåèHA erwiderte:
  So wie eine schlafende Person für eine Zeitlang nicht fühlend wird, obwohl
sie ein nicht fühlendes Wesen ist, so wird das Bewusstsein zu einem leblosen
Objekt. Sobald es sich selbst als die Elemente (Erde usw.) denkt, denkt es sich
selbst wiederum als fühlend. In Wahrheit jedoch gibt es keine solche Tren-
nung zwischen Subjekt und Objekt.
  Was ich daher in den Zuständen als Erde, Wasser und Feuer erfuhr, erfuhr
ich als nichts anderes als Brahman. Wenn ich wirklich leblos geworden wäre,
hätte ich die Erfahrung, die Erde zu sein, auch nicht machen können, nicht
wahr? Die fühlende Person denkt: „ich schlafe!“, und erscheint dann als nicht
fühlend. Erwacht man dann zur Wahrheit seiner selbst, verschwindet die
Materialität des Körpers. Mit Hilfe des subtilen (ātivāhika) Körpers ist die
Person dann in der Lage, alles an jedem beliebigen Ort zu betreten. Dieser
subtile Körper ist selbst nichts anderes als reine Intelligenz. Sobald man mit
der Hilfe dieser Intelligenz aus eigenen Wunsch einen anderen Zustand be-
tritt, erfährt man ganz offensichtlich weder Unglücklichsein noch Kummer.
  So wie die in einem Traum wahrgenommene Welt von der Finsternis der
Unwissenheit eingehüllt und daher irreal ist, so verhält es sich auch mit den
anderen Elementen, die man erfährt. Wer einen in seiner Fantasie im eigenen
Gemüt herbeigeträumten Fluss aus flüssigem Feuer berührt, erfährt keinerlei
Schmerz. So verhielt es sich mit meinen eigenen Erfahrungen dieser Elemen-
te.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Schließlich wurde ich durch vāyu-dhāraïā (Kontemplation meiner selbst           VI.2:92

als der Wind) zum Luftelement. Ich lehrte die Gräser, Blätter, Kriechtiere und
das Heu die Kunst des Tanzes. Indem ich sie mit kühlen Brisen streichelte,
machte ich mich zum Freund der jungen Damen. Zur selben Zeit war ich
wegen meine Hitzewellen, Hurrikane und Tornados weit und breit gefürchtet.
In die Lustgärten trug ich süße Düfte, in die Höllen versprühte ich Feuerfun-
ken. Meine Bewegung war so geschwind, dass die Leute Gemüt und Wind als
Geschwister ansahen. Ich floss mit den Wassern des heiligen GaÇgā dahin und
hätte vielleicht Langeweile erfahren, wenn ich nicht die Müden und Erschöpf-
ten hätte erquicken können, was mich glücklich machte. Den Raum unter-
stützte ich durch Weitertragen der Klangwellen und so wurde ich als der
teure Freund des Raumes bekannt. Ich bewohnte die vitalen Organe aller
Wesen. Ich kannte alle Geheimnisse des Feuers und wurde so als der Freund


                                     620
des Feuers bekannt. Ich nahm die Körpermaschinen aller verkörperten (le-
benden) Wesen in Betrieb, indem ich zu ihrem Lebensatem wurde. So wurde
ich zur selben Zeit ihr Freund und ihr Feind.
  Obwohl ich mich vor aller Augen befand, konnte ich doch von niemandem
gesehen werden. Während der kosmischen Auflösung vermochte ich unge-
heure Berge zu lüpfen und nach meinem Belieben umherzuwirbeln. Als Luft
führte ich sechs Funktionen aus: Mengen von etwas ansammeln, austrocknen,
aufrechterhalten und unterstützen, vibrieren bzw. Bewegung verursachen,
Duft befördern und kühlen. Hingegeben war ich der Aufgabe des Erbauens
und Zerstörens von Körpern.
  Während ich das Element Luft war, nahm ich innerhalb jedes einzelnen Mo-
leküls der Luft ein ganzes Universum wahr. In jedem dieser Universen er-
blickte ich alle Elemente usw. dieses Universum wieder. Sie stellten keine
realen Gegebenheiten dar, sondern waren bloße Ideen, die in der kosmischen
Leerheit bzw. Raum auftauchten.
  In diesen Welten gab es ebenfalls Götter und Planeten, Berge und Ozeane
sowie die illusorischen Wahrnehmungen von Geburt, Alter und Tod. Ich
durchwanderte all diese Reiche zur Zufriedenheit meines Herzens. Zahllose
Arten von Wesen wie der Himmelsbewohner und die Weisen ruhten auf mei-
nem Körper wie ebenso viele Fliegen und Moskitos aus. Indem ich sie verließ,
erlangten sie ihre verschiedenen Gestalten und Farben. Indem ich sie berühr-
te, erfuhren sie immense Freuden, jedoch vermochten sie mich nicht zu erbli-
cken.
  Auch als die Unterwelten meine Füße, die Erde meine Eingeweide und die
Himmel mein Kopf waren, gab ich nicht für einen Moment meine subatomare
Natur auf. Überall und immer gab es nur mich und ich tat alles. Ich war das
Selbst von allem. Ich war alles. Und doch war ich reine Leerheit. Ich erfuhr
das Sein und das Nicht-Sein, den formlosen wie den formhaften Zustand,
während ich all dessen gleichzeitig gewahr und nicht gewahr blieb. Es gibt da
noch zahllose weitere Universen wie das, welches ich erfahren habe. So wie
ein Mensch in seinem Traum von zahllosen Objekten träumt, so erfuhr ich
innerhalb jedes Atoms Universen und weitere Universen in den Atomen die-
ser Universen. In mir selbst wurde ich zu all diesen Universen und obgleich
ich das Selbst von allem war und all dieses durchdrang, umhüllte ich es doch
nicht gleichzeitig. Dies sind nur Worte wie „es gibt Hitze im Feuer“ („Hitze im
Feuer“ ist nichts anderes als nur das Faktum der Existenz dreier Wörter).

                                     ***



Die Geschichte vom Weisen aus dem Weltraum



                                     621
VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:93      Nach all diesen Ereignissen ging ich wieder zu meiner Hütte bzw. Einsiede-
          lei im Weltraum. Ich schaute nach meinem physischen Körper – er war dort
          nicht auffindbar. Ich fand aber einen betagten Weisen in dieser Einsiedelei
          sitzend. Er saß in tiefer Meditation in der Lotos-Position. Sein Antlitz strahlte
          und war wegen des Friedens und der Seligkeit, die ihn erfüllten, herrlich
          anzuschauen. Seine Lotos-ähnlichen Hände hatte er vor dem Bauchnabel
          zusammengelegt – sie leuchteten mit einer außergewöhnlichen Strahlkraft.
          Seine Augen waren geschlossen, und ganz offensichtlich befand er sich jen-
          seits des Körperbewusstseins. Da ich meinen eigenen Körper nicht sah, son-
          dern nur denjenigen des in Meditation sitzenden Weisen, dachte ich wie folgt
          nach:
             Gewiss ist dies ein großer und vollkommener Weiser. Wie ich wird er in
          dem Wunsch nach völliger Abgeschiedenheit hierhergekommen sein. Weil er
          nach der Abgeschiedenheit gesucht hat, wird er diese Einsiedelei im Welt-
          raum entdeckt haben. Vielleicht hat er auf meine Rückkehr gewartet und
          dann, da ich auch nach längerer Zeit nicht wiedergekommen bin, diesen Kör-
          per schließlich hinausgeworfen und selbst die Einsiedelei zu bewohnen be-
          gonnen. Ich werde in meine eigene Sphäre zurückkehren.
             Nachdem ich so nachgedacht hatte und auch mein Wunsch, in dieser Ein-
          siedelei zu bleiben, verschwunden war, verschwand plötzlich diese Einsiede-
          lei und zusammen mit ihr dieser Weise. Sobald die eigenen Gedanken (Ideen
          bzw. Konzepte) aufhören, hört ebenfalls auch das auf, was diese Gedanken ins
          Leben gerufen hat. Als mein Wunsch nach der Einsiedelei verschwand, ver-
          schwand diese daher. Die Einsiedelei fiel einfach zu Boden – wie ein Raum-
          schiff aus dem All zu Boden stürzt. Der Weise fiel auch. Und auch ich stieg mit
          ihm zusammen auf das Feld der Erde herab. Der Weise landete dort in der-
          selben Haltung und Position, in der er sich schon in dieser Einsiedelei befun-
          den hatte. Der Grund dafür war, dass er aufgrund der Vereinigung von prāïa
          und apāna die Kräfte der Schwerkraft überwunden hatte. Er erwachte nicht
          aus seiner Meditation. Sein Körper war so stark wie ein Fels und so leicht wie
          eine Baumwollflocke.
             Um ihn ins normale Körperbewusstsein zurückzuholen, nahm ich die Ge-
          stalt einer dicken Wolke an, die es regnen und donnern ließ. Daraufhin er-
          langte er sein Körperbewusstsein schließlich zurück. Ich fragte ihn: „Wer bist
          du, oh Weiser? Was tust du? Wer bist du? Obwohl du aus so großer Höhe
          herniedergestürzt bist, beachtetest du es überhaupt nicht – wie ist dies mög-
          lich?“
             Nachdem der Weise die vergangenen Ereignisse eine Zeitlang überdacht
          hatte, sprach er: „Nun habe ich dich erkannt, oh du Heiliger. Ich grüße dich.
          Sieh es mir bitte freundlicherweise nach, dass ich dich nicht schon früher
          gegrüßt habe. Die Natur der Weisen ist großmütig und nachsichtig. Oh Weiser
          – ich bin eine lange, lange Zeit in den Reichen der Götter umhergewandert.
          Ich bin müde dieses saæsāra. Wenn doch all dies hier reines Bewusstsein ist,


                                                622
kann es keinen Sinn mehr in dem geben, was wir Sinnesvergnügen nennen!
Daher verblieb ich im Raum, frei von mentaler Ablenkung und Anziehung.
Keine einzige dieser Sinneserfahrungen darf real und unabhängig vom Be-
wusstsein genannt werden. Die Objekte des Vergnügens sind die Springquel-
len des Giftes, die sexuellen Lüste sind Täuschung, die Süße zerstört den
Genießer des Süßen – wer von diesem allen überwältigt wurde, ist gewiss
vernichtet worden! Das Leben ist kurz. Es ist angefüllt mit Zerstreuungen.
Nur durch pure Zufälle erlangt man hier ab und zu etwas Glück. Nichts ist
hier dauerhaft oder verlässlich. Wie das Rad des Töpfers wird dieser Körper
endlos in diesem Leben umhergewirbelt. Überall lauern die machtvollen
Diebe (die Sinnesobjekte). Daher sollte ich wachsam bleiben.“
   DER WEISE fuhr fort:
   „Dies ist heute passiert“, „das ist mein“ und „dies gehört ihm“ – indem die
Menschen sich fortwährend mit solchen Gedanken befassen, vergessen sie
das Vergehen der Zeit. Viel haben wir gegessen und getrunken, viel sind wir
auf dieser Erde einhergewandert, viele Schmerzen und Vergnügen haben wir
erfahren. Was bleibt davon übrig? Wie sollten wir den höchsten Frieden er-
langen? Sämtliche Bäume sind nur Holz, sämtliche Lebewesen nur Fleisch,
die ganze Erde nichts als Lehm – alles ist daher von Schmerz und Vergäng-
lichkeit befleckt. Zu was soll ich also meine Zuflucht nehmen?
   Wer wäre hier wohl mein Beschützer? Es sind dies weder Wohlstand noch
Freunde noch Verwandte noch Kenntnisse (bzw. Vergnügen), denn alle diese
sind selbst nur die Opfer der Zeit. Wem könnte ich noch Vertrauen schenken,
wenn ich doch sehe, wie alle schon morgen oder übermorgen sterben?
   Sogar die durch Vorschriften und Gebote regierten religiösen Riten lassen
einen Menschen in dieses saæsāra stürzen, wie Wasser von einem höheren
gelegenen zu einem niedriger gelegenen Punkt fließt. Sie verwirren eine
Person nur und bringen sie durcheinander. Das Unwirkliche scheint durch
beständiges Daran-denken real zu werden. Da das Unwirkliche jedoch irreal
ist, bleibt es auch irreal, obwohl es als real erscheinen mag. Die Menschen
sind getäuscht und rennen hinter den Objekten des Sinnesvergnügens her
wie ein Fluss seiner Selbstzerstörung im Meer entgegengeht. Das unwissende
Gemüt eilt den Sinnesvergnügen nach wie der Pfeil von der Sehne schnellt,
der keinerlei Sinn für Gut und Böse hat.
   Vergnügen ist in Wahrheit entsetzlicher Schmerz, Wohlstand ist Missge-
schick, sinnliche Freuden sind schlimme Krankheiten und der Wunsch nach
Vergnügen ist widerlich. Missgeschick ist in Wahrheit großer Segen. Dem
Glück folgt schnell das Unglück. Das Leben endet mit dem Tod. Ah – seht nur
diese Macht der Māyā! Die Sinnesfreuden sind schlimmer als die giftigste
Schlange, da jene uns schon durch bloße Berührung auf der Stelle töten. Weil
Wohlstand usw. Illusionen hervorrufen, sind sie schlimmer als Gift. Es ist
wahr, dass das Vergnügen erfreulich und Überfluss herrlich sind, und doch
läuft uns das Leben davon und lässt alle diese Freuden bedeutungslos wer-



                                    623
den. Vergnügen und Wohlstand sind dem Anschein nach erfreulich, erzeugen
aber am Ende nur Unglücklichsein und Kummer.
  Mit fortschreitendem Alter werden die Haare grau und die Zähne wie auch
alles andere verfällt (die Organe, die Vitalität usw.) – nur das Verlangen hört
niemals auf. Kindheit und Jugend haben eine Gemeinsamkeit – beide gehen
rasch vorüber. Das Leben verebbt wie ein strömender Fluss und die Vergan-
genheit ist unwiederbringlich.
  Nach langer Zeit habe ich Egolosigkeit erlangt. Ich bin nicht länger interes-
siert an den himmlischen Freuden. Wie dich, oh Weiser, verlangte es mich
nach einer Zuflucht an einem abgeschiedenen Ort. So entdeckte ich diese
Einsiedelei im Weltraum. Ich erkannte nicht, dass diese Einsiedelei die deine
war und du sie eines Tages wieder aufsuchen würdest. Ich habe nicht damit
gerechnet. Erst jetzt ist es mir bewusst geworden. Nur indem man das eigene
Bewusstsein auf solche Tatbestände richtet, wird man ihrer mit dem Auge der
inneren Intelligenz gewahr und kennt die Vergangenheit, die Gegenwart und
die Zukunft – nicht früher. Mit dieser Natur des Gemüts müssen sogar die
Götter rechnen.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:94
  Ich sagte zu dem Weisen: „Nachdem ich deine Geschichte vernommen habe,
denke ich, dass du auch weiterhin die Einsiedelei im Weltraum bewohnen
solltest. Erhebe dich und lass uns in der Welt der vollkommenen Wesen
(siddhas) leben. Es geziemt jedem, in der ihm eigenen Umgebung, die keine
mentalen Störungen verursacht, zu sein.“
  Daraufhin erhoben wir beide uns in den Raum und verabschiedeten uns
voneinander. Er ging dorthin, wo er seiner Meinung nach am besten hinpass-
te, während ich ebenfalls meines Weges ging.
  RĀMA fragte:
  Hoher Herr, mit welchem Körper bist du in der Welt der siddhas umherge-
streift, da doch dein eigener Körper sich aufgelöst hatte?
  VASIåèHA erwiderte:
  Als ich in die Stadt Indras, des Königs der Götter, ging, besaß ich einen Kör-
per aus reinem Raum. Daher erkannte mich niemand. Man konnte mich we-
der berühren noch festhalten. Ich war wie ein Gedanke und leer von jeder
Materialität, jedoch mit einer Gestalt aus reiner Wunschhaftigkeit (saÇkalpa)
ausgestattet. Vergleichbar ist dies mit der Traumerfahrung, in dem Traum-
körper bestehend aus nicht-materieller Substanz erzeugt werden. Wer dies
als unmöglich ansieht, leugnet die Erfahrungen des Traumes und ist daher, da
er die empirische Erfahrung aller leugnet, nicht ernstzunehmen. Ich konnte
andere wahrnehmen, insbesondere diejenigen, die einen materiellen Körper
besaßen, obwohl diese mich nicht wahrnehmen konnten.
  RĀMA fragte erneut:
  Aber wie konnte dich dieser Weise dann überhaupt sehen?


                                     624
VASIåèHA erwiderte:
  Oh Rāma. Leute wie wir besitzen die Macht, unsere Wünsche zu materiali-
sieren und zu realisieren. Es geschieht uns nichts, was wir uns nicht zuvor
gewünscht haben! Nur diejenigen Menschen, die in weltlichen Aktivitäten
ertrunken sind, vergessen im Bruchteil einer Sekunde die Tatsache, dass sie
einen subtilen (ātivāhika) Körper besitzen. Sobald ich entschieden hatte:
„Möge dieser Weise mich sehen“, da erblickte er mich auch schon. Menschen,
in denen die Wahrnehmung von Getrenntheit tief verwurzelt ist, verfügen
nicht über die Macht zur Realisierung ihrer Wünsche. Wer jedoch wie dieser
Weise die Wahrnehmung von Getrenntheit vermindert hat, kann seine Wün-
sche realisieren. Auch für die siddhas bzw. die Vollkommenen gilt, dass derje-
nige mit mehr psychischer Transparenz auch erfolgreicher in seinen Bestre-
bungen ist.
  Um auf meine Geschichte zurückzukommen: Ich streifte in den himmli-
schen Regionen wie ein Geist umher.
  RĀMA fragte:
  Hoher Herr, existieren Geister denn? Wie sehen sie aus und was tun sie?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Oh Rāma, Geister existieren sehr wohl in dieser Welt. Ich werde dir nun er-
zählen, wie sie sind und was sie tun. Ganz gewiss ist derjenige, der zu einem
an ihn herangetragenen Thema keine Auskunft geben kann, kein würdiger
Lehrer.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Manche Geister (piÓāca) besitzen einen ätherischen Körper, der gleichwohl
Hände und Füße besitzt, und sie können Menschen wie dich sehen. Manche
andere besitzen schreckenerregende schattenhafte Gestalten; sie überwälti-
gen die Körper menschlicher Wesen und beeinflussen ihr Gemüt. Manche von
ihnen töten oder verletzen Menschen. Einige sind wie Nebel oder Rauch und
andere wiederum haben traumartige Körper. Manche verfügen über Leiber,
die aus nichts als Luft gemacht sind. Andere wiederum haben Körper, die nur
aus der Illusion des Wahrnehmenden bestehen. Weder kann man sie ergrei-
fen noch können sie andere ergreifen. Sie erfahren Hitze und Kälte, Vergnü-
gen und Schmerzen. Jedoch können sie weder essen, trinken noch etwas
anfassen. Sie haben Wünsche, Hass, Furcht, Ärger, Gier und erleben Täu-
schungen. Erfreut und unter Kontrolle gebracht werden sie mit der Hilfe von
mantras, Drogen, Bußen, Wohltätigkeit, Mut und Rechtschaffenheit. Gesehen
und festgehalten werden sie auch dann, wenn jemand in satva ruht. Außer-
dem kann dies auch durch die Verwendung von magischen Symbolen
(maï¬alas) und Zauberformeln (mantras) als auch durch Verehrung, die man
     ¬
zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort ausübt, er-
reicht werden.




                                    625
Manche Geister besitzen göttliche Natur und treten als Götter auf. Einige
sind wie Menschen und andere wie Schlangen. Einige sind wie Hunde und
Schakale und leben in Dörfern und Wäldern oder in toten Brunnen, Straßen-
gräben und an anderen unreinen Orten. Ich werde dir nun etwas über ihren
Ursprung erzählen.
  In dem einen unendlichen Bewusstsein entsteht eine Idee, die zum jīva wird
und, indem sie sich immer weiter verdichtet, den Ich-Sinn bzw. das Gemüt
(welches später zu Brahmā dem Schöpfer wird) entstehen lässt. All dieses
wie auch die ganze Welt existiert und taucht auf als eine Idee und ist daher
unwirklich. Diese Dinge werden als real erfahren so, wie man auch die eige-
nen Ideen als real empfindet. In diesem Sinne sind sämtliche Götter und
andere Wesen darin real. In Wirklichkeit jedoch gibt es da weder ein Feld
noch einen Samen noch einen Bauern noch den Baum (den man als die
Schöpfung bzw. Welt bezeichnen kann). Und doch existieren in dieser Idee
des Feldes der Schöpfung alle diese Wesen. Die Strahlendsten unter ihnen
sind die Götter, die Halbgaren sind die Menschen; diejenigen, in denen ein
dichter Schleier der Unreinheit existiert, sind Würmer und ähnliche Kreatu-
ren; diejenigen, die frei von jeder Fruchtgebung, die leer und körperlos sind
(aÓarīra), werden Geister oder piÓācas genannt. Die Unterscheidungsmerk-
male entstehen nicht aufgrund der Laune oder dem Gutdünken des Schöpfers
Brahmā, sondern auf den eigenen Wunsch dieser Wesen. Was immer sie zu
werden wünschen, dazu werden sie dann auch. In Wahrheit sind sie jedoch
alle nichts als Bewusstsein, das als die subtilen (ātivāhika) Körper erscheint.
Aufgrund der andauernden Selbsttäuschung geschieht es, dass sie physische
oder materielle Form zu haben scheinen.
  Auch die Geister existieren in ihren eigenen Formen und tun, was sie ent-
sprechend ihrer eigenen, wahren Natur zu tun haben und erfahren die ver-
schiedenen Erfahrungen. Sie sehen einander und kommunizieren miteinan-
der wie im Traum. Manche von ihnen kommunizieren überhaupt nicht, wie
die Traumobjekte im Traum einer Person. Wie Geister gibt es außerdem auch
noch Kobolde und entkörperte Wesen. Die Geister erschaffen ihre eigenen
Umkreise bestehend aus der Finsternis der Unwissenheit, die nicht einmal
von den Strahlen der Sonne durchdrungen werden können. Sie gedeihen in
der Finsternis der Unwissenheit und scheuen das Licht der Erkenntnis.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:95
  Wie ich schon sagte, streifte ich im Himmel umher wie ein Geist. Niemand
vermochte mich zu sehen. Obgleich sie sich unter meiner Kontrolle befanden,
befand ich selbst mich unter niemandes Kontrolle. Eines Tages sagte ich mir:
„Ich kann meine Wünsche realisieren. Möge ich daher ab jetzt von den Göt-
tern bemerkt werden.“ Unverzüglich ging mein Wunsch in Erfüllung. Nun
konnten sie mich sehen.
  Als die Götter mich in ihrer Mitte bemerkten, entwickelten sie verschiedene
Vorstellungen über mein Erscheinen. Da sie meine Identität nicht kannten,
nahmen sie an, dass ich von der Erde aufgestiegen sei. Sie nannten mich da-


                                     626
her Pārthiva (Erde) Vāsi«Âha. Manche dachten, ich wäre auf den Strahlen der
Sonne herabgekommen und wurde von diesen Taijasa (Licht) Vāsi«Âha ge-
nannt. Diejenigen, die mich vom Winde hergeweht glaubten, gaben mir den
Namen Vāta (Luft) Vāsi«Âha. Diejenigen, die mich als aus den Wassern aufge-
taucht glaubten, nannten mich Vāri (Wasser) Vāsi«Âha.
   Im Verlaufe der Zeit nahm ich einen physischen bzw. materiellen Körper an.
Für mich selbst lag zwischen dem subtilen und dem physischen Körper kei-
nerlei Unterschied, denn beide waren in Wirklichkeit ja nichts als reines
Bewusstsein. Auch hier funktioniere ich im Rahmen dieses Diskurses mit der
und durch die Hilfe des physischen Körpers. Ein jīvanmukta (ein zu seinen
Lebzeiten befreiter Weiser) ist wahrhaftig Brahman und verfügt über einen
ätherischen Körper. Auf dieselbe Weise ist auch derjenige, der ein körperloser
Weiser ist, Brahman. In mir gibt es keine andere Wahrnehmung als die Brah-
mans. Daher hört diese Realisierung Brahmans auch dann nicht auf, wenn ich
mit den verschiedenen Tätigkeiten befasst bin. So wie für den Träumer die
ungeborenen und körperlosen Traumobjekte wirklich sind, so ist für mich
diese Welt real und materiell. Und auch all diese Schöpfungen und Welten
leuchten als reale und materielle Gegebenheiten, obwohl sie doch niemals
erschaffen worden sind.
   Aufgrund des wiederkehrenden Empfindens des ätherischen Vāsi«Âha, das
im Gemüt von euch allen und ebenso auch in mir auftaucht, scheine ich hier
zu sitzen. In Wahrheit jedoch ist all dieses reine Leerheit. All dies sind nur
Ideen, die im Gemüt des Schöpfers aufgetaucht sind. Ideen wie „ich“ und „du“
sind deshalb so fest in eurem Bewusstsein verankert, weil ihr sie noch nicht
sorgfältig untersucht habt. Werden sie dann untersucht und in ihrer wahren
Natur verstanden, verschwinden sie sehr schnell. Wenn die Wahrheit erkannt
wurde, verschwinden alle diese Szenerien der vermeintlichen Schöpfung –
wie die Luftspiegelung von Wasser zu existieren aufhört, sobald ihre wahre
Natur verstanden wurde.
   Durch bloßes Studium des Mahārāmāyaïa (Yoga Vāsi«Âha) wird die Wirk-
lichkeit erkannt – Schwierigkeiten in dieser Frage tauchen fernerhin nicht
mehr auf. Wer jedoch nicht an der Befreiung interessiert ist, ist kein Mensch,
sondern ein Wurm. Man sollte die Seligkeit der Befreiung und den unver-
meidlich mit der Unwissenheit einhergehenden Kummer sorgfältig studieren.
Durch das Studium des Mahārāmāyaïa erlangt man den höchsten Frieden.
Befreiung sorgt für die „innere Kühle“ (Frieden) des Gemüts, während die
Bindung psychologische Verwirrung (psychologische Seelenbrände) beför-
dert. Auch nachdem einer dies erkannt hat, strebt er immer noch nicht nach
der Befreiung. Wie töricht sind doch die Menschen! Solche Menschen werden
wahrhaftig vom Wunsch nach sinnlicher Belohnung überwältigt. Durch das
Studium dieser Schrift vermögen jedoch auch diese mit der Zeit den Wunsch
nach Befreiung zu kultivieren.
   (Die Versammlung löste sich auf – das Ende des siebzehnten Tages war ge-
kommen)


                                    627
VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:96     Ich habe die Geschichte vom Felsen erzählt, mit deren Hilfe du die Wahrheit
          sehr klar realisieren kannst. Nichts existiert zu irgendeiner Zeit irgendwo – es
          ist stets nur das Brahman, welches allein als eine Masse von Brahman ohne
          jede wie auch immer geartete Getrenntheit existiert. Brahman ist eine Masse
          von Bewusstsein. Es ist keinerlei Wandel unterworfen. Das kosmische Sein ist
          in diesem Bewusstsein nur ein Traumobjekt – unabhängig davon, ob dieses
          Sein nun subtil oder grob sei. Folglich gibt es weder Brahmā den Schöpfer
          noch die Schöpfung, sondern nichts als ungeteiltes Bewusstsein. Die im
          Traum wahrgenommene Vielfalt erzeugt keine Vielfalt im Träumer. Ebenso
          erzeugt die Idee einer Schöpfung keine Trennung im Bewusstsein. Bewusst-
          sein allein existiert – nicht die Schöpfung. Der geträumte Berg des Träumers
          ist kein Berg. Das unendliche Bewusstsein (cidākāÓa) ist Ich, es ist die drei
                                                                 Ó
          Welten, es ist der puruåa (das kosmische Wesen) und es ist du.
            Ohne dieses cidākāÓa ist der Körper nur ein Leichnam. Dieses unendliche
                                  Ó
          Bewusstsein kann weder geschnitten noch verbrannt werden noch hört es
          jemals auf. Daher stirbt hier weder jemand noch wird überhaupt jemand
          geboren. Das Bewusstsein ist die Person. Falls man behaupten wollte, dass
          die Person stirbt und mit ihr auch das Bewusstsein, käme dies der Behaup-
          tung gleich, dass beim Tod des Sohnes auch der Vater stürbe. Falls das Be-
          wusstsein stürbe, würde alles andere auch sterben und die Welt leer werden.
          Oh Rāma, nirgendwo war dieses Bewusstsein in irgend jemandem jemals tot
          noch ist diese Schöpfung jemals eine Leerheit gewesen. Es ist daher klar, dass
          das innerste Sein jedes Wesens, das reines Bewusstsein ist, wandellos ist.
          Sobald dies erkannt wurde, werden Geburt und Tod gegenstandslos.
            Wen einer erkennt: „Ich bin reines Bewusstsein“, dann wird er unbesorgt
          um Leben und Tod, Vergnügen und Schmerz. Pfui der arme Wicht, in dem
          diese Verwirklichung noch nicht stattgefunden hat (oder die ihn wieder ver-
          lassen hat)! Wer erkennt: „Ich bin reines Erfahren oder Bewusstsein“, ist
          unberührt von allen Notlagen, weder wird dieser von mentaler Verwirrung
          noch psychologischer Krankheit ergriffen. Wer empfindet: „Ich bin der Kör-
          per“, verscherzt sich die Kraft und die Weisheit; wer erkennt: „Ich bin reines
          Bewusstsein“, erlangt diese. Der letztere ist Gier, Täuschung oder Stolz nicht
          mehr unterworfen. Oh weh – wie töricht sind doch diejenigen, die jammern:
          „Wir werden sterben!“, sobald sie an den Tod des Körpers denken! Wer dage-
          gen in der Erkenntnis „Ich bin Bewusstsein“ ruht, empfindet den Stoß der
          schrecklichsten Waffe wie die Berührung einer Blume.
            Falls Bewusstsein sterben könnte, dann würden die Leute die ganze Zeit
          über sterben. Sage mir doch bitte, wie es kommt, dass du noch nicht tot bist?
          Nichts stirbt. Bewusstsein allein ist es, das die Zwillingsideen von „Ich lebe“
          und „Ich bin tot“ unterhält. Das Bewusstsein erblickt bzw. wird gewahr des
          saæsāra (Welterscheinung) und Bewusstsein erblickt bzw. wird gewahr der
          Befreiung. Es wird des Vergnügens und des Schmerzes gewahr, ohne dabei
          jemals seine wahre Natur aufzugeben. Im Zustand der Unwissenheit über sich


                                               628
selbst verwickelt es sich in Täuschung, während es sich in einem Zustand der
Selbsterkenntnis selbst von der Täuschung befreit. Und doch ist Bewusstsein
niemals aufgestiegen oder niedergegangen. Es gibt kein solches Ding wie
„Realität“, und es gibt nicht so etwas wie Unwissenheit oder Falschheit. Was
auch immer von jemandem wahrgenommen wird, existiert auch so.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:97
   Da die Welt der Traum des höchsten Selbst und alles von Brahman durch-
drungen ist, wird sie als Brahman erfahren. Die Welterscheinung bzw. -
illusion wird wahrgenommen – das höchste Bewusstsein jedoch wird über-
sehen. Daher mag man die Illusion als eine reale Einbildung des Selbst erach-
ten. Von einem anderen Blickwinkel her ist diese Welterscheinung eine Illusi-
on, obgleich die Realität des unendlichen Bewusstseins unergründlich bleibt.
So entsteht dann die Idee einer völligen Leere bzw. von śūnya, die wiederum
auch real ist. Das unendliche Bewusstsein (bzw. die höchste Person, die darin
auftaucht) ist unberührt von Tätigkeit, denn die Welt entspringt einer
unmanifestierten Ursache (der Natur). Auch diese Sichtweise ist begründet,
weil sie als solche erfahren wird. Andere halten dafür, dass Brahman in einem
Zustand der Unwissenheit als die Welt erscheint (so wie ein Seil in der Dun-
kelheit als Schlange erscheint). Auch dieses gründet sich auf direkte Erfah-
rung und ist daher als real anzusehen. Die Theorie, dass das gesamte Univer-
sum ein Konglomerat von Atomen sei, ist ebenfalls akzeptabel, denn diese
Erkenntnis bzw. das dieses Verständnis ist das Ergebnis einer ordnungsge-
mäßen Ergründung.
   Es gibt manche, die meinen, dass die Welt das sei, was man in ihr sähe, und
dass dieses Prinzip auch für „die andere Welt“ gälte. Die Welt wäre daher
weder real noch irreal, weil die Realität gänzlich subjektiv sei. Andere wiede-
rum behaupten, dass die äußere Welt als einziges real sei und es eine andere
Realität nicht gäbe. Auch sie geben der Wahrheit insofern Ausdruck, als sie
demonstrieren, wie man nicht das berühren kann, was jenseits der Erfahrung
ihrer eigenen und der Sinne anderer liegt. Auch diejenigen haben recht die
erklären, dass alles sich im ständigen Wandel befindet, weil die Macht, die
diesen ständigen Wandel hervorruft, allmächtig ist. Der Glaube, dass der jīva
im Körper wohne wie der in einem Käfig gefangene Spatz und im Tode aus
diesem in ein anderes Reich davonfliege, wie dies auch ein von Ausländern
gehegter Glaube ist, ist akzeptabel, weil er in ihren eigenen Ländern und
Gemeinschaften akzeptiert wird. Heilige Männer betrachten alles mit dem-
selben Blick – diejenigen, die die Realität kennen, wissen, dass sie das Selbst
von allem und allen ist.
   Es gibt welche, die versichern, dass sich die Natur selbst ohne einen intelli-
genten Schöpfer manifestiere, weil man in der Natur viele unerwünschte und
unintelligente Ereignisse stattfinden sähe (wie etwa Naturkatastrophen).
Auch eine solche Sichtweise ist begründet. Auf der anderen Seite haben aber
auch diejenigen recht, die von der Existenz eines universellen Schöpfers von
allem ausgehen, denn sie finden ihr Gemüt erfüllt von dieser universellen


                                      629
Macht. Auch diejenigen haben recht, die sagen, dass diese Welt ebenso wie
die „andere Welt“ real sei. In ihren Augen sind Pilgerfahrten, Rituale usw.
sinnvoll. Die Idee, dass alles leer oder śūnya sei, stimmt, weil sie das Ergebnis
einer ausgedehnten Erforschung ist. Das unendliche Bewusstsein ist wie der
reinste Kristall – alles, was sich vor ihm befindet, spiegelt er wieder. Die Ken-
ner der Wahrheit haben verstanden, dass dieses unendliche Bewusstsein
weder eine Leere noch eine Nicht-Leere ist – es ist allmächtig, jedoch selbst
weder das Gesehene noch das Gekannte. Was auch immer die Überzeugung
eines Menschen sein mag – wenn er nur fest bei dieser Überzeugung bleibt,
wird er gewiss dasselbe Ziel erreichen (dieselbe Frucht erlangen), solange er
mit diesen Ideen oder Erkenntnissen nicht auf kindische Art und Weise zu
spielen beginnt. Man sollte die Wahrheit in der Gemeinschaft der Kenner der
Wahrheit ergründen und dann ohne Abstriche oder Abweichungen fest in
seiner eigenen Verwirklichung verankert bleiben.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Es gibt immer wieder hier und da Menschen, die im Hinblick auf das Wissen
der Schriften und auch im Hinblick auf rechtes Betragen weise sind. Deren
Gesellschaft sollte man suchen. Natürlich gibt es viele, die viel über die Schrif-
ten reden. Jedoch ist derjenige der Beste unter ihnen, der das Wohl und die
Freude aller im Sinne hat und dessen Betragen unanfechtbar ist. Alle Men-
schen haben immer wie unter dem Druck einer unwiderstehlichen Kraft stets
nur ihr eigenes Wohl im Sinn, so wie Wasser stets abwärts fließt. Man sollte
diese Tatsache anerkennen und Zuflucht zur Gemeinschaft mit den Weisen
nehmen.
  RĀMA fragte:
  Diese Welt wächst wie eine Schlingpflanze auf dem Baum des Höchsten
Seins. Wo in ihr befinden sich diejenigen, die nach der gründlichen Erfor-
schung von Vergangenheit und Zukunft die letztgültige Wahrheit erblickt
haben?
  VASIåèHA erwiderte:
  In jeder menschlichen Gemeinschaft gibt es eine Anzahl weiser Menschen,
deren inneres Licht (bzw. Gnade) dieser Welt Licht gibt. In diesem saæsāra
rennen alle Menschen nur auf und ab wie Strohhalme, die im Meer treiben.
Da sie das Selbst vergessen haben, werden die Bewohner der Himmel im
Feuer des Vergnügens verzehrt. Die getäuschten Dämonen werden durch ihre
Feinde, die Götter, vernichtet und von Nārāyaïa in die Fallgruben geschleu-
dert. Die himmlischen Musikanten (ghandarvas) haben nicht einmal einen
Hauch des Duftes (gandha) der Weisheit eingeatmet – sie haben sich im Ver-
gnügen an ihrer eigenen Musik usw. verloren. Die Himmelsbewohner, die
man vidyādharas nennt, respektieren die Weisen nicht – voll von Eitelkeit
sind sie, da sie die Befürworter (ādhāra) der Bildung (vidyā) sind. Die Halb-
götter, die man yakåas nennt, betrachten sich selbst als unsterblich und stel-
len ihre Geschicklichkeit vor alten und gebrechlichen Menschen zur Schau.



                                      630
Die Dämonen, die man rākåasas nennt, leben in der Täuschung. Die Geister
(piÓācas) interessieren sich für nichts anderes als das Belästigen der Leute.
Die Bewohner der Unterwelten, die man nāgas nennt, sind träge und dumm.
Die Dämonen, die unter dem Namen asuras bekannt sind, sind wie Würmer,
die in Löchern in der Erde leben. Wie könnten sie überhaupt noch Weisheit
erlangen?
  Sogar die menschlichen Wesen sind engstirnig und kleingläubig und nur an
den Banalitäten des Alltags interessiert. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrin-
gen sie in der Verfolgung ihrer schlimmen Wünsche. Sie kommen niemals mit
irgendetwas in Kontakt, was als gut oder weise bezeichnet werden könnte.
Durch ihre eigenen Eitelkeiten und Bestrebungen werden sie mehr und mehr
vom Pfad der Rechtschaffenheit und Weisheit fortgezogen. Die Gruppe der
Leute, die man yoginī (Hinweis: Damit sind die Praktizierenden „schwarzer“
Magie gemeint) nennt, sind in die Grube des schlechten Benehmens gefallen
und trinken und essen wie unkultivierte Menschen.
  Aber immer noch gibt es unter den Göttern (Viåņu, Brahmā, Rudra usw.),
unter den Stammesoberen (wie Kaåyapa, Nārada, Sanatkumāra), unter den
Dämonen (Hiraïyākåa, Bali, Prahlāda usw.), unter den rākåasas (wie
Vibhīåaïa, Prahasta, Indarajit), unter den nāgas (Takåaka usw.) wie auch in
anderen Reichen einige befreite Wesen. Sogar unter den menschlichen Wesen
gibt es Befreite, obwohl sie extrem selten sind. Es gibt Millionen von Wesen,
aber ein einziger Befreiter ist nur schwer zu finden.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:98
  Die Feinde des Heiligen wie die Gier, die Täuschung usw. sind im Falle des
weisen Menschen, der voller Leidenschaftslosigkeit ist und im Stand des
Höchsten ruht, sehr stark vermindert. Sie geben keinen Anlass mehr für
Frohlocken und Ärger, sie verleiten nicht mehr zum Verwickeln in irgendet-
was oder zum Wegnehmen von etwas. Sie stören andere Menschen nicht
mehr und werden durch andere auch nicht erregt. Die weisen Menschen sind
weder Atheisten noch einer speziellen Glaubensrichtung verpflichtet. Sie
befassen sich nicht mit quälenden Praktiken, auch falls diese von den Schrif-
ten vorgeschrieben werden sollten. Ihr Verhalten und ihre Handlungen sind
von gesundem Menschenverstand und von Süße erfüllt, sie sind sanft und
teilnahmsvoll.
  Sie erfreuen das Herz aller. Sie zeigen den weisen Pfad auf und entschließen
sich spontan und ohne Verzug für das Beste. Sie befassen sich mit allen Arten
von äußeren Handlungen und sind doch innerlich kühl und still. Sie lieben die
Erforschung der Bedeutung der Schriften. Sie wissen, wer wer ist (wer eine
reife oder unreife Person ist). Sie wissen, was anzunehmen und abzulehnen
ist. Ihre Handlungen sind der Situation angemessen.
  Sie vermeiden verbotene Handlungen. Sie erfreuen sich guter Gesellschaft.
Sie verehren mit den Blumen der Weisheit jeden, der ihre Gesellschaft und
ihre Lehren sucht. Sie berauben die Menschen ihrer Sorgen und ihres Kum-



                                     631
mers. Sie sind freundlich und sanft, zerschmettern jedoch die Herrschenden
          dieser Erde, die ungerecht und unterdrückerisch werden, wie ein Erdbeben
          einen Berg zerschmettert. Sie ermutigen die Mutlosen und vergrößern die
          Freude der Freudigen. Sie zügeln das unwissende und törichte Betragen der
          Menschen.
            Für denjenigen, der von Notlagen und mentaler Verwirrung, von Prüfungen
          und Drangsalen aller Art verfolgt wird, sind nur die Heiligen die einzige Zu-
          flucht. Frieden sollte man bei ihnen suchen, nachdem man sie zuvor an den
          oben beschriebenen Merkmalen erkannt hat. Dieser Ozean von saæsāra kann
          ohne die Hilfe der Heiligen nicht überquert werden. Man sollte nicht passiv
          und fatalistisch werden und die Dinge hinnehmen, wie sie geschehen. Auch
          wenn man nicht alle der beschriebenen Qualitäten, sondern nur eine einzige
          von ihnen finden sollte, sollte man immer noch Zuflucht bei einem solchen
          heiligen Manne suchen und sämtliche anderen Mängel, wie man sie bei ihm
          auch immer antreffen mag, übersehen. Man sollte Übung darin erwerben, bei
          anderen sowohl das Gute wie auch die Mängel zu erkennen und dann danach
          streben, die Gesellschaft der Guten und Weisen zu erlangen. Auch wenn eine
          gute Person Mängel haben mag, sollte man ihr dienen und dadurch den gro-
          ßen üblen Neigungen aus dem Wege gehen. Wenn man die üblen Neigungen
          nicht zu überwinden versteht, wird sogar der gute Mensch böse. Das ist, was
          ich beobachtet habe. Es ist in der Tat ein großes Unglück und eine Katastro-
          phe für die gesamte Gesellschaft, wenn ein guter Mensch aufgrund der Um-
          stände bösartig wird.
            So sollte man daher sämtliche anderen Tätigkeiten aufgeben und den Heili-
          gen hingegeben sein. Ein Hindernis dafür existiert nicht. Nur dies allein kann
          einem Menschen das Beste aus beiden Welten gewähren. Von den Heiligen
          sollte man sich nie weit entfernen, denn schon ihre bloße Nähe verheißt ein
          günstiges Schicksal überall.
            RĀMA fragte:
VI.2:99
            Wir menschlichen Wesen verfügen über verschiedene Methoden zur Über-
          windung der Sorgen. Wie steht es mit den Würmern und Fliegen oder den
          Bäumen?
            VASIåèHA erwiderte:
            Alle Wesen ruhen entsprechend ihrer Natur auf die ihnen angemessene
          Weise im Bewusstsein. Auch sie besitzen ihre spezifischen Verlangen und
          Begierden. In unserem Fall stehen der Erfüllung unserer Wünsche nur wenige
          Hindernisse entgegen, während die Schwierigkeiten in ihrem Fall enorm sind.
          So wie die kosmische Person (virāÂ) strebt, so tun es auch die Würmer und
          Fliegen. Ein kleiner Junge droht mit seiner zusammengeballten Faust – wie
          prachtvoll tritt doch die Eitelkeit auf! Im leeren Raum werden Vögel geboren
          und sterben. Sogar eine Ameise muss essen und sich um ihre Familie küm-
          mern. Sogar die winzige Fliege, die durch die Stube huscht, kommt in ihrer
          Würde dem Geier Garu¬a, der hoch oben in der Luft schwebt, gleich. Den



                                              632
Menschen wie den Würmern sind Ideen wie „ich bin dies“, „dies ist mein“
           gemeinsam; mit all den nichtigen Implikationen solcher Ideen.
              So wie wir nach den Mitteln des Lebensunterhalts streben, so streben auch
           die Würmer danach. Auch sie lieben das Leben. Einem Sklaven bedeutet neu-
           es Land nichts – auf dieselbe Weise nehmen auch die Kühe und andere Tiere
           nur wenig Anteil am Zuhause ihres Besitzers. Auch sie haben ihre Vergnügen
           und Leiden, obwohl sie frei vom Empfinden des „mein“ und „dein“ sind. Sogar
           ein Samenkorn oder ein junger Keimling erfahren einen gewissen Schmerz
           (bzw. Gewahrsein), wenn sie von einem Wurm abgebissen werden, so wie ein
           schlafender Mann sich von einem Insekt gestört fühlt. Sowohl Indra (König
           der Götter) als auch der Wurm erfahren dieselbe Anziehung, Abneigung,
           Furcht, Begierde nach Nahrung und Geschlechtlichkeit, Freud und Leid und
           die durch Geburt und Tod verursachte Verwirrung. Der einzige Unterschied
           besteht im Verständnis der Bedeutung von Worten, der Natur der Elemente
           und der Voraussicht auf die künftigen Ereignisse.
              Bäume, die seit jeher wie schlafend sind, wie auch die unbeweglichen Ob-
           jekte wie Felsen usw. existieren in der ungebrochenen Erfahrung des unend-
           lichen Bewusstseins. In ihnen existiert keinerlei Wahrnehmung einer
           Getrenntheit. All dies ist das reine, unendliche Bewusstsein, welches sich für
           schlafend in den Felsen hält, wie es schon in der Schöpfung davor gewesen
           ist. Daher bleibst du, wie du bist, und ich bleibe, wie ich bin. Im Höchsten
           Selbst bzw. Bewusstsein existiert weder Freude noch Leid. Nur die Unwis-
           senheit ist die Ursache all dieser Täuschung. Wird die Täuschung jedoch
           durch Verstehen zerstreut, dann verschwindet alles zuvor Gesehene in ein
           Nicht-Dinghaftes. Sobald die Wahrheit über diesen Welttraum erkannt wurde,
           hört dieser auf. Was wäre dann hier noch wünschenswert oder erstrebens-
           wert? Wenn die Welle ausgerollt ist, ist das Wasser doch nicht zerstört. Wenn
           der Körper zerstört wird, verbleibt das Bewusstsein unverändert.
              Nur die unwissende Person besteht auf ihren Ideen betreffend die Welt und
           erfährt diese dann auch als real. Das rechte Verstehen dieser Wahrheit öffnet
           die Tür zur Selbsterkenntnis. So wie ein Objekt im Spiegel gespiegelt wird, so
           erscheint diese Welt in Brahman. Obwohl die Reflexion im Spiegel zu sein
           scheint, ist sie dort nicht. Auf dieselbe Weise ist die Welt nicht da, obwohl sie
           erscheint. Sie scheint Wirkungen zu erzeugen, obwohl sie selbst irreal ist, so
           wie es für denjenigen, der vom Geschlechtsverkehr träumt, eine Entladung
           von Energie gibt. Nur der unwissende Mensch kann die Frage beantworten,
           weshalb er die Welt für real hält!
              RĀMA fragte:
VI.2:100
              Es gibt Leute, oh Weiser, die dafür halten, dass der Tod unvermeidlich sei
           und man deshalb glücklich leben solle, so lange man lebe, und dass von die-
           sem Körper, der zu Asche verbrannt wird, nichts sonst zurückbliebe. Worin
           besteht der Weg heraus aus diesen Sorgen, die dem saæsāra eigentümlich
           sind?



                                                 633
VASIåèHA erwiderte:
   Woran die innere Intelligenz auch immer fest glaubt, das wird dann auch
von ihr so erfahren, als wäre es offenbar geworden. Bewusstsein ist universal
und unteilbar – es ist eines und es ist gleichzeitig vieles. Bevor das Konzept
der Schöpfung aufgetaucht ist, existierte überhaupt nichts – daher ist nichts
wirklich wahr. Diejenigen sind gewiss unwissend, die nicht diese Realität
erkennen, wie sie in den Schriften dargelegt wird. Für uns sind sie schon so
gut wie tot. Diejenigen dagegen, die realisiert haben, dass all dieses hier rei-
nes Bewusstsein (Brahman) ist, benötigen keine weiteren Instruktionen.
   Was auch immer als real im „Körper“ des Bewusstseins auftaucht, wird
auch als real erfahren. Jeder ist aus dieser Art von Stoff gemacht – ob es da
nun einen realen physischen Körper gibt oder nicht. Wenn einer einwendet,
dass nur die (Sinnes)erfahrungen allein das Bewusstsein seien, dann ist er
mit Sicherheit dem Leiden überantwortet worden, denn er ist dann seine
gesamte Lebenszeit über an die widersprüchlichen Erfahrungen gefesselt.
Wenn einer auf der anderen Seite erkennt, dass diese Welt nur eine Idee ist,
die im Bewusstsein auftaucht, dann hören die Vielfalt bzw. die Widersprüch-
lichkeit und damit auch die widersprüchlichen Erfahrungen auf. So wie
schwebende Staubpartikel den Raum nicht beeinträchtigen, so berühren
Freude und Leid nicht denjenigen, der in der Erkenntnis des einen unteilba-
ren, unendlichen Bewusstseins verankert ist.
   Wir nehmen da keinen Körper oder eine Persönlichkeit oder auch nur einen
jīva wahr – all dies ist nichts als reines Bewusstsein. Welche Idee auch immer
in ihm auftaucht, die wird dann als solche erfahren. Unabhängig davon, ob
das Bewusstsein real oder irreal sei, ist es dieses, welches die Existenz des
Körpers erfährt. Ob man das Bewusstsein nun als real oder irreal betrachtet –
die Person wird dazu und zu nichts anderem. Was dieses Bewusstsein als real
erachtet, ist gewiss real (bzw. das Bewusstsein ist so real wie die Person oder
das Selbst). (Das heißt, dass sogar der Materialist nicht die Existenz der Per-
son leugnet und folglich auch nicht die Existenz von Bewusstsein leugnen
kann.) Diese Doktrin bestätigt die Lehren sämtlicher Schriften.
   Sobald dieses Verständnis umwölkt wird, entstehen die verdrehten Doktri-
nen; wird das Missverständnis dagegen beseitigt, werden die köstlichsten
Früchte geerntet. Aber auch ein unvollkommenen Verständnis beseitigt es
nicht. Falls man meinen sollte, dass dieses rechte Verständnis sogar nach der
Selbsterkenntnis noch umwölkt werden könne, dann bestünde gewiss keiner-
lei Hoffnung auf Loswerden des Kummers. Wird Bewusstsein als real erkannt,
dann wird es für den Weisen zum Zufluchtsort. Wird es als irreal erachtet,
dann wird es leblos wie ein Stein. Wenn dieses unendliche Bewusstsein
„schläft“ (wie dies schon immer geschah), dann taucht die Erfahrung der
Objekte auf und diese Welt tritt ins Dasein. Wer daher diese Welt und die
Sinneserfahrungen allein als real betrachtet, ist leblos und „schlafend“.
   RĀMA fragte:



                                     634
Es gibt diejenigen, oh Weiser, die denken, dass diese grenzenlose Univer-
sum überall und auf allen Seiten existiert. Sie können es nicht als eine Masse
von Bewusstsein sehen. Sie sehen es so, wie man es gewöhnlich sieht, und
können nicht erkennen, dass sich alles darin beständig wandelt und seiner
Zerstörung entgegengeht. Welche Methode müsste im Fall solcher Personen
verfolgt werden, um die mentale Verwirrtheit zu überwinden?
  VASIåèHA erwiderte:
   Vor der Beantwortung dieser Frage sollte man zuvor eine andere stellen:
Empfindet diese Person, dass die Materie als Materie unzerstörbar und der
Körper unsterblich sei? Wenn dies so ist, dann gibt es auch keinen Grund zur
Sorge. Sollte jedoch dieser Körper aus verschiedenen Teilen zusammenge-
setzt sein, dann wird er auch gewiss verderben.
   Wenn einer weiß, dass das Selbst reines Bewusstsein (und nicht der physi-
sche Körper) ist, dann gibt es für ihn, wenn er stirbt, auch kein saæsāra
(Welterscheinung) in seinem Bewusstsein. Sollte das Verständnis einer Per-
son dagegen weniger gut durch Klarheit oder die Schriften gereinigt sein,
dann werden in ihm Stützpunkte für den saæsāra zurückbleiben. Falls die
Person jedoch denkt, dass es so etwas wie Bewusstsein nicht gäbe, dann
erfährt sie einen Zustand der Leblosigkeit. Man mag annehmen, dass nur die
Erfahrung im verkörperten Zustand real seien. Wenn man dann fest in dieser
Überzeugung verharrt, glaubt man, dass der Tod das endgültige Ende aller
Sorgen ist. Jedoch geschieht dies dann nur aufgrund fehlerhafter Erfahrung.
Diejenigen, die an die Nicht-Existenz von Bewusstsein glauben, werden beim
Aufgeben des Körpers zu leblosen Substanzen und versinken daher unver-
meidlich in der undurchdringlichen Finsternis der Unwissenheit. Diejenigen
andererseits, die glauben, dass der Welt eine relative Existenz zukommt (wie
in einem Traum), erfahren diese Weltillusion auch weiterhin.
   Ob man diese Welt nun als eine dauerhafte Realität oder ein wandelhaftes
Phänomen betrachtet – die Erfahrung von Freude und Leid bleibt dieselbe.
Diejenigen, die die Welt für eine sich wandelnde, aber rein materielle Sub-
stanz (ohne Bewusstsein) halten, sind kindisch. Halte dich von ihnen fern!
Diejenigen, die erkennen, dass die Körper im Bewusstsein existieren, sind
weise – wir grüßen sie! Diejenigen, die im Körper etwas Intelligentes sehen
wollen, sind unwissend.
   Reines Bewusstsein ist es in Wahrheit, das den jīva als den Körper hat, wel-
ches sich in diesem kosmischen Raum hin und her bewegt. Was auch immer
der jīva innerhalb von sich selbst denkt, das erfährt er dann auch. So wie
Wolken verschiedene Gestaltungen am Himmel hervorrufen und Wellen auf
der Oberfläche des Meeres auftauchen, so erscheinen diese Welten im unend-
lichen Bewusstsein. Die Traumstadt ist nur das Gemüt des Träumers und
benötigt nicht einmal die zusammenwirkenden Ursachen (wie Baumaterial),
um errichtet werden zu können. Ebenso ist auch das Universum gestaltet – es
ist reines Bewusstsein und nichts anderes. Diejenigen, die dies zu erkennen
vermögen, werden frei von der Täuschung, von der Anhaftung (Abhängigkeit)


                                     635
und von mentaler Störung, während sie fortfahren, spontan die im Strom des
           Lebens unvermeidlich entstehenden verschiedenen Situationen mit ange-
           messenen Handlungen zu beantworten.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:101
             Jeder ist immer nur reines Bewusstsein und nichts anderes. Was könnte es
           wohl noch außer diesem Bewusstsein geben? Wenn doch Bewusstsein allein
           existiert – was gäbe es dann noch zu gewinnen und zu verlieren? Wenn es
           nichts anderes gibt, dann werden rāga (Anziehung oder Zuneigung) und
           dveåa (Abweisung oder Abneigung) gleichermaßen bedeutungslos.
             Bewusstsein allein ist diese menschlichen Wesen, Götter, nāga (Bewohner
           der Unterwelt), Berge und sich bewegenden Objekte. Ich bin reines Bewusst-
           sein – und das bist du auch. Wir werden im Verlaufe der Zeit sterben, aber
           Bewusstsein wird niemals sterben. Bewusstsein hat kein Objekt für sich
           selbst, dessen es gewahr werden könnte – alles Reden über Einheit und Viel-
           falt ist daher bedeutungslos.
             Sogar die Materialisten (diejenigen, die an die Realität der physischen Welt
           glauben) zollen diesem Bewusstsein ihren Tribut, indem sie nicht das Selbst
           verleugnen, die Intelligenz bzw. das Bewusstsein, welches sie denken und
           sagen lässt, was sie denken und sagen. Dieses Bewusstsein wird von einigen
           Brahman genannt und jñānaæ (Selbsterkenntnis), ÓÆnya (Leere), die Macht
           der Illusion, puruåa (das Selbst), cidākāÓa (Raum oder Feld des Bewusst-
           seins), Śiva, Selbst (ātman) usw. von anderen. Alle diese Beschreibungen sind
           Bewusstsein, da es Bewusstsein allein ist, das sich selbst so nennt (d.h., die
           Intelligenz in den verschiedenen Personen, die unterschiedliche Sichtweisen
           vertreten).
             Mögen meine Glieder entweder pulverisiert oder so machtvoll wie der Berg
           Meru werden! Was ist verloren und was ist gewonnen (was hat zugenom-
           men), indem ich erkenne, dass ich reines Bewusstsein bin? Mein Großvater
           und andere sind tot, aber Bewusstsein ist nicht tot. Bewusstsein ist ungebo-
           ren und stirbt nicht. Es ist wie Raum. Wie könnte der Himmel sterben? So wie
           die Welt durch die Finsternis der Nacht aus der Sicht verschwindet (zerstört
           wird) und erneut bei Anbruch der Dämmerung gesehen (erschaffen) wird, so
           sind auch Geburt und Tod. Man sollte den Tod daher als ein freudevolles
           Ereignis betrachten, denn man wandert nun von einem Körper in einen ande-
           ren. Nur Toren trauern bei solchen freudigen Ereignissen. Auch falls du glau-
           ben solltest, dass du nicht wieder in einem anderem Körper geboren werden
           wirst, gibt es keinen Grund zur Trauer, denn der Tod setzt der Krankheit von
           Geburt und Tod ein Ende. Daher frohlockt oder trauert der weise Mensch
           weder im Leben noch im Tode. Auch wenn jemand aufgrund seiner bösen
           Taten den Tod fürchten sollte, ist dies unbegründet, denn dann wird diese
           Person in der nächsten Welt so wie in dieser leiden müssen. Weshalb jam-
           merst du dann: „Oh weh, ich sterbe, ich sterbe, ich sterbe!“, anstatt aus Freude
           auszurufen: „Ich werde sein, ich werde sein, ich werde sein!“? Sogar dies sind
           nur bedeutungslose Worte, wenn du realisierst, dass nur unendliches Be-


                                                636
wusstsein allein existiert. Raum existiert im Raum. Was ist die Bedeutung von
Worten wie „Geburt“ und „Tod“? Wisse, dass du reines Bewusstsein bist und
iss, trink und lebe ohne den Sinn von „ich“ und „mein“. Du bist wie der Him-
mel. Wie können denn in dir Begierden auftauchen? Der weise Mensch er-
freut sich dessen, was rein ist und ungesucht zu ihm kommt, wie es im Fluss
des Lebens angetrieben wird. Sollten im Fluss des Lebens oder durch die
Umstände unreine Dinge an ihn herantreten, dann sorgt sich der weise
Mensch wie im tiefen Schlaf nicht um sie.
  RĀMA fragte:
                                                                                     VI.2:102
  Wozu wird einer, der die höchste Wahrheit realisiert hat?
  VASIåèHA erwiderte:
  Für eine solche Person werden sogar die Steine zu Freunden und die Bäume
in den Wäldern zu Verwandten, und wenn er in der Mitte der Wälder leben
sollte, dann werden die Tiere zu seiner Familie. Ein Königreich ist in seinen
Augen wertlos, Notlagen werden für ihn zu großen Glücksfällen. Auch wenn
er in einem Königreich lebt, frohlockt er (feiert er) über seine Missgeschicke.
Disharmonie wird zu Harmonie, Sorge zu großer Freude, und auch falls er mit
intensiver Tätigkeit befasst sein sollte, erfährt er nichts als eine tiefe Stille.
Wachend befindet er sich wie in tiefem Schlaf, lebend ist er bereits so gut wie
tot. Er tut alles und tut in Wahrheit überhaupt nichts. Er genießt, ohne das
Vergnügen zu schmecken. Er ist der teure Freund aller. Er ist frei vom Bedau-
ern für andere, aber voller Mitgefühl. Frei vom Wollen sieht er für andere wie
jemand aus, der etwas will. Er ist nur noch an der rechtschaffenen Ausfüh-
rung seiner Handlungen interessiert.
  In den entsprechenden Situationen sieht er glücklich oder unglücklich aus.
Er lebt, was natürlich ist, und spielt in diesem Drama des Lebens die ihm
zukommende Rolle. Er trauert mit den Trauernden und frohlockt mit den
Glücklichen, ohne in seinem Herzen befleckt zu werden.
  RĀMA fragte:
  Es gibt jedoch einige schlaue, aber unwissende Menschen, die anderen vor-
zuspiegeln vermögen, ebenfalls in diesem Zustand zu leben (indem sie
Keuschheit wie ein Pferd beobachten, ohne aber den wahren Geist dazu zu
haben). Wie kann man das Wahre vom Falschen unterscheiden?
  VASIåèHA erwiderte:
  Ob es nun wahr oder falsch sei – gepriesen werden muss eine solche Natur
in jedem Fall. Die wahrhaft Weisen leben so, als hätten sie wie andere Begier-
den. Sie lachen mit dem Narren, sind aber selbst weise. Niemand vermag
ihren inneren Frieden und ihren erleuchteten Zustand zu erkennen. Nur die
Weisen erkennen Weise. Der wahre Mensch der Weisheit stellt seine Weisheit
weder zur Schau noch ist er begierig darauf, die Bewunderung der Menge zu
erlangen. Die Menge stellt in den Augen des Weisen eine Störung dar. „Ich
wünsche mir, dass alle meine Großartigkeit erkennen mögen, damit man



                                      637
mich verehrt“ – solche Gedanken tauchen in den Köpfen der eitlen Menschen
           auf, nicht aber in den Weisen.
             Kräfte wie Levitation usw. werden sogar von unwissenden Menschen durch
           Mantras, Drogen usw. erworben. Wer sich entsprechend schult, vermag diese
           Kräfte auch zu erlangen, unabhängig davon, ob er nun erleuchtet ist oder
           nicht. Es ist das Ego, welches Anstrengungen unternimmt und Kräfte erwirbt.
           Diese Kräfte verstärken dann die vāsanās bzw. die mentale Konditionierung.
           Der Erleuchtete jedoch ist an diesen Dingen nicht interessiert. Er erachtet die
           Welt als weniger als einen Grashalm. Der Erleuchtete lebt ein nicht-
           willentliches Leben, indem er sich auf spontane Weise mit der angemessenen
           Handlung befasst. Sogar die himmlischen Lustgärten verschaffen einem nicht
           das Glück, wie es die Weisheit des erleuchteten Menschen verschafft. Der
           Weise betrachtet Hitze und Kälte, wie sie seinen Körper treffen, so, als wür-
           den sie jemand anderes passieren. Er lebt nur für das Wohl anderer mit ei-
           nem Herzen erfüllt von Mitgefühl für alle Wesen. Er mag in einer Höhle, einer
           Einsiedelei oder einem Palast leben oder ständig auf Wanderschaft sein. Er
           mag ein Lehrer oder ein Schüler sein. Er mag über psychische Kräfte verfügen
           oder für immer in samÃdhi versunken sein.
            VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:103
             Nur das unendliche Bewusstsein leuchtet als diese Welterscheinung. Wie
           könnte es jemals verderben? Da ist keine Möglichkeit für die Existenz von
           etwas anderem als Bewusstsein. Wenn der Körper verdirbt, verdirbt doch
           nicht das Bewusstsein. Falls man sagen wollte, dass das Bewusstsein zusam-
           men mit dem Körper aufhöre, dann wäre dies nur Anlass zur Freude, weil
           damit auch dieser saæsāra und der Kummer aufhörte! Sagt man dagegen,
           dass dieses Bewusstsein so lange wie der Körper existiere, dann könnte man
           nicht erklären, weshalb denn der tote Körper nicht mehr bewusst ist. Alle
           diese Argumente sind daher ungültig. Das unendliche Bewusstsein allein ist
           real – was immer auch dieses zu erfahren wünscht, erfährt es als seiend, da es
           für die Realisation von Ideen keinerlei Hindernis gibt. Die Welt wurde nie-
           mals erschaffen – was ist, IST nur das unendliche Bewusstsein.
             Es ist dieses Bewusstsein, welches seine unendlichen Möglichkeiten zu er-
           fahren wünscht. Es kennt sich selbst, indem es seiner selbst gewahr ist; es ist
           unwissend seiner selbst, indem es seiner selbst nicht gewahr ist. Folglich sind
           sogar Erkenntnis und Unwissenheit reines Bewusstsein und in Wahrheit gibt
           es da keinerlei Getrenntheit. Man sollte sich deshalb ernsthaft mit der Reali-
           sation des Selbst befassen, denn die Selbsterkenntnis schenkt einem das
           Beste aus beiden Welten.
             Gib alle Arten mentaler Erregung auf und widme jeden Augenblick deines
           Lebens dem Studium und der Ergründung dieser Schrift. Gewiss erlangt
           einer, wonach er strebt – wer dies vernachlässigt, wird es ebenso gewiss
           verlieren. Das Gemüt fließt in Richtung der Weisheit oder der Unwissenheit –
           je nachdem, wie es gelenkt wird. Außer mit Hilfe dieser Schrift kann niemand
           das Gute erlangen – jetzt nicht und nicht in Zukunft. Für die vollkommene


                                                638
Verwirklichung dieser höchsten Wahrheit sollte man daher eifrig und nach-
drücklich nur diese Schrift studieren. Diese Schrift tut dir mehr Gutes an als
dein Vater oder deine Mutter und alle deine Freunde zusammengenommen.
  Die schreckliche Krankheit namens saæsāra bzw. Bindung an die weltliche
Existenz wird durch keine andere Medizin als die Selbsterkenntnis geheilt. Es
ist eine große Schande, dass du deine Zeit verschwendest und tatenlos die
Stunde deines Todes erwartest. Törichte Menschen, die dem Wohlstand und
dem Ruhm hinterher rennen, vertrödeln ihr Leben damit, diese Dinge zu
erlangen und zu bewahren. Weshalb verbringen sie ihre Lebenszeit nicht
besser damit, die Schriften zu ergründen und Unsterblichkeit zu erlangen? Es
geschieht durch die Selbsterkenntnis, dass einer das Unglück vernichtet und
die Missgeschicke mit ihren Wurzeln ausreisst.
  Es geschieht zu deinem Besten, dass ich Tag und Nacht laut klage und die
Wahrheit verkünde. Höre dies an und realisiere das Selbst mit der Hilfe des
Selbst. Wenn du es nicht jetzt schaffst, dir diese schauerliche Krankheit vom
Hals zu schaffen – was willst du dann erst nach dem Tode tun? Da ist keine
andere Schrift wie diese, die dir beim Erlangen der Selbsterkenntnis helfen
könnte. Lass sie scheinen wie eine Lampe, lass sie dich erwecken und unter-
weisen wie ein Vater und lass sie dir wie eine Frau die Freude zutragen. In
dieser Schrift ist nichts Neues enthalten. Die Wahrheit wird in ihr jedoch auf
angenehme Weise in der Form einer Anzahl von Geschichten dargelegt. In
dieser Schrift besteht das Entscheidende nur in dieser Darlegung der Wahr-
heit – derjenige ist nicht wichtig, der diese Wahrheit verkündet oder die
Schrift selbst verfasst hat.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Man sollte sich nicht mit denjenigen gemein machen, die diese Schrift auf-
grund von Unwissenheit oder Torheit bekritteln und herabsetzen. Ich weiß,
was ich bin, und ich weiß, wer ihr alle seid. Ich bin nichts als euer eigenes
Bewusstsein, das hier sitzt, um euch zu unterweisen. Weder bin ich ein
Mensch noch ein Himmelsbewohner noch ein Gott. Ich bin hier als die Frucht
eurer Verdienste. Tatsächlich bin ich weder dies noch das andere.
  Hier in dieser Welt sollte man das passende Heilmittel für diese als saæsāra
(Weltillusion) bekannte Krankheit finden. Solange einer nicht das Desinteres-
se an der objektiven und materiellen Existenz dieser Welt kultiviert, kann der
Glaube an bzw. die Idee von ihrer Existenz nicht geschwächt werden. Ein
anderes Mittel, das Selbst von der Unreinheit der Selbstbegrenzung zu befrei-
en, gibt es nicht. Der einzige Weg besteht in der Schwächung der vāsanā
(Selbstbegrenzung bzw. Konditionierung bzw. der Idee von der Existenz der
Welt). Sollte ein solches Objekt existieren, dann wäre die Idee von seiner
Existenz nur natürlich, aber im Lichte der Ergründung existiert das Objekt
nur noch scheinbar, aber nicht mehr wirklich.
  Die scheinbare Existenz der Welt hat keinerlei reale Ursache – wie könnte
wohl die Wirkung von etwas Unwirklichem anders als unwirklich sein? Wie



                                    639
könnte eine nicht-materielle (spirituelle) Ursache wohl eine materielle Wir-
kung hervorbringen? Wie könnte in reinem Bewusstsein Materie auftauchen
und dabei mehr sein als nur der im Angesicht der Sonne existierende Schat-
ten? Es ist nicht zulässig zu behaupten, dass die Welt eine reine und zufällige
Zusammensetzung von Atomen sei, denn diese sind tatsächlich nur tote Sub-
stanzen. Die Weltschöpfung ist das Ergebnis der Unwissenheit, denn weshalb
– gesetzt den Fall, sie wäre das Resultat intelligenten Handelns – sollte sich
ein intelligentes Wesen wie irrsinnig mit solch nichtiger Tätigkeit befassen?
Daher ist klar, dass die Welt eine Erscheinung, aber keine reale Existenz ist.
Wir scheinen alle in reiner Leerheit zu existieren – wie die Objekte in einem
Traum. Die Welt ist nichts als reines Bewusstsein – einen Unterschied zwi-
schen beiden gibt es nicht; das Eine wird wie „Luft“ und „Bewegung im Raum“
einfach nur auf zwei verschiedene Arten ausgedrückt. Das unendliche Be-
wusstsein plus Erscheinung wird die Welt genannt; die Welt minus ihrer
Gestalt (Erscheinung) ist das unendliche Bewusstsein (Erscheinung ist illuso-
risch und Illusion existiert als solche nicht). So wie Bewusstsein einen Traum
im Träumer hervorbringt, so erzeugt es im Wachzustand die Welt – beide
sind aus demselben Stoff gebildet. Wo sollte dann wohl die Realität von Kör-
pern wie auch nur wie desjenigen von Brahmā dem Schöpfer sein? Dieser
entsteht vielmehr im Bewusstsein als das allererste Traumobjekt.
  Brahman allein existiert und noch nicht einmal die kosmische Person. Je-
doch wird all dieses über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg als real er-
fahren. Jedoch bleibt das Irreale irreal, auch wenn alle es wie lange auch
immer erfahren haben mögen. Vom Schöpfer Brahmā bis hinter zu einer
Säule sind die Erscheinungsformen der Materialität so unwirklich wie die in
einem Traum gesehenen Objekte. Diese Objekte besitzen den Anschein einer
Form so wie die Objekte in einem Traum den Anschein einer Form haben.
Sage mir daher bitte, was dann die Materialität der Objekte sein sollte und
was die Objekte dieser Welterscheinung sind? Wo sind sie? Was sind sie? Was
ist Einheit? Was ist Vielfalt? Was bin ich? Was sind diese Ideen bezüglich der
Objekte der Existenz? Was sind diese Ideen und vāsanās bzw. die Selbstbe-
grenzung oder die psychologische Konditionierung, die für das Fortdauern
der Weltexistenz verantwortlich sind? Wo befinden sie sich? Sie sind nicht!
Realisiere dies und ruhe dann im Zustand von nirvāïa.
 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:104,
  Es ist die subtile Klangschwingung, die den Raum konstituiert, und es ist          105
die subtile Berührungsschwingung, die die Luft konstituiert. Ihre Reibung
erzeugt Hitze bzw. das Feuerelement. Wenn das Feuer unterliegt, gibt es
Wasser. Kommen alle diese zusammen, dann entsteht die Erde. Alles dieses
bleibt jedoch ein Spiel simpler Schwingungen, die formlos sind. Wie entsteht
denn die Form? Nachdem man darüber eine beträchtliche Zeit nachgedacht
hat, kommt man zu dem Ergebnis, dass es das Bewusstsein ist, welches die
Formen entstehen lässt. Weshalb diese Wahrheit nicht gleich von Anfang
verstehen und annehmen? Weder die groben Elemente noch die Formen



                                     640
existieren in Wirklichkeit – sie tauchen so auf, wie sie auch im Traum auftau-
           chen. So wie Formen in Träumen erscheinen, so erscheinen sie auch im
           Wachzustand. Wird dieses realisiert, dann gibt es da Befreiung. Ob der Kör-
           per nun fortfährt oder aufhört zu existieren – Kummer gibt es dann nicht
           länger.
             Weder im Wachzustand noch im Traum gibt es eine wirkliche Welt. Be-
           wusstsein erfährt sich selbst als solches und diese Erfahrung ist es dann, die
           als Welt bezeichnet wird. So wie die in einem Traum gesehene Welt „nichts“
           ist, so ist die im Wachzustand gesehene Welt „nichts“. So wie die Traumerfah-
           rungen eines Mannes der neben ihm schlafenden Person unbekannt sind, so
           ist die Erfahrung des Menschen dieser Welt unbekannt für andere.
             Im Traum scheint die unfruchtbare Frau einen Sohn zu haben – im Wachen
           dann scheint das Unmögliche Wirklichkeit geworden zu sein. Das Unwirkli-
           che erscheint als wirklich. Etwas, was noch nie wirklich erfahren wurde,
           erscheint wie eine reale Erfahrung – so wie man sein eigenes Begräbnis im
           Traum erfährt. Wenn einer davon träumt, in eine Grube zu fallen, dann wird
           sein Bett zu eben dieser Grube. Im blendenden Licht sieht man überhaupt
           nichts (es ist dasselbe wie Dunkelheit).
             Der Träumer stirbt im Traum und verlässt seine Anverwandten. Wacht er
           dann auf, ist er frei vom Traumleben und -tod. Auf dieselbe Weise stirbt man
           hier, nachdem man eine lange Zeit Freude und Leid erfahren hat. Der Träu-
           mer erwacht und macht nun eine neue Traumerfahrung, die man die Welt
           nennt. Nachdem er dann diese Welt erfahren hat, wandert er wieder zu einer
           anderen. Während des Träumens erkennt der Träumer nicht, dass der frühe-
           re Traum unwirklich (geträumt) war. Auf dieselbe Weise erinnert man sich
           nicht an sein früheres Leben, sondern hält nur das gegenwärtige Leben für
           wirklich. Vom Träumer sagt man, dass er „erwache“, wenn sein Schlaf beendet
           ist. Auf dieselbe Weise wacht die Person, die in dieser Welt lebt und stirbt, an
           einem anderen Ort wieder auf. Die Unterscheidung zwischen Traum und
           Wachen ist folglich rein willkürlich und akademisch. Beide wurzeln in der
           alleinigen Wirklichkeit des unendlichen Bewusstseins.
             Alle die bewegten und unbewegten Dinge sind nichts als reines Bewusst-
           sein. Sobald in ihm die illusorische Idee der Getrenntheit auftaucht, wird das
           Bewusstsein als Welt gekannt. Ein Topf ist nichts als Ton – in der Abwesen-
           heit von Ton gibt es keinen Topf. Sämtliche Objekte sind reines Bewusstsein –
           falls Bewusstsein abwesend ist, wird auch nichts wahrgenommen. Wasser ist
           flüssig – minus seiner Eigenschaft des Flüssigseins ist da kein Wasser (was
           sollte dehydriertes Wasser sein?). Ebenso verhält es sich auch mit dem Be-
           wusstsein. Alles hier ist reines Bewusstsein – minus reines Bewusstsein ist
           nichts.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:106    Aus Gründen der Zweckmäßigkeit wurden ein und demselben Ding zwei
           Namen gegeben – die beiden (Wachen und Träumen) sind ein und dasselbe,



                                                641
wie zwei Wassergläser. Was beiden gemeinsam ist, ist ihr gemeinsames Sub-
strat, nämlich reines Bewusstsein.
  Die Haltung oder die Natur eines Baumes, der sich durch seine Wurzeln er-
nährt und dadurch existiert, besteht aus reinem Bewusstsein. Auf ähnliche
Weise gibt es, sobald man seine Wünsche beiseitegelegt hat und sich das
Gemüt in vollkommenem Frieden befindet, als Ergebnis reines Bewusstsein.
Bei einem gesunden Mann, dessen Gemüt frei von objektiven Wahrnehmun-
gen ist und den der Schlaf noch nicht überwältigt hat, ist das Ergebnis reines
Bewusstsein. Die Natur, die in Gras und Kriechgewächsen existiert, die in den
natürlichen Wachstumsperioden heranwachsen, ohne dabei ein Empfinden
von „mein“ zu hegen, besteht in reinem Bewusstsein. Die Natur desjenigen,
der frei von Konzepten und Verstandesgebilden, aber nicht tot ist, und dessen
Wesen klar und rein wie der Winterhimmel ist, ist reines Bewusstsein. Das
reine Wesen von Holz und Stein, die sich seit ihrer Erschaffung nicht verän-
dert haben, ist wie auch das Gemüt reiner Wesen reines Bewusstsein. Das ist
reines Bewusstsein (cidākāÁa), in dem sämtliche Dinge existieren, aus dem
heraus sie auftauchen, welches alles ist und welches alles in allem ist.
   Sobald der Schlaf aufgehört hat, kommt die Welterscheinung zum Vor-
schein; hört diese auf, dann ist da reines Bewusstsein (cidaæbaraæ). Das
„nichts“, welches verbleibt, nachdem alles als „nicht dies, nicht dies“ negiert
wurde, ist reines Bewusstsein (cidaæbaraæ). Das gesamte Universum ist
nichts als reines Bewusstsein, wie es war und immer sein wird. Auch wenn es
da Konzepte und Wahrnehmungen von Formen und Ideen geben sollte, so
existiert als einziges doch immer nur Bewusstsein.
  Wisse dies und sei frei von der Konditionierung, während du die Objekte
der Sinne gewahrst, so wie ein schlafender Mann innerlich „wach“ ist. Indem
du innerlich so still wie ein Felsen bist, sprich, geh, trink und nimm. Diese
Welt ist niemals erschaffen worden, denn sie hat keinerlei Ursache, und keine
Wirkung kann ohne Ursache erscheinen. Bewusstsein bleibt daher nichts als
Bewusstsein, ohne den geringsten Wandel. Sobald seine Erfahrung seiner
eigenen unendlichen Möglichkeiten sich fortsetzt, erscheint sie als diese Welt.
Daher wurde diese objektive Welt niemals erschaffen; sie existiert nicht und
wird auch niemals ins Dasein treten. Sie wird ferner auch niemals verderben,
denn wie könnte wohl Nichtsein verderben? Was hier als seiend erscheint, ist
nichts als die Reflexion des Bewusstseins innerhalb von sich selbst. Da es
jedoch keinerlei Dualität in Wahrheit gibt, gibt es auch weder eine Reflexion
noch eine Erscheinung. Wer weiß denn schon, ob das, „was ist“, real oder
irreal ist?! Wer weiß denn schon, weshalb und wie ein Mann träumt oder was
seine Träume wirklich sind mit der Ausnahme, dass sie sein eigenes Bewusst-
sein sind? Der Schöpfer und alle diese Dinge sind nichts als reines Bewusst-
sein. Sobald dies erkannt wurde, wird es als Brahman gekannt; wird es dage-
gen nicht realisiert, dann nennt man es Illusion, Māyā, Unwissenheit und die
Welt. Es ist nur dieses Bewusstsein, welches sich selbst kennt als „ich bin
dieser Berg“, „ich bin Rudra“, „ich bin der Ozean“ und „ich bin diese kosmische



                                     642
Person“; wie ein Mensch, der träumend glaubt, dass all dieses wirklich in
seinem Traum existiert. Alle externen Objekte werden im Spiegel des einen
Bewusstseins reflektiert, welches im Zuge der Ergründung unverzüglich
erkannt wird. Sobald es auf diese Weise ergründet wurde, wird die Natur der
Objekte als reines Bewusstsein realisiert.

                                      ***


Die Geschichte von VipaÁcit

 VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:107,
  Das gesamte Universum ist reines Bewusstsein, jedoch als ein Objekt nur              108
eine leblose Erscheinung. Daher ist alles, obwohl es lebt, wie tot. Auf diese
Weise sind auch du und ich wie tot, obwohl wir leben. Befassen wir uns mit
der der Situation angemessenen Handlung, indem wir in der Welt die Idee
der Welt und die Ich-Du-Idee in uns selbst aufgeben. Weshalb? Weshalb
taucht diese Welterscheinung überhaupt auf? Einen Grund dafür gibt es
ebensowenig wie es im Spiel der Kinder einen Grund oder eine Motivation
gibt. Man sollte daher seine Lebenszeit nicht mit der nutzlosen Suche nach
Wissen betreffend die Materie und das Gemüt verschwenden, denn wer auf
der Suche nach Gold ist, muss dazu nicht den Himmel putzen!
  Höre dir nun die folgende Geschichte an: In diesem Universum auf einem
Kontinent namens JambÆdvīpa (Rosenapfel) gab es eine berühmte Stadt
namens Tatam, die von dem König VipaÁcit (wörtl.: weise, gebildet) regiert
wurde. Sein Glanz war unbeschreiblich. Sogar die Hofpoeten hatten ihre
sämtlichen Tugenden erschöpft, ohne jedoch die Beschreibung seiner Tugen-
den erschöpfen zu können. Sie liebten und genossen seine Gesellschaft. Der
König wiederum war ihnen herzlich zugetan und gab ihnen täglich großzügi-
ge Geschenke. Er verehrte die brāhmaņas (die Priester) wie auch das Feuer,
dem er täglich hingabevoll huldigte.
  Er hatte vier Minister, die sein Königreich eifersüchtig an allen seinen vier
Ecken bewachten. Aufgrund ihrer Weisheit und ihrer Tapferkeit war der
König siegreich und unüberwindlich. Eines Tages besuchte ihn ein weiser
Mann aus dem Osten. Er gebrauchte gegenüber dem König harsche und un-
freundliche Worte.
  Er sprach: „Oh König, du hast dich selbst mit Händen und Füßen an diese
Erde gefesselt. Höre nun, was ich dir zu sagen haben und entscheide dann,
was zu tun ist. Dein Minister, der die östliche Seite deiner Stadt beschützt, ist
tot. Derjenige, der die südliche bewacht, strebte danach, auch die östliche
Seite zu beherrschen, wurde jedoch vom Feind überwältigt. Auch er ist tot.
Als der die westliche Seite bewachende Minister zur südlichen Seite eilte,
wurde er vom Feind abgefangen und getötet.“


                                      643
Während er so sprach, eilte ein anderer Mann in den Palast und kündigte
            an, dass der den Norden bewachende Minister am Palasttor sei. Der König
            alarmierte seine Armee und forderte dazu auf, den Minister hereinzubringen.
            Der Minister trat ein und grüße den König. Er sah mitgenommen aus und sein
            Atem ging mühsam. Aufgrund seiner Schwäche hatte der Feind ihn überwäl-
            tigen können. Er sagte zum König: „Oh Herr, alle anderen drei Minister sind in
            die Welt der Toten gegangen, um dieses Reich für dich zu erobern. Nur noch
            du vermagst jetzt den Feind niederzustrecken.“
              In der Zwischenzeit hatte noch ein Mann die königliche Gegenwart aufge-
            sucht und berichtete: „Herr, die Stadt ist vollständig vom Gegner eingekreist
            worden. Überall zeigen sie ihre Waffen. Sie sind wie Dämonen äußerst mäch-
            tig. Ihre Rüstungen glänzen so stark wie Euer eigener Glanz. Ihre Armeen
            sind in perfekter Schlachtordnung aufgereiht. Sie sind wütend und ihre
            Schlachtrufe erklingen schreckenerregend. Der Befehlshaber dieser Armee
            hat mich geschickt, um dir diese Neuigkeiten zu berichten. Tue nun, was zu
            tun ist.“
              Nachdem er diese Nachricht überbracht hatte, ging der Mann fort. In der
            Armee des Königs bereiteten sich nun alle durch Erheben ihrer Arme und
            ihrer Waffen auf die Schlacht vor.
              VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:109,
   110        In der Zwischenzeit hatten sich sämtliche Minister um den König versam-
            melt. Sie rieten ihm wie folgt: „Herr, wir haben die Lage betreffend unseren
            Feind gründlich untersucht. Wir sind zu der Schlussfolgerung gelangt, dass in
            diesem Fall die üblichen drei friedlichen Wege zur Verhandlung mit dem
            Feind unangebracht sind und nur noch der vierte Weg – Bestrafung oder
            Kampf – übrig bleibt. Wir haben bisher weder Freundschaft noch Bündnis mit
            diesen Feinden gesucht und daher sind auch diese Wege versperrt. Feinde,
            die man in eine der folgenden Gruppen einreihen muss, sind für friedliche
            Verhandlungen nicht zugänglich: Sünder, Barbaren, Ausländer, diejenigen, die
            stark in ihren eigenen Reihen sind wie auch diejenigen, die unsere Schwä-
            chen sehr gut kennen. Lasst uns daher nicht säumen! Befehlt die Generalmo-
            bilmachung und die Vorbereitung eines großen Krieges.“
              Der König erteilte die nötigen Befehle und sandte die Minister auf das
            Schlachtfeld, nachdem er ihnen mitgeteilt hatte, dass er nach der üblichen
            Verehrung des heiligen Feuers zu ihnen stoßen werde. Dann nahm er sein
            Bad und näherte sich dem heiligen Feuer, um ihm zu huldigen. Er betete: „Oh
            Herr, bisher habe ich alle meine Feinde mühelos bezwungen und dieses sich
            weithin erstreckende Reich durch Ausübung meiner Hoheit über viele Inseln
            und Kontinente regiert. Ich befehle über viele Menschen einschließlich der
            Dämonen. Jetzt jedoch bin ich alt geworden. Meine Feinde halten daher die-
            sen Zeitpunkt für günstig, um in mein Gebiet einzudringen. Herr, so wie ich
            bisher diesem heiligen Feuer seine verschiedenen Opfergaben habe zukom-
            men lassen, so biete ich heute meinen eigenen Kopf als Opfergabe an. Ich bete



                                                644
darum, dass diesem Feuer vier mächtige Wesen wie die vier Arme von Lord
Nārāyana entsteigen mögen!“
  Nachdem der König so gesprochen hatte, schnitt er mit äußerster Unbe-
kümmertheit seinen eigenen Kopf ab, der zusammen mit dem Rest des Kör-
pers ins Feuer stürzte. Aus diesem Feuer tauchte dann der König als vier
strahlende Krieger, ausgestattet mit außergewöhnlichem Glanz und Kampf-
kraft sowie den besten und machtvollsten Waffen aller Art, wieder auf. Es war
unbestreitbar, dass diese Krieger durch keine wie auch immer geartete geg-
nerische Kriegswaffe, seien dies nun Raketen, Mantras, Drogen usw., besiegt
werden konnten.
  Zur selben Zeit rückten die gegnerischen Kräfte weiter vor. Es entbrannte
eine schreckliche Schlacht. Der Himmel war mit Rauch und Raketen bedeckt.
Schwerter glitzerten und Revolver feuerten unablässig – der Anblick war
schauerlich. Es entstanden Ströme von Blut, in denen sogar die Kriegselefan-
ten hinuntertrieben. Ab und zu kollidierten zwei Raketen in der Luft und
tauchten den Himmel in das blendende Licht ihrer Explosionen. Im Herzen
und Gemüt aller Krieger gab es nur einen einzigen Gedanken: „Ich muss den
Feind vernichten oder er wird mich vernichten.“ Der Krieg ließ auch die guten
und edlen Qualitäten in den Menschen zum Vorschein kommen, die bis dahin
unsichtbar gewesen waren. Auf der anderen Seite geschahen aber auch viele
wüste Greueltaten. Immer wieder töten Krieger sogar Flüchtlinge und plün-
derten, wo und was immer sie konnten.
  Die Menschen, die nicht auf dem Schlachtfeld kämpften (die Nicht-
Kombattanten), flohen von dem Ort. Das Schlachtfeld war erfüllt von Krie-
gern, für die alle Unterschiede zwischen Leben und Tod aufgehört hatten.
  VASIåèHA fuhr fort:                                                           VI.2:111,
                                                                                   112
  Der König mit seinen vier Gestalten bewegte sich in die vier Richtungen des
Schlachtfeldes. Er erkannte, dass seine Armee gegenüber der gut vorbereite-
ten und gut ausgestatteten Armee des Feindes unterlegen war. Er dachte
nach: „Der Weise Agastya trank den Ozean aus. Ich werde nun ein weiterer
Agastya werden und diesen Ozean aus feindlichen Kräften trockenlegen.“ Er
dachte an die Waffe der Windrakete, die daraufhin unverzüglich in seine
Hände gelangte. Er grüßte noch ein letztes Mal und schickte ein Gebet für
seine Untertanen zum Himmel. Dann sandte er die Windrakete in Richtung
der gegnerischen Kräfte. Sofort gab es überall fliegende Massen von Raketen
und Waffen. Die Winde, die nun bliesen, ähnelten den Winden der kosmi-
schen Auflösung. Schon sehr bald und unvermeidlich waren die Feindkräfte
durch die Macht der Rakete auf ein Nichts reduziert worden. Die Windrakete
verursachte außerdem strömenden Regen, brausende Windböen und dichte,
finstere Wolken.
  Die verschiedenen Abteilungen der feindlichen Armee flohen in verschie-
dene Richtungen. Die Cedi-Armee (aus dem Land der Perlen und Schlangen)
floh in eine südliche Richtung. Die Pārsis verdarben alle in einem Wald na-



                                    645
mens VaÇjula. Die Soldaten von Darada versteckten sich in Höhlen. Die Krie-
            ger von Daåārïa, die sich in einen nahegelegenen Wald geflüchtet hatten,
            wurden darin von Löwen getötet. Die Krieger des Áaka-Territoriums fürchte-
            ten sich sehr vor den eisernen Raketen und rannten vor Furcht zitternd da-
            von. Die Kräfte von TuÇgaïa (deren Farbe golden war) wurden von Räubern
            ihrer Kleider beraubt und schließlich von Dämonen aufgefressen.
              Die Überlebenden der feindlichen Streitkräfte verbargen sich in den Bergen
            namens Sahya-adri und ruhten dort sieben Tage lang aus. Ihre Wunden wur-
            den von Himmelsbewohnern (vidhyādhara-Frauen) gepflegt, die aus einem
            Territorium namens Gāndhāra stammten. Die Krieger aus HÆïa, CÅna und
            KirāÂa hatten durch die Raketen des Königs VipaÁcit entsetzliche Entstellun-
            gen erlitten. Sogar die Bäume erschraken vor der Macht des Königs und stan-
            den sogar noch nach dem Krieg eine sehr lange Zeit lang wie erstarrt.
              Die Luftwaffe des VidÆra-Territoriums wurde von den starken Winden er-
            fasst und in die Seen geschleudert. Die Infanterie vermochte aufgrund des
            starken Regens nichts mehr zu sehen und konnte nicht einmal mehr laufen.
            Die HÆïas, die in den Norden geflüchtet waren, gerieten in Treibsände und
            kamen um. Die Áakas, die in den Osten geflohen waren, wurden vom König
            gefangengenommen, einen Tag lang festgehalten und dann freigelassen.
              Die Soldaten des Mandra-Territoriums erkletterten den Mahendra-Berg in
            der Hoffnung auf Zuflucht. Sie zogen sich buchstäblich am eigenen Schopf
            höher und höher hinauf und fielen dann in der Nähe einer Einsiedelei von
            Weisen nieder, von denen sie dann mit Essen und Getränken usw. versorgt
            wurden. Ursprünglich waren sie den Berg hinaufgeklettert, um dem Tode auf
            dem Schlachtfeld zu entgehen und um Nahrung zu betteln. Nun erhielten sie
            aus der Höhle der Götter zwei Dinge, nämlich unverzüglichen Schutz und
            Sicherheit sowie die Gesellschaft der Weisen, die den dauerhaften Frieden
            sicherstellt. Manchmal folgt durch zufällige Umstände (wie bei der Krähe und
            der Kokosnuss) dem Bösen das Gute auf dem Fuße. Die Daåārïa-Soldaten
            nahmen versehentlich Gift zu sich und starben. Die Haihaya-Soldaten aßen
            zufälligerweise ein Heilkraut, das sie in Himmelsbewohner mit der Fähigkeit
            des Fliegens verwandelte.
              VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:113,      Die vier Könige (die in Wirklichkeit VipaÁcit waren) hatten während der
114, 115    Verfolgung ihrer fliehenden Feinde eine lange, lange Strecke zurückgelegt.
            Angetrieben vom innewohnenden Bewusstsein, das allmächtig ist, begannen
            sie nun mit einem Unternehmen, das die Eroberung der Welt namens
            digvijaya zum Ziel hatte. Eine beträchtliche Zeit lang wurden sie noch von
            ihren eigenen Streitkräften begleitet. Während sie ihren Marsch ohne Ruhe-
            pause und Erholung fortsetzten, wurden diese Streitkräfte wie auch die des
            Feindes, den sie verfolgten, schwächer und schwächer und kamen schließlich
            um. Auch die Raketen der Könige verloren ihre Wirksamkeit wie Feuer, das
            ohne Brennstoff langsam verlöscht.



                                               646
Die vier Könige, die in alle vier Himmelsrichtungen gingen, begegneten un-
geheuren Ozeanen. Die Raketen, die ihnen noch übrig geblieben waren, fielen
in den Schlamm, der durch die starken Regenfälle entstanden war, und funk-
tionierten nicht mehr. Die vier Brüder nahmen die riesigen Ozeane mit gro-
ßem Erstaunen wahr (: Es folgt hier eine schöne, dichterische Beschreibung
des Ozeans).
   Die Minister des Königs, die ihn auf dieser Expedition begleitet hatten, wie-
sen die Könige auf die verschiedenen herrlichen Landschaftspanoramen hin –
die Wälder, die Bäume, die Ozeane, die Berge, die Wolken und auch die ver-
schiedenen dort lebenden Bergstämme. (: Auch hier gibt es im Text wieder
eine dichterisch eindrucksvolle Beschreibung all dieser Dinge. Es gibt außer-
dem auch einen „Umkehr“-Vergleich...) So wie Brahman, obgleich einer, in der
Vielfalt als geteilt erscheint und, obwohl unendlich, diese endliche und ver-
derbliche Welt erschaffen zu haben scheint, so erschien auch dieser Ozean,
obwohl einer, als geteilt in mehrere Ozeane und schien gleichzeitig aus ewi-
gen wie auch vergänglichen Wellen zu bestehen.
   Die Minister wiesen auch noch weitere Ozeane hin und sprachen: „Herr,
hier auf diesem Ozean ist es, wo Lord Nārada ruht. Hier in diesem anderen
Ozean lauern seine Feinde, die Dämonen. In jenem Ozean dort liegen Berge
verborgen. In einem anderen Ozean wiederum befindet sich das kosmische
Feuer, bestehend aus unvorstellbarer Hitze, zusammen mit den Wolken der
kosmischen Auflösung. Wie wunderbar ist dies doch, dass dieser Ozean so
ungeheuer, so fest gebildet und so befähigt ist, so viele Lasten zu tragen.
Schaut euch den Mond an. Wenn er am östlichen Himmel auftaucht, verstrahlt
er sein sanftes Licht in alle Richtungen, bringt Segen allen Wesen und erlöst
sie von ihrer Furcht vor Finsternis und Nacht. Aber sogar dieser herrliche
Mond ist noch durch dunkle Flecken besudelt. Wenn es sogar mit den Him-
melskörpern so steht – was können wir dann hier in dieser Welt ein unbe-
flecktes Objekt nennen, was sollten wir in dieser Welt wohl gut und vorzüg-
lich nennen, welche Zeit oder welches Schicksal wird wohl nicht im Zeitraum
eines Augenzwinkerns getrübt? Ganz gewiss kann es ein solches Ding auf der
Erde nicht geben.“
   DIE MINISTER UND ANDERE sprachen:
                                                                                   VI.2:116
   Gewahre, oh König, die Herrscher über die Grenzen der Erde, wie sie in ihre
Schlachten vertieft sind. Die himmlischen Nymphen steuern die Luftfahrzeu-
ge, die die in der Schlacht gemordeten Edlen fortbringen. Dies ist, was man
als die besten in diesem Leben zu erreichenden Ziele betrachtet: Das Streben
nach einem Leben im Erwerb, in Gesundheit und Reichtum, das nicht das
Missfallen der Gesellschaft hervorruft, und sollte man sich dafür auch für das
Heil anderer in gerechte Kriege stürzen müssen. Wer, ohne dabei die morali-
schen Regeln gerechter Kriegsführung zu brechen, andere tötet, die mit dem
Ziel, mich zu töten, an mich herangetreten sind, ist ein Held und geht in den
Himmel.



                                     647
Gewahre den Himmel, oh König, an dem die mächtigen Götter und Dämo-
            nen in der Gestalt der Sterne erscheinen und der gleichzeitig der Raum ist, in
            dem sich die riesigen Planeten und Sterne wie Sonne und Mond bewegen. Die
            Narren erachten all dies als nichts als nur leeren Raum. Trotz all des Kreisens
            dieser Sterne und Planeten, trotz all der Schlachten zwischen Göttern (Licht)
            und Dämonen (Finsternis) wurde dieser Raum noch nie besudelt oder ver-
            schmutzt oder in irgendeiner anderen Hinsicht verändert.
              Oh Raum! Obwohl du auf deiner Handfläche die Sonne und sogar Lord
            Nārāyana und sein gesamtes königliches Gefolge trägst, hast du doch niemals
            die in dir wohnende Finsternis aufgegeben. In der Tat ist dies ein großes
            Wunder. Und doch erachten wir den Raum als weise und erleuchtet, denn er
            ist unberührt von den Mängeln und Fehlern der Welten, die ihn ihm treiben.
              Oh Raum! Während des Tages erstrahlst du. Zur Zeit der Dämmerung und
            des Anbruchs der Nacht erglühst du purpurn. Zur Nachtzeit bist du schwarz.
            Leer bist du von der Materialität. Weder gebärst noch trägst du die Lasten
            irgendeines Stoffes. Daher muss man dich als Māyā ansehen. Niemand, nicht
            einmal die Gebildeten und die Weisen, vermag dich und deine wahre Natur
            genau zu verstehen. Oh Raum, der du nichts besitzt, erlangst doch alles. In-
            nerhalb von dir selbst bist du die reine Leerheit und machst doch, dass alles
            in dir wächst und dich lobpreist.
              Im Raum gibt es weder Städte noch Dörfer, weder Wälder noch Gärten, we-
            der Bäume noch Schatten, und doch durchkreist ihn die Sonne jeden Tag aufs
            Neue. Wahrhaftig sind es die Edlen, die ohne Versäumnis eifrig in der Erfül-
            lung ihrer Pflichten sind, wie schwierig und verdrießlich diese auch immer
            sein mögen.
              Obwohl scheinbar untätig, regelt der Raum das Wachstum der Pflanzen und
            Bäume, indem er ihr übermäßiges Wachstum bremst. Wie könnte dieser
            Raum, in dem die unendlichen Universen geboren werden und in dem sie sich
            wieder auflösen, wohl als leer bezeichnet werden? Die Gelehrten irren sich in
            diesem Punkt.
              DIE MINISTER UND ANDERE fuhren fort:
VI.2:117-
              (Die nächsten Kapitel sind ebenfalls angefüllt mit kunstvollen dichterischen
   121
            und künstlerischen Beschreibungen der Phänomene der Natur, der Flora und
            Fauna sowie mit interessanten spirituellen Vergleichen, für die beispielhaft
            die folgenden beiden wiedergegeben werden.)
              Oh Herr, gewahre den Kranich. Wie fleißig und emsig ist er im Erjagen und
            Verspeisen der Fische. Verruchte Menschen sehen im natürlichen Verhalten
            des Kranichs nichts als eine Rechtfertigung ihrer eigenen bösartigen Grund-
            sätze des Inhalts, dass man andere für den Zweck seiner eigenen, selbstsüch-
            tigen Ziele vernichten dürfe.
              Schau dir den Pfau an. Er stillt seinen Durst mit reinstem Regenwasser.
            Niemals trinkt er verschmutztes Wasser aus den Gräben und Kanälen. Be-
            ständig verehrt er die Wolken und den Regen, der aus ihnen fällt und gewinnt


                                                 648
daraus seine Zufriedenheit. Sobald das eigene Herz der Verehrung der Heili-
           gen hingegeben ist, werden sogar unerfreuliche Ereignisse erfreulich.
             Oh König, gewahre das junge Paar dort, welches miteinander spricht und
           sich erholt. Der junge Mann, verliebt in seine Gefährtin, hat sie gerade nach
           einer langen Zeit der Trennung wiedergetroffen. Dies ist, was er ihr sagte:
             „Geliebte, höre, was mir an einem Tag während unserer Trennung gesche-
           hen ist. Ich betrachtete die Wolken und betete zu den Wolken, dass sie die
           eine Nachricht von mir überbringen mögen. So groß war mein Verlangen
           nach dir, dass ich ohnmächtig wurde. Mein Atem hielt an. Meine Erinnerung
           setzte aus. Mein Körper wurde kalt und hart wie ein Holzklotz. Wer könnte
           schon angemessen das Unglück beschreiben, welches denjenigen überfällt,
           der von einem Geliebten getrennt ist?
             Reisende, die vorüberkamen und alles beobachtet hatten, hielten mich für
           tot und trafen Vorbereitungen für die Verbrennung des entseelten Körpers.
           Ich wurde auf den Verbrennungsplatz gebracht. Sie legten mich auf den Schei-
           terhaufen und zündeten ihn an. In nur wenigen Augenblicken erfuhr ich nun
           alle möglichen Arten von seltsamen Empfindungen, Gefühlen und Visionen.
           Ich fühlte, wie ich in ein Loch im Boden fiel. Beschützt wurde ich dabei von
           der Rüstung deiner Liebe und der Kontemplation deiner Gestalt. Ich erfreute
           mich in meinem Herzen deiner Gesellschaft. Ich erinnere mich noch des
           kleinsten Details unserer amourösen Begegnung, in der wir uns selbstverges-
           sen einander hingaben. Währenddessen erblickte ich rund um mich herum
           Flammen.“
             Nachdem sie dies vernommen hatte, wurde das Mädchen ohnmächtig. Ihr
           Liebhaber brachte sie wieder zu sich und setzte seine Erzählung fort:
             „Ich rief sofort: 'Feuer! Feuer!', und erwachte aus meiner Ohnmacht. Die
           Leute, die den Scheiterhaufen umstanden, glaubten, dass ich vom Tode aufer-
           standen sei und waren begeistert. Sie sangen und tanzten. Alle kehrten wir
           schließlich nach Hause zurück.“
             VASIåèHA fuhr fort:
             Nachdem er sich all dies angehört hatte, verehrte VipaÁcit das Feuer. Der
           Feuergott erschien. Sie beteten zu ihm: „Wir wünschen dieses aus den fünf
           Elementen gebildete Universum in seiner Gänze zu betrachten. Gewähre uns
           diesen Wunsch und sorge bitte dafür, dass wir nicht früher sterben mögen,
           bis wir nicht dies alles – soweit dies mit den physischen Körper und über
           diesen hinaus mit dem Verstand möglich ist – erblickt haben.“ Der Feuergott
           gewährte diesen Wunsch und verschwand.
             RĀMA fragte;
VI.2:124
             Hoher Herr, wie kam es, dass der vierfache VipaÁcit, der nur eine einzige
           Person mit einem einzigen Bewusstsein war, trotzdem in seiner vierfachen
           Gestalt verschiedene Wünsche hegen konnte?
             VASIåèHA erwiderte:



                                               649
Obgleich Bewusstsein eines, nondual und allgegenwärtig ist, scheint es wie
das Gemüt einer schlafenden (träumenden) Person vielfältig zu sein. So wie
ein Spiegel verschiedene Objekte innerhalb von sich selbst spiegelt, weil er
rein ist, so reflektiert ein Bewusstsein, das absolut rein ist, alles innerhalb
von sich selbst. Obwohl Spiegel aus demselben Metall gemacht sein mögen,
reflektieren sie wechselseitig und ad infinitum die verschiedenen in ihnen
auftauchenden Objekte. Ähnlich reflektiert auch das Bewusstsein innerhalb
von sich selbst alles, was vor ihm erscheint.
  So kommt es, dass das Viele als Eines erscheint. Und doch ist es gleichzeitig
verschieden und nicht-verschieden (Eins), denn es ist weder vielfältig noch
nicht-vielfältig; es ist sowohl verschieden als auch eines. Was daher auch
immer in einem der vier VipaÁcit auftauchte, wurde in seinem Bewusstsein
reflektiert und von ihm entsprechend erfahren. Yogis vermögen, obwohl sie
sich nicht von der Stelle bewegen, überall und in allen drei Zeiteinheiten
Tätigkeiten auszuüben und zu erfahren. Wasser, das stets eins und alles-
durchdringend ist, tut verschiedene Dinge zur selben Zeit und scheint den
verschiedensten Erfahrungen unterworfen zu sein. Der eine Viåņu mit seinen
vier Armen und vier Körpern führt die verschiedenen Handlungen zum
Schutz der Welt aus. Ein Wesen (Tier) mit vielen Armen trägt etwas mit eini-
gen seiner Arme und mit den anderen tötet es es. Es geschah auf diese Weise,
dass die Könige namens VipaÁcit gleichzeitig mit den verschiedensten Tätig-
keiten befasst waren.
  Sie schliefen auf unterschiedliche Weise in ihren Strohlagern auf der Erde.
Sie leben und vergnügten sich auf verschiedenen Kontinenten. Sie ergingen
sich in verschiedenen Wäldern. Sie durchwanderten die Wüsten. Sie wohnten
auf den Gipfeln der Berge und in den Tiefen der Ozeane. Sie verbargen sich
manchmal in den Höhlen der Berge. Sie vergnügten sich in den Meeren und
im Wind, auf den Wellen wie auch am Ufer und in den Städten.
  Derjenige VipaÁcit, der nach Osten gegangen war, schlief sieben Jahre lang
an den Hängen des Sonnenaufgang-Berges des Kontinents namens Áāka, denn
er war von den dort lebenden Himmelsbewohnern umworben worden.
Nachdem er von dem Wasser getrunken hatte, welches sich in den Felsen
dort fand, wurde er selbst wie ein Stein. Derjenige VipaÁcit, der nach Westen
in Richtung des Sonnenuntergang-Berges auf demselben Kontinent ging,
wurde das Opfer der Betörungen einer Nymphe, die ihn einen ganzen Monat
lang bezauberte. Derjenige VipaÁcit, der nach Osten gegangen war, verweilte
einige Zeit lang inkognito in den Gelbwurzwäldern. Aufgrund des Zaubers
eines Himmelsbewohners lebte dort er zehn Tage lang als Löwe. Weitere zehn
Jahre lang lebte er dann, verhext von einem Kobold, als Frosch. Derjenige
VipaÁcit, der nach Norden ging, wohnte einhundert Jahre lang einem toten
Brunnen in den Nīlagiri-Bergen (blaue Berge) auf dem Áāka-Kontinent. Der-
jenige, der nach Westen ging, erlernte die Methode, ein Himmelsbewohner zu
werden, und lebte danach vierzehn Jahre lang als ein solcher (vidyādhara).
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:125



                                     650
Den König, der nach Osten ging und dort von dem Wasser, von dem er ge-
trunken hatte, verhext wurde, wurde von demjenigen König, der nach Westen
gegangen war, errettet. Als der nach Westen gegangene König ein Felsen
geworden war, errettete ihn daraus der nach Süden gegangene König durch
die Einnahme von Fleisch usw. Als der nach Westen gegangene König durch
einen weiblichen Kobold, der die Gestalt einer Kuh hatte, in einen Bullen
verwandelt worden war, war es der nach Süden gewanderte König, der ihn
erneut aus seiner misslichen Lage errettete. Als sich der nach Süden gegan-
gene König in einen Himmelsbewohner verwandelte, wurde er aufgrund der
Fürbitte des nach Westen gewanderten Königs von einem anderen Himmels-
bewohner aus seiner Lage befreit. Als der nach Osten gegangene König in
einen Löwen verwandelt wurde, rettete ihn derjenige, der nach Westen ge-
wandert war.
  RĀMA fragte:
  Aber wie vermochten diese yogis all diese verschiedenen Handlungen in
den drei Zeiteinheiten auszuführen? Bitte kläre mich darüber auf.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Welche auch immer die Überlegungen sein mögen, die die unerleuchteten
Menschen für diese Ereignisse ersinnen – lege sie beiseite. Höre aber nun die
Erläuterungen der erleuchteten Menschen dazu an.
   In der Sichtweise der Kenner der Wahrheit gibt es nichts anderes als das
reine und unendliche Bewusstsein, während das objektive Universum gänz-
lich und völlig inexistent ist. Da gibt es weder eine Schöpfung noch das Ge-
genteil davon. Wer für immer in diesem reinen und unendlichen Bewusstsein
ruht, ist der allgegenwärtige und allmächtige Höchste Herr, der das Alles und
das Selbst aller und jederzeit ist. Sage mir, wer ihn wie, wo und wann beherr-
schen könnte? Das Allgegenwärtige erstrahlt nach Seinem Willen wann und
wo Er will, denn Er ist das Selbst von allen. Was wäre im Selbst von allem
nicht enthalten? Daher erstrahlt Er wie, wann und wo es Ihm beliebt, ob dies
in der Vergangenheit, in der Zukunft oder in der Gegenwart sei und ob das, in
dem die Tätigkeiten stattfinden, nun ein grobes oder subtiles Feld sei. Ohne
jemals Seine Realität als reines Bewusstsein aufzugeben, ist Er von nah und
fern tätig und erschafft die großen Zeitepochen mit einem Zwinkern Seiner
Augen. All dieses findet im Selbst statt, während die Erscheinungen Māyā
(illusorisch) sind. Er selbst ist ungeboren und unerschaffen und kann weder
beherrscht noch gehindert werden. Was IST, ist, wie es ist. Was auch immer
IST, ist eine Masse von Bewusstsein, die selbst die drei Welten ist. Es ist das
Selbst der Welt, es ist die Gestalt der Welt, die aufgrund der Trennung von
Subjekt und Objekt zum Vorschein gekommen ist. Wer sollte diesen Seher von
allem erschaffen haben – wie und wann?
   Für dieses Bewusstsein ist nichts unmöglich. Das Bewusstsein VipaÁcits
wurde erweckt, hatte aber noch nicht den höchsten Zustand erlangt. Daher
hat es sich, obwohl es eines war, überall als das Alles manifestiert. In einem
Zustand, der weder als erwacht noch nicht erwacht bezeichnet werden kann,


                                     651
sind alle diese Dinge möglich. So lange die höchste Wahrheit noch nicht reali-
siert wurde, sind Materialisationen dieser Art möglich. Wenn ein solch teil-
weises Erwachen vorliegt, geschieht es, dass einer sich der psychischen Kräf-
te erfreut. So erfuhren also die vier VipaÁcits jeder die Zustände der anderen.
  RĀMA fragte:
  Wenn VipaÁcit eine erleuchtete Person war, wie konnte er sich dann selbst
für einen Löwen usw. halten?
  VASIåèHA erwiderte:
   Meine Beschreibung dieser Könige als erwacht oder erleuchtet war ledig-
lich eine Redeweise – tatsächlich war VipaÁcit überhaupt nicht erleuchtet. Die
vier VipaÁcits waren weder erleuchtet noch unwissend – sie befanden sich in
einem wandelhaften Zwischenzustand. Man bemerkt bei solchen Personen
zwar die Zeichen der Erleuchtung, aber gleichwohl die Zeichen der Unwis-
senheit und Bindung. Sie sind „halb erwacht“. Was VipaÁcit erlangt hatte, hat
er durch Kontemplation erlangt, aber nicht, weil er den höchsten Zustand
erlangt hat. Alle diese siddhis bzw. psychischen Kräfte können durch diese
Kontemplation erworben werden.
   In denjenigen, die den höchsten Zustand erworben haben, gibt es keine
Unwissenheit oder Täuschung mehr. Wie könnten sie noch irrigen Sichtwei-
sen unterliegen und Falsches sehen? Die yogis, die die Kontemplation prakti-
zieren und durch Gnade oder Wunscherfüllung die verschiedenen psychi-
schen Mächte erworben haben, sind der Unwissenheit unterlegen, wie man
diese in ihnen zu beobachten vermag. Sie kontemplieren nämlich nicht die
Wahrheit, sondern etwas anderes, das von der Realität verschieden ist.
   Es gibt da noch etwas: Sogar im Fall derjenigen befreiten Weisen, die noch
am Leben sind, gibt es während ihrer alltäglichen Tätigkeiten eine Wahrneh-
mung von Materialität. Mokåa bzw. Befreiung ist auch ein Zustand des Ge-
müts. Die natürlichen Funktionen des Körpers folgen diesem und hören nicht
auf. Wer von der Unwissenheit bzw. dem Gemüt befreit ist, wird nie wieder
durch das Gemüt gebunden – so wie eine vom Baum gefallene Frucht durch
keine wie auch immer geartete Bemühung wieder am Baum befestigt werden
kann. Auch im Fall der befreiten Person arbeitet der Körper auf seine natürli-
che Weise weiter. Das Bewusstsein dieses Menschen ist jedoch gefestigt und
wird durch die Zustände des physischen Körpers nicht mehr in Mitleiden-
schaft gezogen.
   Die durch Kontemplation usw. erlangten Kräfte können von anderen wahr-
genommen werden, während der Zustand der Befreiung jedoch, den einer
erlangt hat, von anderen nicht wahrgenommen werden kann – so wie der
Geschmack von Honig nur von einem selbst wahrgenommen werden kann.
Sobald einer, der den Zustand der Bindung und auch Freud und Leid erfahren
hat, von all diesem befreit wurde, spricht man von ihm als einem Befreiten.
Derjenige wird als eine befreite Person angesehen, dessen inneres Bewusst-
sein kühl und friedlich ist. Die in Bindung befindliche Person besitzt dagegen


                                     652
ein aufgerührtes und zerstreutes Herz und Gemüt. Bindung und Befreiung
sind in den physischen Funktionen nicht enthalten.
  Der Befreite ist immer frei, auch falls er lachen oder weinen sollte; unab-
hängig davon, ob dieser Körper nun in tausend Stücke geschnitten oder zum
Herrscher gekrönt wird. In seinem Innern frohlockt er weder noch ist er
niedergeschlagen. Er erfährt weder Glück noch Unglück, obwohl er inmitten
all dieser Erfahrungen zu leben scheint. Weder ist er tot, wenn er tot sein
sollte, noch klagt er, auch wenn er klagen sollte, noch lacht er, auch wenn er
lachen sollte – darin besteht diese Natur des Befreiten! Frei ist er von Anzie-
hung und Abstoßung, obwohl er angezogen oder abgestoßen sein sollte. Auch
wenn er ärgerlich wird, ist er nicht ärgerlich; auch wenn er getäuscht sein
sollte, ist er in Wirklichkeit nicht getäuscht.
  VASIåèHA fuhr fort:
  In dem Befreiten tauchen Ideen wie „dies ist Glücklichsein“ oder „dies ist
Unglücklichsein“ nicht auf. Sobald diese die Wahrheit realisiert haben, dass es
da weder „eine Welt“ noch „das Selbst“ gibt und das das Eine das Alles ist,
werden Worte wie „Glücklichsein“ und „Unglücklichsein“ bedeutungslos für
sie. Ihr Kummer ist oberflächlich, denn sie sind frei vom Kummer.
  Man sagt, dass Lord Śiva einen der fünf Köpfe von Lord Brahmā abgerissen
habe. Brahmā hätte leicht einen neuen, der den alten Kopf ersetzte, nach-
wachsen lassen können. Er tat es aber nicht, weil er wusste: „Da diese ganze
Schöpfung illusorisch ist – weshalb sollte ich dann wohl noch einen weiteren
Kopf haben?“ Er hatte durch Tun nichts zu gewinnen und durch Unterlassen
nichts zu verlieren. Was auch immer geschehen mag – lasst es geschehen;
weshalb sollte man den Lauf der Dinge ändern wollen?
  Lord Śiva trug in einer Hälfte seines Körpers sein Ehegeponst, obgleich er
die Macht besaß, sogar den Gott der Liebe durch Feuer zu verzehren. Er be-
saß die Macht zur Aufgabe aller Anhaftungen und Zuneigungen, verzichtete
aber darauf und benahm sich so, als wäre er an sein Ehegespons angehaftet.
Weder gewann er etwas durch diese Anhaftung noch hätte er etwas durch
deren Aufgabe gewonnen. Lasst es so sein, wie es ist!
  Auf dieselbe Weise befasste sich Lord Viåņu mit verschiedenen Tätigkeiten
und inspirierte andere dazu, sich ebenfalls mit Tätigkeiten dieser Art zu be-
fassen. So „stirbt“ er und „tötet“ andere, wird geboren und wächst, bleibt aber
die ganze Zeit über gänzlich frei von all diesem. Leicht könnte er sich von all
diesem zurückziehen – nur was wäre dadurch für ihn gewonnen? Lasst also
all dieses sein, wie es ist! So ist die Haltung derjenigen, die in der Realisierung
des unendlichen Bewusstseins leben.
  Auch die Sonne, der Mond und das Feuer gehen ihren natürlichen Tätigkei-
ten nach, obgleich sie alle befreite Wesen (jīvanmukta) sind. Auch die Lehrer
der Götter (B−haspati) und der Dämonen (Áukra) sind jīvanmuktas, obgleich
sie die Rollen der Anführer gegnerischer Mächte spielen und einander wie
unwissende Menschen bekämpfen. König Janaka ist ebenfalls ein befreiter


                                       653
königlicher Weiser und befasst sich doch mit grauenerregender Kriegsfüh-
           rung. Es gibt ferner noch andere königliche Weise, die sich mit königlichen
           Pflichten beschäftigten und doch innerlich frei von Bindung waren. Während
           sie ihren weltlichen Aufgaben nachkommen, benehmen sich die erleuchteten
           Personen äußerlich wie unwissende. Die Unterscheidung zwischen Bindung
           und Befreiung liegt im Zustand des eigenen Bewusstseins, welches im Falle
           von Bindung konditioniert und im Falle von Befreiung unkonditioniert ist.
           Sogar mehrere der Dämonen wie Bali, Prahlāda, Namuci, V−ta, Andhaka und
           Mura und andere haben Befreiung erlangt. Das erleuchtete Bewusstsein ist
           vom Auf- und Abstieg der Vorlieben und Abneigungen, der mentalen Tätigkei-
           ten und des überbewussten Bewusstseins unbetroffen. Für denjenigen, der
           fest im unkonditionierten und unendlichen Bewusstsein verankert ist, hören
           diese Unterscheidungen auf. Die Vielfalt, die die Menschen in dieser Schöp-
           fung hier erfahren, ist wie die Farben des Regenbogens nichts als eine Er-
           scheinung.
             Die Welt erscheint in Beziehung zum unendlichen Bewusstsein so, wie die
           Räumlichkeit (Leere oder Entfernung) in Beziehung zum Raum erscheint.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:126
              Höre dir nun an, wie es den vier VipaÁcits ergangen ist. Einer von ihnen
           wurde von einem Elefanten getötet. Der zweite wurde von einigen Himmels-
           bewohnern (yakåas) entführt, die ihn in loderndes Feuer warfen, wo er starb.
           Der dritte wurde von den Himmelsbewohnern namens vidyādharas gen
           Himmel gebracht. Weil VipaÁcit sich dort nicht vor dem König (Indra) ver-
           beugte, verfluchte ihn dieser und verbrannte ihn zu Asche. Der vierte schließ-
           lich wurde von einem Krokodil getötet.
              Indem sie in ihren subtilen Körpern verblieben, betrachteten diese vier ihre
           eigene Geschichte, die in ihren Gemütern aufgrund subtiler Eindrückge ge-
           speichert geblieben war. Im Raum ihres eigenen Bewusstseins sahen sie das
           gesamte Universum mit all seinen Ozeanen und Bergen, Städten und Dörfern,
           Sonnen und Monden und Sternen und Wolken. Sie sahen sogar ihre eigenen
           Körper in ihrem ursprünglichen Zustand. Ausgestattet mit den subtilen
           (ātivāhika) Körpern sahen sie nun im Raum vor sich ihre eigenen physischen
           Körper. Aufgrund der Eindrücke bzw. Erinnerungen ihrer früheren Lebenszeit
           erblickten sie sich als eingekleidet in diese materiellen Leiber, um so die
           Großartigkeit der Welt zu bezeugen. Um die Ausmaße der Erde erfassen zu
           können, durchwanderten sie fremde Reiche.
              Der westliche VipaÁcit durchquerte mehrere Kontinente und sieben Meere
           und hatte schließlich das Glück, Lord Viåņu zu treffen. Von diesem empfing
           VipaÁcit die höchste Weisheit und blieb sodann fünf Jahre lang in samÃdhi
           eingetaucht. Danach gab er seinen physischen Körper auf und erlangte
           nirvāïa.
             Der östliche VipaÁcit hielt sich nahe der Strahlen des Mondes und kontemp-
           lierte unaufhörlich den Mond – daher erreichte er das Reich des Mondes.



                                                654
Der südliche VipaÁcit vernichtete seine sämtlichen Feinde und regiert sogar
noch heute das Land, weil er seine Erinnerungen bzw. seine Überzeugungen
niemals verloren hatte.
  Der nördliche VipaÁcit wurde von einem Krokodil gefressen, in dessen Leib
er tausend und ein Jahr lang lebte. Als dieses Krokodil schließlich starb,
tauchte er aus dessen Körper als ein anderes Krokodil auf. Dann durch-
schwamm er Ozeane und Eismeere von unvorstellbaren Ausmaßen und er-
reichte schließlich den See der Götter, den man Suvarïa nennt. Dort starb er.
Weil er in einem der Reiche der Götter verstarb, wurde dieser VipaÁcit selbst
zu einem Gott, so wie ein inmitten von glühenden Kohlen liegendes Stück
Holz unverzüglich zu Feuer wird.
  Der letzte VipaÁcit erreichte die Grenzen dieser Erde, die man die Lokāloka-
Berge nennt, an die er sich aus der Zeit der Erfahrungen seiner früheren
Leben noch erinnerte. Diese Berge sind mehrere tausend Meilen hoch. Ihre
eine Flanke ist beleuchtet, die andere aber nicht. Von dort aus erblickte er die
Erde usw. so, als wären es ferne Sterne. Anschließend ging er auf die Seite der
Berge, die auf ewig mit Dunkelheit bedeckt war. Jenseits dessen befindet sich
die große Leere, in der es keine Erde, keine Wesen und nichts Bewegtes oder
Unbewegliches gibt. In ihr existiert nicht einmal die Möglichkeit einer Schöp-
fung.
  RĀMA fragte:
                                                                                   VI.2:127
  Hoher Herr, bitte teile mir mit, wie diese Erde existiert, wie sich das Him-
melszelt um sich selbst bewegt und wie die Lokāloka -Berge existieren.
  VASIåèHA erwiderte:
   So wie ein kleines Kind sich ein Spielzeug im leeren Raum vorstellt und es
dann als seiend dort denkt, so taucht in dem unendlichen Bewusstsein die
Idee der Existenz dieser Erde auf. Wessen Sicht mangelhaft ist, bildet sich im
Raum kleine aus „Haar“ gefertigte Bälle ein, die dort überhaupt nicht existie-
ren. Auf dieselbe Weise tauchen Ideen wie „die Existenz der Erde“ im unend-
lichen Bewusstsein auf, und zwar in dem Moment, den man die Schöpfung
nennt. Eine Stadt, die im Gemüt des Tagträumers existiert, benötigt keinerlei
Stützen (denn die Einbildung ist ihre Stütze). Ebenso benötigt auch diese
Welt als Stütze nur die Erfahrensfähigkeit des unendlichen Bewusstseins.
   Was auch immer im Bewusstsein erscheint und wie es auch immer wie lan-
ge erscheinen mag – aufgrund der dem Bewusstsein eingeborenen Kräfte
existiert es dann in diesem Bewusstsein für eben diese Zeitdauer. So wie
daher in den Augen eines Menschen mit einem Augenschaden „Haarbälle“ im
Raum zu schweben scheinen, so existiert dann diese Erde usw. im Bewusst-
sein. Falls das Bewusstsein vom Zeitpunkt der Schöpfung an Wasser als berg-
auf fließend und Feuer als abwärts lodernd „gesehen“ hätte, dann würden
diese Elemente sich sogar heute noch so verhalten. Weil dieses Bewusstsein
jedoch „gesehen“ hat, wie diese Erde im Raum fällt, fällt diese auch heute
noch, und weil das Bewusstsein entsprechend dazu im Verhältnis zur Erde zu


                                     655
„steigen“ scheint, ist diese Dualität bzw. verschiedene Bewegungsart entstan-
           den.
             Die Lokāloka-Berge bilden die Grenzen des Erdreiches. Jenseits dessen be-
           findet sich eine riesenhafte Grube, die mit totaler Finsternis angefüllt ist,
           obgleich darin hier und da doch etwas zu existieren scheint. Weil sich das
           Himmelszelt in beträchtlicher Entfernung befindet, scheint es an manchen
           Orten Licht und an anderen wiederum Finsternis zu geben. Diese Sterne
           befinden sich in außerordentlicher großer Entfernung von den Lokāloka-
           Bergen. Das gesamte Himmelszelt mit der Ausnahme des Polarsterns dreht
           sich konstant um seine eigene Achse. Jedoch ist all dies nicht verschieden von
           der Idee, wie diese im reinen Bewusstsein aufgetaucht ist.
             Jenseits der Welten bzw. des Erdreiches, dessen Grenzen die Lokāloka-
           Berge bilden, erscheint das Himmelszelt in gewisser Weise wie die Haut einer
           Frucht. Jedoch muss all dieses als nichts anderes als eine feste Überzeugung
           betrachtet werden, die im unendlichen Bewusstsein aufgetaucht ist – man
           sollte diese Welten nicht für Realitäten halten.
             Jenseits dieses Himmelszeltes gibt es eine weitere Sphäre, die zweimal so
           groß ist. Auch diese ist teils beleuchtet und teils in Finsternis getaucht. All
           dieses ist wie immer in zwei Schädeldächer eingeschlossen, von denen sich
           eines oben und das andere unterhalb befindet, und zwischen ihnen befindet
           sich leerer Raum. Dieses Universum, welches wie ein kosmischer Kreis ist,
           wird von den Sonnen und Sternen erleuchtet. Was ist hier „oben“ oder „un-
           ten“? Aufsteigen, niederfallen, sich bewegen oder stillstehen sind nichts als
           Ideen, die im Bewusstsein auftauchen. Nichts von all dem existiert in Wahr-
           heit.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:128
             Die Beschreibung des Universums, die ich dir geliefert habe, ist die Frucht
           direkter Erfahrung – nicht von müßigem Rätselraten. Außer diesem gibt es
           noch andere Universen, von denen ich noch nicht gesprochen habe. Welchen
           Zweck sollte wohl die Untersuchungen der Natur all dieser Welten und ande-
           rer Dinge sein, die wie ein Traum sind! Weise Männer verschwenden nicht
           ihre Zeit damit, über nutzlose Dinge zu sprechen.
             Die nördlichste Extremität ist der Berg Meru, die südlichste Extremität sind
           die Lokāloka-Berge. Die Bewohner der verschiedenen Reiche des Bewusst-
           seins und der unterschiedlichen Welten erfahren jeweils die Materialisatio-
           nen dieser Welten und keine anderen.
             Ich hatte dir von den Schädeldächern des Universums erzählt. Jenseits von
           diesen ist das gesamte Universum von Gewässern umhüllt, die das Zehnfache
           im Ausmaß betragen. Jenseits dessen befindet sich eine weitere Umhüllung,
           dieses Mal aus Feuer, die das Zehnfache der vorherigen beträgt. Jenseits des-
           sen befindet sich die Wind-Umhüllung und darauf das Reich des Raumes, die
           jede das Zehnfache der jeweiligen Umhüllung davor betragen.




                                                656
Jenseits dessen liegt der unendliche Raum – dieser ist weder erleuchtet
noch finster. Es ist voll von reinem Bewusstsein. Er ist anfanglos, mitte-los
und endlos. In diesem tauchen an verschiedenen Orten all die zahllosen Milli-
onen von Universen wieder und wieder auf und lösen sich wieder und wieder
in ihm auf. In diesem unendlichen Raum gibt es kein Wesen, das all diese
Ideen der Universen unterhält – sie existieren in der Form und Gestaltung
und Art, wie sie eben existieren.
  Höre dir nun die Geschichte des Königs VipaÁcit, der sich auf der Spitze des
Lokāloka-Berges befand. Nachdem er gestorben war, sah er seinen Körper,
wie er von einem riesigen Geier verzehrt wurde. In seinem Bewusstsein
tauchte weder die Idee eines anderen physischen Körpers auf noch erlangte
er die Erleuchtung. Daher wünschte er sich als nächstes wieder mit weiteren
Tätigkeiten zu befassen. Für eine reine mentale Aktivität wird ein physischer
Körper nicht benötigt. Im Falle von Illusion, Traum, Tagträumen und Halluzi-
nationen erschafft das Gemüt sein eigenes Feld, welches als der subtile Kör-
per (ātivāhika) bekannt ist. Nur wenn dieser vergessen oder aufgegeben
wird, erscheint der physische Körper. Wenn man durch rechte Ergründung
die Unwirklichkeit des physischen Körpers realisiert, taucht der subtile
(ātivāhika) Körper wieder auf.
  Ergründe daher die Natur des ātivāhika-Körpers bis hin zu der Erkenntnis,
dass das unendliche Bewusstsein allein die Wahrheit darstellt. Die Realisie-
rung von „Wo sind Dualität, Hass oder Liebe? All dieses ist der reine Śiva –
anfanglos und endlos“ ist dann die Erleuchtung.
  VipaÁcit befand sich noch im subtilen Körper, unerleuchtet. Wie ein Fötus
im Mutterleib war er von Dunkelheit eingehüllt. Er erfuhr schließlich das
Reich der Erde, das Reich des Wassers, das Reich der Feuers und das Reich
des Raumes. Dann begann er die Natur seines eigenen subtilen Körpers zu
untersuchen und fragte sich: „Was sind meine Stützen, da ich doch reines
Bewusstsein bin?“ Er betrat den unendlichen Raum des Brahmā und erblickte
dort alles. Da er jedoch die illusorische Natur der Unwissenheit nicht ergrün-
det hatte, lebt er sogar noch jetzt in dieser; trotz der Tatsache, dass sie nicht
wirklich existiert und nur Brahman allein ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:129
  Auch einer der anderen VipaÁcits erlangte nach langen Wanderungen von
Kontinent zu Kontinent und nach Erreichen des unendlichen Raumes von
Brahmā, in dem er Millionen von Universen erblickte, diesen Zustand. Dort
lebt er noch heute. Und noch ein weiterer VipaÁcit wurde ein Opfer seiner
eigenen mentalen Konditionierung und wurde, nachdem er seinen Körper
zurückgelassen hatte, zu einem ein Hirsch, der auf einem Berg zu leben be-
gann.
  RĀMA fragte:




                                      657
Hoher Herr, als die vāsanā (mentale Konditionierung) des Königs VipaÁcit
nur eine war, wie kam es dann, dass sie sich vervielfältigte und zu den ver-
schiedenen Ergebnissen in den vier VipaÁcits werden konnte?
  VASIåèHA erwiderte:
   Die vāsanās der Wesen werden durch wiederholtes Daran-denken und
Wiederholung ihrer Wirkungen entweder dicht oder flüchtig. Sie sind außer-
dem dem Einfluss von Zeit, Ort und Aktivität unterworfen. Wenn sie „flüchtig“
werden, verwandeln sie sich in etwas anderes; sind sie dagegen tief verwur-
zelt, verwandeln sie sich nicht. Auf der einen Seite sind da Zeit, Ort und Akti-
vität (die Wiederholung der aus den vāsanās geborenen Gewohnheiten) – auf
der anderen Seite ist es das vāsanā (mentale Konditionierung) selbst. Beide
(Umstände und das vāsanā selbst) üben eine wechselseitige Wirkung aufei-
nander aus. Das Stärkere ist dann das Überlegene. So wurden diese vier
VipaÁcits in alle Himmelsrichtungen getrieben, obgleich sie zu Beginn mit
denselben vāsanās ausgestattet waren: Zwei von ihnen wurden im Netz der
Unwissenheit gefangen, einer wurde befreit und der andere wurde zu einem
Hirsch.
   Sogar jetzt sind diese beiden, die sich im Netz der Unwissenheit verfangen
haben, immer noch nicht fähig, einen Ausgang aus ihrer Lage zu finden. Die
Unwissenheit ist, wie man manchmal zu sagen pflegt, geradezu unendlich,
weil ihr keinerlei reale Existenz zukommt. Entwickelt man jedoch das innere
Licht und ergründet man mit Hilfe dieses Lichtes die Unwissenheit, dann
verschwindet diese im Augenblick eines Blinzelns.
   Der VipaÁcit, der von einem Land zum anderen und von einer Welt zur
nächsten gewandert ist, sah eine illusorische Schöpfung. Er erblickte eine
illusorische Welt, die in Wahrheit nichts als Brahman war. Irgendwie kam er
dann mit einem heiligen Mann in Kontakt. Mit dessen Hilfe realisierte VipaÁcit
die Wahrheit über die illusorische Natur der Welt und erkannte unverzüglich
das unendliche Bewusstsein bzw. Brahman. Genau in diesem Moment hörte
seine Unwissenheit (wie auch sein Körper) auf zu existieren.
   So habe ich dir also, oh Rāma, die Geschichte von VipaÁcit erzählt. Diese
Unwissenheit ist so unendlich wie Brahman unendlich ist, denn die Unwis-
senheit besitzt keinerlei von Brahman getrennte unabhängige Existenz. Es ist
das unendliche Bewusstsein allein, welches hier und da und ab und zu all die
zahllosen Universen und Welten erblickt. Wird diese Wahrheit nicht reali-
siert, nennt man dies Unwissenheit; wird sie dagegen erkannt, dann wird
dieses Bewusstsein dann als Brahman bezeichnet. Eine Trennung zwischen
beiden gibt es nicht, denn diese Trennung besteht allein in der Unwirklichkeit
der Unwissenheit, die in Wahrheit Brahman selbst ist. Die Trennung scheint
im Bewusstsein aufzutauchen und ist daher nicht vom Bewusstsein unter-
schieden. Folglich ist Brahman allein die Welterscheinung und die Trennung
Bewusstsein.
   RĀMA fragte:



                                     658
Wie konnte es kommen, dass VipaÁcit das von Brahmā dem Schöpfer ge-
schaffene Schädeldach des Universums nicht zu erreichen vermochte?
  VASIåèHA erwiderte:
  Im selben Moment, als er ins Dasein trat, zerteilte Brahmā der Schöpfer den
Raum heftig mit seinen beiden Armen. Was dabei nach oben gedrückt wurde,
wurde weit und immer weiter nach oben gedrückt, und was nach unten ge-
drückt wurde, wurde weit, immer weiter nach unten gedrückt. Sämtliche
erschaffenen Elemente ruhen in dem Zwischenraum und werden von diesen
beiden Extremitäten getragen. Das, was sich zwischen diesen beiden Extremi-
täten befindet, ist der Raum, der als grenzenlos und als von blauer Farbe
erscheint. Wasser und andere, ähnliche Elemente berühren diesen Raum
nicht, und tatsächlich befinden sich sich auch gar nicht in ihm (da der Raum
von ihnen unabhängig ist und dort existiert, wo man sich die Existenz von
Wasser, Luft usw. nur denkt). Alle diese Elemente sind bloß Ideen, die in
weiteren Ideen aufgetaucht sind.
  VipaÁcit nahm diesen Weg, um das Ausmaß der Unwissenheit zu ermessen,
und begann das Himmelszelt zu erforschen. Brahman ist unendlich – daher
ist auch die Unwissenheit über Brahman unendlich. Die Unwissenheit exis-
tiert so lange, wie Brahman nicht realisiert wurde. Wurde Brahman dann
realisiert, wird nirgendwo mehr noch eine existierende Unwissenheit gese-
hen. Jedoch wie weit VipaÁcit auch ging – immer noch hatte er die Reiche der
Unwissenheit nicht durchschritten.
  Von den anderen erlangte der eine die Befreiung, ein anderer wurde ein
Hirsch und ein weiterer wanderte ebenfalls in der Unwissenheit umher. Die
beiden, die so die fernen Welten erwanderten, sind in unserem Bewusstsein
nicht sichtbar. Derjenige jedoch, der ein Hirsch geworden ist, befindet sich
innerhalb des Feldes unseres Begriffsvermögens. Diese Welt, in der VipaÁcit
als Hirsch lebt (nachdem er die fernen Welten durchwandert hatte), ist diese
Welt hier, die eine der fernen Ecken des unendlichen Raums des Bewusst-
seins bildet.
  RĀMA fragte:
  Hoher Herr, VipaÁcit lebte höchstpersönlich in dieser Welt und verließ sie
dann. Wie konnte es geschehen, dass er dann als ein Hirsch in diese Welt
zurückgekommen ist?
  VASIåèHA erwiderte:
  So wie jemand, der Glieder besitzt, diese stets kennt, so kenne ich alles, was
in Brahman existiert, weil Brahman mein eigenes Selbst ist. Die Vergangen-
heit kennt die Zukunft nicht und umgekehrt – Bewusstsein jedoch, das durch
die Zeit nicht gespalten ist, ist sich all dessen bewusst. In diesem Bewusstsein
befindet sich alles immer „hier“, obgleich die gewöhnliche Wahrnehmung die
Dinge weit entfernt wähnen mag. Ich sah daher die Welt, in der VipaÁcit um-
herwanderte, und ich vermochte zu sehen, wie er in dieser Welt hier zu ei-
nem Hirsch wurde. Ich weiß sogar, wo sich dieses Tier jetzt in diesem Mo-


                                     659
ment befindet, oh Rāma. Es ist der Hirsch, der dir als ein Geschenk vom König
           des Trigartha überreicht wurde.
            VASIåèHA sprach:
             Als der Weise Vāsi«Âha so gesprochen hatte, waren Rāma und die Versamm-
           lung von Staunen ergriffen. Rāma veranlasste einige Jungen, den Hirsch zu
           suchen und herbeizubringen. Als die Versammlung das Tier erblickte, war sie
           verblüfft. Alle riefen aus: „Wahrhaftig ist diese Māyā (Illusion) grenzenlos und
           unendlich!“
             RĀMA fragte:
VI.2:130
             Oh Weiser – wie, durch wen und mit Hilfe welcher Mittel kann dieses Ge-
           schöpf aus seiner unglücklichen Existenzweise befreit werden?
             VASIåèHA erwiderte:
              Der Weg aus diesem Missgeschick heraus besteht in dem, was die ursprüng-
           liche Ursache des Missgeschicks war. Andere Wege wären nicht die richtigen
           und würden nicht zu Glück, Wohlfahrt oder fruchtgebenden Ergebnissen
           führen. Der König VipaÁcit verehrte das Feuer, und sobald dieser Hirsch in das
           Feuer tritt, wird er seinen früheren Zustand wiedererlangen, so wie Gold
           seinen Glanz wiedererlangt, wenn es im Feuer gereinigt wird. Schau – ich
           werde nun diesen Hirsch veranlassen, ins Feuer zu treten!
              VùLMýKI sprach:
             Nachdem er so gesprochen hatte, schlürfte der Weise Vāsi«Âha etwas Was-
           ser aus seinem geheiligten Wassertopf und erzeugte in der Mitte der Ver-
           sammlungshalle ein Feuer, ohne dabei Brennmaterial zu verwenden. Dieses
           brannte sodann hell ohne Funken und ohne Rauch. Die Versammlung begann
           sich aus der Mitte der Halle fortzubewegen. Der Hirsch erfreute sich offen-
           sichtlich am Anblick des Feuers. In seinem Entzücken begann er in der Halle
           zu springen und zu tollen. Vāsi«Âha befand sich in einem Zustand tiefer Kon-
           templation und segnete das Tier, damit es von seinen früheren sündigen
           Neigungen frei werden möge. Dann betete er zum Feuergott: „Im Erinnern an
           seine frühere Existenzform, oh Feuer, gib bitte diesem Hirsch seine alte Ge-
           stalt als König VipaÁcit zurück!“
             In demselben Moment, als der Weise diese Worte geäußert hatte, stürzte
           sich der Hirsch mit großer Freude in die Flammen. Er stand dann einige Mi-
           nuten lang still im lodernden Feuer, während die Versammlung ihm zuschau-
           te. Nach und nach verwandelte sich dann seine Gestalt in die eines menschli-
           chen Wesens. Diese war strahlend und stattlich anzusehen. Sobald dieses
           Wesen aus dem Feuer aufgetaucht war, begann das Feuer kleiner zu werden
           und verschwand schließlich. Alle versammelten Personen riefen gemeinsam
           aus: „Oh was für ein Strahlen (bhā) diese Person doch besitzt! Wie die Sonne
           leuchtet (bhāsa) sie. Gewiss wird er einst so berühmt wie Bhāsa werden.“
           Daher wurde diese Person künftig Bhāsa genannt.




                                                660
Mit der Hilfe tiefer Kontemplation realisierte Bhāsa in einem einzigen Au-
genblick alles, was in seinen früheren Inkarnationen geschehen war.
   In der Zwischenzeit hatten sich die Überraschung, Verblüffung und Gesprä-
che in der Versammlung gelegt und es war wieder Stille eingetreten. Bhāsa
erhob sich, näherte sich dem Weisen Vāsi«Âha und verbeugte sich vor ihm-
Der Weise wiederum segnete ihn, indem er sprach: „Möge die Unwissenheit,
unter deren Bann du dich so lange abgemüht hast, dich für immer verlassen
haben.“ Bhāsa grüßte Rāma und pries ihn.
   Danach hieß der König DaÁaratha Bhāsa willkommen und sprach: „Will-
kommen, oh König. Nimm doch bitte hier Platz. Du bist in diesem saæsāra
weit und für eine sehr lange Zeit gewandert. Nun ruhe dich hier aus.“ Bhāsa
nahm seinen Platz unter den Weisen in der Versammlung ein. König
DaÁaratha fuhr fort: „Oh weh! Wie ein angebundener Elefant musste sich
dieser König VipaÁcit zahllosen Prüfungen und Drangsalen unterziehen! Wie
groß ist doch das Unheil, welches einer unvollkommenen Sichtweise der
Wirklichkeit und dem pervertierten Verständnis der Wahrheit auf dem Fuße
folgt. Obgleich essenziell unwirklich und inexistent, ist die Macht dieser
Illusionierung verblüffend, die im unendlichen Bewusstsein all diese vielfälti-
gen Welten und zahllosen Erfahrungen zu erschaffen vermag.“
   VIÁVĀMITRA sprach:
                                                                                  VI.2:131
  Wie er, oh König, gibt es die vielen, vielen Menschen, die in diesem saæsāra
aufgrund des Mangels an hervorragendem Wissen bzw. Erleuchtung umher-
wandern. Es gibt da einen König, der in diesem saæsāra die ganzen letzten
einemillionsiebenhunderttausend Jahre gewandert ist. Diese unwissenden
Menschen sind an der Erforschung der Natur weltlicher Objekte interessiert –
immer wieder geraten sie unter den Bann des saæsāra, ohne sich jemals
einmal von ihm abzuwenden.
  Diese Schöpfung existiert im unendlichen Raum als die bloße Idee im Ver-
stand des Schöpfers Brahmā. So wie kleine Ameisen sich auf der Oberfläche
eines Spielballes hin und her bewegen, so bewegen sich die Menschen auf der
Oberfläche dieses Planeten hin und her. Im Raum gibt es weder ein „unten“
noch „oben“. Die Himmelsrichtung, in die die Objekte fallen, wird „unten“
genannt, und diejenige, in die die Vögel aufsteigen, wird „oben“ genannt.
  Es gibt hier in dieser Welt einen Ort namens VaÂadhānā. Es gab in diesem
Königreich drei Prinzen. Sie fassten eines Tages den Entschluss, die Grenzen
dieser Erde zu erforschen und alles zu ergründen, was sich auf ihr befinden
mochte. Einige Zeit lang erforschten sie die Objekte der festen Erde und dann
einige Zeit lang die Objekte der Ozeane. Sie wurden wieder und wieder gebo-
ren und setzten jedesmal ihr Ziel der Ergründung und des vollständigen
Wissens über diese Erde fort. Jedoch vermochten sie die „Enden“ dieser Welt
niemals zu erreichen, weil sie die ganze Zeit über, wie die Ameisen auf dem
Spielball, einfach nur von einem Teil der Erde in den nächsten wanderten. Sie
wandern sogar noch heute auf dieser Erde umher.


                                     661
Daher gibt es kein Ende der Illusion dieses saæsāra. Da diese Illusion als
eine Idee im unendlichen Bewusstsein auftaucht, nimmt sie sogar selbst den
Anschein der Unendlichkeit an. Die Essenz (Realität bzw. Substanz) dieser
Illusion ist das höchste Brahman und umgekehrt. Beide sind reines Bewusst-
sein, und einen Unterschied bzw. eine Getrenntheit im Bewusstsein gibt es
nicht, so wie es auch keinen Unterschied zwischen Raum und Leere gibt. Die
Strömungen und Wirbel, die auf der Oberfläche von Wasser sichtbar werden,
sind nichts als Wasser. Wie sollte es auch etwas anderes als Bewusstsein
geben, da doch nichts anderes als Bewusstsein möglich ist? Das unendliche
Bewusstsein allein ist es, welches durch sich selbst als diese Welt aufscheint,
ohne überhaupt eine Absicht dazu zu hegen. Wo auch immer das unendliche
Bewusstsein in welcher Gestalt auch immer zu erscheinen wünscht, tut es
dies und erfährt so seine eigene Natur in dieser gewünschten Form, so lange
es dies wünscht.
   Innerhalb des winzigsten Atoms des unendlichen Bewusstseins existiert die
Möglichkeit sämtlicher Erfahrungen – so wie es Steine und Felsen innerhalb
des Berges gibt. Alle diese Erfahrungen existieren und erfahren fortwährend
und überall alle ihre eigenen, spezifischen Modi der Erfahrung. In Wahrheit
jedoch existieren sie natürlich nicht als Erfahrungen, sondern ausschließlich
als unendliches Bewusstsein. Es sind diese mannigfaltigen Erfahrungen, die
kollektiv die Welt genannt werden, die wiederum eine strahlende Erschei-
nung des Brahman ist. Es ist in der Tat ein großes Wunder, wie denn dieses
unendliche Bewusstsein, ohne seine eigene Realität jemals aufzugeben, von
sich selbst als „Ich bin ein jīva“ denken kann! Nun aber, oh König Bhāsa, er-
zähle uns von deinen vergangenen Erfahrungen.
   BHĀSA sprach:
   Ich sah so viele Dinge und ich wanderte so viel, ohne dabei zu ermüden. Ich
erfuhr viele Dinge auf vielfältige Art und Weise. An all dieses erinnere ich
mich noch. Ich erfuhr zahlreiche Freuden und Leiden in vielen Körpern über
lange Zeiträume hinweg und an weit auseinanderliegenden Orten innerhalb
dieses grenzenlosen Raumes. Ich erlangte aufgrund von Gnadenerweisen und
Verfluchungen verschiedene Körper und sah in der Gestalt dieser Verkörpe-
rungen zahllose Objekte und Szenerien. Ich war selbst fest entschlossen dazu,
alles dieses zu erblicken und zu erfahren. Dies war übrigens auch der anfäng-
liche Gefallen, den ich mir vom Feuergott erbeten hatte. Obwohl ich daher auf
verschiedenen Ebenen verschiedene Körper angenommen hatte, verfolgte ich
immer noch das Ziel dieser ursprünglichen Motivation, die im Erlangen eines
gründlichen Wissens über diese Welt bestand.
   Eintausend Jahre lang lebte ich als Baum. Ich hatte in dieser Zeit viele Lei-
den zu ertragen. Mein Gemüt war vollkommen innerhalb meiner selbst zen-
triert und ich erzeugte ohne jede mentale Aktivität Blüten und Früchte. Ein-
hundert Jahre lang war ich ein Hirsch auf dem Berg Meru. Ich war von golde-
ner Farbe. Ich lebte von Gras und liebte Musik. Ich war sehr klein und daher
nicht gewalttätig. Fünfzig Jahre lang war ich ein Śarabha (ein achtfüßiges Tier


                                     662
– stärker als ein Löwe). Danach wurde ich ein vidyādhara-Himmelsbewohner.
Danach wurde ich der Sohn eines Schwans, der das Fahrzeug für den Schöp-
fer Brahmā war. Als ein Schwan lebte ich sodann eintausendfünfhundert
Jahre lang. Weitere hundert Jahre lang lauschte ich der göttlichen Musik der
himmlischen Diener Lord Nārāyanas (Viåņu). Schließlich wurde ich ein Scha-
kal und lebte in einem Wald. Ein riesiger Elefant verwüstete das Gebüsch, in
dem ich wohnte. Während ich daraufhin im Sterben lag, sah ich, wie dieser
Elefant von einem Löwen getötet wurde. Danach wurde ich eine Nymphe in
einer anderen Welt und lebte dort aufgrund einer Verfluchung durch einen
Weisen allein eine halbe Epoche lang. Daraufhin lebte ich einhundert Jahre
lang als ein valmÅka-Vogel. Als unser Nest zusammen mit dem Baum, in dem
wir es errichtet hatten, zerstört wurde, verlor ich meine Partnerin und lebte
anschließend für den Rest meines Lebens allein an einem weit entfernten Ort.
Dann wurde ich zu einem Asketen, da ich in der Zwischenzeit ein beträchtli-
ches Ausmaß an Leidenschaftslosigkeit gewonnen hatte.
  Ich sah viele faszinierende Dinge. Ich erblickte eine Welt, die gänzlich aus
Wasser gemacht war. Dann wieder erblickte ich eine Frau, in deren Körper
die drei Welten wie in einem Spiegel reflektiert wurden. Als ich sie fragte, wer
sie sei, erwiderte sie: „Ich bin reines Bewusstsein und sämtliche Welten sind
meine Gliedmaßen. So wie ich in dir Verblüffung hervorgerufen habe, so sind
auch alle diese Dinge. Solange du nicht alles mit derselben Verblüffung zu
betrachten vermagst, kannst du die wahre Natur der Dinge nicht kennen. Alle
Welten sind deine eigenen Glieder. Ich höre sie alle, wie jemand im Traum
Klänge und Worte hört.“ Ich sah, wie zahllose Wesen in dieser Frau auftauch-
ten und sich wieder in ihr auflösten. Dann wieder erblickte ich eine unge-
wöhnlich aussehende Wolke, die furchterregende Töne wie von zusammen-
stoßenden Raketen erzeugte und aus der es Waffen zur Erde hernieder reg-
nete. Ich sah noch weitere Wunder: Die ganze Erde war in Finsternis gehüllt
und ganze Siedlungen flogen davon in eine weit entfernte Welt. Ich erblickte
unser Dorf in einer anderen Welt. Dann wieder sah ich, wie alle Wesen von
derselben Natur waren. Ich sah eine Welt ohne eine Sonne, Monde und Sterne
und trotzdem herrschte keinerlei Finsternis, denn sämtliche Bewohner dieser
Welt strahlten und waren erleuchtet... Es gibt wohl keine Welt, die ich noch
nicht gesehen habe; nichts, was ich noch nicht erfahren habe.
  BHĀSA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:132
  Einmal schlief ich zusammen mit einer himmlischen Nymphe in einem Gar-
ten. Plötzlich erwachte ich und fand mich abwärtstreibend vor wie ein Gras-
halm, der einen Fluss hinuntertreibt. Überrascht fragte ich die Nymphe: „Was
ist das?“ Sie erklärte mir dann: „Ganz in der Nähe gibt es einen Mondstein-
Berg. Sobald der Mond aufgeht, schwillt die Quelle auf diesem Berg an und
wächst sich zu einer Springflut aus. Wegen des großen Entzückens, welches
ich in Eurer Gegenwart erfahren habe, vergaß ich, euch davor zu warnen.“




                                     663
Nachdem sie so gesprochen hatte, nahm die Nymphe mich mit und flog oh-
           ne Hindernisse in den Raum hinaus. Sieben Jahre lang lebte ich dann mit ihr
           auf der Spitze eines Berges namens Mandara.
             Danach wanderte ich in anderen Welten umher, in denen Leute lebten, die
           von innen heraus leuchteten. Ich traf auf eine Welt, die keinerlei Himmels-
           richtungen wie Osten und Westen, keine Tage und Nächte, keine Schriften
           und Debatten, keine Unterscheidungen zwischen Göttern und Dämonen
           kannte. Schließlich wurde ich zu einem Himmelsbewohner mit dem Namen
           Amarasoma und lebte vierzehn Jahre lang als Asket.
             Immer noch ausgestattet mit dem Gefallen, den mir der Feuergott gewährt
           hatte, vermochte ich mich im Raum mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit
           zu bewegen. Irgendwo fiel ich dann in einen großen Ozean und irgendwo
           anders erfuhr die Empfindungen beim Fallen im leeren Raum. Das Fliegen im
           Raum wurde zu meiner Hauptbeschäftigung. Ich ermüdete schließlich und
           schlief eine sehr, sehr lange Zeit hindurch.
             Während ich schlafend war, betrat ich die Welt der Träume. Auch dort er-
           fuhr ich die verschiedensten Welten und Objekte und in mir entstand eine
           große Ruhelosigkeit. Was auch immer meine Augen erblickten – ohne Verzug
           befand ich mich danach an diesem Ort. Von diesem Ort aus erblickte ich neue
           Dinge und war auch dann unverzüglich und ohne Rücksicht auf Entfernungen
           an dem neuen Ort.
             So verbrachte ich, von einer Welt zur nächsten mit großer Geschwindigkeit
           wandernd, viele Jahre. Jedoch hatte ich immer noch nicht das Ende aller Ma-
           nifestationen der Unwissenheit, die man „das objektive Universum“ nennt,
           erreicht, denn es war eine Illusion, die sich selbst irgendwann fest in meinem
           Herzen verankert hatte wie die Furcht eines Kindes vor einem Gespenst. Wie
           sehr ich mir auch immer durch intensive Ergründung vor Augen führte: „Dies
           ist nicht real“, „das ist nicht real“, so hörte das Empfinden von „dies ist“ doch
           nicht auf! In jedem Augenblick entstanden und entschwanden neuerlich die
           Erfahrungen von Vergnügen und Schmerz wie der fließende Lauf eines Stro-
           mes.
             Ich erinnere mich außerdem an einen riesigen Berggipfel, der durch sein
           eigenes Licht erglänzte, obwohl es da weder Sonne noch Mond gab. Er war so
           herrlich, dass er sogar das Herz derjenigen Weisen bezauberte, die ein Leben
           in der Abgeschiedenheit lieben.
             VIPAÁCIT (BHĀSA) fuhr fort:
VI.2:133     Ich werde dir nun ein anderes, großes Wunder nahebringen, das ich in ei-
           ner anderen Welt erlebt habe. Es gibt da eine leuchtende Welt im großen
           Weltraum, die sich jenseits deiner Reichweite befindet. Diese Welt ist so ver-
           schieden von dieser hier wie eine Traumwelt von einer Welt der Wachzu-
           standes verschieden ist. Während ich diese Welt auf der Suche nach den
           Grenzen des objektiven Universums durchwanderte, bemerkte ich einen
           gigantischen Schatten, der die gesamte dortige Erde einhüllte. Als ich meine



                                                 664
Augen zum Himmel erhob, um die mögliche Ursache dieses riesigen Schat-
tens festzustellen, erblickte ich ein riesengroßes Ding, das die Gestalt eines
Menschen hatte, die im Weltraum fällt und offenbar im Begriff war, auf die
Welt, in der ich stand, herniederzustürzen. Sie war sie riesig, dass sie sogar
die Sonne verdeckte und so den ganzen Planeten in totale Finsternis hüllte.
  Während ich diese Gestalt noch mit Verwunderung und Bestürzung be-
trachtete, fiel sie auf die Erde nieder. Ich hatte das Empfinden, das nun mein
Ende gekommen sei und stürzte mich furchterfüllt ins Feuer. Ich hatte den
Feuergott sehr viele Inkarnationen lang verehrt und er versicherte mir daher:
„Habe keine Angst!“. Ich betete zum Feuergott um Schutz. Der Feuergott be-
fahl mir, sein eigenes Fahrzeug zu besteigen und sagte: „Lass uns beide zur
Welt des Feuers gehen.“ Anschließend machte der Feuergott ein kleines Loch
in den gigantischen Körper, der auf die Erde gefallen war, und beide entka-
men wir dann in den Weltraum.
  Erst von dort aus vermochten wir die kolossalen Ausmaße dieses Körpers
zu erkennen, der auf den Planeten niedergestürzt war. Durch seinen Fall hatte
er sämtliche Ozeane aufgerührt und alle Städte, Siedlungen und Wälder ver-
nichtet. Er hatte den Fluss der Gewässer unterbrochen. Überall hörte man
Klagen und Jammern. Die Erde stöhnte unter seinem Gewicht. Orkane und
Sturzregen traten auf, die an die kosmische Auflösung denken ließen. Die
Gipfel der Himālayas waren in die Unterwelt hinuntergefallen. Die Sonne fiel
auf die Erde. Die gesamte Erdoberfläche war verwüstet. Die Himmelsbewoh-
ner, die die Himmel durchkreuzten, erblickten diesen gewaltigen Körper und
glaubten, er sei eine neu erschaffene Erde oder die andere Hälfte des Univer-
sums oder vielleicht sogar ein Teil des Raums, der von seinem ursprünglichen
Standort abgebrochen war!
  Als ich jedoch sehr genau hinschaute, konnte ich erkennen, dass er aus
Fleisch gemacht war und die Erde nicht groß genug war, um auch nur ein
einziges Glied dieses Körpers zu bedecken. Nachdem ich dies geschaut hatte,
wandte ich mich an die Schutzgottheit, den Feuergott, und fragte ihn: „Hoher
Herr, was ist das?“
  Der Feuergott erwiderte: „Kind, warte, bis die durch den Sturz dieses Kör-
pers entstandenen Turbulenzen sich gelegt haben. Danach werde ich dir alles
über ihn erzählen.“
  Schließlich war der Raum um die Erde herum mit Weisen, siddhas und
Himmelsbewohnern, den Manen und den Göttern erfüllt, die alle ätherische
Körper besaßen. Sie neigten ihre Köpfe und richteten an die göttliche Mutter
Kālarātri ein Gebet: „Möge die göttliche Mutter, die mit einem schwarzen Leib
ausgestattet ist, die das gesamte Universum verzehrt, die den Kopf Brahmās
auf der Spitze ihres Schwertes balanciert, die den Gürtel mit den Köpfen der
Götter und Dämonen trägt und die absolut rein ist, uns beschützen.“
   VIPAÁCIT (BHĀSA) fuhr fort:
                                                                                 VI.2:134




                                    665
Als Antwort auf die Gebete der Weisen und siddhas erschien die göttliche
Mutter am Himmel. Sie war „trocken“ und blutlos. Begleitet wurde sie von
zahllosen Kobolden und anderen Geistern. Sie war mehrere tausend Meilen
hoch. Sie war im höchsten Wesen verankert. Sie setzte sich auf den toten
Körper.
  Die Götter sprachen zu ihr: „Oh göttliche Mutter, dies ist unsere Opfergabe
für dich. Wir beten darum, dass du und deine dienstbaren Geister sie
schnellstmöglichst verzehren mögen.“ Kaum hatten die Götter dies ausge-
sprochen, begann die göttliche Mutter mit der Hilfe ihres eigenen prāïa-Áakti
(Lebenskraft) das Lebensblut des Leichnams aufzusaugen. Als dieses Blut in
ihren Mund floss, begann sich ihr eigener schmaler Körper mit Blut zu füllen
und ihr Bauch dehnte sich aus. Sie begann zu tanzen. Die Götter, die auf den
Lokāloka-Bergen (den Grenzen des Erdreiches) saßen, beobachteten diesen
Tanz. Die Kobolde begannen das Fleisch des Leichnams zu vertilgen. In der
Tat war der Zustand der Welt zu dieser Zeit mitleiderregend.
  Die Berge der Erde waren verschwunden. Das Firmament schien wie in ro-
tes Tuch gehüllt. Als die göttliche Mutter im Rausch ihres Tanzes ihre göttli-
chen Waffen in alle Himmelsrichtungen schleuderte, wurden die restlichen
noch verbliebenen Städte und Siedlungen der Erde zerstört und nur noch die
Erinnerung an sie blieb erhalten. Die gesamte Erde war nun nur noch von den
Kobolden und den dienstbaren Geistern, die das Gefolge der göttlichen Mut-
ter gebildet hatten, bewohnt. Als sie diese gänzliche Zerstörung erblickten,
waren die auf den Lokāloka-Bergen sitzenden Götter bestürzt.
  RĀMA fragte Vāsi«Âha:
  Wie konnten die Lokāloka-Berge noch sichtbar sein, da der Körper doch die
gesamte Erde bedeckt haben soll?
  VASIåèHA erwiderte:
  Diese Berge ragten hinter den Schultern des Leichnams hervor. Die bestürz-
ten Götter dachten folgendermaßen nach: „Oh weh, oh weh – wohin ist die
Erde gegangen, wohin sind die Ozeane gegangen, was ist mit den Menschen
und den Bergen geschehen? Wohin ist der Malaya-Berg mit all seinen Sandel-
holzwäldern und zahlreichen Blumengärten gegangen? Oh weh, sogar der
blütenweiße Schnee des Himālaya ist jetzt schmutzig und schlammig. Oh weh,
der Milchozean (die Heimstatt von Lord Viåņu), der wunscherfüllende Baum,
sämtliche anderen Ozeane (die voller Käse, Wein und Honig) und die Berge
voller Kokospalmen sind fort. Oh weh, der Kontinent Krauñca mit seinen
herrlichen Bergen, der Kontinent Puåkara (in dem der Schwan, der das Fahr-
zeug für Brahmā den Schöpfer ist, in einem See voller Lotos lebte und in
dessen Berghöhlen sich die Himmelsbewohner zu ergötzen pflegten), der
Kontinent Gomedha, umgeben von einem Frischwasserozean, und der Konti-
nent Śāka, dessen Gedenken verheißungsvoll ist, wurden alle zerstört. Sämtli-
che Gärten und Wälder sind fort. Wo sollen die müden und ruhesuchenden
Menschen nun rasten? Wann werden wir wohl wieder die Süße des Zuckers



                                    666
und die kleinen, aus Backwerk gemachten Zuckerpuppen kosten können, da
alle Zuckerfelder vernichtet wurden? Oh weh, der JambÆdvīpa, der die Stütze
aller anderen Kontinente war, wurde ebenfalls zerstört. Oh weh, was ist aus
der guten Erde geworden?“

                                   ***


Die Geschichte vom Jäger und dem Hirsch

 VASIåèHA (bzw. BHĀSA) fuhren fort:
                                                                               VI.2:135,
  Die Götter besprachen sich untereinander wie folgt: „Die Kobolde haben          136
nun das Fleisch und das Blut dieses Leichnams gegessen und getrunken und
daher vermag man nun die Erde wieder zu sehen. Aus den Knochen dieses
Kadavers sind nun die neuen Berge geworden.“ Nachdem die Götter so ge-
sprochen hatten, begannen die gesättigten Kobolde im Raum zu tanzen. Die
Götter bemerkten, dass auf der Erde noch etwas Blut zurückgeblieben war.
Sie füllten damit die Ozeane und verwandelten das Blut mit der Hilfe ihrer
Willenskraft in Wein. Die Kobolde tranken von diesem Wein und tanzten
daraufhin weiter – sogar heute noch! Da die neue Erde aus dem Fleisch
(meda) des Leichnams gemacht war, wurde sie fortan „medinī“ (Erde) ge-
nannt. Auf diese Weise wurden die Erde und ihre Bewohner neuerlich ins
Dasein gebracht. Der Schöpfer erschuf als nächstes eine neue Menschheit.
  (BHĀSA sprach:) Dann fragte ich den Feuergott: Wer war dieser Person vor
ihrem Tod? Der FEUERGOTT erzählte mir daraufhin die folgende Geschichte:
  Höre! Es gibt da unendlichen Raum, der voll von reinem Bewusstsein ist. In
ihm treiben die zahllose Welten wie ebensoviele Atome. In ihm taucht eine
mit Selbst-Gewahrsein ausgestattete kosmische Person auf. Diese Person
erfährt ihr eigenes Licht so, wie du ein Objekt im Traum siehst. Aus diesen
verschiedenen Erfahrungen entstehen dann die Sinne und die dazugehörigen
Organe, die zusammen den Körper bilden. Diese Sinne nehmen sodann ihre
eigenen Sinnesgegenstände wahr, die wiederum zur Welt werden.
  In dieser Welt entstand dann eine Person namens Asura (Dämon). Dieser
war stolz auf seine Macht. Einmal zerstörte er die Einsiedelei eines Weisen,
der ihn daraufhin folgendermaßen verfluchte: „Du hast dies getan, weil du
stolz auf deinen gigantischen Körper bist. Du wirst nun sterben und zu einem
Moskito werden.“ Im Feuer dieses Fluches wurde Asura zu Asche verbrannt.
Er wurde zu einer entkörperten Persönlichkeit, so wie das Gemüt einer nicht
bewussten Person. Er wurde eins mit dem physischen Raum. Schließlich
vereinigte er sich in diesem Raum mit dem Wind. Dieser Wind ist die Lebens-
kraft (prāïa). Der Asura erwachte nun als ein Lebewesen und verlangte nach
Energie, Wasser usw. Indem er erneut mit den fünf Elementen (den
tanmātras) und einem Partikel des unendlichen Bewusstseins ausgestattet


                                   667
wurde, begann er wie ein individuelles Lebewesen zu vibrieren. Daraufhin
           entstand in ihm Selbst-Gewahrsein – wie ein Same unter günstigen Umstän-
           den als Keimling zu sprießen beginnt. In diesem Selbst-Gewahrsein lebte der
           Fluch des Weisen und daher die Idee, ein Moskito zu sein. Daher wurde er ein
           Moskito.
             (Als Antwort auf Rāmas Frage sprach Vāsi«Âha: „Von Brahmā abwärts bis
           hin zu einem Grashalm sind sämtliche Wesen zwei Arten der Geburt unter-
           worfen: Die erste ist Brahmās Schöpfung selbst und die andere eine illusori-
           sche. Diejenige Schöpfung, die spontan im Gemüt des Schöpfers auftaucht
           und die er zuvor noch nicht erfahren hat, ist die Schöpfung Brahmās, aber
           nicht diejenige, die man „Geburt aus dem Mutterleib“ nennt. Was dann auf-
           grund latenter Täuschung als diese illusorische Geburt entsteht, ist aus der
           Subjekt/Objekt-Beziehung heraus geboren worden.“)
             Der Moskito wohnte inzwischen glücklich zusammen mit seinem Partner
           auf einem Grashalm. Dieses Gras wurde dann von einem Hirsch verzehrt.
           Weil der Moskito sterbend den Hirsch angeschaut hatte, wurde er zu einem
           Hirsch. Der Hirsch wurde von einem Jäger getötet und daher in seiner nächs-
           ten Geburt als Jäger wiedergeboren. Während dieser Jäger den Wald durch-
           streifte, hatte er das Glück, auf einen Weisen zu treffen, der ihn mit den fol-
           genden Worten spirituell erweckte: „Weshalb lebst du dieses grausame Leben
           als Jäger? Gib dieses sündige Leben auf und bemühe dich um das Erlangen
           von nirvāïa.“
             DER JÄGER sprach:
VI.2:137     Sei es so, oh Weiser. Aber teile mir bitte mit, wie man die Sorge überwinden
           kann, ohne dabei zu „harten“ oder „weichen“ Praktiken greifen zu müssen.
             DER WEISE erwiderte:
             Lege jetzt sofort diesen Bogen und die Pfeile beiseite. Bleibe hier und führe
           das Leben der Stille, frei von Sorgen.
             VASIåèHA fuhr fort:
             Der Jäger tat so, ohne zu zögern. In einer nach Tagen zu rechnenden Zeit
           erlangte er die Weisheit der Schriften so, wie eine Blume den Körper eines
           Mannes durch ihren Duft betritt. Eines Tages fragte er den Weisen: „Wie
           kommt es, oh Weiser, dass der Traum, der doch im Innern stattfindet, sich
           außen abzuspielen scheint?“
             DER WEISE erwiderte:
             Eben diese Frage ist auch in meinem Innern am Anfang aufgetaucht. Um
           eine Antwort auf diese Frage zu finden, praktizierte ich die Konzentration. Ich
           saß in der Lotosposition und verblieb als reines Bewusstsein. Ich sammelte
           alle Strahlen meines Gemüts auf, wie sich diese über die tausend Dinge ver-
           streut hatten, und zentrierte sie alle in meinem Herzen. Zusammen mit der
           Lebenskraft „hauchte“ ich das Gemüt aus dem Körper aus. Dieses prāïa be-




                                                668
trat dann ein Lebewesen, das vor mir erschien. Dieses Wesen „inhalierte“
dieses prāïa und empfing es in seinem eigenen Herzen.
  Dann betrat ich das Herz dieses Wesens. Durch meinen eigenen Intellekt
gebunden, folgte ich diesem bis ins Innere dieses Wesens. Ich sah, dass das
Innere dieser Person voll zahlloser Kanäle war, die alle aussahen, als wären
sie außerhalb. Das Wesen war außerdem angefüllt mit den unterschiedlichen
Organen und Eingeweiden wie Leber, Milz usw., so wie ein Haus voller Möbel
ist. Es war warm im Innern. Eine kühle Brise, die von außerhalb dieses Kör-
pers kam und in ihn eintrat, hielt ihn am Leben und machte ihn bewusst. Die
Kanäle übertrugen die Essenz der Nahrung. Es war sehr finster im Innern,
wie in der Hölle. Die Fluss der Lebenskraft entlang der genannten Kanäle
schwankte in Übereinstimmung mit den physischen Ungleichgewichten, die
den Fluss der Lebenskraft bestimmten. In einem Kanal, der einem Lotossten-
gel glich, strömte eine strahlende, feurige Kraft, die das ferne Geräusch eines
Windes, der durch eine enge Röhre streicht, hervorrief. Die Kraft war mit
allen Arten von Objekten angefüllt. Zusammengehalten wurde sie durch die
Luftbewegungen. An manchen Orten war dieser Kanal erfreulich, an anderen
wiederum erregt. Es sah so aus, als würden himmlische Musiker irgendwo
unterhalb des Bereiches der Zunge singen, und woanders wiederum erschien
es so, als wäre da eine sehr erlesene Musik.
  Ich betrat das Herz des Wesens. In diesem Herz erlangte ich das Prinzip des
Lichts. In ihm fand ich die drei Welten gespiegelt. Es ist das Licht der drei
Welten. Es ist die eigentliche Essenz aller Dinge. Der jīva ist dort. Der jīva
durchdringt zwar den gesamten Körper, jedoch ist dieser „ojas“ (inneres
Licht) sein eigentlicher Wohnsitz. Er wird auf allen Seiten durch die Lebens-
kraft geschützt. Ich betrat ihn so wie Wasser einen irdenen Topf durchdringt.
Indem ich dann dort saß, vermochte ich das gesamte Universum so zu sehen
wie durch mein eigenes „ojas“.
  DER WEISE fuhr fort:
  Auch in dieser Traumwelt gab es eine Sonne, Berge und Ozeane wie auch
Götter und Dämonen und auch menschliche Wesen. Es gab da Städte und
Wälder, Zeiteinteilungen und Himmelsrichtungen. Die Traumerscheinungen
wirkten dauerhaft und beständig – als wären sie gleich nach meinem Aufwa-
chen aufgetaucht. Ich fragte mich: „Wie kann es sein, dass ich diesen Traum
wahrnehme, obwohl ich nicht schlafe?“ Nach einer langen Ergründung reali-
sierte ich: „Gewiss ist dies die göttliche Gestalt der Wahrheit des Bewusst-
seins. Was auch immer dieses Bewusstsein in sich selbst manifestiert, ist
dann diese sogenannte Welt.“ Wo auch immer dieser Same des Bewusstseins
seine eigene Gestalt wahrnimmt, sieht es an Ort und Stelle die Welt, ohne
dabei jemals seine eigene Realität als das unendliche Bewusstsein abzulegen.
  Ich habe nun erkannt, dass diese Welt, die man ein Traumobjekt nennt, die
Wahrnehmung dieses unendlichen Bewusstseins ist. Die Manifestation (das
Leuchten) dieses Bewusstseins wird sowohl die Wachwelt als auch die
Traumwelt genannt. Es ist ein Bewusstsein – eine Getrenntheit gibt es darin


                                     669
nicht. Traum ist Traum im Verhältnis zum Wachzustand, während der Traum
           der Wachzustand im Verhältnis zum Traum selbst ist. Der Traum ist nicht
           vom Wachzustand unterschieden; der Wachzustand ist daher von zweifacher
           Natur.
             Eine Person ist nichts als Bewusstsein. Auch wenn hunderte Körper ver-
           derben, verdirbt doch nicht das Bewusstsein. Bewusstsein ist wie Raum,
           existiert aber gleichzeitig als der Körper. Das Unendliche erscheint als geteilt
           in unendlich viele Objekte mit und ohne Form. Dies ist so, weil innerhalb des
           unendlichen Bewusstseins die zahllosen Partikel der Erfahrungen leuchten.
           Sobald sich der jīva von der Erfahrung der äußeren Welten abwendet und
           sich den inneren Welten im Herzen zuwendet, taucht der Traum auf. Sobald
           der jīva ein veräußerlichtes Bewusstsein hat, gibt es den Wachzustand. Wenn
           derselbe jīva seinen Blick auf sich selbst richtet, taucht der Traum auf. Es ist
           der jīva selbst, der sich als der Raum, die Erde, der Wind, die Berge und die
           Ozeane ausbreitet – ob diese nun außen oder innen gesehen werden. Sobald
           diese Wahrheit realisiert wurde, ist man frei von den vāsanās bzw. der menta-
           len Konditionierung.
             Dann fragte ich mich selbst: „Was ist der Schlaf?“ Ich begann den Schlaf zu
           erforschen. Sobald einer denkt: „Was habe ich mit diesen Objekten der Welt
           zu tun? Lasst mich einige Zeit lang in völligem Frieden ruhen.“, kommt der
           Schlaf. So wie es in ein und demselben Körper lebende und nicht lebende
           Dinge gibt (wie Nägel, Haare usw.), so ist der Schlaf gleichzeitig durch Leben
           und Leblosigkeit gekennzeichnet. „Lasst mich in Frieden ruhen“ – sobald
           diese Idee im eigenen Gemüt beherrschend ist, führt dies den Schlaf herbei.
           Geschehen kann dies sogar im Wachzustand.
             Dann begann ich den Zustand von turīja (den Vierten) zu ergründen. Wenn
           man fest in turīja verankert ist, hört die Welterscheinung aufgrund vollkom-
           mener Erleuchtung auf. Dann existiert diese Welt nur noch so, wie sie ist –
           nichts hört mehr auf zu sein. Es geschieht aufgrund der Existenz dieses turīja,
           dass Wachen, Träumen und Schlaf so, wie sie sind, existieren. Die Erkenntnis,
           dass „diese Welt niemals erschaffen worden ist, weil es überhaupt keine
           Ursache für ihr Auftauchen gibt“ und dass „Brahman allein als diese Welt
           leuchtet“, ist turīja.
             DER WEISE fuhr fort:
VI.2:138     Dann entschied ich mich, eins mit dem Bewusstsein dieses Wesens zu wer-
           den. Als ich das „ojas“ dieses Wesens verließ, um in das Bewusstsein einzutre-
           ten, wurden meine eigenen Sinne unverzüglich erweckt. Jedoch hielt ich sie
           sofort zurück und betrat zuerst das Bewusstsein. Als ich es betrat, erfuhr ich
           zur selben Zeit zwei Welten. Alles erschien doppelt. Da die zwei erfahrenden
           Intelligenzen ähnlich waren, erschien auch die Dualität als ähnlich und wie
           bei Wasser und Milch gut gemischt.
             Innerhalb eines Augenblicks zog ich mich mit der Hilfe von Bewusstsein in
           das Bewusstsein des anderen Wesens zurück. Unverzüglich verschmolzen die
           „zwei Welten“ zu einer einzigen – so wie bei jemandem die Sicht zweier Mon-


                                                670
de nach der Heilung seiner Fehlsichtigkeit, die ihn doppelte Monde erblicken
ließ, verschwindet. Meine eigene Weisheit hatte ich nicht aufgegeben, jedoch
war meine Gedankenform schwach geworden und hatte die Gedankenform
des anderen Wesens angenommen. Daher begann ich die Welt nun so wie
dieses Wesen zu erfahren.
  Nach einiger Zeit legte sich das Wesen zum Schlaf nieder. Er versammelte in
sich die Strahlen seines Gemüts. So wie eine Schildkröte ihre Glieder in sich
selbst zurückzieht, so wurden seine Sinne zusammen mit ihren Funktionen in
sein eigenes Herz zurückgezogen. Seine Sinnesorgane wurden wie tot oder
wie gemalte Bilder. Ich befand mich innerhalb des Wesens, folgte dem Pfad
seines Gemüts und betrat sein Herz. Einen Moment lang erfreute ich mich des
Glückes des Schlafes, indem ich alle Wahrnehmung äußerer Objekte völlig
aufgegeben hatte und in das „ojas“ eingetreten war. Alle Kanäle innerhalb des
Wesens waren aufgrund seiner Müdigkeit verstopft und verdichtet. Wegen
der gegossenen Nahrung und Getränke strömte die Lebenskraft nur langsam
durch seine Nüstern. Die Lebenskraft wendet sich ihrer eigenen Quelle inner-
halb des Herzens zu und erleichtert dadurch das Gemüt von der Empfindung
der Materialität (bzw. macht das Gemüt bedeutungslos), weil es auf natürli-
che Weise sein eigenes Objekt ist. Das Selbst ist nun sein eigenes Objekt –
andere veräußerlichende Aktivitäten gibt es nicht mehr. Daher leuchtet es
nun als es selbst.
  RĀMA fragte:
  Das Gemüt vermag nur aufgrund der Lebenskraft zu denken und besitzt in
sich selbst keinerlei eigene Substanz. Was ist es dann eigentlich selbst in sich
selbst?
  VASIåèHA erwiderte:
  Obwohl der Körper als real erfahren wird, existiert er in Wahrheit nicht.
Das Gemüt ist so real wie der im Traum erblickte Berg. Da aufgrund der Ab-
wesenheit jedweder Ursache kein „Objekt“ jemals erschaffen wurde, existiert
das Gemüt (citta) überhaupt nicht. All dieses ist Brahman und da Brahman
alles ist, existiert die Welt so, wie sie ist. Sogar Körper und Gemüt usw. sind
nichts als Brahman, aber wie die Kenner der Wahrheit dies sehen, können wir
nicht beschreiben.
  Das eine, unteilbare Bewusstsein nimmt sich selbst als sein eigenes Objekt
wahr, was man dann als das Gemüt bezeichnet. Sobald darin die Idee von
Bewegung auftaucht, manifestiert sich diese Idee als prāïa bzw. Lebenskraft.
Prāïa lässt die Erfahrungen der Sinne entstehen, woraufhin die Welt er-
scheint.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:139
  Das Gemüt (citta) ist der Schöpfer der Welten mitsamt allem, was darin re-
al, irreal oder eine Mischung davon ist. Prāïa (Lebenskraft) wurde vom Ge-
müt mit Hilfe der Idee: „Das Prāïa ist meine Bewegung; ich sollte nicht ohne
prāïa bzw. Lebenskraft sein. Daher sollte es mein Objekt sein. Auch wenn ich


                                     671
eine Zeitlang ohne prāïa sein sollte, sollte ich gleich danach wieder mit dem
prāïa sein“, ins Dasein gerufen. In dem Moment, in dem dieses prāïa sich mit
dem Gemüt vereinigt, erblickt es die illusorische Welt. Aufgrund der festen
Idee: „Ich sollte niemals wieder ohne die Lebenskraft und den Körper sein“,
erlangt es sodann seine wahre Natur als reines Bewusstsein nicht mehr wie-
der.
   Es erfährt Sorge, weil es aufgrund von Zweifel von einer Seite zur anderen
schwingt. Diese Sorge hört erst dann auf, wenn die Selbsterkenntnis auf-
taucht. Nichts anderes als die Selbsterkenntnis vermag die falsche Idee „Ich
bin dies“ zu beseitigen. Selbsterkenntnis taucht außerdem durch nichts ande-
res als durch Ergründung der Mittel der Befreiung auf. Ergründe daher mit all
deinen Kräften die Mittel der Befreiung.
   Das Gemüt unterhält beständig die Idee, dass „die Lebenskraft mein eigenes
Leben ist“. Deshalb ruht das Gemüt im prāïa. Wenn sich der Körper in einem
Zustand des Wohlseins befindet, funktioniert das Gemüt recht gut; erfreut
sich der Körper eines solchen Wohlseins jedoch nicht, dann vermag das Ge-
müt nichts anderes mehr als den Zustand des physischen Aufruhrs wahrzu-
nehmen. Sobald das prāïa (Lebenskraft) stark mit seiner eigenen kraftvollen
Bewegung beschäftigt ist, wird es in seine eigene Bewegung absorbiert und
ist unfähig, Selbsterkenntnis auszuüben.
   Die Beziehung zwischen dem Gemüt und dem prāïa besteht daher in der-
jenigen von Fahrer und Fahrzeug. Darin bestand nämlich von Anfang an die
vom unendlichen Bewusstsein gehegte Vorstellung, die sich dann auch als
diese Beziehung bis heute erhalten hat. Wer nicht erleuchtet ist, vermag dies
nicht zu transzendieren. Die unwissende Person fährt fort, ihre unerschütter-
lichen Überzeugungen bezüglich von Zeit, Raum, Materie, Gemüt, prāïa und
Körper zu pflegen. Wenn Gemüt und prāïa harmonisch zusammenarbeiten,
geht die Person verschiedenen Aktivitäten nach. Sobald es eine Störung gibt,
gibt es auch Disharmonie. Sind beide zur Ruhe gekommen, ist da Schlaf. Wenn
die nā¬īs (Energiekanäle) durch Nahrung usw. verstopft sind und da Trägheit
ist, wird auch die Bewegung des prāïa träge und der Schlaf entsteht. Aber
sogar wenn die die nā¬īs nicht durch Nahrung usw. verstopft sind, aber
Schwäche oder Müdigkeit entstanden sind, kann sich das prāïa nicht mehr
wie zuvor ungehindert bewegen – dann schläft man ein. Wenn die nā¬īs
selbst aus welchen Gründen auch immer weich und schwächlich geworden
und mit allen möglichen Arten von Unreinheiten beladen sind und das prāïa
daher mit unordentlichen Aktivitäten beschäftigt ist, kommt es ebenfalls zum
Schlaf.
   DER WEISE sprach:
   Als die Dunkelheit hereinbrach, fiel die Person, deren Herz ich betreten hat-
te, in tiefen Schlaf. Auch ich erfreute mich dieses Schlafs. Dann, als die von der
Person gegessene Nahrung verdaut und die nā¬īs wieder rein waren, begann
sich die Lebenskraft aufs Neue lebhaft zu regen und den Schlaf aufzulösen.


                                      672
DER WEISE fuhr fort:
  Als dann der Schlaf sich aufzuheben begann, erblickte ich die Welt mit ihrer
Sonne usw., als wäre sie im Herzen aufgetaucht. Ich sah alles da, wo ich gera-
de war. Jedoch wurde diese Welt von der Sturmflut der kosmischen Auflösung
heimgesucht. Mich selbst sah ich zusammen mit meiner Braut in einem Haus
sitzen. Die Sturmflut trug uns beide fort, zusammen mit dem ganzen Haus
usw. welches der Flut zu trotzen schien, als wollte es am Leben bleiben. Schon
bald brach dieses Haus, in dem ich saß und welches von der Flut
davongetrieben wurde, in tausend Stücke. Ich sprang ins Wasser. Ich hatte
meine Familie und meine Freunde vergessen und dachte nur noch an die
Rettung meines eigenen Lebens. Manchmal ging ich unter und manchmal
schwamm ich an der Oberfläche. Als ich einen Halt für die Füße an einem
Felsen fand und eine Weile ausruhen wollte, kam eine ungeheure Welle und
spülte mich erneut in die Flut hinein. Es gab kein einziges Leiden, das mir in
dieser Zeit erspart geblieben wäre; allen Arten schmerzhafter Erfahrungen
war ich unterworfen.
  In der Zwischenzeit erinnerte ich mich – weil ich zwar in einem Zustand
äußerster Verzweiflung, aber dennoch gänzlich wach und bewusst war – an
eine Erfahrung eines früheren Lebens in einem Zustand von samÃdhi. Damals
war ich ein Asket. Ich hatte eine andere Person betreten und war begierig,
den Traumzustand zu beobachten. Ich wusste, dass ich nur eine Illusion beo-
bachtete. Gleichzeitig hatte ich ein Bewusstsein der gegenwärtigen Erfahrun-
gen, und obwohl ich von der Flut davongespült wurde, hatte ich ein Erleben
von Freude.
  Während ich die Flut und die durch sie verursachte Zerstörung betrachtete,
dachte ich wie folgt nach: „Was vermag dem Schicksal zu entkommen? Sogar
der dreiäugige Gott wurde von dieser Flut zerschmettert. In dieser Flut wer-
den sämtliche Götter und Dämonen umhergeschleudert. Diese berghohen
Wellen schlagen sogar an den Thron von Brahmā, dem Schöpfer. Diese Wellen
sehen wie Elefanten aus, sind so mächtig wie Löwen und scheinen im Himmel
wie Wolken zu treiben. Sogar die Beschützer dieser Erde stürzen zusammen
mit ihren Palästen und Fahrzeugen in diese Flut und ertrinken darin. Die
Götter und die Dämonen schwimmen gemeinsam in dieser Flut und halten
sich aneinander fest. Wegen dieser fallenden Städte und treibenden Paläste
scheinen die Wasser der Flut wie solide Mauern zu sein. Sogar die Sonne
wurde von dieser Flut überwältigt und in die Unterwelt getrieben. Nur die
Kenner der Wahrheit (die Weisen der Selbsterkenntnis) erfahren überhaupt
keinen Kummer – sie sehen ihre Körper den Strom hinuntertreiben, ohne
dabei die falsche Idee zu entwickeln: „Ich bin dieser Körper“. Hilflose Frauen
ertrinken. In dieser Flut der kosmischen Auflösung, in der sämtliche Wesen
vom Tod verzehrt werden – wer könnte durch wen errettet werden? Das
gesamte Universum scheint jetzt nichts anderes als ein unendlichen Ozean zu
sein. Wo sind alle diese von Indra angeführten Götter geblieben?“
  DER JÄGER fragte:
                                                                                 VI.2:140


                                    673
Tauchen Halluzinationen dieser Art denn sogar in den Großen wie dir auf,
oh Weiser? Hat die Praxis der Meditation diesem denn kein Ende gesetzt?
  DER WEISE erwiderte:
  Am Ende des Weltzyklus hört alles auf. Einige Dinge gelangen nach und
nach an ein Ende, während manche andere wiederum abrupt aufhören. Noch
einmal: Was geschehen soll, wird unvermeidlicherweise auch geschehen.
Darüber hinaus sind von dem Auftreten des Missgeschicks, der Kraft, der
Intelligenz und der Vitalität (Strahlen) alle immer und überall nachteilig
betroffen, sogar die Großen. Außerdem war das, was ich beschrieben hatte,
nichts als ein Traum. Was wäre in einem Traum wohl unmöglich oder unver-
einbar miteinander?
  Und doch ist es wichtig, dass ich dir diese Traumerfahrung erzähle. Ich
werde dir nun die Wahrheit offenbaren.
  Während ich also diese große Flut der kosmischen Auflösung beobachtete,
gelangte ich an dem Gipfel eines Berges an. Ich kletterte auf diesen Gipfel. Im
nächsten Moment verwandelte sich plötzlich die gesamte Szenerie. Ich wuss-
te nicht, weshalb und wie die Flutwasser mit einem Male verschwanden. Die
gesamte Erde war nun eine einzige Masse Schlamm, in dem die Götter wie
auch Indra und Tiere wie die Elefanten bis an den Hals versanken. Schon bald
wurde ich von Müdigkeit und Schlaf überwältigt.
  Anschließend musste ich, obwohl ich in meinem eigenen „ojas“ blieb, im-
mer noch die psychologische Konditionierung der früheren Erfahrungen
ertragen. Nachdem ich auf diese Weise nach dem Aufwachen eine Art von
doppeltem Bewusstsein erfahren hatte, sah ich den Berggipfel im Herzen der
anderen Person. Am zweiten Tag sah ich dort den Sonnenaufgang. Danach
stiegen alle anderen Objekte dieser Welt auf.
  Ich versuchte nun alles zu vergessen und mich wieder meinen alltäglichen
Aktivitäten in dieser Welt zuzuwenden. Ich sprach zu mir: „Ich bin sechzehn
Jahre alt, diese sind meine Eltern usw.“. Dann erblickte ich ein Dorf und darin
eine Einsiedelei. Ich begann in dieser Einsiedelei zu leben, die mir immer
realer vorkam, während die Erinnerungen an die früheren Erfahrungen zu
schwinden begannen. Ich begann den Körper als meine einzige Hoffnung zu
erachten. Die Weisheit hatte sich weit, weit von mir entfernt. In den vāsanās
bzw. der mentalen Konditionierung bestand nun die Essenz meines Wesens
und ich war dem Erwerb von Wohlstand hingegeben. Ich beobachtete alle
meine gesellschaftlichen und religiösen Pflichten. Ich wusste, was zu tun und
was zu unterlassen war.
  Eines Tages kam ein Weiser als mein Gast zu mir. Ich sorgte gut für ihn. In
der Nacht erzählte er mir eine Geschichte. Er beschrieb das grenzenlose
Universum in allen Einzelheiten und schloss seine Erzählung mit der Erklä-
rung, dass alles dieses das unendliche Bewusstsein sei. Nun war meine innere
Intelligenz plötzlich erweckt. Sogleich erinnerte ich mich an die gesamte
Vergangenheit, wie ich den Körper eines Anderen betreten hatte usw. Ich



                                     674
glaubte, dass die andere Person die kosmische Person gewesen war und
versuchte sie zu verlassen. Indem ich eins mit ihr wurde, konnte ich sie ver-
lassen. Daraufhin sah ich vor mir sofort meinen eigenen, in der Lotosposition
sitzenden Körper auftauchen, und zwar in einer Einsiedelei, bedient von
Schülern. Laut diesen Schülern war, seit ich in den samÃdhi gegangen war,
nur eine einzige Stunde vergangen. Die Person, deren Herz ich betreten hatte,
war auch ein Reisender gewesen, der geschlafen hatte. Ich erzählte dies nie-
mandem und betrat anstelle dessen rasch das Herz dieser schlafenden Person
ein weiteres Mal. In diesem Herz war die kosmische Auflösung an ein Ende
angelangt. Das Dorf, in dem ich mit meinen Verwandten gelebt hatte, war
verschwunden. Alles war von den Feuern der kosmischen Auflösung in Brand
gesetzt worden. Ich praktizierte die Wind-Kontemplation und wanderte darin
umher.
  DER WEISE fuhr fort:
                                                                                   VI.2:141,
  Obwohl ich ringsum von diesen schreckenerregenden Feuern umgeben war,               142
fühlte ich mich überhaupt nicht unwohl. Wenn man weiß, dass der Traum nur
ein Traum ist, ist man sogar vom Feuer frei. Während ich die Natur dieses
Feuers untersuchte und währenddessen aufgrund des Wissens, dass ich einen
Traum vor mir hatte, unberührt von ihm blieb, tauchte eine entsetzliche
Hitzewelle auf. In dem daraus entstehenden tollen Wirbel begannen alle
Dinge umherzufliegen und zu Asche zu verbrennen. Es war wie ein Tanz der
völligen Zerstörung.
  Ich begann mich zu fragen: Schließlich ist dies alles hier nur ein Traum, der
von mir geträumt wird, der ich im Herzen von jemand anderes lebe. Weshalb
sollte ich dieses Beobachten all des Leidens fortsetzen und nicht lieber aus all
dem heraustreten?
  DER JÄGER fragte:
  Du hast das Herz dieser Person betreten um herauszufinden, was der
Traum ist. Weshalb entschlossest du dich dann dazu, wieder herauszukom-
men? Hast du demnach die Wahrheit herausgefunden?
  DER WEISE erwiderte:
  Zunächst möchte ich damit beginnen festzustellen, dass die Schöpfung für
ihr Dasein keinerlei Ursache hat. Daher besitzen weder Worte wie „Schöp-
fung“ noch Objekte wie „Schöpfung“ eine reale Substanz. Sie existieren nicht.
Jedoch ist diese Unwissenheit bzw. Unwirklichkeit ebenfalls eine im Bewusst-
sein bzw. der Wirklichkeit auftauchende Idee – im Bewusstsein bzw. der
Realität liegt das, was (als Schöpfung) existiert, auf der Hand. Ich kann dir
von der Wahrheit nur von dem Gesichtspunkt eines Menschen aus sprechen,
in dem Unwissenheit und Torheit aufgehört haben; was vom Gesichtspunkt
des Unwissenden und Toren aus wahr ist, vermag ich nicht zu sagen. Die
Wahrheit ist: All dieses ist reines Bewusstsein, welches alles durchdringt.
  Wo ist der Körper, wo ist das Herz, was ist Traum, wo sind Wasser und Flut
usw., wo sind das Erwachen und das Aufhören des Erwachens, wo sind Ge-


                                     675
burt und Tod? Es gibt da nur reines Bewusstsein. In der Gegenwart dieses
Bewusstseins erscheinen sogar die winzigsten und subtilsten Teilchen des
Raums ins Riesenhafte vergrößert. Auf spontane Weise „denkt“ dieses Be-
wusstsein einen Augenblick lang etwas und spontan erscheint daraufhin die
Idee der Welt, obgleich wir es hier mit nichts als reinem Raum zu tun haben.
Wie im Traum legt auch hier das Bewusstsein lediglich unterschiedliche
Masken an; Städte usw. gibt es da nicht, da die Welt nichts als reines Bewusst-
sein ist. Für uns sind da weder Erscheinung, Reales noch Irreales oder Raum,
sondern nichts als das eine, formlose, anfanglose, endlose, nonduale unendli-
che Bewusstsein. Träume entstehen ohne jede Ursache – nichts als das reine
Bewusstsein des Erfahrenden existiert (ohne ein unabhängiges Objekt). Auch
in diesem Fall hier besteht keinerlei Ursache – es gibt daher weder ein Sub-
jekt noch ein Objekt. Was als einziges existiert, ist das reine Bewusstsein oder
was auch immer es sein mag – jedenfalls haben wir es hier mit reinem Erfah-
ren, das nondual und jenseits jeder Beschreibung ist, zu tun.
  Zeit ist gleichzeitig Existenz wie Zerstörung – ihr Same ist selbst all das, was
aus ihr von den Blumen bis hin zu den Früchten auftaucht. Ebenso ist auch
Brahman alles dieses. Bewusstsein allein erstrahlt rein. So wie während des
Träumens der Traum die Qualität des Wachens besitzt, so ist die Natur des
Wachens selbst nichts anderes die Natur des Traums. Sobald alle mentalen
Aktivitäten aufgehört haben, bist du das, was ist.
  DER JÄGER sprach:
  Hoher Herr, wer ist vom vergangenen karma betroffen und wer nicht?
  DER WEISE erwiderte:
  Diejenigen, die gleich zu Beginn der Schöpfung ins Dasein treten – wie
Brahmā der Schöpfer – besitzen weder Geburt noch Tod. Sie besitzen kein
Empfinden von Dualität, kein saæsāra und keinerlei Ideen: Ihr Bewusstsein
ist rein. Ohnehin hat gleich zu Beginn der Schöpfung niemand irgendein
karma, denn vor allem diesen hat ja nur das absolute und unendliche Brah-
man existiert. Zu Beginn der Schöpfung war es daher Brahman, das die
Schöpfung manifestierte. So wie sich Brahmā der Schöpfer und alle anderen
zu Beginn der Schöpfung manifestierten, so manifestierten sich dann auch die
zahllosen jīvas. Diejenigen jedoch, die sich als verschieden von Brahman
empfinden, betrachten sich selbst als unwissend und nehmen Dualität wahr.
In ihrem Fall tauchen Geburt und Tod aus ihnen selbst heraus auf, weil sich
diese Wesen zur Hinneigung zum Unwirklichen entschlossen haben. Diejeni-
gen dagegen, die sich (wie Brahmā, Viåņu und Śiva usw.) nicht als verschieden
von Brahman sehen, erfahren keinerlei karma.
  Das unendliche Bewusstsein ist absolut rein. Brahman ruht innerhalb von
sich selbst. Jedoch entsteht in ihm die winzige Idee des jīva. Wo diese Idee
vom jīva auftaucht, dort taucht auch die Unwissenheit auf, und das allein
schon wird von demselben Bewusstsein als die Schöpfung betrachtet. Von
selbst erwacht das Bewusstsein zu seiner eigenen, wahren Natur und reali-
siert, dass es Brahman ist und auch schon immer gewesen ist.


                                      676
Wasser nimmt von selbst die Form des Strudels an – Brahman nimmt eben-
so von selbst die Erscheinungsform dieser Schöpfung an. Diese Schöpfung ist
das manifeste Brahman – weder ist sie ein Traum noch die Realität des Wach-
zustandes. Was wäre in diesem Fall also karma, wem käme es zu und wie
viele verschiedene Arten sollte es kennen? In Wahrheit gibt es kein karma,
keine Unwissenheit, keine Schöpfung – alle diese Ideen tauchen nur aufgrund
der eigenen Erfahrung auf.
   Brahman allein erstrahlt als die Schöpfung, die individuellen Seelen, karma,
Geburt und ähnliche andere Ideen. Da er der Höchste Herr ist, erfährt er diese
Ideen so, als wären sie wahr. Zu Beginn der Schöpfung ist der jīva keinerlei
karma unterworfen; danach jedoch verwickelt er sich aufgrund der von ihm
unterhaltenen Ideen in das karma. Was ist der Körper bzw. die Persönlichkeit
eines Strudels? Worin sollte dessen karma bestehen? Er ist Wasser und nichts
anderes – ebenso ist alles Brahman.
   Die in einem Traum erblickten Personen besitzen kein karma der Vergan-
genheit. Auch der jīva, der zu Beginn der Schöpfung auftaucht, besitzt kein
karma, weil er reines Bewusstsein ist. Die Idee des karma taucht allein nur
dann auf, wenn einer fest an der Idee der Wirklichkeit der Welt festhält. Dann
beginnt dieser jīva hier umherzuwandern – gefesselt durch das karma. Sobald
realisiert wird, dass diese Schöpfung selbst Nicht-Schöpfung ist und Brahman
allein existiert – wo sollte dann noch länger karma sein? Wessen sollte dieses
karma sein und wer gehört zu diesem karma? Karma existiert nur in der
Unwissenheit – sobald die rechte Erkenntnis auftaucht, hört die Bindung
durch das karma auf.
   DER WEISE fuhr fort:
                                                                                   VI.2:143
   Der paï¬ita (einer, der Selbsterkenntnis erlangt hat), ist wie die Sonne, der
den Lotos sämtlicher dharma, karma und Erkenntnisse erblühen lässt. Vergli-
chen mit der Weisheit des Weisen der Selbsterkenntnis ist sogar der Status
eines Königs der Götter gleichviel wie wertloses Stroh. Sobald die Selbster-
kenntnis zum Vorschein kommt, schwindet die illusorische Wahrnehmung
der Welt und die Erkenntnis Brahmans als der einzigen Wirklichkeit taucht
auf, so wie im Licht, das die Dunkelheit vertreibt, die Girlande, welche mit
einer Schlange verwechselt wurde, als Girlande erstrahlt.
   Die im Traum erblickten Leute haben keine Eltern – ebenso hat dieser Welt-
traum keine Ursache. Die Traum-Leute besaßen kein früheres karma, das ihre
gegenwärtige Geburt verursacht hätte. Die scheinbar realen Menschen in
dieser Traumwelt besitzen ebenfalls kein karma. So wie der jīva hier Träume
wahrnimmt und erfährt, so fantasiert und erfährt er entsprechend seiner
eigenen mentalen Konditionierung (vāsanā) auch frühere Leben und karmas
als real.
   Zu Beginn der Schöpfung und am Ende der Existenz des Körpers erfährt der
jīva einen traumartigen Zustand. Was auch immer er erfährt, erscheint dann
als seiend, obwohl es weder real noch irreal ist. In einem Traum kommt es zu
Kontakten mit „anderen“ Objekten, obgleich diese überhaupt nicht als solche


                                     677
existieren. Auf diese Weise kann es auch zu den Erfahrungen mit den Objek-
ten des Wachzustandes kommen, obgleich auch sie irreal sind. „Wachen“ und
„träumen“ sind zwei Worte, die die Bewegung innerhalb des Bewusstseins
bezeichnen, die zu Gewahrsein führt. Dieses Gewahrsein bzw. diese Erfah-
rung, die zu Beginn der Schöpfung (sargādi) und am Ende des Lebenszyklus
des Körpers (dehānta) auftaucht – dieses Gewahrsein bzw. diese Erfahrung
fährt fort zu existieren, bis sie aufhört zu sein (bzw. bis Befreiung erlangt
wird), und es ist dies, was man Schöpfung nennt.
  Eine Unterscheidung zwischen Bewusstsein und dem Gewahrsein der ent-
weder im Wachzustand oder in einem Traum gesehenen Objekte gibt es nicht,
so wie es auch keine Unterscheidung zwischen Wind und Bewegung geben
kann. Brahman allein scheint aufzutauchen und zu verderben bzw. zu sterben
und Objekte zu erfahren, obwohl er nichts als reines Bewusstsein ist, das
keinerlei Wandel unterworfen und für immer im Frieden und rein ist. Was
auch immer dieses unendliche Bewusstsein bzw. diese kosmische Person
innerhalb von sich selbst gewahrt, wird gleichzeitig zu Ursache und Wirkung.
Diese Schöpfung ist im Herzen dieses unendlichen Bewusstseins wie der
Traum in deinem Herzen – als die Ursache und die Wirkung.
  Auf welche Art und Weise dies auch immer zu Beginn der Schöpfung aufge-
taucht ist, als das hat es sich als seine eigene natürliche Ordnung, als Zeit,
Raum usw. bis heute fortgesetzt. Welche Eigenschaften auch immer die
Schöpfung damals erworben hat – diese haben sich seitdem als dauerhaft
fortgepflanzt. Als erstes entstand da eine Idee oder ein Empfinden oder ein
Konzept im Bewusstsein, der dann die so genannte Schöpfung folgte – doch
ist all dieses nichts als das Blendwerk des Bewusstseins! Die unermessliche
Raum scheint von blauer Farbe zu sein – das unermessliche Bewusstsein
scheint als diese Schöpfung zu existieren.
  DER JÄGER sprach:
  Wie erlangt man nach der Aufgabe dieses Körpers einen anderen Körper zu
dem Zweck, mit diesem Vergnügen und Schmerz zu erfahren? Worin besteht
die kausale Ursache und was sind die zusammenwirkenden Ursachen?
  DER WEISE erwiderte:
  Dharma (Tugend), adharma (Sünde), vāsanā (latente Neigungen bzw. men-
tale Konditionierung), das aktive Selbst und der jīva – all dies sind nur Syno-
nyme für Ideen ohne eine dazugehörige Realität. Es ist das Bewusstsein,
welches alle diese Ideen im Raum (Feld) des Bewusstseins unterhält. Das
Selbst erfährt die Körperidee deshalb, weil es reines Bewusstsein, völlig un-
abhängig vom Körper, ist. Obgleich die Körperidee unwirklich ist, wird sie wie
eine Realität erfahren, wie ein Traumobjekt. Für die gestorbene Person er-
strahlt die „andere Welt“ als eine Idee in ihrem eigenen Bewusstsein. Da sie
sie einige Zeit lang erblickt, hält sie sie für real.
  Falls man nun einwendet, dass irgend jemand der verstorbenen Person zur
Geburt verholfen haben müsse, muss man die Frage beantworten können, wie



                                     678
die letztere sich an die Vergangenheit ihrer eigenen Inkarnation erinnern
sollte? Der Tote wird nicht wiedergeboren- jedoch erfährt er auch weiterhin
aufgrund seiner eigenen mentalen Konditionierung innerhalb seines eigenen
Bewusstseins die Idee „Ich bin hier, unter diesem Umständen usw.“ Sobald
diese Erfahrung einige Zeit lang anhält und schließlich Wurzeln schlägt, er-
langt sie die Gewissheit einer Realität. Das Selbst, welches reiner Raum ist
(Leerheit), erblickt innerhalb dieses Raums selbst einen Traum. Es erinnert
sich dann wieder und wieder an diesen Traum und lässt dadurch die Wieder-
geburten und weitere Welten entstehen. Dann glaubt es, dass diese Welt und
dieser Geburt real sein müssen und beginnt damit, in dieser Welt als der jīva
tätig zu werden.
  Auf diese Weise gibt es Millionen und Abermillionen von Welten. Wird de-
ren Wahrheit klar verstanden, sind sie nichts mehr als reines Bewusstsein
bzw. Brahman, während sie andernfalls als die Weltschöpfung erscheinen. Sie
sind nichts und gehören zu nichts. Sie wurden niemals wirklich erschaffen.
Jeder jīva erfährt jede einzelne dieser Welten als „dies ist die Welt“. Eben
diese wechselseitige Beziehung verleiht dieser Illusion den Eindruck der
Realität. Sobald die Wahrheit dieser Welten verstanden wurde, werden sie als
unerschaffene Realitäten erkannt. Was real für den Weisen ist, ist für den
Unwissenden eine undurchdringliche Illusion. Was unwirklich für den Weisen
ist, ist für den Unwissenden eine auf der Hand liegende Wahrheit.
  Was auch immer das unendliche Bewusstsein erfährt, scheint jetzt und hier
zu existieren. Solche Erfahrungen müssen daher in Beziehung zum jeweiligen
Erfahrenden als real erachtet werden. Da sie jedoch sämtlich (der Erfahrende
und die Erfahrungen) reines Bewusstsein sind, gibt es nichts, von dem man
als von „das andere“ bzw. als Dualität sprechen könnte. Sobald im unendli-
chen Bewusstsein die Idee „dies ist dies“ auftaucht, erstrahlt dieses „dies ist
dies“ als solches. Wird es jedoch als „dies ist dies“ gesehen, dann wird es
natürlich irreal! Wenn es die Erfahrung des Bewusstseins ist, dann ist sie
ununterschieden vom Bewusstsein; nur im inexistenten Zustand der Unwis-
senheit wird die Erfahrung als etwas Unabhängiges erfahren. Daher besitzt
die Selbsterkenntnis keinerlei Objekt, das man kennen könnte. Erkenntnis,
die zum Gekannten wird, wird zum Selbst, dass sich selbst kennt.
  DER WEISE fuhr fort:
  Wie gründlich wir auch immer forschen und schauen – etwas anderes als
Realität vermögen wir nicht zu erblicken. Was die Unwissenden und Toren
sehen, wissen wir nicht. In der erleuchteten Sichtweise des Weisen ist all dies
hier reines, unteilbares Bewusstsein, das in den Augen des Unwissenden als
die zahllosen, getrennten Objekten (fühlende und nicht-fühlende) erscheint.
Das eine, reine Bewusstsein erscheint als die verschiedenen Traumobjekte im
Traum. Alle diese Millionen von Objekten, die im Traum auftauchen, werden
im Tiefschlaf eins. Sobald dann diese Traumwelt erneut ins unendliche Be-
wusstsein eintritt, wird dies Schöpfung genannt. Wenn diese dann selbst in



                                     679
den Zustand des Tiefschlafs eintaucht, wird dies die kosmische Auflösung
           genannt. Dies sagt einem nur der gesunde Menschenverstand!
              Das eine unteilbare Bewusstsein wird sowohl zu den vielfältigen Objekten
           und auch den unendlich vielen Individuen; es wird in sich selbst sowohl die
           Leere als auch die Materie – wie in einem Traum. All diese Vielfalt ist nichts
           als bloßes Erfahren. Sie ist rein. Sie erstrahlt auf die Art, in der sie wahrge-
           nommen wird. Sie kann nicht beseitigt werden. Dieses Bewusstsein allein
           wird zu Beginn der Schöpfung zu Feuer usw. zu dem Zweck, diese Traumwelt
           hervorzurufen. Es ist reines Erfahren allein, das als die Erde usw. erstrahlt,
           obwohl da in Wahrheit nichts als Raum bzw. Leere ist, der als die erschaffene
           Welt erstrahlt. Dieses Gewahrsein bzw. Erfahren scheint manchmal unüber-
           windlich durch die Zeit und manchmal der Zerstörung ausgeliefert zu sein.
           Tatsächlich kann nichts ihm ein Ende setzen, da reines Erfahren immer übrig
           bleiben wird, nachdem sämtliche anderen Dinge an ihr Ende gelangt sind. Es
           ist wie wenn du von Ost nach West gehst – du kennst nun den Osten wie den
           Westen, obwohl die Erfahrung des Kennens dieselbe bleibt! Was auch immer
           du vorsätzlich eine längere Zeit hindurch denkst, erfährst du dann auch. Oder
           ruhe einfach im Frieden und erfahre dann diesen Frieden. Du gehst von Ost
           nach West und kennst dieses dann. Ein anderer geht nicht, sondern bleibt am
           Ort und kennt dieses trotzdem. Das unendliche Bewusstsein, welches unbe-
           wegt ist, bleibt dasselbe, ob es nun erfahren oder nur gedacht wird. Beide
           Erfahrungen tauchen auf und beide Erfahrungen hören auf. Sobald der
           Wunsch „ich sollte von Süd nach Nord gehen“ auftaucht, tauchen diese beiden
           im unbewegten Bewusstsein auf. Taucht ein solcher Wunsch dagegen nicht
           auf, dann existieren die Himmelsrichtungen „Nord“ und „Süd“ auch nicht.
           Sobald das Bewusstsein denkt: „Ich möchte zu einer Stadt am Himmel wer-
           den“ oder „Möge ich zu einem Tier auf Erden werden“, treten diese beiden in
           Erscheinung. Hören solche Ideen auf, hören auch die Erscheinungen auf. Für
           andere ist diese Welt irgend etwas anders.
              Ob der Körper nun sterblich oder unsterblich sei – die Wahrheit besteht
           darin, dass dies hier saæsāra und der jīva wie ein Traum ist. Sogar die Aus-
           länder haben viele Leute unter sich, die sich an Ereignisse aus ihren früheren
           Leben erinnern. Gewiss „sterben“ diese nicht. Daher ist das unendliche Be-
           wusstsein, welches als all dieses hier erscheint, todlos, wandellos und ewig-
           lich. Das unbewegte Bewusstsein bleibt immer – welche Ideen auch immer in
           ihm hier und da auftauchen mögen. Was ist Wahrheit und was Falschheit?
           Lasst uns daher die Körper, Handlungen, Sorgen oder Vergnügen so erfahren
           wie sie sind und auftauchen, oder lasst uns all dies aufgeben. In all diesem
           liegt überhaupt kein Sinn. Lasst es doch „so“ oder „so“ oder sogar überhaupt
           nicht sein – gebt einfach nur diese Täuschungen auf und seid erleuchtet.
              DER WEISE fuhr fort:
VI.2:144
              All dieses existiert und existiert doch gleichzeitig nicht – wie Traumerleb-
           nisse. Da darin die Wahrheit besteht – was wäre dann noch Bindung und wer
           wäre befreit? Die Wolkenformationen am Himmel lassen unablässig sich


                                                680
wandelnde Gestaltungen und Muster erkennen. Auf dieselbe Weise wandelt
sich auch diese Welterscheinung ständig. Aufgrund von Unwissenheit er-
scheint sie als solide und unveränderlich. Es gibt in diesem unendlichen
Raum zahllose Welten, so wie wir hier unsere eigene Welt haben, während
die Welt der einen Person jedoch nicht von den anderen Personen erfahren
wird. Die Maßstäbe von Fröschen, die in einem Brunnen, einem See oder
einem Meer leben, unterscheiden sich voneinander. Sie teilen nicht ein und
dieselbe Erkenntnis. Leute, die gemeinsam in einem Haus schlafen, erfahren
unterschiedliche Träume, in denen sie das Leben in verschiedenen Welten
erleben. Auf dieselbe Weise erfahren die Menschen im selben (Welt)Raum
verschiedene Welten, während andere vielleicht gar keine erfahren. All dies
ist nichts als das mysteriöse und tatkräftige Wirken des unendlichen Be-
wusstseins.
  Das Bewusstsein besitzt die eingeborene Fähigkeit, an etwas festzuhalten.
Eine auf diese Weise festgehaltene Idee wird saæskāra genannt. Jedoch so-
bald realisiert wird, dass die Idee nur im Bewusstsein reflektiert wurde, wird
gesehen, dass es kein saæskāra unabhängig vom Bewusstsein geben kann. Im
Traum gibt es keine vorherige Erfahrung, sondern nur die Erfahrung der
Objekte, wie sie zur Zeit ihrer Existenz erlebt wurden. Man mag sogar in
einem Traum den eigenen Tod wie auch die Objekte erfahren, die wie zuvor
gesehene erscheinen.
  Diese Schöpfung war nur das Spiegelbild im unteilbaren Bewusstsein, wie
jenes ganz am Anfang entstand. Folglich ist es von diesem Bewusstsein nicht
verschieden. Brahman (das unendliche Bewusstsein) allein erstrahlt als diese
Welt, das nicht etwas Neues ist. Die Ursache selbst ist die Wirkung. Die Ursa-
che existierte vor der Wirkung und wird auch nach dem Aufhören der Wir-
kung noch da sein. Da die Ursache „wirksam tätig“ (saæyak karoti) im Her-
vorbringen der Wirkung ist, ist sie selbst ein saæskāra.
  Das, was vor dem Auftauchen des Traums existierte, aber als das erstrahlt,
was zuvor gesehen wurde, wird als saæskāra bezeichnet. Es gibt keinen an-
deren als saæskāra (üblicherweise übersetzt mit „latente Eindrücke aufgrund
vergangener Erfahrungen und Handlungen“) bekannten externen Faktor.
Sichtbare und unsichtbare Dinge existieren im Bewusstsein, das in seinem
eigenen Licht leuchtet und alle diese Dinge erfährt, als wären sie bereits
einmal gesehen worden. Im Traum tauchen die im Wachzustand erzeugten
saæskāras auf. Im Wachzustand selbst werden sie dann neu erzeugt. Diejeni-
gen, die die Wahrheit kennen, erklären, dass sie in einem Zustand erzeugt
wurden, der wohl als der Wachzustand erscheint, dies aber tatsächlich nicht
ist. So wie in der Luft spontan Bewegungen entstehen, so entstehen auch im
Bewusstsein Ideen – wo sollte dann also die Notwendigkeit entstehen,
saæskāras zu erzeugen? Sobald die Erfahrung von tausenden von Dingen im
Bewusstsein auftaucht, wird dies als die Schöpfung bezeichnet. Hört die
Erfahrung dieser tausende Dinge im Bewusstsein auf, wird dies als die kos-
mische Auflösung bezeichnet. Auf diese Weise bringt das reine Bewusstsein


                                    681
(cidākāÁa) diese Vielfalt mit all ihren Namen und Formen und ohne jede Auf-
gabe seiner Unteilbarkeit ins Dasein – so wie du in deinem Traum eine Welt
erschaffst.
  DER WEISE fuhr fort:
  Die Wahrnehmung oder die Erfahrung von „die Welt“ existiert innerhalb
des atomischen Partikels des unendlichen Bewusstseins. So wie die Reflexion
in einem Spiegel nur der Spiegel ist, so ist sie auch nicht verschieden vom
unendlichen Bewusstsein. Dieses unendliche Bewusstsein ist anfanglos und
endlos – das allein ist die so genannte Schöpfung. Wo immer dieses Bewusst-
sein erstrahlt, existiert auch diese Schöpfung, die davon so wenig unterschie-
den ist, wie ein Körper nicht von den Gliedern verschieden ist. Du und ich
sind Bewusstsein, die gesamte Welt ist Bewusstsein – durch diese Realisation
wird die Schöpfung als integraler Teil des Bewusstseins gesehen und ist
selbst folglich unerschaffen. Folglich bin ich dieses atomische Partikel des
Bewusstseins und als solches unendlich und allgegenwärtig. Daher sehe ich
alles, wo immer ich mich auch befinde, von eben jenem Ort aus. Ich bin ein
Partikel des Bewusstseins, aber eins mit dem unendlichen Bewusstsein auf-
grund der Verwirklichung dieser Wahrheit – so wie Wasser dasselbe wie
Wasser ist.
  Durch Eintreten in das „ojas“ erfuhr ich daher die drei Welten. All dieses
geschah innerhalb und innerhalb von dem sah ich auch die drei Welten –
nicht außerhalb. Ob man dies nun Traum oder Wachen nennt, innen oder
außen – all dies befindet sich innerhalb des unendlichen Bewusstseins.
  DER JÄGER fragte:
  Wenn diese Schöpfung ursachelos ist, wie ist es dann möglich, dass sie ins
Dasein treten konnte? Wenn sie dagegen eine Ursache haben sollte, was wäre
dann die Ursache der Traumschöpfung?
  DER WEISE erwiderte:
  Am Anfang hatte die Schöpfung überhaupt keine einzige Ursache. Da die
Objekte dieser Schöpfung überhaupt keine Ursache kannten, entstand auch
eine konfligierende Verschiedenheit von Objekten nicht. Das eine absolute
Brahman allein strahlte als alles dieses – es wird durch Worte wie „Schöp-
fung“ usw. bezeichnet. Obwohl diese ursachelose Schöpfung Brahman ist,
erscheint sie als Teil von etwas, was keine Teile hat, als etwas Geteiltes im
Unteilbaren, als etwas Formhaftes im Formlosen. Weil sie reines Bewusstsein
ist, scheint sie verschiedene Formen wie die bewegten und unbewegten Ob-
jekte anzunehmen. Und wie die Götter und die Weisen erschafft und erhält sie
eine ganze Weltordnung mit all ihren Geboten und Verboten. Existenz, Nicht-
Existenz, Grobes und Feines usw. berühren in gar keiner Weise das allgegen-
wärtige Bewusstsein.
  Jedoch gab es von da an keine Wirkungen mehr, die ohne eine Ursache ent-
standen. Die Weltordnung und ihr Herr (Brahman) arbeiteten zusammen wie
ein Arm den anderen ergreift, obgleich beide der selben Person gehören.


                                    682
Diese Schöpfung entstand also ohne Wunsch und ohne psychologische Ver-
ursachung. Die Weltordnung (niyati) existiert innerhalb von Brahman –
Brahman existiert nicht ohne niyati. Daher hat diese Schöpfung eine Ursache,
jedoch nur in Beziehung zu demjenigen, dessen Schöpfung sie ist und so
lange die Schöpfung in Beziehung zu diesem andauert. Der Unwissende
glaubt, dass Brahman in dieser Schöpfung ohne eine Ursache erstrahle oder
auftauche, und es ist wiederum der Unwissende, der in diesem Netz von
Ursache-Wirkung-Beziehungen bzw. der irrigen Idee, dass Kausalität ein
unverletzbares Gesetz sei, gefangen ist. Die Schöpfung findet als ein zufälliges
Ereignis statt – die reife Kokosnuss fällt in demselben Moment, in dem eine
Krähe auf der Palme landet. Niyati legt dann anschließend fest, was „dies ist
dies“ und „das ist das“ bedeutet.
  DER WEISE fuhr fort:
  Der jīva weiß und erfährt die äußere Welt mit den äußeren Sinnen und die          VI.2:145
innere Traumwelt mit den inneren Sinnen. Sobald die Sinne mit den Erfah-
rungen der äußeren Welt beschäftigt sind, wird das Feld der inneren Ideen-
haftigkeit vage und undeutlich. Wenden sich die Sinne jedoch nach innen,
dann erfährt der jīva innerhalb von ihm selbst mit der größten Klarheit. In
dieser Welterscheinung gibt es zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Wider-
sprüche – alles ist so, wie einer es sieht. Während die Augen daher nach au-
ßen gerichtet sind, erfährt der jīva die Welt so, als wäre sie außerhalb des
unendlichen Bewusstseins. Jīva nennt man das Aggregat der Sinne des Hö-
rens, Berührens (Haut), Sehens (Augen), Geruches (Nase), Geschmackes
(Zunge) und Wunsches. Der jīva selbst ist reines Bewusstsein, das mit der
Lebenskraft ausgestattet ist. Dieser jīva existiert existiert daher in allem
überall als alle Dinge und erfährt deshalb alle Dinge überall.
  Wenn der jīva (das „ojas“ oder die vitale Essenz) mit „Schleim“ (Ále«ma oder
kapha, einer der drei Körpersäfte, die die vitale Essenz des Körpers ausma-
chen) angefüllt ist, sieht er deren Wirkungen sofort. Er „sieht“, wie er sich
selbst aus dem Milchozean erhebt; er sieht den Mond im Himmel steigen; er
sieht die Seen und Lotosse, Gärten und Blumen, Lustbarkeiten und Feste, auf
denen die Frauen singen und tanzen, die Festessen mit Mengen an Gerichten
und Getränken, Flüsse, die gen Ozean fließen, riesige, weißgestrichene Paläs-
te, Felder bedeckt mit frischem Schnee, Parks mit darin ruhenden Rehen
sowie Bergketten.
  Ist der jīva dann von „Galle“ (pitta, ein weiterer Körpersaft) erfüllt, erfährt
er ihre Wirkungen wiederum auf der Stelle. Er „sieht“ dann Flammen, die
herrlich anzuschauen sind und ein Schwitzen der Nerven erzeugen und
schwarzen Rauch in den Himmel ausstoßen, der diesen verfinstert; er sieht
Sonnen, die blendend in ihrer Strahlkraft und glühend in ihrer Hitze sind; er
sieht Ozean und den Dunst, der ihnen entsteigt; er sieht unpassierbare Wäl-
der, Luftspiegelungen mit darin schwimmenden Schwänen; er sieht sich
selbst furchtzitternd und bedeckt mit heißem Staub die Straßen entlang
rennen; er sieht, wie die Erde durch Hitze und Trockenheit gedörrt wird. Was


                                      683
auch immer die Augen sehen – sie sehen nur Feuer; sogar die Wolken regnen
Feuer und alles erstrahlt aufgrund dieses allgegenwärtigen Feuers.
  Wenn der jīva mit „Wind“ (vāta, ein weiterer Körpersaft) erfüllt ist, erfährt
er die folgenden Wirkungen: Er sieht die Welt wie gänzlich neu, er sieht sich
selbst und sogar die Felsen und Berge umherfliegen, alles dreht sich und
rotiert; er sieht fliegende Engel und Himmelsbewohner; die Erde und alles
darauf und darin bebt; er sieht sich selbst, wie er in einen toten Brunnen
gefallen oder in eine schreckliche Notlage geraten ist oder in gefährlicher
Lage auf der Spitze eines riesenhohen Baumes oder Berggipfels steht.
  DER WEISE fuhr fort:
  Wenn der jīva mit vāta, pitta und Ále«ma angefüllt ist (Wind, Galle und
Schleim), gerät er unter den Einfluss des Windes und erfährt Qualen. Er sieht
Berge und Felsen in Schauern niederstürzen und hört schreckenerregende
Laute, die durch das Umherwirbeln der Bäume in den Eingeweiden der Erde
entstehen. Ganze Urwälder mitsamt den darin lebenden Tieren werden
umhergeschleudert. Alle Bäume brennen und aus den Berghöhlen heraus
hallen die Geräusche der Brände wider. Er beobachtet, wie die Berge zusam-
menstoßen. Er sieht, wie die Ozeane aufsteigen, um den gesamten Himmel zu
erfüllen und ganze Wälder und sogar Wolken fortgetragen und in die Regio-
nen von Brahmā dem Schöpfer emporgehoben werden. Der ganze Himmel
scheint aufgrund all dieses Treibens und Reibens darin völlig rein und leerge-
fegt zu sein. Die drei Welten scheinen mit den Schlachtrufen von Soldaten und
Kriegern erfüllt zu sein.
  Wenn der jīva dann durch diesen furchterregenden Anblick entsetzt und
erregt ist, verliert er das Bewusstsein. Wie ein in der Erde begrabener Wurm,
wie ein in einem Felsen verborgener Frosch, wie ein Fötus in der Gebärmut-
ter, wie der Same innerhalb der Frucht, wie der noch ungeborene Keimling
des Samens, wie ein Atom in einem Molekül und wie das noch nicht heraus-
gehauene Bildnis im Marmorblock ruht er dann innerhalb von sich selbst –
ungestört von der Bewegung des prāïa, da es an seinem Ruheort keinerlei
„Löcher“ oder Ausgänge gibt. Er tritt in den Tiefschlaf ein, der wie das Schla-
fen im Innern eines Felsens oder toten Brunnens ist.
  Sobald mentale Bemühung dann eine Öffnung in diesen Ruheplatz schlägt,
erlangt er Wissen über die Welt der Träume, indem er durch die Bewegung
der Lebenskraft bzw. des prāïa ihrer gewahr geworden ist. Sobald diese
Lebenskraft sich von einem nā¬i (Nervenkanal) zum anderen bewegt, ent-
steht die Vision eines Regens von Bergen. Falls es zuviel von dieser durch
vāta, pitta und Ále«ma verursachten Bewegung gibt, treten zahllose solche
Erfahrungen auf. Ist die Bewegung geringer, sind die Erfahrungen geringer.
  Was auch immer der jīva aufgrund von vāta, pitta und Ále«ma innerhalb sei-
ner selbst erfährt (im Traum usw.), erfährt er auch im Außen, wo dann auch
seine eigenen Handlungsorgane (Arme, Beine usw.) angemessen funktionie-
ren. Sobald er im Innern und Außen gestört oder beunruhigt ist, erfährt der



                                     684
jīva wenig Unruhe, sofern vāta, pitta und kapha (Ále«ma) sich nur leicht be-
wegen, und einen Zustand des Gleichgewichts, sofern sie sich in der Ausgegli-
chenheit oder im Gleichgewicht befinden. Der jīva erfährt die folgenden Dinge
im Außen, sobald die drei Körpersäfte gestört oder erregt sind: Brennen,
Ertrinken, Fliegen in der Luft, Ruhen auf Bergen und Felsen, die Hölle, Auf-
steigen in den und Niederfallen aus dem Himmel, Halluzinationen wie Ertrin-
ken auf einem Spielfeld, Sonnenschein zur Mitternachtszeit, eine Perversion
des Verstandes, die darin besteht, dass die eigenen Lieben als Fremde und
Feinde wie Freunde erscheinen. Bei geschlossenen Augen wird all dies inner-
halb von einem selbst wahrgenommen, während es bei offenen Augen im
Außen gesehen wird. Alle diese Illusionen aber werden durch das gestörte
Gleichgewicht der drei Körpersäfte erzeugt. Wenn diese sich im Zustand des
Gleichgewichts befinden, sieht der in ihm ruhende jīva die ganze Welt so, wie
sie wirklich IST, d.h. als nicht verschieden von Brahman.
   DER WEISE fuhr fort:
   Während ich mich im „ojas“ der anderen Person befand, trafen plötzlich die   VI.2:146
Vorboten der kosmischen Auflösung ein. Der Himmel begann Berge zu reg-
nen. Ich sah dies alles, während ich innerhalb des „ojas“ der anderen Person
saß. Tatsächlich wurde diese Illusion von Bergen, die aus einem finsteren
Himmel herabregneten, durch Teile der Nahrung, die in den Kanälen ihres
Körpers kreisten, hervorgerufen; diese Finsternis war die Finsternis seines
eigenen, tiefen Schlafes.
   Als ich aus dem Schlaf erwachte, erfuhr ich den Traumzustand. Innerhalb
desselben „ojas“ erblickte ich einen mächtigen Ozean, der mir wie ich selbst
vorkam. Was auch immer in diesem „ojas“, das das Feld der Erfahrung dar-
stellte, passierte, vermochte ich ohne Verzerrung oder Entstellung zu erbli-
cken, da mein Bewusstsein unbewegt und stetig war. Bewusstsein breitet sich
überall und rundherum aus; in ihm taucht die Welterscheinung auf, die aus
dem Tiefschlaf so heraustritt wie ein Baby von der Mutter geboren wird.
   DER JÄGER sprach:
   Du sagtest, dass die Welterscheinung aus dem Tiefschlaf hervortritt. Bitte
sage mir, was man im Tiefschlaf erfährt.
   DER WEISE fuhr fort:
   Dualistische Ausdrucksweisen wie „wurde geboren“, „erscheint“ und
„taucht als die Welt auf“ sind nur Worte und gänzlich bedeutungslos. Ich
werde dir nun erzählen, was „ist geboren“ (jāta) wirklich bedeutet. Die Es-
senz dieses Ausdrucks besteht in der Bedeutung von „ins Sein treten“, wobei
sich dieses „Sein“ auf die ewig existierende Wirklichkeit bezieht. Auch das
Wort „Schöpfung“ (sarga) hat dieselbe Bedeutung und bezieht sich auf „Exis-
tenz“ (die Bedeutung der Wörter „jāyate“ und „sarga“ wird hier entsprechend
der Sanskrit-Grammatik erläutert. „Jani“ ist gleichzusetzen mit
„prādurbhāva“, wobei der wichtige Teil des letzten Worts „bhÆ÷“ ist, was
„Sein“ bedeutet).


                                    685
Für uns Erleuchtete gibt es keine Schöpfung, keinen Tod und kein Aufhören
           von etwas – alles ist auf ewig ungeboren und friedvoll. Brahman ist reines
           Sein. Auch die Welt ist reines Sein. Wen könnten dann Gebote und Verbote
           betreffen? Die Māyā genannte illusorische Macht allein ist das Thema der
           Diskussion und Argumentation um das „es ist“ und „es ist nicht“ herum. Dis-
           pute dieser Art werden daher von den unwissenden Leuten auf Brahman
           bzw. das unendliche Bewusstsein übertragen.
             Für diejenigen, die die Wahrheit bzw. den höchsten Zustand kennen, exis-
           tieren die Zuständen von Wachen, Träumen und Schlafen überhaupt nicht.
           Was ist, ist wie es ist. Die Traumwelt wie auch überhaupt die Welt, die man in
           der eigenen Einbildung sieht, ist nicht wirklich, obwohl sie für die Zeit ihres
           Dasein als solche erfahren wird. Sie existierte auch zum Zeitpunkt des Be-
           ginns dieser Weltschöpfung nicht bzw. trat dann irgendwie ins Dasein. Wenn
           somit die Welt als reines Bewusstsein realisiert wird, ist sie weder länger ein
           Objekt der Wahrnehmung mehr noch gibt es da ein Subjekt oder einen Be-
           obachter; eine Erfahrung oder einen Erfahrenden gibt es ebenfalls nicht.
             DER WEISE fuhr fort:
VI.2:147
             Sobald ich aus dem Tiefschlaf erwachte, tauchte diese Welt aus meinem
           Traum heraus auf wie aus einem Ozean, wie eine Statue aus einem Stein
           heraustritt, wie Blumen auf einem Baum ausblühen, wie die Erinnerung im
           Verstand erscheint und wie die Wellen auf dem Ozean sichtbar werden. Sie
           erschien so, als wäre sie aus dem Himmel gefallen, als wäre sie aus dem Erd-
           innern aufgestiegen, als wäre sie im Herzen erblüht, als wäre sie wie Futter-
           weizen dem Acker entsprossen, als wäre der Vorhang, der sie verhüllte, gelüf-
           tet worden, als wäre sie aus einem Tempel aufgestiegen. Von wo ist diese Welt
           gekommen? Niemand weiß es. Gewiss ist sie das im Steinblock namens un-
           endliches Bewusstsein verborgene Bildnis. Sie ist wie die eingebildete Stadt
           bestehend aus ihren Wällen, die reiner Raum oder Leere ist. Sie ist das Kunst-
           stück des Taschenspielers namens Unwissenheit. Obgleich sie wie eine solide
           Realität erscheint, ist sie in ihrem Wesen leer von Zeit und Raum. Obgleich sie
           vielfältig zu sein scheint, ist sie nondual, vielfältig und ein Nichts zu ein und
           derselben Zeit. Gewiss kann sie nur mit einem Schloss am Himmel verglichen
           werden, da sie sogar zur Zeit des Wachens gesehen und erfahren wird.
             Obwohl sie niemals erschaffen wurde, existiert sie so, als wäre sie erschaf-
           fen worden. Sie ist reines Bewusstsein. Sie scheint die Eigenschaften von Zeit,
           Raum, Materie, Aktivität, Schöpfung und Zerstörung zu besitzen. Sie verfügt
           über Götter, Dämonen, menschliche Lebewesen und vielfältige andere For-
           men von Leben. Es gibt in ihr Flüsse, Berge, Wälder, Himmel und Sterne.
             Ich betrachtete dieses „Feld der Beobachtung“. Gleichzeitig gewahrte ich da
           zusammen mit den Häusern all meiner Verwandten ein Haus, welches ich
           schon zuvor gesehen hatte, und dazu auch noch alles andere, wie es früher
           gewesen war. All dieses war durch die latenten vāsanās bzw. die psychologi-
           schen Neigungen in das Feld der Beobachtung hineingezogen worden. Auf-
           grund der vāsanā begann ich sofort damit, meine Verwandten usw. zu begrü-


                                                 686
ßen und zu umarmen, da ich zeitweise die Erkenntnis ihrer illusorischen
Existenz verloren hatte.
  So wie ein Spiegel alle vor ihn gestellten Objekte reflektiert, so nimmt das
Bewusstsein die Form dessen an, was ihm dargeboten wird. Hat jedoch einer
realisiert, dass alles das reine, unendliche Bewusstsein ist, dann ist er von der
anscheinenden Dualität nicht länger betroffen. Er ist dann frei, allein und
unberührt. Wer niemals die Erkenntnis des Einsseins verliert, wird von die-
sem Kobold namens „Wahrnehmung von Vielfalt bzw. Getrenntheit“ nicht
mehr verfolgt. Diejenigen, in denen aufgrund der Gemeinschaft mit Heiligen
und des Studiums der Schriften diese Erkenntnis zum Vorschein gekommen
ist, verlieren sie nicht wieder. Damals jedoch war mein Verständnis noch
nicht klar und ungetrübt und folglich wurde ich von den Konzepten von Ver-
wandtschaft u.ä. heimgesucht. Heute jedoch vermag nichts in der Welt mein
Verstehen länger zu erschüttern oder meine Realisation zu umwölken. Auch
dein Gemüt, oh Jäger, ist noch nicht stetig genug, denn du hast noch nicht
satsaÇga, die Gemeinschaft mit den Heiligen, erfahren.
  DER JÄGER sprach:
  Wahr ist dies in der Tat, oh Weiser Es ist genauso, wie du gesagt hast. Daher
gibt es auch, obwohl ich deinen erleuchtenden Worten gelauscht habe, immer
noch Zweifel in mir: „Kann dies alles wirklich die Wahrheit sein?“ Oh weh,
was für eine Tragödie ist das doch! Sogar wenn diese Unwissenheit ganz
offenbar geworden ist, ist es immer noch schwer, sie zu überwinden.
  DER JÄGER fragte:
  Ich tragen einen großen Zweifel in mir, oh Weiser: Wie können Traumobjek-         VI.2:148
te gleichzeitig als real und irreal betrachtet werden?
  DER WEISE erwiderte:
  Im Traum gibt es den Anschein von Zeit, Raum, Tätigkeit und Materialität.
Dieser Anschein tritt aufgrund der Ideen auf, die aus reinem Zufall (Koinzi-
denz) im Bewusstsein auftauchen. Daher erstrahlt dieser Anschein im Traum
wie eine Realität. Halluzinationen, die mit der Hilfe von Edelsteinen (magi-
sche Steine?), Mantras und Drogen erzeugt werden, sind manchmal als real
und manchmal als gänzlich illusorisch zu betrachten. Wenn man im Traum
eine reale Substanzialität erfährt, ist dies allein der Koinzidenz geschuldet.
Wenn eine feste Überzeugung im Bewusstsein auftaucht, materialisiert sie
sich auf diese Weise, weil Bewusstsein diese Macht der Materialisation be-
sitzt. Wenn diese Materialisation durch eine andere Macht gemindert werden
könnte, könnten wir nicht mehr ja bestätigen, dass die im Bewusstsein auf-
tauchende Idee als solche eine feste Überzeugung ist.
  Es gibt weder innen noch außen eine Materialität mit der Ausnahme der
Materialisierung des „Wunsches“ oder der Idee des unendlichen Bewusst-
seins. Sobald die Idee „dies ist ein Traum“ auftaucht, wird dieser Traum zu
einer Realität. Gibt es dann die Idee eines Zweifels, nimmt der Traum die
Gestalt des Zweifels an und wird irreal. Es ist möglich, dass der Träumer beim


                                      687
Träumen Erfahrungen macht, die mit dem Traum nicht in Zusammenhang
           stehen. Er schreibt diese dann jedoch dem Traum zu. Daher ist die im Be-
           wusstsein auftauchende Welterscheinung früher oder später aufgrund schie-
           rer Koinzidenz Wandlungen unterworfen.
             Die Idee der Schöpfung kommt ganz am Anfang im Bewusstsein zum Vor-
           schein und materialisiert sich. Diese Materialisation ist reines Bewusstsein.
           Abgesehen davon ist alles andere entweder real oder irreal, geordnet oder
           ungeordnet. In den Augen der Unwissenden erscheinen Träume daher
           manchmal als wahr und manchmal als unwahr – in den Augen des Erleuchte-
           ten dagegen sind sie weder real noch irreal. Die Welterscheinung ist eine
           Erscheinung, die im Bewusstsein auftaucht; hier verbietet allein schon das
           Wort „Erscheinung“ alle diese Erscheinung betreffenden ernsthaften Ergrün-
           dungsversuche.
             Man schläft nach dem Traum und man schläft nach dem Wachzustand. Wa-
           chen und Träumen sind folglich nicht verschieden voneinander. Nur das „leb-
           lose“ Objekt des Bewusstseins allein wird als Wachen, Träumen und Schlafen
           erachtet – all dies sind wahrhaftig nur Worte, die keinerlei reale Bedeutung
           haben. In diesem Lang-Traum gibt es weder Ordnung noch Unordnung. Was
           auch immer im Traum auftaucht, ist als solches – wie die in der Luft auftau-
           chende Bewegung, denn in der Abwesenheit des Verursachungsprinzips wird
           die Ordnung irrelevant. Ebenso ist auch die gesamte Schöpfung leer von
           definitiver Verursachung – was auch immer als ein Objekt zu sein scheint, das
           ist es dann auch und eben darin besteht die Weltordnung. Träume sind
           manchmal real und manchmal irreal und daher keinem festen Prinzip oder
           Ordnung unterworfen. Sie sind pure Koinzidenz. Die Visionen, die aufgrund
           von Magie, Mantras oder Drogen auftauchen, existieren ebenso auch im
           Wachzustand. Das unkonditionierte, reine Bewusstsein wird nicht durch die
           Wach-, Traum- und Tiefschlafzustände konditioniert und ist daher stets als
           einziges real.
             DER WEISE fuhr fort:
VI.2:149     Als ich, während ich mich im Herzen der anderen Person befand, meine ei-
           genen Verwandten usw. erblickte, vergaß ich für einen Moment, dass diese
           nur die Erzeugnisse meiner eigenen Ideen waren. Ich lebte mit ihnen dann
           sechzehn Jahre lang zusammen. Eines Tages kam ein großer Asket zu meinem
           Haus. Ich diente ihm mit Liebe und Aufmerksamkeit. Ich ergriff die Gelegen-
           heit, ihm die folgende Frage zu stellen: „In dieser Welt erfahren die Menschen,
           wie man sagt, die guten und bösen Resultate ihrer guten und bösen Taten. Ist
           dies in allen Fällen die Wahrheit?“
             Der Asket zeigte sich von dieser Frage überrascht.
             DER ASKET erwiderte:
             Bitte sage mir, mit welchem Mittel du das Gute vom Bösen unterscheiden
           würdest? Wer bist du, wo bist du, wer bin ich, was ist diese Welt? All dieses
           ist nichts als ein Traum. Ich bin dein Traumobjekt und du bist mein Traumob-



                                                688
jekt. Das Objekt besitzt in Wahrheit keinerlei Gestalt. Sobald das Bewusstsein
sich selbst jedoch eine Gestalt zuschreibt, nimmt es diese dann auch an. Die
Idee: „alles dieses muss eine Ursache haben“, lässt die kausalen Beziehungen
auftauchen; die Idee: „es gibt keine Ursachen“, macht Kausalität unsichtbar.
  Wir alle leben im Herzen eines makrokosmischen Wesens, welches von uns
allen als ein solches betrachtet wird. Ebenso wird es weitere makrokosmi-
sche Wesen für andere geben. Dieses makrokosmische Wesen ist die Ursache
der Erfahrungen von Vergnügen und Schmerzen sowie für die unterschiedli-
chen Arten der Tätigkeiten. Sobald das „ojas“ dieses makrokosmischen We-
sens gestört ist, gerät es in Erregung. Die Wirkung davon wird dann von uns
allen, die sich in seinem Herzen befinden, erfahren. Dann erfahren wir Natur-
katastrophen, die in dem Moment aufhören, in dem dieses Herz den Gleich-
mut wiedererlangt. Dieses makrokosmische Wesen ist daher die Wirklichkeit
dieser speziellen Schöpfung. Wenn manche Menschen dann per Koinzidenz
böse Taten begehen, sind wir alle von den sich daraus ergebenden Folgen
betroffen.
  Das Bewusstsein erlegt demjenigen, dessen Handlungen aus seiner eigenen
persönlichen Wahrnehmung („ich tat dies“) entstanden sind, die Folgen die-
ser Handlungen auf. Ist das Bewusstsein von einer solchen Wahrnehmung
frei, haben die Handlungen keine entsprechenden Früchte mehr. Welche Idee
wo auch immer und in welchem Ausmaß auftaucht, diese trägt dann auch
Früchte, ob da nun eine korrespondierende Ursache war oder nicht. Wie im
Traum wird die Wirkung einer Handlung nicht durch eine endgültige Ursache
bestimmt. Manchmal hat die Traumerfahrung eine Ursache – manchmal
wiederum nicht. All dies sind einfach nur Koinzidenzen – zufällig stattfinden-
de Begebenheiten. Die Erfahrung des Wachzustandes scheint einer definiti-
ven Kausalität zu unterliegen – in Wahrheit jedoch ist schon diese Idee allein
schon ein Traum und nichts anderes. All dieses ist eine bloße Erscheinung im
unendlichen Bewusstsein.
  Was wäre die Ursache der Unwissenheit, der Schöpfung, der Schöpfung von
Brahmā dem Schöpfer? Was wäre die ursprüngliche Ursache von Feuer, Luft,
Wasser oder Raum? Weshalb sterben die Leute und erlangen einen subtilen
Leib? All dieses hat überhaupt keine Ursache – all dieses geschieht seit Urzei-
ten und von Anfang an so. Nach einem gewissen Zeitraum haben diese Ideen
bzw. Erscheinungsformen dann eine Materialität angenommen. Alle jemals
im Bewusstsein aufgetauchten Ideen bestehen bis heute als solche fort. Je-
doch vermag das Bewusstsein dies durch neuerliche und aktuelle Bemühung
abzuändern.
  DER WEISE fuhr fort:
  Nachdem ich so von dem Asketen unterwiesen worden war, war ich unver-           VI.2:150
züglich erleuchtet. Ich wollte bei ihm bleiben. Auf meine Bitte hin begann er
dann bei mir zu wohnen. Dieser Asket sitzt jetzt direkt rechts neben dir.
  DER JÄGER war überrascht und sprach:



                                     689
Es ist wunderbar und seltsam, oh Weiser, dass das, was als Traum angese-
hen wurde, sich im Wachzustand materialisiert zu haben scheint. Wie kam es,
dass dieser heilige Mann, der dir im Traum erschienen ist, nun sogar im
Wachzustand Wirklichkeit geworden ist?
  DER WEISE erwiderte:
  Übereile nichts. Ich werde dir alles erklären. Nachdem ich die Ausführun-
gen dieses heiligen Mannes angehört hatte, überlegte ich folgendermaßen:
„Oh weh, aufgrund meines Verlangens nach Sinnesvergnügen und nach den
Objekten dieses Vergnügens bin ich von meinem Weg abgekommen, obgleich
ich doch ein weiser Mann war. Obwohl die Idee „ich bin dies“ illusorisch und
unwirklich ist, lässt sie doch tausende seltsamer Begebenheiten entstehen.
Auch wenn ich all dieses als unwirklich erachte und mir sage: „ich bin nicht“,
IST all dieses doch immer noch. Was soll ich nun tun? Ich erblicke in mir den
Samen der Getrenntheit – sofort sollte ich diesem entsagen! Lasst diese Illu-
sion oder Unwissenheit bleiben – da es nur eine nichtige Erscheinung ist,
habe ich nichts damit zu tun. Jetzt habe ich die Täuschung abgeschüttelt.
Sogar der Weise, der mich unterwiesen hat, ist nur Illusion. Ich bin das un-
endliche und absolute Brahman, und das ist er auch; alle relativen Formen
sind nur wie vorüberziehende Wolken.“
  Nachdem ich zu dieser Erkenntnis gekommen war, sprach ich zu dem Aske-
ten: „Oh Weiser, ich werde dich nun verlassen, um nach meinem eigenen wie
nach demjenigen Körper, den ich zu ergründen begonnen hatte, zu schauen.“
Als er dies vernommen hatte, begann er zu lächeln: „Wo sind denn diese
Körper? Sie sind jetzt weit, weit weg. Falls du dir darüber jedoch selbst Ge-
wissheit verschaffen möchtest, dann geh nur.“ Ich bat ihn: „Bitte bleibe hier,
bis ich zurückgekehrt bin.“ Dann bestieg ich ein ätherisches Fahrzeug und
flog sehr weit und für sehr lange Zeit weg. Und trotzdem vermochte ich kei-
nerlei Ausgang aus dem Herzen der Person, in der ich mich befand, zu entde-
cken. Ich war niedergeschlagen. Ich erkannte, dass ich an dieses Haus gefes-
selt war. Ich kehrte daher zurück und fragte den Asketen: „Bitte kläre mich
darüber auf, was all dies hier ist. Wo sind der Körper, in den ich eingetreten
war und derjenige, der der meine war? Wie kommt es, dass ich keinen Aus-
gang finden konnte?“
  Der Asket erwiderte: „Du wirst alles verstehen, sobald du es im eigenen in-
neren Licht erblickst. Du bist nicht diese unbedeutende Persönlichkeit – du
bist die makrokosmische Person selbst. Irgendwann früher hast du dich dazu
entschlossen, das Herz eines Wesens zu betreten, um einen Traum zu erfah-
ren. Das, was du betreten hast, ist diese Schöpfung. Während du in diesem
Körper fortfuhrst zu träumen, entstand ein großes Feuer, das den Wald in-
nerhalb des Körpers, den du betreten hast, verzehrte. Dieses Feuer hat so-
wohl deinen wie auch den Körper der Person, dessen Herz du betreten hast,
vernichtet.“
  (Als Antwort auf die Frage des Jägers erwiderte der Weise:) Die Ursache des
Feuers war nur die Bewegung der Gedanken im Bewusstsein – so wie die


                                    690
Ursache für die Erscheinung der Welt die Bewegung von Gedanken im unend-
lichen Bewusstsein und die Bewegung von Gedanken im Bewusstsein von
Brahmā dem Schöpfer ist.
   DER ASKET fuhr fort:
   Als dann während eures Schlafes eure beiden Körper vom großen Feuer            VI.2:151,
                                                                                     152
zerstört waren, fuhret ihr fort, als bloßes Bewusstsein zu vibrieren. Da der
Körper zum „ojas“ gehört und die beiden Körper zusammen mit den „ojas“
zerstört worden waren, konntest du keinen Ausgang mehr finden. Da du die
beiden Körper nicht finden konntest, existierst du nun in dieser „Welt“. So hat
sich also dein Traum zu einer Realität des Wachzustandes materialisiert. Wir
alle hier sind deine Traumobjekte. Du selbst bist unser Traumobjekt. Das, in
dem all dies geschieht, ist das reine Bewusstsein (cidākāÁa), welches immer
überall existiert. Du warst auch früher ein Traumobjekt. Da du jedoch die
Überzeugung gewonnen hattest, das dies die Welt des Wachzustandes sei,
wurdest du zu einem Familienvater mit einer Familie und Verwandten usw.
Damit habe ich dir nun alles mitgeteilt, was geschehen ist.
   DER WEISE sprach:
   Wenn dies die Natur des Traumes sein soll, dann kommt er mir aber sehr
real vor.
   DER ASKET erwiderte:
   Wenn das Reale ins Dasein zu treten vermag, ist es auch möglich, anderes
für real zu halten. Wenn die Realität des Ersteren selbst zweifelhaft geworden
ist, kann man die Realität des Letzteren auch nicht mehr bestätigen! Anderer-
seits ist sogar die ursprüngliche Schöpfung wie ein Traum. Sie ist nur eine
illusorische Erscheinung. Zwar enthält sie keine Erde und alles andere, er-
scheint aber so, als hätte sie eine Erde usw. Oh Lehrer des Jägers! Die ur-
sprüngliche traumartige Schöpfung der Welt und auch der Traum, den wir
jetzt erfahren, sind beide irreal. Der gegenwärtige Traum hat als seine Objek-
te diejenigen, die früher gesehen worden sind, und die traumartige Schöp-
fung taucht im Raum auf, als wäre sie zuvor schon gesehen worden. Weshalb
sagst du daher so unsicher und wie im Zweifel: „Der Traum kommt mir real
vor“? Wenn du diese Welt doch als etwas Reales erfährst, kann doch auch
kein Zweifel bezüglich ihrer Realität auftauchen.“
   DER WEISE sprach (zum Jäger):
   Ich unterbrach die Erklärungen des Asketen und fragte ihn: „Wie und wes-
halb beziehst du dich auf mich als den Lehrer des Jägers?“
   DER ASKET erwiderte:
   Höre, ich werde dir nun erzählen, was in der Zukunft geschehen wird. Ich
bin ein Asket mit einer lang andauernden Praxis der Askese. Du bist eine
rechtschaffene Person. Wenn du daher dieser Wahrheit lauschst, wirst du
glücklich werden. Du und ich – wir werden hier bleiben. Ich werde dich nicht
verlassen.



                                     691
Nach einigen Jahren wird es hier eine große Hungersnot geben. Durch sie
            werden alle deine Verwandten umkommen. All die lasterhaften Könige wer-
            den dann Krieg gegeneinander führen und dabei alles vernichten. Wir selbst
            sollten jedoch keinerlei Gram empfinden, da wir Kenner der Wahrheit sind
            und unangehaftet (frei von) an alles leben. Wir werden hier am Fuße eines
            Baumes weiterleben. Im Verlaufe der Zeit wird hier ein sehr schöner Wald
            heranwachsen. Dieser Wald wird den Lustgärten gleichen, die es in Fülle in
            den Himmeln gibt.
              DER WEISE fuhr fort:
VI.2:153,
   154        Der Asket sagte: „Wir beide werden dann in jenem Wald eine lange Zeit
            hindurch unseren Askesepraktiken nachgehen. Eines Tages wird ein Jäger auf
            der Suche nach Wildbret in den Wald kommen. Diesen wirst du dann mit
            deinen Geschichten und Gesprächen erleuchten. Auch er wird dann der Welt
            entsagen und sich in dem nämlichen Wald Askesepraktiken widmen. Er wird
            dir auf der Suche nach Selbsterkenntnis Fragen nach den Träumen stellen. Du
            selber wirst Gespräche über Selbsterkenntnis mit ihm führen. So wirst du zu
            seinem Guru werden, und das ist der Grund, weshalb ich dich den Guru des
            Jägers nannte. Ich habe dir damit alles über mich selbst und dich und deine
            zukünftigen Erlebnisse erzählt.“
              Ich war erstaunt, all dies zu vernehmen. Der Asket blieb auch weiterhin im
            Hause und ich fuhr fort, ihn hingebungsvoll zu verehren und zu dienen. Ich
            blieb hier wie ein Berg, der verschiedene Erfahrungen macht. Weder wünsch-
            te ich mir den Tod noch wünschte ich zu leben. Ich bin was ich bin – frei von
            aller mentalen Erregung.
              Schließlich begann ich die Natur der objektiven Welt zu erforschen. Ich
            fragte mich, was die Ursache dieser Welt ist, was die Welt selbst ausmacht
            und wer ihrer gewahr ist. Gewiss existiert nur dieses eine, unendliche Be-
            wusstsein allein. Das Firmament, der Erde, die Luft und der Raum, die Berge,
            Flüsse und die Himmelsrichtungen sind nichts anderes als dasselbe, unter-
            teilbare (raumartige) Bewusstsein. Alle diese Dinge existieren als Ideen in
            diesem Bewusstsein. Daher gibt es in diesem keinerlei Getrenntheit oder
            Widersprüchlichkeit. Weder sind dies hier Berge noch ist dies die Erde noch
            der Weltraum. Dies ist ebenfalls kein „ich“. All dieses sind bloße Erscheinun-
            gen, die im reinen Bewusstsein auftauchen.
              Worin besteht die Ursache der Erscheinung dieses Körpers, da doch nichts
            ohne eine Ursache auftauchen kann? Falls man meint, dies sei eine Täu-
            schung, dann muss man zurückfragen, worin denn die Ursache dieser Täu-
            schung besteht? Wer ist derjenige, der diese Täuschung sieht und darüber
            nachdenkt? Derjenige, in dessen Herzen ich als der Erfahrende gelebt habe,
            wurde zusammen mit mir zu Asche verbrannt. Folglich existiere ich in reinem
            Bewusstsein, das frei von Tätigkeit, vom Täter und den Instrumenten des
            Handelns ist. Was existiert, ist nicht einmal die Erscheinung des unendlichen
            Bewusstseins, sondern nur reines Bewusstsein als solches. Wie konnte dieses
            zu einer Erscheinung werden? Wer ist der Seher dieser Erscheinung?


                                                692
Ich lebe also in dieser objektiven Welt ohne jede mentale Unruhe weiter;
ohne Festhalten oder Abhängigkeit und ohne Eitelkeiten. Ich tue, was im
passenden Moment zu tun ist, während ich in Wahrheit nichts tue. Was ge-
schieht, geschieht. Der Himmel, die Erde, der Wind usw. sind nichts als das
eine Selbst; sämtliche Elemente sind der Körper des Bewusstseins. Ich bin im
Frieden und frei von Verboten und Geboten und ohne jede Getrenntheit zwi-
schen innen und außen. Während ich so lebte, tratest du aufgrund einer Koin-
zidenz an mich heran. Daher habe ich dir alles über Träume, über uns und
über diese Schöpfung erzählt. Sei nun in diesem Wissen im Frieden. Nirvāïa
wird von selbst kommen oder gar nicht.
  DER JÄGER sprach:
  In diesem Fall werden wir wohl alle unwirklich werden!
  DER WEISE fuhr fort:
  Wahr ist, dass alle diese Wesen sich gegenseitig als real ansehen. In dem
Maße, wie sie einander wahrnehmen, erfahren sie einander auch. Du hast
dies alles nun gehört, ruhst aber immer noch nicht in der Wahrheit. Nur
durch beständige Praxis wird diese Wahrheit vollständig gefestigt.
  DER FEUERGOTT sprach:
  Nachdem er die Unterweisungen des Weisen angehört hatte, blieb der Jäger             VI.2:155
wie ein gemaltes Bild in eben diesem Wald sitzen. Da er sich jedoch nicht mit
der beständigen Praxis der Unterweisungen befasst hatte, war sein Herz noch
nicht vollkommen im höchsten Zustand verankert. Anstelle dessen wurde er
wie die Schaumkronen der Wellen oder wie auf einem Karussell umher ge-
schleudert. Er fühlte sich hilflos – als würde er von einem Krokodil angegrif-
fen und wüsste nicht, wie er sich verteidigen sollte. Er war voller Zweifel.
Ständig fragte er sich: „Ist dies jetzt nirvāïa?“ oder „vielleicht ist die gar nicht
nirvāïa – vielleicht ist etwas anderes nirvāïa“. Er dachte: „Die Unterweisung
dieses Weisen ist noch nicht tief in meinem Herzen verwurzelt, weil diese
Welterscheinung in der Unwissenheit aufgetaucht ist. Ich sollte mich daher
von ihr entfernen. Ich sollte durch die Ausübung von Entsagungspraktiken
einen subtilen Leib erlangen und mich damit weit, weit weg an einen Ort
begeben, wo nicht einmal der Raum existiert.“ Damit bewies er, dass er noch
gänzlich unwissend war und die Lehren des Weisen, die nicht assimiliert und
nicht in ihm lebendig wurden, sich für ihn als nutzlos erwiesen.
  Er gab die Jagd auf. Vom Weisen begleitet, begann er mit der Aufnahme von
intensiven Bußübungen. Er nahm die Lebensgewohnheiten der Asketen an
und setzte seine Entsagungspraktiken noch viele tausend Jahre lang fort.
Eines Tages stellte er dem Weisen die folgende Frage erneut: „Wie kann ich
jemals im Selbst zur Ruhe kommen?“
  DER WEISE erwiderte:
  Die Weisheiten, die ich dir erteilt habe, haben wie schwach glimmendes
Feuer, das wie schlafend in einem abgestorbenen Baumstumpf wohnt, nur
wenig in deinem Herzen Fuß gefasst. Das Feuer war nicht fähig, die Unwis-


                                       693
senheit zu verbrennen und zu vernichten. Du bist nicht im Höchsten Herrn
verankert, weil du die Unterweisung nicht assimiliert hast und diese nicht
lebendig in dir geworden ist. Sobald du daher die Unterweisung assimilierst
und diese daraufhin lebendig wird, wirst du gewiss die Verankerung im
Höchsten Herrn erlangen. Ich werde dir nun von den künftigen Ereignissen
erzählen. Höre bitte zu.
  Du hast Sicherheit in dem Bestreben, nach der Selbsterkenntnis zu verlan-
gen, erworben, aber du hast noch keinen sicheren Halt in der Tiefe der Weis-
heit gefunden. Daher schwingst du nun wie ein Pendel hin und her. Du möch-
test gern aus dieser Welterscheinung austreten, möchtest aber zu diesem
Zweck zuvor das Ausmaß dieser Welterscheinung ausmessen. Um darin zu
Gewissheit zu gelangen, gehst du den Bußübungen nach. Du wirst diese Buß-
übungen wohl noch mehrere Weltzyklen lang fortsetzen. Dann schließlich
wird der Höchste Herr vor dir erscheinen; erfreut von deiner Buße. Dann
wirst du ihn um die folgende Gunst bitten:
  „Höchster Herr, ich verstehe, dass dieses ganze Universum der Unwissen-
heit entsprungen ist. Ich vermag die reine und transparente Erkenntnis des
Selbst nicht zu erlangen. Was ist das Ende dieser Welterscheinung und was
befindet sich jenseits davon? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, bitte
ich dich, mir die folgenden Gnadenerweise zu schenken:
  Befiehl, dass ich nur dann sterbe, wenn ich dies wünsche. Möge mein Kör-
per frei von allen Krankheiten sein. Möge ich die Schnelligkeit von Garu¬a
verliehen bekommen. Möge ich fähig werden, den Raum ohne Hindernis zu
durchqueren. Möge mein Körper eine Meile hoch pro Stunde wachsen, so
dass ich schon bald größer als diese Welt sein werde. Auf diese Weise werde
ich das Ausmaß dieser Schöpfung ermessen können.“
  Der Höchste Herr erwies ihm diese Gnaden und verschwand außer Sicht-
weise.
  DER WEISE fuhr fort:
  Nachdem dich der Höchste Herr verlassen haben wird, wirst du deine Buß-
übungen fortsetzen. Dein Körper wird während dieser Zeit zu einem Skelett
abmagern, aber dann aufgrund der Gnadenerweise strahlend werden. Du
wirst dich vor mir verbeugen und schon bald wird dein Körper göttlich wer-
den. Er wird schneller als Garu¬a „umherfliegen“, ständig an Größe zuneh-
men und in sich die himmlischen Körper enthalten. In diesem ständig größer
werdenden Körper wirst du die zahllosen Universen wie ebenso viele Wellen
auf dem Ozean sehen. So wie zu Beginn alle diese Universen im unendlichen
Bewusstsein aufgetaucht sind, so werden zu diesem Zeitpunkt diese Univer-
sen in die Sphäre deines Sichtfeldes eintreten. Dann wirst du zu erkennen
vermögen, wie all dieses in der Sichtweise des Unwissenden unwirklich und
vielfältig, aber für den Erleuchteten real und unteilbar ist.
  Du wirst eine sehr, sehr lange Zeit damit zubringen, diesem abwechselnden
Auftauchen und Untergehen dieser zahllosen Universen zuzuschauen. Dann


                                    694
wirst du von Verehrung für diese unendliche Intelligenz erfüllt sein. Du wirst
dir deines eigenen Körpers bewusst werden und dir sagen: „Was ist dieser
jämmerliche Körper schon – so riesengroß und schwer? Da ich mit ihm in-
zwischen den gesamten Raum erfülle, hat er enorme Dimensionen ange-
nommen. Was soll ich denn nun noch damit anfangen? Ich weiß es selbst
nicht! Es kommt mir so vor, als wäre diese Unwissenheit (und die Welter-
scheinung) wahrhaftig unermesslich. Ohne eine direkte Erkenntnis des
Brahman kann sie überhaupt nicht ermessen werden. Ich werde diesen Kör-
per aufgeben, der völlig nutzlos geworden ist. Dieser mein Körper ist zwar
nun riesig und stützenlos geworden, aber damit vermag ich jetzt nicht mehr
die Gemeinschaft mit den erleuchteten Weisen zu erlangen.“
  Nachdem du dich so entschieden haben wirst, wirst du deinen Körper auf-
geben. Dein nur noch mit der Lebenskraft (prāïa) versehener jīva wird noch
subtiler als Luft werden. Der Körper, vom jīva aufgegeben, wird (kleiner ge-
worden) umfallen und durch sein schieres Gewicht und seine Größe die Erde
usw. zerschmettern. Die Göttin namens „Trockenheit“ wird diesen Körper
verzehren und so die Erde reinigen. Damit habe ich dir erzählt, was die Zu-
kunft für dich bereit hält.
  DER JÄGER fragte:
  Hoher Herr, wie schreckenerregend sind die Kümmernisse, die mir ohne
allen Nutzen auferlegt worden sind. Gibt es ein Mittel, mit dem dieses Schick-
sal abgewendet werden kann?
  DER WEISE sprach:
  Was unvermeidlich ist, kann von niemandem zu irgendeiner Zeit abgewen-
det werden. Keine Mühe ist groß genug, um dies abzuwenden. Der rechte Arm
ist der rechte und der linke der linke – niemand vermag diese Tatsache auf-
zuheben. Kopf und Fuß können sich nicht gegenseitig ersetzen. Was ist, ist.
Sogar die Wissenschaft der Astrologie vermag nur das vorherzusagen, was
kommen wird, aber nicht abzuwenden, was unvermeidbar geschehen wird.
Und doch leben die Weisen der Selbsterkenntnis wie tief Schlafende in dieser
Welt. Sie erfahren die Ergebnisse der vergangenen Handlungen, erlauben
jedoch dem inneren Bewusstsein nicht, aufgrund dessen jemals
Verdrehtheiten zu entwickeln – auch nicht, wenn der Körper verbrannt wer-
den würde. Sie überwinden sämtliche karmas.
  DER JÄGER fragte: Hoher Herr, bitte teile mir mit, was mit mir danach ge-
schehen wird.                                                                    VI.2:156
  DER WEISE erwiderte:
  Dein jīva wird dann die gesamte Welt so gewahren, wie du die Welt in dei-
nen Träumen gewahrst. Dann wird er sich selbst für einen König halten. Er
wird glauben: „Ich bin der König Sindhu, der weithin respektiert wird. Mein
Vater hatte sich in den Wald zurückgezogen. Daraufhin wurde ich mit nur
acht Jahren König. Jenseits der Grenzen meines Königreiches gibt es ein ande-
res, das von dem mächtigen König VidÆratha regiert wird, der schwer zu


                                    695
überwinden ist... Bis heute habe ich dieses Königreich für mehr als hundert
           Jahre regiert und alle königlichen Freuden genossen. Oh weh, nun wird mein
           Königreich von König VidÆratha erobert.“ Aufgrund dieses Gedankens wird
           eine hitzige Schlacht zwischen dir und dem König VidÆratha entbrennen. Du
           wirst VidÆratha töten. Danach wirst du zum König der gesamten Welt wer-
           den. Umgeben von Ministern wirst du die folgenden Gespräche führen:
             Der MINISTER wird folgendes zu dir sagen: Es ist ein Wunder, oh König,
           dass du in der Lage warst, diesen König VidÆratha zu überwinden. DU wirst
           dann antworten: Ich bin reich und mächtig – weshalb erachtest du es als ein
           Wunder, dass ich VidÆratha zu überwinden vermochte?
             Der MINISTER wird antworten: Er hat eine Frau namens Līlā, die aufgrund
           ihrer Askese und Hingabe die Göttin Sarasvatī günstig stimmen konnte. Die
           Göttin hat Līlā als Tochter adoptiert und alle ihre Gebete erhört. Es wäre für
           sie nicht schwer gewesen, dich zu vernichten. DU wirst sagen: In diesem Fall
           war es in der Tat ein großes Wunder, dass ich VidÆratha zu bezwingen ver-
           mochte. Sage mir, weshalb VidÆratha mich nicht mit Hilfe der Göttin zu besie-
           gen versucht hat?
             Der MINISTER wird sagen: Er hatte um Befreiung von Bindung und
           saæsāra gebeten und aufgrund dessen geradezu danach verlangt, von dir
           getötet zu werden. DU wirst antworten: Weshalb sollte ich in diesem Fall
           nicht die Göttin verehren und um Befreiung bitten?
             Der MINISTER wird sagen: Sie ist die Weisheit, die in aller Herzen leuchtet.
           Da sie die Essenz (rasa) des Geistes in allen ist, wird sie Sarasvatī genannt. Sie
           verleiht allen unverzüglich alles, worum sie bitten, weil sie das Selbst aller ist.
           Daher erfährt man die Früchte seines eigenen Gebetes. Du hast nicht um
           Befreiung gebeten, sondern um die Vernichtung deines Feindes.
             DU wirst sagen: Weshalb habe ich nicht um Befreiung gebeten? Du sagtest,
           dass sie in meinem eigenen Herzen wohne – weshalb hat sie mich nicht dazu
           inspiriert, um Befreiung zu bitten? Der MINISTER wird sagen: Dies geschah
           nicht, weil in deinem Herzen die unreine Gewohnheit eines Wunsches nach
           der Vernichtung deiner Feinde wohnte. Daher hast du nicht um Befreiung,
           sondern um Vernichtung der Feinde gebeten. Was immer das citta (Gemüt,
           Herz) ist, das ist ein Wesen – dies ist sogar die Erfahrung von Kindern. Was
           immer einer in seinem eigenen Herzen weiß und was immer einer wieder
           und wieder in seinem Herzen erfährt, das wird zu einer Gewohnheit und
           materialisiert sich, sei es nun gut oder schlecht.
             DER WEISE fuhr fort:
VI.2:157
             DU wirst sagen: Was habe ich in meiner früheren Geburt wohl getan, dass
           ich einer solch üblen Gewohnheit ausgeliefert bin? Der MINISTER wird sagen:
           Ich werde dir dieses Geheimnis enthüllen. Es gibt da etwas, was ohne einen
           Anfang und ohne ein Ende existiert, als das „ich“ und das „du“ usw., und das
           Brahman genannt wird. Dieses Brahman wurde zu seinem eigenen Objekt des
           Gewahrseins und folglich zum jīva und dann zum Gemüt. Dieser subtile psy-


                                                  696
chologische bzw. ätherische Körper verdichtete sich schließlich zu einem
physischen Körper. Er ist nichts als das Gemüt, welches keinerlei Form be-
sitzt, aber so existiert, als hätte es eine solche (nämlich den Körper). Das
Gemüt allein ist diese Welt – einen Unterschied zwischen den beiden gibt es
nicht. In Brahman taucht ursprünglich nur Satva (die reinste Form des Ge-
müts) auf, das dann extrem dicht und trübe (tāmasa-tāmasa) wurde.
  DU wirst sagen: Worin besteht dieses tāmasa-tāmasa und wie konnte es in
diesem höchsten Zustand auftauchen? Der MINISTER wird sagen: Die Lebe-
wesen hier haben verschiedene Gliedmaßen. Auch das subtile Selbst bzw.
Bewusstsein besitzt sozusagen Gliedmaßen, nämlich den subtilen, ätheri-
schen Leib. Dieser hält sich selbst für einen groben Körper bestehend aus
physischen Elementen wie beispielsweise Erde. Er ist in dieser Welterschei-
nung, die in demselben Bewusstsein wie in einem Traum auftaucht, mit der
Hilfe seiner eigenen Ideenbildungen tätig. Du selbst unterhältst in deinem
eigenen, ätherischen Körper die Idee: „Dies ist die finsterste Finsternis“, wo-
raufhin diese Idee dann geboren wird. Alle diese Vielfalten existieren in
Brahman, obgleich dieses absolut rein ist.
  Die erste Idee, die in Brahman auftaucht, sobald es zum jīva wird, wird von
der buddhi (Intelligenz) als vollkommene Reinheit (sātvika-sātvika) erfahren.
Wenn diese in den Lebensstrom eintritt und mit edlen Qualitäten ausgestattet
ist, wird sie als reine sātvika-Geburt bezeichnet. Die Geburt, die im Lebens-
strom auftaucht und dazu bestimmt ist, den verschiedenen Erfahrungen von
Vergnügen unterzogen zu werden, sich dabei aber in Richtung der Befreiung
bewegt, wird rājasa-rāsaja genannt. Wenn diese Geburt im Lebensstrom
auftaucht und keinerlei edle Qualitäten besitzt, wird sie einfaches rājasa
genannt. Wenn sich das Lebewesen dann sehr lange Zeit hindurch im Lebens-
strom aufgehalten und sich gerade erst in die Richtung der Befreiung gewen-
det hat, spricht man von tāmasa-tāmasa. Die gewöhnliche Geburt, die das
Ergebnis mehrerer aufeinanderfolgender Geburten, die sich um Befreiung
bemüht haben, ist, wird einfaches tāmasa genannt.
  Es gibt daher in diesem Sinne zahlreiche verschiedene Klassifikationen von
Geburten. Du selber wurdest in der Klasse tāmasa-tāmasa geboren. Du hast
wie ich auch bereits viele Geburten erlebt. Ich kenne diese, du jedoch nicht.
Indem du in all diesen Geburten umhergewandert bist, hast du viel Zeit ver-
schwendet. Weil du jedoch so stark konditioniert warst, vermochtest du dich
nicht selbst zu befreien.
  DU wirst sagen: Wie kann ich nun die Wirkungen dieser vergangenen Le-
ben überwinden? Der MINISTER wird sagen: Es gibt nichts, was einer, der
ohne mentale Unruhe ist, nicht erreichen könnte. Die bösen Taten von gestern
werden durch die noblen Taten von heute in gute Handlungen verwandelt.
Strebe daher danach, gut zu sein und tue Gutes. Man strebt nach dem, was
man zu erlangen wünscht – gewiss wird man sein Ziel dann auch irgendwann
erreichen.



                                     697
Nachdem König Sindhu so vom Minister beraten worden ist, wird er unver-
            züglich seinem Königtum entsagen und sich in einen Wald zurückziehen. Er
            wird Zuflucht zu den Füßen eines Heiligen nehmen. Aufgrund ihrer Gemein-
            schaft wird er dann die höchste Weisheit erlangen und befreit werden.
               DER FEUERGOTT fuhr fort:
VI.2:158,
   159         Der Jäger hörte all dies von dem Weisen und war von Staunen erfüllt. Der
            Jäger und der Weise setzten ihre Entsagungspraktiken fort. Etwas später
            erlangte der Weise nirvāïa und gab seinen Körper auf. Nach einer sehr lan-
            gen Zeit erschien Brahmā der Schöpfer vor dem Jäger, um diesem eine Gunst
            zu erweisen. Der Jäger war nicht in der Lage, die natürlichen Zwänge seiner
            eigenen mentalen Konditionierung abzuwenden, obwohl er sich der Prophe-
            zeiung des Weisen bewusst war. Aus diesem Grunde bat er um eben die
            Gunsterweise, die sich aus seiner Konditionierung ergaben.
               Als Resultat des Gunsterweises begann der Körper des Jägers zu expandie-
            ren und kosmische Proportionen anzunehmen. Als er trotz all dieser Mög-
            lichkeiten die Grenzen der Unwissenheit immer noch nicht auszuloten ver-
            mochte, wurde er bestürzt und beunruhigt. Er gab mit der Hilfe des mysteriö-
            sen Vorgangs des Aufhörens des prāïa seinen Körper auf, der daraufhin im
            Raum stürzte. Er selbst verblieb im Raum und betrachte sich selbst fortan als
            den König Sindhu.
               Der Körper tauchte oberhalb einer gewissen Welterscheinung in diesem
            Universum auf und besaß die Gestalt eines Haarballes. Er war groß genug, um
            die gesamte Erde bedecken zu können.
               Oh VipaÁcit – so habe ich dir nun die Identität dieses Körpers beschrieben.
            Diese Welterscheinung, auf die der Körper niedergestürzt ist, ist unsere Welt,
            so wie sie uns erscheint. Nach dem Verzehr des Blutes dieses Körpers schwoll
            der ausgetrocknete Leib der Göttin an. Sie wurde dann als Caï¬ikā bekannt.
            Das Fleisch dieses Körpers wurde zum Erdelement. Im Verlaufe der Zeit dann
            nahm die Welt ihre gegenwärtige Gestalt als die Erde an. Aufs Neue wurde die
            Erde von Lebewesen bevölkert und mit Urwäldern, Dörfern und Städten
            bedeckt.
               Die Erde ist nun wieder solide und fest. Oh guter Mann – gehe nun, wohin
            es dir beliebt. Von Indra, dem Oberhaupt der Götter, der einen heiligen Ritus
            ausführen möchte, wurde ich in das Königreich der Himmel eingeladen. Da-
            hin werde ich mich begeben.
               BHĀSA (VIPAÁCIT) sagte:
              Nachdem er so gesprochen hatte, entschwand der Feuergott außer Sicht-
            weite. Ich ging dann meiner Wege und meinen Aufgaben nach, zusammen mit
            all der psychologischen Konditionierung in meinem Gemüt.
              Wieder erblickte ich im unendlichen Raum die zahllosen Welten und Uni-
            versen. Einige von ihnen waren wie Sonnenschirme, andere wie Tiere, man-
            che waren voller Bäume, andere voller Felsen. Jedoch hatte ich das Ende der
            Unwissenheit, ihre Grenze, noch nicht erlangt, und daher war ich unruhig und


                                                698
niedergeschlagen. Ich entschied mich daher dafür, Bußübungen aufzuneh-
men. Indra, der dies bemerkt hatte, sprach zu mir: „Oh VipaÁcit, im Raum
haben du und ich den Leib eines Hirschs. Aufgrund der irreführenden Idee
eines Himmels, die sich zuvor in mir befand, wanderte ich im Himmel umher.“
Nachdem ich dies vernommen hatte, sagte ich zu Indra: „Oh König des Him-
mels, ich bin dieses saæsāra leid. Erlöse mich gnädig und rasch von diesem
saæsāra.“
  INDRA sprach zu VipaÁcit:
  Dein Bewusstsein wandert noch bei den Hirschtieren umher. Daher sehe
ich, dass eine Geburt als ein Hirsch unvermeidlich ist. Als Hirsch wirst du an
dieser großen Versammlung teilnehmen, auf der du deine eigene Geschichte
erfahren und dadurch die Erweckung erlangen wirst. Sobald du dann in das
Feuer der Weisheit eintrittst, wirst du menschliche Gestalt und auch das
spirituelle Aufblühen in deinem Herzen erlangen. Dann wirst du fähig sein,
die Unwissenheit aufzugeben und wie unbewegter Wind den äußersten Frie-
den wiederzugewinnen.
  VIPAÁCIT (BHĀSA) sagte:
   Nachdem Indra so gesprochen hatte, entstand das Bewusstsein „ich bin ein
Hirsch“ in mir. Seit diesem Zeitpunkt bin ich in den Wäldern als ein Hirsch
umhergewandert. Als ein Jäger mich einmal zu verfolgen begann, lief ich
davon. Er überwältigte mich jedoch und nahm mich mit nach Hause. Dort
hielt er mich einige Tage lang fest und brachte mich dann als Haustier zu dir.
Damit habe ich dir nun meine Geschichte erzählt, oh Rāma, die ganz klar die
illusorische Natur dieses saæsāra verbildlicht. Wahrhaftig grenzenlos ist
diese Unwissenheit, die ihre zahllosen Zweige in alle Richtungen streckt. Sie
kann durch ein anderes Mittel als die Selbsterkenntnis nicht ans Ende gelan-
gen.
   RĀMA fragte:
   Wie war es für dich möglich, dich für andere sichtbar zu machen, als deine
Gestalt in deinem saÇkalpa auftauchte?
 VIPAÁCIT (BHĀSA) fuhr fort:
   Einmal, als Indra den Himmel durchquerte und voller Stolz auf ein erfolg-
reich durchgeführtes heiliges Ritual war, stieß er versehentlich den Körper
des Weisen Durvāsa an, der in Meditation war. Der Weise verfluchte ihn: „Oh
Indra, diese Erde, die die aufsuchst, wird schon bald zu einem Nichts werden.
Weil du mich angestoßen hast in dem Glauben, ich sei tot, wirst du schon bald
zu eben dieser Erde niedergehen und dort so lange als ein Hirsch leben, wie
VipaÁcit dort als Hirsch lebt.“
   So wurden wir zu Hirschen, die einander zu sehen vermochten. Natürlich
ist ein im eigenen Verstand auftauchendes Objekt so unwirklich wie das in
jemand anderes auftauchende Objekt. Noch einmal: Da Brahman, das unend-
liche Bewusstsein, all dieses ist und fähig, alles zu erreichen und zu bewirken,



                                     699
ist für ihn auch nichts unmöglich. Aufgrund seiner Allmacht kann es gesche-
hen, dass zwei eingebildete Objekte einander zu gewahren vermögen oder
auch nicht. Wo es Schatten gibt, gibt es auch Licht, der Schatten entsteht
aufgrund des Lichts. Im unendlichen Bewusstsein existiert die grenzenlose
Unwissenheit – daher ist auch alles in ihm möglich. Seltsam und wunderbar
ist diese Māyā, die verblüfft und die Täuschung im Verstand hervorruft, in der
These und Antithese einträchtig nebeneinander ohne Konflikt oder Wider-
spruch existieren. Darin besteht diese Wahrheit über Brahman, das die Un-
wissenheit innerhalb von sich selbst erfährt, nämlich darin, dass da etwas
existiert, was einen Anfang und gleichzeitig überhaupt keinen Anfang gehabt
hat.
  Wie sollte es dem unendlichen Bewusstsein möglich sein, nach der Periode
der kosmischen Auflösung die drei Welten neuerlich zu erschaffen, wenn
diese nicht bloße Materialisationen von Ideen waren, die im unendlichen
Bewusstsein erschienen sind? Folglich ist klar, dass diese Schöpfung nicht
mehr als eine Bewegung innerhalb des unendlichen Bewusstseins und das
Auftauchen der latent in diesem liegenden Erscheinung ist.
  VIPAÁCIT (BHĀSA) fuhr fort:
   Der Weise weiß, dass vom Gesichtspunkt der reinen Weisheit aus alle Dinge
sofort und richtig verstanden werden – anders wäre dieses nicht möglich.
Diese Welterscheinung ist das Ergebnis des unendlichen Bewusstseins, wel-
ches die Idee „ich bin unwissend“ unterhält (sogar die Unwissenheit taucht
daher nur aufgrund des unendlichen Bewusstseins auf).
   Weder wird hier irgendjemand sterben noch wurde jemals jemand geboren
– beide Ideen tauchen im Bewusstsein auf und geben sich den Anschein, als
seien Geburt und Tod etwas Reales. Falls der Tod das letztgültige und wahr-
heitsgemäße Ende bedeuten sollte, dann wäre er in der Tat ein höchstwill-
kommenes und glückliches Ereignis! Falls jemand, der gestorben ist, jedoch
auch danach immer noch gesehen werden sollte, dann ist es wohl offensicht-
lich, dass er in Wahrheit immer gelebt hat und leben wird. Folglich gibt es
keinen Tod und aus demselben Grunde auch keine Geburt. Beide Ereignisse
erscheinen aufgrund der Bewegung im Bewusstsein als real und wären an-
dernfalls irreal. Wenn man sie für real hält, sind sie auch real; kennt man sie
dagegen als irreal, sind sie irreal. Dies bedeutet, dass allein das Denken daran
real ist. Sage mir doch, ob es da irgendein Leben ohne Bewusstsein geben
kann? In diesem reinen Bewusstsein gibt es weder Kummer noch Tod. Wer
sollte dann also Kummer erfahren? Wer stirbt? Was der Strudel für das Was-
ser ist, ist der Körper für die höchste Wahrheit. Die Erscheinung wird von der
Realität durchdrungen, während die Erscheinung selbst nur eine Erscheinung
ist und keinerlei eigene Substanzialität besitzt. Es gibt da keine Getrenntheit,
Unterschiede oder Widersprüche zwischen den beiden. Und doch scheint das
unendliche Bewusstsein in dieser Schöpfung voller Widersprüchlichkeit zu
sein – in der Tat ist dies ein großes Wunder!



                                     700
Erkenne, dass diese Welterscheinung mit all ihren Widersprüchen nicht
mehr als eine inexistente Erscheinung ist. Nur dieses unendliche und unteil-
bare Bewusstsein allein existiert als das eine Ding hier und als ein anderes
Ding anderswo. Es gibt daher weder Vielfalt noch überhaupt Einheit. Weder
gibt es da eine Widersprüchlichkeit noch eine Nicht-Widersprüchlichkeit.
Diejenigen, die die Wahrheit kennen, realisieren, dass dies weder real noch
irreal ist – sie betrachten als die Wahrheit daher die gänzliche Stille. Was man
hier als das objektive Universum sieht, ist in Wahrheit das Höchste Brahman.
Nur dieses Brahman ist es, welches verschiedene Ideen unterhält, die sich
dann wiederum hier als diese verschiedenen Objekte manifestieren. Jedoch
gibt es in dem, was diese Ideen unterhält, keinerlei Getrenntheit –
Getrenntheit ist daher unwirklich.
  Jeder Zoll des Raumes ist mit den Schöpfungen „toter“ jīvas angefüllt. Diese
Welten sind zahllos. Sie sind unsichtbar. Alle existieren zusammen, ohne
einander zu widersprechen oder miteinander zusammenzustoßen. Sie sehen
sich gegenseitig nicht. Alle diese Objekte der Wahrnehmung sind nichts als
reiner Raum. Nur Bewusstsein allein ist der Wahrnehmer bzw. Beobachter
von allem; Bewusstsein durchdringt diese Objekte im Raum so, wie man ein
Objekt im Traum sieht. Auch wenn dieses Bewusstsein völlig erwacht und
erleuchtet sein mag, hält die Erscheinung seines Objekts an, wie die Finster-
nis bis zur Morgendämmerung anhält. Aber ob die Welterscheinung nun real
oder irreal ist – sobald die Wahrheit realisiert wurde, gibt es da einen großen
Frieden. So wie Wogen und Schaum auf der Oberfläche des Ozeans auftau-
chen, eine Zeitlang zu existieren scheinen und sich dann in der nächsten
Minute wieder mit dem Ozean vermischen, so erscheint diese Welt in Brah-
man und hört als solche im nächsten Moment wieder auf, denn nur Brahman
ist real.
  VùLMýKI sagte:
                                                                                   VI.2:160
  Der König DaÁaratha traf die angemessenen Vorkehrungen für die Versor-
gung von VipaÁcit. Inzwischen war ein weiterer Tag zu Ende gegangen. Am
nächsten Tag trafen die Teilnehmer der Versammlung erneut zusammen und
  DER WEISE fuhr fort:
  Gewiss ist das hier Gesehene keine Unwissenheit. Das war der Grund, wes-
halb VipaÁcit ihre Grenzen bzw. ihr Ausmaß nicht feststellen konnte. Die Un-
wissenheit existiert nur so lange, wie sie als solche nicht recht verstanden
worden ist. Sobald ihre Realität erkannt wurde, wird ebenfalls erkannt, dass
es da niemals „Wasser in der Luftspiegelung“ gegeben hat. Du selbst hast all
dies mit deinen eigenen Augen gesehen und mit deinen eigenen Ohren von
den Lippen dieses VipaÁcit (bzw. Bhāsa) vernommen. Auch er wird wie ihr
alle hier erleuchtet werden, sobald er unseren Diskurs angehört hat.
  Sobald Brahman am Gewahrsein der Unwissenheit festhält, erscheint diese
Unwissenheit als wirklich. Aufgrund dieser Täuschung erscheint dann das
Unwirkliche als wirklich. Sobald erkannt wird, dass diese Unwissenheit



                                     701
Brahman ist, wird sie gleichzeitig als nicht unterschieden von Brahman er-
           kannt – dann verschwindet diese Vielfalt.
              Diese Unwissenheit lässt die faszinierendsten Objekte auftauchen, obgleich
           sie in sich selbst ein Nichts ist. Wer sich aufmacht, um die Grenzen der Träu-
           me zu erkunden, stellt schon bald fest, dass sie keine Grenze besitzen. Wer
           sich aufmacht, um die Grenzen dieser in der Unwissenheit auftauchenden
           Welterscheinung zu erkunden, entdeckt schon bald, dass auch sie keine hat.
           Die Objekte, die sich aufgrund von im Bewusstsein auftauchenden Ideen
           materialisiert haben und vom Wahrnehmenden dieser Ideen aufgegeben
           wurden, nur um daraufhin neue Ideen zu unterhalten, existieren im Raum als
           die Welten der siddhas – unbewusst der Existenz der jeweils anderen. Diese
           Welten haben verschiedene Naturen und werden von den unterschiedlichs-
           ten Kreaturen bewohnt. Da es jedoch nichts anderes als Brahman gibt, sind
           alle diese ebenfalls von Brahman erfüllt. Gleich zu Beginn der Schöpfung gab
           es keinerlei Ursache und daher auch überhaupt keine Schöpfung. Das unend-
           liche Bewusstsein ersann unendliche Ideen, die sich dort materialisierten, wo
           diese Ideen auftauchten. Was sollte daran erstaunlich sein? Sogar jetzt seid
           ihr und alle anderen die Erscheinungen, wie sie aufgrund der Existenz inten-
           siver Ideen, die mit einer enormen Kraft der Konzentration ausgestattet wa-
           ren, erzeugt worden sind.
              Wer zwei Dinge (wie diese Welt und den Himmel) als real erachtet, erlangt
           beide. Manche siddhas betrachten auch die Hölle als real, die dann auch als
           real erscheint. Was von einer Person nachdrücklich als existierend gedacht
           wird, wird von dieser dann auch physisch erfahren, denn der Körper ist
           nichts anderes als das Gemüt. Der jīva gibt beim Verlassen des Körpers einen
           bestimmten Zustand auf und hegt dann weitere Ideen über einen anderen
           Zustand. Falls diese Idee gut ist, erfährt er eine gute Welt; ist sie böse, erfährt
           er eine böse Welt. Wenn er sich die Welt der siddhas denkt, erfährt er diese;
           hat er unreine Gedanken, dann erfährt er unverzüglich die Hölle.
              In der Hölle erfährt der jīva verschiedene Leiden und Qualen, wie etwa das
           Getroffenwerden von Pfeilen, das Hämmern der Brust durch Felsen, die Um-
           armung einer rotglühenden Säule, das Verbrennen bei lebendigem Leibe, das
           Aufessen der Körper anderer wegen Hunger, das Schwimmen in Strömen von
           Blut und Eiter sowie das Gefühl von: „Diese böse Tat hat zu diesen bösen
           Erfahrungen geführt“.
              RĀMA fragte:
VI.2:161
              In der gerade vernommenen Geschichte haben wir gesehen, wie der Weise
           und der Jäger verschiedene Erfahrungen durchlebt haben. Ist es die eigentli-
           che Natur der Dinge, die diese Erlebnisse bestimmt, oder gibt es noch einen
           anderen Grund dafür?
              VASIåèHA erwiderte:
            Diese Strudel von Erscheinungen tauchen von selbst die ganze Zeit über im
           Ozean des unendlichen Bewusstseins auf. Eine Gruppe dieser strudelartigen


                                                  702
Erscheinungen mag einem unveränderbar vorkommen, bis dann eine andere
auftaucht und sie verdrängt. Manche dieser Erscheinungen wirken dauerhaft,
weil es sie schon lange gibt, während andere wiederum nur temporär existie-
ren. Jedoch wie der Luft Bewegung, so gering sie auch sein mag, eigentümlich
ist, so existiert auch im unendlichen Bewusstsein stets diese Erscheinung.
Der Erleuchtete nennt sie reines Bewusstsein, der Unwissende nennt sie die
Welt. Sie ist weder real noch irreal – wie soll man sie also nennen? Dieses
Universum ist die Bewegung des Gewahrseins im unendlichen Bewusstsein
bzw. der Höchste Herr. Für ihn sind sowohl Hoffnung als auch Hoffnungslo-
sigkeit bedeutungslos. Oh weise Männer – seid, was ihr seid.
  Das unendliche Bewusstsein selbst betrachtet die Bewegung, die in ihm auf-
taucht, als die Welt – wo sollten da wohl die Erde (und andere, ähnliche Ele-
mente) darin sein? Es ist das Licht des unendlichen Bewusstseins, welches
strahlt – ein anderes Licht gibt es nicht. Brahman allein ruht auf ewig in
Brahman, und es ist dieses Selbstgewahrsein, welches dann Unwissenheit
genannt wird! Der gesamte Raum ist erfüllt von der Fülle des Bewusstseins,
was man dann Schöpfung nennt. Es gibt in dieser weder Widerspruch noch
Dualität.
  Da dieses unendliche Bewusstsein allein existiert, gibt es da auch nichts,
was an ein Ende gelangen könnte. So wie die im Traum erfahrende Welt nicht
existiert, so existiert diese Welt, obwohl sie wahrgenommen wird, nicht als
eine materielle Wesenheit. So wie nur das eigene Bewusstsein allein als der
Traum erstrahlt, so erstrahlt dasselbe Bewusstsein im Wachzustand als die
objektive Welt. Daher gibt es keinerlei Unterschied zwischen Traum und
Wachzustand. Wenn einer aus dem Traum erwacht, denkt er: „Dies hier ist so,
aber nicht so wie das, was ich im Traum gesehen habe“, und er denkt dies
sogar noch nach dem Tod: „Dies hier ist so, aber nicht so wie das, was ich vor
dem Tod gesehen habe“. Der Traum mag kurz und das Leben lang gewesen
sein, aber die Erfahrung des Augenblicks ist in beiden dieselbe. So wie man zu
Lebzeiten hunderte von Träumen erfahren hat, so erlebt man, bis man
nirvāïa erlangt hat, hunderte von Wachzuständen. So wie sich manche Leute
an ihre Träume erinnern, so erinnern sich manche an ihre vergangenen Le-
ben.
  Wenn es also keinerlei Unterschied zwischen den beiden gibt, kann man
auch nicht wissen, was die Welt und was die Unwissenheit ist. Wenn Unwis-
senheit als solche nicht existiert – was sollte dann Bindung sein? Bitte lege
nicht denjenigen in Fesseln, der auf ewig frei ist! Es gibt da nichts „anderes“,
sondern immer nur das eine reine, formlose Bewusstsein. Obwohl diese
Welterscheinung in jenem Bewusstsein existiert, wird jenes doch in keiner
Weise durch diese gebunden, und daher gibt es natürlich auch keinerlei Be-
freiung. Im Bewusstsein gibt es keine Unwissenheit und es gibt keine Ideen
im reinen Bewusstsein. Nur der Raum ist der Raum. Das, was sogar im Tief-
schlaf „gewahr“ ist, ist als einziges im Traum wie auch im Wachzustand ge-
wahr, und dies ist das reine Bewusstsein. Es ist dieses Bewusstsein allein,



                                     703
welches für das Gewahrsein von Vielfalt verantwortlich ist. Die Schöpfung ist
           selbst das Höchste Brahman – es ist gleichzeitig die Einheit und die Vielfalt.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:162
             Diese Welt existiert mitsamt all ihrer Objekte als die eigentliche Bedeutung
           der Materialisation des unendlichen Bewusstseins – daher sind die Form, ihr
           Wahrnehmen und die sie betreffenden Gedanken alle zusammen nur dassel-
           be reine Bewusstsein und nichts anderes. Die Vielfalt der Traumobjekte ist
           Traum – nicht Vielfalt. Ebenso ist die Vielfalt, die während des Wachzustan-
           des im unendlichen Raum gesehen wird, der unendliche Raum (Bewusstsein)
           – Vielfalt gibt es da nicht. Es ist das unteilbare Bewusstsein, welches den
           Anschein der Vielfalt angenommen hat.
             Diese Realität des Bewusstseins wird vom Weisen und vom Unwissenden
           verschieden erfahren. Daher spricht man davon, dass diese Schöpfung gleich-
           zeitig real und irreal sei. Da die beiden Gesichtspunkte einander diametral
           entgegengesetzt sind, wird es für beide unmöglich zu sehen, was jeweils der
           andere sieht – sie können sich gegenseitig nicht verständlich machen und
           erklären, was jeder von ihnen sieht. Die Schöpfung ist das, was man sieht und
           dessen man gewahr ist, und das liegt innerhalb von einem selbst. Wenn diese
           innere Erfahrung andauert, spricht man von der andauernden Schöpfung;
           wandelt sie sich, spricht man von der sich wandelnden Schöpfung.
             Im Traum sind die Objekte in Wahrheit immateriell und subtil und werden
           doch wie solide Substanzen betrachtet. Ebenso sind auch die Objekte in die-
           ser Schöpfung in Wahrheit subtil und geisterhaft, erscheinen aber als solide
           und greifbar. Dies ist auch für den Körper wahr: Zwar ist er als solcher eine
           Täuschung und inexistent, wird aber wie ein Geist als eine Realität vor das
           Auge gestellt. Sogar die psychologischen und physikalischen Bedingungen
           sind nur Erscheinung wie etwa der Klang, den man hört, oder wie der Wind,
           der bläst (der gehört wird, obwohl er überhaupt nicht da ist).
             Was auch immer hier wahrgenommen oder als existierend gedacht wird, ist
           nichts als reines Bewusstsein. Es hat niemals einen Grund dafür gegeben,
           weshalb etwas anderes jemals hätte ins Dasein treten können. Erkenne daher
           so: „Ich bin im Frieden, ich bin wie der unendliche Raum“. Gib die Idee auf,
           dass du der jīva seiest. Wer sich nicht selbst zu erlösen weiß, ist ohne alle
           anderen Mittel dazu, denn man ist sich selbst der eigene Freund und der
           eigene Feind. Kämpfe darum, dich noch in deinen jungen Jahren mit der Hilfe
           des reinen und rechten Verstehens bzw. der buddhi zu befreien. Tue es jetzt
           gleich. Was hoffst du noch zu erreichen, wenn du alt und senil geworden bist?
           Alter ist selbst eine Last – mehr als das vermagst du nicht zu schultern. Kind-
           heit und Alter sind verschwendet und nutzlos – nur die Jugendzeit ist die
           rechte Zeit. Wenn du ein Weiser sein willst, dann lebe wie ein solcher! Nach-
           dem man nun einmal in diesen saæsāra, in dem sich das Leben so umdroht
           zeigt, eingetreten ist, sollte man sich mit Hilfe der heiligen Schriften und
           heiliger Männer darum bemühen, sich selbst emporzuarbeiten.



                                                704
Sobald die Wahrheit erkannt wurde, hört dieses Universum auf dich zu sor-
gen, obwohl es weiterhin gesehen wird und fortfahren mag, voll von Ruhelo-
sigkeit zu sein.
  RĀMA fragte:                                                                      VI.2:163
  Ohne die völlige Beherrschung der Sinne hört die Unwissenheit nicht auf.
Bitte sage mir, wie man die Beherrschung der Sinne erlangt?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Ich werde dir nun beschreiben, wie man leicht und nur durch Eigenbemü-
hung die Kontrolle der Sinne erlangt. Das Selbst (bzw. die individuelle Per-
sönlichkeit) ist wahrhaftig nichts als reines Bewusstsein – aufgrund seines
Selbstgewahrseins wird es dann zum jīva. Was auch immer der jīva denkt,
dazu wird er dann unverzüglich. Daher sollten alle Versuche, die Kontrolle
über das Selbst bzw. die Sinne zu erlangen, im Hinblick auf dieses Selbstge-
wahrsein unternommen werden. Das Gemüt (citta) ist der Befehlshaber,
während die Sinne seine bewaffneten Streitkräfte sind. Die Kontrolle des
Gemüts bedeutet daher gleichzeitig das Erlangen der Kontrolle (bzw. den
Sieg) über die Sinne. Wenn man lederne Schuhe trägt, scheint die gesamte
Welt mit Leder bedeckt zu sein!
  Sobald das eigene Gewahrsein ins Herz erhoben wird und fest im reinen
Bewusstsein lebt, wird das Gemüt auf natürliche und mühelose Weise still.
Durch andere Mittel wie beispielsweise Askesepraktiken, Pilgerfahrten oder
rituelle Handlungen vermag man es nicht still zu bekommen. Sobald ferner
das Gewahrsein der Erfahrungen gewahr wird, hinterlassen die Erfahrungen
keine Eindrücke oder Erinnerungen mehr im Bewusstsein und werden sofort
wieder „vergessen“. Auch nur den Versuch dieser Praxis zu unternehmen
bedeutet, sich bereits dem höchsten Zustand der Selbsterkenntnis genähert
zu haben.
  Sei fest verwurzelt in dem befriedeten Zustand, in dem du nur das als das
Deine anerkennst, welches im Verlauf der pflichtschuldigen Ausführung dei-
ner eigenen, angemessenen Handlungen als Ergebnis zu dir gekommen ist.
Derjenige ist der Mensch der Selbstbeherrschung, der sich selbst besiegt hat,
der im Frieden und in der Zufriedenheit ruht und dabei tut, was zu tun ist,
und vermeidet, was zu vermeiden ist. Dessen Gemüt ist ruhig, der seine Freu-
de an der Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle hat und nicht an den äuße-
ren Geschehnissen und Wahrnehmungen interessiert ist. Sobald man sein
eigenes Gewahrsein in diesem Sinne in sich selbst konzentriert, gibt das
Gemüt seine gewohnheitsmäßige Ruhelosigkeit auf und bewegt sich in Rich-
tung der Weisheit. Der weise Mensch erlangt den Sieg über die Sinne und
ertrinkt fürderhin nicht mehr in den Wellen der vāsanās bzw. der mentalen
Konditionierung. Er sieht die Welt so, wie sie ist. Schließlich hört die Illusion
des saæsāra bzw. der Welterscheinung auf, womit auch alle damit verbunde-
nen Sorgen an ein Ende gelangen.




                                      705
Sobald man realisiert, dass es nur das reine Bewusstsein ist (welches sich
jenseits des Denkens befindet und daher niemals zum Objekt der Wahrneh-
mung oder des Erfahrens werden kann), welches als diese Welt erscheint,
existieren Bindung und Befreiung nicht mehr. Dehydriertes Wasser fließt
nicht und ursachelose Erfahrung erzeugt keinerlei psychologische
Getrenntheit. Erfahrung ist wie der leere Raum, der die verschiedenen Gestal-
tungen von „ich“ und „du“ usw. annimmt und scheinbar dort eine Vielfalt
erzeugt, wo keine sein kann. Das, was diesen gesamten Raum erfüllt, ist rei-
nes Bewusstsein, neben dem es nichts anderes geben kann.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Sobald die direkte Erfahrung der Wahrheit: „Ich bin weder der Täter noch
die Tat noch das Tatinstrument, sondern nichts als reines Bewusstsein – die
Welt ist etwas Undefinierbares“, eingetreten ist, wird man wissen, dass da ein
Selbst-Gewahrsein ist. Die Welt erscheint als etwas, was sie nicht ist – folglich
ist die Selbsterkenntnis, die die Welt enthüllt, die höchste Wahrheit.
   Im Falle eines Wesens mit mehreren Gliedern ist dieses ein einheitliches
Wesen mit mehreren Gliedern. Ebenso ist Brahman das eine Sein mit den
zahllosen Gliedern, die man jīva usw. nennt. Das Objekt ist nur eine Erschei-
nung – Bewusstsein ist unendlicher Friede, der auf ewig unverändert fort-
existiert. Dies so zu erforschen, als sei da Getrenntheit, ist nutzlos. Im Unend-
lichen gibt es endliche Ideen, die man dann „Unwissenheit“ nennt, und eine
andere Unwissenheit gibt es hier nicht.
   Der jīva wandert zwischen den Zuständen des Wachens und Träumens und
wiederum des Träumens und Wachens hin und her und ist doch selbst das
Konstante, ob er nun wacht oder träumt. Die zwei Zustände des Tiefschlafs
und des turīya (der vierte Zustand) bilden die Realität, die den beiden Zu-
ständen von Wachen und Träumen zugrundeliegt. Die beiden letzten Zustän-
de sind identisch, wobei es faktisch allein der turīya ist, der alle anderen
Zustände als solche kennt. Für den Erleuchteten sind Wachen, Träumen und
Tiefschlaf selbst nichts anderes als der turīya, denn im turīya existiert keiner-
lei Unwissenheit. Obwohl in ihm der Anschein von Vielfalt auftaucht, ist er
nondual. Nur die kindischen und unwissenden Leute schwatzen über Dualität
und Nondualität – der Erleuchtete lacht über all dies nur. Und doch ist es
ohne eine solche Debatte, die von Dualität und Nondualität ausgeht, nicht
möglich, das eigene Bewusstsein von der Unwissenheit zu befreien. Es ge-
schah daher nur aus diesem Geist heraus, dass ich all diese Themen mit dir
als dein treuer Freund verhandelt habe.
   Weise Menschen sprechen untereinander beständig über diese Wahrheit
und erleuchten sich damit gegenseitig. Indem sie diese Wahrheit immer wie-
der bedenken, gewinnen sie die Erleuchtung (buddhi-yoga), mit deren Hilfe
sie den höchsten Zustand erlangen (Hinweis: Diese beiden Verse ähneln der
(Bhagavad)Gita mit der bedeutsamen Abwandlung im zweiten Vers, der den
Eindruck vermittelt, dass Erleuchtung geschieht, sobald der Student dafür
bereit ist).


                                      706
Der höchste Zustand wird nicht ohne Bemühung erlangt. Um dir dabei zu
            helfen, einen klaren Begriff der Wahrheit zu bekommen, habe ich diese Dinge
            daher wiederholt und unter Verwendung unterschiedlicher Verbildlichungen
            erläutert. Sogar eine unwissende Person erlangt die Erleuchtung, sobald sie
            Geschmack an dieser wieder und wieder auf diese Weise dargelegten Wahr-
            heit gefunden hat. Wer diese Wahrheiten liest und dann immer noch denkt:
            „Ich kenne dies alles schon und brauche nichts mehr zu wissen“, ist wahrhaf-
            tig nur noch als ein Dummkopf zu bezeichnen. Die Erkenntnis, die durch ein
            Studium dieser Schrift erlangt wird, wird durch kein Studium einer anderen
            Schrift als dieser möglich gemacht. Es ist nur diese Schrift hier, die dir sowohl
            das gute, tüchtige Handeln wie auch die Vollkommenheit in der Weisheit
            schenkt.
              VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:164,
   165        Im unendlichen Bewusstsein (das mit dem Sonnenball verglichen werden
            kann) gibt es zahllose Lichtteilchen, die jivas genannt werden. Wenn man von
            ihnen so spricht: „Sie sind da drinnen“, werden sie als seine (des unendlichen
            Bewusstseins) Teile betrachtet, während es in Wahrheit jedoch keinerlei
            solche Teile hat. Das Viele gibt seine Vielfalt auf, sobald es die Erleuchtung
            erlangt. Wird das Viele aber als das Eine beschrieben, dann wird es zu nichts
            anderem als es ohnehin schon immer gewesen war. Es ist unter allen Um-
            ständen und in allen Zuständen stets dasselbe. Es ist der Inhalt des Bewusst-
            seins bzw. Gewahrseins des Weisen. Das allein ist – nichts anderes hat jemals
            existiert. Es ist nur aufgrund dieses Bewusstseins, dass der Unwissende das
            Objekt seiner eigenen Unwissenheit wahrzunehmen vermag. Wir kennen das
            „ich“ oder „du“ oder auch nur das Objekt nicht, welches der Unwissende in
            seiner Unwissenheit wahrzunehmen glaubt. Im Erleuchteten tauchen die
            Empfindungen von „ich bin erleuchtet“, „er ist unwissend“ und „dies ist die
            Wahrheit“ nicht auf. Was hier die Schöpfung genannt wird, wurde jemals
            weder erschaffen noch trat es überhaupt ins Dasein. Diese Welt ist Brahman,
            die so ist, wie sie hier ist. Daher existieren hier keine unwissenden Leute oder
            Wesen. Es gibt hier nichts als den unendlichen Raum, in dem Ideen wie „dies
            ist Brahman der Schöpfer“ usw. treiben.
              Das Bewusstsein, welches im Wachzustand existiert, betritt den Traumzu-
            stand und wird zum Traum. Das Traumbewusstsein, welches im Traum ge-
            wahr ist, erlangt im Traum den Zustand von Wachheit. Der Traumzustand
            betritt dann den Wachzustand – der Wachzustand gibt sodann den Traum auf
            und erwacht. Sobald der Wachzustand in den Traumzustand eintritt, wacht
            der Träumer auf. Der Träumer erachtet den Wachzustand als Traum – für ihn
            ist dagegen das Bewusstsein des Traums der wahre Wachzustand. Ganz ge-
            wiss ist für den Träumer der Traum sein wahrer Wachzustand, nicht aber der
            andere Wachzustand.
              In Beziehung zum Wachzustand erscheint der Traumzustand als kurzlebig.
            Auf dieselbe Weise erscheint auch dem Träumer der Wachzustand als kurz.
            Zwischen beiden besteht nicht der geringste Unterschied; keiner von beiden


                                                  707
ist real. Sobald das Gewahrsein aufhört, hören auch Wachen und Träumen
auf. Dann ist da Leere. Der lebende Mensch erfährt weder im Traum noch im
Wachen „die andere Welt“, solange das Bewusstsein des Todes nicht aufge-
taucht ist. So wie Träume im Bewusstsein erscheinen und die drei Welten
erschaffen, so erscheint auch die Welt im Wachzustand. So wie die Traum-
schöpfung reine Leerheit ist, so ist auch die Welt des Wachzustands leer mit
der Ausnahme des unendlichen Bewusstseins, in dem allein all diese Erschei-
nungen auftauchen. Die Welt ist die Illusion, die im Bewusstsein aufgrund
seiner eingeborenen Kräfte zum Vorschein kommt. Nur das Bewusstsein
erstrahlt als Wasser, Erde, Raum und Mauern. Es gibt in ihm nichts, was man
ergreifen oder festhalten könnte.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein ist die am meisten offenbare          VI.2:166
Tatsache, die keinerlei Worte wie „Selbst“ oder „Erkenntnis“ bedarf und von
diesen unabhängig ist. Direkt vom Anfang der ursprünglichen Schöpfung an
existierte nur dieses unendliche Bewusstsein, welches in sich die Idee der
Schöpfung barg. Weise Männer und Gelehrte haben erklärt, dass die Selbster-
kenntnis frei von Ideenbildungen und von Wissen über materielle Objekte ist.
All dies ist nichts als das Selbst. Niemals hat es hier jemals eine Kenntnis
(eine Kategorie) namens Nicht-Wissen gegeben. Wissen und Nicht-Wissen
(Unwissenheit) sind zwei Konzepte, denen keinerlei Realität zugrundeliegt.
Was sollte da zu wissen und nicht zu wissen sein? Die Erkenntnis dessen, was
ist, die Erkenntnis, dass dieses dies ist, und die Erkenntnis, dass dies unwirk-
lich ist – alles dieses taucht im Bewusstsein auf. Die Erkenntnis des Selbst, die
Erkenntnis des Unwirklichen, die Abwesenheit von Erkenntnis, die Erkennt-
nis, dass die Wahrheit anders als die Erscheinungen ist – all dieses ist nur das
Spiel des unendlichen Bewusstseins und bloße Manifestation bzw. Erweite-
rung der Selbsterkenntnis.
   Die Tatsache der Selbsterkenntnis existiert sogar dann, wenn der Begriff
„Selbsterkenntnis“ fallengelassen wird. Selbsterkenntnis allein ist. Lass mich
dies veranschaulichen: Es gibt da einen mächtigen Felsen, der riesig ist und
dessen Flanken der blaue Himmel bildet. Er hat keinen Verbindungen, weil er
keine Trennungen hat. Er ist absolut solide und ungeteilt. Er ist unverderbbar.
Er ist unvergleichlich und einzigartig. Sein Ursprung liegt im Dunkeln. Sein
Inneres ist nicht-materiell, aber fest. In ihm befinden sich zahllose Eindrücke
oder Bilder, die er selbst als den jīva kennt. Er ist fühlend und nicht-fühlend.
   Niemand vermag diesen Felsen aufzubrechen. Und doch befinden sich in
ihm alle diese Eindrücke, die man Götter, Dämonen und Menschen, mit und
ohne Gestalt, nennt. Ich habe diese Eindrücke, wie sie in dem Felsen existie-
ren, gesehen. Wenn du möchtest, kannst du sie ebenfalls sehen.
   RĀMA fragte: Wie konntest du in das Innere dieses Felsens sehen, wenn er
unteilbar war?
   VASIåèHA sagte:



                                      708
In der Tat vermag niemand ihn aufzubrechen. Da ich selbst mich jedoch als
           ein Eindruck in ihm befinde, vermag ich auch alles andere darin zu sehen.
             Was ich dir gerade beschrieben habe, ist die höchste Realität bzw. das
           Selbst. Dieser Raum hier, der Wind und die anderen Elemente, alle diese
           Handlungen und Aktivitäten, alle diese Bedingungen und das Zeitempfinden
           sind alle die Glieder dieses Wesens. Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum, Gemüt,
           buddhi und der Ich-Sinn sind alle die Glieder dieses Höchsten Selbst. Was gibt
           es da anderes als dieses unendliche Bewusstsein? Die Objekte dieser Welt
           sind nichts als reines Gewahrsein bzw. Erfahren, das selbst eine Masse reinen
           Bewusstseins ist.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:167     Selbsterkenntnis, Nicht-Erkenntnis oder Erkenntnis des Unwirklichen usw.
           sind Worte und Gesichtspunkte. In den Augen des Kenners der Wahrheit sind
           sie gänzlich unwirklich. All dieses taucht im reinen Bewusstsein auf, das klar
           in mir zu sehen ist. „Dies ist das Selbst“ und „dies ist Erkenntnis“ sind gewiss
           falsche Ideen, die innerhalb des Bewusstseins auftauchen, aber nicht real
           sind. Gib die Worte auf und verbleibe in der Wahrheit verankert, auf die diese
           Worte hindeuten.
             Obwohl in ihm zahllose Aktivitäten stattfinden, ist es gänzlich still und ru-
           hig. Obgleich es mit zahllosen Superlativen beschrieben wird, bleibt es unbe-
           wegt. Obgleich es beständig in Bewegung ist, ist es so unerschütterlich wie
           ein Felsen. Obgleich es die eigentliche Substanz der fünf Elemente ist, ist es
           wie Raum unberührt von diesen. Obgleich es die Heimstatt alle Objekte ist,
           verbleibt es als reines Bewusstsein. Obgleich es wie eine Traumstadt sichtbar
           ist, verbleibt es als unsichtbares Bewusstsein.
             RĀMA sprach:
             So wie in den Wach- und Traumzuständen die Erinnerung an der Wurzel
           der Wahrnehmung liegt, so ist es auch nur die Erinnerung, die dem Aufstei-
           gen des Empfindens Raum gibt, dass die äußeren Objekte real seien.
             VASIåèHA fuhr fort:
             Der Anschein der vielfältigen Objekte des Universums taucht im unendli-
           chen Bewusstsein dann auf, wenn dieses seiner selbst gewahr wird – dies
           geschieht per Koinzidenz (d.h., wenn die reife Kokosnuss fällt, während eine
           Krähe darauf landet). Wann immer und wo immer dieses Bewusstsein sich
           selbst auf welche Weise auch immer ersinnt, erscheint es dann und dort auch
           ohne jede Ursache dafür so. Ideen wie „dies ist Wachen“, „dies ist Traum“,
           „dies ist Schlaf“ und „dies ist turīya“ tauchen im Bewusstsein auf, weil sie
           Bewusstsein sind. Tatsächlich gibt es da weder Traum noch Wachen noch
           Schlaf noch turīya noch irgend etwas jenseits davon – alles ist nur reine Stille
           und Ruhe. Man mag auch sagen, dass all dies nur ein ewiges Wachen oder
           Träumen oder ein ewiger Tiefschlaf oder ein ewiges turīya sei. Oder man mag
           sagen, dass man nicht wisse, was all dieses ist, weil alles so erfahren wird, wie
           man darüber denkt.


                                                 709
Seine Manifestation und Demanifestation – Erkenntnis und Unwissenheit –
sind zwei inhärente Zustände wie die Bewegtheit oder Nicht-Bewegtheit der
Luft. Es gibt daher weder einen Unterschied in den Zuständen des Wachens
usw. noch ist da irgendetwas, was man als Erinnerung oder Wunsch bezeich-
nen könnte. All dieses sind begrenzte Sichtweisen. Wo sollten Objektivität
und Erinnerung sein, wenn da doch nur die innere Erfahrung ist, die als das
externe Objekt erstrahlt? Erinnerung kann nur aus der Erfahrung herkom-
men, während Erfahrung nur möglich ist, wenn das Objekt real ist. Die ideen-
gebundene Erscheinung des unendlichen Bewusstseins nennt man zu einem
späteren Zeitpunkt Erde usw. Lasst dieses Bewusstsein erstrahlen wie es ihm
beliebt – es ist weder real noch irreal, weder etwas noch nichts. Es wohnt
selbst im Herzen als die Idee eines Objekts, das im Außen wahrgenommen
wird. Was ist „innen“ und „außen“? Betrachte es als OM und ruhe im Frieden.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:168
  So wie ein Baum ohne jede mentale Aktivität und Willen (Absicht) die vie-
len verschiedenen, herrlichen Zweige hervorbringt, so lässt das ungeborene
und unerschaffene unendliche Bewusstsein die vielfältige und farbenprächti-
ge Welterscheinung (Schöpfung) hervortreten. Es ist wie Raum, der Raum
gebiert. So wie der Ozean ohne mentale Tätigkeit oder Absicht dazu Strudel
hervorbringt, so lässt das Bewusstsein ohne allen Vorsatz alle Arten von
Erfahrungen entstehen, da es der Höchste Herr aller ist. All diesen Erfahrun-
gen verleiht dasselbe Bewusstsein dann verschiedene „Namen“ wir „Gemüt“,
„buddhi“, „Ich-Sinn“ usw. Noch einmal: Ohne jede mentale Tätigkeit und Ab-
sicht lässt das unendlichen Bewusstsein innerhalb von sich selbst die Idee
eines Objekts mitsamt der Aneinanderreihung von buddhi usw. zum Vor-
schein kommen. Sogar die Weltordnung (niyati), die die fundamentalen Ei-
genschaften jedes Objekts bestimmt, taucht im unendlichen Bewusstsein
ohne jeden Vorsatz und ohne mentale Aktivität welcher Art auch immer auf.
  Darüber hinaus ist all dieses Eines: Der Baum beinhaltet den Stamm, die
Äste, die Blätter und die Blüten – Unterscheidungen wären rein verbal. Auf
dieselbe Weise beinhaltet das unendliche Bewusstsein alles – Unterscheidun-
gen wären rein verbal. Falls du immer noch fragen solltest: „Weshalb gibt es
immer noch diese nutzlose Erfahrung von Objekten?“, dann ist es gut für dich,
dich daran zu erinnern, dass all dieses nur ein langer Traum ist. Wer würde
schon sein Heil im Nicht-Existierenden oder in unauffindbaren Dingen su-
chen? So wie wir in unserem Verstand Bilder wie „dies ist ein Baum“ geformt
haben, so existieren im unendlichen Bewusstsein Bilder des Raums usw. So
wie Raum (Entfernung) untrennbar eins mit Raum und Bewegung untrenn-
bar eins mit der Luft ist, so verhält es sich auch mit der buddhi (Intelligenz)
usw. und dem Höchsten Sein bzw. dem unendlichen Bewusstsein. Diese
Schöpfung ist vom unendlichen Bewusstsein nicht verschieden.
  Diese Schöpfung taucht wie ein Traum gleich zu Beginn im unendlichen
Bewusstsein auf. Diese Erscheinung hat außerdem überhaupt keine Ursache.
Wie könnte sie dann etwas anderes als das unendliche Bewusstsein sein?


                                     710
Dies verhält sich analog zum täglich und universell von uns allen erfahrenen
Traum, und daher sollten wie dies zu ergründen versuchen. Worin besteht die
Essenz bzw. die Realität des Traums mit der Ausnahme der reinen Intelligenz
bzw. des Bewusstseins, welches ihn erschafft und in dem er existiert?
  Diese Schöpfung taucht nicht als „Erinnerung“ im unendlichen Bewusstsein
auf. Sie taucht ohne jeden Grund und ohne jede Ursache gleich welcher Art im
Bewusstsein auf (es ist eine Koinzidenz wie bei der reifen Kokosnuss, die
beim Landen einer Krähe darauf fällt) – Träumen und Konzeptualisierung
usw. folgen erst später. Sobald diese Schöpfung einmal ohne jede Ursache im
unendlichen Bewusstsein zum Vorschein gekommen ist, folgt als nächstes
ihre „Existenz“. Obwohl daher diese Schöpfung erschaffen worden zu sein
scheint, wurde sie jedoch nicht erschaffen, und wenn sie überhaupt nicht
erschaffen wurde, kann sie gewiss auch nicht existieren.
  Im reinen Raum des unendlichen Bewusstseins existieren alle diese zahllo-
sen Welterscheinungen. Sie treten ins Dasein und lösen sich wieder auf, ob-
gleich alle ihrer Natur nach essenziell leer (ÓÆnya) sind. Sie beeinflussen sich
wechselseitig und erschaffen so diese Welterscheinung, obgleich sie essenzi-
ell leer (ÓÆnya) sind. Diese Schöpfung ist leer – die Leere aber wächst und
hört als solche auch wieder auf („leer“, weil sie frei von der Idee eines „Selbst“
ist).
  VASIåèHA fuhr fort:
  Die Schöpfung des Universums und ihre Auflösung sind nur täuschende
Ideen, die im Bewusstsein auftauchen. Sobald die Idee der Schöpfung längere
Zeit hindurch aufrechterhalten wird, wird sie für real gehalten. Die objektive
Erscheinung des Universum taucht spontan im kosmischen Wesen auf – so
wie ein Traum nach einer Zeit des Tiefschlafs auftaucht. Nur Bewusstsein
erstrahlt als dieses Universum, welches daher sein Körper ist. Anschließend
lässt das Bewusstsein in sich selbst die Ideen der Erinnerung und der psycho-
logischen Kategorien, der Erde und der anderen Elemente entstehen.
  RĀMA fragte:
  Hoher Herr, Erinnerungen sind Eindrücke, die in der buddhi zurückgeblie-
ben sind. Wie kann irgendetwas ins Dasein treten oder wie können über-
haupt noch Ideen erscheinen, falls solche Eindrücke und daher auch die Erin-
nerung abwesend sind?
  VASIåèHA erwiderte:
  Ich werde deinen Zweifel sofort beseitigen, oh Rāma, und die Nondualität
wiederherstellen. Diese Welterscheinung ist wie ein Bildnis, das noch nicht
aus dem Holz des Baumes herausgeschnitzt wurde. Erst wenn ein Bildnis aus
einem Baum herausgeschnitzt worden ist, kann sie Bildnis genannt werden.
Da das unendliche Bewusstsein jedoch nondual ist, findet dies nicht statt. Im
leblosen und nicht-fühlenden Holz taucht das Bildnis erst dann auf, nachdem
es vollständig herausgeschnitzt wurde. Da Bewusstsein jedoch voll des Be-
wusstseins ist, erstrahlt die Welterscheinung innerhalb ihrer selbst. Tatsäch-


                                      711
lich hört dieses Bewusstsein weder jemals auf, Bewusstsein zu sein noch
           wird die Welt aus ihm herausgeschnitzt – und doch erstrahlt sie als diese
           Welt.
              Zu Beginn der Schöpfung hat das Bewusstsein, angefüllt mit den Ideen aller
           Möglichkeiten, diese Ideen manifestiert. Weil auch diese Ideen mit Bewusst-
           sein ausgestattet sind, erscheinen sie als real, wie in einem Traum. Innerhalb
           der Herzenshöhle nun lässt das Bewusstsein die verschiedenen Ideen entste-
           hen wie: „Dies ist die Idee des Brahman, die selbst die Idee des reinen Be-
           wusstseins ist“, „dies ist die Idee des jīva“, „dies ist der Ich-Sinn, die buddhi,
           das Gemüt, Zeit und Raum“, „ich bin so und so“, „dies ist Aktivität“, „dies sind
           die Elemente“, „dies sind die Sinne“, „dies ist der subtile Körper (purya«Âaka)
           und das der grobe, physische Körper“, „ich bin Brahmā der Schöpfer, ich bin
           Śiva, ich bin Viåņu, ich bin die Sonne“, „dies ist innen und dies außen“, „dies ist
           die Schöpfung und dies die Welt“ … all diese Ideen tauchen im Bewusstsein
           auf. Es gibt da weder physikalische noch materielle Substanzen, da sind we-
           der Erinnerung noch Dualität.
              Ohne Ursache taucht diese Welterscheinung im Bewusstsein auf. Sie wird
           vom Bewusstsein innerhalb seiner selbst erfahren. Es ist das Bewusstsein,
           welches sich selbst für die Welt hält und diese erfährt. Daher gibt es da weder
           Erinnerung, Traum oder Zeit usw., die darin involviert wären. Das, was in sich
           selbst nichts als eine Masse von Bewusstsein ist, erscheint im Außen als die
           Welt, obwohl es da weder ein Außen noch ein Innen und keine wie auch im-
           mer geartete Realität als nur die Höchste Wirklichkeit gibt. So wahr, wie
           daher das unendliche Brahman ist, so real ist auch dieses beobachtete objek-
           tive Universum.
              VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:169
             Der, für den Freude keine Freude und Kummer kein Kummer ist, ist ein Be-
           freiter. Wessen Herz auch während der Erfahrung von Vergnügen nicht erregt
           ist, der ist ein Befreiter. Derjenige ist ein Befreiter, der sich am reinen Be-
           wusstsein selbst wie auch in der objektiven Welt erfreut.
             RĀMA fragte:
             Gewiss muss der Befreite, der kein Vergnügen am Vergnügen und keinen
           Kummer am Kummer zu empfinden vermag, empfindungslos und träge sein.
             VASIåèHA fuhr fort:
             Das Gewahrsein dieses Menschen ist völlig im Bewusstsein absorbiert. Er
           erfährt daher keinerlei Vergnügen, so lange er keinen Versuch dazu macht.
           Man sagt von ihm, dass er im Bewusstsein ruhe. Seine Zweifel sind an ein
           Ende gelangt und seine Verbindung mit den Objekten der Welt ist mit dem
           Duft der Weisheit getränkt. Die Welt hat für ihn ihren „Geschmack“ verloren,
           obgleich er nach wie vor in ihr tätig ist, indem er den Notwendigkeiten des
           Augenblicks nachkommt.
             Aufgrund der Tatsache, dass die Befreiten im Selbst oder Bewusstsein ru-
           hen, erscheinen sie wie schlafend, obwohl sie mit Tätigkeiten befasst ist.


                                                  712
Daher sind sie nichts weniger als empfindungslos oder träge. Sie werden
nicht wegen ihrer Empfindungslosigkeit als „Schlafende“ betrachtet, sondern
weil sie diese Welterscheinung wie einen langen Traum verstehen. Sie ruhen
in dieser Wahrheit bzw. in dem höchsten Frieden, der für die Unwissenden so
finster wie die Nacht ist – daher nennt man sie Schlafende, obwohl sie nicht
empfindungslos sind. Da sie an der Welt des Unwissenden desinteressiert
sind, betrachtet man sie als Schlafende in der Welt. Sie erfreuen sich alle Zeit
am Selbst und sind daher nicht empfindungslos. Sie haben sich über allen
Kummer erhoben.
  Nachdem der jīva diesen saæsāra durchwandert und alle Arten von Freu-
den und Leiden erfahren hat, gelingt ihm schließlich das Zusammentreffen
mit einem heiligen Mann und die Überquerung dieses Ozeans des saæsāra.
Auch ohne Bett schläft er nun in großem Frieden. Obgleich er hier mit inten-
siver Tätigkeit befasst ist, erfreut er sich des Friedens des Tiefschlafs. Dies ist
ein großes Wunder! Dieser „Schlaf“ vermag durch nichts gestört zu werden.
Derjenige ist wahrhaftig trunken zu nennen, der diese „Welt“ nicht sieht,
obwohl seine Augen weit offen sind. Er genießt den Segen des Tiefschlafs. Er
hat die Idee der Welt aus seinem Herzen vertrieben und die Fülle erlangt. Er
hat den Nektar in vollen Zügen getrunken und befindet sich im Frieden. Sein
Entzücken ist unabhängig von Vergnügen. Er hat sich von der Gier abgewen-
det. Er weiß, dass sich in jedem Atom ein Universum befindet. Er ist mit ver-
schiedenen, intensiven Tätigkeiten befasst, obgleich er überhaupt nichts tut.
Er ist sich bewusst, dass diese Welterscheinung dieselbe Realität wie der
Traum besitzt und ist aufgrund dessen in den Frieden und die Seligkeit des
Tiefschlafs eingetreten. Sein Bewusstsein ist noch weiter als der Raum. Durch
erlesene Eigenbemühung hat er die Selbsterkenntnis erobert und lebt fortan
so, als würde er in reinem Raum einen langen Traum bezeugen. Er ist voll
erwacht und erleuchtet, obgleich er wie schlafend erscheint; er erfreut sich
des größten Entzückens, obwohl er wie schlafend erscheint. Er hat den
höchsten Zustand erreicht.
  RĀMA fragte:
  Hoher Herr, wer ist der Freund des weisen Menschen, wessen Gesellschaft             VI.2:170
erfreut er sich, worin bestehen seine Freuden oder Entzücken und auf welche
Weise genießt er diese Freuden?
  VASIåèHA erwiderte:
  Der Freund des weisen Menschen, oh Rāma, ist seine eigene Tat, die spon-
tan in ihm auftaucht und in der es keine Getrenntheit und keinen Konflikt
gibt. Wie ein Vater ermutigt sie ihn und erfüllt ihn mit Enthusiasmus. Wie
eine Frau prüft sie ihn, zügelt sie ihn und leitet sie ihn. Sie verlässt ihn nicht
einmal in den Zeiten schlimmster Not. Sie ist frei vom Zweifel. Sie fördert den
Geist der Entsagung. Da sie Ärger und Hass auf sich selbst zurückwirft, ist sie
wie der Genuss von Nektar in vollen Zügen. Sie ist sein Freund und Helfer in
den dichten Wäldern der Schwierigkeiten und Probleme. Sie ist das Schatz-
haus, welches den kostbaren Edelstein der Zuversicht und des Glaubens


                                       713
enthält. Sie errettet ihn vom Übel und ist wie ein Vater stets um sein Wohler-
gehen besorgt.
  Sie (die eigene Tat) führt ihm alle Arten von Entzücken zu. In allen Arten
von Situationen und Umständen sorgt sie für die Gesundheit seines Körpers.
Sie zeigt ihm: „Dies sollte getan werden“ und „dies sollte nicht getan werden“.
Ihr Ziel besteht darin, wünschenswerte Objekte und Erfahrungen anzuziehen
und unerwünschte Objekte und Erfahrungen abzustoßen. Sie macht, dass die
Rede sanft und erfreulich ist, und sie sorgt dafür, dass auch das eigene Betra-
gen sanft und süß, hilfreich, liebenswert, frei von selbstsüchtigen Wünschen
oder Leidenschaften und förderlich für das hohe Ziel der Selbsterkenntnis
wird. Sie ist gänzlich dem Schutz des Guten und der Gemeinschaft hingege-
ben. Sie wendet die Krankheiten des Körpers und des Gemüts ab. Sie vergrö-
ßert das Glück der gebildeten Menschen, indem sie sich mit ihnen zusammen
den heilsamen Diskussionen widmet. Im Falle von Ebenbürtigen ist der Ein-
druck einer Dualität rein äußerlich. Welcher auch immer der Stand des eige-
nen Lebens sein mag – sie (die eigene Tat) ist der Selbst-Aufopferung, der
Wohltätigkeit, der Entsagung und der Wallfahrt hingegeben. Sie stellt durch
die großzügige Verteilung von Nahrung und Getränken die heilsamen Verbin-
dungen mit dem Sohn, der Frau, den brāhmaņas, den Dienern und Verwand-
ten her. Der weise Mensch erfreut sich von Natur aus der Gesellschaft eines
großen Busenfreundes und dessen Gemahls, und dieser Freund ist die eigene
Tat.
  Dieser Freund (die eigene Tat) hat Söhne, die man Baden (Reinheit des
Körpers), Wohltätigkeit, Entsagung und Meditation nennt. Auch sie sorgen
sich um die Wohlfahrt und das Glück aller Wesen. Der Geist des
Glücklichseins (bzw. das freudige Gemüt) ist seine Frau, die natürlich und
mühelos auf alle Segen herabregnen lässt. Ihr Name lautet samatā (Gleichmut
bzw. Ausgeglichenheit des Gemüts). Sie ermutigt ihren Gemahl (die natürli-
che Handlung) zur Ausübung der rechten bzw. angemessenen Handlung.
  Sie hat eine ständige Begleiterin an ihrer Seite, die man maitrī (Freund-
schaftlichkeit) nennt.
  Der weise Mensch, der die Gesellschaft dieses besten aller Freunde zusam-
men mit dessen Frau und weiteren Begleitern genießt, sieht keinen Grund
dafür, in Freuden und Vergnügen himmelhoch zu jauchzen oder in unerfreuli-
chen Situationen zu Tode betrübt zu sein. Er hasst weder noch wird er grim-
mig. Er erfreut sich, in welchen Umständen er sich wo immer auch befinden
mag, des Zustands des nirvāïa, während er nebenher beständig mit Tätigkei-
ten in dieser Welt befasst ist. Er enthält sich nutzloser Argumentationen, er
ist taub für müßiges Reden, er ist wie ein Leichnam bei unrechtmäßigen
Handlungen, er ist dagegen äußerst lebhaft bei rechtschaffenen Handlungen,
er ist brillant in der Darlegung des Vorzüglichen und enthüllt innerhalb eines
Augenblicks die größten Wahrheiten.
  All dies ist für den weisen Menschen natürlich. Um diese Qualitäten zu er-
werben, benötigt er keinerlei Kraftaufwand.


                                     714
VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:171
  Nur das unendliche Bewusstsein erstrahlt als diese Welt hier. In Wirklich-
keit jedoch gibt es weder eine Welt noch eine Leere noch überhaupt Bewusst-
sein. Nur so viel vermag man zu sagen: Was man die Welt nennt, ist das nicht,
denn weil sie feiner als sogar der Raum ist, erscheint sie als etwas anderes als
sie ist.
  Zwischen „dies“ und „das“ befindet sich der Körper des Bewusstseins und
dieser Körper wird als Objekt der Wahrnehmung erfahren. Jedoch hat eine
solche Schöpfung keinerlei Ursache – folglich gibt es auch keinen Grund für
ihr Auftauchen. Wie könnte dann behauptet werden, dass sie jetzt existiere?
Daher liegt keinerlei Rechtfertigung dafür vor, von der Existenz eines äußeren
Universums auszugehen – nicht einmal von auch nur einem Atom dieser
Existenz! Falls hier etwas als das äußere Universum gesehen wird, dann ist
dies ganz gewiss das unendliche Bewusstsein selbst. So wie ein und dieselbe
fest schlafende Person in die Traumerfahrung hinein wandert, ohne dabei
ihren Schlaf aufzugeben, so lässt auch dieses Bewusstsein, welches rein und
unteilbar ist, in sich selbst die Idee des objektiven Universums auftauchen,
ohne dabei jemals seine eigene, essenzielle Natur als Bewusstsein aufzuge-
ben. Folglich gibt es da keinerlei Materialität wie etwa die Erde usw. Die letzt-
gültige Wahrheit ist, dass nur das eine unendliche Brahman als all dieses
erstrahlt, und dies gilt unabhängig davon, ob man nun das Empfinden hegt,
man sähe da Formen oder auch keine Formen. So wie der Träumer beim
Aufwachen die Traumberge als reine Leerheit erkennt, so werden alle diese
Formen als inexistent erkannt, sobald man erleuchtet ist.
  Diese Welt ist für die Erleuchteten das unteilbare und Höchste Brahman.
Obgleich wir sehr intelligent sind, vermögen wir nicht festzustellen, was
Nicht-Erleuchtung (Unwissenheit) eigentlich darstellen soll! Zwischen „dies“
und „das“ befindet sich die Masse des Bewusstseins, welches die essenzielle
Natur aller Wesen ist. Diese ist der höchste Zustand des Selbst. Zwischen
„dies“ und „das“ befindet sich dieser unendliche Raum, welcher die Masse des
Bewusstseins ist, in dem alles fest gegründet ist. Was auch immer diese Mas-
se des Bewusstseins sein mag, ist wahrhaftig und allein auch all dies hier, und
zwar wirklich und unwirklich zu ein und derselben Zeit. Form, Wahrnehmung
und auch die dazugehörigen Konzepte, wie sie im Gemüt auftauchen, sind alle
reines Bewusstsein wie die Strudel auf dem Meer. Zwischen „dies“ und „das“
befindet sich das unendliche Bewusstsein – wird dies ohne jeden Abstrich
und ohne jede Veränderung als solches erkannt, dann wird gesehen, dass nur
es ist und es da keine Welt gibt. Dann werden sogar Anziehung und Absto-
ßung, Existenz und Nicht-Existenz zu seinen eigenen Gliedern, ohne die wah-
re Natur dieses Bewusstseins im geringsten zu beeinträchtigen. Zwischen
beiden „Enden“ ist das reine Bewusstsein, während die „Enden“ nur Konzepte
sind und nicht unabhängig von der Wirklichkeit, die die Mitte darstellt, exis-
tieren, und darin besteht die essenzielle Natur des unendlichen Selbst bzw.




                                      715
Bewusstseins. Ein anderer Name für dieses Bewusstsein, welches zwischen
„dies“ und „das“ existiert, lautet „Welt“.
  Die Schöpfung ist nicht einmal ganz am Anfang wirklich ins Dasein getreten.
Zu meinen, dass diese Welt als solche existiere, ist reine Fiktion. Es ist eine
Schande und eine Tragödie zugleich, dass die Leute behaupten, dass diese
Welt existiere (obwohl dies nicht stimmt) und das Höchste Brahman nicht
existiere (obwohl nur es existiert).
  VASIåèHA fuhr fort:
   Weshalb sollte ich nach etwas streben, was nicht Brahman bzw. das unend-
liche Bewusstsein ist? Oh weh, die Welt ist ein seltsamer Ort, an dem die
Menschen diese unwirkliche Welt (das Objekt der Wahrnehmung) als real
erachten. Und doch erreichen auch sie dasselbe Brahman. Das Strahlen eines
kostbaren Edelsteins ist weder dessen Schöpfung noch ist es unabhängig vom
Edelstein, und auf dieselbe Weise ist die Welterscheinung nicht unterschie-
den vom Selbst, das reines Bewusstsein ist. In diesem höchsten Zustand des
Bewusstseins erstrahlt die Sonne – die Sonne ist vom Selbst nicht verschie-
den. Jedoch vermögen weder die Sonne noch der Mond das Selbst zu beleuch-
ten oder zu enthüllen. Es geschieht durch die diesem Bewusstsein eingebore-
nen Kräfte, dass die Sonne und der Mond selber erstrahlen und die Objekte
der Umgebung enthüllen.
   Dieses Bewusstsein hat Form und hat keine Form – all dieses sind nur Wor-
te und sinnlose Konzepte. Die Partikel des Lichtes, die die Strahlen der Sonne
ausmachen, sind selbst die Strahlen der Sonne und nicht von dieser verschie-
den. Daher ist es korrekt zu behaupten, dass sie gleichzeitig scheinen und
nicht scheinen. Ebenso ist es richtig zu sagen, dass die Sonne und der Mond
scheinen, wie es gleichzeitig richtig ist zu sagen, dass sie nicht scheinen. Wie
könnte man wohl behaupten, sie würden nicht scheinen, da doch die Sonne
und alle anderen Leuchtkörper aufgrund des unendlichen Bewusstseins
scheinen?
   Dieser höchste Zustand ist jenseits aller Konzepte; sogar der Konzepte von
„Masse von Bewusstsein“ und „Leere“. Er ist frei von allem und doch gleich-
zeitig voll von allem. Daher existiert die Erde usw., während andererseits
wiederum nichts darin existiert. Obgleich es unendlich viele jīvas in ihm gibt,
existieren sie doch nicht als jīvas unabhängig vom Bewusstsein. „Etwas“,
„nichts“ usw. sind nur Konzepte, die weit von der Realität bzw. dem unendli-
chen Bewusstsein entfernt sind.
   Das reine Bewusstsein, welches nondual, ewiglich und allgegenwärtig ist,
existiert und wird „Welt“ genannt. Sobald man einfach nur all diese Objektivi-
tät entfernt, bleibt von der Welt der Vielfalt nichts als die Wahrheit zurück. Es
ist dieses Bewusstsein selbst, welches sich als die unendlichen Erfahrungen
manifestiert. Der Wachzustand des Bewusstseins steht mit turīya (dem trans-
zendentalen Zustand) in exakt derselben Verbindung wie der Traumzustand
mit dem Tiefschlaf. Für die erleuchtete Person jedoch sind alle diese Zustände
nur der eine turīya-Zustand des Bewusstseins.


                                      716
Die Theorien betreffend die Erschaffung oder Umwandlung des Selbst bzw.
Bewusstseins in Materie sind Ausdrucksweisen, wie sie von Lehrern zur
Unterweisung ihrer Schüler gebraucht werden – sie enthalten kein Jota
Wahrheit. Sobald man den Traum als Traum erkennt, gibt es da eine Freude.
Wird dies dagegen nicht erkannt, dann gibt es da ein Unglücklichsein, wie
wenn man von einem unglücklichen Ereignis träumt. Der erleuchtete Weise
lebt in einem Zustand der Verwirklichung der Wahrheit, während er neben-
bei mit den verschiedenen Tätigkeiten befasst ist. In der Vielfalt erfährt er die
Einheit – er frohlockt sogar in unerfreulichen Situationen. Obgleich er in
dieser Welt lebt, ist er nicht in ihr. Was wäre für eine erleuchtete Person hier
noch zu gewinnen? So wie Eis stets kühl ist, lebt der Weise ein natürliches
Leben, indem er alle natürlichen Handlungen vollzieht, ohne dabei nach An-
zunehmendem oder Aufzugebendem zu suchen. Das Charakteristikum des
unwissende Menschen besteht darin, nach etwas anderem zu streben als er in
Wahrheit ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                    VI.2:172
  Der Schöpfer ist nichts als das Gemüt, frei von der geringsten Spur von Ma-
terialität.
  Er besitzt daher weder einen Körper noch Sinne noch vāsanā noch mentale
Konditionierung. Da er am Ende des letzten Weltzyklus die Befreiung erlangt
hat, existiert in ihm keinerlei Erinnerung. Wenn es keinerlei Erinnerung an
etwas gibt, gibt es auch keine Ursache für eine Wiederverkörperung. Auch
falls eine solche Erinnerung im Schöpfer möglich sein sollte, wäre sie immer
noch wie eine Traumstadt frei vom Materiellen. Dies wird nur aus Gründen
der argumentativen Verdeutlichung gesagt; in den Befreiten ist Erinnerung
unmöglich.
  RĀMA fragte:
  Hoher Herr, bitte sage mir, weshalb es in diesem keine Erinnerung gibt und
wie die guïas (die Bausteine der Schöpfung) in Abwesenheit der Erinnerung
auftauchen können.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Erinnerung entsteht nur in Relation zum objektiven Universum und sorgt
für die Abfolge von Ursache und Wirkung. Wie könnte aber an welchem Ort
eine Erinnerung auftauchen oder existieren, wenn das Objekt der Wahrneh-
mung selbst inexistent ist? Da die Wahrheit darin besteht, dass all dies wahr-
haftig Brahman bzw. das unendliche Bewusstsein ist, gibt es keinerlei Raum
für Erinnerung.
  Das Denken an die Objekte, die in den Lebewesen auftauchen, wird sm−ti
(Gedächtnis) genannt. Natürlich sind solche Objekte inexistent. Wie kann
dann sm−ti existieren? Da das unendliche Bewusstsein jedoch die Wirklich-
keit in allen Wesen ist, ist ein solches Denken dem Bewusstsein sozusagen
eingeboren, und daher habe ich mich hier auf sm−ti bezogen. Jedoch ist dies
lediglich vom Gesichtspunkt des gewöhnlichen, unwissenden Menschen her


                                      717
gesprochen. Genug davon! Auch diese natürliche Bewegung, die im Bewusst-
           sein erscheint, wird sm−ti genannt. Sobald diese Bewegung wiederholt auf-
           tritt, wird sie im Außen als Materie wahrgenommen. Was auch immer das
           Bewusstsein aufgrund seiner eigenen Natur erfährt, nennt man sm−ti. Alle
           diese Erfahrungen tauchen aus eigenem Antrieb im unendlichen Bewusstsein
           wie seine Glieder selbst und ohne jede kausale Verknüpfung (wie eine reife
           Kokosnuss zufällig beim Landen einer Krähe darauf fällt) auf. Genannt wer-
           den sie Erinnerungen. Dies ist die Wahrheit betreffend alle Geschehnisse,
           sogar wenn diese scheinbar einer kausalen Bedingung zugeschrieben werden
           können.
             Weshalb sollten wir diese ganz zufälligen Erinnerungen noch ergründen
           wollen, nachdem wir erkannt haben, dass die Objekte der Wahrnehmung, auf
           die sie sich beziehen, selber inexistent sind? Nur in den Augen des Unwissen-
           den existieren sie. Ich lege hier die Mittel der Befreiung nicht zum Nutzen
           solcher unwissenden Leute dar. Diese Darlegungen sind nur für diejenigen
           gedacht, die erwacht sind, aber diesbezüglich noch Zweifel hegen. Man sollte
           sich niemals mit diesen unwissenden Leuten zusammentun, die die Wahrheit
           nicht zu verstehen vermögen. Sobald ein Ding vom Bewusstsein auch nur
           ansatzweise erfahren wurde und diese Erfahrung anschließend wiederholt
           wird, entsteht ein mentaler Eindruck (saæskāra). Auf diese Weise wird die
           Welterscheinung erschaffen. All dies ist jedoch vom unendlichen Bewusstsein
           durchdrungen. Da sind weder eine Form noch eine Erinnerung, die damit in
           Verbindung stehen. Wenn Dualität selbst wahrhaftig inexistent ist, kann es
           gewiss auch keine Bindung geben.
             RĀMA fragte:
VI.2:173
             Wie identifiziert sich das allgegenwärtige Bewusstsein selbst mit dem Kör-
           per? Wie identifiziert das Bewusstsein sich selbst mit Felsen und Wäldern?
             VASIåèHA erwiderte:
             So wie das verkörperte Wesen sich selbst mit seiner Hand identifiziert, so
           identifiziert sich das unendliche Bewusstsein selbst mit dem Körper. Auf
           dieselbe Weise, wie sich der Körper selbst mit den Fingernägeln und Haaren
           identifiziert, so identifiziert sich das allgegenwärtige Selbst mit Felsen, Wäl-
           dern usw. So wie es immer nur reines Bewusstsein ist, das im Traum zu Fel-
           sen und Wäldern wird, so tauchen diese Ideen gleich zu Beginn der Schöp-
           fung im unendlichen Bewusstsein auf. So wie es im Körper eines Individuums
           fühlende und nicht-fühlende Teile gibt, so scheint es im kosmischen Körper
           des unendlichen Bewusstseins fühlende und nicht-fühlende Objekte zu ge-
           ben, während es in Wahrheit keine solche Gestaltungen gibt. Sobald all dies
           klar gesehen wird, hören diese Dinge auf zu existieren – so wie ein Traum im
           Moment des Erwachens des Schläfers verschwindet. All dieses ist reines
           Bewusstsein – es gibt da weder einen Seher noch ein Objekt der Wahrneh-
           mung.




                                                718
In diesem unendlichen Bewusstsein mögen tausende von Weltzyklen be-
           ginnen und aufhören, und doch sind sie alle so wenig wie Wellen vom Ozean
           verschieden vom unendlichen Bewusstsein. „Ich bin keine Welle, ich bin der
           Ozean“ - wenn die Wahrheit klar erkannt wurde, hört alles Wellen-artige auf.
           Die Welterscheinung steht zu Brahman in derselben Beziehung wie die Wel-
           len zum Ozean. Die Existenz und Nicht-Existenz dieser Welterscheinung
           stellen die beiden Weisen dar, auf die sich Brahmans eingeborene Energie
           manifestiert.
             Die Erfahrung, die im Bewusstsein wie in einem Traum auftaucht, nennt
           man Gemüt oder Brahmā den Schöpfer, den Großvater aller Schöpfung. Dieses
           Wesen ist namenlos, formlos und unwandelbar. In diesem tauchen alle diese
           Ideen von „ich“ und „du“ usw. auf. Sie sind jedoch nicht verschieden vom
           Schöpfer. Das reine Bewusstsein, in dem alle diese Ideen zum Vorschein
           kommen, ist der Ur-Großvater sämtlicher Kreaturen. So wie die auf dem
           Meere steigenden und fallenden Wellen nichts als Meer und nicht verschie-
           den von diesem sind, so sind alle diese Schöpfungen und Auflösungen nicht
           verschieden vom kosmischen Bewusstsein.
             Die im unendlichen Bewusstsein auftretende Bewegung der Energie nennt
           man die kosmische Person, die mit einem Magnetfeld und Gravitationskräften
           ausgestattet ist. In ihr taucht diese Schöpfung wie ein Traum auf. Die Schöp-
           fung ist ein Traum. Das Wachzustand ist ein Traum. Obwohl diese Schöpfung
           bzw. Welterscheinung scheinbar wahrgenommen und erfahren wird, ist sie in
           Wahrheit die Verwirklichung der in uns auftauchenden Ideen – nur sie exis-
           tiert als die kosmische Persönlichkeit. Bewusstsein selbst erfährt die Ideen,
           die wieder und wieder in ihm auftauchen. Es ist diese kosmische Person, die
           durchdrungen und erfüllt von Bewusstsein ist, das als alle diese Traumobjek-
           te erscheint. So wie der Schauspieler, der sich im Traum schauspielernd sieht,
           sich auf der Bühne sieht, sein Publikum unterhaltend, so wird dieses Be-
           wusstsein seiner eigenen Erfahrung dieser Welterscheinung bewusst.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:174
             Nur das Bewusstsein ist es, welches vom Beginn der Schöpfung an als die-
           ses Universum leuchtet. Die drei Welten sind daher nicht verschieden von
           Brahman. Brahman ist wie der Ozean – in ihm sind die Schöpfungen wie die
           Wellen und das Erfahren ist wie das Wasser. Auch nach diesem (der Schöp-
           fung) wird es reine, unkonditionierte Seligkeit geben. Wo sind Dualität,
           Nondualität oder überhaupt die anderen Dinge? Tiefschlaf und Träumen sind
           alternierende Zustände, die während des Schlafes auftauchen. Ebenso sind
           Erscheinung und Verschwinden dieser Schöpfung alternierende Ereignisse im
           unendlichen Bewusstsein.
             Sobald der Weise erkennt, dass diese Welt wie eine Traumstadt ist, ruhen
           seine Hoffnungen nicht länger auf ihr. Der Tagträumer träumt ausgiebig von
           seinen zahlreichen Erwartungen und Zukunftsvisionen. Obwohl solchen
           Tagträumen eine gewisse Realität zuzukommen scheint, sind sie doch in
           Wahrheit inexistent. Falls du jedoch nach einer anderen Erklärung für diese


                                               719
Welterscheinung suchen solltest, weshalb akzeptiert du dann nicht die Mög-
lichkeit der Täuschung bzw. von fantasierten Ideengebilden und Halluzinati-
onen?
   Die Praxis der Geisteskontrolle, die das Gemüt daran hindert, sich irgend-
welchen Modifikationen auszusetzen, ist nichts anderes als eine erlesene
Form von Trägheit. Falls dagegen solche Modifikationen im Gemüt existieren,
ist dieses damit zum Wohnsitz von Vielfalt bzw. saæsāra geworden. Durch
solche Kontemplation kann der Zustand des Gleichmuts nicht erlangt werden.
Falls man behaupten wolle, dass Befreiung durch ein mit Kraftaufwand von
allen Modifikationen zurückgehaltenes Gemüt erlangt werden könne, dann
weshalb wird dieser Zustand nicht auch durch den Schlaf erlangt? Nur wenn
man erkennt, dass es überhaupt keine Schöpfung gibt, kommt die Selbster-
kenntnis zum Vorschein, die zur Befreiung führt. Diese Befreiung ist niemals
endend, unendlich und unkonditioniert; sie ist wahres nirvikalpa samÃdhÃna
(samÃdhi). In ihr verbleibt man fest verwurzelt und ohne die geringste Erre-
gung in der Selbsterkenntnis. Genannt wird sie außerdem auch ewiger Schlaf,
turīya, nirvāïa und mokåa.
   Dhyāna bzw. Kontemplation bzw. Meditation ist vollkommenes Erwachen
bzw. Erleuchtung. Vollkommenes Erwachen ist, wenn man realisiert, dass das
objektive Universum nicht existiert. Dies hat weder einen Zustand zur Folge,
der einer Trägheit oder Tiefschlaf oder nirvikalpa samÃdhi oder savikalpa
samÃdhi ähnelt noch einen solchen, der unwirklich ist und auf Einbildung
beruht. In diesem Zustand existiert das Universum so wie es ist, während es
gleichzeitig als solches aufgelöst ist. Es gibt in ihm keinerlei Konzepte von
Einheit und Vielfalt oder deren Mischung und deren Nicht-Existenz. Es gibt in
ihm anstelle dessen den höchsten Frieden.
   Das vollkommene Erwachen wird durch das sorgfältige und beständige täg-
liche und nächtliche Studium dieser Schrift erlangt, nicht aber durch Pilger-
fahrten und Wohltätigkeit, nicht durch den Erwerb von Wissen, nicht durch
die Praxis der Meditation oder von Yoga, nicht durch Askese (Bußübungen)
und auch nicht durch religiöse Riten. Keine dieser Methoden setzt der Illusion
ein Ende – sie bahnen lediglich den Weg zum Himmel und zu ähnlichen Be-
lohnungen dieser Art, aber nicht zur Befreiung. Die Täuschung endet nur
dann, wenn in einem, der diese Schrift sorgfältig studiert und ergründet hat,
die Selbsterkenntnis zum Vorschein kommt.
   VASIåèHA fuhr fort:
  Weder diese noch irgendeine andere Welt ist in diesem unendlichen Be-          VI.2:175
wusstsein am Anfang ins Dasein getreten. Im Bewusstsein tauchte – wie die
Erfahrung des Umarmens einer Frau im Traum – eine unwirkliche, eingebil-
dete Erfahrung auf. Im Traum ist nur der Träumer als solcher existent – eben-
so ist in der unwirklichen Erfahrung nur das unendliche Bewusstsein als
solches existent. In diesem Bewusstsein, welches auf immer rein ist, taucht
dann das auf, was als die Welt erscheint. Wie könnte wohl Unreinheit im



                                    720
reinen Bewusstsein auftauchen? Diese Erfahrung ist selbst rein. Dieses selbst
ist die Traumstadt bzw. die Traumschöpfung. Dieses selbst ist die Welt, denn
ganz zu Beginn der Schöpfung gab es keine Erde usw. Durch die Bewegung
von Energie im unendlichen Bewusstsein geschah es, dass nachfolgend die
Erde und die physikalischen Elemente, das Gemüt und die anderen psycholo-
gischen Kategorien erzeugt wurden, die selbst nichts anderes als Ideen im
Bewusstsein sind. Diese Bewegung von Energie ist wie die der Luft eigentüm-
liche Bewegung, die ohne jede mentale Aktivität oder Absicht dazu stattfin-
det.
   Bewusstsein erscheint im Bewusstsein als dessen eigener Körper bzw. Ma-
terialisation. Das Gemüt wird selbst wie im Traum zu den Objekten der
Wahrnehmung. Eine andere Ursache ist da unmöglich. Daher existiert keine
Dualität und es gibt keinerlei Vielfalt im Bewusstsein. Das Höchste Brahman
ist frei von allen Formen – sobald es selbst als formhaft erscheint, wird es zu
dieser Welterscheinung. Es existiert ewiglich. So wie während des Traumes in
einem die Vielfalt auftaucht, so scheint diese Welterscheinung in dem einen,
unendlichen Brahman aufzutauchen.
   Das Gemüt selbst ist Brahmā der Schöpfer. Er ist das wahre Herz dieser
Schöpfung und nur er tut alles und zerstört alles. Sobald man all dieses tief-
gründig erforscht, vermag man klar zu sehen, dass nur das reine Bewusstsein
und nichts anderes existiert. Es befindet sich jenseits jedweder Beschreibung.
Am Ende der Ergründung bleibt als einziges nur gänzliche Stille zurück. Ob-
gleich diese mit sämtlichen Tätigkeiten befasst ist, bleibt sie doch unberührt
wie Raum – als wäre sie stumpf. Daher erlangt der Erleuchtete die Erkenntis
des Unendlichen und bleibt daraufhin gänzlich still. Dieser ist der Größte
unter den Menschen.
   Brahmā der Schöpfer bringt diese Welterscheinung ohne die geringste Ab-
sicht dazu hervor. Mit „geschlossenen Augen“ ist das unendliche Bewusstsein
es selbst – mit „offenen Augen“ ist es die Welt. In beiden Zuständen jedoch
bleibt das unendliche Bewusstsein in sich selbst stets es selbst. Folglich „ist“
und „ist es nicht“, ist es real und irreal zur selben Zeit. Diese beiden Zustände
wechseln einander kontinuierlich ab – niemals ist der eine ohne den anderen.
Daher kenne ich die Wahrheit so, wie sie ist: Als den höchsten Frieden. Ich
weiß, dass sie ungeborener und todloser Raum ist. Wisse auch, dass die Welt-
erscheinung wie diese ist, obgleich sie ihr manchmal unähnlich ist. Das objek-
tive Universum ist weder jemals aufgetaucht noch hört es irgendwann auf,
obgleich es scheinbar im Jetzt erfahren wird. Es ist ein mysteriöses Produkt
der Energie bzw. Macht des unendlichen Bewusstseins.
   Was auch immer wann und wo auch immer erfahren wird – sei es nun real
oder irreal – scheint auch unverzüglich zu existieren. Keine andere Anschau-
ung wäre angemessen.
   VASIåèHA fuhr fort:
 Das erfährt man als wirklich und offenbar, worüber man ständig nachsinnt,
was beständig das eigene Gemüt beschäftigt und woran man mit seiner gan-


                                      721
zen Kraft hingegeben ist. Sobald das Gemüt mit dem Bewusstsein von Brah-
man gesättigt ist, wird es selber Das, denn das Gemüt wird zu dem, was es am
meisten liebt. Wenn das Gemüt in der höchsten Realität bzw. dem unendli-
chen Bewusstsein ruht, dann befasst man sich automatisch mit der rechten
Handlung und ist nicht länger an selbstsüchtiger Tätigkeit interessiert.
   Wenn dieses objektive Universum überhaupt nicht existiert oder wenn ei-
ner dessen Existenz weder zu verifizieren noch zu leugnen vermag, dann ist
es auch nicht möglich zu entscheiden, wer der Täter der Handlungen und der
Genießende der Erfahrungen ist. Was man gemeinhin Brahmā der Schöpfer
bzw. buddhi oder erwachte Intelligenz nennt, ist selbst nur das unendliche
Bewusstsein, welches absolut rein ist. Der Friede am Himmel besteht in rei-
ner Leerheit. Die Erscheinung von Dualität in all diesem ist illusorisch und
nicht-existent. Vielfalt ist daher ein bedeutungsloses Konzept. So wie man
nach der Tiefschlafphase in den Traumzustand eintritt, so bewegt sich ein
und dasselbe unendliche Bewusstsein vom Zustand des Erschaffens hin zum
Zustand absoluter Stillheit – es gibt in ihm weder Dualität noch Einheit. Das
unendliche Bewusstsein nimmt diese Schöpfung innerhalb des Raumes sei-
nes eigenen Bewusstseins wahr.
   So wie es in den Träumen keinerlei logische Abfolge oder Ordnung oder ei-
ne kausale Beziehung gibt, so gibt es in dieser Welterscheinung keinerlei
definitive kausale Verknüpfung oder Abfolge, obgleich genau dieser Eindruck
entsteht. Im Traum gibt es weder eine Getrenntheit noch gibt es eine solche
in den Objekten der Wahrnehmung. Ein und dasselbe Brahman bzw. unendli-
che Bewusstsein erscheint vor deinen Augen als dieses Universum bzw. als
die Schöpfung. Im Traum findet weder ein Wiedererkennen der im Traum
gesehenen Objekte statt noch gibt es da saæskāra (mentale Eindrücke) noch
überhaupt Erinnerung, da der Träumer nicht „ich habe dies früher schon
gesehen“ denkt. Ähnlich gibt es auch im Wachzustand beim Beiseitelassen
dieserdrei Faktoren nur das unendliche Bewusstsein, welches der unwissen-
de Mensch mit der Erinnerung identifiziert.
   Im Höchsten Sein scheinen Bejahung und Verneinung, Gebote und Verbote
zu existieren, obwohl sie in Wahrheit darin nicht existieren. Ein schwindeli-
ger Mann glaubt, dass sich die Welt um ihn herum drehe, während der
Schwindel in Wahrheit in ihm selbst stattfindet. Auch wenn jemand weiß und
erkannt hat, dass das objektive Universum Täuschung bzw. Illusion ist, ver-
schwindet dieses nicht außer durch nachdrückliche und lange Praxis. Diese
Illusion hört daher nur durch das hingebungsvolle Studium dieser Schrift auf
– einen anderen Weg gibt es nicht. Durch Selbsterkenntnis bzw. Erleuchtung
geschieht es, dass diese drei (Gemüt, die Objekte der Wahrnehmung und der
Körper) einen befriedeten Zustand der Ausgeglichenheit erlangen – aber
nicht auf andere Weise, denn diese drei entstehen aus der Unwissenheit.
Diese Unwissenheit wird durch bloßes Studium dieser Schrift zerstreut. Man
sollte jeden Tag wenigstens einen kleinen Teil dieser Schrift studieren. Ihre
Schönheit liegt auch darin, dass der Leser niemals mit seiner Ratlosigkeit



                                    722
alleingelassen wird – falls etwas nicht sofort klar sein sollte, so macht das
           weitere Studium dieser Schrift das Verständnis fester. Diese Schrift zerstreut
           die Täuschung und versetzt dich in die Lage zu realisieren, dass das alltägli-
           che Leben selbst der höchste Zustand ist.
             Daher sollte man täglich wenigstens einen kleinen Teil dieser Schrift studie-
           ren. Falls jemand meinen sollte, dass diese Schrift nicht autoritativ und
           menschlichen Ursprungs sei, dann kann er immer noch seine Zuflucht zu
           einer anderen Schrift nehmen, die sich mit der Selbsterkenntnis und der
           endgültigen Befreiung befasst. Jedoch sollte niemand seine Lebenszeit unnütz
           verschwenden.
             RĀMA fragte:
VI.2:176
             Weshalb unterrichtest du mich in der Natur des Universums, wenn doch
           alle diese zahllosen Universen unablässig im unendlichen Bewusstsein auf-
           tauchen und sich darin wieder auflösen?
             VASIåèHA erwiderte:
             Auf diese Weise vermochtest du das Verständnis zu erlangen, dass die Welt
           ein langer Traum ist. Du hast das Verständnis der Beziehung zwischen einem
           Wort und seiner Bedeutung bzw. dem durch es bezeichneten Objekt erlangt.
           Daher waren alle diese Erörterungen der Welterscheinung und der eingebil-
           deten Schöpfung durchaus nicht müßig. Diejenige Veranschaulichung dient
           am besten dem Zweck, die spirituelle Wahrheit nahezubringen, die den Men-
           schen befähigt, das Wort und das mit ihm in Verbindung stehende Konzept zu
           erfassen. Nur diese wird dann auch zu einer lebendigen Wahrheit, die den
           Menschen im Alltag zu leiten vermag. Sobald du nach dem Wissen alles des-
           sen, was zu wissen nottut, die Erkenntnis der drei Perioden der Zeit (Vergan-
           genheit, Gegenwart, Zukunft) erlangt hast, wirst du diese Wahrheit selbst
           schauen können.
             In jedem Atom dieses Seins gibt es zahllose Universen – wer hätte wohl die
           Macht, sie zählen zu können? In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an
           eine Geschichte, die mein Vater Brahmā der Schöpfer mir einst erzählte. Ich
           werde sie dir nun wiedererzählen – bitte höre sie dir an. Ich fragte meinen
           Vater Brahmā damals: „Was ist diese Welterscheinung und wo existiert sie?“
             BRAHMĀ sprach:
             All dies hier, was als das Universum erscheint, oh Weiser, ist nichts als das
           unendliche Bewusstsein, Brahman. Der Weise kennt es als das reine satva
           (die unkonditionierte Intelligenz), das unendlich ist, während der Unwissen-
           de es als das materielle Universum betrachtet. Ich werde diese Wahrheit mit
           der folgenden Erzählung betreffend dieses Brahmāï¬a (das kosmische Ei)
           erläutern.
             Es gibt in diesem grenzenlosen Raum hier das unendliche Selbst, welches
           nicht verschieden vom Raum ist. Dieses Selbst nahm sich selbst innerhalb von
           sich selbst als einen jīva wahr, also als ein konditioniertes und lebendiges
           Wesen. Ohne jemals seine eigene, essenzielle Natur als der unendliche Raum


                                                723
aufzugeben, betrachtete es sich selbst als „ich bin“ bzw. den Ich-Sinn, obwohl
           da immer noch der Raum für den Körper (des jīva) war. Dieses „ich bin“ er-
           weiterte sich zu „ich bin buddhi bzw. der Intellekt“ und daraufhin betrachtete
           es sich selbst als die buddhi, die festlegt, was „dies“ und „das“ ist, dabei je-
           doch grundsätzlich der Illusion der konditionierten Wahrnehmung folgt.
           Danach unterhielt es in sich selbst die Idee: „Ich bin das Gemüt“, und verwi-
           ckelte sich in die Ideen bzw. in das vielschichtige und verdrehte Denken.
           Dieses Gemüt bildete anschließend die Idee der Existenz der fünf Sinne her-
           aus, die, obwohl formlos, wie im Traum erblickte Berge grob und materiell zu
           sein scheinen. Das Gemüt glaubte als nächstes, einen Körper bestehend aus
           den drei Welten mit einer Vielzahl von Kreaturen und allen Arten von Bezie-
           hungen, die angeblich zwischen diesen existierten, und die alle der Zeit un-
           terworfen waren, zu besitzen.
             Auf diese Weise erblickte es alles so, wie man die verschiedenen Objekte in
           einem Spiegel erblickt. Was es erblickte, war erbaulich und farbenprächtig. In
           jedem subatomaren Partikel existieren solche Universen. Die Unwissenheit
           betrachtet all dies mit dem Auge der Unwissenheit und hält es für eine gren-
           zenlose Schöpfung, aber sobald es als Brahman erkannt wird, verwandelt es
           sich selbst in das reine Brahman. Auch wenn man all dies tatsächlich sieht,
           wird doch nichts tatsächlich gesehen, da alles nur ein Traum ist. Wer ist hier
           der Wahrnehmende, was wird wahrgenommen und wie kann es Dualität im
           unendlichen Sein geben?
             RĀMA fragte:
VI.2:177
             Die Welterscheinung taucht im unendlichen Bewusstsein ohne die kleinste
           Ursache dafür auf. Wenn dies die Wahrheit ist, weshalb haben sich dann diese
           unverursachten Ereignisse nicht bis heute als solche fortgesetzt?
             VASIåèHA erwiderte:
             Welche Idee man auch immer unterhält, die wird als wahr erfahren. In
           Brahman existieren sowohl Verursachung als auch Ursachelosigkeit, da
           Brahman allmächtig ist. Im Falle eines Lebewesens sehen wir, dass der intel-
           ligente Körper gleichzeitig auch leblose Haare und Fingernägel hat. Wenn
           man etwas anderes als Brahman erfährt, ist dafür eine dann unvermeidlich
           entstehende, verdrehte Ursachenkonzeption verantwortlich. Wie kann es
           aber Ursachen und Resultate geben, wenn nur das unendliche Bewusstsein
           überall erstrahlt?
             RĀMA fragte:
             Im Falle des Unwissenden gibt es offensichtlich eine kausale Abfolge. Was
           wäre unverursacht in ihm und wie existiert es?
             VASIåèHA erwiderte:
             Für den Erleuchteten existiert kein Unwissender. Weshalb sollten wir unse-
           re Zeit damit verschwenden, über das Inexistente zu sprechen?




                                                724
Es gibt Dinge, die verursacht sind, während andere wiederum keinerlei Ur-
sache haben. Alles hängt von dem eigenen Gesichtspunkt ab – nur was man
als gültig erachtet, wird auch als gültig akzeptiert. Diese Schöpfung hat selbst
überhaupt keine Ursache. Der Glaube, dass die Welt von Gott usw. erschaffen
worden ist, ist nur ein Spiel mit Worten. Es gibt da nichts, was diese angebli-
che Wahrheit beweist, wie auch der Traum nichts beweist.
   Wenn die Schöpfung als ein Traum nicht klar verstanden wird, entsteht eine
große Täuschung. Wird sie dagegen richtig verstanden, verschwindet die
Täuschung. Alle spekulativen Erörterungen im Zusammenhang mit dieser
Schöpfung ist nichts als Unwissenheit und Torheit. Kann Feuer die „Ursache“
für Hitze sein, die doch dem Feuer eigentümlich ist? Die Bestandteile des
Körpers sind in der Tat formlos, ätherische Substanzen – folglich hat der
physische Körper keine reale Ursache. Was sollte darüber hinaus die Ursache
des Körpers sein, der das nicht existierende Universum erfährt?
   All dies ist die Natur der Natur (wie immer diese auch beschaffen sein
mag), auch falls man eine Ursache unterstellte. Sogar das hier verwendete
Wort „Natur“ ist nur eine Redeweise. Alle diese Objekte und deren vermeint-
liche Ursachen sind daher nur Täuschungen, die im Gemüt des Unwissenden
auftauchen. Der Weise weiß, dass sämtliche Wirkungen aus Ursachen entste-
hen. Wenn man davon träumt, beraubt zu werden, und wenn man weiß, dass
es nur ein Traum ist, gibt es keine Sorge – sobald die Wahrheit realisiert wird,
ist das Leben frei von Sorge.
   Die Wahrheit besteht gewiss darin, dass dieses Universum niemals erschaf-
fen worden ist, da die Schöpfung selbst überhaupt keine Ursache hat. Sie trat
ins Dasein und existiert auf dieselbe Art wie ein Traumobjekt im unendlichen
Bewusstsein existiert. Sie ist nur Brahman und nichts anderes und erstrahlt
in Brahman. So wie Schlaf und Traum zwei Aspekte des Schlafes sind, so sind
diese Schöpfung und die Auflösung des Universums die zwei Aspekte des
einen, unteilbaren Bewusstseins.
   RĀMA fragte:
                                                                                   VI.2:178
   Hoher Herr, ist gibt Substanzen in dieser Welt, die teilbar, und andere, die
unteilbar sind. Die teilbaren kollidieren miteinander, während die unteilbaren
nicht miteinander kollidieren. So sehen wir beispielsweise den Mond, den wir
sozusagen mit unseren Augen streicheln, ohne ihn zu teilen oder auch nur zu
berühren... Ich stelle diese Frage vom Gesichtspunkt der unerweckten Person.
Wer sorgt dafür, dass das Einatmen und Ausatmen des Lebensatems im Kör-
per korrekt geregelt wird? Der Körper ist dicht und solide und bietet Wider-
stand – was ist diese Kraft, die selbst subtil ist und keiner Widerstand in sich
selbst hat, aber doch fähig ist, den Körper zu bewegen? Falls das, was subtil
und nicht-widerstehend ist, auf solide und widerstandsfähige Substanzen
einzuwirken vermag, weshalb kann man dann nicht nur durch die Kraft der
Gedanken Berge versetzen?
   VASIåèHA sagte:



                                     725
Der Lebensatem betritt und verlässt den Körper während des Ein- und Aus-
atmens, sobald sich die subtile Nervenkraft, die im Herzen ruht, wie die Bla-
sebälge des Schmieds ausdehnt und zusammenzieht.
  RĀMA fragte:
  Im Falle der Blasebälge des Schmiedes ist es der Schmied, der sie handhabt.
Was ist es, das die nā¬i im Herzen auf ähnliche Weise kontrahieren und ex-
pandieren lässt?
  VASIåèHA sagte:
  So wie der Schmied die Blasebälge sich ausdehnen und zusammenziehen
macht, so gibt es ein inneres Bewusstsein, das alle inneren Organe, die im
Körper arbeiten, arbeiten macht. Aufgrund davon geschieht es, dass alles in
dieser Welt lebt und funktioniert.
  RĀMA fragte erneut:
  Jedoch sind der Körper und alle seine Bestandteile solide – wie kann das
subtile Bewusstsein sie dann bewegen? Es gibt ja keinen Kontakt zwischen
dem Soliden und dem Subtilen.
  VASIåèHA sagte:
  Höre diese Unterweisung an, die den ganzen Baum des Zweifels entwurzelt.
In dieser Welt existiert nichts Solides und Widerstrebendes. Alle Dinge sind
überall für alle Zeiten subtil und nicht-widerstrebend. All dieses ist reines
Bewusstsein, das die scheinbar soliden Substanzen so erfährt wie man
Traumobjekte erfährt. Erde, Wasser, Wind, Raum, die Berge und Ozeane usw.
sind alle nichts als subtiles Bewusstsein. So sind auch das Gemüt und alles
andere betreffend das innere Instrumentarium. In diesem Zusammenhang
erzähle ich dir nun eine alte Legende. Diese Geschichte habe ich dir bereits in
einem anderen Kontext erzählt. Höre sie an und du wirst erkennen, dass alles,
was du hier siehst, nur reines Bewusstsein und nichts anderes ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Es lebte einmal ein brāhmaņa namens Indu. Er hatte zehn Söhne. Im Verlau-
fe der Zeit starb Indu. Seine Frau folgte ihm sehr bald danach in die andere
Welt. Die Söhne führten das Begräbnisritual aus. An den Geschäften der Welt
waren sie nicht mehr interessiert. Sie begannen darüber nachzudenken,
welches die beste Form der Kontemplation wäre, die sie zu einem Leben wie
die Götter befähigen würde.
  Zum Erreichen ihres Ziels verließen sie den Wald und befassten sich mit
intensiver Kontemplation und Bußübung. Sie waren wie Steinbilder oder
gemalte Bilder. Ihre Körper verwesten und wurden von Aasfressern verzehrt.
Sie waren in die Kontemplation von „ich bin Brahmā der Schöpfer“, „ich bin
die Welt“ und „ich bin diese gesamte Schöpfung“ eingetaucht. Da die Gemüter
der zehn frei von der Verkörperung und gesättigt von ihrer starken Kontemp-
lation waren, wurden diese Gemüter zu dem, was sie kontemplierten. So
wurden ihre Gedanken zu dem, was wir hier als diese Schöpfung sehen.


                                     726
Dieses Universum ist reines Bewusstsein. Sogar die Erde, die Berge usw.
sind reines Bewusstsein. So wie die Gemüter der Söhne Indus sich hier als
das Universum manifestiert haben, so erscheint diese Schöpfung hier als die
Idee des Universums bzw. der Schöpfung, wie sie in Brahmā dem Schöpfer
aufgetaucht ist. Daher sind alle diese Elemente, die Erde und die Berge nichts
als nur reines Bewusstsein.
  Der Töpfer des Bewusstseins hat mit der Hilfe des Töpferrades seines eige-
nen Körpers (Bewusstsein) und mit dem Ton, der ebenfalls sein eigener Kör-
per ist, diese Schöpfung geformt. Falls alle diese Kreaturen und Substanzen
kein Bewusstsein sein sollten – was wären sie dann? Diese Schöpfung steht
zum Bewusstsein in derselben Beziehung wie die Strahlkraft zum Juwel. All
dies ist wahrhaftig Brahman – dies ist gewiss und unbestreitbar.
  Wenn und sobald diese Wahrheit klar gesehen wird, gibt es unverzüglich
ein Ende des Kummers. Wird diese Wahrheit dagegen nicht erkannt, wird der
Kummer fest und nachhaltig und hört nicht auf. Die Gottlosen und die Unwis-
senden vermögen diese Wahrheit nicht zu erkennen. In ihren Augen ist dieser
saæsāra eine solide Realität – sie würden die Wahrheit auf keinen Fall aner-
kennen können. Es gibt keine Formen. Es gibt weder Existenz noch Nicht-
Existenz noch Geburt noch Tod. Es gibt weder etwas, was man Realität nen-
nen könnte noch etwas, was man Nicht-Realität nennen könnte. Das Höchste,
welches absoluter Friede ist, nimmt diese Schöpfung innerhalb von sich
selbst wahr und diese ist nicht unabhängig von Brahman, dem unendlichen
Bewusstsein. Weshalb sollten wir dann die falsche Idee einer unabhängigen
Manifestation hegen? In seiner nicht befreiten Gestalt hat es tausende Augen
und Glieder – in seiner befreiten Gestalt ist es alles, Friede und Stille. Legen
wir doch alle diese Beschreibungen beiseite!
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:179
  Alle drei Welten sind nichts als reines Bewusstsein und stellen das
unkonditionierte Gemüt (satva) dar. Die Elemente und die Kreaturen, die der
Unwissende in dieser Welt erblickt, existieren überhaupt nicht. Wo sollte
angesichts dieser Wahrheit noch der solide Körper usw. sein? Was auch im-
mer hier wahrgenommen wird, ist wahrhaftig nicht-solide und extrem subti-
les Bewusstsein. Nur Bewusstsein existiert in Bewusstsein – Friede ruht im
Frieden – Raum existiert in Raum – nur Weisheit existiert in der Weisheit.
  Wo ist der Körper und wo sind die Glieder, wo sind die inneren Organe und
das Skelett? Wisse, dass dieser Körper reines Bewusstsein wie der Raum ist –
es ist subtil und sieht doch solide aus. Die Arme sind Bewusstsein und ebenso
verhält es sich auch mit dem Kopf und sämtlichen Sinnen. All dieses ist subtil
– da gibt es nichts, was solide zu nennen wäre. Diese Welt scheint im unendli-
chen Raum bzw. Brahman wie ein Traum aufzutauchen. Aufgrund der Natur
des unendlichen Bewusstseins scheint es als diese Schöpfung zu existieren.
Daher ist es weder verursacht noch unverursacht. Natürlich gibt es ohne eine
Ursache keine Wirkung. Was auch immer man mit Hilfe seines eigenen Be-
wusstseins ersinnt, wird dann von einem selbst auch genauso gesehen. Wie


                                     727
in einem Traum sämtliche Dinge überall auf jede nur denkbare Art und Weise
           auftauchen, so taucht die Welt im Wachzustand überall auf jede nur denkbare
           Art und Weise auf.
              So wie die Söhne Indus kraft der Macht ihrer Kontemplation zum Univer-
           sum wurden, so wurde das Eine zum Vielen. Das Viele wurde Eines, so wie
           die Anhänger Lord Viåņus eins mit ihm wurden. Flüsse gibt es viele, aber der
           Ozean ist einer. Die Zeit ist eins, auch wenn man die Jahreszeiten und die
           Jahre mit verschiedenen Namen nennen mag. Dieser Körper ist ebenfalls
           reines Bewusstsein und existiert wie ein Traumobjekt im Bewusstsein. Wie
           ein Traumobjekt ist er formlos, obgleich seine Gestalt wie eine offenbare
           Realität erfahren wird.
              Der eine Schlaf wird zu einer Zeit als die Traumerfahrung und zu einer an-
           deren als tiefer, traumloser Schlaf betrachtet und doch ist der Schlaf nur einer
           und unteilbar. Ebenso ist auch das Bewusstsein eines, ob es in ihm nun ein
           Gewahrsein von Objekten gibt oder nicht. Was daher als die Welt erfahren
           wird, ist nichts als reines Bewusstsein. Der Seher (der Erfahrende), das Ob-
           jekt (die Erfahrung) und der Akt des Sehens (das Erfahren) sind alle nichts
           als das eine Bewusstsein, welches wahrhaftig unteilbar ist. Die Erscheinung
           dieser Welt in diesem Bewusstsein als etwas anderes als Bewusstsein ist eine
           Illusion, die nach dem Verstehen ihrer Wahrheit aufhört, so wie ein Albtraum
           einen nicht länger verfolgt, sobald die Wahrheit des Albtraums erkannt wur-
           de. Es sind die unendlichen Möglichkeiten des einen, unendlichen Bewusst-
           seins, die hier als die unendlichen Objekte der Schöpfung auftauchen.



           Die Geschichte von Kundadanta

             RĀMA sagte:
VI.2:180
             Hoher Herr, als ich mich einmal im Haus meines Lehrers aufhielt, betrat je-
           mand den Raum. Er war eine äußerst strahlende Erscheinung. Er kam gerade
           vom Hof des Königs Videha her. Er grüßte die versammelten Heiligen und
           auch wir Studenten grüßten ihn angemessen. Nachdem er sich auf seinem
           Platz niedergelassen und ein wenig ausgeruht hatte, fragte ich ihn: „Heiliger,
           du scheinst ermüdet wie von einer langen Reise. Von woher kommst du?“
             DER BRĀHMA×A erwiderte:
             Ja, du hast recht: Ich suche nach etwas und bin müde aufgrund der starken
           Bemühung, es zu erlangen. Ich werde dir nun mitteilen, weshalb ich hier bin.
           Ich bin ein brāhmaņa aus dem Land von Videha. Ich werde Kundadanta ge-
           nannt. Ich verlor das Interesse an den weltlichen Angelegenheiten und suchte
           die Gesellschaft der heiligen Männer und Asketen auf. Ich habe eine sehr
           lange Zeit auf dem Śrī-Berg gelebt und bin dort Bußübungen
           nachgegegangen.


                                                728
Eines Tages hatte ich auf diesem Berg einen seltsamen Anblick: Ein Asket
baumelte, mit einem Fuß an einen der Äste gebunden, von einem Baum her-
unter. Ich grüßte ihn. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Ich dachte: „Dieser
Asket muss lebendig sein, da sein Körper auf die Wechsel der klimatischen
Umstände reagiert.“ Ich blieb dort einige Tage, diente ihm und gewann sein
Vertrauen. Eines Tages fragte ich ihn: „Worin besteht das Ziel deiner Buß-
übungen?“ Der Asket erwiderte: „Verkörperte Wesen haben viele interessante
Ziele im Leben.“ Ich bestand auf einer Antwort.
  DER ASKET sagte:
  Ich wurde in der Stadt Mathurā geboren und bin dort auch aufgewachsen.
Ich erwarb das Wissen der Schriften. Ich hörte: „Der König erfreut sich aller
Arten von Vergnügen.“ Dieses Ziel begann mich zu inspirieren. Ich entschloss
mich, zum Herrscher der gesamten Welt zu werden. Daher kam ich hierher
und habe mich die letzten zwölf Jahre über mit Bußübungen befasst. Damit
habe ich deine Frage beantwortet. Du wärest besser deiner Wege gegangen.
Ich werde meine Bußübungen nun fortsetzen.
  DER BRĀHMA×A fuhr fort:
  Ich bat ihn, für die Dauer seiner Bußübungen meine Dienste anzunehmen.
Im selben Moment, als ich dies gesagt hatte, schloss er seine Augen und wur-
de wie tot. Von diesem Tag an blieb ich sechs Monate an diesem Ort und dien-
te ihm. Eines Tages erschien an diesem Ort ein Wesen so strahlend wie die
Sonne. Ich entbot ihm pflichtschuldigst meine Verehrung, während der Asket
ihm mental huldigte. Dieses strahlende Wesen sprach zu dem Asketen: „Oh
Asket, beende diese Askese. Ich werde dir dann eine Gunst deiner Wahl er-
weisen. Du wirst zum Herrscher der gesamten Welt werden, siebentausend
Jahre lang als solcher regieren und diese Zeit über diesen deinen Körper
behalten.“ Nach dem das Wesen diese Gunst verliehen hatte, verschwand es
außer Sichtweite. Nachdem es gegangen war, sagte ich zu dem Asketen: „Nun
da du die Gunst deiner Wahl erlangt hast, kannst du diese Bußübungen been-
den und zu deinen üblichen Pflichten zurückkehren.“ Der Asket akzeptierte
dies. Ich durchschnitt das Seil, das seine Füße an den Baum band. Dann gin-
gen wir beide nach Mathurā.
  DER BRĀHMA×A KUNDANTA fuhr fort:
                                                                                VI.2:181
  Auf dem Weg nach Mathurā verbrachten wir einige Zeit in einem Dorf na-
mens Rodha und zwei Tage in einer Stadt namens Salim. Am dritten Tag er-
reichten wir einen Wald. Dort verließ der Asket die gewohnte Straße und
sagte zu mir: „Lass uns zum Gaurī ĀÓramaæ gehen, der nahebei liegt. Dort
leben meine sieben Brüder. Wir sind acht Brüder. Obwohl wir es Individuen
geboren wurden, sind wir alle in demselben Bewusstsein vereint und haben
alle dasselbe Ziel vor Augen, nach dem wir streben. Deswegen sind auch sie
mit Bußübungen befasst. Ich bin zusammen mit ihnen hierher gekommen
und habe gleich am Anfang diesen Wald erblickt, in dem sich der Gaurī
ĀÓramaæ befindet. Komm, lass uns zum ĀÓramaæ gehen, der einen von allen



                                    729
Sünden reinigt. Sogar die Gemüter und Herzen der Gelehrten und der Kenner
           der Wahrheit verlangen eifrig nach dem Besuch heiliger Männer. Daher soll-
           ten wir es als einen großen Segen betrachten, die Gelegenheit zum Besuch
           dieser Einsiedelei zu haben.“
              Als wir in die Nähe des ĀÓramaæ kamen, sahen wir nichts als nackte Erde,
           als ob eine große Überschwemmung die Einsiedelei fortgeschwemmt hätte.
           Es gab dort keinen Baum, keine Einsiedelei, kein menschliches Wesen, keinen
           Weisen – gar nichts. Wir riefen beide aus: „Oh weh, was ist mit diesem Ort
           geschehen?“ Wir untersuchten die Umgebung und fanden einen alleinstehen-
           den Baum. Als wir uns diesem Baum näherten, sahen wir unter ihm einen
           alternden Asketen sitzen, der offenbar tief in samÃdhi versunken war. Wir
           setzen uns in seine Nähe und warteten eine beträchtliche Zeit lang ab. Er
           erhob sich jedoch nicht aus seiner Meditation. Ich näherte mich ihm schließ-
           lich und schrie ihn mit der äußersten Kraft meiner Stimme an: „Oh Weiser,
           erhebe dich von der Meditation.“ Als ich dies gesagt hatte, öffnete der Weise
           seine Augen und äußerte die folgenden Worte mit einer Stimme, die dem
           Brüllen eines Löwen ähnelte: „Ihr Heiligen, wer seid ihr? Was ist mit dem
           Gaurī ĀÓramaæ geschehen, der sich hier befand? Oder hat mich etwa jemand
           an diesen trostlosen Ort versetzt? Welche ist die gegenwärtige Epoche?“ Wir
           waren verwirrt. Ich sagte zu ihm: „Du weißt gewiss alles, oh Weiser. Daher
           vermagst nur du deine eigenen Fragen zu beantworten. Weshalb versuchst du
           nicht, alle bisherigen Geschehnisse im Licht deiner eigenen yogischen Vision
           zu betrachten?“
              Nachdem ich so gesprochen hatte, ging der Weise erneut in tiefe Meditation.
           Mit der Hilfe seiner inneren, psychischen Kräfte erfuhr er alles, was bisher
           geschehen war.
              Der Weise blieb eine Zeitlang still und sagte dann zu uns: „Ihr Heiligen! Hört
           euch diese erstaunliche Erzählung an.“
              DER WEISE sagte:
              Ihr seht diesen Baum hier. Aufgrund meiner Gegenwart hier ist er pracht-
           voll erblüht. Aus unbekannten Gründen verbrachte die Göttin der Bildung
           und der Sprache hier zehn Jahre und wurde währenddessen von den ver-
           schiedenen Jahreszeiten verehrt. Aus diesem Ort wurde ein dichter Urwald,
           der später als Gauri-vana (Gauri-Wald) bekannt wurde. In diesem Wald pfleg-
           ten sich sogar die Götter und die Frauen der siddhas bzw. der vollkommenen
           Weisen zu vergnügen. Sogar die Götter suchten diesen Ort auf, um den Füßen
           der Göttin ihre Verehrung zu erweisen.
              DER WEISE fuhr fort:
VI.2:182
              Nachdem sie zehn Jahre hier verbracht hatte, kehrte Gauri an die Seite ihres
           Gemahls Lord Śiva zurück. Da sie diesen Baum berührt hatte, alterte er nicht
           mehr. Nach einer Zeit wurde der Wald zu einem gewöhnlichen Wald, der von
           den Menschen der Umgebung für ihre Zwecke genutzt wurde. Zu dieser Zeit
           war ich der König von MÃlava. Ich entsagte dem Königtum und kam hierher,


                                                 730
um Bußübungen zu praktizieren. Hier trat ich in tiefe Meditation ein. Einige
Zeit später kamt dann auch ihr acht Brüder hierher. Nachdem wir hier einige
Zeit verbracht hatten, gingst du fort zum Śrī-Berg, ein anderer zum Krau¤ca-
Berg, ein anderer nach KÃÓī und wieder ein anderer in die HimÃlayas. Die
verbliebenen vier setzten hier ihre Bußübungen fort. Jeder von ihnen wollte
zum Herrscher der gesamten Erde werden. Alle erlangten sie die entspre-
chenden Gunstbeweise der Götter. Nachdem sie sich lange genug der Früchte
ihrer Bußübungen erfreut hatten, kehrten alle mit der Ausnahme von dir
nach Hause zurück. Ich selbst habe diesen Platz nie verlassen. Die Leute hiel-
ten mich und diesen Baum in großen Ehren. Ich war hier sehr lange Zeit. All
dieses konnte ich mit der Hilfe meiner yogischen Kräfte sehen. Nun kehre
auch du heim zu deiner Familie.
  (Als Erwiderung auf Kundadantas Frage: „Die Erde ist eine – wie könnte sie
von acht Leuten gleichzeitig regiert werden?“, sagte der Weise). Dies ist nicht
die einzige rätselhafte Sache, es gibt da noch andere! Tatsächlich werden alle
diese acht Brüder nach der Aufgabe ihrer physischen Körper die Erde inner-
halb ihres eigenen Hauses regieren. Sie werden außerdem ihre (acht) Frauen
stets bei sich als ihre Sterne behalten... Denn diese ihre Frauen versanken in
untröstlicher Trauer, als ihre Gatten zum Zweck der Bußübungen ihr Zuhause
verließen – Frauen können die Trennung von ihren Ehegatten nicht ertragen.
Auch diese Frauen nahmen dann intensive Bußübungen auf. Dies erfreute die
Göttin PÃrvati, die ihnen daraufhin die Gewährung einer Gunst anbot. Sie
sprachen: „So wie du deinen Herrn liebst, so lieben wir unsere Gatten. Bitte
gewähre ihnen die Unsterblichkeit!“ Die Göttin wies sie jedoch daraufhin,
dass dies gegen die natürliche Ordnung verstieße. Sie forderte sie auf, sich
eine andere Gunst zu erbitten. Die Frauen fragten: „Auch wenn unsere Gatten
sterben und ihre Körper abwerfen, sollen sie doch niemals unser Zuhause
auch nur für einen Moment verlassen.“ Die Göttin gewährte diese Gunst und
noch eine weitere, nämlich dass ihre Gatten die Erde regierten sollten. Bald
danach kehrten die sieben Brüder nach Hause zurück. Heute werden auch die
acht zurückkehren.
  In dieser Geschichte gibt es noch etwas anderes Wunderbares. Als die acht
Brüder in den Wald zur Praxis der Bußübungen fortgegangen waren, begaben
sich die trauernden Eltern begleitet von den Frauen der acht Brüder auf eine
Pilgerfahrt. Auf ihrem Weg begegnete ihnen ein kleingewachsener, aschebe-
schmierter Asket von rötlicher Hautfarbe, der sich auf dem Weg nach einem
heiligen Ort namens KalÃpagrÃma befand. Sie respektierten ihn nicht, son-
dern begegneten ihm mit Argwohn. Der Asket, der in Wahrheit DurvÃsa war,
war verärgert und verfluchte sie: „Ihr werden den Preis eures Hochmuts zu
zahlen haben. Obwohl eure Söhne und eure Schwiegertöchter Gunstbeweise
von den Göttern erlangt haben, werden diese Gunstbeweise in ihr Gegenteil
ausschlagen!“ Sie erkannten ihren Fehler und beeilten sich, um die Vergebung
des Asketen zu erlangen. Dieser jedoch verschwand noch bevor sie ihn errei-
chen konnten, aus ihrer Sichtweite.



                                     731
KUNDADANTA sprach:
VI.2:183
             Oh Weiser, die Erde ist eine – wie konnten diese sieben Herrscher der Erde
           denn gleichzeitig regieren? Wie kann jemand zum Herrscher der Erde wer-
           den, der sein Haus niemals verlässt? Welches Schicksal erwartet eine Person,
           die gleichzeitig Segen (Gunstbeweise) und Fluch, die einander widerspre-
           chen, empfangen hat?
             DER WEISE sprach zum Asketen:
             Du wirst selbst sehen, wie alles dieses möglich werden wird!
             Du wirst schon bald nach Hause zurückkehren und wieder mit deiner Fami-
           lie vereint sein. Im Verlaufe der Zeit werdet ihr alle sterben. Eure Körper
           werden von euren Verwandten verbrannt. Ihr alle werdet eine kurze Zeit lang
           getrennt und wie im Tiefschlaf im Raum des Bewusstseins verweilen. In der
           Zwischenzeit werden sich eure sämtlichen karmas (die Gunstbeweise und die
           Flüche) um euch herum versammeln. Die Gunstbeweise wie auch die Flüche
           werden eine eigene Gestalt annehmen. Die Gunstbeweise werden einen er-
           freulichen Ausdruck und lotosgleiche Hände, vier Arme und einen Streitkol-
           ben haben. Die Flüche werden grimmig dreinblickend, schwarz, zweiarmig
           und dreiäugig sein und einen Dreizack haben.
             Die Gunstbeweise werden zu den Flüchen sagen: „Verschwindet, ihr Flüche
           – eure Zeit ist gekommen und ihr vermögt ihr nicht zu widerstehen.“ Die
           Flüche werden zu den Gunstbeweisen sagen: „Verschwindet, ihr Gunstbewei-
           se – eure Zeit ist gekommen und niemand vermag dem zu widerstehen.“
             Die Gunstbeweise werden sagen: „Ihr wurdet von dem Weisen gemacht,
           aber wir wurden von der Sonne gemacht.“ Die Flüche werden erwidern: „In
           der Tat wurdet ihr von der Sonne erschaffen, aber wir sind aus einem Teil von
           Lord Rudra Selbst geboren worden, der sogar den Devas und Göttern überle-
           gen ist; der Weise ist nur ein Teil bzw. ein Glied von Lord Rudra.“ So antwor-
           tend, werden die Flüche ihren Dreizack zum Kampf erheben.
             Daraufhin werden die Gunstbeweise erwidern: „Oh ihr Flüche, betrachtet
           nur all das Böse, welches aus eurem Hader hier erwächst. Gebt eure feindse-
           lige Haltung auf und lasst uns gemeinsam darüber befinden, was hier am
           besten zu tun ist. Eventuell müssen wir uns für eine Entscheidung an Brahmā
           den Schöpfer wenden. Weshalb nicht gleich zu ihm gehen?“ Die Flüche wer-
           den zustimmen, denn wahrhaftig würde nur ein Narr einen weisen Rat in den
           Wind schlagen. Alle zusammen werden sich zu Brahmā begeben und ihn über
           den Disput informieren. Brahmā wird dann zu ihnen sagen: „Derjenige von
           euch, der die Wahrheit in sich trägt, wird den Disput gewinnen. Schaut daher
           nach innen und findet heraus, wie sich dieses Innen befindet.“
             Daraufhin werden die Flüche sagen: „Wir sind besiegt, oh Höchster Herr,
           denn in uns gibt es nichts von Wert. Wir alle, oh Höchster Herr, sowohl die
           Gunstbeweise wie auch die Flüche, sind tatsächlich reines Bewusstsein – wir
           besitzen nicht einmal einen Körper.“
             DER WEISE fuhr fort:


                                               732
Die Flüche werden dann noch erklären: „Das Bewusstsein, welches über
den Gewährer des Gunstbeweises diesen gewährt, lässt den Empfänger des
Gunstbeweises denken: „Ich habe den Gunstbeweis empfangen.“ Dasselbe
Bewusstsein erfährt auch die entsprechende Verkörperung und die Früchte
der Gunstbeweise. Das Gewähren des Gunstbeweise durch diejenigen, die sie
gewähren, als auch das Empfangen der Gunstbeweise durch diejenigen, die
um sie nachgesucht haben, setzen sich daher in ihrer beider Bewusstsein fest
und bilden so einen Teil ihrer Essenz. Auf diese Weise werden sie für uns
unüberwindlich. Das Reine erobert stets das Unreine. Nur falls die Gunstbe-
weise und die Flüche ebenbürtig sind, erzeugen sie gemischte Ergebnisse wie
mit Wasser gemischte Milch. Diese Ergebnisse werden von der Person wie in
einem Traum erfahren. Höchster Herr, gib uns die Erlaubnis, uns zurückzie-
hen zu dürfen.“ Die Flüche werden sich dann zurückziehen.
  Es wird eine neue Situation entstehen. Jetzt werden sich die Gunstbeweise,
die dazu führen sollten, dass die jīvas niemals das Haus zu verlassen hätten,
in einen Fluch verwandeln und den Gunstbeweis bezüglich der Herrschaft
über die gesamte Erde anfechten. Der letztere wird sich zur Entscheidung der
Lage an Brahmā den Schöpfer wenden. Brahmā wird sagen: „Obgleich beide
Gunstbeweise oberflächlich betrachtet miteinander zu kollidieren scheinen,
sind tatsächlich beide von ihnen bereits in Erfüllung gegangen. Denn die acht
Brüder existieren nun in ihrem eigenen Haus und sind doch, seit sie ihren
physischen Körper verlassen haben, gleichzeitig auch die Herrscher der ge-
samten Welt.“
  Sämtliche Gunstbeweise werden nun Brahmā ihre Zweifel vortragen: „Wir
haben gehört, dass es nur eine Erde gibt. Wie ist es den acht Brüdern dann
möglich, die Erde zu regieren und trotzdem in ihren Häusern zu verweilen?“
Brahmā wird erwidern: „Eure Welt und ihre Welt sind beide reine Leere und
existieren auf dieselbe Weise in einen subatomaren Teilchen, wie ein Traum-
objekt innerhalb von einem selbst erfahren wird. Was ist wohl so erstaunlich
an acht Brüdern, die in ihren eigenen Häusern die Existenz mehrerer Welten
erfahren?
  Gleich nach dem Tode wird diese Welt als exakt das erfahren, was sie ist: als
eine dichte Leere innerhalb des eigenen Gemüts. Schon in einem einzigen
Atom erstrahlt die gesamte Erde – um wieviel mehr in einem Haus. Was auch
immer ist, ist das unendliche Bewusstsein – etwas, was man die Erde nennen
könnte, gibt es nicht.“ Nachdem Brahmā so gesprochen haben wird, werden
sich die Gunstbeweise vor ihm verneigen und ihre subtile Existenzform er-
neut annehmen, nachdem sie zuvor ihre falschen Vorstellungen über eine
physische Existenzform ablegen werden.
  Sofort werden dann die acht Brüder, die sich gegenseitig nicht kennen, zu
den Herrschern der Erde werden. Der eine wird Ujjaini, ein anderer
Śākadvīpa, ein anderer KuÓadvīpa, ein anderer Sālmāidvīpa regieren und
wieder ein anderer wird sich beim Baden mit Himmelsbewohnern erfreuen.
Ein anderer wird Krauñcadvīpa und wieder ein anderer Gomedadvīpa regie-


                                     733
ren. Der letzte wird Pu«karadvīpa regieren. So werden also beide Gunstbe-
           weise pflichtschuldigst erfüllt werden.
             KUNDADANTA fragte:
VI.2:184
             Wie können in einem Haus acht Erdenbälle existieren?
             DER WEISE erwiderte:
             Das unendliche Bewusstsein ist allgegenwärtig und erstrahlt überall auf
           jede Weise. Das Selbst nimmt die Welt innerhalb von sich selbst wahr.
             KUNDADANTA fragte erneut:
             Wo befindet sich in dem einen Höchsten Herrn das unendliche Bewusstsein
           und wie existiert die Vielfalt, als wäre sie real?
             DER WEISE sprach:
             Es gibt nur ein unendliches Bewusstsein, das höchster Friede ist, während
           es Vielfalt überhaupt nicht gibt, obwohl sie als solche erfahren werden mag.
           Die Vielfalt, die scheinbar existiert, ist wie Traum und Tiefschlaf illusionär
           und falsch. Obgleich es da Bewegung zu geben scheint, gibt es keine – die
           Berge sind keine Berge. Wie in einem Traum existiert nur die Natur als all
           dieses. Aber sogar diese Natur existiert nicht und daher existieren auch die
           verschiedenen Objekte nicht. Nur das, was das unendliche Bewusstsein sich
           einmal vorgestellt hat, existiert immer noch so, wie es war. Nicht einmal diese
           Vorstellungen sind real, denn nur das unendliche Bewusstsein existiert, wie
           es schon immer existiert hat.
             Nur das höchste Wesen existiert in den Blumen, Blättern, Früchten, Säulen,
           Bäumen überall und in allem als alles und als „das andere“. Die beiden Aus-
           drücke wie „das höchste Wesen“ und „das Universum“ sind Synonyme. Sobald
           diese Wahrheit durch das Studium der Schriften, die von der Selbsterkenntnis
           handeln, realisiert wurde, ist da Befreiung. Der Inhalt bzw. die Realität der
           Ideen und Gedanken ist Brahman bzw. das unendliche Bewusstsein, welches
           selbst der Inhalt bzw. die Realität der Welterscheinung ist. Daher ist die Welt
           Brahman. Beschreibungen und was jenseits aller Beschreibung ist, Gebote
           und Verbote, Existenz und Nicht-Existenz, Stille und Nicht-Stille, jīva und das
           Selbst – all dies ist Brahman und nur die Realität scheint eine irreale Erschei-
           nungsform angenommen zu haben. Was ist Aktivität und was ist Entsagung
           und alles andere, wenn doch all dies hier nur Brahman ist? Wie in einem
           Schlaf sowohl der Schlaf wie auch die tausend Träume auftauchen, so tauchen
           in dem einen unteilbaren Bewusstsein die zahllosen Erscheinungen auf. Alle
           diese sind essenziell reines Bewusstsein, das extrem subtil ist. Obwohl sie
           sichtbar zu sein scheinen, sind sie in Wahrheit unsichtbar. Das gesamte Uni-
           versum (einschließlich von Rudra, Viåņu und Brahmā) ist wie ein Traum.
             In diesem einzigen Ozean des Bewusstseins taucht all diese Vielfalt mit all
           ihren Freuden und Leiden auf. So wie jemand mit einer Fehlsichtigkeit selt-
           same Objekte am Himmel sieht, so nehmen die unwissenden Menschen die




                                                734
Welt wahr. Die Ideen, die in Brahmā dem Schöpfer (namens Weltordnung)
auftauchen, bringen all dieses hervor und erhalten es am Leben.
  KUNDADANTA sagte:
  Die Erinnerung taucht auf, wenn im eigenen Bewusstsein eine vergangene         VI.2:184,
                                                                                    185
Erfahrung auftaucht. Wessen Erinnerung hat sich zu Beginn dieser Schöpfung
zu dieser Schöpfung erweitert?
  DER WEISE erwiderte:
  Alles wird gesehen und erfahren, obwohl es zuvor noch niemals gesehen
oder erfahren worden ist – so als ob man von seinem eigenen Tod träumen
würde. Zu einer Erinnerung wird das, was man wiederholt in der Form von
„dies habe ich schon früher gesehen“ denkt. Das eingebildete Objekt erscheint
im Raum des eigenen Bewusstseins und man vermag nicht zu sagen, ob es
real oder irreal ist. Nur durch die Gnade (bzw. die Macht) des Bewusstseins
werden Träume und ähnliches überhaupt erfahren. Wie sollte es für dieses
reine Bewusstsein unmöglich sein, die Welterscheinung wie eine wiederbe-
lebte Erinnerung hervortreten zu lassen? So wie man am Ende des Tiefschlafs
zu träumen beginnt, so erscheinen im unendlichen Bewusstsein die drei
Welten. Was man die Welt nennt, ist reine Leere. Was ist und in was es ist und
von woher es ist – das was ist, existiert überall und immer.
  Erhebe dich nun und tue, was auch immer zu tun ist. Ich werde meine Kon-
templation fortsetzen, denn ohne eine solche Kontemplation kann der Kum-
mer entstehen.
  KUNDADANTA sprach:
  Nachdem er so gesprochen hatte, schloss der Weise sofort seine Augen und
trat in tiefe Meditation ein. Sein Lebensatem und sein Gemüt hatten aufgehört
sich zu bewegen und daher saß er nun still wie ein gemaltes Bild. Wir ver-
suchten ihn anzusprechen, aber er hörte uns nicht einmal. Wir waren un-
glücklich darüber, ihn verloren zu haben. Schließlich gingen wir doch von
dort fort und näherten uns langsam wieder dem Haus.
  Im Verlaufe der Zeit verstarben sieben Brüder. Nur mein Freund, der achte
Bruder, lebte noch. Auch er verschied später. Ich fühlte mich von Gram über-
wältigt. Daher Ich begab mich deshalb ein weiteres Mal zu dem Weisen am
Fuße des Kadamba-Baumes. Ich wartete darauf, dass er mich bemerken wür-
de. Nach drei Monaten öffnete er seine Augen. Als Antwort auf meine Gebete
sagte er zu mir: „Ich bin samÃdhi bzw. der Kontemplation hingegeben. Ich
vermag dies nicht einmal einen Moment lang aufzugeben. So lange du die
Wahrheit nicht immer und immer wieder vernommen und darüber immer
und immer wieder meditiert hast, wird sie dir nicht restlos klar werden.
Daher werde ich dir nun sagen, was du tun solltest: Gehe nach AyodhyÃ. Dort
gibt es einen König namens DaÁaratha. Sein Sohn heißt Rāma. Sein Guru
Vāsi«Âha führt Diskurse über die Mittel der Befreiung. Höre dir diese an.
Durch diese Mittel wirst du den höchsten Frieden erlangen.“ Nachdem er so



                                    735
gesprochen hatte, trat er erneut in samÃdhi ein. Daraufhin bin ich an diesen
Ort hier gekommen, um mit dir zusammen zu sein.
  RĀMA sagte:
  Dieser Kundadanta sitzt hier neben mir und hat andächtig diesem Diskurs
über die Mittel der Befreiung gelauscht. Heute ist er daher frei von allen
Zweifeln.
  VASIåèHA fragte Kundadanta:
  Sage uns, was du im Verlaufe dieses Diskurses gelernt hast.                    VI.2:185,
                                                                                    186
  KUNDADANTA erwiderte:
  Nur die Eroberung des Gemüts führt zur Zerstörung aller Zweifel. Ich habe
eine Erkenntnis erlangt, in der es keine Widersprüche gibt. All meine Vorbe-
halte haben sich gelegt. Ich bin fest im höchsten Zustand verankert. Ich habe
dies von dir erfahren: Nur das unendliche Selbst bzw. Bewusstsein existiert
im unendlichen Raum als diese Welt. Alles existiert überall in allem als alles
und für immer. Das gesamte Universum existiert in einem Senfsamen; wird
die Realität jedoch erkannt, dann existiert das Universum nicht in einem
Senfsamen. Das Universum existiert in einem Haus, aber das Haus selbst ist
reine Leere. Es ist nur Brahman bzw. das unendliche Bewusstsein, welches als
all dies erscheint und als all dies erfahren wird.
  VASIåèHA fuhr fort:
   Es ist wunderbar, dass dieser große Mann nun die Erleuchtung erfahren
hat. Er hat vollkommen erkannt, dass das gesamte Universum Brahman ist.
   Nur aufgrund von Täuschung geschieht es, dass Brahman als die Welt gese-
hen wird. Doch ist diese Täuschung selbst Brahman, der höchster und unend-
licher Friede ist. Was auch immer ist, wo und welcher Weise auch immer, ist
es so und auf diese Weise. Was auch immer das unendliche Bewusstsein von
sich selbst denkt, als das erscheint es. Das gesamte Universum (brahmÃï¬a)
existiert in einem Atom des unendlichen Bewusstseins – daher ist ein Atom
selbst das Universum. Das unendliche Bewusstsein ist unteilbar. Sobald dies
erkannt wird, entsteht das Aufhören der Bindungen von Geburt usw. und das
Fragen nach Befreiung. Sei, was du bist – frei von aller Pein.
   Du bist das Objekt der Wahrnehmung; du bist der Seher. Du bist Bewusst-
sein und du bist leblos. Du bist etwas und du bist nichts. Denn Brahman ruht
in sich selbst. Es gibt keine zwei Dinge wie Brahman und das objektive Uni-
versum – sie sind eins wie Raum und Leere. Ein intelligenter, bewusster Mann
erscheint schlafend als leblos und nicht-fühlend. Auf dieselbe Weise scheint
das unendliche Bewusstsein die leblosen Objekte in dieser Schöpfung zu sein.
Das unendliche Bewusstsein wird später so, wie der schlafende Mann zu
träumen beginnt, zu den fühlenden Objekten. Dies setzt sich so lange fort, bis
die Person die Befreiung erlangt und realisiert, dass diese Welterscheinung
ein langer Traum gewesen war. Es geschieht aufgrund des dem unendlichen
Bewusstsein eingeborenen Gewahrseins, dass es sich selbst für ein nicht-



                                    736
fühlendes und unbewegliches Wesen hält. Aufgrund desselben Gewahrseins
hält es sich dann zu anderen Zeiten wiederum für ein fühlendes und bewegli-
ches Wesen. So wie ein und dieselbe Person fühlende und scheinbar leblose
Glieder hat, so bilden alle die fühlenden und nicht-fühlenden Objekte dieser
Schöpfung zusammen den Körper des unendlichen Bewusstsein.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Ganz am Anfang der Schöpfung sind die im unendlichen Bewusstsein aufge-
tauchten, traumartigen Gestaltungen aller Art bis heute als diese Schöpfung
bestehen geblieben. Bewusstsein jedoch ist unteilbar und extrem subtil – es
gibt daher in ihm keinerlei Vielfalt; auch jetzt nicht. Schöpfung, Existenz und
Auflösung sind in der Sichtweise der Erleuchteten wie uns inexistent. Ob-
gleich das unendliche Bewusstsein unteilbar ist, erfährt es innerhalb von sich
selbst die zwei Zustände von Bindung und Befreiung, wobei die traumartige
Erfahrung der Vielfalt Bindung und der schlafähnliche Zustand Befreiung
genannt wird. Nur das unendliche Bewusstsein ist es selbst, dass Dinge sieht
wie: „Dies ist die Schöpfung“, „dies ist die Auflösung“, „dies ist Wachen“ und
„dies ist Träumen“. Das unendliche Bewusstsein kann man mit dem homoge-
nen Tiefschlafzustand vergleichen, während der mit einem Traum vergleich-
bare Teil dann das Gemüt darstellt. Dieses Gemüt ist es, welches als der jīva
sich selbst als Gott, Dämon usw. betrachtet, aber auch alle Wesen wieder von
dieser Vielfalt befreit. Sobald dies realisiert wurde, ist die Homogenität des
traumlosen Schlafes hergestellt und dies wird dann von denjenigen, die sich
um die Befreiung bemühen, als solche angesehen.
  Nur das Gemüt ist alles dieses: Mensch, Gott, Dämon, Bäume und Berge,
Kobolde, Vögel und Würmer. Nur es selbst wird zu der hier wahrgenomme-
nen unendlichen Vielfalt, die von Brahmā dem Schöpfer bis zur Säule reicht.
Es ist das Gemüt, welches den Raum über uns wahrnimmt. Das Gemüt ist die
dynamische und aggressive Form des unendlichen Bewusstseins. Sobald
daher die Idee des Universum im unendlichen Bewusstsein auftaucht, denken
wir daran, dass es das Gemüt ist, welches all das hervorgebracht hat. Nur das
Gemüt ist der jīva. Es ist ohne Anfang und ohne Ende. Es ist wie Raum, der in
Töpfen und Krügen enthalten zu sein scheint, ohne durch sie begrenzt zu
werden. Er nimmt Körpergestalten an und gibt sie wieder auf. Realisiert es
jedoch seine eigene, wahre Natur, dann hört die irreführende Idee der physi-
schen Verkörperung auf.
  Das Gemüt ist wie das winzigste Teilchen eines Atoms. Das Gemüt ist die
Persönlichkeit bzw. der jīva. Die Welt bzw. die Schöpfung existiert daher in
der Person bzw. dem jīva. Alle in dieser Welt wahrgenommenen Objekte sind
nichts als das Gemüt selbst – so wie die Traumobjekte nichts als das Gemüt
selbst sind. Noch einmal: Die Person bzw. der jīva ist also nichts anderes als
das Gemüt. Daher ist klar, dass die Welterscheinung und das Selbst nicht
unterschieden voneinander sind.
  Alle diese Substanzen, die in diesem Universum wahrgenommen werden,
sind tatsächlich reines Bewusstsein. Was getrennt von diesem Bewusstsein


                                     737
wahrgenommen wird, ist wie ein Traum; nur eine Idee oder ein Gedanke wie
etwa das Schmuckstückhafte des Goldes.
  Dieser Gedanke der Schöpfung, der im unendlichen Bewusstsein zum Vor-
schein kommt, wird das Universum genannt. Dieses Phänomen wurde ver-
schiedentlich als saÇkalpa (Gedanke oder Idee) usw. beschrieben.
 VASIåèHA fuhr fort:
  Im Verlaufe der Zeit taucht durch die konstante Praxis von vicÃra bzw. Er-
gründung und des Gleichmuts im weisen Menschen (oder bei den von Geburt
an reinen Wesen) die vollkommene Erkenntnis auf, die ihn befähigt, in allem
die Realität zu sehen. Daraufhin erlangt diese buddhi bzw.. erweckte Intelli-
genz ihre Natur als reines Bewusstsein, frei von aller Dualität, zurück. Das
unendliche Bewusstsein ist leer von einem Körper und nicht durch Schleier
verdunkelt, sein einziger Körper ist sein Instrument des Gewahrseins und
seine Fähigkeit zur Erleuchtung aller Dinge. Durch diese geschieht es, dass
das Bewusstsein alles, woran es als existierend denkt, als das Ergebnis seiner
eigenen Gedanken wahrnimmt. Dieses gesamte Universum ist eine Idee, die
im unendlichen Bewusstsein auftaucht. Auch das Selbst ist fähig dazu, inner-
halb von sich selbst verschiedene Gedanken auftauchen zu lassen und dann
die Materialisationen dieser Gedanken zu erfahren. Daher werden auch
Gunstbeweise und Flüche als im Bewusstsein erscheinende Gedanken erfah-
ren, während sie gleichzeitig nicht von diesem verschieden sind. So lange der
Schleier der Unwissenheit jedoch noch nicht beseitigt wurde und man immer
noch die verschiedenen Gedanken über die Dualität und die Vielfalt unterhält,
sind die von einer solchen Person gewährten Gunstbeweise wirkungslos.
  RĀMA fragte:
  Auf welche Weise verleiht eine unerleuchtete, aber rechtschaffene Person
eine Gunst?
  VASIåèHA fuhr fort:
  Was auch immer Brahmā der Schöpfer zu Beginn der Schöpfung verfügt
hat, das existiert auch heute noch. Brahmā ist nicht von Brahman, dem un-
endlichen Bewusstsein, verschieden. Es war Brahmā, der durch seine eigene
Gedankenkraft die Maßstäbe der Rechtschaffenheit, die Wohltätigkeit, die
Entsagung, die edlen Eigenschaften, die Veden und weitere Schriften und die
fünf großen Elemente ins Dasein gerufen hat. Er hat darüber hinaus verfügt,
dass die Äußerungen (Gunstbeweise usw.) von Asketen und Kennern der
Wahrheit zur Realität werden mögen. Es war Brahmā, der auch die Natur
sämtlicher Substanzen hier festgelegt hat. So wie wir im Traum zu unseren
eigenen Traumobjekten werden, so wird das Bewusstsein, obgleich real und
bewusst, zu der unwirklichen Welterscheinung mit all ihren fühlenden und
nicht-fühlenden Objekten. Die unwirkliche Welterscheinung wird dann später
aufgrund beständig wiederholter Affirmation und der Überzeugung ihrer
Wirklichkeit als eine Realität betrachtet. Wer sich Tagträumereien hingibt,



                                    738
vermag sogar Steinskulpturen wie reale Tänzer tanzen zu sehen. Ebenso wird
diese Welterscheinung, die in Brahman auftaucht, als eine Realität erdacht.
  Der Seher und das Gesehene sind nicht verschieden voneinander – Be-
wusstsein ist sich seiner selbst als Bewusstsein bewusst. Daher sieht es all
das, was immer es zu sehen wünscht. Ich bin das unendliche Brahman, der
die kosmische Person ist, deren Körper die Welt ist. Folglich sind die Welt und
Brahman nicht verschieden voneinander. So wie ein bewusstes Wesen sich
gelegentlich in einem unbewussten Zustand befinden mag, so existiert sogar
das höchste Wesen bzw. das unendliche Bewusstsein selbst als die anschei-
nend leblose Welt. Im Traum gibt es „Licht“ und im Tiefschlaf gibt es Finster-
nis, obwohl beides in ein und demselben Schlaf stattfindet. Auf dieselbe Wei-
se scheinen Licht und Finsternis in dem einen, unendlichen Bewusstsein zu
existieren.
  RĀMA fragte:
  Wie funktioniert in dieser Welterscheinung mit aller ihrer verblüffenden        VI.2:187
Vielfalt die kosmische Ordnung (niyati)? Wie kann es sein, dass die Sonne
aller Himmelskörper so heiß ist, und wer hat verfügt, dass die Tage manch-
mal länger und dann wiederum kürzer sind?
  VASIåèHA fuhr fort:
   Die kosmische Ordnung erscheint und existiert im höchsten Wesen bzw.
dem unendlichen Bewusstsein aufgrund von schierer Koinzidenz (wie die
reife Kokosnuss zufällig beim Landen einer Krähe darauf herabfällt). Die Art
und Weise, wie sie existiert, nennt man das Universum. Wegen der Unend-
lichkeit und der Allmacht des Bewusstseins wird diese kosmische Ordnung
als erfüllt von Intelligenz gesehen. Was dann als solches existiert, nennt man
die kosmische Ordnung, niyati.
   Die momentane Bewegung innerhalb des Bewusstseins wird von diesem
betrachtet als: „Dies ist die Schöpfung“. Gibt es dann eine weitere momentane
Bewegung von Energie im Bewusstsein, betrachtet dieses es als: „Dies ist eine
Epoche“. Weitere Bewegungen von dieser Art der Energie im Bewusstsein
werden als Zeit, Tätigkeit, Raum, Substanz usw. bezeichnet. Sogar die Form,
das Sehen und der Gedanke betreffend all dies sind nur Bewegungen von
Energie, die aus eigenen Antrieb im Bewusstsein, das formlos ist, auftaucht.
Was auch immer so auftaucht, nennt man die Eigenschaften der betreffenden
Substanz und dies wurde dann als die kosmische Ordnung bekannt.
   In ihrem Wesen sind ein Augenblick und eine Epoche ähnliche Bewegungen
der Energie im unendlichen Bewusstsein. Beide entstehen auf natürliche
Weise im Bewusstsein und werden daher als Natur bzw. kosmische Ordnung
betrachtet. So tauchen in dem einen Bewusstsein zahllose Substanzen mit
ihren jeweils spezifischen Eigenschaften auf. Die Erde beispielsweise ist mit
Festigkeit und Massivität ausgestattet und ist in der Lage, lebende Wesen zu
erhalten, worin ihr Charakteristikum in der kosmischen Ordnung besteht.
Dasselbe ist es im Falle der fünf Elemente usw. einschließlich der Sonne. Ihre


                                     739
Charakteristiken tauchen als entsprechende Bewegung von Energie im Be-
wusstsein auf und werden dann zur kosmischen Ordnung. Das Himmelszelt
dreht sich wie ein Rad, und auch das wiederum aufgrund der Bewegung der
Energie, die im Bewusstsein auftaucht. Es gibt im Himmelszelt mehr oder
weniger strahlende Sterne, während andere wiederum überhaupt nicht
leuchten. In dieser Welterscheinung sind die Charakteristiken der verschie-
denen Objekte selbst verschieden. In der Realität jedoch wurden sie alle nicht
wirklich als diese Objekte erschaffen. Nur das unendliche Bewusstsein er-
scheint als all dieses. Die Art und Weise, in der diese Dinge so lange zu exis-
tieren scheinen, wie sie existieren, nennt man die Natur oder die kosmische
Ordnung, niyati.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Innerhalb des unendlichen Raums befindet sich verborgen und wie der
Keimling des Samens das Wurzelelement des Klanges. Daraus haben die
närrischen Leute dann lauter Theorien über eine materielle Schöpfung ge-
sponnen, die der Unterhaltung anderer närrischer Leute dient. Nichts ist
weder jemals ins Dasein getreten noch hört irgendetwas auf zu sein – was ist,
existiert als solches fest verankert im höchsten Frieden wie das Innere eines
Felsens. So wie es bei dem Lebewesen mit Gliedmaßen und Organen die be-
ständige und endlose Erneuerung aller Zellen (Atome) der Organe gibt, so
gibt es kein Ende der Universen im höchsten Wesen.
  Das unendliche Bewusstsein wird sich eines Teils seines eigenen Seins be-
wusst, woraufhin dann das Gewahrsein dessen auftaucht. Diesem folgt der
Gedanke einer Beziehung, das Wort dafür und das dementsprechende Objekt.
Da dieses Gewahrsein mit dem Instrument der Beobachtung und Ergründung
dessen, was es beobachtet, ausgestattet ist, wird es als Bewusstheit erkannt.
  Aus dieser Masse von Bewusstheit tauchen der jīva und alles andere damit
in Zusammenhang stehende auf. Auf dieser Stufe ist er jedoch in Ermange-
lung der Unwissenheit noch nicht individualisiert. Sobald jedoch die Unwis-
senheit in ihm auftaucht, wendet er sich dem saæsāra zu. Angefüllt ist er mit
den ungeborenen Elementen. Auf dieser Stufe kommen der Ich-Sinn bzw. die
Individualisierung zusammen mit dem Empfinden von Zeit zum Vorschein.
Darin ist dann bezüglich der Existenz der Welt der vitale Faktor.
  Das Bewusstsein selbst ist es, dass auf diese Weise individualisiert wird. In
ihm taucht der Gedanke des Wurzelelements des Raums auf. Mit diesem
zusammen erscheint dann auch dessen Beziehung, das betreffende Wort (der
Name) und die Bedeutung (das Objekt). Später entstehen aus diesem dann
die anderen Elemente und die vierzehn Welten.
  Das Bewusstsein entwickelt schließlich den Gedanken an Bewegung. Diese
Bewegung wird zur Luft mit den dazugehörigen Aktivitäten wie der Berüh-
rungssinn und das Leben der Wesen. Ähnlich ist es mit dem Licht, welches im
Bewusstheit als das Wurzelelement der Form erstrahlt, die allen Wesen ihre
Formgestalt verleiht. Die Erfahrung des Sehens ist Licht, die Erfahrung der



                                     740
Berührung ist der Berührungssinn, die Erfahrung des Hörens ist der Gehör-
sinn. Ebenso sind die Wurzelelemente für den Geschmack, woraufhin dann
der Geruch auftaucht. Obgleich sie als unabhängige Substanzen irreal sind,
erscheinen sie wie im Traum als real. Alle diese verbinden sich später mitei-
nander und erzeugen dadurch die groben Formen usw. Sie sind keine realen
Wesenheiten, sondern nur Materialisationen der Gedanken bzw. Ideen, wie
diese im unendlichen Bewusstsein aufgetaucht sind.
  Das, was Formen sehen macht, nennt man Auge; das, was Töne hörbar
macht, nennt man Ohr; das, was Berührung erfahren macht, nennt man Haut;
das, was Geschmack erfahrbar macht, nennt man Zunge; das, was Geruch
erfahrbar macht, nennt man Nase (bzw. anstelle des Organs den entspre-
chenden inneren Sinn). Aufgrund der räumlichen und zeitlichen Begrenzun-
gen bindet sich der jīva in die kosmische Ordnung ein und wird dann unfähig,
alles auf einmal zu erfahren.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Der Ausdruck: „Am Anfang“, der so verwendet wird, als gäbe es tatsächlich      VI.2:188
einen solchen Anfang oder auch nur den Gedanken an eine Schöpfung, dient
nur dem Zweck der Unterweisung und ist nicht die Wahrheit. Der Gedanke,
der im Bewusstheit auftaucht, aber als solcher nicht vom Bewusstsein selbst
verschieden ist, wird als der jīva bezeichnet, sobald er im Außen auf der
Suche nach wahrzunehmenden „Objekten“ wandert.
  Dieser Gedanke bzw. dieses Konzept hat verschiedene Namen und Be-
schreibungen. Da Bewusstsein durch ihn zu einer lebenden Wesenheit ge-
worden ist, nennt man ihn jīva. Da er sich des Objekts bewusst ist, wird er
Bewusstsein (cit) genannt. Da er sämtliche Dinge in „dies ist dies“ einordnet,
nennt man ihn buddhi (klassifizierende Intelligenz). Da er Konzepte und
Wahrnehmungen ersinnt, nennt man ihn Gemüt (manas). Weil er sich selbst
als „ich bin“ versteht, nennt man ihn Ich-Sinn (ahaækāra). Weil er reich an
Bewusstsein ist, nennt man ihn citta (Psyche). Weil er ein Netzwerk fester
Ideen strickt, nennt man ihn purya«Âaka. Weil er zu Beginn der Schöpfung
auftaucht, nennt man ihn prak−ti (Natur). Weil er unbekannt ist (d.h., weil er
                                 −
aufhört), sobald man Befreiung erlangt, nennt man ihn Unwissenheit
(avidyā). Alle diese Beschreibungen gründen auf der Existenz des subtilen
(ātivāhika) Körpers. Obgleich hiermit die illusorische Welterscheinung in
Worte gefasst wurde, existiert sie als solche nicht.
  Der ātivāhika-Körper ist nur subtile Leere. Er taucht nicht auf und kennt
folglich keinen Grund für ein Aufhören seiner selbst. Und doch fahren im Feld
des unendlichen Bewusstseins die zahllosen Universen fort zu existieren. Der
subtile mentale Körper reflektiert das Universum so wie ein Spiegel ein davor
befindliches Objekt reflektiert.
  Am Ende der Periode, die der kosmischen Auflösung folgt, denkt das höchs-
te Wesen an den subtilen (ātivāhika) Körper, der dann im unendlichen Be-
wusstsein auftaucht. Dieser subtile Körper hält sich dann selbst für Brahmā,



                                    741
Virāt, Viåņu usw. Womit sich dieser subtile Körper auch immer identifiziert,
           das scheint dann zu existieren. Obwohl alle diese verschiedenen Wesenheit
           erschaffen zu sein scheinen, sind sie nur eine optische Täuschung. Nichts
           wurde jemals erschaffen. Alles ist nur reine Leere, die alles durchdringt. Nur
           das anfanglose Brahman existiert. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass dieser
           kosmische, subtile Körper den Gedanken entwickelt hat, er erführe all diese
           Vielfalt, scheint sie dann auch zu einer unwiderleglichen Wahrheit zu werden.
              In diesem ātivāhika(subtilen)-Körper entstehen die Gedanken bzw. Konzep-
           te der physischen Körper und ihrer entsprechenden Teile, die Ideen von Ge-
           burt, Aktivität usw., die Konzepte von Zeit, Raum, Abfolge usw. wie auch die
           Konzepte vom Altern, Tod, von Tugenden und Mängeln, Erkenntnis usw.
           Nachdem der subtile Körper selber diese Konzepte heraufbeschworen hat,
           erfährt er das aus den fünf Elementen zusammengesetzte objektive Univer-
           sum so, als würde es in Wirklichkeit existieren. Und doch ist all dies reine
           Illusion; wie Traumobjekte und Traumerfahrungen.
              VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:189
             Der kosmische subtile (ātivāhika)-Körper, der durch schiere Koinzidenz
           (wie beim Fallen der reifen Kokosnuss beim Landen einer Krähe darauf) als
           der Schöpfer Brahmā aufgetaucht ist, fährt aufgrund der eingeborenen Natur
           des Bewusstseins fort zu existieren. Er ist selbst das Universum. Der Seher,
           das Gesehene und der Akt des Sehens sind sämtlich unwirklich. Falls man sie
           als real betrachten sollte, dann wären sie immer noch sämtlich nur Brahman,
           und nur Brahman ist real.
             Der kosmische, subtile Körper entsteht aus eigenem Antrieb und wird dann
           selbst durch beständiges Daran-denken zu einer soliden Substanz – so wie
           ein Traum, der länger und länger wird, als realer erscheint. Auf diese Weise
           entstehen sogar die Materialität bzw. Substanzialität aus eigenen Antrieb aus
           dem subtilen (ātivāhika)-Körper. „Ich bin dies“, „ich bin das“ - darin bestehen
           die Ideen, die in diesem Körper wie die Berge und die verschiedenen Him-
           melsrichtungen auftauchen, während sie samt und sonders nur bloße Täu-
           schung, Erscheinungen bzw. optische Illusionen sind. Sobald der ātivāhika-
           Körper vom Schöpfer Brahmā als materiell oder als aus physischer
           Substanzialität bestehend gedacht wird, entsteht genau diese Materialität.
             Das Bewusstsein hält sich selbst für Brahmā den Schöpfer. Dann denkt es:
           „Dies ist der Körper“ und „dies ist die Lebensgrundlage des Körpers“, womit
           es eine Beziehung zwischen dem Körper und seiner Lebensgrundlage schafft,
           die dann zur Bindung wird. Sobald es in unwirklichen Phänomenen die Idee
           von Realität gibt, entsteht Bindung. Sobald viele dieser Ideen auftauchen, tritt
           die Vielfalt ins Dasein.
             Diese Person gibt dann Töne von sich, gestikuliert und teilt alles für sie
           Mitteilenswerte mit. Sie singt die Mantras der Veden, nachdem sie OM into-
           niert hat. Schon bald befasst sie sich dann mit Hilfe all dieser Dinge mit den
           verschiedensten Tätigkeiten. Die Person hat die Natur des Gemüts und er-
           fährt, was immer sie ersinnt. Es kann nicht schwierig für jemanden sein, seine


                                                742
eigene Natur und das, was aufgrund dieser Natur in ihm erschienen ist, zu
           erkennen. Sobald die Person innerhalb von sich selbst die Idee der Welt
           wahrnimmt, wird diese schon bald zu einer soliden Realität. Obgleich dieses
           physikalische und materielle Universum nichts als ein langer Traum bzw.
           Zauberkunststück ist, erstrahlt es im subtilen Körper bzw. in Brahmā dem
           Schöpfer wie etwas Wahres.
             Es ist klar, dass das physikalische bzw. materielle Universum nirgendwo
           und zu keinem Zeitpunkt existiert. Der subtile Körper selber erscheint auf-
           grund der Idee von Solidität, wie sie wiederholt in ihm auftaucht, als der
           solide Körper. Seine eigentliche Quelle ist unwirklich. Die einzige Realität in
           all diesem ist Brahman. Es gibt hier nichts anderes als Brahman.
             VASIåèHA fuhr fort: Sobald Erkenntnis zum Objekt des Erkennens gewor-
VI.2:190   den ist, wird es Bindung genannt. Befreiung gibt es, sobald die Erkenntnis
           aufgehört hat, ein solches Objekt zu sein.
             RĀMA fragte: Wie gelangt die feste Überzeugung davon, dass die Erkenntnis
           das Objekt des Erkennens ist, an ein Ende?
             VASIåèHA sprach: Sobald es ein vollständiges Erwachen gegeben hat, endet
           die Stumpfheit der Intelligenz. Dann tritt die Befreiung, die formlos, friedvoll
           und real ist, ins Dasein.
             RĀMA sagte: Worin besteht diese Befreiung, die vollkommene Erkenntnis
           ist und ein Lebewesen von der Bindung befreit?
             VASIåèHA sagte: Erkenntnis hat kein Objekt, dass sie kennen könnte. Er-
           kenntnis ist unabhängig und ewig, sie ist jenseits der Beschreibung und Defi-
           nition. Sobald diese Wahrheit direkt realisiert wird, gibt es vollkommene
           Erkenntnis.
             RĀMA sagte: Worin besteht diese Getrenntheit, die zwischen der Erkennt-
           nis und dem Objekt der Erkenntnis auftaucht? In welchem Sinne verwenden
           wir das Wort „Erkenntnis“?
             VASIåèHA sagte: Vollständiges Erwachen bzw. Erleuchtung ist jñāna bzw.
           Erkenntnis. In ihrer Kontemplation besteht das Mittel eines solchen Erwa-
           chens. In Wirklichkeit gibt es keinerlei Getrenntheit zwischen Erkenntnis und
           dem Objekt des Erkennens.
             RĀMA sagte: Wenn sich dies so verhält, wie konnte dann überhaupt zuerst
           diese irreführende Sichtweise von der Erkenntnis und dem Objekt der Er-
           kenntnis auftauchen und sich fest verankern?
             VASIåèHA sagte: Die Getrenntheit entsteht aufgrund des irrigen Glaubens,
           dass es da noch etwas anderes als die Erkenntnis gäbe, etwas außerhalb von
           dieser selbst. Tatsächlich gibt es da weder innen noch außen etwas.
             RĀMA sagte: All dies scheint so offenkundig zu sein – ich, du usw. und alle
           diese Elemente und die verschiedenen Wesen, die wir als so real erfahren.
           Wie könnte man zugeben, dass sie nicht existierten?



                                                743
VASIåèHA sagte: Die kosmische Person bzw. Virāt und der Kosmos usw.
sind tatsächlich ganz am Anfang der Schöpfung nie ins Dasein getreten. Daher
hat es zu keinem Zeitpunkt ein wie auch immer geartetes „Objekt des Sehens“
gegeben.
  RĀMA sagte: Diese Welt war, ist und wird sein; sie wird alltäglich erfahren.
Wie kann man dann behaupten, sie sei niemals erschaffen worden?
  VASIåèHA erwiderte: Diese Welterscheinung ist so unwirklich wie das aus
ihr sich Ergebende, obwohl alles dies als real erscheint: Die Traumobjekte,
das Wasser in der Luftspiegelung, der zweite Mond des Fehlsichtigen und die
Luftschlösser.
  RĀMA fragte: Wie kann man behaupten, dass „ich“, „du“ usw. nicht einmal
zu Beginn der Schöpfung als solche entstanden sind?
  VASIåèHA erwiderte: Eine Wirkung entsteht aus einer Ursache, nicht aber
andersherum. Während des Stadiums der kosmischen Auflösung, der der
angenommenen Schöpfung vorausgegangen ist, gab es den höchsten Frieden,
in dem keinerlei Ursache für das Entstehen eines Universums vorhanden war.
  RĀMA sagte: Auch während des Stadiums der kosmischen Auflösung blieb
das ungeborene und ewige Wesen unberührt. Weshalb kann dieses nicht als
die Ursache dieser Schöpfung betrachtet werden?
  VASIåèHA erwiderte: In der Wirkung findet sich stets nur das, was auch in
der Ursache ist. Etwas Unwirkliches kann im Wirklichen nicht existieren. Ein
Kleidungsstück kann nicht mit Hilfe eines Kruges produziert werden.
  RĀMA sagte: Vielleicht existiert diese ganze Schöpfung während der kosmi-
schen Auflösung in einem subtilen Zustand in Brahman dem unendlichen
Bewusstsein, und es ist dann nur dieser, der sich selbst während der darauf
folgenden Schöpfung manifestiert.
  VASIåèHA erwiderte: Aber wer hätte die Wahrheit einer solchen Annahme
jemals erfahren? Weshalb Zuflucht zu unbewiesenen Behauptungen nehmen?
  RĀMA sagte: Gewiss haben die Kenner der Wahrheit in diesem Zustand die
Erfahrung gewonnen, dass es da reines und unendliches Bewusstsein gibt.
Natürlich gab es da keinen Raum. Die „reale“ und materielle Welt kann offen-
kundig nicht aus der Leere entspringen.
  VASIåèHA sagte: Falls dies so wäre, dann wären die drei Welten gewiss
nichts als nur reines Bewusstsein. Für denjenigen, dessen Körper reines
Bewusstsein ist, gibt es weder Geburt noch Tod.
  RĀMA fragte: Dann sage mir bitte, wie diese Weltillusion überhaupt in Er-
scheinung treten konnte?
  VASIåèHA erwiderte: In der Abwesenheit von Ursache und Wirkung gibt es
weder Sein noch Nicht-Sein. Wie konnte dann also dieses „Objekt der Wahr-
nehmung“ auftauchen? Es tauchte gar nicht auf – das Selbst denkt an sich
selbst und erfährt sich selbst dann als ein Objekt der Wahrnehmung. All dies
ist nur Bewusstsein und nichts anderes.


                                    744
RĀMA fragte: Das leblose „Objekt der Wahrnehmung“ denkt! Der Höchste
Herr, der der Seher von allem ist, wird zum Objekt. Wie ist dies möglich? Ist
es dem Holz möglich, Feuer zu verbrennen?
   VASIåèHA erwiderte: Der Seher wird nicht zum Objekt der Wahrnehmung,
weil der letztere überhaupt nicht existiert. Der Seher ist stets nur diese eine
Masse des Bewusstseins.
   RĀMA fragte: Das unendliche Bewusstsein wird innerhalb von sich selbst
des Bewusstseins als eines Objekts gewahr, wodurch die Welterscheinung ins
Dasein tritt. Wie entsteht daraus das Objekt?
   VASIåèHA erwiderte: Da die Ursache fehlt, taucht das Objekt als solches
überhaupt nicht auf. Daher ist das Bewusstsein auf immer frei und auf ewig
unbeschreibbar und undefinierbar.
   RĀMA fragte: Wenn dies so ist, wie können dann der Ich-Sinn und die and-
ren Kategorien daraus auftauchen? Wie erfährt man die Welt?
   VASIåèHA erwiderte: Da die Ursache fehlt, taucht keines dieser Dinge je-
mals auf. Wo sollte das Objekt der Wahrnehmung sein? All diese so genann-
ten Objekte sind nur Illusionen aus der Wahrnehmung.
   RĀMA fragte: Wie kann in diesem reinen Bewusstsein, das frei von der Be-
wegung und daher frei vom Gewahrsein eines Objekts ist, die Illusion entste-
hen?
   VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, auch die Illusion gibt es aufgrund des Feh-
lens einer Ursache nicht. All dieses (ich, du und alles andere) ist der eine,
unendliche Friede.
   RĀMA fragte: Hoher Herr, ich bin verblüfft und weiß nicht mehr, was noch
zu fragen wäre. Ich bin vollkommen erweckt oder erleuchtet – was sollte ich
noch fragen?
   VASIåèHA erwiderte: Da die Ursache von all diesem fehlt, befasse dich nicht
länger mit Fragen nach den Ursachen („weshalb“). Dann wirst du leicht in der
höchsten, unbeschreibbaren Realität ruhen.
   RĀMA fragte: Ich akzeptiere, dass es aufgrund fehlender Ursache niemals
eine Schöpfung gegeben hat. Aber für wen entsteht diese Verwirrung bezüg-
lich der Erkenntnis und ihres Objekts eigentlich?
   VASIåèHA erwiderte: Da die Ursache fehlt und da außerdem nur der eine,
unendliche Friede allein existiert, gibt es auch keine Illusion. Du ruhst noch
nicht im Frieden, weil du die Wahrheit noch nicht oft genug kontempliert
hast.
   RĀMA fragte: Wie entsteht Kontemplation und was ist keine Kontemplati-
on? Wir sind schon wieder in derselben Falle gefangen!
   VASIåèHA erwiderte: Tatsächlich gibt es im Unendlichen überhaupt keine
Illusion. Weil Bewusstsein unendlich ist und nie abnimmt, taucht in ihm die-
ses Konzept der wiederholten Kontemplation über diese Wahrheit auf.



                                     745
RĀMA fragte: Falls all dies der eine, unendliche Friede ist, worin besteht
dann die Bedeutung der Worte „Lehrer“ und „Schüler“ und wie ist diese Dua-
lität überhaupt entstanden?
   VASIåèHA erwiderte: „Lehrer“ und „Schüler“ sind beide Brahman, der in
Brahman existiert. Für den Erleuchteten gibt es weder Bindung noch Befrei-
ung.
   RĀMA fragte: Wenn die Vielfalt von Zeit, Raum, Materie, Energie und alles
andere nicht existiert, wie ist dann das Konzept des Einsseins dieser Vielfalt
entstanden?
   VASIåèHA erwiderte: Die Vielfalt von Zeit, Raum, Materie, Energie (Tätig-
keit) und Erfahren existiert nur in der nicht-existierenden Unwissenheit. Ein
davon unabhängiges Konzept gibt es nicht.
   RĀMA fragte: Wenn die Dualität von „Lehrer“ und „Schüler“ falsch ist, was
ist dann Erwachen oder Erleuchtung?
   VASIåèHA erwiderte: Erwachen wird durch Erwachen erlangt und danach
wird das Konzept des „Erwachens“ klar verstanden. Natürlich ist all das nur
für Leute wie dich verständlich, nicht aber für uns.
   RĀMA fragte: Wenn also die Erleuchtung selbst auf den Ich-Sinn bezogen
ist, wird sie selbst zu etwas anderem als der Erleuchtung. Wie kann eine
solche Getrenntheit im reinen, unteilbaren Bewusstsein erscheinen?
   VASIåèHA erwiderte: Der Licht des Erleuchteten selbst ist das Selbst-
Gewahrsein. Die scheinbare Getrenntheit bzw. Dualität ist wie der Wind und
dessen Bewegung.
   RĀMA sagte: Wenn das die Wahrheit ist, dann wäre es auf der Grundlage
der Analogie vom Ozean und den nicht von diesem unterschiedenen Wellen
unmöglich, die Existenz der Vielfalt (der Kenner, das Kennen und das Objekt
des Kennens) zu akzeptieren.
   VASIåèHA erwiderte: Falls dies akzeptiert würde, gäbe es keinen Mangel in
der Getrenntheit, obgleich die Wahrheit darin besteht, dass die Realität das
eine, unteilbare Bewusstsein ist.
   RĀMA sagte: Hoher Herr, in wem taucht der Ich-Sinn auf und wer erfährt
diese Welterscheinung bzw. Illusion?
   VASIåèHA erwiderte: Nur die Überzeugung von der Realität des Objekts der
Erfahrung führt zur Bindung. Es genügt zu wissen, dass das Objekt nicht
existiert. Da Bewusstsein alles ist, gibt es weder Bindung noch Befreiung.
   RĀMA sagte: Eine Lampe beleuchtet Objekte, die daraufhin sichtbar wer-
den. Erleuchtet auch das Bewusstsein äußere Objekte, die real sind?
   VASIåèHA erwiderte: Die äußere Welt verfügt über keine Ursache für ihre
Schöpfung. Eine Wirkung taucht ohne Ursache nicht auf. Daher handelt es
sich um eine illusorische Wahrnehmung.




                                    746
RĀMA sagte: Ob man ihn nun als real oder irreal erachtet – ein Albtraum
verursacht Pein, so lange er andauert. Ebenso steht es auch mit der Welter-
scheinung. Wie können wir dies überwinden?
  VASIåèHA erwiderte: So wie der Albtraum und die durch ihn verursachte
Pein beim Aufwachen aufhören, so hört der durch die Wahrnehmung der
Weltillusion verursachte Kummer auf, sobald man von dieser Illusion erwacht
und sich beständig der Anhaftung und des Anklammerns an die Objekte der
Welt enthält.
  RĀMA fragte: Wie erlangt man das Objekt, das einen glücklich macht? Wie
gelangt außerdem die vermeintliche Solidität der Objekte dieses Weltraums
an ihr Ende?
  VASIåèHA erwiderte: Durch Erforschung des „davor“ und des „danach“ hört
die Solidität der Substanzen auf. Durch die Kontemplation der Wahrheit, dass
dies sogar für den Traum zutreffend ist, hört der Glaube an die Grobheit die-
ser Substanzen auf.
  RĀMA fragte: Was sieht man, sobald dieser Glaube geschwächt ist? Wie hört
diese Weltillusion in der Weltsicht dieser Person auf?
  VASIåèHA erwiderte: In ihrer Sicht besitzt die unwirkliche Welterscheinung
den Charakter eines Schlosses in der Luft oder eines Gemäldes, das vom
Regen ausgewaschen wurde. Sein Gemüt ist daher frei von vāsanā bzw. psy-
chologischer Konditionierung.
  RĀMA fragte: Was geschieht danach mit ihm?
  VASIåèHA erwiderte: Die Welterscheinung, die als bloße Idee existiert, ver-
blasst. Schon bald ist er vollkommen frei von den Begrenzungen und der
Konditionierung.
  RĀMA fragte: Gewiss hat seine Konditionierung im Verlaufe der Zeit auf-
grund ihrer viele Leben lang andauernden Wiederbelebung und Vertiefung
tiefe Wurzeln geschlagen. Wie kann sie aufhören?
  VASIåèHA erwiderte: Durch die Erkenntnis der Wahrheit, dass sämtliche
Objekte und Substanzen im Selbst bzw. unendlichen Bewusstsein als verdreh-
te Ideen existieren, gelangt sein Anhaften an jene Substanzen (und vice versa)
an ein Ende. Das Rad des saæsāra dreht sich langsamer und stoppt irgend-
wann.
  RĀMA fragte: Was geschieht danach und wie erlangt er den Frieden?
  VASIåèHA erwiderte: Wenn so die Illusion der Solidität der Objekte aufge-
hört hat und sogar die Bemühungen zur Auflösung dieser Illusion an ein Ende
gelangt sind, hört jedes Vertrauen in die Welt auf.
  RĀMA fragte: Weshalb verursacht das Aufhören dieser Welterscheinung,
die als Idee sogar im Gemüt eines Kindes existiert, keine Schmerzen?
  VASIåèHA erwiderte: Wie könnten Schmerzen dadurch entstehen, dass ein
nicht existierendes Objekt aufgegeben wird? So lange es Gedanken, Ideen,



                                    747
Konzepte und Wahrnehmungen im Verstand gibt, sollte man sich mit der
Ergründung ihrer Natur befassen.
  RĀMA fragte: Was ist das Gemüt (cittam), wie ergründet man dessen Natur
und worin besteht die Frucht einer solchen Ergründung?
  VASIåèHA erwiderte: Bewusstsein wird seiner selbst als ein Objekt gewahr
und dies wird cittam (Gemüt) genannt. Die Ergründung besteht in der Er-
gründung seiner Aktivität. Dadurch gelangt die mentale Konditionierung an
ein Ende.
  RĀMA fragte: Wie ist es für dieses cittam möglich, unkonditioniert zu wer-
den, damit nirvāïa erlangt werden kann?
  VASIåèHA erwiderte: Ein Objekt oder eine mentale Konditionierung ist kei-
ne Realität. Daher ist auch cittam keine reale Wesenheit.
  RĀMA sagte: Und doch erfahren wir ihre Existenz!
  VASIåèHA erwiderte: Die Welt ist nicht das, als was sie in den Augen der
Unwissenden erscheint. Was real ist, ist in den Augen der Erleuchteten
unbeschreibbar.
  RĀMA sagte: Worin besteht die Sichtweise der Unwissenden? Und weshalb
ist sie in den Augen der Erleuchteten unbeschreibbar?
  VASIåèHA erwiderte: Der Unwissende nimmt die Welt so wahr, als ob sie
einen Anfang und ein Ende hätte. Der Erleuchtete sieht sie wiederum über-
haupt nicht, da sie überhaupt niemals erschaffen wurde und daher auch nicht
existiert.
  RĀMA sagte: Wie kommt es dann aber, dass wir ihre Existenz erfahren?
  VASIåèHA erwiderte: Sie wird so wie ein Objekt im Traum erfahren, das in
Wahrheit nicht existiert.
  RĀMA fragte: Dann geschieht es wohl aufgrund der vorherigen Erfahrungen
im Wachzustand, dass das Traumobjekt erfahren wird.
  VASIåèHA sagte: Beziehen sich denn diese beiden Erfahrungen auf dasselbe
Objekt?
  RĀMA fragte: Aufgrund der durch den Wachzustand im Gemüt entstande-
nen Eindrücke erscheinen nur solche Erfahrungen im Traum.
  VASIåèHA erwiderte: Weshalb geschieht es dann in diesem Fall, dass das im
Traum zerstörte Haus beim Aufwachen als noch existierend gesehen wird?
  RĀMA sagte: Natürlich ist die Realität des Wachzustandes während des
Traumes nicht real. Was erscheint, ist Bewusstsein (Brahman). Wie kann aber
etwas, was es zuvor nicht gegeben hat, ins Dasein treten?
  VASIåèHA erwiderte: Es ist reines Bewusstsein, das zu allen Zeiten so er-
strahlt, als wäre all das schon immer erfahren worden, unabhängig davon, ob
dies auch tatsächlich der Fall ist.
  RĀMA fragte: Hoher Herr, wie wird man diese Illusion los?


                                   748
VASIåèHA erwiderte: Ergründe: „Wie ist dieser saæsāra entstanden, wenn
es keinerlei Ursache für sein Dasein gibt?“
  RĀMA sagte: Das Gemüt (cittam) ist die Grundlage der Traumobjekte, die
daher nichts anderes als das Gemüt sind. Genauso verhält es sich auch mit
der Welt.
  VASIåèHA sagte: Das Gemüt ist nicht verschieden von der Masse reinen
Bewusstseins. Es gibt da nichts anderes.
  RĀMA sagte: So wie der Körper nicht verschieden von den Gliedern ist, aus
denen er besteht, so ist das Universum nicht verschieden von Brahman.
  VASIåèHA sagte: Daher wurde die Welt also überhaupt nicht erschaffen. Sie
ist das ewige Brahman.
  RĀMA sagte: Ich erkenne, dass die Illusion der Schöpfung und Auflösung
der Welt reine Koinzidenz ist, die von den illusorischen Ideen des „ich bin der
Täter“ und „ich erfahre“ begleitet wird.
  RĀMA sagte:
                                                                                   VI.2:191
  Hoher Herr, diese Welt ist zu allen Zeiten und auf jede Weise von der höchs-
ten Realität erfüllt und daher taucht sie weder auf noch hört sie auf. Die Welt-
erscheinung ist eine Illusion – ob sie nun als eine Illusion betrachtet wird
oder nicht, so ist sie doch in Wahrheit nur Brahman.
  VASIåèHA sagte: Brahman erstrahlt in sich selbst per Koinzidenz (wie eine
reife Kokosnuss beim Landen einer Krähe darauf fällt), was durch sich selbst
und in sich selbst als diese Schöpfung gekannt wird.
  RĀMA sagte:
  Hoher Herr, sage mir, wie das Licht des unendlichen Bewusstseins erstrah-
len kann, bevor die Schöpfung beginnt und nachdem sie aufgelöst worden ist,
und wie es zugleich mit einer Getrenntheit darin erstrahlen kann?
  VASIåèHA sagte:
  Gewahre das Licht des unendlichen Bewusstseins innerhalb von dir selbst
durch dein Selbst. Licht wird nur in Beziehung zu etwas anderem erfahren.
Da es von Anfang an keine Getrenntheit bzw. Dualität gab, erfahre dieses
Licht innerhalb von dir selbst. Dieses Licht selbst ist der Seher, das Sehen und
das Gesehene (Objekt). Dieses Licht des Bewusstseins selbst erstrahlt zu
Beginn der Schöpfung als diese Schöpfung. Das eine Bewusstsein leuchtet als
die Drei (das Subjekt, das Objekt und die Erfahrung) und erscheint zu Beginn
der Schöpfung als die Schöpfung. Darin besteht seine eigene Natur, nämlich
dass es durch sich selbst leuchtet.
  Darin besteht auch die Erfahrung von Träumen und Tagträumen oder Hal-
luzinationen, nämlich dass das Licht des Bewusstseins auch in diesen leuch-
tet. Was als die Welt im Raum erstrahlt, ohne Anfang und ohne Ende, ist die-
ses Licht des Bewusstseins. Die Emanation seines Lichtes erstrahlt als diese
Universen.



                                     749
Dieses Licht des Bewusstseins leuchtet auf natürliche Weise in uns, den Er-
           leuchteten, ohne jede Getrenntheit in Subjekt und Objekt. Zu Beginn der
           Schöpfung jedoch gab es weder Subjekt noch Objekt – daraus ist dann später
           wie die fälschliche Wahrnehmung eines Mannes in einem Baumstamm diese
           aus der Unwissenheit geborene Getrenntheit hervorgegangen. Da es jedoch
           keinerlei Ursache für diese Getrenntheit gegeben hat, ist deutlich geworden,
           dass sogar jetzt nur das Licht des Bewusstseins als all dies hier leuchtet.
             Es gibt weder einen Wachzustand noch einen Traumzustand noch über-
           haupt einen Tiefschlafzustand. Überall gibt es nur Brahman, das seit Beginn
           der Schöpfung an erstrahlt. Dieses Brahman erachtet dieses Universum als
           einen eigenen Körper – was als die Welt gekannt wird, ist von Brahman nicht
           verschieden.
             RĀMA sagte:
VI.2:192
             Oh weh, wie lange Zeit hindurch haben wir doch, ohne die Realität zu ken-
           nen, in Täuschung diesen unendlichen Raum durchwandert. Diese Illusion
           der Welterscheinung schwindet, sobald man erweckt und erleuchtet ist. Dann
           erkennt man, dass sie niemals gewesen war, nicht ist und niemals sein wird.
           All dies ist reines Bewusstsein und höchster Friede – es existiert als das Un-
           endliche.
             All dies ist in der Tat das höchste Bewusstsein, welches uns als der saæsāra
           erscheint, weil wir seine wahre Natur noch nicht richtig verstanden haben. Es
           ist das höchste Wesen selbst, welches als das Objekt solcher Aussagen wie:
           „Dies ist verschieden“, „es leuchtet wie dieses“, „dies sind die Welten“ und
           „dies sind Berge“ erscheint.
             Zu Beginn der Schöpfung und mit dem Anfang des eigenen Lebens in der
           anderen Welt wie auch zu Beginn eines Traumes oder einer Träumerei gibt es
           nur Bewusstsein, das als sein eigenes Objekt auftaucht. Wie könnte es da ein
           Anderes geben? Sobald es die Idee: „Ich bin im Himmel oder ich bin in der
           Hölle“ gibt, erfährt man dies als eine Tatsache.
             Da ist kein Seher, kein Objekt, keine Schöpfung, keine Welt und nicht einmal
           Bewusstsein; da sind weder Wachen noch Träumen noch Schlaf. Was zu sein
           scheint, ist ebenfalls irreal. Wenn man ergründet: „Wie konnte diese illusori-
           sche Wahrnehmung der Nicht-Realität ins Dasein treten?“, dann ist diese Art
           einer Ergründung unrichtig, denn wie kann eine Illusion zu einer Realität
           werden? Im Bewusstsein, das unanfechtbar ist, kann keine Illusion auftau-
           chen. Was daher als eine Illusion erscheint, ist ebenfalls Bewusstsein.
             Die illusorische Wahrnehmung entsteht wie der eigene Tod im Traum auf-
           grund von Missverständnis. Ergründet man die Natur der Realität, hört der
           Traum auf. Es ist hier wie mit der Furcht vor Gespenstern im Verstand des
           kleinen Jungen – sie wird tiefverwurzelt, sobald da keine Ergründung ist, und
           sie hört auf, sobald Ergründung geschieht.
             Daher ist die Fragestellung: „Wie konnte das Unwirkliche ins Dasein treten“,
           unrichtig – nur die Ergründung betreffend die Realität, nicht jedoch die Irrea-


                                                750
lität, ist sinnvoll. Was bei der Ergründung nicht realisiert werden kann, ist
irreal, und falls es als real erfahren wird, ist diese Erfahrung eine Täuschung.
Wenn ein Ding auch nach intensiver und langwieriger Forschung nicht ent-
deckt werden kann, muss es gewiss wie der Sohn der unfruchtbaren Frau
inexistent sein.
   Dann aber kann aber das Unwirkliche auch nicht zu irgendeiner Zeit exis-
tieren. Daher ist all dies hier von der Masse des Bewusstseins ohne alle
Schleier durchdrungen und gesättigt. Was als die Welt erstrahlt, ist nur das
höchste Wesen – nur das höchste Wesen existiert als das höchste Wesen. Es
gibt da weder Licht noch Dunkelheit. Das höchste Wesen allein existiert als
das, was auch immer existiert.
   RĀMA sagte:
                                                                                     VI.2:193-
   Nur diese Realität, die anfanglos und endlos und sogar den Göttern und               194
Weisen nicht bekannt ist – nur diese Realität erstrahlt. Was ist „Welt“ und was
ist „Objekt“? Genug von diesen verwirrenden Debatten über Einheit und
Vielfalt. Das, was schon zu Beginn war, dieser Friede, der ist wandellos. So wie
es Raum (Entfernung) im Raum gibt, so gibt es diese Schöpfung in Brahman,
dem unendlichen Bewusstsein. Sobald diese Erkenntnis im jīva auftaucht, legt
sich dieser Kobold namens saæsāra zur Ruhe, obschon er immer noch zu
existieren scheint. Sobald die Sonne der Unwissenheit untergegangen ist,
hört die Hitze der Sorgen auf und das Zwielicht namens „Überzeugung von
der Realität des saæsāra“ gelangt an ein Ende. Frei von der Unwissenheit
geht der Kenner der Wahrheit seinen verschiedenen Tätigkeiten nach, wie
diese als Teil seines Lebensschicksals bestehend aus Geburt, Tod und Altern
usw. auf ihn kommen. Er fährt fort zu sein, obgleich er in Wahrheit nicht ist.
   Es gibt hier weder Unwissenheit noch Kummer noch Vergnügen. Erkenntnis
und Unwissenheit, Vergnügen und Schmerz sind nur Brahman allein. Im Licht
der Erkenntnis wird es als Brahman realisiert – in der Abwesenheit der Er-
kenntnis gibt es nichts, was man als Nicht-Brahman bezeichnen könnte. Ich
bin erleuchtet, meine sämtlichen verdrehten Gedanken sind zur Ruhe ge-
kommen. Ich bin im Frieden und im Gleichmut verankert. Ich bin Das, und ich
betrachte diese Welt nun als reine Leerheit. Vor der Erleuchtung war Brah-
man, aber als Unwissenheit betreffend das Selbst; nun ist dasselbe Brahman
da als Selbsterkenntnis. Als Erkenntnis oder als Unwissenheit, als Gekanntes
oder Ungekanntes – nur Brahman ist da zu allen Zeiten, so wie der Himmel
einer ist, obwohl er leer ist; er ist ungeteilt und er ist blau.
   Ich bin nirvāïa. Ich bin frei von Zweifeln. Ich bin frei. Ich bin die Seligkeit
selbst. Ich bin wie ich bin, als das Unendliche. Ich bin das Alles zu allen Zeiten
oder ich bin nichts und im Frieden. Ich bin die eine Realität und ich bin nicht.
Wunderbar ist doch dieser höchste Friede. Was zu gewinnen war, wurde
gewonnen. Die Wahrnehmung der Objekte wurde aufgegeben. Die Morgen-
dämmerung der wahren Erleuchtung geschah und diese wird nie wieder
untergehen. Die erleuchtete Intelligenz erfährt alles, was immer es auch sei,
als das was es ist. Zahllose Universen erscheinen und verschwinden die ganze


                                      751
Zeit über im unendlichen Bewusstsein. Manche werden von einigen erblickt
und andere nicht. Wer könnte sie zählen? Die Unterscheidung zwischen den
Organen und dem Organismus ist willkürlich und rein verbal. Ebenso verhält
es sich auch mit Brahman und dem Universum. Der erstere allein ist, aber das
letztere nicht. Sobald dies realisiert wird, gibt es da das Aufhören des Verlan-
gens und dann den höchsten Frieden, der nirvāïa ist.
  Diese Erleuchtung wird nicht durch die buddhi bzw. den Intellekt herbeige-
führt. Sie wird auch nicht durch die Unterdrückung des Denkens erzielt. Er-
leuchtung ist ihrer selbst nicht gewahr, das sie kein Objekt des Gewahrseins
ist.
  RĀMA fuhr fort:
  Das Erwachen bzw. die Erleuchtung geschieht durch sich selbst, so wie das
Strahlen der Sonne zur Mittagszeit. Sämtliche Verlangen und Wünsche gelan-
gen in der erleuchteten Person an ein Ende. Nirvāïa taucht in ihm ohne sei-
nen Wunsch danach auf. Diese Person ist für immer in der Meditation, sie ist
stets in ihrer eigenen realen Natur verankert, sie sucht daher nach nichts und
weist nichts zurück. Wie eine Lampe, in deren Licht sämtliche Tätigkeiten
stattfinden und an denen die Lampe selbst nicht interessiert ist, lebt und
agiert sie und ist dabei frei von jeder Willentlichkeit.
  Nur das unendliche Bewusstsein existiert – es manifestiert sich als die
Schöpfung und wird dann Brahmā genannt. Wer dies zu sehen vermag, ruht
im Frieden. Alle Objekte dieses Universums sind tatsächlich nicht von diesem
unendlichen Bewusstsein verschieden. Jenseits dessen ruhen die Kenner der
Wahrheit im unendlichen Bewusstsein, was jedoch gänzlich unbeschreibbar
und undefinierbar ist. Sogar Ausdrücke wie „nur das“ sind unangemessen
und irreführend.
  Dieser saæsāra ist voller Sorgen – nirvāïa dagegen ist voller Kühle. Das
letztere ist die Realität, das erstere nicht. Wie die noch nicht geschnitzten
Bilder, die im Holz existieren, existiert dieser saæsāra im unendlichen Be-
wusstsein, das unteilbar ist, aber von den verschiedenen Wesen verschieden
erfahren wird, von denen jedes einzelne aus diesem Bewusstsein
herausschnitzt, was es sich wünscht, seien dies nun Vergnügen oder die Be-
freiung. Jedoch sind alle diese ihrem Wesen nach die Wirklichkeit selbst – so
wie die geschnitzten Figuren ihrem Wesen nach nicht verschieden vom Holz
sind. Das im Traum gesehene Leben oder der Tod von Verwandten hat auf
den, der aus dem Schlaf erwacht, keinerlei Auswirkung – ebenso sind die
Erleuchteten unberührt von der Welterscheinung.
  Sobald all dies als das eine, unendliche Bewusstsein gesehen wird, gibt es
keinerlei Raum mehr für Täuschung. Das Verlangen hört auf. Das Aufhören
des Verlangens verstärkt wiederum das Erwachen bzw. die Erleuchtung, und
das letztere verstärkt wiederum das Aufhören des Verlangens. Dieses Aufhö-
ren des Verlangens ist das Gütesiegel der Erleuchtung. Wenn dieses Aufhören
des Verlangens nicht stattfindet, ist da nicht Erleuchtung, sondern nur



                                     752
Gelehrtentum, das tatsächlich nichts anderes als Unwissenheit oder Laster-
haftigkeit ist. Wenn diese beiden einander nicht begleiten und fördern, sind
sie beide offensichtlich inexistent und abwesend. Das vollkommene Aufhören
des Verlangens, geboren aus vollkommener Erleuchtung, ist selbst die Er-
leuchtung. Sobald dies erlangt wurde, erfährt man keinen Kummer mehr,
obwohl man weiterlebt.
  Für denjenigen, der in seinem eigenen Selbst ruht und sich am Selbst er-
freut, dessen Verlangen aufgehört hat und dessen Ich-Sinn abwesend ist, wird
das Leben nicht-willentlich und daher zu vollkommener Reinheit. Nur einer
von einer Million jedoch ist fähig, dieses unkonditionierten Zustand reines
Seins zu erlangen.
  VASIåèHA sagte:
                                                                                   VI.2:195
  Bravo, oh Rāma, denn du hast Erleuchtung erlangt! Deine Worte besitzen
die Kraft der Erleuchtung. Die hier scheinbar existierende Unwirklichkeit
verschwindet, wenn sie nicht mehr wahrgenommen wird oder wenn nicht
mehr an sie gedacht wird. Dieser höchste Friede ist nirvāïa und das ist die
höchste Wahrheit. Dieser Zustand, in dem der Erleuchtete existiert, als würde
er – ob er nun allein und in Ruhe oder mit verschiedenen Tätigkeiten befasst
ist – im Innern eines Felsens leben, ist der Zustand der Reinheit und das ist
Befreiung. Wir leben in diesem Zustand, oh Rāma, obwohl wir beständig mit
den verschiedensten Tätigkeiten befasst sind. Ruhe auch du nun in diesem
Zustand und setze deine normalen Tätigkeiten fort.
  Sage mir, oh Rāma, nun bitte, auf welche Weise du diese Welt, die als so real
erscheint, als inexistent erkennst.
  RĀMA erwiderte:
  Diese Welt wurde von Anfang an nicht erschaffen. Wie könnte man dann
jetzt von ihrer Existenz ausgehen? Sie hat keine Ursache – wie kann es eine
Wirkung ohne eine Ursache geben? Wandel beinhaltet das Aufhören eines
Zustandes und das Auftauchen eines Folgezustandes. In der wandellosen
Realität ist dies unmöglich. Wenn man diese Welt als eine illusorische Er-
scheinung betrachtet, die eingebildeterweise in Brahman existiere, dann ist
sie eben nichts als eine Einbildung. Im Traum wird ein Augenblick als eine
Ewigkeit erfahren – auf dieselbe Weise wird die Zeit in dieser Welterschei-
nung zusammen mit der Sonne und dem Mond, auf denen die Zeit basiert,
erfahren.
  Im unendlichen Bewusstsein gibt es diese Idee der Schöpfung zusammen
mit allen ihren Folgeerscheinungen wie Zeit, Raum usw. Diese Nicht-
Wesenheit scheint tätig zu sein, was ebenfalls falsch ist. Das zufällige Auftau-
chen dieser Idee dauert an und vertieft sich dadurch.
  Andernfalls müsste man sie als real erachten. Aber wie könnte das Falsche
auch nur als real erscheinen? Vielleicht ist da aber auch kein solches Ding wie
das Reale und das Nichts als Irreales. Was auch immer ist, ist. Das was ist, ist
so klar wie der Himmel, so voll wie das Innere eines Felsens, so still und


                                     753
friedvoll wie ein Stein und unendlich. Solcherart ist die Schöpfung. Denn
diese Schöpfung existiert im reinen, unendlichen Bewusstsein, das die Wirk-
lichkeit sämtlicher Gedanken und Konzepte ist, die zusammen wie schon
immer den subtilen Körper des unendlichen Bewusstseins bilden. Das reine
Erfahren bzw. das Gewahrsein, welches in diesem Körper auftaucht, wird die
Schöpfung genannt. Daher ist diese Schöpfung selbst Brahman.
   Im höchsten Wesen selbst existiert das „andere“ (die Schöpfung) – die letz-
tere gehört zum ersteren und ist von diesem nicht verschieden. Daher ist
dieses selbst der höchste Friede. Es gibt da weder eine Schöpfung noch eine
Bewegung noch eine Aktivität. Sobald der Traum als Traum realisiert wird,
schwindet die falsche Idee. Das Gewahrsein lässt sein Objekt (die Welt) fallen
und ruht im unendlichen Bewusstsein.
   VASIåèHA fragte:
  Weshalb sollten wir nicht davon ausgehen, dass Brahman die Ursache der
Schöpfung ist, so wie der Same die Ursache für den Keimling ist?
  RĀMA erwiderte:
  Der Keimling im Samen wird als Keimling nicht gesehen, sondern nur als
Same. Daher ist er nur Same. Auf dieselbe Weise existiert diese Welt in Brah-
man; sie ist nur Brahman und nicht die Welt; Brahman wird keinerlei Wandel
unterworfen. Da Brahman wandellos und formlos ist, kann man unmöglich
akzeptieren, dass es die Welt, die wandelhaft und mit Form versehen ist,
entstehen ließe. Zu behaupten, dass diese Schöpfung im unteilbaren Brahman
liege wie der Edelstein im Schmuckkästchen, ist nur Wortgeklingel. Auch die
Theorie, das höchste Brahman sei die Grundlage des Universums, welches
eine Form hat, ist nicht akzeptabel, da das Formhafte verderben muss. Das
Konzept, dass diese Welt nichts als ein sich materialisierendes Traumobjekt
sei, ist ebenfalls zu verwerfen, denn die Traumobjekte sind jene, die von
einen selbst erfahren worden sind. Wach- und Traumrealitäten gehören je-
doch zwei verschiedenen Ebenen an, denn dieselbe Person, die von ihrem
eigenen Tod geträumt hat, taucht beim Erwachen wieder auf. Daher wurde
die Welt nicht einmal als ein Traumobjekt erschaffen. So wie das Traumobjekt
nur Bewusstsein ist, so ist alles als die Welt wahrgenommene nur das eine,
unendliche Bewusstsein.
  Es gibt weder etwas wie „real“, „irreal“, „Erfahrender“ oder „Erfahrung“
noch werden diese Dinge erfahren. Was auch immer ist, ist als solches
unbeschreibbar. Im unendlichen Bewusstsein sind alle diese Unterscheidun-
gen zwischen „Sein“ und „Nicht-Sein“ verschwunden. Brahman existiert als
Brahman in Brahman so, wie der Raum im Raum als Raum existiert. Was man
als die Schöpfung kennt, ist nur das unteilbare Brahman. So wie der einmal
gesäte Same zu sprießen beginnt, so wird aus der Bewegung in Brahman
etwas Beschreibbares. Sämtliche Wesen im Universum sind in meinen Augen
erleuchtet. Für diejenigen, die diese Welt für real halten, erscheint sie als real;
für diejenigen, die Selbsterkenntnis besitzen, ist sie eine falsche Erscheinung.
In Wahrheit ist nur Brahman allein.


                                       754
In der Sichtweise der Kenner der Wirklichkeit ist alles Existierende (sowohl
das Fühlende und das Leblose als auch das Bewegliche und das Unbewegli-
che) reine Leere. Ich bin Leere, du bist Leere, das Universum ist reine Leere.
Ich grüße das Beste aller Wesen, das wie grenzenloser Raum ist, das Er-
kenntnis wie der grenzenlose Raum besitzt und das frei von der Subjekt-
Objekt-Beziehung (Kenner und Kennbares) ist. Du hast die in den Schriften
beschriebenen Zustände transzendiert und bist im höchsten, nondualen
Bewusstsein verankert.
  Diese höchste Wahrheit wird nur in totaler Stille erlangt, nicht aber durch
Logik, Debatte und Argumentation.
  RĀMA sagte:
                                                                                   VI.2:196,
  So ist also, oh Weiser, deutlich geworden, dass die Selbsterkenntnis jenseits       197
der Wortspiele ist. Wie könnte sie mit Hilfe der einander widersprechenden
Aussagen der Schriften erlangt werden? Falls sie so nicht erlangt werden
kann – worin sollte dann der Nutzen der Schriften bestehen? Bitte sage mir,
ob sich die Selbsterkenntnis aus den Anweisungen des Hauslehrers und dem
Studium der Schriften ergibt.
  VASIåèHA sprach:
  Es ist wahr, oh Rāma, dass das Studium der Schriften nicht die Ursache für
das Erlangen der Selbsterkenntnis darstellt. Die Schriften setzen sich aus
verschiedenen Aussagen zusammen – das höchste Wesen dagegen ist
unbeschreibbar. Jedoch möchte ich dir nun erklären, auf welche Weise das
Studium der Schriften mit der Selbsterkenntnis verknüpft werden kann.
  Die Einwohner eines gewissen Dorfes hatten längere Zeit hindurch Missge-
schick erfahren. Sie hungerten und starben. Bedrückt durch Armut und Elend
begannen sie nach Wegen und Mitteln für den Erwerb ihres Lebensunterhalts
zu suchen. Sie entschlossen sich dazu, in einen nahebei gelegenen Wald zu
gehen, Feuerholz zu sammeln und zu verkaufen und so für den Lebensunter-
halt zu sorgen.
  Auf diese Weise verdienten sie dann ihren Lebensunterhalt. In demselben
Wald fanden sie eines Tages Edelsteine, die manchmal versteckt und manch-
mal offen zutage lagen. Von den Menschen, die in den Wald nach Feuerholz
gingen, fanden einige diese kostbaren Steine, andere hervorragendes Sandel-
holz, andere wiederum Früchte und noch wieder andere überhaupt nichts
außer nutzlosem Feuerholz. Diejenigen, die die Edelsteine gefunden hatten,
waren fortan frei von Armut und Sorge.
  Als alle so mit dem Sammeln von Feuerholz und dem Verdienst des Lebens-
unterhalts beschäftigt waren, fanden sie eines Tages den Stein der Weisen
(der einem alle Wünsche erfüllt). Mit seiner Hilfe setzen sie sich in den Besitz
all dessen, was sie erhofften und erwünschten und lebten für immer glücklich
und zufrieden. Sie hatten nach Feuerholz gesucht, aber dabei tatsächlich den
überaus kostbaren Stein der Weisen gefunden.



                                     755
Die Dörfler in dieser Geschichte stehen für die Bewohner der Erde. Ihre
Armut ist die schlimmste Art von Armut, denn es ist die Unwissenheit, die die
Quelle allen Kummers ist. Der Wald der Geschichte steht für den spirituellen
Lehrer und die Schriften. In den Wald gingen sie auf der Suche nach der Be-
friedigung ihrer Bedürfnisse – auf dieselbe Art nehmen die Menschen zur
Befriedigung ihrer Bedürfnisse die Hilfe der Lehrer und der Schriften in An-
spruch. Im Laufe der Zeit dann erlangten sie mit der Hilfe der Anweisunge
der Lehrer und der Schriften etwas weitaus Kostbareres als das ursprünglich
verlangte. Diejenigen, die nach Feuerholz gesucht hatten, bekamen den Stein
der Weisen. Menschen, die ihre Zuflucht zu den Schriften nehmen und sich
dadurch die Erfüllung ihrer Hoffnungen versprechen, erlangen die höchste
Wahrheit.
  VASIåèHA fuhr fort:
  Manche Menschen treibt die Neugierde oder der Zweifel („Was kann das
Studium der Schriften wohl bewirken?“) zum Studium der Schriften, während
andere in ihnen den Schlüssel zu Reichtum und Vergnügen in ihnen zu finden
hoffen. Wieder andere nehmen das Studium der Schriften aus anderen Be-
weggründen auf. So wie die Dörfler auf der Suche nach Feuerholz den Stein
der Weisen fanden, so finden diejenigen Menschen, die die Schriften aus den
unterschiedlichsten Erwägungen heraus studieren, die höchste Wahrheit. Bei
all diesen Bemühungen werden die Menschen von den Heiligen angeleitet,
die sich der Wohlfahrt der Menschheit verpflichtet fühlen. Die Menschen
erkennen, dass die Heiligen die Schriften nicht für andere Zwecke als nur für
das Erlangen des höchsten, spirituellen Ziels verwenden. Durch sie inspiriert,
beginnen dann auch die Menschen die Schriften zu studieren.
  So wie manche Dörfler Sandelholz usw. im Wald gefunden haben, so erlan-
gen auch manche von denen, die die Schriften studieren, entweder Vergnü-
gen, Wohlstand oder Anleitung zu rechtem Verhalten. Nur diese drei Arten
werden in den Schriften dargelegt, während die Erkenntnis des Brahman
jenseits jeder Beschreibung ist und daher in den Unterweisungen der Schrif-
ten nicht gefunden werden kann.
  Die direkte Erkenntnis der höchsten Wahrheit wird weder durch das Studi-
um der Schriften noch durch das Anhören der Unterweisungen des Hausleh-
rers noch durch die Verehrung der Götter erlangt. Denn diese befindet sich
jenseits von all dem. Ich werde dir aber nun erklären, weshalb diese Mittel,
obwohl untauglich, trotzdem als eine Möglichkeit zur Erlangung der Selbst-
Verwirklichung betrachtet werden. Durch die Praxis der Anweisungen der
Schriften wird das Gemüt rein und transparent und dann kann man – ohne
überhaupt den Wunsch danach zu hegen – die höchste Wahrheit sehen. Die
Schriften unterstützen den sātivka-Teil der Unwissenheit, der in der Reinheit
des Gemüts besteht. Diese Reinheit zerstört den tāmasischen (dumpfen) Teil
der Unwissenheit.
  Nur durch ihr Erscheinen am Himmel spiegelt sich die Sonne im Ozean wi-
der, ohne dass beide von ihnen die Absicht dazu hegen. Ebenso wird durch


                                    756
das simple Zusammentreffen von Schrift und Sucher die Wahrheit im letzte-
ren reflektiert. Ein Kind mit schmutzigen Händen greift in den Schlamm und
reibt mit ihm seine Hände und wäscht sie dadurch – dadurch werden die
Hände sauber. Auf dieselbe Weise reinigen die Schriften das Gemüt und das
reine Gemüt reflektiert die Wahrheit.
  Überall im Himmel gibt es Licht, aber nur durch das Zusammentreffen mit
einem reflektierenden Objekt gibt es Beleuchtung. Auf dieselbe Weise gibt es
Erleuchtung, wenn die Schriften (oder der Guru) mit dem Sucher zusammen-
treffen. Daher wird die höchste Wahrheit realisiert, sobald man mit der Hilfe
der Worte des Hauslehrers, satsaÇga (Gemeinschaft mit Heiligen), Selbstbe-
herrschung und Geisteskontrolle über die wahre Bedeutung der Schriften
nachdenkt.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:198
  Ich werde dir nun noch etwas mitteilen, oh Rāma, dem du bitte freundlich
dein Ohr leihen mögest. Durch wiederholtes Anhören der Wahrheit wird
sogar die unwissende Person erleuchtet.
  Zu Beginn werde ich nun das sthiti prakaraïaæ darlegen, in dem die Wahr-
heit betreffend die Schöpfung dieses Universums enthüllt wird. Danach wer-
de ich das upaÓānti prakaraïaæ darlegen, in dem die Mittel zur Überwindung
dieser Weltillusion behandelt werden. Nachdem man dann so von dieser
Weltillusion frei geworden ist, sollte man dann hier frei von aller mentaler
Erregung und Qual leben.
  In dieser Welt lebt man am besten durch die völlige Verankerung im Zu-
stand des Gleichmuts, der sämtliche Segnungen verleiht und selbst die höchs-
te Form der spirituellen Tröstung darstellt, der der größte Reichtum ist und
das eigene Glück befördert. Der Gleichmut lässt die Reinheit wachsen. Aus
dem Gleichmut ergeben sich all die anderen edlen Qualitäten. Dem Gleichmut
ist kein weltlicher Segen und kein weltlicher Wohlstand gewachsen. Er setzt
allem Kummer ein Ende. Selten sind die Seelen, die im Gleichmut verankert
sind und für die alle Freunde sind.
  Für denjenigen, der im Gleichmut verankert ist, haben sich die Sorgen in
Glück und der Tod in neues Leben verwandelt. Wer könnte wohl die Größe
desjenigen ermessen, der frei von Übertreibung und Niedergeschlagenheit
ist; der tut, was auch immer wie auch immer getan werden muss; der das,
was zu sehen ist, als das sieht was es ist? In einen solchen Menschen, der sein
natürliches Leben lebt, haben die Freunde und Verwandten, die Feinde und
die Könige das allergrößte Vertrauen. Durch solch eine natürliche Lebenswei-
se wird niemals jemand verletzt, auch wenn es da Ärger geben sollte. Demje-
nigen, der im Gleichmut verankert ist, applaudieren die Menschen, was auch
immer er tun mag und was auch immer er isst - sogar dann, falls er andere
überwältigen oder zurechtweisen sollte. Sie applaudieren dem, was ein sol-
cher Mensch jetzt tut oder in der Vergangenheit getan hat, ob dies nun gut
oder schlecht gewesen sei.



                                     757
Diejenigen, die im Gleichmut verankert sind, erfahren keinerlei Verzweif-
           lung, ob sie nun dem Glück oder Unglück ausgesetzt sind.
             (Es folgen knappe Hinweise auf einige große Männer, die sich gern für das
           Wohl der anderen aufopferten und selbst in den schlimmsten Notlagen unbe-
           rührt blieben: Der König Śibi, der König, dessen Frau in seiner Gegenwart
           beleidigt wurde; YudhiåÂhira, der König von Trigarta, der König Janaka, der
           König von Sālva, Sauvirā, Kandapa, der Dämon des Kadampa-Waldes, Ja¬a
           Bharata, der edle Jäger; der Weise Kapardana. Zwei Faktoren sind wichtig: a.
           Diese Beispiels des Gleichmuts entstammen unterschiedlichen Lebensverläu-
           fen, 2. historisch stammen viele von ihnen aus der Zeit nach Rāma.)
             Alle diese haben den Gleichmut erlangt und wurden daraufhin sogar von
           den Göttern verehrt, obgleich sie unter ihnen nicht nur Könige, sondern auch
           gewöhnliche Menschen waren. Daher sollte man in allen Umständen des
           Lebens – im Erfreulichen und Unerfreulichen, in Ehre und Schande – den
           Gleichmut erlangen.
             RĀMA fragte:
VI.2:199
             Weshalb haben diese Weisen, die ständig in der Seligkeit der Selbster-
           kenntnis eingetaucht waren, nicht sämtlichen Aktivitäten entsagt?
             VASIåèHA erwiderte:
             Sie hatten sämtliche Gedanken an: „Dies ist wünschenswert“ und „dies ist
           nicht wünschenswert“ aufgegeben. In ihrem Fall wurden daher das Aufgeben
           von Tätigkeiten wie auch die Tätigkeit selbst bedeutungslos. Daher taten sie,
           was auch immer zu tun war so, wie es zu tun war.
             Rāma, so lange es Leben gibt, lebt und arbeitet und bewegt sich der Körper.
           Lass dieses weitergehen, denn weshalb sollte man sich dem widersetzen?
           Weshalb nicht einfach das Richtige tun, sobald es etwas irgendwann zu tun
           gibt? Was immer man mit einem reinen und klaren Verstand tut, der selber
           im Gleichmut ruht, ist recht und angemessen und niemals mangelhaft. Unter
           uns, oh Rāma, gibt es viele, die in mangelbehaftete Tätigkeiten involviert sind,
           ohne dabei ihre Weisheit oder Klarsicht aufgegeben zu haben.
             Es gibt manche Befreite, die als Haushälter leben, dabei aber ohne jede An-
           haftung sind. Dann gibt es wieder welche wie dich, die königliche Weise sind
           und ihre königlichen Pflichten ohne Anhaftung und ohne Erregtheit ausüben.
           Wieder andere gehen den von den Schriften vorgegebenen Pflichten und
           Riten nach. Andere sind Gott und der Meditation hingegeben und kümmern
           sich nur um ihre eigenen Pflichten. Dann gibt es wieder solche, die im Innern
           alles aufgegeben haben, aber wie scheinbar Unwissende leben und mit allen
           Arten von Tätigkeiten befasst sind. Es gibt solche, die in dichten Urwäldern
           leben und in tiefe Meditation versunken sind. Es gibt andere, die an heiligen
           Orten leben. Es gibt solche, die in fernen Ländern umherwandern, um so
           vollständig alle ihre Zu- und Abneigungen loszuwerden. Manche wandern
           ständig von Ort zu Ort.



                                                758
Einige haben ihre natürlichen Pflichten aufgegeben, während andere diesen
           hingegeben sind. Manche benehmen sich wie weise Männer, während andere
           als verrückt erscheinen. Manche sind menschlich, andere dagegen Götter
           oder Dämonen.
             Es gibt in dieser Welt die vollständig Erleuchteten, die unerleuchteten und
           die Halb-Erleuchteten, wobei die letzteren die rechten Handlungen auch
           aufgegeben haben und daher weder hier noch dort einzuordnen sind. Das
           Waldleben ist für die Befreiung weder ein Prärequisit noch muss dazu man in
           seinem Heimatland wohnen noch ein asketisches Leben führen noch die
           Tätigkeiten aufgeben. Die Befreiung wird von demjenigen erlangt, dessen
           eigentliche Natur gänzlich frei und unangehaftet ist. Wessen Gemüt frei und
           unangehaftet ist, verwickelt sich nicht wieder in den saæsāra. Oh Rāma, du
           bist selbst der höchste Zustand. Verbleibe in dem, was du bist, frei von Zu-
           und Abneigungen und sei verankert in der höchsten Wahrheit. Es gibt in
           diesem Brahman keinerlei Unreinheiten, Wandel, Schleier, Verlangen oder
           Aversionen. Mehr gibt es darüber nichts zu sagen.
             VùLMýKI sprach:
VI.2:200
             Nachdem er so seinen Diskurs über nirvāïa abgeschlossen hatte, blieb der
           Weise Vāsi«Âha stumm. Sämtliche Teilnehmer der Versammlung waren nun
           tief im höchsten (nirvikalpa) samÃdhi bzw. der Kontemplation versunken. Die
           vielen Himmel erklangen vom Jubel der versammelten Weisen und Heiligen.
           Die Himmelswesen ließen ihre Trommeln und andere Instrumente ertönen.
           Es regnete Blumen.
             DIE SIDDHAS (die Vollkommenen) sagten:
             Vom Beginn dieser Epoche an sind uns schon viele Diskurse über die Mittel
           der Befreiung zu Ohren gekommen, aber noch keiner wie dieser. Sogar die
           Tiere und die Kinder werden durch Hören der Worte des Weisen die Erleuch-
           tung erlangen.
             DER KÖNIG DAŚARATHA sprach:
             Hoher Herr, in dieser Welt gibt es nichts, was als Mittel zu deiner angemes-
           senen Verehrung taugen würde. Höre jedoch mein Gebet an und fühle dich
           nicht angegriffen. Ich bewundere dich und verehre dich durch meine Person,
           meine Familie und die von mir erworbenen Verdienste wie auch all die guten
           Taten, die ich hier und in der anderen Welt getan habe. All diese sollen die
           deinen sein, hoher Herr. Wir nehmen nun deine Befehle entgegen.
             VASIåèHA sprach:
            Wir sind mit den Grüßen zufrieden, oh König. Für mich ist dies genug. Nur
           du allein weißt, wie die Welt zu regieren ist.
            RĀMA sagte:
            Hoher Herr, was kann ich dir anbieten? Lass mich dir zu Füßen fallen!
            Nach ihm grüßten auch die Brüder den Weisen. Dann verehrten die Könige
           und alle anderen, die von weither gekommen waren, um den Weisen anzuhö-


                                               759
ren, diesen mit Blumen. Vāsi«Âha wurde buchstäblich mit Blumen überschüt-
            tet.
              Nachdem all dies beendet war, sprach VASIåèHA:
               Oh ihr Weisen, bitte sagt mir, ob es in diesem Diskurs Mängel, Unzuläng-
            lichkeiten oder Verdrehungen der Unterweisung gegeben hat?
               Die VERSAMMELTEN WEISEN erklärten:
               In deinem Diskurs, oh hoher Herr, gab es nicht den kleinsten Misston. Er
            war durchgängig von der höchsten Wahrheit durchdrungen. Du hast unver-
            züglich den Schleier der Sünde aufgehoben, der unsere Gemüter und Herzen
            bedeckt hat. Unser Herzenslotos ist voll erblüht. Wir grüßen dich – du bist
            unser Guru.
               Nachdem sie so gesprochen hatten, riefen sie mit einer Stimme aus: „Grüße
            dir!“ Wieder ließen sie Blumen auf ihn herabregnen. Die versammelten Wei-
            sen priesen auch den König DaÁaratha, der die Versammlung einberufen
            hatte. Sie priesen Rāma. Sie grüßten Rāma und seine drei Brüder. Sie priesen
            die Weisen Vāsi«Âha und ViÓvāmitra. Denn nur durch die Gnade von allen
            diesen kamen sie in die Lage, dem erlesenen Diskurs von Vāsi«Âha lauschen
            zu können, der die Täuschung unverzüglich zerstreut.
               So verehrten sie alle wieder und wieder den Weisen Vāsi«Âha.
             Schließlich fragte VASIåèHA Rāma:
VI.2:201,
   202        Oh Rāma, was benötigst du noch von mir zu wissen? Wie nimmst du diese
            Welterscheinung nun wahr? Wie ist deine innere Erfahrung?
              RĀMA erwiderte:
              Durch deine Gnade habe ich die erlesene Reinheit erlangt und sämtliche
            Unreinheiten wurden fortgewaschen. Alle meine Missverständnisse und
            Täuschungen wurden vertrieben. Meine Fesseln wurden durchtrennt. Mein
            Verstand ist nun klar wie ein Kristall. Mein Gemüt verlangt nicht nach weite-
            ren Instruktionen.
              Ich habe mit nichts etwas zu tun – weder mit Instruktionen noch irgend-
            welchen Objekten, weder mit Verwandten noch Schriften und noch nicht
            einmal mit der Entsagung. Ich gewahre die Welt als das reine, unendlichem
            unteilbare Bewusstsein. Die Welt ist wie eine Leere, die im selben Moment
            verschwindet, in dem die Illusion aufhört. Ich werde tun was auch immer du
            wünscht mich tun zu sehen. Ich werde leben, indem ich das tue, was ich zu
            tun habe oder wünsche zu tun, ohne dabei dem Frohlocken oder der Nieder-
            geschlagenheit nachzugeben, denn meine Täuschung ist gegangen. Mag diese
            Schöpfung zu etwas anderem werden oder mögen die Winde der kosmischen
            Auflösung blasen oder möge dieses Land zu Wohlstand gelangen – ich bin in
            der Selbsterkenntnis verankert Ich bin im Frieden. Meine Sicht ist klar. Mein
            wahrer Zustand kann nur schwer gesehen und verstanden werden. Ich bin
            frei von Hoffnungen und Wünschen. Ich werde leben und regieren wie die
            anderen Könige, ob diese nun erleuchtet oder unwissend sind, wobei ich


                                                760
ohne alle mentale Erregung bleibe und für alles die gleiche Sichtweise pflege.
So lange dieser Körper lebt, werde ich dieses Königreich regieren und dabei
ausgestattet mit einer reinen Sichtweise und frei von allen Zweifeln betref-
fend die Natur dieses saæsāra sein – so wie ein Kind mit Spielen beschäftigt
ist.
  VASIåèHA sprach:
  Bravo, oh Rāma, du hast wahrhaftig den höchsten Zustand jenseits von
Freude und Leid erlangt und alles das transzendiert, was in dieser und der
nächsten Welt vorgefunden wird. Erfülle nun die Wünsche des Weisen
ViÓvāmitra erfüllen und regiere das Königreich.
  Nachdem die Versammlung erneut ihren Jubel zum Ausdruck gebracht hat-
te, sagte RĀMA:
  Hoher Herr, du hast unsere Herzen gereinigt wie Feuer Gold reinigt. Dieje-
nigen, die ihre Körper als alles betrachtet hatten, sehen nun das gesamte
Universum als das Selbst an.
  Ich habe die Fülle des Seins erlangt. Ich bin frei von allen Zweifeln. Ich bin
voll von Seligkeit, die ewig und ungetrübt ist. Ich frohlocke in meinem eige-
nen Herzen, das durch die nektargleichen Worte der höchsten Wahrheit ge-
reinigt worden ist. Durch deine Gnade habe ich den Zustand erreicht, in dem
die gesamte Welt als die ewige, unsterbliche und unendliche Wirklichkeit
erscheint.
  VASIåèHA sprach zu Rāma;
  Oh Rāma, du hast nun alles gehört, was wert ist zu hören und kennst nun          VI.2:203,
                                                                                      204
alles, was wert ist gekannt zu werden. Was ich dir gesagt habe und was du
den Schriften entnommen hast, überführe nun durch deine eigene direkte
Erfahrung in den Zustand der Harmonie.
  Noch einmal werde ich dir die höchste Wahrheit darlegen: Der Spiegel
strahlt mit umso größerer Klarheit, je mehr er gereinigt und poliert wurde.
Alle Objekte hier bilden den Maßstab des eigenen Gewahrseins bzw. der
eigenen Erfahrung. Sämtliche Klänge sind wie die Klänge fließenden Wassers.
Alles hier Gesehene ist die illusorische Erscheinung des unendlichen Be-
wusstseins. Diese Welt ist wie ein Traum aufgetaucht. Was man die Realität
des Wachzustands nennt, ist in Wahrheit Traum und ist nicht vom Bewusst-
sein als der einzigen Wirklichkeit verschieden. Daher ist die Welt wahrlich
ohne Form.
  Sage mir, oh Rāma, wie die Erde und alles andere in dieser Traumstadt zu
erscheinen vermögen? Wer hat dies alles ausgearbeitet, worin besteht ihre
wahre Natur und worin ihre Funktion?
  RĀMA sagte:
  Nur das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein ist die Wirklichkeit von all
diesem hier – von der Erde, den Bergen usw. Das Selbst ist wie Raum, formlos
und ohne Grundlage. All dieses hier wurde überhaupt nicht erschaffen. Diese


                                     761
Idee, die im Bewusstsein auftaucht, ist das Gemüt und es ist dieses allein,
           welches als all dies hier existiert.
             Zeit, Raum und alles andere sind die Erscheinung des Bewusstseins. Auch
           die Berge sind nichts als Bewusstsein. Auch alle Elemente sind Bewusstsein.
           Es ist das Bewusstsein allein, welches die Essenz der Eigenschaften aller
           Elemente wie die Festigkeit der Erde, das Flüssige des Wassers usw. darstellt.
           In Wahrheit jedoch existieren die Erde und die anderen Elemente überhaupt
           nicht, denn nur das unendliche Bewusstsein existiert. Aufgrund des Flüssigen
           des Wassers geschieht es, dass der eine Ozean die Wellen und die Strömun-
           gen entstehen lassen kann, und es geschieht ähnlich dem aufgrund der Po-
           tenzen des unendlichen Bewusstseins, das es als das Viele zu erscheinen
           vermag. Sobald in ihm die Idee der Solidität und der Härte auftaucht, wird es
           zum Berg – und so verhält es sich auch mit allen anderen Objekten. Bewusst-
           sein wird niemals bei all diesem dem geringsten Wandel unterworfen. Die
           Ideen von „ich“, „du“ usw. tauchen darin ohne jede Ursache und ohne einen
           Grund auf; sie sind nicht verschieden vom Bewusstsein.
             Das Gemüt, buddhi, der Ich-Sinn, die fünf Elemente und diese ganze Welter-
           scheinung existieren im unendlichen Bewusstsein, ohne von diesem ver-
           schieden zu sein. Nichts wurde jemals erschaffen – nichts geht verloren.
             RĀMA fragte:
VI.2:205     Wenn dann also das unendliche Bewusstsein alles ist und daher die Welt
           ein Traum ist, wie konnte dann dieses Bewusstsein im wachen Traumzustand
           als verkörpert erscheinen?
             VASIåèHA erwiderte:
             Was auch immer man im Traum oder Wachzustand erblicken mag, hat kei-
           ne andere Grundlage als den Raum. Es ist aus dem Raum geboren und besitzt
           selbst die Natur des Raumes (Leere). Dieser Raum ist nichts anderes als das
           unendliche, höchste Bewusstsein. Nichts, nicht einmal dieser Körper, wurde
           jemals erschaffen und daher existiert nichts. Es ist dieses unendliche Be-
           wusstsein, welches die Existenz von all diesem wie in einem Traum erfährt.
           Diese Erfahrung existiert im Bewusstsein wie als ob sie eine solide Schöpfung
           sei. Die Vielfalt, die aufgrund der Grenzenlosigkeit seiner Möglichkeiten im
           unendlichen Raum auftaucht, lässt dann scheinbar die Vielfalt der verschie-
           denen Kreaturen entstehen.
             RĀMA fragte:
             Du hast davon gesprochen, dass da zahllose Schöpfungen seien. Du sagtest
           ferner, dass sie von verschiedenen Wesen mit ihren jeweils eigenen Naturen
           und Tätigkeiten bewohnt seien. Bitte sage mir, wie unter diesen allen die
           Schöpfung existiert.
             VASIåèHA erwiderte:
            Indem der Lehrer das darlegt, was zuvor weder erfahren noch gesehen
           noch jemals gehört wurde, bedient er sich der Hilfe entsprechender Illustra-



                                               762
tionen, die das Erfassen und Erschließen der Wahrheit erleichtern, Du kennst
jedoch jetzt die Natur dieses Universum.
  Nur das eine, unendliche Brahman existiert ohne einen Anfang und ohne
ein Ende – ohne Form und ohne Wandel. Im unendlichen Raum, der von
Brahman durchdrungen wird, existiert dieses Universum als nicht verschie-
den von Brahman. Das Universum ist ebenfalls anfangslos und endlos. Dieses
Universum ist das, als was das unendliche Bewusstsein es betrachtet und was
es in sich selbst erfährt. Das unendliche Bewusstsein betrachtet diese Erfah-
rung als das Universum. Folglich ist dieses unwirklich wie das Traumobjekt
des Träumenden.
  Weder sind die Berge hart noch die Gewässer flüssig. Als was, wie und wo
auch immer das unendliche Bewusstsein sich selbst sieht, das erscheint dann
als ein solches. Ein Berg taucht in einem Traum auf und existiert dann als ein
Nichts im Nichts – mit dem Universum verhält es sich ebenso, denn es ist der
Traum des unendlichen Universums. Brahman allein existiert jederzeit als
Brahman – nichts wird jemals erschaffen oder zerstört. In Brahman gibt es
weder Vielfalt noch Nicht-Vielfalt. In ihm sind sämtliche Konzepte wie Ein-
heit, Vielfalt, Wahrheit, Falschheit usw. bedeutungslos.
  VASIåèHA sagte:
                                                                                   VI.2:206
  Das, was ohne jede Ursache zu existieren scheint, ist nicht – folglich ist als
einziges nur Das (die Realität).
  Ich werde dir nun für die Vertiefung deines Verständnisses von einer inte-
ressanten Frage erzählen, dir mir einmal gestellt wurde. Es gibt eine Insel
namens KuÓadvīpa. Darauf befand sich eine Stadt namens Ilāvatī. Sie wurde
von dem König Prajñapti regiert. Ich traf einmal mit ihm zusammen. Nach-
dem er mir seine pflichtschuldige Verehrung erwiesen hatte, stellte er mir die
folgenden Frage:
  „Was waren der Grund und die Ursache für die Schöpfung des Universum,
nachdem das gesamte sichtbare Universum aufgelöst worden ist? Was ist
dieses Universum? Einige seiner Teile scheinen von der Finsternis verhüllt,
während es anderswo von Würmern bewohnt wird. Wie tauchen diese die
Welt konstituierenden Elemente auf und wurden das Gemüt, buddhi usw.
erschaffen? Wer ist der Schöpfer von all diesem und wer gewahrt es? Wo
befindet sich die Grundlage von allem?
  Offensichtlich gibt es keine endgültige Auflösung des Universums. Jedes Le-
bewesen erfährt das, was auch immer es gewahrt. Was wäre dann zerstörbar
und was real? Wer erzeugt einen Körper für die Person für die Hölle und ihre
dortigen Erfahrungen, sobald die Person hier gestorben ist und ihr Körper
verbrannt wurde? Gewiss sind hierfür weder die Tugend (dharma) noch vice
versa (adharma) verantwortlich zu machen, da diese selbst subtil und form-
los sind. Auch die Behauptung, dass „die andere Welt“ nicht existiere, er-
scheint gleichermaßen irrig, denn dies widerspricht den Aussagen der Schrif-
ten.


                                     763
Es wäre absurd zu behaupten, dass jemand, der formlos ist, Erfahrungen
           wie etwa Bestrafungen erleiden könnte. Sage mir daher, wie die Substanzen
           hier Wandeln unterworfen sein können. Worin besteht der Nutzen der Schrif-
           ten, die von Geboten und Verboten handeln? Was meint die Schriftstelle, dass
           zuerst das Unwirkliche existierte und später wirklich wurde? Wenn Brahmā
           der Schöpfer aus der Leere entsprungen ist, weshalb hat dann die Leere nicht
           noch irgendwo weitere Schöpfer entstehen lassen? Wie haben die Kräuter
           usw. ihre Eigenschaften und natürlichen Merkmale erhalten? An einem heili-
           gen Ort leben zur selben Zeit zwei Leute, von denen der eine des andern
           Freund und dieser wiederum des andern Feind ist. Der Freund betet für ein
           langes Leben des anderen und der Feind für den frühen Tod des Freundes.
           Wessen Gebete werden erfüllt? Falls tausend Menschen wünschten: „Möge
           ich ein Mond am Firmament sein“, weshalb kann es dann nicht tausende von
           Monden geben, die zur selben Zeit scheinen? Falls tausend Menschen medi-
           tieren und dafür beten, dass alle eine bestimmte Frau als Ehegattin erhalten
           und diese Frau gleichzeitig Jungfrau sein sollte – worin besteht dann das
           Ergebnis?
             Worin bestehen für die Verstorbenen in der Abwesenheit ihrer Körper die
           Früchte der Begräbnisse und der nachfolgenden Rituale?“
             VASIåèHA sagte:
VI.2:207     Oh König, höre zu. Ich werde deine Fragen auf eine Weise beantworten, die
           alle deine Zweifel zerstreut.
             Sämtliche Dinge in dieser Welt sind auf immer unwirklich, aber gleichzeitig
           auch real, weil das Bewusstsein ihr Inhalt und die einzige Realität ist. Was
           immer dieses Bewusstsein als „dies ist so und so“ festlegt, wird dann auch
           dazu, ob es nun real oder irreal sei. Darin besteht die Natur des Bewusstseins.
             Dieses Bewusstsein stellt sich einen Körper vor und wird daraufhin dieses
           Körpers gewahr. Es ist das Selbst-Gewahrsein, welches sich des Körpers ge-
           wahr wird – dies geschieht nicht etwa umgekehrt. Zu Beginn der Schöpfung
           gab es nichts anderes – nur Bewusstsein war da. Die Welterscheinung tauchte
           daher in diesem Bewusstsein wie ein Traum auf. Wie auch immer sich das
           Bewusstsein die Welt vorstellte, dazu und nur dazu wurde sie auch. Was
           sollte diese Welt wohl sonst sein? Da die Welt nichts anderes als Bewusstsein
           bzw. Brahman ist, beschreiben die Schriften auch als solche.
             Jedoch gründen die törichten und unwissenden Menschen wie der Frosch in
           dem toten Brunnen ihr Verständnis auf den Erfahrungen des Augenblicks und
           werden so aufgrund ihres falschen Verständnisses zu dem irreführenden
           Glauben geführt, dass nur der Körper die Quelle von Erfahrung und Gewahr-
           sein sei. Mit diesen Leuten haben wir nichts zu schaffen. Ein Mensch, der sich
           als unfähig erweist, seine Zweifel zu zerstreuen, muss als unwissend betrach-
           tet werden, wie klug er auch immer sein mag. Weshalb empfindet der Leich-
           nam nichts, wenn das Selbst-Gewahrsein angeblich das Charakteristikum des
           physischen Körpers ist?



                                                764
Die Wahrheit lautet anders herum: Es ist das Bewusstsein Brahmans, des
unendlichen Bewusstseins, welches als dieses Universum erscheint wie
Traumobjekte in deinem Bewusstsein auftauchen. Brahman ist das unendli-
che Bewusstsein und ersinnt diese Traumstadt, welche virāt bzw. die kosmi-
sche Person ist. Diese kosmische Person ist der Schöpfer Brahmā und auch
reines Bewusstsein, obgleich man sie auch als das Universum bezeichnet.
  Was auch immer in dieser Traumstadt von Brahmā dem Schöpfer ersonnen
wird, wird hier auf dieselbe Art und Weise erfahren. Der Körper verfügt da-
her über zwei Zustände, nämlich den lebendigen und den toten. Auf dieselbe
Weise erscheint und verschwindet diese Schöpfung hier. Sie hat keine andere
Ursache als Brahman, da es nichts anderes als Brahman gibt. Dieses Bewusst-
sein erfährt stets und überall das, dessen es sich gewahr ist – ob der Körper
nun existiert oder nicht existiert, vor und nach dem „Tod“. Nur Bewusstsein
ist es, das „die andere Welt“ ersinnt und sie dann als eine solche erfährt.
  Diese illusionären Erfahrungen hören erst dann auf, sobald man seine Zu-
flucht zu den rechten Mitteln der Befreiung nimmt und das Erwachen erlangt;
wenn die mentale Konditionierung aufhört und das Bewusstsein unkonditio-
niert wird.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                VI.2:208
  Was und wann auch immer das unendliche Bewusstsein etwas ersinnt, er-
fährt es dann auch. Auch Gunstbeweise und Flüche leiten ihre Macht aus dem
unendlichen Bewusstsein ab. Es geschieht aufgrund der im Bewusstsein
auftretenden Konzeption, dass die Gebote und Verbote ihre Autorität und ihre
Macht erlangen.
  Es geschieht wegen des verkörperten Wesens in dieser Welt hier, dass nicht
zu begreifen vermag, was vor dem Anfang der Schöpfung existierte, weshalb
man sagt, dass vor allem diesen nur das Nicht-Sein existierte. Existenz und
Nicht-Existenz, Schöpfung und Auflösung sind wie ein Öffnen und Schließen
der Augen des unendlichen Bewusstseins. Die eigentliche Natur des unendli-
chen Bewusstseins besteht darin, dass unaufhörlich Schöpfungen auftauchen
und wieder verschwinden – so wie du im Augenblick eines Zwinkerns in
deinen Tagträumereien mentale Bilder erschaffst und wieder verschwinden
lässt. Und doch sind all diese nur mentale Bilder, die im unendlichen Be-
wusstsein auftauchen.; selber tut es überhaupt nichts.
  Da das unendliche Bewusstsein überall zu allen Zeiten ist, gibt es in ihm
keine Barrieren; es vermag jederzeit und an jedem Ort Bilder entstehen zu
lassen. Gebote und Verbote existieren nur für die Erhaltung der sozialen
Strukturen. Da all dies im Bewusstsein verankert ist, können die Früchte aus
diesen Dingen sogar noch dann geerntet werden, wenn jemand aus dieser
Welt abgegangen ist.
  Brahman tritt weder ins Sein noch hört es auf zu sein. Sobald jedoch in ihm
die Subjekt-Objekt-Beziehung auftaucht, spricht man davon, dass es ins Sein
getreten sei; das entsprechende Objekt wird dann die Schöpfung genannt.


                                    765
Wenn Brahman diese Beziehung aufgibt und in sich selbst als es selbst ver-
           weilt, spricht man davon, dass Brahman als unendlicher Raum und höchster
           Friede existiere. Diese beiden (die Existenz und die Nicht-Existenz dieser
           Beziehung) sind natürlich für Brahman – wie die Bewegtheit und
           Unbewegtheit natürlich für den Wind sind.
             Altern, Tod usw. wie ebenfalls die Unterteilungen der Zeit tauchen im un-
           endlichen Bewusstsein wieder und wieder auf, so wie in deinen Tagträumen
           immer wieder dieselben Bilder auftauchen. Auf dieselbe Weise sind auch die
           Kräuter, die Heilpflanzen und die verschiedenen Objekte in den drei Welten
           ins Dasein getreten.
             Nur das eine unendliche Bewusstsein erscheint als all diese unendliche
           Vielfalt aufgrund der unendlichen Bilder, die in ihm auftauchen. Jedoch ist es
           in diesen und als all dieses immer nur das eine Brahman, welches erstrahlt.
             VASIåèHA sprach:
VI.2:209
             Du hast den Fall des Freundes und des Feindes erwähnt, die an dem heili-
           gen Ort für einander widersprechende Ziele gebetet haben. All dieses wurde
           vom unendlichen Bewusstsein von Anfang an festgelegt. Die Heiligkeit der
           Orte und das Betragen, welches Verdienste erwirbt, befähigt einen dazu,
           diese Verdienste an diesen Orten zu erwerben. Durch die Verdienste eines
           heiligen Ortes werden die Lasten eines Sünders erleichtert oder eliminiert. Ist
           das Gewicht einer Sünde viel leichter als die Stärke eines Verdienstes, dann
           wird die Sünde gewiss völlig ausgewischt. Sind beide von gleicher Stärke,
           dann wäre es möglich, dass im Bewusstsein sogar zwei Körper auftauchen,
           die dann Verdienst und Tadel ausarbeiten.
             Die Wirkungen von Verdienst und Tadel hängen davon ab, welche Ideen im
           unendlichen Bewusstsein auftauchen und darin existieren. Ich, du und all
           dies hier wird von den Bildern regiert, die im unendlichen Bewusstsein vor-
           herrschen, ob diese nun Verdienste oder Tadel betreffen.
             Der sterbende Mann denkt, dass er stürbe und andere wegen ihm weinen
           würden. Ebenso tauchen die Ideen von Tod und Verbrennung usw. in den
           anderen auf, die dann wegen des toten Verwandten klagen. Der sterbende
           Mann sieht die Welt, wie sie in ihm auftaucht. Die anderen jedoch (wie der
           Feind, der für seinen Tod gebetet hat) denken, dass er tot sei, während wieder
           andere (wie der Freund, der für sein Wohlergehen gebetet hat) glauben, dass
           er die Unsterblichkeit erlangt hat. Daher werden beide Gebete erhört. Die
           drei Welten sind die illusorischen Produkte der Täuschung – es gibt in ihnen
           jedoch keine Getrenntheit oder Widersprüchlichkeit. Was wäre in einer Illu-
           sion denn unmöglich?
             DER KÖNIG sprach:
             Wie können formlose Verdienste und Tadel einen Körper erscheinen las-
           sen?
             VASIåèHA erwiderte:



                                                766
Dieses Universum ist Brahmans Traumstadt – was sollte darin unmöglich
sein? In einem Traum oder während des Tagträumens wird man zum Millio-
när. Auf dieselbe Weise beginnt das unendliche Bewusstsein zu träumen, und
man wird plötzlich zu Tausend (zu einer Armee). Und die tausend werden
dann wieder, wie im Tiefschlaf, einer. Daher vermag man weder zu behaup-
ten, dass hier irgendetwas unmöglich noch dass überhaupt irgendetwas hier
tatsächlich geschehen sei! Was immer man erfährt, ist gleichzeitig das, wie
man es erfährt – die Kenner der Wahrheit sehen daher in nichts von all die-
sem irgendwelche Widersprüche oder Unmöglichkeiten. Diskussionen darü-
ber, was möglich und unmöglich sei, sind nur unter Bezug auf eine Realität
sinnvoll. Da die Welterscheinung jedoch nur eine Illusion bzw. ein langer
Traum ist, sind diese Diskussionen sinnlos. Innerhalb einer Traumerfahrung
ist der einzige Prüfstein der Wahrheit die „Erfahrung“, denn was immer er-
fahren wird, gilt als real. Was immer hier existiert, befindet sich in Überein-
stimmung mit dem Bild, welches im unendlichen Bewusstsein aufgetaucht ist.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                  VI.2:210
  Nun werde ich dir erklären, weshalb keine hundert Monde am Firmament
erscheinen können, obwohl hundert Leute dafür kontempliert und gebetet
haben: „Möge ich ein Mond sein“. Weder erscheint jemals von ihnen an die-
sem bestimmten Firmament noch gehen sie in einen bestimmten Mond ein.
Eine Person vermag nicht die Traumstadt einer anderen zu betreten. Jede
verfügt über ihre eigene Traumwelt, und es ist dann in dieser Traumwelt,
dass die Person zum Mond wird. Ebenso verhält es sich mit den vielen Män-
nern, die dafür gebetet haben, dass alle eine bestimmte Frau zum Weibe
erhalten mögen. Die Frucht dieser Gebete wird im Bewusstsein jedes einzel-
nen mit der jeweils spezifischen Erfahrung so reflektiert, als wäre sie real.
Gewiss ist all dies gänzliche Einbildung – was wäre der Einbildung wohl un-
möglich?
  So erfährt man auch in der anderen Welt die Früchte der eigenen Wohltä-
tigkeit usw. Solche Wohltätigkeit hat im eigenen Bewusstsein ein bestimmtes
Bild geformt, während sich das Bewusstsein daraufhin vorstellt, dass es in
der anderen Welt die Früchte der Verdienste dieser Wohltätigkeit ernte. Dies
ist auch die Sichtweise der weisen Männer.
  DER KÖNIG fragte:
  Hoher Herr, wie ist der Körper überhaupt entstanden?
  VASIåèHA erwiderte:
  Was du den Körper nennst, existiert in den Augen der Weisen überhaupt
nicht. Er ist Brahman und nichts anderes. Das Wort „Traum“ wird ebenfalls
nur für die Veranschaulichung der Wahrheit über das Illusorische der Welter-
scheinung verwendet – einen „Traum“ gibt es im unendlichen Bewusstsein
nicht. Es gibt weder einen Körper noch einen Traum darin. Es gibt weder den
Wachzustand noch den Traum noch den Schlaf. Was auch immer ist, ist Leere,
es ist OM. Genug von diesen Beschreibungen.


                                     767
Zwischen „dies“ und „das“ befindet sich der Körper des Bewusstseins, der
           Einheit und Vielfalt ist. Die Fülle (Unendlichkeit) erweitert sich zu Unendlich-
           keit und so existiert dann nur die Unendlichkeit als die Welt. Sie scheint zu
           sein, ist aber nicht das, als was sie erscheint. Wo auch immer das Bewusstsein
           als Schöpfung ersinnt, scheint dann dort als Schöpfung zu existieren. Das
           unteilbare Bewusstsein existiert überall und auch das ist die Schöpfung. All
           dies hier ist das ewig friedvolle Brahman bzw. unendliche Bewusstsein, wel-
           ches man auch die Schöpfung nennt.
             Anders kann es nicht sein. Alles andere ist Unwissenheit und Perversion.
           Dies ist die Erfahrung aller in der Welt, dies ist die erklärte Ansicht der Schrif-
           ten und der Veden. Sobald diese Wahrheit realisiert wird, wird diese Realisa-
           tion selbst zu Brahman und dieses gesamte Universum wird als nicht ver-
           schieden von Brahman erkannt. Meine Sichtweise befindet sich daher in
           Übereinstimmung mit der Erfahrung und den Erklärungen der Schriften. Sie
           führt hier und jetzt zur Befreiung und ist daher die beste und angemessenste.
           Sobald die Wahrheit über diesen saæsāra hier klar verstanden worden ist,
           taucht die Erkenntnis: „Ich bin diese drei Welten“, auf und das ist Befreiung.
           Das sichtbare Universum bleibt wie es ist, hört aber auf, ein Objekt des Be-
           wusstseins zu sein; es verschmilzt mit dem unendlichen Bewusstsein.
             RĀMA fragte:
VI.2:211
             Was sind diese siddhas (die Vollkommenen), die sādhyas (himmlische We-
           sen), was ist yama (der Tod), was ist Brahmā der Schöpfer, was sind die
           vidyādharas und die divaukasas (Himmelsbewohner) und worin bestehen
           deren Welten?
             VASIåèHA sagte:
             Alle Nächte und Tage erblickst du vor und hinter und über dir die Welten
           dieser siddhas und der anderen. Du siehst sie, sobald du wünschst sie zu
           sehen; andernfalls siehst du sie nicht. Wer die Kunst des Sehens dieser Wel-
           ten nicht praktiziert, betrachtet diese Welten als weit entfernt. Auch diese
           Welten sind subtil und übersinnlich (übernatürlich); der ganze Raum ist von
           ihnen erfüllt.
             So wie diese Welt illusorisch und eingebildet ist, so sind auch die Welten
           der siddhas und Himmelsbewohner. Durch ihre psychischen Kräfte wurden
           diese Welten befestigt. So vermagst auch du die Welten deiner eigenen Ein-
           bildung durch intensive Kontemplation zu stabilisieren. Die siddhas bzw. die
           Vollkommenen haben so ihre Welt fest gemacht, während andere wiederum
           dies schwierig finden. Dieses Universum ist erfüllt vom unendlichen Be-
           wusstsein und dieses Universum ist das, was das unendliche Bewusstsein als
           ein Bild in sich heraufbeschwört.
             Das Universum ist nicht aus oder durch irgendetwas entstanden – zu Be-
           ginn der Schöpfung hat keine solche Ursache existiert. Es ist das, was als eine
           Idee oder ein Bild im Bewusstsein erschienen ist. In der eigenen Fantasie
           tauchen Berge auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Darin besteht auch die


                                                  768
Natur der Welterscheinung. Die Kenner der Wahrheit leben daher hier so, als
wären sie wandernde Bäume.
  All diese Universen existieren in Brahman als von diesem nicht verschieden,
so wie Wellen im Ozean nicht verschieden von diesem sind. Obgleich dieses
Universum schon seit sehr langer Zeit zu existieren und eine geordnete Reali-
tät zu besitzen scheint, ist es doch nichts als reine Leere und nicht wirklicher
als eine eingebildete Stadt. Sie existiert nicht, obwohl die Menschen ihre
Existenz erfahren; so wie man seinen eigenen Tod im Traum beobachtet. Das
Unwirkliche erscheint als wirklich. Die Realität und die Irrealität der Welt
sind die beiden Aspekte des höchsten Wesens. Auch das Konzept des höchs-
ten Wesens ist nur ein Konzept, nicht aber die Wahrheit. Lasst die Wahrheit
so oder auch gänzlich anders sein. Weshalb sollte man verwirrt und bestürzt
sein? Gib das Ziel der Jagd nach den Früchten der Handlungen auf. Du bist
erleuchtet. Gib dich nicht sinnlosen Zielen hin.
  VASIåèHA fuhr fort:
                                                                                   VI.2:212
  Brahman betrachtet sich selbst an den unendlichen Raum, weil Brahman
unendliches Bewusstsein ist. Dieser unendliche Raum selbst ist die kosmi-
sche Person, in der diese Welt existiert. Und doch ist all dies nicht verschie-
den von Brahman – daher ist alles Brahman! Diese Welterscheinung ist ande-
rerseits nur eine Illusion, obwohl sie als eine Realität gesehen wird, und zwar
auf dieselbe Weise, wie Wasser in einer Luftspiegelung unwirklich und illuso-
risch ist, obgleich es zu existieren scheint.
  RĀMA fragte:
  Bitte sage mir, wann Brahman sich selbst nicht als das sieht.
  VASIåèHA sagte:
  In Brahman, dem unendlichen Bewusstsein, existiert das Bild der Schöp-
fung sogar jetzt noch. Es ist aber wahr, dass obwohl Schöpfung und Nicht-
Schöpfung überall und zu allen Zeiten in Brahman existieren, sie nicht unab-
hängig von ihm existieren. Von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet
existieren sie daher überhaupt nicht. Brahman kennt sich nicht als ein Objekt.
Die Schöpfung ist folglich ohne Anfang und Ende und das ist Brahman.
  Wenn du noch nicht erleuchtet bist und ein Erwachen aufgrund des bloßen
Lauschens auf diese Worte erfährst, erfährst du darin eine scheinbare Duali-
tät bzw. Vielfalt in dem, was in Wahrheit nonduales Brahman ist. Nichts exis-
tiert hier und daher gibt es auch keine Konzepte von Objekten. Es gibt da
nichts anderes als das Selbst und das Selbst ersinnt keine Objekte. Was als die
drei Welten erscheint, erscheint immer, aber es ist nur das höchste, friedvolle
Brahman, in dem es keinerlei Vielfalt gibt. Nur so lange du noch nicht voll
erleuchtet bist, erfährst du die scheinbare Vielfalt. Bist du dann voll erleuch-
tet, wirst du weder jemals die Schriften noch die Unterweisungen benötigen
und keine Dualität oder Verschiedenheit, die auf dem Gedanken des „ich“
beruht, mehr erfahren.
  RĀMA fragte:


                                     769
Was geschieht, sobald die Idee des „ich“ im Höchsten aufgehört hat?
            VASIåèHA erwiderte:
             Wenn die „Ich“-Idee im Bewusstsein auftaucht, taucht das Konzept des un-
           endlichen Raumes mit ihr zusammen auf. Daraus ergibt sich dann dieses Zeit-
           Raum-Kontinuum und daraus wiederum ergeben sich Getrenntheit und Viel-
           falt. Dann entstehen aufgrund dessen Gedanken wie „ich bin hier“, was bedeu-
           tet: „Ich bin nicht dort“. Wenn alle diese aufgetaucht sind, wird das „ich“ so-
           wohl der subtilen Wurzelelemente gewahr, aus der die Welterscheinung
           entsteht, als auch der Welterscheinung selbst. So entsteht aus Brahman dem
           unendlichen Bewusstsein heraus anscheinend etwas, was nicht Brahman ist.
           Jedoch ist dies nur scheinbar und keineswegs real – in Wahrheit existiert nur
           das unendliche Brahman.
             VASIåèHA fuhr fort:
VI.2:213
              So wie du mich heute befragt hast, oh Rāma, so hast du mich bereit in einer
           früheren Epoche befragt. Zu der damaligen Zeit warst du mein Schüler und
           ich dein Guru. Ich erinnere mich noch genau an den damaligen Dialog und
           werde ihn dir wiederholen.
              DER SCHÜLER fragte: Bitte sage mir, hoher Herr des Endes des Weltzyklus,
           was das ist, das verdirbt, und was das ist, das dauert und nicht verdirbt.
              Der LEHRER sagte: Mein Sohn, was immer gesehen wird (die Objekte der
           Wahrnehmung), verdirbt, so wie die Traumwelt verdirbt, sobald du in den
           Tiefschlafzustand eintrittst. Alle diese Welten mit ihren Bergen und ihren
           Himmelsrichtungen verderben gänzlich; ebenso die Zeit und die Tätigkeiten
           und die Weltordnung. Sämtliche Wesen verderben und sogar der Raum ver-
           schwindet, weil es niemanden gibt, der noch an den Raum denkt oder der im
           Raum denkt. Sogar Götter wie Brahmā der Schöpfer, Viåņu der Erhalter und
           Rudra der Zerstörer hören auf zu sein und existieren nicht einmal mehr dem
           Namen nach. Was bleibt übrig? Nur das unendliche Bewusstsein, obwohl
           auch dies nur ein Rückschluss auf eine frühere Erfahrung wäre.
              Der SCHÜLER sagte: Es wurde gesagt, dass das Unwirkliche nicht ins Dasein
           und das Wirkliche nicht ins Nicht-Sein getreten sei. Wie ist dies zu verstehen
           und wie kommt es, dass wir Dinge verderben sehen?
              Der LEHRER sagte: Mein Sohn, dieses vermag nicht zu verderben und daher
           kommt es, dass man sagt: „Es wird nicht gesehen“. Man sagt, dass das Unwirk-
           liche kein Sein und das Wirkliche kein Nicht-Sein habe. Was nicht überall und
           jederzeit existiert, ist schon nichts anderes als das Nicht-Sein. Wie könnte es
           also verderben? Was wäre an dem in der Luftspiegelung gesehenen Wasser
           dauerhaft und was wäre dauerhaft an einer Illusion? Was auch immer hier im
           Universum gesehen wird, ist eine Illusion. Weshalb sollte eine Illusion für
           immer existieren? So wie Träume beim Erwachen an ein Ende gelangen und
           und wiederum beim Schlafengehen der Wachzustand an ein Ende gelangt, so
           kommt auch diese Welterscheinung an ihr Ende. Wohin ist die Traumstadt



                                                770
gegangen, nachdem man erwacht ist? Daher weiß man auch nicht, wohin die
Welterscheinung gegangen ist.
  Der SCHÜLER fragte: Weshalb scheint all dieses zu sein und weshalb hört
diese Erscheinung dann auf zu sein?
  Der LEHRER erwiderte: Es ist das unendliche Bewusstsein selbst, welches
als all dieses erscheint, denn unabhängig von ihm gibt es keine Welt. Auch
wenn das Bewusstsein als all dies erscheint, so verliert es doch in keinen
Augenblick seine eigene wahre Natur bzw. Identität. Sowohl Erscheinung als
auch Nicht-Erscheinung sind Aspekte des Bewusstseins. Obwohl beispiels-
weise deine Gestalt im Wasser reflektiert wird, so ist die Reflexion doch nur
temporär, während deine eigene Gestalt nicht ist. Träumen und traumoser
Schlaf sind Aspekte des einen Schlafes – so sind auch Schöpfung und Auflö-
sung Aspekte von Brahman.
  Der SCHÜLER sagte: In einem Traum gibt es jemand anderes als den Träu-
mer (reines Bewusstsein nämlich, das nicht in den Träumer und den Traum
geteilt ist). Ist es nicht möglich, dass es auf eben diese Weise auch jemand
anderes als Wahrnehmer der Weltillusion geben kann?
  Der LEHRER sagte: So ist es auch. Daher ist seine wahre Natur bzw. Gestalt
auch nicht die Welterscheinung. Nur das Bewusstsein ist und beleuchtet alles,
was ist, während die Erscheinung von jemand anderes erfahren wird. Daher
ist es die Synthese aller Widersprüche. Es beleuchtet nichts und es kann noch
nicht einmal gesagt werden, dass es Existenz sei. Es ist die Erscheinung im
unendlichen Bewusstsein. Wie könnte es daher „real“ oder „irreal“ im Be-
obachter sein?
  Falls man meint, es sei überall als alles immer zu sehen, könnte man umge-
kehrt ebensogut behaupten, dass es nicht überall als alles immer gesehen
werde. Es ist immer die Realität und die Nicht-Realität von allem. Es ist das
unendliche Bewusstsein. Es verdirbt nicht und das andere (die Welterschei-
nung) verdirbt ebenfalls nicht. Einen großen Kummer gibt es nur dann, wenn
die Realität des unendlichen Bewusstseins mit seinen beiden Aspekten von
Schöpfung und Auflösung nicht erkannt wird; wird sie aber erkannt, dann ist
da ein großer Friede.
  Nur der Höchste Herr bzw. das unendliche Bewusstsein ist der Krug, der
Berg, das Kleid, der Baum, das Gras, das Feuer, das Bewegliche und das Un-
bewegliche – alles. Der Höchste Herr ist das was ist und nicht ist; die Leere,
die Tätigkeit, die Zeit, der Raum und die Erde, die Existenz und ihre Zerstö-
rung, das Gute und das Böse. Es gibt nichts, was das unendliche Bewusstsein
nicht wäre. Es ist alles überall und immer – es ist nicht irgendetwas irgendwo
auf immer.
  Ein Grashalm ist der Täter und der Genießende; ein Krug ist sowohl der Tä-
ter als auch der Genießende; ein Kleidungsstück ist der Täter und der Genie-
ßende; das Sehen ist sowohl der Täter als auch der Genießende; der Berg ist
sowohl der Täter als auch der Genießende; der Mensch ist der Täter und der



                                    771
Genießende – alle sind der Höchste Herr selbst. In allen diesen Dingen ist der
           Höchste Herr selbst der Täter und der Genießende bzw. der Erfahrende, denn
           alles ist Brahman, der anfanglos und endlos und der Bestimmer von allem ist.
           Daher sind sogar Schöpfung und Auflösung Aspekte des einen Höchsten
           Herrn bzw. des unendlichen Bewusstseins. Nur das Bewusstsein ist sowohl
           der Täter als auch der Erfahrende von allem in allem. Daher ist niemand hier
           der Täter und der Erfahrende von etwas bzw. der Höchste Herr ist der Täter
           der Erfahrende von allem. Daher vermag alles (Gebote und Verbote) im
           Höchsten Herrn zu existieren und in Wahrheit nicht zu existieren. All dies ist
           all das, als was es von jedem erfahren wird.
             So habe ich dich also aufgeklärt, oh Rāma. Damit habe ich dir alles was wert
           ist zu wissen, mitgeteilt. Verweile in dieser Realität im Zustand der Erleuch-
           tung. Sei frei im nirvāïa und regiere das Königreich gerecht.
            VASIåèHA sagte:
VI.2:214
             Als der Weise Vāsi«Âha damit seine Unterweisung beendet hatte, ertönte
           himmlische Musik und es regnete Blumen. Jeder in der Versammlung verehr-
           te den Weisen mit Blumen.
             Dann sprach König DAÁARAHTA: Wir haben vollkommene Erkenntnis er-
           langt. Wir ruhen im höchsten Frieden. Unsere Gemüter und Herzen sind
           durch die erleuchtenden Unterweisungen des Weisen gänzlich von allen
           Täuschungen und Illusionen, Ideen und Verdrehtheiten befreit.
             RĀMA sagte: Durch deine Gnade, oh hoher Herr, ist meine Täuschung ge-
           gangen und ich vermochte den höchsten Zustand zu erlangen. Ich bin nun
           völlig erfüllt von einer Intelligenz, die vollkommen klar ist. Ich bin frei von
           Zweifeln. Ich ruhe in meinem eigenen natürlichen Zustand als Brahman bzw.
           in der Erkenntnis des nirvāïa. Ich werde tun, wie du gesagt hast. Es gibt
           durch Tun oder Nicht-Tun nichts mehr für mich zu gewinnen. Ich habe weder
           Freunde noch Feinde. Wie könnte man dies alles anders als durch deine Gna-
           de realisieren? Wie könnte ein kleiner Junge den Ozean ohne die Hilfe einer
           Brücke oder eines Bootes überqueren?
             LAKåMA×A sagte: Durch die in früheren Geburten erworbenen Verdienste
           konnten wir diesem Weisen begegnen und so von allen Zweifeln befreit wer-
           den.
             VIÁVĀMITRA sagte: Es ist, als wären wir in tausend geheiligten GaÇgās
           (Flüssen) gebadet worden.
             NĀRADA sprach: Wir haben vernommen, was wir noch nie im Himmel und
           auf der Erde vernommen haben. Daher wurden wir vollkommen gereinigt.
             ÁATRUGHNA sagte: Ich habe höchsten Frieden und und Seligkeit erlangt.
            Nachdem alle gesprochen hatten, sagte der Weise Vāsi«Âha zum König: „Am
           Ende der Rezitation der Schriften sollten die Weisen verehrt werden. Erfülle
           daher die Wünsche der brāhmaņas. Du wirst die Früchte dieses heiligen
           Unternehmens ernten.“ Der König lud daraufhin zehntausend brāhmaņas aus


                                                772
allen Teilen des Landes ein. Er verehrte sie. Er gab ihnen Nahrung. Er schütte-
te Geschenke über sie aus. Später pries er die Bürger, die Diener, die Armen
und die Krüppel.
  Danach gab es in der Hauptstadt ein großes Fest mit Musikkonzerten, Tanz-
aufführungen und Rezitationen der Veden und anderer Schriften. Danach
wurden sämtliche Künstler mit Essen und Getränken versorgt und erhielten
üppige Geschenke an Kleidern und Edelsteinen.
  Der erleuchtete König DaÁaratha feierte den erfolgreichen Abschluss der
Unterweisung des Weisen Vāsi«Âha eine ganze Woche lang mit den vielfältigs-
ten Unterhaltungen und religiösen Ritualen.
  VĀLMýKI sprach:
  Oh Bharadvāja, so erlangten also Rāma und andere die höchste Erkenntnis
und den Zustand jenseits der Sorge. Erwirb auch du dir diese Haltung und
lebe, frei vom Zweifel, als befreiter Weiser. Durch das Lauschen auf diese
Schrift bist du bereits befreit, du bist nun ein jīvanmukta. Sogar ein kleiner
Junge erlangt die Selbsterkenntnis, der dies angehört hat. Auch die Unwis-
senden, in deren Herzen die durch Verlangen geknüpften Bande stark und
fest sind, gehen durch das Studium dieser Schrift, die von der Befreiung han-
delt, jenseits des Zustandes der Getrenntheit; wie aus einem kleinen Jungen
ein reifer Mann (Nicht-Junge) wird. Sie werden sich nie wieder in den
saæsāra verwickeln.
  Auch diejenigen, die diese Schrift rezitieren, ohne ihre Bedeutung zu ver-
stehen, die sie in ein Buch abschreiben, die andere dazu veranlassen, sie zu
lesen oder die sie kommentieren, erwerben große Verdienste und erfreuen
sich eines Lebens im Himmel. In der dritten Geburt erlangen sie schließlich
die Befreiung.
  VĀLMýKI sagte zu König AriåÂanemi: So habe ich dir also kundgetan, was
Vāsi«Âha Rāma gelehrt hat. Durch diesen Pfad wirst du die Wahrheit erlangen.
Der KÖNIG sprach: Hoher Herr, durch deine Gnade habe ich diesen saæsāra
überquert. (Zum Boten der Götter sprach der KÖNIG:) Du bist mir ein treuer
Freund gewesen. Du magst nun gehen. Ich werde über die Wahrheit nach-
denken, die ich hier vernommen habe.
  Der BOTE sprach zum Himmelsbewohner: Es wahr außerordentlich erre-
gend für mich, all dies anhören zu dürfen. Ich werde mich nun zur Heimstatt
Indras begeben.
  Der HIMMELSBEWOHNER sagte: Ich fühle mich wahrhaftig gesegnet, dies
von dir zu hören, oh Bote der Götter. Du kannst nun zu Indra gehen.
  AGNIVEÁYA sagte zu Kāruïa: So blieb dann der Himmelsbewohner in Kon-
templation untergetaucht. Hast du alles gut hören können? KĀRU×YA sprach:
Gewiss. Meine Täuschung ist fort. Ich werde nun ein nicht-willentliches Leben
der spontanen Aktivität leben.




                                     773
AGASTI sprach zu Sutīkåïa: Auf diese Weise instruierte AgniveÓya seinen
Sohn Kāruïa. Zweifle nicht an dieser Unterweisung, denn wer daran zweifelt,
verdirbt. SUTýKå×A sprach: Meine Unwissenheit wurde vertrieben und die
Lampe der Erkenntnis entzündet. Ich erkenne, dass alle Objekte dieser Welt
wie Wellen im Ozean im unendlichen Bewusstsein existieren. Daher werde
ich ein Leben spontaner, nicht-willentlicher Aktivität führen. Ich bin wahrhaf-
tig gesegnet, ich grüße dich, denn der Schüler sollte seinem Guru durch Wor-
te, Gedanken und Taten dienen und ihn lieben. Hoher Herr, durch deine Gna-
de habe ich diesen Ozean des saæsāra durchquert. Ich grüße das Höchste
Wesen, durch dessen Kontemplation man realisiert, dass all dies hier wahr-
haftig Brahman, das unendliche Bewusstsein, ist. Grüße an den göttlichen
Lehrer Vāsi«Âha.


                            Oõ TAT SAT – ENDE




                                     774

C:\Fakepath\Swami Venkatesanandas Yoga Vasistha (Deutsche Uebersetzung Der Ungekuerzten Version)

  • 1.
    S WA M I V E N K AT E S A N A N D A Yo g a Vā s i « Â h a
  • 3.
    Swami Venkatesananda Yoga Vāsi«Âha
  • 4.
    Lizenzbestimmung: Dieser Text istfrei und unverkäuflich und kann ohne Absprache weiterverbreitet, uneingeschränkt zitiert und in anderen Schriften verwendet und bearbeitet werden. Er steht bei SCRIBD zum kostenlosen Download zur Verfügung: http://www.scribd.com/clemens-vargas-ramos Die kommerzielle Verwertung dieses Textes ist gestattet. Die Ware soll dann zum Selbstkostenpreis angeboten oder der Gewinn für wohltätige Zwecke gespendet werden. Diese Lizenzbestimmung hebt alle anderen Lizenzbestimmungen auf. Sie soll bei jeder Verwendung des Textes unverändert wiedergegeben werden. Clemens Vargas Ramos, im Januar 2010 vargasramos@gmx.net Übersetzung von Clemens Vargas Ramos aus dem Englischen der ungekürzten Übersetzung des Yoga Vasistha von Swami Venkatesananda. Dies ist eine Rohübersetzung. Die letzte Überarbeitung war am Montag, 1. Februar 2010.
  • 5.
    S w am i Ve n k a t e s a n a n d a Yo g a V ā s i « Â h a
  • 7.
    Inhalt Vorwort zur deutschenÜbersetzung ................................................................................... 9 Über Swami Venkatesananda............................................................................................... 10 Aus dem Klappentext .............................................................................................................. 12 Segnung ....................................................................................................................................... 13 Vorwort ........................................................................................................................................ 14 Einführung .................................................................................................................................. 16 Gebet............................................................................................................................................. 18 Teil I: Über die Leidenschaftslosigkeit.............................................................................. 19 Teil II: Über die Qualitäten des Suchers ........................................................................... 38 Die Geschichte von Śuka................................................................................................. 38 Eigenbemühung ................................................................................................................ 40 Teil III: Über die Weltentstehung........................................................................................ 54 Die Geschichte von Līlā ................................................................................................... 70 Die Geschichte von KarkaÂī..........................................................................................109 Die Geschichte von den Söhnen Indus (Zehn junge Männer) .........................126 Die Geschichte von Ahalyā ...........................................................................................128 Die Geschichte vom Großen Wald.............................................................................138 Die Geschichte von den drei inexistenten Prinzen .............................................141 Die Geschichte von Lavaïa ..........................................................................................143 Teil IV: Über die Existenz.....................................................................................................164 Die Geschichte von Śukra .............................................................................................166 Die Geschichte von Dāma, Vyāla und KaÂa .............................................................185 Die Geschichte von Bhīma, Bhāsa und D−¬ha.......................................................193 Die Geschichte von DÃÓÆra...........................................................................................208 Kaca's Lied.........................................................................................................................215 Teil V: Über die Auflösung ...................................................................................................220 Die Geschichte von König Janaka ..............................................................................224 Die Geschichte von Puïya und Pāvana....................................................................244 Die Geschichte von Bali.................................................................................................247 Die Geschichte von Prahlāda ......................................................................................257 Die Geschichte von Gādhi.............................................................................................281 Die Geschichte von Uddālaka......................................................................................292 Die Geschichte von Suraghu........................................................................................305 Die Geschichte von Bhāsa und Vilāsa ......................................................................310 Die Geschichte von Vītahavya ....................................................................................330 Teil VI: Über die Befreiung ..................................................................................................349 Diskurs über Brahman..................................................................................................365 Die Geschichte von BhuÓuï¬a ....................................................................................371 Die Beschreibung des Höchsten Herrn ...................................................................391 Deva PÆjā ...........................................................................................................................402 Die Geschichte vom Holzapfel ....................................................................................416 Die Geschichte vom Fels ...............................................................................................417 Die Geschichte von Arjuna...........................................................................................422 Die Geschichte von den hundert Rudras ................................................................435 Die Geschichte vom Vampir ........................................................................................446 Die Geschichte von BhagÅratha ..................................................................................448 Die Geschichte von Áikhidhvaja und Cū¬ālāFehler! Textmarke nicht definiert.
  • 8.
    Die Geschichte vomStein der Weisen..... Fehler! Textmarke nicht definiert. Die Geschichte vom Cintāmaïi ................. Fehler! Textmarke nicht definiert. Die Geschichte vom närrischen ElefantenFehler! Textmarke nicht definiert. Die Geschichte von Kaca...............................................................................................499 Die Geschichte vom irregeführten Mann................................................................501 Die Geschichte von Bh−ÇgÅśa ......................................................................................503 − Die Geschichte von Ikåvāku ........................................................................................508 Die Welt im Felsen ..........................................................................................................581 Die Geschichte vom Weisen aus dem Weltraum ..................................................621 Die Geschichte von VipaÁcit ........................................................................................643 Die Geschichte vom Jäger und dem Hirsch ............................................................667 Die Geschichte von Kundadanta ................................................................................728
  • 9.
    Vorwort zur deutschenÜbersetzung Das Brihat (das Große) Yoga Vāsi«Âha oder Yoga Vāsi«Âha Yoga Maha Ramayana, wie es auch genannt wird, ist ein Werk bestehend aus 32000 Versen in Sanskrit, die traditionellerweise Valmiki, dem Autor des Ramanayana, zugeschrieben werden. Sie behandeln einen Dialog zwischen dem Weisen Vāsi«Âha und Shri Rāma, in dem der Advaita (die Doktrin der Non-Dualität) in seiner reinsten Form des Ajatavada (Theorie der Nicht- Erzeugung) mit Hilfe eingeschobener historischer Verbildlichungen erläutert wird. Der große Weise Shri Ramana Maharshi (1879-1950) zitierte häufig aus dem Yoga Vāsi«Âha. Im Yoga Vāsi«Âha geht es um die Unwirklichkeit der Welt, die Erkenntnis des Selbst und den Weg des Weisen. Eine der zentralen Aussagen dieses Werkes lautet: „Diese Welterscheinung ist nichts als eine Täuschung – so wie die Bläue des Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem Verstand nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern sie einfach zu ignorieren. Solange in einem Menschen nicht die Über- zeugung wächst, dass diese Welterscheinung keinerlei Wirklichkeit be- sitzt, ist weder die Freiheit vom Kummer noch die Verwirklichung der eigenen wahren Natur möglich. Mok«a oder Befreiung besteht in der to- talen Aufgabe aller vasana bzw. mentalen Konditionierung, und zwar ohne den geringsten Vorbehalt.“ Diese Übersetzung ist aus einem persönlichen Antrieb heraus entstanden. Sie beansprucht in keiner Weise, den Sinngehalt, den Wortlaut oder den Geist der ursprünglichen Übersetzung ins Englische vollständig, angemessen oder auch nur sprachlich, grammatisch oder semantisch korrekt wiedergegeben zu haben. Mein besonderer Dank gilt Swami Sarvamangalananda in Rishikesh, die die Mühe nicht gescheut hat, dieses umfangreiche Werk gründlich zu überarbei- ten und dadurch der Druckreife näher zu bringen. Ich danke auch Maria Pal- mes, die die Qualität dieses Buches durch Korrekturlesen weiter gesteigert hat. Clemens Vargas Ramos Bremen, im Januar 2010 9
  • 10.
    Über Swami Venkatesananda Über Swami Venkatesananda sagte Swami Sivananda (Venkatesanandas Meister, Heiliger und Vedanta-Lehrer): „Seine Briefe sind voller Honig. Er benötigte nicht einmal einen Entwurf; er setzte sich an die Schreibmaschine und so war der Brief sofort fertig. Die Arbeit, die er geleistet hat, würden andere Leute nicht geschafft haben. So viele Bücher und Schriften sind ge- druckt worden allein aufgrund seiner Arbeit. Nicht ein einziges Wort hat er jemals geäußert, das mir missfallen hätte. Wenn ich gerade dringend Arbeit zu erledigen hatte, war sie am nächsten Morgen schon fertig – er hatte dann einfach die ganze Nacht durchgearbeitet. Er hat kein Ego. Nie würde er sagen: 'Dies ist nicht gut.' Er ist bescheiden und egolos.“ Swami Venkatesananda (damals unter dem Namen Parthsarathy bekannt) wurde in Tanjore am 29. Dezember 1921 als Kind einer südindischen Brahmanenfamilie geboren. Er erlernte noch im jungen Alter von seinem Onkel und Großvater Sanskrit und liebte die Pflege religiöser Sitten und Ge- bräuche. Er war intelligent und voller Humor (auf späteren Reisen im Westen pflegte er Alltagsbegebenheiten mit seinem wunderbaren Humor zu kom- mentieren). Im Alter von vierzehn Jahren entdeckte er ein Buch von Swami Sivananda in einem Buchgeschäft. Er war davon so beeindruckt, dass er Swami Sivananda schrieb und bat, ihn in seinem Ashram begleiten zu dürfen. Swami Sivananda schrieb ihm zurück, lieber erst seine Ausbildung zu beenden und danach nach Rishikesh zu kommen. Später arbeitete er dann für die Madras Company und erlangte die Position des Privatsekretärs des Kriegsministers. Eines Tages wurde er gebeten, einige wichtige Persönlichkeiten nach Rishikesh zu begleiten. Als er realisierte, dass er nun Swami Sivananda sehen könnte, kannte seine Freude keine Grenzen. Während die Persönlichkeiten in Rishikesh abstiegen, ging er zum Büro des Ashrams und fragte nach Swami Sivananda. Es wurde ihm bedeutet, dass Swami Sivananda gerade ruhe und ihn nicht empfangen könne. Er ging an Swami Sivanandas Zimmer vorbei, als dieser plötzlich herauskam und sagte: „So! Du bist also gekommen.“ Swami Venkatesananda bat ihn, im Ashram bleiben zu dürfen. Swami Sivananda bat ihn seinerseits darum, erst seine Ausbildung zu beenden und danach zu kommen. Nach einem Jahr, in dem er alle seine Verpflichtungen erfüllt hatte, kehrte er nach Rishikesh zurück und blieb. Sivananda ließ ihn verschiedene Aufgaben in der Küche, dem Tempel, dem Büro des Ashrams und Schreib- und Pressearbeiten verrichten. Danach wurde er der Privatsekretär von Swami Sivananda. Er tippte seine Bücher, beantwortete Briefe und ging ihm bei den täglichen Arbeiten zur Hand. Später bereiste er die Welt. In Südafrika schrieb er schließlich viele seiner Bücher wie den Kommentar zur Bhagavad Gita und die Übersetzungen des Bhagavatam, des Ramayana, des Yoga Vāsi«Âha und der Aussprüche Buddhas, die er Sanskrit- und Pali-Texten entnahm. Dazwischen beantwortete Briefe, 10
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    deren 50 ihnoft täglich erreichten. Kennzeichnend für seine praktische Ver- nunft war seine Empfehlung, von allen seinen Büchern jeweils nur so viel zu lesen, wie man als Botschaft für den Tag verdauen konnte, damit die erhabe- nen und subtilen Gedanken der Texte durch beständiges Nachsinnen einsin- ken konnten. Für das Vāsi«Âha's Yoga empfahl Swami Venkatesananda das Lesen nur einer Seite auf einmal, um die Einverleibung der Unterweisung zu unterstützen. Swami Venkatesananda starb am 2. Dezember 1982 in Johannesburg, Süd- afrika. *** 11
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    Aus dem Klappentext Dies ist Swami Venkatesanandas längere Version des Yoga Vāsi«Âha. Sein zweibändiges Werk ist hier zwischen zwei Buchdeckeln enthalten. Es ist eine gelungene Zusammenfassung des drittlängsten Buches der Welt. Sein Ziel besteht darin, ein Mittel zur Beseitigung der psychologischen Konditionie- rung und zum Erlangen der Befreiung zur Verfügung zu stellen. Dieses Werk ist, um einen Ausspruch von Shri Ramakrishna zu zitieren, „gesotten in der Butter der Erkenntnis und getaucht in den Honig der Liebe“. *** 12
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    Segnung DasYoga Vāsi«Âha ist ein einzigartiges Werk der indischen Philosophie, dem wegen seiner praktisch verstandenen spirituellen Weisheit hohe Wertschät- zung entgegengebracht wird. Allein das Studium dieser bedeutenden Schrift schon kann jemandem ganz gewiss dabei helfen, Gottbewusstsein zu erlan- gen. Für die Sucher nach vollkommener Schönheit ist Yoga Vāsi«Âha wie Nektar – es ist ein Schatzhaus der Weisheit. Wie das Amritanubhava von Sri Jñáneshwar eignet sich der in diesem Werk aufgezeigte Weg für diejenigen, die spirituell auf das Äußerste entwickelt sind; schon fast nahe am Zustand eines Siddha. Es erläutert die höchste Wahrheit mit Hilfe zahlreicher Ge- schichten und bildhafter Darstellungen. Nicht nur Philosophen, sondern auch moderne Psychologen und Wissenschaftler werden darin gewiss Dinge fin- den, die sie mit ihren eigenen Entdeckungen in Zusammenhang bringen kön- nen. Die meisten Schriften enthalten das, was Gott seinen Verehrern mitzuteilen hatte. Das Yoga Vāsi«Âha jedoch enthält, was die Verehrer Gottes Diesem Selbst mitzuteilen hatten. Hier ist von den Unterweisungen des Weisen Vāsi«Âha an Lord Rāma die Rede, die das wahre Verständnis der Erschaffung der Welt enthalten. Die Philosophie des Yoga Vāsi«Âha ähnelt stark derjenigen des kashmirischen Śivaismus. Ihre Hauptaussage besteht darin, dass alles einschließlich der materiellen Welt Bewusstsein ist und die Welt eben so ist, wie wir sie sehen. Dies ist absolut wahr – denn die Welt ist nichts als das Spiel des Bewusstseins. Abhinavagupta, der große Gelehrte des 10. Jh. des kashmirischen Shivaismus, sagte einmal: „Śiva, das unabhängige und reine Selbst, welches stets im Gemüt vibriert, ist die Parashakti, die in den Sinneserlebnissen als Freude erfahren wird. Die Erfahrung dieser äußeren Welt erscheint als sein Selbst. Ich habe keine Ahnung, woher eigentlich diese Rede von ‚saæsāra‘ herstammt.“ Dies ist ebenso auch die unvergleichliche Philosophie des Yoga Vāsi«Âha. Swami Venkatesananda, der dieses monumentale Werk übersetzt hat, hat hart dafür gearbeitet, seine Philosophie dem normalen Menschen verständ- lich zu machen. Damit hat er allen Suchern nach der Wahrheit einen wertvol- len Dienst erwiesen. Swamiji ist eine reine Persönlichkeit mit herausragen- dem Wissen – er ist daher der Übersetzung dieses Werkes des höchsten Yoga würdig. Möge dieses Buch dem Leser echte Erkenntnis vermitteln. Swami Muktananda 13
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    Vorwort DasBuch Vāsi«Âha's Yoga stellt eine Übersetzung ins Englische begleitet von kurzen Erläuterungen von Swami Venkatesananda der Divine Life Society, Rishikesh, India, dar. Es ist die Übersetzung einer wohlbekannten Abhand- lung des Vedanta in Sanskrit, des Yoga Vāsi«Âha. Das Yoga Vāsi«Âha war über die Jahrhunderte hinweg stets ein bevorzugtes Buch spiritueller Sucher in Indien. Seine besondere Anziehungskraft liegt in seiner gänzlich rationalen Darstellungsweise und seiner Darlegung des Vedanta als einer Philosophie, die wie die Bhagavadgita durch erleuchtetes Verstehen und erhabene Spiritualität die Kluft zwischen dem Weltlichen und dem Heiligen, der Tätigkeit und der Kontemplation, zu schließen unternimmt. Hier findet der Leser Passagen wie etwa den Eingangssatz von Kapitel II-18, der die Bedeutung der Vernunft erläutert: „Die Worte sogar eines kleinen Jungen sollten akzeptiert werden, wenn es Worte der Weisheit sind. Andernfalls müssen sie wie Strohhalme bei- seite geworfen werden, auch wenn sie von Brahmā dem Schöpfer selbst stammen sollten.“ Es ist eben diese Philosophie einer umfassenden, rationalen und praktisch orientierten Spiritualität, der der Mensch der modernen Zeit bedarf, um sich selbst von der Fessel der Weltlichkeit zu befreien und die breite Straße des schöpferischen Lebens und der Erfüllung zu betreten. Indem Swami Venkatesananda, der jahrzehntelang unermüdlich an der Verbreitung der lebenspendenden Botschaften des Yoga und Vedanta in Ost und West gearbeitet hat, diese Übersetzung des Yoga Vāsi«Âha im Geist seiner Übersetzungen der bereits erwähnten beiden Bücher herausgebracht hat, hat er den spirituellen Suchern von nah und fern einen großen Dienst erwiesen. Dem Chiltern Yoga Trust of Elgin, South Africa, gebührt der stille Dank der Leser für die Veröffentlichung dieser drei Bücher des Swami und die Unter- stützung in der Verbreitung der lebendigen, reinigenden und inspirierenden Ideen des Vedanta des Ewigen Indien, Amat Bharat. (Swami Ranganathananda) Präsident des Ramakrishna Math, Hyderabad A. P. Indien, 20. Dezember 1975 14
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    Einführung DieGelehrten spekulieren über den Autor dieser monumentalen Schrift und andere damit in Zusammenhang stehende akademische Fragen. Möge Gott ihnen eines Tages die gewünschten Erkenntnisse schenken. Das Yoga Vāsi«Âha ist eine der großartigsten Hilfestellungen für das spiritu- elle Erwachen und die unmittelbare Erfahrung der Wahrheit – das ist gewiss. Wenn es dies ist, was du suchst, dann sei willkommen beim Yoga Vāsi«Âha. Der Text scheint vor Wiederholungen überzufließen, die jedoch in Wahrheit keineswegs müßig sind. Falls du Wiederholungen nicht magst oder benötigst, dann lies nur diesen einen Satz: „Diese Welterscheinung ist nichts als eine Täuschung – so wie die Bläue des Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem Verstand nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern sie einfach zu ignorieren.“ (I, 3) Gerade diese Aussage erscheint mehrere Male in dieser Schrift, und sie scheint auch die wesentliche Aussage der hier vorgelegten Unterweisung zu sein. Falls dir dies noch nicht ganz klar sein sollte, dann lies aufmerksam diese Schrift. Die vielfältigen Wege, mit deren Hilfe diese Wahrheit enthüllt wird, werden dir dabei helfen, deinen Verstand aufzuschließen. Es ist klug, pro Tag nur eine Seite zu lesen. Die Lehre ist revolutionär, jedoch wird der voreingenommene Verstand sie nicht ohne weiteres akzeptieren. Nach dem täglichen Studium meditiere – lass die Botschaft in dich eindrin- gen. *** Ein stets wiederkehrender Ausdruck in dieser Schrift ist „kākatālīya“ – eine Krähe lässt sich auf einer Kokospalme nieder, und in genau diesem Augen- blick fällt eine reife Kokosnuss herunter. Die beiden nicht miteinander in Zusammenhang stehenden Ereignisse scheinen auf rätselhafte Art in Zeit und Raum miteinander in Beziehung zu stehen – trotz ihrer offenbar inexistenten kausalen Beziehung. Genauso ist auch das Leben – genauso auch die „Schöpfung“. Der Verstand jedoch verfängt sich selbst in seiner unaufhörlichen Endlosschleife der logi- schen Fragen nach dem “Warum” – er erfindet ein „Warum“ und ein „Wozu“, um sich selbst zufrieden stellen zu können, wobei er bequemerweise und fortgesetzt die unbequemen Fragen meidet, die einen intelligenteren Ver- stand heimsuchen. Vāsi«Âha verlangt die direkte Beobachtung des Verstandes und Gemüts, ih- rer Bewegungsformen, ihrer Wahrnehmungen und Begründungen. Er fordert 16
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    die Untersuchung derangenommenen Ursachen und des daraus folgenden Schlusses, und er fordert sogar die Untersuchung des Beobachteten und der Beobachtung sowie deren letztliche Verwirklichung ihrer unteilbaren Einheit als das unendliche, absolute Bewusstsein. Darin besteht die Einzigartigkeit dieser Schrift, die sich somit selbst als die höchste erklärt: „Außer mit Hilfe dieser Schrift kann niemand das Gute erlangen – jetzt nicht und nicht in Zukunft. Für die vollkommene Verwirklichung dieser höchsten Wahrheit sollte man daher eifrig und nachdrücklich nur diese Schrift studieren.“ (VI, 2:103) Es ist gewiss die Unterweisung selbst, die erlesen ist – nicht etwa ein Buch oder ein Weiser. Daher scheut Vāsi«Âha sich nicht zu sagen: „Falls jemand meinen sollte, dass diese Schrift nicht autoritativ und menschlichen Ursprungs sei, dann kann er immer noch seine Zuflucht zu einer anderen Schrift nehmen, die sich mit der Selbsterkenntnis und der endgültigen Befreiung befasst.“ (VI, 2:175) Welches auch immer die Schrift sei, und von wem auch immer sie gelehrt wird, unabhängig von dem von dir gewählten Pfad der Erkenntnis – höre niemals auf, bis nicht alle psychologische Konditionierung gänzlich aufgehört hat. Daher ermahnt Vāsi«Âha den Sucher: „Man sollte jeden Tag wenigstens einen kleinen Teil dieser Schrift stu- dieren. Ihre Schönheit liegt auch darin, dass der Leser niemals mit sei- ner Ratlosigkeit alleingelassen wird – falls etwas nicht sofort klar sein sollte, so macht das weitere Studium dieser Schrift das Verständnis fes- ter.“ (VI, 2:175) *** 17
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    Gebet yata÷sarvÃïi bhūtÃni pratibhÃnti sthitÃni ca yatrai 'vo' paśamaæ yÃnti tasmai satyÃtmane nama÷ (1) jñÃtà jñÃñaæ tathà jñeyaæ draşÂà darśana d−śyabhÆ÷ kartà hetu÷ kriyà yasmÃt tasmai jñaptyÃtmane nama÷ (2) sphuranti sÅkarà yasmÃd Ãnandasyà 'æbare 'vanau sarveşÃæ jÅvanaæ tasmai brÃhmanandÃtmane nama÷ (3) Wir verneigen uns vor dieser Wirklichkeit, in welcher alle Elemente und alle belebten und unbelebten Wesen erstrahlen, als hätten sie eine unabhän- gige Existenz, und in welcher sie eine Zeitlang existieren, um wieder mit ihr zu verschmelzen. Wir verneigen uns vor diesem Bewusstsein, welches die Quelle der scheinbar unterschiedlichen Dreiheit des Wissenden, des Wissens und des Gewussten, des Sehers, des Sehens und des Gesehenen, des Täters, des Tuns und des Getanen ist. Wir verneigen uns vor dieser absoluten Seligkeit (dem Ozean der Selig- keit), die das wahre Leben aller Wesen ist, deren Glück und Wohlergehen aus einem einzigen Wasserspritzer dieses Ozeans der Seligkeit hervorgegangen sind. *** 18
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    Teil I: Überdie Leidenschaftslosigkeit SUTĪKå×A, der Weise, fragte den Weisen Agastya: I:1 Oh Weiser, bitte erleuchte mich zu diesem Problem der Befreiung! Welches von diesen beiden ist der Befreiung förderlich – die Tätigkeit oder die Er- kenntnis? AGASTYA erwiderte: Wahrlich, so wie Vögel zum Fliegen beider Flügel bedürfen, so führen auch Tätigkeit und Erkenntnis beide zusammen zum höchsten Ziel der Befreiung. Nicht jedoch können Tätigkeit oder Erkenntnis allein zur Befreiung führen – beide zusammen erst bilden das Mittel zur Erlangung der Freiheit. Höre: Ich erzähle dir nun als Antwort auf deine Frage eine alte Geschichte. Einst lebte ein heiliger Mann namens Kāruïya, der Sohn des Agniveśya. Nachdem er die heiligen Schriften gemeistert und ihren Sinn verstanden hatte, wurde der junge Mann gegenüber dem Leben gleichgültig. Als Agniveśya dies bemerkte, verlangte er zu wissen, weshalb Kāruïya die Ausführung seiner täglichen Pflichten aufgegeben habe. Daraufhin erwiderte Kāruïya: „Sagen die Schrif- ten denn nicht auf der einen Seite, dass man alle ihre Vorschriften bis zum Ende des Lebens erfüllen sollte, während sie auf der anderen Seite feststellen, dass die Unsterblichkeit nur durch die Aufgabe aller Tätigkeit erlangt werden kann? Was soll ich, der ich zwischen diesen beiden Aussagen gefangen bin, nun tun, oh mein Guru und Vater?“ Nachdem er dies geäußert hatte, ver- stummte der junge Mann. AGNIVEŚYA sagte: Mein Sohn, höre zu – ich werde eine alte Legende erzählen. Erwäge ihren Sinn gebührend und handle dann, wie du es für richtig hältst. Vor langer Zeit saß einmal auf einem Gipfel des Himālayas eine himmlische Nymphe namens Suruci. Eines Tages sah sie einen Boten Indras, des Königs der Götter, vorbei- fliegen. Von ihr über den Zweck seiner Mission befragt, antwortete dieser wie folgt: „Ein königlicher Weiser namens Ari«Âanemi hatte sein Königreich sei- nem Sohn übergeben und unterzog sich in den Gandhamādana-Bergen atem- raubenden Askesepraktiken. Als er dies bemerkte, bat mich Indra, mich ihm zusammen mit einer Anzahl von Nymphen zu nähern und den königlichen Weisen in den Himmel zu geleiten. Der königliche Weise jedoch wünschte zuvor Auskunft über die Vorteile und Nachteile des Himmels zu erhalten. Ich erwiderte: Im Himmel erhalten die Besten, die Mittleren und die Geringeren unter den frommen Sterblichen die ihnen zukommende Belohnung. Sobald sie die Früchte der ihnen zustehenden Verdienste genossen haben, kehren sie in die Welt der Sterblichen zurück. Daraufhin lehnte der königliche Weise die Einladung Indras in den Himmel ab. Indra sandte mich ein weiteres Mal zu dem königlichen Weisen – diesmal mit der Weisung, dass er vor einer noch- maligen Ablehnung den Rat des Weisen Vālmīki einholen möge. 19
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    So wurde derkönigliche Weise dann Vālmīki vorgestellt. Er fragte Vālmīki: „Worin besteht der beste Weg, von Geburt und Tod frei zu werden?“ Als Ant- wort darauf erzählte Vālmīki ihm von dem Dialog zwischen Rāma und Vāsi«Âha. VùLMýKI sagte: I:2 Nur derjenige ist qualifiziert zum Studium dieser Schrift (nämlich des Dia- logs zwischen Rāma und Vāsi«Âha), der so empfindet: „Ich bin gebunden, ich möchte frei werden“ und der weder völlig unwissend noch erleuchtet ist. Derjenige, welcher mit Bedacht die in dieser Schrift vorgeschlagenen Mittel zur Befreiung, welche in der Form von Erzählungen mitgeteilt werden, er- wägt, wird ganz gewiss die Freiheit von der Wiederholung des Lebens (von Geburt und Tod) erlangen. Ich habe die Geschichte von Rāma schon früher verfasst und sie auch mei- nem geliebten Schüler Bharadvāja mitgeteilt. Als wir einmal gemeinsam zum Berg Meru gewandert sind, hat Bharadvāja sie Brahmā, dem Schöpfer, weiter- erzählt. Dieser war über sie so hoch erfreut, dass er Bharadvāja einen Wunsch gewährte. Bharadvāja wünschte sich, dass „alle menschlichen Wesen frei vom Leiden sein mögen“ und bat Brahmā, den besten Weg aufzuzeigen, um dieses Ziel zu erreichen. Brahmā sagte dann zu Bharadvāja: „Suche den Weisen Vālmīki auf und bitte ihn darum, die erhabene Geschichte von Rāma zu erzählen, damit der Zuhö- rer auf diese Weise frei von der Dunkelheit der Unwissenheit werde.“ Noch nicht befriedigt, kam Brahmā, begleitet von dem Weisen Bharadvāja, zu mei- ner Einsiedelei. Nachdem er meine Verehrung entgegengenommen hatte, sagte Brahmā zu mir: „Oh Weiser, deine Geschichte von Rāma soll das Floß sein, mit dem die Menschen den Ozean von saæsāra (der Wiederholung von Geburt und Tod) überqueren. Erzähle diese Geschichte daher von Anfang an bis zu ihrem glücklichen Ende.“ Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Schöp- fer. Durch das plötzliche Verschwinden von Brahmā verwirrt, bat ich den Wei- sen Bharadvāja mir zu erklären, was Brahmā gerade gesagt hatte. Bharadvāja wiederholte Brahmā's Worte: „Brahmā wünscht, dass du die Geschichte von Rāma auf eine Weise darlegen möchtest, dass sie allen Wesen ermöglicht, den Kummer hinter sich zu lassen. Auch ich bitte dich, oh Weiser – teile mir bitte in allen Einzelheiten mit, wie Rāma, Lak«maïa und die anderen Brüder sich selbst vom Kummer befreien konnten.“ Daraufhin enthüllte ich Bharadvāja das Geheimnis der Befreiung von Rāma, Lak«maïa und den anderen Brüdern wie auch deren Eltern und den Mitglie- dern des königlichen Hofes. Und ich fügte für Bharadvāja noch hinzu: „Mein Sohn, wenn du wie diese lebst, dann wirst auch du hier und jetzt frei vom Kummer werden.“ VùLMýKI fuhr dann fort: I:3 20
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    Diese Welterscheinung istnichts als eine Täuschung, so wie die Bläue des Himmels eine optische Täuschung ist. Ich halte es für ratsam, dem Verstand nicht zu erlauben, sich länger mit ihr zu beschäftigen, sondern sie einfach zu ignorieren. Solange in einem Menschen nicht die Überzeugung wächst, dass diese Welterscheinung keinerlei Wirklichkeit besitzt, ist weder die Freiheit vom Leiden noch die Verwirklichung der eigenen wahren Natur möglich. Diese Überzeugung aber wird wachsen, wenn man eifrig diese Schrift stu- diert. Schließlich wird man zu der festen Überzeugung gelangen, dass diese objektive Welt nichts als eine Verwechslung des Wirklichen mit dem Unwirk- lichen darstellt. In jemandem, der diese Schrift nicht studiert, wird die wahre Erkenntnis nicht aufsteigen – auch nicht in Millionen von Jahren. Mok«a oder Befreiung besteht in der totalen Aufgabe aller vasana oder mentalen Konditionierung, und zwar ohne den geringsten Vorbehalt. Die mentale Konditionierung besteht aus zwei Arten – der reinen und der unrei- nen. Die unreine ist die Ursache der Geburten, während die reine von der Geburt befreit. Die unreine hat die Natur der Unwissenheit und des Ich- Sinnes, die seit jeher die Samenursachen für den Kreislauf der Wiedergebur- ten darstellen. Werden dagegen diese Samenursachen aufgegeben, dann wird die mentale Konditionierung, die nichts anderes als die Aufrechterhaltung des körperlichen Lebens bezweckt, von reiner Natur sein. Eine mentale Kon- ditionierung dieser Art existiert sogar noch in jenen, die noch zu Lebzeiten befreit wurden. Sie bewirkt keine Wiedergeburt, weil sie nur ein Überbleibsel aus der Vergangenheit ist, das die gegenwärtig bestehenden Absichten nicht beeinflusst. Ich werde dir nun davon berichten, wie Rāma ein erleuchtetes Leben als befreiter Weiser führte. Wenn du diese Geschichte kennst, wirst du von allen Missverständnissen betreffend das Altern und den Tod befreit werden. Nach seiner Rückkehr aus der Einsiedelei seines Lehrers ging Rāma im Pa- last seines Vaters verschiedenen Beschäftigungen nach. Da entstand in ihm der Wunsch, durch das ganze Land zu reisen und heilige Pilgerorte zu besu- chen. Rāma ging zu seinem Vater auf und bat um die Erlaubnis, selbst eine Pilgerreise unternehmen zu dürfen. Der König bestimmte einen günstigen Tag für den Beginn der Pilgerreise, und nachdem Rāma die liebevollen Se- genswünsche der Ältesten der Familie empfangen hatte, reiste er ab. Zusammen mit seinen Brüdern durchreiste Rāma das ganze Land südlich der Himālayas. Schließlich kehrte er zur großen Freude seiner Landsleute in die Hauptstadt zurück. VùLMýKI fuhr fort: I:4, 5, 6 Beim Betreten des Palastes verbeugte Rāma sich demütig vor seinem Vater, dem Weisen Vāsi«Âha und den anderen Ältesten und heiligen Männern. Die ganze Stadt Ayodhyā war zu Ehren der Rückkehr Rāma‘s von seiner Pilgerrei- se für acht Tage festlich geschmückt. 21
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    Nun folgte eineZeit, in der Rāma im Palast lebend seinen täglichen Pflich- ten nachging. Jedoch schon sehr bald machte sich in ihm ein tiefer Wandel bemerkbar. Er wurde dünner und schmächtiger, blasser und schwächer. König Daśaratha war über diesen plötzlichen und gänzlich unerwarteten Wechsel im Erscheinen und Verhalten seines geliebten Sohns besorgt. Wann immer er Rāma zu dessen Gesundheit befragte, erwiderte dieser, dass es keinen Grund zur Besorgnis gäbe. Und wenn Daśaratha Rāma fragte: „Geliebter Sohn, was beschäftigt dich?“, da antwortete Rāma höflich: „Nichts, Vater“ und verstumm- te. Schließlich wandte sich Daśaratha an den Weisen Vāsi«Âha, um von diesem eine Antwort über das rätselhafte Verhalten des Sohnes zu erhalten. Der Weise antwortete zweideutig: „Gewiss gibt es einen Grund, weshalb Rāma sich auf diese Weise verhält. So wie sich in dieser Welt ohne Grund keine größeren Veränderungen ergeben, bevor nicht die dafür verantwortliche Ursache (bzw. die kosmischen Elemente) in die Entstehung gekommen ist, so finden in den Edelmütigen auch Wandel wie Ärger, Verzagtheit und Freude nicht grundlos statt.“ Daśaratha drang nicht weiter in ihn. Bald nach diesem Gespräch kam der überall berühmte Weise Viśvāmitra zum Palast. Als der König über den heiligen Besuch unterrichtet wurde, beeil- te er sich, den Weisen zu begrüßen. Daśaratha sagte: „Willkommen, oh will- kommen, heiliger Weiser! Deine Ankunft in meinem bescheidenen Haus er- freut mich sehr. Sie ist mir so lieb wie das Erblicken der Welt für den blinden Mann, der Regen für die ausgedörrte Erde, der Sohn für die unfruchtbare Frau, die Wiederaufstehung des Totgeglaubten und der Rückgewinn verlo- rengegangenen Reichtums. Oh Weiser, sage mir – was kann ich für dich tun? Sei versichert – aus welchem Wunsche heraus du zu mir gekommen sein magst, diesen Wunsch betrachte bereits als erfüllt. Du bist die Gottheit, die ich verehre. Ich werde tun, was immer du von mir verlangst.“ VùLMýKI fuhr fort: Viśvāmitra war über Daśaratha's Worte erfreut und begann damit, diesem I:7, 8, 9 den Zweck seines Kommens zu enthüllen. Er sagte zum König: „Oh König! Ich brauche deine Hilfe bei der Durchführung eines religiösen Rituals, dem ich mich verpflichtet habe. Wann immer ich dieses Ritual durch- zuführen beginne, dringen die Dämonen, die Gesellen von Khara und DÆ«aïa, in den heiligen Ort ein und entweihen ihn. Da ich unter dem Gebot des Rituals stehe, kann ich sie nicht verfluchen. Du kannst mir helfen. Dein Sohn Rāma kann leicht mit diesen Dämonen fer- tig werden. Als Gegenleistung für diese Hilfe werde ich ihm vielfältige Gunst- beweise zukommen lassen, die dir vortrefflichen Segen bringen werden. Deine Liebe zu deinem Sohn sollte nicht deine Treue zur Pflicht in Frage stellen. In dieser Welt gibt es für die Edelmütigen kein Geschenk, das ihre Mittel übersteigt. 22
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    Im selben Moment,in dem du ‚ja‘ sagst, betrachte ich diese Dämonen als getötet. Denn ich weiß, wer Rāma ist. Ebenso wissen dies Vāsi«Âha und die anderen Heiligen an diesem Hof. Dulde keinen weiteren Aufschub, oh König – sende mir Rāma ohne weitere Verzögerung.“ Nachdem er diese sehr unwillkommene Botschaft vernommen hatte, ver- blieb der König eine Weile stumm und nachdenklich. Schließlich antwortete er: „Oh Weiser, Rāma ist noch keine sechzehn Jahre alt. Für einen solchen Kampf ist er nicht reif genug. Er hat noch niemals an einem Kampf teilge- nommen und kennt nichts als das, was sich in den innersten Gemächern dieses Palastes abspielt. Befiehl mir stattdessen, dich zu begleiten! Befiehl, dass meine große Armee dich begleitet, um diese Dämonen auszulöschen! Aber von Rāma kann ich mich nicht trennen. Ist es nicht natürlich für alle Lebewesen, ihre Jungen zu lieben? Unternehmen denn nicht auch die weisen Männer außergewöhnliche Handlungen aus Liebe zu ihren Kindern? Und geben die Menschen nicht lieber all ihr Glück, ihren Wohlstand und ihre Gat- ten als ihre Kinder auf? Nein, von Rāma vermag ich mich nicht zu trennen. Ich habe von dem mächtigen Dämon Rāvaïa gehört. Sollte er derjenige sein, der die Störung deines Rituals verursacht? In diesem Falle kann nichts dir helfen, denn mir ist bekannt, dass gegen ihn sogar die Götter machtlos sind. Immer wieder einmal werden mächtige Wesen dieser Art auf der Welt gebo- ren, und wenn ihre Zeit gekommen ist, verlassen sie die Bühne des Lebens wieder.“ Viśvāmitra war zornig. Als Vāsi«Âha dies bemerkte, griff er ein. Er versuchte den König davon zu überzeugen, sein Versprechen nicht zurückzuziehen, sondern Rāma dem Weisen Viśvāmitra zur Seite zu geben. „Oh König! Es ist deiner unwürdig, ein Versprechen zu brechen. Ein König soll stets das Vorbild rechtschaffenen Verhaltens sein. Rāma ist sicher in der Gesellschaft Viśvāmitra’s, der außerordentlich mächtig ist und über zahllose unbesiegbare Waffen verfügt.“ VùLMýKI fuhr fort: I:10 Um den Wünschen des Gurus Vāsi«Âha nachzukommen, befahl König Daśaratha nun einem Diener, Rāma herbeizuholen. Der Diener kehrte zurück und meldete, dass Rāma in einer Minute erscheinen würde. Er fügte hinzu: „Der Prinz scheint niedergeschlagen zu sein und Gesellschaft meiden zu wol- len.” Bestürzt durch diese Aussage wandte sich Daśaratha an Rāma's Kam- merdiener und verlangte Auskunft über Rāma's Gemüts- und Gesundheits- verfassung. Der Kammerdiener war sichtlich betrübt und sagte: „Oh Herr, seit seiner Rückkehr von der Pilgerreise ist im Prinzen ein großer Wandel vorgefallen. Er scheint sich nicht einmal mehr für das reinigende Bad, die täglichen Gebete und die Verehrung der Götter zu interessieren. Er emp- findet kein Vergnügen mehr an der Gesellschaft der Menschen in den Gemä- chern des Palastes. Juwelen und kostbaren Steinen bedeuten ihm nichts mehr. 23
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    Auch wenn ihmschöne und erfreuliche Objekte präsentiert werden, betrach- tet er sie nur mit traurigen, gleichgültigen Augen. Er weist sogar die Palast- tänzer zurück – er bezeichnet sie als Quälgeister! Trübsinnig und mechanisch vollzieht er die Handlungen des Essens, Spazierengehens, Ruhens, Badens und Sitzens, wie jemand, der taub und stumm ist. Oft murmelt er vor sich hin: ‚Was ist der Sinn von Wohlstand und Reichtum, was ist der Sinn von Heim und Glück? All dies ist unwirklich.‘ Die meiste Zeit ist er stumm und unbetei- ligt bei den Unterhaltungen. Er zieht stets das Alleinsein vor. Die ganze Zeit über ist er in seine eigenen Gedanken versunken. Weder wissen wir, was unseren Prinzen überkommen hat noch über was nachsinnt oder was er sonst hier suchen mag. Tag für Tag magert er weiter ab. Immer wieder sagt er zu sich selbst: ‚Oh weh! Wir vertun unser Leben auf die unterschiedlichste Art und Weise, anstatt nach dem Höchsten zu streben! Die Leute beklagen laut all ihr Leiden und ihr Elend, aber niemand vermag sich ernstlich von den Ursachen seiner Schmerzen und seines Kummers abzuwenden!‘ Wir, seine ergebenen Diener, die all dies jeden Tag hören und sehen, sind darüber außerordentlich betrübt. Wir wissen nicht, was wir tun sollen. Er ist ohne jede Hoffnung und ohne jeden Wunsch. Er ist an nichts gebunden und von nichts abhängig. Er ist weder verblendet noch verrückt, aber er ist auch nicht erleuchtet. Manchmal jedoch scheint er von dem Ge- danken der Selbsttötung überwältigt zu werden – angetrieben von Gefühlen der Verzagtheit: ‚Was ist der Nutzen von Reichtum, Müttern und Verwandten, was ist der Nutzen des Königtums, und was ist der Sinn aller Tätigkeit hier in dieser Welt?‘ Oh Herr, nur du kannst das Hilfsmittel gegen diese Verfassung des Prinzen finden.“ VIŚVùMITRA sagte: Wenn es so steht, dann möge Rāma hierher kommen. Seine Verfassung ist nicht das Ergebnis eines Wahns, sondern sie ist voll von Weisheit und Leiden- I:11, 12 schaftslosigkeit – sie zielt auf die Erleuchtung. Bringt ihn zu uns – wir werden seine Mutlosigkeit vertreiben. VùLMýKI sagte: Und so forderte der König den Kammerdiener auf, Rāma unverzüglich zum Hof zu bringen. Währenddessen hatte Rāma sich bereits auf das Treffen mit seinem Vater vorbereitet. Schon von weitem erkannte und grüßte er seinen Vater und die Weisen. Diese wiederum bemerkten, wie dieses noch jugendli- che Antlitz schon vom Frieden der Reife leuchtete. Er verneigte sich zu Füßen des Königs, der ihn umarmte und zu sich emporhob. Er sprach zu ihm: „Was macht dich so traurig, mein Sohn? Trübsinn ist eine offene Einladung für zahllose Übel.“ Die Weisen Vāsi«Âha und Viśvāmitra stimmten dem König zu. RùMA erwiderte: Heiliger Herr, ich werde deine Fragen pflichtschuldigst beantworten. Ich wuchs glücklich im Hause meines Vaters auf; ich wurde von würdigen Leh- rern unterrichtet. Kürzlich unternahm ich eine Pilgerreise. Während dieser 24
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    Zeit ergriffen michgewisse Gedanken, die mir alle Hoffnungen in dieser Welt raubten. Mein Herz begann Fragen zu stellen: Was nennen die Menschen „Glück” und wie kann es in dieser Welt der stets wechselnden Objekte jemals erlangt werden? Alle Wesen in dieser Welt werden geboren, um zu sterben und sind dem Tode unterworfen, nur um wiedergeboren zu werden! In all diesen vergänglichen Phänomenen, die die Wurzeln von Leiden und Sünde darstellen, vermag ich keinerlei Sinn zu erblicken. Wesen ohne irgendwelche Beziehung treffen aufeinander und das Gemüt erfindet dann eine Verbindung zwischen ihnen. Alles in dieser Welt hängt vom Gemüt ab, von der mentalen Verfassung. Wird es aber untersucht, erweist sich dasselbe Gemüt als unwirk- lich! Trotzdem lassen wir uns von ihm verhexen. Wir scheinen hinter einer Fata Morgana in der Wüste herzulaufen, um unseren Durst zu stillen! Herr, gewiss sind wir keine an einen Herrn verkaufte Sklaven, doch leben wir ein Leben in Sklaverei und ohne jegliche Freiheit. Unwissend gegenüber der Wahrheit scheinen wir ziellos in diesem dichten Urwald, welcher Welt genannt wird, umherzuwandern. Was ist denn diese Welt? Was ist es, das wird, wächst und stirbt? Wie kann all dieses Leiden beendet werden? Mein Herz blutet vor Schmerz, obschon ich aus Rücksicht auf die Gefühle meiner Gefährten keine Tränen vergieße. RùMA fuhr fort: I:13, 14 Gleichermaßen nutzlos, oh Weiser, ist der Reichtum, der nur die Unwissen- den verführt. Unstet und wechselhaft, verursacht Reichtum nichts als zahllo- se Sorgen und erzeugt ein unstillbares Verlangen nach immer mehr. Der Reichtum ist ohne Ansehen der Person, denn sowohl die Guten wie die Schlechten können reich werden. Aber die Menschen sind nur so lange gut, mitfühlend und freundlich, so lange ihre Herzen nicht durch die leidenschaft- liche Jagd nach Wohlstand verhärtet sind. Der Reichtum verdirbt sogar die Herzen von weisen Gelehrten, von Helden, von ehrenhaften Menschen und von freundlichen und geschätzten Personen. Reichtum und Glück vertragen einander nicht. Selten gibt es einen wohlhabenden Mann, der keine Feinde und Gegner hat, die seinem Ruf zu schaden trachten. Für den Lotos der rech- ten Handlung ist der Reichtum die finstere Nacht, für den weißen Lotos des Kummers ist er der Mondschein, für die Leuchte der klaren Einsicht ist er der Wind, für die Welle der Feindschaft ist er die Flut, für die Wolke der Verwirrt- heit ist er der günstige Wind und für das Gift der Trübsinns ist er der be- schleunigende Wirkstoff. Er ist wie die Schlange aus üblen Gedanken, er fügt der Qual die Furcht hinzu, er ist für den Sehnsüchtigen nach der Leiden- schaftslosigkeit wie der bitterkalte Schneefall, er ist der Einbruch der Nacht für die Eule der bösen Wünsche, er ist der Niedergang für den Mond der Weisheit und in seiner Gegenwart schrumpft die gute Natur des Menschen zu einem Nichts zusammen. Wahrhaftig – der Reichtum sucht denjenigen, der bereits im Griff des Todes ist. 25
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    Und so istauch diese Lebensspanne, oh Weiser. Sie ist so kurzlebig wie der an einem Blatt hängende Wassertropfen. Die Lebensspanne ist fruchtbar nur für diejenigen, die Selbsterkenntnis haben. Wir mögen den Wind umfassen, den Raum zerstückeln oder Wellen zu einer Girlande zusammenbinden, aber wir können unsere Zuversicht nicht an diese Lebensspanne heften. Wie eifrig versucht der Mensch, das Alter hinauszuzögern und wie viele neue Sorgen sammelt er dann, und wie sehr verlängert er die Zeit seines Leidens! Nur derjenige lebt wirklich, der nach Selbsterkenntnis strebt; nur dieser allein weiß, was wirklich wichtig ist in dieser Welt und wie er der Wiedergeburt ein Ende setzen kann. Alle anderen hier leben wie Esel. Für den Unweisen ist die Kenntnis der Schriften nur eine Last; für den, der voll von Wünschen ist, ist die Weisheit eine Bürde; für den Ruhelosen ist schon sein eigenes Gemüt eine Beschwernis, und für denjenigen, der ohne Selbsterkenntnis ist, ist der Kör- per (d. h. die Lebensspanne) eine Qual. Ohne Pause nagt die Ratte der Zeit an der Lebenspanne des Menschen. Die Termite der Krankheit (frisst) zerstört die vitalen Kräfte des Lebewesens. So wie die Katze, die die Maus jagt, sie wachsam und sprungbereit beobachtet, so wendet der Tod sein Auge nicht ab von dieser Lebenspanne. RùMA fuhr fort: Heiliger Herr, ich bin verwirrt und voll Angst, wenn ich darüber nachdenke, I:15, 16 wie der furchtbare Feind der Weisheit ins Leben tritt, der als Ich-Sinn be- kannt ist. Er entsteht in der Finsternis der Unwissenheit und gedeiht in ihr. Er erzeugt endlos sündige Neigungen und Handlungen. Ganz gewiss dreht sich sämtliches Leiden nur um den Ich-Sinn, denn es ist das „Ich”, das leidet. Der Ich-Sinn ist die einzige Ursache für jedwede mentale Verwirrtheit. Ich be- trachte den Ich-Sinn als meine schlimmste Krankheit! Indem er das Netz der wohlgefälligen Objekte des Vergnügens ausbreitet, führt der Ich-Sinn die Lebewesen in die Falle. Gewiss sind alle die entsetzlichen Nöte dieser Welt aus dem Ich-Sinn geboren. Der Ich-Sinn verdunkelt die Selbstbeherrschung, zerstört die Tugend und den Gleichmut. Ich möchte nichts anderes, als die Wahrnehmung des Ich-Sinns: „ich bin Rāma” und alle Wünsche aufgeben und nur noch im Selbst ruhen. Ich erkenne, dass alles umsonst ist, was ich mit der Vorstellung des Ich-Sinns unternommen habe – der Nicht-Ich-Sinn allein ist die Wahrheit. Wenn ich unter dem Einfluss des Ich-Sinns bin, bin ich unglück- lich – bin ich frei von ihm, bin ich glücklich. Der Ich-Sinn fördert das Verlan- gen – ohne dieses stirbt es ab. Es ist allein der Ich-Sinn, der ohne Vernunft und Verstand ist; der das Netz des Familienlebens und der sozialen Bezie- hungen ausgeworfen hat, um die unvorsichtige Seele einzufangen. Ich glaube, ich bin frei vom Ich-Sinn, und doch fühle ich mich noch elend. Bitte, erleuchte mich! Ohne die Gnade, die der heilige Dienst am Weisen gewährt, streift der un- reine Verstand ruhelos umher wie der Wind. Unzufrieden mit allem, was er erlangt, nimmt seine Rastlosigkeit Tag für Tag zu. Das Sieb kann nie mit Was- ser gefüllt werden und das Gemüt erlangt niemals den Zustand der Erfüllung, 26
  • 27.
    gleichgültig wie vieleweltliche Objekte angehäuft werden. Der Verstand flattert stets in allen Himmelsrichtungen umher, ist aber unfähig, dort das Glück zu finden. Ohne die großen Leiden zu bedenken, die es einst in der Hölle erdulden muss, sucht das Gemüt hier nach dem Vergnügen und findet es nicht. Wie der Löwe im Käfig ist das Gemüt ruhelos. Es hat seine Freiheit verloren und ist seiner gegenwärtigen Lage überdrüssig. Oh Heiliger – ich bin von den Fesseln des Verlangens an das Netz gebunden, welches das Gemüt ausgelegt hat. So wie die dahineilenden Gewässer des Flusses die Bäume am Ufer entwurzeln, so hat das rastlose Gemüt mein ganzes Sein entwurzelt. Wie ein trockenes Blatt werde ich vom Wind meines Gemüts umhergetrieben. Nirgendwo lässt es mich ruhen. Es ist nur dieses Gemüt, welches die Quelle aller Objekte in der Welt ist. Diese drei Welten existieren nur aufgrund von Gedankentätigkeit. Wenn das Gemüt verschwindet, verschwindet auch diese Welt. RùMA fuhr fort: I:17 Wahrhaftig ist es die in das Verlangen eingekleidete Gedankentätigkeit, die in der dadurch verursachten Finsternis der Unwissenheit diese zahllosen Irrtümer entstehen lässt. Dies Verlangen dörrt die edlen und guten Eigen- schaften des Gemüts und Herzens wie die Wärme und die Freundlichkeit des Charakters aus und macht mich hart und grausam. In dieser Finsternis wir- belt das Verlangen in seinen verschiedenen Gestalten wie ein Kobold umher. Obgleich ich mir verschiedene Methoden zur Beherrschung dieses Verlan- gens zu Eigen gemacht habe, überwältigt es mich im Nu von neuem und treibt mich hilflos vor sich her, wie der Sturm den Strohhalm mitreißt. Was immer ich mir durch die Pflege der Leidenschaftslosigkeit und ähnlicher Qualitäten erhoffe – das Verlangen vernichtet diese Hoffnung rascher, als eine Maus einen Faden durchbeißt. So bin ich hilflos gefangen im sich drehenden Rad des Verlangens. Wie der im Netz gefangene Vogel sind wir, obwohl wir Flügel besitzen, unfähig, unser Ziel zu erreichen oder Zuflucht im sicheren Hafen der Selbsterkenntnis zu finden. Auch kann dieses Verlangen niemals gestillt wer- den, sogar dann nicht, wenn ich Nektar in großen Zügen trinken würde. Die Besonderheit dieses Verlangens besteht darin, dass es keinerlei Ziel hat: Heute wirft es mich in diese Richtung und im nächsten Moment schon befin- de ich mich gänzlich woanders – wie ein durchgegangenes Pferd. Es breitet vor unseren Augen ein riesiges Netz bestehend aus dem Sohn, dem Freund, der Ehefrau und anderen Verwandten aus, in dem wir uns verfangen. Obgleich ich mich als einen Held betrachte, macht dieses Verlangen aus mir einen furchtsamen Feigling. Obgleich ich Augen habe zu sehen, macht es mich blind. Obgleich ich eine freudige Natur habe, macht es mich elend. Es ist wie ein furchtbarer Kobold. Es ist dieser schreckliche Kobold namens Verlangen, der für Bindung und Unglück verantwortlich ist. Er bricht das Herz des Men- schen und sät die Saat der Täuschung in ihm. Gefangen von diesem Kobold, ist der Mensch sogar unfähig, die Freuden zu genießen, die sich in seiner Reich- weite befinden. Obschon das Verlangen dem Anschein nach zum Glück führt, 27
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    führt es wederdorthin noch zu einem sinnvollen Leben; im Gegenteil – es beschwört nur nutzloses Bemühen herauf und bringt in unser Leben allerlei übeldeutende Zeichen. Sobald es die Bühne dieses Lebens betritt, auf der vielerlei glückliche und unglückliche Begebenheiten sich abspielen, so ist doch das Verlangen wie eine alternde Diva unfähig, Gutes und Edles zu be- wirken; im Gegenteil erzeugt es auf Schritt und Tritt Misslichkeit und Nieder- lage. Und doch gibt es seinen Tanz auf dieser Bühne nicht auf! Das Verlangen steigt jetzt in die Höhe des Himmels auf und im nächsten Moment sieht man es in den Tiefen der unteren Welten. Es ist stets rastlos. Es gründet auf nichts anderem als auf der Leere des Gemüts. In einem Moment leuchtet im Gemüt das Licht der Weisheit auf, aber schon im nächsten Mo- ment herrscht nichts als Verwirrung. Es ist ein Wunder, dass die Weisen diese Not mit dem Schwert der Selbsterkenntnis zu durchhauen vermögen. RùMA fuhr fort: Auch dieser bedauernswerte Körper, der aus Venen, Arterien und Nerven I:18 besteht, ist eine Quelle der Schmerzen. Obwohl leblos, täuscht er Intelligenz vor. So erzeugt er Verwirrung und man weiß nicht, ob er fühlend oder nicht- fühlend ist. Zufrieden schon mit der leisesten Erleichterung und bestürzt durch die geringste Widerwärtigkeit ist dieser Körper in der Tat verachtens- wert. Den Körper vermag ich nur mit einem Baum zu vergleichen: Die Äste sind die Arme, der Stamm ist der Rumpf, die Löcher sind die Augen, die Früchte sind der Kopf, und die Blätter stehen für die zahllosen Krankheiten. Er ist nichts als ein Grab für die Lebewesen. Wer kann schon mit vollem Recht behaupten, dass der Körper sein eigen sei? Seine Hoffnung auf ihn zu setzen oder seine Verzweiflung mit ihm in Verbindung zu bringen, ist sinnlos. Er ist nichts als ein Floß, mit dem man diesen Ozean aus Geburt und Tod überquert – niemand sollte ihn für sein eigenes Selbst halten. Dieser Baum, der der Körper ist, wächst in einem Wald, der saæsāra (Kreis- lauf der Wiedergeburt) genannt wird. In ihm spielt der ruhelose Affe (das Gemüt); er ist die Wohnstätte der Grillen (der Sorgen); er wird beständig von den Insekten (der endlosen Leiden)gefressen; er beherbergt die giftige Schlange (des Verlangens), und die wilde Krähe (des Zorns) bedrängt ihn. Auf ihm wachsen die Blumen (des Gelächters) und die Früchte von Gut und Böse. Er scheint lebendig zu sein, und wird doch nur durch den Wind (der Lebens- kraft) bewegt. Er bietet Wohnung den Vögeln (der Sinne) und ist der Unter- stand der Reisenden (Lust und Verlangen), denn er bietet ihnen den Schatten des Vergnügens. Auf ihm sitzt der riesenhafte Geier (des Ich-Sinns) und er ist gänzlich hohl und leer. Ganz gewiss kann er keinerlei Glücksverheißung dar- stellen. Ob er lange lebt oder in kurzer Zeit abstirbt – nutzlos ist er in jedem Fall. Er ist aus Fleisch und Blut zusammengesetzt und Alter und Tod unter- worfen. Ich schätze ihn nicht. Er ist im Übermaß angefüllt mit unreinen Sub- stanzen und von der Unwissenheit geschlagen. Wie könnte er jemals meine Hoffnungen erfüllen? 28
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    Dieser Körper istdie Heimat der Krankheiten, ein Feld der mentalen Ver- wirrtheit und der wechselhaften Gefühle und Bewusstseinszustände. Ich schätze ihn nicht. Was sind Wohlstand, Königtum und Körper? Alle diese werden gnadenlos vom Zahn der Zeit (Tod) zernagt. Zum Zeitpunkt des Todes gibt dieser undankbare Körper die Seele auf, die in ihm lebte und ihn be- schützt hat. Welche Hoffnung könnte ich jemals in ihn setzen? Schamlos stürzt er sich wieder und wieder in dieselben (schädlichen) Handlungen! Sein einziger Zweck besteht anscheinend darin, am Ende auf dem Scheiterhaufen zu verbrennen. Unbeirrt durch Alter und Tod, die den Reichen wie den Armen treffen, sucht er nach Wohlstand und Macht. Schande, Schande über diejeni- gen, die an diesen Körper gebunden sind – trunken vom Wein der Unwissen- heit! Schande über diejenigen, die an diese Welt gefesselt sind! RùMA sagte: I:19 Sogar die Kindheit, der Teil des Lebens, den die Leute irrigerweise als er- freulich und glücklich betrachten, ist voll von Kummer, oh Weiser. Hilflosig- keit, Missgeschicke, Verlangen, Sprachlosigkeit, Stummsein, völlige Torheit, Verspieltheit, Unbeständigkeit und Schwäche – all das ist in der Kindheit enthalten. Das Kind ist leicht verletzt, schnell erregbar bis zum Zorn und bricht rasch in Tränen aus. Wahrhaftig lässt sich mit Gewissheit behaupten, dass die Furcht des Kindes schrecklicher als die einer sterbenden Person, eines alternden Mannes, eines kranken Menschen oder irgendeines anderen Erwachsenen ist. Denn in der Kindheit lebt man wie ein Tier, das gänzlich von der Gnade anderer abhängig ist. Das Kind ist schutzlos den zahllosen Ereignissen rund herum ausgeliefert – sie bestürzen das Kind, verwirren und verwickeln es in verschiedene Wahn- vorstellungen und Ängste. Das Kind ist beeindruckbar und leicht von den Übelwollenden verführbar. So ist das Kind auf vielfältige Weise dem Willen und der Bestrafung seiner Eltern unterworfen. Die Kindheit scheint eine Zeit der Unterwerfung und nichts anderes zu sein! Obgleich das Kind reine Unschuld zu sein scheint, besteht die Wahrheit da- rin, dass es alle Arten von Defekten, sündigen Neigungen und neurotischem Verhalten verborgen und schlummernd in sich beherbergt, so wie eine Eule am Tage versteckt in einem dunklen Loch wohnt. Oh Weiser – ich bedauere die Menschen, die törichterweise diese Kindheit als eine glückliche Lebens- periode ansehen! Welches Leiden ist schlimmer als ein ruheloses Gemüt? Und ist nicht das Gemüt des Kindes von extremer Ruhelosigkeit? Wenn das Kind nicht jeden Tag etwas Neues erfährt, wird es unglücklich. Tatsächlich scheinen Weinen und Jammern die Hauptbeschäftigung jedes Kindes zu sein. Bekommt das Kind nicht, was es sich wünscht, dann scheint sein Herz zu brechen. Geht das Kind dann in die Schule, empfängt es aus der Hand seiner Lehrer die Bestrafungen – all dies vergrößert seine Qualen nur noch. 29
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    Schreit das Kind,dann versprechen ihm die Eltern das Blaue vom Himmel herunter, um es zu beschwichtigen. Von da an beginnt das Kind die Welt zu schätzen und die Dinge darin zu begehren. Die Eltern sagen: „Ich gebe dir den Mond für ein Spielzeug”, und das Kind, ihren Worten glaubend, denkt, es könne den Mond in seinen Händen halten. Auf diese Weise werden die Samen der Täuschung in dem kleinen Herz gesät. Obgleich das Kind Hitze und Kälte fühlt, ist es unfähig, sie zu vermeiden. Wie kann es sich dann besser als ein Baum fühlen? Wie die Tiere und die Vögel langt auch das Kind vergeblich nach den Dingen, die es begehrt. Furcht- sam meidet es die Älteren, mit denen es zusammenlebt. RùMA fuhr fort: I:20 Nach dem Ende der Kindheit betritt das menschliche Wesen die Stufe der Jugend, aber auch hier kann es den Zustand des Unglücklichseins nicht hinter sich lassen! Nun ist es den zahllosen mentalen Modifikationen der Jugendzeit unterworfen und schreitet vom Elend zu noch größerem Elend fort, denn es gibt alle Weisheit auf und umarmt den schrecklichen Kobold – die Lust, die in seinem Herzen wohnt. Sein Leben ist voll von Wunsch und Furcht. Wahrhaf- tig, diejenigen, die sich die Weisheit in ihrer Jugend nicht rauben lassen, kön- nen wohl jedem Ansturm standhalten. Ich schätze sie nicht, diese vergängliche Jugend, in der kurzlebiges Vergnü- gen rasch von langandauerndem Leiden gefolgt wird, und in der so viele getäuscht werden von dem, was so viele Menschen als wandellos ansehen, was aber in Wirklichkeit wechselhaft ist. Was noch schlimmer ist: In der Jugend begeht man viele Handlungen, die auch anderen nichts als Unglück bringen. So wie ein Baum von einem Waldbrand vernichtet wird, so wird das Herz des Jugendlichen vom Feuer der Leidenschaft verbrannt, sobald seine Gelieb- te ihn verlässt. Wie sehr er auch streben mag, um die Reinheit des Herzens zu entwickeln – das Herz des Jugendlichen bleibt stets vom Makel der Unrein- heit befleckt. Auch wenn seine Geliebte nicht bei ihm ist, wird er ständig von den Gedanken an ihre Schönheit verfolgt. Eine solche Person, angefüllt mit Verlangen, kann in den Augen der guten Menschen keine hohe Wertschätzung genießen. Die Jugend ist die Heimstatt des Leidens und der Bedrängnis (mentalen Zerrüttung). Sie kann mit einem Vogel verglichen werden, der mit den beiden Flügeln der guten und schlechten Handlungen fliegt. Die Jugend ist wie der Sandsturm, der die guten Eigenschaften des Menschen verweht und zer- streut. Die Jugend erweckt alle Arten des Bösen im Herzen und vertreibt die guten Eigenschaften, die noch existieren mögen; sie ist daher nichts anderes als der Anstifter des Üblen. Sie lässt Täuschung und blinde Anhaftung entste- hen. Jugend erscheint dem Körper begehrenswert, ist aber für das Gemüt die Quelle der Zerstörung. In der Jugend wird der Mensch vom Wahnbild des Glücks verführt, welches ihn unmittelbar zu der Quelle des Kummer geleitet. Daher bin ich gar nicht erfreut über die Jugend. 30
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    Ach! Und auchwenn die Jugend den Körper verlässt, brennen die Leiden- schaften, die sie im Menschen erweckt hat, sogar noch heftiger und führen nur allzu schnell die Zerstörung herbei. Wer sich an dieser Jugend erfreut, ist kein Mensch, sondern nur ein stumpfes Tier, dass sich in ein menschliches Gewand gekleidet hat. Nur diejenigen verdienen es, bewundernswert und große Seelen genannt und als wahre Menschen betrachtet zu werden, die sich nicht von den Übeln der Jugend überwältigen ließen und diese Stufe des Lebens überwanden, ohne sich seinen Verführungen zu unterwerfen. Es ist wohl leicht, einen gro- ßen Ozean zu überqueren, aber das andere Ufer der Jugend zu erreichen, ohne von ihren Neigungen und Abneigungen beeinträchtigt zu werden, ist wahrhaftig eine schwierige Aufgabe. RùMA fuhr fort: I:21, 22 In der Jugend ist der Mensch ein Sklave der sexuellen Anziehung. In einem Körper, der tatsächlich nichts als ein Aggregat aus Fleisch, Blut, Knochen, Haaren und Haut ist, nimmt er irrigerweise Schönheit und Anmut wahr. Wenn diese „Schönheit” dauerhaft wäre, so hätte diese Illusion wohl einige Berech- tigung. Jedoch – oh weh! – sie dauert nicht allzu lange. Im Gegenteil, schon sehr bald wird das Fleisch, das vorher der Gegenstand der Anbetung war, wird die Anmut und Schönheit der Geliebten in die welke Hässlichkeit des Alters verwandelt. Und noch später wird es vom Feuer, von Würmern oder Geiern verzehrt. Solange es jedoch andauert, verbrennt die sexuelle Anzie- hung das Herz und die Weisheit des Menschen. Auf diese Weise wird die gesamte Schöpfung am Leben erhalten. Wenn diese Anziehung endet, dann endet auch dieses saæsāra (Zyklus von Geburt und Tod). Sobald das Kind seiner Kindheit überdrüssig geworden ist, nimmt die Ju- gend ihre Stelle ein. Endet die Jugendzeit mit ihren Plagen der Unzufrieden- heit und Frustration, so wird sie vom Altern abgelöst – wie grausam das Le- ben doch ist! So wie der Luftzug einen Tautropfen vom Blatt fegt, so beseitigt das Alter den Körper. So wie ein Tropfen Gift den ganzen Körper zersetzt, wenn er einmal in diesen eingedrungen ist, so zersetzt die Senilität schon bald den gesamten Körper, lässt ihn zusammenbrechen und zu einem Gegen- stand des Gelächters der Leute werden. Obwohl der alte Mann seine Wünsche physisch nicht mehr befriedigen kann, wachsen und gedeihen diese in ihm nach wie vor. Erst jetzt, wo es schon zu spät ist, um noch den Lauf seines Lebens und seine Lebensweise zu ändern oder sein Leben bedeutungsvoller zu gestalten, beginnt er sich zu fragen: „Wer bin ich? Was sollte ich tun?“ usw. Mit dem Anbruch der Senilität beginnen sich nun alle die peinigenden Zeichen des körperlichen Zusammen- bruchs wie Keuchen, weiße Haare, Kurzatmigkeit, Verdauungsstörungen und Auszehrung zu zeigen. Und vielleicht betrachtet der Gott des Todes das silberne Haupt des alten Mannes schon bald wie eine gesalzene Melone und eilt, um sie zu besitzen. 31
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    Wie die Flutendes Wassers die Wurzeln der Bäume am Ufer fortreißen, so durchtrennt die Senilität unnachsichtig die Wurzeln des Lebens. Es folgt der Tod, der das Leben mit sich nimmt. Die Senilität ist wie der königliche Diener, der dem König, dem Tode, vorangeht. Oh wie rätselhaft und bestürzend dies alles doch ist! Sogar jene, die nie von ihre Feinden besiegt wurden und ihre Zuflucht in unerreichbaren Berggipfeln gefunden haben – auch sie werden von diesem Dämon gequält, der als Senili- tät und Degeneration bekannt ist. RùMA fuhr fort: I:23, 24 Alle Freuden in dieser Welt sind Täuschung, so wie der Genuss eines Irren, der sich am Geschmack einer im Spiegel erscheinenden Frucht erfreut. Alle Hoffnungen des Menschen in dieser Welt werden unablässig von der Zeit zerstört. Es ist die Zeit, oh Weiser, die alles in dieser Welt verbraucht – es gibt nichts in der Schöpfung, was sich außerhalb ihrer Reichweite befindet. Die Zeit ist es, die zahllose Universen erschafft – und schon nach kurzer Zeit hat sie alles wieder zerstört. Die Zeit erlaubt in ihrer teilweisen Manifestation als das Jahr, das Zeitalter und die Epoche einen kleinen Blick auf sich selbst, aber ihre wahre Natur ist verborgen. Es ist diese Zeit, die alles überragt. Die Zeit ist gnadenlos, uner- bittlich, grausam, allesverschlingend und unersättlich. Die Zeit ist der größte Zauberer – voll von irreführenden Tricks. Die Zeit selbst kann nicht erforscht werden – wie viele Male sie auch zergliedert wird, sie überlebt doch stets und zeigt sich als unzerstörbar. Ihr Appetit auf alles und jedes ist unstillbar. Sie verschlingt die kleinsten Insekten, die größten Berge und sogar den König des Himmels! So wie der kleine Junge zum Zeitvertreib mit einem Ball spielt, so spielt die Zeit zu ihrem Zeitvertreib mit den beiden Bällen, die als Sonne und Mond bekannt sind. Es ist in der Tat die Zeit allein, die als Zerstörer des Uni- versums (Rudra), als Schöpfer der Welt (Brahmā), als König des Himmels (Indra), als Gebieter des Wohlstands (Kubera) und als das Nichts der kosmi- schen Auflösung erscheint. Es ist in der Tat diese Zeit, die beständig und wiederholt das Universum erschafft und auflöst. So wie der große und mäch- tige Berg auf der Erde ruht, so ruht diese allmächtige Zeit auch im absoluten Sein (Brahman). Obwohl die Zeit unermüdlich neue Universen erschafft, verbraucht sie sich weder noch erfreut sie sich daran. Weder kommt sie noch geht sie; weder steigt sie auf noch geht sie unter. Die Zeit, der Genießer, sieht die Objekte dieser Welt, wie sie im Feuer der Sonne reifen. Befindet sie sie für reif, dann isst sie sie! Alle Epochen der Zeit waren und sind zur Freude der Zeit bedeckt mit den lieblichen Edelsteinen der lebendigen Wesen, die sie spielerisch auslöscht, wenn ihre Zeit gekom- men ist. Für den Lotos der Jugend ist die Zeit der Einbruch der Nacht; für den Ele- fanten der Lebenszeit ist die Zeit der Löwe. Es gibt in dieser Welt nichts Ho- 32
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    hes oder Niedriges,was die Zeit nicht zerstören würde. Und wenn all dieses schließlich zerstört ist, so wird die Zeit selbst jedoch niemals zerstört. So wie ein Mensch nach der Tätigkeit des Tages in Schlaf fällt, als ob er bewusstlos sei, so schläft oder ruht auch die Zeit nach der Auflösung des Kosmos und behält die Fähigkeit zur Neuerschaffung der Welten verborgen in sich. Nie- mand weiß wirklich, was die Zeit ist. RùMA fuhr fort: I:25, 26 Abgesehen von der Zeit, die ich gerade beschrieben habe, gibt es noch eine weitere Zeit, die für Geburt und Tod verantwortlich ist. Die Leute bezeichnen sie als die Gottheit, die über den Tod herrscht. Und es gibt noch einen weiteren Aspekt der Zeit, der k−tānta genannt wird — es ist dies das Ende der Tätigkeit, ihr unvermeidliches Ergebnis oder ihre Frucht. Dieser k−tānta ist wie der Tänzer, der niyati (das Gesetz der Natur) als sein Weib hat. Beide zusammen erlegen allen Wesen die unvermeidbare Frucht ihrer Handlungen auf. Während der Existenz des Universums sind sie unermüdlich in ihrem Schaffen, unbeirrbar in ihrer Wachsamkeit und un- nachgiebig in ihrem Eifer. Wenn die Zeit also in diesem Universum tanzt und alles erschafft und zer- stört – welche Hoffnung können wir dann haben? K−tānta hat sogar diejeni- gen im Griff, deren Glaube stark ist, und macht sie ruhelos. K−tānta ist die dafür verantwortlich, dass alles in dieser Welt sich in konstantem Wandel befindet; eine Dauerhaftigkeit gibt es hier nicht. Alle Wesen in dieser Welt sind vom Übel berührt, alle Beziehungen bedeu- ten Bindung, alle Freuden sind in Wirklichkeit große Leiden, und alle Wün- sche nach dem Glück sind tatsächlich nur Luftspiegelungen. Die eigenen Sinne sind die Feinde; die Wirklichkeit wurde unwirklich (unerkennbar); der eigene Verstand wurde zum schlimmsten Feind. Der Ich-Sinn ist die Hauptur- sache alles Bösen. Die Weisheit ist machtlos; alle Tätigkeiten führen zum Missvergnügen, und die Freude ist rein sexuell. Die Intelligenz wird vom Egoismus regiert anstatt der Egoismus von der Intelligenz. Daher kann es im Gemüt des Menschen weder Frieden noch Glück geben. Die Jugend schwin- det. Die Gesellschaft der Heiligen ist selten. Es gibt keinen Ausweg aus diesem Leiden. Nirgendwo ist die Erkenntnis der Wahrheit zu beobachten. Weder freut man sich über das Gedeihen und das Glück anderer, noch kann in ir- gendeinem Herzen Mitgefühl gefunden werden. Die Menschen werden von Tag zu Tag schlechter. Schwäche hat die Stärke überwunden, Feigheit den Mut überwältigt. Schlechte Gesellschaft ist leicht zu haben, gute dagegen kaum zu finden. Ich frage mich, wohin die Zeit die Menschlichkeit führen wird. Ihr Heiligen, diese rätselhafte Macht, die diese Schöpfung regiert, zerstört sogar die mächtigsten Dämonen, raubt auch das, was aufgrund seiner schein- baren Dauerhaftigkeit für ewig angesehen wird, und tötet sogar die Unsterb- lichen. Kann es da für einfache Menschen wie mich irgendeine Hoffnung geben? Dieses rätselhafte Wesen scheint in allen zu wohnen, und sein indivi- 33
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    dualisierter Aspekt wirdals der Ich-Sinn bezeichnet. Anscheinend gibt es nichts, was von ihm nicht zerstört wird. Das gesamte Universum befindet sich unter seiner Herrschaft – gewiss wird es immer die Oberhand behalten. RùMA fuhr fort: I:27 Oh Weiser, weder in der Kindheit, in der Jugend noch im Alter erfährt man hier das wahre Glück. Keines der weltlichen Objekte kann irgendjemandem echtes Glück verschaffen. Vergeblich hält das Gemüt in den Objekten dieser Welt Ausschau nach dem Glück. Nur der ist glücklich, der frei vom Ich-Sinn ist und nicht von der Begierde nach dem Sinnesvergnügen beherrscht wird. Aber eine solche Person ist in dieser Welt außerordentlich selten. Ich betrachte in der Tat keinen als Helden, der erfolgreich eine mächtige Armee niederwirft, aber ich achte den als Helden, der in der Lage ist, diesen Ozean des Verstan- des und der Sinne zu durchqueren. Ich vermag nicht das als einen „Gewinn” zu betrachten, was schon bald dem Verlust ausgesetzt ist. Es kann nur das ein Gewinn sein, was niemals verloren geht. Aber nirgendwo in dieser Welt ist ein solcher Gewinn zu finden, wie sehr man auch immer darum kämpfen mag. Ohne dass er danach sucht, set- zen dem Menschen wiederholte Missgeschicke und schon bald wieder verge- hende Erfolge nach. Ich bin bestürzt darüber, Heiliger Herr, wie ein Mensch den ganzen Tag lang vorgeblich stark beschäftigt umherstreifen und aus- schließlich mit selbstsüchtiger Tätigkeit beschäftigt sein kann und nicht eine gute Tat vollbringt, aber dennoch einen festen Schlaf in der Nacht findet! Und obwohl diese so stark umtriebigen Menschen alle ihre irdischen Feinde besiegen und sich mit Wohlstand und Luxus umgeben und sogar noch mit ihrem Glück prahlen, so sind sie doch von Anfang an des Todes gewesen. Wie der Tod einen solchen Menschen schließlich niederstreckt, das weiß nur Gott. In seiner Unwissenheit bindet sich der Mann an die Frau, den Sohn und die Freunde. Er hat keine Ahnung davon, dass diese Welt wie ein riesiges Pilger- lager ist, in dem zahllose Menschen, unter denen sich auch seine sogenannte Frau, sein Sohn und seine Freunde befinden, durch Zufall aufeinandertreffen. Diese Welt ist wie eine Töpferscheibe: Die Scheibe scheint stillzustehen, obwohl sie sich mit ungeheurer Geschwindigkeit dreht. Auf dieselbe Weise erscheint der getäuschten Person diese Welt als beständig, obwohl sie sich in Wahrheit andauernd im Wechsel befindet. Diese Welt ist wie ein giftiger Baum: Wer mit ihm in Berührung tritt, wird mit Bewusstlosigkeit geschlagen und betäubt. Alle Gesichtspunkte in dieser Welt sind mit Makeln behaftet; alle Länder dieser Erde sind Gebiete des Übels; alle Menschen auf dieser Erde sind dem Tode unterworfen; alle Handlungen sind irreführend. Äonen über Äonen sind bereits gekommen und gegangen, die nichts als Au- genblicke in der Zeit sind, da es in Wahrheit keinerlei Unterschied zwischen einer Epoche und einem Moment gibt, denn beide sind nur Maßzahlen der Zeit. Vom Standpunkt der Götter aus ist eine Epoche nur ein Augenzwinkern. Und auf dieselbe Weise ist auch diese ganze Erde nur eine Modifikation des 34
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    Erdelements! Wie sinnlos,all unsere Hoffnungen und unseren Glauben auf sie zu gründen! RùMA fuhr fort: I:28, 29 Oh Heiliger! Was immer in dieser Welt als dauerhaft oder vergänglich er- scheinen mag – all dies ist wie ein Traum. Was heute ein Krater ist, war ein- mal ein Berg, und was der Berg heute ist, wird in kurzer Zeit ein Loch in der Erde sein. Der dichte Urwald wird schon bald in eine große Stadt verwandelt, und was jetzt noch fruchtbare Erde ist, wird in naher Zukunft öde Wüste sein. So steht es auch mit dem wandelhaften Körper und mit dem eigenen Leben und dem Fortkommen darin. Dieser Zyklus von Geburt und Tod scheint nichts als eine talentierte Tänze- rin zu sein, deren Rock aus lebenden Seelen gewebt ist, und deren Gebärden darin bestehen, die Seelen hinauf in den Himmel zu befördern, in die Hölle zu stoßen oder zurück auf die Erde zu zerren. All die großartigen Taten der Menschen und sogar die einflussreichen religiösen Riten, die hier ausgeführt werden, sind schon bald nur noch eine Erinnerung. Die menschlichen Wesen werden als Tiere geboren und umgekehrt, und sogar die Götter verlieren ihre Göttlichkeit – was ist denn hier nicht ständigem Wechsel unterworfen? Ich sehe, wie selbst der Schöpfer Brahmā, der Beschützer Vi«ïu, der Erlöser Rudra und andere unaufhaltsam ihrer Vernichtung entgegengehen. Diese Welt der Sinnesobjekte erscheint nur so lange erfreulich, als man nicht ihre unvermeidliche Zerstörung erkannt hat. So wie ein Kind mit Lehm spielt und verschiedene Dinge erschafft, so erschafft der Gebieter des Universums neue Dinge und zerstört sie schon bald wieder. Es ist diese Erkenntnis der Fehler dieser Welt, die die unerwünschten Nei- gungen meines Gemüts vernichtet hat. Ein Verlangen nach Sinnesvergnügen taucht daher nicht länger in meinem Gemüt auf, so wie eine Fata Morgana nicht auf der Oberfläche eines Gewässers erscheint. Diese Welt und ihre Ge- nüsse kommen mir bitter vor. Ich bin nicht geneigt, in den Gärten der Freu- den umherzuwandern; weder schätze ich die Gesellschaft der Frauen noch den Erwerb von Reichtum. Ich wünsche im Frieden mit mir selbst zu verblei- ben. Unablässig forsche ich nach: „Wie kann ich mein Herz ganz und für im- mer von diesem wandelhaften Phantom abwenden, das man die Welt nennt?“ Weder verlange ich nach dem Tod noch nach dem Leben; ich bleibe wie ich bin – frei vom Fieber der Leidenschaften. Was kann ich mit dem Königtum tun, mit Vergnügen oder Wohlstand, die nichts als Spielzeuge des Ich-Sinns sind, von dem ich frei bin? Wenn ich nicht jetzt mit der Weisheit vertraut werde – wann wird es je wieder eine Gelegenheit dafür geben? Denn es ist die Nachgiebigkeit gegen- über den Sinnesvergnügen, die das Gemüt so sehr vergiftet, dass die Wirkun- gen mehrere Leben lang anhalten. Nur der Mensch der Selbsterkenntnis ist frei davon. Daher, oh Weiser, bitte ich dich: Unterweise mich, so dass ich für immer frei sein kann von Schmerz, Furcht und Qualen. Vertreibe mit dem Licht deiner Lehre die Finsternis der Unwissenheit in meinem Herzen. 35
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    RùMA fuhr fort: I:30,31 Nachsinnend über das bedauernswerte Schicksal der Lebewesen, die in die furchterregende Grube endlosen Leides gefallen sind, bin ich von tiefer Trau- er erfüllt. Mein Gemüt ist verwirrt, mich schaudert, und bei jedem Schritt überkommt mich die Angst. Ich habe alles aufgegeben, aber ich bin nicht in der Weisheit gegründet. So bin ich teils gefangen und teils frei, wie ein Vogel mit einem kranken und einem gesunden Flügel. Ich bin wie ein Baum, der gefällt, aber nicht gänzlich von seiner Wurzel getrennt wurde. Ich wünsche mein Gemüt zu befrieden, verfüge aber nicht über die nötige Weisheit dafür. Ich bitte dich, sage mir: Worin besteht der Zustand oder die Verfassung, in der man keinerlei Kummer mehr erfährt? Wie kann jemand wie ich, der in die Welt und ihre Handlungen eingebunden ist, den höchsten Zustand von Frie- den und Seligkeit erreichen? Worin besteht die Haltung, mit der man fähig wird, unbeeinflusst von den verschiedenen Arten von Tätigkeiten und Erfah- rungen zu bleiben? Bitte kläre mich auf: Wie lebt ihr Weise, die erleuchtet seid, in dieser Welt? Wie kann der Verstand frei werden von Leidenschaft und Lust und eine Betrachtungsweise erlangen, in der die Welt gleichzeitig als das eigene Selbst und als so gering wie ein Grashalm angesehen wird? Die Le- bensweise welches Großen empfiehlst du uns zu studieren, um den Pfad der Weisheit kennenzulernen? Wie sollte man in dieser Welt leben? Heiliger Herr, unterweise mich in dieser Weisheit, mit deren Hilfe ich meinen rastlosen Verstand in die Lage versetze, so still wie ein Berg zu sein. Du bist ein er- leuchtetes Wesen – lehre mich, so dass ich nie wieder in Trauer versinke. Offensichtlich ist diese Welt voll von Sorge und Tod – wie kann sie eine Quelle der Freude werden, ohne dass sie unser Herz betäubt? Der Verstand ist offenbar voll von Unreinheiten – wie kann er gereinigt werden? Und von welchem großen Weisen bekommen wir das Mittel für die Reinigung? Wie kann man hier so leben, dass man nicht den Zwillingsbrüdern Liebe und Hass zum Opfer fällt? Ganz eindeutig gibt es hier ein Geheimnis, das einem ermög- licht, unberührt von Trauer und Leiden dieser Welt zu verbleiben, so wie Quecksilber unberührt vom Feuer bleibt, in welches es geworfen wird. Worin besteht das Geheimnis? Worin besteht das Geheimnis, das der Gewohnheit des Gemüts entgegenarbeitet, sich als dieses Universums vor unseren Augen auszubreiten? Wo sind die Helden, die sich selbst von der Täuschung befreit haben? Und welchen Lehren folgten sie, um sich selbst zu befreien? Solltest du jedoch zu dem Schluss kommen, dass ich weder geeignet noch fähig bin, dieses zu ver- stehen, dann werde ich fasten bis zum Tode. VùLMýKI sagte: I:32, 33 Nachdem er so gesprochen hatte, verstummte Rāma. VùLMýKI sagte: Alle hier an diesem Hof Versammelten waren begeistert von Rāma’s Weis- heit und seinen leidenschaftlichen Worten, die die Illusionen des Verstandes 36
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    zu vertreiben vermochten.Sie hatten das Empfinden, nun selbst frei von allen Zweifeln und allem irreführenden Verständnis zu sein. So tranken sie die nektargleichen Worte Rāma’s mit großem Genuss. Wie sie so am Hof saßen und Rāma's Worten zuhörten, erschienen sie nicht länger wie lebendige We- sen, sondern wie gemalte Figuren eines Gemäldes – so still und voll hingeris- sener Aufmerksamkeit. Wer hatte Rāma's Ausführungen gelauscht? Es waren dies Weise wie Vāsi«Âha und Viśvāmitra, die Minister, die Mitglieder der königlichen Familie einschließlich König Daśaratha, Bürger, Heilige, Diener, Vögel in Käfigen, Haustiere, die Pferde des königlichen Stalles und die himmlischen Wesen einschließlich der vollkommenen Weisen und der überirdischen Musiker. Und ganz gewiss hatten auch der König des Himmels und die Herrscher der Un- terwelt Rāma zugehört. Beglückt von Rāma's Rede, riefen sie wie alle aus einem Munde „Bravo, bra- vo!“ mit einer einzigen, den Luftraum erfüllenden, freudigen Stimme. Ein Blumenregen kam vom Himmel herunter und segnete Rāma. Alle Versammel- ten des Hofes ließen ihn hochleben. Nur Rāma, erfüllt von Leidenschaftslosig- keit und Weltentsagung, konnte diese Worte von sich geben, die nicht einmal der Lehrer der Götter hätte äußern können. Wir konnten glücklich genannt werden, ihm zuhören zu dürfen. Während wir ihm lauschten, schien es so, als stiege in uns allen das tiefe Empfinden auf, dass es nicht einmal im Himmel wahres Glück geben könne. DIE VOLLKOMMENEN WEISEN in der Versammlung erklärten: Gewiss sind die Antworten, die die Heiligen auf die gewichtigen und weisen Fragen Rāma’s geben werden, es wert, von allen Wesen des Universums ver- nommen zu werden. Oh ihr Weisen – kommt, kommt! Wir wollen uns alle am Hofe des Königs Daśaratha versammeln, um die Antwort des höchsten Wei- sen Vāsi«Âha zu hören. VùLMýKI sagte: Dies vernehmend, beeilten sich die Weisen der Welt, den Hof zu erreichen, an dem sie würdig empfangen, geehrt und zu ihrem Platz in der Versammlung geleitet wurden. Dies ist gewiss: Sollte sich in unseren Herzen diese erhabene Weisheit Rāma's nicht widerspiegeln, dann sind wir in der Tat nichtswürdig. Was dann auch immer unsere Fähigkeiten und Eignungen sein mögen – wir hätten doch nichts anderes als den Verlust unserer Intelligenz bewiesen! *** 37
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    Teil II: Überdie Qualitäten des Suchers Die Geschichte von Śuka VIŚVùMITRA sagte: II:1 Oh Rāma, du bist in der Tat der Beste unter den Weisen. Es gibt wahrhaftig nichts mehr, was du noch zu lernen hättest. Jedoch benötigt deine Erkenntnis eine Bestätigung, so wie die Selbsterkenntnis von Śuka der Bestätigung durch Janaka bedurfte, bevor Śuka den Frieden finden konnte, der das Verstehen übersteigt. RùMA fragte: Oh Heiliger! Bitte teile mir mit, wie es dazu kam, dass Śuka trotz seiner Er- kenntnis keinen Frieden fand und wie er diesen später gefunden hat. VIŚVùMITRA sagte: Höre, oh Rāma. Ich werde dir nun diese für die Seele so erhebende Ge- schichte des schon als Weisen geborenen Śuka, des Sohnes von Vedavyāsa, erzählen, der jetzt hier neben deinem Vater sitzt. So wie du gelangte auch Śuka zur Wahrheit über diese Existenz, nachdem er tief über die Flüchtigkeit der Welt nachgesinnt hatte. Da es sich jedoch um selbsterworbene Erkenntnis handelte, konnte er sich selbst nicht ausdrück- lich bestätigen: „dies ist die Wahrheit“. Gewiss befand er sich aber bereits in einem Zustand von höchster und außerordentlicher Leidenschaftslosigkeit. Eines Tages suchte Śuka seinen Vater Vedavyāsa auf und fragte ihn: „Mein Herr, wie kam diese Vielfalt der Weltentstehung ins Sein, und wie wird sie einmal enden?“ Vedavyāsa gab ihm auf diese Frage zwar eine bis in die Ein- zelheiten gehende Antwort, aber Śuka dachte: ‚All dies weiss ich bereits; was ist schon neu daran?’ und war nicht beeindruckt. Vedavyāsa spürte dies so- gleich und sagte daher zu Śuka: „Mein Sohn, mehr darüber vermag ich dir nicht zu sagen. Es gibt aber auf dieser Erde einen königlichen Weisen namens Janaka, der mehr darüber weiß. Gehe zu ihm und befrage ihn.“ So kam Śuka schließlich zu Janaka’s Palast. Janaka, den die Palastwachen von der Ankunft des jungen Śuka unterrichtet hatten, beachtete ihn jedoch eine ganze Woche lang nicht. Während dieser Zeit harrte Śuka geduldig vor dem Palast aus. In der folgenden Woche ließ Janaka Śuka dann in den Palast ein, wo ihn Tänzerinnen und Musiker empfingen. Auch davon blieb Śuka ungerührt. Schließlich wurde Śuka die Audienz beim König gewährt. Janaka sagte: „Du kennst die Wahrheit bereits; was kann ich dir darüber hinaus noch mitteilen?“ Śuka wiederholte nun die Frage, die er auch seinem Vater gestellt hatte, und Janaka gab daraufhin dieselbe Antwort, die auch sein Vater gege- ben hatte. Śuka erwiderte: „Ich wusste dies bereits, mein Vater hat es mir gesagt, und auch die Schriften bestätigen es. Nun tust du mir diese Wahrheit 38
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    kund, die darinbesteht, dass die Vielfalt aufgrund der mentalen Modifikatio- nen entsteht und aufhört, wenn diese enden.“ Nachdem seine Selbsterkennt- nis bestätigt worden war, erlangte Śuka den Frieden und verblieb in nirvikalpa samādhi. VIŚVùMITRA sagte zu den versammelten Weisen: II:2, 3 Wie Śuka hat auch Rāma die höchste Weisheit erlangt. Das sicherste Anzei- chen für einen Menschen mit der höchsten Weisheit besteht darin, dass er gleichgültig gegenüber den Vergnügen der Welt ist, da bei ihm alle subtilen Neigungen aufgehört haben. Solange diese Neigungen stark sind, gibt es Bindung; sobald sie aufgehört haben, ist die Befreiung da. Der ist wahrhaftig ein befreiter Weiser, der von Natur aus nicht von den Sinnesvergnügen be- herrscht und nicht durch Ruhm oder andere Wünsche nach Belohnung ange- spornt wird. Und ich bitte darum, dass der Weise Vāsi«Âha Rāma so unter- weisen möge, dass er sich in dieser Weisheit verankert und auch wir inspi- riert werden. Gewiss wird diese Unterweisung zur größten Weisheit und zur besten aller Schriften werden, da sie von einem erleuchteten Weisen dem qualifizierten, leidenschaftslosen Schüler erteilt wird. VASIåèHA sagte: Gewiss werde ich deiner Bitte nachkommen. Und, oh Rāma, ich werde dir nun die Weisheit darlegen, dir mir vom göttlichen Schöpfer Brahmā selbst kundgetan worden ist. RùMA sagte: Heiliger Herr, bitte teile mir zuvor mit: Weshalb wurde Vedavyāsa als nicht befreit angesehen, während sein Sohn Śuka dagegen als befreiter Weiser betrachtet wurde? VASIåèHA sagte: Oh Rāma, zahllos sind die Universen, die ins Leben gerufen und aufgelöst worden sind. In der Tat, sogar die zahllosen Universen, die in diesem Moment existieren, können unmöglich erfasst werden. Im eigenen Herzen jedoch kann all dies unverzüglich realisiert werden, denn diese Universen sind die Schöp- fung der Wünsche, die im Herzen auftauchen wie Luftschlösser. Der Mensch beschwört diese Welt in seinem Herzen herauf. Während er lebt, verstärkt er diese Illusion. Wenn er stirbt, beschwört er eine neue, jenseitige Welt herauf und erfährt dann diese. So erscheinen also Welten innerhalb von Welten, wie die Blätter, die den Stamm einer Bananenpflanze bilden. Weder die Welt der Materie noch die Art und Weise der Entstehung sind wahrhaft wirklich – und doch empfinden die Lebenden und die Toten sie als real. Die Unwissenheit über diese Wahrheit erhält die Erscheinungen am Leben. Oh Rāma – in diesem kosmischen Ozean der Existenz tauchen hier und dort Lebewesen auf, die gleich manchen anderen sind, und wiederum tauchen solche auf, die sich von anderen unterscheiden. Der genannte Vedavyāsa ist der Dreiundzwanzigste in diesem Strom der Schöpfung. Er und andere Weise 39
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    erlangen wieder undwieder die Verkörperung und Entkörperung. Manche sind gleich oder verschieden von den anderen. In seiner augenblicklichen Verkörperung ist Vedavyāsa jedoch ein befreiter Weiser. Diese befreiten Wei- sen werden ebenfalls zahllose Male verkörpert und stellen Beziehungen mit anderen her. Manchmal sind sie den anderen gleich, und dann wiederum sind sie in ihrem Wissen, ihrem Verhalten usw. unterschiedlich. *** Eigenbemühung VASIåèHA fuhr fort: II:4, 5 Oh Rāma, so wie Wasser stets Wasser ist, unabhängig davon, ob es Wellen darauf gibt oder nicht, so ist auch die Weisheit des befreiten Weisen, wie auch immer sein äußeres Erscheinungsbild sein mag, stets dieselbe. Der Unter- schied liegt allein in den Augen des unwissenden Beobachters. Daher, oh Rāma, höre, was ich dir jetzt zu sagen haben, denn diese Unter- weisung wird ganz gewiss die Dunkelheit der Unwissenheit vertreiben. In dieser Welt wird jedweder Gewinn durch nichts anderes als durch Ei- genbemühung erworben. Wo der Misserfolg auftritt, dort hat es mit Sicher- heit einen Mangel an Bemühung gegeben. Dies sollte gänzlich klar sein. Was man jedoch gemeinhin als „Schicksal“ (das im Text verwendete Wort für „Schicksal“ lautet „daivam“, was auch „Gott“ bedeutet) bezeichnet, ist rein fiktiv und nirgends erwiesen. Eigenbemühung, Rāma, ist diejenige mentale, verbale und physische Tätig- keit, die in Übereinstimmung mit den Anweisungen einer heiligen, in den Schriften wohl bewanderten Person ist. Nur aufgrund von Bemühungen die- ser Art wurde Indra zum König des Himmels und Brahmā zum Schöpfer, und auch die anderen Gottheiten erlangten nur nach ihrem Verdienst ihren Platz. Die Eigenbemühung besteht aus zwei Arten - die Bemühungen aus vergan- genen Geburten und die aus der jetzigen Geburt. Die letztere arbeitet der vorherigen entgegen. „Schicksal” ist nichts anderes als die Eigenbemühung aus einer vergangenen Verkörperung. Zwischen diesen beiden gibt es in der jetzigen Verkörperung einen andauernden Konflikt. Dabei triumphiert derje- nige Anteil, der sich als der stärkere erweist. Die Eigenbemühung, die nicht in Übereinstimmung mit den Schriften ist, wird durch Täuschung angetrieben. Wenn es ein Hindernis bei der Verwirkli- chung der Eigenbemühung gibt, sollte man untersuchen, ob eine auf Täu- schung beruhende Tätigkeit vorliegt und diese Täuschung dann unverzüglich beseitigen. Es gibt keine größere Macht als die rechte Handlung in der ge- genwärtigen Situation. Daher sollte man stets seine Zuflucht zur Eigenbemü- 40
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    hung nehmen, seineZähne zusammenbeißen und das Böse durch Gutes und das Schicksal durch Bemühung in der Gegenwart überwinden. Der faule Mensch ist schlimmer als ein Esel. Niemals sollte man der Faulheit nachgeben, sondern stets nach der Erlangung der Befreiung trachten, denn das Leben verebbt von Moment zu Moment. Niemals sollte man sich in den Sinnesvergnügen suhlen, wie sich der Wurm im Eiter wälzt. Wer sagt: „Mein Schicksal hat mich genötigt, dies zu tun“, ist ohne Verstand und die Göttin Fortuna verlässt ihn. Erwirb stattdessen Weisheit durch Ei- genbemühung und erkenne, dass diese Eigenbemühung zu ihrem eigenen Erfolg führt, nämlich zur direkten Verwirklichung der Wahrheit. Wenn es diese schreckliche Quelle des Bösen auf dieser Erde, die Faulheit, nicht gäbe, würde es dann noch Analphabeten oder Arme geben? Nur an der Faulheit liegt es, dass Menschen das Leben von Tieren führen müssen, im Elend und in der Armut. VùLMýKI sagte: Inzwischen war es Zeit für die Abendgebete und die Versammlung löste sich für diesen Tag auf. VASIåèHA begann die Unterweisung des zweiten Tages: II:6 Wie die Bemühung, so das Ergebnis, oh Rāma – dies ist die Bedeutung von Eigenbemühung. Außerdem ist dies auch als „Schicksal“ (göttlicher Wille) bekannt. Wenn die Menschen vom Leiden betroffen sind, dann klagen sie: „oh weh, welche Tragödie“ oder „oh weh, seht euch nur mein trauriges Los an“, was in beiden Fällen dasselbe bedeutet. Was man Schicksal oder göttlichen Willen nennt, ist nichts anderes als die Tätigkeit oder Eigenbemühung der Vergangenheit. Jedoch ist die Gegenwart unendlich mächtiger als die Vergan- genheit. Es sind in der Tat nur die Narren, die zufrieden mit den Früchten ihrer vergangenen Bemühungen sind (die sie als das Ergebnis des göttlichen Willens betrachten) und nicht nach der Eigenbemühung in der Gegenwart streben. Wenn du bemerkst, dass die gegenwärtige Eigenbemühung manchmal durch das Schicksal (oder den göttlichen Willen) durchkreuzt wird, dann solltest du verstehen, dass die Eigenbemühung noch zu schwach ist. Ein schwacher und stumpfsinniger Mensch sieht die Hand der Vorsehung, sobald er sich einem starken und mächtigen Gegner gegenüber sieht, und unterliegt ihm. Gelegentlich geschieht es, dass jemand ohne die geringste Eigenbemühung einen großen Gewinn erlangt. So erwählt beispielsweise der Staatselefant (in Übereinstimmung mit einer historischen Gepflogenheit) einen Bettler zum Herrscher des Landes, dessen König unerwartet verstarb, ohne einen Erben zu hinterlassen. Und dies ist gewiss weder ein Zufall noch irgendeine Art von göttlicher Vorsehung, sondern nichts als die Frucht der Eigenbemühung des Bettlers in seiner vergangenen Geburt. 41
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    Manchmal geschieht es,dass die Bemühungen eines Bauern durch einen Hagelsturm zunichte gemacht werden. Ganz sicher waren hier die Kräfte des Hagelsturms größer als die Bemühungen des Bauern, und dieser Bauer sollte nun größere Anstrengungen unternehmen, um eine Wiederholung zu ver- meiden. Er sollte über den unvermeidbaren Verlust nicht klagen. Wenn sol- ches Klagen gerechtfertigt wäre, dann müsste man auch täglich über den unvermeidlichen Tod klagen! Der Weise sollte von Natur aus stets wissen, was durch Eigenbemühung erreicht werden kann und was nicht. Es ist jedoch nichts als Unwissenheit, all dies einer äußeren Macht zuzuschreiben und Dinge zu sagen wie: „Gott schickt mich in die Hölle oder in den Himmel“ oder „eine fremde Kraft hat mich veranlasst, dies zu tun“ usw. Von solchen unwis- senden Personen sollte man sich fernhalten. Man sollte sich selbst von Zuneigungen und Abneigungen befreien, sich um die rechte Eigenbemühung kümmern und die höchste Wahrheit erlangen, indem man versteht, dass Eigenbemühung nur ein anderer Name für göttli- chen Willen ist. Wir lehnen lediglich den Fatalisten ab. Nur das ist Eigenbe- mühung, was dem rechten Verständnis entspringt, welches sich im eigenen Herzen manifestiert und das Ergebnis der Lehren aus den Schriften und der Führung durch die Heiligen ist. VASIåèHA fuhr fort: II:7, 8 Oh Rāma, jeder sollte mit einem Körper frei von Krankheit und einem Ge- müt frei von Verwirrung nach der Selbsterkenntnis streben, damit er nicht wiedergeboren wird. Eigenbemühung dieser Art hat eine dreifache Wurzel und daher auch eine dreifache Frucht – nämlich ein inneres Erwachen der Intelligenz, eine Entscheidung im Gemüt und die physische Tätigkeit. Eigenbemühung basiert auf diesen dreien – die Kenntnis der Schriften, die Anweisungen der Lehrer und die eigene Bemühung. Das Schicksal (oder göttliche Fügung) hat hier keinerlei Zutritt. Wer also nach Erlösung verlangt, sollte durch andauernde Bemühung das unreine Gemüt hinlenken zur reinen Bemühung – dies ist die Essenz aller Schriften. Die Heiligen heben unermüd- lich dies hervor: Beschreite mit Ausdauer und Hartnäckigkeit den Pfad, der zum ewigen Guten führt. Und der weise Sucher weiß: Die Frucht meiner Anstrengungen wird allein von der Stärke meiner Eigenbemühung abhängen, und weder das Schicksal noch ein Gott können es anders befehlen. In der Tat ist es diese Eigenbemühung, die allein für alles verantwortlich ist, was der Mensch hier zu erlangen vermag. Aber sobald er im Missgeschick versunken ist, kommen die Leute und behaupten, um ihn zu trösten, dass er nur das Opfer des Schicksals sei. Eines dürfte offensichtlich sein: Um in die Fremde zu gehen, muss man eine Reise unternehmen, und um den Hunger zu befriedi- gen, nimmt man Nahrung zu sich – gewiss geschieht dies nicht aufgrund eines Schicksals. Noch niemand hat hierfür ein Schicksal als Ursache beobachtet, aber sehr wohl hat schon jeder erfahren, wie eine Handlung (gut oder böse) zu einem Ergebnis (gut oder böse) geführt hat. Daher sollte man schon in der Kindheit stets danach streben, das Gute (das Heil) im Menschen zu fördern, 42
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    indem man aufintelligente Weise die Schriften studiert und anwendet, und indem man die Gesellschaft der Heiligen sucht und die rechte Eigenbemü- hung unternimmt. Das Schicksal oder die göttliche Bestimmung sind nur Konventionen, auf- grund derer man als Wahrheit betrachtet, was nur durch wiederholte Be- hauptung als wahr erklärt worden ist. Wenn der Gott oder das Schicksal wahrhaftig für all dieses in der Welt verantwortlich sein sollte, welchen Sinn hätte dann noch irgendeine Handlung (wie baden, sprechen oder geben)? Und weshalb sollte man dann überhaupt noch irgendjemandem eine Unter- weisung zukommen lassen? Nein – in dieser Welt ist alles, ausgenommen ein Leichnam, aktiv. Und alle Aktivität erzielt ihr angemessenes Ergebnis. Nir- gendwo hat jemand jemals das Schicksal oder die göttliche Verfügung gese- hen. Zu ihrer eigenen Befriedigung benutzen die Leute Ausdrücke wie „ich wur- de vom Schicksal oder der göttlichen Vorsehung gezwungen, dies oder das zu tun“, aber dies ist nicht die Wahrheit. Wenn beispielsweise ein Astrologe einem jungen Mann vorhersagt, dass er ein großer Gelehrter werde, wird dann dieser junge Mann ein Gelehrter, ohne studiert zu haben? Nein. Weshalb also an göttliche Fügung glauben? Rāma, dieser Weise Viśvāmitra wurde ein Brahma-ã«i nur durch Eigenbemühung – alle von uns haben die Selbster- kenntnis ausschließlich durch Eigenbemühung erworben. Weise daher den Fatalismus zurück und verpflichte dich der Eigenbemühung. RùMA fragte: II:9 Herr, du bist gewiss der Kenner der Wahrheit. Bitte, sage mir, was die Leute eigentlich mit Gott, Schicksal oder daivaæ meinen. VASIåèHA erwiderte: Die Früchte der Eigenbemühungen, welche man als gute und schlechte Re- sultate vergangener Handlungen erfährt, wird von den Leuten Schicksal oder daivaæ genannt. Die Leute betrachten außerdem auch das als Schicksal oder daivaæ, was die gute oder schlechte Natur dieser Ergebnisse ausmacht. Wenn du beispielsweise wahrnimmst, wie „diese Pflanze aus diesem Samen hervor- keimt“, dann wird dies als ein Akt des erwähnten daivaæ betrachtet. Meine Wahrnehmung besteht jedoch darin, dass das Schicksal nichts anderes als das Ergebnis der eigenen Tätigkeit ist. Im Gemüt des Menschen liegen zahllose latente Neigungen verborgen. Es sind diese Neigungen, die die verschiedenen Tätigkeiten physischer, verbaler und mentaler Art entstehen lassen. Gewiss befinden sich die eigenen Tätig- keiten stets in strikter Übereinstimmung mit diesen Neigungen, denn anders kann es gar nicht sein. Eine Tätigkeit geschieht auf die folgende Weise: Die Tätigkeit ist nicht verschieden von den am stärksten ausgeprägten latenten Neigungen, und diese Neigungen wiederum sind nicht verschieden vom Ge- müt, während der Mensch nicht verschieden vom Gemüt ist! Letztlich kann man nicht eindeutig bestimmen, ob Kategorien wie das Gemüt, die latenten 43
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    Neigungen, Tätigkeit oderSchicksal (daivaæ) wirklich oder unwirklich sind. Die Weisen erwähnen sie daher stets nur im symbolischen Sinne. RùMA fragte dann: Heiliger Herr, wenn die latenten Neigungen aus der früheren Geburt mein Handeln in der Gegenwart bestimmen, wie kann es denn dann eine Hand- lungsfreiheit geben? VASIåèHA sagte: Rāma, alle aus den früheren Geburten mitgebrachten Neigungen bestehen aus zwei Arten – reinen und unreinen. Die reinen führen zur Befreiung, und die unreinen bringen einen in Schwierigkeiten. Ganz gewiss bist du Bewusst- sein selbst – nicht leblose, tote Materie. Du bist daher durch keine andere Tätigkeit als nur diejenige angetrieben, die du aus eigenem Willen unter- nimmst. Daher hast du die völlige Freiheit, der Stärkung der reinen Neigun- gen den Vorzug zu geben gegenüber den unreinen. Die unreinen müssen dabei schrittweise aufgegeben und das Gemüt stetig aber behutsam, damit keine heftigen Reaktionen entstehen, von ihnen abgewendet werden. Stärke die guten Neigungen, indem du sie wieder und wieder durch entsprechende, wiederholte Handlung ermunterst. Auf diese Weise werden die unreinen Neigungen außer Gebrauch kommen und schwächer werden. Schon bald wirst du dich guter Neigungen und Taten erfreuen können. Wenn du dann die Macht der bösartigen Neigungen endgültig überwunden hast, so musst du anschließend auch noch die guten Neigungen aufgeben. Dann wirst du die höchste Wahrheit durch die Intelligenz erfahren, die den guten Neigungen entspringt. VASIåèHA fuhr fort: II:10 Die kosmische Ordnung, auf die sich die Menschen mit Namen wie Schick- sal, daivaæ oder niyati beziehen, und die sicherstellt, dass jede Bemühung mit ihrer angemessenen Frucht belohnt wird, gründet auf der allgegenwärti- gen und allmächtigen Allwissenheit (die als Brahman bezeichnet wird). Halte daher durch Eigenbemühung die Sinne und das Gemüt im Zaum, und lausche ruhig und mit großer Aufmerksamkeit dem, was ich dir sagen werde. Diese Erzählung handelt von der Befreiung. Indem du ihr zusammen mit den anderen hier versammelten Suchern lauschst, wirst du dieses Höchste Sein erkennen, in dem es weder Leid noch Zerstörung gibt. Enthüllt wurde dies mir in einem früheren Leben vom Schöpfer Brahmā selbst. Rāma, die allgegenwärtige Allwissenheit oder das kosmische Sein leuchtet auf ewig in allen Lebewesen. Sobald in diesem kosmischen Sein eine Schwin- gung entsteht, wird Gott Vi«ïu geboren; so wie eine Welle auf der Oberfläche des Ozeans erscheint, wenn diese aufgerührt wird. Aus diesem Vi«ïu wird dann Brahmā, der Schöpfer, geboren. Brahmā beginnt sodann, all die zahllo- sen Formen des Belebten und Unbelebten, der fühlenden und nichtfühlenden Wesen des Universums zu erschaffen. Und das Universum ist wieder so, wie es vor der kosmischen Auflösung war. 44
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    Der Schöpfer sah,dass alle Lebewesen im Universum Krankheit und Tod, Schmerz und Freude, unterworfen waren. In seinem Herzen entstand großes Mitgefühl und er suchte nach einem Weg, der die lebenden Wesen aus all dem herauszuführen vermochte. Daraufhin rief er Pilgerorte und edle Tugenden wie Askese, Wohltätigkeit, Wahrhaftigkeit und rechtes Betragen ins Leben. Jedoch erwiesen sich diese als unzureichend, denn sie konnten dem Leiden der Menschen nur zeitweise Erleichterung verschaffen und keinerlei endgül- tige Befreiung vom Kummer gewähren. Nachdem er hierüber nachgesonnen hatte, erschuf der Schöpfer mich. Er zog mich zu sich und legte die Wolke der Unwissenheit auf mein Herz. Sofort vergaß ich meine wahre Natur und meine Identität. Ich fühlte mich elend. Ich flehte den Schöpfer Brahmā, meinen eigenen Vater, an, mir den Ausweg aus dieser Misere zu zeigen. Versunken im Elend war ich unfähig und unwillig, irgend etwas zu tun – ich blieb träge und müßig. Als Erwiderung meines Gebets enthüllte mir mein Vater das wahre Wissen, das unverzüglich den Schleier der Unwissenheit, den er selbst über mich ausgebreitet hatte,lüftete. Daraufhin sprach der Schöpfer zu mir: „Mein Sohn, ich verhüllte das Wissen und ich enthüllte es wieder, so dass du seine Herr- lichkeit erfahren mögest, denn nur so kannst du die Qualen der unwissenden Wesen verstehen und ihnen beistehen.“ Ausgestattet mit dieser Erkenntnis, Rāma, bin ich hierher gekommen, und ich werde hier sein bis zum Ende der Schöpfung. VASIåèHA fuhr fort: II:11 In jedem neuen Zeitalter erschafft der Schöpfer aus freien Stücken ver- schiedene Weise wie mich, um der spirituellen Erleuchtung aller zu dienen. Und zur Aufrechterhaltung der gerechten Ordnung der täglichen Pflichten aller erschafft Brahmā darüber hinaus die Könige, die gerecht und weise über Teile der Erde herrschen. Diese Könige werden jedoch schon bald durch die Lust nach Macht und Vergnügen verdorben, und Interessenskonflikte führen zu Kriegen, welche in Trauer und Reue enden. Um ihre Unwissenheit zu be- seitigen, pflegen die Weisen sie in der spirituellen Weisheit zu unterrichten. In den alten Zeiten, oh Rāma, empfingen die Könige diese Weisheit und schätzten sie auch. Aus diesem Grunde war dieselbe als Rāja-Vidyā, die könig- liche Wissenschaft, bekannt. In deinem Herzen ist die höchste Form der Leidenschaftslosigkeit erwacht, geboren aus Unterscheidung, oh Rāma, und diese ist der Leidenschaftslosig- keit, die aus zufälligen Umständen oder großem Ekel entstanden ist, überle- gen. Eine Leidenschaftslosigkeit dieser Art ist gewiss nur der Gnade Gottes zu verdanken. Es ist diese Gnade, die mit der Reife des Unterscheidungsvermö- gens in genau dem Moment zusammentrifft, wenn im Herzen die Leiden- schaftslosigkeit entsteht. Solange nicht die höchste Wahrheit im Herzen dämmert, bleibt der Mensch in diesem Rad von Geburt und Tod gefangen. Höre nun bitte meiner Darle- gung dieser Weisheit mit aufmerksamem Gemüt zu. 45
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    Diese Weisheit zerstörtden Wald der Unwissenheit. Solange man in diesem Wald umherstreift, erfährt man nichts als Verwirrung und endlos erschei- nendes Leiden. Daher sollte man zu einem erleuchteten Lehrer gehen und durch richtige Fragen mit der richtigen Haltung die Lehre ans Licht beför- dern. Dann wird sie zu einem integralen Teil des eigenen Seins werden. Der Dummkopf stellt respektlos bedeutungslose Fragen, und der größte Narr ist, der die Weisheit des Weisen achtlos fortwirft. Gewiss ist derjenige nicht als Weiser zu bezeichnen, der die müßigen Fragen eines närrischen Fragestellers beantwortet. Oh Rāma – du bist wohl der Beste unter den Suchern, denn du hast gründ- lich über die Wahrheit nachgedacht und bist von der höchsten Form der Leidenschaftslosigkeit inspiriert. Und ich bin sicher, dass das, was ich dir nun mitteilen werde, seinen festen Platz in deinem Herzen erlangen wird. Mit Entschiedenheit sollte man darum kämpfen, der Weisheit ihren Thron im eigenen Herzen zu errichten, denn das Gemüt ist unruhig wie ein Affe. Und man sollte auch die Gesellschaft von Unweisen meiden. Rāma, über den Einlass ins Reich der Freiheit (Mok«a) wachen vier Tor- wächter. Es sind dies die Selbstbeherrschung, der Geist der Selbsterfor- schung, die Zufriedenheit und die gute Gesellschaft. Der weise Suchende sollte sich eifrig um die Freundschaft aller dieser Torwächter oder zumindest um die von einem bemühen. VASIåèHA fuhr fort: II:12, 13 Mit einem reinen Herzen und einem aufgeschlossenen Verstand, frei von der Wolke der Zweifel und der Ruhelosigkeit des Gemüts, lausche der Darle- gung der Natur und der Mittel der Befreiung, oh Rāma. Denn solange das Höchste Sein nicht verwirklicht ist, werden die furchtbaren Schrecken von Tod und Geburt nicht enden. Wenn diese tödliche Schlange, die als die Unwis- senheit des Lebens bezeichnet wird, nicht hier und jetzt überwältigt wird, wird endloses Leiden nicht nur in diesem, sondern auch in zahllosen Leben danach entstehen. Ignorieren kann man dieses Leiden nicht, aber man kann es mit den Mitteln der Weisheit, die ich dir nun mitteile, überwinden. Oh Rāma, wenn du einmal diese Qual der Wiedergeburt (saæsāra) über- wunden hast, dann wirst du auf dieser Erde wie ein Gott leben, wie Brahmā oder Vi«ïu! Denn wenn die Täuschung gegangen und die Wahrheit mit den Mitteln der Erforschung der eigenen, wahren Natur verwirklicht worden ist, wenn das Gemüt befriedet ist und das Herz sich in die höchste Wahrheit aufschwingt, wenn alle störenden Gedankenwellen im Verstand sich gelegt haben und ein ununterbrochener Strom von Frieden herrscht und das Herz voll von der Seligkeit des Absoluten ist, wenn somit die Wahrheit im eigenen Herzen geschaut worden ist – dann wird diese Welt wahrlich die Heimstatt der Freude. Eine solche Person hat nichts zu gewinnen und nichts zu verlieren. Sie ist unbefleckt von den Makeln des Lebens, unberührt von seinen Sorgen. Weder 46
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    tritt diese Personin die Existenz noch verlässt sie diese, obwohl sie dies in den Augen der Zuschauer zu tun scheint. Auch religiöse Vorschriften sind für sie unnötig geworden. Sie ist nicht mehr von vergangenen Neigungen betrof- fen, da diese ihre Antriebskraft verloren haben. Das Gemüt dieser Person hat seine Ruhelosigkeit verloren; es ruht in der Seligkeit, die seine eigentliche Natur ist. Solche Seligkeit ist nur durch die Selbsterkenntnis erreichbar und mit keinem anderen Mittel. Daher sollte man sich konstant der Selbster- kenntnis verpflichten – dies allein ist die Pflicht des Menschen. Derjenige, der die heiligen Schriften und die heiligen Männer missachtet, wird niemals Selbsterkenntnis erlangen. Eine solche Dummheit Art ist weit- aus schädlicher als sämtliche Krankheiten, denen man auf dieser Welt ausge- setzt ist. Daher sollte man demütig dieser Schrift lauschen, die den Zuhörer zur Selbsterkenntnis führen wird. Wer diese Schrift empfängt, der wird nie wieder in das finstere Loch der Unwissenheit fallen. Oh Rāma, wenn du dich vom Kummer des saæsāra (des Lebenszyklus) befreien willst, dann empfan- ge die heilsamen Unterweisungen von einem Weisen wie mir und sei frei. VASIåèHA fuhr fort: Um diesen ungeheuren Ozean von saæsāra (des Lebenszyklus) zu überque- ren, sollte man Zuflucht zu dem nehmen, was ewiglich und wandellos ist. Nur der ist der Beste unter den Menschen, oh Rāma, dessen Gemüt im Ewigen wohnt und der daher vollkommen selbstbeherrscht und im Frieden ist. Er vermag zu sehen, wie sich Freude und Schmerz gegenseitig jagen und aufhe- ben, und nur in dieser Weisheit sind Selbstbeherrschung und Frieden zu finden. Wer dies nicht zu erkennen vermag, schläft in einem brennenden Haus. Wer auch immer diese Weisheit des Ewigen hier zu erlangen versteht, wird befreit vom saæsāra und nicht wieder in Unwissenheit geboren. Man mag nun zweifeln, ob eine solche wandellose Wahrheit tatsächlich existiert. Sollte dies nicht der Fall sein, dann wäre es gut, über die Natur des Lebens nachzu- denken. Denn nach dem Ewigen zu suchen, mildert die Schmerzen des Le- bens, die durch seine fortwährende Wechselhaftigkeit erzeugt werden. Sollte diese Wahrheit jedoch tatsächlich existieren, dann wird man durch ihre Er- kenntnis frei. Das Ewige wird nicht durch Gottesdienst und Rituale, durch Pilgerreisen oder Wohlstand erlangt. Es wird nur durch die Eroberung des Gemüts, durch die Kultivierung der Weisheit erlangt. Daher sollte wahrhaftig jeder – ob Götter, Halbgötter oder Menschen – beständig (beim Gehen, Stehen und sogar im Fallen) nach der Eroberung des Gemüts und der Selbstbeherrschung trachten, die die Früchte der Weisheit sind. Sobald das Gemüt im Frieden, rein, still, frei von Täuschung oder Wahn, klar und frei vom Verlangen ist, wünscht es nichts mehr und weist nichts zurück. Darin besteht die Selbstbeherrschung oder die Eroberung des Gemüts – einer der vier Torwächter der Befreiung, die ich früher erwähnt habe. 47
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    Aus der Selbstbeherrschungfließt alles Gute und Verheißungsvolle. Selbst- beherrschung zerstreut alles Böse. Kein Gewinn, kein Vergnügen in dieser Welt oder im Himmel ist vergleichbar mit der Wonne der Selbstbeherr- schung. Die Freude, die man in der Gegenwart des Selbstbeherrschten emp- findet, ist unvergleichlich. Von allen wird ihm spontan Vertrauen entgegenge- bracht. Niemand hasst ihn, nicht einmal Dämonen und Kobolde. Selbstbeherrschung, oh Rāma, ist das beste Hilfsmittel gegen alle physi- schen und mentalen Beschwerden. Mit Selbstbeherrschung schmeckt sogar die Nahrung, die du isst, besser, andernfalls ist sie nur bitter. Wer den Har- nisch der Selbstbeherrschung trägt, wird vom Kummer nicht getroffen. Wer beim Hören, Berühren, Sehen, Riechen und Schmecken dessen, was als erfreulich und unerfreulich angesehen wird, weder erfreut noch unerfreut ist – dieser ist wahrhaftig selbstbeherrscht. Wer alle Wesen mit demselben Gleichmut betrachtet und die Empfindungen von Freude und Schmerz unter Kontrolle gebracht hat – dieser ist wahrhaftig selbstbeherrscht. Wer, obwohl er unter der Menge lebt, völlig unbeeinflusst von dieser ist und weder freudi- ge Erregung noch Abscheu verspürt, wie im Tiefschlaf – dieser ist wahrhaftig selbstbeherrscht. VASIåèHA fuhr fort: II:14 Die Selbsterforschung (der zweite Torwächter der Befreiung) sollte von ei- nem Gemüt unternommen werden, das durch ein intensives Studium der Schriften gereinigt ist. Die Selbsterforschung sollte ununterbrochen stattfin- den. Durch diese Erforschung wird das Gemüt kühn und fähig, das Höchste zu realisieren. Daher ist die Erforschung allein das Heilmittel für die langandau- ernde Krankheit namens saæsāra. Der weise Mann betrachtet Stärke, Klugheit, Tüchtigkeit und richtiges Han- deln als Früchte der Selbsterforschung. Tatsächlich sind Königtum, Wohl- stand, Genuss und schlussendlich die Befreiung alles Früchte der Selbsterfor- schung. Der Geist der Selbsterforschung schützt vor Unheil, das den gedan- kenlosen Narren überfällt. Wenn das Gemüt durch die Abwesenheit der Selbsterforschung stumpf geworden ist, dann verwandeln sich sogar die Strahlen des Mondlichts in tödliche Waffen und die kindische Einbildungs- kraft beschwört in jeder dunklen Ecke einen Kobold herauf. Daher ist der nicht forschende Narr wahrhaftig ein Lagerhaus für Sorgen. Es ist die Abwe- senheit der Selbsterforschung, die Handlungen herbeizieht, die einem selbst und anderen schaden und die Ursache zahlloser psychosomatischer Be- schwerden ist. Daher sollte man die Gesellschaft von gedankenlosen Leuten meiden. Diejenigen, in denen der Geist der Selbsterforschung stets wach ist, erleuch- ten die Welt und alle, die mit ihnen in Berührung kommen. Sie vertreiben die Gespenster, die der unwissende Verstand erschafft, und durchschauen die Falschheit der Sinnesvergnügen und ihrer Objekte. Oh Rāma, im Licht der Selbsterforschung kann die Verwirklichung der ewigen und wandellosen 48
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    Wirklichkeit geschehen, unddies ist das Höchste. In ihrer Gesellschaft ver- langt man weder nach etwas noch weist man irgendetwas zurück. Ein solcher Mensch ist frei von Täuschung und Anhaftung; weder ist er untätig noch ertrinkt er in Betriebsamkeit; er lebt und wirkt in dieser Welt, und am Ende seiner natürlichen Lebenszeit erlangt er den segensreichen Zustand der vollkommenen Freiheit. Das Auge der spirituellen Selbsterforschung erblindet auch nicht inmitten intensiver Tätigkeit. Wer dieses Auge nicht besitzt, ist wahrhaftig zu bedau- ern. Es ist besser, als Frosch im Schlamm, als Wurm im Mist, als Schlange in einem Loch geboren zu werden, als dieses Auge vermissen zu müssen. Worin besteht die Selbsterforschung? Wer ständig diese Fragen stellt: „Wer bin ich? Wie konnte dieses Übel von saæsāra (des Lebenszyklus) entstehen?“ betreibt echte Selbsterforschung. Die Erkenntnis der Wahrheit entsteht durch diese Erforschung, und aus der Erkenntnis entsteht die Stille im eigenen Sein. Und daraus erwächst wiederum der höchste Friede, der jedes Verstehen über- steigt und das Ende allen Kummers bedeutet. (Vichara oder Selbst-Erforschung ist weder Argumentieren noch Analysie- ren, sondern der direkte Blick in sich selbst.) VASIåèHA fuhr fort: II:15, 16 Ein weiterer Torwächter der Befreiung ist die Zufriedenheit. Wer einmal in großen Zügen den Nektar der Zufriedenheit genossen hat, verlangt nicht mehr nach Sinnesvergnügen. Keine Freude in dieser Welt ist so süß wie die Zufriedenheit, die alle Sünden vernichtet. Worin besteht Zufriedenheit? In der Zurückweisung allen Verlangens nach dem, was gesucht werden muss, und in der Zufriedenheit mit dem, was unge- sucht kommt, ohne erfreut oder nicht erfreut davon zu sein – darin besteht die Zufriedenheit. Solange man nicht zufrieden ist im Selbst, ist man dem Kummer ausgeliefert. Mit dem Wachsen der Zufriedenheit erblüht die Rein- heit des Herzens. Dem zufriedenen Menschen, der nichts besitzt, gehört die Welt. SatsaÇga (Gemeinschaft mit weisen, heiligen und erleuchteten Personen) ist ein weiterer Torwächter zur Befreiung. SatsaÇga erweitert die Intelligenz, zerstört die Unwissenheit und beseitigt die psychologische Unruhe. SatsaÇga sollte niemals vernachlässigt werden – wie hoch auch immer die Kosten, wie groß auch immer die Schwierigkeiten und wie viele Hindernisse auch immer im Wege stehen mögen. SatsaÇga allein ist für den Menschen ein Licht auf dem Weg des Lebens. SatsaÇga ist allen anderen Formen religiöser Praktiken wie Wohltätigkeit, Askese, Pilgerreisen und religiösen Riten überlegen. Unter allen Umständen sollte man alle einem zur Verfügung stehenden Mit- tel nutzen, um den Heiligen, die die Wahrheit verwirklicht und in deren Her- zen die Finsternis der Unwissenheit vertrieben ist, zu dienen und sie zu lie- ben. Wer dagegen diese Heiligen mit Missachtung behandelt, lädt mit Sicher- heit großes Leiden in sein Haus ein. 49
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    Diese vier –Zufriedenheit, satsaÇga (Gemeinschaft mit Heiligen), der Geist der Selbsterforschung und Selbstbeherrschung sind die vier sichersten Mittel, mit deren Hilfe diejenigen, die im Ozean dieses saæsāra (des Lebenszyklus) zu ertrinken drohen, gerettet werden. Die Zufriedenheit ist der größte Ge- winn. SatsaÇga ist der beste Begleiter zum endgültigen Ziel. Der Geist der Selbsterforschung ist in sich selbst die größte Weisheit. Und Selbstbeherr- schung bedeutet höchstes Glück. Falls du nicht in der Lage sein solltest, alle diese vier zu praktizieren, dann praktiziere wenigstens eine davon, denn durch die eifrige Praxis einer dieser Eigenschaften werden sich die anderen ebenfalls einfinden. Dann wird dich die höchste Weisheit ohne dein eigenes Zutun aufsuchen. Solange du nicht den wilden Elefanten deines Gemüts mit Hilfe dieser edlen Qualitäten bezähmst, kannst du keinerlei Fortschritt hin zum Höchsten machen; auch dann nicht, falls du ein Gott oder ein Halbgott werden solltest. Du wärest dann nicht besser dran als ein Baum. Daher, oh Rāma, strebe unter allen Umständen danach, diese vier edlen Qualitäten zu kultivieren. VASIåèHA sagte: II:17 Wer mit den Qualitäten ausgestattet ist, die ich bis hierhin aufgezählt habe, ist geeignet zu erfahren, was ich als nächstes darzulegen habe. Du bist in der Tat eine solche qualifizierte Person, oh Rāma. Nur derjenige wünscht diese Dinge zu hören, der reif für die Befreiung ist. Diese Enthüllung der Wahrheit führt einen jedoch sogar dann zur Befreiung, wenn man gar nicht den Wunsch danach hat – auf dieselbe Weise, wie ein Licht die Augen sogar einer schlafenden Person zu erleuchten vermag. So wie die Furcht aufgrund des Missverständnisses, dass ein Seil eine Schlange sei, verschwindet, sobald die Wahrheit erkannt wird, so befreit das Studium dieser Schrift den Menschen vom Leid, das aus saæsāra geboren wird. Diese Schrift besteht aus 32000 Versen. Der erste Abschnitt ist unter dem Namen Vairāgya Prakaraïam (das Kapitel über Leidenschaftslosigkeit) be- kannt. Es unterweist über die Erkenntnis der wahren Natur des Lebens in dieser Welt. Sein sorgfältiges Studium reinigt das Herz. Dieser Abschnitt besteht aus 1500 Versen. Der nächste Abschnitt ist bekannt als Mumuk«u Vyavahāra Prakaraïaæ (betreffend das Verhalten eines Suchers nach der Befreiung) und besteht aus 1000 Versen. Darin werden die Qualifikationen eines Suchers beschrieben. Danach kommt Utpatti Prakaraïaæ (der Abschnitt über die Weltentste- hung), der aus 7000 Versen besteht. In ihm finden sich viele inspirierende Geschichten, die die großartige Wahrheit illustrieren helfen, die darin be- steht: Aufgrund des Wechselspiels der falschen Ideen des „dies“ und „Ich“ erscheint dieses Universum, welches tatsächlich niemals erschaffen wurde. Der nächste Abschnitt ist Sthiti Prakaraïaæ (Abschnitt über die Existenz), der aus 3000 Versen besteht. Wiederum mit Unterstützung durch Erzählun- 50
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    gen wird dieWahrheit betreffend die Existenz dieser Welt dargelegt und ihre Grundlage enthüllt. Danach kommt Upasanti Prakaraïaæ (der Abschnitt über das Aufhören), der aus 5000 Versen besteht. Durch das Studium dieses Abschnitts findet die irrige Wahrnehmung dieser Welt ihr Ende und hinterlässt nur noch eine geringfügige Spur der Unwissenheit. Zuletzt kommt das Nirvāna Prakaraïaæ (der Abschnitt über die Befreiung), der aus 14500 Versen besteht. Das Studium und Verstehen dieses Abschnitts zerstört die grundlegende Unwissenheit eines Menschen. Wenn so alle Täu- schungen und Halluzinationen aufgehört haben, entsteht die vollkommene Freiheit. Obwohl noch im physischen Körper weilend, lebt der Mensch dann so, als wäre er von ihm frei; er ist frei von allem Verlangen und allen Wün- schen, Anhaftungen und Abneigungen. Er ist befreit von saæsāra (dem Le- benszyklus). Hier und jetzt ist er frei vom Dämon mit dem Namen „Ich-Sinn“. Er ist eins mit dem Unendlichen. VASIåèHA fuhr fort: Wer auch immer die Samen der Erkenntnis dieser Schrift aussäht, wird die II:18 Frucht der Verwirklichung der Wahrheit ernten. Eine Darlegung der Wahr- heit, auch wenn sie menschlichen Ursprungs ist, sollte stets angenommen werden. Andernfalls sollte die Unwahrheit sogar dann zurückgewiesen wer- den, wenn sie angeblich göttlicher Offenbarung entstammt. Die Worte sogar eines kleinen Jungen sollten akzeptiert werden, wenn es Worte der Weisheit sind. Andernfalls müssen sie wie Strohhalme beiseite geworfen werden, auch wenn sie von Brahmā dem Schöpfer selbst stammen sollten. Wer immer der Darlegung dieser Schrift lauscht und darüber nachdenkt, wird sich unergründlicher Weisheit, fester Überzeugung und unbeirrbarer Ruhe des Geistes erfreuen. Schon bald wird er ein befreiter Weiser sein, des- sen Glanz unbeschreiblich ist. Der Weise mit der Vision des Unendlichen sieht in der Einen Ungeteilten Intelligenz zahllose Universen erscheinen, denn er hat die Zauberei von Māyā oder die kosmische Illusion erkannt. Er sieht das Unendliche in jedem Atom und ist daher unbeeindruckt vom Aufstieg und Zerfall der Gedanken und Ideen der Schöpfung. Daher ist er stets mit allem zufrieden, was ungesucht zu ihm kommt und weist es nicht zurück. Auch läuft er nicht hinter dem her, was ihm weggenommen wird, da er um nichts trauert. Diese Schrift ist leicht zu verstehen, da sie reichlich mit inspirierenden Er- zählungen ausgeschmückt ist. Wer diese Schrift studiert und über ihre Aussa- gen nachsinnt, braucht keinerlei Askesepraktiken, Meditation oder Wieder- holung von Mantras zu unternehmen, denn was könnte großartiger sein als die Befreiung, die durch das Studium dieser Schrift gewährt wird? Wer diese Schrift studiert und ihre Lehren versteht, wird nicht länger durch die Welterscheinung getäuscht. Wer einmal erkannt hat, dass jene tödliche Schlange nichts als ein lebensechtes Gemälde ist, der fürchtet sich nicht län- 51
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    ger vor ihr.Wenn die Welterscheinung als bloße Erscheinung erkannt wird, dann ruft sie weder Freude noch Leid hervor. Es ist in der Tat bedauerlich, dass die Menschen immer noch nach Sinnesvergnügen suchen, die nichts als großen Kummer hervorbringen, obwohl eine Schrift wie diese hier vorliegt. Oh Rāma – eine Wahrheit, die erläutert, aber noch nicht persönlich erfahren wurde, kann nur mit Hilfe einer Veranschaulichung erfasst werden. Solche Veranschaulichungen werden daher in dieser Schrift mit einem bestimmten Zweck und einer begrenzten Absicht verwendet. Sie dürfen weder wortwört- lich verstanden noch in ihrer Bedeutung über diese Absicht hinaus erweitert werden. Wenn die Schrift in diesem Sinne studiert wird, erscheint die Welt wie ein Traumbild. Eben dies ist der Zweck und die Absicht der Verbildli- chungen. Möge daher niemand aufgrund eines entstellenden Verstandes die in dieser Schrift enthaltenen Veranschaulichungen missverstehen. VASIåèHA fuhr fort: Eine Parabel hat nur den Zweck, den Zuhörer hin zur Wahrheit zu führen. Die Erkenntnis der Wahrheit ist so lebenswichtig, dass alle irgendwie ver- nünftigen Methoden gerechtfertigt sind, auch wenn die Parabeln rein fiktiv sind. Die Parabel selbst ist auf die mit ihrer Hilfe veranschaulichte Wahrheit nur teilweise anwendbar, und es ist nur dieser Teil, der erfasst werden sollte. Den Rest sollte man ignorieren. Das Studium und das Verstehen der Schrift mit Hilfe der Verbildlichungen und eines qualifizierten Lehrers sind nur so lange erforderlich, bis man die Wahrheit verwirklicht hat. Es sei noch einmal gesagt, dass ein Studium dieser Art bis zur Erkenntnis der Wahrheit fortgesetzt werden sollte – man sollte nicht vor dem Erlangen der Erleuchtung damit aufhören. Eine mangelhafte Kenntnis der Schrift ergibt nur größere Verwirrung. Die Nichterkenntnis der Existenz des höchsten Friedens im eigenen Herzen und der Glaube an eine Wirklichkeit eingebilde- ter Dinge sind beide aus mangelhaftem Wissen geboren und das Ergebnis einer verdrehten Denkweise. So wie der Ozean der Grund aller Wellen ist, so ist allein die direkte Erfah- rung der Grund aller Beweise, nämlich die unmittelbare Erfahrung der Wahr- heit, so wie sie ist. Die Basis ist die erfahrende und verstehende Intelligenz, die selbst zum Erfahrenden, zum Akt des Erfahrens und zur Erfahrung wird. Das Erfahren allein ist die Wirklichkeit. Im Zustand des Nicht-Verstehens jedoch scheint dieses Erfahren ein Subjekt zu haben (den Erfahrenden). Weisheit, die aus dem Geist der Selbsterforschung geboren ist, zerstreut dieses Nicht-Verstehen – so kann schließlich die ungeteilte Intelligenz in ihrem eigenen Licht erstrahlen. Auf dieser Stufe wird sogar der Geist der Selbsterforschung überflüssig und löst sich von selbst auf. So wie der Luft die Bewegung eigentümlich ist, so ist die Manifestation (in der Form des subtilen wahrnehmenden Gemüts und der wahrgenommenen groben Objekte) dieser erfahrenden Intelligenz eigentümlich. Der wahrneh- mende Verstand denkt aufgrund der Unwissenheit: „Ich bin dieses oder jenes 52
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    Objekt“, und erwird es dann auch. Das Objekt wird stets nur im Subjekt er- fahren und nirgendwo sonst! Oh Rāma, bis zu dem Zeitpunkt, an dem diese Weisheit direkt in dir auf- taucht, nimm wiederholt deine Zuflucht zu dem Wissen, welches von den großen Lehrern übermittelt wird. Wenn du dieses Wissen von großen Leh- rern empfängst, dann wird dein Betragen das ihrige widerspiegeln, und wenn du auf diese Weise ihre einzigartigen Qualitäten übernimmst, dann wird sich auch die Weisheit in dir entfalten. Die Weisheit und das Nacheifern der edlen Tugenden der Heiligen gedeihen aneinander! *** 53
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    Teil III: Überdie Weltentstehung ùKùŚA — Raum oder Dimension Im Text tauchen drei wichtige Wörter auf, nämlich cidākāśa, cittākāśa und bhÆtākāśa. Wörtlich bedeutet ākāśha unendlicher Raum bzw. Äther. Daher bedeutet cidākāśa Raum des Bewusstseins, cittākāśa Raum des menschlichen Geistes oder Gemüts (mind-space) und bhÆtākāśa Raum der Elemente. Diese drei Konzepte wurden von Bhagavān Rāmaïa Mahar«i wunderbar erklärt: „Es heißt, dass cidākāśa selbst ātma svarÆpa (die Form von ātmā, Seele) sei, und dass wir dies nur mit Hilfe des Gemüts (mind) sehen können. Wie kön- nen wir es aber sehen, wenn das Gemüt aufgehört hat?” fragte jemand. Bhagavān erwiderte: „Wenn man den Himmel als bildliches Beispiel nimmt, dann kann man ihn als dreierlei betrachten, nämlich cidākāśa, cittākāśa und bhÆtākāśa. Der natürliche Zustand wäre cidākāśa, und das Ich-Empfinden, welches aus cidākāśa entsteht, wäre cittākāśa. Wenn dieses cittākāśa sich ausdehnt und die Gestalt aller bhÆtas (Elemente) annimmt, dann ist dies alles bhÆtākāśa. Wenn dann das cittākāśa, das Bewusstsein des Selbst (‚Ich’), nicht das cidākāśa, sondern das bhÆtākāśa wahrnimmt, dann spricht man von mano ākāśha (Raum des menschlichen Geistes oder Gemüts; mano = mind), und wenn es mano ākāśha hinter sich lässt und das cidākāśa wahrnimmt, dann nennt man dies cinmaya (reines Bewusstsein). Mit dem Aufhören des Gemüts ist gemeint, dass die Idee der Vielfalt der Objekte verschwindet und die Idee der Einheit aller Objekte erscheint. Wenn dies geschieht, dann er- scheint alles als natürlich.“ Eine bessere Übersetzung für den Begriff ākāśha wäre vielleicht „Dimensi- on“. Ein und dasselbe unendliche Bewusstsein ist als cidākāśa, cittākāśa und bhÆtākāśa bekannt je nach dem spirituellen, mentalen (konzeptionellen) und physischen Gesichtspunkt, von dem aus es betrachtet wird. *** 54
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    VASIåèHA fuhr fort: III:1 Nun werde ich dir die Weltentstehung und ihr Geheimnis erläutern. Die Hö- rigkeit dauert so lange, wie man das wahrgenommene Objekt als wirklich ansieht. Sobald dieser Gedanke fallen gelassen wird, verschwindet auch die Bindung. Hier in dieser Welt wächst und stirbt nur das, was zuvor erschaffen wurde, und es geht dann entweder in den Himmel oder in die Hölle und es wird befreit. Während der kosmischen Auflösung wird die gesamte objektive Schöpfung in das unendliche Sein zurückgenommen, welches von den Weisen ùtmā, Brahman oder Wahrheit usw. genannt wird, um das Gespräch und den Mei- nungsaustausch darüber zu erleichtern. Dieses selbige unendliche Sein (Selbst) ersinnt in sich die Dualität von sich selbst und etwas anderem. Da- raus entsteht das Gemüt, wie eine Welle auf dem stillen Ozean erscheint, der aufgewühlt wird. Denke jedoch stets daran, dass die Eigenschaften und die Natur des Geschaffenen sowie die Potentialität der Schöpfung dem Schöpfer selbst innewohnen; so wie ein goldenes Schmuckstück nichts anderes als Gold ist (obwohl Gold auch ohne das Schmuckstück existieren kann, so kann doch das Schmuckstück selbst nicht ohne das Gold oder ein anderes Metall existieren). Das Gemüt ist nicht verschieden (hat selbst keinerlei unabhängi- ge Existenz) vom unendlichen Selbst. Ebenso wie eine Luftspiegelung täuschend echt als ein Fluss voll Wasser erscheinen kann, so erscheint diese Welt als gänzlich real. Solange man an dem Gedanken der Wirklichkeit von „du“ und „ich“ festhält, gibt es keine Befreiung. Der Gedanke der Wirklichkeit der Existenz verschwindet nicht dadurch, dass man diese bloß verwirft oder verbal verneint – im Gegenteil, eine solche Ablehnung wird zu einer Quelle weiterer Verwirrung. Rāma, wenn die Welt tatsächlich wirklich wäre, dann gäbe es keinerlei Mög- lichkeit ihres Aufhörens, denn es gilt das unveränderliche Gesetz, dass das Unwirkliche nicht wirklich ist und das Wirkliche nicht aufhört zu sein. Aske- se, Meditation und andere ähnliche Praktiken können daher weder ihr Aufhö- ren verursachen noch die Erleuchtung herbeiführen. Solange die Wahrneh- mung der Welt andauert, so lange ist sogar die Kontemplation (samādhi), in der es keinerlei Gedankenbewegung (nirvikalpa) gibt, unmöglich. Und auch wenn dies möglich sein sollte, so würde doch nach der Rückkehr aus dieser Kontemplation die Welt mit all ihrem Kummer sogleich wieder im Gemüt erscheinen. Es ist die Bewegung der Gedanken, die die Wahrnehmung er- schaffener Objekte hervorruft. So wie die Essenz in allen Dingen existiert wie das Öl im Sesamsamen oder der Duft in den Blumen, so existiert die Fähigkeit der objektiven Wahrneh- mung im Wahrnehmenden. So wie die Traumobjekte nur dem Träumer er- scheinen, so werden die Objekte der Wahrnehmung vom Wahrnehmenden erfahren. Ebenso wie der aus der Saat hervorgegangene Keimling zur vorbe- stimmten Zeit erscheint, so manifestiert sich diese Potentialität als Idee oder Vorstellung der Schöpfung. 55
  • 56.
    VASIåèHA fuhr fort: III:2 Es gibt einen heiligen Mann namens ùkāśaja (wörtl. „geboren aus leerem Raum“). Er befindet sich in ständiger Meditation und bewegt in seinem Her- zen die Wohlfahrt aller Wesen. Er hatte schon eine lange Zeit gelebt, als ihn eines Tages der Tod zu verschlingen suchte. Als der Tod sich ihm näherte, hatte er jedoch mit einem grimmigen Feuer zu kämpfen, das den heiligen Mann schützte. Aber auch nachdem der Tod dieses abgewehrt hatte, konnte er ihn immer noch nicht berühren. Verblüfft durch diese unerwartete und außergewöhnliche Begebenheit wandte sich der Tod an Gott Yama als den Gebieter über die Schicksale der Sterblichen und fragte ihn: „Bitte, Herr, teile mit mir, weshalb es mir unmöglich ist, ihn zu ergreifen.“ Yama erwiderte: „In Wahrheit ist es so, oh Tod, dass du niemanden wirklich tötest! Der Tod wird in Wirklichkeit durch das Karma der Person (die Frucht der eigenen Handlungen) herbeigeführt. Versuche daher zu entdecken, was das entsprechende, verhängnisvolle Karma dieses Mannes ist.“ Jedoch auf dieselbe Weise, wie man nicht das Woher und Wohin des Sohnes einer unfruchtbaren Frau finden kann, so konnte auch der Tod nirgendwo in der Welt das Karma dieses heiligen Mannes entdecken. Er ging zu Yama und berichtete ihm dies. Yama sagte: „Oh Tod, dieser heilige Mann namens ùkāśaja wurde aus lee- rem Raum geboren und hat überhaupt kein Karma. Er ist so rein wie der Raum. Daher hat er keinerlei Karma hervorgerufen, das dir helfen könnte, ihn zu ergreifen oder zu verzehren. So wie der Sohn einer unfruchtbaren Frau wurde auch dieser heilige Mann nicht geboren. Weil er keinerlei Karma aus ‚früheren Geburten’ hat, besitzt er auch kein Gemüt. Er hat daher keinerlei mentale Tätigkeit verursacht, die ihn in deine Reichweite bringen könnte. Er ist tatsächlich nichts anderes als eine Masse reinen Geistes. Als lebendes Wesen erscheint er nur in deinen Augen – in ihm selbst gibt es keinerlei Ge- danken, die ein Karma entstehen lassen könnten. Bewusstsein wird im Be- wusstsein reflektiert, und es ist diese Reflektion, die dann an ihre eigene Unabhängigkeit glaubt! Es ist jedoch ein falscher Glaube, eine Annahme, die auf Unwirklichkeit beruht. Der heilige Mann kennt diese Wahrheit. So wie Flüssigkeit auf natürliche Weise im Wasser und Leere im Raum vor- kommt, so lebt dieser heilige Mann im Höchsten Geist. Er ist selbst eine unverursachte Manifestation, und daher wird er auch als „selbst-erschaffen“ bezeichnet. Wer die närrische Vorstellung ‚Ich bin dieser Körper, der aus Erde besteht' unterhält, verwickelt sich selbst in die Materie. Einen solchen Men- schen kannst du leicht überwältigen. Da dieser heilige Mann jedoch keine solche Vorstellung hat (und deshalb wahrhaftig körperlos ist), befindet er sich außerhalb deiner Reichweite. Dieser heilige Mann wurde niemals geboren. Er ist reines Bewusstsein, das stets unverändert ist. Im unendlichen Sein taucht zu Beginn jeder Epoche eine Schwingung auf, die aus der latenten Unwissenheit entsteht. Diese mani- 56
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    festiert sich dannals die verschiedenen Wesen – wie in einem kosmischen Traum. Unberührt davon, verbleibt dieser heilige Mann stets reines Bewusst- sein.” VASIåèHA sagte: Im Schöpfer gibt es weder einen Seher noch ein Objekt der Wahrnehmung. Doch er wird auch als ‚selbst-erschaffen’ bezeichnet. Er er- strahlt im kosmischen Bewusstsein wie das Bild im Geist eines Künstlers. VASIåèHA fuhr fort: Im Schöpfer gibt es keinerlei Erinnerung an die Vergangenheit, weil er kei- nerlei vorhergegangenes Karma in sich trägt. Er besitzt nicht einmal einen physischen Körper, denn das Ungeborene besteht nur aus spiritueller Sub- stanz. Sterbliche Wesen haben zwei Körper – nämlich den physischen und den spirituellen. Der ungeborene Schöpfer jedoch hat nur den spirituellen, da die Ursache, die den physischen entstehen lässt, nicht in ihm existiert. Selbst nicht erschaffen, ist er der Erschaffer aller Wesen. Gewiss ist das Ge- schaffene (wie das Schmuckstück) stets von derselben Substanz wie das, aus dem es erschaffen wurde (Gold). Wie der Gedanke des Schöpfers die Ursache dieser mannigfaltigen Schöpfung ist und der Schöpfer selbst keinen physi- schen Körper hat, so ist wahrhaftig auch diese Welt von der Natur des Gedan- kens – ohne jede Materialität. Ein Pulsieren entstand im Schöpfer, und sein Gedanke breitete sich als das Universum aus. Diese Bewegung brachte den subtilen Körper (bestehend aus reinem Geist) aller Lebewesen hervor. Nur aus Gedanken bestehend, sind all diese Wesen nur scheinbar, obgleich sie alle fühlen, dass sie wirklich sind. Und diese Scheinhaftigkeit, die als wirklich empfunden wird, erzeugt realisti- sche Ergebnisse oder Konsequenzen, so wie sexuelles Vergnügen in einem Traum. Vergleichbar damit scheint auch der Schöpfer (der heilige Mann in der Geschichte) einen Körper zu haben, obwohl er überhaupt keinen hat. Auch der Schöpfer ist zweifacher Natur, nämlich Bewusstsein und Denken. Bewusstsein ist rein, Denken ist der Täuschung unterworfen. Auf diese Weise scheint er zu sein. Er ist die Intelligenz, die das gesamte Universum aufrecht- erhält. Jeder Gedanke, der in dieser Intelligenz auftaucht, lässt eine Form entstehen. Obgleich alle diese Formen aus reinem Geist sind, kristallisieren sie aufgrund des Selbstvergessens und der Vorstellung von physischen For- men zu physischen Formen – so wie gestaltlose Kobolde aufgrund der ge- täuschten Wahrnehmung eine Gestalt zu haben scheinen. Der Schöpfer selbst jedoch ist dieser Täuschung nicht unterworfen. Denn er verbleibt stets in seiner spirituellen, nicht materiellen Natur. Der Schöpfer ist spirituell, weshalb auch seine Schöpfung in ihrer Essenz spirituell ist. Diese Schöpfung ist unverursacht. Folglich ist sie in ihrer Essenz rein spirituell, wie das Höchste Sein, Brahman, selbst. Die Materialität der Welt ist wie das Luft- schloss – eine illusionäre Projektion des eigenen Gemüts – eine Einbildung. Der Schöpfer ist das Gemüt, und das Gemüt oder reine Intelligenz sind sein Körper. Dem Gemüt ist das Denken eingeboren. Das Objekt der Wahrneh- 57 III:4
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    mung ist wiederumdem Wahrnehmenden eingeboren. Wer hat jemals einen Unterschied zwischen den beiden feststellen können? VùLMýKI sagte: An diesem Punkt der Unterweisung beschleunigte die Sonne ihren Lauf in Richtung der Berge im Westen, als wäre sie begierig, über die Worte des Weisen zu meditieren und andere Teile der Erde zu erleuchten. Die Versamm- lung löste sich für die Abendgebete auf. Am nächsten Morgen kamen alle Mitglieder des Hofes wieder wie zuvor zusammen. RùMA fragte: Oh heiliger Weiser! Bitte unterrichte mich darüber, was das Gemüt in Wahrheit ist. VASIåèHA erwiderte: So wie leeres, lebloses Nichts als Raum bekannt ist, so ist auch das Gemüt ein leeres Nichts. Ob das Gemüt nun wirklich oder unwirklich ist – es ist stets das, was in den Objekten der Wahrnehmung gesehen wird. Rāma, Denken ist Gemüt – es gibt keinen Unterschied zwischen den beiden. Das Selbst, einge- kleidet in den spirituellen Körper, wird als Gemüt gekannt. Dieses ist es, wel- ches dann den materiellen oder physischen Körper in die Existenz treten lässt. Unwissenheit saæsāra (der Lebenszyklus), Denken, Bindung, Unrein- heit, Finsternis und Trägheit oder Fühllosigkeit sind alles Synonyme. Gemüt ist nichts als Erfahrung – es ist selbst nichts anderes als das Wahrgenomme- ne. Dieses gesamte Universum ist auf ewig nicht verschieden vom Bewusstsein, das in jedem Atom wohnt, wie das Schmuckstück nicht verschieden vom Gold ist. So wie das Schmuckstück potentiell im Gold existiert, so existiert das Objekt im Subjekt. Sobald jedoch dieser Gedanke des Objekts entschieden zurückgewiesen und vom Subjekt entfernt wird, existiert allein nur noch Bewusstsein ohne den geringsten Anschein von Objektivität. Wenn dies er- kannt wird, hören alle diese Übel wie Anziehung und Abstoßung, Liebe und Hass, im eigenen Herzen auf; wie auch die falschen Wahrnehmungen der Welt, des Du, des Ich usw. Sogar die Neigung zur Objektivierung hört auf, und dies bedeutet die Freiheit. RùMA fragte: Heiliger Herr, wenn das Objekt der Wahrnehmung wirklich wäre, dann könnte es nicht aufhören zu sein. Obwohl es aber unwirklich ist, vermögen wir es nicht als unwirklich zu erkennen. Wie können wir dieses Problem überwinden? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, es gibt die Heiligen, die dieses Problem überwunden haben! Ex- terne Objekte wie Raum usw. und psychologische Faktoren wie „Ich“ usw. existieren nur als Namen. In Wirklichkeit existieren weder das objektive Universum noch das wahrnehmende Selbst; weder die Wahrnehmung als 58
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    solche noch dasNichts. Stets ist als Einziges nur das kosmische Bewusstsein (cit). In diesem ist es das Gemüt, welches die Vielfalt, die verschiedenen Tä- tigkeiten und Erfahrungen, die Idee von Bindung und den Wunsch nach Be- freiung heraufbeschwört. Rāma fragte: Oh heiliger Weiser! Worin besteht der Ursprung dieses Gemüts, und wie III:5, 6 konnte es entstehen? Bitte sei so gut, mich in dieser Frage zu erleuchten. VASIåèHA erwiderte: Nach der kosmischen Auflösung und noch vor dem Aufdämmern der nächs- ten Epoche befand sich das gesamte Universum in vollkommenem Gleichge- wichts. Es existierte nur der Höchste Herr, der Ewige, Ungeborene, Selbster- strahlende, der das Universum ist und allmächtig. Er befindet sich jenseits jeder Vorstellung und Beschreibung. Obgleich er unter verschiedenen Namen wie ùtmā usw. bekannt ist, sind alle diese doch nur Gesichtspunkte und nicht die eigentliche Wahrheit. Er ist – und doch wird er von der Welt nicht er- kannt; er befindet sich auch im Körper – und ist doch wie weit entfernt. Aus ihm gehen zahllose Gottheiten wie Vi«ïu hervor, so wie zahllose Strahlen aus der Sonne hervorgehen. Aus ihm kommen endlose Welten – so wie Wellen an der Oberfläche des Ozeans entstehen. Er ist die kosmische Intelligenz, in die die unzählbaren Objekte der Wahr- nehmung eintreten. Er ist das Licht, in dem das Selbst und die Welt erstrah- len. Er befiehlt die Eigentümlichkeit der Natur aller erschaffenen Dinge. In Ihm erscheint und verschwindet die Welt – wie eine Luftspiegelung wieder und wieder erscheint und wieder und wieder verschwindet. Seine Gestalt (die Welt) verschwindet, aber sein Selbst ist wandellos. Er wohnt in allem. Er ist verborgen und doch überströmend gegenwärtig. Durch Seine bloße Ge- genwart sind diese anscheinend leblose materielle Welt und ihre Bewohner unaufhörlich tätig. Wegen Seiner allgegenwärtigen, allmächtigen Allwissen- heit materialisieren sich alle seine Gedanken. Dieses Höchste Selbst, oh Rāma, kann durch kein anderes Mittel als durch die Weisheit erkannt werden – nicht einmal durch die Ausübung religiöser Praktiken. Dieses Selbst ist weder nah noch fern; es ist weder unerreichbar noch weit weg – es ist das, was in einem selbst als Seligkeit auftaucht, und es wird daher nur in einem selbst erkannt. Askese oder Buße, Wohltätigkeit und die Einhaltung religiöser Gelübde füh- ren nicht zur Verwirklichung des Höchsten Herrn – nur die Gemeinschaft mit Heiligen und das Studium der wahren Schriften können hier helfen, denn sie zerstreuen die Unwissenheit und Täuschung. Sogar wenn man davon über- zeugt ist, dass nur dieses Selbst wirklich ist, geht man auf dem Pfad der Be- freiung jenseits von Kummer. Askese oder Buße sind nichts als selbst zugefügter Schmerz. Was für einen Wert hat eine aus dem Reichtum entstandene Wohltätigkeit, der aus dem Betrug an anderen gewonnen wurde? Aus solcher Wohltätigkeit können nur 59
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    die entsprechenden Früchteentstehen! Religiöse Pflichtbefolgung steigert nur die Eitelkeit. Gegen die Unkenntnis des Höchsten Herrn hilft nur eine einzige Arznei – die entschiedene und feste Zurückweisung aller Sinnesver- gnügen. RùMA fragte: III:7 Wo wohnt dieser Höchste Herr, und wie kann ich ihn erreichen? VASIåèHA erwiderte: Er, der als der Herr gesehen wird, ist nicht sehr weit entfernt – Er ist die Intelligenz, die im Körper wohnt. Er ist das Universum, obgleich das Univer- sum nicht Er ist. Er ist das reine Bewusstsein. RùMA bemerkte: Sogar ein kleiner Junge sagt, dass der Herr Intelligenz sei. Weshalb sollte man dies also in Form einer besonderen Unterweisung betonen? VASIåèHA erwiderte: Nun, jemand, der das objektive Universum als reine Intelligenz erkennt, weiß noch gar nichts. Fühlend ist das Universum, und fühlend ist auch die Seele (jīva). Das Fühlende erschafft das Kennbare und verwickelt sich selbst in den Kummer. Sobald es ein Aufhören des Kennbaren gibt und der Strom des Gewahrseins auf das nicht Kennbare (reine Intelligenz) gerichtet wird, entsteht die Erfüllung – und so geht man über Kummer und Sorge hinaus. Ohne dieses Aufhören des Kennbaren kann man sein Gewahrsein nicht er- folgreich vom Kennbaren abwenden. Die bloße Erkenntnis der Verwicklung des jīva in dieses saæsāra ist nutzlos. Wird jedoch der Höchste Herr erkannt, dann kommt der Kummer an sein Ende. RùMA fragte: Heiliger Herr, bitte beschreibe uns den Höchsten Herrn. VASIåèHA erwiderte: Die kosmische Intelligenz, in der das Universum sozusagen aufhört zu sein, ist der Höchste Herr. In Ihm scheint die Subjekt-Objekt-Beziehung als solche aufgehört zu haben. Er ist das Nichts oder die Leere, in der das Universum scheinbar existiert. In Ihm steht sogar das kosmische Bewusstsein still wie ein Berg. RùMA fragte erneut: Wie können wir diesen Herrn erkennen und die Unwirklichkeit dieses Uni- versums verstehen, welches wir bisher als wirklich betrachtet haben? VASIåèHA antwortete: Der Herr kann nur dann erkannt werden, wenn man fest im Verstehen der Unwirklichkeit des Universums verankert ist, wie auch die Bläue des Himmels als unwirklich verstanden wird. Dualität setzt Einheit voraus und Nicht-Dualität legt Dualität nahe. Der Höchste Herr wird nur dann erkannt, wenn die Welt als gänzlich inexistent erkannt wird. 60
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    RùMA fragte: HeiligerHerr, mit welcher Methode wird dies erkannt, und was muss ich III:8, 9 wissen, damit das Kennbare an ein Ende gelangt? VASIåèHA erwiderte: Die falsche Vorstellung, dass diese Welt wirklich sei, hat sich tief verwurzelt aufgrund der andauernden Gewohnheit falschen Denkens. Jedoch kann sie beseitigt werden, indem du Zuflucht zur Gemeinschaft mit Heiligen und zum Studium der heiligen Schriften nimmst. Von allen Schriften ist dieses Mahārāmāyaïaæ hier das Beste. Was hier gefunden wird, wird auch woan- ders gefunden, und was hier nicht gefunden wird, findet man auch sonst nirgends. Wer daher nicht diese, sondern eine andere Schrift studieren möch- te, kann dies zu tun – dagegen gibt es keinerlei Einwände. Sobald die falsche Vorstellung aufgegeben und die Wahrheit erkannt wird, wird man von ihr in einem so großen Ausmaße erfüllt, dass man nur noch daran denken, davon sprechen und sich nur noch an ihr erfreuen und ande- ren davon mitteilen möchte. Solche Menschen werden manchmal auch Jīvanmuktas oder auch Videhamuktas genannt. RùMA fragte: Hoher Herr, worin bestehen die Eigenschaften der Jīvanmuktas (im Leben befreit) und Videhamuktas (nach dem Tode befreit, körperlos befreit)? VASIåèHA erwiderte: Wer, obwohl er scheinbar ein normales Leben führt, die gesamte Welt als eine Leerheit empfindet, ist ein Jīvanmukta. Obwohl er wach ist, erfreut er sich der Stille des Tiefschlafs; er ist völlig unbeeinflusst von Freude und Schmerz. Er ist wach im Tiefschlaf, aber er ist niemals wach für diese Welt. Seine Weisheit ist unbewölkt von latenten Neigungen. Er scheint wie andere Zu-, Abneigungen und Furcht unterworfen zu sein, aber in Wahrheit ist er so frei wie der Raum. Er ist frei vom Ich-Sinn und vom Wollen. Seine Intelligenz klammert sich weder an Tätigkeit noch an Untätigkeit. Niemand fürchtet ihn – er fürchtet niemanden. Wenn dann sein Körper nach der vorgesehenen Zeit aufgegeben wird, wird er zum Videhamukta. Der Videhamukta ist und ist nicht; er ist weder ‚Ich’ noch ‚ein Anderer’. Er ist die Sonne, die scheint, Vi«ïu, der alle beschützt, Rudra, der alles zerstört, Brahmā, der erschafft. Er ist Raum, Erde, Wasser und Feuer. Er ist in Wahrheit kosmisches Bewusstsein – das, was die eigentliche Essenz aller Wesen ist. Alles, was es in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft geben mag – all dieses ist er und er allein. RùMA fragte erneut: Hoher Herr, meine Wahrnehmung ist unklar. Wie kann ich diesen Zustand erlangen, den du angedeutet hast? VASIåèHA erwiderte: 61
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    Was man alsBefreiung bezeichnet, oh Rāma, ist in Wahrheit das absolute Selbst, welches allein ist. Was man hier als ‚Ich‘, ‚Du’ usw., wahrnimmt, scheint nur zu existieren; tatsächlich wurde es niemals erschaffen. Wie können wir sagen, dass Brahman zu all diesen Welten geworden sei? Oh Rāma, in Schmuckstücken sehe ich nichts als Gold, in Wellen sehe ich nichts als Wasser, in Luft sehe ich nichts als Bewegung, im Raum sehe ich nur Leere, in der Luftspiegelung sehe ich nur Hitze und nichts anderes. Und eben- so sehe ich stets nur Brahman, das Absolute – nicht aber die Welten. Der Gedanke der ‚Welten’ ist nichts als anfangslose Unwissenheit. Durch die Erforschung der Wahrheit jedoch verschwindet sie schließlich. Es hört nur das auf, was in die Existenz getreten ist. Diese Welt ist niemals wirklich in die Existenz getreten, erscheint aber weiterhin. Die Darlegung dieser Wahrheit ist in diesem Kapitel über die Weltentstehung enthalten. Als die kosmische Auflösung stattfand, verschwand alles, was zuvor er- schienen war. Das Unendliche allein verblieb. Und dieses war weder Leerheit noch Form, weder das Sehen noch das Gesehene. Niemand vermag zu sagen, ob es gewesen oder nicht gewesen ist. Es hat keine Ohren, keine Augen, keine Zunge – und doch hört, sieht und schmeckt es. Es ist unverursacht und unerschaffen. Es ist die Ursache von allem, wie Wasser die Ursache von Wel- len ist. Dieses unendliche und ewigliche Licht ist in den Herzen aller und in seinem Licht erstrahlen die drei Welten wie eine Luftspiegelung. Wenn das Unendliche zu vibrieren beginnt, scheinen all diese Welten aufzu- tauchen; wenn es aufhört zu vibrieren, dann scheinen alle Welten unterzuge- hen. Wenn eine brennende Fackel im Kreise herumgewirbelt wird, dann erscheint ein Feuerkreis; wenn sie stillgehalten wird, verschwindet der Feu- erkreis. Vibrierend oder nicht vibrierend – Es ist stets dasselbe überall und zu allen Zeiten. Wer dies nicht erkennt, ist der Täuschung unterworfen; wird es dagegen erkannt, dann hören alle Ängste auf. Aus Ihm kommt die Zeit – aus Ihm stammt die Wahrnehmung des wahr- nehmbaren Objekts. Tätigkeit, Gestalt, Geschmack, Geruch, Klang, Berührung und Denken – alles was du weißt, ist nur Es allein. Und Es ist das, wodurch du all dieses kennst! Es lebt im Seher, im Sehen und im Gesehenen als das eigent- liche Sehen – wenn du dieses kennst, dann erkennst du dein Selbst. RùMA sagte: Heiliger Herr, wie kann man vom Ihm sagen, es sei nicht leer, es könne nicht III:10 beleuchtet werden, und es sei nicht dunkel (unerkennbar)? Du verwirrst mich mit solchen widersprüchlichen Aussagen! VASIåèHA erwiderte: Rāma, du stellst unreife Fragen. Ich werde dich jedoch über die korrekte Bedeutung aufklären. So wie das nicht herausgehauene Bildnis auf ewig im Stein enthalten ist, so ist auch diese Welt, ob sie nun als wirklich oder unwirklich betrachtet wird, 62
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    im Absoluten enthalten,das daher kein bloßes Nichts ist. So wie man von einem ruhigen Ozean nicht sagen kann, dass da keinerlei Wellen seien, so ist auch das Absolute nicht ohne Welt. Selbstverständlich haben diese Verbildli- chungen nur eine begrenzte Anwendbarkeit – sie sollten in dieser Hinsicht nicht übertrieben werden. In Wahrheit ist es jedoch so, dass diese Welt weder aus dem Absoluten auf- taucht noch wieder darin verschwindet. Nur das Absolute existiert jetzt und für immer. Wenn man es sich als ein Nichts vorstellt, dann ist dies wegen der Empfindung, dass es kein Nichts ist; wenn man es sich als Nicht-Nichts vor- stellt, dann ist dies wegen des Empfindens, dass es ein Nichts ist. Das Absolute ist immateriell. Daher können es materielle Quellen wie das Sonnenlicht nicht beleuchten. Jedoch ist es selbst-strahlend und aus diesem Grunde weder leblos noch dunkel. Dieses Absolute kann von etwas anderem nicht erkannt oder erfahren werden – nur das Absolute vermag sich selbst zu erkennen. Der unendliche Bewusstseinsraum ist sogar reiner als der eigentliche un- endliche Raum, und die Welt ist so, wie das Unendliche ist. Jedoch – wer noch nie Pfeffer gekostet hat, kennt seinen Geschmack nicht. Ebenso kann niemand Bewusstsein im Unendlichen in Abwesenheit von Objektivität erfahren. Selbst dieses Bewusstsein erscheint daher als träge oder leblos – und so wird auch die Welt erfahren. So wie im berührbaren Ozean berührbare Wellen gesehen werden, so existiert im formlosen Brahman die Welt ohne Form. Aus dem Unendlichen entsteht das Unendliche und existiert in diesem als das Unendli- che. Daher wurde die Welt niemals wirklich erschaffen, weil sie dasselbe ist wie das, aus dem sie auftaucht. Wenn der Vorstellung des (persönlichen) Selbst der Brennstoff der Ideen aus dem Gemüt entzogen wird, dann ist das, was ist, das Unendliche. Was weder schläft noch leblos ist, ist das Unendliche. Es geschieht wegen dieses Unendlichen, dass Erkenntnis, Erkenner und Erkanntes als Eines existieren – in Abwesenheit des Verstandes. RùMA sagte: Hoher Herr, wohin geht während der kosmischen Auflösung diese Welt, die wir jetzt so leibhaftig sehen? VASIåèHA erwiderte: Von woher kommt der Sohn einer unfruchtbaren Frau, und wohin geht er? Der Sohn einer unfruchtbaren Frau existiert nicht – niemals. Ebenso existiert auch diese Welt nicht – niemals. Diese Analogie verblüfft dich nur deshalb, weil du die Existenz der Welt für bare Münze nimmst. Bedenke folgendes: Gibt es eine Wesenheit „Schmuckstück“ in einem golde- nen Schmuckstück? Ist es nicht tatsächlich einfach nur Gold? Gibt es so etwas wie ein Ding namens Himmel unabhängig von der Leerheit? Ebenso gibt es kein „Ding” namens „Welt“ unabhängig von Brahman, dem Absoluten. Gerade 63
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    so wie dieKälte untrennbar vom Eis ist, so ist das, was man Welt nennt, un- trennbar von Brahman. Wasser in der Fata Morgana tritt weder in die Existenz noch aus dieser her- aus. Ebenso ist es mit dieser Welt, die weder aus dem Absoluten kommt noch irgendwo anders hin verschwindet. Die Erschaffung der Welt hat keine Ursa- che und daher auch keinen Anfang. Sie existiert nicht einmal jetzt – wie könn- te sie dann zerstört werden? Wenn du zugibst, dass die Welt nicht aus Brahman heraus erschaffen wor- den ist, aber bestätigst, dass sie eine Erscheinung ist, die auf der Wirklichkeit Brahmans gründet, dann ist ihre Inexistenz in der Tat erwiesen, und nur Brahman allein existiert. Es ist wie in einem Traum: Im Zustand der Unwis- senheit erscheint die Intelligenz in uns als zahllose Traumobjekte, die wiede- rum nichts anderes als diese Intelligenz sind. Auf dieselbe Weise tritt in dem, was als Anfang der Schöpfung bekannt ist, eine derartige Erscheinung hervor. Jedoch ist sie nicht unabhängig von Brahman – sie existiert nicht getrennt von ihm, und daher existiert sie nicht. RùMA sagte: Heiliger Herr, wenn dies so ist, wie kommt es dann, dass diese Welt so wirk- lich erscheint? Solange der Wahrnehmende ist, existiert auch das Wahrge- nommene und umgekehrt, und nur wenn diese beiden enden, dann gibt es die Befreiung. Ein klarer Spiegel reflektiert die ganze Zeit über etwas. Auf dieselbe Weise wird diese Welt im Seher wieder und wieder auftauchen. Wenn jedoch die Nicht-Existenz der Welt erkannt wird, dann hört der Seher auf zu sein. Eine solche Erkenntnis ist allerdings nur schwer zu erlangen! VASIåèHA erwiderte: Rāma, ich werde deine Zweifel mit Hilfe einer Parabel zerstreuen. Danach wirst du die Nicht-Existenz der Welt verstehen und in dieser Welt ein er- leuchtetes Leben führen. VASIåèHA sagte: III:12 Oh Rāma, ich werde dir nun erzählen, wie diese Schöpfung in dem einen reinen, ungeteilten kosmischen Sein erschienen ist, so wie Träume im Be- wusstsein der schlafenden Person auftauchen. Dieses Universum ist in Wirklichkeit das ewiglich strahlende, unendliche Bewusstsein. Es erzeugt in sich selbst das Kennbare (welches zu dem wird, was man das Existierende nennt) zusammen mit einer Vorstellung von des- sen Form (die Raum ist) und der Selbsterforschung. Auf diese Weise tritt unendlicher Raum ins Sein. Wenn dann nach einer beträchtlichen Zeit das Bewusstsein der Schöpfung im unendlichen Sein stärker wird, taucht darin der zukünftige jīva auf (die lebendige kosmische Seele, die auch Hiraïyagarbha genannt wird). Das Unendliche gibt nun seinen höchsten Zustand auf und begrenzt sich selbst in der Gestalt des jīva. Jedoch – Brahman verbleibt selbst jetzt als das Unendliche – Es verwandelt sich in keiner Weise in all diese Formen. 64
  • 65.
    Im Raum manifestiertsich von selbst der Klang. Dann tritt als nächstes der Ich-Sinn ins Sein, der von entscheidender Wichtigkeit für die weitere Schöp- fung des Universums ist, und zur selben Zeit auch der Faktor, der als Zeit bekannt ist. All dies geschieht nur durch den Schöpfungsgedanken des kos- mischen Seins, nicht aber etwa durch wirkliche Transformationen des Unend- lichen. Durch den Schöpfungsgedanken wird dann die Luft erschaffen. Auch die Veden treten auf diese Weise ins Sein. Das Bewusstsein, welches von all die- sen Dingen umgeben ist, wird jīva genannt, welcher all die verschiedenen Elemente in dieser Welt entstehen lässt. Es gibt vierzehn Ebenen der Existenz, jede mit ihrer eigenen Art von Be- wohnern. Und alle diese Manifestationen entstehen aus dem Schöpfungsge- danken. So werden auch die Lichtquellen wie die Sonne usw. unverzüglich erschaffen, sobald dieses Bewusstsein denkt „Ich bin Licht“. Auf ähnliche Weise entstehen Wasser und Erde. Alle diese fundamentalen Elemente wirken aufeinander als Erfahrender und Erfahrung. Diese gesamte Welt trat ins Sein wie die Wellen auf der Ober- fläche des Ozeans. Und all dies ist so wirkungsvoll miteinander verflochten und vermischt, dass es nicht vor der nächsten kosmischen Auflösung vonei- nander getrennt werden kann. Alle diese materiellen Erscheinungsformen verändern sich unaufhörlich, während die zugrundeliegende Wirklichkeit unverändert bleibt. Weil sie alle vom Bewusstsein durchzogen sind, werden sie unverzüglich zu grober physischer Substanz, obgleich sie nichts anderes als Bewusstsein sind, das sich niemals auf irgendeine Weise verändert hat. VASIåèHA fuhr fort: Im Höchsten Sein existiert die Vibration, die Gleichgewicht und Ungleich- III:13 gewicht ist. Wegen dieser erscheinen da Raum, Licht und Trägheit, obgleich diese niemals wirklich erschaffen werden. Da all dies im Bewusstsein ge- schieht, besitzen sie die Eigenschaft des Kennbaren. Zur selben Zeit entsteht auch der Kenner. Es ist die innewohnende Macht des Bewusstseins, alle Dinge zu erleuchten; daher ist es der kosmische Kenner. Dieses Bewusstsein wird für sich selbst zum Kennbaren und Kenner. Sobald diese Beziehung auftaucht, erscheint im Bewusstsein auch der Gedanke „Ich bin der jīva, die lebendige Seele“. Durch weitere Identifikation mit dem Kennbaren entstehen im reinen Be- wusstsein der Gedanke des Ich und schließlich die Fähigkeit der Unterschei- dung oder der rationalisierende Verstand. Danach entstehen das Gemüt und die Wurzelelemente. Diese Wurzelelemente verbinden sich wieder und wie- der, um die Welten zu gestalten. Spontan und durch wohlgeordnete Abläufe erscheinen und verschwinden alle diese zahllosen Formen wieder und wie- der, so wie Städte im Traum kommen und gehen. Keine von ihnen benötigt irgendeine instrumentale oder materielle Ursache wie Erde, Wasser oder Feuer. Denn die essenzielle Natur von all diesem ist Bewusstsein, und es ist 65
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    dieses Bewusstsein, welchesscheinbar alle diese Dinge erschafft; wie jemand Städte in einem Traum erschafft. All das ist nichts als reines Bewusstsein. Die fünf Elemente sind die Samen, aus denen diese Welt als der Baum ent- steht, während das ewige Bewusstsein der Samen der Elemente ist. Wie der Same, so ist die Frucht (der Baum). Daher ist die Welt nichts anderes als Brahman, das Absolute. Auf diese Weise ist das Universum im kosmischen Raum durch kosmisches Bewusstsein mit den ihm innewohnenden unendlichen Kräften heraufbe- schworen worden – es ist nicht real und wurde niemals wirklich erschaffen. Obgleich alle diese Elemente sich miteinander vermischen und die scheinbare Materialität in der Welt geschaffen haben, ist all dies in Wahrheit nur eine bloße Erscheinung, wie die Formen, die man im Äther sieht. Sie verdanken ihre Realität ihrer Grundlage, dem kosmischen Bewusstsein, welches als einziges wirklich ist. Verfalle nicht in die Vorstellung, dass die Welt der fünf Elemente die Schöp- fung dieser Elemente sei. Betrachte die fünf Elemente selbst als Manifestation der dem absoluten Bewusstsein innewohnenden Kräfte. Man kann sagen, dass die Elemente wie Erde usw. wie Traumobjekte im Bewusstsein erschei- nen, oder dass sie bloße Erscheinungen sind, die aufgrund von Unwissenheit dem kosmischen Bewusstsein überlagert werden. So ist die Sichtweise oder die Wahrnehmung der Heiligen. VASIåèHA fuhr fort: Rāma, ich werde dir nun mitteilen, wie der jīva (lebendige Seele) in diesen Körper eingegangen ist. Der jīva hatte den Gedanken: „Von Natur und Gestalt her bin ich atomisch (getrennt)“. Und so wurde er in seiner Natur atomisch. Jedoch wurde er nur scheinbar so, und zwar aufgrund seiner falschen Vorstellung. So wie jemand träumt, er sei tot und habe einen neuen Körper bekommen, so beginnt dieser jīva, der in Wahrheit über einen extrem subtilen Körper reinen Bewusstseins verfügt, sich nun selbst mit dem Groben zu identifizieren und daraufhin selbst von grober Natur zu werden. So wie ein Berg in einem Spiegel erscheint und so wahrgenommen wird, als befände er sich im Spiegel, so reflektiert der jīva die externen Objekte und Tätigkeiten. Schon bald beginnt er dann zu denken, dass sie alle innerhalb von ihm selbst seien und er der Täter der Tätigkeiten und der Erfahrende der Erfahrungen sei. Wenn der jīva zu sehen wünscht, werden im groben Körper die Augen ge- bildet. Ebenso geschieht es mit der Haut (dem Berührungssinn), den Ohren, der Zunge, der Nase und den Organen, die alle als Ergebnis eines entspre- chenden im jīva auftauchenden Wunsches entstehen. Auf diese Weise im Körper wohnend, stellt sich nun der jīva, der den extrem subtilen Körper des Bewusstseins besitzt, unterschiedliche physische und psychologische Erfah- 66
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    rungen vor. Aufdiese Weise, durch Verbleiben im Unwirklichen, das aber als real erscheint, gerät Brahman, das nun als jīva erscheint, in Verwirrung. Dasselbe Brahman, welches sich nun selbst als den endlichen jīva betrach- tet und mit einem physischen Körper ausgestattet zu sein scheint, versteht die externe Welt nun aufgrund des Schleiers der Unwissenheit als aus Materie bestehend. Jemand hält sich für Brahmā, und jemand anderes denkt, er sei irgendetwas anderes. Auf diese Weise stellt sich auch der jīva als dies oder das vor und bindet sich so selbst an die Illusion der Welterscheinung. Jedoch ist all dies nichts als reine Einbildung oder Denken. Sogar in diesem Augenblick existiert nichts Geschaffenes – es existiert nur der reine, unendli- che Raum. Brahmā der Schöpfer konnte die Welt nicht so erschaffen, wie sie vor der kosmischen Auflösung war, weil Brahmā die letztliche Befreiung erlangt hat. Nur kosmisches Bewusstsein allein existiert jetzt und für immer – in ihm sind keine Welten, keine erschaffenen Wesen. Dieses in sich selbst reflektierte Bewusstsein erscheint als die Schöpfung. So wie der unwirkliche Albtraum scheinbar reale Ergebnisse erzeugt, so lässt auch diese Welt im Zustand der Unwissenheit das Gefühl der Echtheit entstehen. Sobald die wahre Weisheit entsteht, verflüchtigt sich diese Unwirklichkeit. VASIåèHA fuhr fort: Wie ich dir bereits erklärt habe, oh Rāma, wurde diese aus dem Ich-Sinn III:14 und den unzähligen Objekten der Erfahrung bestehende Welt niemals er- schaffen und existiert daher nicht als solche; was existiert, ist allein Brahman, die Absolute Existenz. So wie Wellen auf der stillen Oberfläche des Ozeans erscheinen, sobald dieser aufgewühlt wird, ebenso manifestiert sich die jīva- Natur in demselben Moment, da das Absolute sozusagen ‚denkt’, dass es ein jīva sei. So wie eine schlafende Person in sich selbst anscheinend zahllose Kreaturen erschafft, ohne dabei jemals ihre einzigartige und alleinige Wirk- lichkeit aufzugeben, so lässt das Absolute durch den bloßen Gedanken oder Willen all diese zahllosen Kreaturen ins Dasein treten, ohne dadurch den geringsten Wandel oder eine Verkleinerung seiner selbst zu erfahren. Die kosmische Gestalt (VirāÂ) dieses kosmischen Bewusstseins ist selbst- verständlich von der Natur reinen Bewusstseins und wird nicht durch die grobe Materialität verunreinigt. Die kosmische Gestalt bestehend aus reinem Bewusstsein kann verglichen werden mit einem ewig dauernden Traum in einer schlafenden Person, in dem Paläste und andere Wesen existieren. Sogar der Schöpfer Brahmā ist innerhalb dieses kosmischen Bewusstseins nichts als ein bloßer Gedanke, denn das Bewusstsein, welches seine eigenen Gedankenformen innerhalb seiner selbst reflektiert, ist stets dieser scheinba- re Seher und das Gesehene, was reine Einbildung ist. Alles dieses existiert nur als Name; auch die Vielfalt besteht nur im Namen. So wie das kosmische Sein im kosmischen Bewusstsein als eine kosmische Gedankenform auftaucht, so tauchen aus den Gedanken dieser kosmischen Gedankenform weitere auf – so wie eine Lampe an einer anderen entzündet wird. Jedoch sind sie alle nicht 67
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    verschieden von diesemeinen kosmischen Sein, aus dessen Gedanken- schwingung sie allesamt entstanden sind. Brahman allein ist das kosmische Sein (VirāÂ), und das kosmische Sein ist diese gesamte Schöpfung, zusammen mit dem jīva und all den Elementen, aus denen diese Schöpfung besteht. RùMA fragte: Hoher Herr, gibt es nur einen kosmischen jīva oder mehrere jīvas? Oder gibt es vielleicht eine riesige Ansammlung von jīvas? VASIåèHA antwortete: Rāma, da sind weder ein einziger jīva noch viele oder gar ein Konglomerat von jīvas. „Jīva“ ist nichts als ein Name! Was existiert, ist einzig und allein immer nur Brahman. Da er allmächtig ist, materialisieren sich seine Gedan- kenformen. Das Eine erscheint nur aufgrund der Unwissenheit als Vieles. Wir werden durch diese Unwissenheit nicht getäuscht, da sie durch Erforschung verschwindet, wie die Finsternis schwindet, sobald das Licht gebracht wird, um sie anzuschauen. Brahman ist die kosmische (Mahājīva) Seele und die Millionen von jīvas. Nichts anderes ist da. VASIåèHA fuhr fort: Durch das Wahrnehmen von etwas Kennbarem wird das Bewusstsein zum jīva (der lebendigen Seele) und verwickelt sich scheinbar in den Lebenszyk- lus (saæsāra). Sobald diese falsche Vorstellung von etwas Kennbarem ge- trennt vom Kenner (Bewusstsein) aufhört, erlangt es sein Gleichgewicht wieder. Auf eine wohlgeordnete, aber manchmal auch auf ungeordnete Art und Weise wird der eine Mahājīva zum individuellen jīva, der von der vorherigen Generation das Empfinden der Dualität und Individualität ererbt. Die mysteriöse Kraft des Bewusstseins, welches auf eine unerklärliche und rätselhafte Weise diese unendliche Vielfalt von Namen und Formen (Körper) hervorbringt, wird als Ich-Sinn bezeichnet. Dasselbe Bewusstsein wird, so- bald es zu schmecken oder sich selbst zu erfahren wünscht, zum kennbaren Universum. Nur unreife Menschen sehen darin eine wirklich stattfindende Transformation oder betrachten es als eine irreführende Erscheinung, denn hier gibt es nichts anderes als Bewusstsein. Der Ozean ist Wasser, die Wellen sind Wasser, und wenn diese Wellen auf der Oberfläche des Ozeans spielen, dann entstehen Kräuselwellen (ebenfalls Wasser). Ebenso ist es mit dem Universum. So wie der Ozean die „Individuali- tät“ der einzelnen Wellen wahrnehmen könnte, so sieht auch das Bewusstsein die Individuen als unabhängig – auf diese Weise wird der Ich-Sinn geboren (die „Ich-heit“). All dies ist nur das wunderbare Spiel der mysteriösen Kräfte des Bewusstseins – dies allein wird Universum genannt. Sobald der Ich-Sinn in die Existenz tritt, stellt sich dieser (der nicht ver- schieden vom Bewusstsein ist) die Ideen der mannigfaltigen Elemente vor, 68
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    die dieses Universumausmachen, und diese tauchen dann auch auf. In der Einheit entsteht so die Vielfalt. Oh Rāma, gib alle diese falschen Vorstellungen von „ich” und „du” auf, indem du sogar die Idee eines jīva und seiner Ursache aufgibst. Wenn alle diese Dinge verschwunden sind, wirst du die Wahrheit erkennen, die sich in der Mitte zwischen dem Wirklichen und dem Unwirkli- chen befindet. Wenn alle diese „Wolken“ zerstreut sind, leuchtet das Eine Unteilbare Ganze, das niemals aufgehört hat zu leuchten. Wir können nicht wissen, was wirklich oder was falsch ist! Dieses Bewusstsein ist nicht erfassbar – sobald es wünscht, erkannt zu werden, wird es als das Universum erkannt. Gemüt, Intellekt, Ich-Sinn, die fünf Grundelemente und die Welt – all diese unzähligen Namen und Formen sind nichts als Bewusstsein. Ein Mensch, sein Leben und seine Taten sind ununterscheidbar – sie sind die statischen und bewegten Manifestationen desselben Faktors. Der Jīva, das Gemüt und alles andere sind nichts als Schwingungen im Bewusstsein. VASIåèHA fuhr fort: Dieses Bewusstsein ist in der Tat, was hier und jetzt existiert, und es weiß: „Ich kann weder verletzt noch verbrannt, weder genässt noch getrocknet werden – Ich bin ewiglich, allgegenwärtig, wandellos und unbeweglich.“ Dies ist die Wahrheit. Die Menschen lieben es zu argumentieren und andere zu verwirren; sie sind in der Tat alle verwirrt. Wir jedoch, oh Rāma, sind jenseits jeder Verwirrung. Wandel im Wandellosen wird nur von den unwissenden und irregeführten Leuten wahrgenommen. In der Sicht der Weisen jedoch, die Selbsterkenntnis erlangt haben, findet im Bewusstseins niemals auch nur der kleinste Wandel statt. Oh Rāma, es ist nur das Bewusstsein selbst, welches sich als Raum ausge- breitet hat, ohne in sich den kleinsten Wandel zu erfahren. Danach erscheint das Bewusstsein als der Wind, der die Eigenschaft der Bewegung besitzt. Und auf dieselbe Weise erscheint das Bewusstsein als Feuer, Wasser und Erde mit ihren Mineralien, und ebenso als die Körper der lebenden Wesen. Sobald die Idee eines im Außen liegenden Kennbaren beseitigt ist, taucht die Selbsterkenntnis auf, aber wenn in ihm die Idee der Trägheit (Materiel- len) oder Unwissenheit auftaucht, so ist der Zustand des Tiefschlafs über es gekommen. Weil daher alle Zeit Bewusstsein allein existiert, kann man sagen, dass Raum existiert und nicht existiert, dass die Welt existiert und doch nicht existiert. So wie die Hitze zum Feuer gehört, die Weiße zum Innern der Muschel, die Festigkeit zum Berg, das Fließen zum Wasser, die Süße zum Zuckerrohr, die Butter zur Milch, die Kühle zum Eis, die Strahlkraft zum Glanz, das Öl zum Senfsamen, das Strömen zum Fluss, die Süße zum Honig, das Schmuckstück zum Gold und der Duft zur Blume, so gehört das Universum zum Bewusst- sein. Die Welt existiert, weil es Bewusstsein gibt; und die Welt ist der Körper des Bewusstseins. Da gibt es keinerlei Teilung, Unterschied oder Unterschei- dung. Daher kann das Universum als gleichzeitig real und irreal angesehen 69
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    werden: Real, weiles die Realität des Bewusstseins hat, welches seine eigene Realität ist, und irreal, weil das Universum als Universum nicht unabhängig vom Bewusstsein existiert. Dieses Bewusstsein ist unteilbar und hat keinerlei Teile oder Glieder. In ihm existieren weder der Ozean, die Erde noch die Flüs- se usw. als solche, sondern nur als Bewusstsein, denn im Bewusstsein gibt es keinerlei Teile oder Glieder. Wegen der Irrealität des Universums usw. darf man aber nicht behaupten, dass seine Ursache, d. h. das Bewusstsein, selbst irreal sei. Eine derartige Aussage wäre nur Worte ohne Sinn, weil sie im Gegensatz zu unserer Erfah- rung steht, und die Existenz des Bewusstseins kann nicht geleugnet werden. (An diesem Punkt der Unterweisung brach der Abend herein und die Ver- sammlung löste sich auf.) *** Die Geschichte von Līlā VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, so wie wir im Wachzustand erkennen, dass die Traumobjekte III:15 nicht materiell sind, obschon sie im Traum als solide erscheinen, so erscheint diese Welt als solide und materiell, während sie in Wirklichkeit reines Be- wusstsein ist. In einer Luftspiegelung gibt es weder „zeitlich begrenztes“ noch „subtiles“ Wasser. Auf dieselbe Weise existiert in keiner Weise eine reale Welt, sondern stets nur reines Bewusstsein. Nur falsches Wissen klammert sich an den Gedanken einer Welt. In Wirklichkeit gibt es keinen Unterschied zwi- schen den Wörtern „Welt“, „Brahman oder das Unendliche“ und „Selbst“. Die Welt ist so wahr in Beziehung zu Brahman wie die Traumstadt wahr ist in Beziehung zum Wachbewusstsein. Folglich sind „Welt“ und „kosmisches Bewusstsein“ Synonyme. Um dies alles kristallklar zu machen, oh Rāma, werde ich dir nun die Ge- schichte von Mandapa erzählen; bitte höre aufmerksam zu. Es gab einmal, oh Rāma, auf der Erde einen König namens Padma. In jeder Hinsicht war er vollkommen. Durch sein Auftreten und sein Betragen erhöhte er den Ruhm seiner Dynastie. Er hielt die religiöse Überlieferung in Ehren, so wie der Ozean das Dasein des Ufers respektiert. Er unterwarf seine Feinde, so wie die Sonne die Finsternis vernichtet. Und wie Feuer Stroh zu Asche ver- brennt, so zerstörte er das Böse in der Gesellschaft. Heilige suchten bei ihm Zuflucht, so wie die Götter Zuflucht in den Himmeln suchen. Er war die Heim- statt der Tugend. Er ließ seine Feinde erzittern auf dem Schlachtfeld, so wie ein Windstoß eine Kletterpflanze zerzaust. Er war außerordentlich gelehrt 70
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    und ein Meisterder Künste. Es gab nichts, was er nicht erreichen konnte, wie es auch für Gott Nārāyana keine Unmöglichkeit gibt. Dieser König hatte eine Gemahlin namens Līlā. Sie war eine vollkommene Frau und sehr schön. Tatsächlich erschien sie wie die auf der Erde geborene Göttin Lak«mī (die Gemahlin Nārāyanas). Ihre Rede war sanft, ihr Schritt bedachtsam und anmutig und ihr Lächeln wie die Strahlen des Mondlichts. Sie war makellos. Sie war so süß wie Honig. Ihre Arme waren weich und zart. Ihr Körper war rein und klar wie die Wasser des heiligen Flusses GaÇgā. So wie eine Berührung des heiligen GaÇgā Seligkeit hervorbringt, so erfuhr, wer sie berührte, die Seligkeit. Sie war ihrem Gemahl Padma vollkommen ergeben und wusste, wie sie ihm dienen und ihn erfreuen konnte. Sie war eins mit dem König und teilte Freuden und Leiden mit ihm. Tatsäch- lich war sie wie das Alter Ego von Padma, mit einer Ausnahme: Wenn der König verärgert war, dann zeigte sie nur Furcht. VASIåèHA fuhr fort: III:16 König Padma und die Königin Līlā lebten ein ideales Leben. Sie erfreuten sich ihres Lebens in jeder möglichen und rechtschaffenen Hinsicht. Sie waren jung und jugendlich wie Götter, und ihre Liebe füreinander war rein und stark, ohne eine Falschheit oder Künstlichkeit. Eines Tages dachte die Königin Līlā: „Dieser edelste König, der mein Gemahl ist, ist mir teurer als mein eigenes Leben. Was kann ich tun, damit er und ich für immer leben mögen, um die Freuden des Lebens zu genießen? Ich werde unverzüglich mit Askeseübungen beginnen, die von den Heiligen empfohlen werden, um diesen Wunsch zu erfüllen.“ So holte sie den Rat der Heiligen ein. Die Heiligen sagten zu ihr: „Oh Königin, Askese oder Buße, die Wiederho- lung von Mantras und ein Leben der Selbstbeschränkung wird dir sicher alles gewähren, was jemand in dieser Welt erlangen kann, jedoch ist die Unsterb- lichkeit des Körpers in dieser Welt nicht möglich.“ Die Königin dachte über diesen Rat nach und entschied: „Falls ich noch vor meinem Gemahl sterben sollte, dann sollte ich die Selbsterkenntnis erlangen und frei vom Leiden werden. Falls er mich jedoch vorher verlassen sollte, dann werde ich mich jetzt bemühen, die Gunst von den Göttern zu erlangen, dass sein jīva niemals diesen Palast verlässt. Und so werde ich glücklich in dem Wissen leben, dass er auf immer mit mir ist.“ Nachdem sie zu diesem Entschluss gekommen war, begann Līlā damit, die Gnade der Göttin Sarasvatī zu erlangen, ohne ihr Vorhaben mit ihrem Gemahl zu besprechen. Einmal in drei Nächten pflegte sie zu essen, nachdem sie hingebungsvoll Gott, die Heiligen, den Lehrer, die Gelehrten und die Weisen verehrt hatte. Sie war gänzlich davon überzeugt, dass diese Bußübungen erfolgreich sein würden, und die Überzeugung verstärkte ihre Hingabe an ihre Übungen. Obgleich sie ihre Absicht dem König nicht enthüllt hatte, ließ sie es an ihrem Dienst gegenüber ihrem Ehemann nicht im Kleinsten fehlen. Nach einhundert dieser drei-nächtigen Verehrungsübungen erschien die 71
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    Göttin Sarasvatī vorihr und gewährte ihr die Wünsche ihrer Wahl. Līlā bat: „Oh Göttliche Mutter, gewähre mit zwei Wünsche: 1. wenn mein Gemahl sei- nen Körper verlässt, dann möge sein jīva im Palast bleiben, und 2. mögest du immer dann erscheinen, wenn ich dich darum bitte.“ Sarasvatī gewährte beide Wünsche und verschwand. Die Zeit verging unerbittlich. König Padma wurde auf dem Schlachtfeld töd- lich verwundet und starb im Palast. Die Königin Līlā war untröstlich in ihrem Kummer. Während sie in tiefe Trauer versunken war, sprach eine himmlische III:17 Stimme zu ihr. DIE HIMMLISCHE STIMME VON SARASVATĪ sagte: Mein Kind, bedecke den toten Körper des Königs mit Blumen, denn so wird er nicht zerfallen. Er wird dann den Palast nicht verlassen. (Līlā tat so. Doch fühlte sie sich nicht befriedigt. Es ging ihr wie dem reichen Mann, der betrogen wurde und nun ein Leben voller Armut führt. Sie rief die Göttin Sarasvatī an, die erschien und sagte:) Mein Kind, weshalb trauerst du? Kummer ist eine Illusion, wie Wasser in der Luftspiegelung. (Līlā fragte sie: Bitte, sage mir, wo mein Gemahl ist.) Oh Līlā, es gibt drei Arten von Raum – den Raum des Gemüts, den physi- schen Raum und den unendlichen Raum des Bewusstseins. Von diesen ist der unendliche Raum des Bewusstseins der subtilste. Mit Hilfe intensiver Medita- tion über diesen unendlichen Raum des Bewusstseins kannst du die Gegen- wart von jemandem (wie deinem Gemahl), dessen Körper dieser unendliche Raum ist, sehen und erfahren, auch wenn du ihn hier nicht sehen kannst. Das ist der unendliche Raum, der in der Mitte existiert, wenn die begrenzte Intel- ligenz von einem Ort zum anderen reist, denn er ist unendlich. Sobald du alle Gedanken aufgegeben hast, wirst du hier und jetzt die Verwirklichung der Einheit von allem erlangen. Normalerweise vermag dies nur derjenige zu erfahren, der zuvor die absolute Inexistenz des Universums erkannt hat. Dir jedoch gebe ich diese Erfahrung aus meiner Gnade heraus. VASIåèHA fuhr fort: Līlā begann zu meditieren. Unverzüglich trat sie in den höchsten Zustand des Bewusstseins ein, der frei von allen Störungen war (nirvikalpa). Sie be- fand sich nun im unendlichen Raum des Bewusstseins. Dort sah sie aufs Neue den König auf einem Thron, umgeben von vielen Königen, die ihm huldigten, von vielen Weisen und heiligen Männern, die die Veden sangen, und von vielen Frauen und bewaffneten Kriegern. Sie sah alle, jedoch sie sahen sie nicht, da die eigenen Gedankenformen nur für einen selbst, jedoch nicht für andere sichtbar sind. Sie sah, dass der König einen jugendlichen Körper be- saß. Außerdem bemerkte sie an seinem Hof viele Mitglieder des Hofes von König Padma. Sie fragte sich: Wie kann dies sein? Alle diese sind also auch tot! 72
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    Durch die Gnadeder Göttin Sarasvatī gelangte Līlā wieder in ihren Palast und fand ihre Dienerinnen schlafend. Sie weckte sie und bat sie, unverzüglich die Mitglieder des königlichen Hofes zu versammeln. Boten wurden rasch ausgesandt, um alle herbei zu holen. Schon bald war der königliche Hof von König Padma bevölkert mit Ministern, Weisen, Bediensteten, Verwandten und Freunden. Wie sie alle sah, freute Līlā sich. III:18 VASIåèHA fuhr fort: Als sie nun alle Mitglieder des königlichen Hofes sah, war Līlā verwirrt. Sie dachte: „Wie seltsam! Denn alle diese Leute scheinen an zwei Orten gleichzei- tig zu existieren – an dem Ort, den ich in meiner Meditation gesehen habe, und hier direkt vor mir. So wie ein Berg in einem Spiegel und außerhalb gese- hen wird, so scheint diese Schöpfung sowohl innerhalb wie außerhalb des Bewusstseins zu existieren. Aber welche von diesen ist nun wirklich und welche bloße Reflektion? Ich muss dies Sarasvatī fragen“. Sie huldigte erneut Sarasvatī und sah sie schon bald vor ihr erscheinen. LĪLù fragte: Sei gnädig, oh Gottheit, und sage mir dieses: Das, worin diese Welt reflek- tiert wird, ist von höchster Reinheit und ungeteilt, und es ist nicht das Objekt des Wissens. Diese Welt existiert sowohl innerhalb als ihre Reflektion als auch außerhalb als feste Materie. Was davon ist nun wirklich und was die Reflektion? SARASVATĪ fragte: Sage mir zuvor: Was nennst du wirklich und was unwirklich? LĪLù erwiderte: Dass ich hier bin und du vor mir bist, dies erachte ich als wirklich. Jene Re- gion, wo ich mein Gemahl jetzt ist, erachte ich als unwirklich. SARASVATĪ sagte: Wie kann Unwirkliches die Wirkung des Wirklichen sein? Die Wirkung ist die Ursache – einen essenziellen Unterschied gibt es nicht. Wie im Fall eines Gefäßes, der das Wasser zu halten vermag, was seine Ursache (der Ton) aber nicht kann, so ist dieser Unterschied den zusammenwirkenden Ursachen zuzuschreiben. Was war die materielle Ursache der Geburt deines Gemahls? Denn nur materielle Wirkungen können von materiellen Ursachen erzeugt werden. Wenn du daher keine direkte Ursache für eine Wirkung finden kannst, dann existierte die Ursache gewiss in der Erinnerung aus der Vergangenheit. Erin- nerung ist wie Raum – leer. Alle Schöpfung hier ist die Wirkung dieser Leer- heit, und folglich ist auch die Schöpfung selbst leer. So wie die Geburt deines Gemahls das illusionäre Produkt der Erinnerung ist, so sehe ich all dieses als das illusorische und unwirkliche Produkt der Einbildungskraft. Ich werde dir nun eine Geschichte erzählen, die die traumartige Natur die- ser Schöpfung verdeutlicht. Im reinen Bewusstsein, in einer Ecke im Gemüt 73
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    des Schöpfers, gabes einmal einen verfallenen Schrein mit einer blauen Kup- pel. In ihm waren vierzehn Zimmer, die die vierzehn Welten darstellten. Die drei Teile des (unendlichen) Raumes waren durch Löcher darin repräsentiert. Die Sonne war das Licht. Es gab darin kleine Ameisenhaufen (die Städte), kleine Erdhaufen (Berge) und kleine Wasserbecken (die Ozeane). Dies war die Schöpfung, das Universum. In einer sehr kleinen Ecke darin lebte ein heiliger Mann mit seiner Frau und seinen Kindern. Er war gesund und kräftig und frei von Furcht. Er ging auf rechtschaffene Weise seinen religiösen und sozialen Pflichten nach. III:19,20 SARASVATĪ fuhr fort: Dieser heilige Mann war bekannt als Vāsi«Âha, und seine Frau war Arundhatī (jedoch handelt es sich hier um andere Personen als der Vāsi«Âha und die Arundhatī von legendärer Berühmtheit). Eines Tages, als der heilige Mann auf dem Gipfel eines Berges saß, bemerkte er am Fuße des Berges eine farbenfrohe Prozession, der ein König auf einem prächtigen Elefanten voraus- ritt, begleitet von seiner Armee und anderem königlichen Gefolge. Während er dies betrachtete, entstand im Herzen des heiligen Mannes ein Wunsch: „Das Leben eines Königs ist wahrhaftig reich und voll an Freuden und Glanz. Wann werde ich einen solchen königlichen Elefanten reiten und von einer Armee begleitet werden? “ Der heilige Mann wurde alt und der Tod ergriff ihn. Seine Frau, die ihn zeit- lebens verehrt hatte, betete zu mir und bat um dieselbe Gunst, die auch du dir erbeten hast: Dass der Geist ihres Ehemanns niemals ihr Haus verlassen möge. Ich gewährte ihr diese Gunst. Obwohl der heilige Mann ein himmlisches Wesen war, wurde er nun auf- grund seines festen Wunsches ein mächtiger König und regierte ein großes Reich, das wie der Himmel auf Erden war. Von seinen Widersachern wurde er gefürchtet, gegenüber den Frauen war er wie der Gott der Liebe, er war fest und unnachgiebig wie ein Berg gegenüber Verführungen, er war in seinem Innern wie ein reiner Spiegel der Schriften, er war der Wunscherfüller aller in Not Geratenen und der Ruheort für alle Heiligen; mit einem Wort – er war wahrhaftig der Vollmond der Rechtschaffenheit. (Arundhatī hatte inzwischen ebenfalls ihren Körper aufgegeben und war wieder mit ihrem Ehemann ver- eint.) Dies geschah vor acht Tagen. Līlā, es ist eben derselbe heilige Mann, der jetzt dein Gemahl ist, der König. Und du bist die nämliche Arundhatī, die seine Frau war. Aufgrund von Unwis- senheit und Täuschung scheint all dies im unendlichen Bewusstsein zu ge- schehen – du kannst es als wahr oder falsch betrachten. LĪLù fragte: Oh Gottheit, all dieses kommt mir seltsam und unglaublich vor. Es ist, als würde man sagen, dass ein riesiger Elefant im Innern eines Senfsamens ge- fesselt ist, oder dass in einem Atom ein Moskito mit einem Löwen kämpft, oder dass da ein Berg in einer Lotos-Schote sei. 74
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    SARASVATĪ sagte: MeinKind, ich äußere keine Falschheit, sondern sage die Wahrheit. Es klingt unglaubwürdig, aber dieses Königreich erscheint nur aufgrund seines Wunsches nach einem Königreich in der Hütte des heiligen Mannes. Die Erinnerung an die Vergangenheit ist verborgen – und ihr beide seid aufs Neue auferstanden. Tod ist nur das Erwachen aus einem Traum. Eine Geburt, die aus einem Wunsch entsteht, ist nicht wirklicher als der Wunsch selbst – wie Wasser in einer Luftspiegelung! SARASVATĪ fuhr fort: Līlā, dein Haus, du selbst, ich und all dies hier ist reines Bewusstsein und III:20, 21 nichts anderes. Dein Haus war auch in dem Haus des heiligen Mannes Vāsi«Âha enthalten. Im Raum seines jīva existierten die Flüsse, die Berge und alles andere. Sogar nach der „Erschaffung“ von all diesem im Haus des heili- gen Mannes blieb dieses wie zuvor. In der Tat befinden sich in jedem Atom Welten innerhalb von Welten. LĪLù fragte: Oh Gottheit, du sagtest, dass der heilige Mann vor gerade acht Tagen ge- storben sei, und doch haben mein Gemahl und ich eine lange Zeit gelebt. Wie kannst du diese Diskrepanz erklären? SARASVATĪ sagte: Oh Līlā, so wie Raum keinerlei festes Maß hat, so hat auch die Zeit kein fes- tes Maß. So wie die Welt und ihre Entstehung bloße Erscheinungen sind, so sind ein Moment und eine Epoche rein imaginär – nicht real. Im Moment eines Augenzwinkerns erlebt der jīva die Illusion des Todes, vergisst, was davor geschehen ist, und denkt innerhalb des unendlichen Bewusstseins „Ich bin dies“ und „Ich bin dessen Sohn, bin so und so alt“ usw. Es gibt keinen substanziellen Unterschied zwischen den Erfahrungen dieser Welt und denen in einer anderen – alle sind nur Gedankenformen im unendlichen Bewusst- sein. Sie sind wie zwei Wellen im selben Ozean. Da diese Welten niemals erschaffen worden sind, werden sie auch niemals aufhören zu sein – so lautet das Gesetz. Ihre wahre Natur ist Bewusstsein. So wie es in einem Traum in kurzer Zeit Geburt, Tod und Beziehungen gibt, und wie dem Liebhaber eine einzige Nacht ohne seine Geliebte wie eine Epo- che vorkommt, so denkt der jīva an erfahrene und nicht-erfahrene Objekte in der Zeit eines Augenzwinkerns. Und unverzüglich danach stellt er sich diese Dinge (die Welt) als wirklich vor. Sogar diejenigen Dinge, die er weder erfah- ren noch gesehen hat, zeigen sich vor seinen Augen wie in einem Traum. Diese Welt und ihre Entstehung besteht aus nichts als Erinnerung und Traum. Entfernungen und Zeitmaße wie ein Moment oder ein Zeitalter sind nichts als Halluzinationen. Dies ist die eine Art des Wissens, nämlich diejeni- ge der Erinnerung. Es gibt noch eine andere, die sich nicht auf die Erinnerung an vergangene Erfahrungen gründet. Sie besteht in der zufälligen Begegnung eines Atoms und des Bewusstseins, die dann auf ihre eigene Art Wirkungen hervorruft. 75
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    Die Befreiung bestehtim Realisieren der totalen Nicht-Existenz des Univer- sums als solches. Dies ist zu unterscheiden von einer bloßen Leugnung des Egos und des Universums! Das letztere ist nur Halbwissen. Die Befreiung besteht darin zu realisieren, dass all dies reines Bewusstsein ist. LĪLù fragte: Oh Gottheit, wie war ohne vorhergegangene Halluzination die Erschaffung des heiligen Mannes und seiner Frau möglich? SARASVATĪ sagte: Dies geschah aufgrund der Gedankenform von Brahmā, dem Schöpfer. Er selbst trägt keinerlei verborgene Gedankenformen (Erinnerungen) in sich, da vor der Weltentstehung die Auflösung stattfand, und zu diesem Zeitpunkt erlangte der Schöpfer die Befreiung. Zu Beginn dieser Epoche hat dann ir- gendjemand den Platz des Schöpfers eingenommen und gedacht „Ich bin der neue Schöpfer“, wobei dies auf reinem Zufall beruht, ebenso wie wenn eine Krähe sich auf einer Palme niederlässt und im selben Augenblick eine Kokos- nuss herunterfällt – obgleich diese beiden Ereignisse gänzlich unabhängig voneinander geschehen. Vergiss aber nie, dass obwohl all dies anscheinend stattfindet, es keinerlei Schöpfung gibt! Das Eine unendliche Bewusstsein allein ist Gedankenform oder Erfahrung – eine Beziehung zwischen Ursache und Wirkung gibt es nicht. Begriffe wie „Ursache“ und „Wirkung“ sind daher nur Worte, keine Tatsachen. Das unendliche Bewusstsein ist für immer im unendlichen Bewusstsein. LĪLù sagte: Oh Göttin, deine Worte sind wahrhaftig erleuchtend. Aber weil ich Worte wie diese noch nie gehört habe, ist meine Weisheit noch nicht gut gegründet. Ich möchte daher gern das frühere Haus des heiligen Vāsi«Âha sehen. SARASVATĪ sagte: Oh Līlā, gib nun diese deine Gestalt auf und erlange die reine spirituelle Einsicht. Denn nur Brahman selbst kann wirklich Brahman sehen oder er- kennen. Mein Körper besteht aus reinem Licht, aus reinem Bewusstsein. Dein Körper jedoch nicht. Du vermagst mit diesem Körper nicht einmal die Orte deiner eigenen Einbildungskraft zu erreichen. Wie kannst du dann mit ihm die Gebiete der Einbildungskraft eines anderen betreten? Wenn du jedoch den Körper aus Licht erwirbst, dann wirst du auf der Stelle das Haus des heiligen Mannes sehen können. Sage zu dir selbst: „Ich werde nun meinen Körper hier und jetzt verlassen und einen Körper aus Licht annehmen. Mit dem Körper werde ich dann wie der Duft des Weihrauchs das Haus des heili- gen Mannes betreten.“ So wie sich Wasser mit Wasser vermischt, so wirst du eins mit dem Feld des Bewusstseins werden. Durch beständige Praxis dieser Meditation wird sogar dein Körper mehr und mehr zu reinem Bewusstsein und von großer Subtilität werden. Ich sehe sogar meinen Körper als Bewusstsein. Du aber nicht, weil du diese Welt der Materie wahrnimmst, so wie ein unwissender Mensch einen Edelstein für 76
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    einen Kiesel hält.Diese Unwissenheit entsteht aus sich selbst heraus, wird jedoch durch Weisheit und Erforschung vertrieben. Tatsache ist, dass sogar diese Unwissenheit als solche überhaupt nicht existiert! Weder Weisheitslo- sigkeit noch Unwissenheit, weder Bindung noch Befreiung existieren wirk- lich. Es gibt stets nur das eine reine Bewusstsein. SARASVATĪ sagte: Teure Līlā, im Traum erscheint der Traumkörper als wirklich. Jedoch sobald III:22,23 der Traum verlassen und das Erwachen zur Wirklichkeit geschieht, ver- schwindet die scheinbare Realität des Körpers. Ebenso wie sich der physische Körper, der durch die Erinnerung und die latenten Neigungen aufrechterhal- ten wird, als unwirklich erweist, wenn diese als unwirklich erkannt werden. Am Ende des Traums wirst du dir deines physischen Körpers bewusst, und am Ende dieser Neigungen wirst du dir deines geistigen Körpers bewusst. Wenn der Traum endet, folgt der Tiefschlaf. Wenn die Samen des Denkens absterben, bist du befreit. In der Befreiung existieren die Samen des Denkens nicht mehr. Wenn von dem Weisen gesagt wird, dass er lebe und denke wie andere, dann erscheint dies nur so – so wie ein verbranntes Kleid, das auf dem Boden liegt. Jedoch ist dies nicht dasselbe wie Tiefschlaf oder Un- bewusstheit, in denen die Samen des Denkens verborgen schlummern. Durch beständige Praxis (abhyāsa) wird der Ich-Sinn zum Schweigen ge- bracht. Dann wirst du auf natürliche Weise in deinem Bewusstsein ruhen, während das wahrgenommene Universum sich dem Punkt nähert, an dem es gänzlich verschwindet. Was ist es, was man Praxis nennt? Nur noch an das denken, davon sprechen, mit anderen sich darüber unter- halten und äußerste Hingabe an dieses Eine allein – dies wird von den Weisen abhyāsa oder Praxis genannt. Wenn der eigene Verstand mit Schönheit und Seligkeit angefüllt ist, wenn die eigene Sichtweise weit und die Leidenschaft nach sinnlichem Vergnügen in einem abwesend ist – dies nennt man Praxis. Wer fest in der Überzeugung verwurzelt ist, dass dieses Universum niemals wirklich erschaffen wurde und daher als solches nicht existiert, und wenn Gedanken wie „dies ist die Welt, dies bin ich“ überhaupt nicht mehr auftau- chen – das ist abhyāsa oder Praxis. Dann geschieht es, dass Anziehung und Abstoßung nicht mehr auftreten. Die Überwindung der Anziehung und Ab- stoßung durch Willenskraft ist dagegen Askese, nicht aber Weisheit. (An diesem Punkt der Unterweisung brach der Abend herein und der Hof zerstreute sich.) Am nächsten Morgen versammelte sich der Hof aufs Neue und Vāsi«Âha fuhr mit seinen Ausführungen fort. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, Sarasvatī und Königin Līlā saßen nun beide in tiefer Meditation oder nirvikalpa samādhi. Sie erhoben sich über das Körperbewusstsein. Da sie alle Vorstellungen über die Welt hinter sich gelassen hatten, verschwand diese vollständig aus ihrem Bewusstsein. Auf diese Weise bewegten sie sich frei in ihrem Weisheitskörper umher. Obwohl es so aussah, als hätten sie sich 77
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    Millionen von Meilenim Raum bewegt, saßen sie immer noch still in demsel- ben „Raum“ – sie befanden sich jedoch auf einer anderen Ebene des Bewusst- seins. VASIåèHA fuhr fort: III:25, 25 Hand in Hand stiegen Sarasvatī und Līlā langsam in die fernsten Räume des Äthers auf. Dieser Raum war von immenser Reinheit und vollkommen leer. Sie ruhten auf dem Berg Meru, der Achse der Erde. Sie schauten zahllose fesselnde Dinge, als sie sich weiter weg von der Umlaufbahn des Mondes bewegten. Sie durchstreiften riesige Wolkengebilde im Raum. Sie betraten den unendlichen Raum – den Schoß und die Quelle unzähliger Wesen in un- zähligen Welten. Sie sahen die sieben großen Berge des Kosmos, die wie das Feuer der End- zeit strahlten; sie sahen die goldenen Ebenen nahe des Berges Meru, und sie sahen die dichtesten Finsternisse. Sie sahen die siddhas (Wesen mit überna- türlichen Kräften); sie sahen die Mengen und Abermengen Dämonen, Kobol- de und anderer Geister; sie sahen die Raumfahrzeuge kommen und irgendwo hinfliegen; sie sahen die himmlischen Nymphen singen und tanzen; sie sahen eine Vielfalt von Vögeln und Tieren; sie sahen die Engel und Götter; sie sahen große Yogis mit ihren glückverheißenden Eigenschaften; sie sahen den Wohnort des Schöpfers, den Wohnort von Śiva und anderen. Durch alle diese Regionen wanderten sie wie zwei Moskitos. (Anmerkung: Die Beschreibung wird im Originaltext graphisch in allen Ein- zelheiten dargestellt.) Kurz gefasst – sie sahen all das, was sich im Gemüt von Sarasvatī befand, und was Sarasvatī der Königin Līlā zeigen wollte. Es war wie der Lotos des Herzens, mit den Blütenblättern als den Himmelsrichtungen, der Unterwelt als dem Schlamm, in dem er gedieh, und mit der göttlichen Schlange als seine Wurzel, die ihn hielt. In diesem Lotos sahen sie, was JaæbÆdvīpa genannt wird, und in dem es sehr viele Länder und Kontinente gibt. Umschlossen wird dies von einem salzigen Ozean. Jenseits davon befindet sich Śākadvīpa, umgeben von einem Ozean aus Milch. Wieder jenseits davon liegt Kuśadvīpa mit einem Ozean aus saurem Rahm. Dann folgen Krauñcadvīpa und ein Ozean aus Ghee (geklärte Butter). Dann folgt Śālmalīdvīpa, umgeben von einem Ozean aus Wein. Dann kommt Gomedadvīpa, umgeben von einem Ozean aus süßem Zuckerrohrsaft. Dann gibt es noch Pu«karadvīpa – umgeben aus einem Ozean aus süßem Wasser. Schließlich gibt es dort ein kosmisches Loch. Und jenseits davon befindet sich der Berg Lokāloka im strahlenden Glanz. Noch weiter jenseits davon ist der endlose Wald usw. Ganz zum Schluss kommt unendlicher Raum – schiere Leere. (Anmerkung: Vergleiche dies mit der Beschreibung im Bhāgavataæ.) 78
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    Als sie soall die Ozeane, Berge, die Beschützer dieses Universums, das Kö- nigreich der Götter, den Himmel und das Innerste der Erde gesehen hatten, sah Līlā schließlich ihr eigenes Haus. III:26 VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, die beiden Damen betraten nun das Haus den heiligen Mannes. Dort befand sich die ganze Familie in Trauer. Wegen dieser Trauer atmete das Haus selbst eine tief bedrückende Atmosphäre. Durch die Praxis des Yoga der reinen Weisheit hatte Līlā die Fähigkeit erworben, mit deren Hilfe ihre Ge- danken sich unverzüglich materialisierten. Sie wünschte sich, dass „Diese, meine Verwandten, mich und Sarasvatī als ganz gewöhnliche Frauen sehen möchten“. So erschienen sie vor der trauernden Familie. Doch beide Frauen waren von übernatürlichem Glanz, der die düstere Atmosphäre vertrieb. Der älteste Sohn des verstorbenen heiligen Paares begrüßte die beiden Damen und hielt sie für zwei Engel des Waldes! Er sagte zu ihnen: „Oh ihr Engel des Waldes, gewiss seid ihr hierher gekommen, um uns von unserer Trauer zu befreien. Denn dies ist ja die Natur der Gottheiten – dass sie stets bemüht sind, den Kummer anderer zu beseitigen.“ Die zwei Damen fragten den jungen Mann: „Sage uns, was die Ursache die- ses Schmerzes ist, der alle Menschen hier überfallen zu haben scheint.“ Der Sohn des heiligen Paares erwiderte: „Oh ihr hohen Damen, in diesem Haus hier lebten ein frommer Mann und seine ihm ergebene Frau, die beide ein Leben der Rechtschaffenheit führten. Vor kurzem gaben sie ihre Kinder und Enkel, ihr Haus und ihr Vieh auf und stiegen in den Himmel hinauf. Aus diesem Grunde erscheint uns Verbliebenen nun diese ganze Welt leer und trostlos. Schaut, oh ihr hohen Damen – sogar die Vögel weinen wegen der Abgeschiedenen, und die Götter weinen vor Kummer (Tränenregen!). Die Bäume vergießen jeden Morgen Tränen (die Tautropfen). Nachdem sie diese Erde verlassen haben, sind meine Eltern gewiss in die Welt der Unsterblichen eingegangen.“ Als sie dieses vernahm, legte Līlā ihre Hand auf den Kopf des jungen Man- nes. Und unverzüglich war er von seinem Kummer befreit. Als die anderen dies sahen, verschwand ihr Kummer ebenfalls. RùMA fragte: Oh Heiliger, wie kam es, dass Līlā ihrem eigenen Sohn nicht als dessen Mut- ter erschien? VASIåèHA erwiderte: Rāma, wer die Unwirklichkeit der materiellen Sub- stanzen realisiert hat, sieht überall nur das eine, ungeteilte Bewusstsein. Ein Träumer sieht diese Welt nicht; ein Mann in tiefem Koma sieht vielleicht sogar die andere Welt. Līlā hatte die Wahrheit verwirklicht. Wer die Wahrheit erkannt hat, dass Brahman, das Selbst usw. nur das eine, unendliche Be- wusstsein sind – wie kann es für ihn noch Sohn, Freund oder Ehefrau geben? Sogar das Auflegen ihrer Hand auf den Kopf des jungen Mannes war ein spon- taner Ausdruck der Gnade Brahmans. 79
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    VASIåèHA fuhr fort: III:27 Nachdem sie so die Familie des verschiedenen heiligen Mannes gesegnet hatten, verschwanden die beiden Damen. Die getrösteten Mitglieder der Familie kehrten in ihre Häuser zurück. Līlā wandte sich mit einer Frage an Sarasvatī. Natürlich waren dabei ihre beiden Körper weder aus Materie wie Erde noch in einem psychosomatischen Zustand wie dem Lebensatem. Es war so, als würden zwei Traumobjekte miteinander sprechen. Līlā fragte also Sarasvatī: „Wie kam es, dass uns meine Familie dort sehen konnten, aber nicht so mein Gemahl, der ein Königreich regierte, als wir ihn besuchten?“ Sarasvatī erwiderte: „Weil du da noch an deiner Idee ‚Ich bin Līlā‘ festhieltest, während du jetzt dieses Körperbewusstsein überwunden hast. Solange das Bewusstsein der Dualität nicht völlig verschwunden ist, kannst du im unend- lichen Bewusstsein nicht agieren. Du vermagst es dann nicht einmal zu ver- stehen; so wie jemand, der in der Sonne steht, die Kühle im Schatten eines Baumes nicht kennt. Wenn du jetzt aber zu deinem Gemahl gehst, dann wirst du mit ihm so verkehren können wie zuvor.” LĪLù sagte: Oh Gottheit! Es geschah hier, dass mein Gemahl der heilige Mann war und ich seine Frau, und hier wiederum geschah es, dass ich seine Königin wurde. Er starb hier und ebenfalls hier regiert er jetzt! Bitte, sage mir, wo ich ihn treffen kann. SARASVATĪ sagte: Līlā, du und dein Gemahl, ihr seid durch viele Verkörperungen gewandert, von denen du nun drei kennst. In dieser Verkörperung ist der König zutiefst in die Falle der Weltlichkeit geraten und denkt: „Ich bin der Gebieter, ich bin stark, ich bin glücklich usw.“ Obwohl vom spirituellen Gesichtspunkt aus das gesamte Universum hier und jetzt erfahren wird, werden die unterschiedli- chen Ebenen vom physischen Gesichtspunkt aus durch Millionen von Meilen getrennt. Im unendlichen Bewusstsein, in jedem seiner Atome, kommen und gehen die Universen wie Staubkörnchen in einem Sonnenstrahl, der durch ein Loch im Dach scheint. Sie kommen und gehen wie kleine Wellen auf dem Ozean. LĪLù erinnerte sich: Oh Gottheit! Seit ich als eine Reflektion im unendlichen Bewusstsein erschienen bin, habe ich 800 Geburten erlebt. Jetzt vermag ich es zu sehen. Ich war eine Nymphe, ein lasterhaftes Menschenweib, eine Schlange, eine Stammesangehörige im Wald, und aufgrund böser Taten wur- de ich zu einer Kletterpflanze. Dann wurde ich durch den Umgang mit Weisen die Tochter eines Weisen; schließlich wurde ich ein König, der böse Taten beging, und so wurde ich zu einem Moskito, einer Biene, einem Hirsch, einem Fisch. Dann wieder war ich ein himmlisches Wesen und danach eine Schild- kröte, ein Schwan und wieder ein Moskito. Ich war auch einmal eine himmli- sche Nymphe, der andere himmlische Wesen (Männer) zu Füßen fielen. So 80
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    wie die Waagschalensich in einem beständigen Auf und Ab befinden, so war auch ich im Auf und Ab des Lebenszyklus, des saæsāra, gefangen. RùMA fragte: III:28 Heiliger Herr, wie war es möglich, dass die beiden Damen zu den entfernten Galaxien des Universums reisen konnten, und wie überwanden sie die zahl- reichen Hindernisse auf diesem Weg? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, wo ist das Universum, wo sind die Galaxien, und wo sind die Hin- dernisse? Die beiden Damen blieben stets in den innersten Gemächern der Königin. Dort geschah es, dass der heilige Mann Vāsi«Âha als König Vidūratha regierte; er war es, der zuvor der König Padma war. All dies geschah im rei- nen, unendlichen Raum – es gibt kein Universum, keine Entfernungen, keine Hindernisse. Während sie miteinander plauderten, verließen die beiden Damen das Zimmer und bewegten sich hin zu einem Dorf auf einem Berg. Die Schönheit und der Glanz dieses Berges sind unbeschreiblich. Alle Häuser waren bedeckt mit Blumen, die beständig von den Bäumen fielen. Junge Frauen schliefen in ihren Räumen auf Betten aus Wolken. Erleuchtet wurden die Häuser durch Blitze. Aufgrund ihrer intensiven Praxis des Yogas der Weisheit hatte Līlā die volle Kenntnis der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erlangt. Sie erinnerte sich an die Vergangenheit und sprach zu Sarasvatī: „Oh Gottheit, vor einiger Zeit war ich eine alte Frau und lebte hier. Ich führte in jeder Hinsicht ein gutes Leben, aber ich hatte nie die Erforschung des Selbst (‚Wer bin ich, was ist diese Welt?’) praktiziert. Mein Gemahl war ebenfalls gut, rechtschaffen und ein gebildeter Mann, aber auch seine innere Weisheit war nicht erweckt. Wir waren Vorbilder des rechtschaffenen Lebens und durch unser Beispiel lehr- ten wir andere, wie sie leben sollten.“ Nachdem sie dies gesagt hatte, zeigte Līlā Sarasvatī ihren früheren Wohnort und fuhr fort: „Sieh, dies ist mein Lieb- lings-Kalb. Es hat seit meiner Abwesenheit nicht einmal mehr Gras gefressen und in den vergangenen acht Tagen nur geweint. Hier hat mein Gemahl die Welt regiert. Wegen seines starken Willens, und weil er fest entschlossen war, schon bald ein großer König zu werden, wurde er wahrhaftig in der kurzen Zeit von acht Tagen zu einem Kaiser, obwohl der Zeitraum viel, viel länger zu sein schien. So wie sich Luft unsichtbar im Raum bewegt, so lebt mein Ge- mahl unsichtbar im Raum dieses Hauses. Hier, in einem Raum von der Größe eines Daumens, erdachten wir uns, dass das Königreich meines Gemahls Millionen von Quadratmeilen umfassen würde. Oh Gottheit, gewiss sind so- wohl mein Gemahl als auch ich reines Bewusstsein. Und doch sieht es auf- grund der mysteriösen, illusorischen Macht von Māyā so aus, als würde das Königreich meines Gemahls hunderte von Bergen enthalten und umfassen. Wahrhaftig ist dies wunderbar. Ich möchte in die Hauptstadt gehen, in der 81
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    mein Gemahl regiert.Komm, lass uns dorthin gehen! Denn für die Strebsa- men ist nichts unmöglich.“ III:29, 30 VASIåèHA fuhr fort: Zusammen mit Sarasvatī erhob sich Līlā in den Himmel. Sie kamen in die Region des Polarsterns, jenseits der Reiche der Weisen von Vollkommenheit, und sogar jenseits der Reiche der Götter, von Brahmā (dem Schöpfer), und der Reiche von Śiva, den Manen (Vorfahren) und der Befreiten. Von dort aus sah Līlā, wie sogar die Sonne und der Mond weit, weit unterhalb von ihr lagen und kaum noch sichtbar waren. Sarasvatī sagte zu Līlā, „Teure, du bist nun jenseits von wahrhaftig allem gegangen und am Anfang der Schöpfung ange- langt. Alles, was du bisher gesehen hast, sind nur einige wenige Teilchen, die von hier aus verstreut worden sind.“ Schnell hatten sie diesen Gipfel erreicht, denn der Wille derer wird unerbittlich, deren Bewusstsein rein und unver- hüllt ist. Dort sah Līlā, dass diese Schöpfung eingehüllt war in Schichten von Wasser, Feuer, Luft und Raum, und dass jenseits reines Bewusstsein war. Dieses Höchste Unendliche Bewusstsein ist rein, friedlich, frei von Täuschung und selig in seinem eigenen Glanz. Darin sah Līlā die zahllosen Schöpfungen schweben und treiben wie Staubpartikel in einem Lichtstrahl. Die Gedanken- projektionen der jīvas, die diese Universen bewohnten, gaben diesen ihre Gestalt und Natur. Wegen der wahren Natur dieses unendlichen Bewusstseins tauchten alle diese wieder und wieder auf und verschwanden, bis sie durch ihre eigene Gedankenkraft schließlich in einen Zustand der Stille zurückkehr- ten. All dies war wie das spontane Spiel eines Kindes. RùMA fragte: Was meinen die Menschen mit „oberhalb“, „unterhalb“ und ähnlichem, wenn doch nur das Unendliche die Wahrheit ist? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, es ist wie bei den winzigen Ameisen, die über den runden Fels krabbeln – alles, was sich unter ihren Füßchen befindet, ist für sie immer „unterhalb“, und alles, was sich über ihrem Rücken befindet, ist für sie „ober- halb“. Auf dieselbe Weise reden die Menschen über diese Richtungen. Unter all diesen zahllosen Universen, oh Rāma, gibt es welche, in denen es nur Pflanzen gibt. In anderen wiederum sind Brahmā, Vi«ïu, Rudra und an- dere die herrschenden Gottheiten, und wieder andere enthalten überhaupt III:31, 40 nichts. In einigen gibt es nur Tiere und Vögel, in anderen nur einen Ozean. Dann wieder gibt es solche mit solidem Gestein. In weiteren sind nur Würmer enthalten, und wiederum andere sind von dichter Finsternis durchdrungen. Manche sind von Göttern bewohnt, und manche sind unaufhörlich beleuchtet. Manche scheinen der Auflösung entgegenzugehen, und andere scheinen im Raum zu fallen und ihrer Zerstörung entgegenzugehen. Da Bewusstsein über- all für immer existiert, geht auch die Entstehung dieser Universen und deren Auflösung für immer weiter. All dies wird von einer mysteriösen, allgegen- 82
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    wärtigen Macht zusammengehalten.Rāma, alles existiert in dem einen un- endlichen Bewusstsein; alles entsteht daraus; Es allein ist alles. VASIåèHA fuhr fort: Nachdem sie all dies gesehen hatte, erblickte Līlā das innerste Gemach des Palastes, in dem der Leichnam des Königs unter einem Haufen von Blumen lag. Da entstand in ihr der intensive Wunsch, das jenseitige Leben ihres Ge- mahls zu erschauen. In einem Augenblick überflog sie den Gipfel des Univer- sums und betrat das Reich, in dem ihr Gemahl nun regierte. Zur selben Zeit begann ein mächtiger König, der über die Sindhu-Region herrschte, das Königreich ihres Gemahls zu belagern. Als die beiden Damen im Raum oberhalb des Schlachtfeldes waren, begegneten sie zahllosen himm- lischen Wesen, die sich dort versammelt hatten, um die Schlacht und die Taten der großen Helden zu verfolgen. RùMA fragte: Oh Heiliger, bitte sage mir: Wer ist ein Held unter den Kriegern, und wer ist ein Ungeheuer oder ein Kriegsverbrecher? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, wer eine Schlacht ficht, die sich in Übereinstimmung mit den Be- stimmungen der Schriften befindet, wie etwa bei einem rechtschaffenen König von untadeligem Betragen, der ist ein Held, ob er nun in der Schlacht fällt oder siegreich ist. Wer dagegen für einen ungerechten Monarchen kämpft, wer die Menschen quält und ihre Körper verstümmelt, der ist ein Ungeheuer oder ein Verbrecher und wandert in die Hölle, auch dann, wenn er kämpfend in der Schlacht fällt. Wer für den Schutz der Kühe, der Heiligen, der Freunde kämpft oder ihnen Zuflucht gewährt, der ist eine Zierde des Him- mels. Wer aber für einen König kämpft, derzu seinem Vergnügen die Men- schen quält, der geht in die Hölle (ob er nun ein König oder nur ein Grundbe- sitzer ist). Nur der Held, der in der Schlacht fällt, geht in den Himmel. Diejeni- gen, die unrechtmäßig kämpfen, gehen nicht in den Himmel; auch dann nicht, wenn sie in der Schlacht fallen. Oh Rāma, immer noch im Himmel stehend, sah Līlā, wie die zwei großen Armeen sich einander näherten, um sich in die Schlacht zu stürzen. (An die- ser Stelle folgt eine graphische Darstellung der Schlachtbereitschaft der Ar- meen und der verschiedenen Formationen der Bataillone als auch der Grimmigkeit der Schlacht sowie der schrecklichen Szene der Zerstörung, die darauf folgte. Alle diese Dinge wurden in dieser Übersetzung beiseite gelas- sen.) Als der Abend hereinbrach, hielt Līlā's Gemahl eine Versammlung mit sei- nen Ministern ab, der die Ereignisse des Morgens betraf. Danach ging er zu Bett. 83
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    Die beiden Damenverließen den Platz, von dem aus sie die grimmige Schlacht beobachtet hatten, und schwebten wie ein Lufthauch davon. Sie kamen in das Zimmer, in dem der König schlafend lag. RùMA fragte: Oh Heiliger, der Körper scheint so schwer und groß – wie konnte er durch ein so winziges Loch gelangen? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, in der Tat ist es unmöglich fürjemanden, der in der Idee verwur- zelt ist, der physische Körper zu sein, durch ein kleines Loch oder einen schmalen Durchlass zu gelangen. Es ist die innerste Überzeugung des „Ich bin der Körper, der in seiner Bewegung behindert ist“, die Hindernisse diese Art erzeugt. Sobald jene Überzeugung fort ist, ist auch das Hindernis fort. So wie Wasser stets Wasser bleibt und abwärts fließt, und wie Feuer nie seine aufwärts aufsteigende Natur verliert, so bleibt das Bewusstsein für immer Bewusstsein. Wer dies jedoch nicht verstanden hat, der erfährt auch nicht die Subtilitätoder die wahre Natur der Sache. Wie das Verständnis der Person ist, entsprechend ist ihr Gemüt, denn das Verstehen selbst ist das Gemüt. Seine Richtung jedoch kann durch starke Bemühung geändert wer- den. Normalerweise befinden sich die eigenen Tätigkeiten in Übereinstim- mung mit dem Gemüt (d. h., mit dem eigenen Verständnis einer Sache). Wer jedoch weiß, dass dieser Körper geistiger Natur ist – wie könnte des- sen Bewegung jemals behindert werden? In Wahrheit sind alle Körper an jedem Ort reines Bewusstsein. Nur aufgrund der Idee, die im Herzen der Menschen entsteht, scheint es überall dieses Kommen und Gehen zu geben. Denn dasselbe unendliche Bewusstsein ist gleichzeitig das individuelle Be- wusstsein (Gemüt) und der kosmische Raum (Materie). Daher kann der geis- tige Körper jederzeit überall eintreten – er wird dahin gelenkt, wohin ihn der Wunsch seines Herzens denkt. Oh Rāma, jedermanns Bewusstsein hat diese Natur und Fähigkeit. In jedem Bewusstsein gibt es eine andere Idee von der Welt. Der Tod und andere Er- fahrungen sind wie die kosmische Auflösung, die Nacht des kosmischen Be- wusstseins. Wenn dies an ein Ende gelangt, dann erwacht jeder zu seiner eigenen mentalen Schöpfung, welche die Materialisation seiner Ideen, Wahr- nehmungen und Illusionen darstellt. So wie das kosmische Sein nach der kosmischen Auflösung das Universum erschafft, so erschafft das Individuum nach seinem Tod seine eigene Welt. Aber Gottheiten wie Brahma, Vi«ïu und Śiva wie auch die heiligen Weisen erlangen während der kosmischen Auflösung die letztliche Befreiung – ihre Schöpfungen während des nächsten Zyklus des Universums stammen nicht aus der Erinnerung. Im Falle aller anderen Wesen ist die neue Schöpfung nach dem Tod in der vorhergegangenen Schöpfung durch die Eindrücke fest- gelegt, die während der Lebensspanne im Gemüt aufgrund der unterschiedli- chen Erfahrungen vorhanden waren. 84
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    VASIåèHA fuhr fort: Unmittelbar nach dem Tode, dem Zustand, von dem man sagen könnte, dass man in ihm weder ist noch nicht ist, und in dem das Bewusstsein sozusagen ein wenig die Augen öffnet, obwohl dies nicht stattzufinden scheint – dieser Zustand wird pradhāna bzw. der materielle oder träge Zustand des Bewusst- seins genannt. Er ist ferner als die ätherisch-geistige, nicht-manifeste Natur bekannt. Er wird daher sowohl als fühlend wie nicht-fühlend betrachtet. Er ist das, was für die Erinnerung und ihre Abwesenheit, und daher auch für die nächste Geburt verantwortlich ist. Sobald diese ätherisch-geistige Natur erwacht und sich in ihrem Bewusst- sein der Ich-Sinn manifestiert, entstehen dadurch die fünf Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Äther), das Raum-Zeit-Kontinuum und alle weiteren Stoffe, die für die physische Geburt und Existenz benötigt werden. Diese kondensieren dann in ihre materiellen Gegenstücke. Während der Wach- und Traumzustände führen sie das Empfinden des physischen Körpers herbei. Aber all dies ist in Wirklichkeit der ätherisch-geistige Körper des jīva. Sobald die Idee „Ich bin der Körper“ tief eingewurzelt ist, entwickelt der- selbe ätherisch-geistige Körper die physischen Eigenschaften eines Körpers (wie z.B. die Augen usw.), wobei all dies nur wie eine Schwingung oder Bewe- gung der Luft vor sich geht. Obwohl all dies als vollkommen real erscheint, ist es doch ebenso unwirklich wie die Erfahrung von sexuellem Vergnügen in einem Traum. Wo auch immer man stirbt – genau dort sieht der jīva all dies geschehen. In diesem Raum, in diesem Feld des Bewusstseins selbst, stellt er sich vor: „Dies ist die Welt, dies bin ich”. Er glaubt, dass er geboren sei und erfährt die Welt, die nichts als Raum ist. Er selbst, der jīva, ist ebenfalls nichts als Raum! Nun denkt er: „Er ist mein Vater, sie ist meine Mutter, dies ist mein Besitz, ich habe diese wunderbare Tat vollbracht; oh weh – ich habe gesündigt.“ Er phanta- siert: „Ich wurde ein kleines Kind, und jetzt bin ich ein Jugendlicher”. Und alle diese Dinge sieht er in seinem Herzen. Dieser Dschungel, der als Schöpfung bekannt ist, taucht im Herzen eines jeden jīvas auf. Wo auch immer eine Person stirbt, dort sieht sie diesen Dschungel. Auf diese Weise werden im Bewusstsein jedes einzelnen jīvas zahllose Welten geboren, die alle wieder verschwinden; gleich wie zahllose Brahmā's, Rudras, Vi«ïu und Sonnen wieder verschwunden sind. Auf diese Weise hat die illusionäre Wahrnehmung der Welt schon unzählige Male statt- gefunden. Sie findet jetzt gerade statt, und sie wird auch in der Zukunft statt- finden. Denn all dieses ist nicht verschieden von der Bewegung der Gedan- ken, die wiederum nicht unabhängig vom unendlichen Bewusstsein ist. Denn was ist in Wirklichkeit die mentale Aktivität anderes als Bewusstsein selbst? Und dieses Bewusstsein ist die höchste Wahrheit. VASIåèHA fuhr fort: III:41 85
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    Die beiden Damenbetraten das Gemach des Königs wie zwei Gottheiten – strahlend wie zwei Monde. Durch ihre göttlichen Kräfte geschah es, dass die Diener schliefen. Als sie sich niederließen, erwachte der König und erblickte sie. Er verehrte ihre lotos-gleichen Füße und bestreute sie mit Blumen. Sarasvatī wünschte, dass sein Minister Līlā mit den Vorfahren des Königs bekannt machen möge. Durch ihren Willen erwachte der Minister. Als Sarasvatī den König befragte, wer er sei, informierte der Minister die Damen, dass er ein Abkömmling des großen Königs Ik«vāku sei; dass sein Vater Nabhoratha war, der ihm, als der Sohn 10 Jahre alt war, das Königreich anvertraut habe und selbst in den Wald gegangen sei, um dort ein spirituelles Leben zu führen. Der Name des Königs war VidÆratha. Sarasvatī segnete VidÆratha, indem sie ihm ihre Hand auf den Kopf legte und ihn dazu inspi- rierte, sich die Einzelheiten seiner vergangenen Leben zu vergegenwärtigen. Unmittelbar darauf erinnerte sich der König an alles und fragte Sarasvatī: „Oh Göttin, wie kommt es, dass ich in diesem Körper für volle siebzig Jahre gelebt zu haben scheine, obwohl ich vor kaum einem Tag gestorben bin? Und wie kommt es, dass ich mich an alle die Dinge zu erinnern vermag, die ge- schehen sind, als ich in dieser Lebensspanne jung war? “ SARASVATĪ erwiderte: Oh König, im Moment deines Todes, genau an dem Ort, an dem du starbst, manifestierte sich alles, was du jetzt hier siehst. All dieses hier ist, wo der heilige Mann Vāsi«Âha lebte, nämlich im Dorf auf den Bergen. Dies hier ist seine Welt, und in dieser Welt befindet sich die Welt des Königs Padma, und in dieser wiederum die Welt, in der du selbst dich befindest. Indem du in ihr lebst, denkst du: „Dies sind meine Verwandten, dies sind meine Untergebe- nen, dies sind meine Minister, diese sind meine Feinde.“ Du denkst, dass du hier regierst, dass du religiöse Riten ausübst; du denkst, dass du gegen deine Feinde gekämpft hast und von ihnen besiegt wurdest; du denkst, dass du uns siehst, uns verehrst und von uns die Erleuchtung empfängst; du denkst „Ich habe allen Kummer überwunden und erfreue mich der höchsten Seligkeit, ich werde in der Verwirklichung des Absoluten verankert bleiben.“ All dieses benötigt keinerlei Zeit, um zu geschehen, so wie während eines Traums das Drama eines ganzen Lebens gelebt wird. In Wirklichkeit wurdest du weder geboren noch stirbst du. Du siehst all dieses, und sozusagen siehst du es wiederum nicht: Denn wenn all dies hier nichts anderes als das unend- liche Bewusstsein ist – wer sieht dann was? (VIDŪRATHA fragte: Dann sind demnach diese meine Minister hier keine unabhängigen Wesen?) Für die erleuchtete Person gibt es nur das eine unendliche Bewusstsein; es gibt kei- nerlei Wahrnehmung von „Ich bin“ oder „diese hier sind“. Nachdem Vāsi«Âha so gesprochen hatte, ging ein weiterer Tag zur Neige. SARASVATĪ fuhr fort: III:42 Für eine unreife und kindische Person, die überzeugt ist, dass diese Welt realist, wird sie weiterhin real sein; so wie ein Kind, das an Geister glaubt, 86
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    sein ganzes Lebenlang von ihnen verfolgt wird. Die Person, die angetan ist von dem goldenen Schmuckstück, vermag nicht zu sehen, dass es einfach nur Gold ist; wer den Glanz der Paläste, Elefanten und Städte sieht, vermag nicht das unendliche Bewusstsein zu sehen, welches als einziges wahr ist. Dieses Universum ist nur ein langer Traum. Der Ich-Sinn wie auch die Phan- tasievorstellung, dass da noch andere seien, sind so wirklich wie Traumobjek- te. Die einzige Wirklichkeit ist das unendliche Bewusstsein, welches allge- genwärtig, rein, still, allmächtig ist und dessen Körper und Wesen absolutes Bewusstsein ist (und das daher kein Objekt, nicht kennbar ist). Wo auch immer und in welcher Form sich dieses Bewusstsein manifestiert, zu dem wird es. Ebenso, wenn der Seher sich ein menschliches Wesen einbildet, dann tritt dieses menschliche Wesen hier auf. Da das Substrat (das unendliche Bewusstsein) wirklich ist, erwirbt auch alles, was auf ihm gründet, dessen Wirklichkeit, obgleich das Substrat allein wirklich ist. Dieses Universum und alle Wesen darin sind nichts als ein langer Traum: Für mich bist du wirklich, und für dich bin ich wirklich. Ebenso sind die anderen wirklich für dich oder mich. Und diese relative Wirklichkeit ist wie die Wirklichkeit der Traumob- jekte. RùMA fragte: Oh Heiliger, eine Stadt, die im Traum erscheint, fährt fort, als eine wirkliche Stadt zu erscheinen. Ist es dies, was deine Lehre besagt? VASIåèHA erwiderte: So ist es, oh Rāma. Weil der Traum der Stadt usw. auf der realen Grundlage des unendlichen Bewusstseins gründet, erscheinen diese Traumobjekte wie wirklich. Jedoch gibt es keinen wirklichen Unterschied zwischen dem Wach- und dem Traumzustand des Bewusstseins. Was als wirklich in dem einen erscheint, gilt als unwirklich in dem anderen. Folglich sind beide Zustände essenziell von derselben Natur. Daher sind die Objekte des wachen oder träumenden Bewusstseins glei- chermaßen unwirklich mit der Ausnahme des unendlichen Bewusstseins, dem sie überlagert sind. Nachdem Sarasvatī dem König diese Unterweisung erteilt hatte, segnete sie ihn und sprach: „Möge alles Verheißungsvolle dich begleiten. Du hast gese- hen, was es zu sehen gibt. Lass uns nun gehen. “ VidÆratha sprach: „Schon bald, oh Göttin, werde ich fort von hier gehen, so wie jemand im Schlaf von einem Traum in den anderen geht. Bitte gewähre, dass meine Minister und meine jungfräuliche Tochter mit mir gehen.“ Sarasvatī gewährte ihm den Wunsch. SARASVATĪ sagte: Oh König, du wirst in diesem Krieg sterben und dann dein früheres König- III:43 reich wiedererlangen. Nach deinem Tod in diesem Körper wirst du in der früheren Stadt erneut mit deiner Tochter und deinen Ministern herrschen. 87
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    Wir werden nungehen wie wir gekommen sind, und ihr alle werdet uns entsprechend dem natürlichen Verlauf der Dinge folgen, denn schon die Na- tur zeigt uns, wie die Bewegungen eines Pferdes, eines Elefanten und eines Kamels von Natur aus unterschiedlich sind. VASIåèHA fuhr fort: Gerade als Sarasvatī dies zu dem König gesprochen hatte, stürzte ein könig- licher Bote herein und verkündete, dass die feindlichen Kräfte die Hauptstadt gestürmt und mit deren Zerstörung begonnen hätten. Überall wurde Feuer gelegt, und die ganze Stadt stand in Flammen. Die beiden Damen, der König und seine Minister eilten zu einem Fenster, um die schreckliche Szene zuverfolgen. Die Plünderung der Stadt hatte begonnen, und die Plünderer liefen wild schreiend umher. Die ganze Stadt war in dichten Rauch gehüllt. Feuer regnete vom Himmel. (Flugabwehr-Geschosse?) Raketen beschrieben am Himmel halbmondförmige, flammende Bogen. Schwere, felsenartige Flugkörper (Bomben) fielen auf Häuser und zerstörten diese und die Straßen der Umge- bung. Der König und die anderen hörten die Entsetzensschreie der Bürger. Über- all waren Weinen und Klagen und die herzzerreißenden Schreie der Frauen und Kinder zu hören. Jemand schrie: „Mein Gott, diese Frau hat ihren Vater, ihre Mutter, ihren Bruder und ihr kleines Kind verloren. Selber ist sie mit dem Leben davongekommen, aber diese Tragödie ihres Lebens hat ihr Herz zer- rissen.“ Wieder ein anderer rief: „Geht sofort aus dem Haus, denn es wird gleich einstürzen.“ Und ein anderer: „Seht nur, wie Bomben und Geschosse auf alle Häuser regnen.“ Flugkörper regneten hernieder wie die Wasser vor der kosmischen Auflösung. Alle Bäume rund um die Häuser standen in Flammen – der gesamte Ort war verwüstet. Vom Schlachtfeld wurde etwas in die Luft geschleudert, das aussah wie Elefanten, und warf von dort Feuerre- gen auf die Stadt hinab. Überall gab es Straßenblockaden. Aus Anhänglichkeit zögerten die Männer, die brennenden Häuser zu verlassen, in denen sie nach ihren Frauen und Kindern suchten. Sogar die Frauen des königlichen Haus- halts wurden von marodierenden Soldaten verschleppt. Weinend und kla- gend, wussten diese edlen Damen nicht, was sie tun sollten. Sie schrien: „Oh weh, wer wird uns in dieser furchtbaren Lage helfen?“. Sie waren von Solda- ten umringt. So ist es mit dem Glanz der Herrschaften, Königreiche und Weltreiche. (Die Beschreibung ist erstaunlich und erinnert an moderne Kriegsführung und die Bombardierung von Zivilisten.) VASIåèHA fuhr fort: III:44 In der Zwischenzeit traf die Königin ein. Die Kammerfrau kündigte sie dem König an. Sie sagte: „Eure Majestät, alle anderen Damen dieses Harems wur- den gewaltsam vom Feind zusammengetrieben und fortgeführt. Aus diesem schrecklichen Unglück kann uns nur Eure Majestät erretten.“ 88
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    Der König verbeugtesich vor Sarasvatī und empfahl sich: „Ich werde nun selbst an die Front gehen, oh Göttin, um den Feind zu schlagen. Meine Frau wird dir hier in der Zwischenzeit aufwarten.“ Die nun erleuchtete Līlā war überrascht zu sehen, dass die Königin ein voll- kommenes Ebenbild von ihr selbst war. Līlā fragte Sarasvatī: „Oh Gottheit, wie kann es sein, dass sie genau wie ich ist? Was ich in meiner eigenen Jugend war, das ist sie jetzt. Worin besteht das Geheimnis dessen? Außerdem sind auch alle diese Minister usw., die sich hier aufhalten, dieselben wie schon früher in unserem Palast. Sind sie denn fühlend und ebenfalls erfüllt von Bewusstsein, obwohl sie doch nur die Reflektion oder die Objekte unserer Einbildungskraft sind?“ SARASVATĪ erwiderte: Oh Līlā, wenn eine Vision im Innern auftaucht, so wird diese unverzüglich erfahren. Bewusstsein (als Subjekt) wird sozusagen zum Objekt des Wissens. Sobald im Bewusstsein das Bild der Welt auftaucht, so wird es in eben diesem Moment zur Welt. Zeit, Raum, Dauer und Objektivität entstehen nicht aus der Materie, denn dann wären sie materiell. Was im eigenen Bewusstsein reflek- tiert wird, erstrahlt auch außerhalb. Was man als die reale, objektive Welt betrachtet, die im Wachzustand erfah- ren wird, ist nicht wirklicher als diejenige, die im Traum erfahren wird. Im Schlaf existiert die Welt nicht, und im Wachzustand existiert der Traum nicht! Ebenso widerspricht der Tod dem Leben: Im Leben ist der Tod nicht existent, und im Tod ist das Leben nicht existent. Das, was die jeweilige Erfahrung zusammenhält, ist im anderen Zustand abwesend. Man kann nicht sagen, dass eines von beiden wirklich oder unwirklich sei, sondern man kann lediglich feststellen, dass allein ihr Substrat wirklich ist. Das Universum existiert in Brahman nur als ein Wort, eine Idee. Es ist weder wirklich noch unwirklich – wie eine Schlange, die in einem Seil gesehen wird, weder wirklich noch unwirklich ist. Mit der Existenz des jīva ist es ebenso. Dieser jīva erfährt nur seine eigenen Wünsche. Er bildet sich ein, dass er erfährt, was er zuvor erfahren hat, und dass andere Erfahrungen wiederum neu seien. Manchmal sind diese ähnlich und dann wieder unähnlich. Alle diese Erfahrungen, obgleich essenziell unwirklich, erscheinen als wirklich. Ebenso steht es mit der Natur dieser Minister und der anderen. Auf dieselbe Weise existiert diese Līlā hier als das Produkt der Reflektion im Bewusstsein. Ebenso ist es mit dir, mir und allen anderen. Verstehe dies und bleibe so im Frieden. DIE ZWEITE LĪLù sagte zu Sarasvatī: Oh Gottheit, ich habe Sarasvatī stets verehrt, und sie erschien mir häufig in III:45, 46 meinen Träumen. Du siehst genau wie sie aus, daher gehe ich davon aus, dass du Sarasvatī bist. Ich bitte dich demütig um eine Gunst: Wenn mein Gemahl auf dem Schlachtfeld stirbt, dann möge ich ihn begleiten, in welches Reich auch immer er sich begeben mag; in diesem meinem eigenen Körper. 89
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    SARASVATĪ erwiderte: Oh teure Dame, du hast mich schon seit lange Zeit mit großer Hingabe ver- ehrt, daher gewähre ich dir diese Gunst. DIE ERSTE LĪLù sprach daraufhin zu Sarasvatī: Wahrhaftig gehen deine Worte niemals fehl; dein Wunsch wird immer Wirklichkeit. Bitte sage mir – weshalb hast du mir nicht gewährt, mit demsel- ben Körper von einer Bewusstseinsebene zur anderen zu reisen? SARASVATĪ erwiderte: Meine liebe Līlā, in Wahrheit tue ich nichts für irgendjemanden. Jeder jīva erntet seinen gegenwärtigen Zustand entsprechend seiner eigenen Taten. Ich bin lediglich die Gottheit, die über den Geist jedes Wesens wacht; ich bin die Macht seines Bewusstseins und seine Lebenskraft. Welche Form auch immer die Energie des Lebewesens in ihm selbst annimmt – nur diese geht zu seiner Zeit in Erfüllung. Du verlangtest nach der Befreiung, und so hast du sie erhal- ten. Du magst dies als die Frucht deiner Askese oder Verehrung der Gottheit betrachten, aber all dies kommt nur aus dem Bewusstsein, so wie die Frucht, die vom Himmel zu fallen scheint, in Wirklichkeit vom Baume fällt. VASIåèHA fuhr fort: Wie sie so miteinander sprachen, bestieg VidÆratha seinen prachtvollen Streitwagen und fuhr zum Schlachtfeld. Unglücklicherweise hatte er die Stär- ke seiner Streitkräfte und die der Armee des Feindes bis zu dem Zeitpunkt, als er dem Feind gegenüberstand, nicht klar eingeschätzt. Beide Līlās, Sarasvatī und die Prinzessin, die den Segen von Sarasvatī emp- fangen hatte, beobachteten vom Palast aus den furchtbaren Kampf. Der Himmel war voll von den Geschossen aus beiden Armeen. Überall wa- ren die Schlachtrufe der Krieger zu hören. Über der gesamten Stadt lag eine dichte Wolke aus Rauch und Staub. Gerade als König VidÆratha in die Reihen der Feinde eindrang, ertönte ein lautes „tut-tut“ vom intensiven Kreuzfeuer. Als die Flugkörper aufeinander prallten, wurde es zu „khut-khut, tuk-tuk, jhun-jhun“. DIE ZWEITE LĪLù fragte Sarasvatī: Oh Gottheit, bitte sage mir: Wie kann es geschehen, dass mein Gemahl die III:47-50 Schlacht nicht gewinnen kann, obwohl wir deinen Segen erhalten haben? SARASVATĪ erwiderte: Tatsächlich hat König VidÆratha mich eine beträchtliche Zeit angebetet, je- doch hat er nicht für den Sieg in der Schlacht gebetet. Weil ich das Bewusst- sein bin, welches im Verstand aller Personen wohnt, gewähre ich der Person das, wonach diese verlangt. Wonach auch immer jemand mich fragt – ich gewähre diese Frucht. Es ist nur natürlich, dass Feuer Hitze abgibt. Er hat die Befreiung verlangt, und daher wird er die Befreiung erhalten. 90
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    Andererseits hat auchder König von Sindhu mich verehrt und für den Sieg in der Schlacht gebetet. Daher wird König VidÆratha in der Schlacht fallen, zu euch beiden zurückkehren und dann im Laufe der entsprechenden Zeit die Befreiung erlangen. Jener König von Sindhu dagegen wird den Krieg gewin- nen und das Land als siegreicher Monarch regieren. VASIåèHA fuhr fort: Wie die Frauen die Schlacht verfolgten, stieg die Sonne am östlichen Him- mel auf, als wäre sie begierig, die Schlussphase des schrecklichen Kampfes zu bezeugen. Umgeben von je einem Tausend Soldaten kämpften beide Könige gegeneinander. Ihre Geschosse waren von verschiedener Art und Größe. Einige von ihnen, wennsie vom Boden aufstiegen, bestanden aus einem einzi- gen Kopf, der sich dann in der Luft in Tausende vervielfältigte. Sobald er sein Ziel traf, zerplatzte er in zehntausende Teile, buchstäblich wie ein Regen- schauer. Beide Könige waren einander in Stärke und Heldenmut ebenbürtig: VidÆratha’s Kräfte waren ihm angeboren, während die Stärke des Feindes aus der Gunst entstanden war, die er von Gott Nārāyana erlangt hatte. Wären sie miteinander kämpften, beobachteten ihre Armeen sie voll Verblüffung. An einem bestimmten Punkt der Schlacht sah es so aus, als würde VidÆratha gewinnen, was die zweite Līlā in Hochstimmung versetzte, und sie wies Sarasvati darauf hin. Jedoch schon im nächsten Moment erhob sich der Feind unversehrt wieder. Jedes tödliche Wurfgeschoss beantwortete der Gegner mit einer entsprechenden Abwehrwaffe. Jedes Geschoss, das Ver- zweiflung unter den Kriegern schuf, wurde mit einem anderen beantwortet, das ihren Mut wieder steigen ließ. Das Schlangen-Geschoss fand sein Gegen- mittel. Das Wasser-Geschoss wurde mit dem Feuer-Geschoss begegnet. Und von beiden Königen wurde das Vi«ïu-Geschoss verwendet. Beide Könige verloren ihre Streitwagen und setzten den Kampf stehend auf dem Boden fort. Als Vidúratha einen neuen Wagen besteigen wollte, wurde er vom König von Sindhu niedergeschlagen. VidÆratha's Körper wurde in den Palast gebracht, den der nachsetzende Feind aber aufgrund von Sarasvatī's Gegenwart nicht zu betreten vermochte. VASIåèHA fuhr fort: III:51, 52 Bald nachdem König VidÆratha gefallen war, gab es äußerste Verwirrung und Chaos in der Stadt, wie immer nach einer verlorenen Schlacht. Der König von Sindhu kündigte seinen Sohn als den neuen Regenten an. Unter seinen Untertanen und Ministern gab es daraufhin ein großes Frohlocken, und sie bereiteten rasch die Krönungsfeierlichkeiten vor. Unverzüglich danach pro- klamierte die neue Regierung das Kriegsrecht im neuen Staat, welches Ruhe und Ordnung wiederherstellte. Als VidÆratha fiel, sank die zweite Līlā bewusstlos zu Boden. Die erste Līlā sagte zu Sarasvatī: „Oh Göttin, siehe doch, mein Gemahl gibt seinen Geist auf.“ 91
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    SARASVATĪ sagte: Meine Liebe, dieser ganze schreckliche Krieg, all diese Zerstörung und Tode sind so wirklich wie ein Traum, denn es gibt weder dieses Königreich noch die Erde. All dies geschieht im Hause des heiligen Mannes namens Vāsi«Âha auf dem Gipfel des Berges. Dieser Palast und das Schlachtfeld und alles ande- re befinden sich nirgendwo anders als in den innersten Räumen deines eige- nen Palastes. Tatsächlich befindet sich darin das gesamte Universum. Denn innerhalb des Hauses des heiligen Mannes befindet sich die Welt von König Padma, und innerhalb des Palastes dieses Königs in jener Welt befindet sich alles, was du hier gesehen hast. Alles ist reine Einbildung, Halluzination. Was in Wahrheit ist, ist allein die Wirklichkeit – weder erschaffen noch zerstört. Es ist das unendliche Bewusstsein, welches vom Unwissenden als das Univer- sum wahrgenommen wird. So wie eine ganze Stadt im Träumer existiert, so existieren die drei Welten in einem kleinen Atom. Und in diesen Welten gibt es wieder Atome, und in jedem dieser Atome existieren wiederum drei Welten. Die andere Līlā, die bewusstlos zu Boden gefallen war, hat inzwischen die Welt erreicht, in der der Körper von Padma, deinem Gemahl, liegt. LĪLù fragte: Oh Göttin, bitte sage mir: Wie ist sie dorthin gelangt, und was sagen die Leute dort zu ihr? SARASVATĪ erwiderte: So wie ihr beide die eingebildeten Wahrnehmungs- objekte des Königs seid, so sind auch der König selbst und ich nur Traumob- jekte. Wer dies weiß, gibt das Suchen nach „Objekten der Wahrnehmung“ auf. Im unendlichen Bewusstsein haben wir uns alle gegenseitig durch unsere Einbildungskraft erschaffen. Diese andere, jugendliche Līlā warst tatsächlich du selbst. Sie verehrte mich und betete darum, dass sie niemals Witwe wer- den möge. Daher konnte sie diesen Ort verlassen, bevor König Viduratha starb. Liebe, ihr alle seid nichts als individualisiertes kosmisches Bewusst- sein, während ich das kosmische Bewusstsein selbst bin, welches alle diese Dinge geschehen macht. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, die zweite Līlā, die von Sarasvatī die Gunst erlangt hatte, stieg in III:53 den Himmel auf und traf dort auf ihre Tochter. Das Mädchen selbst stellte sich Līlā vor. Und Līlā bat sie, sie zu ihrem Gemahl, dem König, zu führen. Das Mädchen flog gemeinsam mit ihrer Mutter davon. Als erstes durchreisten sie die Region der Wolken, danach die Region der Lüfte. Jenseits davon durchquerten sie die Umlaufbahn der Sonne und kamen in den strahlenden Sternenhimmel. Sie reisten noch weiter bis zu den Rei- chen von Brahmā dem Schöpfer, Vi«ïu und Śiva, und schließlich gelangten sie zum Gipfel des Universums. Es war so leicht für sie, wie es der Kälte des Eises leicht ist, durch einen Eisbecher zu dringen, ohne ihn zu beschädigen. Natür- 92
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    lich erfuhr Līlā,die über einen ätherischen Körper aus materialisierten Ge- danken verfügte, all dies innerhalb von sich selbst. Jenseits von diesem Universum durchquerte Līlā die Ozeane und andere Elemente, die dieses Universum umhüllen, und kam schließlich ins unendli- che Bewusstsein. In diesem unendlichen Bewusstsein gab es zahllose Univer- sen, von denen keines um die Existenz des anderen wusste. Līlā betrat jenes Universum, in dem der tote Körper des Königs Padma, be- deckt von einem Haufen Blumen, lag. Sie durchquerte wieder die Regionen der Götter (Brahmā usw.), betrat die Stadt und dann den Palast, in dem der Körper lag. Aber, oh weh! als sie sich umsah, konnte sie nirgends ihre Tochter sehen – sie war auf rätselhafte Weise verschwunden. Sie erkannte den König als ihren Gemahl und dachte, dass er, nachdem er den glorreichen Tod des Helden auf dem Schlachtfeld gestorben war, nun in den Himmel der Helden aufgestiegen sei. Sie dachte: „Durch die Gnade von Sarasvatī habe ich phy- sisch diesen Ort erreicht. Ich gehöre wahrhaftig zu den gesegnetsten unter den Menschen.“ Sie begann damit, dem Körper des Königs Luft zuzufächeln. DIE ERSTE LĪLĀ fragte Sarasvatī: Was taten die Diener des Königs, als sie sie erblickten? Sarasvatī erwiderte: Der König, die Diener des königlichen Haushalts und alle anderen sind nichts als unendliches Bewusstsein. Da das Substrat davon jedoch die Reflektion des unendlichen Bewusstseins ist, welches wirklich ist, und da es im Ablauf der Schöpfungen der Einbildungskraft einen ordnungs- gemäßen, durch Überzeugung begründeten Sinn gibt, können sie einander erkennen. Der Gemahl sagt: „Sie ist meine Frau“, und die Frau sagt: „Er ist mein Mann.“ Sie vermochte nicht in ihrem eigenen physischen Körper dieses neue Reich zu betreten, weil Licht nicht mit der Finsternis koexistieren kann. Und so lange in einem Menschen die blinde Vorstellung der Unwissenheit herrscht, kann keine Weisheit entstehen. Sobald die Weisheit über den eigenen äthe- risch-geistigen Körper entsteht, wird der physische Körper nicht mehr als real gesehen. Das ist die Gunst, die ich ihr gewährt habe. Der Empfänger der Gunst denkt: „So wie du mich durch deine Gunst denken lässt, so bin ich.“ Sie denkt daher, dass sie den Aufenthaltsort ihres Gemahls in ihrem physischen Körper erreicht habe. Man kann in einem Seil eine Schlange sehen, aber das Seil kann sich nicht wie eine Schlange verhalten. SARASVATĪ sagte: III:54 Nur derjenige, der den Hafen der Weisheit erreicht hat, oh Līlā, kann die ätherisch-geistigen Reiche betreten; niemand sonst. Diese Līlā besitzt diese Weisheit nicht, und daher bildet sie sich ein, dass sie die Stadt erreicht hat, in der ihr Gemahl wohnte. DIE ERLEUCHTETE LĪLù erwiderte: Es sei so, wie du sagst, oh Göttin. Aber sage mir bitte: Wie erlangen die Ob- jekte ihre Eigenschaften, wie das Feuer die Hitze, das Eis die Kälte und die 93
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    Erde die Festigkeit?Auf welche Weise erschien diese Weltordnung (niyati) ursprünglich? Wie entstanden Geburt und Tod? SARASVATĪ sagte: Meine Teure, während der kosmischen Auflösung verblieb, nachdem das gesamte Universum verschwunden war, nur das unendliche friedvolle Brah- man. Dieses unendliche Wesen der Natur des Bewusstseins fühlte dann „Ich bin“ und „Ich bin ein Atom aus Licht“. So erfährt es die Wahrheit dieser Aus- sage innerhalb von sich selbst. Es stellt sich auch innerhalb von sich selbst die Existenz der verschiedenen Geschöpfe vor. Da seine Natur reines und absolu- tes Bewusstsein ist, erscheint diese eingebildete Schöpfung als wirklich, wobei die Objekte ihre verschiedenen Eigenschaften in Übereinstimmung mit der Idee des unendlichen Bewusstseins erhielten. Was, wo und wie auch immer etwas während dieser ersten Schöpfung vom unendlichen Bewusstsein ersonnen oder ihm zu Gefallen erdacht wurde – all das ist hier und jetzt auf dieselbe ursprüngliche Weise und mit denselben Eigenschaften verblieben und erhalten. Auf diese Weise entstand hier eine endgültige Ordnung. Und diese Ordnung ist dem unendlichen Bewusstsein innewohnend. Alle diese Objekte und deren Eigenschaften waren sogar während der kosmischen Auflösung potentiell gegenwärtig – wohin hätten sie sich auflösen können? Und darüber hinaus – wie kann etwas nichts werden? Gold, das als Schmuck- stück erscheint, kann nicht gänzlich formlos werden. Obwohl alle Elemente dieser Schöpfung nichts als äußerste Leere sind, so existieren doch sämtliche Elemente mit sämtlichen Eigenschaften innerhalb dieser Ordnung bis heute weiter; genauso, wie sie anfangs ersonnen worden sind. All dieses ist nur von einem relativen Gesichtspunkt aus wahr, denn das Universum wurde niemals wirklich erschaffen. Das einzige, was immer ist, ist das unendliche Bewusstsein und nichts anderes. Es gehört zur Natur der Erscheinung, als real zu erscheinen, obwohl sie unreal ist. So besteht die Ordnung (niyati) des Universums, und bis heute konnte nichts an ihr geändert werden. Das unendliche Bewusstsein selbst hat alle diese Elemente innerhalb seiner selbst erdacht und sie innerhalb seiner selbst erfahren. Und diese Erfahrung hat sich dann scheinbar materialisiert. SARASVATĪ fuhr fort: In Übereinstimmung mit der Ordnung in der allerersten Schöpfung wurden die menschlichen Wesen mit einer Lebenspanne von ein-, zwei-, drei- oder vierhundert Jahren ausgestattet. Die Kürze oder Länge einer Lebensspanne hängt von der Reinheit oder Unreinheit der folgenden Faktoren ab: Dem Land, der Zeit, der Aktivität und den verwendeten und verbrauchten Materia- lien. Wer die Vorschriften der Schriften befolgt, erfreut sich der von diesen Schriften garantierten Lebensspanne. So lebt also die Person ein kürzeres oder längeres Leben, bis sie an ihr Ende gelangt. 94
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    DIE ERLEUCHTETE LĪLùsagte: Oh Göttin, erleuchte mich bitte zur Frage des Todes: Ist er angenehm oder unangenehm, und was geschieht nach dem Tode? SARASVATĪ sagte: Meine Teure, es gibt drei Arten menschlicher Wesen: Der Tor, derjenige, der Konzentration und Meditation praktiziert, und der Yogi (der Weise). Die beiden letzten Arten des menschlichen Lebewesens geben den Körper mit Hilfe der Praxis des Yoga der Konzentration und Meditation auf und scheiden nur durch ihren eigenen Willen und wann es ihnen gefällt, ab. Der Tor jedoch, der keine Konzentration und Meditation praktiziert hat und das Opfer der Kräfte außerhalb von ihm selbst ist, erfährt beim Nahen des Todes große Qual. Er empfindet dann ein schreckliches Brennen in sich. Sein Atmen wird mühsam und schwer. Sein Körper verfärbt sich. Er betritt eine tiefe Finsternis und sieht den ganzen Tag lang die Sterne. Er wird be- nommen und fühlt sich schwindlig. Sein Sehvermögen ist verwirrt: Er sieht die Erde als Raum und den Himmel als feste Erde. Er erfährt alle möglichen Arten von Wahnvorstellungen – dass er in einen Brunnen falle, in einem Stein eingeschlossen sei, in einem ungeheuer schnellen Fahrzeug fahre, dass er wie Schnee dahinschmelze, dass er mit einem Seil abgeschleppt werde, dass er wie ein Grashalm davonfliege usw. Er möchte diese Leiden ausdrücken, ver- mag es jedoch nicht. Nach und nach verlieren seine Sinne ihre Kräfte, und schließlich vermag er nicht einmal mehr zu denken. Daher versinkt er schließlich in Unwissenheit und Ahnungslosigkeit. DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte: Wie kann es sein, dass er diese Agonie und Unwissenheit erfährt, wenn doch alle stets mit den acht Gliedern ausgestattet sind? SARASVATĪ erwiderte: So ist die Ordnung, die am Anfang der Schöpfung durch das unendliche Be- wusstsein errichtet worden ist. Wenn der Lebensatem nicht mehr frei fließt, hört das Leben der Person auf. Jedoch ist all dies nur imaginär, eingebildet. Wie kann unendliches Bewusstsein aufhören zu sein? Der Mensch ist selbst nichts anderes als unendliches Bewusstsein. Wer stirbt also und wann, und zu wem gehört dieses unendliche Bewusstsein, und wie? Sogar wenn Millio- nen von Körpern sterben, existiert dieses Bewusstsein ohne jede Verminde- rung weiter. DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte: III:55 Bitte fahre mit deinen Ausführungen zu Geburt und Tod fort. Indem ich ih- nen zuhöre, werde ich gewiss meine Weisheit vertiefen. SARASVATĪ sagte: Wenn der Lebensatem zu fließen aufgehört hat, wird das Bewusstsein des Individuums völlig passiv. Bitte denke aber daran, oh Līlā, dass Bewusstsein stets rein, ewiglich und unendlich ist – weder entsteht es, noch hört es auf zu sein. Auf immer ist es anwesend in den bewegten und unbewegten Kreaturen, im Himmel, auf den Bergen und in Feuer und Luft. Wenn der Lebensatem 95
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    aufhört, sagt manvom Körper, dass er „tot“ oder „leblos“ sei. Der Lebensatem kehrt zu seiner Quelle – der Luft – zurück, und das Bewusstsein verbleibt, befreit von Erinnerungen und Neigungen, als das Selbst. Dieses atomische, ätherisch-geistige Partikel, welches von diesen Erinne- rungen und Neigungen besessen ist, wird als der jīva bezeichnet. Er verbleibt dort, wo sich der tote Körper befindet. Und dies bezeichnet man als „preta“ (abgeschiedene Seele). Dieser jīva gibt nun alle seine Ideen und all das, was er bis dahin gesehen und aufgenommen hat, auf und nimmt andere Dinge wahr, ähnlich wie im nächtlichen Traum oder beim Tagträumen. Nach einem kurzen Absinken des Bewusstseins beginnt der jīva sich dann einzubilden, dass er einen anderen Körper, eine andere Welt und eine weitere Lebensspanne vor sich hat. Oh Līlā, es gibt sechs verschiedene Arten dieser „abgeschiedenen Seelen“, nämlich böse, schlimme und schlimmste Sünder und gute, bessere und beste Tugendhafte. Und diese sind natürlich wieder in Untergruppen einzuteilen. (Im Falle des schlimmsten Sünders kann der Zeitraum des Absinkens des Bewusstseins eine beträchtliche Zeit dauern.) Die schweren Sünder erleiden schreckliche Qualen in der Hölle und werden sodann als zahllose Lebewesen wiedergeboren, bevor sie endlich das Ende ihrer Seelenangst sehen. Sie können auch als Bäume für eine sehr lange Zeit existieren. Die mittleren unter den Sündern erleiden ebenfalls für eine beträchtliche Zeit ein Absinken des Bewusstseins und werden sodann als Würmer oder andere Tiere wiedergeboren. Die leichten Sünder werden schon bald als menschliche Wesen wiederge- boren. Der Beste unter den Rechtschaffenen steigt in den Himmel auf und erfreut sich dort seines Lebens. Später wird er dann in einer guten und wohlhaben- den Familie auf der Erde wiedergeboren. Der Mittlere unter den Rechtschaffenen geht in die Regionen der Himmli- schen und kehrt als Kind von Brāhmaïen usw. auf die Erde zurück. Sogar die Rechtschaffenen unter den Abgeschiedenen müssen, nachdem sie die himmlischen Freuden genossen haben, die Reiche der Halbgötter durch- schreiten, um die Konsequenzen der Ungerechtigkeiten zu erleiden, die sie vielleicht begangen haben. SARASVATĪ fuhr fort: Alle diese abgeschiedenen Seelen erfahren im eigenen Innern die Früchte ihrer vergangenen Handlungen. Zuerst entsteht da die Idee von „Ich bin tot“, und dann „Ich werde von den Boten des Todesgottes davongetragen“. Der Rechtschaffene bildet sich dann ein, dass er in den Himmel kommt, während der gewöhnliche Sünder sich einbildet, er stünde vor dem Gerichtshof Gottes, wo er für sein vergangenes Leben mit der Unterstützung von Citragupta (der 96
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    verborgenen Aufzeichnung allerTaten einer Person) geprüft und beurteilt wird. Was immer der jīva sieht, dass erfährt der jīva. Denn in diesem leeren Raum des unendlichen Bewusstseins gibt es nichts, was als Zeit, Tätigkeit usw. bekannt ist. Dann bildet sich der jīva ein: „Der Gott des Todes hat mich in den Himmel (oder die Hölle) geschickt“, und „ich habe die Freuden (oder Leiden) des Himmels (oder der Hölle) genossen (oder erlitten)“, und „Ich bin als Tier usw. geboren, wie es der Todesgott mir bestimmt hat“. In diesem Moment betritt der jīva den Körper des Mannes durch die Nah- rung, die dieser isst. Er wird dann in die Frau übertragen und in diese Welt gebracht, wo er wiederum sein Leben in Übereinstimmung mit den Früchten seiner vergangenen Taten lebt. Dort wächst und vergeht er wie der Mond. Aufs Neue wird er dem Altern und dem Tod unterworfen. Dies wiederholt sich wieder und wieder, bis der jīva durch die Selbsterkenntnis Erleuchtung erfährt. DIE ERLEUCHTETE LĪLù fragte: Oh Göttin, teile mir bitte mit, wie all dieses ganz zu Anfang entstanden ist. SARASVATĪ erwiderte: Die Berge, die Wälder, die Erde und der Himmel – all dies ist nichts als un- endliches Bewusstsein. Nur dieses allein ist das wahre Wesen von allem. Daher vermag das reine, unendliche Bewusstsein als jede beliebige Form zu erscheinen, in der es sich zu manifestieren wünscht. Bis heute ist es so ge- blieben. Sobald der Lebensatem in die Körper eintritt und in den verschiede- nen Teilen des Körpers zu vibrieren beginnt, wird gesagt, dass die Körper leben. Solch lebende Körper existierten bereit zu Beginn der Schöpfung. Wenn der Lebensatem, der in die Körper eingetreten ist, nicht vibriert, dann sind diese Körper als Bäume oder Pflanzen bekannt. Es ist in der Tat nur ein winziger Teil des unendlichen Bewusstseins, der zur Intelligenz in diesen Körpern wird. Wenn diese Intelligenz in die Körper eintritt, lässt sie die ver- schiedenen Organe wie zum Beispiel die Augen entstehen. Wofür auch immer dieses Bewusstsein sich selbst durch Denken hält, des- sen Gestalt nimmt es an. Dieses Selbst von allem existiert daher in allen Kör- pern; mit der Eigenschaft der Bewegtheit in den bewegten und mit der der Unbewegtheit in den unbewegten Körpern. Daher sind alle diese Körper bis heute das, was sie immer waren. SARASVATĪ fuhr fort: Wenn dann diese Intelligenz, die Teil des unendlichen Bewusstseins ist, sich selbst für einen Baum hält, dann wird sie ein Baum; oder wenn sie sich für einen Stein hält, wird sie zum Stein; oder wenn sie Gras sein will, wird sie zu Gras. Da ist kein Unterschied zwischen dem Fühlenden und dem Nicht- Fühlenden, zwischen dem Trägen und dem Geistigen. In der Essenz der Sub- stanzen existiert überhaupt keinerlei Unterschied, denn das unendliche Be- 97
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    wusstsein ist überallund an jedem Ort gleichermaßen gegenwärtig. Die Un- terschiede entstehen nur, weil die Intelligenz sich selbst mit unterschiedli- chen Substanzen identifiziert. Dasselbe unendliche Bewusstsein wird in diesen unterschiedlichen Substanzen unter verschiedenen Namen gekannt. Dieses unendliche Bewusstsein wird von der Intelligenz als Würmer, Ameisen und Vögel gesehen. In ihm gibt es weder einen Vergleich noch einen Sinn für Unterschiede; ebenso wie Menschen, die am Nordpol leben, nichts von den Menschen am Südpol wissen (und sich daher nicht mit diesen vergleichen). Jede unabhängige Substanz, die als solche von dieser Intelligenz identifiziert werden, existiert für sich selbst, ohne sich von andern zu unterscheiden. Ihnen Unterschiede zuzuweisen wie „fühlend“ oder „nicht-fühlend“ ist so, wie wenn ein Frosch, der in einem Stein, und ein Frosch, der außerhalb geboren wurde, sich selbst als fühlend oder nicht-fühlend bezeichnen würden! Die Intelligenz, die Teil des unendlichen Bewusstseins ist, befindet sich überall und ist selbst zu Allem geworden. Indem sie etwas Bestimmtes zu sein wünschte, wurde sie am Anfang der Schöpfung dazu und ist bis heute so geblieben. Sie dachte sich selbst als endlosen Raum, sie dachte sich selbst als bewegte Luft, sie dachte sich selbst als das Nicht-Fühlende, sie dachte sich selbst als die fühlenden Wesen. All dies sind nur Einbildungen dieser Intelligenz. Er- scheinungen dieser Art sind nicht die Wirklichkeit, obschon sie wirklich scheinen. Oh Līlā, ich glaube, dass König VidÆratha nun in das Herz im Körper von König Padma einzutreten wünscht. Er bewegt sich gerade dorthin. DIE ERLEUCHTETE LĪLù sagte: Oh Göttin, lass uns in dieselbe Richtung gehen. SARASVATĪ sagte: VidÆratha stimmt sich nun auf das Ego-Prinzip (den Ich-Sinn) im Herzen von Padma ein und stellt sich vor, dass er in eine andere Welt reist. Lass uns dasselbe tun, aber auf unserem eigenen Weg, denn niemand kann den Weg eines anderen betreten! VASIåèHA fuhr fort: III:56 In der Zwischenzeit verließ der Lebensatem von König VidÆratha dessen Körper, wie die Vögel einen Baum verlassen, der zu fallen beginnt. Sein Geist stieg in astraler Form in den Raum auf. Līlā und Sarasvatī sahen dies und folgten ihm. Nach wenigen Augenblicken, als die Periode des Bewusstseins- zustandes nach dem Tode vorüber war, wurde diese astrale Form bewusst. Und der König phantasierte nun, dass er die dichte Form sehen könne, die die Verwandten für die Begräbnisriten zusammengesetzt hatten. Mit dieser reiste er südwärts und kam zum Gott des Todes, der dem König kundtat, dass er keine sündige Taten begangen habe, weshalb er seinen Boten 98
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    befahl, den Königunverzüglich in seinen eigenen früheren Körper (den des Padma) eingehen zu lassen, der einbalsamiert dalag. Sofort durchquerte der jīva des VidÆratha das Universum, in dem Padma’s Körper lag, und gelangte zum Palast. Ganz offenbar war VidÆratha mit dem Körper Padma’s durch den Ich-Sinn verbunden; so wie ein Mann, der in ferne Länder reist, immer noch an den Ort gebunden ist, an dem er seinen Schatz vergraben hat! RùMA fragte: Oh heiliger Herr, wenn die Verwandten eines Verstorbenen die Begräbnisri- ten nicht ordnungsgemäß ausgeführt haben, wie kann dann jemand die astra- le (ätherische) Form annehmen? VASIåèHA antwortete: Ob die Begräbnisriten nun ordnungsgemäß ausgeführt wurden oder nicht – sobald der Abgeschiedene davon überzeugt ist, dass sie ausgeführt wurden, erlangt er den Vorteil der astralen Gestalt. Es ist dies die altbekannte Wahr- heit: Was immer das eigene Bewusstsein in einem Moment ist – das ist, was man ist. Dinge (Objekte oder Substanzen) gelangen ins Sein aufgrund der eigenen Einbildung (Gedanke oder Idee), und an den Dingen entzünden sich dann neue Einbildungen. Gift verwandelt sich durch die eigene Einbildungs- kraft (oder den festen Glauben) in Nektar. Auf dieselbe Weise wird ein un- wirkliches Objekt oder eine Substanz wirklich, wenn der entsprechende intensive Glaube da ist. Ohne eine Ursache wird nirgendwo und zu keiner Zeit eine Wirkung produziert, und deshalb gibt es weder Einbildungen noch Ge- danken. Folglich ist außer dem einen ursachelosen, unendlichen Bewusstsein niemals irgendetwas entstanden oder erschaffen worden. Bleibe dieser Wahrheit auf immer gegenwärtig. Wenn die Begräbnisriten von den Verwandten mit dem rechten Glauben ausgeführt worden sind, dann hilft dies dem Geist der abgeschiedenen Seele; es sei denn, diese Seele ist ausgesprochen verwerflich gewesen. Kehren wir nun in den Palast von König Padma zurück. Wie schon gesagt, kamen Līlā und Sarasvatī wieder in den herrlichen Palast und in den Raum, in dem der einbalsamierte Leichnam von König Padma aufgebahrt lag. Alle königlichen Diener schliefen fest. VASIåèHA fuhr fort: Dort sahen sie neben König Padma die zweite Līlā, wie sie hingebungsvoll III:57 den Körper des Königs fächelte. Die erste Līlā und Sarasvatī konnten sie se- hen, aber jene sah sie nicht. RùMA fragte: Es wurde davon gesprochen, dass die erste Līlā zeitweise ihren Körper in der Nähe des Königs verlassen und mit Sarasvatī in einem ätherischen Körper gereist sein, aber nun wird der Körper der ersten Līlā überhaupt nicht mehr erwähnt. 99
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    VASIåèHA erwiderte: Als die erste Līlā erleuchtet wurde, gab die egoistische Einbildung ihres ätherischen, wahren Wesens ihre Verbindung mit der groben, physischen Form auf, die dann wie Schnee hinwegschmolz. Tatsächlich war es Līlā's aus Unwissenheit geborene Einbildung, die die Dinge so erscheinen ließ, als hätte sie einen physischen Körper. Es war so, wie wenn jemand träumt: „Ich bin ein Hirsch“. Wenn er dann aufwacht und den Hirsch nicht mehr vorfindet – würde er sich dann etwa auf die Suche nach ihm machen? Im Gemüt des Irregeführ- ten manifestiert sich das Unwirkliche selbst. Wenn diese Täuschung dann zerstreut wird (wie nach der Erkenntnis, dass da ein Seil und keine Schlange ist), dann gibt es auch nicht länger die unwissende Einbildung. Diese einge- bildete Gewissheit, dass das Unwirkliche wirklich sei, ist durch wiederholtes Daran-Glauben tief eingewurzelt worden. Auch ohne ihn zuvor zerstören zu müssen, kann man von einem ätheri- schen Körper zum nächsten gehen; so wie man in einem Traum eine Form nach der anderen annehmen kann, ohne die vorherige aufzugeben. Der Kör- per des Yogi ist wahrhaft unsichtbar und ätherisch, obwohl er in den Augen des unwissenden Zuschauers sichtbar zu sein scheint. Und es ist dieser durch seine eigene Unwissenheit getäuschte Zuschauer, der denkt und sagt: „Dieser Yogi ist nun tot.“ Denn wo ist der Körper – was existiert, und was stirbt? Was ist, das ist; es ist nur die Illusion, die verschwindet! RùMA fragte: Heiliger Herr, wird der physische Körper eines Yogis denn zu einem ätherischen Körper? VASIåèHA erwiderte: Wie viele Male habe ich es dir schon erklärt, oh Rāma, aber noch hast du es nicht erfasst. Es existiert immer nur der ätherische Körper, der jedoch auf- grund von Einbildung mit dem physischen Körper verbunden zu sein scheint. So wie ein unwissender Mensch (sich selbst für den physischen Körper hal- tend) nach dem Tode und der Verbrennung des Körpers einen subtilen Kör- per hat, so verfügt auch der Yogi zu Lebzeiten über einen ätherischen Körper, wenn er erleuchtet ist. Der physische Körper ist nur die Schöpfung der eigenen Einbildungskraft – er ist nicht wirklich. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Körper und der Unwissenheit. Zu glauben, sie seien zwei, ist saæsāra (der Lebenszyklus). VASIåèHA fuhr fort: III:58 In der Zwischenzeit hatte Sarasvatī VidÆratha's jīva davon abgehalten, in den Körper des Königs Padma einzutreten. DIE ERLEUCHTETE LĪLù fragte Sarasvatī: Oh Göttin – wieviel Zeit ist denn bis jetzt vergangen, seit ich hier in Kon- templation saß? SARASVATĪ erwiderte: 100
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    Du Teure, seitdu angefangen hast zu meditieren, ist ein Monat vergangen. Im Verlauf der ersten fünfzehn Tage ist dein Körper aufgrund der vom prāïāyāma erzeugten Hitze verdampft. Dann wurde er wie ein trockenes Blatt und fiel zu Boden. Dann wurde er steif und kalt. Die Minister dachten, du seiest aus freiem Willen gestorben und verbrannten diesen Körper. Auf- grund deines eigenen Wunsches erscheinst du nun hier in deinem ätheri- schen Körper. In dir sind jetzt weder Erinnerungen an vergangene Leben noch Neigungen vorhanden, die aus früheren Inkarnationen stammen. Denn wenn der Geist einmal in der Gewissheit seiner ätherischen Natur verankert ist, wird der Körper vergessen, so wie man in der Jugend sein Leben als Fötus vergisst. Heute ist der einunddreißigste Tag, und du bist nun hier. Komm, wir wollen uns dieser anderen Līlā zu erkennen geben. Als die zweite Līlā sie vor sich sah, fiel sie auf ihre Knie und betete sie an. SARASVATĪ fragte sie: Sage uns, wie du hierher gekommen bist. DIE ZWEITE LĪLù antwortete: Als ich im Palast von VidÆratha ohnmächtig wurde, wusste ich eine Zeitlang überhaupt nichts mehr. Dann sah ich, wie mein subtiler Körper in den Him- mel stieg und in einem Luftfahrzeug Platz nahm, das mich hierher brachte. Und dann sah ich, wie VidÆratha hier in einem Garten voller Blumen schla- fend lag. Ich glaubte, dass er von der Schlacht ermüdet sei und begann ihm zuzufächeln, ohne ihn aufzuwecken. Sarasvatī ließ nun VidÆratha's jīva un- verzüglich den Körper betreten. Der König erwachte sofort wie aus einem Schlummer. Beide Līlā‘s verbeugten sich vor ihm. Der König fragte sodann die erleuchtete Līlā: „Wer bist du und wer ist sie? Und von woher ist sie gekom- men?“ Die erleuchtete Līlā erwiderte: „Herr, ich bin deine Gemahlin aus deiner früheren Inkarnation und deine ständige Begleiterin, so wie das Wort und seine Bedeutung stets beieinander sind. Diese Līlā ist deine andere Frau; sie ist meine eigene Reflektion, die von mir zu deiner Freude erschaffen worden ist. Und jene, die dort drüben auf einem goldenen Thron sitzt, ist die Göttin Sarasvatī selbst. Sie befindet sich hier dank unserem guten, glücklichen Ge- schick.“ Als er dies hörte, setzte sich der König auf und begrüßte Sarasvatī. Sarasvatī segnete ihn mit langen Leben, Wohlstand usw. und mit der Erleuchtung. VASIåèHA fuhr fort: III:59, 60 Nachdem sie dem König den erbetenen Segen gewährt hatte, verschwand Sarasvatī an Ort und Stelle. Der König und die Königin umarmten einander voll Liebe. Die königlichen Diener, die beim Körper des Königs Wache hielten, erwachten und jubelten, dass der König wieder ins Leben getreten war. Der ganze Staat war in Feststimmung. Noch lange Zeit danach erzählten die Menschen aus nah und fern die Geschichte, wie die Königin Līlā aus der ande- ren Welt zurück kam, um dem König als Geschenk eine andere Līlā zu geben. 101
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    Der König vernahmvon der erleuchteten Līlā die Geschichte, die sich wäh- rend des vergangenen Monats abgespielt hatte. Er fuhr fort zu regieren und erfreute sich durch die Gnade Sarasvatī’s der Segnungen der drei Welten, die er ohne Zweifel durch seine Eigenbemühungen erlangt hatte. Dies ist die Geschichte von Līlā, oh Rāma, die ich dir hiermit in allen Einzel- heiten berichtet habe. Die Kontemplation dieser Geschichte wird dein Gemüt vom geringsten Glauben an die Wirklichkeit des Wahrgenommenen befreien. Wahrhaftig – wenn doch nur das, was wahr ist (was existiert), beseitigt wer- den kann – wie könnte dann das Unwirkliche beseitigt werden? Es gibt nichts zu beseitigen, denn all dieses (die Erde usw.), was vor deinen Augen erschie- nen ist, ist nichts als das unendliche Bewusstsein. Und falls irgendetwas er- schaffen worden sein sollte, dann geschah es durch dieses Bewusstsein und innerhalb davon. Alles ist so, wie es ist – nichts wurde jemals erschaffen. Du magst sagen, dass alles, was erscheint, die Schöpfung von Māyā sei, aber nicht einmal Māyā selbst ist wirklich! RùMA sagte: Hoher Herr, was für eine großartige Vision der letzten Wahrheit hast du mir verschafft! Aber, oh Heiliger, es gibt noch einen unstillbaren Hunger in mir nach dem Nektar deiner erleuchtenden Worte. Bitte, erkläre mir das Mysteri- um der Zeit, denn in der Geschichte von Līlā gibt es manchmal eine ganze Lebensspanne, die in acht Tagen und dann wiederum in einem Monat durch- lebt wird. Ich bin verwirrt. Sind dies verschiedene Zeitmaße in verschiedenen Universen? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, was auch immer man innerhalb seines eigenen Geistes denkt, wird von einem selbst erfahren. Sogar Nektar wird von demjenigen als Gift erfahren, der glaubt, es sei Gift. Freunde werden zu Feinden, und Feinde wer- den zu Freunden – ganz nach der inneren Einstellung. Das Objekt wird stets genau entsprechend den eigenen inneren Gefühlen erfahren. Für die leidende Person ist eine Nacht wie eine Ewigkeit, und eine Festnacht verfliegt wie ein Augenblick. Im Traum ist ein Moment nicht verschieden von einer Epoche. Für Brahmā ist die Lebensspanne eines Manu wie anderthalb Stunden, und Brahmā's Lebensspanne ist ein Tag für Vi«ïu. Vi«ïu's Lebensspanne wiede- rum ist ein Tag für Śiva. Aber für den Weisen, dessen Bewusstsein die Be- grenzungen überwunden hat, gibt es weder Tag noch Nacht. VASIåèHA fuhr fort: Der Yogi weiß, dass es das eigene Denken ist, welches Süßes in Bitteres und Bitteres in Süßes, Freunde in Feinde und Feinde in Freunde verwandelt. Auf dieselbe Weise kann man durch den Wandel des Gesichtspunkts und durch beharrliche Praxis Geschmack am Studium der Schriften, an Japa usw. entwi- ckeln, auch wenn man zuvor keinerlei Interesse dafür gezeigt hat. Denn alle diese Qualitäten befinden sich nicht in den Objekten, sondern allein im eige- nen Denken. Für den seekranken Mann dreht sich die Welt. Und so ähnlich 102
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    denkt der Unwissende,dass sich diese Qualitäten in den Objekten befinden. Der Betrunkene sieht an einer freien Stelle eine Mauer, und ein nicht- existenter Kobold tötet die verblendete Person. Diese Welt ist nichts als die Vibration von Bewusstsein im unendlichen Raum. Sie existiert so, wie auch der Kobold in den Augen des Unwissenden zu existieren scheint. Alles dies ist nichts als Māyā – denn es gibt keinerlei Wi- derspruch zwischen dem unendlichen Bewusstsein und der scheinbaren Existenz des Universums. Es ist wie der wunderbare Traum einer wachenden Person. Oh Rāma, im Herbst werfen die Bäume ihre Blätter ab; im Frühling lässt derselbe Baum neue Blätter sprießen, die gewiss schon zuvor im Baum vor- handen waren. Auf dieselbe Weise existiert diese Schöpfung die ganze Zeit über im absoluten Bewusstsein. Sie wird nicht als solche gesehen, wie auch die Flüssigkeit, welche im Gold existiert, nicht immer offensichtlich ist. Wenn der Schöpfer einer Epoche die Befreiung erlangt und der Schöpfer der nächs- ten Epoche das neue Universum aus seiner Erinnerung heraus projiziert, dann ist auch diese Erinnerung nichts anderes als unendliches Bewusstsein. RùMA fragte: Hoher Herr, wie kommt es, dass der König und auch die Untertanen diesel- ben objektiven Tatsachen erfuhren? VASIåèHA erwiderte: Es liegt daran, dass die Intelligenz all dieser jīvas stets auf dem einen, un- endlichen Bewusstsein gründet, oh Rāma. Auch die Untertanen dachten, dass dieser ihr König sei. Die Gedankenwellen im unendlichen Bewusstsein sind diesem natürlich und innewohnend – sie wurden durch nichts Bestimmtes hervorgerufen. So wie ein Diamant auf natürliche Weise funkelt, so denkt die Intelligenz des Königs „Ich bin König VidÆratha“. Ebenso ist es mit allen We- sen im Universum. Sobald jemandes Intelligenz in der Wahrheit über das unendliche Bewusstsein verankert ist, erreicht er den höchsten Zustand der Befreiung. Abhängig ist dies von der Stärke der Eigenbemühung. Der Mensch wird in zwei verschiedene Richtungen gezogen – hin zur Verwirklichung von Brahman dem Absoluten, und hin zum falschen Glauben an die Wirklichkeit der Welt. Wofür einer mit all seinen Kräften kämpft – das erreicht er! Sobald einer die Unwissenheit überwunden hat, verschwindet die irreführende Sichtweise des Unwirklichen für immer. RùMA fragte: III:61 Heiliger Herr, bitte kläre mich in Kürze ein weiteres Mal auf: Wie entstand ganz am Anfang, ohne jede Ursache, die täuschende Wahrnehmung von „Ich“ und „die Welt“? VASIåèHA erwiderte: So wie allen Dingen gleichermaßen die Intelligenz innewohnt, so existiert alle Zeit hindurch überall nur das Ungeschaffene, das Selbst von allem. Zwar 103
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    verwenden wir denAusdruck „alle Dinge“, jedoch ist dies nur eine Redensart, denn es existiert stets nur das unendliche Bewusstsein bzw. Brahman. So wie es keinen Unterschied zwischen einem Schmuckstück und Gold oder zwi- schen Wellen und Wasser gibt, so gibt es keinen Unterschied zwischen dem Universum und dem unendlichen Bewusstsein. Das letztere allein ist das eigentliche Universum, während das Universum als solches nicht das unend- liche Bewusstsein ist; ebenso wie das Schmuckstück aus Gold gemacht ist, aber das Gold nicht aus einem Schmuckstück. So wie wir uns auf einen Men- schen und dessen Gliedmaßen als auf ein und denselben Menschen beziehen, so beziehen wir uns auch auf die Gegenwart des unendlichen Bewusstseins als alle diese Wesen, worin in keiner Weise ein Unterschied impliziert ist. In diesem unendlichen Bewusstsein gibt es eine innewohnende Nicht- Anerkennung seiner unendlichen Natur. Diese manifestiert sich dann schein- bar als „Ich“ und „die Welt“. So wie das fertige Bildnis im Marmorblock exis- tiert, auch wenn es noch nicht herausgehauen worden ist, so existiert auch diese Idee von „Ich“ and „die Welt“ im unendlichen Bewusstsein. So wie in einem stillen Meer die Wellen in ihrem potentiellen Zustand bereits existie- ren, so existiert die Welt in ihrem potentiellen Zustand im unendlichen Be- wusstsein – eben dies wird als Schöpfung bezeichnet. Eine andere Bedeutung hat das Wort „Schöpfung“ nicht. Im Höchsten Sein oder im unendlichen Be- wusstsein findet keinerlei Schöpfung statt – das unendliche Bewusstsein ist in keiner Weise an der Schöpfung beteiligt. Sie stehen in keiner separaten Beziehung zueinander. Dieses unendliche Bewusstsein betrachtet sozusagen seinen eigenen Geist innerhalb seines eigenen Herzens, obgleich es nicht verschieden von ihm ist, wie auch der Wind nicht verschieden ist von seiner eigenen Bewegtheit. Im selben Moment, in dem sich eine unwirkliche Teilung ergibt, taucht im Be- wusstsein die Vorstellung von Raum auf, und dank der Macht des Bewusst- seins wird dies zum Element Raum oder Äther. Später glaubt dieses daran, Luft und dann Feuer zu sein. Aus dieser Idee heraus erscheinen dann Feuer und Licht. Es entwickelt ferner die Vorstellung von Wasser mit der Eigen- schaft des Geschmacks, und wiederum hält es sich dann selbst für die Erde, mit den Eigenschaften des Geruchs und der Festigkeit. So scheinen dann zum Schluss Erde und Wasser sich von selbst manifestiert zu haben. VASIåèHA fuhr fort: Zur selben Zeit unterhält dasselbe unendliche Bewusstsein in sich selbst die Vorstellung einer Zeiteinheit von einem Millionstel eines Augenblinzelns. Daraus entwickelte sich die gesamte Zeitskala bis hinauf zur Epoche, die aus mehreren Umwälzungen der vier Zeitalter besteht, was dann die Lebens- spanne einer kosmischen Schöpfung ergibt. Das unendliche Bewusstsein selbst ist an all dem nicht beteiligt, denn es ist frei von Aufgang und Nieder- gang (wie dies wesentlich für sämtliche Zeitskalen ist), und es ist frei von Anfang, Mitte und Ende. 104
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    Dieses unendliche Bewusstseinist die alleinige Wirklichkeit – immer er- wacht und erleuchtet. Ebenso steht es mit der Schöpfung. Dieses unendliche Bewusstsein ist die unerleuchtete Erscheinung dieser Schöpfung. Sogar nach dieser Schöpfung ist es stets dasselbe. Es ist auf ewig dasselbe. Wenn einer im Selbst und durch das Selbst realisiert, dass dieses Bewusstsein das absolute Brahman ist, dann erfährt er es als alles – so wie die eine Lebenskraft alle seine Glieder durchdringt. Man kann sagen, dass diese Welterscheinung nur insofern wirklich ist, als sie die Manifestation des Bewusstseins und eine direkte Erfahrung ist, und dass sie unwirklich ist, wenn sie mit dem Verstand und den Sinnesorganen erfasst wird. Wind wird in seiner Bewegtheit als wirklich erfahren und er- scheint als inexistent, wenn es keine Bewegung gibt. Auf diese Weise kann diese Welterscheinung als wirklich und unwirklich betrachtet werden. Diese einer Luftspiegelung ähnliche Erscheinung der drei Welten existiert als nicht verschieden vom absoluten Brahman. Die Schöpfung existiert in Brahman so, wie der Keimling im Samen ist, Flüs- sigkeit im Wasser, Süße in der Milch und Schärfe im Pfeffer. In der Unwissen- heit jedoch erscheint sie als verschieden und unabhängig von Brahman. Es gibt keine andere Ursache für die Existenz der Welt als die einer reinen Ref- lektion im absoluten Brahman. Sobald es eine Vorstellung der Schöpfung gibt, scheint diese auch zu sein. Wenn es dagegen durch Eigenbemühung ein Ver- stehen ihrer Nicht-Entstehung gibt, dann gibt es auch keine Welt mehr. Nichts wurde jemals irgendwo und irgendwann erschaffen, und nichts ge- langt daher jemals an ein Ende. Das absolute Brahman ist alles – höchster Friede, ungeboren, reines Bewusstsein und ewig. In jedem Atom entstehen Welten innerhalb von Welten. Was ist deren Ursache, und wie entstehen sie?! Wenn man sich von den Ideen des „Ich“ und der „Welt“ abwendet, dann ist man befreit, denn die Vorstellung von „Ich bin dies“ ist die die einzige Bin- dung hier. Diejenigen, die dieses unendliche Bewusstsein als das namenlose, formlose Substrat des Univerums erkennen, erlangen den Sieg über saæsāra (den Lebenszklus). RùMA fragte: III:62, 63 Es ist offensichtlich, dass Brahman allein existiert, oh heiliger Weiser! Aber aus welchem Grunde existieren dann alle diese Weisen und Heiligen in dieser Welt, als wären sie von Gott gesandt, und was überhaupt ist „Gott“? VASIåèHA erwiderte: Es existiert da, oh Rāma, die Macht oder Energie des unendlichen Bewusst- seins, welche alle Zeit in Bewegung ist. Diese allein ist die Wirklichkeit all dieser unvermeidlichen zukünftigen Ereignisse, denn sie durchdringt alle Epochen der Zeit. Durch diese Macht wird die Natur aller Objekte im Univer- sum bestimmt. Diese Macht (cit śakti) ist auch als Mahāsattā (die große Exis- tenz), Mahāciti (der große Geist), Mahāśakti (die große Macht), Mahād−«Âi (die große Sicht), Mahākriyā (das große Tun), Mahodbhavā (das große Wer- 105
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    den) und Mahāspandā(die große Vibration) bekannt. Es ist diese Macht, die jedem Ding seine eigentümlichen Qualitäten verleiht. Jedoch ist diese Macht nicht verschieden von oder unabhängig vom absoluten Brahman – sie ist so wirklich wie ein verrückter Traum. Die Weisen machen eine verbale Unter- scheidung zwischen Brahman und dieser Macht und erklären, dass die Schöp- fung das Werk dieser Macht sei. Die Unterscheidung bleibt jedoch rein verbal, so wie jemand vom Körper (als Ganzes) und seinen Teilen spricht. Das unendliche Bewusstsein wird seiner eigenen Macht bewusst, so wie jemand der Glieder seines Körpers bewusst wird. Dieses Gewahrsein wird niyati (die Macht des Absoluten, die der Natur gebietet) genannt. Es wird auch als daiva bzw. göttliche Fügung bezeichnet. Niyati hat dafür gesorgt, dass du mir diese Fragen stellst, und es ist eben- falls niyati, dass du entsprechend meiner Unterweisung tätig werden solltest. Und wenn jemand sagt: „Das Göttliche wird mich ernähren“, und untätig bleibt, dann ist dies ebenfalls das Werk von niyati. Dieses niyati kann nicht einmal von Göttern wie Rudra übergangen werden. Weise Menschen jedoch sollten deswegen nie die Eigenbemühung aufgeben, weil niyati nur als und durch die Eigenbemühung funktioniert. Dieses niyati verfügt über zwei As- pekte, nämlich menschliche und übermenschliche, wobei der erstere dort gesehen wird, wo die Eigenbemühung Früchte trägt, und der zweite dort, wo dies nicht der Fall ist. Wenn jemand untätig bleibt und sich darauf verlässt, dass niyati alles für ihn erledigt, dann wird er bald feststellen, dass das Leben schwindet, denn Leben ist Aktivität. Er kann durch Eintritt in den höchsten überbewussten Zustand den Atem anhalten und die Befreiung erlangen – aber eben das ist in der Tat die allergrößte Eigenbemühung! Allein das unendliche Bewusstsein erscheint als ein Ding an einem Ort und als ein anderes an einem anderen Ort. Da ist keinerlei Trennung zwischen diesem Bewusstsein und seiner Macht, wie es auch keine Trennung zwischen Welle und Wasser, Glieder und Körper gibt. Solche Trennungen werden nur von den Unwissenden erfahren. RùMA fragte: III:64, 65 Wenn also das unendliche Bewusstsein und seine eingeborene Kraft der Bewegung die einzige Wirklichkeit sind, wie erwirbt dann der jīva seine scheinbare Wirklichkeit in dieser Einheit, die ohne ein Zweites ist? VASIåèHA erwiderte: Es ist nur im Gemüt des Unwissenden, dass dieser schreckliche Kobold na- mens jīva als reflektierte Realität oder Erscheinungsform auftaucht. Niemand, nicht einmal die Weisen selbst vermögen zu sagen, was dieses ist, denn es ist ohne irgendwelche Anzeichen einer eigenen Natur. Im Spiegel des unendlichen Bewusstseins werden zahllose Reflektionen gesehen, die die Erscheinung der Welt bilden. Dies sind die jīvas. Der jīva ist 106
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    wie eine kleineWellenbewegung auf der Oberfläche des Ozeans von Brahman oder wie ein kleines Zittern der Kerzenflamme in einem windgeschützten Raum zu verstehen. Sobald aufgrund dieser leichten Erregung die Unendlich- keit des unendlichen Bewusstseins verschleiert wird, scheint eine Begren- zung des Bewusstseins aufzutauchen. Auch diese wohnt diesem unendlichen Bewusstsein inne. Und dieses begrenzte Bewusstsein ist als jīva bekannt. So wie der Funke einer Flamme mit einer brennbaren Substanz in Kontakt kommt und sich dann zu einer unabhängigen Flamme entzündet, so verdich- tet sich diese Begrenzung des Bewusstseins, sobald sie von den latenten Tendenzen und Erinnerungen gespeist wird, zu dem Ich-Sinn. Dieser Ich-Sinn ist keine feste Realität, aber der jīva betrachtet ihn als real – so wie man die Bläue des Himmels als real betrachtet. Sobald der Ich-Sinn seine eigenen Vorstellungen zu unterhalten beginnt, entstehen dadurch die Gedankenwel- len, das Konzept eines selbstständigen und getrennten jīva, das Gemüt, Māyā oder die kosmische Illusion, die kosmische Natur usw. Die Intelligenz, die alle diese Vorstellungen unterhält, beschwört dann die natürlichen Elemente (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum) herauf. Mit diesen verknüpft wird dann dieselbe Intelligenz zu einem Funken aus Licht, obwohl sie in Wahrheit das kosmische Licht ist. Schließlich verdichtet sie sich in zahllose Formen; irgendwo wird sie zu einem Baum usw., anderswo zu einem Vogel, wieder woanders zu einem Kobold usw., und wieder anderswo zu Halbgöttern usw. Die allererste dieser Modifikationen wird zum Schöpfer Brahmā und erzeugt durch Gedanke und Wille weitere. Somit ist diese Vibra- tion im Bewusstsein allein der jīva, karma und Gott, und dann folgt der ganze Rest. Die Schöpfung (des Gemüts) ist nichts als eine Erregung im Bewusstsein, und die Welt existiert imGemüt! Sie scheint zu existieren aufgrund einer mangelhaften Sichtweise, eines mangelhaften Verstehens. Sie ist wirklich nicht mehr als ein langer Traum. Wird dies einmal verstanden, dann hört alle Dualität auf, und Brahman, jīva, Gemüt, Māyā, Täter, Tätigkeit und Welt wer- den als Synonyme für das eine, nicht-duale, unendliche Bewusstsein gesehen. VASIåèHA fuhr fort: III:66, 67 Das Eine wurde nie zur Vielfalt, oh Rāma. Wenn viele Kerzen aneinander angezündet werden, dann brennt dieselbe Flamme in allen Kerzen, und so erscheint auch dieses eine Brahman als viele. Wer über die Unwirklichkeit dieser Vielfalt kontempliert – der ist frei vom Kummer. Der Jīva ist nichts anderes als eine Begrenzung des Bewusstseins. Sobald diese Begrenztheit verschwunden ist, kommt der Friede; so wie für jeman- den, der Schuhe trägt, die ganze Welt mit Leder gepflastert zu sein scheint. Was ist denn diese Welt? Nichts als eine Erscheinung; so wie eine Bananen- pflanze nur aus Blättern besteht. So wie der Alkohol einen dazu bringen kann, im leeren Himmel alle Arten von Wahnbildern zu erblicken, so bringt das Gemüt jemanden dazu, Vielfalt in der Einheitzu sehen. So wie ein Trunken- 107
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    bold die Bäumelaufen sieht, so nimmt der Unwissende in dieser Welt Bewe- gung wahr. Wenn das Gemüt Dualität wahrnimmt, dann sind da gleichzeitig die Dualität und ihr Gegenstück, die Einheit. Wenn das Gemüt die Wahrnehmung der Dualität fallen lässt, dann gibt es weder Dualität noch Einheit. Wenn jemand fest in der Identität des unendlichen Bewusstseins verankert ist, ob er nun untätig oder intensiv tätig ist, dann ist er im Frieden mit sich selbst. Wenn er auf diese Weise im höchsten Zustand gegründet ist, so wird dies auch als der Zustand des Nicht-Selbst oder der Zustand der Erkenntnis der Nicht-heit oderLeere bezeichnet. Aufgrund der Erregung des Gemüts sieht es so aus, als würde das Bewusst- sein zum Objekt der Erkenntnis werden! Daraufhin entstehen im Gemüt allerlei falsche Vorstellungen wie „Ich wurde geboren“ usw. Dieses Wissen ist nicht verschieden vom Gemüt. Daher wird es als Unwissenheit oder Täu- schung bezeichnet. Es gibt kein anderes Mittel, um sich von saæsāra oder der Welterscheinung zu befreien als die Weisheit oder Selbsterkenntnis. Nur Erkenntnis allein ist das Heilmittel für die falsche Wahrnehmung einer Schlange in einem Seil. Sobald es dieses Wissen gibt, hört das Verlangen des Gemüts nach Sinnesver- gnügen, welches die Unwissenheit vertieft, auf. Daher: Wenn du solche Be- gierden empfindest, dann befriedige sie einfach nicht! Worin besteht hier die Schwierigkeit? Solange das Gemüt Vorstellungen von Objekten unterhält, gibt es Erregung und Bewegung im Gemüt. Haben dagegen die Objekte oder Ideen aufgehört, dann gibt es weder Bewegung noch Gedanken im Gemüt. Sobald es da eine Bewegung gibt, erscheint die Welt als real; hat die Bewegung aufgehört, dann hört auch diese Welterscheinung auf. Die Bewegung der Gedanken selbst wird jīva, Ursache und Handlung genannt. Sie ist der keimende Same der Welterscheinung. Anschließend erfolgt die Schaffung des Körpers. VASIåèHA fuhr fort: Diese Bewegung der Gedanken entsteht aufgrund verschiedenster Ursa- chen. Der eine wird davon in dieser Lebensspanne befreit, und ein anderer nach Tausenden von Geburten. Sobald es diese Bewegung der Gedanken gibt, kann man die Wahrheit nicht sehen – dann entsteht dieses Gefühl von „Ich bin“, „Dies ist mein“ usw. Die Welterscheinung ist der Wachzustand des Bewusstseins, der Ich-Sinn ist der Traumzustand, die (potentiellen) Gedankenwellen sind der Zustand des Tiefschlafs, und reines Bewusstsein ist der vierte Zustand oder die unbe- strittene Wahrheit. Jenseits dieses vierten Zustandes ist die absolute Reinheit des Bewusstseins. Wer hier verankert ist, ist jenseits des Kummers. Man sagt, dass die Welterscheinung als Ursache das absolute Brahman ha- be; auf dieselbe Weise, wie der Himmel (Raum) die Ursache für das Wachs- tum eines Baumes ist (der Himmel behindert sein Wachstum nicht und somit 108
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    fördert oder verursachter es). Die Wahrheit ist jedoch, dass Brahman weder ein aktiver noch kausaler Faktor ist – enthüllt wird dies durch die Erfor- schung. So wie jemand in der festen Erde gräbt und nichts als leeren Raum findet, je weiter er gräbt, so wird einer, der erforscht, die Wahrheit entdecken, dass all dies nichts anderes als das unendliche Bewusstsein ist. RùMA fragte: Bitte sage mir, wie es kommt, dass diese Schöpfung so sehr ausgebreitet vor uns liegt? VASIåèHA fuhr fort: Die Vibration im unendlichen Bewusstsein ist nicht verschieden vom Be- wusstsein selbst. Von dieser Vibration wird der jīva manifest, und auf diesel- be Weise geschieht es ausgehend vom jīva, dass das Gemüt manifest wird, weil der jīva denkt. Das Gemüt selbst unterhält die Vorstellungder fünf Ele- mente und transformiert sich dann selbst in diese Elemente hinein. Woran auch immer das Gemüt denkt – dies allein sieht es dann. Nach all diesem erwirbt der jīva die Sinnesorgane – die Zunge, die Augen, die Nase, den Be- rührungssinn usw. Hier gibt es keinerlei kausale Verbindung zwischen dem Gemüt und den Sinnen, aber eine Koinzidenz zwischen dem Gedanken und der Manifestation der Sinnesorgane – so wie eine Krähe auf einem Palmbaum sitzt und zufällig eine Frucht herunterfällt, und es nun so aussieht, als hätte die Krähe die Frucht gelöst! Auf diese Weise tritt der erste kosmische jīva ins Sein. RùMA fragte: Heiliger Herr, wenn die Unwissenheit in Wahrheit als solche nicht existiert, weshalb sollte man sich dann überhaupt um Befreiung oder Untersuchung kümmern? VASIåèHA erwiderte: Rāma, dieser Gedanke sollte zu seiner eigenen Zeit auftauchen, aber nicht jetzt! Blumen blühen und Früchte reifen, wenn ihre Zeit gekommen ist. Der kosmische jīva spricht „OM“ und erzeugt durch puren Willen die ver- schiedenen Objekte. So wie der Schöpfer Brahmā willentlich ins Leben geru- fen worden ist, so wird auch ein Wurm ins Leben gerufen. Da der Wurm je- doch in Unreinheit gefangen ist, ist seine Tätigkeit bedeutungslos. Die Unter- scheidung ist illusorisch. In Wahrheit gibt es keine Schöpfung und daher auch keinerlei Trennung. *** Die Geschichte von KarkaÂī III:68, 69 VASIåèHA fuhr fort: 109
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    In diesem Zusammenhang,oh Rāma, existiert eine alte Legende, die ich dir jetzt erzählen werde. Im Norden des Himālaya lebte einmal eine schreckenerregende Dämonin namens KarkaÂī. Sie war riesig, schwarz und fürchterlich anzusehen. Diese Dämonin konnte nie genug zu essen bekommen und war deshalb niemals satt. Sie dachte: „Wenn ich nur alle Menschen, die auf dem JambÆdvīpa- Kontinent leben, als eine einzige Mahlzeit aufessen könnte, dann würde mein Hunger verschwinden wie eine Luftspiegelung nach einem starken Regen. Das wäre eigentlich nicht unangemessen, da angemessen ist, was das eigene Leben erhält. Da die guten Leute von JambÆdvīpa jedoch fromm, wohltätig und Gott ergeben sind und über gute Heilkräuterkenntnisse verfügen, wäre es unangemessen, diese friedliebenden Leute zu quälen. Ich werde mich mit Bußübungen begnügen, denn durch Bußübungen kann das erlangt werden, was ansonsten äußerst schwer zu erlangen ist.“ KarkaÂī stieg sodann auf einen der schneebedeckten Gipfel und begann ihre Bußübung, indem sie auf einem Bein stand. Sie stand fest wie eine Marmor- statue und bemerkte nicht, wie die Tage und Monate vergingen. Im Laufe der Zeit wurde sie so mager, dass sie wie ein in durchsichtige Haut gekleidetes Skelett aussah. So verblieb sie eintausend Jahre lang. Nachdem tausend Jahre vergangen waren, erschien ihr der Schöpfer Brahmā, der über ihre Bußübung erfreut war, denn durch intensive Buß- übung kann alles erlangt werden – sogar giftige Nebel werden durch sie auf- gelöst. Sie verneigte sich im Geiste vor ihm und fragte sich, um welche Gunst sie ihn bitten sollte. „Aber ja“, dachte sie, „ich werde darum bitten, dass ich zu einer lebenden Stahlnadel (SÆcikā, ), einer Verkörperung von Krankheit, werde. Mit Hilfe dieser Gunst werde ich gleichzeitig in die Herzen aller Wesen eindringen, meinen Wunsch erfüllen und meinen Hunger befriedigen.“ Als Brahmā zu ihr sprach: „Deine Bußübungen haben mich erfreut. Sprich einen Wunsch nach deiner Wahl aus“, äußerte sie ihren Wunsch. BRAHMù sagte: So sei es, du sollst dann auch Vi«Æcikā ( Cholera-Virus) sein. Indem du eine subtile Gestalt erhältst und in ihre Herzen eindringst, wirst du in denjenigen Qualen hervorrufen, die die falsche Nahrung essen und unbekümmert ein falsches Leben leben. Jedoch vermag man sich davon zu befreien, wenn man das folgende Mantra spricht: himādrer uttare pārśve karkaÂī nāma rāk«asī vi«Æcikābhidhānā sānāmnā 'py anyāyabādhikā oæ hrāæ hriæ śrīæ rāæ vi«ïuśākttaye namo bhagavati vi«ïuśaktti ehi enāæ hara hara daha daha hana hana paca paca matha matha utsādaya utsādaya dÆre kuru kuru svāhā vi«Æcike tvam himavantaæ gaccha gaccha jīvasāra candramaïdalam gato 110
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    'si svāhā Werein Meister dieses Mantras ist, sollte es an seinem linken Arm tragen. Und indem er dabei an den Mond denkt, soll er mit dieser Hand über den Patienten streichen, der daraufhin sofort geheilt sein wird. VASIåèHA fuhr fort: III:70 Und sofort, oh Rāma, begann der Körper der Dämonin langsam auf die Grö- ße einer Nadel zu schrumpfen. Sie wurde so fein, dass man sich ihre Existenz nicht einmal mehr vorzustellen vermochte. Sie wurde von so extrem subtiler Gestalt wie die susumna nadi (subtile, spirituelle Nervenbahn), die die Basis des Rückgrats mit der Krone des Hauptes verbindet. Sie war wie das von den Buddhisten beschriebene alaya-Bewusstsein. Unverzüglich folgte ihr ihre andere Gestalt, die als Vi«Æcikā (Cholera) bezeichnet wurde. Obgleich sie nun extrem subtil und unsichtbar geworden war, hatte sich ih- re dämonische Mentalität nicht im geringsten verändert. Zwar hatte sie die Gunst erhalten, die sie sich gewünscht hatte, jedoch konnte sie ihr Verlangen nach dem Verzehr aller Wesen immer noch nicht befriedigen! Der Grund lag darin, dass sie nur die Größe einer Nadel hatte!! Wie seltsam: Die Verblende- ten verfügen über keine Voraussicht. Die gewaltsamen Anstrengungen, die eine selbstsüchtige Person macht, um ihre selbstsüchtigen Ziele zu erlangen, führen am Ende zu gegenteiligen Ergebnissen; so wie eine Person ihr eigenes Spiegelbild nicht sehen kann, wenn sie heftig atmet und keucht, weil durch ihren Atem der Spiegel beschlagen wird. Auf ähnliche Weise hatte die Dämonin ihren riesigen Körper aufgegeben und war für diesen Körper gestorben, nur um ihr Bestreben zu verwirklichen, zu einer Nadel zu werden. Sogar der Tod wird wünschenswert für eine Per- son, die hinter einem selbstsüchtigen Ziel herjagt und die von einem exzessi- ven Verlangen besessen ist. Vi«Æcikā strahlte und war so subtil wie Blumenduft. Abhängig von der Le- benskraft anderer, war sie ihrer eigenen Aufgabe ergegeben. Mit Hilfe ihrer zweifachen Gestalt als SÆcikā und Vi«Æcikā wanderte die Dämonin nun in der Welt umher und suchte die Menschen heim. Durch ihren eigenen Wunsch wurde sie winzig – denn die Menschen werden das, was sie sich intensiv wünschen. Menschen mit niedriger Gesinnung beten sogar um Bagatellen, so wie die Dämonin darum gebetet hatte, in eine mörderische Nadel verwandelt zu werden. Die eigene Natur kann nur sehr schwer durch Bußübungen überwunden werden. SÆcikā betrat die physischen Körper von Menschen, die aufgrund von frü- heren Krankheiten schon hinfällig geworden waren, oder die Fettleibigkeit entwickelt hatten, und verwandelte sich dann selbst in Vi«Æcikā (Cholera). SÆcikā betrat sogar das Herz einer gesunden und intelligenten Person und verdarb deren Intellekt. In manchen Fällen jedoch verließ sie diese Person wieder, sobald diese sich mit der Hilfe eines Mantras oder mit Medizin einer Heilbehandlung unterzog. 111
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    So durchstreifte dieDämonin viele Jahre lang die Erde (diese Dämonin stellt vielleicht den Cholera-Virus dar. Der aufgezeigte Zusammenhang von falscher Ernährung und falschen Lebensgewohnheiten ist interessant). VASIåèHA fuhr fort: SÆcikā verfügte über zahllose Verstecke. Unter diesen waren: Staub und Schmutz der Erde, schmutzige Finger, Fäden im Stoff, in den Muskeln inner- halb des Körpers eines Menschen, schmutzige, mit Staub bedeckte Haut, unsaubere Furchen in den Handflächen und anderen Teilen des Körpers (aufgrund von Altersschwäche), von Fliegen bedeckte Orte, in glanzlosen Körpern, an Stellen voll von verrottenden Blättern, an Orten ohne gesund- heitsfördernde Bäume, in Leuten mit schmieriger Kleidung und mit ungesun- den Gewohnheiten, in von Waldrodungen zurückgebliebenen Baumstümpfen, die eine Brutstätte von Fliegen sind, in Lachen von brackigem Wasser, in verseuchtem Wasser, in offenen Abwasserabläufen, in von Durchreisenden benutzten Herbergen und in denjenigen Städten, in denen es viele Tiere wie Elefanten, Pferde usw. gibt. Wenn sie SÆcikā (eine Nähnadel) war, trug sie schmutzige Kleidungsstücke, die sie auf der Straße aufgelesen und zusammengenäht hatte. Sie wanderte frei in den Körpern kranker Menschen umher. So wie eine während langer Zeit vom Schneider benutzte Nähnadel ermüdet und auf den Boden fällt, um ein Schläfchen zu machen, so wurde auch SÆcikā müde von ihrer zerstöreri- schen Tätigkeit. So wie das Nähen die natürliche Funktion einer Nadel ist, so war Grausamkeit die Natur von SÆcikā. So wie die Nadel fortwährend den Faden verschlingt, der durch sie hindurch wandert, so fuhr SÆcikā damit fort, ihre Opfer zu verschlingen. In dieser Welt kann man beobachten, dass sogar gemeine und schlechte Menschen manchmal Mitleid mit anderen empfinden, die lange Zeit in Armut und Elend leben müssen. Auch SÆcikā sah den endlosen Faden, der durch sie in die Kleidung (ihr eigenes karma) gewandert war. Das beunruhigte sie. Siefühlte, dass diese düster anmutende Kleidung, die von ihr gewebt worden war (als SÆcikā oder die Nähnadel), ihr Gesicht bedeckte und sie blind mach- te. Sie fragte sich: „Wie kann ich diesen düsteren Schleier zerreißen? “ Sie (die Nadel) wanderte durch weiche (die guten Menschen) ebenso hindurch wie durch harte Kleidung (die schlechten Menschen), denn welche verrückte oder böse Person unterscheidet schon zwischen dem, was gut oder schlecht ist? Unbedroht und unbelästigt von anderen arbeitete SÆcikā weiter an Tod und Verderben für andere. Gebunden durch ihren karma-Faden baumelt sie auf gefährliche Weise hin und her. Als Jīva-sÆcikā bewegt sie sich in allen Wesen als die Lebenskraft, unterstützt von prana und apana. Sie unterzieht den jīva dem Leiden, indem sie ihm schreckliche Schmerzen bereitet (durch Gicht, Rheumatismus), die ihn den Verstand verlieren lassen. Sie betritt den Körper durch die Füße (wie eine Nadel) und saugt am Blut. Wie alle bösen Menschen erfreut sie sich am Leiden anderer. 112
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    (Als Vāsi«Âha sogesprochen hatte, ging die Sonne unter – ein weiterer Tag war zu Ende. Die Versammlung schloss für die Abendgebete.) VASIåèHA fuhr fort: III:71, 72 Nachdem sie auf diese Weise lange, lange Zeit gelebt hatte, war die Dämonin KarkaÂī schließlich gänzlich desillusioniert. Sie bereute ihren törich- ten Wunsch danach, die Menschen zu verschlingen, der ihr nichts als tausend Jahre schmerzhafter Bußübung und die niedrige Existenzform einer Nadel (und eines Cholera-Virus) eingebracht hatte. Nun begann sie ihr selbst her- beigeführtes Missgeschick zu beklagen: „Oh weh – wo ist mein Körper, riesig wie ein Berg, und was taugt diese Form einer Nadel hier? Manchmal falle ich in den Schlamm und versinke im Schmutz; die Leute trampeln mich nieder. Oh weh – ich bin verloren! Ich habe keine Freunde, niemand bedauert mich. Weder habe ich eine feste Unterkunft noch einen Körper, der dieses Namens wert ist. Ganz gewiss habe ich meinen Verstand und meine Sinne verloren! Das Gemüt, das auf Schwierigkeiten zusteuert, erzeugt zuerst Täuschung und Schlechtigkeit, und diese verwan- deln sich dann später in Missgeschick und Kummer. Nie bin ich frei, ich lebe immer nur durch die Gnade anderer. Ich bin in der Hand der anderen und muss tun, was diese mich zu tun machen. Ich suchte dem Kobold eines Wun- sches zu gefallen, um alle zu verschlingen, aber dies hat mir nur ein „Heilmit- tel“ in die Hand gegeben, das noch schlimmer als die eigentliche Krankheit ist. Und so ist ein noch größerer Kobold entstanden. Ganz sicher bin ich eine gehirnlose Närrin. Denn ich warf diesen großartigen und gigantischen Körper fort, um freiwillig den verabscheuungswürdigen Körper eines Virus (oder einer Nadel) zu erlangen. Wer wird mich nun aus der elenden Existenz eines Wesens, das sogar geringer ist als ein Wurm, befreien? Nicht einmal im Her- zen eines Weisen wird das kleinste Mitgefühl für ein derart lasterhaftes We- sen wie mich entstehen. Oh, wann werde ich wieder groß wie ein Berg sein und das Blut großer Wesen trinken?... Ich werde wieder eine Asketin werden und wie schon früher Bußübungen unternehmen.“ Und sofort gab KarkaÂī alle Wünsche nach dem Verschlingen lebender We- sen auf und ging in die Himālayas, um ihre strengen Bußübungen erneut aufzunehmen. Sie begann ihre Übungen, indem sie sich auf ein Bein stellte. Das Feuer ihrer Buße ließ die Krone ihres Hauptes rauchen, und daraus ent- stand eine andere Súcika – ein wohltuender Helfer. Ihr Schatten wurde zu einer weiteren Súcika – einem weiteren Helfer. Sogar die Bäume und Kletterpflanzen des Waldes bewunderten Súcika's Buße und verstreuten ihre Pollen für sie als Nahrung. Sie jedoch nahm nichts davon an. Sie blieb fest in ihrem Entschluss. Der Gott des Himmels sandte dort, wo sie stand, kleine Fleischstückchen herab, aber sie berührte sie nicht einmal. So stand sie siebentausend Jahre lang, gänzlich bewegungslos, unbe- rührt von Wind, Regen oder Waldbränden. 113
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    KarkaÂī's gesamtes Wesenwurde durch diese Bußübung vollständig gerei- nigt. Alle ihre sündhaften Neigungen wurden weggewaschen und sie erlangte die höchste Weisheit. Die Kraft ihrer Buße setzte sozusagen die Himālayas in Brand. Indra, der König des Himmels, erfuhr vom Weisen Nārada von KarkaÂī's noch nie dagewesenem Unternehmen. Als Antwort auf Indra’s Anfrage erzählte der WEISE NùRADA die Geschich- III:73 te von KarkaÂī: Dieser abscheuliche Kobold KarkaÂī wurde zu einer lebendigen Nadel, ein- geschlossen in einer metallenen Nadel. Als diese drang sie in die Körper sün- diger Menschen ein und befiel deren Muskeln, Gelenke und Blut. Sie trat in diese Körper wie der Wind ein und verursachte stechende und prickelnde Schmerzen. In diesen Körpern, die durch unreine Nahrung wie Fleisch usw. ernährt worden waren, rief sie die Schmerzen hervor. Sie fuhr auch in die Körper anderer Wesen wie Aasgeier und verschlang durch diese andere Köper. Durch die Macht ihrer Bußübungen erwarb sie die Fähigkeit, die Herzen und Gemüter aller Wesen zu betreten und an allem teilzuhaben, was ihr „Wirt“ tat. Was ist denn unmöglich für den, der unsicht- bar und subtil wie der Wind ist? Da sie jedoch manchmal einige Wesen mehr als andere und manche Ver- gnügen mehr als andere mochte (aufgrund ihrer unreinen Neigungen), band sie sich an diese und wurde von ihnen überwältigt. So wanderte sie frei um- her, zog sich jedoch bei Schwierigkeiten in den Nadelkörper zurück, so wie es unwissende Menschen in schwierigen Zeiten tun. Und doch war sie physisch nicht zufriedengestellt. Nur ein existenzielle Ge- gebenheit kann die entsprechenden existenziellen Erfahrungen machen – wie kann ein nicht-existenter Körper Zufriedenheit erfahren? Und so, gänzlich unzufrieden, fühlte Súcika sich elend. Um ihren früheren Körper eines gigan- tischen Kobolds wiederzuerlangen, begann sie aufs neue Bußübungen auszu- führen. Sie betrat den Körper eines Geiers, der auf die Gipfel des Himālayas flog. Dort warf der Geier die Nadel ab und flog davon. Mit der soliden Nadel als Unterstützung begann Súcika mit ihren Bußübun- gen, die bis heute andauern. Oh Indra – wenn du ihre Buße nicht unter- brichst, wird sie die Welt allein durch die Macht dieser Übungen zerstören. VASIåèHA fuhr fort: Als er dies vernahm, beauftragte Indra den Wind-Gott Vāyu, den genauen Aufenthaltsort von Súcika herauszufinden. Vāyu wehte durch sämtliche Pla- netensysteme des Universums, kam schließlich in die Regionen der Erde und des Himālayas, wo es wegen der Nähe zur Sonne keine Vegetation gab und das gesamte Gebiet wie eine öde Wüste war. VASIåèHA fuhr fort: III:74, 75 In den Himālayas sah Vāyu dann die Asketin Súcika stehen wie ein weiterer Berggipel. Da sie überhaupt nichts mehr gegessen hatte, war sie inzwischen 114
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    fast völlig ausgetrocknet.Als Vāyu (der Wind) in ihren Mund eindrang, spuck- te sie ihn wieder und wieder aus. Sie hatte ihre gesamte Lebensenergie in der Krone ihres Hauptes zusammengezogen und stand fest wie eine vollkomme- ne Yogini. Als er sie betrachtete, stand Vāyu staunend und vor Bewunderung still. Er konnte nicht einmal mit ihr sprechen. Überzeugt davon, dass sie sich den höchsten Bußübungen unterzogen hatte, kehrte Vāyu unverzüglich zu- rück in den Himmel und berichtete Indra: „Höchster Herr, im JambÆdvīpa-Kontinent vollführt SÆcikā beispiellose Bußübungen. Nicht einmal den Wind lässt sie in ihren Mund eintreten! Um den Hunger zu überwinden, hat sie ihren Magen in solides Metall verwandelt. Bitte gehe sofort zu Brahmā, dem Schöpfer, um sie durch die Gewährung der gewünschten Gunst zufriedenzustellen. Andernfalls wird die Macht ihrer Bußübung uns alle verbrennen.“ Daraufhin wandte Indra sich an Brahmā, der als Antwort auf sein Gebet sich dorthin begab, wo SÆcikā mit ihrer Buße beschäftigt war. SÆcikā war in der Zwischenzeit aufgrund ihrer Buße vollkommen rein ge- worden. Nur ihre beiden anderen Gestalten, nämlich ihr Schatten und das Feuer ihrer Askese, waren die Zeugen ihrer Buße. Sogar die Luft um sie her- um und die Staubpartikel, die mit ihr in Berührung kamen, erlangten nur durch den Kontakt mit ihr die letztliche Befreiung! Nun hatte sie tatsächlich die direkte Erkenntnis der höchsten, unverursachten Ursache von Allem erreicht – durch bloße Erforschung ihres eigenen Geistes. Ganz gewiss ist die direkte Erforschung der Gedankenbewegungen im eigenen Bewusstsein der höchste Guru oder Lehrer, oh Rāma, und niemand sonst. Brahmā sprach zu ihr: „Frage nach einer Gunst“ (sie hörte dies nicht mit ihren Sinnesorganen, die sie nicht mehr besaß, sondern sie nahm diese Frage in sich selbst wahr). Als Antwort darauf begann sie, sich selbst zu erforschen: „Ich habe die Verwirklichung des Absoluten erlangt – in mir gibt es keine Zweifel oder Wünsche mehr. Was für einen Nutzen kann eine Gunst jetzt noch für mich haben? Als ich ein unwissendes Mädchen war, wurde ich vom Ko- bold meiner Wünsche verfolgt. Jetzt, durch Selbsterkenntnis, ist dieser Geist von mir gegangen.“ Brahmā sagte: „Die ewige Weltordnung kann nicht ignoriert werden, oh As- ketin. Und es ist diese, die bestimmt hat, dass du deinen früheren Körper wiedererlangen, eine lange Zeit glücklich leben und dann die Befreiung erhal- ten sollst. Du sollst daher ein erleuchtetes Leben führen, nur die Schlechten und Sündigen heimsuchen und nur wenig Schaden verursachen, und dies auch nur, um deinen natürlichen Hunger zu stillen.“ SÆcikā akzeptierte, was Brahmā gesagt hatte, und schon bald wuchs ihr Nadelkörper wieder zu dem alten, bergähnlichen Körper heran. VASIåèHA fuhr fort: III:76, 77 Obgleich sie ihre alte, dämonische Gestalt wiedererlangt hatte, verharrte KarkaÂī für eine beträchtliche Zeit im überbewussten Zustand, frei von allen 115
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    dämonischen Neigungen. Sieverblieb am selben Ort – in der Lotoshaltung der Meditation sitzend. Nach einem Zeitraum von sechs Monaten wurde sie der äußeren Welt und ihres Körpers wieder voll bewusst. Unverzüglich begann sie Hunger zu spüren, denn solange der Körper existiert, ist er auch seinen eigenen physischen Gesetzen wie Hunger und Durst unterworfen. KarkaÂī überlegte: „Was soll ich nun essen? Wen soll ich verschlingen? Die Vernichtung anderer Lebewesen zum Zweck der Verlängerung des eigenen Lebens wird von den Weisen verurteilt. Da ich nun meinen Körper aufgebenmuss, wenn ich nicht diese verbotene Nahrung zu mir nehme, dann soll es so geschehen – ich vermag keinen Schaden darin zu erkennen. Unge- sunde Nahrung ist wie Gift. Außerdem gibt es für eine erleuchtete Person wie mich keinen Unterschied zwischen dem physischen Leben und dem Tod.“ Als sie so überlegte, hörte sie eine Stimme aus der Luft sagen: „Oh KarkaÂī, gehe zu den unwissenden und irregeführten Menschen und erwecke die Weisheit in ihnen. Für erleuchtete Wesen ist dies die einzig sinnvolle Aufgabe. Wer deinen Bemühungen, ihn zur Wahrheit zu erwecken, nicht folgt, den darfst du verzehren. Wenn du eine solche Person verschlingst, wirst du keine Sünde begehen.“ Als sie dies vernahm, stand KarkaÂī auf und stieg von den Bergen herab. Sie betrat einen dichten Wald, der von Bergstämmen und Jägern bewohnt war. Die Nacht brach herein. Es gab in diesem Gebiet einen König der Jäger namens Vikram. Wie es seine Gewohnheit war, ging dieser König zusammen mit seinem Minister in die finstere Nacht hinaus, um seine Untertanen durch die Unterwerfung von Räubern und Dieben zu beschützen. KarkaÂī erblickte diese beiden kühnen Männer, als sie ihre Gebete zu den Stammes-Halbgöttern des Waldes spra- chen. Als sie sie sah, überlegte KarkaÂī: „Gewiss sind diese beiden Männer hier- hergekommen, um meinen Hunger zu stillen. Sie sind unwissend und daher eine Last für diese Erde. Unwissende Leute wie diese leiden hier und hernach – Leiden ist die einzige Bestimmung in ihrem Leben! Der Tod ist eine will- kommene Befreiung von solchem Leiden. Vielleicht erwachen sie sogar nach ihrem Tode und suchen die Erlösung. Aber vielleicht sind sie ja weise Männer – und ich will keine weisen Leute töten. Denn wer sich ungetrübten Glücks, Ruhmes und eines langen Lebens zu erfreuen wünscht, der sollte unter allen Umständen gute Menschen würdigen und ehren, indem er ihnen all das gibt, was sie sich wünschen. Ich werde daher die Festigkeit ihrer Weisheit über- prüfen. Sollten sie tatsächlich weise sein, dann werde ich ihnen nichts tun. Weise und gute Menschen sind in der Tat große Wohltäter der Menschheit.“ VASIåèHA fuhr fort: III:78 116
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    Nachdem sie sichso zu einer Überprüfung des Königs und seines Ministers entschlossen hatte, stieß die Dämonin KarkaÂī einen schrillen Schrei aus und begann zu brüllen. Dann rief sie: „He, ihr beiden kleinen Würmer, die diesen finsteren Wald durchwandern! Wer seid ihr? Sagt es schnell, oder ich werde euch verschlingen.“ Der König erwiderte: „Oh du Geist, wer bist du, und wo bist du? Ich höre dich nur; lass dich doch auch sehen.“ Als die Dämonin diese kaltblütige und ruhige Frage des Königs vernommen hatte, erkannte sie sogleich, dass diese Frage berechtigt war und machte sich sichtbar. Der König und der Minister bekamen nun ihre schreckliche Gestalt zu sehen. Ohne aber im Geringsten beunruhigt zu sein, sprach der Minister zu ihr: „Oh Dämonin, weshalb bist du denn so böse? Es ist natürlich für alle Lebewesen, nach Nahrung zu verlangen. In der Ausübung und Verfolgung der natürlichen Lebensfunktionen muss niemand übel gesinnt sein. Sogar selbst- süchtige Ziele werden von den Weisen durch angemessene Mittel und sinn- volles Verhalten oder Tätigkeit erreicht, wenn sie ihren Ärger und ihre menta- le Erregung aufgegeben und Gleichmut und einen klaren Verstand gewonnen haben. Wir haben schon Tausende solcher Insekten wie dich kennen gelernt und sind stets auf gerechte Weise mit ihnen verfahren, denn es ist die Pflicht eines Königs, die Schlechten zu bestrafen und die Guten zu schützen. Gib deinen Ärger auf und erreiche dein Ziel, indem du dich der Besonnenheit zuwendest. Darin besteht das rechte Betragen; unabhängig davon, ob man nun seine Ziele verwirklichen kann oder nicht, sollte man stets friedfertig bleiben. Wende dich vertrauensvoll an uns mit deinen Bedürfnissen, denn wir haben noch niemals einen Bettler mit leeren Händen gehen lassen.“ KarkaÂī bewunderte aufs Äußerste den Mut und die Weisheit der beiden Männer. Siesah, dass es sich bei den beiden nicht um gewöhnliche menschli- che Wesen, sondern um erleuchtete Männer handelte, da schon der Anblick ihrer Antlitze ihr Herz mit Frieden erfüllte. Sobald zwei erleuchtete Wesen einander treffen, verschmelzen ihre Herzen in Frieden und Seligkeit, wie sich die Wasser zweier Bergflüsse im Zusammenfluss vermischen. Außerdem – wer sonst als ein weiser Mann könnte angesichts des fast sicheren Todes den Gleichmut bewahren? KarkaÂī dachte daher: „Ich will diese Gelegenheit nut- zen, um die Zweifel zu beseitigen, die sich noch in meinem Geist befinden. Wer die Gelegenheit des Zusammenseins mit weisen Männern nicht dazu nutzt, seine Zweifel zu klären, ist wahrhaftig ein Dummkopf. “ Auf ihre Bitte informierte der Minister sie über die Person des Königs. KarkaÂī gab daraufhin die folgende scharfe Erwiderung: „Oh König, du scheinst keinen sehr weisen Minister zu haben! Ein guter Minister macht den König weise, und so wie der König ist, so werden auch seine Untertanen sein. Die Herrschaft über das Reich und die gerechte Sichtweise entstehen aus der königlichen Wissenschaft (der Selbsterkenntnis). Wer diese nicht beherrscht, ist weder ein guter Minister noch ein weiser König. Wenn ihr beide keinerlei Selbsterkenntnis besitzt, dann werde ich euch entsprechend meiner eigenen 117
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    Natur verschlingen müssen.Um diese Frage zuvor zu klären, werde ich euch nun einige Fragen stellen. Ihr habt nichts anderes zu tun, als mir auf meine Fragen die richtigen Antworten geben. DIE DÄMONIN fragte: III:79 Oh König, was ist dies, was eins und doch viele ist, und in dem Millionen von Universen schwimmen wie Wellen im Ozean? Was ist reiner Raum, ob- gleich es nicht als solcher erscheint? Was ist es, das ich in dir und du in mir bist; was ist es, was sich bewegt und doch nicht bewegt, was feststeht, obwohl es nicht feststeht; was ist es, das wie ein Felsen ist, aber bewusst ist und wunderbare Spiele im leeren Raum spielt; was ist dies, das weder die Sonne, noch der Mond, noch das Feuer ist und doch auf ewig scheint; was ist dieses Atom, das so fern und doch so nah zu sein scheint; was ist dies, dass von der Natur des Bewusstseins ist und doch nicht gekannt werden kann; was ist dies, das alles und doch keines davon ist; was ist dies, das das Selbst von allen ist, und doch von Unwissenheit verhüllt und erst nach vielen Leben großer und hartnäckiger Bemühung wiedererlangt wird; was ist dies, das winzig wie ein Atom ist und doch einen Berg in sich trägt und die drei Welten in einen Grashalm verwandelt; was ist so klein wie ein Atom und doch unermesslich groß; was ist dies, das ohne seine winzige Natur aufzugeben, größer als der größte Berg ist; was ist dieses Atom, in dem das gesamte Universum wie der Same während der kosmischen Auflösung ruht? Was ist dies, das verantwortlich für die Funktion aller Elemente des Univer- sums ist, obwohl es selbst nicht im Geringsten tätig ist; wie Schmuckstücke aus Gold gemacht sind, aus was sind Seher, Sicht und Gesehenes gemacht; was ist es, das die dreifache Manifestation (d. h., der Seher, die Sicht und das Gesehene) verhüllt und enthüllt und in dem die scheinbar dreifache Untertei- lung der Zeit (in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft) enthalten ist, wie der Baum im Samen; was ist dies, das abwechselnd sich manifestiert und wieder verschwindet, wie der Baum aus dem Samen kommt und der Samen wiederum aus dem Baume? Oh König, wer ist der Schöpfer dieses Universums, und durch welche Macht existierst du und bist tätig als ein König, der seine Untertanen schützt und die Schlechten bestraft; was ist dies, das du mit deiner eigenen gereinigten Sichtweise erkennst, und in dem du als dieses allein ohne eine Trennung existierst? Oh König, beantworte mir diese Fragen, um dich selbst vom sicheren Tod zu erretten. Vertreibe mit dem Licht deiner Weisheit diese Finsternis des Zwei- fels in mir. Der ist kein weiser Mann, der nicht in der Lage ist, auf Fragen die Wurzel der Unwissenheit und der Zweifel zu durchschneiden. Wenn du jedoch nicht in der Lage sein solltest, diese Unwissenheit in mir zu vertreiben und diese Fragen zu beantworten, dann wirst du heute meinen Hunger stillen. DER MINISTER erwiderte: III:80 118
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    Gewiss werde ichdeine Fragen beantworten, oh ehrenwerte Dame! Denn alle deine Fragen beziehen sich auf das Höchste Selbst. Das Selbst ist subtiler als der Raum, denn es hat keinen Namen und kann nicht beschrieben werden. Weder der Verstand noch die Sinne können es erreichen oder verstehen. Es ist reines Bewusstsein. Das gesamte Universum existiert im Bewusstsein, welches wie ein Atom ist, so wie der Baum im Sa- men existiert. Jedoch existiert das Universum als Bewusstsein und nicht als das Universum. Dieses Bewusstsein ist, was die Erfahrung aller ist, und es ist daher allein das Selbst von allen. Da es selbst ist, ist auch alles andere. Das Selbst ist wie leerer Raum, aber kein Nichts, denn es ist Bewusstsein. Es ist – jedoch kann es vom Gemüt und den Sinnen nicht erfahren werden, und deshalb ist es gleichzeitig nicht. Obwohl das Selbst von allem, kann es selbst von niemandem erfahren werden (wie ein Objekt der Erfahrung). Obgleich Eines, wird es in den unendlichen Atomen des Seins reflektiert und erscheint daher als viele. Jedoch ist diese Erscheinungsweise ebenso unwirklich, wie das „Schmuckstück“ eine illusionäre Erscheinung des Goldes ist, welches als einziges wirklich ist. Und doch ist das Selbst nicht unwirklich. Weder ist es ein Nichts noch eine Leere – denn es ist das Selbst von allen; es ist sowohl das Selbst von dem, der sagt, dass es nicht sei, und es ist das Selbst von dem, der sagt, dass es sei! Mehr als das – seine Existenz kann indirekt erfahren werden, wie man die Existenz von Kampfer anhand seiner Geruchs erfahren kann. Es allein ist das Selbst von allen als Bewusstsein, und es allein ist die Substanz, die die Welterscheinung möglich macht. In diesem unendlichen Ozean des Bewusstseins tauchen spontan und auf natürliche Weise die als die drei Welten bekannten Wirbel auf; so wie auf ganz natürliche Weise Wirbel im fließenden Wasser entstehen. Weil dieses Bewusstsein jenseits der Reichweite von Gemüt und Sinnen ist, scheint es leer zu sein – da es jedoch durch Selbsterkenntnis erkannt werden kann, ist es kein Nichts. Aufgrund der Unteilbarkeit von Bewusstsein bin ich du und du bist ich – das unteilbare Bewusstsein jedoch wird niemals zu ich oder du! Sobald die falsche Vorstellung von „du“ und „ich“ aufgegeben wird, entsteht das Gewahrsein, dass es dich, mich und alles andere nicht gibt– vielleicht ist Es allein alles. Das Selbst, das Unendliche, bewegt sich nicht, obwohl es sich bewegt, und ist für immer in jedem Atom des Seins enthalten. Weder geht das Selbst ir- gendwo hin noch kommt es von irgendwo her, denn Raum und Zeit leiten ihre Bedeutung allein vom Bewusstsein selbst ab. Wohin könnte das Selbst gehen, wenn alles, was ist, in ihm ist? Wenn ein Krug von einer Stelle zu anderen getragen wird, so bewegt sich der darin enthaltene Raum nicht von einer Stelle zur anderen, denn alles ist stets nur im Raum enthalten. DER MINISTER fuhr fort: Das Selbst, welches reines Bewusstseins ist, scheint leblos und träge zu sein, wenn es scheinbar mit Leblosem und Trägem in Verbindung gebracht wird. Im unendlichen Raum lässt dieses unendliche Bewusstsein unendliche 119
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    Objekte erscheinen. Obgleiches so aussieht, als ob all dies geschah, ist die durch sie hervorgerufene Wirkung doch nichts als reine Phantasie, denn nichts ist geschehen. Folglich ist es sowohl Bewusstsein als auch Trägheit – der Täter und der Nicht-Täter. Die Wirklichkeit des Feuers ist dieses Selbst oder Bewusstsein, obwohl das Selbst weder brennt noch verbrannt wird, da es die Wirklichkeit in allem ist und unendlich. Es ist das ewige Licht, welches in der Sonne, dem Mond und dem Feuer scheint, aber unabhängig ist. Es leuchtet sogar dann noch, wenn jene untergegangen sind – es erleuchtet alles aus allem heraus. Es allein ist die Intelligenz, die Bäumen, Pflanzen und Kletterpflanzen innewohnt und sie erhält. Dieses Selbst oder unendliche Bewusstsein ist, vom gewöhnlichen Standpunkt her gesehen, der Schöpfer, der Erhalter und der Gebieter von allem. Und doch – von einem absoluten Standpunkt her betrachtet – hat es in Wirklichkeit als das Selbst von allem keine dieser begrenzten Rollen. Unabhängig von diesem Bewusstsein gibt es keine Welt – auch die Berge sind im atomischen Selbst. In ihm entstehen Bilder eines Momentes und einer Epoche, die wie reale Zeitabläufe erscheinen, so wie Dinge im Traum wirklich erscheinen. Im Zeitraum eines Augenblinzelns existiert eine ganze Epoche, so wie eine riesige Stadt in einem Spiegel erscheint. Wenn dies so ist – wie kann man dann noch die Realität von Dualität oder Non-Dualität geltend machen? Dieses atomische Selbst oder unendliche Bewusstsein allein ist es, welches als ein Moment oder eine Epoche, als nah oder fern erscheint, und es gibt nichts, was getrennt von ihm ist. Diese Aussage ist in keiner Weise wider- sprüchlich in sich selbst. Solange man das Schmuckstück als Schmuckstück sieht, wird es nicht als Gold gesehen, aber wenn klar ist, dass „Schmuckstück“ nur ein Wort und nicht die Wirklichkeit ist, dann wird das Gold gesehen. Auf dieselbe Weise geschieht es, dass das Selbst nicht gesehen wird, wenn man die Welt für wirk- lich hält. Wird diese Annahme jedoch aufgegeben, dann wird Bewusstsein realisiert. Es ist das alles – folglich ist es wirklich. Es wird nicht erfahren – daher ist es unwirklich. Was erscheint, ist nichts als die Zauberei von Māyā, die eine Trennung im Bewusstsein erschafft – in Subjekt und Objekt. Sie ist so wirklich wie eine geträumte Stadt. Weder wirklich noch unwirklich, ist sie nichts als eine andauernde Täuschung. Es ist die Annahme der Getrenntheit, die die Vielfalt erschafft, vom Schöpfer Brahmā bis hin zum winzigen Insekt. So wie ein einziger Same alle die vielfältigen Eigenschaften des Baumes alle Zeit in sich bewahrt, so existiert diese Vielfalt alle Zeit im Selbst, aber als Bewusstsein. KARKAèĪ sprach: III:81 Ich bin hoch erfreut über die Antworten deines Ministers, oh König. Nun würde ich gern deine Antworten vernehmen. DER KÖNIG sprach: 120
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    Deine Fragen, ohedle Dame, beziehen sich auf das ewige Brahman, welches reines Sein ist. Es wird gekannt, sobald die dreifache Modifikation von Wa- chen, Träumen und Tiefschlaf aufhört und das Gemüt von allen Gedankenwel- len befreit ist. Die Ausbreitung und der Rückzug seiner Manifestation werden allgemein als die Schöpfung und die Auflösung des Universums bezeichnet. Dies kommt als Stille zum Ausdruck, wenn das Bekannte an sein Ende ge- langt, denn jenes ist jenseits von jedem Ausdrucks. Es ist die extrem subtile Mitte zwischen den beiden Extremen, und diese Mitte selbst verfügt über zwei Seiten. Alle diese Universen sind nichts als seine spielerische, aber be- wusste Projektion. Als die Vielfalt des Universums scheint es in sich selbst geteilt zu sein, obwohl es in Wahrheit ungeteilt ist. Wenn dieses Brahman es wünscht, entsteht der Wind, obwohl dieser Wind selbst nichts anderes als reines Bewusstsein ist. Ähnlich dazu gibt es die unwirkliche Projektion von etwas, das wie Klang ist, sobald es den Gedanken an den Klang gibt. Die Wirklichkeit jedoch, die nichts als reines Bewusstsein ist, ist weit von dem entfernt, was als Klang und als dessen Bedeutung oder Substanz gedacht wird. Dieses höchste, subtile atomische Sein ist alles und nichts – ich bin es, und bin es doch wiederum nicht. Es allein ist. Durch seine Allmacht scheint all dieses zu sein. Dieses Selbst kann auf hunderterlei Art und Weise erlangt werden. Doch wenn es erlangt ist, dann wird in Wahrheit gar nichts erlangt! Es ist das Höchste Selbst, doch es ist nichts. So wandert man in diesem Urwald des saæsāra bzw. des Lebenszyklus umher, bis die Weisheit dämmert und die Wurzel der Unwissenheit durchschneidet, welche diese Welt als real erschei- nen lässt. So wie der unwissende Mensch vom Wasser in der Fata Morgana angezogen wird, so zieht diese Welterscheinung den unwissenden Menschen an. Die Wahrheit aber lautet, dass es das unendliche Bewusstsein ist, welches das Universum innerhalb von sich selbst wahrnimmt, durch die ihm eigene, als Māyā bekannte Macht. Was innerhalb gesehen wird, erscheint auch au- ßerhalb – wie die Halluzinationen eines Menschen, den die Leidenschaft rasend macht. Obwohl das Selbst extrem subtil, atomisch und reines Bewusstsein ist, wird das gesamte Universum gänzlich von ihm durchdrungen. Es ist dieses allge- genwärtige Wesen, welches durch seine Gegenwart diese Welterscheinung nach seiner Pfeife tanzen lässt. Es ist aufgrund seiner Allgegenwart, dass dieses feiner als der hundertste Teil einer Haarspitzeist und doch zugleich größer als das Größte. DER KÖNIG fuhr fort: Das Licht der Selbsterkenntnis allein erleuchtet alle Erfahrungen. Es leuch- tet durch sich selbst. Was ist das Licht, durch welches man „sieht“, wenn alle Lichter der Welt von der Sonne abwärts verlöscht sind? Es ist stets nur dieses innere Licht. Dieses innere Licht scheint außerhalb zu sein und die externen Objekte zu beleuchten. Die anderen Lichtquellen sind in der Tat nicht ver- schieden von der Dunkelheit der Unwissenheit und scheinen nur zu leuchten. 121
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    Denn obgleich eszwischen Nebel und Wolken keinen essenziellen Unter- schied gibt, beobachtet man oft, wie der Nebel Licht auszusenden scheint, während die Wolken es dagegen zu verdunkeln scheinen. Das innere Licht des Bewusstseins scheint auf immer innerhalb und außerhalb, Tag und Nacht. Rätselhafterweise erleuchtet es die Wirkungen der Unwissenheit, ohne je- doch die Finsternis der Unwissenheit zu entfernen. So wie die immer leuch- tende Sonne ihre wahre Natur mit Hilfe von Tag und Nacht enthüllt, so ent- hüllt das Licht des Selbst seine wahre Natur, indem es Bewusstsein und Un- wissenheit enthüllt. Innerhalb des atomischen Raumes des Bewusstseins existieren sämtliche Erfahrungen, so wie in einem Tropfen Honig die subtilen Essenzen von Blu- men, Blättern und Früchten existieren. Von diesem Bewusstsein gehen sämt- liche Erfahrungen aus, denn das Erfahren ist der alleinige Erfahrende. Was auch immer die besondere Beschreibung von Erfahrungen ist – sie sind alle enthalten im Errahren des Bewusstseins. Tatsächlich ist dieses unendliche Bewusstsein all dies. Alle Hände und Augen sind die seinen; obwohl es, weil es so extrem subtil ist, keine Glieder hat. Während eines Augenblinzelns erfährt dieses unendliche Bewusstsein innerhalb von sich selbst eine Epoche, so wie man in einem kurzen Traum Jugend, Alter und sogar Tod erfährt. Alle diese Objekte, die im Bewusstsein auftauchen, sind in der Tat nicht verschie- den vom Bewusstsein, so wie eine aus einem Stein herausgehauene Skulptur nichts als Stein ist. So wie der ganze Baum mit all seinen Verzweigungen schon im Samen enthalten ist, so ist das gesamte Universum der Vergangen- heit, Gegenwart und Zukunft im Atom des unendlichen Bewusstseins enthal- ten. Obwohl das Selbst weder der Täter von Handlungen noch der Erfahrende von Erfahrungen ist, ist es doch gleichwohl der Täter aller Handlungen und der Erfahrende aller Erfahrungen, denn es gibt nichts von ihm getrenntes. Innerhalb des Atoms des unendlichen Bewusstseins sind die Täterschaft und der Erfahrende enthalten. Die Welt jedoch wurde weder jemals wirklich erschaffen noch wird sie ver- schwinden. Als unwirklich wird sie nur von einem relativen Standpunkt her angesehen, während sie vom absoluten Standpunkt aus nicht verschieden vom unendlichen Bewusstsein ist. DER KÖNIG fuhr fort: Die Weisen benützen die Begriffe „Innen“ und „Außen“ – für sie sind es nur Worte ohne eine dazugehörige Substanz; sie dienen nur zur Belehrung der Unwissenden. Der Seher, der selbst ungesehen bleibt, sieht sich selbst, und der Seher wird niemals zu einem Objekt des Bewusstseins. Der Seher besteht nur in der Sicht. Sobald die latenten psychischen Eindrücke aufgehört haben, erlangt der Seher sein reines Wesen zurück. Sobald das externe Objekt imagi- niert wird, wird auch ein Seher erzeugt. Wenn es kein Subjekt gibt, gibt es auch kein Objekt – es ist der Sohn, der einen Mann zum „Vater“ macht. Es ist das Subjekt, das zum Objekt wird. Ohne ein Subjekt kann es kein Objekt ge- ben, so wie es auch ohne den Vater keinen Sohn geben kann. Weil das Subjekt 122
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    reines Bewusstsein ist,ist es auch fähig, das Objekt zu erzeugen. Es kann dagegen nicht anders herum sein, nämlich dass das Objekt die Geburt des Subjekts bewirkt. Der Seher allein ist wirklich, während das Objekt reine Halluzination ist. Gold allein ist wirklich, während das Schmuckstück nur Name und Form ist. Solange die Vorstellung des Schmuckstücks existiert, so lange wird auch das reine Gold nicht wahrgenommen. Solange die Vorstellung des Objekts andauert, so lange existiert auch die Trennung zwischen dem Seher und dem Gesehenen. So wie jedoch wegen des Bewusstseins im Schmuckstück das Gold seine „Güldenheit“ realisiert, so realisiert das Subjekt, welches sich als Objekt manifestiert, seine Subjektivität. Eines ist die Reflek- tion des anderen – eine echte Dualität besteht nicht. Der Seher sieht sich selbst nicht, wie er das Objekt sieht; er sieht sich selbst als das Objekt, und eben deshalb sieht er nicht – obgleich er selbst die zugrundeliegende Wirk- lichkeit ist, erscheint er als unwirklich. Wenn jedoch die Selbsterkenntnis auftaucht und das Objekt zu existieren aufhört, dann wird der Seher als die einzige Wirklichkeit realisiert. Das Subjekt existiert wegen des Objekts, und das Objekt selbst ist nichts als eine Reflektion des Subjekts. Die Dualität kann nicht existieren, wenn es nicht „eines“ gibt, und wozu dient die Idee von „Einheit“, wenn nur das Eine exis- tiert? Sobald daher mit den Mitteln der rechten Selbsterforschung und des rechten Verstehens wahre Erkenntnis erlangt wird, dann bleibt nur das zu- rück, was nicht in Worten ausgedrückt werden kann. Von diesem kann nicht ausgesagt werden, dass es Eines oder Vieles ist. Weder ist es der Seher noch das Gesehene, weder das Subjekt noch das Objekt, weder dies noch das. We- der die Einheit noch die Vielfalt kann wirklich als die Wahrheit angesehen werden, weil jede These die Antithese entstehen lässt. Und doch ist eines nicht verschieden vom „anderen“, so wie die Welle nichts als Wasser ist, und wie das Schmuckstück nichts als Gold ist. Und tatsächlich entspricht es der Wahrheit, dass die Getrenntheit keinen Widerspruch zur Einheit darstellt! Alle diese Spekulationen betreffend Einheit und Vielfalt dienen zu nichts anderem als zur Überwindung des Leidens – zur Realisierung dessen, was jenseits aller Wahrheit ist, das Höchste Selbst. VASIåèHA fuhr fort: III:82 Nachdem sie diesen weisen Worten des Königs gelauscht hatte, wurde KarkaÂī still, und ihre dämonische Natur verließ sie. Sie sprach zu ihnen: „Oh ihr weisen Männer seid beide wert, von allen verehrt und bedient zu werden. Durch die heilige Gemeinschaft mit euch gelangte ich zum gänzlichen Erwachen. Wer sich der Gemeinschaft mit erleuchteten Männern erfreut, leidet nicht in dieser Welt, so wie jemand mit einer brennenden Kerze in der Hand keinerlei Dunkelheit sieht. Bitte, sagt mir, was ich für euch tun kann. DER KÖNIG sprach: „Oh Edle, in meiner Stadt leiden viele Menschen an rheumatischen Herzbeschwerden. Außerdem gibt es im Land eine Cholera- Epidemie. Um diese Vorfälle zu untersuchen und eine Abhilfe für sie zu fin- den, sind mein Minister und ich heute nacht aus dem Palast hierher gekom- 123
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    men. Meine demütigeBitte an dich ist: Nimm nicht das Leben meiner Leute (KarkaÂī entsprach unverzüglich dieser Bitte des Königs). Aber sage mir nun bitte: Wie kann ich deine Güte erwidern und deinen Hunger stillen?“ KARKAèĪ erwiderte: „Ich hatte einst die Absicht, mich im Himālaya Askeseübungen hinzugeben und den Körper zu verlassen. Jetzt jedoch habe ich diese Idee fallengelassen. Ich werde dir etwas aus meinem früheren Leben erzählen. Früher einmal was ich eine Dämonin von riesigen Ausmaßen. Ich wollte Menschen verschlingen und übte deshalb Askesepraktiken aus. Vom Schöpfer Brahmā erhielt ich eine Gunst, und als Ergebnis davon wurde ich zu einer Nadel (und gleichzeitig zum Cholera-Virus). So brachte ich unsägliches Elend unter die Menschen. Brahmā ließ jedoch gleichzeitig ein Mantra ent- stehen, durch welches ich unter Kontrolle gebracht werden konnte. Lerne dieses Mantra kennen, und mit seiner Hilfe können die rheumatischen Herz- beschwerden wie die Leukämie und andere Blutkrankheiten der Menschen beseitigt werden. Normalerweise verbreite ich die Leukämie durch die Eltern, die sie an ihre Kinder weitergeben!“ Alle drei begaben sich ans Flussufer, wo der König von KarkaÂī das Mantra empfing. Dieses Mantra wird wirksam durch seine Wiederholung (japa). Der dankbare KÖNIG sagte daraufhin zu KarkaÂī: „Oh du freundliche Edle, damit bist du zu meinem Guru und Freund geworden. Freundschaft wird von guten Menschen geschätzt. Bitte, nimm eine angenehmere und kleinere Ge- stalt an, begleite mich zu meinem Palast und sei dort mein Gast. Du brauchst nicht länger die guten Menschen zu quälen. Zum Ausgleich werde ich dich mit den Sündern und Dieben füttern.“ KarkaÂī stimmte zu. Sie wurde zu einer bezaubernden jungen Frau und be- gleitete den König, um als sein Gast bei ihm zu leben. Dieser wiederum über- gab ihr Diebe, andere Kriminelle und die Sünder. In jeder Nacht nahm sie ihre dämonische Form an und verschlang sie. Während des Tages war sie wieder die bezaubernde Frau – Freund und Gast des Königs. Nach ihrem Mahl ging sie oft für einige Jahre in samādhi, bevor sie wieder zu ihrem normalen Be- wusstsein und ihrem normalen Leben zurückkehrte. VASIåèHA fuhr fort: III:83, 84 So lebt KarkaÂī heute noch und beschützt die Untertanen des Königs. Sie war die Tochter eines Dämons, der einer Krabbe ähnelte. Es gibt viele Arten von Dämonen von verschiedenster Farbe (weiß, schwarz, grün und rot). Sie selber war von der schwarzen Art. Ich erzählte dir diese Geschichte, weil ich mich an ihre Fragen und die Antworten des Königs erinnerte. Das Universum der Vielheit entfaltet sich aus dem unendlichen Bewusstsein, so wie die Ver- zweigungen des Baumes (mit seinen Blättern, Blüten, Früchten usw.) aus dem Samen entstehen, in dem selbst keine solche Vielheit existiert. Oh Rāma, nur indem du meinen Worten zuhörst, wirst du erleuchtet wer- den, daran kann gar kein Zweifel bestehen. Erkenne, dass das Universum aus Brahman entstanden ist und Brahman und nichts anderes ist. 124
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    RùMA fragte: Wennnur das Eins-Sein die Wahrheit ist, weshalb sagen wir dann: „Dadurch erlangen wir dieses“? VASIåèHA erwiderte: Rāma, in den Schriften werden die Worte benützt, um die Unterweisung auf sinnvolle Weise zu unterstützen. Ursache und Wirkung, das Selbst und der Höchste Herr, Unterschied und Nicht-Unterschied, Erkenntnis und Unwissen- heit, Schmerz und Freude – alle diese Gegensätze wurden nur zur Unterwei- sung der Unwissenden geschaffen. In sich selbst kommt ihnen keinerlei Wirk- lichkeit zu. Alle diese Diskussionen und Argumentationen finden nur in und wegen der Unwissenheit statt. Sobald es die Erkenntnis gibt, gibt es auch keine Dualität mehr. Sobald die Wahrheit erkannt wird, hören alle Beschrei- bungen auf – es verbleibt allein die Stille. Dann wirst du realisieren, dass es nur Eines gibt – ohne Anfang, ohne Ende. Solange jedoch Worte zur Bezeichnung einer Wahrheit verwendet werden, ist die Dualität unvermeidbar. Diese Dualität jedoch ist nicht die Wahrheit. Alle Getrenntheiten sind illusorisch. Ich werde dir jetzt noch ein weiteres Beispiel geben, höre aufmerksam zu. Mit den Mitteln der sehr kraftvollen Medizin meiner Erläuterungen wirst du gewiss die Krankheit überwinden, die dein Gemüt befallen hat. Saæsāra (Welterscheinung) ist nichts als das Gemüt selbst, welches von Zu- und Ab- neigungen erfüllt ist. Sobald man davon frei ist, endet diese Welterscheinung. Das Bewusstsein im Gemüt ist der Same aller Substanzen, während der trä- ge,leblose Aspekt des Gemüts die Ursache der illusorischen Welterscheinung ist. Aufgrund der Allgegenwart des Bewusstseins nimmt das Gemüt die Form des Kennbaren an und wird somit zum Samen des ganzen Universums. Das Gemüt stellt sich wie ein Kind die Existenz dieser Welt vor. Sobald das Gemüt erleuchtet wird, erfährt es das unendliche Bewusstsein in sich selbst. Ich werde dir sogleich erläutern, wie diese Subjekt-Objekt-Trennung entsteht. VASIåèHA fuhr fort: III:85 Ich bat einmal den Schöpfer Brahmā, mir mitzuteilen, wie dieses Universum ursprünglich entstanden sei. Daraufhin gab er mir die folgende Antwort. BRAHMù sagte: Mein Kind, es ist einzig und allein das Gemüt, welches all dieses entstehen lässt. Ich werde dir mitteilen, was mir selbst zu Beginn dieser Epoche wider- fahren ist. Am Ende der vorhergegangenen Epoche gab es die kosmische Nacht. Als ich dann am Ende dieser Nacht erwachte, sprach ich meine Mor- gengebete und schaute mich um, wobei ich den Wunsch nach der Erschaffung des Universums hegte. Ich nahm die unendliche Leere wahr, die weder er- leuchtet noch finster war. In meinem Gemüt entstand die Absicht des Erschaffens, während ich in meinem Herzen die subtilen Visionen zu sehen begann. In meinem Gemüt und mit meinem Gemüt sah ich dann mehrere, anscheinend unabhängig 125
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    voneinander existierende Universen.In diesem sah ich außerdem meine eigenen Gegenstücke, nämlich weitere Schöpfer. In diesen Universen sah ich ferner verschiedene Wesen und Berge und Flüsse, Ozeane und Winde, Sonne und himmlische Wesen und auch die Unterwelten und die Dämonen. In allen diesen Universen sah ich ferner die Schriften und die Tugendlehren, die das Gute und das Böse, Himmel und Hölle festlegten. Des weiteren waren da die Schriften, die den Weg des Vergnügens und den Pfad der Befreiung niederlegten. Und ich sah Menschen, die alle diese verschiedenen Ziele ver- folgten. Ich sah sieben Welten, sieben Kontinente und auch Ozeane und Berge, die alle unerbittlich ihrer eigenen Auslöschung entgegengingen. Ich sah die Zeit und ihre Einteilungen bis hin zu Tagen und Nächten. Ich sah den heiligen Fluss GaÇgā, der die drei Welten – den Himmel, die Atmosphäre und die Erde – miteinander verflocht. Wie ein Schloss in der Luft erstrahlte diese Schöpfung mit all ihren Him- meln, Erden und Ozeanen. Dies alles erblickend, war ich starr vor Staunen und vor Verwirrung: „Wie kann es denn sein, dass ich all dies in meinem Gemüt in dieser großartigen Leere zu erblicken vermag, obwohl ich dies alles mit meinem physischen Augen noch nie erblickt habe?“ Ich sann eine be- trächtliche Zeit über dieses Problem nach. Schließlich dachte ich an eine der Sonnen in einem der Sonnensysteme und bat diese, sich mir zu nähern. Ich stellte ihr die Frage, die meine ganze Aufmerksamkeit beanspruchte. DIE SONNE erwiderte: Oh du Großer, als der allmächtige Schöpfer von all diesem hier bist du wahrhaftig der Höchste Herr. Es ist nur das Gemüt, welches als all diese un- aufhörliche und endlose schöpferische Tätigkeit erscheint, die aufgrund des Nichtwissens jemanden täuscht und ihn glauben macht, dass dies wirklich oder unwirklich sei. Gewiss kennst du die Wahrheit, oh Hoher Herr, doch da du mir befahlst, deine Frage zu beantworten, sage ich nun folgendes. *** Die Geschichte von den Söhnen Indus (Zehn junge Männer) III:86 DIE SONNE sprach: Oh Gott der Götter, nahe des heiligen Berges Kailāsa an einem Ort, der SuvarïajaÂa genannt wird, hatten deine Söhne eine Siedlung errichtet. An diesem Ort gab es einen heiligen Mann namens Indu, ein Abkömmling des Weisen Kaśyapa. Er und seine Frau erfreuten sich aller Segnungen mit Aus- 126
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    nahme eines eigenenKindes. Um diese letzte Segnung zu erlangen, begaben sie sich zu Kailāsa und unternahmen beide eine strenge Bußübung, die darin bestand, nur noch von einer winzigen Menge Wasser zu leben. Sie hatten den Zustand von Bäumen angenommen und standen da, bewegungslos. Lord Śiva war von ihrer Bußübung erfreut und erschien vor ihnen. Er fragte sie, welche Gunst sie sich von ihm erhofften. Sie beteten, dass ihnen zehn edle Söhne geboren würden, die sich Gott und der Rechtschaffenheit widmen sollten. Lord Śiva gewährte diese Gunst. Sehr bald danach schenkte die Frau des heiligen Mannes zehn strahlenden und prächtigen Söhnen das Leben. Diese Jungen wuchsen zu zehn jungen Männern heran. Bereits im Alter von sieben Jahren waren sie in sämtlichen Schriften bewandert. Nach einer beträchtlichen Zeit gaben ihre Eltern ihre Körper auf und wurden befreit. Die zehn jungen Männer waren wegen des Verlustes ihrer Eltern zu Tode betrübt. Eines Tages kamen sie zusammen und besprachen sich untereinan- der: „Oh Brüder, worin besteht hier das höchste Ziel, nach dem wir streben sollten und welches uns nicht ins Unglück führt? Ein König, ein Eroberer, sogar Indra, der König des Himmels zu sein – all dies sind nur wertlose Ziele, denn sogar Indra regiert den Himmel nur anderthalb Stunden der Lebenszeit des Schöpfers. Daher ist allein das Erlangen des Schöpfer-seins das beste Ziel für uns, denn diese Herrschaft wird eine ganze Epoche dauern.“ Die übrigen Brüder stimmten von ganzen Herzen zu. Sie sprachen zueinan- der: „Nun denn – wir sollten schon baldin der Lage sein, die Brahmā-schaft zu erlangen, die nicht von Alter und Tod betroffen ist.“ Der älteste Bruder sprach: „Bitte tut, wie ich euch sage. Von jetzt an kon- templieren wir wie folgt: ‚Ich bin Brahmā, der auf einem voll erblühten Lotos sitzt.“ Alle Brüder begannen daraufhin auf die folgende Weise zu meditieren: „Ich bin Brahmā, der Schöpfer des Universums. Die Weisen und auch Saraswati, die Göttin der Weisheit, befinden sich in ihrer persönlichen Gestalt in mir. Der Himmel mit all seinen himmlischen Wesen befindet sich in mir. Berge, Kontinente und Ozeane befinden sich in mir. Halbgötter und Dämonen befinden sich in mir. Die Sonne erstrahlt in mir. Nun findet die Schöpfung statt. Nun existiert die Schöpfung. Nun ist die Zeit für die Auflösung gekom- men. Eine Epoche ist vorüber. Nun ist die Nacht Brahmās da. Ich habe Selbst- erkenntnis erlangt und bin befreit.“ Indem sie mit ihrem ganzen Wesen so meditierten, wurden sie all das. DIE SONNE fuhr fort: III:87, 88 Hoher Herr, danach standen die zehn heiligen Männer still in ihrer Kon- templation, während sie noch tief über ihre Absicht, die Schöpfer des Univer- sums zu sein, meditierten. Ihre Körper verfielen, und was von ihnen noch übrigblieb, wurde von wilden Tieren verzehrt. Jedoch blieben sie in diesem entkörperten Zustand unverändert stehen – eine lange, lange Zeit, bis eine Epoche vorüber war und eine schrecklich sengende Sonne zu brennen be- 127
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    gann, und einfürchterlicher Wolkenbruch entstand, der alles vernichtete. Die heiligen Männer aber standen still in ihrem entkörperten Zustand – in der festen Absicht, zu den Schöpfern des Universums zu werden. Beim Anbruch einer neuen Schöpfung standen diese Männer immer noch an derselben Stelle und auf dieselbe Weise mit derselben Absicht. Sie wurden zu Schöpfern. Sie sind die zehn Schöpfer, die du gesehen hast, und auch ihre Universen hast du gesehen. Herr, ich bin eine der Sonnen, die in diesen Uni- versen scheint, die von diesen Männern geschaffen worden sind. DER SCHÖPFER fragte die Sonne: Oh Sonne, wenn somit diese Universen von diesen zehn Schöpfern erschaf- fen worden sind, worin besteht dann meine Aufgabe? Was bleibt für mich zu tun? DIE SONNE erwiderte: Herr, du hast weder eigene Wünsche noch Motive. Und so gibt es für dich überhaupt nichts zu tun. Welchen Vorteil erwartest du von der Schöpfung des Universums? Die Schöpfung des Universums ist für dich ein reiner Zeitver- treib! Herr, die Schöpfung entsteht aus dir, der selbst frei vom kleinsten Wunsch oder Motiv ist – so wie die Sonne ohne jede Absicht zu scheinen in einem Teich reflektiert wird, ohne dass das Wasser die Absicht hat, sie zu reflektie- ren. So wie die Sonne ohne jede Absicht bewirkt, dass Tag und Nacht einan- der ablösen, so sollst du auf die gleiche, nicht-willentliche Weise mit dem Akt der Schöpfung beginnen. Denn was willst du durch die Aufgabe deiner natür- lichen Funktion erreichen? Weise Männer haben keinen Wunsch, irgendetwas zu tun, und weise Män- ner haben auch nicht den Wunsch, Tätigkeit aufzugeben. Herr, mit deinem eigenen mentalen Auge siehst du dieses Universum, wel- ches von diesen heiligen Männern erschaffen worden ist. Mit den physischen Augen nimmt man nur diejenigen Objekte wahr, die man im eigenen Verstand erzeugt hat – nichts anderes. Diese Objekte, die vom Verstand erschaffen worden sind, sind unzerstörbar. Nur diejenigen Objekte, die aus materiellen Substanzen zusammengesetzt worden sind, lösen sich auf. Ein Mensch be- steht aus dem, was als die Wahrheit seines eigenen Seins fest in seinem Ge- müt verankert ist – dies ist er und nichts anderes. *** Die Geschichte von Ahalyā III:89 DIE SONNE fuhr fort: 128
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    Herr, das Gemütist der Schöpfer der Welt – das Gemüt allein ist die höchste Person. Was vom Gemüt getan wird, ist Tätigkeit – was vom Körper getan wird, gilt nicht als Tätigkeit. Schau nur diese Kräfte des Gemütes – nur durch entschlossenes Daran-Denken wurden die heiligen Männer zu Schöpfern dieses Universums! Denkt jedoch jemand andererseits: „Ich bin ein unbedeu- tender Körper“, dann wird er zu einem sterblichen Wesen. Wessen Bewusst- sein nach außen gerichtet ist, der erfährt Freuden und Schmerzen, während andererseits der Yogi, dessen Sichtweise nach innen gewandt ist, keinerlei Ideen von Schmerzen und Freuden hegt. Es gibt in dieser Hinsicht eine Le- gende, die ich dir erzählen werde. Im Lande Magadha gab es einen König namens Indradyumna. Ahalyā war seine Frau. An diesem Ort befand sich außerdem ein stattlicher junger Mann von lockeren Sitten, der Indra hieß. Eines Tages, während einer Unterhaltung, hörte die Königin die Geschichte von der Verführung der berühmten Ahalyā durch Indra, den König des Himmels. Als Ergebnis davon begann sie eine große Liebe für den jungen Mann Indra zu hegen. Ahalyā war außer sich vor Liebe zu Indra. Mit der Hilfe einer ihrer Diene- rinnen gelang es ihr, den jungen Mann zu sich kommen zu lassen. Von da an pflegten Indra und Ahalyā einander regelmäßig in einem geheimen Haus zu treffen und sich aneinander zu erfreuen. Ahalyā war so vernarrt in Indra, dass sie ihn überall erblickte. Schon der Gedanke an ihn ließ ihr Gesicht leuchten. Als ihre Liebe wuchs, wurde ihr Verhältnisallbekannt, und so kam sie dem König zu Ohren. Der zornige König versuchte ihre Beziehung zu zerstören und bestrafte sie auf zahlreiche Arten: Sie wurden in eiskaltes Wasser getaucht, in siedendem Öl gebraten, an die Beine eines Elefanten gebunden und ausgepeitscht. Indra lachte nur und sprach zum König: „Oh König, das gesamte Universum sehe ich als nichts anderes als meine Geliebte. Genauso ist es mit Ahalyā. Daher berührt uns dies alles nicht. Mein III:90, 92 Herr, ich bin nurGemüt– das Gemüt allein ist das Individuum. Du kannst den Körper schlagen, aber du kannst weder das Gemüt strafen noch den kleinsten Wandel in ihm hervorrufen. Wenn das Gemüt vollständig von etwas erfüllt ist, dann ist es gleichgültig, was mit dem Körper geschieht – es berührt das Ge- müt nicht. Das Gemüt ist unberührt von Gunsterweisen und Flüchen – so wie ein fest gegründeter Berg nicht von den Hörnern eines kleinen Wildtieres bewegt wird... Nicht der Körper erschafft das Gemüt, sondern das Gemüt erschafft den Körper. Das Gemüt allein ist der Same für den Körper – wenn der Baum stirbt, so doch nicht auch der Same; verdirbt jedoch der Same, dann auch der Baum. Sollte aber der Körper verderben, dann kann das Gemüt jederzeit neue Körper für sich selbst erschaffen.“DIE SONNE fuhr fort: Oh Herr, daraufhin ging der König zum Weisen Bharata und bat ihn darum, das widerspenstige Paar durch Verfluchen zu bestrafen. Und so sprach der Weise einen Fluch gegen das Paar aus. Doch antwortete dieses daraufhin dem Weisen und dem König: „Oh weh! Euer Verstehen ist nur gering! Durch diese 129
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    unsere Verfluchung habtihr nur die durch Bußübungen erworbenen Ver- dienste vergeudet. Euer Fluch wird gewiss unsere Körper zerstören, aber wir werden dadurch nicht den geringsten Schaden erleiden. Niemand kann das Gemüt anderer zerstören.“ Der Fluch des Weisen zerstörte ihre Körper. Wäh- rend sie diese Körper verließen, wurden sie zusammen erst als Tiere und dann als Vögel, und anschließend als menschliches Paar in einer heiligen Familie wiedergeboren. Seitdem werden sie aufgrund der vollkommenen Liebe und Hingabe füreinander als Gemahl und Gemahlin wiedergeboren. Durch die erlesene Liebe und Hingabe dieses Paares wurden sogar die Bäume im Wald inspiriert und berührt. Sogar die Verfluchung des Weisen vermochte keine Veränderung im Gemüt des Paares hervorzurufen. Ebenso, oh Herr, kannst auch du nicht in die Schöpfung der zehn Söhne des heiligen Mannes eingreifen. Was verlierst du dadurch, dass diese mit ihren eigenen Schöpfungen beschäftigt sind? Lass ihnen diese mit ihrem eigenen Verstand erschaffenen Dinge! Sie können durch dich genauso wenig zerstört werden wie eine Reflektion in einem Kristall. Oh Herr, erschaffe in deinem eigenen Bewusstsein die Welt deiner Vorstel- lung. In Wahrheit sind das unendliche Bewusstsein, das Gemüt (das eigene Bewusstsein) und der unendliche Raum von einer einzigen Substanz, die vom unendlichen Bewusstsein durchdrungen wird. Daher kannst du unabhängig von dem, was diese jungen Männer geschaffen haben, so viele Welten erschaf- fen, wie du nur möchtest! BRAHMù sprach zu Vāsi«Âha: Nachdem ich diesen Rat der Sonne vernommen hatte, begann ich unverzüg- lich damit, die Welten zu erschaffen, denn dies war der natürliche Ausdruck meines eigenen Seins. Ich bat die Sonne darum, bei dieser Aufgabe mein erster Partner zu sein. So wurde sie zur Sonne in der Schöpfung der jungen Männer und die Vorfahrin der menschlichen Rasse in meiner eigenen Schöp- fung. Sie spielte ihre Doppelrolle sehr wirkungsvoll. Entsprechend meinen Absichten brachte sie daher die Schöpfung all dieser Welten hervor. Was auch immer im Bewusstsein auftaucht, das gelangt auch scheinbar ins Sein, veran- kert sich und trägt sogar noch Früchte! Darin besteht die Macht des Gemüts. So wie die Söhne des heiligen Mannes die Positionen als Schöpfer der Welt aufgrund der Macht ihres Gemüts erlangten, so wurde ich auf dieselbe Weise zum Schöpfer der Welt. Es ist das Gemüt, welches hier die Dinge geschehen lässt. Es bringt die Erscheinung des Körpers usw. hervor. Nichts anderes ist sich des Körpers bewusst. DER SCHÖPFER BRAHMù sprach: Das individualisierte Bewusstsein (Gemüt) trägt in sich selbst mannigfaltige Möglichkeiten, so wie Gewürz den Geschmack in sich trägt. Es ist dieses Be- wusstsein, welches dann als der subtile oder ätherische Körper erscheint. Wird dieser dann grob, dann nimmt er die Erscheinungsform des physischen 130
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    oder materiellen Körpersan. Dieses individualisierte Bewusstsein ist als der jīva bzw. die individuelle Seele bekannt, so lange sich diese Möglichkeiten in einem extrem subtilen Zustand befinden. Und sobald alle diese Tricks des jīva aufhören, dann leuchtet er als das Höchste Sein. Weder bin ich noch ist da irgendetwas anderes in diesem Universum – all dies ist nichts als das unend- liche Bewusstsein. So wie die Absichten der jungen Männer sich manifestier- ten, so ist all dies nur Erscheinung, basierend auf dem unendlichen Bewusst- sein. Es war die Absicht der jungen Männer, die ihnen das Gefühl gab, die Schöpfer zu sein – ebenso ist es auch mit mir. Das reine und unendliche Bewusstsein stellt sich selbst als der jīva und das Gemüt vor und hält sich dann für den Körper. Wenn diese traumartige Wahn- vorstellung verlängert wird, dann fühlt sich dieser lange Traum als wirklich an! Er ist gleichzeitig wirklich und unwirklich – da er wahrgenommen wird, erscheint er als wirklich, aber aufgrund der eingeborenen Widersprüche ist er unwirklich. Das Gemüt ist fühlend, weil es auf dem Bewusstsein gründet. Wird es dagegen als getrennt vom Bewusstsein gesehen, dann ist es leblos und irregeführt. Sobald es Wahrnehmung gibt, übernimmt das Gemüt die Rolle des Objektes der Wahrnehmung. Dies ist jedoch nicht wirklich – wenn das Schmuckstück als Schmuckstück gesehen wird, dann wird es als solches wahrgenommen, obwohl die Wahrheit darin besteht, dass es Gold ist. Denn Brahman allein ist all dieses. Sogar dasjenige, was als leblos erscheint, ist reines Bewusstsein. Jedoch wir alle, von mir selbst bis zu dem Stein, sind undefinierbar – weder leblos noch fühlend. Es kann keine Wahrnehmung von zwei völlig verschiedenen Dingen geben, denn Wahrnehmung ist nur dann möglich, wenn es eine Ähnlichkeit zwischen Subjekt und Objekt gibt. Wenn man das in Betracht zieht, was undefinierbar und dessen Existenz ungewiss ist, dann sind Worte wie „leblos“ und „fühlend“ nur Worte ohne jede Bedeu- tung. Was das Gemüt betrifft, so spricht man vom Subjekt als fühlend und vom Objekt als leblos. So wandert der jīva, gefangen in der Täuschung, umher. In Wahrheit ist jedoch diese Dualität selbst nichts als die Schöpfung des Ge- müts – eine Halluzination. Natürlich können wir andererseits auch nicht mit Gewissheit sagen, ob diese Halluzination als solche überhaupt existiert. Nur das unendliche Bewusstsein IST. Wenn diese illusorische Trennung nicht als das erkannt wird, was sie ist, dann entsteht daraus der irreführende Ich-Sinn. Sobald das Gemüt jedoch seine eigene Natur zu erforschen beginnt, verschwindet diese Getrenntheit. Dann gibt es die Verwirklichung des einen, unendlichen Bewusstseins, und so erlangt man große Seligkeit. VASIåèHA fragte Brahmā: III:92 Oh Herr, wie ist es möglich, dass der Fluch des Weisen Indras Körper, aber nicht sein Gemüt angreifen konnte? Wenn der Körper wirklich nicht ver- schieden vom Gemüt ist, dann müsste der Fluch doch auch das Gemüt angrei- fen können. Sei so freundlich und erkläre mir, weshalb das Gemüt nicht oder vielleicht tatsächlich doch betroffen war! 131
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    DER SCHÖPFER BRAHMùsprach: Mein Teurer, im Universum besitzt alles, von Brahmā bis zu einem Berg, ei- nen zweifachen Körper. Von diesen beiden ist der erste der mentale Körper, der ruhelos ist und sich schnell bewegt. Der zweite ist der aus Fleisch ge- machte Körper, der als solcher nicht wirklich tätig ist. Von diesen beiden wird der letztere von Verfluchungen und ebenso auch von Gunsterweisen oder Zaubersprüchen überwältigt. Dieser Körper ist stumpf, kraftlos, schwach und vergänglich wie ein an einem Lotosblatt hängender Wassertropfen. Er ist gänzlich von Schicksal und Vorsehung und ähnlichen Faktoren abhängig. Das Gemüt jedoch ist unabhängig, obwohl es abhängig zu sein scheint. Sobald dieses Gemüt sich zuversichtlich der Eigenbemühung widmet, befindet es sich außerhalb der Reichweite des Kummers. Wann immer es nach etwas strebt, trifft es mit Sicherheit auch auf die Früchte seines Strebens. Der physische Körper erreicht überhaupt nichts. Es ist der mentale Körper, der die Ergebnisse erlangt. Sobald das Gemüt beständig in dem ruht, was rein ist, wird es unempfindlich gegenüber den Wirkungen von Flüchen. Der Kör- per mag ins Feuer oder in den Schlamm fallen, aber das Gemüt erfährt immer nur das, worüber es kontempliert. Demonstriert wurde dies von Indra. De- monstriert wurde es weiterhin von dem Weisen Dīrghatapā, der religiöse Riten auszuführen wünschte und nach den Materialien dafür suchte, dabei aber in einen toten Brunnen fiel. Er führte dann die Riten auf mentale Weise aus und erlangte daraufhin die Frucht, die sich andernfalls aus der körperli- chen Ausübung der Riten ergeben hätte. Auch die zehn Söhne des heiligen Mannes waren in der Lage, die Brahmā-schaft nur durch ihre mentalen An- strengungen zu erlangen – nicht einmal ich konnte dies verhindern. Mentale und körperliche Krankheit wie auch Flüche oder der „böse Blick“ berühren das Gemüt, welches dem Selbst ergeben ist, so wenig wie eine Lo- tosblüte einen Felsblock spalten könnte, auf den sie herabfällt. Daher sollte man mit dem Gemüt das Gemüt dazu anhalten, den Pfad der Reinheit einzu- schlagen, und mit dem Selbst das Selbst veranlassen, den Weg der Reinheit zu gehen. Was auch immer das Gemüt kontempliert, das materialisiert sich unverzüglich. Durch intensive Kontemplation vermag es, in sich selbst radika- le Umwälzungen hervorzubringen und so sich von den falschen Sichtweisen zu heilen, aufgrund derer Illusionen als Realität wahrgenommen werden. Was immer das Gemüt macht, das erfährt es als Wahrheit. Es lässt geschehen, dass der im Mondlicht sitzende Mann Hitze erfährt, und es lässt es geschehen, dass ein Mann in der Sonne das Behagen der Kühle empfindet! Darin besteht diese mysteriöse Macht des Gemüts. VASIåèHA fuhr fort: III:93 So wurde ich in den alten Zeiten von Brahmā, dem Schöpfer, unterrichtet, und so habe ich es jetzt an dich weitergegeben, oh Rāma. Da das absolute Brahman in seinem undifferenzierten Zustand alles durch- dringt, befindet sich auch alles in einem undifferenzierten Zustand. Sobald 132
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    sich dieses aufgrundseiner selbst verdichtet, wird das kosmische Gemüt geboren. In diesem Gemüt entsteht sodann der Wunsch nach der Existenz der verschiedenen Elemente in ihrem extrem subtilen Zustand. Die Gesamtheit von all diesem ist dann die leuchtende kosmische Person, die als Brahmā der Schöpfer bekannt ist. Daher ist dieser Schöpfer nichts anderes als das kosmi- sche Gemüt. Brahmā der Schöpfer sieht alles, was er zu sehen wünscht, in seinem eige- nen Verstand, da er selbst die Natur des Bewusstseins hat. Er ist es (d. h., Brahmā der Schöpfer), der dieses Nichtwissen, welches das differenzierende Prinzip des Universums darstellt, in die Existenz gerufen hat, und aufgrund dessen man das Selbst mit dem Nicht-Selbst verwechselt. Und es ist ferner aufgrund dieses Faktors des Nicht-Wissens, dass der Schöpfer dieses Univer- sum (Berge, Grashalme, Wasser usw.) als die Vielfalt der verschiedenen Krea- turen erscheinen lässt. Aufgrund dessen erscheinen die Kreaturen, anschei- nend geboren aus atomischen Teilchen und Molekülen, obwohl dieses gesam- te Universum nichts als unendliches Bewusstsein ist. Daher, oh Rāma, sind sämtliche Objekte und Substanzen dieses Universum aufgetaucht in Brahman dem Absoluten; so wie Wellen sich im Ozean mani- festieren. In diesem manifestierten Universum nimmt das Gemüt Brahmās des Schöpfers sich selbst als das Ego wahr. Auf diese Weise wird dann aus Brahmā, dem kosmischen Gemüt, Brahmā der Schöpfer des Universums. Es ist nur diese Macht des kosmischen Gemüts, die als die verschiedenen Kräfte des Universums erscheint. In diesem kosmischen Gemüt manifestieren sich selbst zahllose verschiedene Kreaturen, die dann als die verschiedenen jīvas bezeichnet werden. Sobald diese verschiedenen jīvas im unendlichen Raum des Bewusstseins auftauchen, anscheinend selbst aus den Elementen zusammengesetzt, tritt in jeden dieser Körper durch die Öffnung der Lebenskraft das Bewusstsein ein. Dadurch wiederum wird der Same all dieser bewegten und unbewegten Körper gebildet. So geschehen dann die individuellen Geburten, durch welche das individuelle Wesen dann zufällig (wie bei der landenden Krähe und der fallenden Kokosnuss) mit den verschiedenen potentiellen Kräften in Kontakt kommt, deren Spiel wiederum das Gesetz von Ursache und Wirkung usw. entstehen lässt. So geschieht der Aufstieg und Fall der Evolution. Von da an ist einzig und allein der Wunsch die Ursache von allem. Rāma, darin besteht dieser Urwald, der als die „Welterscheinung“ bekannt ist. Wer dessen Wurzel mit der Axt der Untersuchung (Selbsterforschung) durchtrennt, wird von ihm befreit. Einige gelangen sehr schnell zu diesem Verstehen, andere dagegen erst nach einer sehr langen Zeit. VASIåèHA fuhr fort: III:94 Rāma, ich werde dir nun die Unterteilung der Wesen in die Besten, die Schlechtesten und die Mittleren beschreiben, die am Beginn dieses Zyklus der Erschaffung entstanden ist. 133
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    Die Ersten undHerausragenden unter den Geschöpfen entstehen aus der Tugend heraus. Sie sind von Natur aus gut und den guten Taten ergegeben. Sie erlangen die Befreiung in einigen wenigen Lebensspannen. Sie sind ange- füllt mit den Qualitäten der Reinheit und des Lichts (sattva). Dann gibt es diejenigen, die voll von Unreinheiten sind, in denen die weltlichen Gewohn- heiten stark und vielfältig sind, und die möglicherweise die Befreiung erst nach tausenden von Geburten erlangen. Diese sind die Geringeren unter den Guten. Unter diesen sind diejenigen, deren Befreiung innerhalb dieses Le- benszyklus zweifelhaft ist, denn es sind Wesen, die in dichter Finsternis le- ben. Die mittleren Typen sind diejenigen, die erfüllt sind von der Qualität des Dynamischen und des Verlangens (rājas). Solche Menschen, die so nahe an der Befreiung sind, dass sie diese beim Verlassen dieser Welt erlangen kön- nen, zeigen eine Mischung aus rājas und sattva. Wenn jedoch die rājasische (das leidenschaftliche Verlangen) Neigung so stark ist, dass ihre Sublimierung längere Zeit in Anspruch nimmt, dann sind sie gänzlich rājasisch. Ist jedoch die rājasische Tendenz extrem stark, dann geht sie in die Finsternis (tamas) über. Im Fall derjenigen, deren Befreiung so fernab liegt, dass sie zweifelhaft wird, geht die Qualität von rājas in die dichte Finsternis über. Diejenigen, die auch nach tausend Geburten immer noch unerleuchtet in der Finsternis verweilen, werden die Wesen der Finsternis genannt (tamas). Sie brauchen eine lange, lange Zeit, um die Befreiung zu erlangen. Sobald die Befreiung in ihre Reichweite gelangt, wird ihr tamas mit sattva vermischt. Wenn sie dann der Befreiung immer näher kommen, wird ihr tamas mit rājas vermischt. Und wenn dann nach hunderten von Geburten die Befreiung noch weitere hundert Geburten entfernt liegt, dann sind sie voll von tamas. Wenn die Befreiung zweifelhaft ist, dann befinden sie sich in dichter Finsternis. (Dieses Kapitel scheint nahezulegen, dass sattva, rājas und tamas in sich selbst nicht Hindernisse zur Befreiung darstellen, sondern dass es die weite- ren Modifikationen aufgrund von falschem Denken und falschem Handeln sind, die die Befreiung immer weiter hinausschieben. — S.V.) Alle diese Wesen sind im absoluten Brahman entstanden, als es eine nur ganz geringfügige Störung in dessen Gleichgewicht gab – so wie Wellen auf der Oberfläche des Ozeans entstehen. So wie der Raum in einem Topf, der Raum in einem Zimmer und der Raum in einem kleinen Loch integraler Be- standteil des kosmischen Raums ist, so sind auch diese Wesen nichts als das unendliche Wesen, in dem es keine Teile gibt. Und da sie in ihm entstanden sind, gehen sie auch wieder in es ein. Somit scheinen alle diese Wesen durch den Willen des unendlichen Brahman aufzutauchen und sich in ihm wieder aufzulösen. VASIåèHA fuhr fort: III:95 Handlung und Täter der Handlung tauchen gleichzeitig und spontan im höchsten Sein auf, so wie Blüte und Duft gleichzeitig auftauchen. Es geschieht jedoch nur in den Augen der Unwissenden, dass die Schöpfung der jīvas als 134
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    wirklich erscheint, sowie die Unwissenden Bläue im Himmel sehen! Für den Erleuchteten sind Aussagen wie „Jīvas sind aus Brahman entstanden“ oder „Jīvas sind nicht aus Brahman entstanden“ gleichermaßen bedeutungslos. Nur für den Zweck der Unterweisung wird der Dualismus hilfsweise unter- stellt, denn andernfalls ist eine Unterweisung unmöglich. Nachdem der Leh- rer herausgestellt hat, dass jīvas aus Brahman heraus entstanden sind, zeigt er auf, dass die Wirkung nicht verschieden von der Ursache ist und deshalb die jīvas nicht verschieden von Brahman sind. Alle diese scheinen nur aus Brahman geboren zu sein, ebenso wie der Duft aus der Blüte geboren zu sein scheint. Und sie gehen in das Brahman auf dieselbe Weise wieder ein, wie die Jahreszeiten „ineinander übergehen“! Zusammen mit jeder Spezies, die sich selbst im Universum manifestiert, wird gleichzeitig auch ihr natürliches Verhalten geboren. Es ist nur ihre Un- wissenheit bezüglich ihrer eigenen essenziellen Natur, die zu einem Verhalten oder einer Handlung führt, die dann zur Ursache einer Reaktion in einer späteren Geburt wird. RùMA sagte: Heiliger Herr, wahrhaftig sind es die Erklärungen der Weisen, deren Gemü- ter unvoreingenommen sind, die den Inhalt der Schriften bilden. Und diejeni- gen, deren Herzen rein und deren Sichtweise nicht von Getrenntheit getrübt ist, werden wahrlich als Weise bezeichnet. Die unreife Person kann nur mit der Hilfe der Schriften und der Erkenntnis einer erleuchteten Person die Hoffnung hegen, das Licht der Wahrheit zu erblicken. Heiliger Herr, wir se- hen, dass in dieser Welt der Same vom Baum und der Baum aus dem Samen geboren wird. Ist es dann angemessen zu behaupten, dass ohne Samen aus früherem karma verschiedene Wesen aus dem absoluten Brahman entste- hen? VASIåèHA erwiderte: Wenn du aufmerksam beobachtest, oh Rāma, wirst du feststellen, dass nur aufgrund des in die Tätigkeit involvierten Gemüts diese Handlung ihre eigene Frucht erzeugt. Daher ist das Gemüt der Same der Handlung. Ebenso geschah es, dass bei der Manifestierung des kosmischen Gemüts im absoluten Brah- man gleichzeitig die natürlichen Neigungen der verschiedenen Wesen und ihre vielfältigen Verhaltensweisen geboren und dann die verkörperten Wesen als die jīvas angesehen wurden. Zwischen Gemüt und Handlung gibt es keine Getrenntheit. Bevor die Handlung als solche projiziert wird, taucht sie im Gemüt auf, wobei das Gemüt selbst ihr „Körper“ ist. Daher ist die Handlung nichts anderes als die Bewegung von Energie im Bewusstsein – sie führt unvermeidlicherweise zu ihren eigenen Früchten. Wenn solches Handeln an sein Ende gelangt, gelangt auch das Gemüt an sein Ende, und wenn das Ge- müt aufhört zu sein, gibt es auch kein Handeln. Dies betrifft nur den befreiten Weisen, aber nicht andere. VASIåèHA fuhr fort: III:96 135
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    Gemüt ist nichtsals Wahrnehmung – und Wahrnehmung ist Bewegung im Bewusstsein. Der Ausdruck dieser Bewegung ist Handlung, und daraus erfol- gen die Früchte. Das Gemüt ist eine Absicht, die im allmächtigen und unendli- chen Bewusstsein auftaucht. Es (das Gemüt) steht sozusagen zwischen dem Wirklichen und dem Unwirklichen. Es steht aber der Fähigkeit des Verstehens nahe. Obschon nicht verschieden vom unendlichen Bewusstsein, denkt es, es sei verschieden. Obschon nicht-tätig, hält es sich selbst für tätig. Solcher Art ist das Gemüt, und diese seine Qualitäten sind von ihm selbst untrennbar. Auf dieselbe Weise sind auch der jīva und das Gemüt untrennbar. Woran auch immer das Gemüt denkt, das versuchen die Organe der Hand- lung sofort zu materialisieren – folglich ist das Gemüt nichts als Handlung. Jedoch sind Worte wie Gemüt, Intellekt, Ich-Sinn, individualisiertes Bewusst- sein, Handlung, Einbildung, Geburt und Tod, latente Neigungen, Erkenntnis, Bemühung, Erinnerung, die Sinne, Natur, Māyā oder Illusion, Aktivität und andere Worte dieser Art nichts als Worte ohne eine dazugehörige Realität – die einzige Realität ist stets nur das unendliche Bewusstsein, in dem diese Konzepte als existierend wahrgenommen werden. Alle diese Konzepte sind aufgetaucht, als das unendliche Bewusstsein in einem Moment der Selbstver- gessenheit aufgrund einer Koinzidenz (die Krähe, die die Kokosnuss gelöst hat) sich selbst als Objekt der Wahrnehmung erblickt hat. Wenn dann dasselbe Bewusstsein, verdunkelt von der Unwissenheit, in ei- nem erregten Zustand Vielfalt wahrnimmt und Objekte zu identifizieren beginnt, dann nennt man dies das Gemüt. Das, was fest in der Überzeugung einer bestimmten Wahrnehmung verwurzelt ist, nennt man den Intellekt (bzw. den Verstand). Wenn er sich selbst unwissenderweise und närrischerweise als real existierendes, getrenntes Individuum betrachtet, dann wird dies Ich-Sinn genannt. Wenn es die beständige Erforschung aufgibt und sich selbst dem Spiel der zahllosen Gedanken, die kommen und gehen, hingibt, dann wird es als das individualisierte Bewusstsein (bzw. als das Spiel der Gedankenwellen) bezeichnet. Während die reine Bewegung im Bewusstsein karma oder Tun ohne einen III:97 unabhängigen Handelnden ist, so wird, sobald die Frucht dieser Handlung verfolgt wird, dies auch als karma, aber mit einem Handelnden, bezeichnet. Wenn das Bewusstsein in Verbindung mit etwas Gesehenem oder Ungesehe- nem die Wahrnehmung „Ich habe dies schon früher gesehen“ unterhält, wird es als Erinnerung bezeichnet. Wenn die Wirkungen vergangener Vergnügen im Feld des Bewusstseins verbleiben, obwohl die Wirkungen selbst nicht gesehen werden, dann wird dies als latente Neigungen (bzw. Potentialität) bezeichnet. Wenn es der Wahrheit bewusst ist, dass die Sichtweise der Getrenntheit das Ergebnis der Unwissenheit ist, wird es als Erkenntnis be- zeichnet. Wenn es sich andererseits in die falsche Richtung bewegt, in Rich- tung vermehrter Selbstvergessenheit und tieferer Involviertheit in täuschen- de Phantasien, dann wird es als Unreinheit bezeichnet. Wenn es das inne- wohnende Selbst mit Sinnesempfindungen unterhält, dann wird es als die 136
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    Sinne (indriya) bezeichnet.Wenn es unmanifestiert im kosmischen Sein ver- bleibt, wird es als Natur bezeichnet. Sobald es Verwirrung zwischen Wesen und Erscheinungsform stiftet, wird es Māyā (Illusion) genannt. Sobald es denkt „Ich bin gebunden“, ist da Gebundenheit; wenn es denkt „Ich bin frei“, ist da Freiheit. VASIåèHA fuhr fort: Wenn das Licht des Bewusstseins von der festen Überzeugung der Existenz des Gemüts verfinstert wird, dann ist dies in der Tat nichts als das Gemüt. Dieses Gemüt verkörpert sich selbst als die verschiedenen Wesen – Men- schen, Götter, Halbgötter und himmlische Wesen. Dann breitet es sich selbst als die verschiedenen Formen des Verhaltens aus, wie auch als Städte, Dörfer usw. Wenn dies die Wahrheit ist – welchen Sinn hat es dann, alle diese äuße- ren Erscheinungsformen zu erforschen? Nur das Gemüt selbst ist der sinnvol- le Forschungsgegenstand. Denn sobald wir die Natur des Gemüts erforschen, können wir sämtliche erzeugten Objekte bzw. alle die Erscheinungsformen als dessen Schöpfungen sehen. Nur das unendliche Bewusstsein wird nicht durch das Gemüt erschaffen. Wenn das Gemüt tief erforscht wird, dann wird es in sein Substrat absorbiert, und sobald es absorbiert ist, findet es die höchste Seligkeit. Wenn daher das Gemüt aufgelöst ist, geschieht die Befreiung und es gibt keinerlei Wiedergeburt mehr, denn es war das Gemüt allein, welches Geburt und Tod für wahr hielt. (Vicāra, üblicherweise mit „Erforschen“ übersetzt, ist „unmittelbares Be- obachten“.) RùMA fragte erneut: Bitte, oh Herr, wie konnte dies alles im reinen unendlichen Bewusstsein ge- schehen? Wie war es dem Gemüt, welches anscheinend aus einer Mischung von wirklich und unwirklich besteht, möglich, darin zu erscheinen? VASIåèHA erwiderte: Rāma, Raum ist dreifach, nämlich der unendliche Raum des ungeteilten Bewusstseins, der endliche Raum des geteilten Bewusstseins und der physi- sche Raum, in dem die materielle Welt existiert. Der unendliche Raum des ungeteilten Bewusstseins (cid ákasa) existiert in allem (und zwar innen wie außen) als der reine Zeuge von dem, was real und dem, was nur scheinbar ist. Der endliche Raum des geteilten Bewusstseins (citta ākāśa) ist das, was die Unterteilungen der Zeit erschafft, was alle Wesen durchdringt, und was für das Wohlergehen aller Wesen sorgt. Der physische Raum ist das, in dem sämtliche anderen Elemente (Luft usw.) existieren. Die beiden letzteren sind nicht unabhängig vom ersteren, dem unendlichen Raum des ungeteilten Bewusstseins. Tatsächlich existieren die anderen überhaupt nicht, und diese Unterteilung des Bewusstseins in drei ist rein willkürlich – sie dient lediglich zum Zweck der Unterweisung der Unwissenden. Der Erleuchtete weiß, dass es nur eine einzige Wirklichkeit gibt – das unendliche Bewusstsein. 137
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    Rāma, wenn dasBewusstsein denkt: „Ich bin intelligent“ oder „Ich bin leb- los“, dann ist dies das Gemüt. Es kommt von dieser falschen Wahrnehmung, dass alle die sonstigen physischen und psychologischen Faktoren imaginär erzeugt werden. *** Die Geschichte vom Großen Wald III:98 VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, was auch immer der Ursprung des Gemüts sei, und wie auch im- mer es beschaffen sei – stets sollte man es in Richtung der Befreiung durch Eigenbemühung lenken. Das reine Gemüt ist frei von latenten Neigungen und erlangt daher die Selbsterkenntnis. Da sich das gesamte Universum im Gemüt befindet, befindet sich die Vorstellung von Bindung und Befreiung ebenfalls in ihm. In diesem Zusammenhang mag die folgende Geschichte interessant sein, die ich vom Schöpfer Brahmā selbst gehört habe. Höre aufmerksam zu: Es gab einmal einen großen Wald, ein Wald von solcher Größe, dass darin eine Million Quadratmeilen nur wie der Raum innerhalb eines Atoms waren. Darin gab es nur einen einzigen Menschen, mit tausenden von Armen und Gliedern. Dieser war für immer zu Ruhe- und Rastlosigkeit verdammt. Er hatte eine Keule in der Hand, mit der er sich selbst schlug und, erschreckt von seinem eigenen Schlagen, voller Panik davonlief. Er fiel dann in einen toten Brunnen. Er kletterte aus demselben heraus, schlug sich selbst wieder und wieder, und rannte wieder panikerfüllt davon, diesmal in ein Gehölz. Er kam dort wieder heraus, schlug sich erneut und rannte erneut im Schrecken da- von, diesmal in einen Bananenhain. Obgleich es weit und breit kein anderes Wesen gab, vor dem er Angst hätte haben müssen, weinte und schrie er laut vor Furcht. So rannte er und schlug sich die ganze Zeit. Ich betrachtete dies eine Zeitlang und hielt ihn dann schließlich durch die Kraft meines Willens einen Moment lang zurück. Ich fragte ihn: „Wer bist du?“ Jedoch war er so verzweifelt, dass er mich seinen Feind nannte, laut weinte und dann plötzlich wieder laut auflachte. Daraufhin begann er nach und nach, Glied für Glied, seinen Körper abzulegen. Gleich darauf, nachdem dies geschehen war, sah ich einen anderen wie den ersten herumlaufen, sich selbst schlagen und jammern. Als ich ihn auf ähnli- che Weise wie den ersten zurückzuhalten versuchte, beschimpfte er mich und lief davon – ohne nach rechts oder links zu schauen. Auf diese Weise begegne- ten mir mehrere dieser Personen. Einige hörten meinen Worten zu und gaben diese Art zu leben auf – sie wurden erleuchtet. Andere wiederum ignorierten oder verachteten mich sogar. Wieder andere weigerten sich strikt, aus ihrem toten Brunnen zu klettern oder die dichten Gehölze zu verlassen. 138
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    Und so istdieser riesige Wald, oh Rāma – niemand vermag darin einen si- cheren Ruheplatz zu finden, wie sehr er auch immer danach sucht, und wie viel verschiedene Lebensweisen er auch ausprobieren mag. Noch heute fin- dest du in dieser Welt solche Leute, und auch du selbst hast dieses Leben der Unwissenheit und Täuschung kennen gelernt. Weil du noch jung und unwis- send bist, kannst du es nicht verstehen. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, weder ist dieser riesige Wald weit entfernt noch befindet sich III:99 diese verrückte Person in einem verrückten Land! Denn diese Welt selbst ist dieser Wald. Sie ist nichts als eine große Leere – gesehen wird diese Leere jedoch nur im Licht der Selbsterforschung. Das Licht der Selbsterforschung ist das „Ich“ in der Geschichte. Akzeptiert wird diese Weisheit von einigen, und von anderen zurückgewiesen, die dann weiterleiden. Diejenigen, die sie akzeptieren, sind erleuchtet. Die Person mit den tausenden von Armen ist das Gemüt mit seinen zahllo- sen Manifestationen. Dieses Gemüt bestraft sich selbst durch seine latenten Neigungen und wandert ruhelos in dieser Welt umher. Der tote Brunnen in der Geschichte ist die Hölle, und der Bananenhain der Himmel. Das dichte Gehölz aus Dornenbüschen ist das Leben des weltlichen Menschen mit seinen zahlreichen Dornen aus Frau, Kindern, Besitz usw. die ihn die ganze Zeit über quälen. Einmal wandert das Gemüt in die Hölle, dann wieder in den Himmel, und schließlich in die Welt der menschlichen Wesen. Sogar dann, wenn das Licht der Weisheit das Leben des irregeführten Ge- müts beleuchtet, weist dieses die Weisheit törichterweise zurück und sieht sie sogar noch als seinen Feind an. Dann jammert und heult es verzweifelt. Manchmal erfährt es ein teilweises Erwachen und weist die Vergnügen dieser Welt ohne klares Verstehen zurück. Und diese Art der Entsagung wird dann zu einer weiteren Quelle von Kummer. Sobald jedoch eine Entsagung aus der Fülle des Verstehens und aus der Weisheit der tiefgründigen Erforschung des Gemüts hervorgeht, führt sie zur höchsten Seligkeit. Ein solches Gemüt be- trachtet unter Umständen sogar seine eigenen, früheren Vorstellungen von Vergnügen mit Verblüffung. So wie die Glieder der Person nach dem Ab- schneiden wegfallen und verschwinden, so verschwinden auch die latenten Neigungen der Person, die auf weise Art der Welt entsagt hat, aus dem Ge- müt. Sieh nur dieses Spiel der Unwissenheit! Wie es macht, dass sich der Unvor- sichtige aus eigenem, freien Willen verletzt, und wie es macht, dass man wieder und wieder in sinnloser Panik umherrennt! Obgleich das Licht der Selbsterkenntnis in jedem Herzen leuchtet, wandert man doch, getrieben von den eigenen latenten Neigungen, in dieser Welt hin und her. Und das Gemüt selbst verstärkt noch all diesen Kummer und stachelt einen an, sich dauernd im Kreis zu drehen. Durch seine eigenen Launen und Wahnvorstellungen, Gedanken und Hoffnungen, bindet es sich selbst. Wenn die Sorgen es heimsu- chen, wird es verzweifelt und rastlos. 139
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    Jemand, der dieWeisheit erlangt, sie lange Zeit hindurch behütet hat und ausdauernd der Praxis der Erforschung nachgeht, erfährt keinerlei Kummer. Ein unkontrolliertes Gemüt ist die Quelle der Sorgen. Wird es dagegen tief- gründig verstanden, dann verschwindet das Leid wie Nebel in der Morgen- sonne. VASIåèHA fuhr fort: III:100 Das individualisierte Bewusstsein (das Gemüt) ist im Höchsten Sein aufge- taucht, oh Rāma – es ist gleichzeitig verschieden und nicht-verschieden vom unendlichen Bewusstsein, so wie eine Welle verschieden und nicht- verschieden vom Ozean ist. Für den Erleuchteten gibt es nur das absolute Brahman und sonst nichts. Für den Unerleuchteten ist das Gemüt die Quelle des Lebenszyklus (saæsāra). Wenn wir dualistische Konzepte verwenden, oh Rāma, so geschieht dies ausschließlich zur Erleichterung der Unterweisung, denn die Getrenntheit ist irreal. Das absolute Brahman ist allmächtig – es gibt nichts, was außerhalb von ihm ist. Es ist seine eigene Kraft oder Energie, die alle Dinge durchdringt. In den verkörperten Wesen ist es cit-śakti (die Macht des Bewusstseins oder des Geistes). Es ist die Bewegtheit der Luft, die Festigkeit der Erde, die Leere im Raum, und es ist die Macht des Selbstbewusstseins („Ich bin“) in den erschaf- fenen Wesen. All dies ist nichts anderes als die Macht des absoluten Brahman. Es ist die Macht der Auflösung, die Macht, die den Kummer im Beladenen und die Hochstimmung im Freudigen verursacht, es ist die Tapferkeit des Krie- gers, es ist die Macht, die die Schöpfung hervorbringt, und dieselbe Macht bewirkt wiederum die Auflösung des Universums. Der jīva ist der Verbindungspunkt von Bewusstsein und Materie. Weil er eine Widerspiegelung des absoluten Brahman ist, sagt man von ihm, dass er in Brahman sei. Sieh das gesamte Universum wie auch das „Ich“ als das abso- lute Brahman, denn das Selbst (welches Brahman ist) ist allgegenwärtig. Wenn dieses Selbst zu denken beginnt, wird es als Gemüt bezeichnet. Es ist nichts anderes als die Macht des absoluten Brahman, welche nicht verschie- den von Brahman ist. In diesem sind sämtliche willkürlichen Unterteilungen in „Ich“ und „dies“ nichts als scheinbar reale Reflektionen. Die einzige Realität des Gemüts ist Brahman allein. Hier und da, ab und zu manifestiert diese Macht Brahmans die eine oder andere seiner Kräfte. Jedoch alle diese Manifestationen sind nichts als die nur scheinbar reale Reflektion der Macht Brahmans – keine reale Schöpfung. Erschaffung, Umwandlung, Existenz und Zerstörung werden von Brahman in Brahman hervorgebracht – all dies ist nichts als Brahman. Die Werkzeuge von Handlung, Täter und Tat, Geburt, Tod und Existenz – all das ist nur Brahman. Nichts anderes ist – nicht einmal in der Vorstellung. Täuschung, Verlangen, Gier und Anhaftung sind inexistent – wie könnten sie existieren, wenn es keine Dualität gibt? Wenn Bindung inexistent ist, dann ist es natürlich auch die Befreiung. 140
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    RùMA fragte: HeiligerHerr, du sagtest, dass das Gemüt materialisiert, wo- ran es denkt. Nun jedoch sagst du, dass Bindung gar nicht existiere! Wie kön- nen diese beiden Aussagen vereinbart werden? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, das Gemüt stellt sich im Zustand der Un- wissenheit die Bindung nur vor. Die Bindung existiert nur in diesem Zustand der Unwissenheit. So wie Traumobjekte beim Erwachen des Träumers ver- schwinden, so existieren in den Augen des Erleuchteten all diese als Bindung und Befreiung bekannten Halluzinationen überhaupt nicht. *** Die Geschichte von den drei inexistenten Prinzen VASIåèHA fuhr fort: III:101 Die folgende interessante Legende illustriert dies. Höre gut zu. Ein kleiner Junge bat einmal sein Kindermädchen um eine Geschichte. Das Kindermäd- chen erzählte ihm die folgende Geschichte, der der Junge mit großer Auf- merksamkeit lauschte: Es gab einmal in einer Stadt, die nicht existierte, drei Prinzen, die sehr tap- fer und glücklich waren. Zwei von ihnen waren noch nicht geboren, und der dritte noch gar nicht gezeugt. Leider starben alle ihre Verwandten. Die Prin- zen verließen ihre Geburtsstadt, um irgendwo anders hinzugehen. Schon bald fielen sie wegen der großen Hitze in Ohnmacht. Ihre Füße wurden von hei- ßem Sand verbrannt. Die Spitzen der Grashalme stachen sie. Sie erreichten die Schatten von drei Bäumen, von denen zwei überhaupt nicht existierten, während der dritte noch nicht einmal gepflanzt war. Nachdem sie dort einige Zeit geruht und die Früchte dieser Bäume gegessen hatten, gingen sie weiter. Sie erreichten die Ufer dreier Flüsse, von denen zwei trocken und der dritte ohne Wasser war. Die Prinzen nahmen ein erfrischendes Bad und stillten ihren Durst. Dann erreichten sie eine riesige Stadt, die gerade erbaut werden sollte. Sie betraten sie und fanden darin drei Paläste von außerordentlicher Schönheit. Von diesen waren zwei noch nicht gebaut, und der dritte hatte keine Mauern. Sie betraten die Paläste und fanden drei goldene Teller vor. Zwei davon waren entzwei gebrochen, und der dritte war pulverisiert. Sie nahmen den einen, der pulverisiert war. Sie nahmen ferner 99 Gramm minus 100 Gramm Reis und kochten ihn. Dann luden sie drei heilige Männer als ihre Gäste ein, von denen zwei keinen Körper und der dritte keinen Mund hatte. Nachdem diese heiligen Männer das Essen zu sich genommen hatten, aßen die drei Prinzen den Rest der gekochten Nahrung. So waren sie in sehr ange- nehmer Stimmung. In dieser Stadt lebten sie eine lange Zeit in Frieden und 141
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    Freude. Mein Kind,dies ist eine besonders schöne Legende. Bitte denke im- mer an sie, denn so wirst du zu einem gebildeten Mann heranwachsen. Oh Rāma, als der kleine Junge dies hörte, war er ganz begeistert. Was als die Schöpfung der Welt bezeichnet wird, ist nicht wirklicher als die- se Geschichte. Diese Welt ist nichts als reine Halluzination. Sie ist wahrhaftig nicht mehr als eine bloße Idee. Im unendlichen Bewusstsein tauchte irgend- wann die Idee der Schöpfung auf – und so entstand dann diese Welt, wie sie ist. Oh Rāma, diese Welt ist nichts als eine Idee – sämtliche Objekte des Be- wusstseins in dieser Welt sind nur eine Idee. Weise diesen Makel der Ideen- bildung von dir und sei frei von Ideen. Verbleibe fest verwurzelt in der Wahr- heit und erlange den Frieden. VASIåèHA fuhr fort: III:102 Nur ein Tor, aber nicht der weise Mensch, wird von seinen eigenen Ideen irregeführt. Nur ein Tor denkt, dass das Unvergängliche vergänglich werden kann, und so wird er getäuscht. Der Ich-Sinn ist nichts als eine Idee, die auf der falschen Verknüpfung des Selbst mit physischen Elementen beruht. Wenn in all diesem nur eines als das unendliche Bewusstsein existiert – wie kann dann etwas wie der Ich-Sinn auftauchen? Tatsächlich existiert dieser Ich-Sinn nicht anders als die Luftspiegelung in der Wüste. Gib daher, oh Rāma, deine unvollkommene Sichtweise auf, die nicht auf Fakten basiert. Verbleibe in der vollkommenen Sicht, die die Natur der Seligkeit hat und auf der Wahrheit gründet. Erforsche die Natur der Wahrheit. Gib die Falschheit auf. Du bist immer frei – weshalb nennst du dich selbst gebunden und trauerst? Das Selbst ist unend- lich – weshalb, wie und durch wen sollte es gebunden sein? Im Selbst gibt es keinerlei Getrenntheit, da dieses absolute Brahman alles ist, was es gibt. Was heisst Bindung, und was heißt Befreiung? Nur im Zustand der Unwissenheit denkst du, dass du leidest, obwohl du in Wahrheit unberührt vom Schmerz bist. Diese Dinge existieren einfach nicht im Selbst. Lass den Körper fallen oder erstehen oder sogar in ein anderes Universum wandern. Ich bin nicht auf diesen Körper beschränkt – wie kann ich dann von all diesem berührt werden? Die Beziehung zwischen dem Körper und dem Selbst ist wie die Beziehung zwischen einer Wolke und dem Wind, wie zwi- schen dem Lotos und der Biene. Sobald die Wolke aufgelöst ist, wird der Wind eins mit dem unendlichen Raum. Wenn der Lotos verblüht, fliegt die Biene in den Himmel hinauf und davon. Das Selbst wird nicht zerstört, wenn der Körper vergeht. Nicht einmal das Gemüt hört auf – es vergeht erst, wenn es im Feuer der Selbsterkenntnis verbrannt wird. Der Tod ist nur die Verschleierung des immer gegenwärtigen Selbst durch Zeit und Raum. Nur Toren fürchten den Tod. Gib deine latenten Neigungen auf dieselbe Weise auf, wie ein Vogel, der in den Himmel fliegen will, seine Eierschale durchbricht. Geboren aus der Un- wissenheit, sind diese Tendenzen schwer zu zerstören – sie geben Anlass zu 142
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    endlosem Kummer. Esist nur diese unwissende, sich selbst begrenzende Tendenz des Gemüts, die das Unendliche als das Endliche sieht. Die Erfor- schung der Natur des Selbst jedoch löst diese durch Unwissenheit hervorge- brachte selbst-begrenzende Tendenz auf wie die Sonne den Nebel auflöst. Nur der ernsthafte Wunsch, diese Erforschung zu unternehmen, kann einen Wandel hervorbringen. Askese und ähnliche Praktiken sind in dieser Hinsicht nutzlos. Wenn das Gemüt durch zunehmende Weisheit von seiner Vergangenheit gereinigt wird, gibt es seine früheren Tendenzen auf. Das Gemüt sucht das Selbst nur, um sich selbst darin aufzulösen. Das ist in Wahrheit die Natur des Gemüts. Darin besteht das höchste Ziel, Rāma – strebe danach. Als der Weise geendet hatte, ging ein weiterer Tag zur Neige. *** Die Geschichte von Lavaïa VASIåèHA fuhr fort: III:103, 104 Durch seine eigene Manifestation im unendlichen Bewusstsein hat sich das Gemüt aufgrund seiner eigenen Natur verzweigt und ausgebreitet. Aufgrund seiner Natur lässt es das Lange als kurz und umgekehrt erscheinen. Es lässt das Eigene als verschieden und umgekehrt erscheinen. Sogar ein winziges Ding vermag es durch Berührung ins Riesenhafte zu vergrößern und sich zu eigen zu machen. Während eines Augenblinzelns erschafft es zahllose Welten, und während eines Augenblinzelns zerstört es sie wieder. So wie ein ge- schickter Schauspieler verschiedene Rollen spielt, eine nach der anderen, so nimmt das Gemüt verschiedene Aspekte an, einen nach dem anderen. Es lässt das Unwirkliche als wirklich und umgekehrt erscheinen. Als Ergebnis davon erfährt man dann Leid oder Freude. Sogar das, was ihm auf natürliche Weise zufällt, ergreift es mit Händen und Füßen. Als Ergebnis dieses falschen Ge- fühls des persönlichen Besitzes erleidet es dann die Konsequenzen. Zeit, als die wechselnden Jahreszeiten bringt indirekt den Wandel in den Bäumen und Pflanzen hervor. Auf dieselbe Weise lässt das Gemüt die Dinge anders erscheinen, als sie sind, indem es seine Kräfte des Denkens und der Ideenbildung spielen lässt. Folglich stehen alle Dinge, sogar Zeit und Raum, unter der Kontrolle des Gemüts. In Abhängigkeit von seiner Aktivität oder Stumpfheit, und in Abhängigkeit von der Größe (klein oder groß) des erzeug- ten oder beeinflussten Objekts vermag das Gemüt alles geschehen zu lassen, was auch immer es früher oder später geschehen lassen will – es ist fähig, alles, was immer es auch sei, entstehen zu lassen. 143
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    Bitte, oh Rāma,höre eine andere interessante Geschichte, die dies verdeut- licht. In einem Land mit dem Namen Uttarāpāndava, in dessen Wäldern Weise lebten und dessen Dörfer schön und wohlhabend waren, regierte ein König mit Namen Lavaïa, ein Abkömmling des berühmten Herrschers Hariścandra. Er war rechtschaffen, edel, ritterlich, wohltätig und in jeder Hinsicht ein wür- diger König. Seine Feinde waren alle besiegt – und ihre Nachfolger konnten nicht ohne Angst an ihn denken. Eines Tages kam dieser König zu seinen Hof und bestieg den Thron. Nach- dem seine Minister und alle anderen ihm den schuldigen Respekt erwiesen hatten, betrat ein Zauberkünstler den Hof und grüßte ihn. Er sagte zum Kö- nig: „Ich werde dir etwas Wunderbares zeigen!“ Und schon ließ er einen Strauß Pfauenfedern herumwirbeln. Daraufhin betrat ein Ritter den Hof, der ein herrliches Pferd mit sich führte. Er bat den König, dieses als ein Geschenk anzunehmen. Der Zauberkünstler forderte den König auf, das Pferd zu bestei- gen und nach Lust und Laune damit in der Welt umherzureiten. Der König betrachtete das herrliche Pferd. Nun schloss der König die Augen und saß bewegungslos da. Die ganze Ver- sammlung wurde völlig still. Am Hof herrschte absolute Stille, da niemand den Frieden des Königs zu stören wagte. VASIåèHA fuhr fort: III:105, 106 Rāma, nach einiger Zeit nun öffnete der König wieder die Augen und be- gann, wie vor Furcht zu zittern. Weil er zu stürzen drohte, eilten die Minister zu ihm, um ihn zu stützen. Erschreckt von ihrem Anblick sprach der König: „Wer seid ihr, und was tut ihr mit mir?“ Die beunruhigten Minister erwiderten ihm: „Herr, du bist ein mächtiger König voll Weisheit, und doch konnte dich diese Täuschung überwältigen. Was ist mit deinem Gemüt geschehen? Nur diejenigen, die an den bedeutungslosen Objekten dieser Welt und den fal- schen Beziehungen zu Frauen, Kindern usw. hängen, sind den mentalen Abir- rungen unterworfen, jedoch nicht jemand wie du – hingegeben an das Höchs- te. Außerdem ist nur derjenige, der nicht die Weisheit kultiviert hat, nachtei- lig von Zaubersprüchen, Drogen usw. betroffen, nicht jedoch derjenige, des- sen Gemüt voll entwickelt ist.“ Als er dies vernahm, gewann der König seine frühere Haltung zurück, ob- wohl er den Zauberkünstler immer noch zitternd vor Furcht betrachtete. Er sprach zu ihm: „Oh du Zauberer, was hast du mit mir getan? Du hast ein Netz der Täuschung über mich geworfen. Wahrhaftig werden sogar die Weisen von Maya’s Zauberkunststücken überwältigt – so wie ich, obgleich in diesem Körper, innerhalb eines Augenblicks wundersame Halluzinationen erlebt habe.“ Der König wandte sich an die Mitglieder des Hofes und begann von den Erfahrungen der vergangenen Stunde zu berichten: „Sobald ich diesen Zauberer sah, der diesen Strauß Pfauenfedern herum- wirbelte, schwang ich mich auf das Pferd, das vor mir stand, und erfuhr eine 144
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    leichte mentale Täuschung.Nun ging ich auf eine Jagdexpedition. Das Pferd brachte mich ein eine trostlose Wüste, in der niemand lebte, nichts wuchs, wo es kein Wasser gab und wo es bitterkalt war. Ich durchlebte große Qualen. Dort verbrachte ich den ganzen Tag. Später ritt ich dann auf dem Pferd weiter, durchquerte die Wüste und betrat eine andere, die weniger öde war. Ich ruhte unter einem Baum. Das Pferd lief davon. Ich ruhte mich eine Weile aus, bis die Sonne unterging. Voll Angst versteckte ich mich in den Büschen. Die Nacht dauerte länger als eine Ewigkeit. Der Tag brach an. Die Sonne ging auf. Etwas später sah ich ein dunkelhäuti- ges Mädchen in schwarzen Kleidern, das einen Teller mit Essen in der Hand trug. Ich näherte mich ihr und bettelte sie um Essen an. Ich war sehr hungrig. Sie beachtete mich nicht – ich verfolgte sie. Schließlich sagte sie: „Ich gebe dir Essen, wenn du mir versprichst, mich zu heiraten.“ Ich versprach es, denn das Überleben war jetzt mein erstes und wichtigstes Ziel. Sie gab mir zu essen und stellte mich später ihrem Vater vor, der noch schrecklicher als sie anzu- schauen war. Schon bald gelangten wir drei in das Dorf der beiden, welches von Blut und Fleisch schwamm. Ich wurde allen als der Gemahl dieses Mäd- chens vorgestellt. Ich wurde von allen mit großem Respekt behandelt. Sie unterhielten mich mit verschiedenen, unangenehmen Geschichten, die nichts als eine Quelle des Schmerzes waren. Dann gab es eine teuflische Zeremonie, in deren Verlauf ich mit dem Mädchen verheiratet wurde.“ DER KÖNIG fuhrt fort: Bald danach wurde ich ein Mitglied des primitiven Stammes. Meine Frau gebar eine Tochter – Quelle noch weiteren Unglücks für mich. Im Laufe der Zeit kamen noch drei weitere Kinder. So wurde ich in diesem Stamm zum III:107, 108 Familienvater. Ich verbrachte dort viele Jahre (zusammen mit ihm) und erlitt die Qualen eines Familienmannes mit Frau und Kindern, die ernährt und beschützt werden mussten. Ich schlug Feuerholz und musste oft zur Nacht- zeit unter einem Baum schlafen. Wenn es kälter wurde, suchte ich Schutz in den Büschen, um es wärmer zu haben. Meine Hauptnahrung war Schweine- fleisch. Die Zeit schritt voran und ich wurde alt. Ich begann mit Fleisch zu handeln. Ich brachte das Fleisch zu den Dörfern auf den Vindhya-Bergen und verkaufte das meiste dort. Was ich nicht zu einem angemessenen Gewinn verkaufen konnte, schnitt ich in kleine Stückchen, die ich an einem schmierigen, ver- schmutzen Ort trocknete. Oft genug musste ich mit anderen im Stamm um ein kleines Stückchen Fleisch kämpfen, wenn der Hunger mich quälte und ich essen wollte. Mein Körper war in der Zwischenzeit schwarz wie Ruß gewor- den. Auf diese Weise in sündige Tätigkeiten verstrickt, neigte sich auch mein Gemüt mehr und mehr in Richtung der Sünde. Meine früheren guten Gedan- ken und Gefühle hatten mich verlassen. Mein Herz hatte sämtliches Mitgefühl verloren – so wie eine Schlange ihre Haut abwirft. Mit Hilfe von Netzen und 145
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    anderen Fallen undWaffen fügte ich den Vögeln und Tieren unsägliches Leid zu. Nur in ein Lendentuch gekleidet, ertrug ich alle Unbilden des Wetters. So verbrachte ich sieben Jahre. Gebunden durch die Stricke der bösen Neigungen lebte ich wild vor Wut und schlimme Worte gebrauchend, gebadet in Unglück und verrottete Nahrung essend. So verbrachte ich an diesem Ort eine lange, lange Zeit. Ich trieb wie in trockenes Blatt im Wind umher, und meine einzige Lebensaufgabe war das Essen. Dann kam eine Dürre über das Land. Die Luft war so heiß, dass ihre Winde Feuerzungen entsandten. Der Wald fing Feuer – und nur Asche blieb von ihm übrig. Die Menschen starben an Hunger. Sie verfolgten Luftspiegelungen, in dem Irrtum, da sei Wasser. Sie hielten Kiesel für Fleischbällchen und began- nen sie zu kauen. Einige unter ihnen begann sogar Leichen zu fressen. Während sie ihren kannibalischen Neigungen nachgingen, kauten sie sogar auf ihren Fingern herum, die vom Blut dieser toten Körper besudelt waren. So weit war es mit ihnen in ihrem Hungerwahn gekommen. Was einmal ein blühender Wald war, wurde in ein riesiges Krematorium verwandelt. Was einst ein freudeerfülltes Land war, war nun ein grauenhafter Ort, in dem die Todesschreie der Sterbenden widerhallten. (Hinweis: Diese beiden Kapitel sind voll von passenden graphischen Dar- stellungen.) DER KÖNIG fuhrt fort: III:109 Vom Hungertod bedroht, verließen viele Menschen das Land und wander- ten in andere Gegenden. Andere wiederum, die sehr an ihren Frauen und Kindern hingen, kamen in diesem Land um. Viele wurden von wilden Tieren getötet. Auch ich verließ zusammen mit meiner Frau und den Kindern das Land. An der Grenze des Landes lockte mich der kühle Schatten eines Baumes. Ich legte die kleinen Kinder, die ich auf den Schultern trug, nieder, und ruhte unter diesem Baum eine lange Zeit aus. Das jüngste meiner Kinder war noch ganz klein und unschuldig und war mir daher am liebsten. Mit Tränen in den Augen verlangte es nach Essen. Obwohl ich ihm schon gesagt hatte, dass es kein Fleisch mehr zu essen gab, bestand es in seiner kindlichen Unschuld auf seinem Verlangen, unfähig, den Hunger zu ertragen. Verzweifelt sagte ich ihm: „Nun gut, dann iss eben mein Fleisch!“ Das unschuldige Kind sagte ohne nachzudenken: „Dann gib es mir.“ Ich war von Liebe und Mitleid bewegt. Ich sah, wie das Kind nicht länger die Schmerzen des Hungers zu ertragen vermochte. Daher beschloss ich, dass der beste Weg, all dieses Elend zu beenden, die Beendigung meines Lebens sei. Mit in der Nähe zusammengesuchtem Holz errichtete ich einen Scheiterhau- fen. Und als ich dann den Scheiterhaufen bestieg, schauderte ich – und in 146
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    demselben Moment befandich mich an diesem Hof – begrüßt und umjubelt von euch allen.“ (Als der König diese Worte gesprochen hatte, verschwand der Zauberkünst- ler.) Die MINISTER sprachen: O König, dies kann kein Zauberkünstler gewesen sein, weil er nicht an einer Belohnung, an Geld, interessiert gewesen ist. Ganz sicher war dies ein göttli- ches Wesen, das dir und uns allen die Macht der kosmischen Illusion zeigen wollte. Aus all dem ist klar geworden, dass diese Welterscheinung nichts anderes als das Spiel des Gemüts ist –das Gemüt selbst ist das Spielzeug des allmächtigen, unendlichen Seins. Dieses Gemüt ist fähig, sogar einen Mann von großer Weisheit an der Nase herumzuführen. Wo ist der König, der in allen Wissensgebieten bewandert war, und wo ist diese so verblüffende Illu- sion? Ganz gewiss ist dies nicht der Trick eines Taschenspielers – denn ein Zau- berer arbeitet für materiellen Gewinn. Es war nichts als die Macht der Illusi- on. Daher verschwand der Zauberer, ohne eine Belohnung zu verlangen. VASIåèHA sprach: Rāma, ich selbst befand mich zu jener Zeit an diesem Hof und weiß daher alles aus erster Hand. Auf diese Weise vermag das Gemüt die wahre Natur des Selbst zu verhüllen und eine illusorische Realität mit zahlreichen Bäumen, Blumen und Früchten zu erschaffen. Zerstöre diese Illusion mit Hilfe der Weisheit und ruhe im Frieden. VASIåèHA fuhr fort: III:110 Ganz zu Beginn entstand eine Trennung im Höchsten Sein bzw. unendlichen Bewusstsein, und das Unendliche wurde scheinbar gleichzeitig zum Beobach- ter und Beobachteten. Als dieser Beobachter das Beobachtete zu begreifen und zu verstehen versuchte, gab es eine Vermischung (von Realität und Er- scheinung) oder eine Verwirrung. Aufgrund dieser Verwirrung entstand im unendlichen Bewusstsein das Konzept der Endlichkeit. Das endliche Gemüt erschafft sodann in sich zahllose Ideen, die es schwä- chen und verschleiern und die Sorgen herbeischaffen, die dann vom Gemüt wiederum stark vergrößert werden. Diese Ideen und Erfahrungen hinterlas- sen Spuren im Gemüt. Sie bilden die Eindrücke oder die konditionierten Tendenzen, die zum allergrößten Teil latent oder schlafend sind. Wenn das Gemüt es jedoch schafft, sie wieder loszuwerden, verschwinden die Schleier wie Nebel im Sonnenaufgang – und damit auch all diese Sorgen. Bis dahin spielt das Gemüt mit all diesen– wie kleine Kinder mit Küken spielen und sie quälen. Das unreine Gemüt sieht dort ein Gespenst, wo nur ein Pfahl ist. Es vergiftet die Beziehungen unter den Menschen, indem es Verdächtigungen unter Freunden sät und Feinde aus ihnen macht – so wie ein Betrunkener glaubt, 147
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    dass sich dieWelt um ihn dreht. Ein zerquältes Gemüt verwandelt Nahrung in Gift und verursacht Krankheit und Tod. Das unreine (mit Tendenzen beladene) Gemüt ist die Ursache der Täu- schungen (der Manien und Phobien). Man soll danach streben, sie zu entwur- zeln und abzutun. Was ist denn der Mensch anderes als das Gemüt? Der Kör- per selbst ist leblos und fühlt nichts. Man kann aber nicht sagen, dass das Gemüt leblos sei, obschon man andererseits auch nicht behaupten könnte, es sei fühlend. Was vom Gemüt getan wird, ist Tätigkeit – was vom Gemüt aufge- geben wird, ist Entsagung. Das Gemüt ist diese ganze Welt; das Gemüt ist die Atmosphäre, das Gemüt ist der Himmel, das Gemüt ist die Erde, das Gemüt ist der Wind, und das Gemüt ist wahrhaftig groß. Nur derjenige, dessen Gemüt töricht ist, wird ein Tor genannt. Wenn der Körper jedoch die Vernunft verliert (wie z. B. im To- de), dann sagt man vom Körper nicht, dass er töricht sei! Das Gemüt sieht – so bilden sich die Augen. Das Gemüt hört– so entstehen die Ohren. Und so ist es auch mit den anderen Sinnen – es ist das Gemüt, das sie erschafft. Das Gemüt entscheidet darüber, was süß oder sauer ist, wer Freund oder Feind ist. Das Gemüt entscheidet über die Dauer der Zeit, denn der König Lavaïa erfuhr in weniger als einer Stunde eine ganze Lebenszeit. Das Gemüt befindet darüber, was Himmel und Hölle ist. Wenn daher dieses Gemüt ge- meistert wird, dann ist alles, einschließlich der Sinne, gemeistert. VASIåèHA fuhr fort: Was ist wohl mysteriöser, Rāma, als dieses Gemüt, welches fähig ist, das all- gegenwärtige, reine, ewigliche und unendliche Bewusstsein zu verdunkeln und dich dazu bringt, dich selbst mit diesem leblosen physischen Körper zu identifizieren? Das Gemüt selbst erscheint wie Wind im bewegten Element, wie Glanz im Glänzenden, wie Festigkeit in der Erde und Leere im Raum. Wenn das Gemüt abwesend ist, wird der Geschmack des gegessenen Essens nicht wirklich erfahren. Wenn das Gemüt abwesend ist, sieht man nicht ein- mal das, was sich direkt vor einem befindet. Die Sinne sind aus dem Gemüt entstanden und nicht anders herum. Nur Narren halten Körper und Gemüt für völlig verschieden – tatsächlich sind sie nicht verschieden, sie sind nichts anderes als das Gemüt. Wir vernei- gen uns vor den Weisen, die diese Wahrheit wahrhaftig verwirklicht haben! Der Weise, der dies verwirklicht hat, kommt nicht aus der Ruhe, auch wenn sein Körper von einer Frau umarmt wird. Für ihn ist dies, als ob ein Stück Holz mit dem Körper in Kontakt kommen würde. Auch wenn seine Arme abgeschnitten werden, erfährt er dies nicht als wirklich. Er ist fähig, sämtli- ches Leid in Seligkeit zu verwandeln. Wenn das Gemüt abwesend ist, selbst bei einer sehr interessanten Ge- schichte, dann hörst du überhaupt nichts. 148
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    So wie einSchauspieler sich die Charaktere von verschiedenen Persönlich- keiten vorzustellen vermag, so ist das Gemüt in der Lage, verschiedene Be- wusstseinszustände wie Wachen oder Träumen zu erschaffen. Wie rätselhaft ist doch das Gemüt, welches den König Lavaïa fühlen ließ, dass er ein primi- tiver Stammesangehöriger sei! Das Gemüt erfährt, was es sich selbst konstru- iert. Das Gemüt ist nichts anderes als das, was durch Denken zusammenge- setzt wird. Wisse dies, und dann handle, wie es dir gefällt. Es ist in der Tat das Gemüt, das aufgrund von ständigem Denken glaubt, dass es geboren sei und dann stürbe. Und obwohl es keinerlei Form hat, denkt es, dass es ein jīva mit einem Körper usw. sei. Nur aufgrund der Gedan- ken nimmt es eine Nationalität an und erfreut oder erleidet Vergnügen oder Schmerzen. All dieses ist im Gemüt enthalten wie Öl in einem Samen. Wer seinem Gemüt nicht erlaubt, in den Objekten des Vergnügens umher- zuwandern, ist in der Lage, es zu meistern. So wie jemand, der an einen Pfei- ler gefesselt ist, sich nicht bewegen kann, so entfernt sich das Gemüt des edlen Mannes nicht von der Wirklichkeit – dieser allein ist ein menschliches Wesen; alle anderen sind nur Würmer. Er erlangt das Höchste Sein durch beständige Meditation. VASIåèHA fuhr fort: III:111 Der Sieg über diesen als Gemüt bekannten Kobold wird erlangt, wenn man durch Eigenbemühung die Selbsterkenntnis erlangt und das Verlangen nach dem aufgibt, was sich das Gemüt als sein Vergnügen wünscht. Erreicht wer- den kann dies auf einfache Weise ohne alle Bemühung (so leicht, wie man die Aufmerksamkeit eines Kindes ablenken kann) durch die Kultivierung der richtigen Einstellung. Schande über den, der unfähig ist, sein Verlangen auf- zugeben, denn das ist das einzige Mittel zum Erreichen des wahrhaftig Guten. Durch intensive Eigenbemühung ist es möglich, über das Gemüt zu trium- phieren. Und dann wird das individualisierte Bewusstsein ohne die kleinste Mühe in das unendliche Bewusstsein absorbiert, sobald seine Individualität gebrochen ist. Dies ist einfach und wird sehr schnell erreicht. Wer dazu nicht fähig ist, ist in der Tat ein Geier in menschlicher Gestalt. Einen anderen Weg zur Erlösung des Menschen als den der Kontrolle des Gemüts, womit die entschlossene Aufgabe des Verlangens gemeint ist, gibt es nicht. Fasse den festen Entschluss, dieses Gemüt sozusagen zu töten, was ohne Zweifel leicht erreicht werden kann. Wenn einer das Verlangen des Gemüts nicht aufgegeben hat, dann sind sämtliche Anweisungen der Lehrer, das Studium der Schriften, die Rezitation von Mantras usw. so wertlos wie Stroh! Nur wenn einer die Wurzel des Gemüts mit der Waffe des Nicht- Konzeptualisierens durchtrennt, kann er das absolute Brahman erlangen, welches allgegenwärtiger höchster Friede ist. Die Konzeptualisierung oder Einbildung ist die Quelle von Irrtum und Leid; und man kann sie leicht durch Selbsterkenntnis los werden. Wenn man sie los geworden ist, dann ist da großer Friede. Weshalb finden die Menschen dies so schwierig? 149
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    Gib deinen blindenGlauben auf an das Schicksal oder die Götter, der von verrückten und dummen Menschen geschaffen worden ist. Mache durch Eigenbemühung und Selbsterkenntnis das Gemüt gemütlos. Lass das unendli- che Bewusstsein sozusagen dieses endliche Gemüt verschlucken, und dann gehe jenseits von allem. Sobald dein Geist mit dem Höchsten vereint ist, halte an dem Selbst fest, welches unvergänglich ist. Sobald das Gemüt einmal durch vollständige Ruhe erobert worden ist, wirst du sogar die Eroberung der drei Welten als wertlos befinden. Hierfür ist keinerlei Studium der Schriften oder ein Niederfallen und Wiederaufstehen nötig – nur Selbsterkenntnis wird benötigt. Weshalb hältst du dies für schwierig? Wenn jemand dies schwierig findet – wie kann er dann in dieser Welt leben ohne Selbsterkenntnis? Wer die todlose Natur des Selbst kennt, fürchtet sich nicht vor dem Tod. Auch ist er nicht berührt durch die Trennung von Freunden und Verwandten. Die Gefühle „Dies bin ich" und "Dies ist mein" sind das Gemüt – sobald sie nicht mehr da sind, hört das Gemüt auf zu sein. Dann wird man furchtlos. Waffen wie Schwerter erzeugen Furcht – diese Waffe (Weisheit) jedoch, die den Ich-Sinn zerstört, erzeugt Furchtlosigkeit. VASIåèHA fuhr fort: Auf welches Objekt das Gemüt auch immer den Strom seiner Energien rich- III:112 tet – darin sieht es die Erfüllung all seines Verlangens. Die Ursache dieser Bewegung in eine bestimmte Richtung ist nicht offensichtlich. Wie die Wellen auf dem Ozean erscheint solch intensive Bewegung einmal hier und dann dort, sie entsteht und vergeht. Wie Kühle jedoch untrennbar vom Eis ist, so ist diese rastlose Bewegung untrennbar vom Gemüt. RùMA fragte: Wie aber, heiliger Herr, kann diese ruhelose Bewegung des Gemüts mit Kraftaufwand zurückgehalten werden, ohne dadurch noch größere Rastlosig- keit auszulösen? VASIåèHA sprach: Ganz gewiss gibt es kein Gemüt ohne Rastlosigkeit, denn Rastlosigkeit ist die eigentliche Natur des Gemüts. Es ist das Werk dieser Rastlosigkeit des Gemüts, welches auf dem unendlichen Bewusstsein gründet, das als diese Welt erscheint, oh Rāma – eben darin besteht die Macht des Gemüts. Wird das Gemüt jedoch seiner Rastlosigkeit beraubt, dann bezeichnet man es als ein totes Gemüt, und dies ist nichts anderes als Entsagung (tapas) und gleich- zeitig die wahrheitsgemäße Bestätigung der Schriften und die Befreiung. Wenn das Gemüt auf diese Weise im unendlichen Bewusstsein absorbiert ist, dann herrscht höchster Friede. Ist das Gemüt jedoch in Gedanken invol- viert, dann ist da großes Leid. Die Ruhelosigkeit des Gemüts selbst nennt man Unwissenheit oder Finsternis. Sie ist der Wohnort der Tendenzen, der Nei- gungen und der Konditionierung. Zerstöre dies durch die Erforschung und 150
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    durch die festeEntscheidung, nicht an die Objekte der Sinnesvergnügen zu denken. Oh Rāma, das Gemüt schwingt ständig wie ein Pendel zwischen der Realität und der Erscheinungswelt hin und her, zwischen Bewusstheit und Trägheit. Sobald das Gemüt die trägen Objekte eine Zeitlang betrachtet hat, übernimmt es selbst die Eigenschaften dieser Trägheit. Wenn sich dasselbe Gemüt dage- gen der Erforschung und Weisheit hingibt, schüttelt es dadurch alle Konditio- nierung ab und kehrt zu seinem ursprünglichen Zustand als reines Bewusst- sein zurück. Das Gemüt nimmt die Gestalt des Dinges an, über welches es nachsinnt – ob dieses nun natürlich oder durch Kultivierung entstanden sei. Kontempliere daher mit Entschlossenheit den Zustand jenseits des Leides, frei von allen Zweifeln. Das Gemüt ist fähig, sich selbst zu beherrschen. Einen anderen Weg gibt es in der Tat nicht. Die Weisen beseitigen die Manifestationen der latenten Tendenzen oder Konditionierungen (die nichts als das Gemüt sind) aus ihrem Gemüt, wann und wo sie auftauchen, und so wird die Unwissenheit beseitigt. Zerstöre als erstes die mentale Konditionierung durch Aufgeben der Begierden, und dann entferne aus deinem Gemüt sogar die Konzepte von Bindung und Befreiung. Sei vollkommen frei von jeglicher Konditionierung. VASIåèHA fuhr fort: III:113 Die psychologischen Neigungen (bzw. die mentale Disponiertheit oder Konditionierung) sind unwirklich und erscheinen doch im Gemüt. Sie kann daher mit der Wahrnehmung zweier Monde verglichen werden, wie sie bei einer fehlsichtigen Person auftritt. Diese Neigung sollte folglich als schiere Täuschung verworfen werden. Das Produkt der Unwissenheit ist nur für die unwissende Person wirklich – für den Weisen ist dies nur eine verbale Aus- drucksweise (als würde man vom Sohn einer unfruchtbaren Frau sprechen). Verbleibe nicht länger in der Unwissenheit, oh Rāma, sondern strebe danach, weise zu sein, indem du die mentale Konditionierung verwirfst, so wie du die Idee eines zweiten Mondes verwirfst. Du bist nicht der Täter irgendeiner Tätigkeit hier, oh Rāma – weshalb gehst du dann von einer Täterschaft aus? Wenn Eines allein existiert – wer tut dann was und wie? Werde auch nicht inaktiv, denn für was sollte die Untätigkeit gut sein? Was getan werden muss, muss getan werden. Ruhe im Selbst. Wenn du unberührt von allen diesen Tätigkeiten bleibst, dann bist du wahrhaftig der Nicht-Täter, auch wenn du sämtliche für dich natürlichen Dinge tust. Du wirst jedoch zum Täter, sobald du nichts tust und dann dieser Nicht- Täterschaft anhängst, indem du glaubst, nichts zu tun! Wenn doch diese gan- ze Welt wie ein Taschenspielertrick ist – was muss dann aufgegeben und was gesucht werden? Der Same dieser Welterscheinung ist die Unwissenheit. Wenn diese nicht als das gesehen wird, was sie ist, dann erhält sie das Siegel der Wahrheit! Die Macht, die diese Welterscheinung erschafft und sie in Bewegung hält wie der Töpfer seine Töpferscheibe, ist die psychologische Tendenz (oder die mentale 151
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    Konditionierung). Wie einBambus ist sie leer und ohne jede Substanz. Wie die Wellen im Ozean stirbt sie nicht einmal dann, wenn sie zerteilt wird. Sie kann nicht erfasst werden. Sie ist subtil und flüchtig, aber sie hat die Kraft eines Schwertes. Obwohl sie in ihrer eigenen Widerspiegelung als ihre Wir- kung wahrgenommen wird, ist sie bei der Suche nach der Wahrheit nicht von Nutzen. Wegen dieser Konditionierung werden in den Objekten dieser Schöp- fung Unterschiede gesehen. Obwohl man diese Konditionierung nicht irgendwo festlegen kann, wird sie doch überall gesehen. Sie ist keine Manifestation der Vernunft, aber weil sie auf der Intelligenz basiert, hat sie den Anschein von Intelligenz. Obgleich sie sich stets verändert, erzeugt sie in einem die Illusion der Dauerhaftigkeit. Aufgrund ihrer Nähe zum unendlichen Bewusstsein erscheint sie als tätig. Wenn dieses unendliche Bewusstsein realisiert wird, dann gelangt sie (die Konditionierung) an ihr Ende. Diese mentale Konditionierung stirbt, wenn sie nicht weiter durch die An- haftung an Objekte genährt wird. Sie verbleibt jedoch auch in der Abwesen- heit dieser Anhaftung als Potentialität bestehen. VASIåèHA fuhr fort: Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung wird vom Menschen oh- ne Anstrengung erworben und übernommen und scheint Vergnügen zu för- dern. In Wahrheit jedoch bereitet sie Leiden. Die Illusion des Vergnügens entsteht nur durch die völlige Verdunkelung der Selbsterkenntnis. So liess sie König Lavaïa einen Zeitraum von weniger als einer Stunde wie mehrere Jahre erleben. Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung ist machtlos, irgend et- was zu tun, und doch scheint sie äußerst aktiv zu sein – auf dieselbe Weise, wie ein Spiegel das Licht einer Lampe reflektiert. So wie ein lebensechtes Bildnis einer Frau niemals die Pflichten einer lebendigen Frau übernehmen kann, so ist auch diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung unfähig, selber zu funktionieren, obschon es aussieht, als wäre sie dazu fähig. Den Weisen vermag sie nicht zu täuschen, sehr wohl aber den Dummen zu über- wältigen – so einfach, wie eine Luftspiegelung ein Tier, aber nicht einen intel- ligenten Menschen, zu täuschen vermag. Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung besitzt nur eine momen- tane Existenz. Weil sie jedoch fortwährend tätig zu sein scheint, erweckt sie wie ein Fluss den Anschein von Dauerhaftigkeit. Weil sie die Realität zu ver- dunkeln vermag, erscheint sie als real. Wenn du sie aber zu begreifen ver- suchst, entdeckst du, dass sie nichts ist. Und doch erlangt sie aufgrund dieser Eigenschaften in der Welterscheinung eine Stärke und Überzeugungskraft so, wie eine einzelne Faser durch Eindrehen in ein Seil große Festigkeit erlangt. Es sieht so aus, als würde diese Konditionierung wachsen – aber tatsächlich geschieht dies nicht. Denn wenn du nach ihr zu greifen versuchst, verschwin- det sie wie die Spitze einer Flamme. Und doch – so wie der farblose Himmel 152
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    blau erscheint, sohat auch diese Konditionierung den Anschein einer wirkli- chen Existenz! Sie entsteht wie der zweite Mond beim Fehlsichtigen und existiert wie die Traumobjekte. Sie erzeugt Verwirrung, so wie sich für Men- schen, die in einem Boot fahren, das Ufer zu bewegen scheint. Sobald sie aktiv wird, erzeugt sie die Täuschung des langen, langen Traums der Welterschei- nung. Sie pervertiert die Freundschaften und Erfahrungen. Es ist diese Un- wissenheit oder mentale Konditionierung, die verantwortlich ist für die Schaffung und Wahrnehmung der Dualität, für die Getrenntheit und die nach- folgende Verwirrung der Wahrnehmung und Erfahrung. Sobald diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung gemeistert ist, indem man sich ihrer Irrealität bewusst wird, hört das Gemüt auf zu sein – so wie der Fluss austrocknet, wenn das Wasser aufhört zu fließen. RùMA fragte: Andererseits, heiliger Herr, scheint der in einer Luftspiegelung wahrge- nommene Fluss kein Ende zu haben. Wie erstaunlich ist es doch, dass diese Unwissenheit die ganze Welt hat erblinden lassen! Diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung gedeiht durch die Zwillingskräfte von Verlangen und Hass. Bitte sage mir, wie kann ich sicherstellen, dass diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung überhaupt nicht mehr auftaucht! Und heiliger Herr, teile mir bitte außerdem mit, auf welche Weise diese schreckliche Finsternis der Unwissenheit verschwindet. III:114 VASIåèHA sprach: Oh Rāma, so wie die Dunkelheit beim Auftauchen des Lichts verschwindet, so verschwindet die Unwissenheit, sobald du dich dem Licht des Selbst zu- wendest. So lange es kein natürliches Verlangen nach Selbsterkenntnis gibt, so lange beschwört diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung den endlosen Strom der Welterscheinung herauf. So wie ein Schatten verschwindet, wenn er das Licht zu sehen wünscht, so wird diese Unwissenheit vernichtet, wenn man sich der Selbsterkenntnis zuwendet. Rāma, das Verlangen selbst ist diese Unwissenheit oder mentale Konditionierung, und die Beendigung des Verlangens ist die Befreiung Dies geschieht, wenn es keinerlei Bewegung von Gedanken mehr im Gemüt gibt. RùMA fragte: Oh Weiser, du sagtest, dass da Selbsterkenntnis sei, sobald die Unwissenheit aufhört zu sein. Was ist das Selbst (ātman)? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, von Brahmā dem Schöpfer bis hinunter zum Grashalm ist all dies nichts anderes als das Selbst – die Unwissenheit ist nichts als eine inexistente Irrealität. Es gibt hier kein zweites Ding, das man das Gemüt nennen könnte. In diesem Selbst treibt dieser Schleier der Verdunkelung herum (der auch das Selbst ist) und erzeugt die Gegenüberstellung von Subjekt und Objekt. Es ist 153
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    das unendliche Bewusstseinselbst, welches dann als das Gemüt bezeichnet wird. Dieser Schleier ist nur eine Idee, eine Absicht oder ein Gedanke in eben diesem unendlichen Bewusstsein. Das Gemüt ist aus dieser Idee oder diesem Gedanken heraus entstanden, und es muss auf dieselbe Weise mit der Unter- stützung einer Idee oder eines Gedankens auch wieder verschwinden; d. h., durch die Beendigung der Idee oder des Gedankens. Die feste Überzeugung „Ich bin nicht das absolute Brahman“ bindet das Gemüt, und es wird befreit durch die ebenso feste Überzeugung, dass „alles ist das absolute Brahman“. Die Ideen und Gedanken sind Bindung und ihr Ende ist die Befreiung. Sei daher vollkommen frei von ihnen und tue, was immer spontan zu tun ist. So wie die Gedanken oder Ideen die Bläue im Himmel „sehen“, so sieht die- ses Gemüt die Welt als real an. Da ist aber keinerlei Bläue im Himmel – es ist nur das Unvermögen des Sehsinns, über eine bestimmte Grenze hinaus zu sehen, die als Bläue erscheint. Auf dieselbe Weise ist es nur die Begrenztheit des Denkens, die diese Welterscheinung wahrnimmt. Diese Welterscheinung ist eine Täuschung, oh Rāma –ich rate dir, keinen einzigen Gedanken daran jemals wieder im Gemüt entstehen zu lassen. Indem man denkt „Ich bin verloren“, entsteht das Leid, und indem man denkt „Ich bin erwacht“, geht man in Richtung der Seligkeit. VASIåèHA fuhr fort: Wenn das Gemüt kontinuierlich irreführenden oder unsinnigen Ideen nachhängt, wird es getäuscht, und wenn das Gemüt kontinuierlich über er- leuchtete und hochherzige Ideen nachsinnt, dann wird es erleuchtet. Sobald der Gedanke der Unwissenheit fest im Gemüt aufrechterhalten wird, ist auch die Unwissenheit fest verankert. Wird jedoch das Selbst erkannt, dann wird diese Unwissenheit aufgelöst. Und darüber hinaus – was immer das Gemüt zu erlangen versucht, danach streben die Sinne mit all ihrer Kraft. Wer folglich sein Gemüt nicht auf solchen Gedanken und Ideen ausruhen lässt, aber stets danach strebt, des Selbst bewusst zu bleiben, der erfreut sich des Friedens. Das, was nicht am Anfang war, existiert auch jetzt nicht! Das, was war und folglich auch jetzt ist, ist das absolute Brahman. Die Kontempla- tion darüber verleiht Frieden, denn Brahman ist Friede. Man sollte nicht irgend etwas anderes als dies zu irgendwelcher Zeit in irgendwelcher Art irgendwo kontemplieren. Man sollte jede Hoffnung auf Vergnügen mit der größten, einem selbst möglichen, Strenge entwurzeln und sich dazu aller zur Verfügung stehenden Geisteskraft bedienen. Es ist nur die Unwissenheit, die die Ursache von Altern und Tod ist. Hoff- nungen und Anhaftungen verbreiten und verzweigen sich nur aufgrund der mentalen Konditionierung, die nichts als Unwissenheit ist. Diese Verbreitung und Verzweigung nimmt die Gestalt von Ideen wie „Dies ist mein Besitz“, „Dies sind meine Söhne“ usw. an. Wo kann es denn in diesem physischen Körper etwas geben, was man „Ich“ nennen könnte? In Wahrheit, oh Rāma, 154
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    haben „Ich“, „mein“usw. überhaupt keine Existenz –das Selbst allein ist alle- zeit die einzige Wahrheit. Nur im Zustand der Unwissenheit geschieht es, dass man eine Schlange in einem Seil erblickt – nicht im erleuchteten Zustand. Auf dieselbe Weise exis- tiert in der erleuchteten Sicht nur das unendliche Bewusstsein und nichts sonst. Oh Rāma, werde kein unwissender Mensch – werde ein Weiser! Zerstö- re die mentale Konditionierung, die diese Welterscheinung entstehen lässt. Weshalb betrachtest du wie der unwissende Mensch diesen Körper als dein Selbst und fühlst dich dann elend? Auch wenn Körper und Selbst gemeinsam zu existieren scheinen, sind sie nicht untrennbar, denn wenn der Körper stirbt, stirbt das Selbst nicht. Ist es nicht ein großes Wunder, oh Rāma, dass die Menschen die Wahrheit vergessen, dass nur das absolute Brahman ist, und anstelle dessen von der Existenz des Unwirklichen und der nicht-existenten Unwissenheit überzeugt sind? Rāma, lass die närrische Idee der Existenz der Unwissenheit nicht in dir Wurzeln schlagen, denn wenn das Bewusstsein einmal davon verseucht ist, dann lädt dies endloses Leiden ein. Obwohl unwirklich, kann dies ganz reales Leiden verursachen! Es geschieht aufgrund der Unwissenheit, dass die Illusi- onen wie in einer Luftspiegelung existieren, und dass man verschiedene Wahnbilder und Halluzinationen wahrzunehmen glaubt (als würde man in der Luft oder im Raum fliegen) und Himmel und Hölle erfährt. Gib daher, oh Rāma, die mentale Konditionierung, die allein verantwortlich für die Wahr- nehmung der Dualität ist, auf und verbleibe völlig unkonditioniert. Dann wirst du eine unvergleichliche Überlegenheit über alles erlangen! Nach einigen Minuten tiefer Kontemplation sprach RùMA: III:115 Heiliger Weiser! Es scheint in der Tat unglaublich, dass diese nicht-existente Unwissenheit solche Illusionen hervorzubringen vermag, aufgrund derer man diese nicht-existierende Welt für völlig real hält. Bitte kläre mich weiter darüber auf, wie dies möglich ist. Und teile mir bitte auch mit, weshalb der König Lavaïa allen Arten von Leiden unterworfen war. Bitte unterrichte mich darüber, wer oder was dies ist, das all diese Leiden erfährt. VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, es stimmt nicht wirklich, dass das Bewusstsein in irgendeiner Weise mit diesem Körper in Verbindung steht. Der Körper wird vom Be- wusstsein nur phantasiert – wie in einem Traum. Sobald das Bewusstsein sozusagen sich durch seine eigenen Kräfte selbst begrenzt und sich für einen jīva hält, dann verwickelt sich dieser jīva, ausgestattet mit seiner Energie der Rastlosigkeit, in diese Welterscheinung. Das verkörperte Wesen, welches die Früchte vergangener Handlungen er- leidet oder sich ihrer erfreut und welches in die verschiedensten Körper schlüpft, wird als Ich-Sinn, Gemüt und auch jīva bezeichnet. Weder der Kör- per noch das erleuchtete Wesen ist irgendeinem Leiden unterworfen – es ist nur das unwissende Gemüt, welches leidet. Es geschieht nur im Zustand der 155
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    Unwissenheit (der wieSchlaf ist), dass das Gemüt die Welterscheinung er- träumt, nicht aber, wenn es erwacht oder erleuchtet ist. Daher wird das ver- körperte Wesen, welches dem Leiden unterworfen ist, verschiedentlich das Gemüt, Unwissenheit, jīva und mentale Konditionierung oder auch individua- lisiertes Bewusstsein genannt. Der Körper ist nicht-fühlend und kann daher weder Freude oder Schmerz erfahren. Die Unwissenheit lässt die Achtlosigkeit und die Unklugheit entste- hen – folglich ist es die Unwissenheit allein, die Freude und Schmerz erfährt. Es ist in der Tat das Gemüt allein, welches geboren wird, klagt, tötet, umher wandert, andere missbraucht usw., jedoch nicht der Körper. In allen diesen Erfahrungen von Glücklichsein und Unglücklichsein wie auch in allen Hallu- zinationen und Imaginationen ist es allein das Gemüt, das alles tut, und es ist wiederum das Gemüt, welches all dieses erfährt; denn das Gemüt ist der Mensch. Ich werde dir jetzt den Grund der Leiden von König Lavaïa erzählen. Lavaïa war ein Abkömmling von Hariścandra. Lavaïa dachte bei sich: „Mein Großvater verrichtete ein großes religiöses Ritual und wurde ein großer Mann. Auch ich sollte daher ein solches Ritual ausführen.“ Er beschaffte sich die für die religiösen Riten erforderlichen Materialien und Priester und führte alle Riten mental aus (ein ganzes Jahr lang). Da er erfolgreich die religiösen Riten rein mental ausgeführt hatte, erwarb er dadurch auch deren Früchte. Oh Rāma, darin kannst du erkennen, wie das Gemüt allein der Täter aller Handlungen und daher auch der Erfahrende von allem Unglück und Glück ist. Führe daher dein Gemüt auf den Pfad der Erlö- sung, Rāma. VASIåèHA fuhr fort: Ich selbst war Zeuge der Szene am Hof von Lavaïa, und als sie wissen woll- III:116, 117 ten, wer dieser Zauberkünstler war, der plötzlich verschwand, da erkannte ich seine Identität mit Hilfe meiner subtilen Sehkräfte. Ich stellte fest, dass er ein Bote der Götter war. Es ist Tradition, dass Indra jedem, der sich diesen religiösen Riten hingibt, die Lavaïa mental ausführte, allerhand von Qualen sendet, um seine Stärke zu testen. Als Ergebnis davon erlebte er diese Hallu- zinationen. Der Ritus wurde von seinem Gemüt ausgeführt, und diese Hallu- zinationen wurden ebenfalls von seinem Gemüt erfahren. Sobald dasselbe Gemüt gründlich gereinigt ist, wirst du alle von ihm er- schaffenen Dualitäten und alle Vielfalt loswerden. Rāma, ich habe dir bereits von dem Prozess der zyklischen Schöpfung (nach der letzten kosmischen Auflösung) erzählt und wie man zu der falschen Vor- stellung von „Ich“ und „mein“ kommt. Ausgestattet mit Weisheit sollte jeder, der nach und nach die sieben Stufen der Yoga-Vervollkommnung erklimmt, von jenen Vorstellungen befreit sein. RùMA fragte: 156
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    Heiliger Herr, worinbestehen die sieben Stufen, auf die du dich beziehst? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, es gibt sieben absteigende Stufen der Unwissenheit und sieben aufsteigende Stufen der Weisheit. Diese werde ich dir nun beschreiben. In der Selbsterkenntnis verankert zu sein ist Befreiung. Sobald dies gestört wird, tauchen der Ich-Sinn und die Bindung auf. Der Zustand der Selbsterkenntnis besteht darin, dass es keinerlei mentale Erregung gibt – weder Zerstreutheit noch Stumpfheit des Gemüts, weder ein Ich-Sinn noch eine Wahrnehmung der Vielfalt. Die Täuschung, die diese Selbsterkenntnis verdunkelt, ist siebenfach – es sind der Samenzustand des Wachens, des Wachzustands, des großen Wach- zustands, des wachen Traums, des Traums, des traumartigen Wachzustandes und des Schlafs. Im reinen Bewusstsein, wenn das Gemüt und der jīva nur als Namen existieren, herrscht der Samenzustand des Wachzustandes. Sobald die Vorstellungen von „Ich“ und „dies“ auftauchen, wird dies der Wachzustand genannt. Wenn diese Vorstellungen durch die Erinnerungen aus früheren Inkarnationen verstärkt werden, dann ist dies der große Wachzu- stand. Wenn das Gemüt vollständig seiner eigenen Phantasien bewusst und von diesen erfüllt ist, dann ist dies der wache Traum. Die falschen Vorstellun- gen während des Schlafs, die trotzdem als real erscheinen, sind die Träume. Im traumartigen Wachzustand erinnert man sich an die vergangenen Erfah- rungen so, als wären sie in diesem Moment real. Wenn diese zugunsten einer völlig trägen Dumpfheit aufgegeben werden, ist dies Schlaf. Diese sieben Stufen besitzen alle ihre eigenen zahllosen Unterteilungen. III:118 VASIåèHA fuhr fort: Ich werde dir jetzt, oh Rāma, die sieben Stufen oder Zustände der Weisheit beschreiben. Wenn du diese kennst, wirst du nicht länger in der Täuschung befangen sein. Die erste ist der reine Wunsch oder die reine Absicht, die Er- forschung ist die zweite, die dritte ist, wenn das Gemüt subtil wird, die Veran- kerung in der Wahrheit ist die vierte, die völlige Freiheit von Anhaftung oder Bindung ist die fünfte, die sechste ist das Aufhören der Objektivität und die siebente ist jenseits von all diesen. „Weshalb benehme ich mich immer noch wie ein Narr? Ich sollte die Schrif- ten studieren und die Heiligen aufsuchen, die die Leidenschaftslosigkeit kul- tiviert haben“ – darin besteht der Wunsch dieses ersten Zustands. Daraufhin befasst man sich mit der Praxis der Erforschung (direkte Beobachtung). Mit all diesem entsteht dann die Nicht-Anhaftung und das Gemüt wird subtil und transparent – darin besteht der dritte Zustand. Wenn diese drei praktiziert werden, entsteht im Sucher eine natürliches Abwenden von den Sinnesver- gnügen, und es taucht ein natürliches Verweilen in der Wahrheit auf – darin besteht der vierte Zustand. Wenn alle diese intelligent praktiziert werden, entsteht eine totale Nicht- Anhaftung und zur selben Zeit eine Überzeugung von der Natur der Wahrheit 157
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    – darin bestehtder fünfte Zustand. Dann erfreut man sich seines eigenen Selbst. Die Wahrnehmung von Dualität und Vielfalt sowohl innerhalb wie außerhalb (von einem selbst) hört auf, und die Bemühungen, die man durch die Inspiration durch andere unternommen hat, tragen als Ergebnis ihre Frucht in der Form der direkten spirituellen Erfahrung. Danach gibt es keine weiteren Bemühungen mehr, keine Getrenntheit, keine Verschiedenheit. Die Selbsterkenntnis ist spontan, natürlich und ununterbro- chen – darin besteht der siebente, transzendentale Zustand. Dies ist der Zu- stand desjenigen, der in diesem Leben befreit ist. Darüber hinaus liegt noch der Zustand desjenigen, der sogar den Körper transzendiert hat (der Zustand des turīyātīta). Rāma, alle Großen, die diese sieben Stufen der Weisheit erklommen haben, sind Heilige. Sie sind befreit und fallen niemals mehr in den Sumpf von Glücklichsein und Unglücklichsein. Vielleicht arbeiten sie und sind tätig – vielleicht auch nicht. Sie erfreuen sich am Selbst und bedürfen nicht anderer, um glücklich zu sein. Der höchste Zustand des Bewusstseins kann von allen, sogar von Tieren und primitiven Menschen, erlangt werden; von denen mit einem Körper und von entkörperten Wesen, denn er beinhaltet nichts als das Auftauchen der Weisheit. Diejenigen, die die höchsten Ebenen des Bewusstseins erreicht haben, sind wahrhaftig große Menschen. Sie sind bewundernswert. Sogar ein Kaiser ist im Vergleich mit ihnen nur wie ein Grashalm, denn jene sind hier und jetzt befreit. VASIåèHA fuhr fort: III:119 Das Selbst stellt sich unwissenderweise eine egoische Existenz vor; auf die- selbe Weise, wie wenn das Gold seine Goldheit vergessen hätte und denken würde, es sei ein Ring – und dann weint und jammert: „Oh weh! Ich habe meine Goldheit verloren!“ RùMA fragte: Heiliger Herr, wie konnten diese Unwissenheit und der Ich-Sinn im Selbst entstehen? VASIåèHA sprach: Rāma, man sollte stets nur Fragen stellen, die das Wirkliche betreffen – nicht das Unwirkliche. Weder die goldlose „Ringheit“ noch der begrenzte Ich- Sinn existieren in Wahrheit. Wenn der Goldschmied den Ring verkauft, wiegt er dazu das Gold aus, weil der Ring Gold ist. Wenn man über die Existenz der „Ringheit“ im Ring oder über die endliche Form im unendlichen Bewusstsein diskutieren möchte, dann muss man dies mit dem Sohn der unfruchtbaren Frau vergleichen. Die Existenz des Unwirklichen ist unwirklich – sie entsteht in der Unwissenheit und verschwindet nach dem Erforschen. In der Unwis- senheit sieht man im Perlmutter Silber – jedoch kann dieses Silber nicht 158
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    einen einzigen Augenblicklang wirklich sein! Solange die Wahrheit nicht erkannt wird, dass es sich nur um Perlmutter handelt, dauert die Unwissen- heit an. So wie man nicht aus Sand Öl gewinnen, und wie man vom Ring stets nichts als Gold erhält, so gibt es hier in diesem Universum nicht zwei Dinge – das eine, unendliche Bewusstsein leuchtet in allen Namen und Formen. So ist in der Tat die Natur dieser völligen Unwissenheit, dieser Täuschung und dieses ganzen Weltvorgangs – ohne reale Existenz gibt es da diese illuso- rische Vorstellung des Ich-Sinns. Dieser Ich-Sinn existiert im unendlichen Selbst nicht. Im unendlichen Selbst gibt es keinen Schöpfer, keine Welten, keinen Himmel, keine Menschen, keine Dämonen, keine Körper, keine Ele- mente, keine Zeit, keine Existenz oder Zerstörung, kein „du“, kein „Ich“, kein Selbst, kein „dies“, weder Wahrheit noch Falschheit, keine Wahrnehmung von Vielfalt, keine Kontemplation und keine Freuden. Was als einziges ist und als das Universum bezeichnet wird, ist dieser Höchste Friede. Da ist kein Beginn, keine Mitte und kein Ende – alles ist alles zu allen Zeiten und jenseits von Verstehen und Sprache. Schöpfung gibt es nicht. Das Unendliche hat zu kei- nem Zeitpunkt seine Unendlichkeit aufgegeben. Jenes ist niemals zu diesem geworden. Es ist wie der Ozean, jedoch ohne dessen Bewegung. Selbstleuch- tend wie die Sonne ist es, jedoch ohne Tätigkeit. In der Unwissenheit wird das Höchste Sein als das Objekt, die Welt, gesehen. So wie Raum im unendlichen Raum existiert und eins mit Raum ist, ebenso ist, was als die Schöpfung er- scheint, Brahman existierend in Brahman als Brahman. Die Vorstellungen von fern und nah, von Vielfalt, von hier und dort, sind so gültig, wie die Entfer- nung zwischen zwei Objekten in einem Spiegel, in dem eine ganze Stadt wi- derspiegelt wird. VASIåèHA fuhr fort: III:120, Am Tag nach dieser halluzinatorischen Erfahrung dachte König Lavaïa: „Ich 121 sollte nun selbst zu diesen Plätzen gehen, die ich meiner Vision erblickt habe – vielleicht existieren sie wirklich!“ Unverzüglich rückte er mit seinem Gefol- ge aus und begab sich in südliche Richtung. Schon bald begegnete er den Schauplätzen seiner Visionen und den verschiedenen Leuten, die er dort kennen gelernt hatte. Er traf tatsächlich dieselben Leute, die er während seines Lebens als Stammesangehöriger kannte. Er sah sogar seine eigenen, notleidenden Kinder. Er erblickte da eine alte Frau, die jammerte und klagte in tiefster Verzweif- lung: „Oh mein geliebter Ehemann – wohin bist du gegangen, und weshalb hast du uns alle hier zurückgelassen? Ich habe meine schöne Tochter verlo- ren, die das außerordentliche Glück hatte, einen edlen König als Ehegemahl zu erhalten. Wohin sind sie alle gegangen? Oh weh! Alle habe ich verloren!“ Der König ging zu ihr, tröstete sie und erfuhr von ihr, dass sie in der Tat die Mutter seiner Stammesgemahlin war! Aus Mitgefühl gab er ihnen genug Mittel, um ihre Bedürfnisse zu befriedigenund um ihnen aus der schreckli- chen Dürre herauszuhelfen, die den gesamten Landstrich verwüstet hatte, 159
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    wie er amvorigen Tage gesehen hatte. Er blieb einige Zeitlang unter ihnen und kehrte dann in seinen Palast zurück. Am nächsten Morgen bat mich der König, dieses Mysterium zu erklären. Mit meiner Antwort zeigte er sich schließlich völlig zufrieden. Oh Rāma, darin besteht die Macht der Unwissenheit – sie ist fähig, eine totale Verwirrung zwischen dem Realen und dem Irrealen zu schaffen. RùMA fragte: Oh Weiser, wahrhaftig bereitet dies Kopfzerbrechen! Wie kann das, was in einem Traum oder einer Halluzination erblickt wurde, denn auch in der Rea- lität des Wachzustandes erfahren werden? VASIåèHA antwortete: Aber oh Rāma, all dies ist Unwissenheit! Die Vorstellungen von fern und nah, eines Moments und der Ewigkeit, sind nichts als Halluzinationen. Denn in der Unwissenheit erscheint das Reale als irreal und das Irreale als real. Das individualisierte Bewusstsein nimmt wahr, was es sich als seine Wahrneh- mungen ausdenkt – aufgrund seiner Konditionierung. Aufgrund der Unwis- senheit entsteht in demselben Moment, in dem die Vorstellung des Ich-Sinns auftaucht, auch die Täuschung eines Anfangs, einer Mitte und eines Endes. Wer sich dadurch täuschen lässt, stellt sich vor, dass er ein Tier sei und macht dessen Erfahrungen. All dies geschieht aufgrund der zufälligen Koinzidenz – wie die Krähe, die eine Kokospalme anfliegt, sich auf dieser niedersetzt und im selben Moment eine Frucht hinunterfällt, als ob die Krähe sie gelöst hätte. Aber die Krähe tat es überhaupt nicht! Auf ähnliche Weise erscheint durch puren Zufall und in der Unwissenheit das Irreale als real. VASIåèHA fuhr fort: In seinem hypnotisierten Zustand vermochte König Lavaïa, reflektiert in seinem eigenen Bewusstsein, die Heirat eines Prinzen mit einer Stammesan- gehörigen zu erblicken, und er erfuhr dies ganz real, als wäre ihm dies wahr- haftig geschehen. Ein Mann vergisst, was er früher einmal in seinem Leben getan, auch wenn er viel Zeit und Energie für diese Handlung aufgebracht hat. Und so denkt er nun, dass er das, was er damals tat, niemals getan hat. Solche Diskrepanzen in der Erinnerung werden sehr häufig festgestellt. So wie man manchmal von einem vergangenen Vorfall so träumt, als würde er gerade jetzt geschehen, so erfuhr Lavaïa in seiner Vision die vergangenen mit dem Stamm in Verbindung stehenden Vorfälle. Es ist auch möglich, dass die Leute in den Wäldern der Vindhya-Huegel in ihren eigenen Gemütern dieselben Visionen erfahren haben, die im Bewusstsein des Lavaïa aufge- taucht sind. Es ist ferner möglich, dass Lavaïa und die Stammesleute in ihren eigenen Gemütern jeweils alles das erfahren haben, was auch die anderen erfahren haben. Halluzinationen dieser Art werden zur Realität, wenn sie von vielen erfahren werden – so wie eine Behauptung, die von vielen Menschen geglaubt wird, für wahr gehalten wird. Sobald diese in das eigene Leben integriert werden, erwerben sie ihren eigenen Anschein der Realität. Denn 160
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    schließlich – wasist denn die Wahrheit betreffend die Dinge in dieser Welt anderes als die Art und Weise, wie sie im eigenen Bewusstsein erfahren wer- den? Die Unwissenheit ist keine reale Gegebenheit, ebenso wenig wie Öl im Sand eine reale Gegebenheit ist. Die Unwissenheit und das Selbst können keinerlei Beziehung miteinander haben, denn es kann eine Beziehung stets nur zwi- schen denselben oder ähnlichen Gegebenheiten stattfinden, was sich aus jedermanns Erfahrung ergibt. Daher ist es allein aufgrund des unendlichen Bewusstseins, dass alles im Universum kennbar wird. Es ist aber nicht so, als würde das Subjekt das Objekt beleuchten, welches keine eigene Leuchtkraft besitzt, sondern es ist so, dass alles selbstleuchtend ist, weil alles nur Be- wusstsein ist – keine wahrnehmende Intelligenz wird benötigt. Es geschieht durch die Tätigkeit des Bewusstseins, welches seiner selbst bewusst wird, dass Intelligenz sich selbst manifestiert – es ist nicht so, dass das Bewusstsein ein lebloses Objekt wahrnimmt. Es ist nicht korrekt zu sagen, dass es in diesem Universum eine Vermi- schung des Leblosen und des Fühlenden gibt, weil sich diese überhaupt nicht verbinden können. Es geschieht nur deshalb, weil alle Dinge voll Bewusstheit sind. Wenn dieses Bewusstsein sich selbst erfasst, dann gibt es Wissen. Man könnte eine Beziehung zwischen einem Baum und einem Stein sehen, obgleich beide als leblos erscheinen. Jedoch existiert diese Beziehung nur aufgrund ihrer grundlegenden Bestandteile, die einem bestimmten Wandel unterworfen worden sind, um einerseits als Baum und andererseits als Stein zu erscheinen. Dies kann man auch beim Geschmackssinn feststellen – die Geschmacksnerven der Zunge reagieren auf den Geschmack im Essen usw. aufgrund der Ähnlichkeit im Aufbau der Substanzen. VASIåèHA fuhr fort: Alle Beziehung ist daher die Realisation der schon zuvor existierenden Ein- heit. Die vermeintliche Beziehung wird nur deshalb gesehen, weil es zuvor die falsche und täuschende Annahme einer Getrenntheit in Subjekt und Ob- jekt gegeben hat. Wahr ist, dass es nur Ein Alles gibt – das unendliche Be- wusstsein. Daher, oh Rāma, realisiere dieses Universum als das unendliche Bewusstsein. Es ist angefüllt mit den Zaubereien der Macht dieses Bewusst- seins – und doch ist niemals etwas geschehen, denn die Fülle kann nicht mit mehr angefüllt werden. Es ist nur in dem Sinne angefüllt, wie ein Raum, der mit einer eingebildeten Stadt gefüllt ist. Nur wenn das Gold vergessen wird, sieht man da ein Schmuckstück. Das Schmuckstück ist die illusorische Erscheinung des Goldes – gleich wie die illusorischen Vorstellungen einer Nation oder der Welt und auch der Wieder- geburten. Sobald die falsche Vorstellung des Schmuckstücks zurückgewiesen wird, wird die Wahrheit des Goldes erkannt, und wenn die falsche Vorstellung der Subjekt-Objekt-Beziehung zurückgewiesen wird, gibt es keinerlei Unwis- senheit, welche Getrenntheiten erschafft. Das Denken allein erschafft alle diese Getrenntheiten und Illusionen. Wenn es aufhört, hört auch die Schöp- 161
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    fung auf. Dannerkennst du, dass alle Wellen nur den einen Ozean bilden, dass Puppen aus Holz sind, Töpfe aus Lehm, und dass diese drei Welten das abso- lute Brahman sind. In der Mitte zwischen dem Gesehenen und der Sicht gibt es eine Beziehung, die als der Seher bezeichnet wird. Sobald diese Getrenntheit zwischen dem Seher, der Sicht und dem Gesehenen aufgegeben wird, ist da das Höchste. Wenn das Gemüt von einem Land in das andere reist, dann befindet sich dazwischen nichts als die kosmische Intelligenz. Sei dieses für immer. Deine wahre Natur ist verschieden vom begrenzten wachen, träumenden und schla- fenden Bewusstsein – sie ist ewiglich, unkennbar, nicht leblos. Verbleibe immer als dieses. Entferne die Stumpfheit und sei verankert in der Wahrheit deines Herzens. Verbleibe sodann, unabhängig davon, ob du intensiv tätig oder in Kontemplation bist, als dieses allein – ohne Verlangen, Hass und ohne dich in das Körperbewusstsein zu verwickeln. So wie du dich nicht um die Angelegenheiten eines zukünftigen Dorfes kümmerst, so lass dich nicht in die Stimmungen deines Gemüts verwickeln, sondern sei in der Wahrheit veran- kert. Betrachte das Gemüt wie einen Fremden oder ein Stück Holz oder einen Stein. Im unendlichen Bewusstsein gibt es kein Gemüt. Was von diesem nicht- existenten Gemüt getan wird, ist irreal. Sei verankert in dieser Erkenntnis. Die Wahrheit ist, dass dieses Gemüt überhaupt nicht existiert – und wenn es je existiert hat, dann ist es jetzt tot. Und doch sieht dieses tote Gemüt alles dieses, was folglich nichts als falsche Wahrnehmung ist. Sei fest in dieser Erkenntnis verankert. Derjenige, der von diesem Gemüt regiert wird, welches völlig inexistent ist, ist wirklich geisteskrank und glaubt, dass vom Mond ein Donnerblitz herabfährt! Weise daher den Glauben an die Wirklichkeit des Gemüts gänzlich von dir und widme dich dem rechtem Denken und der Medi- tation. Ich habe diese Wahrheit betreffend das Gemüt über eine sehr lange Zeit hindurch erforscht, oh Rāma, und habe es nirgends gefunden – nur das unendliche Bewusstsein existiert. VASIåèHA fuhr fort: III:122 Dieser anscheinend endlose Strom der Unwissenheit kann nur mit Hilfe der stetigen Gesellschaft der Heiligen überquert werden. Daraus entsteht die Weisheit und man erkennt, was wert ist zu suchen und was man vermeiden sollte. Schließlich entsteht daraus der reine Wunsch nach der Erlangung der Befreiung. Dies führt zur ernsthaften Erforschung. Schließlich wird das Ge- müt subtil, weil die Erforschung die mentale Konditionierung ausdünnt. Als Ergebnis des Aufsteigens der reinen Weisheit bewegt sich das eigene Be- wusstsein in der Wirklichkeit. Dann verschwindet die mentale Konditionie- rung und es gibt die Nicht-Anhaftung. Die Bindung an Handlungen und ihre Früchte hört auf. Die eigene Sicht wird fest in der Wahrheit verwurzelt und die Wahrnehmung des Unwirklichen geschwächt. Obwohl er in dieser Welt lebt und tätig ist, erfüllt derjenige, der über diese unkonditionierte Sicht verfügt, seine Arbeiten als ob er schlafend wäre – ohne an die Welt und ihre Vergnügen zu denken. Nachdem er einige Jahre so gelebt hat, wird er voll- 162
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    ständig befreit undgeht jenseits all dieser Zustände – er ist, noch lebend, befreit. Ein solch befreiter Weiser ist nicht entzückt über das, was er gewinnt, noch trauert er um das, was er nicht hat. Oh Rāma, auch in dir wurde die Konditio- nierung des Gemüts geschwächt – strebe danach, die Wahrheit zu erfassen. Mit der Erkenntnis des Selbst, welches unendliches Bewusstsein ist, wirst du jenseits von Trauer, Täuschung, Geburt und Tod, Glück und Unglück gehen. Das Selbst ist eins und ungeteilt, und so hast du keine Verwandten und daher auch keine Sorgen, die aus diesen falschen Beziehungen entstehen. Das Selbst ist eins und ungeteilt, und so gibt es nichts mehr zu wünschen oder zu errei- chen. Dieses Selbst ist keinerlei Wandel unterworfen und stirbt niemals – wenn der Topf zerbrochen ist, wird doch der Raum darin nicht zerbrochen. Sobald die mentale Konditionierung überwunden und das Gemüt vollkom- men still geworden ist, gelangt diese Täuschung, die den Unwissenden irre- führt, an ihr Ende. Es geschieht nur aufgrund dieser nicht klar verstandenen Illusion (Māyā), dass sie diese gewaltige Täuschung zu erschaffen vermag. Wird sie dagegen klar verstanden, dann wird sie als das Unendliche selbst gesehen und die Quelle des Glücks und der Verwirklichung des absoluten Brahman. Es ist nur wegen der spirituellen Unterweisung, dass man vom Selbst, Brahman usw. spricht. In Wahrheit gibt es nur Eines. Es ist reines Bewusstsein – kein verkörpertes Wesen. Es ist – ob man es nun kennt oder nicht, ob man verkörpert oder ohne Körper ist. All dieses Unglücklichsein, das du in dieser Welt siehst, gehört zum Körper. Das Selbst, welches von den Sinnen nicht erfasst werden kann, ist jenseits des Kummers. Im Selbst ist keinerlei Wunsch – die Welt erscheint in ihm ohne einen Wunsch oder eine Absicht. Oh Rāma, durch meine Unterweisung ist nun die falsche Vorstellung von der Schöpfung und ihrer Existenz zerstreut worden. Dein Bewusstsein ist rein geworden – frei von aller Dualität. *** 163
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    Teil IV: Überdie Existenz VASIåèHA fuhr fort: IV:1 Oh Rāma, nach der Darlegung der wahren Natur der Weltentstehung werde ich nun die Darlegung der wahren Natur der Fortdauer dieser Welterschei- nung behandeln. Es gibt die Existenz der Welt als Objekt der Wahrnehmung nur so lange, wie die Illusion dieser Welterscheinung andauert. Tatsächlich ist sie so wirklich wie die Traumerscheinung, denn sie ist das Ergebnis von nichts, was aus nichts heraus von niemandem und mit nichts entstanden ist. Diese Welterscheinung wird nur wie ein Tagtraum erfahren – sie ist essen- ziell unwirklich. Sie ist eine Malerei in der Leere – wie die Farben des Regen- bogens. Sie ist wie ein in die Ferne reichender Dunst – wenn du ihn zu ergrei- fen versuchst, ist da nichts. Einige Philosophen betrachten sie als leblose Substanz oder Leere, oder wie ein Aggregat von Atomen. RùMA fragte: Es wurde zuvor gesagt, dass dieses Universum in einem Samenzustand im Höchsten Sein verbleibt und sich dann in der nächsten Weltepoche erneut manifestiert. Wie kann dies sein, und werden diejenigen, die diese Sichtweise vertreten, als Erleuchtete oder Unwissende angesehen? VASIåèHA fuhr fort: Diejenigen, die sagen, dass dieses Universum nach der kosmischen Auflö- sung in einem Samenzustand existiert, haben den festen Glauben an die Rea- lität dieses Universums! Dies ist reine Unwissenheit, oh Rāma. Es handelt sich dabei um eine völlig verkehrte Sicht, die sowohl den Lehrer als auch den Zuhörer irreführt. Der Same einer Pflanze enthält den zukünftigen Baum. Dies ist möglich, weil sowohl der Same als auch der Keimling materielle Ob- jekte sind, die von den Sinnen und dem Verstand wahrgenommen werden können. Jedoch wie könnte, was sich jenseits der Reichweite von Verstand und Sinnen befindet, der Same der Welten sein? Wie kann in dem, was subtiler als Raum selber ist, der Same des Univer- sums existieren? Wenn dies so ist – wie kann dann das Universum aus dem Höchsten Sein entspringen? Wie kann etwas in nichts existieren? Und wenn es da etwas namens „Uni- versum“ gibt – wie ist es möglich, dass es nicht gesehen wird? Wie kann ein Baum im leeren Raum eines Topfes entstehen? Wie können wohl zwei gegen- sätzliche Dinge (Brahman und das Universum) gemeinsam existieren? Kann denn in der Sonne Dunkelheit sein? Es ist angemessen zu sagen, dass der Baum im Samen existiert, weil beide ihre entsprechenden Formen besitzen. Aber von dem, was ohne jede Form ist (Brahman), kann nicht angemessen behauptet werden, dass in diesem diese kosmische Form der Welt existiert. Es ist folglich reine Torheit zu unterstellen, dass es zwischen Brahman und der Welt eine kausale Beziehung gibt. Die Wahrheit ist, dass Brahman allein 164
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    existiert und das,was als die Welt erscheint, nur das ist (Brahman) und nichts anderes. VASIåèHA fuhr fort: IV:2,3 Rāma, wenn das Universum im absoluten Brahman während der kosmi- schen Auflösung in einem Samenzustand existieren würde, dann würde es für seine Manifestation nach der Auflösung einer zusammenwirkenden Ursache bedürfen. Anzunehmen, dass das manifestierte Universum ohne eine solche zusammenwirkende Ursache existieren könnte, käme der Annahme gleich, dass eine unfruchtbare Frau eine Tochter haben kann. Daher muss als die fundamentale Ursache die eigentliche Natur des Höchsten Seins selbst gese- hen werden, welche es auch während der Periode nach der Auflösung dieser Weltschöpfung beibehält. Zwischen dem Höchsten Sein und dem Universum existiert keinerlei Ursache-Wirkung-Beziehung. Im unendlichen Bewusstsein (cid ākāśa) erscheinen Millionen von Univer- sen wie Staubpartikel in einem Lichtstrahl, der durch ein Loch im Dach in ein Zimmer fällt. Aber wie diese Staubpartikel draußen im vollen Sonnenlicht nicht gesehen werden, so wird auch diese Welt im höchsten, nicht-dualen Bewusstsein nicht gesehen. Dies ist so, weil diese Universen nicht verschie- den vom unendlichen Bewusstsein sind – so wie die eigene Natur nicht ver- schieden von einem selbst ist. Am Ende der kosmischen Auflösung taucht der Schöpfer des Universums auf, der nichts anderes als ein Gedanke aus der Erinnerung ist. Die Gedanken, die aus dieser Erinnerung entstehen, bilden diese Welterscheinung, die nicht realer als ein schöner Traum ist: denn die Erinnerung, aus der diese Gedan- ken entsprungen sind, hat selbst keinerlei reale Basis. Alle Gottheiten des vorherigen Weltzyklus (wie der Schöpfer Brahmā u.a.) haben ganz gewiss die Befreiung erlangt. Wenn es niemanden gibt, der sich erinnert – wie könnte dann die Erinnerung existieren? Folglich erscheint diese Erinnerung, die im Bewusstsein auftaucht (ob auf- grund früherer Erfahrungen oder anderweitig) als die Welt. Diese spontane Welterscheinung im unendlichen Bewusstsein wird als spontane Schöpfung bezeichnet. Diese Welterscheinung nahm eine gewisse ätherische Gestalt an, die man die kosmische Person nennt. In einem winzigen Atom scheinen alle drei Welten mit allen ihren Bestand- teilen wie Raum, Zeit, Handlung, Substanz und Tag und Nacht zu existieren. In diesen Welten gibt es wiederum weitere Atome, in denen es dieselben Welt- erscheinungen gibt – so wie es das noch nicht herausgehauene Bildnis in einem Marmorblock gibt, und wie dieses Bildnis in sich selbst weitere Bild- nisse enthält und so weiter ad infinitum. Das ist der Grund, oh Rāma, weshalb diese Vision sowohl in den Augen der Erleuchteten und der Unwissenden nicht verschwindet. Für den Erleuchteten ist dies immer nur Brahman, wäh- rend es für den Unwissenden immer nur die Welt ist! In der gänzlichen Leere siehst du das, was man als „Entfernung” bezeichnet, wie du im unendlichen 165
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    Bewusstsein das siehst,was man als „Schöpfung“ bezeichnet. Die Schöpfung ist nur ein Wort ohne die damit im Zusammenhang stehende Realität. *** Die Geschichte von Śukra IV:4, VASIåèHA fuhr fort: 5, 6 Oh Rāma, der einzige Weg zur Überquerung dieses ungeheuren Ozeans der Welterscheinung besteht in der erfolgreichen Beherrschung der Sinne. Keine andere Bemühung kann erfolgreich sein. Wer mit der Weisheit ausgerüstet ist, wie sie durch das Studium der Schriften und die Gemeinschaft mit Weisen vermittelt wird, und wer seine Sinne unter Kontrolle hat, der realisiert die absolute Nicht-Existenz sämtlicher Objekte der Wahrnehmung. Rāma, es ist nur das Gemüt, das als all dies erscheint. Sobald es geheilt ist, ist gleichzeitig diese Idee der Welterscheinung geheilt. Es ist nur dieses Ge- müt, das durch seine Fähigkeit des Denkens das heraufbeschwört, was man den Körper nennt – wo das Gemüt nicht tätig ist, wird auch der Körper nicht gesehen! Folglich ist die Behandlung dieser psychologischen Krankheit, die als Wahrnehmung von Objekten bezeichnet wird, die beste Behandlung, die man in dieser Welt erlangen kann. Das Gemüt erzeugt die Täuschung, das Gemüt produziert die Ideen von Geburt und Tod – und als Ergebnis seiner eigenen Gedankentätigkeit wird es dann gebunden und schließlich befreit. RùMA fragte: Oh heiliger Weiser, bitte sage mir: Wie kann dieses riesige Universum im Gemüt existieren? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, es ist wie mit den Universen, die von den zehn brāhmaïa-Söhnen erzeugt wurden. Und außerdem ist es wie bei den Halluzinationen, unter denen König Lavaïa gelitten hatte. Es gibt dafür eine weitere Erläuterung. Sie besteht in der Geschichte des Weisen Śukra, die ich dir nun erzählen werde. Vor langer Zeit übte der Weise Bh−gu auf dem Gipfel eines Berges sehr in- tensive Bußübungen aus. Sein Sohn Śukra war zu dieser Zeit noch ein junger Mann. Während der Vater bewegungslos in Meditation saß, sorgte der junge Sohn für die Bedürfnisse des Vaters. Eines Tages erblickte dieser junge Mann am Himmel eine herrliche fliegende Nymphe. Als er sie sah, war sein Gemüt tief aufgewühlt von Verlangen nach ihr, und ebenso erging es der Nymphe, als sie den strahlenden jungen Śukra sah. Gänzlich von seinem Verlangen nach dieser Nymphe überwältigt, schloss Śukra seine Augen und folgte ihr (mental). So erreichte er den Himmel. Dort 166
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    sah er dieherrlichen himmlischen Wesen, die Götter und ihre Gemahlinnen, die himmlischen Elefanten und Pferde. Er sah den Schöpfer Brahmā persön- lich und alle die anderen Gottheiten, die dieses Universum regieren. Er sah weiterhin die siddhas (die vollkommenen Wesen). Er hörte himmlische Mu- sik. Er besuchte die himmlischen Gärten. Schließlich sah er auch noch Indra, den König des Himmels, wie er in all seiner Majestät dort saß und von unzäh- ligen himmlischen Nymphen umgeben war, die ihm aufwarteten. Er grüßte Indra. Auch Indra grüßte ihn und stieg von seinem Thron herab, um den jungen Weisen Śukra zu grüßen. Er bat ihn, für lange Zeit im Himmel zu blei- ben. Śukra war damit einverstanden. VASIåèHA fuhr fort: IV:7, Śukra hatte seine frühere Identität völlig vergessen. Nachdem er einige Zeit 5, 6 am Hofe Indras verbracht hatte, durchzog Śukra den Himmel und entdeckte schon bald den Aufenthaltsort der Nymphe, die er gesehen hatte. Als sie einander sahen, wurden sie wiederum von gegenseitigem Verlangen überwäl- tigt, denn die Wunscherfüllung gehört zu den besonderen Eigenschaften des Himmels. Śukra wünschte, dass die Dunkelheit der Nacht eintreten und den Lustgar- ten umhüllen möge, damit er dort die Nymphe treffen könne. Daraufhin wur- de es dunkel. Śukra betrat dann den wunderschönen Pavillon in diesem Gar- ten, und die Nymphe folgte ihm dorthin. Sie flehte ihn an: „Du Großartiger, ich werde von dem Wunsch nach dir verzehrt. Nur die Stumpfsinnigen verlachen die Liebe, nicht die Weisen. Sogar die Herrschaft über die drei Welten ist nichts im Vergleich mit der Freude, die die Gesellschaft des Geliebten bereitet. Daher bitte ich dich – gewähre mir einen Platz in deinem Herzen.“ Nachdem sie so gesprochen hatte, sank sie an seine Brust. Śukra verbrachte eine sehr lange Zeit mit dieser Nymphe und zusammen zogen sie nach Lust und Laune durch den Himmel. Er lebte mit dieser Nym- phe für einen Zeitraum von acht Weltzeitaltern. Nach dieser Zeit, als ob seine Verdienste erschöpft waren, fiel Śukra zu- sammen mit der Nymphe aus dem Himmel. Ihre subtilen Körper fielen auf die Erde und wurden zu Tautropfen, die in Getreidehalme eingingen. Diese wie- derum wurden von einem heiligen brāhmaïa verzehrt, und von ihm empfing dessen Frau seine Samenessenz. Śukra wurde ihr Sohn. Er wuchs bei ihnen auf. Die Nymphe wurde zu einem Reh, und Śukra erhielt von ihr ein mensch- liches Kind. Er entwickelte eine große Zuneigung zu seinem Sohn. Die durch seinen Sohn entstehenden Sorgen und Ängste ließen Śukra altern, und so starb er, immer noch nach Vergnügen verlangend. Aufgrund dessen wurde Śukra in seiner nächsten Geburt zum Regenten ei- nes Königreiches. In dieser Verkörperung starb er, nachdem er den Wunsch nach einem Leben der Enthaltsamkeit und Heiligkeit entwickelt hatte. In seiner nächsten Geburt wurde er dann zu einem heiligen Mann. 167
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    Nachdem er voneiner Verkörperung zur nächsten gewandert und alle mög- lichen Arten von Schicksalen ausgelebt hatte, praktizierte Śukra schließlich, beharrlich am Ufer eines Flusses stehend, sehr intensive Bußübungen. So verbrachte Śukra eine lange Zeit – vor seinem Vater sitzend und in Kon- templation versunken. Sein Körper war ausgezehrt. Währenddessen erzeugte der ruhelose Verstand eine Vielzahl aufeinanderfolgender Bilder von Lebens- spannen - Geburt und Tod, Aufstieg in den Himmel und Abstieg zur Erde und das friedvolle Leben eines Einsiedlers. Er war so vertieft in sie, dass er sie als die Wahrheit betrachtete. Der Körper wurde zu Haut und Knochen, denn er war sämtlichen Unbilden des Wetters schutzlos ausgesetzt. Schon sein An- blick war entsetzlich. Und doch wurde er nicht von fleischfressenden, wilden Tieren verzehrt, denn er saß direkt vor dem Weisen Bh−gu, der in tiefe Medi- tation versunken war, und Śukra selbst hatte den Körper durch die Praxis des Yoga mit großer psychischer Kraft ausgestattet. VASIåèHA fuhr fort: Nach einhundert himmlischen Jahren der Kontemplation stand der Weise Bh−gu von seinem Sitz auf. Er sah seinen Sohn Śukra nicht vor sich, sondern nur den ausgetrockneten Körper. Der Körper sah abscheulich aus, denn in der IV:10 Zwischenzeit war er zu einer Wohnstätte von Würmern geworden, die in seinen Augenhöhlen lebten und sich sehr schnell vermehrten. Tief bestürzt über das, was er sah, und ohne wirklich über den natürlichen Lauf der Dinge nachzudenken, war Bh−gu erfüllt von Zorn und verfluchte die Zeit dafür, die- sen unzeitgemäßen Tod seines Sohnes verursacht zu haben. Die ZEIT (bzw. der Tod) erschien unverzüglich in physischer Gestalt vor dem Weisen. Die ZEIT hielt in der einen Hand ein Schwert und in der anderen eine Schlinge. Sie hatte eine undurchdringliche Rüstung. Sie besaß sechs Arme und sechs Gesichter. Sie war umgeben von einer großen Anzahl von Dienern und Boten. Die ZEIT strahlte mit den Flammen der Vernichtung, die von ihrem Körper ausgingen, und von den Waffen, die sie in Händen hielt. Ruhig und mit fester Stimme wandte sich die ZEIT an Bh−gu: Oh Weiser, wie kommt es, dass ein Großer wie du ein solch unwürdiges Be- tragen in Erwägung gezogen hat? Weise Männer sind niemals zornig – auch nicht, wenn sie beleidigt werden. Du hast jedoch das Gleichgewicht deines Gemüts verloren, obwohl niemand dich beleidigt hat! In Wirklichkeit bist du eine verehrungswürdige Person, und ich gehöre zu denjenigen, die sich stets an die vorgeschriebenen Verhaltensweisen halten. Und aus diesem Grunde grüße ich dich, nicht jedoch aus einem anderen Grund. Vertue nicht deine Verdienste durch die nutzlose Zurschaustellung deiner Macht zu verfluchen! Wisse, dass ich sogar von den Feuern der kosmischen Auflösung unberührt bleibe Wie kindisch ist angesichts dessen deine Hoff- nung, mich mit deinem Fluch zu beseitigen! Ich bin die Zeit. Ich habe nicht nur zahllose Wesen getötet, sondern sogar die Götter, die dieses Universum regieren. Du Heiliger, ich bin der Essende 168
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    und du bistunsere Nahrung. So ist es durch die Natur bestimmt. Diese Bezie- hung beruht nicht auf wechselseitiger Ab- oder Zuneigung. Aufgrund ihrer wahren Natur flammt das Feuer himmelaufwärts und die Wasser fließen abwärts. Ebenso sucht die Nahrung den Essenden und die erschaffenen Dinge suchen ihr Ende. So wurde es vom Herrn festgelegt: Im Selbst von allen wohnt das Selbst als es selbst. In der reinen Sichtweise gibt es weder einen Täter noch einen Genießenden, während dagegen die unreine Sichtweise, die stets die Getrenntheit wahrnimmt, diese Getrenntheit als Wirklichkeit wahr- zunehmen glaubt. Du dagegen bist in der Tat ein Kenner der Wahrheit, und du weißt, dass es weder eine Täterschaft noch eine Nicht-Täterschaft gibt. Die Wesen kommen und gehen wie die Blüten der Bäume – ihre Verursachung beruht auf nichts anderem als Mutmaßung. All dieses ist der Zeit zuzuschreiben. Man kann dies als real oder irreal ansehen. Denn wenn die Oberfläche eines Sees aufgewühlt wird, dann scheint auch der Mond sich aufgrund seiner Widerspiegelung zu bewegen. Man kann dies gleichzeitig als wahr und falsch betrachten. Die ZEIT fuhr fort: Ergib dich nicht dem Zorn, oh Weiser, denn das wäre der sichere Weg in das Unheil. Was sein soll, das wird auch sein. Erkenne diese Wahrheit. Wir sind nicht durch persönliche Eitelkeit angetrieben – wir erfüllen auf natürli- che Weise unsere natürlichen Funktionen. Das ist in der Tat die Natur der Weisen. Was getan werden muss, muss von den Weisen hier getan werden, die egolos und ohne jeden Ich-Sinn wie im tiefen Schlaf verbleiben: dagegen sollst du dich nicht vergehen. Wo sind deine Weisheit, deine Größe und deine moralische Kraft geblieben? Oh Weiser, weshalb handelst du wie ein Narr, obwohl du den Pfad des Segens kennst? Gewiss doch ist dir bekannt, dass die reife Frucht zu Boden fällt – weshalb also ignorierst du dies und willst mich verfluchen? Und ganz gewiss ist dir bekannt, dass jeder über zwei Körper verfügt, näm- lich über den physischen und den mentalen. Der physische Körper ist leblos und geht seiner Zerstörung entgegen. Das Gemüt ist endlich, aber zur Geordnetheit fähig. Jedoch ist dieses Gemüt in dir jetzt in einem ungeordne- ten Zustand! Das Gemüt bringt den Körper dazu, nach seiner Pfeife zu tanzen und verursacht unablässig Veränderungen in ihm – wie das Kind, welches mit Lehm spielt. Handlungen sind immer nur mentale Handlungen. Die Gedanken verursachen Bindung, während der reine Zustand des Gemüts Befreiung bedeutet. Es ist das Gemüt, das den Körper mit all seinen Gliedern erschafft. Das Gemüt bildet gleichzeitig die belebten und leblosen Wesenheiten. Diese ganze unendliche Vielfalt besteht aus nichts anderem als dem Gemüt. Das Gemüt mit seiner Funktion der Entschlossenheit wird Intellekt genannt. In seiner Funktion der Identifiziertheit wird es als der Ich-Sinn bezeichnet. Der physische Körper besteht nur aus physischer Materie, während das Gemüt ihn jedoch als seinen eigenen betrachtet. Wendet sich das Gemüt dagegen der 169
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    Wahrheit zu, gibtes seine Identifikation mit dem Körper auf und erlangt das Höchste. Oh Weiser, während du in Kontemplation versunken warst, ging dein Sohn in seiner Fantasie zu weit, weit entfernten Orten. Er ließ diesen Körper, der als „der Sohn von Bh−gu“ betrachtet wurde, zurück und stieg in den Himmel auf. Dort erfreute er sich der himmlischen Nymphen. Im Laufe der Zeit, als seine Verdienste aufgrund der genossenen Freuden erschöpft waren, fiel er wie eine reife Frucht zusammen mit der Nymphe auf die Erde zurück. Seinen himmlischen Körper musste er zurücklassen. Er fiel auf die Erde, um dort mit einem physischen Körper wiedergeboren zu werden. Hier auf der Erde hatte er eine Reihe von Geburten zu durchleben. So wurde er nacheinander zu einem brāhmaïa-Knaben, einem König, einem Fischer, einem Schwan, wiede- rum zu einem König, einem großen Yogi mit psychischen Kräften, einem himmlischen Halbgott, dem Sohn eines Weisen, wieder zu einem König und wiederum zum Sohn eines Weisen. Aufgrund schlechter Taten wurde er da- nach zu einem Jäger, einem König, und schließlich zu Würmern und Pflanzen, zu einem Esel, einem Bambus, einem Reh in China, einer Schlange, einem Vogel, und wiederum zu einem Halbgott. Jetzt ist er erneut zum Sohn eines brāhmaïa namens Vasudeva geworden. Er ist gut bewandert in den Schriften und ist gegenwärtig mit Bußübungen am Ufer des heiligen Flusses Samañga beschäftigt. VASIåèHA fuhr fort: IV:11 Ermutigt von Yama (der Zeit) erschaute der Weise Bh−gu daraufhin mit dem Auge der Weisheit das Leben seines Sohnes. In einem Augenblick sah er in seinem Intellekt den gesamten Ablauf der Wiederverkörperungen seines Sohnes. Von Staunen über das ergriffen, was er da gesehen hatte, kam er zurück in seinen Körper. Nun vollständig frei von aller Anhaftung an seinen Sohn, sagte BHãGU: Hoher Herr, du bist in der Tat der Kenner der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft, während wir hier nur wenig von all dem begreifen. Diese Welt- erscheinung, die unwirklich ist und doch als wirklich erscheint, täuscht sogar die heroischen Männer der Weisheit. Gewiss befindet sich all dies innerhalb von dir selbst. Nur du kennst die wahre Gestalt dieses Phantoms, welches von den Einbildungen des Verstandes geschaffen wurde. Dieser mein Sohn ist nicht tot – jedoch geriet ich in Erregung, weil ich ihn für tot hielt. Ich dachte, dass mein Sohn von mir genommen wurde, noch bevor seine Zeit gekommen war. Hoher Herr, obwohl wir den Verlauf der irdischen Ereignisse verstehen, werden wir zu Freude und Schmerz bewegt, von dem, was wir als ein glückliches oder ein unglückliches Geschick betrach- ten. In dieser Welt bringt der Zorn den Menschen dazu zu tun, was nicht getan werden sollte, während die Stille uns fähig macht, das zu tun, was getan wer- den sollte. Solange diese Täuschung der Weltexistenz besteht, so lange ist 170
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    auch die Unterscheidungzwischen der angemessenen und unangemessenen Handlung gültig. Es ist nicht angemessen, dass wir uns von deiner natürli- chen Funktion erregen lassen, welche die Ursache des scheinbaren Todes der Wesen ist. Durch deine Gnade habe ich meinen Sohn wiedergesehen, und ich habe er- kannt, dass der Körper nichts anderes als das Gemüt ist. Und es ist dieses Gemüt, welches diese Welterscheinung heraufbeschwört. Die ZEIT sagte: Gut gesprochen, oh Weiser! Wahr ist es, dass der Körper nur dieses Gemüt ist. Es ist das Gemüt, welches durch reine Gedankentätigkeit den Körper „erschafft“ – so wie der Töpfer einen Topf herstellt. Es erzeugt neue Körper und bewirkt die Zerstörung dessen, was existiert, und all dies durch bloßen Gedankenwunsch. Es ist ganz offensichtlich, dass im Gemüt die Fähigkeiten der Täuschung oder Halluzination, des Träumens und des irrationalen Den- kens existieren, die all die schönen Luftschlösser erzeugen. Auf dieselbe Wei- se erzeugt es in sich selbst die Erscheinung des Körpers. Der unwissende Mensch mit einer groben physischen Sichtweise jedoch betrachtet den physi- schen Körper als getrennt und unabhängig vom Gemüt. Die drei Welten (von Wachen, Träumen und Schlafen) sind nichts als der Ausdruck der Fähigkeiten des Gemüts, und dieser Ausdruck kann weder als real noch irreal erachtet werden. Wenn das Gemüt, durch die Wahrnehmung von Vielfalt konditioniert, zu „sehen“ beginnt, dann sieht es die Vielfalt. Die ZEIT fuhr fort: Das Gemüt verwickelt sich selbst in diese Welterscheinung, indem es zahl- lose Vorstellungen (wie etwa „ich bin schwach, unglücklich, töricht “ usw.) unterhält. Wenn dann das Verstehen auftaucht, dass all dies nur falsche Vor- stellungen des Gemüts sind – ‚Ich bin, was ich bin‘ – dann taucht der Friede des Höchsten im Bewusstsein des Menschen auf. Das Gemüt ist wie ein ungeheurer Ozean mit einer unendlichen Vielfalt von Wesen darin. Auf seiner sich stets kräuselnden Oberfläche steigen und fallen große und kleine Wellen unablässig auf und ab. Die kleine Welle denkt, dass sie klein ist, und die große denkt, dass sie groß ist. Diejenige, die vom Wind gebrochen wird, denkt, dass sie zerstört ist. Eine andere glaubt, dass es kalt und wieder eine andere, dass es warm ist. Alle Wellen sind jedoch nichts als das Wasser des Ozeans. Es ist in der Tat wahr, dass es keinerlei Wellen im Ozean gibt, sondern dass der Ozean allein existiert. Und doch ist ebenso wahr, dass es die Wellen gibt! Auf dieselbe Weise existiert auch das absolute Brahman. Da es allmächtig ist, erscheint der natürliche Ausdruck seiner unendlichen Möglichkeiten als die unendliche Vielfalt in diesem Universum. Die Vielfalt hat keinerlei reale Existenz außer in der eigenen Einbildungskraft. „All dies ist wahrhaftig das absolute Brahman“ — bleibe stets in dieser Wahrheit verwurzelt. Gib alle anderen Vorstellungen auf. So wie die Wellen nicht verschieden vom Ozean 171
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    sind, so sindalle diese Dinge nicht verschieden von Brahman. So wie der Same in sich den ganzen Baum als Möglichkeit birgt, so existiert in Brahman das gesamte Universum für alle Zeiten. So wie der vielfarbige Regenbogen im Sonnenlicht entsteht, so wird all diese Vielfalt in dem Einen gesehen. So wie das leblose Netz aus der lebendigen Spinne heraus entsteht, so entspringt diese leblose Welterscheinung aus dem unendlichen Bewusstsein. So wie die Seidenraupe sich in seinen Kokon einspinnt und selbst bindet, so fantasiert das unendliche Sein dieses Universum und sieht sich schließlich in diesem gefangen. So wie sich ein Elefant mühelos von dem Pfahl losreißt, an den er gefesselt ist, so befreit sich das Selbst selbst von seiner Bindung. Denn das Selbst ist stets nur das, wofür es sich hält. Für den Höchsten Herrn gibt es weder Bindung noch Befreiung. Ich habe keine Ahnung, wie diese Auffassun- gen von Bindung und Befreiung überhaupt entstehen konnten! Da gibt es weder Bindung noch Befreiung – nur dieses unendliche Sein wird gesehen. Und doch wird dieses Ewigliche durch das Vergängliche verhüllt, und dies ist in der Tat ein großes Wunder (oder eine große Illusion). Im Moment, wo dieses Gemüt sich im unendlichen Bewusstsein manifes- tiert, entstehen auch die Vorstellungen von Vielfalt, und diese Vorstellungen existieren im unendlichen Bewusstsein. Aufgrund dessen scheinen in diesen Universum all diese verschiedenen Gottheiten und die zahllosen Wesen der Schöpfung zu existieren — einige von ihnen langlebig, andere dagegen kurz- lebig, wieder andere sind anscheinend groß oder klein, und einige sind glück- lich oder unglücklich. Alle diese lebendigen Wesenheiten sind nichts als Vor- stellungen im unendlichen Bewusstsein. Manche betrachten sich selbst als unwissend und gebunden, andere sind ohne Unwissenheit und befreit. Die ZEIT fuhr fort: IV:12, 13 Oh Weiser! Götter, Dämonen und menschliche Wesen sind nicht verschie- den von diesem kosmischen Ozean des Bewusstseins, der Brahman genannt wird – dies ist die Wahrheit, alle anderen Annahmen sind falsch. Sie (die Götter usw.) unterhalten falsche Vorstellungen (wie etwa „ich bin nicht das Absolute“) und überlagern sich selbst mit Unreinheit und dem Empfinden einer Entwertung. Aber auch diese sind für alle Zeit in diesem kosmischen Ozean des Bewusstseins, obschon sie sich selbst als getrennt von Brahman betrachten und daher irregeführt sind. Obgleich sie für immer rein sind, überlagern sie sich mit Unreinheit, was dann der Same all ihrer Handlungen und deren Konsequenzen ist; d. h. von Glück, Unglück, Unwissenheit und Erleuchtung. Von diesen Wesen sind manche rein wie Śiva und Vi«ïu, andere nur leicht befleckt wie Menschen und Götter, manche wandeln in finsterer Täuschung wie Bäume und Sträucher, andere sind durch Unwissenheit geblendet wie Würmer, wieder andere bewegen sich weit weg von der Weisheit, und wieder andere haben den Zustand von Erleuchtung und Befreiung erlangt wie Brahmā, Vi«ïu und Śiva. 172
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    Sobald jemand dieWeisheit erfasst, die die höchste Wahrheit betrifft, ist er unverzüglich erlöst – auch wenn er auf die zuvor beschriebene Weise im Rad der Unwissenheit und Täuschung kreiste. Von diesen müssen sich weder diejenigen, die wie Bäume fest in der Täu- schung verwurzelt sind, noch diejenigen, die ihre Täuschung gänzlich zerstört haben, mit der Erforschung der Schriften erfassen. Die Schriften wurden von erleuchteten Wesen zur Anleitung derjenigen geschaffen, die aus dem Schlummer der Unwissenheit erwacht sind, nachdem ihre schlechte Natur und deren Ausdrucksformen aufgehört haben und deren Intellekt auf natürli- che Weise nach der Führung durch die Schriften verlangt. Oh Weiser! Es ist nur das Gemüt, welches Vergnügen und Schmerzen in die- ser Welt erfährt, aber nicht der physische Körper der Lebewesen. Der physi- sche Körper ist nichts anderes als die Frucht der Einbildungen des Gemüts – der physische Körper ist keine existenzielle Tatsache, die unabhängig vom Gemüt existiert. Was auch immer dein Sohn in seinem eigenen Gemüt entste- hen lassen will, das erfährt er – wir sind dafür nicht verantwortlich. Alle Lebewesen in dieser Welt erfahren nur diejenigen Handlungen, die aus dem Lagerhaus ihrer eigenen Möglichkeiten und Veranlagungen hervorgehen – niemand sonst ist verantwortlich für diese Handlungen; keine übermenschli- chen Wesen und kein Gott. Komm, lass uns dorthin gehen, wo dein Sohn mit Bußübungen befasst ist, nachdem er vorübergehend die Vergnügen des Himmels genossen hat. (Nachdem er das gesagt hatte, nahm Yama (die Zeit) Bh−gu mit sich fort.... Als der Weise Vāsi«Âha geendet hatte, schloss der achte Tag und die Versamm- lung löste sich auf. VASIåèHA fuhr fort: IV:14 Oh Rāma, der Weise Bh−gu und die Gottheit, die über die Zeit regiert, wand- ten sich in Richtung des Flusses SamaÇga. Als sie vom Berg Mandara herab- stiegen, sahen sie herrliche Wälder, die von vollkommenen und erleuchteten Weisen bewohnt waren. Sie sahen mächtige Elefanten in Brunst. Sie sahen andere vollkommene Weise, die von himmlischen Nymphen spielerisch mit Blumen beworfen wurden. Sie sahen buddhistische (oder erleuchtete) Mön- che im Walde wandern. Dann stiegen sie in die Ebene hinab mit ihren Dörfern und Städten. Schon sehr bald erreichten sie die Ufer des Flusses Samañga. Dort sah der Weise Bh−gu seinen Sohn, der nun einen anderen Körper hatte und dessen Natur ganz verschieden von seiner früheren war. Jetzt hatte er eine friedvolle Veranlagung, und sein Gemüt war in der Stille der Erleuchtung verankert, obgleich er tief über das Schicksal der lebendigen Wesen des Uni- versums nachdachte. Dieser strahlende junge Mann hatte offenbar die voll- kommene Stille des Gemüts erlangt, in welcher das Spiel der Gedanken und Gegengedanken aufgehört hatten. Er war absolut rein, wie ein Kristall, der nicht einmal mehr daran interessiert war, die Dinge um sich herum zu spie- 173
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    geln! Da warin seinem Verstand kein Gedanke an „dies ist zu erlangen“ oder „dies ist zu vermeiden“. Die ZEIT wies auf diesen jungen Mann und sagte zu Bh−gu: „Dies ist dein Sohn“. Śukra hörte die Worte „steh auf“ und öffnete sanft die Augen. Als er die beiden strahlenden Wesen vor sich stehen sah, begrüßte er sie und bat sie, auf einem Stein Platz zu nehmen. Mit sanften und liebevollen Worten sagte er: „Oh göttliche Wesen, wie gesegnet bin ich, euch beide hier bei mir zu se- hen! Durch eure bloße Anwesenheit wurden die Täuschungen meines Gemüts zerstört; Täuschungen, die weder durch das Studium der Schriften, durch Askesepraktiken noch durch Weisheit oder Erkenntnis zerstört werden konn- ten. Nicht einmal ein Strom aus Nektar ist so segensvoll wie die Ansicht der Heiligen. Die Erde, über die eure Füße gegangen sind, ist heilig.“ Der Weise Bh−gu sagte daraufhin zu ihm: „Besinne dich, denn du bist kein Unwissender!“ Śukra wurde unverzüglich der Erinnerung an seine früheren Existenzen gewahr, über die er für eine kurze Zeit mit geschlossenen Augen nachsann. ŚUKRA sagte: „Siehe da, ich habe zahllose Wiederverkörperungen durchlebt und bin durch zahllose Erfahrungen von Schmerz und Freude, Weisheit und Täu- schung gewandert. Ich war ein grausamer König, ein gieriger Händler und ein wandernder Asket. Es gab kein Vergnügen, dass ich nicht genossen habe, keine Handlung, die ich unterlassen habe, kein Unglück oder Glück, dem ich nicht ausgesetzt war. Weder wünsche ich mir nun noch etwas noch trachte ich danach, etwas zu vermeiden – die Natur soll ihren Lauf nehmen. Komm, Vater, lass uns zum früheren Körper gehen, der jetzt ausgetrocknet ist. IV:15 VASIåèHA fuhr fort: Schon bald gelangten sie an den Ort, an dem der Körper von Śukra, des Sohnes von Bh−gu, in einem fortgeschrittenen Zustand der Verwesung am Boden lag. Als er ihn sah, jammerte Śukra: „Ach, sieh‘ nur diesen Körper, der einst sogar von den himmlischen Nymphen so bewundert und geliebt wurde, und der jetzt die Heimstatt von Würmern und Ungeziefer ist! Dieser Körper, der einst mit Sandelholzpaste bestrichen wurde, ist nun mit Schmutz be- deckt. Oh du Körper! Nun nennt man dich eine Leiche, und wirklich, du jagst mir Angst ein. Sogar die wilden Tiere fürchten sich vor deinem grausigen Anblick. Völlig frei von Empfindungen, ist dieser Körper nun in einem Zu- stand gänzlicher Freiheit von Gedanken und Ideen. Er ist nun frei vom Kobold des Gemütes und verbleibt unberührt von allem natürlichen Unheil. Da er frei von der Unrast des ruhelosen Affen geworden ist, den man Gemüt nennt, liegt dieser Baum von Körper entwurzelt da. Es ist in der Tat ein glückliches Ge- schick, dass ich diesen Körper sehen kann, befreit von Leiden in diesem dich- ten Wald.“ 174
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    RùMA fragte: HeiligerHerr, du hast gesagt, dass Śukra zahllose Verkörpe- rungen durchlebt hat, und doch beklagt er das Schicksal dieses Körpers, der durch Bh−gu geboren wurde. Wie ist dies möglich? VASIåèHA erwiderte: Rāma, der Grund liegt darin, dass alle anderen Körper nur die Halluzinatio- nen dieses ursprünglichen Körpers waren, der zu Śukra, dem Sohn des Wei- sen Bh−gu, gehört. Bald nach Beginn der Neuschöpfung am Ende der letzten kosmischen Auflösung wurde der jīva bzw. die lebendige Seele, die aus der Nahrung entstand, die in den Körper des Weisen Bh−gu einging, als Śukra geboren. Es geschah in dieser Verkörperung, dass diese Seele all die Riten und Rituale erfuhr, die angemessen für die Geburt eines brāhmaïa-Knaben sind. Weshalb beklagte Śukra (jetzt Vasudeva genannt) diesen Körper? Ob einer weise oder unwissend ist – so lange der Körper lebt, leben seine Funktionen unverändert weiter, die seiner Natur entsprechen. Und so funktioniert dann auch die verkörperte Person auf entsprechende Weise in dieser Welt, nämlich mit oder ohne Anhaftung. Der Unterschied liegt in ihren mentalen Neigungen – im Falle des Weisen wirken sie auf befreiende und im Falle des Unwissen- den auf bindende Art. So lange es den Körper gibt, so lange werden der Schmerz schmerzhaft und das Vergnügen erfreulich sein – der Weise jedoch ist weder an das eine noch an das andere gebunden. Sich an der Freude er- freuend und leidend am Leiden scheinen sich die Großen nur wie Unwissen- de zu verhalten, aber in Wahrheit sind sie erleuchtet. Der ist befreit, dessen Sinnesorgane frei, aber dessen Handlungsorgane beherrscht sind. Derjenige jedoch ist gebunden, dessen Sinnesorgane zwar zurückhaltend, aber dessen Handlungsorgane unbeherrscht und unkontrolliert sind. Der Weise verhält sich in Gesellschaft auf angemessene Art, obwohl er innerlich frei von allem Anpassungszwang ist. Oh Rāma, entsage allem Verlangen und Bestreben und tue, was getan werden muss – in der Erkenntnis, dass du auf immer das reine, unendliche Bewusstsein bist. VASIåèHA fuhr fort: IV:16 Als sie den jungen Asketen Vasudeva das Schicksal seines früheren Körpers betrauern sah, griff die ZEIT (oder der Tod) ein und sprach zu Śukra: Die ZEIT (bzw. der TOD) sagte: Oh Sohn des Bh−gu! Gib diesen deinen Körper auf und gehe in deinen ande- ren Körper ein – so wie ein König sein Königreich betritt. Mit diesem Körper von Śukra widme dich erneut deinen Bußübungen und werde so zum spiritu- ellen Guru der Dämonen. Am Ende dieser Epoche wirst du dann auch diesen Körper aufgeben, um niemals wieder eine Verkörperung zu erleben. Nach- dem sie so gesprochen hatte, verschwand die ZEIT. Daraufhin gab Śukra den Körper Vasudevas auf, in dem er intensive Buß- übungen am Ufer des Flusses SamaÇga ausgeübt hatte, und ging erneut in den 175
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    verwesten Körper vonŚukra ein, dem Sohn des Weisen Bh−gu. Im selben Moment fiel der Körper Vasudevas wie ein gefällter Baum zu Boden und wurde ein Leichnam. Der Weise Bh−gu besprengte den Körper Śukras mit heiligem Wasser aus seinem eigenen Wassertopf und murmelte dabei heilige Hymnen, die die Macht hatten, diesen Körper wiederzubeleben, mit Fleisch zu bekleiden usw. Und unverzüglich wurde der Körper so strahlend und jugendlich wie früher. Śukra erhob sich aus seiner Meditationshaltung und, seinen Vater, den Wei- sen Bh−gu, vor sich sehend, warf er sich ihm zu Füßen. Bh−gu war hocher- freut, seinen Sohn zu sehen, wie er von den Toten auferstanden war und umarmte ihn glückstrahlend und mit großer Herzlichkeit. Sogar der Weise Bh−gu wurde von dem Gefühl überwältigt: „Dies ist mein Sohn“, was nur na- türlich ist, so lange es das Körperbewusstsein gibt. Beide erfreuten sich die- ses erneuten, glücklichen Zusammenseins. Sowohl Bh−gu als auch Śukra führten dann die vorgeschriebenen Begräb- nisriten für den brāhmaïa-Knaben Vasudeva aus, denn die Männer der Weis- heit halten die sozialen Gewohnheiten und Traditionen stets in Ehren. Beide von ihnen strahlten wie Sonne und Mond. Sie, die gewiss die spiritu- ellen Lehrer des ganzen Universums waren, durchwanderten die Welt. Fest verankert in der Erkenntnis des Selbst blieben sie von allen Veränderungen unberührt, die in der Zeit und der Umgebung stattfanden. Im Verlaufe der Zeit wurde Śukra der Guru der Dämonen, während sein Vater Bh−gu zu einem Weisen mit der höchsten Weisheit wurde. Dies ist die Geschichte des Weisen Śukra, der aufgrund seiner Leidenschaft für eine Nymphe zahllose Leben durchwanderte. RùMA fragte: IV:11, 17 Heiliger Herr, weshalb materialisieren sich nicht die Wünsche anderer Leu- te so, wie sich der Wunsch von Śukra als Aufstieg in den Himmel usw. materi- alisierte? VASIåèHA erwiderte: Śukras Gemüt war rein, denn dies war seine erste Verkörperung. Sein Ge- müt war nicht mit den Unreinheiten früherer Verkörperungen beladen. Ein Gemüt ist rein, in dem sich sämtliche Verlangen in einem Zustand der Stille befinden. Was auch immer sich das reine Gemüt wünscht, das materialisiert sich. Was im Hinblick auf Śukra geschehen ist, ist für jedermann möglich. Die Welt existiert in jedem jīva in einem Samenzustand und wird manifest, so wie der Baum aus dem Keimling sprießt. Die Welt wird daher fälschli- cherweise von jedem einzelnen Individuum nur phantasiert. Weder entsteht die Welt noch vergeht sie – dies alles ist nichts als die Einbildung des irrege- führten Gemütes. Innerhalb von jedem befindet sich eine Phantasiewelt. So wie die eigenen Träume anderen unbekannt sind, so ist die eigene Welt ande- ren unbekannt. Da gibt es Kobolde, Halbgötter und Dämonen, die sämtlich die 176
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    Verkörperungen der Täuschungsind. Auf dieselbe Weise sind auch wir ins Sein getreten, oh Rāma, aus reiner Gedankenkraft heraus, und wir erachten das Falsche als wirklich. Darin besteht in der Tat der Ursprung der Schöpfung im unendlichen Bewusstsein. Die Materialität ist keine Tatsache, obwohl sie in der gänzlichen Leerheit aller Dinge wahrgenommen wird. Jeder phanta- siert seine eigene Welt zusammen. Sobald diese Wahrheit einmal erkannt wurde, gelangt diese phantasierte Welt an ihr Ende. Diese Welt existiert nur als Erscheinung oder Einbildung und nicht deshalb, weil man diese materiel- len Substanzen, die man zu sehen glaubt, tatsächlich sieht. Das Ganze ist wie ein langer Traum oder ein Taschenspielertrick. Es ist wie der Pfahl, an den der Gemüts-Elefant angebunden ist. Das Gemüt ist die Welt, die Welt ist das Gemüt – sobald eines von beiden als unwahr erkannt wird, verschwindet beides! Wenn das Gemüt gereinigt ist, reflektiert es die Wahrheit und die irreale Welterscheinung verschwindet. Das Gemüt wird gereinigt durch die beständige Kontemplation der Wahrheit. RùMA fragte: Wie konnte diese Reihe von Geburten usw. im Gemüt von Śukra auftau- chen? VASIåèHA erwiderte: IV:18 Śukra wurde von seinem Vater Bh−gu über die Aufeinanderfolge der Gebur- ten unterwiesen. Es war diese Unterweisung, die Śukras Gemüt so konditio- niert hat, dass es den Inhalt dieser Unterweisung aus sich selbst heraus er- weitert hat. Nur dann, wenn das Gemüt gänzlich gereinigt von aller Konditio- nierung ist, erlangt es seine äußerste Reinheit zurück. Ein solch reines Gemüt erfährt die Befreiung. VASIåèHA fuhr fort: Die Vielfalt, die in dieser Schöpfung zu sehen ist, oh Rāma, hat nur den An- schein der Vielfalt. Die Evolution oder Involution hat nur das eine, unendliche Bewusstsein als seine Quelle und sein Ziel. Während der Evolution taucht in dem einen, unendlichen Bewusstsein diese scheinbare Vielfalt in Überein- stimmung mit den gegebenen Vorstellungen dieses Bewusstseins auf. Einige dieser Vorstellungen vermischen sich miteinander und produzieren auf diese Weise innerhalb dieser Vielfalt diese unendlichen Verschiedenhei- ten. Einige wiederum vermischen sich nicht. Jedoch alle diese Vorstellungen erscheinen tatsächlich in jedem Atom der Existenz, und alle diese Atome existieren unabhängig voneinander. Die Gesamtheit all dessen wird das abso- lute Brahman genannt. Jedes Individuum sieht nur diejenigen Objekte, die in seinem eigenen Ge- müt verwurzelt sind. Wenn die Ideen des Gemüts keine Früchte tragen, gibt es einen Wandel im Gemüt. Daraufhin entsteht eine Aufeinanderfolge von Geburten, die diesen psychologischen Veränderungen Rechnung tragen. Es ist diese psychologische Verbindung, die die Überzeugung von der Realität von 177
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    Geburt und Todund von der Realität des Körpers erschafft. Sobald diese Überzeugung aufgegeben wird, hören die Verkörperungen auf. Wenn die Wahrheit vergessen wird, dann entsteht diese Verwirrung, die das Unwirkliche für wirklich hält. Durch die Reinigung der Lebenskräfte (prana) und durch die Erkenntnis dessen, was jenseits dieses prana oder Lebenskräfte liegt, erlangt man die Erkenntnis von allem, was man wissen muss, um die Aktivitäten des Gemüts wie auch die Grundlage für die Aufei- nanderfolge von Geburten zu verstehen. Das Selbst aller Lebewesen wandert durch drei Zustände hindurch, nämlich Wachen, Träumen und Tiefschlaf. Diese haben nichts mit dem Körper zu tun. (Sogar diese Aussage beruht nur auf der Annahme, dass Lebewesen in dem einen Selbst existieren, was nicht der Wahrheit entspricht.) Der weise Mensch, der den Zustand jenseits des Tiefschlafs erreicht, (das reine Be- wusstsein) kehrt zur Quelle zurück. Der Narr jedoch, der diesen Weg nicht geht, wird im Lebenszyklus gefangen. Da das Bewusstsein unendlich ist, wird man von einem Lebenszyklus zum nächsten geführt – sogar noch über den eigentlichen Weltzyklus hinaus. Schöpfungen dieser Art sind endlos – die eine erscheint aus der andern wie die Blätter der Bananenpflanze. Natürlich wäre es unweise, Brahman, das Absolute, mit irgendetwas zu vergleichen. Man sollte stets nur das erforschen, was in Wahrheit die unverursachte Quelle aller Substanzen ist, was jenseits aller Verursachung ist. Nur dies ist die Erforschung wert, denn es allein ist die Essenz. Weshalb sollte man das Inessenzielle erforschen? VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, der Baum in einem Samen wächst aus ihm heraus, nachdem er den Samen zerstört hat; aber Brahman erschafft diese Welt, ohne sich selbst zu zerstören. Der Baum (die Welt) erscheint auch dann, wenn der Same (Brahman) bleibt, wie er ist. Folglich ist es unmöglich, das unvergleichbare Brahman mit irgendetwas zu vergleichen. Während der Baum usw. eine definierbare materielle Substanz ist, ist Brahman ein namen- und formloses Sein. Es ist Brahman allein, das zu dem wird, was anscheinend von einer gänz- lich andersartigen Natur ist. Von einem anderen Standpunkt aus jedoch wird Brahman zu gar nichts, weil es ewiglich und wandellos ist. Daher kann man nichts betreffend das Brahman postulieren – weder ist es möglich zu sagen, dass es nicht zu all diesem geworden ist, noch ist es mög- lich zu sagen, dass es zu all diesem geworden ist. Wenn das Selbst als ein Objekt gesehen wird, wird der Seher nicht gesehen (erkannt) – solange das objektive Universum wahrgenommen wird, erkennt man das Selbst nicht. Sobald du nur das Wasser in der Luftspiegelung siehst, nimmst du nicht die aufsteigende flimmernde Luft wahr. Siehst du dagegen die heiße Luft, dann siehst du das Wasser nicht mehr! Sobald das eine wahr wird, wird das andere unwahr. 178
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    Die Augen, diealle Objekte in der Welt wahrnehmen, nehmen nicht sich selber wahr. Solange man die Wahrnehmung von Objektivität unterhält, wird das Selbst nicht erkannt. Brahman ist so subtil und rein wie Raum. Es kann nicht durch irgendwelche Bemühung erkannt werden. Solange man das, was man wahrzunehmen glaubt, mit der Überzeugung betrachtet, dass es sich hierbei um Objekte der Wahrnehmung handelt (wobei man sich selbst als den von ihnen getrennten Seher oder das Subjekt ansieht), ist die Erkenntnis des Brahman in der Tat weit entfernt. Es geschieht nur, wenn die Trennung zwischen dem Seher und dem Gese- henen aufgegeben wird, nur dann, wenn die beiden als eine Substanz „gese- hen“ werden, dass die Wahrheit realisiert wird. Es gibt kein Objekt, welches von völlig anderer Natur als das Subjekt ist. Noch weniger kann das Subjekt (das Selbst) wie ein Objekt gesehen werden! Tatsächlich erscheint allein das Subjekt (das Selbst) in der Sicht als das Gesehene (das Objekt) – ein anderes Objekt der Wahrnehmung gibt es nicht. Wenn wiederum das Subjekt oder das Selbst allein all dies ist, dann ist es weder das Subjekt noch der Seher! Inner- halb einer solchen Sichtweise existiert keinerlei Getrenntheit. So wie Zucker zu verschiedenen Süßigkeiten wird, ohne dabei jemals seine natürliche Süße einzubüßen, so visualisiert sich dieses unendliche Bewusst- sein oder Brahman selbst als all diese unendliche Vielfalt, ohne sich dabei im mindesten seiner essenziellen Natur zu entäußern. Für die Manifestation in diesem unendlichen Bewusstsein existiert keinerlei wie auch immer geartete Grenze. VASIåèHA fuhr fort: Jeder jīva erfährt in sich selbst das, was immer und wie immer es mit Hilfe seiner eigenen Lebenskraft in ihm aufgetaucht ist. Oh Rāma, sieh mit dem Auge deiner inneren Weisheit die Wahrheit, dass es in jedem Atom der Exis- tenz zahllose Welterscheinungen gibt. Im Gemüt eines jeden, im Raum selbst, in jedem Stein, in der Flamme des Feuers und im Wasser existieren ungezähl- te Welterscheinungen, so wie Öl im Sesamsamen existiert. Wenn das Gemüt absolut rein wird, dann wird es zu reinem Bewusstsein und wird eins mit dem unendlichen Bewusstsein. Diese Welterscheinung ist nichts als ein langer Traum, der sich überall ma- nifestiert, da sie die Imagination von Brahmā dem Schöpfer und allen ande- ren ist. Die Objekte, die auf diese Weise im Traum des Schöpfers geboren wurden, wandern von Traum zu Traum, von Verkörperung zu Verkörperung. Dadurch schaffen sie die Illusion der scheinbaren Festigkeit dieser Welter- scheinung. Diese traumartige Erscheinung erscheint während der Periode des Traums als völlig wahr. Innerhalb jedes Atoms sind sämtliche Arten von potentiellen Erfahrungen enthalten, so wie in einem Samen die verschiedenen Aspekte des Baums (Blüten, Blätter, Früchte usw.) sind. Innerhalb jedes Atoms der Existenz exis- tiert das unendliche Bewusstsein – folglich ist alles unteilbar. Gib daher alle deine Vorstellungen von Vielfalt oder Einheit auf. Zeit, Raum, Handlung oder 179
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    Bewegung und Materiesind nur verschiedene Aspekte des einen, unendli- chen Bewusstseins: und Bewusstsein erfährt diese in sich selbst – gleichgül- tig, ob es sich um den Körper des Schöpfers Brahmā oder den eines Wurms handelt. Ein Atom des Bewusstseins erfährt, sobald es den voll herangereiften Zu- stand eines Körpers erlangt hat, seine eigenen Anlagen und Möglichkeiten. Jemand empfindet die vor ihm ausgebreiteten Objekte als außerhalb liegend, weil das unendliche Bewusstsein allgegenwärtig ist. Andere wiederum neh- men alles als inneliegend wahr, wie es sich abwechslungsweise entwickelt und wieder zurückentwickelt. Wieder andere gehen von einer Traumerfah- rung zur nächsten, umherwandernd in dieser Welterscheinung. Ein paar wenige jedoch erkennen, dass die in sich selbst gesehene Welter- scheinung illusorisch ist mit Ausnahme des einen, unendlichen Bewusstseins, welches allein auf ewig wahr ist. Aufgrund dieses Bewusstseins erscheint die Welt im jīva, und darin gibt es wiederum jīvas innerhalb von jīvas usw. – ad infinitum. Wenn jemand diese Wahrheit erfährt, dann ist er befreit von der Illusion. Gleichzeitig wird das Verlangen nach Sinnesvergnügen immer schwächer. Nur dies ist der gültige Erweis der erworbenen Weisheit. Weder ist ein gemalter Honigtopf Honig noch eine gemalte Flamme Feuer, und das Bildnis einer Frau ist nicht die Frau. Weise Worte sind nur Worte (Unwissen- heit), solange sie nicht durch die Abwesenheit von Wünschen und Zorn bestä- tigt werden. VASIåèHA fuhr fort: IV:19 Der eigentliche Same aller jīvas, der das absolute Brahman ist, existiert überall, und innerhalb der jīvas existieren zahllose weitere jīvas. All dies ist deshalb, weil das gesamte Universum gänzlich vom unendlichen Bewusstsein durchdrungen ist. Aufgrund ihrer Erscheinungsform als jīvas nehmen sie durch ihre Kontemp- lation, unabhängig davon, welcher Art diese ist, schon sehr bald die Natur des Gegenstands der Kontemplation an. Diejenigen, die den Göttern ergeben sind, erreichen die Götter, diejenigen, die die Halbgötter verehren, erlangen die Halbgötter. Diejenigen, die das absolute Brahman kontemplieren, werden zu Brahman. Man sollte daher stets zu dem Zuflucht nehmen, was nicht be- grenzt, konditioniert oder endlich ist. Durch die Kontemplation der Gestalt der Nymphe wurde Śukra gebunden, und als er die Reinheit seines Selbst erkannt hatte, welches unendliches Be- wusstsein ist, wurde er unverzüglich befreit. RùMA fragte: Heiliger Herr, bitte sage mir, was die wahre Natur der Wach- und Traumzu- stände ist. Was konstituiert den Wachzustand, und wie können Traum oder Täuschung im Wachzustand auftauchen? VASIåèHA sprach: 180
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    Der Zustand, derandauert, wird der Wachzustand genannt, und derjenige, der vergänglich ist, ist der Traumzustand. Während der Dauer des Traums nimmt dieser die Eigenschaft des Wachzustandes an, und sobald die vergäng- liche Natur des Wachzustandes realisiert wird, hat er die Eigenschaften des Traums. Abgesehen davon sind beide gleich. Sobald sich die Lebenskraft im Körper rührt, üben die verschiedenen Orga- ne des Denkens, des Sprechens und der Handlung ihre Funktionen aus. Sie bewegen sich in Richtung ihrer Wahrnehmungsobjekte entsprechend den illusorischen Vorstellungen, die im Gemüt vorherrschen. Diese Lebenskraft nimmt im Selbst verschiedene Formen wahr. Weil die Natur dieser Wahr- nehmungen als dauerhaft empfunden wird, nennt man sie den Wachzustand. Aber wenn die Lebenskraft (jīva-cetana) nicht vom Gemüt und dem Körper abgelenkt wird, verbleibt sie friedlich innerhalb des Herzens verwurzelt. Es gibt dann weder eine Bewegung des Bewusstseins in den Nerven des Körpers noch aktiviert die Lebenskraft die Sinne. Das Bewusstsein jedoch, welches sogar im Tiefschlaf wach und welches das Licht ist, das im Wachen und Träumen scheint, ist das transzendentale Bewusstsein, turiya. Sobald sich wieder die Samen der Unwissenheit und Täuschung regen und ausbreiten, entsteht der allererste Gedanke – der Gedanke „Ich bin“. Dann nimmt man innerhalb des Gemüts im Traum Gedankenformen wahr. Zu die- sem Zeitpunkt arbeiten die externen Sinnesorgane nicht, während dagegen die inneren Sinne funktionieren und Wahrnehmungen im eigenen Innern entstehen lassen. Dies ist der Traumzustand. Sobald die Lebenskraft die Sin- nesorgane aktiviert, beginnt wieder der Wachzustand. VASIåèHA fuhr fort: IV:20, 21 Ich habe die Zustände des Gemüts nur deshalb beschrieben, damit du die Natur des Gemüts verstehen lernst – einen anderen Zweck der Unterweisung gibt es nicht. Denn das Gemüt nimmt die Form von dem an, worüber es inten- siv kontempliert. Existenz, Nicht-Existenz, Erlangen und Entsagen – all dieses sind nur Stimmungen im Gemüt. RùMA fragte: Wenn das Gemüt also all dies ist, oh Herr, wie kann es dann befleckt wer- den? VASIåèHA erwiderte: Dies ist eine schöne Frage, Rāma, aber es ist nicht der richtige Zeitpunkt dafür. Wenn du dem, was ich dir mitgeteilt habe, zugehört hast, dann wirst du die Antwort auf diese Frage mit der äußersten Klarheit herausfinden. Dass das Gemüt unrein ist, ist die Erfahrung von allen, die nach der Befrei- ung streben. Je nach der Art seines besonderen Gesichtspunkts beschreibt es jeder unterschiedlich. So wie Luft, in Kontakt mit verschiedenen Blumen kommend, deren Düfte mit sich nimmt, so nimmt das Gemüt in Abhängigkeit von seinen verschiede- 181
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    nen Vorstellungen verschiedeneStimmungen an, erschafft dann die passen- den Körper dazu und erfreut sich der Früchte seiner eigenen Vorstellungen, sobald die entsprechenden Energien die Sinne angeregt haben. Es ist das Gemüt, wie ich schon sagte, das den Brennstoff für das Funktionieren der Handlungsorgane liefert. Das Gemüt ist die Handlung und die Handlung ist das Gemüt – beide sind wie Blüte und Duft. Die Überzeugung des Gemüts bestimmt die Handlung, und die Handlung stärkt wiederum die Überzeugung. Das Gemüt ist überall dem dharma, dem Wohlstand, dem Vergnügen und der Freiheit gewidmet, aber jeder hat davon eine unterschiedliche Definition, von deren Wahrheit er dann völlig überzeugt ist. Daher kommt es, dass die Anhänger von Kapila, die Vedāntins, die Vijñānavādins, die Jainas und andere vollständig sicher sind, dass der ihrige der einzig richtige Pfad zur Befreiung ist. Ihre Philosophien sind der Ausdruck ihrer Erfahrungen, die wiederum die Frucht ihrer eigenen Praxis sind, die wiederum entsprechend den Überzeu- gungen in ihrem Gemüt verlaufen ist. Rāma, Bindung ist nichts anderes als die Wahrnehmung eines Objekts. Die- se Wahrnehmung ist Māyā, Unwissenheit usw. Sie ist der graue Star, der die Sonne der Wahrheit blendet. Die Unwissenheit lässt einen Zweifel entstehen, dieser Zweifel leitet eine Wahrnehmung ein – und diese Wahrnehmung ist verzerrt. In der Dunkelheit ist man erschreckt, wenn man sich versehentlich dem Käfig eines Löwen genähert hat, obwohl dieser leer ist. Auf dieselbe Weise glaubt man unwissenderweise, in diesem leeren Körper gefangen zu sein. Die Vorstellungen von „Ich” und „Welt“ sind nur Schatten, nicht die Wahrheit. Solche Vorstellungen allein erzeugen „Objekte“ – und diese Objekte sind weder wahr noch falsch. Eine Mutter, die sich selbst als eine Haus- hälterin ansieht, benimmt sich auch wie eine solche; eine Frau, die sich selbst als die Mutter des Gemahls ansieht, benimmt sich vorübergehend auch wie eine solche. Gib daher, Rāma, die Vorstellungen von „Ich“ und „dies“ auf, und verbleibe verankert in der Wahrheit. VASIåèHA fuhr fort: IV:12 Wer durch Selbsterforschung Weisheit erworben hat und die folgenden Qualifikationen besitzt, erfreut sich der Klarheit der Selbsterkenntnis, so wie Wasser klar wird, wenn man ein Stückchen Alaun hineinwirft. Sein Gemüt ist ungestört durch Modifikationen. Sein Wesen ist völlig umgewandelt. Da er erworben hat, was als einziges wert zu erwerben ist (d.h., die Selbsterkennt- nis), hat er die Vorstellung von Objektivität völlig aufgegeben. Da der Seher als einziger sieht, betrachtet er keinen anderen Faktor als den Seher (das Subjekt). Er ist zur höchsten Wahrheit erwacht und daher gegenüber dieser Welterscheinung sozusagen wie ein Schlafender. Mit seiner vollkommenen Leidenschaftslosigkeit ist er gleichgültig gegenüber dem Vergnügen und dessen Gegenteil. Seine Verlangen haben aufgehört wie die Rastlosigkeit der strömenden Flüsse beim Eintritt in den Ozean t. Er hat dieses Netz der Welt- erscheinung durchschnitten wie die Maus den Faden durchbeißt, der sie gefangen hält. 182
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    Nur dann, wenndas Gemüt ohne jede Anhaftung ist und von den Gegen- satzpaaren nicht hin und her geworfen wird, wenn es sich nicht mehr von Objekten angezogen fühlt und gänzlich unabhängig von jeder Hilfe ist, kann es dem Käfig der Täuschung entkommen. Wenn sämtliche Zweifel zur Ruhe gekommen sind und es da weder Jubel noch Niedergeschlagenheit gibt, dann scheint das Gemüt wie der Vollmond. Wenn die Unreinheiten des Gemüts aufgehört haben, dann entstehen im Herzen alle diese verheißungsvollen Qualitäten; dann herrscht für alles die gleiche Sicht. So wie die Dunkelheit von der aufsteigenden Sonne vertrieben wird, so löst sich diese Weltillusion in nichts auf, wenn die Sonne des unendlichen Bewusstseins im Herzen auf- leuchtet. Die Weisheit, die fähig ist, die Herzen aller Wesen im Universum zu erfreuen, offenbart und verbreitet sich. Kurz gesagt – wer dies kennt, was allein wert ist gekannt zu werden, der transzendiert alles Kommen und Ge- hen, Geburt und Tod. Sogar die Götter Brahmā, Vi«ïu, Indra und Śiva werden von diesen Heiligen, in denen durch Selbst-Erforschung oder direkte Beobachtung die Selbster- kenntnis aufgetaucht ist, befreundet und unterstützt. Sobald der Egoismus abwesend ist, gibt es keinerlei Verwirrung mehr im Gemüt, wenn dieses auf natürliche Weise funktioniert. So wie die Wellen im Ozean steigen und fallen, so entstehen diese Welten und verschwinden wie- der – sie täuschen den Unwissenden, aber nicht den Weisen. Der Raum in einem Topf entsteht nicht, wenn ein Topf entsteht. Er wird auch nicht zer- stört, wenn der Topf zerbricht. Wem bewusst ist, dass dieselbe Beziehung auch zwischen seinem Körper (dem Topf) und dem Selbst (dem Raum) be- steht, ist nicht beeindruckt von Lob und Tadel. Diese glänzende Welterscheinung sucht einen nur so lange heim, als man sich nicht mit der Erforschung des Selbst beschäftigt. Sobald die Weisheit auftaucht, verschwindet die Täuschung. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, der sieht die Wahrheit, der den Körper als das Produkt eines irre- geführten Verständnisses und als die Quelle von Unheil erachtet und weiß, dass der Körper nicht das Selbst ist. Er sieht die Wahrheit, wenn er erkennt, dass Vergnügen und Schmerz in diesem Körper nur aufgrund des Verstreichens der Zeit und der Umstände, in die er versetzt ist, erfahren werden, und dass all dies ihn in keiner Weise betrifft. Der sieht die Wahrheit, der erkennen kann, dass er selbst das allgegenwär- tige unendliche Bewusstsein ist, welches in sich selbst all das umfasst, was überall und immer gegeben ist. Der erkennt die Wahrheit, der weiß, dass das Selbst, welches subtiler als der millionste Teil einer Haarspitze geteilt durch eine Million ist, alles durch- dringt. 183
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    Der sieht dieWahrheit, der zu erkennen vermag, dass es keinerlei Trennung zwischen dem Selbst und anderen gibt, und dass das eine unendliche Licht des Bewusstseins als die einzige Realität existiert. Der sieht die Wahrheit, der erkennen kann, dass das nicht-duale Bewusst- sein, welches in allen Wesen wohnt, allmächtig und allgegenwärtig ist. Der sieht die Wahrheit, der sich nicht durch den Gedanken irreführen lässt, dass er der Körper sei, der Krankheit, Furcht, Unruhe, Alter und Tod unter- worfen ist. Der sieht die Wahrheit, der zu erkennen vermag, dass alle Dinge vom Selbst durchzogen werden wie Perlen auf einer Schnur aufgereiht sind, und der weiß: „Ich bin nicht das Gemüt“. Der sieht die Wahrheit, der erkennen kann, dass all dies Brahman ist und weder „ich“ noch „andere“ wirklich sind. Der sieht die Wahrheit, der erkennt, dass alle Wesen der drei Welten seine eigene Familie sind, die seine Achtung und seinen Schutz verdienen. Der sieht die Wahrheit, der weiß, dass nur das Selbst existiert, und dass es da keinerlei Substanz für Objektivität gibt. Derjenige ist unberührt, der weiß, dass Schmerz und Freude, Geburt und Tod usw. nur das Selbst sind. Derjenige ruht fest in der Wahrheit, der fühlt: „Was habe ich zu gewinnen, wessen habe ich zu entsagen, wenn doch all dies nur das Selbst ist?“ Wir verneigen uns vor dem Gesegneten, der erfüllt ist von der höchsten Erkenntnis, dass das gesamte Universum wahrhaftig Brahman allein ist, wel- ches selbst wandellos in jeder scheinbaren Schöpfung, Existenz und Auflö- sung des Universums verbleibt. VASIåèHA fuhr fort: IV:23 Rāma, wer den erhabenen Pfad wandelt, obwohl er noch in diesem Körper wohnt, der wie das Rad des Töpfers von der Schwungkraft der Vergangenheit angetrieben wird, der ist unbefleckt von allen Handlungen, die er ausführt. Der Körper existiert in seinem Fall nur für sein Vergnügen und für die Befrei- ung seiner Seele – er erfährt in ihm keinerlei Missbehagen. Für den Unwissenden ist dieser Körper die Quelle des Leidens, aber für den erleuchteten Menschen ist er die Quelle unaufhörlicher Freude. Solange der Körper existiert, erlangt der weise Mensch von ihm großes Vergnügen und das Entzücken der Erleuchtung, und wenn dann die Lebensspanne des Kör- pers an ihr Ende gelangt ist, betrachtet der Weise sein Verschwinden in kei- ner Weise als einen Verlust. Daher ist der Körper für die erleuchtete Person eine Quelle endloser Wonne. Und da er ihn durch diese Welt trägt, in der der Weise frei und vergnügt umherwandert, betrachtet ihn dieser als ein Fahr- zeug der Weisheit. Durch den Körper macht der weise Mensch die verschie- denen Sinneserfahrungen und gewinnt die Freundschaft und Zuneigung anderer, und so ist er für ihn eine Quelle des Reichtums. Der erleuchtete 184
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    Mensch regiert fröhlichin dieser Stadt, die man den Körper nennt – so wie Indra, der König des Himmels, in seiner eigenen Stadt regiert. Der Körper liefert den weisen Menschen weder den Gefahren von Lust und Gier aus noch erlaubt er, dass Unwissenheit oder Furcht ihn heimsuchen. Die Intelligenz, die den Körper des weisen Menschen steuert, wird nicht durch die Aufregung, die der Unwissende „Vergnügen“ nennt, nach außen gezogen, sondern sie ruht im Innern in einem Zustand der Kontemplation. Das verkörperte Lebewesen steht mit dem Körper, so lange er existiert, nur in einer leichten Verbindung. Es ist unberührt, wenn der Körper eines Tages verschwindet – so wie Luft einen Topf berührt, der existiert, aber keinen, der nicht existiert. So wie das tödliche Gift, dass von Gott Śiva getrunken wurde, ihm nicht nur nicht schadete, sondern sogar noch seine Schönheit erhöhte, so binden die verschiedenen Handlungen und Freuden einer erleuchteten Person diese nicht an den Zyklus von Geburt und Tod. So wie jemand dir nicht mehr scha- den kann und sogar dein Freund wird, wenn du weißt, dass er ein Dieb ist und du mit ihm in diesem Wissen Umgang hast, so erfreust du dich der Ob- jekte und ziehst Genuss aus ihnen, wenn du ihre wahre Natur einmal erkannt hast. Der weise Mensch, der alle Zweifel losgeworden ist und in dem kein persönliches Selbst zurückgeblieben ist, herrscht in diesem Körper in aller Hoheit. Man sollte daher sämtliches Verlangen nach Vergnügen aufgeben und Weisheit erlangen. Nur das disziplinierte Gemüt erfährt echtes Glück. Der gefangengesetzte König ist, einmal befreit, schon über ein Stück Brot hoch erfreut. Der König, der nie gefangen genommen wurde, ist nicht einmal so erfreut mit der Eroberung eines anderen Königreiches. Daher beißt der ver- nünftige Mensch auf die Zähne und strebt mit allen Kräften nach der Erobe- rung seines Gemüts und der Sinne, denn eine solche Eroberung ist bei weitem größer als die Eroberung äußerer Widersacher. *** Die Geschichte von Dāma, Vyāla und KaÂa VASIåèHA fuhr fort: IV:24, 25 Oh Rāma, in dem großen Reich, welches als die entsetzliche Hölle bezeich- net wird, treiben die bösen Taten umher wie mächtige Elefanten in Brunst. Die Sinne, die für diese Taten verantwortlich sind, sind wie ein gewaltiges Lagerhaus voller Verlangen. Folglich sind diese Sinne äußerst schwer zu erobern. Diese undankbaren Sinne zerstören den Körper, ihre eigene Woh- nung und Grundlage. 185
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    Derjenige jedoch, dermit Weisheit ausgestattet ist, ist fähig, das Verlangen zu bremsen, ohne das Wesen zu beschädigen – so wie eine Schlinge den Ele- fanten zurückhält, ohne ihn zu verletzen. Die Seligkeit, die der weise Mensch empfängt, der seine Sinne unter Kontrolle hat, ist den Freuden eines Königs unvergleichlich überlegen, der über eine aus Ziegeln und Mörtel erbaute Stadt herrscht. Die Intelligenz des Weisen wächst in dem Maße, wie sein Verlangen nach Sinnesvergnügen abnimmt. Jedoch verschwindet das Verlan- gen vollständig erst dann, wenn die höchste Wahrheit erkannt wird. Für den Weisen ist das Gemüt ein gehorsamer Diener, ein guter Ratgeber, ein fähiger Befehlshaber der Sinne, eine gefällige Frau, ein fürsorglicher Vater und ein vertrauenswürdiger Freund. Es veranlasst ihn stets zu guten Taten. Rāma, sei in der Wahrheit verankert und lebe in Freiheit in einem Zustand frei von Gedanken. Benimm dich nicht wie die Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa, deren Geschichte ich dir nun erzählen werde. In den Unterwelten gab es einmal einen mächtigen Dämon, der Saæbara genannt wurde. Er war ein Altmeister in der Kunst der Magie. Er erschuf eine magische Stadt mit Hunderten von Sonnen am Horizont, mit sprechenden und gehenden Wesen aus Gold, mit Schwänen, herausgehauen aus kostbaren Steinen, mit eiskaltem Feuer und mit seinen eigenen Himmelskörpern. Auf die Götter des Himmels wirkte dieser Dämon wie ein schreckliches Verhäng- nis. Sobald er schlief oder seine Stadt einmal verließ, zogen die Götter ihren Vorteil aus der Situation und vernichteten seine Armee. Wütend fiel dann der Dämon in die Himmel ein. Die Götter, voll Angst vor seinen magischen Kräf- ten, versteckten sich. So konnte er sie nicht finden. In geeigneten Momenten gelang es ihnen dann wiederum, die Streitkräfte des Dämons zu vernichten. Um seine Streitkräfte zu schützen, erschuf der Dämon drei weitere Dämonen: Dāma, Vyāla und KaÂa. Diese drei hatten noch keine früheren Inkarnationen erlebt und waren da- her frei von jeder mentalen Konditionierung. Sie hatten keine Furcht, Zweifel oder andere Veranlagungen; sie flohen nicht vor dem Feind; sie hatten keine Angst vor dem Tod; sie kannten nicht die Bedeutung von Krieg, Sieg oder Niederlage. Tatsächlich waren sie überhaupt keine selbständigen jīvas, son- dern bloß roboterhafte, tätige Projektionen des Dämons Saæbara. Ihr Verhal- ten war wie von jemandem, der alle latenten Tendenzen oder Konditionie- rungen ausgelöscht, aber noch keine Erleuchtung erlangt hat. Der Dämon Saæbara war hocherfreut darüber, dass seine Armee nun über unbesiegbare Beschützer verfügte. VASIåèHA fuhr fort: IV:26, 27 Der Dämon Saæbara entsandte seine unverwundbare Armee erneut – ge- schützt von den drei neuen Dämonen – in den Kampf mit den Göttern. Auch die Armee der Götter bereitete sich auf den Kampf vor. Die Dämonen waren unbewaffnet und wurden von den Göttern in ein Mann-gegen-Mann-Gefecht verwickelt. Eine grimmige Schlacht entstand. Später wurde die Schlacht mit 186
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    schreckenerregenden Raketen fortgesetzt,die alle Städte, Dörfer, Höhlen, Tiere und anderes zerstörten. Beide Seiten erfuhren abwechselnd die Freude des Sieges und das Leid der Niederlage. Die drei anführenden Dämonen suchten nach den anführenden Göttern, konnten sie aber nirgends entdecken. Die Dämonen gingen zu Saæbara, um ihm dies zu berichten. Die Götter riefen den Schöpfer Brahmā an, der sofort vor ihnen erschien, und flehten ihn an, ihnen zu offenbaren, wie sie die drei Dämonen vernichten könnten. BRAHMù sagte: Oh ihr Götter, Saæbara kann jetzt nicht vernichtet werden. Er wird in hun- dert Jahren von Gott Vi«ïu getötet werden. Ihr seid gut beraten, wenn ihr euch vorläufig von der Schlacht zurückzieht, so als ob ihr von den drei Dämo- nen besiegt worden wäret. Im Laufe der Zeit wird aufgrund ihrer Teilnahme an diesem Krieg der Ich- Sinn in ihnen erwachen. Dann werden sie der psychologischen Konditionie- rung unterworfen sein und latente Neigungen entwickeln. Jetzt im Moment sind diese drei Dämonen gänzlich frei vom Ich-Sinn und seinen Beimischun- gen (den Konditionierungen und Neigungen). Diejenigen, in denen der Ich-Sinn („ich“) und seine Produkte (die Neigun- gen) nicht existieren, kennen weder Wunsch noch Zorn. Sie sind unüberwind- lich. Wer dagegen durch den Ich-Sinn („ich“) und durch die Konditionierung des Gemüts gebunden ist, kann, auch wenn er als große Persönlichkeit oder als ein großer Gelehrter angesehen wird, sogar von einem Kind besiegt wer- den. Tatsächlich sind die Vorstellungen von „ich“ und „mein“ der fruchtbare Bo- den, in denen Sorgen und Leiden wachsen. Wer den Körper mit dem Selbst identifiziert, versinkt im Elend – wer das Selbst als das Allgegenwärtige sieht, überwindet den Kummer. Für diesen gibt es nichts in den drei Welten, was nicht das Selbst ist, und nichts, was Gegenstand von Wünschen sein könnte. Derjenige, dessen Gemüt konditioniert ist, kann besiegt werden – in der Abwesenheit dieser Konditionierung jedoch wird sogar ein Moskito unsterb- lich. Das konditionierte Gemüt erfährt Leiden – wird es dagegen die Kondi- tionierung los, dann erfährt es Wonne. Die Konditionierung oder das Verlan- gen schwächt eine Person. Daher solltet ihr keine Angst davor haben, gegen diese drei Dämonen zu kämpfen. Tut was immer ihr könnt, um in ihnen die Gefühle von „Ich“ und „mein“ zu erzeugen. Da sie nur die unwissenden Krea- turen des Dämons Saæbara sind, werden sie nur zu schnell den Köder schlu- cken. Dann können sie von euch allen leicht besiegt werden. VASIåèHA fuhr fort: IV:28, 5,6 Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Schöpfer Brahmā. Die Götter ruhten eine Weile in ihren Verstecken aus und bereiteten sich auf einen neuen Ansturm auf die Dämonen vor. Die dann einsetzende Schlacht 187
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    zwischen den Armeender Götter und Dämonen war noch grausamer als die vorherige. Überall geschah eine schreckliche Zerstörung. Dieses fortgesetzte Treiben im Kampfe ließ in den drei Dämonenführern die grundlegende Vorstellung von „Ich bin“ entstehen. So wie ein Spiegel ein Objekt widerspiegelt, das davor gehalten wird, so spiegelt sich das eigene Verhalten als Ich-Sinn im eigenen Bewusstsein wider. Wird dieses Verhalten jedoch auf „Distanz“ vom Bewusstsein gehalten, und geschieht keinerlei Iden- tifikation mit diesem Verhalten, dann taucht der Ich-Sinn nicht auf. Sobald jedoch dieser Ich-Sinn erschien, folgte sehr schnell der Wunsch nach Verlängerung des Lebens im Körper und das Verlangen nach Wohlstand, Gesundheit, Vergnügen usw. Diese Wünsche führten zu einer gewaltigen Schwächung ihrer Persönlichkeit. Es entstand Verwirrung in ihrem Gemüt, die in der Folge die Gefühle von „dies ist mein“ und „dies ist mein Körper“ entstehen ließ. All dies führte unvermeidbar zu Ineffizienz und Unfähigkeit, ihre Aufgabe zu erledigen. Sie waren nun stark interessiert an Essen und Trinken. Die Objekte gaben ihnen Gefühle von Vergnügen und raubten ihnen ihre Freiheit. Mit dem Verlust der Freiheit verließ sie auch ihr Mut und sie erfuhren Furcht. Der Gedanke „wir werden in dieser Schlacht sterben" erfüll- te sie mit schrecklicher Angst. Die Götter nutzten diese Situation und begannen, die Dämonen zu attackie- ren. Die drei Dämonen, die nun von der Todesangst besessen waren, flohen. Als die Dämonenarmee sah, dass ihre unbesiegbaren Beschützer vor den einfallenden Göttern flohen, verließ sie ihr Mut gänzlich – sie fielen zu Tau- senden auf dem Schlachtfeld. Als der Dämon Saæbara vernahm, dass seine Armee von den Göttern ver- nichtet worden war, war er wutentbrannt. Er verlangte nach den drei unbe- siegbaren Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa: „Wo sind sie?“ Aus Furcht vor seinem Zorn nahmen diese drei Dämonen ihre Zuflucht in der untersten Unterwelt. Dort gewährten ihnen die Diener des Todesgottes Yama Zuflucht. Sie gaben ihnen außerdem drei Mädchen zu Ehefrauen. Sie lebten eine lange Zeit in der Unterwelt. Eines Tages besuchte sie Yama persönlich ohne sein ihn üblicher- weise begleitendes Gefolge. Sie erkannten ihn nicht und erwiesen ihm nicht die ihm gebührenden Ehren. Zornig verbannte Yama sie in die schrecklichs- ten Höllen. Nachdem sie dort gelitten und anschließend zahlreiche Inkarnati- onen in verschiedenen untermenschlichen Arten erfahren hatten, leben sie heute als Fische in einem See in Kashmir. VASIåèHA fuhr fort: IV:31 So siehst du selbst, welche katastrophalen Ergebnisse die Unweisheit zei- tigt. Du siehst, wie die unbesiegbaren Dämonen gänzlich niedergeworfen und entehrt werden konnten aufgrund ihres Ich-Sinnes, der Furcht in ihren Her- zen entstehen ließ. Das tödliche Gewächs der Weltlichkeit keimt aus dem Samen des Ich-Sinns. Daher, oh Rāma, weise diesen Ich-Sinn mit allen dir zur 188
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    Verfügung stehenden Mittelnvon dir und sei verwurzelt in der Überzeugung: „’Ich’ ist ein Nichts“. Sei glücklich. Das eine unendliche Bewusstsein, welches die Natur reiner Seligkeit hat, wird vom Schatten des Ich-Sinns verdunkelt. Obwohl die Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa in Wirklichkeit frei vom Zyklus von Geburt und Tod waren, wurden sie demselben im Moment unterworfen, als ihr Ich-Sinn entstand. Sie, vor denen sich einst sogar die Götter gefürchtet hatten, sind nun nichts als elende Fische in einem See in Kashmir. RùMA fragte: Heiliger Herr, die Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa waren unwirklich und reine Geschöpfe der Magie von Saæbara. Wie konnte es geschehen, dass sie zu wirklichen Wesen wie wir wurden? VASIåèHA erwiderte: Rāma, ebenso wie die Dämonen Dāma, Vyala und Kata unwirklich und das Ergebnis von Magie waren, so sind dies auch wir, die Götter und alle anderen. Alle diese Vorstellungen von „Ich“ und „du“, oh Rāma, sind unwirklich. Dass du und ich wie wirkliche Wesen erscheinen, ändert nichts an der Wahrheit; denn selbst wenn eine tote Person vor dir erscheint, so ist sie trotzdem tot! Jedoch wäre es unklug, den Unwissenden die Wahrheit („Brahman allein ist wirklich") zu verkünden. Denn die scheinbare Realität der Welterscheinung, die allzu tief in den Herzen der Unwissenden verwurzelt ist, wird außer durch intensive Erforschung der Schriften nicht zerstreut werden. Wer er- klärt: „Diese Welt ist unwirklich, nur Brahman allein ist wirklich“, wird von unwissenden Menschen nur ausgelacht. Wie ausführlich du ihnen auch im- mer erklärst, dass „all dies nur Brahman“ ist – der Unwissende vermag dies ebenso wenig zu erfassen wie ein Leichnam wieder lebendig werden kann. Diese Wahrheit kann nur von den Weisen erfahren werden. Oh Rāma, weder wir noch diese Dämonen sind wirklich. Die Wirklichkeit ist das eine unendliche Bewusstsein, welches keinerlei Wandel unterworfen ist. In diesem unendlichen Bewusstsein tauchen die Vorstellungen von dir, von mir, von diesen Dämonen usw. auf. Sie werden mit scheinbarer Wirklichkeit ausgestattet, weil das sie wahrnehmende Bewusstsein wirklich ist. Wenn dieses Bewusstsein sozusagen „wach“ ist, dann tauchen alle diese Vorstellun- gen auf, und wenn es „schläft“, dann lösen sich diese Vorstellungen auf. Im unendlichen Bewusstsein jedoch gibt es keinerlei Zustände wie Wachen oder Schlafen – es ist nichts anderes als reines Bewusstsein. Erkenne dies und sei dann frei von der Sorge und Furcht, wie sie durch die IV:32 Wahrnehmung von Getrenntheit verursacht wird. RùMA fragte: Oh heiliger Weiser, bitte sage mir, wann und auf welche Weise die drei Dä- monen die Befreiung erlangen werden? VASIåèHA erwiderte: 189
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    Rāma, sobald siedie Erzählung ihrer Geschichte hören und an ihre eigene Natur als reines Bewusstsein erinnert werden, sind sie befreit. Im Verlaufe der Zeit wird dann inmitten eines Landes, das Kashmir genannt wird, eine Stadt namens Adhi«ÂhÃna auftauchen. Inmitten dieser Stadt wird es einen Berg geben, dessen Gipfel Pradyumna heisst. Dort wiederum wird es einen Turm geben. In einer Ecke dieses Gebäudes wird dann der Dämon Vyāla als Sperling wiedergeboren. In diesem Gebäude wird ein König namens YaÓaskar regieren. Der Dämon Dāma wird als Moskito wiedergeboren und in einem Loch in einer Säule des Palastes leben. Irgendwo in dieser Stadt wird es außerdem den Palast RatnÃvalÅhÃra geben, der vom Staatsminister Narasiæha bewohnt ist. Der Dämon KaÂa wird als Vogel (myna) wiedergeboren und in diesem Palast zuhause sein. Eines Tages wird dann der Minister Narasiæha eben diese Geschichte der drei Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa erzählen. Durch Hören dieser Geschichte wird der Vogel erleuchtet werden. Er wird sich daran erinnern, dass seine ursprüngliche Persönlichkeit nichts als eine magische Schöpfung des Saæbara gewesen ist, und eben diese Erinnerung wird ihn vom Bann des Saæbara befreien. Der Dämon KaÂa erlangt daraufhin nirvÃïa (Befreiung). Andere Leute werden diese Geschichte weitererzählen, und auch der Sper- ling wird nach dem Hören dieser Geschichte die Befreiung erlangen. So wird der Dämon Vyāla Befreiung erlangen. Und auf dieselbe Weise wird auch der Moskito-Dämon Dāma der Geschichte lauschen und ebenfalls die Befreiung erlangen. Dies ist also die Geschichte, o Rāma, der drei Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa, die aufgrund ihres Ich-Sinns und ihrer Verlangen in die Hölle stürzten. All dies ist nichts anderes als das Spiel der Unwissenheit und Täuschung. In der Tat ist es das reine Bewusstsein selbst, welches die unreine Vorstel- lung von „Ich bin“ unterhält – spielerisch sozusagen – und ohne seine essen- zielle Natur als Bewusstsein je aufzugeben; es erfährt das verzerrte Bild von sich selbst in sich selber. Obschon dieses verzerrte Bild unwirklich ist, hält es der Ich-Sinn („Ich bin“) für wahr und wird getäuscht. VASIåèHA fuhr fort: IV:33 Oh Rāma, diejenigen, die im Zustande der Befreiung gefestigt sind, wie er von den Schriften aufgezeigt wird, überqueren diesen Ozean der Welter- scheinung mit Sicherheit, da ihr Bewusstsein zum Selbst strebt. Diejenigen jedoch, die im Netz ihrer Polemiken gefangen sind, die nichts als Sorge und Verwirrtheit hervorbringen, verwirken ihr eigenes höchstes Gut. Sogar auf dem Pfad, der von den Schriften dargelegt wird, ist es letztlich doch immer nur die eigene, direkte Erfahrung, die den Menschen sicher zum höchsten Ziel führt. 190
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    Was bleibt dennvon einem gierigen Manne schon als eine Handvoll Asche? Aber wer diese Welt als weniger wertvoll als einen Grashalm erachtet, wird niemals Kummer erleiden. Wer vollständig das Unendliche verwirklicht hat, wird von den kosmischen Gottheiten beschützt. Daher sollte man auch nicht in Zeiten großer Bestürzung seinen Fuß auf den falschen Pfad setzen. Wer durch ein tugendhaftes Leben einen guten Ruf erworben hat, gewinnt, was zuvor nicht gewonnen wurde, und ist fortan des Unglücks ledig. Nur derjeni- ge kann als echtes menschliches Wesen bezeichnet werden, der nicht selbst- gefällig ist wegen seinen Tugenden, der den Lehren ergeben ist, die er gehört hat und der danach strebt, den Pfad der Wahrheit zu gehen. Andere aber sind nichts als Tiere in menschlicher Verkleidung. Wer mit der Milch der Men- schenliebe erfüllt ist, in dem wohnt ganz gewiss Gott Hari (von dem gesagt wird, dass er in einem Ozean aus Milch wohne). Was man genießen muss, wurde bereits genossen; was gesehen werden muss, wurde gesehen – was kann es noch Neues in dieser Welt geben, nach dem ein weiser Mensch zu suchen hätte? Daher sollte man sich auf seine Pflicht besinnen, so wie sie von den Schriften angeordnet wird, und alle seine Verlangen nach Vergnügen aufgeben. Verehre stets die Heiligen, denn dies wird dich vom Tode erretten. Während man die Anweisungen der Schriften befolgt, sollte man geduldig die Vervollkommnung erwarten, die zu ihrer eigenen Zeit eintreten wird. Halte jede Abwärtstendenz auf, indem du diese heilige Schrift der Befreiung aufmerksam studierst. Erforsche beständig und unaufhörlich die Natur der Wahrheit und wisse, dass „all dies nichts als eine Widerspiegelung ist“. Lass dich nicht von anderen davon abbringen – nur Tiere lassen sich von der Her- de führen. Erwache aus dem Schlummer der Unwissenheit! Erwache und strebe danach, Alter und Tod zu besiegen. Wohlstand ist die Mutter des Bösen. Sinnesvergnügen sind die Quelle der Leiden. Missgeschick ist das Beste, was dir widerfahren kann. Von allen zu- rückgewiesen zu werden, bedeutet Sieg. Leben, Ehre und edle Eigenschaften blühen und tragen Früchte in demjenigen, dessen Betragen und Haltung gut und erfreulich ist, der für sich bleibt und nicht nach den Vergnügen dieser Welt verlangt, die zu nichts als Leiden führen. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, alle eifrige Bemühung wird stets von Erfolg gekrönt. Gib daher niemals die rechte Bemühung auf. Natürlich ist es nötig, vor der Aufnahme strenger Mühen zuvor den Wert und die Rechtfertigung des Endergebnisses zu überprüfen. Wenn du hier eine sorgfältige Abwägung und Erforschung unternimmst, wirst du gewiss zu dem Ergebnis kommen, dass die Selbster- kenntnis allein in der Lage ist, alle Schmerzen und Vergnügen mit ihren Wur- zeln auszurotten. Die eifrige Bemühung sollte daher immer nur in Richtung Selbsterkenntnis gelenkt werden. Schaffe alle diese Vorstellungen von Objek- tivität, die die Wünsche nach Sinnesvergnügen in dir erschaffen haben, ab. 191
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    Kann es dennirgendeine Art von Glück geben, die unbefleckt vom Unglück ist? Gewiss sind die Abwesenheit der Selbstkontrolle und die Praxis der Selbst- kontrolle im absoluten Brahman ein und dasselbe – eine echte Trennung gibt es nicht. Doch wird die Praxis der Selbstkontrolle dir große Freude und Segen bringen. Nimm daher deine Zuflucht zur Selbstkontrolle und gib den Ich-Sinn auf. Erforsche die Natur der Wahrheit und suche die Gesellschaft der Weisen. Gute und weise Menschen leben im Einklang mit den Anweisungen der Schriften, und in ihnen nehmen Gier, Täuschung und Zorn Tag um Tag ab. In der Gesellschaft der Weisen wächst die Selbsterkenntnis. Zur selben Zeit nimmt die Vorstellung, dass die Objekte der Wahrnehmung real sind, von selbst ab und verschwindet schließlich ganz. Wenn die Welt als Objekt der Wahrnehmung verblasst, existiert nur noch die höchste Wahrheit. Dann wird der jīva bzw. die individuelle Persönlichkeit davon absorbiert, da er kein Objekt mehr findet, das er des Hängens daran wert findet. Die Welt als ein Objekt wurde niemals erschaffen noch existiert sie als solche, noch wird dies jemals so sein. Es ist allein das Höchste Sein, welches als die einzige Wirk- lichkeit allezeit bestand und besteht. Somit habe ich dir nun auf tausenderlei Arten die essenzielle Unwirklich- keit der Welt-als-Objekt-der-Wahrnehmung nachgewiesen. Sie ist nichts anderes als der reine Raum des Bewusstseins – es gibt in ihr keinerlei Getrenntheit, auf die man mit Aussagen wie „dies ist die Wahrheit“ oder „dies ist nicht wirklich“ Bezug nehmen könnte. Nur diese wunderbare Manifestati- on dieses unendlichen Bewusstseins kann als die Welt betrachtet werden, nichts anderes. In ihm sind alle Getrenntheiten wie Subjekt und Objekt, Sub- stanz und Schatten gleichermaßen willkürliche Annahmen wie die Trennung, die zwischen den Strahlen der Sonne und dem Sonnenlicht gemacht wird. In Wahrheit existiert nur das unteilbare und unveränderte Bewusstsein. Wenn es gemäß seiner eigenen Natur sozusagen die Augen öffnet und schließt, dann geschieht das, was man die Auflösung und Neuerschaffung des Univer- sums nennt. VASIåèHA fuhr fort: Wenn es nicht klar verstanden wird, dann erscheint das „Ich“ als eine un- reine Vorstellung innerhalb des unendlichen Bewusstseins. Wird dieses „Ich“ jedoch klar verstanden, dann wird es in seiner wahren Bedeutung als das unendliche Bewusstsein selbst gesehen. Wenn seine eigene Wirklichkeit erkannt wird, dann erscheint es nicht mehr als der Ich-Sinn, sondern als die alleinige unendliche Wirklichkeit. Tatsächlich gibt es kein besonderes Etwas wie das „Ich“. Wird diese Wahrheit jemandem mit einem reinen Verstand enthüllt, dann wird seine Unwissenheit unverzüglich zerstreut. Andere jedoch hängen an ihren eigenen falschen Vorstellungen wie ein Kind, das an die Existenz eines Geistes glaubt. 192
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    Wenn dieses „Ich“als ein besonderes Etwas einmal als falsch erkannt wor- den ist, wie kann man dann noch an die anderen mit ihm verknüpften Vor- stellungen (wie Himmel, Hölle usw.) glauben? Das Verlangen nach dem Him- mel und sogar nach Befreiung taucht nur so lange im eigenen Herzen auf, als das „Ich“ als ein besonderes Etwas betrachtet wird. So lange daher dieses „Ich“ besteht, gibt es nur Unglücklichsein im eigenen Leben. Und eben diese Vorstellung kann durch nichts anders als Selbsterkenntnis fallengelassen werden. Solange man von diesem Gespenst der „Ich-heit“ besessen ist, kann man sich weder durch die Schriften, mit Mantras oder anderen Dingen davon befreien. Nur durch die beständige Erinnerung an die Wahrheit, dass das Selbst eine reine Reflektion im unendlichen Bewusstsein ist, hört die „Ich-heit“ auf zu gedeihen. Die Welterscheinung ist nur ein Taschenspielertrick – alle Subjekt- Objekt-Beziehungen zwischen ihr und mir sind nichts als Narrheit. Sobald dieses Verstehen einmal Fuß gefasst hat, wird die „Ich-heit" mit Stumpf und Stiel ausgerottet. Wenn einmal verstanden wird, dass es dieses „Ich“ ist, wel- ches die Vorstellung einer „Welt“ entstehen lässt, dann hören beide auf ganz natürliche und friedliche Weise auf. Die höhere Form der "Ich-heit", welche in dem Gefühl besteht: „Ich bin eins mit dem gesamten Universum; es existiert nichts von mir Getrenntes“ ist das Verstehen eines Erleuchteten. Eine weitere Form der „Ich-heit" besteht darin, wenn jemand fühlt, dass das „Ich“ extrem subtil und atomisch und daher verschieden und unabhängig von allem anderen in diesem Universum ist – auch diese Anschauung ist unwidersprochen förderlich für die Befreiung. Die zuvor besprochene „Ich-heit“ jedoch, bei der man das Selbst mit dem Körper identifiziert, muss entschieden aufgegeben werden. Mit Hilfe der beständigen Kultivierung der höheren Form der „Ich-heit“ wird die niedere Form schließ- lich ausgelöscht. Indem man die niedere „Ich-heit“ in Schach hält, sollte man Zuflucht neh- men zur höheren Form der „Ich-heit“ und dabei beständig in sich selbst das Gefühl erzeugen: „Ich bin das Alles“ oder „Ich bin von äußerster Subtilität und völlig unabhängig von allem“. Zu gegebener Zeit sollte dann diese höhere Form der "Ich-heit" ebenfalls vollständig aufgegeben werden. Danach kann man sich entweder beliebigen Tätigkeiten widmen oder in Abgeschiedenheit leben – die Gefahr eines Falles besteht für diesen nicht länger. *** Die Geschichte von Bhīma, Bhāsa und D−¬ha VASIåèHA fuhr fort: IV:34 193
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    Oh Rāma, nachdemSaæbara von den drei Dämonen Dāma, Vyāla und KaÂa verlassen worden war, erkannte er, dass sie törichterweise egoistische Ge- danken unterhalten hatten und so ins Unglück gerieten. Deshalb kam er zu dem Entschluss, weitere Dämonen zu erschaffen, aber diesmal mit Selbster- kenntnis und Weisheit, so dass sie nicht wieder in die Falle des Ich-Sinns geraten. Saæbara erschuf dann durch seine magischen Kräfte drei weitere Dämo- nen, die als Bhīma, Bhāsa und D−¬ha bekannt wurden. Sie waren allwissend, mit Selbsterkenntnis versehen, erfüllt von Leidenschaftslosigkeit und ohne Sünde. Sie betrachteten das gesamte Universum als nicht wertvoller als einen Grashalm. Diese begannen nun mit der Armee der Götter zu streiten. Obwohl der Kampf eine beträchtliche Zeit hin und her wogte, regte sich keinerlei Ich-Sinn in ihnen. Wann immer der Ich-Sinn sein Haupt erhob, unterwarfen sie ihn mit Hilfe der Selbsterforschung („Wer bin ich?“). Aus diesem Grunde waren sie frei von Todesangst, hingegeben an die rechte Handlung in jedem Augenblick, frei von sämtlichen Anhaftungen, ledig des Gefühls von „ich habe dies getan“, verpflichtet der Erfüllung der Arbeit, die ihr Meister Saæbara ihnen aufgetra- gen hatte, frei von Zuneigung und Abneigung und ausgestattet mit Gleichmut. So wurde die Armee der Götter schließlich rasch von ihnen besiegt. Die Göt- ter flohen schutzsuchend zu Gott Vi«ïu. Auf seinen Befehl nahmen sie sodann ihren Wohnort in einer anderen Gegend auf. Danach musste Vi«ïu selbst mit dem Dämon Saæbara kämpfen. Nachdem er von Gott Vishnu erschlagen worden war, erlangte der Dämon unverzüglich Vishnu‘s Wohnsitz. Vi«ïu befreite auch die drei Dämonen Bhīma, Bhāsa und D−¬ha, die nach dem Tod ihrer Körper erleuchtet wurden, da sie keinerlei Ich- Sinn besaßen. Oh Rāma, es ist nur das konditionierte Gemüt, welches die Bindung schafft, und Befreiung taucht auf, sobald das Gemüt dekonditioniert ist. Die Konditio- nierung des Gemüts fällt dahin, sobald die Wahrheit klar gesehen und ver- wirklicht wird. Sobald die Konditionierung des Gemüts aufgehört hat, wird das Bewusstsein in hohem Maße friedlich – wie wenn die Flamme einer fla- ckernden Kerze gelöscht wird. Zu erkennen: „Das Selbst allein existiert, was immer man auch sonst denken mag“ ist die klare Wahrnehmung. „Konditio- nierung“ und „Gemüt“ sind nichts als Worte ohne einen Wahrheitsgehalt. Sobald die Wahrheit erforscht wird, verlieren sie ihre Bedeutung – das ist die klare Wahrnehmung. Sobald diese klare Wahrnehmung auftaucht, taucht auch die Befreiung auf. Das Beispiel Dāmas, Vyālas und KaÂas zeigte, wie das Gemüt vom Ich-Sinn konditioniert wird. Das Beispiel Bhīma, Bhāsa und D−¬ha zeigt das Gemüt, das frei von Konditionierung oder Ich-Sinn ist. Oh Rāma, sei nicht wie die ersteren, sondern wie diese letzteren. Das ist der Grund, weshalb ich dir diese Geschichte erzählt habe, mein teurer und hochintelligenter Schüler. 194
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    VASIåèHA fuhr fort: IV:35 Oh Rāma, die wahren Helden sind jene, die das Gemüt, welches von Unwis- senheit und Täuschung beherrscht wird, unter ihre Kontrolle gebracht haben. Die Kontrolle des Gemüts ist das einzige Mittel, mit dem man die Leiden die- ser Welterscheinung (oder den Zyklus von Geburt und Tod) und die endlose Kette der Tragödien heilen kann. Ich werde dir nun die Quintessenz aller Weisheit darlegen – höre aufmerksam zu und lass sie dein Leben mit süßem Duft erfüllen. Bindung besteht im Verlangen nach Vergnügen, während die Aufgabe dessen Befreiung bedeutet. Betrachte aus diesem Grunde sämtliche Vergnügen in dieser Welt als giftigen Rauch. Das blinde Aufgeben des Verlangens ist nicht hilfreich. Erforsche stattdes- sen tiefgründig und ernsthaft die Natur der Sinnesvergnügen und gib alles Verlangen nach ihnen auf. Dann kannst du glücklich leben. Durch die Kultivierung segensvoller Eigenschaften und dem allmählichen Schwinden allen falschen Wissens wird das Gemüt wunschlos, frei von den Gegensatzpaaren, der Ruhelosigkeit, der Furcht und der Täuschung. Schließ- lich ruht das Gemüt in einem Zustand von Frieden und Seligkeit. Dann ist es gänzlich frei von dem Gift des Ich-Sinns, bösen Gedanken und Gefühlen, An- haftung und Leid. Auf diese Weise wird das Gemüt seinen gewalttätigen Sohn namens Zweifel und dessen Gemahlin namens Verlangen los. Ironischerweise hat das erleuch- tete Gemüt das Aufhören eben der Dinge zur Folge, die sein Wachstum unter- stützt haben. Indem die Erforschung seiner wahren Natur immer weiter getrieben wird, gibt das Gemüt schließlich sogar seine Identifizierung mit dem Körper auf. Das unwissende Gemüt breitet sich aus – beim Aufdämmern der Weisheit jedoch hört dasselbe Gemüt auf, das Gemüt zu sein. Das Gemüt selbst ist dieses ganze Universum. Das Gemüt ist die Bergkette. Das Gemüt ist Raum. Das Gemüt ist Gott. Nur das Gemüt ist Freund oder Feind. Sobald das Bewusstsein sich selbst vergisst und der Modifikation und psychologischen Konditionierung unterworfen ist, wird es zu dem, was man Gemüt nennt, welches wiederum Geburt und Tod entstehen lässt. Dann ist es als der jīva bekannt, der zu dem Teil des unendlichen Bewusstseins geworden ist, welcher die Eigenschaften eines Objektes in diesem Bewusstsein ange- nommen hat, nur ein wenig durch psychologische Konditionierung umhüllt. Dieser jīva entfernt sich von der Wahrheit des unendlichen Bewusstseins und versinkt durch den Kontakt mit der Welterscheinung tiefer und tiefer in der Konditionierung. Selbstverständlich ist das Selbst weder der jīva noch der Körper noch des- sen Bestandteile. Das Selbst ist wie Raum, gänzlich unabhängig von all die- sem. VASIåèHA fuhr fort: 195
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    Oh Rāma, dasGemüt selbst ist der jīva – das Gemüt erfährt nur das, was es aus sich selbst heraus nach außen projiziert hat. Dadurch wird es gebunden. Die Verfassung des Gemüts bestimmt die Art der Wiedergeburt des jīva. Wer ein König sein will, träumt, dass er ein König ist. Was jemand intensiv wünscht, wird er früher oder später auch erlangen. Wenn das Gemüt unrein ist, sind auch seine Wirkungen unrein; ist es dagegen rein, dann sind es auch seine Produkte. Der edle Mensch vergisst auch in schwierigen Umständen nicht seine spirituellen Ziele. In der Wahrheit gibt es weder Bindung noch Befreiung. Das Unendliche denkt „Ich bin der Körper“, und so wird dieser Gedanke zur Bindung. Wenn man erkennt, dass all dieses falsch ist, dann leuchtet man selbst als das un- endliche Bewusstsein. Sobald das Gemüt durch reine Gedanken und Hand- lungen geläutert worden ist, nimmt es die Natur des Unendlichen an; so wie reines, weißes Tuch leicht zu färben ist. Sobald in einem reinen Gemüt die Konzepte und Vorstellungen von Körper, Wissen um die Schriften und Leidenschaftslosigkeit usw. auftauchen, dann erscheint die Welt. Sobald sich das Gemüt in das äußere, objektive Universum verwickeln lässt, entfernt es sich vom Selbst. Wenn das Gemüt jedoch die Subjekt-Objekt-Beziehung aufgibt, die es mit der Welt hat, wird es unverzüg- lich im Unendlichen absorbiert. Das Gemüt besteht nicht getrennt vom unendlichen Bewusstsein – es exis- tierte nicht am Anfang, es wird nicht am Ende existieren, und es existiert nicht einmal in diesem Augenblick! Wer denkt, es existiere, lädt nichts als Leid auf sein Haupt. Wer erkennt, dass diese Welt in Wahrheit das Selbst ist, kann dieses Leid hinter sich lassen, und die Welt gibt ihm Freude und Befrei- ung. Das Gemüt ist nichts anderes als die Ideen und Vorstellungen – wer würde wohl trauern, wenn ein solches Gemüt an sein Ende gelangt? Die Wirklichkeit ist Bewusstsein, das in der Mitte zwischen Seher und Objekt liegt. Es ist diese Realität, die vom Gemüt verhüllt wird und die enthüllt ist, sobald das Gemüt aufhört. Sobald die Konditionierung des Gemüts aufhört, gelangen auch Unwissen- heit, Verlangen, Wünsche und Abneigungen, Täuschung, Torheit, Furcht und Ideengebilde an ihr Ende; Reinheit, Segen und Güte tauchen auf. Man erfreut sich der Selbsterkenntnis. Wessen Intelligenz durch die Vernichtung aller inneren Unreinheiten klar geworden ist, dessen Herz wird vom Licht des Selbst erleuchtet, welches durch die Erforschung des Selbst erlangt wird. Wer die Bedeutungslosigkeit von Geburt und Tod erkannt hat, wohnt ohne Furcht und Angst in der Stadt des Körpers. RùMA fragte: IV:36 Hoher Herr, das unendliche Bewusstsein ist transzendental. Bitte sage mir, wie dieses Universum darin existieren kann. 196
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    VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, dieses Universum existiert im unendlichen Bewusstsein wie die zukünftigen Wellen in einem stillen Meer existieren – nicht-verschieden in Wahrheit, jedoch mit der Potentialität einer scheinbaren Verschiedenheit. Das unendliche Bewusstsein ist unmanifestiert, obgleich allgegenwärtig wie Raum, der auch unmanifestiert ist und doch überall existiert. So wie man von der Widerspiegelung eines Objektes in einem Kristall nicht sagen könnte, dass sie gänzlich unwirklich oder gänzlich wirklich sei, so kann man dasselbe auch nicht von diesem Universum sagen, welches im unendlichen Bewusst- sein widerspiegelt wird. Noch einmal: So wie Raum unberührt von den Wol- ken ist, die in ihm treiben, so ist dieses unendliche Bewusstsein unberührt und unangetastet von dem Universum, welches in ihm erscheint. Ebenso wie das Licht nur durch ein strahlenbrechendes Medium wahrgenommen werden kann, so wird das unendliche Bewusstsein durch das Medium dieser ver- schiedenen Körper enthüllt. Obwohl es in seinem Wesen namen- und formlos ist, werden seinen Reflektionen Namen und Formen zugeschrieben. Bewusstsein, das im Bewusstsein reflektiert wird, leuchtet als Bewusstsein und existiert als Bewusstsein. Für den Unwissenden jedoch (auch wenn die- ser sich selbst für weise und vernünftig hält ) sieht es so aus, als ob da etwas in die Existenz getreten sei und daher etwas anderes als nur Bewusstsein existiert. Für den Unwissenden erscheint dieses Bewusstsein als die schre- ckenerregende Welterscheinung – für den Weisen dagegen erscheint dasselbe Bewusstsein als das eine Selbst. Dieses Bewusstsein allein ist das reine Erfah- ren – nur dank ihm scheint die Sonne, und alle Wesen erfreuen sich ihres Lebens hier. Dieses Bewusstsein ist weder erschaffen noch dem Vergehen unterworfen, es ist ewiglich. Die Welterscheinung wird ihm nur überlagert, so wie die Wellen in Beziehung zum Ozean. In diesem Bewusstsein taucht, sobald es sich in sich selbst reflektiert, die Vorstellung „Ich“ auf, die Anlass zum Erscheinen der Vielfalt gibt. Als Raum befähigt dasselbe Bewusstsein den Samen zu kei- men, als Luft lockt es den Samen hervor, als Wasser nährt es ihn, als Erde gibt es ihm Festigkeit, und als Licht enthüllt das Bewusstsein selbst das neue Leben. Es ist das Bewusstsein in dem Samen selbst, das nach gebührender Zeit sich als Frucht manifestiert. Das Bewusstsein allein ist die verschiedenen Jahreszeiten mit ihren Eigen- schaften. Es geschieht aufgrund dieses Bewusstseins, dass das gesamte Uni- versum auf diese Weise existiert und dabei eine unendliche Anzahl Lebewe- sen unterhält bis zur Zeit der kosmischen Auflösung. VASIåèHA fuhr fort: Und so kommt und geht diese Welterscheinung als die wahre Natur des IV:37 unendlichen Bewusstseins. Nicht-verschieden vom unendlichen Bewusstsein weist diese Welterscheinung eine wechselseitige Beziehung mit diesem auf – es taucht in ihm auf, existiert in ihm und wird in ihm absorbiert. Obschon es 197
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    wie die Tiefseenicht erregt ist, so ist es doch erregt wie die Wellen, die an der Oberfläche erscheinen. So wie eine unter Drogen stehende Person sich für eine gänzlich andere Person hält, so betrachtet sich dieses Bewusstsein, sei- ner selbst bewusst werdend, als etwas ganz anderes. Dieses Universum ist weder wirklich noch unwirklich – es existiert im Be- wusstsein, jedoch nicht unabhängig in eben diesem. Obschon es wie eine Hinzufügung zum Bewusstsein erscheint, existiert es doch in keiner Weise außerhalb von diesem. Die Beziehung ist so wie diejenige zwischen Gold und Schmuckstücken aus Gold. Dieses Selbst, das Höchste Brahman, welches alles durchdringt, befähigt dich zum Erfahren von Klang, Geschmack, Gestalt und Duft, o Rāma. Es ist transzendental und allgegenwärtig – es ist nicht-dual und rein. In ihm gibt es nicht einmal eine Vorstellung von etwas anderem. Diese ganze Vielfalt von Existenz und Nicht-Existenz, Gut und Böse, sind die leeren Vorstellungen unwissender Menschen. Es spielt keine Rolle, ob man sagt, dass diese Imagi- nation auf dem Selbst gründet oder auf dem Nichtselbst. Da es nichts anderes als das Selbst gibt – wie kann es dann noch den Wunsch nach etwas anderem geben? Vorstellungen wie „dies ist zu erstre- ben“ oder „dies ist abzulehnen“ berühren das Selbst daher nicht. Da das Selbst wunschlos ist, und da der Täter, das Instrument der Handlung und die Handlung selbst nicht-dual sind, wird es nicht in Handlung verstrickt. Da das, was existiert, und das, in welchem es existiert, identisch sind, kann man nicht einmal sagen, dass es ist. Da es in ihm keinerlei Verlangen irgendwelcher Art gibt, gibt es in ihm auch keinerlei Vorstellung von Untätigkeit. Da ist nichts anderes, o Rāma. Du bist wahrhaftig dieses absolute Brahman. Befreie dich daher von allen Vorstellungen der Dualität und lebe ein aktives Leben. Was hast du zu gewinnen, indem du irgendwelche Handlungen wieder und wieder ausführst? Und was gewinnst du, wenn du inaktiv bleibst? Oder durch Festhalten an den Schriften? Oh Rāma, verbleibe im Frieden und in Reinheit wie der Ozean, wenn er nicht durch Wind aufgewühlt wird. Dieses Selbst, von dem alles gänzlich durchdrungen ist, wird nicht durch Reisen in die Ferne gewonnen. Lass dein Gemüt nicht unter den Objekten der Welt umherwandern. Du selbst bist das Höchste Selbst, das unendliche Bewusst- sein – du bist nichts anderes! VASIåèHA fuhr fort: IV:36 Oh Rāma, das Gefühl der Täterschaft (die Vorstellung von „ich tue dies“), welches zu Glück und Unglück oder auch zum Yoga-Zustand führt, ist in den Augen der Weisen rein fiktiv; in den Augen des Unwissenden ist es jedoch real. Denn was ist schließlich die Quelle dieser Vorstellung? Diese Vorstellung entsteht, wenn das Gemüt, angespornt durch Neigungen,, etwas für sich ge- winnen will. Die sich daraus ergebenden Handlungen schreibt man dann sich selbst zu. Wenn dann dieselbe Handlung zu Ergebnissen führt, entsteht die Vorstellung „Ich erfreue mich an diesem“. Beide Vorstellungen sind in Wahr- heit die zwei Gesichter derselben Vorstellung. 198
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    Ob man handeltoder nicht, ob man im Himmel oder in der Hölle ist – was auch immer die Art der psychologischen Konditionierung ist, dieses wird vom Gemüt erfahren. Für die unwissende und konditionierte Person gibt es daher immer die Vorstellung „Ich tat dies“, unabhängig davon, ob sie etwas tut oder nicht. Im Erleuchteten und Unkonditionierten taucht diese Vorstellung dage- gen nicht auf. Sobald die Wahrheit diesbezüglich erkannt wird, wird die Kon- ditionierung schwächer. Als Ergebnis davon ist der weise Mensch nicht länger an den Früchten solcher Handlungen interessiert, obwohl er fortfährt, in der Welt zu handeln. Er lässt die Handlungen in seinem Leben ohne Anhaftung an diese Handlungen einfach geschehen. Was auch immer die Ergebnisse dieser Handlungen sein mögen – er betrachtet sie als nicht verschieden von seinem eigenen Selbst. Jedoch ist dies nicht die Haltung derjenigen, die in den menta- len Zuständen versunken sind. Nur was das Gemüt tut, kann als Handlung bezeichnet werden. Daher ist das Gemüt allein der Täter aller Handlungen, nicht der Körper. Das Gemüt allein ist diese Welterscheinung, die in ihm aufgetaucht ist und in ihm ver- bleibt. Sobald die Objekte und das erfahrende Gemüt still geworden sind, verbleibt nur noch Bewusstsein. Die Weisen erklären, dass das Gemüt des Erleuchteten weder in einem Zu- stand der Seligkeit noch ledig der Seligkeit sei, weder in Bewegung noch bewegungslos, weder wirklich noch unwirklich, sondern zwischen allen diesen Konzepten. Sein unkonditioniertes Bewusstsein spielt seine Rolle selig in dieser Welterscheinung wie in einem Spiel. Da es die mentale Konditionie- rung ist (die im Unwissenden existiert), die die Natur der Handlung und Erfahrung bestimmt, und da all dies im Erleuchteten abwesend ist, befindet sich der Letzere auf ewig in der Seligkeit. Seine Handlungen sind Nicht- Handlungen. Er lädt daher weder Verdienst noch Schuld auf sich. Sein Verhal- ten ist das eines Kindes – auch wenn er Schmerzen zu erleiden scheint, so erleidet er sie nicht. Er ist dieser Welterscheinung und den Handlungen von Verstand und Sinnen vollständig unverhaftet. Er unterhält nicht einmal die Vorstellung von Bindung oder Befreiung. Er sieht das Selbst und das Selbst allein. VASIåèHA fuhr fort: Rāma, im absoluten, allmächtigen Brahman erscheinen dessen unendliche IV:39 Möglichkeiten in der Gestalt dieses sichtbaren Universums. Alle diese ver- schiedenen Kategorien wie Realität, Irrealität, Vielfalt, Anfang und Ende existieren in diesem Brahman. Wie Wellen auf dem Meer erscheint auch der jīva in Brahman aufgrund des individualisierten Bewusstseins als selbst- begrenzt. Dieser jīva erleidet fortschreitend eine immer massivere Konditio- nierung. Er funktioniert in Übereinstimmung mit dieser Konditionierung und erfährt die Ergebnisse der entsprechenden Handlungen. RùMA fragte: Oh Herr, Brahman ist frei von Leid, und doch ist das, was aus ihm entstanden ist, wie eine Kerze an einer anderen entzündet wird, dieses ganze Universum bis oben angefüllt mit Leid. Wie ist dies möglich? 199
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    VùLMýKI sagte: Nachdemer diese Frage vernommen hatte, dachte Vāsi«Âha eine Weile nach. Offensichtlich war Rāmas Verständnis aufgrund von Unreinheiten im Gemüt noch nicht vollständig genug. Aber wenn er die Wahrheit nicht vollständig erfassen kann, wird sein Gemüt niemals Ruhe finden. Solange das Gemüt von Gedanken an Vergnügen oder Glück bewegt wird, bleibt es unfähig, die Wahrheit zu verstehen. Ist das Gemüt aber rein, dann versteht er die Wahrheit sofort. Daher sagt man: Wer jemandem, der unwissend oder erst halb-erwacht ist, erklärt: „Alles ist Brahman“, geht zur Hölle. Ein weiser Lehrer sollte daher seine Schüler zuvor dazu anhalten, in der Selbstbeherrschung und im Stillsein zu verbleiben. Weiterhin sollte der Schüler geprüft werden, bevor ihm das Wahrheitswissen mitgeteilt wird. Dann sagte VASIåèHA: Du wirst die Wahrheit, ob Brahman frei von Leid ist oder nicht, für dich selbst entdecken. Andernfalls werde ich dir zu gegebener Zeit zu Hilfe kom- men. Für den Moment betrachte dies: Brahman ist allmächtig und allgegenwärtig und die allem innewohnende Präsenz. Es ist dieses Brahman, welches mit Hilfe der unbeschreibbaren Macht namens Māyā diese Schöpfung ins Sein gerufen hat. Māyā ist fähig, das Unwirkliche als wirklich erscheinen zu lassen und umgekehrt – so wie der leere Raum des Himmels von blauer Farbe zu sein scheint. Bedenke, Rāma: In dieser Welt selbst siehst du diese unendliche Vielfalt von Lebewesen. Darin besteht die Manifestation der unendlichen Möglichkeiten des Höchsten Herrn. Heiße die Ruhe des Gemüts willkommen! Der schaut die Wahrheit, der in sich selbst im Frieden ist. Sobald das Gemüt nicht im Frieden ist, erscheint die Welt als ein Tollhaus der Vielfalt. In Wirklichkeit aber ist dieses Universum die offenbare Manifestation der unendlichen Möglichkeiten des Höchsten Herrn. So wie dort, wo Licht ist, die Dinge auf natürliche Weise sichtbar werden, so ist diese Welterscheinung aufgrund der Allmacht des Herrn als seine eigene Natur aufgetaucht. Jedoch ist gleichzeitig mit dieser Welterscheinung auch die Unwissenheit aufgetreten, die die Ursache der Kümmernisse ist. Gib diese Unwissenheit auf und sei frei. VASIåèHA fuhr fort: IV:40 Oh Rāma, diese ganze Welterscheinung ist nichts als eine zufällige Manifes- tation, wie sie aus der Absicht der allmächtigen Bewusstseinsenergie (cit- śakti) des unendlichen Bewusstseins bzw. Brahman hervorgegangen ist. Diese Absicht verdichtet sich und erscheint im Gemüt als Substanz. Das Ge- müt reproduziert daraufhin unverzüglich die Substanz wie ein objektives Ding. An diesem Punkt entsteht die Vorstellung, dass diese Schöpfung faktisch ihre fundamentale und wahre Natur als das unendliche Bewusstsein aufgege- ben habe. Dieses unendliche Bewusstsein nimmt innerhalb von sich selbst anschei- nend eine vollkommene Leere wahr, und es ist dann die Bewusstseinsenergie 200
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    (cit-Óakti), die daraufhinRaum ins Sein treten lässt. In dieser Bewusstseins- energie taucht sodann eine Absicht zur Vielheit auf. Es ist diese Absicht, die als der Schöpfer Brahmā angesehen wird, zusammen mit seinem Gefolge weiterer Lebewesen. Auf diese Weise sind sämtliche vierzehn Welten im Raum des unendlichen Bewusstseins mit ihrer unendlichen Vielfalt von Le- bewesen erschienen. Einige von diesen sind in dichte Finsternis eingetaucht, andere wiederum sind sehr nahe an der Erleuchtung, während andere voll- ständig erleuchtet sind. In dieser Welt, o Rāma, unter den vielen Arten von Lebewesen sind nur die menschlichen Wesen fähig, über die Natur der Wahrheit belehrt zu werden. Unter diesen sind außerdem viele von Leid und Täuschung, Hass und Furcht besessen. Alle diese Dinge werde ich in allen Einzelheiten erörtern. Jedoch sind alle diese Diskussionen darüber, wer diese Welt erschaffen hat und wie, nur da, um die Schriften zu erschaffen und auszulegen. – sie basie- ren nicht auf der Wahrheit. Die Modifikationen, die im unendlichen Bewusst- sein oder der Gestalt des kosmischen Seins auftauchen, finden nicht wirklich im Höchsten Herrn statt, obwohl eben dies so zu sein scheint. Es gibt tatsäch- lich nichts anderes als das unendliche Bewusstsein, selbst in der Fantasie! Zu denken, dass hier der Schöpfer und dort das erschaffene Universum sei, ist absurd. Wenn eine Lampe an der anderen entzündet wird, dann gibt es zwi- schen ihnen keinerlei Schöpfer-Schöpfungsbeziehung – Feuer ist nur eines. Schöpfung ist nur ein Wort ohne eine damit zusammenhängende substanziel- le Realität. Bewusstsein ist Brahman, das Gemüt ist Brahman, der Intellekt ist Brahman – Brahman allein ist die Substanz von allem. Klang oder Worte sind Brahman und Brahman allein ist der Bestandteil sämtlicher Substanzen. Alles dies ist in der Tat Brahman – in Wirklichkeit gibt es keine Welt. So wie nach Entfernen des Schmutzes die darunterliegende Substanz zum Vorschein kommt, so wie nach dem Schwinden der nächtlichen Dunkelheit die von der Finsternis verhüllten Objekte deutlich gesehen werden, so wird die Wahrheit realisiert, sobald die Unwissenheit aufgelöst ist. Rāma fragte: Mein Herr, wie kann es im unendlichen Bewusstsein die Absicht zur Vielfalt IV:41 geben? VASIåèHA sagte: Oh Rāma, in meinen Aussagen gibt es keinerlei Widersprüche. Du wirst die Schönheit der Wahrheit in meinen Aussagen selbst erfahren, wenn du die Wahrheit siehst. Beschreibungen der Schöpfung usw., wie sie in den Schriften gegeben werden, existieren nur für den Zweck der Belehrung der Schüler; erlaube nicht, dass dein Gemüt von ihnen beeindruckt wird. Wenn du erst einmal das erkannt hast, worauf alle Worte hindeuten, wirst du alle Wortge- fechte aufgeben. 201
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    Im unendlichen Bewusstseinselbst gibt es weder eine Absicht noch den Schleier der Täuschung. Und doch erscheint dies alles vor dir als die Welt. Dies kann nur dann erkannt werden, wenn die Unwissenheit an ihr Ende gelangt. Die Unwissenheit wird nicht aufhören außer mit Hilfe der Unterwei- sung, die in diesen Worten und Beschreibungen verborgen liegt. Diese Unwis- senheit sucht sich selbst zu zerstören und fahndet daher nach dem Licht des Wahrheitswissens. Waffen werden durch andere Waffen zerstört, Schmutz beseitigt Schmutz, Gift kuriert die Vergiftung und Feinde werden von Feinden vernichtet – auf dieselbe Weise frohlockt diese Māyā, wenn sie selbst zerstört wird! Im selben Moment, indem du dir dieser Māyā bewusst wirst, ver- schwindet sie schon. Diese Unwissenheit oder Māyā verdunkelt die Wahrheit und erzeugt diese Vielfalt, jedoch kennt sie ihre eigene wahre Natur nicht, und das ist sehr selt- sam. Solange man nicht herausfindet, was sie ist, wird man von ihr be- herrscht. Im selben Moment, wo es Erforschung dieser Natur gab, hört sie auf. Māyā existiert in Wahrheit überhaupt nicht. So lange diese Wahrheit von dir nicht direkt erfahren wird, musst du mein Wort dafür nehmen. Wer weiß, dass Brahman allein die Wahrheit ist, der ist befreit. Alle anderen Gesichts- punkte binden eine Person an die Unwissenheit. Ohne Selbsterkenntnis wird diese Unwissenheit nicht verschwinden. Und Selbsterkenntnis tritt nur nach tiefem Studium der Schriften ein. Was auch immer der Ursprung dieser Unwissenheit sein mag – sicherlich existiert sogar das im Selbst. Daher, o Rāma, erforsche nicht die Frage „Wie ist diese Unwissenheit aufgetaucht?“, sondern erforsche mit der Frage „Wie kann ich sie loswerden?“. Erst wenn diese Unwissenheit oder Māyā aufgehört hat zu sein, wirst du verstehen, wie sie auftreten konnte. Du wirst realisieren, dass diese Unwissenheit nicht real ist. Sie entsteht nur im Zustand der Nicht- Weisheit. Keine einzige Person, ob sie nun ein großer Gelehrter oder ein Held sei, wurde jemals von dieser Unwissenheit verschont! Diese Unwissenheit ist die Quelle aller Kümmernisse – entwurzele und zerstöre sie. VASIåèHA fuhr fort: Ich werde dir nun nochmals erklären, auf welche Weise IV:42 das unendliche Bewusstsein als jīva und alles andere erscheinen konnte. Am Meer beobachtest du, wie es an einigen Stellen ruhig und an anderen bewegt ist. Auf dieselbe Weise scheint das unendliche Bewusstsein an einigen Stellen die Vielfalt zu beherbergen, während es jedoch in sich selbst nicht-dual ist. Es ist ganz natürlich für das allmächtige, unendliche Bewusstsein, sich in seiner unendlichen Herrlichkeit zu manifestieren. Diese Manifestation der Allmacht des unendlichen Bewusstseins geht ein Bündnis mit Zeit, Raum und Verursachung ein, die für die Manifestation un- entbehrlich sind. Anschließend erscheint all dies als Namen und Formen. Jedoch sind alle diese scheinbaren Manifestationen in Wirklichkeit nicht- verschieden vom unendlichen Bewusstsein. Dieser Aspekt des unendlichen Bewusstseins, der sich selbst zur Manifestation der Namen und Formen und 202
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    somit zu Zeit,Raum und Verursachung in Beziehung setzt, wird als „der Ken- ner des Feldes“ bzw. das Zeugenbewusstsein bezeichnet. Der Körper ist das Feld; das, was dieses Feld innen und außen und in allen seinen Aspekten kennt, ist der Kenner des Feldes. Dieses Zeugenbewusstsein wird in die latenten Neigungen hineingezogen und entwickelt den Ich-Sinn. Sobald dieser Ich-Sinn in sich selbst Vorstellun- gen und Absichten erzeugt, ist er als der Intellekt bekannt. Als Denkinstru- ment wiederum ist er als Gemüt oder Verstand bekannt. Wenn die Intelligenz sich weiter modifiziert oder pervertiert, dann wird sie zu den Sinnen. All dieses bildet dann den Körper. So wie eine Frucht während der Reife ver- schiedene Wandlungen der Größe, Farbe usw. erfährt, so wird das Bewusst- sein scheinbar den Wandlungen unterworfen, während die Unwissenheit sich vertieft und verdichtet. Die törichte Person verwirft dann alles rechte Denken oder die Erforschung der Wahrheit und wirft sich aus freien Stücken in die angeblich seligmachen- den Arme der Unwissenheit. Gefangen in seiner eigenen Falle der verschie- denen Tätigkeiten und aufgrund der Identifikation seiner selbst mit dem Täter erleidet er endlosen Kummer, der selbst-auferlegt und aus eigenem Willen entstanden ist. Oh Rāma, die Ursache allen Unheils in dieser Welt ist nur das Gemüt, welches voll von Sorgen, Kummer, Wunsch und Täuschung ist. Die Selbsterkenntnis beiseiteschiebend, erzeugt es Verlangen und Zorn, böse Gedanken und Gier, durch die der Mensch in das Feuer der Sinnesobjekte geworfen wird. Oh Rāma, befreie dieses Gemüt von dem Sumpf der Unwis- senheit. Oh Rāma, der ist in der Tat ein Dämon in Menschengestalt, der nicht ver- zweifelt in diesem unreinen Zustand des Gemüts, wie er durch ständig wech- selnde gute und böse Gedanken hervorgerufen wird, und der dem Altern, dem Tod und der Hoffnungslosigkeit ausgeliefert ist. VASIåèHA fuhr fort: Diese zufällig entstandene Manifestation der Macht des unendlichen Be- IV:43 wusstseins erscheint als die Millionen Lebewesen dieses Universums. Diese zahllosen Wesen sind in ihrer eigenen mentalen Konditionierung gefangen. Sie finden sich in jedem Land und an jedem Ort dieses Universums und in allen nur vorstellbaren Situationen. Einige von ihnen sind Teil der neuen Schöpfung dieser Epoche, während andere schon sehr viel älter sind. Einige haben erst einige Male inkarniert, während andere bereits zahllose Inkarnationen hinter sich haben. Einige sind befreit. Andere wiederum sind in schrecklichem Leiden versunken. Einige sind himmlische Wesen, einige Halbgötter, und andere wiederum sind die Gottheiten, die dieses manifestierte Universum regieren. Einige sind Dämo- nen, andere Kobolde. Einige gehören einer der vier Kasten der menschlichen Gesellschaft an, während andere in primitiven, unzivilisierten Stämmen le- ben. 203
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    Einige von ihnenhaben die Gestalt von Kräutern und Gräsern, während an- dere als Wurzeln, Früchte und Blätter erscheinen. Einige sind Kletterpflanzen, während andere als Blumen leben. Einige sind Könige mit ihren Ministern, gekleidet in königliche Roben, andere wiederum sind in Lumpen oder Baum- rinde gekleidet, weil sie entweder Bettler oder Einsiedler sind. Manche sind Schlangen, andere Insekten; wieder andere sind Tiere wie Lö- wen, Tiger usw. Einige sind Vögel, andere dagegen Elefanten oder Esel. Manche sind wohlhabend, während andere in Armut leben. Einige sind im Himmel, andere befinden sich in der Hölle. Manche leben in den Regionen der Sterne, andere in den Höhlungen sterbender Bäume. Manche leben unter befreiten Weisen, während andere bereits befreite Weise sind, die sich über ihr Körperbewusstsein erhoben haben. Einige sind mit erleuchteter Intelli- genz gesegnet, während andere außerordentlich stumpfsinnig sind. Oh Rāma, so wie es in diesem Universum zahllose Lebewesen verschiedens- ter Art gibt, so leben auch in anderen Universen ähnliche Lebewesen mit anderen Körpern, die für jene Universen gemacht sind. Jedoch alle von ihnen sind durch ihre eigenen mentalen Konditionierungen gebunden. Alle diese Wesen durchwandern dieses Universum – manchmal himmelhoch jauchzend, manchmal zu Tode betrübt. Und mit ihnen allen spielt der Tod wie mit einem Ball. Gebunden durch ihre zahllosen Wünsche und Anhaftungen und begrenzt durch ihre eigene mentale Konditionierung wandern sie von einem Körper zum nächsten. Sie werden dies so lange fort- setzen, bis sie die Wahrheit ihres eigenen Selbst erfahren, welches das unend- liche Bewusstsein ist. Nach der Erlangung der Selbsterkenntnis sind sie von der Täuschung befreit und kehren nicht wieder auf diese Stufe von Geburt und Tod zurück. VASIåèHA fuhr fort: IV:44 Und doch geschieht all diese Schöpfung nur wie im Traum. Diese Schöpfung ist nicht wirklich – sie erscheint nur so. Wer seine Unwissenheit vollständig aufgelöst hat und in dem alle Formen der Konditionierung erloschen sind – der ist ein befreiter Weiser. Obwohl er sich dieser Fata Morgana, die als Welt- erscheinung auftritt, bewusst zu sein scheint, sieht er sie in Wahrheit nicht als die Welt. Diese Welterscheinung wird auf ganz natürliche Weise immer von sämtlichen jīvas wahrgenommen, bis der jīva schließlich die Befreiung erlangt. Daher existiert in jedem jīva der Körper in potentieller Gestalt; je- doch nicht in seiner eigentlichen physischen Substanz, sondern als Gedanke und Absicht. Ich werde dir nun noch einmal beschreiben, wie der Schöpfer Brahmā im unendlichen Bewusstsein auftaucht. Du wirst dann aufgrund dessen sehen, wie in demselben Bewusstsein die unendlichen Lebewesen auftauchen. Das unendliche Bewusstsein, welches ohne Zeit, ohne Raum und ohne Ursache ist, nimmt diese auf spielerische Weise an. Auf diese Weise tritt dann die 204
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    kosmische Person insSein. Diese kosmische Person ist gleichzeitig das kos- mische Gemüt und das kosmische Leben. Diese kosmische Person wünscht den Klang zu erfahren – und so tritt Raum ins Sein, mit der Eigenschaft, Klang zu übertragen. Die kosmische Person wünscht Berührung zu erfahren – so entsteht die Luft. Diese beiden sind noch unsichtbar und subtil. Die kosmische Person, die nun zu sehen wünscht, lässt das Feuer ins Sein treten, und dieses Feuer erweitert sich dann zu den zahllo- sen Quellen des Lichts. Die kosmische Person wünscht des weiteren Ge- schmack und Kühle zu erfahren, um dem Feuer entgegen zu wirken – auf diese Weise entsteht das Wasser. Und zuletzt entsteht durch den bloßen Wunsch, riechen zu können, die Erde mit ihrer Vielzahl von Düften. Diese kosmische Person mit allen ihren Fähigkeiten ist immer noch extrem subtil und ungeteilt. Anscheinend gibt sie dann diese Existenzform auf und nimmt sich selbst wie unendliche Funken im Raum wahr. Sie hält sich selbst für jeden einzelnen dieser Funken, und so entsteht der Ich-Sinn. Dieser Ich- Sinn verfügt ebenfalls über eine eingeborene Intelligenz. Er ersinnt mit Hilfe der bereits erwähnten fünf kosmischen Elemente einen Körper für sich selbst. Diesen Körper stellt er sich grob, physisch und materiell vor – und so wird dann dieser Körper auch. Diese kosmische Person ist Brahmā. Er scheint all diese zahllosen Wesen zu erschaffen, und er beschützt sie auch. Er erschien zuerst im unendlichen Bewusstsein. Aber aufgrund von scheinbarer Selbst-Begrenzung und Verges- sen seiner eigenen, unendlichen Natur (wie im fötalen Schlafe), identifiziert er sich selbst mit dem Körper, wie dieser von der Lebenskraft (prāïa) ange- trieben und erhalten wird und aus materiellen Substanzen zusammengesetzt ist. Sobald er seinen Ursprung zu erforschen beginnt, enthüllt sich ihm seine wahre Natur und er ist befreit von der Selbst-Begrenzung. VASIåèHA fuhr fort: IV:45 Oh Rāma, obwohl dieses Universum zu existieren scheint, gibt es nichts, was als das Universum existieren könnte. All dies ist nichts als die Erschei- nung oder Reflektion des unendlichen Bewusstseins, welches die einzige Realität ist. In diesem Bewusstsein erscheint diese Schöpfung wie in einem Traum. Es ist daher nur die Realität, in der dieser Traum erscheint, die wirk- lich ist – und diese ist unendliche Leere. Du siehst die Welt deshalb, weil die Augen (und die anderen Sinne) die Welt wahrnehmen. Auf dieselbe Weise denkst oder glaubst du, dass sie existiert, weil dein Gemüt so denkt. Und es ist dieses Gemüt, welches diesen Körper für seine eigenen Zwecke ins Leben gerufen hat. Alle diese Kräfte, die dem Gemüt eingeboren sind, und mit deren Hilfe diese Welt ins Sein getreten ist, stammen aus dem unendlichen Bewusstsein. Aus diesem Grunde haben die Weisen erklärt, dass das Gemüt allmächtig sei. Alle diese Götter, Dämonen und Menschenwesen sind allein vom Gemüt heraufbe- 205
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    schworen worden –wenn das Gemüt diese Vorstellungen aufgibt, dann hören sie alle auf zu sein, wie eine Lampe ohne Öl. Der weise Mensch, der weiß, dass alle diese Objekte unwirklich sind, be- trachtet sie nicht als Objekte des Vergnügens, die zu erlangen sind. Wer hinter den von seinem eigenen Verstand erschaffenen Objekten herläuft, wird ge- wiss Leid erfahren. Diese Welterscheinung trat infolge von Wunsch und Ver- langen ins Dasein – sie hört nur dann auf, wenn Wünsche und Begierden nicht mehr auftauchen (nicht aber, wenn du dich gegen die Welt wendest oder sie hasst). Wenn diese Welterscheinung aufgelöst wird, dann wurde niemals etwas zerstört. Was kann man durch das Verschwinden einer unwirklichen Erscheinung verlieren? Wenn sie doch gänzlich irreal ist – wie könnte sie dann überhaupt zerstört werden, und weshalb sollte man über einen irrealen Verlust trauern? Ist es hingegen real, dann kann es auch durch nichts und niemanden zerstört oder unwirklich gemacht werden. Von diesem Standpunkt aus gesehen, ist die Welt nichts anderes als Brahman, die ewige Wahrheit. Und in diesem Fall, kann es überhaupt irgendwelches Leid geben? Und außerdem – was unwirklich ist, kann weder wachsen noch blühen; weshalb sollte man also frohlocken? Was bleibt noch zu wünschen übrig? Wenn all dieses nichts als das eine unendliche Bewusstsein ist, was gibt es, dem man entsagen muss? Was es am Anfang nicht gab und am Ende aufhören wird, ist auch in der Mitte (in der Gegenwart) nicht existent. Was dagegen am Anfang und am Ende existiert, ist auch die Realität der Gegenwart. Sieh klar, dass „all dies unwirklich ist, einschließlich meiner selbst“ – dann wird es keinerlei Leiden in dir geben. Oder betrachte es so: "All dieses ist wirklich, einschließlich mei- ner selbst" – und auch dann wird keine Sorge dich heimsuchen. (Als der Weise dies gesagt hatte, ging der neunte Tag zur Neige und die Ver- sammlung löste sich auf.) VASIåèHA fuhr fort: Wer erkennt, dass das gesamte Universum einschließlich seines Wohlstan- IV:46 des, seiner Frau und seiner Kinder usw. nur die Schöpfung eines Taschenspie- lertricks des Gemütes ist, trauert nicht, wenn alles verloren geht, noch erfreut er sich am Gedeihen dieser Dinge. Im Gegenteil – es ist angemessener, sich beim Gedeihen dieser Dinge unglücklich zu fühlen, denn eben dieses Gedei- hen kann die Unwissenheit intensivieren. Was daher im Toren Anhaftung und Verlangen entstehen lässt, erzeugt im Weisen Loslösung und kühlen Gleich- mut. Die Natur der weisen Person besteht darin, nach keiner Erfahrung zu ver- langen, die nicht mühelos erlangt werden kann, und sich derjenigen zu er- freuen, die bereits eingetroffen ist. Wer fähig ist, das Gemüt vom Verlangen nach Sinnesvergnügen zu entwöhnen, der ertrinkt nicht mehr im Ozean der Täuschung. Wer sein Eins-Sein mit dem gesamten Universum erkannt und 206
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    sich selbst überAbneigungen und Zuneigungen erhoben hat, wird niemals getäuscht. Daher, o Rāma, erkenne dieses Selbst oder das unendliche Bewusstsein, welches sowohl das Wirkliche als auch das Unwirkliche durchdringt und daher transzendiert. Danach sollst du nichts halten und nichts aufgeben, ob es nun außen oder innen ist. Der weise Mensch, der in dieser Selbsterkennt- nis verankert ist, ist frei von allen Neigungen oder mentaler Konditionierung oder Selbst-Begrenzung – er ist wie der Himmel oder Raum, welcher durch die sich in ihm abspielenden Vorgänge ist völlig unberührt ist. Erlaube deinem Gemüt in keiner Weise, das Gefühl von „mein“ in Gegenwart der Sinnesobjekte zu unterhalten – ob du nun tätig oder untätig bist. Auf diese Weise wirst du den Sumpf der Unwissenheit glücklich vermeiden. Wenn dein Herz keinerlei Sinnesvergnügen mehr als süß und angenehm kostet, dann hast du alles erkannt, was es zu erkennen gibt, und du bist frei von diesem Zyklus von Geburt und Wiedergeburt. Wer weder von den Vergnügen dieser Welt noch von denen des Himmels angezogen wird (ob mit oder ohne Körperbewusstsein), der ist befreit – sogar dann, wenn er nicht absichtlich nach dieser Art von Befreiung gestrebt oder verlangt hat. Oh Rāma, in diesem Ozean der mentalen Konditionierung wird derjenige als gerettet erachtet, der das Floß der Selbsterkenntnis gefunden hat. Wer dieses Floß verpasst, geht mit Sicherheit unter. Daher, o Rāma, untersuche mit einer Intelligenz so scharf wie des Messers Schneide die Natur des Selbst. Danach ruhe in dieser Selbsterkenntnis. Lebe so, wie die Weisen mit Selbsterkenntnis leben. Sie kennen das unend- liche Bewusstsein und diese Welterscheinung. Sie entsagen daher weder der Aktivität in dieser Welt, noch wünschen sie sie herbei. Auch du hast nun die Selbsterkenntnis erlangt, Rāma, und ruhst daher im Frieden. VASIåèHA fuhr fort: IV:47 O Rāma, in der Vergangenheit hat es Millionen von BrahmÃs, Śivas, Indras und NÃrÃyaïas gegeben. Und doch waren alle diese Götter wahrhaftig nichts als die Zauberei von MÃyÃ! Alle diese Schöpfungen waren manchmal von BrahmÃ; oder sie werden Śiva, NÃrÃyaïa oder den Weisen zugeschrieben. Für manche ist Brahmà aus dem Lotos geboren, während er für andere dem Meer entstiegen oder aus einem Ei oder dem Raum hervorgegangen ist. In manchen Universen ist Brahmà die höchste Gottheit, während dies in ande- ren die Sonne, Indra, NÃrÃyaïa oder Śiva ist. In manchen Universen ist die Erde mit Bäumen gefüllt, in anderen dagegen mit Lebewesen oder Bergen. Manchmal besteht die Erde aus Schlamm oder Lehm, anderswo ist sie felsig oder golden oder aus Kupfer. Man vermag vielleicht, die Anzahl der Sonnen- strahlen zu zählen, aber es ist unmöglich, die Anzahl der Universen zu zählen, die existieren. Diese Schöpfung ist anfangslos. In dieser „Stadt Brahmans“ (welche das unendliche Bewusstsein oder das Bewusstsein im Innern des eigenen Herzens ist) tauchen alle diese Universen auf und verschwinden 207
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    wieder und wieder.Jedoch sind sie alle verschieden von dem einen unendli- chen Bewusstsein. Diese Schöpfungen, seien sie nun grob oder fein, gefestigt oder auseinan- derfallend, sind wie Girlanden der subtilen Elemente, die allesamt aus dem unendlichen Raum des Bewusstseins aufgetaucht sind. Zuweilen entsteht Raum als erstes, und dann sagt man vom Schöpfer, dass er aus dem Raum geboren ist, und zu anderen Zeiten wird als erstes die Luft erzeugt. Wieder woanders entstehen Feuer, Wasser oder Erde, und der Schöpfer erhält dann die entsprechende Betitelung. Vom Körper dieses Schöpfers her entstehen dann „Wörter“ wie BrÃhmaïa (Priester) usw. Diese Wörter werden dann zu „Lebewesen“ mit ihren entsprechenden Bezeichnungen. Natürlich ist dies alles unwirklich wie die Schöpfungen, die im Traum gese- hen werden. Daher ist die Frage „Wie konnte dies alles in dem einen unendli- chen Bewusstsein entstehen?“ unreif und kindisch. Die Schöpfung scheint einfach aufgrund der Absichten des Gemüts zu entstehen. Gewiss ist dies ein Mysterium und ein Wunder! All dieses habe ich dir nur in einem rein illustrativen Sinne als Beschrei- bung der Wahrheit dargelegt. In dieser Schöpfung jedoch gibt es keinerlei solche Ordnung oder Abfolge. Diese Schöpfung ist nichts als die Schöpfung des Gemütes – dies ist die Wahrheit. Alles andere ist nichts als eine fantasie- volle Beschreibung. Aufgrund der Aufeinanderfolge von Erschaffung und Auflösung dieses Universums entsteht eine Zeitskala, die von einem Augen- blick bis zu einem Äon reicht. Jedoch ist dieses Universum auf ewig in diesem Bewusstsein gegenwärtig so wie Funken in rotglühendem Eisen. In der reinen Sicht einer erleuchteten Person jedoch ist all dies nichts als Brahman – da gibt es keinerlei Welterscheinung. Die wiederholte Erschaffung und Auflö- sung einer unendlichen Anzahl von Universen zusammen mit der unendli- chen Vielzahl der Schöpfer darin ist nichts als die fantasievolle Wahrnehmung der Unwissenden und Verblendeten. *** Die Geschichte von DÃÓÆra VASIåèHA fuhr fort: IV:48 Oh Rāma, wer mit den verschiedenen Geschäften in dieser Welt befasst ist und nach Vergnügen und Macht sucht, wird nicht nach der Wahrheit verlan- gen, die er ganz offensichtlich auch nicht zu erkennen vermag. Wer weise geworden ist, aber die Neigungen seiner Sinne noch nicht vollständig be- herrscht, sieht gleichzeitig die Wahrheit und die Illusion. Und wer gänzlich und klar die Natur der Welt und des jīva erkennt und diese Welterscheinung als eine Realität entschieden zurückweist, ist befreit und wird nicht wieder- 208
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    geboren. Der Unwissendestrebt nach der Wohlfahrt des Körpers, aber nicht nach dem Selbst. Sei nicht wie dieser, o Rāma, sondern sei weise. Zur Illustration dieser Worte werde ich dir nun eine interessante Legende erzählen. In einem Land namens Magadha, das über eine Vielzahl von herrli- chen Gärten verfügte, lebte ein Weiser namens DÃÓÆra. Er war mit atemrau- benden Bußübungen beschäftigt. Er war ein großer Asket, der keinerlei Inte- resse an weltlichen Freuden hatte. Außerdem war er gelehrt. Er war der Sohn des Weisen Áaraloma. Das Unglück wollte es, dass er beide Eltern verlor, als er noch klein war. Die Gottheiten des Waldes bedauerten den Waisenknaben, der untröstlich in seinem Schmerz war. Sie sagten zu ihm: „Oh weiser Knabe! Du bist der Sohn eines Weisen – weshalb weinst du wie in unwissender Tor? Kennst du nicht die flüchtige Natur dieser Welterschei- nung? Dies ist, oh Junge, die eigentliche Natur dieser Welterscheinung: Dinge entstehen, existieren eine Weile und werden dann vernichtet. Alle Wesen, die hier erscheinen (vom relativen Standpunkt aus) – sie alle sind dem unver- meidlichen Ende unterworfen (und sollte es sich bei dem Wesen sogar um Brahmā, den Schöpfer, handeln). Keinerlei Zweifel besteht hierüber. Gräme dich daher nicht über den unvermeidlichen Tod deiner Eltern.“ Der Kummer des Jungen war damit etwas erleichtert. Er erhob sich und führte die Begräbnisriten für seine Eltern aus. Dann begann er ein streng religiöses Leben zu führen, in dem er sich selbst auf allen Seiten mit Vor- schriften wie: „dies ist zu tun“ und „das ist zu vermeiden“ begrenzte. Da er die Wahrheit noch nicht erkannt hatte, war er gänzlich gefangen in der Ausübung der Rituale mit ihren endlosen Geboten und Verboten. All dies erzeugte in ihm das Empfinden, dass die ganze Welt voller Unreinheiten sei. Daher suchte er nach einem Ort ohne Unreinheiten. Der Wipfel eines Baumes! – so ent- schied er. Und mit diesem Wunsch, im Wipfel eines Baumes zu leben, führte er einen heiligen Ritus aus, während dem er ein Stück seines eigenen Flei- sches abschnitt und im heiligen Feuer opferte. Bald darauf erschien die Feu- er-Gottheit höchstpersönlich vor ihm und verkündete: „Du wirst den Wunsch, der in deinem Herzen aufgetaucht ist, bald erfüllt sehen.“ Das Feuer verschwand, nachdem es die Verehrung des Asketen entgegen- genommen hatte. VASIåèHA fuhr fort: IV:49, Der Weise sah nun vor sich einen riesigen Kadamba-Baum von majestäti- 50,51 schem Aussehen. Mit seinen Händen (Blättern) schien er die Tränen (Regen- tropfen) seines geliebten Firmamentes zu trocknen. Er füllte mit seinen tau- senden von Armen (Ästen) gänzlich den Raum zwischen Himmel und Erde aus und stand wie die kosmische Gestalt des Herrn selbst da – mit Sonne und Mond als Augen. Überladen mit Blüten, regnete er diese auf die heiligen und göttlichen Weisen herab, die den Himmel durchquerten. Die Bienen, die ihn bewohnten, sangen den Weisen ihren Willkommensgruß. (Die detaillierte Beschreibung dieses Baumes ist graphisch und wunderschön. — S.V.) 209
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    Der Weise bestiegdiesen Baum, der wie eine Säule, Himmel und Erde ver- bindend, dastand. Schließlich befand er sich auf dem obersten Ast des Bau- mes. Er ließ einen Augenblick lang seine Augen in alle Richtungen schweifen. Er erfuhr die Vision des kosmischen Seins. (Die detaillierte Beschreibung in Kapitel 50 dessen, was er sah, ist ebenfalls außerordentlich interessant. — S.V.) Da er seine Wohnstatt auf dem Kadamba-Baum genommen hatte, wurde er bald unter dem Namen Kadamba-DÃÓÆra bekannt. Im Gipfel des Baumes wohnend, setzte er seine Askeseübungen fort. Da er an die rituellen Praktiken gewöhnt war, wie sie in den Veden vorgeschrieben werden, führte er sie aus, aber jetzt mental. Und so ist die Macht solch mentaler Praxis - sie reinigte das Gemüt des Weisen und sein Herz, und er erlangte die reine Weisheit. Eines Tages gewahrte er vor sich eine in Blumen gekleidete Nymphe. Sie war außerordentlich schön. Der Weise fragte sie: „Oh schöne Dame, deine Ausstrahlung vermag sogar Amor zu bezaubern. Wer bist du?“ Sie erwiderte: „Mein Herr, ich bin eine Waldgöttin. In dieser Welt ist nichts unmöglich für den, der zu einem erleuchteten Weisen wie dir seine Zuflucht nimmt. Ich komme gerade von einem Fest im Wald, auf dem ich verschiedene andere Göttinnen dieses Waldes getroffen habe, die alle mit ihrem eigenen Sprössling gekommen waren. Ich war die einzige, die kein Kind hatte. Daher fühle ich mich unglücklich. Jedoch – da du in diesem Wald bist, weshalb sollte ich län- ger unglücklich sein? Schenke mir einen Sohn – andernfalls werde ich mich selbst zu Asche verbrennen.“ Der Weise nahm eine Kletterpflanze und über- gab sie ihr, indem er sprach: „Geh nun. So wie diese Kletterpflanze in einem Monat Blüten hervorbringen wird, so wirst auch du einem Sohn das Leben schenken.“ Die dankbare Göttin verschwand. Nach zwölf Jahren kehrte sie zu dem Weisen mit einem Sohn desselben Al- ters zurück. Sie sprach: „Mein Herr, dies ist dein Sohn. Ich habe ihn in allen Gebieten des Wissens unterwiesen. Bitte unterweise ihn nun in der Selbster- kenntnis, denn wer möchte schon, dass aus seinem Sohn ein Dummkopf wird?“ Der Weise versprach, den Wunsch der Göttin zu erfüllen. Von diesem Tag an begann er, den Knaben in allen Gebieten der Selbsterkenntnis zu un- terweisen. VASIåèHA fuhr fort: IV:52 Zu dieser Zeit bewegte ich mich über diesem Baum im Wald und hörte die Unterweisungen des Weisen für seinen Sohn. DùÁôRA sprach: Ich möchte das, was ich über diese Welt sagen will, mit einer Geschichte darstellen. Es gibt einen mächtigen König namens Khottha, der die drei Wel- ten erobern kann. Die Gottheiten, die die Welt regieren, gehorchen vertrau- ensvoll seinen Befehlen. Keiner vermag seine zahllosen Taten zu verzeichnen, die Glück und Unglück brachten. Seine Tapferkeit kann niemand herausfor- dern, mit keiner Waffe und auch nicht durch Feuer, so wenig als eine Faust die 210
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    leere Luft erschlagenkann. Nicht einmal Indra, Vişnu und Śiva kamen ihm in ihren Unternehmungen gleich. Dieser König verfügte über drei Körper, die vollständig die Welten umfass- ten: Einen ausgezeichneten, einen mittleren und einen geringeren. Dieser König erschien im Raum und lebte im Raum. Dort, im Raum, erbaute der König eine Stadt mit vierzehn Straßen und drei Stadtteilen. Darin befanden sich Lustgärten, herrliche Berggipfel für allerhand Vergnügungen und sieben Seen mit Perlen und Schlingpflanzen darin. Es befanden sich ferner in der Stadt zwei Lichter, welche heiß und kalt waren und deren Licht niemals ab- nahm. In dieser Stadt erschuf der König verschiedene Arten von Lebewesen. Eini- ge wurden zuoberst, einige in der Mitte und andere weiter unten angesiedelt. Einige von ihnen waren lang- und andere kurzlebig. Sie waren bedeckt von schwarzem Haar. Sie verfügten über neun Tore. Alle waren gut durchlüftet. Sie besaßen fünf Lampen, drei Säulen und weiße, hölzerne Tragestützen. Weicher Lehm war ihre Haut. All dieses wurde durch Māyā oder die illusorische Macht des Königs her- vorgerufen. In dieser Stadt vergnügte sich der König mit all den Geistern und Kobolden (die die Erforschung und Selbsterkenntnis scheuen), welche zum Schutz der Herrenhäuser (der verschiedenen Körper) geschaffen worden waren. Sobald er umzuziehen wünscht, denkt er an eine zukünftige Stadt und kontempliert, wie er zu dieser wandert. Umgeben von den Geistern rennt er schnell in die neue Stadt, nachdem er die vorherige aufgegeben hat, und bewohnt die neue, die er wie eine magische Schöpfung ins Leben gerufen hat. In dieser wiede- rum zerstört er sich selbst, sobald er über die Zerstörung der Stadt kontemp- liert. Manchmal klagt er: „Was soll ich tun? Ich bin unwissend, ich bin elend“. Manchmal ist er glücklich, manchmal bedauernswert. Auf diese Art lebt und webt er, geht, spricht, gedeiht, leuchtet oder leuchtet nicht – mein Sohn, so wird der König in diesem Ozean der Welterscheinung hin und her geworfen. DùÁôRA fuhr fort: Damit wurde die Erschaffung des Universums und des Menschen beschrie- IV:53 ben. Khottha, der in der großen Leere erschien, ist nichts als eine Vorstellung oder eine Absicht. Diese Vorstellung taucht aus sich selbst in der großen Leere auf und löst sich, wiederum aus sich selbst heraus, in dieser wieder auf. Das gesamte Universum mit allem, was darin ist, ist die Schöpfung dieses Gedanken oder dieser Absicht, nichts anderes. Sogar das Dreigestirn (Brah- ma, Vişnu und Śiva) sind Glieder dieser Vorstellung. Nur dieser absichtsvolle Gedanke ist verantwortlich für die Schaffung der drei Welten, der vierzehn Regionen und der sieben Ozeane. Die vom König erbaute Stadt ist nichts anderes als das Lebewesen selbst mit seinen verschiedenen Organen und 211
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    deren Eigenschaften. Vonden verschiedenen erschaffenen Lebewesen sind einige (die Götter) in höheren Regionen, und andere in den niederen Reichen. Nach dem Bau dieser imaginären Stadt unterstellte der König sie dem Schutz der Geister. Diese Geister sind das Ahaækāra (Ego-Prinzip). Der König vergnügt sich von nun an in dieser Welt, in seinem Körper. In einem Moment gewahrt er die Welt im Wachzustand, und kurze Zeit danach richtet er seine Aufmerksamkeit abrupt auf die innere Welt, die er in seinen Träumen erlebt. So bewegt er sich von einer Stadt in die andere, von einem Körper zum ande- ren, von einer Ebene zur nächsten. Nach zahlreichen solchen Wanderungen entwickelt er schließlich Weisheit, verliert seine Illusionen betreffend diese Welten und ihre Vergnügungen, und erlangt durch das Aufhören all seiner Vorstellungen das Ende seiner Wande- rung. Einmal scheint er sich der Weisheit zu erfreuen, während er im nächsten Moment schon wieder in den Sinnesfreuden gefangen ist. In weniger als einer Sekunde wird dann sein Verstehen verzerrt, wie im Falle eines kleinen, un- vernünftigen Kindes. All diese Vorstellungen sind entweder wie dichte Fins- ternis (die Anlass zur Unwissenheit und zu Geburten in den niederen Reichen der Schöpfung geben) oder rein und transparent (die wiederum Anlass zur Weisheit geben und sehr nahe an die Wahrheit heranführen), oder sie sind unrein (und geben Anlass zum Auftauchen der Weltlichkeit), Sobald alle diese Vorstellungen aufhören, ist die Befreiung da. Auch wenn man sich selbst in jeder Art spiritueller Bestrebungen ergeht, und wenn man sogar die Götter als Lehrer hat, und auch wenn man im Him- mel oder anderen Regionen sein sollte, kann Befreiung nicht anders als durch das Aufhören aller Vorstellungen erlangt werden. Das Wirkliche, das Unwirk- liche und die Vermischung beider sind Vorstellungen und nichts anderes— diese Vorstellungen selbst sind weder wirklich noch unwirklich. Was sollte man dann in diesem Universum als real ansehen? Daher, mein Sohn, gib alle diese Vorstellungen, Gedanken und Absichten auf. Sobald sie aufhören, wen- det sich das Gemüt auf natürliche Weise dem zu, was das Gemüt überschrei- tet – das unendliche Bewusstsein. DER JUNGE MANN fragte: IV:54 Vater, bitte teile mir mit, wie dieses saÇkalpa (Vorstellung, Gedanke, Idee, Konzept) erscheint und wodurch es wächst und gedeiht. DùÁôRA sprach: Mein Sohn, wenn im unendlichen Bewusstsein dieses Bewusstsein seiner selbst als sein eigenes Objekt gewahr wird, dann wird der Same der Ideenbil- dung gesät. Dieser ganze Vorgang ist außerordentlich subtil. Jedoch schon bald wird er gröber und füllt sozusagen den gesamten Raum aus. Sobald sich das Bewusstsein in dieser Ideenbildung vergröbert, glaubt es, dass das Objekt verschieden vom Subjekt ist. Dann beginnt die Ideenbildung zu wachsen und zu gedeihen. Jede Ideenbildung vervielfältigt sich ganz von selbst. Dies führt 212
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    dann zum Kummer,nicht zum Glück. In dieser Welt ist allein diese Ideenbil- dung für alle Sorgen verantwortlich! Diese Ideenbildung oder Vorstellung ist durch schiere Koinzidenz entstan- den (die Krähe lässt sich auf einem Baum nieder, und eine Frucht fällt auf den Boden ohne kausale Verknüpfung). Und doch ist diese völlig unwirkliche Nicht-Substantialität fähig zu wachsen! Deine Geburt ist daher unwirklich – auch deine Existenz selbst ist unwirklich. Sobald du dies erkennst und ver- wirklichst, hört das Unwirkliche auf. Unterhalte daher keine Ideen. Halte nicht an der Vorstellung deiner eigenen Existenz fest. Denn allein dadurch geschieht es, dass die Zukunft in Erschei- nung tritt. Man muss die Zerstörung all dieser Ideenbildungen nicht fürchten. Wenn es keine Gedanken gibt, hören die Vorstellungen oder die Ideenbildung auf. Mein Sohn, es ist einfacher, Vorstellungen aufzugeben, als eine Blume auf der Handfläche zu zerdrücken. Das letztere erfordert Anstrengung, das erste- re ist dagegen mühelos. Wenn somit alle Vorstellungen aufhören, entsteht ein großer Friede, und alle Sorge wird an der Wurzel zerstört. Denn alles in die- sem Universum ist nichts als eine Idee, eine Vorstellung, ein Konzept; es hat unterschiedliche Namen wie Gemüt, lebendige Seele oder jīva, Vernunft und Konditionierung. Da sind keinerlei reale Gegebenheiten, die diesen Wörtern entsprechen. Entferne daher alle Gedanken. Verschwende nicht dein Leben und deine Bemühung in anderen Aktivitäten. Sobald die Vorstellungen schwächer werden, ist man weniger anfällig für Glück und Unglück, während die Erkenntnis der Unwirklichkeit der Objekte die Anhaftung verhindert. Gibt es keinerlei Erwartungen mehr, dann gibt es auch keine Hochstimmungen oder Depressionen mehr. Das Gemüt selbst ist der jīva, wenn er im Bewusstsein reflektiert wird, und es ist das Gemüt, das Luftschlösser baut und sich in die Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft erstreckt. Die vielfältigen Wellen der Ideenbildungen nachzuvollziehen ist letztlich unmöglich, aber soviel kann gesagt werden: Es sind die Sinneserfah- rungen, die sie vervielfältigen, und sobald diese aufgegeben werden, hören die Ideenbildungen auf. Wenn diese Vorstellungen real wären wie etwa die Schwärze der Kohle, dann könnten sie nicht entfernt werden. Tatsächlich aber ist es nicht so. Daher können sie sehr wohl beseitigt werden. VASIåèHA fuhr fort: IV:55,56 Nachdem ich die Worte des Weisen vernommen hatte, ließ ich mich auf den Kadamba-Baumnieder. Wir waren alle drei ziemlich lange in Diskussionen über die Selbsterkenntnis vertieft, und ich erweckte in ihnen die höchste Erkenntnis. Dann verabschiedete ich mich von ihnen und zog weiter. Oh Rāma, all diese Erzählungen dienen zur Illustration der Natur dieser Welter- scheinung. Die ganze Geschichte ist daher so wahr wie diese Welt selbst! Aber auch wenn du glaubst, dass diese Welt und du selbst real sind, dann sei es so – verbleibe dann fest in deinem eigenen Selbst! Denkst du dagegen, dass all dies sowohl real wie irreal sei, dann nimm die dementsprechende Haltung gegenüber der wechselhaften Welt ein. Glaubst du dagegen, dass die 213
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    Welt irreal sei,dann sei fest im unendlichen Bewusstsein verankert. Und lass dein Verständnis nicht umwölkt werden von Glaubensvorstellungen wie zum Beispiel, dass die Welt einen Schöpfer oder keinen Schöpfer hat. Das Selbst hat keine Sinnesorgane – deshalb ist es wie leblos, obschon es all dies geschehen macht. Wir haben nur diese kurze Lebensspanne von viel- leicht hundert Jahren – weshalb sollte das unsterbliche Selbst in dieser knap- pen Zeit hinter flüchtigen Sinnesvergnügen herlaufen? Selbst wenn die Welt und ihre Objekte real wären, gäbe es immer noch keinen Grund für das be- wusste Selbst, die leblosen Objekte zu begehren! Und wenn sie irreal sind, kann jedes Verlangen nach ihnen nur im Unglücklichsein enden. Gib die Wünsche deines Herzens auf. In dieser Welt bist du, was du bist – erkenne dies und erfreue dich dann der Welt. Es ist in der Gegenwart des Selbst, dass alle Aktivitäten in dieser Welt stattfinden können, so wie es in der Gegenwart einer Lampe Licht gibt. Es ist nicht die Absicht der Lampe zu leuchten – auf dieselbe Weise hat das Selbst keinerlei Absicht, irgendetwas zu tun. Und doch geschehen in seiner Gegenwart zahllose Handlungen. Du magst eine dieser Haltungen annehmen: 1) Ich bin das allgegenwärtige Sein, wel- ches nicht tätig ist, 2) Ich bin der Täter aller Handlungen in dieser Welt. In beiden Fällen wirst du denselben Zustand des vollkommenen Gleichmuts erlangen, der mit der Unsterblichkeit gleichzusetzen ist. Du wirst frei sein von Zu- und Abneigungen, von Anziehung und Abstoßung. Du wirst törichte Gefühle wie „dieser hat mir geschadet“ oder „dieser hat mir genutzt“ loswer- den. Daher, o Rāma, magst du wie folgt empfinden: „Ich bin nicht der Täter, ich existiere nicht“ oder „Ich bin der Täter – ich bin alles“. Oder erforsche die Natur des Selbst („Wer bin ich?“) und erkenne, dass „ich nichts von all dem bin, was mir zugeschrieben wird.“ Ruhe im Selbst, das der höchste Zustand des Bewusstseins ist und wo die besten Heiligen ewig verweilen, denn sie haben diesen Zustand erkannt. RùMA fragte: IV:57 Heiliger Weiser, auf welche Weise kann diese unwirkliche Welt im absolu- ten Brahman existieren? Wie kann Schnee in der Sonne existieren? VASIåèHA sagte: Rāma, dies ist nicht die richtige Zeit, um diese Frage zu stellen, denn du würdest die Antwort jetzt nicht verstehen. Für einen kleinen Jungen sind die Romanzen der Erwachsenen uninteressant. Alle Bäume tragen ihre Frucht zur angemessenen Zeit, und auch meine Instruktionen werden zu gegebener Zeit ihre Früchte erbringen. Wenn du dich mit Hilfe des Selbst und deiner eigenen Bemühung auf die Suche nach deinem eigenen Selbst begibst, wirst du die Antwort auf deine Frage klar erhalten. Die Frage der Täterschaft oder Nicht-Täterschaft habe ich nur deshalb erörtert, damit die mentale Konditio- nierung oder Ideenbildung verständlich wird. Die Bindung besteht in der Bindung an Gedanken und Vorstellungen dieser Art – die Befreiung ist die Freiheit davon. Gib daher alle Vorstellungen auf, 214
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    sogar die derBefreiung. Gib als erstes durch die Kultivierung guter Beziehun- gen zu anderen Menschen (wie etwa Freundschaft) die Neigungen und Ten- denzen auf, die grob und materialistisch sind. Später gib sogar Vorstellungen wie Freundschaft auf, aber bleibe weiterhin freundlich. Gib alle Wünsche auf und meditiere über die Natur (oder die Vorstellung) des kosmischen Be- wusstseins. Sogar diese Dinge befinden sich sämtlich noch in den Reichen der Ideen oder Gedanken. Gib folglich im Verlaufe der Zeit auch sie auf. Verbleibe in dem, was nach der Aufgabe all dieser Dinge als einziges übrig bleibt. Und entsage dem Entsager all dieser Vorstellungen. Sobald die Idee des Ich-Sinns aufgehört hat, wirst du zu unendlichem Raum. Wer in seinem Herzen allem entsagt hat, der ist in der Tat der Höchste Herr – ob er nun weiterhin ein aktives Leben führt oder ob er allezeit in der Kontemplation verharrt. Für diesen sind weder Tätigkeit noch Untätigkeit von irgendeinem Nutzen. Oh Rāma, ich habe sämt- liche Schriften überprüft und die Wahrheit erforscht. Ohne totale Entsagung von allen Vorstellungen, Ideen oder mentaler Konditionierung kann es keine Erlösung geben. Diese Welt der vielfältigen Namen und Formen ist nur aus Erwünschtem und Unerwünschtem zusammengesetzt! Die Leute streben nach der Befriedi- gung ihrer Wünsche, aber nach der Selbsterkenntnis strebt niemand. Selten sind die Weisen mit Selbsterkenntnis in allen drei Welten. Man kann ein Kai- ser in der Welt oder der König des Himmels sein – aber all dies ist aus den fünf Elementen zusammengesetzt! Es ist traurig, dass die Menschen für den Erwerb bedeutungsloser Ziele ihr Leben völlig zerstören. Schande über sie! Nichts von dem erregt die Aufmerksamkeit des Weisen, der mit der Selbster- kenntnis gewappnet ist. Er ruht auf diesem höchsten Thron, den Sonne und Mond nicht erreichen können (die su«umnÃ?). Der Weise mit Selbsterkennt- nis ist nicht angetan vom Gewinn oder den Vergnügen des gesamten Univer- sums. *** Kaca's Lied VASIåèHA fuhr fort: IV:55 In diesem Zusammenhang, o Rāma, erinnere ich mich an ein höchst inspi- rierendes Lied vom Sohn des Gurus der Götter, Kaca. Dieser Kaca war in der Selbsterkenntnis verwurzelt. Er lebte in einer Höhle auf dem Berg Meru. Sein Gemüt war gesättigt mit der höchsten Weisheit und folglich nicht von den aus den fünf Elementen bestehenden Objekten der Welt angezogen. Verzweiflung spielend, sang Kaca eines Tages dieses Lied voller Bedeutung. Bitte höre zu. 215
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    KACA sang: „Wassoll ich tun? Wohin soll ich gehen? Was soll ich festhalten? Was soll ich aufgeben? Dieses ganze Universum ist von dem einen Selbst durchdrungen. Unglücklichsein und Sorge sind das Selbst. Glück ist auch das Selbst. Denn alle Wünsche sind nur leeres Nichts. Wissend, dass all dies das Selbst ist, bin ich befreit von allen Mühen. In diesem Körper, innerhalb und außerhalb, oberhalb und unterhalb, überall – hier wie dort – gibt es nichts als das Selbst und das Selbst allein. Ein Nicht-Selbst existiert nicht. Das Selbst allein ist allüberall – alles existiert als das Selbst. All dies ist wahrhaftig das Selbst. Ich existiere im Selbst als das Selbst. Ich existiere als all dieses – als die Wirklichkeit in allem allüberall. Ich bin die Fülle. Ich bin die Selbst-Seligkeit. Ich erfülle das gesamte Universum wie der kosmische Ozean.“ So sang er. Dann intonierte er das heilige Wort OM – tönend wie eine Glo- cke. Sein gesamtes Wesen hatte er mit diesem heiligen Klang vereint. Weder befand er sich innerhalb oder außerhalb von irgendetwas. Dieser Weise lebte auf dieser Ebene, vollkommen absorbiert im Selbst. VASIåèHA fuhr fort: Was gibt es schon in dieser Welt, o Rāma, als Essen, Trinken und Sex? Was sollte daher ein weiser Mensch wohl anziehend finden? Diese Welt der fünf IV:59 Elemente und der Körper aus Fleisch, Blut, Haar und all dem Rest werden von den Unwissenden als wirklich betrachtet. All das existiert nur zu ihrer Unter- haltung. Der Weise sieht in all diesem ein vergängliches und unwirkliches, aber schreckliches Gift. RùMA fragte: Wenn das Gemüt nach der Zerstörung aller Vorstellungen den Zustand des Schöpfers selbst wiedererlangt – wie kann dann in ihm noch die Vorstellung der Welt auftauchen? VASIåèHA fuhr fort: Rāma, der erstgeborene Schöpfer stieß beim Auftauchen aus dem unendli- chen Bewusstsein den Klang „Brahmā“ aus. Deshalb ist er als Brahmā be- kannt, der Schöpfer. Dieser Schöpfer unterhielt als erstes die Vorstellung von Licht, und so entstand Licht. In diesem Licht visualisierte er seinen eigenen kosmischen Körper, und so trat dieser ins Sein - von der strahlenden Sonne bis zu den verschiedenen Objekten, die das Universum füllen. Er kontemplier- te dasselbe Licht als unendlich viele Feuerfunken, und all diese Funken wur- den zu den verschiedenen Lebewesen. Ganz gewiss ist es nur dieser kosmi- sche Verstand, der zu Brahmā und all diesen Wesen geworden ist. Was immer dieser Brahmā am Anfang erschaffen hat, wird noch heute gesehen. Diese unwirkliche Welt hat ihre scheinbare Substantialität allein aufgrund der beharrlichen Vorstellung ihrer angeblichen Existenz erlangt. Sämtliche Wesen dieses Universums halten sie aufgrund ihrer eigenen Vorstellungen und Ideen aufrecht. Nach der Erschaffung des Universums durch seine Gedankenkraft überlegte der Schöpfer wie folgt: „Ich habe all dieses nur durch die Kraft einer geringfü- 216
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    gigen Erregung imkosmischen Gemüt erschaffen. Ich habe jetzt genug davon. Alles wird sich nun von selbst fortsetzen. Ich werde jetzt ruhen.“ So kontemp- lierend ruhte Brahmā der Schöpfer – er ruhte in seinem eigenen Selbst in tiefer Meditation. Dann eines Tages enthüllte der Schöpfer aus Mitgefühl für die erschaffenen Lebewesen die Schriften, die von der Selbsterkenntnis handeln. Erneut wurde er absorbiert in der Erkenntnis seines eigenen Selbst, jenseits aller Konzepte und Beschreibungen. Dies allein verdient, der höchste „Zustand des Schöp- fers“ (brāhmÅ-sthiti) genannt zu werden. Von da an nahmen die erschaffenen Wesen die Eigenschaften der Dinge an, mit denen sie sich verbanden. Durch Verbindung mit dem Guten wurden sie gut, durch Verbindung mit dem Weltlichen wurden sie weltlich. Auf diese Weise wird man an diese Welterscheinung gebunden, und so wird man auch befreit. VASIåèHA fuhr fort: IV:60,61 Nach der Erschaffung dieser Welterscheinung wurde diese wie ein Wasser- topf, in dem die lebendigen Wesen fortwährend emporstiegen und hinuntersanken in einen toten Brunnen – gefesselt durch das Seil des Wun- sches „Ich will leben“. Diese Lebewesen, die im Ozean des unendlichen Be- wusstseins wie Wellen und Kräusel auf der Oberfläche des unendlichen Be- wusstseins auftauchten, kamen auf die physische Ebene. Sobald die Elemente wie Luft, Feuer, Wasser und Erde geboren worden waren, verbanden sie sich mit diesen. So begann das Rad von Geburt und Tod sich zu drehen. Die jīvas kamen sozusagen auf den Strahlen des Mondes in die Pflanzen und Kräuter. Sie wurden sozusagen die Früchte dieser Pflanzen, die durch die Strahlen der Sonne reiften. So wurden sie bereit zur Inkarnation. Die subtilen Vorstellungen, Ideen und die mentale Konditionierung schlafen schon im ungeborenen Wesen. Zur Geburtsstunde wird dann der Schleier, der sie be- deckte, aufgehoben. Einige dieser Wesen werden rein und erleuchtet geboren (sātvika). Schon in ihren früheren Leben haben sie sich von der Verführung der Sinnesvergnügen abgewendet. Die Natur der anderen jedoch, die allein zur Verlängerung des Zyklus von Geburt und Tod geborensind, besteht aus einer Verbindung des Reinen, des Unreinen und des Finsteren. Es gibt wiederum andere, deren Natur rein ist und nur wenig mit Unreinheit vermischt – diese sind der Wahr- heit ergeben und voll edler Eigenschaften. Selten sind jedoch die Menschen, die frei von Unwissenheit sind. Wiederum andere Menschen sind eingehüllt in der Dunkelheit der Unwissenheit und Stumpfheit – sie sind wie Steine oder Berge! Diejenigen Lebewesen, in denen Reinheit überwiegt mit nur wenig Unrein- heit (die rājasa-sātvika Menschen), sind stets glücklich, erleuchtet und frei von Trauer oder Verzweiflung. Sie sind selbstlos wie Bäume und wie diese durchleben sie nur die Resultate vergangener Handlungen, ohne neue zu 217
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    erzeugen. Sie sindwunschlos. Sie befinden sich im Frieden mit sich selbst, und sie geben diese Friedfertigkeit auch nicht in den schlimmsten Katastro- phen auf. Sie lieben alle Wesen und schauen auf alle mit demselben Gleich- mut. Sie ertrinken nicht im Meer des Leidens. Unter allen Umständen sollte man das Untertauchen im Ozean des Kummers verhindern, sondern sich mit der Erforschung des Selbst befassen: „Wer bin ich, wie konnte diese Welter- scheinung entstehen?“ Man sollte den im Körper wohnenden Egoismus und die Hinneigung zur Welt aufgeben. Dann wird man erkennen, dass es im Raum keine Unterteilungen gibt – ob nun ein Gebäude dort steht oder nicht. Dasselbe Bewusstsein, welches in der Sonne erstrahlt, bewohnt auch den kleinsten Wurm, der in einem Erdloch herumkriecht. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, wer weise ist und fähig, die Natur der Wahrheit zu erforschen, IV:62 sollte zu einer edlen und gelehrten Person gehen und die Schriften studieren. Der Lehrer sollte frei vom Verlangen nach Sinnesvergnügen sein und über eine direkte Erfahrung der Wahrheit verfügen. Mit dieser Unterstützung sollte man dann die Schriften studieren und durch die Praxis des großen Yoga kann man den höchsten Zustand erlangen. Oh Rāma, du bist in der Tat ein spiritueller Held und voll edler Tugenden. Du bist frei vom Kummer. Du hast den Zustand des Gleichmuts erreicht. Gib alle Täuschungen durch die höchste Intelligenz auf. Sobald dich die Dinge dieser Welt nichts mehr angehen, wirst du im nicht-dualen Bewusstsein verankert sein, und darin besteht die endgültige Befreiung. Darüber besteht kein Zweifel. Und alle Weisen der Selbsterkenntnis werden deinem edlen Vorbild folgen. Rāma, nur jemand, der intelligent ist wie du, der gutartig ist wie du und al- les aus der gleichen Sicht betrachtet, und der nur Gutes sieht, ist bestimmt zur Vision der Weisheit, wie ich sie dir beschrieben habe. Oh Rāma, solange du verkörpert bist, lebe ohne dich von Zuneigungen und Abneigungen, Anziehung und Abstoßung erschüttern zu lassen, in Überein- stimmung mit den Regeln der Gesellschaft, in der du lebst, jedoch ohne Wün- sche und ohne Verlangen. Suche beständig den höchsten Frieden, wie es die Heiligen tun. Indem man dem Vorbild der Heiligen nacheifert, kommt man dem höchsten Zustand näher. Wie auch immer die Natur einer Person hier in diesem Leben ist – diese wird er nach dem Ablauf seiner Lebensspanne erlangen. Aber wer sich ernsthaft schon jetzt bemüht, der vermag solche Veranlagungen zu überwinden und sich selbst über die Zustände der Finsternis und Stumpfheit (tamas) und der Unreinheit (rajas) zu erheben. Durch die eigene Weisheit kann man von diesen Zuständen emporsteigen in den Zustand der Reinheit und Erleuchtung (satva). Nur durch intensive Selbst-Bemühung erlangt man eine gute Verkörperung. Es gibt nichts, was intensive Selbst-Bemühung nicht erreichen kann. Durch 218
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    die Praxis vonbrahmacarya (Enthaltsamkeit oder Hingabe an Brahman aus ganzer Seele), Mut, Leidenschaftslosigkeit und Ausdauer sowie durch intelli- gente Praxis, welche auf gesundem Menschenverstand gründet, erlangt man schließlich, was man zu erlangen sucht – die Selbsterkenntnis. Rāma, du bist schon ein befreiter Mensch – lebe nun wie einer! *** 219
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    Teil V: Überdie Auflösung VùLMýKI sprach: Die Menschen (einschließlich der Götter, Halbgötter und der Mitglieder des V:1,2 königlichen Hofes) lauschten den Weisheitsworten des Weisen Vāsi«Âha mit vollkommener Aufmerksamkeit. Der Herrscher Daśaratha und seine Minister hatten für diese Zeit all ihre königlichen Verpflichtungen und Vergnügen vertagt, um sich ungeteilt den Belehrungen des großen Weisen zu widmen. Zur Mittagszeit ertönten die Muschelhörner, und die Versammlung erhob sich zur Mittagspause. Am Abend zog sich die Gesellschaft dann zur Ruhe zurück. Wenn die Könige und Prinzen sich erhoben, um den Hof zu verlassen, schie- nen ihre schillernden Gewänder und ihr Schmuck den Raum zu erleuchten. Der gesamte Hof wirkte wie ein Miniaturuniversum. Nachdem die Versammlung auseinander gegangen war, verehrte König Daśaratha traditionsgemäß die Weisen und empfing deren Segnungen. Da- nach erlaubte Vāsi«Âha den Prinzen, Rāma und seinen Brüdern, sich zur Ruhe zurückzuziehen. Auch sie fielen dem Weisen zu Füßen und empfingen seinen Segen. Wenn die Nacht kam, gingen alle zu Bett, außer Rāma, der nicht zu schlafen vermochte. RùMA kontemplierte wie folgt die erleuchtenden Worte des Weisen Vāsi«Âha: Worin besteht diese Welterscheinung? Wer sind all diese verschiedenarti- gen Menschen und anderen Lebewesen? Wie erscheinen sie hier, von wo sind sie gekommen und wohin werden sie gehen? Worin besteht die Natur des Gemütes, und wie kann es zur Ruhe kommen? Wie konnte Māyā (die kosmi- sche Illusion) überhaupt entstehen, und wie kann sie an ein Ende gelangen? Ist das Ende einer solchen Illusion wünschenswert oder nicht? Wie konnte im unendlichen Selbst die Begrenztheit auftauchen? Worin genau bestehen die Mittel, die der Weise Vāsi«Âha zur Eroberung von Gemüt und Sinnen vorschreibt? Denn diese sind ganz gewiss die Quellen des Leidens. Es ist nicht möglich, die Freude der Sinnesvergnügen aufzugeben, und ohne die Aufgabe der Freude daran ist ein Ende des Leidens unmöglich – dies ist in der Tat ein Problem. Das Gemüt jedoch ist der kritische Faktor in dieser Konstellation, und solange es nicht zumindest einmal den höchsten Frieden, der frei von aller weltlichen Illusion ist, gekostet hat, wird es die Sinnesvergnügen gewiss nicht aufgeben und weiterhin hinter ihnen herlau- fen. Oh, wann wird mein Gemüt rein sein? Und wann wird es im Höchsten Sein ruhen? Wann wird mein Gemüt im Unendlichen ruhen wie eine Welle, die wieder mit dem Ozean vereint ist? Wann werde ich befreit sein von allem Verlangen? Wann werde ich mit Gleichmut gesegnet sein? Wann werde ich ohne dieses schreckliche Fieber der Weltlichkeit sein ? 220
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    Oh Gemüt, wirstdu wirklich fest in der Weisheit verankert bleiben, wie sie von den großen Weisen offenbart wird? Oh mein Intellekt, du bist mein Freund – kontempliere die Lehren des Weisen Vāsi«Âha so, dass wir beide zusammen vom Elend dieser weltlichen Existenz errettet werden mögen. VùLMýKI fuhr fort: Als der Morgen dämmerte, erhoben sich Rāma und die anderen und voll- führten die religiösen Pflichten. Anschließend begaben sie sich zu den Gemä- V:3,4 chern des Weisen Vāsi«Âha. Auch der Weise hatte seine Morgengebete been- det und befand sich in tiefer Meditation. Als er sich schließlich erhob, bestieg er zusammen mit seinen Gefährten den Wagen und fuhr zum Palast des Kö- nigs Daśaratha. Als sie den königlichen Hof betraten, ging ihnen der König drei Schritte entgegen, um ihnen den gebührenden Respekt zu erweisen. Bald danach kamen auch alle anderen Mitglieder der Versammlung (die Götter, Halbgötter, die Weisen und andere) und nahmen ihre Plätze ein. DAŚARATHA eröffnete die Versammlung und sprach: Oh gesegneter Höchster Herr, ich hoffe, dass du dich von den Mühen der gestrigen Belehrung gut erholt hast. Was uns anbelangt, so sind wir von den Worten höchster Weisheit, die du gestern geäußert hast, sehr erhoben. Die Worte der erleuchteten Weisen zerstreuen die Sorgen aller Lebewesen und lassen Segen auf sie herabkommen. Sie beseitigen all die Unreinheiten, die wir durch unsere eigenen bösen Taten in uns gesät haben. Schlechte Neigun- gen wie Verlangen, Gier usw. werden allein durch deine Weisheit geschwächt. Auch unser irriger Glaube an die Wirklichkeit dieser Welterscheinung wird einer harten Prüfung unterzogen. Oh Rāma, nur der Tag, an dem solche Weisen verehrt werden, darf als ein fruchtbarer angesehen werden; alle anderen Tage sind Tage der Finsternis. Dies ist für dich die beste Gelegenheit: frage und erlerne alles von dem Wei- sen, was des Erlernens wert ist. VASIåèHA sprach: Oh Rāma, hast du tief über die Lehren nachgedacht, die ich dir gestern habe zukommen lassen? Hast du über sie während der Nachstunden reflektiert, und hast du sie deutlich auf der Tafel deines Herzens niedergeschrieben? Erinnerst du dich noch an die Worte, die ich zu dir gesprochen habe, nämlich dass das Gemüt der Mensch ist? Erinnerst du dich in allen Einzelheiten an das, was ich über die Schöpfung dieses Weltalls gesagt habe? Denn nur durch die wiederholte Erinnerung führen solche Unterweisungen zu Klarheit. RùMA erwiderte: Hoher Herr, so tat ich. Dem Schlafe wehrend, verbrachte ich die ganze Nacht meditierend über deine erleuchtenden Worte und habe mich bemüht, die Wahrheit zu sehen, auf die sie verweisen. So habe ich diese Wahrheit im Schrein meines Herzens verwahrt. Wer würde wohl nicht deine Unterwei- sungen mit Freuden auf seinem Haupte tragen, wissend, dass sie ihm den 221
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    größten Segen bringen?Außerdem sind sie wunderbar zu hören; sie sind äußerst segensreich, und sie bringen uns die unvergleichliche Erfahrung. Daher, oh Höchster Herr, bitte ich dich: fahre fort mit deiner unübertreffli- chen Unterweisung. VASIåèHA erwiderte: V:5 Oh Rāma, bitte höre nun die Darlegung über die Auflösung des Universums und die Erlangung des allerhöchsten Friedens. Diese anscheinend endlose Welterscheinung wird durch unreine (rājasa) und stumpfe (tāmasa) Wesen am Leben erhalten; auf dieselbe Weise, wie ein Gebäude durch Säulen aufrechterhalten wird. Jedoch wird sie leicht und mühelos von denjenigen aufgegeben, die von reiner Natur sind, so wie die alte Haut mühelos von der Schlange abgestreift wird. Diejenigen, die von reiner (satva) Natur sind, und deren Tätigkeiten (rajas) auf Reinheit und Licht gründen (satva), leben ihr Leben nicht mechanisch, sondern erforschen den Ursprung und die Natur dieser Welterscheinung. Sobald diese Erforschung durch rechtes Studium der Schriften und in der Gesellschaft von Weisen un- ternommen wird, entsteht in einem ein klares Verstehen der Wahrheit – so wie im Licht einer Lampe. Die Wahrheit wird erst dann ganz klar gesehen, wenn man sie durch sich selbst in sich selbst wahrnimmt. Oh Rāma, du be- sitzt in der Tat eine reine Natur. Erforsche daher die Natur der Wahrheit und der Falschheit, und sei der Wahrheit ergeben. Was am Anfang nicht war und irgendwann aufhört zu sein, wie kann es als Wahrheit angesehen werden? Nur das kann als Wahrheit oder Wirklichkeit betrachtet werden, was immer da ist und immer sein wird. Geburt ist im Gemüt, o Rāma, und Wachsen ist ebenfalls im Gemüt. Wenn die Wahrheit klar gesehen wird, dann ist es das Gemüt, welches von seiner eigenen Unwissenheit befreit wird. Lass daher das Gemüt zuerst durch das Studium der Schriften, die Gesellschaft der Heiligen und die Kultivierung der Leidenschaftslosigkeit den Weg der Rechtschaffenheit wandern. Damit ausge- rüstet, sollte man Zuflucht zu den Füßen eines Meisters (Guru) nehmen, dessen Weisheit vollkommen ist. Durch schrittweises und vertrauensvolles Befolgen der Lehren dieses Meisters wird man schließlich das Feld der voll- kommenen Reinheit betreten. Rāma, gewahre durch reine Selbst-Erforschung das Selbst durch das Selbst – ebenso wie der kühle Mond den gesamten Raum wahrnimmt. Wie ein Strohhalm wird man durch die wildbewegten Wasser dieser Welterscheinung gewirbelt, solange man nicht im sicheren Boot der Selbst-Erforschung ist. So wie die Sandpartikel eins nach dem anderen im stillen Wasser zu Boden sinken, so ruht das Gemüt des Menschen, der das Wissen um die Wahrheit erworben hat, im vollkommenen Frieden. Wenn diese Erkenntnis einmal gewonnen ist, kann sie nicht wieder verloren gehen – so wie der Goldschmied Gold auch sieht, wenn es in der Asche liegt. Solange die Wahrheit noch nicht erkannt ist, gibt es noch Verwirrung - aber ist sie erkannt, gibt es keine Ver- 222
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    wirrung mehr. DieUrsache deines Kummers ist die Unwissenheit über das Selbst – die Erkenntnis des Selbst hingegen führt zu Wonne und Gelassenheit. VASIåèHA fuhr fort: Kläre die Verwirrung von Körper und Selbst – und du wirst im sofortigen Frieden sein. So wie ein Goldkorn, das in den Schmutz fällt, niemals schmut- zig wird, so ist auch das Selbst unbefleckt vom Körper. Ich wiederhole und verkünde mit erhobenen Armen: „Wie Wasser und Lotos ist der Körper eines und das Selbst ein anderes!“ – aber niemand hörte mir zu! Solange dieses träge und leblose Gemüt den Pfad des Vergnügens wandelt, solange kann diese Finsternis der Weltillusion nicht vertrieben werden. Aber sobald man hieraus erwacht und die Natur des Selbst erforscht, verschwindet diese Fins- ternis unverzüglich. Daher sollte man sich beständig bemühen, das im Körper wohnende Gemüt zu erwecken, um den Prozess des Werdens hinter sich zu lassen – denn das Werden ist voll von Kummer und Leiden. So wie der Himmel nicht vom darin schwebenden Staub berührt wird, so ist das Selbst vom Körper unberührt. Vergnügen und Schmerz werden fälschlich als eigene Empfindungen wahrgenommen – so wie man glaubt, dass „der Himmel von Staub verschmutzt ist“. Tatsächlich gehören aber Vergnügen und Schmerz weder zum Körper noch zum Selbst, welches alles transzendiert – sie gehören allein zur Unwissenheit. Ihr Verlust ist kein Verlust. Weder Ver- gnügen noch Schmerz gehören irgendjemandem – alles ist stets nur das Selbst, welches höchster Friede und Unendlichkeit ist. Erkenne dies, o Rāma. Selbst und Welt sind weder identisch noch verschieden (dual). All dies ist nichts als die Widerspiegelung der Wahrheit. Nichts als das eine Brahman existiert. „Ich bin verschieden“ ist reine Einbildung – gib es auf, oh Rāma. Das eine Selbst nimmt sich selbst innerhalb von sich selbst als das unendliche Bewusstsein wahr. Es gibt daher keinerlei Kummer, Täuschung, Geburt (Schöpfung) noch Geschaffenes – was immer ist, ist. Sei frei von Bedrängnis, oh Rāma. Sei frei von Dualität – verbleibe stets fest im Selbst verankert und gib alle Sorge um dein eigenes Wohlergehen auf. Sei in dir selbst im Frieden, mit einem beständig ruhigen Gemüt. Keine Sorge sei in deinem Gemüt. Ruhe in innerer Stille. Bleibe bei dir selbst und allein, ohne gewollte Gedanken. Sei mutig und erobere das Gemüt und die Sinne. Sei wunschlos und zufrieden mit dem, was ungesucht zu dir kommt. Lebe mühelos, ohne nach Dingen zu grei- fen oder ihnen zu entsagen. Sei frei von aller mentalen Verwirrtheit (Irratio- nalität) und der blindmachenden Illusion. Ruhe zufrieden in deinem eigenen Selbst. Sei auf diese Weise frei von aller Qual. Verbleibe in einem weit offenen Zustand im Selbst – wie der weite Ozean. Erfreue dich im Selbst am Selbst wie die segensreichen Strahlen des Vollmonds. VASIåèHA fuhr fort: V:6,7 Oh Rāma, wer erkennt, dass sämtliche Tätigkeiten allein aufgrund der Ge- genwart des Bewusstseins stattfinden, so wie ein Kristall die ihn umgeben- den Objekte reflektiert, ohne dies zu beabsichtigen, der ist befreit. Diejenigen 223
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    jedoch, die auchnach Erlangung ihrer menschlichen Geburt nicht an dieser nicht-willentlichen Tätigkeit interessiert sind, gehen vom Himmel zur Hölle und wiederum von der Hölle zum Himmel. Es gibt einige, die sich der Untätigkeit hingegeben und sich von aller Tätig- keit abgewendet oder diese unterdrückt haben – sie gehen von Hölle zu Hölle, von Kummer zu Kummer, von Furcht zu Furcht. Einige sind aufgrund ihrer Neigungen und Absichten an die Früchte ihres eigenen Handelns gebunden. Diese werden als Würmer oder Ungeziefer geboren, dann als Bäume und Pflanzen, und wiederum als Würmer und Ungeziefer. Es gibt andere, die das Selbst kennen und in der Tat gesegnet sind. Sie haben mit aller Umsicht die Natur des Verstandes erforscht und alles Verlangen überwunden; beständig wandern sie in höhere Regionen des Bewusstseins. Wer seine letzte Geburt durchlebt, ist mit einer Mischung von Licht (satva) und etwas Unreinheit (rajas) ausgestattet. Vom Zeitpunkt der Geburt an nimmt seine Heiligkeit ständig zu. Mit Leichtigkeit tritt die edle und höchste Form des Wissens in ihn ein. Alle edlen Tugenden wie Freundlichkeit, Mitge- fühl, Weisheit, Rechtschaffenheit und Großherzigkeit suchen ihn und wohnen in seinem Herzen. Er vollführt alle angemessenen Handlungen, gerät jedoch nicht ins Schwanken, wenn deren Ergebnisse in Form von Verlust oder Ge- winn erscheinen; auch ist er weder erfreut noch betrübt. Sein Herz ist unge- trübt. Er wird von den Menschen verehrt und gesucht. Ein solcher in dem alle edlen Eigenschaften vereint sind, sucht und folgt ei- nem erleuchteten Meister, der ihm den Weg zur Selbsterkenntnis weist. Schließlich verwirklicht er das Selbst, welches das eine kosmische Sein ist. Ein solcher Befreiter hat seine innerste Intelligenz erweckt, die bis dahin schlief, und diese innerste Intelligenz erkennt sich selbst sogleich als das unendliche Bewusstsein. Indem er dieses inneren Lichts dauernd gewahr ist, erhebt sich dieser Gesegnete in den gänzlich reinen Zustand. Dies ist der normale Verlauf der Evolution, oh Rāma. Jedoch gibt es Aus- nahmen von dieser Regel. Für diejenigen, die in dieser Welt geboren sind, existieren zwei Möglichkeiten, um die Befreiung zu erreichen. Die erste ist: Dem Pfad folgen, der vom Meister gewiesen wird. Auf diese Weise erlangt der Suchende nach und nach die Befreiung. Die zweite ist: Die Selbsterkenntnis fällt einem buchstäblich in den Schoß und führt zu einer sofortigen Erleuch- tung. Ich möchte dir nun eine uralte Legende erzählen, die den zweiten Fall der Erleuchtung illustriert. Höre bitte aufmerksam zu. *** Die Geschichte von König Janaka 224
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    VASIåèHA fuhr fort: V:8 Oh Rāma, es gibt einen großen Monarchen, dessen Weitblick unbegrenzt ist und der das Videha-Land regiert. Sein Name ist Janaka. Für diejenigen, die seine Hilfe suchen, ist er wie ein Füllhorn. In seiner Gegenwart erblüht der Herz-Lotos aller seiner Freunde; fürwahr ist er für sie wie die leibhaftige Sonne. Für die guten Menschen ist er ein großer Wohltäter. Eines Tages betrat er einen Lustgarten, in dem er nach Belieben umher- streifte. Während er dort einherging, vernahm er die inspirierenden Worte, die von gewissen vollkommenen Heiligen geäußert wurden. Diese VOLLKOMMENEN WEISEN sangen: Wir kontemplieren dieses Selbst, welches sich selbst als reine Erfahrung der Seligkeit enthüllt, wenn der Seher (der Erfahrende) ohne jede Trennung oder Konzeptualisierung mit dem Objekt (der Erfahrung) in Kontakt kommt. Wir kontemplieren dieses Selbst, in dem alle Objekte nicht-willentlich re- flektiert werden, sobald die (behauptete) Erfahrung der Getrenntheit von Subjekt und Objekt und die Absicht oder der Wille, der diese Getrenntheit erzeugt hat, aufgehört haben. Wir kontemplieren dieses Licht, das alle Lichter erleuchtet – das Selbst, welches die Gegensatzpaare des Konzepts von „ist“ und „ist nicht“ überschrei- tet und sich sozusagen in der Mitte von den beiden befindet. Wir kontemplieren diese Wirklichkeit, in der alles existiert, der alles ange- hört, aus dem alles aufgetaucht ist, welches die Ursache von allem ist und welches selbst alles ist. Wir kontemplieren dieses Selbst, welches die eigentliche Grundlage aller Sprache und Ausdrucksform ist, das Alpha und das Omega, welches das ge- samte Feld von „a“ bis „ha“ umfasst und durch das Wort „aham“ („Ich“) ange- zeigt wird. Oh weh – wie doch die Menschen hinter den Objekten herlaufen und törich- terweise den Höchsten Herrn vergessen, welcher doch im tiefsten Innern ihres Herzens wohnt! Wer immer noch sein Herz an diese Objekte hängt, obwohl er ihre Wertlo- sigkeit erkannt hat, kann nicht als menschliches Wesen bezeichnet werden! Man sollte jedwedes Verlangen mit der Rute der Weisheit niederschlagen – ob dieses Verlangen nun schon da ist oder aber künftig im eigenen Herzen auftaucht. Man soll die Freude genießen, die aus dem Frieden strömt. Der Mensch, der sein Gemüt beherrscht, ist im Frieden verankert. Wenn das Herz auf diese Weise im Frieden lebt, entsteht ohne weitere Verzögerung der reine Segen des Selbst. VASIåèHA fuhr fort: V:9 225
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    Nachdem König Janakadiese Worte der Weisen vernommen hatte, verfiel er in eine tiefe, tiefe Niedergeschlagenheit. Eilig ging er zurück zum Palast. Er entließ seine Diener und zog sich in die Abgeschiedenheit seines Gemachs zurück. In seiner Seelenqual sprach KÖNIG JANAKA: Oh weh! Oh weh! Hilflos schwinge ich wie ein Stein in dieser Welt voll Elend! Was bedeutet denn schon diese Lebensspanne in der Ewigkeit – und doch habe ich ihr mein Herz hingegeben! Schande über das Gemüt. Was ist denn das Königtum schon wert – auch wenn es ein ganzes Leben dauert? Und doch glaube ich wie ein Narr, dass ich ohne es nicht leben kann! Diese meine kurze Lebenszeit ist nichts als ein unbedeutender Moment – denn die Ewig- keit erstreckt sich davor und danach. Wie kann ich sie nun noch schätzen? Wer nur ist dieser Magier, der diese Illusion namens Welt um mich herum ausgebreitet und mich so in die Irre geführt hat? Wie konnte ich mich so täuschen lassen? Da doch Nähe und Ferne nur in meinem Gemüt sind, werde ich nun das Wahrnehmen aller äußeren Objekte aufgeben. Welche Hoffnung sollte ich noch für Glück hegen, da ich doch erkannt habe, dass alle Geschäf- tigkeit in dieser Welt nur zu endlosem Leiden führt? Tag um Tag, Monat um Monat und Jahr um Jahr sehe ich, wie das Glücklichsein-Wollen mir nichts als Leiden bringt – ohne Ende! Was auch immer hier gesehen und erfahren wird, ist dem Wandel und der Zerstörung unterworfen – in dieser Welt gibt es wahrhaftig nichts, worauf sich Weise verlassen. Wer heute himmelhoch jauchzt, wird schon morgen niedergetrampelt. Oh närrischer Verstand – weshalb sollten wir dieser Welt denn trauen? Oh weh! Ich bin ohne Seil gebunden; ich bin befleckt, obwohl rein; ich bin gefallen, obwohl ich zuoberst stehe. Oh du mein Selbst – was ist dies für ein Rätsel! So wie die immer strahlende Sonne plötzlich durch die vorüberzie- hende Wolke verdeckt wird, so sehe ich diese mysteriöse Täuschung sich mir nähern. Wer sind meine Freunde und Verwandten, was sind all diese Freu- den? So wie ein Kind erschrickt, wenn es ein Gespenst sieht, so bin ich von all diesen eingebildeten Verwandten verwirrt. Obwohl alle diese Bindungen wie Fesseln sind, die mich Alter und Tod unterwerfen, hänge ich immer noch an ihnen. Sollen doch diese Verwandten leben oder sterben – was bedeutet es mir? Große Ereignisse und große Männer sind gekommen und gegangen und haben nichts als eine Erinnerung hinterlassen – worauf soll man da die Zu- versicht gründen? Sogar die Götter und die göttliche Trinität sind millionen- mal gekommen und wieder gegangen – was ist in diesem Universum von Dauer? Es ist eine vergebliche Hoffnung, sich an diesen Albtraum zu binden, der als die Welterscheinung bekannt ist. Schande über solch einen jämmerli- chen Zustand! KÖNIG JANAKA fuhr fort: 226
  • 227.
    Ich bin wieein unwissender Dummkopf, der von diesem Kobold namens Ich-Sinn, der das täuschende Gefühl „Ich bin so und so“ erschafft, an der Nase herumgeführt wird. Obwohl ich weiß, dass die Zeit bereits zahllose Götter und Trinitäten unter ihren Füßen zertrampelt hat, hege ich immer noch Liebe für das Leben. Tage und Nächte werden in sinnlosem Verlangen, aber nicht in der Erfahrung der Seligkeit des unendlichen Bewusstseins verbracht. Vom Leiden bin ich zu immer größerem Leiden gegangen, ohne dass Leiden- schaftslosigkeit in mir entstanden wäre. Was könnte ich als vorzüglich und wünschenswert in dieser Welt erachten, wenn ich doch sehe, wie alles Geschätzte wieder verschwindet und einen im Elend zurücklässt? Tag um Tag nehmen Sünde und Gewalt in den Menschen zu – Tag um Tag erfahren sie größeres Leiden. Die Kindheit wird in Unwis- senheit verbracht – die Jugend in Sehnsucht nach dem Vergnügen ver- schwendet. Der Rest des Lebens besteht aus Familienstreitigkeiten – was erreicht die dumme Person denn schon in diesem Leben? Auch wenn man wichtige religiöse Riten vollzieht, wartet doch letztlich nur der Himmel auf einen, aber nicht mehr. Was ist schon der Himmel? Befindet er sich auf der Erde oder in den Unterwelten, und gibt es denn einen Ort, der frei vom Leiden ist? Aus Kummer wird Glück, und das Glück trägt auf seinen Schultern wiederum den Kummer herbei! Die Poren der Erde sind angefüllt mit den Kadavern der Lebewesen – darum sieht sie so solid aus! Es gibt Le- bewesen hier in diesem Universum, deren Augenzwinkern eine ganze Epoche beträgt. Was ist dagegen meine Lebensspanne? Gewiss scheinen in dieser Welt erfreuliche und dauerhafte Objekte zu sein; aber sie bringen endlose Sorgen und Ängste mit sich! Wohlstand ist wahrhaftig ein Unheil, und Unheil kann durchaus wünschenswert sein – es kommt darauf an, was es für eine Wirkung auf das Gemüt hat Das Gemüt allein ist der Same für diese Illusion der Welterscheinung; das Gemüt lässt die irrige Idee von „Ich“ und „mein“ entstehen. In dieser Welt, die auf dieselbe Weise als erschaffen erscheint, wie eine Ko- kosnuss zufällig gelöst wird, wenn in dem Moment eine Krähe auf der Palme landet, erzeugt die schiere Unwissenheit Gefühle wie „dies sollte ich haben“ und „dies sollte ich vermeiden“. Es wäre weitaus besser, seine Zeit in der Abgeschiedenheit oder in der Hölle zu verbringen, als in dieser Welterschei- nung zu leben. Nur Absicht oder Motivation ist der Keimling dieser Welterscheinung. Ich werde diese Motivation austrocknen! Alle Arten von Erfahrungen habe ich bereits genossen und erlitten. Nun werde ich endlich zur Ruhe gelangen. Ich werde nicht länger trauern. Ich bin erwacht. Ich werde diesen Dieb, das Ge- müt, erschlagen, der mir die Weisheit geraubt hat. Von den Weisen wurde ich wohl unterrichtet: Jetzt werde ich die Selbsterkenntnis suchen. VASIåèHA fuhr fort: V:10 Sein Leibwächter sah, wie der König tief in der Meditation versunken war; er näherte sich ihm respektvoll und sagte: „Mein Herr, es ist Zeit für eure 227
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    königlichen Pflichten. DieDienerin eurer Majestät erwartet eure Befehle und hat ein wohlriechendes Bad bereitet. Die heiligen Priester erwarten eure Ankunft im Badegemach, um die geeigneten Gesänge anzustimmen. Mein Herr, erhebt euch und erledigt, was zu erledigen ist, denn edle Männer sind niemals unzeitig oder nachlässig.“ Aber der König hörte nicht auf die Worte seines Leibwächters und fuhr fort zu sinnen: Was soll ich mit diesem Hof und den königlichen Pflichten, wenn ich doch weiß, dass all dies vergänglich ist? Nutzlos sind sie für mich. Ich werde alle Aktivitäten und Pflichten aufgeben und in der Seligkeit des Selbst verbleiben. Oh Gemüt, gib dein Begehren nach Sinnesvergnügen auf, so dass das immer wiederkehrende Elend von Alter und Tod ein Ende nimmt. Was auch immer dich dazu bringt, nach dem Glück zu jagen – genau dies wird sich als die Quel- le des Unglücks herausstellen. Genug dieses sündigen, konditionierten, ver- gnügungssüchtigen Lebens! Suche die Freude, die natürlich und eingeboren in dir selbst wohnt. Als der Leibwächter sah, dass der König stumm blieb, schwieg er auch. DER KÖNIG sagte wieder zu sich selbst: Was habe ich in diesem Universum zu gewinnen; welche ewig bestehende Wahrheit in diesem Universum gibt es, auf die ich meine Zuversicht gründen kann? Welchen Unterschied macht es, ob ich mit unaufhörlicher Tätigkeit befasst oder untätig bin? Nichts in dieser Welt kann als wahrhaft beständig bezeichnet werden. Ob tätig oder müßig – dieser Körper ist vergänglich und verändert sich ständig. Wenn die Vernunft im Gleichmut verwurzelt ist – was geht verloren und wie? Ich verlange nicht nach dem, was ich nicht habe, und wünsche nicht aufzu- geben, was ungesucht zu mir gekommen ist. Ich bin fest im Selbst verwurzelt – und so soll mein sein, was mein ist! Es gibt nichts, wofür ich zu arbeiten hätte, und auch die Nicht-Tätigkeit hat keine Bedeutung. Was auch immer durch Tätigkeit und Untätigkeit erlangt wird, ist falsch. Sobald das Gemüt in der Wunschlosigkeit gefestigt ist und nicht nach Sinnesvergnügen verlangt und sobald der Körper und seine Organe ihre natürlichen Tätigkeiten verrich- ten – dann sind Tätigkeit und Untätigkeit gleichbedeutend und gleichwertig. Lass daher den Körper sich mit seinen natürlichen Aufgaben befassen, denn ohne diese wird er zerfallen. Wenn das Gemüt aufhört, in Bezug auf stattge- fundene Handlungen Vorstellungen wie „Ich tat dies“ oder „Ich erfreute mich daran“ zu unterhalten, wird die Tätigkeit zur Nicht-Tätigkeit. VASIåèHA fuhr fort: Indem er so nachdachte, erhob sich König Janaka von seinem Sitz, wie die V:11 Sonne, die am Horizont erscheint, und begann, sich seinen königlichen Pflich- ten zu widmen, ohne Anhaftung an sie zu entwickeln. Indem er sämtliche Konzepte des Wünschenswerten und Nicht-Wünschenswerten aufgegeben hatte und frei von aller psychologischen Konditionierung und Absicht war, 228
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    agierte er wieim Tiefschlaf – aber hellwach – spontan und mit der Situation angemessenem Handeln. Er absolvierte die täglichen Aufgaben einschließlich der Verehrung der Heiligen, und am Abend zog er sich in die Abgeschieden- heit zurück, um die Nacht in tiefer Meditation zu verbringen, was nun natür- lich und leicht für ihn geworden war. Sein Gemüt hatte sich auf natürliche Weise von aller Verwirrtheit und Täuschung abgewandt und war fest im Gleichmut verwurzelt. Und wenn er sich am nächsten Morgen erhob, reflek- tierte KÖNIG JANAKA wie folgt: Oh unstetes Gemüt! Dieses weltliche Leben ist wahrhaftig deinem wahren Glück nicht dienlich. Erlange daher den Zustand des Gleichmuts. Nur in einem solchen Zustand kannst du Frieden, Seligkeit und Wahrheit erfahren. Immer dann, wenn du aus reinem Mutwillen in dir selbst alle diese verdrehten Ge- danken pflegst, beginnt sich diese Weltillusion zu erheben und zu verbreiten. Sobald du den Wunsch nach Vergnügen in dir entwickelst, geschieht es, dass sich diese Weltillusion auf‘s vielfältigste verzweigt. Es ist das Denken, das dieses Netz der Welterscheinung auftauchen lässt. Gib daher all diese Grillen und Fantasien auf und erlange den Gleichmut. Wirf auf der einen Seite die Sinnesvergnügen und auf der anderen die Seligkeit des Friedens in die Waag- schale deiner Weisheit. Strebe dann nach dem, was du als Ergebnis davon als die Wahrheit erkannt hast. Gib alle Hoffnungen und Erwartungen auf und wandere, frei von dem Wunsch, etwas zu gewinnen oder zu vermeiden, um- her. Lass diese Welterscheinung wirklich oder unwirklich sein, lass sie auf- tauchen oder verschwinden – aber deinen Gleichmut lass keinesfalls durch ihren Wert oder Unwert stören. Denn zu keinem Zeitpunkt trittst du mit dieser Welterscheinung in eine echte Beziehung – eine solche Beziehung erscheint nur aufgrund von Unwissenheit in dir. Oh Gemüt – falsch bist du, und falsch ist auch diese Welterscheinung. Daher existiert zwischen euch beiden eine rätselhafte und unerklärbare Beziehung – wie die zwischen einer unfruchtbaren Frau und ihrem Sohn. Wenn du denkst, dass du wirklich, die Welt aber unwirklich ist – wie kann dann zwischen den beiden eine echte Beziehung existieren? Andererseits – falls beide wirklich sind, wo wäre dann die Rechtfertigung für all den Jubel und all den Kummer? Gib deshalb den Kummer auf und nimm Zuflucht zu tiefer Meditation. In dieser Welt hier existiert überhaupt nichts, was dich in einen Zustand der Erfüllung versetzen könnte. Nimm daher entschlossen deine Zuflucht zum Mut und zur Ausdauer und überwältige deinen Eigensinn. VASIåèHA fuhr fort: V:12 Nachdem König Janaka dieses Verständnis realisiert hatte, spielte er fortan seine Rolle als König und erledigte alles, was zu erledigen nötig war, ohne je wieder in Verwirrung zu geraten, und mit großer Disziplin in Gemüt und Geist. Sein Gemüt wurde durch königliche Vergnügungen nicht abgelenkt. In der Tat bewegte er sich durch die Welt wie jemand, der sich beständig im Tiefschlaf befindet. 229
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    Von da anwar er weder am Erwerb noch am Zurückweisen von irgendet- was interessiert – ohne jeden Zweifel und ohne Verwirrtheit lebte er in der Gegenwart. Seine Weisheit war ununterbrochen, und seine Intelligenz wurde nicht wieder durch Unreinheiten umwölkt. In seinem Herzen erschien das Licht der Selbsterkenntnis (cid-ātmā), frei von der geringsten Befleckung durch Unreinheit und Kummer, so wie die Sonne am Horizont aufsteigt. Alles im Universum erblickte er als Ergebnis der kosmischen Kraft (cid-śakti). Ausgestattet mit Selbsterkenntnis, sah er sämtliche Dinge im Selbst, das un- endlich ist. Da er wusste, dass alle Dinge, die geschehen, auf natürliche Weise geschehen, war er weder himmelhoch jauchzend noch zu Tode betrübt und verblieb stets in ungebrochenem Gleichmut. Janaka wurde noch zu seinen Lebzeiten zu einem befreiten Weisen (jīvan mukta). Janaka setzte seine Herrschaft über das Königreich fort, ohne dass seine Selbsterkenntnis sich aufgrund des Einflusses von Gut und Böse um ihn her- um verminderte oder vermehrte. Indem er für immer im Bewusstsein des Unendlichen verblieb, erfuhr er den Zustand des Nicht-Handelns, obschon er in den Augen anderer in einer Vielzahl von Tätigkeiten als aktiv erschien. Alle Neigungen und Absichten hatten aufgehört, in ihm zu existieren. Daher be- fand er sich, obwohl er aktiv zu sein schien, in Wahrheit stetig in einem Zu- stand von Tiefschlaf. Weder brütete er über der Vergangenheit noch sorgte er sich um die Zu- kunft – er lebte im gegenwärtigen Moment und lächelte immerfort glücklich. Janaka erlangte, was er auch tat, kraft seiner Selbsterforschung. Jeder sollte nach seinem Beispiel durch Forschen in die Natur der Wahrheit eindringen, bis er die äußerste Grenze einer solchen Erforschung erreicht hat. Selbster- kenntnis oder Erkenntnis der Wahrheit wird weder durch die Zufluchtnahme zu einem Guru (Lehrer) noch durch das Studium der Schriften erlangt, noch durch gute Taten, sondern allein durch die Erforschung, inspiriert durch die Gesellschaft von Weisen und Heiligen. Nur das eigene innere Licht ist das Mittel – nichts anderes. Wenn dieses innere Licht am Leben erhalten wird, können Finsternis der Trägheit und Leblosigkeit es nicht berühren. VASIåèHA fuhr fort: Welche Sorgen auch immer auftauchen und schwer zu überwinden sein mögen – mit Hilfe der Weisheit als dem sicheren Boot (das innere Licht) werden sie bewältigt. Wer dieser Weisheit bar ist, wird sogar durch unbedeu- tende Schwierigkeiten in Bedrängnis versetzt. Wer jedoch über diese Weis- heit verfügt, überquert den See der Sorgen auch dann unbeschadet, wenn er allein und ohne Unterstützung in dieser Welt lebt und die Schriften nicht kennt. Ohne die Hilfe anderer vermag ein weiser Mensch seine Arbeit zu tun. Ohne Weisheit vermag er es nicht – ja sogar sein Vermögen, das er in die Waagschale geworfen hat, geht verloren. Daher sollte man beständig dieses innere Licht oder die Weisheit zu erlangen suchen – so wie jemand, der Früchte ernten will, seinen Garten ständig hegt und pflegt. Die Weisheit ist 230
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    die Wurzel, diebei beständiger Fürsorge, die guten Früchte der Selbster- kenntnis gedeihen lässt. All die Kraft und Energie, die die Menschen auf die weltlichen Aktivitäten lenken, sollten zuallererst in die Erlangung dieser Weisheit gelenkt werden. Man sollte zuerst die Trägheit des Geistes überwinden, die die Quelle aller Sorgen und Schwierigkeiten und der Keim für den ungeheuren Baum der Welterscheinung ist. Und außerdem: Was auch immer im Himmel oder in der Unterwelt oder in Kaiserreichen erlangt werden kann, dies wird hier und jetzt durch Weisheit erlangt. Mit Weisheit wird dieser Ozean der Welterschei- nung überquert – nicht aber durch Wohltätigkeit und Pilgerfahrten oder Askesepraktiken. Die Menschen, die hier mit all den göttlichen Tugenden gesegnet sind, haben sie durch die Weisheit erlangt. Sogar die Könige haben ihren Thron durch Weisheit erlangt. So ist es wahrhaftig die Weisheit, die den sicheren Pfad in den Himmel wie auch zum höchsten Guten und zur Befrei- ung weist. Nur durch Weisheit gewinnt ein demütiger Gelehrter den Wettstreit gegen einen mächtigen Gegner. Die Weisheit oder das innere Licht ist der legendäre Edelstein, oh Rāma, der seinem Besitzer verschafft, was immer dieser be- gehrt. Wer diese Weisheit besitzt, erreicht mit Leichtigkeit das andere Ufer der Weltillusion; wer sie dagegen nicht besitzt, ertrinkt darin. Sobald die eigene Intelligenz und das eigene Verstehen durch dieses innere Licht richtig geleitet werden, erreicht man das andere Ufer; andernfalls wird man von Hindernissen zu Fall gebracht. Gebrechen, Begierden und Verderbtheit können den weisen Menschen, des- sen Gemüt ungetäuscht ist, nicht erreichen. Durch das Auge der Weisheit (im inneren Licht) wird die gesamte Welt so gesehen, wie sie in Wahrheit ist. Weder Glück noch Missgeschick können denjenigen berühren, der über diese klare Sichtweise verfügt. So wie die dichte schwarze Wolke, die die Sonne verdunkelt, vom Wind zerstreut wird, so wird die Finsternis des Ich-Sinnes, die das Selbst verdunkelt, von der Weisheit (dem inneren Licht) zerstreut. Wer im höchsten Zustand des Bewusstseins verankert sein möchte, sollte als erstes durch Kultivierung der Weisheit oder durch Entzünden des inneren Lichtes sein Gemüt reinigen, so wie man ein Feld bestellt, auf dem man Ge- treide anpflanzen möchte. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, erforsche auf diese Weise die Natur des Selbst, wie es Janaka ge- V:13 tan hat. Schon bald wirst du dann ohne Hindernisse das Reich derer betreten, die wissen, was man wissen muss. Wieder und wieder sollte man die feindli- chen Sinne überwinden – danach erlangt das Selbst durch seine eigene Be- mühung die Selbst-Befriedigtheit. Sobald das unendliche Selbst realisiert wird, gelangt aller Kummer an sein Ende. Sogar die Samen der Verblendung werden zerstört, das Unheil hört auf und die Wahrnehmung des Üblen ver- schwindet. Oh Rāma, sei wie König Janaka – und erkenne mit Hilfe des inne- ren Lichtes das Selbst. Sei ein vortrefflicher Mensch. Wer konstante Selbster- 231
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    forschung betreibt unddie wandelhafte Natur der Welt erkennt, wird wie Janaka die Selbsterkenntnis erlangen. Von Nutzen hierbei sind weder Gott, Riten und Rituale (oder irgendeine Tätigkeit) noch Wohlstand und Verwand- te. Für diejenigen, die diese Welterscheinung mit Schrecken betrachten, ist die Eigenbemühung in Form von Selbst-Erforschung der einzige Weg, um die Selbsterkenntnis hervorzubringen. Bitte folge niemals den Lehren derjenigen, die sich auf Götter, Riten und gewohnheitsmäßige Handlungen oder andere pervertierte Praktiken verlassen. Dieser Ozean der Welterscheinung kann nur überquert werden, wenn du fest in der höchsten Weisheit gegründet bist, wenn du das Selbst allein durch das Selbst siehst, und wenn deine Vernunft durch die Sinneswahrnehmungen nicht zerstreut und gefärbt ist. Nun habe ich dir erzählt, wie König Janaka die Weisheit erworben hat, die wie durch einen Akt der Gnade vom Himmel herab gefallen zu sein scheint. Wer die Weisheit kultiviert, wie Janaka sie hatte, wird in seinem eigenen Herzen das innere Licht erfahren, welches die aus der Unwissenheit geborene Einbildung der Weltillusion unverzüglich beseitigt. Sobald das begrenzende und konditionierte Empfinden von „Ich bin so und so“ aufhört, taucht das Bewusstsein des alles erfüllenden Unendlichen auf. Gib daher auch du, o Rāma, wie König Janaka die falsche und eingebildete Vorstellung des Ich- Sinnes in deinem eigenen Herzen auf. Wenn dieser Ich-Sinn aufgelöst ist, wird das höchste Licht der Selbsterkenntnis ganz gewiss in deinem Herzen auf- leuchten. Nur dieser Ich-Sinn ist diese dichte Finsternis – sobald er beseitigt ist, leuchtet das innere Licht aus sich selbst. Wer weiß: „Ich bin nicht“, „Auch andere existieren nicht“, „Nicht-Existenz gibt es ebenfalls nicht“, und dessen mentale Tätigkeit daraufhin zu einem Stillstand gekommen ist, will nichts mehr erwerben. Oh Rāma, es gibt keine andere Bindung als diejenige, wie sie durch das Verlangen nach Erwerb und die Furcht vor dem Unerwünschten entsteht. Unterliege nicht dieser Furcht, und lass nicht den Erwerb dessen, was als wünschenswert gilt, zu deinem Ziel werden. Indem du diese beiden Ideen aufgibst, ruhe in dem, was verbleibt. VASIåèHA fuhr fort: Diejenigen, in denen der Zwillingsdrang nach Erwerb und Zurückweisung an ein Ende gekommen ist, wünschen nichts und lehnen nichts ab. Das Gemüt vermag den Zustand der gänzlichen Stille nicht zu erreichen, solange diese beiden Triebe (des Erwerbs und der Vermeidung) nicht eliminiert sind. Auch kann das Gemüt Frieden und inneres Gleichgewicht nicht erfahren, solange man Empfindungen unterhält wie „dies ist real“ und „dies ist nicht real“. Wie könnten wohl Gleichmut, Reinheit oder Leidenschaftslosigkeit im Gemüt eines Menschen entstehen, dessen Gedanken zwischen „dies ist richtig“, „dies ist falsch“, „dies ist Gewinn “ und „dies ist Verlust “ hin und her pendeln? Wenn es doch nur dieses eine Brahman gibt (welches auf alle Zeiten das Eine und das Viele ist) – was sollte dann wohl richtig oder falsch sein? Solange das Gemüt von den Gedanken an das Wünschenswerte und Nicht- Wünschenswerte getrieben wird, kann es keinerlei Gleichmut geben. 232
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    Wunschlosigkeit (die Abwesenheitaller Erwartungen), Furchtlosigkeit, wandellose Stetigkeit, Gleichmut, Weisheit, Nicht-Anhaftung, Nicht-Handeln, Güte, völlige Abwesenheit von Perversion, Mut, Ausdauer, Freundlichkeit, Vernunft, Zufriedenheit, Sanftheit und angenehme Rede – alle diese Eigen- schaften sind natürlich für denjenigen, der frei von den Instinkten des Er- werbs und der Ablehnung ist. Und all diese Eigenschaften sind unbeabsichtigt und spontan. Man sollte das Gemüt stets davon abhalten, abwärts zu sinken, so wie der Lauf eines Flusses durch den Bau eines Dammes aufgehalten wird. Nachdem du entschlossen allen Kontakt mit externen Objekten aufgegeben hast, wende das Gemüt nach innen und reflektiere über alles im eigenen Inneren; auch dann, wenn du mit den verschiedenen Tätigkeiten des Alltags befasst bist. Mit Hilfe des scharfen Schwertes der Weisheit durchschneide dann dieses Netz der Konditionierung (welches Verlangen, Absichten, Antriebe, Erwartungen und Ablehnungen entstehen lässt), welches allein die Ursache des Stromes der Welterscheinung ist. Vernichte das Gemüt mit Hilfe des Gemüts. Sobald du den Zustand der Reinheit erlangt hast, verbleibe darin in Ruhe. Vernichte das Gemüt mit dem Gemüt und weise jeden Gedanken an das Gemütes zurück, wodurch das Ge- müt selbst verneint wird – auf diese Weise wirst du die Welterscheinung endlich ausmerzen. Wenn dann die Welterscheinung eliminiert ist, wird auch die Täuschung nicht länger auftauchen, und auch das Gemüt wird diese Welt- erscheinung nicht wieder aufs Neue erschaffen. Auch wenn du alle von dir erwarteten Handlungen in dieser Welt verrichtest – sei stets fest verwurzelt im Bewusstsein der Unwirklichkeit alles dessen; gib auf diese Weise alle deine Erwartungen und Hoffnungen auf. Lebe, verwurzelt im Gleichmut und jeder Situation entsprechend handelnd, ohne daran zu denken, was auf diese Weise ungesucht zu dir kommt, ein nicht-willentliches Leben hier. So wie vom Höchsten Herrn gesagt wird, dass er gleichzeitig der Täter wie auch der Nicht-Täter aller Handlungen ist, so lebe auch du nicht-willentlich – indem du tust, was getan werden muss, ohne es tatsächlich zu tun. VASIåèHA fuhr fort: Du bist der Kenner von allem, das Selbst. Du bist das ungeborene Sein, du bist der Höchste Herr, du bist nicht-verschieden vom Selbst, das alles durch- dringt. Wer die Idee aufgegeben hat, dass es ein Objekt der Wahrnehmung gibt, welches vom Selbst verschieden ist, ist nicht länger den Leiden ausgelie- fert, die aus Freude und Kummer entstehen. Er wird ein Yogi genannt, frei von aller Anziehung und Abstoßung; für ihn sind ein Erdkloß und ein Goldkorn von gleichem Wert und gleicher Bedeutung – er hat sämtliche Neigungen aufgegeben, die diese Welterscheinung bestätigen. Was immer er tut, an was er sich erfreut, was immer er gibt und was er zerstört – sein Bewusstsein bleibt frei und daher ungerührt in Schmerz und Freude. Indem er tut, was zu tun ist, ohne zwischen Wünschenswertem und Unerwünschtem zu unter- scheiden, ist er tätig, ohne in der Tätigkeit zu ertrinken. 233
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    Wer die festeÜberzeugung hat, dass nur das unendliche Bewusstsein exis- tiert, ist unverzüglich frei von allen Gedanken an Vergnügen und daher still und selbstbeherrscht. Das Gemüt ist von Natur aus leblos – es erborgt seine Intelligenz vom Bewusstsein und benutzt sie dazu, um Erfahrungen zu ma- chen. Auf diese Weise gelangt das Gemüt in Verbindung mit allem, was durch die Macht oder Energie des Bewusstseins (cit-śakti) ins Leben gerufen wor- den ist. Das Gemüt existiert daher allein durch die Gnade des Bewusstseins – es unterhält seine verschiedenen Gedanken aufgrund seiner eigenen Wahr- nehmung dieses Universums. Nur das Bewusstsein ist sein Licht – wie könnte andernfalls das leblose Gemüt auf intelligente Weise funktionieren? Diejenigen, die in den Schriften wohl bewandert sind, erklären, dass die fik- tive Bewegung der Energie im Bewusstsein als das Gemüt bekannt ist. Und weiterhin sind die Ausdrucksformen des Gemütes (wie das Zischen der Schlange) seine Gedanken oder Ideen. Bewusstsein minus Konzeptualisie- rung ist das ewige Brahman, das Absolute; Bewusstsein plus Konzeptualisie- rung ist Denken. Ein winziger Teil hiervon lebt im Herzen als die Wirklichkeit. Dies ist die endliche Intelligenz oder das individualisierte Bewusstsein. Je- doch „vergisst“ dieses begrenzte Bewusstsein schon bald seine eigene, essen- ziell bewusste Natur und lebt als ein lebloses Ding weiter. Dann wird es zum Denkapparat, dem die Neigungen zur Anziehung und Abstoßung eingeboren sind. Tatsächlich aber ist das unendliche Bewusstsein zu all diesem gewor- den. Solange es jedoch nicht zu seiner unendlichen Natur erwacht, vermag es sich selbst nicht zu erkennen. Daher sollte das Gemüt durch die in den Schrif- ten empfohlenen Mittel erweckt werden, nämlich durch Leidenschaftslosig- keit und Sinnesbeherrschung. Wenn diese Intelligenz erwacht, leuchtet sie als Brahman das Absolute – andernfalls erfährt sie wieder und wieder diese endliche Welt. VASIåèHA fuhr fort: Solange diese innere Intelligenz nicht erweckt ist, weiß oder versteht man wirklich nichts. Außerdem ist natürlich all das, was mit Hilfe des Denkens erkannt wird, nicht die Realität. Gedanken dieser Art entlehnen ihren Wert vom Bewusstsein – so wie ein Weihrauchgefäß seinen Duft vom Weihrauch erhält. Dank dieser erborgten Intelligenz ist das Denken in der Lage, ein win- ziges Fragment dieses kosmischen Bewusstseins zu kennen. Das Gemüt er- blüht nur dann voll, wenn das Licht des Unendlichen auf es fällt. Andernfalls ist das Denken, obschon es intelligent erscheint, nicht wirklich in der Lage, irgendein Ding sicher zu erfassen – so wie die Statue eines Tän- zers nicht tanzt, auch wenn man sie dazu auffordert. Könnte das auf Lein- wand gemalte Schlachtengemälde wirklich das Kampfgeschrei zwischen den Heeren wiedergeben? Könnte ein Leichnam sich erheben und umherwan- dern? Kann das auf einem Stein eingemeißelte Bildnis der Sonne die Dunkel- heit vertreiben? Was kann dementsprechend das leblose Gemüt schon tun? So wie eine Fata Morgana nur im Sonnenlicht wie strömendes Wasser er- 234
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    scheint, so erscheintauch das Gemüt nur dank dem inneren Licht des Be- wusstseins als intelligent und aktiv. Unwissende Menschen missdeuten die Bewegung der Lebenskraft als Ge- müt – aber es ist das prāïa oder die Lebenskraft. Für diejenigen jedoch, deren Intelligenz nicht durch Gedanken zersplittert oder konditioniert ist, ist es das Erstrahlen des Höchsten Seins oder des Selbst. Die Intelligenz, die sich mit bestimmten Bewegungen der Lebenskraft im Selbst identifiziert (durch Vor- stellungen wie „dies bin ich“, „dies ist mein“), ist der jīva oder die individuelle Seele. Intelligenz, Gemüt, jīva usw. sind Begriffe, die auch von den Weisen verwendet werden. Jedoch besitzen sie vom absoluten Standpunkt aus kei- nerlei Realität. In Wahrheit existiert da kein Verstand, keine Intelligenz oder Vernunft und kein verkörpertes Lebewesen – nur das Selbst existiert alle Zeit. Nur das Selbst ist diese Welt; das Selbst allein ist die Zeit und der evolutionä- re Prozess. Weil es von so extremer Subtilität ist, scheint es nicht zu existie- ren, obwohl es existiert. Einerseits ist es eine bloße Widerspiegelung oder Erscheinung, andererseits wird es als die Wahrheit erkannt. Das Selbst ist jedoch jenseits all dieser Beschreibungen – seine Wahrheit kann nur unmit- telbar in der Selbsterkenntnis erfahren werden. Wenn das innere Licht zu leuchten beginnt, hört das Gemüt auf zu bestehen, so wie die Dunkelheit schwindet, sobald da Licht ist. Wenn das Bewusstsein jedoch objektiviert wird, um die Objekte der Sinne zu erfahren, dann wird das Selbst sozusagen vergessen. Die Gedanken, die dann entstehen, drehen sich allein um die Schöpfungen des Verstandes. VASIåèHA fuhr fort: Ein Gedanke, der im höchsten Sein auftaucht, ist individuelles Bewusstsein. Sobald dieses individuelle Bewusstsein frei vom Denken und der Individuati- on ist, geschieht Befreiung. Der Keim oder die einzige Ursache für diese Welt- erscheinung ist nur das Auftauchen eines Gedankens im unendlichen Be- wusstsein, welcher das Entstehen des begrenzten, endlichen, individuellen Bewusstseins bewirkte. Indem das Bewusstsein sich vom Zustand äußerster Stille entfernte und sozusagen vom Denken vergiftet wurde, entstand der Denkapparat und mit diesem erdachte das Gemüt das Universum. Oh Rāma, durch die Kontrolle der Lebenskräfte wird auch das Gemüt zu- rückgehalten. So wie der Schatten verschwindet, wenn der schattenwerfende Gegenstand fortgenommen wird, so hört das Gemüt auf, sobald die Lebens- kräfte zurückgehalten werden. Es geschieht aufgrund der Bewegung der Lebenskraft, dass man sich an die irgendwo gemachten Erfahrungen erinnert. Es wird als Gemüt bezeichnet, weil es die Bewegung der Lebenskraft wahr- nimmt. Die Lebenskraft wird mit Hilfe der folgenden Mittel zurückgehalten: Durch Leidenschaftslosigkeit, durch die Übung des prāïāyāma (Atemkontrol- le) oder durch das Erforschen der Bewegungsursache der Lebenskraft, durch die Beendigung des Kummers mit Hilfe intelligenter Mittel und durch die direkte Erfahrung oder Erkenntnis der höchsten Wahrheit. 235
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    Dem Gemüt istes möglich, Intelligenz in einem Stein zu sehen oder anzu- nehmen. Doch das Gemüt selbst besitzt nicht die geringste Intelligenz. Seine Bewegungen gehören zur Lebenskraft, die selbst leblos ist. Die Intelligenz oder die Macht des Bewusstseins gehört zum Selbst, das rein und auf ewig allgegenwärtig ist. Es ist das Gemüt, welches eine Beziehung zwischen diesen beiden Faktoren herbeifantasiert. Da jedoch diese Fantasie falsch ist, ist auch sämtliches Wissen falsch, das aus dieser falschen Beziehung entsteht. Ge- nannt wird dies Unwissenheit, Māyā oder kosmische Illusion, die alle dieses tödliche Gift der Welterscheinung entstehen lassen. Diese Beziehung zwischen der Lebenskraft und dem Bewusstsein ist imagi- när – wird sie nicht imaginiert, entsteht auch keine Welterscheinung! Die Lebenskraft wird durch ihre Verbindung mit dem Bewusstsein bewusst und erfährt diese Welt als ihr Objekt. Jedoch ist all dieses so irreal wie die Erfah- rung eines Gespenstes von seiten eines Kindes – nur die Bewegung innerhalb des unendlichen Bewusstseins ist wahr. Kann dieses unendliche Bewusstsein denn durch irgendeinen endlichen Faktor beeinflusst werden? Anders gesagt – kann ein Schwacher einen Stärkeren überwältigen? Daher, o Rāma, existiert in Wirklichkeit kein Gemüt oder individuelles Bewusstsein. Sobald diese Wahrheit klar verstanden wird, gelangt das, was fälschlich als der Verstand imaginiert wurde, an ein Ende. Alles dies erscheint aufgrund von unvollkom- menem Verstehen – sobald dieses Missverständnis aufhört, hört auch das Gemüt auf zu sein. VASIåèHA fuhr fort: Das Gemüt ist leblos und keine reale Wesenheit – daher ist es auf ewig tot! Und doch werden die Lebewesen in dieser Welt von eben diesem toten Ding getötet – wie rätselhaft ist doch diese Dummheit!! Das Gemüt besitzt kein Selbst, keinen Körper, keinen Halt und keine Form – und doch vertilgt das Gemüt die gesamte Welt. Was für ein Mysterium. Wer behauptet, dass er durch das Gemüt zerstört wurde, behauptet damit, dass sein Kopf von einem Lotosblütenblatt zertrümmert wurde. Zu behaupten, dass man vom Gemüt verletzt werden kann, welches leblos, stumpf und blind ist, ist dasselbe wie zu sagen, dass man von der Hitze des Vollmondes geröstet wird. Der Held, der den realen Gegner, der vor ihm steht, niederstrecken kann, wird selbst von diesem Gemüt niedergestreckt, welches nicht einmal existiert. Was ist die Macht dieses Dings, das aus Gedanken zusammengesetzt ist, dessen Existenz falsch ist und welches sich als nicht-existent erweist, sobald sein Dasein erforscht wird? Dummheit und Unwissenheit allein sind die Quellen aller Sorgen in der Welt; diese Schöpfung wurde allein durch Unwissenheit und Dummheit ins Leben gerufen. Obschon dies bekannt ist, wird dieses irreale und falsche Ding durch die Lebewesen immer wieder am Leben erhalten. Diese Weltillusion kann mit der Einbildung des Helden verglichen werden, der glaubt, er sei durch unsichtbare Ketten, die von den Augen seines Gegners ausgesendet werden, gefesselt oder der sich von einer unsichtbaren Armee 236
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    bedroht fühlt, diedurch die schieren Gedanken seines Gegners erschaffen wurde. Diese so vom inexistenten Gemüt heraufbeschworene Welt wird nur von einem weiteren, ebenso inexistenten Gemüt zerstört. Diese illusorische Welterscheinung ist nichts anderes als das Gemüt. Wer nicht in der Lage ist, die wahre Natur des Gemüts zu verstehen, erweist sich auch als ungeeignet, über die in den Schriften dargelegte Wahrheit unterrichtet zu werden. Das Gemüt einer solchen Person ist unfähig, die subtile Wahrheit, die in den Schriften dargelegte Lehre zu erfassen; es scheint gänzlich zufrieden zu sein mit dieser illusorischen Welterscheinung. Ein solches Gemüt ist voller Furcht – es erschrickt vor dem melodiösen Klang der Veena und hat sogar Angst vor einem schlafenden Verwandten. Es ist verängstigt, wenn jemand laut schreit, und flüchtet sofort von diesem Ort. Der unwissende Mensch ist vollständig in der Hand seines eigenen, getäuschten Gemüts. Ein Mensch wird vom eigenen Gemüt, das so gefährlich wie Gift ist, auch wenn es mit ein wenig Glück vermischt ist, zu Asche verbrannt. Wer die Wahrheit nicht kennt, wird vom Gemüt wie ein Narr an der Nase herumge- führt. Dies ist fürwahr ein großes Mysterium. VASIåèHA fuhr fort: V:14 Meine Unterweisungen richten sich nicht an diejenigen, o Rāma, deren In- telligenz durch den festen Glauben an die Realität dieser illusorischen Welt und durch stetiges Streben nach ihren Vergnügungen eingeschlafen ist. Wel- cher Narr wird einem Menschen einen farbenprächtigen Wald zeigen wollen, der sich weigert, die Augen zu öffnen? Wer würde einen Mann, dessen Nase durch Lepra weggefressen wurde, in der feinen Kunst unterweisen, verschie- dene Parfums zu unterscheiden? Wer würde einen Trunkenbold in die Fein- heiten der Metaphysik einführen? Wer würde einen Leichnam, der auf dem Verbrennungsplatz liegt, über die Angelegenheiten seines Dorfes befragen? Und wenn ein Narr dies täte – wer könnte ihn von seinem idiotischen Vorha- ben abbringen? Und wer kann eine unwissende Person belehren, die nicht in der Lage ist, den tauben und blinden Verstand zu beherrschen? Tatsächlich existiert das Gemüt überhaupt nicht. Sei daher versichert, dass es für alle Zeiten erobert ist. Wer es schwierig findet, das inexistente Gemüt zu erobern, leidet an den Wirkungen eines Giftes, das er niemals zu sich ge- nommen hat. Der weise Mensch sieht allezeit das Selbst; er weiß, dass sämtli- che Bewegungen im Gemüt aus der Bewegung der Lebenskräfte stammen, und er weiß auch, dass die Sinne die ihnen entsprechenden Funktionen aus- führen. Was ist also das Gemüt? Alle Bewegungen gehören zur Lebenskraft und alles Bewusstsein gehört zum Selbst, während alle Sinne über ihre eige- nen Kräfte verfügen – durch welche Kraft wird all dieses zusammengehalten? Alle sind nur Aspekte des einen unendlichen allmächtigen Bewusstseins – Verschiedenheit ist ein Wort ohne Bedeutung. Wie konnte überhaupt die Idee der Getrenntheit in dir auftauchen? Was ist der jīva (die individuelle Seele) schon anderes als ein bloßes Wort, welches unnötigerweise die Vernunft der Leute verwirrt? Sogar das endliche 237
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    oder individuelle Bewusstseinist eine unwirkliche Einbildung, denn was kann es denn schon tun? Mit Bedauern beobachte ich das Schicksal der Men- schen, die unter den Wirkungen des Gemüts leiden, welches sie durch reine Einbildung ins Leben gerufen haben und welches die Wahrheit verdunkelt. In dieser Welt werden Toren geboren, um zu leiden und zugrunde zu gehen. Jeden Tag kommen Millionen Tiere überall auf der Welt um, jeden Tag werden Millionen über Millionen Insekten durch den Wind getötet, jeden Tag fressen die großen Fische des Ozeans die kleinen – was sollte da zu bedauern sein? In dieser Welt töten die stärkeren Tiere die schwächeren – von der kleinsten Ameise bis zu den größten Gottheiten sind sie alle Geburt und Tod unterwor- fen. In jedem Augenblick sterben zahllose Lebewesen und zahllose werden geboren – ganz gleich, ob die Leute dies mögen oder nicht, ob sie trauern oder jubeln. Es wäre wahrhaftig weiser, über das Unvermeidliche weder zu trauern noch zu jubeln! VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, wer versucht, den Kummer der Menschen von pervertierter Ver- nunft zu lindern, versucht nichts anderes, als den Himmel mit einem winzi- gen Sonnenschirm zu verdecken. Diejenigen, die sich wie Tiere benehmen, können nicht belehrt werden, denn wie die Tiere werden sie an der langen Leine ihres Gemüts geführt. Sogar die Steine vergießen Tränen, wenn sie diese unwissenden Menschen betrachten – versunken im Sumpf ihres eige- nen Gemüts – deren Handlungen ihren eigenen Untergang herbeirufen. Der weise Mensch versucht daher nicht, diejenigen zu belehren, die ihr eigenes Gemüt noch nicht überwunden haben und daher in jeder Hinsicht elend sind. Andererseits ist der Weise stets bemüht, den Kummer derjenigen zu beseiti- gen, die ihr Gemüt beherrschen und daher reif sind für die Selbst- Erforschung. Das Gemüt ist nicht, o Rāma – bilde dir daher nicht unnötigerweise seine Existenz ein. Wenn du dir seine Existenz einzubilden beginnst, wird es dich vernichten, wie ein Geist. Solange du dein Selbst vergessen hast, so lange wird dieses imaginäre Gemüt existieren. Da du nun erkannt hast, dass das Gemüt durch die fortgesetzte Bestätigung seiner Existenz zunimmt, gib diese Art des Denkens auf. Sobald Objektivität in deinem Bewusstsein auftaucht, wird dieses konditio- niert und begrenzt, und darin besteht die Bindung. Wird die Objektivität aufgegeben, wirst du gemütlos – und das ist Befreiung. In Kontakt mit den Eigenschaften der Natur zu kommen, bedeutet die Gefahr der Bindung – das Aufgeben dessen führt zur Befreiung. Wenn du dies weißt, kannst du tun, was dir beliebt. Verbleibe in dem Wissen „Ich bin nicht“ und „dies ist nicht“ fest und unbewegt wie der unendliche Raum. Gib alle unreinen Gedanken auf, die eine Dualität von Selbst und Welt erschaffen. In der Mitte zwischen dem Selbst als dem Seher und der Welt als dem Gesehenen bist du das Sehen (die Sicht) – verbleibe stets in dieser Erkenntnis. Zwischen dem Erfahrenden und 238
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    der Erfahrung bistdu als das Erfahren – verbleibe in diesem Wissen der Selbsterkenntnis. Wenn du durch Vergessen des Selbst an ein Objekt denkst, dann wirst du zum Gemüt (Subjekt) und damit zum Subjekt des Unglücklichseins. Es ist diese von der Selbsterkenntnis verschiedene Intelligenz, die zum Gemüt wird, und das ist die Quelle des Kummers. Wenn erkannt wird, dass „all dies nichts anderes als das Selbst ist“, gibt es kein Gemüt, kein Subjekt, kein Objekt und kein Denken mehr. Sobald du denkst: „ich bin der jīva“ usw. taucht das Gemüt auf und mit ihm zusammen die Sorge. Weißt du aber: „ich bin das Selbst, und der jīva und andere ähnliche Dinge existieren nicht“, dann hört das Gemüt auf und es entsteht ein erhabener Friede. Im Licht der Wahrheit „dieses gesamte Universum ist nur das Selbst“ existiert das Gemüt nicht. Nur so lange diese Schlange des Gemüts im Körper lebt, so lange gibt es Furcht – wo gibt es eine Ursache für Furcht, wenn sie durch die Praxis des Yoga beseitigt wurde? VASIåèHA fuhr fort: Wenn das Selbst sich selbstvergessen mit den gesehenen und erfahrenen V:15 Objekten identifiziert und daher unrein wird, taucht das Gift des Verlangens auf. Das Verlangen verstärkt die Täuschung. Götter wie Śiva u.a. mögen dem Feuer der kosmischen Auflösung gewachsen sein, aber niemand ist dem ver- zehrenden Feuer des Verlangens gewachsen. Alle die schrecklichen Leiden und Notlagen, die es in der Welt gibt, sind allein die Frucht des Verlangens. Oh Rāma, obwohl es unsichtbar und subtil ist, ist dieses Verlangen sogar in der Lage, Fleisch, Blut und Knochen des Körpers zu verzehren. In einem Mo- ment scheint es abzuflauen, im anderen wiederum breitet es sich aus. Wer von ihm befallen ist, wird bedauernswert, schwächlich, glanzlos, minderwer- tig, getäuscht, elend und entehrt. Sobald dieses Verlangen aufgehört hat, ist die eigene Lebenskraft gereinigt und alle göttlichen Qualitäten und Tugenden halten Einzug ins Herz. Der Fluss des Verlangens fließt nur ins Herz der unweisen Person. So wie ein Tier aufgrund seines Verlangens nach Nahrung (der Köder) in die Falle geht (den toten Brunnen), so fällt der Mensch in die Hölle, wenn er der Spur seines Verlangens folgt. Die krasseste Blindheit von Senilität ist harmlos im Ver- gleich mit der blindmachenden Täuschung, die das Verlangen in einem Au- genblick im eigenen Herzen entstehen lässt. Das Verlangen macht einen Menschen kriecherisch und lässt ihn schrump- fen – sogar Lord Vi«ïu wurde zu einem Zwerg, als er sich entschloss, betteln zu gehen. Daher sollte man dieses Verlangen, welches die Quelle aller Sorgen ist und das Leben aller Wesen zerstört, weit von sich weisen. Und doch geschieht es aufgrund dieses Verlangens, dass die Sonne den Pla- neten bescheint, der Wind weht, die Berge fest stehen und die Erde die Le- bewesen trägt – alle drei Welten existieren nur aufgrund des Verlangens. Alle Wesen in den drei Welten sind an die Fessel des Verlangens gebunden. Es ist 239
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    möglich, die stärksteFessel der Welt zu brechen, aber die Fessel des Verlan- gens ist nur sehr schwer zu brechen. Gib daher, o Rāma, das Verlangen auf, indem du das Denken oder Konzep- tualisieren aufgibst. Das Gemüt kann ohne Denken oder Konzeptualisierung nicht existieren. Lass als erstes die Bilder von „ ich“, „du“ und „dies“ nicht im Gemüt erscheinen, weil es aufgrund dieser Bilder geschieht, dass Hoffnungen und Erwartungen entstehen. Wenn du dich enthalten kannst, solche Bilder zu erzeugen, dann wirst du ebenfalls als ein Mann der Weisheit angesehen. Verlangen ist nicht verschieden vom Ich-Sinn. Der Ich-Sinn wiederum ist die Quelle aller Sünden. Durchhaue die Wurzel dieses Ich-Sinnes mit dem Schwert der Weisheit des Nicht-Egos. Sei frei von der Furcht. RùMA sprach: V:16 Hoher Herr, du gibst mir die Anweisung, den Ich-Sinn aufzugeben und das Verlangen, welches diesen entstehen lässt. Wenn ich den Ich-Sinn aufgebe, werde ich mit Sicherheit auch diesen Körper aufgeben und alles, was auf dem Ich-Sinn basiert. Denn der Körper und die Lebenskräfte gründen sich auf dem Ich-Sinn. Wenn die Wurzel (der Ich-Sinn) durchhauen ist, wird auch der Baum (der Körper usw.) fallen. Wie ist es für mich möglich, den Ich-Sinn aufzugeben und trotzdem weiterzuleben? VASIåèHA erwiderte: Rāma! Das Aufgeben aller Vorstellungen, Konditionierungen und der Kon- zeptualisierung wird allgemein als bestehend aus zwei Arten beschrieben: Die eine gründet auf der Erkenntnis oder direkter Erfahrung, und die zweite auf Kontemplation. Ich werde dir diese beiden nun detailliert erläutern. Zunächst sollte man sich der eigenen falschen Vorstellung bewusst werden, die darin besteht zu glauben: „Ich gehöre zu den Objekten in dieser Welt, und mein Leben hängt von ihnen ab. Ohne sie kann ich nicht leben, und auch sie können nicht ohne mich leben“. Durch tiefgründige Erforschung kontempliere man dann wie folgt: „Weder gehöre ich zu diesen Objekten noch gehören diese Objekte zu mir“. Indem man auf diese Weise mit Hilfe intensiver Kon- templation den Ich-Sinn aufgibt, soll man außerdem ganz zwanglos die Hand- lungen ausführen, die auf natürliche Weise geschehen, wobei aber Herz und Verstand stets kühl und ruhig bleiben. Dieses Aufgeben des Ich-Sinnes und der Konditionierung wird die kontemplative Egolosigkeit genannt. Gibt es dagegen die Erkenntnis oder direkte Erfahrung der nicht-dualen Wahrheit, dann gibt man den Ich-Sinn und die Konditionierung auf und un- terhält in Bezug auf den Körper kein Gefühl von „dies ist mein“. Dies wird die direkte Realisation der Egolosigkeit genannt. Der ist schon im Leben befreit, der auf zwanglose Weise mit Hilfe der kon- templativen Methode den Ich-Sinn aufgibt. Wer ferner seinen Ich-Sinn mit Hilfe der direkten Erfahrung an der Wurzel ausreißt, ist im Gleichmut fest verankert – er ist befreit. Janaka und andere wie er folgen der kontemplativen Methode. Wieder andere, die die direkte Erfahrung der Egolosigkeit haben, 240
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    sind eins mitBrahman und haben sich über das Körperbewusstsein erhoben. Beide sind befreit, und beide sind eins mit Brahman geworden. Der wird ein befreiter Weiser genannt, der nicht vom Erwünschten und Un- erwünschten hin und her getrieben wird, der in dieser Welt lebt und handelt, obwohl er inwendig wie im Tiefschlaf von dieser Welt vollkommen unberührt ist. (Nachdem der Weise Vāsi«Âha so gesprochen hatte, war der Abend ange- brochen. Die Versammlung löste sich auf.) VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, diejenigen, die jenseits des Körperbewusstseins sind, sind gleich- V:17 zeitig jenseits jeder Beschreibung. Ich werde dir nun die Natur derjenigen erläutern, die noch im Leben befreit sind. Die Wünsche, die aus natürlichen Funktionen entstehen und frei vom Ver- langen sind, gehören zu einem befreiten Weisen. Der Wunsch jedoch, der mit Verlangen nach externen Objekten gekoppelt ist, führt zur Bindung. Sobald alle auf dem Ich-Sinn gründenden Vorstellungen im eigenen Herzen aufge- hört haben, dann gehört die auf natürliche Weise dirigierte Bewusstheit zur Natur des befreiten Weisen. Nur das durch den Kontakt mit externen Objek- ten gequälte und verwirrte Verlangen führt zur Bindung – der nicht- willentliche Wunsch, der unberührt von einem Objekt ist, ist dagegen Befrei- ung. Derjenige Wunsch, der noch vor dem Kontakt mit den Objekten existier- te, und der sogar jetzt und überhaupt immer existieren wird, ist natürlich und daher frei von Sorgen und Unreinheit. Ein derartiger Wunsch wird von den Weisen als frei von Bindung betrachtet. „Dies soll mein sein “ – sobald ein solches Verlangen im eigenen Herzen entsteht, lässt es die Unreinheit entstehen. Ein derartiges Verlangen sollte von einem weisen Menschen jederzeit und mit allen verfügbaren Mitteln aufgegeben werden. Gib den Wunsch auf, der zur Bindung führt, und gib auch den Wunsch nach Befreiung auf. Verbleibe still wie der Ozean. Wissend, dass das Selbst frei von Alter und Tod ist, lasse dich nicht davon in deinem Gemüt beunruhigen. Sobald das gesamte Universum als illusorisch erkannt worden ist, verliert jedes Verlangen seine Bedeutung. Die folgenden vier Arten von Gefühlen tauchen im Herzen eines Menschen auf: 1) Ich bin der Körper, der von meinen Eltern geboren worden ist, 2) Ich bin das subtile atomische Prinzip, das verschieden vom Körper ist, 3) Ich bin das ewige Prinzip, das über all diesen vergänglichen Objekten in dieser Welt steht, 4) das „Ich“ wie auch die „Welt“ sind rein wie leerer Raum. Von diesen führt das erste zur Bindung und die anderen zur Freiheit. Die Wünsche, die mit dem ersten Gefühl in Verbindung stehen, führen zur Bindung, und die Wünsche, die die anderen drei Gefühle begleiten, bewirken keinerlei Bindung. Nachdem die Erkenntnis „Ich bin das Selbst“ oder „ich bin das Selbst von allem“ aufgetaucht ist, fällt man nicht wieder in Irrtum und Kummer zurück. Es ist dieses Selbst allein, welches verschiedentlich als Leere, Natur, Māyā, 241
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    Brahman, Bewusstsein, Śiva,Puru«a usw. bezeichnet wird. Dieses allein ist auf ewig wirklich – etwas anderes gibt es nicht. Versuche die Nicht-Dualität zu verstehen, denn die Wahrheit ist nicht-dual. Jedoch bedeutet Handlung immer Dualität und funktioniert in scheinbarer Dualität – lasse daher deine Natur gleichzeitig an der Dualität und der Nicht-Dualität teilhaben. Die Reali- tät ist weder Dualität (denn es ist das Gemüt, das die Teilung erschafft) noch Einheit (da das Konzept der Einheit als Antithese der Dualität entsteht). Wenn diese Konzepte aufhören, wird das unendliche Bewusstsein als einzige Wirklichkeit erkannt. VASIåèHA fuhr fort: Der befreite Weise, der an den Geschehnissen der Vergangenheit, Gegen- V:18 wart und Zukunft nicht interessiert ist, betrachtet den Zustand der Welt mit Erheiterung. Da er beständig die angemessene Handlung ausführt und stets verankert in der glücklichen Mitte zwischen zwei extremen und widerstrei- tenden Gesichtspunkten ist, verharrt er unangefochten, dabei alle Formen von Konditionierung oder Absicht von sich weisend. Er ruht im höchsten Zustand der Fülle und ist daher weder erregt durch noch neugierig auf die Ereignisse in dieser Welt. Bei allen Zwistigkeiten befindet er sich in der neut- ralen Position, empfindet aber stets Mitgefühl und Wertschätzung für alle. Er ist unbeeindruckt von der Welterscheinung. Wenn man ihn anspricht, ant- wortet er auf einfache und zweckmäßige Weise; wird er nicht angesprochen, ist er still. Er sucht nach nichts und hasst nichts. Daher ist er in diese Welt nicht verwickelt. Er spricht von dem, was gut für alle ist, und auf Befragen erläutert er seine Sichtweise überzeugend. Er weiß, was angemessen und unangemessen ist. Er ist sich der Sichtweisen anderer Menschen bewusst. Er ist fest verankert im höchsten Zustand, bleibt in seinem eigenen Herzen kühl und ruhig und betrachtet den Zustand der Welt mit heiterer Gelassenheit. Solcherart ist der Zustand der Weisen, die die Befreiung noch zu ihren Lebzei- ten erlangt haben. Die Philosophien der Toren zu erläutern, die ihr eigenes Gemüt nicht be- herrschen und in den Sumpf der Sinnesvergnügen untergetaucht sind, geht über unser Vermögen hinaus. Sie sind ausschließlich an sexuellem Genuss und dem Erwerb materiellen Reichtums interessiert. Wir können auch nicht die Wege all der Rituale und Gebräuche darlegen, die allerhand Belohnungen in Form von Freude und Schmerz erbringen. Oh Rāma, lebe in dieser Welt mit uneingeschränkter Sicht, und weise ent- schieden alle Begrenztheit zurück. Sei innerlich frei von allem Verlangen und allen Hoffnungen, aber äußerlich tue, was zu tun ist. Prüfe alle Dinge und wähle stets das, was nicht begrenzt oder endlich ist; lebe in dieser Welt in beständiger Kontemplation des Unendlichen. Ohne irgendeine Art von Hoff- nung in deinem Herzen zu hegen, lebe so als wärest du voller Hoffnungen; lebe in dieser Welt mit einem ruhigen und kühlen Herzen, und benimm dich nach außen hin wie alle anderen. Gib in deinem Innern alle Vorstellungen von 242
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    „Ich bin derTäter“ auf, jedoch beteilige dich an allen äußeren Tätigkeiten. Lebe so in dieser Welt, o Rāma, frei von der geringsten Spur des Ich-Sinns. Bindung gibt es in Wahrheit nicht, und daher existiert auch keine Befreiung. Diese Welterscheinung ist in ihrem Wesen irreal und wie ein Taschenspieler- trick. Das allgegenwärtige, unendliche Selbst kann niemals gebunden werden – wie sollte es daher befreit werden? All diese Verwirrtheit entsteht nur auf- grund der Unwissenheit – sobald die Wahrheit erkannt wird, schwindet auch diese Konfusion wie die imaginäre Schlange im Seil. VASIåèHA fuhr fort: Du bist ein weiser Mensch, o Rāma, sei fest verwurzelt in der Egolosigkeit und bleibe rein wie der Raum. Wie können Vorstellungen wie „Dies sind meine Verwandten“ entstehen, wenn der Ich-Sinn abwesend ist? Das Selbst ist weder in diese Vorstellungen noch in die Vorstellungen von Freude und Schmerz, Gut und Böse involviert. Sei frei von der durch die Welterscheinung verursachten Furcht und Täuschung. Für jemanden, der ungeboren ist, gibt es keine Verwandten und keine durch diese Verwandten verursachten Sorgen! Wenn du erkennst, dass du schon jemand warst und auch jetzt jemand bist, und auch in Zukunft jemand sein wirst, und wenn du ferner erkennst, dass dies auch für alle diese Verwandten zutrifft, dann wirst du befreit von der Täuschung. Und falls du die Empfindung haben solltest, dass du warst, jetzt bist, aber später nicht mehr sein wirst, brauchst du ebenfalls nicht zu trauern, weil dies das natürliche Ende dieser Welterscheinung ist. Daher wäre es dumm, hier in dieser Welt zu trauern – es ist viel besser, allezeit glücklich zu sein und stets die nötigen Handlungen zu vollziehen. Oh Rāma, ergib dich jedoch weder dem Frohlocken noch dem Kummer, sondern ruhe immer in einem ausgeglichenen Zustand des Gemüts. Du bist das ewige unendliche Licht – rein und außerordentlich subtil. Diese Welterscheinung existiert jetzt – später wird sie verschwinden, um erneut aufzutauchen, jedoch nur für die Unwissenden, nicht für die Erleuch- teten. Diese Welterscheinung trägt in sich den Kummer – die Unwissenheit vermehrt und verschärft diesen. Du jedoch bist weise, o Rāma – sei daher glücklich. Die illusorische Erscheinung ist nichts als Illusion – Traum ist nie- mals etwas anderes als Traum! All dies ist die Macht des Allmächtigen – Er- scheinungen sind stets nur Erscheinungen. Wer ist der Verwandte hier und von wem, und wer ist Feind von wem? Durch den Wunsch des Höchsten Herrn sind alle alles für alle zu allen Zeiten! Dieser Strom der menschlichen Beziehungen fließt und fließt. Was oben ist, geht nach unten, und was unten ist, steigt auf; wie das Wagenrad. Diejenigen im Himmel gehen später in die Hölle, und die in der Hölle kommen in den Himmel. Sie wandern von einer Wesensart in die nächste, von einem Teil des Universums in den anderen. Die Tapferen werden Feiglinge und die Feiglinge werden Helden. Es gibt nichts in diesem Universum, das sich nicht verändert, o Rāma. Diejenigen, die als Verwandte betrachtet werden, gehen nach einer Weile fort. Freunde, Feinde, Verwandte, Fremde, ich und du sind nur Worte 243
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    ohne dazugehörige Substanz.„Er ist ein Freund“, „dieser ist kein Verwandter“ sind nur Gedanken einer mittelmäßigen Person – eine großmütige Person trifft keine derartigen Unterscheidungen. Oh Rāma, alle Wesen sind unsere Verwandten – denn in diesem Universum existiert keine absolute Bezie- hungslosigkeit. Die Weisen wissen, dass „es kein irgendwo gibt, wo ich nicht bin“ und „es gibt nichts, was nicht mein ist“ – auf diese Weise überwinden sie die Begrenztheit oder Konditioniertheit. *** Die Geschichte von Puïya und Pāvana VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, in diesem Zusammenhang gibt es eine alte Legende, die ich dir V:19 nun erzählen werde. Auf dem Kontinent, der unter dem Namen JambÆdvīpa bekannt ist, gibt es einen großen Berg, der Mahendra genannt wird. In den Wäldern, die die Hänge dieses Berges bedecken, leben viele Heilige und Weise. Es war ihnen gelungen, die Wasser des Flusses Vyoma GaÇgā (oder Akāsa GaÇgā) zum Baden und Trinken usw. auf den Berg zu lenken. Am Ufer dieses Flusses lebte ein heiliger Mann namens Dīrghatapā, der, wie der Name schon sagt, die Verkörperung unaufhörlicher Askese war. Dieser Asket hatte zwei Söhne, Puïya und Pāvana. Von den beiden hatte Puïya die volle Erleuchtung erlangt, während Pāvana, obschon er die Unwis- senheit überwunden hatte, die volle Erleuchtung noch nicht erlangt hatte und daher nur teilweise Weisheit besass. Im Verlauf der unsichtbaren und unberührbaren Zeit war der Weise Dīrghatapā (der sich selbst von allen Formen der Anhaftung und des Verlan- gens befreit hatte) schließlich alt geworden. Wie ein Vogel aus dem Käfig fliegt, hatte er seinen Körper verlassen und den Zustand äußerster Reinheit erlangt. Seine Frau, die von ihm die Wissenschaft des Yoga erlernt hatte, folgte ihm. Als seine Eltern so plötzlich verschieden waren, verfiel Pāvana in tiefe Trauer und klagte laut. Puïya dagegen führte die vorgeschriebenen Begräb- niszeremonien aus und blieb ungerührt durch diesen Verlust. Er suchte sei- nen trauernden Bruder Pāvana auf. PU×YA sprach: Bruder, weshalb nur lässt du dich von diesem schrecklichen Kummer überwältigen? Nur die Blindheit der Unwissenheit ist verantwort- lich für den Strom deiner Tränen. Unser Vater ist von hier geschieden, zu- sammen mit unserer Mutter, in den Zustand der Befreiung oder in den höchs- 244
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    ten Zustand, derfür alle Wesen natürlich und das wahre Sein derjenigen ist, die das persönliche Selbst überwunden haben. Weshalb trauerst du, da sie doch nur zu ihrer eigenen Natur zurückgekehrt sind? Du hast dich selbst aufgrund von Unwissenheit an die Vorstellungen von „Vater“ und „Mutter“ gebunden, und nun trauerst du um diejenigen, die von dieser Unwissenheit frei geworden sind? Weder war er dein Vater, noch war sie deine Mutter, noch bist du ihr Sohn. Du hast zahllose Mütter und Väter gehabt. Sie haben zahllose Kinder gehabt, und zahllos waren deine bisherigen Inkarnationen! Wenn du über den Tod deiner Eltern trauerst, weshalb trauerst du dann nicht auch unaufhörlich über den Tod der zahllosen Lebewesen? Edler du – was du als die Welt wahrnimmst, ist nichts als eine illusorische Erscheinung. In Wahrheit gibt es weder Freunde noch Verwandte. In Wirk- lichkeit gibt es weder Tod noch Trennung. Alle diesen wundervollen Zeichen des Wachsens und Gedeihens rings um dich sind Zaubereien, von denen einige drei und andere fünf Tage dauern! Erforsche mit deiner kühnen Intelli- genz die Wahrheit – gib Vorstellungen wie „ ich“, „du“ usw. auf, oder „er ist tot“, „er ist gegangen“. All dies ist nur deine eigene Vorstellung – nicht die Wahrheit. PU×YA fuhr fort: Diese falschen Vorstellungen von Vater, Mutter, Freund, Verwandten usw. werden von der Weisheit wie Staub im Wind fortgeweht. Diese „Verwandten“ V:20 haben nichts mit der eigentlichen Wahrheit zu tun, sondern sind nichts als Worte! Wen man für einen Freund hält, der wird zum Freund, und wen man für jemand anderes hält, der wird zu jemand anderem! Wenn all dies als das allgegenwärtige Sein gesehen wird, wo bleibt dann die Unterscheidung zwi- schen „Freund und einem anderen“? Bruder, erforsche dein eigenes Inneres. Dieser Körper ist leblos und aus Blut, Fleisch, Knochen usw. zusammengesetzt – wo ist das „ich“ in ihm? Wenn du so nach der Wahrheit forschst, wirst du erkennen, dass es da weder etwas wie ein „ du“ noch ein „ ich“ gibt. Was wir „Puïya“ oder „Pāvana“ nennen, sind nur falsche Vorstellungen. Wenn du es jedoch vorziehst zu denken „ich bin“, dann denke daran, dass du in deinen vergangenen Inkarnationen schon zahl- lose Verwandte hattest. Weshalb trauerst du nicht um diese? Als du ein Schwan warst, hattest du viele Verwandte; als du ein Baum warst, hattest du viele Baum-Verwandte, als Löwe hattest du viele Löwen-Verwandte, und ebenso sehr viele Fisch-Verwandte als Fisch. Weshalb weinst du nicht auch ihretwegen? Du warst einmal ein Prinz, du warst ein Esel, du warst ein Peepul- und dann ein Banyan-Baum. Du warst ein Brāhmaïa, du warst eine Fliege und auch ein Moskito, du warst eine Ameise. Ein halbes Jahr lang warst du ein Skorpion, dann eine Biene und nun mein Bruder. In diesen und vielen weiteren Inkarnationen bist du zahllose Male wieder und wieder geboren worden. So wie du habe auch ich viele, viele Wiederverkörperungen erfahren. Mit meiner subtilen Intelligenz, die rein und klarsichtig ist, vermag ich alle diese 245
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    und auch deinewahrzunehmen. Ich war ein Vogel, ein Kranich, ein Frosch, ein Baum, ein Kamel, ein König, ein Tiger – und jetzt bin ich dein älterer Bruder. Zehn Jahre lang war ich ein Adler, fünf Monate lang ein Krokodil und einhun- dert Jahre lang ein Löwe – jetzt bin ich dein älterer Bruder. Ich erinnere mich an all diese und noch viele andere Verkörperungen, die ich in einem Zustand der Unwissenheit und Täuschung durchlebt habe. In all diesen Inkarnationen gab es zahlreiche Verwandte. Wen sollte ich beklagen? Indem ich dies verste- he, unterlasse ich jede Trauer. Diesen gesamten Weg des Lebens entlang sind die Verwandten verstreut wie trockene Blätter auf einem Waldweg. Was kann in dieser Welt, Bruder, ein echter Grund für Trauer oder Freude sein? Lass uns daher all diese irrigen Vorstellungen aufgeben und im Frieden verbleiben. Gib die Idee der Welt auf, die in deinem Gemüt als das „ ich“ aufsteigt. Und sei still – weder sollst du aufwärts noch abwärts wandern! An dir haftet kein Unglücklichsein, keine Geburt, kein Vater, keine Mutter – du bist das Selbst und nichts anderes. Die Weisen wandern den Weg der Mitte – sie sehen, was im Moment geschieht, sie sind im Frieden, sie sind im Zeugenbewusstsein verankert. Sie leuchten wie die Lampe in der Dunkelheit, in deren Schein die Dinge lediglich gesche- hen (ohne dass die Lampe davon betroffen ist). VASIåèHA fuhr fort: V:21 Indem er auf diese Weise von seinem Bruder unterrichtet wurde, erwachte Pāvana. Beide lebten fortan als erleuchtete Wesen, ausgestattet mit Weisheit und direkter Erkenntnis. Sie durchwanderten den Wald in völliger Freiheit ihres Tuns, aber ohne jeden Makel. Im Verlaufe der Zeit gaben sie schließlich ihre Verkörperung auf und erlangten die letzte Befreiung – wie eine Lampe ohne Brennstoff. Verlangen ist die Quelle allen Kummers, oh Rāma – der einzig intelligente Weg besteht darin, allem Verlangen vollständig zu entsagen und sich ihm in keiner Weise hinzugeben. So wie ein Feuer heftig zu brennen beginnt, in das man Öl gießt, so werden die Gedanken durch Denken vervielfältigt. Die Ge- danken hören nur auf, wenn das Denken ausgelöscht wird. Besteige daher den Triumphwagen des Nicht-Denkens und nimm diese im Kummer versun- kene Welt mit mitfühlender und unbegrenzter Sichtweise wahr. Erhebe dich, Oh Rāma. Dies in der Tat ist der Zustand des Brahman – rein, frei vom Verlangen und von Krankheit. Sogar einer, der ein Tor war, wird vom Irrtum befreit, wenn er diesen Zustand erreicht. Wer auf dieser Erde frei umherwandert, in Beglei- tung der Weisheit als seinem Freund und der Bewusstheit als seinem weibli- chen Gefährten, gerät nie in Täuschung. In den drei Welten ist nichts von Wert enthalten – nichts, was man sich wünschen könnte, und was man nicht jederzeit erlangen könnte mit einem Gemüt, das frei von der Täuschung ist. Diejenigen, die vom Fieber des Verlan- gens befreit sind, unterziehen sich nicht länger dem Auf und Ab der verkör- 246
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    perten Existenz. Erfüllungerlangt das Gemüt nur durch äußerste Leiden- schaftslosigkeit, nicht aber durch Anhäufung von Wünschen und Hoffnungen. Für diejenigen, die bar jeder Anhaftung und allen Verlangens sind, sind diese drei Welten nicht viel größer als die Trittspur eines Kälbchens, und ein gan- zer Weltzyklus dauert für sie nicht länger als ein Augenblick. Die Kühle des Eises auf den Gipfeln der Himālayas ist nichts verglichen mit der Kühle des Gemütes eines Weisen, der frei vom Verlangen ist. Das Licht des Vollmonds ist nicht so leuchtend und der Ozean ist nicht so voll, noch ist das Antlitz der Göttin des Glücks so strahlend wie das Gemüt, das frei von Verlangen ist. Sobald alle Wünsche und Hoffnungen, die wie die Zweige des Baumes im Gemüt sind, abgeschnitten sind, nimmt das Gemüt seine eigene wahre Natur wieder an. Wenn du entschlossen diesen Hoffnungen und Verlangen die Wie- derkehr in dein Gemüt verweigerst, brauchst du dich vor nichts mehr zu fürchten. Wenn das Gemüt frei von den Gedankenbewegungen ist (die durch Hoffnungen oder Verlangen motiviert sind), dann wird es zum Nicht-Gemüt – und darin besteht die Befreiung. Das Denken, welches durch Hoffnungen und Verlangen ins Leben gerufen wird, wird „vÌtti“ (Gedankenregung) genannt. Sobald Hoffnungen und Verlangen aufgegeben werden, gibt es keinerlei vÌtti mehr. Sobald die Ursache verschwunden ist, hört auch die Wirkung auf. Ent- ferne daher zur Wiederherstellung des Friedens im Gemüt die störende Ursa- che, die in der Hoffnung und dem Verlangen besteht. *** Die Geschichte von Bali VASIåèHA fuhr fort: Oder, o Rāma, führe eine Verwandlung des Gemüts herbei, wie dies König V:22 Bali getan hat. Ich werde die nun die Geschichte von König Bali erzählen – höre aufmerksam zu, und du wirst die ewige Wahrheit erkennen. In einem Teil dieser Welt hier (jagat) gibt es das, was als Pātāla (Unterwelt) bekannt ist. Dort befinden sich außerordentlich schöne Dämoninnen, seltsa- me Reptilien mit mehreren Köpfen, Dämonen mit riesigen Körpern, ungeheu- re Elefanten, Orte, die stark verunreinigt sind und in denen ein entsetzlicher „kaÂa-kaÂa“-Lärm beständig die Luft erfüllt; es gibt Höhlen und Bergstollen voll mit Edelsteinen und Orte, die vom Staub der heiligen Füße des Weisen Kapila geweiht wurden (von einigen wird angenommen, dass Kalifornien der Kapila-araïya ist, der von Kapila bewohnte Wald!), und wiederum andere, die von Gott HāÂakeśvara geheiligt wurden, welcher von den himmlischen Mai- den verehrt wird. 247
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    Der Dämonen-König Bali,Sohn von Virocana, regierte dieses Gebiet. Der Beschützer dieses Königs war der Herr des Universums, Śri Hari selbst, daher verehrte ihn sogar der König der Himmel, Indra. Die Hitze der Ausstrahlung von diesem König Bali war so groß, dass die Ozeane austrockneten. Ein blo- ßer Blick aus seinen Augen konnte Berge versetzen. Bali herrschte eine sehr lange Zeit über die Unterwelt. Im Verlaufe der Zeit kam eine große Leidenschaftslosigkeit über König Bali. Er forschte wie folgt: Wie lange noch soll ich diese Unterwelt regieren, wie lange noch soll ich in diesen drei Welten wandern? Was gewinne ich durch die Herrschaft über dieses Königreich? Wenn doch alles, was es in den drei Welten gibt, der Zer- störung unterworfen ist – wie kann man dann erhoffen, Glück durch all das zu erfahren? Wieder und wieder erfährt man diese abgeschmackten Vergnügen, und die- selben Handlungen werden Tag für Tag in dieser Welt wiederholt – warum ist nicht einmal ein weiser Mensch davon beschämt? Derselbe Tag und dieselbe Nacht, immer wieder aufs Neue – das Leben in dieser Welt dreht sich wie ein Strudel. Wie kann man, indem man all das den ganzen Tag lang lebt, den Zustand erlangen, in dem diese wiederholte Existenz endlich aufhört? Wie lange müs- sen wir uns noch in diesem Strudel drehen, und welchen Nutzen hat all dies? Während er so reflektierte, erinnerte er sich: Ah, ich erinnere mich daran, was einst mein Vater Virocana sagte. Ich fragte ihn damals: „Vater, was ist das Ziel dieser Welterscheinung oder wiederholten Existenz? Wann wird sie an ein Ende gelangen? Wann wird die Täuschung des Gemüts aufhören? Durch was werden wir völlige Zufriedenheit erlangen – sodass wir nachher nichts mehr suchen müssen? Ich sehe, wie es unmöglich ist, dies durch die Erfahrung der weltlichen Vergnügen oder Handlungen zu erlangen, denn sie vertiefen die Täuschung nur noch! Bitte, teile mir mit, wie ich für immer im höchsten Frieden ruhen kann.“ VIROCANA sagte zu Bali: Mein Sohn, es gibt da ein ungeheures Reich – groß genug, um die drei Wel- V:23 ten zu verschlingen. Es gibt in ihm keine Seen, keine Ozeane, keine Berge, keine Wälder, keine Flüsse, keine Erde, keinen Himmel, keine Winde, keinen Mond, keine Götter, keine Dämonen, keine Halb-Götter, keine Pflanzen, kein Firmament, nicht hoch und niedrig, keine Worte, nicht mich, nicht die Götter wie etwa Vi«ïu. Nur das eine ist da, und dies ist das höchste Licht. Es ist all- mächtig, allgegenwärtig, es ist alles – und es ist still, als ob es untätig sei. Veranlasst durch es, den König, tut sein Minister alles. Was es nicht gibt, bringt er hervor, und was ist, verwandelt er. Dieser Minister ist unfähig, sich an irgendetwas zu erfreuen noch weiß er etwas. Obwohl er unwissend und leblos ist, tut er alles nach dem Willen seines Meisters, des Königs. Der König jedoch verbleibt allein und für sich, im Frieden. 248
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    BALI fragte: Vater, was ist das für ein Reich, das frei von psychosomatischen Krankhei- ten ist? Wo befindet sich der Minister, und wo befindet sich dieser König? Die Geschichte ist wunderbar und wurde noch nie vernommen. Sei so freundlich, mir all dies in allen Einzelheiten zu erläutern. VIROCANA erwiderte: Sämtliche Götter und Dämonen und auch eine Kraft, welche sie an Stärke um ein Vielfaches übertrifft, können den Minister auch nur herausfordern. Er ist weder Indra, der König der Götter, noch der Gott des Todes oder der Gott des Wohlstands, und auch kein Gott oder Dämon, den du leicht besiegen kannst. Zwar glaubt man, dass Vi«ïu die Dämonen getötet hat, aber in Wahr- heit war es dieser Minister, der sie vernichtete. Auch Götter wie Vi«ïu wur- den von ihm überwältigt und dazu gebracht, hier geboren zu werden. Amor hat seine Macht von diesem Minister bekommen. Auch der Zorn hat seine Macht von ihm. Es geschieht aufgrund seines Wunsches, dass es hier einen unaufhörlichen Konflikt zwischen Gut und Böse gibt. Dieser Minister kann nur durch seinen eigenen Herrn, den König, besiegt werden, durch niemanden sonst. Wenn im Verlauf der Zeit im Herzen des Königs ein solcher Wunsch erwacht, kann dieser Minister sehr leicht nieder- geworfen werden. In den drei Welten ist er der Mächtigste, und diese drei Welten sind nichts anderes als seine Ausatmung! Wenn du fähig bist, ihn zu überwinden, bist du in der Tat ein Held. Sobald der Minister auftaucht, werden die drei Welten manifestiert, so wie ein Lotos beim Aufstieg der Sonne erblüht. Wenn er zur Ruhe geht, legen sich die drei Welten schlafen. Falls du ihn überwinden kannst, mit einem gänzlich einsgerichteten Gemüt und völlig frei von Täuschung und Unwissenheit, dann bist du in der Tat ein Held. Sobald er überwunden ist, sind alle Welten und alles in ihnen Befindliche überwunden. Bleibt er dagegen unbesiegt, dann kann nichts als besiegt gelten – auch dann nicht, falls du glauben solltest, dies oder jenes in dieser Welt erobert zu haben. Daher, mein Sohn, um die absolute Vollkommenheit und die ewige Seligkeit zu erlangen, versuche mit allen deinen Kräften und in jeder denkbaren Weise, was immer auch die Schwierigkeiten und Hindernisse sein mögen, diesen Minister zu besiegen. BALI fragte: Vater, mit welchen wirksamen Mitteln kann dieser mächtige V:24 Minister überwunden werden? VIROCANA erwiderte: Obschon dieser Minister fast unbesiegbar ist, werde ich dir, mein Sohn, nun mitteilen, wie du ihn besiegen kannst. Er wird überwältigt, wenn man ihn durch intelligentes Handeln erfasst – ohne dies verbrennt er alles wie eine giftige Schlange. Wer sich ihm auf intelligente Weise nähert, mit ihm wie ein Kind spielt und ihn sich auf spielerische Weise unterordnet, der nimmt den König wahr und verankert sich im höchsten Zustand. Denn sobald der König 249
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    einmal gesehen wurde,gerät der Minister vollständig unter seine Kontrolle, und wenn der Minister unter seiner Kontrolle ist, dann wird der König noch deutlicher wahrgenommen. Solange der König nicht gesehen wird, wird auch der Minister nicht wirklich überwunden, und solange der Minister nicht überwältigt ist, kann auch der König nicht gesehen werden! Wird der König nicht gesehen, dann wütet der Minister und sorgt für Kummer überall; wenn der Minister nicht besiegt ist, bleibt der König unsichtbar. Die eigene kluge Praxis sollte daher zweifach vorgehen, nämlich den Minister unterwerfen und den König zu Gesicht bekommen. Durch intensive Eigenbemühung und steti- ge Praxis kannst du beides erreichen und dann dieses Gebiet betreten, in dem du nie wieder Kummer erfährst. Es ist das Gebiet, welches von den Heiligen bewohnt wird, die für immer im höchsten Zustand verankert sind. Mein Sohn, all dieses werde ich dir nun eindeutig erläutern! Das Gebiet, von dem ich sprach, ist der Zustand der Befreiung, der das Ende aller Sorgen bedeutet. Der König dort ist das Selbst, welches sämtliche anderen Reiche und Bewusstseinszustände transzendiert. Der Minister ist das Gemüt. Es ist das Gemüt, welches alles in dieser Welt erzeugt hat, wie etwa einen Topf aus Ton. Wenn das Gemüt erobert ist, dann ist damit alles erobert. Vergiss nicht, dass das Gemüt nahezu unbesiegbar ist, außer durch kluge Vorgehensweise und Praxis. BALI fragte: Vater, bitte teile mir mit, mit welcher intelligenten Praxis ich das Gemüt besiegen kann. VIROCANA erwiderte: Das bei weitem intelligenteste Mittel zur Unterwerfung des Gemüts ist voll- ständig ohne Wunsch, Hoffnung oder Erwartung zu sein im Hinblick auf alle Objekte und zu allen Zeiten. Dadurch kann dieser mächtige Elefant (das Ge- müt) unterworfen werden. Dieses Mittel ist gleichzeitig äußerst einfach und extrem schwierig, mein Sohn – es ist außerordentlich schwierig für denjeni- gen, der sich nicht einer ernsthaften Praxis widmet, aber sehr einfach für denjenigen, der in seinen Bemühungen unbeirrbar ist. Eine Ernte ohne die Aussaat gibt es nicht – ohne ausdauernde Praxis wird das Gemüt daher nicht unterworfen. Nimm daher diese Praxis der Enthaltung an. Solange man sich nicht von den Sinnesvergnügen abgewendet hat, wird man in dieser Welt voller Sorgen umherwandern. Auch ein entschlossener Mensch wird sein Ziel nicht erreichen, solange er sich nicht in die Richtung des Ziels bewegt. Niemand vermag ohne fortgesetzte Praxis den Zustand vollkommener Leidenschaftslosigkeit zu erlangen. VIROCANA fuhr fort: Allein durch rechte Bemühung vermag man die Leidenschaftslosigkeit zu erreichen – durch kein anderes Mittel. Die Leute reden von göttlicher Gnade oder Schicksal, aber in dieser Welt nehmen wir den Körper wahr, nicht Gott. Wenn die Leute von Gott sprechen, meinen sie damit das Unvermeidbare, was jenseits ihrer Einflussnahme ist und sich auf den Ablauf der natürlichen Vor- 250
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    gänge bezieht. Inderselben Weise wird auch hier das als göttliche Gnade bezeichnet, was den völligen Gleichmut und das Aufhören von Freude und Schmerz bewirkt. Göttliche Gnade, natürliche Ordnung und rechte Selbst- Bemühung beziehen sich alle auf dieselbe Wahrheit – die Unterscheidung rührt nur von falscher Wahrnehmung oder Illusion her. Was immer das Gemüt sich durch rechte Selbst-Bemühung ausdenkt, wird seine Früchte tragen, und sobald das Gemüt diese Früchte zu genießen be- ginnt, gibt es die Erfahrung der Freude usw. Das Gemüt ist der Täter – was immer es als die natürliche Ordnung (niyati) wahrnimmt, erschafft und er- zeugt es. Das Gemüt ist auch in der Lage, sich gegen die natürliche Ordnung zu wenden, aber man kann auch sagen, dass es der Urheber der natürlichen Ordnung ist. So wie der Wind sich im Raume bewegt, so funktioniert der jīva (die indivi- duelle Seele) in dieser Welt, indem er tut, was der natürlichen Ordnung ent- spricht, auch wenn diese Aktionen selbstsüchtig oder egoistisch erscheinen. Veranlasst durch die Natur scheint er still zu stehen oder sich zu bewegen – was beides nur Eindrücke oder falsche Überlagerungen sind, wie die vom Wind bewegten Wipfel der Bäume auf einem Berg den Eindruck vermitteln, dass der Gipfel selbst schwankt. So lange es daher das Gemüt gibt, gibt es weder Gott noch eine natürliche Ordnung – hat das Gemüt dagegen aufgehört, kann sein, was ist! BALI fragte: Hoher Herr, teile mir mit, wie ich das Nicht-Verlangen nach Vergnügen fest in meinem Herzen verankern kann. VIROCANA erwiderte: Mein Sohn, die Selbsterkenntnis ist die Kletterpflanze, deren Früchte das Nicht-Verlangen nach Vergnügen sind. Nur wenn das Selbst erkannt wird, kann sich die höchste Form der Leidenschaftslosigkeit fest im eigenen Herzen verwurzeln. Man sollte daher beständig das Selbst betrachten durch intelli- gente Erforschung und auf diese Weise gleichzeitig das Verlangen nach Ver- gnügen aufgeben. Solange das Gemüt noch unerweckt ist, sollte man zwei Viertel des Gemüts mit der Freude am Vergnügen beschäftigen, ein Viertel mit dem Studium der Schriften und das restliche Viertel mit dem Dienst für den Guru. Wenn das Gemüt teilweise erweckt ist, dann werden zwei Viertel dem Dienen des Gurus gewidmet und die anderen erhalten jeweils ein Viertel. Wenn das Gemüt dann voll erwacht ist, werden zwei Viertel wieder dem Dienen des Gurus gewid- met, während die anderen beiden Viertel sich mit dem Studium der Schriften befassen; dabei pflege man als ständigen Begleiter die Leidenschaftslosigkeit. VIROCANA fuhr fort: Nur wer von Güte erfüllt ist, ist qualifiziert, die Darlegung der höchsten Weisheit zu hören. Daher sollte man stets danach streben, sein Gemüt mit 251
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    Hilfe des reinigendenWissens zu bilden und es durch die innere Verwand- lung zu nähren, die durch das Studium der Schriften hervorgerufen wird. Wenn das Gemüt verwandelt ist, kann es die Wahrheit ohne Verzerrung re- flektieren. Ohne Verzögerung sollte man dann danach streben, das Selbst zu erblicken. Diese beiden – Selbsterkenntnis und das Aufhören des Verlangens – sollten gleichzeitig erfolgen und Hand in Hand gehen. Wahre Leidenschaftslosigkeit entsteht in einem nicht aufgrund von Enthalt- samkeit, Wohltätigkeit, Pilgerfahrten u. ä., sondern nur durch die unmittelba- re Wahrnehmung der eigenen Natur. Und nur die rechte Selbstbemühung führt zur direkten Selbsterfahrung. Daher sollte man jede Abhängigkeit an einen Gott oder das Schicksal aufgeben und durch rechte Bemühung ent- schlossen das Verlangen nach Vergnügen aufgeben. Sobald die Leiden- schaftslosigkeit gereift ist, erhebt sich der Geist der Erforschung in einem. Der Geist der Erforschung stärkt die Leidenschaftslosigkeit. Beide sind von- einander abhängig wie der Ozean und die Wolken. Diese beiden wie auch die Selbst-Verwirklichung sind alle zusammen intime Freunde und existieren stets gemeinsam. Daher sollte man als erstes alle Anhänglichkeit an fremde Faktoren (wie Gott) aufgeben und durch Zusammenbeißen der Zähne und intensiver Selbst- bemühung die Leidenschaftslosigkeit kultivieren. Man mag aber, ohne gegen die örtlichen Traditionen und Gebräuche zu verstoßen und ohne sich den Verwandten zu widersetzen, Wohlstand erwerben. Man sollte diesen Wohl- stand dann dazu verwenden, die Gesellschaft der guten und heiligen Männer zu erlangen, die mit edlen Tugenden ausgestattet sind. Die Gemeinschaft mit Heiligen erzeugt Leidenschaftslosigkeit. Dann folgen der Geist der Erfor- schung, die Erkenntnis und das Studium der Schriften. Stufenweise erreicht man dann die höchste Wahrheit. Wenn du dich vollständig davon abwendest, Vergnügungen zu suchen, er- langst du durch Erforschung den höchsten Zustand. Sobald das Selbst voll- ständig gereinigt ist, wirst du dich im höchsten Frieden verankert finden. Du wirst nie wieder in den Sumpf der Konzeptualisierung fallen, der die Quelle des Kummers ist. Du wirst frei von allen Hoffnungen und Erwartungen wei- terleben. Du bist rein! Ich verneige mich vor dir, o Verkörperung von Glückse- ligkeit! Erwirb in Übereinstimmung mit der herrschenden sozialen Tradition ein wenig Wohlstand und suche damit die Gesellschaft der Heiligen zu erlangen. Verehre sie. In ihrer Gesellschaft wirst du lernen, die Objekte des Vergnügens zu verachten. Und durch rechte Erforschung wirst du Selbsterkenntnis erlan- gen. BALI sprach zu sich selbst: V:25, 26 Glücklicherweise erinnere ich mich an alles, was mein Vater mir gesagt hat. Da jetzt das Verlangen nach Vergnügen in mir aufgehört hat, werde ich den Zustand der Stille erreichen, der wie Nektar ist. Wirklich und wahrhaftig bin ich müde des erfolglosen Suchens nach Reichtum, Wunscherfüllung und nach 252
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    sexuellem Vergnügen. Wunderbarist dieser Zustand des inneren Friedens, wenn alle Vergnügen und Schmerzen ihre Bedeutung verlieren. Das Leben ist der wiederholte Ablauf der immergleichen Erfahrungen – nie wird wirklich etwas Neues erfahren. Ich werde daher alles aufgeben und mit einem Gemüt, das sich von allem Suchen nach Freuden abgewendet hat, auf immer glücklich im Selbst verbleiben. Dieses Universum ist nur die Schöp- fung meines Gemütes – was verliere ich, indem ich es aufgebe? Genug sogar von all diesem Bereuen ! Was in einer Kur als einziges zählt, ist die unverzügliche Behandlung der Krankheit. „Wer bin ich?“ „Was ist all dies?“ – diese Fragen werde ich meinem Guru Śukra stellen. VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er zu diesem Entschluss gelangt war, kontemplierte Bali über Śukra, den Guru der Dämonen. Śukra war aufgrund des unendlichen Be- wusstseins, in dem er verankert war, allgegenwärtig und wusste daher, dass sein Schüler seiner Gegenwart bedurfte. Unverzüglich materialisierte er da- raufhin seinen Körper vor König Bali. In der unmittelbaren Gegenwart des Gurus begann Bali zu strahlen und zu leuchten. Er erwies dem Guru die ihm zukommenden Ehren und huldigte mit besonderer Hingabe den Füßen des Gurus. BALI fragte Śukra: Hoher Herr, es geschieht durch die Widerspiegelung dei- ner göttlichen Ausstrahlung, dass ich mich veranlasst fühle, diese Fragen zu stellen. Ich habe keinerlei Verlangen nach Vergnügen und ich will die Wahr- heit erfahren. Wer bin ich? Und wer bist du? Was ist diese Welt? Bitte unter- weise mich in diesen Fragen! ŚUKRA erwiderte: Ich bin unterwegs zu einem anderen Reich, oh Bali, aber ich werde dir in wenigen Worten die eigentliche Essenz der Weisheit mitteilen. Bewusstsein allein existiert, Bewusstsein allein ist alles hier, all dies ist angefüllt mit Be- wusstsein. Ich, du und diese ganze Welt sind nichts als Bewusstsein. Wenn du demütig und aufrichtig bist, wirst du aus dieser meiner Darlegung alles ge- winnen, was es zu gewinnen gibt; wenn nicht, dann wäre der Versuch einer weiteren Erklärung wie Opfergaben in einen Haufen Asche zu geben (d.h. nutzlos, da Opfergaben sinnvollerweise nur in heiliges Feuer gegeben wer- den). Die Objektivität (Konzeptualisierung) des Bewusstseins wird Bindung genannt, und die Aufgabe dieser Objektivität Befreiung. Bewusstsein minus diese Objektivität ist die Realität von allem – das ist die Überzeugung in allen Philosophien. Wenn du in dieser Sichtweise verankert bist, erlangst auch du das unendliche Bewusstsein. Ich werde dich nun verlassen, um die Arbeit der Götter zu tun, denn solange dieser Körper andauert, soll man die rechte Handlung niemals unterlassen. Nachdem Śukra ihn verlassen hatte, überlegte BALI wie folgt: V:27 253
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    Was mein Gurumir gesagt hat, ist in der Tat zutreffend und angemessen. Gewiss – all dies hier ist nur Bewusstsein und nichts anderes. Nur wenn das unendliche Bewusstsein das Konzept „Dies ist die Sonne“ unterhält, wird diese Sonne von der Dunkelheit unterschieden; es ist das Bewusstsein, wel- ches Licht von der Dunkelheit unterscheidet. Es ist Bewusstsein, das Erde als Erde, die Richtungen im Raum als Richtungen und die ganze Welt als Welt wahrnimmt. Wenn das Bewusstsein einen Berg nicht als Berg verstehen würde, würde dieser dann als Berg existieren? Bewusstsein ist all dieses – die Sinne, der Körper, die Wünsche, die im Ge- müt auftauchen, alles was innen und alles was außen ist, Raum und die ewig wechselnden Phänomene. Es geschieht in der Tat aufgrund dieses Bewusst- seins, dass ich in der Lage bin, mit den Objekten in Kontakt zu kommen und sie zu erfahren – nicht aber aufgrund des Körpers selbst. Auch ohne den Körper bin ich Bewusstsein, das das Selbst des gesamten Universums ist. Da nur Bewusstsein als Eines ohne ein Zweites existiert – wer ist mein Freund und wer ist mein Feind? Auch wenn der Kopf des Körpers namens Bali abgehauen würde – würde das unendliche Bewusstsein seinen Kopf verlieren? Sogar Hass und ähnliche Eigenschaften dieser Art sind nichts als Modifikationen des Bewusstseins. Daher, es sei noch einmal gesagt, gibt es weder Hass noch Anhaftung und weder Gemüt noch seine Modifikationen – da Bewusstsein unendlich und absolut rein ist, wie können Perversionen in ihm entstehen? „Bewusstsein“ ist nicht sein Name – es ist nichts als ein Wort! Bewusstsein hat keinen Namen. Ich bin das ewige Subjekt, frei von Objekt und Prädikat. Ich verneige mich vor dem allgegenwärtigen Bewusstsein, das frei von dem verführerischen Konzept der Objekte ist und daher ewig frei. Ich verneige mich vor mir selbst als das von der Subjekt-Objekt-Trennung freie Bewusstsein, welches stets in angemessener Weise ohne Getrenntheit handelt und das Licht ist, welches in allen Erscheinungen widerspiegelt wird. Ich bin dieses Bewusstsein, in dem das Verlangen nach Erfahrungen aufgehört hat. Ich bin unbegrenzt wie Raum, ich bin unberührt von Glück, Unglück und ähnlichem. Alle können mit mir tun, was sie wollen, denn ich bin von ihnen nicht verschieden. Die Bewegung der Energie in einer Substanz führt weder zu Verlust noch zu Gewinn. Wenn das Bewusstsein allein alles ist, dann bewirken Gedanken oder ihre Expansi- on nicht, dass das Bewusstsein expandiert oder kontrahiert. Ich werde daher weiterhin aktiv sein, bis ich den Zustand absoluter Stille im Selbst erlangt habe. VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er so nachgedacht hatte, sprach Bali das geheiligte Wort OM aus und verblieb in der Stille, indem er über dessen subtile Bedeutung kontemp- lierte. Frei von allen Zweifeln, von der Wahrnehmung von Objekten und ohne eine Trennung zwischen Denker, Gedanke und Denken, Meditation, Meditie- render und Objekt der Meditation, und ohne Intentionen und Konzepte, ruhte Bali fest im höchsten Zustand mit einem Gemüt, in dem alle Gedankenregun- 254
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    gen aufgehört hatten,wie bei einer Lampe an einem windstillen Ort. Auf diese Weise lebte er eine beträchtliche Zeit. VASIåèHA fuhr fort: Alle Dämonen (Gefolgsleute oder Untertanen des Königs Bali) eilten zum V:28, 29 Palast und umgaben den König, der in tiefer Kontemplation saß. Unfähig, dieses Mysterium zu verstehen, dachten sie an ihren Guru Śukra. Sie erblick- ten Śukra vor sich. Śukra sah, dass sich Bali in einem überbewussten Zustand befand. Er sprach zu den Dämonen und strahlte dabei vor Freude: „Dies ist in der Tat wundervoll, oh ihr Dämonen, dass dieser König Bali vermöge seiner eigenen entschlossenen Forschung eine solche Vollkommenheit erlangt hat. Lassen wir ihn in seinem eigenen Selbst ruhen. Die mentale Aktivität, welche die Wahrnehmung dieser Welt in ihm auftauchen ließ, hat aufgehört zu sein – versucht daher nicht, ihn anzusprechen. Wenn die finstere Nacht der Unwis- senheit an ein Ende gelangt, steigt die Sonne der Selbsterkenntnis auf – in eben diesem Zustand befindet er sich jetzt. Im Verlaufe der Zeit wird er von selbst aus diesem Zustand zurückkommen, sobald der Same der Weltwahr- nehmung wieder in ihm zu wachsen beginnt. Widmet euch daher wie bisher euren Tätigkeiten – er wird in tausend Jahren zum Weltbewusstsein zurück- kehren.“ Nachdem sie dies vernommen hatten, kehrten die Dämonen zu ihren Pflich- ten und Ämtern zurück und fuhren fort, die für das Reich erforderlichen Tätigkeiten auszuüben. Nach tausend Jahren (in der Zeitrechnung der Götter) der Kontemplation wurde König Bali durch die Musik der himmlischen We- sen und Gottheiten erweckt. Ein übernatürliches Licht ging von ihm aus und erleuchtete die ganze Stadt. Noch bevor die Dämonen zu ihm kamen, dachte Bali wie folgt nach: Dies war in der Tat ein wunderbarer Zustand, in dem ich für einen kurzen Moment verweilte. Ich werde für immer in diesem Zustand verbleiben, denn was habe ich mit den Angelegenheiten der äußeren Welt zu schaffen? In mei- nem Herzen herrschen nun höchster Friede und Seligkeit. (Unterdessen hatten die Dämonen den Ort erreicht, an dem er saß. Nach- dem er sie betrachtet hatte, fuhr Bali fort zu reflektieren:) Ich bin Bewusstsein und in mir existieren keine irrigen Vorstellungen. Was gibt es für mich zu erlangen oder aufzugeben? Was für ein Scherz – ich suche nach der Befreiung, aber wer hat mich gebunden, wann und wie? Weshalb verlange ich dann nach der Befreiung? Es gibt weder Bindung noch Befreiung – was könnte ich durch meditieren oder nicht-meditieren erreichen? Befreit von der Täuschung von Meditation oder Nicht-Meditation sollen die Dinge sein, wie sie sind – für mich bedeutet dies weder Gewinn noch Verlust. Weder verlangt es mich nach Meditation noch nach Nicht-Meditation, und weder verlangt es mich nach Freude noch nach Nicht-Freude. Ich wünsche mir we- der das höchste Sein noch die Welt. Weder bin ich tot noch lebendig – weder wirklich noch unwirklich. Ich verneige mich vor mir selbst, dem unendlichen 255
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    Sein! Lass dieseWelt mein Königreich sein, und ich bin, was ich bin; lass diese Welt nicht mein Königreich sein, und ich bin, was ich bin. Was habe ich mit Meditation zu tun, und was habe ich mit dem Königreich zu tun? Lasst ge- schehen, was zu geschehen hat. Ich gehöre zu niemandem und niemand ge- hört zu mir. Es gibt absolut nichts zu tun, was von dem zu tun wäre, der ich sein soll – weshalb sollte ich dann nicht einfach tun, was natürlich ist? Nach diesen Überlegungen ließ König Bali seinen strahlenden Blick über die Versammlung der Dämonen wandern, so wie die Sonne den Lotos be- strahlt. VASIåèHA fuhr fort: Anschließend regierte König Bali das Königreich, wobei er alles spontan und ohne Vorsätzlichkeit ausführte, was zu tun war. Er verehrte die Brāhmanen, die Götter und die Heiligen. Er trat seinen Verwandten mit Ver- ehrung entgegen. Er belohnte seine Dienerschaft reichlich und war in der Wohltätigkeit freigebiger, als man normalerweise erwartete. Er war acht- ungsvoll und anständig gegenüber den Frauen. In seinem Herzen entstand der Wunsch nach der Ausübung eines heiligen Ritus. Rasch versammelte er die Männer und Gegenstände, die dafür benötigt wurden. Während der Ausübung der Riten geschah es, dass Lord Vi«ïu, der Bali die Herrschaft über die drei Welten entwenden und an Indra übergeben wollte, die Gestalt eines Zwerges annahm und Bali betrog. Er veranlasste ihn, die Regierungsgewalt über die Welt Vi«ïu als wohltätige Gabe zu übertragen. Oh Rāma, dieser Bali wird der nächste Indra sein. Deshalb bewohnt er jetzt die Unterwelt (in die er von Lord Vi«ïu selbst gesandt worden ist) als befrei- ter und erleuchteter Weiser, die Zeit erwartend, in der er den Himmel regie- ren wird. Ob er von Glück oder Unglück heimgesucht wird – stets bleibt er vollkommen unbetroffen. Sein Bewusstsein erfährt weder Jubel noch Nieder- geschlagenheit in Glück oder Unglück. Die drei Welten hat er Milliarden von Jahren regiert – nun ist sein Herz im Frieden. Ein weiteres Mal wird er als Indra für sehr lange Zeit die drei Welten regieren. Jedoch ist er weder erregt über die Aussicht, Indra zu werden, noch war er betrübt, als er seine Position verlor und in die Unterwelt geschleudert wurde. Er heißt willkommen, was immer ihm ungesucht begegnet und ist im Frieden mit sich selbst. Nun habe ich dir also die Geschichte von König Bali erzählt, oh Rāma. Er- lange dieselbe Sichtweise, die er hatte, und erfreue dich des höchsten Glü- ckes. Gib das Verlangen nach den substanzlosen und nutzlosen Sinnesver- gnügen in dieser Welt auf. Die anziehenden Objekte, die dich verführen und deine Aufmerksamkeit fesseln, verdienen deine Bewunderung nicht mehr als Steinfiguren in der Ferne. Verankere dein Gemüt, welches von einem Ding zum nächsten flitzt, fest in deinem Herzen. Du bist das Licht des Bewusstseins, oh Rāma; in dir selbst sind diese Welten verwurzelt. Wer ist dein Freund, wer sind andere? Du bist das Unendliche. In 256
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    dir sind alleWelten wie die Perlen eines Rosenkranzes aufgereiht. Das Wesen, welches du selbst bist, wurde weder geboren noch wird es sterben. Das Selbst ist wirklich, Geburt und Tod sind reine Einbildung. Erforsche die Natur aller dieser Krankheiten, die das Leben heimsuchen, und lebe ohne Verlan- gen. Du bist das Licht und der Herr, Rāma, und diese Welt erscheint in diesem Licht. Sie hat keinerlei reale und unabhängige Existenz. Zuvor hast du wiederholt die falschen Vorstellungen von Erwünschtem und Unerwünschtem gehabt – gib diese beiden ebenfalls auf. Dann wirst du dich des Gleichmuts erfreuen; das Rad der Geburt wird zum Stillstand kommen. In was auch immer das Gemüt versinken will – hole es von dort heraus und lenke es in Richtung der Wahrheit. Auf diese Weise wird der wilde Elefant des Gemüts gezähmt. Lass dich nicht von den langatmigen, leeren Aussagen der schlechten selbsternannten Lehrer verwirren, die über keinerlei direkte Erfahrung verfügen. Durch Lauschen auf meine Darlegungen wirst du be- stimmt die Erleuchtung erlangen. *** Die Geschichte von Prahlāda VASIåèHA fuhr fort: V:30, 31 Oh Rāma, ich werde dir nun eine andere Geschichte erzählen, die den Pfad zur Erleuchtung illustriert, der frei von Hindernissen ist. In den Unterwelten gab es einmal einen mächtigen Dämonenkönig namens Hiraïyakaśipu. Er hatte die Herrschaft über die drei Welten Indra (Hari?) abgerungen. Er regierte diese drei Welten. Er hatte viele Söhne. Unter ihnen befand sich der berühmte Prahlāda, der wie ein Diamant unter Juwelenfun- kelte. Der Dämonenkönig, der sich so der Souveränität über die drei Welten, der Segnung einer mächtigen Armee und wohlgeratener Kinder erfreute, wurde stolz und anmaßend. Seine gewalttätigen Methoden und seine Schreckens- herrschaft beunruhigten die Götter, die den Schöpfer Brahmā anflehten, sie aus ihrer gefährlichen Lage zu befreien. In Erwiderung ihrer Gebete nahm Lord Hari die Gestalt von Narasimha an und vernichtete den Dämonenkönig. Narasimhas Körper war riesig und machtvoll. Er hatte scharfe und schreckli- che Zähne und Nägel. Seine Ohrringe waren wie Feuerringe. Sein Bauch war wie ein Berg. Er besaß machtvolle Arme, mit denen er die gesamte Schöpfung ins Wanken bringen konnte. Sein Atem ließ die Berge erbeben. Die Haare seines Körpers waren wie Feuerzungen. Seine Glieder wirkten wie furchtbare Geschosse. Unfähig, dem glühenden Blick Narasimhas zu widerstehen, flohen die Dämonen in alle Richtungen. Die innersten Gemächer des Palastes brann- ten zu Asche nieder. 257
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    Prahlāda, dessen Lebengeschont wurde, führte die Begräbnisriten für seine gefallenen Verwandten aus. Er kümmerte sich um die Verwundeten. Fas- sungslos über das Ausmaß der Zerstörung standen er und andere, die am Leben geblieben waren, unbeweglich da. PRAHLùDA grübelte: Wer ist jetzt noch da, um uns zu helfen? Hari hat die eigentlichen Wurzeln der Dämonenfamilien vernichtet. Oh weh – unser Feind hat mit Leichtigkeit den Gipfel des militärischen Sieges erklommen. Die Göt- ter, die sich demütig zu Füßen meines Vatersverneigten, haben nun unser Reich besetzt. Meine eigenen Verwandten sind glanzlos, müßig, ohne Begeis- terung, notleidend und elend. Die Dämonen, die einst stark und mächtig waren, sind nun schwach und schüchtern wie einst die Götter – das Schicksal ist in der Tat mysteriös. Ein zaghaftes Reh, das in ein unbekanntes Dorf gerät, erschreckt schon beim Geräusch eines fallenden Blattes. Auf die gleiche Weise geraten die Dämoninnen, die die Stärke des Gegners gesehen haben, vor allem und jedem in Panik. Die Götter haben den wunscherfüllenden Baum zurückgenommen. So wie zuvor die Dämonen erfreut waren, die Angesichter der Göttinnen zu erbli- cken, so erfreuen sich jetzt die Götter am Anblick der Dämoninnen. Die Halb- Göttinnen und andere, die das Leben in den inneren Gemächern der Dämo- nen genossen, sind geflohen und in die Wälder des Berges Meru entschwun- den, wo sie wie Vögel des Waldes leben. Meine eigenen Mütter (die Königin- nen) sind zu leibhaftigen Abbildern des Kummers geworden. Oh weh – der Fächer meines Vaters dient nun Indra. Durch die Gnade Haris wurden wir unvergleichlichem und unsäglichem Leiden unterworfen. Schon der bloße Gedanke daran macht uns elend und verzweifelt. PRAHLùDA fuhr fort zu grübeln: So wie die schneebedeckten Gipfel der Himālayas niemals der sengenden Hitze der Sonne ausgesetzt sind, so sind die Götter, die im Schutze von Vi«ïu leben, niemals der Unterdrückung ausgesetzt. So wie ein kleiner auf einem Ast sitzender Affe einen großen Hund, der unter dem Baum steht, irritieren kann, so plagen die Götter dank ihrer Sicherheit im Schutze Vi«ïus die Dä- monen. Es ist Vi«ïu, der das ganze Universum schützt und aufrechterhält. Auch wenn Vi«ïu den Gebrauch von Waffen aufgeben würde, wäre niemand fähig, ihm zu widerstehen (Narahimsa benutzte keine konventionellen Waffen). Er allein ist die Zuflucht aller Wesen in dieser Welt, und daher sollte man unter allen Umständen das Heil in ihm suchen – eine andere Möglichkeit gibt es nicht. Keiner ist ihm überlegen, er allein ist die Ursache der Schöpfung, der Erhaltung und Auflösung des Universums. Von jetzt an werde ich mich Vi«ïu ergeben und so leben, als ob seine Gegenwart mich erfüllt. Das ihm gewidme- te Mantra „Namo Nārāyaïāya“ kann dem Ergebenen jeden Segen bringen – mag es mein Herz niemals verlassen. 258
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    Wer jedoch selbstnicht Vi«ïu ist, kann auch keinen Nutzen aus der Vereh- rung Vi«ïus ziehen. Man muss Vi«ïu verehren, indem man selbst Vi«ïu ist. Daher bin ich Vi«ïu! Der als Prahlāda bekannt war, wird hinfort niemand anderes als Vi«ïu sein - Dualität gibt es nicht mehr. Nun trägt mich Vi«ïus Reittier Garu¬a. Seine Insignien zieren meine Glieder. Lak«mi, seine Gefähr- tin, steht an meiner Seite. Alle göttliche Pracht Vi«ïus ist damit mein gewor- den. Das Muschelhorn, der Diskus, der Streitkolben und das Schwert – diese Zei- chen, die unverwechselbar mit Vi«ïu in Verbindung stehen, sind nun mit mir. Der Lotos, aus dem der Schöpfer Brahmā geboren wird, entspringt meinem Nabel. Das gesamte Universum, welches wiederholt erscheint und ver- schwindet, befindet sich in meinem Bauch. Meine Farbe ist nun die Farbe Vi«ïus – die Bläue. Gekleidet bin ich in das gelbe Gewand Vi«ïus. Ich bin Vi«ïu. Wer kann noch mein Feind sein, und wer kann mich noch herausfordern? Da ich Vi«ïu bin, hat derjenige, der mir feind- lich entgegentritt, zweifellos das Ende seiner Lebenszeit erreicht. All diese Dämonen, die mir gegenüberstehen, finden es schwierig oder unmöglich, den von mir ausgehenden Glanz auszuhalten. Und die Götter singen wahrhaftig zu meinem Ruhm, da ich nun Vi«ïu bin. Ich habe allen Sinn der Dualität transzendiert und bin selbst zu Vi«ïu ge- worden. In dessen Bauch auf immer die drei Welten existieren, der alle bösen Mächte des Universums überwindet und die Sorgen und Kümmernisse aller zerstreut – ich bin er, und vor ihm verneige ich mich.. VASIåèHA fuhr fort: Indem er sich auf diese Weise selbst in das Abbild Vi«ïus versetzt hatte, V:32, 33 dachte Prahlāda an die Verehrung Vi«ïus. Er dachte: „Hier steht ein weiterer Vi«ïu, der ebenfalls auf seinem Reittier Garu¬a sitzt, der mit allen göttlichen Eigenschaften und Kräften ausgestattet ist und alle die Insignien trägt, die die Stellung Vi«ïus anzeigen. Ich werde ihn nun entsprechend der Tradition, auf die sich diese Verehrung bezieht, verehren, jedoch rein mental.“ Nachdem er zu diesem Entschluss gekommen war, verehrte Prahlāda Vi«ïu mental mit all den Gegenständen, die von der Tradition und den Schriften angeordnet werden. Danach verehrte er Vi«ïu mit äußeren Riten und Ge- bräuchen. Nach Beendigung seiner Verehrung frohlockte Prahlāda. Von diesem Zeitpunkt an verehrte Prahlāda Vi«ïu täglich auf diese Weise. Alle Dämonen des Königreiches, die ihn beobachteten und seinem Beispiel folgten, wurden ebenfalls zu standhaften Anhängern Vi«ïus. Wie ein wildes Feuer verbreitete sich im Himmel die Nachricht, dass die Dämonen, die vor kurzem noch Feinde von Vi«ïu waren, nun zu seinen Verehrern geworden waren! Die Götter des Himmels waren verblüfft – wie konnten die Dämonen zu Verehrern werden? Rasch gingen sie zu Vi«ïu und befragten ihn. DIE GÖTTER sprachen: 259
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    Höchster Herr, wasist dieses Mysterium? Die Dämonen sind traditioneller- weise deine Feinde. Dass sie sich nun in deine Anhänger verwandelt haben, kann nichts als unrealistisch und ein Trick sein. Wohin ist die teuflische Natur der Dämonen gegangen, und woher sollte ihre Ergebenheit für dich kommen, die nur in der letzten Verkörperung eines jīva entstehen kann? Gute und göttliche Qualitäten passen in keiner Weise zu diesen Dämonen – es klingt so unglaubwürdig. Gewiss befinden sich die Qualitäten eines Wesens stets in Übereinstimmung mit der fundamentalen Natur dieses Wesens. Zu hören, dass diese Dämonen über Nacht zu deinen Verehrern geworden sind, ist geradezu schmerzlich. Wenn man sagen würde, dass sie nach und nach höhe- re Zustände des Seins erreicht hätten, edle Eigenschaften kultiviert und so schließlich zu deinen Anhängern geworden sind, dann würden wir dies sehr wohl zu verstehen wissen. Aber es erscheint unglaubwürdig, dass jemand mit einer verruchten Veranlagung urplötzlich dein Ergebener geworden sein soll. DER HÖCHSTE HERR erwiderte: Oh ihr Götter, plagt euch nicht mit Zweifeln und Hoffnungslosigkeit. Prahlāda wurde zu meinem Ergebenen. Gewiss ist dies seine letzte Geburt, und er verdient es, jetzt die Befreiung zu erlangen. Die Keime seiner Unwis- senheit sind verbrannt – er wird nicht wiedergeboren werden. Es ist sinnlos und schmerzlich zu hören, dass ein guter Mensch zu einem böse Gesinnten geworden ist. Es ist jedoch recht und gut zu vernehmen, dass einer, der zuvor ohne gute Qualitäten war, nun gut geworden ist. Prahlādas Wandel ist zu eurem Guten. (alternative Deutung: Es ist unrichtig zu sagen, dass einer, der begrenzt und konditioniert war, nun unkonditioniert geworden ist, aber es ist wahr zu sagen, dass das unkonditionierte Wesen ohne Qualitäten als konditi- oniert erscheint.) VASIåèHA fuhr fort: Nachdem Vi«ïu dies den Göttern versichert hatte, verschwand er. Die Göt- ter kehrten daraufhin zu ihren Wohnstätten zurück. Gegenüber Prahlāda wurden sie freundlich gesinnt. Täglich verehrte Prahlāda nun Lord Vi«ïu durch Gedanken, Worte und Ta- ten. Als unverzügliche Frucht dieser Verehrung wuchsen alle edlen Eigen- schaften wie Weisheit und Leidenschaftslosigkeit in ihm. Er suchte nicht mehr das Vergnügen, und auch sein Gemüt hegte keinen Wunsch nach Ver- gnügen. Nachdem er alles Verlangen nach Vergnügen aufgegeben hatte, bau- melte sein Gemüt haltlos in der Luft. Lord Vi«ïu erschien nun, um den Zu- stand Prahlādas in Augenschein zu nehmen. Er bereiste die Unterwelt bis zu dem Ort, an dem Prahlāda seine Verehrung ausführte. Als dieser ihn sah, war er überwältigt vor Freude und betete Vi«ïu wiederum an. PRAHLùDA betete: Ich nehme Zuflucht in den Höchsten Herrn, in welchem die drei Welten voll Freude sind, der das höchste Licht ist, welches die Finsternis von Unwissen- heit und Unreinheit vernichtet, der die Zuflucht der hilflos Notleidenden ist, 260
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    der der HöchsteHerr ist, dessen Zuflucht allein gesucht werden soll, die un- geborene, die sicherste Sicherheit. Du bist strahlend wie der blaue Lotos oder das blaue Juwel, dein Körper ist blau wie der Zenit des klaren Winterhim- mels, und du hältst in deinen Händen die göttlichen Insignien – zu dir nehme ich Zuflucht. Ich nehme Zuflucht zu ihm, dessen Stimme die Wahrheit ist (die heiligen Schriften), dessen Nabel-Lotos der Sitz von Brahmā dem Schöpfer ist, und der in den Herzen aller Lebewesen wohnt. Ich nehme Zuflucht zu ihm, dessen Nägel wie die Sterne des Firmaments funkeln, dessen liebevoll lä- chelndes Antlitz der Mond ist, in dessen Herzen ein Juwel ist, dessen Strahlen unaufhörlich fließen wie der heilige Fluss GaÇgā, und der in den reinen herbstlichen Himmel gekleidet ist. Ich nehme Zuflucht zu ihm, in dem dieses ausgedehnte Universum ruht, ohne jemals weniger zu werden; der auf immer ungeboren und wandellos ist; dessen Körper aus segenbringenden Eigen- schaften zusammengesetzt ist, und der auf dem Blatt eines Banyan-Baumes ruht. Ich nehme Zuflucht zu ihm, der die Göttin Lak«mi an seiner Seite hat, deren Schönheit wie die Schönheit der untergehenden Sonne ist. Ich nehme Zuflucht zum Höchsten Herrn, welcher wie die Sonne über dem Lotos der drei Welten scheint, der wie die Lampe auf die Finsternis der Unwissenheit wirkt, dessen Natur das unendliche Bewusstsein ist und der die Leiden und Verwirrung aller Wesen des Universums vernichtet. DER HÖCHSTE HERR sprach: V:34 Oh Prahlāda, du bist ein Ozean der guten Eigenschaften und in der Tat das Juwel unter den Dämonen. Bitte mich daher um einen Segen, der das Leiden der Wiedergeburt beenden wird. PRAHLùDA sprach: Höchster Herr, du bist das Innewohnende aller Wesen und gewährst die Er- füllung all unserer Wünsche. Bitte gewähre mich den Gunstbeweis, den du als unbegrenzt und unendlich ansiehst. DER HÖCHSTE HERR sprach: Prahlāda, du sollst mit dem Geist der Erforschung ausgestattet sein, bis du im unendlichen Brahman ruhst, damit alle deine Illusionen an ein Ende ge- langen und du die höchste Frucht (Segnung) erhältst. VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er so gesprochen hatte, verschwand der Höchste Herr. Prahlāda beendete seine Verehrung und, nachdem er Hymnen zum Lobpreis des Herrn gesungen hatte, begann er auf die folgende Weise nachzudenken. PRAHLùDA überlegte: Der Herr hat befohlen: „Sei unaufhörlich mit der Erforschung beschäftigt“. Daher werde ich mich mit der Erforschung des Selbst befassen. Was bin ich, der da spricht, geht, steht und auf dieser Bühne, die man die Welt nennt, tätig ist – dies sollte ich als erstes herausfinden. 261
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    Gewiss bin ichnicht diese Welt, die äußerlich und leblos ist und aus Bäu- men, Sträuchern und Bergen besteht. Auch der Körper bin ich nicht, der auf- grund des Lebensatems geboren wurde und nur einen sehr kurzen Moment lang lebt. Ich bin nicht Klang (das Wort oder der Name oder der Ausdruck), der von der leblosen Substanz namens Ohr wahrgenommen wird, und der nur wie die augenblickliche Bewegung der Luft und leer von Form und Exis- tenz ist. Ich bin nicht der Sinn oder die Erfahrung der Berührung, die eben- falls nur flüchtig ist und nur aufgrund der Gegenwart des unendlichen Be- wusstseins sein kann. Auch bin ich nicht der Geschmackssinn, der auf der sich stets wandelnden und ruhelosen Zunge beruht, die nur ihren Objekten hinge- geben ist. Ich bin nicht der Sehsinn (oder das Sehobjekt), der ebenfalls nur momentan und nichts als ein verzerrtes Verständnis des Sehers ist. Auch bin ich nicht der Geruchssinn, der nur eine von der Nase erschaffene Einbildung und von unbestimmter Form ist. Ich bin ohne alle diese imaginären Qualitäten. Ich habe überhaupt nichts mit den Funktionen dieser Sinne zu tun. Ich bin reines Bewusstsein. Ich bin Friede jenseits von allem Denken. PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Ich bin die alles durchdringende Realität, die frei von Objektivität und da- her frei von Konzepten und Wahrnehmbarem ist. Ich bin reines Bewusstsein. Es geschieht durch dieses Bewusstsein, dass alle Dinge, vom kleinen Topf bis zur mächtigen Sonne, wahrgenommen werden. Nun endlich erinnere ich mich an die Wahrheit, dass ich das Selbst bin, welches allgegenwärtig ist und in dem keinerlei Konzeptualität ist. Es geschieht durch dieses Selbst, dass alle Sinne und deren Erfahrungen möglich werden, weil es das innere Licht ist. Es geschieht aufgrund dieses inneren Lichtes, dass diese Objekte ihre scheinbare Wirklichkeit erhalten. Dank diesem inneren Licht des Bewusstseins, welches gänzlich frei von al- len Modifikationen ist, ist die Sonne heiß, der Mond kühl, der Berg schwer und das Wasser flüssig. Es ist die Ursache aller Wirkungen, die sich als diese Schöpfung manifestieren, aber es selbst ist unverursacht. Es geschieht auf- grund des inneren Lichtes dieses Bewusstseins, dass die charakteristische Natur der verschiedenen Objekte erscheint. Da es selbst formlos und die Ursache aller Wirkungen ist, ist dieses Universum darin mit all seiner Vielfalt erschienen. Es allein ist die Manifestation der Dreiheit (Brahmā der Schöpfer, Vi«ïu der Erhalter und Śiva der Auflöser), hat aber selbst keine Ursache. Ich verneige mich vor diesem Selbst, welches sein eigenes Licht ist, frei von der Dualität von Kenner und Gekanntem, Subjekt und Objekt. In ihm existie- ren alle Dinge des Universums, und in es treten sie ein. Woran dieses innere Selbst denkt, dies geschieht – scheinbar als eine äußere Realität. Sobald die- ses Bewusstsein an Dinge denkt, treten dieselben ins Sein; sie gelangen an ihr Ende, wenn sie als nicht-existierend gedacht werden. Sie scheinen zu wach- sen und dann kleiner zu werden, wie ein Schatten im Licht der Sonne zu wachsen und zu schwinden scheint. 262
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    Dieses Selbst oderinnere Licht des Bewusstseins ist unbekannt und unge- sehen – nur von denjenigen wird es erlangt, die ihre Herzen gereinigt haben. Von den Heiligen jedoch wird es im höchst reinen kosmischen Raum (Dimen- sion) des Bewusstseins wahrgenommen. Dieses Selbst existiert in einem ungeteilten Zustand in den drei Welten – von Brahmā dem Schöpfer bis zum Grashalm – als das unendliche und selbst- strahlende Bewusstsein. Es ist eines, ohne Anfang und Ende, es existiert als dies alles, als die innere Erfahrung aller beweglichen und unbeweglichen Lebewesen. PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Das eine Selbst, das alleinige Erfahren, ist daher der Erfahrende in allen; daher spricht man davon, dass das Selbst tausend Hände und tausend Augen habe. Mit diesem herrlichen Körper der Sonne wandert dieses Selbst, das „Ich“, im Raum, wie auch in dem Körper aus Luft. Ein und dasselbe Selbst, verkörpert in der Gottheit, die das Muschelhorn, den Diskus, den Lotos und den Streitkolben hält, wird in dieser Welt verehrt. Es ist dieses Selbst oder „Ich“, welches als das eine geboren wurde und auf immer im Lotos wohnt (der Schöpfer Brahmā). Es ist wiederum das Selbst, welches diese Schöpfung auflöst oder am Ende des Weltzyklus aus der Manifestation zurückzieht. Das Selbst, als „Ich“ bezeichnet, welches in Indra verkörpert ist, schützt die Welt. Ich bin eine Frau, Ich bin ein Mann, Ich bin ein Jugendlicher, Ich bin ein seniler alter Mann, und aufgrund der Verkörperung bin Ich hier scheinbar geboren worden. Ich bin das Allgegenwärtige. Vom Grunde des unendlichen Bewusstseins aus lasse ich Bäume und Pflanzen wachsen, indem ich in ihnen als ihre Essenz lebe. Wie Lehm in der Hand eines spielenden Kindes ist diese Welterscheinung zu meiner eigenen Freude von mir durchdrungen. Die Welt erhält ihr Dasein vom Selbst (mir), es ist in ihm und durch mich tätig, und wenn ich sie aufgebe oder aufhöre, sie wahrzunehmen, hört auch ihr Dasein auf. Denn diese Welt existiert in mir, dem Selbst oder unendlichen Bewusst- sein, wie eine Spiegelung in einem Spiegel zu existieren scheint. Ich bin der Duft der Blüten, Ich bin der Glanz der Blumen und Blätter, ich bin das Licht im Strahlen, und sogar in diesem Licht bin ich selbst die Erfah- rung. Welche beweglichen und unbeweglichen Wesen auch immer in diesem Universum existieren mögen – ich bin deren höchste Wahrheit oder Bewusst- sein, frei von Konzeptualisierung. Ich bin die eigentliche Essenz aller Dinge in diesem Universum. So wie Butter in der Milch existiert und Flüssigkeit im Wasser, so existiere ich als die Energie des Bewusstseins in allem, was exis- tiert. Diese Welterscheinung der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zu- kunft existiert im unendlichen Bewusstsein ohne eine Unterscheidung der Objektivität. Dieses allgegenwärtige, allmächtige kosmische Sein ist das Selbst, welches mit „Ich“ bezeichnet wird. Dieses kosmische Königreich, be- kannt als das Universum, ist ungesucht auf mich gekommen und wird von mir durchdrungen. Als das Selbst oder das unendliche Bewusstsein durchdringe ich dieses ganze Universum, so wie der eine kosmische Ozean den Kosmos 263
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    erfüllt, wenn diekosmische Schöpfung aufgelöst wird. So wie ein lahmes (gebrechliches) Meereswesen einen unbegrenzten kosmischen Ozean vorfin- det, so finde ich kein Ende der Ausdehnung meines Selbst, das unendlich ist. Diese Welterscheinung ist wie ein Staubpartikel im unendlichen Bewusstsein –sie befriedigt mich nicht, so wie eine winzige Frucht nicht den Hunger eines Elefanten stillen kann. Daher wächst diese Gestalt, die im Hause des Schöp- fers Brahmā zu entstehen begann, sogar noch jetzt weiter. PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Wahrhaftig, nur dieses unendliche Bewusstsein existierte – wie ist in ihm der begrenzte, endliche Ich-Sinn entstanden, ohne jede Rechtfertigung und Grundlage? Was hat diese Täuschung entstehen lassen, welche sich selbst in Aussagen wie „Dies bist du“, „Dies bin Ich“ zum Ausdruck bringt? Was ist dieser Körper, und was ist die Körperlosigkeit, wer lebt und wer ist es, der stirbt? Ganz sicher haben meine Vorfahren nur wenig Verständnis gehabt, dass sie dieses unendliche Bewusstsein aufgaben und auf dieser kleinen Erde umherwanderten. Welchen Vergleich kann es zwischen der Vision des Unend- lichen und dieser furchterregenden Eitelkeit geben, die man den weltlichen Ruhm nennt, angefüllt mit schrecklichen Wünschen und Verlangen? Diese Vision des unendlichen Bewusstseins ist rein und von der Natur des höchsten Friedens – gewiss gehört sie zu den bestmöglichen in diesem Universum. Ich verneige mich vor meinem eigenen Selbst, welches in allen Wesen wohnt, welches das Bewusstsein frei von Objektivität oder Konzeptualität ist, und welches die Intelligenz aller Wesen ist. Ich bin das Nie-Geborene, in dem die Welterscheinung verschwunden ist. Ich habe erlangt, was als einziges zu erlangen wert ist. Ich habe triumphiert, und ich lebe nun im Triumph. Ich empfinde keinerlei Freude, über ein Königreich zu regieren, und dafür die höchste Seligkeit des kosmischen Bewusstseins aufzugeben. Schande über diese bösen Dämonen, die im Schmutz dieses weltlichen Lebens schwelgen! Oh weh – wie dumm und unwissend doch mein Vater war, der sich mit die- ser physischen Existenz zufrieden gab und sich an ihr erfreute! Was hat er denn dadurch erreicht, dass er ein langes Leben lebte und über diesen klei- nen Klumpen namens Erde regierte? Das Entzücken endloser solcher Welten ist nichts verglichen mit der Seligkeit des Selbst. Wer nichts als diese Selbst- erkenntnis besitzt, besitzt alles. Wer dagegen dies missachtet und nach ande- ren Dingen sucht, ist kein Mann der Weisheit. Welchen Vergleich kann es geben zwischen dieser sterblichen, physischen Existenz (die wie eine öde Wüste ist) und der Seligkeit der Erleuchtung (die wie ein wunderschöner Lustgarten ist)? Die Souveränität der Welt wie auch aller Dinge in den drei Welten liegt einzig und allein im Bewusstsein – weshalb erleben die Men- schen diese Wahrheit nicht, nämlich, dass es außerhalb dieses Bewusstseins nichts gibt? Alles wird überall und zu jeder Zeit mit Leichtigkeit durch das Bewusstsein erlangt, welches allgegenwärtig und ohne Unterscheidungen ist. Das Licht, welches in der Sonne und im Mond scheint, die Energie, die die Götter belebt, 264
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    die immanenten Eigenschaftenvon Gemüt und Elementen, die Qualitäten und Ordnungen, die in der Natur existieren (wie die Luft, die die Fortbewegung von Luftfahrzeugen ermöglicht) und die unendliche Vielfalt der Manifestatio- nen von Energie und Intelligenz sind allesamt nichts als Erweiterungen und Funktionen des einen kosmischen Bewusstseins, welches in sich selbst unge- teilt und unmodifiziert ist. So wie die Sonne alle Wesen ohne Unterschied bescheint, so erleuchtet dieses kosmische Bewusstsein alle Dinge ohne Un- terschied, augenblicklich und spontan als das eigentliche Selbst aller Dinge im Universum. PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Das unendliche Bewusstsein durchdringt gleichzeitig die drei Perioden der Zeit und erfährt die unendlichen Welten. Es umschliesst alles, es sieht alles, und weil es ungetrübt und unmodifiziert ist, verbleibt nur es für alle Zeit. Dieses Bewusstsein erfährt gleichzeitig das, was süß und bitter ist, es ist still und im Frieden. Da dieses Bewusstsein in sich selbst frei von allen Modifika- tionen (Konzepten und Vorstellungen) und subtil ist und alle Dinge zur sel- ben Zeit erfährt, ist es immer im Frieden und homogen, auch während es scheinbar die Vielfalt der unterschiedlichen Phänomene erfährt. Wenn das anscheinend Verwandelte dieses Sein sucht und in ihm ruht, wel- ches selbst keiner Modifikation unterzogen wurde, dann wird das erstere von Sorge befreit. Und wenn das, was ist, gesehen wird von dem, was nicht ist (oder von einem Gemüt, das frei von allen Gedankenbewegungen ist), dann gibt das, was ist, seine Bosheit auf. Wenn das Bewusstsein die Wahrnehmung der drei Modi der Zeit aufgibt, wenn es frei von der Bindung an Objektivität oder Konzeptualisierung ist, ruht es in absoluter Stille. Es ist dann so, als wäre es unwirklich, da es enseits jeder Beschreibung ist, weshalb manche Leute auch erklären, dass das Selbst nicht existiere. Ob da nun das Selbst (Brahman) existiert oder nicht – das, was nicht der Auflösung unterworfen ist, ist die höchste Befreiung. Aufgrund der Modifikation ( Denken) wird dieses Bewusstsein scheinbar verschleiert und nicht erkannt. Diejenigen, die im Schlamm von Anziehung und Abstoßung stecken, sind unfähig zur Erlangung des Verstehens. Sie sind im Netz der Gedanken gefangen. Solcherart waren meine Vorfahren. Aufgrund ihrer Vorlieben und ihres Hasses sowie der getäuschten Wahrnehmung von Dualität führten sie das Leben von Ungeziefer. Derjenige, in dem die Gespenster des Verlangens und der Feindseligkeit verschwunden sind und die Fata Morgana von irrigem Denken und psycholo- gischer Perversion durch das Licht des wahren, inneren Erwachens beseitigt worden ist, der allein lebt. Denn wie können Konzepte und Wahrnehmungen im unendlichen Bewusstsein auftauchen, welches allein ist? Ich verneige mich vor dem Selbst! Ich verneige mich vor mir selbst – dem ungeteilten Bewusstsein, dem Juwel aller sichtbaren und unsichtbaren Wel- ten! Du wurdest in der Tat sehr bald erlangt! Du wurdest berührt, du wurdest 265
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    erreicht, du wurdestrealisiert, du wurdest über alle Arten von Perversion erhoben – du bist, was du bist. Ich verneige mich vor dir. Ich verneige mich vor dir – oh mein Selbst, Śiva, Gott der Götter, das Höchste Selbst. Ich verneige mich vor dem Selbst, welches sich seines eigenen Körpers er- freut, welches verankert in sich selbst ist, in voller Kontrolle seiner selbst, gänzlich frei vom Schleier der selbstauferlegten Unwissenheit (Gedanken und Konzepte). PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: OM ist das nonduale Bewusstsein, frei von aller Verzerrung. Was auch im- V:35 mer in diesem Universum ist, ist nur das eine Selbst. Sogar in diesem aus Fleisch und Blut bestehenden Körper ist es die Intelligenz, die leuchtet – wie dies auch in und durch die Lichtquellen wie die Sonne usw. geschieht. Es macht das Feuer heiß und schmeckt die Süßigkeit des Nektars; es erfährt sozusagen alle Sinneswahrnehmungen. Stillstehend, ist es nicht unbeweglich; gehend, bewegt es sich nicht; ruhend, ist es doch stets tätig; handelnd, ist es unberührt davon. In der Vergangenheit, der Gegenwart und der Zukunft ist es hier, dort und überall in allen scheinbaren Modifikationen immer gleich. Gänzlich furchtlos und ungehindert ist es dieses Bewusstsein, welches die Manifestation hervorbringt und die unendliche Vielfalt der Lebewesen von Brahmā dem Schöpfer bis zum Grashalm aufrecht erhält. Es ist immer dyna- misch und aktiv – und gleichzeitig ist es unbewegter als ein Stein und noch weniger berührt von aller Tätigkeit als der unendliche Raum. Es ist dieses Selbst oder Bewusstsein, welches das Gemüt erregt wie der Wind die Blätter vor sich hertreibt; es lässt die Sinne arbeiten wie der Reiter das Pferdlenkt. Obgleich das Selbst der Herr dieses Körpers ist, ist es wie ein Sklave mit den verschiedenen Tätigkeiten befasst. Dieses Selbst allein sollte gesucht, angebetet und kontempliert werden. Nur durch Zuflucht zu ihm geschieht es, dass man diese Welterscheinung mit seinen Zyklen von Geburt und Tod und Täuschung überquert. Es kann sehr leicht gefunden werden, es kann sehr leicht als ein guter Freund gewonnen werden, da es im Herz-Lotos eines jeden wohnt. Erlangt wird es im eigenen Körper – es ist nicht einmal nötig, es anzurufen, da es sich von selbst manifes- tiert und enthüllt, wenn man nur einen Augenblick lang darüber meditiert. Obschon es der Höchste Herr und mit allen Vorzüglichkeiten ausgestattet ist, ist derjenige, der es verehrt, frei von Arroganz und Stolz. Dieses Selbst bewohnt alle Körper, so wie der Blütenduft in den Blumen wohnt. Es wird nicht von jedem erkannt, weil niemand die Wahrheit betref- fend das Selbst erforscht. Wenn es durch Selbst-Erforschung realisiert wird, dann ist da eine plötzliche Erfahrung der höchsten Seligkeit, und man erfährt eine unvergängliche Vision der Wahrheit. Sämtliche Fesseln fallen ab, sämtli- che Feinde sind bezwungen, und kein Verlangen beunruhigt das Gemüt. Wenn dies gesehen wird, wurde alles gesehen; wenn dies gehört wird, wurde alles gehört; wenn dies berührt wird, wurde alles berührt –denn die Welt ist, weil dieses ist. Es ist wach, wenn man schläft, es treibt die Unweisen in das Erwa- 266
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    chen, es entferntdie Verzweiflung des Leidens und schenkt alle gewünschten Objekte. Es erscheint in dieser Schöpfung als der jīva (lebendige Seele), es scheint sich der Vergnügen zu erfreuen, und es scheint sich in die Objekte dieser Welt auszubreiten. In allen Körpern existiert es als das Selbst, sich selbst in gänzlicher Stillheit erfahrend. Es ist die eine und einzige kosmische Realität im gesamten Univer- sum. PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Dieses Selbst ist die Leere im Raum. Es ist die Bewegung in allen bewegten Dingen. Es ist das Licht in allen leuchtenden Dingen. Es ist in allem Flüssigen der Geschmack. Es ist die Festigkeit der Erde. Es ist die Hitze im Feuer. Es ist die Kühle des Mondes. Es ist die eigentliche Existenz der Welten. So wie alle diese eigentümlichen Charakteristiken in den entsprechenden Substanzen existieren, so existiert es als der Höchste Herr im Körper. So wie die Existenz überall existiert, und wie die Zeit zu allen Zeiten existiert, so existiert dieses Selbst in allen Körpern mit allen ihren physischen und psychologischen Fä- higkeiten. Dieses Selbst ist die ewige Existenz. Es erleuchtet sogar die Götter. Ich, das Selbst, allein bin – in Mir gibt es weder Begriff noch Konzept. So wie der un- endliche Raum von in ihm treibenden Staubpartikeln unberührt bleibt und der Lotos nicht nass wird vom Wasser, so bin Ich durch nichts berührt. Lasst den Körper von Glück oder Unglück betroffen sein – wie könnte dies das Selbst betreffen? Wie die Flamme einer Lampe nicht durch die Fäden des geflochtenen Dochtes gebunden werden kann, so ist das Selbst, welches alle materiellen Existenzformen übersteigt oder transzendiert, nicht durch diese Materialität gebunden. Welche Beziehung könnte zwischen uns (dem Selbst) und dem Verlangen, welches der Vorstellung von Existenz und Nicht-Existenz und den Sinnen entspringt, bestehen? Wer oder was könnte den Raum bin- den, und durch wen könnte das Gemüt gebunden werden? Sogar wenn der Körper in hundert Stücke geschnitten wird, ist das Selbst nicht verletzt. Auch wenn der Topf pulverisiert wird, ist der Raum darin nicht zerstört. Auch wenn dieser Kobold namens Gemüt, der nur als ein Wort und nicht als Realität existiert, aufhört zu sein – was hätten wir verloren? Früher gab es dieses Gemüt, welches aus den Vorstellungen von Glück und Unglück bestand – da nun alle diese Ideen in mir aufgehört haben, wo ist mein Gemüt? Welcher Tor würde denn Vorstellungen unterhalten wie „Man erfreut sich eines anderen“, „Man erfasst einen anderen“, „Man sieht den anderen“, „Man erleidet eine Notlage“? Die Natur allein genießt, das Gemüt erfasst oder ver- steht, das Leiden gehört zum Körper, die schlechte Person ist ein Narr – aber in demjenigen, der die Befreiung erlangt hat, gibt es nichts von all diesem. Ich verlange nicht nach Vergnügen, noch wünsche ich, es loszuwerden. Was kommt, soll kommen – und was geht, soll gehen. Lass die Vorstellung ver- schiedenster Erfahrungen im Körper auftauchen oder verschwinden – weder bin Ich in ihnen noch sind sie in Mir. 267
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    So lange Zeitwar ich versklavt durch diesen schrecklichen Feind namens Unwissenheit, der mir den Reichtum der Weisheit geraubt hat. Jetzt aber, durch Vishnu‘s Gnade und durch meine eigene, hervorragende Eigenbemü- hung habe ich die Weisheit erlangt. Durch den Zauberspruch der Selbster- kenntnis wurde dieser Kobold namens Ich-Sinn vertrieben. Indem ich das Elend der Täuschung losgeworden bin, verbleibe ich als der Höchste Herr. Alles was wert ist, erkannt zu werden, wurde erkannt; alles was wert ist gesehen zu werden, wurde gesehen – ich habe nun das erlangt, worüber hinaus nichts weiter zu erlangen ist. PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Zu meinem Glück habe ich die tödliche Schlange des Verlangens nach Sin- nesvergnügen weit hinter mir gelassen, und sämtliche Hoffnungen und Täu- schungen wurden beruhigt. Ich habe nun die Ebene der höchsten Wahrheit erreicht. Der Höchste Herr, der das Selbst ist, wurde von mir durch Singen von Hymnen, Verehrung, Gebete, den Frieden des Gemüts und durch eine selbstbeherrschte Lebensweise erkannt. Durch die Gnade von Gott Vi«ïu wurde die Erkenntnis des Höchsten Seins fest in meinem Herzen verankert. Bis jetzt wurde ich von aus der Unwissenheit geborenen Begrenztheiten und Täuschungen gequält. Der Wald der Unwissenheit kennt zahlreiche Ameisenhügel, die von den tödlichen Schlangen der Sinnesverlangen be- wohnt werden, und viele tote Gruben, die als Tod bekannt sind, sowie die vielen Waldbrände der Leiden und der Kümmernisse. In diesen streifen die Diebe der Gewalttätigkeit und der Gier sowie der tödlichste Feind, der Ich- Sinn, umher. Davon bin ich nun dank der Gnade von Gott Vi«ïu wie auch meiner Eigenbemühung frei, und meine Intelligenz wurde vollkommen er- weckt. Im Licht dieser erweckten Intelligenz vermag ich nichts mehr wahrzu- nehmen, das als Ich-Sinn bezeichnet werden könnte, so wie man die Finster- nis nicht mehr wahrnimmt, wenn die Sonne aufgegangen ist. Da nun der Kobold des Ich-Sinns gegangen ist, verbleibe ich in mir selbst im Frieden. Wenn die Wahrheit gesehen und der Ich-Sinn verschwunden ist – wo gibt es dann noch Raum für Täuschung, Sorgen, Hoffnungen, Wünsche und mentale Not? Himmel und Hölle wie auch diese Täuschungen betreffend die Befreiung existieren nur so lange, als der Ich-Sinn existiert – Bilder werden auf die Leinwand gemalt, nicht auf den Himmel! Sobald die Intelligenz befreit ist von der Wolke des Ich-Sinnes und dem Gewitter des Verlangens, leuchtet sie mit dem Licht der Selbsterkenntnis, so hell wie der Himmel in den herbstlichen Vollmondnächten. Oh du Selbst, frei vom Schlamm des Ich-Sinns – ich grüße Dich! Oh Selbst, in dem die grässlichen Sinne und das allesverschlingende Gemüt die Stillheit erlangt haben – ich grüße Dich! Oh Selbst, in dem der Lotos der Seligkeit voll erblüht ist – ich grüße Dich! Oh Selbst, dessen zwei Schwingen Bewusstsein und seine Widerspiegelung sind, und welches im Lotos des Herzens wohnt – ich grüße Dich! Oh Selbst, Sonne, die die Finsternis der Unwissenheit des 268
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    Herzens vertreibt –ich grüße Dich! Oh Selbst, Geber der höchsten Liebe und Erhalter aller Dinge im Universum – ich grüße Dich! So wie Stahl den glühenden Stahl durchschneidet, so habe ich den Verstand mit der Hilfe seines eigenen gereinigten Zustands bezwungen. Ich habe das Verlangen, die Unwissenheit und die Torheit durch ihre Gegenteile entzwei gehauen. Egolos funktioniert mein Körper nun mit Hilfe der ihm angeborenen Kräfte. Die früheren Neigungen, die mentale Konditionierung und die Begren- zungen wurden vollständig vernichtet. Ich beginne mich zu wundern, wie ich so lange Zeit in der Falle des Ich-Sinns gefangen sein konnte! Frei von Abhän- gigkeit, von der Gewohnheit des Denkens, von den Wünschen und dem Ver- langen, vom irrigen Glauben an die Existenz des Egos, vom Einfluss der ver- gnügungssüchtigen Neigungen und der Unruhe hat mein Gemüt nun den Zustand äußerster Stille erlangt. Damit ist alles Sorgen an sein Ende gelangt und der Morgen der höchsten Seligkeit hat gedämmert! PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: V:36 Zu guter Letzt wurde das Selbst, welches jenseits aller Zustände oder Modi des Bewusstseins ist, realisiert. Oh Selbst! Zum Glück wurdest du schließlich erkannt – ich verneige mich vor Dir! Ich grüße Dich, ich umarme Dich –nur Du allein bist mein Freund und Verwandter in diesen drei Welten! Du allein zerstörst, du allein beschützt, du gibst, du preisest und du bewegst – nun, oh Selbst, wurdest du gesehen und erlangt. Was wirst du nun tun, und wohin willst du gehen? Von deiner Wirklichkeit sind alle Welten durchdrungen – du allein wirst überall gesehen, oh Selbst – wohin wirst du nun davonrennen? Seit anfangsloser Zeit stand zwischen uns die riesige Mauer der Unwissen- heit. Nun, da die Mauer gefallen ist, wirst du, wie sich jetzt herausgestellt hat, als etwas gesehen, was nah und ganz und gar nicht fern ist. Grüße an das Selbst, welches in vollkommener Weise vollendet hat, was zu vollendenwar; der wahre Täter aller Tätigkeiten, der Höchste Herr, das ewige und auf immer reine Wesen. Ich verehre Vi«ïu, Śiva und Brahmā den Schöpfer! Oh Selbst, die Unterscheidung zwischen dir (dem Selbst) und mir ist rein verbal wie die Unterscheidung zwischen dem Wort und der Substanz, auf die es verweist; die Unterscheidung ist irreal und eingebildet wie die verbale Unterscheidung zwischen der Welle und dem Wasser in der Welle. In Wahrheit breitest du allein dich als diese unendliche Vielfalt der geschaffenen Objekte aus, die in dieser Welt sind. Grüße an den Seher, den Erfahrer! Grüße an das Eine, das erschafft, an das Eine, das alle Dinge entfaltet und erweitert! Grüße an Das, welches die innere Wirklichkeit von allem ist! Grüße an das Allgegenwärtige! Oh weh – aufgrund deiner Identifikation mit der Verkörperung hattest du, oh Selbst, sozusagen deine eigene Natur vergessen. Daher wurdest du in zahllosen Geburten end- losen Leiden unterworfen und hast äußere Wahrnehmungen ohne Selbster- kenntnis erfahren müssen. Diese äußere Welt ist nichts als Erde, Holz und Stein. Oh Selbst! – in all diesem bist Du die einzige Realität! Mit dem Erlangen der Selbsterkenntnis verlangt man nach nichts anderem mehr. 269
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    Nun, Höchster Herr,wurdest du gesehen und erlangt. Infolge davon wirst du nun nicht länger getäuscht sein – Grüße an Dich! Höchster Herr, wie kann es sein, dass das Selbst, welches doch das Licht der Augen ist und den ganzen Körper als die innewohnende Intelligenz erfüllt, nicht erkannt oder erfahren wird? Wie kann es sein, dass diese Intelligenz, die als Berührungssinn alle Objekte erfährt, selbst nicht erkannt wird? Wie kann diese Intelligenz ver- schieden von einem selbst sein, die als der Sinn des Hörens, Sehens usw. tätig ist und die Gänsehaut erzeugt? Wie kann es sein, dass man nicht die Süße dieser Intelligenz wahrnimmt, die die Süße oder andere Eigenarten der Ob- jekte wahrnimmt, die man ihr zuführt? Wie kann es sein, dass man nicht unmittelbar die Gegenwart dieser Intelligenz erfährt, welche sich des Ge- ruchssinns erfreut? Wie kann es sein, dass das Selbst, dessen Ruhm von den Schriften besungen wird und welches Weisheit und Erkenntnis selbst ist, sich selbst vergisst? Oh Selbst – nun, da du erkannt bist, sind die Sinnesvergnügen, in denen ich geschwelgt habe, nichts mehr wert! PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Oh Selbst, es ist Dein eigenes Licht der Reinheit, welches in der Sonne leuchtet, es ist Deine nektargleiche Kühle, die im Mond strahlt. Die Schwere der Berge ist von Dir, und Du bist die Eile des Windes. Es ist wegen Dir, dass die Erde fest und Raum leer ist. Glücklicherweise wurdest Du von mir er- kannt, glücklicherweise bin ich Dein geworden. Glücklicherweise, oh Höchs- ter Herr, gibt es keine Trennung zwischen Dir (dem Selbst) und mir – Du bist ich, ich bin Du. Was auch immer man als „Du“ (das Selbst) oder als „Ich“ be- zeichnet, was auch immer die Wurzel und was der Ast ist – vor diesem ver- neige ich mich wieder und wieder. Grüße an mein Selbst, welches unendlich und egolos ist – Grüße an das formlose Selbst! Du (das Selbst) wohnst in mir in einem Zustand von Ausgeglichenheit als reines Zeugenbewusstsein, ohne Form und ohne Trennung von Raum und Zeit. Das Gemüt wird erregt, die Sinne beginnen sich zu rühren, und die Ener- gie beginnt zu strömen, dadurch die Zwillingskräfte von prāïa und apāna (die beiden Modifikationen der Lebenskraft) in Bewegung setzend. Getrieben von der Macht der Wünsche trägt der Kutscher (das Gemüt) den aus Fleisch, Blut, Knochen und Haut erbauten Körper davon. Ich bin jedoch reines Bewusstsein – weder vom Körper noch von irgendetwas anderem abhängig. Lass diesen Körper entsprechend den Wünschen, die ihn antreiben, geboren werden oder sterben. Im Verlaufe der Zeit entsteht der Ich-Sinn, und im Verlaufe der Zeit hört er wieder auf zu sein – so wie sich das Universum am Ende des kosmischen Zyklus auflöst. Aber nach einem lange andauernden Zyklus dieser Schöpfung habe ich den Frieden gefunden und ruhe, so wie der Kosmos am Ende seiner Existenz zur Ruhe kommt. Grüsse an Dich, Mich, alles was transzendental und alles in allem ist! Und Verneigungen vor allen, die von uns sprechen! Das höchste Selbst als Zeugenbewusstsein ist völlig unberührt von allen Fehlern seiner Erfahrungen. Das Selbst ist alles in allem überall und existiert 270
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    in allen Dingen,so wie Duft in Blumen und Öl im Sesamsamen existieren. Oh Selbst, Du zerstörst, Du schützt, Du gibst, Du brüllst und Du bist hier tätig, obgleich Du völlig frei vom Ich-Sinn bist – dies ist in der Tat ein großes Wun- der. Das Licht des Selbst seiend, öffne ich sozusagen meine Augen – und das Universum tritt in Erscheinung. Ich schließe meine Augen, und das Univer- sum hört auf. Oh Selbst, Du bist das Höchste Atom, in dem dieses gesamte Universum existiert wie der große Banyan-Baum potentiell im winzigen Banyan-Samen existiert. So wie die Wolkenformationen am Himmel oft Pfer- den, Elefanten und anderen Tieren ähneln, so erscheinst Du selbst, oh Selbst, im kosmischen Raum als die unendliche Vielfalt aller Objekte. Frei vom Sein und Nicht-Sein existiert das Selbst als das Sein und das Nicht-Sein und auch als all die verschiedenen Wesen, eines sozusagen vom andern getrennt und verschieden. PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Gib Eitelkeit, Ärger, Unreinheit und Gewalt auf – große Seelen werden von diesen Übeln nicht überwältigt. Bedenke die vergangenen Leiden wieder und wieder – sei dann mit einer freudigen Haltung des Gemüts frei von all diesem, indem du erforschst: „Wer bin ich?“, „Wie konnte all dies geschehen?“ Alles, was vergangen ist, ist Vergangenheit, und alle Sorgen und Ängste, die dich verbrannt haben, haben aufgehört zu sein. Heute nun bist du der Herrscher dieser Stadt, die man den Körper nennt. So wie man den Himmel mit der Faust nicht ergreifen kann, so ist die Sorge nicht fähig, Hand an dich zu legen. Du bist jetzt der Meister deiner Sinne und deines Gemüts – du erfreust dich höchster Wonne. Höchster Herr, oh Selbst – für immer bist du sozusagen schlummernd, scheinbar erwachend durch deine eigene Energie, um dir der stattfindenden Erfahrungen bewusst zu werden. Es ist eigentlich diese Energie, die mit den Objekten dieser Erfahrungen in Kontakt kommt. Aber aufgrund des Gewahrwerdens schreibst du dir diese Erfahrungen selbst zu. Diejenigen, die durch Disziplinierung der Lebenskräfte die „ Öffnung Brahmās“ in der Krone des Hauptes erreichen, nehmen in jedem Moment das wahr, was vergangen ist und was in der Zukunft in der Stadt von Brahmā, dem Schöpfer, sein wird. Oh Selbst, Du bist der Duft in der Blume, die man den Körper nennt; Du bist der Nektar im Mond, den man den Körper nennt; Du bist die Essenz der Pflanze, die man den Körper nennt; Du bist die Kühle im Eis, das man den Körper nennt. So wie es Butter in der Milch gibt, so gibt es Freundschaft und Anziehung in diesem Körper. Du wohnst in diesem Körper wie das Feuer im Holz wohnt. Du bist das Licht aller leuchtenden Objekte, Du bist das innere Feuer, welches die Kenntnis der Objekte möglich macht. Du bist die Stärke des Elefanten, den man das Gemüt nennt. Du bist gleichzeitig das Licht und die Hitze des Feuers der Selbsterkenntnis. Alle Rede endet in dir, oh Selbst! Sie erscheint wieder an anderer Stelle. So wie verschiedene Schmuckstücke aus Gold geformt werden, so werden die zahllosen Objekte der Schöpfung aus Dir geformt; die Unterscheidung ist rein 271
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    verbal. „Dies bistdu“, „Dies bin ich“ – solche Ausdrucksweisen werden ver- wendet, wenn man sich selbst bewundert oder sich selbst zu seiner eigenen Freude beschreibt. So wie ein riesiger Waldbrand in einem Moment verschie- denartigste Formen annehmen kann, obwohl er nur eine einzige Flamme ist, so erscheint Dein nonduales Sein als alle diese unterschiedlichen Objekte in diesem Universum. Du bist die Schnur, auf dem alle diese verschiedenen Objekte des Universums aufgereiht sind. Du bist der Grund der Wahrheit, in dem alle diese Welten ruhen. Die Welten sind auf immer potentiell in Dir anwesend; durch Dich werden sie manifestiert wie der Geruch der Nahrung durch Kochen manifestiert wird. Obwohl jedoch diese Welten wahrhaftig zu existieren scheinen, würden sie doch aufhören zu sein, wenn es Dich nicht gäbe! Du bist ihre Wirklichkeit. Sogar dieser Körper würde leblos wie ein Holzklotz zu Boden fallen. Glück und Unglück zerfallen, sobald sie Dich errei- chen, so wie die Finsternis verschwindet, sobald das Licht kommt. Jedoch ist die Erfahrung des Glücklichseins usw. nur deshalb möglich, weil es das von Dir stammende Licht des Gewahrseins gibt. PRAHLùDA fuhr fort nachzudenken: Vergnügen und Schmerz, Glücklichsein und Unglücklichsein verdanken ihre Existenz Dir, oh Selbst – sie sind aus Dir heraus geboren und verlieren ihre Natur, sobald ihre von Dir nicht unabhängige Existenz erkannt wurde. So wie eine optische Täuschung in einem Augenblick entsteht und vergeht, so er- scheinen und verschwinden die illusorischen Erfahrungen von Schmerz und Freude in einem Augenblick. Sie erscheinen im Licht des Gewahrseins und verschwinden, sobald sie als nicht verschieden von diesem Gewahrsein er- kannt werden. Sie werden im selben Moment, in dem sie sterben, geboren, und sie sterben im Moment, in dem sie geboren werden. Wer ist der Wahr- nehmende all dieser Mysterien? Alles ist stets wandelhaft über alle Zeiten hinweg – wie könnten diese mo- mentanen Ursachen jemals feste und stabile Resultate erzielen? Wellen mö- gen manchmal wie Blumen aussehen, aber kann eine Girlande aus ihnen geflochten werden? Wenn jemand glaubt, dass stabile Wirkungen aus solch instabilen Ursachen wie die flüchtigen Phänomene entstehen, dann wäre es auch möglich, aus Blitzen eine leuchtende Girlande zu binden und als Schmuckstück zu tragen! Oh Selbst – Du genießt Freuden und Schmerzen, als ob sie real wären, wenn Du sie im Bewusstsein einer weisen Person emp- fängst und wahrnimmst, und gibst dabei nie den Zustand des vollkommenen Gleichmuts auf. Was jedoch Deine Erfahrungen sind, wenn dieselben Dinge im Herzen einer unweisen oder unerweckten Person geschehen – dies zu beschreiben, ist für mich unmöglich! Oh Selbst – Du bist in Wahrheit nicht anhaftend und frei von allen Wünschen und Hoffnungen; Du bist eins und homogen ohne Teile, du bist ohne Ich-Sinn. Du übernimmst die Täterschaft aller Handlungen, und du scheinst die Vielfalt zu erfahren, sei diese nun wirk- lich und faktisch oder unwirklich und fiktiv. 272
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    Heil, Heil Dir,oh Selbst, Du manifestierst dich als dieses endlose Universum. Heil dem Selbst, welches höchster Friede ist. Heil Dir, oh Selbst, das jenseits der Schriften ist. Heil Dir, oh Selbst, das die Grundlage und das Ziel aller Schriften ist. Heil Dir, oh Selbst, welches geboren ist und in allen Wesen wohnt. Heil Dir, oh Selbst, das Wandel und Zerstörungen ausgesetzt ist. Heil Dir, oh Selbst, Du bist ungeboren. Heil Dir, oh Selbst, das unveränderlich und unzerstörbar bist. Heil Dir, oh Selbst, welches Existenz ist – Heil Dir, oh Selbst, das Nicht-Existenz ist. Heil Dir, oh Selbst, Du bist besiegbar und erreichbar. Heil Dir, oh Selbst, Du bist unbesiegbar und nicht erreichbar. Ich bin überglücklich. Ich befinde mich in einem Zustand äußersten Gleichmuts und höchsten Friedens. Ich stehe unbewegt. Ich habe Selbster- kenntnis erlangt. Ich bin der Sieger. Ich lebe um zu erobern. Ich grüße mich selbst – ich grüße Dich. Solange Du, oh Selbst, als die reine, unberührte Wirk- lichkeit existierst – wo sollte da Bindung, wo sollte Unglück, wo sollte Glück, und wo sollten Geburt und Tod sein? Ich werde für immer in höchstem Frie- den ruhen. VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er so kontempliert hatte, fand sich Prahlāda in einem Zustand, in V:37, 38 dem es keine mentalen Modifikationen mehr gab, sondern nur noch höchste Seligkeit – ohne jede Gedankenbewegung. So saß er da – unbewegt wie eine Statue. Auf diese Weise verging eine sehr lange Zeit. Die Dämonen versuchten ihr Möglichstes, um ihn zu stören – es gelang ihnen nicht. Tausend Jahre vergin- gen. Die Dämonen kamen zu dem Schluss, dass er tot sei. In der Unterwelt nahm die Anarchie überhand. Hiraïyakaśipu war tot, und sein Sohn war für die Welt ebenfalls gestorben. Niemand bestieg den Thron. Die Dämonen durchzogen ungehindert das Land – geleitet nur von ihren Launen und Gelüsten. Es herrschte äußerste Unordnung – die Schwächeren wurden von den Stärkeren überwältigt, wie im großen Ozean die großen Fische die kleinen verschlingen. In der Zwischenzeit bedachte der Beschützer des Universums, Lord Vi«ïu, auf seiner Schlangen-Couch im Milch-Ozean ruhend, den Zustand des Univer- sums. Er betrachtete in seinem eigenen Gemüt den Himmel und die Erde und war zufrieden, dass in diesen Regionen alles in Ordnung war. Anschließend betrachtete er den Zustand der Unterwelt. Er nahm wahr, wie Prahlāda tief im transzendentalen Zustand des Bewusstseins versunken war. Von der Bedro- hung durch die Dämonen befreit, erfreuten sich die Götter des Himmels eines zweifelhaften Wohlstandes. Dies sehend, dachte LORD VIå×U: Weil Prahlāda im transzendentalen Zustand des Bewusstseins versunken ist, haben die führerlosen Dämonen ihre Macht verloren. In Abwesenheit einer Bedrohung durch die Dämonen haben die Götter im Himmel nichts mehr zu fürchten und daher nichts mehr zu hassen. Wenn sie nichts mehr 273
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    fürchten oder hassen,werden sie bald selbst den transzendentalen Zustand des Bewusstseins erlangen, der jenseits der Gegensatzpaare ist, und die Be- freiung erlangen! Dann würden die Erdlinge religiöse Gebräuche bedeutungs- los finden, da es keine Götter mehr gibt, um sie zu belohnen. Dieses Univer- sum, welches bis zur natürlichen kosmischen Auflösung existieren soll, wür- de dann abrupt aufhören zu sein. Ich kann darin nichts Gutes sehen – daher denke ich, dass die Dämonen ihr Leben als Dämonen fortsetzen sollen. Wenn die Dämonen als die Feinde der Götter auftreten, werden in dieser Schöpfung religiöse und gerechte Handlungen gepflegt und die Schöpfung wird somit weiter existieren und gedeihen; andernfalls aber nicht. Daher werde ich unverzüglich in die Unterwelt gehen und sie wieder so herstellen, wie sie sein sollte. Wenn Prahlāda kein Interesse hat, dieses Reich zu regieren, dann werde ich jemanden an seiner Stelle ernennen. Gewiss ist dies die letzte Inkarnation Prahlādas – er wird in dieser Verkörperung bis zum Ende dieses Weltzyklus leben. So ist die Weltordnung. Ich werde mich daher in die Unterwelt begeben, um Prahlāda durch mein Donnern aufzuwe- cken. Ich werde ihn davon überzeugen, das Reich zu regieren und sich gleich- zeitig des Bewusstseins der Befreiung zu erfreuen. Auf diese Weise werde ich in der Lage sein, diese Schöpfung bis zu ihrem natürlichen Ende am Leben zu erhalten. VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er zu diesem Entschluss gekommen war, erreichte Lord Vi«ïu V:39 rasch die Unterwelt. Durch seinen Glanz erlangten die Dämonen neue Stärke und Vitalität. Sie waren aber verwirrt durch seine göttliche Erscheinung und rannten davon. Vi«ïu kam zu dem Ort, an dem Prahlāda saß, und donnerte: „Edler – erwache!“ und blies gleichzeitig sein Muschelhorn. Die Dämonen fielen daraufhin zu Boden und die Götter frohlockten. In der Krone von Prahlādas Kopf begann sich die Lebenskraft wieder zu re- gen. Anschließend verteilte sie sich über seinen ganzen Körper. Die Sinne erlangten ihre Energie zurück und nahmen wieder die ihnen entsprechenden Objekte wahr. Das Gemüt begann zu arbeiten. Die nā¬Ås (Nerven)fingen an zu vibrieren. Das Gemüt wurde sich seines Gehäuses, des Körpers gewahr. Nun war Prahlāda wieder vollständig seiner Umgebung bewusst und blickte auf den Höchsten Herrn. LORD VIå×U sprach zu Prahlāda: Bedenke, oh Prahlāda, deine Rolle und deine Aufgabe als Herrscher der Un- terwelt. Es gibt nichts, was du zu erwerben oder zurückzuweisen hättest: Ergib dich! In diesem Körper musst du bis zum Ende dieses Weltzyklus ver- bleiben – dies ist unvermeidlich, da ich das Gesetz dieser Weltordnung kenne. Daher musst du dieses Reich regieren, als ein Weiser, der von allen Täuschun- gen befreit ist. Die Zeit der kosmischen Auflösung ist noch nicht gekommen – weshalb wünschest du dir vergeblich, diesen Körper aufzugeben? Die Zeichen, Symp- 274
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    tome und Ereignisse,die einer solchen natürlichen Auflösung vorausgehen, wurden noch nicht gesehen – weshalb wünschest du dir dann vergeblich, diesen Körper aufzugeben? Ich existiere. Diese ganze Welt und die Wesen darin existieren. Denke daher nicht daran, deinen Körper schon jetzt preiszugeben. Derjenige ist für den Tod geeignet, der in Unwissenheit und Kummer ver- sunken ist. Wer trauert und denkt: „Ich bin schwach, elend, dumm“ usw. ist für den Tod bereit. Wer von zahllosen Wünschen und Hoffnungen gejagt wird und dessen Gemüt ruhelos ist, der ist geeignet für den Tod. Wer den Gegen- satzpaaren wie Glück und Unglück unterworfen ist, wer diesem Körper ver- haftet ist, wer physisch und mental gequält ist, wessen Herz von den Feuern von Lust und Zorn ausgetrocknet ist, der ist bereit für die Erfahrung des Todes. Die Menschen sehen es als Tod an, wenn jemand den Körper aufgibt! Das Leben ist aber sinnvoll für denjenigen, der das Gemüt durch Selbster- kenntnis beherrscht und der der Wahrheit gewahr ist. Derjenige sollte leben, der keine Vorstellungen von Egoismus unterhält und nichts anhaftet, der frei von Zu- und Abneigungen ist und ein stilles Gemüt besitzt, dessen Gemüt den Zustand des Nicht-Gemüts erreicht hat. Richtig ist, dass derjenige lebt, der in der Wahrheit verankert ist und hier auf zwanglose Art und Weise lebt, der durch äußere Ereignisse weder freudig erregt noch niedergeschlagen ist, der frei ist vom Wunsch, etwas zu erwerben oder abzuweisen. Derjenige, der den Menschen, die von ihm hören oder die ihm zuhören, große Freude bringt, für den ist allein das Leben richtig und nicht der Tod. DER HÖCHSTE HERR fuhr fort: V:40 Das Funktionieren oder die Existenz des Körpers wird von den Menschen als Leben bezeichnet, während die Aufgabe des Körpers, um einen neuen Körper zu erlangen, als Tod bezeichnet wird. Du bist frei von diesen beiden Vorstellungen, oh Prahlāda – was ist für dich Tod oder Leben? Ich habe nur aus Gründen der Erklärung diese volkstümlichen Beschreibungen verwendet – in Wahrheit lebst du nicht und stirbst du nicht. Obwohl du in diesem Körper bist, bist du körperlos, da du keinen Körper hast. Du bist der Beobachter, d.h. immaterielle Intelligenz; so wie Luft im Raum existiert, aber nicht an den Raum gebunden ist und daher frei von allen räumlichen Begrenzungen ist. In gewisser Weise jedoch kann man in einem konventionellen Sinne davon sprechen, dass du der Körper bist, da du mit Hilfe des Körpers Empfindungen erfährst; so wie man sagen kann, dass der Raum verantwortlich für das Wachstum der Pflanze ist, insofern als er ihr Wachsen nicht behindert. Du bist erleuchtet. Was bedeutet dir der Körper oder die Verkörperung? Nur in den Augen der Unwissenden ist es so, dass deine Form überhaupt existiert. Immer bist du alles, du bist das höchste innere Licht des Bewusst- seins – was bedeuten dir der Körper oder die Körperlosigkeit, und was kannst du erlangen oder aufgeben? Ob es nun Frühling ist oder der Tag der kosmischen Auflösung gekommen ist – was kann dies für jemanden bedeu- ten, der die Wahrnehmung von Sein und Nicht-Sein überschritten hat? Denn 275
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    dieser ist unterallen Umständen fest in der Selbsterkenntnis verankert. Ob nun die Wesen des Universums leben oder verderben oder wachsen und gedeihen – er verbleibt fest verankert in der Selbsterkenntnis. Der Höchste Herr wohnt im Körper. Er bleibt lebendig, wenn der Körper stirbt, und unverändert, wenn der Körper sich wandelt. Wenn du die falschen Ideen „Ich gehöre zum Körper“ oder „Der Körper gehört zu mir“ aufgibst, dann gibt es keine Bedeutung mehr in Ausdrücken wie „Ich werde ihn aufge- ben“ oder „Ich werde ihn nicht aufgeben“, „Ich habe dies getan“ und „Ich wer- de nun dies tun“. Erleuchtete Menschen tun überhaupt nichts, auch wenn sie ständig tätig sind – es geschieht aber nicht durch eine Form von Inaktivität, dass sie diesen Zustand des Nicht-Tuns erlangen! Nicht-Tun befreit dich von den Erfahrun- gen – wo nichts gesät wurde, wird auch nichts geerntet. Wenn daher die Ideen von „Ich tue“ und „Ich erfahre“ aufgehört haben, dann verbleibt nur der Friede, und sobald dieser Friede dauerhaft verwurzelt ist, ist da die Befrei- ung. Für solch eine erleuchtete Person gibt es weder Erwerb noch Verzicht. Denn nur wenn die Vorstellung von Subjekt und Objekt aufgehört hat, dann kommt die Befreiung. Diese erleuchteten Personen (wie du selbst auch) leben in der Welt, als ob sie sich auf ewig im Zustand des Tiefschlafs befinden. Ebenso, nimm, oh Prahlāda, diese Welt wie im Halbschlaf wahr! Erleuchtete Wesen ergehen sich weder in Vergnügen noch versinken sie im Kummer – sie funktionieren nicht-willentlich, sondern wie ein Kristall, der die Objekte, die in seine Nähe gerückt werden, widerspiegelt ohne es zu wollen. In der Selbst- erkenntnis sind sie hell wach, jedoch gegenüber der Welt schlafen sie; sie funktionieren in der Welt wie Kinder, ohne Ich-Sinn und dessen ganzes Gefol- ge. Oh Prahlāda, du hast das Reich von Vi«ïu erreicht – regiere nun die Un- terwelt einen Weltzyklus lang, was gleichbedeutend mit einem Tag im Leben des Schöpfers Brahmā ist. PRAHLùDA sprach: Herr, ich wurde von Müdigkeit überwältigt und bin für einen kurzen Mo- V:41 ment eingeschlafen. Durch Deine Gnade habe ich die Realisation erlangt, in welcher es keine Unterscheidung zwischen Kontemplation und Nicht- Kontemplation gibt. Ich habe Dich für eine lange Zeit in meinem Herzen ge- sehen – zu meinem großen Glück sehe ich Dich nun vor mir. Ich habe in mei- nem Innersten die Wahrheit des unendlichen Bewusstseins erfahren, in wel- chem kein Kummer, keine Täuschung, keine Sorge über Leidenschaftslosig- keit, kein Wunsch nach Aufgabe des Körpers und keine Furcht vor dieser Welterscheinung ist. Wenn diese einzige ungeteilte Wirklichkeit erkannt wird – wo sind dann noch Leiden und Zerstörung? Was ist dann der Körper, was ist die Welterscheinung, was ist Furcht oder ihre Abwesenheit? Dieser Zustand des Bewusstseins tauchte spontan in mir auf. 276
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    „Oh, wie verabscheueich diese Welt; ich will sie aufgeben!“ – solche Gedan- ken tauchen nur im Unwissenden auf. Nur der Unwissende denkt, dass es Leiden gibt, solange es den Körper gibt, und dass es kein Leiden mehr gibt, wenn der Körper aufgegeben ist. „Dies ist Vergnügen“, „dies ist Schmerz“, „dies ist“, „dies ist nicht“ – nur das Gemüt des Unwissenden, nicht dasjenige des Weisen, schwankt auf diese Weise hin und her. Vorstellungen von „Ich“ und „andere“ existieren nur in den Gemütern von Unwissenden, die die Weis- heit weit hinter sich gelassen haben. „Dies muss erworben werden“, „Dies muss aufgegeben werden“ – Gedanken dieser Art entstehen nur im Gemüt der Unwissenden. Wenn doch alles von Dir durchdrungen wird – wo ist dann dieses „andere“, was man erwerben oder vermeiden sollte? Das ganze Univer- sum ist von Bewusstsein durchdrungen – was wäre aufzugeben oder abzu- lehnen? Auf natürliche Weise erforschte ich mich selbst in mir selbst, und ich habe nur einen kurzen Moment geruht, ohne jede Vorstellung von Existierendem oder Nicht-Existierendem, von Erwerb oder Nicht-Erwerb. Ich habe nun die Selbsterkenntnis erlangt – nun werde ich tun, was immer dir gefällt. Ich bitte dich, nimm meine verehrende Anbetung an! Nachdem er Prahlādas Verehrung angenommen hatte, sprach LORD VIå×U zu ihm: Erhebe dich, oh Prahlāda – ich werde dich nun zum König der Unterwelt ernennen, und die hier anwesenden Götter und Weisen sollen deinen Ruhm besingen. (Nachdem er ihn zum König der Unterwelt gekrönt hatte, fuhr er fort:) Sei der Herrscher der Unterwelt so lange die Sonne und der Mond scheinen. Schütze dieses Reich, ohne von Wunsch, Furcht oder Hass verwirrt zu werden, und schaue auf alle mit demselben Gleichmut. Erfreue dich der königlichen Privilegien – und möge Wohlfahrt immer mit dir sein ! Aber handle stets auf eine Weise, die weder den Göttern im Himmel noch den Menschen auf der Erde Grund zu Unruhe oder Besorgnis gibt. Vollziehe an- gemessene Tätigkeit, ohne dich von Gedanken und persönlichen Motiven leiten zu lassen. Auf diese Weise wirst du durch die Handlungen nicht gebun- den. Oh Prahlāda – du weißt bereits alles – wer kann dich noch belehren? Von jetzt an werden die Götter und die Dämonen in Freundschaft miteinander leben, die Göttinnen und Dämoninnen in Harmonie. Oh König, halte die Un- wissenheit fern von dir und lebe ein erleuchtetes Leben. Regiere diese Welt für eine lange, lange Zeit! VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er so gesprochen hatte, verließ Lord Vi«ïu das Reich der Dämo- V:42 nen. Durch die Gnade und Segnungen des Höchsten Herrn lebten fortan die Götter im Himmel, die Dämonen in der Unterwelt und die Menschen auf der Erde glücklich und ohne Leid. So habe ich dir also, o Rāma, die segensreiche Geschichte von Prahlāda er- zählt, die sämtliche Unreinheiten im eigenen Herzen vernichten kann. Wer 277
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    über diese vielsagendeGeschichte meditiert, wird schon bald einen höheren Bewusstseinszustand erlangen – auch wenn er zuvor böse und sündhaft gewesen ist. Sogar eine einfache Erforschung dieser bedeutenden Geschichte zerstört alle Sünden – wird die Erforschung dagegen mit yogischen Mitteln vorgenommen, dann führt sie gewiss zur höchsten Verwirklichung. Sünde ist nichts als Unwissenheit, die durch Erforschung beseitigt werden kann – da- her sollte man die Erforschung niemals aufgeben. RùMA fragte: Wie konnte es geschehen, oh Höchster Herr, dass Prahlāda, der sich im höchsten Zustande des nondualen Bewustseins befand, durch den Klang des Muschelhorns aufgeweckt wurde? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, Befreiung geschieht auf zweierlei Arten – „mit Körper“ und „ohne Körper“. Der Zustand der Befreiung, in dem das Gemüt vollkommen unange- haftet ist (weder an Handlungen, die Erwerb beinhalten, noch an Entsagung) und in dem überhaupt kein Verlangen mehr ist, wird als „Befreiung mit Kör- per“ genannt. Dasselbe nennt man „Befreiung ohne Körper“, wenn der Körper gefallen ist. Im Falle der „Befreiung mit Körper“ sind alle Neigungen und mentalen Kon- ditionierungen wie geröstete Keimlinge, aus denen keine künftigen Verkörpe- rungen mehr entstehen können. Es verbleiben aber noch die Konditionierun- gen, in der Art von Reinheit, Ausdehnungsfähigkeit und Selbsterkenntnis, obwohl sogar diese Konditionierung nicht-willentlich und völlig absichtslos ist (wie bei einer schlafenden Person). Solange diese Spuren noch vorhanden sind, kann der Weise, der „befreit mit Körper“ ist, auch nach hundert Jahren innerer Kontemplation noch zum Weltbewusstsein erweckt werden. In eben diesem Zustand befand sich Prahlāda, und daher konnte er durch den Klang des Muschelhorns erweckt werden. Außerdem ist Lord Vi«ïu das Selbst von allen – welcher Gedanke auch im- mer in ihm entsteht, der materialisiert sich unverzüglich. Seine Manifestation ist unverursacht und hat selbst nur den Zweck, dieses Universum mit seinen zahllosen Lebewesen zu erschaffen. Durch das Erlangen der Selbsterkenntnis wird Lord Vi«ïu erkannt – und durch die Verehrung von Lord Vi«ïu wird die Selbstverwirklichung erlangt. Oh Rāma, erlange die Vision, die Prahlāda hatte, und befasse dich mit un- aufhörlicher Erforschung – so wirst du den höchsten Zustand erreichen. Diese Welt täuscht einen nur so lange, als die Sonne der Selbst-Erforschung noch nicht im eigenen Herzen aufgegangen ist. Wer einmal die Gnade des Selbst und von Lord Vi«ïu erlangt hat, der wird nicht mehr vom Gespenst dieser illusorischen Welterscheinung getäuscht. RùMA fragte: V:43 Heiliger Herr, du sagtest, dass Prahlāda die Erleuchtung durch die Gnade 278
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    von Lord Vi«ïuerlangt hat. Wenn alles durch Eigenbemühung erreicht wird, weshalb war er dann nicht in der Lage, die Erleuchtung ohne die Gnade Lord Vi«ïus zu erlangen? VASIåèHA erwiderte: Ganz gewiss hat Prahlāda, was immer er erlangt hat, durch Eigenbemühung erlangt, oh Rāma, und durch nichts anderes. Vi«ïu ist das Selbst und das Selbst ist Vi«ïu – die Unterscheidung ist rein verbal. Es war das Selbst Prahlādas, welches in sich selbst Hingabe für Vi«ïu erzeugte. Prahlāda bekam von Vi«ïu, der sein eigenes Selbst ist, den Gunstbeweis der Selbsterforschung – und durch diese erlangte er schließlich die Selbsterkenntnis. Manchmal erlangt man die Selbsterkenntnis durch Selbsterforschung, wie sie durch Eigenbemühung unternommen wird, und manchmal manifestiert sich diese Eigenbemühung als Hingabe an Vi«ïu, der ebenfalls das Selbst ist. Auch so erlangt man die Erleuchtung. Auch wenn jemand lange Zeit hindurch Vi«ïu verehrt, verleiht er ihm nicht die Erleuchtung, wenn er nicht durch Selbst-Erforschung weise geworden ist. Daher ist das allererste Mittel für die Selbsterkenntnis stets die Selbsterfor- schung; Gnade und andere ähnliche Faktoren sind zweitrangig. Meistere deshalb die Sinne und führe das Gemüt durch eine aus ganzem Herzen erfol- gende spirituelle Suche auf den Weg der Selbsterforschung. Nimm deine Zuflucht zur Eigenbemühung, überquere diesen Ozean der Welterscheinung und erreiche das andere Ufer. Wenn du denkst, dass Lord Vi«ïu ohne Eigenbemühung erreicht werden kann, weshalb werden dann nicht auch die Vögel und Tiere zu ihm erhoben? Wenn es wahr ist, dass ein Guru jemanden ohne dessen eigene Bemühung erheben kann, weshalb erhebt er dann nicht auch ein Kamel oder einen Och- sen? Nein, nein – nichts wird mit Hilfe eines Gottes oder Guru oder durch Wohlstand oder andere Mittel erreicht, sondern kann stets nur durch Eigen- bemühung für die vollständige Beherrschung des Gemüts erlangt werden. Was nicht durch entschlossene Bemühung der Selbstbeherrschung in Verbin- dung mit Vorurteilslosigkeit (Freiheit von allen Formen mentaler Konditio- nierung) erreicht werden kann, kann mit keinen anderen Mitteln in den drei Welten erreicht werden. Verehre daher mit dem Selbst das Selbst, halte dich mit Hilfe des Selbst an das Selbst, und sei fest durch das Selbst im Selbst verankert. Der Kult der Hingabe an Vi«ïu wurde mit der Absicht eingeführt, diejenigen Menschen zu inspirieren, die sich vom Studium der Schriften, von der Eigenbemühung und Selbst-Erforschung und den guten Taten abgewendet haben. Entschlossene und andauernde Eigenbemühung wird als das Beste erachtet – fehlt sie, dann werden andere Formen der Verehrung vorgeschrieben. Wenn es dann die vollständige Beherrschung der Sinne gibt, dann hat auch die Verehrung keine Bedeutung mehr, und falls es die Beherrschung der Sinne nicht gibt – welchen Zweck sollte dann die Verehrung haben? Ohne Selbsterforschung und die 279
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    daraus erfolgende innereStille ist weder die Hingabe an Lord Vi«ïu noch die Selbsterkenntnis möglich. Nimm daher deine Zuflucht zur Selbsterforschung und dazu, alle Verwirrung zu beseitigen, und verehre auf diese Weise das Selbst – wenn du darin erfolgreich bist, dann hast du die Vollkommenheit erlangt; falls nicht, dann bist du nicht mehr als ein wilder Esel. VASIåèHA fuhr fort: Wenn du Lord Vi«ïu und andere verehrst, weshalb verehrst du dann nicht auch dein eigenes Selbst? Lord Vi«ïu wohnt in Wahrheit in allen Wesen als deren innerstes Sein. Gewiss sind dies die schlechtesten unter den Menschen, die Vi«ïu außen suchen und ihn in ihrem eigenen Innern missachten. Die primäre Wohnung des Höchsten Herrn befindet sich im Herzensinnern aller Wesen – das ist sein ewiger Körper. Die Gestalt, die zusammen mit dem Mu- schelhorn, dem Diskus und dem Streitkolben usw. gesehen wird, ist die se- kundäre Form des Selbst. Wer die höchste Wahrheit aufgibt und hinter den sekundären Aspekten herrennt, benimmt sich wie jemand, der ein wirksames Medikament fortwirft und sich auf die vergebliche Suche nach einer anderen Kur begibt. Wer nicht in der Lage ist, mit vollkommener Aufmerksamkeit das innewohnende Selbst zu betrachten und daher die Weisheit betreffend das Selbst nicht erlangen kann, sollte sich mit der Verehrung der äußeren Gestalt von Lord Vi«ïu befassen. Durch die mit dieser Praxis erzielten Ergebnisse wird das Gemüt nach und nach gereinigt und vorurteilsfrei. Wenn diese Pra- xis fortgesetzt wird mit Intelligenz und Weisheit, entstehen im Laufe der Zeit Freude und Frieden im Herzen, und man erlangt Reife und Befähigung zur Selbsterforschung. Tatsächlich ergibt sich dies auch aus dem Selbst – die Verehrung von Lord Vi«ïu (wie sie genannt wird) ist nur ein Vorwand dafür. Welche Segnungen auch immer von Lord Vi«ïu erhalten werden – sie kommen in der Tat vom Selbst allein zu demjenigen, der die Erforschung der wahren Natur des Selbst praktiziert. Alle diese unterschiedlichen Praktiken und alle Segnungen, die aus ihnen zu entspringen scheinen, gründen allesamt auf dem Verstehen und dem Meistern des eigenen Gemüts; so wie die Erde die Grundlage für all die unterschiedlichen Nahrungsmittel ist. Sogar für das Pflügen der Erde und das Entfernen der Steine muss man das eigene Gemüt meistern ! Man mag sich während tausend Leben auf dem Rad von Tod und Geburt drehen – aufhören wird dies erst, wenn man das Gemüt vollkommen gemeis- tert und es den Zustand des höchsten Friedens und Gleichmuts erlangt hat. Niemand in den drei Welten, nicht einmal die Götter oder die Personen der Trinität, können einen Menschen vor den Torturen des verwahrlosten Ge- müts bewahren. Deshalb, oh Rāma, gib all die illusorischen Erscheinungen der objektiven Welt auf, ob diese nun in dir oder außerhalb von dir auftreten. Meditiere über die einzige Wirklichkeit des Bewusstseins, damit die Geburtenfolge aufhören möge. Koste durch entschlossenes Abweisen der Objektivität des Bewusst- 280
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    seins (aller Konzepteund Begriffe) das reine Bewusstsein (welches die ei- gentliche Essenz von allem ist, was existiert) – kontempliere das wandellose, unendliche Bewusstsein. So wirst du sicher diesen Strom der Welterschei- nung und der Wiedergeburt überqueren. *** Die Geschichte von Gādhi VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, dieser Zyklus von Geburt und Wiedergeburt ist wahrhaftigohne V:44 Ende. Māyā hört erst mit der Meisterschaft über das eigene Herz (das Gemüt) auf – nicht eher. Um dies zu illustrieren, erzähle ich dir nun eine Geschichte. Es gibt in dieser Welt eine Region, die Kosala genannt wird. In ihr gab es einen Brāhmaïa namens Gādhi. Er war sehr gelehrt und das lebendige Abbild des dharma. Schon von früher Kindheit an war er erfüllt vom Geist der Entsa- gung und der Leidenschaftslosigkeit. Eines Tages ging dieser Brāhmaïa in den Wald, um dort seinen Askesepraktiken nachzugehen. Er hegte den Wunsch, Vi«ïu zu sehen, und stieg in die Wasser eines Flusses, um dort ver- schiedene Mantras zu rezitieren, welche in kurzer Zeit sein ganzes Wesen vollständig reinigten. Nach acht Monaten erschien LORD VIå×U vor ihm und sprach ihn an: „Bitte mich um eine Gunst deiner Wahl.“ Der BRĀHMA×A erwiderte: „Hoher Herr, ich wünsche die Macht deiner Il- lusion (Māyā) kennenzulernen, die alle Wesen irreführt und in der Unwissen- heit festhält.“ LORD VIå×U sprach: „Du wirst meine Māyā kennenlernen, und dann wirst du sofort die illusorische Wahrnehmung von Objekten aufgeben.“ Nachdem Vi«ïu verschwunden war, stieg Gādhi aus dem Fluss heraus; er war hoch erfreut. Mehrere Tage lang führte Gādhi verschiedene heilige Hand- lungen aus, wobei er beständig in der Seligkeit versunken blieb, die das Er- gebnis seiner Vision von Lord Vi«ïu war. Eines Tages ging er zum Fluss, um sein Bad zu nehmen und meditierte im- mer noch über die Worte Vi«ïus. Nachdem er ins Wasser getaucht war, sah er sich plötzlich selbst tot und von allen betrauert. Sein Körper war gefallen und sein Gesicht blass und leblos geworden. Er sah sich von vielen Verwandten und Freunden umgeben, die alle weinten und laut klagten, und in untröstlichen Kummer versunken waren. Seine Frau 281
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    vergoss Tränen wiewenn ein Damm einbricht und hielt seine Füße umklam- mert. Seine Mutter, an der Seite seiner Frau und auch voller Kummer, berühr- te sein Gesicht und weinte bittere Tränen und schrie laut. So war er umgeben von lauter trauernden Angehörigen. Er sah sich selbst bewegungslos liegen wie schlafend oder in tiefer Medita- tion, oder als ob er sozusagen eine lange Mittagsruhe machte. Er vernahm all dieses Weinen und Wehklagen der Angehörigen und fragte sich verwundert: „Was hat dies alles zu bedeuten?“ Er wurde nun neugierig, die Frage der Natur von Freundschaft und Verwandtschaft zu erforschen. Bald schon trugen die Angehörigen seinen Körper fort zum Verbrennungs- platz. Nach der Ausführung der Sterberiten, hoben sie seinen Körper auf den Scheiterhaufen. Sie setzen den Scheiterhaufen in Brand, und schon bald war der Körper des Gādhi von den Flammen verzehrt. VASIåèHA fuhr fort: V:45 Oh Rāma, Gādhi, der immer noch im Fluss stand, sah schließlich, wie er in der Region Bhūtamaï¬alaæ als Fötus im Leib einer Stammesangehörigen lag. Rings umher war er von Gewebe und Fleisch im Körper dieser Frau um- geben. Schließlich wurde er als ihr Sohn geboren. Eine Zeit lang suhlte er in seinen eigenen Exkrementen. Er war dunkelhäutig wie seine Eltern, und er war sehr geliebt in seiner Familie. Schnell wuchs er zu einem kräftigen jungen Mann heran. Er war ein guter Jäger. Er heiratete eine Stammesfrau. Frei wanderte er im Wald umher. Er führte ein nomadisches Leben – manchmal schlief er unter einem Baum, verbarg sich manchmal im Gebüsch und machte gelegentlich eine Höhle zu seinem Wohnplatz. Und schließlich wurde er Vater – seine Kinder gerieten ebenso grob und böse wie er selbst. Er hatte eine große Familie. Er besaß zahlreiche Freunde und Verwandte Schließlich wurde er alt. Er selbst starb nicht, verlor aber nach und nach alle seine Freunde und Verwandten an den Tod. Enttäuscht verließ er sein Hei- matgebiet und wanderte in fremde Länder. Ziellos durchstreifte er viele Län- der. Eines Tages, als er auf diese Weise von einem Ort zum nächsten wanderte, kam er in ein Königreich, das offensichtlich mit Reichtum und Wohlstand gesegnet war. Er ging die Promenade der Hauptstadt dieses Königreiches entlang. Vor sich bemerkte er einen riesigen königlichen Elefanten, der präch- tig herausgeputzt war. Dieser königliche Elefant hatte eine Aufgabe. Der König, der dieses König- reich regiert hatte, war eben verstorben und hatte keinen Erben hinterlassen. Gemäß alten Bräuchen wurde nun der Elefant mit der Aufgabe betraut, einen geeigneten Nachfolger zu finden. Er suchte nach einer passenden Person, so wie ein Juwelier nach einem kostbaren Edelstein sucht. Der Jäger musterte den Elefanten eine Zeitlang mit einer Mischung aus Neugierde und Staunen. Der Elefant ergriff ihn schließlich mit seinem Rüssel 282
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    und setzte ihnauf seinen Rücken. Im selben Moment erklang in der ganzen Stadt ein Dröhnen der Trommeln und der Posaunen. Alle Leute riefen in größter Freude „Lang lebe der König!“ – der Elefant hatte den neuen König erwählt. Schon bald war der neue König von den Mitgliedern des königlichen Hofes umgeben. Die schönen Damen des Hofes umgaben ihn und kleideten ihn ein. Sie schmückten ihn mit königlichen Roben und Edelsteinen. Sie bekränzten und salbten und parfümierten ihn. Der Jäger wurde zu einem strahlenden König. Und sie krönten ihn, während er auf einem Thron auf dem Rücken des Elefanten saß. Auf diese Weise wurde ein Stammesangehöriger und Jäger zum König von KÅrapura! Von da an erfreute er sich aller königlichen Vergnü- gen und Privilegien. Nach und nach lehrte ihn seine neue Position die Kunst, ein Reich zu regie- ren und er wurde ein wohlbekannter König mit dem Namen Gavala. VASIåèHA fuhr fort: V:46 Gavala der König, dem die Damen des Palastes und seine Minister ergeben dienten, hatte seine bescheidene Herkunft völlig vergessen. So vergingen acht Jahre. Sein Königreich regierte er weise und gerecht, mit Hingabe und Reinheit. Eines Tages verließ er seine Gemächer, um in die Stadt zu wandern. Seine königliche Kleidung und seine königlichen Insignien hatte er abgelegt – Men- schen, die ihrer Vorzüglichkeit bewusst sind, benötigen keine äußeren Zei- chen. Außerhalb des Palastes bemerkte er eine Gruppe von Stammesangehö- rigen, die vertraute Lieder sangen. Ohne Aufsehen zu erregen, gesellte er sich zu ihnen und begann mitzusingen. Ein älterer Stammesangehöriger erkannte ihn, erhob sich aus der Menge und sprach ihn an: „Oh KaÂanja! Belohnt dich der König dieses Palastes mit Geschenken und Gaben für deine musikalischen Fähigkeiten? Oh wie bin ich erfreut, dich zu sehen! Wer würde sich nicht freuen, einen alten Freund wie- derzutreffen?“ Gavala ignorierte dies, aber die Damen und Mitglieder des königlichen Hofes, die aus der Entfernung der Szene zusahen, waren scho- ckiert. Der König kehrte rasch in den Palast zurück. Die königlichen Bediensteten und Mitglieder des Hofes jedoch vermochten sich nicht von dem Schock zu erholen, dass ihr König nichts als ein unwürdi- ger Stammesangehöriger gewesen war, den sie nicht einmal hätten berühren mögen. Sie begannen ihn zu meiden – sie behandelten ihn, als wäre er ein verwesender Kadaver. Von seinen Ministern, Dienern und den Dienerinnen, die ihn bisher ge- schmückt hatten, vernachlässigt, nahm Gavala nach und nach wieder seine wirkliche Gestalt an –ein dunkler und hässlicher Stammesangehöriger, ab- scheulich anzusehen wie ein Verbrennungsplatz. Sogar die Bürger des König- reichs mieden ihn und rannten fort, sobald sie ihn nur zu Gesicht bekamen. Obwohl er im Palast lebte und von vielen Menschen umgeben war, fühlte er 283
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    sich völlig einsam– man behandelte ihn wie eine elende Person, obwohl er doch der König war. Sie antworteten ihm nicht einmal, wenn er sie anzuspre- chen versuchte! Die Ältesten kamen zusammen und hielten Rat. Sie sprachen zueinander: „Oh weh! Wir sind befleckt durch die Berührung dieses Stammesangehörigen, der von Hundefleisch gelebt hat! Es gibt keine Sühne für diese Befleckung außer dem Tod. Lasst uns daher einen riesigen Scheiterhaufen errichten, unsere besudelten Körper auf diesen werfen und so unsere Seelen reinigen.“ Nachdem sie dies beschlossen hatten, sammelten sie Feuerholz und errichte- ten damit einen riesigen Scheiterhaufen. Einer nach dem anderen warf sich dann ins Feuer. Nachdem so alle Ältesten umgekommen waren, brachen in der Stadt Chaos und Anarchie aus. König Gavala überlegte: „Oh weh! All dies ist nur wegen mir geschehen! Weshalb sollte ich noch länger leben – der Tod ist dem Leben jetzt vorzuzie- hen! Für jemanden, der in den Augen der Leute entehrt ist, ist der Tod besser als das Leben.“ Nachdem er zu diesem Entschluss gekommen war, übergab König Gavala seinen Körper ruhig dem Feuer. Als das Feuer die Glieder von Gavala zu verzehren begann, erlangte Gādhi, der immer noch, eingetaucht in das Wasser des Flusses, Gebete rezitierte, sein Bewusstsein wieder. (Inzwischen war die Dämmerung hereingebrochen. Ein weiterer Tag war zu Ende gegangen.) VASIåèHA fuhr fort: Nun wurde Gādhi befreit von seiner illusorischen Vision. Er gewann jetzt V:47 sein Bewusstsein wieder von „Ich bin Gādhi“. Er beendete seinen religiösen Dienst und stieg aus dem Fluss. Er fragte sich jetzt fortwährend, wie verwun- dert, „Wer bin ich? Was habe ich da gesehen? Und wie?“ Er kam schließlich zu dem Ergebnis, dass sein ermüdeter Verstand ihm offensichtlich einige Strei- che gespielt haben musste. Auch nachdem er den Ort bereits verlassen hatte, dachte er immer noch über seine Vision nach und grübelte über die Natur seiner Eltern, der Freunde und der Leute nach, die er in dieser Vision gesehen hatte. Er dachte bei sich: „Gewiss war all dies illusorisch, weil ich jetzt nichts mehr davon wahrnehme!“ Nach einigen Tagen besuchte ihn ein ehrenwerter Brāhmaïa, den Gādhi mit allen ihm zukommenden Ehren empfing. Im Verlaufe ihrer Unterhaltung fragte GùDHI den Gast: „Oh Heiliger, weshalb siehst du so müde und er- schöpft aus?“ Der GAST antwortete: „Du Heiliger, ich werde dir die ganze Wahrheit erzählen. Im Norden gibt es ein Königreich, genannt KÅra. Ich ver- brachte dort einen Monat und wurde festlich von den Bürgern dieses König- reiches bewirtet. Von ihnen vernahm ich sodann eine ungewöhnliche Ge- schichte. Sie erzählten mir folgendes: „Acht Jahre lang hat ein Stammesange- höriger dieses Königreich regiert. Schließlich wurde seine Herkunft ruchbar. Wegen ihm sind sehr viele Brāhmaïas an diesem Ort umgekommen.“ Als ich dies hörte, fühlte ich mich ebenfalls verunreinigt, und so ging ich fort an 284
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    einen heiligen Ortnamens Prayāga und unterzog mich dort strenger Askese und langem Fasten. Dieses Fasten habe ich heute zum ersten Mal gebrochen.“ Der Gast verbrachte die Nacht bei Gādhi und verließ ihn am folgenden Tag. GùDHI dachte weiter nach: „Was ich in einer Halluzination gesehen habe, hat mein Gast als tatsächliches Ereignis vernommen! Ich sollte jetzt diese Geschichte selbst untersuchen.“ Nachdem er dies beschlossen hatte, ging Gādhi als erstes zu dem Ort, der Bhūtamaï¬alam genannt wird. Menschen mit hoch entwickeltem Bewusstsein können mit Hilfe angemessener Eigen- bemühung sogar das erreichen, was sie im Geist visualisieren. Daher sah Gādhi an seinem Ziel das, was er schon in seiner Vision wahrgenommen hatte. Er sah ein Dorf, welches sich tief in seinBewusstsein eingeprägt hatte. Er sah sein eigenes Heim als Stammesangehöriger, und er sah die verschiedenen Gegenstände des Alltags, die er benutzt hatte. Das Haus befand sich in einem sehr schlechten Zustand. Er sah ferner darin die Knochen der Tiere, deren Fleisch von der Familie gegessen wurde - er betrachtete diesen schrecklichen Ort, der wirklich wie ein Friedhof war. Dann wandte er sich in Richtung des nächsten Dorfes und fragte die Dorfbewohner: „Wisst ihr irgendetwas über einen Stammesangehörigen, der da drüben gewohnt hat?“ Die DORFBEWOHNER antworteten: „Heiliger Herr, natürlich wissen wir da- von. Es gab einmal einen schrecklich anzusehenden und grimmigen Stam- mesangehörigen, der bis zum hohen Alter dort gelebt hat. Als er alle Ver- wandten verloren hatte, ging er fort und wurde König von Kīra. Er regierte dort acht Jahre lang. Schließlich wurde er enttarnt, und als Ergebnis davon mussten viele Menschen sterben. Er tötete sich dann auch selbst. Aber bitte, weshalb fragst du danach? Kannte er dich, oder glaubst du, ihn gekannt zu haben?“ Als Gādhi dies vernahm, war er tief verwirrt. VASIåèHA fuhr fort: V:48 Gādhi erkannte nun die verschiedenen Gegenstände und Plätze, die mit sei- nem „Leben“ in diesem Dorf in Zusammenhang standen: Wo er lag, wenn er betrunken war, wo er schlief, wo er aß, welche Kleidung er trug usw. Von diesem Ort aus wanderte Gādhi dann zum Königreich von Kīra. Er ging in die Hauptstadt und befragte die Bürger: „Ist es wahr, dass dieses Land eine Zeit lang von einem Stammesangehörigen regiert worden ist?“ Die Bürger erwi- derten mit großer Erregung: „Oh ja! Und er regierte hier acht lange Jahre, denn er wurde vom königlichen Elefanten erwählt. Als seine Herkunft schließlich aufgedeckt wurde, beging er Selbstmord. Das war vor zwölf Jah- ren.“ In diesem Moment kam der König mit seinem Gefolge aus dem Palast, der niemand anderes als der verehrte Lord Vi«ïu war! Dies alles sehend, fragte sich Gādhi: Tatsächlich ist dies das Königreich Kīra, welches ich vor nicht langer Zeit regiert habe und nun so sehe, als hätte ich hier in einer früheren Geburt gelebt! Er überlegte: „Dies war nichts als ein Traum, und doch er- 285
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    scheint es jetztlebhaft vor mir im Wachzustand! Oh weh! Ich bin gewiss ge- fangen in einem Netz von Einbildungen. Ich erinnere mich, dass Lord Vi«ïu mir die Gunst gewährt hat, seine Māyā zu sehen. Gewiss sehe ich hier das Ergebnis davon.“ Er verließ unverzüglich die Stadt, ging in eine nahebei gele- gene Höhle und begann dort mit intensiver Askesepraxis. Schon bald erschien Lord Vi«ïu vor ihm und fragte ihn, welchen Gunstbe- weis er sich erbat. GHùDI fragte den Herrn: „Die Halluzination, die ich im Traum hatte – wie kann es sein, dass ich sie nun auch im Wachzustand habe?“ LORD Vishnu erwiderte: Oh Gādhi! Was du jetzt siehst, ist eine Illusion – tatsächlich ist dies nichts als das Selbst, jedoch wahrgenommen von einem Gemüt, das nicht gereinigt ist und die Wahrheit noch nicht realisiert hat. Außerhalb des Selbst existiert nichts – so wie der Baum im Samen existiert, so existiert all dieses bereits im Gemüt, und das Gemüt sieht es so, als wäre es außerhalb. Es ist nur das Ge- müt, das all dies sieht und alles als der Zukunft oder der Vergangenheit ange- hörig visualisiert. Das Gemüt allein wird als Traum, Illusion, Krankheit usw. erfahren. Im Gemüt existieren zahllose „Ereignisse“ wie die Blüten eines Baumes, der in voller Blüte steht. Und so wie ein entwurzelter Baum keine Blüten mehr hervorbringt, so bringt das von Ideen und Konzepten freie Ge- müt keine Wiedergeburt usw. mehr hervor. Ist es denn so unglaubwürdig, dass dieser Verstand, der all die zahllosen Gedankenformen in sich trägt, nicht auch die Idee „Ich bin ein Stammesange- höriger“ hervorbringt? Oder dass er auf dieselbe Weise weitere Ideen wie „Ich hatte einen Brāhmaïa-Gast, der mir die Geschichte berichtete usw.“ oder „Ich gehe nach Bhūtamaï¬alam“, oder „Ich befinde mich im Königreich Kīra“ gebiert? All dies war nichts als Halluzination! Oh Heiliger, du hast nun beide Formen der Illusion kennen gelernt – diejenige, die du selbst für eine Illusion gehalten hast, und diejenige, die du als Realität ansiehst – beide sind jedoch nichts als Illusion. Du hast niemals einen Gast bewirtet, und niemals bist du irgendwo hingegangen! All dieses war tatsächlich nichts als Einbildung. In Wirklichkeit bist du niemals in Bhūtamaï¬alam oder Kīra gewesen – auch dies war nur Illusion. Erhebe dich, oh Weiser, und betätige dich hier in der geeigneten Weise, denn ohne solche Tätigkeit kann nichts von dem erlangt werden, was in diesem Leben wirklich wichtig ist! VASIåèHA fuhr fort: V:49 Um sich nun selbst zu vergewissern, begab sich Gādhi noch einmal nach Bhūtamaï¬alam usw. Noch einmal vernahm er dieselben Geschichten von den Leuten, die dort wohnten. Ein weiteres Mal verehrte er Lord Vi«ïu, und wieder erschien dieser vor ihm. GHùDI fragte den Herrn: „Höchster Herr, zwei Monate lang wanderte ich in beiden Reichen und hörte dieselben Ge- schichten, die die Leute als wahr erzählen. Ich bitte dich demütig, kläre diese Verwirrung auf.“ DER LORD erwiderte: 286
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    Oh Gādhi, dieseVorgänge sind in deinem Verstand widerspiegelt, obwohl sie gänzlich ohne Beziehung mit dir stattgefunden haben, so wie es eine rein zufällige Beziehung zwischen der Krähe, die auf einem Kokosnussbaum lan- det, und einer plötzlich herunterfallenden Kokosnuss gibt. Diese Leute erzäh- len daher dieselbe Geschichte, und du hältst sie wiederum für die deine! Eine derartige Koinzidenz ist nicht ungewöhnlich – manchmal wird dieselbe Illu- sion von vielen Menschen wahrgenommen. Manchmal haben viele Menschen denselben Traum oder mehrere Menschen erfahren dieselbe Halluzination, oder Trunkenbolde haben alle den Eindruck, dass sich die Welt um sie herum dreht. Mehrere Kinder spielen dasselbe Spiel. Eine solche Verwirrung kann in den Gemütern der Menschen auch in Bezug auf die Zeit entstehen. Die Zeit ist ein Konzept des Verstandes. Die Zeit steht in wechselseitiger Beziehung zu gewissen Phänomenen. (Lord Vi«ïu verschwand, und Gādhi kontemplierte lange, lange Zeit. Noch einmal betete er, und der Herr erschien aufs Neue. GHùDI bat: „Höchster Herr, ich bin gänzlich verwirrt durch deine Māyā. Bitte nimm diese Verwir- rung von mir.“ Und der Herr erwiderte:) Was immer du in Bhūtamaï¬alam und Kīra gesehen hast, war möglicher- weise wahr. Der als KaÂanja bekannte Stammesangehörige wurde tatsächlich vor einiger Zeit geboren. Er verlor seine Verwandten und wurde zum König von Kīra. All dieses war in deinem Bewusstsein enthalten und widerspiegelt. So wie der Verstand manchmal vergisst, was er tatsächlich erfahren hat, so glaubt er auch manchmal, etwas erfahren zu haben, was er tatsächlich nie- mals erfahren hat. So wie man Träume und Visionen erfährt, so erfährt man Halluzinationen sogar im Wachzustand. Obgleich KaÂanja vor mehreren Jah- ren gelebt hat, erscheint er doch in deinem Bewusstsein als wie in der Ge- genwart seiend. „Dies bin ich“ – ein solches Konzept entsteht nicht in der Person mit Selbst- erkenntnis, sondern im Verstand der unwissenden Person. „Ich bin dies alles“ – wer dies als Kenner der Wahrheit weiß, der ertrinkt nicht in der Sorge und verlangt nicht vergeblich nach den vergänglichen Objekten, die den Kummer in sich tragen. Daher wird er nicht von Jubel und Trauer hin und her getrie- ben. Weil du noch nicht vollständig erleuchtet bist, hängt dein Gemüt noch an der Illusion der objektiven Wahrnehmung, den Konzepten. Māyā breitet sich in alle Richtungen aus – wer dagegen im Zentrum verbleibt, ist frei von der Täuschung. Erhebe dich und meditiere darüber zehn Jahre lang. (Gādhi befasste sich danach mit intensiver Meditation und erlangte schließ- lich die Selbstverwirklichung. Dann lebte er weiter als befreiter Weiser – frei von Furcht und Sorge.) VASIåèHA fuhr fort: V:50 Diese kosmische Illusion (Māyā) schafft große Täuschung und ist selbst von der Natur des Ungleichgewichts. Sie ist extrem schwierig zu verstehen. Wel- 287
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    chen Vergleich gibtes zwischen einer Halluzination, die für die kurze Dauer eines Traums besteht, und derjenigen, die eine ganze Lebenszeit lang mit all den verschiedenen Erfahrungen eines Stammesangehörigen besteht? Und wiederum – wie können wir das, was in einer Halluzination und das, was „vor unseren Augen“ gesehen wird, miteinander vergleichen? Was davon wäre als wahrhaft unwirklich, und was als etwas zu bezeichnen, das sich einer tatsäch- lichen Verwandlung unterzogen hat? Ich versichere dir daher, oh Rāma, dass diese kosmische Illusion das unvorsichtige Gemüt in endlose Schwierigkeiten hineinzieht. RùMA fragte: Aber, oh Hoher Herr, kann man dieses Rad der kosmischen Illusion anhalten, welches sich mit dieser unwiderstehlichen Gewalt dreht und dreht? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, das Gemüt ist die Nabe, um die herum sich dieser böse Zyklus bewegt und Illusionen in den Gemütern der Irregeführten erzeugt. Es ge- schieht nur durch entschlossenes Bremsen dieser Nabe durch intensive Ei- genbemühung und kühne Intelligenz, dass das gesamte Rad schließlich zum Stillstand gebracht wird. Sobald die Bewegung der Nabe angehalten ist, dreht sich auch das Rad nicht mehr – ist das Gemüt einmal gestillt, dann hört es einfach auf. Wer diesen Trick nicht kennt und ihn nicht praktiziert, ist endlo- sem Kummer unterworfen. Wird jedoch die Wahrheit erkannt – siehe da! – dann gelangt der Kummer an sein Ende. Die Krankheit der Wahrnehmung dieser Weltillusion wird nur geheilt, wenn das Gemüt gemeistert ist; das ist die einzige Arznei. Daher, oh Rāma, gib alle anderen Aktivitäten wie Pilgerreisen, Geschenke und Wohltätigkeit auf und bringe das Gemüt unter deine Kontrolle, zu deinem eigenen Besten. Diese Welterscheinung lebt im Gemüt wie der Raum in einem Topf – wenn der Topf zerbricht, verschwindet die illusorische Erscheinung einer Teilung des Rau- mes, und auf dieselbe Weise verschwindet das Konzept einer Welt, sobald das Gemüt aufhört zu sein. So wie ein Insekt, das in einem Topf gefangen ist, seine Bewegungsfreiheit nach dem Zerbrechen des Topfes wiedererlangt, so wirst du dich deiner Freiheit erfreuen, wenn das Gemüt zusammen mit der darin enthaltenen Weltillusion nicht länger besteht. Lebe in der Gegenwart – mit einem Bewusstsein, das sich momentweise und mühelos den äußeren Objekten zuwendet. Sobald das Gemüt damit auf- hört, sich an die Vergangenheit und die Zukunft zu binden, wird es zum Nicht- Gemüt. Wenn dein Gemüt von Augenblick zu Augenblick nur kurz bei dem verbleibt, was gerade ist und es dann ohne Anstrengung gleich wieder beisei- telegt, dann wird das Gemüt zum Nicht-Gemüt – voller Reinheit. Nur so lange das Gemüt im Zustand der Erregtheit verweilt, erfährt es die Vielfalt seiner eigenen Projektionen oder seiner Erweiterung – so wie der Regen nur so lange fällt, wie da Wolken sind. Und nur so lange das unendliche Bewusstsein sich selbst auf das endliche Gemüt begrenzt, findet diese Erregtheit und Er- weiterung überhaupt statt. Wenn das unendliche Bewusstsein aufhört, das 288
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    endliche Gemüt zusein, dann wisse, dass die Wurzeln der zyklischen Welter- scheinung (Geburt und Tod) verbrannt sind und da nur noch Vollkommenheit ist. VASIåèHA fuhr fort: Bewusstsein, das frei von den Begrenzungen des Gemüts ist, wird die inne- re Intelligenz genannt; es ist die eigentliche Natur des Nicht-Gemüts und daher nicht von den Unreinheiten der Konzepte und Ideen befleckt. Das ist die Wirklichkeit, der grösste Segensreichtum – und dieser Zustand wird das höchste Selbst genannt; das ist Allwissenheit. Diese Vision kann nicht erlangt werden, solange das verdorbene Gemüt existiert. Solange es das Gemüt gibt, florieren die Hoffnungen und Wünsche – und so lange gibt es die Erfahrungen von Freude und Leid. Das Bewusstsein, welches zur Wahrheit erweckt wurde, verfällt nicht mehr den Ideen und Konzepten. Obwohl es verschiedenen psy- chologischen Erlebnissen unterzogen zu werden scheint, gibt es der Entste- hung der Weltillusion und des Zyklus der Welterscheinung keinen Raum. Diejenigen, die durch das Studium der Schriften, die Gemeinschaft mit Hei- ligen und die unaufhörliche und wachsame Praxis der Wahrheit erweckt sind, haben ein Bewusstsein erlangt, welches sich im reinen Zustand der Nicht- Objektivität befindet. Daher sollte man mit aller Kraft das eigene Gemüt aus Unwissenheit und Schwanken herausholen und es mit dem Studium der Schriften und der Gesellschaft der Heiligen beschäftigen. Das Selbst ist die einzige Hilfe für die Realisierung des höchsten Selbst oder des unendlichen Bewusstseins. Es ist das eigene Selbst, welches danach strebt, den Kummer und die Sorgen loszuwerden – und dafür ist die Verwirk- lichung des eigenen Selbst durch sich selbst der einzige Weg. Daher, oh Rāma, während du noch in dieser Welt tätig bist (sprechend, nehmend und gebend), sei ohne das Gemüt und erkenne, dass du reines Be- wusstsein bist. Gib Ideen wie „Dies gehört mir“, „Dies ist er“, „Dies bin ich“ auf, und sei im Bewusstsein der ungeteilten Wirklichkeit verankert. Solange der Körper dauert, betrachte die Gegenwart und die Zukunft mit demselben Gleichmut. Verbleibe auf immer in diesem Bewusstsein des Selbst in allen Zuständen – Jugend, Mannes- und Greisenalter, in Freude und Schmerz, im Wachen, Träumen und Tiefschlaf. Gib die Unreinheit der objektiven Wahr- nehmung, der Hoffnungen und Wünsche auf; sei stets in der Selbsterkenntnis verankert. Gib Ideen von glückverheißenden und unglückverheißenden Ge- schehnissen auf, gib Vorstellungen von Wünschenswertem und Unerwünsch- tem auf. Wisse, dass du die Essenz des Bewusstseins bist. Erkenne, dass we- der Subjekt, Objekt noch Tätigkeiten dich berühren; verbleibe ohne irgend- welche Beunruhigung im reinen Bewusstsein. Wisse: „Ich bin all das “, und lebe im Wachzustand als ob du im Tiefschlaf wärest. Sei frei von Bedingthei- ten wie Dualität und Nicht-Dualität und verbleibe vollkommen ausgeglichen im Zustand des reinen Bewusstseins und der Freiheit. Erkenne, dass dieses kosmische Bewusstsein nicht teilbar ist in ein „Ich“ und „anderes“, und bleibe daher fest und unerschütterlich. 289
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    VASIåèHA fuhr fort: Durchtrenne sämtliche Fesseln von Wunsch und Verlangen allein mit der Intelligenz, die unbegrenzt und voll Geduld und Beständigkeit ist, und gehe jenseits von dharma und adharma. Wenn man fest in der Selbsterkenntnis verwurzelt ist, verwandelt sich sogar das stärkste Gift in den Nektar der Unsterblichkeit. Nur wenn diese Selbsterkenntnis von der Unwissenheit überwältigt wird, entsteht die Täuschung der Welterscheinung im Gemüt. Ist jemand jedoch fest in der Selbsterkenntnis, welche grenzenlos, unendlich und unkonditioniert ist, dann kommt die Täuschung oder die Unwissenheit, die die Welterscheinung entstehen ließen, an ein Ende. Dann wird das Licht dei- ner Weisheit in allen vier Himmelsrichtungen dieser Erde leuchten. Für denjenigen, der gewohnt ist, den Nektar der Unsterblichkeit in der Form der Selbsterkenntnis zu genießen, sind die Freuden der Sinnesvergnü- gen qualvoll. Nur zur Gesellschaft derjenigen, die Selbsterkenntnis erlangt haben, nehmen wir unsere Zuflucht – alle anderen sind nur Esel in menschli- chen Leibern. So wie Elefanten mit großen Schritten schreiten, so schreiten die Weisen, die die höheren Stufen des Bewusstseins erlangt haben, mit gro- ßen Schritten in noch höhere Stufen auf. Sie besitzen überhaupt keine äuße- ren Hilfen und keine Sonne erleuchtet ihren Pfad – allein die Selbsterkenntnis ist ihr Licht. Tatsächlich werden sogar die Sonne und die Welten zu Nicht- Objekten für diejenigen, die jenseits der objektiven Wahrnehmung und des objektiven Wissens gegangen sind– so wie Lampen ihre Leuchtkraft verlieren, wenn die Mittagssonne scheint. Der Weise der Selbsterkenntnis (der Kenner der Wahrheit) ist der höchste unter denjenigen, die strahlend, glorreich, stark, groß und ausgestattet sind mit weiteren Eigenschaften, die als die Zeichen der Vorzüglichkeit anerkannt werden. Diese Weisen leuchten in dieser Welt wie die Sonne, das Feuer, der Mond und alle Sterne zusammen genommen. Auf der anderen Seite sind diejenigen, die die Selbsterkenntnis noch nicht erlangt haben, schlimmer dran als Würmer und Insekten. Das Gespenst der Täuschung plagt einen nur so lange, wie die Selbster- kenntnis noch nicht im Menschen aufgestiegen ist. Der unwissende Mensch ist ewig sorgenvoll, obwohl er alles unternimmt, um die Sorge loszuwerden. Wahrlich ist er nichts als ein wandelnder Leichnam. Nur der Weise der Selbsterkenntnis ist ein wirklich lebendiges, fühlendes Wesen. So wie dichte Wolkenformationen am Himmel das Sonnenlicht verdunkeln, so wird das Licht der Selbsterkenntnis verdunkelt, wenn das Gemüt aufgrund von Un- reinheiten und Unwissenheit roh ist. Daher sollte man das Verlangen nach Vergnügen (und zwar diejenigen, die man in der Vergangenheit erfahren hat, und andere, die man sich für die Zukunft wünscht und nach denen es einen gelüstet) aufgeben und auf diese Weise nach und nach das Verlangen des Gemüts nach Vergnügen durch Abgewöhnen schwächer machen. Durch das Pflegen einer falschen Beziehung mit dem, was nicht das Selbst ist (wie der Körper und diejenigen, die mit ihm in Verbindung stehen wie Ehepartner, 290
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    Kinder, Familie undVerwandte usw.) wird das Gemüt grob. Die Wahrneh- mungen von „Ich“ und „mein“ machen das Gemüt schwer und unwissend. Vertieft wird dies ferner durch das Alter, den Kummer, die Ambitionen, psy- chische Schmerzen, Anstrengungen, etwas zu erlangen oder abzuweisen, Anhaftungen, Gier, Lust nach Wohlstand und Sex und durch das Genießen der Sinneserfahrungen, die alle in der Unwissenheit und Täuschung gründen. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie ein Baum, der fest in diesem verderbten Feld namens Körper verwurzelt ist. Qualen und Ängste sind seine Blüten, beladen ist er mit den Früchten des Alters und der Krankheit, er ist geschmückt mit den Blumen der Wünsche und Sinnesvergnügen; Hoffnungen und Verlangen sind seine Zweige, und die Perversionen sind seine Blätter. Fälle diesen töd- lich giftigen Baum, der so unbeweglich wie ein Berg aussieht, mit der schar- fen Axt der Erforschung. Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie der Elefant, der den Wald namens Körper durchstreift. Seine Sichtweise ist von Täuschung umwölkt; es ist einseitig (indem es sich stets nur auf der konditionierten und unwissenden Seite auf- hält); es ist unfähig, in seiner eigenen Seligkeit zu ruhen; es ist gewalttätig; obwohl es die Wahrheit zu erlangen wünscht, von der es durch die Weisen gehört hat, ist es in der Wahrnehmung der Vielfalt gefangen und konditio- niert durch seine eigenen Konzepte von Freude und Schmerz; es ist ausge- stattet mit den scharfen Stoßzähnen der Lust usw. Oh Rāma, du bist der Löwe unter den Prinzen! Reiße diesen Elefanten mit Hilfe deines Scharfsinns in Stücke! Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie eine Krähe, die im Nest dieses Körpers schwelgt. Es wälzt sich im Unrat, es wächst durch den Verzehr von Fleisch, es durchbohrt die Herzen anderer, es kennt nur seine eigene Sichtweise, die es als die Wahrheit erachtet, es ist voller Finsternis aufgrund seiner stetig wach- senden Dummheit, es ist voller böser Neigungen und ergeht sich in aggressi- ven Ausdrucksformen. Es ist auf dieser Erde eine Last, oh Rāma – weise es weit, weit weg von dir! Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie ein Gespenst. Bedient wird es von dem weiblichen Kobold Begierde; es ruht im Wald der Unwissenheit; aus Täu- schung wandert es in zahllosen Körpern umher. Wie kann man die Selbster- kenntnis erlangen, wenn man dieses Gespenst nicht mit Hilfe von Weisheit und Leidenschaftslosigkeit, der Gnade des Guru, der Eigenbemühung, dem Singen von Mantras usw. besiegt? Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie die giftige Schlange, die schon zahllose Le- bewesen getötet hat. Vernichte es mit dem Adler der wirksamen meditativen Formel oder Anweisung. Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie ein Affe. Es hüpft von einem Ort zum nächs- ten, sucht nach Früchten (den Belohnungen und Vergnügen usw.), springt und 291
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    tanzt nach derPfeife dieses Weltzyklus und unterhält die Leute. Halte es auf allen Ebenen zurück, wenn du nach der Vollkommenheit strebst. Oh Rāma, dieses Gemüt ist wie eine Wolke der Unwissenheit – vertreibe sie durch die wiederholte Zurückweisung aller Konzepte und Ideen. So wie eine furchtbare Waffe durch eine noch mächtigere zerstört wird, so beruhige das Gemüt mit Hilfe des Gemüts selbst. Gib für immer jede mentale Erregtheit auf. Verbleibe in Frieden mit dir selbst wie ein Baum, der nicht mehr durch die unsteten Affen gestört wird. *** Die Geschichte von Uddālaka Oh Rāma, verlasse dich nicht auf subtile und scharfsinnige Konzepte und Ideen des Gemütes. Das Gemüt wurde durch die Zeit zusammengesetzt und V:51 erlangte so große Stärke. Bringe es mit Hilfe der Weisheit unter Kontrolle, bevor die Zeit diese Kletterpflanze, genannt Körper, zu Fall bringt. Durch das inbrünstige Kontemplieren meiner Worte wirst du die höchste Seligkeit er- langen. Ich werde dir nun erzählen, oh Rāma, wie einst der Weise Uddālaka die höchste Sichtweise der Wahrheit erlangte. Irgendwo in einem Winkel der Erde gibt es einen großen Berg, der Gandhamādana genannt wird. Auf einem seiner Gipfel gab es einen großen Baum. Dort lebte der Weise Uddālaka. Schon als Knabe trachtete er durch seine eigene Bemühung, die allerhöchste Weisheit zu erlangen. Natürlich verstand er zu der Zeit noch sehr wenig, und er hatte eine ruheloses Gemüt, obgleich er ein reines Herz besaß. Er befasste sich mit Askesepraktiken, dem Studium der Schriften usw., und eines Tages stieg die Weisheit in ihm auf. Als er so allein dasaß, dachte der WEISE UDDALĀKA folgendermaßen nach: Was ist die Befreiung, die man als das allerhöchste unter den erstrebens- werten Zielen betrachtet, nach deren Erlangung man kein Leid mehr erfährt und nicht wiedergeboren wird? Wann werde ich in diesem Zustand ruhen? Wann werden die mentalen Erregungen, verursacht durch Wünsche und Verlangen, aufhören? Wann werde ich frei sein von Gedanken wie „Dies habe ich getan“ und „Dies sollte ich tun“? Wann wird mein Gemüt, auch wenn es hier in Beziehungen ist, aufhören, mentalen Verzerrungen unterworfen zu sein, so wie der Lotos, obwohl im Wasser lebend, nicht von diesem nass wird? Wann werde ich endlich, mit dem Boot der höchsten Weisheit, das andere Ufer der Befreiung erreichen? Wann werde ich fähig sein, auf die verschiede- nen Handlungen der Leute zu blicken, spielerisch wie ein Kind? Wann wird 292
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    das Gemüt dieäußerste Stille erlangen? Wann wird die illusorische Trennung zwischen der subjektiven und objektiven Erfahrung enden aufgrund der Erfahrung des unendlichen Bewusstseins? Wann werde ich in der Lage sein, dieses Konzept namens Zeit anzuschauen, ohne in es involviert zu sein? Wann werde ich in einer Höhle leben mit einem Gemüt in äußerster Ruhe, und wie ein Felsen sein in dem Zustand, in dem es überhaupt keine Gedankenbewe- gungen mehr gibt? So nachdenkend setzte Uddālaka seine Praxis der Meditation fort. Sein Ge- müt blieb aber unruhig. An manchen Tagen jedoch gab sein Gemüt die äuße- ren Objekte auf und ruhte in einem Zustand der Reinheit. An anderen Tagen wiederum befand es sich in einem Zustand großer Unruhe. Stark verunsi- chert von diesen wechselnden Stimmungen, durchwanderte Uddālaka den Wald. Eines Tages kam er zu einem einsamen Platz, wo zuvor noch niemand gewesen war. Dort sah eine Höhle, die wie geschaffen war für das Erlangen von höchstem Frieden und Stille. Es war ein wunderschöner Ort mit herrli- chen Pflanzen und Blumen überall, mit einem milden Klima, und er sah aus, als wäre er aus einem Smaragd herausgearbeitet worden. VASIåèHA fuhr fort: Uddālaka betrat die wunderschöne Höhle und saß dort in der Meditations- haltung. In der Absicht, einen Geisteszustand ohne alle Bewegung von Ge- V:52 danken zu erreichen, richtete er seine Aufmerksamkeit auf die unterschwelli- gen Neigungen seines Gemüts. UDDALĀKA dachte in sich wie folgt nach: Oh Gemüt! Was hast du zu schaffen mit dieser Welterscheinung? Weise Menschen meiden den Kontakt mit dem, was Vergnügen genannt wird und sich nur zu bald in Schmerz verwandelt. Wer den höchsten Frieden, der nur im eigenen Innern liegt, leichtfertig aufgibt und nach Sinnesvergnügen sucht, verlässt seinen herrlichen Garten und gerät in ein Feld voller giftiger Kräuter. Du magst gehen, wohin du möchtest – niemals wirst du den höchsten Frieden genießen außer durch vollkommene Stille. Gib daher sämtliche Hoffnungen und Wünsche auf. Denn alle diese scheinbar so wundervollen Objekte in der Natur sind, seiend oder nicht-seiend, nicht zu deinem Wohlergehen da. Ende nicht wie der Hirsch, der wegen des Klanges von Musik und Glocken in die Falle gerät; verende nicht wie der Elefant, der mit Hilfe des weiblichen Elefanten gefangen wird; ende auch nicht wie der Fisch, dessen Geschmacks- sinn den Tod am Angelhaken herbeiführt; ende nicht wie die Motte, die von der Flamme angelockt wird und darin umkommt; ende auch nicht wie die Biene, deren Geruchssinn sie zur Blume führt, in der sie gefangen wird und stirbt, wenn sich die Blume zur Nachtzeit schließt. Oh närrisches Gemüt! Alle diese kamen um, weil sie sich der Anziehungs- kraft nur eines einzigen Sinnes hingegeben hatten: Der Hirsch durch den Gehörsinn, die Biene durch den Geruchssinn, die Motte durch den Gesichts- sinn, der Elefant durch den Berührungssinn und der Fisch durch den Ge- 293
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    schmackssinn. Du aberbist das Opfer all dieser fünf verführerischen Sinne – wie kannst du glücklich sein? So wie die Seidenraupe den Kokon spinnt, in dem sie sich selbst einsperrt, so hast du den Kokon deiner eigenen Konzepte gewoben und bist darin gefangen. Wenn du dich von all dem befreien kannst, Reinheit erlangst, die Lebensangst und die Todesfurcht überwindest und auf diese Weise völligen Gleichmut entwickelst, dann hast du den größten Sieg errungen. Wenn du aber an diesem stetig wechselhaften Phänomen namens Welt festhältst, dann wirst du gewiss in nicht endender Sorge umkommen. Weshalb unterweise ich dich auf diese Weise, oh Gemüt? Weil man nach ei- ner eifrigen Untersuchung der Wahrheit entdeckt, dass es überhaupt kein Ding wie ein Gemüt gibt! Das Gemüt ist nur ein Produkt der Unwissenheit – sobald die Unwissenheit verschwindet, dann verschwindet auch das Gemüt. Von jetzt an befindest du dich in diesem Prozess des Verschwindens. Es ist unweise und närrisch, jemanden zu unterweisen, der sich im Prozess der Auflösung befindet! Da du nun Tag um Tag schwächer und schwächer wirst, schwöre ich dir ab – weise Menschen unterweisen nicht jemanden, der als hoffnungslos aufgegeben worden ist. Oh Gemüt – ich bin das egolose, unendliche und einheitliche Bewusstsein; nichts habe ich mit dir, der Ursache des Egos, zu tun. UDDALĀKA fuhr fort nachzudenken: Das unendliche Selbst kann unmöglich in das Gemüt hineingezwängt wer- den, wie auch ein Elefant nicht in eine Walnuss gezwängt werden kann. Das Bewusstsein, das sich durch den Vorgang der Selbstbegrenzung auf die End- lichkeit (und damit auf Konzepte und Ideen) beschränkt hat, wird das Gemüt genannt und ist das Ergebnis der Unwissenheit –ich akzeptiere es daher nicht. Der Ich-Sinn ist nichts als ein Kinderglaube und wird nur von jeman- dem für wahr gehalten, der die Wahrheit nicht erforscht hat. Ich habe alles sorgfältig erforscht, ich habe alles von Kopf bis Fuß beobach- tet, und ich habe dabei nichts entdeckt, von dem ich sagen könnte: „Dies bin ich“. Wer soll „Ich“ sein? Ich bin das alles durchdringende Bewusstsein, wel- ches selbst kein Objekt des Wissens oder des Kennens und frei von der Selbstbezogenheit ist. Ich bin das, was unteilbar ist, was weder Name hat noch wandelhaft ist, was jenseits aller Konzepte von Einheit und Vielfalt ist, was jenseits aller Messungen (klein und groß) ist und außer dem nichts exis- tiert. Folglich, oh Gemüt, schwöre ich dir ab, denn du bist die Quelle der Sor- ge. In diesem Körper, in dem es Fleisch, Knochen, Blut usw. gibt – wer sagt da: „Dies bin ich“? Bewegung ist die Natur der Energie, Denken ist dem Bewusst- sein eigen, Alter und Tod sind natürlich für den Körper – wer sagt da: „Dies bin ich“? Dies ist die Zunge, dies sind die Ohren, dies ist die Nase, dies ist Bewegung und dies sind die Augen – wer sagt da: „Dies bin ich“? Ich bin nichts von diesem – weder bin ich du, oh Gemüt, noch diese Konzepte. Tat- sächlich bin ich nichts anderes als das unendliche Bewusstsein – rein und 294
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    unabhängig. „Ich binall dies“ oder „Da ist kein Ich“ – beides ist der Ausdruck derselben Wahrheit, und nichts anderes ist wahr. Oh weh! So lange war ich das Opfer der Unwissenheit! Glücklicherweise ha- be ich entdeckt, was mir die Selbsterkenntnis geraubt hat! Nie wieder werde ich das Opfer der Unwissenheit sein. So wie die auf dem Berg ruhende Wolke nicht Teil des Berges ist, so bin ich frei von allem Kummer, und obwohl es so aussieht, als würde Kummer zu mir gehören, bin ich völlig unabhängig davon. In Abwesenheit der Selbsterkenntnis entstand der Ich-Sinn, aber jetzt bin ich völlig frei davon. Lass den Körper, die Sinne usw. sein oder verderben – nichts habe ich mit diesen zu tun. Die Sinne (die Augen usw.) existieren, um ihrer selbst willen mit ihren Erfahrungsgegenständen in Kontakt zu kommen – wer ist das Ich, welches irrtümlicherweise denkt: „Dies bin ich“ oder „Ich sehe“ usw.? Diese Augen usw. sehen oder erfahren ihre Objekte auf natürliche Wei- se, ohne dazu durch vorherige Konditionierung genötigt zu sein. Folglich sind Handlungen, die spontan und ohne jede mentale Konditionierung ausgeführt werden, in ihrer Erfahrung rein und frei von Erinnerungen an vergangenes Glück oder Unglück. Daher, oh ihr Sinne, setzt eure Tätigkeiten fort, ohne über die Fußangel der Erinnerung zu stolpern. Diese Erinnerung oder mentale Konditionierung ist keine Tatsache, sondern in Wahrheit nicht-verschieden und nicht unabhängig vom unendlichen Bewusstsein. Sie kann daher leicht aufgelöst werden, indem man sie im Bewusstsein nicht wiederbelebt. Folg- lich, oh Gemüt, gib die Wahrnehmung der Vielfalt auf und erkenne, wie unreal die Idee deiner eigenen unabhängigen Existenz im unendlichen Bewusstsein ist – darin besteht die Befreiung. UDDALĀKA fuhr fort nachzudenken: In Wahrheit kann Bewusstsein nicht konditioniert werden – es ist unbe- grenzt und subtiler als das subtilste Atom und folglich jenseits der Beeinflus- V:53 sung durch die mentale Konditionierung. Das Gemüt ruht im Ich-Sinn und das reflektierte Bewusstsein in den Sinnen – von daher taucht die Illusion der Selbstbegrenzung des Bewusstseins auf. Wenn dies wieder und wieder erfah- ren und ins Denken übernommen wird, erlangen der Ich-Sinn und die Illusion der Selbstbegrenzung eine scheinbare Realität. Jedoch bin ich Bewusstsein – unberührt von all diesem. Lass den Körper weiter in einer Welt leben, die durch seine unwissenden Aktivitäten ins Leben gerufen worden ist, oder er kann sie aufgeben – Ich bin Bewusstsein, das unberührt von all diesem ist. Bewusstsein, das unendlich und allesdurchdringend ist, hat weder Geburt und Tod, noch hat es einen Besitzer. Da es allesdurchdringend ist, hat es nichts zu gewinnen, wenn es als getrennte Einheit „lebt“. Geburt und Tod sind mentale Konzepte – das Selbst hat nichts mit ihnen zu schaffen. Nur das, was die Vorstellung des Ich-Sinns unterhält, kann ergriffen und gebunden werden – das Selbst ist frei vom Ich- Sinn und daher jenseits von Sein und Nicht-Sein. Der Ich-Sinn ist nichtige Illusion, das Gemüt ist wie eine Luftspiegelung, und die Objekte der Welt sind leblose Substanzen – wo ist da derjenige, der 295
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    sagt: „Ich bin“?Der Körper ist ein Aggregat aus Fleisch, Blut usw., das Gemüt verschwindet bei der Erforschung seiner wahren Natur, die Selbstbegrenzung des Bewusstseins und ähnliche andere Konzepte sind leblos (unsinnig) – was ist dann das Ego? Die Sinne existieren und sind immer mit selbstzufriedener Tätigkeit befasst; die Substanzen der Welt sind die Substanzen der Welt – wo ist das Ego? Die Natur ist Natur und ihre Qualitäten agieren und reagieren aufeinander (wie das Auge und das Licht, das Ohr und der Klang usw.), und was ist, ruht im Selbst – wo ist das Ego? Das Selbst, welches Bewusstsein ist, existiert als das Höchste Selbst von al- lem- überall zu jeder Zeit in allen Körpern. Wer bin ich, aus was bin ich ge- macht, was ist meine Gestalt, gemacht von wem; was soll ich erwerben und was verwerfen? Da ist nichts, was „Ich“ genannt werden könnte und Sein und Nicht-Sein unterworfen ist. Wenn es doch in Wahrheit keinen Ich-Sinn gibt – auf was und wen könnte sich der Ich-Sinn beziehen? Wenn also erkannt wird, dass es keinerlei Beziehung gibt, dann schwindet die falsche Vorstellung von Dualität. Deshalb, was als einziges immer ist, ist das eine kosmische Sein (Brahman oder das Selbst). Ich bin diese Wirklichkeit – weshalb leide ich unter Illusionen? Wenn doch nur dieses Eine als das allgegenwärtige, reine Sein existiert, wie kann dann etwas auftauchen, das Ich-Sinn genannt wird? In Wahrheit hat keine Substanz echte Substantialität – das Selbst allein existiert. Nimmt man dagegen an, dass Substantialität doch existiere, dann gilt immer noch, dass es keinerlei Beziehung zwischen dieser und dem Selbst gibt. Die Sinne funktionieren als Sinne, das Gemüt existiert als Gemüt, das Bewusst- sein ist unberührt von all dem – was ist Beziehung, und wie ist sie entstan- den? Nur weil sie Seite an Seite existieren, ist es nicht korrekt, eine Beziehung zwischen ihnen anzunehmen - ein Stein und ein Eisenstab können nebenei- nander liegen, ohne irgendeine Art von Beziehung miteinander zu haben. UDDALĀKA fuhr fort nachzudenken: Es geschieht nur beim Auftauchen dieses falschen Ich-Sinnes, dass die irri- gen Vorstellungen von „Dies ist mein“ und „Das ist sein“ entstehen. Und so- bald gesehen wird, dass all diese die Tricks des falschen Ich-Sinns sind, hören diese falschen Ideen auf zu existieren. In Wahrheit ist da nichts als das Selbst – und ich erkenne, dass all dies das eine kosmische Sein oder Brahman ist. Die Täuschung, genannt Ich-Sinn, ist wie die Bläue des Himmels – es ist bes- ser, diese Vorstellung nicht zu nähren, sondern sie aufzugeben. Nachdem ich nun die Wurzel des Ich-Sinns aufgegeben habe, ruhe ich im Selbst, das die Natur des Friedens besitzt. Der Ich-Sinn ist die Quelle endloser Sorgen, Leiden und böser Taten. Leben endet mit dem Tod und Tod führt zu Geburt; was ist, wird schließlich durch sein eigenes Ende abgebrochen – diese vom Ich-Sinn unterhaltenen Ideen führen zu großem Kummer. Gedanken wie „Ich habe dies nun erhalten“ oder „Ich sollte jenes auch noch erhalten“ verursachen Angst und quälen den Un- wissenden. „Dies ist“ und „Dies ist nicht“ – Vorstellungen dieser Art bewirken im Selbstsüchtigen große Ruhelosigkeit. Hört jedoch der Ich-Sinn auf, dann 296
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    wird auch dieseillusorische Welterscheinung nicht länger genährt und alles Verlangen kommt an ein Ende. Dieses Universum ist gewiss ohne eine Ursache entstanden - wie kann man die Wahrheit einer Schöpfung akzeptieren, die ohne eine Ursache oder einen Zweck ins Sein getreten ist? Seit unausdenklicher Zeit sind alle diese Körper stets im kosmischen Sein enthalten, so wie Töpfe für immer im Ton enthalten sind. So wie der Ozean in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft als Ozean existiert und ein und dasselbe Wasser eine Zeitlang die Gestalt einer Welle annimmt, so ist alles hier für alle Zeiten das kosmische Sein. Nur ein Narr unterhält die Idee „Dies bin ich“ in Bezug zu dieser temporären Erscheinung, die Körper usw. genannt wird. Auf dieselbe Weise war das Gemüt am Anfang Bewusstsein und wird auch am Ende wieder Bewusstsein sein (nachdem seine Natur und seine Funkti- onsweise als das Gemüt aufgehört haben). Weshalb sollte es dann in der Mitte (also jetzt) anders genannt werden? Alle diese Phänomene scheinen eine flüchtige Natur zu haben wie Traum- erscheinungen, Visionen in einem Delirium, Halluzinationen eines Trunken- bolds, optische Täuschungen, psychosomatische Erkrankungen, emotionale Störungen und psychotische Zustände. Jedoch hast du, oh Gemüt, diesen Dingen eine dauerhafte Realität verliehen, so wie ein Liebhaber leidet, wenn er sich einbildet, von seiner Geliebten getrennt zu sein. Aber natürlich ist dies nicht dein Fehler – es ist der meine, da ich immer noch die Idee habe, dass du, mein Gemüt, ein reales Ding seiest. Sobald ich erkenne, dass alle diese Phä- nomene nichts als illusorische Erscheinungen sind, wirst du zum Nicht- Gemüt und sämtliche Erinnerungen an Sinneserfahrungen usw. gelangen an ihr Ende. Wenn Bewusstsein sich selbst erkennt und seine selbstbegrenzende mentale Konditionierung ablegt, wird das Gemüt frei von seinen Färbungen und ruht in seiner essenziellen Natur, die Bewusstsein ist. Sobald das Gemüt all seine Glieder sammelt und sich selbst dem Feuer des reinen Bewusstseins darbietet, wird es gereinigt und erlangt die Unsterblichkeit. UDDALĀKA fuhr fort nachzudenken: Wenn das Gemüt erkennt, dass der Körper verschieden von ihm ist, wenn es die eigene Konditioniertheit (die Konzepte) aufgibt und seine eigene flüch- tige Natur wahrnimmt, dann ist dies ein großer Sieg. Gemüt und Körper sind einer des anderen Widersacher – folglich bringt die Vernichtung der beiden höchstes Glück. Denn sobald sie zusammenkommen, entsteht aufgrund ihrer wechselseitigen Feindschaft eine Unzahl Leiden. Das Gemüt gebiert den Körper aus seiner eigenen Gedankenkraft heraus, und während der gesamten Lebenszeit des Körpers füttert das Gemüt diesen mit seinen (des Gemüts) eigenen Sorgen. Und so von Sorgen gequält, wünscht der Körper das Gemüt, seinen eigenen Vater, zu vernichten! In dieser Welt gibt es weder Freund noch Feind – was uns Freude bereitet, ist unser Freund, und was uns Schmerzen verursacht, ist unser Feind! 297
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    Wenn folglich Gemütund Körper beständig mit der gegenseitigen Zerstö- rung befasst sind – wie kann es da Glücklichsein geben? Nur die Vernichtung des Gemüts kann dauerhaftes Glück bieten – daher versucht der Körper jeden Tag aufs Neue das Gemüt zu beseitigen (im Tiefschlaf). Bis jedoch die Selbst- erkenntnis erlangt ist, fördert eines unwissentlich stets die Stärke des an- dern; und sie scheinen für einen gemeinsamen Zweck zusammenzuarbeiten – so wie Feuer und Wasser, obwohl von Natur aus einander entgegengesetzt, für einen gemeinsamen Zweck zusammenarbeiten (nämlich zum Kochen). Wenn das Gemüt aufhört zu sein, dann hört auch der Körper aufgrund des Aufhörens der Gedankenkraft und der mentalen Konditionierung auf; jedoch hört das Gemüt nicht einfach auf, wenn der Körper stirbt. Daher sollte man mit allen Kräften danach streben, das Gemüt zu töten. Das Gemüt ist wie ein Wald mit den Gedankenformen als Bäume und dem Verlangen als Büsche und Sträucher. Indem ich dies alles vernichte, erlange ich Seligkeit. Wenn das Gemüt erst einmal tot ist, dann ist es für mich gleichgültig, ob der aus Fleisch und Blut zusammengesetzte Körper existiert oder nicht. Dass ich nicht der Körper bin, ist offensichtlich, denn der Leichnam ist leblos! Wo die Selbsterkenntnis ist, dort sind weder das Gemüt noch die Sinne; auch nicht die Neigungen und Gewohnheiten (die Konzepte und Ideen). Ich habe diesen höchsten Zustand erlangt – ich bin siegreich hervorgegangen! Ich habe Befreiung (nirvāïa) erlangt. Ich habe mich über sämtliche Beziehungen mit Gemüt, Körper und den Sinnen erhoben, sowie das Öl, welches aus dem Samen gepresst wird, keinerlei Gemeinsamkeit mehr mit dem Samen hat. Für mich sind nun das Gemüt, der Körper und die Sinne Spielzeuge. Reinheit, vollkommene Erfüllung aller Wünsche (daher ihre völlige Abwesenheit), Freundlichkeit gegenüber allen, Weisheit, Stille und Seligkeit, Sanftheit der Rede, edler Großmut, Glanz, Einsgerichtetheit, Verwirklichung der kosmi- schen Einheit, Furchtlosigkeit, Abwesenheit des geteilten Bewusstseins, Klar- heit des Verstandes – alle diese sind meine ständigen Begleiter. Da stets und immer alles an jedem Ort auf seine Art und Weise geschieht, gibt es in mir weder Wunsch noch Abneigung gegen irgendetwas, sei dies nun erfreulich oder unerfreulich. Da alle Täuschungen geendet haben, da das Gemüt aufge- hört hat zu sein und alle bösen Gedanken verschwunden sind, ruhe ich im Frieden in meinem Selbst. VASIåèHA fuhr fort: Der Weise Uddālaka setzte sich dann zum meditieren in die Lotosposition, V:54 mit halbgeschlossenen Augen. Er sprach das heilige Wort OM aus, welches den höchsten Zustand verleiht. Er intonierte OM so, dass die Vibrationen sein ganzes Wesen bis zur Krone seines Kopfes erfüllten. Als ersten Teil seiner Übung atmete er vollständig aus. Es war, als würde die gesamte Lebenskraft den Körper aufgeben und frei im Raum (Dimension) des reinen Bewusstseins schweben. Das Feuer, das nun in seinem Herzen entstand, verbrannte seinen ganzen Körper. (Diese Übungen praktizierte Uddālaka ohne die gewaltsamen Disziplinen des Hatha Yoga, denn Hatha Yoga führt zu Schmerzen). 298
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    Mit der zweitenÄußerung des heiligen Wortes OM erlangte er den Zustand völligen inneren Gleichgewichts, und nun geschah in ihm eine spontane Zu- rückhaltung des Atems (der Lebenskraft) ohne Erregung oder Vibration. Die Lebenskraft stand still – weder außerhalb noch innerhalb, weder unterhalb noch oberhalb. Nachdem das Feuer den Körper zu Asche verbrannt hatte, brannte es sich selber aus und verschwand; nur noch die reine Asche war sichtbar. Es war so, als wären die Knochen zu reinem Kampfer geworden, welcher in Anbetung verbrannt wurde. Die Asche wurde sodann von einem machtvollen Wind hinweggeblasen und im Raum zerstreut. (All dies geschah ohne die gewaltsamen Disziplinen des Hatha Yoga, denn Hatha Yoga führt zu Schmerzen). Im dritten Stadium, als das heilige Wort OM seinen Höhepunkt oder die vollkommene Stille erreichte, kam die Einatmung ganz von selbst (das Ein- ziehen der Lebenskraft). Während dieses Stadiums verteilten sich die Le- benskräfte, die im Zentrum des Nektars des Bewusstseins konzentriert wa- ren, im Raum wie eine kühle Brise. Diese Kräfte erreichten schließlich die Region des Mondes. Dort breiteten sie sich als segensreiche Strahlen aus und regneten anschließend auf die Asche nieder, die vom Körper übrig geblieben war. Unverzüglich erhob sich aus der Asche ein strahlendes Wesen mit vier Ar- men, wie Lord Vi«ïu. Uddālaka leuchtete wie eine Gottheit; sein gesamtes Wesen hatte sich in eine Gottheit verwandelt. Die Lebenskraft erfüllte nun die innere kuï¬alinÅ, die sich in Form einer Spirale ausdehnte. So wurde Uddālakas Körper vollkommen gereinigt. Dann nahm er, der bereits in der Lotosposition saß, eine noch festere Haltung ein, band seine Sinne fest zu- sammen und setzte seine Bemühung fort, sein Bewusstsein absolut frei von der geringsten Gedankenbewegung zu halten. Mit aller Kraft zog er sein Ge- müt von den Quellen der Zerstreutheit zurück. Seine halbgeschlossenen Augen blieben still und bewegungslos. Mit seinem Gemüt, verankert in der inneren Stille, glich er die Bewegung der Zwillings-Lebenskräfte, prāïa und apāna, aus. Er zog seine Sinne von jedem Kontakt mit ihren Objekten zurück – so wie Öl vom Samen getrennt wird. Daraufhin erlangte er ein unmittelbares Gewahrsein der mentalen Konditionierung, wie sie durch vergangene Erfah- rungen erzeugt worden war, und er dekonditionierte das Gewahrsein und machte es rein. Schließlich schloss er fest sein Rektum und die übrigen Kör- peröffnungen (die Augen usw.). Indem er so seine Lebenskraft und sein Ge- wahrsein durch vollkommene Selbstbeherrschung an der Veräußerlichung hinderte, bewahrte er sein Gemüt im Herzen. VASIåèHA fuhr fort: Uddālakas Gemüt hatte einen Zustand absoluter Stillheit erreicht – keinerlei Zerstreuung konnte ihn berühren. In seinem Herzen nahm er auf direkte Weise die Finsternis der Unwissenheit wahr, die das Licht der Selbsterkennt- nis verdunkelt hatte. Mit dem Licht der Erkenntnis, welche in ihm auftauchte, zerstreute er sogar diese Finsternis. Dann nahm er in sich ein Licht wahr. 299
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    Wenn dieses Lichtschwächer wurde, überkam ihn der Schlaf. Jedoch vertrieb der Weise nun auch noch die Dumpfheit des Schlafes. Sobald die Trunkenheit des Schlafes vertrieben worden war, ließ das Gemüt des Weisen plötzlich verschiedene leuchtende Formen aufsteigen. Der Weise beseitigte diese For- men aus seinem Bewusstsein. Anschließend wurde er von einer großen Träg- heit befallen; wie ein Betrunkener. Auch diese Trägheit überwand er. Danach ruhte sein Gemüt in einem weiteren Zustand, der von allen bis jetzt beschrie- benen verschieden war. Nachdem er eine Weile in diesem Zustand geruht hatte, erwachte sein Gemüt jedoch wieder zur Erfahrung der Totalität der Existenz. Unverzüglich danach erfuhr er reines Gewahrsein. Dieses Gewahr- sein, welches bis dahin mit anderen, unreinen Faktoren vermischt war, hatte nun seine Reinheit und Unabhängigkeit wiedererlangt, wie wenn lehmiges Wasser in einem Topf völlig verdunstet ist, so dass der Lehm eins mit dem Topf wird, der aus derselben Substanz gemacht ist. So wie eine Welle im Ozean verschwindet und eines und nichtverschieden von diesem wird, so gab das Bewusstsein seine Objektivität auf und erlangte seine absolute Reinheit wieder. Uddālaka war erleuchtet. Er erfreute sich der höchsten Seligkeit, wie sie nur Götter wie Brahmā erfahren. Sein Zustand befand sich jenseits jeder Beschreibung. Er war eins mit dem Ozean der Seligkeit. Schon bald nahm Uddālaka in diesem unendlichen Bewusstsein große Wei- se wahr. Er ignorierte sie. Er fuhr damit fort, die Erfahrung der höchsten Seligkeit zu vertiefen. Er erlangte den Zustand desjenigen, der „noch im Kör- per weilend befreit ist“. Er nahm die Götter und Weisen und sogar die Perso- nen der Trinität wahr. Er ging auch über diesen Zustand hinaus. Er war nun vollständig verwandelt in Seligkeit selbst und befand sich daher bereits jen- seits des Reiches der Seligkeit. Er erfuhr nun weder Seligkeit noch Nicht- Seligkeit. Er wurde zu reinem Bewusstsein. Wer dieses auch nur für einen winzigen Moment erfährt, interessiert sich nicht einmal mehr für die Freuden des Himmels. Dies ist der höchste Zustand – dies ist das Ziel – dies ist die ewige Heimat. Wer darin ruht, wird nie wieder getäuscht und ist nicht länger in der Subjekt-Objekt-Beziehung gefangen. Er ist voll erwacht und unterhält niemals wieder Ideen der Objektivität oder Konzeptualisierung. Ganz gewiss ist dies nicht eine „Erlangung von etwas“. Uddālaka blieb sechs Monate in diesem Zustand, dabei wachsam jede Ver- führung durch erwachende psychische Kräfte vermeidend. Sogar Weise und Götter verehrten ihn. Er wurde in den Himmel eingeladen – er schlug die Einladung aus. Völlig frei von allen Wünschen wanderte Uddālaka als ein noch zu Lebzeiten befreiter Weiser umher. Oft verbrachte er Tage und Monate in Meditation in den Höhlen der Berge. Zu anderen Zeiten wiederum widmete er sich den gewöhnlichen Betätigungen des Alltags, befand sich dabei jedoch stets in einem Zustand vollkommenen Gleichmuts. Alles betrachtete er mit demselben Auge des Gleichmuts. Sein inneres Licht leuchtete immerfort – weder wurde es heller noch schwächte es sich ab. Ohne die geringste Vorstel- lung von Dualität lebte er frei vom Körperbewusstsein; verankert in reinem Sein. 300
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    Als Antwort aufRāmas Frage betreffend das reine Sein erwiderte V:55 VASIåèHA: Wenn das Gemüt aufgrund der totalen Abwesenheit aller Ideen der materi- ellen Existenz aufgehört hat, dann existiert das Bewusstsein in seiner eigenen Natur als Bewusstsein, und dies ist, was als reines Sein bezeichnet wird. Sobald Bewusstsein, ohne jede Vorstellung von Objektivität, sich in sich selbst verliert und seine getrennte Identität verliert, wird es zu reinem Bewusstsein. Sobald alle äußeren (materiellen) und inneren (Vostellungs-) Objekte im Bewusstsein verschmelzen, ist da das reine Sein des Bewusstseins. Dies ist die höchste Sicht, die allen Befreiten zuteil wird, ob sie nun einen Körper zu besitzen scheinen oder nicht. Diese Sicht wird nur von demjenigen erfahren, der „erwacht“ ist, demjenigen, der sich in einem Zustand tiefer Kontemplati- on befindet, und demjenigen, der ein Mensch der Selbsterkenntnis ist. Sie wird nicht von der unwissenden Person erfahren. Weise und die Personen der Trinität sind in diesem Bewusstsein verankert. Oh Rāma – als Uddālaka diesen Zustand des Bewusstseins erlangt hatte, lebte er noch einige Zeit. Eines Tages entstand dann in seinem Gemüt der Wunsch: „Ich will diesen verkörperten Zustand aufgeben.“ Er begab sich in eine Berghöhle und setzte sich in die Lotosposition, mit halbgeschlossenen Augen. Er schloss die neun Tore des Körpers, indem er die Ferse gegen das Rektum presste usw. Er zog alle Sinne ins Herz zurück. Er hielt seine Lebenskraft (prāïa) an. Er hielt seinen Körper in einem Zustand vollkommenen Gleichgewichts. Er drückte die Spitze seiner Zunge gegen den Gaumen, Ober- und Unterkiefer waren leicht geöffnet. Sein Gewahrsein war nun weder innen noch außen, weder unterhalb noch außerhalb, weder mit Substanz behaftet noch leer. Er war in reinem Bewusstsein verankert und erfuhr reine Seligkeit in seinem Innern. Er hatte das Bewusstsein des reinen Seins erreicht – jenseits des Zustandes der Seligkeit. Sein gesamtes Sein war nun absolut rein geworden. Uddālaka blieb einige Zeit lang in diesem Zustand – wie eine Figur in einem Gemälde. Nach und nach, Tag um Tag, erlangte er die vollkommene Stille; er ruhte in seinem eigenen reinen Sein. Er hatte sich über den Zyklus von Geburt und Tod erhoben. Alle seine Zweifel waren beseitigt, irrige Gedanken hatten aufgehört, alle Unreinheiten seines Herzens waren fortgewaschen – er hatte den Zustand der Seligkeit erlangt, der jenseits jeder Beschreibung ist und in dem man sogar die Freuden eines Königs des Himmels als wertlos erachtet. In dieser Verfassung verblieb der Körper für einen Zeitraum von sechs Mona- ten. Danach gelangten eines Tag mehrere Göttinnen, geführt von Pārvati, an die- sem Ort, um die Gebete eines ihrer Anhänger zu erwidern. Diese Göttin, ver- ehrt sogar von den Göttern selbst, sah den Körper von Uddālaka, der von den glühenden Strahlen der Sonne ausgetrocknet war, und setzte ihn unverzüg- lich auf die Krone ihres Hauptes. 301
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    Dies ist dieglorreiche Geschichte des Weisen Uddālaka, oh Rāma, die die höchste Weisheit im Herzen desjenigen erweckt, der in ihrem Schatten Zu- flucht sucht. VASIåèHA fuhr fort: V:56 Oh Rāma, lebe auf diese Weise und erlange den Frieden, indem du bestän- dig die Natur des Selbst ergründest. Dieser Zustand des Bewusstseins kann durch die Kultivierung von Leidenschaftslosigkeit, das Studium der Schriften, die Befolgung der Anweisungen des Guru und eine beharrliche Praxis der Erforschung erlangt werden. Wenn die erwachte Intelligenz jedoch scharf und kühn ist, dann kann er sogar ohne diese Hilfsmittel erlangt werden. RùMA fragte: Heiliger Herr, es gibt solche, die in der Selbsterkenntnis ru- hen, erleuchtet sind und doch mit vielfältigen Tätigkeiten befasst sind, und es gibt andere, die sich zurückziehen und Kontemplation (samādhi) praktizie- ren. Welche von diesen sind besser? VASIåèHA erwiderte: Rāma, Im samādhi (Kontemplation oder Meditation)erkennt man die Ob- jekte der Sinne als Nicht-Selbst und man erfreut sich daher der inneren Stille und Ruhe alle Zeit. Im Erkennen, dass die Objekte nur dem Gemüt angehören, und ruhend im dadurch entstehenden fortwährenden inneren Frieden, befas- sen sich manche mit Tätigkeiten, während andere in der Zurückgezogenheit leben. Beide erfreuen sich der Seligkeit der Kontemplation. Wenn das Gemüt desjenigen zerstreut sein sollte, der vorgibt, sich in samādhi zu befinden, dann ist er nichts als ein verrückter Mensch. Wenn andererseits das Gemüt desjenigen, der ein verrückter Mensch zu sein scheint, frei von allen Ideen und Zerstreutheiten ist, dann ist dieser erleuchtet und lebt in ungebroche- nem samādhi. Ob jemand mit Tätigkeit befasst ist oder isoliert im Wald lebt – in der Erleuchtung gibt es keine Unterscheidung. Das Gemüt, welches frei von Konditionierung ist, ist unberührt auch wenn es tätig ist. Die Nicht-Tätigkeit des Gemüts wird Stillheit (samādhāna) genannt; dies ist totale Freiheit, es ist Glückseligkeit. Der Unterschied zwischen Kontemplation und ihrer Abwesenheit wird da- durch angezeigt, ob es eine Bewegung von Gedanken im Gemüt gibt – mache daher das Gemüt frei von Konditionierung. Das unkonditionierte Gemüt ist fest, und schon das allein ist Meditation, Freiheit und ewiger Friede. Das konditionierte Gemüt ist die Quelle der Sorge, während das unkonditionierte Gemüt nicht handelnd ist und den höchsten Zustand der Erleuchtung erlangt. Daher sollte man daran arbeiten, alle mentale Konditioniertheit zu beseitigen. Dies ist Kontemplation oder samādhi, wenn sämtliche Hoffnungen und Wün- sche bezüglich der Welt aufgehört haben und da Freiheit von Kummer, Furcht und Verlangen ist und das Selbst in sich selbst ruht. Entsage mental aller falschen Identifikation des Selbst mit den Objekten hier, und lebe anschließend, wo du willst – entweder zuhause oder in einer Berghöhle. Für den Haushälter, dessen Gemüt die äußerste Stillheit erlangt 302
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    hat, ist seineigenes Haus der Wald. Wenn das Gemüt im Frieden ist und es keinerlei Ich-Sinn gibt, dann werden sogar Städte zu leeren Plätzen. Anderer- seits sind Wälder wie Städte für denjenigen, dessen Herz voll von Wünschen und anderen Übeln ist. Die Störungen im Gemüt ruhen in Tiefschlaf; Erleuch- tung erlangt Erleuchtung – tue, wie es dir beliebt. VASIåèHA fuhr fort: Wer sieht, dass das Selbst das überragende oder das immanente Sein ist (als das Selbst von allem), ist verankert im Gleichmut. Derjenige, in dem alle Vorlieben und Abneigungen aufgehört haben, der alle Wesen als eins betrach- tet und die Welt im Wachzustand so sieht wie Objekte in einem Traum, der ist im Gleichmut verankert und lebt im Wald, obwohl er sich in einem Dorf be- findet. Wer mit nach innen gerichtetem Bewusstsein in die Welt hinaus geht, sieht eine Stadt oder ein Dorf als einen Wald. Wer innere Stille und Frieden erlangt hat, findet überall in der Welt Frieden und Stille. Wessen Gemüt erregt und ruhelos ist, findet die Welt voll von Ru- helosigkeit. Denn man erfährt im Außen nur das, was man im Innern erfährt. In Wahrheit sind der Himmel, die Erde, die Luft und Raum, die Berge und Flüsse alle Bestandteile dieses inneren Apparates, des Gemüts – es sieht nur so aus, als wären sie außerhalb. All dies existiert wie der Baum im Samen – sie erscheinen im Außen wie der Duft einer Blume. In Wahrheit gibt es nichts außerhalb oder innerhalb; was auch immer das Bewusstsein wahrnehmen möchte, dass erscheint auch so. Daher ist nur das Selbst all dieses – innen und außen. Wer von dieser inneren Wonne erfüllt ist und nicht von Jubel oder Kummer bewegt wird, wer Handlungen nur mit dem physischen Körper vollzieht – der ist im Gleichmut verankert. Er ist rein wie der Himmel, er ist frei von Wün- schen, seine Taten sind spontan und der Situation angemessen, und in Bezie- hung zu Jubel oder Sorge verhält er sich so, als bestünde er aus Holz oder Ton. Er ist im Frieden, er sieht alles als sein eigenes Selbst, er erachtet den Besitz der anderen als Schmutz, und zwar auf natürliche Weise und nicht aufgrund von Furcht. Ein solcher allein sieht die Wahrheit. Der unwissende Mensch erkennt nicht die Unwirklichkeit der Objekte (klein oder groß), weil er die Wirklichkeit noch nicht erkannt hat. Wer den Zustand des reinen Seins erlangt hat, ist niemals befleckt, ganz gleich ob er nun lebt oder stirbt, zu Hause oder irgendwo sonst, in Luxus oder Armut, ob er sich freut und tanzt oder allem entsagt hat und sich selbst auf einen Berg zurückzieht, ob er teure Salben und Parfüme benutzt oder verfilz- te Locken wie Lord Siva trägt, ob er ins Feuer fällt oder nicht, ob er Sünden begeht oder tugendhafte Taten ausführt, ob er stirbt oder bis zum Ende des Weltzyklus lebt. Denn er tut nichts. Nur das konditionierte Gemüt ist befleckt aufgrund seines Ich-Sinns und der Ideen, die daran gebunden sind. Wenn sämtliche Ideen aufgehört haben und die Weisheit aufsteigt, dann werden die Unreinheiten des Gemüts auf natürliche Weise entfernt. 303
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    Der erleuchtete Weisegewinnt nichts dadurch, dass er etwas tut oder nicht tut. So wie ein Baum nicht aus einem Stein entspringen kann, so tauchen im Leben eines Weisen keine Wünsche auf. Wenn sie von Zeit zu Zeit auftauchen sollten, dann schwinden sie unverzüglich wie Schriftzüge auf der Wasser- oberfläche. Der Weise und das gesamte Universum sind voneinander nicht- verschieden. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, das unendliche Bewusstsein gewahrt die Schärfe der Pfefferscho- V:57 te – und eben dies lässt den Ich-Sinn mit all seinen Unterschiedlichkeiten in Zeit und Raum entstehen. Das unendliche Bewusstsein gewahrt den Ge- schmack des Salzigen im Salz – und eben dies lässt den Ich-Sinn mit all seinen Unterschiedlichkeiten entstehen, welcher in Zeit und Raum zu existieren scheint. Das unendliche Bewusstsein gewahrt die Süße des Zuckerrohrs – und dies lässt das Gewahrsein seiner spezifischen Besonderheiten entstehen. Auf ähnliche Weise wird das unendliche Bewusstsein, die allem innewohnen- de Allgegenwart, der Natur eines Steins, eines Berges, eines Baums gewahr, wie auch von Wasser, von Raum, und es entsteht Selbst-Bewusstheit oder Individualität. So wirkt die natürliche Kombination der atomischen Partikel und Moleküle (in denen das Bewusstsein wohnt) scheinbar wie Abteilungen und damit entstehen die Getrenntheiten des „Ich“, „du“ usw., und es sind diese, die dann dem Bewusstsein als seine vermeintlich äußeren Objekte erscheinen. In Wahrheit sind jedoch all diese nichts als Reflektionen im Bewusstsein selbst, das ihnen, wenn es sie in sich selbst gewahr wird, den Anschein von Individu- alität verleiht. Bewusstsein schmeckt sich selbst; dieses Gewahrsein ist nicht verschieden von Bewusstsein und nur dieses lässt den Ich-Sinn usw. entste- hen. Der Kristall dieses unendlichen Bewusstseins reflektiert sein eigenes Licht des Bewusstseins, das in all diesen Kombinationen der atomischen Partikel gegenwärtig ist, und diese erlangen dann eine scheinbare Selbst- Bewusstheit und denken „Ich bin“ usw. In Wahrheit gibt es zwischen ihnen keinerlei Subjekt-Objekt-Beziehung, weil das innere Gewahrsein in all diesen Kombinationen nicht verschieden vom unendlichen Bewusstsein ist. Folglich erfährt keines das andere, erlangt keines das andere oder verändert oder verwandelt keines das andere. Oh Rāma, alle meine Erklärungen hier sind nichts als ein Spiel mit Worten, das deinem Verständnis weiterhelfen soll – natürlich gibt es kein Ding wie „Ich“ oder „die Welt“ (die Kombination der atomischen Partikel usw.). Weder gibt es ein Gemüt noch ein Objekt der Erkenntnis noch die Weltillusion. So wie Wasser in der Form eines Strudels eine eigene Individualität zu erhalten scheint, so lässt das Bewusstsein den Anschein des „Ich“ usw. in sich selbst entstehen. Bewusstsein ist jedoch niemals etwas anderes als Bewusstsein – gleichgültig, ob sich dieses nun für Lord Śiva oder den kleinen jīva hält! Alle diese Verschiedenheiten wie „Ich“, „du“ usw. und materielle Substanzen sind nur in der Sichtweise des Unwissenden da – was auch immer die unwis- 304
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    sende Person sichim unendlichen Bewusstsein vorstellt, das allein nimmt sie dann wahr. Im Licht des Gewahrseins wird das Leben als Bewusstsein gese- hen; wird es jedoch als „Leben“ angesehen, dann scheint es auch nicht mehr als „Leben“ zu sein! In Wirklichkeit gibt es keinen essenziellen Unterschied zwischen Leben und Bewusstsein. In derselben Weise existiert kein realer und essenzieller Unterschied zwischen dem Individuum (jīva) und dem kos- mischen Sein (Śiva). Wisse, dass all dies das ungeteilte und unteilbare unend- liche Bewusstsein ist. *** Die Geschichte von Suraghu VASIåèHA fuhr fort: V:58 In diesem Zusammenhang gibt es eine interessante Legende, oh Rāma, die ich dir nun erzählen möchte. In den Bergketten des Himālaya gibt es einen Berg, den man Kailāsa nennt. Am Fuß dieses Berges lebte ein Bergstamm, der HemajaÂa (die Gelbhaarigen) genannt wurde. Ihr König hieß Suraghu. Er war mächtig, stark und weise. Er besaß Selbsterkenntnis und war sehr gebildet in Dichtkunst und Literatur. Er kannte keinerlei Müdigkeit. In seiner Regierungskunst war er gerecht, se- gensreich für diejenigen, die Segen verdienten, und verhängnisvoll für dieje- nigen, die das Verhängnis verdienten. Im Verlaufe all seiner vielfältigen Akti- vitäten jedoch wurde seine spirituelle Sichtweise mehr und mehr verdunkelt. Suraghu begann nachzudenken: „Die Leute haben aufgrund meiner Hand- lungen viel zu leiden. Ihr Leiden ist wahrhaftig auch mein Leiden. Ich sollte sie mit Reichtum überhäufen, und dann würden sie frohlocken, wie ich froh- locken würde, wenn ich reich würde. Ihre Freude wäre auch meine Freude. Aber indem ich sie abwechselnd belohne und bestrafe, belohne und bestrafe ich mich selbst in ständigem Wechsel.“ So denkend, geriet der König in große Bedrängnis. Eines Tages besuchte der Weise Māï¬avya den König. Suraghu hieß den Weisen willkommen, verbeugte sich vor ihm, ehrte ihn und sprach: „Hoher Herr, ich bin gequält von dem Gedanken, dass all die Segnungen und Bestra- fungen, die ich meinem Volk zuteil werden lasse, eines Tages auf mich kom- men werden. Bitte hilf mir, eine ausgeglichene Sichtweise zu erwerben und errette mich von Vorurteil und Voreingenommenheit!“ MĀ×ÖAVYA erwiderte: Alle mentalen Schwächen gelangen an ein Ende, sobald die auf Eigenbemü- hung gegründete Weisheit in einem Menschen auftaucht, der fest in der Selbsterkenntnis verankert ist. Die Qualen in seinem Gemüt verliert er durch 305
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    die Ergründung derNatur des Selbst. Daher sollte man seinen eigenen Ver- stand wie folgt erforschen: „Was sind dies für Stimmungen und Schwankun- gen und Gefühle, die da in mir auftauchen?“ Infolge dieser Ergründungen erweitert sich dein Verstand. Sobald du durch eine derartige Ergründung deine wahre Natur realisiert hast, wirst du nicht länger durch Frohlocken und Niedergeschlagenheit gestört. Das Gemüt gibt dann Vergangenheit und Zu- kunft und damit auch seine bruchstückhafte Funktionsweise auf. Dann wirst du den höchsten Frieden erfahren. Sobald du erst einmal in diesem Zustand der Stillheit wohnst, wirst du diejenigen bedauern, die in großem Reichtum und weltlicher Macht schwelgen. Sobald du die Selbsterkenntnis erlangt hast und dein Bewusstsein sich ins Unendliche ausgedehnt hat, fällt dein Gemüt nicht länger in die Dunggrube dieser Welt; ebenso wenig wie ein Elefant in eine Pfütze fallen würde. Es ist stets nur das kleine Gemüt, welches die klei- nen Vergnügen und Lüste sucht. Das Gemüt gibt alles auf, sobald die Sichtweise des Höchsten erlangt wird. Daher sollte man entschlossen allem entsagen, bis man die höchste Sichtwei- se erlangt hat. Selbsterkenntnis wird nicht erlangt, bis man nicht allem ent- sagt hat – wenn sämtliche Gesichtspunkte aufgegeben worden sind, verbleibt nur das Selbst. Dies gilt sogar für alle weltlichen Bemühungen: man erhält nur dann das Objekt seiner Wünsche, wenn zuvor sämtliche Hindernisse beseitigt worden sind. Noch viel mehr gilt dies für die Selbsterkenntnis. Als der Weise Māï¬avya geendet und sich verabschiedet hatte, kontemp- lierte SURAGHU wie folgt: V:59 Was ist dies, was man als „Ich“ bezeichnet? Ich bin nicht der Berg Meru, der Berg Meru ist nicht mein. Ich bin weder der Bergstamm noch ist dieser mein. Dies hier ist nur, was mein Königreich genannt wird – hiermit gebe ich diese Idee auf. Nun bleibt noch diese Hauptstadt – weder bin ich diese Stadt noch ist sie mein. Folglich gebe ich auch diese Idee auf. Auf dieselbe Weise gebe ich alle meine Ideen betreffend meine Verwandtschaft auf – Frau, Sohn usw. Lass mich diesen Körper untersuchen. Ich bin nicht diese leblosen Substan- zen wie Fleisch und Knochen, denn ich bin fühlend. Auch nicht bin ich das Blut oder die Tätigkeitsorgane. Alle diese sind leblose Substanzen, während ich fühlend bin. Ich bin weder die Freuden noch gehören mir diese an; auch nicht bin ich dieser Intellekt und die Sinnesorgane noch gehören diese mir an, denn sie sind leblos und ich selbst fühlend. Ich bin nicht das Gemüt, welches die Wurzelursache dieses unwissenden Zyklus von Geburt und Tod ist. Ich bin weder diese Fähigkeit zur Unterscheidung noch der Ich-Sinn, denn dies sind nur Ideen, die im Verstand auftauchen. Was bleibt dann übrig? Was verbleibt, ist der fühlende jīva. Jedoch ist dieser in die Subjekt-Objekt-Beziehung verstrickt. Was das Objekt der Erkenntnis oder des Verstehens ist, ist nicht das Selbst. Daher gebe ich das auf, was ge- kannt werden kann – das Objekt. Was nun noch verbleibt, ist das reine Be- wusstsein frei vom Schatten des Zweifels. Ich bin das unendliche Selbst, denn es ist da keine Schranke für dieses Selbst. Sogar die Götter wie etwa Brahmā 306
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    der Schöpfer, Indra,der König der Götter, Yama, der König des Todes, Vāyu, der Gott des Windes und all die zahllosen Wesen sind aufgereiht auf der Per- lenschnur dieses unendlichen Bewusstseins. Dieses cit-Óakti (das allmächtige Bewusstsein) ist frei vom Fehler der Ob- jektivität. Es ist jenseits von Sein und Nicht-Sein, obwohl es die Realität in allen Wesen ist. Es durchdringt alle Wesen im Universum. Es ist die Schönheit in allem, es ist das Licht in allem. Es ist die Essenz aller Formen und aller Modifikationen; und doch ist es jenseits von all diesem. Immer ist es alles in allem. Es ist selbst als die vierzehn Ebenen der Existenz ausgebreitet – sogar die Idee dieses Universums ist nichts anderes als dieses allmächtige Bewusst- sein. Falsch sind die bruchstückhaften Ideen von Schmerz und Vergnügen, denn dieses allmächtige Bewusstsein ist allgegenwärtig und unendlich. Das ist das Selbst – wenn ich in der Täuschung bin, dann wird es selbst zum König. Es geschieht durch seine Gnade, dass der Körper, das Gemüt usw. arbeiten. Es geschieht durch seine Macht, dass alles im gesamten Universum nach seiner Melodie tanzt. Wie närrisch von mir, diese Verwirrung aufgrund von Segen und Bestrafung erfahren zu haben. Ich wurde nun erweckt. Ich habe alles erkannt, was wert zu erkennen ist; ich habe alles erlangt, was wert zu erlan- gen ist. All dies ist von Brahman durchdrungen. Wo ist die Rechtfertigung für Trauer und Täuschung; wer ist der Täter von irgend etwas? Nichts als das unendliche Bewusstsein existiert. Ich verneige mich vor dir, oh herrlicher Gott, ich verneige mich vor dem unendlichen Selbst! VASIåèHA fuhr fort: Infolge dieser Ergründung erlangte Suraghu den höchsten Zustand des Be- wusstseins. Niemals wieder trauerte er, sondern führte von da an alle seine V:60,61 Handlungen in einem stets ausgeglichen Zustand des Gemüts aus. Mitfühlend, jedoch nicht herablassend, die Gegensatzpaare nicht vermeidend und nicht missgünstig, weder intelligent noch unintelligent, weder motiviert noch un- motiviert –lebte er ein Leben des Gleichmuts und der inneren Stille. Er hatte erkannt, dass „all dieses nichts als die Manifestation des Bewusstseins ist“ – daher befand er sich sowohl in Schmerz als auch in Freude im Frieden. Er hatte die Fülle des Verstehens erreicht. Auf diese Weise regierte er in dieser Welt eine beträchtliche Zeit und gab dann auf eigenen Wunsch seinen Körper auf. Er erlangte die Einheit mit dem unendlichen Bewusstsein. Oh Rāma – lebe und regiere die Welt auf eben dieselbe Weise mit einem erleuchteten Verstand. RùMA fragte: Aber das Gemüt ist so überaus unstetig, oh Hoher Herr. Wie kann man den Zustand vollkommener Ausgeglichenheit erlangen? VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, einmal fand ein dieses Problem betreffender Dialog zwischen dem König Suraghu und dem Weisen Parigha statt. Höre ihn dir an. 307
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    In Persien gabes einen König namens Parigha, der ein enger Freund des Königs Suraghu war. Einmal gab es im Königreich von Parigha eine große Hungersnot. Entsetzlich gequält und ins Herz getroffen angesichts der Leiden seines Volkes und erkennend, dass alle Versuche, Linderung zu bringen, er- folglos blieben, ging Parigha ohne Wissen seines Volkes fort in den Wald und führte Askesepraktiken aus. Er lebte von trockenen Blättern und bekam so den Namen Parïāda. Nach tausend Jahren der Buße und Kontemplation erlangte er die Selbsterkenntnis. Anschließend durchwanderte er die drei Welten. Eines Tages traf er den König Suraghu, den er schon früher gekannt hatte. Die beiden erleuchteten Könige verehrten einander nach Gebühr. Dann fragte PARIGHA Suraghu: „So wie du die Selbsterkenntnis durch den Weisen Māï¬avya erlangt hast, so erhielt ich sie durch die Gnade des Herrn aufgrund meiner Bußübungen. Bitte sage mir: Befindet sich dein Gemüt nun in voll- kommener Stille? Leben deine Untertanen in Frieden und Wohlstand? Bist du nun fest in der Leidenschaftslosigkeit verankert?“ SURAGHU erwiderte: Wer könnte wirklich den Lauf des göttlichen Willens verstehen? Du und ich waren durch eine so große Entfernung voneinander getrennt, aber nun wur- den wir zusammengebracht. Was ist unmöglich für das Göttliche? Wahrhaftig sind wir durch deine heilige Anwesenheit gesegnet. Durch deine Gegenwart in unserer aller Mitte wurden wir alle Sünden und Fehler los, und nun fühle ich, wie der ganze Reichtum der Erde vor uns steht in deiner Gestalt. Die Gemeinschaft mit heiligen und guten Menschen ist in der Tat dem höchsten Zustand der Befreiung gleichzusetzen. PARIGHA sagte: Oh König, nur Handlungen, die von jemanden, der fest im Gleichmut veran- V:62,63 kert ist, ausgeführt werden, geben Anlass zur Freude, jedoch nicht diejenigen anderer. Bist du in diesem Zustand des höchsten Friedens gefestigt, in dem keinerlei Gedanken oder Ideen in deinem Gemüt auftauchen und der als samādhi bezeichnet wird? SURAGHU sagte: Heiliger Herr, bitte sage mir: Weshalb wird nur der Zustand des Gemüts, der frei von Gedanken und Ideen ist, samādhi genannt? Würde das Gemüt desje- nigen, der die Wahrheit kennt, jemals den Zustand des samādhi verlieren, ob er sich nun in ständiger Tätigkeit oder in Kontemplation befindet? Nein. Die Erleuchteten befinden sich für immer im samādhi, auch wenn sie mit Tätig- keiten in der Welt befasst sind. Andererseits befindet sich das Gemüt eines Menschen, der bloß in der Lotosposition sitzt, nicht einfach nur deshalb im Frieden. Die Erkenntnis der Wahrheit, Hoher Herr, ist das Feuer, das die Hoffnungen und Wünsche wie trockenes Stroh verbrennt, und eben das ist mit dem Wort samādhi gemeint – nicht einfach nur das Stillschweigen! Man bezeichnet das 308
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    als den Zustanddes samādhi, was ewige Zufriedenheit ist, klare Wahrneh- mung der Dinge, wie sie sind, Egolosigkeit, Meisterung der Gegensatzpaare, Freiheit von Furcht und von dem Wunsch zu erwerben oder zurückzuweisen. Vom Moment des Dämmerns der Selbsterkenntnis an wird der Zustand des samādhi im Weisen stetig – weder verliert er ihn noch wird er unterbrochen; nicht einmal für einen Moment. So wie die Zeit nie vergisst weiterzugehen, so vergisst der Mensch der Selbsterkenntnis nicht das Selbst. So wie ein materi- elles Objekt für immer materiell bleibt, so ist der Weise der Selbsterkenntnis für immer ein Weiser der Selbsterkenntnis. Folglich bin ich auf immer erwacht, rein, im Frieden mit mir selbst und im Zustand des samādhi. Wie könnte es wohl anders sein? Wie kann es irgend etwas anderes als das Selbst geben? Wenn doch alle Zeit und in jeder denkba- ren Weise stets nur das Selbst alles in allem ist – wie kann es überhaupt einen anderen Zustand als samādhi geben? Und was kann man als samādhi be- zeichnen? PARIGHA sagte: Gewiss, oh König, hast du die volle Erleuchtung erlangt. Du strahlst und leuchtest in Seligkeit, im Frieden, mit Liebe und mit Reinheit. In dir gibt es keinen Ich-Sinn, keinen Wunsch und keine Abneigung. SURAGHU fuhr fort: Oh Weiser, es gibt in der Tat nichts, was wert wäre, es zu wünschen oder ihm zu entsagen. Denn solange diese Dinge als Objekte gesehen werden, sind sie nichts als Konzepte, Ideen und Vorstellungen. Wenn nichts Erstrebenswertes existiert, ist auch nichts der Entsagung wert. Gutes und Böses, klein und groß, wert oder unwert – all dies gründet auf der Idee des Wünschenswerten. Ist die Wünschbarkeit bedeutungslos geworden, dann taucht auch alles andere nicht mehr auf. Wahrhaftig gibt es keinerlei Essenz in dem, was in dieser Welt gesehen wird – die Berge, die Ozeane, die Wälder, die Männer und Frauen und all die Objekte. Folglich kann es kein Verlangen nach ihnen geben. Gibt es kein Verlangen mehr, dann herrscht im Herzen höchster Friede. VASIåèHA fuhr fort: V:64 Nachdem sie so die illusorische Natur der Welterscheinung erörtert und sich gegenseitig verehrt hatten, fuhren Suraghu und Parigha fort, sich ihren jeweiligen Pflichten zu widmen. Sei fest in dieser Weisheit verankert und weise die unreine Idee des Ich-Sinnes aus deinem Herzen. Wenn das reine Herz die unendliche Dimension des Bewusstseins kontempliert, der die Quel- le aller Seligkeit ist und sich in unmittelbarer Reichweite aller befindet, dann ruht es im Höchsten Selbst. Das Gemüt, welches sich auf diese Weise dem unendlichen Bewusstsein hingibt, welches nach innen gerichtet und angefüllt mit Selbsterkenntnis ist, wird nicht von Kummer berührt. Auch wenn du dich mit Alltagstätigkeiten deines Lebens befasst und sogar dann, wenn du Abneigungen oder Zuneigungen verspürst, dann wird dein inneres Wesen doch niemals unrein. So wie das Licht allein die Dunkelheit vertreibt, so ist die Erkenntnis, dass diese Welt nur die Schöpfung der Unwis- senheit ist, die einzige Medizin gegen ihre Krankheiten. Sobald diese Er- 309
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    kenntnis einmal daist, hört die aus der Unwissenheit geborene Wahrneh- mung der Welt als etwas Reales ein für allemal auf. Danach bist du selbst dann, wenn du mit weltlicher Tätigkeit befasst bist, unangehaftet daran und folglich auch davon nicht berührt – so wie die Augen des Fisches keinen Schaden durch das Meerwasser erleiden. Du wirst nie wieder Täuschung erfahren. Nur an denjenigen Tagen, an denen das Licht der Selbsterkenntnis im eige- nen Herzen erstrahlt, lebt man wahrhaftig. An solchen Tagen sind alle Hand- lungen voller Segen. Nur dies sind wahre Freunde, Schriften und Tage, die im eigenen Herzen wahre Leidenschaftslosigkeit und Selbsterkenntnis erzeugen. Oh Rāma, rette deinen jīva aus diesem entsetzlichen Schlamm der Welter- scheinung. Sobald du die diesbezügliche Wahrheit realisiert hast, wirst du nie wieder dahin zurückkehren müssen. Oh Rāma, die Gemeinschaft mit Weisen wird dir das Wissen um die Mittel zur Erlangung der Selbsterkenntnis verschaffen. Daher sollte man nicht ir- gendwo leben, wo es diese Gemeinschaft nicht gibt. In der Gemeinschaft der Weisen wird das Gemüt des Suchenden sofort still. Man sollte sich selbst emporarbeiten und nicht im Schlammloch der Unwissenheit verbleiben. Der weise Mensch sollte beständig die Natur der Welt, des Selbst usw. ergründen. In dieser Angelegenheit sind weder Freunde, Verwandte, noch Schriften von irgend einem Nutzen – nur das reine Gemüt, beständig mit der Selbstergrün- dung befasst und ausgestattet mit Leidenschaftslosigkeit, verhilft einem, diesen Ozean der Unwissenheit zu überqueren. Im selben Moment, in dem man den Körper als leblose Substanz betrachtet, erlangt man die Selbsterkenntnis. Wenn die Finsternis der Unwissenheit oder des Ich-Sinns vertrieben ist, strahlt das Licht der Selbsterkenntnis. Dieser Zustand der Selbsterkenntnis oder der vollkommenen Erleuchtung ist jen- seits jeder Beschreibung. So wie die Süße des Zuckers nur durch direkte Erfahrung gekannt werden kann, so wird die Natur der Erleuchtung nur durch direkte Erfahrung gekannt. Wenn Gemüt und Ich-Sinn aufhören, dann erscheint diese Selbsterkenntnis. Erreicht werden kann sie durch die Praxis des Yoga; vergleichbar ist sie in gewisser Hinsicht mit dem Tiefschlaf – in Wahrheit aber ist sie unbeschreibbar und unvergleichlich. *** Die Geschichte von Bhāsa und Vilāsa VASIåèHA fuhr fort: V:65, 66 Oh Rāma, solange einer nicht das Gemüt mit Hilfe des Gemüts unterwirft, kann er keine Selbsterkenntnis erlangen, und so lange einer die falsche Idee 310
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    „Ich“ und „mein“unterhält, so lange kommt der Kummer nicht an ein Ende – wie die Sonne in einem Gemälde niemals untergeht. Es gibt eine Sage, die diese Wahrheit veranschaulicht. Ich werde sie dir nun erzählen. Da gab es einst einen riesigen Berg, höher als die drei Welten übereinander getürmt. Auf seinen Gipfeln wohnten die Götter, in seiner Mitte lebten die menschlichen Wesen, und an seinem Fuß hausten die Wesen der Unterwelt. Der Berg wurde Sahya genannt. Er enthielt sozusagen alle Dinge des Univer- sums. Auf ihm befand sich die Einsiedelei des Weisen Atri. Darin lebten zwei Weise namens B−haspati und Śukra, die jeder einen Sohn hatten; einer hieß Vilāsa und der andere Bhāsa. Beide Knaben wuchsen zu jungen Männern heran. Sie hingen sehr aneinander und waren unzertrennlich. Im Verlaufe der Zeit verließen die beiden Weisen B−haspati und Śukra diese Welt. Tief trauernd führten die beiden jungen Männer die Begräbnisriten aus. Aufgrund des Verlustes ihrer Väter verloren sie jegliches Interesse an Reich- tum, Besitz usw. Beide gingen daher in den Wald, um ein nomadisches Leben zu führen; jeder in eine andere Richtung. Nach einer beträchtlichen Zeit tra- fen sie einander wieder. VILùSA sagte zu seinem Freund Bhāsa: Was für eine Freude, dich zu treffen, oh mein teuerster Freund! Sage mir, wie es dir ergangen ist, seit wir uns getrennt haben. Haben deine Askesepraktiken Früchte getragen? Ist dein Gemüt das brennende Verlangen der Weltlichkeit losgeworden? Hast du Selbsterkenntnis erlangt? Sage mir: Bist du wohlauf und glücklich? BHùSA erwiderte: Ich preise mich glücklich, dich wiederzusehen, mein lieber Freund und Bruder! Wie aber können wir, wandernd in dieser Welterscheinung, jemals wohlauf und glücklich sein, solange wir nicht die höchste Weisheit erlangt haben und die psychologische Verwirrung aufgehört hat? Wie können wir wahrhaftig zufrieden sein, solange wir nicht diesen Ozean des Weltzyklus überquert haben? Solange nicht die aus dem Gemüt geborenen Wünsche und Hoffnungen vollständig zerstört worden sind – wie können wir wohlauf und glücklich sein? Bis zum Erlangen der Selbsterkenntnis müssen wir wieder und wieder in diese Welt von Geburt und Tod zurückkehren, um Kindheit, Jugend, Erwach- sensein, Alter und Tod wieder und wieder zu erfahren und wieder und wie- der dieselben sinnlosen Betätigungen und Erfahrungen durchmachen. Ver- langen zerstört die Weisheit. Verloren in der Befriedigung sinnlicher Begier- den schwindet das Leben schnell dahin. Das Gemüt fällt in den toten Brunnen der Sinnesvergnügen. Es ist wahrhaftig ein Rätsel, wie und weshalb dieser Körper, der doch ein hervorragendes Fahrzeug ist, um uns ans andere Ufer der Selbsterkenntnis zu tragen, stattdessen in den Schlamm der Weltlichkeit stürzt! Im Zeitraum eines Augenblinzelns nimmt diese winzige Welle namens Gemüt schreckenerregende Ausmaße an. Närrischerweise schreibt der 311
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    Mensch die Sorgenund das Leiden dem Selbst zu, welches davon jedoch in keiner Weise berührt ist, und fühlt sich dann elend. VASIåèHA fuhr fort: V:67 Indem sie sich auf diese Weise miteinander unterhielten und die Natur der Welt ergründeten, erlangten sie schon bald die höchste Weisheit. Daher, oh Rāma, sage ich dir, dass es für das Durchtrennen der Bindung und das Über- queren dieses Weltozeans kein anderes Mittel als die Selbsterkenntnis gibt. Für die erleuchtete Person ist dieser Ozean des Leides wie eine kleine Pfütze. Er betrachtet den Körper so, wie jemand eine entfernte Menge betrachtet. Daher ist er nicht von den Qualen berührt, denen der Körper unterworfen ist. Die Existenz des Körpers verringert die Allgegenwart des Selbst so wenig wie die Wellen die Fülle des Ozeans verringern. Worin besteht die Beziehung eines Schwans, eines Steins oder eines Holz- stückes mit dem Wasser, welches sie umgibt? Auf dieselbe Weise hat das Höchste Selbst keinerlei Beziehung mit dieser Welterscheinung. Ein fallender Baum scheint Wellen im Wasser zu erzeugen – ähnlich ist die Erfahrung von Schmerz und Vergnügen des Körpers für das Selbst. So wie seine Nähe zum Wasser das Holz in diesem widerspiegelt, so wird der Körper im Selbst wi- derspiegelt. Aber ebenso wie ein ins Wasser fallender Stein weder dem Was- ser noch dem Stein selbst Schaden zufügt, so gibt es auch im Kontakt des Körpers mit anderen materiellen Substanzen (wie Frau, Kinder oder materi- elle Objekte) keinerlei Schaden oder Schmerzen für irgendjemanden. Von der Widerspiegelung eines Objekts im Spiegel kann man sagen, dass sie weder real noch irreal, sondern unbeschreibbar ist. Ebenso ist der im Selbst widerspiegelte Körper weder real noch irreal, sondern unbeschreibbar. Die unwissende Person akzeptiert als real, was immer sie in dieser Welt wahr- nimmt, aber der Weise nicht. So wie ein Stück Holz und das Wasser, in dem es widerspiegelt wird, keine reale Beziehung miteinander haben, so haben das Selbst und der Körper keine reale Beziehung miteinander. Darüber hinaus gibt es dort, wo eine solche Beziehung existieren würde, keinerlei Dualität. Das eine unendliche Bewusstsein allein existiert ohne jede Subjekt-Objekt- Trennung. In diesem stellt man sich dann Vielfalt vor, und so glaubt das, was eigentlich unberührt vom Kummer ist, elend zu sein – so wie jemand, der meint, einen Geist zu sehen, tatsächlich einen Geist sieht! Aufgrund der Macht des Denkens erwirbt diese illusorische Beziehung sodann die Macht des Faktischen. Das Selbst ist auf immer unberührt von Schmerz und Freude, aber indem es sich für den Körper hält, unterzieht es sich selbst den Erfah- rungen des Körpers. Die Aufgabe dieses falschen Glaubens ist Befreiung. Wer sich daher nicht der falschen Identifikation oder Anhaftung hingibt, ist V:68 sofort vom Leid befreit. Es ist diese Konditionierung, die der Same des Al- terns, des Todes und der Täuschung ist; hört sie auf, dann geht man jenseits dieses Ozeans der Täuschung. Das konditionierte Gemüt schafft sogar in den Asketen Bindung, während das unkonditionierte Gemüt sogar in einem Haushälter rein ist. Das Gemüt, auf diese Weise konditioniert, bedeutet Bin- 312
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    dung, während Befreiungdie Freiheit von der Konditionierung (innerer Kon- takt, Anhaftung oder Identifikation) bedeutet. Dieser innere Kontakt (der eine fiktive Getrenntheit voraussetzt) allein ist die Ursache für Bindung und Befreiung. Die vom unkonditionierten Gemüt ausgeführten Handlungen sind Nicht-Handlungen, während das konditionierte Gemüt sogar dann tätig ist, wenn es nach außen Abstand von Tätigkeiten nimmt. Handlung oder Nicht- Handlung sind im Gemüt – der Körper selbst ist nicht tätig. Daher sollte man entschlossen diese falsche innere Getrenntheit aufgeben. RùMA fragte: Worin besteht die Konditionierung, oh Hoher Herr, und wie kann sie Bin- dung verursachen? Und worin besteht die Befreiung und wie wird sie er- langt? VASIåèHA fuhr fort: Wenn man von der Wirklichkeit des Körpers überzeugt ist und die Unter- scheidung zwischen dem Körper und dem Selbst aufgegeben hat, dies wird als Konditionierung bezeichnet. Wer glaubt, dass das unbegrenzte Selbst begrenzt sei, und wer daher nach Vergnügen sucht, wird gebunden. Wer dagegen ergründet: „All dieses ist in der Tat das Selbst; was sollte ich daher wünschen, und welchem sollte ich entsagen?“ ist im unkonditionierten Zu- stand der Befreiung verankert. Wer weiß: „Weder bin ich, noch ist da ein anderer“ oder „Lass doch dieses sein oder nicht sein“, und daher nicht nach Vergnügen sucht, der ist befreit. Weder ist er von der Nicht-Tätigkeit verführt noch verliert er sich in den Ergebnissen der Tätigkeit; weder ist er himmel- hoch jauchzend noch zu Tode betrübt. Den Früchten seiner Handlungen ent- sagt er mit Hilfe seines Gemüts (nicht aber durch Tätigkeit!). Es geschieht durch die Zurückweisung von Konditionierung, dass die Bindung abgestreift und das höchste Gut erlangt wird. Die Konditionierung ist die Quelle allen Kummers. Konditionierung kann mit Hilfe der folgenden Beispiele illustriert werden. 1) der Esel wird vom Meister am Seil geführt und trägt aus Furcht schwere Lasten; 2) der im Boden verwurzelte Baum erträgt Hitze, Kälte, Wind und Regen; 3) der Wurm liegt in seinem Loch in der Erde und wartet seine Zeit ab; 4) der hungrige Vogel sitzt auf dem Zweig eines Baums, voller Furcht vor Feinden; 5) das ahnungslose Reh grast friedlich und fällt mit Leichtigkeit dem Schuss des Jägers zum Opfer; 6) zahllose Leute werden wieder und wieder als Würmer und Insekten geboren; 7) die zahllosen Wesen steigen und sinken in dieser Schöpfung auf und nieder wie die Wellen auf der Oberfläche des Oze- ans; 8) die schwachen menschlichen Wesen, unfähig, Fortschritte zu machen, sterben wieder und wieder; 9) diese Sträucher und Kletterpflanzen, die ihre Nahrung aus der Erde empfangen und auf dieser wachsen; und 10) diese Weltillusion, die wie ein Fluss ist, der in seinen Wassern die unermesslichen Sorgen und Leiden mit sich führt. All dieses kann die Erweiterung der Kondi- tionierung genannt werden. 313
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    Die Konditionierung (oderder innere Kontakt, die Anhaftung oder die Selbst-Begrenzung) ist von zweierlei Art: die verehrungswürdige und die sterile oder unfruchtbare. Die sterile oder unfruchtbare Konditionierung ist überall bei den Toren zu beobachten, während die verehrungswürdige Kondi- tionierung unter denen zu sehen ist, die die Wahrheit kennen. Diejenige Kon- ditionierung, die in den Gemütern der Wesen ohne Selbsterkenntnis existiert und Dingen wie dem Körper entsteigt und die ferner wiederholt Geburt und Tod hervorruft – diese ist unfruchtbar und steril. Die andere Form der Kondi- tionierung, die in verehrungswürdigen Wesen mit Selbsterkenntnis zu finden ist, entsteigt der Verwirklichung reiner Weisheit und befähigt einen dazu, Geburt und Tod zu vermeiden. (Die verehrungswürdige Konditionierung respektiert und erkennt die „na- türlichen“ Begrenzungen; d.h. sie versteht, dass Augen und Ohren usw. auf natürliche Weise in ihrer Wahrnehmung begrenzt sind. Die Konditionierung des Toren ist hingegen eine selbstauferlegte – er erachtet das unendliche Selbst als identisch mit dem physischen Körper. Das im Text verwendete Wort samsaktti wird üblicherweise mit „Anhaftung“ übersetzt. Anhaftung jedoch beinhaltet Trennung und Dualität, die wiederum eine Begrenzung des Unend- lichen und die Konditionierung des Unkonditionierten bedeuten.) VASIåèHA fuhr fort: Der Gott, der in seinen Händen das Muschelhorn, den Diskus usw. hält, schützt die drei Welten aufgrund der „verehrungswürdigen Konditionierung“. Dank dieser Art von Konditionierung geschieht es, dass die Sonne scheint und der kosmische Körper des Schöpfers diese gewaltige Schöpfung leitet und erhält. Und sogar Lord Śiva leuchtet als Gottheit aufgrund dieser Art der Konditionierung. Die Götter, die die Welt am Leben erhalten und alle auf ihre Art tätig sind, erhalten ihre spezifischen Fähigkeiten aufgrund dieser vereh- rungswürdigen Konditionierung oder Selbstbegrenzung. Auf der anderen Seite fällt das Gemüt unter dem Einfluss der sterilen oder unfruchtbaren Konditionierung mit Leichtigkeit dem Wunsch nach Vergnü- gen zum Opfer, wie er durch den getäuschten Glauben entsteht, dass diese Erfahrung erfreulich sei werde. Sogar die Funktion der kosmischen Elemente ist der Konditionierungzu verdanken. Und aufgrund ihrer geschieht es ferner, dass die Götter im Him- mel, die Menschen auf der Erde und die Dämonen der Unterwelt auftauchen und fallen wie Wellen auf dem Ozean. So wie im Ozean die großen Fische die kleinen fressen, so dienen all diese zahllosen Wesen einander als Nahrung und werden hilflos aufgrund ihrer Konditionierung im Raum umhergetrie- ben. Und aufgrund ihrer Konditionierung kreisen auch die Sterne auf ihren Umlaufbahnen. Aufgehend und niedergehend, jetzt strahlend und im nächs- ten Moment verdunkelt (und man sagt sogar, dass er Flecken und Fehler habe) bewegt sich der Mond um die Erde und hört aufgrund der Konditionie- rung nicht damit auf. 314
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    Oh Rāma, betrachtediese mysteriöse Schöpfung, wie sie als Antwort auf die mentalen Konzepte der Wesen von niemand-weiß-von-wem ins Dasein geru- fen worden ist. Dieses Universum wurde allein durch mentale Konditionie- rung im leeren Raum heraufbeschworen – es besitzt keinerlei Realität. Und innerhalb dieses Universums zehrt das Verlangen nach Vergnügen an den vitalen Lebenskräften aller Wesen, die der Welt, dem Körper usw. verhaftet sind. Niemand vermag ihre Zahl zu nennen, so wenig man die Zahl der Sand- körner entlang der Küsten des Ozeans zu nennen vermag. Der Schöpfer die- ses Universums hat dieses Universum, sozusagen, nur aufgrund der mentalen Konditionierung all dieser zahllosen Wesen ins Leben gerufen. Diese Wesen sind in der Tat der vorzügliche, trockene Brennstoff für die flammenden Feu- er der Hölle hier. Welche Leiden auch immer in der Welt gefunden werden – bedenke, dass sie allein für diese Wesen gedacht sind. So wie die Flüsse rasch dem Meer entgegen fließen, so fließt das Leiden rasch denjenigen entgegen, die mental konditioniert sind. Diese ganze Schöpfung ist daher von Unwis- senheit durchdrungen. Durchtrennt jedoch einer dieses Verlangen nach Ver- gnügen, dann erweitert sich die begrenzte mentale Konditionierung in einer gewaltigen Ausdehnung. Die mentale Konditioniertheit (oder Anhaftung an das Endliche und Verderbliche) ist glühende Hitze für die Glieder, oh Rāma; aber die unendliche Ausdehnung (oder Hingabe an das Unendliche) ist die Zauberkur für den brennenden Schmerz. Das Gemüt, welches an nichts anhaf- tet und verankert ist im Frieden des Unendlichen, geht mit Leichtigkeit der Freude entgegen. Wer in der Selbsterkenntnis Fuß gefasst hat, ist hier und jetzt befreit. (In diesem Kapitel wird die wahre Bedeutung von „Konditionierung“ ver- mittelt, obschon das verwendete Wort saæsańgaæ ist, welches auch als „Kon- takt“ oder „Anhaftung“ übersetzt werden kann. Gemeint sind aber tatsächlich „Identifikation“ oder „Konditionierung“.) VASIåèHA fuhr fort: V:69, 70 Oh Rāma, indem es zu allen Zeiten das Angemessene erledigt, sollte das Gemüt nicht der Tätigkeit, den Gedanken oder dem Objekt anhaften. Weder sollte es an den Himmeln oben noch an dem unten Befindlichen noch an irgendeiner anderen Richtung haften. Es sollte sich weder an externe Bezie- hungen, an die natürliche Bewegung der inneren Sinne noch an die Lebens- kraft binden. Das Gemüt sollte nicht im Kopf sein, nicht am Gaumen, nicht zwischen den Augenbrauen, nicht an der Nasenspitze oder im Mund oder in den Augen. Es sollte weder in der Dunkelheit noch im Licht und nicht einmal im innersten Herzen sein; weder im Wachzustand, noch im Traum oder im Schlaf, und nicht einmal der weite, reine Raum sollte sein Zuhause werden. Unangehaftet an das Spektrum der Farben, die Bewegung oder die Stetigkeit, den Anfang, die Mitte, das Ende und alles andere dazwischen, sollte das Ge- müt weder in der Entfernung noch in der Nähe ruhen, nicht vor und in Objek- ten, und auch nicht im Selbst. Sinneserfahrungen, der illusorische Zustand 315
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    des Glücks, Konzepteund Ideen sollten keinerlei Macht über das Gemüt ha- ben. Das Gemüt sollte in reinem Bewusstsein als reines Bewusstsein ruhen und dabei nur ein klein wenig äußerliche Gedankenregung aufweisen, als ob es sich der gänzlichen Flüchtigkeit der Objekte dieser Welt bewusst bliebe. Wenn auf diese Weise sämtliche Anhaftungen zerrissen sind, wird der jīva zum Nicht-jīva – was immer auch in der Folge geschieht, ob es Aktivität oder Inaktivität ist. In einem derartigen Zustand der Nicht-Anhaftung ist der jīva nicht an die Früchte der Tätigkeit gebunden. Oder indem er sogar diesen Zustand eines minimen Verständnisses der Objekte aufgibt, ruht der Jiva im höchsten Frieden. Ein derartig befreiter Mensch ist, ob er in den Augen ande- rer nun als tätig oder untätig erscheint, für immer frei von Sorgen und Furcht. Sämtliche Leute lieben und schätzen ihn. Auch wenn er in den Augen der Menschen erregt zu sein scheint – im Innern ist er fest in der Weisheit veran- kert. Sein Bewusstsein wird durch Glück oder Unglück nicht gefärbt. Er wird nicht durch den Glanz der Welt verführt. Infolge der Selbsterkenntnis lebt er auf immer in beständiger Kontemplation und ist daher frei von aller Anhaf- tung an sämtliche Dinge dieses Universums. Indem er jenseits der Gegensatz- paare ist, scheint er sich sogar im Wachzustand wie im Tiefschlaf zu befinden. Dieser Zustand, in dem das Gemüt frei von seinen charakteristischen Bewe- gungen der Gedanken ist und da nur die Erfahrung des Friedens ist, wird „Tiefschlaf im Wachzustand“ genannt. Wer darin lebt, lebt ein nicht- willentliches Leben, frei von mentaler Irritation oder Verwirrung, unbeküm- mert durch ein kurzes oder langes Leben. Sobald dieser Zustand des „Tief- schlafs im Wachzustand“ reifer wird, wird er turīya oder der „vierte Zustand“ genannt. Der Weise, der fest darin verankert ist, erlebt das Universum wie einen kosmischen Spielplatz und das Leben darin wie einen kosmischen Tanz. Gänzlich frei von Sorge und Furcht und der Illusion der Welterscheinung fällt derjenige, der im turīya lebt, nicht wieder in den alten Irrtum zurück. Auf immer ist er getränkt von Seligkeit. Er geht sogar noch weiter in diesen groß- artigen, unbeschreiblichen Zustand höchster Seligkeit. Dieser Zustand befin- det sich sogar noch jenseits von turīya – und jenseits von jedem Verstehen und jeder Beschreibung. VASIåèHA fuhr fort: Es mag möglich sein, den Zustand desjenigen, der noch lebend befreit ist, in Worte zu fassen, womit der Zustand des turīya oder des „Tiefschlafs im V:71 Wachzustand“ oder der Zustand totaler Freiheit gemeint ist. Aber der Zu- stand darüber hinaus (derjenigen, die sogar das Körperbewusstsein über- wunden haben) ist nicht durch Worte zu beschreiben. Das ist der Zustand „jenseits von turīya“. Strebe danach, oh Rāma, diesen zu erreichen! Sei jedoch zuerst verankert im „Tiefschlaf im Wachzustand“. Kümmere dich nicht um die Existenz oder die sonstigen Angelegenheiten des Körpers; wis- send, dass der Körper nichts als ein Produkt der Illusion ist. Du bist ein Mann der Weisheit, oh Rāma – du hast die innerliche Erweckung erlangt. Das Gemüt 316
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    des Menschen derSelbsterkenntnis schlägt nicht wieder einen abwärts füh- renden Weg ein. Nur das reine Bewusstsein existiert dann noch – lass daher in dir niemals die Ideen von „Ich bin so-und-so“ oder „Dies ist mein“ auftau- chen. Sogar das Wort „Selbst“ wird nur verwendet, um die Verständigung zu ermöglichen – die Wahrheit befindet sich jenseits all dieser Beschreibungen. Da ist keine Dualität, da sind keine Körper, und folglich gibt es auch keinerlei Beziehungen zwischen ihnen – in der Sonne gibt es keine Schatten! Obwohl ich dir gegenüber für den Zweck unseres Gesprächs von einer Dualität ausge- he, existiert diese in Wahrheit nicht. So wie es keine Beziehung zwischen Licht und Dunkelheit gibt, so gibt es auch keine zwischen dem Körper und dem darin Verkörperten. Wenn die Wahrheit erkannt wird, hören alle irrigen Ideen auf. Das Selbst ist Bewusst- sein – rein, ewig, selbstleuchtend und frei von Wandel. Der Körper dagegen ist vergänglich und unrein. Wie kann zwischen beiden eine Beziehung beste- hen? Der Körper wird durch die Lebenskräfte oder die anderen Elemente am Leben erhalten – daher kann dieser Körper keine wie auch immer geartete Beziehung mit dem Selbst haben. Auch wenn daher diese beiden (Selbst und Körper) als zwei unterschiedliche Realitäten betrachtet werden, könnte es keinerlei Beziehung zwischen ihnen geben. Aber wenn diese Dualität unreal ist, dann ist das Denken daran belanglos. Lass diese Wahrheit tief in dir ver- wurzelt sein: Zu keiner Zeit hat es irgendwo für irgendjemanden Bindung oder Befreiung gegeben. Es ist klar, dass all dieses nichts als das eine, unendliche Selbst oder Be- wusstsein ist. Wenn du Konzepten wie „Ich bin glücklich oder unglücklich“ oder „Ich bin unwissend“ Ohr leihst, werden dir diese nicht endende Sorgen bringen. Der Körper trat aufgrund von Wind (Lebensatem) ins Dasein; er existiert aufgrund dessen, er spricht als Ursache davon, und sämtliche Sinne arbeiten aufgrund dessen: Die Intelligenz in ihm ist nichts anderes als das unteilbare Bewusstsein. Dieses unendliche Bewusstsein allein ist überall ausgebreitet als Raum usw., und der letztere ist im Bewusstsein widerspie- gelt, wobei diese Widerspiegelung „Gemüt“ genannt wird. Wenn das Gemüt den Käfig des Körpers aufgibt und davon fliegt, dann erfährt es das Selbst, welches Bewusstsein ist. Wo es Duft gibt, gibt es Blumen; wo das Gemüt ist, da gibt es Bewusstsein. Jedoch ist das Gemüt allein die Ursache für das Ent- stehen dieser Welt – da das Bewusstsein allgegenwärtig und unendlich ist, ist es zwar die letztgültige Ursache, jedoch nicht die Ursache der Welterschei- nung. Daher besteht in Wahrheit die Ursache dieser Welterscheinung in der Nicht-Ergründung der Natur der Realität, also in der Unwissenheit. So wie eine Lampe unverzüglich die Dunkelheit beseitigt, so zerstreut das Licht der Selbsterkenntnis unverzüglich die Dunkelheit der Unwissenheit. Daher sollte man das ergründen, was als jīva oder als Gemüt oder der innere psychologi- sche Faktor bezeichnet wird. RùMA fragte: 317
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    Heiliger Herr, wiekommt es, dass an alle diese Konzepte und Denkkatego- rien so fest geglaubt wird? Bitte erleuchte mich! VASIåèHA fuhr fort: All dies ist wirklich das Selbst. Jedoch wie Wellen die Oberfläche des Ozeans aufrühren, so taucht die Vielfalt, die das Universum genannt wird, im Gemüt auf. Ab und zu scheint das Selbst das bewegte Selbst zu sein. Dann wieder verbleibt das Selbst in einem unbewegten Zustand. Das Unbewegte sind die leblosen Substanzen wie etwa die Steine, während die bewegten Substanzen die Menschen usw. sind. In all diesen unterhält das allmächtige Selbst die Idee der Unwissenheit und verbleibt daher in einem Zustand scheinbarer Unwis- senheit. Das Unendliche, auf diese Weise in Unwissenheit gekleidet, wird der jīva genannt, der in dieser Welterscheinung wie ein in die Falle gegangener Elefant ist. Da er lebt, wird er jīva genannt. Da er egoistische Ideen unterhält, wird er Ego genannt. Da er unterscheidet und entscheidet, wird er als buddhi (Intel- lekt) oder unterscheidendes Wesen bezeichnet. Aufgrund seiner Fähigkeit, Konzepte und Ideen zu bilden, wird er als Gemüt bezeichnet. In seiner natür- lichen Gestalt wird er als Natur bezeichnet. Der jīva ist als Körper bekannt, weil er wandelhaft ist. Er wird auch als Bewusstsein bezeichnet, weil seine Natur Bewusstsein ist. Das Höchste Selbst allein ist die Wahrheit, die sich genau in der Mitte zwi- schen dem Leblosen und dem Intelligenten befindet – dieses allein erschafft Vielfalt und ist unter all diesen unterschiedlichen Namen bekannt. Aber all diese Kategorien wurden von Menschen mit verdrehtem Intellekt für das Vergnügen des Polemisierens und die Verwirrung der Unwissenden erfunden. Daher, oh Rāma, ist es dieser jīva allein, der die Ursache dieser Welterschei- nung ist, denn was könnte dieser taube und stumpfe Körper schon tun? Wenn der Körper verdirbt, verdirbt nicht das Selbst; so wenig wie der Baum ver- dirbt, wenn ein Blatt herabfällt. Nur die getäuschten Personen denken an- dersherum. Andererseits stirbt alles, sobald das Gemüt stirbt, und eben darin besteht die letztliche Befreiung. Der Mensch, der jammert: „Ich sterbe, ich verderbe!“ hält närrischerweise an einer falschen Idee fest. Er wird die Welterscheinung an einem anderen Ort zu einem anderen Zeitpunkt weiterhin erleben. Der jīva, der in der mentalen Konditionierung gefangen ist, gibt einen Körper auf und sucht nach einem anderen; so wie ein Affe im Wald einen Baum verlässt und auf einen anderen springt. Und schon im nächsten Moment gibt er auch diesen wieder auf und hält Ausschau nach einem anderen in einem anderen Teil des unendlichen Raumes und in einer anderen Zeitperiode. So wie die Kinderfrau das kleine Kind von einem Ort zum andern trägt, um es zu unter- halten, so führt diese mentale Konditionierung (oder die psychologische Gewohnheit) den jīva hierhin und dorthin. Auf diese Weise, mit dem Seil der mentalen Konditionierung gefesselt, unterzieht sich der jīva wiederholten Geburten in verschiedenen Spezies, dabei nicht endende Leiden erfahrend. 318
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    (Nachdem der WeiseVāsi«Âha so gesprochen hatte, endete ein weiterer Tag, und die Versammlung löste sich für die Abendgebete auf.) VASIåèHA fuhr fort: V:72 Oh Rāma, weder wirst du geboren, wenn der Körper geboren wird, noch stirbst du, wenn dieser stirbt. Zu glauben, dass der Raum in einem Topf ins Dasein kam, als dieser gefertigt wurde, und dass der Raum dann mit dem Topf zerbricht, ist völlige Torheit. Außerdem ist das innewohnende Bewusst- sein frei von den Ideen des Wünschenswerten und des Nicht- Wünschenswerten in Bezug auf Körper, Gemüt und Sinne. Das innewohnende Bewusstsein tritt mit diesen so in Kontakt, wie Reisende in einem Gasthaus oder Baumstämme in einem Fluss aufeinander treffen und sich wieder tren- nen – das Zusammentreffen oder Trennen ruft im Bewusstsein keinerlei Glück oder Unglück hervor. Weshalb frohlocken oder trauern die Menschen dann unter diesen Umständen? Das Selbst erscheint aufgrund seiner unwissenden Selbstbegrenzung als das Gemüt so, als würde es von den Objekten in der Welt berührt werden, aber dasselbe Selbst, einmal zu seiner wahren Natur erwacht, gibt seine aus Unwissenheit geborene Getäuschtheit auf und erlangt die Selbsterkenntnis. Dann sieht das Gemüt den Körper wie aus großer Höhe. Den Körper als eine Zusammensetzung von Elementen erkennend, transzendiert es das Körper- bewusstsein und wird erleuchtet. Ein solch erleuchteter Mensch ist unberührt von der Weltlichkeit oder Un- wissenheit, und zwar sogar dann, wenn er in dieser Welt tätig ist. Er ist durch nichts in dieser Welt angezogen oder abgestoßen. Er weiß: „Was als das 'ich' und in den drei Perioden der Zeit als 'die Welt' bezeichnet wird, ist nichts als die Erweiterung der Verbindung zwischen dem reinen Erfahrenden und der Erfahrung selbst.“ Ob das Objekt des Erfahrens real oder irreal ist, hängt gänzlich vom Erfahren ab – wie kann es dann noch Freude oder Kummer geben? Das Falsche ist falsch, das Wahre ist wahr – und eine Vermischung dieser beiden ist sicherlich falsch! Lass dich nicht täuschen. Gib die falsche Wahrnehmung auf und erkenne die Wahrheit – dann wirst du niemals wieder getäuscht werden. Alles was ist, ist nur die Beziehung zwischen reinem Erfahren und seiner Erfahrung. Diese Erfahrung ist wahrhaftig die Wonne der Selbst-Seligkeit. Sie ist reines Erfahren selbst. Daher wird dies als Brahman das Absolute be- zeichnet. Diese Wonne, die im Kontakt dieses reinen Erfahrens mit der Erfah- rung entsteht, ist die höchste: Für den Unwissenden ist sie Weltlichkeit, und für den Weisen ist sie Befreiung. Dieses reine Erfahren ist das unendliche Selbst. Sobald es sich den Objekten zuneigt, wird es zur Bindung; wenn es jedoch frei ist, ist es Befreiung. Wenn ein solches Erfahren frei von Verfall oder Neugierde ist, dann ist es Befreiung. Und sobald dieses Erfahren sogar noch frei von diesem Kontakt (der Subjekt-Objekt-Beziehung) ist, dann hört die Welterscheinung gänzlich auf. Dann taucht das turīya-Bewusstsein oder der „Tiefschlaf im Wachzustand“ auf. 319
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    Das Selbst istweder dies noch das – es transzendiert jedes Objekt des Er- fahrens hier. In der unbegrenzten und unkonditionierten Sichtweise des Kenners der Wahrheit ist all dies nichts als das eine Selbst, das unendliche Bewusstsein – da ist nichts, was als das Nicht-Selbst betrachtet werden kann. Die Substantialität sämtlicher Substanzen ist nichts anderes als das Selbst oder das unendliche Bewusstsein. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, es gibt noch eine andere Geisteshaltung, mit der du ebenfalls die V:73 göttliche Einsicht erlangst und fest in der Selbsterkenntnis verankert bist. Diese ist wie folgt: „Ich bin Raum. Ich bin die Sonne. Ich bin die Himmelsrichtungen, oben wie unten. Ich bin die Götter. Ich bin die Dämonen. Ich bin alle Wesen. Ich bin die Dunkelheit. Ich bin die Erde, die Ozeane usw. Ich bin der Staub, der Wind, das Feuer und die ganze Welt. Ich bin allgegenwärtig. Wie könnte es irgendetwas anderes geben als mich?“ Indem du diese Haltung einnimmst, wirst du jenseits von Freud und Leid gehen. Beide Haltungen führen zur Befreiung: Die eine ist „Ich bin das extrem sub- tile, transzendente Selbst“, und die andere ist „Ich bin alles und jedes“. Es gibt noch eine weitere Haltung mit Bezug auf das „Ich“, und diese besteht in „Ich bin dieser Körper“. Diese Haltung ist die Ursache endlosen Kummers. Gib alle drei Haltungen auf, Oh Rāma, und verbleibe als reines Bewusstsein. Denn das Selbst ist transzendental und, da es allgegenwärtig ist, das Licht in allen Din- gen der Welt, obschon diese Dinge in Wahrheit trügerisch sind. Selbsterkenntnis wird nicht durch Erläuterungen und Beschreibungen er- langt, auch nicht durch die Anweisungen anderer. Sie wird immer nur durch direkte Erfahrung erkannt. Was immer auch in dieser Welt erfahren und gekannt wird, alles ist das Selbst – das Bewusstsein, ohne Dualität des Erfah- renden und der Erfahrung. Es ist das Selbst allein, welches immer und überall existiert, aber aufgrund seiner extremen Subtilität wird es nicht erfahren. In allen Wesen ist es der jīva. Alle Tätigkeiten geschehen im Licht der Sonne, aber wenn die Tätigkeiten aufhören, erleidet die Sonne keinen Verlust. Eben- so geschieht es aufgrund des Selbst, dass der Körper usw. arbeitet; aber wenn dieser stirbt, dann erleidet das Selbst keinerlei Verlust. Weder ist das Selbst geboren noch stirbt es; weder erwirbt noch wünscht es etwas; weder ist es gebunden noch befreit – das Selbst ist immer das Selbst. Das Selbst ist unbeeinflusst von Zeit, Raum usw. – wie kann es dann gebun- den werden? Wenn es demnach keine Bindung gibt – wie könnte es dann Befreiung geben? Darin besteht die Herrlichkeit des Selbst. Aber weil sie die Natur des Selbst nicht kennen, weinen und klagen die Menschen hier. Gib die beiden falschen Konzepte der Bindung und der Befreiung auf und lebe hier ein erleuchtetes Leben. Da ist keinerlei Befreiung im Himmel oder auf der Erde oder in den Unterwelten – Befreiung ist stets nur ein Synonym für das 320
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    reine Gemüt, echteSelbsterkenntnis und einen wahrhaft erwachten Zustand. Die vollständige Abwesenheit sämtlicher Wünsche und Hoffnungen ist Be- freiung. Solange einer nicht dieses wahre innere Erwachen oder die Selbster- kenntnis erlangt hat, hält er sich selbst für gebunden und strebt nach Befrei- ung. Gib diese falschen Ideen von Bindung und Befreiung auf und werde ein „Mensch der höchsten Entsagung“, oh Rāma. Lebe danach ein sehr langes Leben und regiere die ganze Welt. VASIåèHA fuhr fort: Das Selbst, das spielerisch den Körper wahrnimmt, unterhält dann die Idee, V:74 dass es zum Körper geworden sei. All dies, was die Weltillusion ausmacht, tritt ins Dasein wie eine Luftspiegelung in der Wüste. Diese Illusion breitet sich dann aus wie Wellen im Ozean und nimmt verschiedene Namen an wie Gemüt, die Fähigkeit der Unterscheidung, der Ich-Sinn, die latenten Neigun- gen und die Sinne. Das Gemüt und der Ich-Sinn sind in Wahrheit nicht zwei, sondern ein und dasselbe; die Unterscheidung ist rein verbal. Das Gemüt ist der Ich-Sinn und der Ich-Sinn ist das Gemüt. Nur unwissende Menschen glau- ben, dass das eine aus dem anderen geboren worden sei – so wie unwissende Menschen vielleicht sagen würden, dass die Weiße aus dem Schnee entstan- den sei. So ist es auch mit Gemüt und Ich-Sinn – hört das eine auf, hört auch das an- dere auf. Anstatt die Ideen von Bindung und Befreiung zu unterhalten, gib alles Verlangen auf und führe durch Weisheit und Leidenschaftslosigkeit das Ende des Gemüts herbei. Sogar wenn nur der Wunsch „Möge ich doch befreit sein!“ in dir auftaucht, wird das Gemüt dadurch wiederbelebt. Wenn das Gemüt dann weitere Ideen unterhält, wird dadurch der Körper geschaffen. Dann entstehen wiederum andere Konzepte wie „Ich tue dies“, „Ich erfreue mich dessen“ und „Ich kenne dies alles“. Alle diese Konzepte sind unwirklich wie eine Luftspiegelung in der Wüste. Da ihre Unwirklichkeit jedoch nicht erkannt wird, üben diese Illusionen auf das Gemüt eine anziehende Wirkung aus, so wie eine Luftspiegelung die Tiere irreführt. Wird sie dagegen als eine Illusion erkannt, dann zieht sie das Gemüt nicht mehr an, so wenig wie eine Luftspiegelung denjenigen nicht mehr in Bann zieht, der sie als eine solche erkannt hat. So wie eine Lampe die Dunkelheit vertreibt, so entwurzelt die Erkenntnis der Wahrheit vollständig alle Konzepte und Konditionierungen. Wenn einer ernsthaft fragt: „Dieser Körper ist nichts als eine leblose Sub- stanz – weshalb sollte man seinetwillen auf die Suche nach Vergnügen ge- hen?“, dann schwindet alles Verlangen dahin. Und wenn es kein Verlangen mehr gibt, dann erlebt man im Innern große Seligkeit und höchsten Frieden. Der Weise der Selbsterkenntnis gewinnt Mut und Festigkeit und strahlt in seinem eigenen Glanz. Er erfreut sich höchster Zufriedenheit. Er ist erleuch- tet, und dieses innere Licht leuchtet hell in ihm. Er sieht das Selbst als das Selbst von allen; allgegenwärtig, der Höchste Herr von allem, formlos und doch alle Formen durchdringend. 321
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    Wenn er sichan die Vergangenheit erinnert, wo er noch von Leidenschaft geschüttelt wurde, lacht er über seine eigene Unwissenheit. Er ist weit ent- fernt von schlechter Gesellschaft, frei von mentaler Verzweiflung, jedoch fest verankert in der Selbsterkenntnis. Er wird von allen verehrt, von allen ge- sucht, von allen gelobt, aber er verbleibt gleichgültig. Weder gibt er, noch nimmt er; weder beleidigt er, noch preist er jemanden; weder frohlockt er, noch trauert er. Er ist ein Weiser, befreit noch im Leben – der alle vorsätzli- chen Tätigkeiten aufgegeben hat, der frei von der Konditionierung ist und alle Wünsche und Hoffnungen fahren gelassen hat. Oh Rāma, gib alle Wünsche auf und verbleibe im Frieden in dir selbst. Keine Freude in dieser Welt ist ver- gleichbar mit dem Entzücken, welche dein Herz erfüllen wird, sobald du alle Wünsche und Hoffnungen vollständig aufgegeben hast. Nicht in einem König- reich, nicht im Himmel, nicht in der Gesellschaft der Geliebten erfährt man dieses Entzücken, wie wenn man frei von Hoffnung ist. VASIåèHA fuhr fort: Wer mit Wunschlosigkeit (Hoffnungslosigkeit) ausgestattet ist, der behan- delt die ganze große Welt wie den Hufabdruck eines Kälbchens, den höchsten Berg wie den Stumpf eines gefällten Baumes, den Weltraum wie eine kleine Schachtel und die drei Welten wie einen Grashalm. Über die Aktivitäten der weltlich gesinnten Menschen lacht er nur. Mit wem oder was kann man eine solche Person vergleichen? Wie kann irgendetwas den Gleichmut einer Per- son erschüttern, die gänzlich frei von Gedanken ist wie „Ich wünschte, dies wäre mir geschehen“? Oh Rāma, es ist der Wunsch oder die Hoffnung, die uns in Bewegung hält, die wir auf das Rad der Weltillusion gebunden sind. Wenn du die Wahrheit erkennst, dass das Selbst allein all dieses ist und dass Vielfalt nur ein Wort ohne jede Substanz ist, dann wirst du vollkommen frei von Wunsch und Erwartung werden. Ein solcher Held, ausgestattet mit der höchsten Leidenschaftslosigkeit, vertreibt den Kobold der Illusion schon durch seine bloße Gegenwart. Er ist nicht vergnügt durch Vergnügen, nicht beunruhigt durch Schwierigkeiten. Sensationen bewegen ihn so wenig wie der Wind einen Berg entwurzeln kann. Die Zwillingskräfte der Anziehung und Abstoßung vermögen ihn nicht zu berühren. Auf alles schaut er mit demsel- ben Gleichmut. Frei von der leisesten Anhaftung erfreut er sich dessen, was ungesucht zu ihm kommt, so wie die Augen ihre Objekte ohne Wunsch oder Hass anschau- en. Daher erzeugen die Erfahrungen in ihm weder Jubel noch Leid. Obwohl er ausgiebig mit den alltäglichen Beschäftigungen in der Welt befasst zu sein scheint, wird sein Bewusstsein davon nicht im mindestens berührt. Was immer ihm gemäß der Gesetzmäßigkeiten von Zeit, Raum und Verursachung zustoßen mag, sei dieses nun erfreulich oder unerfreulich – innerlich ver- bleibt er stets unberührt. So wie ein Seil, das versehentlich für eine Schlange gehalten wurde, denje- nigen nicht beunruhigen kann, der es als Seil und nicht als Schlange zu sehen vermag, so kehrt die einmal zerstörte Illusion nicht zurück, und so geht auch 322
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    die einmal erlangteSelbsterkenntnis nicht wieder verloren. Kann denn je- mand die vom Baum gefallene Frucht wieder an ihren alten Platz setzen? Der Kenner der Wahrheit betrachtet selbst die schönste Frau wie ein gemal- tes Bild, was auch der Wahrheit entspricht, denn beide bestehen aus densel- ben Substanzen (Erde und Wasser usw.) Wenn einmal die Wahrheit gesehen wird, dann taucht der Wunsch zu besitzen nicht länger im Herzen auf. So wie eine Frau, die einen Liebhaber hat, ihrer Hausarbeit nachgeht und dabei beständig an den Liebhaber denkt, so ist auch der Weise in dieser Welt tätig, während sein Bewusstsein ständig in der Wahrheit fest verankert ist. In bei- den Fällen wäre es unmöglich, dieses Verhalten zu verhindern – d.h., die Frau den Liebhaber oder den Weisen die Wahrheit vergessen zu machen. Der erleuchtete Weise weiß, dass dieses Selbst nicht stirbt, wenn der Kör- per stirbt; nicht weint, wenn die Augen Tränen vergießen; nicht verbrannt wird, wenn der Körper verbrannt wird; nicht verloren ist, wenn alles verloren ist. Was immer ihm widerfährt, ob er nun mittellos oder wohlhabend ist, ob er in einem Palast wohnt oder im Wald – stets ist er im Innern unberührt. VASIåèHA fuhr fort: Sehr viele dieser befreiten Weisen leben im Universum, oh Rāma. Ich werde V:75 dir nur einige wenige Beispiele dafür geben: Janaka der Kaiser, dein eigener Ahn, der Kaiser Dilīpa, Manu, der erste Regent der Welt, der Kaiser Māndhātā, der viele Kriege führte, die Dämonenkönige Bali, NamÆci, V−tra (der sogar mit Indra, dem König der Götter, focht), Prahlāda und Saæbara, die Lehrer der Götter und Dämonen, wie auch die Trinität (die mit der Schöpfung, Erhaltung und Auflösung des Universums befasst ist), Weise wie Viśvāmitra und Nārada als auch die Gottheiten, die über die natürlichen Elemente wie Feuer und Luft herrschen. Es gibt noch tausende, oh Rāma, die im Universum existieren und befreit sind. Einige von ihnen sind Weise, andere sind Könige, manche wiederum erstrahlen als Sterne und Planeten, wieder andere sind Gottheiten oder Dä- monen. Oh Rāma, befreite Wesen gibt es sogar unter Würmern und Insekten, so wie es närrische Dummköpfe unter den Göttern gibt. Das Selbst ist in allen – es existiert als alles überall alle Zeit und auf alle Arten. Das Selbst allein ist der Höchste Herr und alle Gottheiten. Es gibt Leere (Raum) in den Substan- zen und Substantialität in der Leere oder im Raum. Was ungeeignet ist, er- scheint im Verlauf der Ergründung als geeignet. Die Menschen sind recht- schaffen, weil sie die Folgen der Sünde fürchten. Sogar was nicht ist, führt schließlich zu dem, was ist: Die Kontemplation von Raum oder Leere führt zur Erlangung der höchsten Wahrheit! Was nicht ist, tritt ins Dasein, geleitet von Raum und Zeit. Was stark und mächtig ist, geht nur seiner eigenen Zer- störung entgegen. Gib, oh Rāma, auf diese Weise betrachtend, Freude und Sorge, Trauer und Anhaftung auf. Das Unwirkliche erscheint als wirklich und das Wirkliche als unwirklich – gib daher Hoffnung als auch Hoffnungslosig- keit auf und erlange den Gleichmut. 323
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    In dieser Welt,oh Rāma, ist die Befreiung immer und überall erreichbar. Durch Eigenbemühung haben schon Millionen von Wesen die Befreiung er- langt. Die Befreiung ist, je nach der eigenen Weisheit oder Unweisheit, leicht oder schwierig. Entzünde daher, oh Rāma, die Lampe der Weisheit in dir. Durch die Vision des Selbst wird der Kummer enthauptet. Es hat schon zahllose Wesen in dieser Welt gegeben, die die Selbsterkennt- nis und Befreiung noch zu Lebzeiten erlangt haben wie etwa Kaiser Janaka. Deshalb werde auch du hier und jetzt befreit. Das Erlangen des inneren Frie- dens durch äußerste Nicht-Anhaftung an irgendetwas wird Befreiung ge- nannt. Möglich wird dies unabhängig davon, ob der Körper existiert oder nicht existiert. Wer frei von sämtlichen Anhaftungen ist, der ist befreit. Man soll auf intelligente und weise Art nach der Erlangung dieser Befreiung stre- ben. Wer sich nicht bemüht, der vermag nicht einmal die Hufspur eines Kälb- chens zu überspringen. Daher, oh Rāma, nimm deine Zuflucht zum spirituel- len Heldenmut, zu rechter Übung, und kämpfe mit rechter Selbstergründung danach, die Vollkommenheit der Selbsterkenntnis zu erlangen. Für den, der danach strebt, ist das gesamte Universum nur wie die Hufabdruck eines Kälb- chens. VASIåèHA fuhr fort: All diese Welten, oh Rāma, erscheinen in Brahman dem Absoluten; wahrge- V:76, 77 nommen werden sie jedoch aufgrund der Unwissenheit oder Nicht-Weisheit als eine unabhängige, substanzielle Realität. Diese fehlerhafte Vorstellung hört mit der Erlangung der Weisheit auf. Es ist die fehlerhafte Wahrnehmung, die all dies hier als „die Welt“ in Erscheinung treten lässt; die richtige Wahr- nehmung dagegen führt zum Aufhören dieses Fehlers. Rāma, dieser Fehler wird nur durch die rechte Bemühung zusammen mit der rechten Haltung und Weisheit beseitigt. Schande über die Person, oh Rāma, die versunken im Sumpf der Weltillusion bleibt, obwohl doch die Möglichkeit zur Überwindung dieses Fehlers existiert. Gesegnet bist du, oh Rāma, dass sich in deinem Her- zen bereits der Geist der rechten Ergründung manifestiert hat. Sobald die Wahrheit durch diese Ergründung realisiert wird, werden Stärke, Intelligenz und Ausstrahlung gekräftigt. Der Weise, der die Wahrheit erkannt hat und hier und jetzt befreit von Irr- tum ist, der nimmt diese Welt wahr, als wäre er im Tiefschlaf, ohne das ge- ringste Verlangen. Mit seiner inneren Intelligenz nimmt er nicht einmal die Objekte und Erfahrungen wahr, die ungesucht zu ihm kommen, denn sein Herz ist gänzlich in sich selbst zurückgezogen. Er hegt keinerlei Hoffnungen für die Zukunft und erinnert sich nicht an die Vergangenheit; er lebt nicht in der Gegenwart und ist doch stets tätig. Schlafend ist er wach, wachend schläft er. Er tut alles und tut doch nichts. Innerlich hat er allem entsagt, obwohl er äußerlich als tätig erscheint. Für immer befindet er sich im Zustand des Gleichgewichts. Seine Handlungen sind vollkommen nicht-willentlich. Der Weise haftet an nichts und niemandem. Daher ist sein Betragen herz- lich gegenüber den Herzlichen und rau gegenüber den Rauen. Er ist wie ein 324
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    Kind unter Kindern,ein alter Mann unter den Alten, ein Held unter Helden, ein Jugendlicher unter Jugendlichen und ein Trauernder unter den Trauern- den. Seine sanften und liebevollen Worte sind voller Weisheit. Nichts hat er von edlen Taten zu gewinnen, und doch ist er edel; er empfindet kein Verlan- gen nach Vergnügen und wird daher nicht von ihm verführt. Er ist nicht an Bindung und nicht einmal an Befreiung interessiert. Wenn das Fangnetz der Unwissenheit und des Irrtums vom Feuer der Weisheit verbrannt ist, fliegt der Vogel des Bewusstseins fort in die Freiheit. Weder jubelt er, wenn seine Bemühungen Früchte tragen, noch klagt er, falls nicht. Wie ein spielendes Kind scheint er zu geben und zu nehmen. Er ist nicht überrascht, wenn der Mond heiß oder die Sonne kalt scheinen sollten. Wissend, dass das unendliche Bewusstsein all dies und noch mehr mit Leich- tigkeit herbeiführen kann, ist er nicht im mindesten über seltsame Phänome- ne erstaunt. Weder ist er schüchtern noch wird er von Zornausbrüchen heim- gesucht. Wissend, dass die Wesen dauernd geboren werden und sterben, gibt er Trauer und Kummer keinerlei Raum. Er weiß, dass die Welt in ihm auftaucht so wie Traumobjekte im Schlaf auftauchen, und dass daher alle diese Objekte nur von momentaner Existenz sind. Deshalb gibt es für ihn keinen Grund zu jubeln oder zu trauern. Sobald alle diese Konzepte wie Vergnügen und Schmerzen, Wünschenswertes und Nicht-Wünschenswertes aufhören, hören auch alle Ideen im Gemüt auf. Irrtümer tauchen nie wieder auf, so wie aus verbrannten Samen kein Öl mehr gewonnen werden kann. VASIåèHA fuhr fort: V:78 Oh Rāma, so wie ein illusorischer Feuerkreis durch einen kreisenden Feu- erbrand entsteht, so entsteht durch Vibration im Bewusstsein diese illusori- sche Erscheinung der Welt. Vibration und Bewusstsein sind unzertrennlich wie die Weiße des Schnees, das Öl im Sesamsamen, der Duft der Blüte und die Hitze des Feuers. Ihre Beschreibung als verschiedene Kategorien beruht auf Irrtum. Das Gemüt und die Bewegung der Gedanken sind untrennbar – das Aufhören des einen ist das Aufhören des anderen. Oh Rāma, es gibt zwei Wege, mit denen dieses Aufhören erlangt werden kann: Der Weg des Yoga, der die Zurückhaltung der Gedankenwellen beinhal- tet, und der Weg der Erkenntnis, der die rechte Erkenntnis der Wahrheit beinhaltet. Die Energie (wörtlich Luft), die in diesem Körper in den Energiekanälen (nādī bedeutet wörtlich „Kanal für Bewegung“, aber nicht notwendigerweise Nerv, obwohl man dies zur Vereinfachung so nennen kann) zirkuliert, wird prāïa genannt. Entsprechend seiner verschiedenen Funktionen im Körper wird es auch apāna usw. genannt. Dieses prāïa ist untrennbar eins mit dem Gemüt. In Wahrheit ist das Bewusstsein, welches aufgrund der Bewegung von prāïa zum Denken neigt, das Gemüt. Die Gedankenbewegungen im Gemüt entstehen aufgrund der Bewegungen des prāïa, während die Bewegungen 325
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    des prāïa ausden Bewegungen der Gedanken im Bewusstsein entstehen. Beide bilden so einen Zyklus wechselseitiger Bedingtheit – wie Wellen und Strömungen im Wasser. Die Weisen erklären, dass das Gemüt durch die Bewegung des prāïa verur- sacht wird und das Zurückhalten des prāïa daher zur Stillheit des Gemüts führt. Wenn das Gemüt die Bewegung der Gedanken aufgibt, dann hört auch die Erscheinung der Weltillusion auf. Wenn alle Hoffnungen und Wünsche im Herzen aufgehört haben durch das ernsthafte Praktizieren der Anweisungen der Schriften und der Weisen, durch Leidenschaftslosigkeit aus früheren Geburten und man durch Kontemplation oder Meditation so weit gekommen ist, dass man der einen Wahrheit vollkommen und ausschließlich ergeben ist, dann wird die Bewegung des prana angehalten. Die Bewegung des prāïa wird ferner angehalten durch die mühelose Praxis des Einatmens usw. ohne Anstrengung, in der Abgeschiedenheit; oder durch die Wiederholung des heiligen Wortes OM zusammen mit der Erfahrung seiner Bedeutung, wenn das Bewusstsein den Zustand des Tiefschlafs erlangt. Folgende Praktiken führen alle zum Anhalten der Bewegungen des prāïa: Die Praxis des Ausatmens, wenn das prāïa frei im Raum schwebt ohne die Glie- der des Körpers zu berühren; durch Einatmen und das dadurch entstehende ruhige Fließen des prāïa; und durch Zurückhaltung, wodurch das prana für eine längere Zeitdauer zu einem Stillstand kommt; durch das Schließen der Nasenhöhleneingänge mit der Zungenspitze, wenn das prāïa sich in Richtung des Schädeldachs bewegt; durch die Praxis der Meditation, in der es keine Gedankenbewegung gibt; durch die stetige Konzentration des Bewusstseins auf einen Punkt 30 Zentimeter vor der Nasenspitze; durch das Eintreten des prāïa in die Stirn durch den Gaumen und die oberste Öffnung; durch das Fixieren des prāïa zwischen den Augenbrauen; oder durch das plötzliche Aufhören der Gedankenbewegung oder das Aufhören aller mentalen Kondi- tionierung durch Meditation im Herzzentrum über eine längere Zeitdauer hinweg. RùMA fragte: Hoher Herr, was ist dieses Herz, von dem ihr sprecht? V:79 VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, in diesem Zusammenhang spricht man von zwei Aspekten des „Herzens“, von denen der eine akzeptabel und der andere zu ignorieren ist. Das Herz, welches Bestandteil dieses physischen Körpers ist und sich auf der einen Seite desselben befindet, muss ignoriert werden! Das akzeptable Herz dagegen ist reines Bewusstsein. Es befindet sich innen und außen und ist weder innen noch außen. Dieses ist das wirkliche Herz, und in ihm wird alles im Universum widerspiegelt, und es ist das Schatzhaus, das allen Reichtum enthält. Nur Bewusstsein ist das Herz aller Wesen, nicht aber das Stück Fleisch, welches die Leute Herz nennen! Sobald daher das Gemüt, frei von aller Konditionierung, in reines Bewusstsein übergeht, wird die Bewegung des prāïa angehalten. 326
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    Durch eine dieserMethoden, vorgeschlagen von verschiedenen Lehrern, kann die Bewegung des prāïa angehalten werden. Diese yogischen Methoden führen zum gewünschten Erfolg, wenn sie ohne Gewalt oder übertriebene Anstrengung praktiziert werden. Sobald jemand in einer solchen Praxis ver- ankert ist, gleichzeitig in Leidenschaftslosigkeit wächst und die mentale Kon- ditionierung vollkommen aufgelöst ist, dann erfolgt daraus die Zurückhaltung des prāïa. In seiner Praxis kann man entweder das Zentrum zwischen den Augen- brauen, den Gaumen, die Nasenspitze oder die Stirn (30 cm vor der Nase) zur Orientierung verwenden – das Ergebnis wird sein, dass das prāïa zurückge- halten wird. Außerdem, wenn durch ständige und ausdauernde Praxis mit der Zungenspitze das Zäpfchen berührt werden kann, dann wird die Bewe- gung des prāïa eingeschränkt. Gewiss scheinen alle diese Praktiken wie Ablenkungen zu sein, jedoch erreicht man durch stetiges Üben die Abwesen- heit aller Ablenkungen. Es geschieht nur durch solch ausdauernde Übungen, dass man frei vom Kummer wird und die Seligkeit des Selbst erfährt. Prakti- ziere daher Yoga. Wenn durch eine solche Praxis die Bewegung des prāïa angehalten wird, dann verbleibt nur noch nirvāïa oder die Befreiung. Darin liegt alles; von daher kommt alles; es ist selbst alles, und es ist überall: In ihm ist weder diese Welterscheinung, noch entstammt es dieser, noch ist die Welterscheinung wie jenes! Wer fest darin verankert ist, ist noch zu Lebzeiten befreit. Wessen Gemüt durch die Praxis des Yoga fest im Frieden verankert ist, der hat die rechte Sicht der Wahrheit. Die rechte Sicht besteht darin zu sehen, dass das höchste Selbst ohne Anfang und Ende ist, und dass alle diese zahllo- sen Objekte in Wahrheit das Selbst und nichts anderes sind. Irrtümliche Sicht führt zur Wiedergeburt; rechte Sicht beendet die Wiedergeburt. Es ist darin keinerlei Subjekt-Objekt-Beziehung (Kenner und Gekanntes), denn das Selbst (Bewusstsein) ist der Kenner, das Kennen und das Gekannte zugleich – eine Getrenntheit ist reine Unwissenheit. Wird dieses unmittelbar erkannt, dann gibt es keine Bindung und keine Befreiung. Wenn der Weise in seinem eige- nen Selbst ruht, wobei sein Verstand fest im inneren Selbst verankert ist – welche Vergnügen könnten ihn dann noch fesseln in dieser Welt? VASIåèHA fuhr fort: Wer mit der Selbstergründung befasst ist, wird nicht durch Zerstreuungen V:80 verführt. Die Augen sehen einfach, sonst nichts – die Ideen des Erfreulichen, Unerfreulichen usw. tauchen nicht im Auge auf, sondern anderswo, und eben- so ist es auch mit den übrigen Sinnen. Die Sinnesfunktionen sind daher nicht von Natur aus schlecht. Wenn das egoistische Denken mit diesen Sinnesfunk- tionen (welche in einem Augenblick entstehen und wieder vergehen) ver- knüpft wird, dann gibt es mentale Erregung. Oh ihr Augen! Die Gegenstände eurer Wahrnehmung entstehen und verge- hen und sind nichts als Schatten. Lasst euren Blick nicht auf ihnen verweilen, 327
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    damit nicht dasinnewohnende ewige Bewusstsein die Sterblichkeit zu erlei- den hat. Sei der Beobachter von allem, der du in Wahrheit bist. Oh Gemüt! Zahllose Bilder werden von den Augen in Übereinstimmung mit ihrer natürli- chen Funktion gesehen – weshalb lässt du dich hineinziehen? Auch wenn diese Bilderfolgen im Gemüt reflektiert und von ihm ausgewertet werden – weshalb reagierst du auf sie mit dem Ich-Sinn? Es gibt ohne jeden Zweifel eine intime Beziehung zwischen den Augen und ihren Objekten – aber wes- halb musst du dich selbst anbieten und sie anerkennen? Wahrlich sind Bild, Sicht und Gemüt ohne jede Beziehung zueinander wie das Gesicht, der Spie- gel und die Widerspiegelung. Und doch taucht irgendwie die illusorische Idee von „Ich sehe dies“ auf. Die Unwissenheit ist das Wachs, in dem all dies zu- sammen eingeschmolzen wird, aber die Selbsterkenntnis ist das Feuer, in dessen Hitze das Wachs wieder schmilzt! In der Tat geschieht es durch wiederholtes Denken, dass diese irrige Bezie- hung gekräftigt wird, aber nun werde ich sie durch rechte Ergründung zer- stören. Sobald die Unwissenheit zerstört ist, taucht diese illusorische Bezie- hung zwischen Bild, Sicht und Gemüt niemals wieder auf. Das Gemüt allein liefert den Sinnen die nötige Intelligenz – folglich muss das Gemüt zerstört werden. Oh Gemüt – weshalb lässt du dich vergeblich durch die fünf Sinne erregen? Nur derjenige, der denkt: „Es ist mein Gemüt“, wird durch dich ge- täuscht. Du existierst überhaupt nicht, oh Gemüt. Mich kümmert nicht, ob du bleibst oder mich verlässt. Du bist unwirklich, leblos, illusorisch. Nur der Narr lässt sich von dir belästigen, nicht aber der weise Mensch. Das Verstehen setzt der Finsternis der Unwissenheit ein Ende. Verlasse diesen Körper, oh Gespenst, zusammen mit deinem Verlangen und deinen Emotionen wie dem Zorn. Oh Gemüt, heute habe ich dich umgebracht, denn ich habe erkannt, dass du in Wahrheit niemals existiert hast. Eine sehr lange Zeit hindurch hat dieses Gespenst des Gemüts zahllose böse Vorstellungen wie Lust, Zorn u.a. erzeugt. Da nun dieses Gespenst endlich gefallen ist, lache ich nur über meine eigene, vergangene Dummheit. Das Gemüt ist tot – alle meine Ängste und Besorgnisse sind tot – der Dämon Ich- Sinn ist ebenfalls tot. All dieses erlangte ich durch das Mantra der Selbst- Ergründung. Nun bin ich frei und glücklich. All meine Hoffnungen und Wün- sche haben mich verlassen. Ich verneige mich vor meinem eigenen Selbst! Da ist keine Täuschung, keine Sorge, kein Ich und kein anderer mehr! Weder bin ich das Selbst noch irgendjemand sonst – ich bin Alles in Allem: Ich verneige mich vor meinem eigenen Selbst! Ich bin der Anfang. Ich bin das Bewusstsein. Ich bin alle Universen. Es gibt keinerlei Getrenntheit in mir. Verehrung für mein eigenes Selbst allein! Dem, was gleichermaßen allgegenwärtig in allen ist – dieser subtilen, innewohnenden Allgegenwart, dem Selbst, entbiete ich meine höchste Verehrung! VASIåèHA fuhr fort: V:81 Oh Rāma, nachdem der weise Mensch auf diese Weise überlegt hat, sollte er in der folgenden Weise fortfahren: 328
  • 329.
    „Wenn das Selbst(Bewusstsein) allein all dieses ist, und wenn das Gemüt durch dieses Verstehen gereinigt worden ist – was ist dann noch als Gemüt zu bezeichnen? Das Gemüt ist gewiss inexistent. Ob es nun unsichtbar, das Nicht- Gemüt oder die illusorische Erscheinung ist – so viel ist gewiss: entweder existiert es nicht oder es ist eine bloße Illusion. Da nun all die Verrücktheit und Täuschung aufgehört hat, vermag ich nicht länger zu erkennen, was eigentlich das Gemüt ist. „Alle meine Zweifel sind verschwunden. Ich bin frei vom Fieber der Erregt- heit. Was immer ich bin, bin ich, aber ohne alles Verlangen. Wenn das Gemüt aufhört zu sein, dann hört auch das Verlangen auf. Wenn das Gemüt tot ist, wenn das Verlangen tot ist – dann ist die Täuschung verschwunden und die Egolosigkeit geboren. Daher bin ich nun in diesen Zustand des Wachseins erwacht. Wenn es nur eine Wahrheit gibt und Vielfalt keinerlei Realität bean- spruchen kann – was soll ich dann noch erforschen? „Ich bin das ewige Selbst, welches allgegenwärtig und subtil ist. Ich habe den Zustand der Wirklichkeit erreicht, der in nichts reflektiert wird, der an- fangslos ist und endlos und gänzlich rein. Was auch immer ist, und was auch immer nicht ist – das Gemüt und die innere Wirklichkeit sind nichts als das eine unendliche Bewusstsein, welches höchster Friede jenseits von allem Verstehen ist und von dem alles durchdrungen wird. Lass das Gemüt leben oder sterben. Was hat es für einen Sinn, all dies zu erforschen und zu unter- suchen, wenn doch das Selbst in äußerstem Gleichmut verharrt? Ich verharr- te, solange ich närrischerweise mit dieser Ergründung befasst war, in einem konditionierten Zustand. Nun, da ich das unkonditionierte Sein erlangt habe – wer ist jetzt noch der Ergründer? „Solche Gedanken sind von äußerster Nutzlosigkeit; jetzt, da das Gemüt tot ist. Sie könnten aber dieses Gespenst neu beleben, welches man das Gemüt nennt. Und darum gebe ich alle diese Gedanken und Ideen ein für allemal auf. Ich kontempliere OM und verbleibe im Selbst, im vollkommenen inneren Frieden.“ Auf diese Weise sollte ein weiser Mensch stets die Natur der Wahrheit un- tersuchen, was auch immer er dabei tun mag. Aufgrund dieser Untersuchung verbleibt das Gemüt verankert in sich selbst. Es ist dann frei von aller Erre- gung und führt seine natürlichen Funktionen aus. Die Heiligen mit unkonditioniertem Bewusstsein leben und arbeiten hier frei von Stolz und Täuschung mit einem Herzen, das stets frohlockt. Sie leuch- ten mit göttlicher Ausstrahlung und gehen ihren natürlichen Beschäftigungen nach. Die oben beschriebene Form der Ergründung wurde von dem Weisen Samvarta praktiziert, und er hat sie mir selbst einmal beschrieben. *** 329
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    Die Geschichte vonVītahavya VASIåèHA fuhr fort: V:82 Es gibt noch eine weitere Form der Ergründung, wie sie der Weise Vītahavya gepflegt hat. Dieser Weise wanderte einst in den Wäldern der Bergregionen umher, die die Vindhyas genannt werden. Eines Tages wurde er der Angelegenheiten dieser Weltgänzlich überdrüssig. Mit Hilfe einer Kon- templation, die völlig frei von allen irrigen Vorstellungen und Gedanken war, legte er die Welt wie eine abgetragene Illusion beiseite. Er betrat seine Ein- siedelei, setzte sich in die Lotos-Position und verblieb so, fest wie ein Berg- gipfel. Nachdem er alle Sinne in sich zurückgezogen und die Aufmerksamkeit seines Gemüts auf sein Inneres gerichtet hatte, begann er wie folgt zu kontemplieren: Wie launisch doch mein Gemüt ist! Sogar dann, wenn es nach innen gekehrt ist, verbleibt es nicht in der Ruhe, sondern gerät schon nach kurzer Zeit wie- der in Erregung, wie die Oberfläche des Meeres. An die Sinne (wie z. B. das Sehvermögen) gebunden, hüpft es wieder und wieder wie ein Ball hin und her. Aufs Neue durch die Sinne gefüttert, ergreift das Gemüt die Objekte, die es eben noch verworfen hat, und rennt, wie eine wahnsinnige Person, hinter dem her, was es schon beiseitegelegt hatte. Es springt wie ein Affe von einem Objekt zum nächsten. Ich werde mich nun mit der Untersuchung der fünf Sinne befassen, durch welche sich das Gemüt so sehr zerstreuen lässt. Oh ihr Sinne! Ist für euch die Zeit der Selbsterkenntnis immer noch nicht gekommen? Erinnert ihr euch denn nicht der Leiden, die euch beim Verfolgen des Vergnügens auf dem Fuße folgten? Gebt doch endlich diese sinnlosen Erregungen auf! In Wirklichkeit seid ihr leblos und nicht fühlend – ihr seid nur der Weg, auf dem das Gemüt auf der Suche nach objektiven Erfahrungen wandert. Ich dagegen bin euer Herr, ich bin Bewusstsein, und ich allein als die reine Intelligenz tue all dies. Ihr, oh ihr Sinne, seid nicht echt! Zwischen euch und dem Bewusstsein, wel- ches das Selbst ist, besteht nicht die geringste Verbindung. Im Licht des Be- wusstseins, welches nicht-willentlich ist, arbeitet ihr auf die gleiche Weise wie die Menschen, die im Licht der Sonne ihren verschiedenen Tätigkeiten nachgehen. Gebt euch nicht der Illusion hin, oh ihr Sinne, dass ihr intelligent seid, denn ihr seid es nicht! Sogar die Idee „Ich bin lebendig“, die ihr fälschli- cherweise unterhaltet, führt zu nichts als Leid. Es gibt nichts als Bewusstsein, das anfangslos und endlos ist. Oh du ver- rücktes Gemüt – was bist du dann noch? Diese Ideen, die in dir entstehen, wie „Ich bin der Täter“ oder „Ich bin der Genießer“, scheinen ein großartiges Verjüngungsmittel zu sein, aber sie sind nichts als tödliche Gifte. Sei nicht so getäuscht, oh Gemüt – weder bist du in Wahrheit der Täter von irgendetwas noch der Erfahrende. Du bist leblos, und deine Intelligenz kommt von einer 330
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    anderen Quelle. Wiestehen dann Vergnügen mit dir in Verbindung? Du selbst existierst überhaupt nicht – wie kannst du dann eine Beziehung mit etwas haben? Wenn du erkennst: „Ich bin nichts als reines Bewusstsein“, dann bist du in der Tat das Selbst. Und wie kann dann noch Kummer in dir sein, der du das unbegrenzte und unkonditionierte Bewusstsein bist? VĪTAHAVYA fuhr fort zu kontemplieren: Oh Gemüt, ich werde dir sanft beibringen, dass du in der Tat weder der Tä- ter noch der Erfahrende bist. Du bist in der Tat leblos – wie kann eine Statue aus Stein tanzen? Wenn deine Intelligenz gänzlich abhängig ist vom unendli- chen Bewusstsein, dann lebe lang in dieser Erkenntnis. Was ferner mit der Intelligenz oder der Energie eines anderen getan wird, das wird in Wahrheit von diesem letzteren getan. Die Sichel schneidet mit der Energie des Bauern das Korn, und daher ist der Bauer eigentlich der Schnitter. Und ebenso ist der Mann, der das Schwert führt, der Tötende, aber nicht das Schwert, welches tötet. Du bist leblos, oh Gemüt, deine Intelligenz stammt vom unendlichen Bewusstsein. Das Selbst oder das unendliche Bewusstsein kennt sich selbst durch sich selbst und erfährt sich selbst in sich selbst durch sich selbst. Der Höchste Herr bemüht sich beständig um deine Erleuchtung, denn die Weisen sollen die Unwissenden auf hundert Arten unterweisen. Das Licht des Selbst allein existiert als Bewusstsein oder Intelligenz, und dies wurde als das Ge- müt bekannt. Sobald du diese Wahrheit realisierst, wirst du dich im selben Moment auflösen. Oh du Narr, wenn du doch in Wahrheit das unendliche Bewusstsein bist – weshalb trauerst du? Dies ist das Allgegenwärtige, dies ist Alles – sobald du dies realisiert hast, wirst du selbst zu Allem. Du bist nicht, der Körper ist nicht – nur die eine unendliche Bewusstheit existiert, und in diesem homoge- nen Sein erscheinen die verschiedenen Konzepte wie „Ich“ und „Du“. Wenn du das Selbst bist, dann existiert auch nur das Selbst allein, aber nicht du! Wenn du leblos bist, aber verschieden vom Selbst, dann existiert du ebenfalls nicht! Denn das Selbst oder das unendliche Bewusstsein allein ist Alles – etwas anderes gibt es nicht. Die Existenz von etwas Drittem, getrennt vom Bewusst- sein und der leblosen Substanz, ist unmöglich. Folglich, oh Gemüt, bist du weder der Täter noch der Erfahrende. Du wirst von den Weisen nur als Kanal benutzt, um die Unwissenden zu unterweisen. Tatsächlich jedoch ist dieser Kanal irreal und leblos – das Selbst ist die einzi- ge Realität. Kann die Sichel selber ernten, wenn es keinen Bauern gibt? Auch das Schwert verfügt nicht über eine eigene Macht zu töten. Oh Gemüt – weder bist du der Täter noch der Erfahrende; trauere daher nicht. Der Höchste Herr (Bewusstsein) ist nicht wie du – trauere daher auch nicht um ihn! Er gewinnt nichts dadurch, dass er etwas tut oder unterlässt. Er allein durchdringt alles – etwas anderes gibt es nicht. Was sollte er also tun oder wünschen? Du hast keinerlei Beziehung zum Selbst, es sei denn in der Art und Weise des Duftes in Beziehung zur Blume. Eine Beziehung herrscht nur zwischen zwei unabhängigen Dingen einer ähnlichen Natur, die eins sein wollen. Du, oh 331
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    Gemüt, bist stetserregt, während das Selbst stets im Frieden ist. Es kann folglich keinerlei Beziehung zwischen euch beiden geben. Wenn du jedoch im Zustand des samādhi oder in vollkommenem Gleichmut weilst, dann wirst du fest im Bewusstsein verankert sein ohne die Ablenkungen der Vielfalt, ohne die Ideen des Einen oder des Vielen. Dann wirst du realisieren, dass es nichts als das Selbst gibt, das unendliche Bewusstsein, welches als diese zahllosen Wesen leuchtet. VĪTAHAVYA fuhr fort zu kontemplieren: V:83 Oh ihr Sinne, ich fühle, dass ihr im Lichte meiner Ermahnungen alle ver- schwunden seid, denn ihr seid nur aus der Finsternis der Unwissenheit her- aus entstanden. Oh Gemüt, gewiss ist der Anschein deiner Existenz nur zu deinem eigenen Kummer aufgetaucht! Sieh nur, was geschieht, sobald du existierst: Alle die zahllosen Wesen werden getäuscht und gehen in diesen Ozean der Sorgen ein mit all seinem Wohlstand und seinen Widerwärtigkei- ten, seinen Krankheiten, seinem Altern und seinem Tod. Sieh nur, wie die Gier an den edlen Eigenschaften nagt und sie schließlich zerstört, wie Lust und Verlangen ihre Kraft verzehren und zerstreuen. Oh Gemüt, wenn du aufhörst zu sein, dann erblühen alle edlen und guten Eigenschaften. Dann gibt es den Frieden und die Reinheit des Herzens. Die Menschen fallen nicht Zweifel und Fehlern zum Opfer. Dann ist da die Freund- schaft, die das Glück aller fördert. Ängste und Sorgen werden ausgetrocknet. Sobald die Finsternis der Unwissenheit vertrieben ist, erstrahlt das innere Licht. Mentale Störungen und Qualen hören auf, so wie der Ozean wieder ruhig wird, wenn der Wind sich legt. Dann entsteht aus dem Innern die Selbsterkenntnis, und die Realisation der Wahrheit setzt der Idee der Weltil- lusion ein Ende – nur noch das unendliche Bewusstsein leuchtet. Dann gibt es eine Erfahrung der Seligkeit, die der Unwissende mit all seinen Wünschen niemals erlangen kann. So wie aus verbrannten Blättern frische Keime sprie- ßen können, so kann hier neues Leben auftauchen. Wer jedoch die Verwick- lung in neue Täuschungen vermeiden will, ruht beständig in der Selbster- kenntnis. Das sind die Früchte deiner eigenen Abwesenheit, oh Gemüt, und darüber hinaus gibt es zahllose weitere. Oh Gemüt – du bist die Grundlage all unserer Hoffnungen und Wünsche. Wenn du aufhörst, dann hören auch alle diese Hoffnungen und Wünsche auf. Du hast nun die Wahl, ob du mit der Wirklichkeit eins sein oder als eine unabhängige Entität aufhörst zu existie- ren. Deine Existenz in der Identität mit und der Nichtverschiedenheit vom Selbst führt das Glück herbei, oh Gemüt. Sei daher fest in der Realisation deiner eigenen Unwirklichkeit verankert. Gewiss ist es töricht, das Glück zu verwerfen. Wenn du doch als das innerste Sein oder Bewusstsein von allem existierst – wer würde deine Inexistenz wünschen? Jedoch bist du keine reale Entität – dein Glück ist daher Täuschung. Du warst nie real, sondern du tratest aufgrund von Unwissenheit und Irreführung ins Dasein. Jetzt jedoch hast du, aufgrund der Ergründung deiner Natur und derjenigen der Sinne und 332
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    des Selbst, aufgehörtzu sein. Du existierst nur so lange, wie man nicht diese Ergründung unternimmt. Sobald der Geist der Ergründung auftaucht, gibt es da völligen Gleichmut oder Homogenität. Du bist aus der Unwissenheit gebo- ren, die auf der Abwesenheit von Weisheit und Unterscheidung beruht. So- bald diese Weisheit auftaucht, hörst du auf zu existieren. Daher verehre ich diese Weisheit! Oh Gemüt, vielfältig sind die Mittel, mit denen man dich zu erwecken suchte. Nun, da du die falschen Eigenschaften eines Gemüts verlo- ren hast, existierst du als das Höchste Sein oder das unendliche Bewusstsein, befreit von allen Begrenzungen und Konditionierungen. Das, was in der Un- wissenheit erzeugt wurde, stirbt in der Weisheit. Ungeachtet deiner selbst, oh du gutes Gemüt, ist diese Ergründung in dir aufgetaucht, und dies ganz ge- wiss zur Erlangung der Seligkeit. In Wirklichkeit gibt es kein Gemüt; nein, kein Gemüt! Nur das Selbst existiert, es allein ist, etwas anderes gibt es nicht. Ich bin dieses Selbst – folglich gibt es außer mir nichts in diesem Universum. Ich bin das unendliche Bewusstsein, dessen bewegter Zustand als dieses Universum erscheint. VASIåèHA fuhr fort: Nach dieser Ergründung verblieb der Weise Vītahavya in einem Zustand V:84 völliger Stillheit (samādhi) – nicht einmal sein prāïa bewegte sich. Sein Be- wusstsein war weder im Innern fixiert noch nahm es im Außen Objekte wahr. Seine Augen waren leicht auf den Bereich der Nase ausgerichtet. Mit seinem aufrechten Körper bot er das Bild einer lebendigen Statue. Er blieb so drei- hundert Jahre lang, ohne dabei seinen Körper aufzugeben. Sein samādhi wurde weder durch die zahllosen natürlichen noch durch die von Menschen oder anderen Lebewesen verursachten Störungen beeinträchtigt. Dreihun- dert Jahre verbrachte er so, als wären sie eine Stunde. Der Körper, der im Bewusstsein reflektiert wurde, wurde durch dieses geschützt. Nach dieser Periode begann sein Gemüt, sich im Herzen zu bewegen und Ideen einer Schöpfung tauchten auf. Anschließend verbrachte er einhundert Jahre als Weiser am Berg Kailāsa. Dann war er für hundert Jahre ein Halbgott. Schließlich regierte er als Indra, König des Himmels, für einen Zeitraum von fünf Weltzeitaltern. RùMA fragte: Wie war es möglich, sich in die Zeitläufte von Göttern wie In- dra einzumischen, oh du Heiliger? VASIåèHA erwiderte: Die Energie des unendlichen Bewusstseins ist allgegenwärtig – sie manifes- tiert sich, wo und wie auch immer sie will. Was auch immer sich dieses Be- wusstsein ausdenkt und wo und wie, genau dies geschieht. So sah er all dies in seinem eigenen Herzen, das frei von aller Konditionierung war. Da er das unendliche Bewusstsein realisiert hatte, entstanden scheinbar all diese Ideen darin unwillentlich. Später diente er dann Lord Siva eine ganze Epoche lang. All dieses hat der befreite Weise Vītahavya selbst erfahren. 333
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    RùMA fragte: Wenndies die Erfahrung des Vītahavya, eines befreiten Wei- sen, gewesen ist, dann scheint es, als würden sogar für die Weisen Bindung und Befreiung existieren! VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, für den befreiten Weisen existiert diese Welt in aller Reinheit, Frieden und Vollkommenheit als Brahman, das Unendliche – wie könnte es für ihn also Bindung oder Befreiung geben? Da Vītahavya eins mit dem un- endlichen Bewusstsein geworden ist, erlebte er die Erfahrungen aller und dies ist sogar heute noch so! RùMA fragte: Wenn die Schöpfung des Weisen fiktiv und eingebildet war, wie konnten dann die verkörperten Wesen darin bewusst und fühlend sein? VASIåèHA erwiderte: So wie die Schöpfung des Vītahavya fiktiv war, oh V:85 Rāma, so verhält es sich auch mit dieser! Diese und jene sind beide nichts als reines, unendliches Bewusstsein. Ihre Erscheinung ist nichts als das Ergebnis des irregeführten Gemüts. In Wahrheit hat weder jene Schöpfung jemals existiert noch existiert diese. In den drei Perioden der Zeit existiert Brahman allein. Bis diese Wahrheit erkannt wird, erscheint die Welt als eine solide Realität. RùMA fragte: Hoher Herr, bitte teile mir mit, wie Vītahavya seinen Körper in der Höhle wiederbeleben konnte. VASIåèHA fuhr fort: Der Weise hatte das unendliche Bewusstsein realisiert – er wusste, dass das Gemüt namens Vītahavya nichts als ein Trick des unendlichen Bewusstseins war. Während er Lord Śiva diente, hatte er einmal den Gedanken, den Körper des Vītahavya zu sehen. Als er so dachte, konnte er in seinem eigenen Be- wusstsein alle seine früheren Verkörperungen wahrnehmen, von denen eini- ge geendet hatten und andere noch immer aktiv waren. Und er sah weiterhin, wie der Körper namens Vītahavya wie ein Wurm im Schlamm versank. Dies sehend, reflektierte er: „Gewiss ist dieser mein Körper leer von Le- benskraft und daher unfähig zu funktionieren. Ich werde mich nun in die Umlaufbahn der Sonne begeben und mit Hilfe der Sonnenenergie, die piÇgalā genannt wird, diesen Körper wieder betreten. Oder sollte ich ihn besser auf- geben? Denn was habe ich schon mit dem Körper von Vītahavya zu schaffen? Andererseits ist dieser Körper weder der Wiederbelebung noch der Beseiti- gung wert. Für mich ist es völlig gleich, ob dieser Körper wiederbelebt oder aufgegeben wird. Da dieser Körper aber noch nicht zerfallen ist und seine Stoffe an die Elemente zurückgegeben hat, werde ich ihn nun betreten und eine Weile darin leben.“ Der subtile Körper des Weisen versetzte sich daraufhin in die Umlaufbahn der Sonne. Über die Absicht des Eintritts des Weisen in die solare Umlauf- bahn und die angemessene Handlung reflektierend, bestimmte die Sonne ihre 334
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    eigene Energie zurAusführung der beabsichtigten Tat. Der subtile Körper des Weisen verehrte daraufhin die Sonne. Die Energie der Sonne führte und kam, wie von der Sonne bestimmt, in die Region der Vindhya-Berge. Sie ging genau dorthin, wo der Körper des Weisen von Schlamm bedeckt lag, um ihn wieder aufzurichten. Der subtile Körper von Vītahavya, der der Sonnenenergie folgte, ging nun auch in diesen Körper ein. Der Körper wurde unverzüglich wieder lebendig. Vītahavya verbeugte sich daraufhin vor der Sonnenenergie, piÇgalā, welche die Begrüßung erwi- derte. PiÇgalā kehrte in die Sonnenumlaufbahn zurück, während der Weise sich in Richtung des Sees bewegte, um sein Bad und seine Reinigungen vorzuneh- men. Nachdem er sein Bad genommen und die Sonne verehrt hatte, nahm der Weise sein altes Leben wieder auf. Er lebte ein erleuchtetes Leben in Freund- lichkeit, mit ausgeglichenem Gemüt, im Frieden und mit Mitgefühl und Freu- de. VASIåèHA fuhr fort: V:86 Am Abend betrat dann der Weise wieder den Wald, in dem er sich heimisch fühlte, um seine Praxis der intensiven Meditation fortzusetzen. Er dachte: „Ich habe bereits die Falschheit der Sinne realisiert; eine weitere Ergründung sie betreffend wäre ein Widerspruch.“ Er hatte alle überflüssigen Vorstellungen (wie „Dies ist“ und „Dies ist nicht“) aufgegeben, und saß er in der Lotospositi- on, wobei in ihm die Erkenntnis auftauchte: „Ich bin im Bewusstsein des vollkommenen Gleichgewichts verankert. Wachend bin ich, als ob ich schliefe. In diesem Zustand des transzendentalen Bewusstseins werde ich verbleiben, bis der Körper zerfällt.“ Auf diese Weise entschlossen, meditierte er sodann sechs Tage lang, die wie ein kurzer Augenblick vergingen. Danach lebte er ein langes Leben als befrei- ter Weiser. Frei war er von Frohlocken und Trauern. Von Zeit zu Zeit wandte er sich wie folgt an sein Gemüt: „Oh Gemüt, betrachte dich in deiner eigenen Seligkeit, da du nun in einem ausgeglichenen Zustand bist! Bleibe so für alle Zeit.“ An seine Sinne richtete er die folgenden Worte: „Oh Sinne! Weder gehört das Selbst zu euch, noch gehört ihr zum Selbst. Möget ihr auf immer verder- ben! Eure Verlangen haben aufgehört. Ihr werdet nicht länger über mich herrschen. Der Irrtum eurer Existenz entstand aus der Unwissenheit über das Selbst, so wie das Nicht-Wahrnehmen des Seils die irrtümliche Wahrneh- mung einer Schlange entstehen lässt. Aller Irrtum existiert nur in der Fins- ternis der Unweisheit – er verschwindet gänzlich im Licht der Weisheit. „Oh ihr Sinne! Ihr seid verschieden vom Selbst, der Täter der Handlungen ist verschieden von all diesem, der Erfahrende der Erfahrungen ist wiederum verschieden, und das unendliche Bewusstsein ist wiederum verschieden von allem diesem zusammengenommen. Was ist wessen Irrtum, und wie ist er entstanden? Es geschieht wie folgt: die Bäume wachsen im Wald; mit Seilen, 335
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    die aus andernFasern gemacht sind, wird das Holz zusammengebunden; der Schmied stellt die Axt her, und mit all diesen Dingen errichtet der Zimmer- mann dann nur für seinen eigenen Lebensunterhalt ein Haus – nicht weil er ein Haus bauen will! Auf die gleiche Art und Weise geschehen in dieser Welt alle Dinge unabhängig voneinander; ihr Zusammentreffen ist unbeabsichtigt wie bei der reifen Kokosnuss, die zufällig fällt, wenn die Krähe auf der Kokos- palme landet und unwissende Menschen glauben macht, dass die Krähe die Kokosnuss gelöst hat. Wen soll man dafür verantwortlich machen? Wenn diese Wahrheit einmal erkannt wird, dann bleibt der Irrtum Irrtum, die Er- kenntnis wird klare Erkenntnis, das Reale ist real, das Irreale ist irreal, was zerstört wurde, ist zerstört, und was übrig bleibt, bleibt übrig.“ Auf diese Weise reflektierend und verankert in dieser Erkenntnis lebte der Weise in dieser Welt ein sehr langes Leben. Er war gänzlich in diesem Zu- stand, der vollkommen frei von Unwissenheit und Irrtum ist und sicherstellt, dass einer nicht wiedergeboren wird. Wann immer es einen Kontakt mit den Objekten der Sinne gab, nahm er Zuflucht zum Frieden der Kontemplation und erfreute sich an der Seligkeit des Selbst. Sein Herz war frei von Anzie- hung und Abstoßung sogar dann, wenn alle Arten von Erfahrungen ungesucht zu ihm kamen. VASIåèHA fuhr fort: Einmal entstand der Wunsch im Weisen Vītahavya, seinen Körper aufzuge- ben und sicherzustellen, dass er nie wieder in eine Verkörperung zurückkeh- ren würde. Er zog sich in eine Höhle auf dem Berg Sahya zurück, setzte sich in die Lotosposition und VĪTAHAVYA sprach wie folgt zu sich selbst: Oh Anziehung, gib deine Kraft der Anziehung auf. Oh Hass, gib den Hass auf. Lange genug habt ihr mit mir gespielt. Oh ihr Vergnügen, Grüße an euch! Wahrhaftig habt ihr mich alle die Jahre getragen und mich sogar das Selbst vergessen lassen. Oh ihr Sorgen, Grüße an euch! Ihr habe mich zur Suche nach der Selbsterkenntnis angespornt, und es geschah durch eure Gnade, dass ich diese Selbsterkenntnis erlangt habe. In der Tat habt ihr mir die Won- ne geschenkt. Oh Körper, mein Freund, erlaube mir, mich in meine ewige Heimat der Selbsterkenntnis zu begeben. Dies ist der natürliche Verlauf der Dinge, denn jeder muss zu einer gewissen Zeit den Körper aufgeben. Oh Körper, du warst für eine sehr lange Zeit mein Verwandter. Ich gebe dich nun dahin. Du selbst hast diese endgültige Trennung herbeigeführt, indem du mich großmütigerweise zur Erkenntnis des Selbst geführt hast. Wie wunderbar dies doch ist! Um mir die Erlangung der Selbsterkenntnis zu ermöglichen, hast du dich selbst zerstört. Oh du Mutter Verlangen! Erlaube mir zu gehen. Du bist nun allein mit dir selbst und wirst verwelken, denn ich habe den Zustand des höchsten Frie- dens erlangt. Oh Lust! Um dich zu überwinden, habe ich mich mit deinem 336
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    Feind namens Leidenschaftslosigkeitbefreundet – vergib mir! Ich gehe in die Freiheit, segne mich. Oh Verdienst! Ich verneige mich, denn du hast mich vor der Hölle errettet und in den Himmel geleitet. Ich verneige mich vor der Fehlhandlung, die Quelle der Schmerzen und Strafen. Ich verneige mich vor der Täuschung, unter der ich lange Zeit gelitten habe und die nun gänzlich aus meinem Blickfeld verschwunden ist. Oh Höhle, du Freund des samādhi (Meditation), Ich verneige mich! Du hast mir Unterschlupf gewährt, als ich vom Feuer der weltlichen Existenz gepei- nigt wurde. Oh Stock, auch du warst mein Freund, indem du mich vor Schlan- gen usw. geschützt und mich davor bewahrt hast, in Löcher usw. zu fallen. Ich verneige mich! Oh Körper, kehre zu den Elementen zurück, aus denen du entstanden bist. Ich verneige mich vor Tätigkeiten wie das Baden; ich verneige mich vor allen Tätigkeiten in dieser Welt! Ich verneige mich vor den Lebenskräften (prāïa), die meine Begleiter waren. Was immer ich in dieser Welt getan habe, habe ich mit euch, durch euch und aufgrund eurer Energie getan. Bitte, kehrt nun zu eurer eigenen Quelle zurück, denn ich werde jetzt mit dem unendlichen Be- wusstsein (Brahman) verschmelzen. Alle Dinge, die in dieser Welt zusam- mentreffen, müssen eines Tages voneinander scheiden. Oh ihr Sinne, kehrt zu euren eigenen Quellen, den kosmischen Elementen, zurück. Ich werde nun, wie eine Lampe ohne Öl, auf dem Höhepunkt des OM-Lautes durch das Selbst in das Selbst eintreten. Ich bin frei von allen Aktivitäten dieser Welt und von allen Vorstellungen von Wahrnehmung und Erfahrung. Mein Herz ist in dem Frieden verankert, der durch die Schwingung des OM angezeigt wird. Verlassen haben mich Illusion und Irrtum. VASIåèHA fuhr fort: Mit gänzlich zum Schweigen gebrachten Wünschen des Gemüts und selbst V:87,88 im Feld des nondualen Bewusstseins verankert, sprach der Weise Vītahavya das Wort OM aus. Während er die esoterische Bedeutung von OM kontemp- lierte, gewahrte er den Irrtum, wie er durch die Verwechslung der Erschei- nung mit der Wirklichkeit entsteht. Durch die völlige Aufgabe aller Konzepte und Wahrnehmungen entsagte er den drei Welten. Er wurde sodann voll- kommen still, so wie das Rad des Töpfers zu einem Stillstand gelangt. Mit OM vertrieb er die Gespinste der Sinnesorgane und ihrer Objekte, so wie der Wind die Düfte zerstreut. Danach durchdrang er die Finsternis der Unwis- senheit. Er nahm das innere Licht nur für den Bruchteil einer Sekunde wahr, entsagte aber auch diesem unverzüglich. Er transzendierte sowohl Licht und Finsternis. Es verblieb da nur noch die Spur einer Gedankenformation – auch diese durchtrennte der Weise mit seinem Verstand im Zeitraum eines Augen- blinzelns. Nun verblieb der Weise in reinem, unendlichen Bewusstsein, das nicht im Geringsten einer Veränderung unterlag. Es war wie der Bewusst- seinszustand eines neugeborenen Kindes. Er gab sämtliche Objektivität des Bewusstseins und auch die geringfügigste Erregung innerhalb des Bewusst- seins auf. Er durchquerte den Zustand, den man „paÓyantī“ nennt, und er- 337
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    reichte das Bewusstseindes Tiefschlafs. Er ging auch über dieses hinaus und erreichte schließlich das transzendentale oder das „turīya“ genannte Be- wusstsein. Es ist dies ein Zustand der Seligkeit, der jenseits aller Beschrei- bungen ist; welcher gleichzeitig das „ist“ und das „ist nicht“ ist, gleichzeitig etwas und nichts, Licht und Dunkelheit. Dieser Zustand ist angefüllt mit Nicht-Bewusstsein und (objektlosem) Bewusstsein. Beschrieben werden kann er nur durch Verneinung (nicht dies, nicht dies). Der Weise wurde zu dem, was jenseits aller Beschreibung ist. Dieser Zustand wird von den Mystikern unterschiedlich beschrieben als Leere, Brahman, Bewusstsein, der Purusa der SāÇkhya, Īśvara des Yogi, Śiva, ùtman oder das Selbst, Nicht-Selbst, die Mitte usw. Es ist der Zustand, der von den verschiedenen Gesichtspunkten der Schriften her als Wahrheit be- zeichnet wird, der Alles ist - und in dem blieb der Weise fest verankert. Als der Weise mit dem unendlichen Bewusstsein eins geworden war, zerfiel der Körper und die Elemente kehrten jedes zu seiner Quelle zurück. So habe ich dir also, oh Rāma, die segenbringende Geschichte des Weisen Vītahavya erzählt. Denke eingehend über sie nach. Was immer ich dir gesagt habe und was immer ich dir nun sagen werde, stammt aus direkter Wahr- nehmung, direkter Erfahrung und tiefer Kontemplation. Meditiere darüber, oh Rāma, und erlange die Weisheit. Befreiung wird nur durch Weisheit oder Selbsterkenntnis erlangt. Nur durch diese Weisheit geschieht es, dass einer über das Leid hinausgeht, die Unwissenheit zerstört und die Vollkommenheit erreicht. Was als „Vītahavya“ beschrieben wurde, ist nur eine Vorstellung in unserem Gemüt, die Vorstellung von „so bin ich“ und „so bist du“. All die Sinne und diese ganze Welt sind nichts als das Gemüt. Was anderes könnte die Welt denn wohl sein, oh Rāma? RùMA fragte: Hoher Herr, weshalb können wir nicht alle diese befreiten Weisen hier den Himmel durchqueren sehen? V:89 VASIåèHA erwiderte: Fliegen im Himmel und andere Kräfte dieser Art ge- hören zur Natur mancher Wesen, oh Rāma. Außergewöhnliche Fähigkeiten und Kräfte, die in dieser Welt beobachtet werden, sind natürlich für diese, aber nicht für die Weisen der Selbsterkenntnis. Übernatürliche Kräfte (wie Fliegen in der Luft) werden nur von denjenigen entwickelt, die ohne Selbst- erkenntnis oder Befreiung sind, indem sie dazu gewisse Substanzen oder Praktiken brauchen. All dies interessiert den Menschen der Selbsterkenntnis nicht, der gänzlich zufrieden in sich selbst ist. Diejenigen, die auf der Jagd nach Vergnügen solche von Unwissenheit befleckte Kräfte erwerben, sind gewiss voller Unwissenheit. Die Weisen der Selbsterkenntnis begeben sich niemals auf solche Pfade. Ob man nun ein Kenner der Wahrheit oder ein Unwissender ist – Kräfte wie Fliegen in der Luft kommen zu demjenigen, der sich mit solchen Praktiken befasst. Der Weise der Selbsterkenntnis jedoch hat keinerlei Verlangen, sol- 338
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    che Kräfte zuerwerben. Es liegt in der Natur dieser Kräfte, ihre Früchte je- dermann zu verleihen, der sich mit ihnen beschäftigt. Das Gift tötet alle, wäh- rend der Wein alle trunken macht. Ebenso bringen diese Kräfte für alle die Fähigkeit zu fliegen usw. Diejenigen jedoch, die die höchste Selbsterkenntnis erlangt haben, oh Rāma, interessieren sich nicht dafür. Interessiert daran sind nur diejenigen, die voller Wünsche sind. Der Weise jedoch ist frei von jedem Wunsch. Die Selbsterkenntnis ist der größte Gewinn – wie kann der Weise noch irgendetwas verlangen? Im Falle von Vītahavya bestand kein Wunsch nach diesen Kräften – sie kamen ungesucht zu ihm. RùMA fragte: Wie geschah es, dass Würmer und Ungeziefer Vītahavyas Körper nicht angreifen konnten, als er verlassen in der Höhle lag? Und wie konnte es geschehen, dass Vītahavya nicht sofort die körperlose Befreiung erlangt hat? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, der Körper des unwissenden Menschen wird entsprechend seiner mentalen Konditionierung aufgebaut und wieder zersetzt. Im Falle eines Menschen, der keinerlei Konditionierung unterworfen ist, gibt es auch kein Momentum für die Zersetzung. Es sei daran erinnert, dass das Gemüt aller Lebewesen auf die Eigenschaften desjenigen Objekts reagiert, mit denen es in Kontakt kommt. Wenn eine gewalttätige Kreatur in Kontakt mit jemandem kommt, der den Zustand äußersten Gleichmuts er- langt hat, wird sie ebenfalls zeitweise gleichmütig und ruhig, obschon sie nach dem Verlust des Kontaktes zur Gewalttätigkeit zurückkehren kann. Deshalb auch blieb Vītahavyas Körper unbeschädigt. Dies trifft sogar für materielle Substanzen wie Erde, Holz usw. zu, denn Bewusstsein durchdringt alles. Da Vītahavyas Bewusstsein keinen Wandel durchmachte, geschah auch kein Wandel in seinem Körper. Weil keinerlei prāïa sich in ihm regte, konnte auch keine Zersetzung stattfinden. Der Weise ist unabhängig und es steht ihm frei, zu leben oder seinen Körper zu verlassen. Dass er seinen Körper nicht sofort aufgegeben hat, sondern erst später, ist rein zufällig und kann mögli- cherweise seinem Karma usw. zugeschrieben werden. In Wahrheit jedoch ist er gänzlich jenseits von Karma, Schicksal und ohne jedwede mentale Kondi- tionierung. Es sei nochmals gesagt, dass es sich hiermit ebenso verhält wie mit der Krähe, die die Kokosnuss beim Landen auf der Kokospalme zu lösen scheint – rein zufällig. VASIåèHA fuhr fort: V:90 Als das Gemüt von Vītahavya durch die Praxis der Ergründung gänzlich los- gelöst und frei geworden war, entstanden in ihm die edlen Eigenschaften wie Freundlichkeit usw. RùMA fragte: Wenn das Gemüt sich in Brahman dem Absoluten auflöst – in wem entste- hen dann Eigenschaften wie Freundlichkeit? VASIåèHA erwiderte: 339
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    Oh Rāma, esgibt zwei Arten von „Tod des Gemüts“. Die eine besteht darin, dass die Gestalt des Gemüts fortbesteht, während bei der anderen sogar die Gestalt des Gemüts aufhört. Das erstere geschieht, wenn der Weise noch am Leben ist, während das zweite geschieht, wenn er entkörpert ist. Die Existenz des Gemüts bedeutet Elend – sein Aufhören bringt Freude. Das Gemüt, wel- ches schwer konditioniert und in seiner eigenen Konditionierung gefangen ist, führt wiederholte Geburten herbei. Ein solches Gemüt bringt nichts als Unglück. Das, was die anfangslosen Eigenschaften als „mein eigenes“ erachtet, ist der jīva. Es taucht im Gemüt ohne Selbsterkenntnis auf, das folglich un- glücklich ist. So lange es das Gemüt gibt, nimmt das Leid kein Ende. Hört das Gemüt auf, dann hört auch die Welterscheinung auf. Das Gemüt ist der Samen des Elends Ich werde nun beschreiben, wie das Gemüt aufhört zu sein. Wenn sowohl Glück als auch Unglück einen Menschen nicht in seinem vollkommenen Gleichmut stören, dann wird dieses Gemüt als „tot“ bezeichnet. In wem die Ideen des „Dies bin ich“ und „Dies bin ich nicht“ nicht mehr auftauchen – sein Bewusstsein auf diese Weise begrenzend – dessen Gemüt ist tot. Derjenige, in dem die Ideen von Unheil, Armut, Jubel, Stolz, Dumpfheit und Erregtheit nicht mehr auftauchen – dessen Gemüt ist tot, und der ist noch lebend befreit. Die eigentliche Natur des Gemüts ist die Stupidität. Folglich entstehen Reinheit und edle Eigenschaften, wenn es stirbt. Einige Weise bezeichnen als „reines Gemüt “ den Zustand der äußersten Reinheit in einem Weisen, dessen Gemüt tot ist. Das Gemüt eines befreiten Weisen ist folglich erfüllt von edlen Eigenschaften wie Freundlichkeit usw. Eine solche natürliche Güte (sattā) im befreiten Weisen wird satva, Reinheit usw. genannt. Daher wird auch dies als „Tod des Gemüts bei Beibehaltung der Form“ bezeichnet. Der Tod des Gemüts, bei dem sogar die Form verschwindet, gehört dem entkörperten Weisen an. Hier bleiben keinerlei Spuren des Gemüts zurück. Es ist unmöglich, dies irgendwie positiv zu beschreiben; es gibt darin weder Qualitäten noch deren Abwesenheit; weder Tugenden noch deren Abwesen- heit; weder Licht noch Dunkelheit; keine Ideen; keinerlei Konditionierung; weder Existenz noch Nicht-Existenz. Es ist ein Zustand höchster Stillheit und vollkommenen Gleichgewichts. Diejenigen, die jenseits des Gemüts und des Verstandes gegangen sind, erlangen diesen höchsten Zustand des Friedens. RùMA fragte: V:91 Hoher Herr, worin besteht der Same dieses furchterregenden Baumes, der „Gemüt“ genannt wird, und was ist der Same dieses Samens usw.? VASIåèHA erwiderte: Rāma, der Same dieser Welterscheinung ist der Körper darin mit all seinen Ideen und Konzepten von Gut und Böse. Auch dieser Körper hat einen Samen, und der besteht im Gemüt, das beständig in Richtung der Hoffnungen und Wünsche fließt und ferner das Lagerhaus der Ideen von „Seiend“ und „Nicht- seiend“ und der sich daraus ergebenden Sorgen ist. Die Welterscheinung 340
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    entsteht nur imGemüt, was besonders im Traumzustand deutlich wird. Was immer hier als die vermeintliche Welt gesehen wird, ist nichts anderes als die Ausbreitung des Gemüts in demselben Sinne, in dem Töpfe die Verwand- lungsformen von Ton sind. Es gibt zwei Samen für diesen Baum genannt „Gemüt“, das in sich selbst die zahllosen Ideen und Vorstellungen trägt, nämlich 1) die Bewegung des prāïa (der Lebenskraft) und 2) eigensinnige Einbildungskraft. Sobald es eine Be- wegung des prāïa in den entsprechenden Kanälen gibt, gibt es auch eine Bewegung im Bewusstsein, woraufhin das Gemüt auftaucht. Auch dies ist wiederum nur die Bewegung des prāïa, sobald diese vom Gemüt wahrge- nommen oder gesehen wird. Und das Gemüt beginnt dann, die Welterschei- nung wahrzunehmen, die so real ist wie die Bläue des Himmels. Das Aufhören des prāïa ist gleichzeitig das Aufhören der Welterscheinung. Das allgegen- wärtige Bewusstsein wird durch die Bewegung des prāïa sozusagen „er- weckt“. Geschieht dies nicht, dann ist da das höchste Wohl. Sobald Bewusstsein auf diese Art „erweckt“ wird, beginnt es Objekte wahr- zunehmen; es entstehen Ideen und infolgedessen Sorgen. Wenn dieses Be- wusstsein andererseits in sich selbst ruht, fast wie in tiefem Schlaf, dann erlangt man das, was am wünschenwertesten ist, und dies ist der höchste Zustand. Daher wirst du den ungeborenen Zustand des Bewusstseins dann realisieren, wenn du entweder in deinem psychischen Raum (der Konzepte und Ideen) die Bewegung des prāïa anhältst oder aber aufhörst, die Ruhe des Bewusstseins zu stören. Wenn diese Ruhe oder Homogenität aufgerührt wird und das Bewusstsein die Vielfalt zu erfahren beginnt, dann taucht das Gemüt auf und all die zahllosen psychologischen Konditionierungen treten ins Da- sein. Um die Stillheit des Gemüts herbeizuführen, praktizieren die Yogis prāïayāma (die Zurückhaltung der Bewegung der Lebenskraft), Meditation und andere geeignete und angemessene Methoden. Große Yogis erachten prāïayāma als die am besten geeignete Methode, um die Stille des Gemüts, des Friedens usw. zu erreichen. Ich werde dir nun den anderen Gesichtspunkt beschreiben, nämlich denje- nigen der Weisen, der aus ihrer direkten Erfahrung entsprungen ist. Sie er- klären, dass das Gemüt geboren ist wegen hartnäckigem Hängen an Vorstel- lungen oder illusorischer Einbildungskraft. VASIåèHA fuhr fort: Als Konditionierung oder Begrenzung wird die Wahrnehmung eines Ob- jekts bezeichnet, wenn jemand hartnäckig an seiner Idee betreffend das Ob- jekt festhält und die tiefgehende Ergründung in die Natur der Wahrheit auf- gibt. Wird dann eine solche Idee dauerhaft und intensiv unterhalten, dann entsteht dadurch im Bewusstsein diese Welterscheinung. Die Person wird sodann in ihrer eigenen Konditionierung gefangen und hält das, was sie sieht, für die Realität. So entsteht die Täuschung. Weiterhin, aufgrund der Intensität 341
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    der Konditionierung undder Einbildungskraft, gibt diese Person ihre eigene wahre Natur auf und nimmt schließlich nur noch die Welterscheinung wahr. All dies widerfährt nur der unweisen Person. Man nennt das „Gemüt“, was eine auf diese Weise verdrehte Wahrnehmung enthält. Wenn dieses Gemüt sich in seiner verdrehten Wahrnehmung bestätigt sieht, entsteht daraus der Same für wiederholte Geburten, Altern und Tod. Wenn keine Ideen vom Wünschenswerten und Nicht-Wünschenswerten entstehen, dann taucht auch das Gemüt nicht auf, und es herrscht höchster Friede. Nur dies bildet die Form des Gemüts: Konzeptualisierung, Einbildung, Gedanke und Erinnerung. Wenn diese abwesend sind – wie kann ein Gemüt existieren? Wenn einer, verankert im Bereich des Nicht-Werdens, das kon- templiert, was sich nicht in Werden verwandelt hat, und der folglich das was ist, sieht wie es ist, dann wird das Gemüt zum Nicht-Gemüt. Sobald die psy- chologische Konditionierung oder die Begrenzung nicht mehr dicht, sondern eher transparent ist, dann wird man ein befreiter Weiser, der noch aufgrund des vergangenen Momentums ( wie sich das Rad des Töpfers noch weiter- dreht, obwohl es keinerlei Antriebsimpuls mehr erfährt) lebt und funktio- niert, aber nicht mehr wiedergeboren wird. In seinem Fall wurde der Samen sozusagen geröstet und kann nicht mehr zur Welterscheinung auskeimen. Wenn dann sein Körper fällt, wird der Weise in das Unendliche absorbiert. Was die zwei Samen dieser Welterscheinung (d.h. die Bewegung des prāïa und das Hängen an Einbildungen) betrifft, so fällt, wenn man erst einmal das eine losgeworden ist, auch das andere automatisch weg, da sie wechselseitig voneinander abhängig sind. Das Gemüt erzeugt die Weltillusion, und das Gemüt wiederum wird durch die Bewegung des prāïa in der dem Menschen eigenen Konditionierung erzeugt. Das zeigt, dass der Grund für die Bewegung des prāïa die mentale Konditionierung oder die Einbildungskraft ist. Auf diese Weise wird dieser Teufelskreis vollendet: Das eine füttert das andere, das eine treibt das andere zum Handeln. Bewegung ist natürlich für das prāïa. Und wenn es sich im Bewusstsein bewegt, taucht das Gemüt auf, und dann hält die Konditionierung das prāïa in Bewegung. Wird eines der beiden angehalten, so fallen beide. Nur die psychologische Konditionierung oder Bewegung ist die Quelle all der unsagbaren Schmerzen und Sorgen sowie die Wurzel der Unwissenheit. Wenn diese beiden an ihr Ende gelangen, dann fällt unverzüglich auch das Gemüt. Auf die gleiche Weise gelangt das Gemüt durch die Zurückhaltung der Bewegung des prāïa (Lebenskraft) zu einem Stillstand. Es nimmt dann die Welt, die in ihm wohnt, nicht mehr wahr. VASIåèHA fuhr fort: Rāma, die Vorstellung eines Objekts (der Erkenntnis, der Erfahrung) ist der Same für die Bewegung des prāïa als auch für das Hängen an einer Idee, denn es geschieht nur durch das Auftauchen eines Wunsches nach einer Erfahrung, dass diese Bewegung des prāïa und die mentale Konditionierung 342
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    stattfinden. Wird derWunsch nach Erfahrung aufgegeben, dann hören beide unverzüglich auf. Natürlich ist hier das innewohnende Bewusstsein der Same für diesen Wunsch nach Erfahrung, denn ohne dieses Bewusstsein wäre dieser Wunsch überhaupt nicht aufgetaucht. Jedoch hat es kein Objekt der Erfahrung, weder im Innen noch im Außen; denn es ist das Bewusstsein selbst, welches, auf- grund einer Gedankenregung innerhalb von sich selbst, sich selbst als ein Objekt zu erfahren wünscht. So wie ein Mann von seinem eigenen Tod oder einer Reise ins Ausland träumt, so erfährt dieses Bewusstsein sich selbst aufgrund seiner eigenen Intelligenz als ein Objekt. Sobald diese Erfahrung stattfindet, findet auch die Welterscheinung statt, oh Rāma. Wird diese Wahrheit realisiert, so hört auch die Illusion auf. Was ist die Wahrheit? Sie besteht darin, dass all dies nur das absolute Be- wusstsein ist, neben dem es nichts anderes gibt. Was immer gesehen oder nicht gesehen wird, ist das unendliche Bewusstsein – so sollte der Weise erkennen und seine Sichtweise reinigen. Die unreine Sichtweise nimmt die Welt wahr – die reine Sichtweise nimmt das unendliche Bewusstsein wahr, und das ist Befreiung. Folglich, oh Rāma, strebe danach, den Wunsch nach Erfahrung auszulöschen. Werde die Trägheit los. Befreie dich selbst von allen Erfahrungen. RùMA fragte: Hoher Herr, wie können diese beiden Aussagen miteinander vereinbart werden: Kann ich denn gleichzeitig die Freiheit von allen Erfahrungen und die Freiheit von der Trägheit erlangen? VASIåèHA erwiderte: Wer keinerlei Wunsch nach oder Hoffnung auf irgendetwas in dieser Welt hegt und auch nicht den Wunsch hat, in der Untätigkeit zu verharren, der existiert nicht als jīva. Weder ist er inaktiv, noch sucht er nach Erfahrungen. Wer nicht nach Erfahrungen oder der Wahrnehmung von Objekten sucht, obschon er sich in ununterbrochener Tätigkeit befinden mag, ist weder inak- tiv, noch tut oder erfährt er etwas. Die objektiven Erfahrungen berühren das Herz überhaupt nicht – daher ist derjenige ein befreiter Weiser hier und jetzt, dessen Bewusstsein nicht inaktiv ist. Frei von aller Konditionierung, fest verankert im Zustand des unmodifizierten Bewusstseins, verbleibt der Yogi wie ein Kind oder eine stumme Person – in ihm ist Seligkeit, wie die Bläue des Himmels. Diese Selig- keit ist keine Erfahrung, sondern die eigentliche Natur des Bewusstseins. Folglich wirkt sie nicht wie eine Störung, sondern sie verbleibt stets integriert im Bewusstsein. Darin liegt die Freiheit von allen Erfahrungen. Zur selben Zeit ist der Yogi beständig mit Tätigkeit befasst – und das ergibt die Freiheit von der Inaktivität. VASIåèHA fuhr fort: 343
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    Strebe immer danach,diesen Zustand zu erlangen, oh Rāma, wie schwierig er auch zu erreichen sein mag, und überquere so diesen Ozean des Leides. Dieser Wunsch nach Erfahrung taucht im Bewusstsein als ein Gedanke auf und sammelt durch stetige Wiederholung Kraft. Nachdem das Bewusstsein in sich selbst die illusorische Schöpfung hervorgebracht hat, führt es sich selbst auch zur Befreiung. Was immer es wahrnimmt, das materialisiert sich. Indem das Bewusstsein, welches unendliches Bewusstsein ist, sich zunächst selbst gebunden und dem Kummer unterzogen hat (wie die Seidenraupe, die sich in ihren Kokon einspinnt), erlangt es im Laufe der Zeit wiederum die Freiheit. Was als das Universum gesehen wird, ist nichts als reines Bewusstsein, oh Rāma. Reines Sein allein ist der Same für dieses unendliche Bewusstsein. Un- trennbar sind sie wie die Sonne und ihre Strahlen. Jedoch verfügt dieses reine Sein über zwei Aspekte – der eine ist die Vielfalt und der andere die Einheit. Was man als „dies“, „das“, „ich“ und „du“ beschreibt, ist die Vielfalt. Wird diese Vielfalt aufgegeben und gibt es dann das reine Sein, dann spricht man von der Einheit. Wenn die Vielfalt aufgegeben wird und die Einheit vorherrscht, dann gibt es auch das Nicht-Erfahren und folglich ist Einheit weder ein „Ding“ noch ein Objekt der Erfahrung. Diese Einheit ist folglich ewiglich und unvergäng- lich. Gib daher, oh Rāma, alle Formen von Getrenntheit auf – Getrenntheit von Zeitbegriffen oder Teile von etwas oder von Substanzen. Ruhe dann in reinem Sein. Diese Getrenntheiten führen zum Auftauchen von Konzepten. Sie sind nicht verschieden vom reinen Bewusstsein, und außerdem sind sie keine Tatsachen. Die Kontemplation der Getrenntheit führt nicht zu einer reinen Sichtweise. Nur das reine Sein ohne jede Getrenntheit darin ist der Same für all das, was wir bis jetzt erörtert haben, aber für das reine Sein selbst gibt es keinen Samen. Es ist die Ursache von allem und ist selbst unverursacht. In ihm wird all dies reflektiert. Alle diese verschiedenen Erfahrungen werden im reinen Sein erfahren, so wie verschiedene Geschmäcker von ein und derselben Zun- ge geschmeckt werden. Eine unendliche Zahl von Universen wird darin gebo- ren, existiert darin, löst sich in ihm wieder auf und gelangt darin in eine wechselseitige Beziehung. Dieses reine Sein ist die Schwere in allen schweren Dingen; es ist die Leich- tigkeit in allem, was leicht ist. Nur dieses ist das Grobe, und nur dieses ist das Subtile. Es ist das Erste unter den Ersten, das Letzte unter den Letzten. Es ist das Licht im Leuchtenden und die Finsternis im Finstern. Es ist die Substanz aller Substanzen und auch Raum. Es ist nichts und alles; es ist und ist nicht. Es wird gesehen und es wird nicht gesehen. Das bin ich, und das bin ich nicht. Oh Rāma, mit allem was in deiner Macht steht, strebe danach, in diesem höchsten Zustand verankert zu sein. Tue sodann, was dir angemessen er- scheint. Diejenigen, die diesen Zustand erreichen, welcher rein und alterslos ist und die Wahrheit des eigenen Selbst ist, erlangen den allerhöchsten Frie- 344
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    den. Indem dudiesen Zustand erreichst, wirst du für immer von der Angst vor dieser weltlichen Existenz befreit sein. RùMA fragte: V:92 Heiliger Herr, bitte sage mir, wie man möglichst rasch alle diese Samen der Zerstreutheit vernichten und den höchsten Zustand erlangen kann! VASIåèHA sagte: Diese Samen des Kummers, oh Rāma, können vernichtet werden, und zwar einer nach dem andern. Wenn du jedoch auf einen Schlag sämtliche mentale Konditionierung unterbrechen und durch intensive Eigenbemühung im Zu- stand reiner Existenz verweilen kannst (und sei es auch nur für eine Sekun- de), dann bist du im selben Moment darin verankert. Falls du jedoch deinen Stand einzig in der reinen Existenz nehmen möchtest, dann kannst du auch dies erreichen, durch noch größere Bemühung. Und du kannst auch durch die Kontemplation des unendlichen Bewusstseins im höchsten Zustand ruhen, jedoch erfordert dies noch größere Selbstbemühung. Meditation über Objekte der Erfahrung ist nicht möglich, da diese nur im Bewusstsein oder dem Selbst existieren. Wenn du jedoch danach strebst, die Konditionierung zu vernichten (die Konzepte, Ideen und Gewohnheiten usw.), dann werden innerhalb eines Augenblicks alle deine Fehler und Gebrechen verschwinden. Aber dieser Weg ist noch schwieriger als die zuvor beschrie- benen. Denn solange das Gemüt nicht frei von Gedankenbewegungen ist, ist das Aufhören der Konditionierung schwierig zu erreichen und umgekehrt. Andererseits hört das Gemüt nicht auf zu arbeiten, solange die Wahrheit nicht erkannt wurde, und umgekehrt. Da also die Realisation der Wahrheit, das Aufhören des Gemüts und das Ende der Konditionierung miteinander ver- flochten sind, ist es extrem schwierig, sie einzeln und separat anzugehen, Daher, oh Rāma, entsage mit allem was in deiner Macht steht den Objekten des Vergnügens und nimm deine Zuflucht gleichzeitig zu allen drei Mitteln. Erst wenn diese drei gleichzeitig eine beträchtliche Zeit lang praktiziert wor- den sind, dann tragen sie Früchte, nicht vorher. Oh Rāma, diese Welterschei- nung ist seit langer, langer Zeit als Wahrheit erfahren worden – es bedarf daher beständiger, gleichzeitiger Praxis durch die drei genannten Mittel, um sie zu überwinden. Die Weisen erklären, dass die Aufgabe der Konditionierung und die Zurück- haltung des prāïa dieselbe Wirkung haben – daher sollte man dies gleichzei- tig praktizieren. Das prāïa wird durch die Praxis des prāïayāma und der yoga āsana beherrscht, wie es der Guru lehrt, oder aber durch andere Mittel. Sobald Wünsche, Abneigungen und Verlangen im Gemüt nicht mehr auftau- chen, auch wenn die entsprechenden Objekte gesehen werden, dann lässt sich daraus schließen, dass die mentale Konditionierung schwächer ist. Da- raufhin taucht die Weisheit auf, die die Konditionierung weiter schwächt. Schließlich hört das Gemüt auf zu sein. 345
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    Ohne die richtigenVerfahrensweisen ist es nicht möglich, „das Gemüt zu töten“. Die Erkenntnis des Selbst, die Gemeinschaft mit Heiligen, die Aufgabe der Konditionierung und die Zurückhaltung des prāïa sind die Mittel zur Überwindung des Gemüts. Diese nicht zu würdigen und anstelle dessen zu groben Methoden wie HaÂha Yoga, Askesepraktiken, Pilgerfahrten, Riten und Ritualen zu greifen, ist reine Zeitverschwendung. Nur die Selbsterkenntnis verleiht dir die höchste Seligkeit. Nur der Mensch der Selbsterkenntnis kann als wahrhaft lebender Mensch bezeichnet werden. Erlange daher die Selbst- erkenntnis, oh Rāma. Vasistha fuhr fort: Jemand, der durch Selbstergründung auch nur ein wenig Kontrolle über sein Gemüt erlangt hat, hat dadurch schon das Ziel seines Lebens erreicht. V:93 Denn die Selbstergründung wird in seinem Herzen Fuß fassen. Sobald eine solche Ergründung von Leidenschaftslosigkeit begleitet und im Verlaufe der Praxis stabil geworden ist, kommen alle edlen Eigenschaften von selbst zu ihm. Die Unwissenheit und deren Gefolge kümmert ihn nicht, wenn er voll- ständig in der Selbstergründung verankert ist und alles was ist, ohne Verzer- rung betrachtet. Wenn er erst einmal einen festen Stand im spirituellen Be- reich hat, dann wird er nicht von den Räubern namens Sinnesvergnügen übemannt werden. Die Sinnesvergnügen überwältigen jedoch denjenigen, der nicht fest veran- kert ist. Wer sich nicht beständig mit der Selbstergründung befasst und daher nicht andauernd des Selbstes gewahr ist, der kann nur als toter Mann be- zeichnet werden. Daher, oh Rāma, praktiziere unablässig diese Ergründung. Sie vertreibt die Finsternis der Unwissenheit und enthüllt die Wahrheit. Und die Erkenntnis der Wahrheit vertreibt alles Leid. Mit der Erkenntnis kommt auch deren Erfahrung. Wenn das innere Licht, entzündet durch richtiges Studium der Schriften und die Ergründung der in ihnen niedergelegten Wahrheit, die Erkenntnis und die aus ihr entstehende Erfahrung beleuchtet, dann wird ihre vollkommene Identität realisiert. Dieses innere Licht wird von den Heiligen als Selbsterkenntnis erachtet, und die Erfahrung dessen ist ein integraler Bestandteil der Selbsterkenntnis und nicht verschieden davon. Wer die Selbsterkenntnis erlangt hat, ist auf ewig eins mit dieser Erfahrung. Noch lebend ist er befreit, und er lebt fortan wie der Kaiser dieser Welt. Ein solcher Weiser ist nicht verwirrt durch die verschiedenen Erfahrungen, denen er scheinbar unterworfen ist, ob diese nun vom Beobachter als erfreu- lich oder unerfreulich angesehen werden. Er ist weder gebunden noch über- wältigt von Vergnügen, noch existiert in ihm ein Verlangen nach Vergnügen. Er lebt völlig befriedigt in seinem eigenen Selbst. Er ist an nichts und nie- manden gebunden, und er trägt weder Groll noch Hass in seinem Herzen. Er erschrickt weder vom Geschrei eines Feindes noch vom Brüllen eines Löwen im Urwald. Weder frohlockt er beim Anblick eines blühenden Gartens, noch ist er beunruhigt, wenn er eine Wüste durchqueren muss. Im Innern immer frei, ist er mit den Tätigkeiten befasst, die im gegebenen Moment auf ihn 346
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    zukommen. Seine Haltunggegenüber einem Mörder und einem Philanthro- pen ist gleich. In seiner kosmischen Sichtweise erscheinen alle großen und kleinen Dinge gleich, denn er weiß, dass das gesamte Universum nichts als reines Bewusstsein ist. Wer ohne jede Anhaftung handelt und lediglich mit den Handlungsorganen tätig ist, der wird von nichts berührt – weder von Freude noch Sorge. Seine Handlungen sind nicht-willentlich. Er sieht nicht, obwohl seine Augen sehen; er hört nicht, obwohl seine Ohren hören; er berührt nicht, obwohl der Körper berührt. Gewiss ist die Anhaftung (Kontakt oder Verbindung) die Ursache für diese Weltillusion; sie allein ist es, die die Objekte erzeugt. Die Anhaftung erzeugt Bindung und endloses Leid. Daher haben die Heiligen erklärt, dass die Aufgabe der Anhaftung in sich selbst Befreiung bedeutet. Gib die Anhaf- tung auf, oh Rāma, und sei so ein befreiter Weiser. RùMA fragte: Hoher Herr, bitte sage mir, was man unter dieser Anhaftung versteht? VASIåèHA erwiderte: Anhaftung ist das, oh Rāma, was die Konditionierung des Gemüts dichter und dichter werden lässt, indem wiederholt die Erfahrungen von Vergnügen und Schmerz in Bezug auf Existenz und Nicht-Existenz der Objekte des Ver- gnügens verursacht werden. Dadurch geschieht es, dass die Verbindung die- ser Dinge als unvermeidbar angesehen und so eine nachdrückliche Anhaftung an die Objekte des Vergnügens geschaffen wird. Im Falle eines befreiten Wei- sen ist diese Konditionierung jedoch frei von der Erfahrung von Freude und Kummer. Folglich ist sie rein, d.h. die Konditionierung ist schwach, wenn nicht sogar gänzlich zerstört. Auch wenn sie in einem extrem schwachen Zustand bis zum Tode des Körpers andauern sollte, würden die Tätigkeiten, die aus einer so schwachen und reinen Konditionierung entspringen, keinerlei Wie- dergeburt verursachen. Die starke Konditionierung, die im Unweisen existiert, wird die eigentliche Anhaftung genannt. Wenn du diese Anhaftung aufgibst, die in dir verkehrte Ideen hervorruft, dann werden dich die spontan ausgeführten Handlungen nicht mehr negativbeeinflussen. Wenn du dich über Freude und Leid erhebst und beide gleich behandelst, wenn du frei von Anziehung, Abneigung und Furcht bist, dann bist du unangehaftet. Wenn du nicht in Trauer versinkst, nicht himmelhoch jauchzt und von deinen eigenen Wünschen und Hoffnun- gen nicht abhängig bist, dann bist du unangehaftet. Wenn du dein Gewahrsein der sich selbst immer gleichen Wahrheit nicht aufgibst, auch nicht während der Ausübung deiner täglichen Beschäftigungen, dann bist du unangehaftet. Wenn du Selbsterkenntnis erlangt hast und, ausgestattet mit der Sichtweise des Gleichmuts, dich im Hier und Jetzt mit spontanen und der Situation an- gemessenen Handlungen befasst, dann bist du unangehaftet. Lebe hier als ein befreiter Weiser, ohne von irgendetwas angezogen zu wer- den, indem du mühelos in der Nicht-Anhaftung verankert bleibst. Der befreite 347
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    Weise lebt inder inneren Stille – ohne Stolz und Eitelkeit, ohne Eifersucht und mit völlig beherrschten Sinnen. Auch wenn sämtliche Objekte der Welt vor ihm ausgebreitet liegen, wird der Weise, der frei von Verlangen ist, nicht von ihnen verführt, und er handelt völlig natürlich und angemessen. Was unvermeidbar und angemessen ist, das tut er, während er seine eigentliche Freude und sein Entzücken aus seinem Innern gewinnt, und so ist er frei von dieser Welterscheinung. So wie Milch ihre Farbe auch beim Kochen nicht verliert, so gibt er seine Weisheit auch dann nicht auf, wenn er durch schlimmste Lebensumstände geprüft wird. Ob er nun größtem Schmerz un- terworfen oder zum Herrscher des Himmels ernannt wird – er behält seinen unerschütterlichen Gleichmut immer bei. Folglich, oh Rāma, befasse dich beständig mit der Selbstergründung und ruhe fest verankert in der Selbsterkenntnis. Niemals wieder wirst du dann Geburt und Bindung unterzogen werden. (Auf den vorhergegangenen Seiten wurde „Vicāra“ mit „Ergründung“ oder „Selbstergründung“ übersetzt. Es ist dies die gängige Übersetzung. Tatsäch- lich jedoch ist mit dem Wort vor allem eine wirksame Organisation der eige- nen inneren Intelligenz gemeint. In Sanskrit bedeutet „car“ „bewegen“. Ver- wechselt werden sollte dies jedoch nicht mit intellektueller Analyse. Es han- delt sich hier vielmehr um direkte Beobachtung oder „inneres Schauen.) *** 348
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    Teil VI: Überdie Befreiung Bhagavān Sri Ramaïa Mahar«i sagte: Cidābhāsa ist das Gefühl des Selbst, welches als Leuchten des Gemüts er- scheint. Das eine wird drei, die drei werden fünf, und die fünf werden zu vielen. Dies bedeutet, dass das reine Selbst (satva, das als eines erscheint) durch Kontakt zu dreien wird (satva, rajas und tamas). Mit diesen dreien dann treten wiederum die fünf Elemente ins Dasein, und mit diesen das ge- samte Universum. Dies erzeugt die Illusion, dass der Körper das Selbst ist. In Begriffen von Raum oder Himmel (ākāÓa) wird dies mit drei Kategorien er- klärt, wie sie in der Seele widerspiegelt sind, nämlich die grenzenlose Welt des reinen Bewusstseins, die grenzenlose Welt des mentalen Bewusstseins und die grenzenlose Welt der Materie (cidākāÓa, cittākāÓa und bhutākāÓa). Wenn das Gemüt (citta) in seine drei Aspekte geteilt wird, nämlich Verstand, Intuition und den Erzeuger des „Ich“ (manas, buddhi und ahaækāra), wird es das innere Organ oder anta÷karaïa genannt. Karaïaæ bedeutet upakaraïaæ. Beine, Hände und die anderen Organe des Körpers werden bāhyakarana oder äußere Organe genannt, während die Sinne (indriyas), die innerhalb des Körper arbeiten, anta÷karaïas oder innere Organe genannt werden. Das Gefühl des Selbst oder das Leuchten des Gemüts, welches mit diesen inneren Organen arbeitet, nennt man die individuelle Seele oder jīva. Wenn das mentale Bewusstsein, welches eine Widerspiegelung des fühlbaren oder greifbaren Aspektes des reinen Bewusstseins ist, die Welt der Materie wahrnimmt, wird es mentale Welt (mano ākāÓa) genannt, aber wenn es den fühlbaren Aspekt des reinen Bewusstseins wahrnimmt, wird es totales Be- wusstsein (cinmaya) genannt. Aus diesem Grunde wird gesagt: „Das Gemüt ist die Ursache von Bindung und Befreiung des Menschen.“ Das Gemüt er- zeugt viele Illusionen. Sobald diese Wahrheit durch die Selbst-Erforschung bestätigt wird, löst sich die Vielfalt in Fünf auf, die Fünf in Drei, und diese wiederum in Eines. Nimm an, du hast Kopfschmerzen – wenn sie durch Einnehmen der Medizin ver- schwinden, verbleibst du als das, was du ursprünglich warst; der Kopf- schmerz ist wie die Illusion, dass der Körper das Selbst ist. Sie verschwindet, sobald die Medizin namens Selbst-Erforschung verabreicht worden ist. Es ist wahr, dass diese Erkenntnis nur für reife, nicht für unreife, Gemüter möglich ist. Für letztere schreiben die Schriften die innere Wiederholung eines Mantras (japa), die Verehrung von Gottesbildern, die Atemkontrolle (prÃïÃyÃma), die Visualisierung von Lichtsäulen und ähnliche yogische, spirituelle und religiöse Praktiken vor. Mit Hilfe dieser Praktiken werden die Menschen dann allmählich reif und erkennen schließlich das Selbst durch Selbst-Erforschung. *** 349
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    VùLMýKI sprach: VI:1,1 Der Weise Vāsi«Âha hatte die Lehren, die im upaÓama prakaraïam enthalten waren, beendet und äußerte die Worte: „Oh Rāma, du hast das upaÓama prakaraïam vernommen – höre nun den Abschnitt an, der von der Befreiung handelt.“ Sämtliche Könige und Weisen, die sich am Hofe befanden, waren tief beeindruckt von den Darlegungen des großen Weisen Vāsi«Âha. Mit ihrer ganzen Aufmerksamkeit hingen sie an seinen Worten und Gebärden und wirkten eher wie die gemalten Figuren eines Bildnisses als lebendige, menschliche Wesen. Und es schien, als seien sogar die Sonne, die Luft, die Vögel und die wilden Tiere – die gesamte Natur – gänzlich vom Anhören der Darlegung des Weisen in Anspruch genommen, indem ihre Seelen sich in die erhabene Darstellung der Natur des innersten Selbst versenkten. Als die Sonne unterging, erklang der Palast plötzlich vom Schall der Trom- meln und Trompeten. Einige Augenblicke lang ertränkte dieser die Stimme des Weisen Vāsi«Âha. Als der Klang der Trommeln, Trompeten und Muschel- hörner schließlich erstarb, stellte der Weise Rāma die folgende Frage: VASIåèHA sprach: Ich habe dir hiermit ein aus Worten gewobenes Netz, deutend auf die höchste Wahrheit, gegeben. Fange den Vogel deines Gemüts mit Hilfe dieses Netzes und lass ihn dann in deinem Herzen ruhen. So wirst du die Selbster- kenntnis erlangen. Oh Rāma, hast du diese Wahrheit, die ich dir mitgeteilt habe, in dein Innerstes aufgenommen, auch wenn sie mit verschiedenen Verbildlichungen und Ausdrücken durchsetzt war – so wie der sprichwörtli- che Schwan fähig ist, die mit Wasser versetzte Milch vom Wasser zu scheiden und nur die Milch zu trinken? Du solltest diese Wahrheit wieder und wieder von Anfang bis Ende kon- templieren, über sie nachdenken und den durch sie vorgegebenen Pfad ent- lang wandern, oh du Edler. Auch wenn du mit den verschiedensten Tätigkei- ten befasst bist, werden sie dich nicht binden, wenn dein Gemüt mit dieser Wahrheit gesättigt ist. Andernfalls wirst du fallen – so wie der Elefant von der Klippe stürzt. Außerdem – wenn du diese Lehre nur für deine intellektuelle Unterhaltung verwendest, aber in deinem Alltag nicht lebst, dann wirst du wie der blinde Mann taumeln und stürzen. Um den Zustand der Vollkommenheit oder der Befreiung, wie er durch mich gelehrt worden ist, zu erlangen, musst du ein Leben der Nicht-Anhaftung annehmen und tun, was immer im Augenblick auf dich zukommt. Sei versi- chert, dass dies in den Lehren aller Schriften der entscheidende Faktor ist. Als das Zeichen zur Verabschiedung gegeben wurde, verließen alle Könige und Weisen die Versammlung, um sich in ihre Wohnräume zu begeben. Sie kontemplierten die Lehren Vāsi«Âhas und diskutierten sie untereinander und verbrachten nur einige wenige Stunden angenehmen, tiefen Schlafes. 350
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    VùLMýKI fuhr fort: VI:1,2 Schon bald begann die Dunkelheit zu weichen, so wie die mentale Kondi- tionierung beim Aufstieg des inneren Erwachens zu weichen beginnt. Licht- strahlen vom östlichen Horizont beleuchteten die östlichen und westlichen Bergspitzen. Rāma, Lak«maïa und alle anderen erwachten zu dieser gesegneten Stunde und vollführten ihre morgendlichen religiösen Riten. Dann begaben sie sich zur Einsiedelei des Weisen Vāsi«Âha. Sie entboten ihre Verehrung, fielen zu seinen Füßen und folgten ihm zum königlichen Hof. Obwohl der gesamte Hof mit Publikum angefüllt war, herrschte eine Stille, in der man eine Stecknadel fallen hören konnte. Die Luft des Versammlungssaales war wiederum erfüllt von himmlischen Wesen und Weisen, die Vollkommenheit erlangt hatten. Alle Anwesenden nahmen wie zuvor ihre Plätze ein. Rāma blickte mit Innigkeit dem Weisen Vāsi«Âha ins Antlitz. VASIåèHA sprach: Rāma, erinnerst du dich an das, was ich dir bis jetzt gesagt habe und an die Worte, die fähig sind, die Erkenntnis der Wahrheit oder die Selbsterkenntnis wachzurufen? Ich werde dir nun erläutern, wie die Vollkommenheit dauer- haft herbeigeführt werden kann. Durch Zufluchtnehmen zur Leidenschaftslosigkeit (d.h. zum unkonditio- nierten Gemüt) und durch ein klares Verständnis der Wahrheit kann dieser Ozean von saæsāra (die Bindung an Leben und Tod) überquert werden. Be- mühe dich daher nachhaltig im Sinne dieses Strebens. Sobald die Wahrheit klar wahrgenommen wird und Missverständnisse vollständig beseitigt sind, wird durch die Auflösung sämtlicher latenten Neigungen oder mentalen Konditionierung schließlich der sorgenfreie Zustand erlangt. Nur das eine unendliche Sein oder kosmische Bewusstsein existiert. Es ist weder berührt von den Konzepten von Zeit und Raum noch der Polarisierung und Teilung unterworfen. Nur das Unendliche allein existiert und hat irgend- wie die Dualität angenommen. Wenn jedoch das Unendliche nicht geteilt werden kann, wie kann dann die Dualität entstehen? Wisse dies, sei frei vom Ich-Sinn, und erfreue dich des Selbst. Es gibt weder Gemüt, Unwissenheit noch die individuelle Seele – all dies sind Konzepte, die im Schöpfer Brahmā auftauchten. Sämtliche Objekte und auch das Gemüt mit all seinen Wünschen – all dies ist das unendliche kosmi- sche Bewusstsein. Dieses allein leuchtet in der Unterwelt, auf der Erde und im Himmel als das Bewusstsein. So lange die aus der Unwissenheit geborenen Konzepte existieren, so lange es die Wahrnehmung dessen gibt, was nicht das Unendliche ist, und so lange es die Hoffnung in diese Falle gibt, die man „Welt“ nennt, so lange unterhält man auch die Vorstellungen des Gemüts usw. So lange man den Körper als das „Ich“ ansieht, und so lange man das Selbst mit dem in Verbindung bringt, was man wahrnimmt, so lange man Hoffnung hegt für die Objekte, die man 351
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    mit dem Gefühl„dies ist mein“ verbindet, so lange gibt es auch die Täuschung, die mit dem Gemüt usw. in Zusammenhang steht. VASIåèHA fuhr fort: Die illusorische Wahrnehmung der Existenz des Gemüts usw. besteht nur so lange, als noch nicht mit Hilfe der Weisen, die selbst vollkommen unangehaf- tet sind, die erhabene Realisierung der Wahrheit erfahren und die mentale Verdrehtheit geschwächt wurde. So lange die Erfahrung dieser Welt noch nicht erschüttert wurde durch die klare Wahrnehmung der Wahrheit, so lange erscheint die Existenz des Gemüts usw. als selbstverständlich. Diese Vorstellung besteht so lange, wie es aufgrund des Verlangens nach objektiven Erfahrungen eine blinde Abhängigkeit und als Konsequenz daraus mentale Verrücktheit und Täuschung gibt. Im Falle derjenigen jedoch, die nicht von Vergnügungen angezogen werden, deren Herzen aufgrund ihrer Reinheit kühl sind, und die den Käfig des Ver- langens, der Wünsche und Hoffnungen zertrümmert haben, hört die irrefüh- rende Vorstellung der Existenz des Gemüts auf. Wie kann in demjenigen, der sogar seinen Körper als die irrige Erfahrung einer Nicht-Wesenheit versteht, noch ein Gemüt auftauchen? Wer diese Vision des Unendlichen hat, und in wessen Herzen die Welterscheinung verschwunden ist, der unterhält nicht mehr die täuschenden Ideen des jīva usw. Wisse, dass sobald die falschen Wahrnehmungen an ein Ende gelangt sind und die Sonne der Selbsterkenntnis im Herzen aufgegangen ist, das Gemüt zu einem nichts wird. Es wird nicht mehr gesehen – wie verbrannte trockene Blätter. Der Zustand des Gemüts der Befreiten, die noch leben und die gleich- zeitig die höchste Wahrheit und die relative Existenz zu sehen vermögen, wird als satva bezeichnet (Transparenz). Es ist unrichtig, dies als Gemüt zu bezeichnen – in Wahrheit ist es satva. Diese Kenner der Wahrheit sind ge- mütslos und befinden sich in einem Zustand perfekten Gleichgewichts – sie leben ihr irdisches Leben auf eine spielerische Weise. Die ganze Zeit über nehmen sie in ihrem Innern das Licht wahr, auch dann, wenn sie mit den verschiedensten Beschäftigungen befasst zu sein scheinen. Konzepte der Dualität, der Einheit oder andere dieser Art tauchen nicht in ihnen auf, da es keinerlei Neigungen mehr in ihren Herzen gibt. Der Same der Täuschung ist im Zustand von satva verbrannt und lässt die Täuschung nie wieder entste- hen. Oh Rāma, du hast nun den Zustand von satva erlangt – dein Gemüt wurde im Feuer der Weisheit verbrannt. Worin besteht diese Weisheit? Sie besteht darin, dass das unendliche Brahman in der Tat das unendliche Brahman ist – die Welterscheinung ist nichts als eine Erscheinung, deren Realität Brahman ist. Die Erscheinung (wie beispielsweise dein Körper als „Rāma“) ist nicht- fühlend, unwirklich. Ihre Realität ist die Realität ihres Substrates, welches Bewusstsein ist. Weshalb trauerst du also? Wenn du jedoch zu empfinden vermagst, dass all dieses nur Bewusstsein ist, dann gibt es keinerlei Notwen- digkeit für das Entstehen von Vielfalt in dir. Erinnere dich an deine essenzielle 352
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    Natur als dasunendliche Bewusstsein. Gib die Vorstellung der Verschieden- heit auf. Du bist was du bist – sogar dies ist noch ein Konzept, denn in Wahr- heit bist du das selbstleuchtende Sein hinter allem. Grüße an Dich, oh kosmi- sches Wesen, der du das unendliche Bewusstsein bist. VASIåèHA fuhr fort: Du bist der Ozean des Bewusstseins, in dem die zahllosen großen und klei- VI:1, 3 nen Wellen erscheinen, die man „Universen“ nennt. Du bist in der Tat jenseits des Zustandes von Sein und Nicht-Sein, die beide bloße Konzepte des Gemüts sind. Gehe jenseits dieser Konditionierung und so jenseits aller Dualität. Wie können in dir noch Neigungen und Begrenzungen existieren? Alle diese Kon- zepte (wie „dies ist eine latente Neigung oder Begrenzung“ und „dies ist ein jīva oder eine lebendige Seele“) tauchen im Bewusstsein auf – wie können sie dann vom Bewusstsein verschieden sein? Und wenn doch – wie können wir dann sagen, dass sie im Bewusstsein auftauchen? Das, was man „Rāma“ nennt, ist in Wahrheit nichts anderes als der herrliche und unendliche Ozean, in dem die zahllosen Universen wie große und kleine Wellen erscheinen und verschwinden. Verbleibe im Zustand vollkommenen Gleichmuts. Du bist wie der unendliche Raum. Feuer ist untrennbar von der Hitze, Duft ist untrennbar vom Lotos, Schwärze ist untrennbar vom Collyrium (medizinisches Augenwasser), Weiße untrennbar vom Schnee, Süße un- trennbar vom Zuckerrohr und Licht untrennbar vom Leuchtenden. Auf die- selbe Weise ist das Erfahren untrennbar vom Bewusstsein. So wie die Wellen untrennbar vom Ozean sind, so sind die Universen untrennbar vom Bewusst- sein. Das Erfahren ist nicht verschieden vom Bewusstsein, der Ich-Sinn ist nicht verschieden vom Erfahren, der jīva ist nicht verschieden vom Ich-Sinn, und das Gemüt ist wiederum nicht verschieden vom jīva (nicht verschieden oder untrennbar). Die Sinne sind nicht verschieden vom Gemüt, der Körper nicht verschieden von den Sinnen, die Welt nicht verschieden vom Körper und überhaupt gibt es nichts anderes als diese Welt. Diese Gegenüberstellung voneinander abhängiger Kategorien existiert schon seit einer sehr langen Zeit, und doch hat dies niemand in Szene gesetzt noch vermag jemand zu sagen, ob es seit einer langen oder kurzen Zeit existiert. Die Wahrheit lautet, oh Rāma, dass all dies nichts anderes als die Selbst-Erfahrung des Unendli- chen ist. Es gibt die Leere im Leeren, Brahman durchdringt Brahman, die Wahrheit leuchtet in der Wahrheit, und die Fülle erfüllt die Fülle. Der weise Mensch, obschon er in dieser Welt tätig ist, tut nichts, da er nach nichts sucht. Auf dieselbe Weise, oh Rāma, verbleibe wie der Raum rein in deinem Herzen, während du äußerlich angemessenen Handlungen nachgehst. In Umständen, die Frohlocken oder Niedergeschlagenheit hervorrufen, verbleibe unberührt von diesen wie ein Holzklotz. Wer sogar demjenigen gegenüber freundlich bleibt, der ihn ermorden will, der sieht die Wahrheit. Jemanden zu verehren, der noch nicht jenseits von Zu- und Abneigungen (rāga und dve«a) ist, ist 353
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    sinnlos. Nur der,der frei von egoistischer und willentlicher Tätigkeit und gänzlich unangehaftet an alles ist, ist befreit – auch wenn er die ganze Welt zerstört, so hat er in Wahrheit nichts getan. Derjenige, in dem sämtliche Konzepte und gewohnheitsmäßigen Neigungen aufgehört haben, hat alle mentalen Konditionierungen und Fesseln überwun- den. Er ist wie die Lampe, die kein Öl mehr hat. VASIåèHA fuhr fort: VI:4, 5 Oh Rāma, das Gemüt, der Intellekt und der Ich-Sinn wie auch die Sinne sind alle ohne unabhängige Intelligenz. Wo können dann der jīva und alles andere wohnen? So wie es nur einen Mond gibt, aber aufgrund eines Augenschadens oder einer Störung des reflektierenden Mediums als zwei oder mehrere er- scheint, so ist das Selbst (die innere Intelligenz oder das Bewusstsein) eines, erscheint jedoch aufgrund der durch Gedankenwellen hervorgerufenen Stö- rung als viele. So wie die Nacht ein Ende nimmt, sobald die Dunkelheit schwindet, so nimmt die Unwissenheit ein Ende, sobald das Gift des Verlangens nach Ver- gnügen schwindet. Dieser tödliche Virus namens Verlangen nach Vergnügen wird durch die magische Formel der Erläuterungen, wie sie in den Schriften enthalten sind, unverzüglich kuriert. Im selben Moment, da die mentale Ver- rücktheit und Verdrehtheit an ein Ende gelangt, verschwindet auch das Ge- müt mit seinem ganzen Gefolge, so wie die Perlen auf den Boden rollen, wenn die sie verbindende Schnur zerrissen ist. Daher, oh Rāma, haben sich diejeni- gen, die die Schriften aufgeben, ein Leben als Würmer und Ungeziefer er- wählt und sich damit in die Selbstzerstörung begeben. Wenn der Wind nachlässt, wird die Oberfläche des Sees wieder ruhig – und ebenso hört die Unstetigkeit der Augen auf, welche durch die Sehnsucht nach Ehefrau und anderen Objekten des Vergnügens entsteht, wenn die durch Unwissenheit entstandene Erregtheit aufhört. Offensichtlich, oh Rāma, hast du diesen Ruhezustand nun erlangt. Du hast meinen Worten aufmerksam gelauscht, und aufgrund dessen wurde in dir der Schleier der Unwissenheit gelüftet. Alle gewöhnlichen Menschen werden durch die Worte ihres Fami- liengurus tief bewegt – wie sollte es bei jemandem, der wie du eine weite Sicht besitzt, anders sein? RùMA sprach: Hoher Herr, durch das Hören deiner Weisheitsworte hat die Welt, die au- ßerhalb von mir erscheint, ihre Wirklichkeit verloren, und mein Gemüt ist nicht mehr. Ich ruhe im höchsten Frieden. Ich nehme die Welt wahr wie sie ist – als das unendliche Bewusstsein, unendlich vor mir ausgebreitet. Alle meine Zweifel sind verschwunden. Ich bin frei von Anziehung und Abstoßung. Ich bin im Natürlichen verankert, ich bin gut (svasthah: Ich ruhe im Selbst), und ich bin glücklich. Ich bin Rāma, in dem alle Welten ihre Zuflucht finden. Ich verehre Mich, Ich verehre Dich. Die mentale Konditionierung hat aufgehört. Das Gemüt ist an ein Ende gelangt. Ich sehe das Selbst als Alles-in-allem. 354
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    Wenn ich andie Vergangenheit denke, lächle ich über die törichten Ideen der Dualität, die ich einmal hatte. All dieses geschah dank deiner nektargleichen Worte. Während ich in dieser Welt lebe, bin ich gleichzeitig in der Welt des Lichts. Dank der Strahlen, die von deinem erleuchteten Herzen als Worte der höchsten Weisheit ausgehen, bin ich hier und jetzt voll höchster Seligkeit. VASIåèHA fuhr fort: VI:1,6 Oh Rāma, du bist mir teuer – daher lege ich dir die Wahrheit noch einmal dar. Höre aufmerksam zu. Gehe zunächst von der Existenz der Vielfalt aus. Dein Bewusstsein wird sich erweitern. Und die Wahrheit, die ich dir nun darlege, wird sogar diejenigen vom Kummer befreien, die noch nicht voll- ständig erwacht sind. Wenn einer unwissend ist, dann unterhält er die falsche Idee, dass der Kör- per das Selbst ist – seine eigenen Sinne werden zu seinen schlimmsten Fein- den. Andererseits genießt derjenige, der Selbsterkenntnis besitzt und die Wahrheit kennt, die Freundschaft seiner Sinne, die nun befriedet und beru- higt sind, denn sie schaden ihm nicht mehr. Wer nichts als Abscheu für den physischen Körper und seine Funktionen empfindet, ist ihm gegenüber ge- wiss nicht nachsichtig und lädt nicht das Leiden ein. Weder wird das Selbst vom Körper berührt noch ist der Körper auf irgend- eine Weise mit dem Selbst in Beziehung – sie sind wie Licht und Dunkelheit. Das Selbst, welches sämtliche Modifikationen und mentalen Verdrehtheiten transzendiert, entsteht nicht und vergeht nicht. Was auch immer geschieht, geschieht diesem Körper, der leblos, unwissend, nicht-fühlend, endlich, ver- derblich und undankbar ist. Lass diese Dinge einfach geschehen. Wie kann dieser Körper jemals (durch Sinne oder Verstand) das ewigliche Bewusstsein verstehen? Denn sobald das eine als real gesehen wird, hört die Existenz des anderen auf. Wenn daher beider Natur gänzlich verschieden voneinander ist – wie können ihre Erfahrungen von Schmerz und Vergnügen dieselben sein? Da sie keinerlei Beziehung zueinander haben und auch nicht haben können – wie können sie dann miteinander existieren? Sobald das eine erscheint, ver- schwindet das andere; so wie beim Anbruch der Morgendämmerung die Nacht verschwindet. Selbsterkenntnis kann sich niemals in Selbst- Unwissenheit verwandeln, so wie der Schatten niemals heiß werden kann. Brahman, der die Wirklichkeit ist, wird nie unwirklich – auch dann nicht, wenn man sich der Vielfalt bewusst ist – noch kann der Körper jemals die Natur des unendlichen Bewusstseins annehmen. Obgleich das Selbst allge- genwärtig ist, wird es vom Körper nicht berührt, so wie der Lotos nicht vom Wasser berührt wird. Auf dieselbe Weise wird auch dieses unendliche Selbst nicht von Bedingtheiten wie Alter, Tod, Vergnügen und Schmerz, Existenz und Nicht-Existenz berührt, die alle dem Körper zugehörig sind. Obgleich all die Körper aufgrund von irregeführtem Verständnis wahrgenommen werden, befinden sie sich alle im unendlichen Bewusstsein – so wie Wellen auf dem Ozean erscheinen. Die Vielfalt und die Eigenart der Erscheinungen beruht auf dem reflektierenden Medium. Die Wahrheit oder das unendliche Selbst wird 355
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    von all diesemnicht berührt, so wie die Sonne nicht von der Vielfalt und der Bewegtheit ihrer Widerspiegelung in mehreren Spiegeln oder anderen reflek- tierenden Medien berührt wird. Wenn die Wahrheit des Selbst verstanden wird, hört die Vorstellung der Unwissenheit betreffend das Selbst unverzüglich auf. VASIåèHA fuhr fort: Das korrekte Verständnis des Körpers und der Intelligenz, die im Körper wohnt, befähigt einen dazu, die gesamte Schöpfung in all ihren materiellen und spirituellen Aspekten so leicht zu erkennen, wie man die von einer Lam- pe beleuchteten Objekte erkennt. Es geschieht nur aufgrund des falschen Verstehens, dass irreführende und falsche Ideen auftauchen und im eigenen Herzen zu wachsen beginnen – Ideen, die gänzlich bar jeder Substanz sind. Benebelt von all diesen falschen Ideen, die in der Abwesenheit des Lichtes wahrer Erkenntnis entstehen, wird man wie ein Grashalm im Wind mal hier- hin und mal dorthin getrieben. Ohne das „Kosten“ (die direkte Erkenntnis) der kosmischen Intelligenz streben die Sinne mit allen Kräften danach, ihre Objekte zu erkennen und hoffen vergeblich, durch den Kontakt mit diesen Objekten sinnvolle Erfah- rungen machen zu können! Gewiss wohnt die unendliche und unerschöpfli- che Intelligenz (Bewusstsein) in all diesen Objekten, jedoch erscheint sie aufgrund des Fehlens der Selbsterkenntnis als unwissend und daher begrenzt und endlich. Die Lebenskraft und ihre Gefolgschaft funktionieren nur, um die nötige Energie für die Bewegungen zu liefern, die dem Leben innewohnen; es gibt kein anderes Motiv. In Abwesenheit der Selbsterkenntnis ist all das Reden und Schreien der Menschen wie der Lärm einer Schusswaffe! Es führt unver- meidlich zur Zerstörung und dient keinem sinnvollen Endzweck. Narren erfreuen sich der Früchte ihrer Tätigkeiten, ohne zu wissen, dass sie auf ei- nem glühendheißen Felsen ihren Ruhe- und Schlafplatz eingenommen haben. Die Gesellschaft solcher Narren ist dasselbe, wie in einem Wald auf einem Baum zu sitzen, der gefällt werden soll. Was auch immer du für diese Men- schen tust, ist wie das Prügeln der Luft mit einem Stock. Was man ihnen gibt, landet im Dreck, und die Unterhaltung mit ihnen ist so sinnreich wie der Hund, der den Himmel anbellt. Die Unwissenheit über das Selbst ist die Quelle sämtlicher Katastrophen und Schwierigkeiten. Sage mir doch, oh Rāma, ob es eine einzige Schwierig- keit gibt, die nicht der Unwissenheit über das Selbst entspringt? Die gesamte Schöpfung wird von dieser Unwissenheit durchdrungen und hält sie aufrecht. Wer unwissend ist, wird wieder und wieder von schrecklichem Leid heimge- sucht und erfährt nur selten etwas Freude. Die Quelle der Sorgen wegen Körper, Wohlstand und Ehefrau hören nicht auf, solange man das Selbst nicht kennt. Denn wer fest daran glaubt, dass der Körper das Selbst ist, für ihn nimmt die Unwissenheit kein Ende. Wie kann dann echte Selbsterkenntnis 356
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    entstehen? So langedie Unwissenheit herrscht, kommt der Tor immer und immer wieder zu Fall. Sogar die kühlen Strahlen des Mondes erfährt er wie giftige Dämpfe. Die Tore der Hölle stehen weit, weit offen – begierig, ihn zu empfangen. VASIåèHA fuhr fort: Es ist nur in den Augen des Narren so, dass die giftige Schlingpflanze (Frau) den Schmuck verführerischer Augen und perlweißer Zähne trägt. Denn nur in den Herzen der Gottlosen wächst dieser schreckenerregende Baum der Ver- blendung, die Heimstatt für die zahllosen Vögel der sündhaften Neigungen. Im Urwald seines lasterhaften Herzens tobt das Feuer des Hasses. Sein Gemüt ist überschwemmt von Eifersucht, die wiederum das Unkraut der zerstöreri- schen Kritiksucht gegenüber anderen entstehen lässt. Der einzige Lotos, den sein Herz kennt, ist die Missgunst, die von den Wespen endloser Kümmernis- se heimgesucht wird. Nur diesen sündigen Narren kommt das zu, was man „Tod“ nennt. Geburt und Kindheit führen zur Jugend, die Jugend zum Alter, und das Alter endet im Tod – all dieses wird wiederholt vom Unwissenden erfahren. Der unwissende Mensch ist wie ein mit dem Seil, genannt Welt, gebundener Topf, mit dem er in den toten Brunnen des saæsāra hinunter gelassen und im nächsten Mo- ment wieder emporgezogen wird. Dieser Ozean der Welterscheinung ist für den Weisen wie der Huftritt eines Kälbchens und für den Unwissenden ein unergründlicher und endloser See der Kümmernisse. So wie ein gefangener Vogel nicht die Freiheit erlangen kann, so ist der an seinen Weltenhunger hingegebene Mensch unfähig, Erlösung von seinen Fesseln zu finden. Sein Gemüt, das von den unzähligen Neigungen und Konditionierungen besudelt ist, ist nicht in der Lage, dieses gewaltige, sich drehende Rad von Leben und Tod klar zu erkennen. Seine eigene Verblendung überzieht die ganze Welt mit einem Netzwerk illusorischer Beziehungen und Kontakte und trägt so dazu bei, dass er noch tiefer in die Bindung gerät und darin versinkt. Mit einem winzigen Stück Fleisch (dem Auge) sieht der närrische Mensch einen winzigen Teil dieser Erde, den er als Berge, Seen, Wälder und Städte betrachtet. Die Unwissenheit ist wie ein mächtiger Baum, der seine Zweige in alle Richtungen auslädt und zahllose Blätter der illusorischen Objekte erschafft. Auf diesem Baum woh- nen wiederum die unzähligen Vögel der Neigungen (die die vielen Erfahrun- gen des Vergnügens für den Unwissenden darstellen). Geburten sind die Blätter, die Handlungen die Knospen, Verdienst und Mangel die Früchte, Wohlstand und Glück die Blüten. Diese Unwissenheit ist wie der Mond, der nach dem Untergang der Sonne der Weisheit aufgeht. Die wiederholten Geburten sind die Strahlen des Mon- des, und die Unwissenheit ist der Herr der Fehler und Unvollkommenheiten. Neigungen und Gewohnheiten sind die Nektarstrahlen, die von diesem Mond herabgesandt werden, und von diesem Nektar trinken die Vögel der Hoffnun- 357
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    gen und Wünsche.Es geschieht in der Finsternis der Unwissenheit, dass der Narr glaubt, er erfahre Vergnügen oder Glück in den Objekten dieser Welt. Der äußerliche Anschein von Annehmlichkeit und Güte in den Objekten wird durch Unwissenheit verursacht. Denn all diese Objekte haben einen Anfang und ein Ende; sie sind verderblich, sie sind begrenzt. VASIåèHA fuhr fort: VI:1,7 Wenn du hier strahlende Frauen siehst, die mit Perlen und Juwelen ge- schmückt sind, dann erblickst du nichts als die von deiner eigenen Täuschung erschaffenen Illusionen – sie sind nur Wellen auf dem Ozean der Lüste. Diese Täuschung lässt in dem, was nur eine Modifikation von Fleisch, Haut, Fett usw. darstellt, Anziehung und verführerische Eigenschaften wahrnehmen und all dies als reizvoll erscheinen; und dank dieser Täuschung werden ihre Brüs- te als goldene Töpfe und ihre Lippen als Nektarquellen usw. beschrieben. Aufgrund dieser Illusion sucht man nach Wohlstand und Erfolg, was sich am Anfang für die Dummköpfe süß anfühlt, die aber bald zur Ursache der Gegen- satzpaare (Glück und Unglück, Vergnügen und Schmerz, Erfolg und Versagen) werden und schließlich schnell an ihr Ende gelangen. Aus der Jagd nach dem Erfolg erwachsen die zahllosen Verzweigungen des Vergnügens und die un- zähligen Verzweigungen des Unglücks. Diese Täuschung strömt wie ein Fluss seit undenklicher Zeit und ist ver- schlammt und verdunkelt durch all die nutzlosen Handlungen und Gegen- handlungen. Er lässt wiederholt Geburten entstehen und schwillt aufgrund der bitteren Erfahrungen aus diesen Handlungen, die auf Erfolg und Glück abgezielt waren, immer mehr an. Alle diese Handlungen haben die Wirkung eines unguten Windes, der eine Wolke von Staub aufwirbelt, deren Partikel physische und mentale Defekte, Alter und die verschiedenen menschlichen Beziehungen sind. All dieses führt zum Tod (oder dem Vergehen der Zeit), der einen unstillbaren und gefräßigen Appetit besitzt und – sozusagen – die Welten verzehrt, sobald sie reif sind. Die Jugend wird von den Gespenstern der Kümmernisse und Ängste ver- folgt, die zu spuken beginnen, wenn der Weisheits-Mond nicht scheint, und sie schreitet unablässig weiter in immer dichter werdende Täuschung. Die eigene Zunge wird im Dienst all der gemeinen und unkultivierten Menschen missbraucht und wird immer schwächer. In der Zwischenzeit breitet die Armut die tausend Verzweigungen aus und liefert die Früchte von Unglück und harter Arbeit. Und die Gier, die doch leer und ohne jede Substanz und der Todfeind des spirituellen Fortschritts ist, proklamiert ihren Sieg in dieser Finsternis der Täuschung. Schließlich schleicht sich heimlich die Katze der Senilität an und fängt die Maus der Jugend. Diese Schöpfung ist substanzlos – und doch erwirbt sie eine falsche Reali- tät. Sie lässt sogar die Früchte des dharma (rechtschaffenen Lebens) und 358
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    artha (Streben nachWohlstand) wachsen. Diese vom Himmel umhüllte und mit den Augen der Sonne und des Mondes ausgestattete Welt wird nur durch die Illusion ihrer Substantialität am Leben erhalten. Im See dieser Welter- scheinung blühen die Lilien der Körper, die wiederum von den Bienen der Lebenskräfte besucht werden. VASIåèHA fuhr fort: Das morbide Konzept der Welterscheinung ist in den Sinnen gefangen; es ist gebunden durch die Selbst-Begrenzung und Konditionierung sowie die starke Fessel der Hoffnungen und Wünsche. Diese Welterscheinung ist wie eine empfindliche Schlingpflanze, die beständig im Wind des prāïa oder der Lebenskraft schwankt und dabei fortwährend alle Arten von Lebewesen ausschüttet, die sie ihrer Vernichtung überlässt. Es gibt viele edle Seelen, die sich über diesen Morast namens Welterschei- nung erhoben haben und, befreit von allen Zweifeln, sich für eine kurze Zeit erfreuen. Es gibt die göttlichen Wesen, die wie Lotosse in der blauen Weite des Firmamentes leben. In dieser Schöpfung sind die Handlungen wie der Lotos, der von den ver- geblichen Bemühungen nach den Früchten dieser Handlungen besudelt ist. Es sind diese Bemühungen, die im Netz der psychologischen Konditionierung gefangen und mit dem unverwechselbaren Geruch des Dynamismus ausge- stattet sind. Jedoch ist diese Welterscheinung nur wie ein kleiner Fisch, der in diesem endlichen Raum in die Existenz tritt und schon bald von dem wider- spenstigen und unbesiegbaren alten Geier namens k−tānta (Abschluss oder Endergebnis der Handlung) verschluckt wird. Und doch erscheinen alle diese Szenen des Lebens täglich aufs Neue und verschwinden wieder – wie Wellen auf der Oberfläche des Ozeans auftauchen und verschwinden. Der Töpfer, die Zeit, hält alle diese Dinge wie das Töpferrad in ständiger Umdrehung. Unzäh- lige Wälder, genannt Schöpfung, sind schon von diesem Waldbrand, genannt Zeit, in Schutt und Asche gelegt worden. Das ist das Wesen dieser Schöpfung! Aber da die Unwissenden fest an all ihren falschen Ideen festhalten, vermö- gen weder die Vergänglichkeit dieser Welt noch die harten Schläge, die sie in ihrem Leben erleiden, sie zu erwecken. Diese psychologische Konditionierung oder Selbst-Begrenzung dauert wie der Körper des Herrschers über die Götter (Indra) den gesamten Weltzyklus über an. Wie zufällig treten dann inmitten von all diesem göttliche Manifesta- tionen auf, in welchen die reinste Natur enthüllt wird. Während die unbeweglichen Kreaturen still stehend das Mysterium der Zeit kontemplieren, werden die beweglichen von den Zwillingskräften der Anzie- hung und Abstoßung geschüttelt, von Liebe und von Hass. Sie werden von der entsetzlichen Krankheit namens Vergnügen und Schmerz, Alter und Tod befallen, verlieren ihre Kräfte und gehen zugrunde. Unter den letzteren ertra- gen die Würmer und das Ungeziefer schweigend und geduldig die Früchte ihrer vergangenen schlechten Taten, als ob sie sie die ganze Zeit kontemplie- 359
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    ren würden. Aberdie unbemerkbare Zeit (der Tod), welche sogar jenseits der Kontemplation ist, rafft alles und jeden dahin. VASIåèHA fuhr fort: Die Bäume, überladen mit Blüten und Früchten, sind wahre Sinnbilder des Elends, die Kälte, Wind und Hitze zu ertragen haben. Gefangen im Lotos, den man Welt nennt, summen die Wesen wie Bienen unaufhörlich und ruhelos umher. Dieses Universum ist sozusagen die Bettelschale von Kālī (die hier doppelsinnnig verwendete weibliche Form von kāla, die Zeit und Tod bedeu- tet), die Gottheit, deren Natur Tätigkeit und Bewegung ist. Diese Kālī sucht nur danach, die Schale mit all den Wesen der Welt zu füllen und sie wieder und wieder ihrem Herrn darzubieten. Das Universum kann mit einer alternden Frau verglichen werden. Ihre Haa- re bestehen aus der Finsternis der Unwissenheit über das Selbst. Sonne und Mond bilden ihre ruhelosen Augen. Ihr inneres und äußeres Wesen enthält die Götter Brahmā, Vi«ïu, Indra, die Erde, die Berge usw. Die Wahrheit betref- fend Brahman das Absolute hütet sie wie einen Schatz, den sie in ihrer Brust verborgen hält. Ihre Mutter ist die Bewusstseinsenergie (oder sie ist die Mut- ter, die man als Bewusstseinsenergie bezeichnet). Wie eine Wolke ist sie außerordentlich unruhig und unstet. Ihre Zähne sind die Sterne. Morgenröte und Abenddämmerung sind ihre Lippen. Ihre Handfläche ist der Lotos. Ihr Mund ist der Himmel. Ihr Perlenhalsband sind die sieben Ozeane. Ihr Nabel ist der Pol der Erde. Ihre Körperhaare sind die Wälder. Diese alternde Frau wird wieder und wieder geboren; sie stirbt wieder und wieder. All dieses findet im Lichte des Bewusstseins statt. In diesem erscheinen VI:1,8 Götter, die während eines Augenblinzelns vom Schöpfer Brahma erschaffen werden, und es finden sich da Wesen, die einfach durch das Augenschließen von Brahmā getötet werden. In diesem höchsten Bewusstsein gibt es Rudras, die Tausende von Lebenszyklen innerhalb eines Augenzwinkerns beginnen und beschließen. Und es gibt andere Gottheiten, die in einem Augenblick Götter wie Rudra erschaffen und vernichten! Gewiss ist eine solche Manifes- tation unendlich. Wie kann es denn für das unendliche Bewusstsein unmög- lich sein, irgendetwas im unendlichen Raum hervorzubringen? Und doch ist all dies nichts als Einbildung, das Ergebnis der Unwissenheit. Sämtliche Reichtümer und alles Unglück, die Kindheit, die Jugend, das Alter und der Tod wie auch das Leiden, und was man das Verlorensein in Glück und Unglück nennt und alles andere – all das ist die Ausdehnung der dichten Finsternis der Unwissenheit. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, ich werde dir nun erzählen, wie diese Schlingpflanze namens Unwissenheit sich in sämtliche Richtungen fortentwickelt. Sie gedeiht im Wald der Welterscheinung und wurzelt in den Bergen des Bewusstseins. Die drei Welten sind ihr Körper, das gesamte Universum ihre Haut. Vergnügen 360
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    und Schmerz, Seinund Nicht-Sein, Weisheit und Unwissenheit sind ihre Wur- zeln und Früchte. Wenn diese Unwissenheit die Vorstellung von Freude hat, wird Freude erfahren; wenn sie die Vorstellung von Schmerz hat, wird Schmerz erfahren. Wenn die Vorstellung von Sein vorherrscht, wird Sein erfahren. Wenn die Vorstellung von Nicht-Sein vorherrscht, wird Nicht-Sein erfahren. Diese Unwissenheit wird mit den Mitteln der Unwissenheit selbst vergrößert und führt zu noch größerer Unwissenheit. Sobald sie die Weisheit sucht, wächst und gedeiht sie an Weisheit und wird am Ende selbst zu Weis- heit. Diese Schlingpflanze der Unwissenheit manifestiert sich zu ihrem Zeitver- treib und in ihren verschiedenen psychologischen Zuständen oder Modi. Irgendwann stolpert sie über die (oder kommt in Kontakt mit) Weisheit und wird gereinigt, gerät aber wiederum in die Anhaftung. Sie ist die Quelle sämt- licher Emotionen und Sinneserfahrungen. Ihr Mark besteht aus der Erinne- rung an vergangene Erfahrungen. Vicāra oder die Ergründung der Natur des Selbst ist die Termite, die sie zerstört. Die Sterne und Planeten, die am Fir- mament scheinen, sind ihre Blüten. Diese Schlingpflanze wird vom Gemüt geschüttelt. Sie wird von den Vögeln der Vorstellung heimgesucht. Die tödlichen Schlangen der Sinne umkreisen sie. In ihr wohnt der Python der verbotenen Handlungen. Sie wird vom Licht des Himmels erleuchtet. Sie ist angefüllt mit dem Unterhalt der Lebewesen. Sie enthält darüber hinaus noch anderes, nämlich all die Dinge, die die Narren in die Irre führen, wie auch die Dinge, die die Weisheit fördern und auch eine endlose Vielfalt an Lebewesen. In ihr befinden sich alle, die geboren sind, die künftig geboren werden, die Toten und die Sterbenden. Manchmal ist diese Schlingpflanze ernstlich beschädigt, dann wieder ist sie gänzlich intakt und wirksam wie im Falle der völlig unreifen Personen. Es ist aber unmöglich, sie ganz zu zerstören. In ihr befinden sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft. Sie ist das tödliche Gewächs, welches einen besinnungslos macht, welches aber stirbt, sobald es entschlossen untersucht wird. Diese Schlingpflanze manifestiert alles: Die Sterne und Planeten, die Lebe- wesen, die Pflanzen, die Elemente, den Himmel und die Erde, die Götter als auch die Würmer und das Ungeziefer. Was auch immer sich in diesem Univer- sum befindet, wird von dieser Unwissenheit durchdrungen. Sobald sie trans- zendiert wird, erlangst du die Selbsterkenntnis. RùMA fragte: VI:1,9 Hoher Herr, ich bin von deiner Aussage, dass sogar Götter wie Vi«ïu und Śiva Teil dieser Unwissenheit oder avidyā seien, verwirrt. Bitte erkläre dies eingehender. VASIåèHA erwiderte: Die Wahrheit oder Sein-Bewusstsein-Seligkeit (Satchidananda) befindet sich absolut jenseits von Denken und Verstehen – sie ist höchster Friede und Allgegenwart; sie transzendiert die Vorstellungskraft und jede Beschreibung. 361
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    Auf natürliche Weiseentsteht in ihr die Fähigkeit der Konzeptualisierung. Dieses Selbst-Verstehen wird als dreifach betrachtet, nämlich als subtil, mittel und grob. Der Intellekt, der diese drei erwägt, betrachtet sie als satva, rajas und tamas. Die drei zusammen bilden das, was man prak−ti oder Natur nennt. Avidyā oder Unwissenheit ist prak−ti oder Natur, und sie ist dreifach. Dies ist die Quelle aller Wesen – jenseits davon ist das Höchste. Diese drei Qualitäten der Natur (sātva, rajas und tamas) werden wiederum in die drei Unterkategorien des Subtilen, Mittleren und Groben unterteilt, so dass schließlich neun Kategorien entstehen. Es sind diese neun Qualitäten, die das gesamte Universum bilden. Die Weisen, die Asketen, die Vollkommenen, die Bewohner der Unterwel- ten, die himmlischen Wesen und die Götter bilden alle den sātvischen Teil der Unwissenheit. Unter diesen stellen die himmlischen Wesen und die Bewoh- ner der Unterwelten den groben (tamas), die Weisen den mittleren (rajas), und die Götter Vi«ïu, Śiva usw. den subtilen Teil dar. Diejenigen, die unter die Kategorie des sātva fallen, werden nicht wiedergeboren – sie gelten als be- freit. Sie existieren so lange, wie diese Welt andauert. Die anderen (wie die Weisen), die noch lebend befreit sind (jīvanmukta), werden im Laufe der Zeit ihre Körper verlieren und erreichen dann das Reich der Götter, verbleiben da während der Existenz der Welt und werden danach befreit. So wird aus die- sem Teil von avidyā oder Unwissenheit tatsächlich vidyā oder Selbsterkennt- nis! Avidyā taucht in vidya auf wie die Wellen auf dem Ozean, und wie Wellen im Ozean wieder vergehen, so löst sich auch avidyā wieder in vidyā auf. Die Unterscheidung zwischen den Wellen und dem Wasser ist irreal und rein verbal. Ebenso ist die Unterscheidung zwischen Unwissenheit und Er- kenntnis irreal und verbal. Es gibt hier weder Unwissenheit noch Erkenntnis! Sobald du aufhörst, Erkenntnis und Unwissenheit als zwei getrennte Entitä- ten zu sehen, existiert nur noch das, was eben existiert. Die Reflektion von vidyā in sich selbst wird als avidyā bezeichnet. Sobald diese beiden Ideen aufgegeben werden, verbleibt als einziges die Wahrheit – diese mag etwas oder gar nichts sein! Die Wahrheit ist allmächtig, leerer als der Raum und doch nicht leer, da sie voll von Bewusstsein ist. Wie der Raum in einem Topf ist sie unzerstörbar und überall gegenwärtig. Sie ist die Wirklichkeit in allen Dingen. So wie ein Magnet kraft seiner Gegenwart die Eisenfeilspäne anzieht, so verursacht die Wahrheit die kosmische Aktivität, ohne selbst die Absicht dazu zu haben. Daher sagt man von ihr, dass sie überhaupt nichts tut. VASIåèHA fuhr fort: VI:1,10 Daher ist diese gesamte Welterscheinung mit all den beweglichen und un- beweglichen Wesen ein reines Garnichts – nichts darin ist wirklich physisch oder materiell geworden. Sobald die Konzeptualisierung eliminiert ist, wel- che die Ideen von Sein und Nicht-Sein entstehen lässt, wird erkannt, dass alle diese jīvas (die lebendigen Seelen) usw. nur inhaltslose Worte sind. Alle Be- ziehungen zu anderen Menschen, die aufgrund von Unwissenheit im eigenen Herzen sind, erweisen sich als nicht existent. Auch wenn man irrtümlicher- 362
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    weise das Seilfür eine Schlange hält, kann doch niemand von dieser Schlange gebissen werden! Es ist die Abwesenheit der Selbsterkenntnis, die man Unwissenheit oder Täuschung nennt. Sobald das Selbst erkannt wird, erreicht man die Ufer der unbegrenzten Intelligenz. Sobald Bewusstsein sich selbst objektifiziert und sich als sein Beobachtungsobjekt erachtet, gibt es avidyā oder Unwissenheit. Wird diese Subjekt-Objekt-Vorstellung transzendiert, dann werden sämtliche Schleier, die die Wirklichkeit verhüllen, aufgehoben. Das Individuum ist nichts anderes als das persönliche Gemüt. Die Individualität hört auf, sobald das Gemüt aufhört; sie bleibt, so lange es die Idee der Persönlichkeit gibt. So lange es einen Topf gibt, gibt es auch die Idee vom Raum, der in ihm um- schlossen oder gefangen ist. Ist der Topf zerbrochen, dann verbleibt nur der unendliche Raum, auch dort, wo man sich zuvor einen Topf-Raum vorgestellt hat. RùMA fragte: Hoher Herr, bitte sage mir, wie aus dieser kosmischen Intelli- genz leblose Dinge wie Felsen werden können. VASIåèHA erwiderte: In Substanzen wie Felsen mit unbewegtem Bewusstsein wurde das Denken aufgegeben, aber sie sind nicht fähig, in den Zustand des Nicht-Denkens (no- mind) überzugehen. Es ist wie ein Zustand des Tiefschlafs, der weit weg vom Zustand der Befreiung ist. RùMA fragte weiter: Wenn diese Dinge in einem Zustand des Tiefschlafs ohne alle Konzepte oder Ideen existieren, dann sollten sie doch nahe an der Befreiung sein? VASIåèHA erwiderte: Mok«a, Befreiung oder die Realisierung des Unendlichen bedeutet nicht die Existenz in der Form einer unbeweglichen Kreatur! Befreiung ist dann er- reicht, wenn einer nach intelligenter Ergründung der Natur des Selbst, und nach innerem Erwachen als Folge davon, den Zustand des höchsten Friedens erlangt. Kaivalya oder totale Freiheit ist die Erlangung des reinen Seins, nachdem sämtliche mentalen Konditionierungen bewusst transzendiert und infolge einer gründlichen Erforschung aufgegeben wurden. Die Weisen sagen, dass einer nur dann in reinem Sein oder in Brahman verankert ist, wenn er die Wahrheit, wie sie in den Schriften dargelegt wird, in der Gesellschaft und mit Hilfe erleuchteter Weiser ergründet hat. VASIåèHA fuhr fort: Solange die psychologischen Begrenzungen und Konditionierungen im Her- zen verbleiben – und seien sie auch nur im subtilen „Samen-Zustand“ – soll- ten sie als Tiefschlafzustand betrachtet werden. Sie veranlassen die Wieder- geburt, auch wenn ein Zustand der Stille erfahren wird und sogar dann, wenn das Gemüt vom Selbst absorbiert zu sein scheint. Dieser Zustand ist ein leblo- ser Zustand und die Quelle des Kummers. Genauso muss der Zustand von 363
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    leblosen und unbeweglichenObjekten wie Felsen usw. betrachtet werden. Sie sind nicht frei von der Selbst-Begrenzung (vāsanā), sondern diese ist latent in ihnen verborgen, so wie Blumen latent in den Samen verborgen liegen (und keimen, wachsen und Blumen hervorbringen) oder wie Töpfe im Lehm. Wo aber die Samen der vāsanās (Selbst-Begrenzung, Konditionierungen oder Neigungen) existieren, dort ist der Zustand des Tiefschlafs. Das ist nicht die Vollkommenheit. Sind aber alle vāsanās vernichtet und existiert nicht einmal mehr die Potentialität von vāsanās, dann nennt man diesen Zustand den vierten und transzendentalen (d.h. jenseits von Wachen, Träumen und Tief- schlaf). Dieser führt die Vollkommenheit herbei. Vāsanās, Feuer, Schulden, Krankheit, Feinde, Freundschaft (bzw. Leim), Hass und Gift – alle diese Dinge verursachen Leiden, wenn nach ihrer Beseitigung auch nur kleinste Restbe- stände zurückbleiben. Andererseits ist man im Zustand des reinen Seins verankert, wenn alle vāsanās vollständig beseitigt worden sind – und man wird nie wieder von Sorge übermannt, ob man nun lebt oder nicht. Cit-śakti (die Bewusstseins- energie) liegt verborgen in den unbeweglichen Kreaturen usw. als latentes vāsanā. Es dieses cit-śakti, welches die Natur jedes einzelnen Objekts be- stimmt; es ist die fundamentale Eigenschaft sogar der Moleküle jedes einzel- nen Objekts. So lange dieses nicht als ātma-śakti (die Energie des Selbst oder das unend- liche Bewusstsein) erkannt wird, erzeugt es die Illusion der Welterscheinung. Wird es als die Wahrheit realisiert, welche das unendliche Bewusstsein ist, dann vernichtet diese Erkenntnis sämtlichen Kummer. Diese Wahrheit nicht zu sehen, bedeutet avidyā oder Unwissenheit – und diese Unwissenheit ist die Ursache der Welterscheinung, die wiederum die Quelle aller weiteren Phä- nomene ist. So wie das Auftauchen des ersten Gedankens den Schlaf stört und beendet, so zerstört das leiseste Erwachen der inneren Intelligenz die Unwis- senheit. Wenn man sich der Finsternis mit einer Lampe in der Hand nähert, um sie anzuschauen, dann verschwindet die Finsternis. Wird das Licht der Ergründung auf die Unwissenheit gerichtet, dann verschwindet die Unwis- senheit. Wenn man zu fragen beginnt: „Was ist dieses ‚Ich‘ in diesem Körper aus Fleisch, Blut, Knochen usw.?“ dann hört die Unwissenheit sofort auf. Was einen Anfang hat, hat auch ein Ende. Wenn sämtliche Dinge, die einen Anfang haben, ausgeschlossen werden, dann verbleibt als einziges die Wahrheit, die das Ende von avidyā oder Unwissenheit bedeutet. Du magst es als ein Ding oder ein Nicht-Ding ansehen, aber man muss das suchen, was IST, wenn die Unwissenheit vernichtet ist. Die Süße, die man schmeckt, wird nicht von jemand anderem genossen – die Beschreibung vom Ende von avidyā anzuhö- ren, bewirkt nicht deine eigene Erleuchtung. Jeder muss es selbst realisieren. In Kürze, avidya besteht in dem Glauben, dass „es eine Realität gibt, die nicht Brahman oder das kosmische Bewusstsein ist“. Sobald es eine gewisse Er- kenntnis gibt, dass „dies in der Tat Brahman ist“, hört avidyā auf. 364
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    *** VI:1,11 Diskurs über Brahman VASIåèHA fuhr fort: Wieder und wieder erläutere ich all dies zum Nutzen und Frommen deines spirituellen Erwachens, oh Rāma, denn ohne diese stetigen Wiederholungen (oder spirituelle Praxis) kann die Realisation des Selbst nicht geschehen. Diese Unwissenheit, genannt avidyā oder ajñāna, ist deshalb so undurch- dringlich geworden, weil sie in Tausenden von Inkarnationen durch die Sinne innerhalb und außerhalb dieses Körpers wieder und wieder gelebt und er- fahren worden ist. Die Selbsterkenntnis jedoch befindet sich nicht innerhalb der Reichweite der Sinne. Sie taucht auf, wenn die Sinne und das Gemüt, welches der sechste Sinn ist, aufhören. Oh Rāma, lebe fest verankert in der Selbsterkenntnis, so wie König Janaka lebt, nachdem er erkannt hatte, was es zu erkennen gibt. Er kennt die Wahr- heit allezeit, ob er nun tätig ist oder nicht, ob er wach ist oder nicht. Lord Vi«ïu inkarniert in dieser Welt und nimmt eine Verkörperung an, fest veran- kert in der Selbsterkenntnis. Auf die gleiche Weise verbleibt Lord Śiva in der Selbsterkenntnis, und ebenso ist auch Lord Brahmā in der Selbsterkenntnis verankert. Sei verankert in der Selbsterkenntnis, oh Rāma, wie diese. RùMA fragte: Hoher Herr, bitte sage mir, worin diese Selbsterkenntnis besteht, in der alle diese großen Seelen verankert sind. VASIåèHA erwiderte: Rāma, du weißt dies bereits. Aber du fragst wieder danach, weil du es voll- auf geklärt haben willst. Alles was hier ist und alles was als die Welt erscheint, ist nur das reine Brahman oder das absolute Bewusstsein und nichts anderes. Bewusstsein ist Brahman, die Welt ist Brahman, sämtliche Elemente sind Brahman, ich bin Brahman, mein Feind ist Brahman, meine Freunde und Verwandten sind Brahman, die drei Perioden der Zeit sind Brahman, denn all dies wurzelt in Brahman. So wie der Ozean aufgrund der Wellenbildung größer erscheint, so scheint Brahman aufgrund der unendlichen Vielfalt der Substanzen größer zu werden. Brahman nimmt Brahman wahr, Brahman erfährt oder erfreut sich Brahmans, und Brahman manifestiert sich in Brahman durch die Macht von Brahman selbst. Brahman ist die Gestalt meines Feindes, der mir missfällt, der ich doch Brahman bin. Wenn dies sich so verhält – wer fügt da dem ande- ren was zu? Die verschiedenen Stimmungen des Gemüts wie Anziehung und Abstoßung, Abneigung und Zuneigung wurden durch Einbildung heraufbeschworen. Sie 365
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    wurden durch dieAbwesenheit der Gedanken wiederum zerstört. Wie kön- nen sie dann vergrößert werden? Wenn Brahman allein in allem lebt, was Brahman ist, und wenn Brahman allein sich als Brahman in allem entfaltet – wo sind dann Freude und Leid? Brahman ist befriedigt mit Brahman, Brah- man ist verankert in Brahman. Da gibt es weder ein „Ich“ noch ein anderes! VASIåèHA fuhr fort: Alle Objekte dieser Welt sind Brahman. „Ich“ bin Brahman. Wenn dies der Fall ist, dann sind sowohl Leidenschaft als auch Leidenschaftslosigkeit, Ver- langen und Widerwille, nichts als Ideen. Der Körper ist Brahman, und der Tod ist auch Brahman – wenn beide zusammenkommen wie das reale Seil und die irreale, eingebildete Schlange – wo ist dann ein Anlass für Trauer? Ebenso ist der Körper Brahman, und das Vergnügen ist Brahman – wo ist der Anlass für Frohlocken, wenn der Körper Vergnügen erfährt? Wenn auf der Oberfläche eines stillen Ozeans Wellen erscheinen, dann bewegen sie sich, aber als Wel- len hören sie nicht auf, Wasser zu sein! Auf die gleiche Weise bleibt Brahman in seiner Essenz unverändert, wenn es in der Welterscheinung als bewegt erscheint – es gibt da weder eine „Ich“-heit noch eine „Du“-heit. Wenn der Wasserstrudel im Wasser erstirbt, ist gar nichts gestorben! Wenn der Tod- Brahman den Körper-Brahman überwältigt, geht nichts verloren. Wasser vermag ruhig oder bewegt zu sein – auf die gleiche Weise kann Brahman still oder ruhelos sein. Das ist seine Natur. Es ist Unwissenheit oder Täuschung, die das Eine in „dies ist der fühlende jīva“ und „dies ist leblose Materie“ teilt. Der Weise unterhält keine solch fehlerhaften Ideen. Daher ist die Welt für den Unwissenden voller Sorgen, während dieselbe Welt für den Weisen voll Seligkeit ist; gleich wie die Welt für den Blinden finster und für den Sehenden voller Licht ist. Wenn das eine Brahman alles durchdringt, dann gibt es weder Tod noch überhaupt eine lebendige Person. Die Wellen spielen auf der Oberfläche des Ozeans – weder werden sie geboren noch sterben sie! Ebenso steht es mit den Elementen in dieser Schöpfung. „Dies ist“ und „dies ist nicht“ – derartige Vorstellungen tauchen im Selbst auf. Diese Vorstellungen sind weder wirklich verursacht noch haben sie eine Motivation, genauso wie ein Kristall verschie- denfarbige Objekte ohne Motivation reflektiert. Das Selbst bleibt sich selbst auch dann, wenn die Energien der Welt endlose Verschiedenheiten auf der Oberfläche des Ozeans des Bewusstseins hervor- bringen. In dieser Welt, die man den Körper usw. nennt, gibt es keine unab- hängige Einheiten. Was man als den Körper oder die Ideen ansieht, als die Objekte der Wahrnehmung, als das Verderbliche und das Unverderbliche, die Gedanken und Gefühle und ihre Bedeutungen – alle diese sind Brahman in Brahman, das unendliche Bewusstsein. Dualität gibt es nur in den Augen der Irregeführten und Unwissenden. Das Gemüt, der Intellekt, der Ich-Sinn, die kosmischen Grundelemente, die Sinne und alle die verschiedenen Phänome- ne sind Brahman allein – Vergnügen und Schmerz sind Illusionen (sie sind Worte ohne Substanz). So wie ein einzelner Ton ein Echo in den Bergen er- 366
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    zeugt, die wiederumverschiedene Echos zurückwerfen, so erfährt das eine kosmische Bewusstsein in sich selbst die Vielfalt der Ideen von „Dies bin ich“ oder „Dies ist das Gemüt“ usw. Das eine kosmische Bewusstsein sieht in sich selbst die Vielfalt so, wie ein Träumer innerhalb von sich selbst von verschie- denen Objekten träumt. VASIåèHA fuhr fort: Wenn Gold nicht als solches erkannt wird, dann wird es mit Erde vermischt; wenn Brahman als solcher nicht erkannt wird, dann taucht die Unreinheit der Unwissenheit auf. Diejenigen, die Brahman erkannt haben, erklären, dass ein solch Großer selbst der Höchste Herr und Brahman ist; im Falle des Unwis- senden nennt man die Nicht-Erkenntnis der Wahrheit Unwissenheit (oder es ist die Meinung der Kenner Brahmans, dass der Höchste Herr oder das höchs- te Sein in den Unwissenden als Unwissenheit gesehen wird). Wenn Gold als solches erkannt wird, dann „wird“ es sofort Gold; wenn Brahman als solches erkannt wird, dann „wird“ es sofort Brahman. Da es allmächtig ist, wird Brahman unverzüglich und ohne eigene Motivati- on zu dem, wofür es sich selbst hält. Die Kenner Brahmans erklären, dass Brahman der Höchste Herr ist, das große Wesen, welches ohne Tätigkeit, Täter und Tätigkeitsorgan ist, ohne kausale Motivation und ohne Umwand- lung oder Veränderung. Wenn diese Wahrheit nicht erkannt wird, verwandelt sie sich im Unwissen- den zu Unwissenheit, aber wenn sie realisiert wird, verschwindet die Unwis- senheit. Wenn ein Verwandter nicht als solcher erkannt wird, gilt er als Fremder; wird er dann erkannt, so verschwindet die Idee des Fremden un- verzüglich. Wenn man weiß, dass Dualität eine illusorische Erscheinung ist, dann ge- schieht die Realisation von Brahman dem Absoluten. Wenn man weiß: „Dies ist nicht ich“, wird die Irrealität des Ich-Sinns realisiert, und wahre Leiden- schaftslosigkeit entsteht. „Ich bin wahrhaftig Brahman“ – sobald diese Wahr- heit erkannt wird, verschmelzen sämtliche Dinge in diesem Gewahrsein. Wenn die Ideen „ich“ und „du“ verschwunden sind, taucht die Realisierung der Wahrheit auf und man erkennt, dass alles, was immer es auch sei, wahr- haftig Brahman ist. Was ist die Wahrheit? „Ich habe nichts mit dem Kummer, mit Tätigkeiten, mit Täuschung oder Wunsch zu tun. Ich bin Friede, frei von Sorgen. Ich bin Brahman“ – das ist die Wahrheit. „Ich bin ohne jeden Mangel, Ich bin Alles, weder suche Ich etwas noch trachte ich danach, etwas aufzugeben. Ich bin Brahman“ – so lautet die Wahrheit. „Ich bin Blut, Ich bin Fleisch, Ich bin Kno- chen, Ich bin der Körper, Ich bin Bewusstsein, Ich bin auch das Gemüt, Ich bin Brahman“ – das ist die Wahrheit. „Ich bin das Firmament, Ich bin Raum, Ich bin die Sonne und das gesamte Weltall, Ich bin alle Dinge hier. Ich bin Brah- man“ – darin besteht die Wahrheit. „Ich bin der Grashalm, Ich bin die Erde, Ich bin der Baumstumpf, Ich bin der Wald, Ich bin die Berge und Ozeane. Ich bin das nonduale Brahman“ – das ist die Wahrheit. „Ich bin das Bewusstsein, 367
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    welches alle Dingedurchzieht und durch dessen Macht alle Wesen ihren Tätigkeiten nachgehen; Ich bin die Essenz aller Dinge“ – so lautet die Wahr- heit. Dies ist gewiss: Alle Dinge existieren in Brahman, alle Dinge fließen von ihm aus, alle Dinge sind Brahman. Brahman ist allmächtig, es ist das eine Selbst, es ist die Wahrheit. VASIåèHA fuhr fort: Die Wahrheit, die allgegenwärtig und reines Bewusstsein ohne jede Objek- tivität ist, wird verschiedentlich als Bewusstsein, Selbst, Brahman, Existenz, Wahrheit, Ordnung und auch als reine Erkenntnis bezeichnet. Sie ist rein und in ihrem Licht erkennen alle Wesen ihr eigenes Selbst. Ich bin Brahman, das reines Bewusstsein ist, nachdem seine Erscheinung als Gemüt, Intellekt, Sinne und alle anderen Ideen verneint worden ist. Ich bin das unvergängliche Bewusstsein oder Brahman, in dessen Licht allein alle Elemente und das gesamte Universum leuchten. Ich bin das Bewusstsein oder Brahman, von dem beständig Funken sprühen und im Universum Bewusstsein reflektieren. In einem reinen Gemüt drückt es sich als Stille aus. Obwohl es mit den unauf- hörlichen Erfahrungen des Ich-Sinnes der zahllosen Lebewesen in Kontakt zu stehen scheint, die auf diese Weise die Freude erfahren, die von Brahman stammt, ist es doch gänzlich jenseits ihrer Reichweite und unberührt von ihnen. Denn obwohl es letztendlich die Quelle allen Glücks und allen Entzü- ckens ist, ist es selbst von der Natur des Tiefschlafs (ohne jede Vielfalt), fried- lich und rein. Ein unendlich winziger Teil der Seligkeit Brahmans wird in den Subjekt-Objekt-Beziehungen und der daraus entstehenden Freude erfahren. Ich bin das ewige Brahman, frei von den falschen Vorstellungen von Freude und Schmerz usw. und daher rein. Ich bin das Bewusstsein, in dem wahres und reines Erfahren ist. Ich bin dieses reine Bewusstsein, in dem die reine Intelligenz ohne Störung durch Gedankenwellen arbeitet. Ich bin dieses Brahman, welches die intelligente Energie ist, die in sämtlichen Elementen (Erde, Wasser, Feuer usw.) wirkt. Ich bin das reine Bewusstsein, welches sich als die Eigenschaften des Geschmacks usw. der verschiedenen Früchte mani- festiert. Ich bin das unveränderliche Brahman, welches realisiert wird, sobald der Jubel über das Erlangen der ersehnten Ziele und die Niedergeschlagenheit über das Nichterlangen der Ziele transzendiert sind. Wenn die Sonne scheint und die Objekte der Welt in ihrem Licht gesehen werden, dann bin ich das reine Bewusstsein, welches sich in der Mitte zwischen diesen beiden befindet und das ureigene Selbst des Lichtes wie auch des beleuchteten Objekts ist. Ich bin dieses reine Bewusstsein oder Brahman, welches ohne Unterbruch in den Zuständen des Wachens, Träumens und Tiefschlafs existiert und daher der vierte Zustand oder die transzendentale Wahrheit ist. So wie der Geschmack des Zuckerrohrsaftes, kultiviert auf Hunderten von unterschiedlichen Feldern, überall gleich ist, so ist das den Lebewesen inne- wohnende Bewusstsein ein und dasselbe – dieses Bewusstsein bin ich. Ich 368
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    bin die Bewusstseinsenergie(cit-śakti), die größer als das Universum ist und doch kleiner als das winzigste atomare Partikel und folglich unsichtbar. Ich bin das Bewusstsein, welches überall wie Butter in der Milch existiert und dessen wesenhafte Natur das Erfahren ist. VASIåèHA fuhr fort: So wie die Ornamente aus Gold nichts als Gold sind, so bin Ich das reine Bewusstsein im Körper. Ich bin das Selbst, welches alle Dinge im Innen und im Außen durchdringt. Ich bin das Bewusstsein, welches alle Erfahrungen reflektiert, ohne selbst dem geringsten Wandel zu unterliegen und von der Unreinheit unberührt ist. Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein, welches der Geber der Früchte aller Gedanken ist, das Licht, welches in allen Leuchtkörpern scheint, der höchste Gewinn, das Bewusstsein, welches alle Glieder durchdringt, welches stets wachend und gewahr ist, welches beständig in allen Substanzen vibriert und welches homogen und ungestört ist, als sei es im Tiefschlaf, aber es ist hellwach. Dieses Bewusstsein ist die Realität, welche jeder einzelnen Sub- stanz im Universum ihre Eigenschaften verleiht und, obwohl es in allem wohnt und somit das allernächste ist, aufgrund seiner Unerreichbarkeit für das Gemüt und die Sinne weit weg ist. Kontinuierlich und homogen im Wa- chen, Träumen, Tiefschlaf und dem vierten (transzendentalen) Zustand des Bewusstseins, leuchtet es, wenn alle Gedanken aufgehört haben, wenn sämt- liche Erregungen an ihr Ende gelangt sind und wenn aller Hass beendigt ist. Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein – das ohne jeden Wunsch und ohne Ich-Sinn ist und welches nicht geteilt werden kann. Ich habe dieses Bewusstsein erlangt, welches allem innewohnt, und obwohl es alles ist, jenseits der Vielfalt ist. Es ist das kosmische Netz, in dem die end- lose Zahl der Lebewesen wie Vögel gefangen sind, in dem alle Welten sich manifestieren, und in dem entgegen dem Augenschein nichts jemals gesche- hen ist. Dieses Bewusstsein ist die Natur des Seins und des Nicht-Seins sowie der Ruheort von allem, was gut und göttlich ist. Es spielt die Rollen sämtli- cher Lebewesen und ist die Quelle aller Liebe und allen Friedens, obwohl es auf ewig frei und eins ist. Es ist das Leben aller lebendigen Wesen, der unerschaffene Nektar, der von niemandem gestohlen werden kann, die auf immer existierende Wirklichkeit. Dieses Bewusstsein, welches in den Sinnes- erfahrungen reflektiert wird, ist dennoch leer von diesen und kann von ihnen nicht erfahren werden. In ihm freuen sich alle Wesen, obgleich es selbst reine Seligkeit jenseits aller Freude ist; wie Raum ist es, jedoch jenseits von Raums; glorreich ist es, jedoch ohne alle Eroberungen und Glorien. Obwohl es alles zu tun scheint, tut es nichts. All dies bin „Ich“ und all dies ist mein. Jedoch bin Ich nicht, und Ich bin nichts „anderes als Ich“. Ich habe dies realisiert. Diese Welt kann Illusion oder real sein – Ich bin jenseits und frei vom Fieber des Elends. VASIåèHA fuhr fort: VI:1,12, 13 369
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    Verankert in dieserRealisation der Wahrheit lebten die großen Weisen auf immer in Frieden und Gleichmut. Sie waren frei von psychologischen Neigun- gen und daher suchten sie, noch wiesen sie den Tod oder das Leben zurück. Sie verblieben unerschütterlich in ihrer direkten Erfahrung wie ein zweiter Berg Meru. Aber sie durchwanderten die Wälder, die Inseln und die Städte, reisten in den Himmeln, als wären sie Engel oder Götter, sie besiegten ihre Feinde und regierten als Herrscher. Sie befassten sich mit verschiedenen Tätigkeiten, da sie erkannten, dass dies in Übereinstimmung mit den heiligen Schriften war. Sie erfreuten sich des Lebens, sie besuchten die himmlischen Gärten und wurden von den himmlischen Maiden unterhalten. Sie erfüllten pflichtschuldigst die Aufgaben des Haushälterlebens. Sie nahmen sogar an großen Kriegen teil. Sie behielten ihren Gleichmut in katastrophalen Umstän- den, unter denen andere ihren Frieden und die Ausgeglichenheit des Gemüts verloren hätten. Ihr Gemüt war völlig im Zustand von sātva oder Göttlichkeit und war folg- lich frei von der Täuschung, von der egoistischen Idee (des „Ich tue dies“) und vom Wunsch nach Gewinn, obwohl sie Gewinn oder Belohnung für ihre Hand- lungen in keiner Weise zurückwiesen. Weder ergingen sie sich nach dem Sieg über ihre Feinde in überflüssigem Jubel, noch fielen sie nach einer Niederlage in Verzweiflung und Trauer. Sie waren auf natürliche Weise mit ihren Tätig- keiten beschäftigt und all ihre Handlungen entsprangen dem Geist der Nicht- Willentlichkeit. Folge ihrem Beispiel, oh Rāma. Lass deine Persönlichkeit (den Ich-Sinn) egolos sein, und lass die Handlungen spontan aus dir heraus erfolgen. Denn das unendliche, unteilbare Bewusstsein allein ist die Wahrheit, und es ist dieses, welches sich mit dem Anschein der Vielfalt, die weder real noch irreal ist, bekleidet hat. Lebe daher gänzlich unangehaftet. Weshalb trauerst du wie ein Unwissender? RùMA sprach: Hoher Herr, durch deine Gnade bin ich vollständig zur Wirklichkeit er- wacht. Meine Täuschung ist verschwunden. Ich werde tun, was du mir gebie- test zu tun. Gewiss werde ich von nun an im Zustande desjenigen ruhen, der noch lebend befreit ist. Bitte, hoher Herr, sage mir, wie man diesen Zustand der Befreiung durch Zurückhaltung der Lebenskraft (prāïa) und durch Aus- löschung aller Selbstbegrenzung oder psychologischer Konditionierung er- langt. VASIåèHA fuhr fort: Normalerweise nennt man dies Yoga, also die Methode, mit der dieser Zyk- lus von Geburt und Tod aufhört. Dies bedeutet die absolute Transzendenz des Gemüts, und diese besteht aus zwei Arten. Die eine Art ist die Selbsterkennt- nis, die Zurückhaltung der Lebenskraft die andere. Heute bedeutet Yoga nur noch die letztere Art. Und doch führen beide Methoden zum selben Ergebnis. Für manche ist die Selbsterkenntnis mit Hilfe der Ergründung schwierig, 370
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    während für anderewiederum Yoga schwierig ist. Meine Überzeugung ist, dass der Pfad der Ergründung für alle der einfachste ist, weil die Selbster- kenntnis die immer gegenwärtige Wahrheit ist. Ich werde dir nun die Metho- de des Yoga beschreiben. *** Die Geschichte von BhuÓuï¬a VI:1,14, VASIåèHA fuhr fort: 15 Im unendlichen und unteilbaren Bewusstsein gibt es sozusagen in einer Ecke eine Welterscheinung, die wie eine Luftspiegelung ist. Der Schöpfer Brahmā, der die augenscheinliche Ursache dieser Welterscheinung ist, wohnt darin. Ich bin sein Sohn, aus seinem Gemüt entsprungen. Als ich einst im Himmel Indras war, hörte ich von Weisen wie Nārada die Geschichten über die langlebigen Wesen. Im Verlaufe der Gespräche sagte der große Weise Śātātapa: „In einer Ecke des Berges Meru gibt es den wunscherfüllenden Baum na- mens CÆta, dessen Blätter aus Gold und Silber sind. Auf diesem Baum lebt eine Krähe namens BhuÓuï¬a, die gänzlich frei von aller Anziehung und Abstoßung ist. Nichts auf der Erde und im Himmel hat länger als sie gelebt. Sie ist nicht nur schon sehr alt, sondern gleichzeitig eine erleuchtete und friedvolle Persönlichkeit. Falls irgendeiner von euch so leben kann wie sie, würde das als ein höchst verdienstvolles und lobenswertes Leben bezeichnet werden.“ Ich hörte diese Worte und fühlte mich durch sie außerordentlich inspiriert. Bald darauf machte ich mich auf, um diesen BhuÓuï¬a zu treffen. Schnell erreichte ich den Gipfel des Berges Meru, wo BhuÓuï¬a lebte. Der Berg leuch- tete und strahlte – vergleichbar mit dem Glanz der Yogis, die durch die Praxis des Yoga das psychische Tor der Krone des Hauptes und das obere Ende der nā¬i, genannt su«umnā (die auch als der Berg Meru bezeichnet wird) geöffnet haben. Der Gipfel ragte bis in den Himmel hinein. Dort sah ich den Baum namens CÆta, dessen Blätter und Blüten wie Juwelen glänzten. Es war ein wahrer Wolkenkratzer-Baum. Die himmlischen Wesen, die darin wohnten, erfüllten die Luft mit ihren Gesängen. Vollkommene Wei- se, die jede beliebige Gestalt annehmen konnten, wohnten ebenfalls darauf. Es war ein riesiger Baum mit unermesslichen Dimensionen. Ich sah auf diesem Baum die verschiedensten Vogelarten. Ich sah den be- rühmten Schwan, der das Fortbewegungsmittel für den Schöpfer Brahmā ist. Ich sah den Vogel Śuka, der das Fortbewegungsmittel für den Feuergott und gelehrt in den Schriften ist. Ich sah den Pfau, der das Fortbewegungsmittel des Gottes Kārtikeya ist. Und ich sah ferner den Vogel, den man Bharadvāja 371
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    nennt, sowie nochviele andere. Und in großer Entfernung sah ich auf dem Baum Krähen sitzen. Unter diesen entdeckte ich den großen BhuÓuï¬a, der dort in gänzlicher Stille und im Frieden saß. Er war herrlich, strahlend und friedvoll. Dies war der berühmte BhuÓuï¬a, der Langlebige. Er hatte schon mehrere Weltzyklen erlebt. Er erinnerte sich sogar noch derjenigen, die schon vor Äonen gelebt hatten. Er blieb still. Er war frei von der Ich-heit und vom Meins-sein. Er war für alle ein Freund und Verwandter. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:16, Ich ließ mich direkt vor BhuÓuï¬a nieder. Er wusste, dass ich Vasi«Âha war 17 und begrüßte mich angemessen. Durch seine bloße Gedankenkraft materiali- sierte er Blumen, mit denen er mir seine Verehrung entgegenbrachte. Er bat mich, mich neben ihn zu setzen. Dann sagte BhuÓuï¬a zu mir: „Ich betrachte es als einen großen Segen, dass du uns nach einer langen Zeit deinen darśan (Besuch) gibst. Gebadet im Nektar deines darśans (Gegenwart oder Gesellschaft) werden wir wie ein guter Baum erneuert. Du bist unter denjenigen, die Verehrung verdienen, der Größte, und du bist allein aufgrund meiner angesammelten Verdienste zu mir gekommen. Bitte teile mir den Grund deines Kommens mit. Ganz gewiss doch leuchtet in deinem Herzen das Licht der Selbsterkenntnis, entzündet durch beständige und intensive Er- gründung der Natur dieser unwirklichen Welterscheinung? Was ist der Zweck deines Besuchs? Ah, schon beim Anblick deiner gesegneten Füße habe ich dein Ziel erraten. Du kamst hierher, um das Geheimnis der außerordentlichen Langlebigkeit zu ergründen. Doch ich möchte die Absicht deines Besuches von deinen eigenen Lippen hören.“ Ich antwortete wie folgt: „Du bist wahrhaftig gesegnet, da du dich des höchsten Friedens um dich herum erfreust, mit der höchsten Weisheit (der Selbsterkenntnis) ausgestattet bist und nicht im Netz dieser Illusion, genannt Welterscheinung, gefangen bist. Bitte gewähre mir ein paar Fragen betreffend deine eigene Person.“ „In welcher Sippe wurdest du geboren? Wie vermochtest du die Erkenntnis dessen zu erlangen, welches als einziges wert ist zu wissen? Wie alt bist du heute? Erinnerst du dich noch an Dinge aus der Vergangenheit? Wer hat ver- fügt, dass du langlebig sein und auf diesem Baum leben wirst?“ BHUŚU×ÖA erwiderte: Da du mir diese mich betreffenden Fragen gestellt hast, oh Weiser, werde ich sie dir beantworten. Bitte höre aufmerksam zu. Die Geschichte, die ich dir nun erzählen werde, ist so wunderbar, dass sie die Sünden von allen vernich- ten wird, auf die sie zutrifft und die ihr zuhören. Nachdem er so gesprochen hatte, oh Rāma, begann BhuÓuï¬a mit der fol- genden Erzählung. Seine Worte waren ernst und fein. Sie besaßen Macht, weil er jenseits aller Wünsche und Absichten nach Vergnügen war. Sein Herz war 372
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    rein, weil esseine Erfüllung erlangt hatte. Er war der Geburt und der Aus- löschung der Schöpfungen voll bewusst. Seine Worte waren liebevoll. Er hatte die Würde des Schöpfers Brahmā selbst. Seine Worte waren wie Nektar. Er begann seine Erzählung wie folgt: BHUŚU×ÖA sprach: VI.1:18 In diesem Universum gibt es eine Gottheit namens Hara. Hara ist der Gott der Götter und wird von sämtlichen Göttern im Himmel verehrt. Seine Ge- mahlin hat die eine Hälfte seines Körpers inne. Von seinen verfilzten Locken fließt der heilige Fluss GaÇgā. Auf seinem Haupt erstrahlt der leuchtende Mond. Eine tödliche Kobra schlingt sich um seinen Hals – scheinbar ihres Giftes beraubt wegen des Nektars, der vom Mond herabfließt. Der einzige Schmuck dieser Gottheit ist die heilige Asche auf seinem Körper. Er weilt auf Verbrennungsstätten und bei Scheiterhaufen. Er trägt eine Kette aus Schä- deln. Seine Amulette und Armreifen sind Schlangen. Mit seinem bloßen Blick vernichtet er die Dämonen. Er ist dem Wohlerge- hen des ganzen Universums ergeben. Berge und Hügel, die auf ewig in Medi- tation versunken scheinen, sind Symbole für ihn. Seine Helfer und Diener sind Kobolde mit Köpfen und Händen wie Messerklingen und Gesichtern wie Bären, Kamele, Mäuse usw. Er hat drei strahlende Augen. Diese Kobolde ver- neigen sich vor ihm. Und die weiblichen Gottheiten, die sich von den Wesen in den vierzehn Welten ernähren, tanzen vor ihm. Diese weiblichen Gottheiten besitzen ebenfalls Gesichter verschiedener Tierarten. Sie wohnen auf den Gipfeln der Berge, im Raum, in verschiedenen Welten, auf Verbrennungsstätten und in den Körpern der inkarnierten Lebe- wesen. Von diesen weiblichen Gottheiten gehören acht zu den herausragen- den, und zwar sind dies Jayā, Vijayā, Jayanti, Aparājitā, Siddhā, Rakttā, Alaæbusā und Utpalā. Alle anderen gehorchen diesen acht Gottheiten. Von den acht war die siebente, Alaæbusā, die angesehenste. Ihr Fortbewegungs- mittel ist die Krähe, und diese ist außerordentlich mächtig und von blauer Farbe. Einmal begab es sich, dass sich diese weiblichen Gottheiten im Raum ver- sammelten. Sie verehrten dort pflichtgemäß die Gottheit, die Tumburu ge- nannt wird (und die ein Aspekt von Rudra ist) und befassten sich mit linkshändischen Ritualen, die die höchste Wahrheit enthüllten. Sie verehrten Tumburu und die unter dem Namen Bhairava bekannte Göttin. Schließlich waren sie alle vom Wein berauscht und führten verschiedene Riten aus. Bald begannen sie eine wichtige Frage zu erörtern: Wie kommt es, dass der Ge- mahl von Umā (Hara) uns so geringschätzig behandelt? Sie beschlossen: „Wir werden unsere Tapferkeit auf so überzeugende Weise beweisen, dass er uns nicht mehr verachten wird.“ Sie überwältigten Umā mit ihren magischen Kräften und trennten sie von ihrem Lord Hara. Alle weiblichen Gottheiten sangen und tanzten in Ekstase. Manche tranken, manche sangen, andere lachten oder schrien, rannten, stürzten oder aßen Fleisch. Schon bald hatten diese berauschten Gottheiten überall auf der Welt Unordnung angerichtet. 373
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    BHUŚU×ÖA fuhr fort: VI.1:19 Während die Gottheiten auf diese Weise feierten und ihrem Vergnügen nachgingen, wurden auch ihre Fortbewegungsmittel trunken und begannen zu tanzen. Alle Schwäne tanzten zusammen mit der Krähe (Caï¬a), die das Fortbewegungsmittel von Alaæbusā war. Als die weiblichen Schwäne trunken waren, entstand in ihnen der Wunsch, sich zu paaren. Eine nach der anderen paarte sich mit der Krähe (Canda), denn alle waren berauscht. Schon bald darauf wurden sie schwanger. Als das Feiern vorbei war, begaben sich alle Gottheiten zu Lord Hara (Śiva) und überbrachten ihm den Körper von Umā, den sie durch ihre Zauberkräfte in Nahrung verwandelt hatten. Lord Siva wusste um die Wahrheit und war über die Gottheiten erzürnt. Diese erschufen Umā neu und boten sie dem Herrn an, und so erlangte er seine Gemahlin zurück. Alle Gottheiten kehrten zu ihren Wohnstätten zurück. Die Schwäne, die die Fortbewegungsmittel von Brahmī waren, unterrichteten diese über alles, was sich zugetragen hatte. Die Göttin Brahmī sprach zu ihnen: „Da ihr alle dicke Bäuche habt, werdet ihr euren Pflichten nicht nachkommen können. Begebt euch daher für einige Zeit wohin ihr wollt.“ Nachdem sie so gesprochen hatte, saß die Göttin in tiefer Kontemplation. Zu gegebener Zeit legten die Schwäne einundzwanzig Eier, die schon bald ausgebrütet waren. So wurden einundzwanzig von uns in der Familie von Caï¬a, der Krähe, geboren. Zusammen mit unseren Müttern verehrten wir die Göttin Brahmī. Wir erlangten durch ihre Gnade Selbsterkenntnis und die Befreiung. Anschließend gingen wir zu unserem Vater, der uns herzlich um- armte. Wir verehrten danach alle zusammen die Göttin Alaæbusā. Caï¬a sagte zu uns: „Kinder, seid ihr dem Fangnetz namens Welterschei- nung entgangen, indem ihr die Fesseln der vāsanās oder der mentalen Kondi- tionierung abgeworfen habt? Andernfalls lasst uns die Göttin verehren, durch deren Gnade ihr die höchste Weisheit erlangen werdet.“ Wir erwiderten: „Vater, wir haben durch die Gnade der Göttin Brahmī die Erkenntnis erlangt, die als einzige wert ist zu erlangen. Wir suchen nun einen abgeschiedenen und geeigneten Platz, um dort zu leben.“ Caï¬a erwiderte: „Es gibt in der Welt einen wunderbaren Berg namens Meru, der die Stütze aller vierzehn Welten und aller Wesen ist, die darin wohnen. Alle Götter und Weisen leben dort. Auf ihm wächst der wunscherfül- lende Baum. Auf einem seiner Äste habe ich einst ein Nest gebaut, während sich die Göttin Alaæbusā in tiefer Meditation befand. Es ist schön und vorzüg- lich in jeder Hinsicht. Kinder, begebt euch zu diesem Nest und lebt darin. Ihr werdet niemals einem Hindernis begegnen.“ Wir folgten dem Willen unseres Vaters und kamen alle hierher, um in die- sem Nest zu leben. BHUŚU×ÖA fuhr fort: VI.1:20 374
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    Es gab daeine Welt in uralten Zeiten, die nicht jenseits unserer Erinnerung ist, weil wir sie selbst gesehen haben. VASIåèHA fragte: Was geschah mit deinen Brüdern, da ich nur dich hier se- he? BHUŚU×ÖA erwiderte: Eine sehr lange Zeit verstrich, oh Weiser, und im Verlaufe dieser Zeit gaben meine Brüder ihre physische Existenz auf und stiegen in den Himmel Lord Śivas auf. Auch langlebige Personen, die heilig und fromm und stark sind, werden schließlich von der Zeit (oder dem Tod) verzehrt. VASIåèHA fragte weiter: Wie kam es, dass du von Hitze, Kälte, Wind und Feuer nicht berührt worden bist? BHUŚU×ÖA fuhr fort: Nun, als Krähe verkörpert zu sein, die von den Menschen verachtet wird, ist kein glücklicher Zustand, obwohl der Schöpfer reichlich für das Überleben der bescheidenen Krähe gesorgt hat. Weil wir jedoch beständig im Selbst verweilen und glücklich und zufrieden sind, haben wir manche Katastrophen glücklich überstanden. Wir blieben fest im Selbst verankert und haben alle unnötigen Aktivitäten aufgegeben, die nichts als eine Qual für Körper und Geist sind. Für diesen physischen Körper gibt es kein Elend, weder im Leben noch im Tod – daher verbleiben wir, wie wir sind und suchen nichts anderes als das, was ist. Wir haben die Schicksale aller Welten gesehen. Wir haben mental die Iden- tifikation mit dem Körper aufgegeben. Verankert in der Selbsterkenntnis und auf diesem Baum sitzend, betrachte ich das Vergehen der Zeit. Durch die Praxis des prāïāyāma habe ich mich über die Zeiteinteilungen erhoben. Da- her bin ich in meinem Herzen im Frieden und unberührt von den Ereignissen der Welt. Sämtliche Wesen können verschwinden oder geboren werden – wir fürchten weder das eine noch das andere. All diese Wesen mögen in den Ozean namens Zeit (oder Tod) eingehen – wir aber ruhen am Ufer dieses Ozeans und bleiben unberührt davon. Weder nehmen wir an noch weisen wir zurück; wir scheinen zu existieren, aber wir sind nicht, was wir zu sein schei- nen. Deshalb bleiben wir in Ruhe auf diesem Baum. Obgleich wir uns mit verschiedenen Tätigkeiten befassen, ertrinken wir nicht im See der mentalen Modifikationen und verlieren niemals den Kontakt mit der Realität. Hoher Herr, der Nektar, für dessen Erwerb die Götter den Ozean aufwühl- ten, ist weniger kostbar als der nektargleiche Segen, der aus der Gegenwart von Weisen wie dir hervorgeht. Ich erachte nichts als lobenswerter als die Gesellschaft von Weisen, die frei von allen Wünschen und Verlangen sind. Oh Heiliger, obwohl ich bereits die Selbsterkenntnis erlangt habe, empfinde ich erst heute die wahre Erfüllung meines Lebens, da ich dich gesehen und mich deiner Gesellschaft erfreuen durfte. 375
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    BHUŚU×ÖA fuhr fort: Dieser wunscherfüllende Baum hier wird weder von den verschiedenen VI.1:21 Naturkatastrophen noch von den von den Lebewesen verursachten Umwäl- zungen erschüttert. Es gab verschiedene von den letzteren, als die Dämonen die Erde zu zerstören oder zu überwältigen versuchten, und auch anlässlich der Intervention des Herrn, der die Erde von den Dämonen befreite. Von all diesen Geschehnissen blieb dieser Baum völlig unberührt. Nicht einmal die große Flut und die sengende Hitze der Sonne, wie sie die kosmische Auflö- sung begleiten, konnten diesen Baum ins Wanken bringen. Daher konnten wir, die wir hier auf diesem Baum leben, allem Unheil entgehen. Das Böse überwältigt immer nur diejenigen, die an unheiligen Orten leben. VASIåèHA fragte: Aber wie hast das Ende des Kosmos überlebt, wenn alles aufgelöst wird? BHUŚU×ÖA erwiderte: Während dieser Periode, oh Weiser, gab ich dieses Nest auf, so wie ein un- dankbarer Mensch seinen Freund verlässt. Sodann verblieb ich vereint mit dem kosmischen Raum, vollkommen frei von allen Gedanken und mentalen Modifikationen. Als dann die zwölf kosmischen Sonnen unerträgliche Hitze über die gesamte Schöpfung ausstrahlten, praktizierte ich vāruïi-dhāraïā und blieb unbetroffen (Vāruïa ist der Herr der Wasser; vāruïi-dhāraïā ist die Kontemplation von Vāruïa). Als die Winde mit Gewalt zu blasen began- nen und sogar die Berge versetzten, praktizierte ich pārvatī-dhāraïā und blieb unbetroffen (Parvata heißt Berg und pārvatī-dhāraïā bedeutet die Kontemplation des Berges). Als das gesamte Universum mit den Wassern der kosmischen Auflösung überflutet wurde, praktizierte ich vāyu-dhāraïā und blieb unbetroffen (Vāyu bedeutet Wind und vāyu-dhāraïā ist die Kontempla- tion des Windes). Sodann verblieb ich bis zum Beginn des nächsten kosmi- schen Zyklus im Tiefschlaf. Als der neue Schöpfer einen neuen Kosmos zu erzeugen begann, kehrte ich wieder in dieses Nest zurück. VASIåèHA fragte: Woher kommt es, dass nicht auch andere fähig sind, zu tun was du tatest? BHUŚU×ÖA erwiderte: Oh Weiser, der Wille des Höchsten Wesens kann nicht umgangen werden. Es ist sein Wille, dass ich so sein soll, wie ich bin, und dass die anderen sein sollen, wie sie sind. Weder kann man ergründen noch ermessen, was gesche- hen wird. In Übereinstimmung mit der Natur jedes Wesens tritt das ins Sein, was ins Sein zu treten hat. Daher findet sich entsprechend meiner Gedanken- kraft oder Konzeption dieser Baum in jedem Weltzyklus an dieser Stelle und in dieser Beschaffenheit. VASIåèHA fragte: Du erfreust dich einer so außerordentlichen Langlebigkeit, dass allein dies schon nahelegt, dass du die endgültige Befreiung erlangt hast! Und du bist ein 376
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    weiser, tapferer undgroßer Yogi. Bitte teile mir mit, an welche außergewöhn- lichen Geschehnisse in diesem und den vorherigen Weltzyklen du dich erin- nerst. BHUŚU×ÖA sprach: Ich erinnere mich daran, dass es irgendeinmal nichts auf dieser Erde gab, keine Pflanzen und Bäume, nicht einmal Berge. Die Erde war für den Zeit- raum von elftausend Jahren mit Lava bedeckt. In diesen Tagen gab es unter- halb der Polarregion weder Tag noch Nacht, denn auf dem Rest der Erde schien weder die Sonne noch der Mond. Nur die Hälfte der Polarregion war erleuchtet. Zu dieser Zeit regierten die Dämonen die Erde – sie waren verblendet, mächtig und reich. Die Erde war ihr Spielplatz. Außer der Polarregion war der Rest der Erde von Wasser bedeckt. Für eine sehr lange Zeit dann war die gesamte Erde ausgenommen die Polarregion bedeckt von Wäldern. Schließlich entstanden große Berge, aber es gab kei- nerlei menschliche Bewohner. Während zehntausend Jahren war die Erde mit den Kadavern der Dämonen bedeckt. Einmal waren die Götter, die die Himmel zu durchqueren pflegten, aus Furcht verschwunden und wurden nicht mehr gesehen. Und die Erde wurde zu einem einzigen Berg! Ich erinnere mich an viele solche Geschehnisse, aber lass mich das erzählen, was wirklich wichtig ist. Während meiner Lebenszeit habe ich das Erscheinen und Verschwinden zahlloser Manus (Urväter der menschlichen Rasse) verfolgt. Es gab eine Zeit, in der die Welt ohne Götter und Dämonen und nichts anderes als ein strah- lendes, kosmisches Ei war. Zu einer anderen Zeit wiederum war die Erde von Brāhmaïas (Mitglieder der Priesterklasse) bevölkert, die dem Alkohol erge- ben waren, von ŚÆdras (Dienerklasse), die die Götter verlachten, und von Frauen, die Vielmännerei betrieben. Ich erinnere mich ferner an eine andere Epoche, als die Erde von Urwäldern bedeckt war und man sich die Weite des Ozeans nicht einmal vorstellen konnte, und als menschliche Wesen spontan entstanden. Zu einer anderen Zeit gab es dagegen weder Berge noch Erde – die Götter und die Weisen hausten im Raum. Zu einem anderen Zeitpunkt wiederum gab es weder Götter noch Weise usw., überall herrschte Finsternis. Als erstes tauchte die Idee der Schöpfung auf. Dann entstanden Licht und die Aufteilung des Universums. Schließlich wurden, eines nach dem anderen, die verschiedenen Wesen wie auch Sterne und Planeten erschaffen, Ich sah während einer dieser Epochen, dass Lord Vi«ïu (der allgemein als der Erhalter des Universums betrachtet wird) das Universum erschuf, wäh- rend es in einer anderen Brahmā war, der das Universum erzeugte. Und wie- derum in einer anderen Epoche war es Śiva, der zum Schöpfer wurde. BHUŚU×ÖA fuhr fort: VI.1:22 377
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    Natürlich erinnere ichmich an Weise wie dich, an Göttinnen wie Gauri, an Dämonen wie Hiranyāksa, Könige wie Śibi, an die letzte Vergangenheit und an vergangene Zeitalter. Oh Weiser – dies ist das achte Mal, dass du eine Geburt als der Weise Vasi«Âha angenommen hast, und es ist dies das achte Mal, dass wir uns treffen. Einmal wurdest du aus dem Raum geboren, zu einer anderen Zeit aus dem Wasser, dann wiederum aus dem Wind, dann aus einem Berg und schließlich aus dem Feuer. Was auch immer in der gegenwärtigen Schöpfung geschieht, geschah auf genau dieselbe Weise während dreier vergangener Schöpfungen. Ich aber entsinne mich der Geschehnisse von zehn solchen Schöpfungen. (Hinweis: Nun folgt eine Aufzählung aller wichtigen Weltgeschehnisse, die nicht alle in anderen Schöpfungen wiederholt wurden und so auf die unterschiedlichen Zeiten hinweist, in denen BhuÓuï¬a Augenzeuge war. Einige wenige von ihnen werden hier zur Veranschaulichung wiedergegeben). In jedem Zeitalter hat es Weise gegeben, die die Wahrheit verkündet und die Veden dargelegt haben. Es gab Vyāsas, die die Legenden (bzw. die prähistorischen Erzählun- gen) niedergeschrieben haben. Und immer wieder dichtete Vālmikī das heili- ge Rāmāyaïa. Zusätzlich dazu wurde von dem Weisen Vālmikī ein heiliges Buch geschrieben, in dem deine Instruktionen an Rāma verzeichnet sind; ursprünglich bestand es aus hunderttausend Versen. Auch in diesem Zeitalter wird es von Vālmikī geschrieben, diesmal zum zwölften Mal. Es gab außer- dem noch ein großartiges Werk namens „Bharata“, das in Vergessenheit gera- ten ist. Um die Dämonen zu vernichten, nahm Lord Vi«ïu wieder und wieder die Geburt als Rāma an, und in diesem Zeitalter wird er zum elften Mal wieder- geboren werden. Und Lord Vi«ïu wird zum sechzehnten Mal als K−«ïa inkar- nieren. Und doch ist dies alles nur wie eine illusorische Erscheinung – die Welt als solche ist nicht die Wirklichkeit. Sie erscheint nur dem getäuschten Verstand als real. Sie erscheint und verschwindet wie die Wellen auf dem Ozean im einem Augenblick. Die drei Welten sind in manchen Epochen ähnlich und in anderen wiederum gänzlich verschieden. Aufgrund dieser Unterschiede habe ich in jedem Zeitalter neue Freunde, neue Verwandte, neue Bedienstete und neue Wohnungen. Manchmal lebe ich in den Himālayas, dann in den Malaya- Bergen, und zu anderen Zeiten wiederum nehme ich aufgrund der ererbten Neigungen meine Wohnstatt hier in diesem Nest auf. Sogar die Himmelsrichtungen wechseln von Zeitalter zu Zeitalter. Da ich als einziger die Nacht des Schöpfers Brahmā überlebt habe, kenne ich die Wahr- heit über alle diese Veränderungen. Je nach Position der Pole und der Bewe- gungen der Sterne, der Sonne und des Mondes werden die Himmelsrichtun- gen (wie Nord, Süd usw.) festgelegt. Wenn diese sich ändern, ändern sich auch die Himmelsrichtungen. Aber ich weiß, dass diese Welt weder wirklich noch unwirklich ist. Die einzige Realität ist die Bewegung der Energie inner- halb des kosmischen Bewusstseins. Diese erscheint aufgrund von falschem 378
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    Verstehen als dieseSchöpfung hier, um dann wieder zu verschwinden. Ein falsches Verständnis dieser Art erzeugt außerdem die Verwirrung in den menschlichen Beziehungen und Pflichten. In manchen Zeitaltern benimmt sich der Sohn wie der Vater, der Freund wie ein Feind und der Mann wie eine Frau. Manchmal benehmen sich die Menschen in den „dunklen Zeitaltern“ so, als würden sie sich im „goldenen Zeitalter“ befinden und umgekehrt. VASIåèHA fragte: Oh BhuÓuï¬a, wie kam es, dass dein Körper nicht vom Tod verzehrt wurde? VI.1:23 BHUŚU×ÖA erwiderte: Oh Weiser, du hast das Wissen von allem, und doch stellst du diese Frage, um die Beredsamkeit deines Dieners anzuspornen. Ich werde deine Frage beantworten, denn Gehorsamkeit ist die beste Verehrung der Heiligen. Der Tod will nicht denjenigen töten, der weder rāga-dve«a (Anziehung und Abneigung) noch falsche Ideen oder mentale Gewohnheiten besitzt. Der Tod will nicht denjenigen töten, der nicht an mentaler Verwirrung leidet, der keine Wünsche und Hoffnungen unterhält, die Anlass zu Sorgen und Ängsten geben, der nicht von der Gier vergiftet ist, dessen Körper und Gemüt nicht vom Feuer des Zorns und des Hasses brennen, der nicht von der Lust aufge- wühlt ist, der fest im reinen Gewahrsein des Brahman verankert ist und des- sen Gemüt nicht wie ein Affe umherspringt. Oh Weiser, all diese Übel suchen denjenigen nicht, dessen Herz den Zustand äußerster Ruhe und Gleichmuts erreicht hat. Auch die Krankheiten von Kör- per und Gemüt betreffen ihn nicht länger. Sein Gewahrsein vermindert oder vermehrt sich nicht, weder im Tiefschlaf noch im Wachzustand. Er, dessen Gemüt und Herz im höchsten Frieden verankert sind, wird von den blindma- chenden Übeln, wie sie aus Lust und Hass entstehen, nicht berührt. Er sucht nicht, noch weist er zurück, weder gibt er auf, noch sammelt er an, obwohl er beständig mit angemessener Handlung befasst ist. Keine einzige der bösen Mächte befällt ihn. Zu ihm kommen auf natürliche Weise nur Freude, Glück und alle segenbringenden Eigenschaften. Daher, oh Weiser, sollte man fest im unvergänglichen und ewigen Selbst verankert sein, welches frei von Finsternis und von allem Suchen ist. Man sollte das Gespenst der Dualität oder Getrenntheit erschlagen und das Herz an die eine Wahrheit heften, die als einzige am Anfang, in der Mitte und am Ende wohltuend ist. Weder in der Gesellschaft der Götter und Dämonen noch der himmlischen Künstler oder Maiden kann dauerhafte Freude gefunden werden. Weder im Himmel, auf der Erde noch in der Unterwelt kann man das ewigliche Gute finden – nirgendwo in dieser Schöpfung ist dies möglich. Sämtliche Aktivitä- ten sind mit physischer und mentaler Gebrechlichkeit und vielen Formen des Leids durchsetzt – das ewigliche Gute ist in ihnen nicht vorhanden. Dieses ewigliche Gute ist in überhaupt keiner Aktivität der Sinne zu finden, denn deren Erfahrungen haben einen Anfang und ein Ende. 379
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    Weder die Herrschaftüber die ganze Welt noch die Erlangung der Form ei- nes Gottes, weder das Studium der Schriften noch Betätigung in der Gesell- schaft, weder das Anhören noch das Rezitieren von Geschichten, weder die Langlebigkeit noch der Tod, weder der Himmel noch die Hölle ist vergleich- bar mit dem Gemüt eines Heiligen. BHUŚU×ÖA fuhr fort: VI.1:24 Der beste aller Zustände, oh Weiser, ist in der Tat die Vision des einen un- endlichen Bewusstseins. Sogar die Kontemplation des Selbst, welches unend- liches Bewusstsein ist, bannt die Kümmernisse, beendet den langlebigen Traum der Welterscheinung, reinigt Gemüt und Herz und vertreibt Ängste und Missgeschick. Diese Kontemplation des Selbst ist frei von Gedankenwel- len. Es ist leicht für jemanden wie dich – es ist schwierig für jemanden wie mich. Jedoch verfügt diese Kontemplation des Selbst sozusagen über Gesinnungs- freunde, die dieser Art der Kontemplation sehr nahe kommen, und zu ihnen gehört die Kontemplation der Lebenskräfte oder von prāïa, die jemanden dazu befähigt, Sorge zu überwinden und Glück zu fördern. Diese Kontempla- tion habe ich mir zu Eigen gemacht. Diese Art der Kontemplation von prāïa hat mir Langlebigkeit und auch Selbsterkenntnis gebracht. Ich werde sie dir nun beschreiben. Hoher Herr – betrachte diesen erfreulichen Körper, der von drei Säulen (den drei Körpern oder den drei nādīs?) getragen wird, mit neun Toren aus- gestattet ist und vom Ich-Sinn beschützt wird, der acht Gemahlinnen (purya«Âaka) sowie verschiedene Verwandte (die Wurzelelemente) besitzt. Eingeschlossen in der Mitte dieses Körpers sind die subtilen īda und piÇgalā. Es gibt drei lotos-gleiche Räder. Diese Räder bestehen aus Knochen und Fleisch. Wenn der vitale Wind diese Räder befeuchtet, dann beginnen die Blumenblätter oder Umkreise dieser lotos-gleichen Räder zu vibrieren. Die vitalen Winde erweitern sich aufgrund ihrer Ausdehnung noch weiter. Auf- grund dessen beginnen diese nādīs unterhalb und oberhalb zu strahlen. Die Weisen nennen diese vitalen Winde entsprechend ihrer unterschiedlichen Funktionen mit verschiedenen Namen wie prāïa, apāna, samāna usw. Die Funktionen leiten ihre Energien wiederum vom zentralen psychischen Herz- zentrum her, das der Herzlotos ist. Die Energie, die im Herzlotos vibriert, wird prāïa genannt. Mit ihrer Hilfe sieht das Auge, die Haut fühlt, der Mund spricht, die Nahrung wird durch sie verdaut. Sie führt die verschiedenen Funktionen des Körpers aus. Sie hat zwei verschiedene Rollen, eine ober- und eine unterhalb, und wird dementspre- chend als prāïa bzw. apāïa bezeichnet. Ich binihnen ergeben, die frei von Ermüdung sind, die wie die Sonne und der Mond im Herzen scheinen, die wie die Karrenräder des Gemüts sind, welches der Wächter der Stadt genannt der Körper ist, und die die bevorzugten Pferde des Königs sind, den man den Ich- 380
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    Sinn nennt. Daich ihnen so ergeben bin, lebe ich wie im Tiefschlaf – für im- mer in gleichförmigem Bewusstsein. Wer prāïa und apāïa verehrt, wird in dieser Welt nicht wiedergeboren und ist frei von aller Bindung. BHUŚU×ÖA fuhr fort: Prāïa befindet sich ständig in Bewegung, innerhalb und außerhalb des VI.1:25 Körpers. Prāïa ist der vitale Wind, der sich im oberen Teil aufhält, während apāïa auf ähnliche Weise beständig im Innern und außerhalb des Körpers in Bewegung ist, jedoch im unteren Teil wohnt. Bitte höre dir die Erläuterung zur Praxis der Verlängerung oder Kontrolle dieser Lebenskraft an, die die Wohlfahrt desjenigen fördert, der wachend oder schlafend ist. Das Ausströmen des im Herzlotos zentralisierten vitalen Windes, welches von selbst und ohne Bemühung vonstatten geht, wird als recaka oder Ausat- men bezeichnet. Der Kontakt mit der Quelle der prāïischen Kraft, die zwölf Finger breit weiter unten ist, wird als pÆraka oder Einatmen bezeichnet. Wenn apāïa aufhört, sich zu bewegen und prāïa nicht aufsteigt und sich außerhalb des Herzens begibt (und bevor dies zu geschehen beginnt), wird es kumbhaka (die Einbehaltung wie bei einem gefüllten Topf) genannt. Man sagt, es gäbe drei Punkte für recaka, kumbhaka und pÆraka, nämlich 1) au- ßerhalb (der Nase), 2) unterhalb des Ortes, den man dvādaśānta nennt (oberhalb oder vor der Stirn in einem Bereich, der zwölf Finger breit ist), 3) die Quelle des prāïa (Herzlotos). (Hinweis: Dvādaśānta bezeichnet eine Art magnetisches Feld um den Kör- per herum von zwölf Fingerbreiten. Dieses magnetische Feld besteht eben- falls aus prāïa-apāna). Bitte lausche stets auf die natürliche und mühelose Bewegung der Lebens- kraft. Die Bewegung der vitalen Winde zwölf Finger breit vom Körper ent- fernt stellt recaka dar. Der Zustand, in dem die apāna-Kraft im dvādaśānta verbleibt wie der unfertige Topf im Töpferlehm, wird als externes kumbhaka bezeichnet. Wenn die nach außen strömenden Winde sich bis zur Nasenspitze bewegt haben, wird dies als recaka bezeichnet. Bewegen sie sich dagegen in der Breite von dvādaśānta, dann nennt man sie externes recaka. Hat die äußere Bewegung von prāïa von selbst aufgehört und ist apāna noch nicht aufgestie- gen, dann nennt man dieses externes recaka. Wenn dann jedoch apāna nach innen strömt, ohne dass innerhalb prāïa aufsteigt, dann nennt man dies internes kumbhaka. Sobald apāna in dvādaśānta aufsteigt und eine äußere Erweiterung erfährt, wird es als externes pÆraka bezeichnet. Wer diese kumbhakas kennt, wird nicht wieder geboren. Ob man geht, steht, wacht oder schläft – durch die genannten Praktiken werden diese vitalen Winde, die von Natur aus ruhelos sind, gezügelt. Dann ist derjenige, der diese kumbhakas kennt, nicht mehr der Täter seiner Hand- 381
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    lungen, ob ernun etwas tut oder isst. Er erlangt in nur wenigen Tagen den höchsten Zustand. Wer diese kumbhakas praktiziert, wird nicht mehr von externen Objekten angezogen. Diejenigen, die mit dieser Sichtweise ausge- stattet sind – seien sie nun bewegt oder unbewegt (aktiv oder inaktiv) – be- finden sich nicht länger in Bindung. Sie haben erlangt, was als einziges wert ist zu erlangen. BHUŚU×ÖA fuhr fort: Wenn durch die Hingabe an die Praxis von prāïa und apāna die Unreinhei- ten des eigenen Herzens und Gemüts vernichtet sind, dann ist man frei von der Täuschung, erlangt inneres Erwachen und ruht im eigenen Selbst auch dann, wenn man äußerlich den Tätigkeiten nachgeht, so wie sie auf einen zukommen. Hoher Herr, prāïa entsteht im Lotos des Herzens und endet in einer Distanz von zwölf Fingerbreiten außerhalb des Körpers. Apāna taucht im dvādaśānta (zwölf Fingerbreiten außerhalb des Körpers) auf und endet im Herzenslotos. Apāna entsteht, wo prāïa endet. Prāïa ist wie die Flamme – es steigt auf und hinaus. Apāna ist wie Wasser und fließt hinab in Richtung des Herzlotos. Apāna ist der Mond, der den Körper von außen beschützt. Prāïa ist wie die Sonne oder das Feuer und fördert die innere Wohlfahrt des Körpers. Prāïa erzeugt in jedem Moment das Feuer im Herzensraum und nach der Erzeu- gung dieser Hitze die Hitze vor dem Gesicht. Apāna, das der Mond ist, nährt erst den Raum vor dem Gesicht und dann den Raum im Herzen. Wenn jemand fähig ist, den Punkt zu erreichen, wo apāna sich mit prāïa vereinigt, dann gibt es für ihn kein Leid mehr und keine Wiedergeburt. Tatsächlich ist es nur prāïa, das eine Modifikation erfährt und als apāna auftritt, nachdem es seine sengende Hitze aufgegeben hat. Und dann gewinnt dasselbe prāïa, nachdem es die Kühle des Mondes abgelegt hat, seine Natur als das reinigende Feuer der Sonne. Der Weise ergründet die Natur von prāïa so lange, wie dieses nicht seine solare Natur aufgegeben hat, um die lunare anzunehmen. Wer die Wahrheit bezüglich des Auf- und Untergangs von Son- ne und Mond in seinem eigenen Herzen kennt, wird nicht wiedergeboren. Wer den höchsten Herrn, die Sonne, im eigenen Herzen sieht, sieht die Wahr- heit. Um Vollkommenheit zu erlangen, muss man nicht die äußere Dunkelheit am Kommen und Gehen hindern, sondern man muss die Dunkelheit der Un- wissenheit im Herzen zerstören. Wenn die externe Dunkelheit vergangen ist, taucht die Welt auf, aber wenn die Dunkelheit der Unwissenheit im Herzen vertrieben ist, taucht die Selbsterkenntnis auf. Daher sollte man danach stre- ben, prāïa und apāna zu beobachten, weil das Erkennen von diesen beiden die Befreiung gewährt. Apāna endet im Herzen dort, wo prāïa entsteht. Wo prāïa geboren wird, dort stirbt apāna, und wo apāna geboren wird, dort hört prāïa auf. Wenn 382
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    prāïa sich nichtmehr bewegt und apāna aufzusteigen beginnt, dann erfährt man externes kumbhaka. Einer, der hierin gefestigt ist, erfährt kein Leid mehr. Hat apāna aufgehört, sich zu bewegen, um prāïa aufsteigen zu lassen, dann erfährt man inneres kumbhaka. Wer darin gefestigt ist, erfährt ebenfalls kein Leid mehr. BHUŚU×ÖA fuhr fort: Wer kumbhaka (Zurückhaltung des Atems) praktiziert, nachdem er das prāïa auf eine Entfernung von mehr als zwölf Fingerbreiten vom Körper entfernt, also am Entstehungspunkt von apāna, ausgeatmet hat, ist nicht länger dem Kummer unterworfen. Oder wenn man in sich selbst sehen kann, wo sich das Einatmen in den Impuls zum Ausatmen verwandelt –dann wird man nicht wiedergeboren. Wer zu sehen vermag, wo apāna und prāïa ihre Bewegungen beenden und stetig in diesem Zustand des Friedens verbleibt, ist ebenfalls nicht länger dem Kummer unterworfen. Wer kühn und entschlossen den exakten Moment und den Punkt beobach- tet, an dem das prāïa vom apāna verzehrt wird, wird nie wieder trauern. Oder wer kühn und entschlossen den exakten Moment und den Punkt beo- bachtet, an dem das apāna vom prāïa verzehrt wird, dessen Gemüt wird nicht wieder aufsteigen. Nimm daher diesen Punkt und diesen Moment wahr, an dem prāïa von apāna und apāna vonprāïa außerhalb und innerhalb des Körpers verzehrt wird,. Denn in dem genauen Moment, in dem das prāïa aufhört, sich zu bewegen und apāna mit der Bewegung noch nicht begonnen hat, dort taucht ein kumbhaka auf, das mühelos ist. Die Weisen erachten dies als einen sehr bedeutsamen Zustand. Sobald es die mühelose Zurückhaltung des Atems gibt, ist der höchste Zustand erreicht. Dies ist das Selbst, dies ist reines, unendliches Bewusstsein. Wer dies erlangt, gerät nicht mehr ins Elend. Ich kontempliere dieses unendliche Bewusstsein, welches die innewohnen- de Präsenz im prāïa ist, jedoch weder prāïa noch etwas anderes ist. Ich kontempliere dieses unendliche Bewusstsein, welches die innewohnende Präsenz im apāna ist, aber weder apāna noch etwas anderes als apāna ist. Das was IST, nachdem prāïa und apāna zu sein aufgehört haben, und welches sich in der Mitte zwischen prāïa und apāna befindet –dieses unendliche Bewusst- sein kontempliere ich. Ich kontempliere dieses unendliche Bewusstsein, welches das prāïa des prāïa ist, welches das Leben des Lebens ist, welches allein verantwortlich für die Erhaltung des Körpers ist, welches das Gemüt des Gemüts ist, welches die Intelligenz im Intellekt ist und die Realität im Ich- Sinn. Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein, in dem alle Dinge sind, aus dem sie kommen, welches alles und überall ist, und welches alles in allem und ewiglich ist, welches das Reinerhaltende von allem und dessen Vision der größte Gewinn ist. Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein, in welchem prāïa aufhört, sich zu bewegen und apāna nicht aufsteigt, und welches vor (oder an der Wurzel) der Nase weilt. Ich verneige mich vor diesem Bewusst- 383
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    sein, welches dieQuelle von prāïa und apāna ist, welches die Energie in prāïa und apāna ist und die Sinnestätigkeit ermöglicht. Ich verneige mich vor diesem Bewusstsein, welches in der Tat die Essenz der internen und externen kumbhakas und das einzige Ziel der Kontemplation von prāïa ist, die Tätig- keit von prāïa bewirkt und die Ursache sämtlicher Ursachen ist. Ich nehme meine Zuflucht in diesem Höchsten Wesen. BHUŚU×ÖA fuhr fort: VI.1:26 Durch die regelmäßige und systematische Praxis des prāïāyāma wie ich es beschrieben habe, habe ich den Zustand der Reinheit erlangt und werde auch nicht vom Beben des Berges Meru (oder des Nordpoles) beunruhigt. Dieser Zustand des samādhi oder des vollkommenen Gleichmuts geht nie verloren, ob ich nun gehe oder stehe, wache, schlafe oder träume. Mit meiner Schau, die sich dem Selbst zuwendet, ruhe ich im Selbst und bin im Selbst in allen Lebensumständen, was auch immer in der Welt oder in der Umgebung statt- finden mag. So habe ich seit der Zeit der letzten kosmischen Auflösung gelebt. Ich kontempliere weder die Vergangenheit noch die Zukunft – mein Ge- wahrsein richtet sich direkt und stetig nur auf die Gegenwart. Ich tue, was ich in der Gegenwart zu tun habe, ohne dabei an Ergebnisse zu denken. Ohne mich um Dinge wie Sein oder Nicht-Sein, wünschenswert oder nicht wün- schenswert zu kümmern, verbleibe ich im Selbst. Daher bin ich immer glück- lich, gesund und frei von der Verwirrtheit. Mein Zustand ist die Frucht der Kontemplation des Moments der Vereini- gung von prāïa und apāna (nämlich wenn das Selbst enthüllt wird). Ich un- terhalte keine müßigen Ideen wie „Ich habe dies oder jenes erreicht und sollte auch noch dieses erreichen“ usw. Ich preise oder tadle niemanden (weder mich selbst noch andere) oder irgendetwas zu irgendeinem Zeit- punkt. Mein Gemüt frohlockt weder, wenn es Begehrenswertes erlangt, noch ist es betrübt, wenn es Übles erfährt – mein Zustand ist daher jederzeit glück- lich und gesund. Ich huldige der höchsten Entsagung und habe sogar dem Wunsch zu leben entsagt. Aufgrund dessen unterhält mein Gemüt keinerlei Verlangen und ist friedvoll und ausgeglichen. Ich erkenne das eine gemein- same Sein in allen Dingen (in einem Stück Holz, in einer schönen Frau, in einem Berg, einem Grashalm und in Feuer und Raum) und bin nicht beunru- higt von Gedanken wie „Was soll ich nun tun?“ oder „Was wird morgen sein?“ Ich kümmere mich weder um Gedanken an Alter oder Tod oder an das Ver- langen nach Glück, noch betrachte ich etwas als „mein“ oder „nicht mein“. Ich weiß, dass alles zu jeder Zeit und überall immer nur das eine kosmische Bewusstsein ist. Darin bestehen die Geheimnisse meines Zustandes von Glücklichsein und Gesundheit. Ich denke nicht an Dinge wie „Ich bin der Körper“, auch dann nicht, wenn ich mit physischer Tätigkeit befasst bin, denn ich weiß, dass diese Welterscheinung illusorisch ist. Ich lebe in ihr wie im Tiefschlafzustand. Weder fühle ich mich vom Erfolg noch von den Widrigkei- ten, wie sie mir gerade entgegenkommen, berührt, da ich sie mit gleicher Sichtweise betrachte (so wie ich meine beiden Arme als Arme anschaue). Was 384
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    immer ich tue,ist unbefleckt von Wünschen oder vom Schlamm des Ich- Sinns. Daher verliere ich nicht den Kopf, wenn ich mächtig bin und gehe nicht betteln, wenn ich arm bin. Ich erlaube nicht, dass Hoffnungen oder Erwartun- gen mich antasten, und ich betrachte jedes Ding, auch wenn es alt und schä- big ist, mit frischem Blick so, als wäre es gänzlich neu und unverbraucht. Ich freue mich mit den Fröhlichen und trauere mit den Bekümmerten, denn ich bin der Freund von allen. Ich weiß, dass ich niemandem gehöre und niemand zu mir gehört. Ich weiß, dass ich selbst die ganze Welt, alle Tätigkeiten darin und die ihr innewohnende Intelligenz bin. Darin besteht das Geheimnis mei- ner Langlebigkeit. VASIåèHA sprach: Daraufhin sprach ich zu BhuÓuï¬a: „Deine Lebensbeschreibung ist in der VI.1:27, 28 Tat wunderbar, oh Hoher Herr. Gesegnet sind alle, die dich zu sehen vermö- gen. Du bist selbst wie ein zweiter Schöpfer. Personen wie du sind sehr selten. In deiner Gegenwart habe ich wahrhaftig großes Verdienst angesammelt. Mögest du auf immer gesegnet sein! Gib mir nun bitte die Erlaubnis zu ge- hen.“ Oh Rāma, nachdem BhuÓuï¬a dies gehört hatte, verehrte er mich und be- gleitete mich trotz meiner Einwände ein Stück des Weges, wobei er zum Zeichen der Freundschaft meine Hand fest in der seinen hielt. Schließlich trennten wir uns, und die Trennung von Freunden ist immer ein schweres Ereignis. All dies geschah im vorherigen Zeitalter (Krta), während wir nun im Tretā-Zeitalter weilen. Dies war die Geschichte von BhuÓuï¬a, oh Rāma – praktiziere auch du den von BhuÓuï¬a beschriebenen prāïāyāma und strebe danach, so wie er zu leben. RùMA fragte: Hoher Herr, das von dir ausgehende Licht hat die dichte Fins- ternis um uns alle vertrieben. Wir sind nun spirituell erwacht, hocherfreut durch deine Worte und ruhen in unserem eigenen Selbst; wir sind sozusagen zu deinem Abbild geworden, indem wir erkannt haben, was als einziges es zu erkennen gibt. In der inspirierenden Geschichte von BhuÓuï¬a, die du uns erzählt hast, hast du einen Körper mit drei Säulen und neun Toren usw. erwähnt. Bitte teile mir mit, wie dieser entstanden ist, wie er fortbesteht und wer darin wohnt? VASIåèHA sprach: Oh Rāma, dieses als der Körper bekannte Haus wurde tatsächlich von nie- mandem erbaut! Er ist nichts als eine Erscheinung wie die zwei Monde, die von fehlsichtigen Personen gesehen werden. Der Mond ist nur einer – die Zweiheit ist eine optische Täuschung. Der Körper wird nur dann als existent erfahren, wenn die Idee eines physischen Körpers im Gemüt vorherrscht; er ist unwirklich. Da er jedoch zu existieren scheint, sobald die Vorstellung von ihm auftaucht, wird er als real und irreal angesehen. Träume sind während 385
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    des Traumzustandes realund zu anderen Zeiten irreal; Wellen im Ozean sind real, sobald sie als existierend wahrgenommen werden und zu anderen Zei- ten inexistent. Ebenso ist der Körper real, sobald er als eine reale Gegeben- heit erfahren wird. Er ist nichts als eine illusorische Erscheinung, die als real erfahren wird. Die Idee von „ich bin dieser Körper“ taucht in Bezug zu dem auf, was in Wirklichkeit nur ein Stück Fleisch und Knochen usw. ist und nur aufgrund einer mentalen Disposition erscheint. Sie ist eine Illusion – gib sie auf. Es gibt tausende von weiteren Körpern, die nur durch deine Gedankenkraft ins Le- ben gerufen worden sind. Wenn du schläfst und träumst, erfährst du in die- sem Zustand einen Körper. Wo entsteht er oder wo existiert er? In Tagträu- men fantasierst du, im Himmel zu sein usw. – wo ist dieser Körper? Sobald all dies aufgehört hat, befasst du dich mit verschiedenen Tätigkeiten und spielst die unterschiedlichsten Rollen – wo befindet sich dann der Körper, mit dem du alle diese Dinge tust? Wenn du dich selbstvergessen und hingegeben mit deinen Freunden vergnügst und dich ihrer Gesellschaft erfreust – wo befindet sich dann dieser Körper? Daher, oh Rāma, sind die Körper nur die Produkte des Gemüts – sie werden daher als gleichzeitig real und irreal betrachtet. Ihr Verhalten wird vom Gemüt festgelegt; sie sind nicht verschieden vom Gemüt. VASIåèHA fuhr fort: „Dies ist Wohlstand“, „dies ist der Körper“ und „dies ist eine Nation“ – all dieses sind nur Ideen, oh Rāma, und die Manifestationen der Energie des Gemüts – sie sind tatsächlich illusorisch. Erkenne, dass es sich hierbei um einen langdauernden Traum, eine ununterbrochene Halluzination, reines Tagträumen oder Wunschdenken handelt. Sobald du durch die Gnade Gottes oder des Selbst das innere Erwachen erfahren hast, wirst du all dies ganz klar sehen. Die Existenz einer von dir oder dem Gemüt unabhängigen Welt ist nichts als ein Taschenspielertrick des Gemüts; es ist nur das Sehen einer Vorstellung als ob es eine Substanz sei. Ich habe erwähnt, dass ich aus dem Gemüt des Schöpfers geboren worden bin – auf dieselbe Weise entsteht die Welt aus dem Gemüt in der Form einer Idee. Tatsächlich ist sogar der Schöpfer nichts anderes als eine Idee im kos- mischen Verstand. Ebenso ist auch die Welterscheinung nur eine solche Idee des Gemüts. Diese Ideen erlangen ihre Kraft im Gemüt durch wiederholtes Auftreten im Gewand scheinbarer Wahrheit. So treten sie wieder und wieder auf und erzeugen die Illusion der Welterscheinung. Wenn ein Mensch entschlossen nach der Quelle dieser Ideen sucht, erkennt er das Bewusstsein. Andernfalls erfährt er wieder und wieder diese illusori- sche Welterscheinung. Durch die kontinuierliche Unterhaltung von Ideen wie „dies ist das“, „dies ist mein“ und „dies ist meine Welt“ usw. erlangen diese die Festigkeit einer realen Substanz. Auch die scheinbare Dauerhaftigkeit der Welt ist nur eine Illusion, denn im Traumzustand wird ein sehr kurzer Mo- ment vom Träumer als ein ganzes Leben erfahren. In einer Luftspiegelung wird nur das eingebildete „Wasser“ wahrgenommen, nicht aber die Grundla- 386
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    ge der Täuschung.Auf dieselbe Weise sieht man im Zustand der Unwissenheit nur diese illusorische Welterscheinung, jedoch nicht deren Grundlage. Hat man jedoch diese Unwissenheit abgelegt, dann schwindet die illusorische Wahrnehmung. So wie ein ängstlicher Mensch sich nicht vor einem eingebil- deten Tiger fürchtet, so fürchtet sich der Weise, der diese Welt nur als eine Idee oder Einbildung erkennt, vor nichts und niemandem. Wenn man weiß, dass die Welt nur die Erscheinung des eigenen Selbst ist – vor was sollte man sich dann fürchten? Sobald die eigene Sichtweise durch Ergründung gereinigt ist, schwindet das eigene getäuschte Verständnis dieser Welt. Durch klare Wahrnehmung und klares Verständnis wird die eigene Natur gereinigt und fortan nicht wieder unrein. Worin besteht dieses rechte Ver- ständnis? Es besteht in der Erkenntnis, dass diese Welt nichts als eine Wider- spiegelung (und daher eine Erscheinung) des reinen Bewusstseins ist und somit weder real noch irreal. Geburt, Tod, Himmel, Erkenntnis und Unwis- senheit sind alles Widerspiegelungen von Bewusstsein. Ich, du, die zehn Himmelsrichtungen und all dies sind Bewusstsein – darin besteht das rechte Verständnis. Sobald es das rechte Verständnis gibt, taucht das Gemüt nicht länger auf und unter, sondern es erlangt den höchsten Frieden. Es ergeht sich nicht länger in Lob und Tadel, in Frohlocken und Niedergeschlagenheit, son- dern bleibt stets kühl und ruht in der Wahrheit. VASIåèHA fuhr fort: Wenn man erkannt hat, dass der Tod für alle unvermeidlich ist, warum soll- te man dann über den Tod von Verwandten oder das Nahen des eigenen En- des trauern? Wenn man erkennt, dass jedermann einmal in guten und dann wieder in schlechten Umständen ist – weshalb sollte man jubeln oder ver- drossen sein? Wenn man erkennt, dass die lebendigen Wesen wie Wellen auf dem Ozean erscheinen und vergehen – wo ist dann noch Raum für Klage? Was wahr ist, ist auf immer wahr (was existiert, existiert auf immer), und was irreal ist, ist auf immer irreal – wo ist da die Ursache für Kummer? Das „Ich“ ist nicht, war nicht, und wird auch niemals sein. Der Körper ist aufgrund einer mysteriösen Täuschung entstanden und hat nur den Anschein von Existenz. Worin sollte die Ursache des Kummers bestehen? Sobald das rechte Verständnis der Wahrheit da ist, nämlich dass sogar wenn der Körper real wäre, das „Ich“ etwas anderes und nur eine Widerspiegelung des unend- lichen Bewusstseins ist, gibt es keinen Kummer mehr. Daher sollte man seine Zuversicht, seine Hoffnungen und seine Bestrebun- gen nicht auf etwas heften, was irreal ist, denn solche Erwartungen sind eine Fessel. Oh Rāma, lebe in dieser Welt, ohne irgendwelche Hoffnungen zu he- gen. Was getan werden muss, muss getan werden, und was unangemessen ist, soll aufgegeben werden. Lebe glücklich und spielerisch in dieser Welt ohne das Wünschenswerte und das Unerwünschte zu erwägen. Das unendliche Bewusstsein allein existiert überall und immer. Was zu sein scheint, ist nur eine Erscheinung. Sobald diese Erscheinung als solche er- kannt worden ist, wird das, was IST, realisiert. Realisiere entweder: „Ich bin 387
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    nicht, und dieseErfahrungen gehören nicht zu mir“, oder wisse: „Ich bin al- les“. Dann wirst du frei von der trügerischen Verführung der Welterscheinung sein. Beide Haltungen sind gleichermaßen gut – nimm diejenige an, die dir zusagt. Du wirst sodann frei von Anziehung und Abstoßung sein (rāga-dve«a). Alles was in der Welt ist, am Firmament oder in den Himmeln, wird nur von dem erreicht, der die Zwillingsmächte von Anziehung und Abstoßung über- wunden hat. Was auch immer der irregeführte Mensch unternehmen mag, der sich von diesen Kräften getrieben fühlt, führt ihn unverzüglich auf das Feld der Sorgen. Wer diese Mächte nicht überwunden hat, obwohl er in den Schriften bewandert ist, ist in der Tat gleichzeitig bedauernswert und verach- tenswert. Seine Gespräche bestehen aus Sätzen wie „ich wurde von jeman- dem betrogen“ oder „ich habe Wohlstand und Vergnügen hinter mir gelassen“. Wohlstand, Verwandte und Freunde kommen und gehen – weder sucht sie der Weise, noch gibt er sie auf. Was einen Anfang und ein Ende hat, ist der Aufmerksamkeit des Weisen nicht wert. In dieser Welt erzeugt jemand etwas (wie etwa eine Tochter), und ein anderer (wie etwa der Bräutigam) erfreut sich ihrer – wer wird durch so etwas getäuscht? Oh Rāma, für dein spirituelles Erwachen erkläre ich dir wieder und wieder, dass diese Welterscheinung wie ein lang andauernder Traum ist. Wach auf – wach auf! Gewahre das Selbst, welches wie die Sonne leuchtet. In der Tat bist du bereits durch all diese nektargleichen Worte erleuchtet – du hast mit Ge- burt und Tod, Sorge, Sünde und Illusion nichts mehr zu tun. Gib alle diese Ideen auf und ruhe im Selbst. VASIåèHA, der plötzlich verstummte, weil er gewahrte, dass Rāma voll- VI.1:29 ständig im Selbst absorbiert war, nahm seinen Diskurs nach einer Pause und nach der Rückkehr Rāmas in sein normales Bewusstsein wieder auf: Oh Rāma, du bist gänzlich erwacht und hast Selbsterkenntnis erlangt. Ver- bleibe für immer in diesem erhabenen Zustand und lass dich nicht mehr in diese Welterscheinung hineinziehen. Dieses Rad der Welterscheinung (das Rad von Geburt und Tod) besitzt als seine Nabe Gedanken und Ideen. Sobald diese zum Stillstand gekommen sind, steht auch diese Welterscheinung still und hört auf. Falls jemand mit Willenskraft dieses Rad zum Stillstand bringt, dann dreht es sich so lange weiter, wie die durch Gedanken hervorgerufenen Verwirrtheiten nicht aufhören. Man sollte daher diese Nabe (die Gedanken und Ideen) abbremsen, indem man zuvor Zuflucht zur höchsten Form der Eigenbemühung nimmt, zur inneren Stärke, zur Weisheit und zum gesunden Menschenverstand. Was mit Hilfe dieser gebündelten Bemühung nicht er- reicht wird, wird auch durch keine andere Bemühung erreicht. Daher sollte jeglicher Hilferuf nach göttlicher Intervention, welche nur die Einbildung eines kindlichen Gemütes ist, abgelehnt und mit der Kraft intensiver Eigen- bemühung die Herrschaft über das Gemüt erlangt werden. Diese Welterscheinung fing mit der Gedankenkraft des Schöpfers an. Sie ist jedoch falsch. In ihr wandern diese Körper, geboren aus den natürlichen Eigenschaften der verschiedenen Elemente, umher. Folglich sollte man nie- 388
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    mals mehr dieIdee unterhalten, dass diese Körper existieren und dass Ver- gnügen und Schmerz faktische Wirklichkeiten seien. Der unwissende Mensch, der zu leiden glaubt und dessen Gesicht ständig von Tränen übergossen ist, ist schlimmer daran als ein Bildnis oder eine Statue, denn die letzteren erleiden keinen Kummer! Die Statue ist außerdem nicht der Krankheit und dem Tode unterworfen. Sie wird nur dann zerstört, wenn jemand sie willentlich zerstört, während der menschliche Körper zum Sterben verdammt ist. Wird die Statue sorgsam behandelt und beschützt, kann sie eine sehr lange Zeit in guter Verfassung bestehen. Der menschliche Leib jedoch, auch wenn er stets gut erhalten und beschützt wird, zerfällt von Tag zu Tag und verliert seine gute Verfassung. Daher ist die Statue besser als der aus Gedanken und Ideen geschaffene Körper. Wer setzt denn auf diesen menschlichen Körper alle seine Hoffnungen? Der Wachkörper ist sogar noch schlechter als der geträumte Körper. Der geträumte Körper wird durch eine kurzlebige Idee (den Traum) erzeugt und ist folglich nicht der dauernden Sorge unterworfen. Der Wachkörper jedoch ist das Ergebnis langlebiger Ideen und Konzepte und wird also für eine sehr lange Zeit von den Sorgen terrorisiert. Ob man den Körper nun für real oder irreal hält – gewiss ist, dass er das Produkt von Gedanken und Ideen ist. Da- her braucht man diesbezüglich keinerlei Kummer zu haben. Bei einer zerbrochenen Statue ist kein Leben verloren, und so geht auch beim aus Gedanken und Ideen geborenen Körper bei dessen Tod nichts verlo- ren. Es ist wie beim Verlust des zweiten Mondes, den der von der Fehlsichtig- keit Geheilte zuvor zu sehen glaubte. Das Selbst, welches unendliches Be- wusstsein ist, stirbt nicht, noch wird es irgendeinem Wandel unterzogen. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, für jemanden, der in einem Karussell sitzt, dreht sich die Welt in der entgegengesetzten Richtung, und genau so denkt der Mann, der auf dem Rad der Unwissenheit umherwirbelt, dass der Körper und die Welt sich dre- hen. Der spirituelle Held jedoch sollte all dies zurückweisen – dieser Körper ist nichts als das Produkt der Gedanken und Konzepte eines unwissenden Gemüts. Die Erzeugung der Unwissenheit geschieht fälschlicherweise. Auch wenn der Körper aktiv und alle möglichen Tätigkeiten auszuführen scheint, ist er doch unwirklich wie die Schlange, die man sich in einem Seil liegend einbildet, und die immer das Produkt der Fantasie bleibt. Was von einem leblosen Objekt getan wird, wird nicht von diesem getan. Obwohl der Körper den Anschein der Tätigkeit erweckt, tut er tatsächlich nichts. Der leblose Körper unterhält keinerlei Wunsch danach, Handlungen auszu- führen, während das Selbst (welches unendliches Bewusstsein ist), ebenfalls keine solchen Wünsche hat. Folglich gibt es in Wahrheit keinen Täter aller Handlungen, sondern es gibt nur die beobachtende Intelligenz. So wie eine Lampe an einem windstillen Ort spontan und auf selbstverständliche Weise scheint, so sollte man unter allen Lebensumständen stets als das Selbst ver- bleiben. So wie die Sonne in sich selbst ruht und ihrer eigenen, essenziellen 389
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    Natur gemäß beständigmit den Angelegenheiten von Tag und Nacht befasst ist, so sollst auch du in deinem eigenen Selbst ruhen und dich mit den Ange- legenheiten des Staates befassen. Sobald die getäuschte Wahrnehmung, dass dieser falsche Körper eine Reali- tät ist, auftaucht wie ein Gespenst, das von einem kleinen Jungen herbeifantasiert wird, entsteht gleichzeitig der Kobold namens Ich-Sinn oder Gemüt. Dieses falsche Gemüt oder Ich-Sinn beginnt dann so laut zu brüllen, dass sogar tapfere Männer, erschreckt von diesem Gebrüll, sich unverzüglich in tiefe Meditation zurückziehen. Derjenige, der dieses Gespenst im Körper namens Gemüt (oder Ich-Sinn) niederwirft, wohnt ohne jede Furcht in der Leere, die den Namen „Welt“ hat. Es ist seltsam, dass immer noch Menschen leben, die den vom illusorischen Gespenst namens Gemüt erschaffenen Körper für ihr eigenes Selbst halten. Diejenigen, die sterben, während sie sich immer noch im Griff dieses Ge- spenstes namens Gemüt befinden, bestehen nur aus Unwissenheit! Derjenige, der freiwillig in diesem Hause lebt und sich von ihm beschützt glaubt, wel- ches von dem Gespenst namens Gemüt bewohnt wird, ist selbst ein Kobold und in die Irre geführt, denn dieses Haus (der Körper) ist unbeständig und vergänglich. Daher, oh Rāma, gib die Unterwürfigkeit dem Geist namens Ich- Sinn gegenüber auf und ruhe im Selbst, ohne einen zweiten Gedanken an den Ich-Sinn zu verschwenden. Wer sich unter dem bösen Einfluss des Gespenstes namens Ich-Sinn befin- det, ist irregeführt und ohne Freund und ohne Verwandte. Eine Tat, die mit einem vom Ich-Sinn durchtränkten Geist begangen wird, ist vergiftet und führt keine andere Frucht als diejenige des Todes herbei. Der Tor, der ohne Weisheit und Mut lebt und sich mit dem Ich-Sinn verheiratet hat, ist bereits tot. Er ist wie das bereitliegende Feuerholz, welches in das Feuer mit dem Namen „Hölle“ geworfen wird. Lass dieses Gespenst namens Ich-Sinn im Körper bleiben oder ihn verlas- sen. Erlaube deinem Gemüt nicht einmal einen Blick darauf, oh Rāma! VASIåèHA fuhr fort: Sobald der Ich-Sinn, seiner Tarnungen beraubt, beiseitegelegt und von ei- ner erwachten Intelligenz aufgegeben worden ist, kann er dir nicht länger schaden. Das Selbst ist unendliches Bewusstsein. Auch wenn der Ich-Sinn im Körper wohnt– wie kann das Selbst von ihm betroffen sein? Oh Rāma – es ist unmöglich, all die Nöte zu beschreiben, die jemanden be- suchen, der unter dem Einfluss des Gemütes steht. Alle das endlose Klagen und Weinen „oh weh! ich bin tot“ oder „Hilfe, ich verbrenne!“, die man in der Welt vernimmt, ist nichts anderes als das Spiel des Ich-Sinns. Wie der alles- durchdringende Raum von nichts beschmutzt wird, so wird auch das allge- genwärtige Selbst nicht vom Ich-Sinn berührt. Was ein Mensch mit dem Körper tut, wird in Wahrheit vom Ich-Sinn mit Hil- fe der Zügel von Einatmung und Ausatmung getan. Indirekt wird das Selbst 390
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    als die Ursachevon all diesem betrachtet, so wie der unendliche Raum inso- fern verantwortlich für das Wachstum der Pflanzen gemacht werden kann, als er die Pflanzen nicht daran hindert, in den Raum hineinzuwachsen. So wie man eine Lampe als Ursache für die Sicht auf ein Objekt sieht, so wird das Selbst als verantwortlich für die Tätigkeiten von Körper, Gemüt usw., die im Lichte des Selbst stattfinden, betrachtet. Es geschieht nur aufgrund der Ener- gie des Selbst (prāïa), die beständig vibriert und überall Erregtheit schafft, dass das Gemüt mit dem Selbst verwechselt wird. Du bist das Selbst, oh Rāma, nicht das Gemüt. Was hast du mit dem Gemüt zu tun? Gib diese Täuschung auf. Der Gemüts-Kobold, der im Körper wohnt, hat nichts mit dem Selbst zu tun, gibt aber still und leise vor: „Ich bin das Selbst“. Dies wird zur Ursache von Geburt und Tod. Diese Unterstellung be- raubt dich deines Mutes und deiner Tatkraft. Gib dieses Gespenst auf, oh Rāma, und bleibe fest. Weder die Schriften noch die Verwandten und nicht einmal die Gurus oder Lehrer können einen Menschen beschützen, der gänz- lich von dem Gespenst namens Gemüt beherrscht wird. Hat dagegen jemand dieses Gespenst besiegt, dann können der Guru, die Schriften und die Ver- wandten einem solchen Menschen leicht und einfach helfen, so wie man ein Tier aus dem Schlamm ziehen kann. Diejenigen, die dieses Gespenst bezwun- gen haben, sind die guten Menschen, die dieser Welt einen Dienst erweisen. Man sollte daher sich selbst aus der Unwissenheit erheben, indem man das Gespenst namens Ich-Sinn bezwingt. Oh Rāma –wandere nicht länger in diesem Dschungel der weltlichen Existenz umher wie ein Tier in einem menschlichen Körper. Schwelge nicht im Schlamm der so genannten Fami- lienbeziehungen wegen diesem vergänglichen Körper. Der Körper wurde von jemandem geboren, er wird vom Ich-Sinn beschützt, und Freude und Sorgen werden in ihm wiederum von jemand anderem erfahren – all dies ist in der Tat ein großes Mysterium. So wie die essenzielle Natur eines Topfes und die eines Stücks Stoff nicht unterschiedlich ist, so ist die essenzielle Natur des Gemüts und des unendli- chen Bewusstseins nicht unterschiedlich. In dieser Hinsicht werde ich dir nun die Unterweisung berichten, die mir einst von Lord Śiva erteilt wurde. Die in dieser Unterweisung enthüllte Schau wird auch noch die stärkste Täuschung vernichten. *** Die Beschreibung des Höchsten Herrn VASIåèHA fuhr fort: Es gibt den Berg von Lord Śiva namens Kailāsa. Ich habe dort einige Zeit gelebt, Lord Śiva verehrt und Entsagung praktiziert. Ich war von vollkomme- 391
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    nen Weisen umgeben,mit denen ich die Wahrheit der Schriften zu erörtern pflegte. Eines Abends war ich mit der Verehrung Lord Śivas befasst. Die Atmosphä- re um mich herum war von Frieden und Stille erfüllt. Im Wald, in dem ich mich befand, war die Finsternis so dicht, dass man sie mit einem Schwert hätte durchschneiden können. Da sah ich im Wald ein großes Licht. Mit meiner äußeren Schau sah ich die- ses Licht, und mit meiner inneren Schau ergründete ich seine Natur. Ich sah, dass es Lord Śiva selbst war, der Hand in Hand mit seiner Gemahlin Pārvatī einherging. Vor ihm ging sein Reittier Nandi und machte den Weg frei für den Höchsten Herrn. Ich machte meine um mich herum versammelten Schüler auf die göttliche Gegenwart aufmerksam und begab mich dann zu der Stelle, an der sich der Höchste Herr befand. Ich verneigte mich vor dem Höchsten Herrn und verehrte ihn. Dann blieb ich lange in den Anblick der göttlichen Erscheinung versunken. Schließlich sprach Lord Śiva zu mir: „Verlaufen deine Entsagungspraktiken erfolgreich und ohne Störung? Hast du erlangen können, was wert ist zu erlangen, und haben deine inneren Ängste aufgehört?“ Als Antwort sprach ich zum Höchsten Herrn: „Allerhöchster Herr, diejeni- gen, die sich so glücklich nennen können, dir ergeben zu sein, finden nirgends Schwierigkeiten und erleben keine Furcht. Jeder in der Welt grüßt sie und wirft sich ihnen zu Füßen, die dir hingegeben sind und immer deiner geden- ken. Nur Orte, wo Menschen leben, die Dir allein und mit ganzem Herzen ergeben sind, verdienen es, als Länder, Städte, Himmelsrichtungen und Berge bezeichnet zu werden. Deiner zu gedenken ist die Frucht der in vergangenen Geburten erworbenen Verdienste und ist auch die Gewähr für noch mehr Segen in der Zukunft. Das beständige Gedenken Deiner, oh Höchster Herr, ist wie ein Gefäß, gefüllt mit Nektar und ist die immer offenstehende Tür zur Befreiung. Höchster Herr, indem ich das kostbare und strahlende Juwel Dei- nes immerwährenden Gedenkens besitze, habe ich alles Elend, das mich zukünftig in Bedrängnis versetzen könnte, unter die Füße getreten. „Höchster Herr, obwohl ich durch Deine Gnade den Zustand der Selbsterfül- lung erlangt habe, möchte ich über etwas Bestimmtes noch mehr wissen. Bitte erleuchte michWorin besteht die Verehrung des Höchsten Herrn, die alle Sünden zerstört und sämtliche segenbringenden Eigenschaften fördert?“ DER HÖCHSTE HERR sprach: Weißt du, wer „Gott“ ist? Gott ist nicht Vi«ïu, Śiva oder Brahmā, nicht der Wind, die Sonne oder der Mond, nicht der Brahmāne oder der König, nicht Ich oder du, weder Lak«mī noch das Gemüt. Gott ist ohne Form und ungeteilt (er ist nicht in den Objekten). Er ist dieser Glanz und die Pracht (devanam), die weder erzeugt wurden noch einen Anfang oder ein Ende habent. Dies ist es, was man Gott (deva) oder Lord Śiva nennt, und es ist reines Bewusstsein.. Dies allein sollte verehrt werden – dies allein ist alles. 392
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    Falls jemand nichtin der Lage ist, diesen Śiva zu verehren, dann soll er sei- ne Form verehren. Das letztere erzielt vergängliche Früchte, während das erstere unendlichen Segen bringt. Wer das Unendliche ignoriert und sich dem Endlichen ergibt, verlässt freiwillig einen Lustgarten und begibt sich in ein Dornengestrüpp. Und doch verehren manchmal auch die Weisen auf spieleri- sche Weise die Form. Nun zu den in der Verehrung verwendeten Dingen: Weisheit, Selbstkontrol- le und die Wahrnehmung des Selbst in allen Wesen gehören zum Besten, was dargebracht werden kann. Das Selbst allein ist Lord Śiva und sollte immer mit den Blumen der Weisheit verehrt werden. (Ich fragte als nächstes den Höchsten Herrn: „Bitte teile mir mit, wie diese Welt in reines Bewusstsein verwandelt wird und wie das reine Bewusstsein als der jīva und all die anderen Dinge erscheint.“ Der HÖCHSTE HERR fuhr fort:) In der Tat ist es cid-ākāśa (das unendliche Bewusstsein) allein, das als ein- ziges nach der kosmischen Auflösung noch existiert, jetzt als einziges existiert und gänzlich frei von aller Objektivität ist. Die Konzepte und Ideen, die vom Bewusstsein erleuchtet werden, erstrahlen innerhalb von diesem selbst als diese Schöpfung, und zwar aufgrund der Energiebewegungen innerhalb des Bewusstseins. Dies geschieht genau auf dieselbe Art und Weise, wie Träume im Schlaf auftauchen. Es ist völlig unmöglich, dass ein Objekt der Wahrneh- mung außerhalb des allgegenwärtigen, unendlichen Bewusstseins existiert. Alle diese Berge, diese gesamte Welt, das Firmament, das Selbst, der jīva oder die Persönlichkeit und alle Elemente dieses Universums, aus denen die Welt besteht – all dies ist nichts anderes als reines Bewusstsein. Bevor die sogenannte Schöpfung existiert und es nur dieses reine Bewusstsein gab – wo war da all dies (der Himmel usw.)? Raum (ākāśa), höchster oder unendlicher Raum (paramākāśam), absoluter Raum (brahmākāśam), die Schöpfung, das Bewusstsein – all dies sind nur Worte, die auf dasselbe verweisen, wie Syno- nyme dies tun. So wie die im Traum erfahrene Dualität illusorisch ist, so ist die in der Schöpfung der Welt beinhaltete Dualität illusorisch. So wie die Traumobjekte in der inneren Welt des Bewusstseins zu existieren und zu funktionieren scheinen, so scheinen die Objekte in der äußeren Welt des Wachzustandes zu existieren und zu funktionieren. In beiden Zuständen geschieht tatsächlich nicht das Geringste. So wie das Bewusstsein als einziges die Wirklichkeit des Traumzustandes ist, so ist Bewusstsein allein die Wirk- lichkeit des Wachzustandes. Das ist der Höchste Herr, das ist die Allerhöchste Wahrheit, das bist du, das bin Ich und das ist alles. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: VI.1:30 Die Verehrung dieses Höchsten Herrn ist die wahre Verehrung – durch die- se Verehrung erlangt man alles. Er ist ungeteilt und unteilbar, non-dual und nicht durch Tätigkeit gebildet oder erschaffen. Er wird nicht durch äußere Bemühungen erlangt. Seine Verehrung ist die Urquelle der Freude. 393
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    Die äußerliche Verehrungeiner Form wird nur für diejenigen vorgeschrie- ben, deren innere Intelligenz noch nicht erwacht ist und die noch unreif wie kleine Jungen sind. Wer keine Selbstbeherrschung usw. erlangt hat, benutzt für seine Verehrung Blumen usw. – eine solche Verehrung ist nutzlos, wie auch die Verehrung des Selbst in einer äußeren Form nutzlos ist. Und doch gewinnen solche Anhänger Befriedigung aus der Hingabe an ein von ihnen selbst geschaffenes Objekt; vielleicht ziehen sie aus dieser Art der Verehrung sogar irgendwelche wertlose Belohnungen. Ich werde dir nun die Form der Verehrung beschreiben, die für erleuchtete Menschen wie dich angemessen ist. Der Höchste Herr, der allein der Vereh- rung wert ist, erhält die gesamte Schöpfung am Leben und ist jenseits von Gedanken oder Beschreibungen und sogar jenseits von Konzepten des „Alles“ und der „allumfassenden Totalität“. Allein er wird als „Gott“ bezeichnet, der durch Zeit und Raum ungeteilt und auch unteilbar ist, dessen Licht die Objek- te erleuchtet, und der reines und absolutes Bewusstsein ist. Er ist die Intelli- genz, die jenseits all ihrer Aufteilungen ist, die in allem was ist, verborgen liegt, welche das Sein in allem Seienden ist und alles, was existiert, ihres Seins beraubt (d.h. die die Wahrheit verschleiert). Dieses Brahman ist in der Mitte von Sein und Nicht-Sein, es ist Gott, und es ist die Wahrheit, die man mit „OM“ bezeichnet. Es existiert überall wie die Essenz in der Pflanze. Dieses reine Bewusstsein, welches in dir, in mir und in sämtlichen Göttern und Göttinnen lebt, ist Gott. Oh Heiliger – sogar die mit einer Gestalt ausgestatteten Götter sind doch nichts anderes als dieses reine Bewusstsein. Das gesamte Univer- sum ist nichts als reines Bewusstsein. Das ist Gott, das „alles“ bin ich, von ihm und durch ihn wird alles erlangt. Dieser Gott ist weder fern von dir, oh Heiliger, noch schwierig zu erlangen – für immer ist er im Körper, und er ist überall wie unendlicher Raum. Er tut alles – er isst, er hält alles zusammen, er schreitet, er atmet, er kennt jedes Glied des Körpers. Er ist das Licht, in dem alle diese Glieder ihre verschiede- nen Funktionen ausführen und tätig sind. Er ist es, der im innersten des Her- zens lebt. Er transzendiert die Sinne und die fünf Organe der Wahrnehmung – deshalb kann er von diesen nicht verstanden und nicht beschrieben werden, und doch wird für den Zweck der Unterweisung auf ihn als „Bewusstsein“ hingedeutet. Obwohl er alles zu tun scheint, tut er doch in Wahrheit über- haupt nichts. Dieses Bewusstsein ist rein und auf dieselbe Weise mit den Aktivitäten der Welt befasst, wie der Frühling die Blüten der Bäume hervor- bringt. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: Irgendwo funktioniert dieses Bewusstsein als Raum, dann wiederum als der jīva, irgendwo als Tätigkeit, wiederum woanders als Substanz usw., ohne jedoch die Absicht dazu zu haben. So wie die „verschiedenen“ Ozeane nur eine einzige, unteilbare Masse Wasser sind, so ist dieses Bewusstsein, obwohl auf vielfältige Weisen beschrieben, nichts als eine einzige, kosmische Masse von Bewusstsein. Im Körper, der wie ein Lotos ist, saugt das gleiche Bewusst- 394
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    sein durch dasruhelose Gemüt Erfahrungen auf, wie Bienen den Honig ein- sammeln. Im Universum treiben alle diese verschiedenen Lebewesen ( Götter, Dämonen, Berge, Ozeane usw.) in diesem unendlichen Bewusstsein umher, so wie Wirbel und Strudel im Ozean auftauchen. Sogar das Rad der Unwissen- heit, welches das Rad von Geburt und Tod in beständiger Bewegung hält, dreht sich in diesem kosmischen Bewusstsein, dessen Energie sich in dau- erndem Fluss befindet. Es war das Bewusstsein in der Gestalt des vierarmigen Vi«ïu, welches die Dämonen vernichtete; so wie ein Gewittersturm, bewaffnet mit dem Regen- bogen, die Hitze löscht, die von der Erde aufsteigt. Es ist das Bewusstsein allein, welches die Gestalt von Śiva und Pārvatī, von Brahmā dem Schöpfer und den zahllosen anderen Wesen annimmt. Dieses Bewusstsein ist wie ein Spiegel, der innerhalb von sich selbst sozusagen eine Reflektion wahrnimmt, ohne irgendeine Modifikation zu erleiden. Ohne Modifikationen in sich selbst zu erfahren, erscheint dieses Bewusstsein als all diese zahllosen Wesen in diesem Universum. Das unendliche Bewusstsein ist wie ein Kriechgewächs – es ist übersät mit all den latenten Neigungen der zahllosen jīvas. Die Knospen dieses Gewäch- ses sind die Wünsche. Die vergangenen Schöpfungen sind die Fasern. Die fühlenden und nicht fühlenden Lebewesen sind Teile des Kriechgewächses. Das Eine erscheint als viele, wurde aber in Wahrheit niemals zu vielen. Es geschieht durch dieses unendliche Bewusstsein, dass all dies gedacht, zum Ausdruck gebracht und erledigt wird. Es ist das unendliche Bewusstsein allein, welches als die Sonne erstrahlt. Es ist das unendliche Bewusstsein, welches als die Körper auftaucht, die in Wirklichkeit leblos sind und mitei- nander mit Hilfe dieses Bewusstseins in Kontakt treten und aus diesem Kon- takt ihre verschiedenen Erfahrungen gewinnen. Dieses Bewusstsein ist wie ein Taifun, der selbst unsichtbar ist, aber in welchem Sand und Staub aufstei- gen und wie von selbst zu tanzen beginnen. Dieses Bewusstsein wirft sozusa- gen einen Schatten auf sich selbst, was dann als tamas oder Fühllosigkeit empfunden wird. In diesem Körper erzeugen die Gedanken und Ideen Tätigkeiten im Licht eben dieses Bewusstseins. Ohne dieses Bewusstsein kann kein Objekt, auch wenn es sich direkt vor einem befindet, erfahren werden. Ohne dieses Be- wusstsein kann der Körper weder arbeiten noch existieren. Er isst, wächst und verfällt. Dieses Bewusstsein erschafft und erhält sämtliche beweglichen und unbeweglichen Wesen im Universum. Das unendliche Bewusstsein allein existiert – und nichts anderes.. Es ist nur Bewusstsein, das im Bewusstsein auftaucht. VASIåèHA fuhr fort: Daraufhin fragte ich den Höchsten Herrn: „Wenn dieses Bewusstsein also allgegenwärtig ist, wie konnte es dann in dieser Welt zu etwas Leblosem und 395
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    Fühllosem werden? Wieist es möglich, dass einer, der mit Bewusstsein ge- segnet ist, dieses Bewusstsein wieder verliert?“ Der HÖCHSTE HERR spendete dieser Frage seinen Beifall und erwiderte: Das allgegenwärtige Bewusstsein, welches alles in allem ist, existiert im Körper gleichzeitig als das Wandelbare und das Unwandelbare und Unverän- derliche. So wie eine Frau träumt, sie sei eine andere Frau mit einem anderen Gemahl, so hält dasselbe Bewusstsein sich selbst für etwas anderes. So wie ein Mann sich unter dem Einfluss von unkontrollierter Wut völlig anders benimmt, so erwirbt das Bewusstsein plötzlich andere Eigenschaften und Funktionen. Stufenweise wird es dann leblos und fühllos. Bewusstsein wird zu seinem eigenen Objekt; es erzeugt Raum und dann die Luft, und danach deren Eigenschaften. Gleichzeitig bringt es in sich selbst Zeit und Raum hervor und wird dann zum jīva mit dem individualisierten, endli- chen Intellekt und Gemüt. Daraus tauchen dann die zyklische Welterschei- nung und die Ideen von „ich bin ein Unberührbarer“ usw. auf. Das unendliche Bewusstsein wird sodann selbst anscheinend leblos und gefühllos, so wie Wasser zu einem Kristall wird. Anschließend entsteht dann das getäuschte Gemüt, das Wünsche unterhält, das Opfer von Lust und Zorn wird, Wohlstand und Unglück erfährt, Schmerzen und Vergnügen erleidet, sich an Hoffnungen klammert, entsetzliche Qualen erduldet und mit Vorlieben und Abneigungen erfüllt ist, die die Täuschung weiter am Leben erhalten. Gänzlich in die Irre geführt, wandert es von Irrtum zu Irrtum, von Unwissenheit in immer größe- re Unwissenheit. In der Kindheit hängt dieses getäuschte Bewusstsein gänzlich von den Er- wachsenen ab. In der Jugend rennt es dem Wohlstand hinterher und ist von Ängsten und Sorge erfüllt. Im Alter versinkt es im Kummer, Und im Tode wird es von seinem eigenen karma geführt. In Übereinstimmung mit diesem karma wird es dann im Himmel oder in der Hölle, in den Unterwelten oder auf der Erde als Mensch, als Tier oder als unbeseeltes Wesen wiedergeboren. Dassel- be Bewusstsein erscheint als Vi«ïu, Śiva, Brahmā und andere. Es ist dasselbe Bewusstsein, welches als die Sonne, der Mond, der Wind und die Faktoren wirkt, welche die Veränderung der Jahreszeiten und von Tag und Nacht ver- ursachen. Es ist dasselbe Bewusstsein, welches die Lebenskraft in den Samen und die Beschaffenheit aller materiellen Substanzen hervorruft. Dieses Be- wusstsein, welches durch die Selbstbegrenzung konditioniert ist, fürchtet sich sogar vor sich selbst! Das ist die Wahrheit betreffend das jīva- Bewusstsein. Es ist auch als karma-ātmā bekannt (d.h. das Selbst, welches im Rad von Aktion und Reaktion gefangen ist). Sei der Macht der Unwissenheit und der Unbeseeltheit gewahr! Durch blo- ßes Vergessen seiner eigenen, wahren Natur ist das Bewusstsein großen Nöten und Sorgen ausgesetzt und erlebt einen erbärmlichen Sturz. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: VI.1:31 396
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    Das Bewusstsein denkt(empfindet oder stellt sich vor) fälschlicherweise „ich bin unglücklich“ –gleich wie ein Geisteskranker denkt, dass er elend ist. So wie aufgrund von verzerrtem Verständnis jemand laut weint und klagt: „Oh weh, ich bin tot!“, obwohl er nicht tot ist, oder wie jemand, der nicht verloren ist, schreit: „Hilfe, ich bin verloren!“ – so stellt sich das Bewusstsein fälschlicherweise sein eigenes Elend und seine Begrenztheit vor. Einbildun- gen dieser Art sind unsinnig und unbegründet. Aufgrund der falschen Ideen- bildung des Ich-Sinns hält das Bewusstsein die Welterscheinung für real. Es ist einzig das Gemüt, welches die Wurzelursache des Erfahrens ist und die Welt für etwas Reales hält. Tatsächlich kann dies jedoch nicht als eine Ursa- che betrachtet werden, da das Gemüt nichts anderes als reines Bewusstsein sein kann. Sobald folglich erkannt wird, dass das wahrnehmende Gemüt selbst irreal ist, muss natürlich auch die von ihm wahrgenommene Welt irreal sein. So wie es in einem Felsen kein Öl gibt, so existiert im reinen Bewusstsein nicht die Teilung in Seher, Sehen und Gesehenes, in Täter, Tun und Tat oder Kenner, Kennen und Gekanntes. Ähnlich dazu ist die Unterscheidung zwi- schen „ich“ und „du“ reine Einbildung. Alle Unterscheidung zwischen dem Einen und dem Vielen ist rein verbal. All dies existiert überhaupt nicht – ebenso wenig, wie die Finsternis nicht in der Sonne existieren kann. Gegen- sätze wie Substanz und Nicht-Substanz, Leere und Nicht-Leere sind reine Konzepte. Im Zuge der Selbst-Ergründung verschwinden sie alle – nur reines Bewusstsein verbleibt. Bewusstsein wird in Wirklichkeit weder einem Wandel unterzogen noch wird es unrein. Diese Unreinheit selbst ist nur eingebildet – es ist diese Ein- bildung selbst, die die Unreinheit ist. Sobald dies realisiert wird, wird die Einbildung fallen gelassen und die vermeintliche Unreinheit hört auf. Jedoch kann selbst noch in denjenigen, die dies realisiert haben, erneut Unreinheit auftauchen; dies geschieht so lange, wie diese Einbildung nicht entschlossen zurückgewiesen wird. Mit Hilfe der Eigenbemühung kann dies leicht erreicht werden –wenn man einen Strohhalm fallenlassen kann, dann kann man mit derselben Leichtigkeit die drei Welten fallenlassen! Was könnte denn nicht durch Eigenbemühung erreicht werden? Dieses unendliche Bewusstsein, welches unverändert und nicht-dual ist, kann mit Hilfe des einen selbstleuchtenden inneren Lichtes erkannt werden. Es ist rein und ewiglich, es ist allgegenwärtig und frei vom Gemüt, es ist unve- ränderbar und unbefleckt, es ist in allen Objekten. Es ist in der Tat das unbe- wegliche Bewusstsein, welches wie ein Zeuge von allem existiert, so wie ein Licht leuchtet, aber das Leuchten nicht sein Tun ist. Obwohl es rein ist, er- scheint das Bewusstsein als befleckt; in der trägen Materie ist es die nicht- träge Energie. Es ist allgegenwärtig, ohne dabei durch die Partikel, die das Weltall konstituieren, aufgeteilt zu werden. Dieses unendliche Bewusstsein, welches ohne alle Konzepte und extrem subtil ist, kennt sich selbst. In seiner Selbst-Vergessenheit unterhält dieses 397
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    Bewusstsein dann Gedankenund macht Erfahrungen, obwohl all dieses nur aufgrund seiner wahren Natur als unendliches Bewusstsein möglich ist – so wie jemand, der schläft, gleichzeitig im Innern wach ist! Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: Durch Identifikation mit seinen eigenen Objekten scheint sich das Bewusst- sein selbst auf den Zustand des Denkens oder Besorgtseins zu reduzieren, so wie unreines Gold wie Kupfer aussieht, solange es noch nicht gereinigt ist und als Gold glänzt. Durch Selbstvergessenheit seitens des unendlichen Bewusst- seins entsteht das Konzept des Universums, welches wiederum als irreal erkannt wird, sobald es Selbsterkenntnis gibt. Sobald Bewusstsein sich in sich selbst seiner selbst bewusst wird, taucht der Ich-Sinn auf. Nur ein kleiner Anstoß ist erforderlich, und dieser Ich-Sinn (der in Wahrheit nichts anderes als Bewusstsein ist) stürzt zu Boden, so wie ein Felsen den Berghang hinabstürzt. Und selbst dann ist es Bewusstsein allein, das die Wirklichkeit in allen Formen und in allen Erfahrungen ist. Die Bewegungen der vitalen Winde lassen eine innere Schau und ein anscheinend im Außen befindliches Objekt entstehen. Aber auch das Erfahren der Schau (des Sehvorgangs) ist nichts als das reine (höchste) Bewusstsein! Die an- scheinend unbeseelten vitalen Winde, die das Berührungsempfinden hervor- rufen, kommen mit ihrem Objekt in Kontakt, und daraufhin entsteht das Empfinden von Berührung. Jedoch auch das Gewahrsein der Berührungsemp- findung ist nichts als reines Bewusstsein. Auf dieselbe Weise ist es der vitale Wind (prāïa), der die Nase zum Riechen der Gerüche befähigt, die wiederum Modifikationen derselben Energie sind, während das Gewahrsein des Ge- ruchs reines Bewusstsein ist. Wäre das Gemüt nicht mit dem Gehörsinn ver- bunden, wäre Hören nicht möglich. Alles dies ist nichts als reines Bewusst- sein – darin besteht die Erfahrung des Hörens. Die Handlungen entspringen dem Denken, das Denken ist die Funktion des Gemüts, das Gemüt ist konditioniertes Bewusstsein, aber Bewusstsein selbst ist unkonditioniert! Das Universum ist nur eine Widerspiegelung im Be- wusstsein (wie die in einer Kristallkugel widerspiegelte Umgebung), wäh- rend Bewusstsein selbst nicht durch die Widerspiegelung konditioniert wird. Der jīva ist das Vehikel des Bewusstseins, der Ich-Sinn das Vehikel des jīva, die Intelligenz das des Ich-Sinns, das Gemüt das der Intelligenz, das prāïa das des Gemüts, die Sinne das des prāïa, der Körper das der Sinne, und die Be- wegung ist das Vehikel des Körpers. Diese Bewegung ist das karma. Da das prāïa das Vehikel des Gemüts ist, geht das Gemüt dahin, wohin es das prāïa führt. Wird das Gemüt jedoch in das spirituelle Herz eingetaucht, dann be- wegt sich das prāïa nicht mehr. Und wenn sich das prāïa nicht bewegt, dann erlangt das Gemüt den Zustand der Stillheit. Wohin das prāïa geht, dahin folgt ihm das Gemüt – so wie der Reisende seinem Fahrzeug folgt. Die Widerspiegelung des Bewusstseins innerhalb von sich selbst wird purya«Âaka genannt. Nur das Gemüt ist purya«Âaka, obwohl manche Leute es 398
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    ausgiebig und weitgehenderbeschrieben haben (nämlich zusammengesetzt aus den fünf Elementen, dem inneren Organ [Gemüt, buddhi, Ich-Sinn und citta], prāïa, den Tätigkeitsorganen, den Sinnen, der Unwissenheit, dem Wunsch und karma oder der Tätigkeit). Genannt wird dies auch das liÇga- śarīra, der subtile Körper. Da all dies im Bewusstseinerscheint, darin existiert und sich darin wieder auflöst, ist Bewusstsein allein die zugrundeliegende Realität. Der HÖCHSTE HERR sprach: VI.1:32 Ausser dem Gemüt und prāïa ist der Körper eine leblose Masse. So wie sich ein kleines Stück Eisen in der Nähe eines Magneten bewegt, so bewegt sich der jīva in der Gegenwart des Bewusstseins, welches unendlich und allge- genwärtig ist. Der Körper ist leblos und abhängig – es ist das Bewusstsein, welches ihn funktionieren lässt und sich dabei für etwas Ähnliches wie die vitalen Winde (prāïa) hält. Daher ist es das karma-Selbst oder das aktive Selbst (karmātmā), welches den Körper in Bewegung versetzt. Es ist jedoch das höchste Selbst, welches Gemüt und prāïaals die Beweger des Lebens im Körper bestimmt hat. Es ist das Bewusstsein selbst, welches die Unbeseeltheit mimt und das Gemüt als jīva steuert. Sobald diese Begrenzung einmal vorhanden und wirksam ist, folgen weitere Konsequenzen, zu denen beispielsweise die physischen und mentalen Krank- heiten gehören! Es ist wie bei den Wellen, die auf der Oberfläche des Meeres erscheinen und dann weitere Wellen und Strudel entstehen lassen. Das Be- wusstsein als jīva wird abhängig, da es die Selbsterkenntnis als Bewusstsein aufgegeben hat. Unter einem dichten Schleier der Unwissenheit sein Unwe- sen treibend, ist es närrischerweise unfähig, den Schaden zu ermessen, den es über sich selbst bringt – so wie ein Trunkenbold mit einem Schwert her- umfuchtelt und dabei das eigene Bein verwundet. Jedoch wie der Trunken- bold bald wieder nüchtern werden kann, so kann auch das Bewusstsein schon bald die Selbsterkenntnis zurückgewinnen. Sobald das Gemüt seiner Stützen beraubt ist, bleibt es allein im Selbst zu- rück. Sobald purya«Âaka (der subtile Körper) ohne all seine Stützen ist, er- langt es den Zustand der Stillheit und fällt bewegungslos. Wenn das Bewusst- sein aufgrund der Objektifizierung irregeführt wird, werden die latenten psychologischen Tendenzen aktiv. Indem sich das Bewusstsein mit diesen identifiziert, vergisst es seine eigene, essenzielle Natur. Wenn sich der Lotos des Herzens entfaltet, beginnt das purya«Âaka zu arbei- ten – faltet sich dieser Lotos wieder zusammen, dann hört das purya«Âaka auf zu arbeiten. Solange das purya«Âaka im Körper arbeitet, lebt der Körper; hört es zu arbeiten auf, dann stirbt der Körper. Dieses Aufhören kann auch durch einen gewissen inneren Konflikt zwischen den Unreinheiten und dem inne- ren Erwachen verursacht sein. Sobald das eigene Herz nur von reinen vāsanās oder Neigungen erfüllt ist, hören alle Konflikte auf, und es gibt da Harmonie, Befreiung und Langlebigkeit. Wenn das purya«Âaka andererseits 399
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    zu arbeiten aufhört,dann stirbt der physische Körper. Der subtile Leib sucht sich nun in Übereinstimmung mit seinen verborgenen vāsanās einen anderen Körper. Aufgrund dieser vāsanās versucht das purya«Âaka gewaltsam neue Verbindungen mit dem neuen subtilen Körper zu schaffen und vergisst dabei seine Natur als reines Bewusstsein. Da Bewusstsein jedoch unendlich und allgegenwärtig ist, wandert das Gemüt, welches das purya«Âaka steuert, über- all frei umher. So werden dann vom jīva die Körper angenommen und wieder aufgegeben wie die Bäume neue Triebe sprießen lassen und alte abstoßen. Weise Menschen halten sich mit diesen Wandelerscheinungen nicht auf. Als Erwiderung auf Vasi«Âhas Fragen: (a) Wie erscheint im unendlichen VI.1:33 Bewusstsein die Dualität und (b) wie kann diese Dualität, die in Äonen der Bestätigung gewachsen ist, aufhören, fährt der HÖCHSTE HERR wie folgt fort: Da das allgegenwärtige, unendliche Bewusstsein allein und immer gegen- wärtig ist, ist die Vielfalt (Dualität) widersinnig und als solche unmöglich. Das Konzept des Einen taucht auf, sobald das Konzept der Zwei auftaucht und umgekehrt – wenn die Vielfalt als aus Bewusstsein bestehend erkannt wird, dann ist die Vielfalt auch nur das und nichts anderes! In ihrer Essenz sind Ursache und Wirkung ein und dasselbe. Diese Essenz ist unteilbar. Bewusst- sein als sein eigenes Objekt ist stets nur Bewusstsein – die Vorstellungen von Modifikationen darin sind nur nichtige Ideen (zu sagen: Es gibt Wellen AUF der Oberfläche des Ozeans, ist dasselbe wie zu sagen: „Berge aus Wasser schwimmen auf der Oberfläche des Ozeans“. Sind denn die Wellen außerhalb des Ozeans?). Nur Bewusstsein allein ist „dies“, „das“, und „in der Mitte“ (d.h., der Faktor, der die Modifikation wahrnimmt). Es ist das eine unendliche Bewusstsein, welches verschiedentlich als Brahman, Wahrheit, Gott, Śiva, Leere, Eines und Höchstes Selbst bezeichnet wird. Was jenseits all dieser Formen und Zustände des Bewusstseins ist, was das Höchste Selbst ist, was durch das reine „Ich“ bezeichnet wird – dies kann durch Worte nicht beschrieben werden. Das, was hier wahrgenommen wird, ist in sich selbst unteilbar. Wenn dieses Bewusstsein sich selbst mit einer zweiten Schau ausstattet, dann nimmt es Dualität wahr. Gebunden wird es durch seine eigene, aus Unwissenheit entstandene Einbildung. Diese Einbil- dung lässt wiederum die Substantialität von allem entstehen, und die Erfah- rung der Objekte scheint dann die Realität dieser Objekte zu bestätigen. An- schließend erlangt der Ich-Sinn seine scheinbare Gültigkeit und ist festge- gründet, indem er die Rolle des Täters aller Handlungen und des Erfahrenden aller Erfahrungen übernimmt. Was also zu Anfang ein zufälliges Zusammen- treffen war, wird sehr schnell zu einer anscheinend feststehenden Tatsache. Der Glaube an einen Kobold erschafft ihn. Der Glaube an die Dualität (Viel- falt) erschafft sie. Sobald das nicht-duale Sein erkannt wird, verschwindet die Dualität. Der Glaube (oder die Einbildung) lässt die Vielfalt entstehen – wird dieser Glaube aufgegeben, dann verschwindet auch die Vielfalt. Denken, Ein- bildung und Glauben lassen den Kummer entstehen – diese Art des Denkens aufzugeben ist nicht schmerzhaft sein! Es ist das ständige Unterhalten all 400
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    dieser Gedanken undGlaubensvorstellungen, das den Kummer erzeugt – all dieses gelangt an sein Ende, wenn diese Gedanken und Glaubensvorstellun- gen aufgegeben werden. Wo liegt da die Schwierigkeit ? Sämtliche Gedanken und Glaubensvorstellungen führen zum Leiden, während das Nicht-Denken und der Nicht-Glaube reine Seligkeit bedeuten. Mit dem Feuer der Weisheit lass deshalb die Wasser deiner Glaubensvorstellungen sich in Dampf auflö- sen, und erlange Frieden und höchsten Segen. Gewahre das eine unendliche Bewusstsein. Nur so lange der König die Tatsache vergisst: „Ich bin der König“, lebt er im Elend. Sobald er diese Erkenntnis wiedererlangt, schwindet diese Sorge. So wie der Himmel nach der Regenzeit und am Anfang des Winters keine Wol- ken mehr bilden kann, um sich zu verhüllen, so sind die Wolken der Unwis- senheit für immer gebannt, wenn das unendliche Bewusstsein realisiert wird. Der HÖCHSTE HERR sprach: VI.1:34 Das Universum existiert sowohl wirklich als auch unwirklich. Das Göttliche, frei von aller Dualität, vereinigt, transzendiert und ist beides. Das manifeste Bewusstsein ist das Universum und das unmanifestierte Bewusstsein ist Bewusstsein. Durch die Idee „Ich bin dies“ wird das Bewusstsein gebunden; durch seine Selbsterkenntnis wird es befreit. Die Objektifizierung (oder Kon- zeptualisierung) führt zur Selbst-Vergessenheit. Und doch ist das Bewusst- sein sogar im Zustand der Vielfalt und Aktivität stets ungeteilt. Denn es ist immer nur das höchste, friedvolle Brahman, welches sich durch die Instru- mente des Gemüts und seiner drei Modi (sātva, rajas und tamas oder Wachen, Träumen und Schlafen) als Universum zu manifestieren scheint. Wird jedoch das Gemüt durch das Gemüt zerstört, dann ist der Schleier zer- rissen und die Wahrheit des Welt-Theaters wird gesehen – die Idee der Welt- erscheinung und der Existenz eines jīva ist vernichtet. Das Gemüt wird dann klar, denn es gibt das beständige Wiederbeleben all seiner Ideen einer objek- tiven Existenz von Dingen auf. Dieser Zustand wird als „paśyanti“ bezeichnet. In diesem Zustand hat das rein gewordene Gemüt seine Neigung aufgegeben, die Bilder von Objekten heraufzubeschwören. Es erlangt einen Zustand wie im Tiefschlaf oder das Bewusstsein der Gleichförmigkeit und transzendiert die Möglichkeit einer Wiedergeburt. Es ruht im höchsten Frieden. Dies ist der erste Zustand. Nun höre dir die Beschreibung des zweiten Zustandes an. Bewusstsein oh- ne Gemüt ist all-erleuchtet, ohne Finsternis und schön wie Raum. Das unend- liche Bewusstsein befreit sich selbst gänzlich von allen Modifikationen oder Dualität und verbleibt wie im Tiefschlaf oder wie eine Figur in einem unbe- hauenen Marmorblock. Es gibt alle Vorstellungen von Zeit und Raum auf und transzendiert Unbeseeltheit und Beseeltheit – es verbleibt als reines Sein jenseits jeder Ausdrucksmöglichkeit. Es transzendiert die drei Zustände des Bewusstseins und verbleibt als der vierte oder als der Zustand des ungeteil- ten unendlichen Bewusstseins. 401
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    Nun höre dieBeschreibung des dritten Zustands. Dieser befindet sich sogar noch jenseits von Begriffen wie „Brahman“, „das Selbst“ usw. Manchmal nennt man ihn turīya-atīta (jenseits des vierten oder turiya-Zustandes). Er ist der höchste und letztgültige. Er widersetzt sich jeder Beschreibung, denn er befindet sich jenseits der Praktiken, die von denjenigen, die sieunternehmen, beschrieben werden. Oh Weiser – verbleibe für immer in diesem dritten Zustand. Dieser stellt die wahre Verehrung des Höchsten Herrn dar. Dann wirst du in dem verankert sein, was sich jenseits von dem befindet, was ist und nicht ist. Nichts wurde erschaffen, und es gibt nichts, was jemals verschwinden könnte. Dieser Zu- stand ist jenseits des Einen und der Zwei. Er ist das Ewige, aber jenseits des Ewigen und Vergänglichen - er ist eine einzige, reine Masse von Bewusstsein. Es gibt darin keine Frage der Vielfalt. Er ist das Alles, er ist erhabenes Gesegnetsein und Frieden, er befindet sich jenseits jeder Ausdrucksmöglich- keit. Es ist das reine OM. Es ist transzendent. Es ist das Höchste. (VùLMýKI sprach: „Nachdem er so gesprochen hatte, verblieb Lord Śiva für einige Zeit in stiller und tiefer Kontemplation.“) *** Deva PÆjā Nachdem er einige Zeit in sich selbst vertieft blieb, öffnete der HÖCHSTE VI.1:35 HERR die Augen und fuhr fort: Oh Weiser, gib die Gewohnheit auf, mit deinem Verstand Objekte wahrzu- nehmen. Diejenigen, die Dieses (das Selbst) realisiert haben, haben gesehen was wert ist, gesehen zu werden. Was gäbe es darüber hinaus noch zu sehen oder nicht zu sehen? Gewahre das Selbst. Sei ein Schwert, welches trennt, was als Frieden und Ruhelosigkeit betrachtet wird. Oder schenke mir noch einen kleinen Teil deiner nach außen gerichteten Aufmerksamkeit, denn durch bloßes Ruhigbleiben wird nichts gewonnen! Dieser Körper wird durch die Lebenskraft oder prāïa am Leben erhalten und in Tätigkeit versetzt. Die Energie, die den Körper bewegt, ist prāïa. Die Intelligenz, die durch alles ihre Erfahrungen macht, ist Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist formlos und reiner als der Himmel. Wenn die Beziehung zwischen der Lebenskraft und dem Körper aufgehoben wird, wird nur die Lebenskraft vom Körper getrennt. Das Bewusstsein, welches reiner als Raum ist, verdirbt nicht. 402
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    Ein reiner Spiegelreflektiert das, was sich vor ihm befindet. Aber die Spie- gelung wird nicht gesehen, wenn der Spiegel mit Staub bedeckt ist. Auf die- selbe Weise spiegelt die Intelligenz die Objekte nicht mehr, sobald das prāïa den Körper verlassen hat, obwohl dieser noch sichtbar ist. Das Bewusstsein ist zwar unendlich und allgegenwärtig, aber es ist fähig, der Bewegungen von Gemüt und Körper gewahr zu werden. Sobald dieser Defekt der Objektivierung (Konzeptualisierung) beseitigt ist, scheint es als das höchste Sein. Es selbst ist der Schöpfer Brahmā, Vi«ïu, Śiva, Indra, die Sonne, der Mond und der höchste Herr. Manche dieser Gottheiten wie etwa Brahmā, Vi«ïu und Śiva, lassen sich von der kosmischen Illusion nicht täu- schen. Sie sind Teile des unendlichen Bewusstseins – sie teilen seine wahre Natur so, wie rotglühendes Eisen die Natur des Feuers teilt. Jedoch wurde in Wirklichkeit keiner von diesen vom unendlichen Bewusstsein erschaffen, und keiner existiert getrennt von diesem. Sie sind nichts als bloße Ideen – einige Vorstellungen sind dichter, solider als andere. Es ist unmöglich, das Ausmaß der Ideen zu beschreiben, die in der Unwissenheit aufgestiegen sind. Man könnte sagen, dass das höchste Sein (das unendliche Bewusstsein) der Vater von Brahmā, Vi«ïu, Śiva und all den anderen ist. Es ist dies aber nur eine Redensart. Nur dieses unendliche Bewusstsein soll verehrt und bewun- dert werden. Es ist jedoch sinnlos, es zum Zweck der Verehrung herbeizuru- fen; Mantras sind ohne Nutzen für seine Anbetung denn es ist unmittelbar (das eigene Selbst und näher als das nächste). Es muss nicht eingeladen wer- den. Es ist das allgegenwärtige Selbst von allem. Die Verwirklichung dieses unendlichen Bewusstseins allein (welche gänzlich mühelos ist) ist die beste Form der Verehrung. Der HÖCHSTE HERR sprach: VI.1:36 Man sagt daher, dass Lord Rudra die reine, spontane Selbsterfahrung und das in allen Substanzen wohnende eine Bewusstsein ist. Es ist der Same aller Samen, die Essenz dieser Welterscheinung, die größte aller Taten. Es ist die Ursache aller Ursachen und die Essenz in allen Wesen, obwohl es tatsächlich weder etwas tut, noch den Gedanken des Seins enthält und daher nicht be- griffen werden kann. Es ist das Gewahrsein in allem, was fühlend ist; es kennt sich selbst als sein eigenes Objekt. Es ist sein eigenes höchstes Objekt und der unendlichen Vielfalt in sich selbst gewahr. Es ist das Bewusstsein in allen Erfahrungen, aber rein und unkonditioniert. Es ist die absolute Wahrheit und daher nicht die Wahrheit in Form eines Konzeptes. Es wird durch die Definitionen von Wahrheit oder Falschheit nicht begrenzt. Es ist in Wirklichkeit das Ende der höchsten Wahrheit oder die uranfängliche Wirklichkeit. Es ist reines, absolutes Bewusstsein und nichts anderes. Und doch wird es durch Wünsche oder den Hang nach Vergnügen ver- fälscht. Es wird selbst der Erfahrende des Vergnügens, die Erfahrung des Vergnügens und die dadurch verursachte Unreinheit oder Befleckung. Ob- 403
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    gleich es wieder Himmel ist, unkonditioniert und ungeteilt, wird es schnell begrenzt und konditioniert. In diesem unendlichen Bewusstsein hat es schon Millionen von Spiegelungen gegeben, die man Welterscheinung nennt, und es wird auch ferner Millionen weiterer Spiegelungen geben, die man Welter- scheinung nennt. Und doch ist niemals etwas unabhängig von diesem unend- lichen Bewusstsein ins Sein getreten – Licht und Feuer scheinen aus dem Feuer zu kommen, aber sie sind vom Feuer nicht unabhängig. Dieses unendliche Bewusstsein kann mit dem letztendlichen subatomaren Partikel verglichen werden, das in seinem Innersten die allergrößten Berge verbirgt. Es umfasst die Zeitspanne all der zahllosen Epochen und lässt doch nicht eine einzige Sekunde der Zeit fallen. Es ist subtiler als die Spitze eines einzelnen Haares und durchdringt doch das ganze Universum. Niemand hat jemals seine Grenzen oder sein Ende gesehen. Es tut nichts und stattet doch das gesamte Universum mit seinen Reichtü- mern aus. Obwohl es den gesamten Kosmos am Leben erhält, tut es nicht das VI.1:37 Geringste. Obwohl sämtliche Substanzen nicht von ihm verschieden sind, ist es selbst keine Substanz; obwohl es nicht-substanziell ist, durchdringt es alle Substanzen. Der Kosmos ist sein Körper, obwohl es keinen Körper hat. Es ist das ewige „jetzt“, aber auch das „morgen“ (der Morgen). Oft geschieht es, dass anscheinend bedeutungslose Klänge eine Bedeutung erlangen und in der Kommunikation mit anderen Wesen als inhaltsvoll betrachtet werden – auf dieselbe Weise ist dieses unendliche Bewusstsein und ist doch nicht. Es ist sogar das, was es nicht ist. Alle diese Aussagen darüber, was ist und nicht ist, gründen auf der Logik, während das unendliche Bewusstsein selbst jenseits von Wahrheit und jenseits von Logik ist. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: Dieses unendliche Bewusstsein lässt den Keimling mit Hilfe von Erde, Was- ser, Zeit usw. sprießen und zu Nahrung werden . Es lässt die Blumen erblühen und ermöglicht der Nase, die verschiedenen Düfte zu riechen. Auf dieselbe Weise ist es fähig, die Substanzen der Welt wie auch die dazugehörigen Sin- nesorgane zu erschaffen und am Leben zu erhalten, indem es sich dazu der Unterstützung der geeigneten Mittel bedient, die durch dasselbe Bewusstsein ins Dasein gerufen werden. Die Energie dieses Bewusstseins ist fähig, den gesamten Kosmos zu erschaffen und anschließend, durch bloße Erzeugung der Idee „dies alles ist nicht“, in einen Zustand reiner Leere zu reduzieren. Diese scheinbare Schöpfung ist nichts als die Reflektion des Bewusstseins innerhalb von sich selbst, welches scheinbar im Verlaufe der Zeit einen eige- nen Körper angenommen hat. Die Trinität ist die Manifestation und auch die kosmische Macht oder Energie, welche festgelegt : „So soll es sein, und es soll nicht anders sein.“ Und doch hat das Bewusstsein nichts erschaffen – es ist wie eine Lampe, die den Raum erleuchtet, in dem Handlungen stattfinden. VASIåèHA fragte: Höchster Herr, worin bestehen die Energien dieses Śiva (Bewusstseins) und deren Kräfte und Aktivitäten? 404
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    Der HÖCHSTE HERRerwiderte: Das höchste Sein ist formlos, und doch verfügt es über die folgenden fünf Aspekte: Wille, Raum, Zeit, Ordnung (oder Schicksal) und die kosmische, unmanifestierte Natur. Es verfügt über zahllose Kräfte oder Energien oder Potenzen. Die wichtigsten unter ihnen sind Erkenntnis, Dynamik, Tätigkeit und Nicht-Tätigkeit. All diese sind reines Bewusstsein. Weil sie die Potenzen des Bewusstseins genannt werden, sieht es so aus, als wären sie verschieden vom Bewusstsein, obwohl sie es tatsächlich nicht sind. Die gesamte Schöpfung ist wie eine Bühne, auf der all diese Potenzen des Bewusstseins zur Melodie der Zeit tanzen. Die herausragende unter diesen ist diejenige, die „Ordnung“ (d.h. die natürliche Ordnung der Dinge und deren Abfolge) heißt. Sie wird auch als Tätigkeit, Wunsch oder Wille zum Handeln, Zeit usw. bezeichnet. Diese Potenz legt die spezifischen Eigenschaften jedes Dinges fest, vom Grashalm bis zum Schöpfer Brahmā. Diese natürliche Ord- nung ist frei von Aufregung, jedoch nicht von ihrer Begrenztheit gereinigt – sie (d.h. die natürliche Ordnung) tanzt das Tanzdrama namens Welterschei- nung. Sie zeigt die verschiedenen Stimmungen (Leidenschaft, Zorn usw.) und bringt die verschiedenen Jahreszeiten und Epochen hervor und zieht sie wieder zurück; sie wird von himmlischer Musik und dem Tosen der Ozeane begleitet; ihre Bühne wird von Sonne, Mond und Sternen beleuchtet; ihre Schauspieler und Schauspielerinnen sind die lebendigen Wesen aller Welten – darin besteht dieser Tanz der natürlichen Ordnung. Der Höchste Herr, der das unendliche, kosmische Bewusstsein ist, ist der stille, aber wache Zeuge dieses kosmischen Tanzes. Er ist nicht verschieden vom Tänzer (der kosmi- schen, natürlichen Ordnung) und dem Tanz (den Ereignissen). Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: VI.1:38 So ist er, der Höchste Herr, der für die Heiligen das beständige Ziel und Ob- jekt der Verehrung ist. Er ist es in der Tat, der von den weisen Menschen auf die vielfältigste Art und Weise und in verschiedenen Formen wie beispiels- weise Śiva, Vi«ïu usw. verehrt wird. Höre nun, auf welche Weise er verehrt werden soll: Als erstes sollte man die Körper-Idee (d.h. die Idee: „Ich bin dieser Körper“) aufgeben. Nur die Meditation ist die wahre Verehrung. Folglich sollte man beständig durch Meditation den Höchsten Herrn der drei Welten verehren. Wie sollte man diese Kontemplation ausführen? Er ist reine Intelligenz, Er ist strahlend wie hunderttausend Sonnen, die gleichzeitig aufgehen. Er ist das Licht, welches alle Lichter erleuchtet, Er ist das innere Licht, der grenzenlose Raum ist Seine Kehle, das Firmament ist Sein Fuß, die Himmelsrichtungen sind Seine Arme, die Welten sind die Waffen, die Er in seinen Händen hält, das gesamte Universum liegt in Seinem Herzen verborgen, die Götter sind die Haare Seines Körpers, die kosmischen Potenzen sind die Energien in Seinem Körper, die Zeit ist Sein Torwächter, und Er verfügt über Tausende von Köp- fen, Augen, Ohren und Armen. Er berührt alles, Er schmeckt alles, Er hört 405
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    alles, Er denktdurch alle, obgleich Er jenseits des Denkens ist. Er tut alles zu allen Zeiten , Er gewährt das, was man denkt oder wünscht , Er wohnt in allem, Er ist Alles, Er allein wird von allen gesucht. So sollte man über ihn kontemplieren. Dieser Höchste Herr soll nicht mit materiellen Substanzen, sondern nur vom eigenen Bewusstsein verehrt werden. Nicht durch das Schwenken von Lichtern oder das Abbrennen von Räucherstäbchen, nicht durch Darbieten von Blumen, Nahrung und Sandelpaste verehrt man ihn. Erlangt wird er ohne die geringste Anstrengung – er wird nur durch Selbsterkenntnis verehrt. Dies ist die höchste Form der Meditation, dies ist die höchste Verehrung: Das kon- tinuierliche und ununterbrochene Gewahrsein der innewohnenden Gegen- wart, des inneren Lichtes oder Bewusstseins. Während man tut, was immer man tut – hören, sehen, berühren, riechen, essen, gehen, schlafen, atmen oder sprechen – soll man stets die eigene essenzielle Natur als reines Bewusstsein erkennen. Auf diese Weise erlangt man die Befreiung. Die Meditation ist Darbieten, die Meditation ist das der Gottheit dargebote- ne Wasser zum Waschen der Hände und Füße, die durch Meditation erlangte Selbsterkenntnis ist die Blume –tatsächlich ist für alldieses die Meditation erforderlich. Das Selbst wird durch kein anderes Mittel als die Meditation verwirklicht. Wenn man fähig ist, auch nur dreizehn Sekunden lang zu medi- tieren, dann erlangt man, auch wenn man unwissend ist, das Verdienst, eine Kuh aus Wohltätigkeit gegeben zu haben. Tut man es einhundertundeine Sekunden lang, dann ist das Verdienst so groß wie bei der Ausführung eines heiligen Ritus. Beträgt die Dauer zwölf Minuten, dann wird das Verdienst vertausendfacht. Beträgt die Dauer einen Tag, dann kommt man in das höchs- te Reich. Dies ist der allerhöchste Yoga. Dies ist das höchste kriyā (Handlung oder Dienst).Jemand, der diese Art der Verehrung praktiziert, wird selbst von den Göttern und Dämonen und allen anderen Wesen verehrt. Jedoch handelt es sich hierbei noch um äußere Verehrung. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: VI.1:39 Ich werde dir nun die innere Verehrung des Selbst darlegen, die die höchste aller reinigenden Handlungen ist und welche alle Finsternis vollständig ver- nichtet. Dies ist die ununterbrochene Meditation – ob man nun geht oder steht, schläft oder wacht, handelt oder nicht handelt, in allen und durch alle Handlungen.. Man sollte den Höchsten Herrn, der im Herzen wohnt und sozu- sagen alle Modifikationen innerhalb von einem selbst hervorbringt, verehren. Man sollte den „bodhaliÇgaæ“ (das manifeste Bewusstsein oder Selbst- Gewahrsein) verehren, welches schläft und wacht, umhergeht oder steht, berührt, was es an Berührbarem gibt, aufgibt, was aufzugeben ist, Vergnügen genießt und verwirft, sich in den verschiedenen äußeren Tätigkeiten ergeht, allen Handlungen ihren Wert verleiht und als Friede in den lebenswichtigen Organen des Körpers verbleibt (das Wort deha-liÇgaæ im Text kann sich auch auf die mit den psychischen Zentren des Körpers verbundenen drei „liÇgaæs“ beziehen) . Diese innere Intelligenz sollte verehrt werden mit all dem, was 406
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    ungesucht auf einenzukommt. Nachdem man in der Selbsterkenntnis geba- det hat, soll man sicher im Lebensstrom und seinen Erfahrungen verbleiben und diese innere Intelligenz mit den Mitteln der Selbsterkenntnis verehren. Man sollte den Höchsten Herrn auf die folgende Weise verehren: Er ist das Licht, erleuchtet von der solaren als auch der lunaren Kraft ; Er ist die Intelli- genz, die auf ewig in sämtlichen materiellen Substanzen verborgen liegt; Er ist das nach außen gerichtete Gewahrsein, welches durch die Alleen des Kör- pers hin zur äußeren Welt fließt; Er ist das prāïa, welches sich im Gesicht (Nase) bewegt; Durch Ihn werden die Kontakte der Sinne mit ihren Objekten zu sinnvollen Erfahrungen; Er steuert die Kutsche, die aus prāïa und apāna besteht; er wohnt im Innersten des Herzens. Er ist der Kenner des Kennbaren und der Täter aller Handlungen, der Erfahrende aller Erfahrungen, der Den- ker aller Gedanken. Er ist derjenige, der sämtliche Teile und Glieder des Kör- pers gründlich kennt, der durch Sein und Nicht-Sein wahrgenommen wird und alle Erfahrungen mit seinem Licht erleuchtet. Er ist ohne Teile und doch ist Er in allem; Er wohnt im Körper und ist doch allgegenwärtig; Er genießt und genießt nicht; Er ist die Intelligenz in jedem Glied. Er ist das Denkorgan im Gemüt. Er entsteht in der Mitte von prāïa und apāna. Er wohnt im Herzen, in der Kehle, in der Mitte des Gaumens, zwischen den Augenbrauen und an der Spitze der Nase. Er ist die Realität aller sech- sunddreißig Elemente (oder metaphysischen Kategorien), Er transzendiert die inneren Zustände, Er ruft die inneren Klänge hervor, und Er gebiert den Vogel, den man „Gemüt“ nennt. Er ist die Wirklichkeit in allem, was als Ein- bildung und Nicht-Einbildung bezeichnet wird. Er wohnt in allen Wesen wie das Öl im Samen. Er wohnt im Herzenslotos und wiederum auch im gesamten Körper. Er wird unmittelbar überall von allen gesehen, denn Er ist das reine Erfahren in allen Erfahrungen – er vermehrt sich scheinbar, wenn Er die Objekte der Erfahrungen wahrnimmt. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: Man sollte darüber kontemplieren, dass der Höchste Herr die Intelligenz des Körpers ist. Die verschiedenen Funktionen und Organe des Körpers die- nen dieser Intelligenz so, wie Gemahlinnen ihrem Gemahl dienen. Das Gemüt ist der Bote, der dem Höchsten Herrn das Wissen der drei Welten überbringt und darbietet. Die zwei fundamentalen Energien, d.h. die Energie der Weis- heit (jñāna śakti) und die Energie der Tätigkeit (kriyā śakti) sind die Gemah- linnen des Höchsten Herrn. Die verschiedenen Aspekte der Erkenntnis sind seine Ornamente. Die Organe der Tätigkeit sind die Tore, durch die der Höchste Herr die äußere Welt betritt. „Ich bin dieses unendliche Selbst, wel- ches unteilbar ist; Ich bin voll und unendlich“ – so weilt diese Intelligenz im Körper. Wer auf diese Weise kontempliert, ist selbst reiner Gleichmut. Sein Verhal- ten ist gleichmütig und wird von der Sichtweise des Gleichmuts geleitet. Er hat den Zustand der natürlichen Güte und inneren Reinheit erlangt und ist 407
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    herrlich in jedemeinzelnen Aspekt seines Seins. Er verehrt den Höchsten Herrn, der die Intelligenz ist, die seinen ganzen Körper durchdringt. Diese Verehrung wird beständig Tag und Nacht ausgeführt, und zwar mit den Objekten, die mühelos erlangt und dem Höchsten Herrn mit einem fest im Gleichmut verankerten Gemüt und mit dem rechten Geist (denn der Höchste Herr ist Bewusstsein und nur durch den rechten Geist ansprechbar) dargeboten werden. Der Höchste Herr soll mit allem verehrt werden, das sich mühelos erlangen lässt. Man sollte niemals die geringste Anstrengung unter- nehmen, um etwas zu erlangen, was man nicht besitzt. Der Höchste Herr soll mit all den Mitteln des Genießens verehrt werden, die durch den Körper genossen werden: Durch Essen, Trinken, durch das Zusammenleben mit dem Ehegatten und andere ähnliche Vergnügen. Der Höchste Herr soll mit den Krankheiten verehrt werden, die man erfährt, und auch mit sämtlichen Arten von Unglück oder Leiden, die zu einem kommen. Der Höchste Herr soll mit den eigenen Aktivitäten einschließlich von Leben und Tod und sämtlichen Träumen, die man hat, verehrt werden. Der Höchste Herr soll mit der eigenen Armut und dem eigenen Reichtum verehrt werden. Der Höchste Herr soll sogar mit Kämpfen und Hader als auch mit Spielen und anderen Zeitvertrei- ben verehrt werden; wie auch mit den Manifestationen der Gefühle von An- ziehung und Abstoßung. Der Höchste Herr soll mit den edlen Qualitäten eines frommen Herzens verehrt werden: Freundschaft, Mitgefühl, Freude und Gleichgültigkeit. Der Höchste Herr soll mit allen Arten von Vergnügen verehrt werden, die ungesucht auf einen zukommen, ob diese Vergnügen nun durch die Schriften gebilligt oder verboten werden. Der Höchste Herr soll mit den Vergnügen verehrt werden, die als wünschenswert als auch mit denjenigen, die als nicht wünschenswert betrachtet werden. Er soll mit denjenigen verehrt werden, die als angemessen als auch mit denjenigen, die als unpassend gelten. Für den Zweck dieser Verehrung soll man aufgeben, was verloren ist, und man soll annehmen und entgegennehmen, was man ohne Mühe empfangen hat. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: Dieser Form der Verehrung soll man sich jederzeit hingeben und dabei im Hinblick auf alle Wahrnehmungen, seien sie nun erfreulich oder unerfreulich, stets im höchsten Gleichmut verankert sein. Man soll stets alles als gut und vorzüglich betrachten (oder alles als eine Vermengung von Gut und Böse ansehen). Durch die Erkenntnis, dass alles das eine Selbst ist, soll man stets das Selbst in diesem Geiste verehren. Man soll alles stets mit gleicher Sicht- weise betrachten, ob dieses nun erfreulich und durch und durch wunder- schön oder unerträglich und abscheulich ist. Auf diese Art soll man das Selbst verehren. Man soll all die verschiedenen trennenden Ideen von „dies bin ich“ oder „dies bin ich nicht“ aufgeben und erkennen, dass „All dies in der Tat Brahman ist“, das eine unteilbare und unendliche Bewusstsein. In diesem Geiste soll man das Selbst verehren. Immer und in allen Formen und deren Modifikatio- 408
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    nen soll mandas Selbst verehren in und durch alles, was man bekommt. Man sollte das Selbst nach Aufgabe der Trennung zwischen dem Wünschenswer- ten und dem Nicht-Wünschenswerten verehren oder sogar noch während der Aufrechterhaltung dieser Trennung (diese dann jedoch als Stoff für die Vereh- rung verwenden). Ohne Verlangen und ohne Verweigerung mag man das, was mühelos und auf natürliche Weise zu einem kommt, genießen. Angesichts bedeutender oder unbedeutender Objekte soll man weder aufgeregt noch niedergeschla- gen sein, so wie der Himmel und Raum von den verschiedenen Objekten, die in ihnen wachsen und gedeihen, nicht berührt werden. Man soll das Selbst ohne jede psychologische Verdrehtheit verehren, indem man jedes Objekt schätzt, so wie es durch Zufall von Zeit, Ort und Aktivität auf einen kommt – ganz gleich ob es nun allgemein als gut oder schlecht angesehen wird. Bei einer solchen Verehrung des Selbst sieht man alle Gegenstände, die bis- her als notwendig für die Verehrung erwähnt worden sind, als gleichwertig, obgleich die dafür verwendeten Worte unterschiedlich sind. Gleichmut ist Glück an sich, und gerade dieses Glück ist jenseits von Gemüt und Sinnen. Was immer auch von diesem Gleichmut berührt wird, erlangt unverzüglich den Zustand des Glücks, worin auch immer die Beschreibung des Gegenstan- des oder seine Definition bestehen mögen. Das allein wird als Verehrung angesehen, was von jemandem ausgeführt wird, der sich in einem Zustand von Gleichmut wie Raum befindet, wenn ferner das Gemüt gänzlich still ohne die geringste Gedankenwelle geworden ist und wenn da die vollkommen mühelose Abwesenheit von mentaler Verdrehtheit ist. Indem der weise Mensch in diesem Zustand des Gleichmuts verankert ist, sollte er in sich selbst eine unendliche Erweiterung erfahren, während er nach außen hin seinen natürlichen Tätigkeiten nachgeht, ohne Verlangen oder Zurückwei- sung. Darin besteht die Natur des Verehrers dieser Höchsten Intelligenz. In ihm tauchen Täuschung, Unwissenheit und Ich-Sinn nicht einmal im Traum auf. Verbleibe in diesem Zustand, oh Weiser, und erfahre alles wie ein Kind. Verehre den Höchsten Herrn dieses Körpers (die Intelligenz, die ihn durch- dringt) mit allem, was im Verlaufe von Zeit, Umständen und Umgebung zu dir kommt, und ruhe, frei von Wünschen, im höchsten Frieden. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: VI.1:40 Was auch immer du tust, und wann immer du es tust (oder Abstand davon nimmst) – alles ist die Verehrung des Höchsten Herrn, der selbst reines Be- wusstsein ist. Indem all das als die Verehrung des Selbst, welches der Höchste Herr ist, betrachtet wird, wird dieser erfreut. Zuneigungen und Abneigungen, Anziehung und Abstoßung finden sich nicht im Selbst unabhängig von seiner essenziellen Natur – sie sind bloße Worte. Sogar die Konzepte, auf die Worte wie „Souveränität“, „Armut“, „Ver- gnügen“, „Schmerz“, „mein Eigentum“ und „andere“ hinweisen, sind in der Tat nichts anderes als die Verehrung des Selbst, denn die sie wahrnehmende 409
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    Intelligenz ist dasSelbst. Die Erkenntnis des kosmischen Seins allein ist die wahre Verehrung des kosmischen Seins. Es ist einzig das Selbstoder das kosmische Bewusstsein, auf welches durch Ausdrücke wie „diese Welt“ hingewiesen wird. Oh, wie groß ist doch dieses rätselhafte Wunderwerk, dass das Selbst, welches reines Bewusstsein oder Intelligenz ist, auf seltsame Weise seine eigene Natur zu vergessen scheint und sich selbst als jīva (die individuelle Seele) betrachtet. In Wahrheit exis- tiert in diesem kosmischen Sein, welches die Realität in allem ist, nicht einmal die Trennung in Verehrer, Verehrung und Verehrtes. Es ist unmöglich, dieses kosmische Sein zu beschreiben, welches das gesamte Universum ohne Tei- lung erhält und trägt; es ist unmöglich, jemanden darüber zu belehren. Und wir erachten diejenigen dieser Unterweisung nicht wert, die sich Gott als begrenzt durch Raum und Zeit vorstellen. Verehre daher das Selbst durch das Selbst, indem du alle diese begrenzenden Konzepte aufgibst, indem du auch die Trennung zwischen Verehrer und dem Verehrten (dem Höchsten Herrn) aufgibst. Sei im Frieden, rein, frei von Verlangen. Denke stets daran, dass alle deine Erfahrungen und Ausdrucksformen die Verehrung des Selbst sind. (Als Erwiderung auf Vasi«Âhas Frage nach einer umfänglicheren Erläute- rung von Śiva, Brahman und dem Selbst, weshalb sie so genannt werden und wie solche Unterscheidungen entstehen, fuhr der Höchste Herr folgenderma- ßen fort:) Die Wirklichkeit ist anfanglos und endlos und wird nicht einmal in irgend- etwas widerspiegelt – das ist die Wirklichkeit. Weil es nicht möglich ist, sie mit Hilfe der Sinne und des Gemüts zu erfahren, denkt man über sie so, als sei sie nicht-existent. (Als Antwort auf Vasi«Âhas Frage: „Wenn sie jenseits des Verstandes ist – wie kann sie dann realisiert werden?“, erwiderte der HÖCHSTE HERR:) Im Falle des Suchers, der sich nach Freiheit von der Unwissenheit sehnt und der folglich mit „sātvic avidyā“ (subtile Unwissenheit) ausgestattet ist , ent- fernt diese sātvic avidyā die Unwissenheit auf dieselbe Weise, wie der Wä- scher mit Hilfe einer anderen Art von Schmutz (Seife) den Schmutz aus der Wäsche wäscht. Auf die gleiche Weise wird die Unwissenheit entfernt – das Selbst erkennt das Selbst durch das Selbst, und das Selbst sieht das Selbst aufgrund seiner eigenen, selbstleuchtenden Natur. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: VI.1:41 Wenn ein Kind mit Kohle spielt, werden seine Finger schwarz. Wenn es sei- ne Hände wäscht, aber gleich wieder mit der Kohle spielt, werden sie wieder schwarz. Rührt es die Kohle nach dem Waschen jedoch nicht wieder an, dann bleiben seine Hände sauber. Wenn jemand auf dieselbe Weise die Natur des Selbst ergründet und sich gleichzeitig aller Tätigkeiten enthält, die avidyā oder Unwissenheit fördern und unterstützen, dann verschwindet die Finster- nis der Unwissenheit. Jedoch ist es stets nur das Selbst, welches sich des Selbst bewusst wird. 410
  • 411.
    Betrachte Vielfalt nichtals das Selbst. Denke nicht, dass die Selbsterkennt- nis das Ergebnis der Unterweisung eines Lehrers sei. Der Guru oder Lehrer ist mit Sinnen und Verstand ausgestattet – das Selbst oder Brahman ist jen- seits von Sinnen und Verstand. Das, was erst erlangt wird, wenn das andere aufgehört hat, wird nicht mit Hilfe dieses anderen erlangt, solange dieses andere noch existiert. Obwohl jedoch die Anweisungen des Lehrers und alles, was damit zusammenhängt, nicht wirklich ein Mittel zur Erlangung der Selbsterkenntnis darstellen, werden sie doch allgemein als das Mittel dazu betrachtet. Das Selbst enthüllt sich nicht mit Hilfe der Schriften oder der Anweisungen des Lehrers, und das Selbst enthüllt sich nicht ohne Hilfe der Schriften und Anweisungen des Lehrers. Es enthüllt sich nur dann, wenn all dieses zusam- menkommt. Die Enthüllung des Selbst geschieht nur dann, wenn die Kenntnis der Schriften, die Anweisungen eines Lehrers und wahre Schülerschaft zu- sammentreffen. Das, was IST, nachdem sämtliche Sinne aufgehört haben zu funktionieren und sämtliche Vorstellungen von Vergnügen und Schmerz verschwunden sind, ist das Selbst oder Śiva, was ebenfalls durch Ausdrücke wie „Das“, „Wahrheit“ oder „Wirklichkeit“ angezeigt wird. Jedoch existiert das, was IST, wenn all dies aufhört zu existieren, sogar dann, wenn all dies gegenwärtig ist – wie der grenzenlose Raum. Die Erlöser des Universums (Brahmā, Indra, Rudra und andere) haben aus Mitgefühl die Schriften wie die Veden und die Purāïas (die mythischen Legenden) verfasst, um den Getäuschten, den Un- wissenden das spirituelle Erwachen zu ermöglichen und in ihnen den Durst nach Befreiung zu erwecken. In diesen Schriften haben sie dann Begriffe wie „Brahman“, „Bewusstsein“, „Śiva“, „Selbst“, „Höchster Herr“, „Höchstes Selbst“ usw. verwendet. Diese Begriffe deuten auf eine Vielfalt, aber in Wahrheit gibt es diese Vielfalt nicht. Die durch Begriffe wie „Brahman“ usw. angedeutete Wahrheit ist selbst in der Tat reines Bewusstsein. Im Vergleich zu diesem ist sogar der grenzenlose Raum grob und solide wie ein riesiger Berg. Dieses reine Bewusstsein scheint ein kennbares Objekt zu sein und lässt das Konzept der Intelligenz oder des Bewusstseins entstehen, obwohl das innerste Selbst keineswegs ein Objekt der Erkenntnis ist. Aufgrund einer momentan entstehenden Konzeptualisie- rung lässt dieses reine Bewusstsein den Ich-Sinn („ich weiß“) entstehen. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: Dieser Ich-Sinn lässt schließlich die Ideen von Raum und Zeit entstehen. Ausgestattet mit der Energie der vitalen Winde wird er sodann zum jīva oder Individuum. Das Individuum folgt von da an den Diktaten der Vorstellungen und gleitet in immer dichtere Unwissenheit hinein – so wird das Gemüt gebo- ren in Verbindung mit dem Ich-Sinn und den verschiedenen Formen psycho- logischer Energie. All dies zusammen wird der „ātivāhika-Körper“ genannt – der subtile Körper, der sich von einer Ebene zur nächsten bewegt. 411
  • 412.
    Danach wurden dieSubstanzen (die Objekte der Welt), die den subtilen Energien des ātivāhika-Körpers entsprechen, erdacht und dann die verschie- denen Sinne (Sehen, Berühren, Hören, Schmecken und Riechen), die ihnen zugehörigen Objekte und die entsprechenden Erfahrungen geschaffen. Diese zusammen sind als purya«Âaka bekannt. In ihrem subtilen Zustand werden sie auch der ātivāhika-Körper genannt. Auf diese Art und Weise wurden alle diese Substanzen erzeugt, während doch in Wirklichkeit nichts erzeugt wurde. All diese sind nur scheinbare Modifikationen in dem einen unendlichen Bewusstsein. So wie Traumobjekte innerhalb von einem selbsterscheinen, so ist all dies nicht verschieden vom unendlichen Bewusstsein. Wie wenn man Objekte im Traum erblickt, so scheinen all diese ebenfalls zu objektiver Realität zu werden. Sobald die sie betreffende Wahrheit realisiert wiurd, leuchten alle diese Ob- jekte als der Höchste Herr. Und sogar diese Aussage ist unwahr, denn sie sind niemals zu materiellen Substanzen oder Objekten geworden. Aufgrund der eigenen Ideenbildung, die sie als Substanzen betrachtet, welche man erfährt, erwerben sie den Anschein von Substantialität. Indem so eine Substantialität heraufbeschworen wird, sieht das Bewusstsein diese Substantialität auch. Durch solche Ideen wird es dann konditioniert und scheint zu leiden. Kon- ditionierung bedeutet Sorge und Kummer. Die Konditionierung jedoch grün- det sich auf Gedanken und Ideen (oder sinnliche und psychologische Erfah- rungen). Die Wahrheit jedoch befindet sich jenseits solcher Erfahrungen und die Welt ist eine Erscheinung wie eine Fata Morgana! Worin besteht die psy- chologische Konditionierung, wer konditioniert was und wer wird durch diese Konditionierung konditioniert? Wer trinkt das Wasser der Fata Morga- na? Wenn daher all dies zurückgewiesen wird, verbleibt als einziges die Reali- tät, in der es keinerlei Konditionierung gibt und nichts konditioniert ist. Es mag dann als Sein oder Nicht-Sein dargestellt werden, aber es allein ist. Men- tale Konditionierung ist illusorisches Nicht-Sein – wie ein Gespenst. Sobald es erlegt ist, hört auch die Illusion der Erschaffung auf. Wer diesen Ich-Sinn und diese Luftspiegelung namens Schöpfung für real hält, ist nicht bereit für die Unterweisung. Die Lehrer unterweisen nur Menschen, die mit Weisheit aus- gestattet sind, nicht die Toren. Die letzteren heften ihre Zuversicht und Hoff- nung auf die Welterscheinung – wie ein dummer Vater, der seine Tochter einem Manne zur Frau gibt, den er nur im Traum gesehen hat! Der HÖCHSTE HERR fuhr fort: VI.1:42 Der jīva nimmt alle diese scheinbar seinen Körper bildenden Elemente in der Leere wahr, so wie die träumende Person in ihrer inneren Leerheit ver- schiedene Objekte wahrnimmt. Dies ist auch heute noch wahr; denn das kosmische Bewusstsein oder das kosmische Sein nimmt das Universum der Vielfalt in sich selbst so wahr, wie der Träumer die Vielfalt in sich selbst wahrnimmt. 412
  • 413.
    Der jīva hältsich selbst für Brahmā, Vi«ïu usw., aber dies ist reine Gedan- kenform. Und doch nimmt diese Gedankenform andere Gedankenformen wahr und erfährt sie auch. Die einzige Realität all dieser Wahrnehmungen ist das Urkonzept namens Ich-Sinn, welcher im selben Moment auftaucht, in dem das Bewusstsein sich selbst als ein Objekt wahrnimmt und glaubt, dieses dann auch tatsächlich zu sehen (als sein eigenes Objekt). Dieser Moment ist die Epoche und das Vielfache und die Unterteilungen der Epochen. In jedem einzelnen Atom der Existenz findet ununterbrochen dieses Drama von Selbst- Verschleierung und –Enthüllung statt, welches doch nichts anderes als vom kosmischen Bewusstsein erzeugte Gedankenformen ist. Und doch wird durch oder im kosmischen Bewusstsein nichts tatsächlich erzeugt, denn es ver- bleibt unverwandelt und unverändert. Der im Traum gesehene Berg scheint nur in Raum und Zeit zu existieren. Weder benötigt er Platz noch Zeit, um aufzutauchen und zu verschwinden. So ist es auch mit der Welt. Wie die allmächtige Gottheit ins Sein getreten ist, auf genau dieselbe Weise tritt auch der Wurm ins Sein - innerhalb eines Augen- zwinkerns. Von Lord Rudra bis hinab zum Grashalm sind sämtliche Lebewe- sen, die man im Universum erblicken kann, seien sie nun Mikroorganismen oder kolossale Persönlichkeiten, auf dieselbe Weise ins Leben getreten. Wenn einer die eigentliche Natur dieses saæsāra (Welterscheinung) ergründet, dann verschwindet mit dem Dämmern der Selbsterkenntnis oder Gotteser- kenntnis die Wahrnehmung der Vielfalt. Entgleitet dagegen die wirkliche Natur des unendlichen Bewusstseins auch nur für eine halbe hundertstel Sekunde, dann treten all diese unseligen illusorischen Schöpfungen wieder ins Dasein. Durch den Ausdruck „Brahman“ verweist der weise Mensch auf den Zustand, in dem man für immer fest im unendlichen Bewusstsein veran- kert ist. Sobald dieser Zustand gestört wird, hat man wiederum die Idee von der Wirklichkeit der Welt, was wiederum zum Auftauchen von unendlicher Vielfalt führt – Götter, Dämonen, menschliche und untermenschliche Wesen, Pflanzen und Würmer. Sofern man jedoch den Zustand des kosmischen Be- wusstseins nicht mehr verliert, erkennt man, dass die Wahrheit überall ge- genwärtig ist. VASIåèHA sprach: Oh Rāma, nachdem Lord Śiva so gesprochen hatte, nahm er meine Vereh- rung entgegen und segnete mich. Dann verließ er mich zusammen mit seiner Gemahlin Pārvatī. Erfüllt von seiner Unterweisung gab ich meine frühere Verehrungspraxis auf und begann mit der Verehrung des allgegenwärtigen, nicht-dualen Selbst. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:43 Oh Rāma, der irreale jīva nimmt die irreale Welt aufgrund des irrealen Ein- flusses der Irrealität wahr. Was kann man in all diesem als real oder irreal betrachten? Ein eingebildetes Objekt wird von jemand Eingebildetem be- schrieben, und ein anderer glaubt dies im Rahmen seiner eigenen Einbildung zu verstehen und bildet sich dann ein, etwas verstanden zu haben. So wie 413
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    Flüssiges in Flüssigkeit,Bewegung im Wind und Leere im Raum ist, so ist die Allgegenwart im Selbst. Seit der Unterweisung durch den Höchsten Herrn habe ich stets die Vereh- rung des unendlichen Selbst gepflegt. Durch die Gnade dieser Verehrung bin ich ohne jede Sorge, obgleich ich beständig mit den unterschiedlichsten Tä- tigkeiten befasst bin. Ich führe die Verehrung des Selbst – welches ungeteilt, aber scheinbar geteilt ist – aus mit den Blumen von allem, was auf natürliche Weise auf mich zukommt und mit den Blumen der Handlungen, die sich na- türlich ergeben. Verwandtschaftliche Bindungen einzugehen (d.h. zu besitzen und besessen zu werden) ist natürlich für alle verkörperten Lebewesen. Die Yogis jedoch sind immer wachsam, und diese Wachsamkeit ist die Verehrung des Selbst. Durch die Pflege dieser inneren Haltung und mit einem Gemüt, das gänzlich frei von aller Anhaftung ist, wandere ich durch diesen schrecklichen Urwald namens saæsāra (Welterscheinung). Wenn du dasselbe tust, wirst du nicht leiden. Wenn dir großer Kummer widerfährt (wie der Verlust von Reichtum und Verwandten), dann ergründe die Wahrheit in der oben beschriebenen Art und Weise. Du wirst nicht von Freude oder Leid erschüttert werden. Du weißt nun, wie alle diese Dinge entstehen und wie sie aufhören. Du kennst ferner das Schicksal des Menschen, der von ihnen in die Irre geführt wird, der ihre wahre Natur nicht ergründet hat. Weder gehören dir diese Dinge noch ge- hörst du zu ihnen. Darin besteht die unwirkliche Natur der Welt –gräme dich nicht. Teurer Rāma – du bist reines Bewusstsein, das von der illusorischen Wahr- nehmung der Vielfalt in der Schöpfung nicht berührt wird. Wenn du dies siehst, wie können dann Ideen des Wünschenswerten und des Nicht- Wünschenswerten in dir entstehen? Verbleibe oh Rāma, fest im turīya (trans- zendentalen)-Zustand des Bewusstseins. RùMA sprach: Hoher Herr, ich bin befreit vom Staub der Dualität. Ich habe erkannt, dass all dieses wahrhaftig Brahman ist. Mein Geist wurde gereinigt, er ist seine Zweifel und Wünsche und sogar seine Fragen alle losgeworden. Weder ver- langt es mich jetzt nach dem Himmel, noch fürchte ich die Hölle. Ich verbleibe verankert im Selbst. Durch deine Gnade, oh hoher Herr, habe ich diesen Oze- an des saæsāra (Welterscheinung) überquert. Ich habe die Fülle der direkten Selbsterkenntnis realisiert. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:44 Das wird nicht Tätigkeit genannt, oh Rāma, was du lediglich mit den Tator- ganen und mit einem unangehafteten Gemüt ausführst. Das aus den sinnli- chen Erlebnissen abgeleitete Entzücken ist flüchtig. Eine Wiederholung die- ses Erlebnisses bietet nicht gleichzeitig die Wiederholung desselben Entzü- ckens. Nur ein Tor hegt Wünsche nach solchen momentanen Freuden? Au- 414
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    ßerdem – einObjekt kann Vergnügen nur dann geben, wenn es dich nach ihm verlangt. Daher gehört das Vergnügen immer auch zum Verlangen. Gib daher den Wunsch oder das Verlangen auf. Wenn du dann im Verlaufe der Zeit die Erfahrung dessen (des Selbst) er- langt hast, dann speichere diese Erfahrung nicht in deinem Gemüt oder Ich- Sinn auf, um sie in der Form eines Wunsches wiederzubeleben. Denn es wäre unweise, wieder in das Tal des Ich-Sinnes zu stürzen, nachdem man einmal Platz auf dem Gipfel der Selbsterkenntnis genommen hat. Lass die Hoffnun- gen fahren und die Ideen schwinden; lass das Gemüt den Zustand des Nicht- Gemüts erlangen, indem du unangehaftet lebst. Du bist nur im Zustand der Unwissenheit gebunden. Verfügst du dagegen über Selbsterkenntnis, bist du nicht der Bindung unterworfen. Strebe unbedingt danach, wachsam in der Selbsterkenntnis zu verbleiben. Wenn du dich nicht mit den Sinneserfahrungen befasst und alles das, was ungesucht auf dich zukommt, erfährst, befindest du dich in einem Zustand von Gleichmut und Reinheit, frei von latenten Neigungen und Erinnerungen. In einem solchen Zustand, der rein wie der Himmel ist, wirst du nicht einmal von tausend Zerstreuungen befleckt. Sobald der Kenner, das Gekannte und das Kennen im Selbst vereint sind, wird der reine Erfahrende in sich selbst nie wieder eine Trennung erzeugen. Saæsāra (Welterscheinung) erscheint und verschwindet durch die gerings- te Bewegung im Gemüt (nämlich sobald das Gemüt „zwinkert“). Mache das Gemüt durch die Zurückhaltung des prāïa und auch der latenten Neigungen (vāsanā) „nicht-zwinkernd“ (frei von den Gedankenwellen). Durch die Vibra- tion des prāïa taucht saæsāra auf und verschwindet wieder – mache das prāïa durch fleissige Praxis frei von diesen Bewegungen. Durch das Entste- hen und das Aufhören der Torheit (Unwissenheit) entstehen und vergehen die selbst-bindenden Handlungen – halte diese mit den Mitteln der Selbst- Disziplin und den Anweisungen der Lehrer und der Schriften zurück. Diese Weltillusion ist durch die Bewegung der Gedankenwellen im Gemüt entstanden – hören diese auf, dann hört auch die Illusion auf, und das Gemüt wird zum Nicht-Gemüt. Erlangt werden kann dies auch durch die Zurückhal- tung des prāïa. Dies ist der höchste Zustand. Die Seligkeit, die im Zustand des Nicht-Gemüts erfahren wird, ist unverursacht und wird nicht einmal in den höchsten Himmeln gefunden. In Wahrheit ist diese Seligkeit unsäglich und unbeschreiblich, und sie sollte nicht einmal als Glück bezeichnet werden! Das Gemüt des Wissenden ist Nicht-Gemüt – es ist reines sātva. Nach einer gewis- sen Zeit entsteht aus diesem Nicht-Gemüt der als turīya-ātīta bezeichnete Zustand (der Zustand jenseits des transzendentalen oder des turīyā- Zustandes). *** 415
  • 416.
    Die Geschichte vomHolzapfel VASIåèHA fuhr fort: VI.1:45 In diesem Zusammenhang, oh Rāma, höre dir die folgende, sehr lehrreiche Parabel an, die ich dir nun erzählen möchte. Es gibt da eine Holzapfelfrucht, die unermesslich groß ist und niemals ver- dirbt oder verfault, obgleich sie bereits seit unzähligen Äonen existiert. Sie ist die Quelle und die Grundlage des Nektars der Unsterblichkeit und Unzerstör- barkeit. Sie ist die Heimstatt des Glückes selbst. Obgleich sie bereits sehr, sehr alt ist, ist sie auf ewig jung und neu, wie der Neumond. Sie ist das eigentliche Herz des Universums, sie ist bewegungslos und wird nicht einmal von den Kräften der kosmischen Auflösung erschüttert. Diese Holzapfelfrucht, die unmessbar groß ist, ist die ursprüngliche Quelle dieser Schöpfung. Auch wenn diese Frucht reif geworden ist, fällt sie nicht herunter. Sie ist immer ausgereift, wird aber niemals überreif. Nicht einmal der Schöpfer Brahmā oder Vi«ïu und Rudra oder andere Götter kennen den Ursprung dieser Holzapfelfrucht. Niemand hat jemals den Samen oder den Baum gese- hen, auf dem diese Frucht wächst. Das Einzige, was man über sie zu sagen vermag, ist, dass diese Frucht existiert, und zwar ohne Anfang, Mitteund Ende, ohne Wandel und ohne Modifikation. Innerhalb dieser Frucht gibt es überhaupt keine Vielfalt – sie ist ganz voll ohne jede Leerheit. Sie ist die Ur- quelle aller Freuden und Entzücken, und zwar von der Freude des einfachen Mannes bis hin zur höchsten Freude der Gottheiten. Diese Frucht ist selbst nichts anderes als die Manifestation der Energie des komischen Bewusst- seins. Diese Energie des unendlichen Bewusstseins hat, ohne auch nur einen Moment lang ihre eigene wahre Natur aufzugeben, sozusagen diese Schöp- fung durch bloßes Wollen innerhalb ihrer eigenen Intelligenz manifestiert. Und tatsächlich ist nicht einmal dies wahr (nämlich dass sie es so gewollt hat)! Der Ich-Sinn, den ein solches Wollenvoraussetzt, ist selbst irreal –aber daraus sind alle Elemente und die ihnen entsprechenden subjektiven Sinne entstanden. In Wahrheit ist diese Energie des unendlichen Bewusstseins selbst Zeit, Raum, natürliche Ordnung, Ausbreitung der Gedanken, Anziehung und Abstoßung, Ich-heit, Du-heit und Es-heit, unten, oben, die anderen Him- melsrichtungen, die Berge, das Firmament und die Sterne, Erkenntnis und Unwissenheit – sie ist alles, was ist, war und jemals sein wird. All dies ist nichts anderes als die Energie des unendlichen Bewusstseins. Obgleich sie Eines ist, wird sie als verschiedene Lebewesen wahrgenom- men – sie ist weder eins noch viele. Sie ist nicht einmal sie selbst! Verankert ist sie in der Wirklichkeit. Sie ist höchster, alles umfassender Friede. Sie ist das eine, unermesslich große kosmische Wesen oder Selbst. Sie ist die (kos- mische) Energie des (kosmischen) Bewusstseins. 416
  • 417.
    *** Die Geschichte vom Fels VASIåèHA fuhr fort: VI.1:46 Es gibt noch eine weitere Geschichte, oh Rāma, die dies illustriert. Ich wer- de sie dir nun erzählen. Es gibt einen großen Fels voll Zärtlichkeit und Liebe, der immer ganz klar und deutlich wahrgenommen wird, der weich ist, allgegenwärtig und ewig- lich. In ihm blühen zahllose Lotosblüten. Manchmal berühren sich die Blätter dieses Lotos, manchmal nicht, manchmal zeigen sie sich dem Betrachter und manchmal verbergen sie sich vor ihm. Manche schauen abwärts, andere wie- derum aufwärts, während die Wurzeln mancher miteinander verflochten sind. Manche haben aber auch überhaupt keine Wurzeln. Alle Dinge existie- ren darin, obwohl sie aber auch nicht darin sind. Oh Rāma, dieser Fels ist in Wahrheit das kosmische Bewusstsein; in seiner Homogenität ist es felsengleich. Und doch erscheinen in ihm alle die ver- schiedenen Lebewesen des Universums. So wie sich jemand innerhalb eines Steinblocks verschiedene Figuren und Formen vorstellt, wird auch dieses Universum fälschlicherweise in diesem Bewusstsein gesehen. Ein Fels bleibt ein Fels, auch wenn ein Bildhauer verschiedene Figuren aus diesem Fels heraus „erschafft“, und ebenso steht es auch mit diesem kosmischen Be- wusstsein, dass eine homogene Masse von Bewusstsein ist. So wie ein massi- ver Fels potenziell verschiedene Figuren enthält, die aus ihm herausgearbei- tet werden können, so existieren die verschiedenen Namen und Gestalten der Kreaturen in diesem Universum potentiell im kosmischen Bewusstsein. So wie ein Fels immer ein Fels bleibt, behauen oder unbehauen, so bleibt Be- wusstsein immer Bewusstsein, ob die Welt nun erscheint oder nicht. Die Welterscheinung ist nichts als ein leerer Ausdruck – seine Substanz ist tat- sächlich nur Bewusstsein und nichts anderes. In Wahrheit sind alle diese Manifestationen und Modifikationen nichts an- deres als Brahman, das kosmische Bewusstsein, obschon nicht im Sinne der Manifestation oder Modifikation (d.h. nicht als diese manifestierten Formen). Sogar solche Unterscheidungen, nämlich „Modifikation im Sinne von Modifi- kation oder in irgendeinem anderen Sinn“, sind in Brahman bedeutungslos. Werden solche Ausdrücke im Zusammenhang mit Brahman benutzt, dann bedeuten sie etwas ganz anderes, wie das Wasser in einer Fata Morgana. Weil ein Same nie etwas anderes als den Samen enthalten kann, sind auch die Blüten und Früchte von derselben Natur wie der Same, und die Substanz des Samens ist auch die Substanz der ihr entspringenden Wirkungen. Auf diesel- be Weise kann aus der homogenen Masse des kosmischen Bewusstseins nicht etwas anderes als das entspringen, was seiner Essenz entspricht. Sobald 417
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    diese Wahrheit realisiertwird, hört die Dualität auf. Bewusstsein wird nie- mals zu Un-Bewusstheit. Sollte es da eine Modifikation geben, dann ist diese selbst nichts als Bewusstsein. Daher ist all dies– was auch immer, wo auch immer und in welcher Form es auch immer sein mag – nichts als Brahman. All dieses existiert für immer in seinem potentiellen Zustand in dieser Masse aus homogenem Bewusstsein. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:47 Zeit, Raum und die anderen Faktoren dieser sogenannten Schöpfung (die in Wahrheit nur ein weiterer Aspekt des Bewusstseins ist), sind nichts anderes als eben dieses Bewusstsein. Wenn erkannt wird, dass all diese nichts als Gedanken und Ideen sind und das Selbst Eines und unteilbar ist, wie können sie dann als unwirklich betrachtet werden? Im Samen gibt es nichts anderes als den Samen – da ist keine Verschiedenheit. Zur gleichen Zeit gibt es die Idee der potentiellen Verschiedenheit (von Blüten, Früchten usw.), die angenommenerweise innerhalb des Samens existiert. Und trotzdem bleibt dieses kosmische Bewusstsein Eines – es ist ohne (dualistische) Vielfalt; doch es wird gesagt, dass das Universum der Vielfalt nur als Vorstellung existiert. Der Fels ist einer – die Idee der zahllosen Lotosse darin taucht nur in Ver- bindung mit diesem einzelnen Fels auf. Auf dieselbe Weise entsteht die Idee der Vielfalt im Bewusstsein, ohne aber Vielfalt zu verursachen. Aber wie das Wasser in einer Fata Morgana gleichzeitig ist und nicht ist, ebenso verhält es sich mit der Vielfalt in Verbindung mit dem unendlichen Bewusstsein. All dies ist in der Tat Brahman, das unendliche Bewusstsein. So wie die Idee der Exis- tenz von Lotosblüten im Fels den Fels nicht zerstört, so ist Brahman unbetroffen von der Welterscheinung, die in Brahman als die eigene Natur Brahmans existiert. In Wahrheit gibt es keinen Unterschied zwischen Brah- man und der Welt – sie sind Synonyme. Sobald diese Realität erkannt wird, wird Brahman allein gesehen. So wie alles was in dieser Welt als Wasser gesehen wird, nur Wasserstoff und Sauerstoff ist, so ist die Welterscheinung nichts anderes als Brahman. Das eine Bewusstsein erscheint als das Gemüt, die Berge usw., so wie die vielfarbigen Federn und Flügel des Pfaus schon im Ei des Pfaus gegenwärtig sind. Dieselbe Macht oder Potentialität wohnt auch im unendlichen Bewusst- sein. Was auch immer jetzt als die verschiedenen Objekte des Universums wahrgenommen wird, wird, sobald alles mit dem Auge der Weisheit (dem Auge, welches selbst Weisheit ist) betrachtet wird, nur noch als Brahman oder das unendliche Bewusstsein gesehen. Denn all dieses ist in Wirklichkeit non-dual und nur scheinbar vielfältig, so wie die Wahrnehmung der Vielfalt im Flüssigen des Pfaueneis. Die Idee von Brahman und der Welt ist daher sowohl dual als auch non-dual. Das, was das Substrat all dieser Ideen von Einheit und Vielfalt ist – das ist der höchste Zustand. Das unendliche Bewusstsein durchdringt das gesamte Universum, während das Universum im unendlichen Bewusstsein existiert. Die Beziehung ist eine der Vielfalt und Nicht-Vielfalt zugleich – so wie die verschiedenen Teile des 418
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    Pfaus sich inein und derselben Eisubstanz befinden. Wo in all diesem ist Vielfalt? VASIåèHA fuhr fort: VI.1:48 All dies – der Ich-Sinn und der Raum usw. – hat die Natur realer Substanzen angenommen, obwohl diese niemals erzeugt worden sind. Wo nichts entstan- den ist (erschaffen wurde), wird alles gesehen. Auf dieselbe Weise verweilen die Weisen, die Götter und die Vollkommenen in ihrem transzendentalen Bewusstsein, die Seligkeit ihrer eigenen Natur kostend. Sie haben die Illusion der Dualität zwischen Betrachter und Objekt und den daraus folgenden Strom der Gedanken aufgegeben. Ihr Blick ist fest und ruhig. Obwohl diese Weisen in dieser Welt tätig sind, hegen sie nicht die geringste Idee einer illusorischen Existenz. Fest sind sie verwurzelt in der Erkenntnis, dass es keine Beziehung zwischen Kenner und Gekanntem (Subjekt und Ob- jekt) gibt. Ihre Lebenskraft wird nicht erregt.. Sie sind wie gemalte Figuren in einem Gemälde – ihr Gemüt bewegt sich nicht, so wie sich das Gemüt gemal- ter Figuren nicht bewegt. Denn sie haben die konzeptualisierende Neigung des Bewusstseins völlig aufgegeben. Sie reagieren angemessenen auf die Gegebenheiten des Alltags mit Hilfe einer geringfügigen Bewegung im Bewusstsein (so wie es auch der Höchste Herr tut). Und doch erzeugt auch diese geringe Gedankenbewegung und die Erfahrung des Kontaktes des Betrachters mit seinem Objekt in ihnen großes Entzücken. Ihr Bewusstsein ist absolut rein – gereinigt von allen mentalen Bildern (Konzepten) und Ideen. Ein solcher Zustand der Reinheit des Selbst, der wahren Natur des unendli- chen Bewusstseins, ist keine Sichtweise oder Art, die Dinge zu sehen (d.h. eine Erfahrung des Gemüts und der Sinne). Dieser Zustand kann nicht gelehrt werden. Er ist weder sehr einfach zu erlangen, noch ist er weit entfernt oder unmöglich. Nur durch direkte Erfahrung wird er erlangt. Allein dies existiert und nichts anderes – weder der Körper und die Sinne noch die Lebenskraft, weder das Gemüt noch das Lagerhaus der Erinnerun- gen oder latenten Neigungen, weder der jīva noch überhaupt eine Bewegung im Bewusstsein, weder Bewusstsein noch die Welt. Es ist weder real noch irreal oder irgendetwas dazwischen, es ist weder leer noch nicht-leer, weder Zeit noch Raum noch Substanz. Frei von all diesem und frei von den tausend Schleiern im Herzen sollte man das Selbst in allem gewahren, was wahrge- nommen wird. Es ist weder der Anfang noch das Ende. Da es überall gegenwärtig ist, wird es für etwas anderes gehalten. Tausende werden geboren, und Tausende sterben – das Selbst, welches überall ist, innerhalb und außerhalb, wird da- von nicht berührt. Es verbleibt in allen diesen Körpern usw. so, als wäre es nur ganz wenig verschieden vom Unendlichen. Obschon glückstrahlend in die verschiedensten Tätigkeiten involviert, ist es ohne Sinn von Ich und Mein. Denn was auch immer in dieser Welt wahrge- 419
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    nommen wird, istnur Brahman, frei von allen Eigenschaften und Qualitäten. Es ist ewiglich, friedvoll, rein und gänzlich still. RùMA fragte: VI.1:49 Wenn Brahman niemals irgendwelchen Modifikationen unterworfen ist, wie kann dann diese Welterscheinung, die real und irreal zugleich ist, in ihm auftauchen? VASIåèHA erwiderte: Echte Modifikation, oh Rāma, ist eine Umwandlung von einer Substanz in eine andere, so wie beim Gerinnen von Milch das Geronnene nicht wieder in den Milchzustand zurückversetzt werden kann. Mit Brahman ist dies aber nicht der Fall, da es vor der Welterscheinung unmodifiziert war und nach dem Ende der Welterscheinung seinen unmodifizierten Zustand wiederer- langt. Sowohl am Anfang wie auch am Ende ist es stets unmodifiziertes, ho- mogenes Bewusstsein. Die momentanen und scheinbaren Modifikationen darin sind nur eine schwache Unruhe innerhalb des Bewusstseins und in keinem Fall eine echte Modifikation. In diesem Brahman gibt es weder ein Subjekt noch ein Objekt des Bewusstseins. Was ein Ding am Anfang und auch am Ende ist, das ist es und nichts anderes. Sollte es in der Mitte als irgendet- was anderes erscheinen, dann muss diese Erscheinung als irreal betrachtet werden. Folglich ist das Selbst das Selbst am Anfang und am Ende und natür- lich auch in der Mitte! Es wird niemals irgendwelchen Umwandlungen oder Modifikationen unterworfen. RùMA fragte: In diesem Selbst, welches reines Bewusstsein ist, wie kann darin diese schwache Unruhe entstehen? VASIåèHA erwiderte: Ich bin davon überzeugt, oh Rāma, dass dieses unendliche Bewusstsein al- lein real ist, und dass es in seiner Natur überhaupt keine Unruhe gibt. Worte wie „Brahman“ usw. verwenden wir nur zum Zweck der Kommunikation oder Unterweisung, nicht aber, damit die Ideen des Einen und Zweiten entstehen. Du, ich und alle diese Dinge sind reines Brahman – Unwissenheit gibt es überhaupt nicht. RùMA fragte erneut: Und doch hast du mich am Ende des vorherigen Abschnitts dazu ermahnt, die Natur dieser Unwissenheit zu ergründen! VASIåèHA erwiderte: Ja, weil du zu dieser Zeit noch nicht vollständig erwacht warst. Ausdrücke wie „Unwissenheit“, „jīva“ usw. sind Hilfsmittel, um die Unerwachten zu in- struieren. Bevor man die Erkenntnis der Wahrheit mitteilt, sollte man den gesunden Menschenverstand und andere geeignete Mittel (das im Text ver- wendete Wort yuktti bedeutet im Alltagsgebrauch auch „Trick“) verwenden, um den Sucher zu erwecken. Wenn man einer unerwachten Person erklärt: „All dies ist Brahman“, dann wäre das so, als würde ein Mann einen Baum 420
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    anflehen, ihn vonseinem Leid zu befreien. Es geschieht durch geeignete Mit- tel, dass der Unerweckte erweckt wird. Der Erweckte wird dann durch die Wahrheit erleuchtet. Daher, da du nun erwacht bist, erkläre ich dir die Wahr- heit. Du bist Brahman, ich bin Brahman, das gesamte Universum ist Brahman. Was auch immer du tust – realisiere stets diese Wahrheit. Dieses Brahman oder das Selbst allein ist die Wirklichkeit in allen Wesen, so wie der Ton die eigentliche Substanz aller Töpfe ist. So wie der Wind und seine Bewegung nicht verschieden sind, so sind das Bewusstsein und seine inneren Bewegun- gen (Energien), die alle Manifestationen verursachen, nicht- verschieden voneinander. Es ist der Same der Idee, der auf den Boden des Bewusstseins fällt und dann all diese scheinbare Vielfalt entstehen lässt. Fällt dieser Same nicht, dann sprießt auch das Gemüt nicht. RùMA fragte: VI.1:50 Was erkannt werden kann, ist erkannt; was gesehen werden kann, wird ge- sehen – wir alle sind angefüllt mit der höchsten Wahrheit, dank der nektar- gleichen Weisheit des Brahman, die du uns mitgeteilt hast. Diese Fülle ist angefüllt mit Fülle. Fülle ist aus der Fülle geboren. Fülle füllt Fülle. In der Fülle ist die Fülle für immer enthalten. Bitte habe Nachsicht mit mir - um mein Gewahrsein noch zu vertiefen, erlaube mir noch eine Frage: Die Sinnes- organe sind offensichtlich in allen gegenwärtig – wie kann es dann geschehen, dass eine tote Person keine Sinneserfahrungen mehr macht, obwohl sie ihre Objekte zu Lebzeiten mit Hilfe dieser Organe erfahren hat? VASIåèHA fuhr fort: Getrennt vom reinen Bewusstsein gibt es weder die Sinne noch das Gemüt noch ihre Objekte. Es ist nur dieses Bewusstsein, welches als die Objekte in der Natur und als die Sinne in dieser Person auftritt. Wenn dieses Bewusst- sein scheinbar zum subtilen Körper (purya«Âaka) geworden ist, reflektiert es die externen Objekte. Das ewige und unendliche Bewusstsein ist in Wahrheit frei von allen Modi- fikationen. Taucht in ihm jedoch die Idee „Ich bin“ auf, dann wird diese Idee als der jīva bezeichnet. Es ist dieser jīva, der im Körper lebt und sich bewegt. Sobald die Idee des „Ich“ auftaucht (ahaæbhāvanā), wird es als Ich-Sinn (ahaækāra) bezeichnet. Gibt es dann Gedanken (manana), dann spricht man vom Gemüt (manas). Taucht ein Gewahrsein (bodha) auf, dann bezeichnet man dieses als Geist oder Intelligenz (buddhi). Wenn Bewusstsein von der individuellen Seele (indra) gesehen (d−ś) wird, spricht man von den Sinnen (indriya). Sobald die Idee des Körpers vorherrschend ist, erscheint Bewusst- sein als solcher; ist die Idee der verschiedenen Objekte vorherrschend, dann erscheint Bewusstsein als die verschiedenen Objekte. Durch die Fortdauer dieser Ideen verdichtet sich dann die subtile Persönlichkeit langsam in die materielle Substantialität. Dasselbe Bewusstsein denkt dann schließlich: „Ich bin der Körper“, „Ich bin ein Baum“ usw. Dadurch getäuscht, steigt und fällt 421
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    es, bis esschließlich eine reine Geburt erlangt und spirituell erwacht. Durch Hingabe an die Wahrheit erlangt es dann die Selbsterkenntnis. Ich werde dir nun erklären, wie es die Objekte wahrnimmt. Ich sprach da- von, dass das Bewusstsein aufgrund der Idee „Ich bin“ als der jīva im Körper wohnt. Sobald dessen Sinne auf ähnliche Körper treffen, gibt es Kontakt zwi- schen beiden und den Wunsch, diese zu kennen (eins mit ihnen zu werden). Sobald dieser Kontakt entsteht, wird das Objekt in einem selbst reflektiert und der jīva nimmt diese Reflektion wahr, wobei er jedoch glaubt, dass sich diese Reflektion außerhalb befindet! Der jīva kennt nur diese Reflektion, was bedeutet, dass er sich selbst kennt. Dieser Kontakt ist die Ursache der Wahr- nehmung externer Objekte. Folglich ist sie nur im Fall des Unwissenden mög- lich, dessen Gemüt getäuscht ist, aber nicht im Fall des befreiten Weisen. Natürlich sind der jīva (der ja nur eine Idee ist) und alles was mit ihm zu- sammenhängt, leblos und nicht-fühlend. Daher ist die Reflektion, die gesehen und erfahren wird, nichts als eine optische Täuschung oder geistige Ver- drehtheit. Das Selbst ist alles in Allem und für alle Zeiten. *** Die Geschichte von Arjuna VASIåèHA fuhr fort: VI.1:51 So wie der kosmische Körper (zusammengesetzt aus der Geist-Energie und den kosmischen Elementen) oder der erste purya«Âaka (der kosmische subti- le Körper) im unendlichen Bewusstsein als eine Idee auftauchte, so tauchten alle anderen Körper (purya«Âaka) auf dieselbe Weise auf. Was immer der jīva (welcher der purya«Âaka oder subtile Körper ist) wahrnimmt, während er noch in der Gebärmutter lebt, betrachtet er als existent. So wie sich im Mak- rokosmos die kosmischen Elemente entfalten, so werden im Mikrokosmos die Sinne entsprechend diesen Elementen entwickelt. Natürlich werden sie nicht wirklich erschaffen. Ausdrücke und Beschreibungen dieser Art werden nur zum Zweck der Unterweisung verwendet. Diese Ideen, die man in der Unter- weisung benutzt, werden schließlich durch die Selbstergründung zerstreut, welche sie ursprünglich eingeführt und gefördert hat. Auch wenn du diese Unwissenheit sehr sorgfältig und mit kühnem Verstand beobachtest, siehst du sie nirgendwo – sie verschwindet einfach. Das Irreale wurzelt in der Irrealität. Wasser in der Luftspiegelung gibt es nicht wirklich – wir reden nur davon. Das Wasser in der Luftspiegelung, welches unwirklich ist, ist niemals Wasser gewesen. Im Lichte der Wahrheit wird die Realität aller Dinge enthüllt, und Täuschung und illusorische Wahrnehmung ver- schwinden. 422
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    Das Selbst istwirklich. Jīva, purya«Âaka (der subtile Körper) und alles ande- re sind unwirklich – die Ergründung ihrer Natur ist ohne jeden Zweifel nichts als die Ergründung ihrer Unwirklichkeit! Nur um jemanden über die Realität ihrer Irrealität aufzuklären, existieren Ausdrücke wie „jīva“, „purya«Âaka“ usw. Dieses unendliche Bewusstsein hat sozusagen die Natur des jīva angenom- men und, seine wahre Natur vergessend, erfährt alles, was es sich als existie- rend vorstellt. So wie für ein Kind das Gespenst, welches es in der Nacht sieht, real ist, so nimmt der jīva die fünf Elemente wahr, die er als existierend be- trachtet. Diese sind jedoch nichts als Ideen des jīva, obwohl der jīva sie als außerhalb von sich selbst sieht. Er glaubt, dass einige von ihnen innerhalb und andere außerhalb von ihm selbst sind. Und auf diese Weise erfährt er sie dann auch. Erkenntnis wohnt dem Bewusstsein inne wie die Leere dem Raum. Jedoch glaubt das Bewusstsein nun, dass Wissen sein eigenes Objekt sei. Die ver- schiedenen Elemente sind durch Zeit und Raum begrenzt und sind selbst nichts anderes als die eingebildeten Aufteilungen im Bewusstsein, welche durch diese Trennung (in Bewusstsein und Erkenntnis als Subjekt und Ob- jekt) selbst hervorgerufen worden sind. Solche Aufteilungen existieren nicht im Selbst, das Zeit und Raum überschreitet. Und doch ersinnt das unendliche Bewusstsein mit dem ihm eingeborenen Wissen die verschiedenen Kreaturen. Darin eben besteht seine Macht, die von nichts übertroffen werden kann. Der leblose Raum ist nicht in der Lage, sich selbst in sich selbst zu reflektieren. Weil die Natur Brahmans jedoch das unendliche Bewusstsein ist, reflektiert Brahman sich selbst in sich selbst und nimmt sich selbst als eine Dualität wahr, obgleich es körperlos ist. VASIåèHA fuhr fort: Was immer dieses Bewusstsein ersinnt, das betrachtet es als existierend – seine Konzepte und Ideen sind niemals unfruchtbar. In einer goldenen Hals- kette gibt es beides – das Gold und die Kette, wovon das eine die Realität (das Gold) und das andere die Erscheinung (die Kette) ist. Ebenso gibt es im Selbst sowohl Bewusstsein als auch die Idee der materiellen (leblosen) Substantiali- tät. Da Bewusstsein allgegenwärtig ist, ist es immer im Gemüt, in welchem die Idee auftaucht, gegenwärtig. Der Träumer träumt von einem Dorf, das sein Gemüt beschäftigt und in dem er einige Zeit lebt. Nur wenig später träumt er von einer anderen Situa- tion und glaubt, er würde nun dort leben. Auf dieselbe Weise wandert der jīva von einem Körper zum nächsten, und der Körper ist nur die Reflektion der vom jīva gehegten Idee. Nur das Unwirkliche (der Körper)stirbt, und dieses Unwirkliche wird dann scheinbar in einem neuen Körper wiedergeboren. So wie man im Traum gesehene und nicht gesehene Dinge erträumt, so erfährt der jīva in seinem Traum die Welt und sieht sogar, was in der Zukunft gesche- hen wird. 423
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    So wie einFehler der Vergangenheit geradegerichtet und durch die Eigen- bemühung des heutigen Tages in eine gute Tat verwandelt werden kann, so können die Gewohnheiten der Vergangenheit durch angemessene Eigenbe- mühung überwunden werden. Jedoch kann die Idee des Jīva-seins sowie der Existenz und des Funktionierens der Augen usw. nur durch die Erlangung der Befreiung abgeschafft werden. Bis dahin werden sie abwechselnd verborgen oder offenbar. Eine vom Bewusstsein gehegte Idee erscheint als Körper. Sie verfügt über einen korrespondierenden subtilen Körper (ātivāhika, der auch purya«Âaka genannt wird), der aus Gemüt, Intellekt, Ich-Sinn und den fünf Elementen zusammengesetzt ist. Das Selbst ist formlos, während der purya«Âaka in die- ser Schöpfung in fühllosen und fühlenden Körpern umherwandert, bis er sich selbst gereinigt hat, wie im Tiefschlaf lebt und die Befreiung erlangt. Der subtile Körper existiert die gesamte Zeit über, während dem Träumen und Schlafen. Er fährt fort, in den nicht-fühlenden „Körpern“ zu existieren (die wie unbelebte Objekte sind), als befände er sich im Tiefschlaf. All dieses wird auch in diesem (menschlichen) Körper erfahren. Sein Tiefschlaf ist ebenfalls leblos und nicht-fühlend, sein Traumzustand besteht in der Erfahrung dieser Schöpfung, sein Wachzustand ist in Wahrheit das transzendentale (turīya) Bewusstsein, während die Realisation der Wahrheit Befreiung ist. Der Zu- stand der Befreiung noch zu Lebzeiten ist in sich selbst das turīya- Bewusstsein. Jenseits davon befindet sich Brahman, welches turīya-atīta (jenseits von turīya) ist. In jedem einzelnen Atom der Existenz gibt es nichts als das höchste Sein – wo immer eine Welt gesehen wird, ist dies nichts als eine illusionäre Erscheinung. Diese Illusion und die sich aus ihr ergebende Bindung werden durch psychologische Konditionierung am Leben erhalten. Diese Konditionierung ist selbst Bindung und ihre Aufgabe bedeutet Befrei- ung. Eine dichte und massive Konditionierung führt zu einer Existenz als leblose Objekte, eine mittlere Konditionierung führt zu einer Existenz als Tiere, und eine geringe Konditionierung führt zu einer Existenz als Menschen. Jedoch genug von der Wahrnehmung von Getrenntheit – das gesamte Univer- sum ist nichts als die Manifestation der Energie des unendlichen Bewusst- seins. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:52 Was als dieses saæsāra bekannt ist (Welterscheinung), ist nichts als der ur- sprüngliche Traum des jīva (der Ersten Person). Der Traum des jīva ist nicht wie der Traum einer Person, denn der Traum des jiva wird als Wachzustand erfahren. Daher wird der Wachzustand als Traum bezeichnet. Der lange Traum des jīva wird unverzüglich materialisiert, obwohl er irreal und nicht substanziell ist. Der jīva wandert innerhalb dieses Traums von einem Traum zum nächsten, und so wird die irrtümliche Auffassung des Traums als Realität solider und solider – er wird als eine Realität erfahren, während das Reale als irreal ignoriert wird. Sei weise und lebe wie Arjuna, der durch die Unterwei- sung des Höchsten Herrn erleuchtet wird. 424
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    Das gesamte Universumerscheint im Ozean des kosmischen Bewusstseins, und in diesem Universum wohnen vierzehn Arten von Lebewesen. Als die herrschenden Gottheiten dieses Universum gab es bereits Yama, Candra, Surya und andere. Sie haben die Leitsätze des rechtmäßigen Lebens vorgege- ben. Wenn die Menschen jedoch mehrheitlich in Sünde leben, zieht sich Yama, der Gott des Todes, zurück, um für einige Jahre zu meditieren, was zur Folge hat, dass die Bevölkerung wächst und geradezu explodiert. Die Götter, erschreckt von dieser Zunahme des Bevölkerung, versuchen, sie mit verschiedenen Mitteln zu reduzieren. Zahllosen Males ist dies wieder und wieder geschehen. Der gegenwärtige Herrscher (Yama) ist Vaivasvata. Auch er wird sich zu gegebener Zeit in die Meditation zurückziehen müssen. Wenn sich dann die Bevölkerung der Erde sehr schnell vervielfacht, werden alle Götter Lord Vi«ïu anflehen, ihnen zu Hilfe zu kommen. Er wird zusammen mit seinem Alter Ego namens Arjuna als Lord K−«Ça inkarnieren. Sein älterer Bruder wird Yudhi«Âhiraoder der Sohn des Dharma sein, der selbst die Verkörperung der Rechtmäßigkeit ist. Sein Vetter Duryodhana wird mit Bhīma, Arjunas Bruder, ein Duell ausfechten. In dieser Schlacht zwischen den Vettern werden 18 Divisionen der bewaffneten Streitkräfte ausgelöscht werden – auf diese Weise wird Vi«ïu die unerträglichen Lasten der Erde erleichtern. K−«Ça und Arjuna werden die Rolle einfacher, menschlicher Lebewesen spielen. Wenn Arjuna sieht, dass die Armeen auf beiden Seiten aus seinen eigenen Blutsverwandten bestehen, wird er verzagen und den Kampf verwei- gern. Dann wird Lord K−«Ça ihn in der höchsten Weisheit unterweisen und ein spirituelles Erwachen in ihm hervorrufen. Er wird zu Arjuna sprechen: „Dieses (Selbst) wird weder geboren noch stirbt es, es ist ewiglich und wird nicht getötet, wenn der Körper getötet wird. Wer glaubt, dass er tötet oder getötet wird, ist unwissend. Wie, weshalb und durch wen sollte dies unendli- che Sein, welches ohne ein Zweites und feiner als Raum ist, zerstört werden? Arjuna, gewahre das Selbst, welches unendlich, unmanifestiert, ewiglich und von der Natur reinen Bewusstseins und unbefleckt ist. Du bist ungeboren und ewiglich!“ Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen: VI.1:53 Arjuna, du bist kein Mörder – gib diese leere, selbstsüchtige Idee auf. Du bist das Selbst – frei von Alter und Tod. Wer frei vom Ich-Sinn ist und dessen Intelligenz an nichts verhaftet ist, der tötet weder noch ist er dadurch gebun- den, auch wenn er die ganze Welt vernichtet. Gib daher diese falschen Ideen des „Dies bin ich“ und „Dies ist mein“ auf. Nur aufgrund dieser falschen Ideen denkst du: „Ich bin vernichtet“, und dann leidest du. Nur die selbstsüchtige und unwissende Person glaubt: „Ich tue dies“, während alles nur durch die verschiedenen Aspekte des einen Selbst oder des unendlichen Bewusstseins getan wird. 425
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    Lass die Augensehen, lass die Ohren hören, lass die Haut fühlen, lass die Zunge schmecken. Wo ist das „Ich“ in all dem? Auch wenn das Gemüt all die verschiedenen Ideen weiterhin hegt, so gibt es doch nirgends etwas, das als „Ich“ identifiziert werden könnte. Während alle diese Faktoren in Aktivität verwickelt sind, ist es das „Ich“, welches die Täterschaft übernimmt und als Folge davon leidet. Die Yogis führen Aktivitäten lediglich mit ihrem Gemüt und ihren Sinnen zum Zweck der Selbstreinigung aus. Wer dagegen vom Ich- Sinn verseucht ist, sei er nun ein Gelehrter oder ein noch Höherer als dieser, der ist ein verdorbener Mensch. Wer aber frei vom Ich-Sinn und dem Besitz- sinn ist und Gleichmut in Freude und Schmerz zeigt, der wird nicht gebunden durch das, was er an Erlaubtem oder Verbotenem tut. Folglich, oh Arjuna, ist deine Pflicht als Krieger, auch wenn sie Gewalttätig- keit beinhaltet, edel und rechtmäßig. Die Ausübung der Handlung, die dir zugedacht ist, auch wenn sie verabscheuungswürdig und unrecht ist, ist das Beste. Werde schon hier auf der Erde unsterblich durch die Ausübung deiner Pflicht. Sogar die natürliche Handlung eines Narren ist in seinem Fall edel. Wie viel mehr gilt dies im Fall eines guten Menschen! Sei verankert im Geist des Yoga und handle unangehaftet an die Handlung – so wirst du nicht ge- bunden sein. Sei im Frieden, so wie Brahman im Frieden ist. Und lass deine Handlung von der Natur Brahmans sein. Indem du alles Brahman darbringst, wirst du unverzüglich selbst zu Brahman werden. Der Höchste Herr wohnt in allem. Indem du alle Handlungen als ein Opfer für Ihn verrichtest, leuchtest du selbst wie der von allen verehrte Höchste Herr. Werde ein wahrer sanyāsi (Entsagender) durch das entschiedene Aufgeben aller Gedanken und Ideen – auf diese Weise wirst du dein Bewusstsein wahrlich befreien. Das Aufhören aller Gedanken und Ideen oder mentalen Bilder sowie das Aufhören der tiefgreifenden psychologischen Konditionierung sind selbst das höchste Selbst oder Brahman. Danach zu streben wird sowohl Yoga als auch Weisheit (Jñāna) genannt. Die Überzeugung, dass Brahman allein dies alles ist, einschließlich der Welt und des „Ich“, wird genannt, „Alles Brahman op- fern oder übergeben“ (Brahmārparïaæ). Der HÖCHSTE HERR instruierte Arjuna: Brahman ist innen und außen leer (undifferenziert und homogen). Es ist weder ein Objekt der Beobachtung noch ist es verschieden vom Beobachter. Die Welterscheinung taucht in ihm als ein unendlich kleiner Bestandteil sei- ner selbst auf. Da die „Welt“ in Wahrheit nur eine Erscheinung ist, ist sie in Wahrheit Leere, Nichts und unwirklich. Auf mysteriöse Weise taucht in all diesem ein Gefühl des „Ich“ auf, welches sogar im Vergleich mit der Welter- scheinung unendlich winzig ist! Das Unendliche verbleibt ungeteilt durch alles und erscheint doch aufgrund des „Ich“-Gefühls als geteilt. So wie das „Ich“ nicht-verschieden vom unendlichen Bewusstsein ist, so sind materielle Objekte wie Töpfe und Lebewesen wie etwa ein Affe nicht verschieden vonei- nander. Wer würde dann noch diesem „Ich“ nachhängen? Weshalb sich nicht 426
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    an das unendlicheBewusstsein halten, welches allein als all dies erscheint aufgrund seiner eigenen, mysteriösen Energien? Dieses Verstehen mit dem anschließenden Aufgeben des Verlangens nach dem Genuss der Früchte der eigenen, natürlichen Handlungen wird als „Entsagung“ (sanyāsa) bezeichnet. Entsagung bedeutet, allen Hoffnungen und Bestrebungen zu entsagen. Sobald man die Gegenwart des Höchsten Herrn in allen Erscheinungen und Modifi- kationen wahrnimmt und die Illusion der Dualität aufgibt, bezeichnet man dies als das sich Ergeben an den Höchsten Herrn oder das Darbieten des Selbst und von allem an den Höchsten Herrn. Ich bin die Hoffnung, Ich bin die Welt, Ich bin die Tätigkeit, Ich bin die Zeit, Ich bin das Eine und auch das Viele. Sättige daher dein Gemüt gänzlich mit mir, sei mir ergeben, diene mir, verneige dich vor mir. Indem du so ständig eins mit mir bist und mich als dein höchstes Ziel hast, wirst du mich errei- chen. Ich besitze zwei Gestalten, oh Arjuna, die gewöhnliche und die höchste. Die gewöhnliche Form ist diejenige, die mit Händen usw. und dem Muschelhorn, dem Diskus, dem Streitkolben usw. ausgestattet ist. Die höchste Form ist ohne Anfang und Ende, ohne ein Zweites. Sie wird verschiedentlich als Brahman, Selbst, höchstes Selbst usw. bezeichnet. Solange man nicht vollständig er- wacht ist, soll man die gewöhnliche Form verehren. Durch diese Verehrung wird man spirituell erwachen und eines Tages die höchste Form kennen, deren Kennen die Wiedergeburt verhindert. Ich sehe, dass du durch meine Unterweisung erwacht bist. Gewahre das Selbst in allem und alles im Selbst und verbleibe für immer fest verankert im Yoga. Wer darin fest verankert ist, wird nicht wiedergeboren, obwohl er hier auf der Erde all seine natürlichen Tätigkeiten ausführt. Das Konzept der Ein- heit dient dazu, das Konzept der Vielfalt aufzuheben, das Konzept des Selbst (unendliches Bewusstsein) dient dazu, die Konzeptualisierung der Einheit aufzuheben. Das Selbst kann weder als existierend noch als nicht-existierend betrachtet werden – es ist, was es ist. Das innere Licht, welches als reines Erfahren in allen Wesen leuchtet – das allein ist das Selbst, welches durch das Wort „Ich“ bezeichnet wird, dies ist gewiss. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen: Die reine Erfahrung des Geschmacks, die in allen Substanzen der Welt exis- tiert, ist das Selbst. Die Fähigkeit des Erfahrens, die in allen Geschöpfen exis- tiert, ist das allgegenwärtige Selbst. Es existiert in allem, so wie Butter in Milch existiert. Wie eine Sammlung von tausend Töpfen Raum außerhalb und innerhalb aller Töpfe enthält, ungeteilt und unteilbar, so existiert das allesdurchdrin- gende Selbst alle Wesen in den drei Welten. So wie in einem Perlenhalsband die verbindende Schnur unsichtbar ist, so verbindet das Selbst alles und hält alles zusammen, während es selbst unsichtbar bleibt. Diese Wahrheit oder 427
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    Realität wird alsdas Selbst bezeichnet, welches alle Dinge von Brahmā dem Schöpfer bis hin zum Grashalm durchdringt. In diesem Brahman gibt es eine kleine Manifestation, die ebenfalls Brahman ist, und die hier aufgrund von Unwissenheit und Täuschung als „Ich-bin-heit“ und „Welt“ bezeichnet wird. Wenn doch alles nur das eine Selbst ist, oh Arjuna, was bedeuten dann Ausdrücke wie „dies wurde getötet“, „er tötet“ oder „gut“, „nicht gut“, „Unglück“ usw.? Wer weiß, dass das Selbst der Zeuge aller dieser Wandlungen ist und von ihnen unberührt und unbetroffen bleibt, der kennt die Wahrheit. Obgleich ich Ausdrücke verwende, die Vielfalt nahelegen, ist die Wirklich- keit doch nondual. All dieses Kommen und Gehen, Erschaffen und Wiederauf- lösen ist nicht-verschieden vom Selbst. Das Selbst ist die eigentliche Natur der Totalität der Existenz, so wie Härte die Eigenschaft des Felsens und Flüs- sigkeit die Natur der Wellen ist. Wer das Selbst in allem und in allem das Selbst sieht und erkennt, dass das Selbst der Nicht-Handelnde (nondual) ist, der sieht die Wahrheit. So wie in allen aus Gold gemachten Schmuckstücken unabhängig von ihrer Form und Größe das Gold die Wirklichkeit ist, und so wie Wasser die Wirklichkeit sämt- licher Wellen und Wirbel auf dem Ozean ist, unabhängig von ihrer Größe und Gestalt, so ist das höchste Selbst oder das unendliche Bewusstsein allein die Wirklichkeit, in der die Welt der vielfältigen Schöpfungen erscheint. Weshalb trauerst du also? Was gibt es denn schon in all diesen sich ständig wandelnden Phänomenen, dem sich dein Herz verbunden fühlen sollte? In- dem sie sich selbst auf diese Art befragen,, durchwandern die Weisen diese Welt in totaler Freiheit und in perfektem innerem Gleichgewicht. Ihre Wün- sche sind in sich selbst (als Wünsche) zurückgekehrt und ihre Täuschungen zerstreut; sie hängen an nichts, aber sind fest in der Selbsterkenntnis veran- kert; frei von allem Sinn der Dualität, wie er als Glück oder Unglück bezeich- net wird, so haben die Weisen den höchsten Zustand erlangt. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen: VI.1:54 Höre, was ich dir nun weiter sagen werde. Ich teile dir dies mit, weil mir dein Wohl am Herzen liegt und weil du mir teuer bist. Ertrage, was auch immer dir an Vergnügen und Schmerz, an Hitze und Kälte widerfährt –sie kommen und gehen. Sie gehören nicht zum Selbst, das an- fangslos und endlos ist und ohne Teile. Sinneserfahrungen werden aus dem täuschenden Kontakt mit den illusorischen Elementen geboren. Wer dies weiß und ungerührt bleibt, trägt das Zeichen der Befreiung auf der Stirn. Wenn doch das Selbst allein existiert – wo können da Vergnügen und Schmerz entstehen? Da das höchste Selbst allein allgegenwärtig ist, existieren Vergnü- gen und Schmerz nicht wirklich. Das Unwirkliche besitzt keinerlei Sein, und das Wirkliche hört nicht auf zu sein. Das Selbst frohlockt weder im Vergnügen noch trauert es im Schmerz! Es ist nur das leblose Gemüt (ohne eigene Intelligenz und Bewusstheit) , welches, 428
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    im Körper wohnend,Schmerz erfährt. Wenn der Körper verfällt, ist das Selbst nicht betroffen. Weder gibt es unabhängig vom Selbst ein Ding wie den Kör- per usw. noch so etwas wie Schmerz usw. Was wird also von wem erfahren? Folglich ist der voll erwachte Mensch frei von solchen Täuschungen. So wie die Illusion einer Schlange in einem Seil bei richtigem Hinsehen verschwin- det, so verschwindet die Täuschung des Körpers und des Kummers im spiri- tuellen Erwachen. Rechtes Verständnis oder spirituelles Erwachen ist, dass das universale Brahman weder geboren wird noch stirbt. Vernichte die Kräfte der Täuschung wie Stolz, Sorge, Furcht, Wunsch als auch Schmerz und Freude. Diese Gegensatzpaare sind allesamt illusorisch. Sei im Eins-sein verankert. Du bist dieser einzige Ozean des Bewusstseins. Schmerz und Freude, Gewinn und Verlust, Sieg und Niederlage sind aus der Unwissenheit geboren. Verbleibe daher unberührt von allem. Was auch im- mer du tust, isst und in Verehrung darbringst und gibst – all dies ist das Selbst. Was dein inneres Sein ist, das wirst du gewiss erlangen. Fülle daher dein gesamtes Sein mit Brahman an, um die Realisation von Brahman zu erlangen. Wer in der Handlung die Nicht-Handlung und in der Nicht-Handlung die Handlung sieht, der ist weise und erlangt alles. Sei weder an die Früchte der Handlung noch an die Nicht-Handlung verhaftet. Anhaftung ist die eigentliche „Täterschaft“ und auch die „Nicht-Täterschaft (indem man selbstsüchtigerweise denkt: „Ich tue“ oder „ich tue nicht“). Beide sind Aspek- te der Torheit – gib daher die Torheit auf. Gib das Konzept der Vielfalt auf - auch wenn du handelst. Du bist nicht der Täter dieser Handlungen. Ein wei- ser Mensch ist, wessen Handlungen im Feuer der Selbsterkenntnis verbrannt und der folglich frei von Wünschen sind. Wer sich physischer Handlungen enthält, aber fortfährt, sich mental in Erfahrungen des Vergnügens zu erge- hen, ist ein Heuchler. Wer jedoch mit Hilfe des Gemüts seine Sinne beherrscht und mit seinem Körper tätig und dabei frei von Anhaftung ist, der ist eine überlegene Person. In wessen Herzen die Wünsche in sich selbst zurückkeh- ren, so wie die Flüsse wieder in den Ozean fließen, der lebt im Frieden, nicht jedoch der Mensch mit Wünschen. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen: VI.1:55 Ohne etwas zu entsagen und ohne das selbstsüchtige Empfinden von „ich genieße“ oder „ich leide“ sollte man in allen natürlichen Situationen in einem Zustand des Gleichmuts verweilen. Hege nicht das Gefühl von „dies ist das Selbst oder Bewusstsein“ für das was das Nicht-Selbst (Nicht-Bewusstsein) ist. Wenn der Körperzerfällt, geht nichts verloren. Das Selbst kann niemals verloren gehen! Das Selbst ist per definitionem das unzerstörbare und un- endliche Bewusstsein. Lass nicht einmal den Gedanken „Das Selbst ist ver- derblich“ je in deinem Gemüt auftauchen. Was verdirbt oder wandelhaft ist, ist nur die Vorstellung von „dies ist verloren“ oder „dies wurde erlangt“. Das Selbst, welches ewiglich und unendlich ist, hört nicht auf, die Wirklichkeit zu sein, während das Unwirkliche gar nicht existiert. Das Selbst, welches alles 429
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    durchdringt, ist unverderblich.Die Körper gelangen an ihr Ende, aber das Selbst (das unendliche Bewusstsein) ist ewig. Das Selbst oder das unendliche Bewusstsein ist eines und nicht-dual. Was verbleibt, sobald aller Sinn für die Dualität verloren ist, ist das Selbst, das ist die höchste Wahrheit. ARJUNA fragt; Was, oh Höchster Herr, ist dann der sogenannte Tod, und was ist, was man Himmel und Hölle nennt? Der HÖCHSTE HERR erwiderte: Der jīva oder die lebendige Seele oder Persönlichkeit lebt in einem Netz, das aus den Elementen (Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum) und auch dem Ge- müt und dem Intellekt geknüpft ist. Dieser jīva wird durch die latenten Nei- gungen (vergangene Eindrücke, Erinnerungen usw.) umhergetrieben, da er sich im Käfig namens Körper aufhält. Im Verlaufe der Zeit altert der Körper und der jīva verlässt den Körper, so wie der Saft aus einem gepressten Blatt austritt. Er nimmt die Sinne und das Gemüt mit sich und gibt den Körper auf, so wie Duft seine Quelle verlässt und davonzieht. Der Körper des jīva ist nichts anderes als die vāsanās oder die verbleibenden Eindrücke, die im Körper gewonnen wurden. Sobald der jīva den Körper verlässt, wird dieser leblos – dann nennt man ihn „tot“. Während er im Raume umherzieht, sieht der jīva, der die Natur des prāïa oder der Lebenskraft hat, die Formen, die durch seine vergangenen vāsanās oder Eindrücke heraufbeschworen werden. Diese früheren Eindrücke werden nur durch intensive Selbst-Erforschung zerstört. Auch wenn die Berge pulve- risiert werden und die Welten verschwinden, sollte man niemals die Eigen- bemühung aufgeben. Auch Himmel und Hölle sind nichts als Projektionen dieser Eindrücke oder vāsanās. Diese vāsanās entstehen aus Unwissenheit und Torheit und hören nur in der Morgendämmerung der Selbsterkenntnis auf. Was ist der jīva schon an- deres als vāsanā oder mentale Konditionierung, die wiederum nichts als leere Vorstellungen oder Gedankenformen sind? Wer fähig ist, diese vāsanās auf- zugeben, während er noch in dieser Welt und in diesem Körper lebt, der wird als befreit bezeichnet. Wer nicht vermag, diese vāsanās aufzugeben, befindet sich in Bindung, auch wenn er ein großer Gelehrter ist. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen: VI.1:56 Sei eine befreite Seele, indem du die mentale Konditionierung aufgibst. Sei im Innern ruhig und kühl, und gib die durch Beziehungen entstehenden Sor- gen auf. Gib den leisesten Zweifel betreffend Alter und Tod auf, entwickle eine Sichtweise, die so weit wie der Himmel ist, und sei frei von der Anziehung und auch von der Abstoßung. Führe die Handlung aus, welche natürlich für dich ist. Nichts geht hier zugrunde. Darin besteht die Natur eines befreiten Weisen. Nur der Narr denkt: „ich werde dies tun“ oder „ich werde dies lassen“. Die Sinne des befreiten Weisen sind auf natürliche Weise fest in seinem Herzen verankert. Es ist das Gemüt (Herz), welches das Gemälde der drei 430
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    Welten auf dieLeinwand des allgegenwärtigen Seins malt. Das Gemüt erzeugt Fragmentierung und Trennung. In Wahrheit gibt es keine solche Fragmentie- rung – es ist nur das Gemälde des Gemüts, welches als Fragmentierung in dieser Schöpfung beobachtet wird. Raum ist absolute Leere. Und doch ent- steht und vergeht diese Welterscheinung im Gemüt während eines Augen- blinzelns! Da das Selbst (auf dem die Welt vom Gemüt gemalt wird) die ge- samte Schöpfung durchdringt, erscheint die Schöpfung selbst als wirklich. Bei korrekter Ergründung jedoch löst sie sich im Selbst auf. Weder existieren „andere“ noch „du“ selbst. Weshalb grämt du dich? Im rei- nen Raum gibt es weder Tätigkeit noch Bewegung, denn Tätigkeit und Bewe- gung selbst sind leer. Daher ist der reine Raum unberührt von Konzepten wie Zeit, Tätigkeit usw. All dies ist nichts als das Gemüt, dessen Ideen sich in Form dieser Bilder ausbreiten. Der reine Raum ist leer. Dieser Raum kann zu keiner Zeit getrennt und geteilt werden. Nun ist diese eingebildete Schöpfung aufgelöst worden, oh Arjuna. Sie ent- stand im Moment einer Täuschung. Sie ist irreal, und doch vermag das Gemüt diese Fantasie in einem Augenblick zu erzeugen. Es (das Gemüt) kann einen Moment wie eine ganze Epoche erscheinen lassen, etwas weniges als viel darstellen, und das Irreale im Nu als gänzlich real erscheinen lassen – so ist diese Illusion entstanden. Es ist diese in einem Augenblick entstehende Täu- schung, die die Illusion zurücklässt, welche „Welt“ genannt wird und die in den Augen der Unwissenden eine unbestreitbare und solide Realität ist. Da diese Welterscheinung jedoch auf der Realität des unendlichen Be- wusstseins gründet, sind alle Argumente betreffend seine reale oder irreale Natur von geringer Bedeutung. Es ist in der Tat ein großes Wunder, dass diese Welt der Vielfalt im unteilbaren unendlichen Bewusstsein erscheint. Und doch ist sie nicht mehr als das Gemälde einer Tänzerin, in der die Phänomene die verschiedenen Teile und die Götter und Dämonen und andere Lebewesen ihre Glieder sind. Alles ist in der Tat nur ihr eigenes Substrat, das niemals einem Wandel unterzogen wurde. Es ist das unendliche, unteilbare Bewusst- sein. Der HÖCHSTE HERR fuhr fort, Arjuna zu unterweisen: VI.1:57, Dies ist in der Tat ein großes Wunder: Zuerst erscheint das Bild, und dann 58 taucht daraus die Fragmentierung auf. Das Bild existiert nur im Gemüt. Was auch immer getan wird, wird von der Leerheit in der Leerheit (Raum) getan. Leerheit löst sich in Leerheit auf, Leerheit erfreut sich an Leerheit, Leerheit durchdringt Leerheit. Was zu sein scheint, ist durchdrungen von vāsanās (psychologischer Konditionierung oder mentalen Bildern). Die Welterschei- nung ist illusorisch. Sie existiert in Brahman so, wie ein Bild in einem Spiegel existiert – unberührbar, ohne Löcher (Brüche) und ohne Getrenntheiten; nicht-verschieden von Brahman. Auch was man vāsanā nennt, ist essenziell auf unendlichem Bewusstsein gegründet und nicht verschieden davon. Wer sich nicht von den Fesseln der vāsanās befreit hat, ist gänzlich an ihre Illusionen gebunden. Auch wenn jemand sämtliche vāsanās bis auf einen 431
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    winzigen Restbestand abgelegthaben sollte, genügt dieser Rest doch, um schon bald einen neuen, mächtigen Urwald des saæsāra (Welterscheinung oder Zyklus von Geburt und Tod) entstehen zu lassen. Falls jedoch dieser Same des vāsanā durch beständige Bemühung mit Hilfe des Feuers des richti- gen Verstehens und der Selbsterkenntnis zu Asche verbrannt wird, dann ruft er keine weitere Bindung hervor. Wer seine vāsanās zu Asche verbrannt hat, verliert sich nicht in der Freude und im Schmerz – er lebt in dieser Welt wie ein Lotosblatt im Wasser. ARJUNA sprach: Höchster Herr, meine Täuschungen sind verschwunden. Durch deine Gnade erfuhr ich das Erwachen meiner inneren Intelligenz. Ich bin nun von allen Zweifeln befreit. Ich werde in allem Deinen Willen tun. Der HÖCHSTE HERR beschloss seine Unterweisung wie folgt: Sobald die mentalen Modifikationen befriedet sind, ist auch das Gemüt im Frieden. Dann ist das Bewusstsein vom Objekt befreit und es gibt da das reine, innere Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ist alles und allgegenwärtig. Es ist rein und ohne jede Gedankenbewegung. Es ist transzendental. Es wird erst dann erlangt, wenn es von sämtlichen vāsanās gereinigt worden ist. So wie die Hitze den Schnee schmilzt, so löst dieses reine Bewusstsein die Unwis- senheit auf und vertreibt sie. Das, was alles in diesem Universum ist; das, was ohne alles in diesem Universum ist; das, was unbeschreiblich ist; das, was die höchste Wahrheit ist –welchen Namen soll man ihm geben? VASIåèHA fuhr fort: Wenn der Höchste Herr auf diese Weise Arjuna unterweist, wird dieser ei- nige Momente lang still bleiben und dann sprechen: „Höchster Herr, im Son- nenlicht deiner Ermahnungen hat sich der Lotos der Intelligenz in meinem Herzen voll entfaltet.“ Nach diesen Worten, wird Arjuna unverzüglich seine Waffen an sich nehmen und sich am Krieg beteiligen als wäre es ein Spiel. (Hinweis: Dieses Kapitel enthält die Essenz der Bhagavad Gita) VASIåèHA fuhr fort: VI.1:59 Eigne dir diese Haltung an, oh Rāma, und verbleibe unangehaftet, ausgerüs- tet mit dem Geist der Entsagung und der Erkenntnis, dass du alles, was du tust oder erfährst, dem allgegenwärtigen Sein, Brahman, darbringst. Dann wirst du die Wahrheit erkennen, und das ist das Ende aller Zweifel. Das ist der höchste Zustand, der Guru aller Gurus, dies ist das Selbst, das Licht, welches die Welt von innen erleuchtet. Es ist die Wirklichkeit aller Substanzen, das, was den Substanzen die essenziellen Eigenschaften verleiht. Die Idee der „Welt“ taucht nur dann auf, wenn der Geist der Erforschung abwesend ist. Jedoch war „Ich“, bevor die Welt war. Wie könnte dann die Idee der Welt usw. mich binden? Wer auf diese Weise die Wahrheit erkennt, ist frei von allem Anfang und allem Ende. Wer auf diese Weise mit dem Geist der Nondualität ausgestattet ist (als wäre er wachend im Tiefschlaf), ist nie mehr beunruhigt, obwohl er ein aktives Leben führt. Er ist hier und jetzt befreit. 432
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    Was als dieWelt erscheint, ist wahrhaftig nichts als die Zauberei (das Werk) des unendlichen Bewusstseins. Weder gibt es hier Einheit noch Dualität. Und meine Unterweisungen sind ebenso! Die Worte, ihre Bedeutung, der Schüler, der Wunsch (oder die Bemühung des Schülers) und die Fähigkeit des Gurus zur Verwendung der Worte sind alle ebenfalls das Spiel der Energie des un- endlichen Bewusstseins! Im Frieden des eigenen inneren Seins vibriert das Bewusstsein – die Welterscheinung taucht auf. Würde dieses Bewusstsein nicht vibrieren, würde es auch keine Welterscheinung geben. Das Gemüt ist nichts anderes als die Bewegung im Bewusstsein. Die Nicht- Realisation dieser Wahrheit ist die Welterscheinung! Die Nicht-Realisation dieser Wahrheit verstärkt und vertieft die Bewegung der Gedankenwellen im Bewusstsein. Auf diese Weise entsteht ein Weltzyklus. Unwissenheit und mentale Aktivität setzen sich gegenseitig fort. Sobald die innere Intelligenz erwacht ist, hört das Verlangen nach Sinnes- vergnügen auf, und das ist die Natur des Weisen. Das Nicht-Verlangen nach Sinnesvergnügen geschieht daher in ihm auf ganz natürliche und mühelose Weise. Er weiß, dass es die Energie des Selbst ist, die die Erfahrungen erfährt. Wer verweigert, das zu erfahren was er zu erfahren hat, nur um der Welt zu gefallen, schlägt die Luft mit einem Stock! Man erlangt die Selbsterkenntnis, indem man die angemessenen Mittel verwendet. Der Wunsch nach Befreiung verhält sich konträr zur Fülle des Selbst – aber die Abwesenheit dieses Wunsches fördert die Bindung! Daher sollte man dessen beständig gewahr sein. Die einzige Ursache für Bindung und Befrei- ung ist die Bewegung im Bewusstsein. Das Gewahrsein dessen beendet diese Bewegung. Der Ich-Sinn hört in dem Moment auf, in dem er beobachtet wird, weil er dann keine Stütze mehr hat. Wer ist dann von wem gebunden oder wer wird vom wem befreit? VASIåèHA fuhr fort: Darin besteht das höchste Sein, welches unendliches Bewusstsein ist. Die- jenigen, die wie der Schöpfer Brahmā, Vi«ïu oder Śiva mit einer makrokosmi- schen Form ausgestattet sind, sind verankert in diesem höchsten Sein, sie sind die Herrscher oder Könige dieser Welt. Darin verankert, wandern die vollkommenen Weisen in den Himmeln umher. Wer dies erlangt hat, stirbt nicht und trauert nicht. Der Weise, selbst wenn nur für einen Augenblick in diesem reinen Sein verweilt, welches von der Natur des unbegrenzbaren und unendlichen Bewusstseins ist und auch das Höchste Selbst genannt wird, wird nie wieder betrübt, auch wenn er sich weiterhin mit den Angelegenhei- ten dieser Welt befasst. RùMA fragte: Wenn das Gemüt, der Intellekt und der Ich-Sinn alle zusammen aufgehört haben, wie kann dann dieses reine Sein oder unendliche Bewusstsein hier erscheinen? VASIåèHA fuhr fort: 433
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    Brahman, das insämtlichen Körpern wohnt und Erfahrungen erfährt, isst, trinkt, spricht, sammelt undzerstört, ist selbst gänzlich frei von der Teilung des Bewusstseins und seiner Bewusstheit. Was allgegenwärtig und ohne Anfang und Ende und ein völlig reines, unmodifiziertes, undifferenziertes Sein ist – dies wird Existenz (vastu-tattvam) oder Realität genannt. Dieses existiert im Raum als Raum , als Klang im Klang, als Berührung in der Berührung, als Haut in der Haut, als Geschmack im Geschmack, als Form in der Form, in den Augen als die Sehkraft, im Geruch als Geruch, im Duft als Duft, im Körper als Kraft, in der Erde als Erde, in der Milch als Milch, im Wind als Wind, im Feuer als Feuer, in der Intelligenz als Intelligenz, im Gemüt als Gemüt, im Ich-Sinn als Ich-Sinn . Es erscheint als citta oder als Gemüt im Gemüt. Es ist der Baum im Baum. Es ist die Unbewegtheit im Unbewegten und die Bewegtheit in den beweglichen Lebewesen. Es ist das Leblose im Leblosen und die Intelligenz des Lebendigen. Es ist die Göttlichkeit der Götter und die Menschlichkeit in menschlichen Lebewesen. In den Tieren ist es deren animalische Natur und in den Würmern deren Wurmartigkeit. Es ist die eigentliche Essenz der Zeit und der Jahreszeiten. Es ist die Dynamik in der Aktion und die Ordnung in der Ordnung. Es ist die Existenz in der Existenz und der Tod im Verderblichen. Es ist die Kindheit, die Jugend und das Alter und auch der Tod. Es ist ungeteilt und unteilbar, denn es ist die eigentliche Essenz aller Dinge. Die Vielfalt ist unwirklich, obwohl sie wirklich ist in dem oben genannten Sinne (nämlich dass die Vielfalt wahrgenommen und durchdrungen wird vom unendlichen Bewusstsein). Erkenne dies: „All dies ist durchdrungen von Mir, denn ich bin allgegenwärtig und und ohne Körper und solch anderen Begren- zungen.“ Ruhe dann im Frieden und im höchsten Glück. VùLMýKI sprach: Nachdem der Weise Vasi«Âha so gesprochen hatte, gelangte der Tag an sein Ende und die Versammlung löste sich für die Abendgebete auf. RùMA fragte: VI.1:61 Oh Weiser, so wie die Städte usw., die wir in unseren Träumen sehen, irreal sind, so ist diese Welt, welche der Traum von Brahmā dem Schöpfer ist, in der Tat irreal und illusorisch. Wie kommt es aber, dass sie in unseren Augen die- sen außerordentlich hohen Grad an Solidität erlangt? VASIåèHA erwiderte: Die allererste Schöpfung Brahmās wird sogar heute noch von uns gesehen, als wäre sie real! Da das Bewusstsein unendlich ist, findet die Erschaffung des jīva ebenfalls überall statt. Diese Schöpfung ist ohne Zweifel aus der Unwis- senheit geboren – der Glaube an diese Schöpfung vernichtet die wahre Sicht- weise. Obwohl diese Schöpfung unwirklich ist, erscheint sie doch aufgrund des Ich-Sinnes als gänzlich real und solide. Der Träumer realisiert die Flüch- tigkeit der Objekte, die er im Traum wahrnimmt, nicht. Auf dieselbe Weise verhält es sich mit dem kosmischen Traum des Schöpfers. Der Traum teilt die 434
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    Eigenschaften des Träumers.Was aus dem Unwirklichen geboren wurde, muss daher ebenfalls unwirklich sein! Daher erscheint diese Welt nur als wirklich, da sie aus dem unwirklichen Konzept (dem Traum des Schöpfers) geboren wurde. Sie sollte folglich entschieden zurückgewiesen werden. Im Selbst, das unendliches Bewusstsein ist, erscheint diese Schöpfung nur für einen Moment. Während dieses Momentes entsteht die Idee, dass diese Schöpfung von sehr langer Dauer ist. Die Schöpfung scheint daher völlig real zu sein. So wie dieses Universum als ein Traum im Bewusstsein des Schöpfers existiert, so wird es als eine lange Zeitperiode im Bewusstsein (Traum) all der Wesen erfahren, die selbst die Traumobjekte des Schöpfers sind. Was und in welcher Form in diesem Traum wahrgenommen wird, entsteht augenblicklich. Natürlich gibt es für einen verwirrten oder gestörten Ver- stand nichts, was er in dieser Welt als unreal erfahren würde. Sogar hier werden so viele außergewöhnliche Phänomene gesehen: Feuer brennt mitten im Wasser, Wasser bleibt im Himmel stehen, Lebewesen werden in einem Felsen entdeckt, leblose Maschinen funktionieren auf verschiedenste wun- derbare Weise. Man kann auch sehen, was offensichtlich unwirklich ist: so wie man von seinem eigenen Tod träumen kann. Da gibt es nichts, was real ist, noch ist da irgendetwas, was irreal ist – in diesem Traum, der die Schöpfung genannt wird, ist alles überall möglich! So wie man im Traum den Traum als gänzlich real empfindet, so empfindet jemand, der in diese Schöpfung verwickelt ist, sie als gänzlich real. So wie man von einem Traum zum nächsten wandert, so wandert man von einer Täuschung zur nächsten und erfährt diese Welt als gänzlich real. *** Die Geschichte von den hundert Rudras VASIåèHA fuhr fort: VI.1:62 In diesem Zusammenhang erzähle ich dir nun die folgende Legende, oh Rāma, der du bitte dein Ohr leihen mögest. Es gab einmal einen Bettelmönch, der der Meditation ergeben war. Sein Gemüt, durch solche Meditation gereinigt, erlangte die Fähigkeit zum Materi- alisieren der Gedanken. Eines Tages, der ständigen Meditation müde, aber immer noch in vollkom- mener Gedankenkonzentration, dachte er daran, etwas zu tun. Er stellte sich vor, dass er Analphabet und ein Angehöriger einer Familie war, die nicht zur Brāhmanenkaste gehörte. Unverzüglich wurde er sozusagen zu einem Stam- 435
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    mesangehörigen, und esentstand in ihm das Gefühl „Ich bin Jīvata“. Dieses Traumwesen durchwanderte eine Zeitlang eine Stadt, die ebenfalls aus Traumobjekten bestand. Eines Tages war er betrunken und schlief ein. Er träumte, dass er ein Brāhmane sei, der Kenntnis der Schriften hatte. Während er so ein rechtschaffenes Leben führte, träumte dieser Brāhmane eines Tages, dass er ein mächtiger König sei. Er träumte, ein unbesiegter Kaiser mit un- übertroffenem Glanz zu sein. Eines Tages erging dieser sich in königlichen Vergnügungen, schlief danach ein und träumte von einer himmlischen Nym- phe. Auch diese Nymphe träumte eines Tages, und zwar dass sie ein Reh sei. Und dieses Reh wiederum träumte davon, eine Kletterpflanze zu sein. Auch Tiere träumen, da die Natur des Gemüts darin besteht, sich an gesehene und gehör- te Dinge zu erinnern. Das Reh wurde also zu einer Kletterpflanze. Die innere Intelligenz in dieser Kletterpflanze sah daraufhin im eigenen Herzen eine Biene. Die Kletterpflanze wurde zur Biene, und diese Biene begann den Nek- tar der Blumen zu schlürfen, die auf der Kletterpflanze wuchsen. Die Biene verfiel dem Nektar in einer dieser Blüten und läutete damit gewiss ihr eige- nes Verderben ein! In der Nacht kam ein Elefant zu dieser Kletterpflanze, riss sie zusammen mit der Biene aus und zermalmte sie in seinem Maul. Die Biene jedoch, die den Elefanten hatte kommen sehen, komtemplierte den Elefanten und wurde zu einem solchen. Dieser Elefant wurde sodann von einem König eingefangen. Eines Tages sah der Elefant einen Bienenstock und wurde aufgrund der Erin- nerung an seine vergangene Geburt zu einer Biene. Sie begann, den Nektar der Blüten wilder Kletterpflanzen zu schlürfen. Sie wurde zur Kletterpflanze. Die Kletterpflanze wiederum wurde von einem Elefanten zertrampelt. Weil die Kletterpflanze jedoch in einem nahen See Schwäne gesehen hatte, wurde sie zu einem Schwan. Eines Tages befand sich dieser Schwan in der Gesellschaft vieler weiterer Schwäne. Während der Bettelmönch über den Schwan meditierte, starb er plötzlich. Sein Bewusstsein wurde daraufhin in den Schwan verpflanzt. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:63 Dieser Schwan sah eines Tages Lord Rudra und entwickelte in seinem Her- zen die Überzeugung: „Ich bin Lord Rudra“. Unverzüglich gab er seinen Kör- per als Schwan auf und wurde zu Lord Rudra. Und dieser Rudra lebte dann in der Heimstätte Rudras Da Rudra jedoch mit wahrer Erkenntnis ausgestattet war, erinnerte er sich an alles, was bis dahin geschehen war! RUDRA rekapitulierte daher wie folgt: Schaut nur! Wie mysteriös doch diese Māyā ist, die alle Welt täuscht! Sie ist unwirklich, erscheint aber als wirklich. Als erstes entstand in diesem unend- lichen Bewusstsein, welches ich selbst bin, das Gemüt mit objektivem Be- wusstsein, aber immer noch kosmisch und allwissend. Dann wurde ich zufäl- ligerweise zum jīva, der sich von den feinsten Teilen der kosmischen Elemen- 436
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    te angezogen fühlte.Aufgrund dessen wurde ich während eines bestimmten Schöpfungszyklus zum Bettelmönch, der in vollkommener Stillheit lebte. Er überwand sämtliche Zerstreutheiten und verblieb vertieft in die Praxis der Kontemplation. Jedoch ist jede nachfolgende Aktion mächtiger als die vorangegangene. Der Bettelmönch erachtete sich selbst als Jīvata und wurde dann zu diesem. Da- nach begann er sich für einen Brāhmanen zu halten. Ganz bestimmt überwäl- tigt die mächtigere Gedankenform die schwächere. Im Verlaufe der Zeit und aufgrund beständiger Kontemplation wurde er dann zum König – so wie das von der Pflanze aufgenommene Wasser schließlich zu ihrer Frucht wird! Königliche Vergnügen gehen mit dem Lustspiel der Nymphen einher – indem der König diese kontemplierte, wurde er zur Nymphe. Einzig und allein auf- grund einer Betörung wurde diese Nymphe eines Tages ein Reh. Das Reh wurde zur Kletterpflanze, die von der Idee besessen war, sie würde durchsto- chen werden. Indem sie die Biene kontemplierte, wurde sie zu einer solchen, die dann ein Loch in die Kletterpflanze stach. Die Biene wurde sodann zum Elefanten. Ich bin Rudra, der während der letzten hundert Schöpfungszyklen immer Rudra gewesen ist. Ich durchwandere diese Welterscheinung, die nichts als eine psychologische Täuschung ist. In einem der Schöpfungszyklen war ich Jīvata, in einem anderen der Brāhmane, in einem weiteren der König und in wieder einem anderen der Schwan. Auf diese Weise drehte ich in diesem Rad namens Gemüt und Körper. Es geschah vor Äonen, dass ich diesem Höchsten Selbst oder unendlichen Bewusstsein entschlüpfte. Schon bald nach diesem Sturz fand ich mich als Bettelmönch wieder, der jedoch immer noch die Erkenntnis der Wahrheit hatte. Nachdem ich viele Inkarnationen durchlebt hatte, wurde ich durch die Gnade Rudras, den zu erblicken ich das Glück hatte, zu Lord Rudra selbst. Wenn der jīva durch Zufall einem Erleuchteten begegnet, verschwinden seine unreinen vāsanās (Neigungen). Dies geschieht,, wenn man sich ständig nach einem Kontakt mit einem erleuchteten Menschen sehnt. Ein solch stetiges Sehnen und Verlangen (abhyāsa) materialisiert sich und wird zur vollendeten Tatsache. RUDRA rekapitulierte ferner wie folgt: Gewiss geschieht es aufgrund der eigenen inneren Überzeugung „Dieser Körper ist mein Selbst“, dass diese falsche Wahrnehmung sich ausbreitet. Wenn man dann seine wahre Natur ergründet, stellt man fest, dass nichts mehr übrig bleibt! Legen wir schließlich auch diese Ergründung beiseite, da sie zu nichts führt. Diese Welt ist eine optische Täuschung – wie die Bläue des Himmels. Sie entsteht aus Unwissenheit. Legen wir nun sogar alle Bemühun- gen zur Reinigung dieser Unwissenheit beiseite! Sollte dann diese Welter- scheinung, die gänzlich irreal ist, weiterhin erscheinen, dann soll sie – Scha- den kann sie keinen mehr anrichten. Ich werde nun die Kette der imaginären 437
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    Verkörperungen zurückverfolgen unddie ihnen zugrundeliegende Einheit wieder herstellen. VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er die Dinge so bedacht hatte, ging Rudra dorthin, wo der Körper des Bettelmönchs lag. Er hieß ihn erwachen und sich an all das erinnern, was bisher geschehen war. Der Bettelmönch erkannte Rudra als sein eigenes Selbst und erinnerte sich ferner an alle vergangenen Erlebnisse. Dann gingen beide dorthin, wo JīvaÂa in demselben unendlichen Bewusst- sein gelebt hatte. Sie wiederbelebten seinen Körper. Alle drei waren in der Tat nur einer. Alle drei, verblüfft über dieses Mysterium, begaben sich dann dort- hin, wo der von seiner Frau umarmte, schlafende Brāhmane lag. Sie erweck- ten sein Bewusstsein. Dann gingen sie zum König, der schlafend in seinem königlichen Schlafgemach lag, umgeben von Nymphen. Sie erweckten auch seine innere Intelligenz. Auch der König zeigte sich fasziniert im Angesicht der Wahrheit. Alle zusammen gingen nun dorthin, wo der Schwan lebte – derselbe Schwan, der dann Rudra wurde. Sie durchzogen die Welt der einhundert Rudras der Vergangenheit. Sie er- kannten, dass alle diese verschiedenen, illusorischen Ereignisse, die schein- bar stattgefunden hatten, nur in diesem einen, unendlichen Bewusstsein geschehen waren. Die eine Form war sozusagen zu vielen geworden. Diese einhundert Rudras durchdrangen das gesamte Universum und waren allge- genwärtig. Aufgrund der Tatsache, dass der jīva auf allen Seiten von der Welt umgeben ist, wie sie aus ihm entsteht, gewahren die unerwachten jīvas einander nicht und verstehen einander nicht. So wie sämtliche Wellen von derselben Sub- stanz und daher eines sind, so erkennen die erwachten jīvas ihr Einssein und verstehen sich gegenseitig. Jeder jīva besitzt seine eigene illusorische Welter- scheinung. Wenn jedoch diese Welterscheinung der jīvas ergründet wird, führt dies unfehlbar zu demselben, unendlichen Bewusstsein, und zwar auf dieselbe Weise, wie das Graben an einer beliebigen Stelle des Erdreichs über- all nur leeren Raum enthüllt. Unterscheidendes Bewusstsein bedeutet Bindung – Befreiung ist die Abwe- senheit davon. Was dir gefällt – das bejahe und bleibe dabei. Denn zwischen beiden gibt es keinen Unterschied, da in beiden nur Gewahrsein und nichts anderes ist. Wer würde den Verlust von etwas betrauern, was nur in der Unwissenheit existiert? Das, was durch „Stillsein“ gewonnen wird, existiert bereits; es ist daher schon längst „gewonnen“ worden! VASIåèHA fuhr fort: VI.1:64 Alle von ihnen erlangten zusammen mit Lord Rudra ihr spirituelles Be- wusstsein. Erkennend, dass sie ein Teil von Rudra waren, wurden sie glück- lich. Rudra betrachtete das Spiel von Māyā, wie es entstand, und er inspirierte die anderen dazu, wieder ihre Rolle darin zu spielen und nach diesen schein- bar unabhängigen Existenzformen zu ihm zurückzukehren. Er versicherte 438
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    ihnen ferner, dasssie am Ende des Weltzyklus den höchsten Zustand errei- chen würden. Rudra entschwand dann ihrem Blick, und JīvaÂa und die ande- ren kehrten in ihre eigenen Wohnstätten zurück. RùMA fragte: Waren denn nicht JīvaÂa und die anderen bloße Traumgebilde (imaginäre Entitäten) des Bettelmönchs? Wie konnten sie dann zu echten Existenzen werden? VASIåèHA erwiderte: Gib die Idee auf, dass Imagination etwas Reales sei! Wenn das Illusorische der Illusion aufgegeben ist, existiert das, was existiert, im unendlichen Be- wusstsein. Was im Traum gesehen und als real erlebt wird, erscheint immer so – auf dieselbe Weise, wie dem Reisenden seine zeitlichen und räumlichen Erfahrungen als real in Bezug auf die verschiedenen Orte erscheinen. Im Herzen dieses unendlichen Bewusstseins existiert alles, und alles, was man darin sieht, erfährt man auch. Die traumartige Natur der Gedankenformen wird nur durch die intensive Praxis des Yoga erkannt, nicht auf andere Weise. Durch diese Praxis nehmen Lord Śiva und andere alles überall wahr. Was sich direkt vor dir befindet und zur selben Zeit von deinem Verstand wahrgenommen wird, wird nicht er- kannt, so lange es eine Fehlwahrnehmung dieser Wahrnehmung oder dieser Art von Existenz gibt. Nur wenn die Fehlwahrnehmung dieser Wahrnehmung aufgehoben ist, kann das Objekt erkannt und realisiert werden. Was man sich wünscht, erlangt man nur, wenn das innerste Sein diesem voll und aus- schließlich ergeben ist! Derjenige, der dem, was vor ihm ist, total ergeben ist, kennt dieses vollkommen, so wie jemand, der einem illusorischen Objekt total ergeben ist, dieses ebenfalls vollkommen kennt. Fehlt bei jemandem eine solche einsgerichtete Hingabe, dann zerstört er das Objekt (er ist dessen nicht gewahr). Es geschah durch eben diese einsgerichtete Hingabe, dass der Bettelmönch zu Rudra und den anderen wurde. Jeder von diesen verfügte über seine eigene Welt, und bis das Rudra-Bewusstsein in ihnen erweckt wurde, kannten sie einander nicht. Es geschah durch den Willen Rudras, dass ihr Bewusstsein verschleiert war und siezu verschiedenen Gestalten und verschiedenen Naturen wurden. Es geschieht durch die einsgerichtete Kontemplation des „Möge ich ein himmlisches Wesen werden!“ oder „Möge ich ein Gelehrter werden!“, dass man als Resultat dieser Kontemplation zu einem oder vielen, zu einem Unge- bildeten oder einem Mann der Gelehrsamkeit wird. Durch Konzentration und Meditation ist es möglich, dass man zu einem Gott oder einem menschlichen Wesen wird und entsprechend lebt. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:64, Das unendliche Bewusstsein, welches das wahre Selbst aller ist, ist mit All- 65 macht ausgestattet, aber der jīva (der essenziell nicht verschieden vom Selbst ist), ist nur mit einer begrenzten Fähigkeit (entsprechend seinen Ideen) aus- 439
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    gestattet. Daher erfährtder jīva aufgrund seiner eigenen Natur entweder endlose oder begrenzte Kräfte. Das unendliche Bewusstsein dehnt sich nicht aus und zieht sich nicht zusammen – es ist der jīva, der erhält, wonach er sucht. Die Yogis, die verschiedene Kräfte erlangt haben, manifestieren diese Kräfte hier und auch anderswo. Da sie jedoch hier und dort und an verschie- denen Orten erfahren werden, erscheinen solche Erfahrungen als viele und- unterschiedlich, so wie der berühmte KārtavÅrya Furcht in den Herzen vieler erzeugte, obgleich er in seinem eigenen Heim verblieb! (Ein modernes Bei- spiel ist das Radio: Ohne das Studio zu verlassen, dringt der Sprecher oder Sänger in zahllose Stuben.) Dementsprechend inkarnierte Lord Vi«ïu, ohne seine Heimstatt zu verlas- sen, als menschliches Wesen auf der Erde. Und dementsprechend ist Indra (der der Beschützer der heiligen Riten ist), ohne seine himmlische Heimstatt zu verlassen, an tausend Orten anwesend, wo die Riten praktiziert werden. Als Antwort auf den Ruf seiner Verehrer wird Lord Vi«ïu, der Einer ist, tau- sende, um seinen Verehrern zu erscheinen. Auf dieselbe Weise gingen Jīvata und die anderen, die nur die Geschöpfe der Einbildung oder der Wunschvor- stellung des Bettelmönchs und durch das Rudra-Bewusstsein belebt waren, zu ihren verschiedenen Wohnsitzen und handelten gänzlich unabhängig voneinander. Sie spielten eine Zeitlang ihre verschiedenen Rollen und kehrten sodann zur Heimstätte Rudras zurück. All dies war nur eine momentane Täuschung, die im Bewusstsein des Bet- telmönchs aufstieg, obwohl esschien, als wäre sie gänzlich unabhängig von ihm. Auf dieselbe Weise finden auch Geburt und Tod all der zahllosen Wesen sozusagen in dem einen, unendlichen Bewusstsein statt. Sie bilden sich Viel- falt in dieser Welterscheinung ein und suchen dann nach Einheit im Selbst. Zur Zeit ihres Todes stellen sie sich in ihrem Innern eine andere Existenz vor, welche ihnen erscheint, als würde sie außerhalb stattfinden! Bis zur Verwirk- lichung der Befreiung werden die verkörperten Wesen endlosen Leiden un- terzogen. Ich habe dir diese Geschichte erzählt, um eben diese Wahrheit zu verdeutlichen. Es ist dies das Schicksal nicht nur des Bettelmönchs, sondern aller Wesen. Das Wesen, welches seine Untrennbarkeit vom Höchsten Selbst vergisst, sieht seine Vorstellungen als unabhängig und gänzlich real und substanziell. Von diesem Traum wandert es zu anderen Träumen, bis es die falsche Idee „Ich bin der Körper“ endlich ablegt. RùMA fragte: Oh was für eine wunderbare Geschichte! Hoher Herr, du sagtest, dass alle Dinge, die man als real wahrnimmt, auch real sind und als solche erfahren werden. Bitte, teile mir mit, ob dieser Bettelmönch auch irgendwo existiert? VASIåèHA erwiderte: Ich werde über diese Frage kontemplieren und sie später beantworten. (Die Versammlung erhob sich nun für die Mittagsgebete.) VASIåèHA fuhr fort: VI.1:66 440
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    Oh König, ohRāma! Mit meinem Auge der Weisheit habe ich nach dem Bet- telmönch gesucht. Ich versank in tiefe Meditation mit dem Wunsch, diesen Bettelmönch zu erblicken. Ich suchte nach ihm in diesem Universum, konnte ihn jedoch nicht finden. Wie kann die eigene Einbildungskraft außerhalb als etwas völlig Reales erscheinen? Dann ging ich weiter Richtung Norden bis zum Land der Jīnas. Auf einem Ameisenhügel ist ein vihara (Schrein? Oder bihar), der von Menschen be- wohnt war. Dort, in seiner eigenen Hütte, lebte ein Bettelmönch (bhik«u), der als DÅrghadśa bekannt war und einen gelben Kopf hatte. Er befand sich in tiefer Meditation. Sogar die ihm dienten, betraten seine Hütte nicht, um ihn nicht in seiner Meditation zu stören. Es war der einundzwanzigste Tag seiner Meditation, und es sollte gleichzeitig der letzte sein. Obgleich er von einem bestimmten Gesichtspunkt aus nur einundzwanzig Tage meditiert hatte, waren von einem anderen Gesichtspunkt aus Tausende von Jahren vergangen. Denn das war die Idee, die in seinem Gemüt aufge- taucht war. Ich wusste, dass ein solcher Bettelmönch bereits in einer anderen Epoche gelebt hatte, und sogar in jener Epoche war er bereits der zweite Bettelmönch dieser Art. Außer diesen beiden vermochte ich jedoch keinen weiteren, dritten zusehen. Als nächstes betrat ich mit allen mir zur Verfügung stehenden geistigen Fähigkeiten und allem, was unter meiner Kontrollewar, das eigentliche Herz dieser Schöpfung und suchte nach dem dritten Bettel- mönch. Schließlich fand ich ihn doch noch, jedoch nicht in diesem Universum. Er befand sich in einem anderen Universum, das jedoch fast genauso wie dieses hier war, wenn auch von einem anderen Brahmā erschaffen. Auf dieselbe Art und Weise hat es schon immer zahllose Wesen gegeben, und so wird es sie auch in Zukunft sein. In dieser Versammlung hier gibt es Weise und heilige Brāhmanen, die ihrerseits Vorstellungen von anderen Wesen unterhalten, die daraufhin als solche in Erscheinung treten werden. Darin besteht die Natur der Māyā. Einige dieser Wesen werden eine ähnliche Natur haben wie derjenige, der sie sich vorstellt. Andere wiederum werden völlig anders sein. Und wieder andere werden ihm teilweise ähnlich sein. Darin besteht die große Māyā, die sogar die Weisen verblüfft. Jedoch existiert sie weder wirklich noch wirkt sie hier – es ist immer nur die Täuschung, die all dieses erscheinen und ver- schwinden lässt! Außerdem – wo ist eine kurze Zeitperiode von einundzwan- zig Tagen und eine ganze Epoche? Es ist geradezu erschreckend, sich alle diese Spiele des Gemüts zu vergegenwärtigen. All dieses ist nichts als Erscheinung, die sich wie der Lotos am Morgen ent- faltet und dann wie der voll erblühte Lotos die Vielfalt enthüllt. All dieses taucht im unendlichen Bewusstsein auf, das rein ist, und doch wirkt die Er- scheinung wie von der Unreinheit befleckt. Jedes Ding sieht wie bruchstück- haft aus und wird am Ende seiner bruchstückhaften Existenz weiterer selt- samer Fragmentierung unterworfen. All dieses ist relativ real, nicht gänzlich 441
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    irreal. Alle manifestierensich in dem All – die Ursache befindet sich in der Ursache selbst! DAÁARATHA sprach: VI.1:67 Oh Weiser, sage mir bitte, wo der Bettelmönch (bhik«u) meditiert, so dass ich unverzüglich meine Soldaten aussenden kann, um ihn von seiner Medita- tion aufzuwecken und hierher zu bringen. VASIåèHA erwiderte: Oh König, der Körper dieses Bettelmönchs ist bereits leblos geworden und kann nicht wiedererweckt werden. Sein jīva hat Erleuchtung und Befreiung erlangt und kann nicht erneut der Erfahrung dieser Welterscheinung unter- worfen werden. Seine Ergebenen stehen vor seiner Hütte und warten bis zum Ende des Monats, um dann die Tür zu öffnen, wie von ihm angewiesen wor- den ist. Sie werden feststellen, dass er in der Zwischenzeit seinen Körper aufgegeben hat und werden einenanderen an seine Stelle einsetzen. Diese Māyā (oder Welterscheinung oder Illusion) besitzt die Natur begrenz- ter und begrenzender Qualitäten und Eigenschaften. Man sagt, dass man sie unwissend nicht überqueren kann, aber mit der Erkenntnis der Wahrheit kann sie leicht überwunden werden. Es ist falsche Wahrnehmung, die im Gold ein Schmuckstück sieht. Die bloße Erscheinungsweise wird zur Ursache solch falscher Wahrnehmung. Diese Māyā (unwirkliche Erscheinung) ist nur eine Redensart, denn die Erschei- nung hat dieselbe Beziehung zum höchsten Selbst wie eine Welle zum Ozean. Sobald einer die Wahrheit erkennt, hört die täuschende Natur der Erschei- nung auf. Aufgrund der Unwissenheit erscheint dieser lange Traum der Welt- erscheinung als wirklich, und es geschieht deshalb, dass der jīva ins Dasein tritt. Wird jedoch die Wahrheit realisiert, wird alles nur als das Selbst gese- hen. Was auch immer die Idee sein mag, die man hat – es ist das Selbst allein, welches als diese Idee erscheint. Dieses Universum ist das Ergebnis der Ideen zahlloser Individuen. Die ursprüngliche Idee Brahmās wird nun vom jīva als feste Realität erfahren. Wenn man jedoch die Reinheit des Bewusstsein er- langt, wie sie Brahmā besitzt, betrachtet man alles wie einen langen Traum. Es ist die Idee des Objekts, die zum Gemüt wird und dem unendlichen Be- wusstsein entschlüpft. Dann wird das Gemüt verschiedenen Erfahrungen unterzogen. Aber ist dieses Gemüt unabhängig vom höchsten Selbst? Ist nicht das höchste Selbst auch das Gemüt? Der jīva, der Körper und alles andere sind nichts als Reflexionen oder Erscheinungen im höchsten Selbst! Alle diese Bewegungen usw. geschehen in dem einen, unendlichen Bewusstsein, wel- ches für immer unendlich und Bewusstsein und nichts anderes ist – Bewe- gungen usw. darin sind nur Redensarten, die auf Einbildung basieren. Da gibt es weder Bewegung noch Nicht-Bewegung, weder eines noch vieles – was ist, ist wie es ist. Vielfalt taucht im unerwachten Zustand auf und verschwindet, sobald einer die Ergründung beginnt. Der Ergründende existiert, aber ohne 442
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    Zweifel, was inder Tat der höchste Zustand ist. Friede wird als die Welt er- kannt; Friede allein ist diese Welterscheinung. Unwissenheit ist unwirklich; weder gibt es den Seher, das Gesehene noch die Sicht! Das Gemüt bildet sich einen Fehler im Mond ein – einen solchen Fehler gibt es dort nicht. Das un- endliche Bewusstsein hat nichts als Bewusstsein als seinen „Körper“ oder seine Manifestation oder seine Erscheinung. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:68 Oh Rāma, verbleibe für immer fest verankert im Zustand, der ohne jede Ge- dankenbewegung ist und bleibe im Schweigen des Tiefschlafs. RùMA sprach: Herr, ich habe vom Schweigen des Mundes, vom Schweigen der Augen und anderer Sinne, und außerdem vom strengen Schweigen der extremen Askese gehört. Aber worin besteht das Schweigen des Tiefschlafs? VASIåèHA erwiderte: Rāma, es gibt zwei Arten von muni (ein Weiser, der mouna oder Schweigen pflegt). Der eine ist ein strenger Asket, während der andere ein befreiter Weiser ist. Der erstere hält gewaltsam seine Sinne zurück und befasst sich fanatisch mit trockenen kriyās (d.h. Aktivitäten ohne Weisheit). Der befreite Weise dagegen weiß, was was ist (d.h. er kennt die Wahrheit als Wahrheit und das Unwirkliche als unwirklich). Er besitzt Selbsterkenntnis und be- nimmt sich doch wie ein gewöhnlicher Mensch. Was als Schweigen oder mouna bezeichnet wird, hängt von der Natur und dem Verhalten dieser munis ab. Es werden vier Arten von Schweigen beschrieben: 1) das Schweigen des Mundes, 2) das Schweigen der Sinne (Augen usw.), 3) gewaltsame Zurückhal- tung, und auch 4) das Schweigen des Tiefschlafs. Es gibt noch das Schweigen des Gemüts. Jedoch ist dieszu praktizieren nur möglich für jemanden, der tot ist oder der rigides mouna (kā«Âha mouna) oder das Schweigen des Tief- schlafs (su«upti mouna) praktiziert. Die ersten drei Arten beinhalten Elemen- te des rigiden mouna. Es ist die vierte Art, die dann wirklich zur Befreiung führt. Daher erkläre ich, auch wenn dies das Missvergnügen derjenigen erre- gen sollte, die die ersten drei Arten von mouna praktizieren, dass diese drei nichts Erstrebenswertes enthalten. Das Schweigen des Tiefschlafs führt zur Befreiung. In ihm werden weder das prāïa noch die Lebenskraft zurückgehalten oderangeregt, die Sinne wer- den weder genährt noch ausgehungert, die Wahrnehmung der Vielfalt wird weder betont noch unterdrückt, das Gemüt ist weder Gemüt noch Nicht- Gemüt. Es gibt keine Getrenntheit und folglich muss sie auch nicht aufgege- ben werden. Dies wird das Schweigen des Tiefschlafs genannt, und derjenige, der darin gefestigt ist, mag meditieren oder auch nicht. Hier ist das Wissen von dem, was ist wie es ist, und da ist die Freiheit vom Zweifel. Es ist äußerste Leerheit. Da gibt es keinerlei Unterstützung. Es ist höchster Friede, von dem man weder sagen kann, dass er real noch dass er irreal ist. Der Zustand, in 443
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    dem man weiß:„Da ist kein ‚Ich‘, noch sind da andere oder das Gemüt oder irgendetwas aus dem Gemüt Entstandenes“, in dem man weiß: „‘Ich‘ ist nichts als eine Idee in diesem Universum, und hier ist wirklich reines Sein" – dies wird als Schweigen des Tiefschlafs bezeichnet. Wo kann in diesem reinen Sein, welches unendliches Bewusstsein ist, “Ich“ oder „etwas anderes“ sein? RùMA fragte: VI.1:69 Wie gelangten die einhundert Rudras ins Dasein, oh Weiser? VASIåèHA erwiderte: Der Bettelmönch (bik«hu) träumte die einhundert Rudras. Was diejenigen, deren Gemüter klar und nicht von Unreinheiten verdunkelt sind, sich vorstel- len oder willentlich ins Dasein rufen, dies erfahren sie dann als real. Welche Gedankenform auch immer in dem einen, unendlichen Bewusstsein auf- taucht, erscheint als solche. RùMA fragte erneut: Warum, oh Weiser, beschloss Lord Śiva unbekleidet und auf dem Begräb- nisplatz zu leben, mit menschlichen Schädeln als Schmuck und bestrichen mit Asche, wie einer, dervon Lust überwältigt werden kann? VASIåèHA erwiderte: Das Verhalten der Götter, der vollkommenen Wesen und der befreiten Wei- sen wird nicht bestimmt von Regeln oder Vorschriften, welche von unwissen- den Menschen erfunden werden. Wird jedoch das Betragen der Unwissenden, deren Gemüt aufs schwerste konditioniert ist, andererseits nicht durch Vor- schriften und Regeln des Betragens gesteuert, dann entsteht Unordnung, in der die großen Fische die kleinen fressen. Der Mensch der Weisheit jedoch ertrinkt nicht in dem, was als wünschenswert oder nicht wünschenswert gilt, denn er hat seine Sinne auf natürliche Weise unter Kontrolle und ist wachsam und gewahr. Er lebt und arbeitet ohne Vorsatz dazu. Er reagiert auf die Ereig- nisse nicht auf der Grundlage der Kausalität; seine Handlungen sind rein und spontan (so wie die Kokosnuss ohne kausalen Zusammenhang mit der auf dem Baum landenden Krähe niederfällt). Es kann auch sein, dass er über- haupt nichts tut! Auf ähnliche Weise handeln sogar die Mitglieder der Trinität (Brahmā, Vi«ïu und Áiva) in ihren Inkarnationen. Und die Tätigkeiten der Erleuchteten sind jenseits von Lob und Tadel, jenseits von Annahme und Zurückweisung, denn sie haben nicht die Idee von „Dies ist meins“ und „Dies ist ein anderes“. Ihre Handlungen sind so rein wie das Feuer. Ich möchte nicht weiter auf die Form von mouna als das Schweigen der Entkörperten eingehen, da du noch verkörpert bist. Aber ich werde sie nun kurz beschreiben. Diejenigen, die voll erwacht sind, beständig in samādhi verweilen und als gänzlich erleuchtet gelten, werden sāækhya-yogis genannt. Diejenigen, die durch prāïāyāma usw. den Zustand des körperlosen Bewusst- seins erlangt haben, werden yoga-yogis genannt. Tatsächlich sind beide im 444
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    Wesentlichen gleich. DieUrsache dieser Welterscheinung und der Bindung ist in der Tat das Gemüt. Beide Pfade führen dazu, dass das Gemüt aufhört. Da- her wird durch die hingebungsvolle und nachdrückliche Praxis zum Aufhören der Bewegung des prāïa oder zum Enden der Gedanken die Befreiung er- langt. Darin besteht die Essenz aller Schriften, die von der Befreiung handeln. RùMA fragte: Oh Weiser, wenn das Aufhören aller Bewegungen des prāïa Befreiung be- deutet, dann muss der Tod Befreiung sein! Und damit erlangen alle Menschen nach dem Tode die Befreiung! VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, sobald das prāïa dabei ist, den Körper zu verlassen, stellt es be- reits die Verbindung mit denjenigen Elementen her, die dem nächsten Körper dienen. Diese Elemente sind tatsächlich nichts anderes als die Verfestigung oder Kristallisierung der vāsanās (psychologische Konditionierung, gespei- cherte Erinnerungen, vergangene Eindrücke oder Neigungen) des jīva, die der Grund dafür sind, weshalb sich der jiva an diese Elemente klammert. Wenn das prāïa den Körper verlässt, nimmt es alle vāsanās des jīva mit sich. Erst wenn alle diese vāsanās zerstört sind, wird das Gemüt zum Nicht- Gemüt. Das Gemüt gibt die Lebenskraft nicht auf, bevor nicht die Selbster- kenntnis aufgetaucht ist. Durch die Selbsterkenntnis werden die vāsanās zerstört und damit auch das Gemüt; dann ist im prāïa keine Bewegung mehr. Darin besteht in der Tat der höchste Friede. Durch die Selbsterkenntniswird die Unwirklichkeit der Konzepte, die die weltlichen Objekte betreffen er- kannt. Dies setzt den vāsanās und der Verbindung zwischen dem Gemüt und der Lebenskraft ein Ende. Die vāsanās bilden das Gemüt. Das Gemüt ist das Aggregat der vāsanās und nichts sonst; wenn die letzteren aufhören, dann ist dies der höchste Zustand. Erkenntnis ist die Erkenntnis der Wirklichkeit. Vicāra oder Ergründung selbst ist Erkenntnis. Totale Hingabe an eine Sache, die Zurückhaltung des prāïa und das Aufhö- ren des Gemüts – sobald nur eines dieser drei vervollkommnet ist, erlangt man den höchsten Zustand. Die Lebenskraft und das Gemüt sind so eng mit- einander verbunden wie die Blume und ihr Duft oder der Sesamsame und sein Öl. Wenn daher die Bewegung der Gedanken im Gemüt aufhört, hört folglich auch die Bewegung des prāïa auf. Wenn das Gemüt einsgerichtet einer einzigen Wahrheit ergeben ist, dann hören die Bewegungen des Gemüts und daher auch die der Lebenskräfte auf. Die beste Methode besteht in der Ergründung des Selbst, welches unendlich ist. Dein Gemüt wird vollständig davon absorbiert sein. Dann hören sowohl das Gemüt als auch die Ergrün- dung auf. Verbleibe fest in dem, was sich danach zeigt. Ein Gemüt, das nicht nach Vergnügen verlangt, ist absorbiert vom Selbst, gemeinsam mit der Lebenskraft. Unwissenheit ist Nicht-Existenz, Selbster- kenntnis ist der höchste Zustand! Es ist nur das Gemüt, welches Unwissenheit ist, sobald es als eine Realität erscheint; daher ist die Realisierung seiner 445
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    Nicht-Existenz der höchsteZustand. Ein Gemüt, das auch nur eine Viertel- stunde lang im absorbierten Zustand verbleibt, wird einem vollständigen Wandel unterzogen, denn es hat den höchsten Zustand der Selbsterkenntnis gekostet und wird ihn nicht mehr aufgeben. Nein – auch wenn das Gemüt diesen Zustand auch nur eine Sekunde lang gekostet hat, wird es nicht wieder in diesen weltlichen Zustand zurückkehren! Die eigentlichen Samen des saæsāra (Welterscheinung oder Zyklus von Geburt und Tod) wurden geröstet und sind verbrannt. Dadurch werden die Unwissenheit vertrieben und die vāsanās gänzlich befriedet; wer dies erreicht hat, ist in sātva (Wahrheit) verwurzelt. Er ist des inneren Lichts gewahr und ruht in höchstem Frieden. *** Die Geschichte vom Vampir VASIåèHA fuhr fort: VI.1:70, 71 Man nennt das mok«a oder Befreiung, wenn durch Selbst-Ergründung die Unwissenheit aufhört, der jīva unverzüglich zum Nicht-jīva und das Gemüt zum Nicht-Gemüt wird. Weil der Ich-Sinn usw. nur wie Wasser in einer Luft- spiegelung ist, hören diese Dinge auf, sobald das Licht der Ergründung auf sie gelenkt wird. Höre, oh Rāma, in diesem Zusammenhang die folgenden inspi- rierenden und erleuchteten Fragen, die einst von einem Vampir gestellt wur- den. In den Vindhya-Wäldern lebte ein Vampir. Einmal betrat er ein gewisses Land, und es gelüstete ihn danach, seinen Hunger zu stillen. Jedoch pflegte er niemanden zur Befriedigung seinen Hungers zu töten, es sei denn, das Opfer verdiente den Tod. Da er im Wald nirgendwo eine solche Person fand, ging er in die Stadt und traf dort den König. Der VAMPIR sprach zum König: Oh König, ich werde dich nicht töten und fressen, solange du es nicht ver- dienst. Du bist der Herrscher hier und erfüllst die Wünsche der Bedürftigen. Bitte, erfülle mir meinen Wunsch. Ich werde dir nun einige Fragen stellen. Gib mir die passenden Antworten dazu. Was ist diese Sonne, deren Strahlenpartikel diese Universen sind? In wel- chem machtvollen Wind manifestiert sich dieser machtvolle Raum? Man wandert endlos von einem Traum zum andern und gibt doch nie das Selbst auf, aber sehr wohl stets diese Traumrealitäten. Was ist das Selbst? Der Stamm des Bananenbaums enthüllt, wenn geöffnet, eine Schicht nach der anderen, bis das Mark schließlich freiliegt. Worin besteht diese subtile Es- senz, wenn diese Welterscheinung auf ähnliche Weise ergründet wird? Was ist das Atom, von dem die Universen selbst nur wie abgespaltene Atome sind? 446
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    In welchem ungestalteten„Fels“ liegen die drei Welten verborgen (wie ein nicht herausgehauenes Bildnis in einem Steinblock)? Beantworte diese Fra- gen. Falls nicht, verdienst du gewiss, von mir gefressen zu werden! Der KÖNIG erwiderte: Oh Vampir! Dieses Universum wurde einst in mehrere Hüllen eingeschla- gen, so wie eine Frucht in ihre Schale eingeschlossen ist. Es gab da einen Zweig, auf dem sich Tausende solcher Früchte befanden. Es gab da einen Baum mit Tausenden solcher Zweige, einen Wald mit Tausenden solcher Bäume, einen Berg mit Tausenden solcher Wälder, ein Land mit Tausenden solcher Berge, einen Kontinent mit Tausenden solcher Länder, eine Kugel mit Tausenden solcher Kontinente, einen Ozean mit Tausenden solcher Kugeln, ein Wesen mit Tausenden solcher Ozeane in ihm selbst und eine höchste Person, die Tausende solcher Wesen wie eine Girlande trägt. Da gibt es eine Sonne, in deren Strahlen Tausende solcher höchsten Personen gefunden werden – diese Sonne erleuchtet alles. Diese Sonne ist die Sonne des Be- wusstseins, oh Vampir! Im Licht dieser Sonne sind all diese Universen nichts als winzigste, atomare Partikel. Es geschieht aufgrund dieser Sonne, dass alle die aufzählbaren Dinge als real erscheinen. Der KÖNIG sprach: VI.1:72, Im höchsten Selbst erstrahlen als Staubpartikel Substanzen (Konzepte oder 73 relative Realitäten), bekannt als Zeit, Raum und Bewegung, und welche be- wusste (Bewegung im Bewusstsein und selber Bewusstsein) und reine Intel- ligenz sind. Das Selbst oder Brahman scheint von einer Traumwelt zur nächsten zu wandern, gibt aber weder seine eigene, essenzielle Natur auf noch ist es je- mals unwissend über sich selbst. So wie beim Zerlegen eines Bananenstammes jede abgeschälte Schicht eine weitere, ähnliche Schicht freilegt, so wird diese Welterscheinung im Zuge ihrer Ergründung als nichts anderes als Brahman gesehen. Auf dieses Brah- man wird positiv als Wahrheit, Brahman usw. Bezug genommen, und da es jenseits jeder Beschreibung ist, wird es außerdem negativ als Leerheit, unbe- schreiblich usw. bezeichnet. Was als real erfahren wird, ist die Realität. Ob- wohl deren jeweilige Form durch die Erfahrung zusammengesetzt wird, ist sie doch nichts anderes als reines Bewusstsein – so wie der Bananenstamm nichts als ein Bananenstamm und jede Schicht darin von derselben, identi- schen Natur ist. Das Selbst wird als atomisch angesehen, weil es extrem subtil und unfass- bar ist. Da jedoch das Selbst allein ist, ist es das Unendliche und die eigentli- che Wurzel der gesamten Existenz. Es ist formlos, obgleich es als alle Formen erscheint. Diese Welterscheinung ist nichts als das Fleisch, in die die Wahrheit, die reines Bewusstsein ist, eingekleidet ist. VASIåèHA fuhr fort: 447
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    Nachdem er dieseAntwort von den Lippen des Königs vernommen hatte, wurde der Vampir still undtiefsinnig. Er vergaß seinen großen Hunger und versank in unergründlicher Meditation. Damit habe ich dir die Geschichte des Vampirs erzählt, oh Rāma, die die Wahrheit betreffend das subtile, unendliche Bewusstsein beschreibt. Das Universum ist nur eine Umhüllung oder ein Schleier dieses Bewusstseins – bei einer gewissenhaften Ergründung gibt es seine reale Natur preis. Es ist in der Tat ebenso real wie der „Körper“ des Vampirs! Rāma, erweitere das Gemüt mit Hilfe des Gemüts. Verbleibe im Frieden mit dir selbst und erblicke in allem nichts als das eine, unendliche Wesen. Wie der König BhagÅratha wirst du das unmöglich Scheinende erlangen, wenn du fest in deiner Erkenntnis der Wahrheit verweilst und dich mit angemessenen Handlungen des Alltags befasst, die durch das mühelose Erfahren des natürli- chen Verlaufs der Ereignisse gekennzeichnet sind. *** Die Geschichte von BhagÅratha Auf Rāmas Bitte erzählte VASIåèHA die folgende Geschichte: VI.1:74 Es gab einmal einen König namens BhagÅratha, der dem dharma ergeben war. Er gab den Frommen und Heiligen großzügige Geschenke und war ein Schrecken für die Übeltäter. Unermüdlich arbeitete er daran, die Ursachen der Armut zu beheben. In der Gesellschaft der Heiligen schmolz sein Herz in Ergebenheit. BhagÅratha holte wahrhaftig den heiligen Fluss GaÇgā vom Himmel auf die Erde nieder. Dabei hatte er große Schwierigkeiten zu überwinden und musste auch die Götter Brahmā und Áiva sowie den Weisen Jahnu versöhnen. Wegen all dem erlitt er häufig Vereitelungen und Enttäuschungen. Schon in jungen Jahren besaß dieser König, oh Rāma, Unterscheidungsfä- higkeit und Leidenschaftslosigkeit. Eines Tages, als er allein war, dachte er wie folgt nach: „Dieses weltliche Leben ist wahrhaftig substanzlos und stupi- de. Tage und Nächte jagen einander. Die Leute wiederholen dieselben bedeu- tungslosen Tätigkeiten. Ich erachte nur das als sinnvolle Tätigkeit, was zu einem Ziel führt, jenseits dessen es nichts weiter zu erlangen gibt; alles ande- re ist nur wiederholte, widerwärtige Ausscheidung (wie bei einer Cholera- Erkrankung).“ Er ging zu seinem Guru Tritala und bat: „Hoher Herr, wie kann man diesen Sorgen, dem Alter, dem Tod und der Täuschung, die zu diesen wiederholten Geburten hier führen, ein Ende bereiten?“ TRITALA sprach: 448
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    Alle Sorgen hörenauf, alle Bindungen werden zerrissen und alle Zweifel zerstreut, sobald man während einer langen Zeit voll im Gleichmut des Selbst verankert ist, wenn die Wahrnehmung von Getrenntheit aufgehört hat und man die Fülle erfährt durch die Erkenntnis dessen, was erkannt werden muss. Was muss erkannt werden? Es ist das Selbst, welches rein und von der Natur reinen Bewusstseins ist, welches allgegenwärtig und ewiglich ist. BHAGýRATHA fragte: Ich weiß bereits, dass nur das Selbst real ist, während der Körper usw. nicht real ist. Aber weshalb ist dies alles für mich immer noch nicht vollkommen klar? TRITALA sprach: Ein intellektuelles Wissen dieser Art ist keine Erkenntnis! Dies ist Erkennt- nis: Unangehaftet sein an Weib, Sohn und Haus, Gleichmut in Freud und Leid, Liebe zur Einsamkeit, feste Verankerung in der Selbsterkenntnis. Alles andere ist Unwissenheit! Nur wenn der Ich-Sinn ausgedünnt ist, taucht diese Selbst- erkenntnis auf. BHAGýRATHA fragte: Wie kann dieser so fest im Körper verankerte Ich-Sinn entwurzelt werden? TRITALA erwiderte: Durch Eigenbemühung und entschlossenes Abwenden vom Verlangen nach Vergnügen. Und durch nachdrückliches Niederreißen des Gefängnisses von Scham und Schande (falsche Würde) usw. Wenn du all dies aufgibst und fest dabei bleibst, wird der Ich-Sinn verschwinden und du realisierst, dass du das höchste Wesen bist! VASIåèHA fuhr fort: VI.1:75, 76 Nachdem er diese Anweisungen des Lehrers vernommen hatte, entschloss sich BhagÅratha einen religiösen Ritus auszuüben als Auftakt zur vollkomme- nen Entsagung der Welt. Innerhalb von drei Tagen verschenkte er alles an die Priester und seine eigenen Verwandten, ob diese nun einen guten Charakter hatten oder nicht. Sein eigenes Königreich übergab er seinen Feinden, die jenseits der Landesgrenzen lebten. Gekleidet in ein kleines Lendentuch, ver- ließ er das Königreich und wanderte in Ländern und Wäldern umher, in de- nen er unbekannt war. Schon sehr bald erlangte er den Zustand des höchsten Friedens in seinem Innern. Zufällig und unwissentlich betrat BhagÅratha eines Tages wieder sein eigenes, früheres Königreich und bat die Bewohner um Almosen. Diese er- kannten ihn, verehrten ihn und beteten, dass er wieder ihr König werde. Er jedoch nahm nichts anderes entgegen als etwas Essen. Die Bürger klagten: „Seht doch, dies ist der König BhagÅratha! Was für ein trauriger Anblick, welch eine unglückliche Wendung des Schicksals!" Nach einigen Tagen verließ BhagÅratha das Königreich wieder. 449
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    BhagÅratha traf wiederseinen Lehrer und beide durchwanderten, vertieft in spirituelle Gespräche, das Land: „Weshalb ertragen wir eigentlich immer noch die Last dieses physischen Körpers? Aber andererseits: Weshalb sie mit Gewalt abwerfen? Lass den Körper sein, so lange er ist!“ Beide waren ohne Sorgen und ohne Frohlocken; auch war nicht klar, ob sie Anhänger des mittle- ren Pfades waren. Sogar wenn die Götter und Weisen ihnen Reichtum und psychische Kräfteanboten, wiesen sie diese von sich wie Stroh. In einem gewissen Königreich war der dort herrschende König verstorben, ohne einen Erben zu hinterlassen. Seine Minister waren nun auf der Suche nach einem geeigneten, neuen Herrscher. BhagÅratha, gekleidet in ein Len- dentuch, befand sich zufällig in diesem Königreich. Die Minister entschieden, dass er die für die Thronbesteigung geeignete Person sei und umringten ihn. BhagÅratha bestieg den königlichen Elefanten. Schon bald war er der neue, gekrönte König. Als er das Königreich zu regieren begann, kamen die Bewoh- ner seines früheren Königreiches zu ihm und baten ihn erneut, auch das frühere Königreich zu regieren. BhagÅratha nahm an. So wurde er zum Herr- scher der ganzen Welt. Im Frieden mit sich selbst, mit einem ruhigen Gemüt, frei von Wunsch und Neid, befasste er sich mit angemessenem Handeln in allenUmständen, wie sie sich ergaben. Einmal hörte er davon, dass das einzige Mittel, um für die Seelen seiner Ah- nen zu sühnen, das Darbringen des Wassers aus der Gaïgā sei. Um die himm- lische Gaïgā auf die Erde niederzuholen, zog er sich zur Ausübung von Askesepraktiken in die Wälder zurück und vertraute in der Zwischenzeit das Reich seinen Ministern an. Dort versöhnte er die Götter und Weisen und vollbrachte die äußerst schwierige Tat, die Gaïgā auf die Erde hernieder zu lenken, damit alle Menschen für alle Zukunft ihren Ahnen Sühneopfer mit dem Wasser der heiligen Gaïgā darbieten können. Von da an begann die heilige Gaïgā, die Lord Áivas Haupt schmückt, auf der Erde zu fließen. *** Die Geschichte von Áikhidhvaja und Cū¬ālā VASIåèHA erwiderte: VI.1:77 Verbleibe so wie König BhagÅratha stets im Zustand des Gleichmuts, Rāma. Und verbleibe wie Áikhidhvaja, der allem entsagt hatte, unbewegt. Ich werde dir nun die Geschichte von Áikhidhvaja erzählen. Höre bitte zu. Es gab einmal zwei Liebende, die aufgrund ihrer göttlichen Liebe füreinander in einem späteren Zeitalter wiedergeboren wurden. RùMA fragte: 450
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    Oh Weiser, wieist es möglich, dass das Paar, welches als Gemahl und Ge- mahlin zusammenlebte, wiederum als Gemahl und Gemahlin in einem späte- ren Zeitalter wiedergeboren werden konnte? VASIåèHA erwiderte: So ist die subtile Natur der Weltordnung, oh Rāma. Einige Dinge erscheinen im Überfluss und manifestieren sich erneut im Überfluss. Andere wiederum werden jetzt geboren und waren vorher niemals da; und hier seiend, werden sie nicht wiedergeboren. Wieder andere erscheinen heute in derselben Form, in der sie schon früher existiert haben. Es ist wie mit den Wellen des Ozeans – es gibt ähnliche und unähnliche. Im Mālva-Königreich gab es einen König namens Áikhidhvaja. Er besaß alle königlichen, vortrefflichen Eigenschaften! Er war rechtschaffen und edel, tapfer und liebenswürdig. Sehr früh im Leben hatte er seinen Vater verloren. Obgleich jung an Jahren, konnte er seine königliche Souveränität behaupten. Unterstützt wurde er bei der Regierung seines Königreiches von seinen tüch- tigen Ministern. Es wurde Frühling. Die Luft war geschwängert von Liebesverlangen. Der junge König begann von einer Partnerin zu träumen. Tag und Nacht verlangte sein Herz nach der Geliebten. Die klugen und weisen Minister erahnten die Wünsche des königlichen Herzens. Sie gingen in das Saurāstra-Königreich und hielten für ihren König um die Hand einer Prinzessin an. Schon bald konnte der König Áikhidhvaja Cū¬ālā heiraten. Áikhidhvaja und Cū¬ālā waren einander so sehr zugetan, dass sie wie ein jīva mit zwei verschiedenen Körpern waren. Viele gemeinsame Interessen teilten sie miteinander, und sie vergnügten sich zusammen in den Lustgärten. So wie die Sonne ihre Strahlen auf den Lotos herabsendet, so dass er sich entfalten kann, so überschüttete der König seine Geliebte mit seiner Liebe und las ihr jeden Wunsch von den Augen ab. Sie teilten ihr Wissen und ihre Weisheit miteinander und erlangten so in allen Zweigen des Wissens große Gelehrtheit. Jeder wohnte in vollem Glanz im Herzen des andern. Es schien fast so, als wäre Lord Vi«ïu mit seiner Ge- mahlin selbst auf die Erde herabgekommen, um hier eine besondere Mission zu erfüllen! VASIåèHA fuhr fort: VI.1:78 Auf diese Weise erfreuten sich Áikhidhvaja und Cū¬ālā viele Jahre lang, oh- ne auch nur einen einzigen Augenblick Langeweile zu empfinden. Jedoch vermag niemand den Lauf der Zeit anzuhalten. Das Leben erscheint und verschwindet wie der Trick eines Taschenspielers. Das Vergnügen, welches man verfolgt, gerät wie der von der Sehne geschnellte Pfeil rasch außer Sichtweite. Die Sorgen umwölken das Gemüt, wie Geier den Kadaver umkrei- sen. „Was gibt es in dieser Welt zu erlangen, das niemals mehr Sorgen im Gemüt entstehen lässt?“ Nachdem es auf diese Weise nachgedacht hatte, wandte sich das königliche Paar dem Studium der spirituellen Schriften zu. 451
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    Sie gelangten zumSchluss, dass nur die Selbsterkenntnis jemanden befähi- gen kann, die Sorgen hinter sich zu lassen. Sie gaben sich mit Herz und Seele der Selbsterkenntnis hin. Sie nahmen Zuflucht zur Gesellschaft der Weisen der Selbsterkenntnis und verehrten diese. Sie befassten sich beständig mit Erörterungen über Selbsterkenntnis und förderten so gegenseitig die Selbst- erkenntnis. Nachdem sie dauernd den Pfad der Selbsterkenntnis kontempliert hatte, begann die Königin wie folgt zu reflektieren: „Ich sehe mich jetzt und frage: ‚Wer bin ich‘?“ Wie konnten Unwissenheit betreffend das Selbst und Täuschung entstehen? Der physische Körper ist mit Sicherheit leblos und gewiss nicht das Selbst. Nur aufgrund der Gedanken- bewegungen im Gemüt wird er überhaupt erfahren. Die Tätigkeitsorgane sind nur Teile des Körpers und ebenfalls leblos, da Teile des leblosen Körpers nur leblos sein können. Auch die Sinnesorgane sind leblos, da sie nur mit Hilfe des Gemüts funktionieren. Ich erachte sogar das Gemüt für leblos. Das Gemüt denkt und hat Ideen, wird aber vom Intellekt dazu veranlasst, der das be- stimmende Agens ist. Und sogar dieser Intellekt (buddhi) ist leblos, weil er vom Ich-Sinn gesteuert wird. Der Ich-Sinn ist ebenfalls leblos, da er vom jīva heraufbeschworen wird, so wie ein Gespenst von einem unwissenden Kind heraufbeschworen wird. Der jīva wiederum ist nichts als reines Bewusstsein, das sozusagen von der Lebenskraft eingekleidet wurde und im Herzen wohnt. Siehe da und schau! Ich habe realisiert, dass das Selbst, welches reines Be- wusstsein ist, als der jīva einhergeht, da das Bewusstsein seiner selbst als sein eigenes Objekt gewahr wird. Dieses Objekt ist nicht-fühlend und unwirk- lich. Da das Selbst sich mit diesem Objekt identifiziert, bekleidet es sich scheinbar selbst mit Fühllosigkeit und hat (dem Anschein nach) seine essen- zielle Natur als Bewusstsein aufgegeben. Denn darin besteht die Natur des Bewusstseins: Was es als sich selbst wahrnimmt, ob dies nun wirklich oder unwirklich sei, dazu wird es, wobei es scheinbar seine eigene Natur aufgibt. Folglich ist das Selbst reines Bewusstsein, es bildet sich wegen seiner Fähig- keit zur Wahrnehmung von Objekten nur ein, dass es nicht-fühlend und un- wirklich ist.“ Nachdem Cū¬ālā auf diese Weise eine beträchtliche Zeit lang kontempliert hatte, wurde sie erleuchtet. VASIåèHA fuhr fort: Beglückt von ihrer Selbst-Entdeckung rief die Königin aus: „Endlich habe ich also das erlangt, was erlangt (gekannt) werden sollte. Nun gibt es keinen Mangel mehr. Sogar das Gemüt und die Sinne sind nur Reflektionen des Be- wusstseins, obgleich sie unabhängig vom Bewusstsein unwirklich sind. Die- ses höchste Bewusstsein allein existiert. Es ist die höchste Wahrheit, unbe- rührt von jedweder Unreinheit, für immer im Zustand vollkommenen Gleich- gewichts und ohne Ich-Sinn. Wenn diese Wahrheit realisiert wird, leuchtet dieses Bewusstsein immerwährend, ohne je unterzugehen. 452
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    ”Dieses Bewusstsein bezeichnetman mit verschiedenen Namen wie Brah- man, Höchstes Selbst usw. In ihm existiert keine Trennung von Subjekt und Objekt und deren Beziehung (Wissen). Bewusstsein wird seiner eigenen Bewusstheit bewusst – es kann nicht anders (nicht als ein Objekt des Be- wusstseins) erkannt werden. Dieses Bewusstsein allein manifestiert sich als Gemüt, Intellekt und Sinne. Die Welterscheinung ist ebenfalls nichts als Be- wusstsein, und abgesehen davon existiert nichts. Bewusstsein ist keinerlei Wandel unterworfen – der einzige scheinbare Wandel besteht in der illusori- schen Erscheinung, die reine Täuschung und folglich unwirklich ist! In einem illusorischen Ozean tauchen illusorische Wellen auf. Das Gemüt ist der Ozean, und die Wellen sind ebenfalls Gemüt. Auf dieselbe Weise taucht die Welter- scheinung im Bewusstsein auf und ist daher nicht verschieden von diesem. „Ich bin reines Bewusstsein, ohne Ich-Sinn und alles durchdringend. Für dieses Bewusstsein existieren weder Geburt noch Tod. Es kann nicht vernich- tet werden, denn es ist wie Raum. Es kann weder verletzt noch verbrannt werden. Es ist das reine Licht des Bewusstseins – ohne jeden Makel. „Frei bin ich von aller Täuschung. Ich bin im Frieden. All diese Götter, Dä- monen und zahllosen Wesen sind wirklich unerschaffen, da sie nichtver- schieden vom Bewusstsein sind. Die Erscheinungen sind reine Täuschung, so wie ein tönerner Soldat nur Ton und kein Soldat ist. „Der Seher (Subjekt) und das Gesehene (Objekt) sind in Wirklichkeit das eine reine Bewusstsein. Wie konnte diese Täuschung entstehen, die zu Kon- zepten führte wie „Dies ist Einheit, dies ist Dualität“? In wem existiert diese Täuschung? Wessen ist sie? Ich ruhe im nirvāïa (Befreiung oder Erleuchtung) ohne die geringste mentale Erregung, indem ich realisiert habe, dass alles Existierende (ob fühlend oder nicht-fühlend) reines Bewusstsein ist. Es gibt weder ein 'dieses' noch ein 'Ich' noch ein anderes, weder Sein noch Nicht- Sein. Alles ist Friede.“ Als sie dies erkannte, ruhte Cū¬ālā im höchsten Frieden. VI.1:79 VASIåèHA fuhr fort: Täglich zog sich die Königin mehr und mehr in sich selbst zurück, und mehr und mehr erfreute sie sich in der Seligkeit des Selbst. Sie war ohne Verlangen oder Anhaftung. Ohne irgendetwas zu suchen oder aufzugeben, blieb ihr Betragen natürlich und ihre Handlungen spontan. Alle ihre Zweifel waren zur Ruhe gekommen. Sie hatte den Ozean des Werdens überquert. Sie ruhte in einem unvergleichlichen Zustand des Friedens. So hatte sie in einer sehr kurzen Zeit die Erkenntnis erlangt, dass diese Welterscheinung auf dieselbe Weise, wie sie entstanden war, wieder ver- schwinden wird! Sie strahlte im Licht dieser Selbsterkenntnis. Als Áikhidhvaja sie so strahlend und friedvoll sah, fragte er sie: „Geliebte, du scheinst deine Jugendlichkeit wiedererlangt zu haben, und du erstrahlst auf ungewöhnliche Weise. Von nichts wirst du mehr verwirrt, und auch Verlan- gen besitzt du keines mehr. Dagegen bist du nun voller Seligkeit. Sage mir: 453
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    Hast du endlichvom Nektar der Götter in vollen Zügen getrunken? Gewiss hast du etwas erlangt, was zu erlangen extrem schwierig ist?“ CŪÖĀLĀ erwiderte: Ich habe dieses Nichts aufgegeben, das eine gewisse Gestalt angenommen hatte. Ich bin nun verwurzelt in der Wahrheit und nicht mehr in der Erschei- nung. Daher strahle ich. Ich habe all dieses aufgegeben und Zuflucht zu etwas anderem genommen, das gleichzeitig wirklich und unwirklich ist. Daher strahle ich. Ds ist etwas, und das ist gleichzeitig nicht etwas. Ich kenne es als das, was es ist. Daher strahle ich. Ich erfreue mich am Nichtgenießen der Vergnügen, als ob ich sie genossen hätte. Weder gebe ich der Freude noch dem Ärger nach. Daher strahle ich. Ich erfahre die größte Freude, in der Wirk- lichkeit verankert zu sein, die in meinem Herzen leuchtet. Ich werde von den königlichen Vergnügen nicht abgelenkt. Daher strahle ich. Auch wenn ich in den Lustgärten weile, verbleibe ich fest verankert im Selbst, sowohl im Ge- nuss der Freuden als auch in der Schüchternheit. Deshalb strahle ich. Ich bin die Herrscherin des Universums. Ich bin nicht ein sterbliches Wesen. Ich erfreue mich am Selbst. Daher strahle ich. Dies bin ich, dies bin ich nicht; in Wahrheit bin ich weder noch bin ich nicht. Ich bin alles, ich bin nichts. Daher strahle ich. Weder suche ich Vergnügen noch Reichtum, weder Armut noch irgendeine andere Form der Existenz. Ich bin glücklich mit allem, was ohne Mühe erlangt wird. Daher strahle ich. Ich spiele mit ganz schwachen Zuständen von Anziehung und Abstoßung, mit den durch die Schriften ge- wonnenen Einsichten. Daher strahle ich. Was immer ich mit diesen Augen sehe und mit diesen Sinnen erfahre, und was immer ich mit meinem Gemüt wahrnehme – überall sehe ich nichts als die eine Wahrheit, die klar von mir selbst in mir selbst gesehen wird. ÁIKHIDHVAJA lachte über diese Worte, da er nicht fähig war, sie zu verste- VI.1:80 hen. Er sagte: Du bist kindisch und albern, mein Liebes, und ganz gewiss plapperst du nur! Wie kann man denn erstrahlen, indem man etwas für nichts aufgegeben hat, indem man reale Substanzen verworfen und den Zustand einer Nichtsheit erlangt hat? Wie kann es zur Freude führen, wenn man, wie der verärgerte Mann das Bett ablehnt, Vergnügen verwirft und prahlt: „Ich er- freue mich am Nichtgenießen der Vergnügen“? Wer alles (Vergnügen usw.) aufgibt und dann denkt, er erfreue sich am Leersein, tut etwas, was über- haupt keinen Sinn ergibt. Ebenso ist es sinnlos zu denken, dass einer glück- lich sei, nachdem er Kleidung, Nahrung, Bett usw. zurückgewiesen hat. „Ich bin nicht der Körper“, „Noch bin ich irgendetwas anderes“, „Nichts ist alles“ – was anderes als Geschwätz sind denn solche Aussagen? „Ich sehe nicht, was ich sehe“ und „Ich sehe etwas anderes“ ist ebenfalls nichts als Unsinn. Aber meinetwegen – erfreue dich an den Vergnügen, die dir zugedacht sind. Ich werde weiterhin mit dir leben. Erfreue dich an dir selbst. VASIåèHA fuhr fort: 454
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    Nachdem er sogesprochen hatte, verließ der König die inneren Gemächer. Cū¬ālā dachte: „Ist es nichttraurig, dass der König nicht verstehen kann?“ und fuhr mit ihrer Arbeit fort. Auf diese Weise lebten sie eine beträchtliche Zeit miteinander. Obgleich Cū¬ālā keinerlei Wünsche hatte, entstand doch ir- gendwann der Wunsch in ihr, sich im Raum zu bewegen. Um diese Kraft zu erlangen, zog sie sich in die Abgeschiedenheit zurück und übte die vitalen Winde, die nach oben steigen. Es gibt in dieser Welt drei Arten erlangbarer Ziele, oh Rāma: Wünschens- werte, verabscheuenswerte und solche, die zu ignorieren sind. Das Wün- schenswerte wird mit großer Anstrengung gesucht, das Verabscheuenswerte wird verworfen und dazwischen befindet sich dasjenige, dem gegenüber man gleichgültig ist. Gewöhnlich erachtet man das als wünschenswert, was Glück bringt, während das Gegenteil als verabscheuenswert angesehen wird. Ge- genüber dem, was weder Glück noch Unglück bringt, ist man gleichgültig. Im Falle der Erleuchteten jedoch existieren diese Kategorien nicht. Denn sie betrachten alles als ein bloßes Spiel und sind daher gegenüber allem Sichtba- ren und Unsichtbaren gänzlich gleichgültig. Ich werde dir nun die Methode beschreiben, mit deren Hilfe das erlangt werden kann (siddhi oder psychische Kräfte), dem gegenüber der Weise der Selbsterkenntnis gleichgültig ist, welches von den irregeführten Personen dagegen als wünschenswert angesehen wird und was von einem, der die Absicht der Kultivierung der Selbsterkenntnis hegt, tunlichst vermieden sollte. VASIåèHA fuhr fort: Alle Errungenschaften beruhen auf vier Faktoren, nämlich Zeit, Ort, Tätig- keit und Mittel. Unter diesen ist Tätigkeit oder Bemühung der Schlüssel, weil sicherlich alle Bestrebungen nach Errungenschaft auf Tätigkeit oder Bemü- hung beruhen. Es existieren einige perverse Praktiken, von denen behauptet wird, dass sie Errungenschaften möglich machen. Insbesondere in der Hand von unreifen Personen können diese Praktiken großen Schaden anrichten. Es gehören in diese Kategorie magische Pillen, Salben und Zauberstäbe wie auch die Ver- wendung von magischen Steinen, Drogen, Selbst-Kasteiungen und Zauber- sprüchen. Darüber hinaus ist der Glaube falsch, dass allein der Aufenthalt an heiligen Plätzen wie ÁrÅśaila oder Meru jemanden befähigt, spirituelle Voll- kommenheit zu erlangen. Im Zusammenhang mit der Geschichte von Áikhidhvaja werde ich dir nun die Technik des prāïāyāma oder die Übung der Lebenskraft und die Errun- genschaften, die man dadurch gewinnt, erläutern. Höre bitte aufmerksam zu. Als Vorbereitung sollte man zunächst sämtliche Gewohnheiten und Neigun- gen ablegen, die nicht mit dem, was man zu erlangen trachtet, in Beziehung stehen. Man sollte lernen, die Öffnungen des Körpers zu schließen und au- ßerdem die verschiedenen Yoga-Haltungen praktizieren. Die Nahrung sollte 455
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    rein sein. Mansollte die Bedeutung der heiligen Schriften kontemplieren. Die Gemeinschaft mit Heiligen und rechtes Betragen sind essenziell. Nachdem man allem entsagt hat, sollte man bequem sitzen. Wenn man dann auf diese Weise einige Zeitlang prāïāyāma praktiziert, ohne im Innern Ärger, Gier usw. aufsteigen zu lassen, wird die Lebenskraft vollkommen beherrscht. Von der unumschränkten Herrschaft über die Erde bis zur totalen Befreiung – alles hängt von den Bewegungen der Lebenskraft ab. Daher sind alle diese Errungenschaften durch die Praxis des prāïāyāma erlangbar. Tief innerhalb des Körpers gibt es eine nādÅ, die man āntrave«Âikā nennt. Sie ruht in den vitalen Teilen und ist die Quelle von hundert weiteren nādÅs. Sie existiert in sämtlichen Lebewesen – in den Göttern, Dämonen und Menschen, in Tieren und Vögeln, Würmern und Fischen. In ihrer Quelle liegt sie aufge- rollt. Sie ist verbunden mit allen lebenswichtigen Bahnen innerhalb des Kör- pers; vom Becken aufwärts bis zur Krone des Hauptes. Innerhalb dieser nādÅ wohnt die höchste Kraft. Genannt wird sie kuï¬alinÅ (Schlangenkraft), weil sie aussieht als wäre sie aufgerollt. Sie ist die höchste Macht in allen Wesen und der Hauptbeweger aller Kräfte. Sobald das prāïa oder die Lebenskraft, die im Herzen wohnt, den Ort der kuï¬alinÅ erreicht, taucht in einem ein Gewahrsein der Elemente der Natur auf. Sobald sich die kuï¬alinÅ zu entrollen und zu bewegen beginnt, ist Gewahrsein in einem selbst. Alle anderen nādÅs (strahlenförmiger Energiefluss) sind ebenfalls sozusa- gen an die kuï¬alinÅ gebunden. Die kuï¬alinÅ ist daher der eigentliche Same des Bewusstseins und des Verstehens oder der Erkenntnis. RùMA fragte: Ist nicht das unendliche Bewusstsein ewig unteilbar? Wenn dies so ist – wie kann die kuï¬alinÅ auftauchen und sich manifestieren und so dieses Be- wusstsein offenbaren? VASIåèHA fuhr fort: In der Tat befindet sich stets überall nur dieses unendliche Bewusstsein. Es manifestiert sich jedoch hier und dort als die Elemente. Die Sonne bescheint alles, wird jedoch auf besondere Weise reflektiert, wenn die Strahlen auf einen Spiegel treffen. Auf ähnliche Weise scheint dasselbe unendliche Be- wusstsein in einigen Elementen „verlorengegangen“, in anderen klar und wiederum in anderen Elementen in all seiner Pracht manifestiert zu sein. So wie Raum überall nichts als (leerer) Raum ist, so ist Bewusstsein Be- wusstsein und nichts anderes, was auch immer die Erscheinungsform sein mag. Es ist niemals einem Wandel unterworfen. Dieses Bewusstsein selbst ist die fünf Wurzelemente. Mit deinem eigenen Bewusstsein siehst du dieses Bewusstsein, welches die fünf Wurzelelemente ist, auf dieselbe Weise, wie wenn du jemand anderes in dir selbst oder mit einer Lampe hundert andere Lampen sehen würdest. 456
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    Aufgrund einer leichtenBewegung der Gedanken scheint dieselbe Wirk- lichkeit, die Bewusstsein ist, zu den fünf Elementen und dann zum Körper zu werden. Auf dieselbe Weise wird dasselbe Bewusstsein zu Würmern und anderen Kreaturen, zu Metallen und Mineralien, zu Erde und dem darauf Befindlichen, zu Wasser und weiteren Elementen. Daher ist die ganze Welt nichts anderes als die Bewegung von Energie im Bewusstsein, welche als die fünf Elemente erscheint. An irgendeiner Stelle ist dann diese Energie fühlend, an anderer dagegen erscheint sie als nicht-fühlend. Dies geschieht auf diesel- be Weise, wie Wasser, dem eisigen Wind ausgesetzt, gefriert und fest wird. So wird die Natur herangebildet und alle Dinge entsprechen dieser Natur. Und trotzdem ist dies alles nichts als ein Spiel der Worte, eine Redeweise. Was sind denn Hitze und Kälte, Eis und Feuer? Noch einmal sei gesagt, dass alle diese Unterscheidungen nur aufgrund der Konditionierung und der Ge- dankenmuster auftauchen. Der weise Mensch ergründet daher die Natur dieser Konditionierung; er schaut, ob diese latent oder offenbar, gut oder böse ist. Darin besteht eine fruchtbare Ergründung – müßiges Argumentieren ist wie Boxen mit der Luft. Latente Konditionierung erzeugt nicht-fühlende Wesen, offenbare Kondi- tionierung lässt Götter, Menschen usw. entstehen. In einigen befindet sich eine dichte, zur Unwissenheit führende Konditionierung, in anderen wiede- rum ist die Konditionierung schwächer, was die Befreiung begünstigt. Diese Konditionierung ist für die Vielfalt der Kreaturen verantwortlich. Denn für diesen kosmischen Baum, genannt die Schöpfung, ist die allererste Gedankenform der Same, während die verschiedenen Sphären die verschie- denen Teile des Baums und Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft seine Früchte sind. Die fünffachen Elemente, aus denen der Baum gebildet ist, entstehen aufgrund ihres eigenen Antriebs und verschwinden wieder aus eigenem Antrieb. Aus eigenem Antrieb vervielfältigen sie sich und nach Ab- lauf einer bestimmten Zeit werden sie wiederum vereint und bewegungslos. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:81 Die kuï¬alinÅ funktioniert im Körper, der aus den fünf Elementen besteht, als Lebenskraft. Es ist dieselbe kuï¬alinÅ, die verschiedentlich als Konditio- nierung oder Begrenzung, als Gemüt, jīva, Bewegung der Gedanken, Intellekt (oder bestimmende Fähigkeit) und als Ich-Sinn bezeichnet wird, da sie die höchste Lebenskraft im Körper darstellt. Als apāna fließt sie beständig ab- wärts, als samāna wohnt sie im Solarplexus, und als udāna steigt diese Le- benskraft aufwärts. Aufgrund dieser Kräfte ist das Gesamtsystems im Gleich- gewicht. Falls jedoch der abwärtsgerichtete Zug zu stark ist und ihm keine entsprechende Kraft entgegenwirkt, erfolgt der Tod. Wenn die Bewegung der Lebenskraft so beherrscht wird, dass sie weder ab- noch aufwärts wandert, herrscht ein unaufhörlicher Zustand des Gleichgewichts, und sämtliche Krankheiten werden überwunden. Wenn es andernfalls eine Dysfunktion der gewöhnlichen (zweitrangigen) nādÅs gibt, dann ist der Mensch geringfügigen 457
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    Krankheiten unterworfen, währendernstliche Leiden auftreten, wenn die Hauptnadis betroffen sind. RùMA fragte: Worin bestehen die vyādhis (Krankheiten) und die ādhis (psychische Dys- funktionen) und was ist mit der Degeneration des Körpers gemeint? Bitte erleuchte mich dazu! VASIåèHA fuhr fort: Ādhi und vyādhi (Krankheiten) sind die Quellen der Leiden. Können sie vermieden werden, entsteht Glück; ihr Aufhören bedeutet Befreiung. Manch- mal tauchen sie gemeinsam auf, manchmal verursachen sie sich gegenseitig, und manchmal folgen sie einander. Die körperlichen Krankheiten nennt man vyādhi, während psychische Störungen, die durch psychologische Konditio- nierung (Neurosen) verursacht sind, ādhi genannt werden. Beide wurzeln in Unwissenheit und Schlechtigkeit. Sie enden, sobald die Selbsterkenntnis oder Erkenntnis der Wahrheit erlangt wird. Durch Unwissenheit verliert man die Selbstbeherrschung und ist ständig von Zuneigungen und Abneigungen gequält und von Gedanken wie „dies habe ich gewonnen, nun habe ich noch dieses zu gewinnen“. All dies verstärkt die Täuschung; all dies lässt psychische Störungen entstehen. Physische Beschwerden werden durch Unwissenheit und deren Begleiter- scheinung von fehlender mentaler Selbstkontrolle verursacht. Dies führt dann zu falschen Ernährungs- und Lebensgewohnheiten. Andere Ursachen sind ungeeignete und unregelmäßige Aktivitäten, ungesunde Lebensgewohn- heiten, schlechte Gesellschaft, böse Gedanken. Auch diese werden von der Schwächung oder Blockierung der nādÅs verursacht, wodurch der freie Fluss der Lebenskraft beeinträchtigt wird. Eine weitere Ursache ist eine ungesunde Umgebung. All dies wird natürlich letztlich durch die Früchte vergangener Handlungen, wie sie entweder in der näheren oder ferneren Vergangenheit begangen wurden, bestimmt. VASIåèHA fuhr fort: Alle diese psychischen Störungen und physischen Beschwerden resultieren aus den fünffachen Elementen. Ich werde dir nun mitteilen, wie diese aufhö- ren. Physische Beschwerden sind zweifacher Art, nämlich gewöhnliche und ernstliche. Die ersteren tauchen aufgrund von alltäglichen Umständen auf, während die letzteren angeboren sind. Die ersteren werden mit Hilfe der von Tag zu Tag stattfindenden medizinischen Maßnahmen und dem Erwerb der richtigen mentalen Einstellung behoben. Die letzteren (ernstlichen) Be- schwerden jedoch wie auch die psychischen Störungen hören erst dann auf, wenn die Selbsterkenntnis erlangt wird – die Schlange im Seil stirbt erst dann, wenn das Seil anstatt der Schlange gesehen wird. Selbsterkenntnis beendet sämtliche physischen und psychischen Störungen. Jedoch können physische Beschwerden, die nicht psychosomatischer Natur sind, auch durch medikamentöse Behandlung, Gebete und rechte Handlung wie auch durch 458
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    Bäder behandelt werden.All diese Dinge werden in den medizinischen Ab- handlungen beschrieben. RùMA fragte: Bitte teile mir mit, wie physische Beschwerden aus psychischen Störungen entstehen können und wie sie mit anderen als medizinischen Mitteln behan- delt werden können. VASIåèHA fuhr fort: Bei mentaler Verwirrtheit kann man seinen eigenen Weg nicht klar wahr- nehmen. Man wählt dann einen falschen Weg, weil man buchstäblich den Weg vor den eigenen Füßen nicht sieht. Die Lebenskräfte werden durch diese Verwirrtheit aufgerührt und fließen willkürlich und planlos in den nādÅs auf und ab. Als Ergebnis davon leiden dann manche nādÅs an Energiemangel, während andere wiederum durch zu viel Energie verstopft sind. Schließlich entstehen Störungen im Stoffwechsel, Verstopfung, exzessiver Appetit wie auch eine gestörte Funktion des Verdauungssystems. Nahrung verwandelt sich so in Gift. Der natürliche Umlauf der Nahrung im und durch den Körper wird angehalten. Dadurch entstehen die verschiedenen physi- schen Beschwerden. So führen psychische Störungen zu physischen Beschwerden. So wie Myrobalan (Gerbstoff) die Gedärme arbeiten lässt, so helfen manche Mantras wie ya, ra, la, va diesen psychosomatischen Störungen ab. Weitere Maßnah- men sind reine und segenbringende Handlungen, das Dienen der Heiligen usw. Dadurch wird das Gemüt rein und im Herzen entsteht große Freude. Die Lebenskräfte fließen nun wieder ordnungsgemäß entlang der nādÅs. Die Verdauung normalisiert sich, die Krankheiten hören auf. Durch die Praxis von pūraka oder Inhalation bleibt der Körper stark, indem dadurch die kuï¬alinÅ am Ende des Rückgrats „gesättigt“ und in einen Zu- stand des Gleichgewichts versetzt wird. Sobald durch Zurückhaltung des Atems sämtliche nādÅs aufgewärmt sind, richtet sich die kuï¬alinÅ wie ein Stab auf, und ihre Energien durchfluten dann sämtliche nādÅs des Körpers. Aufgrund dessen werden die nādÅs gereinigt und leicht. Dann ist der yogi in der Lage, sich im Raum zu bewegen. Wenn die kuï¬alinÅ durch den brahmā- nādÅ aufsteigt und während des recaka oder Exhalation den Punkt erreicht, der dvādaśānta genannt wird (zwölf Fingerbreiten ob der Krone des Hauptes) und die kuï¬alinÅ dort eine Stunde lang gehalten werden kann, dann erblickt der yogi die Götter und vollkommenen Wesen, die sich im Raum bewegen. RùMA fragte: Wie ist es diesen Sterblichen möglich, die himmlischen Wesen wahrzuneh- men? VASIåèHA fuhr fort: 459
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    In der Tatvermag kein Sterblicher himmlische Wesen mit seinen sterbli- chen Augen wahrzunehmen. Jedoch werden diese himmlischen Wesen wie im Traum mit den Augen der reinen Intelligenz gesehen. Die Himmlischen sind in der Lage, die Wünsche zu erfüllen. Das Wahrnehmen der himmlischen Wesen ist nicht anders als im Traum. Der einzige Unterschied ist, dass die Wirkung der Vision andauert. Noch einmal: Wenn jemand fähig ist, die Le- benskraft im dvādaśānta (zwölf Fingerbreiten vom Körper entfernt) eine beträchtliche Zeit nach der Exhalation zu halten, dann kann die Lebenskraft andere Körper betreten. Diese Macht ist der Lebenskraft eingeboren; obwohl sie unstetig ist, kann sie stetig gemacht werden. Weil die alles verhüllende Unwissenheit nicht substanziell ist, können wir solche außergewöhnlichen Vorkommnisse manchmal während der Bewegung der Energie in dieser Welt beobachten. Gewiss ist all dies nichts als Brahman – Vielfalt und verschiedene Funktionen sind nichts als Redeweisen. RùMA fragte: Um in die engen Räume (nādÅs) eindringen und dann den inneren Raum mit der Lebenskraft ausfüllen zu können, muss man seinen Körper zugleich ato- misch und fest machen! Wie kann man dies erreichen? VASIåèHA fuhr fort: Kommen Holz und Säge zusammen, wird das Holz zerteilt. Wenn jedoch zwei Stück Holz zusammen kommen, entsteht Feuer! All dies ist Teil der Natur. [Das „sie“ im folgenden Absatz bezieht sich möglicherweise auf das gastri- sche Feuer, die Lebenskraft oder vielleicht sogar die kuï¬alinÅ. Vasi«Âha hat sicherlich kein besonders großes Interesse daran, hier präzise Unterschei- dungen walten zu lassen!!] In diesem physischen Körper treffen im Unterleib zwei Kräfte aufeinander. Zusammen formen sie einen hohlen Stab. Darin ruht dann die kuï¬alinÅ. Diese kuï¬alinÅ befindet sich genau in der Mitte zwi- schen Himmel und Erde und vibriert immer mit der Lebenskraft. Im Herzen wohnend erfährt sie alles. Sie hält alle psychischen Zentren in konstanter Schwingung oder Bewegung. Sie verdaut und verzehrt jedes Ding. Sie macht die psychischen Zentren zittern durch die Bewegung des prāïa. Sie unterhält das Feuer im Körper, bis sämtliche Essenzen erschöpft sind. Von Natur aus ist sie kühl, aber wegen ihr wird der Körper warm. Im gan- zen Körper liegt sie ausgebreitet, obwohl sie im Herzen wohnt, wo sie vom yogi kontempliert wird. Sie besitzt die Natur von jñāna (Erkenntnis) und in ihrem Licht werden ferne Objekte gesehen als wären sie nahe. Alles Kühle ist der Mond, das Selbst, und aus diesem Mond geht Feuer hervor. Der Körper ist aus diesem Mond und diesem Feuer gemacht. Tatsächlich besteht die ganze Welt aus diesen beiden, dem kühlen Mond und dem warmen Feuer. Oder du kannst diese Welt auch als die Schöpfung von Erkenntnis und Unwissenheit, des Realen und des Irrealen betrachten. In diesem Fall werden Bewusstsein, 460
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    Licht und Erkenntnisals die Sonne oder das Feuer gesehen, während Finster- nis und Unwissenheit als der Mond betrachtet werden. VASIåèHA fuhr fort: Feuer und Mond existieren aufgrund wechselseitiger kausaler Beziehung (im Körper). In gewisser Weise sind sie wie Same und Baum – das eine lässt das andere entstehen. In gewisser Weise aber sind sie auch wie Licht und Finsternis, wobei das eine das andere zerstört. (Wer dies alles in Frage stellt mit der Aussage: „Da es keinen Wunsch und keine Motivation gibt, sind solche Kausalitäten und Aktivitäten absolut unlogisch“ sollte sofort verwiesen wer- den, denn diese Aktivitäten sind offensichtlich und werden von allen erfah- ren.) Das (Feuer) prāïa trinkt die nektargleiche Kühle aus dem Munde des küh- len Mondes und erfüllt dabei den ganzen Raum innerhalb des Körpers. (Die Theorie des yogis besagt, dass der Nektar im Gaumen zu fließen beginnt und vom gastrischen Feuer im Solarplexus verzehrt wird. Daher ist der kühle Mond die Ursache des verzehrenden Feuers. Er beschreibt dann weiter viparÅtakaraïÅ, um diesen Verlust an Nektar zu verhindern. S.V.)) Feuer stirbt und wird zum Mond, so wie der Tag endet und die Nacht anbricht. Am Knotenpunkt von Feuer und Mond, am Knotenpunkt von Licht und Finsternis, von Nacht und Tag entsteht die Offenbarung der Wahrheit, welche sich sogar der Erkenntnis der Weisen entzieht. Ebenso wie ein Tag aus Tag und Nacht besteht, ist der jīva durch Bewusst- sein und Trägheit gekennzeichnet. Feuer und Sonne symbolisieren Bewusst- sein, während der Mond Finsternis oder Trägheit symbolisiert. So wie die Dunkelheit auf der Erde schwindet, sobald die Sonne am Himmel steht, so verschwindet die Finsternis der Unwissenheit und der Zyklus des Werdens gelangt an sein Ende, sobald das Licht des Bewusstseins gesehen wird. Und sobald der Mond (die Finsternis der Unwissenheit oder Trägheit) als das gesehen wird, was er ist, wird Bewusstsein als die einzige Wahrheit realisiert. Es ist dieses Licht des Bewusstseins, welches den leblosen Körper enthüllt. Bewusstsein selbst, unbewegt und nondual, kann nicht erfasst werden. Es kann jedoch durch seine eigene Reflektion, den Körper, realisiert werden. Bewusstsein, das seiner selbst gewahr wird, gewinnt die ganze Welt. Sobald die Objektifizierung aufgegeben wird, geschieht die Befreiung. Prāïa ist Hitze (Feuer), apāna ist der kühle Mond und beide wiederum existieren wie Licht und Schatten gemeinsam im Körper. Das Licht des Bewusstseins und der Mond der Beschreibung führen beide zusammen die Erfahrung herbei. Auch das Sonne und Mond genannte Phänomen, welches seit Beginn der Welt existiert hat, wohnt im Körper. Oh Rāma, verbleibe in dem Zustand, in dem die Sonne den Mond in sich selbst absorbiert hat. Verbleibe in dem Zustand, in dem der Mond mit der Sonne im Herzen verschmolzen ist. Verbleibe in dem Zustand, in dem die Erkenntnis stattfindet, dass der Mond nichts als die Reflektion der Sonne ist. 461
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    Kenne den Knotenpunktvon Sonne und Mond in dir selbst. Die äußeren Phä- nomene sind gänzlich uninteressant. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:82 Nun werde ich dir erklären, wie die yogis ihre Körper atomisch klein und riesengroß machen. Es gibt da einen Funken Feuer, der knapp oberhalb des Herzenslotos brennt. Dieses Feuer nimmt sehr schnell zu, aber da es von der Natur des Bewusstseins ist, steigt es als das Licht der Erkenntnis auf. Wenn es plötzlich so an Größe zunimmt, kann es den ganzen Körper auflösen; so wie das Was- serelement im Körper durch Hitze verdampft. Sobald es beide Körper (den physischen und den subtilen) hinter sich gelassen hat, kann es wandern, wohin es will. Die kuï¬alinÅ-Kraft steigt wie Rauch aus dem Feuer empor und vereinigt sich sozusagen mit dem Raum. Diese kuï¬alinÅ, die Gemüt, buddhi und Ich-Sinn fest im Griff behält, leuchtet als ein Staubpartikel. Dieser Funke oder Partikel ist dann fähig, überall hineinzugehen. Anschließend gibt die kuï¬alinÅ die Wasser- und Erdelemente, die sie zuvor in sich selbst absor- biert hatte, wieder frei und der Körper nimmt seine ursprüngliche Gestalt wieder an. Auf diese Weise vermag der jīva so winzig wie ein Atom und so riesig wie ein Berg zu werden. Bisher habe ich dir die yogische Methode beschrieben. Nun werde ich dir die Herangehensweise aus Sicht der Weisheit beschreiben. Es gibt nur ein Bewusstsein, das rein, unteilbar, subtiler als das Subtilste, still und weder die Welt noch ihre Aktivitäten ist. Es ist seiner selbst gewahr – aufgrund dessen taucht dieser jīva auf. Dieser jīva nimmt den unwirklichen Körper als wirklich wahr. Sieht der jīva ihn jedoch im Lichte der Selbster- kenntnis, schwindet diese Täuschung. Und auch der Körper wird dann gänz- lich still. Der jīva nimmt sodann den Körper nicht mehr wahr. Die Verwechs- lung des Körpers mit dem Selbst ist die allergrößte Täuschung, die auch das Licht der Sonne nicht vertreiben kann. Wird der Körper als real wahrgenommen, wird er zu einem realen Körper. Wird er dagegen im Licht der Erkenntnis als irreal gesehen, verschmilzt er mit dem Raum. Welche Idee auch immer betreffend den Körper beibehalten wird, diese Idee wird dann zur Realität. Eine andere Methode besteht in der Praxis der Exhalation, bei welcher der jīva vom Sitz der kuï¬alinÅ emporgehoben wird und seinen Körper aufzuge- ben hat, der dann leblos wie ein Stück Holz ist. Anschließend kann der jīva dann einen anderen bewegten oder unbewegten Körper betreten und darin die gewünschten Erfahrungen machen. Nachdem er diese erlebt hat, kann er den alten Körper e oder einen anderen nur durch seine Willenskraft und zu seinem Vergnügen betreten. Er kann aber auch als das allesdurchdringende Bewusstsein verbleiben, ohne einen Körper anzunehmen. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:83 462
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    Auf diese Weisegelangte die Königin Cū¬ālā zu all ihren psychischen Kräf- ten (wie etwa die Fähigkeit, sich selbst atomisch winzig oder riesengroß zu machen). Sie durchquerte den Himmel, tauchte in die tiefsten Ozeane und wanderte auf der Erde umher, ohne dabei jemals die Gesellschaft ihres Man- nes aufzugeben. Sie ging in jede nur denkbare Substanz ein – Holz, Fels, Ber- ge, Gras, Himmel und Wasser – ohne das geringste Hindernis. Sie wandelte mit den himmlischen Wesen und befreiten Weisen einher und unterhielt sich mit ihnen. Obgleich sie alles unternahm, um auch ihren Mann zu erleuchten, blieb die- ser gänzlich uninteressiert und lachte sogar über ihre angeblichen Narrhei- ten. Er blieb daher unwissend. Sie jedoch fand es nicht weise, ihm ihre psy- chischen Kräfte zu demonstrieren. RùMA fragte: Wenn nicht einmal eine solch große siddha-yogini wie Cū¬ālā das spirituel- le Erwachen und die Erleuchtung von König Áikhidhvaja herbeiführen konnte, wie kann man dann überhaupt Erleuchtung erlangen? VASIåèHA sagte: Die Unterweisung des Schülers durch einen Lehrer ist nur der Weg der Tra- dition. Die Ursache der Erleuchtung besteht allein in der Reinheit des Be- wusstseins des Schülers. Selbsterkenntnis wird weder durch Zuhören noch durch Ausübung rechtschaffener Handlungen erlangt. Nur das Selbst kennt das Selbst, nur die Schlange kennt ihre Füße! Jedoch... *** Die Geschichte vom Stein der Weisen Es lebte in den Vindhya-Bergen ein reicher Dorfbewohner. Als er einmal im Wald spazieren ging, verlor er eine Kupfermünze (ein Centstück). Weil er ein Geizhals war, begann er im Dickicht danach zu suchen. Die ganze Zeit über rechnete er: „Mit einem Cent werde ich ein kleines Geschäft machen, und schnell werden dann vier und schließlich acht Cent daraus usw.“. Drei Tage lang suchte er nach dem Geldstück und kümmerte sich nicht um den Spott der Zuschauer. Am Ende dieser drei Tage fand er plötzlich einen wertvollen Stein! (Es war der Stein der Weisen) Er nahm ihn mit sich nach Hause und lebte glücklich und zufrieden. Was war der Grund dafür, dass der Geizhals den Stein der Weisen fand? Ganz gewiss sein Geiz und sein Suchen im Dickicht nach dem verlorenen Cent. Auf dieselbe Weise hält der Schüler im Falle der Unterweisung durch den Lehrer nach etwas Ausschau, um dann etwas anderes zu finden! Brah- 463
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    man ist jenseitsder Sinne und des Gemüts – es kann durch die Unterweisung durch jemanden nicht erkannt werden. Doch erlangt man diese Erkenntnis auch nicht ohne die Unterweisung des Lehrers! Der Geizhals hätte den kost- baren Stein nicht gefunden, wenn er nicht im Gebüsch nach seinem Cent gesucht hätte. Daher wird die Unterweisung durch den Lehrer als die Ursache der Selbsterkenntnis bezeichnet, obwohl sie nicht die Ursache ist! Sieh nur dieses Mysterium der Māyā, oh Rāma – man sucht etwas, erlangt aber etwas anderes! VASIåèHA fuhr fort: VI.1:84 Ohne alle Selbsterkenntnis war König Áikhidhvaja geblendet von der Täu- schung. Er versank im Kummer, den nichts in der Welt mildern kann. Schon bald begann er, wie du oh Rāma, die Abgeschiedenheit zu suchen und erledig- te nur noch diejenigen königlichen Pflichten, die seine Minister ihm zu tun nahelegten. Er war großzügig in seiner Wohltätigkeit. Er übte verschiedene Entsagungspraktiken. Bezüglich seiner Täuschung und der Sorgen trat jedoch kein Wandel ein. Nach beträchtlichen Bemühungen sagte er eines Tages: ŚIKHIDHVAJA sprach zur Königin: Meine Teure, ich habe nun lange Zeit die Regentschaft genossen und mich aller königlichen Vergnügen erfreut. Das Gemüt des Asketen vermögen weder Vergnügen noch Schmerz, Wohlstand noch Missgeschick zu stören. Ich will mich in den Wald zurückzuziehen und ein Asket zu werden. Dieser herrliche Wald, der dir in jeder Hinsicht ähnlich sieht (hier folgt eine romantische Beschreibung des Waldes, in der dieser mit den Gliedern der Königin vergli- chen wird), soll mein Herz so entzücken wie er deines entzückte. Gib mir daher die Erlaubnis zu gehen, denn eine gute Gattin sollte sich den Wünschen ihres Gatten nicht widersetzen. CŪÖĀLĀ erwiderte: Mein Gebieter, nur diejenige Handlung leuchtet als angemessen, die zur richtigen Zeit unternommen wird, so wie die Blumen der Frühlingszeit und die Früchte der Herbstzeit angemessen sind. Das Leben im Walde ist der späteren Lebenszeit zugedacht, jedoch nicht einem Menschen in deinem Alter. In deinem Alter ist das Leben eines Haushälters angemessen. Wenn wir älter geworden sind, werden wir beide dieses Leben im Haushalt aufgeben und in den Wald gehen! Außerdem werden deine Untertanen über deine unzeitgemäße Abreise aus dem Königreich trauern. ŚIKHIDHVAJA sagte: Meine Teure, lege keine Hindernisse in meinen Weg. Wisse, dass ich mich bereits für den Wald entschieden habe! Du bist noch ein Kind. Für dich ist es nicht richtig, im Wald zu leben und ein hartes, asketisches Leben zu führen. Bleibe daher hier und regiere das Königreich. VASIåèHA fuhr fort: 464
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    In der folgendenNacht, als die Königin noch schlief, verließ der König den Palast unter dem Vorwand, in der Stadt auf Streife zu gehen. Er ritt den gan- zen Tag und erreichte schließlich am Mandara-Berg einen dichten Dschungel. Dieser war weit, weit entfernt von menschlichen Behausungen. Es gab Anzei- chen dafür, dass dieser Ort früher von heiligen Brāhmanen bewohnt worden war. Dort baute er für sich selbst eine Hütte und stattete diese mit allem aus, was er als notwendig für ein asketisches Leben erachtete, wie etwa einem Bambusstock, einem Teller für das Essen, einem Wasserkessel, einer Schale für die Blumen, einem kamaï¬alu, einem Rosenkranz (Mala), Kleidung als Schutz vor der Kälte, einem Hirschfell. Dann nahm er das asketische Leben auf. Den ersten Teil des Tages verbrachte er mit Meditation und japa (Wie- derholung heiliger Mantras). Den zweiten Teil des Tages verbrachte er mit dem Sammeln von Blumen. Dann folgten das Bad und anschließend die Ver- ehrung der Gottheit. Danach nahm er ein karges Mahl ein bestehend aus Früchten und Wurzeln. Den Rest des Tages verbrachte er mit japa oder der Wiederholung von Mantras. So lebte er eine lange Zeit in der Hütte, ohne jemals an sein Königreich usw. zu denken. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:85 Cū¬ālā erwachte mit einem Schreck, als sie entdeckte, dass ihr Gemahl den Palast verlassen hatte. Sie fühlte sich unglücklich und kam zu dem Ergebnis, dass ihr Platz an der Seite ihres Gemahls sei. Rasch verließ auch sie durch ein kleines Fenster den Palast und flog durch den Himmel, dabei Ausschau hal- tend nach ihrem Gemahl. Schon bald hatte sie ihn entdeckt, wie er im Wald umherwanderte. Jedoch bevor sie sich in seiner Nähe niederließ,, begann sie mit Hilfe ihrer psychischen Kräfte die zukünftigen Ereignisse zu betrachten. Sie vermochte alles zu sehen, wie es entsprechend dem Schicksal zu gesche- hen hatte, bis in das kleinste Detail. Indem sie sich dem Unvermeidlichen beugte, kehrte sie auf der gleichen Himmelsroute zum Palast zurück. Cū¬ālā kündigte an, dass der König den Palast für eine wichtige Mission verlassen habe. Von nun an übernahm sie selbst die Staatsangelegenheiten. Achtzehn Jahre lang weilte sie im Palast, während ihr Gemahl im Walde lebte, und niemals trafen sie einander. Ihr Gemahl begann, erste Zeichen des Alterns zu zeigen. Nun „sah“ Cū¬ālā, dass das Gemüt ihres Mannes beträchtlich an Reife ge- wonnen hatte und ihre Aufgabe nun darin bestand, ihm bei der Erlangung der Erleuchtung zu helfen. Nachdem sie diesen Entschluss gefasst hatte, verließ sie des Nachts den Palast und begab sich an den Ort, wo ihr Gemahl lebte. Sie nahm in den Himmeln die himmlischen Wesen und die vollkommenen Wei- sen wahr. Sie durchflog die Wolken, atmete den himmlischen Duft ein und schaute mit großer Erwartung der Wiedervereinigung mit ihrem Gemahl entgegen. Sie war erregt und ihr Gemüt befand sich in Aufruhr. Nachdem sie ihres mentalen Zustandes gewahr geworden war, sagte sie sich: „Oh, so lange in diesem Körper Leben ist, hört dessen Natur nicht auf, aktiv zu sein. Sogar mein Gemüt ist so stark erregt! Oder vielleicht, oh Gemüt, suchst du deinen 465
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    eigenen Gemahl? Aberes kann auch sein, dass mein Gatte nach all diesen Jahren der Askese sein Königreich und mich vergessen hat. In diesem Fall ist es gänzlich überflüssig, oh Gemüt, durch die Aussicht des Wiedersehens mit ihm in Erregung zu geraten! Ich werde das Gleichgewicht im Herzen meines Gemahls so wieder herstellen, dass er in sein Königreich zurückkehrt, wo wir dann zusammen eine lange Zeit glücklich leben werden. Das Entzücken, wel- ches in einem Zustand vollkommenen inneren Gleichgewichts empfunden wird, ist jedem anderen Glück überlegen.“ Während sie so dachte, erreichte Cū¬ālā den Mandara-Berg. Noch in der Luft befindlich, erblickte sie ihren Gemahl wie einen völlig Fremden, denn der König, der früher in königliche Gewänder gekleidet war, erschien nun als ein abgezehrter Asket. Cū¬ālā war erschüttert vom herzzerreißenden Anblick ihres Gatten, gekleidet in groben Stoff, mit verfilztem Haar, still und einsam und mit beträchtlich dunklerer Haut, als hätte er in einem Fluss voll Tinte gebadet. Einen Moment lang dachte sie: „Oh weh – dies ist wahrhaftig die Frucht der Torheit! Denn nur Toren gelangen in den Zustand, in dem der König ist. Sicherlich geschah es aufgrund seiner Täuschung, dass er sich hier in dieser Einsiedelei selbst abgeschlossen hat. Hier und jetzt werde ich ihm nun zur Erleuchtung verhelfen. Ich werde mich ihm in einer Verkleidung zeigen.“ VASIåèHA fuhr fort: Da sie fürchtete, dass Áikhidhvaja aufs Neue ihre Unterweisung verspotten und sie immer noch für ein unwissendes Mädchen halten würde, verwandelte Cū¬ālā sich selbst in einen jungen, Brāhmanen Asketen und ließ sich direkt vor ihrem Gemahls nieder. Áikhidhvaja erblickte den jungen Asketen und war hoch erfreut. Beide schienen einander in ihrem spirituellen Glanz übertreffen zu wollen. Der junge Asket war in der Tat so unvergleichlich strahlend, dass Áikhidhvaja ihn für ein himmlisches Wesen hielt. Er brachte dem Asketen seine Verehrung entgegen. Cū¬ālā nahm die Verehrung an und bemerkte: „Ich habe die ganze Welt bereist, aber noch nie bin ich mit solcher Hingabe ver- ehrt worden! Ich bewundere deine Ruhe und Entsagung. Du hast dich ent- schlossen, auf des Messers Schneide zu wandern, indem du dein Königreich aufgegeben und dich in die Waldeinsamkeit zurückgezogen hast.“ Áikhidhvaja erwiderte: „Gewiss weißt du alles. Oh Sohn der Götter! Durch deinen bloßen Blick ergießt sich der Nektar über mich. Ich habe eine liebliche Ehefrau, die jetzt mein Königreich regiert, und du ähnelst ihr in gewisser Weise. Und die Blumen, die ich dir in Verehrung dargeboten habe, mögen sie gesegnet sein. Das Leben findet seine Erfüllung in der Verehrung der Gäste, die unerwartet eintreffen. Die Verehrung eines solchen Gastes ist sogar der Verehrung der Götter überlegen. Bitte sage mir, wer du bist und wie ich den Segen deines Besuches verdiene?“ DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sprach: 466
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    Es gibt einenheiligen Mann in diesem Universum, den man Nārada nennt. Einst war er in einer Höhle am Ufer des heiligen Flusses GaÇgā in Meditation versunken. Am Ende seiner Meditation hörte er den Klang von Armreifen, die anscheinend einigen Leuten gehörten, die sich im Wasser vergnügten. Aus bloßer Neugierde blickte er in ihre Richtung und erschaute einige der höchs- ten himmlischen Nymphen, die nackt im Wasser spielten. Sie waren unbe- schreiblich schön. Sein Herz erfuhr ein Entzücken und sein Gemüt verlor einen Augenblick lang das Gleichgewicht, überwältigt von Lust. ŚIKHIDHVAJA fragte: Oh Heiliger, obschon er ein Weiser von großem Wissen und sogar ein Be- freiter war, ohne Wunsch und Anhaftung, und obschon sein Bewusstsein unbegrenzt wie der Himmel war, wie kam es, dass er von Lust überwältigt wurde? DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sagte: Oh königlicher Weiser, sämtliche Wesen in den drei Welten einschließlich der Götter im Himmel haben einen Körper, der den zwiefachen Mächten unterworfen ist. Ob man nun unwissend oder weise ist – so lange man ver- körpert ist, ist der Körper dem Glück und dem Unglück, Vergnügen und Schmerz unterworfen. Indem man sich erfreulichen Objekten hingibt, erfährt man Vergnügen und durch Mangel daran (Hunger usw.) erfährt man Qualen. Darin besteht nun einmal die Natur der Dinge. DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) fuhr fort: Wird das Selbst, welches die Wirklichkeit und rein ist, auch nur einen Mo- ment lang vergessen, dann erfährt das Objekt der Erfahrung eine Erweite- rung. Dies geschieht nicht, sofern ein ungebrochenes Gewahrsein herrscht. So wie Finsternis und Licht seit jeher mit Tag und Nacht in Verbindung gebracht werden, so hat die Erfahrung von Freude und Schmerz für den unwissenden Menschen die Existenz des Körpers bestätigt. Im Weisen jedoch, auch wenn eine solche Erfahrung im Bewusstsein reflektiert wird, erzeugt sie keinen Eindruck. Wie im Fall eines Kristalls wird der weise Mensch von einem Ob- jekt nur dann beeinflusst, wenn dieses sich aktuell und physisch in seiner unmittelbaren Nähe befindet. Die unwissende Person jedoch ist so stark beeinflusst, dass sie über die Objekte sogar in deren Abwesenheit brütet. Das ist also das Kennzeichen: Eine ausgedünnte Verletzlichkeit bedeutet Befrei- ung, während die dichte Eintrübung des Gemüts Bindung bedeutet. (Als Erwiderung auf Áikhidhvaja‘s Frage: „Wie können Vergnügen und Schmerz sogar in der Abwesenheit des Objektes auftreten?“ sprach der Brāhmane:) Die Ursache liegt in dem Eindruck, der über den Körper, die Augen usw. im Herzen empfangen worden ist. Später dann erweitert sich dieses von selbst. Sobald das Herz erregt ist, erregt die Erinnerung den jīva am Sitz der kuï¬alinÅ. Die nādÅs, die im gesamten Körper verzweigt sind, werden betroffen. Die Erfahrungen von Vergnügen und von Schmerz betref- 467
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    fen die nādÅsjedoch unterschiedlich – nur in der Erfahrung von Vergnügen, nicht aber im Schmerz, erweitern sie sich sozusagen und blühen auf. Wenn der jīva nicht mehr in den Zustand der erregten nādÅs kommt, ist er befreit. Bindung ist nichts anderes als die Unterwerfung des jīva unter Ver- gnügen und Schmerz. Der jīva wird schon allein durch den „Anblick“ von Vergnügen und Schmerz erregt. Erkennt er jedoch mit Hilfe der Selbster- kenntnis, dass Vergnügen und Schmerz in Wahrheit nicht existieren, erlangt er sein Gleichgewicht wieder. Oder er erlangt die totale Freiheit, wenn er realisiert, dass Vergnügen und Schmerz weder in ihm noch er in ihnen exis- tiert. Sobald er realisiert, dass all dies nichts als das eine, unendliche Be- wusstsein ist, erlangt er sein Gleichgewicht zurück. Wie eine Lampe ohne Öl wird er nicht aufs Neue erregt. Der jīva wird dann als nicht-existierend er- kannt und ins Bewusstsein reabsorbiert, in dem er nur der erste auftretende Wurzelgedanke ist. (zur Frage Áikhidhvaja‘s, wie die Erfahrung von Vergnügen zu einem Verlust von Energie führen könne, antwortete der Brāhmane:) Wie ich schon sagte, erregt der jīva die Lebenskraft. Die Bewegung der Lebenskraft entzieht die vitale Energie aus dem ganzen Körper. Diese Energie fließt dann als Samen- energie hinab und wird auf natürliche Weise entladen. (Nach dem Wesen der Natur befragt, antwortete der Brāhmane:) Ursprüng- lich existierte Brahman allein als Brahman. In ihm tauchten wie Wellen auf der Oberfläche des Ozeans unzählbare Substanzen auf. Dies ist, was man Natur nennt. Sie steht nicht kausal mit Brahman in Zusammenhang, sondern geschieht so, wie zufällig eine Kokosnuss fällt, wenn eine Krähe auf der Ko- kospalme landet. In dieser Natur finden sich die verschiedensten Geschöpfe, die mit den unterschiedlichsten Eigenschaften ausgestattet sind. DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) fuhr fort: VI.1:86, Durch die Natur des Selbst wird das Universum geboren. Es wird durch 87 Selbstbegrenzung oder Konditionierung aufrechterhalten, die aufgrund von ständig wechselnder Ordnung und Unordnung entsteht. Hören diese Selbst- begrenzung und die Konflikte zwischen Ordnung und Unordnung auf, werden die Wesen nicht wieder geboren. (Fortfahrend mit der Geschichte von Nārada sprach der Brāhmane:) Nārada erlangte seine Selbstbeherrschung zurück. Er sammelte den Samen, der ver- gossen wurde, in einem Kristallgefäß. Anschließend füllte er ihn mit Milch, die er mit Hilfe seiner Gedankenkraft erzeugt hatte. Nach einer gewissen Zeit gebar dieses Kristallgefäß ein Kind, das in jeder Hinsicht vollkommen war. Nārada taufte das Kind und teilte ihm im Laufe der Zeit die höchste Weisheit mit. Der Knabe war ein Ebenbild seines Vaters. Später nahm Nārada den Jungen mit zu Brahmā, dem Schöpfer, dem Vater Nāradas. Brahmā segnete den Jungen (dessen Name Kuæbha war) mit der höchsten Weisheit. Dieser Junge, dieser Kuæbha, der Enkel Brahmas, steht nun vor dir. Ich durchwandere die Welt zu meinem Vergnügen, denn ich habe 468
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    nichts darin zugewinnen. Wenn ich in diese Welt komme, berühren meine Füße nicht die Erde. (Nachdem Vasi«Âha so gesprochen hatte, ging der siebzehnte Tag zur Neige.) ŚIKHIDHVAJA sprach: Es ist wahrhaftig die Erfüllung vergangener guter Taten, die in vielen Inkar- nationen getan wurden, dass ich dich heute getroffen habe und den Nektar deiner Weisheit trinke! Nichts in der Welt kann den Frieden geben, den die Gemeinschaft mit Heiligen einem Menschen verleiht. DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sagte: Ich habe dir meine Lebensgeschichte erzählt. Bitte teile du mir nun mit, wer du bist und was du hier tust. Wie lange bist du schon hier? Erzähle mir alles wahrheitsgemäß, denn Einsiedler sprechen nur die Wahrheit. ŚIKHIDHVAJA erwiderte: Oh Sohn der Götter, du hast Kenntnis von allen Dingen wie sie sind. Was soll ich dir denn noch erzählen? Ich lebe in diesem Dschungel aufgrund meiner Furcht vor diesem saæsāra (Weltzyklus oder Zyklus von Geburt und Tod). Obgleich du schon alles weißt, werde ich dir kurz meine Geschichte erzählen. Ich bin König Áikhidhvaja. Ich habe mein Königreich aufgegeben. Ich fürchte diesen saæsāra, in dem man wiederholt und abwechselnd Vergnügen und Schmerz, Geburt und Tod erlebt. Obwohl ich jedoch weit gewandert und ausgiebigen Entsagungspraktiken nachgegangen bin, habe ich Frieden und Stillheit noch nichtgefunden. Mein Gemüt ist immer noch ruhelos. Ich ergehe mich weder in Aktivitäten, noch suche ich irgendeinen Gewinn zu erzielen – ich bin alleine hier und hafte an nichts an. Und doch bin ich trocken und uner- füllt. Ich habe ununterbrochen sämtliche kriyās (yogische Methoden) prakti- ziert. Und doch schreite ich nur vom Kummer zu größerem Kummer; sogar Nektar wird für mich zu Gift. DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sagte: Einst fragte ich meinen Großvater: „Was ist besser – kriyā (Handlung, die Praktik einer Technik) oder jñāna (Selbsterkenntnis)?“ Er sprach dann zu mir: „Gewiss ist jñāna dem kriya überlegen, denn durch jñāna realisiert man das Eine, welches als Einziges ist. Dagegen wurde kriyā schon immer als Zeitver- treib beschrieben. Wenn man jñāna nicht besitzt, dann klammert man sich an kriyā; wenn man keine gute Kleidung hat, klammert man sich an einen Sack. Die Unwissenden sind aufgrund ihrer Konditionierung (vāsanā) durch die Früchte ihrer Handlungen gefangen. Wird die Konditionierung aufgegeben, wird Handlung zur Nicht-Handlung, gleichgültig ob sie nun als gut oder böse betrachtet wird. Wenn es keine Selbst-Begrenzung oder Wollen gibt, tragen die Handlungen keine Früchte mehr. Handlungen selber erzeugen keinerlei Reaktionen oder „Früchte“ – es sind die vāsanā oder das Wollen, die Früchte aus einer Handlung erzeugen. So wie ein schreckhafter Junge sich einen Geist 469
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    vorstellt und diesendann auch tatsächlich vor sich sieht, so hat der Unwis- sende die Ideen von Sorgen und erleidet dann auch Sorgen. Jedoch sind weder die vāsanā (Selbst-Begrenzung oder Konditionierung) noch der Ich-Sinn real! Sie entstehen aufgrund von Torheit. Sobald diese Torheit aufgegeben wird, entsteht die Realisierung, dass all dies nichts als Brahman ist und Selbst-Begrenzung nicht existiert. Gibt es vāsanā, dann gibt es das Gemüt. Hören die vāsanā im Gemüt auf, entsteht die Selbsterkenntnis. Wenn jemand die Selbsterkenntnis erlangt hat, wird er nicht wiedergeboren." Daher haben schon die Götter, Brahmā und andere, erklärt, dass die Selbst- erkenntnis das Höchste ist. Weshalb bleibst du noch weiter unwissend? Wes- halb denkst du: „Dies ist das kamandalu“, „Dies ist ein Stock“ und verbleibst unwissend? Weshalb ergründest du nicht: „Wer bin ich?“, „Wie ist diese Welt entstanden?“ und „Wie gelangt all dies an ein Ende?“? Weshalb erreichst du nicht den Zustand der Erleuchteten, indem du die Natur von Bindung und Befreiung ergründest? Weshalb verschwendest du deine Zeit mit nutzlosen Askesepraktiken und anderen kriyās? Du erlangst Selbsterkenntnis, indem du die Gemeinschaft mit Heiligen suchst, ihnen dienst und sie befragst. ŚIKHIDHVAJA sagte: Oh, ich wurde durch dich wahrhaftig erweckt, oh Weiser! Ich gebe die Tor- heit auf! Du bist mein guru, ich bin dein Schüler. Bitte unterweise mich in deinem Wissen, welches allen Kummer vertreibt. DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) erwiderte: Oh königlicher Weiser, ich werde dich unterrichten, wenn du zuhören kannst und meine Worte würdigst. Eine Unterweisung wird ergebnislos ver- laufen, wenn man nur auf Fragen Antworten gibt, wenn der Fragende nicht wirklich zuzuhören bereit ist und die Lehren nicht schätzt und sie sich nicht aneignet. (Nachdem sie die entsprechende Versicherung Áikhidhvajas erhal- ten hatte, sprach Cū¬ālā:) Höre nun aufmerksam zu, denn ich werde dir eine Geschichte erzählen, die der deinen ähnelt. *** Die Geschichte vom Cintāmaïi DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sprach: VI.1:88 Es gab einmal einen Mann, der in sich selbst eine nahezu undenkbare Ver- bindung von Reichtum und Klugheit vereinigte. Er besaß die besten Eigen- schaften, er war erfolgreich in seinen Geschäften und erreichte alle seine Ziele; aber er war seines Selbstes nicht gewahr. Er begann schließlich mit Entsagungspraktiken, um das himmlische Juwels namens cintāmaïi zu ge- 470
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    winnen (der Steinder Weisen, von dem man sagt, dass er seinem Besitzer sämtliche Wünsche erfüllt). Seine Bemühungen waren so intensiv, dass nach kurzer Zeit das gewünschte Juwel vor ihm erschien. Was ist unmöglich für jemanden, der bis zum Äußersten nach etwas strebt? Wenn man sich voll und ganz einer Aufgabe widmet und dabei Mühen und Schwierigkeiten nicht beachtet, dann wird auch ein armer Mann das Ziel erreichen. Dieser Mann sah also das Juwel vor sich in unmittelbarer Reichweite. Je- doch war er unfähig, eine Gewissheit über dieses Objekt zu erlangen. Mit einem Gemüt, das verwirrt war von all dem Kämpfen und Leiden, begann er zu grübeln: „Kann dies der cintāmaïi sein? Oder ist er es vielleicht gar nicht? Soll ich ihn berühren oder nicht? Vielleicht wird er verschwinden, wenn ich ihn anfasse? Es ist doch unmöglich, ihn in so kurzer Zeit zu erlangen! Die Schriften erklären, dass er nur nach einer lebenslangen Zeit des Strebens erlangt werden könne. Ich bin ja nur ein armer, gieriger Mensch – gewiss bilde ich mir die Existenz dieses Juwels vor mir nur ein. Womit hätte ich das Glück verdient, es so bald zu erlangen? Es mag Große geben, die dieses Juwel in so kurzer Zeit rechtmäßig ihr Eigen nennen können, aber ich selbst bin doch nur ein gewöhnlicher Mann mit nur wenig durch Entsagung erworbe- nen Verdiensten. Wie könnte ich es daher in so kurzer Zeit erlangt haben?“ Da er so verwirrt war, tat er nichts, um das Juwel an sich zu nehmen. Er war nicht dazu ausersehen, es zu erlangen. Man bekommt immer nur das, was man verdient, und wann man es verdient. Sogar als das himmlische Juwel vor ihm lag, ignorierte der Dummkopf es! Das Juwel aber, unbeachtet geblieben, verschwand wieder. Psychische Kräfte (siddhis) verleihen einem Menschen alles, wonach er verlangt. Haben sie dann seine Weisheit restlos zerstört, gehen sie fort und kehren nicht mehr zurück. Dieser Mann setzte dann seine Entsagungsbemühungen fort, um den cintāmaïi zu erlangen. Die Fleißigen geben ihre Unternehmungen niemals auf. Nach einiger Zeit sah er ein Stück farbiges Glas, das zufällig während dem Spiel der himmlischen Wesen herun- terfiel. Er dachte, dass dies nun endlich der cintāmaïi sei und griff gierig danach. Überzeugt, dass er nun alles erlangen werde, was er sich wünscht, gab er seinen Wohlstand, seine Familie usw. auf und ging in den Dschungel. Wegen seiner Dummheit erfuhr er dort aber nichts als Leiden. Unglück, Al- tern und Tod sind nichts im Vergleich mit dem durch Dummheit verursachten Leiden. Tatsächlich ist die Dummheit die Krönung aller Leiden und Notlagen! *** Die Geschichte vom dummen Elefanten DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) fuhr fort: 471
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    Höre dir nun,oh König, eine weitere Geschichte an, die der deinen ähnlich ist. Im Vindhya-Wald gab es einst einen Elefanten, der außerordentlich stark und mit mächtigen Stoßzähnen bewaffnet war. Der Elefantentreiber hatte ihn jedoch in einen Käfig gesperrt. Dadurch und wegen der wiederholten An- wendung des Stachelstocks durch den Treiber erlitt der Elefant große Pein. Wenn der Treiber fort war, versuchte sich der Elefant aus dem Käfig zu be- freien. Er setzte diese Bemühungen drei Tage lang fort. Schließlich hatte er den Käfig zertrümmert. Doch da sah der Treiber, was der Elefant angerichtet hatte. Während der Elefant sich bereits auf der Flucht befand, erkletterte er einen Baum in der Absicht, sich auf den Rücken des Elefanten zu werfen und ihn erneut zu unterwerfen. Als er heruntersprang, verfehlte er jedoch den Kopf des Elefanten und stürzte direkt vor ihm nieder. Der Elefant sah seinen Peiniger(den Treiber) vor sich am Boden liegen, doch wurde er von Bedauern überwältigt und tat ihm daher nichts zuleide. Mitgefühl findet man sogar bei den wilden Tieren. Der Elefant ging davon. Der Treiber stand auf, er war nicht ernstlich verletzt. Der Körper eines Bö- sewichts nimmt nicht so leicht Schaden! Ihre bösen Taten scheinen ihre Kör- per sogar noch zu stärken. Der Treiber wollte den Verlust des Elefanten nicht hinnehmen. Er durchstreifte den Wald auf der Suche nach dem verlorenen Elefanten. Nach einer langen Zeit sah er den Elefanten am Rande eines dich- ten Urwaldes stehen. Er holte weitere Elefantentreiber und grub, eifrig um den Fang des Elefanten bemüht, mit ihrer Hilfe ein riesiges Erdloch. Das Erd- loch deckten sie mit Laubwerk zu. Nach ein paar Tagen fiel der mächtige Elefant in die Grube. Und so steht der Elefant immer noch in seinem Käfig, nachdem er von seinem grausamen Besitzer erneut gefangen und gefesselt wurde! Der Elefant hatte versäumt, den Feind zu töten, obschon er vor ihm am Bo- den lag und musste daher neue Qualen auf sich nehmen. Wer aufgrund von Dummheit die Gelegenheit, die sich ihm bietet, nicht nutzt und auf diese Weise alle Hindernisse beseitigt, lädt den Kummer ein. Aufgrund der falschen Selbstzufriedenheit des Gedankens „ich bin frei“ geriet der Elefant erneut in Ketten, denn die Dummheit lädt den Kummer geradezu ein. Torheit bedeutet, gebunden zu sein, Oh Heiliger! Jemand, der gebunden ist, glaubt in seiner Dummheit, dass er frei ist. Obwohl in den drei Welten nichts als das Selbst existiert, ist all dies für jemanden, der fest in der Dummheit lebt, nur eine Ausdehnung der Dummheit. ŚIKHIDHVAJA sagte: VI.1:90 Heiliger, erkläre mir bitte die Bedeutung dieser Geschichten! DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sprach: Der reiche, gebildete Mann, der auf die Suche nach dem himmlischen Juwel ging, bist du selbst, oh König! Du verfügst über die Kenntnis der Schriften und doch ruhst du nicht im Frieden – so wie ein Stein, der im Wasser ruht. Cintāmaïi bedeutet die totale Entsagung von allem, und dies setzt dann allen 472
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    Sorgen ein Ende.Durch reine, totale Entsagung wird alles gewonnen. Was ist im Vergleich damit das himmlische Juwel? Insofern du bereit warst, das Reich usw. aufzugeben, hast du eben diese totale Entsagung erfahren. Nachdem du allem entsagt hattest, gelangtest du in diese Einsiedelei. Je- doch ist da noch etwas, dem du entsagen musst – dein Ich-Sinn. Wenn das Herz das Gemüt aufgibt (die Bewegung der Gedanken) entsteht die Realisati- on des Absoluten. Du jedoch bist beherrscht von dem Gedanken der Entsa- gung, den deine eigene Entsagung in dir erzeugt hat. Jedoch ist dies nicht die Seligkeit, die aus totaler Entsagung entsteht. Wer alles aufgegeben hat, wird nicht von der Sorge heimgesucht; wenn der Wind die Zweige eines Baumes hin und her bewegt, kann man nicht sagen, er sei unbeweglich. Solche Sorgen (oder Gedankenbewegungen) sind selbst das Gemüt. Gedan- ken (Ideen, Konzepte) sind nur ein anderer Name für dieselbe Sache. Wie kann das Gemüt als ein entsagendes Gemüt bezeichnet werden, wenn es darin immer noch Gedanken gibt? Sobald das Gemüt durch Gedanken (Sorgen usw.) bewegt wird, erscheinen sofort die drei Welten. So lange also noch Gedanken da sind, kann es auch keine reine und totale Entsagung geben. Folglich: Sobald solche Gedanken in deinem Herzen entstehen, wird deine Entsagung dein Herz verlassen (wie der cintāmaïi den Mann verlassen hat). Weil du den Geist der Entsagung nicht genügend verstanden und geschätzt hast, hat er dich verlassen – zusammen mit der Freiheit von Gedanken und Sorgen. Als du dann von dem Juwel (dem Geist der totalen Entsagung) verlassen worden bist, hast du anstelle dessen das wertlose Stück Glas (die Askesepraktiken und alles andere) aufgelesen und es aufgrund deiner Getäuschtheit als etwas Wertvolles betrachtet. Du hast damit das unkonditionierte, unangehaftete und unendliche Bewusstsein durch die nutz- lose Ausübung von Askesepraktiken ersetzt, die einen Anfang und ein Ende haben und daher, oh weh, nur zu neuen Sorgen führen. Wer die unendliche Freude aufgibt, die leicht zu erlangen ist, und sich anstelle dessen mit dem Erwerb des Unmöglichen befasst, ist gewiss ein dickköpfiger Narr und Selbstmörder. Du bist in die Falle dieses Waldlebens gefallen und hast nicht versucht, den Geist der totalen Entsagung wachzuhalten. Du hast die Fesseln des Königreiches und all der anderen Dinge aufgegeben, nur um durch das gebunden zu werden, was als asketisches Leben bezeichnet wird. Jetzt leidest du sogar noch mehr als vorher durch Kälte, Hitze und Wind usw. und bist noch enger gefesselt. Törichterweise denkst du: „Ich habe den cintāmaïi erworben!“, aber in Wahrheit hast du nicht einmal ein Stückchen Kristall in der Hand! Darin liegt die Bedeutung der ersten Geschichte. DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) fuhr fort: VI.1:91 Höre dir nun die Bedeutung der zweiten Geschichte an. Was als der Elefant im Vindhya-Wald beschrieben wurde, bist du selbst auf 473
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    dieser Erde. Diezwei mächtigen Stoßzähne sind viveka (Unterscheidung, Weisheit) und vairāgya (Leidenschaftslosigkeit), die du beide besitzt. Der Treiber, der den Elefanten quälte, ist die Unwissenheit, die deine Sorgen verursacht. Obgleich der Elefant stark war, wurde er vom Treiber überwältigt. Auf dieselbe Weise wurdest du, obwohl in jeder Hinsicht vorzüglich, von dieser Unwissenheit oder Dummheit überwältigt. Der Käfig des Elefanten steht für den Käfig der Wünsche, in dem du einge- kerkert bist. Der einzige Unterschied besteht darin, dass der eiserne Käfig im Verlaufe der Zeit zerfällt, während der Käfig der Wünsche im Laufe der Zeit immer stärker wird. So wie der Elefant aus seinem Käfig ausgebrochen ist, hast du dein Königreich verlassen und bist hierhergekommen. Jedoch ist die Aufgabe der psychologischen Neigungen nicht so einfach wie der Ausbruch aus einem materiellen Käfig. So wie der Treiber durch die Flucht des Elefanten alarmiert war, zitterten Unwissenheit und Torheit in dir, als sich dein Geist der Entsagung zu manifes- tieren begann. Wenn der weise Mensch das Jagen nach dem Vergnügen auf- gibt, flieht ihn alle Unwissenheit. Als du in den Wald gegangen bist, hast du dieser Unwissenheit einen ernstlichen Schaden zugefügt. Du hast jedoch versäumt, sie durch Aufgabe des Gemüts oder der Bewegung der Energie im Bewusstsein zu zerstören, so wie der Elefant versäumte, den Treiber zu töten. Daher hat diese Unwissenheit erneut ihr Haupt erhoben und, sich daran erinnernd, wie du deine früheren Wünsche besiegt hast, dich in die Grube genannt Askese gelockt. Hättest du diese Unwissenheit gleich nach der Entsagung deines König- reichs ein und für alle Male ausgerottet, würdest du jetzt nicht in der Falle der Askese sitzen. Du bist der König der Elefanten – ausgestattet mit den machtvollen Stoß- zähnen von viveka oder Weisheit. Hier in diesem dichten Urwald jedoch bist du von diesem Besitzer namens Unwissenheit in die Falle gelockt worden und liegst nun in diesem toten Brunnen namens Askese. Oh König, weshalb hast du die weisen Worte deiner Ehefrau Cū¬ālā, nicht ernstgenommen, die in der Tat eine Wissende ist? Von allen die das Selbst realisiert haben, ist sie die Hervorragendste – zwischen ihren Worten und Taten gibt es keinerlei Widerspruch. Was sie sagt, ist wahr und wert, in die Praxis umgesetzt zu werden. Aber auch wenn du früher nicht auf ihre Worte gehört und sie angenommen hast, warum hast du nicht alles aufgegeben in vollkommener Entsagung? ŚIKHIDHVAJA sagte: VI.1:92 Ich habe dem Königreich entsagt, dem Palast, dem Land und meiner Ehe- frau. Weshalb denkst du, dass ich nicht allem entsagt hätte? DIE BRĀHMA×A (CôÖĀLĀ) erwiderte: Reichtum, Frau, Palast, Königreich, die Erde und der königliche Schirm so- wie deine Verwandten gehören dir nicht, oh König. Diesen zu entsagen ist 474
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    nicht wahre Entsagung!Es gibt noch etwas anderes, was dein zu sein scheint und dem du noch nicht entsagt hast, und dies ist die eigentliche Entsagung. Entsage dem vollständig und restlos und erlange dadurch die Freiheit vom Leiden. ŚIKHIDHVAJA sprach: Wenn das Königreich mit allem, was darin ist, nicht mir gehört, dann entsa- ge ich hiermit diesem Wald mit allem, was sich darin befindet. (Indem er so sprach, entsagte Áikhidhvaja mental dem Wald usw.) (Nachdem der Brāhmane ihm erklärt hatte, dass „alle diese Dinge nicht dir gehören und daher kein Sinn darin liegt, ihnen zu entsagen" sprach Áikhidhvaja:) Gewiss ist diese Einsiedelei hier in diesem Moment mein ein und alles, sie gehört mir. Ich werde daher auch ihr entsagen. (Nachdem er sich dazu entschlossen hatte, reinigte Áikhidhvaja sein Herz von der Idee, dass die Einsiedelei sein sei:) Jetzt habe ich wahrhaftig allem völlig entsagt! DER BRĀHMANE(CôÖĀLĀ) wiederholte: Auch all dies ist nicht dein. Wie konntest du dem überhaupt entsagen? Es gibt noch etwas, dem du nicht entsagt hast und was den wertvollsten Teil der Entsagung bildet. Indem du dem entsagst, erlangst du die Freiheit vom Kum- mer. ŚIKHIDHVAJA sprach: Wenn also auch dies alles nicht mir gehörte, dann entsage ich nun meinem Stock, dem Hirschfell usw. und meiner Hütte. VASIåèHA sagte: Indem er so sprach, sprang er von seinem Platz auf. Während der Brāhmane zuschaute, las Áikhidhvaja alles in der Hütte liegende Zeug auf und zündete damit ein Feuer an. Er warf seinen Rosenkranz fort: „Ich bin nun frei von der Illusion, dass die Wiederholung eines mantras heilig sei, daher brauche ich dich nicht länger.“ Er verbrannte sein Hirschfell zu Asche. Er gab seinen Was- serkessel (kamaï¬alu) einem Brāhmanen (oder warf ihn ins Feuer). Er sagte sich: „Was auch immer aufgegeben werden kann, dem muss ein für alle Mal entsagt werden; denn andernfalls tritt es wieder ins Dasein und wird gesammelt. Daher werde ich ein für alle Mal alles verbrennen.“ Nachdem er den Entschluss gefasst hatte, alle heiligen und weltlichen Handlungen aufzugeben, nahm Sikhidvaja all die Dinge, die er bis dahin be- nutzt hatte und verbrannte sie. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:93 Schließlich zündete Áikhidhvaja auch noch die Hütte an, die er unnötiger- weise, geleitet von seiner früheren falschen Vorstellungen, gebaut hatte. Danach verbrannte er systematisch alles, was übrig geblieben und noch ver- gessen worden war. Er warf alles fort oder ins Feuer einschließlich seiner Kleider. Erschreckt von diesem Feuer liefen sogar die Tiere davon. 475
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    ŚIKHIDHVAJA sagte schließlichzum Brāhmanen: Erleuchtet durch dich, oh Sohn der Götter, habe ich nun allen Ideen entsagt, die ich so lange in mir getragen habe. Jetzt bin ich verankert in reinem und seligem Wissen. Von allem, was Ursache der Bindung sein könnte, hat sich das Gemüt abgewendet und ruht nun im Gleichmut. Ich habe allem entsagt. Ich bin frei von aller Bindung. Ich bin im Frieden, Ich bin siegreich geblieben. Der Himmel ist mein Kleid, meine Wohnstatt, und ich selbst bin wie der Himmel. Existiert noch etwas jenseits dieser höchsten Entsagung, oh Sohn der Götter? DIE BRĀHMA×A (CôÖĀLĀ) sagte: Du hast noch nicht allem entsagt, oh König. Betrage dich daher nicht so, als würdest du dich des Segens der höchsten Entsagung erfreuen! Es gibt da etwas, dem du immer noch nicht entsagt hast und dies ist der wertvollste Teil der Entsagung. Erst wenn auch dieses gänzlich ohne einen Überbleibsel auf- gegeben ist, wirst du den höchsten Zustand, frei von Kummer, erreichen. Nach einigem Nachdenken sprach ŚIKHIDHVAJA: Es gibt da nur noch ein weiteres Ding, oh Sohn der Götter, das übriggeblie- ben ist, und das ist dieser Körper, wo die tödlichen Schlangen namens Sinne hausen, und der aus Blut, Fleisch usw. zusammengesetzt ist. Ich werde nun auch ihn aufgeben und zerstören und damit die totale Entsagung erlangen. Als er sich daran machte, seinen Entschluss auszuführen, sagte DER BRĀHMANE: Oh König, weshalb willst du vergeblich diesen schuldlosen Körper zerstö- ren? Gib diesen Zorn auf, der die Eigenschaft eines Bullen ist, der sich auf- macht, ein Kalb zu töten! Dieser asketische Körper ist leblos und taub. Mit ihm hast du nicht das Geringste zu tun. Versuche daher nicht, ihn zu zerstö- ren. Der Körper ist, was er ist – leblos und taub. Angetrieben und funktions- fähig wird er durch eine andere Kraft oder Energie. Der Körper ist für die Erfahrung von Vergnügen und Schmerz nicht verantwortlich. Außerdem bedeutet die Zerstörung des Körpers nicht die totale Entsagung. Im Gegenteil – du wirfst etwas fort, was tatsächlich eine Hilfe beim Erlangen totaler Entsa- gung ist! hast Erst wenn du dem zu entsagen vermagst, was durch diesen Körper tätig ist und ihn in Bewegung versetzt, dann hast du wahrhaftig alles Böse und alle Sünden aufgegeben und wirst zum höchsten Entsagenden. Wenn man dem entsagt hat, dann hat man allem (einschließlich dem Körper) entsagt. Andernfalls werden Sünde und Böses, auch wenn sie eine Zeitlang untertauchen, wieder auferstehen. DER BRĀHMANE (CôÖĀLĀ) sagte: Wahre Entsagung ist die Entsagung von dem, was alles ist, was die einzige Ursache von all diesem ist und in dem all dieses lebt. ŚIKHIDHVAJA bat: Heiliger Herr, bitte teile mir mit, was dies ist, dem entsagt werden soll. 476
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    DIE BRĀHMA×A (CôÖĀLĀ)sagte: Oh du Edler! Es ist das Gemüt (welches auch „jīva“, „prāïa“ usw. genannt wird) oder citta, welches weder leblos noch nicht leblos ist und sich in einem Zustand von Verwirrtheit befindet – dieses ist das „Alles“. Es ist citta (Gemüt), welches die Verwirrtheit ist, es ist das menschliche Wesen, es ist die Welt, es ist alles. Es ist der Same für ein Königreich, für den Körper, für die Ehefrau und den ganzen Rest. Sobald diesem Samen entsagt wird, geschieht die totale Entsagung von allem, was jetzt ist und in Zukunft! All dies – Gut und Böse, Königreich und Urwald – verursacht Qualen im Herzen desjenigen, der citta besitzt, und große Freude in demjenigen, der ohne Gemüt ist. So wie der Baum vom Wind bewegt wird, wird dieser Körper vom Gemüt bewegt. Die verschiedenen Erfahrungen der Wesen (Altern, Tod, Geburt usw.) wie auch die Festigkeit der heiligen Weisen – all dies sind nichts als Veränderungen im Gemüts. Nur dieses Gemüt ist gemeint, wenn man verschiedentlich von buddhi, Kosmos, Ich-Sinn, prāïa usw. spricht. Daher ist die Aufgabe des Gemüts totale Entsagung. Sobald es aufgegeben worden ist, wird die Wahrheit erfahren. Sämtliche Ideen von Einheit und Verschiedenheit finden ein Ende – dann ist da Friede. Wenn du andererseits etwas aufgibst, was du als „nicht mein“ betrachtest, erzeugst du eine Getrenntheit in dir selbst. Wenn man allem entsagt, dann existiert dieses „alles“ innerhalb der Leerheit des einen, unendlichen Be- wusstseins. Wenn man in diesem Zustand totaler Entsagung ruht wie eine Lampe ohne Öl, dann leuchtet man mit einem überwältigenden Glanz wie eine Lampe mit Öl. Auch nachdem du das Königreich usw. aufgegeben hast, existierst du immer noch. Dementsprechend existiert auch dieses unendliche Bewusstsein weiter, wenn dem Gemüt entsagt worden ist. Du hast all dies verbrannt, aber in dir hat kein Wandel stattgefunden; auch wenn du das Gemüt total aufgibst, wird es keine Veränderung geben. Wer allem total ent- sagt hat, wird von der Furcht des Alterns, des Todes und anderen Ereignissen im Leben nicht berührt. Das allein ist höchste Seligkeit. Alles andere ist nichts als schrecklicher Kummer. OM! Eigne dir daher diese Wahrheit an und tu, was du willst. In einer solchen totalen Entsagung existiert die höchste Weisheit oder Selbsterkenntnis: in der vollkommenen Leere eines Gefäßes werden die kostbarsten Juwelen aufbewahrt. Durch vollkommene Entsagung hat Śākya Muni (Buddha) schließlich den Zustand jenseits allen Zweifels erlangt und blieb darin fest verankert. Folglich, oh König, nach der vollkommenen Entsa- gung verbleibe fest in dem Zustand, in welchem du dich selbst finden wirst. Gib sogar die Idee von „ich habe allem entsagt" auf und ruhe im Zustand des höchsten Friedens. ŚIKHIDHVAJA sprach: VI.1:94 Bitte erkläre mir die genaue Natur von citta (Gemüt) und auch, wie man es aufgeben kann, damit es nicht wieder und wieder erscheint. KUõBHA (DER BRĀHMANE – CôÖĀLĀ) erwiderte: 477
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    Die Natur voncitta (Gemüt) sind die vāsanās (subtile Eindrücke der Kondi- tionierung aus der Vergangenheit). Tatsächlich sind beide Begriffe Synonyme. Die Aufgabe von diesem oder das Entsagen dieser ist leicht, sehr leicht erlangbar und beglückender als die Herrschaft über ein Königreich und noch schöner als eine Blume. Gewiss ist die Entsagung des Gemüts äußerst schwie- rig für einen Toren, so wie es für einen Einfaltspinsel schwierig ist, ein König- reich zu regieren. Die gänzliche Zerstörung oder Auslöschung des Gemüts bedeutet die Aus- löschung des saæsāra (des Schöpfungszyklus). Es wird auch als die Aufgabe des Gemüts bezeichnet. Entwurzele daher diesen Baum, dessen Same die „Ich“-Idee ist, mit seinen sämtlichen Zweigen, Früchten und Blättern und ruhe im Himmelsraum deines Herzens. Was man das „Ich“ nennt, entsteht in Abwesenheit der Erkenntnis des Ge- müts (Selbsterkenntnis). Dieses „Ich „ist der Same des Baumes namens Ge- müt. Er wächst im Felde des höchsten Selbst, welches gleichzeitig von der illusionenschaffenden Macht namens Māyā durchdrungen wird. Auf diese Weise wird in diesem Feld eine Teilung erzeugt und Erfahrung erschaffen. Dadurch entsteht die unterscheidende Wesenheit namens buddhi. Natürlich besitzt sie keine eigene, klar umgrenzte Gestalt, weil sie nichts als die erwei- terte Gestalt des Samens ist. Ihre Natur besteht in der Konzeptualisierung oder Ideenbildung, und sie wird auch als das Gemüt, jīva und Leerheit be- zeichnet. Der Stamm dieses Baumes ist der Körper. Die Bewegungen der Energie da- rin, die sein Wachstum fördern, ist die Wirkung der psychologischen Kondi- tionierung. Seine Zweige sind lang und reichen über große Entfernungen hinweg – dies sind die endlichen Sinneserfahrungen, die durch Sein und Nicht-Sein charakterisiert sind. Seine Früchte sind Gut und Böse (Vergnügen und Schmerz, Glück und Unglück). Dieser Baum ist äußerst bösartig. Strebe dauernd danach, seine Zweige zu beschneiden und ihn zu entwurzeln. Auch seine Zweige haben die Natur der Konditionierung, die Natur der Konzepte und Wahrnehmungen. Sie (die Zweige) sind mit den Früchten von all diesen ausgestattet. Wenn du ihnen nicht anhaftest, und dich mit ihnen nicht beschäftigst und nicht identifizierst, dann werden diese vāsanās mit Hilfe deiner Intelligenz (Bewusstsein) sehr stark geschwächt. Du wirst dann fähig, den ganzen Baum zu entwurzeln. Die Zerstörung der Zweige ist zweitrangig – die hauptsächliche Aufgabe besteht in der Entwurzelung dieses Baumes. Wie wird dieser Baum entwurzelt? Indem man sich mit der Ergründung des Selbst befasst – „Wer bin ich?“ Diese Ergründung ist das Feuer, in dem die Samen und die Wurzeln dieses Baumes namens citta (Gemüt) vollständig verbrannt werden. ŚIKHIDHVAJA sprach: 478
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    Ich weiß, dassich reines Bewusstsein bin. Wie diese Unreinheit (Unwissen- heit) darin entstehen konnte, entzieht sich meiner Kenntnis. Ich bin verwirrt, weil ich diese Unreinheit nicht los werden kann, die nicht das Selbst und unwirklich ist. KUõBHA fragte: Sage mir, ob diese Unreinheit (Unwissenheit), aufgrund derer du ein an die- ses saæsāra gebundener unwissender Mann bist, real oder irreal ist? ŚIKHIDHVAJA erwiderte: Es ist diese Unreinheit, die gleichzeitig der Ich-Sinn und der Same dieses riesigen Baumes namens citta (Gemüt) ist. Ich weiß nicht, wie ich dies los- werden kann. Sogar nachdem ich ihr entsagt habe, kehrt sie wieder zu mir zurück! KUõBHA sprach: Die Wirkung, die aus einer realen Ursache entsteht, ist stets unabweisbar und feststehend. Wenn aber die Ursache nicht real ist, ist die Wirkung gewiss ebenso unwirklich wie der doppelte Mond in den Augen eines Fehlsichtigen. Der Keim des saæsāra ist aus dem Samen des Ich-Sinnes entstanden. Ergrün- de dessen Natur und teile mir deine Ergebnisse mit. ŚIKHIDHVAJA erwiderte: Oh Weiser, ich sehe, dass die Erfahrung die Ursache des Ich-Sinnes ist. Sage mir bitte, wie ich sie loswerden kann. KUõBHA fragte erneut: Ah, nun bist du fähig, die Ursachen der Wirkungen zu entdecken! Was ist die Ursache dieser Erfahrungen? Dann werde ich dir erklären, wie du die Ursache loswerden kannst. Wenn Bewusstsein gleichzeitig das Erfahren und die Erfahrung ist und es für die Erfahrung keine Ursache als das auftauchen- de Objekt gab, wie kann dann die Wirkung (Erfahrung) auftauchen? ŚIKHIDHVAJA antwortete: Gewiss wohl nur aufgrund einer objektiven Realität wie der des Körpers? Ich bin nicht fähig zu sehen, wie diese objektive Realität als falsch gesehen werden kann. KUõBHA sprach: Wenn Erfahrung auf der Realität von Objekten wie dem Körper beruht, und der Körper usw. als unwirklich erwiesen ist, auf was kann sich die Erfahrung dann noch stützen? Wenn die Ursache abwesend oder unwirklich ist, ist die Wirkung inexistent und die Erfahrung einer solchen Wirkung ist eine Illusion. Was ist dann die Ursache von Objekten wie der Körper? ŚIKHIDHVAJA fragte: Der doppelte Mond kann nicht unwirklich sein, da er als seine Ursache die Augenkrankheit hat. Der Sohn der unfruchtbaren Frau wurde niemals gese- 479
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    hen und istdaher unwirklich. Nun, ist nicht der Vater die Ursache für die Existenz des Körpers? KUõBHA erwiderte: Was aus der Unwirklichkeit geboren wurde, ist selbst unwirklich, und daher ist auch der Vater unwirklich. Wenn einer behauptet, dass der erste Schöpfer die Ursache aller danach entstandenen Körper sei, dann ist noch nicht einmal dies die Wahrheit! Der Schöpfer selbst ist nicht verschieden von der Wirk- lichkeit – seine Erscheinung als etwas anderes als die Realität (diese Schöp- fung usw.) ist daher nichts als Täuschung. Durch die Realisierung dieser Wahrheit wird man fähig, Unwissenheit und Ich-Sinn loszuwerden. ŚIKHIDHVAJA fragte: VI.1:95 Wenn all dies vom Schöpfer bis zur Säule unwirklich ist, wie entstand dann dieser sehr reale Kummer? KUõBHA erwiderte: Diese Illusion der Welterscheinung erfährt durch ihre wiederholte Bestäti- gung eine Verstärkung – zu einem Block gefrorenes Wasser dient als Sitz! Erst wenn Unwissenheit vertrieben ist, realisiert man die Wahrheit, erst dann manifestiert sich der ursprüngliche Zustand von selbst. Sobald die Wahrneh- mung von Vielfalt reduziert wird, hört die Erfahrung dieses saæsāra auf und du strahlst in deinem ursprünglichen Glanz. Du bist somit das höchste, uranfängliche Wesen. Dieser Körper, diese Ge- stalt usw. ist aufgrund von Unwissenheit und Missverständnis ins Dasein getreten. Alle diese Ideen vom Schöpfer und einer Schöpfung bestehend aus verschiedenen Wesen können nicht als real bewiesen werden. Wenn die Ursache unbewiesen ist, wie kann man die Wirkung als real betrachten? Alle diese verschiedenen Wesen sind nur Erscheinungen wie Wasser in der Luftspiegelung. Solche täuschenden Erscheinungen verschwinden, wenn sie ergründet werden. ŚIKHIDHVAJA fragte: Weshalb kann man nicht sagen, dass das höchste Selbst oder das unendli- che Bewusstsein (Brahman) die Ursache ist, deren Wirkung wiederum der Schöpfer ist? KUõBHA erwiderte: Brahman oder das höchste Selbst ist Eines ohne ein Zweites, ohne Ursache und ohne Wirkung, da es keinerlei Veranlassung (Antrieb oder Bedarf) hat, irgendetwas zu tun oder entstehen zu lassen. Daher ist es weder der Täter noch findet da eine Tätigkeit statt, noch gibt es ein Instrument dazu oder den Samen dafür. Daher ist es nicht die Ursache für diese Schöpfung oder den Schöpfer. Somit gibt es so etwas wie Schöpfung überhaupt nicht. Daher bist du weder der Täter der Handlungen noch der Genießende der Erfahrungen. Du bist das 480
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    Alles, immer imFrieden, ungeboren und vollkommen. Da es keinerlei Ursache (Grund für die Schöpfung) gibt, gibt es keine als Welt zu bezeichnende Wir- kung. Die Welterscheinung ist daher nichts als Täuschung. Wenn somit die Objektivität der Welt als unwirklich erkannt wird, was ist dann Erfahrung und von was? Wenn es keine Erfahrung gibt, gibt es keinen Erfahrenden (Ich-Sinn). Daher bist du rein und befreit. Bindung und Befrei- ung sind bloße Worte. ŚIKHIDHVAJA sprach: Hoher Herr, durch deine weisen und gut begründeten Worte, bin ich voll- ständig erwacht. Ich erkenne, da es keine Ursache gibt, dass Brahman weder der Täter noch der Schöpfer von etwas sein kann. Daher gibt es weder das Gemüt noch den Ich-Sinn. Da dies der Fall ist, bin ich rein, bin ich erwacht. Ich verneige mich vor meinem Selbst! Da ist nichts, was das Objekt meines Be- wusstseins wäre. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:96 Auf diese Weise endlich spirituell erwacht, versank Áikhidhvaja in tiefer Meditation, aus der ihn Kuæbha freundschaftlich wieder erweckte. Kuæbha sagte: „Oh König, endlich bist du erwacht und erleuchtet. Was jetzt zu tun ist, muss getan werden, ohne Rücksicht darauf, ob diese Welterscheinung aufhört oder nicht aufhört. Sobald das Licht des Selbst gesehen wird, bist du unver- züglich frei vom Unerwünschten und von den mentalen Modifizierungen und bist, noch lebend, ein Befreiter.“ Áikhidhvaja, der nun strahlte im Licht der Selbsterkenntnis, fragte den Brāhmanen Kuæbha „um weiteres Verständnis“: „Wenn die Wirklichkeit unteilbares und unendliches Bewusstsein ist, wie konnte dann darin diese scheinbare Getrenntheit von Seher, Gesehenes und Sicht darin auftauchen?“ KUõBHA erwiderte: Eine gute Frage, oh König. Dies allein musst du noch wissen. Was auch im- mer in diesem Universum ist, hört am Ende dieses Weltzyklus auf zu sein. Übrig bleibt lediglich die Essenz, die weder Licht noch Dunkelheit ist. Das ist reines Bewusstsein, welches höchster Friede und unendlich ist. Jenseits ist es von Logik und intellektuellem Verstehen. Genannt wird es Brahman oder nirvāïa. Es ist kleiner als das Kleinste, größer als das Größte und das Vorzüg- lichste unter dem Vorzüglichen. Verglichen mit diesem ist alles, was hier und jetzt erscheint, nichts als ein atomares Partikel! Das, was als das Ich-Bewusstsein erstrahlt und das universale Selbst ist, ist dasselbe, was hier als das Universum existiert. In der Tat gibt es keinen wirk- lichen Unterschied zwischen dem universalen Selbst und dem Universum, so wie es auch keinen solchen zwischen der Luft und ihrer Bewegtheit gibt. Man mag wohl sagen, dass es zwischen den Wellen und dem Ozean in Begriffen von Zeit und Raum eine kausale Beziehung gibt, aber im universalen Selbst 481
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    oder unendlichen Bewusstseingibt es keine solche Beziehung. Das Univer- sum ist daher ohne jede Ursache. In diesem unendlichen Bewusstsein treibt dieses Universum wie ein Staubpartikel dahin. In ihm geschieht es, dass das Wort „Welt“ mit Substantialität oder Realität ausgestattet wird. Dieses (unendliche Bewusstsein) allein ist die Essenz hier. Es durchdringt alles. Es ist eines. Es ist Bewusstsein. Es hält alles zusammen. Und doch kann man nicht sagen, dass es eines sei, weil es da absolut keine Getrenntheit oder Dualität gibt. Daher genügt es zu wissen, dass das Selbst allein die Wahrheit ist, und keine Vorstellung von Dualität soll entstehen. Dieses allein ist überall zu jeder Zeit in all den verschiedenen Gestalten. Weder wird es gesehen (durch die Sinne und das Gemüt erfahren) noch ist es ein Objekt, das man erreichen kann. Es ist weder die Ursache noch die Wirkung. Es ist äußerst subtil. Es ist reines Erfahren (weder der Erfahrende noch die Erfahrung). Obwohl es hiermit beschrieben worden ist, ist es jenseits aller Beschreibung. Deshalb kann man nicht sagen, dass es ist oder dass es nicht ist. Wie kann es dann die Ursache dieser Schöpfung sein? KUõBHA sprach: Das, was keinen Samen (Ursache) besitzt und nicht beschrieben werden kann, ist daher nicht die Ursache von etwas anderem –nichts wird aus ihm geboren. Folglich ist das Selbst weder der Täter noch die Handlung noch das Instrument der Handlung. Es ist die Wahrheit. Es ist das ewigliche, absolute Bewusstsein. Es ist Selbsterkenntnis. Im höchsten Brahman existiert keine Schöpfung. Rein theoretisch könnte man das Erscheinen und Existieren einer Welle im Ozean auf der Basis von Zeit (die für das Erscheinen benötigt wird) und Raum (in dem die Welle zu existieren scheint) erklären. Wer jedoch konnte jemals eine derartige Beziehung zwischen Brahman und der Schöp- fung herstellen? Denn in Brahman existieren Zeit und Raum nicht. Daher besitzt diese Welt nicht die geringste Grundlage. ŚIKHIDHVAJA sagte: Gewiss könnte man die Existenz von Wellen im Ozean auf rationalistische Weise darstellen. Jedoch verstehe ich nicht, wie es sein kann, dass Welt und Ich-Sinn ohne Ursache sind. KUõBHA erwiderte: Jetzt hast du die Wahrheit auf die richtige Weise verstanden, oh König! Dies ist deshalb so, weil es faktisch keine Realität gibt, die den Wörtern „Welt“ und „Ich-Sinn“ entspricht. So wie die Leerheit (oder die Idee von Entfernung) existiert und nicht verschieden vom Raum ist, so existiert auch diese Welter- scheinung im höchsten Sein oder unendlichen Bewusstsein, und zwar in derselben oder auch einer ganz anderen Form. Wenn so die Realität dieser Welt richtig verstanden wird, dann wird sie als das höchste Selbst (Áiva) realisiert. Richtigverstanden, verwandelt sich sogar Gift in Nektar. Die Welt, nicht richtig verstanden, wird böse (aÁivam) und zur Welt des Kummers. Denn was dieses Bewusstsein als sich selbst realisiert, 482
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    dazu wird es.Aufgrund einer Verwirrung im Selbst sieht sich dieses Bewusst- sein als verkörpert und als die Welt. Es ist dieses höchste Selbst allein, welches als das höchste Wesen (Áivam) erstrahlt. Daher sind alle Fragen betreffend die Welt und den Ich-Sinn unan- gebracht. Nur Fragen betreffend reale Substanzen können als angebracht betrachtet werden, nicht jedoch solche über Dinge, deren Existenz unbewie- sen ist. Die Welt und der Ich-Sinn besitzen keine vom höchsten Selbst unab- hängige Existenz. Da es keine Grundlage für ihre Existenz gibt, ist die Wahr- heit, dass nur das höchste Selbst existiert. Die Energie Brahmans (Māyā)hat diese Illusion durch die Kombination der fünf Elemente erschaffen. Aber Bewusstsein bleibt Bewusstsein und wird durch Bewusstsein erkannt, wäh- rend Vielfalt durch die Idee der Vielfalt wahrgenommen wird. Das Unendliche lässt innerhalb von sich selbst Unendlichkeit entstehen, das Unendliche er- schafft Unendlichkeit, das Unendliche ist aus der Unendlichkeit geboren und Unendlichkeit verbleibt unendlich. Bewusstsein leuchtet als Bewusstsein. KUõBHA sagte: VI.1:97 Im Falle von Gold mag man sagen, dass es zu einer gewissen Zeit und an einem gewissen Ort Anlass zur Entstehung eines Schmuckstücks gegeben hat. Aber aus dem Selbst (welches absoluter Friede ist) wurde nichts erschaffen und nichts kehrt jemals ins Selbst zurück. Brahman ruht in sich selbst. Es ist daher weder Same noch Ursache für die Schöpfung der Welt, die eine Angele- genheit bloßer Erfahrung ist. Außer dieser Erfahrung existiert nichts, was als Welt oder Ich-Sinn bezeichnet werden könnte. Daher existiert allein das un- endliche Bewusstsein. ŚIKHIDHVAJA sagte: Ich erkenne, oh Weiser, dass es im Höchsten Herrn weder eine Welt noch den Ich-Sinn geben kann. Aber wie kommt es, dass Welt und Ich-Sinn erstrah- len, als gäbe es sie wirklich? KUõBHA erwiderte: Tatsächlich ist es das Unendliche, welches, anfangslos und endlos, als rei- nes, erfahrendes Bewusstsein existiert. Nur dieses ist das ausgebreitete Uni- versum, welches sozusagen sein Körper ist. Es gibt keine andere Substanz wie den Intellekt noch gibt es ein Außen noch eine Leerheit. Die Essenz des Seins ist reines Erfahren, welche daher die Essenz des Bewusstseins ist. So wie Flüssigkeit untrennbar vom Wasser existiert, so existieren Bewusstsein und Unbewusstsein zusammen. Es gibt keiner vernunftgemäße Erklärung für ein solches Sein, denn es ist einfach was es ist. Da es im Bewusstsein weder einen Widerspruch noch eine Getrenntheit gibt, ist es offensichtlich. Wenn das unendliche Bewusstsein die Ursache von etwas anderem ist, wie kann es dann als unbeschreibbar und unvergleichbar bezeichnet werden? Folglich ist Brahman weder eine Ursache noch der Same für etwas. Was soll- ten wir dann als die Wirkung ansehen? Daher ist es unangebracht, die Schöp- 483
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    fung mit Brahmanin Verbindung zu bringen und das Leblose mit dem unend- lichen Bewusstsein zu verknüpfen. Wenn da eine Welt oder der Ich-Sinn erscheinen, so sind diese nur leere Worte zum Zweck der Unterhaltung. Bewusstsein wird nicht zerstört. Falls eine solche Zerstörung jedoch wahr- genommen werden sollte, dann ist das Bewusstsein, welches sie wahrnimmt, frei von der Zerstörung und Erschaffung. Falls eine solche Zerstörung wahr- genommen wird, ist sie sicherlich nur ein Trick des Bewusstseins. Folglich existiert nur Bewusstsein allein –weder eines noch vieles! Genug daher mit dieser Debatte. Wenn es keine materielle Existenz gibt, existiert auch das Denken nicht. Da sind weder eine Welt noch der Ich-Sinn. Verbleibe fest verankert im Frieden und in der Stille, frei von der mentalen Konditionierung, ob du nun verkör- pert oder unverkörpert bist. Sobald die Realität Brahmans erkannt ist, gibt es keinen Platzmehr für Kummer und Angst. ŚIKHIDHVAJA sagte: VI.1:98 Oh Heiliger, bitte unterweise mich so, dass ich vollkommen verstehe, dass das Gemüt nicht existiert. KUõBHA sprach: Oh König, in der Tat hat es niemals eine Wesenheit namens Gemüt gegeben. Das, was hier leuchtet und als Gemüt bezeichnet wird, ist nichts als das un- endliche Brahman (Bewusstsein). Das Nichtwissen um seine wahre Natur- lässt die Idee des Gemüts, der Welt und allem andern entstehen. Wenn sogar diese Ideen ohne Substanz sind, wie können dann „Ich“, „Du“ usw. als real erachtet werden? Es gibt daher kein Ding wie die „Welt“ – was auch immer zu sein scheint, ist unerschaffen. All dies ist in der Tat Brahman. Wie kann es gekannt werden, und durch wen? Sogar zu Beginn des gegenwärtigen Weltzyklus war diese Welt nicht er- schaffen. Nur für dein Verständnis habe ich sie als Schöpfung beschrieben. In der völligen Abwesenheit kausaler Faktoren konnte all dies nicht erschaffen werden. Daher ist alles, was ist, Brahman und nichts anderes. Es ist nicht einmal logisch zu sagen, dass der Höchste Herr, der ohne Namen und ohne Form ist, diese Welt erschaffen hat! Es ist nicht wahr. Wenn daher die Idee der Schöpfung dieser Welt als falsch gesehen wird, dann ist gewiss auch das Ge- müt, welches die Idee einer solchen Schöpfung hegt, falsch. Das Gemüt ist ein Bündel von Ideen, die die Wahrheit begrenzen. Schließ- lich beinhaltet Teilung immer Teilbarkeit. Wenn jedoch das unendliche Be- wusstsein unfähig zur Teilung ist, kann es auch keinerlei Teilbarkeit und folglich keine Teilung geben. Wie kann das Gemüt, der Teiler, real sein? Was auch immer erscheint, wird in und durch Brahman wahrgenommen und wird nur umständehalber als Gemüt bezeichnet! Es ist das unendliche Bewusstsein allein, welches sich als das Universum ausbreitet. Weshalb es dann überhaupt Universum nennen? In diesem gewaltigen Feld oder Raum des unendlichen Bewusstseins ist sogar die minimste Erscheinung nichts als die Widerspiege- 484
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    lung von Bewusstseinin sich selbst – folglich sind da weder ein Gemüt noch eine Welt. Nur in der Unwissenheit wird all dies als „Welt“ gesehen. Das Ge- müt ist daher irreal. Durch dies hier wird nicht geleugnet was ist, sondern nur die Schöpfung selbst. Die Realität, die als Welt gesehen wird, ist anfangslos und unerschaffen. Daher können die Erklärungen der Schriften und die eigenen Erfahrungen bezüglich Erscheinen und Verschwinden der Substanzen hier nicht als ungültig erachtet werden, außer von einem Ignoranten. Wer die Gültigkeit dieser Erklärungen und Erfahrungen verleugnet, von dem sollte man sich fernhalten. Die transzendentale Realität ist ewiglich, die Welt ist nicht unwirklich (nur die begrenzende Beifügung, das Gemüt, ist falsch). Daher ist all dieses das unteilbare, unbegrenzbare, namenlose und formlose unendliche Bewusstsein. Es ist die Selbstspiegelung Brahmans in all seinen unendlichen Gestalten, die als das Universum mit seinen Zyklen von Erschaf- fung und Auflösung erscheint. Es ist dieses Brahman selbst, welches sich in einem Augenblick als das Universum kennt und als solches erscheint. Ein Gemüt gibt es nicht. ŚIKHIDHVAJA sagte: VI.1:99 Meine Täuschung ist dahin! Weisheit wurde aufgrund deiner Gnade erlangt. Ich bin für immer frei von allen Zweifeln. Ich weiß nun, was zu wissen ist. Der Ozean der Illusionen wurde überquert. Ich bin im Frieden ohne Idee eines „ich“; als reine Erkenntnis. KUõBHA sprach: Wenn die Welt als solche nicht existiert, dann sind auch „ich“ und „du“ nicht auffindbar. Verbleibe daher im Frieden in dir selbst, befasse dich mit nicht- willentlichen Handlungen, die von Moment zu Moment auf natürliche Weise entstehen. All dies ist nichts als Brahman, der Friede ist – Worte wie „ich“ und „die Welt“ sind bedeutungs- und substanzlos. Sobald die fehlende Substantia- lität solcher Ausdrucksweisen verstanden ist, wird das, was bisher als Welt betrachtet wurde, als Brahman gesehen. Der Schöpfer Brahmā ist nur eine Idee oder ein Konzept. Und so ist es auch mit dem „Selbst“ oder „Ich“. Im richtigen oder falschen Verständnis ist Befrei- ung oder Bindung! Die Idee „Ich bin“ lässt Bindung und Selbstzerstörung entstehen. Die Realisierung von „Ich bin (ist) nicht“ führt zu Freiheit und Reinheit. Bindung und Befreiung sind nur Ideen. Was sich dieser Ideen be- wusst ist, ist das unendliche Bewusstsein, welches als einziges ist. Die Idee „Ich bin“ ist die Quelle AllerQualen. Die Abwesenheit dieser Empfindung ist Vollkommenheit. Erkenne dieses „Ich bin nicht dieser Ich-Sinn“ und ruhe in reinem Gewahrsein. Wenn ein solch reines Gewahrsein auftaucht, verschwinden sämtliche Ideen. Dann ist da Vollkommenheit. Im reinen Gewahrsein, in Vollkommen- heit oder im Höchsten Herrn gibt es weder Kausalität noch die daraus entste- hende Schöpfung oder Objekte. In der Abwesenheit von Objekten gibt es auch 485
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    keine Erfahrung oderden sie begleitenden Ich-Sinn. Wenn der Ich-Sinn ine- xistent ist, dann gibt es kein saæsāra (Zyklus von Geburt und Tod). Wenn demnach saæsāra nicht existiert, dann existiert allein das höchste Wesen. In ihm existiert dieses Universum wie Formen in nicht behauenem Stein. Wer auf diese Weise das Universum ohne Dazwischentreten des Gemüts und da- her ohne Vorstellung eines Universums sieht, der allein sieht die Wahrheit. Eine solche Vision wird als nirvāïa bezeichnet. So wie allein der Ozean existiert, wenn das Wort „Welle“ seiner Bedeutung entkleidet worden ist, so existiert allein Brahman, sobald das Wort „Schöp- fung“ als bedeutungslos verstanden wird. Diese Schöpfung ist Brahman, Brahman allein ist dieser Schöpfung gewahr. Wird die Wortbedeutung von „Schöpfung“ fallengelassen, dann wird die wahre Bedeutung von „Schöpfung“ als das ewige Brahman erkannt. Sobald man das Wort „Brahman“ zu ergrün- den beginnt, wird ALLES verstanden. Und wenn man das Wort „Schöpfung“ ergründet, wird Brahman verstanden. Dieses Bewusstsein, welches die Grundlage und das Substratum all dieser Ideen und ihres Gewahrseins ist, wird durch das Wort „Brahman“ gekannt. Sobald diese Wahrheit klar reali- siert und die Dualität von Erkenntnis und Erkanntem fallengelassen wird, verbleibt der höchste Friede, der unbeschreibbar und unausdrückbar ist. ŚIKHIDHVAJA sagte: VI.1:100 Wenn das höchste Wesen real ist und die Welt real ist, dann nehme ich an, dass das höchste Wesen die Ursache und die Welt die Wirkung sind? KUõBHA sprach: Nur wenn es Kausalität gibt, kann eine Wirkung unterstellt werden. Wenn es jedoch keinerlei Kausalität gibt, wie kann dann daraus eine Wirkung ent- stehen? Zwischen Brahman und dem Universum existiert keiner kausale Beziehung – was auch immer ist, ist Brahman. Wenn es keinen Samen gibt, wie kann dann etwas geboren werden? Wenn Brahman namen- und gestalt- los ist, gibt es in ihm sicher keine Kausalität (Samen). Folglich ist Brahman der Nicht-Täter, in dem keine Kausalität existiert. Daher gibt es auch keine Wirkung, die Welt genannt werden kann. Brahman – das ist, was du bist, und Brahman allein existiert. Wenn dieses Brahman mit dem Auge der Unweisheit gesehen wird, wird es als das Univer- sum erfahren. Dieses Universum ist sozusagen der Körper Brahmans. Sobald dieses unendliche Bewusstsein sich selbst als etwas anderes ansieht, als es wirklich ist, spricht man von Selbstzerstörung oder Selbst-Erfahrung. Diese Selbstzerstörung ist eigentlich das Gemüt. Auch wenn eine solche Selbstzer- störung nur einen Augenblick lang andauert, wird sie als Gemüt bezeichnet, welches einen ganzen Weltzyklus lang dauert. Solch ideenmäßige Existenzen hören erst mit dem Dämmern der rechten Erkenntnis und dem Verschwinden aller Ideen auf. Da die ideenmäßige Exis- tenz unwirklich ist, hört sie beim Erkennen der Wahrheit auf natürliche Wei- se auf. Wie könnte die Welt, die nur als ein Wort, aber nicht als reale, unab- 486
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    hängige Substanz existiert,als eine reale Existenz akzeptiert werden? Ihre angeblich unabhängige Existenz ist nicht anders als das Wasser in der Luft- spiegelung. Wie könnte es real sein? Dieser verwirrte Zustand, in dem diese Unwirklichkeit als wirklich erscheint, wird als Gemüt bezeichnet. Nicht- Verstehen der Wahrheit ist Unwissenheit oder Gemüt. Rechte Erkenntnis ist dagegen Selbsterkenntnis oder Selbstverwirklichung. So wie die Realisierung von „dies ist kein Wasser“ die Erkenntnis der Luftspiegelung als Luftspiege- lung herbeiführt, so führt die Realisierung von „dies ist nicht das reine Be- wusstsein, sondern das Bewusstsein in Bewegung, welches als Gemüt be- zeichnet wird“ die Zerstörung des Gemüts herbei. Sobald daher die Nicht-Existenz des Gemüts realisiert wird, wird gesehen, dass der Ich-Sinn usw. ebenfalls nicht existiert. Eines allein existiert – das unendliche Bewusstsein. Sämtliche Ideen hören auf. Die Falschheit, welche als Gemüt erschien, hört auf, sobald die Ideen aufhören. Weder bin ich, noch ist da ein anderer, noch existieren du oder jene –es gibt weder Gemüt noch Sinne. Eines allein ist – das unendliche Bewusstsein. Nichts in den drei Wel- ten wurde jemals geboren oder stirbt. Nur das unendliche Bewusstsein exis- tiert. Da gibt es weder Vielfalt noch Einheit, weder Verwirrtheit noch Täu- schung. Nichts verdirbt und nichts gedeiht. Alles (sogar die sich als Wunsch und Wunschlosigkeit manifestierende Energie) ist dein eigenes Selbst. KUõBHA (CôÖĀLĀ) sagte: VI.1:101 Ich hoffe, dass du nun in deinen Innern spirituell erweckt wurdest und weißt, was zu wissen ist und siehst, was zu sehen ist. ŚIKHIDHVAJA erwiderte: In der Tat, hoher Herr, habe ich durch deine Gnade den höchsten Zustand erlangt. Wie konnte es geschehen, dass sich dieser mir so lange entzog? KUõBHA sagte: Erst wenn das Gemüt gänzlich still ist und man alle Wünsche nach Vergnü- gen aufgegeben hat und außerdem die Sinne ihre Eintrübung oder Verschlei- erung losgeworden sind, werden die Worte des Lehrers richtig verstanden. (Doch die Bemühungen bis dahin waren nicht verschwendet.) Die unter- nommenen Anstrengungen haben heute ihre Früchte getragen – die Unrein- heiten im Körper sind weggefallen. Wenn man frei von psychologischer Kon- ditionierung ist und die Unreinheiten beseitigt oder gereinigt sind, gehen die Worte des guru ins Innerste des eigenen Seins, so wie ein Pfeil in den Stengel des Lotos eindringt. Du hast diesen Zustand der Reinheit erlangt und daher bist du durch meine Unterweisung erleuchtet worden; deine Unwissenheit wurde zerstreut. Durch unser satsaÇga (heilige Gemeinschaft) wurden deine karmas (Hand- lungen und deren übrigbleibende Eindrücke) zerstört. Bis heute Vormittag warst du aufgrund der Unwissenheit erfüllt von den falschen Ideen des „Ich“ und „mein“. Nun, da dein Herz aufgrund des Lichtes in meinen Worten das Gemüt aufgegeben hat, bist du vollkommen erwacht; denn die Unwissenheit 487
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    kann nur solange andauern, wie das Gemüt im Herzen wirkt. Nun bist du erleuchtet und befreit. Verbleibe verankert im unendlichen Bewusstsein, frei von Sorge, vom Streben und aller Anhaftung. ŚIKHIDHVAJA sprach: Hoher Herr, hat ein Befreiter noch ein Gemüt? Wie kann er ohne Gemüt le- ben und tätig sein? KUõBHA sagte: Es gibt tatsächlich in den Befreiten keinerlei Gemüt mehr. Was ist denn das Gemüt? Es ist nichts als die dichte, psychologische Konditionierung oder Begrenzung, die zur Wiedergeburt führt. In den befreiten Weisen ist dies alles abwesend. Der befreite Weise lebt mit Hilfe eines von der Konditionierung freien Gemüts, das keine Wiedergeburt verursacht. Es ist überhaupt kein Gemüt, sondern reines Licht (sātva). Der Befreite lebt und ist tätig, verankert in diesem sātva, nicht im Gemüt. Das unwissende und leblose Gemüt ist das Gemüt – das erleuchtete Gemüt wird als sātva bezeichnet. Der Unwissende lebt in seinem Gemüt, der Erleuchtete lebt in sātva. KUõBHA fuhr fort: Du hast aufgrund deiner vorzüglichen Entsagung den Zustand von sātva (unkonditioniertes Gemüt) erlangt. Dem konditionierten Gemüt wurde voll- kommen entsagt, dessen bin ich sicher. Dein Gemüt ist nun wie reiner, unend- licher Raum. Du hast den Zustand des vollkommenen Gleichgewichts erreicht, den Zustand der Vollkommenheit. Dies ist die totale Entsagung, in der alles ohne jeden Restbestand aufgegeben wird. Welche Art von Glück (Zerstörung des Kummers) kann man durch Askesepraktiken erlangen? Höchstes und nicht endendes Glück werden allein durch gänzlichen Gleichmut erlangt. Welche Art Glück erlangt man in den Himmeln? Wer bar der Selbsterkenntnis ist, versucht einen Zipfel des Glücks durch Ausübung mancher Rituale zu erhaschen. Wer kein Gold besitzt, schätzt den Kupfer! Oh königlicher Weiser, mit der Hilfe Cū¬ālās wärest du sehr schnell weise geworden. Weshalb hast du dich dieser nutzlosen und sinnlosen Askese hin- gegeben? Sie haben einen Anfang und ein Ende und nur in der Mitte gibt es ein Auftauchen von Glück. Und doch hat deine Askese in gewisser Hinsicht zu diesem spirituellen Erwachen geführt. Verbleibe nun verwurzelt in Weisheit. Es geschieht innerhalb dieses unendlichen Bewusstseins, dass all diese Rea- litäten und sogar die irrealen Ideen darin auftauchen und sich darin auch wieder auflösen. Sogar Ideen wie „Dies ist zu tun“ und „Dies ist nicht zu tun“ sind nur Tröpfchen des unendlichen Bewusstseins. Gib sogar diese auf und ruhe im Unkonditionierten. All diese (Askese usw.) sind indirekte Methoden. Weshalb wählt man anstelle dessen nicht lieber die direkte Methode der Selbsterkenntnis? 488
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    Was als sātvabeschrieben wurde, dem sollte durch sātva selbst entsagt werden – d.h. durch die totale Freiheit davon oder durch Nicht-Anhaftung daran. Welche Sorgen auch immer in den drei Welten auftauchen, oh König, tauchen nur aufgrund von mentalem Verlangen auf. Wenn du im Zustand des Gleichmuts verankert bist, der sowohl die Bewegung als auch die Nicht- Bewegung der Gedanken als gleich ansieht, wirst du im Ewigen ruhen. Es gibt nur ein einziges, unendliches Bewusstsein. Dieses Brahman, welches reines Bewusstsein ist, wird selbst als sātva gekannt. Der Unwissende sieht es als die Welt. Bewegtheit (Erregung) wie auch Nicht-Bewegtheit in diesem unendlichen Bewusstsein sind lediglich Ideen im Gemüt des Beobachters, denn die Totalität des unendlichen Bewusstseins ist all dieses, jedoch gänz- lich frei von solchen Ideen. Seine Realität ist jenseits von Worten! VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er dies gesagt hatte, verschwand Kuæbha aus der Sicht des Kö- nigs, als dieser gerade Blumen als Zeichen der Verehrung anbieten wollte. Nachdenkend über die Worte Kuæbhas trat er in tiefe Meditation ein, in der er vollkommen frei von allen Wünschen und Verlangen und fest im unkondi- tionierten Zustand verankert war. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:103 Während Śikhidhvaja so in tiefer Meditation und gänzlich frei von der ge- ringsten mentalen Modifikation oder Bewegung im Bewusstsein war, legte Cū¬ālā ihre Verkleidung ab und kehrte in ihrer weiblichen Gestalt in den Palast zurück, um die Leitung der Staatsangelegenheiten wieder aufzuneh- men. Nach drei Tagen kehrte sie an den Ort zurück, an dem sie Śikhidhvaja verlassen hatte und war erfreut zu sehen, dass er sich immer noch in tiefer Meditation befand. Sie dachte bei sich: „Ich sollte ihn zum Weltbewusstsein wiedererwecken –warum sollte er jetzt schon den Körper aufgeben? Er soll das Königreich noch eine Zeitlang regieren. Anschließend können wir beide zusammen den Körper aufgeben. Gewiss werden die Unterweisungen, die ich ihm erteilt habe, nicht verlorengehen und umsonst gewesen sein. Ich werde ihn mit der Praxis des Yoga wach und gewahr erhalten.“ Wieder und wieder begann sie nun wie ein Löwe zu brüllen. Doch der König öffnete nicht die Augen. Sie drückte seinen Körper zu Boden. Aber immer noch blieb der König versunken im Selbst. Sie dachte: „Oh weh, nun ist er völlig absorbiert im Selbst. Wie kann ich ihn nun ins Körperbewusstsein zurückbringen? Andererseits – weshalb sollte ich? Soll er den unverkörperten Zustand erlangen, und auch ich werde diesen Körper aufgeben!“ Während sie sich bereitmachte, ihren Körper aufzugeben, dachte sie noch: „Lass mich zuvor sehen, ob ich in seinem Körper noch irgendwo den Samen des Gemüts (vāsanā) finde. Falls es einen gibt, kann er wiedererweckt wer- den, und wir beide können dann als befreite Wesen weiterleben. Falls es einen solchen Samen nicht mehr geben und er also die letztliche Befreiung erlangt haben sollte, werde ich diesen Körper ebenfalls verlassen.“ Sie unter- 489
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    suchte seinen Körperund stellte fest, dass der Same der Individualität noch in ihm wohnte. RùMA fragte: Hoher Herr, wenn der Körper des Weisen wie ein Holzklotz am Boden liegt, wie kann man wissen, dass es noch eine Spur von sātva (gereinigtem Gemüt) in ihm gibt? VASIåèHA sprach: Es gibt in seinem Herzen, unsichtbar und äußerst subtil, noch eine Spur von sātva, die die Ursache der Wiederbelebung des Körperbewusstseins ist. Es ist wie mit der Blume und der Frucht, die beide potentiell im Samen anwesend sind. Im Falle des Weisen, dessen Gemüt gänzlich frei von Gedankenbewe- gungen ist, der ohne die kleinste Idee der Dualität oder Einheit ist, dessen Bewusstsein äußerst fest und stetig wie ein Berg ist, befindet sich der Körper in einem Zustand eines perfekten Gleichgewichts. Er fällt weder noch steigt er (stirbt oder lebt), sondern er verbleibt in vollkommener Harmonie mit der Natur. Nur so lange es Ideen von Dualität oder Einheit gibt, geschieht es, dass der Körper denselben Verwandlungen wie das Gemüt unterworfen wird. Es sind die Bewegungen der Gedanken, die als die Welt erscheinen. Aufgrund dessen erfährt das Gemüt Vergnügen, Ärger und Täuschung, die unvermeid- bar und ununterdrückbar sind. Ist das Gemüt jedoch fest im Gleichmut ver- ankert, tauchen Störungen dieser Art nicht mehr in ihm auf. Ein solcher Mensch ist wie reiner Raum. VASIåèHA fuhr fort: Wenn sich sātva in einem Zustand totalen Gleichgewichts befindet, werden keinerlei physische und psychologische Defekte erfahren. Es ist nicht möglich, sātva aufzugeben, denn es erreicht von selbst im Verlaufe der Zeit sein Ende. Wenn es weder das Gemüt und auch sātva nicht mehr im Körper gibt – wie in der Wärme schmelzender Schnee –, löst sich der Körper in die Elemente auf. Śikhidhvajas Körper war frei vom Gemüt (Gedankenbewegung), enthielt aber immer noch eine Spur von satva. Daher hatte er sich noch nicht in die Ele- mente aufgelöst. Cū¬ālā hatte dies bemerkt und entschied: „Ich werde in die reine Intelligenz eingehen, die allgegenwärtig ist, und mich bemühen, das Körperbewusstsein in ihm wiederzuerwecken. Falls ich es nicht tue, wird er gewiss nach einiger Zeit von selbst erwachen. Aber weshalb sollte ich so lange allein bleiben?“ Cū¬ālā gab also ihren Körper auf und betrat das reine Gemüt (sātva) von Śhidhvaja. Sie berührte dieses reine Gemüt und ging schnell wieder in ihren eigenen Körper, den sie rasch in den des jungen Asketen Kuæbha verwandelt hatte. Kuæbha begann auf angenehme Weise die Hymnen der Sāma Vedas zu singen. Der König hörte dies und kehrte ins Körperbewusstsein zurück. Er sah Kuæbha vor sich und war glücklich. Er sprach zu Kuæbha: „Wunderba- rerweise sind wir zusammen erneut in deinem Bewusstsein aufgetaucht, oh 490
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    Höchster Herr! Unddu bist hierhergekommen, nur um deine Segnungen über mich auszuschütten!“ KUõBHA sprach: Seit der Zeit, als ich dich verließ und fortging, ist mein Gemüt (Herz) hier mit dir gewesen. Es gibt keinen Wunsch, in den Himmel zu gehen, sondern nur den Wunsch, in deiner Nähe zu sein. Einen Verwandten, Freund, eine vertrauenswürdige Person oder einen Schüler wie dich habe ich in der gan- zen Welt nicht. ŚIKHIDHVAJA erwiderte: Ich betrachte mich im höchsten Maße gesegnet dadurch, dass du, obwohl vollkommen erleuchtet und unangehaftet, mit mir zu sein wünschest. Bitte, bleibe mit mir zusammen hier in diesem Wald! KUõBHA fragte: Sage mir: Hat du für eine Weile im höchsten Zustand geruht? Hast du Ideen wie „dies ist unterschiedlich“, „dies ist Unglück“ usw. aufgegeben? Hat dein Verlangen nach Vergnügen aufgehört? ŚIKHIDHVAJA erwiderte: Durch deine Gnade habe ich das andere Ufer dieses saæsāra (Welterschei- nung) erreicht. Ich habe erlangt, was zu erlangen ist. Da ist nichts als das Selbst – weder das Gekannte noch was noch zu kennen ist (das Unbekannte), weder Erlangen noch das, was aufgegeben wurde oder aufgegeben sollte, weder eine Wesenheit noch das Andere und noch nicht einmal sātva (ein reines Gemüt). Wie unbegrenzter Raum verbleibe ich in einem unkonditio- nierten Zustand. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:104 Nachdem sie eine Stunde an diesem Platz verbracht hatten, gingen der Kö- nig und Kuæbha zurück in den Wald, in dem sie ungezwungen acht Tage lang umherwanderten. Sie befolgten dabei die üblichen Regeln des Lebens und führten zur Ehrung der Ahnen und Götter die vorgeschriebenen religiösen Riten aus. Falsche Ideen wie „dies ist unser Heim“ oder „dies ist nicht“ tauch- ten in ihren Herzen nicht auf. Manchmal waren sie in prächtige Roben geklei- det, ein anderes Mal in Lumpen. Gelegentlich waren sie mit Sandelpaste be- strichen, zu anderen Gelegenheiten mit Asche. Nach einigen Tagen erstrahlte auch der König wie Kuæbha selbst. Als Kuæbha (Cū¬ālā) das Strahlen des Königs bemerkte, sprach sie zu sich selbst: „Dies hier ist mein edler und starker Gemahl. Der Wald ist herrlich. Beide sind wir in einem Zustand, der keine Müdigkeit kennt. Warum entsteht dann in unseren Herzen nicht der Wunsch nach Vergnügen? Der befreite Weise begrüßt und erfährt, was ungesucht auf ihn kommt. Sollte er im Kon- formismus (Rigidität) gefangen sein, dann würde dies Torheit (Unwissenheit) entstehen lassen. Wenn die Leidenschaft nicht wieder erwacht in der unmit- telbaren Nähe ihres edlen und starken Gatten, umgeben von einem Blumen- 491
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    garten, ist sogut wie tot! Was gewinnt ein Wissender oder ein Weiser mit Selbsterkenntnis, wenn er das aufgibt, was mühelos zu ihm kommt? Ich sollte dafür sorgen, dass mein Gemahl zusammen mit mir die ehelichen Freuden genießen kann.“ Nachdem sie sich so entschieden hatte, sprach Kuæbha zu Śikhidhvaja: „Heute ist ein besonderer Tag, wo ich im Himmel sein sollte, um meinen Vater zu sehen. Erlaube mir zu gehen, und bis zum Abend werde ich wieder zurück sein.“ Die beiden Freunde schenkten einander Blumen. Kuæbha ging fort. Schon bald warf Cū¬ālā ihre Verkleidung ab, ging zum Palast und erledigte die kö- niglichen Pflichten. Sie kehrte an den Ort zurück, an dem sie Śikhidhvaja verlassen hatte, aber erneut in der Verkleidung Kuæbhas. Der König bemerk- te eine Veränderung im Gesichtsausdruck Kuæbhas und fragte: „Oh Sohn der Götter, weshalb siehst du so unglücklich aus? Die Heiligen lassen sich in ih- rem Gleichmut nicht von äußeren Umständen stören.“ KUõBHA sprach: Diejenigen, die, obwohl verankert im Gleichmut, ihre Organe nicht während der Lebenszeit des Körpers auf natürliche Weise tätig sein lassen, sind wider- spenstige und sture Menschen. So lange es Sesamsamen gibt, gibt es Öl; so- lange es den Körper gibt, gibt es also auch die verschiedenen Gefühle. Wer gegen die Zustände des Körpers, denen dieser auf natürliche Weise unterwor- fen ist, rebelliert, haut mit einem Schwert die Luft in Stücke. Der Gleichmut des Yoga hat mit dem Gemüt, nicht aber mit den Tätigkeitsorganen und ihren Zuständen zu tun. Solange der Körper lebt, sollte man die natürlichen Funkti- onen walten lassen, wobei Verstand und Sinne im Zustand der Gelassenheit verweilen. Darin besteht das Gesetz der Natur, dem sogar die Götter unter- worfen sind. KUõBHA fuhr fort: VI.1:105 Nun, oh König, vernimm, welches Unglück mich befallen hat. Denn wenn man einem Freund sein Missgeschick anvertraut, verschafft man sich große Erleichterung, so wie die dunkle, schwere Wolke hell und leicht wird, wenn sie den Regen fallen lässt. Auch das Gemüt wird klar und friedlich, wenn ein Freund dem Schicksal des anderen lauscht, so wie Wasser klar wird, wenn ein Stück Alaun hineingeworfen wird. Nachdem ich von dir fortging, ging ich in die Himmel und erledigte dort meine Pflichten. Der Abend brach herein, und ich verließ den Himmel, um zu dir zurückzukehren. Als ich den Raum durchflog, begegnete ich dem Weisen Durvāsa, der auf dem Weg für die Abendgebete war und es eilig hatte. Wie seit jeher war er in dunkle Wolken gekleidet und mit Blitzen geschmückt. All dies verlieh ihm das Aussehen einer Frau, die auf dem Wege zur Begegnung mit ihrem Liebhaberist. Ich grüßte ihn und sagte, nur zum Spaß, genau dieses zu ihm. Empört über meine Respektlosigkeit verfluchte er mich: „Für diese Unverschämtheit wirst du von nun an jede Nacht zu einer Frau werden.“ Ich bin traurig schon bei dem Gedanken, jede Nacht eine Frau zu werden. Es ist 492
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    wirklich tragisch, dassder Sohn der Götter, welche leichthin von der Lust überwältigt werden, nun die Konsequenzen einer Beleidigung heiliger Weiser zu erleiden hat. Doch weshalb sollte ich trauern, da all dies mein Selbst nicht berühren kann. ŚIKHIDHVAJA sagte: Was nützt das Trauern, oh Sohn der Götter? Komme was wolle - das Selbst ist vom Schicksal des Körpers nicht betroffen. Was auch immer an Freude oder Sorge jemandem zugedacht ist, betrifft lediglich den Körper, nicht seinen Bewohner. Wenn sogar du trauerst was ist dann von den unwissenden Men- schen zu sagen? Vielleicht aber hast du, indem du dieses unglückliche Ereig- nis erzählt hast, nur die entsprechenden Worte und Ausdrücke gebraucht!! VASIåèHA fuhr fort: So trösteten sie einander, denn waren sie zu unzertrennlichen Freunden geworden. Die Sonne begann unterzugehen und die Finsternis der Nacht legte ihren Mantel über die Erde. Beide vollführten die Abendgebete. Schon bald danach begann Kuæbhas Körper eine schleichende Verwandlung durch- zumachen. Indem er seine Tränen hinunterschluckte, sprach er mit erstickter Stimme zu Śikhidhvaja: „Oh wehe, ich fühle meinen Körper dahinschmelzen und auf die Erde niedertropfen. Meine Brust entwickelt weibliche Brüste. Meine Knochen entwickeln sich zu denen einer Frau. Aussehen, Kleidung und Schmuck einer Frau entspringen aus dem Körper selbst. Oh was soll ich tun? Wie kann ich diese Schande, wahrhaftig eine Frau geworden zu sein, verber- gen?“ Śikhidhvaja erwiderte: „Heiliger, du weißt, was zu wissen ist. Trauere nicht über das Unvermeidliche. Das Schicksal berührt nur den Körper, nicht den Verkörperten.“ Kuæbha stimmte zu: „Du hast recht. Ich empfinde nun keinen Kummer mehr. Wer kann der Weltordnung oder der Natur schon widerste- hen?“ Indem sie so sprachen, begaben sie sich zu Bett (sie schliefen in demselben Bett). Auf diese Weise lebte Cū¬ālā mit ihrem Gemahl tagsüber als junger Asket und nächtens als Frau zusammen. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:106 Einige Tage lebten sie so, und dann sagte Kuæbha zu Śikhidhvaja: „Oh Kö- nig, höre dir meinen Vorschlag an. Eine Zeitlang war ich nächstens eine Frau. Nun möchte ich die Rolle einer Frau während der Nacht erfüllen; Denn ich empfinde, dass ich als die Frau eines würdigen Gemahls lebe. In den drei Welten gibt es niemanden, der mir teurer ist als du. Daher wünsche ich dich zu heiraten und gemeinsam mit dir eheliche Freuden zu genießen. Dies ist nur natürlich, erfreulich und naheliegend. Welcher Fehler sollte darin liegen? Wir haben beide Wunsch und Ablehnung aufgegeben und verfügen über eine ausgewogene Sicht. Lass uns daher das Natürliche ohne Verlangen und Ab- neigung tun.“ 493
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    Śikhidhvaja erwiderte: „OhFreund, ich vermag weder Gutes noch Böses in diesem Vorhaben zu erblicken. Oh Weiser, tue was dir beliebt. Da das Gemüt in vollkommenem Gleichgewicht ruht, sehe ich überall nichts als das Selbst. Tue daher wie dir beliebt.“ Kuæbha antwortete: „Wenn dies deine wahren Empfindungen sind, oh Kö- nig, dann ist heute der vorzüglichste aller Tage. Die himmlischen Wesen sol- len unsere Hochzeit bezeugen.“ Beide sammelten alle für den Hochzeitsritus benötigten Gegenstände. Sie badeten als Vorbereitung für den geheiligten Ritus zusammen in heiligem Wasser. Sie entboten den Ahnen und Göttern ihre Verehrung. Unterdessen war die Nacht hereingebrochen. Kuæbha wurde eine liebliche Frau. „Er“ sprach zum König: „Oh teurer Freund, nun bin ich eine Frau. Mein Name ist Madanikā. Ich grüße dich. Ich bin deine Frau.“ Śikhidhvaja verehrte Madanikā mit Girlanden, Blumen und Juwelen. Ihre Schönheit bewundernd, sagte der König: „Oh Madanikā, du strahlst wie die Göttin Lak«mÅ. Mögen wir zusammenleben wie die Sonne und der Schatten, Lak«mÅ und Nārāyaïa, Áiva und PārvatÅ und dabei gesegnet sein. Mögen wir mit allem Glückverheißen- dem gesegnet sein.“ Das Paar entzündete das heilige Feuer und vollführte in strenger Beachtung der Vorschriften die Hochzeitsriten. Der Altar war mit blühenden Gewinden und Edelsteinen sowie Halbedelsteinen bedeckt. Seine vier Ecken schmück- ten Kokosnüsse, und es gab Gefäße mit heiligem Gangeswasser. In der Mitte brannte das heilige Feuer. Sie umwandelten dieses Feuer und entboten die vorgeschriebenen Opfergaben zusammen mit den dafür bestimmten heiligen Hymnen. Noch während sie so taten, nahm der König häufig Madanikās Hand, um ihr seine Liebe und Freude zu zeigen. Dann umschritten sie dreimal das geheiligte Feuer und vollführten damit das so genannte Lājā Homa. Schließ- lich zogen sie sich in das Hochzeitsgemach zurück (eine besonders für diesen Zweck vorbereitete Höhle). Der Mond überschüttete sie mit kühlen Strahlen. Das Brautbett war aus duftenden Blüten gemacht. Sie bestiegen dieses Bett und vollzogen die Ehe. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:107 Als die Sonne aufging, wurde aus Madanikā wieder Kuæbha. Auf diese Wei- se lebte das Paar als Freunde tagsüber und als Ehefrau und Ehemann in der Nacht. Als Śikhidhvaja eines Nachts schlief, schlüpfte Kuæbha (als Cū¬ālā) in den Palast, erledigte die königlichen Pflichten und kehrte rasch an die Seite des Königs zurück. Einen Monat lang lebten sie so in den Höhlen des Mahendra-Berges. Sie durchwanderten verschiedene Wälder und zogen von einem Berghang zu einem anderen. Eine Zeitlang lebten sie im Garten der Götter, der als der Pārijāta-Wald bekannt ist und sich auf den südlichen Hängen des Maināka- Berges befindet. Außerdem durchstreiften sie auch das Kuru- und das Kosala- Gebiet. 494
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    Nachdem sie sicheinige Monate lang auf diese Weise aneinander erfreut hatten, dachte Cū¬ālā (als Kuæbha verkleidet): „Ich werde nun die Reife des Königs testen, indem ich ihm die Vergnügen und Freuden des Himmels schmackhaft mache. Wenn er dagegen unempfindlich bleibt, wird er gewiss nie wieder Vergnügen suchen.“ Nachdem sie sich dazu entschlossen hatte, erschuf Cū¬ālā mit Hilfe ihrer magischen Kräfte eine Illusion, in der Śikhidhvaja den König der Götter (In- dra) vor sich stehend erblickte, begleitet von himmlischen Wesen. Ohne durch deren plötzliches Erscheinen aus der Fassung zu geraten, entbot der König ihnen die pflichtschuldige Verehrung. Dann fragte er Indra: „Bitte teile mir mit, womit habe ich es verdient, dass du es auf dich genommen hast, heute hierher zu kommen?“ Indra erwiderte: „Oh Heiliger, wir alle kamen hierher, weil wir unwidersteh- lich durch deine Gegenwart angezogen worden sind. Wir haben in den Him- meln von deiner Glorie singen gehört. Komm, komm in den Himmel – die himmlischen Wesen, die von deiner Größe vernommen haben, sind begierig dich zu sehen. Bitte nimm diese himmlischen Insignien an, mit deren Hilfe du wie die vollkommenen Weisen den Raum durchqueren kannst. Gewiss, oh Weiser, verschmähen befreite Wesen wie du nicht das Glück, welches unge- sucht zu ihnen gelangt. Möge dein Besuch den Himmel reinigen.“ Śikhidhvaja sagte: „Ich kenne die Umstände, die im Himmel herrschen, oh Indra! Jedoch mein Himmel befindet sich überall und auch nirgendwo. Ich bin glücklich, wo immer ich bin, weil ich mir nichts wünsche. Jedoch bin ich nicht fähig, den von dir beschriebenen Himmel aufzusuchen, der nur auf einen bestimmten Ort begrenzt ist! Daher vermag ich deinem Befehl nicht Folge zu leisten.“ „Aber“, sprach Indra, „ich denke, dass es nur recht ist, dass die befreiten Wei- sen leiden, um die ihnen zugeteilten Freuden zu erfahren.“ Śikhidhvaja schwieg. Indra machte sich bereit zur Abreise. Śikhidhvaja sagte: „Ich werde nicht jetzt kommen, denn es ist nicht die Zeit dafür.“ Nachdem Indra den König und Kuæbha gesegnet hatte, verschwanden er und sein Gefolge. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:108 Nachdem Cū¬ālā dieses magische Schauspiel aufgelöst hatte, sprach sie zu sich selbst: „Glücklicherweise wird der König von Verführungen des Vergnü- gens nicht angesprochen. Sogar als Indra ihn besuchte und in den Himmel einlud, blieb der König ungerührt und rein wie Raum. Ich werde ihn nun einem weiteren Test unterziehen, der zeigen soll, ob er von den Zwillingskräf- ten von Anziehung und Abstoßung bewegt werden kann.“ Noch in derselben Nacht erzeugte Cū¬ālā mit Hilfe ihrer magischen Kräfte einen entzückenden Lustgarten mit einem außerordentlich schönen Bett darin. Sie schuf einen jungen Mann, physisch sogar noch attraktiver als Śikhidhvaja. Dann erschien sie zusammen mit ihrem Liebhaber, sitzend auf dem Bett, in enger Umarmung. 495
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    Śikhidhvaja hatte seineAbendgebete beendet und suchte nach seiner Frau Madanikā. Nach einigem Suchen fand er das Versteck des Paares. Er sah sie völlig versunken in ihre Liebesspiele. Ihr Haar umfloss ihn. Mit ihren Händen hielt sie sein Gesicht umfangen. Ihre Münder begegneten sich in einem lei- denschaftlichen Kuss. Offensichtlich waren sie in verzehrender Leidenschaft füreinander entbrannt. Jede Bewegung ihrer Glieder drückte ihre äußerste Liebe füreinander aus. Auf ihren Gesichtern spiegelte sich das Entzücken ihrer Herzen. Die Brust des einen presste sich an die des anderen. Sie hatten ihre Umgebung offensichtlich völlig vergessen. Śikhidhvaja sah all dies, war aber gänzlich unbewegt. Er wollte sie nicht stören und wandte sich ab, um zu gehen. Das Paar jedoch hatte seine Gegen- wart bemerkt. Er sagte zu ihnen: „Bitte, lasst euch durch mich nicht in eurem Glück stören.“ Nach einiger Zeit kam Madanikā aus dem Garten und traf, beschämt durch ihr Betragen, Śikhidhvaja. Jedoch der König sagte: „Meine Teure, weshalb bist du so schnell gekommen? Gewiss leben die Wesen nur, um Glück zu erfahren. Und in dieser Welt ist es schwierig, ein Paar zu finden, das in solcher Harmo- nie ist. Ich fühle mich dadurch nicht betroffen, da ich sehr wohl weiß, was die Menschen in dieser Welt am meisten lieben. Kuæbha und ich sind große Freunde füreinander, während Madanikā nur die Frucht von Durvāsas Fluch ist!“ Madanikā erwiderte: „Darin besteht die Natur der Frauen, oh hoher Herr! Sie sind schwankend in ihrer Ergebenheit. Sie sind achtmal so leidenschaft- lich wie Männer. Sie sind schwach und vermögen in der Gegenwart eines verführerischen Mannes nicht, der Lust zu widerstehen. Bitte vergib mir, und sei mir nicht böse.“ Śikhidhvaja erwiderte: „Ich bin dir überhaupt nichtböse, meine Liebe. Je- doch werde ich, dich von nun an als einen guten Freund und nicht mehr als meine Frau behandeln.“ Cū¬ālā war erfreut über die Haltung des Königs, die ihr überzeugend bewies, dass er jenseits von Lust und Zorn war. Unverzüglich gab sie die Form als Madanikā auf und nahm ihre ursprüngliche als Cū¬ālā wieder an. ŚIKHIDHVAJA sagte: VI.1:109 Wer bist du, oh reizende Frau, und wie bist du hierhergekommen? Seit wann bist duschen hier? Du siehst so sehr wie meine Frau aus! CôÖĀLĀ erwiderte: Ich bin tatsächlich Cū¬ālā. Ich habe die Gestalten von Kuæbha und anderen angenommen, um deinen Geist zu erwecken. Außerdem habe ich die Gestalt dieser kleinen, illusorischen Welt mit dem Garten usw. erschaffen, die du soeben gesehen hast. Von dem Tage an, als du unklugerweise dein Königreich aufgegeben hast und hierher zur Ausübung von Askese gekommen bist, habe ich mich um dein spirituelles Erwachen bemüht. Ich unterwies dich in der Gestalt von Kuæbha. Die Gestalten von Kuæbha und anderen, die du gesehen 496
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    hast, waren nichtwirklich. Nun bist du vollkommen erwacht und weißt alles, was zu wissen ist. VASIåèHA fuhr fort: Śikhidhvaja ging in tiefe Meditation und sah in seinem Innern alle Gescheh- nisse, die sich seit dem Verlassen des Palastes ereignet hatten. Er war über- glücklich, und seine Zuneigung zu seiner Frau wuchs und wuchs. Nachdem er das Körperbewusstsein wiedererlangt hatte, umarmte er Cū¬ālā mit einer Leidenschaft, die nicht zu beschreiben ist. Ihre Herzen überflossen in Liebe füreinander, und so verblieben sie einige Zeitlang wie in einem überbewuss- ten Zustand. ŚIKHIDHVAJA sagte schließlich zu CôÖĀLĀ: Oh wie süß ist die Liebe einer teuren Frau – süßer als Nektar! Wie viel Mü- hen und Schmerz hast du für mich auf dich genommen! Die Art und Weise, wie du mich diesem schrecklichen Ozean der Unwissenheit entrissen hast, kann mit nichts verglichen werden. Die Tradition hat uns einige große Frauen geschenkt, die außerordentliche Ehegattinnen waren, doch sie sind nichts im Vergleich mit dir. In sämtlichen Tugenden und edlen Qualitäten übertriffst du sie. Du hast hart gekämpft und meine Erleuchtung herbeigeführt. Wie kann ich dir dies jemals vergelten? Liebende Frauen kämpfen für die Befreiung ihrer Männer aus diesem Ozean des saæsāra. In diesem Bemühen erreichen sie aufgrund ihrer Liebe für ihren Gemahl Dinge, die sogar die Schriften, der guru und ein mantra nicht vollbringen. Für den Ehemann ist seine Frau alles – Freundin, Bruder, Gönner, Dienerin, guru, Kamerad, Reichtum, Glück, Schrif- ten, Wohnung (Gefäß) und Sklavin. Eine solche Frau sollte daher immer und mit allen Mitteln verehrt und bewundert werden. Meine teure Cū¬ālā, du bist in der Tat die wunderbarste von allen Frauen in dieser Welt. Komm und umarme mich noch einmal. VASIåèHA sagte: Nachdem er so gesprochen hatte, umarmte Śikhidhvaja Cū¬ālā aufs Neue in starker und leidenschaftlicher Liebe. CôÖĀLĀ sprach: Hoher Herr, als ich dich deine nutzlose Askese praktizieren sah, war mein Herz voller Schmerzen. Ich erleichterte diese Schmerzen, indem ich hierher kam und mich bemühte, dich zu erwecken. Ich tat dies nur aus Selbstsucht und zu meiner eigenen Freude. Gewiss verdiene ich dafür keinerlei Lob! ŚIKHIDHVAJA erwiderte: Von nun an sollten alle Frauen ihre selbstsüchtigen Ziele verfolgen, indem sie ihre Ehemänner spirituell erwecken, wie du es getan hast! CôÖĀLĀ sprach: 497
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    Ich sehe indir nicht länger all diese kleinlichen Verlangen, Gedanken und Gefühle, die dich Jahre zuvor gequält haben. Bitte sage mir, was du heute bist, worin du verankert bist und was du siehst. ŚIKHIDHVAJA erwiderte: Meine Teure, ich ruhe in dem, was mir durch deine Hilfe gegeben wurde. Ich habe keinerlei Anhaftungen mehr. Ich bin wie der unendliche, unteilbare Raum. Ich bin Friede. Ich habe den Zustand erlangt, der sogar für Götter wie Vi«ïu und Áiva schwierig zu erlangen ist. Ich bin frei von Verwirrung und Täuschung. Ich erfahre weder Sorge noch Freude. Ich vermag weder „Dies ist“ noch „Das andere ist“ zu sagen. Ich bin frei von aller Verhüllung und erfreue mich eines Zustandes des innerlichen Wohlseins. Was ich bin, das bin ich – schwierig, dies in Worte zu fassen! Du bist mein guru, meine Liebe – ichver- neige mich vor dir. Durch deine Gnade, meine Geliebte, habe ich diesen Ozean des saæsāra überquert. Ich werde nicht wieder denselben Fehler begehen. CôÖĀLĀ fragte: Was wünschest du dann jetzt zu tun? ŚIKHIDHVAJA erwiderte: Ich kenne weder Gebote noch Verbote. Was immer du tust, dass anerkenne ich als das Richtige. Tue, was du für das Richtige hältst, und ich werde dir darin folgen. CôÖĀLĀ sprach: Hoher Herr, wir sind nun beide im Zustand der befreiten Weisen verankert. Für uns sind jetzt Wunsch und das Gegenteil davon dasselbe. Von welchem Nutzen sollte für uns die Disziplin von prāïa oder diejenige des unendlichen Bewusstseins sein? Daher sollten wir das sein, was wir zu Beginn, in der Mitte und am Ende sind, und das eine Ding aufgeben, das danach verbleibt. Wir sind der König und die Königin zu Beginn, in der Mitte und am Ende. Das eine noch aufzugebende Ding ist die Täuschung! Lass uns daher ins König- reich zurückkehren und dort ein weiser Herrscher sein. ŚIKHIDHVAJA fragte: Weshalb sollten wir dann nicht die Einladung Indras in den Himmel an- nehmen? CôÖĀLĀ erwiderte: Oh König, ich wünsche mir weder die Vergnügen des Himmels noch den Glanz des Königreichs. Ich verbleibe in der Verfassung, in welche mich meine eigene Natur versetzt. Sobald dem Gedanken „dies ist Vergnügen“ der Gedan- ke „dies ist nicht“ entgegengestellt wird, verderben beide. Ich verbleibe in dem Frieden, der beides überlebt. Die beiden befreiten Weisen verbrachten alsdann die Nacht im Entzücken der ehelichen Freuden. 498
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    *** Die Geschichte von Kaca VASIåèHA fuhr fort: VI.1:110 Bei Tagesanbruch erhob sich das Paar und erledigte seine morgendlichen Pflichten. Cū¬ālā materialisierte durch ihre Gedankenkraft ein goldenes Ge- fäß, das die heiligen Wasser von sieben Ozeanen enthielt. Mit diesen Wassern badete sie den König und krönte ihn zum König. Sie sprach: „Mögest du mit all dem Glanz der acht göttlichen Beschützer des Universums ausgestattet sein.“ Der König seinerseits setzte Cū¬ālā erneut als seine Königin ein. Er riet ihr, mit Hilfe ihrer Gedankenkraft eine Armee zu erschaffen, was sie auch tat. Angeführt vom königlichen Paar, das auf dem stattlichsten Elefanten Platz genommen hatte, bewegte sich die gesamte Armee in Richtung des König- reichs. Auf dem Wege dahin machte Śik hidhvaja Cū¬ālā auf die verschiede- nen Plätze aufmerksam, die mit seinem asktischen Leben in Verbindung standen. Bald schon erreichten sie die Außenbezirke ihrer Stadt, wo ihnen ein überwältigender Empfang der Einwohner zuteil wurde. Unterstützt von Cū¬ālā regierte Śik hidhvaja das Königreich für einen Zeit- raum von zehntausend Jahren, Danach erlangte er nirvāïa (Befreiung; wie bei einer Lampe, deren Öl aufgebraucht ist), von wo es keine Wiederkehr gibt. Nachdem er die Freuden der Welt genossen hatte, wie es dem herausragends- ten unter den Königen zukam, und ein sehr langes Leben gelebt hatte, erlang- te er, da in ihm nicht mehr der kleinste Rest von satva war, den höchsten Zustand. Befasse dich, oh Rāma, auf dieselbe Weise, ohne dich zu sorgen, mit spontaner und natürlicher Tätigkeit. Erhebe dich! Erfreue dich der Vergnügen der Welt und auch der letzten Befreiung. So habe ich dir, oh Rāma, also die Geschichte von Śik hidhvaja erzählt. Wenn du diesem Pfade folgst, wirst du niemals trauern. Regiere so, wie Śik hidhvaja es tat. Auch du wirst dann die Freuden dieser Welt genießen und die letzte Befreiung erlangen. Auch Kaca, der der Sohn von B−haspati, dem Lehrer der Götter war, tat so. RĀMA fragte: Hoher Herr, bitte teile mir mit, wie Kaca, der Sohn des B−haspati, die Er- leuchtung erlangt hat. VI.1:111 VASIåèHA sprach: Wie Śik hidhvaja erlangte Kaca die Erleuchtung. Eines Tages, als er noch sehr jung war, war er sehr eifrig um die Befreiung aus dem saæsāra bemüht. Er suchte seinen Vater B−haspati auf und fragte diesen: „Hoher Herr, du bist 499
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    derjenige, der allesweiß. Bitte teile mir mit, wie man sich selbst aus diesem saæsāra genannten Käfig befreien kann.“ BãHASPATI sprach: Mein Sohn, die Befreiung aus diesem als saæsāra bezeichneten Gefängnis kann einzig und allein nur durch Entsagung geschehen! VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er dies vernommen hatte, wandte sich Kaca in Richtung des Wal- des, nachdem er allem entsagt hatte. B−haspati ließ dieses Ereignis unge- rührt. Die Weisen werden durch Vereinigungen oder Trennungen nicht ge- stört. Nach acht Jahren der Abgeschiedenheit und Askese traf Kaca seinen Vater wieder und fragte ihn: „Vater, ich habe acht Jahre lang Askese geübt, nachdem ich allem entsagt habe. Weshalb habe ich bisher noch nicht den Zustand des höchsten Friedens erlangen können?“ B−haspati wiederholte daraufhin lediglich seine erste Aufforderung: „Entsa- ge allem“, und ging fort. Dies wörtlich nehmend, warf Kaca sogar noch die Baumrinde ab, mit der er seinen Körper bedeckt hatte. Dann setzte er die Askesepraktiken drei weitere Jahre lang fort. Erneut suchte er danach die Gegenwart seines Vaters auf und fragte ihn, nachdem er ihm Verehrung er- wiesen hatte: „Vater, ich habe sogar noch dem Stab und der Kleidung usw. entsagt. Aber Selbsterkenntnis habe ich immer noch nicht erlangt!“ B−haspati erwiderte daraufhin: „Mit „totaler Entsagung“ ist nur das Gemüt gemeint, denn das Gemüt ist alles, was es gibt. Die totale Entsagung besteht daher in der Entsagung des Gemüts.“ Nachdem er so gesprochen hatte, ver- schwand B−haspati außer Sichtweite. Kaca begann auf der Suche nach dem Gemüt, dem zu entsagen wäre, in sich selbst hineinzuschauen. Jedoch so viel er auch suchte, er vermochte das, was man „Gemüt“ nennt, einfach nicht zu finden! Da er das Gemüt also nicht zu finden vermochte, dachte er bei sich folgendermaßen nach: „Die physischen Stoffe wie der Körper können nicht das sein, was man als Gemüt betrachtet. Weshalb strafe ich dann also über- flüssigerweise den unschuldigen Körper? Ich sollte zu meinem Vater zurück- kehren und das Wo und Wie dieses furchterregenden Feindes namens Gemüt ergründen. Sobald ich es erkannt habe, werde ich ihm entsagen.“ Nachdem er zu diesem Entschluss gelangt war, suchte Kaca erneut die Ge- genwart seines Vaters auf und bat: „Bitte teile mir mit, was das Gemüt ist, damit ich ihm entsagen kann.“ B−haspati erwiderte: „Diejenigen, die Kenner des Gemüts sind, erklären, dass das Gemüt das 'Ich' sei. Der Ich-Sinn, der in dir erscheint, ist das Gemüt.“ Kaca antwortete: „Dies ist jedoch sehr schwie- rig, wenn nicht gar unmöglich!“ B−haspati sagte: „Es ist sogar einfacher, als eine auf deiner Hand liegende Blume zu zerdrücken; einfacher, als deine Augen zu schließen! Denn was aufgrund von Unwissenheit real zu sein scheint, verschwindet beim Aufdämmern der Erkenntnis. In Wahrheit gibt es keinen Ich-Sinn. Er scheint nur zu existieren, und zwar aufgrund von Unwis- senheit und Täuschung. Wo sollte dieser Ich-Sinn denn wohl sein, wie konnte 500
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    er entstehen, wasgenau ist er? In allen Wesen gibt es stets nichts als das eine, reine Bewusstsein! Folglich ist dieser Ich-Sinn nichts anderes als nur ein Wort. Gib ihn auf, mein Sohn, und gib die Selbstbegrenzung und psychologi- sche Konditionierung auf. Du bist das Unkonditionierte – das niemals durch Zeit, Raum usw. konditionierbare.“ *** Die Geschichte vom irregeführten Mann VASIåèHA fuhr fort: VI.1:112, Als er so mit der höchsten Weisheit bekannt gemacht worden war, erlangte 113 Kaca die Erleuchtung. Er blieb frei vom Ich-Sinn und allem Besitzverlangen. Lebe wie er, oh Rāma. Der Ich-Sinn ist unwirklich. Vertraue ihm weder noch gib ihn auf. Wie könnte das Unwirkliche wohl ergriffen werden, oder wie könnte man ihm entsagen? Wenn der Ich-Sinn selbst unwirklich ist – was sollten dann Geburt und Tod sein? Du bist dieses subtile und reine Bewusst- sein, welches unteilbar und frei von Ideenbildung ist, aber alle Wesen um- fasst. Nur im Zustand der Unwissenheit geschieht es, dass diese Welt als eine illusionäre Erscheinung auftaucht. In der Sichtweise der Erleuchteten jedoch wird all dies hier als Brāhman gesehen. Gib die Konzepte von Einheit und Verschiedenheit auf und bleibe in der Seligkeit. Betrage dich nicht wie der irregeführte Mann und leide! RĀMA sprach: Aus deinen nektargleichen Worten gewinne ich höchste Freude. Nun bin ich im transzendentalen Zustand verankert. Und doch fühle ich mich noch nicht gesättigt. Obgleich ich zufrieden bin, befrage ich dich noch weiter, da niemand allein durch Nektar gesättigt ist. Wer ist der irregeführte Mann, von dem du gesprochen hast? VASIåèHA sprach: Höre der folgenden lustigen Geschichte über den irregeführten Mann zu, der von dem Netzwerk der Täuschung an der Nase herumgeführt wurde. Er wurde in einer Wüste geboren und wuchs in dieser auch auf. Eines Tages entstand in ihm eine verrückte Idee: „Ich bin aus dem Raum geboren, Ich bin Raum, der Raum ist mein. Diesen Raum sollte ich daher schützen.“ Nachdem er diesen Entschluss gefasst hatte, baute er ein Haus, das den Raum schützen sollte. Wie er sah, dass der Raum sicher in diesem Haus eingeschlossen war, war er glücklich. Im Verlaufe der Zeit jedoch verfiel das Haus und stürzte ein. Laut klagte er: „Oh du mein Raum! Wohin bist du gegangen? Oh weh – alles ist verloren!“ 501
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    Dann grub ereinen Brunnen. Er meinte, dass der Raum darin nun sicher geschützt sei. Auch der Brunnen ging jedoch im Laufe der Zeit verloren. Schließlich baute er nach und nach noch einen Kasten, eine Grube und einen kleinen Hain mit vier Salbäumen. Alle diese Dinge verdarben nach kurzer Zeit und machten den Mann erneut zutiefst unglücklich. Höre die Bedeutung dieser Geschichte an, oh Rāma. Der Mann, der von der Täuschung an der Nase herumgeführt wurde, ist der Ich-Sinn. Er taucht auf dieselbe Weise wie die Bewegung im Wind auf. Seine Wirklichkeit ist Brah- man. Weil er dies nicht weiß, betrachtet der Ich-Sinn den Raum um sich her- um als sich selbst und sein Besitztum. Daher identifiziert er sich selbst mit dem Körper usw. in der Absicht, ihn zu schützen. Der Körper usw. lebt wiede- rum einige Zeitlang und verdirbt dann. Aufgrund dieser Täuschung trauert der Ich-Sinn wieder und wieder und glaubt, dass das Selbst tot und verloren sei. Wenn der Kasten usw. verloren gehen, bleibt der Raum unbetroffen da- von. Das Selbst bleibt ferner unbetroffen, wenn die Körper verloren gehen. Das Selbst ist reines Bewusstsein, subtiler noch als Raum, oh Rāma. Niemals wird es zerstört. Es ist ungeboren. Es verdirbt nicht. Und nur das unendliche Brahman allein leuchtet als diese Welterscheinung. Kenne es als solches und lebe auf immer glücklich. VASIåèHA fuhr fort: VI.1:114 Dem höchsten Brahman entsteigt als erstes das Gemüt mitsamt seiner Fä- higkeit des Denkens und Vorstellens Und dieses Gemüt wohnt dann auf die- selbe Weise in diesem Brahman wie der Duft in den Blüten, die Wellen im Ozean und die Sonnenstrahlen in der Sonne. Weil Brahman, das extrem subtil und unsichtbar ist, immer wieder vergessen wird, entsteht diese falsche Idee der realen Existenz der Welterscheinung. Wenn man denkt, dass die Sonnenstrahlen unterschieden und getrennt von der Sonne seien, dann erlangen die Sonnenstrahlen für einen solchen Men- schen auch genau diese scheinbar getrennte Existenz. Denkt man, dass ein aus Gold gemachtes Schmuckstück ein Schmuckstück sei, dann ist dieses für einen solchen Menschen in der Tat auch nur ein Schmuckstück und nicht Gold. Erkennt einer jedoch, dass die Sonnenstrahlen nicht von der Sonne unter- schieden sind, dann bezeichnet man das Verstehen eines solchen Menschen als „unmodifiziert“ (nirvikalpa). Wenn einer erkennt, dass die Wellen ununterschieden vom Ozean sind, dann spricht man von dem Verstehen eines solchen Menschen als „unmodifiziert“ (nirvikalpa). Wenn einer erkennt, dass das Schmuckstück nicht unterschieden von Gold ist, dann spricht man von dem Verstehen dieses Menschen als „unmodifiziert“ (nirvikalpa). Wer die Funken sprühen sieht, realisiert nicht, dass sie nichts als nur Feuer sind. Sein Gemüt erfährt Freuden und Leiden, indem diese Feuerfunken auf- fliegen und wieder zu Boden fallen und dort zerstreut werden. Sobald er zu erkennen vermag, dass diese Funken nichts als Feuer und von diesem nicht 502
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    verschieden sind, siehter nur noch das Feuer als solches. Vom Verstehen eines solchen Menschen spricht man dann als „unmodifiziert“ (nirvikalpa). Wer auf diese Weise im nirvikalpa verankert ist, ist in der Tat ein Großer. Sein Verstehen vermindert sich nicht. Er hat erlangt was zu erlangen wahr- haftig wert ist. Sein Herz verstrickt sich nicht länger in die Objekte. Daher, oh Rāma, gibt diese Wahrnehmung von Vielfalt bzw. die Objektifizierung auf und verbleibe im Bewusstsein verankert. Was auch immer das Selbst ersinnt, wird aufgrund der diesem Bewusstsein innewohnenden Mächte materialisiert. Diese materialisierten Gedanken leuchten dann auf, als ob sie eine unabhängige Kraft seien! Was der Verstand (ausgestattet mit der Fähigkeit des Denkens) daher ersinnt, wird unverzüg- lich materialisiert. Dies wird dann zur Quelle der Vielfalt. Folglich ist diese Welterscheinung weder real noch irreal. So wie die fühlenden Wesen in ihren eigenen Tagträumen die verschiedenen Objekte erschaffen und erfahren, so ist diese Welterscheinung der Tagtraum Brahmans. Wird er als Brahman erkannt, löst sich die Welterscheinung auf, denn vom absoluten Gesichts- punkt aus gesehen ist diese Welt inexistent. Brahman verbleibt stets als Brahman und erzeugt nichts, was nicht bereits zuvor existent war! Oh Rāma, was auch immer du tust – wisse, dass all dieses nichts als reines Bewusstsein ist. Brahman allein manifestiert sich hier als all dieses, denn nichts anderes als Brahman existiert. Eine Handhabe für „dies“ und „anderes“ gibt es nicht. Gib daher sogar noch die Konzepte von Befreiung und Bindung auf. Verbleibe im reinen, egolosen Zustand und befasse dich mit natürlichen Aktivitäten. *** Die Geschichte von Bh−ÇgÅśa VASIåèHA fuhr fort: VI.1:115 Gib sämtliche Zweifel auf. Nimm Zuflucht zur moralischen Stärke. Sei der höchste Handelnde in den Handlungen, der höchste Genießende der Genüsse und der höchste Entsagende aller Dinge! Es war diese dreifache Disziplin, die in den alten Zeiten von Lord Śiva dem Bh−ÇgÅśa gelehrt wurde, der dadurch − die vollkommene Freiheit erlangt hat. Bh−ÇgÅśa war ein Mensch mit gewöhn- − licher bzw. traditioneller Selbsterkenntnis. Er näherte sich Lord Śiva und bat: „Hoher Herr, ich werde von dieser Welterscheinung getäuscht. Bitte sage mir, welche Haltung ich zu erwerben habe, um frei von dieser Täuschung zu wer- den.“ LORD ŚIVA erwiderte: 503
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    Gib sämtliche Zweifelauf. Nimm Zuflucht zur moralischen Stärke. Sei ein mahābhokttā (ein großer Genießer der Wonne), ein mahākartā (ein großer Handelnder in den Handlungen) und ein mahātyāgī (ein vollkommener Ent- sagender). Derjenige ist ein mahākartā (ein großer Handelnder in den Handlungen), der frei von Zweifeln ist und in den natürlich auf ihn kommenden Situationen die angemessenen Handlungen ausführt, seien diese nun dharma (rechtmä- ßige) oder adharma (falsche), und ohne währenddessen von Abneigungen und Zuneigungen, durch Erfolg und Misserfolg, durch den Ich-Sinn oder Ei- fersucht verwirrt zu werden und dabei stets mit einem Gemüt im Zustand der Stillheit und Reinheit zu Werke geht. Derjenige ist unangehaftet an die Dinge, der als der Zeuge von allem verbleibt, wobei er ohne selbstsüchtige Wünsche oder Beweggründe, ohne Aufregung und Jubel, stets mit einem friedlichen Gemüt und ohne Kummer oder Trauer, gleichgültig gegenüber Tätigkeit und Untätigkeit ist; dessen wahre Natur der Friede und das Gleichgewicht bzw. der Gleichmut sind, die er in allen nur denkbaren Situationen (seien dies Geburt oder Tod, die Existenz oder die Auslöschung aller Dinge) beibehält. Derjenige ist ein mahābhokttā (ein großer Genießer der Wonne), der weder etwas hasst noch nach irgendetwas verlangt, sondern alle auf natürliche Weise auf ihn kommenden Erfahrungen genießt; der auch während der Tä- tigkeiten weder etwas mit Gewalt ergreift noch dem entsagt; der durch das Erfahren nicht erfährt; der das Spiel der Welt ungerührt bezeugt. Sein Herz wird durch die Vergnügen und Schmerzen, wie sie im Verlaufe des Lebens auftauchen, und die Wandel, die die Verwirrtheit erzeugen, nicht berührt. Er betrachtet Alter und Tod, Königreiche und Hütten und auch die großen Miss- geschicke und Glücksfälle mit demselben Entzücken. In seiner wahren Natur ist er tugendhaft und frei von Gewalt. Er erfreut sich an der Süße wie an der Bitterkeit der Dinge gleichermaßen und trifft keinerlei willkürliche Unter- scheidungen in „dies ist erfreulich“ und „dies ist es nicht“. Derjenige ist ein mahātyāgī (ein vollkommener Entsagender), der aus sei- nem Verstand alle Konzepte wie dharma und adharma, Schmerz und Vergnü- gen, Geburt und Tod, sämtliche Wünsche, sämtliche Zweifel, sämtliche Über- zeugungen verbannt hat; der die Falschheit in der Erfahrung von Schmerz durch diesen Körper, das Gemüt usw. versteht und realisiert hat: „Ich habe keinen Körper, habe keine Geburt, kenne kein richtig oder falsch“, und der in seinem Herzen vollständig die Idee der Welterscheinung beseitigt hat. Auf diese Weise unterrichtete Lord Śiva Bh−ÇgÅśa, der daraufhin erleuchtet − wurde. Nimm auch du diese Haltung an, oh Rāma, und gehe jenseits des Kummers. RĀMA fragte: VI.1:116, Hoher Herr, du kennst sämtliche Wahrheiten. Woran kann man bei demje- 117 nigen, dessen Ich-Sinn sich im Gemüt aufgelöst hat, die Zeichen der Natur von Satva erkennen? 504
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    VASIåèHA sprach: Ein solches Gemüt, oh Rāma, ist sogar unter den schlimmsten Herausforde- rungen unberührt von Sünden wie denen der Gier und Täuschung. Tugenden wie die Freude (am Wohlergehen anderer) bleiben für immer bei dieser Per- son, deren Ich-Sinn sich aufgelöst hat. Die Knoten der mentalen Konditionie- rung und Tendenzen sind zertrennt. Der Ärger ist weitgehend besänftigt und die Täuschung ist wirkungslos geworden. Wünsche haben ihre Macht verlo- ren. Die Gier ist auf Nimmerwiedersehen verschwunden. Die Sinne sind im Gleichgewicht und weder erregbar noch geschwächt. Auch wenn sich auf dem Antlitz eines solchen Menschen Vergnügen und Schmerz zeigen sollten, rüh- ren sie doch nicht das Gemüt auf, welches all dieses als bedeutungslos ein- stuft. Das Herz ruht im Gleichmut. Der erleuchtete Mensch, der mit all diesen Tugenden ausgestattet ist, be- wohnt mühelos und auf natürliche Weise den Körper. Sein und Nicht-Sein (wie Wohlstand und Missgeschick), die einander folgen und all die verschie- denen und stark gegensätzlichen Widersprüche erzeugen, haben für den Heiligen weder Freude noch Sorge zur Folge. Wehe dem, der sich diesem Pfad der Selbsterkenntnis verweigert, den er durch die richtige Führung seiner Intelligenz sehr leicht gehen könnte. Die Mittel zur Überquerung dieses Ozeans von saæsāra (Welterscheinung bzw. Zyklus von Geburt und Tod) und zur Erlangung des höchsten Friedens sind die Ergründung der Natur des Selbst (Wer bin ich?), der Welt (Was ist diese Welt?) und der Wahrheit (Worin besteht die Wahrheit?). Dein eigener Ahne, Ik«vāku, dachte eines Tages, während er noch sein Kö- nigreich regierte, folgendermaßen nach: „Worin besteht wohl der Ursprung dieser Welt, so voll von den verschiedenen Leiden wie Alter, Tod, Schmerz, Vergnügen und Täuschung?“ Er konnte aber keine Antwort finden. Nachdem er dann pflichtschuldigst seinen Vater Manu, den Sohn Brahmās, verehrt hatte, fragte er diesen: „Hoher Herr, es drängt mich dazu, dir eine wichtige Frage vorzulegen. Worin besteht der Ursprung dieser Welt? Wie kann ich frei von saæsāra werden?“ Manu erwiderte: „Was du hier siehst, mein Sohn, existiert nicht, und zwar gar nichts davon!Es gibt ebenfalls hier nichts Unsichtbares oder etwas, was jenseits der Sinne und des Verstandes wäre. Es gibt nur das Selbst, welches ewiglich und unendlich ist. Was als das Universum gesehen wird, ist nichts als eine Reflexion in diesem Selbst. Aufgrund der dem kosmischen Bewusstsein eingeborenen Kräfte wird diese Reflexion hier als der Kosmos und die darin existierenden Lebewesen wahrgenommen. Das ist, was du die „Welt“ nennst. Weder gibt es Bindung noch Befreiung. Das eine, unendliche Bewusstsein allein existiert – weder gibt es eines noch viele! Gib alle Gedanken an Bindung und Befreiung auf und ruhe im Frieden.“ MANU fuhr fort: VI.1:118, 119,120 505
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    Wenn das reineBewusstsein in sich selbst Konzepte und Ideen entstehen lässt, nimmt es die Form einer Individualität (jīva) an. Diese Individuen wan- dern dann in diesen saæsāra (Welterscheinung) hinein. Während einer Ver- dunkelung grellen Lichts lässt sich erblicken, was vorher überstrahlt und nicht erblickt wurde. Auf eine ähnliche Weise ist es möglich, mit Hilfe der Erfahrungen des Individuums das reine Erfahren selbst kennenzulernen, welches das unendliche Bewusstsein ist. Jedoch kann diese Selbsterkenntnis nicht durch das Studium der Schriften oder mit der Hilfe eines Gurus erlangt werden – es kann nur durch das Selbst für sich selbst erlangt werden. Betrachte deinen Körper und die Sinne als Instrumente des Erfahrens, nicht jedoch als das Selbst. Die Idee „Ich bin der Körper“ bedeutet Bindung – der Suchende sollte sie daher aufgeben. „Ich bin kein Ding, sondern reines Be- wusstsein“ – es ist diese beständig am Leben erhaltene Überzeugung, die zur Befreiung führt. Nur wenn man das Selbst nicht realisiert, welches frei von Alter, Tod usw. ist, geschieht es, dass man lauthals klagt: „Oh weh – ich bin tot, ich bin hilflos!“ Nur aufgrund solcher Gedanken geschieht es, dass die Unwis- senheit gefestigt wird. Befreie dein Gemüt von unreinen Ideen und Gedanken dieser Art. Ruhe im Selbst, das frei von solchen Ideen ist. Verbleibe während all deiner verschiedenen Tätigkeiten im Zustand vollkommenen Gleichge- wichts verankert und regiere dein Königreich in Frieden und Freude. Der Höchste Herr erfreut sich dieser Welterscheinung und zieht sie schließ- lich wieder in sich selbst zurück. Dieselbe Kraft oder Energie, die die Bindung hervorruft, ist gleichzeitig diejenige Kraft oder Energie, die die Schöpfung schließlich auflöst und befreit. So wie ein Baum alle seine Teile und Blätter durchdringt, so durchdringt dieses unendliche Bewusstsein das gesamte Universum. Aber oh weh – die unwissende Person realisiert dies nicht, ob- wohl es doch in jeder Zelle seines Körpers zu finden ist. Derjenige, der zu sehen vermag, dass dieses Selbst allein alles ist, erfreut sich der Seligkeit. Dieses Verstehen sollte man durch das Studium der Schriften und die Ge- meinschaft mit den Heiligen erlangen. Darin besteht der erste Schrift. Nach- denken bzw. Ergründen ist der zweite. Nicht-Anhaftung bzw. psychologische Freiheit ist der dritte Schritt. Der vierte Schritt besteht im Zerreißen der Fesseln der vāsanās (der Konditionierungen und Neigungen). Die Seligkeit, die aus dem reinen Gewahrsein abgeleitet wird, ist dann der fünfte Schritt – in dieser Seligkeit lebt der befreite Weise wie im Halbschlaf. Die Selbster- kenntnis schließlich ist der sechste Schritt, in der der Weise in einer einzigen Masse von Seligkeit untergetaucht ist und wie im Tiefschlaf lebt. Die siebente Schritt wird turīya (der transzendentale Zustand) genannt und ist in sich selbst die Befreiung. In diesem herrschen vollkommener Gleichmut und Reinheit. Jenseits davon (immer noch der siebente Zustand) ist turīyātīta, der jenseits jeder Beschreibung ist. Die ersten drei Zustände sind „Wach“zustände. Der vierte ist der Traumzustand. Der fünfte ist der Tief- schlaf, weil er voller Seligkeit ist. Der sechste ist turīya bzw. das nonduale Bewusstsein. Der siebente Zustand ist unbeschreibbar. Wer diesen erreicht 506
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    hat, ist inreinem Sein, frei von aller Subjekt/Objekt-Getrenntheit, verankert. Ein solcher Mensch ist weder am Sterben noch am Leben interessiert. Er ist mit allem eins geworden. Er ist frei von der Individuation. (Hinweis: Bezüg- lich der Schritte scheint in diesem Absatz etwas Unklarheit zu herrschen. Geklärt wird diese dann im Kapitel 126 dieses Abschnitts) MANU fuhr fort: VI.1:120, Der befreite Weise kann jemand sein, der formell der Welt entsagt hat oder 121,122 auch ganz normal wie ein Haushälter lebt. Da er weiß: „Ich tue nichts“, erfährt er keinen Kummer. Da er weiß: „Ich bin unberührt, mein Gemüt ist ungerührt und frei von aller Konditionierung. Ich bin reines und unendliches Bewusst- sein.“, erfährt er keinen Kummer. Der Erleuchtete, der von den Ideen des „Ich“ und „andere“ befreit worden ist, erfährt keinerlei Kummer. Wo immer er auch ist und in wessen Gesellschaft er sich auch immer befindet – er weiß, dass alles, was ist, das ist, was es ist. Er erfährt keinerlei Kummer. Er weiß, dass alle Himmelsrichtungen angefüllt sind mit dem Strahlen des Selbst, welches ewiglich ist. Es geschieht in der Tat nur durch die in der Unwissenheit gelebte Selbstbegrenzung, dass einer Frohlocken und Sorge in ständig wechselnden Umständen erfährt.. Sobald diese aus der Unwissenheit geborene Selbstbe- grenzung entweder geschwächt oder zerstört wurde, gibt es da nicht länger mehr Aufgeregtheit oder Trauer. Diejenigen Handlungen, die aus solcherart geschwächten vāsanā oder Konditionierungen hervorgehen, sind in Wahrheit Nicht-Handlungen, deren Samen nicht länger keimen! Ein solcher Mensch führt seine Tätigkeiten nur noch mit den Gliedern des Körpers aus, während sein Gemüt und sein Herz im höchsten Frieden ruhen. Alle Künste des Menschen gehen aus Mangel an Übung verloren. Diese Selbsterkenntnis jedoch wächst von Tag zu Tag, sobald sie einmal zum Vor- schein gekommen ist. Die Individualität (die Jīva-schaft) existiert so lange, wie der Wunsch nach Vergnügen andauert. Auch dieser Wunsch ist aus nichts als Unwissenheit geboren! Wenn die Selbsterkenntnis auftaucht, schwinden die Wünsche. Mit ihnen zusammen gibt das Selbst die Idee der Individualität auf und realisiert seine unendliche Natur. Diejenigen, die Ideen wie „dies ist mein“ und „ich bin dies“ unterhalten, stürzen in die Grube der Unwissenheit. Diejenigen jedoch, die diese Ideen in ihrem Herzen und Gemüt aufgegeben haben, steigen höher und höher hinauf. Gewahre das selbstleuchtende Selbst, welches alles durch- dringt. Im selben Moment, in dem diese Allgegenwart des Bewusstseins reali- siert wird, überquert man den Ozean des saæsāra. Wisse, dass alles das, was von Brahmā, Vi«ïu usw. getan wird, von dir getan wird. Was auch immer zu irgendeinem Zeitpunkt gesehen wird, ist nichts als das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein. Du bist dieses unendliche Be- wusstsein. Mit was könnte dieses Unvergleichbare verglichen werden? Weder bist du die Leerheit noch die Nicht-Leerheit, weder Bewusstsein noch Un- bewusstsein, weder das Selbst noch ein anderes! Ruhe in dieser Erkenntnis. Weder gibt es einen Ort namens Befreiung noch irgendeinen anderen! Wenn 507
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    der Ich-Sinn verdorbenist, verdirbt auch die Unwissenheit, und das ist es, was man als Befreiung bezeichnet. Wer diese Selbsterkenntnis erlangt hat, überschreitet das Kastensystem, die Vorschriften, die die Ordnungen des Lebens betreffen, und die Gebote und Verbote der Schriften so, wie der Löwe aus seinem Käfig ausbricht. Seine Handlungen sind unmotiviert und nicht-willentlich, da er von ihren Verdiens- ten nicht verführt wird. Er ist jenseits von Lobpreis und Tadel, er verehrt nichts und nimmt auch keinerlei Verehrung entgegen. Weder fühlt er sich durch andere gestört noch stört er andere. Dieser allein ist würdig der Vereh- rung, des Lobpreises und des Grußes. Nicht durch Riten und Rituale, sondern allein durch die Verehrung solcher Weiser erlangt man die Weisheit. *** Die Geschichte von Ikåvāku VASIåèHA fuhr fort: VI.1:123, Nachdem er auf diese Weise von Manu unterrichtet worden war, erlangte 124 Ikåvāku die Erleuchtung. Erwirb auch du diese Haltung, oh Rāma. RĀMA fragte: Wenn darin die Natur der erleuchteten Person besteht – was sollte dann daran so außergewöhnlich und wunderbar sein? VASIåèHA fuhr fort: Andererseits: Was sollte so ungewöhnlich und wunderbar daran sein, psy- chische Kräfte wie die Fähigkeit zum Fliegen in der Luft zu erlangen? Die Natur des Unwissenden besteht in der Abwesenheit des Gleichmuts. Das Kennzeichen des Erleuchteten ist die Reinheit des Gemüts und die Abwesen- heit des Verlangens. Der Erleuchtete ist überhaupt nicht durch Merkmale charakterisierbar. Er ist frei von Verwirrung und Täuschung. Saæsāra ist für diesen an ein Ende gelangt. Süchte, Ärger, Gram, Täuschung, Gier und andere ähnliche katastrophale Eigenschaften sind in ihm auf ein Minimum reduziert. Der Höchste Herr nimmt die Gestalt der Individualität (jīva) an. Die Ele- mente tauchen im Kosmos ohne irgendeinen wie auch immer gearteten Grund auf. Das Individuum, aus dem Höchsten Herrn hervorgegangen, erfährt die Elemente (Objekte) so, als wären sie von ihm selbst (dem Individuum) erzeugt worden. Auf diese Art tauchen alle die jīvas auf und sind tätig, ohne dass es dafür einen offenbaren Grund gibt. Jedoch beginnen nun alle ihre individuellen Handlungen zur Quelle aller nachfolgenden Erfahrungen von Vergnügen und Schmerz zu werden. Es ist die Begrenztheit des eigenen Ver- ständnisses, welches zur Ursache der individuellen Handlungen wird. 508
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    Die Ursache derBindung ist das eigene begrenzte Verständnis, während die Abwesenheit davon Befreiung ist. Gib daher sämtliche Ideenbildungen (saÇkalpa) auf. Sobald du von irgendetwas hier angezogen wirst, trittst du in die Bindung ein; bist du dagegen von überhaupt nichts angezogen, bist du frei. Was auch immer du tust und wessen auch immer du dich erfreust, tust du nicht wirklich, und du erfreust dich dessen auch nicht wirklich. Wisse dies und sei frei. Alle diese Ideen existieren allein im Verstand. Unterwirf mit Hilfe des Ver- standes den Verstand. Reinige den Verstand mit der Hilfe des Verstandes. Zerstöre den Verstand mit der Hilfe des Verstandes. Erfahrene Wäscher wa- schen Schmutz mit der Hilfe von Schmutz aus. Ein Dorn wird durch einen zweiten Dorn entfernt. Gift neutralisiert Gift. Der jīva verfügt über drei Kör- per, nämlich den groben, den subtilen und den höchsten. Der physische Kör- per stellt die grobe Form dar. Das Gemüt mit seinen Ideen und Begrenzthei- ten ist der subtile Körper. Gib diese beiden auf und nimm Zuflucht zum höchs- ten, der die Realität selbst ist: Reines, unmodifiziertes Bewusstsein. Dies ist das kosmische Wesen. Verbleibe darin verankert, nachdem du die ersten beiden entschlossen zurückgewiesen hast. RĀMA fragte: VI.1:124, Bitte beschreibe den Zustand von turīya, der den Wach-, Traum- und Tief- 125 schlafzustand durchzieht, ohne als solcher erkannt zu werden. VASIåèHA fuhr fort: Derjenige Zustand wird turīya (vierter Zustand) genannt, der rein und ge- lassen ist, der leer vom Ich-Sinn und Nicht-Egosinn wie vom Realen und Irrealen und der frei ist. Es ist der Zustand des befreiten Weisen. Es ist das ungebrochene Zeugenbewusstsein. Er ist unterschieden von den Wach- und Traumzuständen, die durch Gedankenbewegungen gekennzeichnet sind; er ist unterschieden vom Tiefschlafzustand, der durch Trägheit und Unwissen- heit gekennzeichnet ist. Sobald der Ich-Sinn aufgegeben wurde, kommt der Zustand des vollkommenen Gleichgewichts zum Vorschein, in dem turīya sich selbst manifestiert. Ich werde nun ein Gleichnis erzählen, und wenn du dieses vernimmst, wirst du sogar dann noch Erleuchtung erfahren, falls du bereits erleuchtet sein solltest! In einem gewissen Wald gab es einen großen Weisen. Ein Jäger be- merkte diesen außergewöhnlichen Weisen, näherte sich ihm und fragte ihn folgendes: „Oh Weiser, ein Hirsch, verwundet von meinem Pfeil, muss diesen Weg hier genommen haben. Teile mir mit, wo ich ihn finde.“ Der Weise erwi- derte: „Wir sind heilige Männer, die diesen Wald bewohnen. Von Natur aus sind wir Friede. Wir sind frei vom Ich-Sinn. Der Ich-Sinn und das Gemüt, die die Tätigkeiten der Sinne ermöglicht haben, sind zu einem Stillstand gekom- men. Ich weiß nicht mehr, was das sein soll, was man als Wachen, Traum und Tiefschlaf bezeichnet. Ich bin verankert im turīya. In diesem Zustand gibt es 509
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    keinerlei Objekte zusehen!“ Der Jäger vermochte die Bedeutung der Worte des Weisen nicht zu erfassen. Er ging schließlich seiner Wege. So habe ich dir also nun zu verstehen gegeben, oh Rāma, dass es nichts als nur turīya gibt. Turīya ist unmodifiziertes Bewusstsein, und dieses ist alles, was existiert. Wachen, Träumen und Schlafen sind Zustände des Gemüts. Hören sie auf, stirbt das Gemüt. Dann existiert nur noch satva – und das ist es, was die Yogis zu erlangen trachten. Und darin besteht das Ergebnis aller Schriften: In Wahrheit gibt es weder Avidyā (Unwissenheit) noch Māyā; nur Brahman allein existiert. Manche nennen dies Leerheit, andere reines Bewusstsein, wieder andere den Höchs- ten Herrn. Darüber streiten sie sich dann untereinander. Gib alle diese Ideen auf. Ruhe im nirvāņa ohne jede Gedankenbewegung, mit einem weitgehend „geschwächten“ Gemüt und befriedeter Verstandestätigkeit. Ruhe auf diesel- be Art im Selbst, als ob du taub, stumm und blind wärest. Im Innern gib alles auf und befasse dich im Außen mit den der Situation angemessenen Hand- lungen. Es ist die Existenz des Gemüts, die Glück, und es ist die Existenz des Gemüts, die Unglück entstehen lässt. Lass all dieses einfach vergehen, indem du dein Gemüt unbeachtet lässt. Verbleibe unberührt von dem, was anzie- hend und abstoßend ist. Allein schon durch diese Eigenbemühung wird die- ser saæsāra überwunden! Indem du Vergnügen und Schmerz und allem Da- zwischenliegenden nicht mehr gewahr bist, gehst du jenseits des Kummers. Schon durch diese geringfügige Eigenbemühung erlangst du das Unendliche. RĀMA fragte: VI.1:126 Wie sind die sieben Stufen des Yoga zu verstehen? Worin bestehen die Kennzeichen dieser sieben Stufen? VASIåèHA fuhr fort: Der Mensch ist entweder ein Akzeptierender (prav−tta) oder Verneinender − (niv−tta) der Welt. Der erstere sagt sich: „Was sollte es mit dieser Befreiung − schon auf sich haben? In meinem Fall ist dieser saæsāra und das Leben darin das Beste!“, und befasst sich sodann weiter mit der Ausübung seiner weltli- chen Aufgaben. Nach vielen Geburten erlangt er schließlich Weisheit. Er er- kennt, dass die Tätigkeiten der Welt in nichts anderem als sinnlosen Wieder- holungen des Immergleichen bestehen und wünscht seine Lebenszeit nicht mehr damit zu verschwenden. Er denkt sich: „Worin liegt der Sinn von all diesem? Möge ich doch gänzlich Abstand davon nehmen!“ Dann wird er als niv−tta angesehen. − Nun fragt er sich wieder und wieder: „Wie kann ich Leidenschaftslosigkeit kultivieren und so diesen Ozean des saæsāra überqueren?“ Und mit jedem weiteren Tag erzeugt allein dieser Gedanke selbst die Leidenschaftslosigkeit in ihm, bis schließlich Frieden und Freude in seinem Herzen auftauchen. Für die Aktivitäten des weltlichen Jahrmarktes interessiert er sich nicht mehr, anstelle dessen pflegt er nun verdienstvolle Tätigkeiten. Er fürchtet auch die Sünde. Seine Redeweise ist den Umständen angemessen und sanft, wahrhaf- 510
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    tig und süß.Damit hat er den ersten Schritt auf der Leiter der yoga-bhÆmikā (des Yoga-Zustands) getan. Er ist dem Dienst an den Heiligen hingegeben. Er wendet sich den Schriften zu, wann und wo immer er sie antrifft, und studiert sie. Sein beständiges Bestreben ist nun die Überquerung des Ozeans von saæsāra. Er allein ist der wahre Suchende – andere dagegen sind nur selbst- süchtig. Dann betritt er die zweite Stufenleiter des Yoga, die vicāra, Ergründung, ge- nannt wird. Eifrig sucht er nun Zuflucht in der Gemeinschaft mit den Heiligen, die in den Schriften und in spirituellen Übungen gut bewandert sind. Er weiß nun, was zu tun und zu unterlassen ist. Er hat Böses wie Eitelkeit, Eifersucht, Verblendung und Gier hinter sich gelassen. Von den Lehrern hat er alle Ge- heimnisse des Yoga erfahren. (Hinweis: Vicāra meint natürlich „direkte Be- obachtung“ bzw. „in etwas hineinschauen“) Sehr schnell schreitet er sodann zur dritten Stufe des Yoga fort, die man asaæsaÇga, Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit nennt. Nun durchwandert er in Abgeschiedenheit die Wälder und strebt nach der Stillung des Gemüts. Die Liebe zu den Schriften und tugendhaftes Betragen verleihen ihm schließlich den Einblick in die tiefen Wahrheiten. Die Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit tritt in zwei Formen auf, nämlich der gewöhnlichen und der vorzüglichen. Derje- nige, der die erste Form dieser Freiheit praktiziert, empfindet wie folgt: „We- der bin ich der Täter noch der Genießende; weder betrübe ich andere noch werde ich von anderen betrübt. All dies geschieht nur aufgrund des vergan- genen Karma unter der Ägide Gottes. Ich tue überhaupt nichts – sei dann nun Schmerz oder Vergnügen, Glück oder Missgeschick. All dieses, auch Begeg- nung und Trennung, psychische Verwirrtheit und physische Krankheit, wird allein von den Umständen im Verlaufe der Zeit erzeugt.“ Auf diese Weise denkend ergründet und erfährt er die Wahrheit. Er praktiziert damit die gewöhnliche Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit. VASIåèHA fuhr fort: Durch fleißiges Üben dieser yogischen Methoden, ferner durch Zu- fluchtnahme zur Gemeinschaft mit den Heiligen und Vermeiden schlechter Gesellschaft wird die Wahrheit schließlich offenbar. Wenn so jemand dann schließlich das Höchste realisiert hat, welches die einzige Essenz oder Wahr- heit jenseits dieses Ozean von saæsāra ist, erkennt er folgendes: „Ich bin nicht der Täter, sondern Gott allein ist der Täter. Nicht einmal in der Vergan- genheit habe ich selbst jemals etwas getan.“ Er gibt die eitlen und bedeu- tungslosen Worte auf und verbleibt still im Innern und im Geist. Darin be- steht die vorzügliche Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit. Ein solcher Mensch hat sämtliche Abhängigkeiten, unten wie oben, innerhalb wie außerhalb, berührbare und unberührbare, fühlende und nicht-fühlende, aufgegeben. Er strahlt wie der stützenlose und unbegrenzte Raum selbst. Dies ist die vorzüg- liche Freiheit. In dieser erfreut sich der Mensch des Friedens und der Zufrie- denheit, der Tugend und der Reinheit, der Weisheit und der Selbst- Ergründung. 511
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    RĀMA fragte: Wie aber wäre es einer unwissenden Person möglich, diesen Ozean von saæsāra zu überqueren, die in einer sündhaften Familie aufgewachsen ist und die Gemeinschaft mit den Heiligen vermissen musste? Und was geschieht mit jemandem, der stirbt, während er sich noch auf der ersten, der zweiten oder der dritten Stufe des Yoga befindet? VASIåèHA sprach: Nach vielen, sehr vielen Leben wird der unwissende Mensch irgendwann durch ein beiläufiges Ereignis erweckt. Bis dahin hat er diesen saæsāra er- fahren und durchlebt. Sobald Leidenschaftslosigkeit in seinem Herzen ent- steht, beginnt sich der saæsāra zurückzuziehen. Sogar schon eine nur unvoll- kommene Praxis dieses Yoga zerstört die Auswirkungen vergangener Sünden. Wer während der Ausübung dieser Praxis den Körper verlässt, steigt in den Himmel auf und wird unter Umständen wiedergeboren, die günstig zum Fortsetzen der von ihm begonnenen Praxis sind. Schon sehr bald wird er dann die Leiter des Yoga höher hinaufklettern. Diese drei Zustände werden als „Wachzustand“ bezeichnet, weil es in ihnen noch eine Getrenntheit im Bewusstsein gibt. Der Praktizierende gilt in diesen Zuständen jedoch bereits als eine verehrungswürdige Person (ārya). Unwis- sende, die ihn bemerken, werden durch ihn inspiriert. Derjenige ist vereh- rungswürdig (ārya), der sich mit rechtschaffenen Handlungen befasst und das Sündhafte vermeidet. Diese verehrungswürdige Heiligkeit befindet sich auf der ersten Stufe des Yoga in einem Samenzustand. Sie beginnt auf der zweiten Stufe zu reifen und beginnt auf der dritten Stufe des Yoga Früchte zu tragen. Wer den Status eines Verehrungswürdigen (ārya) erlangt und ganz offensichtlich edle Gedanken kultiviert hat und dann stirbt, erfreut sich einer sehr langen Zeit lang der Wonnen des Himmels und wird dann als Yogi wie- dergeboren. Durch fleißiges Praktizieren der ersten drei Stufen des Yoga wird die Unwissenheit zerstört und das Licht der Weisheit kommt im Herzen des Menschen zum Vorschein. VASIåèHA fuhr fort: Als einen im vierten Zustand des Yoga Befindlichen erachten die Yogis den- jenigen, der in allem ein von aller Getrenntheit freies Gemüt zeigt. Die Getrenntheit hat aufgehört, während die Einheit stetig empfunden wird. Ein solcher Mensch betrachtet die Welt daher wie einen Traum. Im fünften Zustand verbleibt als einziges nur die ungeteilte Wirklichkeit. Er ähnelt daher dem Tiefschlaf. Wer diesen Zustand erlangt hat, während er noch mit verschiedenen äußeren Tätigkeiten befasst ist, ruht in sich selbst. Nachdem der Yoga so von Stufe zu Stufe fortgeschritten ist, erreicht er schließlich die sechste, die turīya ist. In diesem Zustand erkennt er: „Ich bin weder real noch irreal und auch nicht egolos. Ich bin jenseits von Dualität und Einheit. Sämtliche Zweifel sind an ein Ende gelangt.“ Er verbleibt nun wie das Bildnis einer gemalten Lampe (d.h., er hat nirvāņa – nämlich den Zustand 512
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    der Lampe ohneBrennstoff – noch nicht erreicht hat, ist aber doch so still wie eine gemalte Lampe). Leer ist er im Innern, leer Außen, leer wie ein leeres Gefäß. Gleichzeitig ist er jedoch voll im Innern wie im Außen, wie ein ins Wasser eingetauchtes Gefäß. Diejenigen, die schließlich den siebenten Zustand erreicht haben, nennt man „körperlose, befreite Wesen“. Ihr Zustand entzieht sich jeder Beschrei- bung durch Worte. Und doch sind verschiedentlich Versuche einer Beschrei- bung unternommen worden. Diejenigen, die diese sieben Stufen praktizieren, gelangen nie wieder unter den Einfluss des Kummers. Man muss wissen, dass es da in einem Wald einen umherstreifenden Elefanten gibt, der schreckliche Verwüstungen anrichtet. Sobald dieser Elefant getötet wurde, hat der Mensch auf allen sieben Stufen den Sieg errungen – nicht aber früher. Der Name des Elefanten ist „Wunsch“. Er wandert in dem Urwald umher, den man den Körper nennt. Rasend macht ihn die Sinnlichkeit. Unablässig und ruhelos wird er von der Konditionierung und den Neigungen (vāsanā) umhergetrieben. Dieser Elefant zerstört alles in dieser Welt. Er wird mit verschiedenen Namen genannt wie Wunsch, vāsanā (Neigungen bzw. mentale Konditionierung), Gemüt, Gedanke, Gefühl, Anhaf- tung u.a. Er muss mit den Waffen des Mutes und der Tapferkeit und der aus der Realisierung der Einheit entstandenen Entschlossenheit erschlagen wer- den. Wünsche entstehen nur so lange, wie man an die objektive Existenz von et- was glaubt! Und darin allein besteht dieser saæsāra – nämlich in dem Emp- finden von „dieses ist“. Das Aufhören dessen ist Befreiung (mokåa). Darin besteht die Essenz von jñāna oder Weisheit. Das Wahrnehmen von „Objekten“ lässt die Wünsche hervortreten. Das Nicht-Wahrnehmen von Objekten been- det die Wünsche. Wenn die Wünsche enden, wirft der jīva seine Selbstbe- grenzung ab. Aus diesem Grund gibt die große Seele alle Gedanken an Erfah- renes und noch nicht Erfahrenes auf. Ich erkläre hiermit mit hochgereckten Armen, dass der gedankenfreie und ideenfreie Zustand der beste ist. Er ist der Herrschaft über die gesamte Welt unendlich überlegen. Nicht-Denken ist Yoga. Führe in diesem Zustand ruhend die angemessenen Handlungen aus oder tue gar nichts! So lange da die Gedanken an „ich“ und „mein“ andauern, gelangen die Sorgen nicht an ein Ende. Hören diese Gedanken auf, dann hö- ren auch die Sorgen auf. Wisse dies und tue dann, wie es dir beliebt (Hinweis: Im Originaltext dieses Absatzes werden für Worte wie „Denken“ und „Nicht- Denken“ die Wörter „samvedanam“ und „asamvedanam“ verwendet. Diese Wörter beinhalten weitaus mehr als das bloße Denken. Mit dem Wort „samvedanam“ sind auch das Erkennen, das Fühlen, die Erfahrung und das Wissen gemeint). VùLMýKI sprach zu Bharadvāya: VI.1:127 Nachdem er der Quintessenz der höchsten Weisheit gelauscht und von śakti-pāta überwältigt war, verblieb Rāma eine Zeitlang eingetaucht in den Ozean der Seligkeit. Er hatte aufgehört, Fragen zu stellen, Antworten zu er- 513
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    heischen und nachdem Verstehen ihres Sinns zu streben. Er befand sich verankert im höchsten Zustand der Selbsterkenntnis. BHARADVĀYA fragte: Oh Lehrer! Es ist eine Freude zu sehen, dass Rāma nun den vorzüglichen Zustand erlangt hat. Wie aber ist es für Menschen wie uns, die närrisch, un- wissend und voll sündhafter Veranlagung sind, möglich, diesen Zustand zu gewinnen, der sogar für Götter wie Brahmā schwer zu gewinnen ist? VùLMýKI sagte: Ich habe euch in Gänze diesen Dialog zwischen Rāma und Vāsi«Âha wieder- erzählt. Bedenkt ihn wohl. Denn die darin enthaltenen Instruktionen gelten auch für euch. Es gibt keine Getrenntheit in dem Bewusstsein, die man Welt nennen könn- te. Befreit euch durch Praktizieren der euch hier enthüllten Geheimnisse von der Idee der Getrenntheit. Wach- und Schlafzustand sind Teile dieser Schöp- fung. Erleuchtung ist durch das reine, innere Licht gekennzeichnet. Diese Schöpfung hier entsteht aus dem Nichts und löst sich in nichts auf. Ihre wahre Natur ist die Leerheit, sie existiert nicht. Aufgrund der anfangslosen und falschen Selbstbegrenzung erweckt diese Schöpfung den Anschein von Exis- tenz und erzeugt im Zuge dessen endlose Verwirrung. Ihr seid verblendet, weil ihr euch nicht wieder und wieder und häufig die Wahrheit des unendli- chen Bewusstseins ins Gedächtnis ruft, sondern anstelle dessen das Gift der Selbstbegrenzung und der sich daraus ergebenden psychologischen Kondi- tionierung genießt. Diese Verblendung wird anhalten, bis ihr die Füße der erleuchteten Weisen erreicht und von ihnen das rechte Wissen erfahren habt. Ihr Teuren – das, was nicht am Anfang existiert hat, wird auch nicht am Ende existieren, und es existiert noch nicht einmal jetzt. Diese Welterscheinung ist wie ein Traum. Die einzige Realität, in der sie auftaucht und wieder verschwindet, ist das unendliche Bewusstsein. Im Ozean des saæsāra bzw. der Unwissenheit taucht aufgrund der anfangslosen, potentiellen Mächte der Selbstbegrenzung die Idee des „Ich“ auf. Die Bewegung der Gedanken schafft sodann weitere Ideen wie die des „Meins-sein“, der „Anziehung“, „Abstoßung“ und noch andere. Sobald diese Ideen einmal im eigenen Bewusstsein Wurzeln geschlagen ha- ben, wird man unvermeidbar eine Beute endloser Schwierigkeiten und Sor- gen. Tauche tief in den inneren Frieden, nicht aber in den See der Vielfalt. Wer lebt, wer ist tot, wer ist gekommen – weshalb beschäftigst du deinen Geist vergeblich mit solchen falschen Ideen? Wenn das eine Selbst die einzige Wirklichkeit ist – wo wäre dann noch Raum für „anderes“? Die Theorie, dass Brahman als die Welt erscheint (so wie eine Schlange im Seil wahrgenommen wird), ist nur zur Unterhaltung der Kindischen und Unwissenden gedacht. Der Erleuchtete ruht für immer in der Wahrheit, die nicht einmal den An- schein von Unterschiedenheit aufweist. 514
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    VùLMýKI fuhr fort: Unwissende Menschen, die die Abgeschiedenheit nicht schätzen, versinken im Schlamm des Grams und lächeln nur gelegentlich einmal. Die Kenner der Wahrheit dagegen sind immer glücklich und lächeln fortwährend. Die Wahr- heit bzw. das Selbst ist subtil und erscheint aufgrund dessen als verdunkelt von der Unwissenheit. Aber auch falls man an die atomare Substanzialität der Welt glauben sollte, würde das Selbst nicht verschwinden. Weshalb trauerst du dann? Das Unwirkliche (die Unwissenheit usw.) tritt weder zu irgendei- nem Zeitpunkt ins Dasein noch hört die Wirklichkeit bzw. das Selbst jemals auf zu sein. Und doch entsteht aus den unterschiedlichsten Gründen die Verwirrung. Verehre, um diese zu überwinden, den Höchsten Herrn, der der Lehrer des gesamten Universums ist. Deine sündigen Karmas sind noch nicht von dir abgefallen, sondern zur Schlinge geworden, die dich fesselt. Übernimm, so lange bis dein Gemüt ein Nicht-Gemüt (satva) geworden ist, die Haltung der Verehrung von Name und Form. Danach wirst du in der Kontemplation des Absoluten verankert sein. Gewahre dann, und sei es auch nur für einen einzi- gen Augenblick, mit dem Selbst das innere Selbst im inneren Licht. Das Höchste wird von denjenigen erlangt, die durch Eigenbemühung und rechte Handlungen die Gnade des Höchsten Herrn erlangt haben. Die vergan- genen Gewohnheiten und Neigungen sind sehr stark. Bloße Eigenbemühung ist daher nicht ausreichend. Sogar die Götter erweisen sich als unfähig, dem Unvermeidlichem (dem Schicksal) aus dem Weg zu gehen. Alle sind dieser Weltordnung (niyati), die jenseits von Denken und Ausdruck ist, unterworfen. Der spirituelle Held jedoch sollte stets fest in der Überzeugung verwurzelt sein, dass ihm die Erleuchtung, wenn auch vielleicht erst nach mehreren Inkarnationen, gewiss ist. Durch sündige Handlungen wird einer an diesen saæsāra gebunden, und durch rechte Handlungen wird er frei! Durch die gegenwärtigen rechten Handlungen werden die Wirkungen der vergangenen sündigen Taten schwächer. Wenn du alle deine Handlungen Brahman hin- gibst, wirst du niemals wieder in diesem Mahlstrom des saæsāra umhergewirbelt werden. Sieh doch, wie die unwissenden Menschen in dieser Welt durch den großen Regisseur, die Zeit, dazu gebracht werden, die unterschiedlichsten Rollen zu spielen. Die Zeit erschafft, bewahrt und zerstört. Weshalb erregst du dich über den Verlust des Wohlstands usw., und weshalb bringst du dich selbst zum tanzen? Sei still und bezeuge diesen kosmischen Tanz! Diejenigen, die den Göttern, den heiligen brāhmaņas und dem Guru hingegeben sind und unerschütterlich an den Grundsätzen der Lehren festhalten, erwerben sich die Gnade des Allerhöchsten Herrn. BHARADVĀYA fragte: Hoher Herr, ich habe nun erfahren, was es zu erfahren gibt. Ich weiß nun, dass es keinen größeren Freund als die Leidenschaftslosigkeit (vairāgya) und 515
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    keinen größeren Feindals saæsāra gibt. Ich wünsche jetzt von dir über die eigentliche Essenz der Unterweisungen des heiligen Weisen Vāsi«Âha aufge- klärt zu werden. VùLMýKI erwiderte: Oh Bharadvāya, höre, was ich dir nun mitteilen werde. Nur durch bloßes Zuhören schon wirst du niemals wieder in diesem saæsāra ertrinken. VùLMýKI fuhr fort: VI.1:128 Im Innern sollte man sich im Frieden befinden, wobei man das Gemüt be- herrscht, verbotene und selbstsüchtige Handlungen aufgegeben und die aus den Sinneskontakten entstehenden Lüste beseitigt hat. Man sollte sich ferner mit der Tugend des Glaubens versehen. Dann sollte ein solcher Mensch sich auf einer weichen Unterlage in bequemer Haltung, die das Gleichgewicht unterstützt, niederlassen. Anschließend sollte er die Tätigkeiten des Gemüts und der Sinne bezähmen. Er sollte wiederholt OM intonieren, bis das Gemüt völligen Frieden erlangt hat. Führe dann zur Reinigung des Gemüts usw. prāïāyāma aus. Trenne sanft und nach und nach die Sinne vom Kontakt mit ihren Objekten. Forsche nach der Methode, mit deren Hilfe du die Quelle des Körpers, der Sinne, des Ge- müts und der buddhi (innere Intelligenz) kennenlernen kannst und lass sie in ihre Quelle zurückkehren. Ruhe als erstes im kosmischen, manifestierten Wesen (virāÂ). Ruhe anschließend im Unmanifestierten und schließlich in der höchsten Ursache von allem. Auf diese Weise werden alle diese Faktoren in ihre Quelle zurückgeführt. Der physische Körper (das Fleisch usw.) ist Erde und kehrt zur Erde zurück. Das Blut usw. ist flüssig und kehrt zum Wasserelement zurück. Das Feuer (Hitze) und das Licht im Körper gehören zum Feuerelement – dahin kehren sie zurück. Die Winde wiederum werden den kosmischen Winden dargebo- ten. Der Raum verschmilzt mit dem Raum. Ähnlich dazu kehren die Sinne in ihre Quelle zurück: Der Hörsinn in den Raum, der Tastsinn in die Luft, der Gesichtssinn in die Sonne, der Ge- schmackssinn ins Wasser. Der Lebensatem kehrt zur Luft zurück, die Kraft der Rede ins Feuer, die Hände kehren zu Indra zurück, die Kraft der Fortbe- wegung zu Viåņu, das Reproduktionsorgan zu Kaśyapa, das Exkretionsorgan zu Mitra, das Gemüt zum Mond und die buddhi zu Brahman, denn alle diese sind die Gottheiten, die die Herrscher über diese Organe sind, welche nicht von einem selbst (dem „Ich“) geschaffen wurden. Nachdem auf diese Weise alle zu ihrer Quelle zurückgekehrt sind, siehe als nächstes dich selbst als das kosmische Wesen (virāÂ). Der Höchste Herr, der als zwiegeschlechtlich (d.h., als Bewusstsein und Energie) im Herzen des Universums wohnt, ist sein Träger. In diesem Universum nehmen die Elemente Erde, Wasser, Feuer, Luft und Raum jedes für sich die doppelte Größe des Elements davor an. Löse die Erde im Wasser, das Wasser im Feuer, das Feuer in der Luft und die Luft im Raum 516
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    auf. Der Raumsollte mit dem kosmischen Raum, der die Ursache von allem ist, verschmolzen werden. Der Yogi, sodann für einen Augenblick in seinem subtilen Leibe ruhend, sollte folgendes empfinden: „Ich bin das Selbst von allem“, und dabei alle Selbstbegrenzung abgelegt haben. Das, worin dieses Universum ruht und welches leer von Name und Form ist, wird von einigen prak−ti (Natur), von anderen Māyā (Illusion) und von wieder anderen „sub- − atomar“ genannt. Es wird ferner auch avidyā (Unwissenheit) genannt . Alle diese Bezeichnungen tragen das Zeichen der Verwirrung durch die Polemik der Worte. In Diesem existieren alle Dinge in ihrem unmanifestierten Zustand und ohne Beziehung miteinander. Sie kommen aus ihm heraus zum Vorschein und existieren als solche darin für die Dauer des Weltzyklus. Äther, Luft , Feuer, Wasser und Erde – darin besteht die Ordnung der Schöpfung. Die Auf- lösung findet in umgekehrter Reihenfolge statt. Durch die Aufgabe der drei Zustände (Wachen, Träumen und Schlaf) wird turīya erlangt. In der Meditati- on versinkt sogar der subtile Körper im Höchsten. BHARADVĀYA sprach: Hoher Herr, ich bin nun frei vom subtilen Körper und schwimme im Ozean der Seligkeit. Ich bin das unteilbare Selbst, welches das höchste Selbst ist und in sich selbst die zwei Mächte des Bewusstseins und des Unbewusstseins besitzt. So wie in Feuer geworfenes Feuer zu ununterscheidbarem Feuer oder in die See geworfenes Stroh usw. zu Salz wird, so wird diese leblose Welt, dem unendlichen Bewusstsein dargeboten, eins mit ihr. So wie eine in die See geworfene Salzpuppe ihren Namen und ihre Form aufgibt und eins mit dem Ozean wird, mit Wasser gemischtes Wasser Wasser oder mit Butter gemisch- te Butter Butter ergibt, so bin auch ich in dieses unendliche Bewusstsein eingetreten. „Ich bin dieses höchste Brahman, welches ewiglich, allgegenwärtig, rein, friedlich, unteilbar und frei von Bewegung ist, welches weder Anhäufen noch Zerstreuen kennt, dessen Gedanken sich jedoch materialisieren, welches frei von Verdiensten und Tadeln ist, welches die Quelle dieses Universums und das Höchste Licht ist, welches Eines ohne ein Zweites ist“. Auf diese Weise sollte man kontemplieren. Dann hört irgendwann die Aufgewühltheit des Gemüts auf. Sobald die Bewegung des Gemüts aufgehört hat, erstrahlt das Selbst in seinem eigenen Licht. In diesem Licht gelangt aller Gram an sein Ende, und es gibt dann die Seligkeit, die das Selbst in sich selbst erfährt. Es gibt dann ein direktes Gewahrsein der Wahrheit: „Nichts als das Selbst ist!“. VùLMýKI sprach: Teurer Freund, wenn du diesen Wahn genannt saæsāra an ein Ende gelan- gen sehen möchtest, dann gib alle Tätigkeiten auf und werde zum Liebhaber Brahmans. BHARADVĀYA sprach: Oh Guru, dein erleuchtender Diskurs hat mich in der Gänze erweckt. Meine Vernunft ist nun rein und die Welterscheinung erstreckt sich nicht länger vor 517
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    meinen Augen! Ichwünsche jetzt zu wissen, was die Menschen der Selbster- kenntnis tun. Besitzen sie überhaupt noch irgendwelche Pflichten? VùLMýKI sprach: Diejenigen, die nach Befreiung verlangen, sollten sich nur noch mit solchen Tätigkeiten befassen, die frei von Fehlern sind. Sie sollten von allen selbst- süchtigen und sündigen Handlungen Abstand nehmen. Wenn die Eigenschaf- ten des Gemüts fahrengelassen werden, übernimmt das Gemüt die Eigen- schaften des Unendlichen. Der jīva ist befreit, wenn einer denkt: „Ich bin das, was jenseits des Körpers, des Gemüts und der Sinne ist“; wenn einer frei von den Ideen des „Ich bin der Täter“ und „Ich bin der Genießende“ und von allen Wahrnehmungen von Schmerz und Vergnügen ist; wenn einer erkennt, dass alle Wesen im Selbst sind und das Selbst in allen Wesen; wenn einer die Zu- stände des Wachens, Träumens und Tiefschlafes gehen lässt und im trans- zendentalen Bewusstsein verbleibt. Darin besteht der Zustand der Seligkeit, welcher selbst das unendliche Bewusstsein ist. Tauche ein in diesen Ozean aus Nektar, voll von Frieden, aber tauche nicht in die Vielfalt ein. Somit habe ich dir also den Vortrag des Weisen Vāsi«Âha kundgetan. Festige dein Gemüt durch Praxis. Wandle den Pfad der Weisheit und des Yoga. Du wirst schließlich alles erreichen. VùLMýKI fuhr fort: Als er bemerkte, dass Rāma völlig vom Selbst absorbiert war, sprach Viśvamitra zu dem Weisen Vāsi«Âha: „Oh Sohn des Schöpfers, oh Heiliger, in der Tat bist du ein Großer. Du hast durch diese śakti-pāta (direkte Übertra- gung der spirituellen Energie) bewiesen, der Guru zu sein, der du bist. Der ist der Guru, der durch einen Blick, eine Berührung, durch verbale Kommunika- tion oder durch Gnade das Gottesbewusstsein im Schüler zu erwecken ver- mag. Die spirituelle Vernunft des Schülers wird jedoch erst dann erwachen, wenn er sich selbst von den dreifachen Unreinheiten befreit hat und aufgrund dessen die Kühnheit seiner Vernunft befördert hat. Bringe jedoch bitte, oh Weiser, Rāma zurück in das Körperbewusstsein, denn er hat noch viele Dinge zum Zweck der Wohlfahrt der drei Welten und meiner eigenen zu erledigen.“ Sämtliche versammelten Weisen und andere Teilnehmer der Zusammen- kunft verbeugten sich vor Rāma. Dann sagte Vāsi«Âha zu Viśvamitra: „Bitte teile mir mit, wo in Wahrheit Rāma sich jetzt befindet.“ Viśvamitra sprach zu ihm: „Rāma ist die höchste Person der Gottheit selbst. Er ist der Schöpfer, Beschützer und Erlöser. Er ist der Höchste Herr und der Freund aller. Er ma- nifestiert sich auf verschiedene Art – manchmal als voll erleuchtetes Wesen, manchmal als ein Unwissender. In Wahrheit ist er der Gott der Götter, sämtli- che Götter sind nichts als Teilmanifestationen von ihm. Gesegnet ist dieser König Daśaratha, dessen Sohn der Lord Rāma selbst ist. Gesegnet ist Rāvaïa, dessen Kopf in die Hände Rāmas fallen wird. Oh Weiser Vāsi«Âha – bitte brin- ge ihn freundlicherweise ins Körperbewusstsein zurück.“ 518
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    Vāsi«Âha sprach zuRāma: „Oh Rāma, Zeit zur Ruhe ist jetzt nicht! Erhebe dich und bringe der Welt Freude. Solange Menschen noch in Bindung leben, ist es nicht recht für den Yogi, im Selbst untergetaucht zu verbleiben.“ Rāma reagierte nicht auf diese Worte. Daraufhin betrat Vāsi«Âha das Herz Rāmas durch dessen suåumnā-nā¬ī. Das prāïa in Rāma begann sich zu bewegen und sein Gemüt zu arbeiten. Der jīva, der die Form des inneren Lichts hat, ver- streute seinen Glanz auf sämtliche nā¬īs des Körpers. Rāma öffnete leicht die Augen und gewahrte Vāsi«Âha vor sich. Rāma sprach zu Vāsi«Âha: „Es gibt nichts, was ich tun oder unterlassen sollte. Jedoch sollten deine Worte stets gewürdigt werden.“ Indem er sprach, legte Rāma seinen Kopf auf die Füße des Heiligen und erklärte dann: „Hört alle her! Es gibt nichts Höheres als die Selbsterkenntnis, nichts Höheres als den Guru.“ Alle versammelten Weisen und himmlischen Wesen ließen einen Blumen- regen auf Rāma herniederfallen und segneten ihn. Dann verabschiedeten sie sich von der Versammlung. So habe ich dir, oh Bharadvāya, die Geschichte von Rāma erzählt. Erlange durch Praxis dieses höchsten Yoga die höchste Seligkeit. Wer diesem Dialog zwischen Rāma und Vāsi«Âha immer wieder lauscht, ist befreit, wie auch immer die Umstände seines Lebens sein sollten, und erlangt die Erkenntnis des Brahman. RĀMA fragte: VI.2:1 Wenn man die Tätigkeiten und den Willen zur Ausübung von Tätigkeiten aufgibt, fällt der Körper weg. Wie ist es für ein lebendes Wesen dann möglich, in diesem Zustand weiterzuleben? VASIåèHA fuhr fort: Die Aufgabe der mentalen Konditionierungen und Ideen ist nur dem leben- digen Wesen möglich, nicht aber demjenigen, der tot ist. Was ist kalpanā (Ideen bzw. mentale Aktivität)? Es ist nur der Ich-Sinn, nichts anderes. Sobald dies als leer erkannt wird, geschieht die Preisgabe des Ich-Sinns. Die im eige- nen Innern durch das äußere Objekt erzeugte Idee nennt man kalpanā. So- bald diese Idee die Merkmale von Leerheit oder Raum annimmt, geschieht die Preisgabe der Idee. Erinnerung ist kalpanā. Die Weisen sagen daher, dass das Nicht-Erinnern das Beste ist. Die Erinnerung umfasst alles das, was man erfahren und auch noch nicht erfahren hat. Verzichte auf das „Erinnern“ des- sen, was erfahren und noch nicht erfahren wurde, und ruhe dann im Selbst wie ein halbwaches Baby. So wie sich das Rad des Töpfers aufgrund des vorherigen Schwunges weiterdreht, so fahre fort zu leben und hier zu handeln, ohne dabei Ideen zu unterhalten, ohne die Tätigkeit des Gemüts, welches nun in reines satva ver- wandelt worden ist. Ich erkläre mit emporgereckten Armen: „Die Aufgabe der Ideen ist das höchste Gute.“ Weshalb nur hören die Menschen nicht zu? Wie machtvoll doch diese Verblendung ist! Unter ihrem Einfluss gibt nicht einmal derjenige, der den kostbaren Edelstein von vicāra (Selbst-Ergründung) schon 519
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    auf der Handflächeliegen hat, seinen Wahn auf. Dies allein ist das höchste Gute: Das Nicht-Wahrnehmen von Objekten und das Nicht-Auftauchen von Ideen. Dies sollte man zu seiner Erfahrung machen. Wenn du friedvoll in deinem eigenen Selbst ruhst, wirst du wissen, dass im Vergleich damit der Status sogar eines Weltherrschers so unbedeutend wie ein Grashalm ist. Sobald einer den Entschluss gefasst hat, einen bestimmten Ort aufzusuchen, setzen sich seine Beine ohne weitere mentale Eingriffe in Bewegung. Funktioniere auf dieselbe Weise wie diese Beine und führe hier deine Tätigkeiten durch. Handle hier nach der Aufgabe der Wünsche nach Belohnung oder nach den Früchten der Handlungen ohne ein Streben nach Vergnügen oder Gewinn. Die Sinnesobjekte werden daraufhin nur noch das sein, was sie sind, aber keinerlei Anziehung mehr besitzen. Und falls Empfin- dungen von Vergnügen aufgrund des Kontaktes der Sinne mit ihren Objekten auftauchen sollten, lässt du dich davon einfach nur nach innen ins Selbst führen. Lass es dich nicht nach den Früchten der Handlungen verlangen; sei jedoch auch nicht untätig. Oder zeige dich hingegeben an entweder das eine oder das andere – wie es gerade auf dich zukommt. Denn was bindet, ist der Wille, etwas zu tun oder nicht zu tun, und die Abwesenheit von diesem ist Befreiung. In der Tat gibt es da weder ein Muss noch ein Muss-nicht – all dieses ist nichts als reines Sein. Halte deine innere Intelligenz davon ab, das eine oder das andere wahrzunehmen. Verbleibe auf ewig das, was du in Wahrheit bist. Das Gewahrsein des „Ich“ und „mein“ ist die Wurzel der Sorge – ihr Aufhören ist Emanzipation. Tue, wie immer es dir beliebt. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:2 So wie eine Tonsoldatenarmee nichts anderes als eine Armee aus tönernen Figuren ist, so ist das gesamte Universum reines, nonduales Selbst. Was sollte das Objekt sein, und durch wen wohl könnte es wahrgenommen werden, da doch nur dieses eine nonduale Selbst existiert? Getrennt von diesem höchs- ten Selbst gibt es nichts, auf das man mit „Ich“ oder „mein“ Bezug nehmen könnte. RĀMA fragte: Wenn dies so ist, hoher Herr, weshalb sollte man dann die sündigen Taten aufgeben und sich den tugendhaften Handlungen widmen? VASIåèHA sprach: Teile mir bitte als erstes mit, oh Rāma, was du unter Tätigkeit verstehst. Wie entsteht Tätigkeit, was ist deren Wurzel, und wie wird diese Wurzel zerstört? RĀMA sprach: Gewiss, hoher Herr, muss das, was zu zerstören ist, vollständig entwurzelt und in seinen Grundfesten beseitigt werden. So lange der Körper lebt, gibt es auch Tätigkeiten. Er ist in diesem saæsāra, der Welterscheinung, verwurzelt. In diesem Körper entstehen die Tätigkeiten aus den Gliedern (den Hand- lungsorganen des Körpers). Vāsanā bzw. mentale Gewohnheiten stellen die Samen für die Handlungsorgane dar. Diese mentalen Gewohnheiten, wie sie 520
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    durch die Sinnefunktionieren, sind in der Lage, sogar das in weiter Ferne Liegende zu umfassen. Diese Sinne wiederum sind selbst im Gemüt veran- kert. Das Gemüt ist im jīva verankert, der unkonditioniertes Bewusstsein ist, und dieses wiederum ist im Unkonditionierten, der Wurzel von allem, veran- kert. Brahman ist die Wurzel dieses Unkonditionierten, aber Brahman selbst besitzt keine Wurzel. Daher gründen alle Tätigkeiten auf Bewusstsein, das sich selbst objektiviert und dann die Tätigkeiten erzeugt. Geschieht dies nicht, dann ist dies selbst der höchste Zustand. VASIåèHA sprach: Was wäre dann, oh Rāma, in diesem Fall zu tun oder zu unterlassen? Das Gemüt existiert so lange, wie der Körper lebt; ob die verkörperte Person nun erleuchtet ist oder unwissend. Wie könnte man dies, was als Jīva-schaft (Indi- vidualität) bezeichnet wird, überhaupt aufgeben? Jedoch kann und sollte man sehr wohl die Idee „Ich tue etwas“ aufgeben und sich mit den der Situation angemessenen Handlungen befassen. Beim Erwachen der inneren Intelligenz hört die Welterscheinung auf und es entsteht die psychologische Freiheit bzw. die Nicht-Anhaftung. Dies nennt man Emanzipation. Wird die objektive bzw. konditionierte Wahrnehmung aufgegeben, entsteht der Friede, den man Brahman nennt. Die Wahrnehmung bzw. das Gewahrsein von Objekten nennt man Tätigkeit, die sich schließlich zu diesem saæsāra bzw. der Welterschei- nung auswächst. Das Aufhören eines solchen Gewahrseins nennt man Eman- zipation. Daher, oh Rāma, ist die Aufgabe aller Tätigkeiten zu Lebzeiten des Körpers falsch. Eine solche Art von Verzicht verleiht der Tätigkeit einen Wert, während das, was Wert hat, nicht aufgegeben werden kann. RĀMA fragte: VI.2:3 Wenn das, was ist, nicht aufhören kann zu sein, und wenn das, was nicht ist, nicht zu existieren vermag – wie kann dann Gewahrsein (Erfahrung) zu Nicht-Gewahrsein oder Nicht-Erfahrung gemacht werden? VASIåèHA erwiderte: Es ist wahr, dass das, was ist, nicht aufhört zu sein, während das, was nicht ist, auch nicht existiert kann. Erfahrung und Nicht-Erfahrung lassen sich aber auf dieselbe Weise leicht und einfach vervollkommnen. Denn das Wort „Er- fahrung“ und das, was mit ihm bezeichnet wird, ist nur aus der Falschheit und der Verblendung heraus geboren. Daher lässt dieses dann die Sorgen wach- sen. Gib dieses Gewahrsein von „Erfahrung“ auf und verbleibe verankert im Gewahrsein der höchsten Weisheit. Das ist nirvāņa. Gute und böse Taten hören auf, sobald man erkennt, dass sie in Wirklichkeit als solche überhaupt nicht existent sind. Aufgrund dessen sollte man die Wurzel der Tätigkeiten ergründen, und zwar so lange, bis diese Wurzel zer- stört worden ist. So wie alles, was der Erde entsprießt, nicht unterschieden von der Erde ist, so ist alles, was aus Bewusstsein entsteht, nicht unterschie- den vom Bewusstsein. Flüssiges ist nicht unterschieden vom Flüssigen, und auf dieselbe Weise gibt es in Brahman keinerlei Getrenntheit, nicht einmal 521
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    zwischen Gemüt undBewusstsein. In diesem Bewusstsein taucht ohne jede Ursache eine Aktivität auf, die man Gewahrsein nennt. Da diese Aktivität selbst nichts anderes als inexistent ist, ist sie nicht unterschieden vom Be- wusstsein. Tätigkeit ist im Körper verwurzelt, der wiederum im Ich-Sinn wurzelt. Wird der Begriff des Ich-Sinnes preisgegeben, hört er (der Ich-Sinn) auf. So wird schließlich die Wurzel der Tätigkeit zerstört. Diejenigen, in denen so die Tätigkeit zum Erliegen gekommen ist, kümmern sich weder um das Zurück- weisen noch das Ergreifen. Sie verbleiben verankert in dem, was ist, und ihre Handlungen sind gänzlich spontan; tatsächlich tun sie sogar überhaupt nichts! So wie den Fluss hinuntertreibende Gegenstände sich völlig nicht- willentlich bewegen, so bewegen sich diese Menschen lediglich mit ihren Handlungsorganen. Sobald das Gemüt seine Konditionierung aufgegeben hat, verlieren die Objekte ihre Anziehungskraft. Ein solches Verständnis oder Erwachen der inneren Intelligenz ist allein schon wie das Aufgeben der Tätigkeiten. Worin sollte der Nutzen von „tun“ oder „widerstehen“ bestehen? Was man mit dem Ausdruck „Aufgeben der Tätigkeiten“ bezeichnet, ist nichts anderes als das Aufhören des Gewahrseins von Tätigkeitsein und Erfahren, das Aufgeben sämtlicher Konditionierungen und folglich das Erlangen von Frieden und innerem Gleichgewicht. Sobald anstelle des wahren, richtig verstandenen Aufgebens ein falsches Aufgeben (Nicht-Aufgeben) ins Spiel kommt, werden die Getäuschten, unwissend wie kleine Tiere, vom Kobold des „Aufgebens der Tätigkeiten“ besessen. Diejeni- gen dagegen, die die Wahrheit betreffend das Aufgeben der Tätigkeiten zu- treffend verstanden haben, haben weder mit Tätigkeit noch Untätigkeit das Geringste zu tun. Sie erfreuen sich stets des höchsten Friedens, ob sie nun in ihrem Haus oder im Wald leben. Für die Friedevollen ist ein Haus wie ein Wald, während für die Ruhelosen sogar der Wald wie eine übervölkerte Stadt ist. Für denjenigen, dessen Herz zum Frieden gelangt ist, ist die ganze Welt ein friedlicher Wald. Für den Ruhelosen, der von tausend Gedanken umge- trieben wird, ist sie ein Ozean des Grams. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:4 Oh Rāma, sobald der Ich-Sinn beruhigt ist, schwindet auch die Welterschei- nung. Dann entsteht, wie bei einer Lampe, deren Öl aufgebraucht ist, ein spontanes Fahrenlassen aller objektiven Wahrnehmung. Entsagung beruht nicht auf Tätigkeit. Wahre Entsagung beruht auf Verstehen! Sobald die Lampe des Verstehens nicht mehr mit dem Öl des Ich-Sinns und des Besitzergreifens versorgt wird, bleibt als einziges die Selbsterkenntnis zurück. Derjenige, der nicht auf diese Weise den Ich-Sinn und das Empfinden des „meins“ zurück- gewiesen hat, kennt in Wahrheit weder die Entsagung noch die Weisheit noch den Frieden. Man kann sehr leicht und auf einfache Weise die Idee der Ich- heit durch das Verstehen: „Der Ich-Sinn ist nicht!“, aufgeben, und zwar ohne alle Schwierigkeiten. Weshalb sollte es daran den geringsten Zweifel geben? 522
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    All diese Ideenwie „Ich bin dies“ oder „Ich bin nicht dies“ hängen vom Be- wusstsein ab. Bewusstsein ist wie Raum, wie Leere. Wie könnte darin Getäuschtheit existieren? Daher ist es selbst weder Getäuschtheit noch das Getäuschte, weder Verwirrung noch das Verwirrte. All dieses existiert nur deshalb (scheinbar), weil man die Wahrheit nicht klar wahrzunehmen ver- mag. Verstehe dies. Verbleibe im Frieden in der Stille. Darin besteht nirvāņa. Dieselbe Sache, mit deren Hilfe du die Idee des Ich-Sinns unterhältst, befä- higt dich im Zeitraum eines Augenblinzelns zur Erkenntnis der Nicht- Existenz des Ich-Sinns. Dann wirst du jenseits dieses Ozeans von saæsāra gehen können. Derjenige erlangt den höchsten Zustand, der fähig zur Erobe- rung seiner eigenen Natur ist. Dieser ist der Held. Wer die sechs Feinde (Lust, Ärger, Gier usw.) besiegt hat, ist ein großer Mensch, während andere nur wie Esel in menschlicher Verkleidung sind. Derjenige, der fähig zur Überwindung der im Verstand auftauchenden Ideen ist, ist ein Mensch (puruåa). Er allein ist der Mensch der Weisheit. Sobald die Wahrnehmung von Objekten innerhalb von dir auftaucht, be- gegne ihnen mit dem klaren Verstehen: „Ich bin dies nicht“. Die aus der Un- wissenheit entstandenen Wahrnehmungen werden daraufhin sofort erlö- schen. Tatsächlich gibt es in dieser Angelegenheit auch nicht das Geringste zu wissen; was allein not tut, ist das Loswerden der Verwirrtheit und des ver- blendeten Verständnisses der Dinge. Wenn diese Verblendung nicht mehr wiederholt und aufs Neue belebt wird, hört sie einfach auf. Welche Idee auch immer in dir auftauchen mag wie die Bewegungen der Winde – erkenne: „Ich bin dies nicht“, und ziehe ihr dadurch den Boden unter den Füßen weg. Derjenige, der noch keinen Sieg über die Gier, die Scham, die Eitelkeit und die Verblendung errungen hat, wird aus dem Lesen dieser Schrift nicht den geringsten Nutzen ziehen – dies wäre nur eine Vergeudung von Zeit. Der Ich-Sinn taucht im Selbst auf wie die Bewegung im Wind. Er ist daher ununterschieden vom Selbst. Der Ich-Sinn scheint von selbst zu leuchten, was jedoch nur aufgrund des Selbst, welches seine Wirklichkeit bzw. sein Substrat ist, geschieht. Weder taucht das Selbst irgendwann und irgendwo auf noch geht es unter. Etwas anderes als das Selbst ist da nicht. Wie könnte man dann noch sagen: „Dies ist“ oder „dies ist nicht“? Das Höchste Selbst befindet sich im Höchsten Selbst, das Unendliche im Unendlichen, der Friede im Frieden. Das ist alles, was ist – weder sind da „Ich“ noch „die Welt“ noch „das Gemüt“. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:4,5 nirvāņa (Emanzipation) ist nirvāņa. Im Frieden ist da nichts als Friede. Im Göttlichen gibt es Göttlichkeit. Nirvāņa (Emanzipation) ist auch mit dem Raum verbundenes oder auch nicht-verbundenes anirvāņa (Nicht- Emanzipation). Sobald das rechte Verständnis betreffend die Unwirklichkeit des Ich-Sinnes auftaucht, entstehen keinerlei Schwierigkeiten mehr in der Begegnung mit Waffen oder Krankheiten usw. Denn wenn erst einmal der Same der Welterscheinung (der Ich-Sinn) zerstört worden ist, verschwindet 523
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    die Welterscheinung mitihm zusammen. So wie der Spiegel durch Beschla- gen erblindet, wird das Selbst vom unwirklichen Ich-Sinn verhüllt. Es ist dieser Ich-Sinn, der sodann den ganzen Rest dieser Welterscheinung entste- hen lässt. Geht er, dann leuchtet das Selbst durch sein eigenes Licht; wie die Sonne scheint, sobald die finsteren Wolken fortgeblasen sind. So wie ein in den Ozean geworfener Gegenstand in diesem untergeht, so geht der Ich-Sinn, der einmal das Selbst betreten hat, in diesem unter. So lange der Ich-Sinn andauert, leuchtet dieses eine Brahman bzw. das un- endliche Bewusstsein als die verschiedenen Objekte mit verschiedenen Na- men. Wurde der Ich-Sinn stillgelegt, leuchtet Brahman ungehindert als das reine, unendliche Bewusstsein. Der Ich-Sinn ist der Same dieses Universums. Sobald dieser Same geröstet wurde, liegt in Worten wie „Welt“, „Bindung“ oder „Ich-Sinn“ kein Sinn mehr. Wurde der Topf zerbrochen, bleibt nur noch Ton zurück; wird der Ich-Sinn aufgegeben, löst sich die Vielfalt auf. So wie die Objekte der Welt beim Aufstieg der Sonne sichtbar werden, wird die Vielfalt der Welt beim Aufstieg des Ich-Sinns sichtbar. Oh Rāma, zur Selbsterkenntnis, die in der Realisierung der Unwirklichkeit des Ich-Sinns besteht, sehe ich keinerlei Alternative. Es gibt nichts anderes, was dein wahres Wohlergehen besser befördern könnte. Gib daher als erstes den individualistischen Ich- Sinn auf und gewahre dein Selbst als das gesamte Universum. Erkenne als nächstes, dass das gesamte Universum das Selbst bzw. Brahman ist und nichts anderes. Sei frei von aller durch weltliche Ideen verursachten Erregt- heit. Wer diesen Ich-Sinn nicht zu erobern vermag, erlangt den höchsten Zustand nicht. Sollte sein Herz jedoch rein sein, dann kann die die spirituelle Erkennt- nis betreffende Unterweisung es so durchdringen, wie ein Tropfen Öl ein gewaschenes Kleidungsstück durchdringt. In diesem Zusammenhang möchte ich dir nun eine alte Legende erzählen. Vor langer, langer Zeit fragte ich ein- mal BhuÓuï¬a: „Wen erachtest du in dieser Welt als unwissend und verblen- det?“ BHUŚU×ÖA erwiderte: Es gab einmal ein himmlisches Wesen, welches auf der Kuppe eines Berges lebte. Es war unwissend und den Sinnesvergnügen hingegeben, hatte sich jedoch eine so strenge, rechtschaffene Lebensführung angeeignet, als sollte diese für ein sehr langes Leben reichen. Nach einer sehr langen Zeit entstand in diesem Wesen der Gedanke, dass es den Zustand jenseits von Geburt und Tod erlangen sollte. Nachdem es sich dazu entschlossen hatte, kam es zu mir. Nachdem er mir pflichtschuldigst seine Verehrung entboten hatte, fragte der Himmelsbewohner mich: „Diese Sinne, oh hoher Herr, sind ständig aufgerührt vom Verlangen nach Belohnung und die Quelle endloser Schmerzen und Leiden. Ich habe dies erkannt und nehme daher jetzt Zuflucht zu deinen Fü- ßen.“ DER HIMMELSBEWOHNER fuhr fort: VI.2:4,6 524
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    Bitte erzähle mirvon dem, was grenzenlos, frei von Wachstum und Verfall und rein, anfanglos und endlos ist. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich wie schla- fend, aber nun wurde ich durch die Gnade des Selbst erweckt. Errette mich freundlicherweise von diesem schrecklichen Feuerbrand der Verblendung. Die Wesen werden geboren und sterben, nachdem sie sich hier nutzlos ab- gemüht haben – all dies ist weder für den dharma noch die Emanzipation zu gebrauchen. Es scheint bezüglich dieses Wanderns in der Verblendung kein Ende zu geben. Die Orte des Vergnügens in dieser Welt verschärfen all diese Täuschung nur noch und sind dazu noch wechselhaft. Ich finde keinerlei Entzücken an ihnen. Alle Freuden des Himmels habe ich kennen gelernt und genossen. Durch das Feuer der Unterscheidung wurde nun der Wunsch nach Vergnügen dieser Art zu Asche verbrannt. Ich vermag nun klar all den Scha- den zu erkennen, der durch den Sinn des Sehens, des Hörens, des Riechens, des Schmeckens und des Tastens angerichtet wird. Was könnten mir all diese sich zwecklos wiederholenden Vergnügen wohl noch bedeuten? Nicht einmal nach tausend Jahren des Genießens dieser Dinge ist man wirklich befriedigt. Was sollte schon so außergewöhnlich daran sein, die Herrschaft über die ganze Welt einschließlich aller damit einhergehenden Freuden zu gewinnen? All dieses ist dem Tod und der Vernichtung unterworfen. Bitte sage mir, was es ist, was ich gewinnen muss, um daraus ewige Zufriedenheit zu erlangen. Ich habe nun klar die vergiftete Natur all dieser Sinneserlebnisse realisiert, die mein Leiden hier nur noch vergrößert haben. Derjenige ist ein echter Held dieser Welt, der sich zur Schlacht gegen diese gewaltige Armee der eigenen Sinne entschlossen hat. Befehligt wird diese Armee vom Ich-Sinn. Dieser wiederum ist mit den als Sinneserfahrungen bezeichneten Pferden ausgestat- tet. Die Stadt, die man den Körper nennt, hat er damit völlig eingekreist. So- gar die Heiligen haben noch Schlachten mit diesen Sinnen zu schlagen. Nur diejenigen, die aus diesen Kämpfen siegreich hervorgehen, verdienen es, groß genannt zu werden. Alle anderen sind nur wie Automaten aus Fleisch (Ma- schinen). Eine andere Abhilfe für diese als Sinnesverlangen bezeichnete Krankheit als das entschlossene Aufgeben aller Wünsche nach Vergnügen gibt es nicht, denn keine Medizin, keine Pilgerfahrt und kein Mantra wären hier von ir- gendeinem Nutzen. Diese Sinne haben mir so aufgelauert wie Räuber einem einsamen Reisenden im finsteren Wald auflauern. Diese Sinne sind unflätig und leiten großes Unglück herbei. Schwierig sind sie zu überwältigen. Sie führen zur Wiedergeburt. Sie sind die Feinde der Menschen der Weisheit und die Freunde der Dummköpfe. Die Gefallenen suchen ihre Gesellschaft und die edlen Menschen meiden sie, wo immer es geht. In der Finsternis der Unwis- senheit streifen sie wie wilde Kobolde ungehindert umher. Sie sind leer und wertlos und taugen, wie trockener Bambus, zu nichts anderem als zum Ver- brennen. Hoher Herr, für die demütig Bittenden bist du die alleinige Zuflucht. Du bist ihr Erlöser. Bitte errette mich von diesem schrecklichen Ozean des saæsāra 525
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    durch deine erleuchtendenErmahnungen. Die Hingabe an Weise wie dich ist in dieser Welt das sicherste Fahrzeug zur Zerstörung des Kummers. BHUŚU×ÖA erwiderte: VI.2:7,8 Du bist in der Tat als gesegnet zu betrachten, oh Himmelsbewohner, weil du spirituell erwacht bist und dich selbst zu erheben trachtest. Deine innere Intelligenz ist vollständig erweckt. Daher hege ich das Empfinden, dass meine Unterweisung mühelos von dir verstanden werden sollte. Bitte höre nun dem zu, was ich dir zu sagen habe. Was ich zu sagen habe, ist aus langer Erfahrung heraus entstanden. Was uns wie unser „Ich“ oder „andere“ vorkommt, ist in Wahrheit nicht un- ser Selbst. Denn sobald du nach ihnen suchst, findest du sie nicht. Dagegen führt die Überzeugung, das weder „ich“ noch „du“ noch „die Welt“ existieren, zum Glück und vermeidet den Kummer. Der Ursprung der Unwissenheit kann nicht ermittelt werden. Sogar nach einer sehr ausführlichen Untersuchung vermögen wir immer noch nicht zu erklären, ob die Welterscheinung nun aus der Unwissenheit oder die Unwissenheit aus der Welterscheinung geboren wurde. Beide sind faktisch zwei Aspekte derselben Sache. Was auch immer in dem einen, unendlichen Bewusstsein bzw. Brahman existiert, ist wie die Welterscheinung nur wie eine Luftspiegelung, von der man nur auszusagen vermag: „Es existiert, es existiert nicht“. Der Same dieser Welterscheinung ist der Ich-Sinn, denn der Baum der Welterscheinung wächst aufgrund des Ich-Sinns. Die Sinne und ihre Objekte, die verschiedenen Formen der Konditionierung, Himmel und Erde mit ihren Bergen, Ozeanen usw., die Teilungen der Zeit und all die Namen und Formen sind die verschiedenen Teile des Baumes der Welterscheinung. Sobald dieser Same verbrannt wurde, entsteht aus ihm überhaupt nichts mehr. Wie wird dieser Same verbrannt? Sobald du die Natur des Ich-Sinns ergründest, wirst du erkennen, dass er nicht gefunden werden kann. Darin besteht die Erkenntnis. Durch dieses Feuer der Erkenntnis wird der Ich-Sinn verbrannt. Durch Unterhalten der Idee des Ich-Sinns dagegen tritt er wieder ins Dasein und lässt die Welterscheinung entstehen. Sobald diese falsche Idee fahrengelassen wird, verschwindet der Ich-Sinn und die Selbsterkenntnis entsteht. Ganz am Anfang dieser Welterscheinung existierte der Ich-Sinn als eine Re- alität überhaupt nicht. Wie können wir dann an die Existenz des Ich-Sinns, an die Realität des „Ich“ und „Du“ und an Dualität oder Nondualität glauben? Diejenigen, die ernsthaft und aufrichtig nach der Erkenntnis der Wahrheit streben, nachdem sie sie, wie es sich gehört, von den Lippen eines Lehrers vernommen und darüber in den Schriften geforscht haben, erlangen diese Selbsterkenntnis sehr leicht. Was als die Welt erscheint, ist nichts anderes als die Ausbreitung der eige- nen Ideen und Gedanken (saïkalpa). Sie gründet auf dem Bewusstsein. Sie ist eine optische Täuschung, deren Substrat Bewusstsein ist. Daher bezeichnet 526
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    man sie gleichzeitigals real und irreal. Im Schmuckstück besitzt nur das Gold Realität, während das Schmuckstück nur eine Idee bzw. ein Konzept ist. Auf dieselbe Weise sind sowohl die Erscheinung als auch auch das Verschwinden dieser Welterscheinung nichts als Modifikationen von Ideen. Wer dies zu realisieren vermag, ist an den Freuden dieser Welt und des Himmels desinte- ressiert – er erlebt seine letzte Inkarnation. BHUŚU×ÖA fuhr fort: VI.2:9,10 Oh Himmelsbewohner, gib die Idee auf, dass die Objekte dieser Welter- scheinung die Manifestation des unendlichen Bewusstseins seien. Verbleibe im reinen Selbst. Trägheit taucht im Bewusstsein aufgrund dessen eigener Manifestation auf, obgleich eine solche Trägheit selbst dem Bewusstsein so gänzlich unähnlich zu sein scheint. So wie ein und derselbe Wind ein Feuer entfachen wie ausblasen kann, so befördert ein und dasselbe Bewusstsein Bewusstsein und ebenfalls auch Trägheit. Lass dein Bewusstsein bzw. deiner erweckte innere Intelligenz daher erkennen, dass der Ich-Sinn („Ich“) nicht ist, und sei dann das, was du in Wahrheit bist. Schließlich wird dein Bewusst- sein mit dem absoluten Bewusstsein verschmelzen, ohne noch das Objekt des Bewusstseins jemals wieder hervortreten zu lassen. Und das ist dann Brah- man, der unvergleichlich ist. Das gesamte Universum ist erfüllt von diesem unendlichen und ungeteilten Bewusstsein. Erkenne dies und tue dann, wie dir beliebt. Es geschieht nur bei von der Unwissenheit geblendeten Augen, dass man die Welt der Vielfalt wahrnimmt. In Wahrheit sind alle diese verschiedenen Objekte so real wie ein am Himmel gesehener Baum, wie ihn jemand mit fehlerhaftem Sehver- mögen erblicken mag. Dieses träge Universum ist nicht unterschieden vom Bewusstsein – so wie im Wasser reflektiertes Feuer nicht unterschieden davon ist. Auf dieselbe Weise existiert keine reale Unterscheidung zwischen Erkenntnis und Unwis- senheit. Weil Brahman mit unendlichen Kräften ausgestattet ist, manifestie- ren sich Trägheit oder Unbewusstsein im Bewusstsein. Diese Trägheit exis- tiert in Brahman auf dieselbe Weise, wie die zukünftigen Wellen und Wogen auf der unbewegten Oberfläche eines stillen Gewässers existieren. Wasser hat nicht den Wunsch, Wellen entstehen zu lassen. Ebenso hegt auch Brahman keinen Wunsch danach, die Welt zu „erschaffen“. Und daher ist es recht zu sagen, dass in der Abwesenheit einer echten Ursache auch niemals eine Schöpfung stattgefunden haben kann. Sie ist nur eine Erscheinung, wie eine Luftspiegelung! Brahman allein existiert. Brahman ist Friede und Unerschaffenheit; Brahman erzeugt nichts. Oh Himmelsbewohner, du bist dieses Brahman, welches homogen, ungeteilt und unteilbar wie Raum ist. Du bist der Kenner, Bleibe immer frei von Zwei- feln, ob du nun etwas weißt oder nicht weißt. Sobald du realisierst, dass du ungeborenes, unendliches Bewusstsein bist, hören Unwissenheit und Narr- heiten auf und diese Welterscheinung verschwindet. Wo immer das höchste Brahman existiert (und es ist unendlich und überall existent), entsteht die 527
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    Welterscheinung. In einemGrashalm, in Holz, Wasser und in sämtlichen Din- gen des Universums existiert dasselbe Brahman, das unendliche Bewusstsein. Die Natur von Brahman ist unbeschreiblich und unbestimmbar. Es gibt darin kein Anderes, und daher ist es unvergleichlich. Es ist daher unangemessen, die Natur Brahmans auch nur zu erörtern. Das, was nach dem Aufhören die- ses Ich-Sinnes erfahren wird, ist dasselbe Brahman, welches von demjenigen erfahren wird, der die Natur des Ich-Sinns, in den er verstrickt ist, ergründet. Nach der Ergründung löst sich dieser im Bewusstsein auf. BHUŚU×ÖA fuhr fort: VI.2:11, 12 Derjenige, dem der Kontakt mit einer scharfen Waffe und der Kontakt mit einer nackten Frau dieselbe Erfahrung bedeuten, der ist im höchsten Zustand verankert. Eifrig sollte man sich der spirituellen Praxis befleißigen, bis man den Zustand erlangt hat, in dem der Kontakt mit den Objekten dieselbe Reak- tion hervorruft, wie man sie im Tiefschlaf empfinden würde. Der Kenner des Selbst ist von mentaler Verrücktheit oder psychologischer Verwirrtheit gänz- lich unberührt. So wie geschlucktes Gift körperliche Leiden verursacht, ohne dabei seine Natur als Gift aufzugeben, so wird das Selbst zum jīva, ohne dabei seine Natur als das Selbst bzw. ungeteiltes Bewusstsein aufzugeben. Auf dieselbe Weise nimmt das Bewusstsein die Natur des Unbewusstseins bzw. der Trägheit an. In Brahman scheint etwas aufgetaucht zu sein, obgleich es tatsächlich ununterschieden von Brahman ist. Gift vergiftet den Körper, hört aber nicht auf, Gift zu sein. Ebenso wird das Selbst weder geboren noch stirbt es, wäh- rend es von einem anderen Gesichtspunkt aus ins Dasein tritt und stirbt. Nur dann, wenn die eigene innere Intelligenz nicht in objektiver Wahrneh- mung ertränkt ist, ist man in der Lage, diesen Ozean des saæsāra so leicht wie die Fußspur eines Kalbs zu überqueren. Erreicht wird dies jedoch nicht durch die Hilfe Gottes oder durch andere Mittel. Wie könnte im Selbst, das allgegenwärtig ist und in allem wohnt, überhaupt das Gemüt oder der Ich- Sinn entstehen? Es gibt da weder Gutes noch Böses irgendwo gegenüber irgendjemandem zu irgendeinem Zeitpunkt, es gibt da weder Vergnügen noch Schmerz, weder Missgeschick noch Wohlfahrt. Niemand ist der Täter oder Genießende von irgend etwas. Zu sagen, dass der Ich-Sinn im Selbst aufgetaucht sei, ist dasselbe wie zu sagen, dass der Raum (die Entfernung) im Raum in Erscheinung getreten sei. Der Ich-Sinn ist nur eine Täuschung und unwirklich. Im Raum gibt es nichts als Räumlichkeit – ebenso existiert im Bewusstsein als einziges nur Bewusst- sein. Das, was man den Ich-Sinn („Ich“) nennt, bin ich weder noch bin ich es nicht. Dieses Bewusstsein existiert wie ein Berg innerhalb jedes einzelnen Atoms, denn es ist außerordentlich fein. Dieses extrem feine Bewusstsein unterhält die Ideen von „ich“ und „dies“, und diese Ideen geben dann Anlass zum Entstehen der mit ihnen in Beziehung stehenden Substanzen. So wie ein Strudel nichts anderes als eine rein begriffliche Vorstellung des Wassers ist, so sind der Ich-Sinn und der Raum usw. nur Ideen, die im Bewusstsein er- 528
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    scheinen. Das Aufhörensolcher Ideen nennt man dann die kosmische Auflö- sung. Auf diese Weise, als Ideen und als nichts anderes, treten alle Welten ins Dasein und verschwinden wieder. In all diesem wird das Bewusstsein nicht dem geringsten Wandel unterzogen. Im Bewusstsein gibt es weder eine Er- fahrung von Vergnügen oder Schmerz noch taucht darin die Idee von „Ich bin dies“ auf. Bewusstsein unterhält keinerlei Qualitäten wie Mut, Vergnügen, Wohlfahrt, Furcht, Erinnerung, Ruhm oder Pracht. Im Selbst wird all dieses genauso wenig wahrgenommen wie die Füße einer Schlange in der Dunkel- heit. BHUŚU×ÖA fuhr fort: Es gibt da einen Schauer Nektars von Brahman, und dies nennt man dann die Schöpfung. Da jedoch Zeit und Raum in Wahrheit nicht existieren, ist diese Schöpfung unwirklich, und was als existierend erscheint, ist ununterschieden vom Höchsten Herrn. So wie es nur Wasser ist, was als Strudel erscheint, und wie es nur Rauch ist, was aus der Entfernung wie eine Wolke am Himmel erscheint, so entsteht, sobald Bewusstsein seiner selbst gewahr wird und daraufhin eine Idee (die selbst leblos, träge ist) entstehen lässt, zwischen diesen beiden (Bewusstsein und Idee) ein dritter Faktor, den man als Schöpfung bezeichnet. Diese Schöpfung jedoch ist nichts als eine Erscheinung, wie ein in einer Säule oder einem Kristall reflektierter Bana- nenbaum. Bei rechter Untersuchung jedoch schwindet diese Idee von Reali- tät, die in der irrealen Erscheinung wahrgenommen wird. Diese Welterscheinung ist wie ein auf Leinwand gemaltes Königreich. So wie die Leinwand durch Verwendung verschiedener Farben ansehnlich ge- macht wird, so erlangt diese Welterscheinung ihre Anziehungskraft durch die verschiedenen Sinneserfahrungen. Die Welterscheinung hängt vom Seher, dem Ich-Sinn, ab, der selbst irreal ist. Daher ist sie nicht unterschieden vom höchsten Selbst, so wie Flüssigkeit untrennbar vom Wasser ist. Das Licht des Bewusstseins ist das Selbst. Es geschieht dann, wenn die Idee von „Ich“ darin auftaucht, dass diese Schöpfung ins Dasein tritt. Ohne diese Idee gibt es weder eine Schöpfung noch einen Schöpfer. Die Bewegtheit ge- hört zur eingeborenen Natur des Wassers; in Beziehung zu sich selbst als Wasser gibt es kein Fließen von Wasser (es ist, was es ist, nämlich fließendes Wasser). Ebenso ist Bewusstsein unermesslich und fest wie Raum und daher keines Raumes innerhalb von sich selbst gewahr. Wenn dasselbe Wasser zu verschiedenen Zeiten und an verschiedenen Orten gesehen wird, entsteht die Idee der Bewegtheit. Ebenso lässt auch das in Verbindung mit den Ideen von Zeit und Raum im Bewusstsein hervortretende Gewahrsein die Idee der Schöpfung entstehen. (Obwohl natürlich aufgrund der Unwirklichkeit von Zeit und Raum eine solche Schöpfung gänzlich unmöglich und der Vergleich von Bewusstsein mit Wasser unangemessen ist.) Wisse, dass alles von dir im Namen des Gemüts, des Ich-Sinns, des Intellekts usw. Erfahrene nichts ande- res als Unwissenheit ist. Durch Eigenbemühung verschwindet diese Unwis- senheit. Die Hälfte dieser Unwissenheit wird durch die Gemeinschaft mit 529
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    Heiligen zerstreut, einViertel wird durch das Studium der Schriften und das verbleibende Viertel durch Eigenbemühung zerstört. (Als Erwiderung auf Rāmas Frage) erläuterte VASIåèHA: Man sollte Zuflucht zur Gemeinschaft mit den Heiligen suchen und in ihrer Gesellschaft die Wahrheit über diese Schöpfung ergründen. Man sollte ferner fleißig nach dem Heiligen verlangen und ihn verehren. Im gleichen Augen- blick, in dem man einen Heiligen gefunden hat, verlöscht schon die Hälfte der Unwissenheit allein durch seine Gegenwart. Ein weiteres Viertel wird durch das Studium der Schriften und das restliche durch Eigenbemühung zerstreut. Die Gesellschaft der Heiligen setzt dem Verlangen nach Vergnügen ein Ende. Wird die Unwissenheit entschlossen durch Eigenbemühung zurückgewiesen, hört sie auf. All dies kann entweder auf einmal oder nacheinander geschehen. BHUŚU×ÖA fuhr fort: Ein am Himmel visualisierter Palast benötigt keine Unterstützung durch VI.2:13 reale Säulen. Auf dieselbe Weise hängt die eingebildete bzw. illusorische Welterscheinung nicht von echter Zeit und echtem Raum ab. Zeit, Raum und Welterscheinung sind rein begrifflich. Diese Welterscheinung ist extrem sub- til und gründet sich allein auf mentale Aktivität bzw. die Bewegung der Ge- danken – sie ist wie Duft in der Luft. Jedoch wird diese Welterscheinung an- ders als der Duft in der Luft nur vom Verstand erfahren, der sie wahrnimmt, während Duft auch von anderen erfahren werden kann. So wie der eigene Traum nur vom Träumer erfahren wird, so wird diese Schöpfung nur von demjenigen erfahren, in dessen Verstand sie auftaucht. In diesem Zusammenhang ist eine alte Legende erwähnenswert. Sie erzählt, wie Indra, der König der Götter, sich selbst im Innern eines subatomaren Partikels verborgen hat. Irgendwann in alter Zeit gab es eine Art von wunscherfüllendem Baum. Auf einem seiner Zweige wuchs eine Frucht, die dieses Universum war. Diese Frucht war ganz einzigartig und völlig verschieden von allen anderen Früch- ten. Wie die Würmer im Apfel lebten in ihr alle Arten von Wesen: Götter, Dämonen usw. Sie enthielt sowohl die Erde als auch den Himmel und die Unterwelten. Sie besaß ein enormes Ausmaß, da sie eine Manifestation des unendlichen Bewusstseins war. Darüber hinaus war sie sehr appetitlich, denn sie barg in sich selbst all die unendlichen Möglichkeiten der verschiedenen Erfahrungen. Sie erstrahlte vor Intelligenz und beherbergte in ihrem Innern den Ich-Sinn. In ihr befanden sich alle Arten von Wesen, und zwar von den stumpfsten und unwissendsten bis hin zu denjenigen, die der Erleuchtung nahe waren. Auch Indra, der König der Götter, war in dieser Frucht. Einmal, als Lord Viåņu und andere sich gerade zurückgezogen hatten, wurde dieser Indra von mächtigen Dämonen überfallen. Indra rannte in alle zehn Himmelsrichtungen und die Dämonen setzten ihm nach. Schließlich wurde er von den Dämonen überwältigt. Als die Aufmerksamkeit der Dämonen für einen Moment abge- 530
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    lenkt war, ergriffIndra den Vorteil der Lage und nahm eine subtile, winzige Gestalt an (und zwar durch Aufgabe der Idee seiner Größe und durch An- nahme der Idee von Subtilität und Winzigkeit), mit deren Hilfe er in ein sub- atomares Teilchen schlüpfte. In diesem schließlich fand er Ruhe und Frieden. Er vergaß den Krieg mit den Dämonen. Er visualisierte in dem Teilchen einen Palast für sich selbst, dann eine Stadt, dann eine ganze Nation mit weiteren Städten und Wäldern, und schließlich erblickte er darin die ganze Welt, nämlich ein ganzes Univer- sum einschließlich von Himmel und Hölle. Er dachte nun, dass er Indra, der König dieses Himmels, sei. Ihm wurde ein Sohn geboren, den er Kunda nann- te. Nach einiger Zeit gab dieser Indra seinen Körper auf und erlangte nirvāņa – wie eine Lampe ohne Brennstoff. Kunda wurde zu Indra und regierte die drei Welten. Auch er war gesegnet mit einem Sohn von gleicher Tapferkeit und gleichem Glanz. So vervielfachte sich seine Nachkommenschaft und sogar heute noch regiert einer seiner Nachkommen den Himmel. Und daher gibt es in diesem subatomaren Teil- chen viele solche Könige, die jeder ihr eigenes Königreich regieren. BHUŚU×ÖA fuhr fort: In dieser Familie wurde schließlich einer geboren, der der Herrscher des VI.2:14 Himmels werden sollte, aber gleichzeitig entschlossen war, dem Zyklus von Geburt und Tod ein Ende zu setzen. Durch die Anweisungen des Hauslehrers der Götter (B−haspati) erlangte er Weisheit. Er führte in allen Situationen, wie − sie ohne sein Zutun auf ihn kamen, nur die angemessenen Handlungen aus. Auf diese Weise übte er also religiöse Praxis und kämpfte dabei sogar mit den Dämonen. Dann entstand in seinem Verstand ein Wunsch: „Ich sollte die Wirklichkeit Brahmans des Absoluten erkennen!“ Er trat daraufhin in tiefe Meditation ein. Er war nun im Frieden mit sich selbst und verblieb in Abge- schiedenheit. Nun vermochte er das höchste Selbst bzw. Brahman, zu sehen: Allmächtig, alldurchdringend überall; der alles ist; der überall und immer ist; dem alle Hände und Füße gehören; das Brahman, dessen Augen und Köpfe und Gesichter alles sind; frei von den Sinnen und doch die wahre Essenz aller Sinne; frei von allem (unangehaftet) und doch der Erhalter von allem; gleich- zeitig ledig aller Eigenschaften und doch ausgestattet mit allen von ihnen; innerhalb und ohne alle Kreaturen (bewegliche und unbewegliche); das Brahman, welches weit entfernt und nah und doch aufgrund seiner extremen Subtilität unbekannt ist. Er ist die Sonne und der Mond und das Erdelement allüberall, die Wirklichkeit in den Bergen und im Ozean, die wahre Essenz von allem. Dieses Brahman hat die Natur dieser Schöpfung und der Welt und bleibt doch das unabhängige Selbst, das uranfängliche Bewusstsein. Obgleich er alles ist, ist er von allen diesen Dingen leer. Er (Indra) sah Brahman im Topf, in der Kleidung, im Baum, im Affen, im Menschen, im Himmel, im Berg, im Wasser, im Feuer und der Luft, wie er darin auf die verschiedenen Weisen manifestiert und tätig war. Er erkannte, dass dies die Wirklichkeit in dieser Welterscheinung ist. Indem er so Brah- 531
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    man mit seinemeigenen, reinen und gereinigten Bewusstsein kontemplierte, tauchte dieser Indra in die Meditation ein. Indem er erkannte, dass Brahman selbst die himmlische, unumschränkte Macht in Indra war, regierte er das Universum. So wie dieser Indra das ganze Universum regierte, während er innerhalb des subatomaren Teilchens lebte, so gab es schon zahllose Indras und Univer- sen. So lange einer das wahrgenommene Objekt als etwas reales und sub- stanzielles betrachtet, befindet sich diese Welterscheinung im stetigen Fluss. Diese Māyā (Welterscheinung) wird sich so lange im Fluss befinden, bis diese Wahrheit realisiert wurde; erst dann wird die Māyā aufhören, tätig zu sein. Wo auch immer diese Māyā auf welche Weise auch immer tätig ist, geschieht dies nur aufgrund der Existenz des Ich-Sinnes. Erinnere dich immer daran. Diese Māyā verschwindet unverzüglich, sobald die Wahrheit betreffend den Ich-Sinn untersucht und verstanden wurde. Denn die Wirklichkeit bzw. das unendliche Bewusstsein ist gänzlich frei von der Subjekt/Objekt-Trennung, frei von der leisesten Spur der groben Substanzialität. Sie ist reine Leerheit, deren einzige Realität das unendliche, unkonditionierte Bewusstsein ist. BHUŚU×ÖA fuhr fort: So wie das gesamte Universum aufgrund Indras und seiner Idee einer sol- VI.2:15, 16 chen Schöpfung im Herzen des subatomaren Partikels ins Dasein trat, so manifestiert sich auch die Welt überall da, wo der Ich-Sinn auftaucht. Der Ich- Sinn ist die erste Ursache dieser Weltillusion, die mit der Bläue des Himmels verglichen werden kann. Dieser Baum der Welterscheinung wächst im Raum auf einem Berg namens Brahman aufgrund der latenten Neigungen und Ideen. Sein Same ist der Ich- Sinn. Die Sterne sind seine Blumen. Die Flüße sind seine Adern. Die Berge sind seine Blätter. Die Essenz der Ideen und Begrenztheiten bildet seine Früchte. Diese Welt ist nichts als die äußere Ausbreitung des Glaubens an ihre Existenz. Diese Welterscheinung ist wie eine unermessliche Ausdehnung von Wasser. In diesem Ozean tauchen die Welten auf wie Wellen und Wogen. Aufgrund der Verblendung, die die Selbsterkenntnis verdunkelt und so die Emanzipati- on verhindert, beginnt er sich zu erweitern. Anziehend und herrlich anzu- schauen wird er aufgrund des beständig wechselnden Panoramas der in ihm ins Dasein tretenden und verderbenden Lebewesen. Oh Himmelsbewohner, diese Schöpfung kann ferner mit der Bewegung des Windes verglichen werden. Der Ich-Sinn ist der Wind und die Welt seine Bewegtheit. So wie eine solche Bewegtheit nicht unterschieden vom Wind ist – wie der Duft untrennbar von der Blume ist – so ist auch der Ich-Sinn un- trennbar von dieser Welt. Die Welt existiert in der eigentlichen Bedeutung von „Ich-Sinn“ wie der Ich-Sinn in der eigentlichen Bedeutung des Wortes „Welt“ existiert. Sie hängen folglich voneinander ab. Wer fähig ist, mit den Mitteln der erweckten inneren Intelligenz den Ich-Sinn zu beseitigen, reinigt sein Bewusstsein von dieser Unreinheit namens Welterscheinung. 532
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    Oh Himmelsbewohner, inWahrheit gibt es nicht so etwas wie den Ich-Sinn. Auf mysteriöse Weise ist er irgendwie und ohne jede Ursache und Substanzialität aus dem Nichts aufgetaucht. Brahman allein durchdringt alles. Der Ich-Sinn ist falsch. Da der Ich-Sinn selbst falsch ist, ist natürlich auch die Welt, die dem Ich-Sinn als real erscheint, falsch. Ds Unwirkliche ist unwirkli- che – das Verbleibende ist ewiglich und Friede. Das bist du. Sobald ich so gesprochen hatte, fiel der Himmelsbewohner in tiefe Medita- tion. Er erlangte den höchsten Zustand. (VASIåèHA sprach zu Rāma: „Wenn die Lehre in ein reifes Herz gelangt, verwurzelt und erweitert sie sich in dessen innerer Intelligenz. In einem unreifen Herzen bleibt sie nicht. Aus dem Ich- Sinn taucht die Idee „dies ist mein“ auf, die sich dann als die Welterscheinung ausbreitet.“) Und so, oh Weiser, wird manchmal sogar eine unwissende Person wie die- ser Himmelsbewohner unsterblich. Unsterblichkeit wird ausschließlich nur durch Erkenntnis der Wirklichkeit erlangt. Ein anderes Mittel gibt es nicht. VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, ich kehrte anschließend zum Palast zurück, in dem weitere Weise sich zu einer Besprechung versammelt hatten. Nun habe ich dir also die Geschichte von der sehr raschen Emanzipation des Himmelsbewohners erzählt. Seit ich diese Geschichte von den Lippen BhuÓuï¬as vernommen habe, sind elf Weltzyklen vergangen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:17, 18 Dieser mächtige Baum namens Welterscheinung, der die süßen und bitte- ren Früchte namens Glück und Unglück (bzw. Gut und Böse) hervorbringt, hört in demselben Moment auf, in dem der Ich-Sinn als falsch erkannt wurde. Wer den Ich-Sinn als falsch erkennt und dadurch den Zustand vollkommenen Gleichmuts erlangt, fällt nie wieder der Trauer zum Opfer. Wenn die Selbster- kenntnis die unwissende Idee vom Ich-Sinn beseitigt hat, verschwindet der Ich-Sinn, der bis dahin für eine solide Realität gehalten wurde, und niemand weiß, wohin. Man weiß ebenfalls nicht, wohin der erste Beweger des Körpers, den man ebenfalls für solide Realität gehalten hat, gegangen ist. Das Blatt (Körper) saugt in sich selbst die Feuchtigkeit (Ich-Sinn) der Erde auf, aber die Sonne (Selbsterkenntnis, die den Ich-Sinn als falsch erkennt), lässt sie ver- dampfen und verwandelt sie in feinen Wasserdampf (Brahman). In der Ab- wesenheit der Selbsterkenntnis jedoch wächst sich der Same des Ich-Sinns im Zeitraum eines Augenblinzelns in einen mächtigen Baum aus, denn in diesem Samen ist der gesamte Baum mit all seinen unzählbaren Verästelungen, Blät- tern, Blüten und Früchten bereits vollständig enthalten. Der Mensch der Weisheit erkennt, dass die gesamte Schöpfung im Ich-Sinn verborgen liegt. Auch der Tod vermag dem kein Ende zu setzen. Tod nennt man, wenn die Idee der Realität von einer Substanz in eine andere transportiert wird. Ge- wahre jetzt direkt vor dir zahllose Schöpfungen mit zahllosen Wesen, die in wiederum in diesen Wesen existieren. Da ist das Gemüt innerhalb des prāïa 533
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    bzw. der Lebenskraft,während die Welt im Gemüt existiert. Zum Zeitpunkt des Todes verlässt dieses prāïa den Körper und betritt den Raum. Dort weht es der kosmische Wind hin und her. Gewahre all diese prāïas (jīvas) mit all ihren in ihnen verborgen liegenden Vorstellungen und Ideen (Welten), wie sie den gesamten Raum erfüllen. Mit meinem Auge der inneren Intelligenz ver- mag ich sie hier direkt vor mir zu sehen. Die Luft im gesamten Raum ist angefüllt mit den prāïas der abgeschiede- nen Seelen. In diesen prāïas existiert das Gemüt. Und in den Gemütern exis- tiert wie das Öl im Samen die Welt. So wie die Lebenskraft (prāïa) in den Winden des Raums hin und her geweht wird, so werden all diese Welten im Gemüt, wie der Duft der Blüten in der Luft, hin und her geweht. Gesehen wird dies ausschließlich nur mit den Augen der inneren Intelligenz, oh Rāma, nicht aber mit den fleischlichen Augen. Diese Welten existieren überall und immer. Sie sind noch subtiler als der Raum, weil sie von der Natur der Ideenessenz sind. Tatsächlich werden sie daher auch weder wirklich hin und her geweht noch überhaupt von einem Ort zu einem anderen bewegt. Jedoch ist für jeden jīva (der aus dem kombinierten prāïa, dem Gemüt und seinen Ideen zusam- mengesetzt ist) die Idee, die er über die Welt seiner eigenen Schöpfung un- terhält, absolut und aufgrund seines festen Glaubens an die Substanzialität dieser Schöpfung real. Werden die Objekte am Ufer eines schnell dahin flie- ßenden Flusses als Reflexionen im Wasser gesehen, scheinen sie sich eben- falls schnell zu bewegen, obwohl sie sich tatsächlich überhaupt nicht bewe- gen. Auf dieselbe Weise kann man von diesen Welten innerhalb der jīvas sagen, dass sie sich in Bewegung oder nicht in Bewegung befinden. Im Selbst jedoch, das unendliches Bewusstsein ist, gibt es keinerlei Bewegung gleich welcher Art, denn wenn ein Topf von einem Platz zu einem anderen bewegt wird, bewegt sich doch nicht der in ihm enthaltene Raum gleichfalls von einem Platz zum andern. Daher erscheint also diese Welt nur aufgrund des verblendeten Glaubens an ihre Existenz – in Wahrheit ist sie nur Brahman allein und wird niemals erschaffen oder zerstört. VASIåèHA fuhr fort: Auch wenn man erwägt, dass diese Welt im kosmischen Raum erscheint, so wird sie doch nicht von denjenigen, die sie bewohnen, als solche erfahren. Die Fahrgäste eines Bootes bewegen sich zusammen mit diesem fort, aber wer im Boot sitzt, sieht niemanden darin sich fortbewegen. So wie ein talentierter Künstler in seinen Gemälden oder Bildwerken die Illusion von Räumlichkeit erschafft, so unterhält das Gemüt sogar innerhalb eines subatomaren Teil- chens die Idee unermesslicher Entfernungen. Noch einmal: Es gibt eine Illusionierung der Erfahrung in Bezug auf die Größe oder Kleinheit von Ob- jekten. Ähnlich dem gibt es die unwirkliche Erfahrung dieser Welt und des- sen, was als die Anders-Welt bezeichnet wird, obgleich alle diese falsch sind. Aus all diesem entstehen die falschen Ideen wie „Dies ist wünschenswert“ und „Dies ist nicht wünschenswert“. 534
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    Ein fühlendes Wesenerfährt die Existenz seiner eigenen Glieder in sich selbst mit dem Mittel seiner eigenen inneren Intelligenz. Auf dieselbe Weise nimmt der jīva (in diesem Fall das kosmische Wesen) innerhalb von sich selbst die Existenz der Welt der Vielfalt wahr. Das unendliche Bewusstsein ist ungeboren und ungeteilt wie Raum – alle diese Welten sind wie schon immer seine Glieder gewesen. Eine fühlende Eisenkugel mag vielleicht innerhalb von sich selbst die potentielle Existenz einer Schere und einer Nadel usw. visuali- sieren. Auf dieselbe Weise sieht oder erfährt der jīva innerhalb von sich selbst die Existenz der drei Welten, obgleich diese nicht mehr als eine Täuschung bzw. falsche Wahrnehmung ist. Auch im nicht-fühlenden Samen existieren der potentielle Baum mit all seinen zahllosen Zweigen, Blättern, Blüten und Früchten, wenn auch nicht unmittelbar als diese verschiedenen Objekte. Auf die gleiche Weise existieren alle diese Welten in Brahman, wenn auch nicht als solche, sondern in einem undifferenzierten Zustand. In einem Spiegel (den man nun als fühlend oder nicht-fühlend ansehen mag) wird eine Stadt reflek- tiert (obschon man wahrheitsgemäß ebenso gut sagen könnte, dass es keiner Reflexion dieser Art darin gäbe) – sie wird gesehen oder nicht gesehen. Und so ist auch die Beziehung zwischen den drei Welten und Brahman. Was die Welt genannt wird, ist nichts als Zeit, Raum, Bewegung und Substanzialität, während all dieses aufgrund seiner wechselseitigen Abhängigkeiten nicht unterschieden vom Ich-Sinn ist. Was man hier als Welt wahrnimmt, ist nichts als das höchste Selbst, wel- ches als Welt erscheint, ohne dabei dem geringsten Wandel seiner eigenen wahren Natur unterworfen zu sein. Sie erscheint als das, als was man sie zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort auch immer sehen mag. Alle diese scheinbaren Existenzen tauchen im Gemüt als Ideen auf, denn das Gemüt ist selbst nichts anderes als Bewusstsein. Folglich taucht die Erscheinung im Gemüt als Idee auf, da das Gemüt selbst nichts anderes als Bewusstsein ist. Konzepte bzw. Ideen (saïkalpa), altente Konditionierung (vāsanā) und ein Lebewesen (jīva) sind nicht unterschieden vom unendlichen Bewusstsein. Auch wenn sie als solche erfahren werden, bleiben sie unwirk- lich mit der Ausnahme der einen Realität, die das unendliche Bewusstsein ist. Folglich gibt es da Emanzipation bzw. mokåa, sobald die unwirkliche Idee abgetan wird. Und doch könnte man nicht wahrheitsgemäß behaupten, dass alle diese Welten in der Luft umhergeweht werden, weil sie alle nur falsche Ideen sind, deren Substrat und einzige Wirklichkeit das unendliche Bewusst- sein ist. RĀMA fragte: VI.2:19 Oh Weiser, bitte erzähle mir freundlicherweise mehr über die Gestalt, die Natur und den Wohnort des jīva und seiner Beziehung zum höchsten Selbst. VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, es ist das unendliche Bewusstsein, welches sich selbst aufgrund der Ideen, die es von sich selbst hat, als ein Objekt wahrnimmt und dann als der jīva auftritt. Genannt wird es außerdem auch cit bzw. reines Bewusstsein. 535
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    Dieser jīva istweder ein subatomares Teilchen noch ist er grob und physisch noch leer oder irgend etwas anderes. Das allgegenwärtige, reine Bewusstsein selbst wird dann jīva genannt, wenn es sein eigenes Sein erfährt. Es ist winzi- ger als ein Atom und größer als das Größte. Es ist alles und es ist reines Be- wusstsein. Von den Weisen wird es der jīva genannt. Welches Objekt auch immer hier erfahren wird, ist nichts als eine von ihm selbst erfahrene Refle- xion. Was immer es von Augenblick zu Augenblick denkt, erfährt es hier und jetzt. Erfahrung dieser Art gehört zur eigentlichen Natur des jīva, so wie die Bewegung zur Natur des Windes gehört. Hört diese Erfahrung auf, wird der jīva zu Brahman. Aufgrund seiner Natur als Bewusstsein erzeugt der jīva, sobald er die Idee des Ich-Sinns unterhält, Zeit, Raum, Bewegung und Substanz und wird im und durch den Körper tätig. Dann erfährt er alle diese Unwirklichkeiten innerhalb von sich selbst als reale Gegebenheiten, so wie eine Person von ihrem eigenen Tod träumt. Dann, seine eigene wahre Natur vergessend, beginnt er sich mit seinen eigenen falschen Ideen zu identifizieren. Er tritt in eine von den Um- ständen zufällig hervorgerufene Verbindung mit den fünf Sinnen und erfährt ihre Funktionen so, als wären es seine eigenen Funktionen. Er leuchtet, aus- gestattet mit diesen fünf Kräften, als der puruåa (die innewohnende Präsenz) und als virā (kosmische Person). Es ist dies immer noch das subtile und mentale Wesen und selbst die erste Emanation des Höchsten Wesens. Diese Person entsteht aus eigenem Antrieb, wächst, verfällt, erweitert sich und zieht sich wieder zusammen und hört schließlich auf zu sein. Sie ist von der Natur des Gemüts (Idee oder Gedanke) und in ihrer Subtilität als puryaåÂaka (die achtfältige Stadt) bekannt. Dieses subtile Wesen ist klein und groß, manifest und unmanifest. Es durchdringt alles im Innern und im Außen. Seine Glieder sind deren acht – die fünf Sinne, das Gemüt als sechster Sinn, der Ich-Sinn sowie das gleichzeitige Sein-und-Nicht-Sein. Alle Veden wurden von ihm bereits besungen. Durch es geschah es, dass die Arten und Regeln des Betragens und der rechten Lebensführung niedergeschrieben wurden. Alle diese sind noch heute in Kraft. Sein Kopf ist der höchste von allen, seine Füße sind die Unterwelten, der Raum ist sein Bauch, alle Welten bilden seine Seiten, die Wasser sein Blut, die Berge und die Erde sein Fleisch, die Flüsse sind seine Blutgefäße, die Him- melsrichtungen seine Arme, die Sterne seine Haare, der kosmische Wind sein prāïa, sein Lebensfunke ist die Mondsphäre und sein Gemüt das Aggregat sämtlicher Ideen. Sein Selbst ist das Höchste Selbst. Aus dieser kosmischen Person bzw. dem jīva entstehen weitere jīvas, die über die ganze Welt verteilt werden. Brahmā, Rudra und andere sind seine mentalen Schöpfungen. Die Manifestationen seiner Gedankenformen sind die Götter, Dämonen und Himmelswesen. Der jīva entsteigt dem Bewusstsein und hat in ihm seinen Wohnort. Tausende solcher virā sind schon entstanden und werden auch in Zukunft wieder entstehen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:20, 21 536
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    Die kosmische Personist selbst von der Natur einer Idee (bzw. eines Kon- zepts, Gedankens usw.). Welche Idee auch immer in ihm auftaucht, erscheint in ihrer Verkörperung durch die fünf Elemente im kosmischen Raum. Daher, oh Rāma, wird alles das, was hemals als geschaffen auftaucht, von den Weisen als die Ausbreitung von Ideen betrachtet. Die kosmische Person ist die ur- sprüngliche Ursache dieser gesamten Welterscheinung – die Wirkung ist dieselbe wie die Ursache. Und doch findet all dieses im Bewusstsein, nicht im Unbewusstsein, statt. Alle diese verschiedenen Kreaturen (vom Wurm bis zum Gott Rudra) sind aus der ursprünglichen Idee entstanden wie ein mächtiger Baum, der aus einem winzigen Samen herausgewachsen ist. Obgleich das Universum sich auf diese Weise aus einem winzigen Subatom heraus ausgebreitet hat, wurzelt diese Ausbreitung bzw. Evolution in der Intelligenz, nicht in der Leblosigkeit. So wie die kosmische Person als dieser Kosmos manifest wurde, so sind alle Dinge ins Dasein getreten – bis hin zum winzigsten Atom. In Wahrheit jedoch gibt es weder Großes noch Winziges. Welche Idee auch immer im Selbst auftaucht – sie wird wie etwas reales erfahren. Das Gemüt entsteht im Mondelement, während der Mond vom Gemüt erschaffen wird. Auf dieselbe Weise lässt der eine jīva den anderen entstehen. Der Weise er- achtet als die Essenz des Samentropfens den jīva. In ihr ist die Seligkeit des Selbst verborgen, die der jīva wie etwas von ihm selbst getrenntes empfindet. Dann entsteht in ihm seine Identifikation mit den fünf Elementen, ohne er- kennbaren Grund. Und doch fährt der jīva fort, der jīva und nicht wirklich durch diese Elemente begrenzt zu sein. Er befindet sich innerhalb wie außer- halb dieser Elemente und ihrer Zusammensetzungen, die als der Körper bekannt sind. Aufgrund seiner Identifikation mit den Elementen jedoch, die ihn wie mit einem Schleier umhüllt, sieht er deren wahre Natur nicht – so wie ein blind geborener Mensch seinen Weg nicht sehen kann. Emanzipation bzw. mokåa jedoch bedeutet die Zerstörung dieser Unwissenheit und die Realisie- rung der Unabhängigkeit des jīva von diesen Elementen und vom Ich-Sinn. Oh Rāma, man sollte danach streben, ein jñanÅ (Mensch der Weisheit bzw. direkter Erkenntnis) zu werden, nicht aber ein jñanabandhu, ein Pseudo- jñanÅ. Wer ist der Pseudo-jñanÅ? Derjenige, der die Schriften aus Vergnügen oder Gewinndenken heraus studiert wie ein Bildhauer die Künste studiert, der nicht nach dem Geist der Lehren lebt. In seinem Alltagsleben spiegelt sich sein Wissen der Schriften in keiner Weise wieder. Viel eher ist er daran inte- ressiert, Wissen über die Schriften zur Beförderung seiner physischen Wohl- fahrt und sinnlichen Befriedigung zu erlangen. Aus diesem Grunde erachte ich einen unwissenden Menschen als dem Pseudo-jñanÅ überlegen. Jñāna bzw. Weisheit ist Selbsterkenntnis; andere Art der Erkenntnis sind nur ihrer blasser Abglanz. In dieser Welt sollte man nur so viel arbeiten wie nötig ist, um ein ehrliches Leben führen zu können. Man sollte nur leben (essen), um die Lebenskraft am Leben zu erhalten. Und die Lebenskraft sollte man nur zu dem Zweck erhalten, das Heil der Erkenntnis zu erlangen. Man 537
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    sollte diesem seineForschungen widmen und das kennen, was einen von der Sorge befreit. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:22 Derjenige ist ein jñanÅ, der der Folgen der Handlungen nicht gewahr ist (bzw. sich nicht um sie kümmert), weil er in der Selbsterkenntnis verankert ist und sowohl das individualisierte Gemüt als auch dessen Objekte missach- tet. Derjenige ist ein jñanÅ, dessen psychologische Konditionierung gänzlich aufgehört hat. Seine innere Intelligenz ist frei von Verdrehtheiten aller Art. Seine Erkenntnis ist von einer Art, die nie wieder zur Wiedergeburt führt. ER befasst sich mit so einfachen Akten wie dem Essen und Ankleiden und spon- tanen und angemessenen Handlungen, die vom Wunsch und mentaler Aktivi- tät frei sind. Man nennt ihn einen paï¬ita. Die verschiedenen Kreaturen sind ohne einen Zweck ins Dasein getreten und fahren in ihrer Existenz ohne einen Zweck fort. Obwohl es so erscheint, handelt es sich bei ihnen nicht um reale Wesenheiten. Ihre kausale Verursa- chung wurde erst später ins Spiel gebracht, um diese unwirkliche Schöpfung erklärbar zu machen. Gibt es etwa einen Zweck für das Auftauchen einer Luftspiegelung? Diejenigen, die nach Ursachen für das Erscheinen solcher optischen Täuschungen suchen, versuchen auf den Schultern des Enkels des Sohnes einer unfruchtbaren Frau zu reiten! Die einzige Ursache für das Auf- tauchen derartiger optischer Täuschung bzw. illusorischer Erscheinungen ist das Nicht-Gewahrsein, denn bei näherem Hinsehen verschwinden diese Din- ge. Werden solche Dinge auf rechte Weise untersucht und wahrgenommen, erweisen sie sich als das höchste Selbst. Werden sie dagegen mit dem Ver- stand wahrgenommen, taucht der konditionierte jīva auf. Dieser jīva, wenn er nur auf richtige Weise betrachtet und verstanden wird, ist niemand anderes als das höchste Selbst. Wird er mit Hilfe des Verstandes erfasst, erscheint er als der jīva, der allen Arten von Wandel, Geburt, Verfall usw. unterworfen ist. Diejenigen, die die direkte Erfahrung des kosmischen Wesens besitzen, neh- men keinerlei Vielfalt wahr; auch dann nicht, wenn sie mit geöffneten Augen in die Welt blicken. In ihrem Gemüt gibt es während dessen Tätigkeit keiner- lei ungeordnete Bewegung der Gedanken bzw. Bewegungen in verschiedenste Richtungen, da ihr Gemüt ein Nicht-Gemüt ist, in dem eine Nicht-Bewegung von Gedanken ist. Ihr Verhalten ist auf dieselbe Weise nicht-willentlich wie ein im Wind treibendes trockenes Blatt. Der unwissende Narr, gebunden an die psychologische Konditionierung, rühmt die von den Schriften vorgeschriebenen Handlungen, weil er spirituell nicht erwacht ist. Seine Sinne suchen nach der Beute ihrer Objekte. Der Weise dagegen hält die Sinne zurück und verbleibt im Selbst zentriert. Weder gibt es formloses Gold noch ein Brahman, das vollkommen leer von aller Manifesta- tion ist. Und doch besteht Emanzipation in der Beseitigung der Konzepte von Schöpfung und Manifestation. Am Abschluss dieses kosmischen Weltzyklus gibt es während der Periode der Auflösung eine einzige, äußerste Finsternis, die die gesamte Schöpfung bedeckt. Auf dieselbe Weise ist das gesamte Uni- 538
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    versum in denAugen der Weisen eingehüllt von der einen Wirklichkeit Brahmans. Trotz all der darin enthaltenen Vielfalt und Bewegung ist der Ozean eine homogene Einheit. Ebenso gibt es nur das eine Brahman, das alle Vielfalt und Bewegung umschließt. Es gibt diese Welt innerhalb des Ich-Sinns und den Ich-Sinn innerhalb dieser Schöpfung; beide sind untrennbar. Der jīva sieht diese Schöpfung innerhalb von sich selbst, ohne jede Ursache oder Beweggrund. Das Schmuckstück ist Gold. Wird es nicht mehr als Schmuck- stück gesehen, hört es auf und das Gold allein bleibt zurück. Die Seher der Wahrheit leben daher nicht, auch wenn sie lebendig sind, sie sterben nicht, obwohl sie sterben, sie existieren nicht, obwohl sie existent sind. Ihre Hand- lungen sind nicht-willentliche Funktionen des Körpers. VASIåèHA fuhr fort: In jedem Körper existiert der jīva wie eine Schneeflocke – in schweren und großen Wesen scheint er schwer und groß zu sein, in leichten und feinen Wesen dagegen leicht und fein. Das „Ich“ betritt in seiner Vorstellung die Dreiheit, und da es seiner selbst gewahr ist, hält es sich selbst für einen Kör- per, obwohl dies irreal ist und nur als real erscheint. In dieser Dreiheit, die die Hülle des Karma darstellt, existiert der jīva, der die eigentliche Essenz des Samentropfens ist, in diesem Körper wie der Duft in einer Blüte. So wie sich die Strahlen der Sonne über die Erde ausbreiten, breitet sich der jīva, der im Samentropfen und in die Dreiheit eingetreten ist, selbst über den ganzen Körper aus. Obgleich der jīva überall außen und innen ist, besitzt er doch ein besonde- res Zugehörigkeitsempfinden bezüglich dieser vitalen Energie (Samentrop- fen), die er deshalb als seine eigene, besondere Heimstatt ansieht. So existiert er dann in den Herzen der Lebewesen – was auch immer er verstehend er- fasst, während er in den Wesen existiert, wird zu der wahren Erfahrung, die er daraufhin erfährt. Jedoch erlangt er so lange keinen Frieden und hört nicht auf, die falsche Idee des „Ich bin dies“ zu unterhalten, wie er nicht sämtliche Bewegungen der Gedanken im Bewusstsein aufgegeben hat und zum Nicht- Gemüt geworden ist. Daher, oh Rāma, wirst du wie der Raum sein, und es wird da Frieden geben auch dann, wenn du fortfährst, Gedanken und Gefühle zu haben, sobald die Ich-heit bzw. der Ich-Sinn in dir aufgehört hat. Es gibt Weise der Selbsterkenntnis, die in dieser Welt so leben und tätig sind wie das gemeißelte Bildnis einer Skulptur. Ihre Organe arbeiten hier ganz natürlich, obwohl die Welt in ihrem Bewusstsein nicht die geringste Störung hervorruft. Wer hier wie der Raum lebt (der von jeder in ihm vorge- henden Tätigkeit gänzlich unberührt bleibt), ist die Bindung los und ledig und befreit. Wer dagegen seine feste Überzeugung von der Existenz der Vielfalt nicht aufgibt, den gibt auch der Kummer nicht auf. Wer glücklich mit jedem Kleid ist, in das man ihn kleiden mag, mit jeder Nahrung, mit der er gefüttert wird, und mit jedem Ruheplatz, der ihm angeboten wird, strahlt wie ein Weltherr- scher. Obgleich er ein konditioniertes Leben zu führen scheint, ist er in Wahr- 539
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    heit unkonditioniert, weiler innerlich frei und leer ist. Obschon er tätig zu sein scheint, strebt er nicht, sondern ist tätig wie ein im Tiefschlaf Liegender. Da ist wahrhaftig kein Unterschied zwischen dem Unwissenden und dem Weisen (der Kenner der Wahrheit) mit der Ausnahme, dass der letztere frei vom konditionierten Gemüt ist. Was dem konditionierten Gemüt als die Welt erscheint, wird vom Unkonditionierten als Brahman erachtet. Was auch immer hier als existierend erscheint, verdirbt und tritt erneut ins Dasein. Du dagegen, oh Rāma, bist das, was weder Geburt noch Tod an sich trägt. Sobald die Selbsterkenntnis in dir aufgetaucht ist, verliert diese Welter- scheinung ihre Macht, dich zu beeindrucken – so wie aus einem gerösteten Samen keine Pflanze mehr keimen kann. Ein solcher Mensch ruht im Selbst, ob er nun tätig oder untätig ist. Nur derjenige, in dem das Verlangen nach Vergnügen gänzlich aufgehört hat, erfährt höchsten Frieden, nicht aber derje- nige, der den Frieden des Gemüts mit anderen Mitteln zu erlangen sucht. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:23 Oh Rāma, erhebe dich, leer vom Wunsch oder von mentaler Voreingenom- menheit und frei von mentaler Konditionierung, und schreite, wie MaÇki es tat, fort in Richtung des höchsten Zustands. Dein Vorfahr Aja hatte mich zu einer religiösen Zeremonie eingeladen. Als ich zum Besuch dieser Feier vom Himmel herabstieg, betrat ich einen dichten, heißen und dunstigen Urwald. Während ich meinen Weg durch diesen Wald zu nehmen suchte, hörte ich einen Reisenden klagen: „Oh weh! So wie die Sonne alles verbrennt, so bringt die Gesellschaft mit den Gottlosen nichts als Kummer und Sünde hervor. Lass mich zu dem Dorf da drüben gehen und Erleichterung vom Müdesein suchen.“ Als er sich also anschickte, zum nächsten Dorf zu gehen, sprach ich ihn an: „Willkommen, oh Wanderer, der du den wahren Weg noch nicht gefunden hast! An diesem von Unwissenden bewohnten Ort findest du ebenso wenig ewige Zufriedenheit wie du deinen Durst nicht mit Salzwasser, das ihn nur noch verschlimmert, löschen kannst. Der Unwissende wandert ziellos umher und nimmt die falschen Wege. Diese Leute befassen sich weder mit Selbst- Ergründung noch trennen sie sich von ihren ruchlosen Handlungen. Sie sind hier nicht anders als wie Maschinen tätig! Besser als in der Gesellschaft un- wissender Menschen zu bleiben ist es, eine Schlange in einer finsteren Höhle, ein Wurm in einem Felsen oder ein lahmes Reh in einer Wüste (Luftspiege- lung) zu sein. Ihre Gesellschaft führt zu momentanen Vergnügen, zerstört dich aber nur. Sie ist giftig und nichts anderes.“ Nachdem ich so gesprochen hatte, sagte der Wanderer: „Hoher Herr, wer bist du? Du strahlst wie ein Weltherrscher, obwohl du nichts besitzt. Bist du von Nektar trunken? Du bist leer von allem und doch vollkommen erfüllt. Worin besteht diese deine Gestalt, oh Weiser, die nichts und alles gleichzeitig ist, die übernatürlich zu sein und doch gleichzeitig in der Welt zu ruhen scheint? Frei bist du von allen Wünschen und Hoffnungen und scheinst 540
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    gleichzeitig doch nochWünsche und Hoffnungen zu haben. In deinem Be- wusstsein tauchen verschiedene Konzepte und Ideen in Übereinstimmung mit deinem eigenen Wunsch auf, und dieses ganze Universum ruht in dir wie der Same in der Frucht. Ich bin Pilger und mein Name ist MaÇki. Ich bin weit gewandert und wünsche nun in meine eigene Heimat zurückzukehren. Je- doch besitze ich nicht mehr die nötige Kraft für die Heimkehr. Hoher Herr, die Großen pflegen als erstes stets die Freundschaft. Ich fühle mich unfähig zur Überwindung dieser Weltillusion – bitte erleuchte mich!“ Ich erwiderte: „Oh Pilger, ich bin Vāsi«Âha. Fürchte nichts. Du hast nun tat- sächlich das Tor zur Freiheit erreicht. Du hast nach der Gesellschaft des wah- ren Menschen (der durch Selbst-Ergründung gekennzeichnet ist) verlangt und daher beinahe schon das andere Ufer dieser Welterscheinung betreten. Aufgrund dessen ist in deinem Gemüt die Leidenschaftslosigkeit entstanden und daher ist da nun Friede. Sobald die Schleier, die die Dunkelheit verhüllen, beseitigt wurden, leuchtet die Wahrheit durch sich selbst. Bitte teile mir doch mit, was du nun zu wissen wünschst. Wie gedenkst du diese Weltillusion zu zerstören?“ MA§KI sprach: VI.2:24 Hoher Herr, ich habe in sämtlichen zehn Himmelsrichtungen nach jeman- dem gesucht, der meine Zweifel zu zerstreuen in der Lage ist, aber bis jetzt habe ich niemanden entdecken können. Heute vermochte ich durch deine Gesellschaft die höchste Segnung zu erlangen, wie sie verschwenderisch den Glücklichsten unter den Wesen zuteil werden kann. In dieser Welt treten alle Dinge ins Dasein, verderben und verschwinden wieder, weshalb es da die wiederholte Erfahrung des Kummers gibt. Alle Vergnügen der Welt enden unvermeidbar im Kummer. Ich erachte daher den Kummer als etwas, was dem Vergnügen, welches zum Kummer führt, vorzu- ziehen ist. Weil mein Gemüt den wiederholten Erfahrungen von Vergnügen und Schmerz unterworfen ist, ist es voller verdrehter Ideen und reflektiert nicht mehr das innere Licht der erwachten Intelligenz. Gebunden an die aus diesem unwissenden Leben geborenen latenten Tendenzen führt das Gemüt mich immer nur in Richtung sündhaften Daseins und schlechter Handlungen. Auf diese Weise habe ich also meine Tage verschwendet. Dieses Verlangen nach Vergnügen erfährt niemals Befriedigung, wird niemals erfüllt und ge- langt niemals an ein endgültiges Ende, obwohl doch all sein Trachten und Sehnen stets nur im Misserfolg endet. Im Herbst vertrocknen die Blätter und fallen ab. Der Wunsch nach Vergnügen jedoch fällt nie fort – auch nicht all die Furchtsamkeit, die im Herzen wohnt und mich unerträglichen Schwierigkei- ten aussetzt. Sogar derjenige, der offenbar mit vielen Segnungen versehen ist und sich des Wohlstands erfreut, wird zu einem Häufchen von Elend redu- ziert. Ein solcher Wohlstand ist oftmals nichts anderes als ein Köder, der den Unachtsamen in die Grube des Kummers stürzen lässt. Da mein Herz dermaßen von sündhaften Neigungen und Ruhelosigkeit be- fleckt ist, nehmen die Weisen, die in mir nichts als das Interesse an Sinnesge- 541
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    nuss erblicken, keineNotiz von mir. Und immer noch setzt mein Gemüt nach wie vor seinen zerstörerischen Kurs fort, da der Tod es noch nicht überwäl- tigt hat. Die Finsternis meiner Unwissenheit, in der der Ich-Sinn wächst und gedeiht, wurde noch nicht vom Mondlicht des Schriftenstudiums und der Gemeinschaft mit erleuchteten Wesen vertrieben. Der Elefant der Unwissen- heit in mir ist noch nicht auf den Löwen der Erkenntnis gestoßen. Das Stroh meines Karma ist noch nicht vom Feuer der Vernichtung erfasst worden. Die Sonne der Selbstergründung, die die Dunkelheit der mentalen Konditionie- rung zerstört, ist noch nicht in mir aufgegangen. Oh Weiser, was ich intellektuell als nicht existierend erkannt habe, er- scheint vor meinen Augen immer noch als reale Wesenheit oder Substanz. Meine Sinne essen und verdauen mich. Sogar die Kenntnis der Schriften, anstelle mir bei der Zerstörung der Schleier der Unwissenheit behilflich zu sein, scheint nur noch mehr Schleier in mir auszubreiten. So bin ich also von der Unwissenheit und der Verwirrung erobert worden. Hoher Herr, bitte teile mir mit, worin für mich das wahrhaft Gute besteht. VASIåèHA fuhr fort: Erfahren, Denken (Ideen unterhalten usw.), mentale Konditionierung und VI.2:25 Vorstellungen sind bedeutungslos und führen zu nichts anderem als zu psy- chologischer Verwirrung. Sämtliche Sorgen und Missgeschicke des Lebens wurzeln und ruhen in der Sinneserfahrung und dem Denken. Der Weg dieses Lebens bzw. saæsāra ist verschlungen und qualvoll für denjenigen, der von der psychologischen Konditionierung bzw. den latenten Neigungen be- herrscht wird. Im Falle des Erwachten jedoch hört dieser saæsāra zusammen mit dem Ende seiner mentalen Konditionierung auf. Etwas anderes als das reine Bewusstsein gibt es nicht, wie es ja auch nichts anderes als reine Leerheit im Raum gibt. Dass es da einen anderen Erfahren- den als dieses reine Bewusstsein geben soll, ist Unwissenheit, deren Expansi- on zu diesem saæsāra (Welterscheinung) wird. Was in der Abwesenheit der Beobachtung auftaucht, verschwindet, sobald die Lampe der Beobachtung darauf gerichtet wird. So verschwindet auch dieses fiktive erfahrende Selbst, welches nur die Reflexion des wahren Selbst ist, sobald seine wahre Natur ergründet wird. Die durch das objektive Bewusstsein hervorgerufene Getrenntheit hört auf, sobald die Erkenntnis der Unteilbarkeit des Bewusstseins erscheint. Tontöpfe existieren nicht unabhängig vom Ton, das sie nur Modifikationen von Ton sind. Objekte sind Bewusstsein – sie unterscheiden sich nicht vom Bewusst- sein als „Objekte des Bewusstseins“. Was durch Erkenntnis gekannt werden kann, ist nicht unterschieden von dieser Erkenntnis – das Unbekannte wird nicht gekannt! Bewusstsein ist der gemeinsame Faktor im Subjekt, im Prädi- kat (dem Kennen) und dem Objekt – folglich gibt es da nichts anderes als Erkenntnis oder Bewusstsein. Wäre es anders, dann könnte es keinerlei Er- fassen (d.h., von zwei völlig verschiedenen Substanzen) geben. Folglich sind 542
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    sogar Holz undStein von der essenziellen Natur des Bewusstseins, weil sie andernfalls nicht wahrgenommen werden könnten. Was auch immer in die- ser Welt ist, ist reines Bewusstsein. Obgleich Objekte wie Holz und Wachs unterschiedlich zu sein scheinen, sind sie doch vom Blickwinkel des Beobach- ters her nicht unterschieden, weil der Beobachter, der beide beobachtet, derselbe und selber auch Bewusstsein ist. Der Ich-Sinn, der die Vielfalt wahrnimmt, ist der Schöpfer der Getrenntheit. Der Ich-Sinn bedeutet Bindung, sein Aufhören bedeutet Befreiung. Alles ist so einfach. Worin besteht die Schwierigkeit? Diese Getrenntheit ist so „aufge- taucht“ wie der doppelte Mond des Fehlsichtigen. Wie kann man in diesem Fall davon sprechen, sie sei „aufgetaucht“? Es ist einfach falsch. Bewusstsein und Leblosigkeit können in keiner Beziehung miteinander stehen. Bewusst- sein kann nicht zu Unbewusstsein werden. Es ist nur Bewusstsein allein, das irgendwie glaubt, es könne leblos werden. Anschließend stürzen all diese Begrenztheiten in die Materialität hinein wie ein Regen oder ein Stein, der von der Spitze des Berges herabfällt. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:26 Wer auf diese Illusion der Welterscheinung hereinfällt, wird unverzüglich die Beute zahlloser weiterer Illusionen, die wie Insekten nach einem Regen der ursprünglichen Illusion entspringen. Das Gemüt ist wie ein Wald im Früh- ling. So voll ist es aufgrund der vielen Ideen und Konzepte, dass in ihm nichts als dichte Finsternis herrscht. Aufgrund der Selbstbegrenzung bzw. Unwis- senheit werden die Menschen den zahllosen Erfahrungen von Vergnügen und Schmerz in dieser Welt unterzogen. Zwischen dem Weisen und dem Mond gibt es keinen Unterschied – beide verstrahlen Freude. Sie sind friedvoll, kühl und still, voll vom unsterblichen machenden Nektar und befähigen einen zu sehen. Es gibt keinen Unterschied zwischen dem Unwissenden und dem Kind – beide sind in ihrem Leben von Launen und Grillen angetrieben und bedenken nicht, was was ist oder sein wird; rechtes Betragen kennen sich nicht. Niemand, vom Schöpfer bis hin zum kleinsten Insekt, kann höchsten Frie- den erlangen, solange er nicht die vollkommene Beherrschung des Gemüts erlangt. Durch bloße Ergründung der Natur der Bindung hört diese auf zu sein; so wie die Hindernisse auf dem Weg denjenigen nicht behindern, die ihrer gewahr ist. Gespenster verfolgen denjenigen nicht, der umsichtig und wach ist. Sobald du die Augen schließt, ist die Sicht auf die Welt ausgelöscht. Entfernst du die Idee der Welt aus deinem Bewusstsein, dann existiert das reine Bewusstsein allein. Dieses reine Bewusstsein existiert auch jetzt als einziges, denn die Welt ist nur eine unwirkliche Erscheinung, die aufgrund einer kleinen Erregung im Bewusstsein entstanden ist. Wie schon immer ist sie nur die Schöpfung des kosmischen Gemüts. Dieses kosmische Gemüt unterhält die Idee einer solchen Schöpfung lediglich als eine Idee, denn es verfügt überhaupt nicht über die für materielle Realisation nötigen materiel- len Substanzen! Die Welt ist ein auf der Brahman-Leinwand gemaltes Gemäl- 543
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    de – angefertigtohne Farben und ohne Pinsel. Wie kann man dann sagen, dass diese Welt tatsächlich erschaffen worden sei – von wem, wie, wann und wo?! Die Idee „Ich bin glücklich“ schafft die Erfahrung von Glücklichsein und die Idee „Ich bin unglücklich“ schafft die Erfahrung von Unglücklichsein. Alle diese Ideen sind nur reines Bewusstsein und nichts anderes. Da sie nur Ideen sind, sind sie falsch. Weil das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein unbe- grenzt und unkonditioniert ist, gibt es darin keinerlei Bewegung oder Erre- gung. Es gibt ferner keinerlei Wünsche oder Anhaftungen (Abhängigkeiten) und daher auch keinerlei Ruhelosigkeit oder Bewegung im Selbst. Bindung besteht allein schon in der Abhängigkeit – Nicht-Abhängigkeit bedeutet Frei- heit bzw. Emanzipation. Wer in dem ruht, was mit den Worten „Alles“, „Un- endliches“ oder „Fülle“ bezeichnet wird, wünscht sich nichts mehr. Was sollte der weise Mensch noch für sich selbst wünschen, wenn doch der physische Körper so unwirklich wie der in einem Traum gesehene Körper ist? Im spirituell erwachten und erleuchteten Zustand ruht der Weise im Selbst – alle seine Wünsche sind erfüllt worden. Oh Rāma, MaÇki vernahm all dies und trat dann, seine Täuschung aufgebend, in tiefe Meditation ein. Er führte forthin in seinem Leben spontane, den Umständen entsprechende Tätigkeiten aus (pravāhapatitaæ kāryaæ: unvermeidbare Tätigkeiten; wörtlich: Die Tä- tigkeit desjenigen, der in einen Strom gefallen ist). VASIåèHA fuhr fort: VI.2:27, Im Selbst gibt es Einheit und Vielfalt, doch keine Art von Einheit und Viel- 28 falt, die sich gegensätzlich zueinander verhielten. Wie könnte man behaupten, dass es eine Vielfalt darin gäbe? Das eine Selbst existiert – subtil und allge- genwärtig wie der Raum. Es ist ungeteilt durch die Geburten und Tode der Körper. „Ich bin der Körper“ ist Täuschung – nicht die Wahrheit. Du bist das reine Selbst bzw. ungeteilte Bewusstsein. Das Subjekt (der Beobachter), das Objekt (das Beobachtete) und das Prädikat (die Beobachtung) sind nichts als Modifikationen des Gemüts. Die Wahrheit bzw. das Selbst wird durch diese Teilung nicht geteilt und ist daher jenseits der Kontemplation (dhyāna). All dies hier ist das eine, ungeteilte Brahman – ein Ding wie die Welt gibt es nicht. Wie konnten diese Illusionen dann überhaupt entstehen oder existie- ren? Durch meine Unterweisung wurde das verblendete Empfinden, es gäbe da eine Welt (entweder als Realität oder Illusion) zerstreut.. Nun sollte es für dich keinen Grund mehr geben, unter einer Bindung zu leiden. Sei im Glück und Unglück frei und lebe ohne Ich-Sinn und ohne Wünsche. RĀMA sprach: Ich möchte von dir noch einmal von der Wahrheit hören, die das Karma be- trifft bzw. was der göttliche Wille (Schicksal) genannt wird. VASIåèHA erwiderte: Göttlicher Wille (Schicksal, daivam) und Karma sind nichts als Konzepte, während die Wahrheit darin besteht, dass sie Bewegungen im Bewusstsein 544
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    sind. Sobald eseine solche Bewegung gibt, taucht die Welterscheinung auf; hört die Bewegung wieder auf, hört ebenfalls die Welterscheinung auf. Es gibt da nicht den geringsten Unterschied zwischen einer Person und ihrem Karma (Handlung). Ein Tier wird durch seine charakteristischen Tätigkeiten ge- kannt, die den Charakter des Tieres zeigen – beide sind untrennbar vonei- nander. Und so sind auch die Worte oder Konzepte wie „göttlich“ (daiva), „Handlung“ (Karma) und „Person“ (nara) nichts als Ausdrücke, die Bewegun- gen innerhalb des Bewusstseins bezeichnen. Diese Bewegung innerhalb des Bewusstseins dient zusammen mit der Selbstbegrenzung im Bewusstsein als der Same für alles, während es jedoch gleichzeitig keinerlei Ursache oder Same für die Bewegung selbst gibt. Es gibt keine Getrenntheit zwischen dem Samen und dem Keimling, und daher ist all dies (Körper usw.) nichts als Bewegung im Bewusstsein. Diese Bewegung ist offensichtlich allmächtig und folglich in der Lage, Götter, Dämonen und ande- re Wesen, bewegte wie unbewegte, fühlende und nicht-fühlende, zu erschaf- fen. Diejenigen, die behaupten, dass eine Person und ihre Handlungen (Kar- ma) unterschiedlich und getrennt seien, sind Tiere in menschlicher Verklei- dung – lasst uns sie grüßen! Der Same, der als die Welt sprießt, besteht in der Selbstbegrenzung bzw. Konditionierung im Bewusstsein. Verbrenne diesen Samen durch Nicht- Anhaftung bzw. Freiheitlichkeit. Nicht-willentliche Handlungen (Nicht- Handeln im Handeln) nennt man Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit. Die Entwur- zelung der Konditionierung (vāsanā) nennt man ebenfalls Nicht-Anhaftung bzw. Freiheit. Strebe mit allen Mitteln nach der Erlangung dieser Freiheit. Dasjenige Mittel, mit dessen Hilfe du den Samen der vāsanās zerstören kannst, ist gleichzeitig das Beste. Hierbei ist nur die Eigenbemühung und nichts anderes von Nutzen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:29 Oh Rāma, betrachte alle Handlungen zu jeder Zeit als reines Bewusstsein und lebe mit einwärts gekehrter Sichtweise. Verbleibe im Kummer und in Notlagen, im entsetzlichsten Schrecken und im Schmerz frei vom Kummer in dir selbst. Verhalte dich dabei jedoch so, als würdest du trauern, so wie es der Etikette und der Schicklichkeit deiner gesellschaftlichen Umgebung ent- spricht. Vergieße Tränen, klage und erwecke den Anschein, als erführest und erlittest du Vergnügen und Schmerz. Wenn du dich der Gesellschaft deiner Frau erfreust und an Festlichkeiten usw. teilnimmst, solltest du alle Arten von Entzücken so zeigen, als wärest du der mentalen Konditionierung unterwor- fen. Führe die Begräbnisriten aus und benimm dich sogar in der Kriegsfüh- rung wie ein unwissender Mensch mit begrenztem Verständnis. Erwirb Wohlstand und vernichte deine Feinde, wie die auch die unwissenden Men- schen mit begrenztem Verständnis tun würden. Sei mitfühlend gegenüber den Leidenden. Verehre die Heiligen. Genieße dein Glücklichsein. Trauere im Kummer. Sei ein Held unter Helden. Mit einwärts gekehrten Blick bade in der 545
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    Seligkeit des Selbstund lebe mit Herzen und Gemüt im Frieden – was du tust, tust du in Wahrheit nicht. Wenn auf diese Weise im Selbst ruhst, vermag nicht einmal die schärfste Waffe dich zu verletzen (die Selbsterkenntnis). Diese Selbsterkenntnis wird weder von Waffen getroffen noch vom Feuer verbrannt, weder vom Regen genässt noch vom Wind getrocknet. Klammere dich an die Säule der Selbster- kenntnis und kenne das Selbst als frei von Alter und Tod. Wenn du, obgleich äußerlich tätig, so in der Selbsterkenntnis verwurzelt bist, wirst du nicht noch einmal in den Fehler der Selbstbegrenzung (vāsanā) verfallen. Führe ein aktives Leben, während du innerlich wie im Tiefschlaf verbleibst. Gib alle Wahrnehmung von Getrenntheit auf. Ruhe in der Selbsterkenntnis mit einem Gewahrsein, das sich nur wenig ins Außen erstreckt. Auf diese Weise wirst du gänzlich in der Ruhe leben, als ob du in deinem Innern im Tiefschlaf lägest, ob du nun äußerlich tätig bist oder nicht, ob du nun etwas ergreifst oder loslässt. Dann wirst du völlig frei von aller Disharmonie sein, weil du den Nicht-Unterschied zwischen Wachen und Tiefschlaf realisiert hast. Dann wirst du mit Hilfe der Praxis der Selbst-Gewahrseins, die anfanglos und endlos ist, nach und nach diesen höchsten Zustand des Be- wusstseins erlangen, in dem keinerlei Dualität existiert und der jenseits aller Materialität ist. Es gibt darin weder Einheit noch Verschiedenheit und nichts als höchsten Frieden. RĀMA fragte: Wenn dies die Wahrheit des Ich-Sinns ist, oh Weiser, wie kommt es dann, dass man dich hier Vāsi«Âha nennt? (Als Rāma dies fragte, wurde Vāsi«Âha völlig still. Die Teilnehmer der Versammlung begannen sich nun Sorgen zu machen. Als er dies bemerkte, fragte Rāma erneut:) Weshalb bist du nun still, oh Weiser? In dieser ganzen Welt sollte es nichts geben, was ein heiliger Weiser nicht zu beantworten in der Lage wäre. VASIåèHA erwiderte: Ich war nicht still deswegen, weil ich deine Frage nicht beantworten konnte, sondern weil Stille die einzige Antwort auf deine Frage ist. VASIåèHA fuhr fort: Es gibt zwei Arten von Fragestellern, nämlich den erleuchteten und den unwissenden. Man sollte die Fragen der Unwissenden vom Standpunkt des Unwissenden und die Fragen des Weisen vom Standpunkt des Weisen aus beantworten. Bis jetzt warst du noch unwissend und verdientest daher ledig- lich intellektuelle, verstandesmäßige Antworten. Nun, da du die Wahrheit kennst und im höchsten Zustand ruhst, sind intellektuelle und logische Ant- worten nicht länger für dich brauchbar. Oh Rāma, alle verbalen Aussagen (seien sie nun ausführlich oder knapp, in ihrer Fragestellung subtil oder transzendent) sind sämtlich durch Logik, Dualität und Getrenntheit begrenzt. Mit Makeln behaftete Aussagen wie diese sind deiner nicht würdig, mein Teurer. Worte können keine reine und makellose Aussage herstellen. Jeman- 546
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    dem wie dirsollte man nur die reinste Wahrheit übermitteln, und die reinste Wahrheit wird allein durch völlige Stille zum Ausdruck gebracht. Diese Stille, die frei von rationalem Argumentieren und mentaler Tätigkeit ist, ist der höchste Zustand. Deshalb war sie allein die einzig gültige Antwort auf die Frage eines Weisen wie dir. Noch einmal: Jede Form des Ausdrucks ist der Ausdruck der Natur desjenigen, der sie ausdrückt. Ich verharre fest im reinen, nondualen und unteilbaren Bewusstsein, das der höchste Zustand ist. Wie könnte ich mich selbst der Unzulänglichkeit des Ausdrucks des Unausdrückbaren unterwerfen? Daher versuche ich nicht einmal, das Unend- liche auf Worte, wie sie der mentalen Aktivität entspringen, zu reduzieren. RĀMA sprach: Ich erkenne, wie alle Ausdrücke mit dem Makel der Dualität und Begrenzt- heit befleckt sind. Indem ich diesen berücksichtige und in Betracht ziehe, erlaube mir die Frage, wer du bist. VASIåèHA erwiderte: Ich bin das raumgleiche Bewusstsein, frei von aller objektiven Erfahrung und jenseits aller mentalen Aktivität und aller Gedanken. Ich bin das reine und unendliche Bewusstsein. Dasselbe bist du. Und auch diese ganze Welt ist es. Alles ist nur reines, unteilbares Bewusstsein. Ich bin reines Bewusstsein und niemals etwas anderes als das. Da es nichts davon Getrenntes gibt, ver- mag ich nicht zu sagen, wie dies zu beschreiben wäre. Sobald jemand dem eigenen Selbst einen Ausdruck zu verschaffen versucht, geschieht es, dass der Ich-Sinn und alles andere erscheinen, auch wenn man dabei nur die Absicht der Erlangung der totalen Freiheit hegen sollte. Man nennt dies den höchsten Zustand, in dem der Lebende sich verhält wie ein Toter. Für den Ich-Sinn wäre es absurd, nach dieser Art von Freiheit zu suchen, da er die Wahrheit niemals verstehen könnte. Das unendliche Bewusstsein hätte gewiss nicht die geringste Veranlassung dazu, das unendliche Bewusstsein realisieren zu müssen! Das Ganze ist in jedem Fall wie beim Blindgeborenen, der sich bemüht, ein Gemälde zu Gesicht zu bekommen. Das ist nirvāņa (Emanzipation oder Freiheit), wenn man fest wie ein Felsen steht, ob da nun Erregtheit oder Bewegung im Bewusstsein sei oder nicht. Ein solcher sieht kein „anderes“. Er ist frei von allem Wunsch und Verlangen. In ihm gibt es kein „ich“, „du“ oder „anderes“. Er ist allein („Alles“ plus „Einer“). VASIåèHA fuhr fort: Das Gewahrsein des unendlichen Bewusstseins seiner selbst ist der Ver- stand. Dieser selbst ist saæsāra und Bindung, die zur psychischen Gestörtheit führt. Sobald das unendliche Bewusstsein so verbleibt, als wäre es seiner selbst nicht gewahr, ist dies mokåa bzw. Befreiung. Gemüt, Intellekt usw. sind nur Modifikationen des reinen Bewusstseins, denn sie sind bloße Worte. Tatsächlich existiert allein nur das reine, ungeteilte Bewusstsein. Wenn doch nur das reine Bewusstsein als einziges existiert und alles innerhalb und au- 547
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    ßerhalb durchdringt –wie könnte dann die Idee von Getrenntheit überhaupt auftauchen, und wo? Gibt es einen Unterschied zwischen reinem Bewusstsein und der äußersten Leerheit? Auch falls es einen geben sollte, wäre dies immer noch unmöglich in Worte zu fassen. Ich bin der reine (Raum des) Bewusstseins, sobald die Idee der Selbstbegrenzung (mentale Konditionierung) aufhört. Da diese Be- grenzung jedoch nichts anderes als nur eine Idee ist, kann sie das Unendliche auch nicht begrenzen. Sobald einer dieses Verstehen entwickelt hat, obwohl es da immer noch ein Selbstgewahrsein gibt, hört sogar dieses noch auf, weil es zwischen dem Beobachter und dem Beobachteten keinerlei Getrenntheit gibt. Es ist dann so, als ob die Leerheit die ultimative Wahrheit wäre! Die Unwissenheit verweist auf die verborgene Weisheit. Weisheit schließ- lich zerstört diese Unwissenheit und kommt dann selbst ebenfalls zur Ruhe. Dies ist der höchste Zustand. Der weise Muni (einer, der innerlich schweigt) wird ein mānava (Mensch) durch Selbsterkenntnis (bzw. der Mensch wird zum Muni). Als Unwissender wird der Unwissende zu den Tieren und Bäu- men. „Ich bin Brahman“ und „Dies ist die Welt“ sind aus der Täuschung ent- standene Ideen. Während einer Untersuchung oder Ergründung werden sie nicht mehr beobachtet. Sobald das Licht auf die Suche nach der Dunkelheit geht, verschwindet die Dunkelheit. Der friedvolle Mensch des rechten Ver- ständnisses besitzt alle Sinne, ist jedoch nicht länger ihren Erfahrungen un- terworfen, da er nicht mehr von falschen Ideen beherrscht wird. Er lebt wie im Tiefschlaf. So wie alle Träume im Tiefschlaf enden, ähnlich dem Tiefschlaf, der im samādhi endet, so versinken sämtliche Objekte der Wahrnehmung in der Erkenntnis, in der alles nur noch als das eine Selbst gesehen wird. Wer zu sehen vermag, dass alle diese Objekte nur im konditionierten Zustand des Verstandes erfahren werden, realisiert schlagartig die Unkonditioniertheit des Selbst. Da es im Unkonditionierten weder die Täterschaft noch den Ge- nießenden gibt, existieren in Wahrheit weder Sorge noch Vergnügen, weder Tugend noch Sünde noch ein Mangel für irgend jemanden. All dieses ist reine Leerheit. Sogar die Ideen des Ich-Sinns und der Mein-heit sind leer. Sämtliche Erscheinungen sind Illusionen und existieren nicht in unserm Innern. Wer dies zu sehen vermag, befasst sich nur noch mit nicht-willentlicher Handlung oder verbleibt in völliger Stillheit (kāåÂha mauna bzw. die Stille eines Holz- klotzes). Er ist Brahman. Für das verkörperte Wesen gibt es bezüglich der Erlangung des höchsten Friedens kein anderes Mittel. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:30 Die Idee des „ich“ ist nichts als äußerste Unwissenheit, die den Pfad zu nirvāņa bzw. zur Befreiung blockiert. Und doch strebt der närrische Mensch mit der Hilfe dieser Finsternis der Unwissenheit nach dem Licht der Wahr- heit! Die Erforschung des Ich-Sinns enthüllt seine Begrenztheit und konditio- nierte Natur bzw. seine totale Abwesenheit. Gefunden wird er nur im Unwis- senden, nicht im Kenner der Wahrheit. Der Kenner der Wahrheit andererseits 548
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    existiert im verkörpertenoder entkörperten Zustand ohne die geringste Furcht und Sorge, denn er hat die Idee des Egos völlig hinter sich gelassen. In einer auf Leinwand gemalten Schlacht gibt es keinerlei Furcht vor Zerstörung – auch den in der inneren Gelassenheit verankerten Kenner der Wahrheit berühren die Handlungen nicht. Im Falle des befreiten Weisen erweist sich sogar die Manifestation des konditionierten Verhaltens als nur scheinbar, nicht aber als real. Wie im Falle der Ummantelung einer Gaslampe, die Form und Gestalt beibehält, obwohl sie komplett zu Asche verbrannt wurde, so handelt es sich bei der Persönlichkeit des befreiten Weisen in Wirklichkeit um eine Nicht-Persönlichkeit; sein Gemüt ist ein Nicht-Gemüt und seine Konditioniertheit ist tatsächlich von unkonditionierter Art. Er ist Brahman und nichts anderes. Wer im totalen Frieden ruht, während er im Außen scheinbar mit den unterschiedlichsten Handlungen befasst ist, ist auf ewig ein Befreiter. Die Elefanten und Streitwagen, die am Himmel zu fliegen scheinen, sind nichts als Formationen aus Wolken, Wolken aus Wolken. Die Welten, die hier zu existieren scheinen, sind in Wahrheit nichts als das höchste Selbst bzw. Brahman. Die Ursache des Kummers besteht folglich im Glauben an das Irrea- le als real, der wiederum aus dem Missverstehen bzw. dem verblendeten Verständnis der Realität entsteht. So wie ein im Kreis umhergewirbelter Feuerbrand illusorische Formen in den Raum zeichnet und dessen einzige Realität lediglich der kleine Feuerfunke an der Spitze des Stockes ist, so sind alle diese vielen Formen nichts anderes als die real wirkende Erscheinungs- form des einen, unteilbaren Brahman bzw. des unendlichen Bewusstseins. Lasst all dieses (den Beginn und das Ende, das Aufsteigen und Niederfallen, den Raum und die Zeit) so lange existieren, wie es einem gefällt. Man sollte im inneren Frieden ruhen. Das leblose Wasser ist fähig, ein schwer beladenes Schiff zu tragen, über das Wasser zu geleiten und auf diese Weise das durch es selbst (das Wasser) entstandene Hindernis zu überwinden. Auf dieselbe Weise befähigt diese leblose Welt selbst einen Menschen dazu, die Welterscheinung zu überwin- den. Was durch Gedanken erschaffen worden ist, kann auch durch Gedanken wieder zerstört werden. Erlange daher durch Erkenntnis dessen, was weder „ich“ noch „anderes“ ist, die Furchtlosigkeit. Nichts von dem, was man „ich“ nennt, wird bei der Untersuchung des Körpers, Gemüts usw. aufgefunden. Gib die Ziele und Zwecke des Vergnügens auf, befasse dich mit der Ergründung und sei an die Eigenbemühung hingegeben. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:31 Das unendliche Bewusstsein reflektiert sich selbst als das unendliche und unkonditionierte Bewusstsein in allem – nur das allein wird in Wahrheit in allem auch erfahren. Sobald jedoch die Idee eines Objekts auftaucht und durch Wiederholung bekräftigt wird, manifestiert sich dieses Bewusstsein – wie die Traumobjekte – als das Objekt, welches dann, obwohl in einem selbst, in diesem Traum als die Objekte erscheint. Wenn ein Traumobjekt verdirbt, 549
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    ist gar nichtsverloren – wenn „die Welt“ oder das „ich“ verdirbt, ist ebenfalls gar nichts verloren. Wer würde denn wohl eine Halluzination rühmen oder verdammen? Was verbleibt, ist die Wahrheit. Verbleibe fest darin verankert. Diese Welterscheinung ist nur eine Idee, die durch Ergründung gänzlich zerstreut wird. Was verbleibt, ist Brahman. Die Realität dieser Welt zu bekräf- tigen ist wie den Worten des Sohnes einer unfruchtbaren Frau zu vertrauen. Die individuelle Persönlichkeit besteht aufgrund von vāsanā oder mentaler Konditionierung, die beim Nachforschen verschwindet. Im Zustand der Un- wissenheit und aufgrund des Versäumnisses der Untersuchung jedoch taucht die Welterscheinung wieder auf. Der Körper ist das Ergebnis Vermischung und Verbindung der fünf Elemen- te, er ist selbst leblos. Sogar das Gemüt, der Intellekt und der Ich-Sinn beste- hen aus denselben Elementen. Sobald einer fähig ist, die träge Materialität des Gemüts, des Intellekts und des Ich-Sinns hinter sich zu lassen, erlangt er das reine, unkonditionierte Sein. Dies ist Befreiung. Das „Objekt“ entsteht im „Subjekt“, verfügt aber über keine unabhängige Existenz. Folglich ist sogar „der konditionierte Zustand bzw. dessen Existenz“ nichts als eine Idee – sie ist irreal. Daher verschwindet sich auch, sobald man sie untersucht. Das Beste ist, die Idee zurückzuweisen und sie am erneuten Auftauchen zu hindern, indem man nie wieder an sie denkt. Weder gibt es da das Subjekt (Seher) noch einern Erfahrenden, weder das Reale noch das Irreale. Nur höchster Friede existiert als einziges. Wer in diesem Frieden verankert ist, ist frei von Zuneigungen und Abneigungen, obgleich er handelt. Vielleicht ist er auch überhaupt nicht mit Tätigkeiten befasst. Wenn das Ge- müt frei von allen Ideen, die das unkonditionierte Bewusstsein begrenzen – wie könnte man dann vom Weisen noch sagen, er handele auf dualistische Weise? Frei von Liebe, Hass und Furcht existiert er als das unbewegte Selbst, fest verankert im höchsten Frieden. Die Idee des „Objekts“, die im „Subjekt“ auftaucht, wird vom letzteren als getrennt von ihm selbst erfahren. Tatsächlich sind beide (wie der Träumer und die wachende Person) untrennbar eins wie Milch, die in zwei verschie- denen Tassen gegossen wird. Das höchste Selbst ist frei von allen Ideen. Ideen lassen Objekte entstehen, und wenn die Ideen aufgegeben werden, hören auch die Objekte auf zu sein. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:32 Sobald es im unendlichen Bewusstsein eine Bewegung gibt, entstehen die Ideen von „ich“ und „die Welt“. Beide sind harmlos, solange jemand zu erken- nen vermag, dass sie faktisch untrennbar vom Selbst bzw. dem unendlichen Bewusstsein sind. Werden sie jedoch in sich selbst für wirklich gehalten und wird auch die Welt als real angesehen, dann wird großes Unglück die Folge sein. Sogar diese Bewegung im Unkonditionierten ist kein realer Vorgang. Wenn sie allein schon irreal ist, wie viel mehr müssen es dann die aufgrund dieser 550
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    Bewegung auftauchenden Ideensein! Sie besitzen nicht mehr Wahrheit wie der Tanz des Sohnes einer unfruchtbaren Frau. Bewegung dieser Art taucht in der Unwissenheit auf – sie ist selbst Unwissenheit. Im Licht des rechten Ver- stehens hört sie auf. Auf dieselbe Weise taucht der Ich-Sinn auf, sobald er in der Vorstellung konzipiert wird. Wird dieses Konzept zurückgewiesen, dann hört der Ich-Sinn auf zu sein. Genannt wird dies dhyÃna (Meditation) und samÃdhi (überbe- wusster Zustand). Es ist das unkonditionierte Bewusstsein. Bitte falle nicht in das Netz der Dualität und Nondualität usw.! All diese Kontroversen und Po- lemiken bewirken nichts als Schwierigkeiten und Verzweiflung. Sobald einer das Unreale bzw. Undauerhafte zu verfolgen versucht, entsteht der Kummer. Wenn die Konditionierung des Bewusstseins fortfällt, gibt es ebensowenig Kummer wie es im tiefen Schlaf Kummer gibt. Das Bewusstsein, welches de Konditionierung aufgibt, realisiert seine unkonditionierte Natur. Das ist Be- freiung. Mit der Hilfe meiner Anweisungen wird dein Verständnis fest und uner- schütterlich werden, sobald du zu erkennen vermagst, dass das „Ich“ nicht existiert. Die Welt und das „Ich“ existieren nur als Ideen, weder als Tatsachen noch als Realität. Sie hören auf, sobald einer ergründet: „Wer bin ich?“ und „Wie ist diese Welt entstanden?“ Die Realisierung der Nicht-Existenz des „Ich“ ist nirvāņa bzw. Befreiung. Das Licht dieser Erkenntnis zerteilt die Finsternis der Unwissenheit. Daher sollte man bis ans Ende seines Lebens wie folgt Ergründung betreiben: „Wer bin ich?“, „Wie konnte diese Welt entstehen?“, Was ist der jīva bzw. die individuelle Persönlichkeit?“ und „Was ist Leben?“. Die Anweisungen dazu geben die Kenner der Wahrheit. Wenn du dich der Gesellschaft der Kenner der Wahrheit anvertraust, wird das Licht ihrer Selbsterkenntnis die Finsternis der Unwissenheit mitsamt ihrem Gefolge einschließlich des Ich-Sinns vertreiben. Erhalte dir daher ihre Gesellschaft. Suche Zuflucht zu diesen Kennern der Wahrheit in der privaten Zurückge- zogenheit, nicht aber in der Öffentlichkeit. Der Grund ist, dass dein Verständ- nis stocken oder verwirrt werden könnte, wenn du verschiedene Leute ihre verschiedenen Standpunkte zum Ausdruck bringen hörst. Der kluge Mensch sollte sich dem Kenner der Wahrheit privat nähern, die Wahrheit hören und über diese Wahrheit dann kontemplieren. Diese Kontemplation wird dann schließlich die Wolken des konzeptionellen Denkens und der Ideen, die einen Schatten auf das Bewusstsein werfen, zerstreuen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:33 Sobald einer durch Eigenbemühung und mit der Hilfe der Gemeinschaft mit Heiligen Weisheit erlangt hat, hört die Ausbreitung dieser Welterscheinung in seinem Bewusstsein auf. Wenn einer im Bewusstsein auftauchenden Idee eine konträre Idee entgegengehalten wird, wird die erstere einer radikalen Verwandlung unterzogen. Befreiung besteht in der totalen Aufgabe sämtli- cher Konzepte und Ideen. Möglich wird diese totale Aufgabe durch die Aufga- be des Strebens nach Vergnügen. Ideen und Konzepte hören nach und nach 551
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    auf aufzutauchen undsich zu verbreiten, sobald einer sich selbst entschlos- sen davon abhält, in seinem Verstand Worte mit Bedeutungen zu verknüpfen – seien diese Worte nun von anderen geäußert worden oder von allein in seinem Verstand aufgetaucht. Die Aufgabe des Ich-Sinns bedeutet das Aufhören der Unwissenheit – darin und in nichts anderem besteht die Befreiung. Die Wahrnehmung oder Kon- zeptualisierung dieser Welt durch den Verstand führt zum Kummer – ob diese Welt nun existiert oder nicht existiert. Ihre Nicht-Wahrnehmung dage- gen bedeutet Seligkeit. Für alle verkörperten Wesen gibt es zwei Arten von Krankheit: Die erste bezieht sich auf diese Welt und die zweite auf die nächste Welt. Für die im Leben in dieser Welt auftretenden Krankheiten suchen die unwissenden Menschen Abhilfe noch vor dem Ende ihres Lebens zu schaffen. Für das Leben danach und die darin auftretenden Probleme jedoch existieren solche Abhilfemaßnahmen nicht und daher ist das Vertrauen darauf gänzlich nutzlos. Wer nicht in dieser Welt eine Abhilfe für diese schreckenerregende Krankheit namens Unwissenheit gefunden hat, wird sie mit Sicherheit auch dann nicht finden, nachdem er diese Welt verlassen hat. Verschwende daher nicht deine Zeit damit, nichtige Abhilfen für die mit deinem Leben in dieser Welt verknüpften Probleme zu finden. Werde deine mit dem nächsten Leben verbundenen Probleme durch Selbsterkenntnis los. Zeit darf nicht verloren werden, denn das Leben schwindet mit jedem Augenblick dahin. Du wirst keine Zuflucht für deine Probleme finden, wenn du dich nicht selbst aus dem Sumpf des Vergnügens herausziehst. Der Dummkopf, der sich im Vergnügen wälzt, lädt Trauer und Missgeschick ein. So wie sich die Kraft der Männlichkeit bereits in den Taten der Kindheit manifestiert, so beginnt die Fülle der Vollkommenheit (nirvāņa) mit der Stärke der Selbstdisziplin bzw. der Aufgabe des Strebens nach Vergnügen. Der Lebensatem des Kenners der Wahrheit fließt harmonisch darin, während der Lebensatem des Unwis- senden voller Verwirbelungen ist. Die Universen tauchen im unendlichen Bewusstsein wie Blasen auf der Oberfläche des Ozeans auf. Und doch sind sie ununterschieden vom unkondi- tionierten Sein. Brahman befindet sich jenseits aller Beschreibung und besitzt nicht einmal eine „Natur“, die man konzeptualisieren könnte. Daher wäre es unklug zu behaupten, dass die Manifestation der Universen seiner Natur entspringe! Schöpfung, Welt, Bewegung im Bewusstsein usw. sind bloße Worte ohne Substanz. Sobald solche Ideen aufgegeben werden, hören „Welt“ und „ich“ auf zu sein und Bewusstsein allein existiert – rein und unbewegt. Dieses unkonditionierte Bewusstsein allein ist – nichts anderes sonst; nicht einmal die hier gesehene Natur der verschiedenen Objekte. Alle diese Ideen (betreffend die Natur der verschiedenen Objekte) sind Sprösslinge der Ver- blendung. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:34 Was durch Glück oder Unglück im Leben ausgelöscht wird, wird eben da- durch ausgelöscht, aber was nicht ausgelöscht wird, wurde nicht ausgelöscht. 552
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    Dies ist dieEssenz der Unterweisung der Schriften. Wer Wünsche unterhält, unterzieht sich fortwährenden erfreulichen und unerfreulichen Erfahrungen. Wer dagegen von der Qual solcher Erfahrungen frei zu werden wünscht, muss als einziges lediglich die Wünsche loswerden. Es gibt da keine Täuschung im höchsten Selbst, dass das „ich“ und „die Welt“ existiere. Wer hat diese Ausdrücke geschaffen und sie dann der reinen Leerheit, die höchster Friede ist, überlagert. Es gibt weder ein „Ich“ noch die „Welt“ noch auch nur „Brahman“. All dieses sind nur Worte. Die einzige Wirk- lichkeit ist der höchste Friede. Da dies das Alles ist, gibt es weder eine Getrenntheit in ihm noch einen Täter noch einen Erfahrenden. Zum Zweck der Unterweisung werden die Definitionen geprägt. Das ist die einzige Wahr- heit, dass das Selbst und nur das Selbst allein ist! Jedoch wie die Traumerfah- rungen zweier Menschen, die Seite an Seite schlafen, nicht identisch sind und der eine vom anderen nicht zu wissen vermag, was dieser träumt, so bleiben das eigene Verstehen und die innere Erfahrung rein persönlich und einzigar- tig. Gewiss ist es Bewusstsein als das Selbst, welches sich allem im Universum bewusst ist. Daher bin ich dieses Bewusstsein – ich, die Welt und alle Dinge darin sind davon nicht verschieden. Es ist das eine Selbst, welches als das Viele erscheint. Aufgrund von Unwissenheit und der extrem subtilen Natur des Selbst wird es jedoch nicht als solches erkannt. Es ist das Selbst, welches innerhalb von sich selbst dieses Universum sieht, als ob es eine Gestalt hätte, obwohl es in Wahrheit keinerlei Form hat. Sämtliche Unterscheidungen zwi- schen fühlend, nicht-fühlend usw. dienen, obwohl nicht real, lediglich der Unterweisung der Suchenden. Die Idee „ich“ taucht zufällig in Brahman auf (wie die Krähe auf einem Baum landet und zufällig, gleichzeitig und ohne eine kausale Verbindung eine Kokosnuss herunterfällt). In Wahrheit bin ich Brahman, die Welt ist Brahman und es gibt da weder einen Anfang noch ein Ende. Wo sollte daher ein Grund zum Frohlocken oder Trauern sein? Die Dinge erscheinen als fühlend oder nicht-fühlend, weil der Höchste Herr allmächtig ist. In Brahman jedoch gibt es Unterteilungen dieser Art nicht. Diese Schöpfung erscheint als ein Glied des Höchsten Herrn und es scheint da auch eine kausale Verbindung zu geben. Jedoch ist dies nicht wahr, denn in Brahman existiert nichts, auf das man als seine Natur Bezug nehmen könnte. Dualistische Erfahrung ist Bindung und Befreiung deren Aufgabe. Wird eine solche Erfahrung aufgegeben, dann hören sämtliche Getrenntheiten zwischen dem Seher (Subjekt), dem Gesehenen (Objekt), dem Beobachter und dem Beobachteten auf. Die Bewegung im Bewusstsein wird als Schöpfung angese- hen. Sobald diese Bewegung als falsch und inexistent erkannt wurde, gibt es nirvāņa. Brahman ist unkonditioniert und unmodifiziert. Das gesamte Uni- versum ist das absolute Brahman, ohne die geringste Getrenntheit. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:35 553
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    Das unendliche Bewusstsein,oh Rāma, ist überall und scheint daher im Zeitraum eines Augenblinzelns von einem Teil des Universums in den ande- ren zu wandern. Was auch immer die Tätigkeit sei, mit der du befasst bist – verbleibe verankert im unkonditionierten Selbst. Das Kennzeichen der Un- wissenheit besteht darin, dass sie bei der Ergründung bzw. Untersuchung nicht aufgefunden wird. Falls sie gesehen oder beobachtet werden könnte, würde sie zu Wissen werden. Wenn daher also die Unwissenheit nicht exis- tiert, gibt es auch gewiss keinerlei Getrenntheit im Bewusstsein. Brahman allein existiert so als wäre es die Welt; dieses Eine erscheint als geteilt; das Reine erscheint als unrein; das Erfüllte erscheint als Leerheit; das Leere erscheint als Fülle; die Bewegung erscheint als etwas Unbewegtes und umgekehrt das Unmodifizierte als Modifiziertes; das Stille als Ruheloses; die Realität als inexistent; Bewusstsein als leblos; das Selbst als Objekt; das Nicht-Selbst als das Selbst; das Ewige als sterblich; das Unkennbare als Kenn- bares, das Offenbare als verborgen in der Dunkelheit. Obwohl es nichts als Sein ist, ist es schwierig zu erkennen. Das Unendliche ist unkonditioniert und scheint daher an keinem bestimm- ten Ort zu existieren. Es gibt in ihm keine Getrenntheit in der Form des Tä- ters, der Tätigkeit, des Handlungsinstruments und der Ursache. Es existiert als alles überall und immer. Es ist unsichtbar und liegt doch stets offen zuta- ge. In ihm gibt es keine Unterscheidung zwischen Bewusstsein und Leblosig- keit. Ich bin, und ich bin sogar die Idee: „Ich bin nicht“; sollte es etwas ande- res geben, dann bin ich dies auch. Alle diese Universen scheinen im unendlichen Bewusstsein zu existieren, obgleich in ihm keinerlei Erscheinung oder eine Getrenntheit möglich sind. Es ist so, als würde dieses Bewusstsein sich selbst zu sehen wünschen, worauf- hin es dann zu seinem eigenen Spiegel wurde, in dem es sich selbst ohne die geringste Absicht dazu spiegelt. Auf diese Weise wurde das reine Sein zu seiner eigenen, leblosen Reflexion – dem Universum. Das unendliche Be- wusstsein kennt sich selbst als die Welt. In ihm tauchen sämtliche Substanzen und materiellen Schöpfungen auf; sie leuchten in ihm und sie sind in ihm absorbiert. Die ganze Welt ist ein Gemäl- de, während dieses Bewusstsein selbst das reine und farblose Bildnis ist, mit dem die Welt gemalt wurde. Die Objekte scheinen dabei der Schaffung und Zerstörung unterworfen zu sein. Bewusstsein jedoch ist ewiglich und unkon- ditioniert. Obgleich tausende von Welten in diesem Bewusstsein auftauchen, verbleibt es im Frieden, denn es gibt in ihm keinerlei Absicht des Erschaffens; so wie ein Spiegel unberührt von den in ihm auftauchenden Reflexionen bleibt. Dieses unendliche Bewusstsein ist die absichtslose und nicht- willentliche (Nicht)Ursache der Erscheinung dieser und der nächsten Welt. Sobald es seine Augen öffnet, kommt die Welt zum Vorschein, und wenn es sie schließt, verschwindet die Welt. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:36 554
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    So wie dieHalluzination eines Kindes nicht von mir erfahren wird, aber von diesem für wirklich gehalten wird, so gibt es in meinem Bewusstsein auch keinerlei Schöpfung. Da die Gestaltungen, die Sicht und die Intelligenz, die sie erfasst, reines Bewusstsein sind, existiert nur dieses selbst, aber nicht das Universum. Den Ich-Sinn nehme ich nicht wahr – ich erkenne dagegen die Existenz des reinen Bewusstseins bzw. absoluten Friedens. Wisse, dass sogar diese meine Worte reines Bewusstsein sind und dieser Dialog im Feld deines eigenen, reinen Bewusstseins existiert. Der höchste Zustand ist das, worin kein Wunsch auftaucht. Der Weise, der frei vom Wunsch ist, ist hier so tätig, als wäre er aus Holz gemacht. Er erfährt im Innern reine Leerheit und im Außen reine Leerheit – für ihn ist die Welt wie hohles Schilfrohr. Derjenige, der nicht in diese Welt verliebt ist und sein Herz allein am Höchsten Wesen erfreut, ist im Frieden und hat diesen Ozean des saæsāra überquert. Nachdem er Wünsche und latente Neigungen bzw. mentale Konditionierungen überwunden hat, spricht er nur noch, was ge- sprochen werden muss, berührt nur noch, was berührt werden muss, schmeckt die verschiedenen Geschmacksrichtungen, betrachtet die verschie- denen Szenerien und riecht die verschiedenen Düfte. Nur aufgrund des Erkennens der Substanzlosigkeit der Objekte der Erfah- rung geschieht es, dass man frei von der Krankheit der Wünsche wird. Das Auftauchen der Wünsche führt zu Kummer und ihr Aufhören zur höchsten Freude, und zu dieser gibt es nichts Vergleichbares bezüglich der Kummer und Freuden in Himmel oder Hölle. Das Gemüt ist selbst der Wunsch, wäh- rend das Aufhören des Wunsches mokåa (Befreiung) ist, und darin besteht die Essenz aller Schriften. Wenn diese Wünsche nicht durch Eigenbemühung überwunden werden können, werden sie übermächtig werden, und eine andere Art von Abhilfe existiert nicht! Falls du die Wünsche nicht augenblick- lich loswerden kannst, dann beseitige sie Schritt für Schritt und nach und nach. Der Wanderer verzweifelt nicht angesichts der endlosen scheinenden Straße, sondern nimmt seinen Weg, indem er einen Fuß vor den anderen und einen Schritt nach dem nächsten setzt. Die Wünsche selbst sind saæsāra bzw. die Welterscheinung, die nur eine Ausbreitung oder Projektion der eigenen Wünsche ist – das Nicht-Wahrnehmen ihrer bedeutet Befreiung. Daher sollte man eifrig nach der Überwindung der Wünsche streben – alles andere ist wertlos. Weshalb sollte man dabei stehenbleiben, die Schriften zu studieren und die Anweisungen der Lehrer anzuhören? Samādhi ohne ein Aufhören der Wünsche gibt es nicht! Falls jemand meint, eine Überwindung der Wünsche mit der Hilfe seiner eigenen Weisheit sei unmöglich, dann sind auch das Stu- dium der Schriften und die Anweisung des Hauslehrers von keinem Nutzen. Wird diese von den Wünschen hervorgerufene Ruhelosigkeit gebremst, dann wird zur Erlangung der Selbsterkenntnis nur noch sehr wenig Mühe benötigt. Lasst daher alle mit allen verfügbaren Mitteln eifrig nach der Überwindung der Wünsche streben, die der Same für Geburt, Alter und Tod sind. Mit dem Auftauchen der Wünsche taucht auch die Bindung auf – mit dem Aufhören der Wünsche hört die Bindung auf. Lasst daher den Samen der Wünsche im 555
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    eigenen Herzen durchdas Feuer des Friedens, des Gleichmuts und der Selbstbeherrschung zugrunde gehen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:37 Yoga bedeutet, das Gift der Wünsche loszuwerden. Obwohl ich bereits da- rüber gesprochen habe, werde ich dir nun erneut davon sprechen, damit es restlos deutlich werde. Auch wenn du einen Wunsch nach etwas hegen solltest, so gibt es doch stets nichts anderes als das Selbst. Was solltest du also wünschen? Bewusst- sein ist subtil wie der Raum und unteilbar, und das ist selbst auch die Welt. Wie könntest du daher Wünsche haben und wonach? Es gibt keine Objekte, nach denen man Wünsche hegen könnte. Ebenfalls vermögen wir keine Un- terscheidung und Beziehung zwischen dem Gewinn (eines Objekts) und seinem Besitzer zu erkennen. Wie könnte eine irreale Substanz wohl erlangt werden? Hat schon einmal jemand jemals einen schwarzen Mond eingefan- gen? Wenn so die Natur des Gewinns und seines Besitzers klar verstanden wurde, dann verschwinden beide, und wir wissen nicht, wohin! Sobald die Unterscheidung zwischen dem Seher, der Sicht und der Szenerie ebenfalls als inexistent erkannt wurde, versinkt der Ich-Sinn usw. im Selbst bzw. Bewusstsein. In nirvāņa bzw. der Befreiung gibt es weder einen Seher noch eine Sicht noch eine Szenerie – sollte dieses alles existieren, dann wäre es kein nirvāņa. Die illusorische Erscheinung von Objekten stellt keinerlei praktischen Nutzen dar – Perlmutter, das wie Silber aussieht, ist wertlos. Sobald du die Wirklichkeit dieser illusorischen Erscheinung bekräftigst, lädst du das Unglück ein; wird ihre Irrealität dagegen durchschaut, entsteht da großes Glück. Es gibt nicht zwischen zwei Dingen hier die geringste kausale Beziehung, weil nur das eine, unendliche Bewusstsein als einziges real ist. „Ursache“ und „Wirkung“ sind Worte ohne jede Bedeutung. Worin sollte die Ursache der Flüssigkeit des Wassers oder der Bewegung der Luft bestehen? Kummer oder Glück gibt es nicht, da die gesamte Welt nichts als der Höchste Herr ist. Es gibt nichts anderes als das unkonditionierte Bewusstsein. Wie könnten dann Wünsche entstehen? RĀMA fragte: Wenn alles Brahman oder unendliches Bewusstsein ist, dann sind die Wün- sche dies gewiss auch! Wo wäre dann der Sinn von Vorschriften und Verbo- ten? VASIåèHA fuhr fort: Sobald die Wahrheit realisiert wurde, besteht der Wunsch nur noch aus Brahman und aus nichts anderem. Sobald die Selbsterkenntnis bzw. die Er- kenntnis der Wahrheit zum Vorschein kommt, hört in demselben Moment das Wünschen auf, so wie die Finsternis im Moment des Sonnenaufgangs schwin- det. Sobald die Selbsterkenntnis auftaucht, hört zusammen mit den vāsanā bzw. der mentalen Konditionierung das Empfinden von Dualität auf. Wie 556
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    könnte in einemsolchen Zustand noch das Wünschen existieren? Im Men- schen der Selbsterkenntnis gibt es weder eine Ab- noch eine Zuneigung noch einen Wunsch nach Objekten. Die Abwesenheit des Gefallens daran ist für ihn ganz natürlich. VASIåèHA fuhr fort: Falls der Mensch der Selbsterkenntnis überhaupt noch einen Wunsch un- terhalten sollte, dann wäre dies rein zufällig und ursachelos oder geschähe auf Veranlassung anderer. Ein solches Wünschen wäre selbst Brahman. Je- doch ist soviel gewiss: Im weisen Menschen entsteht kein Wünschen. Vor- schriften und Verbote gelten nicht für den Menschen der Selbsterkenntnis. Wer würde wohl Anweisungen jemandem zu erteilen wünschen, in dem sämtliche Wünsche aufgehört haben? Und tatsächlich sind dies auch die Zeichen, an denen man den Kenner der Wahrheit erkennen kann – in diesem sind die Wünsche so gut wie verschwunden; er ist allein hingegeben an das Glück und die Freude aller. Wenn die Wünsche als substanzlos verstanden wurden und das Gefallen am Vergnügen fort ist, tauchen die Wünsche nicht mehr auf – und eben das ist Befreiung. Sobald die erleuchtete Person jenseits der Ideen von Einheit und Dualität gegangen ist, behandelt sie Wunsch und Nicht-Wunsch als ein und dasselbe und als göttlich. Ein solcher Mensch ist frei von der Erregtheit und ruht im Frieden des Höchsten Herrn. Weder ist er am Tun interessiert noch gibt es für ihn irgendetwas dadurch zu gewinnen, dass er sich des Tuns ent- hält. Nichts ist hier noch von Belang: Wunsch oder Nicht-Wunsch, Wahrheit oder Falschheit, Selbst oder anderes, Leben oder Tod. In solch einer Person tauchen Wünsche nicht auf – sollte ein solcher auftauchen, dann ist er Brah- man. Für wen es weder Freude noch Sorge gibt, der im Frieden ruht und inner- lich ruhig ist, der ist erleuchtet. Er ist hinfort sogar fähig, Sorgen in Freude zu verwandeln. Wer fest in der Realisierung der Wahrheit verankert ist, für den ruhen der Raum im Raum, der Friede im Frieden, die Vorzüglichkeit in der Vorzüglichkeit, die Leerheit in der Leerheit, die Welten in Brahman. Der fal- sche Ich-Sinn ist gegangen. Die Welt, die zu sein scheint, ist nicht anders als die Stadt, die in der Einbil- dungskraft von jemandem erscheint. Sie ist eine illusorische Erscheinung. Der Ich-Sinn ist unwirklich, obwohl er als real erscheint. Diese Welterscheinung ist weder real noch irreal – sie unbeschreibbar. Und obwohl es wahr ist, dass der Kenner der Wahrheit nicht vom Wunsch oder Nicht-Wunsch berührt wird, halte ich es für empfehlenswerter zu sagen, dass sogar in seinem Fall Wünsche überhaupt nicht auftauchen. Das Gemüt ist Bewegung im Bewusst- sein, wenn es seiner selbst bewusst wird, und dies ist dann selbst saæsāra und gleichzeitig das Wünschen. Davon frei zu sein ist Befreiung. Wisse dies und lasse die Wünsche fahren. 557
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    In Wahrheit jedochgibt es weder Wunsch noch Nicht-Wunsch, weder eine Schöpfung noch kosmische Auflösung oder einen Verlust von irgend etwas für irgend jemanden hier. Wunsch und Nicht-Wunsch, Wahrheit und Falschheit, Sein und Nicht-Sein, Glück und Unglück sind nichts als Ideen, die im Raum auftauchen, aus denen aber überhaupt nichts entsteht. Und doch wird derje- nige als Kandidat für die Befreiung erachtet, der täglich seine Wünsche ver- ringert und abweist. Kein anderes Mittel in der Welt kann der durch Wünsche im Herzen verursachten schrecklichen Qual abhelfen. VASIåèHA fuhr fort: Keine andere Abhilfe als die Selbsterkenntnis bzw. die Erkenntnis der Wahrheit ist wirksam in der Beseitigung des Wünschens. Es ist sinnlos, dies mit Mitteln erreichen zu wollen, die selbst auf dem Falschen (wie dem Ich- Sinn usw.) basieren. Bewusstsein wird aufgrund des Ich-Sinns scheinbar zu lebloser Materie. So entstehen dann das Gemüt und der Körper. Da es jedoch Bewusstsein ist, erfährt es sich selbst (jetzt als der Körper), ohne dabei seine Wirklichkeit als Bewusstsein aufzugeben. Daher kann diese Schöpfung (der Welt, des Körpers usw.) weder als wahr noch als falsch erachtet werden. Der Planet ist Leerheit, die Berge sind Leerheit, die festen Substanzen sind Leerheit, die Welten sind Leerheit, die Bewegung ist Leerheit und sogar die Erfahrung dieser Schöpfung ist Leerheit. Deshalb taucht diese Welterschei- nung in Wahrheit weder auf noch hört sie auf. In diesem Ozean aus unendli- chem Bewusstsein entstehen alle diese Welten wie Wellen und Wogen – ununterschieden, obwohl als verschieden erscheinend – ohne den geringsten Grund und die kleinste Ursache, und in Wahrheit entstehen sie auch weder noch hören sie jemals auf zu sein. In unendlichen Bewusstsein ist es unmög- lich für ein Objekt, als etwas anderes als unendliches Bewusstsein selbst überhaupt zu erscheinen. Die Yogis bzw. die vollkommenen Wesen verstehen sich darauf, aus der ganzen Welt eine Leerheit zu machen und diese im Zeitraum eines Augen- zwinkerns mit Hilfe des magischen Zaubertranks des Bewusstseins wieder in die Welt zurückzuverwandeln. Es gibt da zahllose solche Welten, die von solchen siddhas (vollkommenen Wesen) im Raum erzeugt worden sind, zahl- lose Schöpfungen, die alle aus nichts als reinem, unendlichen Bewusstsein bestehen. Erleuchtete Yogis können sogar von der einen Schöpfung zur ande- ren reisen. Alle diese Schöpfungen sind nicht unterschieden vom Bewusstsein, wie Duft und Blüte, obgleich sie als unterschieden erscheinen. Ihre Erscheinung im unendlichen Bewusstsein ist rein illusorisch. Da sie mit dem Mittel der Ideen, wie diese in allen Beobachtern erscheinen, wahrgenommen werden, werden sie entsprechend diesen Ideen wahrgenommen. In den Yogis sind diese Ideen jedoch sehr stark vermindert; sie sehen daher die Wahrheit, und ihre Aussagen befinden sich deshalb nahe an der Wahrheit. Im Falle der an- 558
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    deren sind derenErklärungen durch ihre eigenen Ideen bzw. die mentale Konditionierung getrübt. Oh Rāma, die Zeit versetzt die Welt in Drehung und mit ihr zusammen all die fiktiven „ich“, „du“, „sie“, „da“ und „deshalb“. All dieses ist reines, unendli- ches Bewusstsein, das höchster Friede, ungeschaffen und unverderblich, ist. Dies ist der Höchste Herr, das Selbst. Wie und in wem könnten da das Wün- schen und alles andere entstehen? VASIåèHA fuhr fort: VI.2:38 Bewusstsein erblickt innerhalb von sich selbst sein eigenes Selbst, als ob dieses sein eigenes Objekt wäre. Obgleich man die Schöpfung als zweifach betrachtet, nämlich als die durch Brahmā und die durch das eigene Gemüt erzeugte Schöpfung, sind sie doch essenziell ein und dasselbe, da beide aus dem Selbst bzw. dem unendlichen Bewusstsein entspringen. Es ist das dem Bewusstsein inhärente Gewahrsein, welches diese Idee der Schöpfung als außerhalb des Bewusstseins erscheinen lässt. Zwischen dem subjektiven und dem absoluten Idealismus vermögen wir daher keine Differenz zu entdecken. Alle diese verschiedenen Objekte kommen im unendlichen Bewusstsein zum Vorschein, existieren darin und sind von diesem nicht unterschieden. Es geschieht aufgrund dieser Wahrheit, dass die Erfahrung dieser verschiedenen Objekte entsteht. Da sowohl das Subjekt als auch das Objekt der Erfahrung Bewusstsein sind, vermischt sich das Objekt mit dem Subjekt wie Wasser mit Wasser. Dann entsteht daraus die Erfahrung. Wäre dem nicht so, könnte es, wie zwischen zwei Stücken Holz, auch keinerlei Erfahrung geben. Im Objekt existieren die verschiedenen Elemente (Erde, Wasser usw.). Im Subjekt exis- tieren die Lebenskraft, das Gemüt, der jīva usw. Jedoch sind diese nicht reines Bewusstsein, sondern die Erscheinungen, die im Bewusstsein auftreten. In Wahrheit sind sie daher unwirklich. Da das Unwirkliche nicht real sein kann, ist es klar, dass die Realität bzw. das unendliche Bewusstsein bzw. Brahman als einziges existiert. Wenn der Traum der Person, die neben dir schläft, endet und der Schläfer erwacht, verlierst du nichts. Für denjenigen, der sich jenseits des Ich-Sinns begeben hat, ist das gesamte Universum weniger wert als ein Grashalm. Eine solche Person ist durch nichts in den drei Welten verführbar – für sie ist sogar der Rang der Götter so bedeutungslos wie ein Haar. Für diese sind Dualität und Vielfalt unwirklich und falsch. Wie könnte ein Wunsch in den Herzen der weisen Menschen auftauchen, wenn doch das gesamte Universum in ihren Augen leer ist? Für sie gibt es nicht einmal einen Unterschied zwischen Leben und Tod. Eine Untersuchung zeigt, dass sogar der Körper usw. unwirklich und falsch ist. Wenn dann auch noch das Gemüt durch Aufhören der Ideenbildungen über Körper und Welt aufgehört hat, bleibt als einziges das Selbst bzw. unendliches Bewusstsein zurück. 559
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    Der Ich-Sinn tauchtnur in der Abwesenheit einer solchen Ergründung der Natur der Wahrheit auf. Sobald man diese ergründet, hört der Ich-Sinn auf und dann ist da reines, unendliches Bewusstsein. Der Verstand wird frei von der Objektifizierung. Das tägliche Leben wird in göttliches Leben verwandelt. Verbleibe, wunschlos und frei von der Verblendung, in der Selbsterkenntnis verankert. Da es nun keine fremden Beweggründe in dir mehr gibt, werden die Schriften dich in deinem rechten Betragen führen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:39 In wem der Schleier der Unwissenheit zerrissen und die Wünsche aufge- hört haben, der strahlt mit dem Licht der reinen Intelligenz. Alle seine Zweifel sind an ein Ende gelangt und alles um ihn herum beleuchtet er. Wer mit ihm, der frei vom Zweifel und unabhängig (frei von aller Abhängigkeit) ist, in Ver- bindung tritt, erfährt ebenfalls Reinigung und Erleuchtung. Die Idee der Realität der Objekte dieser Welt entsteht nur in der Unwissen- heit. Wie könnten noch Wünsche nach Objekten entstehen, wenn doch er- kannt wurde, dass sie unwirklich sind? Auch „Schöpfung“ und „Befreiung“ sind nur Worte ohne Bedeutung. Diese Welt ist Bewusstsein – wenn dies nicht so wäre, wären weder „ich“ noch „das“ überhaupt wahrnehmbar. Echter Friede wird dann erlangt, wenn man keinen Ich-Sinn mitsamt sei- nem Gefolge einschließlich des Kummers mehr wahrnimmt. Im Tiefschlaf gibt es keine Träume, während der Zustand des Tiefschlafs wiederum wäh- rend des Träumens nicht erfahren wird. Auf dieselbe Weise existieren die Wahrnehmungen des Ich-Sinns, des Kummers (geboren aus der Idee der Welterscheinung) und des Friedens (geboren aus nirvāņa) nicht gleichzeitig. All dieses sind nur Ideen – in Wahrheit gibt es da weder Schöpfung noch nirvāņa, weder Schlaf noch Träume. Wird all dieses zurückgewiesen, entsteht der echte Friede. Verwirrung und Verblendung sind irreal – das Irreale existiert nicht. Was während der Untersuchung realisiert wird, ist die eigene, wahre Natur, die als einziges existiert und keinerlei Vielfalt enthält. Bewegt man sich von der eigenen, wahren Natur fort, entsteht großer Kummer – gelangt man im Selbst zur Ruhe, dann gibt es da einen großen Frieden und Selbstbeherrschung. Die Elemente (Sinne und Gemüt usw.) agieren immer nur mit der Hilfe ihrer eigenen Gegenstücke (Licht, Raum usw.) Das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein tut nichts und ist an Aktivitäten nicht beteiligt. Diejenigen, die diese Welt als real ansehen, besitzen keine Selbsterkenntnis und für sie sind Leute wie wir „unwirklich“. In mir ist reines Gewahrsein des einen, kosmi- schen Bewusstseins, in dem sogar die Aktivitäten der Welt nicht als unter- schieden von ihm erscheinen, sondern nur wie die Bewegung des Windes, die nicht unterschieden vom Wind ist. Ihr Verstand sieht meinen Körper als real an, jedoch für meine erleuchtete Intelligenz ist ihre physische Existenz wie für eine schlafende Person nur unwirklich. Meine Beziehung mit ihnen ist Brahman und existiert in Brahman. Welche auch immer ihre Sichtweise sein mag – lasst sie dabei bleiben; für mich ist dies kein Problem. Da alles dieses 560
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    von Brahman durchdrungenist, existiere ich nicht als „ich“. Sogar diese Worte entstehen einzig und allein nur zum Zwecke deines besseren Verständnisses. Im Herzen eines solchen Kenners der Wahrheit gibt es weder Wünsche nach Vergnügen noch nach Befreiung. Weder Befreiung noch Wohlstand usw. sind für denjenigen von irgendeinem Nutzen, der in der Erkenntnis des „weder bin ich noch diese Welt“ verankert ist. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:40, 41 Oh Rāma, das nennt man das Selbst (svarÆpaæ), welches die äußeren Ge- staltungen und die inneren psychologischen Zustände kennt. Wenn das Nicht- Selbst geschwächt ist und die Selbst-Natur sich durchsetzt, dann wird die Welt im Licht dessen als nichts als eine bloße Erfahrung erkannt. Wer voll im Selbst verankert ist, für den hört diese Welterscheinung auf wie ein Traum während des Tiefschlafs. Man sollte stets im Selbst ruhen, wissend, dass Vergnügen nur grauenhafte Krankheiten, Verwandte nur Bindung und Wohlstand (artha) nur Quelle des Unglücks (anartha) sind. Das Nicht-Selbst ist saæsāra – ruhen im Selbst ist das Höchste Gute. Daher sollte man wie die Leerheit des Bewusstseins immer nur man selbst sein. Ich bin weder das Selbst noch die Objekte noch die Welt- erscheinung – ich bin Brahman, der höchste Friede, in den ich eingetreten bin. Nur du bist des „du“ gewahr – ich selbst sehe nichts als den höchsten Frieden. Das Brahman-Bewusstsein weiß nichts vom Schöpfer-Bewusstsein und vice versa, so wie der Träumer nichts vom Tiefschlafzustand weiß und der Schlafende wiederum nicht den Traumzustand erfährt. Die erleuchtete Person sieht sowohl Brahman als auch die Welt als die Wach- und Traumzu- stände an. Daher kennt sie all dieses als das, was es ist. So gewiss die Tatsache ist, dass es im Sonnenlicht Beleuchtung gibt, so ist es gewiss, dass es in der Erfahrung der Wesenlosigkeit der weltlichen Objekte spirituelles Erwachen gibt. Die einzige Wirklichkeit hier besteht darin, dass die höchste Essenz des kosmischen Bewusstseins in jedem Atom des Seins tanzt. Wer könnte wohl das Unmessbare des Seins messen oder das Unendli- che zählen? Dieser köstliche kosmische Tanz, der sich vor deinen Augen, oh Rāma, abspielt, ist nichts als das Spiel des kosmischen Bewusstseins. Die schlafende Person, die nicht im Tiefschlaf weilt, wird das Feld für das Spiel der Träume. Auf dieselbe Weise wird das Selbst, welches nicht in der Selbst- erkenntnis weilt, scheinbar zum Samen dieser Welterscheinung. Kontemplie- re über das Selbst und lebe im Wachzustand wie im festen Schlaf, frei von psychologischer Verwirrung. Wer spirituell erwacht ist und in einem Wachzustand lebt, der dem Tief- schlaf ähnelt, dessen Zustand, in dem er sich befindet, wird svabhÃva (Selbst- Natur) genannt. Dieser Zustand führt zur Befreiung. Wer in Brahman veran- kert ist und keinerlei Unterschied zwischen Brahman und der „Welt“ sieht, lebt gleichzeitig auch in dieser Welt, ohne einen Unterschied zwischen Sub- jekt, Objekt und Prädikat zu machen und ist deshalb frei vom Empfinden der 561
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    Täterschaft. In seinenAugen erscheint alles als das, was es ist, und es gibt da weder Einheit noch Vielfalt. Eine eingebildete Stadt ist eine Einbildung, keine Stadt. Diese Welterschei- nung ist eine Erscheinung, nicht aber die Welt. Die Wirklichkeit ist unendli- ches Bewusstsein bzw. Brahman. VASIåèHA fuhr fort: Die Welterscheinung tritt in der Unwissenheit auf und Weisheit setzt ihr ein VI.2:42 Ende. Für die Realität ist jedoch all dieses bedeutungslos, denn weder taucht sie auf noch vergeht sie. Diese Realität ist das unteilbare, unendliche Be- wusstsein, außer dem nichts sonst ist. Dieses scheint innerhalb von sich selbst Polarisierungen unterworfen zu sein und sich so seiner selbst als sein eigenes Objekt bewusst zu werden. Daraus entstehen sodann Getrenntheit und ein Teilwissen, welches selbst Unwissenheit ist. Ein solches Gewahrsein ist dem Bewusstsein inhärent, aber selbst nicht unterschieden vom Bewusst- sein. Die Unterscheidung zwischen der Welt und ihrem Höchsten Herrn ist ver- bal und falsch. Im unteilbaren, unendlichen Bewusstsein wäre keine solche Unterscheidung sinnvoll. Aufgrund der illusorischen Wahrnehmung von Raum und Zeit erscheint irgendwann und irgendwo Gold als ein Schmuck- stück – auf dieselbe Weise tritt die Idee einer Schöpfung im Bewusstsein auf. Wenn dann also die Dualität inexistent ist, wird auch die Ergründung der kausalen Beziehung zwischen dem Schöpfer und seiner Schöpfung sinnlos. Wenn das, was existiert, als das erkannt ist, was es ist (d.h., als das unteilba- re Bewusstsein), hört die Welterscheinung auf. Verbleibe fest wie ein Fels in der Erkenntnis dieser Wahrheit verankert, während du hier weiter wie ein intelligentes Lebewesen tätig bist. Verehre das Selbst, welches der Höchste Herr ist, mit all deinen natürlichen Tätigkeiten und Erfahrungen einschließ- lich deiner Weisheit. Wenn das Selbst mit diesen Mitteln verehrt wird, ver- leiht es dir unverzüglich die Gnade der spirituellen Entfaltung, die im Ver- gleich damit die Verehrung von Göttern wie Rudra und Viåņu wertlos macht. Das Selbst, welches der Höchste Herr ist, schenkt sofort mokåa bzw. endgülti- ge Befreiung, sobald es mit der Ergründung in die Natur des Selbst, mit Selbstbeherrschung und satsaÇga (Gemeinschaft mit Weisen) verehrt wird. Erkenntnis der Wirklichkeit ist die beste Form der Verehrung. Da der Höchste Herr als das Selbst existiert, wäre die Verehrung von anderem nur die Tat eines Narren. Man sagt, dass die Verehrung der Götter, Pilgerfahrten, Askesepraktiken usw. ihren Segen gewähren, wenn sie mit Weisheit bzw. viveka ausgeübt werden. Gewiss ist es die Weisheit, die in all diesem die eigentliche Kraft ausmacht. Ist es dann nicht ausreichend, das Selbst mit viveka allein zu verehren? Werde mit der Hilfe dieser Weisheit das Körper- bewusstsein und zusammen mit diesem die Scham, die Furcht, die Verzweif- lung, Vergnügen und Schmerz los. Weisheit enthüllt Bewusstsein als das Selbst, aber in der Abwesenheit von Objekten wie dem Körper usw. tritt die- 562
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    ses Bewusstsein inden höchsten Frieden ein, der unbeschreibbar ist. Ihn zu beschreiben bedeutet ihn zu zerstören. Und sich mit dem aus den Schriften gewonnenen Wissen zufriedenzugeben und sich selbst dann noch für er- leuchtet zu halten ist nur wie die nichtige Einbildung eines Blindgeborenen. Erleuchtung, die jenseits jeder Beschreibung ist, entsteht dann, wenn die Unwirklichkeit der Objekte verstanden und erkannt wurde, dass dieses Be- wusstsein kein Objekt der Erkenntnis sein kann. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:43 Die Merkmale desjenigen, der frei vom Fieber der Unwissenheit ist und dessen Herz aufgrund der Selbsterkenntnis ruhig und kühl bleibt, besteht darin, dass dieser nicht vom Vergnügen verführbar ist. Genug mit all diesem Reden über Erkenntnis und Weisheit, die nur Worte und durch diese Worte hervorgerufene Ideen ohne eigene Wahrheit sind. Nirvāņa bzw. Befreiung besteht in der Nicht-Erfahrung des Ich-Sinns. Lasst uns diese Wahrheit klar verstehen. So wie der erwachte Mensch keinerlei Nutzen aus den Objekten zieht, die er während des Träumens erblickt hat, so erlangen wir durch die in dieser Welt- erscheinung erblickten Objekten keine Freude. Alle diese vierzehn Welten tauchen in der Finsternis der Unwissenheit und Verblendung so auf, wie Vampire und Kobolde im finsteren Wald auftauchen. Sobald die Wahrheit ergründet wurde, verschwindet der Kobold auf Nimmerwiedersehen, und wenn die Wahrheit bezüglich dieser vierzehn Welten ergründet wurde, wer- den sie nur noch als reines Bewusstsein gesehen. Die Objekte existieren ge- wiss nicht unabhängig voneinander und sind folglich unwirklich; sie sind von Bewusstsein durchdrungen, das das Subjekt ist. Da es jedoch keinerlei Objekt in Beziehung zu Bewusstsein, das man als das Subjekt bezeichnen könnte, gibt, kann auch das letztere als inexistent bezüglich seines Subjekt-seins bezeichnet werden. Da existiert etwas, was nicht beschrieben werden kann. Verbleibe als das reine Bewusstsein. Trinke von der Essenz der Selbster- kenntnis. Ruhe frei von allen Zweifeln im Garten von nirvāņa bzw. der Befrei- ung. Weshalb, oh Mensch, durchstreifst du diesen Wald des saæsāra, der leer von jeder Wesenhaftigkeit ist? Oh ihr getäuschten Menschen – lauft nicht dieser Luftspiegelung namens Hoffnung und Wunsch nach Glück in dieser Welt hinterher! Vergnügen enden in Missvergnügen. Weshalb seht ihr nicht, dass diese nichts als Quellen eurer eigenen Zerstörung sind? Lasst euch von dieser illusorischen Welterscheinung nicht täuschen. Gewahrt diese Täu- schung und ergründet sie. Dann werdet ihr in eurem eigenen Selbst ruhen, das anfanglos und endlos ist. Der Unwissende betrachtet dieses saæsāra als real. In Wahrheit jedoch existiert es überhaupt nicht. Was nach der Zurückweisung dieser Erschei- nung noch existiert, ist die eigentliche Wahrheit. Jedoch besitzt sie keinen Namen! Brich wie der Löwe aus dem Käfig der Unwissenheit aus und gehe jenseits von allem. Die Ideen von „ich“ und „mein“ aufzugeben, darin besteht die Befreiung und in nichts anderem. Befreiung ist Friede. Befreiung ist die 563
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    Auslöschung aller Konditionierung.Befreiung ist Freiheit von allen Arten physischer, psychologischer und psychischer Qual. Diese Welt wird vom Unwissenden und vom Weisen nicht auf dieselbe Art gesehen. Für denjenigen, der Selbsterkenntnis erlangt hat, erscheint diese Welt nicht als saæsāra, sondern als das eine unendliche und unteilbare Be- wusstsein. Der Mensch der Selbsterkenntnis ist zu dem erwacht, was für den Unwissenden inexistent ist. Was für den letzteren real ist, ist für den Erleuch- teten inexistent. VASIåèHA fuhr fort: Der Kenner der Wahrheit erfährt die Welt so, wie der Blindgeborene die Welt in seinen Träumen „sieht“ und im Tiefschlaf nicht sieht. Sein Herz und sein Gemüt sind kühl, da die Feuer der Wünsche in ihnen ausgelöscht sind. Da das Gemüt des Kenners der Wahrheit frei von der Anziehung ist, befindet es sich in einem Zustand vollkommenen Gleichgewicht; sogar dann, wenn dieser gerade nicht „Meditation“ praktizieren sollte. Dies geschieht auf dieselbe Weise wie die Wasser eines Teichs ungerührt bleiben, solange sie nicht abge- lassen werden. Das Objekt ist (veräußerlichte) mentale Aktivität, während mentale Aktivi- tät der vom Objekt in der Intelligenz hinterlassene Eindruck ist. So wie in verschiedenen Flüssen mit verschiedenen Namen dieselben Wasser gen Ozean fließen, so ist dasselbe Bewusstsein sowohl die verschiedenen Objekte als auch die dazugehörige mentale Tätigkeit. Objekt und Gemüt sind daher nicht unterschieden voneinander. Sobald eines von beiden verschwindet, hören beide auf. Beide sind wesenlos. Daher entsteht Friede, sobald sie auf- hören. Der Kenner der Wahrheit gibt beide auf und verliert dadurch über- haupt nichts. Was ist, IST das unendliche Bewusstsein. Für den Menschen der Selbsterkenntnis sind die Dinge, die der unwissende Mensch für real hält (Zeit, Raum, Materie usw.), inexistent. Wie es in den Augen eines tapferen Mannes keine Kobolde gibt, so gibt es in den Augen des weisen Menschen keine Welt. Für den unwissenden Menschen jedoch ist sogar der Kenner der Wahrheit unwissend. Oh Rāma, lass dich nicht in die Ideen der Materialität und des Gemüts ver- stricken, da sie falsch sind. Ruhe in deinem eigenen Selbst. Dieses ist nichts als Bewusstsein, das wie der Same, welcher sich in die verschiedenen Teile des Baumes auswächst, all diese unterschiedlichen „Formen“ angenommen hat. Sobald diese Objekte fallengelassen werden, verbleibt das Unbeschreibbare (Bewusstsein), denn es „Bewusstsein“ zu nennen bedeutet schon, es zu begrenzen. Materie und Gemüt sind identisch – beide sind falsch. Durch diese falsche Erscheinung wirst du geblendet. Selbsterkenntnis wird diese Verblendung zerstreuen. Selbsterkenntnis und Aufhören der Welterscheinung sind beide die Kennzeichen der Weisheit (bodham bzw. Erwachen). Der Ich-Sinn, der auftaucht, solange die Wünsche nicht ausgelöscht sind, führt zum Kummer. 564
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    Von den Wurzelab aufwärts ist der gesamte Baum mit all seinen Ästen, Blättern, Blüten und Früchten nichts als ein und derselbe Baum. Auf dieselbe Weise ist Bewusstsein allein alles, unteilbar und unmodifiziert. So wie Butter aufgrund ihrer eigentlichen Natur durch Einfrieren hart wie Stein wird, so ist die Materie „eingefrorenes“ Bewusstsein. Im unendlichen und unmodifizierten bzw. unkonditionierten Bewusstsein jedoch sind solche Modifikationen unmöglich, denn die Konditionierung beruht auf falschen Ideen. Im Herzen desjenigen, der Selbsterkenntnis besitzt und frei von Ver- blendung und Ich-Sinn ist, schmilzt sie dahin. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:44 Ich werde nun den Baum beschreiben, den man samÃdhÃna (Gleichmut) nennt und der in dem Wald wächst, den man als das Herz des Weisen kennt. Sein Same besteht in der Abwendung von der „Welt“, sei diese nun auf na- türliche Weise oder durch Erfahrungen von Kummer entstanden. Das Gemüt ist wie ein Acker. Gepflügt wird er durch rechte Handlungen, Tag und Nacht gewässert durch rechtes Empfinden, gedüngt durch die Praxis des prÃïÃyÃma. Auf diesen Acker namens Gemüt fällt der Same namens samÃdhi (Abwenden von der Welt) von selbst und aus eigenem Antrieb, sobald man allein im Wald der Weisheit ist. Der weise Mensch sollte beständig nach der Pflege dieses Samens der Meditation streben, der mit Hilfe von intelligenten Methoden gewässert und gedüngt wird. Man sollte stets nach der Gemeinschaft mit den Weisen verlangen, die deine wahren Freunde und Wohlgesinnten sind und rein und freundlich sind. Dann sollte man den Samen des samÃdhi bzw. der Meditation mit den Mitteln des Anhörens, Nachdenkens und Kontemplierens der Schriften wässern, was schließlich die vollkommene innere Leerheit hervorbringen wird, die voller Weisheit ist, rein und kühl wie Nektar. Sei dieses kostbaren Samens der Medi- tation bzw. samÃdhi gewahr, der auf den Acker des Gemüts gefallen ist. Der weise Mensch sollte diesen sorgfältig hegen und pflegen und mit den Mitteln der Entsagung, der Wohltätigkeit usw. nähren. Sobald dieser Same zu sprießen beginnt, sollte er unter den Schutz des Friedens und der Zufriedenheit gestellt werden. Gleichzeitig muss er mit der Hilfe der Selbstgenügsamkeit gegen die gefräßigen Vögel der Wünsche, der Anhänglichkeit an die Familie, des Stolzes und der Gier usw. verteidigt wer- den. Mit dem Besen der rechten und liebenden Handlung muss schließlich noch der Schmutz der rÃjasischen Ruhelosigkeit hinweggefegt werden, wäh- rend man gleichzeitig die Finsternis der tÃmasischen Unwissenheit mit dem Licht des rechten Verständnisses vertreibt. Die Gewitter des Besitzstolzes und die Donnerstürme des Verlangens nach Vergnügen werden versuchen, diesen Acker zu peitschen und zu verwüsten. Verhindert werden sollte dies mit dem Dreizack des Edelmuts, des Mitge- fühls, japa (religiöses Singen), Entsagungspraktiken, Selbstbeherrschung und Kontemplation der Bedeutung von praïava (OM). 565
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    Wenn der Sameauf diese Weise behütet wurde, keimt und sprießt er in Weisheit hinein. Durch ihn wird der ganze Acker des Gemüts herrlich zu strahlen beginnen. Der Spross bildet sodann zwei Blätter aus: Das eine nennt man das Studium der Schriften und das andere satsaÇga (Gemeinschaft mit Menschen der Weisheit). Schon bald wird dieser Keimling aus dem Saft na- mens Leidenschaftslosigkeit oder Vorurteilsfreiheit des Gemüts die feste Rinde der Zufriedenheit ausbilden. Genährt durch den Regen der Weisheit der Schriften wird er schnell zu einem Baum heranwachsen. Dieser kann selbst dann nicht mehr so leicht schwankend gemacht werden, falls er von den Affen des rāga-dveåa (Anziehung und Abstoßung) geschüttelt werden sollte. Er bildet sodann die weit und breit ausladenden Äste der reinen Er- kenntnis aus. Weitere Äste und Zweige dieses Baumes, die wachsen, sobald jemand vollständig in dhyāna bzw. Meditation verankert ist, sind die Klarheit der Sichtweise, Wahrhaftigkeit, Tapferkeit, ungetrübtes Verstehen, Gleichmut, Friede, Freundlichkeit, Mitgefühl, ein guter Ruf usw. VASIåèHA fuhr fort: Der Baum der Meditation wirft einen kühlen Schatten, in dem sämtliche Wünsche und Verlangen an ein Ende gelangen und all die brennende Qual aufhört. Meditation erweitert noch den Schatten um die Selbstbeherrschung, die wiederum die Stetigkeit des Gemüts fördert. Unter diesem Baum sucht ein Hirschtier namens Gemüt, das in der Wildnis zahlloser Konzepte, Ideen und Vorurteile umhergewandert ist, bis es irgend- wann den richtigen Weg gefunden hat, seine Zuflucht. Dieses Hirschtier wur- de von seinen zahllosen Feinden verfolgt, die eifrig seinen Zufluchtsort zu wissen trachteten. Es verbarg sich selbst in den Dornbüschen des Körper in dem Versuch, sich zu retten. Alle seine Bemühungen jedoch erschöpften nur seine Kräfte. Hin und her hastend in diesem Wald des saæsāra, belästigt von den Winden der vāsanās bzw. latenten Neigungen und gebrannt von der Hitze des Ich-Sinns war das Hirschtier unsagbarer und nicht endender Qual unter- worfen. Dieses Hirschtier ist gar nicht leicht zufriedenzustellen mit dem, was man ihm gibt. Sein Verlangen verdoppelt sich nur noch und es erweitert seine Suche nach Befriedigung dieses Verlangens ständig. Es wird anhänglich an die Zentren der vielen Vergnügen wie Frau, Kinder usw. und erschöpft sich in seinem steten Wunsche nach ihrer Nähe. Gefangen ist es im Netz des Wohl- stands usw. und kämpft verzweifelt, um sich selbst frei zu machen. Im Verlau- fe dieses Kampfes fällt und fällt es wieder und wieder und verletzt sich dabei. Vom Strom des Verlangens getrieben wird es weit, weit davongetragen. Ver- folgt und gejagt wird es von unzählbaren Leiden und Unpässlichkeiten. In die Falle gelockt wird es von den verschiedenen Sinneserfahrungen. Von seinen abwechselnden Aufstiegen in die Himmelsregionen und den nachfolgenden Stürzen in die Höllen wird es verwirrt und irregeführt. Zermalmt und ver- wundet wird es von den Steinen und Felsen namens mentale Modifikationen und sündhafte Eigenschaften. Um dem zu entkommen, beschwört es intellek- 566
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    tuell inständig allseine verbliebenen Restbestände sinnvollen und ehrenwer- ten Betragens herauf, die sich jedoch als wirkungslos erweisen. Eine Kenntnis des Selbst bzw. des unendlichen Bewusstseins hat es nicht. Dieses als Gemüt bekannte Hirschtier ist ahnungslos und unbewusst ge- genüber den von der Schlange namens weltliche Vergnügen und Verlangen nach Vergnügen verströmten Giften. Verbrannt wird es von den Feuern des Zorns. Ausgedörrt wird es von den Ängsten und Sorgen. Verfolgt wird es vom Tiger namens Armut. Es stürzt rettungslos in die Grube namens Anhaftung und sein Herz wird durch den Misserfolg seiner eigenen Anmaßung gebro- chen. Auf einer gewissen Stufe dann wendet sich das Hirschtier von all dem ab und sucht Zuflucht bei dem bereits beschriebenen Baum (der Baum der Me- ditation), wo es dann prächtig gedeiht. Höchster Friede oder Seligkeit wird in keinem anderen Zustand als in dem unkonditionierten Zustand des Bewusst- seins erlangt, und erlangt wird dieser wiederum nur im Schatten des Baumes namens samÃdhi bzw. Meditation. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:45 Nachdem das Hirschtier (Gemüt) also Ruhe gefunden hat, nimmt es sein Wohlgefallen an diesem Ort und sucht nicht mehr anderswo hinzugehen. Nach einiger Zeit beginnt dann der Baum namens Meditation bzw. samÃdhi seine Früchte zu tragen, die in der Enthüllung des höchsten Selbst bestehen. Das Hirschtier-Gemüt gewahrt diese Frucht oberhalb von sich auf dem Baum der Meditation. Es gibt daraufhin sämtliche anderen Ziele und Zwecke auf und erklettert diesen Baum, um von seinen Früchten zu kosten. Auf den Baum gestiegen, lässt das Hirschtier-Gemüt die weltlichen Gedankenmuster fallen und erwägt nie wieder eine Rückkehr in das niedere Leben. Wie die Schlange ihre Haut abwirft, so verlässt auch das Hirschtier-Gemüt seine frü- heren Gewohnheiten, um den Baum der Meditation erklimmen zu können. Immer beim Auftauchen einer Erinnerung an seine Vergangenheit lacht es laut und spricht zu sich selbst: „Wie konnte es nur geschehen, dass ich ein solcher Narr gewesen bin?!“ Nachdem es die Gier usw. abgelegt hat, ruht es dann auf diesem Baum wie ein Eroberer. Sein Verlangen lässt Tag um Tag nach. Weder geht es dem aus dem Weg, was ungesucht zu ihm kommt, noch verlangt es nach etwas, was es nur mit Mühe bekommen könnte. Es umgibt sich selbst mit dem Wissen der Schriften, die vom unendlichen Bewusstsein bzw. unkonditionierten Sein handeln. In seinem Innern gewahrt es klar seine eigenen vergangenen Zustände der Unwissenheit, und es lacht darüber. Es gewahrt seine Frau und Kinder usw. und lacht über sie, als wären sie Verwandte aus einem früheren Leben oder in einem Traum wahrgenommene Leute. Sämtliche Aktivitäten, wie diese auf Anhaftung und Feindschaft, Furcht und Eitelkeit, Stolz und Verblendung gründen, erscheinen ihm nun wie reine Schauspielerei. Beim Betrachten der vorübergehenden Erfahrungen in dieser Welt lacht es spöttisch – wissend, dass alle diese nur wie die Erfahrungen eines Irren sind. 567
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    Das Hirschtier-Gemüt, verankertin diesem außergewöhnlichen Zustand, unterhält keinerlei Ängste oder Sorgen bezüglich Frau, Kinder usw. mehr. In seiner erleuchteten Sichtweise gewahrt es das, was als einziges ist (die Reali- tät) und in dem ist, was als einziges ist (das Unendliche). In dieser Sichtweise gesammelt erklimmt es den Baum des samÃdhi noch weiter. Nun frohlockt es sogar in dem, was es zuvor als Missgeschick betrachtet hatte. Mit den nötigen Aktivitäten befasst es sich, als wäre es gerade zu dem Zweck erwacht, nur diese Arbeit zu tun, um sich danach wieder in die Meditation zu begeben. Auf natürliche Weise strebt es danach, alle Zeit im Zustand des samÃdhi zu ver- bleiben. Es ist völlig frei vom Ich-Sinn, erscheint aber so, als würde es wie andere, mit denen zusammen es atmet, ein Leben im Ich-Sinn führen. Auch wenn Vergnügen dieser Art ungesucht auf es zukommen, empfindet es für sie keinerlei Begeisterung, denn sein Herz wendet sich auf natürliche Weise von allen Vergnügungen ab. Es ist erfüllt. Für die weltlichen Ziele und Zwecke stellt es sich schlafend. Wer weiß schon, in welchem Zustand es lebt? Näher und näher wird es zur edlen Frucht von mokåa bzw. Befreiung gezogen. Zu- letzt wirft es sogar noch die buddhi bzw. den Intellekt ab und betritt das unkonditionierte Bewusstsein. VASIåèHA fuhr fort: Man nennt das die Erlangung des Höchsten, wenn man in diesem die Ideen der Existenz von Objekten verlassen hat und in diesem als im eigenen, reinen Selbst ruht. Wenn alle Getrenntheiten beiseite gelegt wurden, verbleibt als einziges nur das unteilbare Eine. Es ist rein, anfanglos und endlos. Dies nennt man Brahman. Wer die Wünsche nach Reichtum, Frau und weltlichen Objek- ten aufgegeben hat, ruht im höchsten Selbst. Wenn sogar die Getrenntheit zwischen dem Gemüt und dem unendlichen Bewusstsein fortgefallen ist, versinken sämtliche Getrenntheiten im Nichts. Danach existiert man im höchsten Wesen so wie das noch nicht herausgehauene Bildnis im Marmor- block existiert. Die unwissende Person vermag weder zu meditieren noch ist dies für sie überhaupt wünschenswert. Die erleuchtete Person ist bereits im Selbst ver- ankert! Dieser ist eine erleuchtete Person, der völlig desinteressiert an den Objekten der Wahrnehmung ist, was für eine unwissende Person unmöglich wäre. Wenn das Gewahrsein des Objekts als reines Bewusstsein, das ewiglich ist, verstanden wird, nennt man dies samÃdhÃna, den Zustand des Gleich- muts. Wenn das Subjekt und Objekt miteinander verschmelzen, spricht man vom Gemüt als im Zustand von samÃdhÃna befindlich. Im Selbst zu ruhen beinhaltet das Desinteresse des Selbst an den Objekten. Dagegen besteht Unwissenheit in der Hinwendung des Selbst zu den Objekten. Gewiss findet eine solche Hinwendung nur im Unwissenden statt, denn keiner, der jemals Nektar gekostet hat, interessiert sich noch für bitter schmeckende Dinge. Im Falle des Weisen wurde die Meditation daher mühelos und natürlich. Wenn es kein Verlangen gibt, wird das Selbst niemals aufgegeben. Bzw. wenn das Gemüt sich so erweitert, dass es das gesamte Universum umfasst, wird das 568
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    Selbst ebenfalls niemalsaufgegeben. Soviel ist gewiss: Solange man die Selbsterkenntnis nicht erlangt hat, ist das Streben nach samÃdhi erforderlich. Wer im samÃdhi verankert ist, ist Brahman in menschlicher Gestalt. Grüße an ihn! Sobald da ein Desinteresse an Objekten ist, können nicht einmal mehr die Götter die eigene Meditation stören. Daher sollte man unerschütterliche Meditation (vajra-dhyÃnam) kultivieren. Die Mittel dafür sind 1. die Schriften, 2. die Gemeinschaft mit Heiligen und 3. die Meditation. So wenig wie man sein Frösteln durch Sitzen in der Nähe eines gemalten Feuers beseitigen kann, so wird auch die Unwissenheit nicht durch Halbwissen beseitigt. Der Unwissende betrachtet die Welt als physische Realität, der Weise betrachtet sie als Bewusstsein. Für den Weisen gibt es weder einen Ich-Sinn noch die Welt. Seine Sichtweise der Welt ist auf eine unbeschreibbare Weise nur wun- derbar zu nennen. Für den Unwissenden besteht die Welt wie aus dürrem Holz und Steinen. Wer erleuchtet ist, betrachtet die Welt als das eine Selbst, während der Unwissende sie dagegen nicht als das eine Selbst zu sehen ver- mag. Der Unwissende ergeht sich in endlosen Argumenten. Der Erleuchtete ist mit allen von freundlichem Umgang. Der natürliche Zustand, der in und während der Zustände von Wachen, Träumen und Tiefschlaf existiert, ist turīya bzw. samÃdhi. Das Gemüt dagegen ist nichts als Konditionierung, die bei Ergründung aufhört zu sein. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:46 Sobald die Frucht der höchsten Wahrheit erlangt wurde und sich in Befrei- ung verwandelt hat, wird sogar noch (wie es ohnehin schon immer war) das Gewahrsein inexistent, weil das Gemüt nun in der höchsten Wahrheit absor- biert ist. Die Hirsch-heit des Hirschtier-Gemüts schwindet wie das Licht einer Lampe, die keinen Brennstoff mehr hat. Es verbleibt nur noch die höchste Wahrheit. Das Gemüt, welches die Frucht der Meditation, die in der Selbster- kenntnis besteht, erlangt hat, ist nun unerschütterlich wie ein Blitzstrahl (vajra). Die für das Gemüt typische Bewegung bzw. Ruhelosigkeit verschwin- det und niemand weiß, wohin! Ohne Störung oder Getrenntheit erstrahlt als einziges nur noch der Glanz des reinen Bewusstseins. In diesem Zustand herrscht ein müheloser Fortfall sämtlicher Wünsche – mühelose Meditation bleibt als einziges bestehen. Solange und bis Brahman nicht realisiert wurde, kann man nicht im Selbst ruhen – bis dahin ist Medita- tion einfach nur durch Denken an das Selbst usw. unmöglich. Sobald die höchste Wahrheit erkannt wurde, geht das Gemüt (wer weiß, wohin?), und wunderbarerweise verschwinden dann auch die vāsanā bzw. mentale Kondi- tionierung, das karma wie auch Vergnügen und Verzweiflung. Dann sieht man den Yogi in einem Zustand kontinuierlicher und ungebrochener Meditation verharren, fest verankert wie ein Berg in felsengleicher Meditation bzw. samÃdhi (vajra-samÃdhÃna). Wenn doch der Yogi desinteressiert am Vergnügen ist, wenn doch seine Sinne gänzlich friedevoll und beherrscht sind, wenn er doch im Entzücken an 569
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    seinem Selbst ruht,wenn doch alle seine mentalen Modifikationen aufgehört haben – was sonst sollte dann für ihn noch im Namen von samÃdhi zu tun sein? Sobald der Yogi dieser Welt als ein Objekt der Beobachtung aufgrund der Abwesenheit mentaler Konditionierung nicht mehr gewahr ist, kann er gar nicht mehr anders als in vajra-samÃdhi (felsengleicher Meditation) zu verharren wie als ob er dazu von einer unwiderstehlichen Macht gedrängt würde. Das Gemüt wird nicht mehr davon abgelenkt. Sobald das Gemüt im Frieden ist, da es (durch das Wissen über die Wahrheit) an weltlichen Objek- ten nicht mehr interessiert ist, dann ist dies und nichts anderes samÃdhi. Die feste Zurückweisung von Vergnügen ist Meditation. Wenn diese Früchte her- vorbringt, ist dies vajra-sÃra (felsengleich). Weil dies gleichzeitig auch der Zustand der vollkommenen Erkenntnis ist, wird dies auch als nirvāņa bzw. seliger Zustand bezeichnet. Welchen Nutzen sollte Meditation haben, solange es da noch ein Verlangen VI.2:47 nach Vergnügen gibt? Und von welchem Nutzen sollte etwas wie Meditation noch sein, sobald das Verlangen aufgehört hat? Sobald es vollkommene Er- kenntnis und gleichzeitig Desinteresse an Vergnügen gibt, ist unkonditionier- tes Bewusstsein (nirvikalpa samÃdhi) die natürliche und mühelose Folge. Wer nicht mehr vom Verlangen nach Vergnügen hin und her getrieben wird, wird der vollkommen Erleuchtete (saæbuddha) genannt. Diese vollkommene Erleuchtung entsteht aus der völligen Abwendung von den Zielen und Zwe- cken des Vergnügens. Wer im Selbst ruht, erfährt überhaupt kein Verlangen mehr. Der Wunsch nach Vergnügen entsteht nur dann, wenn es da eine Bewe- gung weg vom Selbst gibt. Als Abschluss des Studiums der Schriften, von japa usw. tritt man in samÃdhi ein; nach der Praxis des samÃdhi sollte man weiter studieren, japa tun usw. Oh Rāma, ruhe immer im Zustand von nirvāņa. VASIåèHA fuhr fort: Wenn einer müde und niedergeschlagen von den Schwierigkeiten und Drangsalen der irdischen Existenz und „müde von all diesem“ ist, sucht er eine Zuflucht. Ich werde dir nun die einzelnen, fortschreitenden Stufen be- schreiben, mit deren Hilfe diese Person schließlich den Frieden und die Ruhe erlangt. Sie wendet sich entweder aufgrund einer aktuellen Ursache oder auch ohne eine solche von den weltlichen Zielen ab (den Zielen und Zwecken von Vergnügen und Wohlstand) und flüchtet in die Gemeinschaft mit einer weisen Person. Schlechter Gesellschaft geht er in weitem Bogen aus dem Weg. Die Segnungen, die aus der Gemeinschaft mit heiligen Männern erwachsen, sind unvergleichbar mit sämtlichen anderen Segnungen. Die Natur des heili- gen Mannes ist kühl und friedlich, sein Betragen und seine Handlungen sind rein. Seine Gesellschaft fördert daher den Frieden und das Gute in jedem, der sie sucht. In seiner Gesellschaft verliert man die Furcht. Das Sündhafte ge- langt an ein Ende und man nimmt an Reinheit zu. Sogar die Liebe und die Zuneigung, die die Götter und Engel ihr eigen nennen, sind nichts im Ver- gleich mit der unbegrenzten Liebe, die den Heiligen entströmt. 570
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    Wer sich selbstmit der Ausübung rechter Handlungen befasst, verfügt über eine Intelligenz, die im Frieden ruht und die Wahrheit wie ein vollkommener Spiegel reflektiert. Dann geschieht es, dass die Bedeutung der Erklärungen der Schriften in reichem Maße klar wird. Der weise Mensch verstrahlt Weis- heit und Güte. Indem er sich selbst vom Käfig der Unwissenheit zu befreien trachtet, flieht er die Vergnügen und wendet sich in Richtung der unkonditio- nierten Seligkeit. Es ist ein großes Unglück, nach Vergnügen zu streben. Obgleich der weise Mensch sie zurückweist, können sie auch in seinem Herzen noch Unbehag- lichkeit erzeugen. Daher ist er in höchstem Maße glücklich, sobald er sich in Umständen sieht, die der Sucht nach Vergnügen nicht dienlich sind. Die Wei- sen oder Yogis und die Vollkommenen nähern sich einem solchen weisen Menschen. Dieser jedoch legt keinen Wert auf die Geschenke der psychischen Mächte oder des vielfältigen Wissens, die sie ihm gewähren wollen. Er sucht nach der Gemeinschaft mit den erleuchteten Wesen. In ihrer Gesellschaft taucht er in die Wahrheiten der Schriften ein. Es ist eines der Kennzeichen dieser Erleuchteten, dass sie andere auf ihre eigene Stufe heraufziehen. Die weise Person gibt nach und nach alle selbstsüchtigen Handlungen wie auch das Streben nach Reichtum und Vergnügen auf. Er gibt alles weg und übt damit Selbstaufopferung und Wohltätigkeit. Oh Rāma, erinnere dich daran, dass nicht einmal die Leiden der Hölle so schmerzhaft wie das durch selbst- süchtige Handlungen verursachte Leiden ist. Reichtum ist eine Quelle endlo- sen Missgeschicks, wirtschaftliches Gedeihen ist andauerndes Unglück, Ge- nuss des Vergnügens ist unaufhörliche Krankheit. All dieses wird vom perver- tierten Intellekt missverstanden. In dieser Welt ist die beste Medizin, das beste Tonikum und der allergrößte Glücksfall allein die Zufriedenheit. Das zufriedene Herz ist bereit für die Erleuchtung. Wende dich als erstes von der Weltlichkeit ab, nimm dann Zuflucht zu satsaÇga, ergründe die Wahrheit der Schriften und kultiviere das Desinteresse an Vergnügen – und du wirst die höchste Wahrheit erlangen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:48 Wenn das Gemüt in Leidenschaftslosigkeit und in der heiligen Gemeinschaft verankert ist und es durch Studium der Schriften das Desinteresse an den Zielen und Zwecken des Vergnügens gibt, verlangt es einen nicht mehr nach Reichtum – man behandelt eigenen Reichtum dann nicht viel anders als ge- trockneten Kuhmist. Ein solcher Mensch sieht seine Verwandten und Freunde als Mitpilger auf dem Weg an und kommt ihnen zu angemessener Zeit in angemessener Weise zu Hilfe. Weder ist ein solcher an der Abgeschiedenheit noch an Gärten, heiligen Plätzen, seinem eigenen Heim, Streichen und Spielen mit seinen Freunden oder an Diskussionen über die Schriften interessiert; mit irgendeiner dieser Beschäftigungen verbringt er nicht allzuviel Zeit. Er ruht im höchsten Frieden. Der höchste Zustand ist derjenige, in dem das ist, was ist. In diesem taucht, erschaffen von der Unwissenheit, die Zerstreut- heit auf, und diese Unwissenheit ist gleichzeitig falsch und inexistent! Wer 571
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    fest im Selbstverankert und unbewegt wie eine Marmorskulptur ist, wird nicht von den Sinnesobjekten geschüttelt. „Ich“ und „die Welt“, Zeit und Raum, Erkenntnis oder Leerheit – alle diese werden, obwohl sie fortfahren mögen zu existieren, vom Kenner der Wahrheit nicht erfahren. Man sollte diese Sonne in menschlicher Gestalt begrüßen, deren Persönlichkeit frei von rajas (ruhe- loser Tätigkeit bzw. Unreinheit) ist, der sogar satva bzw. Reinheit überschrit- ten hat und in welchem die Finsternis der Unwissenheit keinen Platz mehr hat. Der Zustand desjenigen, der alle Getrenntheit überwunden und dessen Gemüt zum Nicht-Gemüt geworden ist, befindet sich jenseits aller Beschrei- bungen. Der Höchste Herr, den jener Tag und Nacht verehrt, beschenkt ihn mit dem höchsten Zustand des nirvāņa. Der Höchste Herr ist weder weit entfernt noch unerreichbar. Das eigene, erleuchtete Selbst ist der Höchste Herr. Aus ihm kommen alle Dinge und in ihn kehren sie zurück. Alle Dinge hier verehren und bewundern ihn immer und auf ihre eigene Art. Wenn das Selbst so in den unterschiedlichsten For- men von Geburt zu Geburt von jemandem verehrt wird, ist es erfreut. Erfreut seiend, sendet das Selbst schließlich einen Boten, der das innere Erwachen und die Erleuchtung befördert. Der Bote, den das Selbst sendet, ist viveka bzw. Weisheit. Sie wohnt in der Höhle des eigenen Herzens. Es ist diese Weisheit, die schließlich das graduel- le Erwachen von jemandem, der von der Unwissenheit konditioniert ist, herbeiführt. Derjenige, der dann erwacht, ist das innere Selbst – das ist das Höchste Selbst, dessen Name „OM“ ist. Er ist das allgegenwärtige Wesen. Das Universum ist seit jeher Sein Körper. Sämtliche Köpfe, Augen, Hände usw. gehören Ihm. Erfreut wird Er durch japa, Wohltätigkeit, rituelle Verehrung, Studium und ähnliche Praktiken. Wenn dieses Selbst mit der Hilfe von Weis- heit bzw. viveka erwacht, dann geschieht da eine innere Entfaltung – das Gemüt schwindet und auch der jīva. In diesem schrecklichen Ozean von saæsāra ist nur die Weisheit (viveka) allein das Boot, mit dem man überset- zen kann. Das Selbst ist hoch erfreut über die verschiedenen Formen (wähle diejeni- gen, die dir gefallen) der Verehrung, denen einer obliegt. Es schenkt dieser Person den reinen Botschafter namens viveka (Weisheit). Mit den Mitteln der Gemeinschaft mit Heiligen, dem Studium der Wahrheit der Schriften und der Erleuchtung zieht es den jīva näher an den reinen, uranfänglichen Zustand des Einsseins heran. VI.2:49 VASIåèHA fuhr fort: Sobald dieses viveka bzw. Weisheit gestärkt und gekräftigt wurde und die Unreinheit der Konditionierung fortgewaschen ist, strahlt der Heilige mit einem starken Glanz. Für ihn haben dann sowohl die innere Ideenbildungen als auch die äußeren Wahrnehmungen bezüglich der Welt aufgehört. Und doch – da alle diese nur aus der Unwissenheit geboren wurden, die falsch ist, hat in Wahrheit nichts wirklich aufgehört zu sein. Die Welt ist nur eine Er- scheinung – sie ist weder das Nicht-Selbst noch ist sie grob oder physisch. 572
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    Diese Elemente sindunwirklich, denn weder die Welt noch die Leerheit sind real. Es ist Brahman allein, der sich da ausbreitet, und Brahman allein ist es, der strahlt. Die Welt ist nicht materiell – Leerheit ist nirgendwo zu sehen. Das Gemüt wurde zum Nichts. Was verbleibt, ist die Wahrheit – unbeschreibbar, aber nicht nicht-seiend. Der Intellekt ist durch die einander widersprechenden Aussagen verwirrt, aber sobald die Wahrheit mit Hilfe der korrekten Metho- den ergründet wird, wird sie auch realisiert. Wessen Intelligenz erwacht ist, der ist als der Kenner der Wahrheit bekannt. Dieser ist verankert im nondualen Bewusstsein und sieht die Welt nicht als „die Welt“. Die Welterscheinung entsteht nur dann, wenn das unendliche Bewusstsein sich selbst als ein Objekt betrachtet; besser wäre es zweifellos, wenn dies nicht geschehen würde. Denn sobald dies aufgetaucht ist, wird dieses Be- wusstsein veräußerlicht und materialisiert. Das Gemüt selbst ist das Gewahr- sein der Materie und bindet sich selbst an den Körper. All dieses sind jedoch nur Ideen und verbale Zuschreibungen – all diese Unterscheidungen sind rein ideenmäßig und eingebildet. Das Selbst, welches Bewusstsein ist, wird nie- mals zu einem Objekt oder zu Materie. Sobald man in der Selbsterkenntnis verankert ist, werden sogar Worte wie „Bewusstsein“ und „Unbewusstsein“ bedeutungslos. Der materielle Körper entsteht aufgrund von ständigem Daran-Denken aus dem subtilen mentalen Körper. Materie ist folglich unwirklich. Durch ständi- ges Denken von „ich bin verwirrt, ich bin verrückt“ wird man dann auch ver- rückt. Durch Erkennen von „ich bin nicht verrückt“ erlangt man sein mentales Gleichgewicht zurück. Wurde der Traum als Traum erkannt, wird man von ihm nicht mehr an der Nase herumgeführt. So wie der subtile Körper durch beständiges Daran-Denken zu einem groben materiellen Körper wird, so kann dieser Prozess durch richtiges Denken umgekehrt werden. Durch be- ständiges rechtes Denken sollte man sogar den subtilen Körper in seinen realen Zustand als den jīva und schließlich hin zu Brahman überführen. Solange und bis diese beiden (Materie und Gemüt, das Grobe und das Subti- le) nicht als das eine, unendliche Bewusstsein realisiert werden, sollte der kluge Sucher danach streben, beide zu reinigen und ihre wahre Natur zu ergründen. Wer in der Selbsterkenntnis verankert ist, gerät nicht einmal durch die größten Unglücksfälle in Bestürzung – nicht einmal falls es Feuer und Schwefel regnen oder die Erde in Stücke gehen und sich in Luft auflösen oder eine große Flut alles auf der Erde verschlucken sollte. Wer mit der höchsten Leidenschaftslosigkeit versehen ist, erfreut sich felsengleichen samÃdhis (vajra samÃdhi). Der innere Friede, den man aus solcher Leiden- schaftslosigkeit erlangt, ist unvergleichlich gegenüber demjenigen, der aus Entsagungspraktiken usw. entsteht. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:50 573
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    Alle diese inden zehn Himmelsrichtungen gesehenen verschiedenen Wesen gehören zu einer oder mehreren der folgenden Kategorien: Einige befinden sich im Traumzustand, andere in einem von Ideenhaftigkeit gekennzeichne- ten Wachzustand, andere wiederum in einem reinen Wachzustand, wieder andere befinden sich in einem langen Wachzustand, andere in einem groben Wachzustand, wiederum andere in einem Zustand eines Wachtraums, wäh- rend andere in einem abnehmenden Wachzustand leben. Oh Rāma, in einem gewissen früheren Weltzyklus, in einem bestimmten Winkel der Schöpfung verharrten einige Wesen in einem Zustand des Tief- schlafs, obwohl sie lebendig waren. Die Träume, die sie träumten, erschienen als dieses bekannte Universum. Sie befinden sich in dem Zustand, den man dem träumenden Wachzustand nennt. Wir alle sind ihre Traumobjekte. Auf- grund der Tatsache, dass der ihrige ein sehr langer Traum ist, erscheint er uns als sehr real und als ein wacher Zustand. Und in all diesem fahren die Träumer fort, die jīvas zu sein. Da das Allgegenwärtige allmächtiges Bewusst- sein ist, existiert alles überall. Daher existieren wir als die Traumobjekte der Träume dieser ursprünglichen Träumer. In dieser Traumwelt wird man befreit, sobald man die Verblendung zu- rückweist. Oder man betrachtet sich selbst entsprechend der Idee, die man von sich hat, als einen anderen Körper. Die Welterscheinung, die aufgrund dieser Idee in Erscheinung tritt, wird dann von demjenigen auch so erfahren. In einem gewissen Weltzyklus an irgendeinem Ort lebten einige Wesen in einem Wachzustand, in dem sie verschiedene Ideen unterhielten, die wiede- rum verschiedene Kreaturen entstehen ließen. Diese befinden sich in einem von Ideenhaftigkeit gekennzeichneten Wachzustand. Aufgrund der Nachhal- tigkeit der Ideen, die sie entstehen ließen, sind sie fest darin verankert. Auch wenn diese Ideen aufhören sollten, existieren sie doch aufgrund ihrer eigenen vergangenen Ideenbildungen fort. Diejenigen, die zu Beginn des expandierenden Bewusstseins Brahmās, als es weder Schlaf noch Traum gab, aufgetaucht sind, sind als jene bekannt, die im reinen Wachzustand leben. Sie befinden sich, sobald sie durch weitere Wiederverkörperungen fortexistieren, in einem langen bzw. fortgesetzten Wachzustand. Befinden sie sich dagegen in einem verdichteten Zustand von Bewusstsein, der Unbewusstsein ist, dann spricht man von ihnen als im gro- ben Wachzustand seiend. Diejenigen, die den Wachzustand nach dem Anhören der Erläuterungen der Schriften als Traum betrachten, befinden sich im Zustand des Wachtraums. Sobald sie voll erwacht sind und schließlich im höchsten Frieden ruhen, nimmt die Grobheit ihrer Wahrnehmung der Welt im Wachzustand ab. Diese, die sich dann ein einem an Vergröberung abnehmenden Wachzustand befin- den, erlangen dann turīya bzw. den vierten Zustand des Bewusstseins. Dies sind die sieben Zustände, in denen die verschiedenen Wesen existie- ren. In Wahrheit sind auch diese, wie die Ozeane nichts als eine einzige Masse von Wasser sind, nichts als nur der eine Ozean des Bewusstseins. 574
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    RĀMA fragte: VI.2:51 Hoher Herr, wie konnte der reine Wachzustand überhaupt entstehen und wie können Wesen ohne irgendeine Ursache oder einen Beweggrund in ei- nem solchen Zustand existieren? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, ohne Ursache entsteht keine Wirkung. Der reine Wachzustand entsteht deshalb auch gar nicht wirklich noch tritt der ganze Rest dieser scheinbaren Schöpfung überhaupt ins Dasein. Nichts wird erschaffen und nichts verdirbt – alle diese Beschreibungen dienen nur der Unterweisung. RĀMA fragte erneut: Wer hat die Körper, das Gemüt usw. erschaffen und wer täuscht alle diese Wesen durch die Fesseln namens Freundschaft, Vorlieben usw.? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, zu keiner Zeit wurden diese Körper von irgendjemandem er- schaffen und zu keiner Zeit hat jemand die Wesen getäuscht. Bewusstsein ist anfanglos und ewig – es allein existiert als alle diese verschiedenen Wesen. Nichts befindet sich außerhalb dieses Bewusstseins, obgleich es als außer- halb von sich selbst erscheint. Dieser Anschein taucht auch in ihm selbst auf – wie ein Keimling aus dem Samen. Dieses Universum existiert innerhalb des Bewusstseins wie eine noch nicht herausgehauene Figur in einem Marmor- block. Dieses Bewusstsein ist überall, innen und außen. Es breitet sich auf- grund von Raum und Zeit als diese Welterscheinung aus – so wie sich der Duft der Blüten verbreitet. „Dies“ selbst ist „die andere Welt“. Lasst uns diese mentale Konditionierung beenden, die eine andere Welt erschafft. Woher sollten Ideen von anderen Welten noch auftauchen, wenn sie aufgegeben worden sind? Das Selbst allein ist wirklich. Während des leer von Konzepten wie Zeit, Raum und anderen ähnlichen Ideen ist, ist das Selbst jedoch keine Leerheit. Diese Wahrheit wird nur von denjenigen realisiert, die im höchsten Zustand verankert sind, nicht jedoch von denen, die im Ich-Sinn leben. Für jemanden, der die Wahrheit realisiert hat, sind die vierzehn Welten seine eigenen Glie- der. In seiner Sichtweise hört die Trennung zwischen Traum- und Wachzu- stand auf zu existieren. Sobald diese Welterscheinung als reines Bewusstsein gesehen wird, wird sie zu einer traumähnlichen Erscheinung. So wie alles ins Feuer geworfene eines (Asche) wird, so werden sämtliche Zustände zusam- men mit der Welterscheinung durch das Feuer der Weisheit zu Einem redu- ziert. Das Bewusstsein allein erscheint als dieses grobe Universum. Sobald dies erkannt wurde, hört der Glaube an die Existenz der Materie auf. Damit hört dann auch der Wunsch nach dem Besitz von Materie auf. Anschließend lebt man im eigenen, inneren Frieden. Wird das Selbst als weder die Welt noch die Leerheit erkannt, bleibt alles, was ist, als das, was es ist. Der Weise der 575
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    Selbsterkenntnis hat diesensaæsāra überquert und das Ende allen karmas erreicht. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:52 Die Idee der Existenz der Welt taucht im Unwissenden so auf wie das Ge- wahrsein seiner verschiedenen Glieder im „Gemüt“ eines Baumes auftauchen mag! Diese illusorische Wahrnehmung einer objektiven Welt mit den Namen „avidyā“ oder „Unwissenheit“ existiert tatsächlich überhaupt nicht – sie ist so real wie Wasser in einer Luftspiegelung (Realität ohne Substanz). Halte je- doch zum Zweck des klaren Verständnisses diese Unwissenheit einen Mo- ment lang für real und höre zu. Danach wirst du selbst verstanden haben, dass sie tatsächlich nicht existiert. Was immer hier auch erscheinen mag, verdirbt am Ende des Weltzyklus. Niemand vermag diese totale Zerstörung abzuwenden. Nur Brahman existiert dann noch. Diese Erkenntnis ist keine durch Drogen hervorgerufene Erfah- rung, denn wir wissen mit Gewissheit, dass der Körper wie ein Traumobjekt ist und Bewusstsein allein real ist. Diese Welterscheinung verdirbt wieder und wieder. Was ist daran verdorben und was ist wieder und wieder ins Dasein getreten? Wenn man davon ausgeht, dass alle diese Objekte irgendwo im Raum verborgen weiterexistieren, dann muss man auch zugeben können, dass sie nicht einmal während der kosmischen Auflösung verloren gehen können. Es gibt eine Entsprechung zwischen Ursache und Wirkung. Da es für diese Welterscheinung keine Ursache gibt, gibt es auch keine Wirkung. Eines allein ist. Die zahllosen Äste, Blätter, Blüten und Früchte des Baumes sind nur die Ausbreitung des winzigen Samens. Es gibt da keinen Grund, eine kausale Verursachung herbeizureden. Nur dieser Same ist die einzige Realität. Sobald die Wahrheit ergründet wurde, erkennen wir, dass das eine Bewusstsein allein als Wahrheit verbleibt. Am Ende des Weltzyklus hören alle diese Objekte der Weltwahrnehmung auf zu sein. Das eine Selbst, welches Bewusstsein ist, verbleibt als einziges und dies ist unbeschreibbar und jenseits von Denken und Erklärung. Nur der Weise der Selbsterkenntnis erfährt dies – andere lesen diese Worte lediglich. Denn da ist weder Raum noch Zeit, weder Sein noch Nicht-Sein, weder Be- wusstsein noch Unbewusstsein. Ich habe dies hier auf negative Weise be- schreiben, weil auch die Schriften dies so tun. In meiner Sichtweise ist es reiner und höchster Friede. In diesem existieren die unendlichen Möglichkei- ten wie Figuren im unbehauenen Marmorblock. Das höchste Selbst ist daher zu ein und derselben Zeit mannigfaltig und nicht mannigfaltig. Nur wenn du keine Selbsterkenntnis besitzt, geschieht es, dass da in dir ein Zweifel diesbe- züglich auftaucht. Die Wahrnehmung von Vielfalt ist der Getrenntheit geschuldet, die im Selbst auftaucht. Das Selbst jedoch ist leer von jedweder Getrenntheit in Raum, Zeit usw. Das Selbst ist die eigentliche Grundlage und die ungeteilte 576
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    Realität der Zeit,des Raumes usw. – so wie der Ozean aus Wellen besteht. Die Realität ist daher ungeteilt und geteilt, sie ist und ist nicht. Das nicht heraus- gehauene Bildnis im Marmorblock mag man irgendwann aus diesem heraus- hauen, jedoch ist es unmöglich, die Welt aus dem unendlichen Bewusstsein herauszuhauen. Obwohl es geteilt erscheint und doch ungeteilt ist, scheint es daher von der Totalität verschieden zu sein und ist doch nicht wirklich ver- schieden von dieser. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:53, 54 Die Realität ist das unendliche, ungeteilte Bewusstsein, welches, ohne ein Objekt der Beobachtung zu sein, unkennbar ist. Brahmā, Viåņu, Rudra usw. sind Namen, die durch wiederholte Verwendung als eine Realität angesehen werden. Die Schöpfung, die weder eine Ursache noch einen Grund hat, ist inexistent. Jedoch vermag man weder mit Gewissheit zu sagen, dass da nur Nicht-Existenz sei noch dass da ein Ding existiere. Wenn das eigene Gemüt in vollkommener Stillheit ruht, dann ist das, was es ist, die Realität. In dieser Realität taucht die Welt als eine Erscheinung auf. Die Welterscheinung entsteht nicht aus dem Nichts! Daher muss man schluss- folgern, dass Brahman allein ist – sogar in der Gestalt dieser Schöpfung. Die Schöpfung ist nichts als ein Wort, ein Name. Die Wirklichkeit ist Brahman. „Ich“, „du“ und „die Welt“ sind Namen, die in Brahman als Brahman existieren. Der Ozean, die Berge, die Wolken, Erde usw. sind sämtlich ungeboren und unerschaffen. Dieses Universum existiert in Brahman als die Große Stille (kāåÂha mauna – die Stille eines Holzklotzes). Der Seher existiert in der Sze- nerie als das Sehen – aufgrund seiner eigenen, wesenhaften Natur. Der Täter existiert als die Tat, denn es gibt für ihn keinen Grund, irgendetwas zu tun. Es gibt in ihm weder einen Kenner noch einen Täter, weder Leblosigkeit noch einen Erfahrenden, weder Leerheit noch Substanz. Leben und Tod, Wahrheit und Falschheit, Gut und Böse – alle diese sind nur die eine Substanz, wie Wellen im Ozean. Die Trennung zwischen dem Seher (Subjekt) und der Sze- nerie (dem Objekt) ist wie eine Fantasie. Die Ursache dieser Schöpfung ist nicht auffindbar, wie sehr man sich auch immer bemühen mag. Was ohne Grund und Ursache strahlt, ist gewiss inexis- tent, es sei denn als Illusion. Es existiert als es selbst und es erstrahlt ohne eine Schöpfer-Schöpfung-Beziehung, weil es es selbst ist. RĀMA fragte: Man kann sehen, wie im Samen des Banyan-Baumes der gesamte Baum verborgen liegt. Weshalb sollten wir dann nicht davon ausgehen, dass auch die Welt auf diese Weise in Brahman verborgen liegt? VASIåèHA antwortete: Die Möglichkeit einer solchen Schöpfung bestünde, falls ein solcher Same und die zusammenarbeitenden Ursachen existieren würden. Wo sollten je- doch die Samenform und die zusammenarbeitenden Ursachen sein, wenn doch sämtliche Elemente während der kosmischen Auflösung vernichtet 577
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    werden? Wenn dasunendliche, unteilbare Bewusstsein allein die Wahrheit darstellt, gibt es weder Raum für die Existenz auch nur eines subatomaren Partikels und noch viel weniger für einen Samen dieser Schöpfung. Was auch immer das höchste Wesen ist, das ist auch dieses Universum selbst. Das eine, unendliche Bewusstsein ersinnt sich selbst als das falsche innerhalb des falschen und als das reine Bewusstsein innerhalb des reinen Bewusstseins. So wie der Raum (Entfernung) im Raum existiert, so existiert all dies in Brah- man. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:55 Da es von Beginn an weder eine Ursache noch einen Beweggrund für das Erscheinen einer Schöpfung gab, gibt es weder Sein noch Nicht-Sein, weder grobe Materie noch subtiles Gemüt, weder bewegliche noch unbewegliche Objekte. Bewusstsein ist ohne Form und kann nicht diese Welt aus Namen und Formen erschaffen, da Ursache und Wirkung identisch sind und etwas, was selbst Form hat, sich selbst in andere Formen verwandeln oder solche erschaffen kann. Das Selbst bleibt allezeit das Selbst und fantasiert innerhalb des ungeteilten Bewusstseins all diese verschiedenen Objekte. Was auch immer dieses Bewusstsein als in sich selbst seiend erfährt, dass allein „nennt“ man dann die Welt oder diese Schöpfung. Wisse, dass das eine Brahman allein gänzlich friedvoll und homogen exis- tierte, bevor all dies geschah (d.h., bevor man realisiert hat, dass all dies un- wirklich und inexistent ist). Unendliches Bewusstsein ist unendliches Be- wusstsein, Wasser ist Wasser. Da diese „Schöpfung“ vom Bewusstsein herauf- beschworen wird, erscheint sie auch als so entstanden. So wie die Welt, von der man träumt, eine illusorische Erscheinung im eigenen Bewusstsein ist, so erscheint im Wachzustand diese Welt im Bewusstsein als Bewusstsein. In der ursprünglichen Schöpfung nennt man den Traum des ungeteilten Bewusstseins den Wachzustand (die Welt, die im Wachen erfahren wird). Der Traum, der im Bewusstsein der Wesen und in dieser Unwissenheit aufsteigt, wird der Traumzustand genannt. Dieser fantasievolle Traum hat sich durch beständige Wiederholung in dieser Welt „materialisiert“. Der Fluss ist nichts als Bewegung von Wasser – die Schöpfung ist nichts als die Fantasie des un- endlichen Bewusstseins. Es ist nicht recht zu meinen, dass „Tod“ aufgrund der totalen Zerstörung des Selbst ein Zustand von Seligkeit sei. Es ist vielmehr ein Zustand von Leer- heit (wie Raum). Diese Vision des saæsāra taucht darin erneut auf. Sollte es eine Furcht aufgrund böser Taten geben, dann werden die Konsequenzen daraus hier oder „dort“ dieselben sein. Folglich gibt es keinen fundamentalen Unterschied zwischen Leben und Tod. Wen man dies weiß, erlangt man den Frieden des Gemüts. Wenn dann die Wahrnehmung der Vielfalt erlöscht, taucht die Vision des Einsseins auf. Dies nennt man Befreiung. Ob diese Schöpfung ist oder nicht ist – es gibt dann sowohl ein vollkommenes Verste- hen der Abwesenheit der Objekte wie auch der Erfahrung der Unteilbarkeit des Unendlichen. Werden aufgrund dessen das Objekt und im Gefolge davon 578
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    auch das Subjektbeiseite gelegt, dann gibt es da einen großen Frieden. Im höchsten Selbst natürlich gibt es weder Bindung noch Befreiung. Wer diese Wahrheit zu realisieren vermag, erlangt nirvāņa. Diese Welter- scheinung, die nichts als eine winzige Bewegung im Bewusstsein ist, wird von diesem Menschen dann ebenfalls als nirvāņa erkannt. Er erkennt, dass diese Schöpfung keine Vielfalt, sondern in Wahrheit reines Brahman allein ist. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:56 Die reine Leerheit existiert überall auf jede nur denkbare Weise immer in diesem Raum, der Bewusstsein ist. Bewusstsein existiert hier und anderswo in der Gestalt dieser Schöpfung – nirgendwo gibt es Unbewusstsein, weil all dieses nur reines Bewusstsein ist. Sogar das, was Materie zu sein scheint, ist nichts als reines Bewusstsein. Höre dir in diesem Zusammenhang, oh Rāma, die folgende Geschichte vom Felsen an, den ich selbst gesehen habe. Es gab eine Zeit, in der ich sämtlichen Tätigkeiten in dieser Welt zu entsa- gen wünschte, nachdem ich zuvor klar verstanden hatte, was es zu wissen gab. Ich hatte das Verlangen, unaufhörlich und ohne Unterbrechung in völli- ger Abgeschiedenheit zu meditieren. Nachdem ich mich an einen einsamen Ort zurückgezogen hatte, dachte ich wie folgt nach: Die gesamte Welt ist wertlos und ohne Belang. Nichts in dieser Welt ist ge- eignet, mir auch nur das kleinste Glück zu schenken. Was sehe ich und wer bin ich? Um die richtigen Antworten zu finden, muss ich an diesen Ort gehen, der sich sogar jenseits der Reichweite der Dämonen und Götter befindet und dort in völliger Abgeschiedenheit ohne Furcht vor Ablenkung meditieren. Wo könnte ich einen solchen Ort finden? Die Wälder sind erfüllt vom Plät- schern der fließenden Gewässer und vom Brüllen der umherstreifenden Löwen. So wie die Stadt voll von Menschen und daher Ablenkung ist, so ist auch der Ozean voll von den verschiedensten Quellen der Ablenkung. Nicht einmal die Höhlen sind frei von Ablenkung – sie ertönen vom Heulen des Windes und sind voller Insekten usw. Die Seen sind oftmals Tummelplatz der Erholungssuchenden wie der Himmelsbewohner und Dämonen und deshalb voller Ablenkungen. Nachdem ich alle die Orte auf Erden auf diese Weise erwogen hatte, entschloss ich mich dazu, ins Weltall zu gehen. Aber selbst dort fand ich Ablenkungen vor, verursacht durch Wolken, Himmelsbewohner und Dämonen, astrale Leiber und abgeschiedene Seelen. Nachdem ich den Gedanken an alle diese Orte beiseite gelegt hatte, ging ich zu einem einsamen Ort; so weit entfernt, dass nicht einmal die natürlichen Elemente dort vorzufinden waren. An diesem einsamen Platz fantasierte ich sodann die Existenz einer Einsiedelei herbei. Ich machte sie mit Hilfe meines eigenen Gemüts unzugänglich für sämtliche anderen Lebewesen. Ich setzte mich in die Lotosposition. Mein Gemüt machte ich ganz still. Ich entschloss mich dazu, in dieser Position für hundert Jahre in samÃdhi zu sitzen. Entspre- chend der Wahrheit, dass man erblicken wird, woran man für einen sehr langen Zeit denkt, materialisierten sich meine Fantasiewünsche und breiteten 579
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    sich vor meinenAugen aus. Die hundert Jahre vergingen wie ein Augenblin- zeln, denn wenn das eigene Gemüt vollkommen konzentriert ist, entsteht keinerlei Wahrnehmung von Zeit mehr. Als diese Periode endete, begann mein Gemüt sich zu erweitern und auszu- breiten. Sämtliche Kobolde der „ich“ und „du“ krochen auf mich zu, zusam- men mit der Lebenskraft, die sich innerhalb von mir zu bewegen begann. Im selben Augenblick betraten die verschiedenen Wünsche mein Herz und ich vermochte nicht zu sagen, von woher sie kamen! RĀMA fragte: Oh Weiser, wie kam es, dass der Ich-Sinn sogar im Falle der Person, die im VI.2:57 nirvāņa verankert ist, auftauchen konnte? VASIåèHA antwortete: Der Körper kann ohne den Ich-Sinn nicht existieren, und dies gilt unabhän- gig davon, ob einer ein Kenner der Wahrheit ist oder nicht. Was am Leben erhalten werden muss, bedarf einer Grundlage und kann ohne sie nicht exis- tieren. Es gibt da jedoch einen entscheidenden Unterschied, den ich dir nun erläutern werde. Der Knabe genannt „Unwissenheit“ hat diesen Kobold genannt „Ich-Sinn“, der innerhalb von uns selbst zu existieren scheint und nicht erkannt wird, erschaffen. Diese Unwissenheit ist selbst eine Nicht-Wesenheit, da sie bei Ergründung als nicht-existierend gefunden wird; so wie die Dunkelheit auf- hört zu existieren, sobald sie mit einer Lampe gesucht wird. Sobald man nach diesem Kobold namens Unwissenheit Ausschau hält, ist er unauffindbar. In der Abwesenheit der Ergründung jedoch und so lange man an ihn als real glaubt und sich von ihm beeinflussen lässt, breitet er sich aus und wird stär- ker und stärker. Diese Welt wird von dieser Unwissenheit erschaffen, die nur für den Unwissenden real ist, in Wahrheit ist sie nicht real. Dieses (unendli- ches Bewusstsein bzw. Brahman) ist jenseits des Gemüts und der Sinne und kann daher nicht die Samenursache für die Existenz von etwas sein, was das Objekt des Gemüts und der Sinne ist. Wie könnte es einen Keimling geben, wenn kein Same existiert? In diesem unendlichen Bewusstsein ist das, was als das erschaffene Univer- sum erscheint, eine bloße Fantasie. Dieses Bewusstsein allein ist es, was man ýśvara oder Gott und auch seine Schöpfung nennt. Es ist wie eine eigene Traumschöpfung, die zur Alltagserfahrung von jedermann geworden ist. Weil der Träumer ein bewusstes Wesen ist, scheinen die Traumobjekte eine eigene Intelligenz und ein eigenes Gemüt zu besitzen. Auf dieselbe Weise scheint diese Nicht-Schöpfung namens Universum unabhängiges Sein und eigene Intelligenz zu besitzen – als ob es erschaffen worden wäre. Aber da existiert keine Schöpfung als solche – das eine Brahman existiert als Brahman. Welche Idee auch immer in diesem Brahman auftaucht, die wird sogleich wie als ein Objekt der Erfahrung von Brahman erfahren. Dieses Brahman selbst fanta- siert all dieses als „Schöpfung“ herbei. Dann jedoch müssen der Erfahrende, 580
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    das Erfahren unddie Erfahrung als eines und unteilbar angesehen werden. Und so ist auch Brahman selbst – die Idee der Schöpfung sowie die Schöpfung selbst sind nichts als Brahman. Wie könnten dann der Ich-Sinn bzw. die fal- sche Idee des „ich“ überhaupt auftauchen? So habe ich dir nun also erklärt, wie man dieses Gespenst des Ich-Sinns, das bei rechtem Verstehen verschwindet, zu Fall bringen kann. Der Ich-Sinn wur- de von mir klar und auf die rechte Weise erkannt. Und selbst wenn er auch jetzt noch in mir aufzutauchen scheint, so ist er doch wirkungslos wie das Bildnis von Feuer geworden. Daher bin ich also den Ich-Sinn losgeworden. Ich existiere im Raum so, als wäre ich außerhalb von ihm; in der Schöpfung so, als wäre ich außerhalb von ihr. Weder gehöre ich zum Ich-Sinn noch gehört dieser zu mir oder existiert auch nur in mir. In meiner Sichtweise bin ich weder noch gibt es da andere – alles ist und nichts ist. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:58, 59 Die Geschichte vom Felsen, die ich dir nun erzählen werde, oh Rāma, wird gänzlich klar machen, wie es innerhalb des Innern eines Felsens tausende von Schöpfungen geben kann. Auch in diesem physischen Raum gibt es ähnlich zahllose Schöpfungen. Tatsächlich existieren in jedem Element oder Objekt zahllose Kreaturen. Jedoch existieren sie alle nicht als reale Substanzen oder Wesenheiten, sondern nur in diesem unteilbaren, unendlichen Bewusstsein. Von Beginn an wurde nichts jemals wirklich geschaffen. Brahman allein exis- tiert als Brahman, als Raum, Luft, Feuer, Wasser, Erde, Berge usw. Zwischen Brahman und der Schöpfung gibt es keine Getrenntheit oder Dualität, denn dies sind nur Worte ohne Bedeutung. Sogar „Einheit“ und „Dualität“ sind nur bedeutungslose Worte. Das, was diese Ideen von Einheit und Dualität er- schafft, erschafft auch die Ideen von Brahman und der Schöpfung. Wenn diese Ideen aufgehört haben, gibt es da einen großen inneren Frieden; selbst wenn man mit Tätigkeiten befasst sein sollte. Alles ist nirvāņa. Die wahrgenomme- ne Schöpfung ist wie der Himmel (leer, obgleich scheinbar geformt und ge- färbt). Gewahre das gesamte Universum als aus dir selbst, mir, Bergen, Göt- tern und Dämonen usw. zusammengesetzt, wie du auch die Schöpfungen und Ereignisse eines Traums gewahrst. *** Die Welt im Felsen Nachdem ich einhundert Jahre im samÃdhi verblieben war, kehrte ich ins Körperbewusstsein zurück und vernahm ein Seufzen. Ich lauschte darauf und versuchte herauszufinden, was es sein könnte. Ich befand mich weit, weit im Weltall und fragte mich daher, wie mir hier eine Person oder auch nur eine 581
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    Biene so nahesein könnte? Außerdem vermochte ich überhaupt niemanden zu sehen. Ich entschloss mich, die Sache näher zu untersuchen. Ich ging daher erneut in samÃdhi. Ich brachte Gemüt und Sinne zur Ruhe. Ich verschmolz mit dem unendlichen Bewusstsein. In diesem Bewusstsein sah ich die Bilder zahlloser Universen. Ich war in der Lage, überall hinzugehen und alles zu betrachten. Ich sah zahllose Schöpfungen, die voneinander nicht das Gerings- te wussten. Einige traten gerade ins Dasein, während andere gerade im Be- griff waren unterzugehen. Alle besaßen verschiedene, abschirmende Atmo- sphären um sich herum (fünf bis zu sechsunddreißig solcher Atmosphären). In allen befanden sich verschiedene Elemente, die wiederum von verschiede- nen Arten von Wesen in verschiedenen Stadien der Evolution mit unter- schiedlichen Naturen und Kulturen bewohnt waren. Manche trugen weitere Universen in sich, während andere Kreaturen enthielten, deren Existenz du nicht einmal für möglich halten würdest. In einigen gab es eine anscheinend natürliche Ordnung, während andere sich in gänzlicher Unordnung befanden. Manche kannten kein Licht und daher auch kein Zeitempfinden. All dieses war die Frucht des einen, unteilbaren Bewusstseins. Wie und wann sie aufge- taucht sind, ist gänzlich unmöglich festzustellen. Es ist nur eines gewiss – sie sind die Schöpfungen der Unwissenheit. In dieser Schöpfung sind die Götter und Dämonen so zahlreich wie Moskitos. Ob man diese Universen nun als die Schöpfungen des höchsten Schöpfers oder als falsche Ideen erachtet, so ist es doch gewiss, dass sie tatsächlich das unendliche Bewusstsein sind, ununterschieden und nicht unabhängig von diesem. Wie leblose Realitäten ruhen sie in den in den Schriften gefundenen Beschreibungen. Auf diese Weise gewahrte ich all diese unendlichen Schöpfungen. VASIåèHA fuhr fort: Schließlich richtete sich meine Aufmerksamkeit auf die Quelle des Ge- VI.2:60 räuschs. Ich sah eine Frau, die strahlte und alle Himmelsrichtungen des Raums erleuchtete. Sie war in höchstem Maße kultiviert. Sie näherte sich mir liebenswürdig und sprach mit süßer Stimme: „Oh Weiser, du hast wahrhaftig das Böse wie die Lust, den Zorn und die Gier überwunden. Dein Gemüt ist völlig frei und unangehaftet. Ich grüße dich daher von allen Seiten.“ Da ich nun die Quelle des Seufzers kannte, entschloss ich mich, weiterzugehen, da ich mit dieser Frau nichts zu tun hatte. Ich sah dann viele Universen, deren Vielfalt meine Neugier erweckte. Ich wollte noch mehr von dem Glanz dieser Schöpfungen kennen lernen. Nach einiger Zeit gab ich diese Idee auf, indem ich mir klarmachte, dass der Wunsch danach nur Täuschung ist. Ich verblieb dann verankert im unendli- chen Bewusstsein. Unverzüglich verschwanden alle diese Wahrnehmungen von Vielfalt aus meinem Blickfeld. Es gab da nur noch reines Bewusstsein und nichts sonst. Dies ist die Wahrheit – alles andere ist Einbildung, Ideenbildung, Verblendung oder illusorische Wahrnehmung. Weil die gesamte Schöpfung von dieser Unwissenheit bzw. Verblendung eingehüllt ist, wissen die Bewohner der einen Schöpfung bzw. eines bestimm- 582
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    ten Universums odereiner bestimmten Welt nichts von der Existenz der anderen. Diese verschiedenen Welten sind der Ideen oder Schöpfungen ande- rer nicht gewahr – so wie im selben Raum schlafende Leute der Schlachtrufe nicht gewahr sind, die sich in den Träumen der anderen abspielen mögen. Ich sah in diesen Universen tausende von Brahmās, Viåņus und Rudras. Alle be- fanden sich im Bewusstsein, waren Bewusstsein und Bewusstsein allein ist all dieses – daher sah ich all dieses nur als Bewusstsein und nichts anderes. Rāma, indem du etwas betrachtest und sagst: „Dies ist so und so“, leuchtet nur Bewusstsein als „so und so“, wobei es in Wahrheit dieses Bewusstsein allein ist, welches als es selbst existiert; Namen und Formen dagegen existie- ren da nicht. Nur dieser Raum bzw. dieses Feld des Bewusstseins allein exis- tiert überall und immer, und das ist es dann, was man die Welt nennt. In der Wahrnehmung von Objekten hier (was wir dann als das Wissen über dieses Objekt bezeichnen) besteht die einzige Unwissenheit bzw. Täuschung. Ich erkannte weiterhin, dass andererseits darin der Raum bzw. das Feld des Bewusstseins allein existiert. Mit erleuchteter Intelligenz erfuhr ich außer- dem die letztgültige Wahrheit über all dieses – nämlich dass all dieses reines, unteilbares, unendliches Bewusstsein ist. Aufgrund der Dauerhaftigkeit der wahrgenommenen Vielfalt sah ich daran zahllose Vāsi«Âhas, zahllose Zeitalter und Weltzyklen und viele Äonen, in denen Rāma wirkte. All dieses kommt zum Vorschein, sobald da die Wahrnehmung von Vielfalt entsteht. Sobald aber die Realisation der Wahrheit auftaucht, wird alles als reines, unteilbares, unendliches Bewusstsein gesehen. Im Unendlichen gibt es natürlich weder Namen noch Formen, auf die man sich als „dies ist die Welt bzw. Schöpfung“ beziehen könnte. Brahman allein existiert als Brahman. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:60, 61 Brahman ist eines und all dieses sind Erscheinungen, die im Licht von Brahman manifest werden, ohne dass dieses die Absicht dazu hegen würde. Aufgrund dessen taucht dann die großartige Vielfalt der Erfahrungen auf. Zum Beispiel mag es dann in manchen Universen heißes Mondlicht und küh- les Sonnenlicht, gute Sicht in der Dunkelheit und Blindheit im Tageslicht, zerstörerisches Gutes und schöpferisches Böses, gesundmachende Gifte und tödlichen Nektar geben. Dies geschieht entsprechend den Ideen, die im Be- wusstsein aufgetaucht sind. In manchen Universen gibt es keine Frauen und daher keine Sexualität, während in anderen herzlose Leute leben. In manchen Universen besitzen die Leute nicht ein einziges Sinnesorgan. In wieder ande- ren existieren nur ein oder zwei der Naturelemente, und doch werden sie von Lebewesen bewohnt, die sich an die dort herrschenden Bedingungen ange- passt haben. All dieses taucht als Bewusstsein im Bewusstsein durch Bewusstsein auf – genannt wird dies dann der Verstand. RĀMA fragte: 583
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    Wie konnte überhauptdie Idee einer nächsten Schöpfung entstehen, wenn doch alles am Ende des Weltzyklus und während der kosmischen Auflösung Befreiung erlangt: VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, Brahman ist eine unbeschreibbare Masse kosmischen Bewusst- seins. Die Schöpfung ist sein eigentliches Herz und deshalb nicht unterschei- den von ihm. Sie wird auf mysteriöse, nicht reale, Weise als Schöpfung wahr- genommen. Da die Schöpfung falsch ist, kann man auch nicht behaupten, dass sie eines Tages wieder vergehen werde. Auch die kosmische Auflösung usw. ist nichts als ein Glied Brahmans, und so war es schon immer. Getrenntheiten dieser Art tauchen nur in der Unwissenheit auf. Folglich stirbt und vergeht weder etwas zu irgendeinem Zeitpunkt noch tritt irgendetwas überhaupt ins Dasein. Die höchste Wahrheit bzw. Bewusstsein ist unzerstörbar durch Waf- fen, Feuer, Wind und Wasser. Sie wird nicht von denen realisiert, die nichts von ihr wissen. Das Universum, welches das Herz dieser Wahrheit ist, ist wie diese selbst – weder wurde es geboren noch wird es vergehen. Die Erfahrung seiner Existenz oder Nicht-Existenz taucht zusammen mit dem Erscheinen und Aufhören der entsprechenden Idee auf. Daher sind Worte wie „Weltzyk- lus“, „kosmische Auflösung“ usw. nur Klänge ohne Substanz. Das Gespenst erscheint und verschwindet nur im Herzen desjenigen, der an es glaubt. Was als Geburt, Tod, Schmerz, Vergnügen, Form und Formlosigkeit gesehen wird, sind nur die Glieder des einen Wesens. Unter ihnen gibt es keinerlei Getrenntheit, so wie es unter den verschiedenen Teilen eines Baumes keine Getrenntheit geben kann. Wenn diese Wahrheit nicht erkannt wird, taucht diese scheinbare Getrenntheit auf. In Brahman gibt es weder Wissen noch Unwissenheit – es ist jenseits von Bindung und Befreiung. Erkenne dies als die Befreiung. RĀMA fragte: Hast du all dieses von dem Platz aus gesehen, an dem du dich befandest, VI.2:62 oder bist du dabei im Raum gewandert? VASIåèHA erwiderte: Ich hatte bereits das unendliche Bewusstsein erlangt. In diesem gibt es kein Kommen und Gehen. Weder blieb ich an diesem einen Ort noch wanderte ich umher. Ich bezeugte all dieses innerhalb des Selbst, welches die Form dessen, was ich bezeugte, angenommen hatte. So wie du deinen Körper von Kopf bis Fuß sogar mit geschlossenen Augen zu sehen vermagst, so sah ich alles mit dem Auge des Bewusstseins. Es ist wie ein Traum: Was auch immer in dem Traum erfahren wird, ist reiner Raum (Dimension) des Bewusstseins. Ich gewahre all dieses aufgrund der Erleuchtung sogar noch jetzt. Ich bin nun eins mit all den erleuchteten Wesen, ich kenne sie als mein eigenes Selbst ohne die Getrenntheit von Subjekt, Objekt und Beobachtung, da nur das eine Bewusstsein allein als Unteilbares existiert. Als Antwort auf die Frage betreffend die Dame antwortete VASIåèHA: 584
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    Auch sie standmit einem Raumkörper zusammen mit mir im Raum. Ich hat- te sie zuvor nicht bemerkt. Obgleich sie einen Raumkörper besaß, konnte sie mit mir, der ich ebenfalls einen Raumkörper besaß, auf kultivierte Weise und mit angenehmer Redeweise kommunizieren, als ob jemand im Traum mit jemand anderes sprechen würde. Welche Art von Gewissheit könntest du haben, um dich der Existenz der inneren Sinne zu vergewissern? Ähnlich diesen hatten wir Körper. Wahr ist dies in meinem Fall, in ihrem, in deinem und allen sonstigen Fällen. So wie man im eigenen Traum Kriege erfährt, so erfahren die Menschen die Ereignisse in dieser Schöpfung als etwas Reales. Alle Vergleiche jedoch sind unangemessen – Wahrheit ist jenseits der Worte. Wenn man gefragt würde: „Wie siehst du einen Traum?“, könnte man nur antworten: „Als das, was er ist!“. All dieses dient nur deinem Verständnis. Die Wahrheit besteht darin, dass dieses Universum wie auch alles von dir im Traum gesehene nichts als Brahman ist. Einen wesentlichen Unterschied zwischen dem Traumzustand und dieser sichtbaren Schöpfung gibt es nicht. Diese Erfahrung, die unmittelbar dem Wachzustand vorausgeht, wird Traum genannt; die Erfahrung oder Wahr- nehmung, die zu Beginn der Weltschöpfung aufsteigt, wird Wachzustand genannt. Die Erfahrung der Existenz der Welt ist ein langer Traum bzw. eine Leerheit. Sie ist reines Bewusstsein, weil sie in der ewiglichen Wirklichkeit wurzelt. Du bist der Zeuge bzw. Beobachter deines eigenen Traums – eben so ist das unendliche Bewusstsein der Beobachter dieses langen Traums na- mens Schöpfung. So wie der Beobachter und das Beobachtete Bewusstsein sind, so ist auch das in der Mitte befindliche (die Beobachtung) ebenfalls das reine, unteilbare und unmodifizierte Brahman. Da dies der Fall ist, kann auch die Schöpfung nicht als solide, substanziell oder materiell erachtet werden. Sogar der Traum verkörperter (formhafter) Wesen wie dir ist immateriell. Wie könnte dann der lange Traum des unendlichen Bewusstseins, der keine Form besitzt, Form haben? Daher ist nur das unerschaffene Brahman allein. RĀMA fragte: VI.2:63 Oh Weiser, wie war die formlose Frau dazu in der Lage, Worte von sich zu geben? VASIåèHA erwiderte: Natürlich vermögen diejenigen, die mit einem Raumkörper versehen sind, keinerlei hörbare Töne von sich zu geben. Falls dies möglich wäre, müssten andere, die neben dir schlafen, die Gespräche aus deinen eigenen Traumkon- versationen anhören können. Es ist daher klar, dass alles in einem Traum gesehene eine auf reinem Bewusstsein allein basierende Illusion ist. Was im Wachleben erfahren wird, ist wiederum nicht gänzlich unterschieden von der Traumerfahrung. Es ist nichts als ein Spiel des Bewusstseins – in diesem Bewusstsein auftauchende Ideen scheinen in eine solide Masse von Realität gekleidet zu sein. Die Samen der vergangenen Erfahrungen liegen im Bewusstsein und sprie- ßen neue Erfahrung aus sich heraus, die manchmal identisch mit vergange- 585
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    nen Erfahrungen undmanchmal aber auch andersartig sind. Die Welten, die so aus diesen Samen hervorgehen, sind einander nicht gewahr. Im Verlaufe des Lebens in diesen Traumwelten werden die Dämonen von Göttern getötet und jene verbleiben dann in ihrem eigenen Traumzustand. Da sich nicht erleuchtet wurden, erlangen sie keine Befreiung. Da sie nicht nicht-fühlend sind, werden sie nicht nicht-fühlend, sondern behalten ihr Gewahrsein. Daher leben sie in einem Raumkörper wie in einer Traumwelt. Dies ist auch bei den so genannten menschlichen Wesen der Fall. Ihre Welt, ihr Leben und ihre Mentalität sind wie die unseren und umgekehrt. Wir existieren als ihre Traumobjekte. Sie betrachten ihre eigenen Leute, obgleich auch diese nur Traumobjekte sind, wie reale Wesen. Auf dieselbe Weise sind sämtliche Ob- jekte, die in allen meinen Träumen erscheinen, für mich real. Wegen der eigentlichen Natur des unendlichen Bewusstseins scheinen die- se Traumschöpfungen auch im Wachzustand zu existieren. Ihre Realität ist selbstverständlich Brahman, die einzige Realität. Alles existiert überall und immer als das unteilbare, reine Bewusstsein, das selbst nicht ist und daher als ein Nichts auch nicht zerstört werden kann. Im ewigen Raum (Dimension) des unendlichen Bewusstsein, im unendli- chen Spiel des Unendlichen, gibt es unendliche Gemüter und unendliche Welten in diesen. In jedem einzelnen befinden sich Kontinente und Berge, Dörfer und Städte, bewohnt von Menschen, die ihre eigene Zeit und Lebens- spanne haben. Wenn diese jīvas das Ende der Lebensspanne erreichen, exis- tieren sie, sofern sie nicht erleuchtet wurden, im unendlichen Raum fort und schaffen dabei ihre eigenen Traumwelten. Innerhalb von diesen befinden sich wiederum andere Leute mit Gemütern; in diesem Gemütern sind wiederum weitere Welten, in denen sich noch mehr Leute befinden usw., ad infinitum. Diese illusorische Erscheinung hat keinen Anfang und kein Ende – sie ist Brahman und nichts als Brahman. Oh Rāma, in all diesen verschiedenen Ob- jekten gibt es nichts als reines Bewusstsein. Dieses Universum ist nichts als Bewusstsein allein. Wie wäre es dann möglich zu sagen, dass es da Welten gäbe, die angeblich in den Gemütern des Unwissenden existierten? Von Vāsi«Âha danach gefragt, wer er sei, antwortete die HIMMELSBEWOH- NERIN: VI.2:64 Oh Weiser, in diesem ungeheuren Universum, in einer Ecke, ist diese Welt, in der du lebst. Jenseits der Grenzen dieses Universums sind Berge, die als die Lokāloka-Berge bekannt sind. In dieser Region herrschen alle Arten von klimatischen Bedingungen und Kombinationen und Verwandlungsformen der Elemente. (Die Beschreibung im Text dazu ist ausführlich und sehr interes- sant.) Irgendwo darin leben ausschließlich nur menschliche Wesen, während woanders nur Götter leben. Es gibt darin Kobolde als auch äußerst langlebige Wesen. Es existieren darin hell erleuchtete Plätze, während anderswo äußers- te Finsternis, fruchtbare Äcker und Wüsten, dicht bewohnte und unbewohnte Gebiete sind. 586
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    Ich wohne ineinem massiven Felsen, der an den nordwestlichen Hängen der genannten Bergkette lag. Schicksalhaft bin ich an ein Leben im Herzen dieses Felsens gebunden. Darin lebe ich seit zahllosen Äonen. Meinem Ge- mahl ist es ebenfalls bestimmt, dort zu leben. Bis heute waren wir aufgrund unserer intensiven Wünsche (kāma) und unserer großen Anhänglichkeit aneinander nicht fähig, Befreiung zu erlangen. Ähnlich ist auch das Schicksal unserer Verwandten. Mein Gemahl, der in dieser Bindung leben muss, ist durch Geburt ein brāhmaņa. Er stammt aus alter Zeit. Er verlässt niemals seinen Sitzplatz, obwohl er dort schon sein zahllosen Jahrhunderten sitzt. Er lebt seit Geburt an im Zölibat (brahmārī), ist gebildet und träge. Er lebt in der Abgeschieden- heit, da er niemals durch Verlangen nach Vergnügen erregt wird. Als seine Frau muss ich ein elendes Leben führen und doch vermag ich nicht einen einzigen Moment lang ohne ihn zu sein. Ich werde dir nun erzählen, wie ich seine Frau wurde. Als er jung war, war er innerlich teilweise erwacht. Als eine Frau wünschte er sich eine, die ihm bei seiner spirituellen Suche behilflich sein könnte. Aus diesem Wunsch her- aus wurde ich geboren – ein mentales Wesen, das seine mentale Frau werden sollte. Mit dieser Bestimmung wuchs ich dann bei einer jungen Frau auf. Ich begann mich am Hören guter Musik zu erfreuen und vergnügte mich auf die verschiedenste Art und Weise. Ich unterstütze nicht nur meinen Gemahl, sondern auch die drei Welten, die in ihm existieren. Obwohl ich schließlich heranwuchs und mein Körper über- quoll von überdeutlichen Malen der Schönheit und Jugend, verblieb mein Gemahl über lange Zeiträume hinweg im Zustand des Tiefschlafs oder war mit religiösen Aktivitäten befasst. Er vollzog nicht unsere Ehe, obwohl es mich die ganze Zeit über so sehr nach dem Vollzug verlangte. Ich brenne vor Verlangen. Meine Diener tun ihr Bestes, um mein Leiden zu erleichtern, aber im Grunde bereichern alle diese Bemühungen nur meine Pein. Brennend vor Verlangen vergieße ich unaufhörlich Tränen. Oh Weiser, es gibt hier herrliche Blumen und kühlen Schnee überall, aber da ich in der Hitze des Verlangens brenne, erfahre ich sie nur wie nutzlose Asche. Wenn ich in meinem Bett liege, bedeckt mit Blüten und Girlanden zur meiner Freude und zu meinem Genuss, dann erfahre ich trotzdem nur eine Leere und Trockenheit; meine Jugend wird so nur verschwendet. Die HIMMELSBEWOHNERIN fuhr fort: VI.2:65 Nach einer sehr langen Zeit wurden aus der Anhänglichkeit und Zuneigung, die ich für meinen Gemahl empfand, Nicht-Anhaftung und Leidenschaftslo- sigkeit. Mein Gemahl war alt geworden und interessierte sich nur noch für die Abgeschiedenheit. Er war leer von allen Anhaftungen und besaß keinerlei Geschmack mehr an sinnlichen Vergnügungen; immer blieb er still. Welchen Sinn hatte ein solches Leben für mich? Ich betrachtete die Kinder- Witwenschaft, den Tod und die Krankheit oder sogar das schlimmste Unglück als besser als die Gegenwart eines Ehemannes, dessen Herz nicht nach dem 587
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    meinen verlangte. Gewissist doch dies der größte Segen und die schönste Blüte des Lebens einer Frau, wenn sie einen Mann findet, der sich des Lebens erfreut und ein angenehmes und süßes Betragen und Verhalten besitzt. Eine Frau, dessen Mann sich des Lebens nicht erfreut, ist frustriert. Der un- kultivierte Verstand ist zerstörerisch. Reichtum, der in die Hände dummer Menschen fällt, ist Missgeschick. Sobald das eigene Ehrgefühl durch eine Prostituierte kompromittiert wurde, ist da eine große Gefahr. Eine wahre Ehefrau folgt ihrem Ehemann. Das ist Reichtum, wenn dieser auf die guten Menschen kommt. Das allein ist Geist, wenn dieser süß und weiträumig, edel und mit Gleichmut ausgestattet ist. Wenn Ehemann und Ehefrau einander gefallen, dann können weder körper- liche noch gemütsmäßige Krankheiten, weder Schwierigkeiten noch natürli- che Katastrophen ihre Haltung angreifen. Für diejenige Frau, deren Gemahl von schlechtem Charakter ist oder die keinen Gemahl hat, sind die Lustgärten der Welt wie heißer, brennender Sand. Eine Frau vermag in dieser Welt alles aus dem einen oder anderen Grunde aufzugeben, aber sie vermag nicht ihren Gemahl aufzugeben. Du siehst also selbst, oh Weiser, welches Unglück ich in all den Jahren ertra- gen musste. Nun aber habe ich die Leidenschaftslosigkeit kultiviert. Jetzt habe ich nur noch einen Wunsch – eine Unterweisung von dir zu erhalten, um nirvāņa zu erlangen. Der Tod wird von demjenigen dem Leben vorgezogen, dessen Wünsche hier unerfüllt geblieben sind, dessen Herz in beständiger Erregung lebt und der langsam dem Tode entgegengeht. Auch meinen Gemahl verlangt es nach nirvāņa. Er strebt danach, das Gemüt mit Hilfe des Gemüts zu beherrschen. Hoher Herr, erwecke doch bitte in uns beiden durch deine Worte der höchsten Weisheit die Selbsterkenntnis. Weil mein Gemahl kein Interesse an mir hat, habe ich die Leidenschaftslo- sigkeit entwickelt. Die mentale Konditionierung wurde schwächer und ich praktiziere nun Yoga, wodurch ich die Gabe erlangte, den Raum zu kontrollie- ren, so dass ich mich in demselben bewegen kann. In habe schließlich eine Konzentrationspraxis ausgeübt, die mich mit den vollkommenen Wesen zu- sammenbringen sollte. Alle diese Bemühungen haben Früchte getragen. Als ich aus meiner eigenen Welt floh, sah ich auf den Lokāloka-Bergen einen Felsen, den ich dort noch nie gesehen hatte. Zuvor hatten mein Gemahl und ich nicht den Wunsch, ihn zu sehen. Jetzt verlangt es uns beide nach der Er- langung der Selbsterkenntnis. Ich bitte dich darum, uns diese Gnade zu ge- währen, denn heilige Männer lehnen eine solche Bitte niemals ab. Ich habe schon viele vollkommene Wesen gesehen, aber noch keines wie dich. Ich nehme Zuflucht zu deinen Füßen – schick mich nicht weg. Als sie von Vāsi«Âha danach gefragt wurde, wie sie denn in dem Felsen ge- lebt habe, antwortete die HIMMELSBEWOHNERIN: VI.2:66, 67 Oh Weiser, diese unsere Welt innerhalb dieses Felsens ist nicht anders als deine Welt hier draußen! Auch in unserer Welt gibt es Himmel und Hölle, 588
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    Götter und Dämonen,Sonne und Mond, Sterne und Firmament, bewegliche und unbewegliche Kreaturen, Hügel und Meere und die Staubpartikel, die man die Lebewesen nennt. Weshalb stattest du diesem Felsen nicht einen kleinen Besuch ab? Weise sind doch immer an Wundern interessiert! (Dieser Planet ist auch nur ein Kieselstein in diesem ungeheuren Universum! ) VASIåèHA fuhr fort: In ihre Begleitung durchquerte ich dann also den Raum und erreichte den Lokāloka, wo ich den Felsen erblickte. Ich konnte erkennen, dass es nur ein Felsen war und keinerlei Welten in ihm waren. Ich fragte sie: Wo ist deine Welt mit all ihren Göttern und Dämonen, Bergen und Ozeanen – diese Welt, die du so anschaulich geschildert hast? Die HIMMELSBEWOHNERIN erwiderte: Wahrhaftig vermag ich nun, oh Weiser, zu erkennen, dass alles das, was ich zuvor in diesem Felsen sah, in Wirklichkeit nur in mir selbst ist. Durch die wiederholte Projektion dieser Sichtweise und dieser Art des Erfahrens im Felsen geschah es, dass ich mir dachte, ich sähe all das – da ich dies nun alles nicht mehr erfahre, ist auch diese Sichtweise vergangen. In dir hat das Emp- finden der Dualität schon vor langer Zeit aufgehört; folglich unterhältst du keine falschen Ideen mehr. Sogar in mir wurde nun nur durch richtige Wahr- nehmung diese langandauernde Illusion zerstreut – ich sehe die Welt nun klar und auf die rechte Weise. Da die gegenwärtige Realisation der Wahrheit so viel stärker als die Illusionen der Vergangenheit ist, sind die letzteren verblasst. Oh Weiser, dies ist der einzige Pfad zur Erlösung: Man sollte sich gänzlich an das eine wünschenswerte Ziel hingeben, man sollte in der rechten Bemü- hung zum Erlangen dieses Zieles unterwiesen sein und sich selbst wieder und wieder um die rechte Handlung bemühen. Mit Hilfe rechter Bemühung (abhyāsa) wird die Unwissenheit zerstreut und der Unwissende schließlich erleuchtet. Durch rechte Bemühung geschieht es, dass sogar bittere Dinge schmackhaft werden. Durch wiederholte Praxis geschieht es, dass Fremde Freunde werden, und falls ein enger Verwandter sich von jemandem abwen- det, dann geschieht dieser Verlust der Beziehung aufgrund der Abwesenheit dieser wiederholten Praxis. Es geschieht durch Wiederholung, dass der subti- le Körper zum physischen Körper wird. Durch andauernde Bemühung wird das Unmögliche möglich. Falsche Beziehungen wurden durch beständige Bemühung ins Leben gerufen und können durch ebenso beständige Bemü- hung bis zum Ende des eigenen Lebens energisch abgewiesen werden. Durch ständige Bemühung bringt man das gewünschte Objekt näher zu sich heran. Diese Bemühung schließlich befähigt einen dazu, es mühelos und ohne weite- re Hindernisse in Besitz zu nehmen. Die beständige und wiederholte Bemühung wird abhyāsa genannt. Nur das allein ist das größte Ziel des Menschen (puruåārtha) und einen anderen Weg gibt es nicht. Nur durch feste und entschlossene Eigenbemühung und durch eigene, direkte Erfahrung wird Vollkommenheit erlangt – nicht durch ir- 589
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    gendwelche anderen Mittel.Durch diese abhyāsa geschieht es, dass man in dieser Welt an allen Orten gänzlich furchtlos wird. (Die Beschreibung des Kapitel 66 der Welt im Felsen ist ausführlich und sehr interessant.) VASIåèHA fuhr fort: Als die Himmelsbewohnerin so gesprochen hatte, setzte ich mich in die Lo- VI.2:68 toshaltung und trat in samÃdhi bzw. tiefe Kontemplation ein. Ich gab alle materiellen und physischen Konzepte auf und hielt an der Vision des reinen Bewusstseins fest. Ich wurde zu diesem schon immer existierenden unendli- chen Bewusstsein und erlangte die kosmische Vision, welche von der aller- größten Reinheit ist. Aufgrund dieser Erkenntnis der Wahrheit hörte die Täuschung des Materi- ellen und Physischen in mir auf. An ihre Stelle trat das große Bewusstsein, welches weder steigt noch fällt. Es gab da ein Gewahrsein, in dem ich weder den Raum noch den Felsen sah, sondern nur noch das Unendliche. Was im- mer auch zuvor gesehen wurde, war nun nichts als das eine Selbst. Ich reali- sierte, dass das Selbst allein alles Gesehene und Erfahrene ist. Was mir wie ein Felsen vorgekommen war, war nichts als (der Raum des) unendlichen Bewusstsein (cidākāÓa). Der Mensch ist nur das Traumobjekt anderer Menschen – er träumt sich selbst als einen Menschen. Im Verlaufe der Zeit jedoch werden sogar die Opfer der allerschlimmsten Formen von Verblendung schließlich erleuchtet (erwacht), da es nichts anderes als die Wahrheit bzw. Brahman, das ewiglich ist, gibt. Daher kannte ich das, was ich zuvor als Felsen gesehen hatte, nicht als eine einzige Masse reinen Bewusstseins. Es gibt da kein solches Ding wie Materie. Das Selbst der Elemente bzw. Wesen ist der Körper Brahmans. Dieses Kon- zept wird nun als eine Idee oder Einbildung gesehen. Der kosmische subtile Körper erscheint aufgrund des Auftauchens dieser Idee. Die zuerst auftau- chende Idee bzw. Gedanke wird zum Körper des jīva. Dieser unwissende Gedanke (d.h., der Ich-Gedanke) glaubt nun, dass das Gemüt eine offenbare Realität sei. Ohne Grund oder überhaupt einen Zweck tauchen die Ideen auf, die das Gemüt als offenbare Realität (pratyakåa) betrachten – so wird das Bewusstsein zu etwas anderem als es selbst. Was man jetzt als offenbare Realität bezeichnet (den Körper usw.) ist offenbare Unwirklichkeit. Parado- xerweise wird das Offenbare zum Unwirklichen und das Unwirkliche zum Offenbaren. Eben darin besteht die Macht der Illusion. Der subtile Körper gehört zu den ersten unter diesen offenbaren Wahrhei- ten. Die Wahrheit ist allgegenwärtig und Materie nur eine Illusion, obwohl sie als solche erfahren wird. Dies verhält sich so, wie die „Schmuckstück- haftigkeit“ von Gold die illusorische Erscheinungsform von Gold ist, obgleich Menschen darauf zeigen und behaupten können, dass es ein Schmuckstück sei. Der subtile kosmische Körper (ātivāhika) ist nicht materiell. Aufgrund des 590
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    Nicht-Verstehens geschieht es,dass der jīva unter den Einfluss dieser Illusion gerät – welche Narrheit! Der materielle oder physische Körper wird bei der Ergründung nicht gefunden, während der subtile Körper in den zwei Welten (in dieser und der nächsten) unverändert weiterexistiert. VASIåèHA fuhr fort: Der grobe physische Körper existiert im ātivāhika bzw. dem subtilen Körper so wie Wasser in einer Luftspiegelung existiert. Aufgrund der fehlerhaften Wahrnehmung von einem Körper wird dieser physische Körper als eine soli- de Wesenheit akzeptiert – so wie man einen Pfahl für einen Mann hält. Wie geheimnisvoll und machtvoll ist doch diese Illusion, die das Irreale als real und das Reale als irreal erscheinen lässt! Diese Illusion existiert nur aufgrund des Nicht-Verstehens der Wahrheit. Aktivität und Verhalten der Wesen in dieser Welt werden überwiegend durch die Sichtweise der Yogis und in kleineren Ausmaß durch die Wahr- nehmung des Gemüts regiert. Diese beiden können daher als wahr akzeptiert werden. Wer jedoch das erstere abgewiesen hat und sich an die Realität der Materie klammert, strebt danach, seinen Durst am Wasser in einer Luftspie- gelung zu löschen. Die vergänglichen Freuden sind nur Schmerz. Wahrhafte Freude ist unmodifiziert, anfanglos und endlos. Erforsche daher die Wahrheit mit der Hilfe der direkten Erfahrung, gewahre die uranfängliche Wahrheit durch direkte Erfahrung. Wer diese Erfahrung zurückweist und den illusorischen „Realitäten“ hinterherrennt, ist ein Dummkopf. Der subtile immaterielle Körper allein ist wirklich und die Wahrnehmung des materiellen oder physischen Körpers in ihm ist unwirklich und illuso- risch. Wie könnte der letztere als real erfahren werden, wenn er doch bloß ideenmäßig existiert und niemals erschaffen wurde? Was könnte man noch als real akzeptieren nachdem man erkannt hat, dass das scheinbar offenbare Gesehene nur illusorisch und irreal ist? Wie könnte das als real akzeptiert werden, was aufgrund von etwas existiert, das selbst irreal ist? Wenn der erste und vornehmste Beweis (pratyakåa bzw. direkte Erfahrung) dies doch schon erbringt, welcher Wert kann dann noch in bloßer Schlussfol- gerung liegen? Man sagt daher, dass die durch diese beiden Verfahrensweisen (direkte Sin- neserfahrung, Schlussfolgern und wissenschaftliche Forschung) erwiesene Realität des objektiven Universum falsch und irreal sei. Dualität und Vielfalt sind falsch – die eine Masse unendlichen Bewusstseins allein ist real. So wie ein im Traum gesehenes Objekt real ist, so ist das von uns als Felsen wahrge- nommene Objekt irreal, denn es ist nichts als reines Bewusstsein. Erkenne, dass dieser Berg, dieser Raum, die Welt und das „ich“ alle nur das eine, un- endliche, unteilbare Bewusstsein sind. Derjenige, der erleuchtet ist, vermag dies zu erkennen, jedoch nicht der Unerleuchtete. Aufgrund des falschen Empfindens von „ich bin unerleuchtet“ 591
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    wurde diese Unwissenheitbezüglich der Realität wieder und wieder erhärtet. Wer die Realisierung der direkten Erfahrung des Höchsten Herrn, der von der Natur des unteilbaren, unendlichen Bewusstseins ist, abweist und sich an andere Formen der Erfahrung klammert, ist gewiss närrisch. Was haben wir mit solchen Menschen überhaupt zu schaffen? VASIåèHA fuhr fort: Dann trat diese Himmelsbewohnerin in die Welt innerhalb des Felsens ein. VI.2:69 Ich begleitete sie. Dann wandte sie sich dorthin, wo der Schöpfer dieser Wel- ten seinen Aufenthaltsort hatte und setzte sich vor ihn nieder. Sie sagte dann zu mir: „Oh Weiser, dies ist mein Gemahl. Er hat mich als seine Frau erschaf- fen. Und doch hat er die Ehe nie vollzogen. Nun sind wie beide gealtert. Ich habe jetzt Leidenschaftslosigkeit erlangt. Nie geht er aus seiner Meditation heraus. Bitte erleuchte uns beide bezüglich der Wurzelursache dieses saæsāra, auf das wir frei von ihr werden mögen.“ Nachdem sie so gesprochen hatte, „erweckte“ sie ihren Gemahl, den Schöpfer, zum gewöhnlichen Be- wusstsein und sprach ihn an: „Hoher Herr, gewahre diesen Weisen hier, der in unserer Heimstatt angelangt ist. Er ist unser Gast. Er ist der Sohn des Schöp- fers einer anderen Welt. Es ist unsere Pflicht als Haushälter, unsere Gäste zu ehren und willkommen zu heißen.“ Der Schöpfer der anderen Welt (des Felsens) öffnete seine Augen. Er wurde sodann seiner eigenen „Glieder“ gewahr. Diese Glieder waren tatsächlich verschiedene, „erschaffene“ Lebewesen, die in seinem Gewahrsein auftauch- ten. Auf einmal erschienen vor ihm verschiedene Arten von Wesen – Götter, Dämonen, Menschen usw. Er erblickte mich und auch seine Frau, wie wir beide vor ihm saßen. Er begrüßte mich und bat mich, auf einem juwelenge- schmückten Sitz Platz zu nehmen. Ich beantwortete den Gruß und nahm auf diesem Sitz Platz. Es gab dann eine himmlische Musik, und es wurden eben- falls Hymnen gesungen. Auf angemessene Weise begannen wir uns alle ge- genseitig zu grüßen. Dann fragte ich den zweiten Brahmā: „Hoher Herr, diese Himmelsbewohne- rin hat mich hierher gebracht und erklärte mir, dass ich euch beide auf eine Weise unterrichten möge, die euch zu erleuchten vermag. Ist dir dies recht und ist dies auch dein Wunsch? Du bist für dich selbst ja der Höchste Herr all dieser Wesen und der Meister höchster Weisheit, während sie nicht mehr von Wünschen überwältigt wird. Wie geschah es, dass du sie als deine Frau er- schaffen hast und, falls dies den Tatsachen entsprechen sollte, weshalb hast du nicht die Ehe mit ihr vollzogen?“ DER SCHÖPFER IM FELSEN erwiderte: Oh Weiser, höre mich an und ich werde dir alles erzählen, was geschehen ist. Es gibt da nur ein einziges Bewusstsein, das ungeboren und still ist. In ihm taucht eine winzige Bewegung auf, eine Vibration oder eine Welle. Das ist, was ich bin. Ich bin von der essenziellen Natur reinen Raums. Ich ruhe im Selbst. Da ich ohne jede Ursache und ohne eine Stofflichkeit erschienen bin, 592
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    werde ich alsSelbst-geboren bezeichnet. Weder habe ich etwas erschaffen noch sehe ich überhaupt irgendetwas. Was man hier als mich und dich sehen und als diesen Dialog zwischen uns wahrnehmen kann, ist wie zwei Wellen, die im Ozean zusammenstoßen und einen Ton erzeugen. Wir sind wie die Wellen des Ozeans – nicht unterschieden vom Ozean des unendlichen Be- wusstseins. Wir sind nur Ideen, die darin spontan auftauchen. Diese Dame hier, die davon verschieden zu sein scheint, wurde tatsächlich niemals er- schaffen, sie trat niemals ins Dasein; sie ist nur eine Idee, ein Konzept, eine Gedankenwelle bzw. eine psychologische Konditionierung. Dieser aus den Spuren des Ich-Sinns gemachte Körper, der in mir und ihr existiert, ist ledig- lich, wie dies schon immer so war, die über Ich-Sinn herrschende Gottheit. Sie ist folglich weder meine Frau noch wurde sie überhaupt jemals erschaffen. DER BRAHMĀ DER ANDEREN WELT fuhr fort: VI.2:70 Nun wünsche ich das Feld bzw. den Raum des unendlichen Bewusstseins zu betreten. Daher habe ich diese Auflösung manifestiert, die das Zeichen zur kosmischen Auflösung darstellen soll. Und daher gibt es in uns die Leiden- schaftslosigkeit. Wenn ich das kosmische Gemüt aufgebe und im unendlichen Bewusstsein untertauche, ist die Zerstörung sämtlicher vāsanās (Ideen usw.) gewiss. Und daher ist auch diese Frau hier (die ein verkörpertes vāsanā ist) leidenschaftslos geworden und hängt mir in diesem Bestreben an. Der Weltzyklus ist nun an ein Ende gelangt und mit ihm zusammen ist auch das Ende der Götter gekommen. Gleichzeitig ist dies der Moment der kosmi- schen Auflösung. Es ist das Ende meiner eigenen Konditionierung (vāsanā) und die gänzliche Umformung des Körpers in Raum. Aus diesem Grunde werden diese vāsanās nun verderben. Der Wunsch nach Befreiung taucht ohne ersichtlichen Grund in den vāsanās auf – auf diese Weise gehen die vāsanās ihrer Zerstörung entgegen. Meine Frau hat die Praxis der Meditation usw. gepflegt, jedoch noch nicht das Selbst realisiert. Dann erblickte sie plötz- lich die Welt, in der du (der erleuchtete Weise) lebst. Zu diesem Zeitpunkt erblickte sie sogar den Eckstein meiner Schöpfung. Dieser Eckstein kann nur dann wahrgenommen werden, wenn das Gemüt bereit ist zur Aufgabe der Wahrnehmung von Vielfalt und diese gänzlich abgelegt hat, aber nicht vorher. Wie in diesem Felsen hier gibt es zahllose Welten innerhalb von anderen Welten, die wiederum in diesen Objekten und Elementen hier überall sind, wie es schon immer gewesen ist. Ihr Erscheinen als „die „Welt“ ist natürlich das Ergebnis einer Illusion, denn sie ist nichts als reines Bewusstsein. Diese illusorische Vision der „Welt“ verschwindet, sobald man ihre wahre Natur verstanden hat. In den Augen anderer Menschen je- doch fährt sie fort zu existieren. Durch die Praxis der Konzentration und Meditation usw. vermochte sie (d.h., das vāsanā) Leidenschaftslosigkeit zu erlangen. Anschließend suchte sie dich auf, um Selbsterkenntnis zu erhalten. Somit ist es nur die Macht des unendlichen Bewusstseins allein, die hier als die unüberschreitbare, illusorische Kraft oder Māyā existiert. Diese Macht ist 593
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    anfanglos, endlos undunverderblich. Zeit, Raum, Materie, Bewegung, Gemüt und Intellekt usw. sind nur Teile des Bewusstseins, wie die Teile eines Fel- sens. Allein das unendliche Bewusstseins existiert als der Felsen des Be- wusstseins – seine Glieder sind die Welten. Diese Masse Bewusstsein denkt sich selbst als die Welt. Obgleich es anfanglos und endlos ist, denkt es, dass es einen Anfang und ein Ende habe. Zu diesen beiden scheint es dann auch zu werden. Diese Masse Bewusstsein ist formlos und nimmt doch die Form eines Felsens an. Es gibt hier keine Flüsse. Weder gibt es hier umlaufende Räder noch Materie, die ständigen Wandlungen und Umformungen unterzogen wird. All dieses sind nur Erscheinungen innerhalb des Raumes bzw. des Fel- des des unendlichen Bewusstseins (cidambaram). Im kosmischen Raum entsteht einfach aus sich heraus der Anschein eines Raumes namens Haus und ein weiterer namens Topf (obgleich Raum gewiss unteilbar ist und die Existenz des Raumes innerhalb des Hauses den Raum in seiner Gesamtheit weder verringert noch vergrößert). Auf dieselbe Weise scheinen auch alle diese „Welten“ im Unendlichen zu existieren, das selbst unteilbar ist und dadurch keiner Verkleinerung oder Vergrößerung unterzogen wird. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:71 Nachdem er so gesprochen hatte, trat der Schöpfer (dieser Welt im Felsen) in den tiefen und letzten Zustand der Meditation ein. Er äußerte: „OM“, und kontemplierte über den letzten Teil seiner Intonation. Sein Gemüt war gänz- lich gestillt. Er war wie ein gemaltes Bild. Auch das vāsanā (die Verkörperun- gen der psychologischen Konditionierung in der Form der Dame) folgte dem Schöpfer und trat in tiefe Meditation ein. Sie erlangte schließlich die Form des Raumes. Ich trat ebenfalls in tiefe Meditation ein und bezeugte all dieses, nachdem ich zum allgegenwärtigen, unendlichen Bewusstsein geworden war. Als die Ideen im kosmischen Gemüt des Schöpfers langsam abzusterben begannen, begann in demselben Moment auch die Erde selbst mitsamt ihren Bergen, Kontinenten und Ozeanen zu verschwinden. Gräser und Bäume hör- ten auf zu sein. Die Erde ist eines der Glieder der kosmischen Person, des Schöpfers. Sobald diese kosmische Person ihr ihr Gewahrsein entzieht, hört die Erde auf zu sein – so wie unser Gewahrsein unserer Gliedmaßen in einem Zustand der Bewusstlosigkeit vergeht und sich auflöst. Gleichzeitig wurde die Erde von zahlreichen kosmischen Katastrophen er- fasst. Die Übeltäter wurden von Feuer verbrannt und in die Hölle gesandt. Die Erde verlor all ihren Liebreiz und ihre Fruchtbarkeit. Die Frauen wurden unmoralisch und die Männer verloren ihre Selbstachtung. Ein dichter Sand- sturm erhob sich und verdunkelte die Sonne. Die Menschen wurden von den Gegensatzpaaren gequält, denen sie sich in ihrer Narrheit unterworfen fühl- ten. Die Menschheit wurde aufgrund von Überschwemmungen und Hungers- nöten, Kriegen und Seuchen dezimiert. Wegen der zahlreichen Leiden began- nen die Menschen unzivilisiert und unkultiviert zu werden. Da all diese schrecklichen Dinge so unerwartet auftraten, starben die edlen Menschen schnell und es gab da ein großes Ach und Weh überall. Das Wasser wurde 594
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    knapp und dieLeute begannen große Brunnen zu bohren. Männer und Frau- en vermischten sich unkontrolliert und die soziale Ordnung brach zusammen. Jedermann lebte vom Handeln. Die Frauen verdienten ihren Lebensunterhal- tung durch Zurschaustellung ihrer schönen Haartracht. Die Könige folgten dem Grundsatz: „Macht ist Recht!“ Überall gab es Ungerechtigkeit und Recht- losigkeit. Die herrschenden Schichten war dem Trunk ergeben. Sie belästig- ten und quälten die gebildeten und die heiligen Männer. Die Menschen gingen nun Wege der Lebensführung und nahmen Glaubensvorstellungen an, die gänzlich unnatürlich waren. Die Gebildeten wurden gewalttätig und aggres- siv. Tempel wurden angezündet. Sogar die Heiligen gaben aufgrund von Gleichgültigkeit und Nachlässigkeit die Ausübung heiliger Riten auf. Die Städte wurden von Feuern verbrannt, die wie Regenschauer vom Him- mel fielen. Die Jahreszeiten kamen und gingen jenseits jeder natürlichen Ordnung. So begann das Erdelement auf den Höhepunkt seiner Zerstörung zuzusteuern, da der Schöpfer selbst in das unendliche Bewusstsein unterge- taucht war. VASIåèHA fuhr fort: Als dann das Erdelement im unendlichen Bewusstsein absorbiert und seine Grenzen überschritten hatte, wandte sich als nächstes das Wasserelement in Richtung seiner Auflösung. Die Gewässer erhoben sich, überfluteten die Ufer und ihre natürlichen Begrenzungen. Die Ozeane flossen in alle Richtungen über. Unter schrecklichem Getöse schlugen die Wellen gegen die Wälder und vernichteten sie. Mächtige Wellen vermischten sich sogar mit den Wolken am Himmel und wurden gemeinsam mit diesen zu einer einzigen Masse von Wasser. Sämtliche Berge verschwanden unter Wasser. Die Wasserlebewesen gerieten in Panik und stürzten Hals-über-Kopf in einem vergeblich Fluchtver- such vor der Katastrophe davon. Als die Wogen die Bergeshöhlen zerstörten, rannten die Löwen aus diesen davon, töteten andere Wesen und wurden dann schließlich selbst getötet. Der durch all diese Geschehnisse entstandene Tu- mult erreichte sogar noch die Regionen des Sonnenbereichs. Es sah so aus, als hätten die Ozeane die Reiche der Götter selbst überflutet und jene besetzt. Wegen der Zerstörung der Wälder und Berge aufgrund der Kraft der Flutwellen schaute es nun so aus, als wäre der gesamte Raum ein riesiger Haufen von Wäldern und Bergen. Die großen Berge waren in den Wassern des Ozeans untergegangen. In gewisser Weise sah es manchmal so aus, als würden die Berge weiße Zähne zeigen und lachen, denn wegen der Auswaschungen durch die Flutwellen waren kostbare Edel- und Halbedel- steine aus dem Erdinnern hervorgespült worden und lagerten nun auf den Berghängen. Sogar die himmlischen Körper schienen von all dem betroffen zu sein. Die Berge der Erde stürzten auf sie hernieder, dabei ein lautes Geräusch erzeu- gend. Sogar die Feuer der kosmischen Zerstörung schienen Furcht vor ihrer Auslöschung durch die enormen Flutwellen zu empfinden. Irgendwann gab es sogar einen schrecklichen Krieg zwischen den Erdelefanten und den Seeele- 595
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    fanten! Als schonso viele irdische Objekte verlorengegangen waren, begann der ganze, einzige Ozean mit einer übernatürlichen Strahlkraft zu leuchten. Dann sah es so aus, als würde der Raum selbst in die Wasser der kosmi- schen Auflösung stürzen. Das Firmament mit all seinen Lichtern und seinen kostbaren Juwelen fiel in die Fluten. Feuerflammen breiteten sich in alle Richtungen aus und verzehrten alles, was im Raum existierte. Da der Schöpfer seine Schöpfung aufgegeben hatte, wurden die Dämonen und andere Wesen dieser Art losgelassen, um nach ihrem Belieben Zerstörung und Schaden anzurichten. Sämtliche Götter (Indra usw.), die über die natürlichen Elemente herrschten, ihre Gottheiten waren und ihre natürliche Ordnung aufrechterhielten, wurden von den Dämonen überwältigt. Es gab ein großes Chaos. Sogar die Wohnstätten Śivas usw. wur- den geschändet und gestört. Sterne und Planeten kollidierten miteinander und da war eine große, kosmische Zerstörung. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:72 Als der Schöpfer Brahmā seine prāïa (die Lebenskräfte) zurückgezogen hatte, gab die sich im Raum bewegende Luft ihre natürliche Tätigkeit der Bewegung im Raum auf. Wie konnten jetzt noch die Elemente und die Lebe- wesen am Leben erhalten werden? Sobald daher die Kraft, die alle himmli- schen Körper trug, verschwunden war, stürzten die Sterne wie Blüten vom Baum aus ihren Umlaufbahnen. Auch die Monde, die den Weltraum durch- querten, lösten sich aufgrund des durch die zurückgezogenen Lebenskräfte schwindenden Raum-Zeit-Kontinuums auf. Sogar die Wanderpfade der siddhas bzw. vollkommenen Wesen wurden ausradiert. Wie Baumwollflocken begannen die siddhas im Raum zu fallen. Sogar Indra (das Haupt der Götter) und sein Himmel stürzte und löste sich auf. RĀMA fragte: Bewusstsein ist rein und die kosmische Person ist nur eine Idee. Wie konn- te es geschehen, dass diese kosmische Person bzw. Brahmā Glieder wie Erde, Himmel und Unterwelten erwarb? VASIåèHA fuhr fort: Zu Beginn, oh Rāma, gab es nur reines Bewusstsein, von dem man nicht zu sagen vermochte, ob es existiere oder nicht existiere. Innerhalb von sich selbst wurde es seiner selbst als ein Objekt des Gewahrseins bewusst. Ohne seine Haltung als das Subjekt aufzugeben, schien es nun gleichzeitig auch zum Objekt zu werden. Darin besteht der jīva, aus dem das Gemüt usw. auf- tauchte. Jedoch ist alles dieses ununterschieden vom reinen Bewusstsein. Sobald das Gemüt, welches ebenfalls nur reines Bewusstsein ist, denkt: „Ich bin Raum“, dann erfährt es den Raum, obgleich dieser Raum gänzlich inexis- tent ist. Das Selbst bzw. das reine Bewusstsein ist leer und immateriell. So lange es die Wahrnehmung des physischen Universums gibt, erfährt das Bewusstsein es als real. Sobald es nur den Wunsch dazu verspürt, zieht es diese Schöpfung wieder in sich hinein, die dann an ein Ende gelangt. 596
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    Vāsanā bzw. psychologischeKonditionierung, die die Ideen und die ver- schiedenen Erfahrungen entstehen lassen, hören auf zu sein, sobald die Visi- on der Wahrheit bzw. das Verstehen der Realität zum Vorschein gekommen ist. Dann gibt es Egolosigkeit und folglich auch Einssein, und danach verbleibt als einziges nur noch mokåa bzw. Befreiung. Darin besteht die Natur Brahmās. Dies ist die Art und Weise, wie die Welt als der Körper Brahmās, der kosmischen Person, existiert. Die Idee, die in dieser kosmischen Person auftaucht, wird zu diesem Universum. Dieses wie- derum ist reine Leerheit, denn tatsächlich gibt es weder solche Dinge wie die Welt noch das, was man als „du“ oder „ich“ bezeichnen könnte. Was sollte im reinen Bewusstsein wohl die Welt sein, wie und durch wen sollte sie mit welchen Stoffen oder zusammenwirkenden Ursachen erschaffen worden sein? Das Universum erscheint und ist doch nicht mehr als ein illusorisches Gebilde. Weder ist es eins mit dem unendlichen Bewusstsein noch verschie- den davon. Es gibt weder Einheit noch Vielheit. Unendliches, unteilbares Bewusstsein allein ist die Wirklichkeit. Lebe daher frei von aller Konditionie- rung und handle spontan und angemessen in jeder Situation. RĀMA fragte: VI.2:73 Hoher Herr, bis hierher habe ich alles, was du mir so weit mitgeteilt hast, in Gänze verstanden. Jedoch werde ich nicht müde, immer noch mehr von dei- nen Unterweisungen zu vernehmen, denn sie sind wie der Nektar der Un- sterblichkeit. Beschreibe daher die Erfahrung der Schöpfung ein weiteres Mal! VASIåèHA fuhr fort: Während der so genannten kosmischen Auflösung wird alles, was bis dahin ins Dasein getreten ist, aufgelöst. Es verbleibt nur das Ewige. Dieses wiede- rum ist jenseits jeder Beschreibung. Im Vergleich mit einem Senfsamen ist der Berg Meru gigantisch – ebenso ist im Vergleich mit diesen ewigen unend- lichen Bewusstsein der Raum nur wie der Senfsamen. Im Vergleich mit dem größten aller Berge ist ein subatomares Teilchen winzig – ebenso fiele auch der Vergleich mit diesem Welt-Universum und dem ewigen unendlichen Bewusstsein aus. Während der kosmischen Auflösung, sobald alle Welter- scheinungen aufgehört haben zu existieren, ist sich das ewige unendliche Bewusstsein trotzdem immer noch jedes einzelnen winzigen subatomaren Teilchens im Raum bewusst. Es betrachtet diese (obgleich sie irreal sind) wie in einem Traum und stellt sich sich selbst dann als „Brahman“ vor. Es versteht sogar sich selbst als das unendliche Bewusstsein. Indem es sich selbst als das atomare Teilchen des unendlichen Bewusstseins vorstellt, existiert es als das Subjekt und scheint nun atomare Teilchen, die zu Objekten werden, wahrzu- nehmen. Dies geschieht auf dieselbe Art wie bei dem Mann, der sich selbst im Traum sieht. Bewusstsein scheint sich also selbst in das Subjekt und Objekt zu teilen, ohne dabei jedoch jemals seine eigene Unteilbarkeit aufzugeben. In diesem Moment tauchen spontan die folgenden Prinzipien auf: Zeit, Raum, Tätigkeit, Materie, der Seher (Subjekt), Sehen und das Gesehene (Ob- 597
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    jekt). Jedoch tauchendiejenigen Kräfte nicht auf, die diese Prinzipien norma- lerweise bremsen bzw. behindern. Wo das Bewusstseinspartikel strahlt, dort manifestiert sich auch der Raum. Sobald dies geschieht, gibt es die Zeit. Die Art und Weise, in der dies geschieht, wird dann zur Tätigkeit. Was immer als existierend erfahren wird, wird sodann zu Materie. Der Erfahrende wird zum Subjekt und das Erfahren bzw. das Sehen dieser Materie wird zum Sehen. Das, was für dieses Sehen bzw. Erfahren verantwortlich ist, wird zum Objekt. So treten alle diese Dinge scheinbar ins Dasein, obgleich sie sämtlich falsch sind. Es ist der Raum allein, der im Raum ohne eine bestimmte Geordnetheit bezüglich der Reihenfolge oder der Prinzipien erscheint. Ähnlich dem obigen wird der Stoff, in dem Bewusstsein leuchtet, als Körper bezeichnet. Das, durch welches dieser sieht, ist das Auge. Ebenso ist es bezüg- lich der anderen Sinne usw. Der Zustand, in dem dieses Bewusstsein ohne Name und Form leuchtet, wird tanmātra (reines Element) genannt, das einzig von der Natur des Raums bzw. der Leerheit ist. Dieses Strahlen des atomaren Teilchens des Bewusstseins selbst wird dann gröber und zum Körper, so wie wir ihn kennen. In diesem tauchen dann die fünf Sinne auf. Das, was sich all dessen bewusst ist, wird buddhi bzw. Intelligenz genannt. Zusammen mit dem Denken taucht das Gemüt auf, in dem der Ich-Sinn wurzelt. VASIåèHA fuhr fort: Indem das Teilchen des Bewusstseins sich im Raum bewegt, tut es „dort“ das, was es früher „hier“ getan hat. Auf diese Weise entstehen dann sowohl die Abfolge der Zeiten als auch die räumlichen Trennungen wie „oberhalb“, „unterhalb“ und die Himmelsrichtungen. Obwohl das Teilchen von der Natur des Raums bzw. der Leerheit ist, wird es scheinbar zu Zeit, Raum, Tätigkeit, Materie und dem Gewahrsein der Bedeutung von Wörtern usw. So tritt dann der subtile Leib (ātivāhika) ins Dasein. Dieser kondensiert schließlich durch das wiederholte Gewahrsein seiner selbst zu dem materiellen Körper. Das Bewusstsein verkörpert sich, obwohl es in Wahrheit wie Raum ist und nicht in irgendetwas enthalten sein kann. In ihm tauchen die Ideen von „Kopf“ und „Fuß“ auf, die es sodann als wirklich existierende Organe wahr- nimmt. Dasselbe geschieht mit den restlichen Gliedern des physischen Kör- pers. Dasselbe Bewusstsein betrachtet sich selbst als seiend und nicht-seiend, als nehmend und zurückweisend, als die Naturordnung und alles andere. Es betrachtet alle diese Ideen als eine Realität. Auf dieselbe Weise wird es zu Brahmā dem Schöpfer, auf dieselbe Weise erlangt es (den Status) von Hari oder Viåņu, auf dieselbe Weise wird es (oder scheint es) zu Rudra oder Śiva zu werden, auf dieselbe Weise scheint es sogar zu einem Wurm zu werden. In Wahrheit jedoch ist es niemals zu irgendetwas von diesem allen geworden – es ist, was es ist, nämliche reine Leerheit in Leerheit, Bewusstsein im Be- wusstsein. Darin besteht der Same aller Körper in den drei Welten. Dies ist der Same sogar des saæsāra (Weltillusion), die die Schranke zum Tor zur Befreiung bildet. Dies ist der Ursache von allem und der Dirigent der Zeit und der Tätig- 598
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    keit. Dies istdie erste Person, die, obgleich ungeboren, geboren zu sein scheint. Sie besitzt keinen materiellen oder physischen Körper und kann daher nicht ergriffen werden. So wie ein von einem Löwen träumender und mit diesem kämpfender Mensch im Traum schreit, obwohl er tatsächlich still und schlafend ist, so befindet sich das unendliche Bewusstsein, obwohl alle diese Ideen unterhaltend, innerhalb von sich selbst im Frieden und in der Stille. Das Universum, sich in alle Himmelsrichtungen viele Milliarden Kilo- meter erstreckend, existiert im winzigsten, subatomaren Teilchen, und die drei Welten existieren (im Vergleich mit dem unendlichen Bewusstsein) innerhalb einer Haarsträhne. Sogar Brahmā der Schöpfer existiert innerhalb eines Atoms, obwohl er doch dieses Universum regiert, welches so unvorstellbar ungeheuer groß und sein Körper ist. Tatsächlich benötigt er nicht den geringsten Raum – so wie die in einem Traum gesehenen Berge. Die kosmische Person wurde mit Namen wie svayambhū Brahmā (aus sich selbst geborener Schöpfer) und auch als virā (kosmische Person) bezeichnet, aber in Wahrheit, oh Rāma, ist sie nichts als reines Bewusstsein. Sobald sich dieses Bewusstsein der Bewegung bewusst wird, erfährt es sie bzw. die Lebenskraft auch. Dies ist dann das prāïa und das apāna, dessen wirbelnde Bewegungen im Universum als Wind bezeichnet werden und der das eigentliche Herz des Universums ist. Die Absonderungen dieses prāïa nennt man vāta bzw. Wind, pitta bzw. Hitze und śle«ma bzw. Feuchtigkeit (die drei Stoffe des Körpers) und, als ihre kosmischen Gegenstü- cke, Wind, Sonne und Mond. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:74 Die kosmische Person (virāÂ) besitzt zwei Körper: Der edlere ist reines Be- wusstsein, das ohne Anfang, Ende oder „Mitte“ ist, während der zweite Kör- per diese Welt ist. Aufgrund dessen ist diese Person in der Lage, die Welt (wie ein Ei) von außerhalb zu betrachten (wie es die Henne tut). Sie teilt das Ei in zwei, nämlich den oberen Teil, den sie das Firmament bzw. den Himmel nennt, und den unteren Teil, den sie die Erde nennt. Der obere Teil wird der Kopf von virā genannt, der untere Teil seine Füße und die Mitte (die Lufthül- le) sein Rücken bzw. sein Hinterteil. Der obere Teil wird als der blaue und leere Himmel wahrgenommen, da er so weit entfernt ist. Das Firmament ist die Zunge des virā und die Sterne sind die Blutstropfen. Die „Luftteilchen“, die im Körper kreisen, sind Götter, Dämonen und Men- schen. Die Bakterien und Viren im Körper sind die Gespenster und Kobolde. Die Öffnungen des Körpers stellen weitere Welten dar. Seine Lenden sind die Ozeane. Die nā¬is sind die Flüsse und der Kontinent genannt JambÆdvīpa ist sein Herz. Der leere Raum ist sein Magen. Die Berge sind seine Leber und seine Milz. Die Wolken sind sein Fleisch. Sonne und Mond sind seine Augen. Die Welt Brahmās ist sein Antlitz. Das Soma ist seine Energie. Die beschneiten Berge sind sein Schleim, das unterirdische Feuer ist seine Galle und die Win- de sind sein prāïa und apāna. Sämtliche Bäume und Schlangen sind seine Haare. 599
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    Da er selbstdas kosmische Gemüt ist, hat er kein Gemüt. Da das unendliche Selbst allein zu der Erfahrung geworden zu sein scheint, die nichts als reines Bewusstsein ist, gibt es keinen von ihm getrennten Erfahrenden. Auf dieselbe Weise gibt es in ihm keine indriyas bzw. Sinne, da er der Erfahrende in allen Sinnen ist. Daher sind die Unterscheidungen zwischen den Sinnen nichts als nur Ideen. Das Konzept, dass die indriyas (Sinne) zum Gemüt dieselbe Art von Beziehung hätten wie die Glieder zum Körper, ist ein Irrtum, denn eine derartige Unterscheidung existiert nicht – sogar Körper und Glieder sind eine einzige Einheit. Von ihm geht welche auch immer geartete Tätigkeit in dieser Welt aus. Auf- grund von ihm wird diese Welt als wirklich gesehen – hört er auf zu sein, dann hört auch diese Welt auf zu sein. Die Welt (Schöpfung), Brahmā der Schöpfer und virā (die kosmische Person) sind nur Redeweisen – es sind nur Ideen, die im reinen, unendlichen Bewusstsein auftauchen. RĀMA fragte: Wie kann diese kosmische Person dann diesem Körper existieren, wenn sie nur ideenhaft existiert? VASIåèHA erwiderte: VI.2:75 Als Brahmā der Schöpfer einmal meditierte, sah ich mich etwas um. Ich sah eine Sonne, die in jeder Himmelsrichtung aufging. Während ich noch dieses außergewöhnliche Phänomen betrachtete, stieg unmittelbar aus dem Innern der Erde, wie ein unterirdisches Feuer, eine weitere Sonne auf. Insgesamt waren es elf und drei eher mondähnliche, satellitenähnliche Sonnen, wie die drei Augen des Lord Śiva, die zusammen eine zwölfte Sonne bildeten. Mit all diesen Sonnen wurde mir dann zu heiß. Daher verließ ich diesen Ort und ging an einen anderen, weit entfernt gelegenen. Das gesamte Firmament war vom Licht all dieser Sonnen entflammt. Überall hörte man Geräusche wie „kat kat“ und „cat cat“. Überall wurden die Lebewesen von der Hitze verbrannt. Nicht einmal die Wasserlebewesen waren davon ausgenommen. Die Zerstörung war kolossal und komplett. Berge fielen auf brennende Städte und pulverisierten diese. Die ganze Zeit über klagten und jammerten die Leute laut. Andere wiederum (Yogis) schafften es, ihre Lebenskräfte über das Schädeldach hinauszuführen und so Unsterblichkeit zu erlangen. Die Erde wurde von einem Feuer ver- zehrt, das von unten und von oben kam. Die gesamte Welt mit allen Wesen darin wurde von den Flammen des Feu- ers, die aus den Augen Rudras schlugen, in Brand gesetzt. Überall gab es einen Laut wie „bumm bumm bumm“ und es sah so aus, als ob Dämoninnen sich spielerisch damit vergnügten, einander mit Feuerströmen zu bewerfen. Meteore begannen auf die Berggipfel zu fallen und zu „tanzen“ – den Tanz von Tod und Vernichtung. Das der Erde entsteigende Feuer schien die Erde mit dem Himmel und dem gesamten Universum eins werden zu lassen. Sogar der Sumeru-Berg, bestehend aus massivem Gold, begann zu schmelzen. Die 600
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    schneebedeckten Gipfel desHimālaya schmolzen. Allein der Malaya-Berg blieb unversehrt. Wie das Herz eines edlen Mannes, der trotz seines eigenen Leides immer noch die Wohlfahrt aller zu befördern versucht, stand dieser Berg und verstrahlte Freude und Frieden – so wie Sandelholz seinen Duft demjenigen schenkt, der es verbrennt. Es gab nur zwei Objekte, die unberührt blieben, nämlich der allesdurch- dringende Raum, der nicht zerstört werden konnte, und reines Gold, das ebenfalls nicht vernichtet wurde. Ich glaube daher, dass nur satva (Reinheit) gut und wünschenswert ist, nicht aber rajas (Aktivität bzw. Unreinheit) und tamas (Trägheit, Stupidität). Als dann alles zerstört war, blieb nicht einmal mehr Asche übrig. So wie Unwissenheit und ihre Folgen vom Feuer der Weisheit des Weisen vernichtet werden, so bleibt nichts als absolute Reinheit ohne die geringsten Überbleib- sel der „Asche“ der vergangenen Unwissenheit zurück. Einige Zeit lang ver- suchten die Feuer vergeblich, den Kailāsa, die Heimstatt von Lord Rudra, zu erreichen. Aber sobald er seinen glühenden Blick darauf richtete, begann auch er zu brennen. Nichts blieb übrig. Zukünftige Generationen können sich nur noch fragen: „Gab es früher einmal eine Welt, ein Universum, eine Schöpfung?“ VASIåèHA fuhr fort: VI.2:76 Schließlich entstand der furchtbare Wind der Auflösung, der so gewaltig blies, dass die Berge und Ozeane nach und nach von ihm erfasst wurden und ihre Natur aufzugeben begannen. Sogar die Unterwelt schien in etwas zu hineinzustürzen, was sich noch tiefer unter ihr befand. Die gesamte Schöp- fung dörrte aus und verlor ihre Essenz. Danach tauchte wie ein wütender Dämon eine enorm große Wolke auf, die schreckenerregende Geräusche hervorbrachte. Diese klangen wie das Ge- räusch, welches entstand, als Brahmā der Schöpfer das goldene Ei, welches das erschaffene Universum erscheinen ließ, zerbrach. Dieses Geräusch zu- sammen mit den Geräuschen der zerfallenden Welten und Ozeane legte Furcht in die Herzen aller. Es erfüllte das ganze Universum und vereinte die Erde mit dem Himmel und der Unterwelt. Ganz unzweifelhaft handelte es sich hierbei um die Geräusche der kosmischen Auflösung. Ich vernahm dieses Geräusch von der Wolke. Ich fragte mich: „Wie konnte diese Wolke Seite an Seite mit den Feuern der kosmischen Auflösung existie- ren?“ Ich schaute in alle Himmelsrichtungen. Um mich herum erblickte ich Regenschauer aus Blitzen und Adamantiten. In ein und demselben Moment erlebte ich Empfindungen einer Kälte von oben und von etwas sehr heißem und brennenden unterhalb von mir. Die Wolke befand sich so hoch oben, dass sie weder sichtbar war noch von den Feuer erreicht werden konnte. Nachdem das Feuer die Welten verzehrt hatte, bestand es nur noch aus Funken, die mit einer außerordentlichen Strahlkraft leuchteten. Die Wasser der Ozeane nahmen nur noch einen sehr kleinen Teil in einer Ecke dieser 601
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    Wolke ein. Essah so aus, als wären alle Ozeane in den Himmel aufgestiegen. Die zwölf Sonnen wurden zu Wirbelströmen innerhalb dieser Wolke, wäh- rend die Wasserlebewesen zu den Blitzen wurden, die sich in der Wolke hin und her bewegten. Dann kam der Regen. Jeder Regentropfen war wie ein Donnerschlag. Diese Regentropfen erfüllten den gesamten Raum. Sie fielen mit solcher Wucht, dass sie alles zerstörten, was vom Universum noch übriggeblieben war. Der ganze Himmel war eine einzige Masse Wassers. Der Regen löschte die Feuer aus und erreichte den Erdboden. Die Wasser dieses außergewöhnlichen und übernatürlichen Regens ver- mischten sich mit den immer noch brennenden Feuern. Beide vermochten sich jedoch weder gegenseitig zu vernichten noch zu erobern, was sie zu ungeeigneten Gegner machte (weil ihre fortgesetzte und unnachgiebige Kampfkraft diesen Konflikt endlos und ergebnislos werden ließ). Beide besa- ßen enorme Kraft und Stärke. Ihr Zusammenprall war daher furchterregend zu beobachten. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:77 Inzwischen war die gesamte Atmosphäre von der Asche der Zerstörung er- füllt. Heftig hin und her getrieben wurden diese Asche von schrecklichen Winden. Der niederstürzende Regen erzeugte überall noch zusätzlichen schreckenerregenden Lärm, der wie die Siegesschreie der Dämonen der Auflösung klang. Die Winde trugen die Trümmer der zerstörten Städte Indras (des Himmelsgottes) und anderer Gottheiten davon. So waren also die drei Elemente – Feuer, Wasser und Wind – völlig außer Rand und Band geraten und bewegten sich ohne jede Kontrolle, Ordnung oder Harmonie, so dass es aussah, als würden sie einander bekämpfen. Der Tumult und der Lärm dieses Chaos waren ohrenbetäubend. Der strömende Regen löschte die Feuer aus und machte dabei Geräusche wie „cham cham cham“. Die mächtigen Flüsse, die die Berge hinabgeflossen waren, rissen nun andere Berge, ganze Kontinente und Städte mit sich. Die Planeten und Sterne des Himmels stürzten aus ihren Umlaufbahnen. Die großen Flutwellen rissen überall die Berge nieder, während der Wind die Reste davonblies. Überall herrschte gänzliche Finsternis, da die Strahlen der Sonne durch Re- gen und Wolken, die von schwarzblauer Farbe waren, verhüllt wurden. Die Erdoberfläche hatte sich vollständig aufgelöst und daher begannen auch die Berge sich aufzulösen. Die Flutwellen nahmen diese Berge mit sich und schleuderten sie gegen die Wolken. Es hatte den Anschein, als würden die drei Welten laut weinen und jammern. Die Götter waren alle samt und sonders dieser grauenerregenden Situation hilflos ausgeliefert und fuhren doch immer noch fort, einander in ihrem un- stillbaren Hass an die Kehlen zu gehen. Lediglich die vitalen Winde bzw. das prāïa, welches den Zerfall der materi- ellen und physischen Körper kontrollierte, widerstand dem Zerfall all dieser 602
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    Objekte und wehtediese hin und her. Zur selben Zeit war der gesamte Him- mel mit fliegenden Städten, Dämonen, Feuer, Schlangen und Sonnen erfüllt, die wie ebenso viele Fliegen und Moskitos aussahen. Sogar die Götter, die über die Himmelsrichtungen herrschten, waren der Zerstörung anheimgegeben, weshalb in den Himmelsrichtungen nun ein Durcheinander herrschte. Überall lagerte der Staub der zerstörten Schöpfung. Das gesamte Universum war mit Schutt der aus verschiedenen kostbaren Steinen und verschiedenfarbigen Metallen errichteten „Tempel“ erfüllt. Man konnte das Universum selbst kaum noch erkennen. Nun von allen Schleiern der Schöpfung befreit, blieb allein das übrig, was nach der totalen Vernichtung dessen, was man Schöpfung nennt, als einziges zurückbleibt (Wahrheit bzw. Gott). Wieder einmal war da die Fülle, die Fülle, die nach der Vernichtung der verschiedenen Lebewesen sichtbar wird; die Fülle, die unverändert und allezeit anwesend war. Inzwischen waren die kosmischen Feuer der Vernichtung vollständig vom Regen, wie er aus den kosmischen Wolken niederströmte, ausgelöscht worden. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:78, 79 Nun gab es keinen Raum mehr. Die Himmelsrichtungen waren fort. Weder gab es „unterhalb“ noch „oberhalb“. Weder gab es Elemente noch eine Schöp- fung. Da war nichts mehr außer grenzenlosem Ozean. Unterdessen erblickte ich Brahmaloka so, wie die Sonne bei ihrem Aufgang die Erde erblickt. Dort sah ich Brahmā den Schöpfer wie einen unerschütter- lichen Berg in samÃdhi bzw. Meditation sitzen, umgeben vom pradhāna bzw. den ersten Prinzipien, den Göttern, den Weisen, den Himmelsbewohnern und den siddhas, die ebenfalls wie leblos in tiefe Meditation versunken in der Meditationshaltung saßen. Auch die zwölf Sonnen erreichten diesen Ort und traten ebenfalls in die Meditation ein. Nach einer kurzen Zeit sah ich Brahmā und alle anderen dann so, wie man beim Aufwachen seine eigenen Traumobjekte ansieht. Ich sah sie nicht als die Materialisation von Traumobjekten, sondern als ebenso viele Manifestation mentaler Konditionierung. Ich erkannte schließlich, dass alle diese Götter usw. ebenfalls reine Leerheit waren. Ohne ihren Platz zu verlassen, waren sie außer Sichtweite ver- schwunden. Ich erkannte, dass sie wie Brahmā der Schöpfer nach der Aufgabe von Name und Form nirvāņa erlangt hatten. Als die vāsanā bzw. die selbstbe- grenzende Konditionierung in ihnen aufgehört hatte, wurden sie unsichtbar. Dieser Körper ist reine Leerheit und existiert nur aufgrund der vāsanā bzw. der mentalen Konditionierung. Hört die letztere auf, wird auch der Körper wie ein nicht erfahrenes Traumobjekt nicht mehr gesehen bzw. erfahren. Auf dieselbe Weise wird weder der subtile (ātivāhika) noch der grobe (ādhibhautika) Körper nicht einmal im Wachzustand länger gesehen, sobald die mentale Konditionierung aufhört. Das Beispiel des Traumzustandes wird hier deshalb genannt, weil er etwas ist, was jedermann erfährt. Wer dies 603
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    leugnet, dem sollteman wahrhaftig in großem Bogen aus dem Weg gehen, denn wer könnte einen Menschen erwecken, der vorgibt zu schlafen? Manche argumentieren, dass der Körper die Träume hervorbringe. Höre jener nun auf zu sein, dann würden auch die Träume aufhören. Und dann könne es ohne den Körper auch kein Leben in der jenseitigen Welt geben. Dann würde es gewiss auch keine Schöpfung geben! Wenn man meint, dass die Welt niemals zu dem geworden sei, was sie nicht ist, dann existiert sie noch nicht einmal jetzt. Wenn man meint, dass Bewusstsein nur eine Abson- derung des Körpers usw. sei, dann würden die Lehren der Schriften gänzlich unbrauchbar werden. Falls du dich gegen ihre Autorität wenden möchtest, dann würde jedwede Autorität überhaupt überflüssig werden. Wenn du ak- zeptierst, dass die Täuschung so lange existiert, wie der Körper existiert, dann wird die Täuschung zu einer Realität. Falls das Bewusstsein zufällig im Körper zum Vorschein gekommen sein sollte, dann könnte es doch auch mög- lich sein, dass dieses Bewusstsein seine unendliche Natur realisiert hat. Wie auch immer – wessen auch immer Bewusstsein innerhalb von sich selbst gewahr wird, das erfährt es auch (unabhängig davon, ob man dieses nun real oder irreal nenne). Daher kennt sich die Selbst-Natur als Bewusst- sein an allererster Stelle aufgrund ihrer eigenen, inhärenten Bewegung. Dann erfährt es aufgrund der mentalen Konditionierung (vāsanā) irreführende Wahrnehmungen. Konditioniertes Gewahrsein ist Bindung – gibt es dagegen kein Gewahrsein in der Konditionierung (bzw. konditioniertes Gewahrsein), dann ist dies nirvāņa. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:80 Als dann alle Götter und ebenfalls die zwölf Sonnen eins mit Brahmā ge- worden waren, begannen diese Sonnen, wie sie dies schon mit der Erde getan hatten, sogar die Welt von Brahmā dem Schöpfer zu verzehren. Nachdem sie die Welt des Schöpfers verzehrt und dann wie Brahmā in tiefe Meditation eingetreten waren, erlangten sie nirvāņa, wie eine Lampe ohne Brennstoff. Nun war alles in dichte Finsternis eingehüllt. Unterdessen bemerkte ich eine furchterregende Gestalt. Sie war wie die verkörperte Auflösung des Universums, wie verkörperte Finsternis. Und doch erstrahlte sie in einem eigenen Glanz. Sie besaß fünf Gesichter, zehn Arme und drei Augen. In der Hand trug sie einen Dreizack. Sie bewegte sich im Raum ihres eigenen Seins. Dunkel war sie wie eine regenschwere Wolke. Es sah so aus, als wäre sie dem kosmischen Ozean entstiegen und selbst die Verkörperung dieses kosmischen Ozeans. Sie sah aus wie ein geflügelter Berg. Wegen des Dreizacks und ihrer drei Augen hielt ich diese Gestalt für Rudra und verbeugte mich aus der Ferne vor ihr. RĀMA fragte: Wer ist dieser Rudra und was ist die Bedeutung seiner fünf Gesichter, zehn Hände usw.? VASIåèHA fuhr fort: 604
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    Oh Rāma, mannennt ihn Rudra und er ist der Ich-Sinn. Er ist der Störung des Gleichgewichts hingegeben. Seine Gestalt ist reiner Raum bzw. Leerheit. Er ist von der Form des Raumes und hat daher auch dieselbe Farbe wie der Raum. Da er reines, unteilbares (wie Raum) Bewusstsein ist, nennt man ihn das Raum-Selbst (ākāÁa-ātmā). Da er das Selbst von allem und allgegenwärtig ist, nennt man ihn das große Selbst bzw. das höchste Selbst. Die fünf Sinne (des Wissens) sind seine Gesichter. Die fünf Handlungsorgane und ihre fünf Felder sind seine zehn Arme. Nur wenn das unendliche Bewusstsein seiner selbst gewahr wird, manifes- tiert sich diese Gestalt. Noch einmal: Diese Gestalt als Rudra ist wie immer schon nur ein winziges Partikel des unendlichen Bewusstseins und existiert als solche nicht in Wirklichkeit. Die Gestalt ist nur eine illusorische Wahr- nehmung. Er existiert als die Entfaltung bzw. Bewegung im cidākāÁa (unendliches Be- wusstsein) und als die Luft sowohl im Raum der Schöpfung als auch in den Lebewesen (als der Lebensatem). Wenn dann im Laufe der Zeit alle diese Bewegung an ihr Ende gelangen, erlangt er das höchste Gleichgewicht. Die drei guïas (satva, rajas und tamas), die drei Zeitperioden (Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft), die drei inneren Instrumente (citta, buddhi und ahaækāra), die drei Aspekte von AUM und die drei Veden bilden die drei Augen Rudras. Die Dreiheit beinhaltet, dass er in seinen Händen die drei Welten trägt. Da er durch satva bzw. Gutheit erlangt wird und seine eigentli- che Existenz zum Guten aller da ist, wird er auch Śiva genannt. Wenn er den Zustand des höchsten Friedens erlangt, wird er Kriåïa genannt. Er selbst ist es, der (als kalpanā, Vorstellungskraft) das gesamte Universum erschafft. Er trinkt aus dem einen Ozeans des kosmischen Seins und erlangt den höchsten Frieden. VASIåèHA fuhr fort: Schließlich sah ich, wie dieser Rudra mit der Eile der Lebenskraft bzw. des prāïa aus dem kosmischen Ozean zu trinken begann. Die Wasser des kosmi- schen Ozeans ergossen sich in seinen Mund, in dem ein gewaltiges, grimmi- ges Feuer brannte. Dieser Rudra bzw. Ich-Sinn existiert im Innern des Ozeans (bzw. der Erde) als Feuer. Am Ende des Weltzyklus schlürft er dann den Oze- an auf. Wahrhaftig ist dieser Ich-Sinn alles zu jeder Zeit! Zu dieser Zeit gab es in diesem reinen und unbegrenzten Raum nur noch vier Dinge: 1. Der schwarzfarbige Rudra, der ohne Boden unter den Füßen und bewegungslos dastand, 2. Die sehr schlammige Erde als der Heimstatt aller Welten, von der Unterwelt bis zum Himmel, 3. Der obere Teil der Schöp- fung, der weit, weit entfernt und außer Sichtweite war, und 4. über allem und allgegenwärtig das reine Brahman bzw. unendliche Bewusstsein – alle ver- schiedenen Teile der Schöpfung durchdringend. Nichts anderes sonst exis- tierte. RĀMA fragte: 605
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    Worin besteht dieHeimstatt Brahmās des Schöpfer, was sind ihre Schleier und auf welche Weise existiert sie? VASIåèHA erwiderte: Die Heimstatt von Brahmā (dem Zentrum der Erdregion) wird von Wassern bedeckt, die das Zehnfache der Ausdehnung der Erdregion betragen. Auf ähnliche Weise ist die Region des Feuers zehnmal so groß wie die Wasserre- gion. Die Region der Luft jenseits davon ist wiederum zehnmal so groß wir die Feuerregion. Die Raumregion schließlich beträgt das Zehnfache der Aus- dehnung der Luftregion. Jenseits davon befindet sich der unbegrenzte Raum des Brahma-ākāÁa. RĀMA fragte: Oh Weiser, wer trägt diese ganze Schöpfung von unten und von oben? VASIåèHA fuhr fort: Die Erde usw. wird durch den großen Körper von brahma-aï¬a (dem gol- denen Ei bzw. der kosmischen Person) in ihrer Position gehalten. RĀMA fragte weiter: Oh Hoher Herr, bitte teile mir mit, wer brahma-aï¬a trägt. VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, dieser wird durch überhaupt niemanden getragen, ob du dies nun als fallend oder nicht-fallend betrachtest. Denn dieses Universum hat keine Form, keinen Körper und keine Materialität, obschon es eine Form zu haben scheint. Was genau meinen wir, wenn wir von „es fällt“ oder „wird getragen“ sprechen? Welche Ideen auch immer in dem unendlichen Bewusstsein auf- tauchen – entsprechend ihrem Inhalt verbleibt dieses dann. Diese Schöpfung ist nichts als die Traumstadt des unendlichen Bewusstseins. Wird sie als „fallend“ gedacht, dann scheint sie die ganze Zeit über zu fallen, und wenn sie als im Raum existierend gedacht wird, steht und bewegt sie sich im Raum. Denkt man an sie als unbewegt, dann steht sie still, und denkt man sie sich als zerstört, dann erscheint sie als zerstört. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:81 Dann plötzlich sah ich Rudra wie trunken im Raum zu tanzen beginnen. Es sah aus, als hätten die Wasser der kosmischen Auflösung Gestalt angenom- men und in dieser Gestalt zu tanzen begonnen. Sehet doch! Und als ich dem Tanz Rudras noch zuschaute, bemerkte ich einen Schatten hinter ihm. Ich fragte mich, wie wohl ohne Sonne einen Schatten existieren könne? Während ich noch über dieses Phänomen nachdachte, schritt dieser (weibliche) Schat- ten vor Rudra einher und begann ebenfalls zu tanzen. Sie besaß drei Augen. Sie war von schwarzer Farbe, Sie war dünn. Jedoch war sie geradezu riesig. Ihr Mund stieß Feuer aus. Sie sah wie die weibliche Verkörperung der dunklen Nacht oder des grenzenlosen Raumes aus. Ihre Arme erstreckten sich bis in die fernsten Regionen des Raumes. Sie war so 606
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    dünn, dass ihreNerven bloßlagen, und es schien so, als hätte jemand sie mit eben diesen Nerven gebunden und zusammengehalten, um ihr Auseinander- fallen aufgrund ihrer extremen Dünne und Riesenhaftigkeit zu verhindern. Sie trug einen Kranz, der aus den Köpfen der Götter, Sonnen und Dämonen gemacht war. Sie trug Ohrringe aus Schlangen. In einem Moment besaß sie nur einen Arm und im nächsten dann viele da- von, die sie auf dem Tanzboden umherwirbelte. In einem Moment besaß sie einen Mund und im nächsten viele davon, und wieder etwas später besaß sie überhaupt keinen mehr. Jetzt hatte sie einen Fuß, im nächsten Moment viele und dann wieder war sie ohne Füße. Aus all dem schlussfolgerte ich, dass sie Kālarātri sein musste (die Nacht des Todes). Die Heiligen nennen sie auch Kālī bzw. Bhagavatī. Sie besaß drei Augen wie Feuerschlünde. Ihre Wangenknochen und ihr Kinn waren hochliegend. Sie trug ein Halsband aus Sternen, die durch Luft zusam- mengehalten wurden. Mit ihren mächtigen Armen, deren Hände funkelnde und strahlende Nägel besaßen, erfüllte sie die Himmelsrichtungen. Ihr Atmen war so machtvoll, dass die größten Berge davon hinweggefegt wurden. Während des Tanzes schien ihr Körper enorm anzuschwellen. Während ich ihren Tanz beobachtete, fertigte sie spielerisch aus Bergen eine Kette für sich selbst. In den drei Teilen ihres Körpers (oberer, unterer und mittlerer) spie- gelten sich die drei Welten. Städte, Wälder, Berge usw. wurden zu ebensovielen Blumen, die sie sich als Kette um den Körper wand. In ihren Gliedern befanden sich Städte und Dörfer, die Jahreszeiten, die drei Welten, die Monate und Tag und Nacht. Dharma und adharma wurden zu ihren Ohrringen. Die Veden wurden zu ihren mit der Milch der höchsten Erkenntnis gefüllten Brüsten. In ihren Händen hielt sie viele verschiedene Waffen. Die Haare ihres Körpers waren aus den vierzehn verschiedenen We- senheiten wie den Göttern und allen anderen, gebildet. Alle diese Wesen mit ihren Städten und Dörfern tanzten zusammen mit ihr, entzückt von dem Gedanken an ihre eigene Wiedergeburt. Das gesamte Universum befand sich wegen ihres Tanzes in beständiger Bewegung – von einem anderen Gesichts- punkt aus wiederum befand sich alles natürlich fest in der Göttin verankert. Das ganze Universum spiegelte sich auf ihrem Körper wie in einem Spiegel wieder. Noch während meiner Betrachtung erschien und verschwand es, erschien und verschwand es wieder. VASIåèHA fuhr fort: Worin bestand dieser Tanz? Der Sternenhimmel drehte sich um sich selbst, die Berge drehten sich um sich selbst und die Götter und Dämonen ebenfalls – wie umherfliegende Moskitos. Der umherwirbelnde Himmelsraum sah wie ein fliegendes Kleid aus. Es war herrlich, die riesigen Bäume (der Kalpa- Baum) zu beobachten, wie sie wie Haare auf ihrem Körper während ihres Tanzes wirbelten. Beständig stiegen sie zwischen Himmel und Erde auf und nieder. 607
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    Sonne und Mond,Tag und Nacht wurden im Tanz von ihren Fingernägeln reflektiert. Die riesigen Berge wie die Himālayas, der Berg Meru usw. tanzten ebenfalls voller Entzücken. Es sah aus, als würde eine weitere kosmische Auflösung stattfinden. Die Göttin trug die heilige, aus drei Strängen gedrehte Schnur, die alle Arten des Wohlstands, der vollkommenen Erkenntnis und der Opfer darstellten. Obgleich der Eindruck des Umherwirbelns von allem vollkommen war, ge- schah in Wirklichkeit überhaupt nichts. Die in ihre Nüstern einströmende und wieder aus ihnen ausströmende Luft machte starke Geräusche wie „ghum ghum“. Aufgrund der Bewegung der zahllosen Arme der Göttin wurde die Luft des Raumes aufgewirbelt. Durch das bloße Beobachten all dieser Vorgänge ermüdeten meine Augen (und auch mein Gemüt) und gerieten in Verwirrung. Sobald die Spiegelbilder auf ihrem Körper durch ihr Tanzen in Bewegung gerieten, begannen die Berge einzustürzen, die Götter und Him- melsbewohner zu fallen und ihre Paläste einzubrechen. Sämtliche unbewegten Objekte wurden in ihrem Körper zu beweglichen Objekten. Noch erstaunlicher war, dass die Ozeane auf den Berggipfeln und die Berge im leeren Raum zu tanzen begannen. Der Raum tanzte unterhalb der Erdregionen, während die Kontinente mit blühenden Gärten und Städten in der Umlaufbahn der Sonne tanzten. All dies zusammen trieb wie Stroh im Spiegel der Göttin hin und her. Fische schwammen in der Luftspiegelungen und Städte tauchten im Raum auf, der auch alle Berge zu enthalten schien. Der Himmel und die Wolken der kosmischen Auflösung ruhten auf den Ber- gen, die heruntergefallen waren. Im Körper Kālarātris fanden sich Tag und Nacht, Schöpfung und Auflösung, Reinheit und Unreinheit. Obwohl sämtliche Götter usw. durch ihren Tanz Purzelbäume schlugen, befanden sie sich gleichzeitig aufgrund der Ruhe des unendlichen Bewusstseins selbst in Ruhe. In ihrem (der Göttin) Bewusstsein befand sich natürliche Erkenntnis. Durch ihren Tanz erschuf und zerstörte sie in jedem Moment die Universen – so wie ein kleiner Junge seine Aufmerk- samkeit von Moment zu Moment anderen Dingen zuwendet. Jetzt war sie nahe, im nächsten Moment fern, jetzt war sie unendlich klein und im nächs- ten Moment kosmisch groß. Eben darin besteht die Manifestation ihrer kos- mischen, schöpferischen Kraft. Sie tanzt und hält dabei die Hörner des Büf- fels, der das Fahrzeug des Todesgottes ist, in ihren Händen; begleitet von Geräuschen wie „dimbam dimbam paca paca jhamya“. Sie trägt eine Girlande aus Schädeln und auf ihrem Kopf eine Pfauenfeder. Sie verneigt sich vor Rudra, dem Gott der Auflösung. Möge er dich beschützen. RĀMA fragte: VI.2:82 Hoher Herr, wenn dann alles zerstört worden ist – wie konnte sie dann tan- zen, und mit wem? Und wie konnte sie alle diese Girlanden und alles andere haben? VASIåèHA erwiderte: 608
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    Oh Rāma, wederwar diese weiblich noch männlich noch tanzte sie über- haupt. Weder besaß sie überhaupt irgendeine solche Natur noch überhaupt eine Gestalt. Nur das ewige, unendliche Bewusstsein, welches die erste und Ursache und die Ursache aller existierenden Ursachen ist, existiert – als un- endlich, als Friede und als alles durch seine bloße Anwesenheit durchdrin- gend. Der Höchste Herr (Śivam) ist es. Der Höchste Herr selbst nahm die Erscheinungsweise oder Gestalt von Bhairava an, als das gesamte Universum zu existieren aufgehört hatte, jedoch war er in Wahrheit ebenso formlos wie der unendliche Raum. Es wäre nicht sinnvoll anzunehmen, dass das unendli- che Bewusstsein, welches aufgrund seiner eingeborenen Natur in all seinem Glanz manifest geworden ist, plötzlich ohne dies wäre, denn auch Gold kann niemals ohne eine Form existieren. Wie könnte Bewusstsein wohl existieren und dabei seine Natur als Be- wusstsein aufgeben? Kann man irgendwo Gold ohne eine Form erblicken? Wie könnte irgendetwas existieren, ohne damit gleichzeitig seine eingebore- ne Natur zum Ausdruck zu bringen? Kann Zucker ohne seine Süße existie- ren?Hätte es aber seine Süße verloren, dann wäre es nicht länger Zucker und sein Saft wäre nicht mehr süß. Verlöre Bewusstsein die Bewusstheit, wäre es nicht länger mehr Bewusst- sein. Alles muss das sein, was es ist und kann nicht anders als so sein. Daher ist das unendliche Bewusstsein immer reines Sein und erfährt keinerlei Ver- kleinerung. Es leuchtet durch sein eigenes Licht; weder hat es einen Anfang noch eine Mitte noch ein Ende und ist allmächtig. Es ist dieses selbst, welches am Ende eines Weltzyklus als der Raum und die Erdregionen usw. auftaucht und dann scheinbar all diesen Naturkatastrophen und kosmischen Zerstö- rungen unterzogen zu werden, obwohl in Wirklichkeit nichts dergleichen passiert. Geburt, Tod, Māyā, Täuschung, Blindheit, Nicht-Substanzialität, Substanzialität, Weisheit, Bindung, Befreiung, Gut und Böse, Momente und Ewigkeiten, Erkenntnis und Unwissenheit, verkörperte und entkörperte Zustände, Stetigkeit und Unstetigkeit, du und ich und andere, Wahrheit und Falschheit, Klugheit und Dummheit, die Ideen über die Zeit, den Raum, die Tätigkeiten und die Materie, die Formen, die Sicht und die damit in Verbin- dung stehenden Gedankenbewegungen, die aus dem Intellekt und den Sinnen entspringenden Handlungen sowie sämtliche fünf Elemente, durch die alles durchdrungen wird – all dieses ist nichts als reines Bewusstsein, das ohne Aufgabe seiner Natur als alles dieses erscheint – so wie der Raum in Stücke aufgeteilt zu sein scheint, obwohl dies nicht die Wahrheit ist. Nur dieses un- endliche Bewusstsein allein ist Lord Śiva, Hari, Brahmā, der Mond und die Sonne, Indra und Varuïa. Yama, Kubera und das Feuer. Der Erleuchtete je- doch sieht keinerlei Vielfalt, sondern immer nur das eine, unendliche Be- wusstsein. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:83 609
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    Die kosmische Form,die ich dir als Lord Śiva beschrieben habe, war reines Bewusstsein und dieses selbst war Rudra der Tänzer. Da gab es aber weder eine solche Gestalt noch war da Formlosigkeit. In dieser Masse von Bewusst- sein wurde all dieses als eine Erfahrung empfunden. Ich nahm nur diesen Raum (Feld) wahr, der höchster Friede war, und ich erfuhr in ihm die Gestalt, die ich beschrieben habe. Niemand hat dies jemals zuvor so gesehen. Was als das Ende des Weltzyklus, als Rudra und Bhairavis beschrieben wurde, war nichts als rein illusorische Erscheinung – erfahren wurden sie in diesen Gestalten allein durch mich. Nur die Masse Bewusstseins allein exis- tiert. Sobald sie als eine bestimmte Gestalt (Bhairava) wahrgenommen wird, wird sie in dieser Gestalt gesehen und scheint diese dann auch tatsächlich anzunehmen. Das Verstehen eines Wortes und seiner Bedeutung (Objekt) ist ohne Bewusstsein nicht möglich. Aufgrund der wiederholten Anwendung solchen Verstehens geschieht es, dass du das durch den Ausdruck bezeichne- te Objekt als zunehmend real empfindest. Weder gab es jemals Bhairavi noch eine Bhairava (Kālarātri und Rudra) noch überhaupt die kosmische Auflösung – alles dieses war nichts als illusorische Erscheinung. Die einzige Realität ist das unendliche Bewusstsein. So habe ich dir also die Bedeutung von Gestalt und Gestaltlosigkeit Rudras beschrieben. Nun werde ich dir die Bedeutung des Tanzes erläutern. Bewusstsein ist niemals ohne Bewegung innerhalb von sich selbst. Ohne eine solche Bewegung würde es „unwirklich“ werden. Aufgrund der Bewegt- heit innerhalb von sich selbst erschien Bewusstsein daher als Rudra. Bewegt- heit ist die eigentliche Natur des Bewusstseins und daher untrennbar davon. Diese Bewegung des Bewusstseins war es, die als der Tanz von Lord Rudra erfahren wurde. Diese Bewegung war nichts als reine Bewegung bzw. Be- wegtheit. Sie wurde von mir aufgrund meiner eigenen psychologischem Kon- ditionierung als Tanz des Lords empfunden. Daher war der Tanz des Lords die Bewegung innerhalb des reinen Bewusstseins. RĀMA fragte: Wie wird Bewusstsein überhaupt allem gewahr und wessen wird es ge- wahr, wenn doch während der kosmischen Auflösung alles Unwirkliche auf- gelöst wird? VASIåèHA fuhr fort: Natürlich wird das Bewusstsein nicht eines anderen gewahr. Was hier als das Objekt der Beobachtung bezeichnet wird, versteht sich allein als eine Bezugnahme auf die eigentliche Natur dieses Bewusstseins. So wie die Städte usw. eines Traumes alle innerhalb des Bewusstseins des Träumers liegen, so wird sich das Bewusstsein seiner eigenen Bewegung in demselben Moment des Beginns der Bewegung bewusst. Also entstehen in ihm die Ideen eines Moments, eines Alters, eines Weltzyklus usw. wie auch die Ideen des „ich“ und „du“ usw. Daher gibt es da weder eine Dualität noch eine Einheit noch eine Leerheit; weder Bewusstsein (als Subjekt) noch Unbewusstheit. Da ist nur 610
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    reine Stille undnoch nicht einmal dies. Das unendliche Bewusstsein allein existiert. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:84 Das Feld (Raum) des Bewusstsein selbst nennt man Bhairava bzw. Śiva. Un- trennbar und nicht-unterschieden von diesem ist seine dynamische Energie, die von der Natur des Gemüts ist. Luft wird durch seine Bewegtheit gesehen (erfahren), Feuer wird durch seine Hitze gekannt, das reine Bewusstsein ist rein und still und wird als Śiva gekannt. Dieser Śiva ist jenseits jeder Be- schreibung. Es ist die dynamische Energie des Lords, die alle seine Wünsche erfüllt und die Wünsche als Visionen auftauchen lässt. Diese Energie bzw. Macht bzw. Māyā ist Bewusstsein. „Sie“ ist eine lebendige Kraft und daher wird sie auch der jīva genannt. Weil diese Manifestationen der Schöpfungen dem unendlichen Bewusstsein natürlich und eingeboren sind, wird sie auch als prak−ti bzw. Natur bezeichnet. Weil sie die Ursache aller gesehenen und − erfahrenen Dinge ist, nennt man sie auch kriyā bzw. Tätigkeit. Weil sie großen Zorn gegenüber dem Bösen entfaltet, nennt man sie caï¬ikā. Da sie die Farbe des blauen Lotos hat, nennt man sie utpalā. Als jayā wird sie bezeichnet, weil sie stets siegreich ist. Als sidhhā wird sie bezeichnet, weil sie die Wohnstatt der Vollkommenheit ist. Jayā ist gleichzeitig auch jayantī wie auch vijayā, was alles „Sieg“ bedeutet. Da sie unbesiegbar ist, wird sie auch parājitā genannt. Als durgā ist sie bekannt, weil ihre Gestalt bzw. wahre Natur jenseits unseres Begreifens ist. Sie wird umā genannt, weil sie die eigentliche Essenz der heiligen Silbe OM ist. Sie wird gāyatrī genannt, weil ihre Namen von allen gesungen werden. Sie wird sāvitrī genannt, weil sie die Schöpferin von allem ist. Sie ist die Erweiterung der eigenen Sichtweise aller Dinge und wird daher auch sarasvatī genannt. Weil sie von weißer (gelber oder roter) Farbe ist, wird sie gaurī genannt. Weil sie als Lichtstrahl im Schlä- fer und im Erleuchteten als die subtile innere Vibration, hervorgerufen durch den Klang des OM, existiert, wird sie indukalā (Mondstrahl) genannt. Da sie und Śiva als ihre wahre Gestalt den Raum haben, sind ihre Körper von blauer Farbe. Raum ist ihr Fleisch, ihre Knochen und alles andere. Sie existieren als Raum im Raum. Ihr Tanz mit den verschiedenen Gesten usw. symbolisiert die Schöpfung, den Niedergang derselben und den Tod aller Lebewesen. Sie wird mit Gliedern wahrgenommen, weil sie durch die Bewe- gungen ihrer Energie die Welten erschafft. Diese kālī stattet alle Dinge seit allen Zeiten mit Hilfe der ihren Gliedern innewohnenden Kraft mit ihren Eigenschaften aus. Jedoch vermöchte niemand durch kein einziges Mittel diese ihre Glieder wahrzunehmen oder ihre wahre Natur zu beschreiben. So wie wir die Bewegung im Raum als Luft wahrnehmen, so wird die dynami- sche Energie des Bewusstseins durch die Tätigkeit bzw. Bewegung, die in diesem Bewusstsein stattfindet, erfahren. Jedoch könnte Bewegung oder Tätigkeit nicht als die Qualität dieses Bewusstseins bezeichnet werden, da es weder Qualitäten noch Eigenschaften besitzt – Bewusstsein ist gänzlich rein 611
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    und still undjenseits aller Beschreibungen. Die Idee der Bewegung im Be- wusstsein ist Unwissenheit. VASIåèHA fuhr fort: Sobald diese dynamische Energie des Bewusstseins an irgendeinem Ort als sie selbst zu ruhen beginnt (ohne dabei zu etwas anderem zu werden), wird dieser selbst als Śiva der Lord bezeichnet. Das bedeutet also, dass das Ding in sich selbst der Lord ist. Was dann folgt, sind die Glieder dieser dynamischen Energie des Bewusstseins, die alle als Ideen innerhalb von ihr erzeugt wor- den sind: Alle diese erschaffenen Welten, die Erde mit ihren Kontinenten und Ozeanen, den Wäldern und den Bergen, den Schriften, den verschiedenen Formen der heiligen Riten, den Kriegen, in denen die verschiedensten Waffen verwendet werden, und als alle vierzehn Welten. RĀMA fragte: Oh Weiser, sind diese Dinge, die man als die Glieder des Körpers dieser dy- namischen Energie bezeichnet, real oder falsch? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, alle diese sind wirklich real, denn alle sind durch die Arbeit die- ser dynamischen Energie des Bewusstseins hervorgebracht worden und werden durch Bewusstsein erfahren. So wie ein Spiegel ein äußerlich befind- liches Objekt reflektiert, so reflektiert das Bewusstsein innerhalb von sich selbst das, was innerhalb von ihm ist, und folglich ist dieses real. Sogar die eingebildeten Städte bzw. die illusorische Erscheinung der Stadt taucht nur im Bewusstsein auf – unabhängig davon, ob diese Erscheinung nun aufgrund beständiger Kontemplation oder der Reinheit des Bewusstseins auftaucht. Diese Schöpfung ist real, ob sie nun als eine Reflexion, als Traumobjekt oder als Fantasie betrachtet wird, denn sie gründet auf der Wahrheit, die das Selbst ist – darin besteht meine Überzeugung. Falls du nun einwenden soll- test: „Jedoch sind diese fantasievollen Schöpfungen von keinerlei Nutzen für mich!“, bedenke bitte, welchen Nutzen diejenigen haben, die in ein fernes Land gegangen sind. Sie sind für die Bewohner des Dorfes, zu dem sie gewan- dert sind, von Nutzen. Mit allem anderen ist es ebenso. Was auch immer hier existiert und lebt, ist für das Selbst real, aber nicht für einen anderen, der es nicht wahrnimmt und seiner nicht gewahr ist. Daher sind alle diese Schöpfungen und Kreaturen, die im Feld der Energie des Be- wusstseins existieren, wahr für das wahrnehmende Selbst und irreal für den Nicht-Wahrnehmenden. All die Ideen und Träume, die in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft existieren, sind sämtlich real, denn das Selbst ist das Selbst von allem, und dieses ist real. Alle diese werden von denjenigen, die den entsprechenden Bewusstseinszustand erlangt haben, erfahren; so wie jemand in ein fernes Land wandert und die Landschaften dort erblickt. Je- doch ändern die Bewegungen der Bewusstseinsenergien niemals die Wahr- heit, so wie ein an einen anderen Ort verbrachter Schlafender, der nicht ge- stört wird, keine Veränderung seiner Träume erfährt. Sobald erkannt wurde, 612
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    dass die Wahrnehmungder drei Welten nichts als eine unwirkliche Fantasie- vorstellung ist, entstehen keine Fragen mehr betreffend ihre Unterbrechung usw. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:85 Eine eingebildete Stadt ist eine Einbildung – keine Stadt! Auch die Schöp- fung ist nur die Idee, die in der Energie des unendlichen Bewusstseins auf- taucht. Bzw. ist die Idee, die auf diese Weise auftaucht, die Schöpfung selbst. Kālarātri ist für den Höchsten Herrn das, was die Bewegung für die Luft ist. So wie Luft sich im leeren Raum bewegt, als hätte sie eine Gestalt, so bewegt sie sich im unendlichen Bewusstsein und führt dabei wie schon immer den Willen bzw. den Wunsch des Höchsten Herrn aus. Sobald es keine solche Bewegung der Energie gibt, existiert nur der Höchste Herr allein. Während sie auf diese Weise im Raum tanzt, gelangt sie auf zufällige Weise (wie die Krähe und die Kokosnuss) in Kontakt mit dem Höchsten Herrn. Im Moment dieses Kontaktes wird sie plötzlich schwach, dünn und durchschei- nend. Sie gibt ihre kosmische Gestalt auf und wird zu einem Berg, anschlie- ßend zu einer kleinen Stadt und dann zu einem herrlichen Baum. Schließlich wird sie wie Raum und zu guter Letzt zur Gestalt des Höchsten Herrn selbst – wie ein Fluss in den Ozean mündet. Dann strahlt der Höchste Herr als Einer ohne ein Zweites. RĀMA fragte: Teile mir doch bitte mit, heiliger Herr, weshalb die göttliche Mutter schließ- lich still wird? VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, dies ist die dynamische Energie des Bewusstseins, die man prak−ti, jaganmāyā usw. nennt. Sie ist unverfälscht. Das Vorzügliche dieser − Energie ist das Bewusstsein selbst, welches das wahre Selbst des Bewusst- seins ist, höchster Friede. Diese dynamische Energie arbeitet und funktioniert so lange, wie es das Momentum der Wünsche des Höchsten Herrn gibt. Man könnte sagen, dass sie so lange tanzt, wie sie den Herrn noch nicht gesehen hat. Da Bewusstsein und Energie untrennbar voneinander sind, gelangt die Energie in Kontakt (bzw. wird gewahr) des Höchsten Herrn und wird dadurch der Höchste Herr selbst. Sobald die prak−ti den Höchsten Herrn berührt, gibt sie ihre Prak−ti-schaft (den Zustand, Bewegung zu sein) auf. Sie verschmilzt mit dem Höchsten Herrn wie ein Fluss mit dem Ozean verschmilzt. Die Bewe- gung von Energie ist nur das Ergebnis einer Idee, die im Bewusstsein auf- taucht, während die Energie auf natürliche Weise ins Bewusstsein zurück- kehrt – so wie man von einem Schatten sagen könnte, dass er in die Person zurückkehrt, sobald er aufhört zu sein. Ein heiliger Mann mag in der Gesell- schaft von Dieben leben, bis er von der Wahrheit hört – danach wird er diese Gesellschaft nicht wieder aufsuchen. Bewusstsein schwelgt in der Dualität, 613
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    bis es seineigenes Selbst sieht. Die Energie des Bewusstseins tanzt, bis sie den Glanz des nirvāņa wahrnimmt. Sobald es Bewusstsein selbst wahrnimmt, wird es zu reinem Bewusstsein. Man wandert nur so lange in diesem saæsāra mit all seinen Geburten und Toden umher, bis man das Höchste erkannt hat. Sobald man es erblickt hat, verschmilzt derjenige unverzüglich mit dem Höchsten. Wer würde wohl frei- willig das wieder aufgeben, was ihn von allem Gram erlöst hat? VASIåèHA erwiderte: VI.2:86 Ich werde dir nun mitteilen, oh Rāma, wer dies war, der im kosmischen Raum mit scheinbarer Gestalt stand, diese abwarf und die totale Stillheit erlangte. Dieser Rudra stand dort und beobachtete die Getrenntheit im Bewusstsein, die man die Schöpfung nennt. Innerhalb eines Augenblicks „schluckte er die Getrenntheit“, wie er dies schon immer getan hat. Dann stand dieser Rudra allein da, eins mit dem Raum, als ob er selbst nichts als Raum wäre. In weni- gen Minuten wurde er so licht wie eine Wolke, während sein Umfang sehr schnell abnahm. Mit der Hilfe meiner eigenen göttlichen Sicht sah ich, dass er schon bald kleiner als ein Atom geworden war. Innerhalb eines Augenblicks war er nahezu unsichtbar geworden. Er wurde zu höchstem Frieden. Er wur- de eins mit dem absoluten Brahman bzw. reinen Bewusstsein. So also, oh Rāma, erblickte ich in diesem Felsen diese Schöpfung, Erhaltung und Auflösung des Universums. Verzaubert war ich vom Anblick dieser illuso- rischen Wahrnehmung. Ich betrachtete erneut den Felsen und schaute alle Arten von Schöpfungen und Kreaturen darin – wie die Glieder von Kālarātri. Gesehen wird all dieses nur mit den Augen der erweckten Intelligenz bzw. mit dem göttlichen Auge, welches alles überall und immer so sieht, wie es ist. Betrachtete man den Felsen mit den fleischlichen Augen aus der Entfernung, dann würde man nur den Felsen, jedoch keine Schöpfung usw. erblicken. Nach all dem wandte ich mein inneres Auge einem anderen Teil desselben Felsens zu. Noch einmal erblickte ich die gesamte, ins Dasein tretende Schöp- fung und alles andere. In jedem einzelnen Teil des Felsens sah ich eine ganze Schöpfung entstehen. Ebenso sah ich auch in den überall sehr zahlreich auf dem Berg herumliegenden Felsen, die ich fand, solche Schöpfungen. In manchen dieser Schöpfungen hatte gerade Brahmā mit seiner Tätigkeit des Erschaffens begonnen, während in anderen wiederum die Götter dem Gemüt des Schöpfers entsprangen. Wieder andere waren von menschlichen Wesen bevölkert, während in manchen weder Götter noch Dämonen lebten. In einigen herrschte das satyayuga (Goldenes Zeitalter) und in anderen das kaliyuga (Eisernes Zeitalter). In manchen Schöpfungen hatten die Menschen Alter und Tod überwunden und in anderen waren alle Menschen erleuchtet, da ihrer Rechtschaffenheit keinerlei Hindernisse in den Weg gelegt wurden. So erblickte ich also den Zustand des Universums in Vergangenheit, Gegen- wart und Zukunft. In manchen Teilen erblickte ich dichte Finsternis und Un- 614
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    wissenheit, in anderensah ich Rāma gegen Rāvaïa kämpfen, während in wieder anderen Rāvaïa Sītā missbrauchte. Manche wurden von den Göttern und andere von den Dämonen regiert. RĀMA fragte: Hoher Herr, sage mir doch bitte, ob ich vor dieser Inkarnation schon als Rāma existiert habe? VASIåèHA fuhr fort: Du und ich, wir wurden beide wieder und wieder geboren, oh Rāma. Natür- lich sind vom Standpunkt der absoluten Wirklichkeit aus weder du noch ich jemals ins Dasein getreten. All dieses ist nur wie Wellen auf dem Ozean. Ihr anscheinendes Auftauchen und Verschwinden ist illusorischer Wahrnehmung und getäuschtem Verstehen geschuldet. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:87 Nachdem ich so eine Zeitlang über das unendliche Bewusstsein nachge- dacht hatte, erkannte ich plötzlich, dass all diese Schöpfungen sich innerhalb von mir selbst befanden; in meinem eigenen Körper – wie der Baum sich im Samen befindet. Wenn man die Augen im Schlafe schließt, betritt man eine innere Welt, die durch eine innere Schau erschaffen wird. Wacht man dann auf, betritt die Schau des Menschen die Welt des Wachzustandes. Auf dieselbe Weise wird die Schöpfung erfahren, indem man sie innerhalb des eigenen Herzens betritt. Nachdem ich die Erscheinung dieser Schöpfung im reinen Raum erblickt hatte, betrat ich andere Teile meiner selbst, da ich begierig war, weitere As- pekte der Schöpfung kennenzulernen. Sobald ich daher das Licht meiner inneren Intelligenz auf diesen „Raum“ gerichtet hatte, begann in diesem die Erfahrung dieses Raumes aufzutauchen. Oh Rāma, sobald du im Wach- oder Schlafzustand das Bewusstsein in deinem eigenen Selbst betrittst, weißt du, dass es wie eine Masse von Bewusstsein ist. Als erstes sollte man feststellen, dass es da nichts als diesen reinen Raum bzw. Leerheit gibt. In diesem taucht die Idee „Ich bin“ auf. Die Verfestigung dieser Idee nennt man dann buddhi bzw. Intellekt, während die Verfestigung dessen wiederum zum Gemüt wird. Dieses erfährt dann das reine Element des Klangs und auch die anderen Ele- mente, die tanmātras. Aus diesen Erfahrungen entstehen die verschiedenen Sinne. Manche behaupten, dass es in dieser Schöpfung eine Art von Ordnung gäbe, während andere erklären, dass es diese nicht gäbe. Und doch ist es nicht möglich, die Natur und die Eigenschaften der geschaffenen Objekte zu verän- dern, da diese ihre Eigenschaften aufgrund einer entsprechenden Ideenbil- dung erhalten haben, die ganz zu Beginn im unendlichen Bewusstsein aufge- taucht ist. Während ich die Schöpfung betrachtete, nahm ich eine atomare Gestalt an. Ich realisierte mich selbst als einen Lichtstrahl. Indem ich allein darüber 615
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    nachzudenken begann, wurdeich zu einer Masse. In dieser Massehaftigkeit gab es dann all die Möglichkeiten der Sinneserfahrungen. Ich begann zu sehen. Die Organe, mit deren Hilfe ich sah, wurden zu den Augen. Was ich sah, wurde zum Anblick (Objekt). Die Frucht dieser Erfahrung war die Sicht. „Während“ ich sah, wurde all dieses zu Zeit (Dauer). Die Art und Weise, in der ich sah, wurde zur Methode bzw. zur Geordnetheit des Sehens. „Was auch immer“ ich sah, wurde zu Raum. Aufgrund von Überzeug- theit entstand daraus die Ordnung der Schöpfung. Als so das Bewusstsein „die Augen geöffnet hatte“ bzw. seiner eigenen ein- geborenen Möglichkeiten oder Potentialitäten bewusst geworden war, tauch- ten die tanmātras (reine Elemente) auf. Anschließend traten all die Sinne, die in Wahrheit und tatsächlich reiner Raum oder Leerheit sind, ins Dasein. Auf dieselbe Art begann ich zu denken: „Lass mich etwas hören“. Daraus entstanden der Klang und die Organe des Hörens. Schließlich entstanden der Berührungssinn, der Geschmackssinn und der Geruchssinn usw. Obwohl all dieses in mir aufzutauchen schien, geschah tatsächlich überhaupt nichts. VASIåèHA fuhr fort: Als dann die fünf Elemente und die fünf Sinne ins Dasein getreten waren, tauchte in mir auf unwiderstehliche Weise gleichzeitig das diesen Dingen entsprechende Wissen und die Erfahrung auf. Sie waren ohne „Form“ (Substanzialität) und illusorisch. Als ich dann dastand und alle diese Ideen und Erfahrungen überdachte, wurde dieser Zustand meines Seins durch Menschen wie dich Ich-heit bzw. Ich-Sinn genannt. Als diese Idee des Ich- Sinns gröber wurde, nannte man sie buddhi bzw. Intellekt, und als dieses wiederum gröber wurde, nannte man es das Gemüt. Obwohl ich daher reines Bewusstsein bin, scheine ich tatsächlich einen subtilen Körper (ātivāhika) und einen anta÷karaïa (inneres Organ bestehend aus Gemüt, Intellekt usw.) erworben zu haben. Ich bin subtiler und noch leerer als die Luft. Ich widerstehe daher niemals dem Eintreten irgendwelcher Dinge in ihr Dasein. Da ich aber eine ganz be- trächtliche Zeit lang dieser ideenhaften Existenz angehangen habe, stellst du dir nun vor, dass ich einen Körper hätte. Es geschieht aufgrund dieser in dir wohnenden Idee, dass ich diesen Klang erzeuge, den man Reden nennt. Du hörst ihn auf dieselbe Weise wie eine schlafende Person Klänge in ihren Träumen hört. Der erste Klang, den ein Kind von sich gibt, ist OM. OM muss daher als der Erste unter allen Klängen erachtet werden. Danach hast du alles, was ich wie im Traum und schlafwandlerisch von mir gegeben habe, als meine Rede erachtet. Ich bin das absolute Brahman. Ich bin in mir selbst enthalten. Ich bin der Schöpfer dieser Schöpfung und der Lehrer von allen. All dieses habe ich durch meine eigenen Gedanken und Ideen erschaffen. Ich scheine zu existieren, bin aber in Wahrheit ungeboren. Dieses Universum habe ich erschaut – jenseits davon erblicke ich nichts. Jedoch ist all dies, was ich erschaut habe, nichts als 616
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    reine Leerheit. Alldieses ist nichts als reines Erfahren. Nichts (die Erde usw.) existiert oder ist jemals ins Dasein getreten. Nichts existiert außerhalb. Alles befindet sich im Bewusstsein – alles ist Bewusstsein. Es gibt keine Welt in Brahman, doch Brahman erfährt eine Welt. Diese Wahrnehmung ist keine Realität oder Faktizität, sondern nur eine Idee. Gesehen werden kann diese Wahrheit nicht mit den physischen Augen, die lediglich materielle Objekte wahrnehmen können. Sobald du mit deinen sub- tilen (ātivāhika) Augen siehst, wirst du die Schöpfung so wahrnehmen, wie sie ist – als die Wahrheit, als reines Brahman-nirvāņa. Als ich den Raum erfuhr, wusste ich, was die Erde ist. Ich wurde zur Erde. In dieser Erde erfuhr ich die Existenz der zahllosen Universen, ohne dabei je- mals das Gewahrsein aufzugeben, selbst das unendliche Bewusstsein zu sein. Ich erblickte die erstaunlichsten irdischen Phänomene und Ereignisse auf dieser Erde (innerhalb von mir). Tatsächlich erfuhr ich sogar, wie die Bauern „mich“ (die Erde) pflügten. Ich erfuhr die brennende Hitze der Sonne und die kühlen Schauer des Regenwassers. Ich wurde zu dem fürchterlichen Raum, in dem die Lokāloka-Berge (die Grenzen der Welt) existieren, und ich erfuhr die Taten und Regungen der zahllosen Lebewesen. Zahllose Wesen der verschie- densten Arten – Götter, Dämonen, Menschen, Tiere und Würmer – erfüllten mich. Angefüllt war ich von den Bergen, Wäldern usw., die auf der Erde exis- tierten. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:88, 89 Während ich in diesem Erd-Bewusstsein verweilte, erlebte ich die Erfah- rungen der Erde mit all ihren Flüssen usw. Hier erlebte ich das Weinen und Klagen derjenigen, die ihre Lieben und Nahestehenden verloren hatten, dort erlebte ich die Freuden tanzender Mädchen, da waren die Schreie der Hun- gernden, dort die Vergnügen der Wohlhabenden, und da waren auch Dürren und Erdbeben, Krieg und Zerstörung, herrliche Vögel und Seen, leidende Würmer, blühende Wälder, meditierende Weise. Oh Rāma, in diesem meinem Erd-Körper fand all dies statt! RĀMA fragte: Als du auf diese Weise mit der Kontemplation des Erde (pārthiva-dhāraïā) befasst warst, empfandest du diese Erde als real oder als nur mental? VASIåèHA erwiderte: Wahrhaftig war sie mental und ich selber bin zur Erde geworden. Gleicher- maßen wahr ist, dass dies weder mental noch ich tatsächlich zur Erde gewor- den bin. Getrennt vom Gemüt gibt es keine Erde. Ob du nun etwas als real oder irreal erachtest – es ist doch nichts anderes als nur mentale Tätigkeit. Ich bin nichts als reines, unendliches Bewusstsein und die Idee, die in diesem auftaucht, nennt man saÇkalpa bzw. Denken oder Imagination. Diese Bewe- gung ist es, die das Gemüt, die Erde, die Welt, der Schöpfer ist – diese Welt taucht im Raum aufgrund eben dieser Idee auf, so wie eine eingebildete Stadt am Himmel auftaucht. 617
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    Was ich alsdie Erde erfuhr, war nur eine einfache Idee und daher rein men- tal. Durchdrungen wird sie vom Gemüt und aufgrund des betändigen Darandenkens (dhāraïā) verharrte sie wie als ob sie die Erde sei. Das Feld der Erde ist mental – es ist die Idee, die im Bewusstsein auftaucht, und es ist ansonsten leer. Sobald diese Idee eine Zeitlang beständig ist, gibt sie ihren scheinbaren mentalen Zustand auf und wird dann wiederum scheinbar zu dieser festen, materiellen, harten und widerstandsfähigen Erde. Von diesem Gesichtspunkt aus existiert die Erde nicht. Jedoch wurde ihre anscheinende solide, materielle Existenzweise von Beginn der Schöpfung an als wahr erachtet. So wie das Traumobjekt nichts anderes als das Bewusst- sein des Träumers ist, so ist diese Welterscheinung nichts anderes als reines Bewusstsein. Die Idee, die im Bewusstsein auftaucht, ist nichts als reines Bewusstsein und nichts anderes. Daher gibt es auch überhaupt keine Idee als solche und weder ein Selbst noch eine Welt. Wird es als das gesehen, existiert die Welt überhaupt nicht. Wird das alles dagegen nicht sorgfältig genug beo- bachtet, dann tritt die Welt wieder ins Dasein. So wie ein Kristall ohne eigene Absicht dazu Farben reflektiert, so reflek- tiert das unendliche Bewusstsein das gesamte Universum. Die Welt ist folg- lich weder mental noch materiell. Sie ist nur reines Bewusstsein, das als diese Erde erscheint. Es ist nur die von den zahllosen Wesen in den drei Welten unterhaltene Idee, die zu dieser angeblichen Realität oder Substanz der „Er- de“ geworden ist. „Ich bin alles dieses und all das dort ist innerhalb von all diesem.“ Indem ich es so verstand, erschaute ich alles. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:90 Auf diese Weise erfuhr ich in meinem Herzen das Feld dieser Erde. Obwohl alles, was ich sah und erfuhr, in meinem Herzen war, sah es gleichzeitig so aus, als wäre es von mir verschieden, als wäre da eine Subjekt/Objekt- Beziehung. Dies geschah deshalb, weil es überall das Universum gibt, weil es überall Brahman und überall die Leerheit gibt. Das Feld der Erde existiert überall (und ist natürlich in Wahrheit nichts wirklich existierendes) und ist doch nur reines Bewusstsein. Wie eine Traumstadt wurde es tatsächlich niemals wirklich erschaffen. Weder gibt es eine Vielfalt noch eine Nicht-Vielfalt. Weder gibt es Sein noch Nicht-Sein. Da gibt es ferner kein „Ich“. Wie könnte man behaupten, dass es da irgendetwas gäbe? Obwohl diese Schöpfung erfahren wird, existiert sie in Wahrheit überhaupt nicht – wer sagt, dass sie existiere, muss wissen, dass es nur Brahman allein ist, das existiert. Wenn sie nur wie eine Traumstadt ist, vermag niemand ihre Existenz zu bestätigen oder zu verleugnen. So wie ich durch die Kontemplation der Erde (Erd-dhāraïā, p−thvÅ- − dhāraïā) das Feld der Erde erfuhr, so erfuhr ich durch die Kontemplation des Wassers (Wasser-dhāraïā) das Feld des Wassers. Durch die Kontemplation des Wassers wurde ich zu Wasser – obwohl ich nicht leblos war, wurde ich zu Leblosem. Lange Zeit hindurch wohnte ich in den Tiefen des Ozeans und 618
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    machte dabei verschiedene,dieser Wohnstatt angemessene Geräusche. Ich bewohnte die Körper von Pflanzen und Kriechtieren und machte mir inner- halb von diesen meine eigenen Wege. Ich betrat die Körper der verschiede- nen Lebewesen durch ihren Mund und vermischte mich mit den vitalen Win- den innerhalb ihrer Körper. Ruhelos floss ich die Flussbetten hinab und legte an den Dämmen der Uferflächen Ruhepausen ein. Indem ich als Dampf auf- stieg, gelangte ich als Wolke in die Himmelsregionen. Dort ruhte ich einige Zeit bei meinem Freund, dem Gewitterblitz, aus. Ich bewohnte alle Lebewesen als das Wasserelement wie das unendliche Bewusstsein in allen Wesen wohnt. Indem ich Verbindung mit den Ge- schmacksknospen der Zunge aufnahm, erfuhr ich die verschiedenen Ge- schmäcker – ganz gewiss ist diese Erfahrung reine Erkenntnis! Der Ge- schmack wurde weder von mir noch vom Körper noch von irgend jemand anderen erfahren. Die Erfahrung geschah im Innern als das Objekt des Erfah- rens – und als solches war sie falsch. Als die Blüten erblühten, stieg ich von ihnen als Tau hinab und schmeckte, was die Bienen nach ihrem Besuch noch von ihrer Süße übriggelassen hatten. In den vierzehn Klassen der Lebewesen wohnte ich als das Gewahrseins des Geschmacks – als Bewusstsein, das gleichwohl nicht-bewusst erschien.Indem ich die Gestalt der Wassertröpfchen und der Sprühgischt annahm, genoss ich das Reisen mit dem Wind und wanderte von einem Ort zum nächsten. In diesem Zustand als Wasser erlebte ich vielfältige und sehr interessante Erfah- rungen. Ich sah hunderte Welten, die ins Dasein traten und verschwanden. Ob diese Welt nun Gestalt hat oder nicht – sie ist reines Bewusstsein und imma- terielle Leerheit. Oh Rāma, zwar bist du nichts, aber nicht nicht-existent. Du bist reines und höchstes Bewusstsein. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:91 Schließlich wurde ich durch Kontemplation des Feuerelements (teja- dhāraïā) zum Feuerelement. Feuer bzw. Licht ist überwiegend satva und daher stets leuchtend. Es zerstreut die Dunkelheit wie der König durch seine Anwesenheit die Diebe fliehen macht. Ich erkannte das Elende der Finsternis, die alle guten Eigenschaften zerstört, denn ich wurde zum Licht, in dem alles gesehen wurde. Licht gewährt allem Gestalt – so wie der Vater seinem Spröss- ling Gestalt schenkt. In der Unterwelt gibt es nur wenig Licht und daher grö- ßere Dunkelheit. Im Himmel wiederum gibt es nur noch Licht – immer. Licht ist die Sonne, die den Lotos der Tätigkeit erblühen lässt. Ich wurde zur Prachtfarbe (survaïa) im Gold usw. Ich wurde zu Vitalität und Tapferkeit im Manne und in den Juwelen funkelte ich als ihr Feuer. In den Regenwolken wurde ich zum Licht ihrer Blitze, in den leidenschaftlichen Frauen zum Zwinkern ihrer Augen und zur Kraft der Löwen. Selber wurde ich in den Göttern zum Hass auf die Dämonen und in den Dämonen zum Hass auf die Götter. Ich wurde zur vitalen Essenz aller Wesen. Ich erfuhr das Dasein als Sonne, Mond, Sterne, Edelstein, Feuer (einschließlich des Feuers der kosmi- schen Auflösung), Blitz und Lampe. Als ich zu Feuer wurde, war die glühende 619
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    Asche meine Zähne,der Rauch mein Haar und der Brennstoff meine Nahrung. In der Werkstatt des Schmieds war ich das Feuer, welches das Eisen rothitzig färbte, und als ich geschlagen wurde, versprühte ich mich in einem Funken- regen. RĀMA fragte: Oh Weiser, warst du, nachdem du zum Feuerelement wurdest, glücklich oder unglücklich? VASIåèHA erwiderte: So wie eine schlafende Person für eine Zeitlang nicht fühlend wird, obwohl sie ein nicht fühlendes Wesen ist, so wird das Bewusstsein zu einem leblosen Objekt. Sobald es sich selbst als die Elemente (Erde usw.) denkt, denkt es sich selbst wiederum als fühlend. In Wahrheit jedoch gibt es keine solche Tren- nung zwischen Subjekt und Objekt. Was ich daher in den Zuständen als Erde, Wasser und Feuer erfuhr, erfuhr ich als nichts anderes als Brahman. Wenn ich wirklich leblos geworden wäre, hätte ich die Erfahrung, die Erde zu sein, auch nicht machen können, nicht wahr? Die fühlende Person denkt: „ich schlafe!“, und erscheint dann als nicht fühlend. Erwacht man dann zur Wahrheit seiner selbst, verschwindet die Materialität des Körpers. Mit Hilfe des subtilen (ātivāhika) Körpers ist die Person dann in der Lage, alles an jedem beliebigen Ort zu betreten. Dieser subtile Körper ist selbst nichts anderes als reine Intelligenz. Sobald man mit der Hilfe dieser Intelligenz aus eigenen Wunsch einen anderen Zustand be- tritt, erfährt man ganz offensichtlich weder Unglücklichsein noch Kummer. So wie die in einem Traum wahrgenommene Welt von der Finsternis der Unwissenheit eingehüllt und daher irreal ist, so verhält es sich auch mit den anderen Elementen, die man erfährt. Wer einen in seiner Fantasie im eigenen Gemüt herbeigeträumten Fluss aus flüssigem Feuer berührt, erfährt keinerlei Schmerz. So verhielt es sich mit meinen eigenen Erfahrungen dieser Elemen- te. VASIåèHA fuhr fort: Schließlich wurde ich durch vāyu-dhāraïā (Kontemplation meiner selbst VI.2:92 als der Wind) zum Luftelement. Ich lehrte die Gräser, Blätter, Kriechtiere und das Heu die Kunst des Tanzes. Indem ich sie mit kühlen Brisen streichelte, machte ich mich zum Freund der jungen Damen. Zur selben Zeit war ich wegen meine Hitzewellen, Hurrikane und Tornados weit und breit gefürchtet. In die Lustgärten trug ich süße Düfte, in die Höllen versprühte ich Feuerfun- ken. Meine Bewegung war so geschwind, dass die Leute Gemüt und Wind als Geschwister ansahen. Ich floss mit den Wassern des heiligen GaÇgā dahin und hätte vielleicht Langeweile erfahren, wenn ich nicht die Müden und Erschöpf- ten hätte erquicken können, was mich glücklich machte. Den Raum unter- stützte ich durch Weitertragen der Klangwellen und so wurde ich als der teure Freund des Raumes bekannt. Ich bewohnte die vitalen Organe aller Wesen. Ich kannte alle Geheimnisse des Feuers und wurde so als der Freund 620
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    des Feuers bekannt.Ich nahm die Körpermaschinen aller verkörperten (le- benden) Wesen in Betrieb, indem ich zu ihrem Lebensatem wurde. So wurde ich zur selben Zeit ihr Freund und ihr Feind. Obwohl ich mich vor aller Augen befand, konnte ich doch von niemandem gesehen werden. Während der kosmischen Auflösung vermochte ich unge- heure Berge zu lüpfen und nach meinem Belieben umherzuwirbeln. Als Luft führte ich sechs Funktionen aus: Mengen von etwas ansammeln, austrocknen, aufrechterhalten und unterstützen, vibrieren bzw. Bewegung verursachen, Duft befördern und kühlen. Hingegeben war ich der Aufgabe des Erbauens und Zerstörens von Körpern. Während ich das Element Luft war, nahm ich innerhalb jedes einzelnen Mo- leküls der Luft ein ganzes Universum wahr. In jedem dieser Universen er- blickte ich alle Elemente usw. dieses Universum wieder. Sie stellten keine realen Gegebenheiten dar, sondern waren bloße Ideen, die in der kosmischen Leerheit bzw. Raum auftauchten. In diesen Welten gab es ebenfalls Götter und Planeten, Berge und Ozeane sowie die illusorischen Wahrnehmungen von Geburt, Alter und Tod. Ich durchwanderte all diese Reiche zur Zufriedenheit meines Herzens. Zahllose Arten von Wesen wie der Himmelsbewohner und die Weisen ruhten auf mei- nem Körper wie ebenso viele Fliegen und Moskitos aus. Indem ich sie verließ, erlangten sie ihre verschiedenen Gestalten und Farben. Indem ich sie berühr- te, erfuhren sie immense Freuden, jedoch vermochten sie mich nicht zu erbli- cken. Auch als die Unterwelten meine Füße, die Erde meine Eingeweide und die Himmel mein Kopf waren, gab ich nicht für einen Moment meine subatomare Natur auf. Überall und immer gab es nur mich und ich tat alles. Ich war das Selbst von allem. Ich war alles. Und doch war ich reine Leerheit. Ich erfuhr das Sein und das Nicht-Sein, den formlosen wie den formhaften Zustand, während ich all dessen gleichzeitig gewahr und nicht gewahr blieb. Es gibt da noch zahllose weitere Universen wie das, welches ich erfahren habe. So wie ein Mensch in seinem Traum von zahllosen Objekten träumt, so erfuhr ich innerhalb jedes Atoms Universen und weitere Universen in den Atomen die- ser Universen. In mir selbst wurde ich zu all diesen Universen und obgleich ich das Selbst von allem war und all dieses durchdrang, umhüllte ich es doch nicht gleichzeitig. Dies sind nur Worte wie „es gibt Hitze im Feuer“ („Hitze im Feuer“ ist nichts anderes als nur das Faktum der Existenz dreier Wörter). *** Die Geschichte vom Weisen aus dem Weltraum 621
  • 622.
    VASIåèHA fuhr fort: VI.2:93 Nach all diesen Ereignissen ging ich wieder zu meiner Hütte bzw. Einsiede- lei im Weltraum. Ich schaute nach meinem physischen Körper – er war dort nicht auffindbar. Ich fand aber einen betagten Weisen in dieser Einsiedelei sitzend. Er saß in tiefer Meditation in der Lotos-Position. Sein Antlitz strahlte und war wegen des Friedens und der Seligkeit, die ihn erfüllten, herrlich anzuschauen. Seine Lotos-ähnlichen Hände hatte er vor dem Bauchnabel zusammengelegt – sie leuchteten mit einer außergewöhnlichen Strahlkraft. Seine Augen waren geschlossen, und ganz offensichtlich befand er sich jen- seits des Körperbewusstseins. Da ich meinen eigenen Körper nicht sah, son- dern nur denjenigen des in Meditation sitzenden Weisen, dachte ich wie folgt nach: Gewiss ist dies ein großer und vollkommener Weiser. Wie ich wird er in dem Wunsch nach völliger Abgeschiedenheit hierhergekommen sein. Weil er nach der Abgeschiedenheit gesucht hat, wird er diese Einsiedelei im Welt- raum entdeckt haben. Vielleicht hat er auf meine Rückkehr gewartet und dann, da ich auch nach längerer Zeit nicht wiedergekommen bin, diesen Kör- per schließlich hinausgeworfen und selbst die Einsiedelei zu bewohnen be- gonnen. Ich werde in meine eigene Sphäre zurückkehren. Nachdem ich so nachgedacht hatte und auch mein Wunsch, in dieser Ein- siedelei zu bleiben, verschwunden war, verschwand plötzlich diese Einsiede- lei und zusammen mit ihr dieser Weise. Sobald die eigenen Gedanken (Ideen bzw. Konzepte) aufhören, hört ebenfalls auch das auf, was diese Gedanken ins Leben gerufen hat. Als mein Wunsch nach der Einsiedelei verschwand, ver- schwand diese daher. Die Einsiedelei fiel einfach zu Boden – wie ein Raum- schiff aus dem All zu Boden stürzt. Der Weise fiel auch. Und auch ich stieg mit ihm zusammen auf das Feld der Erde herab. Der Weise landete dort in der- selben Haltung und Position, in der er sich schon in dieser Einsiedelei befun- den hatte. Der Grund dafür war, dass er aufgrund der Vereinigung von prāïa und apāna die Kräfte der Schwerkraft überwunden hatte. Er erwachte nicht aus seiner Meditation. Sein Körper war so stark wie ein Fels und so leicht wie eine Baumwollflocke. Um ihn ins normale Körperbewusstsein zurückzuholen, nahm ich die Ge- stalt einer dicken Wolke an, die es regnen und donnern ließ. Daraufhin er- langte er sein Körperbewusstsein schließlich zurück. Ich fragte ihn: „Wer bist du, oh Weiser? Was tust du? Wer bist du? Obwohl du aus so großer Höhe herniedergestürzt bist, beachtetest du es überhaupt nicht – wie ist dies mög- lich?“ Nachdem der Weise die vergangenen Ereignisse eine Zeitlang überdacht hatte, sprach er: „Nun habe ich dich erkannt, oh du Heiliger. Ich grüße dich. Sieh es mir bitte freundlicherweise nach, dass ich dich nicht schon früher gegrüßt habe. Die Natur der Weisen ist großmütig und nachsichtig. Oh Weiser – ich bin eine lange, lange Zeit in den Reichen der Götter umhergewandert. Ich bin müde dieses saæsāra. Wenn doch all dies hier reines Bewusstsein ist, 622
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    kann es keinenSinn mehr in dem geben, was wir Sinnesvergnügen nennen! Daher verblieb ich im Raum, frei von mentaler Ablenkung und Anziehung. Keine einzige dieser Sinneserfahrungen darf real und unabhängig vom Be- wusstsein genannt werden. Die Objekte des Vergnügens sind die Springquel- len des Giftes, die sexuellen Lüste sind Täuschung, die Süße zerstört den Genießer des Süßen – wer von diesem allen überwältigt wurde, ist gewiss vernichtet worden! Das Leben ist kurz. Es ist angefüllt mit Zerstreuungen. Nur durch pure Zufälle erlangt man hier ab und zu etwas Glück. Nichts ist hier dauerhaft oder verlässlich. Wie das Rad des Töpfers wird dieser Körper endlos in diesem Leben umhergewirbelt. Überall lauern die machtvollen Diebe (die Sinnesobjekte). Daher sollte ich wachsam bleiben.“ DER WEISE fuhr fort: „Dies ist heute passiert“, „das ist mein“ und „dies gehört ihm“ – indem die Menschen sich fortwährend mit solchen Gedanken befassen, vergessen sie das Vergehen der Zeit. Viel haben wir gegessen und getrunken, viel sind wir auf dieser Erde einhergewandert, viele Schmerzen und Vergnügen haben wir erfahren. Was bleibt davon übrig? Wie sollten wir den höchsten Frieden er- langen? Sämtliche Bäume sind nur Holz, sämtliche Lebewesen nur Fleisch, die ganze Erde nichts als Lehm – alles ist daher von Schmerz und Vergäng- lichkeit befleckt. Zu was soll ich also meine Zuflucht nehmen? Wer wäre hier wohl mein Beschützer? Es sind dies weder Wohlstand noch Freunde noch Verwandte noch Kenntnisse (bzw. Vergnügen), denn alle diese sind selbst nur die Opfer der Zeit. Wem könnte ich noch Vertrauen schenken, wenn ich doch sehe, wie alle schon morgen oder übermorgen sterben? Sogar die durch Vorschriften und Gebote regierten religiösen Riten lassen einen Menschen in dieses saæsāra stürzen, wie Wasser von einem höheren gelegenen zu einem niedriger gelegenen Punkt fließt. Sie verwirren eine Person nur und bringen sie durcheinander. Das Unwirkliche scheint durch beständiges Daran-denken real zu werden. Da das Unwirkliche jedoch irreal ist, bleibt es auch irreal, obwohl es als real erscheinen mag. Die Menschen sind getäuscht und rennen hinter den Objekten des Sinnesvergnügens her wie ein Fluss seiner Selbstzerstörung im Meer entgegengeht. Das unwissende Gemüt eilt den Sinnesvergnügen nach wie der Pfeil von der Sehne schnellt, der keinerlei Sinn für Gut und Böse hat. Vergnügen ist in Wahrheit entsetzlicher Schmerz, Wohlstand ist Missge- schick, sinnliche Freuden sind schlimme Krankheiten und der Wunsch nach Vergnügen ist widerlich. Missgeschick ist in Wahrheit großer Segen. Dem Glück folgt schnell das Unglück. Das Leben endet mit dem Tod. Ah – seht nur diese Macht der Māyā! Die Sinnesfreuden sind schlimmer als die giftigste Schlange, da jene uns schon durch bloße Berührung auf der Stelle töten. Weil Wohlstand usw. Illusionen hervorrufen, sind sie schlimmer als Gift. Es ist wahr, dass das Vergnügen erfreulich und Überfluss herrlich sind, und doch läuft uns das Leben davon und lässt alle diese Freuden bedeutungslos wer- 623
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    den. Vergnügen undWohlstand sind dem Anschein nach erfreulich, erzeugen aber am Ende nur Unglücklichsein und Kummer. Mit fortschreitendem Alter werden die Haare grau und die Zähne wie auch alles andere verfällt (die Organe, die Vitalität usw.) – nur das Verlangen hört niemals auf. Kindheit und Jugend haben eine Gemeinsamkeit – beide gehen rasch vorüber. Das Leben verebbt wie ein strömender Fluss und die Vergan- genheit ist unwiederbringlich. Nach langer Zeit habe ich Egolosigkeit erlangt. Ich bin nicht länger interes- siert an den himmlischen Freuden. Wie dich, oh Weiser, verlangte es mich nach einer Zuflucht an einem abgeschiedenen Ort. So entdeckte ich diese Einsiedelei im Weltraum. Ich erkannte nicht, dass diese Einsiedelei die deine war und du sie eines Tages wieder aufsuchen würdest. Ich habe nicht damit gerechnet. Erst jetzt ist es mir bewusst geworden. Nur indem man das eigene Bewusstsein auf solche Tatbestände richtet, wird man ihrer mit dem Auge der inneren Intelligenz gewahr und kennt die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft – nicht früher. Mit dieser Natur des Gemüts müssen sogar die Götter rechnen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:94 Ich sagte zu dem Weisen: „Nachdem ich deine Geschichte vernommen habe, denke ich, dass du auch weiterhin die Einsiedelei im Weltraum bewohnen solltest. Erhebe dich und lass uns in der Welt der vollkommenen Wesen (siddhas) leben. Es geziemt jedem, in der ihm eigenen Umgebung, die keine mentalen Störungen verursacht, zu sein.“ Daraufhin erhoben wir beide uns in den Raum und verabschiedeten uns voneinander. Er ging dorthin, wo er seiner Meinung nach am besten hinpass- te, während ich ebenfalls meines Weges ging. RĀMA fragte: Hoher Herr, mit welchem Körper bist du in der Welt der siddhas umherge- streift, da doch dein eigener Körper sich aufgelöst hatte? VASIåèHA erwiderte: Als ich in die Stadt Indras, des Königs der Götter, ging, besaß ich einen Kör- per aus reinem Raum. Daher erkannte mich niemand. Man konnte mich we- der berühren noch festhalten. Ich war wie ein Gedanke und leer von jeder Materialität, jedoch mit einer Gestalt aus reiner Wunschhaftigkeit (saÇkalpa) ausgestattet. Vergleichbar ist dies mit der Traumerfahrung, in dem Traum- körper bestehend aus nicht-materieller Substanz erzeugt werden. Wer dies als unmöglich ansieht, leugnet die Erfahrungen des Traumes und ist daher, da er die empirische Erfahrung aller leugnet, nicht ernstzunehmen. Ich konnte andere wahrnehmen, insbesondere diejenigen, die einen materiellen Körper besaßen, obwohl diese mich nicht wahrnehmen konnten. RĀMA fragte erneut: Aber wie konnte dich dieser Weise dann überhaupt sehen? 624
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    VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma. Leute wie wir besitzen die Macht, unsere Wünsche zu materiali- sieren und zu realisieren. Es geschieht uns nichts, was wir uns nicht zuvor gewünscht haben! Nur diejenigen Menschen, die in weltlichen Aktivitäten ertrunken sind, vergessen im Bruchteil einer Sekunde die Tatsache, dass sie einen subtilen (ātivāhika) Körper besitzen. Sobald ich entschieden hatte: „Möge dieser Weise mich sehen“, da erblickte er mich auch schon. Menschen, in denen die Wahrnehmung von Getrenntheit tief verwurzelt ist, verfügen nicht über die Macht zur Realisierung ihrer Wünsche. Wer jedoch wie dieser Weise die Wahrnehmung von Getrenntheit vermindert hat, kann seine Wün- sche realisieren. Auch für die siddhas bzw. die Vollkommenen gilt, dass derje- nige mit mehr psychischer Transparenz auch erfolgreicher in seinen Bestre- bungen ist. Um auf meine Geschichte zurückzukommen: Ich streifte in den himmli- schen Regionen wie ein Geist umher. RĀMA fragte: Hoher Herr, existieren Geister denn? Wie sehen sie aus und was tun sie? VASIåèHA fuhr fort: Oh Rāma, Geister existieren sehr wohl in dieser Welt. Ich werde dir nun er- zählen, wie sie sind und was sie tun. Ganz gewiss ist derjenige, der zu einem an ihn herangetragenen Thema keine Auskunft geben kann, kein würdiger Lehrer. VASIåèHA fuhr fort: Manche Geister (piÓāca) besitzen einen ätherischen Körper, der gleichwohl Hände und Füße besitzt, und sie können Menschen wie dich sehen. Manche andere besitzen schreckenerregende schattenhafte Gestalten; sie überwälti- gen die Körper menschlicher Wesen und beeinflussen ihr Gemüt. Manche von ihnen töten oder verletzen Menschen. Einige sind wie Nebel oder Rauch und andere wiederum haben traumartige Körper. Manche verfügen über Leiber, die aus nichts als Luft gemacht sind. Andere wiederum haben Körper, die nur aus der Illusion des Wahrnehmenden bestehen. Weder kann man sie ergrei- fen noch können sie andere ergreifen. Sie erfahren Hitze und Kälte, Vergnü- gen und Schmerzen. Jedoch können sie weder essen, trinken noch etwas anfassen. Sie haben Wünsche, Hass, Furcht, Ärger, Gier und erleben Täu- schungen. Erfreut und unter Kontrolle gebracht werden sie mit der Hilfe von mantras, Drogen, Bußen, Wohltätigkeit, Mut und Rechtschaffenheit. Gesehen und festgehalten werden sie auch dann, wenn jemand in satva ruht. Außer- dem kann dies auch durch die Verwendung von magischen Symbolen (maï¬alas) und Zauberformeln (mantras) als auch durch Verehrung, die man ¬ zu einem bestimmten Zeitpunkt und an einem bestimmten Ort ausübt, er- reicht werden. 625
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    Manche Geister besitzengöttliche Natur und treten als Götter auf. Einige sind wie Menschen und andere wie Schlangen. Einige sind wie Hunde und Schakale und leben in Dörfern und Wäldern oder in toten Brunnen, Straßen- gräben und an anderen unreinen Orten. Ich werde dir nun etwas über ihren Ursprung erzählen. In dem einen unendlichen Bewusstsein entsteht eine Idee, die zum jīva wird und, indem sie sich immer weiter verdichtet, den Ich-Sinn bzw. das Gemüt (welches später zu Brahmā dem Schöpfer wird) entstehen lässt. All dieses wie auch die ganze Welt existiert und taucht auf als eine Idee und ist daher unwirklich. Diese Dinge werden als real erfahren so, wie man auch die eige- nen Ideen als real empfindet. In diesem Sinne sind sämtliche Götter und andere Wesen darin real. In Wirklichkeit jedoch gibt es da weder ein Feld noch einen Samen noch einen Bauern noch den Baum (den man als die Schöpfung bzw. Welt bezeichnen kann). Und doch existieren in dieser Idee des Feldes der Schöpfung alle diese Wesen. Die Strahlendsten unter ihnen sind die Götter, die Halbgaren sind die Menschen; diejenigen, in denen ein dichter Schleier der Unreinheit existiert, sind Würmer und ähnliche Kreatu- ren; diejenigen, die frei von jeder Fruchtgebung, die leer und körperlos sind (aÓarīra), werden Geister oder piÓācas genannt. Die Unterscheidungsmerk- male entstehen nicht aufgrund der Laune oder dem Gutdünken des Schöpfers Brahmā, sondern auf den eigenen Wunsch dieser Wesen. Was immer sie zu werden wünschen, dazu werden sie dann auch. In Wahrheit sind sie jedoch alle nichts als Bewusstsein, das als die subtilen (ātivāhika) Körper erscheint. Aufgrund der andauernden Selbsttäuschung geschieht es, dass sie physische oder materielle Form zu haben scheinen. Auch die Geister existieren in ihren eigenen Formen und tun, was sie ent- sprechend ihrer eigenen, wahren Natur zu tun haben und erfahren die ver- schiedenen Erfahrungen. Sie sehen einander und kommunizieren miteinan- der wie im Traum. Manche von ihnen kommunizieren überhaupt nicht, wie die Traumobjekte im Traum einer Person. Wie Geister gibt es außerdem auch noch Kobolde und entkörperte Wesen. Die Geister erschaffen ihre eigenen Umkreise bestehend aus der Finsternis der Unwissenheit, die nicht einmal von den Strahlen der Sonne durchdrungen werden können. Sie gedeihen in der Finsternis der Unwissenheit und scheuen das Licht der Erkenntnis. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:95 Wie ich schon sagte, streifte ich im Himmel umher wie ein Geist. Niemand vermochte mich zu sehen. Obgleich sie sich unter meiner Kontrolle befanden, befand ich selbst mich unter niemandes Kontrolle. Eines Tages sagte ich mir: „Ich kann meine Wünsche realisieren. Möge ich daher ab jetzt von den Göt- tern bemerkt werden.“ Unverzüglich ging mein Wunsch in Erfüllung. Nun konnten sie mich sehen. Als die Götter mich in ihrer Mitte bemerkten, entwickelten sie verschiedene Vorstellungen über mein Erscheinen. Da sie meine Identität nicht kannten, nahmen sie an, dass ich von der Erde aufgestiegen sei. Sie nannten mich da- 626
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    her Pārthiva (Erde)Vāsi«Âha. Manche dachten, ich wäre auf den Strahlen der Sonne herabgekommen und wurde von diesen Taijasa (Licht) Vāsi«Âha ge- nannt. Diejenigen, die mich vom Winde hergeweht glaubten, gaben mir den Namen Vāta (Luft) Vāsi«Âha. Diejenigen, die mich als aus den Wassern aufge- taucht glaubten, nannten mich Vāri (Wasser) Vāsi«Âha. Im Verlaufe der Zeit nahm ich einen physischen bzw. materiellen Körper an. Für mich selbst lag zwischen dem subtilen und dem physischen Körper kei- nerlei Unterschied, denn beide waren in Wirklichkeit ja nichts als reines Bewusstsein. Auch hier funktioniere ich im Rahmen dieses Diskurses mit der und durch die Hilfe des physischen Körpers. Ein jīvanmukta (ein zu seinen Lebzeiten befreiter Weiser) ist wahrhaftig Brahman und verfügt über einen ätherischen Körper. Auf dieselbe Weise ist auch derjenige, der ein körperloser Weiser ist, Brahman. In mir gibt es keine andere Wahrnehmung als die Brah- mans. Daher hört diese Realisierung Brahmans auch dann nicht auf, wenn ich mit den verschiedenen Tätigkeiten befasst bin. So wie für den Träumer die ungeborenen und körperlosen Traumobjekte wirklich sind, so ist für mich diese Welt real und materiell. Und auch all diese Schöpfungen und Welten leuchten als reale und materielle Gegebenheiten, obwohl sie doch niemals erschaffen worden sind. Aufgrund des wiederkehrenden Empfindens des ätherischen Vāsi«Âha, das im Gemüt von euch allen und ebenso auch in mir auftaucht, scheine ich hier zu sitzen. In Wahrheit jedoch ist all dieses reine Leerheit. All dies sind nur Ideen, die im Gemüt des Schöpfers aufgetaucht sind. Ideen wie „ich“ und „du“ sind deshalb so fest in eurem Bewusstsein verankert, weil ihr sie noch nicht sorgfältig untersucht habt. Werden sie dann untersucht und in ihrer wahren Natur verstanden, verschwinden sie sehr schnell. Wenn die Wahrheit erkannt wurde, verschwinden alle diese Szenerien der vermeintlichen Schöpfung – wie die Luftspiegelung von Wasser zu existieren aufhört, sobald ihre wahre Natur verstanden wurde. Durch bloßes Studium des Mahārāmāyaïa (Yoga Vāsi«Âha) wird die Wirk- lichkeit erkannt – Schwierigkeiten in dieser Frage tauchen fernerhin nicht mehr auf. Wer jedoch nicht an der Befreiung interessiert ist, ist kein Mensch, sondern ein Wurm. Man sollte die Seligkeit der Befreiung und den unver- meidlich mit der Unwissenheit einhergehenden Kummer sorgfältig studieren. Durch das Studium des Mahārāmāyaïa erlangt man den höchsten Frieden. Befreiung sorgt für die „innere Kühle“ (Frieden) des Gemüts, während die Bindung psychologische Verwirrung (psychologische Seelenbrände) beför- dert. Auch nachdem einer dies erkannt hat, strebt er immer noch nicht nach der Befreiung. Wie töricht sind doch die Menschen! Solche Menschen werden wahrhaftig vom Wunsch nach sinnlicher Belohnung überwältigt. Durch das Studium dieser Schrift vermögen jedoch auch diese mit der Zeit den Wunsch nach Befreiung zu kultivieren. (Die Versammlung löste sich auf – das Ende des siebzehnten Tages war ge- kommen) 627
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    VASIåèHA fuhr fort: VI.2:96 Ich habe die Geschichte vom Felsen erzählt, mit deren Hilfe du die Wahrheit sehr klar realisieren kannst. Nichts existiert zu irgendeiner Zeit irgendwo – es ist stets nur das Brahman, welches allein als eine Masse von Brahman ohne jede wie auch immer geartete Getrenntheit existiert. Brahman ist eine Masse von Bewusstsein. Es ist keinerlei Wandel unterworfen. Das kosmische Sein ist in diesem Bewusstsein nur ein Traumobjekt – unabhängig davon, ob dieses Sein nun subtil oder grob sei. Folglich gibt es weder Brahmā den Schöpfer noch die Schöpfung, sondern nichts als ungeteiltes Bewusstsein. Die im Traum wahrgenommene Vielfalt erzeugt keine Vielfalt im Träumer. Ebenso erzeugt die Idee einer Schöpfung keine Trennung im Bewusstsein. Bewusst- sein allein existiert – nicht die Schöpfung. Der geträumte Berg des Träumers ist kein Berg. Das unendliche Bewusstsein (cidākāÓa) ist Ich, es ist die drei Ó Welten, es ist der puruåa (das kosmische Wesen) und es ist du. Ohne dieses cidākāÓa ist der Körper nur ein Leichnam. Dieses unendliche Ó Bewusstsein kann weder geschnitten noch verbrannt werden noch hört es jemals auf. Daher stirbt hier weder jemand noch wird überhaupt jemand geboren. Das Bewusstsein ist die Person. Falls man behaupten wollte, dass die Person stirbt und mit ihr auch das Bewusstsein, käme dies der Behaup- tung gleich, dass beim Tod des Sohnes auch der Vater stürbe. Falls das Be- wusstsein stürbe, würde alles andere auch sterben und die Welt leer werden. Oh Rāma, nirgendwo war dieses Bewusstsein in irgend jemandem jemals tot noch ist diese Schöpfung jemals eine Leerheit gewesen. Es ist daher klar, dass das innerste Sein jedes Wesens, das reines Bewusstsein ist, wandellos ist. Sobald dies erkannt wurde, werden Geburt und Tod gegenstandslos. Wen einer erkennt: „Ich bin reines Bewusstsein“, dann wird er unbesorgt um Leben und Tod, Vergnügen und Schmerz. Pfui der arme Wicht, in dem diese Verwirklichung noch nicht stattgefunden hat (oder die ihn wieder ver- lassen hat)! Wer erkennt: „Ich bin reines Erfahren oder Bewusstsein“, ist unberührt von allen Notlagen, weder wird dieser von mentaler Verwirrung noch psychologischer Krankheit ergriffen. Wer empfindet: „Ich bin der Kör- per“, verscherzt sich die Kraft und die Weisheit; wer erkennt: „Ich bin reines Bewusstsein“, erlangt diese. Der letztere ist Gier, Täuschung oder Stolz nicht mehr unterworfen. Oh weh – wie töricht sind doch diejenigen, die jammern: „Wir werden sterben!“, sobald sie an den Tod des Körpers denken! Wer dage- gen in der Erkenntnis „Ich bin Bewusstsein“ ruht, empfindet den Stoß der schrecklichsten Waffe wie die Berührung einer Blume. Falls Bewusstsein sterben könnte, dann würden die Leute die ganze Zeit über sterben. Sage mir doch bitte, wie es kommt, dass du noch nicht tot bist? Nichts stirbt. Bewusstsein allein ist es, das die Zwillingsideen von „Ich lebe“ und „Ich bin tot“ unterhält. Das Bewusstsein erblickt bzw. wird gewahr des saæsāra (Welterscheinung) und Bewusstsein erblickt bzw. wird gewahr der Befreiung. Es wird des Vergnügens und des Schmerzes gewahr, ohne dabei jemals seine wahre Natur aufzugeben. Im Zustand der Unwissenheit über sich 628
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    selbst verwickelt essich in Täuschung, während es sich in einem Zustand der Selbsterkenntnis selbst von der Täuschung befreit. Und doch ist Bewusstsein niemals aufgestiegen oder niedergegangen. Es gibt kein solches Ding wie „Realität“, und es gibt nicht so etwas wie Unwissenheit oder Falschheit. Was auch immer von jemandem wahrgenommen wird, existiert auch so. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:97 Da die Welt der Traum des höchsten Selbst und alles von Brahman durch- drungen ist, wird sie als Brahman erfahren. Die Welterscheinung bzw. - illusion wird wahrgenommen – das höchste Bewusstsein jedoch wird über- sehen. Daher mag man die Illusion als eine reale Einbildung des Selbst erach- ten. Von einem anderen Blickwinkel her ist diese Welterscheinung eine Illusi- on, obgleich die Realität des unendlichen Bewusstseins unergründlich bleibt. So entsteht dann die Idee einer völligen Leere bzw. von śūnya, die wiederum auch real ist. Das unendliche Bewusstsein (bzw. die höchste Person, die darin auftaucht) ist unberührt von Tätigkeit, denn die Welt entspringt einer unmanifestierten Ursache (der Natur). Auch diese Sichtweise ist begründet, weil sie als solche erfahren wird. Andere halten dafür, dass Brahman in einem Zustand der Unwissenheit als die Welt erscheint (so wie ein Seil in der Dun- kelheit als Schlange erscheint). Auch dieses gründet sich auf direkte Erfah- rung und ist daher als real anzusehen. Die Theorie, dass das gesamte Univer- sum ein Konglomerat von Atomen sei, ist ebenfalls akzeptabel, denn diese Erkenntnis bzw. das dieses Verständnis ist das Ergebnis einer ordnungsge- mäßen Ergründung. Es gibt manche, die meinen, dass die Welt das sei, was man in ihr sähe, und dass dieses Prinzip auch für „die andere Welt“ gälte. Die Welt wäre daher weder real noch irreal, weil die Realität gänzlich subjektiv sei. Andere wiede- rum behaupten, dass die äußere Welt als einziges real sei und es eine andere Realität nicht gäbe. Auch sie geben der Wahrheit insofern Ausdruck, als sie demonstrieren, wie man nicht das berühren kann, was jenseits der Erfahrung ihrer eigenen und der Sinne anderer liegt. Auch diejenigen haben recht die erklären, dass alles sich im ständigen Wandel befindet, weil die Macht, die diesen ständigen Wandel hervorruft, allmächtig ist. Der Glaube, dass der jīva im Körper wohne wie der in einem Käfig gefangene Spatz und im Tode aus diesem in ein anderes Reich davonfliege, wie dies auch ein von Ausländern gehegter Glaube ist, ist akzeptabel, weil er in ihren eigenen Ländern und Gemeinschaften akzeptiert wird. Heilige Männer betrachten alles mit dem- selben Blick – diejenigen, die die Realität kennen, wissen, dass sie das Selbst von allem und allen ist. Es gibt welche, die versichern, dass sich die Natur selbst ohne einen intelli- genten Schöpfer manifestiere, weil man in der Natur viele unerwünschte und unintelligente Ereignisse stattfinden sähe (wie etwa Naturkatastrophen). Auch eine solche Sichtweise ist begründet. Auf der anderen Seite haben aber auch diejenigen recht, die von der Existenz eines universellen Schöpfers von allem ausgehen, denn sie finden ihr Gemüt erfüllt von dieser universellen 629
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    Macht. Auch diejenigenhaben recht, die sagen, dass diese Welt ebenso wie die „andere Welt“ real sei. In ihren Augen sind Pilgerfahrten, Rituale usw. sinnvoll. Die Idee, dass alles leer oder śūnya sei, stimmt, weil sie das Ergebnis einer ausgedehnten Erforschung ist. Das unendliche Bewusstsein ist wie der reinste Kristall – alles, was sich vor ihm befindet, spiegelt er wieder. Die Ken- ner der Wahrheit haben verstanden, dass dieses unendliche Bewusstsein weder eine Leere noch eine Nicht-Leere ist – es ist allmächtig, jedoch selbst weder das Gesehene noch das Gekannte. Was auch immer die Überzeugung eines Menschen sein mag – wenn er nur fest bei dieser Überzeugung bleibt, wird er gewiss dasselbe Ziel erreichen (dieselbe Frucht erlangen), solange er mit diesen Ideen oder Erkenntnissen nicht auf kindische Art und Weise zu spielen beginnt. Man sollte die Wahrheit in der Gemeinschaft der Kenner der Wahrheit ergründen und dann ohne Abstriche oder Abweichungen fest in seiner eigenen Verwirklichung verankert bleiben. VASIåèHA fuhr fort: Es gibt immer wieder hier und da Menschen, die im Hinblick auf das Wissen der Schriften und auch im Hinblick auf rechtes Betragen weise sind. Deren Gesellschaft sollte man suchen. Natürlich gibt es viele, die viel über die Schrif- ten reden. Jedoch ist derjenige der Beste unter ihnen, der das Wohl und die Freude aller im Sinne hat und dessen Betragen unanfechtbar ist. Alle Men- schen haben immer wie unter dem Druck einer unwiderstehlichen Kraft stets nur ihr eigenes Wohl im Sinn, so wie Wasser stets abwärts fließt. Man sollte diese Tatsache anerkennen und Zuflucht zur Gemeinschaft mit den Weisen nehmen. RĀMA fragte: Diese Welt wächst wie eine Schlingpflanze auf dem Baum des Höchsten Seins. Wo in ihr befinden sich diejenigen, die nach der gründlichen Erfor- schung von Vergangenheit und Zukunft die letztgültige Wahrheit erblickt haben? VASIåèHA erwiderte: In jeder menschlichen Gemeinschaft gibt es eine Anzahl weiser Menschen, deren inneres Licht (bzw. Gnade) dieser Welt Licht gibt. In diesem saæsāra rennen alle Menschen nur auf und ab wie Strohhalme, die im Meer treiben. Da sie das Selbst vergessen haben, werden die Bewohner der Himmel im Feuer des Vergnügens verzehrt. Die getäuschten Dämonen werden durch ihre Feinde, die Götter, vernichtet und von Nārāyaïa in die Fallgruben geschleu- dert. Die himmlischen Musikanten (ghandarvas) haben nicht einmal einen Hauch des Duftes (gandha) der Weisheit eingeatmet – sie haben sich im Ver- gnügen an ihrer eigenen Musik usw. verloren. Die Himmelsbewohner, die man vidyādharas nennt, respektieren die Weisen nicht – voll von Eitelkeit sind sie, da sie die Befürworter (ādhāra) der Bildung (vidyā) sind. Die Halb- götter, die man yakåas nennt, betrachten sich selbst als unsterblich und stel- len ihre Geschicklichkeit vor alten und gebrechlichen Menschen zur Schau. 630
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    Die Dämonen, dieman rākåasas nennt, leben in der Täuschung. Die Geister (piÓācas) interessieren sich für nichts anderes als das Belästigen der Leute. Die Bewohner der Unterwelten, die man nāgas nennt, sind träge und dumm. Die Dämonen, die unter dem Namen asuras bekannt sind, sind wie Würmer, die in Löchern in der Erde leben. Wie könnten sie überhaupt noch Weisheit erlangen? Sogar die menschlichen Wesen sind engstirnig und kleingläubig und nur an den Banalitäten des Alltags interessiert. Die meiste Zeit ihres Lebens verbrin- gen sie in der Verfolgung ihrer schlimmen Wünsche. Sie kommen niemals mit irgendetwas in Kontakt, was als gut oder weise bezeichnet werden könnte. Durch ihre eigenen Eitelkeiten und Bestrebungen werden sie mehr und mehr vom Pfad der Rechtschaffenheit und Weisheit fortgezogen. Die Gruppe der Leute, die man yoginī (Hinweis: Damit sind die Praktizierenden „schwarzer“ Magie gemeint) nennt, sind in die Grube des schlechten Benehmens gefallen und trinken und essen wie unkultivierte Menschen. Aber immer noch gibt es unter den Göttern (Viåņu, Brahmā, Rudra usw.), unter den Stammesoberen (wie Kaåyapa, Nārada, Sanatkumāra), unter den Dämonen (Hiraïyākåa, Bali, Prahlāda usw.), unter den rākåasas (wie Vibhīåaïa, Prahasta, Indarajit), unter den nāgas (Takåaka usw.) wie auch in anderen Reichen einige befreite Wesen. Sogar unter den menschlichen Wesen gibt es Befreite, obwohl sie extrem selten sind. Es gibt Millionen von Wesen, aber ein einziger Befreiter ist nur schwer zu finden. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:98 Die Feinde des Heiligen wie die Gier, die Täuschung usw. sind im Falle des weisen Menschen, der voller Leidenschaftslosigkeit ist und im Stand des Höchsten ruht, sehr stark vermindert. Sie geben keinen Anlass mehr für Frohlocken und Ärger, sie verleiten nicht mehr zum Verwickeln in irgendet- was oder zum Wegnehmen von etwas. Sie stören andere Menschen nicht mehr und werden durch andere auch nicht erregt. Die weisen Menschen sind weder Atheisten noch einer speziellen Glaubensrichtung verpflichtet. Sie befassen sich nicht mit quälenden Praktiken, auch falls diese von den Schrif- ten vorgeschrieben werden sollten. Ihr Verhalten und ihre Handlungen sind von gesundem Menschenverstand und von Süße erfüllt, sie sind sanft und teilnahmsvoll. Sie erfreuen das Herz aller. Sie zeigen den weisen Pfad auf und entschließen sich spontan und ohne Verzug für das Beste. Sie befassen sich mit allen Arten von äußeren Handlungen und sind doch innerlich kühl und still. Sie lieben die Erforschung der Bedeutung der Schriften. Sie wissen, wer wer ist (wer eine reife oder unreife Person ist). Sie wissen, was anzunehmen und abzulehnen ist. Ihre Handlungen sind der Situation angemessen. Sie vermeiden verbotene Handlungen. Sie erfreuen sich guter Gesellschaft. Sie verehren mit den Blumen der Weisheit jeden, der ihre Gesellschaft und ihre Lehren sucht. Sie berauben die Menschen ihrer Sorgen und ihres Kum- 631
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    mers. Sie sindfreundlich und sanft, zerschmettern jedoch die Herrschenden dieser Erde, die ungerecht und unterdrückerisch werden, wie ein Erdbeben einen Berg zerschmettert. Sie ermutigen die Mutlosen und vergrößern die Freude der Freudigen. Sie zügeln das unwissende und törichte Betragen der Menschen. Für denjenigen, der von Notlagen und mentaler Verwirrung, von Prüfungen und Drangsalen aller Art verfolgt wird, sind nur die Heiligen die einzige Zu- flucht. Frieden sollte man bei ihnen suchen, nachdem man sie zuvor an den oben beschriebenen Merkmalen erkannt hat. Dieser Ozean von saæsāra kann ohne die Hilfe der Heiligen nicht überquert werden. Man sollte nicht passiv und fatalistisch werden und die Dinge hinnehmen, wie sie geschehen. Auch wenn man nicht alle der beschriebenen Qualitäten, sondern nur eine einzige von ihnen finden sollte, sollte man immer noch Zuflucht bei einem solchen heiligen Manne suchen und sämtliche anderen Mängel, wie man sie bei ihm auch immer antreffen mag, übersehen. Man sollte Übung darin erwerben, bei anderen sowohl das Gute wie auch die Mängel zu erkennen und dann danach streben, die Gesellschaft der Guten und Weisen zu erlangen. Auch wenn eine gute Person Mängel haben mag, sollte man ihr dienen und dadurch den gro- ßen üblen Neigungen aus dem Wege gehen. Wenn man die üblen Neigungen nicht zu überwinden versteht, wird sogar der gute Mensch böse. Das ist, was ich beobachtet habe. Es ist in der Tat ein großes Unglück und eine Katastro- phe für die gesamte Gesellschaft, wenn ein guter Mensch aufgrund der Um- stände bösartig wird. So sollte man daher sämtliche anderen Tätigkeiten aufgeben und den Heili- gen hingegeben sein. Ein Hindernis dafür existiert nicht. Nur dies allein kann einem Menschen das Beste aus beiden Welten gewähren. Von den Heiligen sollte man sich nie weit entfernen, denn schon ihre bloße Nähe verheißt ein günstiges Schicksal überall. RĀMA fragte: VI.2:99 Wir menschlichen Wesen verfügen über verschiedene Methoden zur Über- windung der Sorgen. Wie steht es mit den Würmern und Fliegen oder den Bäumen? VASIåèHA erwiderte: Alle Wesen ruhen entsprechend ihrer Natur auf die ihnen angemessene Weise im Bewusstsein. Auch sie besitzen ihre spezifischen Verlangen und Begierden. In unserem Fall stehen der Erfüllung unserer Wünsche nur wenige Hindernisse entgegen, während die Schwierigkeiten in ihrem Fall enorm sind. So wie die kosmische Person (virāÂ) strebt, so tun es auch die Würmer und Fliegen. Ein kleiner Junge droht mit seiner zusammengeballten Faust – wie prachtvoll tritt doch die Eitelkeit auf! Im leeren Raum werden Vögel geboren und sterben. Sogar eine Ameise muss essen und sich um ihre Familie küm- mern. Sogar die winzige Fliege, die durch die Stube huscht, kommt in ihrer Würde dem Geier Garu¬a, der hoch oben in der Luft schwebt, gleich. Den 632
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    Menschen wie denWürmern sind Ideen wie „ich bin dies“, „dies ist mein“ gemeinsam; mit all den nichtigen Implikationen solcher Ideen. So wie wir nach den Mitteln des Lebensunterhalts streben, so streben auch die Würmer danach. Auch sie lieben das Leben. Einem Sklaven bedeutet neu- es Land nichts – auf dieselbe Weise nehmen auch die Kühe und andere Tiere nur wenig Anteil am Zuhause ihres Besitzers. Auch sie haben ihre Vergnügen und Leiden, obwohl sie frei vom Empfinden des „mein“ und „dein“ sind. Sogar ein Samenkorn oder ein junger Keimling erfahren einen gewissen Schmerz (bzw. Gewahrsein), wenn sie von einem Wurm abgebissen werden, so wie ein schlafender Mann sich von einem Insekt gestört fühlt. Sowohl Indra (König der Götter) als auch der Wurm erfahren dieselbe Anziehung, Abneigung, Furcht, Begierde nach Nahrung und Geschlechtlichkeit, Freud und Leid und die durch Geburt und Tod verursachte Verwirrung. Der einzige Unterschied besteht im Verständnis der Bedeutung von Worten, der Natur der Elemente und der Voraussicht auf die künftigen Ereignisse. Bäume, die seit jeher wie schlafend sind, wie auch die unbeweglichen Ob- jekte wie Felsen usw. existieren in der ungebrochenen Erfahrung des unend- lichen Bewusstseins. In ihnen existiert keinerlei Wahrnehmung einer Getrenntheit. All dies ist das reine, unendliche Bewusstsein, welches sich für schlafend in den Felsen hält, wie es schon in der Schöpfung davor gewesen ist. Daher bleibst du, wie du bist, und ich bleibe, wie ich bin. Im Höchsten Selbst bzw. Bewusstsein existiert weder Freude noch Leid. Nur die Unwis- senheit ist die Ursache all dieser Täuschung. Wird die Täuschung jedoch durch Verstehen zerstreut, dann verschwindet alles zuvor Gesehene in ein Nicht-Dinghaftes. Sobald die Wahrheit über diesen Welttraum erkannt wurde, hört dieser auf. Was wäre dann hier noch wünschenswert oder erstrebens- wert? Wenn die Welle ausgerollt ist, ist das Wasser doch nicht zerstört. Wenn der Körper zerstört wird, verbleibt das Bewusstsein unverändert. Nur die unwissende Person besteht auf ihren Ideen betreffend die Welt und erfährt diese dann auch als real. Das rechte Verstehen dieser Wahrheit öffnet die Tür zur Selbsterkenntnis. So wie ein Objekt im Spiegel gespiegelt wird, so erscheint diese Welt in Brahman. Obwohl die Reflexion im Spiegel zu sein scheint, ist sie dort nicht. Auf dieselbe Weise ist die Welt nicht da, obwohl sie erscheint. Sie scheint Wirkungen zu erzeugen, obwohl sie selbst irreal ist, so wie es für denjenigen, der vom Geschlechtsverkehr träumt, eine Entladung von Energie gibt. Nur der unwissende Mensch kann die Frage beantworten, weshalb er die Welt für real hält! RĀMA fragte: VI.2:100 Es gibt Leute, oh Weiser, die dafür halten, dass der Tod unvermeidlich sei und man deshalb glücklich leben solle, so lange man lebe, und dass von die- sem Körper, der zu Asche verbrannt wird, nichts sonst zurückbliebe. Worin besteht der Weg heraus aus diesen Sorgen, die dem saæsāra eigentümlich sind? 633
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    VASIåèHA erwiderte: Woran die innere Intelligenz auch immer fest glaubt, das wird dann auch von ihr so erfahren, als wäre es offenbar geworden. Bewusstsein ist universal und unteilbar – es ist eines und es ist gleichzeitig vieles. Bevor das Konzept der Schöpfung aufgetaucht ist, existierte überhaupt nichts – daher ist nichts wirklich wahr. Diejenigen sind gewiss unwissend, die nicht diese Realität erkennen, wie sie in den Schriften dargelegt wird. Für uns sind sie schon so gut wie tot. Diejenigen dagegen, die realisiert haben, dass all dieses hier rei- nes Bewusstsein (Brahman) ist, benötigen keine weiteren Instruktionen. Was auch immer als real im „Körper“ des Bewusstseins auftaucht, wird auch als real erfahren. Jeder ist aus dieser Art von Stoff gemacht – ob es da nun einen realen physischen Körper gibt oder nicht. Wenn einer einwendet, dass nur die (Sinnes)erfahrungen allein das Bewusstsein seien, dann ist er mit Sicherheit dem Leiden überantwortet worden, denn er ist dann seine gesamte Lebenszeit über an die widersprüchlichen Erfahrungen gefesselt. Wenn einer auf der anderen Seite erkennt, dass diese Welt nur eine Idee ist, die im Bewusstsein auftaucht, dann hören die Vielfalt bzw. die Widersprüch- lichkeit und damit auch die widersprüchlichen Erfahrungen auf. So wie schwebende Staubpartikel den Raum nicht beeinträchtigen, so berühren Freude und Leid nicht denjenigen, der in der Erkenntnis des einen unteilba- ren, unendlichen Bewusstseins verankert ist. Wir nehmen da keinen Körper oder eine Persönlichkeit oder auch nur einen jīva wahr – all dies ist nichts als reines Bewusstsein. Welche Idee auch immer in ihm auftaucht, die wird dann als solche erfahren. Unabhängig davon, ob das Bewusstsein real oder irreal sei, ist es dieses, welches die Existenz des Körpers erfährt. Ob man das Bewusstsein nun als real oder irreal betrachtet – die Person wird dazu und zu nichts anderem. Was dieses Bewusstsein als real erachtet, ist gewiss real (bzw. das Bewusstsein ist so real wie die Person oder das Selbst). (Das heißt, dass sogar der Materialist nicht die Existenz der Per- son leugnet und folglich auch nicht die Existenz von Bewusstsein leugnen kann.) Diese Doktrin bestätigt die Lehren sämtlicher Schriften. Sobald dieses Verständnis umwölkt wird, entstehen die verdrehten Doktri- nen; wird das Missverständnis dagegen beseitigt, werden die köstlichsten Früchte geerntet. Aber auch ein unvollkommenen Verständnis beseitigt es nicht. Falls man meinen sollte, dass dieses rechte Verständnis sogar nach der Selbsterkenntnis noch umwölkt werden könne, dann bestünde gewiss keiner- lei Hoffnung auf Loswerden des Kummers. Wird Bewusstsein als real erkannt, dann wird es für den Weisen zum Zufluchtsort. Wird es als irreal erachtet, dann wird es leblos wie ein Stein. Wenn dieses unendliche Bewusstsein „schläft“ (wie dies schon immer geschah), dann taucht die Erfahrung der Objekte auf und diese Welt tritt ins Dasein. Wer daher diese Welt und die Sinneserfahrungen allein als real betrachtet, ist leblos und „schlafend“. RĀMA fragte: 634
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    Es gibt diejenigen,oh Weiser, die denken, dass diese grenzenlose Univer- sum überall und auf allen Seiten existiert. Sie können es nicht als eine Masse von Bewusstsein sehen. Sie sehen es so, wie man es gewöhnlich sieht, und können nicht erkennen, dass sich alles darin beständig wandelt und seiner Zerstörung entgegengeht. Welche Methode müsste im Fall solcher Personen verfolgt werden, um die mentale Verwirrtheit zu überwinden? VASIåèHA erwiderte: Vor der Beantwortung dieser Frage sollte man zuvor eine andere stellen: Empfindet diese Person, dass die Materie als Materie unzerstörbar und der Körper unsterblich sei? Wenn dies so ist, dann gibt es auch keinen Grund zur Sorge. Sollte jedoch dieser Körper aus verschiedenen Teilen zusammenge- setzt sein, dann wird er auch gewiss verderben. Wenn einer weiß, dass das Selbst reines Bewusstsein (und nicht der physi- sche Körper) ist, dann gibt es für ihn, wenn er stirbt, auch kein saæsāra (Welterscheinung) in seinem Bewusstsein. Sollte das Verständnis einer Per- son dagegen weniger gut durch Klarheit oder die Schriften gereinigt sein, dann werden in ihm Stützpunkte für den saæsāra zurückbleiben. Falls die Person jedoch denkt, dass es so etwas wie Bewusstsein nicht gäbe, dann erfährt sie einen Zustand der Leblosigkeit. Man mag annehmen, dass nur die Erfahrung im verkörperten Zustand real seien. Wenn man dann fest in dieser Überzeugung verharrt, glaubt man, dass der Tod das endgültige Ende aller Sorgen ist. Jedoch geschieht dies dann nur aufgrund fehlerhafter Erfahrung. Diejenigen, die an die Nicht-Existenz von Bewusstsein glauben, werden beim Aufgeben des Körpers zu leblosen Substanzen und versinken daher unver- meidlich in der undurchdringlichen Finsternis der Unwissenheit. Diejenigen andererseits, die glauben, dass der Welt eine relative Existenz zukommt (wie in einem Traum), erfahren diese Weltillusion auch weiterhin. Ob man diese Welt nun als eine dauerhafte Realität oder ein wandelhaftes Phänomen betrachtet – die Erfahrung von Freude und Leid bleibt dieselbe. Diejenigen, die die Welt für eine sich wandelnde, aber rein materielle Sub- stanz (ohne Bewusstsein) halten, sind kindisch. Halte dich von ihnen fern! Diejenigen, die erkennen, dass die Körper im Bewusstsein existieren, sind weise – wir grüßen sie! Diejenigen, die im Körper etwas Intelligentes sehen wollen, sind unwissend. Reines Bewusstsein ist es in Wahrheit, das den jīva als den Körper hat, wel- ches sich in diesem kosmischen Raum hin und her bewegt. Was auch immer der jīva innerhalb von sich selbst denkt, das erfährt er dann auch. So wie Wolken verschiedene Gestaltungen am Himmel hervorrufen und Wellen auf der Oberfläche des Meeres auftauchen, so erscheinen diese Welten im unend- lichen Bewusstsein. Die Traumstadt ist nur das Gemüt des Träumers und benötigt nicht einmal die zusammenwirkenden Ursachen (wie Baumaterial), um errichtet werden zu können. Ebenso ist auch das Universum gestaltet – es ist reines Bewusstsein und nichts anderes. Diejenigen, die dies zu erkennen vermögen, werden frei von der Täuschung, von der Anhaftung (Abhängigkeit) 635
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    und von mentalerStörung, während sie fortfahren, spontan die im Strom des Lebens unvermeidlich entstehenden verschiedenen Situationen mit ange- messenen Handlungen zu beantworten. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:101 Jeder ist immer nur reines Bewusstsein und nichts anderes. Was könnte es wohl noch außer diesem Bewusstsein geben? Wenn doch Bewusstsein allein existiert – was gäbe es dann noch zu gewinnen und zu verlieren? Wenn es nichts anderes gibt, dann werden rāga (Anziehung oder Zuneigung) und dveåa (Abweisung oder Abneigung) gleichermaßen bedeutungslos. Bewusstsein allein ist diese menschlichen Wesen, Götter, nāga (Bewohner der Unterwelt), Berge und sich bewegenden Objekte. Ich bin reines Bewusst- sein – und das bist du auch. Wir werden im Verlaufe der Zeit sterben, aber Bewusstsein wird niemals sterben. Bewusstsein hat kein Objekt für sich selbst, dessen es gewahr werden könnte – alles Reden über Einheit und Viel- falt ist daher bedeutungslos. Sogar die Materialisten (diejenigen, die an die Realität der physischen Welt glauben) zollen diesem Bewusstsein ihren Tribut, indem sie nicht das Selbst verleugnen, die Intelligenz bzw. das Bewusstsein, welches sie denken und sagen lässt, was sie denken und sagen. Dieses Bewusstsein wird von einigen Brahman genannt und jñānaæ (Selbsterkenntnis), ÓÆnya (Leere), die Macht der Illusion, puruåa (das Selbst), cidākāÓa (Raum oder Feld des Bewusst- seins), Śiva, Selbst (ātman) usw. von anderen. Alle diese Beschreibungen sind Bewusstsein, da es Bewusstsein allein ist, das sich selbst so nennt (d.h., die Intelligenz in den verschiedenen Personen, die unterschiedliche Sichtweisen vertreten). Mögen meine Glieder entweder pulverisiert oder so machtvoll wie der Berg Meru werden! Was ist verloren und was ist gewonnen (was hat zugenom- men), indem ich erkenne, dass ich reines Bewusstsein bin? Mein Großvater und andere sind tot, aber Bewusstsein ist nicht tot. Bewusstsein ist ungebo- ren und stirbt nicht. Es ist wie Raum. Wie könnte der Himmel sterben? So wie die Welt durch die Finsternis der Nacht aus der Sicht verschwindet (zerstört wird) und erneut bei Anbruch der Dämmerung gesehen (erschaffen) wird, so sind auch Geburt und Tod. Man sollte den Tod daher als ein freudevolles Ereignis betrachten, denn man wandert nun von einem Körper in einen ande- ren. Nur Toren trauern bei solchen freudigen Ereignissen. Auch falls du glau- ben solltest, dass du nicht wieder in einem anderem Körper geboren werden wirst, gibt es keinen Grund zur Trauer, denn der Tod setzt der Krankheit von Geburt und Tod ein Ende. Daher frohlockt oder trauert der weise Mensch weder im Leben noch im Tode. Auch wenn jemand aufgrund seiner bösen Taten den Tod fürchten sollte, ist dies unbegründet, denn dann wird diese Person in der nächsten Welt so wie in dieser leiden müssen. Weshalb jam- merst du dann: „Oh weh, ich sterbe, ich sterbe, ich sterbe!“, anstatt aus Freude auszurufen: „Ich werde sein, ich werde sein, ich werde sein!“? Sogar dies sind nur bedeutungslose Worte, wenn du realisierst, dass nur unendliches Be- 636
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    wusstsein allein existiert.Raum existiert im Raum. Was ist die Bedeutung von Worten wie „Geburt“ und „Tod“? Wisse, dass du reines Bewusstsein bist und iss, trink und lebe ohne den Sinn von „ich“ und „mein“. Du bist wie der Him- mel. Wie können denn in dir Begierden auftauchen? Der weise Mensch er- freut sich dessen, was rein ist und ungesucht zu ihm kommt, wie es im Fluss des Lebens angetrieben wird. Sollten im Fluss des Lebens oder durch die Umstände unreine Dinge an ihn herantreten, dann sorgt sich der weise Mensch wie im tiefen Schlaf nicht um sie. RĀMA fragte: VI.2:102 Wozu wird einer, der die höchste Wahrheit realisiert hat? VASIåèHA erwiderte: Für eine solche Person werden sogar die Steine zu Freunden und die Bäume in den Wäldern zu Verwandten, und wenn er in der Mitte der Wälder leben sollte, dann werden die Tiere zu seiner Familie. Ein Königreich ist in seinen Augen wertlos, Notlagen werden für ihn zu großen Glücksfällen. Auch wenn er in einem Königreich lebt, frohlockt er (feiert er) über seine Missgeschicke. Disharmonie wird zu Harmonie, Sorge zu großer Freude, und auch falls er mit intensiver Tätigkeit befasst sein sollte, erfährt er nichts als eine tiefe Stille. Wachend befindet er sich wie in tiefem Schlaf, lebend ist er bereits so gut wie tot. Er tut alles und tut in Wahrheit überhaupt nichts. Er genießt, ohne das Vergnügen zu schmecken. Er ist der teure Freund aller. Er ist frei vom Bedau- ern für andere, aber voller Mitgefühl. Frei vom Wollen sieht er für andere wie jemand aus, der etwas will. Er ist nur noch an der rechtschaffenen Ausfüh- rung seiner Handlungen interessiert. In den entsprechenden Situationen sieht er glücklich oder unglücklich aus. Er lebt, was natürlich ist, und spielt in diesem Drama des Lebens die ihm zukommende Rolle. Er trauert mit den Trauernden und frohlockt mit den Glücklichen, ohne in seinem Herzen befleckt zu werden. RĀMA fragte: Es gibt jedoch einige schlaue, aber unwissende Menschen, die anderen vor- zuspiegeln vermögen, ebenfalls in diesem Zustand zu leben (indem sie Keuschheit wie ein Pferd beobachten, ohne aber den wahren Geist dazu zu haben). Wie kann man das Wahre vom Falschen unterscheiden? VASIåèHA erwiderte: Ob es nun wahr oder falsch sei – gepriesen werden muss eine solche Natur in jedem Fall. Die wahrhaft Weisen leben so, als hätten sie wie andere Begier- den. Sie lachen mit dem Narren, sind aber selbst weise. Niemand vermag ihren inneren Frieden und ihren erleuchteten Zustand zu erkennen. Nur die Weisen erkennen Weise. Der wahre Mensch der Weisheit stellt seine Weisheit weder zur Schau noch ist er begierig darauf, die Bewunderung der Menge zu erlangen. Die Menge stellt in den Augen des Weisen eine Störung dar. „Ich wünsche mir, dass alle meine Großartigkeit erkennen mögen, damit man 637
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    mich verehrt“ –solche Gedanken tauchen in den Köpfen der eitlen Menschen auf, nicht aber in den Weisen. Kräfte wie Levitation usw. werden sogar von unwissenden Menschen durch Mantras, Drogen usw. erworben. Wer sich entsprechend schult, vermag diese Kräfte auch zu erlangen, unabhängig davon, ob er nun erleuchtet ist oder nicht. Es ist das Ego, welches Anstrengungen unternimmt und Kräfte erwirbt. Diese Kräfte verstärken dann die vāsanās bzw. die mentale Konditionierung. Der Erleuchtete jedoch ist an diesen Dingen nicht interessiert. Er erachtet die Welt als weniger als einen Grashalm. Der Erleuchtete lebt ein nicht- willentliches Leben, indem er sich auf spontane Weise mit der angemessenen Handlung befasst. Sogar die himmlischen Lustgärten verschaffen einem nicht das Glück, wie es die Weisheit des erleuchteten Menschen verschafft. Der Weise betrachtet Hitze und Kälte, wie sie seinen Körper treffen, so, als wür- den sie jemand anderes passieren. Er lebt nur für das Wohl anderer mit ei- nem Herzen erfüllt von Mitgefühl für alle Wesen. Er mag in einer Höhle, einer Einsiedelei oder einem Palast leben oder ständig auf Wanderschaft sein. Er mag ein Lehrer oder ein Schüler sein. Er mag über psychische Kräfte verfügen oder für immer in samÃdhi versunken sein. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:103 Nur das unendliche Bewusstsein leuchtet als diese Welterscheinung. Wie könnte es jemals verderben? Da ist keine Möglichkeit für die Existenz von etwas anderem als Bewusstsein. Wenn der Körper verdirbt, verdirbt doch nicht das Bewusstsein. Falls man sagen wollte, dass das Bewusstsein zusam- men mit dem Körper aufhöre, dann wäre dies nur Anlass zur Freude, weil damit auch dieser saæsāra und der Kummer aufhörte! Sagt man dagegen, dass dieses Bewusstsein so lange wie der Körper existiere, dann könnte man nicht erklären, weshalb denn der tote Körper nicht mehr bewusst ist. Alle diese Argumente sind daher ungültig. Das unendliche Bewusstsein allein ist real – was immer auch dieses zu erfahren wünscht, erfährt es als seiend, da es für die Realisation von Ideen keinerlei Hindernis gibt. Die Welt wurde nie- mals erschaffen – was ist, IST nur das unendliche Bewusstsein. Es ist dieses Bewusstsein, welches seine unendlichen Möglichkeiten zu er- fahren wünscht. Es kennt sich selbst, indem es seiner selbst gewahr ist; es ist unwissend seiner selbst, indem es seiner selbst nicht gewahr ist. Folglich sind sogar Erkenntnis und Unwissenheit reines Bewusstsein und in Wahrheit gibt es da keinerlei Getrenntheit. Man sollte sich deshalb ernsthaft mit der Reali- sation des Selbst befassen, denn die Selbsterkenntnis schenkt einem das Beste aus beiden Welten. Gib alle Arten mentaler Erregung auf und widme jeden Augenblick deines Lebens dem Studium und der Ergründung dieser Schrift. Gewiss erlangt einer, wonach er strebt – wer dies vernachlässigt, wird es ebenso gewiss verlieren. Das Gemüt fließt in Richtung der Weisheit oder der Unwissenheit – je nachdem, wie es gelenkt wird. Außer mit Hilfe dieser Schrift kann niemand das Gute erlangen – jetzt nicht und nicht in Zukunft. Für die vollkommene 638
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    Verwirklichung dieser höchstenWahrheit sollte man daher eifrig und nach- drücklich nur diese Schrift studieren. Diese Schrift tut dir mehr Gutes an als dein Vater oder deine Mutter und alle deine Freunde zusammengenommen. Die schreckliche Krankheit namens saæsāra bzw. Bindung an die weltliche Existenz wird durch keine andere Medizin als die Selbsterkenntnis geheilt. Es ist eine große Schande, dass du deine Zeit verschwendest und tatenlos die Stunde deines Todes erwartest. Törichte Menschen, die dem Wohlstand und dem Ruhm hinterher rennen, vertrödeln ihr Leben damit, diese Dinge zu erlangen und zu bewahren. Weshalb verbringen sie ihre Lebenszeit nicht besser damit, die Schriften zu ergründen und Unsterblichkeit zu erlangen? Es geschieht durch die Selbsterkenntnis, dass einer das Unglück vernichtet und die Missgeschicke mit ihren Wurzeln ausreisst. Es geschieht zu deinem Besten, dass ich Tag und Nacht laut klage und die Wahrheit verkünde. Höre dies an und realisiere das Selbst mit der Hilfe des Selbst. Wenn du es nicht jetzt schaffst, dir diese schauerliche Krankheit vom Hals zu schaffen – was willst du dann erst nach dem Tode tun? Da ist keine andere Schrift wie diese, die dir beim Erlangen der Selbsterkenntnis helfen könnte. Lass sie scheinen wie eine Lampe, lass sie dich erwecken und unter- weisen wie ein Vater und lass sie dir wie eine Frau die Freude zutragen. In dieser Schrift ist nichts Neues enthalten. Die Wahrheit wird in ihr jedoch auf angenehme Weise in der Form einer Anzahl von Geschichten dargelegt. In dieser Schrift besteht das Entscheidende nur in dieser Darlegung der Wahr- heit – derjenige ist nicht wichtig, der diese Wahrheit verkündet oder die Schrift selbst verfasst hat. VASIåèHA fuhr fort: Man sollte sich nicht mit denjenigen gemein machen, die diese Schrift auf- grund von Unwissenheit oder Torheit bekritteln und herabsetzen. Ich weiß, was ich bin, und ich weiß, wer ihr alle seid. Ich bin nichts als euer eigenes Bewusstsein, das hier sitzt, um euch zu unterweisen. Weder bin ich ein Mensch noch ein Himmelsbewohner noch ein Gott. Ich bin hier als die Frucht eurer Verdienste. Tatsächlich bin ich weder dies noch das andere. Hier in dieser Welt sollte man das passende Heilmittel für diese als saæsāra (Weltillusion) bekannte Krankheit finden. Solange einer nicht das Desinteres- se an der objektiven und materiellen Existenz dieser Welt kultiviert, kann der Glaube an bzw. die Idee von ihrer Existenz nicht geschwächt werden. Ein anderes Mittel, das Selbst von der Unreinheit der Selbstbegrenzung zu befrei- en, gibt es nicht. Der einzige Weg besteht in der Schwächung der vāsanā (Selbstbegrenzung bzw. Konditionierung bzw. der Idee von der Existenz der Welt). Sollte ein solches Objekt existieren, dann wäre die Idee von seiner Existenz nur natürlich, aber im Lichte der Ergründung existiert das Objekt nur noch scheinbar, aber nicht mehr wirklich. Die scheinbare Existenz der Welt hat keinerlei reale Ursache – wie könnte wohl die Wirkung von etwas Unwirklichem anders als unwirklich sein? Wie 639
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    könnte eine nicht-materielle(spirituelle) Ursache wohl eine materielle Wir- kung hervorbringen? Wie könnte in reinem Bewusstsein Materie auftauchen und dabei mehr sein als nur der im Angesicht der Sonne existierende Schat- ten? Es ist nicht zulässig zu behaupten, dass die Welt eine reine und zufällige Zusammensetzung von Atomen sei, denn diese sind tatsächlich nur tote Sub- stanzen. Die Weltschöpfung ist das Ergebnis der Unwissenheit, denn weshalb – gesetzt den Fall, sie wäre das Resultat intelligenten Handelns – sollte sich ein intelligentes Wesen wie irrsinnig mit solch nichtiger Tätigkeit befassen? Daher ist klar, dass die Welt eine Erscheinung, aber keine reale Existenz ist. Wir scheinen alle in reiner Leerheit zu existieren – wie die Objekte in einem Traum. Die Welt ist nichts als reines Bewusstsein – einen Unterschied zwi- schen beiden gibt es nicht; das Eine wird wie „Luft“ und „Bewegung im Raum“ einfach nur auf zwei verschiedene Arten ausgedrückt. Das unendliche Be- wusstsein plus Erscheinung wird die Welt genannt; die Welt minus ihrer Gestalt (Erscheinung) ist das unendliche Bewusstsein (Erscheinung ist illuso- risch und Illusion existiert als solche nicht). So wie Bewusstsein einen Traum im Träumer hervorbringt, so erzeugt es im Wachzustand die Welt – beide sind aus demselben Stoff gebildet. Wo sollte dann wohl die Realität von Kör- pern wie auch nur wie desjenigen von Brahmā dem Schöpfer sein? Dieser entsteht vielmehr im Bewusstsein als das allererste Traumobjekt. Brahman allein existiert und noch nicht einmal die kosmische Person. Je- doch wird all dieses über einen beträchtlichen Zeitraum hinweg als real er- fahren. Jedoch bleibt das Irreale irreal, auch wenn alle es wie lange auch immer erfahren haben mögen. Vom Schöpfer Brahmā bis hinter zu einer Säule sind die Erscheinungsformen der Materialität so unwirklich wie die in einem Traum gesehenen Objekte. Diese Objekte besitzen den Anschein einer Form so wie die Objekte in einem Traum den Anschein einer Form haben. Sage mir daher bitte, was dann die Materialität der Objekte sein sollte und was die Objekte dieser Welterscheinung sind? Wo sind sie? Was sind sie? Was ist Einheit? Was ist Vielfalt? Was bin ich? Was sind diese Ideen bezüglich der Objekte der Existenz? Was sind diese Ideen und vāsanās bzw. die Selbstbe- grenzung oder die psychologische Konditionierung, die für das Fortdauern der Weltexistenz verantwortlich sind? Wo befinden sie sich? Sie sind nicht! Realisiere dies und ruhe dann im Zustand von nirvāïa. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:104, Es ist die subtile Klangschwingung, die den Raum konstituiert, und es ist 105 die subtile Berührungsschwingung, die die Luft konstituiert. Ihre Reibung erzeugt Hitze bzw. das Feuerelement. Wenn das Feuer unterliegt, gibt es Wasser. Kommen alle diese zusammen, dann entsteht die Erde. Alles dieses bleibt jedoch ein Spiel simpler Schwingungen, die formlos sind. Wie entsteht denn die Form? Nachdem man darüber eine beträchtliche Zeit nachgedacht hat, kommt man zu dem Ergebnis, dass es das Bewusstsein ist, welches die Formen entstehen lässt. Weshalb diese Wahrheit nicht gleich von Anfang verstehen und annehmen? Weder die groben Elemente noch die Formen 640
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    existieren in Wirklichkeit– sie tauchen so auf, wie sie auch im Traum auftau- chen. So wie Formen in Träumen erscheinen, so erscheinen sie auch im Wachzustand. Wird dieses realisiert, dann gibt es da Befreiung. Ob der Kör- per nun fortfährt oder aufhört zu existieren – Kummer gibt es dann nicht länger. Weder im Wachzustand noch im Traum gibt es eine wirkliche Welt. Be- wusstsein erfährt sich selbst als solches und diese Erfahrung ist es dann, die als Welt bezeichnet wird. So wie die in einem Traum gesehene Welt „nichts“ ist, so ist die im Wachzustand gesehene Welt „nichts“. So wie die Traumerfah- rungen eines Mannes der neben ihm schlafenden Person unbekannt sind, so ist die Erfahrung des Menschen dieser Welt unbekannt für andere. Im Traum scheint die unfruchtbare Frau einen Sohn zu haben – im Wachen dann scheint das Unmögliche Wirklichkeit geworden zu sein. Das Unwirkli- che erscheint als wirklich. Etwas, was noch nie wirklich erfahren wurde, erscheint wie eine reale Erfahrung – so wie man sein eigenes Begräbnis im Traum erfährt. Wenn einer davon träumt, in eine Grube zu fallen, dann wird sein Bett zu eben dieser Grube. Im blendenden Licht sieht man überhaupt nichts (es ist dasselbe wie Dunkelheit). Der Träumer stirbt im Traum und verlässt seine Anverwandten. Wacht er dann auf, ist er frei vom Traumleben und -tod. Auf dieselbe Weise stirbt man hier, nachdem man eine lange Zeit Freude und Leid erfahren hat. Der Träu- mer erwacht und macht nun eine neue Traumerfahrung, die man die Welt nennt. Nachdem er dann diese Welt erfahren hat, wandert er wieder zu einer anderen. Während des Träumens erkennt der Träumer nicht, dass der frühe- re Traum unwirklich (geträumt) war. Auf dieselbe Weise erinnert man sich nicht an sein früheres Leben, sondern hält nur das gegenwärtige Leben für wirklich. Vom Träumer sagt man, dass er „erwache“, wenn sein Schlaf beendet ist. Auf dieselbe Weise wacht die Person, die in dieser Welt lebt und stirbt, an einem anderen Ort wieder auf. Die Unterscheidung zwischen Traum und Wachen ist folglich rein willkürlich und akademisch. Beide wurzeln in der alleinigen Wirklichkeit des unendlichen Bewusstseins. Alle die bewegten und unbewegten Dinge sind nichts als reines Bewusst- sein. Sobald in ihm die illusorische Idee der Getrenntheit auftaucht, wird das Bewusstsein als Welt gekannt. Ein Topf ist nichts als Ton – in der Abwesen- heit von Ton gibt es keinen Topf. Sämtliche Objekte sind reines Bewusstsein – falls Bewusstsein abwesend ist, wird auch nichts wahrgenommen. Wasser ist flüssig – minus seiner Eigenschaft des Flüssigseins ist da kein Wasser (was sollte dehydriertes Wasser sein?). Ebenso verhält es sich auch mit dem Be- wusstsein. Alles hier ist reines Bewusstsein – minus reines Bewusstsein ist nichts. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:106 Aus Gründen der Zweckmäßigkeit wurden ein und demselben Ding zwei Namen gegeben – die beiden (Wachen und Träumen) sind ein und dasselbe, 641
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    wie zwei Wassergläser.Was beiden gemeinsam ist, ist ihr gemeinsames Sub- strat, nämlich reines Bewusstsein. Die Haltung oder die Natur eines Baumes, der sich durch seine Wurzeln er- nährt und dadurch existiert, besteht aus reinem Bewusstsein. Auf ähnliche Weise gibt es, sobald man seine Wünsche beiseitegelegt hat und sich das Gemüt in vollkommenem Frieden befindet, als Ergebnis reines Bewusstsein. Bei einem gesunden Mann, dessen Gemüt frei von objektiven Wahrnehmun- gen ist und den der Schlaf noch nicht überwältigt hat, ist das Ergebnis reines Bewusstsein. Die Natur, die in Gras und Kriechgewächsen existiert, die in den natürlichen Wachstumsperioden heranwachsen, ohne dabei ein Empfinden von „mein“ zu hegen, besteht in reinem Bewusstsein. Die Natur desjenigen, der frei von Konzepten und Verstandesgebilden, aber nicht tot ist, und dessen Wesen klar und rein wie der Winterhimmel ist, ist reines Bewusstsein. Das reine Wesen von Holz und Stein, die sich seit ihrer Erschaffung nicht verän- dert haben, ist wie auch das Gemüt reiner Wesen reines Bewusstsein. Das ist reines Bewusstsein (cidākāÁa), in dem sämtliche Dinge existieren, aus dem heraus sie auftauchen, welches alles ist und welches alles in allem ist. Sobald der Schlaf aufgehört hat, kommt die Welterscheinung zum Vor- schein; hört diese auf, dann ist da reines Bewusstsein (cidaæbaraæ). Das „nichts“, welches verbleibt, nachdem alles als „nicht dies, nicht dies“ negiert wurde, ist reines Bewusstsein (cidaæbaraæ). Das gesamte Universum ist nichts als reines Bewusstsein, wie es war und immer sein wird. Auch wenn es da Konzepte und Wahrnehmungen von Formen und Ideen geben sollte, so existiert als einziges doch immer nur Bewusstsein. Wisse dies und sei frei von der Konditionierung, während du die Objekte der Sinne gewahrst, so wie ein schlafender Mann innerlich „wach“ ist. Indem du innerlich so still wie ein Felsen bist, sprich, geh, trink und nimm. Diese Welt ist niemals erschaffen worden, denn sie hat keinerlei Ursache, und keine Wirkung kann ohne Ursache erscheinen. Bewusstsein bleibt daher nichts als Bewusstsein, ohne den geringsten Wandel. Sobald seine Erfahrung seiner eigenen unendlichen Möglichkeiten sich fortsetzt, erscheint sie als diese Welt. Daher wurde diese objektive Welt niemals erschaffen; sie existiert nicht und wird auch niemals ins Dasein treten. Sie wird ferner auch niemals verderben, denn wie könnte wohl Nichtsein verderben? Was hier als seiend erscheint, ist nichts als die Reflexion des Bewusstseins innerhalb von sich selbst. Da es jedoch keinerlei Dualität in Wahrheit gibt, gibt es auch weder eine Reflexion noch eine Erscheinung. Wer weiß denn schon, ob das, „was ist“, real oder irreal ist?! Wer weiß denn schon, weshalb und wie ein Mann träumt oder was seine Träume wirklich sind mit der Ausnahme, dass sie sein eigenes Bewusst- sein sind? Der Schöpfer und alle diese Dinge sind nichts als reines Bewusst- sein. Sobald dies erkannt wurde, wird es als Brahman gekannt; wird es dage- gen nicht realisiert, dann nennt man es Illusion, Māyā, Unwissenheit und die Welt. Es ist nur dieses Bewusstsein, welches sich selbst kennt als „ich bin dieser Berg“, „ich bin Rudra“, „ich bin der Ozean“ und „ich bin diese kosmische 642
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    Person“; wie einMensch, der träumend glaubt, dass all dieses wirklich in seinem Traum existiert. Alle externen Objekte werden im Spiegel des einen Bewusstseins reflektiert, welches im Zuge der Ergründung unverzüglich erkannt wird. Sobald es auf diese Weise ergründet wurde, wird die Natur der Objekte als reines Bewusstsein realisiert. *** Die Geschichte von VipaÁcit VASIåèHA fuhr fort: VI.2:107, Das gesamte Universum ist reines Bewusstsein, jedoch als ein Objekt nur 108 eine leblose Erscheinung. Daher ist alles, obwohl es lebt, wie tot. Auf diese Weise sind auch du und ich wie tot, obwohl wir leben. Befassen wir uns mit der der Situation angemessenen Handlung, indem wir in der Welt die Idee der Welt und die Ich-Du-Idee in uns selbst aufgeben. Weshalb? Weshalb taucht diese Welterscheinung überhaupt auf? Einen Grund dafür gibt es ebensowenig wie es im Spiel der Kinder einen Grund oder eine Motivation gibt. Man sollte daher seine Lebenszeit nicht mit der nutzlosen Suche nach Wissen betreffend die Materie und das Gemüt verschwenden, denn wer auf der Suche nach Gold ist, muss dazu nicht den Himmel putzen! Höre dir nun die folgende Geschichte an: In diesem Universum auf einem Kontinent namens JambÆdvīpa (Rosenapfel) gab es eine berühmte Stadt namens Tatam, die von dem König VipaÁcit (wörtl.: weise, gebildet) regiert wurde. Sein Glanz war unbeschreiblich. Sogar die Hofpoeten hatten ihre sämtlichen Tugenden erschöpft, ohne jedoch die Beschreibung seiner Tugen- den erschöpfen zu können. Sie liebten und genossen seine Gesellschaft. Der König wiederum war ihnen herzlich zugetan und gab ihnen täglich großzügi- ge Geschenke. Er verehrte die brāhmaņas (die Priester) wie auch das Feuer, dem er täglich hingabevoll huldigte. Er hatte vier Minister, die sein Königreich eifersüchtig an allen seinen vier Ecken bewachten. Aufgrund ihrer Weisheit und ihrer Tapferkeit war der König siegreich und unüberwindlich. Eines Tages besuchte ihn ein weiser Mann aus dem Osten. Er gebrauchte gegenüber dem König harsche und un- freundliche Worte. Er sprach: „Oh König, du hast dich selbst mit Händen und Füßen an diese Erde gefesselt. Höre nun, was ich dir zu sagen haben und entscheide dann, was zu tun ist. Dein Minister, der die östliche Seite deiner Stadt beschützt, ist tot. Derjenige, der die südliche bewacht, strebte danach, auch die östliche Seite zu beherrschen, wurde jedoch vom Feind überwältigt. Auch er ist tot. Als der die westliche Seite bewachende Minister zur südlichen Seite eilte, wurde er vom Feind abgefangen und getötet.“ 643
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    Während er sosprach, eilte ein anderer Mann in den Palast und kündigte an, dass der den Norden bewachende Minister am Palasttor sei. Der König alarmierte seine Armee und forderte dazu auf, den Minister hereinzubringen. Der Minister trat ein und grüße den König. Er sah mitgenommen aus und sein Atem ging mühsam. Aufgrund seiner Schwäche hatte der Feind ihn überwäl- tigen können. Er sagte zum König: „Oh Herr, alle anderen drei Minister sind in die Welt der Toten gegangen, um dieses Reich für dich zu erobern. Nur noch du vermagst jetzt den Feind niederzustrecken.“ In der Zwischenzeit hatte noch ein Mann die königliche Gegenwart aufge- sucht und berichtete: „Herr, die Stadt ist vollständig vom Gegner eingekreist worden. Überall zeigen sie ihre Waffen. Sie sind wie Dämonen äußerst mäch- tig. Ihre Rüstungen glänzen so stark wie Euer eigener Glanz. Ihre Armeen sind in perfekter Schlachtordnung aufgereiht. Sie sind wütend und ihre Schlachtrufe erklingen schreckenerregend. Der Befehlshaber dieser Armee hat mich geschickt, um dir diese Neuigkeiten zu berichten. Tue nun, was zu tun ist.“ Nachdem er diese Nachricht überbracht hatte, ging der Mann fort. In der Armee des Königs bereiteten sich nun alle durch Erheben ihrer Arme und ihrer Waffen auf die Schlacht vor. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:109, 110 In der Zwischenzeit hatten sich sämtliche Minister um den König versam- melt. Sie rieten ihm wie folgt: „Herr, wir haben die Lage betreffend unseren Feind gründlich untersucht. Wir sind zu der Schlussfolgerung gelangt, dass in diesem Fall die üblichen drei friedlichen Wege zur Verhandlung mit dem Feind unangebracht sind und nur noch der vierte Weg – Bestrafung oder Kampf – übrig bleibt. Wir haben bisher weder Freundschaft noch Bündnis mit diesen Feinden gesucht und daher sind auch diese Wege versperrt. Feinde, die man in eine der folgenden Gruppen einreihen muss, sind für friedliche Verhandlungen nicht zugänglich: Sünder, Barbaren, Ausländer, diejenigen, die stark in ihren eigenen Reihen sind wie auch diejenigen, die unsere Schwä- chen sehr gut kennen. Lasst uns daher nicht säumen! Befehlt die Generalmo- bilmachung und die Vorbereitung eines großen Krieges.“ Der König erteilte die nötigen Befehle und sandte die Minister auf das Schlachtfeld, nachdem er ihnen mitgeteilt hatte, dass er nach der üblichen Verehrung des heiligen Feuers zu ihnen stoßen werde. Dann nahm er sein Bad und näherte sich dem heiligen Feuer, um ihm zu huldigen. Er betete: „Oh Herr, bisher habe ich alle meine Feinde mühelos bezwungen und dieses sich weithin erstreckende Reich durch Ausübung meiner Hoheit über viele Inseln und Kontinente regiert. Ich befehle über viele Menschen einschließlich der Dämonen. Jetzt jedoch bin ich alt geworden. Meine Feinde halten daher die- sen Zeitpunkt für günstig, um in mein Gebiet einzudringen. Herr, so wie ich bisher diesem heiligen Feuer seine verschiedenen Opfergaben habe zukom- men lassen, so biete ich heute meinen eigenen Kopf als Opfergabe an. Ich bete 644
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    darum, dass diesemFeuer vier mächtige Wesen wie die vier Arme von Lord Nārāyana entsteigen mögen!“ Nachdem der König so gesprochen hatte, schnitt er mit äußerster Unbe- kümmertheit seinen eigenen Kopf ab, der zusammen mit dem Rest des Kör- pers ins Feuer stürzte. Aus diesem Feuer tauchte dann der König als vier strahlende Krieger, ausgestattet mit außergewöhnlichem Glanz und Kampf- kraft sowie den besten und machtvollsten Waffen aller Art, wieder auf. Es war unbestreitbar, dass diese Krieger durch keine wie auch immer geartete geg- nerische Kriegswaffe, seien dies nun Raketen, Mantras, Drogen usw., besiegt werden konnten. Zur selben Zeit rückten die gegnerischen Kräfte weiter vor. Es entbrannte eine schreckliche Schlacht. Der Himmel war mit Rauch und Raketen bedeckt. Schwerter glitzerten und Revolver feuerten unablässig – der Anblick war schauerlich. Es entstanden Ströme von Blut, in denen sogar die Kriegselefan- ten hinuntertrieben. Ab und zu kollidierten zwei Raketen in der Luft und tauchten den Himmel in das blendende Licht ihrer Explosionen. Im Herzen und Gemüt aller Krieger gab es nur einen einzigen Gedanken: „Ich muss den Feind vernichten oder er wird mich vernichten.“ Der Krieg ließ auch die guten und edlen Qualitäten in den Menschen zum Vorschein kommen, die bis dahin unsichtbar gewesen waren. Auf der anderen Seite geschahen aber auch viele wüste Greueltaten. Immer wieder töten Krieger sogar Flüchtlinge und plün- derten, wo und was immer sie konnten. Die Menschen, die nicht auf dem Schlachtfeld kämpften (die Nicht- Kombattanten), flohen von dem Ort. Das Schlachtfeld war erfüllt von Krie- gern, für die alle Unterschiede zwischen Leben und Tod aufgehört hatten. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:111, 112 Der König mit seinen vier Gestalten bewegte sich in die vier Richtungen des Schlachtfeldes. Er erkannte, dass seine Armee gegenüber der gut vorbereite- ten und gut ausgestatteten Armee des Feindes unterlegen war. Er dachte nach: „Der Weise Agastya trank den Ozean aus. Ich werde nun ein weiterer Agastya werden und diesen Ozean aus feindlichen Kräften trockenlegen.“ Er dachte an die Waffe der Windrakete, die daraufhin unverzüglich in seine Hände gelangte. Er grüßte noch ein letztes Mal und schickte ein Gebet für seine Untertanen zum Himmel. Dann sandte er die Windrakete in Richtung der gegnerischen Kräfte. Sofort gab es überall fliegende Massen von Raketen und Waffen. Die Winde, die nun bliesen, ähnelten den Winden der kosmi- schen Auflösung. Schon sehr bald und unvermeidlich waren die Feindkräfte durch die Macht der Rakete auf ein Nichts reduziert worden. Die Windrakete verursachte außerdem strömenden Regen, brausende Windböen und dichte, finstere Wolken. Die verschiedenen Abteilungen der feindlichen Armee flohen in verschie- dene Richtungen. Die Cedi-Armee (aus dem Land der Perlen und Schlangen) floh in eine südliche Richtung. Die Pārsis verdarben alle in einem Wald na- 645
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    mens VaÇjula. DieSoldaten von Darada versteckten sich in Höhlen. Die Krie- ger von Daåārïa, die sich in einen nahegelegenen Wald geflüchtet hatten, wurden darin von Löwen getötet. Die Krieger des Áaka-Territoriums fürchte- ten sich sehr vor den eisernen Raketen und rannten vor Furcht zitternd da- von. Die Kräfte von TuÇgaïa (deren Farbe golden war) wurden von Räubern ihrer Kleider beraubt und schließlich von Dämonen aufgefressen. Die Überlebenden der feindlichen Streitkräfte verbargen sich in den Bergen namens Sahya-adri und ruhten dort sieben Tage lang aus. Ihre Wunden wur- den von Himmelsbewohnern (vidhyādhara-Frauen) gepflegt, die aus einem Territorium namens Gāndhāra stammten. Die Krieger aus HÆïa, CÅna und KirāÂa hatten durch die Raketen des Königs VipaÁcit entsetzliche Entstellun- gen erlitten. Sogar die Bäume erschraken vor der Macht des Königs und stan- den sogar noch nach dem Krieg eine sehr lange Zeit lang wie erstarrt. Die Luftwaffe des VidÆra-Territoriums wurde von den starken Winden er- fasst und in die Seen geschleudert. Die Infanterie vermochte aufgrund des starken Regens nichts mehr zu sehen und konnte nicht einmal mehr laufen. Die HÆïas, die in den Norden geflüchtet waren, gerieten in Treibsände und kamen um. Die Áakas, die in den Osten geflohen waren, wurden vom König gefangengenommen, einen Tag lang festgehalten und dann freigelassen. Die Soldaten des Mandra-Territoriums erkletterten den Mahendra-Berg in der Hoffnung auf Zuflucht. Sie zogen sich buchstäblich am eigenen Schopf höher und höher hinauf und fielen dann in der Nähe einer Einsiedelei von Weisen nieder, von denen sie dann mit Essen und Getränken usw. versorgt wurden. Ursprünglich waren sie den Berg hinaufgeklettert, um dem Tode auf dem Schlachtfeld zu entgehen und um Nahrung zu betteln. Nun erhielten sie aus der Höhle der Götter zwei Dinge, nämlich unverzüglichen Schutz und Sicherheit sowie die Gesellschaft der Weisen, die den dauerhaften Frieden sicherstellt. Manchmal folgt durch zufällige Umstände (wie bei der Krähe und der Kokosnuss) dem Bösen das Gute auf dem Fuße. Die Daåārïa-Soldaten nahmen versehentlich Gift zu sich und starben. Die Haihaya-Soldaten aßen zufälligerweise ein Heilkraut, das sie in Himmelsbewohner mit der Fähigkeit des Fliegens verwandelte. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:113, Die vier Könige (die in Wirklichkeit VipaÁcit waren) hatten während der 114, 115 Verfolgung ihrer fliehenden Feinde eine lange, lange Strecke zurückgelegt. Angetrieben vom innewohnenden Bewusstsein, das allmächtig ist, begannen sie nun mit einem Unternehmen, das die Eroberung der Welt namens digvijaya zum Ziel hatte. Eine beträchtliche Zeit lang wurden sie noch von ihren eigenen Streitkräften begleitet. Während sie ihren Marsch ohne Ruhe- pause und Erholung fortsetzten, wurden diese Streitkräfte wie auch die des Feindes, den sie verfolgten, schwächer und schwächer und kamen schließlich um. Auch die Raketen der Könige verloren ihre Wirksamkeit wie Feuer, das ohne Brennstoff langsam verlöscht. 646
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    Die vier Könige,die in alle vier Himmelsrichtungen gingen, begegneten un- geheuren Ozeanen. Die Raketen, die ihnen noch übrig geblieben waren, fielen in den Schlamm, der durch die starken Regenfälle entstanden war, und funk- tionierten nicht mehr. Die vier Brüder nahmen die riesigen Ozeane mit gro- ßem Erstaunen wahr (: Es folgt hier eine schöne, dichterische Beschreibung des Ozeans). Die Minister des Königs, die ihn auf dieser Expedition begleitet hatten, wie- sen die Könige auf die verschiedenen herrlichen Landschaftspanoramen hin – die Wälder, die Bäume, die Ozeane, die Berge, die Wolken und auch die ver- schiedenen dort lebenden Bergstämme. (: Auch hier gibt es im Text wieder eine dichterisch eindrucksvolle Beschreibung all dieser Dinge. Es gibt außer- dem auch einen „Umkehr“-Vergleich...) So wie Brahman, obgleich einer, in der Vielfalt als geteilt erscheint und, obwohl unendlich, diese endliche und ver- derbliche Welt erschaffen zu haben scheint, so erschien auch dieser Ozean, obwohl einer, als geteilt in mehrere Ozeane und schien gleichzeitig aus ewi- gen wie auch vergänglichen Wellen zu bestehen. Die Minister wiesen auch noch weitere Ozeane hin und sprachen: „Herr, hier auf diesem Ozean ist es, wo Lord Nārada ruht. Hier in diesem anderen Ozean lauern seine Feinde, die Dämonen. In jenem Ozean dort liegen Berge verborgen. In einem anderen Ozean wiederum befindet sich das kosmische Feuer, bestehend aus unvorstellbarer Hitze, zusammen mit den Wolken der kosmischen Auflösung. Wie wunderbar ist dies doch, dass dieser Ozean so ungeheuer, so fest gebildet und so befähigt ist, so viele Lasten zu tragen. Schaut euch den Mond an. Wenn er am östlichen Himmel auftaucht, verstrahlt er sein sanftes Licht in alle Richtungen, bringt Segen allen Wesen und erlöst sie von ihrer Furcht vor Finsternis und Nacht. Aber sogar dieser herrliche Mond ist noch durch dunkle Flecken besudelt. Wenn es sogar mit den Him- melskörpern so steht – was können wir dann hier in dieser Welt ein unbe- flecktes Objekt nennen, was sollten wir in dieser Welt wohl gut und vorzüg- lich nennen, welche Zeit oder welches Schicksal wird wohl nicht im Zeitraum eines Augenzwinkerns getrübt? Ganz gewiss kann es ein solches Ding auf der Erde nicht geben.“ DIE MINISTER UND ANDERE sprachen: VI.2:116 Gewahre, oh König, die Herrscher über die Grenzen der Erde, wie sie in ihre Schlachten vertieft sind. Die himmlischen Nymphen steuern die Luftfahrzeu- ge, die die in der Schlacht gemordeten Edlen fortbringen. Dies ist, was man als die besten in diesem Leben zu erreichenden Ziele betrachtet: Das Streben nach einem Leben im Erwerb, in Gesundheit und Reichtum, das nicht das Missfallen der Gesellschaft hervorruft, und sollte man sich dafür auch für das Heil anderer in gerechte Kriege stürzen müssen. Wer, ohne dabei die morali- schen Regeln gerechter Kriegsführung zu brechen, andere tötet, die mit dem Ziel, mich zu töten, an mich herangetreten sind, ist ein Held und geht in den Himmel. 647
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    Gewahre den Himmel,oh König, an dem die mächtigen Götter und Dämo- nen in der Gestalt der Sterne erscheinen und der gleichzeitig der Raum ist, in dem sich die riesigen Planeten und Sterne wie Sonne und Mond bewegen. Die Narren erachten all dies als nichts als nur leeren Raum. Trotz all des Kreisens dieser Sterne und Planeten, trotz all der Schlachten zwischen Göttern (Licht) und Dämonen (Finsternis) wurde dieser Raum noch nie besudelt oder ver- schmutzt oder in irgendeiner anderen Hinsicht verändert. Oh Raum! Obwohl du auf deiner Handfläche die Sonne und sogar Lord Nārāyana und sein gesamtes königliches Gefolge trägst, hast du doch niemals die in dir wohnende Finsternis aufgegeben. In der Tat ist dies ein großes Wunder. Und doch erachten wir den Raum als weise und erleuchtet, denn er ist unberührt von den Mängeln und Fehlern der Welten, die ihn ihm treiben. Oh Raum! Während des Tages erstrahlst du. Zur Zeit der Dämmerung und des Anbruchs der Nacht erglühst du purpurn. Zur Nachtzeit bist du schwarz. Leer bist du von der Materialität. Weder gebärst noch trägst du die Lasten irgendeines Stoffes. Daher muss man dich als Māyā ansehen. Niemand, nicht einmal die Gebildeten und die Weisen, vermag dich und deine wahre Natur genau zu verstehen. Oh Raum, der du nichts besitzt, erlangst doch alles. In- nerhalb von dir selbst bist du die reine Leerheit und machst doch, dass alles in dir wächst und dich lobpreist. Im Raum gibt es weder Städte noch Dörfer, weder Wälder noch Gärten, we- der Bäume noch Schatten, und doch durchkreist ihn die Sonne jeden Tag aufs Neue. Wahrhaftig sind es die Edlen, die ohne Versäumnis eifrig in der Erfül- lung ihrer Pflichten sind, wie schwierig und verdrießlich diese auch immer sein mögen. Obwohl scheinbar untätig, regelt der Raum das Wachstum der Pflanzen und Bäume, indem er ihr übermäßiges Wachstum bremst. Wie könnte dieser Raum, in dem die unendlichen Universen geboren werden und in dem sie sich wieder auflösen, wohl als leer bezeichnet werden? Die Gelehrten irren sich in diesem Punkt. DIE MINISTER UND ANDERE fuhren fort: VI.2:117- (Die nächsten Kapitel sind ebenfalls angefüllt mit kunstvollen dichterischen 121 und künstlerischen Beschreibungen der Phänomene der Natur, der Flora und Fauna sowie mit interessanten spirituellen Vergleichen, für die beispielhaft die folgenden beiden wiedergegeben werden.) Oh Herr, gewahre den Kranich. Wie fleißig und emsig ist er im Erjagen und Verspeisen der Fische. Verruchte Menschen sehen im natürlichen Verhalten des Kranichs nichts als eine Rechtfertigung ihrer eigenen bösartigen Grund- sätze des Inhalts, dass man andere für den Zweck seiner eigenen, selbstsüch- tigen Ziele vernichten dürfe. Schau dir den Pfau an. Er stillt seinen Durst mit reinstem Regenwasser. Niemals trinkt er verschmutztes Wasser aus den Gräben und Kanälen. Be- ständig verehrt er die Wolken und den Regen, der aus ihnen fällt und gewinnt 648
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    daraus seine Zufriedenheit.Sobald das eigene Herz der Verehrung der Heili- gen hingegeben ist, werden sogar unerfreuliche Ereignisse erfreulich. Oh König, gewahre das junge Paar dort, welches miteinander spricht und sich erholt. Der junge Mann, verliebt in seine Gefährtin, hat sie gerade nach einer langen Zeit der Trennung wiedergetroffen. Dies ist, was er ihr sagte: „Geliebte, höre, was mir an einem Tag während unserer Trennung gesche- hen ist. Ich betrachtete die Wolken und betete zu den Wolken, dass sie die eine Nachricht von mir überbringen mögen. So groß war mein Verlangen nach dir, dass ich ohnmächtig wurde. Mein Atem hielt an. Meine Erinnerung setzte aus. Mein Körper wurde kalt und hart wie ein Holzklotz. Wer könnte schon angemessen das Unglück beschreiben, welches denjenigen überfällt, der von einem Geliebten getrennt ist? Reisende, die vorüberkamen und alles beobachtet hatten, hielten mich für tot und trafen Vorbereitungen für die Verbrennung des entseelten Körpers. Ich wurde auf den Verbrennungsplatz gebracht. Sie legten mich auf den Schei- terhaufen und zündeten ihn an. In nur wenigen Augenblicken erfuhr ich nun alle möglichen Arten von seltsamen Empfindungen, Gefühlen und Visionen. Ich fühlte, wie ich in ein Loch im Boden fiel. Beschützt wurde ich dabei von der Rüstung deiner Liebe und der Kontemplation deiner Gestalt. Ich erfreute mich in meinem Herzen deiner Gesellschaft. Ich erinnere mich noch des kleinsten Details unserer amourösen Begegnung, in der wir uns selbstverges- sen einander hingaben. Währenddessen erblickte ich rund um mich herum Flammen.“ Nachdem sie dies vernommen hatte, wurde das Mädchen ohnmächtig. Ihr Liebhaber brachte sie wieder zu sich und setzte seine Erzählung fort: „Ich rief sofort: 'Feuer! Feuer!', und erwachte aus meiner Ohnmacht. Die Leute, die den Scheiterhaufen umstanden, glaubten, dass ich vom Tode aufer- standen sei und waren begeistert. Sie sangen und tanzten. Alle kehrten wir schließlich nach Hause zurück.“ VASIåèHA fuhr fort: Nachdem er sich all dies angehört hatte, verehrte VipaÁcit das Feuer. Der Feuergott erschien. Sie beteten zu ihm: „Wir wünschen dieses aus den fünf Elementen gebildete Universum in seiner Gänze zu betrachten. Gewähre uns diesen Wunsch und sorge bitte dafür, dass wir nicht früher sterben mögen, bis wir nicht dies alles – soweit dies mit den physischen Körper und über diesen hinaus mit dem Verstand möglich ist – erblickt haben.“ Der Feuergott gewährte diesen Wunsch und verschwand. RĀMA fragte; VI.2:124 Hoher Herr, wie kam es, dass der vierfache VipaÁcit, der nur eine einzige Person mit einem einzigen Bewusstsein war, trotzdem in seiner vierfachen Gestalt verschiedene Wünsche hegen konnte? VASIåèHA erwiderte: 649
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    Obgleich Bewusstsein eines,nondual und allgegenwärtig ist, scheint es wie das Gemüt einer schlafenden (träumenden) Person vielfältig zu sein. So wie ein Spiegel verschiedene Objekte innerhalb von sich selbst spiegelt, weil er rein ist, so reflektiert ein Bewusstsein, das absolut rein ist, alles innerhalb von sich selbst. Obwohl Spiegel aus demselben Metall gemacht sein mögen, reflektieren sie wechselseitig und ad infinitum die verschiedenen in ihnen auftauchenden Objekte. Ähnlich reflektiert auch das Bewusstsein innerhalb von sich selbst alles, was vor ihm erscheint. So kommt es, dass das Viele als Eines erscheint. Und doch ist es gleichzeitig verschieden und nicht-verschieden (Eins), denn es ist weder vielfältig noch nicht-vielfältig; es ist sowohl verschieden als auch eines. Was daher auch immer in einem der vier VipaÁcit auftauchte, wurde in seinem Bewusstsein reflektiert und von ihm entsprechend erfahren. Yogis vermögen, obwohl sie sich nicht von der Stelle bewegen, überall und in allen drei Zeiteinheiten Tätigkeiten auszuüben und zu erfahren. Wasser, das stets eins und alles- durchdringend ist, tut verschiedene Dinge zur selben Zeit und scheint den verschiedensten Erfahrungen unterworfen zu sein. Der eine Viåņu mit seinen vier Armen und vier Körpern führt die verschiedenen Handlungen zum Schutz der Welt aus. Ein Wesen (Tier) mit vielen Armen trägt etwas mit eini- gen seiner Arme und mit den anderen tötet es es. Es geschah auf diese Weise, dass die Könige namens VipaÁcit gleichzeitig mit den verschiedensten Tätig- keiten befasst waren. Sie schliefen auf unterschiedliche Weise in ihren Strohlagern auf der Erde. Sie leben und vergnügten sich auf verschiedenen Kontinenten. Sie ergingen sich in verschiedenen Wäldern. Sie durchwanderten die Wüsten. Sie wohnten auf den Gipfeln der Berge und in den Tiefen der Ozeane. Sie verbargen sich manchmal in den Höhlen der Berge. Sie vergnügten sich in den Meeren und im Wind, auf den Wellen wie auch am Ufer und in den Städten. Derjenige VipaÁcit, der nach Osten gegangen war, schlief sieben Jahre lang an den Hängen des Sonnenaufgang-Berges des Kontinents namens Áāka, denn er war von den dort lebenden Himmelsbewohnern umworben worden. Nachdem er von dem Wasser getrunken hatte, welches sich in den Felsen dort fand, wurde er selbst wie ein Stein. Derjenige VipaÁcit, der nach Westen in Richtung des Sonnenuntergang-Berges auf demselben Kontinent ging, wurde das Opfer der Betörungen einer Nymphe, die ihn einen ganzen Monat lang bezauberte. Derjenige VipaÁcit, der nach Osten gegangen war, verweilte einige Zeit lang inkognito in den Gelbwurzwäldern. Aufgrund des Zaubers eines Himmelsbewohners lebte dort er zehn Tage lang als Löwe. Weitere zehn Jahre lang lebte er dann, verhext von einem Kobold, als Frosch. Derjenige VipaÁcit, der nach Norden ging, wohnte einhundert Jahre lang einem toten Brunnen in den Nīlagiri-Bergen (blaue Berge) auf dem Áāka-Kontinent. Der- jenige, der nach Westen ging, erlernte die Methode, ein Himmelsbewohner zu werden, und lebte danach vierzehn Jahre lang als ein solcher (vidyādhara). VASIåèHA fuhr fort: VI.2:125 650
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    Den König, dernach Osten ging und dort von dem Wasser, von dem er ge- trunken hatte, verhext wurde, wurde von demjenigen König, der nach Westen gegangen war, errettet. Als der nach Westen gegangene König ein Felsen geworden war, errettete ihn daraus der nach Süden gegangene König durch die Einnahme von Fleisch usw. Als der nach Westen gegangene König durch einen weiblichen Kobold, der die Gestalt einer Kuh hatte, in einen Bullen verwandelt worden war, war es der nach Süden gewanderte König, der ihn erneut aus seiner misslichen Lage errettete. Als sich der nach Süden gegan- gene König in einen Himmelsbewohner verwandelte, wurde er aufgrund der Fürbitte des nach Westen gewanderten Königs von einem anderen Himmels- bewohner aus seiner Lage befreit. Als der nach Osten gegangene König in einen Löwen verwandelt wurde, rettete ihn derjenige, der nach Westen ge- wandert war. RĀMA fragte: Aber wie vermochten diese yogis all diese verschiedenen Handlungen in den drei Zeiteinheiten auszuführen? Bitte kläre mich darüber auf. VASIåèHA fuhr fort: Welche auch immer die Überlegungen sein mögen, die die unerleuchteten Menschen für diese Ereignisse ersinnen – lege sie beiseite. Höre aber nun die Erläuterungen der erleuchteten Menschen dazu an. In der Sichtweise der Kenner der Wahrheit gibt es nichts anderes als das reine und unendliche Bewusstsein, während das objektive Universum gänz- lich und völlig inexistent ist. Da gibt es weder eine Schöpfung noch das Ge- genteil davon. Wer für immer in diesem reinen und unendlichen Bewusstsein ruht, ist der allgegenwärtige und allmächtige Höchste Herr, der das Alles und das Selbst aller und jederzeit ist. Sage mir, wer ihn wie, wo und wann beherr- schen könnte? Das Allgegenwärtige erstrahlt nach Seinem Willen wann und wo Er will, denn Er ist das Selbst von allen. Was wäre im Selbst von allem nicht enthalten? Daher erstrahlt Er wie, wann und wo es Ihm beliebt, ob dies in der Vergangenheit, in der Zukunft oder in der Gegenwart sei und ob das, in dem die Tätigkeiten stattfinden, nun ein grobes oder subtiles Feld sei. Ohne jemals Seine Realität als reines Bewusstsein aufzugeben, ist Er von nah und fern tätig und erschafft die großen Zeitepochen mit einem Zwinkern Seiner Augen. All dieses findet im Selbst statt, während die Erscheinungen Māyā (illusorisch) sind. Er selbst ist ungeboren und unerschaffen und kann weder beherrscht noch gehindert werden. Was IST, ist, wie es ist. Was auch immer IST, ist eine Masse von Bewusstsein, die selbst die drei Welten ist. Es ist das Selbst der Welt, es ist die Gestalt der Welt, die aufgrund der Trennung von Subjekt und Objekt zum Vorschein gekommen ist. Wer sollte diesen Seher von allem erschaffen haben – wie und wann? Für dieses Bewusstsein ist nichts unmöglich. Das Bewusstsein VipaÁcits wurde erweckt, hatte aber noch nicht den höchsten Zustand erlangt. Daher hat es sich, obwohl es eines war, überall als das Alles manifestiert. In einem Zustand, der weder als erwacht noch nicht erwacht bezeichnet werden kann, 651
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    sind alle dieseDinge möglich. So lange die höchste Wahrheit noch nicht reali- siert wurde, sind Materialisationen dieser Art möglich. Wenn ein solch teil- weises Erwachen vorliegt, geschieht es, dass einer sich der psychischen Kräf- te erfreut. So erfuhren also die vier VipaÁcits jeder die Zustände der anderen. RĀMA fragte: Wenn VipaÁcit eine erleuchtete Person war, wie konnte er sich dann selbst für einen Löwen usw. halten? VASIåèHA erwiderte: Meine Beschreibung dieser Könige als erwacht oder erleuchtet war ledig- lich eine Redeweise – tatsächlich war VipaÁcit überhaupt nicht erleuchtet. Die vier VipaÁcits waren weder erleuchtet noch unwissend – sie befanden sich in einem wandelhaften Zwischenzustand. Man bemerkt bei solchen Personen zwar die Zeichen der Erleuchtung, aber gleichwohl die Zeichen der Unwis- senheit und Bindung. Sie sind „halb erwacht“. Was VipaÁcit erlangt hatte, hat er durch Kontemplation erlangt, aber nicht, weil er den höchsten Zustand erlangt hat. Alle diese siddhis bzw. psychischen Kräfte können durch diese Kontemplation erworben werden. In denjenigen, die den höchsten Zustand erworben haben, gibt es keine Unwissenheit oder Täuschung mehr. Wie könnten sie noch irrigen Sichtwei- sen unterliegen und Falsches sehen? Die yogis, die die Kontemplation prakti- zieren und durch Gnade oder Wunscherfüllung die verschiedenen psychi- schen Mächte erworben haben, sind der Unwissenheit unterlegen, wie man diese in ihnen zu beobachten vermag. Sie kontemplieren nämlich nicht die Wahrheit, sondern etwas anderes, das von der Realität verschieden ist. Es gibt da noch etwas: Sogar im Fall derjenigen befreiten Weisen, die noch am Leben sind, gibt es während ihrer alltäglichen Tätigkeiten eine Wahrneh- mung von Materialität. Mokåa bzw. Befreiung ist auch ein Zustand des Ge- müts. Die natürlichen Funktionen des Körpers folgen diesem und hören nicht auf. Wer von der Unwissenheit bzw. dem Gemüt befreit ist, wird nie wieder durch das Gemüt gebunden – so wie eine vom Baum gefallene Frucht durch keine wie auch immer geartete Bemühung wieder am Baum befestigt werden kann. Auch im Fall der befreiten Person arbeitet der Körper auf seine natürli- che Weise weiter. Das Bewusstsein dieses Menschen ist jedoch gefestigt und wird durch die Zustände des physischen Körpers nicht mehr in Mitleiden- schaft gezogen. Die durch Kontemplation usw. erlangten Kräfte können von anderen wahr- genommen werden, während der Zustand der Befreiung jedoch, den einer erlangt hat, von anderen nicht wahrgenommen werden kann – so wie der Geschmack von Honig nur von einem selbst wahrgenommen werden kann. Sobald einer, der den Zustand der Bindung und auch Freud und Leid erfahren hat, von all diesem befreit wurde, spricht man von ihm als einem Befreiten. Derjenige wird als eine befreite Person angesehen, dessen inneres Bewusst- sein kühl und friedlich ist. Die in Bindung befindliche Person besitzt dagegen 652
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    ein aufgerührtes undzerstreutes Herz und Gemüt. Bindung und Befreiung sind in den physischen Funktionen nicht enthalten. Der Befreite ist immer frei, auch falls er lachen oder weinen sollte; unab- hängig davon, ob dieser Körper nun in tausend Stücke geschnitten oder zum Herrscher gekrönt wird. In seinem Innern frohlockt er weder noch ist er niedergeschlagen. Er erfährt weder Glück noch Unglück, obwohl er inmitten all dieser Erfahrungen zu leben scheint. Weder ist er tot, wenn er tot sein sollte, noch klagt er, auch wenn er klagen sollte, noch lacht er, auch wenn er lachen sollte – darin besteht diese Natur des Befreiten! Frei ist er von Anzie- hung und Abstoßung, obwohl er angezogen oder abgestoßen sein sollte. Auch wenn er ärgerlich wird, ist er nicht ärgerlich; auch wenn er getäuscht sein sollte, ist er in Wirklichkeit nicht getäuscht. VASIåèHA fuhr fort: In dem Befreiten tauchen Ideen wie „dies ist Glücklichsein“ oder „dies ist Unglücklichsein“ nicht auf. Sobald diese die Wahrheit realisiert haben, dass es da weder „eine Welt“ noch „das Selbst“ gibt und das das Eine das Alles ist, werden Worte wie „Glücklichsein“ und „Unglücklichsein“ bedeutungslos für sie. Ihr Kummer ist oberflächlich, denn sie sind frei vom Kummer. Man sagt, dass Lord Śiva einen der fünf Köpfe von Lord Brahmā abgerissen habe. Brahmā hätte leicht einen neuen, der den alten Kopf ersetzte, nach- wachsen lassen können. Er tat es aber nicht, weil er wusste: „Da diese ganze Schöpfung illusorisch ist – weshalb sollte ich dann wohl noch einen weiteren Kopf haben?“ Er hatte durch Tun nichts zu gewinnen und durch Unterlassen nichts zu verlieren. Was auch immer geschehen mag – lasst es geschehen; weshalb sollte man den Lauf der Dinge ändern wollen? Lord Śiva trug in einer Hälfte seines Körpers sein Ehegeponst, obgleich er die Macht besaß, sogar den Gott der Liebe durch Feuer zu verzehren. Er be- saß die Macht zur Aufgabe aller Anhaftungen und Zuneigungen, verzichtete aber darauf und benahm sich so, als wäre er an sein Ehegespons angehaftet. Weder gewann er etwas durch diese Anhaftung noch hätte er etwas durch deren Aufgabe gewonnen. Lasst es so sein, wie es ist! Auf dieselbe Weise befasste sich Lord Viåņu mit verschiedenen Tätigkeiten und inspirierte andere dazu, sich ebenfalls mit Tätigkeiten dieser Art zu be- fassen. So „stirbt“ er und „tötet“ andere, wird geboren und wächst, bleibt aber die ganze Zeit über gänzlich frei von all diesem. Leicht könnte er sich von all diesem zurückziehen – nur was wäre dadurch für ihn gewonnen? Lasst also all dieses sein, wie es ist! So ist die Haltung derjenigen, die in der Realisierung des unendlichen Bewusstseins leben. Auch die Sonne, der Mond und das Feuer gehen ihren natürlichen Tätigkei- ten nach, obgleich sie alle befreite Wesen (jīvanmukta) sind. Auch die Lehrer der Götter (B−haspati) und der Dämonen (Áukra) sind jīvanmuktas, obgleich sie die Rollen der Anführer gegnerischer Mächte spielen und einander wie unwissende Menschen bekämpfen. König Janaka ist ebenfalls ein befreiter 653
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    königlicher Weiser undbefasst sich doch mit grauenerregender Kriegsfüh- rung. Es gibt ferner noch andere königliche Weise, die sich mit königlichen Pflichten beschäftigten und doch innerlich frei von Bindung waren. Während sie ihren weltlichen Aufgaben nachkommen, benehmen sich die erleuchteten Personen äußerlich wie unwissende. Die Unterscheidung zwischen Bindung und Befreiung liegt im Zustand des eigenen Bewusstseins, welches im Falle von Bindung konditioniert und im Falle von Befreiung unkonditioniert ist. Sogar mehrere der Dämonen wie Bali, Prahlāda, Namuci, V−ta, Andhaka und Mura und andere haben Befreiung erlangt. Das erleuchtete Bewusstsein ist vom Auf- und Abstieg der Vorlieben und Abneigungen, der mentalen Tätigkei- ten und des überbewussten Bewusstseins unbetroffen. Für denjenigen, der fest im unkonditionierten und unendlichen Bewusstsein verankert ist, hören diese Unterscheidungen auf. Die Vielfalt, die die Menschen in dieser Schöp- fung hier erfahren, ist wie die Farben des Regenbogens nichts als eine Er- scheinung. Die Welt erscheint in Beziehung zum unendlichen Bewusstsein so, wie die Räumlichkeit (Leere oder Entfernung) in Beziehung zum Raum erscheint. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:126 Höre dir nun an, wie es den vier VipaÁcits ergangen ist. Einer von ihnen wurde von einem Elefanten getötet. Der zweite wurde von einigen Himmels- bewohnern (yakåas) entführt, die ihn in loderndes Feuer warfen, wo er starb. Der dritte wurde von den Himmelsbewohnern namens vidyādharas gen Himmel gebracht. Weil VipaÁcit sich dort nicht vor dem König (Indra) ver- beugte, verfluchte ihn dieser und verbrannte ihn zu Asche. Der vierte schließ- lich wurde von einem Krokodil getötet. Indem sie in ihren subtilen Körpern verblieben, betrachteten diese vier ihre eigene Geschichte, die in ihren Gemütern aufgrund subtiler Eindrückge ge- speichert geblieben war. Im Raum ihres eigenen Bewusstseins sahen sie das gesamte Universum mit all seinen Ozeanen und Bergen, Städten und Dörfern, Sonnen und Monden und Sternen und Wolken. Sie sahen sogar ihre eigenen Körper in ihrem ursprünglichen Zustand. Ausgestattet mit den subtilen (ātivāhika) Körpern sahen sie nun im Raum vor sich ihre eigenen physischen Körper. Aufgrund der Eindrücke bzw. Erinnerungen ihrer früheren Lebenszeit erblickten sie sich als eingekleidet in diese materiellen Leiber, um so die Großartigkeit der Welt zu bezeugen. Um die Ausmaße der Erde erfassen zu können, durchwanderten sie fremde Reiche. Der westliche VipaÁcit durchquerte mehrere Kontinente und sieben Meere und hatte schließlich das Glück, Lord Viåņu zu treffen. Von diesem empfing VipaÁcit die höchste Weisheit und blieb sodann fünf Jahre lang in samÃdhi eingetaucht. Danach gab er seinen physischen Körper auf und erlangte nirvāïa. Der östliche VipaÁcit hielt sich nahe der Strahlen des Mondes und kontemp- lierte unaufhörlich den Mond – daher erreichte er das Reich des Mondes. 654
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    Der südliche VipaÁcitvernichtete seine sämtlichen Feinde und regiert sogar noch heute das Land, weil er seine Erinnerungen bzw. seine Überzeugungen niemals verloren hatte. Der nördliche VipaÁcit wurde von einem Krokodil gefressen, in dessen Leib er tausend und ein Jahr lang lebte. Als dieses Krokodil schließlich starb, tauchte er aus dessen Körper als ein anderes Krokodil auf. Dann durch- schwamm er Ozeane und Eismeere von unvorstellbaren Ausmaßen und er- reichte schließlich den See der Götter, den man Suvarïa nennt. Dort starb er. Weil er in einem der Reiche der Götter verstarb, wurde dieser VipaÁcit selbst zu einem Gott, so wie ein inmitten von glühenden Kohlen liegendes Stück Holz unverzüglich zu Feuer wird. Der letzte VipaÁcit erreichte die Grenzen dieser Erde, die man die Lokāloka- Berge nennt, an die er sich aus der Zeit der Erfahrungen seiner früheren Leben noch erinnerte. Diese Berge sind mehrere tausend Meilen hoch. Ihre eine Flanke ist beleuchtet, die andere aber nicht. Von dort aus erblickte er die Erde usw. so, als wären es ferne Sterne. Anschließend ging er auf die Seite der Berge, die auf ewig mit Dunkelheit bedeckt war. Jenseits dessen befindet sich die große Leere, in der es keine Erde, keine Wesen und nichts Bewegtes oder Unbewegliches gibt. In ihr existiert nicht einmal die Möglichkeit einer Schöp- fung. RĀMA fragte: VI.2:127 Hoher Herr, bitte teile mir mit, wie diese Erde existiert, wie sich das Him- melszelt um sich selbst bewegt und wie die Lokāloka -Berge existieren. VASIåèHA erwiderte: So wie ein kleines Kind sich ein Spielzeug im leeren Raum vorstellt und es dann als seiend dort denkt, so taucht in dem unendlichen Bewusstsein die Idee der Existenz dieser Erde auf. Wessen Sicht mangelhaft ist, bildet sich im Raum kleine aus „Haar“ gefertigte Bälle ein, die dort überhaupt nicht existie- ren. Auf dieselbe Weise tauchen Ideen wie „die Existenz der Erde“ im unend- lichen Bewusstsein auf, und zwar in dem Moment, den man die Schöpfung nennt. Eine Stadt, die im Gemüt des Tagträumers existiert, benötigt keinerlei Stützen (denn die Einbildung ist ihre Stütze). Ebenso benötigt auch diese Welt als Stütze nur die Erfahrensfähigkeit des unendlichen Bewusstseins. Was auch immer im Bewusstsein erscheint und wie es auch immer wie lan- ge erscheinen mag – aufgrund der dem Bewusstsein eingeborenen Kräfte existiert es dann in diesem Bewusstsein für eben diese Zeitdauer. So wie daher in den Augen eines Menschen mit einem Augenschaden „Haarbälle“ im Raum zu schweben scheinen, so existiert dann diese Erde usw. im Bewusst- sein. Falls das Bewusstsein vom Zeitpunkt der Schöpfung an Wasser als berg- auf fließend und Feuer als abwärts lodernd „gesehen“ hätte, dann würden diese Elemente sich sogar heute noch so verhalten. Weil dieses Bewusstsein jedoch „gesehen“ hat, wie diese Erde im Raum fällt, fällt diese auch heute noch, und weil das Bewusstsein entsprechend dazu im Verhältnis zur Erde zu 655
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    „steigen“ scheint, istdiese Dualität bzw. verschiedene Bewegungsart entstan- den. Die Lokāloka-Berge bilden die Grenzen des Erdreiches. Jenseits dessen be- findet sich eine riesenhafte Grube, die mit totaler Finsternis angefüllt ist, obgleich darin hier und da doch etwas zu existieren scheint. Weil sich das Himmelszelt in beträchtlicher Entfernung befindet, scheint es an manchen Orten Licht und an anderen wiederum Finsternis zu geben. Diese Sterne befinden sich in außerordentlicher großer Entfernung von den Lokāloka- Bergen. Das gesamte Himmelszelt mit der Ausnahme des Polarsterns dreht sich konstant um seine eigene Achse. Jedoch ist all dies nicht verschieden von der Idee, wie diese im reinen Bewusstsein aufgetaucht ist. Jenseits der Welten bzw. des Erdreiches, dessen Grenzen die Lokāloka- Berge bilden, erscheint das Himmelszelt in gewisser Weise wie die Haut einer Frucht. Jedoch muss all dieses als nichts anderes als eine feste Überzeugung betrachtet werden, die im unendlichen Bewusstsein aufgetaucht ist – man sollte diese Welten nicht für Realitäten halten. Jenseits dieses Himmelszeltes gibt es eine weitere Sphäre, die zweimal so groß ist. Auch diese ist teils beleuchtet und teils in Finsternis getaucht. All dieses ist wie immer in zwei Schädeldächer eingeschlossen, von denen sich eines oben und das andere unterhalb befindet, und zwischen ihnen befindet sich leerer Raum. Dieses Universum, welches wie ein kosmischer Kreis ist, wird von den Sonnen und Sternen erleuchtet. Was ist hier „oben“ oder „un- ten“? Aufsteigen, niederfallen, sich bewegen oder stillstehen sind nichts als Ideen, die im Bewusstsein auftauchen. Nichts von all dem existiert in Wahr- heit. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:128 Die Beschreibung des Universums, die ich dir geliefert habe, ist die Frucht direkter Erfahrung – nicht von müßigem Rätselraten. Außer diesem gibt es noch andere Universen, von denen ich noch nicht gesprochen habe. Welchen Zweck sollte wohl die Untersuchungen der Natur all dieser Welten und ande- rer Dinge sein, die wie ein Traum sind! Weise Männer verschwenden nicht ihre Zeit damit, über nutzlose Dinge zu sprechen. Die nördlichste Extremität ist der Berg Meru, die südlichste Extremität sind die Lokāloka-Berge. Die Bewohner der verschiedenen Reiche des Bewusst- seins und der unterschiedlichen Welten erfahren jeweils die Materialisatio- nen dieser Welten und keine anderen. Ich hatte dir von den Schädeldächern des Universums erzählt. Jenseits von diesen ist das gesamte Universum von Gewässern umhüllt, die das Zehnfache im Ausmaß betragen. Jenseits dessen befindet sich eine weitere Umhüllung, dieses Mal aus Feuer, die das Zehnfache der vorherigen beträgt. Jenseits des- sen befindet sich die Wind-Umhüllung und darauf das Reich des Raumes, die jede das Zehnfache der jeweiligen Umhüllung davor betragen. 656
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    Jenseits dessen liegtder unendliche Raum – dieser ist weder erleuchtet noch finster. Es ist voll von reinem Bewusstsein. Er ist anfanglos, mitte-los und endlos. In diesem tauchen an verschiedenen Orten all die zahllosen Milli- onen von Universen wieder und wieder auf und lösen sich wieder und wieder in ihm auf. In diesem unendlichen Raum gibt es kein Wesen, das all diese Ideen der Universen unterhält – sie existieren in der Form und Gestaltung und Art, wie sie eben existieren. Höre dir nun die Geschichte des Königs VipaÁcit, der sich auf der Spitze des Lokāloka-Berges befand. Nachdem er gestorben war, sah er seinen Körper, wie er von einem riesigen Geier verzehrt wurde. In seinem Bewusstsein tauchte weder die Idee eines anderen physischen Körpers auf noch erlangte er die Erleuchtung. Daher wünschte er sich als nächstes wieder mit weiteren Tätigkeiten zu befassen. Für eine reine mentale Aktivität wird ein physischer Körper nicht benötigt. Im Falle von Illusion, Traum, Tagträumen und Halluzi- nationen erschafft das Gemüt sein eigenes Feld, welches als der subtile Kör- per (ātivāhika) bekannt ist. Nur wenn dieser vergessen oder aufgegeben wird, erscheint der physische Körper. Wenn man durch rechte Ergründung die Unwirklichkeit des physischen Körpers realisiert, taucht der subtile (ātivāhika) Körper wieder auf. Ergründe daher die Natur des ātivāhika-Körpers bis hin zu der Erkenntnis, dass das unendliche Bewusstsein allein die Wahrheit darstellt. Die Realisie- rung von „Wo sind Dualität, Hass oder Liebe? All dieses ist der reine Śiva – anfanglos und endlos“ ist dann die Erleuchtung. VipaÁcit befand sich noch im subtilen Körper, unerleuchtet. Wie ein Fötus im Mutterleib war er von Dunkelheit eingehüllt. Er erfuhr schließlich das Reich der Erde, das Reich des Wassers, das Reich der Feuers und das Reich des Raumes. Dann begann er die Natur seines eigenen subtilen Körpers zu untersuchen und fragte sich: „Was sind meine Stützen, da ich doch reines Bewusstsein bin?“ Er betrat den unendlichen Raum des Brahmā und erblickte dort alles. Da er jedoch die illusorische Natur der Unwissenheit nicht ergrün- det hatte, lebt er sogar noch jetzt in dieser; trotz der Tatsache, dass sie nicht wirklich existiert und nur Brahman allein ist. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:129 Auch einer der anderen VipaÁcits erlangte nach langen Wanderungen von Kontinent zu Kontinent und nach Erreichen des unendlichen Raumes von Brahmā, in dem er Millionen von Universen erblickte, diesen Zustand. Dort lebt er noch heute. Und noch ein weiterer VipaÁcit wurde ein Opfer seiner eigenen mentalen Konditionierung und wurde, nachdem er seinen Körper zurückgelassen hatte, zu einem ein Hirsch, der auf einem Berg zu leben be- gann. RĀMA fragte: 657
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    Hoher Herr, alsdie vāsanā (mentale Konditionierung) des Königs VipaÁcit nur eine war, wie kam es dann, dass sie sich vervielfältigte und zu den ver- schiedenen Ergebnissen in den vier VipaÁcits werden konnte? VASIåèHA erwiderte: Die vāsanās der Wesen werden durch wiederholtes Daran-denken und Wiederholung ihrer Wirkungen entweder dicht oder flüchtig. Sie sind außer- dem dem Einfluss von Zeit, Ort und Aktivität unterworfen. Wenn sie „flüchtig“ werden, verwandeln sie sich in etwas anderes; sind sie dagegen tief verwur- zelt, verwandeln sie sich nicht. Auf der einen Seite sind da Zeit, Ort und Akti- vität (die Wiederholung der aus den vāsanās geborenen Gewohnheiten) – auf der anderen Seite ist es das vāsanā (mentale Konditionierung) selbst. Beide (Umstände und das vāsanā selbst) üben eine wechselseitige Wirkung aufei- nander aus. Das Stärkere ist dann das Überlegene. So wurden diese vier VipaÁcits in alle Himmelsrichtungen getrieben, obgleich sie zu Beginn mit denselben vāsanās ausgestattet waren: Zwei von ihnen wurden im Netz der Unwissenheit gefangen, einer wurde befreit und der andere wurde zu einem Hirsch. Sogar jetzt sind diese beiden, die sich im Netz der Unwissenheit verfangen haben, immer noch nicht fähig, einen Ausgang aus ihrer Lage zu finden. Die Unwissenheit ist, wie man manchmal zu sagen pflegt, geradezu unendlich, weil ihr keinerlei reale Existenz zukommt. Entwickelt man jedoch das innere Licht und ergründet man mit Hilfe dieses Lichtes die Unwissenheit, dann verschwindet diese im Augenblick eines Blinzelns. Der VipaÁcit, der von einem Land zum anderen und von einer Welt zur nächsten gewandert ist, sah eine illusorische Schöpfung. Er erblickte eine illusorische Welt, die in Wahrheit nichts als Brahman war. Irgendwie kam er dann mit einem heiligen Mann in Kontakt. Mit dessen Hilfe realisierte VipaÁcit die Wahrheit über die illusorische Natur der Welt und erkannte unverzüglich das unendliche Bewusstsein bzw. Brahman. Genau in diesem Moment hörte seine Unwissenheit (wie auch sein Körper) auf zu existieren. So habe ich dir also, oh Rāma, die Geschichte von VipaÁcit erzählt. Diese Unwissenheit ist so unendlich wie Brahman unendlich ist, denn die Unwis- senheit besitzt keinerlei von Brahman getrennte unabhängige Existenz. Es ist das unendliche Bewusstsein allein, welches hier und da und ab und zu all die zahllosen Universen und Welten erblickt. Wird diese Wahrheit nicht reali- siert, nennt man dies Unwissenheit; wird sie dagegen erkannt, dann wird dieses Bewusstsein dann als Brahman bezeichnet. Eine Trennung zwischen beiden gibt es nicht, denn diese Trennung besteht allein in der Unwirklichkeit der Unwissenheit, die in Wahrheit Brahman selbst ist. Die Trennung scheint im Bewusstsein aufzutauchen und ist daher nicht vom Bewusstsein unter- schieden. Folglich ist Brahman allein die Welterscheinung und die Trennung Bewusstsein. RĀMA fragte: 658
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    Wie konnte eskommen, dass VipaÁcit das von Brahmā dem Schöpfer ge- schaffene Schädeldach des Universums nicht zu erreichen vermochte? VASIåèHA erwiderte: Im selben Moment, als er ins Dasein trat, zerteilte Brahmā der Schöpfer den Raum heftig mit seinen beiden Armen. Was dabei nach oben gedrückt wurde, wurde weit und immer weiter nach oben gedrückt, und was nach unten ge- drückt wurde, wurde weit, immer weiter nach unten gedrückt. Sämtliche erschaffenen Elemente ruhen in dem Zwischenraum und werden von diesen beiden Extremitäten getragen. Das, was sich zwischen diesen beiden Extremi- täten befindet, ist der Raum, der als grenzenlos und als von blauer Farbe erscheint. Wasser und andere, ähnliche Elemente berühren diesen Raum nicht, und tatsächlich befinden sich sich auch gar nicht in ihm (da der Raum von ihnen unabhängig ist und dort existiert, wo man sich die Existenz von Wasser, Luft usw. nur denkt). Alle diese Elemente sind bloß Ideen, die in weiteren Ideen aufgetaucht sind. VipaÁcit nahm diesen Weg, um das Ausmaß der Unwissenheit zu ermessen, und begann das Himmelszelt zu erforschen. Brahman ist unendlich – daher ist auch die Unwissenheit über Brahman unendlich. Die Unwissenheit exis- tiert so lange, wie Brahman nicht realisiert wurde. Wurde Brahman dann realisiert, wird nirgendwo mehr noch eine existierende Unwissenheit gese- hen. Jedoch wie weit VipaÁcit auch ging – immer noch hatte er die Reiche der Unwissenheit nicht durchschritten. Von den anderen erlangte der eine die Befreiung, ein anderer wurde ein Hirsch und ein weiterer wanderte ebenfalls in der Unwissenheit umher. Die beiden, die so die fernen Welten erwanderten, sind in unserem Bewusstsein nicht sichtbar. Derjenige jedoch, der ein Hirsch geworden ist, befindet sich innerhalb des Feldes unseres Begriffsvermögens. Diese Welt, in der VipaÁcit als Hirsch lebt (nachdem er die fernen Welten durchwandert hatte), ist diese Welt hier, die eine der fernen Ecken des unendlichen Raums des Bewusst- seins bildet. RĀMA fragte: Hoher Herr, VipaÁcit lebte höchstpersönlich in dieser Welt und verließ sie dann. Wie konnte es geschehen, dass er dann als ein Hirsch in diese Welt zurückgekommen ist? VASIåèHA erwiderte: So wie jemand, der Glieder besitzt, diese stets kennt, so kenne ich alles, was in Brahman existiert, weil Brahman mein eigenes Selbst ist. Die Vergangen- heit kennt die Zukunft nicht und umgekehrt – Bewusstsein jedoch, das durch die Zeit nicht gespalten ist, ist sich all dessen bewusst. In diesem Bewusstsein befindet sich alles immer „hier“, obgleich die gewöhnliche Wahrnehmung die Dinge weit entfernt wähnen mag. Ich sah daher die Welt, in der VipaÁcit um- herwanderte, und ich vermochte zu sehen, wie er in dieser Welt hier zu ei- nem Hirsch wurde. Ich weiß sogar, wo sich dieses Tier jetzt in diesem Mo- 659
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    ment befindet, ohRāma. Es ist der Hirsch, der dir als ein Geschenk vom König des Trigartha überreicht wurde. VASIåèHA sprach: Als der Weise Vāsi«Âha so gesprochen hatte, waren Rāma und die Versamm- lung von Staunen ergriffen. Rāma veranlasste einige Jungen, den Hirsch zu suchen und herbeizubringen. Als die Versammlung das Tier erblickte, war sie verblüfft. Alle riefen aus: „Wahrhaftig ist diese Māyā (Illusion) grenzenlos und unendlich!“ RĀMA fragte: VI.2:130 Oh Weiser – wie, durch wen und mit Hilfe welcher Mittel kann dieses Ge- schöpf aus seiner unglücklichen Existenzweise befreit werden? VASIåèHA erwiderte: Der Weg aus diesem Missgeschick heraus besteht in dem, was die ursprüng- liche Ursache des Missgeschicks war. Andere Wege wären nicht die richtigen und würden nicht zu Glück, Wohlfahrt oder fruchtgebenden Ergebnissen führen. Der König VipaÁcit verehrte das Feuer, und sobald dieser Hirsch in das Feuer tritt, wird er seinen früheren Zustand wiedererlangen, so wie Gold seinen Glanz wiedererlangt, wenn es im Feuer gereinigt wird. Schau – ich werde nun diesen Hirsch veranlassen, ins Feuer zu treten! VùLMýKI sprach: Nachdem er so gesprochen hatte, schlürfte der Weise Vāsi«Âha etwas Was- ser aus seinem geheiligten Wassertopf und erzeugte in der Mitte der Ver- sammlungshalle ein Feuer, ohne dabei Brennmaterial zu verwenden. Dieses brannte sodann hell ohne Funken und ohne Rauch. Die Versammlung begann sich aus der Mitte der Halle fortzubewegen. Der Hirsch erfreute sich offen- sichtlich am Anblick des Feuers. In seinem Entzücken begann er in der Halle zu springen und zu tollen. Vāsi«Âha befand sich in einem Zustand tiefer Kon- templation und segnete das Tier, damit es von seinen früheren sündigen Neigungen frei werden möge. Dann betete er zum Feuergott: „Im Erinnern an seine frühere Existenzform, oh Feuer, gib bitte diesem Hirsch seine alte Ge- stalt als König VipaÁcit zurück!“ In demselben Moment, als der Weise diese Worte geäußert hatte, stürzte sich der Hirsch mit großer Freude in die Flammen. Er stand dann einige Mi- nuten lang still im lodernden Feuer, während die Versammlung ihm zuschau- te. Nach und nach verwandelte sich dann seine Gestalt in die eines menschli- chen Wesens. Diese war strahlend und stattlich anzusehen. Sobald dieses Wesen aus dem Feuer aufgetaucht war, begann das Feuer kleiner zu werden und verschwand schließlich. Alle versammelten Personen riefen gemeinsam aus: „Oh was für ein Strahlen (bhā) diese Person doch besitzt! Wie die Sonne leuchtet (bhāsa) sie. Gewiss wird er einst so berühmt wie Bhāsa werden.“ Daher wurde diese Person künftig Bhāsa genannt. 660
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    Mit der Hilfetiefer Kontemplation realisierte Bhāsa in einem einzigen Au- genblick alles, was in seinen früheren Inkarnationen geschehen war. In der Zwischenzeit hatten sich die Überraschung, Verblüffung und Gesprä- che in der Versammlung gelegt und es war wieder Stille eingetreten. Bhāsa erhob sich, näherte sich dem Weisen Vāsi«Âha und verbeugte sich vor ihm- Der Weise wiederum segnete ihn, indem er sprach: „Möge die Unwissenheit, unter deren Bann du dich so lange abgemüht hast, dich für immer verlassen haben.“ Bhāsa grüßte Rāma und pries ihn. Danach hieß der König DaÁaratha Bhāsa willkommen und sprach: „Will- kommen, oh König. Nimm doch bitte hier Platz. Du bist in diesem saæsāra weit und für eine sehr lange Zeit gewandert. Nun ruhe dich hier aus.“ Bhāsa nahm seinen Platz unter den Weisen in der Versammlung ein. König DaÁaratha fuhr fort: „Oh weh! Wie ein angebundener Elefant musste sich dieser König VipaÁcit zahllosen Prüfungen und Drangsalen unterziehen! Wie groß ist doch das Unheil, welches einer unvollkommenen Sichtweise der Wirklichkeit und dem pervertierten Verständnis der Wahrheit auf dem Fuße folgt. Obgleich essenziell unwirklich und inexistent, ist die Macht dieser Illusionierung verblüffend, die im unendlichen Bewusstsein all diese vielfälti- gen Welten und zahllosen Erfahrungen zu erschaffen vermag.“ VIÁVĀMITRA sprach: VI.2:131 Wie er, oh König, gibt es die vielen, vielen Menschen, die in diesem saæsāra aufgrund des Mangels an hervorragendem Wissen bzw. Erleuchtung umher- wandern. Es gibt da einen König, der in diesem saæsāra die ganzen letzten einemillionsiebenhunderttausend Jahre gewandert ist. Diese unwissenden Menschen sind an der Erforschung der Natur weltlicher Objekte interessiert – immer wieder geraten sie unter den Bann des saæsāra, ohne sich jemals einmal von ihm abzuwenden. Diese Schöpfung existiert im unendlichen Raum als die bloße Idee im Ver- stand des Schöpfers Brahmā. So wie kleine Ameisen sich auf der Oberfläche eines Spielballes hin und her bewegen, so bewegen sich die Menschen auf der Oberfläche dieses Planeten hin und her. Im Raum gibt es weder ein „unten“ noch „oben“. Die Himmelsrichtung, in die die Objekte fallen, wird „unten“ genannt, und diejenige, in die die Vögel aufsteigen, wird „oben“ genannt. Es gibt hier in dieser Welt einen Ort namens VaÂadhānā. Es gab in diesem Königreich drei Prinzen. Sie fassten eines Tages den Entschluss, die Grenzen dieser Erde zu erforschen und alles zu ergründen, was sich auf ihr befinden mochte. Einige Zeit lang erforschten sie die Objekte der festen Erde und dann einige Zeit lang die Objekte der Ozeane. Sie wurden wieder und wieder gebo- ren und setzten jedesmal ihr Ziel der Ergründung und des vollständigen Wissens über diese Erde fort. Jedoch vermochten sie die „Enden“ dieser Welt niemals zu erreichen, weil sie die ganze Zeit über, wie die Ameisen auf dem Spielball, einfach nur von einem Teil der Erde in den nächsten wanderten. Sie wandern sogar noch heute auf dieser Erde umher. 661
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    Daher gibt eskein Ende der Illusion dieses saæsāra. Da diese Illusion als eine Idee im unendlichen Bewusstsein auftaucht, nimmt sie sogar selbst den Anschein der Unendlichkeit an. Die Essenz (Realität bzw. Substanz) dieser Illusion ist das höchste Brahman und umgekehrt. Beide sind reines Bewusst- sein, und einen Unterschied bzw. eine Getrenntheit im Bewusstsein gibt es nicht, so wie es auch keinen Unterschied zwischen Raum und Leere gibt. Die Strömungen und Wirbel, die auf der Oberfläche von Wasser sichtbar werden, sind nichts als Wasser. Wie sollte es auch etwas anderes als Bewusstsein geben, da doch nichts anderes als Bewusstsein möglich ist? Das unendliche Bewusstsein allein ist es, welches durch sich selbst als diese Welt aufscheint, ohne überhaupt eine Absicht dazu zu hegen. Wo auch immer das unendliche Bewusstsein in welcher Gestalt auch immer zu erscheinen wünscht, tut es dies und erfährt so seine eigene Natur in dieser gewünschten Form, so lange es dies wünscht. Innerhalb des winzigsten Atoms des unendlichen Bewusstseins existiert die Möglichkeit sämtlicher Erfahrungen – so wie es Steine und Felsen innerhalb des Berges gibt. Alle diese Erfahrungen existieren und erfahren fortwährend und überall alle ihre eigenen, spezifischen Modi der Erfahrung. In Wahrheit jedoch existieren sie natürlich nicht als Erfahrungen, sondern ausschließlich als unendliches Bewusstsein. Es sind diese mannigfaltigen Erfahrungen, die kollektiv die Welt genannt werden, die wiederum eine strahlende Erschei- nung des Brahman ist. Es ist in der Tat ein großes Wunder, wie denn dieses unendliche Bewusstsein, ohne seine eigene Realität jemals aufzugeben, von sich selbst als „Ich bin ein jīva“ denken kann! Nun aber, oh König Bhāsa, er- zähle uns von deinen vergangenen Erfahrungen. BHĀSA sprach: Ich sah so viele Dinge und ich wanderte so viel, ohne dabei zu ermüden. Ich erfuhr viele Dinge auf vielfältige Art und Weise. An all dieses erinnere ich mich noch. Ich erfuhr zahlreiche Freuden und Leiden in vielen Körpern über lange Zeiträume hinweg und an weit auseinanderliegenden Orten innerhalb dieses grenzenlosen Raumes. Ich erlangte aufgrund von Gnadenerweisen und Verfluchungen verschiedene Körper und sah in der Gestalt dieser Verkörpe- rungen zahllose Objekte und Szenerien. Ich war selbst fest entschlossen dazu, alles dieses zu erblicken und zu erfahren. Dies war übrigens auch der anfäng- liche Gefallen, den ich mir vom Feuergott erbeten hatte. Obwohl ich daher auf verschiedenen Ebenen verschiedene Körper angenommen hatte, verfolgte ich immer noch das Ziel dieser ursprünglichen Motivation, die im Erlangen eines gründlichen Wissens über diese Welt bestand. Eintausend Jahre lang lebte ich als Baum. Ich hatte in dieser Zeit viele Lei- den zu ertragen. Mein Gemüt war vollkommen innerhalb meiner selbst zen- triert und ich erzeugte ohne jede mentale Aktivität Blüten und Früchte. Ein- hundert Jahre lang war ich ein Hirsch auf dem Berg Meru. Ich war von golde- ner Farbe. Ich lebte von Gras und liebte Musik. Ich war sehr klein und daher nicht gewalttätig. Fünfzig Jahre lang war ich ein Śarabha (ein achtfüßiges Tier 662
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    – stärker alsein Löwe). Danach wurde ich ein vidyādhara-Himmelsbewohner. Danach wurde ich der Sohn eines Schwans, der das Fahrzeug für den Schöp- fer Brahmā war. Als ein Schwan lebte ich sodann eintausendfünfhundert Jahre lang. Weitere hundert Jahre lang lauschte ich der göttlichen Musik der himmlischen Diener Lord Nārāyanas (Viåņu). Schließlich wurde ich ein Scha- kal und lebte in einem Wald. Ein riesiger Elefant verwüstete das Gebüsch, in dem ich wohnte. Während ich daraufhin im Sterben lag, sah ich, wie dieser Elefant von einem Löwen getötet wurde. Danach wurde ich eine Nymphe in einer anderen Welt und lebte dort aufgrund einer Verfluchung durch einen Weisen allein eine halbe Epoche lang. Daraufhin lebte ich einhundert Jahre lang als ein valmÅka-Vogel. Als unser Nest zusammen mit dem Baum, in dem wir es errichtet hatten, zerstört wurde, verlor ich meine Partnerin und lebte anschließend für den Rest meines Lebens allein an einem weit entfernten Ort. Dann wurde ich zu einem Asketen, da ich in der Zwischenzeit ein beträchtli- ches Ausmaß an Leidenschaftslosigkeit gewonnen hatte. Ich sah viele faszinierende Dinge. Ich erblickte eine Welt, die gänzlich aus Wasser gemacht war. Dann wieder erblickte ich eine Frau, in deren Körper die drei Welten wie in einem Spiegel reflektiert wurden. Als ich sie fragte, wer sie sei, erwiderte sie: „Ich bin reines Bewusstsein und sämtliche Welten sind meine Gliedmaßen. So wie ich in dir Verblüffung hervorgerufen habe, so sind auch alle diese Dinge. Solange du nicht alles mit derselben Verblüffung zu betrachten vermagst, kannst du die wahre Natur der Dinge nicht kennen. Alle Welten sind deine eigenen Glieder. Ich höre sie alle, wie jemand im Traum Klänge und Worte hört.“ Ich sah, wie zahllose Wesen in dieser Frau auftauch- ten und sich wieder in ihr auflösten. Dann wieder erblickte ich eine unge- wöhnlich aussehende Wolke, die furchterregende Töne wie von zusammen- stoßenden Raketen erzeugte und aus der es Waffen zur Erde hernieder reg- nete. Ich sah noch weitere Wunder: Die ganze Erde war in Finsternis gehüllt und ganze Siedlungen flogen davon in eine weit entfernte Welt. Ich erblickte unser Dorf in einer anderen Welt. Dann wieder sah ich, wie alle Wesen von derselben Natur waren. Ich sah eine Welt ohne eine Sonne, Monde und Sterne und trotzdem herrschte keinerlei Finsternis, denn sämtliche Bewohner dieser Welt strahlten und waren erleuchtet... Es gibt wohl keine Welt, die ich noch nicht gesehen habe; nichts, was ich noch nicht erfahren habe. BHĀSA fuhr fort: VI.2:132 Einmal schlief ich zusammen mit einer himmlischen Nymphe in einem Gar- ten. Plötzlich erwachte ich und fand mich abwärtstreibend vor wie ein Gras- halm, der einen Fluss hinuntertreibt. Überrascht fragte ich die Nymphe: „Was ist das?“ Sie erklärte mir dann: „Ganz in der Nähe gibt es einen Mondstein- Berg. Sobald der Mond aufgeht, schwillt die Quelle auf diesem Berg an und wächst sich zu einer Springflut aus. Wegen des großen Entzückens, welches ich in Eurer Gegenwart erfahren habe, vergaß ich, euch davor zu warnen.“ 663
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    Nachdem sie sogesprochen hatte, nahm die Nymphe mich mit und flog oh- ne Hindernisse in den Raum hinaus. Sieben Jahre lang lebte ich dann mit ihr auf der Spitze eines Berges namens Mandara. Danach wanderte ich in anderen Welten umher, in denen Leute lebten, die von innen heraus leuchteten. Ich traf auf eine Welt, die keinerlei Himmels- richtungen wie Osten und Westen, keine Tage und Nächte, keine Schriften und Debatten, keine Unterscheidungen zwischen Göttern und Dämonen kannte. Schließlich wurde ich zu einem Himmelsbewohner mit dem Namen Amarasoma und lebte vierzehn Jahre lang als Asket. Immer noch ausgestattet mit dem Gefallen, den mir der Feuergott gewährt hatte, vermochte ich mich im Raum mit unwahrscheinlicher Geschwindigkeit zu bewegen. Irgendwo fiel ich dann in einen großen Ozean und irgendwo anders erfuhr die Empfindungen beim Fallen im leeren Raum. Das Fliegen im Raum wurde zu meiner Hauptbeschäftigung. Ich ermüdete schließlich und schlief eine sehr, sehr lange Zeit hindurch. Während ich schlafend war, betrat ich die Welt der Träume. Auch dort er- fuhr ich die verschiedensten Welten und Objekte und in mir entstand eine große Ruhelosigkeit. Was auch immer meine Augen erblickten – ohne Verzug befand ich mich danach an diesem Ort. Von diesem Ort aus erblickte ich neue Dinge und war auch dann unverzüglich und ohne Rücksicht auf Entfernungen an dem neuen Ort. So verbrachte ich, von einer Welt zur nächsten mit großer Geschwindigkeit wandernd, viele Jahre. Jedoch hatte ich immer noch nicht das Ende aller Ma- nifestationen der Unwissenheit, die man „das objektive Universum“ nennt, erreicht, denn es war eine Illusion, die sich selbst irgendwann fest in meinem Herzen verankert hatte wie die Furcht eines Kindes vor einem Gespenst. Wie sehr ich mir auch immer durch intensive Ergründung vor Augen führte: „Dies ist nicht real“, „das ist nicht real“, so hörte das Empfinden von „dies ist“ doch nicht auf! In jedem Augenblick entstanden und entschwanden neuerlich die Erfahrungen von Vergnügen und Schmerz wie der fließende Lauf eines Stro- mes. Ich erinnere mich außerdem an einen riesigen Berggipfel, der durch sein eigenes Licht erglänzte, obwohl es da weder Sonne noch Mond gab. Er war so herrlich, dass er sogar das Herz derjenigen Weisen bezauberte, die ein Leben in der Abgeschiedenheit lieben. VIPAÁCIT (BHĀSA) fuhr fort: VI.2:133 Ich werde dir nun ein anderes, großes Wunder nahebringen, das ich in ei- ner anderen Welt erlebt habe. Es gibt da eine leuchtende Welt im großen Weltraum, die sich jenseits deiner Reichweite befindet. Diese Welt ist so ver- schieden von dieser hier wie eine Traumwelt von einer Welt der Wachzu- standes verschieden ist. Während ich diese Welt auf der Suche nach den Grenzen des objektiven Universums durchwanderte, bemerkte ich einen gigantischen Schatten, der die gesamte dortige Erde einhüllte. Als ich meine 664
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    Augen zum Himmelerhob, um die mögliche Ursache dieses riesigen Schat- tens festzustellen, erblickte ich ein riesengroßes Ding, das die Gestalt eines Menschen hatte, die im Weltraum fällt und offenbar im Begriff war, auf die Welt, in der ich stand, herniederzustürzen. Sie war sie riesig, dass sie sogar die Sonne verdeckte und so den ganzen Planeten in totale Finsternis hüllte. Während ich diese Gestalt noch mit Verwunderung und Bestürzung be- trachtete, fiel sie auf die Erde nieder. Ich hatte das Empfinden, das nun mein Ende gekommen sei und stürzte mich furchterfüllt ins Feuer. Ich hatte den Feuergott sehr viele Inkarnationen lang verehrt und er versicherte mir daher: „Habe keine Angst!“. Ich betete zum Feuergott um Schutz. Der Feuergott be- fahl mir, sein eigenes Fahrzeug zu besteigen und sagte: „Lass uns beide zur Welt des Feuers gehen.“ Anschließend machte der Feuergott ein kleines Loch in den gigantischen Körper, der auf die Erde gefallen war, und beide entka- men wir dann in den Weltraum. Erst von dort aus vermochten wir die kolossalen Ausmaße dieses Körpers zu erkennen, der auf den Planeten niedergestürzt war. Durch seinen Fall hatte er sämtliche Ozeane aufgerührt und alle Städte, Siedlungen und Wälder ver- nichtet. Er hatte den Fluss der Gewässer unterbrochen. Überall hörte man Klagen und Jammern. Die Erde stöhnte unter seinem Gewicht. Orkane und Sturzregen traten auf, die an die kosmische Auflösung denken ließen. Die Gipfel der Himālayas waren in die Unterwelt hinuntergefallen. Die Sonne fiel auf die Erde. Die gesamte Erdoberfläche war verwüstet. Die Himmelsbewoh- ner, die die Himmel durchkreuzten, erblickten diesen gewaltigen Körper und glaubten, er sei eine neu erschaffene Erde oder die andere Hälfte des Univer- sums oder vielleicht sogar ein Teil des Raums, der von seinem ursprünglichen Standort abgebrochen war! Als ich jedoch sehr genau hinschaute, konnte ich erkennen, dass er aus Fleisch gemacht war und die Erde nicht groß genug war, um auch nur ein einziges Glied dieses Körpers zu bedecken. Nachdem ich dies geschaut hatte, wandte ich mich an die Schutzgottheit, den Feuergott, und fragte ihn: „Hoher Herr, was ist das?“ Der Feuergott erwiderte: „Kind, warte, bis die durch den Sturz dieses Kör- pers entstandenen Turbulenzen sich gelegt haben. Danach werde ich dir alles über ihn erzählen.“ Schließlich war der Raum um die Erde herum mit Weisen, siddhas und Himmelsbewohnern, den Manen und den Göttern erfüllt, die alle ätherische Körper besaßen. Sie neigten ihre Köpfe und richteten an die göttliche Mutter Kālarātri ein Gebet: „Möge die göttliche Mutter, die mit einem schwarzen Leib ausgestattet ist, die das gesamte Universum verzehrt, die den Kopf Brahmās auf der Spitze ihres Schwertes balanciert, die den Gürtel mit den Köpfen der Götter und Dämonen trägt und die absolut rein ist, uns beschützen.“ VIPAÁCIT (BHĀSA) fuhr fort: VI.2:134 665
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    Als Antwort aufdie Gebete der Weisen und siddhas erschien die göttliche Mutter am Himmel. Sie war „trocken“ und blutlos. Begleitet wurde sie von zahllosen Kobolden und anderen Geistern. Sie war mehrere tausend Meilen hoch. Sie war im höchsten Wesen verankert. Sie setzte sich auf den toten Körper. Die Götter sprachen zu ihr: „Oh göttliche Mutter, dies ist unsere Opfergabe für dich. Wir beten darum, dass du und deine dienstbaren Geister sie schnellstmöglichst verzehren mögen.“ Kaum hatten die Götter dies ausge- sprochen, begann die göttliche Mutter mit der Hilfe ihres eigenen prāïa-Áakti (Lebenskraft) das Lebensblut des Leichnams aufzusaugen. Als dieses Blut in ihren Mund floss, begann sich ihr eigener schmaler Körper mit Blut zu füllen und ihr Bauch dehnte sich aus. Sie begann zu tanzen. Die Götter, die auf den Lokāloka-Bergen (den Grenzen des Erdreiches) saßen, beobachteten diesen Tanz. Die Kobolde begannen das Fleisch des Leichnams zu vertilgen. In der Tat war der Zustand der Welt zu dieser Zeit mitleiderregend. Die Berge der Erde waren verschwunden. Das Firmament schien wie in ro- tes Tuch gehüllt. Als die göttliche Mutter im Rausch ihres Tanzes ihre göttli- chen Waffen in alle Himmelsrichtungen schleuderte, wurden die restlichen noch verbliebenen Städte und Siedlungen der Erde zerstört und nur noch die Erinnerung an sie blieb erhalten. Die gesamte Erde war nun nur noch von den Kobolden und den dienstbaren Geistern, die das Gefolge der göttlichen Mut- ter gebildet hatten, bewohnt. Als sie diese gänzliche Zerstörung erblickten, waren die auf den Lokāloka-Bergen sitzenden Götter bestürzt. RĀMA fragte Vāsi«Âha: Wie konnten die Lokāloka-Berge noch sichtbar sein, da der Körper doch die gesamte Erde bedeckt haben soll? VASIåèHA erwiderte: Diese Berge ragten hinter den Schultern des Leichnams hervor. Die bestürz- ten Götter dachten folgendermaßen nach: „Oh weh, oh weh – wohin ist die Erde gegangen, wohin sind die Ozeane gegangen, was ist mit den Menschen und den Bergen geschehen? Wohin ist der Malaya-Berg mit all seinen Sandel- holzwäldern und zahlreichen Blumengärten gegangen? Oh weh, sogar der blütenweiße Schnee des Himālaya ist jetzt schmutzig und schlammig. Oh weh, der Milchozean (die Heimstatt von Lord Viåņu), der wunscherfüllende Baum, sämtliche anderen Ozeane (die voller Käse, Wein und Honig) und die Berge voller Kokospalmen sind fort. Oh weh, der Kontinent Krauñca mit seinen herrlichen Bergen, der Kontinent Puåkara (in dem der Schwan, der das Fahr- zeug für Brahmā den Schöpfer ist, in einem See voller Lotos lebte und in dessen Berghöhlen sich die Himmelsbewohner zu ergötzen pflegten), der Kontinent Gomedha, umgeben von einem Frischwasserozean, und der Konti- nent Śāka, dessen Gedenken verheißungsvoll ist, wurden alle zerstört. Sämtli- che Gärten und Wälder sind fort. Wo sollen die müden und ruhesuchenden Menschen nun rasten? Wann werden wir wohl wieder die Süße des Zuckers 666
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    und die kleinen,aus Backwerk gemachten Zuckerpuppen kosten können, da alle Zuckerfelder vernichtet wurden? Oh weh, der JambÆdvīpa, der die Stütze aller anderen Kontinente war, wurde ebenfalls zerstört. Oh weh, was ist aus der guten Erde geworden?“ *** Die Geschichte vom Jäger und dem Hirsch VASIåèHA (bzw. BHĀSA) fuhren fort: VI.2:135, Die Götter besprachen sich untereinander wie folgt: „Die Kobolde haben 136 nun das Fleisch und das Blut dieses Leichnams gegessen und getrunken und daher vermag man nun die Erde wieder zu sehen. Aus den Knochen dieses Kadavers sind nun die neuen Berge geworden.“ Nachdem die Götter so ge- sprochen hatten, begannen die gesättigten Kobolde im Raum zu tanzen. Die Götter bemerkten, dass auf der Erde noch etwas Blut zurückgeblieben war. Sie füllten damit die Ozeane und verwandelten das Blut mit der Hilfe ihrer Willenskraft in Wein. Die Kobolde tranken von diesem Wein und tanzten daraufhin weiter – sogar heute noch! Da die neue Erde aus dem Fleisch (meda) des Leichnams gemacht war, wurde sie fortan „medinī“ (Erde) ge- nannt. Auf diese Weise wurden die Erde und ihre Bewohner neuerlich ins Dasein gebracht. Der Schöpfer erschuf als nächstes eine neue Menschheit. (BHĀSA sprach:) Dann fragte ich den Feuergott: Wer war dieser Person vor ihrem Tod? Der FEUERGOTT erzählte mir daraufhin die folgende Geschichte: Höre! Es gibt da unendlichen Raum, der voll von reinem Bewusstsein ist. In ihm treiben die zahllose Welten wie ebensoviele Atome. In ihm taucht eine mit Selbst-Gewahrsein ausgestattete kosmische Person auf. Diese Person erfährt ihr eigenes Licht so, wie du ein Objekt im Traum siehst. Aus diesen verschiedenen Erfahrungen entstehen dann die Sinne und die dazugehörigen Organe, die zusammen den Körper bilden. Diese Sinne nehmen sodann ihre eigenen Sinnesgegenstände wahr, die wiederum zur Welt werden. In dieser Welt entstand dann eine Person namens Asura (Dämon). Dieser war stolz auf seine Macht. Einmal zerstörte er die Einsiedelei eines Weisen, der ihn daraufhin folgendermaßen verfluchte: „Du hast dies getan, weil du stolz auf deinen gigantischen Körper bist. Du wirst nun sterben und zu einem Moskito werden.“ Im Feuer dieses Fluches wurde Asura zu Asche verbrannt. Er wurde zu einer entkörperten Persönlichkeit, so wie das Gemüt einer nicht bewussten Person. Er wurde eins mit dem physischen Raum. Schließlich vereinigte er sich in diesem Raum mit dem Wind. Dieser Wind ist die Lebens- kraft (prāïa). Der Asura erwachte nun als ein Lebewesen und verlangte nach Energie, Wasser usw. Indem er erneut mit den fünf Elementen (den tanmātras) und einem Partikel des unendlichen Bewusstseins ausgestattet 667
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    wurde, begann erwie ein individuelles Lebewesen zu vibrieren. Daraufhin entstand in ihm Selbst-Gewahrsein – wie ein Same unter günstigen Umstän- den als Keimling zu sprießen beginnt. In diesem Selbst-Gewahrsein lebte der Fluch des Weisen und daher die Idee, ein Moskito zu sein. Daher wurde er ein Moskito. (Als Antwort auf Rāmas Frage sprach Vāsi«Âha: „Von Brahmā abwärts bis hin zu einem Grashalm sind sämtliche Wesen zwei Arten der Geburt unter- worfen: Die erste ist Brahmās Schöpfung selbst und die andere eine illusori- sche. Diejenige Schöpfung, die spontan im Gemüt des Schöpfers auftaucht und die er zuvor noch nicht erfahren hat, ist die Schöpfung Brahmās, aber nicht diejenige, die man „Geburt aus dem Mutterleib“ nennt. Was dann auf- grund latenter Täuschung als diese illusorische Geburt entsteht, ist aus der Subjekt/Objekt-Beziehung heraus geboren worden.“) Der Moskito wohnte inzwischen glücklich zusammen mit seinem Partner auf einem Grashalm. Dieses Gras wurde dann von einem Hirsch verzehrt. Weil der Moskito sterbend den Hirsch angeschaut hatte, wurde er zu einem Hirsch. Der Hirsch wurde von einem Jäger getötet und daher in seiner nächs- ten Geburt als Jäger wiedergeboren. Während dieser Jäger den Wald durch- streifte, hatte er das Glück, auf einen Weisen zu treffen, der ihn mit den fol- genden Worten spirituell erweckte: „Weshalb lebst du dieses grausame Leben als Jäger? Gib dieses sündige Leben auf und bemühe dich um das Erlangen von nirvāïa.“ DER JÄGER sprach: VI.2:137 Sei es so, oh Weiser. Aber teile mir bitte mit, wie man die Sorge überwinden kann, ohne dabei zu „harten“ oder „weichen“ Praktiken greifen zu müssen. DER WEISE erwiderte: Lege jetzt sofort diesen Bogen und die Pfeile beiseite. Bleibe hier und führe das Leben der Stille, frei von Sorgen. VASIåèHA fuhr fort: Der Jäger tat so, ohne zu zögern. In einer nach Tagen zu rechnenden Zeit erlangte er die Weisheit der Schriften so, wie eine Blume den Körper eines Mannes durch ihren Duft betritt. Eines Tages fragte er den Weisen: „Wie kommt es, oh Weiser, dass der Traum, der doch im Innern stattfindet, sich außen abzuspielen scheint?“ DER WEISE erwiderte: Eben diese Frage ist auch in meinem Innern am Anfang aufgetaucht. Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, praktizierte ich die Konzentration. Ich saß in der Lotosposition und verblieb als reines Bewusstsein. Ich sammelte alle Strahlen meines Gemüts auf, wie sich diese über die tausend Dinge ver- streut hatten, und zentrierte sie alle in meinem Herzen. Zusammen mit der Lebenskraft „hauchte“ ich das Gemüt aus dem Körper aus. Dieses prāïa be- 668
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    trat dann einLebewesen, das vor mir erschien. Dieses Wesen „inhalierte“ dieses prāïa und empfing es in seinem eigenen Herzen. Dann betrat ich das Herz dieses Wesens. Durch meinen eigenen Intellekt gebunden, folgte ich diesem bis ins Innere dieses Wesens. Ich sah, dass das Innere dieser Person voll zahlloser Kanäle war, die alle aussahen, als wären sie außerhalb. Das Wesen war außerdem angefüllt mit den unterschiedlichen Organen und Eingeweiden wie Leber, Milz usw., so wie ein Haus voller Möbel ist. Es war warm im Innern. Eine kühle Brise, die von außerhalb dieses Kör- pers kam und in ihn eintrat, hielt ihn am Leben und machte ihn bewusst. Die Kanäle übertrugen die Essenz der Nahrung. Es war sehr finster im Innern, wie in der Hölle. Die Fluss der Lebenskraft entlang der genannten Kanäle schwankte in Übereinstimmung mit den physischen Ungleichgewichten, die den Fluss der Lebenskraft bestimmten. In einem Kanal, der einem Lotossten- gel glich, strömte eine strahlende, feurige Kraft, die das ferne Geräusch eines Windes, der durch eine enge Röhre streicht, hervorrief. Die Kraft war mit allen Arten von Objekten angefüllt. Zusammengehalten wurde sie durch die Luftbewegungen. An manchen Orten war dieser Kanal erfreulich, an anderen wiederum erregt. Es sah so aus, als würden himmlische Musiker irgendwo unterhalb des Bereiches der Zunge singen, und woanders wiederum erschien es so, als wäre da eine sehr erlesene Musik. Ich betrat das Herz des Wesens. In diesem Herz erlangte ich das Prinzip des Lichts. In ihm fand ich die drei Welten gespiegelt. Es ist das Licht der drei Welten. Es ist die eigentliche Essenz aller Dinge. Der jīva ist dort. Der jīva durchdringt zwar den gesamten Körper, jedoch ist dieser „ojas“ (inneres Licht) sein eigentlicher Wohnsitz. Er wird auf allen Seiten durch die Lebens- kraft geschützt. Ich betrat ihn so wie Wasser einen irdenen Topf durchdringt. Indem ich dann dort saß, vermochte ich das gesamte Universum so zu sehen wie durch mein eigenes „ojas“. DER WEISE fuhr fort: Auch in dieser Traumwelt gab es eine Sonne, Berge und Ozeane wie auch Götter und Dämonen und auch menschliche Wesen. Es gab da Städte und Wälder, Zeiteinteilungen und Himmelsrichtungen. Die Traumerscheinungen wirkten dauerhaft und beständig – als wären sie gleich nach meinem Aufwa- chen aufgetaucht. Ich fragte mich: „Wie kann es sein, dass ich diesen Traum wahrnehme, obwohl ich nicht schlafe?“ Nach einer langen Ergründung reali- sierte ich: „Gewiss ist dies die göttliche Gestalt der Wahrheit des Bewusst- seins. Was auch immer dieses Bewusstsein in sich selbst manifestiert, ist dann diese sogenannte Welt.“ Wo auch immer dieser Same des Bewusstseins seine eigene Gestalt wahrnimmt, sieht es an Ort und Stelle die Welt, ohne dabei jemals seine eigene Realität als das unendliche Bewusstsein abzulegen. Ich habe nun erkannt, dass diese Welt, die man ein Traumobjekt nennt, die Wahrnehmung dieses unendlichen Bewusstseins ist. Die Manifestation (das Leuchten) dieses Bewusstseins wird sowohl die Wachwelt als auch die Traumwelt genannt. Es ist ein Bewusstsein – eine Getrenntheit gibt es darin 669
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    nicht. Traum istTraum im Verhältnis zum Wachzustand, während der Traum der Wachzustand im Verhältnis zum Traum selbst ist. Der Traum ist nicht vom Wachzustand unterschieden; der Wachzustand ist daher von zweifacher Natur. Eine Person ist nichts als Bewusstsein. Auch wenn hunderte Körper ver- derben, verdirbt doch nicht das Bewusstsein. Bewusstsein ist wie Raum, existiert aber gleichzeitig als der Körper. Das Unendliche erscheint als geteilt in unendlich viele Objekte mit und ohne Form. Dies ist so, weil innerhalb des unendlichen Bewusstseins die zahllosen Partikel der Erfahrungen leuchten. Sobald sich der jīva von der Erfahrung der äußeren Welten abwendet und sich den inneren Welten im Herzen zuwendet, taucht der Traum auf. Sobald der jīva ein veräußerlichtes Bewusstsein hat, gibt es den Wachzustand. Wenn derselbe jīva seinen Blick auf sich selbst richtet, taucht der Traum auf. Es ist der jīva selbst, der sich als der Raum, die Erde, der Wind, die Berge und die Ozeane ausbreitet – ob diese nun außen oder innen gesehen werden. Sobald diese Wahrheit realisiert wurde, ist man frei von den vāsanās bzw. der menta- len Konditionierung. Dann fragte ich mich selbst: „Was ist der Schlaf?“ Ich begann den Schlaf zu erforschen. Sobald einer denkt: „Was habe ich mit diesen Objekten der Welt zu tun? Lasst mich einige Zeit lang in völligem Frieden ruhen.“, kommt der Schlaf. So wie es in ein und demselben Körper lebende und nicht lebende Dinge gibt (wie Nägel, Haare usw.), so ist der Schlaf gleichzeitig durch Leben und Leblosigkeit gekennzeichnet. „Lasst mich in Frieden ruhen“ – sobald diese Idee im eigenen Gemüt beherrschend ist, führt dies den Schlaf herbei. Geschehen kann dies sogar im Wachzustand. Dann begann ich den Zustand von turīja (den Vierten) zu ergründen. Wenn man fest in turīja verankert ist, hört die Welterscheinung aufgrund vollkom- mener Erleuchtung auf. Dann existiert diese Welt nur noch so, wie sie ist – nichts hört mehr auf zu sein. Es geschieht aufgrund der Existenz dieses turīja, dass Wachen, Träumen und Schlaf so, wie sie sind, existieren. Die Erkenntnis, dass „diese Welt niemals erschaffen worden ist, weil es überhaupt keine Ursache für ihr Auftauchen gibt“ und dass „Brahman allein als diese Welt leuchtet“, ist turīja. DER WEISE fuhr fort: VI.2:138 Dann entschied ich mich, eins mit dem Bewusstsein dieses Wesens zu wer- den. Als ich das „ojas“ dieses Wesens verließ, um in das Bewusstsein einzutre- ten, wurden meine eigenen Sinne unverzüglich erweckt. Jedoch hielt ich sie sofort zurück und betrat zuerst das Bewusstsein. Als ich es betrat, erfuhr ich zur selben Zeit zwei Welten. Alles erschien doppelt. Da die zwei erfahrenden Intelligenzen ähnlich waren, erschien auch die Dualität als ähnlich und wie bei Wasser und Milch gut gemischt. Innerhalb eines Augenblicks zog ich mich mit der Hilfe von Bewusstsein in das Bewusstsein des anderen Wesens zurück. Unverzüglich verschmolzen die „zwei Welten“ zu einer einzigen – so wie bei jemandem die Sicht zweier Mon- 670
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    de nach derHeilung seiner Fehlsichtigkeit, die ihn doppelte Monde erblicken ließ, verschwindet. Meine eigene Weisheit hatte ich nicht aufgegeben, jedoch war meine Gedankenform schwach geworden und hatte die Gedankenform des anderen Wesens angenommen. Daher begann ich die Welt nun so wie dieses Wesen zu erfahren. Nach einiger Zeit legte sich das Wesen zum Schlaf nieder. Er versammelte in sich die Strahlen seines Gemüts. So wie eine Schildkröte ihre Glieder in sich selbst zurückzieht, so wurden seine Sinne zusammen mit ihren Funktionen in sein eigenes Herz zurückgezogen. Seine Sinnesorgane wurden wie tot oder wie gemalte Bilder. Ich befand mich innerhalb des Wesens, folgte dem Pfad seines Gemüts und betrat sein Herz. Einen Moment lang erfreute ich mich des Glückes des Schlafes, indem ich alle Wahrnehmung äußerer Objekte völlig aufgegeben hatte und in das „ojas“ eingetreten war. Alle Kanäle innerhalb des Wesens waren aufgrund seiner Müdigkeit verstopft und verdichtet. Wegen der gegossenen Nahrung und Getränke strömte die Lebenskraft nur langsam durch seine Nüstern. Die Lebenskraft wendet sich ihrer eigenen Quelle inner- halb des Herzens zu und erleichtert dadurch das Gemüt von der Empfindung der Materialität (bzw. macht das Gemüt bedeutungslos), weil es auf natürli- che Weise sein eigenes Objekt ist. Das Selbst ist nun sein eigenes Objekt – andere veräußerlichende Aktivitäten gibt es nicht mehr. Daher leuchtet es nun als es selbst. RĀMA fragte: Das Gemüt vermag nur aufgrund der Lebenskraft zu denken und besitzt in sich selbst keinerlei eigene Substanz. Was ist es dann eigentlich selbst in sich selbst? VASIåèHA erwiderte: Obwohl der Körper als real erfahren wird, existiert er in Wahrheit nicht. Das Gemüt ist so real wie der im Traum erblickte Berg. Da aufgrund der Ab- wesenheit jedweder Ursache kein „Objekt“ jemals erschaffen wurde, existiert das Gemüt (citta) überhaupt nicht. All dieses ist Brahman und da Brahman alles ist, existiert die Welt so, wie sie ist. Sogar Körper und Gemüt usw. sind nichts als Brahman, aber wie die Kenner der Wahrheit dies sehen, können wir nicht beschreiben. Das eine, unteilbare Bewusstsein nimmt sich selbst als sein eigenes Objekt wahr, was man dann als das Gemüt bezeichnet. Sobald darin die Idee von Bewegung auftaucht, manifestiert sich diese Idee als prāïa bzw. Lebenskraft. Prāïa lässt die Erfahrungen der Sinne entstehen, woraufhin die Welt er- scheint. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:139 Das Gemüt (citta) ist der Schöpfer der Welten mitsamt allem, was darin re- al, irreal oder eine Mischung davon ist. Prāïa (Lebenskraft) wurde vom Ge- müt mit Hilfe der Idee: „Das Prāïa ist meine Bewegung; ich sollte nicht ohne prāïa bzw. Lebenskraft sein. Daher sollte es mein Objekt sein. Auch wenn ich 671
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    eine Zeitlang ohneprāïa sein sollte, sollte ich gleich danach wieder mit dem prāïa sein“, ins Dasein gerufen. In dem Moment, in dem dieses prāïa sich mit dem Gemüt vereinigt, erblickt es die illusorische Welt. Aufgrund der festen Idee: „Ich sollte niemals wieder ohne die Lebenskraft und den Körper sein“, erlangt es sodann seine wahre Natur als reines Bewusstsein nicht mehr wie- der. Es erfährt Sorge, weil es aufgrund von Zweifel von einer Seite zur anderen schwingt. Diese Sorge hört erst dann auf, wenn die Selbsterkenntnis auf- taucht. Nichts anderes als die Selbsterkenntnis vermag die falsche Idee „Ich bin dies“ zu beseitigen. Selbsterkenntnis taucht außerdem durch nichts ande- res als durch Ergründung der Mittel der Befreiung auf. Ergründe daher mit all deinen Kräften die Mittel der Befreiung. Das Gemüt unterhält beständig die Idee, dass „die Lebenskraft mein eigenes Leben ist“. Deshalb ruht das Gemüt im prāïa. Wenn sich der Körper in einem Zustand des Wohlseins befindet, funktioniert das Gemüt recht gut; erfreut sich der Körper eines solchen Wohlseins jedoch nicht, dann vermag das Ge- müt nichts anderes mehr als den Zustand des physischen Aufruhrs wahrzu- nehmen. Sobald das prāïa (Lebenskraft) stark mit seiner eigenen kraftvollen Bewegung beschäftigt ist, wird es in seine eigene Bewegung absorbiert und ist unfähig, Selbsterkenntnis auszuüben. Die Beziehung zwischen dem Gemüt und dem prāïa besteht daher in der- jenigen von Fahrer und Fahrzeug. Darin bestand nämlich von Anfang an die vom unendlichen Bewusstsein gehegte Vorstellung, die sich dann auch als diese Beziehung bis heute erhalten hat. Wer nicht erleuchtet ist, vermag dies nicht zu transzendieren. Die unwissende Person fährt fort, ihre unerschütter- lichen Überzeugungen bezüglich von Zeit, Raum, Materie, Gemüt, prāïa und Körper zu pflegen. Wenn Gemüt und prāïa harmonisch zusammenarbeiten, geht die Person verschiedenen Aktivitäten nach. Sobald es eine Störung gibt, gibt es auch Disharmonie. Sind beide zur Ruhe gekommen, ist da Schlaf. Wenn die nā¬īs (Energiekanäle) durch Nahrung usw. verstopft sind und da Trägheit ist, wird auch die Bewegung des prāïa träge und der Schlaf entsteht. Aber sogar wenn die die nā¬īs nicht durch Nahrung usw. verstopft sind, aber Schwäche oder Müdigkeit entstanden sind, kann sich das prāïa nicht mehr wie zuvor ungehindert bewegen – dann schläft man ein. Wenn die nā¬īs selbst aus welchen Gründen auch immer weich und schwächlich geworden und mit allen möglichen Arten von Unreinheiten beladen sind und das prāïa daher mit unordentlichen Aktivitäten beschäftigt ist, kommt es ebenfalls zum Schlaf. DER WEISE sprach: Als die Dunkelheit hereinbrach, fiel die Person, deren Herz ich betreten hat- te, in tiefen Schlaf. Auch ich erfreute mich dieses Schlafs. Dann, als die von der Person gegessene Nahrung verdaut und die nā¬īs wieder rein waren, begann sich die Lebenskraft aufs Neue lebhaft zu regen und den Schlaf aufzulösen. 672
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    DER WEISE fuhrfort: Als dann der Schlaf sich aufzuheben begann, erblickte ich die Welt mit ihrer Sonne usw., als wäre sie im Herzen aufgetaucht. Ich sah alles da, wo ich gera- de war. Jedoch wurde diese Welt von der Sturmflut der kosmischen Auflösung heimgesucht. Mich selbst sah ich zusammen mit meiner Braut in einem Haus sitzen. Die Sturmflut trug uns beide fort, zusammen mit dem ganzen Haus usw. welches der Flut zu trotzen schien, als wollte es am Leben bleiben. Schon bald brach dieses Haus, in dem ich saß und welches von der Flut davongetrieben wurde, in tausend Stücke. Ich sprang ins Wasser. Ich hatte meine Familie und meine Freunde vergessen und dachte nur noch an die Rettung meines eigenen Lebens. Manchmal ging ich unter und manchmal schwamm ich an der Oberfläche. Als ich einen Halt für die Füße an einem Felsen fand und eine Weile ausruhen wollte, kam eine ungeheure Welle und spülte mich erneut in die Flut hinein. Es gab kein einziges Leiden, das mir in dieser Zeit erspart geblieben wäre; allen Arten schmerzhafter Erfahrungen war ich unterworfen. In der Zwischenzeit erinnerte ich mich – weil ich zwar in einem Zustand äußerster Verzweiflung, aber dennoch gänzlich wach und bewusst war – an eine Erfahrung eines früheren Lebens in einem Zustand von samÃdhi. Damals war ich ein Asket. Ich hatte eine andere Person betreten und war begierig, den Traumzustand zu beobachten. Ich wusste, dass ich nur eine Illusion beo- bachtete. Gleichzeitig hatte ich ein Bewusstsein der gegenwärtigen Erfahrun- gen, und obwohl ich von der Flut davongespült wurde, hatte ich ein Erleben von Freude. Während ich die Flut und die durch sie verursachte Zerstörung betrachtete, dachte ich wie folgt nach: „Was vermag dem Schicksal zu entkommen? Sogar der dreiäugige Gott wurde von dieser Flut zerschmettert. In dieser Flut wer- den sämtliche Götter und Dämonen umhergeschleudert. Diese berghohen Wellen schlagen sogar an den Thron von Brahmā, dem Schöpfer. Diese Wellen sehen wie Elefanten aus, sind so mächtig wie Löwen und scheinen im Himmel wie Wolken zu treiben. Sogar die Beschützer dieser Erde stürzen zusammen mit ihren Palästen und Fahrzeugen in diese Flut und ertrinken darin. Die Götter und die Dämonen schwimmen gemeinsam in dieser Flut und halten sich aneinander fest. Wegen dieser fallenden Städte und treibenden Paläste scheinen die Wasser der Flut wie solide Mauern zu sein. Sogar die Sonne wurde von dieser Flut überwältigt und in die Unterwelt getrieben. Nur die Kenner der Wahrheit (die Weisen der Selbsterkenntnis) erfahren überhaupt keinen Kummer – sie sehen ihre Körper den Strom hinuntertreiben, ohne dabei die falsche Idee zu entwickeln: „Ich bin dieser Körper“. Hilflose Frauen ertrinken. In dieser Flut der kosmischen Auflösung, in der sämtliche Wesen vom Tod verzehrt werden – wer könnte durch wen errettet werden? Das gesamte Universum scheint jetzt nichts anderes als ein unendlichen Ozean zu sein. Wo sind alle diese von Indra angeführten Götter geblieben?“ DER JÄGER fragte: VI.2:140 673
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    Tauchen Halluzinationen dieserArt denn sogar in den Großen wie dir auf, oh Weiser? Hat die Praxis der Meditation diesem denn kein Ende gesetzt? DER WEISE erwiderte: Am Ende des Weltzyklus hört alles auf. Einige Dinge gelangen nach und nach an ein Ende, während manche andere wiederum abrupt aufhören. Noch einmal: Was geschehen soll, wird unvermeidlicherweise auch geschehen. Darüber hinaus sind von dem Auftreten des Missgeschicks, der Kraft, der Intelligenz und der Vitalität (Strahlen) alle immer und überall nachteilig betroffen, sogar die Großen. Außerdem war das, was ich beschrieben hatte, nichts als ein Traum. Was wäre in einem Traum wohl unmöglich oder unver- einbar miteinander? Und doch ist es wichtig, dass ich dir diese Traumerfahrung erzähle. Ich werde dir nun die Wahrheit offenbaren. Während ich also diese große Flut der kosmischen Auflösung beobachtete, gelangte ich an dem Gipfel eines Berges an. Ich kletterte auf diesen Gipfel. Im nächsten Moment verwandelte sich plötzlich die gesamte Szenerie. Ich wuss- te nicht, weshalb und wie die Flutwasser mit einem Male verschwanden. Die gesamte Erde war nun eine einzige Masse Schlamm, in dem die Götter wie auch Indra und Tiere wie die Elefanten bis an den Hals versanken. Schon bald wurde ich von Müdigkeit und Schlaf überwältigt. Anschließend musste ich, obwohl ich in meinem eigenen „ojas“ blieb, im- mer noch die psychologische Konditionierung der früheren Erfahrungen ertragen. Nachdem ich auf diese Weise nach dem Aufwachen eine Art von doppeltem Bewusstsein erfahren hatte, sah ich den Berggipfel im Herzen der anderen Person. Am zweiten Tag sah ich dort den Sonnenaufgang. Danach stiegen alle anderen Objekte dieser Welt auf. Ich versuchte nun alles zu vergessen und mich wieder meinen alltäglichen Aktivitäten in dieser Welt zuzuwenden. Ich sprach zu mir: „Ich bin sechzehn Jahre alt, diese sind meine Eltern usw.“. Dann erblickte ich ein Dorf und darin eine Einsiedelei. Ich begann in dieser Einsiedelei zu leben, die mir immer realer vorkam, während die Erinnerungen an die früheren Erfahrungen zu schwinden begannen. Ich begann den Körper als meine einzige Hoffnung zu erachten. Die Weisheit hatte sich weit, weit von mir entfernt. In den vāsanās bzw. der mentalen Konditionierung bestand nun die Essenz meines Wesens und ich war dem Erwerb von Wohlstand hingegeben. Ich beobachtete alle meine gesellschaftlichen und religiösen Pflichten. Ich wusste, was zu tun und was zu unterlassen war. Eines Tages kam ein Weiser als mein Gast zu mir. Ich sorgte gut für ihn. In der Nacht erzählte er mir eine Geschichte. Er beschrieb das grenzenlose Universum in allen Einzelheiten und schloss seine Erzählung mit der Erklä- rung, dass alles dieses das unendliche Bewusstsein sei. Nun war meine innere Intelligenz plötzlich erweckt. Sogleich erinnerte ich mich an die gesamte Vergangenheit, wie ich den Körper eines Anderen betreten hatte usw. Ich 674
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    glaubte, dass dieandere Person die kosmische Person gewesen war und versuchte sie zu verlassen. Indem ich eins mit ihr wurde, konnte ich sie ver- lassen. Daraufhin sah ich vor mir sofort meinen eigenen, in der Lotosposition sitzenden Körper auftauchen, und zwar in einer Einsiedelei, bedient von Schülern. Laut diesen Schülern war, seit ich in den samÃdhi gegangen war, nur eine einzige Stunde vergangen. Die Person, deren Herz ich betreten hatte, war auch ein Reisender gewesen, der geschlafen hatte. Ich erzählte dies nie- mandem und betrat anstelle dessen rasch das Herz dieser schlafenden Person ein weiteres Mal. In diesem Herz war die kosmische Auflösung an ein Ende angelangt. Das Dorf, in dem ich mit meinen Verwandten gelebt hatte, war verschwunden. Alles war von den Feuern der kosmischen Auflösung in Brand gesetzt worden. Ich praktizierte die Wind-Kontemplation und wanderte darin umher. DER WEISE fuhr fort: VI.2:141, Obwohl ich ringsum von diesen schreckenerregenden Feuern umgeben war, 142 fühlte ich mich überhaupt nicht unwohl. Wenn man weiß, dass der Traum nur ein Traum ist, ist man sogar vom Feuer frei. Während ich die Natur dieses Feuers untersuchte und währenddessen aufgrund des Wissens, dass ich einen Traum vor mir hatte, unberührt von ihm blieb, tauchte eine entsetzliche Hitzewelle auf. In dem daraus entstehenden tollen Wirbel begannen alle Dinge umherzufliegen und zu Asche zu verbrennen. Es war wie ein Tanz der völligen Zerstörung. Ich begann mich zu fragen: Schließlich ist dies alles hier nur ein Traum, der von mir geträumt wird, der ich im Herzen von jemand anderes lebe. Weshalb sollte ich dieses Beobachten all des Leidens fortsetzen und nicht lieber aus all dem heraustreten? DER JÄGER fragte: Du hast das Herz dieser Person betreten um herauszufinden, was der Traum ist. Weshalb entschlossest du dich dann dazu, wieder herauszukom- men? Hast du demnach die Wahrheit herausgefunden? DER WEISE erwiderte: Zunächst möchte ich damit beginnen festzustellen, dass die Schöpfung für ihr Dasein keinerlei Ursache hat. Daher besitzen weder Worte wie „Schöp- fung“ noch Objekte wie „Schöpfung“ eine reale Substanz. Sie existieren nicht. Jedoch ist diese Unwissenheit bzw. Unwirklichkeit ebenfalls eine im Bewusst- sein bzw. der Wirklichkeit auftauchende Idee – im Bewusstsein bzw. der Realität liegt das, was (als Schöpfung) existiert, auf der Hand. Ich kann dir von der Wahrheit nur von dem Gesichtspunkt eines Menschen aus sprechen, in dem Unwissenheit und Torheit aufgehört haben; was vom Gesichtspunkt des Unwissenden und Toren aus wahr ist, vermag ich nicht zu sagen. Die Wahrheit ist: All dieses ist reines Bewusstsein, welches alles durchdringt. Wo ist der Körper, wo ist das Herz, was ist Traum, wo sind Wasser und Flut usw., wo sind das Erwachen und das Aufhören des Erwachens, wo sind Ge- 675
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    burt und Tod?Es gibt da nur reines Bewusstsein. In der Gegenwart dieses Bewusstseins erscheinen sogar die winzigsten und subtilsten Teilchen des Raums ins Riesenhafte vergrößert. Auf spontane Weise „denkt“ dieses Be- wusstsein einen Augenblick lang etwas und spontan erscheint daraufhin die Idee der Welt, obgleich wir es hier mit nichts als reinem Raum zu tun haben. Wie im Traum legt auch hier das Bewusstsein lediglich unterschiedliche Masken an; Städte usw. gibt es da nicht, da die Welt nichts als reines Bewusst- sein ist. Für uns sind da weder Erscheinung, Reales noch Irreales oder Raum, sondern nichts als das eine, formlose, anfanglose, endlose, nonduale unendli- che Bewusstsein. Träume entstehen ohne jede Ursache – nichts als das reine Bewusstsein des Erfahrenden existiert (ohne ein unabhängiges Objekt). Auch in diesem Fall hier besteht keinerlei Ursache – es gibt daher weder ein Sub- jekt noch ein Objekt. Was als einziges existiert, ist das reine Bewusstsein oder was auch immer es sein mag – jedenfalls haben wir es hier mit reinem Erfah- ren, das nondual und jenseits jeder Beschreibung ist, zu tun. Zeit ist gleichzeitig Existenz wie Zerstörung – ihr Same ist selbst all das, was aus ihr von den Blumen bis hin zu den Früchten auftaucht. Ebenso ist auch Brahman alles dieses. Bewusstsein allein erstrahlt rein. So wie während des Träumens der Traum die Qualität des Wachens besitzt, so ist die Natur des Wachens selbst nichts anderes die Natur des Traums. Sobald alle mentalen Aktivitäten aufgehört haben, bist du das, was ist. DER JÄGER sprach: Hoher Herr, wer ist vom vergangenen karma betroffen und wer nicht? DER WEISE erwiderte: Diejenigen, die gleich zu Beginn der Schöpfung ins Dasein treten – wie Brahmā der Schöpfer – besitzen weder Geburt noch Tod. Sie besitzen kein Empfinden von Dualität, kein saæsāra und keinerlei Ideen: Ihr Bewusstsein ist rein. Ohnehin hat gleich zu Beginn der Schöpfung niemand irgendein karma, denn vor allem diesen hat ja nur das absolute und unendliche Brah- man existiert. Zu Beginn der Schöpfung war es daher Brahman, das die Schöpfung manifestierte. So wie sich Brahmā der Schöpfer und alle anderen zu Beginn der Schöpfung manifestierten, so manifestierten sich dann auch die zahllosen jīvas. Diejenigen jedoch, die sich als verschieden von Brahman empfinden, betrachten sich selbst als unwissend und nehmen Dualität wahr. In ihrem Fall tauchen Geburt und Tod aus ihnen selbst heraus auf, weil sich diese Wesen zur Hinneigung zum Unwirklichen entschlossen haben. Diejeni- gen dagegen, die sich (wie Brahmā, Viåņu und Śiva usw.) nicht als verschieden von Brahman sehen, erfahren keinerlei karma. Das unendliche Bewusstsein ist absolut rein. Brahman ruht innerhalb von sich selbst. Jedoch entsteht in ihm die winzige Idee des jīva. Wo diese Idee vom jīva auftaucht, dort taucht auch die Unwissenheit auf, und das allein schon wird von demselben Bewusstsein als die Schöpfung betrachtet. Von selbst erwacht das Bewusstsein zu seiner eigenen, wahren Natur und reali- siert, dass es Brahman ist und auch schon immer gewesen ist. 676
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    Wasser nimmt vonselbst die Form des Strudels an – Brahman nimmt eben- so von selbst die Erscheinungsform dieser Schöpfung an. Diese Schöpfung ist das manifeste Brahman – weder ist sie ein Traum noch die Realität des Wach- zustandes. Was wäre in diesem Fall also karma, wem käme es zu und wie viele verschiedene Arten sollte es kennen? In Wahrheit gibt es kein karma, keine Unwissenheit, keine Schöpfung – alle diese Ideen tauchen nur aufgrund der eigenen Erfahrung auf. Brahman allein erstrahlt als die Schöpfung, die individuellen Seelen, karma, Geburt und ähnliche andere Ideen. Da er der Höchste Herr ist, erfährt er diese Ideen so, als wären sie wahr. Zu Beginn der Schöpfung ist der jīva keinerlei karma unterworfen; danach jedoch verwickelt er sich aufgrund der von ihm unterhaltenen Ideen in das karma. Was ist der Körper bzw. die Persönlichkeit eines Strudels? Worin sollte dessen karma bestehen? Er ist Wasser und nichts anderes – ebenso ist alles Brahman. Die in einem Traum erblickten Personen besitzen kein karma der Vergan- genheit. Auch der jīva, der zu Beginn der Schöpfung auftaucht, besitzt kein karma, weil er reines Bewusstsein ist. Die Idee des karma taucht allein nur dann auf, wenn einer fest an der Idee der Wirklichkeit der Welt festhält. Dann beginnt dieser jīva hier umherzuwandern – gefesselt durch das karma. Sobald realisiert wird, dass diese Schöpfung selbst Nicht-Schöpfung ist und Brahman allein existiert – wo sollte dann noch länger karma sein? Wessen sollte dieses karma sein und wer gehört zu diesem karma? Karma existiert nur in der Unwissenheit – sobald die rechte Erkenntnis auftaucht, hört die Bindung durch das karma auf. DER WEISE fuhr fort: VI.2:143 Der paï¬ita (einer, der Selbsterkenntnis erlangt hat), ist wie die Sonne, der den Lotos sämtlicher dharma, karma und Erkenntnisse erblühen lässt. Vergli- chen mit der Weisheit des Weisen der Selbsterkenntnis ist sogar der Status eines Königs der Götter gleichviel wie wertloses Stroh. Sobald die Selbster- kenntnis zum Vorschein kommt, schwindet die illusorische Wahrnehmung der Welt und die Erkenntnis Brahmans als der einzigen Wirklichkeit taucht auf, so wie im Licht, das die Dunkelheit vertreibt, die Girlande, welche mit einer Schlange verwechselt wurde, als Girlande erstrahlt. Die im Traum erblickten Leute haben keine Eltern – ebenso hat dieser Welt- traum keine Ursache. Die Traum-Leute besaßen kein früheres karma, das ihre gegenwärtige Geburt verursacht hätte. Die scheinbar realen Menschen in dieser Traumwelt besitzen ebenfalls kein karma. So wie der jīva hier Träume wahrnimmt und erfährt, so fantasiert und erfährt er entsprechend seiner eigenen mentalen Konditionierung (vāsanā) auch frühere Leben und karmas als real. Zu Beginn der Schöpfung und am Ende der Existenz des Körpers erfährt der jīva einen traumartigen Zustand. Was auch immer er erfährt, erscheint dann als seiend, obwohl es weder real noch irreal ist. In einem Traum kommt es zu Kontakten mit „anderen“ Objekten, obgleich diese überhaupt nicht als solche 677
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    existieren. Auf dieseWeise kann es auch zu den Erfahrungen mit den Objek- ten des Wachzustandes kommen, obgleich auch sie irreal sind. „Wachen“ und „träumen“ sind zwei Worte, die die Bewegung innerhalb des Bewusstseins bezeichnen, die zu Gewahrsein führt. Dieses Gewahrsein bzw. diese Erfah- rung, die zu Beginn der Schöpfung (sargādi) und am Ende des Lebenszyklus des Körpers (dehānta) auftaucht – dieses Gewahrsein bzw. diese Erfahrung fährt fort zu existieren, bis sie aufhört zu sein (bzw. bis Befreiung erlangt wird), und es ist dies, was man Schöpfung nennt. Eine Unterscheidung zwischen Bewusstsein und dem Gewahrsein der ent- weder im Wachzustand oder in einem Traum gesehenen Objekte gibt es nicht, so wie es auch keine Unterscheidung zwischen Wind und Bewegung geben kann. Brahman allein scheint aufzutauchen und zu verderben bzw. zu sterben und Objekte zu erfahren, obwohl er nichts als reines Bewusstsein ist, das keinerlei Wandel unterworfen und für immer im Frieden und rein ist. Was auch immer dieses unendliche Bewusstsein bzw. diese kosmische Person innerhalb von sich selbst gewahrt, wird gleichzeitig zu Ursache und Wirkung. Diese Schöpfung ist im Herzen dieses unendlichen Bewusstseins wie der Traum in deinem Herzen – als die Ursache und die Wirkung. Auf welche Art und Weise dies auch immer zu Beginn der Schöpfung aufge- taucht ist, als das hat es sich als seine eigene natürliche Ordnung, als Zeit, Raum usw. bis heute fortgesetzt. Welche Eigenschaften auch immer die Schöpfung damals erworben hat – diese haben sich seitdem als dauerhaft fortgepflanzt. Als erstes entstand da eine Idee oder ein Empfinden oder ein Konzept im Bewusstsein, der dann die so genannte Schöpfung folgte – doch ist all dieses nichts als das Blendwerk des Bewusstseins! Die unermessliche Raum scheint von blauer Farbe zu sein – das unermessliche Bewusstsein scheint als diese Schöpfung zu existieren. DER JÄGER sprach: Wie erlangt man nach der Aufgabe dieses Körpers einen anderen Körper zu dem Zweck, mit diesem Vergnügen und Schmerz zu erfahren? Worin besteht die kausale Ursache und was sind die zusammenwirkenden Ursachen? DER WEISE erwiderte: Dharma (Tugend), adharma (Sünde), vāsanā (latente Neigungen bzw. men- tale Konditionierung), das aktive Selbst und der jīva – all dies sind nur Syno- nyme für Ideen ohne eine dazugehörige Realität. Es ist das Bewusstsein, welches alle diese Ideen im Raum (Feld) des Bewusstseins unterhält. Das Selbst erfährt die Körperidee deshalb, weil es reines Bewusstsein, völlig un- abhängig vom Körper, ist. Obgleich die Körperidee unwirklich ist, wird sie wie eine Realität erfahren, wie ein Traumobjekt. Für die gestorbene Person er- strahlt die „andere Welt“ als eine Idee in ihrem eigenen Bewusstsein. Da sie sie einige Zeit lang erblickt, hält sie sie für real. Falls man nun einwendet, dass irgend jemand der verstorbenen Person zur Geburt verholfen haben müsse, muss man die Frage beantworten können, wie 678
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    die letztere sichan die Vergangenheit ihrer eigenen Inkarnation erinnern sollte? Der Tote wird nicht wiedergeboren- jedoch erfährt er auch weiterhin aufgrund seiner eigenen mentalen Konditionierung innerhalb seines eigenen Bewusstseins die Idee „Ich bin hier, unter diesem Umständen usw.“ Sobald diese Erfahrung einige Zeit lang anhält und schließlich Wurzeln schlägt, er- langt sie die Gewissheit einer Realität. Das Selbst, welches reiner Raum ist (Leerheit), erblickt innerhalb dieses Raums selbst einen Traum. Es erinnert sich dann wieder und wieder an diesen Traum und lässt dadurch die Wieder- geburten und weitere Welten entstehen. Dann glaubt es, dass diese Welt und dieser Geburt real sein müssen und beginnt damit, in dieser Welt als der jīva tätig zu werden. Auf diese Weise gibt es Millionen und Abermillionen von Welten. Wird de- ren Wahrheit klar verstanden, sind sie nichts mehr als reines Bewusstsein bzw. Brahman, während sie andernfalls als die Weltschöpfung erscheinen. Sie sind nichts und gehören zu nichts. Sie wurden niemals wirklich erschaffen. Jeder jīva erfährt jede einzelne dieser Welten als „dies ist die Welt“. Eben diese wechselseitige Beziehung verleiht dieser Illusion den Eindruck der Realität. Sobald die Wahrheit dieser Welten verstanden wurde, werden sie als unerschaffene Realitäten erkannt. Was real für den Weisen ist, ist für den Unwissenden eine undurchdringliche Illusion. Was unwirklich für den Weisen ist, ist für den Unwissenden eine auf der Hand liegende Wahrheit. Was auch immer das unendliche Bewusstsein erfährt, scheint jetzt und hier zu existieren. Solche Erfahrungen müssen daher in Beziehung zum jeweiligen Erfahrenden als real erachtet werden. Da sie jedoch sämtlich (der Erfahrende und die Erfahrungen) reines Bewusstsein sind, gibt es nichts, von dem man als von „das andere“ bzw. als Dualität sprechen könnte. Sobald im unendli- chen Bewusstsein die Idee „dies ist dies“ auftaucht, erstrahlt dieses „dies ist dies“ als solches. Wird es jedoch als „dies ist dies“ gesehen, dann wird es natürlich irreal! Wenn es die Erfahrung des Bewusstseins ist, dann ist sie ununterschieden vom Bewusstsein; nur im inexistenten Zustand der Unwis- senheit wird die Erfahrung als etwas Unabhängiges erfahren. Daher besitzt die Selbsterkenntnis keinerlei Objekt, das man kennen könnte. Erkenntnis, die zum Gekannten wird, wird zum Selbst, dass sich selbst kennt. DER WEISE fuhr fort: Wie gründlich wir auch immer forschen und schauen – etwas anderes als Realität vermögen wir nicht zu erblicken. Was die Unwissenden und Toren sehen, wissen wir nicht. In der erleuchteten Sichtweise des Weisen ist all dies hier reines, unteilbares Bewusstsein, das in den Augen des Unwissenden als die zahllosen, getrennten Objekten (fühlende und nicht-fühlende) erscheint. Das eine, reine Bewusstsein erscheint als die verschiedenen Traumobjekte im Traum. Alle diese Millionen von Objekten, die im Traum auftauchen, werden im Tiefschlaf eins. Sobald dann diese Traumwelt erneut ins unendliche Be- wusstsein eintritt, wird dies Schöpfung genannt. Wenn diese dann selbst in 679
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    den Zustand desTiefschlafs eintaucht, wird dies die kosmische Auflösung genannt. Dies sagt einem nur der gesunde Menschenverstand! Das eine unteilbare Bewusstsein wird sowohl zu den vielfältigen Objekten und auch den unendlich vielen Individuen; es wird in sich selbst sowohl die Leere als auch die Materie – wie in einem Traum. All diese Vielfalt ist nichts als bloßes Erfahren. Sie ist rein. Sie erstrahlt auf die Art, in der sie wahrge- nommen wird. Sie kann nicht beseitigt werden. Dieses Bewusstsein allein wird zu Beginn der Schöpfung zu Feuer usw. zu dem Zweck, diese Traumwelt hervorzurufen. Es ist reines Erfahren allein, das als die Erde usw. erstrahlt, obwohl da in Wahrheit nichts als Raum bzw. Leere ist, der als die erschaffene Welt erstrahlt. Dieses Gewahrsein bzw. Erfahren scheint manchmal unüber- windlich durch die Zeit und manchmal der Zerstörung ausgeliefert zu sein. Tatsächlich kann nichts ihm ein Ende setzen, da reines Erfahren immer übrig bleiben wird, nachdem sämtliche anderen Dinge an ihr Ende gelangt sind. Es ist wie wenn du von Ost nach West gehst – du kennst nun den Osten wie den Westen, obwohl die Erfahrung des Kennens dieselbe bleibt! Was auch immer du vorsätzlich eine längere Zeit hindurch denkst, erfährst du dann auch. Oder ruhe einfach im Frieden und erfahre dann diesen Frieden. Du gehst von Ost nach West und kennst dieses dann. Ein anderer geht nicht, sondern bleibt am Ort und kennt dieses trotzdem. Das unendliche Bewusstsein, welches unbe- wegt ist, bleibt dasselbe, ob es nun erfahren oder nur gedacht wird. Beide Erfahrungen tauchen auf und beide Erfahrungen hören auf. Sobald der Wunsch „ich sollte von Süd nach Nord gehen“ auftaucht, tauchen diese beiden im unbewegten Bewusstsein auf. Taucht ein solcher Wunsch dagegen nicht auf, dann existieren die Himmelsrichtungen „Nord“ und „Süd“ auch nicht. Sobald das Bewusstsein denkt: „Ich möchte zu einer Stadt am Himmel wer- den“ oder „Möge ich zu einem Tier auf Erden werden“, treten diese beiden in Erscheinung. Hören solche Ideen auf, hören auch die Erscheinungen auf. Für andere ist diese Welt irgend etwas anders. Ob der Körper nun sterblich oder unsterblich sei – die Wahrheit besteht darin, dass dies hier saæsāra und der jīva wie ein Traum ist. Sogar die Aus- länder haben viele Leute unter sich, die sich an Ereignisse aus ihren früheren Leben erinnern. Gewiss „sterben“ diese nicht. Daher ist das unendliche Be- wusstsein, welches als all dieses hier erscheint, todlos, wandellos und ewig- lich. Das unbewegte Bewusstsein bleibt immer – welche Ideen auch immer in ihm hier und da auftauchen mögen. Was ist Wahrheit und was Falschheit? Lasst uns daher die Körper, Handlungen, Sorgen oder Vergnügen so erfahren wie sie sind und auftauchen, oder lasst uns all dies aufgeben. In all diesem liegt überhaupt kein Sinn. Lasst es doch „so“ oder „so“ oder sogar überhaupt nicht sein – gebt einfach nur diese Täuschungen auf und seid erleuchtet. DER WEISE fuhr fort: VI.2:144 All dieses existiert und existiert doch gleichzeitig nicht – wie Traumerleb- nisse. Da darin die Wahrheit besteht – was wäre dann noch Bindung und wer wäre befreit? Die Wolkenformationen am Himmel lassen unablässig sich 680
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    wandelnde Gestaltungen undMuster erkennen. Auf dieselbe Weise wandelt sich auch diese Welterscheinung ständig. Aufgrund von Unwissenheit er- scheint sie als solide und unveränderlich. Es gibt in diesem unendlichen Raum zahllose Welten, so wie wir hier unsere eigene Welt haben, während die Welt der einen Person jedoch nicht von den anderen Personen erfahren wird. Die Maßstäbe von Fröschen, die in einem Brunnen, einem See oder einem Meer leben, unterscheiden sich voneinander. Sie teilen nicht ein und dieselbe Erkenntnis. Leute, die gemeinsam in einem Haus schlafen, erfahren unterschiedliche Träume, in denen sie das Leben in verschiedenen Welten erleben. Auf dieselbe Weise erfahren die Menschen im selben (Welt)Raum verschiedene Welten, während andere vielleicht gar keine erfahren. All dies ist nichts als das mysteriöse und tatkräftige Wirken des unendlichen Be- wusstseins. Das Bewusstsein besitzt die eingeborene Fähigkeit, an etwas festzuhalten. Eine auf diese Weise festgehaltene Idee wird saæskāra genannt. Jedoch so- bald realisiert wird, dass die Idee nur im Bewusstsein reflektiert wurde, wird gesehen, dass es kein saæskāra unabhängig vom Bewusstsein geben kann. Im Traum gibt es keine vorherige Erfahrung, sondern nur die Erfahrung der Objekte, wie sie zur Zeit ihrer Existenz erlebt wurden. Man mag sogar in einem Traum den eigenen Tod wie auch die Objekte erfahren, die wie zuvor gesehene erscheinen. Diese Schöpfung war nur das Spiegelbild im unteilbaren Bewusstsein, wie jenes ganz am Anfang entstand. Folglich ist es von diesem Bewusstsein nicht verschieden. Brahman (das unendliche Bewusstsein) allein erstrahlt als diese Welt, das nicht etwas Neues ist. Die Ursache selbst ist die Wirkung. Die Ursa- che existierte vor der Wirkung und wird auch nach dem Aufhören der Wir- kung noch da sein. Da die Ursache „wirksam tätig“ (saæyak karoti) im Her- vorbringen der Wirkung ist, ist sie selbst ein saæskāra. Das, was vor dem Auftauchen des Traums existierte, aber als das erstrahlt, was zuvor gesehen wurde, wird als saæskāra bezeichnet. Es gibt keinen an- deren als saæskāra (üblicherweise übersetzt mit „latente Eindrücke aufgrund vergangener Erfahrungen und Handlungen“) bekannten externen Faktor. Sichtbare und unsichtbare Dinge existieren im Bewusstsein, das in seinem eigenen Licht leuchtet und alle diese Dinge erfährt, als wären sie bereits einmal gesehen worden. Im Traum tauchen die im Wachzustand erzeugten saæskāras auf. Im Wachzustand selbst werden sie dann neu erzeugt. Diejeni- gen, die die Wahrheit kennen, erklären, dass sie in einem Zustand erzeugt wurden, der wohl als der Wachzustand erscheint, dies aber tatsächlich nicht ist. So wie in der Luft spontan Bewegungen entstehen, so entstehen auch im Bewusstsein Ideen – wo sollte dann also die Notwendigkeit entstehen, saæskāras zu erzeugen? Sobald die Erfahrung von tausenden von Dingen im Bewusstsein auftaucht, wird dies als die Schöpfung bezeichnet. Hört die Erfahrung dieser tausende Dinge im Bewusstsein auf, wird dies als die kos- mische Auflösung bezeichnet. Auf diese Weise bringt das reine Bewusstsein 681
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    (cidākāÁa) diese Vielfaltmit all ihren Namen und Formen und ohne jede Auf- gabe seiner Unteilbarkeit ins Dasein – so wie du in deinem Traum eine Welt erschaffst. DER WEISE fuhr fort: Die Wahrnehmung oder die Erfahrung von „die Welt“ existiert innerhalb des atomischen Partikels des unendlichen Bewusstseins. So wie die Reflexion in einem Spiegel nur der Spiegel ist, so ist sie auch nicht verschieden vom unendlichen Bewusstsein. Dieses unendliche Bewusstsein ist anfanglos und endlos – das allein ist die so genannte Schöpfung. Wo immer dieses Bewusst- sein erstrahlt, existiert auch diese Schöpfung, die davon so wenig unterschie- den ist, wie ein Körper nicht von den Gliedern verschieden ist. Du und ich sind Bewusstsein, die gesamte Welt ist Bewusstsein – durch diese Realisation wird die Schöpfung als integraler Teil des Bewusstseins gesehen und ist selbst folglich unerschaffen. Folglich bin ich dieses atomische Partikel des Bewusstseins und als solches unendlich und allgegenwärtig. Daher sehe ich alles, wo immer ich mich auch befinde, von eben jenem Ort aus. Ich bin ein Partikel des Bewusstseins, aber eins mit dem unendlichen Bewusstsein auf- grund der Verwirklichung dieser Wahrheit – so wie Wasser dasselbe wie Wasser ist. Durch Eintreten in das „ojas“ erfuhr ich daher die drei Welten. All dieses geschah innerhalb und innerhalb von dem sah ich auch die drei Welten – nicht außerhalb. Ob man dies nun Traum oder Wachen nennt, innen oder außen – all dies befindet sich innerhalb des unendlichen Bewusstseins. DER JÄGER fragte: Wenn diese Schöpfung ursachelos ist, wie ist es dann möglich, dass sie ins Dasein treten konnte? Wenn sie dagegen eine Ursache haben sollte, was wäre dann die Ursache der Traumschöpfung? DER WEISE erwiderte: Am Anfang hatte die Schöpfung überhaupt keine einzige Ursache. Da die Objekte dieser Schöpfung überhaupt keine Ursache kannten, entstand auch eine konfligierende Verschiedenheit von Objekten nicht. Das eine absolute Brahman allein strahlte als alles dieses – es wird durch Worte wie „Schöp- fung“ usw. bezeichnet. Obwohl diese ursachelose Schöpfung Brahman ist, erscheint sie als Teil von etwas, was keine Teile hat, als etwas Geteiltes im Unteilbaren, als etwas Formhaftes im Formlosen. Weil sie reines Bewusstsein ist, scheint sie verschiedene Formen wie die bewegten und unbewegten Ob- jekte anzunehmen. Und wie die Götter und die Weisen erschafft und erhält sie eine ganze Weltordnung mit all ihren Geboten und Verboten. Existenz, Nicht- Existenz, Grobes und Feines usw. berühren in gar keiner Weise das allgegen- wärtige Bewusstsein. Jedoch gab es von da an keine Wirkungen mehr, die ohne eine Ursache ent- standen. Die Weltordnung und ihr Herr (Brahman) arbeiteten zusammen wie ein Arm den anderen ergreift, obgleich beide der selben Person gehören. 682
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    Diese Schöpfung entstandalso ohne Wunsch und ohne psychologische Ver- ursachung. Die Weltordnung (niyati) existiert innerhalb von Brahman – Brahman existiert nicht ohne niyati. Daher hat diese Schöpfung eine Ursache, jedoch nur in Beziehung zu demjenigen, dessen Schöpfung sie ist und so lange die Schöpfung in Beziehung zu diesem andauert. Der Unwissende glaubt, dass Brahman in dieser Schöpfung ohne eine Ursache erstrahle oder auftauche, und es ist wiederum der Unwissende, der in diesem Netz von Ursache-Wirkung-Beziehungen bzw. der irrigen Idee, dass Kausalität ein unverletzbares Gesetz sei, gefangen ist. Die Schöpfung findet als ein zufälliges Ereignis statt – die reife Kokosnuss fällt in demselben Moment, in dem eine Krähe auf der Palme landet. Niyati legt dann anschließend fest, was „dies ist dies“ und „das ist das“ bedeutet. DER WEISE fuhr fort: Der jīva weiß und erfährt die äußere Welt mit den äußeren Sinnen und die VI.2:145 innere Traumwelt mit den inneren Sinnen. Sobald die Sinne mit den Erfah- rungen der äußeren Welt beschäftigt sind, wird das Feld der inneren Ideen- haftigkeit vage und undeutlich. Wenden sich die Sinne jedoch nach innen, dann erfährt der jīva innerhalb von ihm selbst mit der größten Klarheit. In dieser Welterscheinung gibt es zu keinem Zeitpunkt irgendwelche Wider- sprüche – alles ist so, wie einer es sieht. Während die Augen daher nach au- ßen gerichtet sind, erfährt der jīva die Welt so, als wäre sie außerhalb des unendlichen Bewusstseins. Jīva nennt man das Aggregat der Sinne des Hö- rens, Berührens (Haut), Sehens (Augen), Geruches (Nase), Geschmackes (Zunge) und Wunsches. Der jīva selbst ist reines Bewusstsein, das mit der Lebenskraft ausgestattet ist. Dieser jīva existiert existiert daher in allem überall als alle Dinge und erfährt deshalb alle Dinge überall. Wenn der jīva (das „ojas“ oder die vitale Essenz) mit „Schleim“ (Ále«ma oder kapha, einer der drei Körpersäfte, die die vitale Essenz des Körpers ausma- chen) angefüllt ist, sieht er deren Wirkungen sofort. Er „sieht“, wie er sich selbst aus dem Milchozean erhebt; er sieht den Mond im Himmel steigen; er sieht die Seen und Lotosse, Gärten und Blumen, Lustbarkeiten und Feste, auf denen die Frauen singen und tanzen, die Festessen mit Mengen an Gerichten und Getränken, Flüsse, die gen Ozean fließen, riesige, weißgestrichene Paläs- te, Felder bedeckt mit frischem Schnee, Parks mit darin ruhenden Rehen sowie Bergketten. Ist der jīva dann von „Galle“ (pitta, ein weiterer Körpersaft) erfüllt, erfährt er ihre Wirkungen wiederum auf der Stelle. Er „sieht“ dann Flammen, die herrlich anzuschauen sind und ein Schwitzen der Nerven erzeugen und schwarzen Rauch in den Himmel ausstoßen, der diesen verfinstert; er sieht Sonnen, die blendend in ihrer Strahlkraft und glühend in ihrer Hitze sind; er sieht Ozean und den Dunst, der ihnen entsteigt; er sieht unpassierbare Wäl- der, Luftspiegelungen mit darin schwimmenden Schwänen; er sieht sich selbst furchtzitternd und bedeckt mit heißem Staub die Straßen entlang rennen; er sieht, wie die Erde durch Hitze und Trockenheit gedörrt wird. Was 683
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    auch immer dieAugen sehen – sie sehen nur Feuer; sogar die Wolken regnen Feuer und alles erstrahlt aufgrund dieses allgegenwärtigen Feuers. Wenn der jīva mit „Wind“ (vāta, ein weiterer Körpersaft) erfüllt ist, erfährt er die folgenden Wirkungen: Er sieht die Welt wie gänzlich neu, er sieht sich selbst und sogar die Felsen und Berge umherfliegen, alles dreht sich und rotiert; er sieht fliegende Engel und Himmelsbewohner; die Erde und alles darauf und darin bebt; er sieht sich selbst, wie er in einen toten Brunnen gefallen oder in eine schreckliche Notlage geraten ist oder in gefährlicher Lage auf der Spitze eines riesenhohen Baumes oder Berggipfels steht. DER WEISE fuhr fort: Wenn der jīva mit vāta, pitta und Ále«ma angefüllt ist (Wind, Galle und Schleim), gerät er unter den Einfluss des Windes und erfährt Qualen. Er sieht Berge und Felsen in Schauern niederstürzen und hört schreckenerregende Laute, die durch das Umherwirbeln der Bäume in den Eingeweiden der Erde entstehen. Ganze Urwälder mitsamt den darin lebenden Tieren werden umhergeschleudert. Alle Bäume brennen und aus den Berghöhlen heraus hallen die Geräusche der Brände wider. Er beobachtet, wie die Berge zusam- menstoßen. Er sieht, wie die Ozeane aufsteigen, um den gesamten Himmel zu erfüllen und ganze Wälder und sogar Wolken fortgetragen und in die Regio- nen von Brahmā dem Schöpfer emporgehoben werden. Der ganze Himmel scheint aufgrund all dieses Treibens und Reibens darin völlig rein und leerge- fegt zu sein. Die drei Welten scheinen mit den Schlachtrufen von Soldaten und Kriegern erfüllt zu sein. Wenn der jīva dann durch diesen furchterregenden Anblick entsetzt und erregt ist, verliert er das Bewusstsein. Wie ein in der Erde begrabener Wurm, wie ein in einem Felsen verborgener Frosch, wie ein Fötus in der Gebärmut- ter, wie der Same innerhalb der Frucht, wie der noch ungeborene Keimling des Samens, wie ein Atom in einem Molekül und wie das noch nicht heraus- gehauene Bildnis im Marmorblock ruht er dann innerhalb von sich selbst – ungestört von der Bewegung des prāïa, da es an seinem Ruheort keinerlei „Löcher“ oder Ausgänge gibt. Er tritt in den Tiefschlaf ein, der wie das Schla- fen im Innern eines Felsens oder toten Brunnens ist. Sobald mentale Bemühung dann eine Öffnung in diesen Ruheplatz schlägt, erlangt er Wissen über die Welt der Träume, indem er durch die Bewegung der Lebenskraft bzw. des prāïa ihrer gewahr geworden ist. Sobald diese Lebenskraft sich von einem nā¬i (Nervenkanal) zum anderen bewegt, ent- steht die Vision eines Regens von Bergen. Falls es zuviel von dieser durch vāta, pitta und Ále«ma verursachten Bewegung gibt, treten zahllose solche Erfahrungen auf. Ist die Bewegung geringer, sind die Erfahrungen geringer. Was auch immer der jīva aufgrund von vāta, pitta und Ále«ma innerhalb sei- ner selbst erfährt (im Traum usw.), erfährt er auch im Außen, wo dann auch seine eigenen Handlungsorgane (Arme, Beine usw.) angemessen funktionie- ren. Sobald er im Innern und Außen gestört oder beunruhigt ist, erfährt der 684
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    jīva wenig Unruhe,sofern vāta, pitta und kapha (Ále«ma) sich nur leicht be- wegen, und einen Zustand des Gleichgewichts, sofern sie sich in der Ausgegli- chenheit oder im Gleichgewicht befinden. Der jīva erfährt die folgenden Dinge im Außen, sobald die drei Körpersäfte gestört oder erregt sind: Brennen, Ertrinken, Fliegen in der Luft, Ruhen auf Bergen und Felsen, die Hölle, Auf- steigen in den und Niederfallen aus dem Himmel, Halluzinationen wie Ertrin- ken auf einem Spielfeld, Sonnenschein zur Mitternachtszeit, eine Perversion des Verstandes, die darin besteht, dass die eigenen Lieben als Fremde und Feinde wie Freunde erscheinen. Bei geschlossenen Augen wird all dies inner- halb von einem selbst wahrgenommen, während es bei offenen Augen im Außen gesehen wird. Alle diese Illusionen aber werden durch das gestörte Gleichgewicht der drei Körpersäfte erzeugt. Wenn diese sich im Zustand des Gleichgewichts befinden, sieht der in ihm ruhende jīva die ganze Welt so, wie sie wirklich IST, d.h. als nicht verschieden von Brahman. DER WEISE fuhr fort: Während ich mich im „ojas“ der anderen Person befand, trafen plötzlich die VI.2:146 Vorboten der kosmischen Auflösung ein. Der Himmel begann Berge zu reg- nen. Ich sah dies alles, während ich innerhalb des „ojas“ der anderen Person saß. Tatsächlich wurde diese Illusion von Bergen, die aus einem finsteren Himmel herabregneten, durch Teile der Nahrung, die in den Kanälen ihres Körpers kreisten, hervorgerufen; diese Finsternis war die Finsternis seines eigenen, tiefen Schlafes. Als ich aus dem Schlaf erwachte, erfuhr ich den Traumzustand. Innerhalb desselben „ojas“ erblickte ich einen mächtigen Ozean, der mir wie ich selbst vorkam. Was auch immer in diesem „ojas“, das das Feld der Erfahrung dar- stellte, passierte, vermochte ich ohne Verzerrung oder Entstellung zu erbli- cken, da mein Bewusstsein unbewegt und stetig war. Bewusstsein breitet sich überall und rundherum aus; in ihm taucht die Welterscheinung auf, die aus dem Tiefschlaf so heraustritt wie ein Baby von der Mutter geboren wird. DER JÄGER sprach: Du sagtest, dass die Welterscheinung aus dem Tiefschlaf hervortritt. Bitte sage mir, was man im Tiefschlaf erfährt. DER WEISE fuhr fort: Dualistische Ausdrucksweisen wie „wurde geboren“, „erscheint“ und „taucht als die Welt auf“ sind nur Worte und gänzlich bedeutungslos. Ich werde dir nun erzählen, was „ist geboren“ (jāta) wirklich bedeutet. Die Es- senz dieses Ausdrucks besteht in der Bedeutung von „ins Sein treten“, wobei sich dieses „Sein“ auf die ewig existierende Wirklichkeit bezieht. Auch das Wort „Schöpfung“ (sarga) hat dieselbe Bedeutung und bezieht sich auf „Exis- tenz“ (die Bedeutung der Wörter „jāyate“ und „sarga“ wird hier entsprechend der Sanskrit-Grammatik erläutert. „Jani“ ist gleichzusetzen mit „prādurbhāva“, wobei der wichtige Teil des letzten Worts „bhÆ÷“ ist, was „Sein“ bedeutet). 685
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    Für uns Erleuchtetegibt es keine Schöpfung, keinen Tod und kein Aufhören von etwas – alles ist auf ewig ungeboren und friedvoll. Brahman ist reines Sein. Auch die Welt ist reines Sein. Wen könnten dann Gebote und Verbote betreffen? Die Māyā genannte illusorische Macht allein ist das Thema der Diskussion und Argumentation um das „es ist“ und „es ist nicht“ herum. Dis- pute dieser Art werden daher von den unwissenden Leuten auf Brahman bzw. das unendliche Bewusstsein übertragen. Für diejenigen, die die Wahrheit bzw. den höchsten Zustand kennen, exis- tieren die Zuständen von Wachen, Träumen und Schlafen überhaupt nicht. Was ist, ist wie es ist. Die Traumwelt wie auch überhaupt die Welt, die man in der eigenen Einbildung sieht, ist nicht wirklich, obwohl sie für die Zeit ihres Dasein als solche erfahren wird. Sie existierte auch zum Zeitpunkt des Be- ginns dieser Weltschöpfung nicht bzw. trat dann irgendwie ins Dasein. Wenn somit die Welt als reines Bewusstsein realisiert wird, ist sie weder länger ein Objekt der Wahrnehmung mehr noch gibt es da ein Subjekt oder einen Be- obachter; eine Erfahrung oder einen Erfahrenden gibt es ebenfalls nicht. DER WEISE fuhr fort: VI.2:147 Sobald ich aus dem Tiefschlaf erwachte, tauchte diese Welt aus meinem Traum heraus auf wie aus einem Ozean, wie eine Statue aus einem Stein heraustritt, wie Blumen auf einem Baum ausblühen, wie die Erinnerung im Verstand erscheint und wie die Wellen auf dem Ozean sichtbar werden. Sie erschien so, als wäre sie aus dem Himmel gefallen, als wäre sie aus dem Erd- innern aufgestiegen, als wäre sie im Herzen erblüht, als wäre sie wie Futter- weizen dem Acker entsprossen, als wäre der Vorhang, der sie verhüllte, gelüf- tet worden, als wäre sie aus einem Tempel aufgestiegen. Von wo ist diese Welt gekommen? Niemand weiß es. Gewiss ist sie das im Steinblock namens un- endliches Bewusstsein verborgene Bildnis. Sie ist wie die eingebildete Stadt bestehend aus ihren Wällen, die reiner Raum oder Leere ist. Sie ist das Kunst- stück des Taschenspielers namens Unwissenheit. Obgleich sie wie eine solide Realität erscheint, ist sie in ihrem Wesen leer von Zeit und Raum. Obgleich sie vielfältig zu sein scheint, ist sie nondual, vielfältig und ein Nichts zu ein und derselben Zeit. Gewiss kann sie nur mit einem Schloss am Himmel verglichen werden, da sie sogar zur Zeit des Wachens gesehen und erfahren wird. Obwohl sie niemals erschaffen wurde, existiert sie so, als wäre sie erschaf- fen worden. Sie ist reines Bewusstsein. Sie scheint die Eigenschaften von Zeit, Raum, Materie, Aktivität, Schöpfung und Zerstörung zu besitzen. Sie verfügt über Götter, Dämonen, menschliche Lebewesen und vielfältige andere For- men von Leben. Es gibt in ihr Flüsse, Berge, Wälder, Himmel und Sterne. Ich betrachtete dieses „Feld der Beobachtung“. Gleichzeitig gewahrte ich da zusammen mit den Häusern all meiner Verwandten ein Haus, welches ich schon zuvor gesehen hatte, und dazu auch noch alles andere, wie es früher gewesen war. All dieses war durch die latenten vāsanās bzw. die psychologi- schen Neigungen in das Feld der Beobachtung hineingezogen worden. Auf- grund der vāsanā begann ich sofort damit, meine Verwandten usw. zu begrü- 686
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    ßen und zuumarmen, da ich zeitweise die Erkenntnis ihrer illusorischen Existenz verloren hatte. So wie ein Spiegel alle vor ihn gestellten Objekte reflektiert, so nimmt das Bewusstsein die Form dessen an, was ihm dargeboten wird. Hat jedoch einer realisiert, dass alles das reine, unendliche Bewusstsein ist, dann ist er von der anscheinenden Dualität nicht länger betroffen. Er ist dann frei, allein und unberührt. Wer niemals die Erkenntnis des Einsseins verliert, wird von die- sem Kobold namens „Wahrnehmung von Vielfalt bzw. Getrenntheit“ nicht mehr verfolgt. Diejenigen, in denen aufgrund der Gemeinschaft mit Heiligen und des Studiums der Schriften diese Erkenntnis zum Vorschein gekommen ist, verlieren sie nicht wieder. Damals jedoch war mein Verständnis noch nicht klar und ungetrübt und folglich wurde ich von den Konzepten von Ver- wandtschaft u.ä. heimgesucht. Heute jedoch vermag nichts in der Welt mein Verstehen länger zu erschüttern oder meine Realisation zu umwölken. Auch dein Gemüt, oh Jäger, ist noch nicht stetig genug, denn du hast noch nicht satsaÇga, die Gemeinschaft mit den Heiligen, erfahren. DER JÄGER sprach: Wahr ist dies in der Tat, oh Weiser Es ist genauso, wie du gesagt hast. Daher gibt es auch, obwohl ich deinen erleuchtenden Worten gelauscht habe, immer noch Zweifel in mir: „Kann dies alles wirklich die Wahrheit sein?“ Oh weh, was für eine Tragödie ist das doch! Sogar wenn diese Unwissenheit ganz offenbar geworden ist, ist es immer noch schwer, sie zu überwinden. DER JÄGER fragte: Ich tragen einen großen Zweifel in mir, oh Weiser: Wie können Traumobjek- VI.2:148 te gleichzeitig als real und irreal betrachtet werden? DER WEISE erwiderte: Im Traum gibt es den Anschein von Zeit, Raum, Tätigkeit und Materialität. Dieser Anschein tritt aufgrund der Ideen auf, die aus reinem Zufall (Koinzi- denz) im Bewusstsein auftauchen. Daher erstrahlt dieser Anschein im Traum wie eine Realität. Halluzinationen, die mit der Hilfe von Edelsteinen (magi- sche Steine?), Mantras und Drogen erzeugt werden, sind manchmal als real und manchmal als gänzlich illusorisch zu betrachten. Wenn man im Traum eine reale Substanzialität erfährt, ist dies allein der Koinzidenz geschuldet. Wenn eine feste Überzeugung im Bewusstsein auftaucht, materialisiert sie sich auf diese Weise, weil Bewusstsein diese Macht der Materialisation be- sitzt. Wenn diese Materialisation durch eine andere Macht gemindert werden könnte, könnten wir nicht mehr ja bestätigen, dass die im Bewusstsein auf- tauchende Idee als solche eine feste Überzeugung ist. Es gibt weder innen noch außen eine Materialität mit der Ausnahme der Materialisierung des „Wunsches“ oder der Idee des unendlichen Bewusst- seins. Sobald die Idee „dies ist ein Traum“ auftaucht, wird dieser Traum zu einer Realität. Gibt es dann die Idee eines Zweifels, nimmt der Traum die Gestalt des Zweifels an und wird irreal. Es ist möglich, dass der Träumer beim 687
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    Träumen Erfahrungen macht,die mit dem Traum nicht in Zusammenhang stehen. Er schreibt diese dann jedoch dem Traum zu. Daher ist die im Be- wusstsein auftauchende Welterscheinung früher oder später aufgrund schie- rer Koinzidenz Wandlungen unterworfen. Die Idee der Schöpfung kommt ganz am Anfang im Bewusstsein zum Vor- schein und materialisiert sich. Diese Materialisation ist reines Bewusstsein. Abgesehen davon ist alles andere entweder real oder irreal, geordnet oder ungeordnet. In den Augen der Unwissenden erscheinen Träume daher manchmal als wahr und manchmal als unwahr – in den Augen des Erleuchte- ten dagegen sind sie weder real noch irreal. Die Welterscheinung ist eine Erscheinung, die im Bewusstsein auftaucht; hier verbietet allein schon das Wort „Erscheinung“ alle diese Erscheinung betreffenden ernsthaften Ergrün- dungsversuche. Man schläft nach dem Traum und man schläft nach dem Wachzustand. Wa- chen und Träumen sind folglich nicht verschieden voneinander. Nur das „leb- lose“ Objekt des Bewusstseins allein wird als Wachen, Träumen und Schlafen erachtet – all dies sind wahrhaftig nur Worte, die keinerlei reale Bedeutung haben. In diesem Lang-Traum gibt es weder Ordnung noch Unordnung. Was auch immer im Traum auftaucht, ist als solches – wie die in der Luft auftau- chende Bewegung, denn in der Abwesenheit des Verursachungsprinzips wird die Ordnung irrelevant. Ebenso ist auch die gesamte Schöpfung leer von definitiver Verursachung – was auch immer als ein Objekt zu sein scheint, das ist es dann auch und eben darin besteht die Weltordnung. Träume sind manchmal real und manchmal irreal und daher keinem festen Prinzip oder Ordnung unterworfen. Sie sind pure Koinzidenz. Die Visionen, die aufgrund von Magie, Mantras oder Drogen auftauchen, existieren ebenso auch im Wachzustand. Das unkonditionierte, reine Bewusstsein wird nicht durch die Wach-, Traum- und Tiefschlafzustände konditioniert und ist daher stets als einziges real. DER WEISE fuhr fort: VI.2:149 Als ich, während ich mich im Herzen der anderen Person befand, meine ei- genen Verwandten usw. erblickte, vergaß ich für einen Moment, dass diese nur die Erzeugnisse meiner eigenen Ideen waren. Ich lebte mit ihnen dann sechzehn Jahre lang zusammen. Eines Tages kam ein großer Asket zu meinem Haus. Ich diente ihm mit Liebe und Aufmerksamkeit. Ich ergriff die Gelegen- heit, ihm die folgende Frage zu stellen: „In dieser Welt erfahren die Menschen, wie man sagt, die guten und bösen Resultate ihrer guten und bösen Taten. Ist dies in allen Fällen die Wahrheit?“ Der Asket zeigte sich von dieser Frage überrascht. DER ASKET erwiderte: Bitte sage mir, mit welchem Mittel du das Gute vom Bösen unterscheiden würdest? Wer bist du, wo bist du, wer bin ich, was ist diese Welt? All dieses ist nichts als ein Traum. Ich bin dein Traumobjekt und du bist mein Traumob- 688
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    jekt. Das Objektbesitzt in Wahrheit keinerlei Gestalt. Sobald das Bewusstsein sich selbst jedoch eine Gestalt zuschreibt, nimmt es diese dann auch an. Die Idee: „alles dieses muss eine Ursache haben“, lässt die kausalen Beziehungen auftauchen; die Idee: „es gibt keine Ursachen“, macht Kausalität unsichtbar. Wir alle leben im Herzen eines makrokosmischen Wesens, welches von uns allen als ein solches betrachtet wird. Ebenso wird es weitere makrokosmi- sche Wesen für andere geben. Dieses makrokosmische Wesen ist die Ursache der Erfahrungen von Vergnügen und Schmerzen sowie für die unterschiedli- chen Arten der Tätigkeiten. Sobald das „ojas“ dieses makrokosmischen We- sens gestört ist, gerät es in Erregung. Die Wirkung davon wird dann von uns allen, die sich in seinem Herzen befinden, erfahren. Dann erfahren wir Natur- katastrophen, die in dem Moment aufhören, in dem dieses Herz den Gleich- mut wiedererlangt. Dieses makrokosmische Wesen ist daher die Wirklichkeit dieser speziellen Schöpfung. Wenn manche Menschen dann per Koinzidenz böse Taten begehen, sind wir alle von den sich daraus ergebenden Folgen betroffen. Das Bewusstsein erlegt demjenigen, dessen Handlungen aus seiner eigenen persönlichen Wahrnehmung („ich tat dies“) entstanden sind, die Folgen die- ser Handlungen auf. Ist das Bewusstsein von einer solchen Wahrnehmung frei, haben die Handlungen keine entsprechenden Früchte mehr. Welche Idee wo auch immer und in welchem Ausmaß auftaucht, diese trägt dann auch Früchte, ob da nun eine korrespondierende Ursache war oder nicht. Wie im Traum wird die Wirkung einer Handlung nicht durch eine endgültige Ursache bestimmt. Manchmal hat die Traumerfahrung eine Ursache – manchmal wiederum nicht. All dies sind einfach nur Koinzidenzen – zufällig stattfinden- de Begebenheiten. Die Erfahrung des Wachzustandes scheint einer definiti- ven Kausalität zu unterliegen – in Wahrheit jedoch ist schon diese Idee allein schon ein Traum und nichts anderes. All dieses ist eine bloße Erscheinung im unendlichen Bewusstsein. Was wäre die Ursache der Unwissenheit, der Schöpfung, der Schöpfung von Brahmā dem Schöpfer? Was wäre die ursprüngliche Ursache von Feuer, Luft, Wasser oder Raum? Weshalb sterben die Leute und erlangen einen subtilen Leib? All dieses hat überhaupt keine Ursache – all dieses geschieht seit Urzei- ten und von Anfang an so. Nach einem gewissen Zeitraum haben diese Ideen bzw. Erscheinungsformen dann eine Materialität angenommen. Alle jemals im Bewusstsein aufgetauchten Ideen bestehen bis heute als solche fort. Je- doch vermag das Bewusstsein dies durch neuerliche und aktuelle Bemühung abzuändern. DER WEISE fuhr fort: Nachdem ich so von dem Asketen unterwiesen worden war, war ich unver- VI.2:150 züglich erleuchtet. Ich wollte bei ihm bleiben. Auf meine Bitte hin begann er dann bei mir zu wohnen. Dieser Asket sitzt jetzt direkt rechts neben dir. DER JÄGER war überrascht und sprach: 689
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    Es ist wunderbarund seltsam, oh Weiser, dass das, was als Traum angese- hen wurde, sich im Wachzustand materialisiert zu haben scheint. Wie kam es, dass dieser heilige Mann, der dir im Traum erschienen ist, nun sogar im Wachzustand Wirklichkeit geworden ist? DER WEISE erwiderte: Übereile nichts. Ich werde dir alles erklären. Nachdem ich die Ausführun- gen dieses heiligen Mannes angehört hatte, überlegte ich folgendermaßen: „Oh weh, aufgrund meines Verlangens nach Sinnesvergnügen und nach den Objekten dieses Vergnügens bin ich von meinem Weg abgekommen, obgleich ich doch ein weiser Mann war. Obwohl die Idee „ich bin dies“ illusorisch und unwirklich ist, lässt sie doch tausende seltsamer Begebenheiten entstehen. Auch wenn ich all dieses als unwirklich erachte und mir sage: „ich bin nicht“, IST all dieses doch immer noch. Was soll ich nun tun? Ich erblicke in mir den Samen der Getrenntheit – sofort sollte ich diesem entsagen! Lasst diese Illu- sion oder Unwissenheit bleiben – da es nur eine nichtige Erscheinung ist, habe ich nichts damit zu tun. Jetzt habe ich die Täuschung abgeschüttelt. Sogar der Weise, der mich unterwiesen hat, ist nur Illusion. Ich bin das un- endliche und absolute Brahman, und das ist er auch; alle relativen Formen sind nur wie vorüberziehende Wolken.“ Nachdem ich zu dieser Erkenntnis gekommen war, sprach ich zu dem Aske- ten: „Oh Weiser, ich werde dich nun verlassen, um nach meinem eigenen wie nach demjenigen Körper, den ich zu ergründen begonnen hatte, zu schauen.“ Als er dies vernommen hatte, begann er zu lächeln: „Wo sind denn diese Körper? Sie sind jetzt weit, weit weg. Falls du dir darüber jedoch selbst Ge- wissheit verschaffen möchtest, dann geh nur.“ Ich bat ihn: „Bitte bleibe hier, bis ich zurückgekehrt bin.“ Dann bestieg ich ein ätherisches Fahrzeug und flog sehr weit und für sehr lange Zeit weg. Und trotzdem vermochte ich kei- nerlei Ausgang aus dem Herzen der Person, in der ich mich befand, zu entde- cken. Ich war niedergeschlagen. Ich erkannte, dass ich an dieses Haus gefes- selt war. Ich kehrte daher zurück und fragte den Asketen: „Bitte kläre mich darüber auf, was all dies hier ist. Wo sind der Körper, in den ich eingetreten war und derjenige, der der meine war? Wie kommt es, dass ich keinen Aus- gang finden konnte?“ Der Asket erwiderte: „Du wirst alles verstehen, sobald du es im eigenen in- neren Licht erblickst. Du bist nicht diese unbedeutende Persönlichkeit – du bist die makrokosmische Person selbst. Irgendwann früher hast du dich dazu entschlossen, das Herz eines Wesens zu betreten, um einen Traum zu erfah- ren. Das, was du betreten hast, ist diese Schöpfung. Während du in diesem Körper fortfuhrst zu träumen, entstand ein großes Feuer, das den Wald in- nerhalb des Körpers, den du betreten hast, verzehrte. Dieses Feuer hat so- wohl deinen wie auch den Körper der Person, dessen Herz du betreten hast, vernichtet.“ (Als Antwort auf die Frage des Jägers erwiderte der Weise:) Die Ursache des Feuers war nur die Bewegung der Gedanken im Bewusstsein – so wie die 690
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    Ursache für dieErscheinung der Welt die Bewegung von Gedanken im unend- lichen Bewusstsein und die Bewegung von Gedanken im Bewusstsein von Brahmā dem Schöpfer ist. DER ASKET fuhr fort: Als dann während eures Schlafes eure beiden Körper vom großen Feuer VI.2:151, 152 zerstört waren, fuhret ihr fort, als bloßes Bewusstsein zu vibrieren. Da der Körper zum „ojas“ gehört und die beiden Körper zusammen mit den „ojas“ zerstört worden waren, konntest du keinen Ausgang mehr finden. Da du die beiden Körper nicht finden konntest, existierst du nun in dieser „Welt“. So hat sich also dein Traum zu einer Realität des Wachzustandes materialisiert. Wir alle hier sind deine Traumobjekte. Du selbst bist unser Traumobjekt. Das, in dem all dies geschieht, ist das reine Bewusstsein (cidākāÁa), welches immer überall existiert. Du warst auch früher ein Traumobjekt. Da du jedoch die Überzeugung gewonnen hattest, das dies die Welt des Wachzustandes sei, wurdest du zu einem Familienvater mit einer Familie und Verwandten usw. Damit habe ich dir nun alles mitgeteilt, was geschehen ist. DER WEISE sprach: Wenn dies die Natur des Traumes sein soll, dann kommt er mir aber sehr real vor. DER ASKET erwiderte: Wenn das Reale ins Dasein zu treten vermag, ist es auch möglich, anderes für real zu halten. Wenn die Realität des Ersteren selbst zweifelhaft geworden ist, kann man die Realität des Letzteren auch nicht mehr bestätigen! Anderer- seits ist sogar die ursprüngliche Schöpfung wie ein Traum. Sie ist nur eine illusorische Erscheinung. Zwar enthält sie keine Erde und alles andere, er- scheint aber so, als hätte sie eine Erde usw. Oh Lehrer des Jägers! Die ur- sprüngliche traumartige Schöpfung der Welt und auch der Traum, den wir jetzt erfahren, sind beide irreal. Der gegenwärtige Traum hat als seine Objek- te diejenigen, die früher gesehen worden sind, und die traumartige Schöp- fung taucht im Raum auf, als wäre sie zuvor schon gesehen worden. Weshalb sagst du daher so unsicher und wie im Zweifel: „Der Traum kommt mir real vor“? Wenn du diese Welt doch als etwas Reales erfährst, kann doch auch kein Zweifel bezüglich ihrer Realität auftauchen.“ DER WEISE sprach (zum Jäger): Ich unterbrach die Erklärungen des Asketen und fragte ihn: „Wie und wes- halb beziehst du dich auf mich als den Lehrer des Jägers?“ DER ASKET erwiderte: Höre, ich werde dir nun erzählen, was in der Zukunft geschehen wird. Ich bin ein Asket mit einer lang andauernden Praxis der Askese. Du bist eine rechtschaffene Person. Wenn du daher dieser Wahrheit lauschst, wirst du glücklich werden. Du und ich – wir werden hier bleiben. Ich werde dich nicht verlassen. 691
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    Nach einigen Jahrenwird es hier eine große Hungersnot geben. Durch sie werden alle deine Verwandten umkommen. All die lasterhaften Könige wer- den dann Krieg gegeneinander führen und dabei alles vernichten. Wir selbst sollten jedoch keinerlei Gram empfinden, da wir Kenner der Wahrheit sind und unangehaftet (frei von) an alles leben. Wir werden hier am Fuße eines Baumes weiterleben. Im Verlaufe der Zeit wird hier ein sehr schöner Wald heranwachsen. Dieser Wald wird den Lustgärten gleichen, die es in Fülle in den Himmeln gibt. DER WEISE fuhr fort: VI.2:153, 154 Der Asket sagte: „Wir beide werden dann in jenem Wald eine lange Zeit hindurch unseren Askesepraktiken nachgehen. Eines Tages wird ein Jäger auf der Suche nach Wildbret in den Wald kommen. Diesen wirst du dann mit deinen Geschichten und Gesprächen erleuchten. Auch er wird dann der Welt entsagen und sich in dem nämlichen Wald Askesepraktiken widmen. Er wird dir auf der Suche nach Selbsterkenntnis Fragen nach den Träumen stellen. Du selber wirst Gespräche über Selbsterkenntnis mit ihm führen. So wirst du zu seinem Guru werden, und das ist der Grund, weshalb ich dich den Guru des Jägers nannte. Ich habe dir damit alles über mich selbst und dich und deine zukünftigen Erlebnisse erzählt.“ Ich war erstaunt, all dies zu vernehmen. Der Asket blieb auch weiterhin im Hause und ich fuhr fort, ihn hingebungsvoll zu verehren und zu dienen. Ich blieb hier wie ein Berg, der verschiedene Erfahrungen macht. Weder wünsch- te ich mir den Tod noch wünschte ich zu leben. Ich bin was ich bin – frei von aller mentalen Erregung. Schließlich begann ich die Natur der objektiven Welt zu erforschen. Ich fragte mich, was die Ursache dieser Welt ist, was die Welt selbst ausmacht und wer ihrer gewahr ist. Gewiss existiert nur dieses eine, unendliche Be- wusstsein allein. Das Firmament, der Erde, die Luft und der Raum, die Berge, Flüsse und die Himmelsrichtungen sind nichts anderes als dasselbe, unter- teilbare (raumartige) Bewusstsein. Alle diese Dinge existieren als Ideen in diesem Bewusstsein. Daher gibt es in diesem keinerlei Getrenntheit oder Widersprüchlichkeit. Weder sind dies hier Berge noch ist dies die Erde noch der Weltraum. Dies ist ebenfalls kein „ich“. All dieses sind bloße Erscheinun- gen, die im reinen Bewusstsein auftauchen. Worin besteht die Ursache der Erscheinung dieses Körpers, da doch nichts ohne eine Ursache auftauchen kann? Falls man meint, dies sei eine Täu- schung, dann muss man zurückfragen, worin denn die Ursache dieser Täu- schung besteht? Wer ist derjenige, der diese Täuschung sieht und darüber nachdenkt? Derjenige, in dessen Herzen ich als der Erfahrende gelebt habe, wurde zusammen mit mir zu Asche verbrannt. Folglich existiere ich in reinem Bewusstsein, das frei von Tätigkeit, vom Täter und den Instrumenten des Handelns ist. Was existiert, ist nicht einmal die Erscheinung des unendlichen Bewusstseins, sondern nur reines Bewusstsein als solches. Wie konnte dieses zu einer Erscheinung werden? Wer ist der Seher dieser Erscheinung? 692
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    Ich lebe alsoin dieser objektiven Welt ohne jede mentale Unruhe weiter; ohne Festhalten oder Abhängigkeit und ohne Eitelkeiten. Ich tue, was im passenden Moment zu tun ist, während ich in Wahrheit nichts tue. Was ge- schieht, geschieht. Der Himmel, die Erde, der Wind usw. sind nichts als das eine Selbst; sämtliche Elemente sind der Körper des Bewusstseins. Ich bin im Frieden und frei von Verboten und Geboten und ohne jede Getrenntheit zwi- schen innen und außen. Während ich so lebte, tratest du aufgrund einer Koin- zidenz an mich heran. Daher habe ich dir alles über Träume, über uns und über diese Schöpfung erzählt. Sei nun in diesem Wissen im Frieden. Nirvāïa wird von selbst kommen oder gar nicht. DER JÄGER sprach: In diesem Fall werden wir wohl alle unwirklich werden! DER WEISE fuhr fort: Wahr ist, dass alle diese Wesen sich gegenseitig als real ansehen. In dem Maße, wie sie einander wahrnehmen, erfahren sie einander auch. Du hast dies alles nun gehört, ruhst aber immer noch nicht in der Wahrheit. Nur durch beständige Praxis wird diese Wahrheit vollständig gefestigt. DER FEUERGOTT sprach: Nachdem er die Unterweisungen des Weisen angehört hatte, blieb der Jäger VI.2:155 wie ein gemaltes Bild in eben diesem Wald sitzen. Da er sich jedoch nicht mit der beständigen Praxis der Unterweisungen befasst hatte, war sein Herz noch nicht vollkommen im höchsten Zustand verankert. Anstelle dessen wurde er wie die Schaumkronen der Wellen oder wie auf einem Karussell umher ge- schleudert. Er fühlte sich hilflos – als würde er von einem Krokodil angegrif- fen und wüsste nicht, wie er sich verteidigen sollte. Er war voller Zweifel. Ständig fragte er sich: „Ist dies jetzt nirvāïa?“ oder „vielleicht ist die gar nicht nirvāïa – vielleicht ist etwas anderes nirvāïa“. Er dachte: „Die Unterweisung dieses Weisen ist noch nicht tief in meinem Herzen verwurzelt, weil diese Welterscheinung in der Unwissenheit aufgetaucht ist. Ich sollte mich daher von ihr entfernen. Ich sollte durch die Ausübung von Entsagungspraktiken einen subtilen Leib erlangen und mich damit weit, weit weg an einen Ort begeben, wo nicht einmal der Raum existiert.“ Damit bewies er, dass er noch gänzlich unwissend war und die Lehren des Weisen, die nicht assimiliert und nicht in ihm lebendig wurden, sich für ihn als nutzlos erwiesen. Er gab die Jagd auf. Vom Weisen begleitet, begann er mit der Aufnahme von intensiven Bußübungen. Er nahm die Lebensgewohnheiten der Asketen an und setzte seine Entsagungspraktiken noch viele tausend Jahre lang fort. Eines Tages stellte er dem Weisen die folgende Frage erneut: „Wie kann ich jemals im Selbst zur Ruhe kommen?“ DER WEISE erwiderte: Die Weisheiten, die ich dir erteilt habe, haben wie schwach glimmendes Feuer, das wie schlafend in einem abgestorbenen Baumstumpf wohnt, nur wenig in deinem Herzen Fuß gefasst. Das Feuer war nicht fähig, die Unwis- 693
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    senheit zu verbrennenund zu vernichten. Du bist nicht im Höchsten Herrn verankert, weil du die Unterweisung nicht assimiliert hast und diese nicht lebendig in dir geworden ist. Sobald du daher die Unterweisung assimilierst und diese daraufhin lebendig wird, wirst du gewiss die Verankerung im Höchsten Herrn erlangen. Ich werde dir nun von den künftigen Ereignissen erzählen. Höre bitte zu. Du hast Sicherheit in dem Bestreben, nach der Selbsterkenntnis zu verlan- gen, erworben, aber du hast noch keinen sicheren Halt in der Tiefe der Weis- heit gefunden. Daher schwingst du nun wie ein Pendel hin und her. Du möch- test gern aus dieser Welterscheinung austreten, möchtest aber zu diesem Zweck zuvor das Ausmaß dieser Welterscheinung ausmessen. Um darin zu Gewissheit zu gelangen, gehst du den Bußübungen nach. Du wirst diese Buß- übungen wohl noch mehrere Weltzyklen lang fortsetzen. Dann schließlich wird der Höchste Herr vor dir erscheinen; erfreut von deiner Buße. Dann wirst du ihn um die folgende Gunst bitten: „Höchster Herr, ich verstehe, dass dieses ganze Universum der Unwissen- heit entsprungen ist. Ich vermag die reine und transparente Erkenntnis des Selbst nicht zu erlangen. Was ist das Ende dieser Welterscheinung und was befindet sich jenseits davon? Um eine Antwort auf diese Frage zu finden, bitte ich dich, mir die folgenden Gnadenerweise zu schenken: Befiehl, dass ich nur dann sterbe, wenn ich dies wünsche. Möge mein Kör- per frei von allen Krankheiten sein. Möge ich die Schnelligkeit von Garu¬a verliehen bekommen. Möge ich fähig werden, den Raum ohne Hindernis zu durchqueren. Möge mein Körper eine Meile hoch pro Stunde wachsen, so dass ich schon bald größer als diese Welt sein werde. Auf diese Weise werde ich das Ausmaß dieser Schöpfung ermessen können.“ Der Höchste Herr erwies ihm diese Gnaden und verschwand außer Sicht- weise. DER WEISE fuhr fort: Nachdem dich der Höchste Herr verlassen haben wird, wirst du deine Buß- übungen fortsetzen. Dein Körper wird während dieser Zeit zu einem Skelett abmagern, aber dann aufgrund der Gnadenerweise strahlend werden. Du wirst dich vor mir verbeugen und schon bald wird dein Körper göttlich wer- den. Er wird schneller als Garu¬a „umherfliegen“, ständig an Größe zuneh- men und in sich die himmlischen Körper enthalten. In diesem ständig größer werdenden Körper wirst du die zahllosen Universen wie ebenso viele Wellen auf dem Ozean sehen. So wie zu Beginn alle diese Universen im unendlichen Bewusstsein aufgetaucht sind, so werden zu diesem Zeitpunkt diese Univer- sen in die Sphäre deines Sichtfeldes eintreten. Dann wirst du zu erkennen vermögen, wie all dieses in der Sichtweise des Unwissenden unwirklich und vielfältig, aber für den Erleuchteten real und unteilbar ist. Du wirst eine sehr, sehr lange Zeit damit zubringen, diesem abwechselnden Auftauchen und Untergehen dieser zahllosen Universen zuzuschauen. Dann 694
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    wirst du vonVerehrung für diese unendliche Intelligenz erfüllt sein. Du wirst dir deines eigenen Körpers bewusst werden und dir sagen: „Was ist dieser jämmerliche Körper schon – so riesengroß und schwer? Da ich mit ihm in- zwischen den gesamten Raum erfülle, hat er enorme Dimensionen ange- nommen. Was soll ich denn nun noch damit anfangen? Ich weiß es selbst nicht! Es kommt mir so vor, als wäre diese Unwissenheit (und die Welter- scheinung) wahrhaftig unermesslich. Ohne eine direkte Erkenntnis des Brahman kann sie überhaupt nicht ermessen werden. Ich werde diesen Kör- per aufgeben, der völlig nutzlos geworden ist. Dieser mein Körper ist zwar nun riesig und stützenlos geworden, aber damit vermag ich jetzt nicht mehr die Gemeinschaft mit den erleuchteten Weisen zu erlangen.“ Nachdem du dich so entschieden haben wirst, wirst du deinen Körper auf- geben. Dein nur noch mit der Lebenskraft (prāïa) versehener jīva wird noch subtiler als Luft werden. Der Körper, vom jīva aufgegeben, wird (kleiner ge- worden) umfallen und durch sein schieres Gewicht und seine Größe die Erde usw. zerschmettern. Die Göttin namens „Trockenheit“ wird diesen Körper verzehren und so die Erde reinigen. Damit habe ich dir erzählt, was die Zu- kunft für dich bereit hält. DER JÄGER fragte: Hoher Herr, wie schreckenerregend sind die Kümmernisse, die mir ohne allen Nutzen auferlegt worden sind. Gibt es ein Mittel, mit dem dieses Schick- sal abgewendet werden kann? DER WEISE sprach: Was unvermeidlich ist, kann von niemandem zu irgendeiner Zeit abgewen- det werden. Keine Mühe ist groß genug, um dies abzuwenden. Der rechte Arm ist der rechte und der linke der linke – niemand vermag diese Tatsache auf- zuheben. Kopf und Fuß können sich nicht gegenseitig ersetzen. Was ist, ist. Sogar die Wissenschaft der Astrologie vermag nur das vorherzusagen, was kommen wird, aber nicht abzuwenden, was unvermeidbar geschehen wird. Und doch leben die Weisen der Selbsterkenntnis wie tief Schlafende in dieser Welt. Sie erfahren die Ergebnisse der vergangenen Handlungen, erlauben jedoch dem inneren Bewusstsein nicht, aufgrund dessen jemals Verdrehtheiten zu entwickeln – auch nicht, wenn der Körper verbrannt wer- den würde. Sie überwinden sämtliche karmas. DER JÄGER fragte: Hoher Herr, bitte teile mir mit, was mit mir danach ge- schehen wird. VI.2:156 DER WEISE erwiderte: Dein jīva wird dann die gesamte Welt so gewahren, wie du die Welt in dei- nen Träumen gewahrst. Dann wird er sich selbst für einen König halten. Er wird glauben: „Ich bin der König Sindhu, der weithin respektiert wird. Mein Vater hatte sich in den Wald zurückgezogen. Daraufhin wurde ich mit nur acht Jahren König. Jenseits der Grenzen meines Königreiches gibt es ein ande- res, das von dem mächtigen König VidÆratha regiert wird, der schwer zu 695
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    überwinden ist... Bisheute habe ich dieses Königreich für mehr als hundert Jahre regiert und alle königlichen Freuden genossen. Oh weh, nun wird mein Königreich von König VidÆratha erobert.“ Aufgrund dieses Gedankens wird eine hitzige Schlacht zwischen dir und dem König VidÆratha entbrennen. Du wirst VidÆratha töten. Danach wirst du zum König der gesamten Welt wer- den. Umgeben von Ministern wirst du die folgenden Gespräche führen: Der MINISTER wird folgendes zu dir sagen: Es ist ein Wunder, oh König, dass du in der Lage warst, diesen König VidÆratha zu überwinden. DU wirst dann antworten: Ich bin reich und mächtig – weshalb erachtest du es als ein Wunder, dass ich VidÆratha zu überwinden vermochte? Der MINISTER wird antworten: Er hat eine Frau namens Līlā, die aufgrund ihrer Askese und Hingabe die Göttin Sarasvatī günstig stimmen konnte. Die Göttin hat Līlā als Tochter adoptiert und alle ihre Gebete erhört. Es wäre für sie nicht schwer gewesen, dich zu vernichten. DU wirst sagen: In diesem Fall war es in der Tat ein großes Wunder, dass ich VidÆratha zu bezwingen ver- mochte. Sage mir, weshalb VidÆratha mich nicht mit Hilfe der Göttin zu besie- gen versucht hat? Der MINISTER wird sagen: Er hatte um Befreiung von Bindung und saæsāra gebeten und aufgrund dessen geradezu danach verlangt, von dir getötet zu werden. DU wirst antworten: Weshalb sollte ich in diesem Fall nicht die Göttin verehren und um Befreiung bitten? Der MINISTER wird sagen: Sie ist die Weisheit, die in aller Herzen leuchtet. Da sie die Essenz (rasa) des Geistes in allen ist, wird sie Sarasvatī genannt. Sie verleiht allen unverzüglich alles, worum sie bitten, weil sie das Selbst aller ist. Daher erfährt man die Früchte seines eigenen Gebetes. Du hast nicht um Befreiung gebeten, sondern um die Vernichtung deines Feindes. DU wirst sagen: Weshalb habe ich nicht um Befreiung gebeten? Du sagtest, dass sie in meinem eigenen Herzen wohne – weshalb hat sie mich nicht dazu inspiriert, um Befreiung zu bitten? Der MINISTER wird sagen: Dies geschah nicht, weil in deinem Herzen die unreine Gewohnheit eines Wunsches nach der Vernichtung deiner Feinde wohnte. Daher hast du nicht um Befreiung, sondern um Vernichtung der Feinde gebeten. Was immer das citta (Gemüt, Herz) ist, das ist ein Wesen – dies ist sogar die Erfahrung von Kindern. Was immer einer in seinem eigenen Herzen weiß und was immer einer wieder und wieder in seinem Herzen erfährt, das wird zu einer Gewohnheit und materialisiert sich, sei es nun gut oder schlecht. DER WEISE fuhr fort: VI.2:157 DU wirst sagen: Was habe ich in meiner früheren Geburt wohl getan, dass ich einer solch üblen Gewohnheit ausgeliefert bin? Der MINISTER wird sagen: Ich werde dir dieses Geheimnis enthüllen. Es gibt da etwas, was ohne einen Anfang und ohne ein Ende existiert, als das „ich“ und das „du“ usw., und das Brahman genannt wird. Dieses Brahman wurde zu seinem eigenen Objekt des Gewahrseins und folglich zum jīva und dann zum Gemüt. Dieser subtile psy- 696
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    chologische bzw. ätherischeKörper verdichtete sich schließlich zu einem physischen Körper. Er ist nichts als das Gemüt, welches keinerlei Form be- sitzt, aber so existiert, als hätte es eine solche (nämlich den Körper). Das Gemüt allein ist diese Welt – einen Unterschied zwischen den beiden gibt es nicht. In Brahman taucht ursprünglich nur Satva (die reinste Form des Ge- müts) auf, das dann extrem dicht und trübe (tāmasa-tāmasa) wurde. DU wirst sagen: Worin besteht dieses tāmasa-tāmasa und wie konnte es in diesem höchsten Zustand auftauchen? Der MINISTER wird sagen: Die Lebe- wesen hier haben verschiedene Gliedmaßen. Auch das subtile Selbst bzw. Bewusstsein besitzt sozusagen Gliedmaßen, nämlich den subtilen, ätheri- schen Leib. Dieser hält sich selbst für einen groben Körper bestehend aus physischen Elementen wie beispielsweise Erde. Er ist in dieser Welterschei- nung, die in demselben Bewusstsein wie in einem Traum auftaucht, mit der Hilfe seiner eigenen Ideenbildungen tätig. Du selbst unterhältst in deinem eigenen, ätherischen Körper die Idee: „Dies ist die finsterste Finsternis“, wo- raufhin diese Idee dann geboren wird. Alle diese Vielfalten existieren in Brahman, obgleich dieses absolut rein ist. Die erste Idee, die in Brahman auftaucht, sobald es zum jīva wird, wird von der buddhi (Intelligenz) als vollkommene Reinheit (sātvika-sātvika) erfahren. Wenn diese in den Lebensstrom eintritt und mit edlen Qualitäten ausgestattet ist, wird sie als reine sātvika-Geburt bezeichnet. Die Geburt, die im Lebens- strom auftaucht und dazu bestimmt ist, den verschiedenen Erfahrungen von Vergnügen unterzogen zu werden, sich dabei aber in Richtung der Befreiung bewegt, wird rājasa-rāsaja genannt. Wenn diese Geburt im Lebensstrom auftaucht und keinerlei edle Qualitäten besitzt, wird sie einfaches rājasa genannt. Wenn sich das Lebewesen dann sehr lange Zeit hindurch im Lebens- strom aufgehalten und sich gerade erst in die Richtung der Befreiung gewen- det hat, spricht man von tāmasa-tāmasa. Die gewöhnliche Geburt, die das Ergebnis mehrerer aufeinanderfolgender Geburten, die sich um Befreiung bemüht haben, ist, wird einfaches tāmasa genannt. Es gibt daher in diesem Sinne zahlreiche verschiedene Klassifikationen von Geburten. Du selber wurdest in der Klasse tāmasa-tāmasa geboren. Du hast wie ich auch bereits viele Geburten erlebt. Ich kenne diese, du jedoch nicht. Indem du in all diesen Geburten umhergewandert bist, hast du viel Zeit ver- schwendet. Weil du jedoch so stark konditioniert warst, vermochtest du dich nicht selbst zu befreien. DU wirst sagen: Wie kann ich nun die Wirkungen dieser vergangenen Le- ben überwinden? Der MINISTER wird sagen: Es gibt nichts, was einer, der ohne mentale Unruhe ist, nicht erreichen könnte. Die bösen Taten von gestern werden durch die noblen Taten von heute in gute Handlungen verwandelt. Strebe daher danach, gut zu sein und tue Gutes. Man strebt nach dem, was man zu erlangen wünscht – gewiss wird man sein Ziel dann auch irgendwann erreichen. 697
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    Nachdem König Sindhuso vom Minister beraten worden ist, wird er unver- züglich seinem Königtum entsagen und sich in einen Wald zurückziehen. Er wird Zuflucht zu den Füßen eines Heiligen nehmen. Aufgrund ihrer Gemein- schaft wird er dann die höchste Weisheit erlangen und befreit werden. DER FEUERGOTT fuhr fort: VI.2:158, 159 Der Jäger hörte all dies von dem Weisen und war von Staunen erfüllt. Der Jäger und der Weise setzten ihre Entsagungspraktiken fort. Etwas später erlangte der Weise nirvāïa und gab seinen Körper auf. Nach einer sehr lan- gen Zeit erschien Brahmā der Schöpfer vor dem Jäger, um diesem eine Gunst zu erweisen. Der Jäger war nicht in der Lage, die natürlichen Zwänge seiner eigenen mentalen Konditionierung abzuwenden, obwohl er sich der Prophe- zeiung des Weisen bewusst war. Aus diesem Grunde bat er um eben die Gunsterweise, die sich aus seiner Konditionierung ergaben. Als Resultat des Gunsterweises begann der Körper des Jägers zu expandie- ren und kosmische Proportionen anzunehmen. Als er trotz all dieser Mög- lichkeiten die Grenzen der Unwissenheit immer noch nicht auszuloten ver- mochte, wurde er bestürzt und beunruhigt. Er gab mit der Hilfe des mysteriö- sen Vorgangs des Aufhörens des prāïa seinen Körper auf, der daraufhin im Raum stürzte. Er selbst verblieb im Raum und betrachte sich selbst fortan als den König Sindhu. Der Körper tauchte oberhalb einer gewissen Welterscheinung in diesem Universum auf und besaß die Gestalt eines Haarballes. Er war groß genug, um die gesamte Erde bedecken zu können. Oh VipaÁcit – so habe ich dir nun die Identität dieses Körpers beschrieben. Diese Welterscheinung, auf die der Körper niedergestürzt ist, ist unsere Welt, so wie sie uns erscheint. Nach dem Verzehr des Blutes dieses Körpers schwoll der ausgetrocknete Leib der Göttin an. Sie wurde dann als Caï¬ikā bekannt. Das Fleisch dieses Körpers wurde zum Erdelement. Im Verlaufe der Zeit dann nahm die Welt ihre gegenwärtige Gestalt als die Erde an. Aufs Neue wurde die Erde von Lebewesen bevölkert und mit Urwäldern, Dörfern und Städten bedeckt. Die Erde ist nun wieder solide und fest. Oh guter Mann – gehe nun, wohin es dir beliebt. Von Indra, dem Oberhaupt der Götter, der einen heiligen Ritus ausführen möchte, wurde ich in das Königreich der Himmel eingeladen. Da- hin werde ich mich begeben. BHĀSA (VIPAÁCIT) sagte: Nachdem er so gesprochen hatte, entschwand der Feuergott außer Sicht- weite. Ich ging dann meiner Wege und meinen Aufgaben nach, zusammen mit all der psychologischen Konditionierung in meinem Gemüt. Wieder erblickte ich im unendlichen Raum die zahllosen Welten und Uni- versen. Einige von ihnen waren wie Sonnenschirme, andere wie Tiere, man- che waren voller Bäume, andere voller Felsen. Jedoch hatte ich das Ende der Unwissenheit, ihre Grenze, noch nicht erlangt, und daher war ich unruhig und 698
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    niedergeschlagen. Ich entschiedmich daher dafür, Bußübungen aufzuneh- men. Indra, der dies bemerkt hatte, sprach zu mir: „Oh VipaÁcit, im Raum haben du und ich den Leib eines Hirschs. Aufgrund der irreführenden Idee eines Himmels, die sich zuvor in mir befand, wanderte ich im Himmel umher.“ Nachdem ich dies vernommen hatte, sagte ich zu Indra: „Oh König des Him- mels, ich bin dieses saæsāra leid. Erlöse mich gnädig und rasch von diesem saæsāra.“ INDRA sprach zu VipaÁcit: Dein Bewusstsein wandert noch bei den Hirschtieren umher. Daher sehe ich, dass eine Geburt als ein Hirsch unvermeidlich ist. Als Hirsch wirst du an dieser großen Versammlung teilnehmen, auf der du deine eigene Geschichte erfahren und dadurch die Erweckung erlangen wirst. Sobald du dann in das Feuer der Weisheit eintrittst, wirst du menschliche Gestalt und auch das spirituelle Aufblühen in deinem Herzen erlangen. Dann wirst du fähig sein, die Unwissenheit aufzugeben und wie unbewegter Wind den äußersten Frie- den wiederzugewinnen. VIPAÁCIT (BHĀSA) sagte: Nachdem Indra so gesprochen hatte, entstand das Bewusstsein „ich bin ein Hirsch“ in mir. Seit diesem Zeitpunkt bin ich in den Wäldern als ein Hirsch umhergewandert. Als ein Jäger mich einmal zu verfolgen begann, lief ich davon. Er überwältigte mich jedoch und nahm mich mit nach Hause. Dort hielt er mich einige Tage lang fest und brachte mich dann als Haustier zu dir. Damit habe ich dir nun meine Geschichte erzählt, oh Rāma, die ganz klar die illusorische Natur dieses saæsāra verbildlicht. Wahrhaftig grenzenlos ist diese Unwissenheit, die ihre zahllosen Zweige in alle Richtungen streckt. Sie kann durch ein anderes Mittel als die Selbsterkenntnis nicht ans Ende gelan- gen. RĀMA fragte: Wie war es für dich möglich, dich für andere sichtbar zu machen, als deine Gestalt in deinem saÇkalpa auftauchte? VIPAÁCIT (BHĀSA) fuhr fort: Einmal, als Indra den Himmel durchquerte und voller Stolz auf ein erfolg- reich durchgeführtes heiliges Ritual war, stieß er versehentlich den Körper des Weisen Durvāsa an, der in Meditation war. Der Weise verfluchte ihn: „Oh Indra, diese Erde, die die aufsuchst, wird schon bald zu einem Nichts werden. Weil du mich angestoßen hast in dem Glauben, ich sei tot, wirst du schon bald zu eben dieser Erde niedergehen und dort so lange als ein Hirsch leben, wie VipaÁcit dort als Hirsch lebt.“ So wurden wir zu Hirschen, die einander zu sehen vermochten. Natürlich ist ein im eigenen Verstand auftauchendes Objekt so unwirklich wie das in jemand anderes auftauchende Objekt. Noch einmal: Da Brahman, das unend- liche Bewusstsein, all dieses ist und fähig, alles zu erreichen und zu bewirken, 699
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    ist für ihnauch nichts unmöglich. Aufgrund seiner Allmacht kann es gesche- hen, dass zwei eingebildete Objekte einander zu gewahren vermögen oder auch nicht. Wo es Schatten gibt, gibt es auch Licht, der Schatten entsteht aufgrund des Lichts. Im unendlichen Bewusstsein existiert die grenzenlose Unwissenheit – daher ist auch alles in ihm möglich. Seltsam und wunderbar ist diese Māyā, die verblüfft und die Täuschung im Verstand hervorruft, in der These und Antithese einträchtig nebeneinander ohne Konflikt oder Wider- spruch existieren. Darin besteht diese Wahrheit über Brahman, das die Un- wissenheit innerhalb von sich selbst erfährt, nämlich darin, dass da etwas existiert, was einen Anfang und gleichzeitig überhaupt keinen Anfang gehabt hat. Wie sollte es dem unendlichen Bewusstsein möglich sein, nach der Periode der kosmischen Auflösung die drei Welten neuerlich zu erschaffen, wenn diese nicht bloße Materialisationen von Ideen waren, die im unendlichen Bewusstsein erschienen sind? Folglich ist klar, dass diese Schöpfung nicht mehr als eine Bewegung innerhalb des unendlichen Bewusstseins und das Auftauchen der latent in diesem liegenden Erscheinung ist. VIPAÁCIT (BHĀSA) fuhr fort: Der Weise weiß, dass vom Gesichtspunkt der reinen Weisheit aus alle Dinge sofort und richtig verstanden werden – anders wäre dieses nicht möglich. Diese Welterscheinung ist das Ergebnis des unendlichen Bewusstseins, wel- ches die Idee „ich bin unwissend“ unterhält (sogar die Unwissenheit taucht daher nur aufgrund des unendlichen Bewusstseins auf). Weder wird hier irgendjemand sterben noch wurde jemals jemand geboren – beide Ideen tauchen im Bewusstsein auf und geben sich den Anschein, als seien Geburt und Tod etwas Reales. Falls der Tod das letztgültige und wahr- heitsgemäße Ende bedeuten sollte, dann wäre er in der Tat ein höchstwill- kommenes und glückliches Ereignis! Falls jemand, der gestorben ist, jedoch auch danach immer noch gesehen werden sollte, dann ist es wohl offensicht- lich, dass er in Wahrheit immer gelebt hat und leben wird. Folglich gibt es keinen Tod und aus demselben Grunde auch keine Geburt. Beide Ereignisse erscheinen aufgrund der Bewegung im Bewusstsein als real und wären an- dernfalls irreal. Wenn man sie für real hält, sind sie auch real; kennt man sie dagegen als irreal, sind sie irreal. Dies bedeutet, dass allein das Denken daran real ist. Sage mir doch, ob es da irgendein Leben ohne Bewusstsein geben kann? In diesem reinen Bewusstsein gibt es weder Kummer noch Tod. Wer sollte dann also Kummer erfahren? Wer stirbt? Was der Strudel für das Was- ser ist, ist der Körper für die höchste Wahrheit. Die Erscheinung wird von der Realität durchdrungen, während die Erscheinung selbst nur eine Erscheinung ist und keinerlei eigene Substanzialität besitzt. Es gibt da keine Getrenntheit, Unterschiede oder Widersprüche zwischen den beiden. Und doch scheint das unendliche Bewusstsein in dieser Schöpfung voller Widersprüchlichkeit zu sein – in der Tat ist dies ein großes Wunder! 700
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    Erkenne, dass dieseWelterscheinung mit all ihren Widersprüchen nicht mehr als eine inexistente Erscheinung ist. Nur dieses unendliche und unteil- bare Bewusstsein allein existiert als das eine Ding hier und als ein anderes Ding anderswo. Es gibt daher weder Vielfalt noch überhaupt Einheit. Weder gibt es da eine Widersprüchlichkeit noch eine Nicht-Widersprüchlichkeit. Diejenigen, die die Wahrheit kennen, realisieren, dass dies weder real noch irreal ist – sie betrachten als die Wahrheit daher die gänzliche Stille. Was man hier als das objektive Universum sieht, ist in Wahrheit das Höchste Brahman. Nur dieses Brahman ist es, welches verschiedene Ideen unterhält, die sich dann wiederum hier als diese verschiedenen Objekte manifestieren. Jedoch gibt es in dem, was diese Ideen unterhält, keinerlei Getrenntheit – Getrenntheit ist daher unwirklich. Jeder Zoll des Raumes ist mit den Schöpfungen „toter“ jīvas angefüllt. Diese Welten sind zahllos. Sie sind unsichtbar. Alle existieren zusammen, ohne einander zu widersprechen oder miteinander zusammenzustoßen. Sie sehen sich gegenseitig nicht. Alle diese Objekte der Wahrnehmung sind nichts als reiner Raum. Nur Bewusstsein allein ist der Wahrnehmer bzw. Beobachter von allem; Bewusstsein durchdringt diese Objekte im Raum so, wie man ein Objekt im Traum sieht. Auch wenn dieses Bewusstsein völlig erwacht und erleuchtet sein mag, hält die Erscheinung seines Objekts an, wie die Finster- nis bis zur Morgendämmerung anhält. Aber ob die Welterscheinung nun real oder irreal ist – sobald die Wahrheit realisiert wurde, gibt es da einen großen Frieden. So wie Wogen und Schaum auf der Oberfläche des Ozeans auftau- chen, eine Zeitlang zu existieren scheinen und sich dann in der nächsten Minute wieder mit dem Ozean vermischen, so erscheint diese Welt in Brah- man und hört als solche im nächsten Moment wieder auf, denn nur Brahman ist real. VùLMýKI sagte: VI.2:160 Der König DaÁaratha traf die angemessenen Vorkehrungen für die Versor- gung von VipaÁcit. Inzwischen war ein weiterer Tag zu Ende gegangen. Am nächsten Tag trafen die Teilnehmer der Versammlung erneut zusammen und DER WEISE fuhr fort: Gewiss ist das hier Gesehene keine Unwissenheit. Das war der Grund, wes- halb VipaÁcit ihre Grenzen bzw. ihr Ausmaß nicht feststellen konnte. Die Un- wissenheit existiert nur so lange, wie sie als solche nicht recht verstanden worden ist. Sobald ihre Realität erkannt wurde, wird ebenfalls erkannt, dass es da niemals „Wasser in der Luftspiegelung“ gegeben hat. Du selbst hast all dies mit deinen eigenen Augen gesehen und mit deinen eigenen Ohren von den Lippen dieses VipaÁcit (bzw. Bhāsa) vernommen. Auch er wird wie ihr alle hier erleuchtet werden, sobald er unseren Diskurs angehört hat. Sobald Brahman am Gewahrsein der Unwissenheit festhält, erscheint diese Unwissenheit als wirklich. Aufgrund dieser Täuschung erscheint dann das Unwirkliche als wirklich. Sobald erkannt wird, dass diese Unwissenheit 701
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    Brahman ist, wirdsie gleichzeitig als nicht unterschieden von Brahman er- kannt – dann verschwindet diese Vielfalt. Diese Unwissenheit lässt die faszinierendsten Objekte auftauchen, obgleich sie in sich selbst ein Nichts ist. Wer sich aufmacht, um die Grenzen der Träu- me zu erkunden, stellt schon bald fest, dass sie keine Grenze besitzen. Wer sich aufmacht, um die Grenzen dieser in der Unwissenheit auftauchenden Welterscheinung zu erkunden, entdeckt schon bald, dass auch sie keine hat. Die Objekte, die sich aufgrund von im Bewusstsein auftauchenden Ideen materialisiert haben und vom Wahrnehmenden dieser Ideen aufgegeben wurden, nur um daraufhin neue Ideen zu unterhalten, existieren im Raum als die Welten der siddhas – unbewusst der Existenz der jeweils anderen. Diese Welten haben verschiedene Naturen und werden von den unterschiedlichs- ten Kreaturen bewohnt. Da es jedoch nichts anderes als Brahman gibt, sind alle diese ebenfalls von Brahman erfüllt. Gleich zu Beginn der Schöpfung gab es keinerlei Ursache und daher auch überhaupt keine Schöpfung. Das unend- liche Bewusstsein ersann unendliche Ideen, die sich dort materialisierten, wo diese Ideen auftauchten. Was sollte daran erstaunlich sein? Sogar jetzt seid ihr und alle anderen die Erscheinungen, wie sie aufgrund der Existenz inten- siver Ideen, die mit einer enormen Kraft der Konzentration ausgestattet wa- ren, erzeugt worden sind. Wer zwei Dinge (wie diese Welt und den Himmel) als real erachtet, erlangt beide. Manche siddhas betrachten auch die Hölle als real, die dann auch als real erscheint. Was von einer Person nachdrücklich als existierend gedacht wird, wird von dieser dann auch physisch erfahren, denn der Körper ist nichts anderes als das Gemüt. Der jīva gibt beim Verlassen des Körpers einen bestimmten Zustand auf und hegt dann weitere Ideen über einen anderen Zustand. Falls diese Idee gut ist, erfährt er eine gute Welt; ist sie böse, erfährt er eine böse Welt. Wenn er sich die Welt der siddhas denkt, erfährt er diese; hat er unreine Gedanken, dann erfährt er unverzüglich die Hölle. In der Hölle erfährt der jīva verschiedene Leiden und Qualen, wie etwa das Getroffenwerden von Pfeilen, das Hämmern der Brust durch Felsen, die Um- armung einer rotglühenden Säule, das Verbrennen bei lebendigem Leibe, das Aufessen der Körper anderer wegen Hunger, das Schwimmen in Strömen von Blut und Eiter sowie das Gefühl von: „Diese böse Tat hat zu diesen bösen Erfahrungen geführt“. RĀMA fragte: VI.2:161 In der gerade vernommenen Geschichte haben wir gesehen, wie der Weise und der Jäger verschiedene Erfahrungen durchlebt haben. Ist es die eigentli- che Natur der Dinge, die diese Erlebnisse bestimmt, oder gibt es noch einen anderen Grund dafür? VASIåèHA erwiderte: Diese Strudel von Erscheinungen tauchen von selbst die ganze Zeit über im Ozean des unendlichen Bewusstseins auf. Eine Gruppe dieser strudelartigen 702
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    Erscheinungen mag einemunveränderbar vorkommen, bis dann eine andere auftaucht und sie verdrängt. Manche dieser Erscheinungen wirken dauerhaft, weil es sie schon lange gibt, während andere wiederum nur temporär existie- ren. Jedoch wie der Luft Bewegung, so gering sie auch sein mag, eigentümlich ist, so existiert auch im unendlichen Bewusstsein stets diese Erscheinung. Der Erleuchtete nennt sie reines Bewusstsein, der Unwissende nennt sie die Welt. Sie ist weder real noch irreal – wie soll man sie also nennen? Dieses Universum ist die Bewegung des Gewahrseins im unendlichen Bewusstsein bzw. der Höchste Herr. Für ihn sind sowohl Hoffnung als auch Hoffnungslo- sigkeit bedeutungslos. Oh weise Männer – seid, was ihr seid. Das unendliche Bewusstsein selbst betrachtet die Bewegung, die in ihm auf- taucht, als die Welt – wo sollten da wohl die Erde (und andere, ähnliche Ele- mente) darin sein? Es ist das Licht des unendlichen Bewusstseins, welches strahlt – ein anderes Licht gibt es nicht. Brahman allein ruht auf ewig in Brahman, und es ist dieses Selbstgewahrsein, welches dann Unwissenheit genannt wird! Der gesamte Raum ist erfüllt von der Fülle des Bewusstseins, was man dann Schöpfung nennt. Es gibt in dieser weder Widerspruch noch Dualität. Da dieses unendliche Bewusstsein allein existiert, gibt es da auch nichts, was an ein Ende gelangen könnte. So wie die im Traum erfahrende Welt nicht existiert, so existiert diese Welt, obwohl sie wahrgenommen wird, nicht als eine materielle Wesenheit. So wie nur das eigene Bewusstsein allein als der Traum erstrahlt, so erstrahlt dasselbe Bewusstsein im Wachzustand als die objektive Welt. Daher gibt es keinerlei Unterschied zwischen Traum und Wachzustand. Wenn einer aus dem Traum erwacht, denkt er: „Dies hier ist so, aber nicht so wie das, was ich im Traum gesehen habe“, und er denkt dies sogar noch nach dem Tod: „Dies hier ist so, aber nicht so wie das, was ich vor dem Tod gesehen habe“. Der Traum mag kurz und das Leben lang gewesen sein, aber die Erfahrung des Augenblicks ist in beiden dieselbe. So wie man zu Lebzeiten hunderte von Träumen erfahren hat, so erlebt man, bis man nirvāïa erlangt hat, hunderte von Wachzuständen. So wie sich manche Leute an ihre Träume erinnern, so erinnern sich manche an ihre vergangenen Le- ben. Wenn es also keinerlei Unterschied zwischen den beiden gibt, kann man auch nicht wissen, was die Welt und was die Unwissenheit ist. Wenn Unwis- senheit als solche nicht existiert – was sollte dann Bindung sein? Bitte lege nicht denjenigen in Fesseln, der auf ewig frei ist! Es gibt da nichts „anderes“, sondern immer nur das eine reine, formlose Bewusstsein. Obwohl diese Welterscheinung in jenem Bewusstsein existiert, wird jenes doch in keiner Weise durch diese gebunden, und daher gibt es natürlich auch keinerlei Be- freiung. Im Bewusstsein gibt es keine Unwissenheit und es gibt keine Ideen im reinen Bewusstsein. Nur der Raum ist der Raum. Das, was sogar im Tief- schlaf „gewahr“ ist, ist als einziges im Traum wie auch im Wachzustand ge- wahr, und dies ist das reine Bewusstsein. Es ist dieses Bewusstsein allein, 703
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    welches für dasGewahrsein von Vielfalt verantwortlich ist. Die Schöpfung ist selbst das Höchste Brahman – es ist gleichzeitig die Einheit und die Vielfalt. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:162 Diese Welt existiert mitsamt all ihrer Objekte als die eigentliche Bedeutung der Materialisation des unendlichen Bewusstseins – daher sind die Form, ihr Wahrnehmen und die sie betreffenden Gedanken alle zusammen nur dassel- be reine Bewusstsein und nichts anderes. Die Vielfalt der Traumobjekte ist Traum – nicht Vielfalt. Ebenso ist die Vielfalt, die während des Wachzustan- des im unendlichen Raum gesehen wird, der unendliche Raum (Bewusstsein) – Vielfalt gibt es da nicht. Es ist das unteilbare Bewusstsein, welches den Anschein der Vielfalt angenommen hat. Diese Realität des Bewusstseins wird vom Weisen und vom Unwissenden verschieden erfahren. Daher spricht man davon, dass diese Schöpfung gleich- zeitig real und irreal sei. Da die beiden Gesichtspunkte einander diametral entgegengesetzt sind, wird es für beide unmöglich zu sehen, was jeweils der andere sieht – sie können sich gegenseitig nicht verständlich machen und erklären, was jeder von ihnen sieht. Die Schöpfung ist das, was man sieht und dessen man gewahr ist, und das liegt innerhalb von einem selbst. Wenn diese innere Erfahrung andauert, spricht man von der andauernden Schöpfung; wandelt sie sich, spricht man von der sich wandelnden Schöpfung. Im Traum sind die Objekte in Wahrheit immateriell und subtil und werden doch wie solide Substanzen betrachtet. Ebenso sind auch die Objekte in die- ser Schöpfung in Wahrheit subtil und geisterhaft, erscheinen aber als solide und greifbar. Dies ist auch für den Körper wahr: Zwar ist er als solcher eine Täuschung und inexistent, wird aber wie ein Geist als eine Realität vor das Auge gestellt. Sogar die psychologischen und physikalischen Bedingungen sind nur Erscheinung wie etwa der Klang, den man hört, oder wie der Wind, der bläst (der gehört wird, obwohl er überhaupt nicht da ist). Was auch immer hier wahrgenommen oder als existierend gedacht wird, ist nichts als reines Bewusstsein. Es hat niemals einen Grund dafür gegeben, weshalb etwas anderes jemals hätte ins Dasein treten können. Erkenne daher so: „Ich bin im Frieden, ich bin wie der unendliche Raum“. Gib die Idee auf, dass du der jīva seiest. Wer sich nicht selbst zu erlösen weiß, ist ohne alle anderen Mittel dazu, denn man ist sich selbst der eigene Freund und der eigene Feind. Kämpfe darum, dich noch in deinen jungen Jahren mit der Hilfe des reinen und rechten Verstehens bzw. der buddhi zu befreien. Tue es jetzt gleich. Was hoffst du noch zu erreichen, wenn du alt und senil geworden bist? Alter ist selbst eine Last – mehr als das vermagst du nicht zu schultern. Kind- heit und Alter sind verschwendet und nutzlos – nur die Jugendzeit ist die rechte Zeit. Wenn du ein Weiser sein willst, dann lebe wie ein solcher! Nach- dem man nun einmal in diesen saæsāra, in dem sich das Leben so umdroht zeigt, eingetreten ist, sollte man sich mit Hilfe der heiligen Schriften und heiliger Männer darum bemühen, sich selbst emporzuarbeiten. 704
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    Sobald die Wahrheiterkannt wurde, hört dieses Universum auf dich zu sor- gen, obwohl es weiterhin gesehen wird und fortfahren mag, voll von Ruhelo- sigkeit zu sein. RĀMA fragte: VI.2:163 Ohne die völlige Beherrschung der Sinne hört die Unwissenheit nicht auf. Bitte sage mir, wie man die Beherrschung der Sinne erlangt? VASIåèHA fuhr fort: Ich werde dir nun beschreiben, wie man leicht und nur durch Eigenbemü- hung die Kontrolle der Sinne erlangt. Das Selbst (bzw. die individuelle Per- sönlichkeit) ist wahrhaftig nichts als reines Bewusstsein – aufgrund seines Selbstgewahrseins wird es dann zum jīva. Was auch immer der jīva denkt, dazu wird er dann unverzüglich. Daher sollten alle Versuche, die Kontrolle über das Selbst bzw. die Sinne zu erlangen, im Hinblick auf dieses Selbstge- wahrsein unternommen werden. Das Gemüt (citta) ist der Befehlshaber, während die Sinne seine bewaffneten Streitkräfte sind. Die Kontrolle des Gemüts bedeutet daher gleichzeitig das Erlangen der Kontrolle (bzw. den Sieg) über die Sinne. Wenn man lederne Schuhe trägt, scheint die gesamte Welt mit Leder bedeckt zu sein! Sobald das eigene Gewahrsein ins Herz erhoben wird und fest im reinen Bewusstsein lebt, wird das Gemüt auf natürliche und mühelose Weise still. Durch andere Mittel wie beispielsweise Askesepraktiken, Pilgerfahrten oder rituelle Handlungen vermag man es nicht still zu bekommen. Sobald ferner das Gewahrsein der Erfahrungen gewahr wird, hinterlassen die Erfahrungen keine Eindrücke oder Erinnerungen mehr im Bewusstsein und werden sofort wieder „vergessen“. Auch nur den Versuch dieser Praxis zu unternehmen bedeutet, sich bereits dem höchsten Zustand der Selbsterkenntnis genähert zu haben. Sei fest verwurzelt in dem befriedeten Zustand, in dem du nur das als das Deine anerkennst, welches im Verlauf der pflichtschuldigen Ausführung dei- ner eigenen, angemessenen Handlungen als Ergebnis zu dir gekommen ist. Derjenige ist der Mensch der Selbstbeherrschung, der sich selbst besiegt hat, der im Frieden und in der Zufriedenheit ruht und dabei tut, was zu tun ist, und vermeidet, was zu vermeiden ist. Dessen Gemüt ist ruhig, der seine Freu- de an der Selbstbeobachtung und Selbstkontrolle hat und nicht an den äuße- ren Geschehnissen und Wahrnehmungen interessiert ist. Sobald man sein eigenes Gewahrsein in diesem Sinne in sich selbst konzentriert, gibt das Gemüt seine gewohnheitsmäßige Ruhelosigkeit auf und bewegt sich in Rich- tung der Weisheit. Der weise Mensch erlangt den Sieg über die Sinne und ertrinkt fürderhin nicht mehr in den Wellen der vāsanās bzw. der mentalen Konditionierung. Er sieht die Welt so, wie sie ist. Schließlich hört die Illusion des saæsāra bzw. der Welterscheinung auf, womit auch alle damit verbunde- nen Sorgen an ein Ende gelangen. 705
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    Sobald man realisiert,dass es nur das reine Bewusstsein ist (welches sich jenseits des Denkens befindet und daher niemals zum Objekt der Wahrneh- mung oder des Erfahrens werden kann), welches als diese Welt erscheint, existieren Bindung und Befreiung nicht mehr. Dehydriertes Wasser fließt nicht und ursachelose Erfahrung erzeugt keinerlei psychologische Getrenntheit. Erfahrung ist wie der leere Raum, der die verschiedenen Gestal- tungen von „ich“ und „du“ usw. annimmt und scheinbar dort eine Vielfalt erzeugt, wo keine sein kann. Das, was diesen gesamten Raum erfüllt, ist rei- nes Bewusstsein, neben dem es nichts anderes geben kann. VASIåèHA fuhr fort: Sobald die direkte Erfahrung der Wahrheit: „Ich bin weder der Täter noch die Tat noch das Tatinstrument, sondern nichts als reines Bewusstsein – die Welt ist etwas Undefinierbares“, eingetreten ist, wird man wissen, dass da ein Selbst-Gewahrsein ist. Die Welt erscheint als etwas, was sie nicht ist – folglich ist die Selbsterkenntnis, die die Welt enthüllt, die höchste Wahrheit. Im Falle eines Wesens mit mehreren Gliedern ist dieses ein einheitliches Wesen mit mehreren Gliedern. Ebenso ist Brahman das eine Sein mit den zahllosen Gliedern, die man jīva usw. nennt. Das Objekt ist nur eine Erschei- nung – Bewusstsein ist unendlicher Friede, der auf ewig unverändert fort- existiert. Dies so zu erforschen, als sei da Getrenntheit, ist nutzlos. Im Unend- lichen gibt es endliche Ideen, die man dann „Unwissenheit“ nennt, und eine andere Unwissenheit gibt es hier nicht. Der jīva wandert zwischen den Zuständen des Wachens und Träumens und wiederum des Träumens und Wachens hin und her und ist doch selbst das Konstante, ob er nun wacht oder träumt. Die zwei Zustände des Tiefschlafs und des turīya (der vierte Zustand) bilden die Realität, die den beiden Zu- ständen von Wachen und Träumen zugrundeliegt. Die beiden letzten Zustän- de sind identisch, wobei es faktisch allein der turīya ist, der alle anderen Zustände als solche kennt. Für den Erleuchteten sind Wachen, Träumen und Tiefschlaf selbst nichts anderes als der turīya, denn im turīya existiert keiner- lei Unwissenheit. Obwohl in ihm der Anschein von Vielfalt auftaucht, ist er nondual. Nur die kindischen und unwissenden Leute schwatzen über Dualität und Nondualität – der Erleuchtete lacht über all dies nur. Und doch ist es ohne eine solche Debatte, die von Dualität und Nondualität ausgeht, nicht möglich, das eigene Bewusstsein von der Unwissenheit zu befreien. Es ge- schah daher nur aus diesem Geist heraus, dass ich all diese Themen mit dir als dein treuer Freund verhandelt habe. Weise Menschen sprechen untereinander beständig über diese Wahrheit und erleuchten sich damit gegenseitig. Indem sie diese Wahrheit immer wie- der bedenken, gewinnen sie die Erleuchtung (buddhi-yoga), mit deren Hilfe sie den höchsten Zustand erlangen (Hinweis: Diese beiden Verse ähneln der (Bhagavad)Gita mit der bedeutsamen Abwandlung im zweiten Vers, der den Eindruck vermittelt, dass Erleuchtung geschieht, sobald der Student dafür bereit ist). 706
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    Der höchste Zustandwird nicht ohne Bemühung erlangt. Um dir dabei zu helfen, einen klaren Begriff der Wahrheit zu bekommen, habe ich diese Dinge daher wiederholt und unter Verwendung unterschiedlicher Verbildlichungen erläutert. Sogar eine unwissende Person erlangt die Erleuchtung, sobald sie Geschmack an dieser wieder und wieder auf diese Weise dargelegten Wahr- heit gefunden hat. Wer diese Wahrheiten liest und dann immer noch denkt: „Ich kenne dies alles schon und brauche nichts mehr zu wissen“, ist wahrhaf- tig nur noch als ein Dummkopf zu bezeichnen. Die Erkenntnis, die durch ein Studium dieser Schrift erlangt wird, wird durch kein Studium einer anderen Schrift als dieser möglich gemacht. Es ist nur diese Schrift hier, die dir sowohl das gute, tüchtige Handeln wie auch die Vollkommenheit in der Weisheit schenkt. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:164, 165 Im unendlichen Bewusstsein (das mit dem Sonnenball verglichen werden kann) gibt es zahllose Lichtteilchen, die jivas genannt werden. Wenn man von ihnen so spricht: „Sie sind da drinnen“, werden sie als seine (des unendlichen Bewusstseins) Teile betrachtet, während es in Wahrheit jedoch keinerlei solche Teile hat. Das Viele gibt seine Vielfalt auf, sobald es die Erleuchtung erlangt. Wird das Viele aber als das Eine beschrieben, dann wird es zu nichts anderem als es ohnehin schon immer gewesen war. Es ist unter allen Um- ständen und in allen Zuständen stets dasselbe. Es ist der Inhalt des Bewusst- seins bzw. Gewahrseins des Weisen. Das allein ist – nichts anderes hat jemals existiert. Es ist nur aufgrund dieses Bewusstseins, dass der Unwissende das Objekt seiner eigenen Unwissenheit wahrzunehmen vermag. Wir kennen das „ich“ oder „du“ oder auch nur das Objekt nicht, welches der Unwissende in seiner Unwissenheit wahrzunehmen glaubt. Im Erleuchteten tauchen die Empfindungen von „ich bin erleuchtet“, „er ist unwissend“ und „dies ist die Wahrheit“ nicht auf. Was hier die Schöpfung genannt wird, wurde jemals weder erschaffen noch trat es überhaupt ins Dasein. Diese Welt ist Brahman, die so ist, wie sie hier ist. Daher existieren hier keine unwissenden Leute oder Wesen. Es gibt hier nichts als den unendlichen Raum, in dem Ideen wie „dies ist Brahman der Schöpfer“ usw. treiben. Das Bewusstsein, welches im Wachzustand existiert, betritt den Traumzu- stand und wird zum Traum. Das Traumbewusstsein, welches im Traum ge- wahr ist, erlangt im Traum den Zustand von Wachheit. Der Traumzustand betritt dann den Wachzustand – der Wachzustand gibt sodann den Traum auf und erwacht. Sobald der Wachzustand in den Traumzustand eintritt, wacht der Träumer auf. Der Träumer erachtet den Wachzustand als Traum – für ihn ist dagegen das Bewusstsein des Traums der wahre Wachzustand. Ganz ge- wiss ist für den Träumer der Traum sein wahrer Wachzustand, nicht aber der andere Wachzustand. In Beziehung zum Wachzustand erscheint der Traumzustand als kurzlebig. Auf dieselbe Weise erscheint auch dem Träumer der Wachzustand als kurz. Zwischen beiden besteht nicht der geringste Unterschied; keiner von beiden 707
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    ist real. Sobalddas Gewahrsein aufhört, hören auch Wachen und Träumen auf. Dann ist da Leere. Der lebende Mensch erfährt weder im Traum noch im Wachen „die andere Welt“, solange das Bewusstsein des Todes nicht aufge- taucht ist. So wie Träume im Bewusstsein erscheinen und die drei Welten erschaffen, so erscheint auch die Welt im Wachzustand. So wie die Traum- schöpfung reine Leerheit ist, so ist auch die Welt des Wachzustands leer mit der Ausnahme des unendlichen Bewusstseins, in dem allein all diese Erschei- nungen auftauchen. Die Welt ist die Illusion, die im Bewusstsein aufgrund seiner eingeborenen Kräfte zum Vorschein kommt. Nur das Bewusstsein erstrahlt als Wasser, Erde, Raum und Mauern. Es gibt in ihm nichts, was man ergreifen oder festhalten könnte. VASIåèHA fuhr fort: Das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein ist die am meisten offenbare VI.2:166 Tatsache, die keinerlei Worte wie „Selbst“ oder „Erkenntnis“ bedarf und von diesen unabhängig ist. Direkt vom Anfang der ursprünglichen Schöpfung an existierte nur dieses unendliche Bewusstsein, welches in sich die Idee der Schöpfung barg. Weise Männer und Gelehrte haben erklärt, dass die Selbster- kenntnis frei von Ideenbildungen und von Wissen über materielle Objekte ist. All dies ist nichts als das Selbst. Niemals hat es hier jemals eine Kenntnis (eine Kategorie) namens Nicht-Wissen gegeben. Wissen und Nicht-Wissen (Unwissenheit) sind zwei Konzepte, denen keinerlei Realität zugrundeliegt. Was sollte da zu wissen und nicht zu wissen sein? Die Erkenntnis dessen, was ist, die Erkenntnis, dass dieses dies ist, und die Erkenntnis, dass dies unwirk- lich ist – alles dieses taucht im Bewusstsein auf. Die Erkenntnis des Selbst, die Erkenntnis des Unwirklichen, die Abwesenheit von Erkenntnis, die Erkennt- nis, dass die Wahrheit anders als die Erscheinungen ist – all dieses ist nur das Spiel des unendlichen Bewusstseins und bloße Manifestation bzw. Erweite- rung der Selbsterkenntnis. Die Tatsache der Selbsterkenntnis existiert sogar dann, wenn der Begriff „Selbsterkenntnis“ fallengelassen wird. Selbsterkenntnis allein ist. Lass mich dies veranschaulichen: Es gibt da einen mächtigen Felsen, der riesig ist und dessen Flanken der blaue Himmel bildet. Er hat keinen Verbindungen, weil er keine Trennungen hat. Er ist absolut solide und ungeteilt. Er ist unverderbbar. Er ist unvergleichlich und einzigartig. Sein Ursprung liegt im Dunkeln. Sein Inneres ist nicht-materiell, aber fest. In ihm befinden sich zahllose Eindrücke oder Bilder, die er selbst als den jīva kennt. Er ist fühlend und nicht-fühlend. Niemand vermag diesen Felsen aufzubrechen. Und doch befinden sich in ihm alle diese Eindrücke, die man Götter, Dämonen und Menschen, mit und ohne Gestalt, nennt. Ich habe diese Eindrücke, wie sie in dem Felsen existie- ren, gesehen. Wenn du möchtest, kannst du sie ebenfalls sehen. RĀMA fragte: Wie konntest du in das Innere dieses Felsens sehen, wenn er unteilbar war? VASIåèHA sagte: 708
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    In der Tatvermag niemand ihn aufzubrechen. Da ich selbst mich jedoch als ein Eindruck in ihm befinde, vermag ich auch alles andere darin zu sehen. Was ich dir gerade beschrieben habe, ist die höchste Realität bzw. das Selbst. Dieser Raum hier, der Wind und die anderen Elemente, alle diese Handlungen und Aktivitäten, alle diese Bedingungen und das Zeitempfinden sind alle die Glieder dieses Wesens. Erde, Wasser, Feuer, Luft, Raum, Gemüt, buddhi und der Ich-Sinn sind alle die Glieder dieses Höchsten Selbst. Was gibt es da anderes als dieses unendliche Bewusstsein? Die Objekte dieser Welt sind nichts als reines Gewahrsein bzw. Erfahren, das selbst eine Masse reinen Bewusstseins ist. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:167 Selbsterkenntnis, Nicht-Erkenntnis oder Erkenntnis des Unwirklichen usw. sind Worte und Gesichtspunkte. In den Augen des Kenners der Wahrheit sind sie gänzlich unwirklich. All dieses taucht im reinen Bewusstsein auf, das klar in mir zu sehen ist. „Dies ist das Selbst“ und „dies ist Erkenntnis“ sind gewiss falsche Ideen, die innerhalb des Bewusstseins auftauchen, aber nicht real sind. Gib die Worte auf und verbleibe in der Wahrheit verankert, auf die diese Worte hindeuten. Obwohl in ihm zahllose Aktivitäten stattfinden, ist es gänzlich still und ru- hig. Obgleich es mit zahllosen Superlativen beschrieben wird, bleibt es unbe- wegt. Obgleich es beständig in Bewegung ist, ist es so unerschütterlich wie ein Felsen. Obgleich es die eigentliche Substanz der fünf Elemente ist, ist es wie Raum unberührt von diesen. Obgleich es die Heimstatt alle Objekte ist, verbleibt es als reines Bewusstsein. Obgleich es wie eine Traumstadt sichtbar ist, verbleibt es als unsichtbares Bewusstsein. RĀMA sprach: So wie in den Wach- und Traumzuständen die Erinnerung an der Wurzel der Wahrnehmung liegt, so ist es auch nur die Erinnerung, die dem Aufstei- gen des Empfindens Raum gibt, dass die äußeren Objekte real seien. VASIåèHA fuhr fort: Der Anschein der vielfältigen Objekte des Universums taucht im unendli- chen Bewusstsein dann auf, wenn dieses seiner selbst gewahr wird – dies geschieht per Koinzidenz (d.h., wenn die reife Kokosnuss fällt, während eine Krähe darauf landet). Wann immer und wo immer dieses Bewusstsein sich selbst auf welche Weise auch immer ersinnt, erscheint es dann und dort auch ohne jede Ursache dafür so. Ideen wie „dies ist Wachen“, „dies ist Traum“, „dies ist Schlaf“ und „dies ist turīya“ tauchen im Bewusstsein auf, weil sie Bewusstsein sind. Tatsächlich gibt es da weder Traum noch Wachen noch Schlaf noch turīya noch irgend etwas jenseits davon – alles ist nur reine Stille und Ruhe. Man mag auch sagen, dass all dies nur ein ewiges Wachen oder Träumen oder ein ewiger Tiefschlaf oder ein ewiges turīya sei. Oder man mag sagen, dass man nicht wisse, was all dieses ist, weil alles so erfahren wird, wie man darüber denkt. 709
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    Seine Manifestation undDemanifestation – Erkenntnis und Unwissenheit – sind zwei inhärente Zustände wie die Bewegtheit oder Nicht-Bewegtheit der Luft. Es gibt daher weder einen Unterschied in den Zuständen des Wachens usw. noch ist da irgendetwas, was man als Erinnerung oder Wunsch bezeich- nen könnte. All dieses sind begrenzte Sichtweisen. Wo sollten Objektivität und Erinnerung sein, wenn da doch nur die innere Erfahrung ist, die als das externe Objekt erstrahlt? Erinnerung kann nur aus der Erfahrung herkom- men, während Erfahrung nur möglich ist, wenn das Objekt real ist. Die ideen- gebundene Erscheinung des unendlichen Bewusstseins nennt man zu einem späteren Zeitpunkt Erde usw. Lasst dieses Bewusstsein erstrahlen wie es ihm beliebt – es ist weder real noch irreal, weder etwas noch nichts. Es wohnt selbst im Herzen als die Idee eines Objekts, das im Außen wahrgenommen wird. Was ist „innen“ und „außen“? Betrachte es als OM und ruhe im Frieden. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:168 So wie ein Baum ohne jede mentale Aktivität und Willen (Absicht) die vie- len verschiedenen, herrlichen Zweige hervorbringt, so lässt das ungeborene und unerschaffene unendliche Bewusstsein die vielfältige und farbenprächti- ge Welterscheinung (Schöpfung) hervortreten. Es ist wie Raum, der Raum gebiert. So wie der Ozean ohne mentale Tätigkeit oder Absicht dazu Strudel hervorbringt, so lässt das Bewusstsein ohne allen Vorsatz alle Arten von Erfahrungen entstehen, da es der Höchste Herr aller ist. All diesen Erfahrun- gen verleiht dasselbe Bewusstsein dann verschiedene „Namen“ wir „Gemüt“, „buddhi“, „Ich-Sinn“ usw. Noch einmal: Ohne jede mentale Tätigkeit und Ab- sicht lässt das unendlichen Bewusstsein innerhalb von sich selbst die Idee eines Objekts mitsamt der Aneinanderreihung von buddhi usw. zum Vor- schein kommen. Sogar die Weltordnung (niyati), die die fundamentalen Ei- genschaften jedes Objekts bestimmt, taucht im unendlichen Bewusstsein ohne jeden Vorsatz und ohne mentale Aktivität welcher Art auch immer auf. Darüber hinaus ist all dieses Eines: Der Baum beinhaltet den Stamm, die Äste, die Blätter und die Blüten – Unterscheidungen wären rein verbal. Auf dieselbe Weise beinhaltet das unendliche Bewusstsein alles – Unterscheidun- gen wären rein verbal. Falls du immer noch fragen solltest: „Weshalb gibt es immer noch diese nutzlose Erfahrung von Objekten?“, dann ist es gut für dich, dich daran zu erinnern, dass all dieses nur ein langer Traum ist. Wer würde schon sein Heil im Nicht-Existierenden oder in unauffindbaren Dingen su- chen? So wie wir in unserem Verstand Bilder wie „dies ist ein Baum“ geformt haben, so existieren im unendlichen Bewusstsein Bilder des Raums usw. So wie Raum (Entfernung) untrennbar eins mit Raum und Bewegung untrenn- bar eins mit der Luft ist, so verhält es sich auch mit der buddhi (Intelligenz) usw. und dem Höchsten Sein bzw. dem unendlichen Bewusstsein. Diese Schöpfung ist vom unendlichen Bewusstsein nicht verschieden. Diese Schöpfung taucht wie ein Traum gleich zu Beginn im unendlichen Bewusstsein auf. Diese Erscheinung hat außerdem überhaupt keine Ursache. Wie könnte sie dann etwas anderes als das unendliche Bewusstsein sein? 710
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    Dies verhält sichanalog zum täglich und universell von uns allen erfahrenen Traum, und daher sollten wie dies zu ergründen versuchen. Worin besteht die Essenz bzw. die Realität des Traums mit der Ausnahme der reinen Intelligenz bzw. des Bewusstseins, welches ihn erschafft und in dem er existiert? Diese Schöpfung taucht nicht als „Erinnerung“ im unendlichen Bewusstsein auf. Sie taucht ohne jeden Grund und ohne jede Ursache gleich welcher Art im Bewusstsein auf (es ist eine Koinzidenz wie bei der reifen Kokosnuss, die beim Landen einer Krähe darauf fällt) – Träumen und Konzeptualisierung usw. folgen erst später. Sobald diese Schöpfung einmal ohne jede Ursache im unendlichen Bewusstsein zum Vorschein gekommen ist, folgt als nächstes ihre „Existenz“. Obwohl daher diese Schöpfung erschaffen worden zu sein scheint, wurde sie jedoch nicht erschaffen, und wenn sie überhaupt nicht erschaffen wurde, kann sie gewiss auch nicht existieren. Im reinen Raum des unendlichen Bewusstseins existieren alle diese zahllo- sen Welterscheinungen. Sie treten ins Dasein und lösen sich wieder auf, ob- gleich alle ihrer Natur nach essenziell leer (ÓÆnya) sind. Sie beeinflussen sich wechselseitig und erschaffen so diese Welterscheinung, obgleich sie essenzi- ell leer (ÓÆnya) sind. Diese Schöpfung ist leer – die Leere aber wächst und hört als solche auch wieder auf („leer“, weil sie frei von der Idee eines „Selbst“ ist). VASIåèHA fuhr fort: Die Schöpfung des Universums und ihre Auflösung sind nur täuschende Ideen, die im Bewusstsein auftauchen. Sobald die Idee der Schöpfung längere Zeit hindurch aufrechterhalten wird, wird sie für real gehalten. Die objektive Erscheinung des Universum taucht spontan im kosmischen Wesen auf – so wie ein Traum nach einer Zeit des Tiefschlafs auftaucht. Nur Bewusstsein erstrahlt als dieses Universum, welches daher sein Körper ist. Anschließend lässt das Bewusstsein in sich selbst die Ideen der Erinnerung und der psycho- logischen Kategorien, der Erde und der anderen Elemente entstehen. RĀMA fragte: Hoher Herr, Erinnerungen sind Eindrücke, die in der buddhi zurückgeblie- ben sind. Wie kann irgendetwas ins Dasein treten oder wie können über- haupt noch Ideen erscheinen, falls solche Eindrücke und daher auch die Erin- nerung abwesend sind? VASIåèHA erwiderte: Ich werde deinen Zweifel sofort beseitigen, oh Rāma, und die Nondualität wiederherstellen. Diese Welterscheinung ist wie ein Bildnis, das noch nicht aus dem Holz des Baumes herausgeschnitzt wurde. Erst wenn ein Bildnis aus einem Baum herausgeschnitzt worden ist, kann sie Bildnis genannt werden. Da das unendliche Bewusstsein jedoch nondual ist, findet dies nicht statt. Im leblosen und nicht-fühlenden Holz taucht das Bildnis erst dann auf, nachdem es vollständig herausgeschnitzt wurde. Da Bewusstsein jedoch voll des Be- wusstseins ist, erstrahlt die Welterscheinung innerhalb ihrer selbst. Tatsäch- 711
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    lich hört diesesBewusstsein weder jemals auf, Bewusstsein zu sein noch wird die Welt aus ihm herausgeschnitzt – und doch erstrahlt sie als diese Welt. Zu Beginn der Schöpfung hat das Bewusstsein, angefüllt mit den Ideen aller Möglichkeiten, diese Ideen manifestiert. Weil auch diese Ideen mit Bewusst- sein ausgestattet sind, erscheinen sie als real, wie in einem Traum. Innerhalb der Herzenshöhle nun lässt das Bewusstsein die verschiedenen Ideen entste- hen wie: „Dies ist die Idee des Brahman, die selbst die Idee des reinen Be- wusstseins ist“, „dies ist die Idee des jīva“, „dies ist der Ich-Sinn, die buddhi, das Gemüt, Zeit und Raum“, „ich bin so und so“, „dies ist Aktivität“, „dies sind die Elemente“, „dies sind die Sinne“, „dies ist der subtile Körper (purya«Âaka) und das der grobe, physische Körper“, „ich bin Brahmā der Schöpfer, ich bin Śiva, ich bin Viåņu, ich bin die Sonne“, „dies ist innen und dies außen“, „dies ist die Schöpfung und dies die Welt“ … all diese Ideen tauchen im Bewusstsein auf. Es gibt da weder physikalische noch materielle Substanzen, da sind we- der Erinnerung noch Dualität. Ohne Ursache taucht diese Welterscheinung im Bewusstsein auf. Sie wird vom Bewusstsein innerhalb seiner selbst erfahren. Es ist das Bewusstsein, welches sich selbst für die Welt hält und diese erfährt. Daher gibt es da weder Erinnerung, Traum oder Zeit usw., die darin involviert wären. Das, was in sich selbst nichts als eine Masse von Bewusstsein ist, erscheint im Außen als die Welt, obwohl es da weder ein Außen noch ein Innen und keine wie auch im- mer geartete Realität als nur die Höchste Wirklichkeit gibt. So wahr, wie daher das unendliche Brahman ist, so real ist auch dieses beobachtete objek- tive Universum. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:169 Der, für den Freude keine Freude und Kummer kein Kummer ist, ist ein Be- freiter. Wessen Herz auch während der Erfahrung von Vergnügen nicht erregt ist, der ist ein Befreiter. Derjenige ist ein Befreiter, der sich am reinen Be- wusstsein selbst wie auch in der objektiven Welt erfreut. RĀMA fragte: Gewiss muss der Befreite, der kein Vergnügen am Vergnügen und keinen Kummer am Kummer zu empfinden vermag, empfindungslos und träge sein. VASIåèHA fuhr fort: Das Gewahrsein dieses Menschen ist völlig im Bewusstsein absorbiert. Er erfährt daher keinerlei Vergnügen, so lange er keinen Versuch dazu macht. Man sagt von ihm, dass er im Bewusstsein ruhe. Seine Zweifel sind an ein Ende gelangt und seine Verbindung mit den Objekten der Welt ist mit dem Duft der Weisheit getränkt. Die Welt hat für ihn ihren „Geschmack“ verloren, obgleich er nach wie vor in ihr tätig ist, indem er den Notwendigkeiten des Augenblicks nachkommt. Aufgrund der Tatsache, dass die Befreiten im Selbst oder Bewusstsein ru- hen, erscheinen sie wie schlafend, obwohl sie mit Tätigkeiten befasst ist. 712
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    Daher sind sienichts weniger als empfindungslos oder träge. Sie werden nicht wegen ihrer Empfindungslosigkeit als „Schlafende“ betrachtet, sondern weil sie diese Welterscheinung wie einen langen Traum verstehen. Sie ruhen in dieser Wahrheit bzw. in dem höchsten Frieden, der für die Unwissenden so finster wie die Nacht ist – daher nennt man sie Schlafende, obwohl sie nicht empfindungslos sind. Da sie an der Welt des Unwissenden desinteressiert sind, betrachtet man sie als Schlafende in der Welt. Sie erfreuen sich alle Zeit am Selbst und sind daher nicht empfindungslos. Sie haben sich über allen Kummer erhoben. Nachdem der jīva diesen saæsāra durchwandert und alle Arten von Freu- den und Leiden erfahren hat, gelingt ihm schließlich das Zusammentreffen mit einem heiligen Mann und die Überquerung dieses Ozeans des saæsāra. Auch ohne Bett schläft er nun in großem Frieden. Obgleich er hier mit inten- siver Tätigkeit befasst ist, erfreut er sich des Friedens des Tiefschlafs. Dies ist ein großes Wunder! Dieser „Schlaf“ vermag durch nichts gestört zu werden. Derjenige ist wahrhaftig trunken zu nennen, der diese „Welt“ nicht sieht, obwohl seine Augen weit offen sind. Er genießt den Segen des Tiefschlafs. Er hat die Idee der Welt aus seinem Herzen vertrieben und die Fülle erlangt. Er hat den Nektar in vollen Zügen getrunken und befindet sich im Frieden. Sein Entzücken ist unabhängig von Vergnügen. Er hat sich von der Gier abgewen- det. Er weiß, dass sich in jedem Atom ein Universum befindet. Er ist mit ver- schiedenen, intensiven Tätigkeiten befasst, obgleich er überhaupt nichts tut. Er ist sich bewusst, dass diese Welterscheinung dieselbe Realität wie der Traum besitzt und ist aufgrund dessen in den Frieden und die Seligkeit des Tiefschlafs eingetreten. Sein Bewusstsein ist noch weiter als der Raum. Durch erlesene Eigenbemühung hat er die Selbsterkenntnis erobert und lebt fortan so, als würde er in reinem Raum einen langen Traum bezeugen. Er ist voll erwacht und erleuchtet, obgleich er wie schlafend erscheint; er erfreut sich des größten Entzückens, obwohl er wie schlafend erscheint. Er hat den höchsten Zustand erreicht. RĀMA fragte: Hoher Herr, wer ist der Freund des weisen Menschen, wessen Gesellschaft VI.2:170 erfreut er sich, worin bestehen seine Freuden oder Entzücken und auf welche Weise genießt er diese Freuden? VASIåèHA erwiderte: Der Freund des weisen Menschen, oh Rāma, ist seine eigene Tat, die spon- tan in ihm auftaucht und in der es keine Getrenntheit und keinen Konflikt gibt. Wie ein Vater ermutigt sie ihn und erfüllt ihn mit Enthusiasmus. Wie eine Frau prüft sie ihn, zügelt sie ihn und leitet sie ihn. Sie verlässt ihn nicht einmal in den Zeiten schlimmster Not. Sie ist frei vom Zweifel. Sie fördert den Geist der Entsagung. Da sie Ärger und Hass auf sich selbst zurückwirft, ist sie wie der Genuss von Nektar in vollen Zügen. Sie ist sein Freund und Helfer in den dichten Wäldern der Schwierigkeiten und Probleme. Sie ist das Schatz- haus, welches den kostbaren Edelstein der Zuversicht und des Glaubens 713
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    enthält. Sie errettetihn vom Übel und ist wie ein Vater stets um sein Wohler- gehen besorgt. Sie (die eigene Tat) führt ihm alle Arten von Entzücken zu. In allen Arten von Situationen und Umständen sorgt sie für die Gesundheit seines Körpers. Sie zeigt ihm: „Dies sollte getan werden“ und „dies sollte nicht getan werden“. Ihr Ziel besteht darin, wünschenswerte Objekte und Erfahrungen anzuziehen und unerwünschte Objekte und Erfahrungen abzustoßen. Sie macht, dass die Rede sanft und erfreulich ist, und sie sorgt dafür, dass auch das eigene Betra- gen sanft und süß, hilfreich, liebenswert, frei von selbstsüchtigen Wünschen oder Leidenschaften und förderlich für das hohe Ziel der Selbsterkenntnis wird. Sie ist gänzlich dem Schutz des Guten und der Gemeinschaft hingege- ben. Sie wendet die Krankheiten des Körpers und des Gemüts ab. Sie vergrö- ßert das Glück der gebildeten Menschen, indem sie sich mit ihnen zusammen den heilsamen Diskussionen widmet. Im Falle von Ebenbürtigen ist der Ein- druck einer Dualität rein äußerlich. Welcher auch immer der Stand des eige- nen Lebens sein mag – sie (die eigene Tat) ist der Selbst-Aufopferung, der Wohltätigkeit, der Entsagung und der Wallfahrt hingegeben. Sie stellt durch die großzügige Verteilung von Nahrung und Getränken die heilsamen Verbin- dungen mit dem Sohn, der Frau, den brāhmaņas, den Dienern und Verwand- ten her. Der weise Mensch erfreut sich von Natur aus der Gesellschaft eines großen Busenfreundes und dessen Gemahls, und dieser Freund ist die eigene Tat. Dieser Freund (die eigene Tat) hat Söhne, die man Baden (Reinheit des Körpers), Wohltätigkeit, Entsagung und Meditation nennt. Auch sie sorgen sich um die Wohlfahrt und das Glück aller Wesen. Der Geist des Glücklichseins (bzw. das freudige Gemüt) ist seine Frau, die natürlich und mühelos auf alle Segen herabregnen lässt. Ihr Name lautet samatā (Gleichmut bzw. Ausgeglichenheit des Gemüts). Sie ermutigt ihren Gemahl (die natürli- che Handlung) zur Ausübung der rechten bzw. angemessenen Handlung. Sie hat eine ständige Begleiterin an ihrer Seite, die man maitrī (Freund- schaftlichkeit) nennt. Der weise Mensch, der die Gesellschaft dieses besten aller Freunde zusam- men mit dessen Frau und weiteren Begleitern genießt, sieht keinen Grund dafür, in Freuden und Vergnügen himmelhoch zu jauchzen oder in unerfreuli- chen Situationen zu Tode betrübt zu sein. Er hasst weder noch wird er grim- mig. Er erfreut sich, in welchen Umständen er sich wo immer auch befinden mag, des Zustands des nirvāïa, während er nebenher beständig mit Tätigkei- ten in dieser Welt befasst ist. Er enthält sich nutzloser Argumentationen, er ist taub für müßiges Reden, er ist wie ein Leichnam bei unrechtmäßigen Handlungen, er ist dagegen äußerst lebhaft bei rechtschaffenen Handlungen, er ist brillant in der Darlegung des Vorzüglichen und enthüllt innerhalb eines Augenblicks die größten Wahrheiten. All dies ist für den weisen Menschen natürlich. Um diese Qualitäten zu er- werben, benötigt er keinerlei Kraftaufwand. 714
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    VASIåèHA fuhr fort: VI.2:171 Nur das unendliche Bewusstsein erstrahlt als diese Welt hier. In Wirklich- keit jedoch gibt es weder eine Welt noch eine Leere noch überhaupt Bewusst- sein. Nur so viel vermag man zu sagen: Was man die Welt nennt, ist das nicht, denn weil sie feiner als sogar der Raum ist, erscheint sie als etwas anderes als sie ist. Zwischen „dies“ und „das“ befindet sich der Körper des Bewusstseins und dieser Körper wird als Objekt der Wahrnehmung erfahren. Jedoch hat eine solche Schöpfung keinerlei Ursache – folglich gibt es auch keinen Grund für ihr Auftauchen. Wie könnte dann behauptet werden, dass sie jetzt existiere? Daher liegt keinerlei Rechtfertigung dafür vor, von der Existenz eines äußeren Universums auszugehen – nicht einmal von auch nur einem Atom dieser Existenz! Falls hier etwas als das äußere Universum gesehen wird, dann ist dies ganz gewiss das unendliche Bewusstsein selbst. So wie ein und dieselbe fest schlafende Person in die Traumerfahrung hinein wandert, ohne dabei ihren Schlaf aufzugeben, so lässt auch dieses Bewusstsein, welches rein und unteilbar ist, in sich selbst die Idee des objektiven Universums auftauchen, ohne dabei jemals seine eigene, essenzielle Natur als Bewusstsein aufzuge- ben. Folglich gibt es da keinerlei Materialität wie etwa die Erde usw. Die letzt- gültige Wahrheit ist, dass nur das eine unendliche Brahman als all dieses erstrahlt, und dies gilt unabhängig davon, ob man nun das Empfinden hegt, man sähe da Formen oder auch keine Formen. So wie der Träumer beim Aufwachen die Traumberge als reine Leerheit erkennt, so werden alle diese Formen als inexistent erkannt, sobald man erleuchtet ist. Diese Welt ist für die Erleuchteten das unteilbare und Höchste Brahman. Obgleich wir sehr intelligent sind, vermögen wir nicht festzustellen, was Nicht-Erleuchtung (Unwissenheit) eigentlich darstellen soll! Zwischen „dies“ und „das“ befindet sich die Masse des Bewusstseins, welches die essenzielle Natur aller Wesen ist. Diese ist der höchste Zustand des Selbst. Zwischen „dies“ und „das“ befindet sich dieser unendliche Raum, welcher die Masse des Bewusstseins ist, in dem alles fest gegründet ist. Was auch immer diese Mas- se des Bewusstseins sein mag, ist wahrhaftig und allein auch all dies hier, und zwar wirklich und unwirklich zu ein und derselben Zeit. Form, Wahrnehmung und auch die dazugehörigen Konzepte, wie sie im Gemüt auftauchen, sind alle reines Bewusstsein wie die Strudel auf dem Meer. Zwischen „dies“ und „das“ befindet sich das unendliche Bewusstsein – wird dies ohne jeden Abstrich und ohne jede Veränderung als solches erkannt, dann wird gesehen, dass nur es ist und es da keine Welt gibt. Dann werden sogar Anziehung und Absto- ßung, Existenz und Nicht-Existenz zu seinen eigenen Gliedern, ohne die wah- re Natur dieses Bewusstseins im geringsten zu beeinträchtigen. Zwischen beiden „Enden“ ist das reine Bewusstsein, während die „Enden“ nur Konzepte sind und nicht unabhängig von der Wirklichkeit, die die Mitte darstellt, exis- tieren, und darin besteht die essenzielle Natur des unendlichen Selbst bzw. 715
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    Bewusstseins. Ein andererName für dieses Bewusstsein, welches zwischen „dies“ und „das“ existiert, lautet „Welt“. Die Schöpfung ist nicht einmal ganz am Anfang wirklich ins Dasein getreten. Zu meinen, dass diese Welt als solche existiere, ist reine Fiktion. Es ist eine Schande und eine Tragödie zugleich, dass die Leute behaupten, dass diese Welt existiere (obwohl dies nicht stimmt) und das Höchste Brahman nicht existiere (obwohl nur es existiert). VASIåèHA fuhr fort: Weshalb sollte ich nach etwas streben, was nicht Brahman bzw. das unend- liche Bewusstsein ist? Oh weh, die Welt ist ein seltsamer Ort, an dem die Menschen diese unwirkliche Welt (das Objekt der Wahrnehmung) als real erachten. Und doch erreichen auch sie dasselbe Brahman. Das Strahlen eines kostbaren Edelsteins ist weder dessen Schöpfung noch ist es unabhängig vom Edelstein, und auf dieselbe Weise ist die Welterscheinung nicht unterschie- den vom Selbst, das reines Bewusstsein ist. In diesem höchsten Zustand des Bewusstseins erstrahlt die Sonne – die Sonne ist vom Selbst nicht verschie- den. Jedoch vermögen weder die Sonne noch der Mond das Selbst zu beleuch- ten oder zu enthüllen. Es geschieht durch die diesem Bewusstsein eingebore- nen Kräfte, dass die Sonne und der Mond selber erstrahlen und die Objekte der Umgebung enthüllen. Dieses Bewusstsein hat Form und hat keine Form – all dieses sind nur Wor- te und sinnlose Konzepte. Die Partikel des Lichtes, die die Strahlen der Sonne ausmachen, sind selbst die Strahlen der Sonne und nicht von dieser verschie- den. Daher ist es korrekt zu behaupten, dass sie gleichzeitig scheinen und nicht scheinen. Ebenso ist es richtig zu sagen, dass die Sonne und der Mond scheinen, wie es gleichzeitig richtig ist zu sagen, dass sie nicht scheinen. Wie könnte man wohl behaupten, sie würden nicht scheinen, da doch die Sonne und alle anderen Leuchtkörper aufgrund des unendlichen Bewusstseins scheinen? Dieser höchste Zustand ist jenseits aller Konzepte; sogar der Konzepte von „Masse von Bewusstsein“ und „Leere“. Er ist frei von allem und doch gleich- zeitig voll von allem. Daher existiert die Erde usw., während andererseits wiederum nichts darin existiert. Obgleich es unendlich viele jīvas in ihm gibt, existieren sie doch nicht als jīvas unabhängig vom Bewusstsein. „Etwas“, „nichts“ usw. sind nur Konzepte, die weit von der Realität bzw. dem unendli- chen Bewusstsein entfernt sind. Das reine Bewusstsein, welches nondual, ewiglich und allgegenwärtig ist, existiert und wird „Welt“ genannt. Sobald man einfach nur all diese Objektivi- tät entfernt, bleibt von der Welt der Vielfalt nichts als die Wahrheit zurück. Es ist dieses Bewusstsein selbst, welches sich als die unendlichen Erfahrungen manifestiert. Der Wachzustand des Bewusstseins steht mit turīya (dem trans- zendentalen Zustand) in exakt derselben Verbindung wie der Traumzustand mit dem Tiefschlaf. Für die erleuchtete Person jedoch sind alle diese Zustände nur der eine turīya-Zustand des Bewusstseins. 716
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    Die Theorien betreffenddie Erschaffung oder Umwandlung des Selbst bzw. Bewusstseins in Materie sind Ausdrucksweisen, wie sie von Lehrern zur Unterweisung ihrer Schüler gebraucht werden – sie enthalten kein Jota Wahrheit. Sobald man den Traum als Traum erkennt, gibt es da eine Freude. Wird dies dagegen nicht erkannt, dann gibt es da ein Unglücklichsein, wie wenn man von einem unglücklichen Ereignis träumt. Der erleuchtete Weise lebt in einem Zustand der Verwirklichung der Wahrheit, während er neben- bei mit den verschiedenen Tätigkeiten befasst ist. In der Vielfalt erfährt er die Einheit – er frohlockt sogar in unerfreulichen Situationen. Obgleich er in dieser Welt lebt, ist er nicht in ihr. Was wäre für eine erleuchtete Person hier noch zu gewinnen? So wie Eis stets kühl ist, lebt der Weise ein natürliches Leben, indem er alle natürlichen Handlungen vollzieht, ohne dabei nach An- zunehmendem oder Aufzugebendem zu suchen. Das Charakteristikum des unwissende Menschen besteht darin, nach etwas anderem zu streben als er in Wahrheit ist. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:172 Der Schöpfer ist nichts als das Gemüt, frei von der geringsten Spur von Ma- terialität. Er besitzt daher weder einen Körper noch Sinne noch vāsanā noch mentale Konditionierung. Da er am Ende des letzten Weltzyklus die Befreiung erlangt hat, existiert in ihm keinerlei Erinnerung. Wenn es keinerlei Erinnerung an etwas gibt, gibt es auch keine Ursache für eine Wiederverkörperung. Auch falls eine solche Erinnerung im Schöpfer möglich sein sollte, wäre sie immer noch wie eine Traumstadt frei vom Materiellen. Dies wird nur aus Gründen der argumentativen Verdeutlichung gesagt; in den Befreiten ist Erinnerung unmöglich. RĀMA fragte: Hoher Herr, bitte sage mir, weshalb es in diesem keine Erinnerung gibt und wie die guïas (die Bausteine der Schöpfung) in Abwesenheit der Erinnerung auftauchen können. VASIåèHA fuhr fort: Erinnerung entsteht nur in Relation zum objektiven Universum und sorgt für die Abfolge von Ursache und Wirkung. Wie könnte aber an welchem Ort eine Erinnerung auftauchen oder existieren, wenn das Objekt der Wahrneh- mung selbst inexistent ist? Da die Wahrheit darin besteht, dass all dies wahr- haftig Brahman bzw. das unendliche Bewusstsein ist, gibt es keinerlei Raum für Erinnerung. Das Denken an die Objekte, die in den Lebewesen auftauchen, wird sm−ti (Gedächtnis) genannt. Natürlich sind solche Objekte inexistent. Wie kann dann sm−ti existieren? Da das unendliche Bewusstsein jedoch die Wirklich- keit in allen Wesen ist, ist ein solches Denken dem Bewusstsein sozusagen eingeboren, und daher habe ich mich hier auf sm−ti bezogen. Jedoch ist dies lediglich vom Gesichtspunkt des gewöhnlichen, unwissenden Menschen her 717
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    gesprochen. Genug davon!Auch diese natürliche Bewegung, die im Bewusst- sein erscheint, wird sm−ti genannt. Sobald diese Bewegung wiederholt auf- tritt, wird sie im Außen als Materie wahrgenommen. Was auch immer das Bewusstsein aufgrund seiner eigenen Natur erfährt, nennt man sm−ti. Alle diese Erfahrungen tauchen aus eigenem Antrieb im unendlichen Bewusstsein wie seine Glieder selbst und ohne jede kausale Verknüpfung (wie eine reife Kokosnuss zufällig beim Landen einer Krähe darauf fällt) auf. Genannt wer- den sie Erinnerungen. Dies ist die Wahrheit betreffend alle Geschehnisse, sogar wenn diese scheinbar einer kausalen Bedingung zugeschrieben werden können. Weshalb sollten wir diese ganz zufälligen Erinnerungen noch ergründen wollen, nachdem wir erkannt haben, dass die Objekte der Wahrnehmung, auf die sie sich beziehen, selber inexistent sind? Nur in den Augen des Unwissen- den existieren sie. Ich lege hier die Mittel der Befreiung nicht zum Nutzen solcher unwissenden Leute dar. Diese Darlegungen sind nur für diejenigen gedacht, die erwacht sind, aber diesbezüglich noch Zweifel hegen. Man sollte sich niemals mit diesen unwissenden Leuten zusammentun, die die Wahrheit nicht zu verstehen vermögen. Sobald ein Ding vom Bewusstsein auch nur ansatzweise erfahren wurde und diese Erfahrung anschließend wiederholt wird, entsteht ein mentaler Eindruck (saæskāra). Auf diese Weise wird die Welterscheinung erschaffen. All dies ist jedoch vom unendlichen Bewusstsein durchdrungen. Da sind weder eine Form noch eine Erinnerung, die damit in Verbindung stehen. Wenn Dualität selbst wahrhaftig inexistent ist, kann es gewiss auch keine Bindung geben. RĀMA fragte: VI.2:173 Wie identifiziert sich das allgegenwärtige Bewusstsein selbst mit dem Kör- per? Wie identifiziert das Bewusstsein sich selbst mit Felsen und Wäldern? VASIåèHA erwiderte: So wie das verkörperte Wesen sich selbst mit seiner Hand identifiziert, so identifiziert sich das unendliche Bewusstsein selbst mit dem Körper. Auf dieselbe Weise, wie sich der Körper selbst mit den Fingernägeln und Haaren identifiziert, so identifiziert sich das allgegenwärtige Selbst mit Felsen, Wäl- dern usw. So wie es immer nur reines Bewusstsein ist, das im Traum zu Fel- sen und Wäldern wird, so tauchen diese Ideen gleich zu Beginn der Schöp- fung im unendlichen Bewusstsein auf. So wie es im Körper eines Individuums fühlende und nicht-fühlende Teile gibt, so scheint es im kosmischen Körper des unendlichen Bewusstseins fühlende und nicht-fühlende Objekte zu ge- ben, während es in Wahrheit keine solche Gestaltungen gibt. Sobald all dies klar gesehen wird, hören diese Dinge auf zu existieren – so wie ein Traum im Moment des Erwachens des Schläfers verschwindet. All dieses ist reines Bewusstsein – es gibt da weder einen Seher noch ein Objekt der Wahrneh- mung. 718
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    In diesem unendlichenBewusstsein mögen tausende von Weltzyklen be- ginnen und aufhören, und doch sind sie alle so wenig wie Wellen vom Ozean verschieden vom unendlichen Bewusstsein. „Ich bin keine Welle, ich bin der Ozean“ - wenn die Wahrheit klar erkannt wurde, hört alles Wellen-artige auf. Die Welterscheinung steht zu Brahman in derselben Beziehung wie die Wel- len zum Ozean. Die Existenz und Nicht-Existenz dieser Welterscheinung stellen die beiden Weisen dar, auf die sich Brahmans eingeborene Energie manifestiert. Die Erfahrung, die im Bewusstsein wie in einem Traum auftaucht, nennt man Gemüt oder Brahmā den Schöpfer, den Großvater aller Schöpfung. Dieses Wesen ist namenlos, formlos und unwandelbar. In diesem tauchen alle diese Ideen von „ich“ und „du“ usw. auf. Sie sind jedoch nicht verschieden vom Schöpfer. Das reine Bewusstsein, in dem alle diese Ideen zum Vorschein kommen, ist der Ur-Großvater sämtlicher Kreaturen. So wie die auf dem Meere steigenden und fallenden Wellen nichts als Meer und nicht verschie- den von diesem sind, so sind alle diese Schöpfungen und Auflösungen nicht verschieden vom kosmischen Bewusstsein. Die im unendlichen Bewusstsein auftretende Bewegung der Energie nennt man die kosmische Person, die mit einem Magnetfeld und Gravitationskräften ausgestattet ist. In ihr taucht diese Schöpfung wie ein Traum auf. Die Schöp- fung ist ein Traum. Das Wachzustand ist ein Traum. Obwohl diese Schöpfung bzw. Welterscheinung scheinbar wahrgenommen und erfahren wird, ist sie in Wahrheit die Verwirklichung der in uns auftauchenden Ideen – nur sie exis- tiert als die kosmische Persönlichkeit. Bewusstsein selbst erfährt die Ideen, die wieder und wieder in ihm auftauchen. Es ist diese kosmische Person, die durchdrungen und erfüllt von Bewusstsein ist, das als alle diese Traumobjek- te erscheint. So wie der Schauspieler, der sich im Traum schauspielernd sieht, sich auf der Bühne sieht, sein Publikum unterhaltend, so wird dieses Be- wusstsein seiner eigenen Erfahrung dieser Welterscheinung bewusst. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:174 Nur das Bewusstsein ist es, welches vom Beginn der Schöpfung an als die- ses Universum leuchtet. Die drei Welten sind daher nicht verschieden von Brahman. Brahman ist wie der Ozean – in ihm sind die Schöpfungen wie die Wellen und das Erfahren ist wie das Wasser. Auch nach diesem (der Schöp- fung) wird es reine, unkonditionierte Seligkeit geben. Wo sind Dualität, Nondualität oder überhaupt die anderen Dinge? Tiefschlaf und Träumen sind alternierende Zustände, die während des Schlafes auftauchen. Ebenso sind Erscheinung und Verschwinden dieser Schöpfung alternierende Ereignisse im unendlichen Bewusstsein. Sobald der Weise erkennt, dass diese Welt wie eine Traumstadt ist, ruhen seine Hoffnungen nicht länger auf ihr. Der Tagträumer träumt ausgiebig von seinen zahlreichen Erwartungen und Zukunftsvisionen. Obwohl solchen Tagträumen eine gewisse Realität zuzukommen scheint, sind sie doch in Wahrheit inexistent. Falls du jedoch nach einer anderen Erklärung für diese 719
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    Welterscheinung suchen solltest,weshalb akzeptiert du dann nicht die Mög- lichkeit der Täuschung bzw. von fantasierten Ideengebilden und Halluzinati- onen? Die Praxis der Geisteskontrolle, die das Gemüt daran hindert, sich irgend- welchen Modifikationen auszusetzen, ist nichts anderes als eine erlesene Form von Trägheit. Falls dagegen solche Modifikationen im Gemüt existieren, ist dieses damit zum Wohnsitz von Vielfalt bzw. saæsāra geworden. Durch solche Kontemplation kann der Zustand des Gleichmuts nicht erlangt werden. Falls man behaupten wolle, dass Befreiung durch ein mit Kraftaufwand von allen Modifikationen zurückgehaltenes Gemüt erlangt werden könne, dann weshalb wird dieser Zustand nicht auch durch den Schlaf erlangt? Nur wenn man erkennt, dass es überhaupt keine Schöpfung gibt, kommt die Selbster- kenntnis zum Vorschein, die zur Befreiung führt. Diese Befreiung ist niemals endend, unendlich und unkonditioniert; sie ist wahres nirvikalpa samÃdhÃna (samÃdhi). In ihr verbleibt man fest verwurzelt und ohne die geringste Erre- gung in der Selbsterkenntnis. Genannt wird sie außerdem auch ewiger Schlaf, turīya, nirvāïa und mokåa. Dhyāna bzw. Kontemplation bzw. Meditation ist vollkommenes Erwachen bzw. Erleuchtung. Vollkommenes Erwachen ist, wenn man realisiert, dass das objektive Universum nicht existiert. Dies hat weder einen Zustand zur Folge, der einer Trägheit oder Tiefschlaf oder nirvikalpa samÃdhi oder savikalpa samÃdhi ähnelt noch einen solchen, der unwirklich ist und auf Einbildung beruht. In diesem Zustand existiert das Universum so wie es ist, während es gleichzeitig als solches aufgelöst ist. Es gibt in ihm keinerlei Konzepte von Einheit und Vielfalt oder deren Mischung und deren Nicht-Existenz. Es gibt in ihm anstelle dessen den höchsten Frieden. Das vollkommene Erwachen wird durch das sorgfältige und beständige täg- liche und nächtliche Studium dieser Schrift erlangt, nicht aber durch Pilger- fahrten und Wohltätigkeit, nicht durch den Erwerb von Wissen, nicht durch die Praxis der Meditation oder von Yoga, nicht durch Askese (Bußübungen) und auch nicht durch religiöse Riten. Keine dieser Methoden setzt der Illusion ein Ende – sie bahnen lediglich den Weg zum Himmel und zu ähnlichen Be- lohnungen dieser Art, aber nicht zur Befreiung. Die Täuschung endet nur dann, wenn in einem, der diese Schrift sorgfältig studiert und ergründet hat, die Selbsterkenntnis zum Vorschein kommt. VASIåèHA fuhr fort: Weder diese noch irgendeine andere Welt ist in diesem unendlichen Be- VI.2:175 wusstsein am Anfang ins Dasein getreten. Im Bewusstsein tauchte – wie die Erfahrung des Umarmens einer Frau im Traum – eine unwirkliche, eingebil- dete Erfahrung auf. Im Traum ist nur der Träumer als solcher existent – eben- so ist in der unwirklichen Erfahrung nur das unendliche Bewusstsein als solches existent. In diesem Bewusstsein, welches auf immer rein ist, taucht dann das auf, was als die Welt erscheint. Wie könnte wohl Unreinheit im 720
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    reinen Bewusstsein auftauchen?Diese Erfahrung ist selbst rein. Dieses selbst ist die Traumstadt bzw. die Traumschöpfung. Dieses selbst ist die Welt, denn ganz zu Beginn der Schöpfung gab es keine Erde usw. Durch die Bewegung von Energie im unendlichen Bewusstsein geschah es, dass nachfolgend die Erde und die physikalischen Elemente, das Gemüt und die anderen psycholo- gischen Kategorien erzeugt wurden, die selbst nichts anderes als Ideen im Bewusstsein sind. Diese Bewegung von Energie ist wie die der Luft eigentüm- liche Bewegung, die ohne jede mentale Aktivität oder Absicht dazu stattfin- det. Bewusstsein erscheint im Bewusstsein als dessen eigener Körper bzw. Ma- terialisation. Das Gemüt wird selbst wie im Traum zu den Objekten der Wahrnehmung. Eine andere Ursache ist da unmöglich. Daher existiert keine Dualität und es gibt keinerlei Vielfalt im Bewusstsein. Das Höchste Brahman ist frei von allen Formen – sobald es selbst als formhaft erscheint, wird es zu dieser Welterscheinung. Es existiert ewiglich. So wie während des Traumes in einem die Vielfalt auftaucht, so scheint diese Welterscheinung in dem einen, unendlichen Brahman aufzutauchen. Das Gemüt selbst ist Brahmā der Schöpfer. Er ist das wahre Herz dieser Schöpfung und nur er tut alles und zerstört alles. Sobald man all dieses tief- gründig erforscht, vermag man klar zu sehen, dass nur das reine Bewusstsein und nichts anderes existiert. Es befindet sich jenseits jedweder Beschreibung. Am Ende der Ergründung bleibt als einziges nur gänzliche Stille zurück. Ob- gleich diese mit sämtlichen Tätigkeiten befasst ist, bleibt sie doch unberührt wie Raum – als wäre sie stumpf. Daher erlangt der Erleuchtete die Erkenntis des Unendlichen und bleibt daraufhin gänzlich still. Dieser ist der Größte unter den Menschen. Brahmā der Schöpfer bringt diese Welterscheinung ohne die geringste Ab- sicht dazu hervor. Mit „geschlossenen Augen“ ist das unendliche Bewusstsein es selbst – mit „offenen Augen“ ist es die Welt. In beiden Zuständen jedoch bleibt das unendliche Bewusstsein in sich selbst stets es selbst. Folglich „ist“ und „ist es nicht“, ist es real und irreal zur selben Zeit. Diese beiden Zustände wechseln einander kontinuierlich ab – niemals ist der eine ohne den anderen. Daher kenne ich die Wahrheit so, wie sie ist: Als den höchsten Frieden. Ich weiß, dass sie ungeborener und todloser Raum ist. Wisse auch, dass die Welt- erscheinung wie diese ist, obgleich sie ihr manchmal unähnlich ist. Das objek- tive Universum ist weder jemals aufgetaucht noch hört es irgendwann auf, obgleich es scheinbar im Jetzt erfahren wird. Es ist ein mysteriöses Produkt der Energie bzw. Macht des unendlichen Bewusstseins. Was auch immer wann und wo auch immer erfahren wird – sei es nun real oder irreal – scheint auch unverzüglich zu existieren. Keine andere Anschau- ung wäre angemessen. VASIåèHA fuhr fort: Das erfährt man als wirklich und offenbar, worüber man ständig nachsinnt, was beständig das eigene Gemüt beschäftigt und woran man mit seiner gan- 721
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    zen Kraft hingegebenist. Sobald das Gemüt mit dem Bewusstsein von Brah- man gesättigt ist, wird es selber Das, denn das Gemüt wird zu dem, was es am meisten liebt. Wenn das Gemüt in der höchsten Realität bzw. dem unendli- chen Bewusstsein ruht, dann befasst man sich automatisch mit der rechten Handlung und ist nicht länger an selbstsüchtiger Tätigkeit interessiert. Wenn dieses objektive Universum überhaupt nicht existiert oder wenn ei- ner dessen Existenz weder zu verifizieren noch zu leugnen vermag, dann ist es auch nicht möglich zu entscheiden, wer der Täter der Handlungen und der Genießende der Erfahrungen ist. Was man gemeinhin Brahmā der Schöpfer bzw. buddhi oder erwachte Intelligenz nennt, ist selbst nur das unendliche Bewusstsein, welches absolut rein ist. Der Friede am Himmel besteht in rei- ner Leerheit. Die Erscheinung von Dualität in all diesem ist illusorisch und nicht-existent. Vielfalt ist daher ein bedeutungsloses Konzept. So wie man nach der Tiefschlafphase in den Traumzustand eintritt, so bewegt sich ein und dasselbe unendliche Bewusstsein vom Zustand des Erschaffens hin zum Zustand absoluter Stillheit – es gibt in ihm weder Dualität noch Einheit. Das unendliche Bewusstsein nimmt diese Schöpfung innerhalb des Raumes sei- nes eigenen Bewusstseins wahr. So wie es in den Träumen keinerlei logische Abfolge oder Ordnung oder ei- ne kausale Beziehung gibt, so gibt es in dieser Welterscheinung keinerlei definitive kausale Verknüpfung oder Abfolge, obgleich genau dieser Eindruck entsteht. Im Traum gibt es weder eine Getrenntheit noch gibt es eine solche in den Objekten der Wahrnehmung. Ein und dasselbe Brahman bzw. unendli- che Bewusstsein erscheint vor deinen Augen als dieses Universum bzw. als die Schöpfung. Im Traum findet weder ein Wiedererkennen der im Traum gesehenen Objekte statt noch gibt es da saæskāra (mentale Eindrücke) noch überhaupt Erinnerung, da der Träumer nicht „ich habe dies früher schon gesehen“ denkt. Ähnlich gibt es auch im Wachzustand beim Beiseitelassen dieserdrei Faktoren nur das unendliche Bewusstsein, welches der unwissen- de Mensch mit der Erinnerung identifiziert. Im Höchsten Sein scheinen Bejahung und Verneinung, Gebote und Verbote zu existieren, obwohl sie in Wahrheit darin nicht existieren. Ein schwindeli- ger Mann glaubt, dass sich die Welt um ihn herum drehe, während der Schwindel in Wahrheit in ihm selbst stattfindet. Auch wenn jemand weiß und erkannt hat, dass das objektive Universum Täuschung bzw. Illusion ist, ver- schwindet dieses nicht außer durch nachdrückliche und lange Praxis. Diese Illusion hört daher nur durch das hingebungsvolle Studium dieser Schrift auf – einen anderen Weg gibt es nicht. Durch Selbsterkenntnis bzw. Erleuchtung geschieht es, dass diese drei (Gemüt, die Objekte der Wahrnehmung und der Körper) einen befriedeten Zustand der Ausgeglichenheit erlangen – aber nicht auf andere Weise, denn diese drei entstehen aus der Unwissenheit. Diese Unwissenheit wird durch bloßes Studium dieser Schrift zerstreut. Man sollte jeden Tag wenigstens einen kleinen Teil dieser Schrift studieren. Ihre Schönheit liegt auch darin, dass der Leser niemals mit seiner Ratlosigkeit 722
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    alleingelassen wird –falls etwas nicht sofort klar sein sollte, so macht das weitere Studium dieser Schrift das Verständnis fester. Diese Schrift zerstreut die Täuschung und versetzt dich in die Lage zu realisieren, dass das alltägli- che Leben selbst der höchste Zustand ist. Daher sollte man täglich wenigstens einen kleinen Teil dieser Schrift studie- ren. Falls jemand meinen sollte, dass diese Schrift nicht autoritativ und menschlichen Ursprungs sei, dann kann er immer noch seine Zuflucht zu einer anderen Schrift nehmen, die sich mit der Selbsterkenntnis und der endgültigen Befreiung befasst. Jedoch sollte niemand seine Lebenszeit unnütz verschwenden. RĀMA fragte: VI.2:176 Weshalb unterrichtest du mich in der Natur des Universums, wenn doch alle diese zahllosen Universen unablässig im unendlichen Bewusstsein auf- tauchen und sich darin wieder auflösen? VASIåèHA erwiderte: Auf diese Weise vermochtest du das Verständnis zu erlangen, dass die Welt ein langer Traum ist. Du hast das Verständnis der Beziehung zwischen einem Wort und seiner Bedeutung bzw. dem durch es bezeichneten Objekt erlangt. Daher waren alle diese Erörterungen der Welterscheinung und der eingebil- deten Schöpfung durchaus nicht müßig. Diejenige Veranschaulichung dient am besten dem Zweck, die spirituelle Wahrheit nahezubringen, die den Men- schen befähigt, das Wort und das mit ihm in Verbindung stehende Konzept zu erfassen. Nur diese wird dann auch zu einer lebendigen Wahrheit, die den Menschen im Alltag zu leiten vermag. Sobald du nach dem Wissen alles des- sen, was zu wissen nottut, die Erkenntnis der drei Perioden der Zeit (Vergan- genheit, Gegenwart, Zukunft) erlangt hast, wirst du diese Wahrheit selbst schauen können. In jedem Atom dieses Seins gibt es zahllose Universen – wer hätte wohl die Macht, sie zählen zu können? In diesem Zusammenhang erinnere ich mich an eine Geschichte, die mein Vater Brahmā der Schöpfer mir einst erzählte. Ich werde sie dir nun wiedererzählen – bitte höre sie dir an. Ich fragte meinen Vater Brahmā damals: „Was ist diese Welterscheinung und wo existiert sie?“ BRAHMĀ sprach: All dies hier, was als das Universum erscheint, oh Weiser, ist nichts als das unendliche Bewusstsein, Brahman. Der Weise kennt es als das reine satva (die unkonditionierte Intelligenz), das unendlich ist, während der Unwissen- de es als das materielle Universum betrachtet. Ich werde diese Wahrheit mit der folgenden Erzählung betreffend dieses Brahmāï¬a (das kosmische Ei) erläutern. Es gibt in diesem grenzenlosen Raum hier das unendliche Selbst, welches nicht verschieden vom Raum ist. Dieses Selbst nahm sich selbst innerhalb von sich selbst als einen jīva wahr, also als ein konditioniertes und lebendiges Wesen. Ohne jemals seine eigene, essenzielle Natur als der unendliche Raum 723
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    aufzugeben, betrachtete essich selbst als „ich bin“ bzw. den Ich-Sinn, obwohl da immer noch der Raum für den Körper (des jīva) war. Dieses „ich bin“ er- weiterte sich zu „ich bin buddhi bzw. der Intellekt“ und daraufhin betrachtete es sich selbst als die buddhi, die festlegt, was „dies“ und „das“ ist, dabei je- doch grundsätzlich der Illusion der konditionierten Wahrnehmung folgt. Danach unterhielt es in sich selbst die Idee: „Ich bin das Gemüt“, und verwi- ckelte sich in die Ideen bzw. in das vielschichtige und verdrehte Denken. Dieses Gemüt bildete anschließend die Idee der Existenz der fünf Sinne her- aus, die, obwohl formlos, wie im Traum erblickte Berge grob und materiell zu sein scheinen. Das Gemüt glaubte als nächstes, einen Körper bestehend aus den drei Welten mit einer Vielzahl von Kreaturen und allen Arten von Bezie- hungen, die angeblich zwischen diesen existierten, und die alle der Zeit un- terworfen waren, zu besitzen. Auf diese Weise erblickte es alles so, wie man die verschiedenen Objekte in einem Spiegel erblickt. Was es erblickte, war erbaulich und farbenprächtig. In jedem subatomaren Partikel existieren solche Universen. Die Unwissenheit betrachtet all dies mit dem Auge der Unwissenheit und hält es für eine gren- zenlose Schöpfung, aber sobald es als Brahman erkannt wird, verwandelt es sich selbst in das reine Brahman. Auch wenn man all dies tatsächlich sieht, wird doch nichts tatsächlich gesehen, da alles nur ein Traum ist. Wer ist hier der Wahrnehmende, was wird wahrgenommen und wie kann es Dualität im unendlichen Sein geben? RĀMA fragte: VI.2:177 Die Welterscheinung taucht im unendlichen Bewusstsein ohne die kleinste Ursache dafür auf. Wenn dies die Wahrheit ist, weshalb haben sich dann diese unverursachten Ereignisse nicht bis heute als solche fortgesetzt? VASIåèHA erwiderte: Welche Idee man auch immer unterhält, die wird als wahr erfahren. In Brahman existieren sowohl Verursachung als auch Ursachelosigkeit, da Brahman allmächtig ist. Im Falle eines Lebewesens sehen wir, dass der intel- ligente Körper gleichzeitig auch leblose Haare und Fingernägel hat. Wenn man etwas anderes als Brahman erfährt, ist dafür eine dann unvermeidlich entstehende, verdrehte Ursachenkonzeption verantwortlich. Wie kann es aber Ursachen und Resultate geben, wenn nur das unendliche Bewusstsein überall erstrahlt? RĀMA fragte: Im Falle des Unwissenden gibt es offensichtlich eine kausale Abfolge. Was wäre unverursacht in ihm und wie existiert es? VASIåèHA erwiderte: Für den Erleuchteten existiert kein Unwissender. Weshalb sollten wir unse- re Zeit damit verschwenden, über das Inexistente zu sprechen? 724
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    Es gibt Dinge,die verursacht sind, während andere wiederum keinerlei Ur- sache haben. Alles hängt von dem eigenen Gesichtspunkt ab – nur was man als gültig erachtet, wird auch als gültig akzeptiert. Diese Schöpfung hat selbst überhaupt keine Ursache. Der Glaube, dass die Welt von Gott usw. erschaffen worden ist, ist nur ein Spiel mit Worten. Es gibt da nichts, was diese angebli- che Wahrheit beweist, wie auch der Traum nichts beweist. Wenn die Schöpfung als ein Traum nicht klar verstanden wird, entsteht eine große Täuschung. Wird sie dagegen richtig verstanden, verschwindet die Täuschung. Alle spekulativen Erörterungen im Zusammenhang mit dieser Schöpfung ist nichts als Unwissenheit und Torheit. Kann Feuer die „Ursache“ für Hitze sein, die doch dem Feuer eigentümlich ist? Die Bestandteile des Körpers sind in der Tat formlos, ätherische Substanzen – folglich hat der physische Körper keine reale Ursache. Was sollte darüber hinaus die Ursache des Körpers sein, der das nicht existierende Universum erfährt? All dies ist die Natur der Natur (wie immer diese auch beschaffen sein mag), auch falls man eine Ursache unterstellte. Sogar das hier verwendete Wort „Natur“ ist nur eine Redeweise. Alle diese Objekte und deren vermeint- liche Ursachen sind daher nur Täuschungen, die im Gemüt des Unwissenden auftauchen. Der Weise weiß, dass sämtliche Wirkungen aus Ursachen entste- hen. Wenn man davon träumt, beraubt zu werden, und wenn man weiß, dass es nur ein Traum ist, gibt es keine Sorge – sobald die Wahrheit realisiert wird, ist das Leben frei von Sorge. Die Wahrheit besteht gewiss darin, dass dieses Universum niemals erschaf- fen worden ist, da die Schöpfung selbst überhaupt keine Ursache hat. Sie trat ins Dasein und existiert auf dieselbe Art wie ein Traumobjekt im unendlichen Bewusstsein existiert. Sie ist nur Brahman und nichts anderes und erstrahlt in Brahman. So wie Schlaf und Traum zwei Aspekte des Schlafes sind, so sind diese Schöpfung und die Auflösung des Universums die zwei Aspekte des einen, unteilbaren Bewusstseins. RĀMA fragte: VI.2:178 Hoher Herr, ist gibt Substanzen in dieser Welt, die teilbar, und andere, die unteilbar sind. Die teilbaren kollidieren miteinander, während die unteilbaren nicht miteinander kollidieren. So sehen wir beispielsweise den Mond, den wir sozusagen mit unseren Augen streicheln, ohne ihn zu teilen oder auch nur zu berühren... Ich stelle diese Frage vom Gesichtspunkt der unerweckten Person. Wer sorgt dafür, dass das Einatmen und Ausatmen des Lebensatems im Kör- per korrekt geregelt wird? Der Körper ist dicht und solide und bietet Wider- stand – was ist diese Kraft, die selbst subtil ist und keiner Widerstand in sich selbst hat, aber doch fähig ist, den Körper zu bewegen? Falls das, was subtil und nicht-widerstehend ist, auf solide und widerstandsfähige Substanzen einzuwirken vermag, weshalb kann man dann nicht nur durch die Kraft der Gedanken Berge versetzen? VASIåèHA sagte: 725
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    Der Lebensatem betrittund verlässt den Körper während des Ein- und Aus- atmens, sobald sich die subtile Nervenkraft, die im Herzen ruht, wie die Bla- sebälge des Schmieds ausdehnt und zusammenzieht. RĀMA fragte: Im Falle der Blasebälge des Schmiedes ist es der Schmied, der sie handhabt. Was ist es, das die nā¬i im Herzen auf ähnliche Weise kontrahieren und ex- pandieren lässt? VASIåèHA sagte: So wie der Schmied die Blasebälge sich ausdehnen und zusammenziehen macht, so gibt es ein inneres Bewusstsein, das alle inneren Organe, die im Körper arbeiten, arbeiten macht. Aufgrund davon geschieht es, dass alles in dieser Welt lebt und funktioniert. RĀMA fragte erneut: Jedoch sind der Körper und alle seine Bestandteile solide – wie kann das subtile Bewusstsein sie dann bewegen? Es gibt ja keinen Kontakt zwischen dem Soliden und dem Subtilen. VASIåèHA sagte: Höre diese Unterweisung an, die den ganzen Baum des Zweifels entwurzelt. In dieser Welt existiert nichts Solides und Widerstrebendes. Alle Dinge sind überall für alle Zeiten subtil und nicht-widerstrebend. All dieses ist reines Bewusstsein, das die scheinbar soliden Substanzen so erfährt wie man Traumobjekte erfährt. Erde, Wasser, Wind, Raum, die Berge und Ozeane usw. sind alle nichts als subtiles Bewusstsein. So sind auch das Gemüt und alles andere betreffend das innere Instrumentarium. In diesem Zusammenhang erzähle ich dir nun eine alte Legende. Diese Geschichte habe ich dir bereits in einem anderen Kontext erzählt. Höre sie an und du wirst erkennen, dass alles, was du hier siehst, nur reines Bewusstsein und nichts anderes ist. VASIåèHA fuhr fort: Es lebte einmal ein brāhmaņa namens Indu. Er hatte zehn Söhne. Im Verlau- fe der Zeit starb Indu. Seine Frau folgte ihm sehr bald danach in die andere Welt. Die Söhne führten das Begräbnisritual aus. An den Geschäften der Welt waren sie nicht mehr interessiert. Sie begannen darüber nachzudenken, welches die beste Form der Kontemplation wäre, die sie zu einem Leben wie die Götter befähigen würde. Zum Erreichen ihres Ziels verließen sie den Wald und befassten sich mit intensiver Kontemplation und Bußübung. Sie waren wie Steinbilder oder gemalte Bilder. Ihre Körper verwesten und wurden von Aasfressern verzehrt. Sie waren in die Kontemplation von „ich bin Brahmā der Schöpfer“, „ich bin die Welt“ und „ich bin diese gesamte Schöpfung“ eingetaucht. Da die Gemüter der zehn frei von der Verkörperung und gesättigt von ihrer starken Kontemp- lation waren, wurden diese Gemüter zu dem, was sie kontemplierten. So wurden ihre Gedanken zu dem, was wir hier als diese Schöpfung sehen. 726
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    Dieses Universum istreines Bewusstsein. Sogar die Erde, die Berge usw. sind reines Bewusstsein. So wie die Gemüter der Söhne Indus sich hier als das Universum manifestiert haben, so erscheint diese Schöpfung hier als die Idee des Universums bzw. der Schöpfung, wie sie in Brahmā dem Schöpfer aufgetaucht ist. Daher sind alle diese Elemente, die Erde und die Berge nichts als nur reines Bewusstsein. Der Töpfer des Bewusstseins hat mit der Hilfe des Töpferrades seines eige- nen Körpers (Bewusstsein) und mit dem Ton, der ebenfalls sein eigener Kör- per ist, diese Schöpfung geformt. Falls alle diese Kreaturen und Substanzen kein Bewusstsein sein sollten – was wären sie dann? Diese Schöpfung steht zum Bewusstsein in derselben Beziehung wie die Strahlkraft zum Juwel. All dies ist wahrhaftig Brahman – dies ist gewiss und unbestreitbar. Wenn und sobald diese Wahrheit klar gesehen wird, gibt es unverzüglich ein Ende des Kummers. Wird diese Wahrheit dagegen nicht erkannt, wird der Kummer fest und nachhaltig und hört nicht auf. Die Gottlosen und die Unwis- senden vermögen diese Wahrheit nicht zu erkennen. In ihren Augen ist dieser saæsāra eine solide Realität – sie würden die Wahrheit auf keinen Fall aner- kennen können. Es gibt keine Formen. Es gibt weder Existenz noch Nicht- Existenz noch Geburt noch Tod. Es gibt weder etwas, was man Realität nen- nen könnte noch etwas, was man Nicht-Realität nennen könnte. Das Höchste, welches absoluter Friede ist, nimmt diese Schöpfung innerhalb von sich selbst wahr und diese ist nicht unabhängig von Brahman, dem unendlichen Bewusstsein. Weshalb sollten wir dann die falsche Idee einer unabhängigen Manifestation hegen? In seiner nicht befreiten Gestalt hat es tausende Augen und Glieder – in seiner befreiten Gestalt ist es alles, Friede und Stille. Legen wir doch alle diese Beschreibungen beiseite! VASIåèHA fuhr fort: VI.2:179 Alle drei Welten sind nichts als reines Bewusstsein und stellen das unkonditionierte Gemüt (satva) dar. Die Elemente und die Kreaturen, die der Unwissende in dieser Welt erblickt, existieren überhaupt nicht. Wo sollte angesichts dieser Wahrheit noch der solide Körper usw. sein? Was auch im- mer hier wahrgenommen wird, ist wahrhaftig nicht-solide und extrem subti- les Bewusstsein. Nur Bewusstsein existiert in Bewusstsein – Friede ruht im Frieden – Raum existiert in Raum – nur Weisheit existiert in der Weisheit. Wo ist der Körper und wo sind die Glieder, wo sind die inneren Organe und das Skelett? Wisse, dass dieser Körper reines Bewusstsein wie der Raum ist – es ist subtil und sieht doch solide aus. Die Arme sind Bewusstsein und ebenso verhält es sich auch mit dem Kopf und sämtlichen Sinnen. All dieses ist subtil – da gibt es nichts, was solide zu nennen wäre. Diese Welt scheint im unendli- chen Raum bzw. Brahman wie ein Traum aufzutauchen. Aufgrund der Natur des unendlichen Bewusstseins scheint es als diese Schöpfung zu existieren. Daher ist es weder verursacht noch unverursacht. Natürlich gibt es ohne eine Ursache keine Wirkung. Was auch immer man mit Hilfe seines eigenen Be- wusstseins ersinnt, wird dann von einem selbst auch genauso gesehen. Wie 727
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    in einem Traumsämtliche Dinge überall auf jede nur denkbare Art und Weise auftauchen, so taucht die Welt im Wachzustand überall auf jede nur denkbare Art und Weise auf. So wie die Söhne Indus kraft der Macht ihrer Kontemplation zum Univer- sum wurden, so wurde das Eine zum Vielen. Das Viele wurde Eines, so wie die Anhänger Lord Viåņus eins mit ihm wurden. Flüsse gibt es viele, aber der Ozean ist einer. Die Zeit ist eins, auch wenn man die Jahreszeiten und die Jahre mit verschiedenen Namen nennen mag. Dieser Körper ist ebenfalls reines Bewusstsein und existiert wie ein Traumobjekt im Bewusstsein. Wie ein Traumobjekt ist er formlos, obgleich seine Gestalt wie eine offenbare Realität erfahren wird. Der eine Schlaf wird zu einer Zeit als die Traumerfahrung und zu einer an- deren als tiefer, traumloser Schlaf betrachtet und doch ist der Schlaf nur einer und unteilbar. Ebenso ist auch das Bewusstsein eines, ob es in ihm nun ein Gewahrsein von Objekten gibt oder nicht. Was daher als die Welt erfahren wird, ist nichts als reines Bewusstsein. Der Seher (der Erfahrende), das Ob- jekt (die Erfahrung) und der Akt des Sehens (das Erfahren) sind alle nichts als das eine Bewusstsein, welches wahrhaftig unteilbar ist. Die Erscheinung dieser Welt in diesem Bewusstsein als etwas anderes als Bewusstsein ist eine Illusion, die nach dem Verstehen ihrer Wahrheit aufhört, so wie ein Albtraum einen nicht länger verfolgt, sobald die Wahrheit des Albtraums erkannt wur- de. Es sind die unendlichen Möglichkeiten des einen, unendlichen Bewusst- seins, die hier als die unendlichen Objekte der Schöpfung auftauchen. Die Geschichte von Kundadanta RĀMA sagte: VI.2:180 Hoher Herr, als ich mich einmal im Haus meines Lehrers aufhielt, betrat je- mand den Raum. Er war eine äußerst strahlende Erscheinung. Er kam gerade vom Hof des Königs Videha her. Er grüßte die versammelten Heiligen und auch wir Studenten grüßten ihn angemessen. Nachdem er sich auf seinem Platz niedergelassen und ein wenig ausgeruht hatte, fragte ich ihn: „Heiliger, du scheinst ermüdet wie von einer langen Reise. Von woher kommst du?“ DER BRĀHMA×A erwiderte: Ja, du hast recht: Ich suche nach etwas und bin müde aufgrund der starken Bemühung, es zu erlangen. Ich werde dir nun mitteilen, weshalb ich hier bin. Ich bin ein brāhmaņa aus dem Land von Videha. Ich werde Kundadanta ge- nannt. Ich verlor das Interesse an den weltlichen Angelegenheiten und suchte die Gesellschaft der heiligen Männer und Asketen auf. Ich habe eine sehr lange Zeit auf dem Śrī-Berg gelebt und bin dort Bußübungen nachgegegangen. 728
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    Eines Tages hatteich auf diesem Berg einen seltsamen Anblick: Ein Asket baumelte, mit einem Fuß an einen der Äste gebunden, von einem Baum her- unter. Ich grüßte ihn. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. Ich dachte: „Dieser Asket muss lebendig sein, da sein Körper auf die Wechsel der klimatischen Umstände reagiert.“ Ich blieb dort einige Tage, diente ihm und gewann sein Vertrauen. Eines Tages fragte ich ihn: „Worin besteht das Ziel deiner Buß- übungen?“ Der Asket erwiderte: „Verkörperte Wesen haben viele interessante Ziele im Leben.“ Ich bestand auf einer Antwort. DER ASKET sagte: Ich wurde in der Stadt Mathurā geboren und bin dort auch aufgewachsen. Ich erwarb das Wissen der Schriften. Ich hörte: „Der König erfreut sich aller Arten von Vergnügen.“ Dieses Ziel begann mich zu inspirieren. Ich entschloss mich, zum Herrscher der gesamten Welt zu werden. Daher kam ich hierher und habe mich die letzten zwölf Jahre über mit Bußübungen befasst. Damit habe ich deine Frage beantwortet. Du wärest besser deiner Wege gegangen. Ich werde meine Bußübungen nun fortsetzen. DER BRĀHMA×A fuhr fort: Ich bat ihn, für die Dauer seiner Bußübungen meine Dienste anzunehmen. Im selben Moment, als ich dies gesagt hatte, schloss er seine Augen und wur- de wie tot. Von diesem Tag an blieb ich sechs Monate an diesem Ort und dien- te ihm. Eines Tages erschien an diesem Ort ein Wesen so strahlend wie die Sonne. Ich entbot ihm pflichtschuldigst meine Verehrung, während der Asket ihm mental huldigte. Dieses strahlende Wesen sprach zu dem Asketen: „Oh Asket, beende diese Askese. Ich werde dir dann eine Gunst deiner Wahl er- weisen. Du wirst zum Herrscher der gesamten Welt werden, siebentausend Jahre lang als solcher regieren und diese Zeit über diesen deinen Körper behalten.“ Nach dem das Wesen diese Gunst verliehen hatte, verschwand es außer Sichtweite. Nachdem es gegangen war, sagte ich zu dem Asketen: „Nun da du die Gunst deiner Wahl erlangt hast, kannst du diese Bußübungen been- den und zu deinen üblichen Pflichten zurückkehren.“ Der Asket akzeptierte dies. Ich durchschnitt das Seil, das seine Füße an den Baum band. Dann gin- gen wir beide nach Mathurā. DER BRĀHMA×A KUNDANTA fuhr fort: VI.2:181 Auf dem Weg nach Mathurā verbrachten wir einige Zeit in einem Dorf na- mens Rodha und zwei Tage in einer Stadt namens Salim. Am dritten Tag er- reichten wir einen Wald. Dort verließ der Asket die gewohnte Straße und sagte zu mir: „Lass uns zum Gaurī ĀÓramaæ gehen, der nahebei liegt. Dort leben meine sieben Brüder. Wir sind acht Brüder. Obwohl wir es Individuen geboren wurden, sind wir alle in demselben Bewusstsein vereint und haben alle dasselbe Ziel vor Augen, nach dem wir streben. Deswegen sind auch sie mit Bußübungen befasst. Ich bin zusammen mit ihnen hierher gekommen und habe gleich am Anfang diesen Wald erblickt, in dem sich der Gaurī ĀÓramaæ befindet. Komm, lass uns zum ĀÓramaæ gehen, der einen von allen 729
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    Sünden reinigt. Sogardie Gemüter und Herzen der Gelehrten und der Kenner der Wahrheit verlangen eifrig nach dem Besuch heiliger Männer. Daher soll- ten wir es als einen großen Segen betrachten, die Gelegenheit zum Besuch dieser Einsiedelei zu haben.“ Als wir in die Nähe des ĀÓramaæ kamen, sahen wir nichts als nackte Erde, als ob eine große Überschwemmung die Einsiedelei fortgeschwemmt hätte. Es gab dort keinen Baum, keine Einsiedelei, kein menschliches Wesen, keinen Weisen – gar nichts. Wir riefen beide aus: „Oh weh, was ist mit diesem Ort geschehen?“ Wir untersuchten die Umgebung und fanden einen alleinstehen- den Baum. Als wir uns diesem Baum näherten, sahen wir unter ihm einen alternden Asketen sitzen, der offenbar tief in samÃdhi versunken war. Wir setzen uns in seine Nähe und warteten eine beträchtliche Zeit lang ab. Er erhob sich jedoch nicht aus seiner Meditation. Ich näherte mich ihm schließ- lich und schrie ihn mit der äußersten Kraft meiner Stimme an: „Oh Weiser, erhebe dich von der Meditation.“ Als ich dies gesagt hatte, öffnete der Weise seine Augen und äußerte die folgenden Worte mit einer Stimme, die dem Brüllen eines Löwen ähnelte: „Ihr Heiligen, wer seid ihr? Was ist mit dem Gaurī ĀÓramaæ geschehen, der sich hier befand? Oder hat mich etwa jemand an diesen trostlosen Ort versetzt? Welche ist die gegenwärtige Epoche?“ Wir waren verwirrt. Ich sagte zu ihm: „Du weißt gewiss alles, oh Weiser. Daher vermagst nur du deine eigenen Fragen zu beantworten. Weshalb versuchst du nicht, alle bisherigen Geschehnisse im Licht deiner eigenen yogischen Vision zu betrachten?“ Nachdem ich so gesprochen hatte, ging der Weise erneut in tiefe Meditation. Mit der Hilfe seiner inneren, psychischen Kräfte erfuhr er alles, was bisher geschehen war. Der Weise blieb eine Zeitlang still und sagte dann zu uns: „Ihr Heiligen! Hört euch diese erstaunliche Erzählung an.“ DER WEISE sagte: Ihr seht diesen Baum hier. Aufgrund meiner Gegenwart hier ist er pracht- voll erblüht. Aus unbekannten Gründen verbrachte die Göttin der Bildung und der Sprache hier zehn Jahre und wurde währenddessen von den ver- schiedenen Jahreszeiten verehrt. Aus diesem Ort wurde ein dichter Urwald, der später als Gauri-vana (Gauri-Wald) bekannt wurde. In diesem Wald pfleg- ten sich sogar die Götter und die Frauen der siddhas bzw. der vollkommenen Weisen zu vergnügen. Sogar die Götter suchten diesen Ort auf, um den Füßen der Göttin ihre Verehrung zu erweisen. DER WEISE fuhr fort: VI.2:182 Nachdem sie zehn Jahre hier verbracht hatte, kehrte Gauri an die Seite ihres Gemahls Lord Śiva zurück. Da sie diesen Baum berührt hatte, alterte er nicht mehr. Nach einer Zeit wurde der Wald zu einem gewöhnlichen Wald, der von den Menschen der Umgebung für ihre Zwecke genutzt wurde. Zu dieser Zeit war ich der König von MÃlava. Ich entsagte dem Königtum und kam hierher, 730
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    um Bußübungen zupraktizieren. Hier trat ich in tiefe Meditation ein. Einige Zeit später kamt dann auch ihr acht Brüder hierher. Nachdem wir hier einige Zeit verbracht hatten, gingst du fort zum Śrī-Berg, ein anderer zum Krau¤ca- Berg, ein anderer nach KÃÓī und wieder ein anderer in die HimÃlayas. Die verbliebenen vier setzten hier ihre Bußübungen fort. Jeder von ihnen wollte zum Herrscher der gesamten Erde werden. Alle erlangten sie die entspre- chenden Gunstbeweise der Götter. Nachdem sie sich lange genug der Früchte ihrer Bußübungen erfreut hatten, kehrten alle mit der Ausnahme von dir nach Hause zurück. Ich selbst habe diesen Platz nie verlassen. Die Leute hiel- ten mich und diesen Baum in großen Ehren. Ich war hier sehr lange Zeit. All dieses konnte ich mit der Hilfe meiner yogischen Kräfte sehen. Nun kehre auch du heim zu deiner Familie. (Als Erwiderung auf Kundadantas Frage: „Die Erde ist eine – wie könnte sie von acht Leuten gleichzeitig regiert werden?“, sagte der Weise). Dies ist nicht die einzige rätselhafte Sache, es gibt da noch andere! Tatsächlich werden alle diese acht Brüder nach der Aufgabe ihrer physischen Körper die Erde inner- halb ihres eigenen Hauses regieren. Sie werden außerdem ihre (acht) Frauen stets bei sich als ihre Sterne behalten... Denn diese ihre Frauen versanken in untröstlicher Trauer, als ihre Gatten zum Zweck der Bußübungen ihr Zuhause verließen – Frauen können die Trennung von ihren Ehegatten nicht ertragen. Auch diese Frauen nahmen dann intensive Bußübungen auf. Dies erfreute die Göttin PÃrvati, die ihnen daraufhin die Gewährung einer Gunst anbot. Sie sprachen: „So wie du deinen Herrn liebst, so lieben wir unsere Gatten. Bitte gewähre ihnen die Unsterblichkeit!“ Die Göttin wies sie jedoch daraufhin, dass dies gegen die natürliche Ordnung verstieße. Sie forderte sie auf, sich eine andere Gunst zu erbitten. Die Frauen fragten: „Auch wenn unsere Gatten sterben und ihre Körper abwerfen, sollen sie doch niemals unser Zuhause auch nur für einen Moment verlassen.“ Die Göttin gewährte diese Gunst und noch eine weitere, nämlich dass ihre Gatten die Erde regierten sollten. Bald danach kehrten die sieben Brüder nach Hause zurück. Heute werden auch die acht zurückkehren. In dieser Geschichte gibt es noch etwas anderes Wunderbares. Als die acht Brüder in den Wald zur Praxis der Bußübungen fortgegangen waren, begaben sich die trauernden Eltern begleitet von den Frauen der acht Brüder auf eine Pilgerfahrt. Auf ihrem Weg begegnete ihnen ein kleingewachsener, aschebe- schmierter Asket von rötlicher Hautfarbe, der sich auf dem Weg nach einem heiligen Ort namens KalÃpagrÃma befand. Sie respektierten ihn nicht, son- dern begegneten ihm mit Argwohn. Der Asket, der in Wahrheit DurvÃsa war, war verärgert und verfluchte sie: „Ihr werden den Preis eures Hochmuts zu zahlen haben. Obwohl eure Söhne und eure Schwiegertöchter Gunstbeweise von den Göttern erlangt haben, werden diese Gunstbeweise in ihr Gegenteil ausschlagen!“ Sie erkannten ihren Fehler und beeilten sich, um die Vergebung des Asketen zu erlangen. Dieser jedoch verschwand noch bevor sie ihn errei- chen konnten, aus ihrer Sichtweite. 731
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    KUNDADANTA sprach: VI.2:183 Oh Weiser, die Erde ist eine – wie konnten diese sieben Herrscher der Erde denn gleichzeitig regieren? Wie kann jemand zum Herrscher der Erde wer- den, der sein Haus niemals verlässt? Welches Schicksal erwartet eine Person, die gleichzeitig Segen (Gunstbeweise) und Fluch, die einander widerspre- chen, empfangen hat? DER WEISE sprach zum Asketen: Du wirst selbst sehen, wie alles dieses möglich werden wird! Du wirst schon bald nach Hause zurückkehren und wieder mit deiner Fami- lie vereint sein. Im Verlaufe der Zeit werdet ihr alle sterben. Eure Körper werden von euren Verwandten verbrannt. Ihr alle werdet eine kurze Zeit lang getrennt und wie im Tiefschlaf im Raum des Bewusstseins verweilen. In der Zwischenzeit werden sich eure sämtlichen karmas (die Gunstbeweise und die Flüche) um euch herum versammeln. Die Gunstbeweise wie auch die Flüche werden eine eigene Gestalt annehmen. Die Gunstbeweise werden einen er- freulichen Ausdruck und lotosgleiche Hände, vier Arme und einen Streitkol- ben haben. Die Flüche werden grimmig dreinblickend, schwarz, zweiarmig und dreiäugig sein und einen Dreizack haben. Die Gunstbeweise werden zu den Flüchen sagen: „Verschwindet, ihr Flüche – eure Zeit ist gekommen und ihr vermögt ihr nicht zu widerstehen.“ Die Flüche werden zu den Gunstbeweisen sagen: „Verschwindet, ihr Gunstbewei- se – eure Zeit ist gekommen und niemand vermag dem zu widerstehen.“ Die Gunstbeweise werden sagen: „Ihr wurdet von dem Weisen gemacht, aber wir wurden von der Sonne gemacht.“ Die Flüche werden erwidern: „In der Tat wurdet ihr von der Sonne erschaffen, aber wir sind aus einem Teil von Lord Rudra Selbst geboren worden, der sogar den Devas und Göttern überle- gen ist; der Weise ist nur ein Teil bzw. ein Glied von Lord Rudra.“ So antwor- tend, werden die Flüche ihren Dreizack zum Kampf erheben. Daraufhin werden die Gunstbeweise erwidern: „Oh ihr Flüche, betrachtet nur all das Böse, welches aus eurem Hader hier erwächst. Gebt eure feindse- lige Haltung auf und lasst uns gemeinsam darüber befinden, was hier am besten zu tun ist. Eventuell müssen wir uns für eine Entscheidung an Brahmā den Schöpfer wenden. Weshalb nicht gleich zu ihm gehen?“ Die Flüche wer- den zustimmen, denn wahrhaftig würde nur ein Narr einen weisen Rat in den Wind schlagen. Alle zusammen werden sich zu Brahmā begeben und ihn über den Disput informieren. Brahmā wird dann zu ihnen sagen: „Derjenige von euch, der die Wahrheit in sich trägt, wird den Disput gewinnen. Schaut daher nach innen und findet heraus, wie sich dieses Innen befindet.“ Daraufhin werden die Flüche sagen: „Wir sind besiegt, oh Höchster Herr, denn in uns gibt es nichts von Wert. Wir alle, oh Höchster Herr, sowohl die Gunstbeweise wie auch die Flüche, sind tatsächlich reines Bewusstsein – wir besitzen nicht einmal einen Körper.“ DER WEISE fuhr fort: 732
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    Die Flüche werdendann noch erklären: „Das Bewusstsein, welches über den Gewährer des Gunstbeweises diesen gewährt, lässt den Empfänger des Gunstbeweises denken: „Ich habe den Gunstbeweis empfangen.“ Dasselbe Bewusstsein erfährt auch die entsprechende Verkörperung und die Früchte der Gunstbeweise. Das Gewähren des Gunstbeweise durch diejenigen, die sie gewähren, als auch das Empfangen der Gunstbeweise durch diejenigen, die um sie nachgesucht haben, setzen sich daher in ihrer beider Bewusstsein fest und bilden so einen Teil ihrer Essenz. Auf diese Weise werden sie für uns unüberwindlich. Das Reine erobert stets das Unreine. Nur falls die Gunstbe- weise und die Flüche ebenbürtig sind, erzeugen sie gemischte Ergebnisse wie mit Wasser gemischte Milch. Diese Ergebnisse werden von der Person wie in einem Traum erfahren. Höchster Herr, gib uns die Erlaubnis, uns zurückzie- hen zu dürfen.“ Die Flüche werden sich dann zurückziehen. Es wird eine neue Situation entstehen. Jetzt werden sich die Gunstbeweise, die dazu führen sollten, dass die jīvas niemals das Haus zu verlassen hätten, in einen Fluch verwandeln und den Gunstbeweis bezüglich der Herrschaft über die gesamte Erde anfechten. Der letztere wird sich zur Entscheidung der Lage an Brahmā den Schöpfer wenden. Brahmā wird sagen: „Obgleich beide Gunstbeweise oberflächlich betrachtet miteinander zu kollidieren scheinen, sind tatsächlich beide von ihnen bereits in Erfüllung gegangen. Denn die acht Brüder existieren nun in ihrem eigenen Haus und sind doch, seit sie ihren physischen Körper verlassen haben, gleichzeitig auch die Herrscher der ge- samten Welt.“ Sämtliche Gunstbeweise werden nun Brahmā ihre Zweifel vortragen: „Wir haben gehört, dass es nur eine Erde gibt. Wie ist es den acht Brüdern dann möglich, die Erde zu regieren und trotzdem in ihren Häusern zu verweilen?“ Brahmā wird erwidern: „Eure Welt und ihre Welt sind beide reine Leere und existieren auf dieselbe Weise in einen subatomaren Teilchen, wie ein Traum- objekt innerhalb von einem selbst erfahren wird. Was ist wohl so erstaunlich an acht Brüdern, die in ihren eigenen Häusern die Existenz mehrerer Welten erfahren? Gleich nach dem Tode wird diese Welt als exakt das erfahren, was sie ist: als eine dichte Leere innerhalb des eigenen Gemüts. Schon in einem einzigen Atom erstrahlt die gesamte Erde – um wieviel mehr in einem Haus. Was auch immer ist, ist das unendliche Bewusstsein – etwas, was man die Erde nennen könnte, gibt es nicht.“ Nachdem Brahmā so gesprochen haben wird, werden sich die Gunstbeweise vor ihm verneigen und ihre subtile Existenzform er- neut annehmen, nachdem sie zuvor ihre falschen Vorstellungen über eine physische Existenzform ablegen werden. Sofort werden dann die acht Brüder, die sich gegenseitig nicht kennen, zu den Herrschern der Erde werden. Der eine wird Ujjaini, ein anderer Śākadvīpa, ein anderer KuÓadvīpa, ein anderer Sālmāidvīpa regieren und wieder ein anderer wird sich beim Baden mit Himmelsbewohnern erfreuen. Ein anderer wird Krauñcadvīpa und wieder ein anderer Gomedadvīpa regie- 733
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    ren. Der letztewird Pu«karadvīpa regieren. So werden also beide Gunstbe- weise pflichtschuldigst erfüllt werden. KUNDADANTA fragte: VI.2:184 Wie können in einem Haus acht Erdenbälle existieren? DER WEISE erwiderte: Das unendliche Bewusstsein ist allgegenwärtig und erstrahlt überall auf jede Weise. Das Selbst nimmt die Welt innerhalb von sich selbst wahr. KUNDADANTA fragte erneut: Wo befindet sich in dem einen Höchsten Herrn das unendliche Bewusstsein und wie existiert die Vielfalt, als wäre sie real? DER WEISE sprach: Es gibt nur ein unendliches Bewusstsein, das höchster Friede ist, während es Vielfalt überhaupt nicht gibt, obwohl sie als solche erfahren werden mag. Die Vielfalt, die scheinbar existiert, ist wie Traum und Tiefschlaf illusionär und falsch. Obgleich es da Bewegung zu geben scheint, gibt es keine – die Berge sind keine Berge. Wie in einem Traum existiert nur die Natur als all dieses. Aber sogar diese Natur existiert nicht und daher existieren auch die verschiedenen Objekte nicht. Nur das, was das unendliche Bewusstsein sich einmal vorgestellt hat, existiert immer noch so, wie es war. Nicht einmal diese Vorstellungen sind real, denn nur das unendliche Bewusstsein existiert, wie es schon immer existiert hat. Nur das höchste Wesen existiert in den Blumen, Blättern, Früchten, Säulen, Bäumen überall und in allem als alles und als „das andere“. Die beiden Aus- drücke wie „das höchste Wesen“ und „das Universum“ sind Synonyme. Sobald diese Wahrheit durch das Studium der Schriften, die von der Selbsterkenntnis handeln, realisiert wurde, ist da Befreiung. Der Inhalt bzw. die Realität der Ideen und Gedanken ist Brahman bzw. das unendliche Bewusstsein, welches selbst der Inhalt bzw. die Realität der Welterscheinung ist. Daher ist die Welt Brahman. Beschreibungen und was jenseits aller Beschreibung ist, Gebote und Verbote, Existenz und Nicht-Existenz, Stille und Nicht-Stille, jīva und das Selbst – all dies ist Brahman und nur die Realität scheint eine irreale Erschei- nungsform angenommen zu haben. Was ist Aktivität und was ist Entsagung und alles andere, wenn doch all dies hier nur Brahman ist? Wie in einem Schlaf sowohl der Schlaf wie auch die tausend Träume auftauchen, so tauchen in dem einen unteilbaren Bewusstsein die zahllosen Erscheinungen auf. Alle diese sind essenziell reines Bewusstsein, das extrem subtil ist. Obwohl sie sichtbar zu sein scheinen, sind sie in Wahrheit unsichtbar. Das gesamte Uni- versum (einschließlich von Rudra, Viåņu und Brahmā) ist wie ein Traum. In diesem einzigen Ozean des Bewusstseins taucht all diese Vielfalt mit all ihren Freuden und Leiden auf. So wie jemand mit einer Fehlsichtigkeit selt- same Objekte am Himmel sieht, so nehmen die unwissenden Menschen die 734
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    Welt wahr. DieIdeen, die in Brahmā dem Schöpfer (namens Weltordnung) auftauchen, bringen all dieses hervor und erhalten es am Leben. KUNDADANTA sagte: Die Erinnerung taucht auf, wenn im eigenen Bewusstsein eine vergangene VI.2:184, 185 Erfahrung auftaucht. Wessen Erinnerung hat sich zu Beginn dieser Schöpfung zu dieser Schöpfung erweitert? DER WEISE erwiderte: Alles wird gesehen und erfahren, obwohl es zuvor noch niemals gesehen oder erfahren worden ist – so als ob man von seinem eigenen Tod träumen würde. Zu einer Erinnerung wird das, was man wiederholt in der Form von „dies habe ich schon früher gesehen“ denkt. Das eingebildete Objekt erscheint im Raum des eigenen Bewusstseins und man vermag nicht zu sagen, ob es real oder irreal ist. Nur durch die Gnade (bzw. die Macht) des Bewusstseins werden Träume und ähnliches überhaupt erfahren. Wie sollte es für dieses reine Bewusstsein unmöglich sein, die Welterscheinung wie eine wiederbe- lebte Erinnerung hervortreten zu lassen? So wie man am Ende des Tiefschlafs zu träumen beginnt, so erscheinen im unendlichen Bewusstsein die drei Welten. Was man die Welt nennt, ist reine Leere. Was ist und in was es ist und von woher es ist – das was ist, existiert überall und immer. Erhebe dich nun und tue, was auch immer zu tun ist. Ich werde meine Kon- templation fortsetzen, denn ohne eine solche Kontemplation kann der Kum- mer entstehen. KUNDADANTA sprach: Nachdem er so gesprochen hatte, schloss der Weise sofort seine Augen und trat in tiefe Meditation ein. Sein Lebensatem und sein Gemüt hatten aufgehört sich zu bewegen und daher saß er nun still wie ein gemaltes Bild. Wir ver- suchten ihn anzusprechen, aber er hörte uns nicht einmal. Wir waren un- glücklich darüber, ihn verloren zu haben. Schließlich gingen wir doch von dort fort und näherten uns langsam wieder dem Haus. Im Verlaufe der Zeit verstarben sieben Brüder. Nur mein Freund, der achte Bruder, lebte noch. Auch er verschied später. Ich fühlte mich von Gram über- wältigt. Daher Ich begab mich deshalb ein weiteres Mal zu dem Weisen am Fuße des Kadamba-Baumes. Ich wartete darauf, dass er mich bemerken wür- de. Nach drei Monaten öffnete er seine Augen. Als Antwort auf meine Gebete sagte er zu mir: „Ich bin samÃdhi bzw. der Kontemplation hingegeben. Ich vermag dies nicht einmal einen Moment lang aufzugeben. So lange du die Wahrheit nicht immer und immer wieder vernommen und darüber immer und immer wieder meditiert hast, wird sie dir nicht restlos klar werden. Daher werde ich dir nun sagen, was du tun solltest: Gehe nach AyodhyÃ. Dort gibt es einen König namens DaÁaratha. Sein Sohn heißt Rāma. Sein Guru Vāsi«Âha führt Diskurse über die Mittel der Befreiung. Höre dir diese an. Durch diese Mittel wirst du den höchsten Frieden erlangen.“ Nachdem er so 735
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    gesprochen hatte, trater erneut in samÃdhi ein. Daraufhin bin ich an diesen Ort hier gekommen, um mit dir zusammen zu sein. RĀMA sagte: Dieser Kundadanta sitzt hier neben mir und hat andächtig diesem Diskurs über die Mittel der Befreiung gelauscht. Heute ist er daher frei von allen Zweifeln. VASIåèHA fragte Kundadanta: Sage uns, was du im Verlaufe dieses Diskurses gelernt hast. VI.2:185, 186 KUNDADANTA erwiderte: Nur die Eroberung des Gemüts führt zur Zerstörung aller Zweifel. Ich habe eine Erkenntnis erlangt, in der es keine Widersprüche gibt. All meine Vorbe- halte haben sich gelegt. Ich bin fest im höchsten Zustand verankert. Ich habe dies von dir erfahren: Nur das unendliche Selbst bzw. Bewusstsein existiert im unendlichen Raum als diese Welt. Alles existiert überall in allem als alles und für immer. Das gesamte Universum existiert in einem Senfsamen; wird die Realität jedoch erkannt, dann existiert das Universum nicht in einem Senfsamen. Das Universum existiert in einem Haus, aber das Haus selbst ist reine Leere. Es ist nur Brahman bzw. das unendliche Bewusstsein, welches als all dies erscheint und als all dies erfahren wird. VASIåèHA fuhr fort: Es ist wunderbar, dass dieser große Mann nun die Erleuchtung erfahren hat. Er hat vollkommen erkannt, dass das gesamte Universum Brahman ist. Nur aufgrund von Täuschung geschieht es, dass Brahman als die Welt gese- hen wird. Doch ist diese Täuschung selbst Brahman, der höchster und unend- licher Friede ist. Was auch immer ist, wo und welcher Weise auch immer, ist es so und auf diese Weise. Was auch immer das unendliche Bewusstsein von sich selbst denkt, als das erscheint es. Das gesamte Universum (brahmÃï¬a) existiert in einem Atom des unendlichen Bewusstseins – daher ist ein Atom selbst das Universum. Das unendliche Bewusstsein ist unteilbar. Sobald dies erkannt wird, entsteht das Aufhören der Bindungen von Geburt usw. und das Fragen nach Befreiung. Sei, was du bist – frei von aller Pein. Du bist das Objekt der Wahrnehmung; du bist der Seher. Du bist Bewusst- sein und du bist leblos. Du bist etwas und du bist nichts. Denn Brahman ruht in sich selbst. Es gibt keine zwei Dinge wie Brahman und das objektive Uni- versum – sie sind eins wie Raum und Leere. Ein intelligenter, bewusster Mann erscheint schlafend als leblos und nicht-fühlend. Auf dieselbe Weise scheint das unendliche Bewusstsein die leblosen Objekte in dieser Schöpfung zu sein. Das unendliche Bewusstsein wird später so, wie der schlafende Mann zu träumen beginnt, zu den fühlenden Objekten. Dies setzt sich so lange fort, bis die Person die Befreiung erlangt und realisiert, dass diese Welterscheinung ein langer Traum gewesen war. Es geschieht aufgrund des dem unendlichen Bewusstsein eingeborenen Gewahrseins, dass es sich selbst für ein nicht- 736
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    fühlendes und unbeweglichesWesen hält. Aufgrund desselben Gewahrseins hält es sich dann zu anderen Zeiten wiederum für ein fühlendes und bewegli- ches Wesen. So wie ein und dieselbe Person fühlende und scheinbar leblose Glieder hat, so bilden alle die fühlenden und nicht-fühlenden Objekte dieser Schöpfung zusammen den Körper des unendlichen Bewusstsein. VASIåèHA fuhr fort: Ganz am Anfang der Schöpfung sind die im unendlichen Bewusstsein aufge- tauchten, traumartigen Gestaltungen aller Art bis heute als diese Schöpfung bestehen geblieben. Bewusstsein jedoch ist unteilbar und extrem subtil – es gibt daher in ihm keinerlei Vielfalt; auch jetzt nicht. Schöpfung, Existenz und Auflösung sind in der Sichtweise der Erleuchteten wie uns inexistent. Ob- gleich das unendliche Bewusstsein unteilbar ist, erfährt es innerhalb von sich selbst die zwei Zustände von Bindung und Befreiung, wobei die traumartige Erfahrung der Vielfalt Bindung und der schlafähnliche Zustand Befreiung genannt wird. Nur das unendliche Bewusstsein ist es selbst, dass Dinge sieht wie: „Dies ist die Schöpfung“, „dies ist die Auflösung“, „dies ist Wachen“ und „dies ist Träumen“. Das unendliche Bewusstsein kann man mit dem homoge- nen Tiefschlafzustand vergleichen, während der mit einem Traum vergleich- bare Teil dann das Gemüt darstellt. Dieses Gemüt ist es, welches als der jīva sich selbst als Gott, Dämon usw. betrachtet, aber auch alle Wesen wieder von dieser Vielfalt befreit. Sobald dies realisiert wurde, ist die Homogenität des traumlosen Schlafes hergestellt und dies wird dann von denjenigen, die sich um die Befreiung bemühen, als solche angesehen. Nur das Gemüt ist alles dieses: Mensch, Gott, Dämon, Bäume und Berge, Kobolde, Vögel und Würmer. Nur es selbst wird zu der hier wahrgenomme- nen unendlichen Vielfalt, die von Brahmā dem Schöpfer bis zur Säule reicht. Es ist das Gemüt, welches den Raum über uns wahrnimmt. Das Gemüt ist die dynamische und aggressive Form des unendlichen Bewusstseins. Sobald daher die Idee des Universum im unendlichen Bewusstsein auftaucht, denken wir daran, dass es das Gemüt ist, welches all das hervorgebracht hat. Nur das Gemüt ist der jīva. Es ist ohne Anfang und ohne Ende. Es ist wie Raum, der in Töpfen und Krügen enthalten zu sein scheint, ohne durch sie begrenzt zu werden. Er nimmt Körpergestalten an und gibt sie wieder auf. Realisiert es jedoch seine eigene, wahre Natur, dann hört die irreführende Idee der physi- schen Verkörperung auf. Das Gemüt ist wie das winzigste Teilchen eines Atoms. Das Gemüt ist die Persönlichkeit bzw. der jīva. Die Welt bzw. die Schöpfung existiert daher in der Person bzw. dem jīva. Alle in dieser Welt wahrgenommenen Objekte sind nichts als das Gemüt selbst – so wie die Traumobjekte nichts als das Gemüt selbst sind. Noch einmal: Die Person bzw. der jīva ist also nichts anderes als das Gemüt. Daher ist klar, dass die Welterscheinung und das Selbst nicht unterschieden voneinander sind. Alle diese Substanzen, die in diesem Universum wahrgenommen werden, sind tatsächlich reines Bewusstsein. Was getrennt von diesem Bewusstsein 737
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    wahrgenommen wird, istwie ein Traum; nur eine Idee oder ein Gedanke wie etwa das Schmuckstückhafte des Goldes. Dieser Gedanke der Schöpfung, der im unendlichen Bewusstsein zum Vor- schein kommt, wird das Universum genannt. Dieses Phänomen wurde ver- schiedentlich als saÇkalpa (Gedanke oder Idee) usw. beschrieben. VASIåèHA fuhr fort: Im Verlaufe der Zeit taucht durch die konstante Praxis von vicÃra bzw. Er- gründung und des Gleichmuts im weisen Menschen (oder bei den von Geburt an reinen Wesen) die vollkommene Erkenntnis auf, die ihn befähigt, in allem die Realität zu sehen. Daraufhin erlangt diese buddhi bzw.. erweckte Intelli- genz ihre Natur als reines Bewusstsein, frei von aller Dualität, zurück. Das unendliche Bewusstsein ist leer von einem Körper und nicht durch Schleier verdunkelt, sein einziger Körper ist sein Instrument des Gewahrseins und seine Fähigkeit zur Erleuchtung aller Dinge. Durch diese geschieht es, dass das Bewusstsein alles, woran es als existierend denkt, als das Ergebnis seiner eigenen Gedanken wahrnimmt. Dieses gesamte Universum ist eine Idee, die im unendlichen Bewusstsein auftaucht. Auch das Selbst ist fähig dazu, inner- halb von sich selbst verschiedene Gedanken auftauchen zu lassen und dann die Materialisationen dieser Gedanken zu erfahren. Daher werden auch Gunstbeweise und Flüche als im Bewusstsein erscheinende Gedanken erfah- ren, während sie gleichzeitig nicht von diesem verschieden sind. So lange der Schleier der Unwissenheit jedoch noch nicht beseitigt wurde und man immer noch die verschiedenen Gedanken über die Dualität und die Vielfalt unterhält, sind die von einer solchen Person gewährten Gunstbeweise wirkungslos. RĀMA fragte: Auf welche Weise verleiht eine unerleuchtete, aber rechtschaffene Person eine Gunst? VASIåèHA fuhr fort: Was auch immer Brahmā der Schöpfer zu Beginn der Schöpfung verfügt hat, das existiert auch heute noch. Brahmā ist nicht von Brahman, dem un- endlichen Bewusstsein, verschieden. Es war Brahmā, der durch seine eigene Gedankenkraft die Maßstäbe der Rechtschaffenheit, die Wohltätigkeit, die Entsagung, die edlen Eigenschaften, die Veden und weitere Schriften und die fünf großen Elemente ins Dasein gerufen hat. Er hat darüber hinaus verfügt, dass die Äußerungen (Gunstbeweise usw.) von Asketen und Kennern der Wahrheit zur Realität werden mögen. Es war Brahmā, der auch die Natur sämtlicher Substanzen hier festgelegt hat. So wie wir im Traum zu unseren eigenen Traumobjekten werden, so wird das Bewusstsein, obgleich real und bewusst, zu der unwirklichen Welterscheinung mit all ihren fühlenden und nicht-fühlenden Objekten. Die unwirkliche Welterscheinung wird dann später aufgrund beständig wiederholter Affirmation und der Überzeugung ihrer Wirklichkeit als eine Realität betrachtet. Wer sich Tagträumereien hingibt, 738
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    vermag sogar Steinskulpturenwie reale Tänzer tanzen zu sehen. Ebenso wird diese Welterscheinung, die in Brahman auftaucht, als eine Realität erdacht. Der Seher und das Gesehene sind nicht verschieden voneinander – Be- wusstsein ist sich seiner selbst als Bewusstsein bewusst. Daher sieht es all das, was immer es zu sehen wünscht. Ich bin das unendliche Brahman, der die kosmische Person ist, deren Körper die Welt ist. Folglich sind die Welt und Brahman nicht verschieden voneinander. So wie ein bewusstes Wesen sich gelegentlich in einem unbewussten Zustand befinden mag, so existiert sogar das höchste Wesen bzw. das unendliche Bewusstsein selbst als die anschei- nend leblose Welt. Im Traum gibt es „Licht“ und im Tiefschlaf gibt es Finster- nis, obwohl beides in ein und demselben Schlaf stattfindet. Auf dieselbe Wei- se scheinen Licht und Finsternis in dem einen, unendlichen Bewusstsein zu existieren. RĀMA fragte: Wie funktioniert in dieser Welterscheinung mit aller ihrer verblüffenden VI.2:187 Vielfalt die kosmische Ordnung (niyati)? Wie kann es sein, dass die Sonne aller Himmelskörper so heiß ist, und wer hat verfügt, dass die Tage manch- mal länger und dann wiederum kürzer sind? VASIåèHA fuhr fort: Die kosmische Ordnung erscheint und existiert im höchsten Wesen bzw. dem unendlichen Bewusstsein aufgrund von schierer Koinzidenz (wie die reife Kokosnuss zufällig beim Landen einer Krähe darauf herabfällt). Die Art und Weise, wie sie existiert, nennt man das Universum. Wegen der Unend- lichkeit und der Allmacht des Bewusstseins wird diese kosmische Ordnung als erfüllt von Intelligenz gesehen. Was dann als solches existiert, nennt man die kosmische Ordnung, niyati. Die momentane Bewegung innerhalb des Bewusstseins wird von diesem betrachtet als: „Dies ist die Schöpfung“. Gibt es dann eine weitere momentane Bewegung von Energie im Bewusstsein, betrachtet dieses es als: „Dies ist eine Epoche“. Weitere Bewegungen von dieser Art der Energie im Bewusstsein werden als Zeit, Tätigkeit, Raum, Substanz usw. bezeichnet. Sogar die Form, das Sehen und der Gedanke betreffend all dies sind nur Bewegungen von Energie, die aus eigenen Antrieb im Bewusstsein, das formlos ist, auftaucht. Was auch immer so auftaucht, nennt man die Eigenschaften der betreffenden Substanz und dies wurde dann als die kosmische Ordnung bekannt. In ihrem Wesen sind ein Augenblick und eine Epoche ähnliche Bewegungen der Energie im unendlichen Bewusstsein. Beide entstehen auf natürliche Weise im Bewusstsein und werden daher als Natur bzw. kosmische Ordnung betrachtet. So tauchen in dem einen Bewusstsein zahllose Substanzen mit ihren jeweils spezifischen Eigenschaften auf. Die Erde beispielsweise ist mit Festigkeit und Massivität ausgestattet und ist in der Lage, lebende Wesen zu erhalten, worin ihr Charakteristikum in der kosmischen Ordnung besteht. Dasselbe ist es im Falle der fünf Elemente usw. einschließlich der Sonne. Ihre 739
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    Charakteristiken tauchen alsentsprechende Bewegung von Energie im Be- wusstsein auf und werden dann zur kosmischen Ordnung. Das Himmelszelt dreht sich wie ein Rad, und auch das wiederum aufgrund der Bewegung der Energie, die im Bewusstsein auftaucht. Es gibt im Himmelszelt mehr oder weniger strahlende Sterne, während andere wiederum überhaupt nicht leuchten. In dieser Welterscheinung sind die Charakteristiken der verschie- denen Objekte selbst verschieden. In der Realität jedoch wurden sie alle nicht wirklich als diese Objekte erschaffen. Nur das unendliche Bewusstsein er- scheint als all dieses. Die Art und Weise, in der diese Dinge so lange zu exis- tieren scheinen, wie sie existieren, nennt man die Natur oder die kosmische Ordnung, niyati. VASIåèHA fuhr fort: Innerhalb des unendlichen Raums befindet sich verborgen und wie der Keimling des Samens das Wurzelelement des Klanges. Daraus haben die närrischen Leute dann lauter Theorien über eine materielle Schöpfung ge- sponnen, die der Unterhaltung anderer närrischer Leute dient. Nichts ist weder jemals ins Dasein getreten noch hört irgendetwas auf zu sein – was ist, existiert als solches fest verankert im höchsten Frieden wie das Innere eines Felsens. So wie es bei dem Lebewesen mit Gliedmaßen und Organen die be- ständige und endlose Erneuerung aller Zellen (Atome) der Organe gibt, so gibt es kein Ende der Universen im höchsten Wesen. Das unendliche Bewusstsein wird sich eines Teils seines eigenen Seins be- wusst, woraufhin dann das Gewahrsein dessen auftaucht. Diesem folgt der Gedanke einer Beziehung, das Wort dafür und das dementsprechende Objekt. Da dieses Gewahrsein mit dem Instrument der Beobachtung und Ergründung dessen, was es beobachtet, ausgestattet ist, wird es als Bewusstheit erkannt. Aus dieser Masse von Bewusstheit tauchen der jīva und alles andere damit in Zusammenhang stehende auf. Auf dieser Stufe ist er jedoch in Ermange- lung der Unwissenheit noch nicht individualisiert. Sobald jedoch die Unwis- senheit in ihm auftaucht, wendet er sich dem saæsāra zu. Angefüllt ist er mit den ungeborenen Elementen. Auf dieser Stufe kommen der Ich-Sinn bzw. die Individualisierung zusammen mit dem Empfinden von Zeit zum Vorschein. Darin ist dann bezüglich der Existenz der Welt der vitale Faktor. Das Bewusstsein selbst ist es, dass auf diese Weise individualisiert wird. In ihm taucht der Gedanke des Wurzelelements des Raums auf. Mit diesem zusammen erscheint dann auch dessen Beziehung, das betreffende Wort (der Name) und die Bedeutung (das Objekt). Später entstehen aus diesem dann die anderen Elemente und die vierzehn Welten. Das Bewusstsein entwickelt schließlich den Gedanken an Bewegung. Diese Bewegung wird zur Luft mit den dazugehörigen Aktivitäten wie der Berüh- rungssinn und das Leben der Wesen. Ähnlich ist es mit dem Licht, welches im Bewusstheit als das Wurzelelement der Form erstrahlt, die allen Wesen ihre Formgestalt verleiht. Die Erfahrung des Sehens ist Licht, die Erfahrung der 740
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    Berührung ist derBerührungssinn, die Erfahrung des Hörens ist der Gehör- sinn. Ebenso sind die Wurzelelemente für den Geschmack, woraufhin dann der Geruch auftaucht. Obgleich sie als unabhängige Substanzen irreal sind, erscheinen sie wie im Traum als real. Alle diese verbinden sich später mitei- nander und erzeugen dadurch die groben Formen usw. Sie sind keine realen Wesenheiten, sondern nur Materialisationen der Gedanken bzw. Ideen, wie diese im unendlichen Bewusstsein aufgetaucht sind. Das, was Formen sehen macht, nennt man Auge; das, was Töne hörbar macht, nennt man Ohr; das, was Berührung erfahren macht, nennt man Haut; das, was Geschmack erfahrbar macht, nennt man Zunge; das, was Geruch erfahrbar macht, nennt man Nase (bzw. anstelle des Organs den entspre- chenden inneren Sinn). Aufgrund der räumlichen und zeitlichen Begrenzun- gen bindet sich der jīva in die kosmische Ordnung ein und wird dann unfähig, alles auf einmal zu erfahren. VASIåèHA fuhr fort: Der Ausdruck: „Am Anfang“, der so verwendet wird, als gäbe es tatsächlich VI.2:188 einen solchen Anfang oder auch nur den Gedanken an eine Schöpfung, dient nur dem Zweck der Unterweisung und ist nicht die Wahrheit. Der Gedanke, der im Bewusstheit auftaucht, aber als solcher nicht vom Bewusstsein selbst verschieden ist, wird als der jīva bezeichnet, sobald er im Außen auf der Suche nach wahrzunehmenden „Objekten“ wandert. Dieser Gedanke bzw. dieses Konzept hat verschiedene Namen und Be- schreibungen. Da Bewusstsein durch ihn zu einer lebenden Wesenheit ge- worden ist, nennt man ihn jīva. Da er sich des Objekts bewusst ist, wird er Bewusstsein (cit) genannt. Da er sämtliche Dinge in „dies ist dies“ einordnet, nennt man ihn buddhi (klassifizierende Intelligenz). Da er Konzepte und Wahrnehmungen ersinnt, nennt man ihn Gemüt (manas). Weil er sich selbst als „ich bin“ versteht, nennt man ihn Ich-Sinn (ahaækāra). Weil er reich an Bewusstsein ist, nennt man ihn citta (Psyche). Weil er ein Netzwerk fester Ideen strickt, nennt man ihn purya«Âaka. Weil er zu Beginn der Schöpfung auftaucht, nennt man ihn prak−ti (Natur). Weil er unbekannt ist (d.h., weil er − aufhört), sobald man Befreiung erlangt, nennt man ihn Unwissenheit (avidyā). Alle diese Beschreibungen gründen auf der Existenz des subtilen (ātivāhika) Körpers. Obgleich hiermit die illusorische Welterscheinung in Worte gefasst wurde, existiert sie als solche nicht. Der ātivāhika-Körper ist nur subtile Leere. Er taucht nicht auf und kennt folglich keinen Grund für ein Aufhören seiner selbst. Und doch fahren im Feld des unendlichen Bewusstseins die zahllosen Universen fort zu existieren. Der subtile mentale Körper reflektiert das Universum so wie ein Spiegel ein davor befindliches Objekt reflektiert. Am Ende der Periode, die der kosmischen Auflösung folgt, denkt das höchs- te Wesen an den subtilen (ātivāhika) Körper, der dann im unendlichen Be- wusstsein auftaucht. Dieser subtile Körper hält sich dann selbst für Brahmā, 741
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    Virāt, Viåņu usw.Womit sich dieser subtile Körper auch immer identifiziert, das scheint dann zu existieren. Obwohl alle diese verschiedenen Wesenheit erschaffen zu sein scheinen, sind sie nur eine optische Täuschung. Nichts wurde jemals erschaffen. Alles ist nur reine Leere, die alles durchdringt. Nur das anfanglose Brahman existiert. Aufgrund der Tatsache jedoch, dass dieser kosmische, subtile Körper den Gedanken entwickelt hat, er erführe all diese Vielfalt, scheint sie dann auch zu einer unwiderleglichen Wahrheit zu werden. In diesem ātivāhika(subtilen)-Körper entstehen die Gedanken bzw. Konzep- te der physischen Körper und ihrer entsprechenden Teile, die Ideen von Ge- burt, Aktivität usw., die Konzepte von Zeit, Raum, Abfolge usw. wie auch die Konzepte vom Altern, Tod, von Tugenden und Mängeln, Erkenntnis usw. Nachdem der subtile Körper selber diese Konzepte heraufbeschworen hat, erfährt er das aus den fünf Elementen zusammengesetzte objektive Univer- sum so, als würde es in Wirklichkeit existieren. Und doch ist all dies reine Illusion; wie Traumobjekte und Traumerfahrungen. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:189 Der kosmische subtile (ātivāhika)-Körper, der durch schiere Koinzidenz (wie beim Fallen der reifen Kokosnuss beim Landen einer Krähe darauf) als der Schöpfer Brahmā aufgetaucht ist, fährt aufgrund der eingeborenen Natur des Bewusstseins fort zu existieren. Er ist selbst das Universum. Der Seher, das Gesehene und der Akt des Sehens sind sämtlich unwirklich. Falls man sie als real betrachten sollte, dann wären sie immer noch sämtlich nur Brahman, und nur Brahman ist real. Der kosmische, subtile Körper entsteht aus eigenem Antrieb und wird dann selbst durch beständiges Daran-denken zu einer soliden Substanz – so wie ein Traum, der länger und länger wird, als realer erscheint. Auf diese Weise entstehen sogar die Materialität bzw. Substanzialität aus eigenen Antrieb aus dem subtilen (ātivāhika)-Körper. „Ich bin dies“, „ich bin das“ - darin bestehen die Ideen, die in diesem Körper wie die Berge und die verschiedenen Him- melsrichtungen auftauchen, während sie samt und sonders nur bloße Täu- schung, Erscheinungen bzw. optische Illusionen sind. Sobald der ātivāhika- Körper vom Schöpfer Brahmā als materiell oder als aus physischer Substanzialität bestehend gedacht wird, entsteht genau diese Materialität. Das Bewusstsein hält sich selbst für Brahmā den Schöpfer. Dann denkt es: „Dies ist der Körper“ und „dies ist die Lebensgrundlage des Körpers“, womit es eine Beziehung zwischen dem Körper und seiner Lebensgrundlage schafft, die dann zur Bindung wird. Sobald es in unwirklichen Phänomenen die Idee von Realität gibt, entsteht Bindung. Sobald viele dieser Ideen auftauchen, tritt die Vielfalt ins Dasein. Diese Person gibt dann Töne von sich, gestikuliert und teilt alles für sie Mitteilenswerte mit. Sie singt die Mantras der Veden, nachdem sie OM into- niert hat. Schon bald befasst sie sich dann mit Hilfe all dieser Dinge mit den verschiedensten Tätigkeiten. Die Person hat die Natur des Gemüts und er- fährt, was immer sie ersinnt. Es kann nicht schwierig für jemanden sein, seine 742
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    eigene Natur unddas, was aufgrund dieser Natur in ihm erschienen ist, zu erkennen. Sobald die Person innerhalb von sich selbst die Idee der Welt wahrnimmt, wird diese schon bald zu einer soliden Realität. Obgleich dieses physikalische und materielle Universum nichts als ein langer Traum bzw. Zauberkunststück ist, erstrahlt es im subtilen Körper bzw. in Brahmā dem Schöpfer wie etwas Wahres. Es ist klar, dass das physikalische bzw. materielle Universum nirgendwo und zu keinem Zeitpunkt existiert. Der subtile Körper selber erscheint auf- grund der Idee von Solidität, wie sie wiederholt in ihm auftaucht, als der solide Körper. Seine eigentliche Quelle ist unwirklich. Die einzige Realität in all diesem ist Brahman. Es gibt hier nichts anderes als Brahman. VASIåèHA fuhr fort: Sobald Erkenntnis zum Objekt des Erkennens gewor- VI.2:190 den ist, wird es Bindung genannt. Befreiung gibt es, sobald die Erkenntnis aufgehört hat, ein solches Objekt zu sein. RĀMA fragte: Wie gelangt die feste Überzeugung davon, dass die Erkenntnis das Objekt des Erkennens ist, an ein Ende? VASIåèHA sprach: Sobald es ein vollständiges Erwachen gegeben hat, endet die Stumpfheit der Intelligenz. Dann tritt die Befreiung, die formlos, friedvoll und real ist, ins Dasein. RĀMA sagte: Worin besteht diese Befreiung, die vollkommene Erkenntnis ist und ein Lebewesen von der Bindung befreit? VASIåèHA sagte: Erkenntnis hat kein Objekt, dass sie kennen könnte. Er- kenntnis ist unabhängig und ewig, sie ist jenseits der Beschreibung und Defi- nition. Sobald diese Wahrheit direkt realisiert wird, gibt es vollkommene Erkenntnis. RĀMA sagte: Worin besteht diese Getrenntheit, die zwischen der Erkennt- nis und dem Objekt der Erkenntnis auftaucht? In welchem Sinne verwenden wir das Wort „Erkenntnis“? VASIåèHA sagte: Vollständiges Erwachen bzw. Erleuchtung ist jñāna bzw. Erkenntnis. In ihrer Kontemplation besteht das Mittel eines solchen Erwa- chens. In Wirklichkeit gibt es keinerlei Getrenntheit zwischen Erkenntnis und dem Objekt des Erkennens. RĀMA sagte: Wenn sich dies so verhält, wie konnte dann überhaupt zuerst diese irreführende Sichtweise von der Erkenntnis und dem Objekt der Er- kenntnis auftauchen und sich fest verankern? VASIåèHA sagte: Die Getrenntheit entsteht aufgrund des irrigen Glaubens, dass es da noch etwas anderes als die Erkenntnis gäbe, etwas außerhalb von dieser selbst. Tatsächlich gibt es da weder innen noch außen etwas. RĀMA sagte: All dies scheint so offenkundig zu sein – ich, du usw. und alle diese Elemente und die verschiedenen Wesen, die wir als so real erfahren. Wie könnte man zugeben, dass sie nicht existierten? 743
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    VASIåèHA sagte: Diekosmische Person bzw. Virāt und der Kosmos usw. sind tatsächlich ganz am Anfang der Schöpfung nie ins Dasein getreten. Daher hat es zu keinem Zeitpunkt ein wie auch immer geartetes „Objekt des Sehens“ gegeben. RĀMA sagte: Diese Welt war, ist und wird sein; sie wird alltäglich erfahren. Wie kann man dann behaupten, sie sei niemals erschaffen worden? VASIåèHA erwiderte: Diese Welterscheinung ist so unwirklich wie das aus ihr sich Ergebende, obwohl alles dies als real erscheint: Die Traumobjekte, das Wasser in der Luftspiegelung, der zweite Mond des Fehlsichtigen und die Luftschlösser. RĀMA fragte: Wie kann man behaupten, dass „ich“, „du“ usw. nicht einmal zu Beginn der Schöpfung als solche entstanden sind? VASIåèHA erwiderte: Eine Wirkung entsteht aus einer Ursache, nicht aber andersherum. Während des Stadiums der kosmischen Auflösung, der der angenommenen Schöpfung vorausgegangen ist, gab es den höchsten Frieden, in dem keinerlei Ursache für das Entstehen eines Universums vorhanden war. RĀMA sagte: Auch während des Stadiums der kosmischen Auflösung blieb das ungeborene und ewige Wesen unberührt. Weshalb kann dieses nicht als die Ursache dieser Schöpfung betrachtet werden? VASIåèHA erwiderte: In der Wirkung findet sich stets nur das, was auch in der Ursache ist. Etwas Unwirkliches kann im Wirklichen nicht existieren. Ein Kleidungsstück kann nicht mit Hilfe eines Kruges produziert werden. RĀMA sagte: Vielleicht existiert diese ganze Schöpfung während der kosmi- schen Auflösung in einem subtilen Zustand in Brahman dem unendlichen Bewusstsein, und es ist dann nur dieser, der sich selbst während der darauf folgenden Schöpfung manifestiert. VASIåèHA erwiderte: Aber wer hätte die Wahrheit einer solchen Annahme jemals erfahren? Weshalb Zuflucht zu unbewiesenen Behauptungen nehmen? RĀMA sagte: Gewiss haben die Kenner der Wahrheit in diesem Zustand die Erfahrung gewonnen, dass es da reines und unendliches Bewusstsein gibt. Natürlich gab es da keinen Raum. Die „reale“ und materielle Welt kann offen- kundig nicht aus der Leere entspringen. VASIåèHA sagte: Falls dies so wäre, dann wären die drei Welten gewiss nichts als nur reines Bewusstsein. Für denjenigen, dessen Körper reines Bewusstsein ist, gibt es weder Geburt noch Tod. RĀMA fragte: Dann sage mir bitte, wie diese Weltillusion überhaupt in Er- scheinung treten konnte? VASIåèHA erwiderte: In der Abwesenheit von Ursache und Wirkung gibt es weder Sein noch Nicht-Sein. Wie konnte dann also dieses „Objekt der Wahr- nehmung“ auftauchen? Es tauchte gar nicht auf – das Selbst denkt an sich selbst und erfährt sich selbst dann als ein Objekt der Wahrnehmung. All dies ist nur Bewusstsein und nichts anderes. 744
  • 745.
    RĀMA fragte: Dasleblose „Objekt der Wahrnehmung“ denkt! Der Höchste Herr, der der Seher von allem ist, wird zum Objekt. Wie ist dies möglich? Ist es dem Holz möglich, Feuer zu verbrennen? VASIåèHA erwiderte: Der Seher wird nicht zum Objekt der Wahrnehmung, weil der letztere überhaupt nicht existiert. Der Seher ist stets nur diese eine Masse des Bewusstseins. RĀMA fragte: Das unendliche Bewusstsein wird innerhalb von sich selbst des Bewusstseins als eines Objekts gewahr, wodurch die Welterscheinung ins Dasein tritt. Wie entsteht daraus das Objekt? VASIåèHA erwiderte: Da die Ursache fehlt, taucht das Objekt als solches überhaupt nicht auf. Daher ist das Bewusstsein auf immer frei und auf ewig unbeschreibbar und undefinierbar. RĀMA fragte: Wenn dies so ist, wie können dann der Ich-Sinn und die and- ren Kategorien daraus auftauchen? Wie erfährt man die Welt? VASIåèHA erwiderte: Da die Ursache fehlt, taucht keines dieser Dinge je- mals auf. Wo sollte das Objekt der Wahrnehmung sein? All diese so genann- ten Objekte sind nur Illusionen aus der Wahrnehmung. RĀMA fragte: Wie kann in diesem reinen Bewusstsein, das frei von der Be- wegung und daher frei vom Gewahrsein eines Objekts ist, die Illusion entste- hen? VASIåèHA erwiderte: Oh Rāma, auch die Illusion gibt es aufgrund des Feh- lens einer Ursache nicht. All dieses (ich, du und alles andere) ist der eine, unendliche Friede. RĀMA fragte: Hoher Herr, ich bin verblüfft und weiß nicht mehr, was noch zu fragen wäre. Ich bin vollkommen erweckt oder erleuchtet – was sollte ich noch fragen? VASIåèHA erwiderte: Da die Ursache von all diesem fehlt, befasse dich nicht länger mit Fragen nach den Ursachen („weshalb“). Dann wirst du leicht in der höchsten, unbeschreibbaren Realität ruhen. RĀMA fragte: Ich akzeptiere, dass es aufgrund fehlender Ursache niemals eine Schöpfung gegeben hat. Aber für wen entsteht diese Verwirrung bezüg- lich der Erkenntnis und ihres Objekts eigentlich? VASIåèHA erwiderte: Da die Ursache fehlt und da außerdem nur der eine, unendliche Friede allein existiert, gibt es auch keine Illusion. Du ruhst noch nicht im Frieden, weil du die Wahrheit noch nicht oft genug kontempliert hast. RĀMA fragte: Wie entsteht Kontemplation und was ist keine Kontemplati- on? Wir sind schon wieder in derselben Falle gefangen! VASIåèHA erwiderte: Tatsächlich gibt es im Unendlichen überhaupt keine Illusion. Weil Bewusstsein unendlich ist und nie abnimmt, taucht in ihm die- ses Konzept der wiederholten Kontemplation über diese Wahrheit auf. 745
  • 746.
    RĀMA fragte: Fallsall dies der eine, unendliche Friede ist, worin besteht dann die Bedeutung der Worte „Lehrer“ und „Schüler“ und wie ist diese Dua- lität überhaupt entstanden? VASIåèHA erwiderte: „Lehrer“ und „Schüler“ sind beide Brahman, der in Brahman existiert. Für den Erleuchteten gibt es weder Bindung noch Befrei- ung. RĀMA fragte: Wenn die Vielfalt von Zeit, Raum, Materie, Energie und alles andere nicht existiert, wie ist dann das Konzept des Einsseins dieser Vielfalt entstanden? VASIåèHA erwiderte: Die Vielfalt von Zeit, Raum, Materie, Energie (Tätig- keit) und Erfahren existiert nur in der nicht-existierenden Unwissenheit. Ein davon unabhängiges Konzept gibt es nicht. RĀMA fragte: Wenn die Dualität von „Lehrer“ und „Schüler“ falsch ist, was ist dann Erwachen oder Erleuchtung? VASIåèHA erwiderte: Erwachen wird durch Erwachen erlangt und danach wird das Konzept des „Erwachens“ klar verstanden. Natürlich ist all das nur für Leute wie dich verständlich, nicht aber für uns. RĀMA fragte: Wenn also die Erleuchtung selbst auf den Ich-Sinn bezogen ist, wird sie selbst zu etwas anderem als der Erleuchtung. Wie kann eine solche Getrenntheit im reinen, unteilbaren Bewusstsein erscheinen? VASIåèHA erwiderte: Der Licht des Erleuchteten selbst ist das Selbst- Gewahrsein. Die scheinbare Getrenntheit bzw. Dualität ist wie der Wind und dessen Bewegung. RĀMA sagte: Wenn das die Wahrheit ist, dann wäre es auf der Grundlage der Analogie vom Ozean und den nicht von diesem unterschiedenen Wellen unmöglich, die Existenz der Vielfalt (der Kenner, das Kennen und das Objekt des Kennens) zu akzeptieren. VASIåèHA erwiderte: Falls dies akzeptiert würde, gäbe es keinen Mangel in der Getrenntheit, obgleich die Wahrheit darin besteht, dass die Realität das eine, unteilbare Bewusstsein ist. RĀMA sagte: Hoher Herr, in wem taucht der Ich-Sinn auf und wer erfährt diese Welterscheinung bzw. Illusion? VASIåèHA erwiderte: Nur die Überzeugung von der Realität des Objekts der Erfahrung führt zur Bindung. Es genügt zu wissen, dass das Objekt nicht existiert. Da Bewusstsein alles ist, gibt es weder Bindung noch Befreiung. RĀMA sagte: Eine Lampe beleuchtet Objekte, die daraufhin sichtbar wer- den. Erleuchtet auch das Bewusstsein äußere Objekte, die real sind? VASIåèHA erwiderte: Die äußere Welt verfügt über keine Ursache für ihre Schöpfung. Eine Wirkung taucht ohne Ursache nicht auf. Daher handelt es sich um eine illusorische Wahrnehmung. 746
  • 747.
    RĀMA sagte: Obman ihn nun als real oder irreal erachtet – ein Albtraum verursacht Pein, so lange er andauert. Ebenso steht es auch mit der Welter- scheinung. Wie können wir dies überwinden? VASIåèHA erwiderte: So wie der Albtraum und die durch ihn verursachte Pein beim Aufwachen aufhören, so hört der durch die Wahrnehmung der Weltillusion verursachte Kummer auf, sobald man von dieser Illusion erwacht und sich beständig der Anhaftung und des Anklammerns an die Objekte der Welt enthält. RĀMA fragte: Wie erlangt man das Objekt, das einen glücklich macht? Wie gelangt außerdem die vermeintliche Solidität der Objekte dieses Weltraums an ihr Ende? VASIåèHA erwiderte: Durch Erforschung des „davor“ und des „danach“ hört die Solidität der Substanzen auf. Durch die Kontemplation der Wahrheit, dass dies sogar für den Traum zutreffend ist, hört der Glaube an die Grobheit die- ser Substanzen auf. RĀMA fragte: Was sieht man, sobald dieser Glaube geschwächt ist? Wie hört diese Weltillusion in der Weltsicht dieser Person auf? VASIåèHA erwiderte: In ihrer Sicht besitzt die unwirkliche Welterscheinung den Charakter eines Schlosses in der Luft oder eines Gemäldes, das vom Regen ausgewaschen wurde. Sein Gemüt ist daher frei von vāsanā bzw. psy- chologischer Konditionierung. RĀMA fragte: Was geschieht danach mit ihm? VASIåèHA erwiderte: Die Welterscheinung, die als bloße Idee existiert, ver- blasst. Schon bald ist er vollkommen frei von den Begrenzungen und der Konditionierung. RĀMA fragte: Gewiss hat seine Konditionierung im Verlaufe der Zeit auf- grund ihrer viele Leben lang andauernden Wiederbelebung und Vertiefung tiefe Wurzeln geschlagen. Wie kann sie aufhören? VASIåèHA erwiderte: Durch die Erkenntnis der Wahrheit, dass sämtliche Objekte und Substanzen im Selbst bzw. unendlichen Bewusstsein als verdreh- te Ideen existieren, gelangt sein Anhaften an jene Substanzen (und vice versa) an ein Ende. Das Rad des saæsāra dreht sich langsamer und stoppt irgend- wann. RĀMA fragte: Was geschieht danach und wie erlangt er den Frieden? VASIåèHA erwiderte: Wenn so die Illusion der Solidität der Objekte aufge- hört hat und sogar die Bemühungen zur Auflösung dieser Illusion an ein Ende gelangt sind, hört jedes Vertrauen in die Welt auf. RĀMA fragte: Weshalb verursacht das Aufhören dieser Welterscheinung, die als Idee sogar im Gemüt eines Kindes existiert, keine Schmerzen? VASIåèHA erwiderte: Wie könnten Schmerzen dadurch entstehen, dass ein nicht existierendes Objekt aufgegeben wird? So lange es Gedanken, Ideen, 747
  • 748.
    Konzepte und Wahrnehmungenim Verstand gibt, sollte man sich mit der Ergründung ihrer Natur befassen. RĀMA fragte: Was ist das Gemüt (cittam), wie ergründet man dessen Natur und worin besteht die Frucht einer solchen Ergründung? VASIåèHA erwiderte: Bewusstsein wird seiner selbst als ein Objekt gewahr und dies wird cittam (Gemüt) genannt. Die Ergründung besteht in der Er- gründung seiner Aktivität. Dadurch gelangt die mentale Konditionierung an ein Ende. RĀMA fragte: Wie ist es für dieses cittam möglich, unkonditioniert zu wer- den, damit nirvāïa erlangt werden kann? VASIåèHA erwiderte: Ein Objekt oder eine mentale Konditionierung ist kei- ne Realität. Daher ist auch cittam keine reale Wesenheit. RĀMA sagte: Und doch erfahren wir ihre Existenz! VASIåèHA erwiderte: Die Welt ist nicht das, als was sie in den Augen der Unwissenden erscheint. Was real ist, ist in den Augen der Erleuchteten unbeschreibbar. RĀMA sagte: Worin besteht die Sichtweise der Unwissenden? Und weshalb ist sie in den Augen der Erleuchteten unbeschreibbar? VASIåèHA erwiderte: Der Unwissende nimmt die Welt so wahr, als ob sie einen Anfang und ein Ende hätte. Der Erleuchtete sieht sie wiederum über- haupt nicht, da sie überhaupt niemals erschaffen wurde und daher auch nicht existiert. RĀMA sagte: Wie kommt es dann aber, dass wir ihre Existenz erfahren? VASIåèHA erwiderte: Sie wird so wie ein Objekt im Traum erfahren, das in Wahrheit nicht existiert. RĀMA fragte: Dann geschieht es wohl aufgrund der vorherigen Erfahrungen im Wachzustand, dass das Traumobjekt erfahren wird. VASIåèHA sagte: Beziehen sich denn diese beiden Erfahrungen auf dasselbe Objekt? RĀMA fragte: Aufgrund der durch den Wachzustand im Gemüt entstande- nen Eindrücke erscheinen nur solche Erfahrungen im Traum. VASIåèHA erwiderte: Weshalb geschieht es dann in diesem Fall, dass das im Traum zerstörte Haus beim Aufwachen als noch existierend gesehen wird? RĀMA sagte: Natürlich ist die Realität des Wachzustandes während des Traumes nicht real. Was erscheint, ist Bewusstsein (Brahman). Wie kann aber etwas, was es zuvor nicht gegeben hat, ins Dasein treten? VASIåèHA erwiderte: Es ist reines Bewusstsein, das zu allen Zeiten so er- strahlt, als wäre all das schon immer erfahren worden, unabhängig davon, ob dies auch tatsächlich der Fall ist. RĀMA fragte: Hoher Herr, wie wird man diese Illusion los? 748
  • 749.
    VASIåèHA erwiderte: Ergründe:„Wie ist dieser saæsāra entstanden, wenn es keinerlei Ursache für sein Dasein gibt?“ RĀMA sagte: Das Gemüt (cittam) ist die Grundlage der Traumobjekte, die daher nichts anderes als das Gemüt sind. Genauso verhält es sich auch mit der Welt. VASIåèHA sagte: Das Gemüt ist nicht verschieden von der Masse reinen Bewusstseins. Es gibt da nichts anderes. RĀMA sagte: So wie der Körper nicht verschieden von den Gliedern ist, aus denen er besteht, so ist das Universum nicht verschieden von Brahman. VASIåèHA sagte: Daher wurde die Welt also überhaupt nicht erschaffen. Sie ist das ewige Brahman. RĀMA sagte: Ich erkenne, dass die Illusion der Schöpfung und Auflösung der Welt reine Koinzidenz ist, die von den illusorischen Ideen des „ich bin der Täter“ und „ich erfahre“ begleitet wird. RĀMA sagte: VI.2:191 Hoher Herr, diese Welt ist zu allen Zeiten und auf jede Weise von der höchs- ten Realität erfüllt und daher taucht sie weder auf noch hört sie auf. Die Welt- erscheinung ist eine Illusion – ob sie nun als eine Illusion betrachtet wird oder nicht, so ist sie doch in Wahrheit nur Brahman. VASIåèHA sagte: Brahman erstrahlt in sich selbst per Koinzidenz (wie eine reife Kokosnuss beim Landen einer Krähe darauf fällt), was durch sich selbst und in sich selbst als diese Schöpfung gekannt wird. RĀMA sagte: Hoher Herr, sage mir, wie das Licht des unendlichen Bewusstseins erstrah- len kann, bevor die Schöpfung beginnt und nachdem sie aufgelöst worden ist, und wie es zugleich mit einer Getrenntheit darin erstrahlen kann? VASIåèHA sagte: Gewahre das Licht des unendlichen Bewusstseins innerhalb von dir selbst durch dein Selbst. Licht wird nur in Beziehung zu etwas anderem erfahren. Da es von Anfang an keine Getrenntheit bzw. Dualität gab, erfahre dieses Licht innerhalb von dir selbst. Dieses Licht selbst ist der Seher, das Sehen und das Gesehene (Objekt). Dieses Licht des Bewusstseins selbst erstrahlt zu Beginn der Schöpfung als diese Schöpfung. Das eine Bewusstsein leuchtet als die Drei (das Subjekt, das Objekt und die Erfahrung) und erscheint zu Beginn der Schöpfung als die Schöpfung. Darin besteht seine eigene Natur, nämlich dass es durch sich selbst leuchtet. Darin besteht auch die Erfahrung von Träumen und Tagträumen oder Hal- luzinationen, nämlich dass das Licht des Bewusstseins auch in diesen leuch- tet. Was als die Welt im Raum erstrahlt, ohne Anfang und ohne Ende, ist die- ses Licht des Bewusstseins. Die Emanation seines Lichtes erstrahlt als diese Universen. 749
  • 750.
    Dieses Licht desBewusstseins leuchtet auf natürliche Weise in uns, den Er- leuchteten, ohne jede Getrenntheit in Subjekt und Objekt. Zu Beginn der Schöpfung jedoch gab es weder Subjekt noch Objekt – daraus ist dann später wie die fälschliche Wahrnehmung eines Mannes in einem Baumstamm diese aus der Unwissenheit geborene Getrenntheit hervorgegangen. Da es jedoch keinerlei Ursache für diese Getrenntheit gegeben hat, ist deutlich geworden, dass sogar jetzt nur das Licht des Bewusstseins als all dies hier leuchtet. Es gibt weder einen Wachzustand noch einen Traumzustand noch über- haupt einen Tiefschlafzustand. Überall gibt es nur Brahman, das seit Beginn der Schöpfung an erstrahlt. Dieses Brahman erachtet dieses Universum als einen eigenen Körper – was als die Welt gekannt wird, ist von Brahman nicht verschieden. RĀMA sagte: VI.2:192 Oh weh, wie lange Zeit hindurch haben wir doch, ohne die Realität zu ken- nen, in Täuschung diesen unendlichen Raum durchwandert. Diese Illusion der Welterscheinung schwindet, sobald man erweckt und erleuchtet ist. Dann erkennt man, dass sie niemals gewesen war, nicht ist und niemals sein wird. All dies ist reines Bewusstsein und höchster Friede – es existiert als das Un- endliche. All dies ist in der Tat das höchste Bewusstsein, welches uns als der saæsāra erscheint, weil wir seine wahre Natur noch nicht richtig verstanden haben. Es ist das höchste Wesen selbst, welches als das Objekt solcher Aussagen wie: „Dies ist verschieden“, „es leuchtet wie dieses“, „dies sind die Welten“ und „dies sind Berge“ erscheint. Zu Beginn der Schöpfung und mit dem Anfang des eigenen Lebens in der anderen Welt wie auch zu Beginn eines Traumes oder einer Träumerei gibt es nur Bewusstsein, das als sein eigenes Objekt auftaucht. Wie könnte es da ein Anderes geben? Sobald es die Idee: „Ich bin im Himmel oder ich bin in der Hölle“ gibt, erfährt man dies als eine Tatsache. Da ist kein Seher, kein Objekt, keine Schöpfung, keine Welt und nicht einmal Bewusstsein; da sind weder Wachen noch Träumen noch Schlaf. Was zu sein scheint, ist ebenfalls irreal. Wenn man ergründet: „Wie konnte diese illusori- sche Wahrnehmung der Nicht-Realität ins Dasein treten?“, dann ist diese Art einer Ergründung unrichtig, denn wie kann eine Illusion zu einer Realität werden? Im Bewusstsein, das unanfechtbar ist, kann keine Illusion auftau- chen. Was daher als eine Illusion erscheint, ist ebenfalls Bewusstsein. Die illusorische Wahrnehmung entsteht wie der eigene Tod im Traum auf- grund von Missverständnis. Ergründet man die Natur der Realität, hört der Traum auf. Es ist hier wie mit der Furcht vor Gespenstern im Verstand des kleinen Jungen – sie wird tiefverwurzelt, sobald da keine Ergründung ist, und sie hört auf, sobald Ergründung geschieht. Daher ist die Fragestellung: „Wie konnte das Unwirkliche ins Dasein treten“, unrichtig – nur die Ergründung betreffend die Realität, nicht jedoch die Irrea- 750
  • 751.
    lität, ist sinnvoll.Was bei der Ergründung nicht realisiert werden kann, ist irreal, und falls es als real erfahren wird, ist diese Erfahrung eine Täuschung. Wenn ein Ding auch nach intensiver und langwieriger Forschung nicht ent- deckt werden kann, muss es gewiss wie der Sohn der unfruchtbaren Frau inexistent sein. Dann aber kann aber das Unwirkliche auch nicht zu irgendeiner Zeit exis- tieren. Daher ist all dies hier von der Masse des Bewusstseins ohne alle Schleier durchdrungen und gesättigt. Was als die Welt erstrahlt, ist nur das höchste Wesen – nur das höchste Wesen existiert als das höchste Wesen. Es gibt da weder Licht noch Dunkelheit. Das höchste Wesen allein existiert als das, was auch immer existiert. RĀMA sagte: VI.2:193- Nur diese Realität, die anfanglos und endlos und sogar den Göttern und 194 Weisen nicht bekannt ist – nur diese Realität erstrahlt. Was ist „Welt“ und was ist „Objekt“? Genug von diesen verwirrenden Debatten über Einheit und Vielfalt. Das, was schon zu Beginn war, dieser Friede, der ist wandellos. So wie es Raum (Entfernung) im Raum gibt, so gibt es diese Schöpfung in Brahman, dem unendlichen Bewusstsein. Sobald diese Erkenntnis im jīva auftaucht, legt sich dieser Kobold namens saæsāra zur Ruhe, obschon er immer noch zu existieren scheint. Sobald die Sonne der Unwissenheit untergegangen ist, hört die Hitze der Sorgen auf und das Zwielicht namens „Überzeugung von der Realität des saæsāra“ gelangt an ein Ende. Frei von der Unwissenheit geht der Kenner der Wahrheit seinen verschiedenen Tätigkeiten nach, wie diese als Teil seines Lebensschicksals bestehend aus Geburt, Tod und Altern usw. auf ihn kommen. Er fährt fort zu sein, obgleich er in Wahrheit nicht ist. Es gibt hier weder Unwissenheit noch Kummer noch Vergnügen. Erkenntnis und Unwissenheit, Vergnügen und Schmerz sind nur Brahman allein. Im Licht der Erkenntnis wird es als Brahman realisiert – in der Abwesenheit der Er- kenntnis gibt es nichts, was man als Nicht-Brahman bezeichnen könnte. Ich bin erleuchtet, meine sämtlichen verdrehten Gedanken sind zur Ruhe ge- kommen. Ich bin im Frieden und im Gleichmut verankert. Ich bin Das, und ich betrachte diese Welt nun als reine Leerheit. Vor der Erleuchtung war Brah- man, aber als Unwissenheit betreffend das Selbst; nun ist dasselbe Brahman da als Selbsterkenntnis. Als Erkenntnis oder als Unwissenheit, als Gekanntes oder Ungekanntes – nur Brahman ist da zu allen Zeiten, so wie der Himmel einer ist, obwohl er leer ist; er ist ungeteilt und er ist blau. Ich bin nirvāïa. Ich bin frei von Zweifeln. Ich bin frei. Ich bin die Seligkeit selbst. Ich bin wie ich bin, als das Unendliche. Ich bin das Alles zu allen Zeiten oder ich bin nichts und im Frieden. Ich bin die eine Realität und ich bin nicht. Wunderbar ist doch dieser höchste Friede. Was zu gewinnen war, wurde gewonnen. Die Wahrnehmung der Objekte wurde aufgegeben. Die Morgen- dämmerung der wahren Erleuchtung geschah und diese wird nie wieder untergehen. Die erleuchtete Intelligenz erfährt alles, was immer es auch sei, als das was es ist. Zahllose Universen erscheinen und verschwinden die ganze 751
  • 752.
    Zeit über imunendlichen Bewusstsein. Manche werden von einigen erblickt und andere nicht. Wer könnte sie zählen? Die Unterscheidung zwischen den Organen und dem Organismus ist willkürlich und rein verbal. Ebenso verhält es sich auch mit Brahman und dem Universum. Der erstere allein ist, aber das letztere nicht. Sobald dies realisiert wird, gibt es da das Aufhören des Verlan- gens und dann den höchsten Frieden, der nirvāïa ist. Diese Erleuchtung wird nicht durch die buddhi bzw. den Intellekt herbeige- führt. Sie wird auch nicht durch die Unterdrückung des Denkens erzielt. Er- leuchtung ist ihrer selbst nicht gewahr, das sie kein Objekt des Gewahrseins ist. RĀMA fuhr fort: Das Erwachen bzw. die Erleuchtung geschieht durch sich selbst, so wie das Strahlen der Sonne zur Mittagszeit. Sämtliche Verlangen und Wünsche gelan- gen in der erleuchteten Person an ein Ende. Nirvāïa taucht in ihm ohne sei- nen Wunsch danach auf. Diese Person ist für immer in der Meditation, sie ist stets in ihrer eigenen realen Natur verankert, sie sucht daher nach nichts und weist nichts zurück. Wie eine Lampe, in deren Licht sämtliche Tätigkeiten stattfinden und an denen die Lampe selbst nicht interessiert ist, lebt und agiert sie und ist dabei frei von jeder Willentlichkeit. Nur das unendliche Bewusstsein existiert – es manifestiert sich als die Schöpfung und wird dann Brahmā genannt. Wer dies zu sehen vermag, ruht im Frieden. Alle Objekte dieses Universums sind tatsächlich nicht von diesem unendlichen Bewusstsein verschieden. Jenseits dessen ruhen die Kenner der Wahrheit im unendlichen Bewusstsein, was jedoch gänzlich unbeschreibbar und undefinierbar ist. Sogar Ausdrücke wie „nur das“ sind unangemessen und irreführend. Dieser saæsāra ist voller Sorgen – nirvāïa dagegen ist voller Kühle. Das letztere ist die Realität, das erstere nicht. Wie die noch nicht geschnitzten Bilder, die im Holz existieren, existiert dieser saæsāra im unendlichen Be- wusstsein, das unteilbar ist, aber von den verschiedenen Wesen verschieden erfahren wird, von denen jedes einzelne aus diesem Bewusstsein herausschnitzt, was es sich wünscht, seien dies nun Vergnügen oder die Be- freiung. Jedoch sind alle diese ihrem Wesen nach die Wirklichkeit selbst – so wie die geschnitzten Figuren ihrem Wesen nach nicht verschieden vom Holz sind. Das im Traum gesehene Leben oder der Tod von Verwandten hat auf den, der aus dem Schlaf erwacht, keinerlei Auswirkung – ebenso sind die Erleuchteten unberührt von der Welterscheinung. Sobald all dies als das eine, unendliche Bewusstsein gesehen wird, gibt es keinerlei Raum mehr für Täuschung. Das Verlangen hört auf. Das Aufhören des Verlangens verstärkt wiederum das Erwachen bzw. die Erleuchtung, und das letztere verstärkt wiederum das Aufhören des Verlangens. Dieses Aufhö- ren des Verlangens ist das Gütesiegel der Erleuchtung. Wenn dieses Aufhören des Verlangens nicht stattfindet, ist da nicht Erleuchtung, sondern nur 752
  • 753.
    Gelehrtentum, das tatsächlichnichts anderes als Unwissenheit oder Laster- haftigkeit ist. Wenn diese beiden einander nicht begleiten und fördern, sind sie beide offensichtlich inexistent und abwesend. Das vollkommene Aufhören des Verlangens, geboren aus vollkommener Erleuchtung, ist selbst die Er- leuchtung. Sobald dies erlangt wurde, erfährt man keinen Kummer mehr, obwohl man weiterlebt. Für denjenigen, der in seinem eigenen Selbst ruht und sich am Selbst er- freut, dessen Verlangen aufgehört hat und dessen Ich-Sinn abwesend ist, wird das Leben nicht-willentlich und daher zu vollkommener Reinheit. Nur einer von einer Million jedoch ist fähig, dieses unkonditionierten Zustand reines Seins zu erlangen. VASIåèHA sagte: VI.2:195 Bravo, oh Rāma, denn du hast Erleuchtung erlangt! Deine Worte besitzen die Kraft der Erleuchtung. Die hier scheinbar existierende Unwirklichkeit verschwindet, wenn sie nicht mehr wahrgenommen wird oder wenn nicht mehr an sie gedacht wird. Dieser höchste Friede ist nirvāïa und das ist die höchste Wahrheit. Dieser Zustand, in dem der Erleuchtete existiert, als würde er – ob er nun allein und in Ruhe oder mit verschiedenen Tätigkeiten befasst ist – im Innern eines Felsens leben, ist der Zustand der Reinheit und das ist Befreiung. Wir leben in diesem Zustand, oh Rāma, obwohl wir beständig mit den verschiedensten Tätigkeiten befasst sind. Ruhe auch du nun in diesem Zustand und setze deine normalen Tätigkeiten fort. Sage mir, oh Rāma, nun bitte, auf welche Weise du diese Welt, die als so real erscheint, als inexistent erkennst. RĀMA erwiderte: Diese Welt wurde von Anfang an nicht erschaffen. Wie könnte man dann jetzt von ihrer Existenz ausgehen? Sie hat keine Ursache – wie kann es eine Wirkung ohne eine Ursache geben? Wandel beinhaltet das Aufhören eines Zustandes und das Auftauchen eines Folgezustandes. In der wandellosen Realität ist dies unmöglich. Wenn man diese Welt als eine illusorische Er- scheinung betrachtet, die eingebildeterweise in Brahman existiere, dann ist sie eben nichts als eine Einbildung. Im Traum wird ein Augenblick als eine Ewigkeit erfahren – auf dieselbe Weise wird die Zeit in dieser Welterschei- nung zusammen mit der Sonne und dem Mond, auf denen die Zeit basiert, erfahren. Im unendlichen Bewusstsein gibt es diese Idee der Schöpfung zusammen mit allen ihren Folgeerscheinungen wie Zeit, Raum usw. Diese Nicht- Wesenheit scheint tätig zu sein, was ebenfalls falsch ist. Das zufällige Auftau- chen dieser Idee dauert an und vertieft sich dadurch. Andernfalls müsste man sie als real erachten. Aber wie könnte das Falsche auch nur als real erscheinen? Vielleicht ist da aber auch kein solches Ding wie das Reale und das Nichts als Irreales. Was auch immer ist, ist. Das was ist, ist so klar wie der Himmel, so voll wie das Innere eines Felsens, so still und 753
  • 754.
    friedvoll wie einStein und unendlich. Solcherart ist die Schöpfung. Denn diese Schöpfung existiert im reinen, unendlichen Bewusstsein, das die Wirk- lichkeit sämtlicher Gedanken und Konzepte ist, die zusammen wie schon immer den subtilen Körper des unendlichen Bewusstseins bilden. Das reine Erfahren bzw. das Gewahrsein, welches in diesem Körper auftaucht, wird die Schöpfung genannt. Daher ist diese Schöpfung selbst Brahman. Im höchsten Wesen selbst existiert das „andere“ (die Schöpfung) – die letz- tere gehört zum ersteren und ist von diesem nicht verschieden. Daher ist dieses selbst der höchste Friede. Es gibt da weder eine Schöpfung noch eine Bewegung noch eine Aktivität. Sobald der Traum als Traum realisiert wird, schwindet die falsche Idee. Das Gewahrsein lässt sein Objekt (die Welt) fallen und ruht im unendlichen Bewusstsein. VASIåèHA fragte: Weshalb sollten wir nicht davon ausgehen, dass Brahman die Ursache der Schöpfung ist, so wie der Same die Ursache für den Keimling ist? RĀMA erwiderte: Der Keimling im Samen wird als Keimling nicht gesehen, sondern nur als Same. Daher ist er nur Same. Auf dieselbe Weise existiert diese Welt in Brah- man; sie ist nur Brahman und nicht die Welt; Brahman wird keinerlei Wandel unterworfen. Da Brahman wandellos und formlos ist, kann man unmöglich akzeptieren, dass es die Welt, die wandelhaft und mit Form versehen ist, entstehen ließe. Zu behaupten, dass diese Schöpfung im unteilbaren Brahman liege wie der Edelstein im Schmuckkästchen, ist nur Wortgeklingel. Auch die Theorie, das höchste Brahman sei die Grundlage des Universums, welches eine Form hat, ist nicht akzeptabel, da das Formhafte verderben muss. Das Konzept, dass diese Welt nichts als ein sich materialisierendes Traumobjekt sei, ist ebenfalls zu verwerfen, denn die Traumobjekte sind jene, die von einen selbst erfahren worden sind. Wach- und Traumrealitäten gehören je- doch zwei verschiedenen Ebenen an, denn dieselbe Person, die von ihrem eigenen Tod geträumt hat, taucht beim Erwachen wieder auf. Daher wurde die Welt nicht einmal als ein Traumobjekt erschaffen. So wie das Traumobjekt nur Bewusstsein ist, so ist alles als die Welt wahrgenommene nur das eine, unendliche Bewusstsein. Es gibt weder etwas wie „real“, „irreal“, „Erfahrender“ oder „Erfahrung“ noch werden diese Dinge erfahren. Was auch immer ist, ist als solches unbeschreibbar. Im unendlichen Bewusstsein sind alle diese Unterscheidun- gen zwischen „Sein“ und „Nicht-Sein“ verschwunden. Brahman existiert als Brahman in Brahman so, wie der Raum im Raum als Raum existiert. Was man als die Schöpfung kennt, ist nur das unteilbare Brahman. So wie der einmal gesäte Same zu sprießen beginnt, so wird aus der Bewegung in Brahman etwas Beschreibbares. Sämtliche Wesen im Universum sind in meinen Augen erleuchtet. Für diejenigen, die diese Welt für real halten, erscheint sie als real; für diejenigen, die Selbsterkenntnis besitzen, ist sie eine falsche Erscheinung. In Wahrheit ist nur Brahman allein. 754
  • 755.
    In der Sichtweiseder Kenner der Wirklichkeit ist alles Existierende (sowohl das Fühlende und das Leblose als auch das Bewegliche und das Unbewegli- che) reine Leere. Ich bin Leere, du bist Leere, das Universum ist reine Leere. Ich grüße das Beste aller Wesen, das wie grenzenloser Raum ist, das Er- kenntnis wie der grenzenlose Raum besitzt und das frei von der Subjekt- Objekt-Beziehung (Kenner und Kennbares) ist. Du hast die in den Schriften beschriebenen Zustände transzendiert und bist im höchsten, nondualen Bewusstsein verankert. Diese höchste Wahrheit wird nur in totaler Stille erlangt, nicht aber durch Logik, Debatte und Argumentation. RĀMA sagte: VI.2:196, So ist also, oh Weiser, deutlich geworden, dass die Selbsterkenntnis jenseits 197 der Wortspiele ist. Wie könnte sie mit Hilfe der einander widersprechenden Aussagen der Schriften erlangt werden? Falls sie so nicht erlangt werden kann – worin sollte dann der Nutzen der Schriften bestehen? Bitte sage mir, ob sich die Selbsterkenntnis aus den Anweisungen des Hauslehrers und dem Studium der Schriften ergibt. VASIåèHA sprach: Es ist wahr, oh Rāma, dass das Studium der Schriften nicht die Ursache für das Erlangen der Selbsterkenntnis darstellt. Die Schriften setzen sich aus verschiedenen Aussagen zusammen – das höchste Wesen dagegen ist unbeschreibbar. Jedoch möchte ich dir nun erklären, auf welche Weise das Studium der Schriften mit der Selbsterkenntnis verknüpft werden kann. Die Einwohner eines gewissen Dorfes hatten längere Zeit hindurch Missge- schick erfahren. Sie hungerten und starben. Bedrückt durch Armut und Elend begannen sie nach Wegen und Mitteln für den Erwerb ihres Lebensunterhalts zu suchen. Sie entschlossen sich dazu, in einen nahebei gelegenen Wald zu gehen, Feuerholz zu sammeln und zu verkaufen und so für den Lebensunter- halt zu sorgen. Auf diese Weise verdienten sie dann ihren Lebensunterhalt. In demselben Wald fanden sie eines Tages Edelsteine, die manchmal versteckt und manch- mal offen zutage lagen. Von den Menschen, die in den Wald nach Feuerholz gingen, fanden einige diese kostbaren Steine, andere hervorragendes Sandel- holz, andere wiederum Früchte und noch wieder andere überhaupt nichts außer nutzlosem Feuerholz. Diejenigen, die die Edelsteine gefunden hatten, waren fortan frei von Armut und Sorge. Als alle so mit dem Sammeln von Feuerholz und dem Verdienst des Lebens- unterhalts beschäftigt waren, fanden sie eines Tages den Stein der Weisen (der einem alle Wünsche erfüllt). Mit seiner Hilfe setzen sie sich in den Besitz all dessen, was sie erhofften und erwünschten und lebten für immer glücklich und zufrieden. Sie hatten nach Feuerholz gesucht, aber dabei tatsächlich den überaus kostbaren Stein der Weisen gefunden. 755
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    Die Dörfler indieser Geschichte stehen für die Bewohner der Erde. Ihre Armut ist die schlimmste Art von Armut, denn es ist die Unwissenheit, die die Quelle allen Kummers ist. Der Wald der Geschichte steht für den spirituellen Lehrer und die Schriften. In den Wald gingen sie auf der Suche nach der Be- friedigung ihrer Bedürfnisse – auf dieselbe Art nehmen die Menschen zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse die Hilfe der Lehrer und der Schriften in An- spruch. Im Laufe der Zeit dann erlangten sie mit der Hilfe der Anweisunge der Lehrer und der Schriften etwas weitaus Kostbareres als das ursprünglich verlangte. Diejenigen, die nach Feuerholz gesucht hatten, bekamen den Stein der Weisen. Menschen, die ihre Zuflucht zu den Schriften nehmen und sich dadurch die Erfüllung ihrer Hoffnungen versprechen, erlangen die höchste Wahrheit. VASIåèHA fuhr fort: Manche Menschen treibt die Neugierde oder der Zweifel („Was kann das Studium der Schriften wohl bewirken?“) zum Studium der Schriften, während andere in ihnen den Schlüssel zu Reichtum und Vergnügen in ihnen zu finden hoffen. Wieder andere nehmen das Studium der Schriften aus anderen Be- weggründen auf. So wie die Dörfler auf der Suche nach Feuerholz den Stein der Weisen fanden, so finden diejenigen Menschen, die die Schriften aus den unterschiedlichsten Erwägungen heraus studieren, die höchste Wahrheit. Bei all diesen Bemühungen werden die Menschen von den Heiligen angeleitet, die sich der Wohlfahrt der Menschheit verpflichtet fühlen. Die Menschen erkennen, dass die Heiligen die Schriften nicht für andere Zwecke als nur für das Erlangen des höchsten, spirituellen Ziels verwenden. Durch sie inspiriert, beginnen dann auch die Menschen die Schriften zu studieren. So wie manche Dörfler Sandelholz usw. im Wald gefunden haben, so erlan- gen auch manche von denen, die die Schriften studieren, entweder Vergnü- gen, Wohlstand oder Anleitung zu rechtem Verhalten. Nur diese drei Arten werden in den Schriften dargelegt, während die Erkenntnis des Brahman jenseits jeder Beschreibung ist und daher in den Unterweisungen der Schrif- ten nicht gefunden werden kann. Die direkte Erkenntnis der höchsten Wahrheit wird weder durch das Studi- um der Schriften noch durch das Anhören der Unterweisungen des Hausleh- rers noch durch die Verehrung der Götter erlangt. Denn diese befindet sich jenseits von all dem. Ich werde dir aber nun erklären, weshalb diese Mittel, obwohl untauglich, trotzdem als eine Möglichkeit zur Erlangung der Selbst- Verwirklichung betrachtet werden. Durch die Praxis der Anweisungen der Schriften wird das Gemüt rein und transparent und dann kann man – ohne überhaupt den Wunsch danach zu hegen – die höchste Wahrheit sehen. Die Schriften unterstützen den sātivka-Teil der Unwissenheit, der in der Reinheit des Gemüts besteht. Diese Reinheit zerstört den tāmasischen (dumpfen) Teil der Unwissenheit. Nur durch ihr Erscheinen am Himmel spiegelt sich die Sonne im Ozean wi- der, ohne dass beide von ihnen die Absicht dazu hegen. Ebenso wird durch 756
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    das simple Zusammentreffenvon Schrift und Sucher die Wahrheit im letzte- ren reflektiert. Ein Kind mit schmutzigen Händen greift in den Schlamm und reibt mit ihm seine Hände und wäscht sie dadurch – dadurch werden die Hände sauber. Auf dieselbe Weise reinigen die Schriften das Gemüt und das reine Gemüt reflektiert die Wahrheit. Überall im Himmel gibt es Licht, aber nur durch das Zusammentreffen mit einem reflektierenden Objekt gibt es Beleuchtung. Auf dieselbe Weise gibt es Erleuchtung, wenn die Schriften (oder der Guru) mit dem Sucher zusammen- treffen. Daher wird die höchste Wahrheit realisiert, sobald man mit der Hilfe der Worte des Hauslehrers, satsaÇga (Gemeinschaft mit Heiligen), Selbstbe- herrschung und Geisteskontrolle über die wahre Bedeutung der Schriften nachdenkt. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:198 Ich werde dir nun noch etwas mitteilen, oh Rāma, dem du bitte freundlich dein Ohr leihen mögest. Durch wiederholtes Anhören der Wahrheit wird sogar die unwissende Person erleuchtet. Zu Beginn werde ich nun das sthiti prakaraïaæ darlegen, in dem die Wahr- heit betreffend die Schöpfung dieses Universums enthüllt wird. Danach wer- de ich das upaÓānti prakaraïaæ darlegen, in dem die Mittel zur Überwindung dieser Weltillusion behandelt werden. Nachdem man dann so von dieser Weltillusion frei geworden ist, sollte man dann hier frei von aller mentaler Erregung und Qual leben. In dieser Welt lebt man am besten durch die völlige Verankerung im Zu- stand des Gleichmuts, der sämtliche Segnungen verleiht und selbst die höchs- te Form der spirituellen Tröstung darstellt, der der größte Reichtum ist und das eigene Glück befördert. Der Gleichmut lässt die Reinheit wachsen. Aus dem Gleichmut ergeben sich all die anderen edlen Qualitäten. Dem Gleichmut ist kein weltlicher Segen und kein weltlicher Wohlstand gewachsen. Er setzt allem Kummer ein Ende. Selten sind die Seelen, die im Gleichmut verankert sind und für die alle Freunde sind. Für denjenigen, der im Gleichmut verankert ist, haben sich die Sorgen in Glück und der Tod in neues Leben verwandelt. Wer könnte wohl die Größe desjenigen ermessen, der frei von Übertreibung und Niedergeschlagenheit ist; der tut, was auch immer wie auch immer getan werden muss; der das, was zu sehen ist, als das sieht was es ist? In einen solchen Menschen, der sein natürliches Leben lebt, haben die Freunde und Verwandten, die Feinde und die Könige das allergrößte Vertrauen. Durch solch eine natürliche Lebenswei- se wird niemals jemand verletzt, auch wenn es da Ärger geben sollte. Demje- nigen, der im Gleichmut verankert ist, applaudieren die Menschen, was auch immer er tun mag und was auch immer er isst - sogar dann, falls er andere überwältigen oder zurechtweisen sollte. Sie applaudieren dem, was ein sol- cher Mensch jetzt tut oder in der Vergangenheit getan hat, ob dies nun gut oder schlecht gewesen sei. 757
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    Diejenigen, die imGleichmut verankert sind, erfahren keinerlei Verzweif- lung, ob sie nun dem Glück oder Unglück ausgesetzt sind. (Es folgen knappe Hinweise auf einige große Männer, die sich gern für das Wohl der anderen aufopferten und selbst in den schlimmsten Notlagen unbe- rührt blieben: Der König Śibi, der König, dessen Frau in seiner Gegenwart beleidigt wurde; YudhiåÂhira, der König von Trigarta, der König Janaka, der König von Sālva, Sauvirā, Kandapa, der Dämon des Kadampa-Waldes, Ja¬a Bharata, der edle Jäger; der Weise Kapardana. Zwei Faktoren sind wichtig: a. Diese Beispiels des Gleichmuts entstammen unterschiedlichen Lebensverläu- fen, 2. historisch stammen viele von ihnen aus der Zeit nach Rāma.) Alle diese haben den Gleichmut erlangt und wurden daraufhin sogar von den Göttern verehrt, obgleich sie unter ihnen nicht nur Könige, sondern auch gewöhnliche Menschen waren. Daher sollte man in allen Umständen des Lebens – im Erfreulichen und Unerfreulichen, in Ehre und Schande – den Gleichmut erlangen. RĀMA fragte: VI.2:199 Weshalb haben diese Weisen, die ständig in der Seligkeit der Selbster- kenntnis eingetaucht waren, nicht sämtlichen Aktivitäten entsagt? VASIåèHA erwiderte: Sie hatten sämtliche Gedanken an: „Dies ist wünschenswert“ und „dies ist nicht wünschenswert“ aufgegeben. In ihrem Fall wurden daher das Aufgeben von Tätigkeiten wie auch die Tätigkeit selbst bedeutungslos. Daher taten sie, was auch immer zu tun war so, wie es zu tun war. Rāma, so lange es Leben gibt, lebt und arbeitet und bewegt sich der Körper. Lass dieses weitergehen, denn weshalb sollte man sich dem widersetzen? Weshalb nicht einfach das Richtige tun, sobald es etwas irgendwann zu tun gibt? Was immer man mit einem reinen und klaren Verstand tut, der selber im Gleichmut ruht, ist recht und angemessen und niemals mangelhaft. Unter uns, oh Rāma, gibt es viele, die in mangelbehaftete Tätigkeiten involviert sind, ohne dabei ihre Weisheit oder Klarsicht aufgegeben zu haben. Es gibt manche Befreite, die als Haushälter leben, dabei aber ohne jede An- haftung sind. Dann gibt es wieder welche wie dich, die königliche Weise sind und ihre königlichen Pflichten ohne Anhaftung und ohne Erregtheit ausüben. Wieder andere gehen den von den Schriften vorgegebenen Pflichten und Riten nach. Andere sind Gott und der Meditation hingegeben und kümmern sich nur um ihre eigenen Pflichten. Dann gibt es wieder solche, die im Innern alles aufgegeben haben, aber wie scheinbar Unwissende leben und mit allen Arten von Tätigkeiten befasst sind. Es gibt solche, die in dichten Urwäldern leben und in tiefe Meditation versunken sind. Es gibt andere, die an heiligen Orten leben. Es gibt solche, die in fernen Ländern umherwandern, um so vollständig alle ihre Zu- und Abneigungen loszuwerden. Manche wandern ständig von Ort zu Ort. 758
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    Einige haben ihrenatürlichen Pflichten aufgegeben, während andere diesen hingegeben sind. Manche benehmen sich wie weise Männer, während andere als verrückt erscheinen. Manche sind menschlich, andere dagegen Götter oder Dämonen. Es gibt in dieser Welt die vollständig Erleuchteten, die unerleuchteten und die Halb-Erleuchteten, wobei die letzteren die rechten Handlungen auch aufgegeben haben und daher weder hier noch dort einzuordnen sind. Das Waldleben ist für die Befreiung weder ein Prärequisit noch muss dazu man in seinem Heimatland wohnen noch ein asketisches Leben führen noch die Tätigkeiten aufgeben. Die Befreiung wird von demjenigen erlangt, dessen eigentliche Natur gänzlich frei und unangehaftet ist. Wessen Gemüt frei und unangehaftet ist, verwickelt sich nicht wieder in den saæsāra. Oh Rāma, du bist selbst der höchste Zustand. Verbleibe in dem, was du bist, frei von Zu- und Abneigungen und sei verankert in der höchsten Wahrheit. Es gibt in diesem Brahman keinerlei Unreinheiten, Wandel, Schleier, Verlangen oder Aversionen. Mehr gibt es darüber nichts zu sagen. VùLMýKI sprach: VI.2:200 Nachdem er so seinen Diskurs über nirvāïa abgeschlossen hatte, blieb der Weise Vāsi«Âha stumm. Sämtliche Teilnehmer der Versammlung waren nun tief im höchsten (nirvikalpa) samÃdhi bzw. der Kontemplation versunken. Die vielen Himmel erklangen vom Jubel der versammelten Weisen und Heiligen. Die Himmelswesen ließen ihre Trommeln und andere Instrumente ertönen. Es regnete Blumen. DIE SIDDHAS (die Vollkommenen) sagten: Vom Beginn dieser Epoche an sind uns schon viele Diskurse über die Mittel der Befreiung zu Ohren gekommen, aber noch keiner wie dieser. Sogar die Tiere und die Kinder werden durch Hören der Worte des Weisen die Erleuch- tung erlangen. DER KÖNIG DAŚARATHA sprach: Hoher Herr, in dieser Welt gibt es nichts, was als Mittel zu deiner angemes- senen Verehrung taugen würde. Höre jedoch mein Gebet an und fühle dich nicht angegriffen. Ich bewundere dich und verehre dich durch meine Person, meine Familie und die von mir erworbenen Verdienste wie auch all die guten Taten, die ich hier und in der anderen Welt getan habe. All diese sollen die deinen sein, hoher Herr. Wir nehmen nun deine Befehle entgegen. VASIåèHA sprach: Wir sind mit den Grüßen zufrieden, oh König. Für mich ist dies genug. Nur du allein weißt, wie die Welt zu regieren ist. RĀMA sagte: Hoher Herr, was kann ich dir anbieten? Lass mich dir zu Füßen fallen! Nach ihm grüßten auch die Brüder den Weisen. Dann verehrten die Könige und alle anderen, die von weither gekommen waren, um den Weisen anzuhö- 759
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    ren, diesen mitBlumen. Vāsi«Âha wurde buchstäblich mit Blumen überschüt- tet. Nachdem all dies beendet war, sprach VASIåèHA: Oh ihr Weisen, bitte sagt mir, ob es in diesem Diskurs Mängel, Unzuläng- lichkeiten oder Verdrehungen der Unterweisung gegeben hat? Die VERSAMMELTEN WEISEN erklärten: In deinem Diskurs, oh hoher Herr, gab es nicht den kleinsten Misston. Er war durchgängig von der höchsten Wahrheit durchdrungen. Du hast unver- züglich den Schleier der Sünde aufgehoben, der unsere Gemüter und Herzen bedeckt hat. Unser Herzenslotos ist voll erblüht. Wir grüßen dich – du bist unser Guru. Nachdem sie so gesprochen hatten, riefen sie mit einer Stimme aus: „Grüße dir!“ Wieder ließen sie Blumen auf ihn herabregnen. Die versammelten Wei- sen priesen auch den König DaÁaratha, der die Versammlung einberufen hatte. Sie priesen Rāma. Sie grüßten Rāma und seine drei Brüder. Sie priesen die Weisen Vāsi«Âha und ViÓvāmitra. Denn nur durch die Gnade von allen diesen kamen sie in die Lage, dem erlesenen Diskurs von Vāsi«Âha lauschen zu können, der die Täuschung unverzüglich zerstreut. So verehrten sie alle wieder und wieder den Weisen Vāsi«Âha. Schließlich fragte VASIåèHA Rāma: VI.2:201, 202 Oh Rāma, was benötigst du noch von mir zu wissen? Wie nimmst du diese Welterscheinung nun wahr? Wie ist deine innere Erfahrung? RĀMA erwiderte: Durch deine Gnade habe ich die erlesene Reinheit erlangt und sämtliche Unreinheiten wurden fortgewaschen. Alle meine Missverständnisse und Täuschungen wurden vertrieben. Meine Fesseln wurden durchtrennt. Mein Verstand ist nun klar wie ein Kristall. Mein Gemüt verlangt nicht nach weite- ren Instruktionen. Ich habe mit nichts etwas zu tun – weder mit Instruktionen noch irgend- welchen Objekten, weder mit Verwandten noch Schriften und noch nicht einmal mit der Entsagung. Ich gewahre die Welt als das reine, unendlichem unteilbare Bewusstsein. Die Welt ist wie eine Leere, die im selben Moment verschwindet, in dem die Illusion aufhört. Ich werde tun was auch immer du wünscht mich tun zu sehen. Ich werde leben, indem ich das tue, was ich zu tun habe oder wünsche zu tun, ohne dabei dem Frohlocken oder der Nieder- geschlagenheit nachzugeben, denn meine Täuschung ist gegangen. Mag diese Schöpfung zu etwas anderem werden oder mögen die Winde der kosmischen Auflösung blasen oder möge dieses Land zu Wohlstand gelangen – ich bin in der Selbsterkenntnis verankert Ich bin im Frieden. Meine Sicht ist klar. Mein wahrer Zustand kann nur schwer gesehen und verstanden werden. Ich bin frei von Hoffnungen und Wünschen. Ich werde leben und regieren wie die anderen Könige, ob diese nun erleuchtet oder unwissend sind, wobei ich 760
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    ohne alle mentaleErregung bleibe und für alles die gleiche Sichtweise pflege. So lange dieser Körper lebt, werde ich dieses Königreich regieren und dabei ausgestattet mit einer reinen Sichtweise und frei von allen Zweifeln betref- fend die Natur dieses saæsāra sein – so wie ein Kind mit Spielen beschäftigt ist. VASIåèHA sprach: Bravo, oh Rāma, du hast wahrhaftig den höchsten Zustand jenseits von Freude und Leid erlangt und alles das transzendiert, was in dieser und der nächsten Welt vorgefunden wird. Erfülle nun die Wünsche des Weisen ViÓvāmitra erfüllen und regiere das Königreich. Nachdem die Versammlung erneut ihren Jubel zum Ausdruck gebracht hat- te, sagte RĀMA: Hoher Herr, du hast unsere Herzen gereinigt wie Feuer Gold reinigt. Dieje- nigen, die ihre Körper als alles betrachtet hatten, sehen nun das gesamte Universum als das Selbst an. Ich habe die Fülle des Seins erlangt. Ich bin frei von allen Zweifeln. Ich bin voll von Seligkeit, die ewig und ungetrübt ist. Ich frohlocke in meinem eige- nen Herzen, das durch die nektargleichen Worte der höchsten Wahrheit ge- reinigt worden ist. Durch deine Gnade habe ich den Zustand erreicht, in dem die gesamte Welt als die ewige, unsterbliche und unendliche Wirklichkeit erscheint. VASIåèHA sprach zu Rāma; Oh Rāma, du hast nun alles gehört, was wert ist zu hören und kennst nun VI.2:203, 204 alles, was wert ist gekannt zu werden. Was ich dir gesagt habe und was du den Schriften entnommen hast, überführe nun durch deine eigene direkte Erfahrung in den Zustand der Harmonie. Noch einmal werde ich dir die höchste Wahrheit darlegen: Der Spiegel strahlt mit umso größerer Klarheit, je mehr er gereinigt und poliert wurde. Alle Objekte hier bilden den Maßstab des eigenen Gewahrseins bzw. der eigenen Erfahrung. Sämtliche Klänge sind wie die Klänge fließenden Wassers. Alles hier Gesehene ist die illusorische Erscheinung des unendlichen Be- wusstseins. Diese Welt ist wie ein Traum aufgetaucht. Was man die Realität des Wachzustands nennt, ist in Wahrheit Traum und ist nicht vom Bewusst- sein als der einzigen Wirklichkeit verschieden. Daher ist die Welt wahrlich ohne Form. Sage mir, oh Rāma, wie die Erde und alles andere in dieser Traumstadt zu erscheinen vermögen? Wer hat dies alles ausgearbeitet, worin besteht ihre wahre Natur und worin ihre Funktion? RĀMA sagte: Nur das Selbst bzw. das unendliche Bewusstsein ist die Wirklichkeit von all diesem hier – von der Erde, den Bergen usw. Das Selbst ist wie Raum, formlos und ohne Grundlage. All dieses hier wurde überhaupt nicht erschaffen. Diese 761
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    Idee, die imBewusstsein auftaucht, ist das Gemüt und es ist dieses allein, welches als all dies hier existiert. Zeit, Raum und alles andere sind die Erscheinung des Bewusstseins. Auch die Berge sind nichts als Bewusstsein. Auch alle Elemente sind Bewusstsein. Es ist das Bewusstsein allein, welches die Essenz der Eigenschaften aller Elemente wie die Festigkeit der Erde, das Flüssige des Wassers usw. darstellt. In Wahrheit jedoch existieren die Erde und die anderen Elemente überhaupt nicht, denn nur das unendliche Bewusstsein existiert. Aufgrund des Flüssigen des Wassers geschieht es, dass der eine Ozean die Wellen und die Strömun- gen entstehen lassen kann, und es geschieht ähnlich dem aufgrund der Po- tenzen des unendlichen Bewusstseins, das es als das Viele zu erscheinen vermag. Sobald in ihm die Idee der Solidität und der Härte auftaucht, wird es zum Berg – und so verhält es sich auch mit allen anderen Objekten. Bewusst- sein wird niemals bei all diesem dem geringsten Wandel unterworfen. Die Ideen von „ich“, „du“ usw. tauchen darin ohne jede Ursache und ohne einen Grund auf; sie sind nicht verschieden vom Bewusstsein. Das Gemüt, buddhi, der Ich-Sinn, die fünf Elemente und diese ganze Welter- scheinung existieren im unendlichen Bewusstsein, ohne von diesem ver- schieden zu sein. Nichts wurde jemals erschaffen – nichts geht verloren. RĀMA fragte: VI.2:205 Wenn dann also das unendliche Bewusstsein alles ist und daher die Welt ein Traum ist, wie konnte dann dieses Bewusstsein im wachen Traumzustand als verkörpert erscheinen? VASIåèHA erwiderte: Was auch immer man im Traum oder Wachzustand erblicken mag, hat kei- ne andere Grundlage als den Raum. Es ist aus dem Raum geboren und besitzt selbst die Natur des Raumes (Leere). Dieser Raum ist nichts anderes als das unendliche, höchste Bewusstsein. Nichts, nicht einmal dieser Körper, wurde jemals erschaffen und daher existiert nichts. Es ist dieses unendliche Be- wusstsein, welches die Existenz von all diesem wie in einem Traum erfährt. Diese Erfahrung existiert im Bewusstsein wie als ob sie eine solide Schöpfung sei. Die Vielfalt, die aufgrund der Grenzenlosigkeit seiner Möglichkeiten im unendlichen Raum auftaucht, lässt dann scheinbar die Vielfalt der verschie- denen Kreaturen entstehen. RĀMA fragte: Du hast davon gesprochen, dass da zahllose Schöpfungen seien. Du sagtest ferner, dass sie von verschiedenen Wesen mit ihren jeweils eigenen Naturen und Tätigkeiten bewohnt seien. Bitte sage mir, wie unter diesen allen die Schöpfung existiert. VASIåèHA erwiderte: Indem der Lehrer das darlegt, was zuvor weder erfahren noch gesehen noch jemals gehört wurde, bedient er sich der Hilfe entsprechender Illustra- 762
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    tionen, die dasErfassen und Erschließen der Wahrheit erleichtern, Du kennst jedoch jetzt die Natur dieses Universum. Nur das eine, unendliche Brahman existiert ohne einen Anfang und ohne ein Ende – ohne Form und ohne Wandel. Im unendlichen Raum, der von Brahman durchdrungen wird, existiert dieses Universum als nicht verschie- den von Brahman. Das Universum ist ebenfalls anfangslos und endlos. Dieses Universum ist das, als was das unendliche Bewusstsein es betrachtet und was es in sich selbst erfährt. Das unendliche Bewusstsein betrachtet diese Erfah- rung als das Universum. Folglich ist dieses unwirklich wie das Traumobjekt des Träumenden. Weder sind die Berge hart noch die Gewässer flüssig. Als was, wie und wo auch immer das unendliche Bewusstsein sich selbst sieht, das erscheint dann als ein solches. Ein Berg taucht in einem Traum auf und existiert dann als ein Nichts im Nichts – mit dem Universum verhält es sich ebenso, denn es ist der Traum des unendlichen Universums. Brahman allein existiert jederzeit als Brahman – nichts wird jemals erschaffen oder zerstört. In Brahman gibt es weder Vielfalt noch Nicht-Vielfalt. In ihm sind sämtliche Konzepte wie Ein- heit, Vielfalt, Wahrheit, Falschheit usw. bedeutungslos. VASIåèHA sagte: VI.2:206 Das, was ohne jede Ursache zu existieren scheint, ist nicht – folglich ist als einziges nur Das (die Realität). Ich werde dir nun für die Vertiefung deines Verständnisses von einer inte- ressanten Frage erzählen, dir mir einmal gestellt wurde. Es gibt eine Insel namens KuÓadvīpa. Darauf befand sich eine Stadt namens Ilāvatī. Sie wurde von dem König Prajñapti regiert. Ich traf einmal mit ihm zusammen. Nach- dem er mir seine pflichtschuldige Verehrung erwiesen hatte, stellte er mir die folgenden Frage: „Was waren der Grund und die Ursache für die Schöpfung des Universum, nachdem das gesamte sichtbare Universum aufgelöst worden ist? Was ist dieses Universum? Einige seiner Teile scheinen von der Finsternis verhüllt, während es anderswo von Würmern bewohnt wird. Wie tauchen diese die Welt konstituierenden Elemente auf und wurden das Gemüt, buddhi usw. erschaffen? Wer ist der Schöpfer von all diesem und wer gewahrt es? Wo befindet sich die Grundlage von allem? Offensichtlich gibt es keine endgültige Auflösung des Universums. Jedes Le- bewesen erfährt das, was auch immer es gewahrt. Was wäre dann zerstörbar und was real? Wer erzeugt einen Körper für die Person für die Hölle und ihre dortigen Erfahrungen, sobald die Person hier gestorben ist und ihr Körper verbrannt wurde? Gewiss sind hierfür weder die Tugend (dharma) noch vice versa (adharma) verantwortlich zu machen, da diese selbst subtil und form- los sind. Auch die Behauptung, dass „die andere Welt“ nicht existiere, er- scheint gleichermaßen irrig, denn dies widerspricht den Aussagen der Schrif- ten. 763
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    Es wäre absurdzu behaupten, dass jemand, der formlos ist, Erfahrungen wie etwa Bestrafungen erleiden könnte. Sage mir daher, wie die Substanzen hier Wandeln unterworfen sein können. Worin besteht der Nutzen der Schrif- ten, die von Geboten und Verboten handeln? Was meint die Schriftstelle, dass zuerst das Unwirkliche existierte und später wirklich wurde? Wenn Brahmā der Schöpfer aus der Leere entsprungen ist, weshalb hat dann die Leere nicht noch irgendwo weitere Schöpfer entstehen lassen? Wie haben die Kräuter usw. ihre Eigenschaften und natürlichen Merkmale erhalten? An einem heili- gen Ort leben zur selben Zeit zwei Leute, von denen der eine des andern Freund und dieser wiederum des andern Feind ist. Der Freund betet für ein langes Leben des anderen und der Feind für den frühen Tod des Freundes. Wessen Gebete werden erfüllt? Falls tausend Menschen wünschten: „Möge ich ein Mond am Firmament sein“, weshalb kann es dann nicht tausende von Monden geben, die zur selben Zeit scheinen? Falls tausend Menschen medi- tieren und dafür beten, dass alle eine bestimmte Frau als Ehegattin erhalten und diese Frau gleichzeitig Jungfrau sein sollte – worin besteht dann das Ergebnis? Worin bestehen für die Verstorbenen in der Abwesenheit ihrer Körper die Früchte der Begräbnisse und der nachfolgenden Rituale?“ VASIåèHA sagte: VI.2:207 Oh König, höre zu. Ich werde deine Fragen auf eine Weise beantworten, die alle deine Zweifel zerstreut. Sämtliche Dinge in dieser Welt sind auf immer unwirklich, aber gleichzeitig auch real, weil das Bewusstsein ihr Inhalt und die einzige Realität ist. Was immer dieses Bewusstsein als „dies ist so und so“ festlegt, wird dann auch dazu, ob es nun real oder irreal sei. Darin besteht die Natur des Bewusstseins. Dieses Bewusstsein stellt sich einen Körper vor und wird daraufhin dieses Körpers gewahr. Es ist das Selbst-Gewahrsein, welches sich des Körpers ge- wahr wird – dies geschieht nicht etwa umgekehrt. Zu Beginn der Schöpfung gab es nichts anderes – nur Bewusstsein war da. Die Welterscheinung tauchte daher in diesem Bewusstsein wie ein Traum auf. Wie auch immer sich das Bewusstsein die Welt vorstellte, dazu und nur dazu wurde sie auch. Was sollte diese Welt wohl sonst sein? Da die Welt nichts anderes als Bewusstsein bzw. Brahman ist, beschreiben die Schriften auch als solche. Jedoch gründen die törichten und unwissenden Menschen wie der Frosch in dem toten Brunnen ihr Verständnis auf den Erfahrungen des Augenblicks und werden so aufgrund ihres falschen Verständnisses zu dem irreführenden Glauben geführt, dass nur der Körper die Quelle von Erfahrung und Gewahr- sein sei. Mit diesen Leuten haben wir nichts zu schaffen. Ein Mensch, der sich als unfähig erweist, seine Zweifel zu zerstreuen, muss als unwissend betrach- tet werden, wie klug er auch immer sein mag. Weshalb empfindet der Leich- nam nichts, wenn das Selbst-Gewahrsein angeblich das Charakteristikum des physischen Körpers ist? 764
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    Die Wahrheit lautetanders herum: Es ist das Bewusstsein Brahmans, des unendlichen Bewusstseins, welches als dieses Universum erscheint wie Traumobjekte in deinem Bewusstsein auftauchen. Brahman ist das unendli- che Bewusstsein und ersinnt diese Traumstadt, welche virāt bzw. die kosmi- sche Person ist. Diese kosmische Person ist der Schöpfer Brahmā und auch reines Bewusstsein, obgleich man sie auch als das Universum bezeichnet. Was auch immer in dieser Traumstadt von Brahmā dem Schöpfer ersonnen wird, wird hier auf dieselbe Art und Weise erfahren. Der Körper verfügt da- her über zwei Zustände, nämlich den lebendigen und den toten. Auf dieselbe Weise erscheint und verschwindet diese Schöpfung hier. Sie hat keine andere Ursache als Brahman, da es nichts anderes als Brahman gibt. Dieses Bewusst- sein erfährt stets und überall das, dessen es sich gewahr ist – ob der Körper nun existiert oder nicht existiert, vor und nach dem „Tod“. Nur Bewusstsein ist es, das „die andere Welt“ ersinnt und sie dann als eine solche erfährt. Diese illusionären Erfahrungen hören erst dann auf, sobald man seine Zu- flucht zu den rechten Mitteln der Befreiung nimmt und das Erwachen erlangt; wenn die mentale Konditionierung aufhört und das Bewusstsein unkonditio- niert wird. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:208 Was und wann auch immer das unendliche Bewusstsein etwas ersinnt, er- fährt es dann auch. Auch Gunstbeweise und Flüche leiten ihre Macht aus dem unendlichen Bewusstsein ab. Es geschieht aufgrund der im Bewusstsein auftretenden Konzeption, dass die Gebote und Verbote ihre Autorität und ihre Macht erlangen. Es geschieht wegen des verkörperten Wesens in dieser Welt hier, dass nicht zu begreifen vermag, was vor dem Anfang der Schöpfung existierte, weshalb man sagt, dass vor allem diesen nur das Nicht-Sein existierte. Existenz und Nicht-Existenz, Schöpfung und Auflösung sind wie ein Öffnen und Schließen der Augen des unendlichen Bewusstseins. Die eigentliche Natur des unendli- chen Bewusstseins besteht darin, dass unaufhörlich Schöpfungen auftauchen und wieder verschwinden – so wie du im Augenblick eines Zwinkerns in deinen Tagträumereien mentale Bilder erschaffst und wieder verschwinden lässt. Und doch sind all diese nur mentale Bilder, die im unendlichen Be- wusstsein auftauchen.; selber tut es überhaupt nichts. Da das unendliche Bewusstsein überall zu allen Zeiten ist, gibt es in ihm keine Barrieren; es vermag jederzeit und an jedem Ort Bilder entstehen zu lassen. Gebote und Verbote existieren nur für die Erhaltung der sozialen Strukturen. Da all dies im Bewusstsein verankert ist, können die Früchte aus diesen Dingen sogar noch dann geerntet werden, wenn jemand aus dieser Welt abgegangen ist. Brahman tritt weder ins Sein noch hört es auf zu sein. Sobald jedoch in ihm die Subjekt-Objekt-Beziehung auftaucht, spricht man davon, dass es ins Sein getreten sei; das entsprechende Objekt wird dann die Schöpfung genannt. 765
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    Wenn Brahman dieseBeziehung aufgibt und in sich selbst als es selbst ver- weilt, spricht man davon, dass Brahman als unendlicher Raum und höchster Friede existiere. Diese beiden (die Existenz und die Nicht-Existenz dieser Beziehung) sind natürlich für Brahman – wie die Bewegtheit und Unbewegtheit natürlich für den Wind sind. Altern, Tod usw. wie ebenfalls die Unterteilungen der Zeit tauchen im un- endlichen Bewusstsein wieder und wieder auf, so wie in deinen Tagträumen immer wieder dieselben Bilder auftauchen. Auf dieselbe Weise sind auch die Kräuter, die Heilpflanzen und die verschiedenen Objekte in den drei Welten ins Dasein getreten. Nur das eine unendliche Bewusstsein erscheint als all diese unendliche Vielfalt aufgrund der unendlichen Bilder, die in ihm auftauchen. Jedoch ist es in diesen und als all dieses immer nur das eine Brahman, welches erstrahlt. VASIåèHA sprach: VI.2:209 Du hast den Fall des Freundes und des Feindes erwähnt, die an dem heili- gen Ort für einander widersprechende Ziele gebetet haben. All dieses wurde vom unendlichen Bewusstsein von Anfang an festgelegt. Die Heiligkeit der Orte und das Betragen, welches Verdienste erwirbt, befähigt einen dazu, diese Verdienste an diesen Orten zu erwerben. Durch die Verdienste eines heiligen Ortes werden die Lasten eines Sünders erleichtert oder eliminiert. Ist das Gewicht einer Sünde viel leichter als die Stärke eines Verdienstes, dann wird die Sünde gewiss völlig ausgewischt. Sind beide von gleicher Stärke, dann wäre es möglich, dass im Bewusstsein sogar zwei Körper auftauchen, die dann Verdienst und Tadel ausarbeiten. Die Wirkungen von Verdienst und Tadel hängen davon ab, welche Ideen im unendlichen Bewusstsein auftauchen und darin existieren. Ich, du und all dies hier wird von den Bildern regiert, die im unendlichen Bewusstsein vor- herrschen, ob diese nun Verdienste oder Tadel betreffen. Der sterbende Mann denkt, dass er stürbe und andere wegen ihm weinen würden. Ebenso tauchen die Ideen von Tod und Verbrennung usw. in den anderen auf, die dann wegen des toten Verwandten klagen. Der sterbende Mann sieht die Welt, wie sie in ihm auftaucht. Die anderen jedoch (wie der Feind, der für seinen Tod gebetet hat) denken, dass er tot sei, während wieder andere (wie der Freund, der für sein Wohlergehen gebetet hat) glauben, dass er die Unsterblichkeit erlangt hat. Daher werden beide Gebete erhört. Die drei Welten sind die illusorischen Produkte der Täuschung – es gibt in ihnen jedoch keine Getrenntheit oder Widersprüchlichkeit. Was wäre in einer Illu- sion denn unmöglich? DER KÖNIG sprach: Wie können formlose Verdienste und Tadel einen Körper erscheinen las- sen? VASIåèHA erwiderte: 766
  • 767.
    Dieses Universum istBrahmans Traumstadt – was sollte darin unmöglich sein? In einem Traum oder während des Tagträumens wird man zum Millio- när. Auf dieselbe Weise beginnt das unendliche Bewusstsein zu träumen, und man wird plötzlich zu Tausend (zu einer Armee). Und die tausend werden dann wieder, wie im Tiefschlaf, einer. Daher vermag man weder zu behaup- ten, dass hier irgendetwas unmöglich noch dass überhaupt irgendetwas hier tatsächlich geschehen sei! Was immer man erfährt, ist gleichzeitig das, wie man es erfährt – die Kenner der Wahrheit sehen daher in nichts von all die- sem irgendwelche Widersprüche oder Unmöglichkeiten. Diskussionen darü- ber, was möglich und unmöglich sei, sind nur unter Bezug auf eine Realität sinnvoll. Da die Welterscheinung jedoch nur eine Illusion bzw. ein langer Traum ist, sind diese Diskussionen sinnlos. Innerhalb einer Traumerfahrung ist der einzige Prüfstein der Wahrheit die „Erfahrung“, denn was immer er- fahren wird, gilt als real. Was immer hier existiert, befindet sich in Überein- stimmung mit dem Bild, welches im unendlichen Bewusstsein aufgetaucht ist. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:210 Nun werde ich dir erklären, weshalb keine hundert Monde am Firmament erscheinen können, obwohl hundert Leute dafür kontempliert und gebetet haben: „Möge ich ein Mond sein“. Weder erscheint jemals von ihnen an die- sem bestimmten Firmament noch gehen sie in einen bestimmten Mond ein. Eine Person vermag nicht die Traumstadt einer anderen zu betreten. Jede verfügt über ihre eigene Traumwelt, und es ist dann in dieser Traumwelt, dass die Person zum Mond wird. Ebenso verhält es sich mit den vielen Män- nern, die dafür gebetet haben, dass alle eine bestimmte Frau zum Weibe erhalten mögen. Die Frucht dieser Gebete wird im Bewusstsein jedes einzel- nen mit der jeweils spezifischen Erfahrung so reflektiert, als wäre sie real. Gewiss ist all dies gänzliche Einbildung – was wäre der Einbildung wohl un- möglich? So erfährt man auch in der anderen Welt die Früchte der eigenen Wohltä- tigkeit usw. Solche Wohltätigkeit hat im eigenen Bewusstsein ein bestimmtes Bild geformt, während sich das Bewusstsein daraufhin vorstellt, dass es in der anderen Welt die Früchte der Verdienste dieser Wohltätigkeit ernte. Dies ist auch die Sichtweise der weisen Männer. DER KÖNIG fragte: Hoher Herr, wie ist der Körper überhaupt entstanden? VASIåèHA erwiderte: Was du den Körper nennst, existiert in den Augen der Weisen überhaupt nicht. Er ist Brahman und nichts anderes. Das Wort „Traum“ wird ebenfalls nur für die Veranschaulichung der Wahrheit über das Illusorische der Welter- scheinung verwendet – einen „Traum“ gibt es im unendlichen Bewusstsein nicht. Es gibt weder einen Körper noch einen Traum darin. Es gibt weder den Wachzustand noch den Traum noch den Schlaf. Was auch immer ist, ist Leere, es ist OM. Genug von diesen Beschreibungen. 767
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    Zwischen „dies“ und„das“ befindet sich der Körper des Bewusstseins, der Einheit und Vielfalt ist. Die Fülle (Unendlichkeit) erweitert sich zu Unendlich- keit und so existiert dann nur die Unendlichkeit als die Welt. Sie scheint zu sein, ist aber nicht das, als was sie erscheint. Wo auch immer das Bewusstsein als Schöpfung ersinnt, scheint dann dort als Schöpfung zu existieren. Das unteilbare Bewusstsein existiert überall und auch das ist die Schöpfung. All dies hier ist das ewig friedvolle Brahman bzw. unendliche Bewusstsein, wel- ches man auch die Schöpfung nennt. Anders kann es nicht sein. Alles andere ist Unwissenheit und Perversion. Dies ist die Erfahrung aller in der Welt, dies ist die erklärte Ansicht der Schrif- ten und der Veden. Sobald diese Wahrheit realisiert wird, wird diese Realisa- tion selbst zu Brahman und dieses gesamte Universum wird als nicht ver- schieden von Brahman erkannt. Meine Sichtweise befindet sich daher in Übereinstimmung mit der Erfahrung und den Erklärungen der Schriften. Sie führt hier und jetzt zur Befreiung und ist daher die beste und angemessenste. Sobald die Wahrheit über diesen saæsāra hier klar verstanden worden ist, taucht die Erkenntnis: „Ich bin diese drei Welten“, auf und das ist Befreiung. Das sichtbare Universum bleibt wie es ist, hört aber auf, ein Objekt des Be- wusstseins zu sein; es verschmilzt mit dem unendlichen Bewusstsein. RĀMA fragte: VI.2:211 Was sind diese siddhas (die Vollkommenen), die sādhyas (himmlische We- sen), was ist yama (der Tod), was ist Brahmā der Schöpfer, was sind die vidyādharas und die divaukasas (Himmelsbewohner) und worin bestehen deren Welten? VASIåèHA sagte: Alle Nächte und Tage erblickst du vor und hinter und über dir die Welten dieser siddhas und der anderen. Du siehst sie, sobald du wünschst sie zu sehen; andernfalls siehst du sie nicht. Wer die Kunst des Sehens dieser Wel- ten nicht praktiziert, betrachtet diese Welten als weit entfernt. Auch diese Welten sind subtil und übersinnlich (übernatürlich); der ganze Raum ist von ihnen erfüllt. So wie diese Welt illusorisch und eingebildet ist, so sind auch die Welten der siddhas und Himmelsbewohner. Durch ihre psychischen Kräfte wurden diese Welten befestigt. So vermagst auch du die Welten deiner eigenen Ein- bildung durch intensive Kontemplation zu stabilisieren. Die siddhas bzw. die Vollkommenen haben so ihre Welt fest gemacht, während andere wiederum dies schwierig finden. Dieses Universum ist erfüllt vom unendlichen Be- wusstsein und dieses Universum ist das, was das unendliche Bewusstsein als ein Bild in sich heraufbeschwört. Das Universum ist nicht aus oder durch irgendetwas entstanden – zu Be- ginn der Schöpfung hat keine solche Ursache existiert. Es ist das, was als eine Idee oder ein Bild im Bewusstsein erschienen ist. In der eigenen Fantasie tauchen Berge auf, die es in Wirklichkeit nicht gibt. Darin besteht auch die 768
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    Natur der Welterscheinung.Die Kenner der Wahrheit leben daher hier so, als wären sie wandernde Bäume. All diese Universen existieren in Brahman als von diesem nicht verschieden, so wie Wellen im Ozean nicht verschieden von diesem sind. Obgleich dieses Universum schon seit sehr langer Zeit zu existieren und eine geordnete Reali- tät zu besitzen scheint, ist es doch nichts als reine Leere und nicht wirklicher als eine eingebildete Stadt. Sie existiert nicht, obwohl die Menschen ihre Existenz erfahren; so wie man seinen eigenen Tod im Traum beobachtet. Das Unwirkliche erscheint als wirklich. Die Realität und die Irrealität der Welt sind die beiden Aspekte des höchsten Wesens. Auch das Konzept des höchs- ten Wesens ist nur ein Konzept, nicht aber die Wahrheit. Lasst die Wahrheit so oder auch gänzlich anders sein. Weshalb sollte man verwirrt und bestürzt sein? Gib das Ziel der Jagd nach den Früchten der Handlungen auf. Du bist erleuchtet. Gib dich nicht sinnlosen Zielen hin. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:212 Brahman betrachtet sich selbst an den unendlichen Raum, weil Brahman unendliches Bewusstsein ist. Dieser unendliche Raum selbst ist die kosmi- sche Person, in der diese Welt existiert. Und doch ist all dies nicht verschie- den von Brahman – daher ist alles Brahman! Diese Welterscheinung ist ande- rerseits nur eine Illusion, obwohl sie als eine Realität gesehen wird, und zwar auf dieselbe Weise, wie Wasser in einer Luftspiegelung unwirklich und illuso- risch ist, obgleich es zu existieren scheint. RĀMA fragte: Bitte sage mir, wann Brahman sich selbst nicht als das sieht. VASIåèHA sagte: In Brahman, dem unendlichen Bewusstsein, existiert das Bild der Schöp- fung sogar jetzt noch. Es ist aber wahr, dass obwohl Schöpfung und Nicht- Schöpfung überall und zu allen Zeiten in Brahman existieren, sie nicht unab- hängig von ihm existieren. Von einem anderen Gesichtspunkt aus betrachtet existieren sie daher überhaupt nicht. Brahman kennt sich nicht als ein Objekt. Die Schöpfung ist folglich ohne Anfang und Ende und das ist Brahman. Wenn du noch nicht erleuchtet bist und ein Erwachen aufgrund des bloßen Lauschens auf diese Worte erfährst, erfährst du darin eine scheinbare Duali- tät bzw. Vielfalt in dem, was in Wahrheit nonduales Brahman ist. Nichts exis- tiert hier und daher gibt es auch keine Konzepte von Objekten. Es gibt da nichts anderes als das Selbst und das Selbst ersinnt keine Objekte. Was als die drei Welten erscheint, erscheint immer, aber es ist nur das höchste, friedvolle Brahman, in dem es keinerlei Vielfalt gibt. Nur so lange du noch nicht voll erleuchtet bist, erfährst du die scheinbare Vielfalt. Bist du dann voll erleuch- tet, wirst du weder jemals die Schriften noch die Unterweisungen benötigen und keine Dualität oder Verschiedenheit, die auf dem Gedanken des „ich“ beruht, mehr erfahren. RĀMA fragte: 769
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    Was geschieht, sobalddie Idee des „ich“ im Höchsten aufgehört hat? VASIåèHA erwiderte: Wenn die „Ich“-Idee im Bewusstsein auftaucht, taucht das Konzept des un- endlichen Raumes mit ihr zusammen auf. Daraus ergibt sich dann dieses Zeit- Raum-Kontinuum und daraus wiederum ergeben sich Getrenntheit und Viel- falt. Dann entstehen aufgrund dessen Gedanken wie „ich bin hier“, was bedeu- tet: „Ich bin nicht dort“. Wenn alle diese aufgetaucht sind, wird das „ich“ so- wohl der subtilen Wurzelelemente gewahr, aus der die Welterscheinung entsteht, als auch der Welterscheinung selbst. So entsteht aus Brahman dem unendlichen Bewusstsein heraus anscheinend etwas, was nicht Brahman ist. Jedoch ist dies nur scheinbar und keineswegs real – in Wahrheit existiert nur das unendliche Brahman. VASIåèHA fuhr fort: VI.2:213 So wie du mich heute befragt hast, oh Rāma, so hast du mich bereit in einer früheren Epoche befragt. Zu der damaligen Zeit warst du mein Schüler und ich dein Guru. Ich erinnere mich noch genau an den damaligen Dialog und werde ihn dir wiederholen. DER SCHÜLER fragte: Bitte sage mir, hoher Herr des Endes des Weltzyklus, was das ist, das verdirbt, und was das ist, das dauert und nicht verdirbt. Der LEHRER sagte: Mein Sohn, was immer gesehen wird (die Objekte der Wahrnehmung), verdirbt, so wie die Traumwelt verdirbt, sobald du in den Tiefschlafzustand eintrittst. Alle diese Welten mit ihren Bergen und ihren Himmelsrichtungen verderben gänzlich; ebenso die Zeit und die Tätigkeiten und die Weltordnung. Sämtliche Wesen verderben und sogar der Raum ver- schwindet, weil es niemanden gibt, der noch an den Raum denkt oder der im Raum denkt. Sogar Götter wie Brahmā der Schöpfer, Viåņu der Erhalter und Rudra der Zerstörer hören auf zu sein und existieren nicht einmal mehr dem Namen nach. Was bleibt übrig? Nur das unendliche Bewusstsein, obwohl auch dies nur ein Rückschluss auf eine frühere Erfahrung wäre. Der SCHÜLER sagte: Es wurde gesagt, dass das Unwirkliche nicht ins Dasein und das Wirkliche nicht ins Nicht-Sein getreten sei. Wie ist dies zu verstehen und wie kommt es, dass wir Dinge verderben sehen? Der LEHRER sagte: Mein Sohn, dieses vermag nicht zu verderben und daher kommt es, dass man sagt: „Es wird nicht gesehen“. Man sagt, dass das Unwirk- liche kein Sein und das Wirkliche kein Nicht-Sein habe. Was nicht überall und jederzeit existiert, ist schon nichts anderes als das Nicht-Sein. Wie könnte es also verderben? Was wäre an dem in der Luftspiegelung gesehenen Wasser dauerhaft und was wäre dauerhaft an einer Illusion? Was auch immer hier im Universum gesehen wird, ist eine Illusion. Weshalb sollte eine Illusion für immer existieren? So wie Träume beim Erwachen an ein Ende gelangen und und wiederum beim Schlafengehen der Wachzustand an ein Ende gelangt, so kommt auch diese Welterscheinung an ihr Ende. Wohin ist die Traumstadt 770
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    gegangen, nachdem manerwacht ist? Daher weiß man auch nicht, wohin die Welterscheinung gegangen ist. Der SCHÜLER fragte: Weshalb scheint all dieses zu sein und weshalb hört diese Erscheinung dann auf zu sein? Der LEHRER erwiderte: Es ist das unendliche Bewusstsein selbst, welches als all dieses erscheint, denn unabhängig von ihm gibt es keine Welt. Auch wenn das Bewusstsein als all dies erscheint, so verliert es doch in keinen Augenblick seine eigene wahre Natur bzw. Identität. Sowohl Erscheinung als auch Nicht-Erscheinung sind Aspekte des Bewusstseins. Obwohl beispiels- weise deine Gestalt im Wasser reflektiert wird, so ist die Reflexion doch nur temporär, während deine eigene Gestalt nicht ist. Träumen und traumoser Schlaf sind Aspekte des einen Schlafes – so sind auch Schöpfung und Auflö- sung Aspekte von Brahman. Der SCHÜLER sagte: In einem Traum gibt es jemand anderes als den Träu- mer (reines Bewusstsein nämlich, das nicht in den Träumer und den Traum geteilt ist). Ist es nicht möglich, dass es auf eben diese Weise auch jemand anderes als Wahrnehmer der Weltillusion geben kann? Der LEHRER sagte: So ist es auch. Daher ist seine wahre Natur bzw. Gestalt auch nicht die Welterscheinung. Nur das Bewusstsein ist und beleuchtet alles, was ist, während die Erscheinung von jemand anderes erfahren wird. Daher ist es die Synthese aller Widersprüche. Es beleuchtet nichts und es kann noch nicht einmal gesagt werden, dass es Existenz sei. Es ist die Erscheinung im unendlichen Bewusstsein. Wie könnte es daher „real“ oder „irreal“ im Be- obachter sein? Falls man meint, es sei überall als alles immer zu sehen, könnte man umge- kehrt ebensogut behaupten, dass es nicht überall als alles immer gesehen werde. Es ist immer die Realität und die Nicht-Realität von allem. Es ist das unendliche Bewusstsein. Es verdirbt nicht und das andere (die Welterschei- nung) verdirbt ebenfalls nicht. Einen großen Kummer gibt es nur dann, wenn die Realität des unendlichen Bewusstseins mit seinen beiden Aspekten von Schöpfung und Auflösung nicht erkannt wird; wird sie aber erkannt, dann ist da ein großer Friede. Nur der Höchste Herr bzw. das unendliche Bewusstsein ist der Krug, der Berg, das Kleid, der Baum, das Gras, das Feuer, das Bewegliche und das Un- bewegliche – alles. Der Höchste Herr ist das was ist und nicht ist; die Leere, die Tätigkeit, die Zeit, der Raum und die Erde, die Existenz und ihre Zerstö- rung, das Gute und das Böse. Es gibt nichts, was das unendliche Bewusstsein nicht wäre. Es ist alles überall und immer – es ist nicht irgendetwas irgendwo auf immer. Ein Grashalm ist der Täter und der Genießende; ein Krug ist sowohl der Tä- ter als auch der Genießende; ein Kleidungsstück ist der Täter und der Genie- ßende; das Sehen ist sowohl der Täter als auch der Genießende; der Berg ist sowohl der Täter als auch der Genießende; der Mensch ist der Täter und der 771
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    Genießende – allesind der Höchste Herr selbst. In allen diesen Dingen ist der Höchste Herr selbst der Täter und der Genießende bzw. der Erfahrende, denn alles ist Brahman, der anfanglos und endlos und der Bestimmer von allem ist. Daher sind sogar Schöpfung und Auflösung Aspekte des einen Höchsten Herrn bzw. des unendlichen Bewusstseins. Nur das Bewusstsein ist sowohl der Täter als auch der Erfahrende von allem in allem. Daher ist niemand hier der Täter und der Erfahrende von etwas bzw. der Höchste Herr ist der Täter der Erfahrende von allem. Daher vermag alles (Gebote und Verbote) im Höchsten Herrn zu existieren und in Wahrheit nicht zu existieren. All dies ist all das, als was es von jedem erfahren wird. So habe ich dich also aufgeklärt, oh Rāma. Damit habe ich dir alles was wert ist zu wissen, mitgeteilt. Verweile in dieser Realität im Zustand der Erleuch- tung. Sei frei im nirvāïa und regiere das Königreich gerecht. VASIåèHA sagte: VI.2:214 Als der Weise Vāsi«Âha damit seine Unterweisung beendet hatte, ertönte himmlische Musik und es regnete Blumen. Jeder in der Versammlung verehr- te den Weisen mit Blumen. Dann sprach König DAÁARAHTA: Wir haben vollkommene Erkenntnis er- langt. Wir ruhen im höchsten Frieden. Unsere Gemüter und Herzen sind durch die erleuchtenden Unterweisungen des Weisen gänzlich von allen Täuschungen und Illusionen, Ideen und Verdrehtheiten befreit. RĀMA sagte: Durch deine Gnade, oh hoher Herr, ist meine Täuschung ge- gangen und ich vermochte den höchsten Zustand zu erlangen. Ich bin nun völlig erfüllt von einer Intelligenz, die vollkommen klar ist. Ich bin frei von Zweifeln. Ich ruhe in meinem eigenen natürlichen Zustand als Brahman bzw. in der Erkenntnis des nirvāïa. Ich werde tun, wie du gesagt hast. Es gibt durch Tun oder Nicht-Tun nichts mehr für mich zu gewinnen. Ich habe weder Freunde noch Feinde. Wie könnte man dies alles anders als durch deine Gna- de realisieren? Wie könnte ein kleiner Junge den Ozean ohne die Hilfe einer Brücke oder eines Bootes überqueren? LAKåMA×A sagte: Durch die in früheren Geburten erworbenen Verdienste konnten wir diesem Weisen begegnen und so von allen Zweifeln befreit wer- den. VIÁVĀMITRA sagte: Es ist, als wären wir in tausend geheiligten GaÇgās (Flüssen) gebadet worden. NĀRADA sprach: Wir haben vernommen, was wir noch nie im Himmel und auf der Erde vernommen haben. Daher wurden wir vollkommen gereinigt. ÁATRUGHNA sagte: Ich habe höchsten Frieden und und Seligkeit erlangt. Nachdem alle gesprochen hatten, sagte der Weise Vāsi«Âha zum König: „Am Ende der Rezitation der Schriften sollten die Weisen verehrt werden. Erfülle daher die Wünsche der brāhmaņas. Du wirst die Früchte dieses heiligen Unternehmens ernten.“ Der König lud daraufhin zehntausend brāhmaņas aus 772
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    allen Teilen desLandes ein. Er verehrte sie. Er gab ihnen Nahrung. Er schütte- te Geschenke über sie aus. Später pries er die Bürger, die Diener, die Armen und die Krüppel. Danach gab es in der Hauptstadt ein großes Fest mit Musikkonzerten, Tanz- aufführungen und Rezitationen der Veden und anderer Schriften. Danach wurden sämtliche Künstler mit Essen und Getränken versorgt und erhielten üppige Geschenke an Kleidern und Edelsteinen. Der erleuchtete König DaÁaratha feierte den erfolgreichen Abschluss der Unterweisung des Weisen Vāsi«Âha eine ganze Woche lang mit den vielfältigs- ten Unterhaltungen und religiösen Ritualen. VĀLMýKI sprach: Oh Bharadvāja, so erlangten also Rāma und andere die höchste Erkenntnis und den Zustand jenseits der Sorge. Erwirb auch du dir diese Haltung und lebe, frei vom Zweifel, als befreiter Weiser. Durch das Lauschen auf diese Schrift bist du bereits befreit, du bist nun ein jīvanmukta. Sogar ein kleiner Junge erlangt die Selbsterkenntnis, der dies angehört hat. Auch die Unwis- senden, in deren Herzen die durch Verlangen geknüpften Bande stark und fest sind, gehen durch das Studium dieser Schrift, die von der Befreiung han- delt, jenseits des Zustandes der Getrenntheit; wie aus einem kleinen Jungen ein reifer Mann (Nicht-Junge) wird. Sie werden sich nie wieder in den saæsāra verwickeln. Auch diejenigen, die diese Schrift rezitieren, ohne ihre Bedeutung zu ver- stehen, die sie in ein Buch abschreiben, die andere dazu veranlassen, sie zu lesen oder die sie kommentieren, erwerben große Verdienste und erfreuen sich eines Lebens im Himmel. In der dritten Geburt erlangen sie schließlich die Befreiung. VĀLMýKI sagte zu König AriåÂanemi: So habe ich dir also kundgetan, was Vāsi«Âha Rāma gelehrt hat. Durch diesen Pfad wirst du die Wahrheit erlangen. Der KÖNIG sprach: Hoher Herr, durch deine Gnade habe ich diesen saæsāra überquert. (Zum Boten der Götter sprach der KÖNIG:) Du bist mir ein treuer Freund gewesen. Du magst nun gehen. Ich werde über die Wahrheit nach- denken, die ich hier vernommen habe. Der BOTE sprach zum Himmelsbewohner: Es wahr außerordentlich erre- gend für mich, all dies anhören zu dürfen. Ich werde mich nun zur Heimstatt Indras begeben. Der HIMMELSBEWOHNER sagte: Ich fühle mich wahrhaftig gesegnet, dies von dir zu hören, oh Bote der Götter. Du kannst nun zu Indra gehen. AGNIVEÁYA sagte zu Kāruïa: So blieb dann der Himmelsbewohner in Kon- templation untergetaucht. Hast du alles gut hören können? KĀRU×YA sprach: Gewiss. Meine Täuschung ist fort. Ich werde nun ein nicht-willentliches Leben der spontanen Aktivität leben. 773
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    AGASTI sprach zuSutīkåïa: Auf diese Weise instruierte AgniveÓya seinen Sohn Kāruïa. Zweifle nicht an dieser Unterweisung, denn wer daran zweifelt, verdirbt. SUTýKå×A sprach: Meine Unwissenheit wurde vertrieben und die Lampe der Erkenntnis entzündet. Ich erkenne, dass alle Objekte dieser Welt wie Wellen im Ozean im unendlichen Bewusstsein existieren. Daher werde ich ein Leben spontaner, nicht-willentlicher Aktivität führen. Ich bin wahrhaf- tig gesegnet, ich grüße dich, denn der Schüler sollte seinem Guru durch Wor- te, Gedanken und Taten dienen und ihn lieben. Hoher Herr, durch deine Gna- de habe ich diesen Ozean des saæsāra durchquert. Ich grüße das Höchste Wesen, durch dessen Kontemplation man realisiert, dass all dies hier wahr- haftig Brahman, das unendliche Bewusstsein, ist. Grüße an den göttlichen Lehrer Vāsi«Âha. Oõ TAT SAT – ENDE 774