Loos sen. spezialisierte sich vor allem auf
Grabsteine und skulpturale Fassadendekoration.
In dieser Kompetenz beteiligte er sich an der
bildhauerischen Gestaltung einer Reihe von
Neubauten, die Josef Arnold (1824–1887),
einer der bedeutendsten Bauherren jener Zeit
in Brünn, errichten ließ. Aufgrund dieser engen
Zusammenarbeit trug Loos sen. entscheidend
zur Architektur der Brünner Ringstraße bei.
In den Jahren 1875–1878 lieferten Adolf
Loos sen. und Johann Eduard Tomola die
Bauskulpturen für die Attika eines der be-
deutendsten öffentlichen Neubauten seiner
Zeit – des neuen Mährischen Landtags. Sie
fertigten auch einen dekorativen „Schlussstein“
für diesen Bau mit einem symbolträchtigen
Motiv aus Eichen- und Lindenzweigen. Dieses
sollte beide Landnationen – Deutsche und
Tschechen – vertreten sowie auf ihre erhoff-
te Zusammenarbeit und starke Verbindung
hinweisen.
Die Handschrift von Loos sen. tragen auch
die bedeutendsten Kultursäle der Stadt: die
Stuckverzierung im restaurierten Theatersaal
der Redoute (1864) sowie der Hauptsaal des
Vereinshauses Besední dům – kulturelles und
soziales Zentrum der tschechischen Brünner.
Für die architektonische Gestaltung des Besední
dům gewannen die tschechischen Vereine
den dänischen Spitzenarchitekten der Wiener
Ringstraße, Theophil Hansen. Mit seiner inter-
nationalen Architektur hat das Vereinshaus die
deutschen Brünner und ihr im historistischen
Stil erbautes Deutsches Haus in der Rivalität
der beiden Nationalitäten deutlich geschlagen.
Adolf Loos jun. brachte es auf den Punkt, als
er 1929 schrieb: „Wann immer ich auch in
Brünn war und das Deutsche Haus und das
tschechische Vereinshaus angeschaut habe,
hat der Charakter beider Bauten mir direkt
gesagt, wie es einmal mit [dem deutschen]
Brünn ausgehen muss. Ich würde diese beiden
Bilder irgendwo nebeneinander reproduzieren
lassen.“
Der Idealismus der Vätergeneration wur-
de trotz des politischen Vorstoßes in Form
des Mährischen Ausgleichs (1905), der eine
Lösung der Nationalitätenprobleme zwischen
Deutschen und Tschechen herbeiführen sollte,
in der Generation von Adolf Loos jun. leider
zunichtegemacht.
Mitgestalter
der Brünner Ringstraße
Vereinshaus Besední
dům, ein Meisterwerk
des dänischen
Architekten der
Wiener Ringstraße,
Theophil Hansen.
„Der Schlußstein, der
aus dem Atelier des
berühmten lokalen
Bildhauers Adolf
Loos stammt, ist ein
großartiges Werk
skulpturaler Kunst“,
lobte die damalige
Presse das Werk.
Vereinshaus Besední dům,
Foto: Archiv města Brna
Mährischer Landtag an der Ringstraße –
heute das Gebäude des Verfassungsgerichts
der Tschechischen Republik.
Mährischer Landtag, Foto: M. Dvořáková, BAM
Mährischer Landtag – Attika, Foto: M. Dvořáková, BAM
Mährischer Landtag, Schlussstein – Detail, Foto: Libor Teplý
Mährischer Landtag, Schlussstein, Foto: Libor Teplý
Hauptsaal des Vereinshauses Besední dům, Foto: Archiv města Brna

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    Loos sen. spezialisiertesich vor allem auf Grabsteine und skulpturale Fassadendekoration. In dieser Kompetenz beteiligte er sich an der bildhauerischen Gestaltung einer Reihe von Neubauten, die Josef Arnold (1824–1887), einer der bedeutendsten Bauherren jener Zeit in Brünn, errichten ließ. Aufgrund dieser engen Zusammenarbeit trug Loos sen. entscheidend zur Architektur der Brünner Ringstraße bei. In den Jahren 1875–1878 lieferten Adolf Loos sen. und Johann Eduard Tomola die Bauskulpturen für die Attika eines der be- deutendsten öffentlichen Neubauten seiner Zeit – des neuen Mährischen Landtags. Sie fertigten auch einen dekorativen „Schlussstein“ für diesen Bau mit einem symbolträchtigen Motiv aus Eichen- und Lindenzweigen. Dieses sollte beide Landnationen – Deutsche und Tschechen – vertreten sowie auf ihre erhoff- te Zusammenarbeit und starke Verbindung hinweisen. Die Handschrift von Loos sen. tragen auch die bedeutendsten Kultursäle der Stadt: die Stuckverzierung im restaurierten Theatersaal der Redoute (1864) sowie der Hauptsaal des Vereinshauses Besední dům – kulturelles und soziales Zentrum der tschechischen Brünner. Für die architektonische Gestaltung des Besední dům gewannen die tschechischen Vereine den dänischen Spitzenarchitekten der Wiener Ringstraße, Theophil Hansen. Mit seiner inter- nationalen Architektur hat das Vereinshaus die deutschen Brünner und ihr im historistischen Stil erbautes Deutsches Haus in der Rivalität der beiden Nationalitäten deutlich geschlagen. Adolf Loos jun. brachte es auf den Punkt, als er 1929 schrieb: „Wann immer ich auch in Brünn war und das Deutsche Haus und das tschechische Vereinshaus angeschaut habe, hat der Charakter beider Bauten mir direkt gesagt, wie es einmal mit [dem deutschen] Brünn ausgehen muss. Ich würde diese beiden Bilder irgendwo nebeneinander reproduzieren lassen.“ Der Idealismus der Vätergeneration wur- de trotz des politischen Vorstoßes in Form des Mährischen Ausgleichs (1905), der eine Lösung der Nationalitätenprobleme zwischen Deutschen und Tschechen herbeiführen sollte, in der Generation von Adolf Loos jun. leider zunichtegemacht. Mitgestalter der Brünner Ringstraße Vereinshaus Besední dům, ein Meisterwerk des dänischen Architekten der Wiener Ringstraße, Theophil Hansen. „Der Schlußstein, der aus dem Atelier des berühmten lokalen Bildhauers Adolf Loos stammt, ist ein großartiges Werk skulpturaler Kunst“, lobte die damalige Presse das Werk. Vereinshaus Besední dům, Foto: Archiv města Brna Mährischer Landtag an der Ringstraße – heute das Gebäude des Verfassungsgerichts der Tschechischen Republik. Mährischer Landtag, Foto: M. Dvořáková, BAM Mährischer Landtag – Attika, Foto: M. Dvořáková, BAM Mährischer Landtag, Schlussstein – Detail, Foto: Libor Teplý Mährischer Landtag, Schlussstein, Foto: Libor Teplý Hauptsaal des Vereinshauses Besední dům, Foto: Archiv města Brna