Zwischenbilanz.
              Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.




                                                                      Herausgegeben von Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn
                                                                      Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich, In.Bewegung
Zwischenbilanz.
              Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Herausgegeben von Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn
                                                                      Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich, In.Bewegung
IMPRESSUM                                                                                                                                                                                                                       INHALT

                                                                                                                       9	    Claudia Schmied                                      48	    Mari Steindl
                                                                                                                             Vorwort                                                     Vom Lernen zur Bildung und
                                                                                                                                                                                         vom Wissen zur Macht
                                                                                                                       10	   Otto Rath                                                   Oder von der Teilnahme zur Integration
                                                                                                                                                                                         und der Vielfalt als Potenzial
                                                                                                                             Vorwort

                                                                                                                                                                                  54	    Werner Lenz
                                                                                                                                                                                         Grundbildung ist auch Bildung
                                                                                                                                                                                         Niemand ist ungebildet — Bildung
                                                                                                                                                                                         braucht Neubestimmung!


                                                                                                                                                                                  60	    Gudrun Biffl
                                                                                                                                                                                         Basisbildung
                                                                                                                                                                                         Voraussetzung für die persönliche Entfaltung
                                                                                                                                                                                         und den wirtschaftlichen Erfolg in einer
                                                                                                                                                                                         Wissensgesellschaft. Über die Bedeutung
                                                                                                                                                                                         der Basisbildung im gesellschaftlichen
                                                                                                                                                                                         und wirtschaftlichen Wandel


                                                                                                                                                                                  66	    Peter Schlögl
                                                                                                                                                                                         Lernergebnisse
                                                                                                                       MENSCHEN                                                          Was das Schreiben von Lernergebnissen in und
                                                                                                                                                                                         rund um Bildungsorganisationen auslöst
                                                                                                                       18	   Peter Stoppacher
                                                                                                                             Der Stigmatisierung entkommen
                                                                                                                             Lesen, schreiben, rechnen wie andere auch            74	    Peter Stoppacher
                                                                                                                                                                                         Zielgruppenwissen als Vor-
In.Bewegung ist eine Partnerschaft bestehend aus 14                                                                                                                                      aussetzung für maßgeschnei-
                                                                                                                       24	   Monika Kastner
Einrichtungen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die Ent-                                                                                                                                   derte Basisbildungsangebote
                                                                                                                             Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen
wicklung eines österreichweit flächendeckenden und                                                                                                                                       Eine praxisrelevante regionale Analyse in
                                                                                                                             in Basisbildungskursen                                      quantitativer und qualitativer Hinsicht
qualitätsgesicherten Angebotes der Basisbildung und Al-
phabetisierung Erwachsener voranzutreiben und zu un-                                                                         Die Rekonstruktion von subjektiven Handlungen
                                                                                                                             und Deutungen fördert das Verstehen von
terstützen. Als zentrale Ansprechstelle wurde das Alfa-
                                                                                                                             Lehr-, Lern- und Bildungsprozessen
Telefon Österreich (0810 20 0810) eingerichtet. Partner:
VHS Stadtbibliothek Linz, ISOP GmbH, Die Kärntner
Volkshochschulen, Bildungs- und Heimatwerk Niederös-                                                                   30	   Elke Dergovics
terreich, abc Salzburg, ÖGB Landesorganisation Ober-                                                                         Verschiedene Menschen,
österreich, Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft,                                                                    verschiedene Sprachen — ein Kurs
Die Wiener Volkshochschulen — VHS 21, NOWA, LLL-
                                                                                                                             Eine Dokumentation zu Kursen für Erwachsene
Gmbh, Wirtschaftskammer Österreich, Bundesarbeits-                                                                           mit nicht ausreichender Basisbildung
kammer, Ländliches Fortbildungsinstitut Oberösterreich,                                                                      mit unterschiedlichen Erstsprachen
AMS Steiermark. Koordiniert wird die Partnerschaft von
der ISOP (Innovative Sozialprojekte) GmbH. In.Bewegung
wird gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds                                                                36	   Alfred Berndl
und aus Mitteln des Bundesministeriums für Unterricht,                                                                       Von der Angebots- zur
Kunst und Kultur.                                                                                                            Zielgruppenorientierung
                                                                                                                             Marketing in der Basisbildung
Herausgeber: Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn                                                                          und Alphabetisierung
                                                                                                                                                                                  82	    Norbert Holzer
Für den Inhalt verantwortlich:                                                                                                                                                           Nach neun Jahren Schulpflicht: Ba-
Mag. Otto Rath, Dreihackengasse 1, 8020 Graz
                                                                                                                       BILDUNG                                                           sisbildung „Nicht genügend“
                                                                                                                                                                                         Die Schulbiografie von Menschen mit
Layout + Grafik: Johannes Gellner www.gellner.at                                                                       42	   Konrad Paul Liessmann
                                                                                                                                                                                         Basisbildungsdefiziten dargestellt
                                                                                                                             Stätten der Lebensnot?                                      am Bereich Mathematik
Fotorechte: siehe Seite 218                                                                                                  Über die Gegenwart unserer Bildungsanstalten




Seite 4                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                         Seite 5
INHALT                                                                                                                                                                                          INHALT

90	    Otto Rath                                            124	   Max Mayrhofer                                        180	   Alfred Berndl
       Basisbildung und Gesundheit                                 Qualität in der Basisbildung                                Agents of Change
       Der Faktor Bildung im Kreislauf von sozialer                Zum Versuch der Umsetzung von                               Professionalisierung von MultiplikatorInnen
       und gesundheitlicher Ungleichheit                           Qualitätszielen mittels Balanced Scorecard                  in der Basisbildung


                                                            132	   Rosmarie Zarfl                                       186	   Brigitte Bauer
                                                                   Lernstandserhebung in der Basis-                            „Wenn du für eine Sache brennst,
                                                                   bildung und Alphabetisierung                                springt manchmal ein Funke über …“
                                                                   Theorie und Praxis der prozessorientierten                  Gespräche und Zusammenarbeit
                                                                   Lernstandserhebung in Österreich.                           mit EntscheidungsträgerInnen und
                                                                                                                               PolitikerInnen — ein Erfahrungsbericht

                                                            146	   Sonja Muckenhuber
                                                                   Von der Kompetenzfeststellung
                                                                   zur Kompetenzorientierung
                                                                   Kompetenzdiskussion in der Grundbildung oder
                                                                   Grundbildung in der Kompetenzdiskussion


                                                            154	   Heide Cortolezis
                                                                   Gender Mainstreaming.
BESCHÄFTIGUNG                                                      Mit oder ohne Diversity?
                                                                   Oder besser Diversity Managing oder am besten
98	    Marion Höllbacher
                                                                   Gender Diversity Managing. Oder Mainstreaming?
       Peter Härtel
       Aufnahmekriterien
       Ergebnisse einer Befragung steirischer
       Ausbildungsbetriebe zu Anforderungen
       in der Lehrlingsaufnahme
                                                                                                                        STRATEGISCHE PARTNER
102	   Marion Höllbacher                                                                                                194	   Michael Tölle
       Peter Härtel                                                                                                            Bundesarbeitskammer
       Unterstützen — Begleiten — Vernetzen                                                                                    Fünf Jahre Bewegung
       QualiCoach Basisbildung — Modell eines
       Begleiters an der Schnittstelle Schule — Beruf
                                                                                                                        196	   Margarete Gross
                                                                                                                               Arbeitsmarktservice
104	   Isabella Penz                                                                                                           Basisbildungsangebote: ein Hand-
       Jump — Jugendliche mit Perspektive                                                                                      lungsfeld des Arbeitsmarktservice
       Basisbildung für Lehrlinge im
       betrieblichen Kontext
                                                                                                                        198	   Manuela Jachs-Wagner
                                                            PRAXIS                                                             Ländliches Fortbildungsinstitut
112	   Christina Wimmer                                                                                                        Damit Wissen wachsen kann ...
       Christian Wretschitsch                               162	   Wolfgang Jütte
       Basisbildung in Koopera-                                    Netzwerkmanagement
                                                                   Die qualitative Gestaltung von Netzwerkkulturen
       tion mit Betrieben
                                                                   als professionelle Handlungsaufgabe                  ORGANISATIONS-
       Eine Argumentationsgrundlage
                                                                                                                        BESCHREIBUNGEN
                                                            168	   Mariella Hahn                                        201	   In.Bewegung Partnerorganisationen
QUALITÄT                                                           Rosmarie Zarfl
                                                                   Die Vielfalt der Innovation
120	   Antje Doberer-Bey                                                                                                218	   Fotorechte
                                                                   Innovative Zugänge in der Basisbildung und
       Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und                       Alphabetisierung Erwachsener in Österreich
       Qualitätsstandards für die Basisbildung
       Ein Erfahrungsbericht
                                                            174	   Christine Spindler
                                                                   Beate Wittmann
                                                                   Teilhabe durch Bildung
                                                                   Politische Bildung in der Basisbildung


Seite 6                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.     Seite 7
BM Dr. Claudia Schmied
                                                                                  Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur




                                                                                    Die Frage der Chancengleichheit in unserer Gesellschaft        Initiativen wie „In.Bewegung“ haben in den letzten Jahren
                                                                                  ist zu allererst eine Frage des Bildungszugangs. Viele Jahre   einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, die Bedürf-
                                                                                  wurde diese Chancengleichheit in der österreichischen          nisse bildungsferner Personen ins Bewusstsein der Öffent-
                                                                                  Erwachsenenbildung mit dem Nachholen von Bildungs-             lichkeit zu rücken und Basisbildung als grundlegende Vor-
                                                                                  abschlüssen gleichgesetzt, und die bildungspolitischen         aussetzung für Chancengerechtigkeit im Erwachsenenalter
                                                                                  Schwerpunkte reichten dementsprechend von den Schu-            zu positionieren. Viele der Erkenntnisse und Erfahrungen,
                                                                                  len für Berufstätige bis hin zu speziellen Förderprogram-      welche von den kooperierenden Einrichtungen der Initia-
                                                                                  men im Rahmen des „Zweiten Bildungswegs“.                      tive „In.Bewegung“ gewonnen wurden, stellen heute einen
                                                                                                                                                 bundesweiten Standard für die erfolgreiche Programmge-
                                                                                    Heute wissen wir, wie wichtig es ist, für bildungsbenach-    staltung im Bereich Basisbildung dar.
                                                                                  teiligte Personen zunächst einmal attraktive Angebote zum
                                                                                  Erwerb grundlegender Kompetenzen und Fertigkeiten be-            Ich freue mich, dass „In.Bewegung“ als eine vom Unter-
                                                                                  reitzustellen, um ihnen den Einstieg in weiterführende Bil-    richtsministerium und dem „Europäischen Sozialfonds“
                                                                                  dungs- und Qualifizierungsprozesse überhaupt erst zu er-       gemeinsam geförderte Initiative derart erfolgreich ist und
                                                                                  möglichen. Basisbildung, die lange Zeit ein „Randthema“        die Ergebnisse aus der österreichischen Erwachsenenbil-
                                                                                  sowohl in der fachlichen als auch politischen Diskussion       dungslandschaft nicht mehr wegzudenken sind. Die vor-
                                                                                  darstellte, ist damit ins Zentrum aller zeitgemäßen Überle-    liegende Publikation betrachte ich deshalb weniger als
                                                                                  gungen zur Erwachsenenbildung gerückt.                         Bilanz über den aktuellen Stand der Basisbildung in Öster-
                                                                                                                                                 reich, sondern vielmehr als Ermutigung, den begonnenen
                                                                                    Die Komplexität dieses Bereichs, die Vielfalt der Be-        Weg konsequent weiter zu verfolgen und Basisbildung im
                                                                                  dürfnisse und Interessen der Zielgruppen sowie die hohe        Interesse der Betroffenen qualitativ und quantitativ weiter
                                                                                  Wechselwirkung mit sozial- und arbeitsmarktpolitischen         auszubauen.
                                                                                  Aspekten machen die Programmgestaltung im Bereich Ba-
                                                                                  sisbildung zu einer der größten Herausforderungen im ge-         Ich danke allen KoordinatorInnen, TrainerInnen und Be-
                                                                                  samten Bildungsbereich. Jene 50.000 Personen, welchen          raterInnen, die im Bereich Basisbildung tätig sind, für ihr
                                                                                  laut „Statistik Austria“ die grundlegendsten Qualifikati-      enormes Engagement und wünsche viel Erfolg für die wei-
                                                                                  onen fehlen und die über keinerlei Schulabschluss verfü-       tere Tätigkeit. Ich bin überzeugt, dass diese wertvolle Bil-
                                                                                  gen, machen dabei nur die Spitze des Eisbergs aus. Phäno-      dungsarbeit einen wesentlichen Baustein für ein chancen-
                                                                                  mene wie sekundärer Analphabetismus und Dyskalkulie            gerechteres Österreich darstellt.
                                                                                  sind auch unter Personen, welche einen positiven Pflicht-
                                                                                  schulabschluss aufweisen, und sogar unter Personen, wel-
                                                                                  che eine weiterführende Berufsausbildung absolviert ha-
                                                                                  ben, erschreckend weit verbreitet.



Seite 8   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                             Seite 9
VORWORT I Rath                                                                                                                                                                                                                                                                   Rath I VORWORT



                                                                                                                                                          ruf. Zugänge und Modelle werden im Kapitel 3, das sich                                Wiederkehrendes Thema der Basisbildung und Alphabe-
                                                                                                                                                          mit dem Thema Basisbildung im beruflichen Kontext be-                               tisierung ist die Fragestellung, in welchen Kontexten Kurse
                                                                                                                                                          schäftigt, beleuchtet. In diesem Zusammenhang kommt                                 für Menschen mit Deutsch als Erstsprache und für Men-
                                                                                                                                                          auch den Gewerkschaften eine zunehmend bedeutende                                   schen mit einer anderen Erstsprache gemeinsam ange-
                                                                                                                                                          Rolle zu. Theoretisch untermauert wurde das Thema Ba-                               boten werden. Damit setzt sich Elke Dergovics in ihrem
                                                                                                                                                          sisbildung an anderer Stelle als Thema der Gewerkschaf-                             Beitrag „Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen
                                                                                                                                                          ten von Oskar Negt.2                                                                – ein Kurs“ auseinander. Sie stellt eine Dokumentation zu
                                                                                                                                                                                                                                              Kursen für Erwachsene mit nicht ausreichender Basisbil-
                                                                                                                                                           Basisbildung und Alphabetisierung orientieren sich im-                             dung mit unterschiedlichen Erstsprachen vor und prä-
                                                                                                                                                          mer an der Zielgruppe. Damit sprechen wir von einem Teil                            sentiert Modelle und Rechercheergebnisse aus Deutsch-
                                                                                                                                                          der Bevölkerung, der hauptsächlich negative Schulerfah-                             land, England und Österreich, Hintergrundinformationen
                                                                                                                                                          rungen gemacht hat, für den Bildung an sich kein Motiv                              und Diskussionspunkte von ExpertInnen als Grundlage
                                                                                                                                                          darstellt. Damit diese Personen für Bildungsprozesse über-                          für eine qualitätsvolle Konzeption und Umsetzung von ge-
                                                                                                                                                          haupt nachhaltig gewonnen werden können, brauchen sie                               meinsamen Kursangeboten im Bereich Basisbildung und
                                                                                                                                                          ein qualitativ hochwertiges Angebot, welches sicherstellt,                          Alphabetisierung.
                                                                                                                                                          dass frustrierende Lernerfahrungen nicht reinszeniert wer-
                                                                                                                                                          den. Diesem Zugang entsprechend wird das Thema der                                   „Wie erreichen wir die Zielgruppe?“ ist eine der zent-
                                                                                                                                                          Qualitätsentwicklung intensiv ausgeleuchtet.                                        ralen Fragestellungen in der Arbeit mit bildungsfernen
Otto Rath                                                       Beziehungen, nicht Trennungen sind die
                                                                Zukunft des Denkens und der Innovation.                                                                                                                                       Gruppen, zu denen Erwachsene mit geringer Basisbil-
Gesamtkoordinator von In.Bewegung, ISOP GmbH                    Bernhard von Mutius                                                                        Welche Rahmenbedingungen und Organisationsfor-                                     dung in den meisten Fällen gehören. Alfred Berndl gibt
otto.rath@isop.at                                                                                                                                         men die Basisbildung braucht und von welchen Erfahrun-                              in seinem Beitrag „Von der Angebots- zur Zielgruppeno-
                                                                                                                                                          gen Anbieter der Erwachsenenbildung profitieren kön-                                rientierung. Marketing in der Basisbildung“ erste Antwor-
                                                                                                                                                          nen, zeigt das fünfte Kapitel zur Organisation und Praxis                           ten. Analysiert man die Bewerbungen von Kursangeboten
                                                                                                                                                          der Basisbildung. Wissen wird zunehmend in Netzwerken                               von Bildungsanbietern der Basisbildung und Alphabeti-
                                                                                                                                                          und durch Teilung produziert, entsprechend widmet sich                              sierung, fällt auf, dass nach wie vor die angebotenen Leis-
                                                                                                                                                          dieses Kapitel nicht nur der Einzelorganisation, sondern                            tungen sehr stark nach außen kommuniziert werden. Ver-

Zukunft Basisbildung.
                                                                                                                                                          der Arbeit in Netzwerken.                                                           einfacht gesagt konzentrieren sich viele Bildungsanbieter
                                                                                                                                                                                                                                              in der Akquise von TeilnehmerInnen zu stark auf ihre An-
                                                                                                                                                          Bilder der Zielgruppe                                                               gebote und zu wenig auf den Nutzen und die Motive der
Vorwort zur Zwischenbilanz                                                                                                                                 Der Beitrag von Peter Stoppacher „Der Stigmatisierung
                                                                                                                                                          entkommen“ basiert vor allem auf qualitativen Inter-
                                                                                                                                                                                                                                              Menschen. Anbieter, die die Motive und Bedarfe der po-
                                                                                                                                                                                                                                              tenziellen KursteilnehmerInnen kennen, analysieren und
                                                                                                                                                          views mit BasisbildungsteilnehmerInnen, die im Rahmen                               in der Planung und Durchführung von Kursmaßnahmen
                                                                                                                                                          der begleitenden Evaluierung von In.Bewegung durchge-                               mitbedenken, legen den Grundstein für ein für die Ziel-
Gemeinsam Basisbildung denken                                   und die Frage nach den Größenordnungen spielen eine                                       führt wurden. Er beschäftigt sich mit den steigenden An-                            gruppe annehmbares Angebot.
  Ein Netzwerk der Basisbildung bildet sich heraus. Einrich-    Rolle (diese Themen wurden auch schon im Tagungs-                                         forderungen an das Individuum, mit den Größenordnun-
tungen der Erwachsenenbildung, Expert/innen, Trainer/           bericht Perspektive: Bildung von Arthur Schneeberger                                      gen und den Folgen mangelnder Basisbildung, die meist                               Bildungspolitische Annäherungen
innen, Universitäten, Sozialpartner, Politiker/innen, Be-       und Lorenz Lassnigg beleuchtet1), sondern auch die                                        schon in der Schulkarriere angelegt sind. Unter den Fol-                             Der Beitrag „Stätten der Lebensnot“ von Konrad Paul
amte und Medien beschäftigen sich zunehmend mit die-            Schnittstellen zu anderen gesellschaftlichen Bereichen                                    gen wirkt die Stigmatisierungserfahrung am nachhaltigs-                             Liessmann setzt sich kritisch mit dem Bildungsbegriff und
sem Thema und treiben die Diskussion inhaltlich voran.          wie Arbeitsmarkt, Schule und Gesundheit. Aktuelle bil-                                    ten weiter, diese beeinflusst etwa auch die Lernbilder der                          dem aktuellen Verständnis von Bildung, das häufig an den
Unterstützt wird diese Entwicklung vom Projekt „in.Bewe-        dungspolitische Diskussionen wie die Umsetzung von                                        erwachsenen LernerInnen. Am Ende des Beitrags werden                                Erfordernissen der Ökonomie orientierte Qualifizierung
gung“ des Netzwerks Basisbildung und Alphabetisierung           Lernergebnisorientierung und die Relevanz eines nati-                                     Fallbeispiele geschildert, die Lebenswelten und Lebens-                             meint, auseinander. Die Funktion der Schule im Bildungs-
in Österreich, das mit dieser Publikation nach fünfjähriger     onalen Qualifikationsrahmens für das Thema Basisbil-                                      erfahrungen von Erwachsenen mit mangelnder Basisbil-                                diskurs beleuchtet er historisch. Schulen werden auch ak-
Tätigkeit eine Zwischenbilanz zieht.                            dung prägen den Diskurs mit.                                                              dung verdeutlichen.                                                                 tuell zu „Stätten der Lebensnot“, dies liegt u.a. an dieser
                                                                                                                                                                                                                                              Funktionalisierung und an der Tatsache, dass die Schule
  Zentrale Handlungsfelder des Themas Basisbildung spie-         Mit der stärkeren Orientierung des Diskurses in Rich-                                      Monika Kastner fokussiert in „Potenziale von Lehr-                                zunehmend zu dem Ort wird, der alle Probleme lösen soll,
geln sich in der vorliegenden Publikation. Im Fokus der An-     tung Kompetenzen und Qualifizierung drängt sich der                                       LernProzessen in Basisbildungskursen“ mikrodidaktische                              die andernorts nicht gelöst werden.
strengungen stehen die Teilnehmer/innen in den Kursen           funktionale Aspekt von Bildung stark in den Vordergrund                                   Aspekte von Lehr-Lern-Prozessen aus der Perspektive von
der Basisbildung und Alphabetisierung, an der Zielgruppe        und wird auch in der Arbeit am Thema Basisbildung                                         Teilnehmenden und Kursleitenden. Die datenbasierte Re-                                Mari Steindl leistet nicht nur eine kritische Betrachtung
orientieren sich die Entwicklung von Angeboten, die Öf-         nicht ausgeblendet. In.Bewegung setzt in diesem Zusam-                                    konstruktion von subjektiven Handlungen und Deutun-                                 der Wissensgesellschaft, indem sie vor allem mit der Vor-
fentlichkeitsarbeit, die Methodik. Damit Erwachsene mit         menhang seine Aktivitäten in Bezug zur Arbeitsbiografie:                                  gen verweist auf die Bedeutung der achtsamen Wahr-                                  stellung aufräumt, dass das Produktionsmittel „Wissen“
nicht ausreichender Basisbildung auch genau das Angebot         Erste Probleme auf dem Arbeitsmarkt durch nicht aus-                                      nehmung der Voraussetzungen von Erwachsenen, die                                    tatsächlich für jede/n offenstünde, sondern auch einen we-
bekommen, das sie brauchen, beschreiben wir ein mög-            reichende Bildung ergeben sich schon am Übergang von                                      Bildungsbenachteiligung erfahren haben. Somit verdeut-                              sentlichen Beitrag zur Auswirkung der Kulturalisierung auf
lichst klares Bild ihrer Lebenswelt, ihrer Motive, ihrer Nut-   der Schule in die Berufsausbildung, sie setzen sich in der                                lichen die Interpretationsergebnisse die Verantwortung,                             den Basisbildungsdiskurs. Sie zeigt wesentliche Parame-
zenerwartungen. Im ersten Kapitel nähert sich die Publika-      Lehre fort und führen letztlich zu Schwierigkeiten im Be-                                 die im Lehrhandeln in kompensatorischen Lehr-Lern-                                  ter des Konzeptes Kultur und beleuchtet die Relevanz die-
tion daher den Bildern der Zielgruppe an.                                                                                                                 Prozessen übernommen wird, und erhellen Potenziale                                  ser Diskussion für die Basisbildung. Basisbildung wird als
                                                                1 Arthur Schneeberger: Basisbildungsdefizite: Probleme der Erfassung, sozioökonomi-       von Basisbildung.                                                                   Chance gesehen, die eigene Perspektive zu verändern, Ba-
                                                                sche Auswirkungen und Möglichkeiten der Gegensteuerung. In: Perspektive: Bildung.
  Basisbildung und Alphabetisierung sind ein wesent-            Tagungsdokumentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung 2007.                                                                                                sisbildung kann einen Raum für Teilnahme und Mitbestim-
licher Teil des bildungstheoretischen und bildungs-             Lorenz Lassnigg: „Lifelong Learning“ einmal anders: Grenzen wirtschaftsorientierter Pa-   2 Oskar Negt: Gewerkschaften vor neuen bildungspolitischen Herausforderungen. In:   mung schaffen, wenn die entsprechenden Rahmenbedin-
                                                                radigmen und Strategien und ihre Alternativen. In: Perspektive: Bildung. Tagungsdoku-     Perspektive: Bildung. Tagungsdokumentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Al-
politischen Diskurses. Nicht nur Definitionsversuche            mentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung 2007.                       phabetisierung 2007.                                                                gungen gesichert werden.



Seite 10                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                 Seite 11
VORWORT I Rath                                                                                                                                                                                                                          Rath I VORWORT



  Grundbildung ist kein starres, sondern ein aktives Funda-      übertragbaren Modells für die Zielgruppenanalyse. Die Er-          an der Schnittstelle Schule – Wirtschaft zur frühzeitigen Be-   wicklungsschritte dargestellt. Anschließend werden kurz
ment, konstatiert Werner Lenz im Artikel „Grundbildung           gebnisse dieser Arbeit werden in seinem Beitrag dargestellt.       gleitung von Jugendlichen mit nicht ausreichenden Basis-        die verschiedenen Ebenen der Qualitätssicherung und das
ist auch Bildung“. Sie ist in das Leben der Menschen ver-                                                                           bildungskenntnissen ist eine präventive Maßnahme für die        TrainerInnenprofil skizziert. Ein Resümee und der Blick auf
woben und weiteres Lernen geschieht verknüpfend und                 Norbert Holzer, Friederike Lenart, Hubert Schaupp wid-          beschriebene Zielgruppe, um Jugendliche mit dem nötigen         die längerfristigen Ergebnisse runden diesen Beitrag ab.
vernetzend. Ergänzend zum formalen und institutionali-            men sich der Frage, wie es sein kann, dass die Schule aus-       „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen ermöglicht, selbststän-
sierten Lernen werden informelle Lernprozesse bedeut-             reichende Kompetenzen in den Kulturtechniken nicht si-            dig den Übergang von Schule zur Wirtschaft zu bewältigen.         Die Standards bilden einen inhaltlichen Orientierungs-
sam. Nicht Bildungsabschlüsse, sondern was Menschen               chern kann: „Nach neun Jahren Schulpflicht: Basisbildung          Jugendliche erhalten durch die QualiCoach die Möglichkeit       rahmen, das Qualitätsentwicklungskonzept liefert ein un-
wirklich können, bekommt mehr Aufmerksamkeit. Bil-               ‚Nicht genügend‘.“ Um diese Lernentwicklung zu beschrei-           herauszufinden, was sie wollen, was sie können und wie sie      terstützendes Gerüst für die konkrete Implementierung
dung, als lebensintegrierter Prozess, ist öffentliches Gut ge-    ben, spannen die Autor/innen einen Bogen vom Schulein-            es schaffen, das zu erreichen.                                  von Qualität in das pädagogische Handeln der anbietenden
worden und unterliegt öffentlichem Interesse. Die Aussage,        gangsbereich bis zum Schulaustritt. Dargestellt wird die                                                                          Einrichtungen. Max Mayrhofer beschreibt dieses System
niemand ist ungebildet, soll dazu beitragen, jedes Lernen        Entwicklung exemplarisch für den Bereich Mathematik, da             Ist der Einstieg in eine Lehre geschafft, werden oft trotz-    im Beitrag „Qualität in der Basisbildung. Zum Versuch der
zu achten und Bildung nicht bestimmten Themen oder                dieser Bereich in den Unterstützungsangeboten oft noch           dem Unterstützungsangebote im Basisbildungsbereich               Umsetzung von Qualitätszielen mittels Balanced Score-
Gruppen vorzubehalten. Die Umsetzung des Menschen-                eine untergeordnete Rolle einnimmt. Genauer beleuch-             benötigt. Isabella Penz berichtet vom Projekt „Jump – Ju-        card.“. Er befasst sich mit der Frage, wie pädagogische
rechts auf Bildung liegt in der Verantwortung von Indivi-         tet wird der Schuleingangsbereich, der Übergang von der          gendliche mit Perspektive. Basisbildung für Lehrlinge im         Qualität in Einrichtungen, die Basisbildung und Alphabe-
duen und Gesellschaft.                                           Volksschule in die Hauptschule/AHS, sowie der Schulaus-           betrieblichen Kontext“, das diesen Support entwickelt hat.       tisierung anbieten, entwickelt und Qualitätsziele umge-
                                                                  tritt bzw. das Ende der Schulpflicht. Für alle drei Bereiche     Der vorliegende Artikel beschreibt ein Projekt der Volks-        setzt werden können. Aufgezeigt werden auch die Ergeb-
  Gudrun Biffl liefert im Beitrag „Basisbildung – Vorausset-     werden empirische Untersuchungen und konkrete Fallbei-            hochschule Kärnten. Darin wurde erstmalig ein Bildungs-          nisse und Erfahrungen aus dem Versuch der Umsetzung
zung für die persönliche Entfaltung und den wirtschaft-           spiele angeführt und kommentiert.                                konzept für Lehrlinge mit mangelnden Basisbildungs-              von Qualitätszielen mittels einer zu diesem Zweck von den
lichen Erfolg in einer Wissensgesellschaft“ einen histori-                                                                         kenntnissen entwickelt und in das bestehende duale               Partnern in In.Bewegung entwickelten Balanced Scorecard.
schen Aufriss der Entwicklung des Bildungsdiskurses und           Das Thema Basisbildung ist systemisch zu betrachten,             Ausbildungssystem integriert. Im ersten Teil des Artikels
widmet sich anschließend der Funktion von Basisbildung.          dieses Postulat ist nicht neu. Konkrete Zusammenhänge             werden die praktische Durchführung und die Umsetzung                Erfolgreiche Basisbildungsarbeit steht und fällt mit der
Diese sieht Biffl in der sozioökonomischen Integration in        an der Schnittstelle Bildung – Gesundheit beleuchtet Otto         in den Ausbildungsstätten (Berufsschulen und Ausbil-              richtigen Einschätzung und Erhebung der individuellen
Gesellschaft, Arbeit und Weiterbildung. Basisbildung wird        Rath im Artikel „Basisbildung und Gesundheit. Der Faktor          dungszentren) beschrieben. Der zweite Teil widmet sich            Kenntnisse der Teilnehmenden. In.Bewegung – Netzwerk
als Herausforderung für Individuen, Betriebe und Bil-            Bildung im Kreislauf von sozialer und gesundheitlicher            dem Outcome des Projektes. Dazu werden einerseits die             Basisbildung und Alphabetisierung hat österreichische Er-
dungseinrichtungen betrachtet, das Problem selbst liegt          Ungleichheit“. Basisbildungsmängel stellen Menschen               Evaluationsergebnisse aus dem Projekt herangezogen und            hebungskonzepte und -instrumente erhoben und darge-
weniger in der Verantwortlichkeit des Individuums, son-          vor existenzbedrohende Schwierigkeiten. Der Artikel               andererseits die konkreten Erfahrungen des Projektteams.          stellt, die Ergebnisse präsentiert Rosmarie Zarfl im Beitrag
dern in der der Gesellschaft und ihrer Bildungseinrichtun-       nimmt eine Bestandsaufnahme des Zusammenhanges                                                                                     „Prozessorientierte Lernstandserhebung in der Basisbil-
gen. Eine Überforderung dieser Systeme sieht Biffl vor al-       Basisbildung und Gesundheit vor und lehnt sich dabei an             Wie gewerkschaftliches Engagement zur Förderung der             dung und Alphabetisierung in Österreich“. Zudem wurden
lem im Thema Migration.                                          ein Modell an, das von der Wechselwirkung zwischen so-            Basisbildung von Mitarbeiter/innen beitragen kann, zeigt          Empfehlungen bzw. Leitlinien beschrieben, die in allen
                                                                 zialer und gesundheitlicher Ungleichheit ausgeht (Mielck,         die ÖGB Landesorganisation Oberösterreich. Christina              Partnerinstitutionen von In.Bewegung Beachtung finden.
  Der Beitrag von Peter Schlögl mit dem Titel „Lernergeb-        2005). Die einzelnen Wirkungszusammenhänge dieses                 Wimmer und Christian Wretschitsch haben Kommunika-                Als Good Practice werden das Erhebungskonzept sowie
nisse. Was das Schreiben von Lernergebnissen in und rund         Modells werden an der Schnittstelle Basisbildung und Ge-          tionskonzepte und Kurse entwickelt, die im betrieblichen          ausgewählte Erhebungsinstrumentarien von ISOP Neu-
um Bildungsorganisationen auslöst“ versucht anhand der           sundheit fokussiert. Aus der Bestandsaufnahme werden              Kontext funktionieren. In ihrem Beitrag „Basisbildung in          start Grundbildung präsentiert.
aktuell bekannten Strukturelemente eines kommenden               mögliche Interventionsmaßnahmen abgeleitet.                       Kooperation mit Betrieben. Warum es sich für Unterneh-
nationalen Qualifikationsrahmens abzuschätzen, in wel-                                                                             men lohnt – Eine Argumentationsgrundlage“ beschrei-                Sonja Muckenhuber widmet sich dem Thema der Kompe-
cher Weise sich Innovationsbedarfe und -potenziale für           Basisbildung und Beschäftigung                                    ben sie Konzepte und Kommunikationsstrategien. Basis-            tenzfeststellung: „Von der Kompetenzfeststellung zur Kom-
die Bildungsarbeit im Allgemeinen und für die Basisbil-            Am Übergang Schule – Berufsausbildung entscheidet               bildung ist eine Grundlage, die jeder Mensch braucht, um         petenzorientierung. Kompetenzdiskussion in der Grund-
dung im Speziellen ergeben. Das Schlüsselkonzept besteht         sich oft, wie dramatisch sich geringe Basisbildung aus-           längerfristig aktiv am gesellschaftlichen und beruflichen        bildung oder Grundbildung in der Kompetenzdiskussion“.
in den sogenannten Lernergebnissen, die ein neues Para-          wirkt. Marion Höllbacher und Peter Härtel berichten in            Leben teilnehmen zu können. Mangelnde Basisbildung ist           Trotz allgemeiner Verwirrungen, die mit unterschiedlichs-
digma von Bildungsplanung und -praxis darstellen. Wer-           ihrem Beitrag „Aufnahmekriterien für Lehrlinge. Was Lehr-         sowohl individuell als auch gesellschaftlich mit negativen       ten Definitionen des Kompetenzbegriffes einhergehen,
den diese konsequent umgesetzt, erschöpfen sie sich nicht        lingsausbildner/innen wollen“, welche Kompetenzen not-            Folgen verbunden. Möglichst viele Basisbildungsangebote          sind Kompetenzfeststellungsverfahren oder zumindest
in einer semantischen Neufassung bestehender Lernziele,          wendig sind, um einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Ein           in die Praxis umzusetzen, erfordert auch neue Wege und           Kompetenzorientierung ein Muss für jede Bildungseinrich-
sondern stellen ein kohärentes Steuerungsinstrument von          Kriterienkatalog auf Basis der neuen österreichischen Bil-        neue Kooperationen. Mit seinem Engagement in der Ent-            tung, die auf Innovation und Qualität setzt. Für den Grund-
Bildungsarbeit dar.                                              dungsstandards zu den Anforderungen der Wirtschaft hilft          wicklungspartnerschaft In.Bewegung will der Österreichi-         bildungsbereich gelten neben der Verabredung auf eine
                                                                 den Jugendlichen, einen Eindruck davon zu bekommen,               sche Gewerkschaftsbund einen aktiven Beitrag dazu leisten.       einheitliche Definition noch andere spezifische Herausfor-
  Auf den regionalen Diskurs bezieht sich Peter                  was von ihnen erwartet wird. Fachliche Kompetenzen in                                                                              derungen. Erwachsene in Grundbildungskursen kommen
Stoppacher: „Zielgruppenwissen als Voraussetzung für             Mathematik, Deutsch und Englisch sowie überfachliche              Entwicklung von Qualität                                         von sich aus meist nicht auf die Idee, dass sie über Kom-
maßgeschneiderte Basisbildungsangebote. Eine praxisre-           Kompetenzen (persönliche Kompetenzen, Sozialkompe-                  Die Frage, was Qualität in der Basisbildung eigentlich sei,    petenzen verfügen könnten. Sie suchen in der Regel nicht
levante regionale Analyse in quantitativer und qualitativer      tenzen) wurden in steirischen Betrieben erhoben, bewer-           wurde in einem kooperativen Prozess der Anbieter in Ös-          aktiv nach Angeboten zur Kompetenzfeststellung und kön-
Hinsicht“. Zielgruppenanalysen bilden die Voraussetzung          tet und in einem Handbuch zusammengefasst. Aufgelis-              terreich durch das Formulieren von Qualitätsstandards be-        nen herkömmliche Verfahren, die hohe Schriftsprachkom-
für Angebotsentwicklungen – Lebenslagen, Bedürfnisse,            tet nach den 30 beliebtesten Lehrberufen wird dargestellt,        antwortet. Die Standards beschreiben ein Orientierungs-          petenz voraussetzen nur mit unterstützender Begleitung
Motive und Hoffnungen der Zielgruppe zu kennen, erhöht           welche Kompetenzen im jeweiligen Beruf wichtig sind.              system. Antje Doberer-Bey liefert einen Erfahrungsbericht        nutzen. In diesem Beitrag wird die Suche nach einem Kom-
die Chancen auf eine erfolgreiche Akquisition. Im Rahmen                                                                           zur Formulierung der Standards: „Auf dem Weg zu Trainer/         petenzmanagementinstrument beschrieben, das den Er-
des Kooperationsprojekts „Basisbildung Oberes Murtal“              Zusätzlich zur Analyse bietet die Steirische Volkswirtschaft-   innenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung“.        wartungen der Zielgruppe gerecht wird.
wurde der Versuch unternommen, in der Region ein sol-            liche Gesellschaft auch Lösungen. Marion Höllbacher und           In diesem Beitrag wird der Prozess beschrieben, der im
ches praxisrelevantes quantitatives und qualitatives Wissen      Peter Härtel beschreiben unter dem Titel „Unterstützen – Be-      Zeitraum von 2005 bis 2007 zu den Qualitätsstandards für          Ein zentrales Qualitätsthema stellt auch für die Basis-
als Basis für eine zielgruppenadäquate Angebotsentwick-          gleiten – Vernetzen. QualiCoach Basisbildung – Begleiter am       die Basisbildung und zur ersten Formulierung eines Trai-         bildung das Thema Gender Mainstreaming dar. Heide
lung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei war die Ent-             Übergang“ das Modell eines Agents am Übergang: Die Ent-           nerInnenprofils geführt hat. Ausgehend von der damali-           Cortolezis zeigt in ihrem Beitrag „Gender Mainstrea-
wicklung und Erprobung eines auch auf andere Regionen            wicklung und Pilotierung eines „QualiCoach Basisbildung“          gen Lage werden die Zielsetzungen und die einzelnen Ent-         ming – Mit oder ohne Diversity? Oder besser Diversity



Seite 12                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                               Seite 13
VORWORT I Rath                                                                                                                                                                                                                                           Rath I VORWORT



Managing oder am besten Gender Diversity Managing.             liefert Einblicke in das konkrete methodische Konzept ei-      bereitungsarbeiten für die Gespräche, deren zentrale Bot-                               Anbieter unterstützen. Durch seine pluralistische Konst-
Oder Mainstreaming? Zu Konzepten und Begriffen der             nes entsprechenden Angebotes. Mit kreativen Schulungen         schaften, No-goes und mögliche Handlungsoptionen. Ge-                                   ruktion ist es in der Lage, unterschiedliche Zugänge zum
Gleichstellungspolitik“, dass Gender Mainstreaming             zur politischen Bildung wollen wir Menschen mit gerin-         lungene erste Gespräche markieren einen entscheidenden                                  Thema abzubilden. Das Netzwerk verfügt durch die darin
ohne Diversity Mainstreaming gar nicht gedacht werden          ger Basisbildung gewinnen, politisches Interesse mit Lust      Punkt in der Aufbauarbeit. Sie können den Beginn einer                                  vertretenen Einrichtungen über die umfassendste Praxiser-
kann, und tritt gegen ein Entweder – Oder in dieser Dis-       zu verbinden und sich gemeinsam mit anderen in gesell-         langjährigen Zusammenarbeit mit EntscheidungsträgerIn-                                  fahrung in der Basisbildung und Alphabetisierung Erwach-
kussion an. Sie stellt die Frage, ob hier Rauchbomben der      schaftliche Themen einzuarbeiten. Wir möchten unseren          nen bedeuten.                                                                           sener in Österreich. In.Bewegung kooperiert österreichweit
Begrifflichkeit gezündet werden: Ist mit dem leichthändi-      TeilnehmerInnen vermitteln, dass es möglich ist, Politik zu                                                                                            mit PartnerInnen auch über den Bereich der traditionel-
gen Jonglieren mit neuen Begrifflichkeiten der Anspruch        gestalten.                                                      Ergänzt werden diese Beiträge durch einen umfangrei-                                   len Erwachsenenbildung hinaus. Das Netzwerk versteht
verbunden, einen Paradigmenwechsel in der Gleichstel-                                                                         chen Informationsteil, der über die Organisationen und die                              sich anbieter- und fördergeberübergreifend als eine Inter-
lungspolitik einzuleiten? Könnte man es als paradigma-          Multiplikator/innen spielen beim Thema Basisbil-              entwickelten Ergebnisse und Produkte informiert. Weitere                                essengemeinschaft von Einrichtungen, die Basisbildungs-
tisch betrachten, dass statt von sozialer Ungleichheit von     dung und Alphabetisierung eine wesentliche Rolle. Um           Informationen zum Thema sind auf der Website des Netz-                                  und Alphabetisierungskurse anbieten, und von Einrich-
Diversity gesprochen wird; dass Gleichstellungsorientie-       das Handeln dieser Personen zu professionalisieren             werks zu finden (www.alphabetisierung.at) sowie am Alfa-                                tungen, die inhaltliche Schnittstellen in der Basisbildung
rung stellenweise abgelöst wurde von einer Quality, für        und ihnen auch die Möglichkeit zu geben, ein Bild ih-          Telefon Österreich, wo Interessierte von ausgebildeten Be-                              zu den Anbietern definieren (Sozialpartner, AMS, formale
deren Beförderung es keinen politischen Auftrag braucht,       res Handlungsfeldes klarer zu beschreiben, wurde ein           rater/innen informiert werden.                                                          Bildungseinrichtungen wie Universitäten, Pädagogische
sondern ein Award verliehen wird; und – last but not least     in Großbritannien entwickeltes Konzept auf Österreich                                                                                                  Hochschulen etc.).
– dass politisches Handeln begonnen hat, sich in eine Ak-      übertragen. Dieser Transfer wird von Alfred Berndl im          In.Bewegung — ein Projekt des
tivität zu verwandeln, die sich gern mit einem Begriff wie     Beitrag „Agents of Change. Professionalisierung von            Netzwerks Basisbildung und                                                                Qualitätsentwicklung ist ein zentrales Thema – die Qua-
Managing beschreibt?                                           Multiplikator/innen in der Basisbildung“ dargestellt.          Alphabetisierung in Österreich                                                          lität wird im Rahmen des entwickelten Qualitätsentwick-
                                                               Eine der wesentlichen Herausforderungen in der Basis-           Das Netzwerk betrachtet Basisbildung als Beitrag zu einer                              lungssystems permanent verbessert, vorangetrieben durch
Organisation und Praxis der Basisbildung                       bildung ist das nicht diskriminierende Ansprechen von          demokratischen Gesellschaft und als eine Möglichkeit für                                internen Know-how-Transfer und durch die Kooperation
  Eine zentrale Position des Netzwerks Basisbildung und        Personen mit Defiziten in den Kulturtechniken. Ein Er-         das Individuum, sich in der Gesellschaft entfalten zu kön-                              mit externen SpezialistInnen. Die inhaltlichen Entwick-
 Alphabetisierung stellt das vernetzte Arbeiten dar. Diese     folg versprechender Ansatz in der Unterstützung oder           nen. Bildung ist ein Menschenrecht, das Netzwerk tritt da-                              lungen folgen ebenfalls dem internen System der Quali-
 Position wird von Wolfgang Jütte bestätigt, der sich in       Vermittlung von Menschen mit geringer Bildung ist              für ein, dass in Österreich jeder Mensch die Möglichkeit                                tätsentwicklung und gewährleisten einen effizienten Res-
 seinem Beitrag dem Nutzen von Netzwerken widmet:              die Aus- und Weiterbildung von MultiplikatorInnen zu           hat, ein Angebot der Basisbildung in Anspruch zu nehmen,                                sourceneinsatz – das Rad muss nicht immer wieder neu
„Netzwerkmanagement. Die qualitative Gestaltung von            Agents of Change. Diese Personen arbeiten an unter-            ohne sich dafür schämen zu müssen. Konkret arbeiten un-                                 erfunden werden. Anbieter können die Entwicklung aus-
 Netzwerkkulturen als professionelle Handlungsaufgabe“.        schiedlichen Schnittstellen zur Basisbildung und haben         sere Entwicklungen darauf hin, dass österreichweit flä-                                 lagern, Synergien nutzen und von den vergrößerten Wis-
 Mit der zunehmenden Projektförmigkeit im pädagogi-            direkten Kontakt zur Zielgruppe. Agents werden selbst          chendeckende, qualitätsgesicherte Alphabetisierungs- und                                sens- und Netzwerkressourcen profitieren. Im Netzwerk
 schen Feld und dem allgemeinen Bedeutungszuwachs von          aktiv, planen Maßnahmen für Menschen mit Bedarf an             Basisbildungsangebote für Erwachsene möglich werden.3                                   integrierte Anbieter verpflichten sich zur Beteiligung am
 netzwerkförmigen Arrangements rücken Fragen des Ma-           Basisbildung und setzen diese auch um.                         Die von In.Bewegung entwickelten und/oder unterstützten                                 Qualitätsentwicklungsprozess des Netzwerks (Implemen-
 nagements und des Monitoring von Netzwerken stärker in                                                                       Angebote orientieren sich an den Motiven der Kund/innen                                 tierung des Qualitätsentwicklungssystems, Teilnahme an
 den Vordergrund. In diesem Beitrag werden Gestaltungsas-        Letztlich leben neue Themen vom Engagement und der           und stiften einen klaren Nutzen in ihren privaten und be-                               den Qualitätskonferenzen, Entwicklung und Umsetzung
 pekte angesprochen, die für die Qualität von Netzwerken       Kompetenz sowohl von gut aufgesetzten Strukturen, aber         ruflichen Handlungsräumen. Damit diese Angebote von                                     von Qualitätszielen).
 zentral sind. Dazu zählen u.a. die Entscheidung für Netz-     auch von einzelnen Menschen. Brigitte Bauer beschreibt         allen InteressentInnen in Anspruch genommen werden
werktypologien und Entwicklung von Netzwerk-strategien,        ihre eigenen Erfahrungen, die sie in den letzten Jahren bei    können, entwickelt In.Bewegung Maßnahmen zur flächen-                                     Die im Netzwerk tätigen Einrichtungen bieten (unter an-
 die Grenzen der Steuerbarkeit, die Gestaltung von Span-       der Entwicklung und Implementierung von Angeboten der          deckenden Information. Die realisierte Öffentlichkeitsar-                               derem) Kurse an, die Lesen, Schreiben, Rechnen und IKT
 nungsverhältnissen, der Umgang mit Diversität, die For-       Basisbildung und Alphabetisierung gemacht hat. „Wenn du        beit verhindert weitere Diskriminierungen.                                              zum Inhalt haben. Diese Kurse sind an den Qualitätsstan-
 mierung einer Netzwerkkultur und die Entwicklung von          für eine Sache brennst, springt manchmal ein Funke über.                                                                                               dards orientiert, verwenden erwachsenengerechte Me-
 Nachhaltigkeitsstrategien.                                    Gespräche und Zusammenarbeit mit Entscheidungsträger-            Basisbildung ist ein Thema für alle Menschen in unserer                               thodik und Materialien. Sie sind bedarfsorientiert und
                                                               Innen und PolitikerInnen“ lautet der Titel ihres Erfahrungs-   Gesellschaft, ungeachtet der Erstsprache, der Staatsbür-                                maßgeschneidert, der Zugang zu den Angeboten ist nied-
  Netzwerke fördern nicht nur die Entwicklung von Qua-         berichts: Welche Informationen brauchen Entscheidungs-         gerschaft oder der Nationalität. Eine Segmentierung er-                                 rigschwellig. Der Begriff „Analphabetismus“ wird nicht ver-
lität, sie fördern auch Innovationen. Mariella Hahn und        trägerInnen/PolitikerInnen zum immer noch verdeckten           folgt erst in der Entwicklung von maßgeschneiderten An-                                 wendet. In der Kommunikation nach außen wird auf eine
Rosmarie Zarfl haben innovative Modelle der Basisbil-          Thema „Erwachsene mit Basisbildungsbedarf“? Wie und            geboten, wo gegebenenfalls auch Differenzierungen in der                                positiv konnotierte Sprache in der Beschreibung des Phä-
dung in Österreich erhoben und stellen diese in ihrem Bei-     womit kann das Interesse von EntscheidungsträgerInnen          Methodik und der Kommunikation notwendig sind. Als                                      nomens und der Angebote geachtet. Entdramatisierung
trag mit dem Titel „Die Vielfalt der Innovation“ vor. In Ös-   geweckt werden, damit sie sich im Idealfall später langfris-   mittelbare Kund/innen des Netzwerks werden alle Perso-                                  und Normalisierung wird in der Öffentlichkeitsarbeit ver-
terreich gibt es zahlreiche neuartige Ideen, die umgesetzt     tig für das Thema einsetzen? Viele Fragen stellen sich für     nen außerhalb des formalen Schulsystems (nach absolvier-                                folgt (etwa durch das Vermeiden von verzerrten Stimmen
werden, um unseren Teilnehmer/innen das Lernen zu er-          AkteurInnen, die am Beginn ihrer Basisbildungstätigkeit        ter Schulpflicht) bzw. Personen an den Schnittstellen von                               oder Balken über den Augen in Fernsehbeiträgen). Das
leichtern. Diese Innovationen waren bislang nicht allen zu-    stehen und erstmals Angebote in einer Region nachhaltig        formalem Schulsystem und der Erwachsenenbildung de-                                     Alfa-Telefon Österreich und die damit verbundene Website
gänglich. Im Rahmen von In.Bewegung wurden im Teilpro-         verankern wollen.                                              finiert. Unmittelbare Kund/innen des Netzwerks sind EB-                                 bieten Kund/innen eine effiziente Schnittstelle zwischen
jekt 11 (Gesamtkoordination) innovative Zugänge in der                                                                        Einrichtungen innerhalb und außerhalb des Netzwerks                                     Angeboten, Informationen und der Nachfrage. Daher wer-
Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich erhoben,         Der vorliegende Beitrag beschreibt Zugänge und Wege, die     (von GF bis zu den Trainer/innen), Fördergeber/innen und                                den diese zentralen Dienstleistungen von allen Einrich-
und über 30 Innovationen werden in diesem Artikel darge-       sich in der Kommunikation mit PolitikerInnen/Entschei-         Einrichtungen im formalen Bildungssystem.                                               tungen des Netzwerks genutzt, unterstützt und beworben.
stellt. So vielfältig die österreichische Basisbildungsland-   dungsträgerInnen über die Jahre hinweg als zielführend er-                                                                                             Umgekehrt vermittelt das Alfa-Telefon Österreich anbie-
schaft, so vielfältig die Innovationen.                        wiesen haben, und auch jene, die gut zu vernachlässigen          Das Netzwerk sieht seine Mission darin, nützliche Unter-                              terneutral Kurse aller Anbieter, die über ein Qualitätsent-
                                                               sind. Langjährige Erfahrung im Aufbau von Basisbildungs-       stützungsleistungen und Tools zu entwickeln und anzubie-                                wicklungssystem verfügen. Das Netzwerk bietet einen Nut-
 Mangelnde Basisbildung wird immer wieder in Verbin-           strukturen, die vielen Gespräche mit Organisationsbera-        ten, die den Erwerb der Kulturtechniken Lesen, Schreiben,                               zen für die beteiligten Einrichtungen, indem Strukturen für
dung gebracht mit mangelnder politischer Partizipation.        terInnen, Marketing- und BasisbildungsexpertInnen und          Rechnen und den Einsatz der Informations- und Kommu-                                    Vernetzung und Austausch auf allen Ebenen zur Verfügung
Der Erfahrungsbericht von Christine Spindler und Beate         nicht zuletzt die Gespräche mit den Entscheidungsträger-       nikationstechnologien für Erwachsene und die Arbeit der                                 gestellt werden.
Wittmann mit dem Titel „Teilhabe durch Bildung. Politi-        Innen selbst sind Grundlage dieses Beitrags. Ein Blick in
                                                                                                                              3 Eine Übersicht über die von In.Bewegung entwickelten Ergebnisse und Produkte befin-
sche Bildung in der Basisbildung – ein Erfahrungsbericht“      die Praxis der konkreten Aufbauarbeit beschreibt die Vor-      det sich in dieser Publikation (Seiten 201 – 217).                                      Otto Rath, Mai 2010



Seite 14                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                     Seite 15
MENSCHEN
                                                                                   Peter Stoppacher
                                                                                   Monika Kastner Elke
                                                                                   Dergovics Alfred Berndl




Seite 16   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Seite 17
MENSCHEN I Stoppacher I Der Stigmatisierung entkommen                                                                                                                                              Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN


                                                                                                                             •	 würden sich nach einem harmlosen
                                                                                                                                                                                                                zeuge notwendig. Auf dem Arbeitsmarkt haben sich die An-
                                                                                                                                Unfall „am liebsten verkriechen“,
                                                                                                                                                                                                                forderungen an Qualifikationen und Kompetenzen massiv
                                                                                                                                weil Sie das Aufnahmeformular im
                                                                                                                                Spital nicht ausfüllen können                                                   erhöht. Gewisse Grundfähigkeiten werden einfach voraus-
                                                                                                                                                                                                                gesetzt, auch wenn sie in der täglichen Arbeitsroutine nicht
                                                                                                                             •	 fürchten den Tag, an dem Ihr „Enkerl“ Sie                                       gebraucht werden sollten. Selbst in der Landwirtschaft hat
                                                                                                                                bitten wird: „Oma, kannst du mir das                                            mittlerweile die Digitalisierung massiv Einzug gehalten.
                                                                                                                                vorlesen“, und Sie ablehnen müssen                                              Inzwischen wird ein Großteil der Landwirtschaften nicht
                                                                                                                             •	 bewegen sich mit Ihrem Fahrzeug nur innerhalb                                   mehr im Haupt-, sondern im Nebenerwerb bewirtschaftet,
                                                                                                                                der Grenzen Ihrer „kleinen Welt“, in der Sie                                    für jede zusätzliche Tätigkeit, für Förderanträge, neue Her-
                                                                                                                                nicht auf die Entzifferung von Wegweisern                                       stellungs- und Vertriebswege werden zumindest Basisbil-
                                                                                                                                und Ortsnamen angewiesen sind                                                   dungskompetenzen benötigt.

                                                                                                                             In all diesen Situationen laufen Sie Gefahr, Ihre „Komfort-                          Verschiedene empirische Befunde und unmittelbare Kon-
                                                                                                                           zone“, also jenes Terrain, in dem Sie sich einigermaßen si-                          frontationen mit der Problematik in Betrieben, Behörden,
                                                                                                                           cher bewegen können, zu verlassen. Aber gibt es diese                                Institutionen, arbeitsmarktpolitischen Einrichtungen etc.
                                                                                                                           Komfortzone für Sie eigentlich wirklich? Sind Sie nicht                              machen zunehmend klar, dass die Zahl derjenigen, die
                                                                                                                           ständig gefährdet, im Alltag, in der Arbeit, im Familienkreis,                       nicht ausreichend für Erfordernisse des aktuellen Arbeits-
                                                                                                                           beim Arzt, im Amt, im Kaufhaus oder beim Ausflug mit Ih-                             marktes und der gesellschaftlichen Teilhabe „gerüstet“ sind,
Peter Stoppacher                                                                                                           ren Freunden, sich eine Blöße zu geben und wieder ein-                               trotz der bestehenden neunjährigen Schulpflicht beträcht-
Ko-Geschäftsführer von IFA                                                                                                 mal bestätigt zu bekommen, dass Sie für vieles, wie so oft                           lich ist. Annähernd zwischen 10% bis 20% der erwachse-
stoppacher@ifa-steiermark.at                                                                                               in der Schule oder von den Eltern gehört, „eh zu blöd“ sind?                         nen Bevölkerung beherrschen Kulturtechniken wie Lesen
                                                                                                                           Vielleicht haben Sie auch deswegen von gezielter Weiter-                             und Schreiben nicht im erforderlichen Ausmaß2. Sie sind
                                                                                                                           bildung abgesehen, wozu auch, haben Sie noch immer                                   mit oben skizzierten „Grenzerfahrungen“, mit vielfältigen
                                                                                                                           im Ohr: „Du schaffst das nicht und wirst das sowieso nicht                           Hürden im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt, mit beschränk-
                                                                                                                           brauchen.“ Wenn irgendwie möglich, beginnen Sie sich ab-                             ten Möglichkeiten, sich „die Welt anzueignen“ und sich in
                                                                                                                           zukapseln, aus „panischer Angst“, dass Ihr Versteckspiel                             ihr auch den eigenen Ansprüchen gemäß adäquat bewe-
                                                                                                                           auffliegen könnte. Sie ziehen sich aus der Gesellschaft zu-                          gen zu können, konfrontiert. Zur Risikogruppe gehören vor
                                                                                                                           rück, um kritische Momente möglichst zu vermeiden, Ihrer                             allem Personen, die höchstens über einen Pflichtschulab-

Der Stigmatisierung entkommen
                                                                                                                           Meinung nach können Sie ohnehin mit den meisten ande-                                schluss verfügen und daher oft nur in diversen Hilfstätig-
                                                                                                                           ren nicht mithalten. Und während andere sich vom Durch-                              keiten und prekären Berufsfeldern unterkommen. Einmal
                                                                                                                           schnitt abheben und etwas Besonderes sein wollen, ist es                             erworbene Basisbildungskompetenzen gehen häufig auch
Lesen, schreiben, rechnen wie andere auch                                                                                  Ihr dringlichster Wunsch, auch „zur Masse zu gehören“, Le-
                                                                                                                           sen und Schreiben zu können, Grundrechnungsarten, viel-
                                                                                                                                                                                                                wieder verloren, zum einen, weil Geringqualifizierte kaum
                                                                                                                                                                                                                an betrieblicher Weiterbildung partizipieren, zum andern,
                                                                                                                           leicht auch eine Fremdsprache zu beherrschen, mitreden                               weil sie diese Fähigkeiten im Berufsleben nur selten oder
                                                                                                                           zu können, einfach einen selbstverständlichen allgemei-                              gar nicht brauchen.
Dieser Beitrag basiert vor allem auf qualitativen Inter-          „alles auswendig zu lernen“, und das Lernen steht        nen Standard zu erreichen und „jemand zu werden, der in
                                                                  „wie ein unüberwindbares Gebirge“ vor Ihnen
views mit BasisbildungsteilnehmerInnen, die im Rahmen                                                                      der Gesellschaft etwas wert ist“.                                                      Wenn Basisbildungsprobleme auch in unterschiedlichen
der begleitenden Evaluierung von In.Bewegung durchge-            •	 müssen Ihrem Chef, der Sie als verlässliche                                                                                                 gesellschaftlichen Schichten auftreten können, so zeigen
                                                                    und sorgfältige Arbeitskraft schätzt und
führt wurden. Er beschäftigt sich mit den steigenden An-                                                                   Basisbildungsanforderungen                                                           vielerlei Befunde, dass Bildungsferne und Bildungsarmut
                                                                    deswegen zur Vorarbeiterin befördern will,
forderungen an das Individuum, mit den Größenordnun-
                                                                    mitteilen, „lieber einfache Arbeiterin ohne
                                                                                                                           und Risikofaktoren                                                                   nach wie vor vererbt werden. Die Ausbildung der Eltern,
gen und den Folgen mangelnder Basisbildung, die meist               allzu viel Verantwortung bleiben“ zu wollen, vor        In einer schrift- und wissensbasierten Gesellschaft bil-                            der sozialökonomische Hintergrund, der Wert, der Bildung
schon in der Schulkarriere angelegt ist. Unter den Folgen           allem, weil Sie Angst haben, neue (schriftliche)       den grundlegende Kulturtechniken1 wie Lesen, Schreiben,                              im Elternhaus beigemessen wird, sowie die ökonomische
wirkt die Stigmatisierungserfahrung am nachhaltigsten               Anforderungen nicht bewältigen zu können               Rechnen ein unerlässliches Werkzeug, um „mithalten“ zu                               Leistbarkeit von Bildung prägen in einer ersten Phase das
weiter, diese beeinflusst etwa auch die Lernbilder der er-       •	 haben Ihrem Arbeitskollegen wieder einmal              können. Im Alltagsleben werden Schreib- und Lesekennt-                               Bildungsverhalten. In späteren Lebensphasen verhindern
wachsenen LernerInnen. Am Ende des Beitrags werden                  das Falsche aus dem Lager gebracht, weil               nisse beim Lesen von Beipackzetteln von Medikamenten,                                negative Schul- und Lernerfahrungen, damit verbundene
Fallbeispiele geschildert, die Lebenswelten und Lebenser-           Sie nur mit Mühe die Bezeichnungen                     Fahrplänen oder Bedienungsanleitungen für Haushaltsge-                               Ängste und Blockaden oder ein nicht unmittelbar ersicht-
fahrungen von Erwachsenen mit mangelnder Basisbildung               erahnten und reden sich wieder darauf                  räte, für die Benützung digitalisierter Maschinen und Ge-                            licher Nutzen von Bildung für das eigene Leben weitere
verdeutlichen.                                                      aus, schlecht verstanden zu haben                      räte ebenso benötigt wie für das Ausfüllen von Formularen,                           Lernschritte. Entscheidend für Bildungsprozesse ist kurz
                                                                 •	 haben vom möglichen Arbeitgeber in einer               für unterschiedliche Bankgeschäfte, Urlaubsbuchungen                                 zusammengefasst, unter welchen historischen und so-
  Stellen Sie sich vor, Sie hören beinahe täglich von der Wis-      Textilfabrik, nachdem er Ihr Abschlusszeugnis          oder Bestellungen im Versandhandel oder im Gasthaus.                                 zialen Umständen jemand geboren, aufgewachsen, zur
 sensgesellschaft, von der Notwendigkeit des lebenslangen           der Hauptschule, 2. Klassenzug, kurz                   Ohne diese Kenntnisse ist auch die Unterstützung der ei-                             Schule gegangen ist und welche Berufskarrieren einge-
 Lernens, von „Karriere mit Lehre“ sowie von der Gefahr,            überflogen hat, zu hören bekommen: „Da                 genen Kinder im Kindergarten und in der Schule kaum                                  schlagen werden konnten. Die gesellschaftliche Benachtei-
                                                                    haben wir aber eine ganz Gescheite“
„hinten zu bleiben“, wenn Sie nicht ständig dazulernen.                                                                    möglich. Für ehemals einfache Hilfsarbeitsplätze wie bei-                            ligung von Bildungsfernen und Geringqualifizierten zeigt
 Oder Sie haben den alten Spruch im Gedächtnis: „Was             •	 verärgern Ihren AMS-Betreuer, weil Sie die             spielsweise im Lager, in der Produktion oder im Gemein-                              sich daran, dass sie auf dem Arbeitsmarkt die geringste Er-
                                                                    Anreise zum Kursort nicht geschafft haben, es
 Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Und Sie                                                                     dedienst sind nun logistische Kenntnisse oder Know-how                               werbsquote und das höchste Arbeitslosigkeitsrisiko haben
                                                                    auf dem Bahnhof nicht gewagt haben, nach
  •	 erinnern sich beim beruflichen Wiedereinstieg                                                                         für die Bedienung verschiedenster Maschinen und Fahr-                                und am meisten von Armut gefährdet sind.
                                                                    dem richtigen Zug zu fragen, selbstverständlich
     und der notwendigen Neuorientierung mit                        Ihr Manko auch Ihrem Betreuer nicht mitteilen          1 Zu einer ausreichenden Basisbildung werden heute zumeist auch EDV-Wissen, Fähig-   2 Vgl. dazu eine exemplarische Zielgruppenanalyse in: Silvia Paierl, Peter Stoppacher (IFA
                                                                                                                           keiten der raschen Informationsbeschaffung und -verarbeitung, Lernbereitschaft und   Steiermark), Peter Webhofer, Alfred Berndl (Isop): Zielgruppen, Bedarfe und regionale
     Schrecken an Ihre Schul- und Lehrzeit, an die                  konnten und er Ihnen daraufhin wegen                   Lernfähigkeit mit Betonung des selbstständigen Lernens sowie Kommunikationskompe-    Ansätze. Eine Untersuchung im Rahmen des Kooperationsprojekts „Basisbildung Obe-
     Mühe und den Einsatz in vielen Nächten, um                     Verweigerung das Arbeitslosengeld gesperrt hat         tenzen gezählt.                                                                      res Murtal“. Graz: IFA 2009.




Seite 18                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                                            Seite 19
MENSCHEN I Stoppacher I Der Stigmatisierung entkommen                                                                                                                                                                                                               Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN



  Werden am Ende der Pflichtschule grundlegende Kultur-                                    verhältnissen und/oder waren Pflege- oder auch Heimkin-                                    zu verringern. Das erfordert ein Lernsetting, das anwen-                                    Beispiele betreffen LernanfängerInnen, die beiden letzten
techniken nur mangelhaft beherrscht, so ist die Wahrschein-                                 der. Oft wuchsen sie auf dem Land auf5, auch ihre Eltern                                  dungsorientiert beim konkreten Bedarf und beim unmit-                                       LernerInnen mit einem etwas höheren Einstiegsniveau.
lichkeit sehr gering, dass dieses Versäumnis jemals aufgeholt                               hatten wenig Zugang zu Bildung und konnten sie daher                                      telbaren Nutzen, bei funktionellen Kriterien und nicht bei
werden kann. Einerseits, weil es nur wenige für ihre Bedürf-                                in der Schule kaum unterstützen. Eine häufige Erfahrung                                   abstrakten allgemeinen Lehrplänen ansetzt7. Oft geht es                                     „Eventuell mit 40 noch was Neues anfangen“
nisse maßgeschneiderte Angebote gibt, andererseits, weil                                   von „AnfängerInnen“ ist es, dass niemand sich um sie küm-                                  auch darum, aus der Schulzeit und Kindheit stammende                                          Frau E., 38 Jahre, verheiratet, ein Kind, kommt aus „tris-
die Kompetenzen Geringqualifizierter nicht ausreichen, um                                   merte, die Schule war gegenüber der Mithilfe bei der Arbeit                               Blockaden zu reduzieren und über neue Lernzugänge mehr                                      ten Verhältnissen“, ihre Mutter konnte selbst nur ihren Na-
erfolgreich lernen zu können. Vor allem können sie schwer                                   oft nachrangig, nicht selten wurden sie in die Sonderschule                               Sicherheit im Gebrauch grundlegender Kulturtechniken zu                                     men schreiben, schämte sich dafür und „traute sich daher
dazu bewegt werden, ihre Defizite zu outen und eines der                                   „abgeschoben“ und damit noch mehr „abgestempelt“. Bei                                      vermitteln und damit breitere Anwendungsmöglichkeiten                                       kaum raus“. Die älteren Geschwister lebten im Heim, Fr. E.
wenigen Angebote in Anspruch zu nehmen.                                                     anderen LernanfängerInnen führten unbemerkte Ein-                                         zu erschließen. Mit der Thematisierung von Fortschritten                                    konnte bei der Mutter bleiben und machte mit ihr nach ih-
                                                                                            schränkungen (Gehör- oder Sehbeeinträchtigungen), Lern-                                   und Lernerfolgen – „ganz wichtig war es, dass ich gesehen                                   rer Scheidung viele Umzüge mit. Ihr Stiefvater war selbst
Ausgangsniveaus und Lernziele                                                               schwächen, Folgeerscheinungen von Erkrankungen, Un-                                       habe, auch ich kann noch was schaffen“ – gelingt es auch                                    Waisenkind, ihr Vater und die Mutter waren Alkoholiker. An
  Wenn „Lesen und Schreiben zur Hürde werden, verwan-                                       fällen, lange andauernden Krankenhausaufenthalten oder                                    immer wieder, ihr häufig geringes Selbstwertgefühl in Be-                                   jedem Wohnort waren sie „völlige Außenseiter“. Ihr einziges
delt sich das Leben in einen Spießrutenlauf“, war anlässlich                                häufige Ortswechsel während der ersten Schuljahre dazu,                                   zug auf ihre Arbeits- und Lernfähigkeit entscheidend zu                                     Vorbild war der „Opa, ein Flugzeugtechniker, ein gebildeter
des Weltalphabetisierungstages in einer österreichischen                                    dass sie „immer weiter hinten“ blieben, den „Anschluss“                                   stärken.                                                                                    Mann, der arbeitete, für die Familie sorgen konnte und im-
Tageszeitung3 zu lesen. Dieser hat allerdings unterschied-                                  und die „Lust und Freude am Lernen“ verloren. Ihre Be-                                                                                                                                mer zufrieden und ausgeglichen war“.
liche objektive und subjektive Ausformungen. Personen                                       nachteiligung wurde in der Schule rückblickend noch ver-                                    Die Lernbilder der „AnfängerInnen“ sind beinahe durch-
mit mangelnder Basisbildung sind eine äußerst hetero-                                       stärkt: „Kommst mit, ist’s gut, sonst bleibst, wo du bist.“ Eine                          gehend von Diskriminierungs- und Stigmatisierungser-                                          In der Schule erhielt sie weder durch die Mutter noch
gene Zielgruppe. Sofern es gelingt, sie wieder für erneute                                 weitere Gruppe der LernanfängerInnen sind jene „dequa-                                     fahrungen gekennzeichnet, die in der häufig zu hörenden                                     durch den Stiefvater Unterstützung. Trotzdem hatte sie in
Lernprozesse zu gewinnen, kommen sie mit divergieren-                                       lifizierten“ Personen, die zwar die Hauptschule absolviert                                Kurzformel „du bist eh zu blöd“ in Erinnerung geblieben                                     der ersten Klasse „nur lauter Einser und war begeistert vom
den Ausgangskompetenzen, Lernzielen und Lernmotiven.                                        und in weiterer Folge auch eine Berufsausbildung erfolg-                                  sind. Vielfach wurde diese Fremdzuschreibung internali-                                     Buchstabenschreiben“. Später, durch viele Umzüge bedingt,
Je nach Lebenssituation und konkreten Alltagserfordernis-                                   reich abgeschlossen haben, in anschließenden Berufskar-                                   siert, manchmal abgeschwächt: „Wahrscheinlich war ich                                       verlor sie den Anschluss, und der schulische Absturz be-
sen bestehen auch unterschiedliche Vorstellungen darüber,                                   rieren aber „nie schreiben und rechnen“ mussten, „das war                                 zu faul.“ Lernen wird mit Schule, Anstrengung, Prüfung,                                     gann, in der Schule wurde sie als dumm abgestempelt. In
was mit der Verbesserung von Basisbildungskompetenzen                                       die Aufgabe des Vorarbeiters, da hab ich beinahe alles ver-                               Versagen in Verbindung gebracht. „Es war nie ein Spaß und                                   Erinnerung ist ihr vor allem der Stress aus der Schulzeit, „ja
erzielt werden soll. Diese unterschiedlichen Erwartungen,                                   gessen und hab so schlampert geschrieben, dass ich’s selbst                               immer hat’s geheißen, bleib endlich sitzen.“ Resultat dieser                                alles richtig zu schreiben“. Stand der Lehrer hinter ihr, war
Interessen und Nutzebenen sollten sowohl bei der Infor-                                     nicht mehr entziffern konnte.“                                                            Erfahrungen und des „ohnehin feststehenden Urteils“ war                                     das unmöglich, und jedes Mal bestätigte sich, dass sie „so-
mation der Zielgruppen als auch bei der Gestaltung der An-                                                                                                                            zumeist, dass die „Lust am Lernen“ verloren ging.                                           wieso versagt“. Schule war dann stets „eine Qual und Pla-
gebote im Mittelpunkt stehen.4                                                               Befragte der zweiten Gruppe, jene der „fortgeschrittene-                                                                                                                             ckerei und mit Abstempelung verbunden, die Lust und
                                                                                           ren LernerInnen“6 in Basisbildungsangeboten mit (massi-                                      Auch die Erinnerung der „fortgeschrittenen Einsteiger-                                    Neugier gingen verloren“. Am Ende der Schulzeit konnte
  Neben den „AnfängerInnen“, denen es aus unterschied-                                     ven) Schwächen in Teilbereichen (z.B. „ein Riesenproblem                                   Innen“ in Basisbildungskursen an die Schule und die Be-                                     sie gerade ihren Namen schreiben. Nach der Schule be-
lichen Gründen in der Pflichtschulzeit nicht gelungen ist,                                 in der Arbeit war es, was Schriftliches verfassen zu müssen,                               rufsausbildung ist zumeist durch eine „Riesenangst als ei-                                  gann sie zu arbeiten, erlebte aufgrund ihres schlechten
Basiskenntnisse des Lesens und Schreibens zu erlernen,                                     das Lesen war problemlos“), bringen ihre Unsicherheiten,                                   nes der schlimmsten Probleme“ geprägt: „Wenn ich was                                        Abschlusszeugnisses etliche demütigende Bewerbungssi-
und die beinahe bei „null“ beginnen müssen, gehören auch                                   Lernängste und ihre geringe Selbsteinschätzung bezüglich                                   vorlesen musste, hab ich einen Druck im Kopf bekommen                                       tuationen. Bis zur Geburt ihrer Tochter hat sie viele Jahre
Personen mit graduell abgestuften „Schwächen“ in Teilbe-                                   ihrer Lernfähigkeit, die oft den Eindruck fehlender Motiva-                                und ich war wie versteinert“ oder „meine Stimme versagte                                    in einer Schuhfabrik „geschichtelt, gut verdient, viel ge-
reichen dazu. „Lücken“ oder Unsicherheiten können Recht-                                   tion oder von Nichtwollen erweckt, weit weniger mit sozia-                                 fast vor Angst, es nicht zu können.“ Ein Ausweg, dem zu                                     spart“ und immer versucht, ihre Kenntnisse im Selbststu-
schreibung, Orthografie, Grammatik, Satzkonstruktion,                                      len und familiären Faktoren, sondern vor allem mit negati-                                 entkommen, bestand oft im sturen Auswendiglernen des                                        dium aufzubessern, auch „um es einmal besser zu machen
Formulierungsfähigkeiten, Grundrechnungsoperationen,                                       ven Schul- und Lernerfahrungen in Verbindung.                                              Stoffes, „Wort für Wort und nächtelang, es war eine richtige                                als meine Mama“. Als sie im Fernsehen einen Bericht über
ein einigermaßen „flüssiges Lesen“ und Textverständnis                                                                                                                                Qual“. Vor allem bei Wiedereinsteigerinnen, die nach lang-                                  einen möglichen Kurs sah – „endlich, endlich, ich hätte in
genauso betreffen wie Merk- und Lerntechniken, Wieder-                                     Stigmatisierung als Grunderfahrung                                                         jähriger Kinderpause nicht mehr im alten Beruf weiterar-                                    Tränen ausbrechen können“ – nutzte sie diese Möglichkeit
gabefähigkeiten z.B. beim Vorlesen oder Vortragen, bei                                     beim Lernen                                                                                beiten können oder wollen, bilden diese Erfahrungen auch                                    sofort. Zu diesem Zeitpunkt stufte sie sich selbst „ungefähr
schriftlichen Zusammenfassungen im privaten und beruf-                                       Bei aller Unterschiedlichkeit der Zielgruppen von Basis-                                 schwerwiegende Lern- und Weiterbildungshürden.                                              auf Level Volksschulende“ ein. Sie will vor allem ihr Kind
lichen Kontext, etwa wenn mit der Zeit und mit steigender                                  bildungsangeboten in Bezug auf ihre Lebenssituation, Aus-                                                                                                                              besser unterstützen können und eventuell mit „40 noch
Verantwortung im Beruf die Notwendigkeit schriftsprachli-                                  gangsniveaus und Lernziele gibt es auch eine gemeinsame                                     Das oft schwierige Lernumfeld und das Unverständnis, das                                   was Neues anfangen“. Eine gute Basisbildung und insbe-
cher Kommunikation zugenommen hat und es – bei Pro-                                        Konstante, die bei bildungspolitischen Strategien für die                                  Lernbemühungen entgegengebracht wird, verdeutlicht die                                      sondere die intendierte Verbesserung der Noten im Haupt-
tokollen, in Meetings oder bei internen Weiterbildungen –                                  Zielgruppe die größte Schwierigkeit bereitet – nämlich die                                 Erfahrung eines Hilfsarbeiters, der seinen Eltern und Ge-                                   schulzeugnis sieht sie als Voraussetzung für weitere Kurse
darum geht, „Gedanken und Sätze vom Kopf richtig auf das                                   Angst, sich bloßzustellen, wiederum „als Dummerl“ abge-                                    schwistern und Bekannten „mit Stolz“ seine Lernfortschritte                                 und Weiterbildungen.
Papier zu bringen“. In Zusammenhang mit der Diskussion                                     stempelt zu werden und sich als nicht vollwertiges Mitglied                                präsentierte: „Sie haben anfangs nur gelacht, was willst du
um das korrekte „Wording“ im Basisbildungsbereich ist zu                                   unserer Gesellschaft preisgeben zu müssen. Auch wenn                                       denn, willst du Bürgermeister werden, wenn du fertig bist?“                                    Die Erfahrung im Kurs, dass sich jemand um sie und ihre
erwähnen, dass gerade Personen mit Schwächen und/oder                                      Personen mit Basisbildungsschwächen durchaus erfolg-                                                                                                                                    Schwierigkeiten annahm, war ihr neu und sie fühlte sich
Disfunktionalitäten in Teilbereichen den Begriff „Analpha-                                 reich im Beruf stehen, gehören sie – so eine Vertreterin ei-                               Lebenswelten                                                                                „fast wie im Himmel“. Wichtig sei es vor allem gewesen, ihre
betismus“ als eine weitere Herabsetzung erleben, was nicht                                 ner Bildungseinrichtung – vor allem durch ihre Ängste und                                    Abschließend sollen noch einige Fallbeispiele die Lebens-                                  psychische Blockade zu sehen und ihr „den Druck wegzu-
selten dazu führt, dass Angebote nicht genützt werden.                                     Unsicherheiten zu den gesellschaftlichen „Randwandlern“.                                   welten und Lernerfahrungen von Personen mit Basisbil-                                        nehmen“. Ihrer Tochter kann sie mittlerweile die Regeln der
                                                                                           In dieser Hinsicht haben Basisbildungsangebote neben der                                   dungsdefiziten verdeutlichen. Dabei stehen der subjektive                                    Rechtschreibung erklären, die Panikattacken, sobald etwas
 Vor allem unter den befragten „AnfängerInnen“ tritt die                                   Vermittlung der vor allem für AnfängerInnen sehr wichti-                                   Entstehungszusammenhang der Basisbildungsprobleme,                                           in Gegenwart anderer zu schreiben ist, sind verflogen.
soziale Benachteiligung deutlich als entscheidender Faktor                                 gen Grundkenntnisse vielfach die Funktion, Unsicherhei-                                    die Folgen für die Eigenwahrnehmung, die Einschränkun-
zutage: Sehr viele stammen aus problematischen Familien-                                   ten und Ängste in der Verwendung von Schrift und Sprache                                   gen durch mangelnde Basisbildung, Lernziele sowie bis-
                                                                                           5 Derzeit zeichnet sich allerdings in Bezug auf die räumliche Benachteiligung ein Trend
                                                                                                                                                                                      lang erreichte Erfolge im Mittelpunkt. Die ersten beiden
3 Kleine Zeitung vom 14. September 2008, S. 36.                                            ab, dass vor allem in manchen städtischen Teilbereichen die größten Anteile an Jugendli-
4 Planerische Grundlagen über Zielgruppen, ihre Erwartungen und ihren konkreten Be-        chen mit massiven Basisbildungsdefiziten registriert werden.                               7 Z.B. im Sinne einer in Großbritannien forcierten„critical literacy“, die die Beschäfti-
darf sowie die Faktoren, die eine Weiterbildung für sie attraktiv machen könnten, stehen   6 Zu dieser Gruppe zählen auch LernerInnen mit Migrationshintergrund, aber ausrei-         gung mit Alltagstexten vom Zeitungsartikel über ein Formular bis zum Bewerbungs-
selten zur Verfügung. Eine Hilfe für die Angebotsentwicklung könnte eine Vorrecherche      chenden Kenntnissen der deutschen Sprache, die gewisse Kompetenzen verbessern wol-         schreiben inkludiert und über unterschiedlichste Maßnahmen die Etablierung funktio-
über potenzielle TeilnehmerInnen im lokalen und regionalen Kontext bieten.                 len, um weitere Ausbildungen anschließen zu können.                                        naler Sprachstandardsfördern soll. Siehe: Der Standard vom 6./7. September 2008, S. 4.




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MENSCHEN I Stoppacher I Der Stigmatisierung entkommen                                                                                                                                   Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN



„Wenn du hinfällst, darfst du                                     ben beim Vorlesen, die Stimme veränderte sich, ich wollte        er sich bereits sechs Jahre lang beworben hatte. Im Ver-
nur nicht liegen bleiben“                                         nur nicht als Dummerl abgestempelt werden“.                      lauf der Jahre hat er es in dieser Firma vom Hilfsarbeiter      Der Autor
  Herr B., knappe 50 Jahre, mittlerweile selbstständiger Ver-                                                                      zum Angestellten gebracht. Jährlich konnte er dank ver-         Dr. Peter Stoppacher
treter, nutzt seit Jahren Basisbildungsangebote, derzeit ist        In der Schule galt sie als „ganz gute Schülerin“, sie hat      ständnisvoller Vorgesetzter, die ihn als Hilfsarbeiter „un-     1957 in Anger, Oststeiermark, geboren; während des Stu-
er im Fortgeschrittenenkurs, seine Frau weiß nichts von            stets „alles punktgenau auswendig gelernt, mit so viel Mühe,    üblich viel förderten“, an diversen betrieblichen Weiterbil-    diums (Germanistik und Soziologie) unterschiedliche
                                                                                                                                                                                                   berufliche Erfahrungen in der Grundstoffindustrie (Alu-
seinen Problemen.                                                  dass der Spaß am Lernen verschwunden ist“ und auch nur          dungen teilnehmen. Je weiter er sich „raufgearbeitet“ hatte,
                                                                                                                                                                                                   minium, Talkum), im Baugewerbe etc. Seit 1985 sozial-
                                                                  „wenig hängen“ blieb. In der Lehrzeit für einen anspruchs-       desto deutlicher wurden ihm aber seine Grenzen, vor allem
                                                                                                                                                                                                   wissenschaftliche Forschungstätigkeit; ehrenamtlicher
  In der Schule schaffte er es in der damals noch achtjähri-      vollen Beruf erlebte sie das Lernen noch belastender. „Ich       in der Rechtschreibung und beim Formulieren von Sät-            Bewährungshelfer
gen Volksschule der kleinen, ländlichen Gemeinde bis zur 6.        hab keine Ruhe gegeben, bevor ich nicht alles Wort für Wort     zen: „Sobald ich etwas schreiben soll, denke ich daran, wie
                                                                                                                                                                                                   IFA Steiermark (Institut für Arbeitsmarktbetreuung
Klasse. Das Urteil seines Lehrers lautete, „er begreift nichts,    aufsagen konnte, das wurde zur richtigen Qual.“ Den Ab-         ich das schaffen soll, wie ich was richtig formuliere.“ Seine   und -forschung Steiermark. Sozialwissenschaftliche For-
aber es ist egal, es geht auch ohne.“ Seine Eltern haben das       schluss schaffte sie bravourös und blieb bis zur Kinder-        Ängste führten dazu, dass er sich immer mehr abkapselte,        schung und Entwicklung)
so hingenommen, ohne den Versuch, ihn zu unterstützen              pause in ihrer Lehrfirma. Nach langer Berufspause war ihr       seine Schwächen konnte er geschickt verbergen. Für Stan-        www.ifa-steiermark.at
und zu fördern. Ab und zu „durfte“ er ihn die nächste Klasse       eine Rückkehr aber nicht möglich, da ihr Chef keine Teil-       dardtexte griff er auf Musterbriefe, -sätze und -textblöcke,    stoppacher@ifa-steiermark.at
aufsteigen, damit der Altersunterschied nicht zu groß              zeitarbeit gestattete und sich in „Zehn Jahren viel verän-      Wörterbücher etc. zurück, in Fällen, wo keine Vorlagen zur
würde, und es laut seinem Lehrer ohnehin „wurscht war,             dert hat, vor allem in der EDV“. Bei einem AMS-Berufsori-       Verfügung standen, half ihm seine Frau. Unverzüglich not-
wo er sitzt“. Wegen seiner Leistungen in der Schule wurde          entierungskurs hatte sie aufgrund ihres Lernstils und ihrer     wendige Rundmails, längere Briefe, Besprechungsproto-
er „als Depperl abgestempelt, ausgelacht – ich fühlte mich         Ängste „totale Schwierigkeiten, mitzukommen, es gab kein        kolle oder das Schreiben an der Tafel bzw. auf Flipcharts bei
als der letzte Mensch.“ Nach der Schule war er Hilfsarbei-         Skriptum, nichts, was ich hätte lernen können“. Beim Mit-       Seminaren erlebte er „sehr mühsam“, Fehler versuchte er
ter auf dem Bau, lebte „extrem versteckt und zurückgezogen“        schreiben war sie zu langsam, sodass ihre Mitschrift als        mit „Schmäh zu übertünchen“.
und hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte.               Lernunterlage untauglich war. Ähnlich erging es ihr bei ei-
Anerkennung erwarb er sich über seine praktischen Kennt-           nem EDV-Kurs, wo sie letztendlich auch „an ihren eigenen          Die ständige Angst, „mich einmal nicht durchschum-
nisse, vor allem beim „Auffrisieren der Mopeds“, später im         Ansprüchen gescheitert“ sei. Eine berufliche Umorientie-        meln zu können und als Versager abgestempelt“ zu wer-
Motorradklub. Mithilfe eines eingeweihten Freundes, mit            rung mit dem für sie notwendigen Lernpensum traute sie           den, führte ihn zur Überzeugung, „etwas tun zu müssen,
dem er gemeinsam lernte und die Übungsbeispiele immer              sich nicht zu, das „nächtelange Auswendiglernen geht mit        um damit fertig zu werden“. Nach erfolglosen Erkundigun-
wieder durchging, schaffte er den in der Region unerlässli-       Familie und Kindern nicht mehr, das Lernen stand wie ein         gen bei verschiedenen Stellen hat er mit seiner Frau eines
chen Führerschein, „aber es hat schon Kopfweh gemacht“.            Gebirge vor mir“.                                               Tages auf dem Stadtplatz ein „Plakat ‚PC, Rechtschreibung,
Am wirksamsten in allen Lernsituationen war für ihn aber                                                                           Rechnen’ entdeckt, sich herangepirscht, es umkreist“ und ei-
seine stets hohe Aufmerksamkeit. Seine Lesekenntnisse hat           Über eine Veranstaltung zum „Tag der Frau“ hat sie vom         nige Tage bis zur Entscheidung überlegt: „Was erzähle ich
er über Zeitungen, Bücher etc. verbessert. Das Schreiben          Angebot in ihrer Region erfahren, das sie schlussendlich          dort? Wird es terminlich passen, mit Familie und Arbeit ver-
blieb sein großes Problem, das er „immer wieder kreativ           auch nutzte. Sie hat vor allem darauf abgezielt, das „Lernen      einbar sein?“ Mit dem Erreichten nach nur einem Semes-
und offensiv verstecken“ konnte. So zum Beispiel während          zu lernen, die Merkfähigkeit zu verbessern, einen Stil zu ent-   ter ist er sehr zufrieden. Durch das individuelle Eingehen
Auslandsreisen mit seiner Motorradrunde, wo er „als Prak-         wickeln, der hilft, das Wichtige aus Informationen rauszuho-      der TrainerInnen auf seine Bedürfnisse und das (fast) täg-
tiker“ sich stets „um die Maschine kümmerte“, alles Schrift-      len, sie zu verstehen und wiedergeben zu können“. Ihr alter      liche Üben zu Hause und die wöchentlichen Kurseinheiten
liche von seinen BeifahrerInnen erledigen ließ.                   Lernstil war für sie auch „ein berufliches Hindernis, weil ich    sind seine Unsicherheiten in gewissen Situationen deutlich
                                                                  mir so nur wenig zutraute, ich habe Ewigkeiten gebraucht“.       geringer geworden und er „durchblickt“ nun einigermaßen
 Nach dem Bundesheer war er viele Jahre Lkw-Fahrer in ei-         Mittlerweile hat sie wieder Freude am Lernen, durch spe-         „das System mitsamt seinen Regeln [der Rechtschreibung
ner großen Baufirma. „Schreibkenntnisse“ waren nicht so           zielle Auseinandersetzungen mit Lerntechniken kann sie           und Grammatik]“. Den Kurs sieht er als „Startschuss, weil
wichtig, er konnte sich mit Vorlagen, Wörterbüchern, Orts-        nun auch „Gehörtes besser verstehen, merken und wie-             ich nicht erwarte, neun Jahre Schulversäumnis in ein paar
namen aus dem Telefonbuch etc. helfen. Während dieser             dergeben“. Als wesentlichen Erfolg betrachtet sie es auch,       Monaten aufzuholen.“
Zeit wurde er einmal im Winter zum „Stempeln“ geschickt.          dass das „Selbstvertrauen, dass ich was weiterbringen kann,
Da er den Antrag nicht ausfüllen konnte, ist er nicht mehr        wenn ich es richtig angehe“ gestiegen ist und die Neugierde
hingegangen und hat auf das Arbeitslosengeld „verzichtet“.        auf Neues langsam die Versagensangst verdrängt.

 Aufgrund seiner Erfahrungen, was es im Dorf und am               „Gedanken und Sätze vom
Stammtisch heißt, nicht „für voll genommen zu wer-                Kopf auf das Papier“
den“, hat er sich bis heute gehütet, über seine Probleme            Herr J., knapp 45 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, kommt
zu sprechen und ist froh, dass er außerhalb seiner Re-            aus einer Familie, in der die Kriegswirren und Waisenhaus-
gion ein entsprechendes Basisbildungsangebot gefun-               aufenthalte kaum Zeit und Möglichkeiten für Bildung lie-
den hat. Nach ersten Zweifeln, was so ein Kurs bringen            ßen. Die Eltern konnten ihn daher auch nicht fördern. Herr
könne, hat er sich doch angemeldet, um „wieder aufzu-             J. kann sich nicht erinnern, jemals Geschichten vorgelesen
stehen und nicht liegen zu bleiben“, und beurteilt diesen         bekommen oder Auszählreime kennengelernt zu haben.
ersten Schritt als den wichtigsten überhaupt. „Damit hast         Das „Stillsitzenbleibenmüssen von heute auf morgen“, ge-
du schon gewonnen.“                                               gen das er von Anfang an „rebelliert“ hat, war eines seiner
                                                                  ersten Probleme in der Schule. Mit Ach und Krach schaffte
„Das Lernen steht wie ein Gebirge vor mir“                        er die Volksschule, in der Hauptschule stieg er in der zwei-
 Frau W., 32 Jahre, verheiratet, vier Kinder, hat schon lange     ten Klasse aus, „verständnisvolle Lehrer“, die ihn „motiviert“
mit sich gerungen, ob sie etwas gegen ihre auch beruflich         und „gefördert“ haben, waren die Ausnahme. Nach Hilfstä-
hinderlichen Versagensängste unternehmen soll. Schon in           tigkeiten in verschiedenen Fabriken im Versand, als Nacht-
der Schule „verschwammen vor lauter Angst die Buchsta-            portier, am Fließband kam er zu einer Großfirma, bei der



Seite 22                                            Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                          Seite 23
MENSCHEN I Kastner I Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen                                                                                   Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN



                                                                                                                             Paul Bélanger weist mit seinem Konzept „Intimacy of lear-                              und Teilnehmer zu Wort. Die Rekonstruktion von subjekti-
                                                                                                                           ning“ darauf hin, dass Lernen nicht lebensbegleitend und                                 ven Handlungen und Deutungen zielt darauf ab, die Pers-
                                                                                                                           lebensweit sein kann, wenn es nicht auch lebenstief ist (vgl.                            pektive der lernenden Erwachsenen nachzuvollziehen.
                                                                                                                           Bélanger 2009, S. 23). Diese innere Seite des Lernens ist die
                                                                                                                          „dritte Dimension“ des Lernens. So ist das Lernen über die                                Bewusstwerdungs- und Bewältigungsprozesse
                                                                                                                           Lebensspanne die erste Dimension; die zweite Dimension                                    Anhand der Episoden einer Teilnehmerin lässt sich der
                                                                                                                           ist die Breite des Lernens (lebensweit), die alle Aspekte des                            Prozess der Bewusstwerdung und der Bewältigung eines
                                                                                                                           Lebens und somit auch alle Lernformen umfasst (siehe                                     hinderlichen Glaubenssatzes – aufgrund der in ihrer Kind-
                                                                                                                           oben); der tiefe Blick in die Individualebene der Lernen-                                heit diagnostizierten Legasthenie, nicht vorlesen zu kön-
                                                                                                                           den ist die dritte Dimension (vgl. Nuissl 2009, S. 3): „Ler-                             nen (vgl. TNin 7, 28 – 323) – nachzeichnen. Zu Beginn ihrer
                                                                                                                           nen bleibt eine innere, private, intime Erfahrung“ (Bélan-                               Teilnahme erfährt sie die Gruppe als Freiraum, der es ihr
                                                                                                                           ger 2009, S. 22).                                                                        ermöglicht, am Geschehen teilzuhaben:

                                                                                                                            Der vorliegende Beitrag basiert auf einer Forschungsar-                                    „[…] wenn du die sechs Wochen kennst, geht es dann
                                                                                                                          beit zu bildungsbenachteiligten Erwachsenen; im Rahmen                                        schon. Aber gleich am Anfang. Ich habe einfach
                                                                                                                          dieser Forschungsarbeit wurden Teilnehmer/innen und                                           gesagt: Ich les nicht. Ich meine, und die, die Gruppe,
                                                                                                                          Kursleiter/innen von Basisbildungskursen1 in den Blick                                        da wird das auch so angenommen. Du musst ja nichts
                                                                                                                          genommen. Ziel war die Rekonstruktion von subjektiven                                         machen, nicht? Also, ich les nicht. Es hat mich keiner
Monika Kastner                                                                                                            Handlungen und Deutungen, um damit das Verstehen von                                          gefragt, warum ich nichts vorlese. Alle haben irgend-
Assistenzprofessorin an der Universität Klagenfurt                                                                        Lehr-, Lern- und Bildungsprozessen in der Basisbildung zu                                    wie einen Absatz gelesen oder so, so Situationen was
monika.kastner@uni-klu.ac.at                                                                                              fördern; die Forschungsarbeit fokussierte insbesondere mi-                                    sie gar nicht, ein anderer denkt sich nicht einmal
                                                                                                                          krodidaktische Aspekte und lässt sich somit als Beitrag zur                                   irgendetwas, und für mich, ich kriege Schweißaus-
                                                                                                                          erwachsenenpädagogischen Lehr-Lern-Forschung verste-                                          brüche, alle Zustände, nicht. Ich meine, es ist eigent-
                                                                                                                          hen (Kastner, in Vorbereitung). Wird Weiterbildung in dem                                     lich nur da drinnen wahrscheinlich.“ (TNin 7, 91–97)
                                                                                                                          oben skizzierten umfassenden Sinn verstanden, dann ist
                                                                                                                          jede Teilnahme beeinflusst von vorhergehenden Lernak-                                       Ihr Glaubenssatz – „und ich habe schon immer mein Pro-
                                                                                                                          tivitäten und Lernerfahrungen, womit die lebenstiefe Di-                                  blem, dass ich nichts vorlesen kann“ (TNin 7, 22) – wird
                                                                                                                          mension von Lernen angesprochen ist. Erwachsene, die an                                   brüchig. Sie erkennt ihre eigene hinderliche Wahrnehmung

Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen
                                                                                                                          Basisbildungskursen teilnehmen, haben Bildungsbenach-                                     („nur da drinnen wahrscheinlich“) und erinnert sich an
                                                                                                                          teiligung erfahren. Der Begriff der Benachteiligung lässt                                 früher erhaltene Hinweise. Ihre Schwester hat sie wieder-
                                                                                                                          die Entwicklungsbedingungen, die Erwachsene aktuell und                                   holt darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Überzeugung
in Basisbildungskursen                                                                                                    als Kinder und Jugendliche im familialen, sozialen, schuli-
                                                                                                                          schen, ausbildungs- und berufsbezogenen System vorfin-
                                                                                                                                                                                                                    möglicherweise nicht der Realität entspricht. Sie erlebt nun
                                                                                                                                                                                                                    in ihrer Gruppe, dass dem Vorlesen mit einer gewissen Ge-

Die Rekonstruktion von subjektiven Handlungen und Deutungen                                                               den bzw. denen sie ausgesetzt waren, nicht außer Acht. Aus
                                                                                                                          Bildungsbenachteiligung können Basisbildungsbedarfe/-
                                                                                                                                                                                                                    lassenheit begegnet wird:

fördert das Verstehen von Lehr-, Lern- und Bildungsprozessen                                                              bedürfnisse resultieren. Ich lehne mich hier an die von                                      „[…] aber das rede ich mir vielleicht selbst ein. Das
                                                                                                                          Ekkehard Nuissl vorgenommene pointierte Differenzie-                                          sagt meine Schwester auch oft. Da sagt sie: Du bildest
                                                                                                                          rung an: „Unter Bedarf wird gemeinhin die ‚objektivierte’                                     dir das ein irgendwie, nicht. Weil sie verliest sich auch
                                                                                                                          Seite von Bedürfnis verstanden. Bedürfnis folgt dem indi-                                     teilweise, der ist das wurscht, na, da habe ich mich
                                                                                                                          viduellen Interesse, Bedarf der gesellschaftlichen Notwen-                                   verlesen. Ich meine, wenn die in der Gruppe lesen,
Der Beitrag fokussiert mikrodidaktische Aspekte von          ist permanent zu vollziehen: im regulären Schul- und         digkeit (oder was man dafür hält).“ (Nuissl 2000: 16)                                        verliest sich sicher jeder einmal irgendwie oder. Die
Lehr-Lern-Prozessen aus der Perspektive von Teilneh-         Hochschulsystem als sogenanntes formales Lernen, das                                                                                                       denken sich nicht einmal was.“ (TNin 7, 119–123)
menden und Kursleitenden. Die datenbasierte Rekonstruk-      zu anerkannten Abschlüssen führt (vor allem im Rah-          Lernprozesse in
tion von subjektiven Handlungen und Deutungen verweist       men der schulischen und beruflichen Erstausbildung),                                                                                                     Später im Interview berichtet sie, dass sie „auch schon
auf die Bedeutung der achtsamen Wahrnehmung der Vo-          als sogenanntes nichtformales Lernen, das insbeson-          Basisbildungskursen:                                                                      zweimal da einfach vorgelesen“ (TNin 7, 357) hat – ihr ge-
raussetzungen von Erwachsenen, die Bildungsbenachtei-        dere Lernaktivitäten in Angeboten der Erwachsenen-/          exemplarische Beispiele                                                                   lingt das vormals Undenkbare, nämlich in der Gruppe vor-
ligung erfahren haben. Somit verdeutlichen die Interpre-     Weiterbildung sowie angeleitetes Lernen am Arbeits-                                                                                                    zulesen. Die durch die Diagnose Legasthenie errichtete
tationsergebnisse die Verantwortung, die im Lehrhandeln      platz umfasst und als sogenanntes informelles Lernen,          Im Folgenden werden Lernprozesse in Basisbildungskur-                                   Barriere wird überwunden; der Befund, der Entwicklung
in kompensatorischen Lehr-Lern-Prozessen übernommen          das intentional erfolgt und somit selbstgesteuert und        sen anhand von exemplarischen Beispielen aus dem Da-                                      verunmöglicht hat, wird von ihr aktiv außer Kraft gesetzt.
wird, und erhellen Potenziale von Basisbildung.              selbstorganisiert vollzogen wird, beispielsweise das Le-     tenmaterial2 fokussiert; dabei kommen Teilnehmerinnen
                                                             sen von Fachzeitschriften oder das zielgerichtete Ler-                                                                                                   Ein Teilnehmer zitiert auf die Frage nach von ihm wahrge-
Lernen: lebensbegleitend —
                                                                                                                          1 An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei den beiden Basisbildungseinrichtungen
                                                             nen von Kolleginnen und Kollegen (vgl. Statistik Aust-       (aus Gründen der Wahrung der Anonymität der Interviewpartnerinnen und Interview-          nommenen Fortschritten im Lernen seine Kursleiterin, die
                                                                                                                          partner muss die Nennung der beiden Einrichtungen unterbleiben) bedanken, die mich
                                                             ria 2009, S. 84f.). Das Lernen „en passant“ (Reischmann                                                                                                ihn offenbar wiederholt darauf aufmerksam macht, sich
lebensweit — lebenstief                                      1995, S. 200) geht nicht auf eine Lernintention als solche
                                                                                                                          bei meiner Forschungsarbeit unterstützt haben; ein besonderer Dank gilt meinen Inter-
                                                                                                                          viewpartnerinnen und Interviewpartnern.
                                                                                                                                                                                                                    nicht selbst herabzusetzen:
 Lebenslang zu lernen wird als Anforderung an uns he-        zurück, sondern vollzieht sich gleichsam als Nebenpro-       2 Der Forschungsarbeit lag der Ansatz der Grounded Theory zugrunde (Glaser/Strauss
                                                                                                                          2005 [1967]). Von Juli 2007 bis November 2007 wurden in zwei Basisbildungseinrichtun-     derungen durchgeführt. Die Interpretationsergebnisse verdichteten sich zu folgenden
rangetragen und ist während unseres gesamten Lebens          dukt einer nicht auf Lernen abzielenden Handlung (vgl.       gen insgesamt 24 episodische Interviews mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, neun         Schwerpunkten: gelungene Zugänge zum Basisbildungskurs, Lehrhandeln – das Kursge-
                                                                                                                          leitfadengestützte Interviews mit Kursleiterinnen und Kursleitern sowie ein offenes In-   schehen aus der Perspektive der Kursleitenden, Lernprozesse – das Kursgeschehen aus
vorgesehen. Es wird „nicht nur ununterbrochen (‘le-          ebd., S. 201). Dieses Lernen zeichnet „das Bild des Aktiv-   terview mit einer Sozialarbeiterin geführt. Ein Jahr nach der Durchführung dieser Da-     der Perspektive der Teilnehmenden, Effekte der Teilnahme und Bedingungen des Gelin-
bensbegleitend’), sondern auch überall (‚lebensweit’)        seins, des Voranschreitens, aber auch des ungeplanten        tenerhebung wurde im Sommer/Herbst 2008 eine weitere Datenerhebung vorgenom-              gens (siehe dazu ausführlich Kastner, in Vorbereitung).
                                                                                                                          men, dabei wurde die Frage fokussiert, wie es den befragten Teilnehmenden während
gelernt“ (Wiesner/Wolter 2005, S. 21). Diese Aktivität       Vorbeikommens“ (ebd., S. 203).                               des vergangenen Jahres ergangen ist. Im Dezember 2008 wurde ein leitfadengestütztes       3 Dieser Beleg verweist auf die Zeilen 28 bis 32 des mit Teilnehmerin 7 geführten Inter-
                                                                                                                          Interview mit einem Vertreter des Arbeitsmarktservice (AMS) aus dem Geschäftsfeld För-    views (die geführten Interviews wurden chronologisch nummeriert).




Seite 24                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.    Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                                               Seite 25
MENSCHEN I Kastner I Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen                                                                                                         Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN



  „[…] sie sagt eh immer, ich tue mich selber immer so               ich muss lesen, wann ich muss schreiben. Und ich                                      computergestützte Führerscheinprüfung bestanden und er             halt eingegangen. Vielleicht findet man einen ande-
   bekritteln. Ich mache zwar jetzt schon wieder zu wenig            weiß, ich könnte nicht was machen. Für mich wirk-                                     kann vorhandene Mathematikkenntnisse auffrischen:                  ren Weg, wo du das besser hören kannst oder besser
   und so, daheim auch und das. Aber wenn ich mir halt               lich war traurig.“ (TNin 6, 29–36)                                                                                                                       verstehen kannst, ja.“ (TN 10, 93–96)
   so Sätze durchlese und ich habe alles begriffen, dann                                                                                                     „Angefangen habe ich mit Rechnen. Also einfach rech-
   denke ich mir, und dass ich den ganzen Sinn weiß                Das sprichwörtliche Glück im Unglück eröffnet ihr den Zu-                                  nen, einfach wieder hineinzukommen. Äh, beim zwei-             Ein weiterer Teilnehmer wird durch Angebote zur Aus-
   davon, ich, ich habe was geschafft.“ (TN 5, 281–284)          gang zum Basisbildungskurs: Sie wird von einer aufmerksa-                                    ten Mal habe ich eine Einschulung am Computer                 weitung von Lerninhalten in seinem vordringlichen Lern-
                                                                 men Trainerin über Basisbildungsangebote informiert (vgl.                                    gehabt. Ja, und dann auch wieder Rechnen. Bruch-              ziel bestärkt:
 Hier wird ein Prozess der Bewusstwerdung sichtbar, dass         TNin 6, 36–43). Die in der arbeitsmarktpolitisch organisier-                                 rechnen. Ich habe gar nicht mehr gewusst, dass es das
er nämlich dazu neigt, seine Leistungen nicht zu würdigen.       ten Schulung durchlebte intensive Überforderung mag zu                                       gibt, das Bruchrechnen. […] Aber an dem Tag hab ich             „[…] ich will nur schreiben lernen. Ehrlich gesagt.
Seine Einschätzung über erzielte Lernfortschritte beim Le-       ihrem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit („so wie ich bin                                   noch herausgekriegt wie und das freut mich irrsinnig.           Und das ziehe ich auch durch. Weil sie schon ab und
sen verdeutlicht das wachsende Vertrauen in seine Fähig-         deppert“) beigetragen haben.                                                                […] Ich habe momentan nicht gewusst, wie man divi-                zu gesagt haben: Möchtest du nicht auch einmal am
keiten, was auf einen beginnenden Bewältigungsprozess                                                                                                         diert und [die Kursleiterin] hat es mir dann gezeigt und         Computer arbeiten? Habe ich gesagt: Nein. (er lacht)
schließen lässt.                                                  Anhand der folgenden Episode lässt sich auch zeigen, wie                                    dann ist das dann wieder gegangen.“ (TN 9, 80–124)               Lassen wir‘s. Ja, ein paar, einmal bin ich schon beim
                                                                 stabil hinderliche Selbstbilder sein können. Der befragte                                                                                                     Computer, das war auch interessant, da kann ich
 Anhand der Episode einer Teilnehmerin kann gezeigt wer-         Teilnehmer beschreibt, wie seine Glaubenssätze – „böse                                     An bestehenden Interessen und vorhandenen Kenntnis-                auch nichts sagen, das war auch interessant! Aber
den, dass sie die Herausforderung annimmt, eine Aneig-           Hintergedanken“ – bereits vollzogene Fortschritte zunichte                                sen anzuknüpfen, verdeutlicht erfolgreiche Abstimmungen             nur, ich meine, ich meine, wenn ich, wenn ich, wenn
nungsperspektive zu entwickeln. Damit ist gemeint, dass die      machen und ihn zurückwerfen:                                                              im Lehr-Lern-Prozess.                                               ich, wenn ich dabei sitzen müsste, würd‘s mir, meine
Vorstellung über die eigene Fähigkeit zur aktiven Aneignung                                                                                                                                                                    ich, auch nix machen, aber nur, ich weiß nicht, das ist
neuer Wissensinhalte und neuer Fertigkeiten erst ausgebil-          „Das ist ja ganz ein böser, böser, böser Hintergedan-                                   Während sich ein Teilnehmer auf sein vordringliches Ziel           nicht mein Ding!“ (TN 15, 724–729)
det werden muss:                                                     ken, dass du immer wieder sagst: Nein, das kann ich                                   vorbereitet, hält seine Kursleiterin das nächste Ziel präsent,
                                                                     so und so nicht. Für dich selbst. Du bewertest dich                                   indem sie das gemeinsam zu erarbeitende Lernvorhaben               Dieser Aushandlungsprozess wirkt stärkend in Hinblick auf
  „Am Anfang, ich habe, ICH selber diese Gefühl, so wie              selbst, nicht. […] das ist wie ein kleines Teuferl im                                 in Aussicht stellt:                                              die eigene Zielsetzung. Er interessiert sich für Computer, er
   ich bin deppert oder, warum ich kann nicht, ja? […]               Hintergedanken, was immer arbeitet: Ach, du bist zu                                                                                                    hat berichtet, dass er sich ein altes Gerät organisiert hat, um
   Aber ich selber, ich habe dieses Gefühl am Anfang                 dumm. Und du kannst es aber schon besser! Aber das                                      „Ja, jetzt hab ich so viel zu tun wegen dem Führerschein       dessen Funktionsweisen auszuprobieren (vgl. TN 15, 679–
   gehabt. Wenn, warum ich könnte es nicht mit die                   will dich immer wieder zurückholen und sagen: Okay,                                     […] und sie hat gemeint, wenn ich den Führerschein             694). Berührungsängste dürften somit nicht der Grund für
   Buchstaben. Ich habe viele Probleme mit die Buch-                 du kannst es nicht, du hast es nie können, also warum                                    dann hab, dass wir dann halt das Schreiben probieren          die Ablehnung des Angebotes gewesen sein. Er entscheidet
   staben am Anfang. Ich weiß nicht, wo ist die richtige             sollst du es jetzt können? Das sind schon böse Hinter-                                   und so. Ich hoffe, dass ich, so viel was ich brauch, dann     sich in diesem Aushandlungsprozess jedoch für das Schrei-
   Buchstaben, hm. […] Und ich habe mit dieses Gefühl,               gedanken, von dir selbst, nicht. […] Das hat einfach                                     auch zusammenbringe.“ (TN 5, 463–468)                         ben und somit für sein ursprüngliches Bildungsbedürfnis.
   ich bin nicht normal, ja? Und dann später nach der                mit deinem Selbstwert was zu tun.“ (TN 22, 517–529)
   Zeit, ich habe gelernt, und die Situation war immer                                                                                                      Diese in Aussicht gestellte begleitete Erweiterung („wir“)      Aspekte des Lehrhandelns:
   besser und immer besser. […] Und dieses Gefühl, ich            Der Teilnehmer erklärt, wie er sich selbst immer wie-                                    von Lerninhalten – vom Lesen zum Schreiben – leistet einen
   habe früher gehabt, warum ich kann‘s nicht? […] mit           der abwertet. Hier offenbart sich die Prozesshaftigkeit der                               Beitrag zum eigenen Wollen; den nächsten Schritt zu setzen       exemplarische Beispiele
   der Zeit, ich habe geschaut – du könnte nicht anders          Stärkung des Selbstwertgefühls4, die über einen längeren                                  und im Lernprozess voranzuschreiten, wird vorstellbar.             Die Interpretationsergebnisse zu Aspekten der Lernpro-
   früher! Natürlich, ich bin nicht hier aufgewachsen.           Zeitraum hinweg kontinuierlich erfolgen muss; durch die                                                                                                    zesse aus Sicht der befragten Teilnehmenden beinhalten
   Ich bin groß gekommen hier, ich muss von vorne. So            behutsame und kontinuierliche Stärkung des Selbstwert-                                     Ein Teilnehmer berichtet von Aushandlungsprozessen in           implizit Aussagen über das Lehrhandeln, das heißt über
  wie jede anders, wenn kommen in eine fremdes Land,             gefühls könnte sich der innere, feste Kern einer gestärkten                               Hinblick auf die Auswahl von Lerninhalten: „Na ja, wir ma-       die Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse durch die Kurslei-
  wo sie nicht diese Sprache kennt und nicht so schrei-          Persönlichkeit entwickeln.                                                                chen uns das aus meistens.“ (TN 10, 132) Mittels Abstim-         terinnen und Kursleiter. Im Folgenden werden einige As-
   ben, überhaupt nicht. Aber die Gefühle, habe ich                                                                                                        mungen basierend auf ausprobierendem Lehrhandeln und             pekte des Lehrhandelns aus Sicht der Kursleitenden exem-
   gehabt auf mich selber.“ (TNin 6, 296–314)                    Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse                                                     dessen Reflexion können Fortschritte in Hinblick auf indivi-     plarisch dargestellt.
                                                                   Die Episoden der befragten Teilnehmenden verdeut-                                       duelle Verstehens- und Aneignungsprozesse erzielt werden:
  Im Prozess des Lernens im Basisbildungskurs erfährt sie        lichen die Kursgestaltung als Abstimmungs- und Aus-                                                                                                        Stärkung der Teilnehmenden
ihr Veränderungspotenzial; sie hat eine Vorstellung eines ler-   handlungsprozesse. Abstimmung wird verstanden als                                           „(T) Und das ist halt für mich viel, dass ich draufkomme,      durch Zuwendung
nenden Selbst entwickelt, wenn sie sagt: „Ich denke einmal       Prozess individueller Förderung unter Beachtung der Vo-                                      wie kann ich das ändern und wie kann ich mir das bes-          Die Stärkung der Teilnehmenden durch Zuwendung ist
so, alles muss was lernen. Und niemand kommt in die Welt         raussetzungen der Teilnehmerin/des Teilnehmers. Aus-                                         ser merken.                                                   ein wesentlicher Aspekt des Lehrhandelns. Diese Stär-
und weiß alles.“ (TNin 6, 201f) Vor der Basisbildungskurs-       handlung wird verstanden als die Beteiligung der Teil-                                      (I) Ahm, ahm/also darüber denken Sie nach, wie Sie es?         kung scheint die notwendige Basis für Lehr-Lern-Pro-
teilnahme hat sie an einer arbeitsmarktpolitisch organisier-     nehmenden an der Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse.                                         (T) Ja, wir reden ja auch miteinander, ja. Wie könnte          zesse zu schaffen.
ten Schulung teilgenommen. Im ersten Moment hat sie sich         Diese Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse eröff-                                           man was verändern, wie es, wie ich das verstehen
über diese für sie neue Möglichkeit gefreut. Während der         nen Entwicklungsräume.                                                                       könnte. […] Ich weiß nicht genau, wie man das, es nen-         Bei einigen der befragten Kursleitenden ist als grundle-
Teilnahme hat sie ihre Einschränkungen in ihrem sprachli-                                                                                                     nen soll. Irgendwas, der eine tut sich dort einfach, ver-     gende Haltung das uneingeschränkte und offene Anneh-
chen Ausdrucksvermögen und ihre schriftsprachlichen Ein-           Am Beispiel der Schilderungen des folgenden Teilnehmers                                    steht SO besser, versteht SO besser.“ (TN 10, 117–124)        men der Teilnehmenden feststellbar; so beschreibt ein
schränkungen jedoch als extrem belastend erlebt:                 lassen sich erfolgreiche Abstimmungsprozesse feststellen.                                                                                                  Kursleiter die Teilnehmerin/den Teilnehmer als Ausgangs-
                                                                 Er ist erst seit knapp zwei Monaten im Kurs und beschäftigt                                Diese vielfältigen Erklärungen ermöglichen ihm das Ver-         punkt seines Lehrhandelns:
  „[…] ich habe mich gefreut und ich möchte was                  sich vor allem mit dem Rechnen und der Computer-Bedie-                                    stehen und die Aneignung und sind ein wesentlicher Fak-
   machen, was Neues, war neugierig. Aber in der ande-           nung, denn dafür interessiert er sich am meisten (vgl. TN 9,                              tor für seine Zufriedenheit:                                       „[…] also ich orientiere mich nicht an irgendwas, was
   ren Situation mehr war traurig auch, wenn ich könnte          89f). An diese beiden Inhalte kann er offenbar anknüp-                                                                                                        irgendwo geschrieben steht […], sondern ich pro-
   überhaupt nicht schreiben, ich könnte mit die Buch-           fen; schließlich hat er vor Beginn seiner Kursteilnahme die                                 „Vor allem, dass nicht so runter rennt wie in der                 biere […] in einem Gespräch dann Kontakt zu finden,
   staben überhaupt nichts, ja. […] und wirklich, ich                                                                                                         Schule. Zack, zack, die Benotung. Oh Maria, oh, eh               ja. Und dann das einmal irgendwie anzugehen, so wie
  war wirklich traurig, ich war, ich habe fast immer nur         4 Das Selbstwertgefühl ist eine „generalisierte wertende Einstellung gegenüber dem           schon dreimal erklärt und noch allerweil nicht kön-              es einfach passend ist. […] So am Anfang ist für mich
                                                                 Selbst“ (Zimbardo/Gerrig 2004, S. 634); diese Einstellung beeinflusst Stimmung und per-
   geweint. Immer wann ich muss was sprechen, wann               sönliche und soziale Verhaltensweisen (vgl. ebd.).                                           nen, ja. Das heißt, da wird halt eingegangen. Da wird            einfach nur einmal der Mensch da. Und da einmal zu



Seite 26                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                 Seite 27
MENSCHEN I Kastner I Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen                                                                                                          Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN



    schauen und das dann irgendwie in Einklang zu brin-                                    ken Interesse am Wohlergehen der Teilnehmenden geleitet:           Das sitzt ganz, ganz tief. Und weil wir halt in unse-           Literatur
    gen dann [mit den Zielen und Vorgaben der Einrich-                                                                                                        rer Gesellschaft uns ja auch mit dem […] was wir
                                                                                                                                                                                                                               Bélanger, P. (2009), Stichwort: „Intimacy
    tung], wie man das dann hinkriegt.“ (KL D, 92–995)                                       „Jetzt nicht unbedingt vor allen [der Gruppe], aber wenn         nicht können und diese Leistung, die irgendjemand
                                                                                                                                                                                                                                 of learning“ – eine gesellschaftliche
                                                                                              wir, wenn ich mit jemandem alleine bin, frage ich auch.         irgendwo NICHT bringt, mehr anprangern als […]                     Herausforderung. In: DIE Zeitschrift für
 Der Kurs ist somit ein gestaltbarer Aktionsraum, der sich                                   Weil ich mir denke, dadurch kriege ich vielleicht auch           dieses Anerkennende.“ (KLinF, 314-317)                             Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 22–23.
um die Teilnehmerin/den Teilnehmer zentriert. Zuwendung                                       ein paar Dinge raus, die gerade wichtig sind, die er viel-
bedarf einer achtsamen Haltung. In diesem Zusammenhang                                        leicht jetzt gerade können muss oder können, können             Sie spricht damit implizit den Ansatz der Ressourcenorien-       Bélanger, P. / Brandt, P. (2009), (An-)Fragen
                                                                                                                                                                                                                                 an Paul Bélanger und seine Qualifizierung
beschreibt dieser Kursleiter eine Stärke, die er bei Teilneh-                                 will, ja. Und ja […] mich interessiert es auch. Also ich      tierung an. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wird ein
                                                                                                                                                                                                                                 des Lernens als „intimate“. Auf den
menden wahrnimmt – die oftmals vorhandene „Offenheit“                                         will, ich will das wissen, wie es ihnen auch geht und ob      kritischer Blick auf gesellschaftliche Zuschreibungen, die          „Eigensinn“ kommt es an. In: DIE Zeitschrift
(KLerD, 510) und „Zugänglichkeit“ (KLerD, 843) der Teilneh-                                   sie sich wohlfühlen.“ (KLinA, 444-448)                        weniger die Ressourcen und mehr die Schwächen fokus-                 für Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 24–25.
menden vereinfacht wesentlich die Schaffung eines Vertrau-                                                                                                  sieren, entwickelt: „Und das sitzt so tief. Ich meine, so total
                                                                                                                                                                                                                               Glaser, B. G. / Strauss, A. L. (2005 [1967]),
ensverhältnisses für eine gemeinsame Basis:                                                  Eine Kursleiterin beschreibt als ihre wichtigste Eigen-        therapeutisch arbeiten wir ja nicht und trotzdem glaube ich,
                                                                                                                                                                                                                                 Grounded Theory. Strategien qualitativer
                                                                                           schaft die „Begeisterung für alles, was an Lernfortschrit-       dass es […] heilsam ist. […] Und heilend zu erfahren, es gibt
                                                                                                                                                                                                                                 Forschung, 2. Aufl. Bern: Hans Huber.
   „Das ist einfach ein Wert, wenn man das hat. Ich mag                                    ten kommt“ (KLinB, 95f.). Diese Begeisterung ist nur mög-        diese […] Zuschreibungen.“ (KLinF, 302–305)
    das, und ich weiß das zu schätzen […] also, ich finde                                  lich, wenn die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme                                                                                  Kastner, M. (in Vorbereitung),
    da irgendwie immer sehr leicht hin. Und das gefällt                                    gegeben ist, wenn also individuelle Leistungen wahrge-            Wenn also die Wahrnehmung und Entkräftung von Glau-                 Bildungsbenachteiligte Erwachsene –
                                                                                                                                                                                                                                 Basisbildung und das Potential der vitalen
    mir. […] ICH bewerte das auch als Stärke […] ja, diese                                 nommen und gewürdigt werden: „Weil jemand, der jetzt             benssätzen dazu führen kann, dass sich die Einstellung ge-
                                                                                                                                                                                                                                 Teilhabe. Klagenfurt: Habilitationsschrift,
    Offenheit, sodass man da leichter Zugang findet.“                                      zusammenlauten lernt, ja. Das, was für mich selber ein-          genüber dem Selbst positiv verändert, dann ist das ein we-
                                                                                                                                                                                                                                 Universität Klagenfurt.
   (KLerD, 508-529)                                                                        fach kein Problem ist, mag für den ein immenser Weg sein,        sentlicher Beitrag zur Stärkung der Teilnehmenden.
                                                                                           bis er dort hinkommt.“ (KLerD, 477ff.) Es ist diese acht-                                                                           Nuissl, E. (2000), Einführung in die
  Erwachsene, die Bildungsbenachteiligung erfahren haben,                                  same Haltung, die es ermöglicht, alle Lernschritte unein-        Resümee: Basisbildung und                                           Weiterbildung. Zugänge, Probleme und
                                                                                                                                                                                                                                 Handlungsfelder. Neuwied; Kriftel: Luchterhand.
leben oder lebten vielfach in belastenden Lebenszusam-                                     geschränkt anzuerkennen:
menhängen; diese wirken in das Kursgeschehen hinein. Das                                                                                                    vitale Teilhabe                                                    Nuissl, E. (2009), Die dritte Dimension. In: DIE
aufmerksame Zuhören und dadurch Anteil zu nehmen ist                                         „[…] dass man auch diese kleinen Sachen anerkennt. Weil          Die Interpretationsergebnisse verdeutlichen die Verant-            Zeitschrift für Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 3.
ebenfalls eine Form der Zuwendung, die sich über die Schaf-                                   für diese Leute sind das keine kleinen, für uns sind das      wortung, die mit der Tätigkeit des Lehrhandelns in kom-            Reischmann, J. (1995), Die Kehrseite
fung von Gesprächsräumen vollzieht:                                                           kleine Dinge, aber für jemanden, der langzeitarbeitslos       pensatorischen Lehr-Lern-Prozessen übernommen wird.                  der Professionalisierung in der
                                                                                              ist, irgendwohin pünktlich zu kommen […] die schaffen         Paul Bélanger hat gezeigt, dass das Konzept der „Intimacy            Erwachsenenbildung. Lernen „en passant“ –
   „Wo ich dann merke einfach, sie müssen da unbedingt                                        das oft nicht. […] Und dass man da sagt: Okay, für den ist    of learning“ auf die „Dimension der Schädigung von Bil-              die vergessene Dimension. In: Grundlagen
    jetzt einmal reden darüber und dann geht erst wieder                                      das total schwierig und für den ist es eine super Leistung.   dungsbiographien“ (Bèlanger/Brandt 2009, S. 24) verweist.            der Weiterbildung. Heft 4, S. 200–204.
   was. Dann, dann funktioniert das Aufmachen irgend-                                         Und das sage ich ihm auch.“ (KLinH, 427-432)                  Achtsamkeit im Lehrhandeln bedeutet, Teilnehmende tat-             Statistik Austria (Hrsg.) (2009),
   wie wieder so. Zuerst ist der Kopf so voll mit diesen                                                                                                    sächlich in ihrer Einzigartigkeit und ihrer Gewordenheit             Erwachsenenbildung. Ergebnisse des Adult
    Dingen, die so unlösbar scheinen. Und dann, wenn                                       Glaubenssätze wahrnehmen und entkräften                          wahrzunehmen, ihre Voraussetzungen, Bedürfnisse und                  Education Survey (AES). Wien: Verlag Österreich.
    das einmal, zumindest ein Teil weg ist, na dann, dann                                    Hinderliche Glaubenssätze tauchen wiederholt in den            Interessen anzuerkennen und als bestimmende Größe im               Wiesner, G. / Wolter, A. (2005), Einleitung.
    geht halt wieder irgendwas anderes hinein sozusa-                                      Lehr-Lern-Prozessen auf. Hierbei geht es darum, Verän-           didaktischen Handeln zu akzeptieren. Der empathische                 In: Wiesner, G./Wolter, A. (Hrsg.). Die
    gen.“ (KLinG, 360-363)                                                                 derung zu initiieren. Die Entkräftung von Glaubenssätzen         Zugang ermöglicht es, Teilnehmende zu verstehen und ge-              lernende Gesellschaft. Lernkulturen
                                                                                           und die nachhaltige Stärkung der Teilnehmenden nimmt             lingende Lehr-Lern-Prozesse zu gestalten; tragfähige Bin-            und Kompetenzentwicklung in
 Achtsamkeit und feinfühliges Vorgehen bewahren Teil-                                      längere Zeit in Anspruch:                                        dungen wirken sich hierbei förderlich aus.                           der Wissensgesellschaft, S. 7–44.
nehmende vor Frustrationserfahrungen; dabei handelt es                                                                                                                                                                           Weinheim; München: Juventa.
sich um eine indirekte Form der Stärkung:                                                    „[…] immer wieder kommt es heran. Ja, das weiß ich               Die Lehr-Lern-Prozesse sind zum Wohl der Teilnehmen-             Zimbardo, P. G. / Gerrig, R. J. (2004), Psychologie.
                                                                                              ja schon, dass das immer wieder kommt und dann                den angelegt und können für erlittene Ausschlusserfahrun-            16. Aufl. München: Pearson Studium.
   „Weil das ist immer so ein heikler Punkt, weil ich                                         zähle ich einfach auf, ganz, wie es halt ist, was alles       gen entschädigen. Die individuelle Basis der Teilnehmen-
    merke, wenn jemand spürt, da kommt er nicht mehr                                          gelernt wurde. Also, einfach meine Sicht der Tatsa-           den wird durch Stabilisierung und Stärkung gesichert; die
    mit oder so. Das kann so, ich meine, es verändert                                         chen […] und das ist vielleicht auch interessant, ja,         solcherart erworbene innere Sicherheit ermöglicht die Ent-
    sich sofort der Gesichtsausdruck, und ich merke, das                                      dass ja was passiert ist.“ (KLerC, 404-409)                   wicklung von Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit. Viele
    reicht ein Stück tiefer noch, so Selbstwert und so wei-                                                                                                 der befragten Teilnehmenden berichteten mit Lebendig-
    ter. Und das ist so ein Punkt, wo ich merke, da passe                                   Die Übernahme einer anderen Sichtweise auf das eigene           keit und Freude von ihrer Teilnahme; diese Effekte betref-
    ich voll auf. […] Man muss immer tasten. Ist das jetzt                                 Lernen – dass eben der Kursleitende bereits erfolgte Lern-       fen als gefühlsbetonte Qualität den persönlichen Bereich          Die Autorin
    angemessen oder nicht.“ (KLerD, 227 – 232)                                             schritte wahrgenommen hat, diese rekapitulieren kann und         der Teilnehmenden. Zur Beschreibung des Phänomens des
                                                                                                                                                                                                                              Ass.Prof.in Dr.in Monika Kastner
                                                                                           positiv bewertet – muss von den Teilnehmenden erst nach          gefühlten Zuwachses an Lebensqualität wurde das Konzept
                                                                                                                                                                                                                              lehrt und forscht seit 2004 an der Universität Klagenfurt;
  Das Interesse an der Lebenswelt der Teilnehmenden hat                                    und nach in ihre Selbstwahrnehmung integriert werden.            der vitalen Teilhabe entwickelt (siehe dazu Kastner, in Vor-      Arbeitsschwerpunkte: Bildungsbenachteiligte Erwach-
auch pragmatische Gründe, schließlich sollen individuelle                                                                                                   bereitung). Erwachsene, die Bildungsbenachteiligung er-           sene und lebensbegleitende Bildung; Evaluation und
Bildungsbedarfe/-bedürfnisse bearbeitet werden. Dieses                                      Teilnehmende erleben mitunter ein Gefühl der Unterle-           fahren haben, haben ein Recht auf Lehr-Lern-Prozesse, die         Qualität, Projektmanagement, qualitative Forschungs-
Interesse trägt durch die solcherart erfahrene Aufmerksam-                                 genheit, weil sie sich im Vergleich als defizitär wahrneh-       es im Sinn einer wahrhaften Wiedergutmachung ermögli-             methoden; Grundausbildung in Themenzentrierter In-
keit und Zuwendung zur Stärkung bei. Eine Kursleiterin                                     men: „Die anderen SIND einfach besser, wenn sie DAS              chen, erlittene Benachteiligungen bearbeiten und damit            teraktion (TZI);
nimmt beispielsweise in vertraulichen Gesprächen eine                                      [die Kulturtechniken] besser können“ (KLinF, 300f.). Diese       auch verarbeiten zu können. Basisbildungskurse, die ei-           Universität Klagenfurt, Institut für Erziehungswissen-
fragende Haltung ein, um möglichen Lerninhalten auf die                                    Kursleiterin relativiert das gefühlte Defizit:                   nen Beitrag zur Stärkung der Persönlichkeit leisten und           schaft und Bildungsforschung, Abteilung für Erwachse-
Spur zu kommen; darüber hinaus wird sie von einem star-                                                                                                     dadurch die Entwicklung von Freude an eigenen Lernpro-            nen- und Berufsbildung
                                                                                             „[…] also das wirklich zu glauben: Ich bin ein tol-            zessen fördern, sind letztlich als ein Akt ausgleichender Ge-     www.ifeb.uni-klu.ac.at
5 Dieser Beleg verweist auf das mit Kursleiter D geführte Interview (die Interviews wur-
den mit A bis I bezeichnet).                                                                  ler Mensch, auch wenn ich DAS nicht so gut kann.              rechtigkeit zu verstehen.                                         monika.kastner@uni-klu.ac.at




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MENSCHEN I Dergovics I Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs                                                                                Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHEN



                                                                                                                         nen besser sind als die sogenannten „gemischten“ Kurse                                  ner Teilnehmerin, die in der Türkei geboren wurde, einen
                                                                                                                         oder umgekehrt.                                                                         Konflikt austrägt, so wird dieser oft schnell interkulturel-
                                                                                                                                                                                                                 ler Konflikt genannt. Doch können nicht andere Problem-
                                                                                                                         Vorgehensweise                                                                          felder dahinter liegen? Kann der Auslöser vielleicht eine
                                                                                                                          Es wurden zwölf Interviews in Österreich, Deutschland                                  Geschlechterspannung sein? Kann es der große Altersun-
                                                                                                                         und England1 mit AnbieterInnen/TrainerInnen von Kursen                                  terschied sein? Kann es der unterschiedliche Ausbildungs-
                                                                                                                         mit Erstsprachenvielfalt und eine umfassende Literaturre-                               stand sein?
                                                                                                                         cherche durchgeführt. Begleitend dazu hat ein ExpertIn-
                                                                                                                         nengremium2 an der Analyse der Ergebnisse gearbeitet und                                   Die Nutzung der „kulturellen Brille“ kann einer Kultura-
                                                                                                                         diese einem gemeinsamen Reflexionsprozess unterzogen.                                    lisierung zuarbeiten, „die Individuen ganz auf ihre kultu-
                                                                                                                                                                                                                  relle oder nationale Herkunft festlegt und beispielsweise
                                                                                                                          Der folgende Text umfasst essenzielle Ergebnisse des Re-                                übersieht, dass die Eingebundenheit in kulturelle Praxen,
                                                                                                                         chercheprozesses. Dargestellt werden die wichtigsten Dis-                                die den faktischen oder imaginierten Kontext einer ehe-
                                                                                                                         kussionspunkte und Fragestellungen, die ausschlaggebend                                  mals subjektiv bedeutsamen Zugehörigkeit bezeichnet ha-
                                                                                                                         für gelingende Kurse für Personen mit deutscher und an-                                  ben mögen, aktuell nicht mehr die gleiche Gültigkeit besit-
                                                                                                                         deren Erstsprachen sein können. Vertiefende Infos gibt                                   zen“ (Mecheril in Auernheimer 2008, S. 32). Dies würde im
                                                                                                                         es im Handbuch des Teilprojektes (downzuloaden unter                                     konkreten Fall eine Zuschreibung an die Ehemänner von
                                                                                                                         www.alphabetisierung.at).                                                                türkischen Frauen sein, dass sie ihre Frauen nicht in Basis-
Elke Dergovics                                                                                                                                                                                                    bildungskurse kommen lassen, obwohl in Wirklichkeit viel-
Ehemalige Teilprojektkoordinatorin                                                                                       Vermessung des Themas                                                                    leicht die Frau gar nicht möchte. Dies kann dann auch der
im Projekt In.Bewegung;                                                                                                   Vielfach wird von Kursen für Menschen aus verschiede-                                  „Selbstethnisierung“ (Bommes in Auernheimer 2008, S. 50)
Die Wiener Volkshochschulen                                                                                              nen Kulturen gesprochen, und da stellt sich bei genaue-                                  entsprechen, d.h., die Frau könnte diese Vorurteile als Aus-
elke.dergovics@gmx.net                                                                                                   rem Hinsehen die Frage: Was ist mit Kultur gemeint? Wa-                                  rede für ihren Nicht-Kursbesuch verwenden.
                                                                                                                         rum wird dieser Faktor als Differenzierungskriterium
                                                                                                                         herangezogen?                                                                             In den meisten Situationen sind kulturelle Differenzen im
                                                                                                                                                                                                                 Sinne ethnischer Unterschiede konstruiert und nur eine
                                                                                                                          Paul Mecheril (Mecheril in Auernheimer 2008, S. 22) be-                                unter mehreren Differenzen, z.B. Geschlecht, Alter, Bildung,
                                                                                                                         zieht sich auf Fran-Olaf Radtke und stellt fest, „dass nicht                            Familienstand. Ebenso kann es zur Erwartung von kulturel-

Verschiedene Menschen,
                                                                                                                         die Zugehörigkeit zu einer ‚anderen’ Kultur, sondern As-                                len Konflikten kommen, weil bestimmte Bilder gewissen
                                                                                                                         pekte sozialer Benachteiligung und Diskriminierung zur                                  Kulturen zugeschrieben werden, doch im Kurs selbst ent-
                                                                                                                         Positionierung von Migranten und Migrantinnen inner-                                    wickelt sich kein Konflikt. Kulturalisierung kann auch als
verschiedene Sprachen — ein Kurs                                                                                         halb und außerhalb der Funktionssysteme der Gesellschaft,
                                                                                                                         etwa dem Erziehungssystem, führen“.
                                                                                                                                                                                                                 Schutz vor Veränderung gesehen werden und erfüllt somit
                                                                                                                                                                                                                 einen Zweck in der jeweiligen Handlung.

Eine Dokumentation zu Kursen für Erwachsene mit nicht                                                                      Diese Perspektive bestätigte sich in den Recherchen und                                 Genau zu hinterfragen ist ebenso der Begriff der Migran-
ausreichender Basisbildung mit unterschiedlichen Erstsprachen                                                            den Interviews. In den Kursen führen Spannungen zwi-                                    tin/des Migranten. Dieser kann viele verschiedene Perso-
                                                                                                                         schen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten oder un-                               nengruppen umfassen: Menschen mit Deutschkenntnis-
                                                                                                                         terschiedliche Bildungserfahrung eher zu Konflikten als                                 sen, die schon einige Zeit in Österreich sind, Menschen
                                                                                                                         unterschiedliche „Kulturen“. So kann es schwieriger sein,                               ohne jegliche Deutschkenntnisse, die kürzer oder länger
Gemeinsame Basisbildungskurse für Personen deutscher        Bisher wurden Kurse für Menschen mit deutscher Erst-         das Gemeinsame im Kurs für eine Ärztin aus Russland und                                 in Österreich sind, Menschen, die hier geboren und in die
und anderer Erstsprache: Modelle und Rechercheergeb-       sprache und Kurse für MigrantInnen oft getrennt ange-         einen Hauptschulabsolventen aus Österreich zu finden als                                Schule gegangen sind, deren Eltern jedoch aus einem an-
nisse aus Deutschland, England und Österreich Hinter-      boten, diese Struktur spiegelt auch die Entstehungsge-        zwischen einem Menschen mit wenig Basisbildung aus                                      deren Land kommen, Menschen, die die Schule teilweise in
grundinformationen und Diskussionspunkte von ExpertIn-     schichte der Basisbildung in Österreich wider. Zu Beginn      Serbien und einem Menschen mit wenig Basisbildung aus                                   Österreich und teilweise im Ausland besucht haben.
nen als Grundlage für eine qualitätvolle Konzeption und    war es wichtig, explizit Kurse für Menschen mit deutscher     Österreich. Unterschiedliche Lern- und Lebenserfahrun-
Umsetzung von gemeinsamen Kursangeboten im Bereich         Erstsprache anzubieten, um die Gesellschaft für den beste-    gen können zu Diskussionspunkten werden. Das Lernen                                       Bei der Diskussion um Kurse für Personen mit deutscher
Basisbildung und Alphabetisierung.                         henden Bedarf zu sensibilisieren.                             wird erschwert, wenn eine Person das Gefühl hat, durch                                  und anderen Erstsprachen ist es daher von großer Wich-
                                                                                                                         andere im Lernen behindert zu werden, und das kann viele                                tigkeit, genau zu klären, wer mit den Kursen angespro-
 Gemeinsame Kurse für TeilnehmerInnen mit deut-            Ziel des Teilprojektes                                        Gründe haben. Die Zuschreibung auf die „Kultur“ als Kri-                                chen werden soll, und für wen sie weniger geeignet sind,
scher und anderer Erstsprache gewinnen in Öster-             Organisationen erhalten für die Maßnahmenplanung von        terium (und oftmals ist eigentlich nur Nation/Ethnie ge-                                da die Lerninhalte, die Methodik/Didaktik und das Kurs-
reich, zunehmend an Raum. Immer mehr Institutio-           gemeinsamen Kursen für Menschen mit Deutsch als Erst-         meint) ist somit eine Verstärkung der Kulturalisierung und                              angebot insgesamt nur für gewisse Personengruppen pas-
nen bieten gemeinsame Kurse für beide Zielgruppen          sprache oder als Zweitsprache im Bereich Basisbildung und     verdient es deshalb, genauer betrachtet zu werden.                                      send sind (das bezieht sich nicht nur auf die Gruppe der
an, es zeigt sich somit auch eine Veränderung der Ba-      Alphabetisierung Hintergrundinformationen und Erfah-                                                                                                  MigrantInnen).
sisbildungsangebote aufgrund von gesellschaftlichen        rungswissen und damit mehr Kompetenzen für die quali-          Oftmals werden vor allem Konflikte in Gruppen, in der
Transformationsprozessen.                                  tätvolle Umsetzung dieser Kurse. Das ist das Ziel des Hand-   Menschen aus verschiedenen Kulturen vertreten sind (ver-                                  Im Rahmen der Vielfalt der Personengruppe der Migran-
                                                           buches, das für aktuelle oder zukünftige AnbieterInnen,       kürzt oft Ethnien oder Nationen), als kulturelle Konflikte                              tInnen wird auch deutlich, welch unterschiedliche Bedeu-
  Dies war mit der Grund, warum sich die Volkshochschule   TrainerInnen und interessierte Personen verfasst wurde.       dargestellt. Wenn ein Teilnehmer aus Österreich mit ei-                                 tung die Sprache und somit die Erstsprache, die Erstspra-
Floridsdorf (Die Wiener Volkshochschulen GmbH) mit die-                                                                  1 die aus England stammenden Interviews wurden per mail durchgeführt                    chen und die Zweitsprache haben können – und das nicht
sem Thema im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft           Nicht-Ziel ist eine Bewertung, ob Kurse nur für Men-         2 im ExpertInnengremium waren Angelika Rainer, Andrea Gschwindl, Christine Schu-        nur für MigrantInnen. Menschen, die in Österreich in ei-
                                                                                                                         bert, Elke Dergovics, Eva-Maria Kreuzhuber, Mari Steindl, Lisa Kolb-Mzalouet, Michael
In.Bewegung II auseinandergesetzt hat.                     schen mit deutscher Erstsprache oder nur für MigrantIn-       Schürz, Monika Ritter, Imke Mohr vertreten                                              nem regionalen Dialekt aufgewachsen sind, lernen mit der



Seite 30                                      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                      Seite 31
MENSCHEN I Dergovics I Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs                                                                               Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHEN



Schriftsprache eine neue Sprache und somit auch eine Art         tuation schon beschäftigen – vereinfacht gesagt: wie lange ihr   confident in both” (Carpentieri, 2007, S. 9).                   Menschen identifizieren und verorten sich durch Muster
Zweitsprache. Bei Menschen, die in einem anderen Schrift-        Stigma schon andauert. Unter diesem Aspekt wird deutlich,                                                                        subjektiver Praxis, die einer Kultur zugeschrieben wer-
system aufgewachsen sind, ist es von Bedeutung, ob sie           dass das Lebensalter ein ausschlaggebender Faktor für das          Eine fundierte Ausbildung für die Arbeit mit Menschen         den. Dieser Aspekt hebt die Kulturalisierung nicht auf,
in diesem System alphabetisiert worden sind oder nicht.          persönliche Empfinden von Belastung durch mangelnde Ba-          mit deutscher Erstsprache und für die Arbeit mit Migran-        sondern ergänzt die Sichtweise. Somit arbeiten wir im-
Dies kann im Lernprozess berücksichtigt werden. In Grup-         sisbildung sein kann.                                            tInnen ist die Basis für gelingendes Lernen. Gut wäre es si-    mer mit Menschen, die im Spannungsfeld der Anerken-
pen mit Personen deutscher und anderen Erstsprachen hat                                                                           cherlich, wenn im Teamteaching aller Bedarf abgedeckt           nung von sozialer Zugehörigkeit und individueller Ein-
Sprache eine Bedeutung, und deshalb ist es auch wichtig,         Grundlegende Aspekte zur                                         wird (Sprachenlernen, Situation für Menschen mit deut-          zigartigkeit zu finden sind, und die KursleiterInnen selbst
über die Macht der Sprache zu reflektieren. Gesellschaft-                                                                         scher Erstsprache etc.). Alleine die Ausbildung reicht je-      sind wiederum im gleichen Spannungsfeld zu finden.
lich gesehen, steht Sprache immer auch in einem gewissen         Planung und Durchführung                                         doch nicht als Grundlage für die gelingende Arbeit mit          Paul Mecheril erwähnt die „Kompetenzlosigkeitskom-
Verhältnis zu Macht. Verena Plutzar vom Institut für Ger-        von Kursangeboten                                                beiden Zielgruppen. Jegliche Interaktion basiert auf dem        petenz“. Diese „meint ein professionelles Handeln, das
manistik an der Universität Wien formulierte in den Unter-                                                                        Menschenbild, mit dem die TrainerInnen in den Dialog mit        auf Beobachtungskompetenz für die von sozialen Akteu-
lagen zum Lehrgang „Interkulturelle Kommunikation“ des           Kursziele                                                        den TeilnehmerInnen gehen.                                      ren zum Einsatz gebrachten Differenzkategorien gründet
Interkulturellen Zentrums Wien folgende Beschreibung               Die genaue Ausformulierung der Kursziele (vor allem im                                                                         und das von einem Ineinandergreifen von Wissen und
von Wirkweisen der Machtverhältnisse über die Sprache:           Erstgespräch) kann hilfreich sein, um abzuklären, ob der           Oftmals wird in Fortbildungen zur interkulturellen Kom-       Nicht-Wissen, von Verstehen und Nicht-Verstehen her-
                                                                 Kurs für die Person passend ist. Kurse der Basisbildung ste-     petenz das instrumentelle Verständnis von interkulturel-        vorgebracht wird, ein Ineinandergreifen, in dem die Sen-
Machtverhältnisse werden über Sprache definiert, indem           hen vorrangig für Angebote für Lesen, Schreiben, Rechnen,        ler Kompetenz (Wissen um Kulturen, Kennzeichen von              sibilisierung für Verhältnisse von Dominanz und Diffe-
 •	 bestimmt wird, wer sprechen darf                             IKT. Wird der Begriff der Basisbildung jedoch weiter gefasst,    diesen etc.) forciert. Diese rein technologisch-instrumen-      renz in einer handlungsvorbereitenden Weise möglich ist“
    und wer schweigen muss,                                      so sind oftmals auch soziale Kompetenz, Lernen lernen, In-       telle Verwendungsperspektive hebt jedoch die pädagogi-          (Mecheril in Auerheimer 2008, S. 32). Diese Kompetenz-
                                                                 tegration etc. Thema. Die anbietende Institution sollte so-      sche Situation auf. „Soll die Situation aber weiterhin als      losigkeitskompetenz als Basis von erfolgreicher Arbeit
 •	 über jemanden gesprochen wird,                               mit vorab überlegen: Was sind die genauen Ziele in un-           pädagogische verstanden und behandelt werden, kommt             ist nicht einforderbar, aber ausbildbar und könnte somit
 •	 mit jemandem nicht gesprochen wird oder so                   seren Kursen? Warum möchte ich Kurse für Personen mit            die durch typisiertes Wissen und Routinehandeln nicht           zentraler Inhalt in den Ausbildungen der KursleiterInnen
    gesprochen wird, dass jemand es nicht versteht,              deutscher und anderen Erstsprachen anbieten? Wie sehr            überbrückbare Differenz als konstitutives Kennzeichen           in der Basisbildung sein.
 •	 das Sprechen von jemandem nicht ernst                        fördern/hindern meine Kursziele gewisse Personengrup-            allen pädagogischen Handelns in den Blick“ (Meche-
    genommen wird und ungehört bleibt.                           pen im Lernen?                                                   ril in Auerheimer 2008, S. 24). Interkulturelle Kompetenz        Parallel zur Frage der Ausbildung steht natürlich die
                                                                                                                                  zeigt sich nicht in einfachen rezeptartigen Handlungs-          Frage nach der Unterstützung der kontinuierlichen Arbeit.
 Diese Machtverhältnisse wirken nicht nur bei Menschen           Förderungen                                                      anweisungen. Professionelles Handeln basiert viel mehr          Hilfreich ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Austausch
mit unterschiedlichen Erstsprachen. Auch Menschen mit             In den Interviews wurde deutlich, dass gewisse Förder-          auf einem grundlegenden reflexiven Verständnis, in dem          im Team. Dieser kann im Rahmen von Teamsitzungen
deutscher Dialektsprache kennen Situationen, in denen sie        schienen an spezielle Personengruppen gekoppelt sind,            das eigene Handeln, die Rahmenbedingungen und Kon-              stattfinden oder angeleitet in Intervisionen oder Supervi-
nicht ernst genommen werden, weil sie Dialekt sprechen.          und bei Kursen mit Erstsprachenvielfalt ist somit zu beden-      sequenzen beleuchtet werden. Solch ein Verständnis von          sionen Platz finden. Die Arbeit im Spannungsfeld von oft-
                                                                 ken, wie alle TeilnehmerInnen zu einem geförderten Kurs-         interkultureller Kompetenz würde auch beinhalten, dass          mals sehr unterschiedlichen Individuen erfordert konti-
 Prinzipiell kann die bisherige Erfahrung mit Sprache so-        platz kommen können.                                             die KursleiterInnen reflektieren, inwieweit es zu einer Re-     nuierliche Reflexion und Austausch mit KollegInnen, um
wohl positiv als auch negativ sein. Das Erlernen des Deut-                                                                        produktion der Machtverhältnisse zwischen Mehrheits-            immer wieder andere Sichtweisen kennenzulernen und
schen als Zweitsprache beinhaltet für MigrantInnen auch          KursleiterInnen                                                  und Minderheitsgesellschaft kommt, die im Gebäude der           dadurch den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern.
eine Positionierung zur Erstsprache. Wenn die Migration           KursleiterInnen haben in den Kursen eine wichtige Rolle.        Über- und Unterordnung zu verorten sind.                        Dies gilt natürlich nicht nur für sehr heterogene Gruppen
erst kürzlich stattgefunden hat, dann ist eine Phase der         Wie sie mit den TeilnehmerInnen umgehen, wie sie Gren-                                                                           in der Basisbildung – der Austausch der KursleiterInnen
Neuorientierung aktuell und die neue Sprache spielt darin        zen ziehen, wie sie kommunizieren, wie sie nachfragen              Interkulturelle Professionalität, die wir von den Kurslei-    untereinander ist auch in den Qualitätsstandards zu fin-
eine nicht unbedeutende Rolle.                                   oder schweigen beeinflusst das Kursgeschehen und den             terInnen erwarten, ist der Versuch, sich Wissen zu erarbei-     den –, sondern für alle Kursangebote.
                                                                 Lehr- und Lernprozess. Sie sind Vorbilder für die sozi-          ten über die anderen, ohne den Rest des Nicht-Wissens zu
Schulerfahrung                                                   ale Interaktion und kompetent in der Lernförderung der           überspringen. „Verstehen des Anderen ist ein (koloniales)        Abschließend kann man sagen, dass von KursleiterIn-
  Früher dominierte oftmals das Argument der unter-              TeilnehmerInnen.                                                 Phantasma“ (Mecheril in Auerheimer 2008, S. 30). Ich halte      nen in Kursen für Menschen mit Deutsch als Erstsprache
schiedlichen Schulerfahrung in den Diskussionen um die                                                                            mich an die Beschreibung von interkultureller Kompetenz         oder Zweitsprache sehr viel gefordert wird und sie sehr
Trennung der Zielgruppen. Heutzutage ist es so, dass viele         In den Interviews wurde immer wieder betont, dass Kurs-        von Mecheril. Darin gibt es zwei Bereiche der interkultu-       viele Kompetenzen im Bereich der interkulturellen Kom-
MigrantInnen auch in Österreich die Schule besucht haben,        leiterInnen entscheidend sind für das Klima im Kurs und          rellen Kompetenz: das Wissen über Dominanz- und Diffe-          munikation und Interaktion vorweisen müssen. Steindl,
und Schulerfahrung in den Heimatländern teilweise sehr           dieses wiederum entscheidend ist für das gelingende Mit-         renzphänomene einerseits und das differenztheoretische          Leiterin des Interkulturellen Zentrums in Wien, hat vier
traumatisierend sein kann, wenn sie mit Gewalt und Macht-        einander der TeilnehmerInnen in ihrer Diversität. Eine           Wissen andererseits.                                            wichtige Punkte der interkulturellen Kompetenzen fol-
missbrauch verbunden ist. Natürlich macht es einen Unter-        große Flexibilität in den Methoden ist förderlich für das Ge-                                                                    gendermaßen zusammengefasst3:
schied, ob jemand gar keine oder schon Schulerfahrung hat.       lingen der Kurse. Die Zusammensetzung der Kursgruppen              Dominanzstrukturen sind auf zwei Ebenen wirksam: auf
                                                                                                                                                                                                    •	 Fähigkeit zu Perspektivenwechsel und Offenheit
Der kurzfristige Ansatz, dass MigrantInnen kaum Schulerfah-      für Personen mit deutscher und anderen Erstsprachen ver-         der Ebene der „Erfahrungsrealität” der TeilnehmerInnen
                                                                                                                                                                                                       für Veränderungen der eigenen Perspektive
rung und alle Menschen mit deutscher Erstsprache in der Ba-      ändert die Anforderungen an die TrainerInnen.                    und der Ebene „der professionellen Beziehung”. Domi-
sisbildung negative Schulerfahrung haben, ist jedoch zu pau-                                                                      nanzkultur meint, „dass unsere ganze Lebensweise, unsere          •	 Reflexion der eigenen Vorurteile und Stereotypen
schalisierend und konnte in den Interviews widerlegt werden.       Dies zeigt sich auch in England, wie in einem Text über        Selbstinterpretation sowie die Bilder, die wir von anderen        •	 Fähigkeit entwickeln, Unsicherheiten auszuhalten
Es gibt sowohl Menschen mit deutscher Erstsprache, die nicht     ESOL (English for speakers of other languages) deutlich          entwerfen, in Kategorien der Über- und Unterordnung ge-
notwendigerweise nur negative Schulerfahrungen gesam-            wird: „One of the key challenges in Skills for Life is the       fasst sind (Mecheril nach Rommelspacher 2008, S. 31).             •	 Vorsicht vor Kulturalisierung
melt haben, und es gibt MigrantInnen, die in Österreich in       placement of bilingual and multilingual learners on the                                                                            Wenn KursleiterInnen bewusst die oben genannten
die Schule gegangen sind oder negative Schulerfahrungen im       right programmes for them, particulary at Entry 3 and Le-         Differenztheoretisches Wissen weist darauf hin, dass es        Punkte reflektieren, so ist dies sicherlich eine gute Grund-
Heimatland gesammelt haben und für die der Wiedereinstieg        vel 1. NRDC research finds a clear need to open boundaries       nicht hilfreich ist, den Begriff der Kultur total abzulehnen.   lage für eine respektvolle und gleichbehandelnde Kurslei-
ins Lernen eine Auseinandersetzung mit den negativen Erleb-      between ESOL and literacy, and for more professional de-         Kulturelle Differenzen weisen auf zentrale alltagsweltli-       tung im Bereich der Basisbildung.
nissen bedeutet. Gemeinsam ist den Menschen, unabhängig          velopment. Most literacy and ESOL teachers belong to one         che Konzepte hin, die es den Menschen erleichtern, sich
von ihrer Herkunft, wie lange sie sich mit der belastenden Si-   tradition or another, but we now need teachers who are           wechselseitig zu identifizieren und zu beschreiben. Die         3 aus Trainingsunterlagen des Lehrgangs „Interkulturelle Kompetenz“




Seite 32                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                 Seite 33
MENSCHEN I Dergovics I Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs                                                                                         Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHEN



Kursprinzipien                                                                    Anregungen                                                  Literatur                                                   Die Autorin
  In den Kursangeboten der Basisbildung wird prinzipiell                            Paul Mecheril (2008) bringt den Begriff der Kompetenz-
                                                                                                                                                Auernheimer, G. (2008), Interkulturelle                   Mag.a Elke Dergovics
teilnehmerInnenzentriert und alltagsorientiert gearbei-                           losigkeitskompetenz in die Diskussion um interkulturelle
                                                                                                                                                  Kommunikation, mehrdimensional betrachtet,              Sonder- und Heilpädagogin, zertifizierte Erwachsenen-
tet. Dieses Konzept kommt Kursen für Personen mit deut-                           Kompetenz und sieht diesen als ein implizites Qualitäts-        mit Konsequenzen für das Verständnis von
scher und anderen Erstsprachen sehr entgegen. Sie soll-                           kriterium zur Einschätzung interkultureller Bildungsange-                                                               bildnerin, Suchtberaterin und Entspannungstrainerin,
                                                                                                                                                  interkultureller Kompetenz. In: Auernheimer,            Motopädagogin, Bereichsleitung der Basisbildung an
ten ressourcenorientiert und zukunftsorientiert gestaltet                         bote. Diese macht er an drei Fragen fest (Mecheril in Au-       Georg (Hrsg.) (2008): Interkulturelle Kompetenz         der VHS 21 2007–2009
sein und die Lernatmosphäre sollte offen und entspannt                            erheimer 2008, S. 25), die wir als Ideen zur Planung von        und pädagogische Professionalität. 2.
sein. Dies inkludiert die offene Raumgestaltung, den Um-                          Angeboten nutzen können:                                        aktualisierte und erweiterte Auflage, Wiesbaden:        Die Wiener Volkshochschulen GmbH    HS Floridsdorf
                                                                                                                                                                                                                                          /V
gang der KursleiterInnen mit den TeilnehmerInnen, das                                                                                             VS Verlag für Sozialwissenschaften.                     www2.vhs21.ac.at/2.bw
                                                                                   •	 „Wie reflektieren interkulturelle Bildungsangebote                                                                  alphabasis@vhs21.ac.at
Gesprächsklima.                                                                                                                                 Bommes, M. (1990), „Die meisten türkischen
                                                                                      Lebenslagen unterschiedlicher Personengruppen
                                                                                      als Eingangsvoraussetzung des professionellen               Väter sind so“. In: Informationsdienst
 Die Differenzierung der Gruppe sollte über Lernziele                                 Handelns von Mitgliedern dieser Gruppe?                     zur Ausländerarbeit, H.4, S. 33–38.
und nicht über Kulturen passieren, um Kulturalisierung zu
                                                                                                                                                Carpentieri, JD (2007), Five years on. Research,
vermeiden, und Methodenvielfalt ermöglicht eine große                              •	 Wie reflektieren Bildungsangebote die
                                                                                                                                                  development and changing practice.
Bandbreite an Arbeitsmöglichkeiten für die TeilnehmerIn-                              Problematik des Kulturbegriffs?
                                                                                                                                                  National Research and Developement
nen. Das Prinzip der Lernwerkstatt könnte ein erfolgrei-                                                                                          Center for adult literacy and numeracy.
                                                                                   •	 Wie gehen die Angebote mit der
ches in Kursen mit Erstsprachenvielfalt sein.                                         Unmöglichkeit der Technologisierung                       Diehm, I. / Radtke, F. O. (1999), Erziehung
                                                                                      pädagogischen Handelns auch und gerade                      und Migration. Eine Einführung.
 Möglicher Einzelunterricht begleitend zu den Kur-                                    in interkulturellen Kontexten um?“                          Stuttgart: Kohlhammer.
sen hat sich in der Recherche als förderlich gezeigt (BHW
Niederösterreich)4 und könnte zum Beispiel Raum für die                            Diese drei Fragen bieten eine gute Grundlage zur Selbst-     Mecheril, P. (2008),
                                                                                                                                                 „Kompetenzlosigkeitskompetenz“. Pädagogisches
Arbeit am strukturellen Sprachenlernen geben.                                     reflexion von zukünftigen AnbieterInnen, um abzuklären,
                                                                                                                                                  Handeln unter Einwanderungsbedingungen.
                                                                                  ob Kurse für Menschen mit deutscher und anderer Erst-           In: Auernheimer, Georg (Hrsg.) (2008):
 Sprachvergleiche im Kurs bringen Mehrsprachigkeit als                            sprache richtig in der Einrichtung verortet sein werden.        Interkulturelle Kompetenz und pädagogische
positives Thema in die Gruppe und können das Entdecken                                                                                            Professionalität. 2. aktualisierte und
von Regeln fördern. In Österreich ist oftmals ein monolin-                          Die oben genannten Punkte zeigen einige Faktoren auf,         erweiterte Auflage, Wiesbaden: VS
gualer Habitus vorzufinden, und die Thematisierung von                            die für das Gelingen von Kursen mit Erstsprachenviel-          Verlag für Sozialwissenschaften.
Mehrsprachigkeit kann neue Blickwinkel eröffnen.                                  falt förderlich sein können. Im Laufe der Recherche wurde     Steindl, M., „Interkulturelle Kommunikation
                                                                                  deutlich, dass es jedoch auch noch offene Forschungsge-         und Konfliktlösung“ doku.cac.at/
  In gemeinsamen Kursen für beide Zielgruppen könnte die                          biete und Fragen im Bereich dieser Kurse gibt, wie z.B.         interkulturellekommunikation.pdf
Kennenlernphase eine wichtige Bedeutung haben, da hier                             •	 Evaluation der Lernergebnisse
Vorurteile abgebaut werden können. Als Konzept zur Be-
trachtung der Kennenlernphase eignet sich die „Human                               •	 ist spezielle Didaktik/Methodik sinnvoll –
Needs Theorie“ (vgl. Mari Steindl „Interkulturelle Kommu-                             wenn ja, wie sollte sie aussehen?
nikation und Konfliktlösung“). Der Ansatz geht zurück auf                          •	 Sensibilisierung der TrainerInnen für Kurse mit
John Burton; dessen Theorie wurde im kanadischen Insti-                               Personen deutscher und anderen Erstsprachen
tut für Konfliktlösung von Vern Redekop und Bob Burton                             •	 Einsatz von TrainerInnen mit anderer als
weiterentwickelt.                                                                     deutscher Muttersprache in den Kursen

Werbung                                                                             Gemeinsame Kurse für Personen deutscher und ande-
 Der Bereich der Werbung und TeilnehmerInnenakquise                               rer Erstsprachen haben in Österreich eine recht kurze Ge-
sollte für Kurse mit Erstsprachenvielfalt gut geplant sein,                       schichte und sind noch ein weites Forschungsgebiet mit
da verschiedene Zielgruppen angesprochen werden. Men-                             viel Entwicklungspotenzial.
schen mit deutscher Erstsprache und Bedarf an Basisbil-
dung sind schwer durch Werbung zu erreichen, deshalb ist
es wichtig, dass bei Kursen für beide Zielgruppen explizit
erwähnt wird, dass sie sowohl für Menschen mit deutscher
Erstsprache als auch für Menschen mit anderer Erstspra-
che konzipiert sind.




4 Bildungs- und Heimatwerk Niederösterreich, Projektpartner von In.Bewegung




Seite 34                                                              Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                    Seite 35
MENSCHEN I Berndl I Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung                                                                                                    Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung I Berndl I MENSCHEN



                                                                                                                           benssituationen gemacht haben, sehen für sich keine Vor-       Folgende Methoden zur Ermittlung von Bedarfen haben
                                                                                                                           teile im Besuch eines Kurses oder einer Maßnahme, sie          sich in der Praxis bewährt:
                                                                                                                           tendieren eher dazu, Situationen zu vermeiden, in denen         •	 Einzelinterviews mit TeilnehmerInnen
                                                                                                                           ihr vermeintlicher Schwachpunkt sichtbar wird.                     von Basisbildungsmaßnahmen

                                                                                                                             Auch Ludwig Kapfer legt bei seiner Definition von Mar-        •	 Fokusgruppen mit MultiplikatorInnen
                                                                                                                           keting den Fokus auf die Bedürfnisse und Sehnsüchte von         •	 Befragung von Erwachsenenbildungsanbietern
                                                                                                                           Menschen, bringt aber den Faktor Unternehmen stark ins
                                                                                                                                                                                           •	 Austausch mit TrainerInnen der Basisbildung
                                                                                                                           Spiel: „Marketing sorgt dafür, dass das Unternehmen vom
                                                                                                                           Markt her gestaltet wird. Marketing sorgt dafür, dass Wün-     Die Motive der Zielgruppen
                                                                                                                           sche, Hoffnungen und Sehnsüchte aller Menschen im              sind unterschiedlich
                                                                                                                           Markt ermittelt, gesammelt, ernst genommen und bei al-          Was bewegt Menschen, einen Basisbildungskurs zu
                                                                                                                           len Planungen beachtet werden.“ (Kapfer, 2005b, S. 2) Kap-     besuchen? Welche Motivation gibt es, den schwierigen
                                                                                                                           fers Modell ist ein ganzheitliches Modell, das sich auch im    ersten Schritt zu wagen? Die Erfahrungen mit Kursteil-
                                                                                                                           Non-Profit- und im Bildungsbereich als zielführendes In-       nehmerInnen haben gezeigt, dass Basisbildung nicht
                                                                                                                           strument bewährt hat. Im Mittelpunkt der Betrachtungen         Selbstzweck ist, sondern ein Transportmittel, um Ziele
                                                                                                                           stehen die Bedürfnisse und Motive der Menschen. Diese          zu erreichen. Vom sicheren Beherrschen der Kulturtech-
                                                                                                                           Bedürfnisse zu kennen und danach alle Angebote und             niken erwarten sich unsere TeilnehmerInnen einiges:
Alfred Berndl                                                                                                              Maßnahmen auszurichten, ist der Kern dieses Marketing-         Einen Lehrabschluss zu schaffen, keine Angst vor dem
Teilprojektkoordinator im Projekt                                                                                          Konzeptes. Ein erster Schritt dieses Modells ist ein Wech-     Entdecktwerden zu haben, die Kinder in der Schule un-
In.Bewegung, ISOP GmbH                                                                                                     sel des Blickwinkels: Weg von einem standardisierten und       terstützen zu können, einen Arbeitsplatz zu finden oder
alfred.berndl@isop.at                                                                                                      bildungsbürgerlichen Verständnis dafür, was Menschen           ihn zu behalten, sich nicht mehr „dumm“ zu fühlen. Das
                                                                                                                           lernen sollen, hin zu bedürfnisorientieren, flexibel auf die   bedeutet für die Kommunikation: Der Erwerb der Basis-
                                                                                                                           Bedarfe der Lernenden eingehenden Maßnahmen. Dieses            bildung unterstützt dich bei der Erreichung deiner per-
                                                                                                                           Ernstnehmen der Bedarfe der Menschen mit niedriger Bil-        sönlichen Ziele.
                                                                                                                           dung ermöglicht einen Einstieg in das lebensbegleitende
                                                                                                                           Lernen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur sozi-     Der erhoffte Nutzen entscheidet
                                                                                                                           alen Gerechtigkeit und Chancenangleichung. Marketing ist         Es ist wichtig, zwischen dem erwarteten und dem erhoff-

Von der Angebots- zur
                                                                                                                           somit mehr als das Erstellen einer Broschüre zur Kursbe-       ten Nutzen zu unterscheiden. Der Nutzen, den Teilneh-
                                                                                                                           werbung oder einer Presseaussendung zum Welttag der Al-        merInnen von einer Maßnahme erwarten, stimmt mit dem
                                                                                                                           phabetisierung. Es muss gelebt werden in dem Bestreben,        überein, was im Prospekt versprochen oder in einem Ver-
Zielgruppenorientierung                                                                                                    das bestmögliche Produkt mit der größtmöglichen Quali-
                                                                                                                           tät zu entwickeln. Die Kenntnis der Bedarfe der KundInnen
                                                                                                                                                                                          trag vereinbart wurde. Dieser Nutzen muss geliefert wer-
                                                                                                                                                                                          den, ansonsten gibt es Kritik und Reklamation.

Marketing in der Basisbildung und Alphabetisierung                                                                         und das Wissen um die Auswirkungen fehlender Basisbil-
                                                                                                                           dung in vielen anderen Lebensbereichen ist dabei der Aus-        Der erhoffte Nutzen hingegen wird nicht deklariert, er
                                                                                                                           gangs- und Mittelpunkt.                                        steht in keinem Prospekt oder scheint in keinem Vertrag
                                                                                                                                                                                          auf. Bildungserwerb bringt eine (erhoffte) erhöhte Akzep-
                                                                                                                            Im Bildungsbereich hat sich die Orientierung an den Be-       tanz, bessere Chancen, mehr Anerkennung oder sogar
Analysiert man die Bewerbungen von Kursangeboten von         nur Verkaufen, Verkaufen ist nur die Spitze eines Eisbergs,   dürfnissen noch nicht ganz durchgesetzt. Produkte und          mehr Liebe. Dieser Nutzen wird wahrscheinlich nicht so
Bildungsanbietern der Basisbildung und Alphabetisierung,     der sich Marketing nennt. Der Gesamtprozess des Marke-        Angebote werden noch immer meist nach Förderschwer-            offen ausgesprochen, spielt aber eine große Rolle bei der
fällt auf, dass nach wie vor die angebotenen Leistungen      tings ist letztlich eine Denkhaltung, die das gesamte un-     punkten bzw. Segmentierungen der Zielgruppe nach de-           Wahl von Leistungen und Produkten.
sehr stark nach außen kommuniziert werden. Vereinfacht       ternehmerische Handeln beeinflusst. Die klassische De-        mografischen Aspekten (Alter, Region, Geschlecht) entwi-
gesagt konzentrieren sich viele Bildungsanbieter vor al-     finition von Marketing zielt sehr stark auf den Aspekt der    ckelt und angeboten. Die Orientierung nach Bedürfnissen        Ein erfolgreiches Angebot ist
lem in der Akquise von TeilnehmerInnen zu stark auf ihre     Befriedigung von Kundenbedürfnissen ab: „Marketing ist        der Zielgruppen bedeutet eine vollkommene Veränderung          teilnehmerInnenzentriert
Angebote und zu wenig auf den Nutzen und die Motive der      ein Prozess im Wirtschafts- und Sozialgefüge, durch den       der Produktenwicklung und der strategischen Ausrichtung          Sind die Bedarfe und Hoffnungen des Zielgruppenseg-
Menschen. Anbieter, die die Motive und Bedarfe der po-       Einzelpersonen und Gruppen ihre Bedürfnisse und Wün-          von Bildungsinstitutionen.                                     ments, das wir ansprechen möchten, so gut wie möglich
tenziellen KursteilnehmerInnen kennen, analysieren und       sche befriedigen, indem sie Produkte und andere Dinge                                                                        analysiert, fließen die gewonnenen Erkenntnisse in die
in der Planung und Durchführung von Kursmaßnahmen            von Wert erzeugen, anbieten und miteinander tauschen.“         In der Beschäftigung mit Marketing in der Basisbildung        Entwicklung der Kurse und Maßnahmen ein. Auch dort
mitbedenken, legen den Grundstein für ein für die Ziel-      (Kotler / Armstrong / Saunders / Wong, 2007, S. 30)           haben sich folgende Punkte als Schlüsselbereiche für eine      stellen wir die TeilnehmerInnen in den Mittelpunkt. Der
gruppe annehmbares Angebot.                                                                                                erfolgreiche Planung von Maßnahmen erwiesen:                   Weg zur erfolgreichen Vermittlung von Bildungsinhalten
                                                               Beschäftigt man sich allerdings mit den Themen Öffent-                                                                     führt über die Fokussierung und Transparenz der indivi-
                                                                                                                            •	 Eine genaue Analyse des Umfeldes
 Es gibt in Einrichtungen der Erwachsenenbildung wohl        lichkeitsarbeit, Sensibilisierung und TeilnehmerInnen-                                                                       duellen Stärken. Viele TeilnehmerInnen kommen mit sehr
                                                                                                                               ist für die Kommunikation und
kaum einen Begriff, der so ambivalent betrachtet wird wie    akquisition in der Basisbildung, merkt man rasch, dass                                                                       wenig Selbstvertrauen in die eigenen Lernfähigkeiten zum
                                                                                                                               Angebotsplanung unerlässlich.
der des Marketings, leitet er sich doch von dem im Neoli-    es grundsätzlich eine auf die Zielgruppen zugeschnittene,                                                                    Kursangebot. Ihre bisherigen Bildungserfahrungen sind
beralismus in Misskredit geratenen Wort „Markt“ und den      individualisierte und niederschwellig annehmbare Maß-          •	 Eine Analyse der Motive und Bedürfnisse der                meist negativ. Viele haben ausschließlich die Pflichtschule
damit assoziierten Profit- und Gewinnbegriff ab. Für viele   nahme braucht, um Menschen zu erreichen und sie zu mo-            Menschen, die angesprochen und motiviert                   als Ort des Bildungserwerbes erlebt. Ein Ort, an dem sie die
steht der Begriff für Verpackung ohne Inhalt, schönreden     tivieren, in Bildungsprozesse überhaupt einzusteigen. Be-         werden sollen, ist essenziell. Je genauer die              geforderten Leistungen nicht erbringen konnten. Deshalb
und leere Versprechungen und ist somit negativ besetzt       sonders Personen, die noch keine positiven Erfahrungen            Motive, eine Maßnahme zu besuchen benannt                  ist es gerade zu Beginn wichtig, das Selbstvertrauen mit po-
                                                                                                                               sind, desto größer sind die Chancen, potenzielle
und abzulehnen. Marketing ist allerdings immer mehr als      mit Bildung und der günstigen Auswirkung auf ihre Le-                                                                        sitiven Lernerfahrungen zu steigern.
                                                                                                                               KursteilnehmerInnen zu motivieren.



Seite 36                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                            Seite 37
MENSCHEN I Berndl I Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung                                                                                                             Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung I Berndl I MENSCHEN



TrainerInnen spielen eine zentrale                             nachzuholen. Das Angebot soll also den Eltern beides ge-             Wir bestimmen selbst über                                       beiten an der Qualität des Angebotes, an der Verbesserung
Rolle in der Öffentlichkeitsarbeit                             ben können: einerseits selbst Basisbildung zu erwerben               das Erscheinungsbild                                            der Maßnahme und tragen damit letztendlich natürlich
  Ausgebildete und erfahrene BasisbildungstrainerInnen         und andererseits die Kinder in der Schule unterstützen zu             Wie sich ein Projekt, eine Maßnahme oder eine Organi-          auch zur positiven Entwicklung der kommunizierten Bilder
verfügen über eine Reihe von Fähigkeiten und Fertigkeiten,     können. Der Wunsch, sich selbst als gute, unterstützende             sation nach außen darstellt, ist entscheidend für die An-       bei. Der Zusatznutzen einer professionellen Projektabwick-
die Qualität ihrer Arbeit entscheidet über das öffentliche     Eltern sehen zu können, bildet ein starkes Motiv für ei-             nehmbarkeit der Angebote. Diese müssen für potenzielle          lung liegt auf der Hand. Eine Maßnahme, die kontinuier-
Bild des Angebotes. Gerade in der Einstiegsphase gilt es,      nen Kurs. Folglich sollten Kurse auch darauf ausgerichtet            TeilnehmerInnen so konzipiert sein, dass sich niemand als       lich auf dem neuesten Stand der Pädagogik, Didaktik und
die neuen Lernenden zu begleiten und zu beraten. Um den        sein, diese Wünsche zu treffen. Flexible Unterrichtszeiten           Analphabet „outen“ muss und damit weiter diskriminiert          TeilnehmerInnenzentriertheit steht, spiegelt ein professi-
TeilnehmerInnen von Anfang an Ängste zu nehmen und             am Vormittag, begleitende Kinderbetreuung, Unterstüt-                wird. Das Erscheinungsbild der eigenen Organisation, der        onelles Bild nach außen. TeilnehmerInnen fühlen sich als
positive Lernerfahrungen zu ermöglichen, müssen Trainer-       zung und Hilfestellung für Eltern bei schulischen Belangen.          MitarbeiterInnen, der Kurs- oder Beratungsangebote und          KundInnen ernst genommen. ProjektentwicklerInnen, die
Innen in der Lage sein, den Lernprozess der TeilnehmerIn-      Tipps und Tricks, um erfolgreich durch die Schule zu kom-            ihre Wirkung nach außen entscheiden darüber, ob Men-            bei der Planung die laufende Qualitätsentwicklung der
nen individuell zu begleiten. Von einer Ressourcenfeststel-    men. Regelmäßiger Austausch mit anderen Eltern. All diese            schen sich trauen, den ersten Schritt zu machen und das         Maßnahme mitdenken, erleichtern den TeilnehmerInnen
lung ausgehend, werden gemeinsam mit den Lernenden             Maßnahmen und Angebote rund um das Thema Basisbil-                   Bildungsangebot anzunehmen. TeilnehmerInnen, Part-              den Zugang zu den Angeboten
ein Lehr- und Lernplan erstellt und Ziele vereinbart. Um       dung werden dazu führen, diesen Personen einen starken               nerInnen und MultiplikatorInnen sollen angesprochen
Schreibimpulse für neue LernerInnen zu initiieren, haben       Zusatznutzen anzubieten.                                             und motiviert werden, Teil einer guten und positiven Maß-        Wenn man über die Erscheinung nach außen spricht,
sich ein biografischer Ansatz und ein starker Bezug zum                                                                             nahme zu sein. Die Analyse unterschiedlicher, nachfolgend       sollte man sich auch mit der eigenen Organisation kritisch
Alltag der TeilnehmerInnen sehr bewährt. „Endlich stehe        Öffentlichkeitsarbeit ist mehr als die                               dargestellter Qualitätsbereiche hilft, ein ganzheitliches Er-   auseinandersetzen. Organisationen im Erwachsenenbil-
ich mit meinen Fähigkeiten und Ressourcen im Mittel-           Erstellung von Foldern und Plakaten                                  scheinungsbild zu prägen.                                       dungsbereich, die sich mit Basisbildung beschäftigen, ha-
punkt. Ich kann in meinem Tempo lernen.“                         Empfang, Erstkontakt, Infrastruktur, Erreichbarkeit des                                                                            ben unterschiedliche Abläufe und Prozesse. Nicht nur die
                                                               Angebotes, Räume. Diese Dinge prägen maßgeblich das                    Eine zentrale Rolle in der Außenwahrnehmung spielen           Infrastrukturen der Anbieter sind höchst unterschiedlich,
Die Macht der Empfehlung                                       Bild, das KundInnen von uns haben. Im Bereich Basisbil-              die angebotenen Leistungen. Die Qualität der Angebote           auch das Design des Angebotes und das Ansprechen ein-
  Menschen mit Bedarf Basisbildung überlegen oft sehr          dung ist der Erstkontakt mit den potenziellen Teilnehmer-            entscheidet maßgeblich darüber, ob die TeilnehmerInnen,         zelner Zielgruppensegmente sind unterschiedlich. Die An-
lange, ob sie ein Kursangebot annehmen. Schließlich be-        Innen ein sehr sensibler und entscheidender Punkt. Sehr              die FördergeberInnen, die PartnerInnen und die Öffent-          sprüche an die Flexibilität der Organisation und das im
steht die Gefahr, dass sie ihr Defizit nicht länger geheim-    oft steht vor dem ersten Telefonanruf, dem ersten Fragen             lichkeit gewonnen werden können. Sind die Leistungen            Basisbildungsbereich unbedingt notwendige individuelle,
halten können. Sie sind besonders unsicher, weil es gilt,      oder der ersten Beratung ein langer (oft jahrelanger!) Pro-          flexibel und auf die Ansprüche der verschiedenen Beteilig-      teilnehmerInnenzentrierte Angebot stehen oft im Wider-
Hemmschwellen zu überwinden. Ein sehr starkes Argu-            zess des Überlegens. Künftige TeilnehmerInnen verstecken             ten abgestimmt, werden sie erfolgreich angenommen. Um           spruch zu den in anderen Bereichen üblichen Vorgehens-
ment für die Teilnahme an einer Maßnahme ist die Emp-          in der Regel ihre Bildungsdefizite aus Angst vor Stigmatisie-        die Qualität Leistungen sicherzustellen, werden die An-         weisen. Die Herausforderung für ein erfolgreiches Basis-
fehlung durch eine Person, der man vertraut. Im Bildungs-      rung, sie bauen sich Helfersysteme (PartnerInnen, Freun-             sprüche und Bedarfe der TeilnehmerInnen evaluiert. Kurs-        bildungsangebot wird sein, die sonst üblichen Abläufe und
bereich hat deshalb das Empfehlungsmarketing eine sehr         dInnen, Familie ...) auf, nur um nicht enttarnt zu werden.           orte, Kurszeiten und Kursräume sind auf die Bedarfe abge-       Prozesse der eigenen Organisationen so zu verändern, dass
wichtige Bedeutung, kaum ein Bildungsangebot wird ohne         Wenn eine Person sich nun entschließt, den ersten Schritt            stimmt. Die in der Basisbildung notwendige Möglichkeit          ausgehend von den Ansprüchen und Bedarfen der Teilneh-
vorherige Einholung von Referenzen im eigenen Bekann-          zu tun, wäre es fatal, diese Person nicht rasch, kompetent           der Einzelberatung zu Beginn und auch während der Un-           merInnen ein maßgeschneidertes Angebot entwickelt wird.
tenkreis gebucht. Empfehlungsmarketing besteht aus zwei        und einfühlsam zu beraten. Im ersten Schritt soll Vertrauen          terrichtsphasen ist ebenso gewährleistet wie die Möglich-
Elementen:                                                     aufgebaut und müssen Berührungsängste abgebaut wer-                  keit, in unterschiedlichen Gruppensettings zu arbeiten.           Eine starke Rolle im Zugang zu den Zielgruppen spielen
 •	 Die Steuerung von Empfehlungen und die                     den. Eine entspannte Atmosphäre, ruhige Beratungsräume               Unterschiedlichen Zielgruppensegmenten wird Rechnung            die Medien. Eine positive, wertschätzende Berichterstat-
    Vermeidung negativer Mundpropaganda.                       und ein gemeinsames Erarbeiten von Zielen geben Sicher-              getragen, wie zum Beispiel besondere Angebote für allein-       tung baut Hemmschwellen ab und wirkt motivierend auf
                                                               heit. Für viele ist die Einstiegsberatung überhaupt der erste        erziehende Eltern, Jugendliche bei der Arbeitssuche oder        zukünftige KundInnen. Die Darstellung von Menschen mit
 •	 Das Herstellen persönlicher und vertrauensvoller           Schritt in eine Fortbildung im Erwachsenenalter. Teilneh-            Menschen, die in zweiter oder dritter Generation in Öster-      fehlender Basisbildung zeigt oft das Bild einer bedürftigen
    Beziehungen zu Kunden, Meinungsführern und
                                                               merInnenzentrierte Kursangebote, Eingehen auf Wünsche                reich leben.                                                    Person, die sich mehr recht als schlecht durchs Leben mo-
    Kooperationspartnern (vgl. Friedrich, 2004, S. 16).
                                                               und Bedürfnisse der TeilnehmerInnen sowie Einzelbera-                                                                                gelt. Dieses Bild trägt zur weiteren Stigmatisierung bei und
  Gelingt es einer Einrichtung, über ihre Bildungsange-        tung in der Anfangsphase sind wesentliche Erfolgsfakto-                Ein weiterer entscheidender Teil des Erscheinungsbildes       wirkt abschreckend. Ein positiv motivierendes Bild wäre:
bote neue interessante soziale Kontakte zu vermitteln, so      ren. Diese hohe Qualität hilft auch bei der Suche nach Part-         wird geprägt durch die Einstellungen der MitarbeiterInnen,      Die sich verändernde Welt und die neuen Anforderungen
stellt dies beispielsweise einen relevanten Zusatznutzen für   nerInnen, FördergeberInnen und MultiplikatorInnen. Wer               TrainerInnen und ProgrammgestalterInnen. Um ein klar            an das Individuum gelten für uns alle, sie sind kein Spezifi-
KundInnen dar. „Einen begeisterten Kunden, der unaufge-        möchte nicht bei einem besonderen, Erfolg versprechen-               erkennbares, professionelles und somit positives Bild nach      kum einer stigmatisierten Gruppe. Durch das Aufholen von
fordert Mundpropaganda für Sie betreibt, bekommen Sie,         den und speziell auf unser Umfeld abgestimmten Angebot               außen zu senden, ist es wichtig, dass alle Beteiligten inner-   Basisbildung können Menschen diesen geänderten Anfor-
wenn Sie mehr bringen, als er erwartet hat. So einfach ist     dabei sein?                                                          halb der Organisation die Leitlinien und Missionen des Un-      derungen gerecht werden.
das.“ (Friedrich, 2004, S. 55)                                                                                                      ternehmens annehmen und leben. Hier spielt vor allem
                                                                 Die in der nachfolgenden Tabelle dargestellten acht Qua-           die Vielfältigkeit in den Fachkompetenzen des Teams eine         Die Präsentationen der Leistungen und der Organisation
Menschen in sensiblen Lebensphasen sind                        litätsbereiche sollen regelmäßig daraufhin untersucht wer-           große Rolle. SpezialistInnen für verschiedene Bereiche der      spielen eine Rolle in der Außensicht. Für die Basisbildung
besser motivierbar (Ehetreiber, 2006, S. 10)                   den, welches Bild sie nach außen vermitteln bzw. vermit-             Basisbildung (Didaktik/Methodik des Unterrichts, Teilneh-       gilt wieder: Die Verwendung einer nicht diskriminierenden
  TeilnehmerInnen, die sich in Übergängen in ihren Biogra-     teln sollen:                                                         merInnenakquisition, Verhandlungen mit FördergeberIn-           Sprache ist ein Schlüsselfaktor. Positives Bildmaterial, das
fien befinden, sind bildungs- und lernwilliger, daher also      Leitlinien            Prinzipien, Philosophie, Menschenbild
                                                                                                                                    nen, Pflege oder Aufbau von Netzwerken, Öffentlichkeits-        die Erreichung von Zielen symbolisiert, wirkt motivierend
einfacher ansprechbar. Solche Übergänge sind z.B. berufli-                                                                          arbeit ...) transportieren dieses professionelle Bild.          auf die Zielgruppe.
                                                                Leistungen            Produkte, Service, Preis
che Neuorientierungen, Wechsel des Wohnsitzes, Schulein-
                                                                Personen              Einstellungen, Kompetenzen, Auftreten
tritt, Trennungen oder das Entwachsen der eigenen Kinder                                                                              Die Kultur der Zusammenarbeit innerhalb der Organisa-           Netzwerke spielen erwiesenermaßen eine zentrale Rolle
                                                                                      Gemeinsame Ziele, Kommunikation,
oder Migration. Beispiel Familienlernen: Das Bemühen um                                                                             tion wird sehr stark von außen wahrgenommen. Die Kom-           in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Darstellung nach
                                                                Kultur                Kooperation
die gute Beziehung zum Kind wird für die Eltern im Vorder-                                                                          munikation nach innen und außen ist ein wesentlicher Pa-        außen. Besonders Netzwerke haben verschiedene Funkti-
                                                                Organisation          Strukturen, Abläufe, Mittel/Methoden
grund stehen. Wie wir aus den Fokusgruppen gelernt ha-                                                                              rameter für den Umgang mit KundInnen. Regelmäßige               onen, über die Klarheit bestehen muss.
                                                                PR                    Marktbeziehung, öffentliche Rolle, Auftritt
ben, gibt es hier einen sehr guten Anknüpfungspunkt zu                                                                              Teamsitzungen, Intervision, Supervision, der Besuch von
den TeilnehmerInnen: der Schuleintritt des Kindes. Dies         Präsentation          Design, Events, Medien                        Weiterbildungen oder der Austausch mit ExpertInnen aus
ist eine sensible Phase, in der Eltern eine besonders starke    Partner               Netzwerke, Kontakte, Einrichtungen            anderen Institutionen ermöglichen ein permanentes Ar-
Motivation haben, gemeinsam mit dem Kind Versäumtes            Tabelle 1: Das Erscheinungsbild (vgl. Kapfer, 2005, S 38)




Seite 38                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.             Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                              Seite 39
MENSCHEN I Berndl I Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung

Marketing dient dem Menschen                                    Literatur
  Die Menschen innerhalb der Organisation gestalten und
                                                                 Kotler, P. / Armstrong, G. / Saunders, J. / Wong, V.
prägen die Bilder, die nach außen wandern. Wenn also von
                                                                   (2007), Grundlagen des Marketing. München:
strategischer Planung gesprochen wird, ist es unerlässlich,        Pearson Studium, 4. aktualisierte Aufl.
die handelnden Personen (von den TrainerInnen über die
ProgrammgestalterInnen bis zu Menschen aus der Orga-             Kapfer, L. (2005), Handbuch
nisation, die in anderen Bereichen arbeiten) in Planungs-          Marketing. Graz: Gupe
prozesse miteinzubeziehen. Gemeinsame Ziele, Visionen,           Friedrich, K. (2004), Empfehlungsmarketing.
Leitlinien und Einstellungen sollten auch außen wahrge-            Neukunden gewinnen zum Nulltarif.
nommen werden. Im Mittelpunkt der Überlegungen ste-                Offenbach: Gabal, 4. völlig überarbeitete
hen immer die Menschen, für die eine Maßnahme ent-                 und aktualisierte Aufl.
wickelt wird. Gerade Personen mit geringer Basisbildung          Ehetreiber, C. / Kapfer, L. / Veigel, B. (2006),
haben oft noch keine positiven Bildungserfahrungen sam-            Durchführung von Fokusgruppen für die



                                                                                                                          BILDUNG
meln können, viele haben sich jahrelang versteckt, um              Entwicklung von Kommunikationsstrategien
nicht entdeckt zu werden. Die Menschen überlegen lange,            zum Thema „Alphabetisierung und
bis sie den ersten Schritt tun. Für sie das beste und am bes-      Grundbildung“ im Rahmen des Moduls
                                                                   3 der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft
ten erreichbare Angebot bereitzustellen, ist der Sinn von
                                                                   In.Bewegung. Endbericht. Graz
Marketing in der Basisbildung.


                                                                                                                          Konrad Paul Liessmann
 Der Autor                                                                                                                Mari Steindl Werner
 Alfred Berndl
 Alfred Berndl ist Koordinator des Teilprojektes Agents                                                                   Lenz Gudrun Biffl Peter
 of Change und Mitarbeiter der Gesamtkoordination bei
 In.Bewegung sowie Koordinator der Angebotsentwick-
                                                                                                                          Schlögl Peter Stoppacher
                                                                                                                          Norbert Holzer Otto Rath
 lung im Projekt Basisbildung Oberes Murtal.
 ISOP GmbH
 www.isop.at
 alfred.berndl@isop.at




Seite 40                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Seite 41
BILDUNG I Liessmann I Stätten der Lebensnot?                                                                                                                                                                             Stätten der Lebensnot? I Liessmann I BILDUNG



                                                                                                                                                     wenn auch nicht alleiniges – Kriterium für die Qualität von    unangemessen. “Halbbildung” hatte dies Theodor W. Ad-
                                                                                                                                                     Bildungseinrichtungen fungiert dann auch folgerichtig die      orno genannt.2 Fraglich aber bleibt, ob im Gegenzug Bil-
                                                                                                                                                     Nähe zum Arbeitsmarkt. Die Nützlichkeit erworbenen Wis-        dung tatsächlich auf Lebensnähe, Praxisrelevanz und eine
                                                                                                                                                     sens und angeeigneter Kompetenzen für berufliche Kar-          am Kriterium des ökonomischen Nutzens orientierte Aus-
                                                                                                                                                     rieren einerseits und für die Erfordernisse einer dynami-      bildung reduziert werden kann. Das Problem beginnt
                                                                                                                                                     schen globalisierten Wirtschaft andererseits werden zum        schon damit, daß der Begriff des “Nutzens” selbst höchst
                                                                                                                                                     entscheidenden Gesichtspunkt, an dem sich letztlich die        vage ist und oft nicht mehr als divergierende gesellschaft-
                                                                                                                                                     Lehrpläne von Volksschulen ebenso zu orientieren haben         liche Interessen beschreibt, die sich zudem rasch ändern.
                                                                                                                                                     wir die Curricula universitärer Studiengänge. Man spricht      Abgesehen davon hatte Bildung aus guten Gründen immer
                                                                                                                                                     zwar noch von “Bildung”, meint aber in aller Regel eine an     eine bestimmt Distanz zum Leben zur Voraussetzung. Oder,
                                                                                                                                                     den Erfordernissen der Ökonomie orientierte, effizient und     um es mit den Worten des mittlerweile vergessenen Bil-
                                                                                                                                                     kostengünstig gestaltete “maßgeschneiderte” Qualifizie-        dungsphilosophen H. J. Heydorn zu sagen: “Wäre Bildung
                                                                                                                                                     rung von Menschen, also ihre “Ausbildung”.                     Leben im Sinne des unmittelbaren Lebensvorganges, so
                                                                                                                                                                                                                    könnte sie dem Leben überlassen bleiben.”3 Bildung, wie
                                                                                                                                                       Dieser Prozeß läßt sich an zahlreichen Indizien ablesen.     immer man sie inhaltlich auch genauer bestimmen wollte,
                                                                                                                                                     Die große Bedeutung, die Lebensnähe, Praxisorientierung        hatte in den klassischen Konzeptionen aus guten Gründen
                                                                                                                                                     und Verwertbarkeit in unterschiedlicher Ausprägung auf         mit Freiheit und Muße, mit Konzentration und Kontempla-
                                                                                                                                                     allen Ebenen gewonnen haben, spricht eine ebenso deut-         tion, mit Distanz und Spiel zu tun. Dort, wo schon an den
Konrad Paul Liessmann                                                                                                                                liche Sprache wie die Verdrängung von Inhalten und Diszi-      Organisationsformen von Bildungsinstitutionen abzulesen
Professor für Philosophie an der Universität Wien                                                                                                    plinen, die dem Verdacht ausgesetzt sind, nur totes, nutzlo-   ist, daß es nur noch um Wettbewerb und Erfolg, um Effizi-
konrad.liessmann@univie.ac.at                                                                                                                        ses oder bestenfalls luxuriöses Wissen zu vermitteln. In der   enz und Praktikabilität geht, handelt es sich, nach den Wor-
                                                                                                                                                     Rede von den “Orchideenfächern” schlägt sich dies ebenso       ten von Friedrich Nietzsche, offenbar um keine Stätten der
                                                                                                                                                     nieder wie in den Lehr- und Studienplänen, die perma-          Bildung, sondern um “Stätten der Lebensnot”.
                                                                                                                                                     nent in Hinblick auf die Vermittlung wirklich brauchba-
                                                                                                                                                     rer Kenntnisse und Fähigkeiten durchforstet und deshalb          Stätten der Lebensnot also. Dazu einige Anmerkungen.
                                                                                                                                                     ständig umgestaltet werden müssen. Alte Sprachen, die          Im Jahre 1872 hatte der junge Friedrich Nietzsche, soeben
                                                                                                                                                     Künste, Literatur, aber auch Mathematik und Geschichte         als Professor für alte Sprachen an die Universität Basel be-
                                                                                                                                                     sowie die Grundlagen- und Geisteswissenschaften sehen          rufen, in mehreren öffentlichen Vorträgen Über die Zu-

Stätten der Lebensnot?
                                                                                                                                                     sich so ständig unter dem Damoklesschwert nicht einlös-        kunft unserer Bildungsanstalten räsoniert. In diesen Refle-
                                                                                                                                                     barer Nützlichkeitserwartungen. Nur in Verbindung mit          xionen, denen Nietzsche die etwas konstruierte literarische
                                                                                                                                                     dem Versprechen auf Anwendung ist deren Existenz zu si-        Form eines belauschten Dialogs zwischen einem Philoso-
Über die Gegenwart unserer Bildungsanstalten                                                                                                         chern, und so mutiert die Literatur – zur Medienwissen-
                                                                                                                                                     schaft und die Theologie zu einem Kompetenzzentrum
                                                                                                                                                                                                                    phen und seinem hitzigen Schüler gegeben hatte, kons-
                                                                                                                                                                                                                    tatierte der junge Altphilologe eine unendliche Differenz
                                                                                                                                                     für pastorale Dienstleistungen. Aber auch die Konzeption,      zwischen den Anmaßungen, denen sich eine humanisti-
  Als Friedrich Nietzsche in seiner Baseler Zeit über Bil-      unter anderem Vorurteile, Diskriminierungen, Arbeitslo-                              Schule als Lebensraum zu deuten und jeden Bildungsgang         sche Schule mehr oder weniger freiwillig aussetzte und ih-
dung sprach, gab er diesen Vorträgen den Titel “Über die        sigkeit, Hunger, Aids, Inhumanität und Völkermord ver-                               eher als interdisziplinäres, praxisnahes Projekt, denn als     rer, daran gemessen, oft nur allzu erbärmlichen Realität.
Zukunft unserer Bildungsanstalten.” Zukunft ist ein offener     hindert, die Herausforderungen der Zukunft bewältigt und                             disziplinierten, geistigen Aneignungsprozeß zu initiieren      Dem Anspruch nach, so Nietzsche, will die höhere Schule
Begriff, und es wäre verführerisch, diesen so zu bestimmen,     nebenbei auch noch Kinder glücklich und Erwachsene be-                               und zu organisieren, zollt diesem Anspruch ihren Tribut.       ja wirklich “Bildung” vermitteln, gar “klassische Bildung”,
daß man Nietzsches Zukunft als unsere Gegenwart begreift.       schäftigungsfähig gemacht werden sollen. Gerade weil dies                            Daß nun in jedem Curriculum mit großem rhetorischen            in der Realität aber sah die Sache für den jungen Philolo-
Der von Nietzsche schon damals konstatierte und extrapo-        alles nicht geht, wurde und wird in kaum einem Bereich so-                           Aufwand die arbeitsmarkttauglichen Qualifikationen auf-        gen anders aus: “Das Gymnasium [erzieht] nach seiner ur-
lierte Gegensatz zwischen den Notwendigkeiten von praxi-        viel gelogen wie in der Bildungspolitik.1                                            gezählt werden müssen, die ein Mensch nach dem Durch-          sprünglichen Formation nicht für die Bildung, sondern für
sorientierten Ausbildungsprozessen und der Idee der Bil-                                                                                             laufen eines Bildungsangebotes angeblich oder wirklich         die Gelehrsamkeit und [es nimmt] neuerdings die Wen-
dung könnte dann auch als jene Dichotomie beschrieben             Ist heute von Bildung die Rede, dann denkt deshalb auch                            erwirbt, stellt in diesen Zusammenhang eine logische Kon-      dung, als ob es nicht einmal mehr für die Gelehrsamkeit,
werden, an der sich allemal die Frage nach dem Stellenwert      fast niemand mehr an die neuhumanistischen Ideale, die                               sequenz dar, die zudem den Vorteil hat, daß man sich über      sondern für die Journalistik erziehn wolle.”4 Was Nietzsche
von Bildung entscheidet.                                        mit diesem, im deutschen Sprachraum erst seit dem spä-                               Bildungsinhalte kaum mehr den Kopf zerbrechen muß, da          befürchtete, ist natürlich längst eingetreten: Das Gymna-
                                                                ten 18. Jahrhundert gebräuchlichen Begriff einstens asso-                            diese durch das, was – angeblich – gerade gebraucht wird,      sium erzieht mittlerweile nicht nur zur Journalistik, son-
  Natürlich: Über Bildung wird nach wie vor gerne und viel      ziiert waren. Im gegenwärtigen Diskurs fungiert “Bildung”                            vorgegeben werden.                                             dern auch mit Hilfe der Journalistik. Medien im Unterricht
gesprochen. In keinen Bereich des Lebens wurde seit der         eher als Sammelbegriff für all jene Lern- und Trainingspro-                                                                                         heißt das dann.
Entwicklung moderner Gesellschaften soviel Hoffnung ge-         zesse, denen sich die Menschen unterziehen müssen, um                                  Nun wäre es Unsinn zu leugnen, daß Ausbildungspro-
setzt wie in den der Bildung. Bildungsgipfel und Bildung-       im Kampf um die knapper und anspruchsvoller werden-                                  zesse und eine breite Palette von Ausbildungsmöglichkei-        Allerdings: Das war von Nietzsche keine Anklage, son-
soffensiven lösen einander ab, Bildungsreformen und Bil-        den Arbeitsplätze mithalten zu können. Die Wettbewerbs-                              ten für eine moderne Gesellschaft von allergrößter Bedeu-      dern ein Befund. Das Humboldtsche Gymnasium verfehlte
dungsdiskussionen bestimmen das öffentliche Leben, und          rhetorik spielt deshalb im Bildungsdiskurs mittlerweile                              tung sind. Ebenso scheint klar, daß eine Bildungsidee, die     schlicht sein Ziel, weil dieses unerreichbar schien: “Eine
die bildungsfernen Schichten bereiten den gebildeten Eli-       eine entscheidende Rolle, wie die Individuen stehen auch                             sich in einem kulturell verhärteten Wissen erschöpft, das      wahrhaft ‘klassische Bildung’ ist etwas so unerhört Schwe-
ten große Sorgen. Bildung war und ist nämlich das Vehikel,      die Bildungsinstitutionen in einem Konkurrenzverhältnis,                             bestenfalls einmal dazu taugte, die gesellschaftliche Stel-    res und Seltenes und fordert eine so complizirte Begabung,
mit dem Unterschichten, benachteiligte Frauen, Migran-          das durch künstliche Maßnahmen wie periodische Tests,                                lung von Eliten symbolisch zu codieren, mit Fug und Recht
                                                                                                                                                                                                                    2 Theodor w. Adorno: Theorie der Halbbildung. Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt/
ten, Außenseiter, Behinderte und unterdrückte Minder-           Evaluationen und Rankings noch verschärft wird. Als ein –                            obsolet genannt werden kann. Das Bildungswissen des Bil-       Main 1980, S. 93ff.
heiten emanzipiert und integriert werden sollen, Bildung                                                                                             dungsbürgers, das sich im Nachbeten eines Kanons und           3 Heinz Joachim Heydorn: Zur Aktualität der klassischen Bildung. In: Bildungstheoreti-
                                                                                                                                                                                                                    sche Schriften Bd. 1, Frankfurt/Main 1980, S. 308
gilt als begehrte Ressource im Kampf um die Standorte der       1 Zum selbstillusionierenden Vokabular der Bildungsbranche vgl. Agnieszka Dzierz-    in einem unausgewiesenen Zitatenschatz erschöpfte, war
                                                                bicka/Alfred Schirlbauer (Hg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart. Von Autonomie                                                                  4 Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio Colli
Informationsgesellschaft, Bildung ist das Mittel, mit dem       bis Wissensmanagement. Wien 2006                                                     nicht nur unnütz, sondern seiner eigenen Idee gegenüber        und Mazzino Montinari (KSA), München 1980, Bd. 1, S. 677




Seite 42                                            Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                            Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                   Seite 43
BILDUNG I Liessmann I Stätten der Lebensnot?                                                                                                                                                                                         Stätten der Lebensnot? I Liessmann I BILDUNG



daß es nur der Naivetät oder der Unverschämtheit vorbe-          zerfallende Familien, letzter Ort emotionaler Kommunika-         einen physischen Ekel zu empfinden, so gebt es nur auf,                                        in der Schule und nur in der Schule geübt werden. Heute
halten ist, diese als erreichbares Ziel des Gymnasiums zu        tion, mehr oder weniger hilflose Agenten der sozialen, poli-     nach Bildung zu streben...”10                                                                  pflegt man aus diesem Befund den gegenteiligen Schluß
versprechen.”5 Von Allgemeinbildung, Bildung überhaupt           tischen und psychischen Erziehung, Drogen- und Aidspro-                                                                                                         zu ziehen: Was nicht immer schon der Praxis verschwistert
läßt sich mittlerweile ähnliches sagen. Und eine Mischung        phylaxeinstitution, erster Therapieplatz und vor allem: Sie         Der physische Ekel vor der journalistischen Sprache:                                        und durch diese abgeschliffen ist, braucht erst gar nicht ge-
aus Naivität und Unverschämtheit kennzeichnet nach wie           sind eine Problemlösungsanstalt für die ungelösten Fragen        Welcher Pädagoge wagte es noch, dies als das erste Bil-                                        lernt zu werden. Daher auch das Mißtrauen gegenüber Fä-
vor jeden allgemeinen Bildungsanspruch. Das eigentlich           der Erwachsenenwelt, von der Umweltverschmutzung bis              dungsziel des Deutschunterrichts, ja der höheren Bil-                                         chern, in denen Formen des Denkens oft spielerisch erfah-
Verstörende an Nietzsche war und ist schlicht die Behaup-        zu den Kriegen, von der Integration der Migranten bis zum         dungsanstalten überhaupt zu formulieren? Sprache im                                           ren und geübt werden können, die keinen unmittelbaren
tung, daß Bildung schlechthin an Individuation gebun-            Kampf der Kulturen, vom Elend der Dritten Welt bis zur Zu-        Sinne Nietzsches ernst zu nehmen bedeutete überdies                                           Bezug zu einer Praxis haben: Alte Sprachen, Philosophie,
den und schlechterdings nicht verallgemeinerungsfähig            kunft der Europäischen Union. Man kann sich manchmal              nicht nur, sie in ihrer syntaktischen Differenziertheit und                                   Mathematik, klassische Literaturen, Kunst und Musik. Alle
ist. Wird dies dennoch versucht, so sind für Nietzsche die       des Eindrucks nicht erwehren, daß eine Reihe der Prob-            semantischen Ausdrucksbreite zu beherrschen, sondern                                          Versuche, diesen Fächern ihre Legitimität zu bewahren, in-
unausweichlichen Konsequenzen klar: “Die allergemeinste          leme, die die Erwachsenen nicht lösen können oder lösen           auch den Respekt vor ihrer Geschichte, die Achtung ih-                                        dem auf deren Nützlichkeit für das anstrengende Leben in
Bildung ist eben die Barbarei.”6 Wie wenige hat Nietzsche        wollen, den Schulen überantwortet wird. Nichts ist verrä-         rer gewordenen Struktur, die auch und gerade deshalb ein                                      der Wettbewerbsgesellschaft verwiesen wird, mögen be-
die Hände in die Wunde der Idee der Allgemeinbildung ge-         terischer als der Satz: Damit muß man in der Schule begin-        getreuliches Spiegelbild der Entwicklung einer Kultur ist                                     müht sein, sind letztlich aber nur peinlich.
legt. Sofern es dieser um das Individuum und seine Entfal-       nen. Dahinter steckt der Glaube, daß den Schulen nahezu           und deren Höhen ebenso aufbewahrt wie deren Tiefen.
tung geht, läßt sie sich schlechterdings nicht verallgemei-      überirdische Kompetenzen als Problem- und Konfliktlö-             Das konnte und kann natürlich nie bedeuten, die Sprache                                          Was darüber hinaus bei einer Reduktion von Bildung auf
nern. Dort, wo sie tatsächlich zu einer allgemeinen Bildung      sungsanstalten zugeschrieben werden können. Soviel zum            auf einem Entwicklungsstand einfrieren zu wollen – Nietz-                                      Ausbildung verloren gehen könnte, wird klar, wenn man
wird, muß sie sich dem einzelnen und seinen Möglichkei-          angeblichen realitätsorientierten Pragmatismus der Bil-           sche, selbst ein Sprachschöpfer von Rang, wäre solches                                         sich an der Bestimmung der Differenz von Bildung und
ten gegenüber gemein verhalten. Kein höheres Bildungs-           dungspolitik. Das bedeutet aber auch: Alles müssen Schu-          nie in den Sinn gekommen. Das kann aber auch nicht be-                                         Ausbildung orientiert, wie sie Peter Bieri vorgeschlagen hat:
wesen, das von diesem Widerspruch frei geblieben wäre.           len heute sein, nur eines dürfen sie nicht mehr sein: Schule!     deuten, die Ausdrucks- und Differenzierungsmöglichkei-                                        “Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich ma-
                                                                                                                                   ten der Sprache jedem beliebigen Modernismus und jeder                                         chen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bil-
  Das alles bedeutet natürlich nicht, daß es nicht Stätten         Stätten der Bildung waren für Nietzsche nämlich der Ge-         zeitgeistigen Reformattitüde zu opfern, wie fortschritt-                                       den kann sich jeder nur selbst. Das ist kein bloßes Wort-
der Ausbildung geben kann, ja geben muß, in denen Men-           gensatz zu Anstalten der Lebensnot. Orte, die nicht von           lich und globalisiert sich diese auch immer geben mag. In                                      spiel. Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als
schen auf Berufe, auf mehr oder weniger stereotype Hand-         den Dürftigkeiten und Bedürftigkeiten des Lebens und den          zeitgemäßer Fassung, ohne Nietzsches schneidende Pole-                                         ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir
lungs- und Arbeitsabläufe vorbereitet und in sozialen und        Sachzwängen der Politik und Ökonomie geprägt sind, son-           mik, ließe sich dieser Gedanke mit den Worten des Ber-                                         mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bil-
kommunikativen Kompetenzen ausgebildet werden müs-               dern Orte der Freiheit, und dies deshalb, weil diejenigen,        liner Philosophen Peter Bieri auch wie folgt formulieren:                                      den, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben da-
sen. Das wußte natürlich schon Nietzsche: “Ich für meinen        die sich dort als Lehrende und Lernende befinden, frei vom       “Überhaupt ist der Gebildete einer, der vor bestimmten                                          nach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.”
Theil kenne nur einen wahren Gegensatz, Anstalten der Bil-       Zwang zur Nützlichkeit, zur Praxisrelevanz, zur Lebens-           Dingen Ekel empfindet: vor der Verlogenheit von Werbung                                        Im Gegensatz zu vielen sieht Bieri dann auch kein Problem
dung und Anstalten der Lebensnoth: zu der zweiten Gat-           nähe, zur Aktualität sein sollten. Mit einem Wort: Es waren       und Wahlkampf; vor Phrasen, Klischees und allen Formen                                         darin, die wesentlichen Dimensionen von Bildung auch
tung gehören alle vorhandenen, von der ersten aber rede          die Orte der Muße. Damit hatte Nietzsche der Schule nur           der Unaufrichtigkeit; vor den Euphemismen und der zy-                                          inhaltlich zu bestimmen: Selbstorientierung, Aufklärung,
ich.”7 Das meint allerdings nicht, daß der junge Nietzsche       ihren ursprünglichen Wortsinn zurückgegeben. Schule läßt          nischen Informationspolitik des Militärs; vor allen For-                                       historisches Bewußtsein, Artikuliertheit, Selbstbestim-
diese Stätten der Lebensnot gering geschätzt hätte. “Glaubt      sich über das lateinische schola auf das griechische scholé       men der Wichtigtuerei und des Mitläufertums, wie man                                           mung, moralische Sensibilität und poetische Erfahrung
also ja nicht, meine Freunde, daß ich unseren Realschulen        zurückführen und meinte ursprünglich ein “Innehalten in           sie auch in den Zeitungen des Bürgertums findet, die sich                                      gelten ihm als jene Faktoren, an denen sich die Bildungs-
und höheren Bürgerschulen ihr Lob verkümmern will: ich           der Arbeit”. Die Weisheit der Sprache ist oft eine größere als    für den Ort der Bildung halten.”11                                                             prozesse von Menschen orientieren sollten. Bildung ist so
ehre die Stätten, an denen man ordentlich rechnen lernt,         es sich unsere sprachvergessene Kultur träumen läßt: Eine                                                                                                        nicht denkbar ohne Neugier, ohne Leidenschaft, ohne Re-
wo man sich der Verkehrssprachen bemächtigt, die Geo-            Schule, die aufgehört hat, ein Ort der Muße, der Konzentra-       Und das Denken? Nietzsche konnte in Menschliches, All-                                         flexion und Selbstreflexion, ohne Wertung und Bewertung,
graphie ernst nimmt und sich mit den erstaunlichen Er-           tion, der Kontemplation zu sein, hat aufgehört eine Schule       zumenschliches noch ebenso schlicht wie aufreizend                                              ohne das Wagnis, sich durch das, was man im Bildungspro-
kenntnissen der Naturwissenschaft bewaffnet.”8 Man achte         zu sein. Sie ist in der Tat auch in einem sehr unmittelbar er-   schreiben: “Die Schule hat keine wichtigere Aufgabe, als                                        zeß erfährt, verändern zu lassen. Ausbildung hingegen ori-
auf die Verben: lernen, bemächtigen, ernst nehmen, be-           fahrbaren Sinn eine Stätte der Lebensnot geworden. Und in        strenges Denken, vorsichtiges Urtheilen, consequentes                                           entiert sich an operationalisierbaren Kenntnissen und Fä-
waffnen! Diese Schulen, die zu Recht an den Erfordernis-         dieser dominieren dann die Projekte und Praktika, die Er-        Schliessen zu lehren: desshalb hat sie von allen Dingen                                         higkeiten, die nicht in Hinblick auf ihr bildendes Potential,
sen und Bedürfnissen des praktischen Lebens orientiert           fahrungen und Vernetzungen, die Exkursionen und Aus-             abzusehen, die nicht für diese Operationen tauglich sind,                                       sondern in Hinblick auf die Einsetzbarkeit des Menschen
und am Nutzen für dieses Leben und seinen Kämpfen ge-            flüge. Zeit zum Denken gibt es nicht.                            zum Beispiel von der Religion. Sie kann ja darauf rechnen,                                      für verschiedene Zwecke vermittelt und geübt werden.
messen werden können, sind eben keine Bildungsanstal-                                                                             daß menschliche Unklarheit, Gewöhnung und Bedürfniss
ten im eigentlichen Sinn des Wortes, sondern Stätten der            Im Zentrum einer kontemplativ orientierten Schule aber        später doch wieder den Bogen des allzustraffen Denkens                                           Das Interesse an anderen Kulturen, an Sprachen, Werthal-
Ausbildung, des Trainings, des Erwerbs von durchaus wich-         stehen für Nietzsche nicht Inhalte, sondern – darin ist er      abspannen.”12 Abgesehen von der Invektive gegen die Reli-                                      tungen, Religionen und Lebensweisen wird unter einem
tigen und lebensdienlichen Kompetenzen. Nietzsche for-            ganz modern – zwei Vermögen, heute Kompetenzen ge-              gion, in der Nietzsche natürlich recht hat – als Glaube ist die                                Bildungsanspruch zum Beispiel nicht nur aus einem “not-
derte deshalb auch nicht, daß generell Schulen zu höheren         nannt: Sprechen und Denken. Und hier lagen für ihn auch         Religion keine Sache des Denkens, deshalb kann es in einer                                     wendigen” strategischen Kalkül gespeist werden – weil man
Bildungsanstalten werden oder deren Aufgaben überneh-             die Defizite der sogenannten Bildungsstätten seiner Zeit:       wirklichen Bildungsstätte nur eine religionswissenschaftli-                                    etwa mit den Angehörigen einer anderen Kultur Geschäfte
men sollten. Er beklagt lediglich, daß solche Stätten der Bil-   “In Summa: das Gymnasium versäumt bis jetzt das aller-           che Propädeutik, die in alle großen religiösen Systeme ein-                                    machen will –, sondern auch das eigene Weltbild verän-
dung nicht (mehr) existierten                                     erste und nächste Objekt, an dem die wahre Bildung be-          führt, geben, aber keinen konfessionell gebundenen Reli-                                       dern und den eigenen Standpunkt relativieren. Vorausset-
                                                                  ginnt, die Muttersprache: damit fehlt ihm der natürliche        gionsunterricht -, zeigt sich in diesen Überlegungen auch                                      zung aller Bildung ist so in der Tat eine Neugier auf das, was
  Stätten der Lebensnot sind mittlerweile unsere Schu-            fruchtbare Boden für alle weiteren Bildungsbemühungen.”9        eine Menschenkenntnis, die viele angebliche Bildungsex-                                        in der Welt ist, eine Neugier, die sich weder der schon von
len aber auch in einem weit über Nietzsches Analyse hin-          Deshalb kann Nietzsche, Karl Kraus antizipierend, den           perten oft so schmerzlich vermissen lassen: Gerade weil                                        Ludwig Wittgenstein kritisierten wissenschaftlichen Sen-
ausgehenden Sinn: Die Not des Lebens zwingt sie mittler-          Gymnasien seiner Zeit höhnisch zurufen: “Nehmt eure             die Alltäglichkeit des Lebens die Genauigkeit des Denkens,                                     sationslust noch dem Eroberungs- und Verwertungsdrang
weile dazu, alles an Aufgaben anzunehmen, was durch die           Sprache ernst! ... Hier kann sich zeigen, wie hoch oder wie     die nur in der Muße, im relativ sorgenfreien Spiel gedeihen                                    ganz unterordnet. Daß Menschen von diesen Ambitionen
Gesellschaft an sie herangetragen wird: Sie sind Ersatz für       gering ihr die Kunst schätzt und wie weit ihr verwandt mit      kann, wieder abschleifen wird, kann diese guten Gewissens                                      völlig frei sein könnten, wäre in der Tat zu viel verlangt. Daß
                                                                  der Kunst seid, hier in der Behandlung unserer Mutterspra-      10 Nietzsche, KSA 1, S. 676                                                                    man die Welt aber auch unter anderen Gesichtspunkten
5 Nietzsche, KSA 1, S. 682
6 Nietzsche, KSA 1, S. 668
                                                                  che. Erlangt ihr nicht so viel von euch, vor gewissen Worten    11 Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede, gehalten an der Pädagogischen Hoch-   als den von Marktanteilen betrachten und erfahren kann –
                                                                                                                                  schule Bern am 4. November 2005. www.phbern.ch/fileadmin/Bilder_und_Dokumente/
7 Nietzsche, KSA 1, S. 717                                        und Wendungen unserer journalistischen Gewöhnungen              01_PHBern/PDF/051104_Festrede_P._Bieri.pdf, abgerufen am 7.12.2008, S. 7                       wer, der einmal etwa der Faszination des Schönen unterlag,
8 Nietzsche, KSA 1, S. 716                                       9 Nietzsche, KSA 1, S. 683                                       12 KSA 2, S. 220                                                                               wollte dies leugnen?



Seite 44                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                              Seite 45
BILDUNG I Liessmann I Stätten der Lebensnot?

  Bildung hat deshalb viel mit den ästhetischen Dimensio-      dungslosigkeit”, zumindest der Verzicht auf verbindliche
nen unseres Lebens zu tun. Vielleicht ist die “Geschmacks-     geistige Traditionen und klassische Bildungsgüter, zu einer
bildung” wirklich eines der grundlegenden Modelle für          Tugend geworden zu sein, die es dem Einzelnen ermög-
Bildungsprozesse überhaupt. Daß die Kunst und die Aus-         licht, rasch, flexibel und unbelastet von “Bildungsballast”
einandersetzung mit ihr in vielen klassischen Bildungs-        auf die sich stets ändernden Anforderungen der Märkte zu
diskursen – man denke nur an Friedrich Schiller – eine so      reagieren.
große Rolle spielten, hat unter anderem mit einer Erfah-
rung zu tun, die man paradigmatisch an Kunstwerken ma-           In dem Maße aber, in dem Bildung im humanistischen
chen kann: Daß es Dinge gibt, die um ihrer selbst willen be-   Sinne nicht als private Idiosynkrasie, sondern als notwen-
achtet, geachtet und bewundert werden können, ohne daß         dige Voraussetzung einer Gesellschaft erscheint, die sich
daraus ein anderer Nutzen als eben diese Erfahrung gezo-       an der Idee der Würde und Autonomie des Menschen ori-
gen werden könnte. Und wenn die These von Immanuel             entieren will, bleibt die Frage nach den Chancen authen-
Kant stimmt, daß die Würde des Menschen letztlich darin        tischer Bildung eine öffentliche Angelegenheit. Man muß
ihre Wurzel hat, daß jeder Mensch als vernunftbegabtes         sich aber im Klaren darüber sein, daß das Gelingen von                                              Bildung in Zahlen
Wesen sich selbst als Zweck setzen kann und deshalb auch       Bildungsprozessen weder an Standards gemessen noch                                                  70% der Ausbildner/innen von Lehrlingen halten das
den anderen Menschen nie nur als Mittel, sondern auch als      an Erfolgsquoten welcher Art auch immer überprüft wer-                                              Begründen von Rechenschritte und das Verstehen von
Zweck an sich betrachten muß, dann wird klar, welche Be-       den kann. Ob es in den Stätten der Lebensnot – andere                                               Lösungswegen für eine wichtige Kompetenz.
deutung diese ästhetische Erfahrung zweckfreier Schön-         gibt es nicht mehr – für diese Bildung zumindest noch eine                                          19% der Lehrlinge erfüllen diese Aufgabe gut/sehr gut
heit für eine humane Bildung haben muß.                        Chance gibt, läßt sich allein daran ablesen, welche Erfah-
                                                               rungsmöglichkeiten neben der sinnvollen und notwendi-                                               5,1% der Bevölkerung mit max. Pflichtschulabschluss haben innerhalb
  Der Zusammenhang zwischen Bildung und Autonomie              gen Ausbildung den Menschen zusätzlich noch eingeräumt                                              der letzten 4 Wochen an einem Kurs oder einer Schulung teilgenommen.
machte dann auch immer den eigentlichen politischen            werden. Anders formuliert: Die Qualität von Bildungsein-
                                                                                                                                                                   13,1% der Bevölkerung haben innerhalb der letzten 4 Wochen
Kern der neuhumanistischen Bildungsidee aus. Die Forde-        richtungen wäre auch danach zu beurteilen, wie viel Frei-                                           an einem Kurs oder einer Schulung teilgenommen.
rung, daß allen Menschen zumindest der Zugang zur Bil-         heit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel ästhetische
dung möglich gemacht werden müsse, hat nicht nur den           Erfahrung, wie viel Nutzloses, wie viel Schönes, ja: wie viele
                                                                                                                                                                   46,8% der Personen, deren Lesekompetenz das Niveau 1 (von 5) nicht
Gedanken zur Voraussetzung, daß man ohne bestimmte             Seitensprünge sie erlauben.
                                                                                                                                                                   übersteigt, sind in keinen politischen Organisationen, Vereinen,
Kenntnisse und Fähigkeiten im Wettbewerb nicht bestehen                                                                                                            religiösen Gruppen oder im Bereich der Freiwilligenarbeit aktiv.
kann; mindestens so wichtig ist, daß nur eine Bildungs-        (Erschienen in: Axel H. / Kartheininger M. (Hg.): Bildung
                                                                                                                                                                   15% der Personen mit maximal Pflichtschulabschluss haben
idee, die daran festhält, daß etwas um seiner selbst willen    als Mittel und Selbstzweck. Korrektive Erinnerungen wi-
                                                                                                                                                                   in den letzten 5 Jahren keinen Zahnarzt konsultiert.
geschätzt und geachtet werden kann, die Voraussetzung          der die Verengung des Bildungsbegriffs. Freiburg / Mün-
für eine wechselseitige Anerkennung in Würde ist. Ein Bil-     chen: Alber 2009 (Reihe Praktische Philosophie Bd. 38),
dungsbegriff, der auf Verfahren und Techniken von Ausbil-      S. 146 – 156)                                                                                       Weltweite Analphabetenrate 2006: 16 Prozent, dies
                                                                                                                                                                   entspricht 776 Millionen Menschen, zwei Drittel davon
dungsgängen reduziert wird, ist nicht schlechterdings in-
                                                                                                                                                                   sind Frauen. Über ein Viertel lebt in Indien.
human. Er vergißt aber, daß Menschsein mehr bedeutet,
als beschäftigungsfähig zu sein.

  Teilt man allerdings die Unterscheidung von Bildung und
Ausbildung, wie sie Peter Bieri vorschlug, so ergeben sich
daraus auch einige interessante Konsequenzen für die Or-
ganisation von Bildungsprozessen. Da wir uns nur selbst
bilden, aber von anderen ausgebildet werden können, kön-
nen, in einem strikten Sinn, nur Ausbildungsprozesse orga-
nisiert, kontrolliert und operationalisiert werden. Nur was
jemand kann, kann überprüft werden, nicht, wie jemand
in der Welt ist. In der Transformation unserer Bildungssys-
teme in effiziente Ausbildungsstätten liegt deshalb durch-
aus eine gewisse Logik. Was sich hartnäckig noch immer
Bildung nennt, orientiert sich deshalb nicht mehr an den        Der Autor
Möglichkeiten und Grenzen des Individuums zur seiner
                                                                Univ.Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann
Selbstbildung, auch nicht an den invarianten Wissens-           geb. 1953, Professor für Philosophie an der Universi-
beständen einer kulturellen Tradition, schon gar nicht          tät Wien, Vizedekan der Fakultät für Philosophie und
am Modell der Antike, sondern an externen Faktoren wie          Bildungswissenschaft der Universität Wien und wis-
Markt, Beschäftigungsfähigkeit, Standortqualität und tech-      senschaftlicher Leiter des „Philosophicum Lech“. Zu-
nologischer Entwicklung, die nun jene Standards vorgeben,       letzt sind erschienen: Theorie der Unbildung. Die Irrtü-
die der “Gebildete” erreichen soll. Unter dieser Perspek-       mer der Wissensgesellschaft (2006; TB 2008); Schönheit
tive erscheint die “Allgemeinbildung” genauso verzichtbar       (2009)
wie die “Persönlichkeitsbildung”. In einer sich rasch wan-      Institut für Philosophie der Universität Wien
delnden Welt, in der sich Qualifikationen, Kompetenzen          homepage.univie.ac.at/konrad.liessmann
und Wissensinhalte angeblich ständig ändern, scheint “Bil-      konrad.liessmann@univie.ac.at                                   Quellen: Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft, Zeitschrift für internationale Politik, Bundesamt für Statistik (Schweiz), Statistik Austria




Seite 46                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                                 Seite 47
BILDUNG I Steindl I Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht                                                                                                     Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht I Steindl I BILDUNG



                                                                                                                               grant Education wurden unter anderem die Verbesserung          Deprivation bei Haushalten mit mindestens einem auslän-
                                                                                                                               der Teilnahme und der Qualität an der Elementarbildung,        dischen Mitglied1 an und stellt fest, dass mehr als ein Vier-
                                                                                                                               die Sicherung adäquater Sprach(en)unterstützung für alle       tel dieser Haushalte aus finanziellen Gründen keinen Inter-
                                                                                                                               SchülerInnen, die Verbesserung der Lehr- und Lernset-          netanschluss haben.
                                                                                                                               tings, sowie die Einbindung von Eltern und Communitys
                                                                                                                               (www.oecd.org/edu/migration) empfohlen. Ein ganzheit-            Die Frage des Zugangs zu Wissen und respektive die Kon-
                                                                                                                               licher Blick auf die Basisbildung muss daher immer wie-        trolle des Zugangs zu Wissen werden noch ein wichtiges
                                                                                                                               der auch Versäumnisse und verpasste Einstiege in Lernpro-      Thema der Gesellschaft werden, weil in der Wissensgesell-
                                                                                                                               zesse im formalen Bereich thematisieren.                       schaft Wissen zwar als eine Form des Kapitals gesehen wird,
                                                                                                                                                                                              es aber kein Kapital im bisher bekannten Sinn darstellt. Der
                                                                                                                                Viele Studien sehen in der sozioökonomischen Lage der         wesentliche Unterschied besteht für Gorz (2004 S. 72) in
                                                                                                                               Familien die Ursachen für die Bildungsbenachteiligung von      der Tatsache, dass Wissen nicht akkumuliert, sondern ge-
                                                                                                                               Kindern und Jugendlichen (www.bildungsinformation.at/          teilt wird und erst durch die Mit-Teilung seine volle Wir-
                                                                                                                               themen/interkulturelle_eb/).                                   kung entfaltet.

                                                                                                                               … vom Zugang zu Wissen und Nichtwissen                           Ein weiterer Aspekt der Wissensgesellschaft ist der Um-
                                                                                                                                 Wir leben heute in einer sich sehr schnell verändernden      gang mit Nichtwissen, den Beck in seinen Buch Weltrisiko-
                                                                                                                               Gesellschaft, Erkenntnisse, die gestern getroffen wurden,      gesellschaft sehr ausführlich beschreibt. Beck (2008 S. 48)
Mari Steindl                                                                                                                   sind heute in den allgemeinen Kanon übergegangen. Dies         geht davon aus, dass durch die technologischen Mittel eine
                                                                                                                               gilt auch für den Begriff der Wissensgesellschaft, dessen      gemeinsame Gegenwart entsteht und die Sorge um das
Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums in Wien                                                                        Anerkennung heute allgemein gültig ist. Drucker (2001 S.       Ganze zu einer Kondition politischen Handelns wird. „Le-
mari.steindl@iz.or.at                                                                                                          2) war einer der Pioniere, die Wissen als die wichtige öko-    ben in der Weltrisikogesellschaft heißt mit unüberwind-
                                                                                                                               nomische Ressource der postkapitalistischen Gesellschaft       lichem Nichtwissen leben …“ (Beck 2008 S. 211). Obwohl
                                                                                                                               beschrieben und somit auch den Begriff der Wissensgesell-      auch Beck übersieht, dass durchaus nicht alle Menschen
                                                                                                                               schaft mitgeprägt haben. Gorz (2004 S. 22) verweist in sei-    online und vernetzt sind, erscheint das Postulat vom Um-
                                                                                                                               nem Buch „Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissen-     gang mit Nichtwisssen ein Teil der Debatte um die Wissens-
                                                                                                                               sökonomie“ auf einen Ausspruch des Personalmanagers            gesellschaft zu sein, indem die Rolle der ExpertenInnen in
                                                                                                                               von DaimlerChrysler, der das Herz der Wertschöpfung            den Hintergrund tritt und die Teilnahme aller (vgl. Beck

Vom Lernen zur Bildung und
                                                                                                                               nicht mehr in der materiellen, sondern in der immateriel-      2008 S. 228) bei der Lösung der Probleme der Gesellschaft
                                                                                                                               len Arbeit sieht. Diese Aussage ist auch deswegen bezeich-     zum Leitmotiv wird. Schneider (2006 S. 123) empfiehlt da-
                                                                                                                               nend für eine Wissensgesellschaft, weil die Automobilin-       her Menschen, die Wissen managen möchten, „Nichtwis-
vom Wissen zur Macht                                                                                                           dustrie bisher als primär „materielle“ Branche betrachtet
                                                                                                                               wurde. „Die immaterielle Dimension der Produkte gewinnt
                                                                                                                                                                                              sen als Grundhaltung“, weil die Akzeptanz des Nichtwis-
                                                                                                                                                                                              sens ihrer Meinung nach Lernprozesse in Gang setzt. Auch

Oder von der Teilnahme zur Integration                                                                                         eine viel größere Bedeutung als ihre materielle Wirklich-
                                                                                                                               keit, und ihr symbolischer, ästhetischer oder sozialer Wert
                                                                                                                                                                                              wenn Schneider und Beck dies nicht im Zusammenhang
                                                                                                                                                                                              mit Alphabetisierung oder Basisbildung sehen, so ist der
und der Vielfalt als Potenzial                                                                                                 übertrifft den Gebrauchwert und verwischt den Tausch-          Ansatz der Palavertheorie und Nichtwissen als Ausgangs-
                                                                                                                               wert” (Gorz 2004 S. 51). Ein Beispiel dafür erleben wir im     punkt von Lernprozessen schon Praxis in der Basisbildung
                                                                                                                               Zusammenhang mit der Finanzkrise und die derzeit sehr          (vgl. Bauer 2007; vgl. Muckenhuber 2007)
                                                                                                                               stark kritisierten Bonuszahlungen für Bankmanager, deren
  Die Grundfrage dieses Essays ist „Wie wird in der Basisbil-   informellen Netzwerke. Umso mehr sind auch Menschen            Leistung eine messbare Basis und Gegenwerte vermissen.         … von der Kulturalisierung der Gesellschaft
dung mit Veränderung und Vielfalt“ umgegangen. Im wirt-         mit Migrationsgeschichte, die in Basisbildungsaktivitäten                                                                       Nicht erst seit der Postmoderne sind die Begriffe Identität,
schaftlichen Bereich steht dazu Diversitätsmanagment auf        involviert sind oder sein werden, von dieser gesellschaftli-    Grenzenlosigkeit, „Upward Mobility“ (Drucker 2001 S. 2)        Differenz und Diversität Themen, die den wissenschaftli-
der Tagesordnung, im Bildungsbereich begegnet es uns im         chen Diskriminierung betroffen. Zusätzlich erschwerend         und die Tatsache, dass jeder Zugang zu den Produktions-         chen Diskurs bestimmen. Immer mehr sind dies Begriffe,
Zusammenhang mit Gendermainstreaming und Diversi-               dazu kommt, dass es trotz der Wissensgesellschaft und          mitteln hat, dies sind laut Drucker die Merkmale die die        die gesellschaftliche Debatten, politische Programme und
tätsmainstreaming. Basisbildung und Bildung insgesamt           der lebenslang lernenden Menschen weniger Angebote für         Wissensgesellschaft charakterisieren. Während es zu den         Kulturdebatten prägen. Gerade auf die kulturelle Diver-
sind nicht erst heute gesellschaftspolitische Faktoren (vgl.    Weiterbildungsmaßnahmen für Niedrigqualifizierte gibt          ersten beiden Merkmalen, die Drucker für die Wissensge-         sität, ausgelöst durch Immigration, konzentrieren sich
Rath, 2007 S. 3 – 4). Der Ausspruch „Wissen ist Macht“ geht     (vgl. Rath 2007 S. 5 – 6).                                     sellschaft beschreibt, weitgehende Zustimmung gibt, so          heute politische Kontroversen (Bauböck 1996 S. 8). Die Fra-
auf den Philosophen Francis Bacon um 1600 zurück und er                                                                        wird der letzte Punkt von verschiedenen Autorinnen und          gen „Kann Identität ohne Differenz gedacht werden?“ oder
dient nach wie vor vielen Generationen als Ansporn zum          … was Hänschen nicht lernt, das                                Autoren durchaus kritisch gesehen, weil der Zugang zum         „Führt jede Identitätspolitik zu Differenz?“ sind längst nicht
Lernen. Wissen ist Macht und doch gilt dies nicht für alle      lernt Hans nimmermehr                                          Produktionsmittel Wissen keineswegs für jeden offen steht.      mehr Fragen, die nur in der Philosophie gestellt werden, in
in Österreich lebenden Menschen gleichermaßen. Neuste             Die Besetzung der Universitäten zu Ende des Jahres           Gorz (2004 S. 39) postuliert, dass in der Wissensökonomie       adaptierter Form sind sie Teil alltäglicher Debatten.
Studien zeigen (vgl. Gächter 2007) (vgl. Biffl 2007) (vgl.      2009 hat in Österreich die Bildungsdiskussion wieder ver-      die Kontrolle des Zugangs zu Wissen entscheidend sein
Sprung 2008), dass Migrantinnen und Migranten mit ei-           stärkt in den Mittelpunkt gestellt, wie sie auch immer wie-    wird, und er sieht in der Kontrolle des Zugangs zu Wissen        Marshall Sahlins vergleicht die Zugehörigkeit zu einer Kul-
nem Universitätsabschluss mehrheitlich unter ihrer Qua-         der bei Pisaergebnissen, 2 Stunden mehr im Klassenzim-         eine Umwandlung immaterieller Güter in Scheinkapital.          tur heute mit der Zugehörigkeit zu einer Klasse im vorigen
lifikation beschäftigt bzw. arbeitslos sind. Dafür gibt es      mer etc. aufflammt. Tatsache ist, dass die Misserfolge in      Der Zugang zu Wissen und neuen Kommunikationstech-             Jahrhundert. Menschen, konkret ArbeiterInnen, wurden
verschiedenste Ursachen, wie die Nicht-Anerkennung uni-         der Bildungspolitik im Schulbereich die Grundvoraus-           nologien ist auch im Zusammenhang mit Migrantinnen             durch die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse zu geschichtli-
versitärer Ausbildungen aus dem Ausland, die Diskriminie-       setzungen für die Basisbildung von Erwachsenen darstel-        und Migranten relevant. Die Statistik Austria führt in ihrem   chen Wesen, zu Akteuren in dieser Geschichte mit gemein-
rung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten eth-        len. In einem im Dezember 2009 präsentierten Bericht           im März 2009 erschienenen Bericht zu „Einkommen, Ar-
                                                                                                                                                                                              1 Ein ausländisches Mitglied pro Haushalt bedeutet eine Person aus einem nicht
nischen Gruppe, den hörbaren Akzent und die fehlenden           der OECD aus einer Vergleichsstudie zum Review on Mi-          mut und Lebensbedingungen“ eine sehr hohe sekundäre            EU-/EWR-Land.




Seite 48                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                            Seite 49
BILDUNG I Steindl I Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht                                                                                                                                  Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht I Steindl I BILDUNG



samen Wertvorstellungen und Zielen. Durch die Einteilung                                  organisationen von verschiedenen ethnischen Gruppen,              gen, in welchen Räumen und in welcher Umgebung Ba-             Literatur
in Klassen wurde eine Differenzierung aufgrund ökono-                                     die strukturell gefördert werden (Samad 1997 S. 253 – 255).       sisbildung stattfindet ist eine Grundvoraussetzung für die
                                                                                                                                                                                                                            Bauböck, R. / Heller A. / Zolberg A. R. (Hrsg.)
mischer Möglichkeiten geschaffen. Der Klassenkampf zur                                    Ob diese Formen nur eine neue Art im Umgang mit kultu-            Schaffung eines sozialen Raums, in dem Teilnahme und
                                                                                                                                                                                                                              (1996), The Challenge of Diversity. Integration
Abschaffung der Klassen basierte auf einer Ideologie, und                                 reller Diversität sind oder ob sie eine grundsätzliche Än-        Mitbestimmung Lernprinzipien sind. Neue Ansätze in der            and Pluralism in Societies of Immigration. Wien.
die MitstreiterInnen für den Klassenkampf waren eine Ge-                                  derung des Zusammenlebens bedeuten, kann, so Samad,               Lerntheorie schlagen einen Paradigmenwechsel vor zu Ler-
sinnungsgemeinschaft, die ihre Geschichte schrieb. Heute                                  noch nicht beurteilt werden.                                      nen durch Tun, begleitetes Entdecken und Lernen durch           Bauer, B. (2007), Wenn sich Türen öffnen
macht die Zugehörigkeit zu einer Kultur Menschen zu Ak-                                                                                                     Involvieren (vgl. Scardamalia u. Bereiter 2007)(vgl. Zim-        … oder: Wie Frauen sich eines ihrer
                                                                                                                                                                                                                              Grundrechte erobern. Einblicke in die
teurInnen, die ihre Geschichte bestimmen. Der Unter-                                      Kulturelle Identität verhandeln                                   mer 2004). Diese Ansätze werden m. E. heute in der Basis-
                                                                                                                                                                                                                              Alpabetisierungs- und Basisbildungsarbeit
schied zwischen den zwei Prozessen liegt in der Moral, weil                               und Vielfalt als Potenzial                                        bildung schon praktiziert und sollten in Zukunft ausgebaut        des AlphaBetisierungsCentrum Salzburg.
die Einteilung in Klassen auf einer moralisch-politischen                                   Die Herausforderung, die sich stellt, ist es, kulturelle Dif-   werden. Besonders die Erfahrung der Teilnahme, die Erfah-         Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung.
Grundlage basiert, während die „Symbole, Werte und die                                    ferenzen zu verhandeln, ohne eine Fixierung auf diese             rung, dass meine Fähigkeiten und mein Wissen gefragt sind         Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 10-1-9.
Geschichte einer Kultur“ einfach präsent sind und keiner                                  kulturellen Differenzen zu provozieren. Die vorhandene            und die Gemeinschaft weiterentwickeln helfen, ist eine Er-
                                                                                                                                                                                                                            Beck, U. (2008), Weltrisikogesellschaft. Auf
ideologischen Prüfung unterliegen (Sahlins 1999 S. 415).                                  Vielfalt und die sich aus der Verhandlung von Identitäten         fahrung, die in der Basisbildung vermittelt werden sollte.
                                                                                                                                                                                                                              der Suche nach der verlorenen Sicherheit.
                                                                                          ergebene Vielfalt sind ein Potenzial und eine Chance für                                                                            1st ed. Frankfurt/Main: Suhrkamp.
  Robert Miles sieht das Problem darin, dass in unserer Ge-                               Weiterentwicklung und Veränderung. Diese Herangehens-              Für manche Trainerinnen und Trainer in der Basisbildung
sellschaft heute kulturelle Unterschiede die vorherrschen-                                weise erfordert es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu           sind diese Ansätze nicht neu, allerdings geht es bei diesen     Biffl, G. (2006), Erwerbstätigkeit und
                                                                                                                                                                                                                              Arbeitslosigkeit: die Bedeutung von
den Parameter sind, um Menschen und Gruppen Eigen-                                        benennen, es erfordert eine Auseinandersetzung mit dem            Ansätzen nicht nur um die Gestaltung der Kurse und Lehr-
                                                                                                                                                                                                                              Einbürgerung, Herkunftsregion
schaften zuzuschreiben. Diese naturalisierten Differenzen                                 Begriff Kultur und es erfordert eine Auseinandersetzung           gänge selbst, sondern auch um die Rahmenbedingungen,
                                                                                                                                                                                                                              und Religionszugehörigkeit. In:
dienen dann als Grundlage der Hierarchisierung (Miles                                     im Umgang mit Unsicherheiten. Parekh Bhikhu (2006) be-            wie die Fragen der Abschlüsse, der Benotung, die Art der          2. Österreichischer Migrations- und
1998 S. 10). Rassismus beginnt mit der Interpretation von                                 nennt Irrtümer, die im Zusammenhang mit Kulturkonzep-             Teilnahme einzelner Personen etc. Lave und Wenger (2007)          Integrationsbericht 2001–2006, S. 265–281.
Unterschieden, denn es gibt keine realen, abgrenzbaren                                    ten immer wieder verbreitet werden. Unter anderen kriti-          definieren Lernen als einen Prozess sozialer Beteiligung, in
                                                                                                                                                                                                                            Claussen, D. (1994), Was heißt
ethnischen und kulturellen Unterschiede zwischen West-                                    siert er den holistischen Ansatz von Kultur, wie auch das         dem es eine legitime periphere Partizipation geben kann,
                                                                                                                                                                                                                              Rassismus? Darmstadt.
deutschen und Ostdeutschen, Ungarn und Polen (Claussen                                    Thema der Unterscheidbarkeit von Kulturen. Ebenso kri-            entscheidend ist die Intention einer Person (sichtbar durch
1994 S. 20).2 Kulturalismus oder kulturellen Fundamenta-                                  tisch sieht Parekh die Ethnisierung von Kulturen und den          Sprache, Verhalten etc.), durch einen Entwicklungsprozess       Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsentwicklung
lismus nennt Stolcke (1995 S. 1 – 22) den neuen Rassismus,                                vorherrschenden Kulturdeterminismus, der auch in der              ein Teil einer bestimmten Gemeinschaft zu werden, zum             in der Basisbildung und die Professionalität
                                                                                                                                                                                                                              der TrainerInnen. Perspektiven.
der im Unterschied zum alten Rassismus vor allem auf kul-                                 alltäglichen Praxis immer wieder zu finden ist. Es ist eine       Akteur zu werden.
                                                                                                                                                                                                                              Magazin Erwachsenenbildung.
turelle Differenzen zurückgreift und sie naturalisiert. Die                               Chance, den Begriff Kultur selbst zum Thema zu machen,
                                                                                                                                                                                                                              Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 03-1-10.
Frage, wie wir mit kultureller Diversität umgehen, ist eine                               Selbstverständlichkeiten im Zusammenhang mit Kultur in-           TrainerIn — ein Teil der lernenden Community
Frage, die sich auf den verschiedensten Ebenen stellt, im                                 frage zu stellen und gemeinsam mit kulturellen Faktoren             In dem Magazin der Erwachsenenbildung mit dem                 Drucker, P. (2001), The Next Society. The
Haus, im Wohnviertel, im Arbeitsleben, in der Wirtschaft,                                 auch wieder soziale, politische und wirtschaftliche Fakto-        Schwerpunkt „Basisbildung – Herausforderung für den               Economist, November 01, 2001.
in den Medien, im Staat und in der Europäischen Union.                                    ren zu thematisieren. Die Infragestellung von Kultur wird         Zweiten Bildungsweg“ wurden von einzelnen AutorInnen            Gächter, A. (2006), Qualifizierte Einwanderinnen
Rainer Bauböck unterscheidet in Bezug auf kulturelle Di-                                  von TeilnehmerInnen in der Basisbildung nicht immer mit           Kompetenzen für TrainerInnen in der Basisbildung be-              und Einwanderer in Österreich und ihre
versität zwischen linguistischer Diversität und religiöser                                Freuden aufgenommen werden, weil für viele die ethnische          schrieben (vgl. Doberer-Bey 2007). Die Fähigkeit eines po-        berufliche Stellung: S. 1–56. July 23, 2006.
Diversität. Erstere ist, so Bauböck, eher ein Problem in den                              Zugehörigkeit auch Identität und Stolz bedeutet, und doch         sitiven Umgangs mit (kultureller) Diversität wurde als eine       www.zsi.at/attach/desk-dp.pdf.
USA3 und letztere in Europa. Der Umgang mit kultureller                                   ist diese Auseinandersetzung eine Chance zu einem neuen           der Kernkompetenzen benannt. Dies ist sicher eine wich-         Gorz, A. (2004), Wissen, Wert und
Diversität hängt nicht zuletzt vom Kulturverständnis, das                                 Miteinander zu kommen, in dem Vielfalt als Potenzial er-          tige Kompetenz, die die Arbeit in den Gruppen fördert.            Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie.
vertreten wird, ab.                                                                       lebt werden kann.                                                                                                                   1st ed. Zürich: Rotpunktverlag.
                                                                                                                                                              Basierend auf den oben beschriebenen Ansätzen möchte          Lave, J. / Wenger, E. (1998), Communities
 Angesichts der Kulturalisierung unserer Gesellschaft kon-                                  Die Thematisierung im Umgang mit Unsicherheiten ist             ich hier noch einmal dafür plädieren, dass die Trainerin,         of Practice: Learning, Meaning, and
zentrieren sich die Ursachen von sozialen Konflikten und                                  eine weitere Herausforderung. Dies zu lernen und da-              der Trainer sich als Teil der lernenden Community invol-          Identity: Cambridge University Press.
Verteilungsungerechtigkeiten auf kulturelle Unterschiede.                                 für persönliche und kollektive Strategien zu entwickeln,          viert, der oder die zu bestimmten Zeitpunkten eine leh-
                                                                                                                                                                                                                            Miles, R. (1998), Geschichte des
Obwohl es in der Praxis viele Arten des Multikulturalismus                                ist auch ein wichtiges Ziel in interkultureller Bildung. Erst     rende Rolle einnimmt und zu anderen Zeitpunkten eine
                                                                                                                                                                                                                              Rassismus. In: Burgmer, Christoph (Hrsg.).
gibt (Werbner 1997 S. 262), ersetzt das Konzept des Multi-                                ein entspannter Umgang mit Neuem und Fremdem lässt                Rolle der/des Lernenden. Diese Haltung impliziert, dass           Rassismus in der Diskussion. Berlin.
kulturalismus im Wesentlichen die Pluralität der Interes-                                 die Chance auf Begegnung und neue Erfahrungen zu. Sich            auch die TeilnehmerInnen über Wissen, Fähigkeiten und
sen durch eine Pluralität der Abstammung, dies stellt einen                               auf eine neue Perspektive einzulassen, die nicht nur ein-         Kompetenzen verfügen, die für alle eine Bereicherung dar-       Muckenhuber, S. (2007), Mehr als Lesen
                                                                                                                                                                                                                             und Schreiben – Alphabetisierung und
Nährboden für religiösen und kulturellen Fundamentalis-                                   fach als andere Perspektive neben der eigenen steht, son-         stellen können. Ein Ansatzpunkt in der Basisbildung kann
                                                                                                                                                                                                                             Basisbildung an der Volkshochschule Linz.
mus dar (Samad 1997 S. 244). Eine Rückkehr zu einer farb-                                 dern die auch die eigene Perspektive verändert, erfordert         sein, die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu benennen            Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung.
und kulturblinden Sozialpolitik würde allerdings dazu füh-                                Mut und Offenheit. Basisbildung ist eine Chance, dass sich        und dadurch ein Bewusstsein über die Vielfalt von Fähig-         Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 11-1-8.
ren, dass die Bedürfnisse ethnischer Minderheiten wieder                                  Menschen auf diesen Perspektivenwechsel einlassen. Um             keiten und Wissen zu schaffen. Dies ist auch eine Möglich-
an die letzte Stelle der politischen Agenda rücken (Samad                                 diese Fragestellungen in der Basisbildung zu thematisieren,       keit für die TrainerInnen sich als Teil der Community mit       Parekh, B. (2006), Rethinking Multiculturalism.
                                                                                                                                                                                                                              Cultural Diversity and Political Theory. New York.
1997 S. 25). Die Kritik am Multikulturalismus hat dazu ge-                                ist es notwendig, Vertrauen zu schaffen.                          bestimmtem Wissen und Fähigkeiten einzubringen. Und
führt, dass neue Modelle der Inkorporation vorgeschla-                                                                                                      eines ist sicher: Auch lesende, schreibende, rechnende          Rath, O. (2007), Netzwerk Basisbildung
gen und diskutiert werden, wie zum Beispiel einen Dialog                                  Basisbildung, ein Raum für                                        Menschen können von Menschen, die ihren Alltag mit an-            und Alphabetisierung in Österreich:
zu führen, der die gemeinsame Kultur bereichert und neue                                  Teilnahme und Mitbestimmung                                       deren Fähigkeiten als Lesen, Schreiben oder Rechnen be-           Hintergründe, Bestandsaufnahme,
                                                                                                                                                                                                                              Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung.
Formen der Hybridität kreiert, oder die Bildung von Dach-                                  Eine weitere Herausforderung für die Basisbildung ist die        wältigen, einiges lernen.
                                                                                                                                                                                                                              Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 02-1-14.
2 Sprache und reale politische, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse und deren Aus-   Schaffung eines Raumes, in dem Menschen voneinander
wirkungen auf das Leben der Menschen sind Unterschiede, die aber auf keinen Fall ver-
absolutiert und in Verbindung mit einer Staatsangehörigkeit gebracht werden können.
                                                                                          und miteinander lernen können. Und dabei geht es nicht
                                                                                          nur um Ausstattung, im Sinn von personellen Ressourcen
3 Dabei geht es weniger darum, dass es zu viele Sprachen gibt, sondern mehr darum,
dass in den südlichen Staaten der USA Spanisch zur dominanten Sprache wird.               und Räumlichkeiten, aber es geht auch darum. Die Fra-



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BILDUNG I Steindl I Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht


  Sahlins, M. (1999), Two or three things
    I know about culture. In: The Journal
    of the Royal Anthropological Institute,
    Volume 5, Number 3, S. 399 – 421.
  Samad, Y. (1997), The Pluar Guises of
    Multiculturalism: Conceptualising a
    Fragmented Paradigm. In: Modood, Tariq
    (Hrsg.). The Politic of Multiculturalism
    in the New Europe. Chapter 13.
  Scardamalia, M. / Bereiter, C. (2007), Knowledge
    Building – Theory, Pedagogy and Technology.
    In: Sawyer, R.K., The Cambridge Handbook
    of The Learning Sciences, S. 97–115.                                                                                                        Brief an die Politik 1
                                                                                                                                                Ich wünsche mir, dass in Österreich Grundbildung neu überdacht wird.
  Schneider, U. ( 2006), Erfolg durch
    Nichtwissen: Ein Lob der Ignoranz. Ein                                                                                                      Es gibt immer noch zu viele Kinder und Erwachsene
    ernst gemeinter Titel? Wien: Eigenverlag.                                                                                                   die durch unser Bildungssystem fallen.
                                                                                                                                                Zu viele Österreicher haben eine schlechte Ausbildung, sei
  Sprung, A. (2008), Man lernt nie aus?                                                                                                         es aus welchen Gründen auch immer, da sollte unser Land
    MigrantInnen in der Weiterbildung am Beispiel                                                                                               mehr Unterstützung und finanzielle Hilfe für Weiterbildung
    Österreichs. Bildungsforschung 5 (1): S. 1–17.                                                                                              geben. Unsere Lehrer müssen bessere Pädagogen sein.
  Stockle, V. (1995), Talking Culture. New                                                                                                      Es ist ja so, dass sich Menschen für ihre schlechte Bildung meist schämen,
    Boundaries, New Rhetorics of Exclusion                                                                                                      sie werden in unserer Gesellschaft nicht angenommen, schlecht akzeptiert.
    in Europe. In: Current Anthropology.                                                                                                        Es sollte mehr Lehrpersonal für Erwachsene zur Verfügung stehen.
    Volume 36. Number 1. S. 1 – 22.                                                                                                             Gerade diesen Menschen eine Weiterbildung zu ermöglichen wäre
  Werbner, P. (1997), Introduction: The Dialectics                                                                                              eine gute Sache, dann kann sich ein Staat „Sozialstaat“ nennen.
    of Cultural Hybridity. In: Werbner Pnina und                                                                                                Gute Grundbildung steht für ein gutes soziales Netzwerk und
   Tariq Modood (Hrsg). Debating Cultural Hybrity.                                                                                              das wünsche ich mir für Österreicher, für Europäer.
    Multi-cultural Identities and the Politics of                                                                                               Menschen mit guter Ausbildung:
    Antiracism. London u. New Jersey. S 1 – 26.
                                                                                                                                                sind sozial stärker,
  Zimmer, G. (2004), Aufgabenorientierung:                                                                                                      finden leichter einen Arbeitsplatz,
    Grundkategorien zur Gestaltung expansiven
    Lernens. In: Faulstich, P Ludwig, J. (Hrsg.)
                             .;                                                                                                                 haben mehr Selbstwertgefühl,
    Expansives Lernen. Baltmannsweiler:                                                                                                         haben einen besseren Weitblick,
    Schneider-Hohengehren. S. 54 – 67.                                                                                                          kommen nicht so leicht in die Notstandsfalle,
                                                                                                                                                können sich eine bessere eigene Meinung bilden,
                                                                                                                                                …
 Die Autorin
 Mag.a Mari Steindl, MA                                                                                                                         Brigitte Binder, 46
 Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums, Sozial-                                                                                       Kursteilnehmerin
 und Kulturanthropologin, Studium des Angewandten
 Wissensmanagments. Entwicklung und Durchführung
 von Lehrgängen, Seminaren und Trainings zum Bereich
 Interkulturelle Kompetenzen.
 Interkulturelles Zentrum
 www.iz.or.at
 mari.steindl@iz.or.at




Seite 52                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                             Seite 53
BILDUNG I Lenz I Grundbildung ist auch Bildung                                                                                                                                               Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNG



                                                                                                                            ist es ein Leichtes und eine Freude, darauf auf- und auszu-   dungsabschlusses, vor allem eines akademischen, bringt
                                                                                                                            bauen. Mit ähnlichen Vorstellungen setzte sich der Schul-     erst den entsprechenden Respekt.
                                                                                                                            weg fort. Griechisch und Latein galten als Grundlage für
                                                                                                                            den Erwerb von Fremdsprachen – doch seltsam, erst ver-        Informell gebildet
                                                                                                                            schwand das Griechische aus den Lehrplänen, dann ver-           In den letzten Jahren, mit der Öffnung des Zugangs zum
                                                                                                                            sickerten die Lateinstunden. Trotzdem sprechen die Ju-        höheren Bildungswesen sowie mit der Verabschiedung
                                                                                                                            gendlichen heute mehr, besser und vor allem akzentfreier      vom klassischen Bildungsgut aus dem Lehrplan der höhe-
                                                                                                                            Fremdsprachen. Die jungen Generationen erhalten kom-          ren Schulen, beginnt ein Umdenken. Vor allem ein Arbeits-
                                                                                                                            munikativen Sprachunterricht, fahren als Austauschschü-       markt, der nicht nur auf Zeugnisse schaut, sondern auf die
                                                                                                                            lerInnen, als UrlauberInnen, als Au-pair ins Ausland oder     tatsächlichen Qualifikationen und Kompetenzen von Mit-
                                                                                                                            begegnen uns zweisprachig perfekt, weil sie migrations-       arbeiterInnen, beachtet nicht bloß die institutionell ver-
                                                                                                                            freudige Eltern haben.                                        mittelte Bildung bzw. die entsprechenden Zertifikate. Nun
                                                                                                                                                                                          tritt auch außerinstitutionell erworbenes Wissen und Kön-
                                                                                                                             In dieser Gruppe der SchülerInnen und Jugendlichen           nen in den Vordergrund. Wir sprechen von informellem
                                                                                                                            mit Migrationshintergrund finden sich gehäuft schulische      Lernen, das ohne Anleitung am Arbeitsplatz, zu Hause, an
                                                                                                                            Misserfolge. Fehlt hier die Grundbildung, die unsere Schule   anderen Lernorten wie etwa in einer Bibliothek oder durch
                                                                                                                            nicht vermitteln kann? Oder gibt es eine Grundbildung, ein    Lektüre erfolgt. Meist geht es selbstorganisiert und selbst-
                                                                                                                            Fundament bei diesen Jugendlichen, zu dem die schuli-         gesteuert vor sich.
Werner Lenz                                                                                                                 schen Angebote keine Verbindung herstellen können?
Professor für Erziehungswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz                                                                                                                Wir sollten davon ausgehen, dass solche Lernprozesse,
werner.lenz@uni-graz.at                                                                                                      Dieses Bild vom Hausbau ist wohl nicht haltbar. Lernen ist   die sehr wohl zur Bildung beitragen, bei allen Menschen
                                                                                                                            ein integrierender Prozess des Wahrnehmens, Aufnehmens        erfolgen, nur zu wenig beachtet und wahrgenommen wer-
                                                                                                                            und ständigen Verarbeitens. Mit Bezug auf die Erkennt-        den. Fragt man – und Sie können das gerne überprüfen –
                                                                                                                            nisse der Gehirnforschung, die das „Organ“ des Lernens zu     wie viel von dem, was Menschen können, außerhalb des
                                                                                                                            ergründen sucht, sehen wir Lernen heute als ein Vernetzen.    Bildungswesens gelernt wurde, so beträgt die Antwort: zwi-
                                                                                                                            Wir bauen nicht hinzu, wir häufen nicht an, sondern wir       schen 60 und 70 Prozent. Wir sollten deshalb institutiona-
                                                                                                                            verknüpfen und verbinden Neues mit Vorhandenem.               lisierte Lernprozesse mehr in Verbindung und in ihrer Be-
                                                                                                                                                                                          deutung für selbstständiges Lernen und eigenständige

Grundbildung ist auch Bildung
                                                                                                                             Welcher Beitrag kann geleistet werden, um dieses Vernet-     Bildung der Individuen sehen. In diesem Sinn kann Basis-
                                                                                                                            zen und die Motivation zum Weiterlernen anzuregen?            bildung als Voraussetzung und Anregung verstanden wer-
                                                                                                                                                                                          den, eigenständig Bildungsprozesse fortzusetzen.
Niemand ist ungebildet — Bildung braucht Neubestimmung!                                                                     Defizitär gebildet
                                                                                                                             Grundbildung haben Personen, die erfolgreich gesell-           Gerade das informelle Lernen, das uns von Geburt an be-
                                                                                                                            schaftliche Mindestanforderungen, die an die Beherr-          gleitet, lässt nicht zu, von ungebildeten Menschen zu spre-
                                                                                                                            schung der Schriftsprache und der Grundrechenarten ge-        chen. Alle Menschen entwickeln sich – manche mit mehr,
Grundbildung ist kein starres, sondern ein aktives Funda-    dern länger aufgehalten hatten. Doch ich lernte zu überle-     bunden sind, erfüllen. In Österreich setzt man dies mit       manche mit weniger schulischer oder universitärer Erfah-
ment. Sie ist in das Leben der Menschen verwoben und         ben. Da ich die Straßennamen nicht lesen konnte, merkte        dem Hauptschulabschluss gleich. Wer dieses Niveau nicht       rung. Meine Meinung lautet: Niemand ist ungebildet! Da-
weiteres Lernen geschieht verknüpfend und vernetzend.        ich mir die Zahl der Kreuzungen oder Ampeln, die Farben        erreicht, sieht sich verschiedenen Bezeichnungen ausge-       mit nehme ich vom Defizitdenken Abstand und gestehe
Ergänzend zum formalen und institutionalisierten Lernen      der Häuser, die Architektur. Ich zählte die Stationen in der   setzt, die diese defizitäre Lage beschreiben:                 den Menschen Entwicklung zu, egal, welchen institutionel-
werden informelle Lernprozesse bedeutsam. Nicht Bil-         Bahn, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen.               •	 Analphabeten,                                             len Bildungsweg sie durchlaufen haben.
dungsabschlüsse, sondern was Menschen wirklich können,       Ich fand heraus, wie viel ich mit nonverbaler Kommunika-
                                                                                                                             •	 Bildungsabstinente,
bekommt mehr Aufmerksamkeit.                                 tion erreichen konnte. Gerne kaufte ich im Supermarkt ein.                                                                   Standesbildung
                                                             Mit Esswaren und anderen Produkten verstand ich mich            •	 Schulversager,                                             Herkunft und Vermögen bestimmten bei der Etablierung
Bildung, als lebensintegrierter Prozess, ist öffentliches    sprachlos.                                                      •	 Lernungewohnte,                                           unseres Bildungswesens vor etwa zweihundert Jahren die ge-
Gut geworden und unterliegt öffentlichem Interesse. Die                                                                      •	 Personen mit Lernschwierigkeiten,                         sellschaftliche Stellung. Das Bürgertum stellte dem „Adel des
Aussage, niemand ist ungebildet, soll dazu beitragen, je-    War ich in dieser Zeit ungebildet?                              •	 Bildungsferne,                                            Blutes“ den „Adel des Geistes“ entgegen. Ein brauchbarer
des Lernen zu achten und Bildung nicht bestimmten The-       Fehlte mir nur der kulturelle Code?                             •	 Menschen mit Schriftsprachenproblemen,                    Mensch, der mutig, gerecht, vernünftig, ehrenhaft und wahr-
men oder Gruppen vorzubehalten. Die Umsetzung des            Welche Grundbildung hätte mir in kurzer Zeit den Zugang         •	 lernungeübte Erwachsene.                                  heitsliebend handelt, war Ziel der bürgerlichen Schule und
Menschenrechts auf Bildung liegt in der Verantwortung        zu japanischer Schrift und Sprache geschaffen?                                                                               Universität. Nicht die Zufälligkeit der Geburt, die Qualität der
von Individuen und Gesellschaft.                                                                                             Es scheint mir notwendig, von solchen Bezeichnungen          Bildung sollte dem individuellen Lebenslauf Gestalt geben.
                                                             Bildung auf festem Grund?                                      Abstand zu nehmen. Ansonst erhält diese Personengruppe        Nicht durch Vererbung, sondern durch Bildung und Leistung
Analphabet auf Zeit                                           Lesen, Rechnen, Schreiben. Das klingt einfach. Ich habe       den Status von Hilfsbedürftigen, die sich um sich selbst      sollte der Zugang zu höheren Ämtern, zu gesellschaftlicher
  In meinem Leben als Erwachsener war ich zehn Mo-           das in der Volksschule gelernt. Später habe ich erfahren,      nicht autonom kümmern können.                                 Macht und politischem Einfluss geregelt werden.
nate lang lokaler Analphabet. So lange hielt ich mich zwi-   sie wird auch Grundschule genannt: mit dem Unterton,
schen 2000 und 2001 an einer japanischen Universität als     dort werde, wie bei einem Bauwerk, der Grundstein gelegt,       Ein neutraler Begriff lautet: Personen mit geringer for-      Den Wunsch des Bürgertums, „nach oben“ zu kommen
Forschungsprofessor auf. Mein dort erworbenes Vokabu-        der Grund aufbereitet und gefestigt, auf dem alles andere      maler Qualifikation. Es stellt diese Personen auch aus dem    begleitete der Wunsch, sich „nach unten“ abzugrenzen: Ge-
lar sowie die dort erlernten Schriftzeichen waren rudi-      aufbaut.                                                       Schatten des Bildungsdünkels. Noch immer ist mit dem          gen den Anspruch der Arbeiterklasse auf demokratische
mentär. Englisch oder Deutsch zu gebrauchen, blieb auf                                                                      Etikett Bildung eine Klassifizierung und Wertschätzung        Beteiligung an der Macht diente Bildung – die Gymnasial-
den Glücksfall beschränkt, die wenigen KollegInnen oder       In diesem Fall wird menschliches Lernen wie ein Haus-         verbunden. In deutschsprachigen Ländern kommt noch            bildung mit Matura – als „natürliche“ Barriere, die die Zahl
Studierenden zu treffen, die sich in entsprechenden Län-     bau betrachtet. Wenn das Fundament solide gefestigt ist,       die institutionelle Anerkennung hinzu – die Höhe des Bil-     der Aufsteiger regulierte, kontrollierte und klein hielt. Bil-


Seite 54                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                              Seite 55
BILDUNG I Lenz I Grundbildung ist auch Bildung                                                                                                                                                        Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNG



dung wurde zu dem, was man gelesen und gelernt haben           Bildung wird öffentliches Gut                                       Bildungspolitik kann beitragen, Bildungswege zu öffnen.          Kinder bringen gute Voraussetzungen für selbstverant-
musste. Mit dem Bildungskanon war eine neue soziale Bar-         Ein Unterschied zu früher ist bemerkenswert. Bildung gilt       „Niemand ist ungebildet“ will sagen, dass Kinder und Er-          wortetes Lernen mit. Sie sind nicht ungebildet – es macht
riere entstanden.                                              heute nicht nur als private Angelegenheit, sondern auch           wachsene individuell unterschiedliche Voraussetzungen             aber den Eindruck, als würde ihnen auf einem mühsamen
                                                               als öffentliches Gut. Sich zu bilden und weiterzubilden, ist       und Erfahrungen mitbringen. Pädagogisches Ziel ist es, in-       Bildungsweg durch Schule und Universität die Freude am
  Den Menschen am Fuße der gesellschaftlichen Pyramide         zu einer Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft gewor-           dividuelle Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Die Mentalität des    Lernen und die Lust an der Kreativität genommen (vgl. Sal-
wurde ein bestimmtes Maß an Bildung zugestanden, das,          den. Ökonomie und Demokratie brauchen Menschen, die                Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiels, hinausschmeißen und             cher, 2008).
was sie brauchten, um ihre Arbeit und Pflichten zu erfüllen    Wissen und Selbstverantwortung schätzen. Doch Bildung             wieder an den Anfang versetzt werden, ist nicht angebracht.
– aber nicht zu viel, um sie nicht mit ihrer Situation unzu-   als öffentliches Gut ist nicht gleich verteilt. Die formale                                                                           Kinder erwerben und entfalten ständig ihr Wissen, ihr Ur-
frieden werden zu lassen. Sozialer Aufstieg durch Bildung      Gleichheit des Zugangs zu Bildungseinrichtungen ist nicht            Erziehung und Lernen dienen der Vorbereitung und An-           teil, ihre Verantwortung – sie sind nicht ungebildet, son-
war Einzelnen möglich, aber insgesamt sollte die gesell-       genug. Den individuellen Voraussetzungen, der individu-            passung an gesellschaftliche Lebensformen. Aber nicht            dern befinden sich am Anfang eines lebenslangen Bil-
schaftliche Struktur erhalten bleiben.                         ellen Vorbildung der Schülerinnen und Schüler wird nicht           nur! Jedes Kind und jeder Erwachsene ist auch eine Per-          dungsprozesses. Sie entfalten ihre Lebensenergie – dazu
                                                               ausreichend Genüge getan. Sie kommen nicht ungebildet              sönlichkeit, die sich im Prozess des Sichbildens befindet.       brauchen sie Freiräume und Grenzen. Sie brauchen Er-
Bildung am Ende?                                               in die Klassen und Schulen. Doch indem sie gleich behan-          „Niemand ist ungebildet“ bedeutet für ErzieherInnen und           wachsene, die mit ihnen diese Freiräume erkunden, sie
  Bildung bezeichnet einen Prozess und ein Ergebnis: sich      delt werden, wird ihren jeweiligen Fähigkeiten, ihrer Indi-        Lehrende in Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Er-           auf Schönheiten und Gefahren aufmerksam machen, mit
bilden und das Gebildetsein – eine Entwicklung und einen       vidualität zu wenig entsprochen. So entsteht durch Gleich-        wachsenenbildung: Wir sollen Kinder und Erwachsene als            ihnen Grenzen vereinbaren, Orientierung geben, Hilfe zur
Status. Der Latinist Manfred Fuhrmann verweist auf die         heit Ungleichheit. Gerade weil sie schon gebildet sind, weil       sich bildende Personen achten und beitragen, damit sie           Selbsthilfe bieten und Kinder in ihrer Selbstverantwortung
Unterscheidung zwischen Gebildeten und Ungebildeten,           sie schon Individualität und Identität ausgebildet haben,          ihre eigene Entwicklung, ihre eigene Lebenswelt mitgestal-       achten.
die so alt wie das Bürgertum selbst ist. Er meint bezüglich    dürfen diese nicht übergangen werden.                              ten können.
Bildung: „Sie setzte sich im 18. Jahrhundert durch und be-                                                                                                                                          „Niemand ist ungebildet“ will schließlich sagen: Bildungs-
anspruchte seither größeres Gewicht als alle die Einteilun-      Wir wissen heute: Die Erstausbildung reicht nicht aus, wir        Die gesellschaftlichen Veränderungen, die wir zurzeit er-       maßnahmen sind von institutionellen Beschwernissen zu
gen der europäischen Menschheit, die bis dahin den Pri-        sind auf ständige Weiterbildung angewiesen. Das Beste,            leben, machen eines klar. Wir können nicht vorhersagen,           entlasten. Wer lernen soll, eigene Wege zu gehen, um sein
mat innegehabt hatten, als die von Adel und Bürgern, von       was die Schule mitgeben kann, ist eine positive Einstellung       für welche beruflichen Anforderungen wir unsere Jugend            kreatives Potenzial zu entfalten, wird Vorschriften, Kontrol-
Klerikern und Laien, von Christen und Juden, von Katho-        zum Lernen. Nicht einen bestimmten Wissensstoff zu be-            ausbilden sollen – wir wissen nicht, wie die Welt in drei-        len, Prüfungen bedrückend empfinden. Bildungsprozesse
liken und Protestanten: Die ‚Gesellschaft‘ bestand im bür-     wältigen, steht im Vordergrund. Wichtig ist das Selbstver-        ßig Jahren beschaffen sein wird. Die täglichen Nachrichten        brauchen ein leichtes und heiteres Gemüt sowie achtsa-
gerlichen Zeitalter aus Gebildeten, und die Ungebildeten       trauen in die eigene Lernfähigkeit, die positive Erfahrung,       zeigen aber, dass die sozialen Gegensätze, die religiösen         men Umgang.
waren von ihr ausgeschlossen.“ (Fuhrmann, 1999, S. 28)         eigenverantwortlich lernen zu können.                             Spannungen, die kulturellen Differenzen und die Umwelt-
                                                                                                                                 probleme in absehbarer Zeit nicht verschwinden, sondern             Pädagogische Bildungsaufgabe ist es, Menschen zu stär-
 „Niemand ist ungebildet“ verweist auf das Ende der bür-         Das bringt neue Aufgaben für die Schule, für Lehrerin-          sich sogar vergrößern werden. Um in dieser Welt zu beste-         ken, sie bei ihren lebensbegleitenden Lernprozessen zu
gerlichen Epoche. Schon im 19. Jahrhundert ist, wie zu-        nen und Lehrer. Sie sollen Kinder ermutigen, ihr jeweiliges       hen, um ihre Konflikte zu verstehen und um die Lebensbe-          betreuen und zu ermutigen. Das ist gar nicht so schwer,
vor erwähnt, der politische und aufklärerische Anspruch        Lernpotenzial zu erproben, ihr Selbstvertrauen zu fördern,        dingungen zu verbessern, brauchen wir Mut und Fantasie,           wenn wir davon ausgehen, dass niemand gänzlich unge-
des bürgerlichen Bildungsideals verlöscht – geblieben wa-      ihre Freude und Neugier, sich zu bilden, anregen. Schu-           soziales Mitgefühl und intellektuelle Kreativität. Wir brau-      bildet ist. Deshalb brauchen wir Erwachsene nicht „lebens-
ren schöngeistige, historische Orientierung und das Ler-       len, die am Leben Anteil haben, Schulen als Lebensraum,           chen organisatorisches Geschick und Verständnis für kom-          länglich“ zu belehren. Es genügt, Bedingungen zu schaffen,
nen alter Sprachen. Naturwissenschaftliche Kenntnisse,         Schulen, in die Kinder gerne gehen, sind gefragt – Schu-          plexe Zusammenhänge, Neugier, Freude am Lernen und                die es den Menschen erlauben, sich selbst weiterzubilden.
ökonomisch verwertbare Qualifikationen und aktuelle            len, in denen Lehrerinnen und Lehrer gerne unterrichten.          am Problemlösen.                                                  Wer schon Kinder und Jugendliche als „sich Bildende“, als
Fremdsprachen haben mit jeder Gymnasialreform den tra-         Lehrende, die wissen, dass sie mit Kindern zu tun haben,                                                                            Menschen, die „nicht ungebildet“ sind, achtet, fördert de-
ditionellen Bildungskanon zurückgedrängt.                      die nicht ungebildet sind, mit Kindern, die sich schon im         Die Kraft der Kinder                                              ren Selbstwertgefühl, deren Selbstvertrauen, deren Selbst-
                                                               Prozess von Bildung und Weiterbildung befinden. „Mache              Kinder vermehren vom ersten Lebenstag an ihr Wissen,            ständigkeit und deren Selbstbewusstsein – grundlegende
  Eine Deregulierung ist vor sich gegangen: Einst galt der     deine Kinder nicht mutlos!“ mag als Leitmotiv gelten.             üben ihr Urteil, festigen ihre Verantwortung, formen ihre         Voraussetzungen, um andere Menschen zu achten und zu
Bildungskanon für wenige, jetzt konsumieren ihn viele                                                                            Identität – sie sind nicht ungebildet. Familienerziehende,        respektieren.
oberflächlich und in Teilen. Der langsame Abschied vom         Unterschiede achten!                                              KindergärtnerInnen und LehrerInnen werden mit ihren
humanistischen Gymnasium seit den Sechzigerjahren des            Die Gefahr der Ungleichheit durch Gleichbehandlung ist          Aufgaben ziemlich allein gelassen. Allenfalls gibt es unqua-      Bilden statt belehren
20. Jahrhunderts beendete letztlich die Schulung im forma-     nicht zu unterschätzen. Respekt vor Individualität bewirkt,       lifizierte Vorwürfe oder überzogene Forderungen. In mei-           In der modernen Arbeitswelt reicht die Erstausbildung
len Umgang mit antiken Sprachen. Damit kam ein Kernbe-         das ist kein Widerspruch, einen Beitrag zum sozialen Ler-         ner Generation lautete die Motivation durch die Erwachse-         nicht mehr aus. Weitere Qualifizierung, Ausbau der erwor-
reich der bürgerlichen Bildung an sein Ende.                   nen. Denn Unterschiede sind zu achten und nicht in einem          nen: „Lerne, damit du es einmal besser hast als wir!“ Heute       benen Kompetenzen sowie Umgang mit zunehmender
                                                               naiven Wettbewerb gegeneinander auszuspielen. Wer der             stehen Kinder oft unter dem Druck, einen übersättigten            Komplexität der Arbeitsaufgaben und neuen Situationen
   Heute wählen Schulkinder, beeinflusst von ihren Eltern,     Ideologie huldigt, es gehe nur darum, „beste SchülerInnen“        materiellen Standard nicht zu unterschreiten, den ihre El-        erfordern ständige Anpassungs- und Lernprozesse. Diese
 aktuelle Fremdsprachen. Latein überlebt im Randbereich.       und NobelpreisträgerInnen hervorzubringen, vergisst, dass         tern erreicht haben. Soziales Mitgefühl und Verständnis,          gehen großteils am Arbeitsplatz vor sich.
„Niemand ist ungebildet“ meint, dass ein verbindlicher Ka-     jeder Mensch etwas Besonderes ist. Individuelles zu ent-          Mitleid und Nachsicht spielen als Werte kaum eine Rolle.
 non, ein Maßstab für das, was gekonnt und gewusst wer-        decken und Individuelles zu fördern, ist Bildungsaufgabe.         Der Ansporn lautet: „Lerne, damit du dir einmal leisten             Als wichtige Eigenschaft und als Basis allen Weiterlernens
 den soll, um als gebildet zu gelten, nicht mehr existiert.    Das ist eine Absage an zu frühe Selektion, das spricht für        kannst, was wir dir in deiner Jugend bieten!“                     wird die Fähigkeit angesehen, lernfähig und lernbereit zu
Verlust und Befreiung. Es besteht die Herausforderung, neu     das Bemühen, die Stärken jedes Kindes zu erkennen und                                                                               sein. Lernen des Lernens ist ein oft genanntes Element der
 zu bestimmen, was wir unter Bildung verstehen. Es ergibt      zu entfalten. Für diese Anliegen einzutreten, liegt bei Eltern,     Kinder erfahren ihre Bildung – durchaus im Sinne von            Grundbildung. Deshalb ist nicht gleichgültig, welche insti-
 sich die Chance, auf die diskriminierende Unterscheidung      ErzieherInnen, Lehrenden und BeraterInnen – dazu gehört           Formung – in einer ziemlich lieblosen mit ökonomischem            tutionalisierten Bildungswege wir durchlaufen. Das öster-
 in Gebildete und Ungebildete ganz zu verzichten. Das eu-      aber auch ein Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins:         Erfolg spekulierenden Welt. Ab dem ersten Lebenstag neh-          reichische Bildungssystem verpflichtet bis zum 15. Lebens-
 ropäische Erbe ist wichtig, doch für eine demokratische       Das Prinzip „fördern statt auslesen“ achtet die Würde aller       men sie auf, was sie umgibt. Alles bildet sie – sie bilden sich   jahr den Unterricht – wer studiert, besucht bis zu weiteren
 Gesellschaft ist es nicht mehr zeitgemäß, das Wissen dar-     Menschen in jedem einzelnen Menschen.                             durch alles (vgl. Hentig, 1996). Ihr Wissen und ihr Verhal-       zehn Jahren Schule und Universität. Etwa 40 Prozent eines
 über zu einem Qualitätsfaktor hochzustilisieren. „Niemand                                                                       ten, ihre Urteilskraft, ihre Einstellungen, ihre Gefühle bil-     Jahrganges absolvieren die Matura. Wir wissen: Höhere Ab-
 ist ungebildet“ versteht sich als demokratischer Hinweis,                                                                       den sich ab früher Kindheit – sie sind zu keinem Zeitpunkt        schlüsse verringern die Gefahr der Arbeitslosigkeit und er-
 unterschiedliche Wissensgebiete gleichwertig zu achten                                                                          ungebildet.                                                       lauben einen höheren Lebensstandard.
 und zu lehren.


Seite 56                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                Seite 57
BILDUNG I Lenz I Grundbildung ist auch Bildung                                                                                                                                             Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNG



  Inzwischen wissen wir, ausreichend empirisch belegt,         und die Zahl der Schulabgänger/-innen ohne Schulab-           Literatur                                                   Der Autor
dass die soziale und kulturelle Herkunft das Lernen des        schluss wird nicht geringer. Die PISA-Studie belegte, dass
                                                                                                                               Fuhrmann, M. (1999), Der europäische                      o.Univ.Prof. Dr. Werner Lenz
Lernens, die Motivation, den Schulerfolg und letztlich die     in Deutschland 10 % der 15-Jährigen bezogen auf ihre Le-
                                                                                                                                 Bildungskanon des bürgerlichen                          Werner Lenz, geboren 1944, lehrt und forscht an der Uni-
Wahl der Bildungswege beeinflussen. Ähnlich wie im deut-       sefähigkeit das unterste Kompetenzniveau nicht erreichen,         Zeitalters. Frankfurt/Main: Insel Verlag.
schen verlassen auch im österreichischen Bildungssystem,       weitere 13 % nicht die Kompetenzstufe 1.“                                                                                 versität Graz und ist in der außeruniversitären Bildungs-
                                                                                                                               Göhlich, M. / Zirfas, J. (2007), Lernen.                  arbeit tätig. Seit 2007 leitet er die neu gegründete Fakul-
so zeigen die PISA-Studien, jährlich zehn bis 15 Prozent der
                                                                                                                                 Ein pädagogischer Grundbegriff.                         tät für Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaft.
Fünfzehnjährigen die Schule mit Lese- und Schreibschwie-         Diese Gleichgültigkeit der Bildungspolitik wird nicht
                                                                                                                                 Stuttgart: Kohlhammer.                                  Karl-Franzens-Universität Graz
rigkeiten. Das sind in Österreich über 10.000 Jugendliche,      durch Appelle beseitigt. AnalphabetInnen haben keine
                                                                                                                               Hentig, H. v. (1996), Bildung. Ein Essay.                 Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften
die von der Schule kommend, schlechte Bedingungen für           Lobby und gehen verständlicherweise für ihre Anliegen
Arbeitsmarkt und Lebensgestaltung haben.                        nicht auf die Straße. Sie versuchen ihre Situation vor den       München, Wien: Hanser Verlag.                           www.uni-graz.at/werner.lenz
                                                                                                                                                                                         werner.lenz@uni-graz.at
                                                                Menschen ihrer nächsten Umgebung in Alltag und Beruf zu        Lenz, W. (2004), Niemand ist ungebildet. Beiträge
  In Deutschland, stellt Mona Motakef fest, werden auf-        verbergen. Bernhard Schlink hat in seinem verfilmten Buch         zur Bildungsdiskussion. Münster: LIT-Verlag.
grund der PISA-Studie 23 Prozent des Jahrgangs der Fünf-       „Der Vorleser“ ein literarisches Zeichen gesetzt.
                                                                                                                               Motakef, M. (2008), Das Menschenrecht auf
zehnjährigen wegen ihrer Leseschwäche zu einer Risiko-                                                                          Alphabetisierung in Deutschland. In: Bildung
gruppe gezählt. „Diese Jugendlichen sind in Deutschland        Bildung als Menschenrecht                                        und Erziehung, 61. Jg., Heft 2, S. 187–201.
zwar in die Schule gegangen, haben im Laufe ihrer               AnalphabetInnen entwickeln eigene Strategien, um sich
                                                                                                                               Salcher, H. (2008), Der talentierte Schüler
Schullaufbahn jedoch nicht ausreichend schreiben, le-          durch das Leben zu schlagen. Trotzdem haben sie das Ge-
                                                                                                                                 und seine Feinde. Salzburg: Ecowin Verlag.
sen und rechnen gelernt. Sie sind zum größten Teil männ-       fühl, individuell von wichtigen Lebensbereichen und Be-
lich, relativ arm und besuchen Haupt- oder Sonderschu-         rufschancen ausgeschlossen zu sein. Über die Erfolge            Schlink, B. (1999), Der Vorleser.
len. Funktionaler Analphabetismus ist vor allem eine Frage     von Bildungsarbeit mit Analphabeten können wir bei Mo-            Zürich: Diogenes Verlag.
der sozialen Herkunft und damit ein Problem mangelnder         nika Wagener-Decroll nachlesen (ebd.): „Die meisten sind        Wagener-Drecoll, M. (2008), 1978–2008. 30 Jahre
Chancengerechtigkeit. Wenn Kinder und Jugendliche bei-         selbstbewusster geworden, haben ihr Leben in die Hand            Alphabetisierung und Grundbildung an der
spielsweise in relativer Armut aufwachsen und zudem ei-        genommen, sich wieder auf einen Arbeitsplatz bewor-               Bremer Volkshochschule – Ein persönlicher
nen Migrationshintergrund aufweisen, ist es statistisch ge-    ben, haben den Führerschein gemacht oder sogar den                Rückblick. In: Grotlüschen, A./Beier, P. (Hrsg.).
sehen wahrscheinlich, dass sie in ihrer Schullaufbahn in       Hauptschulabschluss.“                                             Zukunft Lebenslangen Lernens. Strategisches
Deutschland scheitern.“ (Motakef, 2008, S. 189)                                                                                  Bildungsmonitoring am Beispiel Bremens
                                                                                                                                (S. 163–178). München: Bertelsmann Verlag.
                                                                Daraus ist erkennbar, dass sich die Vermittlung der
  Basisbildung wird meist mit dem Erwerb der Lese- und         Grundbildung nicht nur auf die Kenntnis des Alphabets be-
Schreibfähigkeit gleichgesetzt. Dementsprechend irritie-       zieht, sondern die gesamte Persönlichkeit mit ihren emoti-
rend sollten die PISA-Ergebnisse sein. Eine Antwort liegt      onalen und intellektuellen Dimensionen einschließt.
in der Verbesserung der Schulqualität, in der Reform der
Lehrerbildung, in der Auswahl der LehrerInnen sowie in           Grundbildung fördern bedeutet also, bei einem bereits er-
der erhöhten Verantwortung von SchulleiterInnen. Eine          reichten Entwicklungsstand eines Menschen anzuschlie-
andere Antwort im Ausbau der elementaren Bildung oder          ßen. Der neue Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten ist
Frühkindpädagogik – das betrifft die Lern- und Bildungs-       somit kein simpler Zubau, sondern eine Leistung der Inte-
prozesse von Kindern bis zum Schuleintritt. In diesem Zu-      gration und Transformation. In Anschluss an Göhlich und
sammenhang werden die Professionalisierung des päda-           Zirfas (2007, S. 181 ff.), die die pädagogischen Dimensi-
gogischen Personals sowie dessen bessere Bezahlung und         onen des Lernens hervorheben, geht es darum zu lernen,
erhöhte Wertschätzung diskutiert. Eine bildungspolitische      wie wir etwas wissen, etwas können, wie wir leben und ler-
Maßnahme besteht in der Etablierung der ersten Profes-         nen lernen.
sur in Österreich für Frühkindpädagogik an der Universi-
tät Graz. Wissenschaftliche Expertise soll in Forschung und      Wir dürfen die Verantwortung für den Erwerb von Ba-
Lehre sowie in der Professionalisierung des Personals zur      sisbildung nicht allein den Betroffenen überlassen. Es gilt
Verfügung stehen.                                              heute als Menschenrecht, sich die Fähigkeiten, an der Ge-
                                                               sellschaft teilzuhaben, zu erwerben, um von ihr zu profi-
Bildung — Integration und Transformation                       tieren und sie mitzugestalten. Dazu gehören eben Lesen,
  Monika Wagener-Drecoll, seit über drei Jahrzehnten an        Schreiben, Rechnen, Kenntnisse, einen Computer zu be-
der Volkshochschule in Bremen mit dem Thema Alphabe-           nutzen, einen Führerschein zu erwerben … wir merken, es
tisierung und Grundbildung befasst, schreibt im Rückblick      ist nicht leicht, eine Grenze zu finden, was zur Grundbil-
auf ihre Berufstätigkeit (2008, S. 176): „Mit Beginn meiner    dung gehört.
Berufstätigkeit vor 30 Jahren hatte ich damit gerechnet,
dass meine Arbeit in der Alphabetisierung Deutscher sich         Wenn wir Bildung als einen lebensintegrierten Prozess
irgendwann überholen würde. Ich konnte mir nicht vor-          verstehen, so folgt: Grund- und Basisbildung fördern indi-
stellen, dass Politiker tatenlos zusehen, wenn weiter junge    viduelle Entwicklung und die Kraft, eigenständig weitere
Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibkennt-             Lern- und Bildungsprozesse auf sich zu nehmen. Alphabe-
nisse unsere Schulen verlassen.                                tisierung ist eine, aber keine unwesentliche Station unter
                                                               vielen auf dem Bildungsweg.
 Ich habe mich getäuscht: Das Thema Analphabetismus
hat nichts an Aktualität verloren: nach wie vor werden
funktionale Analphabeten aus unseren Schulen entlassen,


Seite 58                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                         Seite 59
BILDUNG I Biffl I Basisbildung                                                                                                                                                                                Basisbildung I Biffl I BILDUNG



                                                                                                                            Erst mit dem Beginn der Industrialisierung kam das Zeit-     und sich das nötige Wissen zu verschaffen, um ein eigen-
                                                                                                                          alter der Volksbildung. Die Massenalphabetisierung, die        ständiges Leben zu führen.
                                                                                                                          in den meisten europäischen Ländern im 18. Jahrhun-
                                                                                                                          dert einsetzte, war eine Vorbedingung für die Umsetzung          Basisbildung ist in diesem Sinne ein integraler Bestand-
                                                                                                                          der Produktionsmöglichkeiten, die sich aus der industri-       teil des lebensbegleitenden Lernens. Daher gewinnt
                                                                                                                          ellen Revolution und der maschinellen Fertigung eröffne-       die Erwachsenenbildung in Ergänzung zum System der
                                                                                                                          ten. Bildung für alle bedeutete die Vermittlung elementarer    Erstausbildung an Bedeutung. Das spiegelt sich in der eu-
                                                                                                                          Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Darü-        ropäischen Strategie der Bündelung der Förderprogramme
                                                                                                                          ber hinaus wurden dem Bildungsstreben der Massen enge          der allgemeinen und beruflichen Bildung in einem über-
                                                                                                                          Grenzen gesetzt. Selbst ein so moderner Autor wie Man-         greifenden Konzept des Lebenslangen Lernens (EK 2009)
                                                                                                                          deville, der im Eigennutz eine wichtige Triebfeder für den     ebenso wie in dem Schwerpunkt der UNESCO auf der welt-
                                                                                                                          wirtschaftlichen Fortschritt sah (1724/1957), warnte vor       weiten Förderung der Literalisierung (UN-Weltdekade der
                                                                                                                          den „Armenschulen” (siehe Busche (2001) über Mande-            Literalisierung 2003–2012).
                                                                                                                          ville). Er war gemeinsam mit vielen anderen der Meinung,
                                                                                                                          dass das ‚Volk’ nur so viel ‚Bildung’ braucht, wie notwendig   Basisbildung als Voraussetzung für
                                                                                                                          ist, um es effektiv in den Wirtschafts- und Produktionspro-    sozioökonomische Partizipation
                                                                                                                          zess zu integrieren. Da in der Frühphase der Industrialisie-     Eine stärkere Einbindung bislang bildungsferner Schich-
                                                                                                                          rung vor allem Arbeitskräfte mit einfachen Qualifikationen     ten in die Basisbildung ist in einer Wissensgesellschaft
Gudrun Biffl                                                                                                              gebraucht wurden, war die Gesellschaft auch nicht bereit,      nicht nur eine Voraussetzung für den Erhalt ihrer finanzi-
Professorin an der Donau-Universität Krems,                                                                               über die Basisbildung hinaus berufliche und allgemeine         ellen Unabhängigkeit, sondern auch für ihre Handlungsfä-
Leiterin des Departments: Migration und Globalisierung                                                                    Bildung zu organisieren und zu finanzieren.                    higkeit als verantwortungsbewusste Mitglieder in einer rei-
gudrun.biffl@donau-uni.ac.at                                                                                                                                                             fen Zivilgesellschaft. Personen mit geringer Bildung sind
                                                                                                                            Erst mit der zunehmenden Spezialisierung und Techno-         stark armutsgefährdet (Till-Tentschert 2007). Sie haben
                                                                                                                          logisierung der Industriegesellschaften im Zusammen-           überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquoten und kom-
                                                                                                                          wirken mit der Demokratisierung der Gesellschaften und         men meist nicht in den Genuss von Weiterbildung, da diese
                                                                                                                          dem Erstarken der Arbeiterbewegung wurde das Recht auf         ein gewisses Maß an Basisbildung voraussetzt (Behringer
                                                                                                                          eine umfassende Bildung festgeschrieben. Mit dem Recht         et al. 2009).
                                                                                                                          auf Bildung und dem Ausbau der Bildungssysteme hoffte

Basisbildung
                                                                                                                          man, die sozialen Ungleichgewichte, die eng mit dem Bil-        Aber auch die Bewältigung der täglichen Anforderungen
                                                                                                                          dungsgrad der Bevölkerungsgruppen verbunden waren,             des Lebens setzt zunehmend Kenntnisse im Lesen und
                                                                                                                          abzubauen. Bis heute konnte zwar die Sozialhierarchie          Schreiben komplexer Texte und in der Bewältigung von
Voraussetzung für die persönliche Entfaltung und den                                                                      über eine Verbesserung der Bildungschancen verringert, je-
                                                                                                                          doch nicht aufgehoben werden. Die soziale Herkunft der
                                                                                                                                                                                         mehr oder weniger komplexen Rechenaufgaben voraus.
                                                                                                                                                                                         Abgesehen von der Alltagsbewältigung ist es auch für die
wirtschaftlichen Erfolg in einer Wissensgesellschaft.                                                                     SchülerInnen ist in Österreich in stärkerem Maße für die       Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit in einer wissensba-

Über die Bedeutung der Basisbildung im                                                                                    Schullaufbahn und den Lernerfolg verantwortlich als in an-
                                                                                                                          deren Ländern, etwa Skandinavien, USA, Kanada und Aus-
                                                                                                                                                                                         sierten Gesellschaft und Wirtschaft notwendig, die erwor-
                                                                                                                                                                                         benen Fähigkeiten laufend an geänderte Anforderungen
gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel                                                                            tralien (OECD 2004/2006A). Die soziale Mobilität über Bil-     anzupassen. In der Folge stehen nicht nur die Individuen
                                                                                                                          dung ist in der Folge in Österreich vergleichsweise gering.    und die Betriebe vor großen Herausforderungen, sondern
                                                                                                                                                                                         vor allem auch die Bildungseinrichtungen.
                                                                                                                            Mit dem Entstehen der „Wissensgesellschaft” (etwa Mitte
 Bildung hat einen besonderen Stellenwert in unserer Ge-    harrlichkeit des sozialen Hintergrunds der SchülerInnen       des 20. Jahrhunderts), die von der Informations- und Kom-        Sie werden zunehmend zu gesellschafts- und wirtschafts-
sellschaft. Sie dient einerseits der Selbstentfaltung und   in den verschiedenen Aus-Bildungsbereichen. Aus histori-      munikationstechnologie getragen wird – und ähnliche re-        politischen Akteuren, die mit knappen Ressourcen wirt-
der Erhöhung des Selbstwertgefühls – in der Sprache der     scher Perspektive gab es in vorindustriellen Gesellschaften   volutionäre Änderungen in der Arbeitsorganisation, den         schaften und zugleich wachsenden Ansprüchen gerecht
Ökonomie ist Bildung daher ein Konsumgut –, anderer-        nur eine zahlenmäßig verschwindend kleine Elite, die Zu-      Produktionsmethoden und den beruflichen Anforderun-            werden müssen (steigende Bildungspartizipation bei
seits bestimmt sie das wirtschaftliche Produktionspoten-    gang zu Bildung und künstlerischer Erziehung hatte. Eine      gen zur Folge hat wie die vormalige industrielle Revolu-       gleichzeitig knappen öffentlichen Budgets). Die Heraus-
zial der Gesellschaft – sie ist daher ökonomisch gesehen    überregionale Bildungsschicht kommunizierte unterein-         tion –, gewinnt Bildung, insbesondere die Basisbildung, an     forderungen werden komplexer: einerseits, weil unsere
auch ein Investitionsgut. Das gilt nicht nur für den Ein-   ander in einer Bildungssprache und Schrift, von der die lo-   Bedeutung.                                                     Gesellschaften immer älter und multikultureller werden
zelnen sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Je     kale Bevölkerung ausgeschlossen war. Das Bildungswissen                                                                      (angebotsseitiger Wandel), andererseits, weil die Anforde-
höher der Bildungsgrad, desto höher ist die Beschäfti-      stand in keinem Zusammenhang mit den beruflichen Fach-         Bei der Basisbildung geht es in der Wissensgesellschaft       rungen an die Menschen in der Arbeitswelt immer speziali-
gungs- und Einkommenssicherheit des Menschen. Ge-           kenntnissen, die notwendig waren, um die Versorgung der       aber nicht mehr primär um das Lernen elementarer Kul-          sierter werden (nachfrageseitiger Wandel).
samtwirtschaftlich gesehen steigt mit dem Bildungsgrad      Bevölkerung mit lebensnotwendigen Produkten zu sichern        turtechniken, sondern auch um den Erwerb der Grund-
der Gesellschaft das wirtschaftliche Produktionspotenzial   (Crone 1989/2000). Das Fachwissen, das für die Herstellung    kenntnisse im Umgang mit der Informations- und Kom-             Wie also bei der Wissensvermittlung vorgehen und die Fä-
und damit die gesamtwirtschaftliche Produktivität und       von Gütern und Dienstleistungen erforderlich war, wurde       munikationstechnologie und der Fähigkeit, sich in              higkeiten vermitteln, die die Menschen in die Lage verset-
Wettbewerbsfähigkeit.                                       innerhalb von Familien oder Zünften weitergegeben. Der        gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und politi-     zen, sich laufend neu zu definieren und an den geänderten
                                                            Zugang zu den nach Sozialstatus strukturierten Elementen      sche Prozesse einzubringen. Basisbildung geht somit über       Anforderungen zu orientieren? Wichtig ist sicherlich, dass
  Bildung ist aber auch ein Statussymbol. Das lässt sich    des Bildungssystems war somit eng definiert: Personen, die    Wissensvermittlung hinaus. Es ist ein Integrationskon-         Lernen Freude macht. Die Personengruppen, die heute als
am Sozialstatus beim Zugang zu den diversen Elementen       außerhalb des Adels oder des Bürgerstands waren, wie etwa     zept, das sicherstellt, dass alle Menschen in der Lage sind,   bildungsfern bezeichnet werden, haben die Freude am Ler-
des Bildungssystems im Laufe der menschlichen Entwick-      Taglöhner, Mägde oder Knechte, hatten keinen Zugang zu        auf gesellschaftliche und berufliche Herausforderungen,        nen verloren, ja sie haben oft sogar Angst davor. Sie wie-
lungsgeschichte ebenso veranschaulichen wie an der Be-      formaler, strukturierter Aus- und Weiterbildung.              die sich im Wandel der Zeit ändern können, zu reagieren        der zu motivieren, Freude am Lernen zu entwickeln, bedarf



Seite 60                                       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                            Seite 61
BILDUNG I Biffl I Basisbildung                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                 Basisbildung I Biffl I BILDUNG



großer Anstrengungen, insbesondere auch einen anderen                                                                                                       die zu Hause gesprochen wird, einen Einfluss auf den schu-                                                                                                     Bevölkerung in entwickelten Industrieländern wie Kanada,         nen Pflichtschulabschluss aufwiesen (1,2 Millionen), ist der
Umgang mit den Lernenden. Neue Lehr- und Lernmetho-                                                                                                         lischen Erfolg haben, sind derartige Strukturfaktoren in der                                                                                                   USA, Norwegen und der Schweiz im Jahr 2003 Schwierigkei-         Anteil derzeit um zehn Prozentpunkte geringer (800.000,
den sind angesagt und neue, als angenehm empfundene                                                                                                         Analyse zu berücksichtigen.                                                                                                                                    ten beim Lesen und Verstehen von Texten und beim Meis-          -32 % gegenüber 2001).
Lernumgebungen.                                                                                                                                                                                                                                                                                                            tern der Anforderungen im Lebensalltag haben. Österreich
                                                                                                                                                              Aus Abbildung 2 ist ersichtlich, dass auch nach Berück-                                                                                                      hat erst jüngst an einer derartigen OECD-Erhebung teilge-          Eine Differenzierung der Zahl der Personen mit höchs-
  Die Verantwortung für die geringen Bildungsgrade und                                                                                                      sichtigung der Unterschiede im Sozialstatus der Einwande-                                                                                                      nommen; Daten stehen aber noch nicht zur Verfügung. Ein          tens Pflichtschulabschluss nach Geburtsland im Mik-
Lernerfolge bestimmter Personengruppen liegt somit beim                                                                                                     rungspopulation und der Aufnahmebevölkerung die erste                                                                                                          Blick auf die Bildungslage der österreichischen Bevölke-         rozensus zeigt, dass Personen aus anderen EU(27)-Mit-
gesellschaftlichen System. Wenn jemand die Ausbildung                                                                                                       und zweite Generation MigrantInnen eine schlechtere Per-                                                                                                       rung im Jahr 2008 (Statistik Austria, Mikrozensus 2008) zeigt    gliedstaaten (Mitgliedstaaten ausschreiben?) seltener als
abbricht, oder sie erst gar nicht aufnimmt, so ist das nicht                                                                                                formanz haben als die Einheimischen. Dies gilt vor allem                                                                                                       aber, dass der Anteil der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung mit    ÖsterreicherInnen diesen geringen Bildungsgrad haben,
primär ein Versagen der Person, sondern ein Versagen der                                                                                                    für Belgien, Dänemark, die Niederlande, Schweiz, Deutsch-                                                                                                      Pflichtschule als dem höchsten Ausbildungsgrad 17,4 % aus-       nämlich knapp 10 % (rund 28.000) gegenüber 14 % der Ös-
Gesellschaft und ihrer Bildungseinrichtungen. Sie hat es ver-                                                                                               land und Österreich. Auffällig ist, dass es in Österreich kaum                                                                                                 macht. Personen mit diesem Bildungsgrad werden meist als         terreicherInnen (536.000). Im Gegensatz dazu haben 41 %
absäumt, die Potenziale der Einzelnen zu fördern, das Inte-                                                                                                 zu einer Verbesserung der schulischen Fähigkeiten (Mathe-                                                                                                      bildungsfern bezeichnet. Man nimmt an, dass sie mit großer       der Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien (ohne Slo-
resse am Lernen aufrechtzuerhalten oder ganz einfach die                                                                                                    matik) der zweiten Generation gegenüber der ersten Ge-                                                                                                         Wahrscheinlichkeit Lernhemmnisse haben und ähnliche             wenien) und 72 % der Personen aus der Türkei diesen ge-
Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Lernen zu schaf-                                                                                                    neration kommt, während das in der Schweiz und Holland,                                                                                                        Schwierigkeiten im Umgang mit Texten und Rechenaufga-            ringen Bildungsgrad (110.000 respektive 88.000). Unter den
fen. Das Versagen des österreichischen Bildungssystems                                                                                                      vor allem aber in Schweden, doch der Fall ist. Deutschland                                                                                                     ben sowie im Lösen von Alltagsproblemen wie die bildungs-       ‚sonstigen’ Zuwanderern der ersten Generation haben ge-
kann anhand der Bildungssituation der Jugendlichen mit                                                                                                      schwimmt in dem Zusammenhang gegen den Strom, in-                                                                                                              fernen Personen in den oben genannten Ländern. In Abso-          mäß Mikrozensus 2008 24 % maximal einen Pflichtschulab-
Migrationshintergrund besonders klar verdeutlicht werden.                                                                                                   dem die zweite Generation eine schlechtere Performanz in                                                                                                       lutzahlen handelt es sich hier um rund 800.000 Personen          schluss (37.000), wobei Personen aus Asien, dem Vorderen
                                                                                                                                                            Mathematik (nach Bereinigung um Sozialstatus) hat als die                                                                                                      gemessen an der gleichaltrigen Bevölkerung von 4.584.000.        Orient und Afrika eher einen geringen Bildungsgrad auf-
  So werden Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig                                                                                                    erste Generation. In den Ländern, in denen die erste und                                                                                                       Davon ist ein Drittel im Ausland geboren (263.000), also        weisen, kaum aber Personen aus Amerika oder Ozeanien.
in Sonderschulen gegeben, vor allem Kinder von MigrantIn-                                                                                                   zweite Generation der SchülerInnen einen ähnlich hohen                                                                                                         erste Generation MigrantInnen. Unter den MigrantInnen
nen aus der Türkei und dem früheren Jugoslawien. Aus Ab-                                                                                                    sozioökonomischen Status haben wie die Einheimischen, so                                                                                                       haben im Schnitt 32 % höchstens Pflichtschulabschluss.           Abbildung 3: Anteil der 25- bis 64-jährigen Personen mit
bildung  1 ist ersichtlich, in welchen Elementen des Schul-                                                                                                 etwa Kanada und Australien, gibt es keine Performanzunter-                                                                                                                                                                     maximal Pflichtschulabschluss an der 25- bis 64-jährigen
systems der Anteil der SchülerInnen mit nicht-deutscher                                                                                                     schiede zwischen Einheimischen und Einwanderern.                                                                                                                Von den 800.000 25- bis 64-jährigen Personen haben ge-         Bevölkerung nach Geburtsland
Muttersprache bzw. ausländischer Staatsbürgerschaft be-                                                                                                                                                                                                                                                                    mäß Mikrozensus rund 6 % keinen Hauptschulabschluss,
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  90
sonders hoch ist. Demzufolge liegt der Anteil der SchülerIn-                                                                                                 Abbildung 2: Anteil der 15-jährigen SchülerInnen in aus-                                                                                                      d.h., knapp 50.000 sind entweder AbsolventInnen einer Son-
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  80
nen mit nichtdeutscher Muttersprache im Schuljahr 2006/07                                                                                                   gewählten OECD-Ländern, die zu Hause eine andere als die                                                                                                       derschule, SchulabbrecherInnen oder Personen, die die
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  70
im Durchschnitt aller Schulen in Österreich bei 15,3 Prozent.                                                                                               Unterrichtssprache sprechen bzw. einen Migrationshinter-                                                                                                       Hauptschule ohne positiven Abschluss verlassen haben.
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  60
In den Sonderschulen ist der Anteil am höchsten, mit 26,5                                                                                                   grund aufweisen (2003)                                                                                                                                         Umgelegt auf die Bevölkerung sind das etwas über 1 % der 25-
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  50
Prozent, und in den berufsbildenden Pflichtschulen (Lehre)                                                                                                                                                                                                                                                                 bis 64-Jährigen. Das ist ein bedeutend geringerer Wert als




                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           In %
                                                                                                                                                                                                                                                               Unterschiede in der Leistung in Mathematik zwischen                                                                                40
am geringsten mit 7,9 Prozent.                                                                                                                                                             Unterschiede in der Leistung in Mathematik zwischen
                                                                                                                                                                                                   einheimischen und SchülerInnen mit
                                                                                                                                                                                                                                                                       einheimischen und SchülerInnen mit
                                                                                                                                                                                                                                                                Migrationshintergrund nach Berücksichtigung des
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           die Schulstatistik vermuten lässt, derzufolge etwa 5 % einer
                                                                                                                                                                                                          Migrationshintergrund                                  Bildungsniveaus und des Berufsstatus der Eltern
                                                                                                                                                                           Australien
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Kohorte keinen positiven Hauptschulabschluss haben.                    30



 Abbildung 1: Anteil der SchülerInnen in Österreich mit                                                                                                                   Österreich
                                                                                                                                                                              Belgien
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                  20



nichtdeutscher Muttersprache und nichtösterreichischer                                                                                                                       Kanada
                                                                                                                                                                          Dänemark
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                            Da es sich beim Mikrozensus um eine Selbstauskunft han-               10



Staatsbürgerschaft – Schuljahr 2006/07                                                                                                                                    Frankreich
                                                                                                                                                                       Deutschland
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           delt, dürfte die Zahl der Personen ohne Pflichtschulab-                0
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                                         Insgesamt                Österreich    EU 27 o. Ö   ehem. Jugoslawien o. Sl.    Türkei     Sonstige

                                                                                                                                                                         Luxemburg
                                                                                                                                                                        Niederlande
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           schluss aus verschiedenen Gründen unterschätzt werden.          Quelle: Statistik Austria, eigene Berechnungen        VZ 2001                                MZ 2008



                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Hingegen könnte die Schätzung der Zahl der Personen ohne
                                                                                                                                                                                          SchülerInnen                                                     SchülerInnen
       30,0                                                                                                                                                             Neuseeland        mit                                      Einheimische            mit                                        Einheimische
                                                                                                                                                                                          Migrations-                              SchülerInnen            Migrations-                                SchülerInnen
                                                                                                                                                                                          hintergrund                              schneiden               hintergrund                                schneiden
                                                                                                                                                                          Norwegen                                                 besser ab                                                          besser ab

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           Hauptschulabschluss mittels der Schulstatistik etwas über-        Die Verteilung der Personen mit maximal Pflichtschul-
                                                                                                                                                                                          schneiden                                                        schneiden
                                              26,5                                                                                                                                        besser ab                                                        besser ab
                                                                                                                                                                          Schweden
       25,0                                                                                                                                                                  Schweiz
                                                                                                                                                                                 USA                                                                                                                                       höht sein, nicht zuletzt, da die Erwachsenenbildung das         abschluss auf die Bundesländer ist nicht gleichmäßig. Der
                                                                                                                                                              OECD-Durchschnitt
       20,0
               20,3

                              18,7
                                                     18,2
                                                               20,4
                                                                                                                                                                Hong-Kong-China                                                                                                                                            Nachholen des Hauptschulabschlusses ermöglicht. In die          Anteil der 25- bis 64-jährigen Personen mit einfacher Bil-
                                                                                                                                                                      Macao-China

                                                                                                              15,4                             15,3
                                                                                                                                                            Russische Föderation                                                                                                                                           Gegenrichtung wirkt allerdings die Zuwanderung, die Per-        dung an der gleichaltrigen Bevölkerung ist in Vorarlberg
In %




       15,0

                                     12,1
                                                                      14,0                                                                                                              -30      -10     10      30      50      70       90
                                                                                                                                                                                                  Unterschiede in der Leistung in Mathematik
                                                                                                                                                                                                                                                   110   -30       -10     10      30       50      70       90
                                                                                                                                                                                                                                                                    Unterschiede in der Leistung in Mathematik
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                     110
                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           sonen nach Österreich brachte, die keinen mit dem öster-        mit 22 % am höchsten und in Kärnten mit 12 % am gerings-
                      11,4                                                     11,7


       10,0
                                                                                            9,8
                                                                                                                                                      9,1
                                                                                                                                                            Quelle: OECD PISA 2003                                                 2. Generation         1. Generation                                                     reichischen Hauptschulabschluss vergleichbaren Bildungs-        ten (Abbildung 4).
                                                                                                                     8,4

                                                                                                                                                                                                                                                                                                                           abschluss haben bzw. deren Abschluss in Österreich nicht
                                                                                                                               7,9

                                                                                      5,8
                                                                                                  5,2
        5,0
                                                                                                                                     3,3                     Die PISA-Daten verdeutlichen, dass das Faktum der Zu-                                                                                                         als gleichwertig anerkannt wird. Aus der amtlichen Statistik
        0,0
                                                                                                                                                            wanderung einen Einfluss auf den Erfolg der Kinder mit Mi-                                                                                                     kann der genaue Bildungsgrad der ersten Generation Zu-
              Volksschule    Hauptschule    Sonderschule       Polytech.         AHS         BHS                BMS        Berufsbildende Alle Schultypen
                                                                                                                            Pflichtschule                   grationshintergrund im Schulsystem des Aufnahmelandes                                                                                                          wanderer nicht eruiert werden, da eine tiefere Untergliede-
Quelle: bm:ukk, eigene Berechnungen                   nicht deutsche Muttersprache                      nicht österreichische Staatsbürgerschaft
                                                                                                                                                            hat. Es dauert offenbar länger als eine Generation, um mit                                                                                                     rung des Bildungsgrads ‚höchstens Pflichtschulabschluss’
                                                                                                                                                            den Einheimischen im Schnitt gleichzuzie­ en.
                                                                                                                                                                                                     h                                                                                                                     kaum vorgenommen wird. In diesem Sinne ist der Mikro-
  Die starke räumliche Konzentration von MigrantInnen in                                                                                                                                                                                                                                                                   zensus 2008 eine Ausnahme; er liefert Anhaltspunkte über
einigen Schulen Wiens – eine klare Mehrheit der SchülerIn-                                                                                                   Es sind aber nicht nur Personen mit Migrationshinter-                                                                                                         die Zusammensetzung dieser Bildungsgruppe, eine exakte
nen einen nichtdeutschsprachigen Migrationshintergrund –                                                                                                    grund, die einen Förderbedarf im Bereich der Bildung, ins-                                                                                                     Quantifizierung der Population ohne positiven Pflichtschul-
hat Anforderungen an das Schulsystem (Be­ leitlehrerInnen,
                                            g                                                                                                               besondere der Basisbildung, haben.                                                                                                                             abschluss ist allerdings nicht möglich.
Integrationshilfen) gestellt, mit denen das System zum Teil
überfordert war.                                                                                                                                            Größenordnung des Bedarfs an                                                                                                                                    Aus einem Vergleich der Zahlen des Mikrozensus und der
                                                                                                                                                            Basisbildung in Österreich                                                                                                                                     Volkszählung 2001 wird ersichtlich (Abbildung 3), dass sich
 Im internationalen Vergleich liegt Österreich den PISA-                                                                                                     Internationale Erhebungen zu der Literalität und der Fä-                                                                                                      der Bildungsgrad der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung in
Ergebnissen zufolge (OECD, 2006B) schlecht, was die Bil-                                                                                                    higkeit, mit den Anforderungen des täglichen Lebens zu-                                                                                                        den sieben Jahren zwischen den Erhebungen merklich ver-
dungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund                                                                                                     rechtzukommen (Adult Literacy and Life Skills Survey, OECD                                                                                                     bessert hat. Während zum Zeitpunkt der Volkszählung 2001
anbelangt. Da der Sozialstatus der Eltern und die Sprache,                                                                                                  2000), zeigen, dass 10 % bis 20 % der der 16- bis 65-jährigen                                                                                                  noch 26 % der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung maximal ei-



Seite 62                                                                                                                             Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                                                                 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                                                  Seite 63
BILDUNG I Biffl I Basisbildung                                                                                                                                                                                                                                                    Basisbildung I Biffl I BILDUNG



 Abbildung 4: Anteil der Personen mit höchstens Pflicht-                                                                           schule abgeschlossen hat, bei 50.000 liegt – das ist die Per-   Literatur                                                   Die Autorin
schulabschluss im Alter von 25 bis 64 Jahren nach                                                                                  sonengruppe, die sich im Mikrozensus dazu bekannt hat
                                                                                                                                                                                                     Behringer, F. / Käpplinger, B. / Pätzold, G.
Bundesländern                                                                                                                      (das entspricht 1,1 % aller 25- bis 64-Jährigen) oder ob die
                                                                                                                                                                                                       (Hrsg.) (2009), Betriebliche Weiterbildung –
                                                                                                                                                                                                                                                               Univ.Prof.in Mag.a Dr.in Gudrun Biffl
       35                                                                                                                          Zahl bei 140.000 liegt, das sind nämlich 3 % aller 25- bis          der Continuing Vocational Training                      Seit 2008 Professorin an der Donau-Universität Krems,
                                                                                                                                   64-Jährigen. Zu der letzten Zahl kommt man, wenn man                Survey (CVTS) im Spiegel nationaler                     Leiterin des Departments: Migration und Globalisie-
       30

                                                                                                                                   den Prozentsatz der Jugendlichen in der PISA-Erhebung,              und europäischer Perspektiven,                          rung; davor wissenschaftliche Mitarbeiterin des ös-
       25
                                                                                                                                   die als funktionale Analphabeten bezeichnet werden, auf             Zeitschrift für Wirtschaftspädagogik –                  terreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung. For-
       20                                                                                                                          die Gesamtpopulation hochrechnet. Die Zahl der Perso-               Beihefte (ZBW-B, Band 22, 1. Auflage),                  schungsschwerpunkte im Bereich des Arbeitsmarktes,
                                                                                                                                   nen ohne Hauptschulabschluss, die mithilfe der Schulsta-            Stuttgart, Franz Steiner Verlag.                        der Bildungs- und Migrationsforschung.
In %




       15

                                                                                                                                   tistik geschätzt werden kann, liegt noch etwas höher (5 %         Busche, H. (2001), Von der                                Donau-Universität Krems,
       10
                                                                                                                                   der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung, d.h. 233.000). Diese           Bedürfnisbegrenzungsmoral zur                           Department für Migration und Globalisierung
       5                                                                                                                           Zahl dürfte aber der Wahrheit wohl am nächsten kommen,              Bedürfniskultivierungsmoral – Alte                      www.donau-uni.ac.at/mig
                                                                                                                                   wenn man den Bedarf an Basisbildung in Österreich quan-             Ethik und neue Ökonomie bei Bernard                     gudrun.biffl@donau-uni.ac.at
       0
            Österreich   Burgenland     Nieder-
                                       österreich
                                                    Wien   Kärnten   Steiermark      Ober-
                                                                                  österreich
                                                                                               Salzburg       Tirol   Vorarlberg
                                                                                                                                   tifizieren will.                                                    Mandeville, in: Archiv für Rechts- und
Quelle: Statistik Austria, eigene Berechnungen             VZ 2001                                  MZ 2008                                                                                            Sozialphilosophie Vol. 87, S. 338–362.
                                                                                                                                   Schlussfolgerungen                                                Crone, P. (1989/2000), Pre-Industrial
  Die Rangordnung der Bundesländer in Bezug auf den                                                                                 Der Versuch der Quantifizierung des Bedarfs an Basisbil-           Societies: New Perspectives on the
Bildungsgrad hat sich über die Zeit verschoben, der un-                                                                            dung zeigt, dass es einer Kombination von Maßnahmen                 Past, Oxford, Blackwell Publishers.
terste bzw. oberste Rang wurde allerdings nicht davon be-                                                                          bedarf, um die bildungsfernen Personengruppen mit den             Europäische Kommission (2009), Ein
troffen. Besonders markant war die Verbesserung des Bil-                                                                           Qualifikationen auszustatten, die sie brauchen, um den              einheitliches Dach für die Programme
dungsgrads der Bevölkerung im Burgenland (von 30 % auf                                                                             Alltag besser zu meistern und am gesellschaftlichen und             zur allgemeinen und beruflichen
19 % HilfsarbeiterInnenqualifikationsanteil). Oberöster-                                                                           politischen Alltag voll teilzuhaben. Allein die regional sehr       Bildung (http://ec.europa.eu/education/
reich und Tirol haben denselben Entwicklungsschritt ge-                                                                            unterschiedlichen Gegebenheiten bezüglich des Alters der            lifelong-learning-programme/doc78_de.htm)
nommen und ihren HilfsarbeiterInnenanteil von 28 % auf                                                                             Betroffenen und ihrer ethnisch-kulturellen Zusammenset-           Mandeville, B. (1924/1957), The Fable
20 % reduziert. Der unterschiedliche Bildungsgrad der Be-                                                                          zung einerseits und der räumlichen Verteilung der Bevölke-         of the Bees: or, Private Vices, Public
völkerung nach Bundesländern ist zum Teil eine Folge der                                                                           rung und der Wirtschaftsdynamik andererseits legen nahe,           Benefits, with a commentary by F. B.
Zuwanderung, zum Großteil aber eine Folge der Bildungs-                                                                            dass unterschiedliche und kultursensible Herangehens-              Kaye, 2. Auflage 1957, Oxford.
politik, die stark von der Wirtschaftsstruktur und ihrer Dy-                                                                       weisen entwickelt werden müssen.                                  OECD (2006A), Assessing Scientific,
namik beeinflusst wird.                                                                                                                                                                                Reading and Mathematical Literacy, A
                                                                                                                                                                                                       Framework for PISA 2006, Paris.
  Weder die regionale Struktur der Personen mit maximal
                                                                                                                                                                                                     OECD (2006B), Where immigrant students
Pflichtschulabschluss noch der Anteil der MigrantInnen
                                                                                                                                                                                                       succeed: A comparative review of performance
nach Bundesländern ist ein ausreichender Indikator für                                                                                                                                                 and engagement in PISA 2003, Paris.
den regionalen Nachholbedarf an Basisbildung. Dies vor
allem deshalb, weil Einheimische in den einzelnen Bun-                                                                                                                                               OECD (2004), Lernen für die Welt von morgen,
                                                                                                                                                                                                       Erste Ergebnisse von PISA 2003, Paris.
desländern in unterschiedlichem Maße maximal Pflicht-
schule haben bzw. keinen Pflichtschulabschluss haben und                                                                                                                                             OECD (2000), Literacy in the Information
weil sich der Bildungsgrad der MigrantInnen zwischen den                                                                                                                                               Age: Final report of the International
verschiedenen Herkunftsregionen stark unterscheidet und                                                                                                                                                Adult Literacy Survey, OECD, Statistics
die Verteilung der MigrantInnen auf die diversen Bundes-                                                                                                                                               Canada, Paris, OECD Publishing.
länder je nach Herkunftsregion anders ist. So kommt etwa                                                                                                                                             Till-Tentschert, U. (2007), Was ist Armut? in: Th.
der Großteil der MigrantInnen in Kärnten aus dem frühe-                                                                                                                                                 Tomandl, W. Schrammel (Hg.), Sicherung von
ren Jugoslawien, insbesondere Bosnien-Herzegowina und                                                                                                                                                   Grundbedürfnissen. Wiener Beiträge zu Arbeits-
Kroatien, während der Großteil der Zuwanderer in Tirol                                                                                                                                                  und Sozialrecht. Wien, Braumüller Verlag.
und Vorarlberg aus der Türkei kommt. Wien hat eine be-
sonders heterogene Zuwanderung, allerdings mit einigen
Schwerpunkten wie dem früheren Jugoslawien (vorwie-
gend aus Serbien) und der Türkei. Die jüngere Zuwande-
rung in Wien kommt aber vor allem aus den neuen EU-Mit-
gliedsstaaten (12) und ferneren Ländern.

 Jedes Bundesland hat einen Bedarf an Basisbildung. Es
bedarf aber unterschiedlicher Maßnahmen, wenn man der
Heterogenität der Personengruppen nach ethnisch-kultu-
rellem sowie sprachlichem Hintergrund Rechnung tragen
will. Gemäß Erhebung unter den Bundesländern erhal-
ten derzeit pro Jahr etwa 751 Personen eine Basisbildung.
Das ist im Vergleich zum Bedarf eine sehr geringe Zahl, un-
abhängig davon, ob die Personenzahl, die keine Pflicht-



Seite 64                                                                                                      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                      Seite 65
BILDUNG I Schlögl I Lernergebnisse                                                                                                                                                                                                        Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNG




                                                                                                                           politische Festlegungen (etwa den gemeinsamen Minis-                                     gleich gewisse Abschottungsreflexe, insbesondere der
                                                                                                                           terratsvortrag von Frau BM Schmied und Herrn BM Hahn                                     hochschulischen Bildung, dazu geführt haben, dass es für
                                                                                                                           am 18. November 2009) für die aktuelle Legislaturperiode                                 die Levels sechs bis acht einen eigenen akademischen Pfad
                                                                                                                           abgesichert.                                                                             geben wird.

                                                                                                                            Der österreichische Referenzrahmen soll – wie auch der                                  Auffällig war in der Diskussion um die Eckpfeiler und
                                                                                                                           Europäische – acht Lernniveaus umfassen sowie eine Ori-                                 Prinzipien des kommenden nationalen Qualifikations-
                                                                                                                           entierung an sogenannten Lernergebnissen, als Grundlage                                 rahmens, dass die Diskussionen stark um auch schon bis-
                                                                                                                           für die Zuordnung, mit sich bringen. Diese beiden Festle-                               her umstrittene Aspekte der Bildungspolitik kreisten und
                                                                                                                           gungen wurden in den nationalen Konsultationsprozessen                                  sich intensiv auf die Levels vier bis sieben konzentrierten,
                                                                                                                           zum EQR und einem möglichen NQR nicht problematisiert,                                  d.h. um die Abschlüsse der oberen Sekundarstufe bzw. die
                                                                                                                           wenngleich auch die möglichen Wirkungen nicht absehbar                                  Eingangslevels zu hochwertigen Aus- und Weiterbildun-
                                                                                                                           waren und vielleicht auch weiterhin nicht sind.                                         gen. Um die Stufen ein bis drei, die zentrale Qualifikatio-
                                                                                                                                                                                                                   nen der österreichischen Bildungslandschaft wie etwa den
                                                                                                                            Weiters war es ein Ziel, einen über alle Bildungssektoren                              Hauptschulabschluss umfassen werden, kam keine wahr-
Peter Schlögl                                                                                                              hinweg gespannten Rahmen zu entwickeln und somit bis-                                   nehmbare Diskussion zustande (mit Ausnahme einzelner
Geschäftsführender Institutsleiter des öibf                                                                                her weitgehend unabhängig gesteuerte Bereiche der nati-                                 Stellungnahmen, etwa von In.Bewegung). Dies überrascht
peter.schloegl@oeibf.at                                                                                                    onalen Bildungs- und Qualifikationslandschaft vergleich-                                auch deshalb, da – aus arbeitsmarktpolitischer Sicht – dies
                                                                                                                           barer zu machen und in Beziehung zu setzen. So etwa das                                 relevante Qualifikationslevels der KundInnen des Arbeits-
                                                                                                                           berufliche und allgemeine Bildungswesen, die Weiterbil-                                 marktservice darstellen, verfügen doch rd. 45 % aller Kun-
                                                                                                                           dung, aber auch fachlich abgegrenzte Felder wie die Ge-                                 dInnen des AMS über keine über die Pflichtschule hinaus-
                                                                                                                           sundheits- oder Sozialberufe, die eigengesetzliche Rege-                                gehende Qualifikation (Jännerwerte, AMS 2010). Und auch
                                                                                                                           lungen aufweisen, mit dem übrigen Bildungswesen zu                                      für die Bildungsarbeit der Basisbildungseinrichtungen sind
                                                                                                                           integrieren. Dies ist grundsätzlich auch gelungen, wenn-                                hier die wesentlichen Handlungsfelder zu sehen.



Lernergebnisse
                                                                                                                           Die Beschreibung der Niveaus des Europäischen Qualifikationsrahmens erfolgt
Was das Schreiben von Lernergebnissen in und                                                                               durch Deskriptoren, die – so der Anspruch – die Lernergebnisse benennen.

rund um Bildungsorganisationen auslöst
                                                                                                                                                                         Kenntnisse                                 Fertigkeiten                               Kompetenz


                                                                                                                              Niveau 1                                   grundlegendes                              grundlegende Fertigkeiten,                 Arbeiten oder Lernen unter
Der gegenständliche Beitrag versucht anhand der aktu-          hat. Wenngleich eine Empfehlung kein verbindliches In-         Zur Erreichung von Niveau 1                Allgemeinwissen                            die zur Ausführung einfacher               direkter Anleitung in einem
ell bekannten Strukturelemente eines kommenden nati-           strument des Europäischen Rechts darstellt, wie etwa die       erforderliche Lernergebnisse                                                          Aufgaben erforderlich sind                 vorstrukturierten Kontext
onalen Qualifikationsrahmens abzuschätzen, in welcher          Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen
Weise sich Innovationsbedarfe und –potenziale für die Bil-     (diese regelt die Gleichhaltungen von bestimmten regle-
                                                                                                                              Niveau 2                                   grundlegendes Faktenwis-                   grundlegende kognitive und                 Arbeiten oder Lernen unter
dungsarbeit im Allgemeinen und für die Basisbildung im         mentierten Berufen etwa im Gesundheitssektor, 2005/36/                                                    sen in einem Arbeits- oder                 praktische Fertigkeiten, die               Anleitung mit einem gewis-
                                                                                                                              Zur Erreichung von Niveau 2
Speziellen ergeben. Schlüsselkonzept dabei bilden die so-      EG) so wird damit dennoch die Erwartung verbunden, dass        erforderliche Lernergebnisse               Lernbereich                                zur Nutzung relevanter Infor-              sen Maß an Selbstständigkeit
genannten Lernergebnisse, die ein neues Paradigma von          die Bildungssysteme der 27 Mitgliedsstaaten sowie die                                                                                                mationen erforderlich sind,
                                                                                                                                                                                                                    um Aufgaben auszuführen
Bildungsplanung und –praxis darstellen. Werden diese           Qualifikationen der rund 500 Millionen BürgerInnen Euro-
                                                                                                                                                                                                                    und Routineprobleme unter
konsequent umgesetzt, erschöpfen sie sich nicht in einer       pas transparenter werden, insbesondere für ArbeitgeberIn-                                                                                            Verwendung einfacher Re-
semantischen Neufassung bestehender Lernziele, son-            nen, aufnehmende Bildungseinrichtungen und nicht zu-                                                                                                 geln und Werkzeuge zu lösen
dern stellen ein kohärentes Steuerungsinstrument von           letzt für die BürgerInnen selbst.
Bildungsarbeit dar.
                                                                                                                              Niveau 3                                   Kenntnisse von Fakten,                     eine Reihe von kognitiven                  Verantwortung für die
                                                                Im Zusammenhang mit der politischen Entscheidung zur                                                     Grundsätzen, Verfahren                     und praktischen Fertigkeiten               Erledigung von Arbeits-
                                                                                                                              Zur Erreichung von Niveau 3
Die Qualifikationsrahmen als Impulsgeber                       Einführung eines Europäischen Qualifikationsrahmens            erforderliche Lernergebnisse               und allgemeinen Begriffen                  zur Erledigung von Aufgaben                oder Lernaufgaben
eines Paradigmenwechsels                                       kam in Österreich, ohne grundsätzliche Diskussion, die                                                    in einem Arbeits- oder                     und zur Lösung von Proble-                 übernehmen, bei der Lösung
                                                                                                                                                                         Lernbereich                                men, wobei grundlegende                    von Problemen das eigene
  Die Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen und den         Debatte um einen nationalen Qualifikationsrahmen (NQR)
                                                                                                                                                                                                                    Methoden, Werkzeuge, Ma-                   Verhalten an die jeweiligen
Kompetenzen von BürgerInnen ist eine rund dreißigjäh-          auf, dessen Entwicklung als logische Konsequenz eingefor-                                                                                            terialien und Informationen                Umstände anpassen
rige Baustelle in Europa. Mit dem Instrument eines Euro-       dert oder auch implizit angenommen wurde. Dieser soll                                                                                                ausgewählt und angewandt
päischen Qualifikationsrahmens (EQR) wurde durch den           künftig die Grundlage einer objektiven und nachvollzieh-                                                                                             werden
Europäischen Rat sowie das Europäische Parlament dies-         baren Zuordnung der österreichischen Qualifikationen
bezüglich eine Initiative gesetzt, die in diesem Feld an Um-   zum Europäischen Rahmen sein. Die Konzeptionsarbeiten       Abbildung 1: Niveaubeschreibungen 1 – 3 des Europäischen Qualifikationsrahmens, Quelle: Empfehlung des Europ. Rates und des Parlaments 2008
fang und Wirkung ein noch nicht da gewesenes Ausmaß            an diesem NQR stehen noch am Beginn, sind jedoch durch



Seite 66                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.     Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                                    Seite 67
BILDUNG I Schlögl I Lernergebnisse                                                                                                                                                                                                                                Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNG



  Wichtig in der Nutzung dieser Niveaubeschreibungen im                                   Lernergebnisse — Begriffe                                                              men implementiert werden, lassen diese eventuell nicht           ergebnisorientierung in der Hochschulbildung befassen
Zuge eines nationalen Zuordnungsverfahrens ist, dass im-                                  und Zusammenhänge2                                                                     mehr den uneingeschränkten Raum der Orientierung an              (z.B. Kennedy 2007; Moon 2002; Moon 2004). Die dort aus-
mer wieder in den Blick genommen wird, dass keine natür-                                    Den VertreterInnen des Bildungswesens ist die Arbeit mit                             individuellen oder Gruppeninteressen zu – zumindest so-          gewiesenen Prinzipien lassen sich auch auf die berufliche
lichen Personen, die unterschiedliche Kompetenzprofile                                    Lern- und Bildungszielen tägliches Geschäft. Liegt mit der                             fern damit bestimmte Nachweise verbunden sind.                   Bildung übertragen.
vorweisen, in einen künftigen Qualifikationsrahmen ein-                                   Orientierung an Lernergebnissen nunmehr ein tatsäch-
geordnet werden. Sondern vielmehr, wie der Name Qua-                                      licher Paradigmenwechsel vor oder ist es quasi alter Wein                                Ungeachtet dessen haben Lernergebnisse in den Diskus-           Was ist nun gemeint, wenn von Lernergebnissen gespro-
lifikationsrahmen schon ausweist, Qualifikationen der                                     in neuen Schläuchen? Werden aus Lernzielen künftig se-                                 sionen um den Europäischen sowie um den Nationalen               chen wird? Lernergebnisorientierung findet gegenwärtig
Gegenstand der Zuordnung darstellen. Dieser so alltägli-                                  mantisch umgeformte intendierte Lernergebnisse oder hat                                Qualifikationsrahmen einen zentralen Stellenwert einge-          auf verschiedenen Ebenen des Bildungssystems statt, dabei
che Begriff wird aber unterschiedlich gedeutet, und des-                                  diese Innovation auch eine Tiefenwirkung, die Bildungs-                                nommen. Diese sollen in Form von Deskriptoren, differen-         sind Ansprüche, Ziele und Konsequenzen unterschiedlich:
halb weist das Dokument zum EQR eine Definition dazu                                      politik und -praxis nachhaltig beeinflussen wird? Im Fol-                              ziert in die drei Dimensionen Kenntnisse, Fertigkeiten und
auf. Das Dokument zum Europäischen Qualifikationsrah-                                     genden wird keine funktionsbasierte Typologie von Lern-                                Kompetenz, den jeweiligen Ertrag von Lernprozessen be-           Lernergebnisorientierung auf
men fasst die Schlüsselbegriffe Qualifikationsrahmen und                                  ergebnissen (vgl. CEDEFOP 2009, S. 60ff) vorgenommen,                                  schreiben lassen und damit die Grundlage für die sektoren-       der Unterrichtsebene
Qualifikation relativ pragmatisch. Ein Qualifikationsrah-                                 sondern stärker auf die konkrete Planungsarbeit im Rah-                                und institutionenübergreifende Vergleichbarkeit von Qua-           Lernergebnisse beziehen sich auf kleine Einheiten von
men wird dort als „ein Instrument für die Klassifizierung                                 men des Bildungsprozesses eingegangen. Lernergebnisse                                  lifikationen darstellen.                                         Lernprozessen wie Unterrichtsgegenstände oder -module.
von Qualifikationen anhand eines Kriteriensatzes zur Be-                                  oder learning outcomes (LO) sind aktuell in aller Munde                                                                                                 Dabei geben sie den Minimalstandard an, den Lernende er-
stimmung des jeweils erreichten Lernniveaus (...)“ (Emp-                                  und aus den zahlreichen Schlüsseldokumenten der euro-                                    Erste Einschätzungen dazu, wie instruktiv ausformulierte       reichen müssen, um ein Modul/einen Gegenstand positiv zu
fehlung des Europ. Rates und des Parlaments 2008: 1, Ang.                                 päischen und nationalen Bildungspolitik nicht mehr weg-                                Lernergebnisse für eine Einstufung in ein künftig gestuf-        absolvieren (threshold standard). Wichtig ist hier die direkte
1) ausgewiesen, eine Qualifikation als „das formale Ergeb-                                zudenken (vgl. die Bologna-Deklaration 1999 und ihre                                   tes Rahmenmodell sind, zeigen, dass die Begrifflichkeiten        Verbindung zwischen Lernergebnis und Bewertungskrite-
nis eines Beurteilungs- und Validierungsprozesses, bei                                    Folgedokumente, die Empfehlung zu den acht Schlüssel-                                  oder semantischen Formate nicht eindeutig sind und ana-          rien. Dazu bedarf es spezifischer Formulierungen in Form
dem eine dafür zuständige Stelle festgestellt hat, dass die                               kompetenzen 2005, das Papier zum Aktionsplan Adult Lear-                               log dem Kompetenzbegriff eine deutliche Domänenspezi-            von überprüfbaren Statements. Für Lernende wird dadurch
Lernergebnisse einer Person vorgegebenen Standards ent-                                   ning 2007, die Empfehlung zu einem Europäischen Qua-                                   fität aufweisen. Beispielsweise ist in verschiedenen lernziel-   auch transparent, was von ihnen in welcher Weise gefordert
sprechen“ (Empfehlung des Europ. Rates und des Parla-                                     lifikationsrahmen 2008 u.v.m.). Diesem nahezu schon                                    oder lernergebnisformulierten Katalogen das – gar nicht          wird (vgl. Kennedy 2007, S. 23; Moon 2004, S. 15ff).
ments 2008: 1, Ang. 1)1. Die Verwendungsweise im österrei-                                inflationären Gebrauch stehen eher bescheidene konzep-                                 seltene – Aktivverb „analysieren“ in vier verschiedenen Stu-
chischen Diskurs folgt bis dato jedoch keiner stringenten                                 tionelle Grundlagen zu learning outcomes gegenüber. Viel-                              fen (der Bloom‘schen Lernzieltaxonomie) zu finden. Dies          Lernergebnisorientierung auf
Weise und lässt eine konsequente Trennung von Qualifi-                                    fach handelt es sich um knappe Beschreibungen, was LO                                  gibt einen Eindruck davon, dass ein rein deduktives Vorge-       Qualifikationsebene
kation, Kompetenz und Zertifikat nicht erkennen. Der Be-                                  im pädagogischen Gefüge aber auch darüber hinaus leis-                                 hen, die Klassifikation aus den Beschreibungen heraus vor-         Abschlüsse können ebenfalls lernergebnisorientierte
griff Qualifikation wird so oft in alltagstauglichen, aber                                ten können bzw. welchen Ansprüchen – formal oder päda-                                 zunehmen, nicht zum Ziel führen wird können. Vielmehr            Beschreibungen darüber beinhalten, was Lernende nach
unterschiedlichen Anwendungsweisen verstanden, ihm                                        gogisch-didaktisch – LO gerecht werden sollen.                                         werden relevante Kontextinformationen (Domäne, Lernni-           Abschluss eines Bildungsprogramms wissen, verstehen
praktisch-empirische Bedeutung (etwa in der Bevölke-                                                                                                                             veaus, …) erforderlich sein, um eine zuverlässige Interpre-      und in der Lage sind zu tun. Die Formulierung solcher Er-
rungs- und Arbeitslosenstatistik) zugemessen, als Selbst-                                   Die Definition, wie sie in der Empfehlung des Rates und                              tation der jeweiligen Formulierung vornehmen zu können           gebnisse eines Bildungsprogramms (programme outco-
verständlichkeit aufgefasst (vgl. Rigby and Sanchis 2006:                                 des Parlaments zum Europäischen Qualifikationsrahmen                                   bzw. eine ex ante Setzung, welche Ansprüche an Lerner-           mes) kann der von Lernergebnissen auf der Unterrichts-
24) und manchmal auch synonym mit dem Begriff Kompe-                                      zur Anwendung kommt, ist pragmatisch und formal. Lern-                                 gebnisse gesetzt werden bzw. wie diese etwa in einem pro-        ebene (learning outcomes) von der Struktur her ähnlich
tenz verwendet. Ohne hier auf die unterschiedlichen Aus-                                  ergebnisse werden definiert als „Aussagen darüber, was ein                             fessionellen Kontext zu interpretieren sind.                     sein, es bestehen aber wesentliche Unterschiede: Ergeb-
prägungen des fachlichen Diskurses seit den 1970er-Jahren                                 Lernender weiß, versteht und in der Lage ist zu tun, nach-                                                                                              nisse eines Bildungsprogramms beschreiben einen grö-
hinweisen zu können, soll ein Aspekt als zentral heraus-                                  dem er einen Lernprozess abgeschlossen hat. Sie werden                                 Wissenschaftliche Auseinandersetzung                             ßeren Ausschnitt des Lernens, weshalb sie nicht unmit-
gestellt werden, nämlich, dass Qualifikationen zumeist –                                  als Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen definiert“                                  Der Ansatz, Ergebnisse als Kriterium für die Bewertung         telbar mit Bewertungskriterien in Zusammenhang stehen.
und auch in der Definition des Europäischen Dokuments                                     (Europäische Kommission 2008, S. 11).                                                  des Lernens heranzuziehen, entstammt ursprünglich dem            Sie müssen nicht notwendigerweise direkt mit den Lern-
– nicht als personale Eigenschaft, sondern als soziales Kon-                                                                                                                     praktischen Anliegen des Arbeitsmarkts, die Arbeitsmarkt-        ergebnissen der einzelnen Gegenstände/Module in Bezie-
strukt figuriert werden. Qualifikationen werden – von dafür                                 Gleichzeitig ist zu beobachten, dass das Konzept learning                            relevanz von beruflichen Qualifikationen und somit die           hung gesetzt werden, da das Gesamtergebnis einer Aus-
zuständigen Stellen – als solche benannt und deren Stan-                                  outcomes in verschiedenen Bildungssektoren unterschied-                                Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Gleichzeitig wird         bildung durch Wechselwirkungen der Prozesse etwa über
dards festgelegt. Hier sind wir beim Kern der Problematik                                 liche Akzeptanz findet. So ist es in der beruflichen Bil-                              dieser Ansatz vielfach als Indikator – und gleichermaßen         den einzelnen Lernertrag hinausreichen kann. Ergebnisse
angelangt, dass nämlich in der Erwachsenenbildung und                                     dung grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, zu definieren                                Antrieb – für einen Paradigmenwechsel im Lern-/Lehrver-          eines Bildungsprogramms beziehen sich daher auch nicht
damit auch in der Basisbildungsarbeit mit Erwachsenen in                                  und zu beschreiben, was Absolventinnen und Absolven-                                   ständnis gesehen: von traditionellen, behavioristisch/kog-       auf einen Minimalstandard (threshold standard), son-
Österreich keine zuständigen Stellen benannt und autori-                                  ten wissen und können. In den Feldern Allgemeinbildung                                 nitiven, inputorientierten Ansätzen zu handlungsorientier-       dern auf eine/n typische/n oder durchschnittliche/n Ab-
siert sind.                                                                               und Hochschulbildung gibt es durchaus kritische Positio-                               ten, konstruktivistischen, ergebnisorientierten Ansätzen         solventIn (vgl. Moon 2004, S. 28). Sie beziehen sich auf
                                                                                          nierungen, die den individuellen Entwicklungs- oder Bil-                               (vgl. CEDEFOP 2009, S. 41). Bereits im Zuge der Curricul-        das Endergebnis eines Lernprozesses und ermöglichen
  Erstes Zwischenergebnis ist demnach, dass unklar ist, wer                               dungsprozess dadurch eingeengt sehen und es als system-                                umreform der 1970er-Jahre wurde verstärkt die Perspektive        durch Verwendung der entsprechenden Niveau-Deskrip-
Standards für Basisbildung in Österreich festlegt, und es                                 fremd einstufen, von ex ante festlegbaren Ergebnissen zu                               der Lernenden hervorgehoben und lernzielorientierte an-          toren die Einordnung eines Bildungsprogramms in den
deshalb für die Bildungspraxis auch nicht möglich ist, Ler-                               sprechen. Besonders prekär erscheinen aus diesen Positio-                              stelle von lehrzielorientierten Lehrplänen propagiert. Wäh-      Referenzrahmen.
nergebnisse zu formulieren, die vor dem Hintergrund die-                                  nen heraus dann klarerweise solche LO-Konzepte, die auch                               rend sich Lernziele jedoch weiterhin auf Inhalt, Richtung
ser Standards interpretiert werden und einem künftigen                                    gleich nur solche learning outcomes formuliert sehen wol-                              und Intention des zu Vermittelnden und damit auf die Per-         Für die Formulierung von Lernergebnissen wird häufig
Qualifikationsniveau im nationalen Qualifikationsrahmen                                   len, die auch valide überprüfbar sind.                                                 spektive der Lehrenden beziehen, nehmen Lernergebnisse           die Taxonomie nach Bloom (1956) bzw. ihre Erweiterung
zuordenbar sind. Selbstverständlich liegen Ergebnisse aus                                                                                                                        eher das Endverhalten der Lernenden in den Blickpunkt            nach Anderson und Krathwohl (2001) verwendet, die ur-
den Lehr- und Lernprozessen vor, jedoch ist eine NQR-re-                                   Auch in der Erwachsenenbildung wird eine Ausbalancie-                                 (vgl. Schermutzki 2008, S. 6).                                   sprünglich als Lernzieltaxonomie erarbeitet wurde. Taxo-
levante Beschreibung gegenwärtig nicht möglich.                                           rung der dort oftmals propagierten Teilnehmerorientie-                                                                                                  nomien stellen ein nützliches Hierarchisierungsinstrument
                                                                                          rung mit der Lernergebnisorientierung herzustellen sein.                                Im Hochschulbereich hat das Konzept einer Lerner-               für die Formulierung von Lernergebnissen dar, Kompeten-
1 Es ist davon auszugehen, dass im künftigen Qualifikationsrahmen nicht Profile einzel-   Denn wenn Lernergebnisse als handlungsleitende Prinzi-                                 gebnisorientierung seit Längerem stark an Bedeutung              zen lassen sich so unter Berücksichtigung von verschiede-
ner Personen, die ja auch Kombinationen von grundsätzlich unabhängigen Qualifikatio-      pien der Planung und Umsetzung von Bildungsmaßnah-                                     gewonnen, hier liegen einige Arbeiten vor, die sich auf          nen Niveaustufen klassifizieren. Bloom unterscheidet drei
nen darstellen können, sondern ausschließlich die entsprechenden Qualifikationen (bzw.
genauer deren Nachweise) eingeordnet werden.                                              2 Dieser Abschnitt folgt weitestgehend der Darstellung in Schlögl, Peter et al. 2009   praktisch-analytischer Ebene mit der Umsetzung von Lern-         Dimensionen des Lernens – kognitiv, affektiv und psycho-



Seite 68                                                                Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                    Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                Seite 69
BILDUNG I Schlögl I Lernergebnisse                                                                                                                                                                                     Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNG



motorisch –, welche wiederum in hierarchisch angeordnete         Wie kommt man nun vom NQR zum Lernergebnis? Moon                              Fragen an die Bildungsarbeit
Kategorien geteilt sind. Diesen Kategorien sind jeweils Ver-    schlägt nachfolgend abgebildetes Modell für die Ent-                           in der Basisbildung
ben zugeordnet, welche die Dimension und Kategorie des          wicklung von Modulen in der Hochschulbildung vor, mit                            Die wesentliche Funktionsweise des geplanten Qua-
Lernens repräsentieren. Sie bieten den generischen Rah-         welchem die Beziehung zwischen Niveaustufe, Lerner-                            lifikationsrahmens ist es, Qualifikationen (bzw. deren
men, der je nach Kontext erweitert werden kann. Dahinter        gebnissen, Bewertungskriterien, Bewertungsmodi und                             Nachweise) in einem sektorenübergreifenden Schema
steht Blooms Verständnis von Lernen als Prozess, bei dem        Lehrmethoden sichergestellt wird (vgl. Moon 2004, S. 2ff).                     zu verorten. Diese Verortung soll auf der Grundlage der
die Denkprozesse der Lernenden auf die jeweils nächste                                                                                         mit der Qualifikation verbundenen Lernergebnisse er-
Stufe geleitet werden sollen (vgl. Adam 2004, S. 8). In Bezug                                                                                  folgen. Daraus erwachsen mehrere Fragen, die abschlie-
auf die Einordnung in einen Referenzrahmen kann somit                                                                                          ßend demonstrativ ausgewiesen werden sollen, ohne den
das zu erreichende Niveau festgelegt und die Lehr-/Lern-                                                                                       Anspruch auf Vollständigkeit und abschließende Behand-
prozesse können entsprechend gestaltet werden.                                                                                                 lung zu stellen. Die Beantwortung dieser Fragen stellt
                                                                                                                                               eine komplexe Herausforderung für das gesamte Feld der
 Wenngleich die Verwendung einer hierarchischen Ka-                                                                                            Basisbildung dar und ist gewiss keine Hausaufgabe für die
tegorisierung suggeriert, dass Fähigkeiten oder Kompe-                                                                                         Bildungseinrichtungen allein. Vielmehr wäre es Aufgabe
tenzen unabhängig vom Kontext ausgedrückt werden                                                                                               der Bildungspolitik, ein Gefäß für die strukturierte Dis-
können, weist Moon darauf hin, dass die Beurteilung ko-                                                                                        kussion dieser Fragen anzubieten.
gnitiver Fähigkeiten, wie beispielsweise Analysieren, sehr
                                                                                                                                                •	 Verfügt die Basisbildung über eine
wohl von der Komplexität des zu analysierenden Materi-
                                                                                                                                                   zuständige Stelle, die autorisiert ist,
als abhängig ist (vgl. Moon 2004, S. 11f ). Das Lernniveau
                                                                                                                                                   institutionenübergreifende Standards festzulegen?
kann hierbei also nur durch Information darüber ange-                                                                                              Wer müsste bei der Konstituierung einer solchen
zeigt werden, worauf sich eine Fähigkeit bezieht. Die Ver-                                                                                         unbedingt eingebunden werden, und auf welche
wendung solcher Kategorien bietet aber auch den Vorteil,        Abbildung 2: Modell für die Entwicklung von lernergebnisorientierten Modulen       Grundlagen könnte sie ihre Arbeiten stützen?
                                                                Quelle: Moon 2002, S 37
dass durch formulierte Lernergebnisse Bereiche identifi-
ziert werden können, die zur Entwicklung bestimmter Fä-           Wie in Abbildung 2 dargestellt, bilden einerseits die Ni-                     •	 Wie ließen sich Lernergebnisse von
                                                                                                                                                   Basisbildung in operationalisierter Breite
higkeiten/Kompetenzen beitragen.                                veau-Deskriptoren (level descriptors) für die Zuordnung
                                                                                                                                                   und Tiefe verhandeln und zu einem breit
                                                                in den Referenzrahmen und andererseits die Ziele des Mo-
                                                                                                                                                   akzeptierten Ergebnis gelangen?
  Die wesentliche Bedeutung der Lernerfolgsfeststellung         duls (aim of module) den Ausgangspunkt. Für die Formu-
(assessment) im Lehr-/Lernprozess hebt Kennedy hervor,          lierung von Lernergebnissen können entweder vorhan-                             •	 In welcher Form wären Qualifikationsnachweise
denn Lernende lernen nicht, was im Lehrplan steht, son-         dene generische oder auch für den jeweiligen Fachbereich                           für die Basisbildung möglich und sinnvoll, deren
dern, was sie erwarten, geprüft zu werden (hidden agenda).      angepasste Deskriptoren verwendet werden. Die Lerner-                              Grundlage über triviales Prüfungshandeln
Bei der Verwendung von Lernergebnissen kann diese Er-           gebnisse werden entsprechend dem Niveau des Referenz-                              hinausgeht und gleichzeitig zielgruppenadäquate
kenntnis genutzt werden: Indem Lernergebnisse beschrei-         rahmens formuliert (write learing outcomes) und sind so                            und verlässliche Feststellungsinstrumente und
                                                                                                                                                  -verfahren umfasst? Wie wird sichergestellt, dass
ben, welche Leistung von Lernenden für einen Lernerfolg         eindeutig zuordenbar. Die Lernergebnisse implizieren die
                                                                                                                                                   die eingesetzten Feststellungsverfahren die
erwartet wird – und, wenn damit die Intention des Lehr-         Bewertungskriterien für die Überprüfung des Lernerfolgs;                           explizit gemachten Lernergebnisse belegen?
plans abgebildet ist, wird automatisch der Lehrplan gelernt     darauf abgestimmt müssen Bewertungsmethoden entwi-
(vgl. Kennedy 2007, S. 19f ).                                   ckelt werden, um eine geeignete Überprüfung des Errei-                          •	 Welche Rahmenbedingungen brauchen
                                                                chens der Bewertungskriterien zu gewährleisten. Bewer-                             Bildungseinrichtungen, wenn sie für das
 Gut formulierte Lernergebnisse sollten daher folgende drei     tungsmethoden können dabei für verschiedene Zwecke                                 Erreichen der intendierten Lernergebnisse
wesentliche Elemente enthalten (vgl. Moon 2004, S. 14):         entwickelt werden, beispielsweise für laufendes Feedback                           Mitverantwortung übernehmen (müssen)?

 •	 Ein aktives Verb, das ausdrückt, was Lernende am            an die Lernenden. Auf Basis dieser Überlegungen wird nun                        •	 Welche Form der Lernergebnisbeschreibung
    Ende eines Lernprozesses wissen oder können                 eine geeignete Lehrstrategie bestimmt, die die Lernenden                           reicht über das interne Qualitätsmanagement
    (z.B. kann ... erklären, kann … analysieren)                dabei unterstützt, die Lernergebnisse bzw. die in den Be-                          hinaus und wird auch für die Lernenden
    bzw. – um Rechtsansprüche auszuschließen                    wertungskriterien angegebenen Mindesterfordernisse zu                              zu einem motivationsorientierten und
   – was erwartet wird, dass Lernende am Ende                   erreichen. Wichtig ist die Stimmigkeit der Beziehungen                             fortschrittsorientierten Instrument?
    eines Lernprozesses wissen oder können,                     zwischen den einzelnen Elementen, welche mit Bedacht-                           Antworten auf diese Fragen dieser oder verwandter Form
                                                                nahme auf verschiedene Ansprüche (z.B. von Lernenden,                          werden, will das Angebot der Basisbildung seinen Weg in
 •	 Angaben über den Gegenstand bzw. darüber,
                                                                Lehrenden, Arbeitsmarkt und Wirtschaft, Effizienz) reflek-                     den künftigen Qualifikationsrahmen gehen, zu finden sein.
    worauf sich dieses Können bezieht,
                                                                tiert und weiter adaptiert werden müssen.                                      Insofern handelt es sich nicht um eine Übung im Trocken-
 •	 Angaben über die erforderliche Art der Leistung                                                                                            schwimmen, sondern um die Vorarbeiten einer Profilie-
    (in Bezug auf Kontext oder auf Bildungsstandards)             Zweites Zwischenergebnis ist demnach, dass Lernergeb-                        rung und Positionierung im Gesamtsystem der Lernarran-
    zum Nachweis des Lernerfolgs (z.B. einen                    nisse, wollen sie auf Qualifikationsebene Resonanz auslö-                      gements in Österreich und Europa.
    allgemeinen Überblick geben, tiefergehendes                 sen, aber nicht allein das Ergebnis eines Ausverhandlungs-
    Verständnis für … anhand von … demonstrieren).
                                                                prozesses von Interessengruppen sein, ist ein strategischer
                                                                innerorganisatorischer pädagogischer und didaktischer In-
                                                                novationsprozess einzuleiten, der gleichzeitig Akzeptanz in
                                                                den relevanten Bildungsumwelten (Arbeitsmarkt, formales
                                                                Bildungssystem) herzustellen versucht.




Seite 70                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                              Seite 71
BILDUNG I Schlögl I Lernergebnisse

Literatur                                                        Der Autor
  Europäische Union (2008), Empfehlung                           Mag. Peter Schlögl
    des Europäischen Parlaments und des                          Geschäftsführender Institutsleiter des öibf,
    Rates zur Einrichtung des Europäischen                       Forschungsschwerpunkte: europäische und nationale
    Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen,               Berufsbildungspolitik, professionelle Beratungsdienste
    Amtsblatt der Europäischen Union, 2008/C 111/01              im Bildungswesen, lebenslanges Lernen
  Adam, S. (2004), Using Leaning Outcomes:                       Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung
    A Consideration of the Nature, Role,                         www.oeibf.at
    Application and Implications for European                    peter.schloegl@oeibf.at
    Education of Employing Learning Outcomes
    at the Local, National and International
    Levels. Edinburgh: Scottish Executive.
  AMS Österreich (ed) (2010), Arbeitsmarkt &                                                                                                                Hr. E., 42 Jahre, kommt aus einer Familie, die der Schule kaum großen Wert
   Bildung. Jänner 2010. Wien: AMS Österreich BGS.                                                                                                          beigemessen hat. Nach der Pflichtschule begann er als Hilfsarbeiter und
  Anderson, L. / Krathwohl, D. (eds) (2001),                                                                                                                war in diversen Hilfsjobs bis zu einem Arbeitsunfall vor einigen Jahren, der
    A Taxonomy for Learning, Teaching, and                                                                                                                  für ihn körperliche Arbeit unmöglich gemacht hat, tätig. Das Schreiben
    Assessing: A Revision of Bloom’s Taxonomy of                                                                                                            fiel ihm so schwer, dass er kaum „sein eigenes Gekritzel“ entziffern konnte,
    Educational Objectives. New York: Longman.                                                                                                              dementsprechend war Weiterbildung kein Thema, die Aufstiegschancen
                                                                                                                                                            waren minimal. Er selbst versuchte alles zu vermeiden, wo „Schreiben
  Bloom, B. (1956), Taxonomy of Educational                                                                                                                 notwendig war und niemand hat mein Problem gewusst.“ Den
    Objectives. The Classification of                                                                                                                       Basisbildungskurs, wohin er nach einem erfolglosen und frustrierenden
    Educational Goals. Handbook I: Cognitive                                                                                                                Bewerbungstraining vom AMS geschickt wurde, sieht er als ersten Schritt
    Domain. New York: Longmann.                                                                                                                             für eine berufliche Neuorientierung. Im dritten Jahr ist sein Schwerpunkt
  CEDEFOP (ed) (2009), Der Perspektivwechsel                                                                                                                Englisch, nachdem er Schreiben und den PC „ganz gut“ beherrscht.
    hin zu Lernergebnissen. Politik und
    Praxis in Europa. Luxemburg: Amt für
    Veröffentlichungen der Europäischen Union.
  Kennedy, D. (2007), Writing and Using
    Learning Outcomes. A Practical Guide.
    Cork: University College Cork.
  Moon, J. A. (2002), The module & programme
   development handbook: a practical guide
   to linking levels, learning outcomes &
   assessment. London: Routledge.
  Moon, J. A. (2004), ‚Linking Levels, Learning
   Outcomes and Assessment Criteria’. online:
   www.aic.lv/bolona/Bologna/Bol_semin/
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    gesellschaftliche Konstruktion’.
    europäische zeitschrift für berufsbildung,
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  Schermutzki, M. (2008), ‚Learning outcomes –
    Lernergebnisse: Begriffe, Zusammenhänge,
    Umsetzung und Erfolgsermittlung.
    Lernergebnisse und Kompetenzvermittlung
    als elementare Orientierungen des Bologna-
    Prozesses’. In Handbuch Qualität in Studium und
    Lehre: Evaluation nutzen, Akkreditierung sichern,
    Profil schärfen. Benz, Winfried (ed) Berlin: S. 1–30.
  Schlögl, P. / Stock, M. / Proinger, J. / Riebenbauer,
    E. / Slepcevic-Zach, P. (2009), ‚... und die
    Bildungswelt ist doch rund! Expertise zu einer
    lernergebnisorientierten und systematischen
    Verschränkung aktueller bildungspolitischer
    Steuerungsinstrumente in der Berufsbildung der
    schulischen oberen Sekundarstufe’. Wien: ÖIBF.

                                                                                                                            Quelle: Befragung durch Peter Stoppacher




Seite 72                                            Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                          Seite 73
BILDUNG I Stoppacher I Zielgruppenwissen                                                                                                                                                                   Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNG




                                                                                                                        ein solches Angebot die maßgeschneiderte Antwort auf in-                 gion ein solches praxisrelevantes quantitatives und qua-
                                                                                                                        dividuelle, auf den Arbeitsalltag abgestimmte praktische                 litatives Wissen als Basis für eine zielgruppenadäquate
                                                                                                                        Bedürfnisse und orientiert sich zugleich an regional nach-               Angebotsentwicklung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei
                                                                                                                        gefragten und verwertbaren Qualifikationen.                              war die Entwicklung und Erprobung eines auch auf andere
                                                                                                                                                                                                 Regionen übertragbaren Modells für die Zielgruppenana-
                                                                                                                         Im Rahmen des Kooperationsprojekts „Basisbildung Obe-                   lyse. Das Annäherungsmodell und exemplarische Ergeb-
                                                                                                                        res Murtal“ wurde der Versuch unternommen, in der Re-                    nisse stehen im Zentrum der folgenden Zusammenfassung.




                                                                                                                        Zielgruppenanalyse: ein Annäherungsmodell

                                                                                                                                                               Internationale Ergebnisse
                                                                                                                                                                    und Indikatoren
                                                                                                                                                                    – Allgemein –
Peter Stoppacher
Ko-Geschäftsführer von IFA
stoppacher@ifa-steiermark.at

                                                                                                                                                                             Nationale bildungsspezifische Ergeb-
                                                                                                                                                                                    nisse und Indikatoren
                                                                                                                                                                                           – Allgemein –




Zielgruppenwissen als Voraussetzung für                                                                                                                                          Ableitung von Risikogruppen


maßgeschneiderte Basisbildungsangebote
                                                                                                                                                 Regionaler Kontext
Eine praxisrelevante regionale Analyse in                                                                                                         Bevölkerung
                                                                                                                                                                                Regionale bildungsspezifische         Pflichtschule
                                                                                                                                                  Wirtschaft
quantitativer und qualitativer Hinsicht                                                                                                           Arbeitsmarkt                            Daten
                                                                                                                                                                                                                      Berufsausbildung
                                                                                                                                                                                      – Risikogruppen –
                                                                                                                                                                                                                    Beruf/Beschäftigung



                                                                                                                                                                                     Ableitung Zielgruppe
Zielgruppenanalysen bilden die Voraussetzung für An-       zen, um mit den Anforderungen einer schriftorientierten
gebotsentwicklungen — Lebenslagen, Bedürfnisse, Mo-        Wissensgesellschaft mitzuhalten, variieren beträchtlich,
tive und Hoffnungen der Zielgruppe zu kennen, erhöht       verweisen aber auf einen enormen Handlungsbedarf. Auch       Abb. 1: Annäherung an die Zielgruppe

die Chancen auf eine erfolgreiche Akquisition. Im Rah-     über die konkreten Bedürfnisse der Zielgruppe gibt es
men des Kooperationsprojekts „Basisbildung Oberes Mur-     kaum verwertbare Analysen.
tal“ wurde der Versuch unternommen, in der Region ein                                                                     Zur Einschätzung der Zielgruppengröße in der Region                   auf die Region zu „übertragen“. Abschließend wurde aus
solches praxisrelevantes quantitatives und qualitatives      Für eine Angebotsentwicklung ist ein genaues Wissen        wurde folgende Herangehensweise gewählt: Zunächst                       den derart bestimmten regionalen Risikogruppen die an-
Wissen als Basis für eine zielgruppenadäquate Angebots-     über die Zielgruppen, ihre Lebenslagen und Bedürfnisse      wurden internationale Ergebnisse und Indikatoren er-                    nähernde Größe der Zielgruppen unter Verwendung be-
entwicklung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei war die      und vor allem ihre Wünsche und Hoffnungen, die dazu füh-    fasst, hierauf Daten und Sekundärstatistiken auf natio-                 stimmter Referenzwerte abgeleitet. Nach derzeitigen Er-
Entwicklung und Erprobung eines auch auf andere Regi-       ren könnten, dass sie Basisbildungsprobleme nicht länger    naler Ebene aufgearbeitet. Aus den internationalen und                  kenntnissen bieten, wie später noch dargelegt wird, die
onen übertragbaren Modells für die Zielgruppenanalyse.     verstecken, sondern Angebote in Anspruch nehmen, not-        nationalen Daten wurden relevante „Risikoindikato-                      Ergebnisse von „PISA“ für Jugendliche und junge Erwach-
Die Ergebnisse dieser Arbeit werden im folgenden Beitrag   wendig. Angebote müssen erfahrungsgemäß so gestaltet         ren“ für geringe Basisbildung abgeleitet, die mit regiona-              sene und jene von „ALL“ für Erwachsene die relevantesten
dargestellt.                                                sein, dass sie trotz negativen Lern- und Schulerfahrungen   len Bildungs- und Strukturdaten sowie mit Einschätzun-                  Referenzwerte. Verwendet wird der jeweilige Wert für die
                                                            und Angst vor neuerlichem Misserfolg für die Zielgruppe     gen und Erfahrungen von ExpertInnen in der Region, die                  Lesekompetenz, da ausreichende Kompetenzen in diesem
 Seit Pisa steht mangelnde Basisbildung im Mittelpunkt     „ansprechend“ sind. Das betrifft das methodisch-didakti-     mit mangelnder Basisbildung konfrontiert sind, gekop-                   Bereich auch die wichtigste Voraussetzung sind, um in ei-
zahlreicher Debatten. Die Angaben über die Zahl der Men-    sche Setting, das Eingehen auf Lernziele und Lernmotive     pelt wurden. In vielen Fällen war es notwendig, Ergeb-                  ner schriftbasierten Gesellschaft überhaupt „mithalten“
schen mit nicht ausreichenden Basisbildungskompeten-        sowie die „Bewerbung“ der Angebote. Im Idealfall enthält    nisse für das Bundesland Steiermark oder für Österreich                 zu können.



Seite 74                                      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.     Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                   Seite 75
BILDUNG I Stoppacher I Zielgruppenwissen                                                                                                                                                                                                                         Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNG



   Idealtypisch sollte mit dieser Vorgehensweise ein im-        aus denen die verwendeten Referenzwerte zur Ableitung                                     modell eine geringe Formalqualifikation, erfasst über die                                  noch immer höher als jener der Männer, die geschlechts-
 mer engmaschigeres Netz an Informationen über die Ziel-        des Basisbildungsbedarfs stammen, skizziert. Abschlie-                                    höchste abgeschlossene Ausbildung „Pflichtschule“ (mit                                     spezifische Differenz hat sich aber deutlich verringert.5 Von
 gruppe geschaffen werden. In der Realität zeigten sich         ßend werden konkrete Ergebnisse dieses übertragbaren                                      und ohne Abschluss), verwendet werden. Sonstige statis-                                    den 25- bis 34-Jährigen haben derzeit nur mehr 13 % (15 %
 aber beträchtliche Schwierigkeiten, die nur mittels diver-     Verfahrens am Beispiel der westlichen Obersteiermark                                      tische Indikatoren für Basisbildungsdefizite stehen, sieht                                 der Frauen und 11 % der Männer) keine weiterführende
 ser Hilfskonstruktionen überbrückt werden konnten. Ein-        vorgestellt.                                                                              man von schulischen Erfolgen und Misserfolgen ab, nicht                                    Ausbildung nach der Pflichtschule absolviert.
 zelne internationale oder nationale Ergebnisse beziehen                                                                                                  zur Verfügung. Mit einer geringen Formalqualifikation
 sich auf unterschiedliche Facetten von Basisbildung. Sie       Risikoindikatoren für                                                                     steigt das Risiko, bildungsfern zu bleiben, weiterführende                                   Regional gibt es deutliche Unterschiede. Bevölke-
 lassen sich weiters weder hinsichtlich der Erfassungs-                                                                                                   Bildungsprozesse sind bei dieser Gruppe selten. Das be-                                    rungsgruppen mit bloßer Pflichtschulausbildung sind
 zeitpunkte noch hinsichtlich der Datenqualität unmit-          geringe Basisbildung                                                                      trifft formale berufliche und betriebliche Weiterbildungs-                                 überdurchschnittlich im ländlichen Raum konzentriert.
 telbar verbinden und erlauben kaum eine direkte Über-            Bestimmende Faktoren dafür, ob jemand zur Risiko-                                       aktivitäten, das informelle Lernen im beruflichen Kontext                                  Diese räumliche Differenzierung trifft klar auf die ältere
 tragung auf Regionen mit spezifischen Eigenheiten. Eine        gruppe mit geringer Basisbildung gehört, sind nach in-                                    und ebenso Alltagsgewohnheiten und (kulturelle) Freizeit-                                  Bevölkerung zu, für die jüngere Bevölkerung zeichnet
 quantitative Ableitung und Übertragung der oft groben          ternationalen1 und nationalen Bildungsforschungser-                                       beschäftigungen, bei denen Basisbildungskompetenzen                                        sich eine neue Entwicklung insofern ab, als die größten
„Schätzgrößen“ auf die Region scheitert schon allein an         gebnissen, beispielsweise über das Bildungsniveau der                                     zumindest geübt werden können.                                                             Anteile an PflichtschulabsolventInnen in Städten regist-
 unterschiedlichen Begrifflichkeiten, Erfassungsmethoden,       Bevölkerung, die Weiterbildungsbeteiligung, Erfolge im Bil-                                                                                                                          riert werden.
-zeitpunkten und -inhalten und der damit einhergehen-           dungsverlauf etc., vor allem die individuelle Sozialisation                                 PflichtschulabgängerInnen sind bei formalen oder infor-
 den mangelnden Vergleichbarkeit.                               und die schulische Primärbildung. Der sozialökonomische                                   mellen Weiterbildungsaktivitäten unterrepräsentiert und                                      Trotz des Anstiegs des Bildungsniveaus der Bevölkerung
                                                                Status der Familie, der Wert der Bildung im Elternhaus, die                               lernen kaum präventiv oder aktiv. Zum Teil beenden sie die                                 insgesamt ist nach wie vor – wie verschiedene Erhebungen
  Diverse in der Öffentlichkeit kursierende Zahlen haben in     ideellen Zugänge zur Bildung, ökonomische Bildungsbar-                                    Schule nur „mit Ach und Krach“ und verbinden mit Lernen                                    belegen – eine starke soziale Selektivität des österreichi-
der politischen Diskussion die Funktion, die Handlungs-         rieren sowie die regional gegebene Bildungsinfrastruk-                                    oft nur negative Erinnerungen, Überforderung und Misser-                                   schen Bildungssystems gegeben. Für Kinder aus bildungs-
notwendigkeiten zu verdeutlichen, und dienen als Kataly-        tur prägen in einer ersten Phase das Bildungsverhalten.                                   folge. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass auch Perso-                                 fernen Haushalten oder aus Familien mit Migrationshin-
sator für politische Gegenstrategien. Darüber hinaus aber       Gleichgültigkeit im Elternhaus, fehlende bzw. auch nicht                                  nen mit höheren Formalausbildungen durch einen oft jah-                                    tergrund ist ein Bildungsaufstieg vergleichsweise schwierig.
leiden sie oft an analytischer Unschärfe und sind für die       mögliche Hilfe bei schulischen Problemen, Entmutigung,                                    relangen Nichtgebrauch von grundlegenden kulturellen
konkrete Arbeit im regionalen Umfeld nur wenig hilfreich.       geringe mündliche Kommunikation und (aktive) Ausein-                                      Techniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen etc. in die Ziel-                                   Im Annäherungsmodell ist es auf Ebene der Gesamtbe-
Ähnliches gilt auch für nationale Daten, deren einfache         andersetzung mit unterschiedlichen Fragestellungen, an-                                   gruppe fallen können. Die Wahrscheinlichkeit einer nicht                                   völkerung im erwerbsfähigen Alter notwendig, das Bil-
Übernahme durch Stadt-Land-Unterschiede und vor allem           statt dessen vorwiegend rezeptive Freizeitgestaltung (Fern-                               ausreichenden Basisbildung ist aber nach allen vorliegen-                                  dungsniveau in den unterschiedlichen Alters-6 oder Berufs-
die überproportionale Bedeutung von Ballungsräumen              sehen, Computerspiele) färben auf die Lernfähigkeit und                                   den Untersuchungen deutlich kleiner.                                                       gruppen etc. zu berücksichtigen.
nicht den regionalen Gegebenheiten gerecht wird.                Lernbereitschaft ab.
                                                                                                                                                          Das Bildungsniveau der Wohn- Referenzwerte für die
   Aber auch regionale Daten lassen nicht automatisch             Nach der Schulzeit beeinflussen vor allem Anforderun-
 Schlussfolgerungen auf die Zielgruppe zu. Ein Ausstieg aus     gen im Berufsleben die Bildungsaktivitäten und/oder die                                   bevölkerung in Österreich    Zielgruppenannäherung
 der Hauptschule ohne weiterführende Ausbildung bedeu-          Aufrechterhaltung oder Verbesserung bereits erreichter Ba-                                  Sowohl die Volkszählungen als auch die Mikrozensus-                                       Die Kernrisikogruppe für geringe Basisbildung umfasst
 tet genauso wenig, dass Basisbildungsprobleme vorliegen        sisbildungskompetenzen. Die Primärbildung prägt auch                                      Arbeitskräfteerhebungen belegen, dass sich der Bildungs-                                   im Annäherungsmodell Personen, die höchstens über den
 müssen, wie umgekehrt mit dem Abschluss einer Lehre            folgende Weiterbildungsaktivitäten. Für das nonformale                                    stand der Gesamtbevölkerung sukzessive verbessert hat.                                     Pflichtschulabschluss verfügen. Um den Anteil unter ih-
 oder einer Mittleren Schule von einer ausreichenden Ba-        Lernen gibt es dazu klare Ergebnisse, aber auch in Bezug                                  Über die Jahre sinkt der Anteil derjenigen, die als höchste                                nen mit mangelnder Basisbildung abschätzen zu können,
 sisbildung ausgegangen werden kann. Regionale Daten            auf das informelle Lernen liegt es auf der Hand, dass Per-                                abgeschlossene Ausbildung nur über den Pflichtschulab-                                     werden die Ergebnisse folgender Erhebungen als Referenz-
 sind vor allem wegen institutioneller und gesellschaftlicher   sonen mit geringer Basisbildung auch nur eingeschränkt                                    schluss verfügen, zugleich nehmen die AbgängerInnen von                                    werte herangezogen.
„Verschleierungstendenzen“ oft nur begrenzt aussagekräf-        selbstständig lernen bzw. sich notwendige Informationen                                   höheren Schulen (besonders der berufsbildenden) sowie
 tig: So spiegeln Abschlussnoten von Pflicht- oder Berufs-      beschaffen können. Berufliche Tätigkeiten, bei denen die                                  Hochschulen und Universitäten zu. Aktuell weist nur mehr                                   Adult Literacy and Life Skills Survey (ALL)
 schulen oft nicht den tatsächlichen Wissensstand wider.        Notwendigkeit von lebenslangem Lernen gering ist, beruf-                                  ungefähr ein Fünftel3 maximal einen Pflichtschulabschluss                                    Die „Adult Literacy and Life Skills Survey“ (ALL) maß
Vorhandene bildungsbezogene Daten bieten daher oft nur          liche Dequalifizierung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse,                               auf. Jüngere EinwohnerInnen und solche ohne Migrations-                                    im Anschluss an die „International Adult Literacy Sur-
 einen groben Orientierungsrahmen.                              nicht benötigtes und/oder praktiziertes informelles Lernen                                hintergrund haben ein deutlich höheres Bildungsniveau.                                     vey“ (IALS) Lesekompetenzen als Fähigkeit, zusammen-
                                                                erhöhen das Risiko der Bildungsferne und damit von Ba-                                    Eine Ursache dafür ist, dass vor allem die weibliche Bevöl-                                hängende Texte zu lesen, und als Fähigkeit, mit schema-
  Um genauere regionale Dimensionen zu erfassen und Im-         sisbildungsschwierigkeiten. Eine bessere Erstausbildung                                   kerung im Lauf der Zeit vermehrt das weiterführende Bil-                                   tischen Darstellungen umzugehen, sowie Kompetenzen
pulse für eine weitere Planung zu gewinnen, wurden Erfah-       erhöht die Chance auf Partizipation auf dem Arbeitsmarkt,                                 dungsangebot in Anspruch nahm und nimmt. Allerdings                                        in der Alltagsmathematik als allgemeine Rechen- sowie
rungen mit der Problematik in der Region direkt eruiert. In     auf anspruchsvolle Tätigkeiten und höhere Einkommen.                                      ist die weibliche Bildungsbeteiligung noch immer von ei-                                   Problemlösungskompetenz.7
diesem Zusammenhang waren vor allem qualitative Inter-          Umgekehrt haben Niedrigqualifizierte ein wesentliches hö-                                 ner sehr eingeengten Wahl der besuchten Schulen und
views mit ExpertInnen in der Region von Bedeutung. Be-          heres Arbeitslosigkeitsrisiko oder sind von der Gefahr der                                Studienrichtungen geprägt. Mädchen beenden zwar noch                                        Österreich beteiligte sich an ALL und IALS nicht. Am
fragt wurden VertreterInnen von Institutionen und Orga-         dauerhaften Exklusion aus dem Arbeitsmarkt bedroht, ihre                                  immer vermehrt ohne weitere Ausbildung ihre Pflicht-                                       ehesten vergleichbar sind diesbezüglich die Daten des
nisationen mit unmittelbaren Kontakten zur Zielgruppe           Armutsgefährdung ist wesentlich höher. Nach wie vor wird                                  schulzeit, Buben haben aber in Bezug auf das „schulische                                   Nachbarlandes Schweiz mit einem Anteil an „schwachen“
(Weiterbildungseinrichtungen, Interessenvertretungen, ar-       in „Problemfamilien“ Armut und Bildungsferne weiterver-                                   Lernen“ den Nachteil, dass in ihrer Sozialisation Kultur-                                  LeserInnen von ca.16 % unter den 16- bis 65-Jährigen in der
beitsmarktpolitischer Einrichtungen, Gemeinden, Behör-          erbt, weil die Bildungschancen in Österreich noch immer                                   techniken oft einen geringeren Stellenwert haben wie bei                                   deutschsprachigen Wohnbevölkerung. Bei Personen mit
den, Schulen, Betrieben u.ä.m.).                                ungleich verteilt sind.2                                                                  Mädchen.4                                                                                  höchstens Pflichtschulabschluss (Sekundarstufe I) lag die-
                                                                                                                                                                                                                                                     5 Vgl. dazu: Frank Landler: Die Qualifikationsstruktur der österreichischen Bevölkerung
 Im Folgenden werden zunächst kurz die Risikoindikato-           Als einzig relativ harter Indikator, der mit mangelnder Ba-                               Im untersten Bildungssegment, das Personen mit maxi-                                      im Wandel. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften 2008, S.145 ff.

ren für geringe Basisbildung dargestellt. Hierauf wird auf      sisbildung in Verbindung steht, kann für das Annäherungs-                                 mal Pflichtschulabschluss einnehmen, ist der Frauenanteil                                  6 So haben nach dem Mikrozensus 2007 bei den Männern 13 % aller 25- bis 64-Jährigen
                                                                                                                                                                                                                                                     und 11 % der 25- bis 34-Jährigen „nur“ den Pflichtschulabschluss, bei den Frauen sind
das Bildungsniveau in Österreich eingegangen, vor allem,                                                                                                  3 Vgl. dazu: Bildung in Zahlen 2007/2008. Schlüsselindikatoren und Analysen. Statistik     das 24 % aller 25- bis 64-Jährigen und 15 % der 25- bis 34-Jährigen.
                                                                1 Vgl. z.B.: PISA (Programme for International Student Assessment), IALS (International   Austria: Wien 2009, vor allem S. 82 ff.
da die Formalqualifikation im Annäherungsmodell ei-             Adult Literacy Survey), ALL (Adult Literacy and Life Skills Survey).                                                                                                                 7 Siehe: Philip Notter, Claudia Arnold, Emanuel von Erlach, Philippe Hertig: Lesen und
nen zentralen Stellenwert besitzt. Anschließend werden                                                                                                    4 Vgl. dazu: Josef Bacher: Soziale Ungleichheit und Bildungspartizipation im weiterfüh-    Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz. Nationaler Be-
                                                                2 Vgl. dazu: Regional ungleiche Bildungschancen. In: kontraste. Presse- und Informati-    renden Schulsystem Österreichs. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie (ÖZS), 28   richt zu der Erhebung ‚Adult Literacy & Life Skills Survey’. Hrsg. vom Bundesamt für Sta-
die beiden internationalen Erhebungen PISA und ALL,             onsdienst für Sozialpolitik. Heft 6, Juli 2007, S. 5.                                     Jahrgang, Nr. 3, S. 3-33.                                                                  tistik (BFS). Neuchatel 2006, S. 10 ff.




Seite 76                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                                                 Seite 77
BILDUNG I Stoppacher I Zielgruppenwissen                                                                                                                                                                                         Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNG



ser Anteil bei 24 %, in der Sekundarstufe II nur mehr bei 9 %.                                „PIRLS“ (Progress in International Reading Literacy         markt bedroht. Sie haben nach Erfahrungen von AMS-Be-           Beschäftigte mit Basisbildungsdefiziten finden sich vor
Nach soziodemografischen Merkmalen korrelierten die                                          Study) erfasste 2006 die Lesekompetenz von 9- bis 10-Jäh-    raterInnen kaum Chancen auf einen Lehrplatz. Basisbil-         allem unter geringqualifizierten ArbeitnehmerInnen. Ge-
Kompetenzniveaus stark mit der Ausbildung der Testper-                                       rigen und zeigte für Österreich einen Anteil an „Risiko-     dungsprobleme seien unabhängig vom Geschlecht zum              rade sie sind durch den wirtschaftlichen Strukturwan-
sonen, dem Alter, der Sprache sowie der geografischen                                        schülerInnen“ mit schwachen Lesekompetenzen von 16 %.        Teil extrem auffällig bei Jugendlichen aus „unteren sozialen   del mit neuen Arbeitsorganisationsformen und Arbeits-
Herkunft. Empirisch wurde auch der starke Einfluss der                                       Stimmen diese Ergebnisse, kann daraus gefolgert werden,      Schichten ohne Unterstützung zu Hause“ und bei „Jugendli-      prozessen in den letzten Jahren immer mehr unter Druck
sozialen Herkunft unterstrichen, unabhängig vom eige-                                        dass zwischen dem Ende der Volksschule und dem Ende          chen der zweiten Generation“. Durch geänderte Berufsbil-       geraten. Im Zuge des Wandels hin zu einer Dienstleis-
nen Bildungsstand und der eigene Bildungsdauer hängen                                        der gesetzlich vorgesehenen Schulpflicht die diesbezügli-    der und Anforderungen sei für diese Risikogruppen auch         tungs- und Informationsgesellschaft steigt zwar auch die
die erreichten Werte substanziell von der Ausbildung der                                     chen Kompetenzen nicht gestiegen, sondern – im Gegen-        ein Lehrabschluss in ehemals einfachen Feldern kaum zu         Nachfrage nach einfachen Dienstleistungen ohne berufs-
Eltern ab. Zwischen dem erreichten Bildungsniveau und                                        teil – weiter gesunken sind.                                 schaffen. Bei vielen Jugendlichen mit einem Hauptschul-        spezifische Ausbildung, aber Mindestqualifikationen im
den Kompetenzen in allen Erhebungsbereichen ergab                                                                                                         abschluss würden die Noten den tatsächlichen Kenntnis-         Bereich Basisbildung und sozialkommunikative Kompe-
sich ein eindeutiger Zusammenhang. Am schlechtesten                                          Modellhafte Ergebnisse in der                                stand auch beschönigen. Probleme werden vor allem bei          tenzen werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Nach
schnitten stets SchulabbrecherInnen bzw. Pflichtschulab-                                                                                                  Grundrechnungsarten, beim sinnerfassenden Lesen, beim          Erfahrungen von Weiterbildungsinstitutionen findet ge-
gängerInnen ab, die jeweils nur Level eins oder zwei bei                                     westlichen Obersteiermark                                    Erfassen von Diskussionen wahrgenommen.                        rade im unteren Ausbildungssegment „lebenslanges Ler-
insgesamt fünf Levels erreichten.                                                             Abschließend werden einige exemplarische Ergebnisse                                                                        nen nicht statt“.
                                                                                             der Zielgruppenanalyse in der westlichen Obersteier-          Die zweite Gruppe subsumiert Personen, die sich in der
 Ein eindeutiger Zusammenhang besteht auch zwischen                                          mark dargestellt. Die Region besteht aus den drei Bezir-     Phase der beruflichen Ausbildung befinden oder befin-            Wenn sich Rahmenbedingungen oder Arbeitsprozesse
dem Alter und der gemessenen Literalität: Je jünger die                                      ken Murau, Judenburg und Knittelfeld mit insgesamt etwas     den könnten. Zum einen sind das Jugendliche, die mit           ändern, wird das eingeschränkte Entwicklungspotenzial
Testpersonen, desto besser waren ihre Ergebnisse, wobei                                      über 100.000 EinwohnerInnen. Der Kernraum ist eine alte      einer Berufsausbildung begonnen, diese aber abgebro-           von MitarbeiterInnen mit Basisbildungsproblemen sicht-
die schlechteren Leistungen weniger auf biologische Fakto-                                   Industrieregion im „Strukturwandel“, besonders die ländli-   chen haben, zum anderen sind es jene, die eine Lehre           bar. In der Region bestehen Arbeitsplätze für Geringqua-
ren, sondern auf historische Veränderungen und Lebenszy-                                     chen Gebiete kämpfen auch mit einer hohen Abwanderung.       absolvieren, in den Berufsschulen aber ungenügende             lifizierte im Bau- und Baunebengewerbe, Tourismus,
klen zurückzuführen sind. Entscheidend sei es, unter wel-                                                                                                 Basisbildungskompetenzen zeigen. Durch eine unzurei-           Handel und in der Reinigung. Aber auch bei unterneh-
chen historischen Umständen verschiedene Altersgruppen                                       Regionale Ziel- bzw. Risikogruppen                           chende Basisbildung sind sie in ihrer weiteren berufli-        mensnahen Dienstleistungen (Sicherheitsdienste, Ar-
geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen sind                                             Die Spezifikation der Zielgruppen in der Region erfolgte   chen Entwicklung eingeschränkt. In regionalen Berufs-          beitskräfteüberlassung) und in der Land- und Forstwirt-
und gelebt haben und in welchen Lebensphasen sie sich                                        nach der Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt. Basisbildungs-       schulen wird das Problem der fehlenden Basisbildung            schaft werden noch Hilfskräfte benötigt. Eine spezifische
befinden.8                                                                                   mängel werden vor allem auf dem Arbeitsmarkt sichtbar,       immer häufiger wahrgenommen. Besonders SchülerIn-              und in der Diskussion um einen Basisbildungsbedarf oft
                                                                                             daneben auch vermehrt bei unterschiedlichen Behörden         nen der dritten Leistungsgruppen in den Hauptfächern           übersehene Gruppe sind Selbstständige mit geringem Bil-
PISA                                                                                         und Institutionen mit unmittelbarem „Parteienverkehr“        zeigten „erschreckende Mängel“.                                dungsabschluss. Vor allem mit der Erleichterung des Zu-
 Die PISA-Studien der OECD messen alltags- und berufs-                                       wie z.B. Gemeinden, Sozialhilfebehörden, Beratungsstellen,                                                                  gangs zum freien Gewerbe und den „neuen Selbstständi-
relevante Kenntnisse und Fähigkeiten 15- bis 16-jähriger                                     Kindergärten etc. Hier sind am ehesten auch Zugänge zu        Die dritte Gruppe ist nach der Phase der Berufsausbil-        gen“ sowie den „Ein-Personenbetrieben“ dürfte sich ihr
SchülerInnen. In einer schriftbasierten Gesellschaft ist die                                 den Zielgruppen möglich, am schwierigsten ist das zweifel-   dung auf dem Arbeitsmarkt aktiv. Dabei sind vor allem ar-      Anteil erhöht haben.
Lesekompetenz eine Basisvoraussetzung für die Bewälti-                                       los bei jenen, die aus unterschiedlichen Gründen gar nicht   beitslos oder arbeitsuchend vorgemerkte niedrigqualifi-
gung von allgemeinen gesellschaftlichen und beruflichen                                      auf dem Arbeitsmarkt partizipieren.                          zierte Personen und Geringqualifizierte in Beschäftigung         Eine spezifische weitere, vierte Gruppe sind nicht (mehr)
Anforderungen in vielen Lebensbereichen. Besonders Per-                                                                                                   zu unterscheiden.                                              erwerbstätige Personen. Dabei handelt es sich vor allem
sonen in der niedrigsten Stufe im Bereich Lesekompetenz                                        Auf dem Arbeitsmarkt werden durch mangelnde Basis-                                                                        um ausschließlich Haushaltsführende, PensionistInnen,
werden daher zur Risikogruppe gezählt. Trotz mancher me-                                     bildung sowohl individuelle Chancen der Betroffenen als        Bei arbeitslos Vorgemerkten ist eine Einschätzung des        Personen mit Behinderungen sowie Sozialhilfebeziehe-
thodischer und inhaltlicher Kritik vor allem in Bezug auf                                    auch betriebliche Entwicklungen eingeschränkt. Auch in       Basisbildungsbedarfs nach Aussagen von VertreterIn-            rInnen. Offensichtlich werden Defizite vor allem bei Be-
die Stichprobenzusammensetzung gelten die Erkenntnisse                                       Gemeinden, Behörden und Institutionen, bei denen ver-        nen des AMS schwer möglich. Das „Verstecken“ funk-             hörden und diversen Beratungs- und Betreuungseinrich-
über Bildungsvererbung, Regionalstruktur und Schultypen                                      schiedene Anträge eingebracht werden, wird die Problema-     tioniere auch bei Beratungsterminen so gut wie in den          tungen, bei Ansuchen um Förderungen oder Sozialhilfe,
als aufschlussreich für das Bildungssystem.                                                  tik wahrgenommen, und es wird versucht, „unaufdringlich“     Betrieben selbst. Defizite seien nur über Zufälle zu er-       bei Jugendwohlfahrtsmaßnahmen, in Kindergärten,
                                                                                             und ohne die Betroffenen bloßzustellen, Hilfe zu leisten.    kennen, wenn etwa eine Unterschrift zu leisten, ein            Schulen oder medizinischen Einrichtungen. Ein mögli-
  Österreich hatte 2003 und 2006 einen vergleichsweise                                       Direkte Möglichkeiten, auf Basisbildungsmängel zu reagie-    Formular auszufüllen ist oder schriftliche Informati-          ches Basisbildungsproblem sprechen die VertreterInnen
relativ hohen Anteil von ca. 21 % an Jugendlichen, die im                                    ren, sind vor allem in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen     onen weitergegeben werden. Am Arbeitsplatz falle es            dieser Stellen aber kaum an, weil sie „die Leute ja nicht vor
Bereich Lesekompetenz nur Level eins erreichten, wobei                                       gegeben und werden ansatzweise auch genützt. In Berufs-      oft erst bei Umstrukturierungen und Umstellungen im            den Kopf stoßen oder in eine peinliche Situation bringen“
die Anteile der Risikogruppen sich stark nach dem Schul-                                     schulen sind zwar gravierende Probleme ersichtlich, es ist   Arbeitsprozess auf, dass jemand Schwierigkeiten beim           wollen. Insgesamt sei zu bemerken, dass das soziale Ge-
typus unterschieden. So trat die Lese-Risikogruppe insbe-                                    aber bei der Dichte des Lehrplans kaum die Zeit für Kor-     Lesen und Schreiben habe. Oft hätten KollegInnen be-           fälle stärker werde, immer mehr Menschen hätten offen-
sondere in den Polytechnischen Schulen (54 %) und Be-                                        rekturmaßnahmen gegeben. In vielen Betrieben werden          stimmte Arbeiten übernommen und so beim Verste-                sichtliche Schwierigkeiten, einen Meldezettel richtig aus-
rufsschulen (39 %) auf, Berufsbildende mittlere Schulen                                      ebenso Bildungsmängel festgestellt, die aber die Arbeit      cken der Basisbildungsprobleme mitgeholfen.                    zufüllen, manche könnten kaum ihre Wohnadresse und
lagen genau im Durchschnitt, in höheren Schulen waren                                        nicht immer unmittelbar belasten.                                                                                           ihr Geburtsdatum richtig schreiben.
nicht ausreichende Leseleistungen marginal. Insgesamt                                                                                                      Zu den besonderen Risikogruppen gehören Langzeitar-
dokumentiert PISA auch die negativen Folgen der frühen                                        Das Annäherungsmodell an die Zielgruppen umfasst fol-       beits- bzw. Langzeitbeschäftigungslose. Eine Umschulung         Abschließend soll beispielhaft das konkrete quantitative
Auslese im österreichischen Schulsystem mit ihren „leis-                                     gende arbeitsmarktbezogene, sich zum Teil überlappende       oder Berufsausbildung wird von BetreuerInnen des AMS           Ausmaß ausgewählter Zielgruppen in der Region darge-
tungshemmenden Verstärkungseffekten“ (etwa durch die                                         Risikogruppen:                                               und von Betroffenen selbst häufig als nicht sinnvoll bzw.      stellt werden. Im Sinne einer Übertragbarkeit auf andere
Leistungsgruppen in den Hauptschulen). Befragte mit ei-                                                                                                   möglich eingestuft. Sie hätten ohne Erfolg bereits ver-        Regionen werden dabei exemplarische Bevölkerungsgrup-
ner Vorqualifikation Hauptschule schnitten signifikant                                        Eine erste Gruppe sind jene Personen, die nach der Be-      schiedene arbeitsmarktpolitische Maßnahmen absolviert          pen mit höchstens Pflichtschulabschluss sowie die verwen-
schlechter ab als jene, die die AHS-Unterstufe besuchten.                                    endigung der Schulpflicht auf den Arbeitsmarkt drängen,      und gelten daher als „ausgeschult“. Zum Teil handle es         deten Referenzwerte angeführt.
86 % der Lese-Risikogruppe haben eine Hauptschulkarri-                                       die aber aufgrund ihrer schulischen Erfolge vermehrt auf     sich um Vorgemerkte, die „10, 15 Jahre weg von der Schule
ere hinter sich.                                                                             Zugangshürden stoßen. Das sind vor allem AbgängerIn-         und vom Lernen sind und im Beruf Lesen, Schreiben, Rech-
8 Vgl. dazu: Lesen und Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Erwachsenen in der            nen ohne positiven Abschluss oder mit einem mit vorwie-      nen kaum gebraucht haben“.
Schweiz, a.a.O., S. 22 ff. So lag in der deutschsprachigen Schweiz der Anteil der Personen   gend schlechten Noten. Langfristig sind sie von prekären
mit niedrigstem Lesekompetenzniveau in den Altersgruppen bis 45 Jahre bei ca. 10 %, in
den beiden darauffolgenden Alterskohorten bei ca. 20 %.                                      Beschäftigungskarrieren oder der Exklusion vom Arbeits-


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BILDUNG I Stoppacher I Zielgruppenwissen


 Bevölkerungsgruppen                           Referenzwert                             Regionale
 mit höchstens                                                                          Zielgruppengröße
 Pflichtschulabschluss
                    Jugendliche im Übergang zwischen Ausbildung und Erwerbsleben
 AbgängerInnen von                             54 % für Polytechnische Schulen (PISA)   ca. 90 SchülerInnen jährlich
 Polytechnischen Schulen

 15- bis 25-Jährige in berufsvorbereitenden    54 % für Polytechnische Schulen          mindestens ca. 130 Personen jährlich
 Maßnahmen des AMS                             (PISA) als Untergrenze

 Lehrlinge                                     39 % Lese-Risikogruppe (PISA)            ca. 670 Personen

                                              Arbeitslos vorgemerkte Personen                                                                                  Bildung in Zahlen
 TeilnehmerInnen in                            24 % mit schwachen                       mindestens 190 Personen jährlich                                       Zahl der Briefe, die Charles Darwin im Laufe
 Qualifizierungsmaßnahmen des AMS              Lesekompetenzen (ALL)                                                                                           seines Lebens geschrieben hat: 7591
 langzeitarbeitslose                           24 % mit schwachen Lesekompetenzen       ca. 20 Personen jährlich                                               Zahl der Briefe, die Albert Einstein im Laufe
„bildungsfernere“ Transitkräfte                (ALL) als Untergrenze                                                                                           seines Lebens geschrieben hat: 14500
                                                                                                                                                               Zahl der geschäftlichen E-Mails, die jeder vernetzte Arbeitsplatz
                   Geringqualifizierte selbstständig und unselbstständig Beschäftigte                                                                          weltweit im Durchschnitt pro Tag erhält: 126
 Beschäftigte im Bau- und                      24 % mit schwachen                       ca. 1.000 Personen
 Baunebengewerbe, im Tourismus, in             Lesekompetenzen (ALL)                                                                                           Täglicher Fernseh-, Internet- und Computerspielkonsum
 unternehmensnahen Dienstleistungen
                                                                                                                                                               eines Zehnjährigen in Norddeutschland aus bildungsferner
 sowie in der Land- und Forstwirtschaft
                                                                                                                                                               Einwanderer-Familie am Wochenende in Minuten: 340
 (Neue) Selbstständige                         24 % mit schwachen                       ca. 140 Personen                                                       Täglicher Fernseh-, Internet- und Computerspielkonsum einer
                                               Lesekompetenzen (ALL)                                                                                           Zehnjährigen in Süddeutschland aus deutscher Familie, in der
                                                                                                                                                               mindestens ein Elternteil Abitur hat, am Wochenende in Minuten: 54
                                     Nichterwerbstätige im Haupterwerbsalter
 Nichterwerbstätige (Elternkarenz,             24 % mit schwachen                       ca. 790 Personen                                                       Anteil der Zehnjährigen, die für das Gymnasium empfohlen werden und
 dauerhafter Arbeitsunfähigkeit,               Lesekompetenzen (ALL)
 ausschließlich Haushaltsführende)
                                                                                                                                                               deren Eltern maximal einen Hauptschulabschluss haben, in Prozent: 4
                                                                                                                                                               Anteil der Zehnjährigen, die für das Gymnasium empfohlen werden
                                                                                                                                                               und von denen mindestens ein Elternteil Abitur hat, in Prozent: 72



 Der Autor
 Dr. Peter Stoppacher
 1957 in Anger, Oststeiermark geboren; während des Stu-
 diums (Germanistik und Soziologie) unterschiedliche
 berufliche Erfahrungen in der Grundstoffindustrie (Alu-
 minium, Talkum), im Baugewerbe etc. Seit 1985 sozial-
 wissenschaftliche Forschungstätigkeit; ehrenamtlicher
 Bewährungshelfer
 IFA Steiermark (Institut für Arbeitsmarktbetreuung
 und -forschung Steiermark. Sozialwissenschaftliche For-
 schung und Entwicklung)
 www.ifa-steiermark.at
 stoppacher@ifa-steiermark.at




                                                                                                                               Quelle: brand eins Wirtschaftsmagazin




Seite 80                                               Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                 Seite 81
BILDUNG I Holzer I Basisbildung „Nicht genügend“                                                                                                                                                           Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG




                                                                                                                    Voraussetzungen führt das zu mechanisch reprodu-                                       können, da die Streuung sehr gering ist und alle Kinder
                                                                                                                    zierbaren Scheinkompetenzen, die weder im privaten                                     die erforderlichen Lernvoraussetzungen mitbringen.
                                                                                                                    noch im beruflichen Kontext benutzbar sind.                                            Dem stehen Klassen gegenüber, in denen viele Kinder
                                                                                                                                                                                                           Entwicklungsrückstände aufweisen und die Leistungs-
                                                                                                                    Entwicklungsunterschiede im                                                            unterschiede extrem groß sind. Das könnte bedeuten,
                                                                                                                                                                                                           dass in solchen Klassen auch bei einer Doppelbeset-
                                                                                                                    Schuleingangsbereich                                                                   zung und einem Unterricht von hoher Qualität nicht
                                                                                                                     Die Entwicklungsunterschiede von SchulanfängerIn-                                     alle Kinder dort abgeholt werden können, wo sie stehen.
                                                                                                                    nen sind enorm. In einer Untersuchung von Lenart/
                                                                                                                    Holzer/Schaupp wurden 2005 in 21 Schulklassen die                                       VolksschullehrerInnen stehen also sehr unterschiedli-
                                                                                                                    Vorläuferfähigkeiten von SchulanfängerInnen für die                                    chen Herausforderungen gegenüber, was die Lernvor-
                                                                                                                    Bereiche Lesen/Schreiben und Mathematik erhoben.                                       aussetzungen ihrer SchülerInnen betrifft. Unter den
                                                                                                                    Das folgende Diagramm in Abbildung 1 zeigt die Leis-                                   derzeitigen Rahmenbedingungen ist anzunehmen, dass
                                                                                                                    tungsverteilung für den Bereich Mathematik. Aus die-                                   nicht alle Klassen „effizient unterrichtbar“ sind. Ent-
                                                                                                                    ser Grafik ist ersichtlich, dass es zwischen den einzel-                               wicklungsrückstände im Bereich der Sprache, der Mo-
                                                                                                                    nen Klassen beachtliche Unterschiede hinsichtlich der                                  torik, der Wahrnehmung und der sozial-emotionalen
                                                                                                                    Lernausgangslage und der Streuung innerhalb der Klas-                                  Kompetenzen lassen sich nicht mit einem kurzen „In-
Norbert Holzer                                                                                                      sen gibt. Daraus lassen sich zwei Extreme beschreiben:                                 tensivtraining“ oder ausschließlich durch offene Lern-
Lehrbeauftragter an der KPH Graz                                                                                                                                                                           angebote beheben, sondern brauchen langfristige,
für Didaktik der Mathematik                                                                                           •	 Es gibt Klassen von SchulanfängerInnen,
                                                                                                                                                                                                           diagnosegeleitete Interventionen. Eine solche umfas-
                                                                                                                         in denen nur einige wenige Kinder über
norbert.holzer@aon.at                                                                                                                                                                                      sende Förderarbeit ist mit den gegebenen schulischen
                                                                                                                         optimale Lernvoraussetzungen verfügen
                                                                                                                         und gleichzeitig die Streuung von sehr                                            Ressourcen flächendeckend als unrealistisch einzu-
Ko-AutorInnen
Friederike Lenart und Hubert Schaupp                                                                                     gut entwickelten Voraussetzungen bis zu                                           schätzen. Damit werden in der Folge durchaus erkenn-
                                                                                                                         gravierenden Entwicklungsrückständen reicht.                                      bare Probleme nicht entsprechend bearbeitet und
                                                                                                                                                                                                           weitergeschleppt.
                                                                                                                      •	 Es gibt Klassen, in denen fast
                                                                                                                         ausschließlich Kinder mit gut entwickelten
                                                                                                                                                                                                             Langzeitstudien von Weinert, Klicpera/Gasteiger-Klic-
                                                                                                                         Lernvoraussetzungen sind und die

Nach neun Jahren Schulpflicht:
                                                                                                                                                                                                           pera, Krajewsky und anderen belegen, dass Lernprob-
                                                                                                                         leistungsschwächsten Kinder sich auf einem
                                                                                                                         durchschnittlichen Niveau befinden. Diese                                         leme ohne gezielte, individuelle Intervention langfristig
                                                                                                                                                                                                           weiter bestehen (vgl. Klicpera/Gasteiger-Klicpera 1998,
Basisbildung „Nicht genügend“
                                                                                                                         leistungsfähigen Klassen weisen also gleichzeitig
                                                                                                                         eine besonders geringe Streuung auf.                                              S. 222). Krajewski untersuchte 153 Kindergartenkinder
                                                                                                                                                                                                           hinsichtlich relevanter mathematischer Vorläuferfähig-

Die Schulbiografie von Menschen mit Basisbildungsdefiziten                                                                                                                                                 keiten und verfolgte ihre Entwicklung bis zum Ende der
                                                                                                                                                                                                           Grundschulzeit.
dargestellt am Bereich Mathematik
                                                                                                                                                                                                            „Das mengen- wie das zahlenbezogene Vorwissen
                                                                                                                                                                                                           konnten als spezifische Vorläuferfertigkeiten schuli-
                                                                                                                                                                                                           scher Mathematikleistungen identifiziert […] werden.
Es gibt ausreichend Daten und Fakten dafür, dass es      zum Schulaustritt. Dargestellt wird die Entwicklung                                                                                               Kinder, die im Kindergartenalter an den Aufgaben zum
unserem Schulsystem nicht gelingt, allen Abgänge-        exemplarisch für den Bereich Mathematik, da dieser                                                                                                Mengen- und Zahlenvorwissen gescheitert sind, waren
rInnen eine Basisbildung zu vermitteln, die in unserer   Bereich in den Unterstützungsangeboten oft noch eine                                                                                              auch diejenigen, die später in der Schule Probleme im
Zeit und in unserer Gesellschaft für eine selbststän-    untergeordnete Rolle einnimmt. Genauer beleuchten                                                                                                 mathematischen Anfangsunterricht hatten und eine
dige Lebensbewältigung und Lebensgestaltung erfor-       möchte ich den Schuleingangsbereich, den Übergang                                                                                                 Rechenschwäche zeigten.“ (Krajewski 2003, S. 211).
derlich ist. Die empirischen Daten kommen sowohl von     von der Volksschule in die Hauptschule/AHS sowie den
internationalen Vergleichsstudien als auch von Erhe-     Schulaustritt bzw. das Ende der Schulpflicht. Für alle                                                                                            Lernstandsanalyse beim
bungen aus dem Bereich der Wirtschaft. Wenn nun in       drei Bereiche werden empirische Untersuchungen und
Österreich mit viel finanziellem und personellem Auf-    konkrete Fallbeispiele angeführt und kommentiert.                                                                                                 Übergang von der Volksschule
wand die Etablierung von Bildungsstandards im Sinne                                                                 Abb. 1: Leistungsverteilung mathematischer Vorläuferfähigkeiten von 21 Schulklas-
                                                                                                                    sen zu Schulbeginn 2005 (Steiermark). Auf der waagrechten Koordinate ist jeweils
                                                                                                                                                                                                           in die Hauptschule /  HS
                                                                                                                                                                                                                               A
einer „Outputmessung“ vorangetrieben wird, so ist        Die Untersuchungen belegen, dass es der Volksschule        die Anzahl der richtig gelösten Beispiele dargestellt, auf der senkrechten Koordi-
davon einmal lediglich eine Bestätigung von ohnehin      nicht gelingt, Entwicklungsrückstände von Schulan-         nate die Anzahl der Kinder.                                                             Untersuchungen am Ende der Volksschule bzw. beim
                                                                                                                    Das Klassendiagramm 1. Reihe / 2. Spalte ist ein Beispiel für eine Klasse mit wenig
bekannten Fakten zu erwarten.                            fängerInnen aufzuarbeiten. Insgesamt scheinen die          leistungsstarken Kindern und einer großen Streuung.                                    Eintritt in die Sekundarstufe I bestätigen die Stabili-
                                                                                                                    Das Klassendiagramm 3. Reihe / 5. Spalte ist ein Beispiel für eine Klasse mit vielen
                                                         Rahmenbedingungen eher ein „Weiterschieben der             leistungsstarken Kindern und einer geringen Streuung.
                                                                                                                                                                                                           tät von Lernproblemen. Mit den von Lenart/Holzer/
Wie kommt es nun dazu, dass SchülerInnen nach neun       Probleme“ zu begünstigen. Die Hauptschule ist da-                                                                                                 Schaupp entwickelten Eggenberger Rechentests kann
Jahren Schulpflicht nicht über ausreichende Kompe-       durch bei einem Teil ihrer SchülerInnen mit gravieren-                                                                                            das Lernstandsprofil vor allem der SchülerInnen im un-
tenzen im Bereich Lesen, Schreiben, Mathematik und       den Lernrückständen konfrontiert, die bis in die zweite      Für die Unterrichtsrealität haben diese Daten be-                                    teren Viertel der Normalverteilung sehr differenziert er-
im Umgang mit Informationstechnologien verfügen?         Volksschulstufe zurückreichen. In der Regel werden         trächtliche Folgen. Demnach gibt es Klassen, die auch                                  fasst werden. Die folgende Tabelle zeigt den Aufbau des
Um diese Lernentwicklung zu beschreiben, möchte ich      trotzdem die Lehrplaninhalte der Sekundarstufe I im        mit einer SchülerInnenzahl von 25 ohne größere Prob-                                   ERT 4+ (Ende 4. Schst. bis Halbjahr 5. Schst.) und die
einen Bogen spannen vom Schuleingangsbereich bis         Unterricht durchgenommen. Aufgrund der fehlenden           leme alleine von einer Lehrperson unterrichtet werden                                  erfassten Inhalte.



Seite 82                                    Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                 Seite 83
BILDUNG I Holzer I Basisbildung „Nicht genügend“                                                                                                                                                 Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG



Tabelle 1: Skalen und Faktoren des ERT 4+                                                                                         ein Schüler/eine Schülerin z.B. bei den Zahlennachbarn           SchülerInnen unter einem Prozentrang von 16 sind erfah-
                                                                                                                                  von den sechs Beispielen nur zwei richtig, so kann mit gro-    rungsgemäß nicht in der Lage, dem Unterricht ihrer Schul-
            Faktor                   Skalenbenennung                   Erfassungsinhalt            Aufgabenbeschreibung
                                                                                                                                  ßer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass          stufe zu folgen, da ihnen wesentliche Voraussetzungen da-
                                                                                                  Zahl vor und nach einer         von 100 SchülerInnen im selben Alter nur 16 SchülerIn-         für fehlen.
                                   A1 (Zahlennachbarn)             Zahlenraumorientierung
                                                                                                gegebenen Zahl aufschreiben       nen ein gleiches oder noch schlechteres Ergebnis erzielen,
                                                                                                    Fehlende Zahl in einer        alle übrigen ein besseres. Löst jemand mehr Beispiele rich-    Insgesamt könnte man dieses Ergebnis
              1                      A 2 (Zahlenreihen)            Logische Zahlenabfolgen
                                                                                                    Zahlenreihe einsetzen         tig als der kritische Wert angibt, so gehört er leistungsmä-   folgendermaßen interpretieren:
        Mathematische
                                                                                                                                  ßig nicht mehr zu den unteren 16 Prozent der von einer Re-       Mechanische Abläufe wie der Algorithmus der schrift-
      Ordnungsstrukturen                                                                        Grafisch dargestellte Menge
                                                                                                mit Tausendern, Hundertern,       chenschwäche betroffenen österreichischen Schülerschaft.       lichen Addition oder Subtraktion sind auch für schwa-
                               A 3 (Menge-Zahl–Zuordnung)          Menge-Zahlrepräsentanz                                                                                                        che SchülerInnen eintrainierbar. Bei den Geldmaßen ist
                                                                                                  Zehnern und Einern als
                                                                                                     Zahl aufschreiben            Tabelle 2: Skalen des ERT 4+                                   wohl der alltägliche Zugang der förderliche Faktor. Beim
                                                                                                      Additionen und
                                                                                                                                  und kritische Werte                                            Auswendiglernen der 1x1-Reihen stoßen aber schon ei-
                                                                   Addieren / Subtrahieren           Subtraktionen, z.B.:                                                                        nige an die Grenzen ihrer Merkfähigkeit, woraus sich un-
                                A 4 (Rechnen halbschriftlich)                                                                      Nr.   Skalenbenennung            Max. Punkte   krit. Werte
                                                                       halbschriftlich                                                                                                           vermeidlich Probleme bei der schriftlichen Multiplikation
                                                                                                    14 000 + 3 000 = _____          1    Zahlennachbarn                  6            ≤2
                                                                                                                                    2    Zahlenreihen                    6            ≤2         und Division ergeben. Maßumwandlungen erfordern ein
                                                                                                   Additive und subtraktive
                                A 5 (Rechnen mit Platzhalter)    Operatives Rechenverständnis                                       3    Menge-Zahl-Zuordnung            6            ≤3         entsprechendes Faktenwissen (Wie viele Gramm hat ein
                                                                                                        Ergänzungen
                                                                                                                                    4    Rechnen halbschriftl.           6            ≤2         Kilogramm?) und eine sichere Orientierung im Stellen-
                                                                                                 Schriftliche Additionen mit        5    Rechnen m. Platzhalter.         6            ≤2         wertsystem. Textaufgaben sind ohne ein tragfähiges Ope-
                                  B 6 (Addieren schriftlich)      Addieren nach Algorithmus
              2                                                                                    2 bzw. 3 Summanden                                                                            rationsverständnis nicht lösbar. Oberflächlich betrachtet
                                                                                                                                    6    Addieren schriftlich            5            ≤3
    Algebraische Strukturen                                                                                                                                                                      scheint beim Unterricht der Schwerpunkt zu sehr auf ein
                                                                      Subtrahieren nach                                             7    Subtrahieren schriftlich        5            ≤3
                                B 7 (Subtrahieren schriftlich)                                    Schriftliche Subtraktionen
                                                                        Algorithmus                                                 8    Multiplizieren                  5            ≤2         mechanisches Eintrainieren von mathematischen Fertig-
                                                                                                                                    9    Dividieren                      5             ≤1        keiten gelegt zu werden und zu wenig auf ein wirkliches
                                                                                                Schriftliche Multiplikationen
                                                                     Multiplizieren nach                                           10    Geldmaße                        5            ≤3         Verständnis der grundlegenden mathematischen Konzepte.
                                    B 8 (Multiplizieren)                                              mit zweistelligem
                                                                       Algorithmus
                                                                                                         Multiplikator             11    Zeitmaße                        5             ≤1
                                                                                                                                   12    Längenmaße                      5            ≤2           Diese Testergebnisse liefern eine Eingrenzung der Symp-
                                                                                                  Schriftliche Divisionen mit
                                      B 9 (Dividieren)           Dividieren nach Algorithmus                                       13    Flächenmaße                     5            =0         tome und ermöglichen so ein gezieltes „Symptomtraining“.
                                                                                                ein- bzw. zweistelligem Divisor
                                                                                                                                   14    Massenmaße                      5            ≤2         Bei einer vertiefenden Einzeldiagnose kann sich jedoch
                                      C 10 (Geldmaße)               Geldmaßbeziehungen             Maßbeziehungen > < =            15    Textrechnungen                  8            ≤2         auch herausstellen, dass bei einigen Beispielen zwar ein
                                                                                                                                         (Angewandte Mathematik)                                 richtiges Ergebnis ausgerechnet wurde, aber ein Verständ-
                                                                                                   Umwandlungsaufgaben,
                                      C 11 (Zeitmaße)                Zeitmaßbeziehungen
                                                                                                 z.B.: 147 min = ___h ___min                                                                     nis des mathematischen Konzeptes trotzdem nicht gege-
                                                                                                   Umwandlungsaufgaben,
                                                                                                                                    Betrachtet man nun die kritischen Werte, so sieht man,       ben ist. Häufig werden Missverständnisse und Fehlvorstel-
              3                     C 12 (Längenmaße)              Längenmaßbeziehungen
                                                                                                    z.B.: 12 000 m = ___km        dass bei den einzelnen Skalen unterschiedlich viele Bei-       lungen in Bezug auf Rechenoperationen, Stellenwert und
      Größenbeziehungen                                                                                                           spiele gelöst werden müssen, um nicht zu den unteren 16        weitgehend fehlende Vorstellungen von Größen (Maßein-
                                                                                                   Umwandlungsaufgaben,
                                    C 13 (Flächenmaße)             Flächenmaßbeziehungen                                          Prozent zu gehören. Damit wird ersichtlich, in welchen Be-     heiten) sichtbar. Dazu zwei Beispiele:
                                                                                                    z.B.: 600 dm² = ____m²
                                                                                                                                  reichen die österreichischen SchülerInnen am Beginn der
                                    C 14 (Massenmaße)*             Massenmaßbeziehungen
                                                                                                   Umwandlungsaufgaben,           fünften Schulstufe über gute Kompetenzen verfügen und          Beispiel 1: Stellenwert
                                                                                                      z.B.: 1t = ___kg
                                                                                                                                  in welchen Bereichen nur sehr eingeschränkte Kenntnisse          Eine Schülerin am Ende der vierten Schulstufe wird in ei-
              4                                                                                    Lösen von Textaufgaben,        vorhanden sind. Zur Interpretation der Ergebnisse muss         ner außerschulischen Fördereinheit aufgefordert, mit Ma-
                                   C 15 (Textrechnungen)                Textaufgaben                                              vorweg noch betont werden, dass alle Aufgaben dem Lehr-        terial die Menge 14 zu legen. Dazu steht ihr Stellenwert-
    Angewandte Mathematik                                                                           Ergebnis aufschreiben
                                                                                                                                  plan und somit dem Soll-Plan dieser SchülerInnengruppe         material in Form von Einerwürfeln, Zehnerstangen und
                                                                                                                                  entsprechen.                                                   Hunderterplatten zur Verfügung. Sie legt eine Zehner-
  Für die Normierung des ERT 4+ wurden die Testergeb-             Die Tests geben keine genaue Auskunft darüber, ob eine                                                                         stange und vier Einerwürfel dazu. Der Trainer beginnt die
nisse von 808 SchülerInnen verrechnet. Bei der Testent-          Schülerin/ein Schüler mit ihrem/seinem Leistungsniveau            •	 Die Stärken liegen eindeutig beim schriftlichen            Menge 14 mit Einerwürfel zu legen. Daraufhin stellt die
wicklung wurden die einzelnen Beispiele im Rahmen von            im durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen Be-                Addieren und Subtrahieren sowie bei den                    Schülerin fest: „So geht das aber nicht!“ Auf die Frage des
mehreren Voruntersuchungen in ihrem Schwierigkeitsgrad           reich liegt. Diese förderdiagnostische Zugangsweise unter-           Geldmaßen. Hier werden von 84 Prozent mehr                 Trainers, warum das so nicht geht, antwortet sie: „Wir müs-
                                                                                                                                      als drei von fünf Beispielen richtig gelöst.
so lange angepasst, dass sie vom überwiegenden Teil der          scheidet sich somit deutlich von Bildungsstandards, bei                                                                         sen in der Schule immer Zehnerstangen nehmen!“
SchülerInnen gelöst werden konnten. Bei den Beispielen           denen ein Leistungsniveau vorgegeben wird. Bei einer Test-        •	 Absolute Schwachstellen sind das Dividieren, die
wurde auch darauf geachtet, dass sie in ihrer Aufgabenstel-      konzeption im Sinne der Bildungsstandards sind aus den               Zeitmaße und die Flächenmaße. Hier müssen von               Erst im Laufe einer längeren Diskussion und dem Durch-
lung genau in der Art und Weise waren, wie sie in den häu-       Ergebnissen nur mehr sehr bedingt Fördermaßnahmen                    fünf Beispielen nur zwei richtig gelöst werden; bei        arbeiten von mehreren Beispielen lässt sich die Schülerin
fig verwendeten Schulbüchern vorkommen. Die Lösungs-             ableitbar.                                                           den Flächenmaßen reicht sogar ein Beispiel, um             davon überzeugen, dass „vierzehn“ auch mit vierzehn ein-
wahrscheinlichkeiten der einzelnen Items bewegen sich                                                                                 nicht mehr zu den unteren 16 Prozent zu gehören.           zelnen Würfeln gelegt werden kann.
zwischen rund 40 Prozent und 90 Prozent. Durch diese An-           Ein Nebenprodukt der Entwicklung der Eggenberger Re-            •	 Auch das Bearbeiten von Textaufgaben muss
passung des Schwierigkeitsgrades an das untere Leistungs-        chentests ist eine Erfassung des IST-Standes der österrei-           zu den Schwachstellen gerechnet werden (von
niveau liefert der Test mit seinen Ergebnissen ein nützli-       chischen Schülerschaft im Bereich Mathematik von der ers-            acht Beispielen müssen drei gelöst werden).
ches Profil für die SchülerInnen des unteren Viertels der        ten bis zur fünften Schulstufe. Dazu nun einige Ergebnisse
Normalverteilung. Für diese Gruppe werden dadurch die            für den Beginn der fünften Schulstufe. In der Tabelle 2 sind      •	 Bei den übrigen Skalen wird
individuellen Stärken und Schwächen deutlich erkennbar.          neben der Skala jeweils die maximal erreichbare Punkte-              ersichtlich, dass von rund 16 Prozent
                                                                                                                                      der österreichischen Schülerschaft nur
So ist es möglich, aus den Testergebnissen ganz konkrete         zahl und ein kritischer Wert angegeben. Der kritische Wert
                                                                                                                                      weniger als die Hälfte der vorgegebenen
Förderschwerpunkte abzuleiten.                                   entspricht einem Prozentrang von 16. Das bedeutet: Hat               Beispiele richtig gelöst werden kann.



Seite 84                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                           Seite 85
BILDUNG I Holzer I Basisbildung „Nicht genügend“                                                                                                                                                   Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG



Beispiel 2: Subtraktion                                         Was lernen schwache                                             Die Tabelle 3 zeigt das Profil einer dritten Leistungsgruppe       einem PR von 27 knapp darüber. Bei der oben beschriebe-
  Ein Schüler am Ende der vierten Schulstufe wird aufgefor-                                                                   zu Beginn der fünften Schulstufe. Der Prozentrang der „Ma-           nen Testkonzeption verfügt somit kein Kind über die Lehr-
dert, die Rechnung 8-5 = auszurechnen. Er schreibt ohne         SchülerInnen in der Haupt-                                    thematischen Leistung“ (Spalte ganz rechts) zeigt, dass alle         planvorgaben der vierten Schulstufe der Volksschule. Bei
lange zu überlegen als Ergebnis die Zahl 3 dazu. Anschlie-
ßend wird er aufgefordert, diese Rechnung mit Material zu
                                                                schule in Mathematik dazu?                                    SchülerInnen im Grunde im unteren Leistungsviertel liegen
                                                                                                                              (respektive Fehlervarianz). Ein einziges Ergebnis liegt mit
                                                                                                                                                                                                   den Kindern mit einem Prozentrang von 0 und 1 sind Lern-
                                                                                                                                                                                                   rückstände von zwei bis drei Schuljahren anzunehmen.
zeigen. Dazu legt er acht Würfel untereinander und dane-          Testergebnisse mit dem ERT 4+ zeigen, dass sich in den
ben fünf Würfel. Auf die Frage, wie er jetzt zu seinem Ergeb-   dritten Leistungsgruppen der Hauptschule fast ausschließ-     Tab. 3: Klassenprofil einer 3. Leistungsgruppe der Hauptschule (ländlicher Bereich)
nis von „3“ komme, antwortet er: „Da muss ich hier die 5        lich rechenschwache Kinder befinden. Bei Einzeldiagno-
wegnehmen und von den 8 auch noch einmal 5. Dann blei-          sen werden häufig Lernrückstände sichtbar, die bis in die      ERT 4+	                             Klassenprofil
ben 3 übrig.“ Auch bei zwei weiteren Beispielen bleibt er       zweite Volksschulstufe zurückreichen.
beim gleichen Handlungsablauf. Er legt immer beide Zah-                                                                        Klasse: HS LG 3	                    Datum:	                                  Sept.
len der Subtraktion und nimmt den Subtrahenden zwei-            Übliche Defizite                                                 Name           Faktor 1               Faktor 2               Faktor 3                    Faktor 4           Mathem. Leistung
mal weg. Auf die Frage, ob er denn die zweite Zahl über-         •	 Zahlenraum 10 ist nicht vollständig automatisiert                      Ordnungsstrukturen        Algebraische        Größenbeziehungen              Anwendung
haupt legen müsse, antwortet er: „Ja sicher, da stehen ja                                                                                                             Strukturen                                       (Textrechnen)
zwei Zahlen!“                                                    •	 Stellenwertverständnis ist nur                             Maximal-       18                     32                    25                          8                       83           
                                                                    oberflächlich verfügbar                                     werte
  Es stellt sich in weiterer Folge heraus, dass er das Kon-                                                                                  RW          PR         RW          PR         RW              PR         RW          PR                      PR
                                                                 •	 Zehnerüber- und -unterschreitung
zept der Addition einfach auch auf die Subtraktion über-                                                                         N.N.         8          10          24         38         17              53          5           63          54          27
                                                                    werden zählend gelöst
tragen hat.
                                                                                                                                 N.N.         16         69         19          15         12              15          3           27          50         18
                                                                 •	 1x1-Reihen müssen mühsam errechnet werden
                                                                                                                                 N.N.         6           6          11         1              3            0          1           7           21          0
 Denkweisen dieser Art sind keine Einzelfälle, sie wer-
                                                                 •	 Operationsverständnis für Multiplikation                     N.N.         13         35          20         18         15              32          1           7           49         12
den nur in der herkömmlichen Unterrichtsweise sehr oft
                                                                    und Division ist nicht gegeben
nicht erkannt.                                                                                                                   N.N.         6           6         16          6              5            1          1           7           28          1
                                                                 •	 Nur teilweise realitätsbezogene Vorstellungen                N.N.         10         15          29         82         12              15          2           14          53          25
 Würde man den ERT 4+ noch mit Aufgabenstellungen er-               von Maßeinheiten und Probleme bei                            N.N.         17         84         18          12         16              41          2           14          53          25
gänzen, die auch das zugrunde liegende mathematische                deren Umwandlung (Es bereitet z.B.
                                                                                                                                 N.N.         15         56         16          6          11              10          1           7           43          11
Konzept überprüfen, würde sich der Prozentsatz der auf-             häufig Probleme, zwischen Umfang und
                                                                    Flächeninhalt zu unterscheiden)                              N.N.         9          12          17          9             9            5          0           2           35          1
fälligen SchülerInnen wahrscheinlich noch weiter erhöhen.
                                                                                                                                                                                                                                                            
Kommentar zur Volksschule                                       Was passiert nun mit solchen                                   Kritische     ≤ 10       ≤ 16        ≤ 19       ≤ 16        ≤ 12           ≤ 16        ≤2          ≤ 16        ≤ 48        ≤ 16
                                                                Kindern in der Hauptschule?                                     Werte
 •	 Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen
    scheint es der Volksschule nicht möglich
    zu sein, Entwicklungsrückstände von                           Auf der Basis der erhobenen Daten fehlen ihnen wesentli-
    SchulanfängerInnen aufzuarbeiten.                           che Voraussetzungen für die Erarbeitung des Mathematik-        Auch hier ist wieder zu bedenken, dass bei vielen Aufga-            Das Ergebnis
                                                                stoffes der ersten Klasse in der Hauptschule. Hauptschul-     benstellungen ein rein mechanisch errechnetes Ergebnis                              9 SchülerInnen konnten einen
 •	 Langzeitstudien zeigen eindeutig, dass es nicht                                                                                                                                                Subtraktion
                                                                lehrerInnen stehen diesen Tatsachen oft ratlos gegenüber.     zu einer richtigen Lösung führt, ohne dass der Rechenvor-                           Text dazu verfassen
    ausreicht, den Kindern einfach mehr Zeit zu
                                                                In der Regel wird trotzdem mit den Inhalten des HS-Lehr-      gang verstanden worden wäre. Im Rahmen einer BAC-Ar-                 Multiplikation 5 SchülerInnen konnten einen
    geben. Ohne gezielte langfristige Interventionen
                                                                planes weitergearbeitet. Nachdem den SchülerInnen aber        beit an der KPH Graz wurde einer Hauptschulklasse (am                               Text dazu verfassen
    bleiben die Lernprobleme aufrecht.
                                                                die basalen Konzepte aus der Volksschule fehlen, haben sie    Ende der fünften Schulstufe) zu den vier Grundrechnungs-             Division       1 SchülerIn konnte einen Text dazu verfassen
 •	 Nur durch das Anbieten von Material                         nur die Möglichkeit, sich – so weit es geht – Abläufe aus-    arten jeweils ein einfaches Beispiel aus der zweiten Schul-
    in freien Unterrichtsformen ist das                         wendig zu merken und zu reproduzieren. Da sich die An-        stufe vorgegeben: 4+7 = / 18–9 = / 4x9 = / 32:8 =                      Auch in der ersten Schulstufe der AHS sind in vielen Klas-
    Problem ebenfalls nicht lösbar.                             zahl der mathematischen Fakten und Prozeduren von                                                                                  sen einzelne SchülerInnen mit einer ähnlichen Symptoma-
                                                                Schulstufe zu Schulstufe ständig erhöht, werden diese im-      Die SchülerInnen wurden aufgefordert, diese Rechnun-                tik anzutreffen.
 •	 Die derzeitige rechtliche Regelung des
    Schuleingangsbereiches scheint ein                          mer häufiger miteinander verwechselt und es wird immer        gen zu lösen und sich anschließend dazu eine Geschichte
   „Weiterschieben“ der Probleme zu begünstigen.                schwieriger, im richtigen Moment zu einem Aufgabentyp         auszudenken, die den operativen Rechenprozess wider-                 Kommentar zur Hauptschule
                                                                die gesamte entsprechende mathematische Prozedur ab-          spiegeln sollte. Für die Addition wurde eine „Beispielge-             •	 Die Hauptschule (auch die AHS) ist mit
                                                                zurufen, zuzuordnen und auszuführen. Deshalb ist es dann      schichte“ vorgegeben.                                                    einer wachsenden Gruppe von SchülerInnen
                                                                notwendig, vor einer Schularbeit nur eine begrenzte An-                                                                                konfrontiert, die grundlegende Konzepte der
                                                                zahl von Abläufen gut einzutrainieren. Bei der Schularbeit     Es handelte sich um eine Integrationsklasse, die aus 16                 Volksschule nur sehr eingeschränkt beherrscht.
                                                                selbst müssen sie dann genau in der geübten Form kom-         SchülerInnen bestand. Es waren fünf Mädchen und elf Kna-
                                                                men, da sie bei geringfügigen Änderungen nicht mehr er-       ben. Von den elf Knaben wurde einer nach dem Schwerstbe-              •	 Diese Gruppe erhält häufig ein Lernangebot,
                                                                                                                                                                                                       das aufgrund fehlender Voraussetzungen nur in
                                                                kannt werden. Dass auch intensiv geübte Prozeduren im-        hindertenlehrplan und einer nach dem allgemeinen Sonder-
                                                                                                                                                                                                       Form von „eintrainierten Abläufen“ angeeignet
                                                                mer wieder vergessen werden, ist ein weiteres verlässliches   schullehrplan unterrichtet. Weiters befand sich ein Schüler
                                                                                                                                                                                                       und mechanisch reproduziert werden kann.
                                                                Phänomen in diesem Zusammenhang.                              mit einem Verhaltens-SPF in dieser Klasse, der aber nach An-
                                                                                                                              gaben der Lehrer keine Leistungsdefizite hatte.                       •	 Die Folge davon ist die mühsame Aneignung
                                                                                                                                                                                                       von „Scheinkompetenzen“, die nicht für
                                                                                                                                                                                                       die praktische Lebensbewältigung oder für
                                                                                                                                                                                                       berufliche Anforderungen benutzbar sind.




Seite 86                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                     Seite 87
BILDUNG I Holzer I Basisbildung „Nicht genügend“                                                                                                                                          Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG



Schulaustritt und                                                sowohl während ihrer Hauptschulzeit als auch in der Poly-    Kommentar zum Schulaustritt                                 Literatur
                                                                 technischen Schule in der dritten Leistungsgruppe. Es wird
Berufseinstieg                                                   hier nicht das vollständige Unterrichtsgespräch wiederge-
                                                                                                                               •	 Die Hauptschule ist mit Lernrückständen
                                                                                                                                  konfrontiert, die bis in die zweite
                                                                                                                                                                                            Hollerer, L.; Seel, A. (2005) (Hrsg),
                                                                                                                                                                                              Schultütenkinder. Herausforderung am
  Dr. Peter Härtel schreibt in einer Studie der Steirischen      geben werden, sondern nur die wesentlichen Schritte einer        Schulstufe der Volksschule zurückreichen                    Übergang Kindergarten:Schule. Graz: Leykam
volkswirtschaftlichen Gesellschaft: „Österreich ist im in-       Einzelförderung. Geleitet von den Antworten der Schülerin       – auch im ländlichen Bereich.                              Höllbacher, M.; Fülle, S.; Härtel, P. (2009),
ternationalen Vergleich sehr erfolgreich, was die Einglie-       wird die ursprüngliche Aufgabenstellung immer wieder ad-                                                                    „Aufnahmekriterien für Lehrlinge“ Ergebnisse
derung junger Menschen in weitere Bildungs- und Berufs-          aptiert, bis schließlich die relevante Förderebene erkenn-    •	 HauptschullehrerInnen sind sowohl von den
                                                                                                                                                                                              einer Befragung steirischer Betriebe. Studie
                                                                                                                                  Rahmenbedingungen als auch auf didaktisch-
wege betrifft. Der hohe Anteil – ca. 80  % – Jugendlicher        bar wird.                                                                                                                    im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft
                                                                                                                                  methodischer Ebene mit diesen Anforderungen
zwischen 15 und 19 Jahren, die sich in berufsbildenden Bil-                                                                                                                                   In.Bewegung II Netzwerk Basisbildung und
                                                                                                                                  überfordert und oft alleine gelassen.
dungswegen befinden – sowohl vollzeitschulisch als auch          Beispiel 3: Schlussrechnung                                                                                                  Alphabetisierung E-1.1-060. Graz: Steirische
dual – ist dafür eine wesentliche Voraussetzung.“ (Höllba-                                                                     •	 Die in der Sekundarstufe vermittelten                      Volkswirtschaftliche Gesellschaft
                                                                 Aufgabe:
cher 2009, S. 5)                                                                                                                  mathematischen Inhalte scheinen sich nur                  Holzer, N.; Lenart, F.; Schaupp, H (2010), ERT 3+
                                                                 5 Dosen kosten 2,90 E. Wie viel kostet eine Dose?
                                                                                                                                  teilweise mit den Anforderungen aus der                     Eggenberger Rechentest. Diagnostikum für
                                                                 Nicht möglich!                                                   Berufswelt zu decken. Dies bedarf aber noch                 Dyskalkulie für das Ende der 3. Schulstufe bis
  Aus dieser an sich positiven Darstellung lässt sich aber ab-
                                                                 Vermutung: Division mit Dezimalbrüchen                           einer genaueren empirischen Abklärung.                      Mitte der 4. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG
leiten, dass doch rund 20 Prozent an dieser Eingliederung
                                                                 wird nicht beherrscht.                                                                                                     Kilcpera, Ch.; Gasteiger-Klicpera B. (1998),
scheitern oder zumindest ein mittel- oder langfristiges                                                                        •	 Hinsichtlich der effizienten alltäglichen                   Psychologie der Lese- und Schreibschwierigkeiten.
Problem in ihrer Lebensgestaltung haben. In dieser Studie        Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung:                  Lebensbewältigung würde der Mathematikstoff                 Entwicklung, Ursachen, Förderung.
wurden 338 Betriebe hinsichtlich ihrer Aufnahmekriterien         5 Dosen kosten 2 E                                               der ersten sechs Schulstufen genügen; bei                   Weinheim: Psychologie Verlags Union
für Lehrlinge befragt. Diese befragten Betriebe sind insge-                                                                       leistungsschwachen SchülerInnen würde
                                                                 Nicht möglich!                                                                                                             Krajewski, K. (2003), Vorhersage
samt für über 2.000 Lehrlinge verantwortlich.                                                                                     es vermutlich sinnvoll sein, sich darauf zu
                                                                 Vermutung: Es sind nur Divisionen ohne Rest möglich.             beschränken, dieses aber nachhaltig zu sichern.             von Rechenschwäche in der
                                                                                                                                                                                              Grundschule. Hamburg: Kovac
  Das Ergebnis: Persönliche und soziale Kompetenzen ste-         Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung:               •	 Durch das Festhalten am Lehrplan werden                   Lenart, F.; Holzer, N.; Schaupp, H. (2007),
hen an erster Stelle. Dazu zählen Zuverlässigkeit, Sorgfalt      4 Dosen kosten 2 E                                               häufig nur mechanisch reproduzierbare                       Heterogenität im Schuleingangsbereich.
und Leistungsbereitschaft bei den persönlichen Kompe-            Das kann im Kopf ausgerechnet und erklärt werden                 Scheinkompetenzen erworben. Das hat in                      Unveröffentlichte Langzeitstudie über
tenzen und gute Umgangsformen und Teamfähigkeit bei              (50c + 50c + 50c + 50c = 2 E). Es ist aber nicht möglich         der Regel bei den betroffenen Jugendlichen                  die Entwicklung der Leistungsstreuung
den sozialen Kompetenzen. An dritter Stelle liegt bereits        die entsprechende Division dazu anzugeben.                       Frustration und Resignation zur Folge.                      von Schulbeginn bis Ende der zweiten
die Mathematik, etwa gleichauf mit „stabilen Familienver-                                                                                                                                     Schulstufe. Graz: KPH Graz
                                                                 Vermutung: Durch den alltäglichen Umgang mit
hältnissen“. Danach erst folgen die Bereiche Deutsch und
Englisch. Wobei Englisch eine sehr untergeordnete Rolle zu
                                                                 Geldmünzen kann diese Aufgabe gelöst werden. Ein
                                                                 Operationsverständnis der Division ist nicht gegeben.
                                                                                                                              Schlussbemerkung                                              Lenart, F.; Holzer, N.; Schaupp, H. (2008), ERT 2+
                                                                                                                                                                                              Eggenberger Rechentest. Diagnostikum für
spielen scheint. Für den Bereich Mathematik wird ausge-                                                                         Ähnliche Lernentwicklungen könnten auch im Bereich            Dyskalkulie für das Ende der 2. Schulstufe bis
führt: „Am wichtigsten war den befragten UnternehmerIn-          Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung:              Lesen und Rechtschreiben aufgezeigt werden. Eine „Out-          Mitte der 3. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG
nen, dass Jugendliche Kopfrechnen, schätzen, runden kön-         12 : 3 =                                                     putmessung“, wie sie mit den Bildungsstandards ange-         Schaupp, H.; Holzer, N.; Lenart, F. (2007), ERT 1+
nen und Maßeinheiten kennen. Demgegenüber steht, dass            Kann sofort im Kopf ausgerechnet werden. Eine                strebt wird, kann allein keine Veränderung bewirken. Hier      Eggenberger Rechentest. Diagnostikum für
nur ca. ein Drittel der Jugendlichen ausreichend über diese      entsprechende Materialhandlung kann nicht                    dürfte wohl eine gediegene, langfristige Zusammenarbeit        Dyskalkulie für das Ende der 1. Schulstufe bis
                                                                 demonstriert werden, und es ist auch nicht möglich, zu                                                                      Mitte der 2. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG
Kenntnisse verfügt. Das Begründen von Rechenschritten                                                                         von schulischen und außerschulischen Kräften erforder-
sowie das Verstehen von Lösungswegen werden von 70 %             dieser Rechnung eine Sachsituation zu beschreiben.           lich sein. Aber auch wenn es uns überraschenderweise ge-     Schaupp, H.; Holzer, N.; Lenart, F. (in
                                                                 Konsequenz: Die Bearbeitung der ursprünglichen                                                                              Vorbereitung), ERT 4+ Eggenberger
der AusbildnerInnen mit sehr wichtig oder wichtig einge-                                                                      lingen sollte, vorbildliche Rahmenbedingungen und ei-
                                                                 Aufgabenstellung ist vorläufig abzubrechen.                                                                                 Rechentest. Diagnostikum für Dyskalkulie
schätzt, die tatsächliche Kompetenz der Lehrlinge jedoch                                                                      nen qualitativ hochwertigen Unterricht flächendeckend
                                                                 Es kann sofort an einem grundlegenden                                                                                       für das Ende der 4. Schulstufe bis Mitte der
nur von knapp 19 % als sehr gut oder gut bewertet.“ (Höll-                                                                    umzusetzen, wird es vermutlich eine Gruppe von Schüler-        5. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG
                                                                 Operationsverständnis der Division gearbeitet werden.
bacher 2009, S. 27)                                                                                                           Innen geben, die den Anforderungen unserer Gesellschaft
                                                                                                                                                                                           Schilcher, S. (2009), Lernstandsanalysen
                                                                                                                              nicht entsprechen werden. Wir werden uns auf jeden Fall        als Ausgangslage für den inklusiven
 Diese Einschätzungen durch UnternehmerInnen und                   Solche Arbeitssequenzen werden immer wieder durch          der Frage stellen müssen, welchen Platz wir diesen Men-        Mathematik-Unterricht – Offenes Lernen als
AusbildnerInnen decken sich weitgehend mit den Er-               intensive Gefühle und durch Aussagen wie „Ich kann halt      schen zuweisen.                                                Voraussetzung für Inklusion. Unveröffentlichte
gebnissen von Voruntersuchungen von Lenart/Holzer/               Mathematik nicht“ unterbrochen.                                                                                             BAC-Arbeit an der KPH Graz
Schaupp im Rahmen der Testentwicklung des ERT 8+.
Der ERT 8+ ist ein gemeinsames Entwicklungs- und For-              Insgesamt kann für diese SchülerInnengruppe angenom-
schungsprojekt der KPH Graz und ISOP mit dem Ziel, Ba-           men werden, dass anwendungsorientierte mathematische
sisbildnerInnen ein ökonomisches und förderdiagnosti-
sches Lernstandserfassungsinstrument für den Bereich
                                                                 Aufgabenstellungen nicht lösbar sind, weil grundlegende
                                                                 Konzepte aus der Volkschule nicht verfügbar, sondern bes-
                                                                                                                                                                                           Der Autor
Mathematik zur Verfügung zu stellen.                             tenfalls mechanisch reproduzierbar sind. Die meisten die-
                                                                                                                                                                                           Dipl.Päd. Norbert Holzer
                                                                                                                                                                                           Lehrbeauftragter an der KPH Graz für Didaktik
                                                                 ser SchülerInnen haben zudem aufgrund ihrer Lernbiogra-
                                                                                                                                                                                           der Mathematik und den Akademielehrgang
  Bestätigt können diese Daten auch durch konkrete Erfah-        fie das Vertrauen in ihr eigenes Denken verloren.                                                                        „Förderung bei Legasthenie/Dyskalkulie“. Mitarbeiter
rungen aus der Einzelförderung von Jugendlichen werden.                                                                                                                                    an Forschungsprojekten zu Rechenschwäche/
Exemplarisch möchte ich hier eine Sequenz aus der Arbeit                                                                                                                                   Dyskalkulie. Mitautor der Eggenberger Rechentests.
mit einer Schülerin der Polytechnischen Schule wieder-                                                                                                                                     Mitarbeiter des Regionalen Fachdidaktikzentrums
geben. Die Einzelförderung wurde initiiert, da die Schü-                                                                                                                                   für Mathematik und Geometrie
lerin erfreulicherweise eine Zusage für eine Lehrstelle als                                                                                                                                KPH Graz
Kfz-Mechanikerin hatte, aber dafür völlig unzureichende                                                                                                                                    www.kphgraz.at
mathematische Kenntnisse aufwies. Diese Schülerin war                                                                                                                                      norbert.holzer@aon.at




Seite 88                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                         Seite 89
BILDUNG I Rath I Basisbildung und Gesundheit                                                                                                                                                       Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNG




                                                                                                                                                                         Soziale Ungleichheit
                                                                                                                                                                 (Unterschiede in Bildung, Berufsstatus, Einkommen)


                                                                                                                                    Unterschiede in                              Unterschiede                               Unterschiede
                                                                                                                               den gesundheitlichen                      in den Bewältigungs-                                      in der
                                                                                                                                        Belastungen                                ressourcen                            gesundheitlichen
                                                                                                                                       (z.B. Belastungen am              (z.B. soziale Unterstützung)                         Versorgung
                                                                                                                                                 Arbeitsplatz)                                                (z.B. Arzt-Patient-Kommunikation)




Otto Rath                                                                                                                                        Unterschiede beim Gesundheits- und Krankheitsverhalten
Gesamtkoordinator von In.Bewegung, ISOP GmbH                                                                                                                                              (z.B. Ernährung, Rauchen, Compliance)
otto.rath@isop.at



                                                                                                                                                                        Gesundheitliche Ungleichheit
                                                                                                                                                                     (Unterschiede in Morbidität und Mortalität)

                                                                                                                                Quelle: Mielck 2000 (auf Basis von Elkeles/Mielck 1997)

Basisbildung und Gesundheit                                                                                                  sene mit geringer Basisbildung krank, hat deshalb keinen         Arm und Reich — gesunde Gesellschaften
Der Faktor Bildung im Kreislauf von sozialer                                                                                 Job oder ist privat unglücklich. Der Bildungsgrad ist auch
                                                                                                                             nicht allein verantwortlich für soziale und gesundheitliche
                                                                                                                                                                                                Untersuchungen zum Zusammenhang von Gesund-
                                                                                                                                                                                              heit und sozialer Struktur der Gesellschaft führen zu ähn-
und gesundheitlicher Ungleichheit                                                                                            Ungleichheit, daher reichen Maßnahmen im Bereich der Bil-        lichen Erkenntnissen, wie wir sie aus soziologischen Stu-
                                                                                                                             dung allein auch sicher nicht aus, um diese Ungleichheiten       dien, etwa zur Arbeitslosigkeit oder Armut, und vor allem
                                                                                                                             zu verändern. Maßnahmen müssen an mehreren Systemen              auch aus bildungssoziologischen Untersuchungen kennen:
Basisbildungsmängel stellen Menschen vor existenzbe-        ziale Ungleichheit bewirkt auch Unterschiede in der Ver-         ansetzen und aufeinander abgestimmt sein.                        Je weiter sich die Schere zwischen Armen und Reichen in
drohende Schwierigkeiten. Der Artikel nimmt eine Be-        sorgung, etwa in der Kommunikation zwischen Arzt und                                                                              einer Gesellschaft öffnet, desto stärker kommt soziale Be-
standsaufnahme des Zusammenhanges Basisbildung und          Patient, wenn gesundheitsrelevante Informationen nicht             In der Beschreibung der benachteiligten Bevölkerungs-          nachteiligung zum Tragen. Die PISA-Studie zeigt, dass jene
Gesundheit vor und lehnt sich dabei an ein Modell an, das   beim Empfänger ankommen. Die genannten Faktoren be-              gruppen ist es wichtig, horizontale und vertikale Merkmale       Länder mit den geringsten Differenzen zwischen den bes-
von der Wechselwirkung zwischen sozialer und gesund-        einflussen darüber hinaus das Gesundheitsverhalten, je           zu kombinieren. Unter vertikaler sozialer Ungleichheit wer-      ten und den schlechtesten Leistungen insgesamt am bes-
heitlicher Ungleichheit ausgeht (Mielck, 2005). Die ein-    niedriger der soziale Status ist, desto gesundheitsriskanter     den Unterschiede in Bildung, Beruf und Einkommen ver-            ten abschneiden.
zelnen Wirkungszusammenhänge dieses Modells werden          ist das Verhalten: Die Lebensweise ist weniger gesundheits-      standen, sie bewirkt eine Einordnung in eine soziale Hierar-
an der Schnittstelle Basisbildung und Gesundheit fokus-     fördernd, Anweisungen der Ärzte werden nicht verstanden          chie. Horizontale soziale Ungleichheit bezieht sich auf Alter,     Sozialer Zusammenhalt verbessert die Gesundheit, wie
siert. Aus der Bestandsaufnahme werden mögliche Inter-      und nicht befolgt, Vorsorgeuntersuchungen werden weni-           Geschlecht, Nationalität, Familienstand etc. (Mielck, 2005, S.   Autoren wie Marmot und Wilkinson immer wieder beto-
ventionsmaßnahmen abgeleitet.                               ger in Anspruch genommen. In weiterer Folge manifestie-          8.) Spezifische Beschreibungen der Problemlagen werden           nen: Sozialer Zusammenhalt – definiert als die Qualität der
                                                            ren sich diese Parameter in gesundheitlicher Ungleichheit,       erst durch dieses Vorgehen möglich – mangelnde Basisbil-         sozialen Beziehungen und das Vorhandensein von Vertrauen,
Der Kreislauf von sozialer und                              die ihrerseits weitere soziale Ungleichheit bedingt.             dung wirkt etwa bei Migrant/innen noch stärker benachtei-        gegenseitigen Verpflichtungen und Respekt in der Gemein-
gesundheitlicher Ungleichheit                                                                                                ligend als bei Personen mit deutscher Muttersprache.             schaft oder in der Gesellschaft – hilft, die Menschen und ihre
  Soziale Ungleichheit lässt sich über die Parameter Bil-    Bildung wirkt in diesem Kreislauf durch die systemischen                                                                         Gesundheit zu schützen. Ungleichheit führt zum Zerfall gu-
dung, Berufsstatus und Einkommen und deren systemi-         Zusammenhänge mit Berufsstatus und Einkommen, unter               Auch wenn in der soziologischen Diskussion betont wird,         ter sozialer Beziehungen. Gesellschaften mit großen Ein-
sches Zusammenwirken darstellen. Diese Ungleichheit         anderem über den Faktor Arbeitslosigkeit, spielt aber auch       dass keine klar unterscheidbaren sozialen Schichten mehr         kommensunterschieden verfügen über geringeren sozialen
führt zu unterschiedlichen Belastungen einerseits und zu    an den einzelnen beschriebenen Elementen des Kreislaufs          vorhanden sind, lässt sich nachweisen, dass Personen aus         Zusammenhalt und erleben mehr Kriminalität. Ein großes
unterschiedlichen Bewältigungsressourcen in Bezug auf       von Armut und Krankheit eine Rolle, indem sie Schwierig-         den unteren Statusgruppen kränker sind und kürzer leben.         Maß an wechselseitiger Unterstützung schützt die Gesund-
Gesundheit andererseits, wobei es nicht nur um die objek-   keiten verstärkt: So ist Bildung etwa eine wichtige Ressource,   Empirische Erhebungen legen nahe, dass mangelnde Basis-          heit, wohingegen der Zusammenbruch von sozialen Bezie-
tiven Belastungen des Menschen geht, sondern auch um        die die Bilanz mit den Belastungen positiv verändern kann,       bildung hauptsächlich in den unteren Statusgruppen vor-          hungen als Folge wachsender Ungleichheit das Vertrauen
seine Möglichkeiten, mit diesen Belastungen umzugehen.      Bildung spielt auch eine zentrale Rolle in der Arzt-Patienten-   kommt, und die Kombination aus schlechter Bildung, Leben         beeinträchtigt und das Ausmaß an Gewalt erhöht. (Marmot
Mit anderen Worten: Entscheidend ist die Bilanz aus ge-     Beziehung. Menschen mit geringer Bildung tragen also ein         an der Armutsgrenze und Krankheit definiert de facto eine        & Wilkinson, S. 27f.)
sundheitlicher Belastung und Bewältigungsressourcen. So-    höheres Gesundheitsrisiko. Trotzdem ist nicht jeder Erwach-      sozial benachteiligte Schicht in unserer Gesellschaft.



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BILDUNG I Rath I Basisbildung und Gesundheit                                                                                                                                                       Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNG



Unterschiede in den Belastungen                               nagerkrankheit. Soziale und psychologische Umstände             sierte und überdauernde Einstellungsdisposition, wonach          der erwachsenen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten
  Die jährlich erscheinenden Statistiken zur Armutsge-        können langfristig Stress hervorrufen. Andauernde Sor-          man den Herausforderungen des Lebens gewachsen ist)              nicht ausreichen, um Gesundheitsinformationen zu ver-
fährdung in Österreich weisen sich kaum verändernde           gen, Unsicherheit, geringe Selbstachtung, soziale Vereinsa-     mit der sozialen Schicht, wird stärker mit dem Alter, bei        stehen und entsprechend zu handeln. Wolf definiert Health
Problemlagen aus. Ein wesentlicher Faktor, der mit ei-        mung und fehlende Möglichkeiten, am Arbeitsplatz, selbst-       Männern mit besserer sozialer Position.                          Literacy folgendermaßen: „... the degree to which indivi-
ner hohen Armutsgefährdung einhergeht, ist die Bil-           bestimmt arbeiten zu bekommen, atypische/unsichere                                                                               duals have the capacity to obtain, process and understand
dung. Personen mit nur Pflichtschulabschluss haben            Beschäftigungsverhältnisse wirken sich einschneidend auf          Der oft geäußerte Verdacht, dass Menschen mit geringer         basic information and services needed to make appropri-
ein Armutsrisiko von 18 %. (www.armutskonferenz.at/           den Gesundheitszustand aus. Diese psychosozialen Risi-          Basisbildung und statusniedrigere Personen allgemein we-         ate decisions regarding their health. […] Reading ability is
aktuelle_Zahlen_zu_Armut_06_03.doc accessed 18.12.2009)       ken akkumulieren sich im Laufe des Lebens und machen es         niger soziale Unterstützung geben/erhalten als statushö-         one of the most fundamental components of health liter-
                                                              wahrscheinlicher, dass die Menschen psychisch erkranken         here, lässt sich allerdings nicht belegen. In der Arbeit mit     acy.” (Wolf et al., 2005, S. 1947) Begrenzte Health Literacy
  Mit niedrigem Qualifikationsniveau korreliert gesund-       und vorzeitig sterben.[…] Für die Industrieländer gilt, dass    Menschen mit geringer Basisbildung trifft man häufig auf         war schon vorher in den Zusammenhang mit der Inan-
heitsriskante Beschäftigung – durch die hohe physische        diese Gesundheitsprobleme um so häufiger zu beobachten          Menschen, die über ein funktionierendes soziales System          spruchnahme von vorsorgenden Maßnahmen, verzöger-
und psychische Belastung: Körperlich schwere Tätig-           sind, je weiter unten jemand gesellschaftlich rangiert. (Wil-   verfügen. In der Arbeit mit dieser Gruppe wird diese Res-        ter Diagnostik, dem Verständnis des eigenen Gesundheits-
keiten mit einer hohen Gefahr von Abnützung und Ver-          kinson, Marmot S. 13)                                           source noch zu wenig wahrgenommen und könnte wesent-             zustandes, dem Befolgen ärztlicher Anweisungen und den
schleiß, mangelndes Bewusstsein für notwendige Sicher-                                                                        lich besser genutzt werden.                                      Selbstmanagement-Fähigkeiten gebracht worden. Geringe
heitsvorkehrungen etc. führen häufig zu Krankheiten,          Unterschiede in den Ressourcen                                                                                                   Health Literacy war auch mit höheren Kosten des Gesund-
etwa des Stützapparates. Lange Zeit war der Bauarbeiter,       Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass Menschen mit             Grundsätzlich lässt sich allerdings schon beobachten,          heitssystems in Verbindung gebracht worden. Die Ergeb-
der mit 40 Jahren aufgrund der körperlichen Abnützung         geringer Basisbildung hohen gesundheitlichen Belastun-          dass diese Gruppe durch die prekären Arbeitsverhältnisse         nisse der Studien von Wolf et al. bestätigten diese Annah-
nicht mehr in der Lage ist, seinen Beruf auszuüben, ein       gen ausgesetzt sind. Nach dem Modell von Mielck spielen         und durch das Armutsrisiko in großer Gefahr schwebt, die         men: Menschen, denen es an Health Literacy mangelt,
Paradebeispiel für das Phänomen des „sekundären An-           aber nicht die Belastungen allein, sondern auch die Res-        vorhandenen sozialen Ressourcen zu verlieren, und es gibt        leiden deutlich häufiger an chronischen Erkrankungen und
alphabetismus“: Körperlich eingeschränkt und arbeits-         sourcen eine wesentliche Rolle. Mielck räumt in diesem          einige Hinweise darauf, dass diese Menschen weniger in           Behinderungen, verfügen über weniger „Gesundheitswis-
los wird eine Umschulung des AMS notwendig, dort stellt       Zusammenhang ein, dass es zum Einfluss der Ressourcen           das soziale Leben ihrer Community integriert sind, bei-          sen“, haben schlechtere Selbstmanagement-Fähigkeiten,
sich heraus, dass er sein ganzes Berufsleben lang nicht       auf den gesundheitlichen Status noch wenig an empiri-           spielsweise seltener Mitglieder in Vereinen und kommuna-         achten weniger auf Prävention und sind häufiger im Spital.
mit Schrift in Berührung gekommen ist und daher ver-          schen Untersuchungen gibt. So ist beispielsweise. nahelie-      len Gruppen sind. Die Schweizer Studie „Lesen und rech-
lernt hat, zu lesen und zu schreiben.                         gend, dass soziale Unterstützung oder der „Sense of Cohe-       nen im Alltag“ führt als Aktivitäten der Partizipation u.a.       Mit dem Thema Health Literacy ist die Frage der gesund-
                                                              rence“ wesentlichen Anteil an der Gesundheit haben, der         an: Besuch von bzw. Teilnahme an kulturellen und sport-          heitlichen Versorgung direkt verbunden. Diese Probleme
  Ein hohes Gesundheitsrisiko ergibt sich allerdings auch     wissenschaftliche Nachweis ist noch zu führen.                  lichen Anlässen, politische Partizipation, Verfolgen von Ta-     setzen aber nicht nur bei den Patient/innen an, sondern
aus dem „Job-strain“. Damit wird eine spezifische Ar-                                                                         gesaktualitäten, religiöse Gruppen, politische Organisati-       auch beim Gesundheitssystem und bei den Ärzt/innen.
beitsbelastung beschrieben, die hohe Anforderung und            Die Gesundheitsförderung und die Erwachsenenbildung           onen, Vereinstätigkeit und Freiwilligenarbeit. (ALL, 2006,
niedrigen Handlungsspielraum kombiniert. „In mehre-           sind sich einig, dass ein wesentliches Instrument im Kampf      S. 84) Diese Studie zeigt: je höher die Bildung und das Ein-     Unterschiede in der Information
ren empirischen Studien konnte belegt werden, dass die-       gegen soziale und gesundheitliche Ungleichheit die Kon-         kommen, desto aktiver sind die Menschen in Vereinen und            Die Erwachsenenbildung kann empirisch zeigen, dass
ser „Job-strain“ ein wichtiger Risikofaktor für koronare      zentration auf die Ressourcen ist. Sowohl Bildungsmaß-          Gruppen. Sie belegt auch, dass Menschen mit ungenügen-           Menschen mit geringer Basisbildung schwerer an Infor-
Herzkrankheiten ist, ...“ (Mielck, 2005, S. 50) Mielck zi-    nahmen als auch Maßnahmen der Gesundheitsförderung              den Lesekompetenzen in geringem Umfang in Gruppen                mationen zur Gesundheit kommen als besser Gebildete.
tiert in diesem Zusammenhang einen Ansatz zur Erklä-          fokussieren die Stärkung der Ressourcen und meinen da-          aktiv sind. Es wird als Hinweis auf soziale Isolation gedeu-     Mangelnde Health Literacy zeigt sich u.a. in der Unfähig-
rung der koronaren Herzkrankheiten, die die „berufliche       mit nicht nur die individuellen, sondern auch die struktu-      tet, dass 46,8 % auf Kompetenzniveau 1 (das niedrigste Ni-       keit, einen Beipacktext zu verstehen, eine Tatsache, die
Gratifikationskrise“ in den Mittelpunkt stellt, die Diskre-   rellen Ressourcen. Über geringe individuelle Ressourcen         veau von 5) in keiner Gruppe aktiv sind.                         der International Adult Literacy Survey am Beispiel des
panz zwischen hoher beruflicher Verausgabung und nied-        verfügen die niedrigste Ausbildungsgruppe (Pflichtschul-                                                                         Aspirin-Beipacktextes gezeigt hat. Menschen mit gerin-
riger Belohnung. Wilkinson und Marmot weisen in Bezug         absolvent/innen und Erwachsene mit geringer Basisbil-             Health Literacy ist eine weitere zentrale Ressource. Sie be-   ger Basisbildung sind aber darüber hinaus auch nur sehr
auf Arbeitsplatzstudien darauf hin, dass Selbstbestimmung     dung), die niedrigste berufliche Ebene, die niedrigste Ein-     zeichnet „die kognitiven und sozialen Kompetenzen, die           eingeschränkt in der Lage, Informationen des Gesund-
am Arbeitsplatz ein wesentlicher Faktor der Gesundheit        kommensschicht sowie Migrant/innen und Ausländer/               die Motivation und Fähigkeit der Individuen bestimmen,           heitssystems, Informationen der Gesundheitsförderung
ist: Wenn man am Arbeitsplatz nur wenig Entscheidungs-        innen. Als wesentliche individuelle Ressourcen werden           Zugang zu Informationen zu finden, diese Informationen           und allgemeine Informationen zur Gesundheit – und seien
spielraum hat, läuft man verstärkt Gefahr, Rückenschmer-      persönliche Kompetenzen, Selbstsicherheit, Steuerungs-          zu verstehen und zu gebrauchen auf eine Art, die dazu bei-       es trivialisierte Informationen auf den Gesundheitsseiten
zen zu bekommen, häufig krank zu sein und an Herz-Kreis-      möglichkeiten, persönliche Einstellungsdispositionen und        trägt, eine gute Gesundheit zu fördern und zu bewahren“.         der Zeitungen – zu bekommen. Ein weiteres Paradoxon,
lauf-Krankheiten zu erkranken. Diese Risiken sind offenbar    die spirituelle Dimension betrachtet.                           (WHO) Gemeint ist, dass Personen in der Lage sind, bei-          dem sich Erwachsene mit geringer Basisbildung stellen
unabhängig vom psychologischen Profil der Untersuchten.                                                                       spielsweise die am Beipackzettel gemachten Angaben zu            müssen: Sie haben ein höheres Gesundheitsrisiko, werden
(Wilkinson & Marmot, S. 21)                                     Bildung wird vor allem von den ohnehin schon besser           verstehen und auch motiviert sind, sich dementsprechend          aber von der Gesundheitsförderung weniger erreicht. „[...]
                                                              Gebildeten als Ressource genutzt. Je niedriger der Bil-         zu verhalten. Menschen mit geringer Basisbildung verfü-          höher Gebildete und besser Qualifizierte informieren sich
  Der Arbeitskontext selbst kann für Menschen mit geringer    dungsabschluss, desto niedriger die Beteiligung an Bil-         gen nur eingeschränkt über ausreichende Gesundheits-             häufiger über Gesundheit. Informationsquellen sind in ers-
Basisbildung äußerst belastend sein, nicht nur durch das      dungsprozessen. Statistik Austria zeigt, dass Menschen          mündigkeit (Health Literacy) und sind für gesundheitsbe-         ter Linie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher sowie Radio
oben beschriebene Risiko infolge hoher körperlicher Be-       mit maximal Pflichtschulabschluss seltener an Kursen            zogene Themen nicht sensibilisiert. Lesenkönnen ist eine         und Fernsehen. ( Freidl, 2001, S. 27) Gesundheitserziehung
lastung und den Job-strain, sondern auch durch den Stress,    und Schulungen teilnehmen. Im Jahr 2006 haben 5,1 % der         zentrale Komponente der Health Literacy. ALL zeigte, dass        bzw. -aufklärung erfolgt nach wie vor schriftlich auf einem
der durch (drohende) Arbeitslosigkeit und dem damit ver-      Bevölkerung mit maximal Pflichtschulabschluss inner-            schlechte Lesekompetenzen sich über mangelnde Infor-             Niveau, das Erwachsene mit schlechten Lesekompeten-
bundenen Armutsrisiko ausgelöst wird. Belastende Fakto-       halb der letzten vier Wochen an Kursen oder Schulungen          mation negativ auf die Gesundheit auswirken oder beste-          zen nicht verstehen. Daher profitiert die gesellschaftliche
ren resultieren weiters aus der Zugehörigkeit zur untersten   teilgenommen. Der Schnitt liegt bei 13,1 %. (Statistik Aus-     hende Krankheiten verlängern. (ALL 2006, S. 90)                  Gruppe, die diese Vorsorge am nötigsten braucht, am we-
sozialen Schicht und dem damit häufig verweigerten Zu-        tria, 2008.) Als weitere Ressource, die mit steigendem Bil-                                                                      nigsten. Gesundheitsvorsorge braucht Grundbildung.
gang zu sozialer Anerkennung und dem Mangel an sozialer       dungsgrad und mit höherer Bildung stärker wird, gilt die          Den Zusammenhängen von Health Literacy und Gesund-
Zufriedenheit.                                                Überzeugung, sein Leben selbst steuern zu können, etwa          heitsstatus gingen Michael Wolf et al. nach, die Ergebnisse       Es lässt sich an dieser Stelle eine weitere Parallelität zwi-
                                                              auf die eigene Gesundheit selbstständig einwirken oder          wurden 2005 publiziert. Ein Ausgangspunkt war die Bil-           schen Bildung und Gesundheit festmachen: Gut gebildete
 Der Stress ist ungleich verteilt, entgegen der landläufi-    seinen Arbeitskontext selbst steuern zu können. Ebenso          dungsstudie National Adult Literacy Survey, in der konsta-       Menschen nehmen eher weitere Bildungsangebote in An-
gen Meinung handelt es sich dabei nicht nur um eine Ma-       steigt der Kohärenzsinn (nach Antonovsky die generali-          tiert wurde, dass die Lese- und Rechenkenntnisse von 48 %        spruch, höher Gebildete und besser Qualifizierte infor-



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BILDUNG I Rath I Basisbildung und Gesundheit                                                                                                                                                       Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNG



mieren sich häufiger über Gesundheit. In beiden Fällen          ziale Ungleichheit wirkt sich auf unterschiedliche gesund-       Die Erwachsenenbildung und das Bildungssystem ins-           höht auch die Effizienz von Maßnahmen der Gesundheits-
spielt die Art der Information eine zentrale Rolle: Sowohl      heitliche Belastungen aus: Je niedriger die soziale Schicht    gesamt könnten einen vernünftigen Beitrag auf der Ebene        förderung und verhindert eine unbeabsichtigte Öffnung
das klassische Angebot der Erwachsenenbildung als auch          ist, desto höher ist die Belastung. Bei Menschen aus den un-   der Ressourcen leisten und zwar sowohl auf der individu-       der Schere durch Gesundheitsförderung. Basisbildung
die Gesundheitsförderung richten sich – mehr oder weni-         teren sozialen Schichten ist häufig nicht nur die Belastung    ellen Ebene, durch Stärkung der Ressource Bildung, als         und Gesundheitsförderung haben nicht nur die Heraus-
ger unbewusst – an die Mittelschicht, diese Angebote tra-       sehr hoch, sondern es ist auch die Bilanz zwischen den Be-     auch auf der Ebene der Umwelt, durch Bildungsmaßnah-           forderung zu bewältigen, durch eine Fokussierung der Mo-
gen dadurch nolens volens zu einer weiteren Öffnung der         lastungen und den Ressourcen negativ. Menschen aus unte-       men und Maßnahmen im Bereich Capacity Building (ein            tive und Nutzenerwartungen den Zugang zur Zielgruppe
gesellschaftlichen Schere bei. Menschen der unteren Sta-        ren sozialen Schichten verfügen häufig nicht über die zent-    Zugang, der sich sowohl in der Gesundheitsförderung als        zu finden, sondern auch kompatible Vorstellungen, was
tusgruppen brauchen andere Botschaften, andere Medien           rale Ressource Bildung. Gleichzeitig gibt es Unterschiede in   auch in der Literalisierung wiederfindet: Capacity Building    mögliche Maßnahmen betrifft. Auch in der Verbesserung
und schließlich auch ein anderes Angebot. Dies bedeutet         der medizinischen Versorgung, einerseits durch mangelnde       ist eine Strategie der UNESCO im Rahmen der Literacy De-       der Kommunikation mit den sozial Benachteiligten bie-
wesentlich mehr Aufwand und ist in der Folge auch kos-          Health Literacy, die im ursächlichen Zusammenhang mit          cade 2003-2012).                                               ten sich gemeinsame Arbeitsfelder an. So könnte man sich
tenintensiver. Der Grund für den lückenhaften Informa-          mangelnden Lesekompetenzen steht, aber auch durch eine                                                                        dem notorischen Problem des Beipacktextes auf unter-
tionsfluss liegt nicht nur an der mangelnden Kompetenz          nicht zielgruppenorientierte Kommunikation des Gesund-           Zusammenhänge zwischen niedriger Bildung und Ge-             schiedliche Weise gemeinsam nähern, über die Textierung,
der Menschen mit geringer Basisbildung. Der Mangel an           heitssystems mit den Menschen. Alle diese Faktoren haben       sundheit sind vielfältig und systemisch verbunden. Zum         Schriftgröße, die Verwendung von Piktogrammen bis hin
sprachlichen, interkulturellen und sozialen Kenntnissen in      einen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten, das in unteren    Nutzen der Betroffenen ist es besser, auch Unterstützungs-     zu innovativeren Lösungen wie die Nutzung von Handys
präventiven, kurativen und rehabilitiven Gesundheitsein-        sozialen Schichten tendenziell riskanter ist.                  angebote systemischer anzulegen als bisher. Das erfordert      und Bilderkennungstechnologie kombiniert mit Audiosoft-
richtungen stellt eine zusätzliche Hürde dar.                                                                                  stärkere Synergien zwischen den Systemen Bildung, Ge-          ware. Natürlich könnte man auch die Ärzt/innen und Apo-
                                                                Maßnahmen                                                      sundheit, Arbeit. Zu oft ist der Zusammenhang von Bildung      theker/innen sensibilisieren. Sie haben dasselbe Problem
Unterschiede im Verhalten                                         Benachteiligungen ziehen soziale Folgekosten nach sich,      und Gesundheit weder den Entscheidungsträger/innen             wie sehr viele andere Multiplikator/innen: Sie kommen
  Je geringer der soziale Status, desto häufiger ist auch ge-   Ungleichheit schwächt nicht nur das soziale Gefüge und         und Multiplikator/innen in regionalen und kommunalen           gar nicht auf die Idee, dass der Mensch, dem sie gerade ein
sundheitsriskantes Verhalten zu beobachten. Der Wiener          schadet der Gesundheit, sondern erhöht auch die Verbre-        Strukturen noch den Betroffenen selbst klar. Die Erwach-       Arzneimittel verschreiben oder verkaufen, sie gar nicht ver-
Gesundheits- und Sozialsurvey zeigt, wie andere Studien         chensraten und die Gewaltbereitschaft. Die negativen so-       senenbildung hat in diesem Zusammenhang die Möglich-           steht. Dies betrifft natürlich nicht nur den Beipacktext, dies
auch, dass Nikotingenuss und soziale Schichtung Korre-          zialen Auswirkungen, die sich auch an den Schnittstellen       keit, die Ressourcen Bildung und Know-how bei allen be-        betrifft vor allem auch die Frage einer verständlichen Diag-
lationen aufweisen: Untere Bildungs- und Berufsgruppen          Arbeit, Bildung und Gesundheit zeigen, würden nahelegen,       teiligten Personengruppen zu stärken.                          nose und den daraus folgenden Interventionsmaßnahmen.
rauchen mehr, was sich in Wien beispielsweise darin zeigt,      dass gegensteuernde Maßnahmen dahingehend angelegt                                                                            Vielleicht geht es in vielen Fällen weniger um Compliance
dass die Gruppe der Raucher/innen in Arbeiter/innenbe-          sein müssten, dass sich die Schere zwischen den gesell-          Die in der Ottawa-Charta der WHO (1986. Ottawa-Charta        als um simples Verstehen.
zirken mit höherem Ausländer/innenanteil am größten ist.        schaftlichen Extremen schließt. „Betrachtet man eine Reihe     zur Gesundheitsförderung) entwickelte Strategie „Gesund-
                                                                unterschiedlicher Beispiele für gesunde, sozial ausgewogene    heitsförderung“ zielt darauf ab, Menschen ein höheres Maß        Letztlich bleiben die angerissenen Maßnahmen unwirk-
  Nicht jedes Suchtverhalten korreliert mit sozialer Schicht.   Gesellschaften, so scheinen sie alle ein wichtiges gemeinsa-   an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermögli-           sam und soziale Benachteiligung bleibt bestehen, solange
Mielck zitiert Studien, die zeigen, dass sich Alkoholsucht      mes Merkmal aufzuweisen – sie alle verfügen über sozialen      chen und sie zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen.       die Maßnahmen des Bildungs- und Gesundheitssystems
quer durch alle Schichten zieht, es also keinen signifikan-     Zusammenhalt. Sie haben ein ausgeprägtes Gemeinschafts-        Damit dies möglich wird, müssen ihre Ressourcen stärker        nicht eingebettet werden in systemisch angelegte politi-
ten Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Alkohol-            leben. [...] Der Individualismus und die Werte des Marktes     wahrgenommen und erweitert werden. Die Strategie „Ge-          sche Maßnahmen, etwa in den Bereichen Beschäftigung
konsum gibt. Vgl. Mielck, 2005, S. 65f.)                        werden von einer sozialen Ethik eingedämmt.“ (Wilkinson,       sundheitsförderung“ geht von den Grundsätzen Empow-            und Armutsbekämpfung. Eine gesunde Gesellschaft, in der
                                                                2001, S. 5) „Unter den entwickelten Ländern weisen nicht       erment, Vernetzung, Partizipation, Chancengleichheit und       es ausreichend gut ausgebildete Menschen gibt, die eine
  Bei der Vorsorgeuntersuchung zeigt sich ein klareres Bild:    die reichsten den besten Gesundheitszustand auf, sondern       Nachhaltigkeit aus und schafft damit Schnittstellen zur Er-    High Road Economy umsetzen können, und die als ge-
Frauen und Männer mit Lehr- oder Universitätsabschluss          jene, in denen die Einkommensunterschiede zwischen Reich       wachsenenbildung. Menschen mit geringer Basisbildung           sunde Gesellschaft soziale Sicherheit gewährleisten kann,
waren im letzten Jahr je zu 30 % bei einer Vorsorgeunter-       und Arm am geringsten sind. Ungleichheit und relative Ar-      haben das Gefühl, einen geringen Einfluss auf externe Fak-     ist als nachhaltiger Wirtschaftsstandort attraktiv.
suchung, wohingegen die Hälfte der Männer mit Pflicht-          mut zeitigen absolute Auswirkungen: sie erhöhen die Sterbe-    toren zu haben. Je geringer die Basisbildung ist, desto we-
schulabschluss noch nie an einer Vorsorgeuntersuchung           raten.“ (Wilkinson, S. XIX)                                    niger können sie ihre soziale Umwelt als rational versteh-       „Wenn es zweckmäßig ist und gelingen soll, dass sich die
teilgenommen hat. Über 50 % waren in den letzten fünf                                                                          bar, geordnet, strukturiert, konsistent und vorhersehbar       Einkommens- und Vermögensschere in Österreich nicht wei-
Jahren fünfmal oder öfter bei Zahnärzt/innen – mit Aus-           Maßnahmen zur sozialen Integration können nicht nur          einschätzen, desto weniger haben sie das Gefühl, über aus-      ter öffnet, wodurch zunehmender sozialer und politischer
nahme der Personen mit Pflichtschulabschluss: 15 % von          am Individuum angesetzt werden, wenn man nachhal-              reichend Ressourcen zu verfügen, die zur Bewältigung ei-        Sprengstoff entsteht, dann ist ein breites Bekenntnis zu einer
ihnen haben in den vergangenen 5 Jahren keinen Zahn-            tige Verbesserungen erzielen möchte, diese Forderung be-       ner Aufgabe/eines Problems notwendig/adäquat sind, und          gerechten Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten erfor-
arzt konsultiert. (Freidl, 2001, S. 28.) Einen Zusammenhang     trifft sowohl das Gesundheits- als auch das Bildungssystem.    desto weniger können sie eine Situation als Herausforde-        derlich, zu einer neuen Kultur des Teilens, der Rücksicht-
zwischen sozialer Schicht und Gesundheitsverhalten zeigt        Mielck stellt dar, dass Maßnahmen zur Verringerung der         rung einschätzen. Mit anderen Worten: ihre Gesundheit           nahme auf und Solidarität mit Schwächeren in der Gesell-
sich beim Thema Ernährung und Bewegung. Obere und               gesundheitlichen Ungleichheit beim Individuum ansetzen         leidet in den von Antonovsky beschriebenen Bereichen            schaft, eines respektvollen Umgangs mit Mensch und Natur.
mittlere Schichten beachten Empfehlungen zu gesunder            können – ein Zugang, der bislang hauptsächlich genutzt         der comprehensibility, der manageability und der me-           „(Armuts- und Reichtumsbericht 2004, S. 90)
Ernährung häufiger: weniger Innereien, häufiger Salat, ro-      wurde –, oder aber an der Umwelt. Beide Ansatzpunkte ha-       aningfulness. Mit dem Konzept der Kontrollüberzeugung
hes Gemüse, Müsli. Untere soziale Schichten ernähren sich       ben dabei eine Belastungsdimension – das Ziel ist es, die      gesprochen, dominiert eindeutig die externe über die in-
riskanter: Butter, Zucker, Kartoffeln, Fleischprodukte wer-     Belastungen zu verringern – und eine Ressourcendimen-          terne Kontrollüberzeugung, das bedeutet, sie glauben eher
den stärker verwendet. Sportliche Betätigung hat dagegen        sion, diese sollen gestärkt werden. Die Studie „Soziale Un-    nicht daran, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben
weniger Wert: Personen nahe oder unter der Armutsgrenze         gleichheit und Gesundheit“ fordert Maßnahmen auf meh-          und selbst mit ihrem Einsatz darüber entscheiden können,
betätigen sich seltener sportlich. (Vgl. Mielck, 2005, S. 60–   reren Ebenen: „Besonders wichtig ist es daher, anhaltende      ob sie Ziele erreichen oder nicht. Vielmehr sehen sie sich
63; Freidl, S. 26f.)                                            Armut, Langzeitarbeitslosigkeit sowie dauerhafte Über-         in Abhängigkeit von externen Faktoren wie dem Schicksal,
                                                                schuldung als bedeutsame krankheitsverursachende Fak-          von anderen Personen etc.
  Die vorangegangenen Ausführungen folgen der These,            toren zu erkennen, und diese ursächlichen Determinanten
dass Bildung und Gesundheit eng zusammenhängen: Bil-            zu bekämpfen. [...] Von gleichrangiger Bedeutung sind sozi-     Wie Alfred Berndl in dieser Publikation ausführt, werden
dung wird als ein Parameter der sozialen Ungleichheit be-       ale Maßnahmen wie etwa das Beibehalten des allgemeinen         Maßnahmen der Basisbildung nur angenommen, wenn sie
trachtet, gemeinsam mit den Faktoren Einkommen und              Bildungsniveaus oder Verbesserungen der Wohnsituation,         aus den Bedürfnissen der Zielgruppe heraus und nicht aus
Berufsstatus, wobei mangelnde Bildung sehr häufig niedri-       da diese das Gesundheitsverhalten positiv beeinflussen.“       den Motiven der Anbieter entwickelt werden. Dieser radi-
gen Berufsstatus und hohes Armutsrisiko bewirkt. Diese so-      (Pochobradsky, 2002, S.V)                                      kal zielgruppenorientierte und aufsuchende Zugang er-


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BILDUNG I Rath I Basisbildung und Gesundheit

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  Bundesamt für Statistik (2006), Lesen und
                                                              Statistik Austria (Hrsg.) (2006), Einkommen,



                                                                                                                        BESCHÄFTIGUNG
    Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von
                                                                Armut und Lebensbedingungen.
    Erwachsenen in der Schweiz (ALL). Nationaler
                                                                Ergebnisse aus EU-SILC 2004.
    Bericht zur Erhebung. Neuchatel 2006.
                                                              Statistik Austria (2008), Bildung in
  Europäischer Rat (2000), 23. und 24. März
                                                                Zahlen 2006/07. Schlüsselindikatoren
    2000. Schlussfolgerungen des Vorsitzes.
                                                                und Analysen. Wien 2008.


                                                                                                                        Marion Höllbacher
    Online im Internet: www.europarl.europa.eu/
    summits/lis1_de.htm [Stand 15.5.2007]                     Steiner M. (2006), Empirische Analyse für
                                                                die Programmplanung ESF 2007–2013.


                                                                                                                        Peter Härtel Isabella
  Freidl W. / Stronegger W.-J. / Neuhold C. (2001),
                                                                Studie im Auftrag des bm:bwk, Wien.
    Gesundheit in Wien. Wiener Gesundheits- und
    Sozialsurvey. Hrsg. vom Magistrat der Stadt Wien.         WHO (2004), Soziale Determinanten von
  Haider G. / Schreiner C. (2006),
    Die PISA-Studie. Wien: Böhlau.
                                                               Gesundheit. Die Fakten. Redigiert von
                                                               Wilkinson, Richard; Marmot, Michael.
                                                                                                                        Penz Christina Wimmer
                                                                                                                        Christian Wretschitsch
                                                               Zweite Ausgabe, Kopenhagen.
  Höferl A. / Pöchhacker P. (2004), Armuts-
                                                              Wilkinson R. G. (2001), Kranke
    und Reichtumsbericht für Österreich.
                                                                Gesellschaften. Soziales Gleichgewicht
    Österreichische Gesellschaft für Politikberatung
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                                                                2005, S. 1946-1952. (Download von www.
    aktuelle Diskussion. Bern: Huber.
                                                                archinternmed.com am 27.9.2008).
  Negt O. (2007), Gewerkschaften vor neuen
                                                              Zilian, H. J. (2007), Unglück im Glück. Überleben
    bildungspolitischen Herausforderungen.
                                                                 in der Spaßgesellschaft. (Bibliothek der Unruhe
   Vortrag im Rahmen der Konferenz
                                                                 und des Bewahrens, Bd II) Graz: Styria
   „Perspektive:Bildung am 9. März 2007 in Wien.




 Der Autor
 Mag. Otto Rath
 geboren 1963, Studium Germanistik und Anglistik.
 Trainer und Teacher Trainer für Deutsch als
 Fremdsprache in der Slowakei, Ungarn und
 Österreich. Lektor an der Technischen Universität
 Budapest. Mitbegründer des österreichischen
 Netzwerks für Basisbildung und Alphabetisierung.
 Bildungsmanager. Koordinator des Netzwerks
 Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich.
 ISOP GmbH
 www.alphabetisierung.at
 otto.rath@isop.at


Seite 96                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Seite 97
BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel I Aufnahmekriterien                                                                                                                           Aufnahmekriterien I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG
                                                                                                                                                                                                                /H



                                                                                                                                  Eine wesentliche Grundlage dafür ist die „Basisbildung“,     der Befragung und retournierten die ausgefüllten Fragebö-
                                                                                                                                 also die sichere Beherrschung jener grundlegenden Fertig-     gen, dies ergibt eine Beteiligung an der Befragung von 13 %.
                                                                                                                                 keiten und Fähigkeiten, auf die jede weitere Bildung auf-
                                                                                                                                 bauen kann und muss. Dazu zählen sowohl der Umgang              In Abstimmung mit Dr. Krainer und Fr. Stiger, Lehrlings-
                                                                                                                                 mit Wort und Schrift, mit Zahlen sowie die sogenannten        stelle der Wirtschaftskammer Steiermark, wurden 30 un-
                                                                                                                                „Schlüsselqualifikationen“, also persönliche und soziale Ei-   terschiedliche Lehrberufe ausgewählt. Berücksichtigung
                                                                                                                                 genschaften, die man – nicht nur – im beruflichen Umfeld      fanden dabei Lehrberufe, in denen steiermarkweit jeweils
                                                                                                                                 benötigt.                                                     mehr als 50 Lehrlinge ausgebildet werden.

                                                                                                                                 Nicht zuletzt hat PISA aufgezeigt, dass vielfach gravie-      Lehrlinge nach Betriebsgröße
                                                                                                                                rende Defizite bestehen, die vielen jungen Menschen des-         Im Zuge der Erhebung wurde darauf geachtet, dass lehr-
                                                                                                                                halb den Weg in weitere Ausbildungswege verbauen, da sie       lingsausbildende Betriebe aller relevanten Betriebsgrö-
                                                                                                                                den Anforderungen, die eine berufliche Ausbildung heute        ßen (nach Anzahl der Beschäftigten) Berücksichtigung
                                                                                                                                stellt, nicht ausreichend entsprechen.                         finden. Ohne den Anspruch einer exakten Entsprechung
                                                                                                                                                                                               zur steirischen Betriebsgrößenverteilung zu erheben, gibt
                                                                                                                                  Die Entwicklung von Bildungsstandards in der Schule          die Struktur der erfassten Ausbildungsbetriebe die steiri-
                                                                                                                                bietet nun einen hervorragenden Ansatzpunkt, die Ergeb-        sche Ausbildungslandschaft gut wieder. Ca. zwei Drittel
                                                                                                                                nisse schulischer Bildungsarbeit mit den Anforderungen         der erfassten Betriebe befinden sich in der Kategorie bis
Marion Höllbacher                                              Peter Härtel                                                     der betrieblichen Berufsausbildung zu vergleichen und da-      49 Beschäftigte, ca. ein Drittel darüber. Die generelle Auf-
Teilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung;               Geschäftsführer der Steirisch                                    raus Schlüsse für die weitere Verbesserung der Vorberei-       teilung männlich/weiblich entspricht mit ca. 70 % männ-
Steirisch Volkswirtschaftliche Gesellschaft                    Volkswirtschaftlichen Gesellschaft                               tung und der Übergänge junger Menschen, von der Schule         lich zu ca. 30 % weiblich ziemlich genau der Ausbildungs-
marion.hoellbacher@stvg.com                                    ph@stvg.com                                                      in Ausbildung und Beruf, abzuleiten.                           situation insgesamt.


                                                                                                                                Hintergrund zur Studie                                         Lehrberufe im Trend
                                                                                                                                                                                                 Im Zuge der Vorbereitung der Erhebung wurde in Zusam-
                                                                                                                                Ausgangssituation                                              menarbeit mit der Wirtschaftskammer darauf Wert gelegt,
                                                                                                                                 Jährlich verlassen in Österreich rund 16.000 Jugendli-        nicht nur den häufigst gewählten Lehrberufen gerecht zu
                                                                                                                                che die Pflichtschule ohne ausreichende Kompetenzen            werden, sondern darüber hinaus gezielt Berufe anzuspre-

Aufnahmekriterien
                                                                                                                                in Lesen, Schreiben und Rechnen, um damit weitere Bil-         chen, die Ausbildungsplätze bieten können, Zugangsmög-
                                                                                                                                dungs- und Ausbildungsprozesse stützen und entwickeln          lichkeiten eröffnen und, insbesondere in Hinblick auf die
                                                                                                                                zu können. Damit werden sie auch den Anforderungen der         Genderherausforderung, Mädchen Zugang zu nicht traditi-
Ergebnisse einer Befragung steirischer Ausbildungsbetriebe                                                                      Wirtschaft nicht gerecht, und der Eintritt in das Berufsle-
                                                                                                                                ben wird zur besonderen Herausforderung.
                                                                                                                                                                                               onellen Berufen eröffnen können.

zu Anforderungen in der Lehrlingsaufnahme                                                                                                                                                        Die Anzahl der erfassten Lehrberufe bzw. von Be-
                                                                                                                                 Diese Zahlen werden aus den im Rahmen des Mikro-              trieben mit entsprechenden Ausbildungsplätzen ent-
                                                                                                                                zensus von Statistik Austria erhobenen Schulabschlüssen        spricht daher nicht 1:1 der Ausbildungssituation ins-
                                                                                                                                abgeleitet.                                                    gesamt, sondern ist in Hinblick auf die Orientierung
                                                                                                                                                                                               junger Menschen und Zugangsmöglichkeiten gewichtet
                                                                                                                                  Es handelt sich um Jugendliche, deren Grundkenntnisse        zu interpretieren.
Ein Kriterienkatalog auf Basis der neuen österreichi-          Die Studie                                                       in Mathematik, Deutsch und Englisch so mangelhaft sind,
schen Bildungsstandards zu den Anforderungen der Wirt-                                                                          dass davon ausgegangen werden kann, dass diese Jugend-         Lehrlingsauswahl
schaft hilft den Jugendlichen einen Eindruck davon zu           Allen jungen Menschen die Chance zu bieten, nach Been-          lichen bereits in der Überleitungsphase mit größeren He-         77 % der befragten Betriebe gaben an, in den nächsten
bekommen, was von ihnen erwartet wird. Fachliche Kom-          digung der Pflichtschulzeit eine weitere qualifizierte Aus-      rausforderungen konfrontiert werden als Gleichaltrige mit      Jahren wieder Lehrlinge aufnehmen zu wollen, es werden
petenzen in Mathematik, Deutsch und Englisch sowie             bildungs- und Berufslaufbahn zu ergreifen, ist eines der         ausreichenden Basisbildungskenntnissen. Auch ist die           seitens der befragten Betriebe in der nächsten Zeit mindes-
überfachliche Kompetenzen (persönliche Kompetenzen,            vorrangigen Ziele der Bildungspolitik, auch der Wirtschafts-     Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass eine Überleitung in    tens 660 Lehrstellen angeboten.
Sozialkompetenzen) wurden in steirischen Betrieben er-         und Beschäftigungspolitik.                                       die Arbeitswelt durchaus gelingen kann, der Erhalt des Ar-
hoben, bewertet und in einem Handbuch, zusammenge-                                                                              beitsverhältnisses durch zu schlechtes Abschneiden in der        Um Lehrstellen optimal besetzen zu können, haben Be-
fasst. Aufgelistet nach den 30 beliebtesten Lehrberufen          Österreich ist im internationalen Vergleich sehr erfolg-       Berufsschule jedoch bedroht wird.                              triebe regionale Schulen und Institutionen als Koopera-
wird dargestellt, welche Kompetenzen im jeweiligen Beruf       reich, was die Eingliederung junger Menschen in weitere                                                                         tionspartner/innen gewinnen können. Vor allem die Po-
wichtig sind.                                                  Bildungs- und Berufswege betrifft. Der hohe Anteil – ca.         Ergebnisse                                                     lytechnischen Schulen und die Hauptschulen stellen im
                                                               80 % – Jugendlicher zwischen 15 und 19 Jahren, die sich in        Für den vorliegenden Bericht wurden steirische Aus-           schulischen Bereich die wichtigsten Kooperationspartner/
 In einer im Mai 2008 durchgeführten Erhebung wurden           berufsbildenden Bildungswegen befinden – sowohl voll-            bildungsbetriebe zu Anforderungen in der Lehrlingsauf-         innen dar. Das AMS wurde als wichtigster Partner auf insti-
Lehrlingsausbilder/innen in der Steiermark zu den Aufnah-      zeitschulisch als auch dual – ist dafür eine wesentliche         nahme in den fachlichen sowie in persönlichen/sozialen         tutioneller Ebene genannt.
mekriterien befragt. Gleichzeitig wurde erhoben, mit wel-      Voraussetzung.                                                   Bereichen befragt. Als Basis für die Bereichsfragen dienten
chem Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten Jugendliche                                                                           die österreichischen Bildungsstandards für Mathematik,          Befragt zur Bedeutung der Auswahlkriterien gaben
sich um eine Lehrstelle bewerben. Die Gesamtheit der Er-         Jeder junge Mensch, der eine Ausbildungsstelle ergrei-         Deutsch und Englisch.                                          mehr als 2/3 der Lehrlingsausbilder/innen an, dass der
gebnisse ließ auf eine deutliche Diskrepanz zwischen der       fen will und keine findet, ist jedoch einer zu viel. Zusätzli-                                                                  persönliche Eindruck während des Berufspraktikums,
Erwartungshaltung der Lehrlingsausbilder/innen und dem         che Anstrengungen sind daher erforderlich, um das Ziel der        Im Mai 2008 wurden 2.556 Fragebögen an lehrlingsausbil-       gefolgt vom Eindruck beim Bewerbungsgespräch am
Erfüllungsgrad vonseiten der Jugendlichen schließen.          „Bildungsgarantie bis 18“ tatsächlich umzusetzen.                 dende Betriebe verschickt. 338 Betriebe beteiligten sich an    wichtigsten sind.



Seite 98                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                            Seite 99
BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel I Aufnahmekriterien                                                                                                                        Aufnahmekriterien I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG
                                                                                                                                                                                                             /H



  Eine in diesem Zusammenhang wesentliche Aussage be-           Soziale Kompetenzen                                           Empfehlungen
trifft den Umstand, dass die Lehrstelle nicht besetzt wird,      Ähnlich wie bei den persönlichen Kompetenzen sind              Aus der Gesamtheit der Ergebnisse lässt sich eine große
sollte dafür der geeignete Lehrling nicht gefunden werden.      auch die Sozialkompetenzen ein für den/die Unternehmer/       Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung aufseiten der
Dies gaben 43 % der befragten Betriebe an.                      in entscheidendes Kriterium. Auch hier werden diese von       Ausbilder/innen und dem tatsächlich vorhandenen Wis-
                                                                den Bewerber/innen in weit höherem Maße erfüllt, als dies     sen aufseiten der Jugendlichen erkennen. Empfehlun-
Anforderungen an die Lehrlinge                                  bei den formalen Kriterien der Fall ist. Bei der Teamfähig-   gen können in Richtung Informationsarbeit bei Aus-
 Ein Gesamtüberblick über die Rückmeldungen betreffs            keit sogar von 82 % der Bewerber/innen.                       bilder/innen, Schulen und Jugendlichen (Workshops),
der Anforderungen an Lehrstellenbewerber/innen gemäß                                                                          Unterstützungsarbeit bei Auswahlprozessen und intensi-
der Struktur der Bildungsstandards scheint darauf hinzu-        Anforderung an Kompetenzdomainen                              verer Auseinandersetzung mit dem Wunschberuf aufseiten
weisen, dass diese die realen Erfordernisse in der betriebli-   Domaine                 sw/w %    vorhanden %       pp        der Jugendlichen – unterstützt durch das Handbuch „Lehr-
chen Berufsausbildung recht gut abbilden können.                persönliche Kompetenz     96,3        54,4        41,9        berufsanforderungen“ und den QualiCoach – abgeleitet
                                                                Sozialkompetenz           95,8        65,0        39,8        werden. Das Handbuch „Lehrberufsanforderungen“ wurde
 Insgesamt ergibt sich ein Bild einer realistischen Erwar-      Deutsch                   80,3        41,8        38,5        als Instrument für Lehrer/innen, aber auch für Eltern und
tungshaltung der ausbildenden Betriebe an Lehrstellen-          Mathematik                63,2        21,3        41,9        Jugendliche entwickelt, um sich, basierend auf einem Am-
bewerber/innen hinsichtlich jener Kompetenzen und               Englisch                  36,0        25,2        10,8        pelsystem, mit den im Lehrberuf der Wahl geforderten
Qualifikationen, die Pflichtschulabgänger/innen erfüllen                                                                      Kompetenzen auseinanderzusetzen. Auf diese Weise ent-
können müssten; hinsichtlich der tatsächlichen vorhan-                                                                        stehen realistische Vorstellungen von den Anforderungen,
denen Kenntnisse und Kompetenzen ergeben sich jedoch            Vergleich Bedeutung — vorhandene Kompetenz                    die an sie gestellt werden, und die Jugendlichen können
zum Teil beträchtliche Diskrepanzen.                            Nach den jeweils drei wichtigsten Unterdomainen               sich gezielt auf die Lehrstellensuche vorbereiten.
                                                                in den Kompetenzbereichen.
  Unübersehbar ist die überragende Bedeutung der persön-        die 3 wichtigsten       sw/w %    vorhanden %        pp
lichen und sozialen Kompetenzen für Lehranfänger/innen,         Unterdomainen
einige davon werden in relativ hohem Maße erfüllt, die Er-      Deutsch                   95,7        52,3         43,4        Die AutorInnen
hebung weist jedoch auf erheblichen Entwicklungsbedarf          Mathematik                86,7        26,3         60,4
                                                                                                                               Dipl.Päd.in Marion Höllbacher
in wesentlichen Bereichen dieser Bildungs- und Persön-
                                                                                                                               seit zehn Jahren im Bereich der Berufsorientierung tätig,
lichkeitsdimension hin.                                                                                                        seit fünf Jahren mit den Herausforderungen von Jugend-
                                                                Kommentar — Konklusionen — Konsequenzen                        lichen beschäftigt, die mit ungenügenden Lese-, Schreib-
Mathematik                                                       Die überragende Bedeutung der Sozial- und persönli-           und Mathematikkenntnissen ausschulen; neuer Aufgaben-
 Am wichtigsten war den befragten Unternehmer/innen,            chen Kompetenzen ist offensichtlich und bedarf keiner          bereich ist die Berufsbildung im transnationalen Bereich
dass Jugendliche Kopfrechnen, Schätzen, Runden können           weiteren Erläuterung. Die Differenz zwischen Anforde-          Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft
und Maßeinheiten kennen. Demgegenüber steht, dass nur           rungen und der Einschätzung vorhandener Kompetenzen            www.stvg.at
ca. ein Drittel der Jugendlichen ausreichend über diese         hinsichtlich dieser Kompetenzdomainen ist mit über 40          marion.hoellbacher@stvg.com
Kenntnisse verfügt. Das Begründen von Rechenschritten           bzw. 30 Prozentpunkten beträchtlich, im Bereich Sozial-
sowie das Verstehen von Lösungswegen werden von 70 %            kompetenz jedoch geringer als in anderen Basisbildungs-        Mag. Dr. Peter Härtel
der Ausbilder/innen als sehr wichtig/wichtig eingeschätzt,      bereichen (persönliche Kompetenz und Mathematik).              ist langjähriger Geschäftsführer der Steirischen und Ös-
sind jedoch nur zu knapp 19 % sehr gut/gut vorhanden.                                                                          terreichischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft und ist
                                                                  Die Anforderungen an Deutsch sind im Schnitt in allen        zuständig für strategische Vernetzung, Verbreitung und
Deutsch                                                         Betrieben und Berufen deutlich höher als in Mathematik,        Projektierung an den Übergängen Schule – Wirtschaft.
  Zuhören können, sinnerfassend lesen, an die Situation ange-   was auf starke Unterschiede hinsichtlich einzelner Berufe,     Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft
passt sprechen sowie Schreiben als Hilfsmittel zu verwenden     Betriebe bezüglich Mathematik schließen lässt (siehe auch      www.stvg.at
fordern nahezu 95  der Betriebe. Lediglich zur Hälfte können
                  %                                             Detailauswertung Berufe). Die Abweichung von Anforde-          ph@stvg.com
Lehrlinge diese Voraussetzungen sehr gut/gut erfüllen.          rungen und die Einschätzung vorhandener Kompetenzen
                                                                ist jedoch in Mathematik mit über 40 Prozentpunkten noch
Englisch                                                        höher als in Deutsch (knapp 40 Prozent).
  Im Allgemeinen sind die Leistungsanforderungen in Eng-
lisch deutlich geringer als in Deutsch oder Mathematik.           Dieses Bild verschärft sich, wenn man die jeweils drei
Das Verstehen unkomplizierter Texte sowie grundlegender         wichtigsten Unterdomainen in Deutsch und Mathematik
Dinge sind die wichtigsten Kriterien für Unternehmer/in-        hinsichtlich Anforderungen und vorhandener Kompe­
nen. Diese werden zu mehr als 30 % seitens der Bewerber/        tenzen vergleicht. Hier ist in Mathematik mit einer Dif-
innen sehr gut/gut erfüllt.                                     ferenz von über 60 Prozent­ unkten eine geradezu dra-
                                                                                             p
                                                                matische Diskrepanz in wesentlichen Kompetenzfeldern
Persönliche Kompetenzen                                         festzustellen, während in Deutsch – bei einem sehr ho-
  Die Anforderungen an die persönlichen Kompetenzen             hen Bedeutungslevel von über 95 Prozent – die Diskre-
sind die höchsten im Verhältnis zu allen anderen Krite-         panz zwischen Bedeutung und vorhandenen Kompe­
rien. In allen Punkten – von Genauigkeit bis Zuverlässig-       tenzen in den drei wichtigsten Unterdomainen sich
keit – liegt die Anforderung bei nahezu 100 %. Im Vergleich     nicht wesentlich von der Gesamt­ ituation in Deutsch
                                                                                                   s
zu den formalen Kriterien (Mathematik, Deutsch, Englisch)       unterscheidet – was auf eine gleichmäßig hohe Bildungs-
werden diese Anforderungen absolut in höherem Maße er-          und Kompetenzentwicklungsherausforderung in dieser
füllt, mit vergleichbarer Differenz zu den Anforderungen.       Domaine hinweist.



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BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel I Unterstützen — Begleiten — Vernetzen                                                                                   Unterstützen — Begleiten — Vernetzen I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG
                                                                                                                                                                                                              /H



                                                                                                                               bzw. erst gar keine zu bekommen, ist für diese Jugendli-           In der Arbeit des QualiCoach ist es wichtig, den Jugendli-
                                                                                                                               chen ein hemmender Faktor bei der Lehrstellensuche. Den          chen zu verdeutlichen, dass es ausschließlich um sie und
                                                                                                                               Jugendlichen ist oft bewusst, dass ein verändertes Lernver-      ihre Zukunft geht. Ziel ist, die Jugendlichen dabei zu unter-
                                                                                                                               halten aus dieser Situation führen könnte, sie sind aber nicht   stützen, ihre Stärken kennenzulernen und diese bewusst
                                                                                                                               in der Lage, etwas zu ändern, da sie nicht wissen wie und die    bei der Lehrstellensuche einzusetzen. Aus der Kenntnis der
                                                                                                                               Inanspruchnahme von Hilfe/Unterstützung nicht „cool“ ist.        eigenen Stärken resultiert mehr Selbstbewusstsein.

                                                                                                                               Unsicherheit                                                       Mit dem steigenden Selbstbewusstsein steigt auch die
                                                                                                                                Jugendliche mit mangelnden Basiskompetenzen haben in            unternehmerische Kompetenz der Jugendlichen, die als
                                                                                                                               der Folge meist ein schwaches Selbstwertgefühl und sind          eine der Schlüsselkompetenzen für lebensbegleitendes
                                                                                                                               sich praktischer Stärken nicht bewusst. Dieses mangelnde         Lernen definiert wurde. Unternehmerische Kompetenz
                                                                                                                               Selbstwertgefühl führt oft dazu, dass die Lehrstellensu-         hilft den Jugendlichen nicht nur in deren täglichem Leben
                                                                                                                               che sehr lange verzögert wird, womit sich die Chancen            zu Hause, sondern auch am Arbeitsplatz. Sie erlangen die
                                                                                                                               auf einen Lehrplatz weiter verringern. Große Unsicherheit        Fähigkeit, ihr Arbeitsumfeld bewusst wahrzunehmen und
                                                                                                                               herrscht bezüglich der Anforderungen der Wirtschaft: „Was        Chancen zu ergreifen. Unternehmerische Kompetenz be-
                                                                                                                               erwartet der Betrieb von mir?“ Aber nicht nur mangelndes         deutet auch, Projekte zu planen und umzusetzen und be-
                                                                                                                               Grundwissen erschwert diesen Jugendlichen den Zugang             stimmte Ziele zu erreichen. Im Falle des QualiCoach be-
                                                                                                                               zu Lehrstellen. Durch die jeweiligen Lebensbiografien kann       deutet dies z.B. einen Plan zur Erreichung einer Lehrstelle
Marion Höllbacher                                              Peter Härtel                                                    die Entwicklung der in unserer Gesellschaft so notwendi-         zu erstellen und diesen umzusetzen. Eine weitere we-
Teilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung;               Geschäftsführer der Steirisch                                   gen „Soft Skills“ oft nicht ausreichend unterstützt werden –     sentliche Kompetenz, die gemeinsam mit der/dem Qua-
Steirisch Volkswirtschaftliche Gesellschaft                    Volkswirtschaftlichen Gesellschaft                              ein weiteres Hemmnis auf dem Weg zur Lehrstelle.                 liCoach trainiert wird, ist das Einschätzen der eigenen Fä-
marion.hoellbacher@stvg.com                                    ph@stvg.com                                                                                                                      higkeiten und Stärken.
                                                                                                                                Jugendliche auf Lehrstellensuche sind in mehrfacher Hin-
                                                                                                                               sicht in einer schwierigen Situation. Zum einen ist da die       Umsetzung
                                                                                                                               Unsicherheit in Bezug auf die berufliche Zukunft. Zum an-          Nach allgemeiner positiver Zustimmung und der klaren
                                                                                                                               deren spielen alle altersbedingten Faktoren eine Rolle (cool     Unterstützung seitens der Direktion und des Lehrerkol-
                                                                                                                               sein, nicht auf andere hören wollen, alles selbst am besten      legiums, wurde das Projekt QualiCoach an der PTS Graz
                                                                                                                               wissen etc.). Verstärkend kommt hinzu, dass sich gerade in       Anfang November 2008 gestartet. In der Phase der beruf-

Unterstützen — Begleiten — Vernetzen
                                                                                                                               dieser Lebensphase die Rolle der Eltern verändert und ein        lichen Orientierung nicht nur auf die Unterstützung sei-
                                                                                                                               Abnabelungsprozess stattfindet. Ratschläge der Eltern wer-       tens der Schule zählen zu können, sondern durch einen
                                                                                                                               den von vornherein abgelehnt. Es kommt aber auch vor,            QualiCoach Unterstützung bei der Berufsfindung zu er-
QualiCoach Basisbildung — Modell eines Begleiters                                                                              dass Eltern zwar gerne unterstützen würden, aber selbst
                                                                                                                               nicht wissen wie, da das dazu notwendige Wissen über den
                                                                                                                                                                                                halten, schafft für Jugendliche einen Anreiz. Die Schüler/
                                                                                                                                                                                                innen nehmen die Chance der Klärung vieler Fragen, die
an der Schnittstelle Schule — Beruf                                                                                            Arbeits- und Bildungsmarkt nicht vorhanden ist. Erschwert        im Zusammenhang mit schulischen Leistungen, betriebli-
                                                                                                                               wird die Situation dann, wenn die Eltern ihrerseits über         chen Erwartungen und ihrem persönlichen Wunschberuf
                                                                                                                               keine ausreichende Basisbildung verfügen und Bildung/            stehen gerne an. Ein im Rahmen des Projektes entwickel-
                                                                                                                               Ausbildung somit keine Themen in der Familie sind.               tes Kompetenzenportfolio unterstützt die Dokumenta-
                                                                                                                                                                                                tion der eigenen Fortschritte und kann den Bewerbungs-
                                                                                                                               Die Arbeit des QualiCoaches                                      unterlagen beigefügt werden. Abgerundet wird die Arbeit
Die Entwicklung und Pilotierung einer „QualiCoach Ba-            Ausbildungsbetriebe setzen voraus, dass der positive Ab-       „QualiCoaches Basisbildung“ sind Personen, die mit dem          des QualiCoach durch die Kompetenzenworkshops und
sisbildung“ an der Schnittstelle Schule — Wirtschaft zur       schluss der Pflichtschule einem bestimmten Bildungs-            Schulsystem eng zusammenarbeiten und Veränderungen               die Kompetenzenrallye1.
frühzeitigen Begleitung von Jugendlichen mit nicht aus-        niveau entspricht. Viele Betriebe legen Wert auf ein gutes      bei den beteiligten Akteur/innen einleiten können. „Quali-
reichenden Basisbildungskenntnissen ist eine präventive        Zeugnis, und sie stellen fest, dass aufgrund der rückläufigen   Coaches Basisbildung“ sind Unterstützer/innen, Begleiter/        Empfehlungen
Maßnahme für die beschriebene Zielgruppe, um Jugendli-         Schüler/innenzahlen der Andrang der hervorragenden bis          innen, Mentoren/innen betroffener Jugendlicher, die sen-           Aus der bisherigen Arbeit des QualiCoach lässt sich er-
che mit dem nötigen „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen          guten Bewerber/innen nicht mehr so groß ist. Jugendliche        sibel und motivierend mit den Jugendlichen arbeiten und          sehen, dass Jugendliche die Unterstützung sehr zu schät-
ermöglicht, selbstständig den Übergang von der Schule          mit Defiziten in – für die jeweiligen Betriebe – wichtigen      durch auf die Bedürfnisse der einzelnen Jugendlichen ab-         zen wissen. In den Einzelgesprächen mit dem QualiCoach
zur Wirtschaft zu bewältigen. Jugendliche erhalten durch       Grundkenntnissen (Mathematik, Deutsch und Englisch)             gestimmte Methoden zum Empowerment beitragen. „Qua-              erfahren sie eine Wertschätzung, die ihnen oft vorenthal-
die QualiCoach Basisbildung die Möglichkeit herauszufin-       sowie in sozialen und persönlichen Kompetenzen erhal-           liCoaches Basisbildung“ nehmen mit den Jugendlichen              ten wird. Die Auseinandersetzung mit dem „Wunschberuf“
den, was sie wollen, was sie können und wie sie es schaf-      ten schwerer eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt und        Kontakt auf und erarbeiten gemeinsam mit ihnen ihre Stär-        und das Kennenlernen der Anforderungen, die es zu beste-
fen, das zu erreichen.                                         sind daher Zielgruppe für das Projekt In.Bewegung II.           ken und Fähigkeiten. Gemeinsam werden geeignete För-             hen gilt, sind die Herausforderungen, die sich Jugendliche
                                                                                                                               dermaßnahmen ausgewählt.                                         stellen müssen. Hier muss Unterstützung ansetzen – sei es
  Die Entwicklung und Pilotierung einer „QualiCoach Ba-          Betroffenen Jugendlichen ist ihre Situation oft bewusst,                                                                       vonseiten der Schule oder extern, um zu einem gelingen-
sisbildung“ an der Schnittstelle Schule — Wirtschaft zur       d.h., sie können realisieren, dass ihre schlechten schuli-       Der Erstkontakt mit dem QualiCoach erfolgt über die             den Übergang Schule – Wirtschaft beizutragen. Unterstüt-
frühzeitigen Begleitung von Jugendlichen mit nicht aus-        schen Leistungen Auswirkungen auf die Berufswahl haben.         Schule. Die Jugendlichen werden über das Angebot infor-          zende Maßnahmen wie z.B. der QualiCoach oder Tools, die
reichenden Basisbildungskenntnissen ist eine präventive        Die meisten Jugendlichen mit nicht ausreichenden Basis-         miert und können dann entscheiden, ob sie dieses anneh-          sowohl Jugendlichen als auch Lehrer/innen zur Verfügung
Maßnahme für die beschriebene Zielgruppe, um Jugend-           bildungskenntnissen legen ihre Berufswahl dementspre-           men möchten. Die Zusammenarbeit mit dem QualiCoach               gestellt werden können ebenfalls dazu beitragen.
liche mit dem nötigen „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen        chend an, sie entscheiden sich für scheinbar eher „einfa-       erfolgt auf freiwilliger und vertraulicher Basis. Die Bespre-
ermöglicht, selbstständig den Übergang von der Schule zur      che“ Lehrausbildungen (Friseur/in, Tischler/in, Maurer/         chungen können entweder in der Schule oder in einem pri-
                                                                                                                                                                                                1 Die Kompetenzrallye wurde im Rahmen der Arbeit der QualiCoach entwickelt und um-
Wirtschaft zu bewältigen.                                      in  ...). Angst, die begehrte Lehrstelle wieder zu verlieren    vaten Umfeld stattfinden, je nach Wahl des Jugendlichen.         fasst vier Module, die der Kompetenzstärkung von Jugendlichen dienen.




Seite 102                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                               Seite 103
BESCHÄFTIGUNG I Penz I Jump — Jugendliche mit Perspektive                                                                                                               Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNG



                                                                                                                          zubieten. Im Projekt „Jump – Jugendliche mit Perspektive“        formation zum Thema folgende Ausbildungsstätten bzw.
                                                                                                                          wurde erstmalig pilotmäßig ein Konzept für Lehrlinge mit         Berufsschulen, am Projekt teilzunehmen:
                                                                                                                          mangelnden Basisbildungskenntnissen entwickelt und an
                                                                                                                                                                                            •	 Fachberufsschulzentrum Spittal an der
                                                                                                                          das bestehende duale Ausbildungssystem angepasst. In
                                                                                                                                                                                               Drau (Lehrberufe: Metallberufe, Holzberufe,
                                                                                                                          den Jahren 2008 und 2009 haben in ganz Kärnten an ver-
                                                                                                                                                                                               Handelsberufe)
                                                                                                                          schiedenen Berufsschulen und Ausbildungszentren 193
                                                                                                                          Lehrlinge speziell auf ihre Bedürfnisse und Lehrberufe ab-        •	 ÖGB Ausbildungszentrum für
                                                                                                                          gestimmte Unterstützung und Betreuung erhalten.                      Maschinenbautechniker Krumpendorf
                                                                                                                                                                                               (Lehrberufe: MaschinenbautechnikerIn)
                                                                                                                           Hauptziel des Projektes war es, Kärntner Lehrlinge mit
                                                                                                                                                                                            •	 Kelag-Lehrlingsschule St. Veit an der Glan
                                                                                                                          mangelnden Kenntnissen in den Grundkulturtechniken                   (Lehrberufe: ElektroinstallationstechnikerIn,
                                                                                                                          durch ein entsprechendes Angebot beim Erreichen des                  Bürokaufleute, MaschinenbautechnikerIn und
                                                                                                                          Lehrabschlusses zu unterstützen.                                     MetallbearbeitungstechnikerIn)

                                                                                                                            Darüber hinaus wurde das Ausbildungspersonal in das             •	 Ausbildungszentrum Wolfsberg
                                                                                                                          Projekt eng miteinbezogen. Für AusbildnerInnen sowie Be-             (Lehrberufe: MaschinenbautechnikerIn,
                                                                                                                                                                                               ZerspanungstechnikerIn,
                                                                                                                          rufsschullehrerInnen wurde ein maßgeschneidertes Wei-
                                                                                                                                                                                               MaschinenfertigungstechnikerIn, Metallberufe
                                                                                                                          terbildungsangebot entwickelt und angeboten, um diese
Isabella Penz                                                                                                             für den Umgang mit der Zielgruppe zu schulen. Dem Aus-
                                                                                                                                                                                               allgemein)

Leiterin der VHS Feldkirchen/St. Veit                                                                                     bildungspersonal sollte Wissen über die Hintergründe und           Auch andere Berufsschulen hatten an einer Teilnahme In-
i.penz@vhsktn.at                                                                                                          Besonderheiten der Zielgruppe vermittelt sowie Wissen            teresse. Hier konnte jedoch leider kein Kursmodell gefun-
                                                                                                                          über zielgruppengerechte Methoden und Lehrmaterialien            den werden, das sich in das bestehende Ausbildungssystem
                                                                                                                          im Unterricht bereitgestellt werden.                             integrieren ließ. Es handelte sich hierbei um Berufsschulen
                                                                                                                                                                                           mit Jahreslehrgängen, d.h., die Lehrlinge besuchen ganz-
                                                                                                                          Basisbildung für Lehrlinge — aber wie?                           jährig einmal pro Woche die Berufsschule und kommen
                                                                                                                           Die Innovation des Projektes „Jump – Jugendliche mit Per-       aus allen Regionen Kärntens.
                                                                                                                          spektive“ besteht darin, dass das Weiterbildungsangebot in
                                                                                                                          Kooperation mit den Lehrlingsausbildungsstätten durch-           Der Lehrgang „Jump —
Jump — Jugendliche mit Perspektive
                                                                                                                          geführt wurde. Das Basisbildungsangebot konnte in das
                                                                                                                          bestehende Ausbildungssystem integriert werden.                  Jugendliche mit Perspektive“
                                                                                                                                                                                           Rahmenbedingungen und Umsetzung
Basisbildung für Lehrlinge im betrieblichen Kontext                                                                        Den Kick-off zum Projekt lieferte ein Informations- und
                                                                                                                          Sensibilisierungsworkshop für alle interessierten Direkto-
                                                                                                                                                                                             Nach der erfolgreichen Initiierung der Kooperationen war
                                                                                                                                                                                           ein weiterer wesentlicher Schritt, die potenziellen Teilneh-
                                                                                                                          ren (ausschließlich Männer) der Ausbildungsstätten. Bei          mer und Teilnehmerinnen auf das Lehrgangsangebot auf-
                                                                                                                          diesem Treffen hatten die TeilnehmerInnen erstmalig die          merksam zu machen bzw. sie für die Teilnahme zu gewin-
                                                                                                                          Möglichkeit, sich zum Thema „Basisbildungsbedarf von             nen. Zur Zielgruppe von Jump zählten Lehrlinge (ab 15
                                                                                                                          Lehrlingen“ zu informieren und auszutauschen. Sämtliche          Jahre) mit geringer Basisbildung. Für die Akquisition von
Der vorliegende Artikel beschreibt ein Projekt der Volks-     Laut PISA-Studie 2006 können 21,5 Prozent der 15-Jäh-       Leiter meldeten einen Bedarf am beschriebenen Basisbil-          Lehrlingen mussten zunächst innerbetriebliche Vernetzun-
hochschule Kärnten mit dem Titel „Jump — Jugendliche        rigen elementare Leseaufgaben nicht routinemäßig lö-          dungsangebot an.                                                 gen aufgebaut werden. Die Leiter der Ausbildungsstätten
mit Perspektive”. Darin wurde erstmalig ein Bildungskon-    sen. Sie haben zum Beispiel Schwierigkeiten, in einfachen                                                                      sowie einzelne BerufsschullehrerInnen und AusbildnerIn-
zept für Lehrlinge mit mangelnden Basisbildungskennt-       Texten Informationen zu lokalisieren, einfache Schluss-         Im nächsten Schritt wurde an allen interessierten Berufs-      nen erfüllten dabei eine entscheidende Rolle und übernah-
nissen entwickelt und in das bestehende duale Ausbil-       folgerungen zu ziehen oder die Hauptidee eines gut ge-        schulen und Ausbildungszentren eine ausführliche Bedarfs-        men die Bewerbung und die Erstauswahl der potenziellen
dungssystem integriert. Im ersten Teil des Artikels wird    kennzeichneten Textteils zu erkennen. Das bedeutet, dass      erhebung durchgeführt. Ebenso wurde der Kontakt zum              TeilnehmerInnen. Die Freiwilligkeit der TeilnehmerInnen
die praktische Durchführung und Umsetzung in den Aus-       gut jede/r fünfte österreichische Schüler/in gegen Ende       Landesschulrat für die Berufsschulen in Kärnten hergestellt.     wurde als Voraussetzung vereinbart. Bei der Gewinnung
bildungsstätten (Berufsschulen und Ausbildungszentren)      der Pflichtschulzeit nur unzureichend sinnerfassend le-       Auch dieser signalisierte große Unterstützungsbereitschaft       von Lehrlingen war ein sensibler Umgang notwendig, da
beschrieben. Der zweite Teil widmet sich dem Outcome        sen kann. Ebenso viele, nämlich 21 Prozent der 15-Jährigen,   für das Projekt. Bereits zu Beginn zeigte sich, dass die Inte-   bei keinem der Beteiligten der Eindruck entstehen sollte,
des Projektes. Dazu werden einerseits die Evaluationser-    weisen eine mangelnde Mathematikkompetenz auf. Da-            gration in das bestehende Ausbildungssystem eine große           dass es sich beim Zusatzangebot um einen Nachhilfekurs
gebnisse aus dem Projekt herangezogen und andererseits      durch können das private und das gesellschaftliche Leben      Herausforderung werden würde, da die Berufsschulzeiten           für besonders leistungsschwache Schüler und Schülerin-
die konkreten Erfahrungen des Projektteams.                 beeinträchtigt werden.                                        für die Lehrlinge generell sehr knapp bemessen sind. Sei-        nen handle. Von Anfang an wurde den Betroffenen versi-
                                                                                                                          tens des Landesschulrates wurde deshalb klargestellt, dass       chert, dass alle Gespräche und später der Verlauf des Lehr-
 In der Diskussion um die Lehrlingsausbildung wird            Demzufolge erreicht jährlich eine Vielzahl an Jugendli-     keine Unterrichtsstunden aus der Berufsschulzeit für Basis-      ganges vertraulich behandelt würden und Außenstehende,
häufig der Bildungsstand der Jugendlichen bemängelt:        chen nicht die vorgeschriebenen Bildungsziele der Pflicht-    bildungskurse zur Verfügung stehen würden. Die Kurszei-          wie Direktoren oder Vorgesetzte, über keine Kursdetails der
Immer mehr Firmen klagen, dass sie keine geeigne-           schule. Diese haben massive Schwierigkeiten, den Einstieg     ten fanden daher während der praktischen Ausbildungszeit         Teilnehmerinnen informiert werden würden.
ten Lehrlinge fänden, weil diese zu geringe Kenntnisse      in das Berufsleben zu schaffen bzw. darin erfolgreich und     statt. In einem Ausbildungszentrum mit integriertem Inter-
in den Bereichen Mathematik und Deutsch aufwiesen.          nachhaltig bestehen zu können.                                nat wurde die Kurszeit auf die Zeit der Studierstunde gelegt.     Während der Projektlaufzeit wurden 31 Basisbildungskurse
Gut qualifizierte ArbeitnehmerInnen sind jedoch die Ba-                                                                                                                                    durchgeführt. Die Laufzeit eines Lehrganges betrug größten-
sis eines Unternehmens, um in einer Arbeitswelt des ra-      Um dem korrigierend entgegenzuwirken, ist es daher not-       Letztendlich entschieden sich nach Abschluss der Be-            teils 32 Einheiten. Bei einer Gruppengröße von meist sechs
schen technologischen und gesellschaftlichen Wandels        wendig, Lehrlingen mit Basisbildungsbedarf zusätzlich         darfserhebung, der Klärung sämtlicher Rahmenbedin-               bis acht TeilnehmerInnen gab es an diesem Angebot insge-
bestehen zu können.                                         zur Lehrlingsausbildung maßgeschneiderte Trainings an-        gungen bzw. nach erfolgreicher Sensibilisierung und In-          samt 186 Teilnahmen. Werden die Teilnahmen auf Kopfzah-



Seite 104                                      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                             Seite 105
BESCHÄFTIGUNG I Penz I Jump — Jugendliche mit Perspektive                                                                                                                                     Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNG



len umgerechnet (da einige Jugendliche mehrere Kurse be-       aktuellen Berufsschulstoffes bis hin zu gar keinen Er-                          Die Erfolgskriterien: Ergebnisse                               ihnen wichtig, dass sie nicht zu einem anderen Ort fahren
suchten), so ergibt sich eine TeilnehmerInnenanzahl von 141    wartungen. Mit jedem/jeder TeilnehmerIn wurde ge-                               der begleitenden Evaluation                                    mussten. Das wäre für manche nicht vorstellbar bzw. nicht
Personen (122 männlich und 19 weiblich).                       meinsam mit den TrainerInnen ein persönlicher Lern-                              Die Kurse wurden begleitend evaluiert, eine umfassende        organisierbar gewesen.
                                                               plan entwickelt, den diese bei Bedarf auch während der                          Evaluationsdokumentation liegt vor. Für die Befragung
 Die Kurse fanden direkt in den Ausbildungsstätten statt.      Kurszeit ändern konnten.                                                        wurde in Zusammenarbeit mit der externen Evaluations-           (Ad 3) Die Kurse wurden zu verschiedenen Tageszeiten
Dass das Kursangebot in der gewohnten Umgebung der                                                                                             person und der Projektkoordination ein standardisierter        angeboten. Die Gesamtzufriedenheit war bei Lehrlingen,
Lehrlinge bzw. am Arbeitsplatz im Betrieb stattfand, un-       Das Rahmencurriculum1 im Überblick                                              Gesprächsleitfaden entwickelt. Befragt wurden sowohl die       die das Training tagsüber absolvieren konnten, jedoch et-
terstützte maßgeblich den großen Erfolg des Projektes,           •	 Mathematik                                                                 Lehrlinge als auch die Leiter der Ausbildungsstätten.          was größer als bei jenen, die den Kurs am Abend (in der
da die gute Erreichbarkeit des Lernortes besonders für              (u.a. Grundrechnungsarten, Kopfrechnen,                                                                                                   Studierstunde) besuchten. Diese gaben teilweise an, sie
bildungsferne MitarbeiterInnen wichtig ist (vgl. Kuwan              Brüche und Potenzen, Maße und                                              Zu Projektbeginn wurden folgende                               hätten die Zeit der Studierstunde lieber anders genutzt.
2002, S. 188).                                                      Masseberechnungen, Volumens- und                                           Erfolgskriterien formuliert:
                                                                    Flächenberechnungen, Prozentrechnen                                                                                                         Es zeigt sich, dass die Integration in das Ausbildungssys-
                                                                    und Schlussrechnungen, Dezimalzahlen)                                        1.	Die planmäßige Durchführung der Lehrgänge
  Wie bereits oben erwähnt, fanden die Kurse hauptsäch-                                                                                                                                                       tem leichter möglich ist, wenn die Berufsschulzeit geblockt
                                                                                                                                                    mit der geforderten TeilnehmerInnenanzahl.
lich während der praktischen Ausbildung statt. Der op-                                                                                                                                                        ist. In den Ausbildungszentren war die Organisation der
                                                                 •	 Deutsch                                                                         (Laut Erstantrag waren vier Lehrgänge mit
timale Kursstart lag vor Beginn der Berufsschulzeit. Da-                                                                                            insgesamt 42 Lehrlingen vorgesehen.)                      Kurse wesentlich einfacher.
                                                                    (u.a. neue deutsche Rechtschreibung,
durch konnten die Lehrlinge optimal auf die Aufnahme                Doppellaute, Groß-/Kleinschreibung,
des bevorstehenden Berufsschulstoffs vorbereitet werden.            das/dass, Kommasetzung, Grammatik,                                           2.	Die Ausbildungsstätten stellen einen                       Ein kompakter Stundenplan der Lehrlinge erleichtert die
                                                                    Lesen und Textverständnis)                                                      Schulungsraum für die Kurse zur Verfügung.                Organisation. Hilfreich ist es, wenn die Berufsschule ein-
 Als Trainer und Trainerinnen wurden ausschließlich                                                                                                                                                           mal die Woche nur bis 15:00 Uhr dauert, um dann im An-
                                                                 •	 Lernen lernen (u.a. Zeitmanagement                                            3.	Die Kurse können in das bestehende
Personen mit entsprechenden Qualifikationen (Fach-                                                                                                   Ausbildungssystem integriert werden.                     schluss den Grundbildungskurs anbieten zu können.
                                                                    und Lernmethoden)
kompetenz, Beratungs- und Methodenkompetenz sowie
personale und soziale Kompetenz) ausgewählt. Im Aus-             •	 Einzeltraining                                                               4.	Die Kurse weisen eine geringe Drop-out-Quote auf.           (Ad 4) Es haben nur vier Lehrlinge einen Kurs vorzeitig ab-
wahlgespräch wurde mit der Projektleiterin ausführlich              Einzeltrainingsstunden nach                                                                                                               gebrochen. Die Evaluationsgespräche zeigten insgesamt,
                                                                                                                                                  5.	Der berufliche bzw. private Nutzen ist
die Motivation von Jump und der Zielsetzung, die mit                Bedarf für Einzelpersonen                                                                                                                 dass die Jugendlichen mit dem Angebot durchwegs zu-
                                                                                                                                                     für die TeilnehmerInnen gegeben.
dem Bildungsangebot verfolgt wird, erläutert. Wichtig war,                                                                                                                                                    frieden gewesen waren und einen hohen beruflichen Ge-
                                                                 •	 Einzelcoaching
dass das Bildungs- bzw. Lernverständnis der TrainerInnen                                                                                          6.	Der Kurs zielt neben der Stärkung der                    winn durch die Teilnahme sahen. Es ist anzunehmen, dass
                                                                    Unterstützung und Beratung in
zur emanzipatorischen und förderlichen Zielvorstellung                                                                                               Grundfertigkeiten auch auf die Verbesserung              sich die geringe Ausstiegsrate auch dadurch ergab, dass der
                                                                    Bezug auf die Lebens-, Bildungs- und
passte und den Qualitätsstandards entsprach, die für die                                                                                             der Kenntnisse im Bereich IKT (Informations-             Kurs in das Ausbildungssystem der Jugendlichen integriert
                                                                    Berufsplanung der Lehrlinge
Alphabetisierungs- und Basisbildungsarbeit in der Ent-                                                                                               und Kommunikationstechnologien) ab.                      war. Die Lehrlinge sahen die Möglichkeit eines Ausstieges
wicklungspartnerschaft In.Bewegung erarbeitet worden             Die Lerninhalte orientierten sich an folgenden didak-                           7.	Die TrainerInnen verwenden verschiedene                   eigentlich gar nicht. Darüber hinaus lag es nicht im Ein-
waren (vgl. Doberer-Bey 2007).                                 tischen Prinzipien: Zielgruppen- und TeilnehmerIn-                                   erwachsenengerechte Lehr- und Lernmethoden.               flussbereich der Projektkoordination, inwiefern die Leiter
                                                               nenorientierung, Freiwilligkeit der Beteiligung, Lebens-                                                                                       der Ausbildungsstätten eine Teilnahme forcierten.
 Das Rahmencurriculum der Lehrgänge wird nachste-              weltbezug/Praxisbezug, selbstgesteuertes Lernen sowie                              8.	Die teilnehmenden Lehrlinge sind insgesamt
hend beschrieben. Die TrainerInnen führten mit den             Individualität und Empowerment. Gerade in Hinblick                                    mit dem Bildungsangebot zufrieden. Die                    (Ad 5) Die Ergebnisse der Evaluation konnten den Nutzen
Lehrlingen ein Erstgespräch, um einerseits die Erwar-          auf die besonderen Lebenserfahrungen und die bisheri-                                 Berufsschulleistungen verbessern sich und die            deutlich bestätigen. Die Lehrlinge haben sich durch die
                                                                                                                                                     Selbstsicherheit der TeilnehmerInnen steigt, z.B.
tungen und individuellen Rahmenbedingungen abzuklä-            gen (schulischen) Lernerlebnisse der Jugendlichen war                                                                                          Teilnahme an den Kursen nicht nur fachlich in den Berei-
                                                                                                                                                     durch das Erkennen der eigenen Lernfähigkeit.
ren und andererseits den Lehrlingen Sicherheit zu ver-         die Gestaltung eines erwachsenengerechten Lernprozes-                                                                                          chen Mathematik oder Deutsch verbessert, sondern es fiel
mitteln. Am ersten Kurstag wurden die Erwartungen der          ses für die erfolgreiche Beteiligung besonders erforderlich.                       9.	Die Leiter der Ausbildungsstätten sind                   ihnen aufgrund des Kursbesuches leichter, allgemein den
TeilnehmerInnen ausführlich besprochen und die kon-            Das pädagogische Konzept von Paolo Freire diente dabei                                mit dem Bildungsangebot zufrieden.                       Lehrstoff zu bewältigen. Den Lehrlingen fiel es durch den
kreten Lerninhalte gemeinsam mit den TeilnehmerInnen           als Grundlage (vgl. Freire 1973 und 1977). Im Mittelpunkt                                                                                      Kursbesuch außerdem auch leichter, den Zusammenhang
erarbeitet.                                                    stand besonders die berufliche Situation der Jugendli-                           Die nachstehende Zusammenfassung der zentralen Er-            zwischen Theorie (Berufsschule) und Praxis (Werkstätte)
                                                               chen. Die TrainerInnen konzentrierten sich allerdings                           gebnisse der Evaluation beschreibt, dass die anfangs for-      herzustellen. Durch die Erweiterung der Methodenkompe-
  Aufgrund der kurzen Laufzeit der Kurse erfolgte zumeist      nicht nur auf die Vermittlung von kognitiven Lehrinhal-                         mulierten Erfolgskriterien erfüllt werden konnten:             tenz im Bereich „Lernen lernen“ konnte das Selbsthilfepo-
eine Entscheidung, sich entweder ausschließlich auf Ma-        ten, sondern es wurden auch die sozialen, emotionalen                                                                                          tenzial der Lehrlinge erkennbar erhöht werden.
thematik oder Deutsch zu konzentrieren. Diese Entschei-        und lebensweltlichen Ebenen berücksichtigt. Die Trainer-                         (Ad 1) Bald nach Projektstart zeigte sich, dass der Bedarf
dung war vom Ausbildungsschwerpunkt der Jugendlichen           Innen versuchten, den individuellen Lernprozess der Ju-                         an Grundbildung bei den Lehrlingen derart hoch ist, dass         Besonders Lehrlinge des ersten Lehrjahres sahen einen
abhängig. Lehrlinge in technischen Berufen hatten dabei        gendlichen zu begleiten.                                                        eine Ausweitung der geplanten Kurse notwendig war. Eine        hohen Nutzen, da die TeilnehmerInnen im Grundbildungs-
einen deutlich höheren Bedarf an Unterstützung im Be-                                                                                          genehmigte Antragsänderung ermöglichte es, dass anstatt        kurs den Hauptschulstoff nachholen bzw. auffrischen
reich Mathematik. Ebenso wurden die Trainingsinhalte             Als Lernunterlagen wurden ausschließlich erwachse-                            der vorgesehenen 42 Lehrlinge 141 einen Grundbildungs-         konnten. Dadurch konnte das gesamte Lehrjahr rascher
mit den BerufsschullehrerInnen und AusbildnerInnen ab-         nengerechte Materialien verwendet. Hier fand eine enge                          kurs besuchen konnten.                                         auf ein einheitliches Niveau gebracht werden. Die Lehr-
gestimmt. Wichtig war es, stets einen beruflichen Nutzen       Zusammenarbeit mit den Ausbildungsstätten statt. Sämt-                                                                                         linge aus dem ersten Lehrjahr gaben an, dass ihnen da-
für alle Beteiligten zu erreichen: Alle Lerninhalte des Rah-   liche Schulbücher und Fachunterlagen wurden den Trai-                             (Ad 2) Alle Kurse fanden planmäßig direkt in den Räum-       durch die Angst und die Unsicherheit vor der Berufsschule
mencurriculums wurden auf die Berufspraxis der Lehr-           nerInnen zur Verfügung gestellt und dienten zur Orien-                          lichkeiten der Ausbildungsstätten statt. Den Lehrlingen        genommen wurde.
linge abgestimmt.                                              tierung. Die meisten Trainingsunterlagen mussten jedoch                         kam es sehr entgegen, dass das Training vor Ort stattfand
                                                               von den TrainerInnen erst für die jeweilige Person bzw.                         und in die Ausbildung integriert war. Der betriebliche Lern-
 Die Erwartungen der Lehrlinge waren breit gestreut,           Gruppe entwickelt bzw. adaptiert werden.                                        ort erleichterte die Kursteilnahme wesentlich, da keine ex-
von sehr spezifischen Hilfestellungen (z.B. Legasthe-                                                                                          tra Wege in Kauf genommen werden mussten und der
nietraining, Orientierung am Berufsschulstoff, Vorbe-                                                                                          Lernort für die Jugendlichen vertraut und bekannt war.
                                                               1 Das Curriculum kann als Dokument angefordert werden unter i.penz@vhsktn.at.
reitung auf Schularbeiten) über die Bearbeitung des            Darin wird umfassend das Grundbildungsangebot für Lehrlinge dokumentiert.       Viele der Lehrlinge waren begrenzt mobil, und so war es



Seite 106                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                            Seite 107
BESCHÄFTIGUNG I Penz I Jump — Jugendliche mit Perspektive                                                                                                                            Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNG



Der Nutzen aus Sicht der Lehrlinge                                 ben sich viele subjektive Lernerfolge für die Teilnehmer-           verständnis wurde erhöht und sie hatten weniger Schwie-        angebot auch Personen von Ausbildungsstätten teilge-
„Das Wissen, was man hier lernt, wird man immer brauchen           Innen. Lehrlinge aus dem Deutschtraining berichteten                rigkeiten bei Prüfungen und bei der Beantwortung von           nommen haben, in denen keine Grundbildungskurse im
können. Vielleicht muss ich meinem Bruder oder meinem ei-          aufgrund des Kursbesuches über eine geringere Fehlerhäu-            Fragen. Ebenso verbesserten sich die Rechtschreibung und       Rahmen von Jump stattfanden. Die Seminare konnten
genen Sohn, wenn ich einmal einen habe, diese Themenin-            figkeit bei Schularbeiten und eine allgemein verbesserte            die Lesefähigkeit bei einigen TeilnehmerInnen.                 auch einzeln besucht werden. Für die TeilnehmerInnen
halte, die ich hier gelernt habe, einmal erklären.“                Rechtschreibung sowie besseres Textverständnis. Wichtig                                                                            entstanden keine Kosten. Insgesamt haben 43 Ausbild-
                                                                   war für die Jugendlichen auch die Möglichkeit, einmal eine          Die Sicht der Leiter                                           nerInnen und BerufsschullehrerInnen das Bildungsange-
„Ich war schulisch ziemlich schlecht und habe durch den            Präsentation zu üben, einerseits für die Berufsschule, an-           „Der Lehrherr kann sich nun mit der Berufsausbildung          bot in Anspruch genommen. Die TeilnehmerInnen sahen
Kurs große Fortschritte überall gemacht.“                          dererseits aber auch für den Umgang mit KundInnen.                  auseinandersetzen und muss nicht erst die Grundqualifika-      durch den Besuch einen hohen beruflichen Nutzen.
                                                                                                                                       tionen nachholen, den Hauptschulstoff nachholen.“
„Ich habe ein besseres Verständnis für alle Themenge-               Aus dem Mathematiktraining berichteten die Lehrlinge                                                                              Empfehlungen
biete bekommen.“                                                   über eine Verbesserung des logischen Denkens, vor allem              „Die Anforderungen für die Lehrlinge haben sich verändert,       Bisherige Erfahrungen machen deutlich, dass der Un-
                                                                   aber wurde über Verbesserungen in den Grundrechnungs-               es fehlt ihnen aber auch einfach die Basis. Früher haben die    terstützungsbedarf für Lehrlinge mit mangelnden Grund-
„Ich arbeite jetzt lieber in der Werkstätte, weil ich jetzt ver-   arten sowie beim Kopfrechnen berichtet.                             Lehrlinge die Grundrechnungsarten gekonnt, heute nicht          bildungskenntnissen äußerst groß ist. Mit zunehmen-
stehe, von was gesprochen wird.“                                                                                                       mehr (…) Es ist viel mehr Betreuung der Lehrlinge notwen-       der Bekanntheit des Projektes nahmen die Anfragen von
                                                                   TeilnehmerInnen über Mathematik                                     dig. Die guten Jugendlichen gehen in die Schule.“              weiteren Berufsschulen, Ausbildungszentren und Firmen
  (Ad 6) Laut Projektantrag war auch der Einsatz des Com-          „Besser geht es nicht. Vorher habe ich einen 4er gehabt und                                                                         kontinuierlich zu. In Folge wurden bereits weitere Grund-
puters als Lerninhalt geplant, besonders die Vermittlung           jetzt einen 1er.“                                                    „Mir ist aufgefallen, dass die Angst, in der Werkstatt mit     bildungskurse für Lehrlinge außerhalb des Projektes erfolg-
von Teilen des Office-Programmes. Dafür gab es jedoch                                                                                  Mathematik konfrontiert zu werden, kleiner geworden ist.“       reich durchgeführt. Finanziert werden diese über den Bil-
keinen Bedarf. Bereits in der Phase der Bedarfserhebung            „Sehr gut, das habe ich sehr gut brauchen können, deswegen                                                                          dungsgutschein der Arbeiterkammer Kärnten, wodurch für
signalisierten alle Leiter der Ausbildungsstätten, dass die
Jugendlichen mit der Arbeit am Computer sehr gut zu-
                                                                   bin ich jetzt positiv in Mathe.“                                    Die Sensibilisierung von                                        die Lehrlinge keine Kosten für den Besuch von Grundbil-
                                                                                                                                                                                                       dungskursen entstehen. Aufgrund dieser Finanzierung ist
rechtkommen. Darüber hinaus ist der Erwerb des ECDL                „Ja, das ist schon gut, jetzt kann man schneller was ausrechnen.“   BerufsschullehrerInnen                                          es möglich, die Umsetzung des vorliegenden Bildungskon-
ein fixer Bestandteil der Lehrlingsausbildung. Der Com-
puter wurde zwar als Lernmedium genutzt und in die Trai-             Die Erwartungen der TeilnehmerInnen wurden durchaus
                                                                                                                                       und AusbildnerInnen                                             zepts relativ einfach in andere Bundesländer zu transferie-
                                                                                                                                                                                                       ren. Das erfolgreiche Kurskonzept spiegelt sich auch darin,
nings integriert (z.B. durch den Einsatz von Lern-Program-         erfüllt. Die Mehrheit der Befragten brachte zum Ausdruck,             Neben dem Unterstützungsangebot für Lehrlinge wurde           dass das Projekt 2008 für den Staatspreis für Erwachsen-
men), es kam jedoch zu keinem expliziten IKT-Training.             dass ihr Bedarf genau getroffen wurde. Die Anwendbarkeit            im Rahmen des Projektes Jump auch ein Fokus auf die             enbildung nominiert wurde. Darüber hinaus wurde Jump
                                                                   des Gelernten wurde von den TeilnehmerInnen gesehen.                Weiterbildung von Personen, die in der Lehrlingsausbil-         2009 bereits zweimal als Good-Practice-Beispiel aus Öster-
  (Ad 7) In den Gesprächen äußerten die TeilnehmerIn-              Durch den Kursbesuch profitieren sie in der Berufsschule,           dung tätig sind, gelegt. LehrlingsausbildnerInnen und Be-       reich ausgewählt. Einmal vom Deutschen Bundesverband
nen sehr große Zufriedenheit mit den TrainerInnen. Von             in der praktischen Arbeit sowie im KundInnenkontakt.                rufsschullehrerInnen arbeiten nahezu täglich mit Jugend-        Alphabetisierung und Grundbildung e.V./Projekt „Chancen
den Befragten kamen durchwegs sehr positive Rückmel-                                                                                   lichen mit mangelnden Basisbildungskenntnissen. Um              erarbeiten“ und ein weiteres Mal vom Grundtvig-Projekt
dungen. Besonders der individuelle und wertschätzende               (Ad 9) Alle Leiter waren mit der Organisation der Kurse            dem Ausbildungspersonal den Zugang zur Zielgruppe und          „Moleya“.
Umgang wurde hervorgehoben. Der partnerschaftliche                 sehr zufrieden. Die Zusammenarbeit zwischen dem Schul-              die Arbeit mit ihnen zu erleichtern, sind eine Sensibilisie-
Umgang im Lernkontext war für die Jugendliche eine völ-            und dem Projektteam wurde sehr positiv gesehen. Die                 rung zum Thema und eine methodisch-didaktische Schu-             Grundbildung für Lehrlinge bzw. betriebliche Grundbil-
lig neue Erfahrung. In einigen Kursen stellte sich ein ho-         Kurse liefen reibungslos ab und für die Leiter bzw. Mitar-          lung unabdingbar. Das Projekt hat sich deshalb auch zum        dung muss daher als ein wesentlicher Bestandteil der Er-
hes Vertrauensverhältnis ein. Die Jugendlichen sprachen            beiterInnen ergab sich wenig zusätzlicher Aufwand. Die              Ziel gesetzt, Personen aus der Lehrlingsausbildung ein ad-     wachsenenbildung angesehen werden. Auch für die Zukunft
teilweise sehr offen mit den TrainerInnen, für sie hatte das       gesamte Koordination und Organisation der Kurse wurde               äquates Weiterbildungsangebot anzubieten. Dafür wurde          soll ein niederschwelliger Zugang für betroffene Arbeitneh-
persönliche Verhältnis zum/zur TrainerIn eine besonders            vom Projektteam übernommen. Dies war seitens der Di-                ein Weiterbildungskonzept in Abstimmung mit den Aus-           mer und Arbeitnehmerinnen gewährleistet werden. Alle
große Bedeutung. Ausdrücklich oft erwähnt wurden die               rektoren eine wichtige Bedingung zur Teilnahme gewesen.             bildungsstätten entwickelt. Das Bildungsangebot wurde          Evaluationsergebnisse und Erfahrungen aus bisherigen Pro-
Freundlichkeit und Empathie der TrainerInnen und deren                                                                                 in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule aus-           jekten der VHS Kärnten zeigen, dass Grundbildung für Mit-
Geduld, dass sie auf alle Fragen und Wünsche eingehen                Mit den ausgewählten TrainerInnen waren sie sehr zu-              geschrieben, sodass die teilnehmenden Personen arbeits-        arbeiterInnen dem betrieblichen Erfolg insgesamt absolut
würden, sowie die abwechslungsreiche und erwachse-                 frieden, diese zeigten ein hohes Maß an Engagement und              rechtlich abgesichert waren.                                   zuträglich ist. Mit dem Projekt „Jump – Jugendliche mit Per-
nengerechte Gestaltung der Trainingsstunden. Die Zufrie-           Kooperationsbereitschaft. Mit den behandelten Kursin-                                                                              spektive“ konnte deutlich gezeigt werden, dass die Teilhabe-
denheit mit dem Klima in der Gruppe wurde ebenso sehr              halten waren die Leiter zufrieden. Aus Sicht der Ausbil-             Die geplanten Kursinhalte wurden in einer Fokusgruppe         chancen auf lebenslanges Lernen für bildungsbenachteiligte
hoch eingeschätzt.                                                 dungsleiter wurden nicht nur jene Inhalte bearbeitet, die           zu Projektbeginn konkretisiert. Nachstehende Seminare          Jugendliche nachhaltig erhöht werden können.
                                                                   die Lehrlinge von der Pflichtschule nicht mitgebracht               bzw. Workshops im Gesamtausmaß von 80 Unterrichtsein-
TeilnehmerInnen über die TrainerInnen                              hatten, sondern auch die Themen der Berufsschule. Die               heiten wurden angeboten und durchgeführt:                        Die Lehrlingsausbildung steht in Österreich insgesamt auf
„Er hat immer ein offenes Ohr für jeden Teilnehmer.“               Lehrlinge sind in den Fächern Mathematik und Deutsch                 •	 Sensibilisierung und Hintergründe zum                      einem sehr hohen Niveau und genießt international ein sehr
                                                                   selbstsicherer geworden und holten versäumten oder ver-                 Thema Alphabetisierung und Basisbildung                    hohes Ansehen. Das Image der Lehre konnte durch eine
„Mir gefällt, dass sie alles erklären kann und zwar so, dass       gessenen Lernstoff auf. Dadurch war es möglich, dass                                                                               Reihe von Maßnahmen, wie z.B. Lehre mit Matura, deut-
man es auch versteht“.                                             der Unterricht in der Berufsschule homogener ablaufen                •	 Berufliches Coaching für die Arbeit mit                    lich erhöht werden. Wichtig ist aber auch der Blick auf das
                                                                                                                                           Jugendlichen mit Basisbildungsbedarf
                                                                   konnte, da die Lehrlinge schneller auf ein gleiches Niveau                                                                         andere Ende der Fahnenstange. Jährlich verlassen in Öster-
„Auch nach dem Kurs opfert er seine Freizeit. Um noch offene       gebracht werden konnten.                                             •	 Wie stelle ich den Basisbildungsbedarf fest?               reich rund 20.000 Jugendliche die Pflichtschule ohne aus-
Fragen von Teilnehmern zu beantworten. Die nicht alles ver-                                                                             •	 Zielgruppengerechte Methodik und Didaktik                  reichende Grundbildungskenntnisse. Diese haben große
standen haben oder noch was wissen wollen.“                         Auch eine positive Veränderung der TeilnehmerInnen                                                                                Schwierigkeiten in der Arbeitswelt bestehen zu können.
                                                                   wurde seitens der Leiter wahrgenommen. Die Leistungen                •	 Motivation von Jugendlichen                                Auch dieser Gruppe von Jugendlichen muss ein Bildungs-
                                                                                                                                           mit Basisbildungsbedarf
„Bei uns gibt es eine Wohlfühlatmosphäre.“                         der teilnehmenden Lehrlinge verbesserten sich und sie                                                                              angebot gemacht werden, damit sie nachhaltig auf dem Ar-
                                                                   konnten auch besser und flexibler den Zusammenhang                   Die Seminare erfolgten geblockt und wurden terminlich         beitsmarkt bestehen und zum wirtschaftlichen Erfolg der
 (Ad 8) Die Zufriedenheit mit dem Bildungsangebot lag in           zwischen Theorie und Praxis herstellen. Die Teilnehmer-             mit den Ausbildungsstätten abgestimmt. Besonders her-          Unternehmen beitragen können. Das Projekt Jump konnte
allen Gruppen auf einem sehr hohen Niveau. Daraus erga-            Innen wurden deutlich besser im Kopfrechnen. Das Text-              vorzuheben ist, dass am beschriebenen Weiterbildungs-          den Jugendlichen diese Perspektive geben.



Seite 108                                            Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.             Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                           Seite 109
BESCHÄFTIGUNG I Penz I Jump — Jugendliche mit Perspektive

Literatur
  Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards
    für die Alphabetisierung und Basisbildung.
    Wien: In.Bewegung, Netzwerk Basisbildung
    und Alphabetisierung in Österreich
                                                                                                                                              Brief an die Politik 2
  Freire, P. (1973), Pädagogik der Unterdrückten.
                                                                                                                                              Analphabetismius, und das in Österreich,
    Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei
                                                                                                                                              ich finde das ist ein Unwort das für alle Arten von Lernschwächen
    Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag
                                                                                                                                              eingesetz wird. Wenn ich diese Zahlen höre, die darüber immer wieder
  Freire, P. (1977), Erziehung als Praxis der                                                                                                 veröffentlicht werden, so fährt mir der kalte Schauer über den Rücken.
    Freiheit. Beispiele zur Pädagogik der                                                                                                     Ich kann es nicht glauben, dass es bei uns so viele Menschen
    Unterdrückten. Reinbeck bei Hamburg:                                                                                                      gibt, die weder lesen noch schreiben oder rechnen können.
    Rowohlt Taschenbuch Verlag
                                                                                                                                              Ja sicher, es wird schon einen kleinen Prozentsatz
  Kuwan, H. (2002), Weiterbildung von                                                                                                         geben, bei denen das Wort Analphabet zutrifft.
   „bildungsfernen“ Gruppen. In: Brüning,                                                                                                     Ist es nicht ein Armutszeichen für ein Land wie unseres, für unser
    Gerhild; Kuwan, Helmut: Benachteiligte                                                                                                    Schulsystem und für unsere Lehrer. Es ist mir schon bewusst, dass man
    und Bildungsferne – Empfehlungen                                                                                                          nicht den Lehrern alleine die Schuld zuweisen kann und darf?
    für die Weiterbildung. Bielefeld:
                                                                                                                                              Wenn jemand eine Lernschwäche hat, wird das bei uns noch
    Bertelsmann, S. 119–201(Teil 2)
                                                                                                                                              immer nicht richtig gefördert, es wird dafür zu wenig Geld
                                                                                                                                              bereitgestellt. Aber warum liegt es immer am lieben Geld?
                                                                                                                                              Vor allem denke ich, ist „Lernschwäche“ noch immer
                                                                                                                                              ein Tabuthema in unserer Gesellschaft, weil man auch
                                                                                                                                              gleich diese Unwort „Analphabet“ einsetzt.
 Die Autorin                                                                                                                                  Eltern schämen sich einzugestehen das ihre Kinder eine Schwäche
                                                                                                                                              haben. Lehrer müssten für ein Kind mit Schwächen mehr Zeit
 Mag. Isabella Penz
       a
                                                                                                                                              aufwenden, aber ist nicht gerade auch das die Aufgabe eines Lehrers?
 Leiterin der VHS Feldkirchen/St. Veit; Modulkoordinato-
 rin in der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung. Ge-                                                                                        Ist es so schlimm, wenn man einem Kind einige Stunden,
 boren 1975 in Feldkirchen/Kärnten; Ausbildung zur So-                                                                                        wenn auch unbezahlt, weiterhilft. Gehört das nicht zur
 zialpädagogin, Studium der Soziologie und Pädagogik                                                                                          Zivilcourage und ist es nicht ein beglückendes Gefühl, wenn
 an der Universität Wien; seit 2001 in verschiedenen Lei-                                                                                     man ein lernschwaches Kind ein Stück weiterträgt?
 tungspositionen in der Erwachsenenbildung tätig.                                                                                             Ich glaube, wenn Kinder vom Lehrer eine besondere Einsatzfreude
 Verein „Die Kärntner Volkshochschulen“                                                                                                       erfahren, so sind meist auch diese bereit sich zu bemühen und die Freude
                                                                                                                                              an der Schule wird gesteigert. Denn Lehrer, die sich für einzelne Kinder,
 www.vhsktn.at
                                                                                                                                              vielleicht in Zusammenarbeit mit den Eltern einsetzen, sind meist von
 i.penz@vhsktn.at
                                                                                                                                              den Schülern und der Gesellschaft sehr geschätzte Lehrer und die Früchte
                                                                                                                                              daraus sind meist eine gute Klasse mit einem besonderen Zusammenhalt.
                                                                                                                                              Lehrer hätten bestimmt öfter ein Glücksgefühl und müssten
                                                                                                                                              sich dadurch nicht so oft mit der neuen Volkskrankheit „Burn
                                                                                                                                              Out“ herumschlagen. Denn helfen macht glücklich.
                                                                                                                                              Vor allem finde ich, müssten diese Tabuthemen: Lernschwäche,
                                                                                                                                              Legastenie usw. besser erklärt und aufgearbeitet werden. Ich wünsche
                                                                                                                                              mir, dass das Wort Analphabetismus nicht so ziellos verwendet wird.
                                                                                                                                              Es gibt viele Menschen die dadurch verletzt werden und noch größere
                                                                                                                                              Probleme mit der Aufarbeitung ihrer Lernschwäche haben.


                                                                                                                                              Brigitte, 46
                                                                                                                                              Kursteilnehmerin




Seite 110                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                            Seite 111
BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch I Basisbildung in Kooperation mit Betrieben                                                                 Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG
                                                                                                                                                                                                   /



                                                                                                                             Bildung als Voraussetzung zur                                  chen sie dazu an Information, Schulung, Zeit etc.? Welche
                                                                                                                             Erhaltung der Arbeitsfähigkeit                                 Unterstützung/Kooperation durch Bildungsanbieter ist
                                                                                                                               Bildung, und damit ist zunehmend das lebenslange Ler-        notwendig?
                                                                                                                             nen gemeint, ist eine Voraussetzung, um die eigene Ar-
                                                                                                                             beitsfähigkeit zu erhalten. Dem Wandel der Zeit und den          Kernaufgabe der Belegschaftsvertretungen ist es, als ak-
                                                                                                                             Entwicklungen in Unternehmen entsprechend „mitlernen“          tives Bindeglied zwischen Unternehmen, Betroffenen und
                                                                                                                             zu können, setzt aber jenes Fundament an Basisbildung          Bildungsanbietern zu fungieren. Aufgrund ihrer bestehen-
                                                                                                                             voraus, auf das Weiterbildungsangebote der Erwachsen-          den Aufgaben und der geregelten Stellung im Betrieb ha-
                                                                                                                             enbildung und betriebliche Schulungsmaßnahmen übli-            ben sie nicht nur den guten Kontakt zur Zielgruppe und
                                                                                                                             cherweise aufbauen. Gelingt es nicht, diese „Bildungslü-       Kenntnisse über betriebliche Gegebenheiten, sondern
                                                                                                                             cke“ zu schließen, bedeutet dies für die Betroffenen, von      können in ihrer Rolle als „betriebliche Sozialmanager“ für
                                                                                                                             persönlicher und vor allem von beruflicher Entwicklung         diese Zielgruppe auch tatsächlich etwas bewirken.
                                                                                                                             ausgeschlossen zu sein, was längerfristig zum Verlust der
                                                                                                                             Arbeitsfähigkeit führen kann. Dabei sind die Ursachen für       Die mögliche Unterstützung für Bildungsanbieter durch
                                                                                                                             fehlende Basiskompetenzen ebenso vielfältig wie die Hin-       die BetriebsrätInnen umfasst vor allem:
                                                                                                                             dernisse, diese eigenständig aufzuholen.                        •	 Informationen über das Zielgruppenpotenzial

                                                                                                                              Viele Erfahrungen zeigen, dass eine aktive Unterstützung       •	 Arbeitsfelder und betriebliche
Christina Wimmer                                              Christian Wretschitsch                                         der Betroffenen für einen Wiedereinstieg in den persönli-          Rahmenbedingungen (z.B. Schichtarbeit) klären
Teilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung,              Projektmitarbeiter des Basisbildungsprojektes Fit²,            chen Bildungsprozess notwendig ist. Gerade, weil Arbeit im      •	 Vorgespräche und Kontakte zur
ÖGB Oberösterreich                                            ÖGB Oberösterreich                                             Kontext so vielfältiger Lebensdimensionen steht, ist sie ein       Unternehmensleitung bzw. mit den zuständigen
christina.wimmer@projekt-fit2.at                              edu.more@aon.at                                                geeigneter Ausgangspunkt und ein starkes Motiv, um indi-           personalverantwortlichen Führungskräften
                                                                                                                             viduelle Lernbarrieren zu überwinden.                           •	 Informationsweitergabe an die Zielgruppen
                                                                                                                                                                                             •	 Ansprache potenzieller TeilnehmerInnen
                                                                                                                             Eine neue Aufgabe für Gewerkschaften
                                                                                                                                                                                                als „Vertrauensperson“
                                                                                                                              Auch wenn die Ursachen für mangelnde Basiskompeten-
                                                                                                                             zen nicht aus dem Spannungsfeld ArbeitgeberInnen – Ar-          •	 Koordination von beratenden Erstgesprächen
                                                                                                                             beitnehmerInnen stammen, sollten die Gewerkschaften             •	 Information direkter Vorgesetzter und

Basisbildung in Kooperation mit Betrieben
                                                                                                                             die gezielte Förderung von Basisbildung als eine „neue Auf-        Absprachen über mögliche Unterstützungen
                                                                                                                             gabe“ wahrnehmen. In Anknüpfung an die über viele Jahre            und Rücksichtnahmen (z.B. Arbeitszeiten)
                                                                                                                             bewährte österreichische Form der Sozialpartnerschaft
                                                                                                                                                                                             •	 Organisatorische Unterstützung bei
Eine Argumentationsgrundlage                                                                                                 könnten die Gewerkschaften ihr Gewicht zur Verringerung
                                                                                                                             der vielfältigen, negativen Auswirkungen mangelnder Bil-
                                                                                                                                                                                                der Kursabwicklung bei firmeninternen
                                                                                                                                                                                                Kursen (z.B. Raumorganisation, PC etc.)
                                                                                                                             dung einbringen.
                                                                                                                                                                                             •	 Ansprechpartner/innen bei Problemen
                                                                                                                                                                                                und jeglichen Belangen rund um
  Basisbildung ist eine Grundlage, die jeder Mensch            losigkeit mit all ihren negativen Begleiterscheinungen aus,    Die Ziele der Gewerkschaften dabei sind,                          das Thema Basisbildung
braucht, um längerfristig aktiv am gesellschaftlichen und      sondern belasten und gefährden auch unsere gesellschaft-      „ihren“ ArbeitnehmerInnen
beruflichen Leben teilnehmen zu können. Mangelnde Ba-          lichen Strukturen erheblich. Ständig wachsende Sozialaus-       •	 eine Chance auf einen Wiedereinstieg                      Erfahrungen aus den Projekten
sisbildung ist sowohl individuell als auch gesellschaftlich    gaben führen unweigerlich zu Sozialabbau, Verdrängungs-            ins lebenslange Lernen zu geben,                          In.Bewegung I und II
mit negativen Folgen verbunden. Möglichst viele Basisbil-      wettbewerb führt zu Feindbildern und Ausgrenzung, an                                                                           Vielen BetriebsrätInnen war dieses Thema und vor al-
dungsangebote in die Praxis umzusetzen, erfordert auch         den gesellschaftlichen Rand gedrängt zu werden, macht           •	 den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit zu fördern,        lem ein aktiver Umgang damit neu. Die Rolle als „Agent für
neue Wege und neue Kooperationen. Mit seinem Engage-           anfällig für Angstparolen, um nur einige Punkte zu nennen.      •	 berufliche Entwicklungsmöglichkeiten                      Basisbildung“ erfordert ein ausreichendes Hintergrund-
ment in der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung will                                                                            zu eröffnen,                                              wissen und einen sensiblen Umgang – vor allem mit den
der Österreichische Gewerkschaftsbund einen aktiven Bei-        In den folgenden Überlegungen wurde der Fokus auf das          •	 mehr Sicherheit in der persönlichen                       Betroffenen. Zur Vorbereitung einer erfolgreichen Zusam-
trag dazu leisten.                                             Zusammenspiel von Basisbildung und Arbeit gelegt.                  Lebensplanung zu geben.                                   menarbeit war es unumgänglich, im Vorfeld eine Sensibi-
                                                                                                                                                                                            lisierungs- und Informationsphase mit folgenden Schwer-
Ist Basisbildung in                                            Arbeit, ein wesentlicher Faktor
                                                               für ein Leben in Würde
                                                                                                                               Die Erfahrungen aus den Projekten In.Bewegung I und II
                                                                                                                             zeigen, dass mit Unterstützung von Betriebsrätinnen und
                                                                                                                                                                                            punkten durchzuführen:

Betrieben eine Aufgabe                                          Arbeit bildet eine wesentliche Grundlage für ein Leben in    Betriebsräten ein sehr effizienter Zugang zur Zielgruppe
                                                                                                                                                                                             •	 Allgemeine Informationen über das Problem
                                                                                                                                                                                                mangelnder Basisbildung in Österreich
der Gewerkschaften?                                            Würde. In einer leistungsorientierten Gesellschaft bedeu-
                                                               tet Arbeitslosigkeit nicht nur eine generelle Verschlechte-
                                                                                                                             möglich ist. Vertrauensvolle AnsprechpartnerInnen, beruf-
                                                                                                                             licher Kontext und die Berücksichtigung und Nutzung be-         •	 Entstehung und typische Folgen für die
Entwicklungen in der Arbeitswelt                               rung der Lebensumstände, sondern sie geht auch einher         trieblicher Rahmenbedingungen, vorzugsweise mit Unter-             Betroffenen (Lerngeschichten, Armutsgefährdung,
  Betrachtet man die wirtschaftlichen Entwicklungen der        mit dem Verlust von Anerkennung und gesellschaftlicher        stützung der Unternehmensleitung, sind dabei wesentliche           Gesundheit, Lebenserwartung,
letzten Jahre, so kann festgestellt werden, dass gerade Ar-    Wertschätzung. Von Sozialleistungen abhängig zu sein,         Erfolgsfaktoren.                                                   Vermeidungsstrategien, Ängste und
beitsplätze für ungelernte bzw. schlecht ausgebildete Per-     sich die Teilhabe am „normalen“ gesellschaftlichen Leben                                                                         Schutzbedürfnis, Alltagssituationen etc)
sonen verstärkt verloren gehen. Mangelnde Basisbildung         nicht mehr leisten zu können, mit all seinen Auswirkun-       Die Rolle der                                                   •	 Beispiele von Lebensbiografien Betroffener
ist ein Grund dafür, dass Menschen den erhöhten Anfor-         gen auf das persönliche Umfeld, führen häufig zum Ver-        BelegschaftsvertreterInnen                                         und Erfolgsbeispiele von KursbesucherInnen
derungen nicht nachkommen können. Die Folgen wirken            lust der Selbstachtung bis hin zum totalen Rückzug aus          Welche Möglichkeiten haben BetriebsrätInnen, ihre Kol-
sich nicht nur auf individueller Ebene in Form von Arbeits-    dem gesellschaftlichen Leben.                                 legInnen in der Basisbildung zu unterstützen? Was brau-



Seite 112                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.     Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                           Seite 113
BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch I Basisbildung in Kooperation mit Betrieben                                                                       Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG
                                                                                                                                                                                                         /


 •	 Typische Vorurteile und deren Aufklärung
                                                               Diensthuber vom ÖGB- Oberösterreich. Aufgrund des bil-               Investitionen und Nutzen aus                                Vorbereitung der Kontaktaufnahme
                                                               dungspolitischen Rückschrittes unter Margaret Thatcher                                                                           mit Unternehmen
 •	 Sensibler sprachlicher Umgang
    und die Vermeidung von Begriffen,                          entwickelte sich eine besonders große Gruppe schlecht                unternehmerischer Perspektive                                Um mögliche Wege für ein Engagement von Unterneh-
    die zu Stigmatisierungen führen                            ausgebildeter ArbeitnehmerInnen. Die starken negativen                Warum lohnt es sich für Unternehmen, Basisbildungsan-      men in der Basisbildung zu eröffnen, sind deren Rahmen-
    könnten, z.B. Analphabet                                   wirtschaftlichen Auswirkungen hatten zur Folge, dass das             gebote im eigenen Betrieb anzubieten? Welche Unterstüt-     bedingungen und Verhaltensprämissen zu beachten. (Das
                                                               Thema Basisbildung sowohl von der Politik als auch von               zungen und Anreize können Unternehmen ihren Mitar-          heißt nicht, mit allem einverstanden zu sein, sondern mein
Nutzen für BetriebsrätInnen                                    den Gewerkschaften massiv in Angriff genommen wurde.                 beiterInnen anbieten, um deren Motivation zu fördern, an    Gegenüber besser zu verstehen und die richtigen Argu-
  Im Folgenden sind Argumente und Gründe aufgelis-             Wie der Entwicklungsstand zum Thema Basisbildung im                  einem Basisbildungskurs teilzunehmen?                       mente für mein Anliegen zu finden.):
tet, die von BetriebsrätInnen und Gewerkschaftsvertrete-       betrieblichen Kontext in Österreich ist, zeigt folgender Ver-
                                                                                                                                                                                                 •	 Klarheit über das eigene Angebot. Was kann
rInnen in Gesprächen und Diskussionen genannt wurden,          gleich, der im Rahmen der transnationalen Zusammenar-                Die betriebliche Situation
                                                                                                                                                                                                    ich anbieten und für wen? Was brauche ich
warum sie Basisbildung im betrieblichen Kontext als sinn-      beit gezogen worden ist.                                              Für die Zusammenarbeit mit Unternehmen stellt sich
                                                                                                                                                                                                    dazu? Was möchte ich vom Unternehmen?
voll erachten und unterstützen.                                                                                                     primär die Frage, welche Motive Unternehmen bzw. de-            Wie wäre der konkrete Ablauf etc.?
                                                                England                           Österreich
                                                                                                                                    ren verantwortliche Führungskräfte haben könnten, um
                                                                Basisbildung in betrieblichem     Themen der Alphabetisierung
Imagegewinn durch eine aktive Rolle:                            Kontext ist seit Jahren (Amts-    und Basisbildung werden im        sich mit dem Thema Basisbildung überhaupt auseinan-          •	 Möglichst umfassende Informationen
                                                                antritt Tony Blair) ein Thema.    betrieblichen Kontext kaum        derzusetzen. Betriebe holen sich üblicherweise jenes Per-       über den Betrieb sammeln. Dies ist die
 •	 Die BetriebsrätInnen können aktiv ein                                                                                                                                                           Basis für ein erfolgreiches Gespräch. Wer
                                                                                                  wahrgenommen.                     sonal, welches bereits die notwendigen Kompetenzen ent-
    Angebot zur persönlichen Förderung                                                                                                                                                              bist du und worüber reden wir?
    von MitarbeiterInnen anbieten.                              Basisbildung ist ein zentrales    Die Themen werden erst lang-      sprechend den betrieblichen Erfordernissen mitbringt.
                                                                Thema der Gewerkschaften.         sam aufgegriffen.                 Die Verantwortung für die „Arbeitsfähigkeit“ und die da-
 •	 Es stärkt die Position gegenüber der                                                                                                                                                         •	 Unternehmen müssen betriebswirtschaftlich
                                                                Die Maßnahmen werden von          BetriebsrätInnen sind in ih-      mit verbundenen Kompetenzen liegen aus ihrer Sicht vor-         handeln, um selbst langfristig bestehen
    Unternehmensleitung, wenn die                               allen Beteiligten getragen. Die   rer Funktion als betriebli-
    BetriebsrätInnen Maßnahmen fördern,                                                                                             zugsweise bei den ArbeitnehmerInnen selbst. Betriebliche        zu können. Welcher Nutzen kann
                                                                Wirkung wird dadurch erheb-       che Bildungsbeauftragte eher
    die auch dem Betrieb nützen.                                lich verstärkt.                   Einzelkämpfer/innen.              Weiterbildung dient vor allem einer kontinuierlichen Ent-       entstehen und von Interesse sein?
                                                                Basisbildung ist fixer Bestand-   Basisbildungsangebote müs-
                                                                                                                                    wicklung des Unternehmens und erst in zweiter Linie der
 •	 Die Belegschaft nimmt dieses Engagement positiv                                                                                                                                              •	 Wie sieht die Arbeitssituation in der Region aus?
                                                                teil der Arbeit.                  sen über Einzelprojekte orga-     Förderung einzelner Personen. Besonderes Interesse be-
    wahr, da nun auch für die Basisbildungsdefizite                                                                                                                                                 Wie leicht bekommt man Arbeitskräfte? Wie hoch
                                                                                                  nisiert werden.                   steht dabei vor allem an der Entwicklung von Führungs-          ist der Anreiz, sich um seine MitarbeiterInnen
    Bildungsmaßnahmen angeboten werden.
                                                                BetriebsrätInnen haben sich       Es existiert noch kaum Erfah-     kräften und FacharbeiterInnen.                                  zu sorgen und etwas zu investieren?
 •	 Die GewerkschaftsvertreterInnen machen nicht                entsprechende Kompetenzen         rung zu dieser Thematik.
    nur etwas für große Gruppen, die zur Stärkung               angeeignet und Erfahrungen
                                                                                                                                      Im Bereich der Basiskompetenzen ist die Gefahr beson-      •	 Unternehmen sind Teil der gesellschaftlichen
    der eigenen Position wichtig sind, sondern                  gesammelt.                                                                                                                          Strukturen und unterliegen damit auch einer
                                                                                                                                    ders groß, dass sich Betriebe für Fördermaßnahmen nicht
    setzen sich auch für schwächere Gruppen ein.                Basisbildung ist kein Ta-         Wenn sie sich zu ihren Lese-                                                                      soziokulturellen Beurteilung (z.B. Image, gute/r
                                                                buthema mehr. Betroffene          und Schreibproblemen be-          zuständig fühlen und eher einen Personalwechsel bevor-
                                                                                                                                                                                                    Arbeitgeber/in, umweltfreundlich, gesunde
Veränderung der persönlichen Wahrnehmung:                       können sich offen dazu be-        kennen, empfinden sie meist       zugen. Gespräche mit personalverantwortlichen Füh-
                                                                                                                                                                                                    Produkte, gutes Arbeitsklima etc.) Wie möchte
 •	 Die Auseinandersetzung mit diesem Thema
                                                                kennen. Dies erleichtert die      große Scham. Alphabetisie-        rungskräften zeigten, dass sie Personen, die über keine         das Unternehmen wahrgenommen werden?
                                                                Arbeit wesentlich.                rung wird eher als Tabuthema      ausreichende Basisbildung verfügen, erst gar nicht be-
    macht nicht nur sensibler für diese Zielgruppen,                                              gesehen, das erschwert die                                                                        Worauf legt es Wert? Was für ein Bild möchte
    sondern generell für die Probleme, Anliegen und                                               konkrete Arbeit erheblich.        schäftigen wollen. Durch den minimalen Aufwand, der             es unbedingt vermeiden? Hinweise findet man
    Bedürfnisse der Mitmenschen/der KollegInnen.                                                  Der Begriff Basisbildung kann
                                                                                                                                    bei der Einstellung von gering qualifizierten Arbeitneh-        häufig in Informations- und Werbematerialien
                                                                                                  neu konnotiert werden und ist     merInnen betrieben wird, kommt dies in der Praxis den-          oder branchenspezifischen Problemstellungen.
 •	 Die Selbstreflexion über eigene Schwächen
    und Bedürfnisse wird gefördert.
                                                                                                  nicht a priori stigmatisierend.   noch vor. Dies zeigt sich aber meist erst dann, wenn be-
                                                                                                                                                                                                 •	 Führungskräfte haben neben ihrer Funktion
                                                                                                                                    triebliche Anforderungen von diesen MitarbeiterInnen
                                                                                                                                                                                                    auch Eigeninteressen: Arbeitsaufwand,
Risiken für BetriebsrätInnen                                   Rückmeldungen von BetriebsrätInnen                                   nicht erfüllt werden können.                                    Zeitbudget, persönlicher Status, Image etc.
 Großes Interesse am Thema und hohes Engagement lie-            Erste Erfahrungen von BetriebsrätInnen in der betriebli-
ßen kaum negative Erwartungen und Risiken aufkommen.           chen Basisbildung führten zu folgenden Rückmeldungen:                  Führen im besten Fall wiederholte Arbeitsplatzeinschu-     •	 Führungskräfte sind auch (nicht nur privat)
Folgende Punkte kamen vereinzelt zur Sprache:                                                                                       lungen nicht zum gewünschten Ergebnis, wird in der Re-          Menschen. Was sie in ihrer Führungsfunktion
                                                                •	 Wer stets in einer weitgehend gesicherten Position
                                                                                                                                    gel die Kündigung ausgesprochen. Leider wird in der             (klare Zuständigkeiten und Verantwortung) nicht
 •	 Arbeitsüberlastung, wenn schon                                 gelebt hat, kann sich die Lebensumstände
                                                                                                                                    Folge häufig ein sehr negatives Bild von diesen Mitarbei-       wahrnehmen müssen, können sie als „Mensch“
    mehrere Projekte gleichzeitig laufen                           von Betroffenen kaum vorstellen.
                                                                                                                                                                                                    trotzdem tun. Ein Appell an die soziale (oder
                                                                                                                                    terInnen gezeichnet. Mangelnder Lernwille, Unfähigkeit
 •	 Vorwurf, dass sich BetriebsrätInnen um Leute                •	 Einen Zugang zum Thema finden die meisten                                                                                        auch moralische) Verantwortung greift, wenn
                                                                                                                                    bis hin zur Faulheit werden unterstellt. Dass häufig feh-       überhaupt, nur hier. Als individueller Mensch
    kümmern, die ohnehin nicht lernen wollen                       vor allem über die emotionale Ebene.
                                                                                                                                    lende Basiskompetenzen die eigentliche Ursache für das          Anerkennung zu bekommen, ist ein sehr starkes
 •	 Gefahr, bei Informationsmangel nicht richtig                •	 Man muss Betroffenheit herstellen. Ein reales                    Scheitern der Betroffenen sind, wird meist nicht erkannt        Motiv und oft ein Hauptschlüssel zum Erfolg.
    damit umgehen zu können                                        Bild über das tägliche Leben schildern.                          bzw. kommt gar nicht als Möglichkeit im Bewusstsein der
    (Unterstützung durch Informationen                          •	 Man muss erkennen, wie Biografien verlaufen                      verantwortlichen Führungskräfte vor (es folgt häufig der     •	 Zeit ist generell Mangelware!
    zum Umgang mit Vorurteilen!)                                   und die „Abwärtsspirale“ funktioniert.                                                                                           Gut vorbereitete, klare Informationen
                                                                                                                                    Verweis auf die Schulpflicht).
                                                                                                                                                                                                    sind daher absolut notwendig.
 •	 Vorwurf:„Warum kümmert ihr euch um die paar                 •	 Leider gibt es kein Patentrezept. Jeder versucht
    Leute, … wäre doch wichtiger, wenn ihr ...“                    nach seiner persönlichen Erfahrung und                            Weiters konnten wir feststellen, dass der Begriff Basis-    •	 Lösungsvarianten für zu erwartende Probleme
 •	 Befürchtung, dass die Führungskräfte                           Einschätzung der Dinge, das Beste zu machen.                     kompetenzen als ein relativ breit gefächerter Begriff im        sollten bereits vorbereitet sein. Führungskräfte
    nicht „mitspielen“ werden                                                                                                       Sinne von „Kompetenzvoraussetzungen für …“ verwen-              wollen meist schnell entscheiden. Bekannte
                                                                •	 Der Erfolg hängt auch von der betrieblichen                                                                                      Standardlösungen sind nicht immer die besten,
                                                                                                                                    det wird. Dementsprechend sollte unbedingt auf eine
                                                                   Verankerung des Betriebsrates und                                                                                                gute Lösungen fallen aber nicht vom Himmel.
Internationale Beobachtungen und Vergleiche                        der Unternehmenskultur ab.                                       Begriffsklarheit im Gespräch mit Personalisten geachtet
  Dieser Beitrag entstand infolge eines Besuchs der eng-                                                                            werden.                                                      •	 Betriebliche Abläufe sollten möglichst
lischen Gewerkschaft (TUC) als transnationaler Partner                                                                                                                                              wenig gestört werden. Dies bedeutet immer
von In.Bewegung I. Interviewpartner war Kollege Rudolf                                                                                                                                              Mehraufwand in den jeweiligen Abteilungen.



Seite 114                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.            Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                         Seite 115
BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch I Basisbildung in Kooperation mit Betrieben                                                                              Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG
                                                                                                                                                                                                                /


 •	 BetriebsrätInnen können in vielen Punkten
                                                                       Basisbildung schafft unter anderem genau diese „Ba-          Größere Unabhängigkeit auf                                                       welcher Maßnahme teilnehmen? Wie gut ist die Ziel-
    entscheidend helfen! Sie kennen nicht nur die
    KollegInnen, sondern auch die Arbeitsprozesse
                                                                     sis“. Diese Grundkompetenzen sind das Fundament, wenn          dem Arbeitsmarkt                                                                 gruppenansprache gelungen? Was waren fördernde vs.
    und vor allem die Unternehmenskultur.                            auch in einer großen Bandbreite, auf dem Erwachsenenbil-        Die interne Entwicklung notwendiger Kompetenzen, ein                            hemmende Formulierungen? Die gewonnenen Erkennt-
                                                                     dungsmaßnahmen normalerweise konzipiert werden. Be-            gutes Betriebsklima und eine damit verbundene geringere                          nisse der Evaluation müssen in den laufenden Planungs-
Welcher Nutzen entsteht für Unternehmen                              triebliche Basisbildung trägt somit wesentlich zu einer er-    Personalfluktuation verringern die Abhängigkeit vom Ar-                          prozess eingebunden werden, um die gewünschte Wir-
durch Förderung der Basisbildung?                                    folgreichen Personalentwicklung bei.                           beitsmarkt. Erhöhte Flexibilität, Lernfähigkeit und Lern-                        kung erzielen zu können.
 Um Betriebe für mehr Engagement in der Basisbildung                                                                                bereitschaft ermöglichen einen effizienteren Umgang mit
zu gewinnen, muss ein Nutzen für das Unternehmen ent-                Qualitätsverbesserung und                                      sich ändernden betrieblichen Anforderungen. Darüber hi-                          Organisatorische Rücksichtnahme
stehen. Im Folgenden wurden einige wesentliche Faktoren              Vermeiden von Fehlern                                          naus haben attraktive Arbeitgeber/innen eine größere Aus-                        auf Kurszeiten
unternehmerischen Interesses beleuchtet.                               Auch wenn nur geringe Qualifikationen für einen Tä-          wahlmöglichkeit bei der Neubesetzung von Arbeitsplätzen.                           Eine besondere Schwierigkeit stellt meist die Festle-
                                                                     tigkeitsbereich vorausgesetzt werden, führt ein Mangel         Sie müssen nicht suchen, sie werden gesucht.                                     gung möglicher Kurszeiten dar. Unter Umständen ist
                                                                     an Basiskompetenzen zu erhöhtem Aufwand. Beispiele:                                                                                             es daher notwendig, dass für den Zeitraum einer Maß-
                           Leistungsfähig-                           Nichtverstehen von Arbeitsanweisungen und sonstigen            Empfehlenswerte Investitionen                                                    nahme eine organisatorische Rücksichtnahme erforder-
                              keit und
                             Flexibilität
                                                                     schriftlichen Arbeitsunterlagen, unsicherer Umgang mit         des Unternehmens                                                                 lich ist. Überstunden, Außendienste oder Schichtwech-
                               fördern                               EDV-Systemen, Sicherheitsbestimmungen, Ausweichre-               Im Vergleich zu sonstigen Personalentwicklungsmaßnah-                          sel sind eventuell mit den Kurszeiten nicht vereinbar. In
            größere                           betriebliche
         Unabhängigkeit                      Weiterbildung           aktionen bei befürchteter Überforderung, erhöhtes Un-          men ist der Aufwand zur Förderung von Basisbildung sehr                          diesen Fällen sind die betroffenen Führungskräfte mit
              vom                             erleichtern
          Arbeitsmarkt
                                                                     fallrisiko etc.                                                gering, da für die Kursmaßnahmen selbst häufig auch öf-                          einzubeziehen, um Konflikte zu vermeiden. Ein schicht-
                                                                                                                                    fentliche Fördergelder zur Verfügung stehen. Trotzdem                            arbeitgerechtes Modell könnte folgendermaßen aus-
                                                                     Verbesserung der Kommunikation                                 hängt betriebliche Basisbildung vom Engagement und der                           sehen: Statt einer großen Lerngruppe mit zwei Trainer-
                                                                       Mangelnde Kompetenzen führen zu Unsicherheit. In ent-        Unterstützung des Unternehmens ab.                                               Innen werden zwei Kleingruppen jeweils vor und nach
                                                       Qualitäts-
     Image,                betrieblicher
                                                     verbesserung    sprechenden Situationen neigen Betroffene dazu, sich eher                                                                                       einem Schichtwechsel angeboten. Die TeilnehmerIn-
  Betriebsklima,            Nutzen von
                                                       und das       zurückzuziehen, sich passiv zu verhalten. Eine konstruk-                                                                                        nen können gemäß ihrer Arbeitszeit flexibel bestimmen,
   Attraktivität           Basisbildung               Vermeiden
     fördern                                                         tive Kommunikation wird dadurch erheblich erschwert.                                                                                            wann sie den Kurs besuchen. Erfahrungen aus der Praxis
                                                      von Fehlern                                                                                              Anteil der Kurszeit als
                                                                                                                                                                Arbeitszeit, Anreize
                                                                     Basisbildung fördert nicht nur die Kompetenzen, sondern                                                                                         zeigen, dass die Gruppengrößen trotzdem relativ kons-
                                                                     auch die Selbstsicherheit und das Zutrauen, sich aktiv ein-                                                                                     tant sind.
                                                                     zubringen und unterstützt damit auch die betrieblich not-
        Verantwortungs-                       Verbesserung
          übernahme,                              der                wendige Kommunikation.                                                                                                          Unterstützung   Kursraum zur Verfügung stellen
         Identifikation,                     Kommunikation                                                                            Kursraum zur                                                   durch Leitung
           Loyalität                                                                                                                   Verfügung                                                          und
                                                                                                                                                                                                                       Es wirkt sich in vielen Fällen vorteilhaft aus, wenn Schu-
                             Bindung an
            steigern
                                das                                  Bindung an das Unternehmen festigen                               stellen, ev.                Investitionen zur                 Belegschafts-   lungen in betriebseigenen Räumlichkeiten stattfinden
                                                                                                                                         mit PCs                    Förderung von                     vertretung
                            Unternehmen                               Weiterbildung festigt in der Regel auch die Bindung an                                                                                         können. Der Wegfall von Wegzeiten, passenden Fahrge-
                                                                                                                                                                     betrieblicher
                              festigen
                                                                     das Unternehmen. Durch Bildungsangebote wird auch                                               Basisbildung                                    legenheiten und den dafür notwendigen Pufferzeiten er-
                                                                     Wertschätzung und Anerkennung zum Ausdruck ge-                                                                                                  leichtern die Teilnahme oft entscheidend. In Abstimmung
                                                                     bracht. Es signalisiert den MitarbeiterInnen, dass sie ge-                                                                                      mit den TrainerInnen bzw. der Bildungseinrichtung ist
Leistungsfähigkeit und Flexibilität fördern                          braucht werden und der Betrieb längerfristig auf ihre                                                                                           auf eine geeignete Größe und Ausstattung (PCs) zu ach-
 Bestehende Potenziale werden oft erst durch entspre-                Mitarbeit baut.                                                            organisatorische                                                     ten. Kursräume bzw. Rahmenbedingungen sind auch ein
                                                                                                                                                Rücksichtnahme                    Zeit für Planung
chende Schulungen erkannt und für das Unternehmen                                                                                               auf Kurszeiten                    und Evaluierung                    Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Teilnehmer-
nutzbar. Mehr Selbstsicherheit und Kompetenz bei der                 Verantwortungsübernahme,                                                                                                                        Innen bzw. dem beigemessenen Wert der Maßnahme.
Durchführung übertragener Aufgaben steigern die Pro-                 Identifikation und Loyalität steigern
duktivität, erhöhen die Übernahme von Verantwortung                    Betriebliche Bildung vermittelt den MitarbeiterInnen die                                                                                      Anrechnung von Kurszeit als
und verringern Fehlleistungen. Mehr Selbstvertrauen                  Botschaft: Ich werde langfristig gebraucht; man traut mir                                                                                       Arbeitszeit — und besondere Anreize
fördert auch die Veränderungsfähigkeit und -bereit-                  etwas zu; ich bin es dem Betrieb wert, man vertraut mir; ich   Unterstützung durch Leitung und                                                    Ein Wiedereinstieg in den Bildungsprozess ist für „bil-
schaft. Flexiblere Einsatzmöglichkeiten und die Fähig-               gehöre dazu. Dies erhöht die Identifikation mit dem Unter-     Belegschaftsvertretung                                                           dungsferne“ Personen durch eine Reihe von Hürden ge-
keit, sich Veränderungen anzupassen, gehen damit Hand                nehmen und steigert das „Wir-Gefühl“. Eine starke Identifi-      Sollen alle positiven Faktoren betrieblicher Bildung zum                       kennzeichnet. Fehlende positive Erfahrungen lassen den
in Hand.                                                             kation fördert die Übernahme von Verantwortung und die         Tragen kommen, muss sie tatsächlich als gewollte Maß-                            Wert persönlicher Weiterbildung zu Beginn oft schwer er-
                                                                     Loyalität dem Unternehmen gegenüber. Dies wirkt sich z.B.       nahme von allen mitgetragen werden. Bildung ist auch                            kennen, wodurch die Bereitschaft, selbst etwas zu inves-
Betriebliche Weiterbildung erleichtern                               in einer hohen Bereitschaft aus, auch schwierige betrieb-       eine betriebliche Investition, die auf vielen unterschiedli-                    tieren (Zeit, Geld, organisatorischer Aufwand, …), eher ge-
 Betriebliche Weiterbildung ist zunehmend auch in Ar-                liche Situationen gemeinsam durchzustehen (z.B. Kurzar-         chen Ebenen wirken kann (siehe Nutzendarstellung). Eine                         ring ist. Zusätzliche Anreize in der Einstiegsphase könnten
beitsbereichen mit niedrigen Qualifikationsanforde-                  beit bei schlechter Auftragslage).                             „halbherzige“ Investition (Unterinvestition) führt oft zum                       diese Hürde überwinden helfen.
rungen notwendig. EDV-Systeme, Qualitätssicherung,                                                                                   gegenteiligen Ergebnis.
Sicherheitsbestimmungen, Unfallverhütung, Arbeitsan-                 Image, Betriebsklima, Attraktivität fördern                                                                                                      Direkte Kosten für Basisbildungsmaßnahmen werden
weisungen etc. sind nur einige Stichworte, die zeigen, in             Basisbildungsangebote zeigen auch MitarbeiterInnen der        Zeit für Planung und Evaluierung                                                 weitgehend durch Förderungen gedeckt (Förderungen von
welchen Bereichen Schulungen erforderlich sind, um Ar-               unteren Lohnbereiche, dass sie wichtig sind, ernst genom-        Wie bei jeder Investition ist eine gute Planung der halbe                      Einzelpersonen und betriebliche Förderungen). In diese
beitsprozesse effizient zu gestalten. Alle gängigen Schu-            men werden und einen wesentlichen Beitrag zum Unter-           Erfolg. Ebenso sollte zumindest eine strukturierte Nach-                         Zielgruppe werden im Vergleich zu anderen Berufsgrup-
lungskonzepte setzen aber ein gutes schriftsprachliches              nehmenserfolg leisten. Dies fördert ein positives Betriebs-    betrachtung – im Sinne einer Selbstevaluation – durchge-                         pen ohnehin nur geringe Investitionen getätigt. Darüber
Verständnis und die Übung im Umgang mit Lernmateri-                  klima, steigert das Image und erhöht die Attraktivität der     führt werden. Neben den Inhalten der Bildungsmaßnah-                             hinaus wäre es empfehlenswert, das betriebliche Interesse
alien und Arbeitsmethoden voraus. Sind diese Vorausset-              Firma als Arbeitgeberin.                                       men und den organisatorischen Rahmenbedingungen                                  durch zusätzliche Anreize zum Ausdruck zu bringen. Der
zungen nicht gegeben, führen betriebliche Schulungen                                                                                ist vor allem eine geeignete Kommunikation mit den                               Kreativität sind hier kaum Grenzen gesetzt.
kaum zum gewünschten Ergebnis.                                                                                                      Zielgruppen und deren Vorgesetzten zu planen und zu
                                                                                                                                    evaluieren. Wer darf/soll zu welchen Bedingungen an



Seite 116                                                Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                              Seite 117
BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch I Basisbildung in Kooperation mit Betrieben

„Ich bin es dem Betrieb wert!“
 •	 Anrechnung von Kurszeit als Arbeitszeit.
    Dies kann auch in einem prozentuellen
    Anteil vereinbart werden.
 •	 Zusätzliche Urlaubszeit:
    Kurszeit(-anteile) umgerechnet auf Urlaubstage
 •	 Bildungsgutscheine für weiterführende
    Kurse bei einem Bildungsanbieter
 •	 Unterstützende Lehr- und Lernmittel
    (auch Gutscheine – diese können oft über
    den Einkauf organisiert werden)
 •	 Kleine Anerkennungen als Zeichen der



                                                                                                                         QUALITÄT
    Wertschätzung: Pausengetränke, Obstkorb,
    USB-Stick bei EDV-Kursen etc.


Resümee
  Neben der Qualität der Bildungsmaßnahmen stellt sich
vor allem die Frage, wie wir bildungsferne Menschen er-
                                                                                                                         Antje Doberer-Bey Max
                                                                                                                         Mayrhofer Rosmarie
reichen und welche Unterstützung sie brauchen, um wie-
der in den Bildungsprozess einzusteigen bzw. einsteigen



                                                                                                                         Zarfl Sonja Muckenhuber
zu können. Wir haben versucht, einen Lösungsweg zu be-
schreiben und Argumente dafür anzuführen. Arbeit und
Bildung, zwei wesentliche Lebensgrundlagen, Kooperation
als Basis für gemeinsamen Erfolg, Wertschätzung und Ver-
trauen als Grundlage sozialer Gemeinschaft.
                                                                                                                         Heide Cortolezis
 Die AutorInnen
 Christina Wimmer, Bakk.Komm.
 Projektleiterin des ÖGB Basisbildungsprojektes Fit²,
 Studium der Kommunikationswis-
 senschaft Universität Salzburg
 Österreichischer Gewerkschaftsbund Lan-
 desorganisation Oberösterreich
 www.oegb.at
 christina.wimmer@projekt-fit2.at

 Christian Wretschitsch
 Projektmitarbeiter des ÖGB Basisbildungsprojektes Fit²;
 selbst. Berater für Organisationsberatung und Coaching
 Österreichischer Gewerkschaftsbund Lan-
 desorganisation Oberösterreich
 www.oegb.at
 edu.more@aon.at




Seite 118                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Seite 119
QUALITÄT I Doberer-Bey I Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung                                                 Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung I Doberer-Bey I QUALITÄT



                                                                                                                                                   Zielsetzungen                                                 rungen der Praxis.

                                                                                                                                                     Ziel der Qualitätsstandards war es, die Grundlagen zur       5). Interviews mit TrainerInnen in den Umsetzungsmo-
                                                                                                                                                   Entwicklung der Qualität auf allen Ebenen der Alphabeti-      dulen der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung (Salz-
                                                                                                                                                   sierungs- und Basisbildungsarbeit zu schaffen. Im Sinne       burg, Kärnten, Oberösterreich) – wie 4).
                                                                                                                                                   der begünstigten Zielgruppen sollten sie mittelfristig rea-
                                                                                                                                                   lisiert werden und die Grundlage der Politiken und Finan-      6). Interviews mit KursteilnehmerInnen in den Maßnah-
                                                                                                                                                   zierungspläne sein, um dauerhaft die Qualität von Bera-       men der Umsetzungsmodule (Pongau, Klagenfurt, Steyr,
                                                                                                                                                   tungs- und Kursangeboten zu garantieren.                      Linz) über ihre Erfahrungen in den Kursen.

                                                                                                                                                   Qualitätsstandards                                             7). Workshop mit österreichischen ExpertInnen aus
                                                                                                                                                    •	 geben Orientierung und sind                               dem Burgenland, aus Vorarlberg, Tirol und Wien (VHS
                                                                                                                                                       Steuerungsinstrument bei der                              Meidling) und mit PartnerInnen der Entwicklungspartner-
                                                                                                                                                       Planung, Entwicklung und Umsetzung                        schaft In.Bewegung I sowie diverse Diskussionsrunden im
                                                                                                                                                       von Basisbildungsangeboten;                               internen Kreis der Entwicklungspartnerschaft.
                                                                                                                                                    •	 wirken der Benachteiligung aller
                                                                                                                                                       Personengruppen entgegen und fördern                        Das gewonnene reichhaltige Material bildete die Grund-
                                                                                                                                                       deren gesellschaftliche Integration;                      lage für die Qualitätsstandards und das TrainerInnenprofil
Antje Doberer-Bey                                                                                                                                   •	 fördern die Gleichstellung von Frauen
                                                                                                                                                                                                                 sowie für ein erstes Berufsbild.
doberer-bey@aon.at                                                                                                                                     und Männern au dem Arbeitsmarkt
                                                                                                                                                       und in der Gesellschaft;                                  Die Qualitätsstandards
                                                                                                                                                    •	 stellen einen Referenzrahmen zur Bewertung
                                                                                                                                                                                                                  Die Ergebnisse der Recherche, insbesondere aus England
                                                                                                                                                       geplanter Maßnahmen für die öffentliche Hand dar;
                                                                                                                                                                                                                 und der Schweiz, zeigten, dass die Qualität von Angeboten
                                                                                                                                                    •	 beschreiben die Bedarfe zielführender                     auf drei Ebenen zu sichern ist: auf der Ebene der instituti-
                                                                                                                                                       Basisbildungsangebote und den daraus                      onellen Rahmenbedingungen, der Angebotskonzepte und
                                                                                                                                                       abzuleitenden finanziellen Aufwand.                       der TrainerInnen.

                                                                                                                                                   Der Entwicklungsprozess                                       1.) Die institutionellen Rahmenbedingungen
Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und                                                                                                                Die Qualitätsstandards und das TrainerInnenprofil wur-
                                                                                                                                                                                                                   Zunächst ist eine Strategie zur Implementierung eines kon-
                                                                                                                                                                                                                 tinuierlichen Angebotes erforderlich, die sowohl gezielte Öf-
Qualitätsstandards für die Basisbildung                                                                                                            den auf der Grundlage der Expertise von Fachkräften aus
                                                                                                                                                   dem Inland und dem Ausland entwickelt, wobei Konzepte
                                                                                                                                                                                                                 fentlichkeitsarbeit als auch die Vernetzung mit wichtigen
                                                                                                                                                                                                                 MultiplikatorInnen und für die Zielgruppen relevanten Part-

Ein Erfahrungsbericht                                                                                                                              aus England, der Schweiz und aus Deutschland Berück-
                                                                                                                                                   sichtigung fanden. Die Entwicklung erfolgte über folgende
                                                                                                                                                                                                                 nerInnen umfasst. Wichtig sind weiters eine zielgruppenad-
                                                                                                                                                                                                                 äquate Ausstattung, die den Zugang zu PC und Internet
                                                                                                                                                   Schritte:                                                     ebenso umfasst wie ansprechende, erwachsenengerechte
                                                                                                                                                                                                                 Räumlichkeiten, die das Arbeiten in unterschiedlichen Lern-
                                                                                                                                                    1). Internetrecherche im In- und Ausland: Vorhandene         settings ermöglichen. Um den niederschwelligen Zugang zu
In diesem Beitrag wird der Prozess beschrieben, der im                              zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits die gesell-     Konzepte von Qualität und Beschreibungen von TrainerIn-       gewährleisten, muss die Kommunikation und Eingangsbe-
Zeitraum von 2005 bis 2007 zu den Qualitätsstandards                                schaftlichen Anforderungen und Bedingungen für partizi-        nenqualifikationen wurden recherchiert.                       ratung den Bedürfnissen der Zielgruppen angemessen sein.
für die Basisbildung und zur ersten Formulierung eines                              pative Lebensformen berücksichtigen und andererseits die                                                                     Hierzu zählt auch eine ausgewiesene und einschlägig quali-
TrainerInnenprofils geführt hat. Ausgehend von der da-                              Zugangsbarrieren reduzieren, indem sie individuell maß-          2). ExpertInnen-Interviews: Erfahrene KollegInnen aus       fizierte Ansprechperson, die für Erstberatung und laufende
maligen Lage werden die Zielsetzungen und die einzelnen                             geschneidert sind und die Lernenden in Anknüpfung an           den erwähnten Ländern wurden persönlich interviewt:           Beratung zur Verfügung steht.
Entwicklungsschritte dargestellt. Anschließend werden                               ihre biografischen Voraussetzungen maximal fördern. In-        Jane Mace (Forschung, Konzeptentwicklung, TrainerIn-
kurz die verschiedenen Ebenen der Qualitätssicherung                                nerhalb der qualitativ abzusichernden Parameter rückten        nenausbildung) und Alison Hay (Evaluation von Maß-            2.) Die Angebote
und das TrainerInnenprofil skizziert. Ein Resümee und                               die TrainerInnen als zentrale AkteurInnen sehr schnell ins     nahmen und Beratung) aus England; Heidi Ehrensperger            Angebote der Basisbildung erfordern individuelle Lern-
der Blick auf die längerfristigen Ergebnisse runden diesen                          Blickfeld und mit ihnen die Frage nach ihrem professionel-     (Qualitätssicherung, Organisationsentwicklung, Traine-        zielfeststellungen in der Eingangsphase sowie umfassende
Beitrag ab.                                                                         len Profil. Beide Themenbereiche waren somit von Beginn        rInnenausbildung) und Sylvia Herdeg (TrainerInnenaus-         (Lern-)Beratungsleistungen. Kenntnisse und Kompetenzen,
                                                                                    an eng miteinander verknüpft.                                  bildung, Unterrichtspraxis und Autorin) aus der Schweiz;      persönliche Ziele und Lebensrealitäten der TeilnehmerInnen
Ausgangslage                                                                                                                                       Marion Döbert (Unterrichtspraxis, Koordination und Ex-        bilden die Grundlage des gemeinsam zu entwickelnden Lern-
                                                                                     Im sogenannten „Teilprojekt 2“ sollte ich die Entwicklungs-   pertin des deutschen Bundesverbands Alphabetisierung)         planes. Dabei gestaltet sich die Zielfindung und Zielentwick-
  Als sich die Gründungsmitglieder des Netzwerks Basis-                             arbeit an der Volkshochschule Wien Floridsdorf realisieren,    aus Deutschland.                                              lung als dialogischer Prozess, der die Lernbereitschaft und
bildung1 im Herbst 2004 zusammenfanden, um die Ein-                                 unterstützt von der Projektpartnerin Christine Schubert im                                                                   Autonomie der TeilnehmerInnen fördert und die Vorausset-
reichung des ersten EQUAL-Projektes In.Bewegung I                                   BHW Niederösterreich. Ich verfügte über langjährige Erfah-      3). Sichtung einschlägiger Literatur                         zung für die Integration in nachhaltige Lernprozesse darstellt.
(2005–2007) vorzubereiten, war bald klar, dass eine der                             rung in den verschiedenen Bereichen der Basisbildung und
zukünftigen Herausforderungen für das Arbeitsfeld die                               Alphabetisierung, war Anbieterin der ersten TrainerInnen-       4). Interviews mit TrainerInnen und AbsolventInnen             In den Kursen werden erwachsenengerechte Materia-
Qualität sein würde. Qualifizierte Basisbildungsangebote                            ausbildung und zusätzlich über EU-Projekte mit internatio-     der Lehrgänge zur Ausbildung von Alphabetisierungspä-         lien eingesetzt, die auf Lernziele der TeilnehmerInnen abge-
                                                                                    nalen ExpertInnen vernetzt. Hieraus ergaben sich günstige      dagogInnen I und II am Bundesinstitut für Erwachsenen-        stimmt sind. Die angewandten Methoden sind vielseitig und
1 Brigitte Bauer abc-Salzburg, Antje Doberer-Bey VHS 21 Floridsdorf, Mag. Leander
Duschl VHS Linz, Mag.a Sonja Muckenhuber VHS Linz, Mag. Otto Rath ISOP GmbH.        Voraussetzungen für die Realisierung des Vorhabens.            bildung in Strobl über ihre Erfahrungen und die Anforde-      bieten ein breites Spektrum an Lernmöglichkeiten. Eine re-



Seite 120                                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                             Seite 121
QUALITÄT I Doberer-Bey I Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung                               Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung I Doberer-Bey I QUALITÄT



gelmäßige Evaluierung ist ebenfalls Bestandteil qualitätsgesi-   TrainerInnenprofil                                              Resümee und Ausblick                                           Literatur
cherter Angebote.
                                                                 und Berufsbild                                                    Die bis 2007 als vorläufiges Produkt ausgearbeiteten Qua-     Boyd, S. (2005), The Skills for Life
3.) Die TrainerInnen                                              Qualifizierte TrainerInnen der Basisbildung zeichnen sich      litätsstandards bildeten eine solide Grundlage für die Ent-       Initiative. In: Basic Skills Professional
 An die Professionalität von Basisbildungs- und Alpha-           durch Kompetenzen in folgenden Bereichen aus: allgemei-         wicklung eines Systems zur Umsetzung von Qualitätszie-            Development, Issue 2, S. 4–5. London.
betisierungstrainerInnen wird ein besonders hoher An-            nes Wissen und Verständnis, Fachkompetenz und perso-            len, das in der Folge mit In.Bewegung II im Rahmen des
                                                                                                                                                                                                 Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards
spruch gestellt, sind sie doch ein zentrales Element für         nale Kompetenz.                                                 Teilprojekts 10 umgesetzt werden konnte und das ebenfalls
                                                                                                                                                                                                   für die Alphabetisierung und
das Gelingen der Integration der Zielgruppen in Lern-                                                                            in dieser Publikation beschrieben ist.
                                                                                                                                                                                                   Basisbildung. Herausgegeben von
prozesse und in das lebensbegleitende Lernen. Sie tra-           Allgemeines Wissen und Verständnis                                                                                                der Entwicklungspartnerschaft
gen wesentlich zur Entwicklung und zum Erfolg der Ler-             Professionelles Handeln gründet auf dem Verständnis und        Betrachten wir heute das Ergebnis der damaligen An-              In.Bewegung – Netzwerk Basisbildung
nenden bei.                                                      Wissen der verschiedenen Wirkungszusammenhänge, wie             strengungen, ist festzustellen, dass wesentliche Ziele er-        und Alphabetisierung in Österreich.
                                                                 die Bedeutung von Basisbildungsdefiziten im gesellschaft-       reicht wurden (Stand 12/2009):
  Als Expertinnen und Experten für die Vermittlung der           lichen Kontext, deren soziale, ökonomische und kulturelle                                                                       Doberer-Bey, A. (2007), Berufsbild –
                                                                                                                                  •	 Die Politik bekennt sich zu Bestrebungen,                     TrainerInnenprofil für die Basisbildung
Kulturtechniken und Literalität fördern sie auch die Ent-        Auswirkungen auf die Betroffenen oder die Implikationen
                                                                                                                                     möglichst vielen BürgerInnen einen                            und Alphabetisierung mit Erwachsenen
wicklung personaler Kompetenzen, wie Selbstorganisa-             für das Lehren und Lernen. Aber auch die Ursachen und
                                                                                                                                     kostenlosen und niederschwelligen Zugang                      deutscher Erstsprache. Herausgegeben
tion, Lernen lernen oder Kommunikation. Neben ihrer              Hintergründe oder die Kenntnis der nationalen Rahmenbe-             zur Basisbildung zu ermöglichen.                              von der Entwicklungspartnerschaft
Fachlichkeit müssen sie in der Lage sein, einen Perspek-         dingungen für die Basisbildung gehören zur Professionalität.                                                                      In.Bewegung – Netzwerk Basisbildung
tivenwechsel zu vollziehen und das Lernangebot in ei-            Basisbildung und (Bildungs-)Konzepte sind jeweils vor dem        •	 Eine gesetzliche Grundlage für die                            und Alphabetisierung in Österreich.
nem partizipativen Prozess mit den Lernenden zu pla-             Hintergrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten zu reflek-         Implementierung von qualitätsgesicherten
nen und zu entwickeln, unter Berücksichtigung der                tieren, und die Anspruchserwartungen der Arbeitswelt und            Angeboten wird geschaffen und                               Döbert, M. et al. (2001), Qualitätssicherung
                                                                                                                                     Rahmenrichtlinien für die Förderung von                       in der Alphabetisierung. Positionspapier.
jeweils individuellen Ressourcen, Ziele und Interessen.          des Alltagslebens sind in die Konzepte zu integrieren.
                                                                                                                                     Maßnahmen werden festgeschrieben („Initiative                 www.alphabetisierung.de/fileadmin/
Auf diese Weise stärken sie die Fähigkeiten zum autono-
                                                                                                                                     Grundbildung“ 2008–2010, bm:ukk).                             files/Dateien/Downloads_BV/
men und selbstorganisierten Lernen.                              Fachkompetenz                                                                                                                     Qualitatssicherung_Positionspapier.pdf
                                                                   Fachkompetenz gliedert sich in theoretisches Wissen (z.B.      •	 Eine angemessene finanzielle Unterstützung
  Basisbildung mit Erwachsenen heißt demnach auch,               Ansätze der Alphabetisierung und Basisbildung; sprachwis-           jener Institutionen, die ihre Angebote mit den              von Küchler, F. / Meisel, K. (Hrsg.) (2000),
Brücken zu schlagen zwischen früheren Lernerfahrun-              senschaftliche Grundlagen; Lerntheorie; Gendermainstrea-            Qualitätsstandards abstimmen, ist vorgesehen.                  Herausforderung Qualität.
gen und neuen Möglichkeiten, zwischen Versagensängs-             ming, Diversity und Evaluationskonzepte; Legasthenie und                                                                           Dokumentation der Fachtagung
                                                                                                                                  •	 Eine flächendeckende Angebotsentwicklung wird                 „Qualitätssicherung in der Weiterbildung“ vom
ten und den eigenen Stärken und Potenzialen. Basisbil-           Dyskalkulie), in Methodik und Didaktik (Kompetenzfeststel-          durch neue Richtlinien des Bundesministeriums                  2. bis 3. November 1999. DIE, Deutsches Institut
dung bedeutet eine Umdeutung des Selbstbildes und                lung, Entwicklung der (Erst-)Lese- Schreib-, Rechen- und            für Unterricht, Kunst und Kultur unterstützt.                  für Erwachsenenbildung.
die Eröffnung neuer Perspektiven – über die zu entwi-            IKT-Kompetenz sowie Methoden der Lernberatung) und in                                                                              Bielefeld: Verlag W. Bertelsmann
ckelnden Kulturtechniken. Hier unterscheiden sich Ba-            praktische Umsetzungskompetenz (Leitung von Gruppen,              Für eine neue Phase ab 2011, mit geänderten Förderstruk-         www.die-bonn.de/esprid/dokumente/
sisbildungskurse von sonstigen Kursen der Erwachsen-             Steuerung von Lernprozessen, produktorientiertes Arbeiten,      turen, verfügt das Arbeitsfeld durch die vom Ministerium           doc-1999/kuechler99_01.pdf
enbildung und Schulungsmaßnahmen: Sie sind eine                  Förderung interkultureller Kompetenz, lösungsorientierter       für Unterricht, Kunst und Kultur und ESF über die Projekte
Art ‚Einstiegsmedium’ in Lernprozesse, eine sensible             Umgang mit Konflikten etc.).                                    von In.Bewegung I + II – Netzwerk Basisbildung und Alpha-       Liebald, C. (2000), Qualitätsmanagement
Schnittstelle, an der sich entscheidet, ob Lernen posi-                                                                          betisierung finanzierte Entwicklungsarbeit nun über ein           in der Weiterbildung. Ein Leitfaden für
                                                                                                                                                                                                   die Praxis. Weiterbildung Materialien.
tiv und als sinnvoll erlebt wird und der aufgewendeten           Personale Kompetenz                                             solides Fundament. Auch wenn nicht immer im erwünsch-
                                                                                                                                                                                                   Hrsg. v. Landesinstitut für Schule und
Mühe wert ist.                                                     Bestimmte persönliche und soziale Grundhaltungen sind         ten Umfang und in jedem Punkt die angestrebte Ausrich-            Weiterbildung. Bönen: Kettler.
                                                                 für erfolgreiches berufliches Handeln ebenso ausschlag-         tung gelingt, so ergeben sich doch insgesamt Schritte in die
  Die drei genannten Ebenen beeinflussen sich gegensei-          gebend wie die fachliche Kompetenz. Hierzu zählen bei-          richtige Richtung.                                              NRDC, National Research and Development
tig und sind nicht voneinander zu trennen. Die entwi-            spielsweise (Selbst-)Reflexivität und Lernbereitschaft, Kol-                                                                     Centre for Adult Literacy and Numeracy
ckelten Standards sind zwar unterschiedlich zu gewich-           legialität und Kooperation, Zentriertheit auf Lernen und                                                                         (2005), Study of the impact of the
ten, doch jeder ist zu beachten und in seiner Wirkung            LernerInnenautonomie sowie Gerechtigkeit, Gleichheit                                                                              Skills for Life learning infrastructure
                                                                                                                                                                                                   on learners. www.nrdc.org.uk
wahrzunehmen, und zwar zum Wohle und Nutzen der
TeilnehmerInnen in den Kursen.
                                                                 und Integration (vgl. Boyd, 2005). Auch Fähigkeiten wie
                                                                 Kommunikationsfreudigkeit, Flexibilität und Belastbar-
                                                                                                                                  Die Autorin                                                    Schermann, N. (2005), Fehler, freundliche
                                                                 keit sowie Konfliktfähigkeit oder Humor sind wichtige Ele-       Antje Doberer-Bey                                                Kulturen und Qualität. Zum Aufbau und zur
 Das entwickelte Konzept für die Standards beruht auf            mente einer gelingenden Lernprozessbegleitung.                   Aufbau der Basisbildung an der Volkshochschule Flo-              Sicherung einer fehlerfreundlichen Kultur
                                                                                                                                  ridsdorf, Wien. Leiterin des Lehrgangs universitären             in sozialen Dienstleistungsorganisationen.
einem Verständnis von Qualität als einem mittelfristig zu
                                                                                                                                  Charakters zur „Ausbildung von Alphabetisierungs- und            In: Fasching, H., Lange, R. (Hrsg.), Sozial
planenden Prozess, der über die Phasen der Qualitäts-              Lernprozesse sind ein Kontinuum, sie enden auch nach
                                                                                                                                  BasisbildungspädagogInnen“ am bifeb, Strobl. Mit-                Managen. Grundlagen und Positionen des
entwicklung und der Qualitätssicherung zur Umsetzung             langjähriger Praxiserfahrung nicht. Eine Haltung, die diese      glied der ministeriellen Arbeitsgruppe „Basisbildung &           Sozialmanagements zwischen Bewahren und
von Qualitätsstandards führt (vgl. Schermann, 2005; Do-          Sicht widerspiegelt, ist Voraussetzung für die Professionali-    Grundkompetenzen“. Staatspreis für Erwachsenenbil-               radikalem Verändern. Wien, Bern: Haupt.
berer-Bey, 2007).                                                sierung in einem Arbeitsfeld, in dem es darum geht, Men-         dung 2009, Kategorie „ErwachsenenbildnerIn 2009“.
                                                                 schen auf dem Weg zum Lernen zu unterstützen und zu be-          Seit 1. Jänner 2008 in Alterspen-                              Tröster, M. (Hrsg.) (2000), Spannungsfeld
                                                                 gleiten, sodass sie Freude daran entwickeln können. Nur so       sion und freiberuflich tätig.                                    Grundbildung. Deutsches Institut
                                                                 kann die Inklusion in Prozesse des lebensbegleitenden Ler-                                                                        für Erwachsenenbildung DIE.
                                                                                                                                  doberer-bey@aon.at
                                                                 nens gelingen.                                                                                                                    Bielefeld: Bertelsmann




Seite 122                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                          Seite 123
QUALITÄT I Mayrhofer I Qualität in der Basisbildung                                                                                                                                                                      Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT




                                                                                                                                setzten Minimalanforderungen an Einrichtungen, Angebote                                     tigt wurde. Sie wurden weiters als verlässliche Referenz
                                                                                                                                und Trainer/innen garantieren Fördergebern ein Mindest-                                     anerkannt, um Vergleichbarkeit unter Basisbildungsein-
                                                                                                                                maß an Return für eingesetzte Ressourcen.                                                   richtungen zu ermöglichen. Wobei trotz des Netzwerkge-
                                                                                                                                                                                                                            dankens von In.Bewegung Vergleichbarkeit zum Zwecke
                                                                                                                                Von Qualitätsstandards zur                                                                  einer möglichen Kooperation oder des Austausches von
                                                                                                                                                                                                                            Know-how zwischen den Basisbildungseinrichtungen
                                                                                                                                Umsetzung von Qualitätszielen                                                               nicht immer als nützlich bzw. erstrebenswert angesehen
                                                                                                                                  Die im Zuge von In.Bewegung I definierten Standards wur-                                  wird. Sich in der Förderlandschaft vor der Konkurrenz
                                                                                                                                 den im Folgeprojekt In.Bewegung II (2007–2010) bereinigt                                   bestehender oder potenzieller Basisbildungseinrichtun-
                                                                                                                                 und nach allgemeinen Kriterien der Zieldefinition überar-                                  gen zu behaupten – in diesem Kontext ist wohl der in der
                                                                                                                                 beitet. Die Überarbeitung der Standards aus In.Bewegung I                                  internen Evaluierung häufig geäußerte Wunsch nach ei-
                                                                                                                                 und die Entwicklung eines Modells, das sowohl die organi-                                  ner objektiven externen Überprüfung der organisations-
                                                                                                                                 sationsinterne Selbstevaluierung und Umsetzung der Stan-                                   internen Prozesse, einem Audit, zu sehen. Auch ist man
                                                                                                                                 dards mittels Balanced Scorecard (BSC) vorsieht als auch                                   der Auffassung, dass eigene Standards und ein eigenes
                                                                                                                                 eine externe, jedoch vom Netzwerk Basisbildung und Al-                                     System nur dann sinnvoll wären, wenn die Erreichung
                                                                                                                                 phabetisierung koordinierte Evaluierung in Form eines                                      eben dieser (Mindest-)Standards durch eine unabhän-
Max Mayrhofer                                                                                                                   „Kollegialen Dialogs“ sowie die Auszeichnung für beson-                                     gige netzwerkexterne Zertifizierungsstelle überprüft
Teilprojektkoordinator im Projekt                                                                                                dere Bemühungen um Qualität in einzelnen Bereichen der                                     werden würde. Von einem ursprünglich vorgesehenen
In.Bewegung, ISOP GmbH                                                                                                           Basisbildung auf drei Levels im Netzwerk beinhaltet, wur-                                  externen Audit wurde jedoch aus Gründen der Redun-
max.mayrhofer@isop.at                                                                                                            den im Rahmen von In.Bewegung II von ISOP GmbH koor-                                       danz und entstehender Mehrkosten Abstand genommen.
                                                                                                                                 diniert. An der Entwicklung beteiligt waren Projektpartner                                 LQW – www.artset-lqw.de – etwa ist ein kostengünstiges,
                                                                                                                                (VHS Linz, Kärntner VHSs, BHW NÖ, abc Salzburg, ÖGB                                         auf Bildungseinrichtungen zugeschnittenes Verfahren,
                                                                                                                                 Landesorganisation OÖ, StVG, VHS Floridsdorf und ISOP                                      das gelungenes Lernen in den Mittelpunkt stellt. Alle
                                                                                                                                 GmbH) sowie externe Vernetzungspartner (Vorarlberger                                       Einrichtungen des Netzwerks Basisbildung und Alphabe-
                                                                                                                                VHSs, VHS Tirol, Burgenländische VHSs).                                                     tisierung sind überdies bereits durch eines der gängigen
                                                                                                                                                                                                                            Qualitätssicherungsverfahren zertifiziert (ISO, LQW ).

Qualität in der Basisbildung
                                                                                                                                  Die „neuen“ Standards haben sich in der Diskussion
                                                                                                                                um Qualität in der Basisbildung und in der nun vorlie-                                       Die Qualitätsstandards wurden in In.Bewegung in soge-
                                                                                                                                genden Form einer Checkliste zur Selbstevaluierung für                                      nannten Qualitätsklausuren einvernehmlich von den maß-
Zum Versuch der Umsetzung von Qualitätszielen                                                                                   die Basisbildungsarbeit als nützlich und sinnvoll erwie-
                                                                                                                                sen, wie in einer im November 2009 zum Thema Qua-
                                                                                                                                                                                                                            geblichen Expert/innen für Basisbildung und Alphabetisie-
                                                                                                                                                                                                                            rung in Österreich festgelegt. Sie sind keinesfalls statisch,
mittels Balanced Scorecard                                                                                                      lität in In.Bewegung II erfolgten internen Evaluierung                                      sondern müssen auch in Zukunft permanent weiterentwi-
                                                                                                                                von an der Entwicklung und Erprobung der Umsetzung                                          ckelt werden, um den sich ändernden Rahmenbedingun-
                                                                                                                                der Standards mittels BSC beteiligten Personen bestä-                                       gen zu entsprechen.



Der folgende Beitrag befasst sich mit der Frage, wie päda-      gegebene Publikation der Qualitätsstandards (Doberer-Bey,        Abb. 1:
gogische Qualität in Einrichtungen, die Basisbildung und        2007) erfolgte mit Abschluss des Projekts. Die nun Ende
Alphabetisierung anbieten, entwickelt und Qualitätsziele        2009 vorliegenden überarbeiteten Qualitätsstandards ba-                                           Eine Erhebung der Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen der Teilnehmer/innen
umgesetzt werden können. Aufgezeigt werden auch die Er-
gebnisse und Erfahrungen aus dem Versuch der Umsetzung
                                                                sieren demnach auf den Erkenntnissen und der gemeinsa-
                                                                men Übereinkunft nationaler Expert/innen (Doberer-Bey,
                                                                                                                                  Standard Nr.        14          findet in den angebotenen Inhalten (z.B. Lesen, Schreiben, Mathematik, IKT) statt. Es
                                                                                                                                                                  liegt ein Erhebungskonzept vor und die Ergebnisse sind dokumentiert.
von Qualitätszielen mittels einer zu diesem Zweck von den       Bauer, Muckenhuber, Rath u.a.), aber auch auf den Ergeb-
                                                                                                                                 mögliche Fragestellungen:        Beschreibung des IST-Standes:                                                       Instrumente:                          Dokumentation:
Partnern in In.Bewegung entwickelten Balanced Scorecard.        nissen einer in In.Bewegung I durchgeführten Umfrage un-
                                                                ter internationalen Expert/innen (Mace, Herdeg, Döbert,                                           Bitte hier einfügen                                                                 Bitte hier einfügen                   Bitte hier einfügen
Qualitätsstandards                                              Hubertus u.a).                                                            Welche Kenntnisse,
                                                                                                                                             Fertigkeiten und

für die Basisbildung                                              Die Standards verstehen sich primär als globale Qualitäts-
                                                                                                                                         Kompetenzen werden
                                                                                                                                                    erhoben?

  Der Start zur Definition von Qualitätsstandards für die Ba-   ziele, als Übereinkunft und Richtlinie zum Zweck der selbst-      Wie und wann werden diese
sisbildung und Alphabetisierung in Österreich erfolgte 2005     verantwortlichen Optimierung organisationsinterner, für                           erhoben?

im Rahmen des EQUAL-Projekts In.Bewegung I und im Auf-          die pädagogische Qualität von Basisbildung und Alphabe-                   Welches Konzept zur
trag des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kul-        tisierung relevanter Rahmenbedingungen. Sie dienen aber            Erhebung von Kenntnissen,
                                                                                                                                               Fertigkeiten und
tur. In der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung I waren       auch der Vergleichbarkeit von Basisbildungseinrichtungen            Kompetenzen liegt vor und
österreichische Erwachsenenbildungseinrichtungen ver-           und deren Angeboten und vermögen durch die im Zuge des             wie wird gewährleistet, dass
                                                                                                                                       die Trainer/innen dieses
treten, die über langjährige Erfahrung in der Arbeit im Be-     Entwicklungsprozesses erfolgte Abgleichung von Begrifflich-            kennen und anwenden?
reich Basisbildung und Alphabetisierung verfügten und so-       keiten und von für Basisbildung essenziellen Inhalten und
mit Expertise in die Aufgabe einbringen konnten. Die erste,     Prozessen die Qualitätsdiskussion auf eine gemeinsame Ba-
von der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung I heraus-         sis zu stellen. Die im Zuge der Entwicklung ebenfalls festge-
                                                                                                                                                                                                                                               Bewertung des IST-Standes:
                                                                                                                                                                           (Standard ist nicht erreicht = 0 / ansatzweise erreicht = 1 / teilweise erreicht = 2 / umfassend erreicht = 3)
                                                                                                                                                                                                                                                                                                        0



Seite 124                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                                                       Seite 125
QUALITÄT I Mayrhofer I Qualität in der Basisbildung                                                                                                                                         Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT




 Abb. 2:                                                                                                                       Abb. 3:




                                      • Die Prozesse der Anbieter sind über    • Die Prozesse der Anbieter sind
                                        ein gängiges System (ISO, LQW etc.)      über ein gängiges System (ISO,
                                        und ein externes Audit zertifiziert.     LQW etc.) und ein externes Audit
                                      • Das QE_Modell Basisbildung wird
                                                                                 zertifiziert.
                                        umgesetzt und die Entwicklung
  QE_Modell Basisbildung                pädagogischer Qualität                 • Das QE_Modell Basisbildung
                                        gewährleistet.                           wird umgesetzt und die
                                      • Der Kollegiale Dialog wird nicht         Entwicklung pädagogischer
                                        gesucht, es findet keine externe         Qualität gewährleistet.
                                        Evaluierung statt und Know-how wird    • Der Kollegiale Dialog bringt
                                        zurückgehalten                           Sicherheit und schafft die Basis
                                                                                 für den Transfer und Austausch
                                                                                 von Know-how.

                                      • Die Prozesse der Anbieter sind über    • Die Prozesse der Anbieter sind über
                                        ein gängiges System (ISO, LQW etc.)      ein gängiges System (ISO, LQW etc.)
                                        und ein externes Audit zertifiziert.     und ein externes Audit zertifiziert.
                                      • Die pädagogische Qualität der          • Die pädagogische Qualität der
                                        Basisbildungs- und                       Basisbildungs- und
              ISO, LQW etc.
                                        Alphabetisierungsangebote wird nicht     Alphabetisierungsangebote wird nicht
                                        entwickelt.                              entwickelt.
                                      • Anbieter stehen im offenen             • Strategische Kooperationen werden
                                        Wettbewerb. Know-how wird                eingegangen. Know-how wird
                                        zurückgehalten.                          ausgetauscht.


    Evaluierungsebene                            Wettbewerb                               Kooperation
    Partnerebene




 Das Sichbewegen zwischen dem Absolutheitsanspruch               wie Service-, Support- und Systemqualität. Andererseits      Vielfalt der im Non-Profit-Bereich angesiedelten Basis-        rung als Ist- und die für jeden einzelnen Standard beschrie-
von Standards und der damit verbundenen vermeintli-              wurde damit auch die Erfahrung gemacht, daß gerade           bildungseinrichtungen des Netzwerks einerseits und der         benen vier Indikatoren (Level 0, 1, 2, 3) als anzustrebende
chen Schaffung einer objektiven Bewertungsgrundlage ei-          einrichtungsübergreifende Standards eher darauf abziel-      Art der Durchführung und Gestaltung der Basisbildungs-         Zielwerte.
nerseits und der prozesshaften Auseinandersetzung mit In-        ten, Bestehendes festzuschreiben. Diese Debatte wurde der    angebote in diesen Einrichtungen, seien es Regelpro-
halten und Zielen der Basisbildung andererseits stellte eine     ständigen Anforderung, in dem sich rasch verändernden        gramme oder zeitlich begrenzte Projekte, andererseits zu        Obgleich der Entwicklungsarbeit allgemeine Prämissen1
besondere Herausforderung in der Qualitätsdiskussion im          Umfeld der Weiterbildung die Qualität kontinuierlich         entsprechen vermochten.                                        zugrunde gelegt wurden, zeigte sich während der Testphase
Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung dar. Diese Di-        weiterzuentwickeln, nur unzureichend gerecht. Insofern                                                                      die Gefahr „unechter“ Einstiege in die Balanced Scorecard,
chotomie bildete den Hintergrund der Entwicklungsarbeit          ist es nur konsequent, daß heute stärker von der Quali-       Die BSC wird von In.Bewegung II mit Einschränkungen           die im NPO-Sektor häufig vorkommen (Beyer, 2002, S. 84.).
zum Thema Umsetzung von Qualität bzw. In-Gang-Setzen             tätsentwicklung gesprochen wird, bei der Qualität nicht      als Umsetzungsinstrument vorgeschlagen. Einerseits ist
eines Entwicklungsprozesses in In.Bewegung II. Oder an-          statisch festgeschrieben, sondern ein systematischer Pro-    das Instrument geeignet, dieser Vielfalt gerecht zu werden       Vor allem in den größeren an der Testphase teilnehmen-
ders ausgedrückt und wie bereits vor geraumer Zeit von Ex-       zeß in Gang gesetzt wird, der Qualität aus professioneller   und die Wahrscheinlichkeit systematischer Entwicklung          den Erwachsenenbildungseinrichtungen, in denen Ba-
pert/innen des DIE als „Trend 2: Von der Standardisierung        Sicht und aus der Sicht der Adressaten immer wieder neu      und Umsetzung von Qualität zur Gewährleistung „gelunge-        sisbildung nur einen Teil des Angebotes ausmacht, ergab
zur Entwicklung“ betitelt und folgendermaßen beschrie-           ins Blickfeld nimmt.                                         nen Lernens“ zu erhöhen, andererseits ergeben sich beson-      sich aufgrund der Stellung der an der Entwicklung betei-
ben (Felicitas von Küchler, Klaus Meisl, 1999, S. 213f ):                                                                     dere Herausforderungen. Stark diskutiert wurde etwa, wie       ligten Personen ein bottom-up-Einstieg. Das Management
                                                                  Besonderes Augenmerk wurde demnach im Zuge der              durch die Anwendung der BSC, ein Instrument zur Strate-        war nicht involviert und die strategischen Vorgaben fehlten.
 In der ersten Phase der Diskussion um Qualitätssiche-           Entwicklungsarbeit darauf gelegt, ein System zur Umset-      gieentwicklung mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, ein         Folglich wurden wegen mangelnder Vorgaben alle als wich-
rung, die stark von den Konzepten der ISO-Zertifizierung         zung der Qualitätsstandards zu entwickeln und zu tes-        Mehr an pädagogischer Qualität messbar gemacht werden          tig erachteten Zielsetzungen in die BSC aufgenommen, un-
beeinflußt wurde, konzentrierte man sich schwerpunkt-            ten. Als Instrument zur Umsetzung der Standards wurde        könnte. Außer Frage stand jedoch, dass Messbarkeit unum-       abhängig davon, ob die Ziele operativen oder strategischen
mäßig auf die Definition von „Mindeststandards“. Einer-          die Balanced Scorecard ausgewählt. Begegnen uns die          gänglich sei, da diese Eigenschaft die Bestrebungen nach       Charakter aufwiesen (vgl. Beyer, 2002).
seits wurde damit geronnenes erwachsenenpädagogisches            Standards als organisationsübergreifende, im Ansatz          mehr Qualität erst verbindlich mache.                          1 Entwicklung und Sicherung von Qualität sowie Strategieentwicklung sind Manage-
                                                                                                                                                                                             mentaufgaben und sollten top-down initiiert werden; die Umsetzung von Maßnahmen
Erfahrungswissen hinsichtlich Organisations-, Planungs-,         reglementierende und „Bestehendes festschreibende“                                                                          zur Erreichung von Qualitätszielen erfolgt auf allen Ebenen der Einrichtung; der Umset-
Durchführungs- und Ergebnisqualität aktualisiert und             Komponente, so mussten für die Umsetzungspraxis Lö-            Die Standards oder Qualitätsziele dienten also als quali-    zungsprozess folgt dem gängigen Kreislauf von (Analyse und) Planung, Umsetzung, Eva-
                                                                                                                                                                                             luierung und Anpassung; idealerweise werden grundlegende organisationsinterne Pro-
systematisch ergänzt durch neuere Qualitätsdimensionen           sungen gefunden werden, die der organisatorischen            tative Messgrößen, die Ergebnisse aus der Selbstevaluie-       zesse bereits durch ein gängiges Qualitätssicherungssystem begleitet.




Seite 126                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                  Seite 127
QUALITÄT I Mayrhofer I Qualität in der Basisbildung                                                                                                                                    Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT



Die Balanced Scorecard                                        •	 Die speziellen Rahmenbedingungen in
                                                                 NPOs mussten in Betracht gezogen werden:
                                                                                                                            Abb. 4:
                                                                 Leistungsempfänger/in und Kostenträger/
 Die Balanced Scorecard ist ein Instrument zur Umset-            in sind meist nicht identisch, d.h., die
zung von Qualitätszielen in der Basisbildung und Alpha-          Einrichtungen haben nur bedingt Einfluss auf
betisierung. Das Instrument der BSC wurde ausgewählt,            die Qualität des Produkts = Bildungszuwachs.
da es sich aus folgenden allgemeinen Gründen für die
individuelle Umsetzung der in In.Bewegung definierten
Qualitätsstandards für Basisbildung und Alphabetisie-          Die BSC mit den Perspektiven „Kund/innen“, „Prozesse“,
rung anbietet:                                              „Mitarbeiter/innen bzw. Trainer/innen“ und „Finan-
                                                             zen“ wurde schließlich von den am Entwicklungsprozess
 •	 Die ausschließliche Zielorientierung
                                                             teilnehmenden Expert/innen der Partnereinrichtungen
    schafft Verbindlichkeit.
                                                             entwickelt.
 •	 Die Ausgewogenheit der Betrachtungsweise
    fördert systemisches Handeln.                            Perspektive „Kund/innen“
                                                               Organisationen, die Basisbildungs- und Alphabetisie-
 •	 Die Umsetzungsorientierung sichert                       rungsmaßnahmen durchführen, sind Anbieterinnen per-
    und stellt Qualität sicher.
                                                             sönlicher Dienstleistungen. Bei persönlichen Dienstleis-
 •	 Das Instrument ist auch für NPOs/                        tungen (Aus- und Weiterbildung, Coaching, Supervision,
    Bildungseinrichtungen geeignet.                          Therapie etc.) ist die Kundin/der Kunde aktiv am Erstel-
                                                             lungsprozess beteiligt und hat somit maßgeblichen Anteil
 •	 Das Instrument ist mit gängigen                          am Ergebnis der Leistung. Gleichzeitig ist die Qualität die-
    Qualitätssicherungssystemen kompatibel
                                                             ser Dienstleistung in hohem Maße vom persönlichen Ver-
    und unabhängig von Organisationsgröße
    und Organisationseinheiten anwendbar.                    halten und der sozialen Kompetenz der Leistungserbringer
                                                             abhängig.

  Der beschriebene Nutzen des Instruments (vgl. Kaplan/
Norton, 2001, Horváth & Partner, 2000, Ehrmann, 2007)                              Leistungs-
wurde auch in der in In.Bewegung II durchgeführten Test-                          empfänger/in
phase offensichtlich. Die teilnehmenden Einrichtungen
abc, VHS Linz, VHSs Kärnten, ISOP GmbH, VHS Burgen-
land berichteten, dass:

 •	 durch den Einsatz der BSC ein Rahmen
                                                                                                                            steht dort an oberster Stelle – zielen die Perspektiven für viere ich Bildungsferne?) und der Öffentlichkeitsarbeit (Wie
    geschaffen wurde, der die Qualitätsdiskussion
                                                                                                                            Anbieter persönlicher sozialer Dienstleistungen (Basisbil- erreiche ich Personen mit mangelnder Basisbildung?), die
    intern und extern erleichtert.
                                                                                                                            dung und Alphabetisierung) auf die Integration der Interes- Vernetzungstätigkeit (Multiplikator/innen als wesentliche
 •	 durch die Übertragung von Verantwortung für                                                                             sen der Kund/innen = Leistungsempfänger/innen und Kos- Komponente, um Lerner/innen zu erreichen), die spezielle
    die Maßnahmendurchführung an einzelne                                                                                   tenträger und der Gesellschaft. Die Kund/innenperspektive Beratungsleistung und schließlich das individuelle Basisbil-
    Mitarbeiter/innen und Trainer/innen die                                                                                 stellt aus den genannten Gründen also die höchste, die Wir- dungsangebot können neben den allgemeinen organisati-
    Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung erhöht und
                                                                        Leistungs-                  Kosten-
                                                                       erbringer/in                                         kungsebene der übrigen Perspektiven dar. In ihr wird Qua- onsinternen Abläufen als basisbildungsspezifische Schlüs-
    Identifikation mit den Qualitätsbestrebungen der                                               träger/in
                                                                                                                            lität erfahrbar.                                            selprozesse bezeichnet werden. Diese Prozesse sollten
    eigenen Einrichtung hergestellt werden konnte.
                                                                                                                                                                                        entlang der Vorgaben der Qualitätsstandards Basisbildung
 •	 eine Klarheit der strategischen Ziele                                                                                     Für die Umsetzung von Qualitätszielen in der Basisbildung und Alphabetisierung derart ausgestaltet und systemati-
    organisationsintern erzielt werden konnte.                 Für Anbieter sozialer persönlicher Dienstleistungen (und     und Alphabetisierung wurde demnach folgende für Dienst- siert werden, dass sich für die Kund/innen die bestmögli-
                                                             das sind Basisbildungseinrichtungen meist) sind Leis-          leistungseinrichtungen spezifische BSC zugrunde gelegt: Die che Wirkung erzielen lässt.
 •	 durch die Konzentration auf wesentliche Ziele die        tungsempfänger/in = Lerner/in und Kostenträger nicht           finanzielle Perspektive wurde natürlich nicht gänzlich aus-
    Umsetzungswahrscheinlichkeit erhöht wurde.
                                                             identisch. Überdies kommt der Auftrag zur Leistungser-         geblendet, da sie eine unabdingbare Ressource für die Er- Die Perspektiven „Mitarbeiter    nnen    /i
 •	 eine auf Entwicklung, Lernen und Veränderung             bringung nicht immer von der/dem Leistungsempfänger/           bringung der Leistung darstellt. Potenzial- und Ressour- bzw. Trainer    nnen“ und „Finanzen“
                                                                                                                                                                                                        /i
    ausgerichtete Organisationskultur gefördert wurde.       in, sondern in besonderen Fällen vom Kostenträger (z.B.        cenebene sowie Prozessebene und die auf diesen Ebenen         Ein zentrales Element einer qualitätsgesicherten Alphabe-
                                                             AMS), was Auswirkungen auf die Beteiligung seitens des         definierten Perspektiven „Finanzen“, „Mitarbeiter/innen tisierung und Basisbildung sind die Trainerinnen und Trai-
                                                             Empfängers/der Empfängerin am Entstehen der Quali-             bzw. Trainer/innen“ und „Prozesse“ sind Mittel zum Zweck ner. Deren Know-how muss durch anbietende Organisati-
 Im Zuge der Entwicklung einer eigenen BSC und der Test-     tät der Leistung haben kann. In einem weiteren Sinn kann       der Erreichung der „Kund/innen“.                            onen weiterentwickelt und für die Organisation langfristig
phase ergaben sich spezielle Herausforderungen, die es zu    auch die Gesamtgesellschaft als Kundin von Leistungen der                                                                  gesichert werden. Neben der Finanzierung und Weiterbil-
bewältigen galt. Im Besonderen waren dies:                   Basisbildung und Alphabetisierung gesehen werden (sozi-        Die Perspektive „Prozesse“                                  dung der Mitarbeiter/innen gilt es, durch entsprechende
                                                             aler Friede, volkswirtschaftlicher Nutzen gut ausgebildeter      Was sind die grundlegenden Prozesse für das Gelingen finanzielle Ressourcen ein Umfeld bereitzustellen, das die
 •	 Es mussten die grundlegenden Inhalte
                                                             Menschen etc.)                                                 von Basisbildung und wie sind diese zu gestalten, damit Integration der Teilnehmer/innen in den Prozess des le-
    und Prozesse für das Gelingen von
                                                                                                                            den Bedürfnissen der Teilnehmer/innen und Fördergeber benslangen Lernens fördert.
    Basisbildung identifiziert werden.
                                                               Im Gegensatz zu den klassischen, auf erwerbswirtschaft-      bestmöglich begegnet werden kann?
 •	 Quantitative Messgrößen führen nicht unbedingt           liche Unternehmen ausgerichteten Perspektiven (den Be-
    zu einem Mehr an pädagogischer Qualität.                 trachtungsebenen) der BSC – die finanzielle Perspektive         Die Gestaltung der Teilnehmer/innenakquise (Wie moti-



Seite 128                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                        Seite 129
QUALITÄT I Mayrhofer I Qualität in der Basisbildung                                                                                                                                         Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT



Die Testphase zur                                                  Workshop zur Maßnahmenplanung                                   Literatur                                                   Der Autor
                                                                     Ziel dieses Workshops, der den Abschluss der Planungs-
Implementierung der                                                phase bildete, war es, einen Bezug zwischen den strategi-
                                                                                                                                     Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards
                                                                                                                                       für die Alphabetisierung und Basisbildung.
                                                                                                                                                                                               Mag. Max Mayrhofer
Qualitätsstandards                                                 schen Zielen und den Qualitätsstandards herzustellen: Die
                                                                   Standards dienten als qualitative Messgrößen, Selbsteva-
                                                                                                                                       Wien. Hrsg. von der Entwicklungspartnerschaft
                                                                                                                                                                                               Lehramtsstudium Deutsche Philologie und Anglistik/
                                                                                                                                                                                               Amerikanistik, systemischer Coach.
                                                                                                                                       In.Bewegung – Netzwerk Basisbildung                     Arbeitet/e als Übersetzer, Trainer, Berater, Prozessbe-
  Nach Abschluss der Entwicklungsarbeit im Rahmen der              luierungsergebnisse als Ist- und die Indikatoren der Stan-          und Alphabetisierung in Österreich.                     gleiter, Projektentwickler und -koordinator mit unter-
Qualitätsklausuren wurden die Ergebnisse einer Testphase           dards als Sollwerte. Es wurden von den auch bereits am
                                                                                                                                     Von Küchler, F.  /  Meisel, K. (1999), Fazit:             schiedlichen Zielgruppen in unterschiedlichen themati-
unterzogen. Dazu musste die BSC in den teilnehmenden               Zielfindungsworkshop beteiligten Personen realisierbare                                                                     schen Kontexten.
                                                                                                                                       Trends in der Qualitätsdiskussion. In: Von
Organisationen eingeführt werden. Die Einführung er-               Maßnahmen zur Zielerreichung definiert.                             Küchler, Felicitas / Meisel, Klaus (Hrsg.):             ISOP GmbH
folgte in drei Schritten über einen Zeitraum von zwei bis                                                                              Qualitätssicherung in der Weiterbildung. Auf            mayrhofermax@aon.at
drei Monaten. Im Folgenden sind diese kurz beschrieben:              Gute Messbarkeit setzt voraus, dass Ziele und deren Indi-         dem Weg zu Qualitätsmaßstäben, Bonn:
                                                                   katoren schriftlich festgehalten und protokolliert werden.          DIE (S. 213–218). www.die-bonn.de/esprid/
Selbstevaluierung    trategie
                 /S                                                Es wurde ein einfaches BSC-Tool zur Verfügung gestellt,             dokumente/doc-1999/kuechler99_01.pdf
  In einem ersten Schritt wurde die Checkliste zur Analyse des     das die Planung und das Monitoring der anschließenden             Beyer, R. (2002), Ist die Balanced Scorecard ein
Ist-Stands der Erreichung der Qualitätsstandards an die an der     Durchführungsphase unterstützen soll. Es wurde für je-              innovativer Ansatz oder ein herkömmliches
Testphase teilnehmenden Einrichtungen übermittelt. Adres-          des Ziel die Frage gestellt, wer von den am Qualitätszir-           Kennzahlensystem? In: Scherer, Andreas
saten waren Personen – Geschäftsführer/innen oder Projekt-         kel teilnehmenden Personen was ganz konkret und spe-                Georg / Alt, Jens Michael (Hrsg.): Balanced
leiter/innen –, die in der Lage sind, Qualitätsentwicklungspro-    zifisch machen wird, ab oder bis wann welche Ergebnisse             Scorecard in Verwaltung und Non-Profit-
zesse zu initiieren. Zur Selbstevaluierung mittels Checkliste      erreicht sind und welche Person kontrolliert, ob die ge-            Organisationen. Stuttgart, S.73–89.
sollten zusätzliche Mitarbeiter/innen und Trainer/innen her-       planten Ergebnisse auch jeweils erreicht wurden. Nach             Ehrmann, H. (2007), Kompakt-Training
angezogen werden. Die Ergebnisse der Selbstevaluierung soll-       den Maßnahmenworkshops gingen die Einrichtungen in                  Balanced Scorecard. 4. Aufl. Ludwigshafen.
ten – neben anderen Analysen – dabei unterstützen, eine Stra-      die Umsetzungsphase. Nach Ablauf eines Jahres sollten im            (= Kompakt-Training Praktische
tegie zu entwickeln, mit der die organisationsinterne Vision in    Qualitätszirkel die Zielerreichung überprüft, Anpassungen           Betriebswirtschaft. Olfert, Klaus, Hrsg.)
den nächsten drei Jahren am besten mittels der eigenen Po-         vorgenommen und ein erneuter Jahresdurchgang gestartet            Horváth & Partner (Hrsg.) (2000), Balanced
tenziale und Ressourcen sowie unter den gegebenen Umfeld-          werden. Nach drei Jahren ist die neuerliche Selbstevaluie-          Scorecard umsetzen. Stuttgart.
bedingungen zu erreichen wäre bzw. Aufschluss geben, wel-          rung vorgesehen.
                                                                                                                                     Kaplan, R. S. / Norton, D. P. (2001), Die
che Bereiche zu diesem Zweck gestärkt werden müssten. Für
                                                                                                                                       strategiefokussierte Organisation. Führen
die Umsetzung der Strategie mittels BSC wurden die 25 Qua-
litätsstandards bereits einzelnen Perspektiven zugeordnet. Es
                                                                   Empfehlungen                                                        mit der Balanced Scorecard. Stuttgart.

ist dies jedoch lediglich als Vorschlag zu betrachten und sollte     Wurde festgestellt, dass ein gemeinsames System und Ins-
Anregung geben, welche Standards vorrangig unter den zu-           trumentarium der Vergleichbarkeit und dem Diskurs darü-
geordneten Perspektiven betrachtet werden könnten. Natür-          ber, was Qualität in der Basisbildung ausmacht, dienlich ist,
lich kann jeder einzelne Standard für sich genommen auch in        so stellt die Systematisierung des Vergleichs den nächsten
allen vier Perspektiven als Messgröße herangezogen werden.         Schritt dar. Die organisationsinternen Selbstevaluierungs-
Die angepeilte Strategie sollte schriftlich festgehalten werden.   ergebnisse müssten, durch eine fachliche externe Sicht
Gleichzeitig sollten Überlegungen bezüglich der geplanten          objektiviert, in regelmäßigen Abständen erhoben, ausge-
Umsetzungsbreite und -tiefe der BSC angestellt werden.             wertet und publiziert werden. Ein hier nicht weiter ausge-
                                                                   führter, jedoch im von In.Bewegung II beschriebenen Mo-
Workshop zur Zielfindung                                           dell zur Entwicklung von pädagogischer Qualität in der
  An den in der Folge durchgeführten und von ISOP GmbH             Basisbildung und Alphabetisierung vorgesehener, mit dem
moderierten Zielfindungsworkshops nahmen Geschäfts-                Peer-Review-Verfahren vergleichbarer „Kollegialer Dialog“
führer/innen, Projektleiter/innen sowie die zu einem Qua-          könnte der Objektivierung dienen, ein in regelmäßigen Ab-
litätszirkel zusammengeschlossenen Mitarbeiter/innen               ständen durchgeführter Benchmarking-Prozess die Daten
und Trainer/innen teil. Folgende Ziele wurden mit diesen           liefern, die die Grundlage für den Transfer von Know-how
Workshops verfolgt:                                                darstellen würden. Nicht Zertifizierung, sondern Auszeich-
                                                                   nung von in bestimmten Bereichen der Basisbildung er-
 •	 Die Strategie ist von den Geschäftsführern/
                                                                   reichten Bestleistungen würde wiederum den Wettbewerb
    den Geschäftsführerinnen oder Projektleitern/
                                                                   unter Anbietern anfeuern.
    Projektleiterinnen vorgestellt.

 •	 Der Implementierungsprozess und notwendige
    Instrumente sind seitens ISOP vorgestellt

 •	 Es sind für einen Zeithorizont von einem Jahr
    in den vier Perspektiven jeweils zwei bis drei
    in einer Ursache-Wirkungs-Kette verknüpfte,
    die Strategie verfolgende Ziele definiert.

 •	 Diese ausgearbeiteten Strategy Maps
    zeigen die Zusammenhänge und
    Abhängigkeiten zwischen den Zielen.




Seite 130                                            Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                     Seite 131
QUALITÄT I Zarfl I Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung                                                                           Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT



                                                                                                                           fig verwendete Begriffe sind Pädagogische Diagnostik, Di-        Die Begrifflichkeit der Pädagogischen Diagnostik wurde
                                                                                                                           agnose, Ressourcenfeststellung, Abklärung, Kompetenz-          zunächst vor allem im sonderpädagogischen Kontext ver-
                                                                                                                           feststellung oder Clearing. In Österreich werden in den        wendet. Wobei an dieser Stelle angemerkt werden muss,
                                                                                                                           anbietenden Organisationen von Basisbildung und Alpha-         dass die sonderpädagogische Diagnostik sehr stark von
                                                                                                                           betisierung unterschiedliche Begriffe verwendet. Zu den        psychologischen Tests geprägt ist, einen eindeutigen schu-
                                                                                                                           verschiedenen Begrifflichkeiten gibt es auch unterschiedli-    lischen Kontext hat und somit für die Erwachsenenbildung
                                                                                                                           che Assoziationen.                                             unbrauchbar ist.

                                                                                                                             Im Zuge des Projekts In.Bewegung – Netzwerk Basisbil-          Grundsätzlich findet man in der Literatur zwei Entwick-
                                                                                                                           dung und Alphabetisierung wurde der Begriff Pädagogi-          lungslinien der Pädagogischen Diagnostik: die Selektions-
                                                                                                                           sche Diagnostik als Arbeitstitel für die Abklärung der indi-   diagnostik und die Förderdiagnostik.
                                                                                                                           viduellen Lernbereiche und -voraussetzungen verwendet
                                                                                                                           und später durch Prozessorientierte Lernstandserhe-            Selektionsdiagnostik
                                                                                                                           bung (POLE) ersetzt.                                             Selektionsdiagnostik geht davon aus, dass aus Moment-
                                                                                                                                                                                          aufnahmen von Menschen auf Eigenschaften und Persön-

                                                                                                                           Pädagogische Diagnostik                                        lichkeitsmerkmale geschlossen werden kann. Daten, die
                                                                                                                                                                                          aufgrund dieser Methoden erhoben werden, dienen der Se-
                                                                                                                             In der Literatur werden vorwiegend die Begriffe Diag-        lektion (z.B. Überweisung in eine Sonderschule) oder ha-
Rosmarie Zarfl                                                                                                             nose bzw. Diagnostik verwendet (vgl. Engel, 2008; Alfa Fo-     ben die Funktion, den Entwicklungsstand im Vergleich zu
Mitarbeiterin in der Gesamtkoordination                                                                                    rum, 2004A/2004B; Ingenkamp, 2008). Aus diesem Grund           einer repräsentativen Stichprobe zu ermitteln.
In.Bewegung; Basisbildungstrainerin bei                                                                                    ist es relevant, sich diesen Begriffen in einem Exkurs zu
Neustart Grundbildung, ISOP GmbH                                                                                           widmen. Die Begriffe Diagnostik und Diagnose kommen            Förderdiagnostik
rosi.zarfl@isop.at                                                                                                         ursprünglich aus dem medizinischen und auch aus dem              Die Förderdiagnostik ist aus der Kritik an der Selektions-
                                                                                                                           psychologischen Bereich. Sie bezeichnen die unterschei-        diagnostik entstanden. Sie betrachtet das Individuum im
                                                                                                                           dende Beurteilung und Erkenntnis aufgrund genauerer Be-        sozialen Gefüge und hat die primäre Zielsetzung, Infor-
                                                                                                                           obachtungen, Untersuchung abgegebener Feststellungen,          mationen über ablaufende Lernprozesse zu erhalten. Der
                                                                                                                           Beurteilung über den Zustand und die Beschaffenheit von        Einsatz von Tests wird durch Verhaltens- und Lernbeob-
                                                                                                                           z.B. Krankheiten. Sie werden definiert als die Fähigkeit und   achtungen, Gespräche und informelle Verfahren ergänzt

Lernstandserhebung in der
                                                                                                                           Lehre, um Krankheiten zu erkennen (vgl. Duden, 2007; En-       oder ersetzt. Bezogen auf den Schriftspracherwerb stehen
                                                                                                                           gel, 2008, S. 31). Gerade aus diesem Grund muss an dieser      die (Schrift-)Sprache in ihrer Struktur und das Lehren im
                                                                                                                           Stelle angemerkt werden, dass diese negative Konnotation       Mittelpunkt. Als Maßstab dient die Orientierung am stu-
Basisbildung und Alphabetisierung                                                                                          ein starkes Argument gegen die Verwendung in der Basis-
                                                                                                                           bildung ist, da Basisbildungsbedarf keinesfalls mit Krank-
                                                                                                                                                                                          fenweisen Erwerb des Schreibens und Lesens. Wesentliche
                                                                                                                                                                                          Bereiche der Förderdiagnostik sind die Betrachtung von

Theorie und Praxis der prozessorientierten                                                                                 heit gleichgesetzt werden darf.                                Fähigkeiten und Schwierigkeiten, aber auch die Erfassung
                                                                                                                                                                                          des zugrunde liegenden Regelsystems (vgl. Engel, 2008,
Lernstandserhebung in Österreich.                                                                                            Der Begriff der Pädagogischen Diagnostik jedoch zielt da-    32ff). Den Zusammenhang zwischen Diagnostik und Un-
                                                                                                                           rauf, Strukturen zu ermitteln, die einen Menschen zu ei-       terricht beschreibt Probst folgend:
                                                                                                                           nem unverwechselbaren Individuum mit einzigartiger
                                                                                                                           Identität machen. Es geht in erster Linie um die Erhebung       „Unterrichtsbegleitend ist Diagnostik, die den Unterricht
                                                                                                                           von Informationen, aus denen Entscheidungen resultieren,       und seine Erfolge wiederholt evaluiert, korrigiert und steuert.
                                                                                                                           die den Lehr- und Lernprozess betreffen.                       Damit das möglich ist, müssen Unterrichtung und Diagnos-
Erfolgreiche Basisbildungsarbeit steht und fällt mit der     niken) und darüber hinaus Kompetenzen des autonomen                                                                          tik sich unter einem gemeinsamen theoretischen Dach koor-
richtigen Einschätzung und Erhebung der individuel-          Lernens. Einem zielgerichteten Unterricht im Basisbil-        Definition                                                     dinierten; andernfalls würde die Diagnostik nicht verstehen,
len Kenntnisse der Teilnehmenden. In.Bewegung – Netz-        dungsbereich geht deshalb eine zielgerichtete Abklärung        Ingenkamp und Lissmann (2008) definieren die pädago-          was der Unterricht verfolgt und könnte andererseits der Un-
werk Basisbildung und Alphabetisierung hat österrei-         der individuellen Kenntnisse und Lernstände der Teilneh-      gische Diagnostik wie folgt:                                   terricht nicht umsetzen, was die Diagnose nahe legt“ (Probst,
chische Erhebungskonzepte und -instrumente erhoben           menden voraus. Dies scheint Konsens zu sein, denn auch                                                                       2003, S. 244).
und dargestellt. Zudem wurden Empfehlungen bzw. Leit-        die Qualitätsstandards für Angebote des Netzwerks Basis-        „Pädagogische Diagnostik umfasst alle diagnostischen Tä-
linien beschrieben, die in allen Partnerinstitutionen von    bildung und Alphabetisierung halten fest, dass in Basisbil-   tigkeiten, durch die bei einzelnen Lernenden und den in ei-      Das Konzept der Förderdiagnostik war immer schon Be-
In.Bewegung Beachtung finden. Als Good Practice werden       dungsangeboten ein klares Konzept zur Feststellung von        ner Gruppe Lernenden Voraussetzungen und Bedingungen           standteil der Arbeit im Basisbildungsbereich, wurde jedoch
das Erhebungskonzept sowie ausgewählte Erhebungsinst-        Kenntnissen und Ressourcen vorliegen soll.                    planmäßiger Lehr- und Lernprozesse ermittelt, Lernpro-         nie so benannt. Wesentlich dabei ist die Betrachtung des
rumentarien von ISOP Neustart Grundbildung präsentiert.                                                                    zesse analysiert und Lernergebnisse festgestellt werden, um    Individuums im sozialen Gefüge sowie der Erhalt von In-
                                                              „Eine Erhebung der Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompe-       individuelles Lernen zu optimieren. Zur Pädagogischen Di-      formationen über ablaufende Lernprozesse. Unbestritten
  Um Zielgruppenorientierung in der Basisbildung pro-        tenzen der TeilnehmerInnen findet statt. Es liegt ein Erhe-   agnostik gehören ferner die diagnostischen Tätigkeiten, die    ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich Theorie und
fessionell garantieren zu können und um die individuel-      bungskonzept vor und die Ergebnisse sind dokumentiert.“       die Zuweisung zu Lerngruppen oder zu individuellen Förde-      Praxis der Förderdiagnostik unter einem Dach befinden
len Lernprozesse optimal gestalten zu können, ist eine be-   (Doberer-Bey, 2007, S. 37)                                    rungsprogrammen ermöglichen sowie die mehr gesellschaft-       müssen, um Lernerfolge zu gewährleisten.
gleitende, fundierte Lernstandserhebung unerlässlich. Das                                                                  lich verankerten Aufgaben der Steuerung des Bildungsnach-
Ziel von Basisbildungsangeboten ist der Erwerb und Auf-        Für die Feststellung der individuellen Lernbereiche und     wuchses oder der Erteilung von Qualifikationen zum Ziel
bau von Kenntnissen in den Bereichen Lesen, Schreiben,       Lernvoraussetzungen im Bereich der Basisbildung gibt es       haben.“ (Ingenkamp, 2008, S. 13)
Rechnen, IKT (Informations- und Kommunikationstech-          in der Literatur unterschiedliche Begrifflichkeiten. Häu-



Seite 132                                       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                              Seite 133
QUALITÄT I Zarfl I Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung                                                                               Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT



Thesen                                                            Im Zeitraum von Februar 2008 bis April 2008 beteiligten     den, andererseits als Ressourcen des persönlichen Um-        Zum Basisbildungsbereich Lesen kann festgehalten wer-
 Am Beginn des Arbeitsprozesses im Projekt In.Bewegung II       sich insgesamt zwölf österreichische Basisbildungs- und       feldes (Netzwerk, unterstützende Personen). Der Begriff     den, dass alle befragten Anbieterorganisationen zudem
wurden nachfolgende Thesen als Ausgangspunkt des Dis-           Alphabetisierungsanbieter an dieser Umfrage: abc-Salz-        Ressourcenfeststellung wurde als neutral und positiv be-    durch Gespräche bzw. Befragungen die Lesekenntnisse der
kussionsprozesses aufgestellt. Das Ziel der Thesen war es,      burg, VHS Floridsdorf, ÖGB Landesorganisation Oberös-         wertet. Inhaltlich versteht man darunter sowohl die Er-     Teilnehmenden abklären (Selbsteinschätzung der Teilneh-
damit in die Fragebogenerhebung zu gehen, um feststellen        terreich, BHW Niederösterreich, VHS Linz, ISOP GmbH,          hebung der Stärken und Schwächen als auch die Erhe-         menden). 92 % der Befragten klären sinnerfassendes Lesen
zu können, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in           Die Kärntner Volkshochschulen, VHS Tirol, VHS Vorarlberg,     bung der persönlichen Ressourcen und der sozialen           ab, 85 % klären durch Leseproben individuelle Lesekennt-
der österreichischen Praxis in Bezug auf die Lernstandser-      Burgenländische Volkshochschulen, VHS Ottakring, Verein       Netzwerke bzw. der Unterstützungsstrukturen von Teil-       nisse ab, 77 % machen dies durch konkrete Fragestellun-
hebung liegen.                                                  Multikulturell Innsbruck.                                     nehmenden. Im Zuge der Befragung wurde auch gut             gen zu Lesetexten und 69 % klären Buchstaben- und Silben-
                                                                                                                              sichtbar, dass Ressourcenfeststellung in jeder Phase des    kenntnisse (Zusammenlauten)ab.
 •	 Wesentliche Fragen der Lernstandserhebung
                                                                Begrifflichkeiten                                             Kurses zum Einsatz kommt. Zudem ist es gängige Praxis
    im Basisbildungsbereich sind: Was können
    Teilnehmende bereits? Auf welche Ressourcen
                                                                 Als ein wesentlicher Bereich dieser Fragebogenumfrage        in den derzeitigen Angeboten, dass diese Erhebung nicht     Schreiben
    können sie zurückgreifen (persönliche, soziale              wurde unter anderem erhoben, welche Begrifflichkeiten         punktuell, sondern prozessorientiert ist.                     Individuelle Schreibkenntnisse werden ebenfalls von
    Lernressourcen)? Was müssen Teilnehmende noch               für den Prozess der Erhebung des Lernstandes der Teilneh-                                                                 allen Befragten erhoben. Als häufigste Abklärungsbe-
    lernen? Was können sie als Nächstes lernen?                 menden in Basisbildungs- und Alphabetisierungskursen          Bereiche                                                    reiche wurden die Phonem-Graphem-Zuordnung bzw.
                                                                verwendet werden. Die genannten Begriffe sind: Clearing,        Ein wesentlicher Schwerpunkt der Umfrage war darauf       Rechtschreibung und Grammatik sowie die Abklärung
 •	 Lernstandserhebung heißt ständige Beobachtung               Abklärung, Biografiearbeit, Kompetenzfeststellung, Diag-      gerichtet, welche Bereiche erhoben werden. Inhaltlich ab-   der Schriftart und des Schriftbildes genannt. Wesent-
    im Kurs, um Fähigkeiten und Schwierigkeiten in
                                                                nostik, Ressourcenfeststellung, Ersteinschätzung, Einstu-     geklärt werden von allen befragten Anbietern Lesen und      liche Methoden zur Erhebung der Schreibkenntnisse
    konkreten Lernsituationen zu erfassen.
                                                                fungstests und Erhebung der Vorkenntnisse.                    Schreiben, Rechnen, Lernziele, Lernerfahrung und Com-       sind Analysen von Schreibproben, Schreiben von Buch-
 •	 Lernstandserhebung heißt, Lernstrategien der                                                                              puter-Kenntnisse. Folgende Bereiche werden von den An-      staben, Abschreiben und Diktate. Weniger häufig wur-
    Teilnehmenden erfassen, um zielgerichteten                    Des Weiteren wurden Bilder abgefragt, die mit den Begrif-   bietern am häufigsten erhoben: Schreibkenntnisse (32 %),    den Formulare ausfüllen, Alltagstext schreiben, Name
    Unterricht zu ermöglichen.                                  fen Diagnose, Abklärung und Ressourcenfeststellung asso-      Lesekenntnisse (31 %), Rechenkenntnisse (16 %). Zudem       und Adresse schreiben und Gespräch über individuelle
                                                                ziiert werden.                                                wurden noch Bereiche, wie Schriftsprachstufe, mündliche     Schreibkenntnisse genannt.
 •	 Lernstandserhebung heißt nicht einmalige
                                                                                                                              Sprachkenntnisse und Lernstrategien genannt. Die vier
    Erhebung von Fähigkeiten und Schwierigkeiten,
    sondern Beobachtung des Lernfortschritts im                 Diagnose/Diagnostik                                           häufigsten genannten Zielsetzungen der Lernstandserhe-      Rechnen
    Hinblick auf den Lerngegenstand sowie um die                 Diagnose wurde von vier Anbietern als ungeeigneter Be-       bung sind: die bestmögliche Förderung der Teilnehmen-         Durch die zusätzlichen Telefongespräche konnte fest-
    Erweiterung von Lernstrategien.                             griff für die Basisbildung bewertet, weil damit eine starke   den, das Erkennen der Ressourcen, die Entwicklung realis-   gestellt werden, dass nicht alle der befragten Anbieter-
                                                                Assoziation mit „Krankheit“ gegeben ist. Diagnose wurde       tischer Lernziele und -inhalte sowie die Einschätzung des   organisationen Rechnen bzw. Mathematik als Kursinhalt
 •	 Lernstandserhebung hat Konsequenzen für das                 als stark medizinisch geprägter Begriff gesehen und als die   Kenntnisstandes der Teilnehmenden.                          anbieten. Anbieterorganisationen, die ausschließlich mit
    Lehrverhalten, die Unterrichtsmaterialien und               Feststellung eines Zustands mittels wissenschaftlicher In-                                                                Migrant/innen arbeiten, haben zum Zeitpunkt der Um-
    den gesamten Unterricht.
                                                                strumente, Tests und Prüfverfahren beschrieben. Die Be-         Resümierend kann festgehalten werden, dass alle befrag-   frage kein Angebot für Mathematik. Häufig genannte in-
 •	 Diagnostische Tests müssen durch eine informelle            griffe Diagnose und Diagnostik werden aktiv von drei von      ten Anbieterorganisationen die Lernstandserhebung als       haltliche Abklärungsinhalte im Bereich Rechnen sind die
    Diagnostik unterstützt werden, um relevante                 zwölf Anbietern verwendet, fünf Befragte bewerten diese       eigenen Prozess definiert und dokumentiert haben. Die       Grundrechnungsarten, Textaufgaben und Maße. Weitere
    Informationen zum weiteren Lernverlauf zu erhalten.         Begriffe als neutral.                                         Dokumentationen finden sich in Handbüchern, Qualitäts-      inhaltliche Bereiche sind das Rechnen mit Brüchen, Pro-
                                                                                                                              standards und schriftlichen Konzepten wieder.               zentrechnung, Volumsberechnung, Zahlen, Schätzen
Ergebnisse der österreichweiten                                 Abklärung                                                      •	 100 % der Befragten klären Lese- und                    und kognitive Grundfähigkeiten. Häufige Instrumente
Fragebogenumfrage 2008                                           Die am häufigsten genannten Assoziationen zum Begriff            Schreibkenntnisse ab und 62 % der Anbieter klären       zur Erhebung der Rechenkenntnisse sind mathemati-
  In Österreich gibt es im Basisbildungsbereich kein einheit-   Abklärung waren:                                                  Rechenkenntnisse ab.                                    sche Alltagsbeispiele und Kopfrechnen. Seltener wurde
liches Vorgehen im Bereich der Pädagogischen Diagnostik          •	 gemeinsame Bemühungen, um ein Bild von                     •	 54 % der anbietenden Organisationen geben an,           angegeben, dass durch Befragung, Steckwürfel oder Re-
bzw. der Prozessorientierten Lernstandserhebung. Deshalb            Fähigkeiten und Ausgangslage, Zielen, Motivation              dass sie nicht diagnostisch abklären.                   chentests erhoben wird.
wurde ein Fragebogen entwickelt und zusätzlich wurden               und Lernbiografie zu bekommen;                             •	 23 % der befragten Anbieter geben an, dass sie
Telefoninterviews durchgeführt, um die unterschiedlichen         •	 persönliche Gespräche mit Teilnehmer/innen, um                auch Tests zur Lernstandserhebung verwenden.            IKT (Informations- und
Bilder, Vorgehensweisen und Instrumentarien zur bzw. für            Interessen, Bedürfnisse, Möglichkeiten, Potenziale,                                                                   Kommunikationstechnologien)
diese Erhebung zu ermitteln. Ziel war es, die Erhebungskon-         Bildungsbereitschaft und mögliche Hemmnisse               Lesen                                                       und Computer-Grundlagen
zepte und die dazugehörigen Erhebungsinstrumentarien zu             erkennen zu können.                                        Alle befragten Anbieter klären Lesekenntnisse ab. Zu         Computer-Grundkompetenzen werden von allen be-
sammeln, aufzubereiten und übersichtlich darzustellen.                                                                        den häufigsten inhaltlichen Erhebungsbereichen ge-          fragten Anbieterorganisationen durch Gespräche und
                                                                 Der Begriff Abklärung wurde von allen Befragten eher         hören das Vorlesen von Texten, das sinnerfassende Le-       Beobachtung bei der aktiven Benutzung des Computers
Der Fragebogen umfasste sieben Bereiche:                        neutral und positiv bewertet und als stärken- und potenzi-    sen, Buchstabenlesen, Zusammenlauten von Silben und         direkt im Kurs erhoben.
  •	 Allgemein (Begriffe, Ablauf, inhaltliche                   alorientiert definiert.                                       Wörterlesen.
     Bereiche, Dokumentation, Ziele )                                                                                                                                                     Zusätzliche Erhebungen
  •	 Lesen (Bereiche, Instrumente, Ergebnisse,
                                                                Ressourcenfeststellung                                         Folgende Methoden zur Lernstandserhebung im Bereich          Die Hälfte der befragten Anbieterorganisationen gibt
     Ergebnisdokumentation)                                      Unter Ressourcenfeststellung verstand ein Großteil der       Lesen wurden genannt (nach Häufigkeit gereiht):             an, auch die Lernbiografie der Teilnehmenden in Einzel-
                                                                Befragten die Abklärung der vorhandenen Kompeten-              •	 Leseproben analysieren                                  gesprächen und zusätzlich biografische Hintergründe zu
  •	 Schreiben (Bereiche, Instrumente,
     Ergebnisse, Ergebnisdokumentation)                         zen, Fähigkeiten und Stärken. Des Weiteren herrschte                                                                      erheben. Zu den biografischen Hintergründen werden
                                                                                                                               •	 Fragen zu Texten stellen
                                                                Konsens, dass Ressourcenfeststellung notwendig ist, um                                                                    das soziale Netz, die aktuelle Lebenssituation und die
  •	 Rechnen (Bereiche, Instrumente,                                                                                           •	 Alltagstexte vorlesen lassen
                                                                an den richtigen Punkten anzusetzen und Lernerfolge                                                                       Ursachen für Basisbildungsbedarf gezählt. 40 % der Be-
     Ergebnisse, Ergebnisdokumentation)
                                                                zu ermöglichen. Zwei unterschiedliche Ressourcenbe-            •	 Buchstaben lesen                                        fragten klären zusätzlich Motive und Interessen der Teil-
  •	 IKT-/PC-Grundlagen (Bereiche, Instrumente)
                                                                reiche wurden durch die Befragung sichtbar. Einerseits         •	 Silben lesen                                            nehmenden ab.
  •	 Andere Bereiche (Bereiche, Instrumente)                    wurden Ressourcen als Lernressourcen (Kompeten-                •	 Lesetests
  •	 Diversity                                                  zen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Motivation, …) verstan-



Seite 134                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                      Seite 135
QUALITÄT I Zarfl I Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung                                                                                  Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT



Ableitungen                                                     nologie) und Lernen. Diese Erhebungen ermöglichen die            erwerbs und die unterstützende Anwendung im Lernpro-             Trainer/innen – inklusive Einschulung durch die Entwick-
 Prozessorientierte Lernstandserhebung im Basisbil-             Einteilung in Gruppen, sind Voraussetzung für die Kurs-          zess. Basisbildungstrainer/innen brauchen eine fundierte         ler/innen – zur Verfügung stehen. Erhebungsinstrumente
dungsbereich bedeutet die Abklärung individueller Kom-          planung und sind prozesshaft. Das Projekt In.Bewegung            Ausbildung, um Basisbildung und Alphabetisierung un-             ohne Einschulung durch die Entwickler/innen zu verwen-
petenzen in den jeweiligen Lernbereichen und Abklärung          – Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung hat sich            terrichten zu können. Dabei ist es notwendig, dass sie un-       den, ist nicht professionell. Deshalb sollen nicht nur diese
des persönlichen Lernumfeldes und der persönlichen              zum Ziel gesetzt, aktuelle Erhebungskonzepte zur Prozes-         terschiedliche Modelle des Lese-, Schreib- und Rechener-         Instrumente zur Verfügung stehen, sondern auch eine Ein-
Lernvoraussetzungen. Neben den inhaltlichen Kompeten-           sorientierten Lernstandserhebung (POLE) zu recherchie-           werbs kennen und diese auch in ihre konkrete Arbeit mit          schulung. Diese Einschulungsangebote werden auch im
zen im Lesen, Schreiben, Rechnen und am Computer wer-           ren und nachfolgende Ziele und Empfehlungen dazu zu              Teilnehmer/innen übertragen können. Die Kenntnis über            Aus- und Weiterbildungsangebot vom Netzwerk Basisbil-
den auch persönliche, berufliche und soziale Lernebenen         formulieren.                                                     die unterschiedlichen Modelle ermöglicht den Trainer/in-         dung und Alphabetisierung veröffentlicht sein.
erhoben.                                                                                                                         nen, den individuellen Lernstand und die Lernstrategien

  Eine genaue Abklärung der Ausgangssituation von Teil-
                                                                Ziele
                                                                  Ziel der Erhebung ist, gemeinsam mit den Teilnehmen-
                                                                                                                                 erheben und daraus Konsequenzen für den Lernprozess
                                                                                                                                 ziehen zu können.
                                                                                                                                                                                                  Pädagogische Diagnostik bei
nehmenden ist unbedingt notwendig um ein zielgerich-            den ein transparentes Bild ihrer Fähigkeiten und Kennt-                                                                           ISOP Neustart Grundbildung —
tetes, maßgeschneidertes Angebot anbieten zu können.
Alle Institutionen, die Basisbildung anbieten, erheben den
                                                                nisse zu erarbeiten. Im Zentrum der Arbeit in der Basis-
                                                                bildung und Alphabetisierung stehen die Teilnehmenden.
                                                                                                                                  Die Erhebung des Lernstandes erfolgt einleitend, be-
                                                                                                                                 gleitend und abschließend. Prozessorientierte Lern-
                                                                                                                                                                                                  Good Practice
Lernstand ihrer Teilnehmenden auf unterschiedliche Art          Prozessorientierte Lernstandserhebung ist Kernpunkt al-          standserhebung erfolgt nicht punktuell, sondern begleitet        Erhebungskonzepte und Erhebungsinstrumentarien
und Weise. Je nach Institution liegt ein unterschiedlich kla-   ler pädagogischen Bemühungen und muss gewährleisten,             den gesamten Lernprozess der Teilnehmenden. So wer-               Nach dem Vorliegen der Ergebnisse aus der Fragebogen-
res Konzept zur Feststellung von Kenntnissen und Ressour-       dass diese in einem partizipativen Prozess mit den Teilneh-      den Lernprozess und Lernfortschritte für Teilnehmende            umfrage und den Telefoninterviews wurde einmal mehr
cen vor. In allen Institutionen wird die Erhebung des Lern-     menden durchgeführt wird. Die Lernenden sind Experten/           sichtbar.                                                        deutlich, wie viele unterschiedliche Erhebungskonzepte in
standes im Projekt- bzw. Kurskonzept beschrieben.               innen für ihr individuelles Lernen. Lernende und Unter-                                                                           der Praxis der österreichischen Basisbildungsanbieter/in-
                                                                richtende stellen gemeinsam die Weichen für den weiteren          Der Einfluss von potenziellen Beeinträchtigungen wie in         nen zu finden sind.
 Die Lernstandserhebung im Bereich der Mathematik wird          Lernprozess.                                                     den Bereichen Hören, Sehen und Sprechen auf den Lern-
nicht in allen Institutionen und vor allem nicht auf allen                                                                       prozess muss wahrgenommen werden. Hör-, Seh- und                   Die Erhebungskonzepte aller befragten Organisationen
Niveaus durchgeführt. In den Bereichen Lesen und Schrei-          Ziel der Erhebung ist es, besser auf Teilnehmende ein-         Sprechbeeinträchtigungen werden in der Basisbildungs-            sowie Beispiele für Erhebungsinstrumente wurden im
ben werden als theoretischer Rahmen für die Lernstands-         zugehen, um besser und gezielter unterrichten zu kön-            arbeit natürlich nicht diagnostiziert, sie haben aber ei-        März 2008 auf der Website www.alphabetisierung.at ver-
erhebung die Entwicklungsmodelle des Schriftspracher-           nen. Wesentliches Qualitätsmerkmal der Basisbildungsarbeit       nen hohen Einfluss auf den Lernprozess der Teilnehmen-           öffentlicht und stehen seitdem unter der Rubrik Service/
werbs als theoretische Basis verwendet.                         ist ein individueller, teilnehmer/innenzentrierter Unterricht.   den. Diese Beeinträchtigungen müssen von Trainer/innen           Lernstandserhebung zur Verfügung. Unter diesen Konzep-
                                                                Prozessorientierte Lernstandserhebung wird als notwendige        wahrgenommen und im Unterricht erkannt und berück-               ten findet sich auch jenes von ISOP Neustart Grundbildung,
  Es gibt keine diagnostischen Tests für Erwachsene, die für    Basis dafür gesehen. Angehende Kursleiterinnen und Kurslei-      sichtigt werden.                                                 auf das nachfolgend im Detail eingegangen wird.
den Basisbildungsbereich normiert sind. In einer Institu-       ter benötigen für eine genaue Erhebung des Lernstandes eine
tion, ISOP Innovative Sozialprojekte, wird in Kooperation       fundierte Ausbildung und entsprechende Kompetenzen.                Diversity wird in die organisationsspezifischen Konzepte       Erhebungskonzept Neustart Grundbildung
mit der Pädagogischen Hochschule ein Lese- und Schreib-                                                                          der Erhebungen und in die Trainer/innenausbildung inte-            In den vorangegangenen Kapiteln wurde das Thema theo-
test für Erwachsene und ein Mathematiktest für den Über-         Ziel der Erhebung ist, gemeinsam mit den Teilnehmen-            griert. Bei der Lernstandserhebung ist es wesentlich, auf        retisch aufgearbeitet und Empfehlungen für die Prozessori-
gang Schule – Beruf entwickelt.                                 den einen Lernplan erstellen zu können. Teilnehmende             Gleichstellung zu achten. Bei der Auswahl der Erhebungs-         entierte Lernstandserhebung dargestellt. Nachfolgend wird
                                                                sind die Spezialist/innen für ihr eigenes Lernen. Der Lern-      instrumente und Erhebungsmethoden müssen Diversitä-              die Praxis der Pädagogischen Diagnostik von ISOP Neu-
 Für die Mathematik-Lernstandserhebung wurde kein               plan wird nicht von der Kursleitung erstellt und den Teil-       ten Berücksichtigung finden.                                     start Grundbildung in der Steiermark vorgestellt, einem
passendes, einheitliches, theoretisches Rahmenmodell ge-        nehmenden „verordnet“, sondern in einem partizipativen                                                                            Projekt, das sich, im Auftrag des AMS (Arbeitsmarktser-
funden. Für die Abklärung in den Bereichen PC und Auto-         Prozess gemeinsam mit den Teilnehmenden in den ersten              Trainer/innen sollen organisationsintern vernetzt und          vice) Steiermark, in den letzten Jahren intensiv mit dieser
nomes Lernen wurde noch kein passendes ErhebungsInst-           Kurseinheiten erstellt.                                          auf dem gleichen Stand sein. Innerhalb einer Institution         Thematik auseinandergesetzt hat. Neustart Grundbildung
rumentarium gefunden.                                                                                                            ist es wichtig, dass Trainer/innen bei der Durchführung der      verwendet den Begriff Pädagogische Diagnostik für die
                                                                Leitlinien/Empfehlungen                                          Lernstandserhebung denselben Wissensstand haben. Des-            Lernstandserhebung.
Prozessorientierte Lernstands-                                   Die Erhebung bedarf entsprechender Rahmenbedingun-              halb ist es wesentlich, dass sie sich intern vernetzen und ihr
                                                                gen. Ressourcen (zeitlich, räumlich, Methoden) müssen            Wissen über die Lernstandserhebung an KollegInnen wei-            Unter anderem wurden innerhalb des Projekts Qualitäts-
erhebung in der Basisbildung                                    vorhanden sein. Je nach Rahmenkonzept des Kurses müs-            tergeben. Zusätzlich müssen auf der Organisationsebene           zirkel-Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, interne Hand-
und Alphabetisierung                                            sen für die Lernstandserhebung Ressourcen zur Verfügung          entsprechende Strukturen geschaffen werden.                      bücher zur Pädagogischen Diagnostik verfasst und in Ko-
                                                                stehen. Verfügbare Ressourcen sind in den Qualitätsstan-                                                                          operation mit der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule
  Der Arbeitstitel Pädagogische Diagnostik wurde nach dem       dards beschrieben.                                               Zukünftige Entwicklungsbereiche                                  (KPH) Graz Diagnostik-Instrumentarien für Lesen, Schrei-
Vorliegen der Ergebnisse der Fragebogenumfrage als nicht                                                                           Um die Erhebung auf ein Curriculum beziehen zu kön-            ben und Rechnen entwickelt, auf die nachgehend näher
zielführend für die Basisbildungsarbeit befunden. Inner-         Mindestanforderung ist es, mit den Teilnehmenden ge-            nen, ist eine begleitende kritische Forschung zur Defini-        eingegangen wird.
halb der Partnerschaft gab es eine große Unzufriedenheit        meinsam Lernprozesse, Lernfortschritte und den Lern-             tion von Levels, aufbauend auf den Prinzipien der Basisbil-
mit diesem Begriff. Deshalb war es wichtig, einen neuen         stand sichtbar zu machen. Lernprozesse, Lernfortschritte         dung, notwendig. In manchen Organisationen sind bereits          Ausgangssituation für das Projekt Neustart Grundbildung
Begriff zu finden, der die Haltung aller anbietenden Orga-      und Lernstand werden nicht nur von Kursleiter/innen be-          Niveaus in den Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen, IKT            Der technische und soziale Wandel der modernen Gesell-
nisationen innerhalb von In.Bewegung – Netzwerk Basisbil-       schrieben bzw. benannt. Wesentlich ist, dass die Selbst-         und Lernen beschrieben. Allerdings gibt es in der Basis-         schaft hat weitreichende Folgen für die Qualifikations- und
dung und Alphabetisierung zu diesem Thema beschreibt.           einschätzung der Teilnehmenden immer in die Erhebung             bildung noch keine einheitlichen Niveaubeschreibungen.           Kompetenzanforderungen auf dem Arbeitsmarkt und im
Im Zuge der Diskussionen einigte man sich auf den Begriff       mit einfließt. Nur so kann ein objektives Bild des Lernstan-     Diese Beschreibungen müssen durch Forschung unter-               privaten Alltag mit sich gebracht. Mit der Entwicklung und
Prozessorientierte Lernstandserhebung (POLE). Prozesso-         des entstehen. Zudem sind Teilnehmende an ihren eigenen          stützt sein und den Prinzipien der Basisbildung (individu-       Einführung neuer Informations- und Kommunikations-
rientierte Lernstandserhebung in der Basisbildung meint         Lernprozessen aktiv involviert.                                  ell, teilnehmer/innenzentriert, …) entsprechen.                  technologien sind die zu bewältigenden Basisanforderun-
die Erhebung von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompe-                                                                                                                                             gen für Personen – vor allem im Bereich der Kulturtechni-
tenzen in den Basisbildungsbereichen Lesen, Schreiben,           Mindestanforderung an die Trainer/innen ist die Kenntnis         Instrumente zur Erhebung des Lernstandes von Teilneh-           ken – gestiegen. In einer modernen (Medien-)Gesellschaft
Rechnen, IKT (Informations- und Kommunikationstech-             unterschiedlicher Modelle des Lese-, Schreib- und Rechen-        menden mit mangelnder Basisbildung müssen für alle               sind Menschen mit geringerer (Basis-)Bildung und niedri-



Seite 136                                         Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                             Seite 137
QUALITÄT I Zarfl I Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung                                                                                          Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT


                                                                •	 Abgrenzungsprobleme in Richtung
gen Kenntnissen in den Bereichen Lesen, Schreiben, Rech-                                                                     Menschen als Individuum in seinem sozialen Gefüge zu                     Erstgespräch mit den Teilnehmenden. In dieser Phase wer-
                                                                   Legasthenie und Dyskalkulie lagen vor.
nen und im Umgang mit dem PC sehr rasch benachteiligt,                                                                       begegnen und so Informationen über individuell ablau-                    den genaue Informationen zum Projekt gegeben, Rahmen-
vor allem deshalb, weil sie in den notwendig gewordenen         •	 Einbindung von Spezialist/innen (Pädagogische             fende Lernprozesse zu erhalten.                                          bedingungen abgeklärt und wichtige Daten (Telefonnum-
Prozess der selbstständigen Wissensaneignung (lebenslan-           Hochschule) zur Bereicherung und Erweiterung                                                                                       mer, Name) aufgenommen bzw. erste Beratungstermine
ges Lernen) nur schwer oder gar nicht einsteigen können.           der Ansätze und Ideen war notwendig.                        Grundlage und Ausgangspunkt aller pädagogischen Be-                    vereinbart. In diesem Gespräch geht es darum, den ersten
                                                                                                                             mühungen von Neustart Grundbildung sind die Bedürf-                      Schritt für den Kursbeginn zu setzen.
  Die moderne Gesellschaft und der Arbeitsmarkt erfordern       In der langjährigen Praxis bei ISOP Neustart Grundbil-       nisse der Teilnehmenden. Sie sind in jeder Phase der dia-
zunehmend nicht nur die Beherrschung von Verfahren,            dung hat sich die Pädagogische Diagnostik als besonders       gnostischen Tätigkeiten und im gesamten Kursverlauf an                   Informationsgespräch
sondern auch Anpassungsfähigkeit und selbstständiges           relevanter Bereich herauskristallisiert. Ziel der internen    ihrem individuellen Lernprozess aktiv eingebunden.                         Teilnehmende erhalten im Informationsgespräch genaue
Lernen. Personen mit Problemen in der Basisbildung ge-         Entwicklungsarbeit war es deshalb, die wesentlichen Eck-                                                                               Informationen zu den Rahmenbedingungen und zum Ab-
lingt es folglich nur schwer, auf dem Arbeitsmarkt länger-     punkte des Diagnose-Begriffes möglichst wertneutral und       Beratungsverlauf bei                                                     lauf der Beratung. Erste Grobziele und Erwartungen der
fristig Fuß zu fassen und die gestiegenen Anforderungen        vorurteilsfrei zu beleuchten und mögliche Übertragungen       Neustart Grundbildung                                                    Teilnehmenden werden in Form eines Beratungsgesprä-
des täglichen Lebens zu bewältigen (Formulare, Nutzung         auf den Basisbildungsbereich auszuloten.                       Im gesamten Beratungsverlauf bei Neustart Grundbil-                     ches erhoben. Das Informationsgespräch dient dazu die je-
von Information etc.). Faktum ist, dass es eine wesentliche                                                                  dung spielt Pädagogische Diagnostik eine tragende Rolle.                 weilige Trainerin/den jeweiligen Trainer und die Räumlich-
Voraussetzung für eine Integration in die Arbeits- und Be-     Maßnahmen                                                                                                                              keiten, in denen gearbeitet wird, kennenzulernen. Nach
rufswelt bzw. für die aktive Teilnahme an der Gesellschaft      Um diese Fragestellungen intensiv behandeln zu können,       Erstkontakt                                                              diesem Informationsgespräch wird der Kurseintritt be-
ist, über ausreichend gute Kenntnisse in den Bereichen         wurden auf der Ebene des ISOP Projektes Neustart Grund-        Der Erstkontakt ist die erste, meist telefonische, Termin-              schlossen. Das Informationsgespräch dauert je nach Be-
Lesen, Schreiben, Rechnen und im Umgang mit dem PC zu          bildung Qualitätszirkel mit den Schwerpunkten Deutsch         vereinbarung und kurze Abklärung sowie das persönliche                   darf ein bis zwei Stunden.
verfügen. Wer diese Kenntnisse nicht hat, läuft Gefahr, von    und Mathematik eingerichtet. Diese Zirkel waren projekt-
vielen gesellschaftlichen Prozessen und vor allem aus der      übergreifend konzipiert und setzten sich aus Mitarbeiter/
für Integration so wichtigen Erwerbsarbeit langfristig aus-    innen von Neustart Grundbildung sowie Mitarbeiter/in-
geschlossen zu werden.                                         nen aus dem Projekt Externe Hauptschule, dem Projekt In-
                                                               terkulturelle Grundbildung und FLIeG (Familien lernen in
                                                                                                                                                 TN
   Die OECD hält diesbezüglich fest, dass die „effektive An-   Graz) zusammen. Darüber hinaus wurde in einer Koope-                                                                     Erstkontakt
                                                                                                                                  (Eintritt in Maßnahme
wendung von mündlichen und schriftlichen Sprachkennt-          ration mit der KPH Graz (Kirchliche Pädagogische Hoch-
                                                                                                                                bzw. Beratung bei AMS oder
 nissen, von Rechenfähigkeiten und sonstigen mathemati-        schule) fachliches Know-how zum Themenbereich Päda-
 schen Fähigkeiten in unterschiedlichsten Situationen“ ein     gogische Diagnostik aufgebaut (zu einem großen Teil durch             Beratungsstellen)
                                                                                                                                                                                                                                Rückmeldung
„unverzichtbares Werkzeug für ein gutes Funktionieren in       Fortbildungen) und Testinstrumentarien für die Erhebung                                                              Abklärungsgespräch                          Berater/innen
 der Gesellschaft, am Arbeitsplatz und für die Teilnahme       der Lese-, Rechtschreib- und Rechenkenntnisse nach der
 an einem effektiven Dialog mit anderen“ ist. (OECD, 2005,     achten Schulstufe entwickelt.
 S. 12). Neustart Grundbildung setzt genau an diesem Punkt
 an und unterstützt im Auftrag des AMS (Arbeitsmarktser-       Definition Pädagogische Diagnostik
vice) Steiermark arbeitslose und Arbeit suchende Perso-         Zunächst war es wichtig, den Begriff der Diagnose einzu-                     Erstellung eines                         Einzelunterricht                          Rückmeldung
 nen durch individuellen Unterricht und Beratung in den        grenzen. Deshalb war es notwendig, eine inhaltliche Defi-                        Lernplans                                  [20 h]                               Berater/innen
 Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen bzw. im Umgang mit        nition zu entwickeln: Neustart Grundbildung definiert Pä-
 dem Computer und legt so die Grundlage für den Einstieg       dagogische Diagnostik in Anlehnung an Ingenkamp (2008)
 ins Erwerbsleben und in weitere Bildungsmaßnahmen. Seit       als diagnostische Tätigkeiten, die Lehr- und Lernprozesse
1997 arbeitet Neustart Grundbildung im Bereich Basisbil-       ermitteln, analysieren und Lernergebnisse feststellen. Pä-
 dung und Alphabetisierung und betreut pro Jahr bis zu 300     dagogische Diagnostik hat das alleinige Ziel, individuelle
 Erwachsene und Jugendliche in den steirischen Regionen        Lernprozesse zu optimieren. Zudem wird Pädagogische
 Graz, Bruck, Leibnitz und Gleisdorf.                          Diagnostik bei Neustart Grundbildung zur Zuweisung zu
                                                               Lerngruppen und zur Erstellung individueller Förderungs-                     Lernzielreflexion
Notwendigkeit der Pädagogischen                                programmen eingesetzt.                                                            Lernplan                            Gruppenunterricht                                        Einzelberatung
Diagnostik: Ausgangsproblematik                                                                                                              [Vierteljährlich]                       [2 X 3 h pro Woche]                                        [bei Bedarf]
 Im Projekt Neustart Grundbildung gab es etliche Gründe,        Diagnostik und Förderung sind im Verständnis von Neu-
sich mit dem Thema Pädagogische Diagnostik näher ausei-        start Grundbildung stark miteinander verbunden. Ausge-
nanderzusetzten. Folgende Ausgangsproblematik war An-          hend von den Stärken der teilnehmenden Person kann über
stoßpunkt für weitere Aktivitäten:                             eine qualitative Auswertung von diagnostischen Übungen
                                                               ein Lernplan entwickelt werden, der sich an der Gesamt-
  •	 Ohne eine genaue Kenntnis des
                                                               persönlichkeit und den Bedürfnissen der betreffenden
     Ausgangsstandes unserer Teilnehmer/
                                                               Person orientiert. In der Praxis wird auf Tests, informelle
     innen ist keine gute Betreuung möglich.
                                                               und lernzielorientierte Verfahren, Screenings, Fragebögen,
  •	 Das Ansetzen an den Stärken ist nur dann wirklich         selbst erstellte Materialien, Verhaltens- und Lernbeobach-                                                            Abschlussgespräch
     möglich, wenn man diese auch kennt und im                 tung und Gespräche zurückgegriffen.
     Gegensatz dazu auch die Entwicklungsbereiche
     erkennen und benennen kann.                                Neustart Grundbildung geht nicht davon aus, dass pä-
  •	 Nicht in allen Bereichen war im Trainer/                  dagogische Diagnostik als ein Instrumentarium zur Er-                                                                                                          Rückmeldung
                                                               mittlung einer Momentaufnahme des Lernstandes zu ver-                                                                      Ausstieg                            Berater/innen
     innen-Team Know-how zum Thema
     Pädagogische Diagnostik vorhanden.                        stehen ist. Vielmehr geht es darum, dem teilnehmenden         Abb. 1: Beratungsverlauf Neustart Grundbildung




Seite 138                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                       Seite 139
QUALITÄT I Zarfl I Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung                                                                           Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT



Einstiegsberatung                                              onsadäquat reagieren und agieren kann. Idealtypisch kann     Schreiben                                                   rechnen?“). Dabei können wertvolle Erkenntnisse über
  Die Einstiegsphase ist eine sehr bedeutsame und sen-         Diagnostik als zyklischer Prozess beschrieben werden. Die-      Was können Sie schreiben (eigenen Namen,                 die verwendeten Strategien und die Ursachen von Lese-,
sible Phase. Hier entscheidet es sich, ob die Teilnehmen-      ses Modell ist die Grundlage des Diagnostik-Ansatzes von        eigene Adresse, Buchstaben, Einkaufslisten,              Schreib- und Rechenschwächen erkannt werden. We-
den in den Kurs einsteigen. In dieser Phase findet Einzel-     Neustart Grundbildung.                                          kurze Notizen, SMS, Karten, Formulare,                   sentliche Beachtung finden hier auch dialektale Färbun-
unterricht im Ausmaß von insgesamt 15 bis 20 Stunden                                                                           E-Mails, Briefe, Lebenslauf, Bewerbung,                  gen bzw. muttersprachliche Sprachstrukturen, die sich
statt (jeweils Kurstermine zu je 1,5 Stunden). Dabei werden                                                                    Daten in Computer eintragen, …)?                         auf die Schriftsprache auswirken können.
erste Diagnoseschritte eingeleitet und die Zielerarbeitung
                                                                                                                               Was können Sie sicher schreiben?
durchgeführt. Die Ergebnisse werden in einem Lernplan                                                                                                                                   Lernziele formulieren und adaptieren
festgehalten.                                                                                                                  Müssen Sie zu Hause/in Ihrer Arbeit                         Ausgehend von den Hauptzielen der Teilnehmenden
                                                                                                                               etwas schreiben? Was?                                    („Wenn ich mit dem Kurs/der Beratung fertig bin, kann ich
  Die Teilnehmenden haben im Einzelsetting die Möglich-                                                                                                                                 ...“) und den Analyse- und Reflexionsergebnissen werden
keit, in vertrauensbildender, stressfreier Lernatmosphäre                                                                      Hilft Ihnen jemand beim Schreiben? Nimmt                  in einem nächsten Schritt Lernziele gemeinsam formuliert.
                                                                                                                               Ihnen jemand ganz das Schreiben ab?
ihre Lernstrategien, ihr eigenes Lerntempo, ihre Stärken                                                                                                                                Die Schritte, die zum Hauptziel führen, werden detailliert
und Ressourcen zu entdecken, diese zu entwickeln und vor                                                                       Gibt es etwas, das Sie gerne schreiben?                   und für die Teilnehmenden nachvollziehbar beschrieben
allem erste motivierende Lernerfolge zu erleben. Viele Teil-                                                                                                                            (z.B. Silben aus zwei Buchstaben mit „st“ lesen können, alle
nehmer/innen haben in ihrer Lernbiografie entscheidende,                                                                       Was möchten Sie gerne mit der nötigen                    Namenwörter mit Kennsilben -heit, -keit, ... großschreiben
meist negative, Einschnitte. Diese sind in erster Linie da-                                                                    Sicherheit schreiben können?                              können, kurze Notizen mit zwei Wörtern aufschreiben kön-
durch gekennzeichnet, dass ihre individuellen Bedürfnisse                                                                                                                                nen ...). Diese Lernziele werden im persönlichen Lernplan
kaum beachtet wurden. Sie bringen aufgrund ihrer per-                                                                       Rechnen                                                      der Teilnehmer/innen festgehalten.
sönlichen Lern- und Lebensgeschichte völlig verschiedene                                                                       Was können Sie rechnen (addieren,
Lernvoraussetzungen und Lernzugänge mit. Arbeitstempo,                                                                         subtrahieren, multiplizieren, dividieren,                Unterricht
Konzentrationsvermögen, Selbstvertrauen, Kenntnisstand,                                                                        rechnen mit Geld, rechnen mit Zeit, Maße                  Auf Basis der vereinbarten Lernziele wird der Unterricht
fehlerhaft gefestigte Sprach- und Schreibmuster bestim-                                                                        umwandeln, Umfang-/Flächenberechnung,                    inhaltlich gestaltet. Die ausgewählten Inhalte orientieren
men daher mit vielen weiteren Faktoren das individuelle                                                                        Prozentrechnung, Rechnen mit Brüchen, Rechnen            sich sehr stark an persönlichen, berufsbezogenen und all-
Lernsetting im Unterricht.                                                                                                     mit Dezimalzahlen, Kopfrechnen, rechnen                  tagsrelevanten Themen und an den konkreten Interessen
                                                                                                                               mit dem Taschenrechner/Handy, Daten in                   der Teilnehmenden.
  In dieser Phase ist es notwendig, sehr behutsam mit die-     Abb. 2: Zyklischer Verlauf der Pädagogischen Diagnostik
                                                                                                                               Computer eintragen, Schlussrechnung, …)?
sen Verfahren umzugehen. Dennoch ist es aber gerade                                                                            Müssen Sie zu Hause/in Ihrer                             Einschätzung Reflexion der Teilnehmer/innen
in dieser Phase notwendig, eine eingehende Diagnostik          Einschätzung und Reflexion                                      Arbeit etwas rechnen? Was?                                 Wesentliches Kennzeichen des Diagnostik-Prozesses ist
durchzuführen, um einen optimalen, individuellen Lern-         der Teilnehmer/innen                                                                                                     der zyklische Verlauf. Je nach individuellem Bedarf werden
prozess zu gewährleisten.                                       Am Beginn des Prozesses steht die Selbsteinschätzung           Hilft Ihnen jemand beim Rechnen? Nimmt                   nach 20 Stunden oder nach zwei bis drei Monaten Unter-
                                                               und Selbstreflexion der Teilnehmenden. Dabei werden in          Ihnen jemand das Rechnen ganz ab?                        richt die Lernziele überprüft. Die Teilnehmenden reflek-
Gruppenunterricht                                              Form von Beratungsgesprächen die Lese-, Schreib- und Re-        Was möchten Sie gerne mit der nötigen                    tieren dabei über ihre Lernfortschritte und bekommen
 Nach der Phase der Einstiegsberatung werden die Teil-         chengewohnheiten sowie das Lese- Schreib- und Rechen-           Sicherheit rechnen können?                               persönliches Feedback. Die Lernziele werden mit den Teil-
nehmenden in Kleingruppen von maximal fünf Perso-              vermögen erhoben.                                                                                                        nehmenden auch auf ihre Aktualität hin überprüft und
nen integriert. Dort wird an den individuellen Zielsetzun-                                                                  Analyse im Lesen, Schreiben und Rechnen                     nach Bedarf nachgeschärft, ergänzt oder hinzugefügt.
gen weiter gearbeitet und alle im Lernplan festgehaltenen      Folgende Fragen haben sich dabei bewährt (vgl. Bauer/         Nachdem die Teilnehmenden ihre eigenen Lese- und
Lernziele weiter verfolgt. Alle Teilnehmenden haben ein in-    Sallaberger, 2007, S. 9ff):                                  Schreibkenntnisse durch die Selbsteinschätzung umris-         Nach Abschluss der Lernreflexion werden erneut be-
dividuelles Lernprogramm.                                                                                                   sen und auch erste Lernziele formuliert haben, werden       darfsorientiert Lese-, Schreib- und Rechenanalysen durch-
                                                               Lesen                                                        die Kompetenzen in den Bereichen Lesen, Schreiben und       geführt, zu einem späteren Zeitpunkt wird wieder ein
Erweiterter Einzelunterricht                                       Was können Sie lesen (Plakate, Straßennamen,             Rechnen durchgeführt. In dieser Phase kommen je nach        Feedbackgespräch mit Lernfortschrittsdokumentation
  In bestimmten Fällen ist es möglich, den Einzelunterricht        Prospekte, Fahrpläne, SMS, Fernsehprogramm,              Entwicklungsbereich und in Absprache mit den Teilneh-       durchgeführt, neue Lernziele werden formuliert bzw. adap-
fortzusetzen. Dies wird besonders bei absoluten Lese- und          Zeitungen, Zeitschriften, Postkarten, Bücher,            menden Lese-, Schreib- und / oder Mathematikchecklis-       tiert und in den Unterricht integriert.
Schreibanfängern und -anfängerinnen oder bei besonde-              Notizen, E-Mails, Namen, Urlaubsschein,                  ten in Kombination mit ergänzenden Übungen zum Ein-
ren Förderbedürfnissen angeboten.                                  Arbeitsanweisungen, Rezepte, …)?                         satz, die detaillierte Ergebnisse über den Ist-Stand der    Lernplan bei Neustart Grundbildung
                                                                   Was lesen Sie schon gut?                                 Teilnehmenden geben.                                          Das zentrale Dokumentations- und Planungsinstrument
Ausstieg                                                                                                                                                                                der Pädagogischen Diagnostik bei Neustart Grundbildung
                                                                    Müssen Sie zu Hause/in Ihrer Arbeit Dinge
  Der Ausstieg aus dem Kurs beinhaltet ein abschließendes
                                                                    lesen, die schwierig für Sie sind?
                                                                                                                            Feedback geben    trategien hinterfragen
                                                                                                                                          /S                                            ist der Lernplan. Der Lernplan ist für Teilnehmende und
persönliches Gespräch mit der Trainerin/dem Trainer, wo                                                                      Wenn die Stärken und Entwicklungsbereiche vorliegen,       Trainer/innen gleichermaßen ein Instrument, das hilft in-
Lernziele, Lernprozess und Erfahrungen beim Lernen re-              Hilft Ihnen jemand beim Lesen? Wer?                     werden diese gemeinsam mit den Teilnehmenden be-            dividuelle Lernprozesse und Lernfortschritte transparent
flektiert werden.                                                   Gibt es etwas, das Sie gerne lesen?                     sprochen. Dabei werden die bereits erworbenen Kennt-        sowie Erfolge sichtbar zu machen. Teilnehmde und Trai-
                                                                                                                            nisse und Stärken hervorgehoben und mögliche, zu be-        ner/innen füllen den Lernplan gemeinsam aus und evalu-
                                                                   Was möchten Sie gerne mit der nötigen
Zyklischer Verlauf der Pädagogischen                               Sicherheit lesen können?
                                                                                                                            arbeitende Entwicklungsbereiche gemeinsam festgelegt.       ieren laufend.
Diagnostik bei Neustart Grundbildung                                                                                        In dieser Phase ist es auch notwendig, die bisherigen
 Im gesamten Beratungsverlauf spielt Pädagogische Di-              Benutzen Sie einen Computer/ein Handy?                   Strategien der Teilnehmenden zu hinterfragen (z.B. „Sie     Der Lernplan ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil
agnostik eine tragende Rolle und passiert nicht punktuell,         Was haben Sie mit dem Computer/                          haben sehr viele Wörter richtig großgeschrieben. Wo-        des Lernplans geht es um persönliche Qualifikationen
                                                                   dem Handy schon gemacht?
sondern lernprozessbegleitend. Wesentliches Element ist,                                                                    her wissen Sie, dass Sie diese großschreiben?“ oder „Wie    und Stärken der Teilnehmenden. Sie reflektieren sich
dass das entsprechende Know-how bei den Trainern und               Was würden Sie gerne mit dem Computer/                   kommen Sie bei dieser Rechnung zum Ergebnis? Kön-           und beschreiben lernrelevante Bereiche, sie definie-
Trainerinnen vorhanden ist und sie persons- und situati-           dem Handy machen können?                                 nen Sie mir erklären, wie Sie das Schritt für Schritt be-   ren und erkennen bereits erworbene Kompetenzen (for-



Seite 140                                        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.      Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                         Seite 141
QUALITÄT I Zarfl I Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung                                                                                                                  Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT



mell und informell) und persönliche Stärken. Im zweiten                definiert werden. Zudem bietet der Lernplan im dritten          Eggenberger Lese-, Rechtschreib-                                                         Grundbildung, die sich freiwillig für diese Evaluierung zur
Teil des Lernplans setzen sie sich zum ersten Mal kon-                 Teil Möglichkeiten, den eigenen Lernprozess zu reflek-          und Rechentest 8+                                                                        Verfügung stellten, konnten bereits erste Normwerte und Ad-
kret mit ihrem Lernbereich und den persönlichen Lern-                  tieren und Erkenntnisse und Erfahrungen beim Lernen              Seit 2008 gibt es eine enge Kooperation zwischen ISOP                                   aptierungen der Tests vorgenommen werden. Die aktuell vor-
zielen auseinander. Diese Lernziele sind als Lernergeb-                zu verschriftlichen. Der Lernplan begleitet alle Teilneh-       Neustart Grundbildung und der Kirchlichen Pädagogi-                                      liegenden Tests können auch Ausschnittsweise zum Einsatz
nisse (can-do-Formulierungen) beschrieben und mit                      menden von der Einstiegsphase bis zum Ausstieg. Lern-           schen Hochschule in Graz. Ziel dieser Zusammenarbeit                                     kommen, indem man zur Abklärung bestimmter Lernberei-
einem angestrebten Zeitpunkt der Erreichung verse-                     fortschritte werden mithilfe dieses Instrumentes sicht-         war die Erstellung von Tests für Lesen, Rechtschreiben und                               che entsprechende Übungen aus dem vollen Test entnimmt.
hen. Wesentlich ist, dass alle Lernziele von Trainer/in-               bar gemacht, der gesamte Lernprozess ist durch diesen           Rechnen, die nach der Absolvierung der achten Schulstufe
nen und Teilnehmenden in einem gemeinsamen Prozess                     Lernplan nachvollziehbar und transparent.                       zum Einsatz kommen sollen.                                                                Vor allem für jene Teilnehmende, die einen externen
                                                                                                                                                                                                                                Hauptschulabschluss nachholen oder eine Aufnahme-
                                                                                                                                        Diese Tests bilden die Lernkompetenzen ab, die bis zum                                  prüfung absolvieren möchten, geben die Tests ein gutes
                                                                                                                                       Pflichtschulabschluss erworben sein sollen. Nach einer Test-                             Bild über die bereits erworbenen und noch zu bearbei-
                                                                                                                                       phase mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen von Neustart                                   tenden Kompetenzen.
Lernziele
Bereich ______________________________    Grobziel ______________________________________________________


   Lernziel                              Ziel      Fortschritt   Fortschritt   Fortschritt   Fortschritt   Notizen        Ziel
                                                                                                                                                                                         Tageshöchsttemperaturen
                                         geplant                                                                          erreicht

                                                                                                                                                                         16                                                                                      Tag          Grad
                                                                                                                                                                         14
                                                                                                                                                                                                                                                                             Celsius




                                                                                                                                          Temperatur (in Grad Celsius)
                                                                                                                                                                                                                                                                 MO
                                                                                                                                                                         12
Abb. 3: Lernplan
                                                                                                                                                                         10                                                                                       DI
                                                                                                                                                                         8                                                                                        MI
Erhebungsinstrumentarien und Ergebnisse                                 suche) unbedingt mit einbezogen werden. Der Wahrneh-
 Wesentlich für die Diagnostik sind geeignete Materialien               mungsprozess ist immer durch den eigenen Wissens- und                                            6                                                                                       DO
und Methoden, die den Lernstand der Teilnehmenden ab-                   Erfahrungshintergrund der Trainerin/des Trainers be-
bilden und helfen, diese Ergebnisse in konkrete Lernziele               stimmt. Grundsätzlich ist dieses Instrument hypothesen-
                                                                                                                                                                         4
                                                                                                                                                                                                                                                                  FR
zu integrieren. Im Zuge des Projekts stellte sich rasch her-            geleitet. Anhand von Beobachtung wird eine Hypothese                                             2
aus, dass für eine detaillierte Pädagogische Diagnostik bei             gebildet, die im weiteren Verlauf überprüft, korrigiert und                                                                                                                               SA
Neustart Grundbildung unterschiedliche Erhebungsinst-                   präzisiert wird. Aus den theoretischen Ansätzen der Schrift-                                     0
rumentarien und Methoden zum Einsatz kommen, um in-                     sprachentwicklung müssen Beobachtungskriterien abge-                                                                                                                                      SO




                                                                                                                                                                              g




                                                                                                                                                                                                           ag



                                                                                                                                                                                                                      g
                                                                                                                                                                                        g




                                                                                                                                                                                                                                         ag
                                                                                                                                                                                               ch




                                                                                                                                                                                                                              ag
                                                                                                                                                                            ta




                                                                                                                                                                                                                    ta
                                                                                                                                                                                      ta
dividuell optimal fördern zu können. Die Auswahl der ge-                leitet werden (vgl. Engel, 2008, S 41 f).




                                                                                                                                                                                                        st




                                                                                                                                                                                                                                        t
                                                                                                                                                                                            wo




                                                                                                                                                                                                                           st
                                                                                                                                                                                                                  ei
                                                                                                                                                                          on



                                                                                                                                                                                    ns




                                                                                                                                                                                                                                      nn
                                                                                                                                                                                                        er




                                                                                                                                                                                                                            m
                                                                                                                                                                                                                Fr
                                                                                                                                                                         M



                                                                                                                                                                                     e



                                                                                                                                                                                            itt




                                                                                                                                                                                                                                    So
                                                                                                                                                                                                      nn




                                                                                                                                                                                                                          Sa
eigneten Instrumentarien liegt in der Verantwortung der




                                                                                                                                                                                  Di



                                                                                                                                                                                            M


                                                                                                                                                                                                   Do
einzelnen Trainer/innen. Sie suchen den passenden Zu-                   Lerndialoge
gang für jede/n Teilnehmer/in. Im Zuge der Auseinander-                  Lerndialoge haben zum Ziel, Informationen zu gewin-                                                                           Wochentag
setzung mit Pädagogischer Diagnostik wurde Know-how                    nen, die nur unzureichend durch Beobachtung beob-
aufgebaut und unterschiedlichste Methoden und Tools auf                achtbar sind. Dadurch lassen sich Fragen bezüglich der
ihre Brauchbarkeit und auf Kriterien für den Einsatz hin ge-           Vorstellung und Einstellung zum Lerngegenstand, der Lö-         a) Lies aus dem Diagramm die Temperatur für jeden Tag ab und trage sie in die
prüft. Nachfolgend wird eine Auswahl an empfehlenswer-                 sungsideen und Strategieanwendung sowie der impliziten
ten Instrumentarien vorgestellt.                                       Regelbildung erklären. Gezielte Fragestellungen können            Tabelle daneben ein!
                                                                       Hypothesen aus Lernbeobachtung verifizieren. Lerndia-
Lernbeobachtung
  Bei der Lernbeobachtung ist die Trainerin/der Trainer
                                                                       loge entstehen durch Wechselwirkung von Trainer/innen
                                                                       und Teilnehmenden.
                                                                                                                                       b) Berechne die durchschnittliche Temperatur für diese Woche!
als Beobachtende/r aktiver Teil der Beobachtungssitua-
tion. Während der normalen Unterrichtssituation beob-                    Teilnehmende sind als Experten/innen für das eigene
achten Trainer/innen ihre Teilnehmenden in Hinblick                     Lernen zu betrachten. Sie geben der Trainerin/dem Trai-        c1) Welcher Tag war der wärmste Tag?
auf ihr Lernverhalten, der Lernschwierigkeiten und der                  ner Einblicke in eigene Theorien über Schriftsprache. Da-
Lernmotivation. Diese Lernbeobachtung kann durch ge-                    bei werden Lehrende sensibler für die Normiertheit der
zielte Fragestellungen oder informell durchgeführt wer-                 Schriftsprache und für die Schwierigkeiten im Aneig-           c2) Welcher Tag war der kälteste Tag?
den. Lernbeobachtung ist langfristig angelegt und be-                   nungsprozess. Die Lernzielbestimmung erfolgt gemein-
gleitet somit den gesamten Lernprozess vom Einstieg bis                 sam, auch bei der Lernprozessplanung sind Lehrende wie
zum Ausstieg.                                                           Lernende involviert. Durch Lerndialoge wird deutlich ge-       c3) An welchen Tagen hatte es die gleiche Temperatur?
                                                                        macht, dass Lernende ihren Lernprozess aktiv selbst mit-
  Der Beobachtungsprozess ist ein selektiver und subjek-                bestimmen und dass ihre Denk- und Lösungsversuche
tiver Prozess, dessen muss sich der Trainer / die Trainerin             ernst genommen werden. Lerndialoge unterstreichen
auch immer bewusst sein. Deshalb muss die Perspektive                   nochmals die von Vertrauen und Respekt geprägte ge-
des Lernenden (z.B. durch Gespräche über Schreibver-                    meinsame Lernsituation (vgl. ebda, S. 42f ).                   Abb. 4: Eggenberger Rechentest 8+ (ERT 8+) 2008




Seite 142                                           Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.              Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                                                    Seite 143
QUALITÄT I Zarfl I Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung                                                                                      Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT



                                                                     beispielsweise den Wetterbericht lesen können, so kann           Trainerinnen und Trainer sowie ein gutes Konzept und       Wert darauf gelegt, dass in der Pädagogischen Diagnostik
                                                                     dieser bereits als Grundlage für eine erste Leseanalyse her-     der adäquate Einsatz der Pädagogischen Diagnostik der      sowie auch im Kurs ausschließlich erwachsenengerechte,
                                                                     angezogen werden.                                                Dreh- und Angelpunkt für erfolgreiche Basisbildungs-       alltags- und berufsadäquate Materialien und Methoden
                                                                                                                                      arbeit. Zudem wird bei Neustart Grundbildung höchster      zum Einsatz kommen.
                                                                       Nur mit dem Einverständnis der Teilnehmenden lässt
                                                                     man Texte vorlesen. Diese Lesesituationen sind für die Teil-
                                                                     nehmenden anfangs sehr belastend. Bevor der Lesetext
                                                                     zum Einsatz kommt, wird auch abgeklärt, ob es in Ord-
                                                                     nung ist, sich als Trainer/in Notizen zu machen, die später
                                                                     gemeinsam besprochen werden. Für neue Trainer/innen              Literatur
                                                                     ist es hilfreich, direkt die Checkliste heranzuziehen, für er-     Alfa-Forum. Zeitschrift für Alphabetisierung               Ingenkamp, K. / Lissmann, U. (2008, 6.
                                                                     fahrenere Trainer/innen dient die Checkliste oft nur mehr            und Grundbildung (2004A), Diagnostik. Herbst               Aufl.), Lehrbuch der Pädagogischen
                                                                     als zusätzliche Orientierungshilfe und Lesebeobachtungen             2004. 56/2004. Osnabrück: Verlag Vogelsang.                Diagnostik. Weinheim, Basel: Beltz Verlag.
                                                                     werden gesondert notiert. Der Lesetext kann allerdings nur         Alfa-Forum. Zeitschrift für Alphabetisierung               Lenart, F. / Holzer, N. / Schaupp, H. (2008),
                                                                     als eine erste Möglichkeit der Diagnostik gesehen werden.            und Grundbildung (2004B), Diagnostik. Winter               Eggenberger Rechtschreibtest 8+. Testmappe
                                                                     Es ist besonders wichtig zu bemerken, dass eine genaue               2004. 57/2004. Osnabrück: Verlag Vogelsang.                ERST 8+ für das Ende der 8. Schulstufe.
                                                                     und zielführende Diagnostik nur dann gelingt, wenn viele           Bauer, B. / Sallaberger, G. (2007),                          Forschungsprojekt KPH Graz/ISOP.

Abb. 5: Eggenberger Rechtschreibtest 8+ (ERST 8+) 2008
                                                                     Übungen und Methoden in Kombination mit Lerndialogen                 Dokumentationshilfen für die                             Lenart, F. / Holzer, N. / Schaupp, H. (2007),
                                                                     und -beobachtungen erfolgen. Die Analyse eines Lesetex-              Basisbildungsarbeit [online]. Verfügbar unter:             Eggenberger Rechentest / Diagnostikum für
                                                                     tes gibt nur einen ersten Einblick in die Lesekompetenzen            www.alphabetisierung.at/fileadmin/pdf/                     Dyskalkulie. Testmappe ERT 8+ für das Ende der
Checklisten Lesen — Schreiben — Rechnen                              der Teilnehmenden.                                                   alfa-koffer/Leitfaden_Dokuhilfe.pdf [11.01.10]             8. Schulstufe. Forschungsprojekt KPH Graz / ISOP.
  Die Qualitätszirkel des Projekts Neustart Grundbildung                                                                                Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards für die         Saurugg, R. / Schmieder, B. / Seebacher, I. / 
haben Checklisten entwickelt, mit deren Hilfe ein genaues             Allgemeine Beobachtungen, wie die Benutzung von Le-                 Alphabetisierung und Basisbildung [online].                Skrabitz, U. (2009), Handbuch Mathematik
Bild der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen ermittelt             sehilfen (Finger, Papier, …), Seh- oder Hörbehelfen, Blick-          Verfügbar unter: www.alphabetisierung.at/                  in der Basisbildung. Projektinternes
werden kann. Basis der Analyse sind Lese- und Schreibpro-            sprünge beim Lesen, Tempo, Lesemotivation und beob-                  fileadmin/pdf/Materialien/                                 Handbuch ISOP Neustart Grundbildung.
                                                                                                                                          qualitaetsstandards.pdf [13.12.09]                         Qualitätszirkel Mathematik. Graz.
ben von Teilnehmenden. Für den Mathematikbereich sind                achtbare Lesestrategien, können bei der Analyse durch
individuelle, bereichsorientierte Übungen für die Analyse            einen Lesetext bereits erfolgen. Sollten Teilnehmende an-          Duden (2007), Das große Fremdwörterbuch:                   OECD (2005), Definition und Auswahl von
notwendig. Die Checkliste hat nicht den Anspruch, Schritt            geben, nicht alle Buchstaben zu kennen und nur einzelne,             Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter.                    Schlüsselkompetenzen. Zusammenfassung
                                                                                                                                          4., aktualisierte Auflage Mannheim,                        [online]. Verfügbar unter www.oecd.org/
für Schritt mit den Teilnehmenden durchgearbeitet zu wer-            häufige Wörter lesen zu können, ist es ratsam, einzelne
                                                                                                                                          Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag.                        dataoecd/36/56/35693281.pdf [17.11.08]
den, sondern dient als Analysehilfe. Sie beinhaltet sämtli-          Übungen anzubieten.
che Beobachtungskriterien, die für den weiteren Lernver-                                                                                Engel, N. (2008), Förderdiagnostik in                      Probst, H. (2003), Unterrichtsbegleitende
                                                                                                                                          der Alphabetisierung. Eine empirische                      Diagnostik im schriftsprachlichen Lernbereich.
lauf wesentlich sind. Insbesondere für neue Trainer/innen              Zu jedem Entwicklungsbereich des Schriftspracherwerbs
                                                                                                                                          Untersuchung zur Schreibprozessdiagnose                    In: Leonhard, A. / Wember, F. (Hrsg.): Grundfragen
dient die Checkliste als Grundlage für die Analyse der Lese-,        wurde deshalb von Neustart Grundbildung eine umfas-
                                                                                                                                          in Alphabetisierungskursen Niedersachsens.                 der Sonderpädagogik. Bildung. Erziehung.
Schreib- und Rechenkompetenzen der Teilnehmenden. Er-                sende Sammlung von diagnostischen Methoden und Tools                 Stuttgart: ibidem-Verlag.                                  Behinderung. Weinheim/Basel In: Alfa
fahrenen Trainern und Trainerinnen dient die Checkliste              zusammengestellt. Für Leseanfänger/innen gibt es für die                                                                        Forum. Zeitschrift für Alphabetisierung und
                                                                                                                                        Gsellmann, H. / Simon, L. / Skrabitz, U. / Zarfl,
als Orientierungshilfe.                                              logografische und alphabetische Stufe gute, erprobte Ma-                                                                        Grundbildung. Diagnostik. Herbst 2004. 56/2004.
                                                                                                                                          R. u. a. (2009). Handbuch Pädagogische
                                                                     terialien. Zu allen Beobachtungsbereichen der Checkliste             Diagnostik im Lesen und Schreiben bei
  Es ist wesentlich, dass die Checkliste nur dann zum Einsatz        Lesen für Anfänger/innen gibt es unterschiedliche Materi-            Erwachsenen mit Basisbildungsbedarf.
kommen darf, wenn eine Selbsteinschätzung der Teilneh-               alien, die von den Trainer/innen für eine genaue Abklärung           Projektinternes Handbuch ISOP Neustart
menden bereits erfolgt ist. Zur Analyse von Lernbereichen,           zum Einsatz kommen. Parallel zur Diagnostik werden in                Grundbildung. Qualitätszirkel Deutsch. Graz.
die etwa durch eine Lese- oder Schreibprobe nicht ersicht-           den zehn bis zwanzig Stunden (je nach Bedarf auch erwei-
lich werden, müssen zu den Beobachtungskriterien spezi-              terbar) der Einzelberatung bereits gemeinsam erste Lern-
elle Übungen und Methoden zur Anwendung kommen.                      ziele ermittelt und im Lernplan festgehalten.

 Für die Lernbereiche Lesen und Schreiben wurden ins-                Fazit
gesamt vier Checklisten entwickelt (Lesen Anfänger/in-                 Alle bei Neustart Grundbildung zum Einsatz kommenden
nen und Fortgeschrittene, Schreiben Anfänger/innen                   Diagnostik-Instrumentarien in detaillierter Form darzustel-
und Fortgeschrittene).                                               len würde den Rahmen des vorliegenden Beitrags sprengen.
                                                                     Aus diesem Grund wurde in diesem Kapitel auf die umfang-          Die Autorin
Beispiel Einsatz der Checkliste                                      reiche Beschreibung der informellen Diagnostik, der Fragen        Dipl.Päd.in Rosmarie Zarfl
Lesen für Anfänger/innen                                             für die Lerndialoge, aller diagnostischen Tests sowie der um-     Seit 2005 Basisbildungstrainerin bei ISOP Neustart
 Voraussetzung für den Einsatz der Checkliste ist die                fassenden diagnostischen Möglichkeiten in den Basisbil-           Grundbildung und Projektmitarbeiterin in der Gesamt-
Selbsteinschätzung der Teilnehmenden. Sie erklären, mit              dungsbereichen der Mathematik verzichtet.                         koordination von In.Bewegung – Netzwerk Basisbil-
welchen Lesesituationen sie zurechtkommen oder Prob-                                                                                   dung und Alphabetisierung. Schwerpunkte: Didaktik/
leme haben und beschreiben ihre persönlichen Lesekom-                  Ohne eine eingehende Diagnostik können Lernfort-                Methodik, Diagnostik, IKT im Basisbildungsunterricht,
petenzen. Im Lerndialog können gezielt bestimmte Lern-               schritte und positive Lernprozesse nicht gewährleistet            Innovationen
bereiche im Gespräch bereits erhoben werden. Wenn sich               werden. Durch die Prinzipien der Teilnehmer/innenzen-             ISOP GmbH
Teilnehmende selbst als Anfänger/innen oder schwache                 trierung und der individuellen Arbeit mit unserer Ziel-           www.isop.at
Leser/innen bezeichnen, aber dennoch angeben, dass sie               gruppe in der Basisbildung und Alphabetisierung sind              rosi.zarfl@isop.at




Seite 144                                                Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.        Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                       Seite 145
QUALITÄT I Muckenhuber I Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung                                                                   Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung I Muckenhuber I QUALITÄT



                                                                                                                          wird, konnte bislang keine Einigung auf eine allgemein ver-      sich der eigenen Kompetenzen bewusst zu werden. Für ge-
                                                                                                                          bindliche Definition von Kompetenz erzielt werden. Auf-          lungene individualisierte und zielführende Beratung und
                                                                                                                          grund der Vielzahl von unterschiedlichen Kompetenz-              Bildungsprozesse ist eine strukturierte Potenzialerhebung
                                                                                                                          begriffen spricht Winkler in diesem Zusammenhang von             sowohl für Trainerinnen und Trainer als auch für Lernende
                                                                                                                          einem sozialen Konstrukt, das nur innerhalb verbindlich          unterstützend. Ein geeignetes Kompetenzmanagement-
                                                                                                                          definierter Vorstellung aller Beteiligten Gültigkeit hat (vgl.   Instrumentarium erhöht ihre Selbsteinschätzungsfähig-
                                                                                                                          Winkler 2002, S. 18). Eine einheitliche Definition des Kom-      keit, schärft ihre Wahrnehmung von Selbsteinschätzung
                                                                                                                          petenzbegriffes wäre demnach immer nur innerhalb ver-            und Fremdeinschätzung und unterstützt die Teilnehmen-
                                                                                                                          einbarter Kontexte möglich.                                      den dabei, selbstständig ihre eigenen Kompetenzen zu er-
                                                                                                                                                                                           kennen und sie Dritten gegenüber nachvollziehbar dar-
                                                                                                                            Laut Weinert bezieht sich Kompetenz auf „bei Individuen        zustellen. Angebote zur Kompetenzfeststellung werden
                                                                                                                          verfügbare oder durch sie erlernbare, kognitive Fähigkeiten      idealerweise von Personen begleitet, die eine Ausbildung
                                                                                                                          und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie          zur Kompetenzbegleitung absolviert haben und in der
                                                                                                                          die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und           Lage sind, das Instrument sinnvoll und verantwortungsbe-
                                                                                                                          sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problem-         wusst zum Nutzen der Zielgruppe einzusetzen.
                                                                                                                          lösungen in variablen Situationen erfolgreich und verant-
                                                                                                                          wortungsvoll nutzen zu können” (Weinert 2001, S. 27f).            Viele existierende Verfahren zur Kompetenzfeststellung
                                                                                                                                                                                           sind für die Teilnehmenden an Grundbildungsangeboten
Sonja Muckenhuber                                                                                                           Mit einer gültigen Kompetenzdefinition beschäftigen            nur bedingt bis gar nicht geeignet:
Leiterin des 1. österreichischen Grundbildungszentrums                                                                    sich unter anderem auch John Erpenbeck und Lutz von
im Wissensturm Linz, Teilprojektkoordinatorin                                                                             Rosenstiel, die aus den unterschiedlichsten Kompetenzbe-          Sie setzen einen hohen Grad an Schriftsprachkompetenz
im Projekt In.Bewegung, VHS Linz                                                                                          griffen immerhin gemeinsame Merkmale isolieren. Sie be-          voraus und es wird von einem Selbstbild der Nutzerinnen
sonja.muckenhuber@mag.linz.at                                                                                             schreiben folgende Gemeinsamkeiten: Kompetenzen sind             und Nutzer ausgegangen, das sehr wohl Kompetenzen und
                                                                                                                          handlungsorientiert, sie beinhalten Handlungsfähigkeiten,        Fähigkeiten beinhaltet.
                                                                                                                          die auf selbst organisierte und kreative Problemlösungen
                                                                                                                          abzielen, sie stützen sich auf evolutionär entstandene Selb-       Aus diesem Grund wurde im Grundbildungszent-
                                                                                                                          storganisationsdispositionen, lassen sich in für die meisten     rum der Volkshochschule Linz im Rahmen des Projektes
                                                                                                                          Bereiche gültige Grundkompetenzen (personale, aktivitäts-        In.Bewegung II ein Kompetenzmanagement-Instrumenta-

Von der Kompetenzfeststellung
                                                                                                                          bezogene, fachliche, methodische und sozial-kommunika-           rium erarbeitet und erprobt. Ziel war, dass dieses von Teil-
                                                                                                                          tive) einteilen, können prinzipiell erfasst werden – wenn        nehmenden aus Grundbildungskursen selbstständig ge-
                                                                                                                          auch je nach Erfassungsmethode unterschiedlich detail-           handhabt werden kann und von ihnen als zielführend für
zur Kompetenzorientierung                                                                                                 liert –, können und sollen entwickelt werden, sind aber
                                                                                                                          nicht über herkömmliche Wissensvermittlung weiterzuge-
                                                                                                                                                                                           die Erreichung ihrer Ziele bewertet wird.


Kompetenzdiskussion in der Grundbildung oder                                                                              ben (vgl. Erpenbeck 2009, S. 6f).                                Kompetenznachweisverfahren —
Grundbildung in der Kompetenzdiskussion                                                                                   Qualitative Kompetenzfest-                                       je mehr desto besser?
                                                                                                                                                                                             Eine Überblicksrecherche zu Beginn der Entwicklungsar-
                                                                                                                          stellung in der Grundbildung —                                   beit (August 2008) schaffte erst einmal Ernüchterung. Eine
                                                                                                                          warum?                                                           erste Recherche machte deutlich, dass bereits eine Vielzahl
                                                                                                                                                                                           von Kompetenznachweisverfahren unterschiedlichster An-
                                                                                                                           Überwiegende oder sogar ausschließliche Orientierung            bieterorganisationen zur Verfügung stehen. Der Verdacht,
Trotz allgemeiner Verwirrungen, die mit unterschied-         Im Dschungel der                                             auf formale Bildungsabschlüsse behindert eine ganzheitli-        dass wir mit einer Entwicklung eines neuen Verfahrens für
lichsten Definitionen des Kompetenzbegriffes einher-
gehen, sind Kompetenzfeststellungsverfahren oder
                                                             Kompetenzbegriffe                                            che Sicht auf vorhandene Kompetenzen. Eine Vielfalt von
                                                                                                                          Formen der Kompetenzfeststellung unterstützt das Erken-
                                                                                                                                                                                           die ins Auge gefasste Zielgruppe „Eulen nach Athen“ tragen
                                                                                                                                                                                           würden, drängte sich auf. Bei einer genaueren Sichtung
zumindest Kompetenzorientierung ein Muss für jede Bil-         Aus der europäischen Bildungslandschaft ist der Kom-       nen nonformal und informell erworbener Kompetenzen.              bzw. einer Analyse der vorhandenen Angebote nach fest-
dungseinrichtung, die auf Innovation und Qualität setzt.     petenzbegriff – wie auch immer definiert – nicht mehr        Diesbezügliche Angebote werden immer häufiger aktiv ge-          gelegten Kriterien zeigte sich allerdings schnell, dass kei-
Für den Grundbildungsbereich gelten neben der Verabre-       wegzudenken. Begriffe wie Kompetenzorientierung,             sucht und gerne als unterstützende Instrumentarien zur           nes davon unseren Ansprüchen in vollem Ausmaß genügen
dung auf eine einheitliche Definition noch andere spezifi-   Kompetenznachweise, Kompetenzportfolios, Kompetenz-          Selbstpräsentation und als sinnvolle Ergänzung zu Bewer-         würde. Viele der Verfahren setzten Versiertheit im Umgang
sche Herausforderungen. Erwachsene in Grundbildungs-         bilanzen, Kompetenzmodelle geistern durch europaweite        bungsunterlagen angenommen.                                      mit sehr komplexen Texten voraus oder waren an beträcht-
kursen kommen von sich aus meist nicht auf die Idee,         und nationale Bildungskonzepte. Kompetenzorientierung                                                                         lichen zeitlichen bzw. finanziellen Aufwand geknüpft. Den-
dass sie über Kompetenzen verfügen könnten. Sie su-          steht für Professionalität, Kompetenz ersetzt Qualifika-      Für die Zielgruppe der Grundbildungsteilnehmerinnen             noch wiesen einige Verfahren Elemente auf, die – entspre-
chen in der Regel nicht aktiv nach Angeboten zur Kom-        tion, verheißt Innovation und Qualität, auch wenn nicht      und Grundbildungsteilnehmer gilt dies alles nur mit Ein-         chende Adaptierung vorausgesetzt – sowohl für die ins
petenzfeststellung und können herkömmliche Verfah-           immer klar ist, wie dies zum Nutzen der Teilnehmen-          schränkungen oder gar nicht. Für sie ist das Fehlen for-         Auge gefasste Zielgruppe als auch für die relevanten Ziel-
ren, die hohe Schriftsprachkompetenz voraussetzen nur        den beiträgt und was genau sich im Einzelfall hinter dem     maler Kompetenznachweise bezeichnend. Informell und              setzungen geeignet schienen.
mit unterstützender Begleitung nutzen. In diesem Bei-        Kompetenzbegriff verbirgt.                                   nonformal erworbene Kompetenzen werden von der Ziel-
trag wird die Suche nach einem Kompetenzmanagemen-                                                                        gruppe meist nicht als solche wahrgenommen. Erwach-               Interessant erscheinende Angebote wurden entlang fest-
tinstrument beschrieben, das den Erwartungen der Ziel-        Obwohl der Kompetenzbegriff als einer der Leitbegriffe in   sene mit geringer Grundbildung kommen von sich aus               gelegter Kriterien analysiert. Organisatorische Kriterien
gruppe gerecht wird.                                         der aktuellen Bildungsdiskussion bezeichnet werden kann      kaum auf die Idee, dass sie über Kompetenzen verfügen            waren Zielgruppe, Angebotsform, Zeitaufwand, Kosten,
                                                             und als solcher laufend gebraucht und auch strapaziert       könnten. Der/dem Einzelnen fällt es in der Praxis schwer,        Ausbildung der Begleiterinnen und Begleiter bzw. Coachs.



Seite 146                                       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.     Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                             Seite 147
QUALITÄT I Muckenhuber I Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung                                                                      Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung I Muckenhuber I QUALITÄT


                                                                                                                             Kompetenzprofil, Bildungspass, Entwicklungsziele
  Inhaltliche Kriterien waren die angegebenen Ziele und        möglichen. Erreicht werden soll dies durch prozessorien-                                                                        Die Angebote richten sich überwiegend an Erwachsene
                                                                                                                             sind hier verortet. Begleitet ist diese Stufe häufig
deren Umsetzbarkeit, der Prozess bzw. die einzelnen            tierten Ablauf mit aufeinander aufbauenden Schritten und                                                                      aber auch an Jugendliche in verschiedenen Lebenssituati-
                                                                                                                             abermals von einem individuellen Coachingangebot.
Schritte des Angebotes, die Intensität der Begleitung der      vielen Reflexionsphasen, um die jeweils persönliche Her-                                                                      onen. Über prozessorientierte Workshops oder Einzelcoa-
Teilnehmenden beim Prozess, die Nachhaltigkeit (Möglich-       angehensweise an Aufgabenstellungen und Bewältigungs-          Der Abschluss geht aus den Angebotsbeschreibungen              chings erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die
keit des autonomen Weiterarbeitens), zusätzliche ergän-        strategien als „roten Faden“ erkennen zu können.              nicht immer hervor. Grundsätzlich werden Zertifikate, Teil-     Möglichkeit, ihre Werte und Haltungen, Lern- und Pro-
zende Angebote (Einzelcoaching, Abschlussgespräche), der                                                                     nahmebestätigungen und (Kompetenz-)Pässe genannt. In            blemlösungsstrategien zu erkennen und darüber zu re-
Abschluss (Zertifikat, Portfolio, Anerkennung) und natür-        Die Zielgruppe wird meist bereits durch das Arbeitsfeld     Deutschland und der Schweiz ist es teilweise möglich, auf-      flektieren. Der Schwerpunkt liegt im Sichtbarmachen von
lich die Anforderungen an die Teilnehmenden.                   der Anbietereinrichtungen bestimmt: Schülerinnen und          grund des erstellten Portfolios eine Zertifizierung durch ak-   informell und nonformal erworbenen Fähigkeiten, Kennt-
                                                               Schüler vor und während ihrer beruflichen Orientierungs-      kreditierte Zertifizierungsstellen zu erlangen.                 nissen und Kompetenzen.
Kompetenznachweisverfahren —                                   phase, Jugendliche während der Ausbildung, Jugendliche
                                                               und Erwachsene in der Kulturarbeit, Menschen mit Migra-        Als zusätzliche Angebote stehen Assessmentcenter, Be-            Die Basis jeder Kompetenzbilanzierung bildet in der Re-
erste Analyse und Auswahl                                      tionsgeschichte, Jugendliche mit besonderem Förderungs-       werbungsdossier und Unterstützung bei der Umsetzung             gel eine Standortbestimmung sowie eine umfassende Bio-
  Aus der großen Zahl an Kompetenzfeststellungsver-            bedarf, Personen aus der Familienarbeit, ehrenamtlich         der Resultate sowie Informationen zu Möglichkeiten der          grafiearbeit, aus der wichtige Lebensstationen und daraus
fahren wurden für den Vergleich jene Institutionen aus-        Tätige, Erwachsene in verschiedensten privaten und beruf-     Validierung zur Verfügung.                                      resultierende Erfahrungen sichtbar werden. Darauf auf-
gewählt, deren Angebote am ehesten passend erschie-            lichen Lebenssituationen bilden die Zielgruppen der un-                                                                       bauend können – je nach Ziel des Angebotes – persönliche
nen, als Basis für ein geeignetes Verfahren herangezogen       terschiedlichen Angebote.                                      Die Kosten sind sehr unterschiedlich und richten sich          Potenziale, vorhandene Ressourcen, Stärken, Fähigkeiten
zu werden. Wir beschränkten uns dabei auf folgende                                                                           nach dem Umfang der Angebote. Verfahren, die im Rah-            und Kenntnisse herausgearbeitet und zu Teil- und Hand-
deutschsprachige Angebote aus Österreich, Deutschland,           Die Angebotsform wird überwiegend durch Seminare            men von EU-Projekten entwickelt und umgesetzt wurden,           lungskompetenzen gebündelt werden. Selbst- und Fremd-
der Schweiz und Italien:                                       und Workshops geprägt, bei den Jugendlichen sind dem Al-      sind in der Regel kostenlos.                                    einschätzung werden gegenübergestellt, um einen klareren
Kompetenz-Portfolio für Ehrenamtliche des Rings Öster-         ter und der Ausbildungssituation entsprechende Teile ein-                                                                     Blick auf sich selbst zu erhalten. Dieser Reflexionsphase
reichischer Bildungswerke (www.kompetenz-portfolio.at)         gebunden. Bei den Angeboten für Selbsterarbeitung wer-          Nachhaltigkeit wird nicht bei allen Angeboten extra be-       mit Rückblick und Standortbestimmung folgt mit der Er-
                                                               den Unterlagen in konventioneller oder digitaler Form zur     schrieben, wird aber durch Unterstützung bei der Erarbei-       arbeitung persönlicher/beruflicher Ziele und der Formu-
Kompetenzenbilanz für benachteiligte und lernschwache
                                                               Verfügung gestellt sowie eine Begleitung als Einzelcoaching   tung des Kompetenzprofils und bei der Erstellung des Port-      lierung konkreter Schritte der Blick in die Zukunft. Die
Jugendliche der Steirischen Volkswirtschaftlichen Gesell-
schaft (www.ibea.co.at)                                        oder in Gruppen empfohlen.                                    folios angestrebt.                                              Umsetzung geplanter beruflicher Schritte wird durch die
                                                                                                                                                                                             strukturierte Sammlung von Nachweisen im Portfolio und
Kompetenz-Portfolio Freiwillige des Verbandes Österreichi-
                                                                Der Angebotsumfang ist sehr unterschiedlich. Dies              Die Anforderungen an Teilnehmerinnen und Teilneh-             dem erstellten Kompetenzprofil unterstützt und erleichtert.
scher Volksbildungswerke (www.kompetenz-portfolio.at)
                                                               reicht von eintägigen Angeboten bis zu mehreren Termi-        mer sind teilweise sehr unterschiedlich. Alle Angebotsfor-      Die während der Workshops/des Coachings zur Verfügung
Kompetenzprofil der Volkshochschule                            nen und Workshopreihen verteilt auf mehrere Wochen bzw.       men haben – bis auf das Angebot für benachteiligte und          gestellten Instrumente und Methoden ermöglichen es den
Linz (www.kompetenzprofil.at)                                  zu Semester- und Jahresangeboten begleitend zu anderen        lernschwache Schülerinnen und Schüler – allerdings eines        Teilnehmenden, auch nach Abschluss eigenständig und
Kompetenzbilanz der Zukunftswerkstatt                          Bildungsmaßnahmen.                                            gemeinsam: Fähigkeiten in Lesen und Schreiben werden            selbstorganisiert damit zu arbeiten.
Tirol (www.zukunftszentrum.at)                                                                                               vorausgesetzt.
Profit durch Profil! — Perspektivenentwicklung                  Der Prozess bzw. die einzelnen Schritte bis zum aktuellen                                                                      Begleitende Personen bzw. Coachs werden für die jewei-
des VFQ Linz (www.vfq.at)                                      Portfolio (Kompetenzportfolio, Kompetenzbilanz) richten         Unterstützung erhalten die Teilnehmenden von Kom-             lige Angebotsform ausgebildet, allerdings sind Vorkennt-
Kompetenznachweis Kultur der                                   sich nach Zielgruppe, Angebotsform und Umfang, aller-         petenzbegleiterinnen und -begleitern sowie von Coachs.          nisse im Themenbereich, Methoden der Biografiearbeit, im
Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e.V.:               dings ist bei näherer Betrachtung eine Übereinstimmung        Besonders in der Reflexionsarbeit und bei der Zielfor-          Arbeiten mit Gruppen oder Coaching-Ausbildung notwen-
(www.kompetenznachweis.de)                                     im Ablauf erkennbar:                                          mulierung bzw. in der Analyse, welche der herausgear-           dig bzw. von Vorteil.
Kompetenzenbilanz aus Freiwilligen-Engagement                  Im 1. Schritt stehen Biografiearbeit, Erstellung              beiteten Kompetenzen oder Kenntnisse für die gesteck-
des Deutschen Jugend Instituts (www.dji.de)                    eines Lebensprofils und Bewusstwerdung wichtiger              ten Ziele einsetzbar sind und welche für die Umsetzung          Der Kompetenzspiegel — das
                                                                                                                             noch fehlen, zeigt sich bei allen Angeboten individueller
Kompetenzbilanz für MigrantInnen von
MigraNet, Deutsches Jugendinstitut München
                                                               Erfahrungen als Grundlage für das Erarbeiten von
                                                               informell erworbenen Fähigkeiten und Kenntnissen              Unterstützungsbedarf.                                           goldene Ei der Grundbildung?
(www.fluequal-kompetenzbilanz.de)                              (Wissen und Können) im Vordergrund.                                                                                            Kompetenzfeststellungsverfahren war der Arbeitstitel
                                                               Der 2. Schritt wird dominiert vom Erarbeiten                    Die Ausbildung und Zertifizierung von Begleiterinnen          für das zu entwickelnde Angebot. Auf der Suche nach ei-
kompetenzenbilanz kanton zürich des Amts für Jugend
und Berufsberatung Kanton Zürich (www.lotse.zh.ch)             eines Überblicks über Tätigkeitsfelder, Fähigkeiten           und Begleitern für die Durchführung der Seminare, Work-         ner schlüssigen und kurzen Produktbezeichnung stie-
                                                               und Kenntnisse, von der Analyse von Erfahrungen               shops und Einzelcoachings erfolgt bereits vor Start der An-     ßen wir immer wieder an Grenzen, die sich einerseits
Kompetenz Management Modell von CH-Q (www.ch-q.ch)             und Fertigkeiten und einer Ist-Stand- oder                    gebote und wird laufend weitergeführt. Die Ausbildungs-         dadurch auftaten, dass es bereits eine Anzahl von Kom-
Wie viel ist Ihnen Ihre Zukunft wert? (Laufbahnberatung        Standortbestimmung. Es wird mit der Erstellung                form wird nicht immer beschrieben.                              petenznachweisverfahren gibt, deren Bezeichnung wir
als Kompetenzanalyse) von Perscept (www.perscept.ch)           der Kompetenzmappe oder des Portfolios mit                                                                                    nicht missbrauchen wollten und von denen wir uns mit
                                                               der Sammlung der vorhandenen und Einholung                     In Österreich gibt es derzeit noch keine Anerkennung auf-      unserer Bezeichnung bewusst abgrenzen wollten. An-
Kom(petenzen)Pass der Deutschen und
                                                               von fehlenden Nachweisen begonnen.
Ladinischen Berufsbildung, Bozen (www.provinz.                                                                               grund der Kompetenznachweisverfahren.                           dererseits zeigten sich im Laufe des Erprobungsprozes-
bz.it/berufsbildung/kompass/kompass.htm)                       Im 3. Schritt wird am Selbst- und Fremdbild                                                                                   ses inhaltliche Schwerpunkte, die sich in der Bezeich-
                                                               gearbeitet, ein Dialog über Beobachtetes geführt, eine        Vier österreichische Angebote als                               nung widerspiegeln sollten. Es stellte sich heraus, dass
                                                               Stärken- und Schwächenbilanz erstellt, Stärkenprofile
 Viele Anbieter haben ihre Angebote im Rahmen von EU-                                                                        Basis eigener Entwicklungen                                     sich das Verfahren gut zum Empowerment der/des Ein-
                                                               werden gezeichnet und Kernkompetenzen
Projekten (z.B. Equal, ESF) oder im Rahmen nationaler                                                                          Die Angebote der Volkshochschule Linz, des Kompetenz-         zelnen eignet und von der Zielgruppe auch so wahrge-
                                                               benannt. Es werden Ziele gesetzt, Aktionspläne
Finanzierungen (Deutschland) entwickelt, durchgeführt          erstellt, Lösungen gesucht und bewertet.                      zentrums Tirol, des Rings Österreichischer Bildungswerke        nommen wird. „Ich habe erkannt, dass ich doch etwas
und evaluiert.                                                                                                               sowie der Steirischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft        kann“, „ich bin ganz überrascht davon, was ich schon
                                                               Der 4. Schritt steht im Zeichen der Abschlussgespräche,
                                                                                                                             zeigten sich als am besten geeignet, eine Weiterentwick-        alles geleistet habe“ waren beispielsweise Aussagen der
                                                               der Realisierung und des Coachings. Selbstmarketing
 Gemeinsames Grundziel aller erwähnten Angebote ist,           wird aufgebaut, Perspektiven und Maßnahmen                    lung und Adaptierung zu einem Kompetenzfeststellungsin-         Teilnehmenden, die dies bestätigen. Gleichzeitig gaben
den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Überblick            werden erörtert, Kompetenzen benannt und                      strument im Kontext Grundbildung zu inspirieren.                aber 100 Prozent der beteiligten Teilnehmenden an, dass
über ihre Fähigkeiten, Stärken und Kompetenzen zu er-          Zukunftspläne formuliert. Kompetenzenbilanz,                                                                                  sie das Prozessergebnis (Sammlung von zutage getrete-



Seite 148                                          Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.     Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                                           Seite 149
QUALITÄT I Muckenhuber I Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung                                                                      Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung I Muckenhuber I QUALITÄT


                                                                 •	 Die Teilnehmenden nehmen die Aufgaben
nen Kompetenzen und deren Nachweise) keineswegs                                                                               der Workshopreihe durch Teilnehmerinnen und Teilneh-          gespräche mit einer beratungsversierten Person auch sehr
                                                                    zur Selbstreflexion wahr und
Dritten gegenüber herzeigen würden. Sie vertraten viel-                                                                       mer schließen die Evaluierung ab.                             gut ohne aufwendiges Kompetenznachweisverfahren er-
mehr die Meinung, ihre nachgewiesenen Kompetenzen                •	 nehmen aktiv an Diskussionen teil.                                                                                      folgen. In diesem Fall ist eine eben erwähnte Bildungsbe-
würden einem Vergleich etwa bei Arbeitgeberinnen oder                                                                         Nachweis                                                      ratung, die aber keinesfalls mit Kompetenzberatung ver-
Arbeitgebern nicht standhalten und würden ihre fehlen-           •	 Gemeinsam mit spezifischen beruflichen                     Neben der Teilnahmebestätigung erhält jede teilneh-          wechselt werden darf, ausreichend.
                                                                    Anforderungsprofilen bildet der
den schriftsprachlichen Kompetenzen nicht kompen-                                                                             mende Person eine Kompetenzmappe (Kompetenz-
sieren. Außerdem betrachteten sie den Zeitaufwand für
                                                                    Kompetenzspiegel eine Ausgangsbasis für
                                                                    die Erstellung zielgerichteter Lern- und
                                                                                                                              spiegel, Portfolio). Je nach Wunsch werden zusätzlich         Quo vadis?
das Verfahren als zu groß. Angesichts ihrer dringenderen            Entwicklungspläne, die in weiterer Folge                  Bewerbungsunterlagen auf Basis des Europäischen Le-
Anliegen, nämlich ihre Schriftsprachkompetenz zu ver-               den Einstieg in spezifische Arbeitsfelder                 benslaufes erstellt.                                            Aus den Erfahrungen aus der Umsetzung des Kompe-
bessern, schien ihnen das Ergebnis des Kompetenznach-               ermöglichen bzw. den Verbleib in diesen                                                                                 tenzspiegels und aus den Rückmeldungen durch die Teil-
weisverfahrens als nur gering zielführend. „Ich kann mir            sichern und wird als solche auch von den                  Zielgruppe                                                    nehmenden ergibt sich für uns der Auftrag zur Weiter-
schon vorstellen, dass so etwas einmal Sinn macht, aber             Teilnehmenden wahrgenommen und genutzt.                     Zielgruppe sind Personen aus Grundbildungskursen, die       entwicklung des Instrumentes. Wir wissen nun, es gibt
erst dann, wenn man wirklich was kann“, war z.B. eine                                                                         in der Lage sind, einfache Texte zu lesen und zu verfassen.   noch viel zu tun. Dabei ist zu bedenken, dass die Gruppe
Antwort bei der Evaluierung.                                     Deklariertes Nichtziel war es, den Lern- und Kenntnis-       Personen ohne Lese- und Schreibkenntnisse bzw. ohne           der Grundbildungsteilnehmerinnen und -teilnehmer
                                                                stand der Teilnehmenden zu erheben.                           Deutschkenntnisse sind nicht Zielgruppe des Kompetenz-        über sehr unterschiedliche Schriftsprachkompetenz ver-
  Kompetenzspiegel erschien uns (entwickelnde, trai-                                                                          spiegels in vorliegender Form.                                fügt und deshalb unterschiedliche Angebote angebracht
nierende und teilnehmende Personen) am Ende des Pro-            Angebotsform                                                                                                                sind. Kompetenzfeststellungsverfahren mit stark reduzier-
zesses als geeignete Bezeichnung. Die Kompetenzen der             Das Angebot gliedert sich in vier Gruppenworkshops zu je    Kompetenzspiegel —                                            ter Schriftsprachlichkeit sind entweder inhaltlich redu-
einzelnen Personen spiegeln sich gut wider, die Selbst-         vier Unterrichtseinheiten und einen Workshop für Einzel-                                                                    ziert oder durch erhöhten Einzelcoachinganteil sehr kost-
wahrnehmung wird geschärft. Ein genauer ressourceno-            gespräche und Einzelcoaching, der dem Erstellen eines Ar-     Erfahrungen                                                   spielig und auf breiter Basis nicht finanzierbar. Zudem
rientierter Blick auf eigene Kompetenzen verändert diese        beitsprofils für den angestrebten Arbeitsbereich oder eines    Die Teilnehmenden erfuhren durch den Prozess der Kom-        brachten wir mit unserem Kompetenzfeststellungsverfah-
zum Wohle der Teilnehmenden. Der Blick in den Spiegel           Lebenslaufs für Bewerbungen dient.                            petenzfeststellung ein Bewusstwerden ihrer Fähigkeiten        ren unseren Teilnehmenden ein Angebot nahe, das so per
gibt eine sehr persönliche Wahrnehmung des eigenen                                                                            und empfanden dies als stärkend. Sie fühlten sich, laut ei-   se von diesen im Vorfeld nicht erwünscht und auch nicht
Ichs wider, ohne zwingende Veränderung der Wahrneh-             Schwerpunkte und Methoden                                     genen Angaben, besser in der Lage, ihre Fähigkeiten be-       aktiv gesucht wurde. Der Nutzen des Kompetenzfeststel-
mung durch Dritte.                                               Neben unterschiedlichen Formen der Biografiearbeit er-       sonders im Hinblick auf weiterführende Bildungsangebote       lungsverfahrens für die einzelnen Teilnehmenden stand
                                                                gänzen Einzel- und Partnerarbeit, Austausch in der Gruppe,    einzuschätzen. Sie gaben aber auch an, dass die Unterstüt-    zudem in keinem angemessenen Verhältnis zu ihren zeitli-
Kompetenzspiegel — Design und Angebot                           Plenumsdiskussionen und verschiedene Präsentationsfor-        zung durch die Kompetenzbegleiterin unverzichtbar sei,        chen Ressourcen. Unser Angebot war nicht im Einklang mit
 Das vorliegende Konzept ist insofern offen gestaltet, als es   men das Methodenspektrum.                                     und dass sie sich nicht vorstellen könnten, die Kompetenz-    Teilnehmendenorientierung.
an jeweilige berufliche Anforderungsprofile sowie an spe-                                                                     mappe alleine zu ergänzen.
zifische Zielgruppensegmente angepasst werden kann und          Prozess                                                                                                                      Kompetenzorientierung bei voller Teilnehmendenori-
soll. Gemeinsam mit spezifischen beruflichen Anforde-             Zu Beginn der Workshopreihe setzen sich die Teilneh-         Kompetenzfeststellung bei schreibungewohnten Personen        entierung, so lautet unser Credo aus den Erkenntnissen
rungsprofilen war der Kompetenzspiegel ursprünglich als         menden mit ihrer eigenen Biografie auseinander und            erfordert einen erheblichen Anteil an Einzelunterstützung.    aus dem Projekt Kompetenzspiegel. Lerninhalte zu Kom-
Ausgangsbasis für die Erstellung zielgerichteter Lern- und      lernen Muster und Strategien zu erkennen, die ihrem                                                                         petenzen gebündelt, Lernfortschritte als Teilkompeten-
Entwicklungspläne, die in weiterer Folge den Einstieg in        bisherigen Handeln zugrunde liegen, erforschen und             Ein Kompetenzfeststellungsverfahren im angebotenen           zen formuliert als Grundlage für Kurseinstiege oder zur
spezifische Arbeitsfelder ermöglichen bzw. den Verbleib in      beschreiben ihren jeweiligen „Ist-Stand“. In weiterer         zeitlichen Ausmaß ist nicht ausreichend, um die Ziel-         Selbsteinschätzung der einzelnen Teilnehmenden, das
diesen sichern, gedacht.                                        Folge üben sie sich darin, über Denkmuster und Strate-        gruppe zum autonomen Weiterführen des Instruments             sind unsere zukünftigen Entwicklungsprojekte. Dies se-
                                                                gien zu reflektieren, setzen sich mit grundlegenden Be-       zu motivieren. Es müsste ein umfassenderes und länge-         hen wir als Beitrag dazu, dass neben Lernautonomie
 Nach einer umfassenden Recherche vorhandener An-               griffen wie Fähigkeiten, Kenntnissen und Kompetenzen          res Angebot geben, das als für sich stehendes Angebot         auch Planungsautonomie möglich wird. Womit sich der
gebote im deutschsprachigen Raum wurden vier Ange-              auseinander, lernen Selbsteinschätzung und Fremdein-          für einen Teil der Zielgruppe aus zeitlichen Gründen un-      Kreis zum Eingangsstatement schließt: Wir definieren
bote ausgewählt, die mit einzelnen – für unsere Ziele           schätzung zu unterscheiden und erproben verschiedene          attraktiv wäre.                                               unseren Kontext, innerhalb dessen wir mit „Kompetenz“
erfolgversprechenden – Elementen die Basis unserer              Methoden des Sichtbarmachens von Kompetenzen. Sie                                                                           operieren, neu.
Entwicklungen bildeten.                                         arbeiten an ihren Kommunikationsmustern und lernen,             Zielführender erscheint uns aus heutiger Sicht, Kompe-
                                                                ihre Stärken anderen zu präsentieren. Mit Unterstüt-          tenzorientierung und Kompetenzfeststellung bei den Trai-
Ziele des Kompetenzspiegels                                     zung der Kompetenzbegleitung erarbeiten sie Ziele im          nerinnen und Trainern zu verankern und als immanen-
 •	 Die Teilnehmenden kennen ihre Fähigkeiten                   Hinblick auf berufliche Veränderungen und vergleichen         ten Bestandteil jedes Grundbildungsangebotes zu fordern.
    und Stärken und können diese beschreiben.                   diese mit dem erstellten Kompetenzspiegel. Abgeschlos-        Gleichzeitig müsste die Kompetenz zur Kompetenzbeglei-
                                                                sen wird der Prozess mit der Erstellung eines Planes zur      terin in der Aus- und Weiterbildung der Trainerinnen und
 •	 Sie erkennen Zusammenhänge zwischen                         zielführenden Ergänzung des Kompetenzspiegels bzw.            Trainer als Pflichtbestandteil verankert sein.
    Lebenssituationen und darin gezeigter                       (je nach Wunsch) mit der Erstellung von Bewerbungsun-
    Fähigkeiten sowie der Entwicklung                           terlagen für ein ausgewähltes Arbeitsprofil auf Basis des       Zudem zeigte sich, dass aufwendige Kompetenzfeststel-
    spezifischer Kompetenzen.
                                                                Europäischen Lebenslaufes.                                    lungsverfahren bei klar definierten beruflichen Verände-
 •	 Sie kennen den Unterschied zwischen                                                                                       rungs- oder Entwicklungswünschen mehr bieten, als von
    Selbst- und Fremdbeurteilung und                            Evaluierung                                                   den Teilnehmenden erwartet und gewünscht wird. Dies
    sind fähig darüber zu reflektieren.                           Mündliche Feedbacks vor und nach jedem Workshop ge-         wird insofern von der Zielgruppe nicht positiv bewertet, da
                                                                hören genauso zur Evaluierung wie genaue Dokumenta-           sie auch mit einem erheblichen zeitlichen Mehraufwand
 •	 Sie können aus ihren Arbeits- und
                                                                tion durch Trainerinnen oder Trainer. Ergänzt wird dies       verknüpft sind. Wenn klare berufliche Anforderungsprofile
    Lernerfahrungen Schlussfolgerungen ziehen
                                                                durch Zusammenfassung und Interpretation der Ergeb-           vorliegen, die Wünsche und Ziele der Teilnehmenden be-
    und (Entwicklungs-)Ziele formulieren und
                                                                nisse durch Trainerinnen, Trainer oder Kompetenzbeglei-       kannt sind, kann zielgerichtete Bildungs- und Berufsbera-
 •	 sind in der Lage, ihre Handlungen zu reflektieren.          tung. Schriftliche bzw. mündliche Rückmeldung am Ende         tung anhand dieser Anforderungsprofile durch Beratungs-



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QUALITÄT I Muckenhuber I Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung

Literatur
  Erpenbeck, J. (2009), Kompetenzentwicklung
    als Zukunft der Weiterbildung (Vom
    Oberlehrer zur Kompetenzhebamme).
    Weiterbildung, Zeitschrift für Grundlagen,
    Praxis und Trends. 2009 Ausgabe 2, S. 6f
  Weinert, F. E. (2001), Vergleichende
    Leistungsmessung in Schulen – eine
    umstrittene Selbstverständlichkeit; in
   Weinert (Hrsg.): Leistungsmessung in
    Schulen, Weinheim/Basel:. Beltz
  Winkler, M. / Kratochwil, S. (2002),
    Ausbildungsfähigkeit von Regel- und
    Berufsschülern in Thüringen.                                                                                                             Brief an die Politik 3
    Abschlussbericht zur Studie                                                                                                              An die Geldgeber,
    www.wahlen-thueringen.de/imperia/                                                                                                        wie ich zum ersten Mal zum Kurs gekommen bin war ich sehr schüchtern.
    md/content/tkm/informationen/                                                                                                            Ich hab nicht gewusst was da auf mich zukommt. Ich hab mir gedacht,
    ausbildungsfaehigkeit/studie_ausb_                                                                                                       dass die mich auslachen werden, weil ich schon so alt bin und nicht
    textteil.pdf Stand: 15.2.2010                                                                                                            richtig lesen, schreiben und rechnen kann. Das ist nicht passiert. Ich bin
                                                                                                                                             gut aufgenommen worden. Je öfter man die Dinge wiederholt desto besser
                                                                                                                                             wird man. Ich hätte auch keinen Computer, wenn ich diesen Kurs bei
                                                                                                                                             ISOP nicht besuchen würde. Daheim haben sie immer gesagt, dass ich
 Die Autorin                                                                                                                                 es eh nie schaffen werde und für den Computer zu dumm bin. Jetzt lerne
                                                                                                                                             ich sogar über das Internet. Ich bin mit meiner Trainerin sehr zufrieden.
 Mag.a Sonja Muckenhuber                                                                                                                     Es ist vieles besser geworden wie früher und ich bin selbstbewusster.
 geb. 1954 in Grünburg/Steyr, seit 1975 wohnhaft in Linz,                                                                                    Ich wünsche mir, dass dieser Kurs weiter bestehen bleibt und dass ich
 verheiratet, drei erwachsene Töchter. Soziologin, Alpha-                                                                                    öfter kommen kann, wenn es geht. Danke, dass Sie das bezahlen.
 betisierungs- und Grundbildungstrainerin, Entwick-
                                                                                                                                             Mit freundlichen Grüßen
 lungs- und Forschungstätigkeit im Bereich kompetenz-
 orientierte EB-Angebote für Grundbildung und mittlere                                                                                       Gottfried Kohlfürst, 40
 Bildungsabschlüsse, Leiterin des 1.  Österreichischen                                                                                       Kursteilnehmer
 Grundbildungszentrums im Wissensturm.
 Volkshochschule Linz —
 Wissensturm — Grundbildungszentrum
 www.wissensturm.at
 sonja.muckenhuber@mag.linz.at




Seite 152                                       Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.   Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis.                             Seite 153
QUALITÄT I Cortolezis I Gender Mainstreaming. Mit oder ohne Diversity?                                                                                                              Gender Mainstreaming. Mit oder ohne Diversity? I Cortolezis I QUALITÄT



                                                                                                                             Anders als gelegentlich dargestellt, ist Gender Main-                                   meint gerade nicht die unterschiedlichen Potenziale von
                                                                                                                           streaming keine Strategie, die ihren Ursprung in Europa                                   Frauen und Männern, von denen so oft die Rede
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  • 1.
    Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Herausgegeben von Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich, In.Bewegung
  • 2.
    Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Herausgegeben von Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich, In.Bewegung
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    IMPRESSUM INHALT 9 Claudia Schmied 48 Mari Steindl Vorwort Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht 10 Otto Rath Oder von der Teilnahme zur Integration und der Vielfalt als Potenzial Vorwort 54 Werner Lenz Grundbildung ist auch Bildung Niemand ist ungebildet — Bildung braucht Neubestimmung! 60 Gudrun Biffl Basisbildung Voraussetzung für die persönliche Entfaltung und den wirtschaftlichen Erfolg in einer Wissensgesellschaft. Über die Bedeutung der Basisbildung im gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel 66 Peter Schlögl Lernergebnisse MENSCHEN Was das Schreiben von Lernergebnissen in und rund um Bildungsorganisationen auslöst 18 Peter Stoppacher Der Stigmatisierung entkommen Lesen, schreiben, rechnen wie andere auch 74 Peter Stoppacher Zielgruppenwissen als Vor- In.Bewegung ist eine Partnerschaft bestehend aus 14 aussetzung für maßgeschnei- 24 Monika Kastner Einrichtungen. Sie hat sich zum Ziel gesetzt, die Ent- derte Basisbildungsangebote Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen wicklung eines österreichweit flächendeckenden und Eine praxisrelevante regionale Analyse in in Basisbildungskursen quantitativer und qualitativer Hinsicht qualitätsgesicherten Angebotes der Basisbildung und Al- phabetisierung Erwachsener voranzutreiben und zu un- Die Rekonstruktion von subjektiven Handlungen und Deutungen fördert das Verstehen von terstützen. Als zentrale Ansprechstelle wurde das Alfa- Lehr-, Lern- und Bildungsprozessen Telefon Österreich (0810 20 0810) eingerichtet. Partner: VHS Stadtbibliothek Linz, ISOP GmbH, Die Kärntner Volkshochschulen, Bildungs- und Heimatwerk Niederös- 30 Elke Dergovics terreich, abc Salzburg, ÖGB Landesorganisation Ober- Verschiedene Menschen, österreich, Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft, verschiedene Sprachen — ein Kurs Die Wiener Volkshochschulen — VHS 21, NOWA, LLL- Eine Dokumentation zu Kursen für Erwachsene Gmbh, Wirtschaftskammer Österreich, Bundesarbeits- mit nicht ausreichender Basisbildung kammer, Ländliches Fortbildungsinstitut Oberösterreich, mit unterschiedlichen Erstsprachen AMS Steiermark. Koordiniert wird die Partnerschaft von der ISOP (Innovative Sozialprojekte) GmbH. In.Bewegung wird gefördert aus Mitteln des Europäischen Sozialfonds 36 Alfred Berndl und aus Mitteln des Bundesministeriums für Unterricht, Von der Angebots- zur Kunst und Kultur. Zielgruppenorientierung Marketing in der Basisbildung Herausgeber: Isop GmbH, Otto Rath und Mariella Hahn und Alphabetisierung 82 Norbert Holzer Für den Inhalt verantwortlich: Nach neun Jahren Schulpflicht: Ba- Mag. Otto Rath, Dreihackengasse 1, 8020 Graz BILDUNG sisbildung „Nicht genügend“ Die Schulbiografie von Menschen mit Layout + Grafik: Johannes Gellner www.gellner.at 42 Konrad Paul Liessmann Basisbildungsdefiziten dargestellt Stätten der Lebensnot? am Bereich Mathematik Fotorechte: siehe Seite 218 Über die Gegenwart unserer Bildungsanstalten Seite 4 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 5
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    INHALT INHALT 90 Otto Rath 124 Max Mayrhofer 180 Alfred Berndl Basisbildung und Gesundheit Qualität in der Basisbildung Agents of Change Der Faktor Bildung im Kreislauf von sozialer Zum Versuch der Umsetzung von Professionalisierung von MultiplikatorInnen und gesundheitlicher Ungleichheit Qualitätszielen mittels Balanced Scorecard in der Basisbildung 132 Rosmarie Zarfl 186 Brigitte Bauer Lernstandserhebung in der Basis- „Wenn du für eine Sache brennst, bildung und Alphabetisierung springt manchmal ein Funke über …“ Theorie und Praxis der prozessorientierten Gespräche und Zusammenarbeit Lernstandserhebung in Österreich. mit EntscheidungsträgerInnen und PolitikerInnen — ein Erfahrungsbericht 146 Sonja Muckenhuber Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung Kompetenzdiskussion in der Grundbildung oder Grundbildung in der Kompetenzdiskussion 154 Heide Cortolezis Gender Mainstreaming. BESCHÄFTIGUNG Mit oder ohne Diversity? Oder besser Diversity Managing oder am besten 98 Marion Höllbacher Gender Diversity Managing. Oder Mainstreaming? Peter Härtel Aufnahmekriterien Ergebnisse einer Befragung steirischer Ausbildungsbetriebe zu Anforderungen in der Lehrlingsaufnahme STRATEGISCHE PARTNER 102 Marion Höllbacher 194 Michael Tölle Peter Härtel Bundesarbeitskammer Unterstützen — Begleiten — Vernetzen Fünf Jahre Bewegung QualiCoach Basisbildung — Modell eines Begleiters an der Schnittstelle Schule — Beruf 196 Margarete Gross Arbeitsmarktservice 104 Isabella Penz Basisbildungsangebote: ein Hand- Jump — Jugendliche mit Perspektive lungsfeld des Arbeitsmarktservice Basisbildung für Lehrlinge im betrieblichen Kontext 198 Manuela Jachs-Wagner PRAXIS Ländliches Fortbildungsinstitut 112 Christina Wimmer Damit Wissen wachsen kann ... Christian Wretschitsch 162 Wolfgang Jütte Basisbildung in Koopera- Netzwerkmanagement Die qualitative Gestaltung von Netzwerkkulturen tion mit Betrieben als professionelle Handlungsaufgabe ORGANISATIONS- Eine Argumentationsgrundlage BESCHREIBUNGEN 168 Mariella Hahn 201 In.Bewegung Partnerorganisationen QUALITÄT Rosmarie Zarfl Die Vielfalt der Innovation 120 Antje Doberer-Bey 218 Fotorechte Innovative Zugänge in der Basisbildung und Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Alphabetisierung Erwachsener in Österreich Qualitätsstandards für die Basisbildung Ein Erfahrungsbericht 174 Christine Spindler Beate Wittmann Teilhabe durch Bildung Politische Bildung in der Basisbildung Seite 6 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 7
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    BM Dr. ClaudiaSchmied Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur Die Frage der Chancengleichheit in unserer Gesellschaft Initiativen wie „In.Bewegung“ haben in den letzten Jahren ist zu allererst eine Frage des Bildungszugangs. Viele Jahre einen entscheidenden Beitrag dazu geleistet, die Bedürf- wurde diese Chancengleichheit in der österreichischen nisse bildungsferner Personen ins Bewusstsein der Öffent- Erwachsenenbildung mit dem Nachholen von Bildungs- lichkeit zu rücken und Basisbildung als grundlegende Vor- abschlüssen gleichgesetzt, und die bildungspolitischen aussetzung für Chancengerechtigkeit im Erwachsenenalter Schwerpunkte reichten dementsprechend von den Schu- zu positionieren. Viele der Erkenntnisse und Erfahrungen, len für Berufstätige bis hin zu speziellen Förderprogram- welche von den kooperierenden Einrichtungen der Initia- men im Rahmen des „Zweiten Bildungswegs“. tive „In.Bewegung“ gewonnen wurden, stellen heute einen bundesweiten Standard für die erfolgreiche Programmge- Heute wissen wir, wie wichtig es ist, für bildungsbenach- staltung im Bereich Basisbildung dar. teiligte Personen zunächst einmal attraktive Angebote zum Erwerb grundlegender Kompetenzen und Fertigkeiten be- Ich freue mich, dass „In.Bewegung“ als eine vom Unter- reitzustellen, um ihnen den Einstieg in weiterführende Bil- richtsministerium und dem „Europäischen Sozialfonds“ dungs- und Qualifizierungsprozesse überhaupt erst zu er- gemeinsam geförderte Initiative derart erfolgreich ist und möglichen. Basisbildung, die lange Zeit ein „Randthema“ die Ergebnisse aus der österreichischen Erwachsenenbil- sowohl in der fachlichen als auch politischen Diskussion dungslandschaft nicht mehr wegzudenken sind. Die vor- darstellte, ist damit ins Zentrum aller zeitgemäßen Überle- liegende Publikation betrachte ich deshalb weniger als gungen zur Erwachsenenbildung gerückt. Bilanz über den aktuellen Stand der Basisbildung in Öster- reich, sondern vielmehr als Ermutigung, den begonnenen Die Komplexität dieses Bereichs, die Vielfalt der Be- Weg konsequent weiter zu verfolgen und Basisbildung im dürfnisse und Interessen der Zielgruppen sowie die hohe Interesse der Betroffenen qualitativ und quantitativ weiter Wechselwirkung mit sozial- und arbeitsmarktpolitischen auszubauen. Aspekten machen die Programmgestaltung im Bereich Ba- sisbildung zu einer der größten Herausforderungen im ge- Ich danke allen KoordinatorInnen, TrainerInnen und Be- samten Bildungsbereich. Jene 50.000 Personen, welchen raterInnen, die im Bereich Basisbildung tätig sind, für ihr laut „Statistik Austria“ die grundlegendsten Qualifikati- enormes Engagement und wünsche viel Erfolg für die wei- onen fehlen und die über keinerlei Schulabschluss verfü- tere Tätigkeit. Ich bin überzeugt, dass diese wertvolle Bil- gen, machen dabei nur die Spitze des Eisbergs aus. Phäno- dungsarbeit einen wesentlichen Baustein für ein chancen- mene wie sekundärer Analphabetismus und Dyskalkulie gerechteres Österreich darstellt. sind auch unter Personen, welche einen positiven Pflicht- schulabschluss aufweisen, und sogar unter Personen, wel- che eine weiterführende Berufsausbildung absolviert ha- ben, erschreckend weit verbreitet. Seite 8 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 9
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    VORWORT I Rath Rath I VORWORT ruf. Zugänge und Modelle werden im Kapitel 3, das sich Wiederkehrendes Thema der Basisbildung und Alphabe- mit dem Thema Basisbildung im beruflichen Kontext be- tisierung ist die Fragestellung, in welchen Kontexten Kurse schäftigt, beleuchtet. In diesem Zusammenhang kommt für Menschen mit Deutsch als Erstsprache und für Men- auch den Gewerkschaften eine zunehmend bedeutende schen mit einer anderen Erstsprache gemeinsam ange- Rolle zu. Theoretisch untermauert wurde das Thema Ba- boten werden. Damit setzt sich Elke Dergovics in ihrem sisbildung an anderer Stelle als Thema der Gewerkschaf- Beitrag „Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen ten von Oskar Negt.2 – ein Kurs“ auseinander. Sie stellt eine Dokumentation zu Kursen für Erwachsene mit nicht ausreichender Basisbil- Basisbildung und Alphabetisierung orientieren sich im- dung mit unterschiedlichen Erstsprachen vor und prä- mer an der Zielgruppe. Damit sprechen wir von einem Teil sentiert Modelle und Rechercheergebnisse aus Deutsch- der Bevölkerung, der hauptsächlich negative Schulerfah- land, England und Österreich, Hintergrundinformationen rungen gemacht hat, für den Bildung an sich kein Motiv und Diskussionspunkte von ExpertInnen als Grundlage darstellt. Damit diese Personen für Bildungsprozesse über- für eine qualitätsvolle Konzeption und Umsetzung von ge- haupt nachhaltig gewonnen werden können, brauchen sie meinsamen Kursangeboten im Bereich Basisbildung und ein qualitativ hochwertiges Angebot, welches sicherstellt, Alphabetisierung. dass frustrierende Lernerfahrungen nicht reinszeniert wer- den. Diesem Zugang entsprechend wird das Thema der „Wie erreichen wir die Zielgruppe?“ ist eine der zent- Qualitätsentwicklung intensiv ausgeleuchtet. ralen Fragestellungen in der Arbeit mit bildungsfernen Otto Rath Beziehungen, nicht Trennungen sind die Zukunft des Denkens und der Innovation. Gruppen, zu denen Erwachsene mit geringer Basisbil- Gesamtkoordinator von In.Bewegung, ISOP GmbH Bernhard von Mutius Welche Rahmenbedingungen und Organisationsfor- dung in den meisten Fällen gehören. Alfred Berndl gibt otto.rath@isop.at men die Basisbildung braucht und von welchen Erfahrun- in seinem Beitrag „Von der Angebots- zur Zielgruppeno- gen Anbieter der Erwachsenenbildung profitieren kön- rientierung. Marketing in der Basisbildung“ erste Antwor- nen, zeigt das fünfte Kapitel zur Organisation und Praxis ten. Analysiert man die Bewerbungen von Kursangeboten der Basisbildung. Wissen wird zunehmend in Netzwerken von Bildungsanbietern der Basisbildung und Alphabeti- und durch Teilung produziert, entsprechend widmet sich sierung, fällt auf, dass nach wie vor die angebotenen Leis- dieses Kapitel nicht nur der Einzelorganisation, sondern tungen sehr stark nach außen kommuniziert werden. Ver- Zukunft Basisbildung. der Arbeit in Netzwerken. einfacht gesagt konzentrieren sich viele Bildungsanbieter in der Akquise von TeilnehmerInnen zu stark auf ihre An- Bilder der Zielgruppe gebote und zu wenig auf den Nutzen und die Motive der Vorwort zur Zwischenbilanz Der Beitrag von Peter Stoppacher „Der Stigmatisierung entkommen“ basiert vor allem auf qualitativen Inter- Menschen. Anbieter, die die Motive und Bedarfe der po- tenziellen KursteilnehmerInnen kennen, analysieren und views mit BasisbildungsteilnehmerInnen, die im Rahmen in der Planung und Durchführung von Kursmaßnahmen der begleitenden Evaluierung von In.Bewegung durchge- mitbedenken, legen den Grundstein für ein für die Ziel- Gemeinsam Basisbildung denken und die Frage nach den Größenordnungen spielen eine führt wurden. Er beschäftigt sich mit den steigenden An- gruppe annehmbares Angebot. Ein Netzwerk der Basisbildung bildet sich heraus. Einrich- Rolle (diese Themen wurden auch schon im Tagungs- forderungen an das Individuum, mit den Größenordnun- tungen der Erwachsenenbildung, Expert/innen, Trainer/ bericht Perspektive: Bildung von Arthur Schneeberger gen und den Folgen mangelnder Basisbildung, die meist Bildungspolitische Annäherungen innen, Universitäten, Sozialpartner, Politiker/innen, Be- und Lorenz Lassnigg beleuchtet1), sondern auch die schon in der Schulkarriere angelegt sind. Unter den Fol- Der Beitrag „Stätten der Lebensnot“ von Konrad Paul amte und Medien beschäftigen sich zunehmend mit die- Schnittstellen zu anderen gesellschaftlichen Bereichen gen wirkt die Stigmatisierungserfahrung am nachhaltigs- Liessmann setzt sich kritisch mit dem Bildungsbegriff und sem Thema und treiben die Diskussion inhaltlich voran. wie Arbeitsmarkt, Schule und Gesundheit. Aktuelle bil- ten weiter, diese beeinflusst etwa auch die Lernbilder der dem aktuellen Verständnis von Bildung, das häufig an den Unterstützt wird diese Entwicklung vom Projekt „in.Bewe- dungspolitische Diskussionen wie die Umsetzung von erwachsenen LernerInnen. Am Ende des Beitrags werden Erfordernissen der Ökonomie orientierte Qualifizierung gung“ des Netzwerks Basisbildung und Alphabetisierung Lernergebnisorientierung und die Relevanz eines nati- Fallbeispiele geschildert, die Lebenswelten und Lebens- meint, auseinander. Die Funktion der Schule im Bildungs- in Österreich, das mit dieser Publikation nach fünfjähriger onalen Qualifikationsrahmens für das Thema Basisbil- erfahrungen von Erwachsenen mit mangelnder Basisbil- diskurs beleuchtet er historisch. Schulen werden auch ak- Tätigkeit eine Zwischenbilanz zieht. dung prägen den Diskurs mit. dung verdeutlichen. tuell zu „Stätten der Lebensnot“, dies liegt u.a. an dieser Funktionalisierung und an der Tatsache, dass die Schule Zentrale Handlungsfelder des Themas Basisbildung spie- Mit der stärkeren Orientierung des Diskurses in Rich- Monika Kastner fokussiert in „Potenziale von Lehr- zunehmend zu dem Ort wird, der alle Probleme lösen soll, geln sich in der vorliegenden Publikation. Im Fokus der An- tung Kompetenzen und Qualifizierung drängt sich der LernProzessen in Basisbildungskursen“ mikrodidaktische die andernorts nicht gelöst werden. strengungen stehen die Teilnehmer/innen in den Kursen funktionale Aspekt von Bildung stark in den Vordergrund Aspekte von Lehr-Lern-Prozessen aus der Perspektive von der Basisbildung und Alphabetisierung, an der Zielgruppe und wird auch in der Arbeit am Thema Basisbildung Teilnehmenden und Kursleitenden. Die datenbasierte Re- Mari Steindl leistet nicht nur eine kritische Betrachtung orientieren sich die Entwicklung von Angeboten, die Öf- nicht ausgeblendet. In.Bewegung setzt in diesem Zusam- konstruktion von subjektiven Handlungen und Deutun- der Wissensgesellschaft, indem sie vor allem mit der Vor- fentlichkeitsarbeit, die Methodik. Damit Erwachsene mit menhang seine Aktivitäten in Bezug zur Arbeitsbiografie: gen verweist auf die Bedeutung der achtsamen Wahr- stellung aufräumt, dass das Produktionsmittel „Wissen“ nicht ausreichender Basisbildung auch genau das Angebot Erste Probleme auf dem Arbeitsmarkt durch nicht aus- nehmung der Voraussetzungen von Erwachsenen, die tatsächlich für jede/n offenstünde, sondern auch einen we- bekommen, das sie brauchen, beschreiben wir ein mög- reichende Bildung ergeben sich schon am Übergang von Bildungsbenachteiligung erfahren haben. Somit verdeut- sentlichen Beitrag zur Auswirkung der Kulturalisierung auf lichst klares Bild ihrer Lebenswelt, ihrer Motive, ihrer Nut- der Schule in die Berufsausbildung, sie setzen sich in der lichen die Interpretationsergebnisse die Verantwortung, den Basisbildungsdiskurs. Sie zeigt wesentliche Parame- zenerwartungen. Im ersten Kapitel nähert sich die Publika- Lehre fort und führen letztlich zu Schwierigkeiten im Be- die im Lehrhandeln in kompensatorischen Lehr-Lern- ter des Konzeptes Kultur und beleuchtet die Relevanz die- tion daher den Bildern der Zielgruppe an. Prozessen übernommen wird, und erhellen Potenziale ser Diskussion für die Basisbildung. Basisbildung wird als 1 Arthur Schneeberger: Basisbildungsdefizite: Probleme der Erfassung, sozioökonomi- von Basisbildung. Chance gesehen, die eigene Perspektive zu verändern, Ba- sche Auswirkungen und Möglichkeiten der Gegensteuerung. In: Perspektive: Bildung. Basisbildung und Alphabetisierung sind ein wesent- Tagungsdokumentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung 2007. sisbildung kann einen Raum für Teilnahme und Mitbestim- licher Teil des bildungstheoretischen und bildungs- Lorenz Lassnigg: „Lifelong Learning“ einmal anders: Grenzen wirtschaftsorientierter Pa- 2 Oskar Negt: Gewerkschaften vor neuen bildungspolitischen Herausforderungen. In: mung schaffen, wenn die entsprechenden Rahmenbedin- radigmen und Strategien und ihre Alternativen. In: Perspektive: Bildung. Tagungsdoku- Perspektive: Bildung. Tagungsdokumentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Al- politischen Diskurses. Nicht nur Definitionsversuche mentation. Hg. vom Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung 2007. phabetisierung 2007. gungen gesichert werden. Seite 10 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 11
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    VORWORT I Rath Rath I VORWORT Grundbildung ist kein starres, sondern ein aktives Funda- übertragbaren Modells für die Zielgruppenanalyse. Die Er- an der Schnittstelle Schule – Wirtschaft zur frühzeitigen Be- wicklungsschritte dargestellt. Anschließend werden kurz ment, konstatiert Werner Lenz im Artikel „Grundbildung gebnisse dieser Arbeit werden in seinem Beitrag dargestellt. gleitung von Jugendlichen mit nicht ausreichenden Basis- die verschiedenen Ebenen der Qualitätssicherung und das ist auch Bildung“. Sie ist in das Leben der Menschen ver- bildungskenntnissen ist eine präventive Maßnahme für die TrainerInnenprofil skizziert. Ein Resümee und der Blick auf woben und weiteres Lernen geschieht verknüpfend und Norbert Holzer, Friederike Lenart, Hubert Schaupp wid- beschriebene Zielgruppe, um Jugendliche mit dem nötigen die längerfristigen Ergebnisse runden diesen Beitrag ab. vernetzend. Ergänzend zum formalen und institutionali- men sich der Frage, wie es sein kann, dass die Schule aus- „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen ermöglicht, selbststän- sierten Lernen werden informelle Lernprozesse bedeut- reichende Kompetenzen in den Kulturtechniken nicht si- dig den Übergang von Schule zur Wirtschaft zu bewältigen. Die Standards bilden einen inhaltlichen Orientierungs- sam. Nicht Bildungsabschlüsse, sondern was Menschen chern kann: „Nach neun Jahren Schulpflicht: Basisbildung Jugendliche erhalten durch die QualiCoach die Möglichkeit rahmen, das Qualitätsentwicklungskonzept liefert ein un- wirklich können, bekommt mehr Aufmerksamkeit. Bil- ‚Nicht genügend‘.“ Um diese Lernentwicklung zu beschrei- herauszufinden, was sie wollen, was sie können und wie sie terstützendes Gerüst für die konkrete Implementierung dung, als lebensintegrierter Prozess, ist öffentliches Gut ge- ben, spannen die Autor/innen einen Bogen vom Schulein- es schaffen, das zu erreichen. von Qualität in das pädagogische Handeln der anbietenden worden und unterliegt öffentlichem Interesse. Die Aussage, gangsbereich bis zum Schulaustritt. Dargestellt wird die Einrichtungen. Max Mayrhofer beschreibt dieses System niemand ist ungebildet, soll dazu beitragen, jedes Lernen Entwicklung exemplarisch für den Bereich Mathematik, da Ist der Einstieg in eine Lehre geschafft, werden oft trotz- im Beitrag „Qualität in der Basisbildung. Zum Versuch der zu achten und Bildung nicht bestimmten Themen oder dieser Bereich in den Unterstützungsangeboten oft noch dem Unterstützungsangebote im Basisbildungsbereich Umsetzung von Qualitätszielen mittels Balanced Score- Gruppen vorzubehalten. Die Umsetzung des Menschen- eine untergeordnete Rolle einnimmt. Genauer beleuch- benötigt. Isabella Penz berichtet vom Projekt „Jump – Ju- card.“. Er befasst sich mit der Frage, wie pädagogische rechts auf Bildung liegt in der Verantwortung von Indivi- tet wird der Schuleingangsbereich, der Übergang von der gendliche mit Perspektive. Basisbildung für Lehrlinge im Qualität in Einrichtungen, die Basisbildung und Alphabe- duen und Gesellschaft. Volksschule in die Hauptschule/AHS, sowie der Schulaus- betrieblichen Kontext“, das diesen Support entwickelt hat. tisierung anbieten, entwickelt und Qualitätsziele umge- tritt bzw. das Ende der Schulpflicht. Für alle drei Bereiche Der vorliegende Artikel beschreibt ein Projekt der Volks- setzt werden können. Aufgezeigt werden auch die Ergeb- Gudrun Biffl liefert im Beitrag „Basisbildung – Vorausset- werden empirische Untersuchungen und konkrete Fallbei- hochschule Kärnten. Darin wurde erstmalig ein Bildungs- nisse und Erfahrungen aus dem Versuch der Umsetzung zung für die persönliche Entfaltung und den wirtschaft- spiele angeführt und kommentiert. konzept für Lehrlinge mit mangelnden Basisbildungs- von Qualitätszielen mittels einer zu diesem Zweck von den lichen Erfolg in einer Wissensgesellschaft“ einen histori- kenntnissen entwickelt und in das bestehende duale Partnern in In.Bewegung entwickelten Balanced Scorecard. schen Aufriss der Entwicklung des Bildungsdiskurses und Das Thema Basisbildung ist systemisch zu betrachten, Ausbildungssystem integriert. Im ersten Teil des Artikels widmet sich anschließend der Funktion von Basisbildung. dieses Postulat ist nicht neu. Konkrete Zusammenhänge werden die praktische Durchführung und die Umsetzung Erfolgreiche Basisbildungsarbeit steht und fällt mit der Diese sieht Biffl in der sozioökonomischen Integration in an der Schnittstelle Bildung – Gesundheit beleuchtet Otto in den Ausbildungsstätten (Berufsschulen und Ausbil- richtigen Einschätzung und Erhebung der individuellen Gesellschaft, Arbeit und Weiterbildung. Basisbildung wird Rath im Artikel „Basisbildung und Gesundheit. Der Faktor dungszentren) beschrieben. Der zweite Teil widmet sich Kenntnisse der Teilnehmenden. In.Bewegung – Netzwerk als Herausforderung für Individuen, Betriebe und Bil- Bildung im Kreislauf von sozialer und gesundheitlicher dem Outcome des Projektes. Dazu werden einerseits die Basisbildung und Alphabetisierung hat österreichische Er- dungseinrichtungen betrachtet, das Problem selbst liegt Ungleichheit“. Basisbildungsmängel stellen Menschen Evaluationsergebnisse aus dem Projekt herangezogen und hebungskonzepte und -instrumente erhoben und darge- weniger in der Verantwortlichkeit des Individuums, son- vor existenzbedrohende Schwierigkeiten. Der Artikel andererseits die konkreten Erfahrungen des Projektteams. stellt, die Ergebnisse präsentiert Rosmarie Zarfl im Beitrag dern in der der Gesellschaft und ihrer Bildungseinrichtun- nimmt eine Bestandsaufnahme des Zusammenhanges „Prozessorientierte Lernstandserhebung in der Basisbil- gen. Eine Überforderung dieser Systeme sieht Biffl vor al- Basisbildung und Gesundheit vor und lehnt sich dabei an Wie gewerkschaftliches Engagement zur Förderung der dung und Alphabetisierung in Österreich“. Zudem wurden lem im Thema Migration. ein Modell an, das von der Wechselwirkung zwischen so- Basisbildung von Mitarbeiter/innen beitragen kann, zeigt Empfehlungen bzw. Leitlinien beschrieben, die in allen zialer und gesundheitlicher Ungleichheit ausgeht (Mielck, die ÖGB Landesorganisation Oberösterreich. Christina Partnerinstitutionen von In.Bewegung Beachtung finden. Der Beitrag von Peter Schlögl mit dem Titel „Lernergeb- 2005). Die einzelnen Wirkungszusammenhänge dieses Wimmer und Christian Wretschitsch haben Kommunika- Als Good Practice werden das Erhebungskonzept sowie nisse. Was das Schreiben von Lernergebnissen in und rund Modells werden an der Schnittstelle Basisbildung und Ge- tionskonzepte und Kurse entwickelt, die im betrieblichen ausgewählte Erhebungsinstrumentarien von ISOP Neu- um Bildungsorganisationen auslöst“ versucht anhand der sundheit fokussiert. Aus der Bestandsaufnahme werden Kontext funktionieren. In ihrem Beitrag „Basisbildung in start Grundbildung präsentiert. aktuell bekannten Strukturelemente eines kommenden mögliche Interventionsmaßnahmen abgeleitet. Kooperation mit Betrieben. Warum es sich für Unterneh- nationalen Qualifikationsrahmens abzuschätzen, in wel- men lohnt – Eine Argumentationsgrundlage“ beschrei- Sonja Muckenhuber widmet sich dem Thema der Kompe- cher Weise sich Innovationsbedarfe und -potenziale für Basisbildung und Beschäftigung ben sie Konzepte und Kommunikationsstrategien. Basis- tenzfeststellung: „Von der Kompetenzfeststellung zur Kom- die Bildungsarbeit im Allgemeinen und für die Basisbil- Am Übergang Schule – Berufsausbildung entscheidet bildung ist eine Grundlage, die jeder Mensch braucht, um petenzorientierung. Kompetenzdiskussion in der Grund- dung im Speziellen ergeben. Das Schlüsselkonzept besteht sich oft, wie dramatisch sich geringe Basisbildung aus- längerfristig aktiv am gesellschaftlichen und beruflichen bildung oder Grundbildung in der Kompetenzdiskussion“. in den sogenannten Lernergebnissen, die ein neues Para- wirkt. Marion Höllbacher und Peter Härtel berichten in Leben teilnehmen zu können. Mangelnde Basisbildung ist Trotz allgemeiner Verwirrungen, die mit unterschiedlichs- digma von Bildungsplanung und -praxis darstellen. Wer- ihrem Beitrag „Aufnahmekriterien für Lehrlinge. Was Lehr- sowohl individuell als auch gesellschaftlich mit negativen ten Definitionen des Kompetenzbegriffes einhergehen, den diese konsequent umgesetzt, erschöpfen sie sich nicht lingsausbildner/innen wollen“, welche Kompetenzen not- Folgen verbunden. Möglichst viele Basisbildungsangebote sind Kompetenzfeststellungsverfahren oder zumindest in einer semantischen Neufassung bestehender Lernziele, wendig sind, um einen Ausbildungsplatz zu erhalten. Ein in die Praxis umzusetzen, erfordert auch neue Wege und Kompetenzorientierung ein Muss für jede Bildungseinrich- sondern stellen ein kohärentes Steuerungsinstrument von Kriterienkatalog auf Basis der neuen österreichischen Bil- neue Kooperationen. Mit seinem Engagement in der Ent- tung, die auf Innovation und Qualität setzt. Für den Grund- Bildungsarbeit dar. dungsstandards zu den Anforderungen der Wirtschaft hilft wicklungspartnerschaft In.Bewegung will der Österreichi- bildungsbereich gelten neben der Verabredung auf eine den Jugendlichen, einen Eindruck davon zu bekommen, sche Gewerkschaftsbund einen aktiven Beitrag dazu leisten. einheitliche Definition noch andere spezifische Herausfor- Auf den regionalen Diskurs bezieht sich Peter was von ihnen erwartet wird. Fachliche Kompetenzen in derungen. Erwachsene in Grundbildungskursen kommen Stoppacher: „Zielgruppenwissen als Voraussetzung für Mathematik, Deutsch und Englisch sowie überfachliche Entwicklung von Qualität von sich aus meist nicht auf die Idee, dass sie über Kom- maßgeschneiderte Basisbildungsangebote. Eine praxisre- Kompetenzen (persönliche Kompetenzen, Sozialkompe- Die Frage, was Qualität in der Basisbildung eigentlich sei, petenzen verfügen könnten. Sie suchen in der Regel nicht levante regionale Analyse in quantitativer und qualitativer tenzen) wurden in steirischen Betrieben erhoben, bewer- wurde in einem kooperativen Prozess der Anbieter in Ös- aktiv nach Angeboten zur Kompetenzfeststellung und kön- Hinsicht“. Zielgruppenanalysen bilden die Voraussetzung tet und in einem Handbuch zusammengefasst. Aufgelis- terreich durch das Formulieren von Qualitätsstandards be- nen herkömmliche Verfahren, die hohe Schriftsprachkom- für Angebotsentwicklungen – Lebenslagen, Bedürfnisse, tet nach den 30 beliebtesten Lehrberufen wird dargestellt, antwortet. Die Standards beschreiben ein Orientierungs- petenz voraussetzen nur mit unterstützender Begleitung Motive und Hoffnungen der Zielgruppe zu kennen, erhöht welche Kompetenzen im jeweiligen Beruf wichtig sind. system. Antje Doberer-Bey liefert einen Erfahrungsbericht nutzen. In diesem Beitrag wird die Suche nach einem Kom- die Chancen auf eine erfolgreiche Akquisition. Im Rahmen zur Formulierung der Standards: „Auf dem Weg zu Trainer/ petenzmanagementinstrument beschrieben, das den Er- des Kooperationsprojekts „Basisbildung Oberes Murtal“ Zusätzlich zur Analyse bietet die Steirische Volkswirtschaft- innenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung“. wartungen der Zielgruppe gerecht wird. wurde der Versuch unternommen, in der Region ein sol- liche Gesellschaft auch Lösungen. Marion Höllbacher und In diesem Beitrag wird der Prozess beschrieben, der im ches praxisrelevantes quantitatives und qualitatives Wissen Peter Härtel beschreiben unter dem Titel „Unterstützen – Be- Zeitraum von 2005 bis 2007 zu den Qualitätsstandards für Ein zentrales Qualitätsthema stellt auch für die Basis- als Basis für eine zielgruppenadäquate Angebotsentwick- gleiten – Vernetzen. QualiCoach Basisbildung – Begleiter am die Basisbildung und zur ersten Formulierung eines Trai- bildung das Thema Gender Mainstreaming dar. Heide lung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei war die Ent- Übergang“ das Modell eines Agents am Übergang: Die Ent- nerInnenprofils geführt hat. Ausgehend von der damali- Cortolezis zeigt in ihrem Beitrag „Gender Mainstrea- wicklung und Erprobung eines auch auf andere Regionen wicklung und Pilotierung eines „QualiCoach Basisbildung“ gen Lage werden die Zielsetzungen und die einzelnen Ent- ming – Mit oder ohne Diversity? Oder besser Diversity Seite 12 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 13
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    VORWORT I Rath Rath I VORWORT Managing oder am besten Gender Diversity Managing. liefert Einblicke in das konkrete methodische Konzept ei- bereitungsarbeiten für die Gespräche, deren zentrale Bot- Anbieter unterstützen. Durch seine pluralistische Konst- Oder Mainstreaming? Zu Konzepten und Begriffen der nes entsprechenden Angebotes. Mit kreativen Schulungen schaften, No-goes und mögliche Handlungsoptionen. Ge- ruktion ist es in der Lage, unterschiedliche Zugänge zum Gleichstellungspolitik“, dass Gender Mainstreaming zur politischen Bildung wollen wir Menschen mit gerin- lungene erste Gespräche markieren einen entscheidenden Thema abzubilden. Das Netzwerk verfügt durch die darin ohne Diversity Mainstreaming gar nicht gedacht werden ger Basisbildung gewinnen, politisches Interesse mit Lust Punkt in der Aufbauarbeit. Sie können den Beginn einer vertretenen Einrichtungen über die umfassendste Praxiser- kann, und tritt gegen ein Entweder – Oder in dieser Dis- zu verbinden und sich gemeinsam mit anderen in gesell- langjährigen Zusammenarbeit mit EntscheidungsträgerIn- fahrung in der Basisbildung und Alphabetisierung Erwach- kussion an. Sie stellt die Frage, ob hier Rauchbomben der schaftliche Themen einzuarbeiten. Wir möchten unseren nen bedeuten. sener in Österreich. In.Bewegung kooperiert österreichweit Begrifflichkeit gezündet werden: Ist mit dem leichthändi- TeilnehmerInnen vermitteln, dass es möglich ist, Politik zu mit PartnerInnen auch über den Bereich der traditionel- gen Jonglieren mit neuen Begrifflichkeiten der Anspruch gestalten. Ergänzt werden diese Beiträge durch einen umfangrei- len Erwachsenenbildung hinaus. Das Netzwerk versteht verbunden, einen Paradigmenwechsel in der Gleichstel- chen Informationsteil, der über die Organisationen und die sich anbieter- und fördergeberübergreifend als eine Inter- lungspolitik einzuleiten? Könnte man es als paradigma- Multiplikator/innen spielen beim Thema Basisbil- entwickelten Ergebnisse und Produkte informiert. Weitere essengemeinschaft von Einrichtungen, die Basisbildungs- tisch betrachten, dass statt von sozialer Ungleichheit von dung und Alphabetisierung eine wesentliche Rolle. Um Informationen zum Thema sind auf der Website des Netz- und Alphabetisierungskurse anbieten, und von Einrich- Diversity gesprochen wird; dass Gleichstellungsorientie- das Handeln dieser Personen zu professionalisieren werks zu finden (www.alphabetisierung.at) sowie am Alfa- tungen, die inhaltliche Schnittstellen in der Basisbildung rung stellenweise abgelöst wurde von einer Quality, für und ihnen auch die Möglichkeit zu geben, ein Bild ih- Telefon Österreich, wo Interessierte von ausgebildeten Be- zu den Anbietern definieren (Sozialpartner, AMS, formale deren Beförderung es keinen politischen Auftrag braucht, res Handlungsfeldes klarer zu beschreiben, wurde ein rater/innen informiert werden. Bildungseinrichtungen wie Universitäten, Pädagogische sondern ein Award verliehen wird; und – last but not least in Großbritannien entwickeltes Konzept auf Österreich Hochschulen etc.). – dass politisches Handeln begonnen hat, sich in eine Ak- übertragen. Dieser Transfer wird von Alfred Berndl im In.Bewegung — ein Projekt des tivität zu verwandeln, die sich gern mit einem Begriff wie Beitrag „Agents of Change. Professionalisierung von Netzwerks Basisbildung und Qualitätsentwicklung ist ein zentrales Thema – die Qua- Managing beschreibt? Multiplikator/innen in der Basisbildung“ dargestellt. Alphabetisierung in Österreich lität wird im Rahmen des entwickelten Qualitätsentwick- Eine der wesentlichen Herausforderungen in der Basis- Das Netzwerk betrachtet Basisbildung als Beitrag zu einer lungssystems permanent verbessert, vorangetrieben durch Organisation und Praxis der Basisbildung bildung ist das nicht diskriminierende Ansprechen von demokratischen Gesellschaft und als eine Möglichkeit für internen Know-how-Transfer und durch die Kooperation Eine zentrale Position des Netzwerks Basisbildung und Personen mit Defiziten in den Kulturtechniken. Ein Er- das Individuum, sich in der Gesellschaft entfalten zu kön- mit externen SpezialistInnen. Die inhaltlichen Entwick- Alphabetisierung stellt das vernetzte Arbeiten dar. Diese folg versprechender Ansatz in der Unterstützung oder nen. Bildung ist ein Menschenrecht, das Netzwerk tritt da- lungen folgen ebenfalls dem internen System der Quali- Position wird von Wolfgang Jütte bestätigt, der sich in Vermittlung von Menschen mit geringer Bildung ist für ein, dass in Österreich jeder Mensch die Möglichkeit tätsentwicklung und gewährleisten einen effizienten Res- seinem Beitrag dem Nutzen von Netzwerken widmet: die Aus- und Weiterbildung von MultiplikatorInnen zu hat, ein Angebot der Basisbildung in Anspruch zu nehmen, sourceneinsatz – das Rad muss nicht immer wieder neu „Netzwerkmanagement. Die qualitative Gestaltung von Agents of Change. Diese Personen arbeiten an unter- ohne sich dafür schämen zu müssen. Konkret arbeiten un- erfunden werden. Anbieter können die Entwicklung aus- Netzwerkkulturen als professionelle Handlungsaufgabe“. schiedlichen Schnittstellen zur Basisbildung und haben sere Entwicklungen darauf hin, dass österreichweit flä- lagern, Synergien nutzen und von den vergrößerten Wis- Mit der zunehmenden Projektförmigkeit im pädagogi- direkten Kontakt zur Zielgruppe. Agents werden selbst chendeckende, qualitätsgesicherte Alphabetisierungs- und sens- und Netzwerkressourcen profitieren. Im Netzwerk schen Feld und dem allgemeinen Bedeutungszuwachs von aktiv, planen Maßnahmen für Menschen mit Bedarf an Basisbildungsangebote für Erwachsene möglich werden.3 integrierte Anbieter verpflichten sich zur Beteiligung am netzwerkförmigen Arrangements rücken Fragen des Ma- Basisbildung und setzen diese auch um. Die von In.Bewegung entwickelten und/oder unterstützten Qualitätsentwicklungsprozess des Netzwerks (Implemen- nagements und des Monitoring von Netzwerken stärker in Angebote orientieren sich an den Motiven der Kund/innen tierung des Qualitätsentwicklungssystems, Teilnahme an den Vordergrund. In diesem Beitrag werden Gestaltungsas- Letztlich leben neue Themen vom Engagement und der und stiften einen klaren Nutzen in ihren privaten und be- den Qualitätskonferenzen, Entwicklung und Umsetzung pekte angesprochen, die für die Qualität von Netzwerken Kompetenz sowohl von gut aufgesetzten Strukturen, aber ruflichen Handlungsräumen. Damit diese Angebote von von Qualitätszielen). zentral sind. Dazu zählen u.a. die Entscheidung für Netz- auch von einzelnen Menschen. Brigitte Bauer beschreibt allen InteressentInnen in Anspruch genommen werden werktypologien und Entwicklung von Netzwerk-strategien, ihre eigenen Erfahrungen, die sie in den letzten Jahren bei können, entwickelt In.Bewegung Maßnahmen zur flächen- Die im Netzwerk tätigen Einrichtungen bieten (unter an- die Grenzen der Steuerbarkeit, die Gestaltung von Span- der Entwicklung und Implementierung von Angeboten der deckenden Information. Die realisierte Öffentlichkeitsar- derem) Kurse an, die Lesen, Schreiben, Rechnen und IKT nungsverhältnissen, der Umgang mit Diversität, die For- Basisbildung und Alphabetisierung gemacht hat. „Wenn du beit verhindert weitere Diskriminierungen. zum Inhalt haben. Diese Kurse sind an den Qualitätsstan- mierung einer Netzwerkkultur und die Entwicklung von für eine Sache brennst, springt manchmal ein Funke über. dards orientiert, verwenden erwachsenengerechte Me- Nachhaltigkeitsstrategien. Gespräche und Zusammenarbeit mit Entscheidungsträger- Basisbildung ist ein Thema für alle Menschen in unserer thodik und Materialien. Sie sind bedarfsorientiert und Innen und PolitikerInnen“ lautet der Titel ihres Erfahrungs- Gesellschaft, ungeachtet der Erstsprache, der Staatsbür- maßgeschneidert, der Zugang zu den Angeboten ist nied- Netzwerke fördern nicht nur die Entwicklung von Qua- berichts: Welche Informationen brauchen Entscheidungs- gerschaft oder der Nationalität. Eine Segmentierung er- rigschwellig. Der Begriff „Analphabetismus“ wird nicht ver- lität, sie fördern auch Innovationen. Mariella Hahn und trägerInnen/PolitikerInnen zum immer noch verdeckten folgt erst in der Entwicklung von maßgeschneiderten An- wendet. In der Kommunikation nach außen wird auf eine Rosmarie Zarfl haben innovative Modelle der Basisbil- Thema „Erwachsene mit Basisbildungsbedarf“? Wie und geboten, wo gegebenenfalls auch Differenzierungen in der positiv konnotierte Sprache in der Beschreibung des Phä- dung in Österreich erhoben und stellen diese in ihrem Bei- womit kann das Interesse von EntscheidungsträgerInnen Methodik und der Kommunikation notwendig sind. Als nomens und der Angebote geachtet. Entdramatisierung trag mit dem Titel „Die Vielfalt der Innovation“ vor. In Ös- geweckt werden, damit sie sich im Idealfall später langfris- mittelbare Kund/innen des Netzwerks werden alle Perso- und Normalisierung wird in der Öffentlichkeitsarbeit ver- terreich gibt es zahlreiche neuartige Ideen, die umgesetzt tig für das Thema einsetzen? Viele Fragen stellen sich für nen außerhalb des formalen Schulsystems (nach absolvier- folgt (etwa durch das Vermeiden von verzerrten Stimmen werden, um unseren Teilnehmer/innen das Lernen zu er- AkteurInnen, die am Beginn ihrer Basisbildungstätigkeit ter Schulpflicht) bzw. Personen an den Schnittstellen von oder Balken über den Augen in Fernsehbeiträgen). Das leichtern. Diese Innovationen waren bislang nicht allen zu- stehen und erstmals Angebote in einer Region nachhaltig formalem Schulsystem und der Erwachsenenbildung de- Alfa-Telefon Österreich und die damit verbundene Website gänglich. Im Rahmen von In.Bewegung wurden im Teilpro- verankern wollen. finiert. Unmittelbare Kund/innen des Netzwerks sind EB- bieten Kund/innen eine effiziente Schnittstelle zwischen jekt 11 (Gesamtkoordination) innovative Zugänge in der Einrichtungen innerhalb und außerhalb des Netzwerks Angeboten, Informationen und der Nachfrage. Daher wer- Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich erhoben, Der vorliegende Beitrag beschreibt Zugänge und Wege, die (von GF bis zu den Trainer/innen), Fördergeber/innen und den diese zentralen Dienstleistungen von allen Einrich- und über 30 Innovationen werden in diesem Artikel darge- sich in der Kommunikation mit PolitikerInnen/Entschei- Einrichtungen im formalen Bildungssystem. tungen des Netzwerks genutzt, unterstützt und beworben. stellt. So vielfältig die österreichische Basisbildungsland- dungsträgerInnen über die Jahre hinweg als zielführend er- Umgekehrt vermittelt das Alfa-Telefon Österreich anbie- schaft, so vielfältig die Innovationen. wiesen haben, und auch jene, die gut zu vernachlässigen Das Netzwerk sieht seine Mission darin, nützliche Unter- terneutral Kurse aller Anbieter, die über ein Qualitätsent- sind. Langjährige Erfahrung im Aufbau von Basisbildungs- stützungsleistungen und Tools zu entwickeln und anzubie- wicklungssystem verfügen. Das Netzwerk bietet einen Nut- Mangelnde Basisbildung wird immer wieder in Verbin- strukturen, die vielen Gespräche mit Organisationsbera- ten, die den Erwerb der Kulturtechniken Lesen, Schreiben, zen für die beteiligten Einrichtungen, indem Strukturen für dung gebracht mit mangelnder politischer Partizipation. terInnen, Marketing- und BasisbildungsexpertInnen und Rechnen und den Einsatz der Informations- und Kommu- Vernetzung und Austausch auf allen Ebenen zur Verfügung Der Erfahrungsbericht von Christine Spindler und Beate nicht zuletzt die Gespräche mit den Entscheidungsträger- nikationstechnologien für Erwachsene und die Arbeit der gestellt werden. Wittmann mit dem Titel „Teilhabe durch Bildung. Politi- Innen selbst sind Grundlage dieses Beitrags. Ein Blick in 3 Eine Übersicht über die von In.Bewegung entwickelten Ergebnisse und Produkte befin- sche Bildung in der Basisbildung – ein Erfahrungsbericht“ die Praxis der konkreten Aufbauarbeit beschreibt die Vor- det sich in dieser Publikation (Seiten 201 – 217). Otto Rath, Mai 2010 Seite 14 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 15
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    MENSCHEN Peter Stoppacher Monika Kastner Elke Dergovics Alfred Berndl Seite 16 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 17
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    MENSCHEN I Stoppacher IDer Stigmatisierung entkommen Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN • würden sich nach einem harmlosen zeuge notwendig. Auf dem Arbeitsmarkt haben sich die An- Unfall „am liebsten verkriechen“, forderungen an Qualifikationen und Kompetenzen massiv weil Sie das Aufnahmeformular im Spital nicht ausfüllen können erhöht. Gewisse Grundfähigkeiten werden einfach voraus- gesetzt, auch wenn sie in der täglichen Arbeitsroutine nicht • fürchten den Tag, an dem Ihr „Enkerl“ Sie gebraucht werden sollten. Selbst in der Landwirtschaft hat bitten wird: „Oma, kannst du mir das mittlerweile die Digitalisierung massiv Einzug gehalten. vorlesen“, und Sie ablehnen müssen Inzwischen wird ein Großteil der Landwirtschaften nicht • bewegen sich mit Ihrem Fahrzeug nur innerhalb mehr im Haupt-, sondern im Nebenerwerb bewirtschaftet, der Grenzen Ihrer „kleinen Welt“, in der Sie für jede zusätzliche Tätigkeit, für Förderanträge, neue Her- nicht auf die Entzifferung von Wegweisern stellungs- und Vertriebswege werden zumindest Basisbil- und Ortsnamen angewiesen sind dungskompetenzen benötigt. In all diesen Situationen laufen Sie Gefahr, Ihre „Komfort- Verschiedene empirische Befunde und unmittelbare Kon- zone“, also jenes Terrain, in dem Sie sich einigermaßen si- frontationen mit der Problematik in Betrieben, Behörden, cher bewegen können, zu verlassen. Aber gibt es diese Institutionen, arbeitsmarktpolitischen Einrichtungen etc. Komfortzone für Sie eigentlich wirklich? Sind Sie nicht machen zunehmend klar, dass die Zahl derjenigen, die ständig gefährdet, im Alltag, in der Arbeit, im Familienkreis, nicht ausreichend für Erfordernisse des aktuellen Arbeits- beim Arzt, im Amt, im Kaufhaus oder beim Ausflug mit Ih- marktes und der gesellschaftlichen Teilhabe „gerüstet“ sind, Peter Stoppacher ren Freunden, sich eine Blöße zu geben und wieder ein- trotz der bestehenden neunjährigen Schulpflicht beträcht- Ko-Geschäftsführer von IFA mal bestätigt zu bekommen, dass Sie für vieles, wie so oft lich ist. Annähernd zwischen 10% bis 20% der erwachse- stoppacher@ifa-steiermark.at in der Schule oder von den Eltern gehört, „eh zu blöd“ sind? nen Bevölkerung beherrschen Kulturtechniken wie Lesen Vielleicht haben Sie auch deswegen von gezielter Weiter- und Schreiben nicht im erforderlichen Ausmaß2. Sie sind bildung abgesehen, wozu auch, haben Sie noch immer mit oben skizzierten „Grenzerfahrungen“, mit vielfältigen im Ohr: „Du schaffst das nicht und wirst das sowieso nicht Hürden im Alltag, auf dem Arbeitsmarkt, mit beschränk- brauchen.“ Wenn irgendwie möglich, beginnen Sie sich ab- ten Möglichkeiten, sich „die Welt anzueignen“ und sich in zukapseln, aus „panischer Angst“, dass Ihr Versteckspiel ihr auch den eigenen Ansprüchen gemäß adäquat bewe- auffliegen könnte. Sie ziehen sich aus der Gesellschaft zu- gen zu können, konfrontiert. Zur Risikogruppe gehören vor rück, um kritische Momente möglichst zu vermeiden, Ihrer allem Personen, die höchstens über einen Pflichtschulab- Der Stigmatisierung entkommen Meinung nach können Sie ohnehin mit den meisten ande- schluss verfügen und daher oft nur in diversen Hilfstätig- ren nicht mithalten. Und während andere sich vom Durch- keiten und prekären Berufsfeldern unterkommen. Einmal schnitt abheben und etwas Besonderes sein wollen, ist es erworbene Basisbildungskompetenzen gehen häufig auch Lesen, schreiben, rechnen wie andere auch Ihr dringlichster Wunsch, auch „zur Masse zu gehören“, Le- sen und Schreiben zu können, Grundrechnungsarten, viel- wieder verloren, zum einen, weil Geringqualifizierte kaum an betrieblicher Weiterbildung partizipieren, zum andern, leicht auch eine Fremdsprache zu beherrschen, mitreden weil sie diese Fähigkeiten im Berufsleben nur selten oder zu können, einfach einen selbstverständlichen allgemei- gar nicht brauchen. Dieser Beitrag basiert vor allem auf qualitativen Inter- „alles auswendig zu lernen“, und das Lernen steht nen Standard zu erreichen und „jemand zu werden, der in „wie ein unüberwindbares Gebirge“ vor Ihnen views mit BasisbildungsteilnehmerInnen, die im Rahmen der Gesellschaft etwas wert ist“. Wenn Basisbildungsprobleme auch in unterschiedlichen der begleitenden Evaluierung von In.Bewegung durchge- • müssen Ihrem Chef, der Sie als verlässliche gesellschaftlichen Schichten auftreten können, so zeigen und sorgfältige Arbeitskraft schätzt und führt wurden. Er beschäftigt sich mit den steigenden An- Basisbildungsanforderungen vielerlei Befunde, dass Bildungsferne und Bildungsarmut deswegen zur Vorarbeiterin befördern will, forderungen an das Individuum, mit den Größenordnun- mitteilen, „lieber einfache Arbeiterin ohne und Risikofaktoren nach wie vor vererbt werden. Die Ausbildung der Eltern, gen und den Folgen mangelnder Basisbildung, die meist allzu viel Verantwortung bleiben“ zu wollen, vor In einer schrift- und wissensbasierten Gesellschaft bil- der sozialökonomische Hintergrund, der Wert, der Bildung schon in der Schulkarriere angelegt ist. Unter den Folgen allem, weil Sie Angst haben, neue (schriftliche) den grundlegende Kulturtechniken1 wie Lesen, Schreiben, im Elternhaus beigemessen wird, sowie die ökonomische wirkt die Stigmatisierungserfahrung am nachhaltigsten Anforderungen nicht bewältigen zu können Rechnen ein unerlässliches Werkzeug, um „mithalten“ zu Leistbarkeit von Bildung prägen in einer ersten Phase das weiter, diese beeinflusst etwa auch die Lernbilder der er- • haben Ihrem Arbeitskollegen wieder einmal können. Im Alltagsleben werden Schreib- und Lesekennt- Bildungsverhalten. In späteren Lebensphasen verhindern wachsenen LernerInnen. Am Ende des Beitrags werden das Falsche aus dem Lager gebracht, weil nisse beim Lesen von Beipackzetteln von Medikamenten, negative Schul- und Lernerfahrungen, damit verbundene Fallbeispiele geschildert, die Lebenswelten und Lebenser- Sie nur mit Mühe die Bezeichnungen Fahrplänen oder Bedienungsanleitungen für Haushaltsge- Ängste und Blockaden oder ein nicht unmittelbar ersicht- fahrungen von Erwachsenen mit mangelnder Basisbildung erahnten und reden sich wieder darauf räte, für die Benützung digitalisierter Maschinen und Ge- licher Nutzen von Bildung für das eigene Leben weitere verdeutlichen. aus, schlecht verstanden zu haben räte ebenso benötigt wie für das Ausfüllen von Formularen, Lernschritte. Entscheidend für Bildungsprozesse ist kurz • haben vom möglichen Arbeitgeber in einer für unterschiedliche Bankgeschäfte, Urlaubsbuchungen zusammengefasst, unter welchen historischen und so- Stellen Sie sich vor, Sie hören beinahe täglich von der Wis- Textilfabrik, nachdem er Ihr Abschlusszeugnis oder Bestellungen im Versandhandel oder im Gasthaus. zialen Umständen jemand geboren, aufgewachsen, zur sensgesellschaft, von der Notwendigkeit des lebenslangen der Hauptschule, 2. Klassenzug, kurz Ohne diese Kenntnisse ist auch die Unterstützung der ei- Schule gegangen ist und welche Berufskarrieren einge- Lernens, von „Karriere mit Lehre“ sowie von der Gefahr, überflogen hat, zu hören bekommen: „Da genen Kinder im Kindergarten und in der Schule kaum schlagen werden konnten. Die gesellschaftliche Benachtei- haben wir aber eine ganz Gescheite“ „hinten zu bleiben“, wenn Sie nicht ständig dazulernen. möglich. Für ehemals einfache Hilfsarbeitsplätze wie bei- ligung von Bildungsfernen und Geringqualifizierten zeigt Oder Sie haben den alten Spruch im Gedächtnis: „Was • verärgern Ihren AMS-Betreuer, weil Sie die spielsweise im Lager, in der Produktion oder im Gemein- sich daran, dass sie auf dem Arbeitsmarkt die geringste Er- Anreise zum Kursort nicht geschafft haben, es Hänschen nicht lernt, lernt Hans nimmermehr.“ Und Sie dedienst sind nun logistische Kenntnisse oder Know-how werbsquote und das höchste Arbeitslosigkeitsrisiko haben auf dem Bahnhof nicht gewagt haben, nach • erinnern sich beim beruflichen Wiedereinstieg für die Bedienung verschiedenster Maschinen und Fahr- und am meisten von Armut gefährdet sind. dem richtigen Zug zu fragen, selbstverständlich und der notwendigen Neuorientierung mit Ihr Manko auch Ihrem Betreuer nicht mitteilen 1 Zu einer ausreichenden Basisbildung werden heute zumeist auch EDV-Wissen, Fähig- 2 Vgl. dazu eine exemplarische Zielgruppenanalyse in: Silvia Paierl, Peter Stoppacher (IFA keiten der raschen Informationsbeschaffung und -verarbeitung, Lernbereitschaft und Steiermark), Peter Webhofer, Alfred Berndl (Isop): Zielgruppen, Bedarfe und regionale Schrecken an Ihre Schul- und Lehrzeit, an die konnten und er Ihnen daraufhin wegen Lernfähigkeit mit Betonung des selbstständigen Lernens sowie Kommunikationskompe- Ansätze. Eine Untersuchung im Rahmen des Kooperationsprojekts „Basisbildung Obe- Mühe und den Einsatz in vielen Nächten, um Verweigerung das Arbeitslosengeld gesperrt hat tenzen gezählt. res Murtal“. Graz: IFA 2009. Seite 18 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 19
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    MENSCHEN I Stoppacher IDer Stigmatisierung entkommen Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN Werden am Ende der Pflichtschule grundlegende Kultur- verhältnissen und/oder waren Pflege- oder auch Heimkin- zu verringern. Das erfordert ein Lernsetting, das anwen- Beispiele betreffen LernanfängerInnen, die beiden letzten techniken nur mangelhaft beherrscht, so ist die Wahrschein- der. Oft wuchsen sie auf dem Land auf5, auch ihre Eltern dungsorientiert beim konkreten Bedarf und beim unmit- LernerInnen mit einem etwas höheren Einstiegsniveau. lichkeit sehr gering, dass dieses Versäumnis jemals aufgeholt hatten wenig Zugang zu Bildung und konnten sie daher telbaren Nutzen, bei funktionellen Kriterien und nicht bei werden kann. Einerseits, weil es nur wenige für ihre Bedürf- in der Schule kaum unterstützen. Eine häufige Erfahrung abstrakten allgemeinen Lehrplänen ansetzt7. Oft geht es „Eventuell mit 40 noch was Neues anfangen“ nisse maßgeschneiderte Angebote gibt, andererseits, weil von „AnfängerInnen“ ist es, dass niemand sich um sie küm- auch darum, aus der Schulzeit und Kindheit stammende Frau E., 38 Jahre, verheiratet, ein Kind, kommt aus „tris- die Kompetenzen Geringqualifizierter nicht ausreichen, um merte, die Schule war gegenüber der Mithilfe bei der Arbeit Blockaden zu reduzieren und über neue Lernzugänge mehr ten Verhältnissen“, ihre Mutter konnte selbst nur ihren Na- erfolgreich lernen zu können. Vor allem können sie schwer oft nachrangig, nicht selten wurden sie in die Sonderschule Sicherheit im Gebrauch grundlegender Kulturtechniken zu men schreiben, schämte sich dafür und „traute sich daher dazu bewegt werden, ihre Defizite zu outen und eines der „abgeschoben“ und damit noch mehr „abgestempelt“. Bei vermitteln und damit breitere Anwendungsmöglichkeiten kaum raus“. Die älteren Geschwister lebten im Heim, Fr. E. wenigen Angebote in Anspruch zu nehmen. anderen LernanfängerInnen führten unbemerkte Ein- zu erschließen. Mit der Thematisierung von Fortschritten konnte bei der Mutter bleiben und machte mit ihr nach ih- schränkungen (Gehör- oder Sehbeeinträchtigungen), Lern- und Lernerfolgen – „ganz wichtig war es, dass ich gesehen rer Scheidung viele Umzüge mit. Ihr Stiefvater war selbst Ausgangsniveaus und Lernziele schwächen, Folgeerscheinungen von Erkrankungen, Un- habe, auch ich kann noch was schaffen“ – gelingt es auch Waisenkind, ihr Vater und die Mutter waren Alkoholiker. An Wenn „Lesen und Schreiben zur Hürde werden, verwan- fällen, lange andauernden Krankenhausaufenthalten oder immer wieder, ihr häufig geringes Selbstwertgefühl in Be- jedem Wohnort waren sie „völlige Außenseiter“. Ihr einziges delt sich das Leben in einen Spießrutenlauf“, war anlässlich häufige Ortswechsel während der ersten Schuljahre dazu, zug auf ihre Arbeits- und Lernfähigkeit entscheidend zu Vorbild war der „Opa, ein Flugzeugtechniker, ein gebildeter des Weltalphabetisierungstages in einer österreichischen dass sie „immer weiter hinten“ blieben, den „Anschluss“ stärken. Mann, der arbeitete, für die Familie sorgen konnte und im- Tageszeitung3 zu lesen. Dieser hat allerdings unterschied- und die „Lust und Freude am Lernen“ verloren. Ihre Be- mer zufrieden und ausgeglichen war“. liche objektive und subjektive Ausformungen. Personen nachteiligung wurde in der Schule rückblickend noch ver- Die Lernbilder der „AnfängerInnen“ sind beinahe durch- mit mangelnder Basisbildung sind eine äußerst hetero- stärkt: „Kommst mit, ist’s gut, sonst bleibst, wo du bist.“ Eine gehend von Diskriminierungs- und Stigmatisierungser- In der Schule erhielt sie weder durch die Mutter noch gene Zielgruppe. Sofern es gelingt, sie wieder für erneute weitere Gruppe der LernanfängerInnen sind jene „dequa- fahrungen gekennzeichnet, die in der häufig zu hörenden durch den Stiefvater Unterstützung. Trotzdem hatte sie in Lernprozesse zu gewinnen, kommen sie mit divergieren- lifizierten“ Personen, die zwar die Hauptschule absolviert Kurzformel „du bist eh zu blöd“ in Erinnerung geblieben der ersten Klasse „nur lauter Einser und war begeistert vom den Ausgangskompetenzen, Lernzielen und Lernmotiven. und in weiterer Folge auch eine Berufsausbildung erfolg- sind. Vielfach wurde diese Fremdzuschreibung internali- Buchstabenschreiben“. Später, durch viele Umzüge bedingt, Je nach Lebenssituation und konkreten Alltagserfordernis- reich abgeschlossen haben, in anschließenden Berufskar- siert, manchmal abgeschwächt: „Wahrscheinlich war ich verlor sie den Anschluss, und der schulische Absturz be- sen bestehen auch unterschiedliche Vorstellungen darüber, rieren aber „nie schreiben und rechnen“ mussten, „das war zu faul.“ Lernen wird mit Schule, Anstrengung, Prüfung, gann, in der Schule wurde sie als dumm abgestempelt. In was mit der Verbesserung von Basisbildungskompetenzen die Aufgabe des Vorarbeiters, da hab ich beinahe alles ver- Versagen in Verbindung gebracht. „Es war nie ein Spaß und Erinnerung ist ihr vor allem der Stress aus der Schulzeit, „ja erzielt werden soll. Diese unterschiedlichen Erwartungen, gessen und hab so schlampert geschrieben, dass ich’s selbst immer hat’s geheißen, bleib endlich sitzen.“ Resultat dieser alles richtig zu schreiben“. Stand der Lehrer hinter ihr, war Interessen und Nutzebenen sollten sowohl bei der Infor- nicht mehr entziffern konnte.“ Erfahrungen und des „ohnehin feststehenden Urteils“ war das unmöglich, und jedes Mal bestätigte sich, dass sie „so- mation der Zielgruppen als auch bei der Gestaltung der An- zumeist, dass die „Lust am Lernen“ verloren ging. wieso versagt“. Schule war dann stets „eine Qual und Pla- gebote im Mittelpunkt stehen.4 Befragte der zweiten Gruppe, jene der „fortgeschrittene- ckerei und mit Abstempelung verbunden, die Lust und ren LernerInnen“6 in Basisbildungsangeboten mit (massi- Auch die Erinnerung der „fortgeschrittenen Einsteiger- Neugier gingen verloren“. Am Ende der Schulzeit konnte Neben den „AnfängerInnen“, denen es aus unterschied- ven) Schwächen in Teilbereichen (z.B. „ein Riesenproblem Innen“ in Basisbildungskursen an die Schule und die Be- sie gerade ihren Namen schreiben. Nach der Schule be- lichen Gründen in der Pflichtschulzeit nicht gelungen ist, in der Arbeit war es, was Schriftliches verfassen zu müssen, rufsausbildung ist zumeist durch eine „Riesenangst als ei- gann sie zu arbeiten, erlebte aufgrund ihres schlechten Basiskenntnisse des Lesens und Schreibens zu erlernen, das Lesen war problemlos“), bringen ihre Unsicherheiten, nes der schlimmsten Probleme“ geprägt: „Wenn ich was Abschlusszeugnisses etliche demütigende Bewerbungssi- und die beinahe bei „null“ beginnen müssen, gehören auch Lernängste und ihre geringe Selbsteinschätzung bezüglich vorlesen musste, hab ich einen Druck im Kopf bekommen tuationen. Bis zur Geburt ihrer Tochter hat sie viele Jahre Personen mit graduell abgestuften „Schwächen“ in Teilbe- ihrer Lernfähigkeit, die oft den Eindruck fehlender Motiva- und ich war wie versteinert“ oder „meine Stimme versagte in einer Schuhfabrik „geschichtelt, gut verdient, viel ge- reichen dazu. „Lücken“ oder Unsicherheiten können Recht- tion oder von Nichtwollen erweckt, weit weniger mit sozia- fast vor Angst, es nicht zu können.“ Ein Ausweg, dem zu spart“ und immer versucht, ihre Kenntnisse im Selbststu- schreibung, Orthografie, Grammatik, Satzkonstruktion, len und familiären Faktoren, sondern vor allem mit negati- entkommen, bestand oft im sturen Auswendiglernen des dium aufzubessern, auch „um es einmal besser zu machen Formulierungsfähigkeiten, Grundrechnungsoperationen, ven Schul- und Lernerfahrungen in Verbindung. Stoffes, „Wort für Wort und nächtelang, es war eine richtige als meine Mama“. Als sie im Fernsehen einen Bericht über ein einigermaßen „flüssiges Lesen“ und Textverständnis Qual“. Vor allem bei Wiedereinsteigerinnen, die nach lang- einen möglichen Kurs sah – „endlich, endlich, ich hätte in genauso betreffen wie Merk- und Lerntechniken, Wieder- Stigmatisierung als Grunderfahrung jähriger Kinderpause nicht mehr im alten Beruf weiterar- Tränen ausbrechen können“ – nutzte sie diese Möglichkeit gabefähigkeiten z.B. beim Vorlesen oder Vortragen, bei beim Lernen beiten können oder wollen, bilden diese Erfahrungen auch sofort. Zu diesem Zeitpunkt stufte sie sich selbst „ungefähr schriftlichen Zusammenfassungen im privaten und beruf- Bei aller Unterschiedlichkeit der Zielgruppen von Basis- schwerwiegende Lern- und Weiterbildungshürden. auf Level Volksschulende“ ein. Sie will vor allem ihr Kind lichen Kontext, etwa wenn mit der Zeit und mit steigender bildungsangeboten in Bezug auf ihre Lebenssituation, Aus- besser unterstützen können und eventuell mit „40 noch Verantwortung im Beruf die Notwendigkeit schriftsprachli- gangsniveaus und Lernziele gibt es auch eine gemeinsame Das oft schwierige Lernumfeld und das Unverständnis, das was Neues anfangen“. Eine gute Basisbildung und insbe- cher Kommunikation zugenommen hat und es – bei Pro- Konstante, die bei bildungspolitischen Strategien für die Lernbemühungen entgegengebracht wird, verdeutlicht die sondere die intendierte Verbesserung der Noten im Haupt- tokollen, in Meetings oder bei internen Weiterbildungen – Zielgruppe die größte Schwierigkeit bereitet – nämlich die Erfahrung eines Hilfsarbeiters, der seinen Eltern und Ge- schulzeugnis sieht sie als Voraussetzung für weitere Kurse darum geht, „Gedanken und Sätze vom Kopf richtig auf das Angst, sich bloßzustellen, wiederum „als Dummerl“ abge- schwistern und Bekannten „mit Stolz“ seine Lernfortschritte und Weiterbildungen. Papier zu bringen“. In Zusammenhang mit der Diskussion stempelt zu werden und sich als nicht vollwertiges Mitglied präsentierte: „Sie haben anfangs nur gelacht, was willst du um das korrekte „Wording“ im Basisbildungsbereich ist zu unserer Gesellschaft preisgeben zu müssen. Auch wenn denn, willst du Bürgermeister werden, wenn du fertig bist?“ Die Erfahrung im Kurs, dass sich jemand um sie und ihre erwähnen, dass gerade Personen mit Schwächen und/oder Personen mit Basisbildungsschwächen durchaus erfolg- Schwierigkeiten annahm, war ihr neu und sie fühlte sich Disfunktionalitäten in Teilbereichen den Begriff „Analpha- reich im Beruf stehen, gehören sie – so eine Vertreterin ei- Lebenswelten „fast wie im Himmel“. Wichtig sei es vor allem gewesen, ihre betismus“ als eine weitere Herabsetzung erleben, was nicht ner Bildungseinrichtung – vor allem durch ihre Ängste und Abschließend sollen noch einige Fallbeispiele die Lebens- psychische Blockade zu sehen und ihr „den Druck wegzu- selten dazu führt, dass Angebote nicht genützt werden. Unsicherheiten zu den gesellschaftlichen „Randwandlern“. welten und Lernerfahrungen von Personen mit Basisbil- nehmen“. Ihrer Tochter kann sie mittlerweile die Regeln der In dieser Hinsicht haben Basisbildungsangebote neben der dungsdefiziten verdeutlichen. Dabei stehen der subjektive Rechtschreibung erklären, die Panikattacken, sobald etwas Vor allem unter den befragten „AnfängerInnen“ tritt die Vermittlung der vor allem für AnfängerInnen sehr wichti- Entstehungszusammenhang der Basisbildungsprobleme, in Gegenwart anderer zu schreiben ist, sind verflogen. soziale Benachteiligung deutlich als entscheidender Faktor gen Grundkenntnisse vielfach die Funktion, Unsicherhei- die Folgen für die Eigenwahrnehmung, die Einschränkun- zutage: Sehr viele stammen aus problematischen Familien- ten und Ängste in der Verwendung von Schrift und Sprache gen durch mangelnde Basisbildung, Lernziele sowie bis- 5 Derzeit zeichnet sich allerdings in Bezug auf die räumliche Benachteiligung ein Trend lang erreichte Erfolge im Mittelpunkt. Die ersten beiden 3 Kleine Zeitung vom 14. September 2008, S. 36. ab, dass vor allem in manchen städtischen Teilbereichen die größten Anteile an Jugendli- 4 Planerische Grundlagen über Zielgruppen, ihre Erwartungen und ihren konkreten Be- chen mit massiven Basisbildungsdefiziten registriert werden. 7 Z.B. im Sinne einer in Großbritannien forcierten„critical literacy“, die die Beschäfti- darf sowie die Faktoren, die eine Weiterbildung für sie attraktiv machen könnten, stehen 6 Zu dieser Gruppe zählen auch LernerInnen mit Migrationshintergrund, aber ausrei- gung mit Alltagstexten vom Zeitungsartikel über ein Formular bis zum Bewerbungs- selten zur Verfügung. Eine Hilfe für die Angebotsentwicklung könnte eine Vorrecherche chenden Kenntnissen der deutschen Sprache, die gewisse Kompetenzen verbessern wol- schreiben inkludiert und über unterschiedlichste Maßnahmen die Etablierung funktio- über potenzielle TeilnehmerInnen im lokalen und regionalen Kontext bieten. len, um weitere Ausbildungen anschließen zu können. naler Sprachstandardsfördern soll. Siehe: Der Standard vom 6./7. September 2008, S. 4. Seite 20 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 21
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    MENSCHEN I Stoppacher IDer Stigmatisierung entkommen Der Stigmatisierung entkommen I Stoppacher I MENSCHEN „Wenn du hinfällst, darfst du ben beim Vorlesen, die Stimme veränderte sich, ich wollte er sich bereits sechs Jahre lang beworben hatte. Im Ver- nur nicht liegen bleiben“ nur nicht als Dummerl abgestempelt werden“. lauf der Jahre hat er es in dieser Firma vom Hilfsarbeiter Der Autor Herr B., knappe 50 Jahre, mittlerweile selbstständiger Ver- zum Angestellten gebracht. Jährlich konnte er dank ver- Dr. Peter Stoppacher treter, nutzt seit Jahren Basisbildungsangebote, derzeit ist In der Schule galt sie als „ganz gute Schülerin“, sie hat ständnisvoller Vorgesetzter, die ihn als Hilfsarbeiter „un- 1957 in Anger, Oststeiermark, geboren; während des Stu- er im Fortgeschrittenenkurs, seine Frau weiß nichts von stets „alles punktgenau auswendig gelernt, mit so viel Mühe, üblich viel förderten“, an diversen betrieblichen Weiterbil- diums (Germanistik und Soziologie) unterschiedliche berufliche Erfahrungen in der Grundstoffindustrie (Alu- seinen Problemen. dass der Spaß am Lernen verschwunden ist“ und auch nur dungen teilnehmen. Je weiter er sich „raufgearbeitet“ hatte, minium, Talkum), im Baugewerbe etc. Seit 1985 sozial- „wenig hängen“ blieb. In der Lehrzeit für einen anspruchs- desto deutlicher wurden ihm aber seine Grenzen, vor allem wissenschaftliche Forschungstätigkeit; ehrenamtlicher In der Schule schaffte er es in der damals noch achtjähri- vollen Beruf erlebte sie das Lernen noch belastender. „Ich in der Rechtschreibung und beim Formulieren von Sät- Bewährungshelfer gen Volksschule der kleinen, ländlichen Gemeinde bis zur 6. hab keine Ruhe gegeben, bevor ich nicht alles Wort für Wort zen: „Sobald ich etwas schreiben soll, denke ich daran, wie IFA Steiermark (Institut für Arbeitsmarktbetreuung Klasse. Das Urteil seines Lehrers lautete, „er begreift nichts, aufsagen konnte, das wurde zur richtigen Qual.“ Den Ab- ich das schaffen soll, wie ich was richtig formuliere.“ Seine und -forschung Steiermark. Sozialwissenschaftliche For- aber es ist egal, es geht auch ohne.“ Seine Eltern haben das schluss schaffte sie bravourös und blieb bis zur Kinder- Ängste führten dazu, dass er sich immer mehr abkapselte, schung und Entwicklung) so hingenommen, ohne den Versuch, ihn zu unterstützen pause in ihrer Lehrfirma. Nach langer Berufspause war ihr seine Schwächen konnte er geschickt verbergen. Für Stan- www.ifa-steiermark.at und zu fördern. Ab und zu „durfte“ er ihn die nächste Klasse eine Rückkehr aber nicht möglich, da ihr Chef keine Teil- dardtexte griff er auf Musterbriefe, -sätze und -textblöcke, stoppacher@ifa-steiermark.at aufsteigen, damit der Altersunterschied nicht zu groß zeitarbeit gestattete und sich in „Zehn Jahren viel verän- Wörterbücher etc. zurück, in Fällen, wo keine Vorlagen zur würde, und es laut seinem Lehrer ohnehin „wurscht war, dert hat, vor allem in der EDV“. Bei einem AMS-Berufsori- Verfügung standen, half ihm seine Frau. Unverzüglich not- wo er sitzt“. Wegen seiner Leistungen in der Schule wurde entierungskurs hatte sie aufgrund ihres Lernstils und ihrer wendige Rundmails, längere Briefe, Besprechungsproto- er „als Depperl abgestempelt, ausgelacht – ich fühlte mich Ängste „totale Schwierigkeiten, mitzukommen, es gab kein kolle oder das Schreiben an der Tafel bzw. auf Flipcharts bei als der letzte Mensch.“ Nach der Schule war er Hilfsarbei- Skriptum, nichts, was ich hätte lernen können“. Beim Mit- Seminaren erlebte er „sehr mühsam“, Fehler versuchte er ter auf dem Bau, lebte „extrem versteckt und zurückgezogen“ schreiben war sie zu langsam, sodass ihre Mitschrift als mit „Schmäh zu übertünchen“. und hatte niemanden, dem er sich anvertrauen konnte. Lernunterlage untauglich war. Ähnlich erging es ihr bei ei- Anerkennung erwarb er sich über seine praktischen Kennt- nem EDV-Kurs, wo sie letztendlich auch „an ihren eigenen Die ständige Angst, „mich einmal nicht durchschum- nisse, vor allem beim „Auffrisieren der Mopeds“, später im Ansprüchen gescheitert“ sei. Eine berufliche Umorientie- meln zu können und als Versager abgestempelt“ zu wer- Motorradklub. Mithilfe eines eingeweihten Freundes, mit rung mit dem für sie notwendigen Lernpensum traute sie den, führte ihn zur Überzeugung, „etwas tun zu müssen, dem er gemeinsam lernte und die Übungsbeispiele immer sich nicht zu, das „nächtelange Auswendiglernen geht mit um damit fertig zu werden“. Nach erfolglosen Erkundigun- wieder durchging, schaffte er den in der Region unerlässli- Familie und Kindern nicht mehr, das Lernen stand wie ein gen bei verschiedenen Stellen hat er mit seiner Frau eines chen Führerschein, „aber es hat schon Kopfweh gemacht“. Gebirge vor mir“. Tages auf dem Stadtplatz ein „Plakat ‚PC, Rechtschreibung, Am wirksamsten in allen Lernsituationen war für ihn aber Rechnen’ entdeckt, sich herangepirscht, es umkreist“ und ei- seine stets hohe Aufmerksamkeit. Seine Lesekenntnisse hat Über eine Veranstaltung zum „Tag der Frau“ hat sie vom nige Tage bis zur Entscheidung überlegt: „Was erzähle ich er über Zeitungen, Bücher etc. verbessert. Das Schreiben Angebot in ihrer Region erfahren, das sie schlussendlich dort? Wird es terminlich passen, mit Familie und Arbeit ver- blieb sein großes Problem, das er „immer wieder kreativ auch nutzte. Sie hat vor allem darauf abgezielt, das „Lernen einbar sein?“ Mit dem Erreichten nach nur einem Semes- und offensiv verstecken“ konnte. So zum Beispiel während zu lernen, die Merkfähigkeit zu verbessern, einen Stil zu ent- ter ist er sehr zufrieden. Durch das individuelle Eingehen Auslandsreisen mit seiner Motorradrunde, wo er „als Prak- wickeln, der hilft, das Wichtige aus Informationen rauszuho- der TrainerInnen auf seine Bedürfnisse und das (fast) täg- tiker“ sich stets „um die Maschine kümmerte“, alles Schrift- len, sie zu verstehen und wiedergeben zu können“. Ihr alter liche Üben zu Hause und die wöchentlichen Kurseinheiten liche von seinen BeifahrerInnen erledigen ließ. Lernstil war für sie auch „ein berufliches Hindernis, weil ich sind seine Unsicherheiten in gewissen Situationen deutlich mir so nur wenig zutraute, ich habe Ewigkeiten gebraucht“. geringer geworden und er „durchblickt“ nun einigermaßen Nach dem Bundesheer war er viele Jahre Lkw-Fahrer in ei- Mittlerweile hat sie wieder Freude am Lernen, durch spe- „das System mitsamt seinen Regeln [der Rechtschreibung ner großen Baufirma. „Schreibkenntnisse“ waren nicht so zielle Auseinandersetzungen mit Lerntechniken kann sie und Grammatik]“. Den Kurs sieht er als „Startschuss, weil wichtig, er konnte sich mit Vorlagen, Wörterbüchern, Orts- nun auch „Gehörtes besser verstehen, merken und wie- ich nicht erwarte, neun Jahre Schulversäumnis in ein paar namen aus dem Telefonbuch etc. helfen. Während dieser dergeben“. Als wesentlichen Erfolg betrachtet sie es auch, Monaten aufzuholen.“ Zeit wurde er einmal im Winter zum „Stempeln“ geschickt. dass das „Selbstvertrauen, dass ich was weiterbringen kann, Da er den Antrag nicht ausfüllen konnte, ist er nicht mehr wenn ich es richtig angehe“ gestiegen ist und die Neugierde hingegangen und hat auf das Arbeitslosengeld „verzichtet“. auf Neues langsam die Versagensangst verdrängt. Aufgrund seiner Erfahrungen, was es im Dorf und am „Gedanken und Sätze vom Stammtisch heißt, nicht „für voll genommen zu wer- Kopf auf das Papier“ den“, hat er sich bis heute gehütet, über seine Probleme Herr J., knapp 45 Jahre, verheiratet, zwei Kinder, kommt zu sprechen und ist froh, dass er außerhalb seiner Re- aus einer Familie, in der die Kriegswirren und Waisenhaus- gion ein entsprechendes Basisbildungsangebot gefun- aufenthalte kaum Zeit und Möglichkeiten für Bildung lie- den hat. Nach ersten Zweifeln, was so ein Kurs bringen ßen. Die Eltern konnten ihn daher auch nicht fördern. Herr könne, hat er sich doch angemeldet, um „wieder aufzu- J. kann sich nicht erinnern, jemals Geschichten vorgelesen stehen und nicht liegen zu bleiben“, und beurteilt diesen bekommen oder Auszählreime kennengelernt zu haben. ersten Schritt als den wichtigsten überhaupt. „Damit hast Das „Stillsitzenbleibenmüssen von heute auf morgen“, ge- du schon gewonnen.“ gen das er von Anfang an „rebelliert“ hat, war eines seiner ersten Probleme in der Schule. Mit Ach und Krach schaffte „Das Lernen steht wie ein Gebirge vor mir“ er die Volksschule, in der Hauptschule stieg er in der zwei- Frau W., 32 Jahre, verheiratet, vier Kinder, hat schon lange ten Klasse aus, „verständnisvolle Lehrer“, die ihn „motiviert“ mit sich gerungen, ob sie etwas gegen ihre auch beruflich und „gefördert“ haben, waren die Ausnahme. Nach Hilfstä- hinderlichen Versagensängste unternehmen soll. Schon in tigkeiten in verschiedenen Fabriken im Versand, als Nacht- der Schule „verschwammen vor lauter Angst die Buchsta- portier, am Fließband kam er zu einer Großfirma, bei der Seite 22 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 23
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    MENSCHEN I Kastner IPotenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN Paul Bélanger weist mit seinem Konzept „Intimacy of lear- und Teilnehmer zu Wort. Die Rekonstruktion von subjekti- ning“ darauf hin, dass Lernen nicht lebensbegleitend und ven Handlungen und Deutungen zielt darauf ab, die Pers- lebensweit sein kann, wenn es nicht auch lebenstief ist (vgl. pektive der lernenden Erwachsenen nachzuvollziehen. Bélanger 2009, S. 23). Diese innere Seite des Lernens ist die „dritte Dimension“ des Lernens. So ist das Lernen über die Bewusstwerdungs- und Bewältigungsprozesse Lebensspanne die erste Dimension; die zweite Dimension Anhand der Episoden einer Teilnehmerin lässt sich der ist die Breite des Lernens (lebensweit), die alle Aspekte des Prozess der Bewusstwerdung und der Bewältigung eines Lebens und somit auch alle Lernformen umfasst (siehe hinderlichen Glaubenssatzes – aufgrund der in ihrer Kind- oben); der tiefe Blick in die Individualebene der Lernen- heit diagnostizierten Legasthenie, nicht vorlesen zu kön- den ist die dritte Dimension (vgl. Nuissl 2009, S. 3): „Ler- nen (vgl. TNin 7, 28 – 323) – nachzeichnen. Zu Beginn ihrer nen bleibt eine innere, private, intime Erfahrung“ (Bélan- Teilnahme erfährt sie die Gruppe als Freiraum, der es ihr ger 2009, S. 22). ermöglicht, am Geschehen teilzuhaben: Der vorliegende Beitrag basiert auf einer Forschungsar- „[…] wenn du die sechs Wochen kennst, geht es dann beit zu bildungsbenachteiligten Erwachsenen; im Rahmen schon. Aber gleich am Anfang. Ich habe einfach dieser Forschungsarbeit wurden Teilnehmer/innen und gesagt: Ich les nicht. Ich meine, und die, die Gruppe, Kursleiter/innen von Basisbildungskursen1 in den Blick da wird das auch so angenommen. Du musst ja nichts genommen. Ziel war die Rekonstruktion von subjektiven machen, nicht? Also, ich les nicht. Es hat mich keiner Monika Kastner Handlungen und Deutungen, um damit das Verstehen von gefragt, warum ich nichts vorlese. Alle haben irgend- Assistenzprofessorin an der Universität Klagenfurt Lehr-, Lern- und Bildungsprozessen in der Basisbildung zu wie einen Absatz gelesen oder so, so Situationen was monika.kastner@uni-klu.ac.at fördern; die Forschungsarbeit fokussierte insbesondere mi- sie gar nicht, ein anderer denkt sich nicht einmal krodidaktische Aspekte und lässt sich somit als Beitrag zur irgendetwas, und für mich, ich kriege Schweißaus- erwachsenenpädagogischen Lehr-Lern-Forschung verste- brüche, alle Zustände, nicht. Ich meine, es ist eigent- hen (Kastner, in Vorbereitung). Wird Weiterbildung in dem lich nur da drinnen wahrscheinlich.“ (TNin 7, 91–97) oben skizzierten umfassenden Sinn verstanden, dann ist jede Teilnahme beeinflusst von vorhergehenden Lernak- Ihr Glaubenssatz – „und ich habe schon immer mein Pro- tivitäten und Lernerfahrungen, womit die lebenstiefe Di- blem, dass ich nichts vorlesen kann“ (TNin 7, 22) – wird mension von Lernen angesprochen ist. Erwachsene, die an brüchig. Sie erkennt ihre eigene hinderliche Wahrnehmung Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen Basisbildungskursen teilnehmen, haben Bildungsbenach- („nur da drinnen wahrscheinlich“) und erinnert sich an teiligung erfahren. Der Begriff der Benachteiligung lässt früher erhaltene Hinweise. Ihre Schwester hat sie wieder- die Entwicklungsbedingungen, die Erwachsene aktuell und holt darauf aufmerksam gemacht, dass ihre Überzeugung in Basisbildungskursen als Kinder und Jugendliche im familialen, sozialen, schuli- schen, ausbildungs- und berufsbezogenen System vorfin- möglicherweise nicht der Realität entspricht. Sie erlebt nun in ihrer Gruppe, dass dem Vorlesen mit einer gewissen Ge- Die Rekonstruktion von subjektiven Handlungen und Deutungen den bzw. denen sie ausgesetzt waren, nicht außer Acht. Aus Bildungsbenachteiligung können Basisbildungsbedarfe/- lassenheit begegnet wird: fördert das Verstehen von Lehr-, Lern- und Bildungsprozessen bedürfnisse resultieren. Ich lehne mich hier an die von „[…] aber das rede ich mir vielleicht selbst ein. Das Ekkehard Nuissl vorgenommene pointierte Differenzie- sagt meine Schwester auch oft. Da sagt sie: Du bildest rung an: „Unter Bedarf wird gemeinhin die ‚objektivierte’ dir das ein irgendwie, nicht. Weil sie verliest sich auch Seite von Bedürfnis verstanden. Bedürfnis folgt dem indi- teilweise, der ist das wurscht, na, da habe ich mich viduellen Interesse, Bedarf der gesellschaftlichen Notwen- verlesen. Ich meine, wenn die in der Gruppe lesen, Der Beitrag fokussiert mikrodidaktische Aspekte von ist permanent zu vollziehen: im regulären Schul- und digkeit (oder was man dafür hält).“ (Nuissl 2000: 16) verliest sich sicher jeder einmal irgendwie oder. Die Lehr-Lern-Prozessen aus der Perspektive von Teilneh- Hochschulsystem als sogenanntes formales Lernen, das denken sich nicht einmal was.“ (TNin 7, 119–123) menden und Kursleitenden. Die datenbasierte Rekonstruk- zu anerkannten Abschlüssen führt (vor allem im Rah- Lernprozesse in tion von subjektiven Handlungen und Deutungen verweist men der schulischen und beruflichen Erstausbildung), Später im Interview berichtet sie, dass sie „auch schon auf die Bedeutung der achtsamen Wahrnehmung der Vo- als sogenanntes nichtformales Lernen, das insbeson- Basisbildungskursen: zweimal da einfach vorgelesen“ (TNin 7, 357) hat – ihr ge- raussetzungen von Erwachsenen, die Bildungsbenachtei- dere Lernaktivitäten in Angeboten der Erwachsenen-/ exemplarische Beispiele lingt das vormals Undenkbare, nämlich in der Gruppe vor- ligung erfahren haben. Somit verdeutlichen die Interpre- Weiterbildung sowie angeleitetes Lernen am Arbeits- zulesen. Die durch die Diagnose Legasthenie errichtete tationsergebnisse die Verantwortung, die im Lehrhandeln platz umfasst und als sogenanntes informelles Lernen, Im Folgenden werden Lernprozesse in Basisbildungskur- Barriere wird überwunden; der Befund, der Entwicklung in kompensatorischen Lehr-Lern-Prozessen übernommen das intentional erfolgt und somit selbstgesteuert und sen anhand von exemplarischen Beispielen aus dem Da- verunmöglicht hat, wird von ihr aktiv außer Kraft gesetzt. wird, und erhellen Potenziale von Basisbildung. selbstorganisiert vollzogen wird, beispielsweise das Le- tenmaterial2 fokussiert; dabei kommen Teilnehmerinnen sen von Fachzeitschriften oder das zielgerichtete Ler- Ein Teilnehmer zitiert auf die Frage nach von ihm wahrge- Lernen: lebensbegleitend — 1 An dieser Stelle möchte ich mich herzlich bei den beiden Basisbildungseinrichtungen nen von Kolleginnen und Kollegen (vgl. Statistik Aust- (aus Gründen der Wahrung der Anonymität der Interviewpartnerinnen und Interview- nommenen Fortschritten im Lernen seine Kursleiterin, die partner muss die Nennung der beiden Einrichtungen unterbleiben) bedanken, die mich ria 2009, S. 84f.). Das Lernen „en passant“ (Reischmann ihn offenbar wiederholt darauf aufmerksam macht, sich lebensweit — lebenstief 1995, S. 200) geht nicht auf eine Lernintention als solche bei meiner Forschungsarbeit unterstützt haben; ein besonderer Dank gilt meinen Inter- viewpartnerinnen und Interviewpartnern. nicht selbst herabzusetzen: Lebenslang zu lernen wird als Anforderung an uns he- zurück, sondern vollzieht sich gleichsam als Nebenpro- 2 Der Forschungsarbeit lag der Ansatz der Grounded Theory zugrunde (Glaser/Strauss 2005 [1967]). Von Juli 2007 bis November 2007 wurden in zwei Basisbildungseinrichtun- derungen durchgeführt. Die Interpretationsergebnisse verdichteten sich zu folgenden rangetragen und ist während unseres gesamten Lebens dukt einer nicht auf Lernen abzielenden Handlung (vgl. gen insgesamt 24 episodische Interviews mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern, neun Schwerpunkten: gelungene Zugänge zum Basisbildungskurs, Lehrhandeln – das Kursge- leitfadengestützte Interviews mit Kursleiterinnen und Kursleitern sowie ein offenes In- schehen aus der Perspektive der Kursleitenden, Lernprozesse – das Kursgeschehen aus vorgesehen. Es wird „nicht nur ununterbrochen (‘le- ebd., S. 201). Dieses Lernen zeichnet „das Bild des Aktiv- terview mit einer Sozialarbeiterin geführt. Ein Jahr nach der Durchführung dieser Da- der Perspektive der Teilnehmenden, Effekte der Teilnahme und Bedingungen des Gelin- bensbegleitend’), sondern auch überall (‚lebensweit’) seins, des Voranschreitens, aber auch des ungeplanten tenerhebung wurde im Sommer/Herbst 2008 eine weitere Datenerhebung vorgenom- gens (siehe dazu ausführlich Kastner, in Vorbereitung). men, dabei wurde die Frage fokussiert, wie es den befragten Teilnehmenden während gelernt“ (Wiesner/Wolter 2005, S. 21). Diese Aktivität Vorbeikommens“ (ebd., S. 203). des vergangenen Jahres ergangen ist. Im Dezember 2008 wurde ein leitfadengestütztes 3 Dieser Beleg verweist auf die Zeilen 28 bis 32 des mit Teilnehmerin 7 geführten Inter- Interview mit einem Vertreter des Arbeitsmarktservice (AMS) aus dem Geschäftsfeld För- views (die geführten Interviews wurden chronologisch nummeriert). Seite 24 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 25
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    MENSCHEN I Kastner IPotenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN „[…] sie sagt eh immer, ich tue mich selber immer so ich muss lesen, wann ich muss schreiben. Und ich computergestützte Führerscheinprüfung bestanden und er halt eingegangen. Vielleicht findet man einen ande- bekritteln. Ich mache zwar jetzt schon wieder zu wenig weiß, ich könnte nicht was machen. Für mich wirk- kann vorhandene Mathematikkenntnisse auffrischen: ren Weg, wo du das besser hören kannst oder besser und so, daheim auch und das. Aber wenn ich mir halt lich war traurig.“ (TNin 6, 29–36) verstehen kannst, ja.“ (TN 10, 93–96) so Sätze durchlese und ich habe alles begriffen, dann „Angefangen habe ich mit Rechnen. Also einfach rech- denke ich mir, und dass ich den ganzen Sinn weiß Das sprichwörtliche Glück im Unglück eröffnet ihr den Zu- nen, einfach wieder hineinzukommen. Äh, beim zwei- Ein weiterer Teilnehmer wird durch Angebote zur Aus- davon, ich, ich habe was geschafft.“ (TN 5, 281–284) gang zum Basisbildungskurs: Sie wird von einer aufmerksa- ten Mal habe ich eine Einschulung am Computer weitung von Lerninhalten in seinem vordringlichen Lern- men Trainerin über Basisbildungsangebote informiert (vgl. gehabt. Ja, und dann auch wieder Rechnen. Bruch- ziel bestärkt: Hier wird ein Prozess der Bewusstwerdung sichtbar, dass TNin 6, 36–43). Die in der arbeitsmarktpolitisch organisier- rechnen. Ich habe gar nicht mehr gewusst, dass es das er nämlich dazu neigt, seine Leistungen nicht zu würdigen. ten Schulung durchlebte intensive Überforderung mag zu gibt, das Bruchrechnen. […] Aber an dem Tag hab ich „[…] ich will nur schreiben lernen. Ehrlich gesagt. Seine Einschätzung über erzielte Lernfortschritte beim Le- ihrem Gefühl der eigenen Unzulänglichkeit („so wie ich bin noch herausgekriegt wie und das freut mich irrsinnig. Und das ziehe ich auch durch. Weil sie schon ab und sen verdeutlicht das wachsende Vertrauen in seine Fähig- deppert“) beigetragen haben. […] Ich habe momentan nicht gewusst, wie man divi- zu gesagt haben: Möchtest du nicht auch einmal am keiten, was auf einen beginnenden Bewältigungsprozess diert und [die Kursleiterin] hat es mir dann gezeigt und Computer arbeiten? Habe ich gesagt: Nein. (er lacht) schließen lässt. Anhand der folgenden Episode lässt sich auch zeigen, wie dann ist das dann wieder gegangen.“ (TN 9, 80–124) Lassen wir‘s. Ja, ein paar, einmal bin ich schon beim stabil hinderliche Selbstbilder sein können. Der befragte Computer, das war auch interessant, da kann ich Anhand der Episode einer Teilnehmerin kann gezeigt wer- Teilnehmer beschreibt, wie seine Glaubenssätze – „böse An bestehenden Interessen und vorhandenen Kenntnis- auch nichts sagen, das war auch interessant! Aber den, dass sie die Herausforderung annimmt, eine Aneig- Hintergedanken“ – bereits vollzogene Fortschritte zunichte sen anzuknüpfen, verdeutlicht erfolgreiche Abstimmungen nur, ich meine, ich meine, wenn ich, wenn ich, wenn nungsperspektive zu entwickeln. Damit ist gemeint, dass die machen und ihn zurückwerfen: im Lehr-Lern-Prozess. ich, wenn ich dabei sitzen müsste, würd‘s mir, meine Vorstellung über die eigene Fähigkeit zur aktiven Aneignung ich, auch nix machen, aber nur, ich weiß nicht, das ist neuer Wissensinhalte und neuer Fertigkeiten erst ausgebil- „Das ist ja ganz ein böser, böser, böser Hintergedan- Während sich ein Teilnehmer auf sein vordringliches Ziel nicht mein Ding!“ (TN 15, 724–729) det werden muss: ken, dass du immer wieder sagst: Nein, das kann ich vorbereitet, hält seine Kursleiterin das nächste Ziel präsent, so und so nicht. Für dich selbst. Du bewertest dich indem sie das gemeinsam zu erarbeitende Lernvorhaben Dieser Aushandlungsprozess wirkt stärkend in Hinblick auf „Am Anfang, ich habe, ICH selber diese Gefühl, so wie selbst, nicht. […] das ist wie ein kleines Teuferl im in Aussicht stellt: die eigene Zielsetzung. Er interessiert sich für Computer, er ich bin deppert oder, warum ich kann nicht, ja? […] Hintergedanken, was immer arbeitet: Ach, du bist zu hat berichtet, dass er sich ein altes Gerät organisiert hat, um Aber ich selber, ich habe dieses Gefühl am Anfang dumm. Und du kannst es aber schon besser! Aber das „Ja, jetzt hab ich so viel zu tun wegen dem Führerschein dessen Funktionsweisen auszuprobieren (vgl. TN 15, 679– gehabt. Wenn, warum ich könnte es nicht mit die will dich immer wieder zurückholen und sagen: Okay, […] und sie hat gemeint, wenn ich den Führerschein 694). Berührungsängste dürften somit nicht der Grund für Buchstaben. Ich habe viele Probleme mit die Buch- du kannst es nicht, du hast es nie können, also warum dann hab, dass wir dann halt das Schreiben probieren die Ablehnung des Angebotes gewesen sein. Er entscheidet staben am Anfang. Ich weiß nicht, wo ist die richtige sollst du es jetzt können? Das sind schon böse Hinter- und so. Ich hoffe, dass ich, so viel was ich brauch, dann sich in diesem Aushandlungsprozess jedoch für das Schrei- Buchstaben, hm. […] Und ich habe mit dieses Gefühl, gedanken, von dir selbst, nicht. […] Das hat einfach auch zusammenbringe.“ (TN 5, 463–468) ben und somit für sein ursprüngliches Bildungsbedürfnis. ich bin nicht normal, ja? Und dann später nach der mit deinem Selbstwert was zu tun.“ (TN 22, 517–529) Zeit, ich habe gelernt, und die Situation war immer Diese in Aussicht gestellte begleitete Erweiterung („wir“) Aspekte des Lehrhandelns: besser und immer besser. […] Und dieses Gefühl, ich Der Teilnehmer erklärt, wie er sich selbst immer wie- von Lerninhalten – vom Lesen zum Schreiben – leistet einen habe früher gehabt, warum ich kann‘s nicht? […] mit der abwertet. Hier offenbart sich die Prozesshaftigkeit der Beitrag zum eigenen Wollen; den nächsten Schritt zu setzen exemplarische Beispiele der Zeit, ich habe geschaut – du könnte nicht anders Stärkung des Selbstwertgefühls4, die über einen längeren und im Lernprozess voranzuschreiten, wird vorstellbar. Die Interpretationsergebnisse zu Aspekten der Lernpro- früher! Natürlich, ich bin nicht hier aufgewachsen. Zeitraum hinweg kontinuierlich erfolgen muss; durch die zesse aus Sicht der befragten Teilnehmenden beinhalten Ich bin groß gekommen hier, ich muss von vorne. So behutsame und kontinuierliche Stärkung des Selbstwert- Ein Teilnehmer berichtet von Aushandlungsprozessen in implizit Aussagen über das Lehrhandeln, das heißt über wie jede anders, wenn kommen in eine fremdes Land, gefühls könnte sich der innere, feste Kern einer gestärkten Hinblick auf die Auswahl von Lerninhalten: „Na ja, wir ma- die Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse durch die Kurslei- wo sie nicht diese Sprache kennt und nicht so schrei- Persönlichkeit entwickeln. chen uns das aus meistens.“ (TN 10, 132) Mittels Abstim- terinnen und Kursleiter. Im Folgenden werden einige As- ben, überhaupt nicht. Aber die Gefühle, habe ich mungen basierend auf ausprobierendem Lehrhandeln und pekte des Lehrhandelns aus Sicht der Kursleitenden exem- gehabt auf mich selber.“ (TNin 6, 296–314) Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse dessen Reflexion können Fortschritte in Hinblick auf indivi- plarisch dargestellt. Die Episoden der befragten Teilnehmenden verdeut- duelle Verstehens- und Aneignungsprozesse erzielt werden: Im Prozess des Lernens im Basisbildungskurs erfährt sie lichen die Kursgestaltung als Abstimmungs- und Aus- Stärkung der Teilnehmenden ihr Veränderungspotenzial; sie hat eine Vorstellung eines ler- handlungsprozesse. Abstimmung wird verstanden als „(T) Und das ist halt für mich viel, dass ich draufkomme, durch Zuwendung nenden Selbst entwickelt, wenn sie sagt: „Ich denke einmal Prozess individueller Förderung unter Beachtung der Vo- wie kann ich das ändern und wie kann ich mir das bes- Die Stärkung der Teilnehmenden durch Zuwendung ist so, alles muss was lernen. Und niemand kommt in die Welt raussetzungen der Teilnehmerin/des Teilnehmers. Aus- ser merken. ein wesentlicher Aspekt des Lehrhandelns. Diese Stär- und weiß alles.“ (TNin 6, 201f) Vor der Basisbildungskurs- handlung wird verstanden als die Beteiligung der Teil- (I) Ahm, ahm/also darüber denken Sie nach, wie Sie es? kung scheint die notwendige Basis für Lehr-Lern-Pro- teilnahme hat sie an einer arbeitsmarktpolitisch organisier- nehmenden an der Gestaltung der Lehr-Lern-Prozesse. (T) Ja, wir reden ja auch miteinander, ja. Wie könnte zesse zu schaffen. ten Schulung teilgenommen. Im ersten Moment hat sie sich Diese Abstimmungs- und Aushandlungsprozesse eröff- man was verändern, wie es, wie ich das verstehen über diese für sie neue Möglichkeit gefreut. Während der nen Entwicklungsräume. könnte. […] Ich weiß nicht genau, wie man das, es nen- Bei einigen der befragten Kursleitenden ist als grundle- Teilnahme hat sie ihre Einschränkungen in ihrem sprachli- nen soll. Irgendwas, der eine tut sich dort einfach, ver- gende Haltung das uneingeschränkte und offene Anneh- chen Ausdrucksvermögen und ihre schriftsprachlichen Ein- Am Beispiel der Schilderungen des folgenden Teilnehmers steht SO besser, versteht SO besser.“ (TN 10, 117–124) men der Teilnehmenden feststellbar; so beschreibt ein schränkungen jedoch als extrem belastend erlebt: lassen sich erfolgreiche Abstimmungsprozesse feststellen. Kursleiter die Teilnehmerin/den Teilnehmer als Ausgangs- Er ist erst seit knapp zwei Monaten im Kurs und beschäftigt Diese vielfältigen Erklärungen ermöglichen ihm das Ver- punkt seines Lehrhandelns: „[…] ich habe mich gefreut und ich möchte was sich vor allem mit dem Rechnen und der Computer-Bedie- stehen und die Aneignung und sind ein wesentlicher Fak- machen, was Neues, war neugierig. Aber in der ande- nung, denn dafür interessiert er sich am meisten (vgl. TN 9, tor für seine Zufriedenheit: „[…] also ich orientiere mich nicht an irgendwas, was ren Situation mehr war traurig auch, wenn ich könnte 89f). An diese beiden Inhalte kann er offenbar anknüp- irgendwo geschrieben steht […], sondern ich pro- überhaupt nicht schreiben, ich könnte mit die Buch- fen; schließlich hat er vor Beginn seiner Kursteilnahme die „Vor allem, dass nicht so runter rennt wie in der biere […] in einem Gespräch dann Kontakt zu finden, staben überhaupt nichts, ja. […] und wirklich, ich Schule. Zack, zack, die Benotung. Oh Maria, oh, eh ja. Und dann das einmal irgendwie anzugehen, so wie war wirklich traurig, ich war, ich habe fast immer nur 4 Das Selbstwertgefühl ist eine „generalisierte wertende Einstellung gegenüber dem schon dreimal erklärt und noch allerweil nicht kön- es einfach passend ist. […] So am Anfang ist für mich Selbst“ (Zimbardo/Gerrig 2004, S. 634); diese Einstellung beeinflusst Stimmung und per- geweint. Immer wann ich muss was sprechen, wann sönliche und soziale Verhaltensweisen (vgl. ebd.). nen, ja. Das heißt, da wird halt eingegangen. Da wird einfach nur einmal der Mensch da. Und da einmal zu Seite 26 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 27
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    MENSCHEN I Kastner IPotenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen Potenziale von Lehr-Lern-Prozessen in Basisbildungskursen I Kastner I MENSCHEN schauen und das dann irgendwie in Einklang zu brin- ken Interesse am Wohlergehen der Teilnehmenden geleitet: Das sitzt ganz, ganz tief. Und weil wir halt in unse- Literatur gen dann [mit den Zielen und Vorgaben der Einrich- rer Gesellschaft uns ja auch mit dem […] was wir Bélanger, P. (2009), Stichwort: „Intimacy tung], wie man das dann hinkriegt.“ (KL D, 92–995) „Jetzt nicht unbedingt vor allen [der Gruppe], aber wenn nicht können und diese Leistung, die irgendjemand of learning“ – eine gesellschaftliche wir, wenn ich mit jemandem alleine bin, frage ich auch. irgendwo NICHT bringt, mehr anprangern als […] Herausforderung. In: DIE Zeitschrift für Der Kurs ist somit ein gestaltbarer Aktionsraum, der sich Weil ich mir denke, dadurch kriege ich vielleicht auch dieses Anerkennende.“ (KLinF, 314-317) Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 22–23. um die Teilnehmerin/den Teilnehmer zentriert. Zuwendung ein paar Dinge raus, die gerade wichtig sind, die er viel- bedarf einer achtsamen Haltung. In diesem Zusammenhang leicht jetzt gerade können muss oder können, können Sie spricht damit implizit den Ansatz der Ressourcenorien- Bélanger, P. / Brandt, P. (2009), (An-)Fragen an Paul Bélanger und seine Qualifizierung beschreibt dieser Kursleiter eine Stärke, die er bei Teilneh- will, ja. Und ja […] mich interessiert es auch. Also ich tierung an. Gemeinsam mit den Teilnehmenden wird ein des Lernens als „intimate“. Auf den menden wahrnimmt – die oftmals vorhandene „Offenheit“ will, ich will das wissen, wie es ihnen auch geht und ob kritischer Blick auf gesellschaftliche Zuschreibungen, die „Eigensinn“ kommt es an. In: DIE Zeitschrift (KLerD, 510) und „Zugänglichkeit“ (KLerD, 843) der Teilneh- sie sich wohlfühlen.“ (KLinA, 444-448) weniger die Ressourcen und mehr die Schwächen fokus- für Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 24–25. menden vereinfacht wesentlich die Schaffung eines Vertrau- sieren, entwickelt: „Und das sitzt so tief. Ich meine, so total Glaser, B. G. / Strauss, A. L. (2005 [1967]), ensverhältnisses für eine gemeinsame Basis: Eine Kursleiterin beschreibt als ihre wichtigste Eigen- therapeutisch arbeiten wir ja nicht und trotzdem glaube ich, Grounded Theory. Strategien qualitativer schaft die „Begeisterung für alles, was an Lernfortschrit- dass es […] heilsam ist. […] Und heilend zu erfahren, es gibt Forschung, 2. Aufl. Bern: Hans Huber. „Das ist einfach ein Wert, wenn man das hat. Ich mag ten kommt“ (KLinB, 95f.). Diese Begeisterung ist nur mög- diese […] Zuschreibungen.“ (KLinF, 302–305) das, und ich weiß das zu schätzen […] also, ich finde lich, wenn die Fähigkeit zur Perspektivenübernahme Kastner, M. (in Vorbereitung), da irgendwie immer sehr leicht hin. Und das gefällt gegeben ist, wenn also individuelle Leistungen wahrge- Wenn also die Wahrnehmung und Entkräftung von Glau- Bildungsbenachteiligte Erwachsene – Basisbildung und das Potential der vitalen mir. […] ICH bewerte das auch als Stärke […] ja, diese nommen und gewürdigt werden: „Weil jemand, der jetzt benssätzen dazu führen kann, dass sich die Einstellung ge- Teilhabe. Klagenfurt: Habilitationsschrift, Offenheit, sodass man da leichter Zugang findet.“ zusammenlauten lernt, ja. Das, was für mich selber ein- genüber dem Selbst positiv verändert, dann ist das ein we- Universität Klagenfurt. (KLerD, 508-529) fach kein Problem ist, mag für den ein immenser Weg sein, sentlicher Beitrag zur Stärkung der Teilnehmenden. bis er dort hinkommt.“ (KLerD, 477ff.) Es ist diese acht- Nuissl, E. (2000), Einführung in die Erwachsene, die Bildungsbenachteiligung erfahren haben, same Haltung, die es ermöglicht, alle Lernschritte unein- Resümee: Basisbildung und Weiterbildung. Zugänge, Probleme und Handlungsfelder. Neuwied; Kriftel: Luchterhand. leben oder lebten vielfach in belastenden Lebenszusam- geschränkt anzuerkennen: menhängen; diese wirken in das Kursgeschehen hinein. Das vitale Teilhabe Nuissl, E. (2009), Die dritte Dimension. In: DIE aufmerksame Zuhören und dadurch Anteil zu nehmen ist „[…] dass man auch diese kleinen Sachen anerkennt. Weil Die Interpretationsergebnisse verdeutlichen die Verant- Zeitschrift für Erwachsenenbildung. Heft 2, S. 3. ebenfalls eine Form der Zuwendung, die sich über die Schaf- für diese Leute sind das keine kleinen, für uns sind das wortung, die mit der Tätigkeit des Lehrhandelns in kom- Reischmann, J. (1995), Die Kehrseite fung von Gesprächsräumen vollzieht: kleine Dinge, aber für jemanden, der langzeitarbeitslos pensatorischen Lehr-Lern-Prozessen übernommen wird. der Professionalisierung in der ist, irgendwohin pünktlich zu kommen […] die schaffen Paul Bélanger hat gezeigt, dass das Konzept der „Intimacy Erwachsenenbildung. Lernen „en passant“ – „Wo ich dann merke einfach, sie müssen da unbedingt das oft nicht. […] Und dass man da sagt: Okay, für den ist of learning“ auf die „Dimension der Schädigung von Bil- die vergessene Dimension. In: Grundlagen jetzt einmal reden darüber und dann geht erst wieder das total schwierig und für den ist es eine super Leistung. dungsbiographien“ (Bèlanger/Brandt 2009, S. 24) verweist. der Weiterbildung. Heft 4, S. 200–204. was. Dann, dann funktioniert das Aufmachen irgend- Und das sage ich ihm auch.“ (KLinH, 427-432) Achtsamkeit im Lehrhandeln bedeutet, Teilnehmende tat- Statistik Austria (Hrsg.) (2009), wie wieder so. Zuerst ist der Kopf so voll mit diesen sächlich in ihrer Einzigartigkeit und ihrer Gewordenheit Erwachsenenbildung. Ergebnisse des Adult Dingen, die so unlösbar scheinen. Und dann, wenn Glaubenssätze wahrnehmen und entkräften wahrzunehmen, ihre Voraussetzungen, Bedürfnisse und Education Survey (AES). Wien: Verlag Österreich. das einmal, zumindest ein Teil weg ist, na dann, dann Hinderliche Glaubenssätze tauchen wiederholt in den Interessen anzuerkennen und als bestimmende Größe im Wiesner, G. / Wolter, A. (2005), Einleitung. geht halt wieder irgendwas anderes hinein sozusa- Lehr-Lern-Prozessen auf. Hierbei geht es darum, Verän- didaktischen Handeln zu akzeptieren. Der empathische In: Wiesner, G./Wolter, A. (Hrsg.). Die gen.“ (KLinG, 360-363) derung zu initiieren. Die Entkräftung von Glaubenssätzen Zugang ermöglicht es, Teilnehmende zu verstehen und ge- lernende Gesellschaft. Lernkulturen und die nachhaltige Stärkung der Teilnehmenden nimmt lingende Lehr-Lern-Prozesse zu gestalten; tragfähige Bin- und Kompetenzentwicklung in Achtsamkeit und feinfühliges Vorgehen bewahren Teil- längere Zeit in Anspruch: dungen wirken sich hierbei förderlich aus. der Wissensgesellschaft, S. 7–44. nehmende vor Frustrationserfahrungen; dabei handelt es Weinheim; München: Juventa. sich um eine indirekte Form der Stärkung: „[…] immer wieder kommt es heran. Ja, das weiß ich Die Lehr-Lern-Prozesse sind zum Wohl der Teilnehmen- Zimbardo, P. G. / Gerrig, R. J. (2004), Psychologie. ja schon, dass das immer wieder kommt und dann den angelegt und können für erlittene Ausschlusserfahrun- 16. Aufl. München: Pearson Studium. „Weil das ist immer so ein heikler Punkt, weil ich zähle ich einfach auf, ganz, wie es halt ist, was alles gen entschädigen. Die individuelle Basis der Teilnehmen- merke, wenn jemand spürt, da kommt er nicht mehr gelernt wurde. Also, einfach meine Sicht der Tatsa- den wird durch Stabilisierung und Stärkung gesichert; die mit oder so. Das kann so, ich meine, es verändert chen […] und das ist vielleicht auch interessant, ja, solcherart erworbene innere Sicherheit ermöglicht die Ent- sich sofort der Gesichtsausdruck, und ich merke, das dass ja was passiert ist.“ (KLerC, 404-409) wicklung von Vertrauen in die eigene Lernfähigkeit. Viele reicht ein Stück tiefer noch, so Selbstwert und so wei- der befragten Teilnehmenden berichteten mit Lebendig- ter. Und das ist so ein Punkt, wo ich merke, da passe Die Übernahme einer anderen Sichtweise auf das eigene keit und Freude von ihrer Teilnahme; diese Effekte betref- ich voll auf. […] Man muss immer tasten. Ist das jetzt Lernen – dass eben der Kursleitende bereits erfolgte Lern- fen als gefühlsbetonte Qualität den persönlichen Bereich Die Autorin angemessen oder nicht.“ (KLerD, 227 – 232) schritte wahrgenommen hat, diese rekapitulieren kann und der Teilnehmenden. Zur Beschreibung des Phänomens des Ass.Prof.in Dr.in Monika Kastner positiv bewertet – muss von den Teilnehmenden erst nach gefühlten Zuwachses an Lebensqualität wurde das Konzept lehrt und forscht seit 2004 an der Universität Klagenfurt; Das Interesse an der Lebenswelt der Teilnehmenden hat und nach in ihre Selbstwahrnehmung integriert werden. der vitalen Teilhabe entwickelt (siehe dazu Kastner, in Vor- Arbeitsschwerpunkte: Bildungsbenachteiligte Erwach- auch pragmatische Gründe, schließlich sollen individuelle bereitung). Erwachsene, die Bildungsbenachteiligung er- sene und lebensbegleitende Bildung; Evaluation und Bildungsbedarfe/-bedürfnisse bearbeitet werden. Dieses Teilnehmende erleben mitunter ein Gefühl der Unterle- fahren haben, haben ein Recht auf Lehr-Lern-Prozesse, die Qualität, Projektmanagement, qualitative Forschungs- Interesse trägt durch die solcherart erfahrene Aufmerksam- genheit, weil sie sich im Vergleich als defizitär wahrneh- es im Sinn einer wahrhaften Wiedergutmachung ermögli- methoden; Grundausbildung in Themenzentrierter In- keit und Zuwendung zur Stärkung bei. Eine Kursleiterin men: „Die anderen SIND einfach besser, wenn sie DAS chen, erlittene Benachteiligungen bearbeiten und damit teraktion (TZI); nimmt beispielsweise in vertraulichen Gesprächen eine [die Kulturtechniken] besser können“ (KLinF, 300f.). Diese auch verarbeiten zu können. Basisbildungskurse, die ei- Universität Klagenfurt, Institut für Erziehungswissen- fragende Haltung ein, um möglichen Lerninhalten auf die Kursleiterin relativiert das gefühlte Defizit: nen Beitrag zur Stärkung der Persönlichkeit leisten und schaft und Bildungsforschung, Abteilung für Erwachse- Spur zu kommen; darüber hinaus wird sie von einem star- dadurch die Entwicklung von Freude an eigenen Lernpro- nen- und Berufsbildung „[…] also das wirklich zu glauben: Ich bin ein tol- zessen fördern, sind letztlich als ein Akt ausgleichender Ge- www.ifeb.uni-klu.ac.at 5 Dieser Beleg verweist auf das mit Kursleiter D geführte Interview (die Interviews wur- den mit A bis I bezeichnet). ler Mensch, auch wenn ich DAS nicht so gut kann. rechtigkeit zu verstehen. monika.kastner@uni-klu.ac.at Seite 28 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 29
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    MENSCHEN I Dergovics IVerschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHEN nen besser sind als die sogenannten „gemischten“ Kurse ner Teilnehmerin, die in der Türkei geboren wurde, einen oder umgekehrt. Konflikt austrägt, so wird dieser oft schnell interkulturel- ler Konflikt genannt. Doch können nicht andere Problem- Vorgehensweise felder dahinter liegen? Kann der Auslöser vielleicht eine Es wurden zwölf Interviews in Österreich, Deutschland Geschlechterspannung sein? Kann es der große Altersun- und England1 mit AnbieterInnen/TrainerInnen von Kursen terschied sein? Kann es der unterschiedliche Ausbildungs- mit Erstsprachenvielfalt und eine umfassende Literaturre- stand sein? cherche durchgeführt. Begleitend dazu hat ein ExpertIn- nengremium2 an der Analyse der Ergebnisse gearbeitet und Die Nutzung der „kulturellen Brille“ kann einer Kultura- diese einem gemeinsamen Reflexionsprozess unterzogen. lisierung zuarbeiten, „die Individuen ganz auf ihre kultu- relle oder nationale Herkunft festlegt und beispielsweise Der folgende Text umfasst essenzielle Ergebnisse des Re- übersieht, dass die Eingebundenheit in kulturelle Praxen, chercheprozesses. Dargestellt werden die wichtigsten Dis- die den faktischen oder imaginierten Kontext einer ehe- kussionspunkte und Fragestellungen, die ausschlaggebend mals subjektiv bedeutsamen Zugehörigkeit bezeichnet ha- für gelingende Kurse für Personen mit deutscher und an- ben mögen, aktuell nicht mehr die gleiche Gültigkeit besit- deren Erstsprachen sein können. Vertiefende Infos gibt zen“ (Mecheril in Auernheimer 2008, S. 32). Dies würde im es im Handbuch des Teilprojektes (downzuloaden unter konkreten Fall eine Zuschreibung an die Ehemänner von www.alphabetisierung.at). türkischen Frauen sein, dass sie ihre Frauen nicht in Basis- Elke Dergovics bildungskurse kommen lassen, obwohl in Wirklichkeit viel- Ehemalige Teilprojektkoordinatorin Vermessung des Themas leicht die Frau gar nicht möchte. Dies kann dann auch der im Projekt In.Bewegung; Vielfach wird von Kursen für Menschen aus verschiede- „Selbstethnisierung“ (Bommes in Auernheimer 2008, S. 50) Die Wiener Volkshochschulen nen Kulturen gesprochen, und da stellt sich bei genaue- entsprechen, d.h., die Frau könnte diese Vorurteile als Aus- elke.dergovics@gmx.net rem Hinsehen die Frage: Was ist mit Kultur gemeint? Wa- rede für ihren Nicht-Kursbesuch verwenden. rum wird dieser Faktor als Differenzierungskriterium herangezogen? In den meisten Situationen sind kulturelle Differenzen im Sinne ethnischer Unterschiede konstruiert und nur eine Paul Mecheril (Mecheril in Auernheimer 2008, S. 22) be- unter mehreren Differenzen, z.B. Geschlecht, Alter, Bildung, zieht sich auf Fran-Olaf Radtke und stellt fest, „dass nicht Familienstand. Ebenso kann es zur Erwartung von kulturel- Verschiedene Menschen, die Zugehörigkeit zu einer ‚anderen’ Kultur, sondern As- len Konflikten kommen, weil bestimmte Bilder gewissen pekte sozialer Benachteiligung und Diskriminierung zur Kulturen zugeschrieben werden, doch im Kurs selbst ent- Positionierung von Migranten und Migrantinnen inner- wickelt sich kein Konflikt. Kulturalisierung kann auch als verschiedene Sprachen — ein Kurs halb und außerhalb der Funktionssysteme der Gesellschaft, etwa dem Erziehungssystem, führen“. Schutz vor Veränderung gesehen werden und erfüllt somit einen Zweck in der jeweiligen Handlung. Eine Dokumentation zu Kursen für Erwachsene mit nicht Diese Perspektive bestätigte sich in den Recherchen und Genau zu hinterfragen ist ebenso der Begriff der Migran- ausreichender Basisbildung mit unterschiedlichen Erstsprachen den Interviews. In den Kursen führen Spannungen zwi- tin/des Migranten. Dieser kann viele verschiedene Perso- schen verschiedenen gesellschaftlichen Schichten oder un- nengruppen umfassen: Menschen mit Deutschkenntnis- terschiedliche Bildungserfahrung eher zu Konflikten als sen, die schon einige Zeit in Österreich sind, Menschen unterschiedliche „Kulturen“. So kann es schwieriger sein, ohne jegliche Deutschkenntnisse, die kürzer oder länger Gemeinsame Basisbildungskurse für Personen deutscher Bisher wurden Kurse für Menschen mit deutscher Erst- das Gemeinsame im Kurs für eine Ärztin aus Russland und in Österreich sind, Menschen, die hier geboren und in die und anderer Erstsprache: Modelle und Rechercheergeb- sprache und Kurse für MigrantInnen oft getrennt ange- einen Hauptschulabsolventen aus Österreich zu finden als Schule gegangen sind, deren Eltern jedoch aus einem an- nisse aus Deutschland, England und Österreich Hinter- boten, diese Struktur spiegelt auch die Entstehungsge- zwischen einem Menschen mit wenig Basisbildung aus deren Land kommen, Menschen, die die Schule teilweise in grundinformationen und Diskussionspunkte von ExpertIn- schichte der Basisbildung in Österreich wider. Zu Beginn Serbien und einem Menschen mit wenig Basisbildung aus Österreich und teilweise im Ausland besucht haben. nen als Grundlage für eine qualitätvolle Konzeption und war es wichtig, explizit Kurse für Menschen mit deutscher Österreich. Unterschiedliche Lern- und Lebenserfahrun- Umsetzung von gemeinsamen Kursangeboten im Bereich Erstsprache anzubieten, um die Gesellschaft für den beste- gen können zu Diskussionspunkten werden. Das Lernen Bei der Diskussion um Kurse für Personen mit deutscher Basisbildung und Alphabetisierung. henden Bedarf zu sensibilisieren. wird erschwert, wenn eine Person das Gefühl hat, durch und anderen Erstsprachen ist es daher von großer Wich- andere im Lernen behindert zu werden, und das kann viele tigkeit, genau zu klären, wer mit den Kursen angespro- Gemeinsame Kurse für TeilnehmerInnen mit deut- Ziel des Teilprojektes Gründe haben. Die Zuschreibung auf die „Kultur“ als Kri- chen werden soll, und für wen sie weniger geeignet sind, scher und anderer Erstsprache gewinnen in Öster- Organisationen erhalten für die Maßnahmenplanung von terium (und oftmals ist eigentlich nur Nation/Ethnie ge- da die Lerninhalte, die Methodik/Didaktik und das Kurs- reich, zunehmend an Raum. Immer mehr Institutio- gemeinsamen Kursen für Menschen mit Deutsch als Erst- meint) ist somit eine Verstärkung der Kulturalisierung und angebot insgesamt nur für gewisse Personengruppen pas- nen bieten gemeinsame Kurse für beide Zielgruppen sprache oder als Zweitsprache im Bereich Basisbildung und verdient es deshalb, genauer betrachtet zu werden. send sind (das bezieht sich nicht nur auf die Gruppe der an, es zeigt sich somit auch eine Veränderung der Ba- Alphabetisierung Hintergrundinformationen und Erfah- MigrantInnen). sisbildungsangebote aufgrund von gesellschaftlichen rungswissen und damit mehr Kompetenzen für die quali- Oftmals werden vor allem Konflikte in Gruppen, in der Transformationsprozessen. tätvolle Umsetzung dieser Kurse. Das ist das Ziel des Hand- Menschen aus verschiedenen Kulturen vertreten sind (ver- Im Rahmen der Vielfalt der Personengruppe der Migran- buches, das für aktuelle oder zukünftige AnbieterInnen, kürzt oft Ethnien oder Nationen), als kulturelle Konflikte tInnen wird auch deutlich, welch unterschiedliche Bedeu- Dies war mit der Grund, warum sich die Volkshochschule TrainerInnen und interessierte Personen verfasst wurde. dargestellt. Wenn ein Teilnehmer aus Österreich mit ei- tung die Sprache und somit die Erstsprache, die Erstspra- Floridsdorf (Die Wiener Volkshochschulen GmbH) mit die- 1 die aus England stammenden Interviews wurden per mail durchgeführt chen und die Zweitsprache haben können – und das nicht sem Thema im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft Nicht-Ziel ist eine Bewertung, ob Kurse nur für Men- 2 im ExpertInnengremium waren Angelika Rainer, Andrea Gschwindl, Christine Schu- nur für MigrantInnen. Menschen, die in Österreich in ei- bert, Elke Dergovics, Eva-Maria Kreuzhuber, Mari Steindl, Lisa Kolb-Mzalouet, Michael In.Bewegung II auseinandergesetzt hat. schen mit deutscher Erstsprache oder nur für MigrantIn- Schürz, Monika Ritter, Imke Mohr vertreten nem regionalen Dialekt aufgewachsen sind, lernen mit der Seite 30 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 31
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    MENSCHEN I Dergovics IVerschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHEN Schriftsprache eine neue Sprache und somit auch eine Art tuation schon beschäftigen – vereinfacht gesagt: wie lange ihr confident in both” (Carpentieri, 2007, S. 9). Menschen identifizieren und verorten sich durch Muster Zweitsprache. Bei Menschen, die in einem anderen Schrift- Stigma schon andauert. Unter diesem Aspekt wird deutlich, subjektiver Praxis, die einer Kultur zugeschrieben wer- system aufgewachsen sind, ist es von Bedeutung, ob sie dass das Lebensalter ein ausschlaggebender Faktor für das Eine fundierte Ausbildung für die Arbeit mit Menschen den. Dieser Aspekt hebt die Kulturalisierung nicht auf, in diesem System alphabetisiert worden sind oder nicht. persönliche Empfinden von Belastung durch mangelnde Ba- mit deutscher Erstsprache und für die Arbeit mit Migran- sondern ergänzt die Sichtweise. Somit arbeiten wir im- Dies kann im Lernprozess berücksichtigt werden. In Grup- sisbildung sein kann. tInnen ist die Basis für gelingendes Lernen. Gut wäre es si- mer mit Menschen, die im Spannungsfeld der Anerken- pen mit Personen deutscher und anderen Erstsprachen hat cherlich, wenn im Teamteaching aller Bedarf abgedeckt nung von sozialer Zugehörigkeit und individueller Ein- Sprache eine Bedeutung, und deshalb ist es auch wichtig, Grundlegende Aspekte zur wird (Sprachenlernen, Situation für Menschen mit deut- zigartigkeit zu finden sind, und die KursleiterInnen selbst über die Macht der Sprache zu reflektieren. Gesellschaft- scher Erstsprache etc.). Alleine die Ausbildung reicht je- sind wiederum im gleichen Spannungsfeld zu finden. lich gesehen, steht Sprache immer auch in einem gewissen Planung und Durchführung doch nicht als Grundlage für die gelingende Arbeit mit Paul Mecheril erwähnt die „Kompetenzlosigkeitskom- Verhältnis zu Macht. Verena Plutzar vom Institut für Ger- von Kursangeboten beiden Zielgruppen. Jegliche Interaktion basiert auf dem petenz“. Diese „meint ein professionelles Handeln, das manistik an der Universität Wien formulierte in den Unter- Menschenbild, mit dem die TrainerInnen in den Dialog mit auf Beobachtungskompetenz für die von sozialen Akteu- lagen zum Lehrgang „Interkulturelle Kommunikation“ des Kursziele den TeilnehmerInnen gehen. ren zum Einsatz gebrachten Differenzkategorien gründet Interkulturellen Zentrums Wien folgende Beschreibung Die genaue Ausformulierung der Kursziele (vor allem im und das von einem Ineinandergreifen von Wissen und von Wirkweisen der Machtverhältnisse über die Sprache: Erstgespräch) kann hilfreich sein, um abzuklären, ob der Oftmals wird in Fortbildungen zur interkulturellen Kom- Nicht-Wissen, von Verstehen und Nicht-Verstehen her- Kurs für die Person passend ist. Kurse der Basisbildung ste- petenz das instrumentelle Verständnis von interkulturel- vorgebracht wird, ein Ineinandergreifen, in dem die Sen- Machtverhältnisse werden über Sprache definiert, indem hen vorrangig für Angebote für Lesen, Schreiben, Rechnen, ler Kompetenz (Wissen um Kulturen, Kennzeichen von sibilisierung für Verhältnisse von Dominanz und Diffe- • bestimmt wird, wer sprechen darf IKT. Wird der Begriff der Basisbildung jedoch weiter gefasst, diesen etc.) forciert. Diese rein technologisch-instrumen- renz in einer handlungsvorbereitenden Weise möglich ist“ und wer schweigen muss, so sind oftmals auch soziale Kompetenz, Lernen lernen, In- telle Verwendungsperspektive hebt jedoch die pädagogi- (Mecheril in Auerheimer 2008, S. 32). Diese Kompetenz- tegration etc. Thema. Die anbietende Institution sollte so- sche Situation auf. „Soll die Situation aber weiterhin als losigkeitskompetenz als Basis von erfolgreicher Arbeit • über jemanden gesprochen wird, mit vorab überlegen: Was sind die genauen Ziele in un- pädagogische verstanden und behandelt werden, kommt ist nicht einforderbar, aber ausbildbar und könnte somit • mit jemandem nicht gesprochen wird oder so seren Kursen? Warum möchte ich Kurse für Personen mit die durch typisiertes Wissen und Routinehandeln nicht zentraler Inhalt in den Ausbildungen der KursleiterInnen gesprochen wird, dass jemand es nicht versteht, deutscher und anderen Erstsprachen anbieten? Wie sehr überbrückbare Differenz als konstitutives Kennzeichen in der Basisbildung sein. • das Sprechen von jemandem nicht ernst fördern/hindern meine Kursziele gewisse Personengrup- allen pädagogischen Handelns in den Blick“ (Meche- genommen wird und ungehört bleibt. pen im Lernen? ril in Auerheimer 2008, S. 24). Interkulturelle Kompetenz Parallel zur Frage der Ausbildung steht natürlich die zeigt sich nicht in einfachen rezeptartigen Handlungs- Frage nach der Unterstützung der kontinuierlichen Arbeit. Diese Machtverhältnisse wirken nicht nur bei Menschen Förderungen anweisungen. Professionelles Handeln basiert viel mehr Hilfreich ist mit hoher Wahrscheinlichkeit ein Austausch mit unterschiedlichen Erstsprachen. Auch Menschen mit In den Interviews wurde deutlich, dass gewisse Förder- auf einem grundlegenden reflexiven Verständnis, in dem im Team. Dieser kann im Rahmen von Teamsitzungen deutscher Dialektsprache kennen Situationen, in denen sie schienen an spezielle Personengruppen gekoppelt sind, das eigene Handeln, die Rahmenbedingungen und Kon- stattfinden oder angeleitet in Intervisionen oder Supervi- nicht ernst genommen werden, weil sie Dialekt sprechen. und bei Kursen mit Erstsprachenvielfalt ist somit zu beden- sequenzen beleuchtet werden. Solch ein Verständnis von sionen Platz finden. Die Arbeit im Spannungsfeld von oft- ken, wie alle TeilnehmerInnen zu einem geförderten Kurs- interkultureller Kompetenz würde auch beinhalten, dass mals sehr unterschiedlichen Individuen erfordert konti- Prinzipiell kann die bisherige Erfahrung mit Sprache so- platz kommen können. die KursleiterInnen reflektieren, inwieweit es zu einer Re- nuierliche Reflexion und Austausch mit KollegInnen, um wohl positiv als auch negativ sein. Das Erlernen des Deut- produktion der Machtverhältnisse zwischen Mehrheits- immer wieder andere Sichtweisen kennenzulernen und schen als Zweitsprache beinhaltet für MigrantInnen auch KursleiterInnen und Minderheitsgesellschaft kommt, die im Gebäude der dadurch den eigenen Handlungsspielraum zu vergrößern. eine Positionierung zur Erstsprache. Wenn die Migration KursleiterInnen haben in den Kursen eine wichtige Rolle. Über- und Unterordnung zu verorten sind. Dies gilt natürlich nicht nur für sehr heterogene Gruppen erst kürzlich stattgefunden hat, dann ist eine Phase der Wie sie mit den TeilnehmerInnen umgehen, wie sie Gren- in der Basisbildung – der Austausch der KursleiterInnen Neuorientierung aktuell und die neue Sprache spielt darin zen ziehen, wie sie kommunizieren, wie sie nachfragen Interkulturelle Professionalität, die wir von den Kurslei- untereinander ist auch in den Qualitätsstandards zu fin- eine nicht unbedeutende Rolle. oder schweigen beeinflusst das Kursgeschehen und den terInnen erwarten, ist der Versuch, sich Wissen zu erarbei- den –, sondern für alle Kursangebote. Lehr- und Lernprozess. Sie sind Vorbilder für die sozi- ten über die anderen, ohne den Rest des Nicht-Wissens zu Schulerfahrung ale Interaktion und kompetent in der Lernförderung der überspringen. „Verstehen des Anderen ist ein (koloniales) Abschließend kann man sagen, dass von KursleiterIn- Früher dominierte oftmals das Argument der unter- TeilnehmerInnen. Phantasma“ (Mecheril in Auerheimer 2008, S. 30). Ich halte nen in Kursen für Menschen mit Deutsch als Erstsprache schiedlichen Schulerfahrung in den Diskussionen um die mich an die Beschreibung von interkultureller Kompetenz oder Zweitsprache sehr viel gefordert wird und sie sehr Trennung der Zielgruppen. Heutzutage ist es so, dass viele In den Interviews wurde immer wieder betont, dass Kurs- von Mecheril. Darin gibt es zwei Bereiche der interkultu- viele Kompetenzen im Bereich der interkulturellen Kom- MigrantInnen auch in Österreich die Schule besucht haben, leiterInnen entscheidend sind für das Klima im Kurs und rellen Kompetenz: das Wissen über Dominanz- und Diffe- munikation und Interaktion vorweisen müssen. Steindl, und Schulerfahrung in den Heimatländern teilweise sehr dieses wiederum entscheidend ist für das gelingende Mit- renzphänomene einerseits und das differenztheoretische Leiterin des Interkulturellen Zentrums in Wien, hat vier traumatisierend sein kann, wenn sie mit Gewalt und Macht- einander der TeilnehmerInnen in ihrer Diversität. Eine Wissen andererseits. wichtige Punkte der interkulturellen Kompetenzen fol- missbrauch verbunden ist. Natürlich macht es einen Unter- große Flexibilität in den Methoden ist förderlich für das Ge- gendermaßen zusammengefasst3: schied, ob jemand gar keine oder schon Schulerfahrung hat. lingen der Kurse. Die Zusammensetzung der Kursgruppen Dominanzstrukturen sind auf zwei Ebenen wirksam: auf • Fähigkeit zu Perspektivenwechsel und Offenheit Der kurzfristige Ansatz, dass MigrantInnen kaum Schulerfah- für Personen mit deutscher und anderen Erstsprachen ver- der Ebene der „Erfahrungsrealität” der TeilnehmerInnen für Veränderungen der eigenen Perspektive rung und alle Menschen mit deutscher Erstsprache in der Ba- ändert die Anforderungen an die TrainerInnen. und der Ebene „der professionellen Beziehung”. Domi- sisbildung negative Schulerfahrung haben, ist jedoch zu pau- nanzkultur meint, „dass unsere ganze Lebensweise, unsere • Reflexion der eigenen Vorurteile und Stereotypen schalisierend und konnte in den Interviews widerlegt werden. Dies zeigt sich auch in England, wie in einem Text über Selbstinterpretation sowie die Bilder, die wir von anderen • Fähigkeit entwickeln, Unsicherheiten auszuhalten Es gibt sowohl Menschen mit deutscher Erstsprache, die nicht ESOL (English for speakers of other languages) deutlich entwerfen, in Kategorien der Über- und Unterordnung ge- notwendigerweise nur negative Schulerfahrungen gesam- wird: „One of the key challenges in Skills for Life is the fasst sind (Mecheril nach Rommelspacher 2008, S. 31). • Vorsicht vor Kulturalisierung melt haben, und es gibt MigrantInnen, die in Österreich in placement of bilingual and multilingual learners on the Wenn KursleiterInnen bewusst die oben genannten die Schule gegangen sind oder negative Schulerfahrungen im right programmes for them, particulary at Entry 3 and Le- Differenztheoretisches Wissen weist darauf hin, dass es Punkte reflektieren, so ist dies sicherlich eine gute Grund- Heimatland gesammelt haben und für die der Wiedereinstieg vel 1. NRDC research finds a clear need to open boundaries nicht hilfreich ist, den Begriff der Kultur total abzulehnen. lage für eine respektvolle und gleichbehandelnde Kurslei- ins Lernen eine Auseinandersetzung mit den negativen Erleb- between ESOL and literacy, and for more professional de- Kulturelle Differenzen weisen auf zentrale alltagsweltli- tung im Bereich der Basisbildung. nissen bedeutet. Gemeinsam ist den Menschen, unabhängig velopment. Most literacy and ESOL teachers belong to one che Konzepte hin, die es den Menschen erleichtern, sich von ihrer Herkunft, wie lange sie sich mit der belastenden Si- tradition or another, but we now need teachers who are wechselseitig zu identifizieren und zu beschreiben. Die 3 aus Trainingsunterlagen des Lehrgangs „Interkulturelle Kompetenz“ Seite 32 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 33
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    MENSCHEN I Dergovics IVerschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs Verschiedene Menschen, verschiedene Sprachen — ein Kurs I Dergovics I MENSCHEN Kursprinzipien Anregungen Literatur Die Autorin In den Kursangeboten der Basisbildung wird prinzipiell Paul Mecheril (2008) bringt den Begriff der Kompetenz- Auernheimer, G. (2008), Interkulturelle Mag.a Elke Dergovics teilnehmerInnenzentriert und alltagsorientiert gearbei- losigkeitskompetenz in die Diskussion um interkulturelle Kommunikation, mehrdimensional betrachtet, Sonder- und Heilpädagogin, zertifizierte Erwachsenen- tet. Dieses Konzept kommt Kursen für Personen mit deut- Kompetenz und sieht diesen als ein implizites Qualitäts- mit Konsequenzen für das Verständnis von scher und anderen Erstsprachen sehr entgegen. Sie soll- kriterium zur Einschätzung interkultureller Bildungsange- bildnerin, Suchtberaterin und Entspannungstrainerin, interkultureller Kompetenz. In: Auernheimer, Motopädagogin, Bereichsleitung der Basisbildung an ten ressourcenorientiert und zukunftsorientiert gestaltet bote. Diese macht er an drei Fragen fest (Mecheril in Au- Georg (Hrsg.) (2008): Interkulturelle Kompetenz der VHS 21 2007–2009 sein und die Lernatmosphäre sollte offen und entspannt erheimer 2008, S. 25), die wir als Ideen zur Planung von und pädagogische Professionalität. 2. sein. Dies inkludiert die offene Raumgestaltung, den Um- Angeboten nutzen können: aktualisierte und erweiterte Auflage, Wiesbaden: Die Wiener Volkshochschulen GmbH    HS Floridsdorf /V gang der KursleiterInnen mit den TeilnehmerInnen, das VS Verlag für Sozialwissenschaften. www2.vhs21.ac.at/2.bw • „Wie reflektieren interkulturelle Bildungsangebote alphabasis@vhs21.ac.at Gesprächsklima. Bommes, M. (1990), „Die meisten türkischen Lebenslagen unterschiedlicher Personengruppen als Eingangsvoraussetzung des professionellen Väter sind so“. In: Informationsdienst Die Differenzierung der Gruppe sollte über Lernziele Handelns von Mitgliedern dieser Gruppe? zur Ausländerarbeit, H.4, S. 33–38. und nicht über Kulturen passieren, um Kulturalisierung zu Carpentieri, JD (2007), Five years on. Research, vermeiden, und Methodenvielfalt ermöglicht eine große • Wie reflektieren Bildungsangebote die development and changing practice. Bandbreite an Arbeitsmöglichkeiten für die TeilnehmerIn- Problematik des Kulturbegriffs? National Research and Developement nen. Das Prinzip der Lernwerkstatt könnte ein erfolgrei- Center for adult literacy and numeracy. • Wie gehen die Angebote mit der ches in Kursen mit Erstsprachenvielfalt sein. Unmöglichkeit der Technologisierung Diehm, I. / Radtke, F. O. (1999), Erziehung pädagogischen Handelns auch und gerade und Migration. Eine Einführung. Möglicher Einzelunterricht begleitend zu den Kur- in interkulturellen Kontexten um?“ Stuttgart: Kohlhammer. sen hat sich in der Recherche als förderlich gezeigt (BHW Niederösterreich)4 und könnte zum Beispiel Raum für die Diese drei Fragen bieten eine gute Grundlage zur Selbst- Mecheril, P. (2008), „Kompetenzlosigkeitskompetenz“. Pädagogisches Arbeit am strukturellen Sprachenlernen geben. reflexion von zukünftigen AnbieterInnen, um abzuklären, Handeln unter Einwanderungsbedingungen. ob Kurse für Menschen mit deutscher und anderer Erst- In: Auernheimer, Georg (Hrsg.) (2008): Sprachvergleiche im Kurs bringen Mehrsprachigkeit als sprache richtig in der Einrichtung verortet sein werden. Interkulturelle Kompetenz und pädagogische positives Thema in die Gruppe und können das Entdecken Professionalität. 2. aktualisierte und von Regeln fördern. In Österreich ist oftmals ein monolin- Die oben genannten Punkte zeigen einige Faktoren auf, erweiterte Auflage, Wiesbaden: VS gualer Habitus vorzufinden, und die Thematisierung von die für das Gelingen von Kursen mit Erstsprachenviel- Verlag für Sozialwissenschaften. Mehrsprachigkeit kann neue Blickwinkel eröffnen. falt förderlich sein können. Im Laufe der Recherche wurde Steindl, M., „Interkulturelle Kommunikation deutlich, dass es jedoch auch noch offene Forschungsge- und Konfliktlösung“ doku.cac.at/ In gemeinsamen Kursen für beide Zielgruppen könnte die biete und Fragen im Bereich dieser Kurse gibt, wie z.B. interkulturellekommunikation.pdf Kennenlernphase eine wichtige Bedeutung haben, da hier • Evaluation der Lernergebnisse Vorurteile abgebaut werden können. Als Konzept zur Be- trachtung der Kennenlernphase eignet sich die „Human • ist spezielle Didaktik/Methodik sinnvoll – Needs Theorie“ (vgl. Mari Steindl „Interkulturelle Kommu- wenn ja, wie sollte sie aussehen? nikation und Konfliktlösung“). Der Ansatz geht zurück auf • Sensibilisierung der TrainerInnen für Kurse mit John Burton; dessen Theorie wurde im kanadischen Insti- Personen deutscher und anderen Erstsprachen tut für Konfliktlösung von Vern Redekop und Bob Burton • Einsatz von TrainerInnen mit anderer als weiterentwickelt. deutscher Muttersprache in den Kursen Werbung Gemeinsame Kurse für Personen deutscher und ande- Der Bereich der Werbung und TeilnehmerInnenakquise rer Erstsprachen haben in Österreich eine recht kurze Ge- sollte für Kurse mit Erstsprachenvielfalt gut geplant sein, schichte und sind noch ein weites Forschungsgebiet mit da verschiedene Zielgruppen angesprochen werden. Men- viel Entwicklungspotenzial. schen mit deutscher Erstsprache und Bedarf an Basisbil- dung sind schwer durch Werbung zu erreichen, deshalb ist es wichtig, dass bei Kursen für beide Zielgruppen explizit erwähnt wird, dass sie sowohl für Menschen mit deutscher Erstsprache als auch für Menschen mit anderer Erstspra- che konzipiert sind. 4 Bildungs- und Heimatwerk Niederösterreich, Projektpartner von In.Bewegung Seite 34 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 35
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    MENSCHEN I Berndl IVon der Angebots- zur Zielgruppenorientierung Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung I Berndl I MENSCHEN benssituationen gemacht haben, sehen für sich keine Vor- Folgende Methoden zur Ermittlung von Bedarfen haben teile im Besuch eines Kurses oder einer Maßnahme, sie sich in der Praxis bewährt: tendieren eher dazu, Situationen zu vermeiden, in denen • Einzelinterviews mit TeilnehmerInnen ihr vermeintlicher Schwachpunkt sichtbar wird. von Basisbildungsmaßnahmen Auch Ludwig Kapfer legt bei seiner Definition von Mar- • Fokusgruppen mit MultiplikatorInnen keting den Fokus auf die Bedürfnisse und Sehnsüchte von • Befragung von Erwachsenenbildungsanbietern Menschen, bringt aber den Faktor Unternehmen stark ins • Austausch mit TrainerInnen der Basisbildung Spiel: „Marketing sorgt dafür, dass das Unternehmen vom Markt her gestaltet wird. Marketing sorgt dafür, dass Wün- Die Motive der Zielgruppen sche, Hoffnungen und Sehnsüchte aller Menschen im sind unterschiedlich Markt ermittelt, gesammelt, ernst genommen und bei al- Was bewegt Menschen, einen Basisbildungskurs zu len Planungen beachtet werden.“ (Kapfer, 2005b, S. 2) Kap- besuchen? Welche Motivation gibt es, den schwierigen fers Modell ist ein ganzheitliches Modell, das sich auch im ersten Schritt zu wagen? Die Erfahrungen mit Kursteil- Non-Profit- und im Bildungsbereich als zielführendes In- nehmerInnen haben gezeigt, dass Basisbildung nicht strument bewährt hat. Im Mittelpunkt der Betrachtungen Selbstzweck ist, sondern ein Transportmittel, um Ziele stehen die Bedürfnisse und Motive der Menschen. Diese zu erreichen. Vom sicheren Beherrschen der Kulturtech- Bedürfnisse zu kennen und danach alle Angebote und niken erwarten sich unsere TeilnehmerInnen einiges: Alfred Berndl Maßnahmen auszurichten, ist der Kern dieses Marketing- Einen Lehrabschluss zu schaffen, keine Angst vor dem Teilprojektkoordinator im Projekt Konzeptes. Ein erster Schritt dieses Modells ist ein Wech- Entdecktwerden zu haben, die Kinder in der Schule un- In.Bewegung, ISOP GmbH sel des Blickwinkels: Weg von einem standardisierten und terstützen zu können, einen Arbeitsplatz zu finden oder alfred.berndl@isop.at bildungsbürgerlichen Verständnis dafür, was Menschen ihn zu behalten, sich nicht mehr „dumm“ zu fühlen. Das lernen sollen, hin zu bedürfnisorientieren, flexibel auf die bedeutet für die Kommunikation: Der Erwerb der Basis- Bedarfe der Lernenden eingehenden Maßnahmen. Dieses bildung unterstützt dich bei der Erreichung deiner per- Ernstnehmen der Bedarfe der Menschen mit niedriger Bil- sönlichen Ziele. dung ermöglicht einen Einstieg in das lebensbegleitende Lernen und leistet damit einen wichtigen Beitrag zur sozi- Der erhoffte Nutzen entscheidet alen Gerechtigkeit und Chancenangleichung. Marketing ist Es ist wichtig, zwischen dem erwarteten und dem erhoff- Von der Angebots- zur somit mehr als das Erstellen einer Broschüre zur Kursbe- ten Nutzen zu unterscheiden. Der Nutzen, den Teilneh- werbung oder einer Presseaussendung zum Welttag der Al- merInnen von einer Maßnahme erwarten, stimmt mit dem phabetisierung. Es muss gelebt werden in dem Bestreben, überein, was im Prospekt versprochen oder in einem Ver- Zielgruppenorientierung das bestmögliche Produkt mit der größtmöglichen Quali- tät zu entwickeln. Die Kenntnis der Bedarfe der KundInnen trag vereinbart wurde. Dieser Nutzen muss geliefert wer- den, ansonsten gibt es Kritik und Reklamation. Marketing in der Basisbildung und Alphabetisierung und das Wissen um die Auswirkungen fehlender Basisbil- dung in vielen anderen Lebensbereichen ist dabei der Aus- Der erhoffte Nutzen hingegen wird nicht deklariert, er gangs- und Mittelpunkt. steht in keinem Prospekt oder scheint in keinem Vertrag auf. Bildungserwerb bringt eine (erhoffte) erhöhte Akzep- Im Bildungsbereich hat sich die Orientierung an den Be- tanz, bessere Chancen, mehr Anerkennung oder sogar Analysiert man die Bewerbungen von Kursangeboten von nur Verkaufen, Verkaufen ist nur die Spitze eines Eisbergs, dürfnissen noch nicht ganz durchgesetzt. Produkte und mehr Liebe. Dieser Nutzen wird wahrscheinlich nicht so Bildungsanbietern der Basisbildung und Alphabetisierung, der sich Marketing nennt. Der Gesamtprozess des Marke- Angebote werden noch immer meist nach Förderschwer- offen ausgesprochen, spielt aber eine große Rolle bei der fällt auf, dass nach wie vor die angebotenen Leistungen tings ist letztlich eine Denkhaltung, die das gesamte un- punkten bzw. Segmentierungen der Zielgruppe nach de- Wahl von Leistungen und Produkten. sehr stark nach außen kommuniziert werden. Vereinfacht ternehmerische Handeln beeinflusst. Die klassische De- mografischen Aspekten (Alter, Region, Geschlecht) entwi- gesagt konzentrieren sich viele Bildungsanbieter vor al- finition von Marketing zielt sehr stark auf den Aspekt der ckelt und angeboten. Die Orientierung nach Bedürfnissen Ein erfolgreiches Angebot ist lem in der Akquise von TeilnehmerInnen zu stark auf ihre Befriedigung von Kundenbedürfnissen ab: „Marketing ist der Zielgruppen bedeutet eine vollkommene Veränderung teilnehmerInnenzentriert Angebote und zu wenig auf den Nutzen und die Motive der ein Prozess im Wirtschafts- und Sozialgefüge, durch den der Produktenwicklung und der strategischen Ausrichtung Sind die Bedarfe und Hoffnungen des Zielgruppenseg- Menschen. Anbieter, die die Motive und Bedarfe der po- Einzelpersonen und Gruppen ihre Bedürfnisse und Wün- von Bildungsinstitutionen. ments, das wir ansprechen möchten, so gut wie möglich tenziellen KursteilnehmerInnen kennen, analysieren und sche befriedigen, indem sie Produkte und andere Dinge analysiert, fließen die gewonnenen Erkenntnisse in die in der Planung und Durchführung von Kursmaßnahmen von Wert erzeugen, anbieten und miteinander tauschen.“ In der Beschäftigung mit Marketing in der Basisbildung Entwicklung der Kurse und Maßnahmen ein. Auch dort mitbedenken, legen den Grundstein für ein für die Ziel- (Kotler / Armstrong / Saunders / Wong, 2007, S. 30) haben sich folgende Punkte als Schlüsselbereiche für eine stellen wir die TeilnehmerInnen in den Mittelpunkt. Der gruppe annehmbares Angebot. erfolgreiche Planung von Maßnahmen erwiesen: Weg zur erfolgreichen Vermittlung von Bildungsinhalten Beschäftigt man sich allerdings mit den Themen Öffent- führt über die Fokussierung und Transparenz der indivi- • Eine genaue Analyse des Umfeldes Es gibt in Einrichtungen der Erwachsenenbildung wohl lichkeitsarbeit, Sensibilisierung und TeilnehmerInnen- duellen Stärken. Viele TeilnehmerInnen kommen mit sehr ist für die Kommunikation und kaum einen Begriff, der so ambivalent betrachtet wird wie akquisition in der Basisbildung, merkt man rasch, dass wenig Selbstvertrauen in die eigenen Lernfähigkeiten zum Angebotsplanung unerlässlich. der des Marketings, leitet er sich doch von dem im Neoli- es grundsätzlich eine auf die Zielgruppen zugeschnittene, Kursangebot. Ihre bisherigen Bildungserfahrungen sind beralismus in Misskredit geratenen Wort „Markt“ und den individualisierte und niederschwellig annehmbare Maß- • Eine Analyse der Motive und Bedürfnisse der meist negativ. Viele haben ausschließlich die Pflichtschule damit assoziierten Profit- und Gewinnbegriff ab. Für viele nahme braucht, um Menschen zu erreichen und sie zu mo- Menschen, die angesprochen und motiviert als Ort des Bildungserwerbes erlebt. Ein Ort, an dem sie die steht der Begriff für Verpackung ohne Inhalt, schönreden tivieren, in Bildungsprozesse überhaupt einzusteigen. Be- werden sollen, ist essenziell. Je genauer die geforderten Leistungen nicht erbringen konnten. Deshalb und leere Versprechungen und ist somit negativ besetzt sonders Personen, die noch keine positiven Erfahrungen Motive, eine Maßnahme zu besuchen benannt ist es gerade zu Beginn wichtig, das Selbstvertrauen mit po- sind, desto größer sind die Chancen, potenzielle und abzulehnen. Marketing ist allerdings immer mehr als mit Bildung und der günstigen Auswirkung auf ihre Le- sitiven Lernerfahrungen zu steigern. KursteilnehmerInnen zu motivieren. Seite 36 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 37
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    MENSCHEN I Berndl IVon der Angebots- zur Zielgruppenorientierung Von der Angebots- zur Zielgruppenorientierung I Berndl I MENSCHEN TrainerInnen spielen eine zentrale nachzuholen. Das Angebot soll also den Eltern beides ge- Wir bestimmen selbst über beiten an der Qualität des Angebotes, an der Verbesserung Rolle in der Öffentlichkeitsarbeit ben können: einerseits selbst Basisbildung zu erwerben das Erscheinungsbild der Maßnahme und tragen damit letztendlich natürlich Ausgebildete und erfahrene BasisbildungstrainerInnen und andererseits die Kinder in der Schule unterstützen zu Wie sich ein Projekt, eine Maßnahme oder eine Organi- auch zur positiven Entwicklung der kommunizierten Bilder verfügen über eine Reihe von Fähigkeiten und Fertigkeiten, können. Der Wunsch, sich selbst als gute, unterstützende sation nach außen darstellt, ist entscheidend für die An- bei. Der Zusatznutzen einer professionellen Projektabwick- die Qualität ihrer Arbeit entscheidet über das öffentliche Eltern sehen zu können, bildet ein starkes Motiv für ei- nehmbarkeit der Angebote. Diese müssen für potenzielle lung liegt auf der Hand. Eine Maßnahme, die kontinuier- Bild des Angebotes. Gerade in der Einstiegsphase gilt es, nen Kurs. Folglich sollten Kurse auch darauf ausgerichtet TeilnehmerInnen so konzipiert sein, dass sich niemand als lich auf dem neuesten Stand der Pädagogik, Didaktik und die neuen Lernenden zu begleiten und zu beraten. Um den sein, diese Wünsche zu treffen. Flexible Unterrichtszeiten Analphabet „outen“ muss und damit weiter diskriminiert TeilnehmerInnenzentriertheit steht, spiegelt ein professi- TeilnehmerInnen von Anfang an Ängste zu nehmen und am Vormittag, begleitende Kinderbetreuung, Unterstüt- wird. Das Erscheinungsbild der eigenen Organisation, der onelles Bild nach außen. TeilnehmerInnen fühlen sich als positive Lernerfahrungen zu ermöglichen, müssen Trainer- zung und Hilfestellung für Eltern bei schulischen Belangen. MitarbeiterInnen, der Kurs- oder Beratungsangebote und KundInnen ernst genommen. ProjektentwicklerInnen, die Innen in der Lage sein, den Lernprozess der TeilnehmerIn- Tipps und Tricks, um erfolgreich durch die Schule zu kom- ihre Wirkung nach außen entscheiden darüber, ob Men- bei der Planung die laufende Qualitätsentwicklung der nen individuell zu begleiten. Von einer Ressourcenfeststel- men. Regelmäßiger Austausch mit anderen Eltern. All diese schen sich trauen, den ersten Schritt zu machen und das Maßnahme mitdenken, erleichtern den TeilnehmerInnen lung ausgehend, werden gemeinsam mit den Lernenden Maßnahmen und Angebote rund um das Thema Basisbil- Bildungsangebot anzunehmen. TeilnehmerInnen, Part- den Zugang zu den Angeboten ein Lehr- und Lernplan erstellt und Ziele vereinbart. Um dung werden dazu führen, diesen Personen einen starken nerInnen und MultiplikatorInnen sollen angesprochen Schreibimpulse für neue LernerInnen zu initiieren, haben Zusatznutzen anzubieten. und motiviert werden, Teil einer guten und positiven Maß- Wenn man über die Erscheinung nach außen spricht, sich ein biografischer Ansatz und ein starker Bezug zum nahme zu sein. Die Analyse unterschiedlicher, nachfolgend sollte man sich auch mit der eigenen Organisation kritisch Alltag der TeilnehmerInnen sehr bewährt. „Endlich stehe Öffentlichkeitsarbeit ist mehr als die dargestellter Qualitätsbereiche hilft, ein ganzheitliches Er- auseinandersetzen. Organisationen im Erwachsenenbil- ich mit meinen Fähigkeiten und Ressourcen im Mittel- Erstellung von Foldern und Plakaten scheinungsbild zu prägen. dungsbereich, die sich mit Basisbildung beschäftigen, ha- punkt. Ich kann in meinem Tempo lernen.“ Empfang, Erstkontakt, Infrastruktur, Erreichbarkeit des ben unterschiedliche Abläufe und Prozesse. Nicht nur die Angebotes, Räume. Diese Dinge prägen maßgeblich das Eine zentrale Rolle in der Außenwahrnehmung spielen Infrastrukturen der Anbieter sind höchst unterschiedlich, Die Macht der Empfehlung Bild, das KundInnen von uns haben. Im Bereich Basisbil- die angebotenen Leistungen. Die Qualität der Angebote auch das Design des Angebotes und das Ansprechen ein- Menschen mit Bedarf Basisbildung überlegen oft sehr dung ist der Erstkontakt mit den potenziellen Teilnehmer- entscheidet maßgeblich darüber, ob die TeilnehmerInnen, zelner Zielgruppensegmente sind unterschiedlich. Die An- lange, ob sie ein Kursangebot annehmen. Schließlich be- Innen ein sehr sensibler und entscheidender Punkt. Sehr die FördergeberInnen, die PartnerInnen und die Öffent- sprüche an die Flexibilität der Organisation und das im steht die Gefahr, dass sie ihr Defizit nicht länger geheim- oft steht vor dem ersten Telefonanruf, dem ersten Fragen lichkeit gewonnen werden können. Sind die Leistungen Basisbildungsbereich unbedingt notwendige individuelle, halten können. Sie sind besonders unsicher, weil es gilt, oder der ersten Beratung ein langer (oft jahrelanger!) Pro- flexibel und auf die Ansprüche der verschiedenen Beteilig- teilnehmerInnenzentrierte Angebot stehen oft im Wider- Hemmschwellen zu überwinden. Ein sehr starkes Argu- zess des Überlegens. Künftige TeilnehmerInnen verstecken ten abgestimmt, werden sie erfolgreich angenommen. Um spruch zu den in anderen Bereichen üblichen Vorgehens- ment für die Teilnahme an einer Maßnahme ist die Emp- in der Regel ihre Bildungsdefizite aus Angst vor Stigmatisie- die Qualität Leistungen sicherzustellen, werden die An- weisen. Die Herausforderung für ein erfolgreiches Basis- fehlung durch eine Person, der man vertraut. Im Bildungs- rung, sie bauen sich Helfersysteme (PartnerInnen, Freun- sprüche und Bedarfe der TeilnehmerInnen evaluiert. Kurs- bildungsangebot wird sein, die sonst üblichen Abläufe und bereich hat deshalb das Empfehlungsmarketing eine sehr dInnen, Familie ...) auf, nur um nicht enttarnt zu werden. orte, Kurszeiten und Kursräume sind auf die Bedarfe abge- Prozesse der eigenen Organisationen so zu verändern, dass wichtige Bedeutung, kaum ein Bildungsangebot wird ohne Wenn eine Person sich nun entschließt, den ersten Schritt stimmt. Die in der Basisbildung notwendige Möglichkeit ausgehend von den Ansprüchen und Bedarfen der Teilneh- vorherige Einholung von Referenzen im eigenen Bekann- zu tun, wäre es fatal, diese Person nicht rasch, kompetent der Einzelberatung zu Beginn und auch während der Un- merInnen ein maßgeschneidertes Angebot entwickelt wird. tenkreis gebucht. Empfehlungsmarketing besteht aus zwei und einfühlsam zu beraten. Im ersten Schritt soll Vertrauen terrichtsphasen ist ebenso gewährleistet wie die Möglich- Elementen: aufgebaut und müssen Berührungsängste abgebaut wer- keit, in unterschiedlichen Gruppensettings zu arbeiten. Eine starke Rolle im Zugang zu den Zielgruppen spielen • Die Steuerung von Empfehlungen und die den. Eine entspannte Atmosphäre, ruhige Beratungsräume Unterschiedlichen Zielgruppensegmenten wird Rechnung die Medien. Eine positive, wertschätzende Berichterstat- Vermeidung negativer Mundpropaganda. und ein gemeinsames Erarbeiten von Zielen geben Sicher- getragen, wie zum Beispiel besondere Angebote für allein- tung baut Hemmschwellen ab und wirkt motivierend auf heit. Für viele ist die Einstiegsberatung überhaupt der erste erziehende Eltern, Jugendliche bei der Arbeitssuche oder zukünftige KundInnen. Die Darstellung von Menschen mit • Das Herstellen persönlicher und vertrauensvoller Schritt in eine Fortbildung im Erwachsenenalter. Teilneh- Menschen, die in zweiter oder dritter Generation in Öster- fehlender Basisbildung zeigt oft das Bild einer bedürftigen Beziehungen zu Kunden, Meinungsführern und merInnenzentrierte Kursangebote, Eingehen auf Wünsche reich leben. Person, die sich mehr recht als schlecht durchs Leben mo- Kooperationspartnern (vgl. Friedrich, 2004, S. 16). und Bedürfnisse der TeilnehmerInnen sowie Einzelbera- gelt. Dieses Bild trägt zur weiteren Stigmatisierung bei und Gelingt es einer Einrichtung, über ihre Bildungsange- tung in der Anfangsphase sind wesentliche Erfolgsfakto- Ein weiterer entscheidender Teil des Erscheinungsbildes wirkt abschreckend. Ein positiv motivierendes Bild wäre: bote neue interessante soziale Kontakte zu vermitteln, so ren. Diese hohe Qualität hilft auch bei der Suche nach Part- wird geprägt durch die Einstellungen der MitarbeiterInnen, Die sich verändernde Welt und die neuen Anforderungen stellt dies beispielsweise einen relevanten Zusatznutzen für nerInnen, FördergeberInnen und MultiplikatorInnen. Wer TrainerInnen und ProgrammgestalterInnen. Um ein klar an das Individuum gelten für uns alle, sie sind kein Spezifi- KundInnen dar. „Einen begeisterten Kunden, der unaufge- möchte nicht bei einem besonderen, Erfolg versprechen- erkennbares, professionelles und somit positives Bild nach kum einer stigmatisierten Gruppe. Durch das Aufholen von fordert Mundpropaganda für Sie betreibt, bekommen Sie, den und speziell auf unser Umfeld abgestimmten Angebot außen zu senden, ist es wichtig, dass alle Beteiligten inner- Basisbildung können Menschen diesen geänderten Anfor- wenn Sie mehr bringen, als er erwartet hat. So einfach ist dabei sein? halb der Organisation die Leitlinien und Missionen des Un- derungen gerecht werden. das.“ (Friedrich, 2004, S. 55) ternehmens annehmen und leben. Hier spielt vor allem Die in der nachfolgenden Tabelle dargestellten acht Qua- die Vielfältigkeit in den Fachkompetenzen des Teams eine Die Präsentationen der Leistungen und der Organisation Menschen in sensiblen Lebensphasen sind litätsbereiche sollen regelmäßig daraufhin untersucht wer- große Rolle. SpezialistInnen für verschiedene Bereiche der spielen eine Rolle in der Außensicht. Für die Basisbildung besser motivierbar (Ehetreiber, 2006, S. 10) den, welches Bild sie nach außen vermitteln bzw. vermit- Basisbildung (Didaktik/Methodik des Unterrichts, Teilneh- gilt wieder: Die Verwendung einer nicht diskriminierenden TeilnehmerInnen, die sich in Übergängen in ihren Biogra- teln sollen: merInnenakquisition, Verhandlungen mit FördergeberIn- Sprache ist ein Schlüsselfaktor. Positives Bildmaterial, das fien befinden, sind bildungs- und lernwilliger, daher also Leitlinien Prinzipien, Philosophie, Menschenbild nen, Pflege oder Aufbau von Netzwerken, Öffentlichkeits- die Erreichung von Zielen symbolisiert, wirkt motivierend einfacher ansprechbar. Solche Übergänge sind z.B. berufli- arbeit ...) transportieren dieses professionelle Bild. auf die Zielgruppe. Leistungen Produkte, Service, Preis che Neuorientierungen, Wechsel des Wohnsitzes, Schulein- Personen Einstellungen, Kompetenzen, Auftreten tritt, Trennungen oder das Entwachsen der eigenen Kinder Die Kultur der Zusammenarbeit innerhalb der Organisa- Netzwerke spielen erwiesenermaßen eine zentrale Rolle Gemeinsame Ziele, Kommunikation, oder Migration. Beispiel Familienlernen: Das Bemühen um tion wird sehr stark von außen wahrgenommen. Die Kom- in der Öffentlichkeitsarbeit und in der Darstellung nach Kultur Kooperation die gute Beziehung zum Kind wird für die Eltern im Vorder- munikation nach innen und außen ist ein wesentlicher Pa- außen. Besonders Netzwerke haben verschiedene Funkti- Organisation Strukturen, Abläufe, Mittel/Methoden grund stehen. Wie wir aus den Fokusgruppen gelernt ha- rameter für den Umgang mit KundInnen. Regelmäßige onen, über die Klarheit bestehen muss. PR Marktbeziehung, öffentliche Rolle, Auftritt ben, gibt es hier einen sehr guten Anknüpfungspunkt zu Teamsitzungen, Intervision, Supervision, der Besuch von den TeilnehmerInnen: der Schuleintritt des Kindes. Dies Präsentation Design, Events, Medien Weiterbildungen oder der Austausch mit ExpertInnen aus ist eine sensible Phase, in der Eltern eine besonders starke Partner Netzwerke, Kontakte, Einrichtungen anderen Institutionen ermöglichen ein permanentes Ar- Motivation haben, gemeinsam mit dem Kind Versäumtes Tabelle 1: Das Erscheinungsbild (vgl. Kapfer, 2005, S 38) Seite 38 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 39
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    MENSCHEN I Berndl IVon der Angebots- zur Zielgruppenorientierung Marketing dient dem Menschen Literatur Die Menschen innerhalb der Organisation gestalten und Kotler, P. / Armstrong, G. / Saunders, J. / Wong, V. prägen die Bilder, die nach außen wandern. Wenn also von (2007), Grundlagen des Marketing. München: strategischer Planung gesprochen wird, ist es unerlässlich, Pearson Studium, 4. aktualisierte Aufl. die handelnden Personen (von den TrainerInnen über die ProgrammgestalterInnen bis zu Menschen aus der Orga- Kapfer, L. (2005), Handbuch nisation, die in anderen Bereichen arbeiten) in Planungs- Marketing. Graz: Gupe prozesse miteinzubeziehen. Gemeinsame Ziele, Visionen, Friedrich, K. (2004), Empfehlungsmarketing. Leitlinien und Einstellungen sollten auch außen wahrge- Neukunden gewinnen zum Nulltarif. nommen werden. Im Mittelpunkt der Überlegungen ste- Offenbach: Gabal, 4. völlig überarbeitete hen immer die Menschen, für die eine Maßnahme ent- und aktualisierte Aufl. wickelt wird. Gerade Personen mit geringer Basisbildung Ehetreiber, C. / Kapfer, L. / Veigel, B. (2006), haben oft noch keine positiven Bildungserfahrungen sam- Durchführung von Fokusgruppen für die BILDUNG meln können, viele haben sich jahrelang versteckt, um Entwicklung von Kommunikationsstrategien nicht entdeckt zu werden. Die Menschen überlegen lange, zum Thema „Alphabetisierung und bis sie den ersten Schritt tun. Für sie das beste und am bes- Grundbildung“ im Rahmen des Moduls 3 der EQUAL-Entwicklungspartnerschaft ten erreichbare Angebot bereitzustellen, ist der Sinn von In.Bewegung. Endbericht. Graz Marketing in der Basisbildung. Konrad Paul Liessmann Der Autor Mari Steindl Werner Alfred Berndl Alfred Berndl ist Koordinator des Teilprojektes Agents Lenz Gudrun Biffl Peter of Change und Mitarbeiter der Gesamtkoordination bei In.Bewegung sowie Koordinator der Angebotsentwick- Schlögl Peter Stoppacher Norbert Holzer Otto Rath lung im Projekt Basisbildung Oberes Murtal. ISOP GmbH www.isop.at alfred.berndl@isop.at Seite 40 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 41
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    BILDUNG I Liessmann IStätten der Lebensnot? Stätten der Lebensnot? I Liessmann I BILDUNG wenn auch nicht alleiniges – Kriterium für die Qualität von unangemessen. “Halbbildung” hatte dies Theodor W. Ad- Bildungseinrichtungen fungiert dann auch folgerichtig die orno genannt.2 Fraglich aber bleibt, ob im Gegenzug Bil- Nähe zum Arbeitsmarkt. Die Nützlichkeit erworbenen Wis- dung tatsächlich auf Lebensnähe, Praxisrelevanz und eine sens und angeeigneter Kompetenzen für berufliche Kar- am Kriterium des ökonomischen Nutzens orientierte Aus- rieren einerseits und für die Erfordernisse einer dynami- bildung reduziert werden kann. Das Problem beginnt schen globalisierten Wirtschaft andererseits werden zum schon damit, daß der Begriff des “Nutzens” selbst höchst entscheidenden Gesichtspunkt, an dem sich letztlich die vage ist und oft nicht mehr als divergierende gesellschaft- Lehrpläne von Volksschulen ebenso zu orientieren haben liche Interessen beschreibt, die sich zudem rasch ändern. wir die Curricula universitärer Studiengänge. Man spricht Abgesehen davon hatte Bildung aus guten Gründen immer zwar noch von “Bildung”, meint aber in aller Regel eine an eine bestimmt Distanz zum Leben zur Voraussetzung. Oder, den Erfordernissen der Ökonomie orientierte, effizient und um es mit den Worten des mittlerweile vergessenen Bil- kostengünstig gestaltete “maßgeschneiderte” Qualifizie- dungsphilosophen H. J. Heydorn zu sagen: “Wäre Bildung rung von Menschen, also ihre “Ausbildung”. Leben im Sinne des unmittelbaren Lebensvorganges, so könnte sie dem Leben überlassen bleiben.”3 Bildung, wie Dieser Prozeß läßt sich an zahlreichen Indizien ablesen. immer man sie inhaltlich auch genauer bestimmen wollte, Die große Bedeutung, die Lebensnähe, Praxisorientierung hatte in den klassischen Konzeptionen aus guten Gründen und Verwertbarkeit in unterschiedlicher Ausprägung auf mit Freiheit und Muße, mit Konzentration und Kontempla- allen Ebenen gewonnen haben, spricht eine ebenso deut- tion, mit Distanz und Spiel zu tun. Dort, wo schon an den Konrad Paul Liessmann liche Sprache wie die Verdrängung von Inhalten und Diszi- Organisationsformen von Bildungsinstitutionen abzulesen Professor für Philosophie an der Universität Wien plinen, die dem Verdacht ausgesetzt sind, nur totes, nutzlo- ist, daß es nur noch um Wettbewerb und Erfolg, um Effizi- konrad.liessmann@univie.ac.at ses oder bestenfalls luxuriöses Wissen zu vermitteln. In der enz und Praktikabilität geht, handelt es sich, nach den Wor- Rede von den “Orchideenfächern” schlägt sich dies ebenso ten von Friedrich Nietzsche, offenbar um keine Stätten der nieder wie in den Lehr- und Studienplänen, die perma- Bildung, sondern um “Stätten der Lebensnot”. nent in Hinblick auf die Vermittlung wirklich brauchba- rer Kenntnisse und Fähigkeiten durchforstet und deshalb Stätten der Lebensnot also. Dazu einige Anmerkungen. ständig umgestaltet werden müssen. Alte Sprachen, die Im Jahre 1872 hatte der junge Friedrich Nietzsche, soeben Künste, Literatur, aber auch Mathematik und Geschichte als Professor für alte Sprachen an die Universität Basel be- sowie die Grundlagen- und Geisteswissenschaften sehen rufen, in mehreren öffentlichen Vorträgen Über die Zu- Stätten der Lebensnot? sich so ständig unter dem Damoklesschwert nicht einlös- kunft unserer Bildungsanstalten räsoniert. In diesen Refle- barer Nützlichkeitserwartungen. Nur in Verbindung mit xionen, denen Nietzsche die etwas konstruierte literarische dem Versprechen auf Anwendung ist deren Existenz zu si- Form eines belauschten Dialogs zwischen einem Philoso- Über die Gegenwart unserer Bildungsanstalten chern, und so mutiert die Literatur – zur Medienwissen- schaft und die Theologie zu einem Kompetenzzentrum phen und seinem hitzigen Schüler gegeben hatte, kons- tatierte der junge Altphilologe eine unendliche Differenz für pastorale Dienstleistungen. Aber auch die Konzeption, zwischen den Anmaßungen, denen sich eine humanisti- Als Friedrich Nietzsche in seiner Baseler Zeit über Bil- unter anderem Vorurteile, Diskriminierungen, Arbeitslo- Schule als Lebensraum zu deuten und jeden Bildungsgang sche Schule mehr oder weniger freiwillig aussetzte und ih- dung sprach, gab er diesen Vorträgen den Titel “Über die sigkeit, Hunger, Aids, Inhumanität und Völkermord ver- eher als interdisziplinäres, praxisnahes Projekt, denn als rer, daran gemessen, oft nur allzu erbärmlichen Realität. Zukunft unserer Bildungsanstalten.” Zukunft ist ein offener hindert, die Herausforderungen der Zukunft bewältigt und disziplinierten, geistigen Aneignungsprozeß zu initiieren Dem Anspruch nach, so Nietzsche, will die höhere Schule Begriff, und es wäre verführerisch, diesen so zu bestimmen, nebenbei auch noch Kinder glücklich und Erwachsene be- und zu organisieren, zollt diesem Anspruch ihren Tribut. ja wirklich “Bildung” vermitteln, gar “klassische Bildung”, daß man Nietzsches Zukunft als unsere Gegenwart begreift. schäftigungsfähig gemacht werden sollen. Gerade weil dies Daß nun in jedem Curriculum mit großem rhetorischen in der Realität aber sah die Sache für den jungen Philolo- Der von Nietzsche schon damals konstatierte und extrapo- alles nicht geht, wurde und wird in kaum einem Bereich so- Aufwand die arbeitsmarkttauglichen Qualifikationen auf- gen anders aus: “Das Gymnasium [erzieht] nach seiner ur- lierte Gegensatz zwischen den Notwendigkeiten von praxi- viel gelogen wie in der Bildungspolitik.1 gezählt werden müssen, die ein Mensch nach dem Durch- sprünglichen Formation nicht für die Bildung, sondern für sorientierten Ausbildungsprozessen und der Idee der Bil- laufen eines Bildungsangebotes angeblich oder wirklich die Gelehrsamkeit und [es nimmt] neuerdings die Wen- dung könnte dann auch als jene Dichotomie beschrieben Ist heute von Bildung die Rede, dann denkt deshalb auch erwirbt, stellt in diesen Zusammenhang eine logische Kon- dung, als ob es nicht einmal mehr für die Gelehrsamkeit, werden, an der sich allemal die Frage nach dem Stellenwert fast niemand mehr an die neuhumanistischen Ideale, die sequenz dar, die zudem den Vorteil hat, daß man sich über sondern für die Journalistik erziehn wolle.”4 Was Nietzsche von Bildung entscheidet. mit diesem, im deutschen Sprachraum erst seit dem spä- Bildungsinhalte kaum mehr den Kopf zerbrechen muß, da befürchtete, ist natürlich längst eingetreten: Das Gymna- ten 18. Jahrhundert gebräuchlichen Begriff einstens asso- diese durch das, was – angeblich – gerade gebraucht wird, sium erzieht mittlerweile nicht nur zur Journalistik, son- Natürlich: Über Bildung wird nach wie vor gerne und viel ziiert waren. Im gegenwärtigen Diskurs fungiert “Bildung” vorgegeben werden. dern auch mit Hilfe der Journalistik. Medien im Unterricht gesprochen. In keinen Bereich des Lebens wurde seit der eher als Sammelbegriff für all jene Lern- und Trainingspro- heißt das dann. Entwicklung moderner Gesellschaften soviel Hoffnung ge- zesse, denen sich die Menschen unterziehen müssen, um Nun wäre es Unsinn zu leugnen, daß Ausbildungspro- setzt wie in den der Bildung. Bildungsgipfel und Bildung- im Kampf um die knapper und anspruchsvoller werden- zesse und eine breite Palette von Ausbildungsmöglichkei- Allerdings: Das war von Nietzsche keine Anklage, son- soffensiven lösen einander ab, Bildungsreformen und Bil- den Arbeitsplätze mithalten zu können. Die Wettbewerbs- ten für eine moderne Gesellschaft von allergrößter Bedeu- dern ein Befund. Das Humboldtsche Gymnasium verfehlte dungsdiskussionen bestimmen das öffentliche Leben, und rhetorik spielt deshalb im Bildungsdiskurs mittlerweile tung sind. Ebenso scheint klar, daß eine Bildungsidee, die schlicht sein Ziel, weil dieses unerreichbar schien: “Eine die bildungsfernen Schichten bereiten den gebildeten Eli- eine entscheidende Rolle, wie die Individuen stehen auch sich in einem kulturell verhärteten Wissen erschöpft, das wahrhaft ‘klassische Bildung’ ist etwas so unerhört Schwe- ten große Sorgen. Bildung war und ist nämlich das Vehikel, die Bildungsinstitutionen in einem Konkurrenzverhältnis, bestenfalls einmal dazu taugte, die gesellschaftliche Stel- res und Seltenes und fordert eine so complizirte Begabung, mit dem Unterschichten, benachteiligte Frauen, Migran- das durch künstliche Maßnahmen wie periodische Tests, lung von Eliten symbolisch zu codieren, mit Fug und Recht 2 Theodor w. Adorno: Theorie der Halbbildung. Gesammelte Schriften Bd. 8, Frankfurt/ ten, Außenseiter, Behinderte und unterdrückte Minder- Evaluationen und Rankings noch verschärft wird. Als ein – obsolet genannt werden kann. Das Bildungswissen des Bil- Main 1980, S. 93ff. heiten emanzipiert und integriert werden sollen, Bildung dungsbürgers, das sich im Nachbeten eines Kanons und 3 Heinz Joachim Heydorn: Zur Aktualität der klassischen Bildung. In: Bildungstheoreti- sche Schriften Bd. 1, Frankfurt/Main 1980, S. 308 gilt als begehrte Ressource im Kampf um die Standorte der 1 Zum selbstillusionierenden Vokabular der Bildungsbranche vgl. Agnieszka Dzierz- in einem unausgewiesenen Zitatenschatz erschöpfte, war bicka/Alfred Schirlbauer (Hg.): Pädagogisches Glossar der Gegenwart. Von Autonomie 4 Friedrich Nietzsche: Sämtliche Werke. Kritische Studienausgabe, hg. von Giorgio Colli Informationsgesellschaft, Bildung ist das Mittel, mit dem bis Wissensmanagement. Wien 2006 nicht nur unnütz, sondern seiner eigenen Idee gegenüber und Mazzino Montinari (KSA), München 1980, Bd. 1, S. 677 Seite 42 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 43
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    BILDUNG I Liessmann IStätten der Lebensnot? Stätten der Lebensnot? I Liessmann I BILDUNG daß es nur der Naivetät oder der Unverschämtheit vorbe- zerfallende Familien, letzter Ort emotionaler Kommunika- einen physischen Ekel zu empfinden, so gebt es nur auf, in der Schule und nur in der Schule geübt werden. Heute halten ist, diese als erreichbares Ziel des Gymnasiums zu tion, mehr oder weniger hilflose Agenten der sozialen, poli- nach Bildung zu streben...”10 pflegt man aus diesem Befund den gegenteiligen Schluß versprechen.”5 Von Allgemeinbildung, Bildung überhaupt tischen und psychischen Erziehung, Drogen- und Aidspro- zu ziehen: Was nicht immer schon der Praxis verschwistert läßt sich mittlerweile ähnliches sagen. Und eine Mischung phylaxeinstitution, erster Therapieplatz und vor allem: Sie Der physische Ekel vor der journalistischen Sprache: und durch diese abgeschliffen ist, braucht erst gar nicht ge- aus Naivität und Unverschämtheit kennzeichnet nach wie sind eine Problemlösungsanstalt für die ungelösten Fragen Welcher Pädagoge wagte es noch, dies als das erste Bil- lernt zu werden. Daher auch das Mißtrauen gegenüber Fä- vor jeden allgemeinen Bildungsanspruch. Das eigentlich der Erwachsenenwelt, von der Umweltverschmutzung bis dungsziel des Deutschunterrichts, ja der höheren Bil- chern, in denen Formen des Denkens oft spielerisch erfah- Verstörende an Nietzsche war und ist schlicht die Behaup- zu den Kriegen, von der Integration der Migranten bis zum dungsanstalten überhaupt zu formulieren? Sprache im ren und geübt werden können, die keinen unmittelbaren tung, daß Bildung schlechthin an Individuation gebun- Kampf der Kulturen, vom Elend der Dritten Welt bis zur Zu- Sinne Nietzsches ernst zu nehmen bedeutete überdies Bezug zu einer Praxis haben: Alte Sprachen, Philosophie, den und schlechterdings nicht verallgemeinerungsfähig kunft der Europäischen Union. Man kann sich manchmal nicht nur, sie in ihrer syntaktischen Differenziertheit und Mathematik, klassische Literaturen, Kunst und Musik. Alle ist. Wird dies dennoch versucht, so sind für Nietzsche die des Eindrucks nicht erwehren, daß eine Reihe der Prob- semantischen Ausdrucksbreite zu beherrschen, sondern Versuche, diesen Fächern ihre Legitimität zu bewahren, in- unausweichlichen Konsequenzen klar: “Die allergemeinste leme, die die Erwachsenen nicht lösen können oder lösen auch den Respekt vor ihrer Geschichte, die Achtung ih- dem auf deren Nützlichkeit für das anstrengende Leben in Bildung ist eben die Barbarei.”6 Wie wenige hat Nietzsche wollen, den Schulen überantwortet wird. Nichts ist verrä- rer gewordenen Struktur, die auch und gerade deshalb ein der Wettbewerbsgesellschaft verwiesen wird, mögen be- die Hände in die Wunde der Idee der Allgemeinbildung ge- terischer als der Satz: Damit muß man in der Schule begin- getreuliches Spiegelbild der Entwicklung einer Kultur ist müht sein, sind letztlich aber nur peinlich. legt. Sofern es dieser um das Individuum und seine Entfal- nen. Dahinter steckt der Glaube, daß den Schulen nahezu und deren Höhen ebenso aufbewahrt wie deren Tiefen. tung geht, läßt sie sich schlechterdings nicht verallgemei- überirdische Kompetenzen als Problem- und Konfliktlö- Das konnte und kann natürlich nie bedeuten, die Sprache Was darüber hinaus bei einer Reduktion von Bildung auf nern. Dort, wo sie tatsächlich zu einer allgemeinen Bildung sungsanstalten zugeschrieben werden können. Soviel zum auf einem Entwicklungsstand einfrieren zu wollen – Nietz- Ausbildung verloren gehen könnte, wird klar, wenn man wird, muß sie sich dem einzelnen und seinen Möglichkei- angeblichen realitätsorientierten Pragmatismus der Bil- sche, selbst ein Sprachschöpfer von Rang, wäre solches sich an der Bestimmung der Differenz von Bildung und ten gegenüber gemein verhalten. Kein höheres Bildungs- dungspolitik. Das bedeutet aber auch: Alles müssen Schu- nie in den Sinn gekommen. Das kann aber auch nicht be- Ausbildung orientiert, wie sie Peter Bieri vorgeschlagen hat: wesen, das von diesem Widerspruch frei geblieben wäre. len heute sein, nur eines dürfen sie nicht mehr sein: Schule! deuten, die Ausdrucks- und Differenzierungsmöglichkei- “Bildung ist etwas, das Menschen mit sich und für sich ma- ten der Sprache jedem beliebigen Modernismus und jeder chen: Man bildet sich. Ausbilden können uns andere, bil- Das alles bedeutet natürlich nicht, daß es nicht Stätten Stätten der Bildung waren für Nietzsche nämlich der Ge- zeitgeistigen Reformattitüde zu opfern, wie fortschritt- den kann sich jeder nur selbst. Das ist kein bloßes Wort- der Ausbildung geben kann, ja geben muß, in denen Men- gensatz zu Anstalten der Lebensnot. Orte, die nicht von lich und globalisiert sich diese auch immer geben mag. In spiel. Sich zu bilden, ist tatsächlich etwas ganz anderes, als schen auf Berufe, auf mehr oder weniger stereotype Hand- den Dürftigkeiten und Bedürftigkeiten des Lebens und den zeitgemäßer Fassung, ohne Nietzsches schneidende Pole- ausgebildet zu werden. Eine Ausbildung durchlaufen wir lungs- und Arbeitsabläufe vorbereitet und in sozialen und Sachzwängen der Politik und Ökonomie geprägt sind, son- mik, ließe sich dieser Gedanke mit den Worten des Ber- mit dem Ziel, etwas zu können. Wenn wir uns dagegen bil- kommunikativen Kompetenzen ausgebildet werden müs- dern Orte der Freiheit, und dies deshalb, weil diejenigen, liner Philosophen Peter Bieri auch wie folgt formulieren: den, arbeiten wir daran, etwas zu werden – wir streben da- sen. Das wußte natürlich schon Nietzsche: “Ich für meinen die sich dort als Lehrende und Lernende befinden, frei vom “Überhaupt ist der Gebildete einer, der vor bestimmten nach, auf eine bestimmte Art und Weise in der Welt zu sein.” Theil kenne nur einen wahren Gegensatz, Anstalten der Bil- Zwang zur Nützlichkeit, zur Praxisrelevanz, zur Lebens- Dingen Ekel empfindet: vor der Verlogenheit von Werbung Im Gegensatz zu vielen sieht Bieri dann auch kein Problem dung und Anstalten der Lebensnoth: zu der zweiten Gat- nähe, zur Aktualität sein sollten. Mit einem Wort: Es waren und Wahlkampf; vor Phrasen, Klischees und allen Formen darin, die wesentlichen Dimensionen von Bildung auch tung gehören alle vorhandenen, von der ersten aber rede die Orte der Muße. Damit hatte Nietzsche der Schule nur der Unaufrichtigkeit; vor den Euphemismen und der zy- inhaltlich zu bestimmen: Selbstorientierung, Aufklärung, ich.”7 Das meint allerdings nicht, daß der junge Nietzsche ihren ursprünglichen Wortsinn zurückgegeben. Schule läßt nischen Informationspolitik des Militärs; vor allen For- historisches Bewußtsein, Artikuliertheit, Selbstbestim- diese Stätten der Lebensnot gering geschätzt hätte. “Glaubt sich über das lateinische schola auf das griechische scholé men der Wichtigtuerei und des Mitläufertums, wie man mung, moralische Sensibilität und poetische Erfahrung also ja nicht, meine Freunde, daß ich unseren Realschulen zurückführen und meinte ursprünglich ein “Innehalten in sie auch in den Zeitungen des Bürgertums findet, die sich gelten ihm als jene Faktoren, an denen sich die Bildungs- und höheren Bürgerschulen ihr Lob verkümmern will: ich der Arbeit”. Die Weisheit der Sprache ist oft eine größere als für den Ort der Bildung halten.”11 prozesse von Menschen orientieren sollten. Bildung ist so ehre die Stätten, an denen man ordentlich rechnen lernt, es sich unsere sprachvergessene Kultur träumen läßt: Eine nicht denkbar ohne Neugier, ohne Leidenschaft, ohne Re- wo man sich der Verkehrssprachen bemächtigt, die Geo- Schule, die aufgehört hat, ein Ort der Muße, der Konzentra- Und das Denken? Nietzsche konnte in Menschliches, All- flexion und Selbstreflexion, ohne Wertung und Bewertung, graphie ernst nimmt und sich mit den erstaunlichen Er- tion, der Kontemplation zu sein, hat aufgehört eine Schule zumenschliches noch ebenso schlicht wie aufreizend ohne das Wagnis, sich durch das, was man im Bildungspro- kenntnissen der Naturwissenschaft bewaffnet.”8 Man achte zu sein. Sie ist in der Tat auch in einem sehr unmittelbar er- schreiben: “Die Schule hat keine wichtigere Aufgabe, als zeß erfährt, verändern zu lassen. Ausbildung hingegen ori- auf die Verben: lernen, bemächtigen, ernst nehmen, be- fahrbaren Sinn eine Stätte der Lebensnot geworden. Und in strenges Denken, vorsichtiges Urtheilen, consequentes entiert sich an operationalisierbaren Kenntnissen und Fä- waffnen! Diese Schulen, die zu Recht an den Erfordernis- dieser dominieren dann die Projekte und Praktika, die Er- Schliessen zu lehren: desshalb hat sie von allen Dingen higkeiten, die nicht in Hinblick auf ihr bildendes Potential, sen und Bedürfnissen des praktischen Lebens orientiert fahrungen und Vernetzungen, die Exkursionen und Aus- abzusehen, die nicht für diese Operationen tauglich sind, sondern in Hinblick auf die Einsetzbarkeit des Menschen und am Nutzen für dieses Leben und seinen Kämpfen ge- flüge. Zeit zum Denken gibt es nicht. zum Beispiel von der Religion. Sie kann ja darauf rechnen, für verschiedene Zwecke vermittelt und geübt werden. messen werden können, sind eben keine Bildungsanstal- daß menschliche Unklarheit, Gewöhnung und Bedürfniss ten im eigentlichen Sinn des Wortes, sondern Stätten der Im Zentrum einer kontemplativ orientierten Schule aber später doch wieder den Bogen des allzustraffen Denkens Das Interesse an anderen Kulturen, an Sprachen, Werthal- Ausbildung, des Trainings, des Erwerbs von durchaus wich- stehen für Nietzsche nicht Inhalte, sondern – darin ist er abspannen.”12 Abgesehen von der Invektive gegen die Reli- tungen, Religionen und Lebensweisen wird unter einem tigen und lebensdienlichen Kompetenzen. Nietzsche for- ganz modern – zwei Vermögen, heute Kompetenzen ge- gion, in der Nietzsche natürlich recht hat – als Glaube ist die Bildungsanspruch zum Beispiel nicht nur aus einem “not- derte deshalb auch nicht, daß generell Schulen zu höheren nannt: Sprechen und Denken. Und hier lagen für ihn auch Religion keine Sache des Denkens, deshalb kann es in einer wendigen” strategischen Kalkül gespeist werden – weil man Bildungsanstalten werden oder deren Aufgaben überneh- die Defizite der sogenannten Bildungsstätten seiner Zeit: wirklichen Bildungsstätte nur eine religionswissenschaftli- etwa mit den Angehörigen einer anderen Kultur Geschäfte men sollten. Er beklagt lediglich, daß solche Stätten der Bil- “In Summa: das Gymnasium versäumt bis jetzt das aller- che Propädeutik, die in alle großen religiösen Systeme ein- machen will –, sondern auch das eigene Weltbild verän- dung nicht (mehr) existierten erste und nächste Objekt, an dem die wahre Bildung be- führt, geben, aber keinen konfessionell gebundenen Reli- dern und den eigenen Standpunkt relativieren. Vorausset- ginnt, die Muttersprache: damit fehlt ihm der natürliche gionsunterricht -, zeigt sich in diesen Überlegungen auch zung aller Bildung ist so in der Tat eine Neugier auf das, was Stätten der Lebensnot sind mittlerweile unsere Schu- fruchtbare Boden für alle weiteren Bildungsbemühungen.”9 eine Menschenkenntnis, die viele angebliche Bildungsex- in der Welt ist, eine Neugier, die sich weder der schon von len aber auch in einem weit über Nietzsches Analyse hin- Deshalb kann Nietzsche, Karl Kraus antizipierend, den perten oft so schmerzlich vermissen lassen: Gerade weil Ludwig Wittgenstein kritisierten wissenschaftlichen Sen- ausgehenden Sinn: Die Not des Lebens zwingt sie mittler- Gymnasien seiner Zeit höhnisch zurufen: “Nehmt eure die Alltäglichkeit des Lebens die Genauigkeit des Denkens, sationslust noch dem Eroberungs- und Verwertungsdrang weile dazu, alles an Aufgaben anzunehmen, was durch die Sprache ernst! ... Hier kann sich zeigen, wie hoch oder wie die nur in der Muße, im relativ sorgenfreien Spiel gedeihen ganz unterordnet. Daß Menschen von diesen Ambitionen Gesellschaft an sie herangetragen wird: Sie sind Ersatz für gering ihr die Kunst schätzt und wie weit ihr verwandt mit kann, wieder abschleifen wird, kann diese guten Gewissens völlig frei sein könnten, wäre in der Tat zu viel verlangt. Daß der Kunst seid, hier in der Behandlung unserer Mutterspra- 10 Nietzsche, KSA 1, S. 676 man die Welt aber auch unter anderen Gesichtspunkten 5 Nietzsche, KSA 1, S. 682 6 Nietzsche, KSA 1, S. 668 che. Erlangt ihr nicht so viel von euch, vor gewissen Worten 11 Peter Bieri: Wie wäre es, gebildet zu sein? Festrede, gehalten an der Pädagogischen Hoch- als den von Marktanteilen betrachten und erfahren kann – schule Bern am 4. November 2005. www.phbern.ch/fileadmin/Bilder_und_Dokumente/ 7 Nietzsche, KSA 1, S. 717 und Wendungen unserer journalistischen Gewöhnungen 01_PHBern/PDF/051104_Festrede_P._Bieri.pdf, abgerufen am 7.12.2008, S. 7 wer, der einmal etwa der Faszination des Schönen unterlag, 8 Nietzsche, KSA 1, S. 716 9 Nietzsche, KSA 1, S. 683 12 KSA 2, S. 220 wollte dies leugnen? Seite 44 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 45
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    BILDUNG I Liessmann IStätten der Lebensnot? Bildung hat deshalb viel mit den ästhetischen Dimensio- dungslosigkeit”, zumindest der Verzicht auf verbindliche nen unseres Lebens zu tun. Vielleicht ist die “Geschmacks- geistige Traditionen und klassische Bildungsgüter, zu einer bildung” wirklich eines der grundlegenden Modelle für Tugend geworden zu sein, die es dem Einzelnen ermög- Bildungsprozesse überhaupt. Daß die Kunst und die Aus- licht, rasch, flexibel und unbelastet von “Bildungsballast” einandersetzung mit ihr in vielen klassischen Bildungs- auf die sich stets ändernden Anforderungen der Märkte zu diskursen – man denke nur an Friedrich Schiller – eine so reagieren. große Rolle spielten, hat unter anderem mit einer Erfah- rung zu tun, die man paradigmatisch an Kunstwerken ma- In dem Maße aber, in dem Bildung im humanistischen chen kann: Daß es Dinge gibt, die um ihrer selbst willen be- Sinne nicht als private Idiosynkrasie, sondern als notwen- achtet, geachtet und bewundert werden können, ohne daß dige Voraussetzung einer Gesellschaft erscheint, die sich daraus ein anderer Nutzen als eben diese Erfahrung gezo- an der Idee der Würde und Autonomie des Menschen ori- gen werden könnte. Und wenn die These von Immanuel entieren will, bleibt die Frage nach den Chancen authen- Kant stimmt, daß die Würde des Menschen letztlich darin tischer Bildung eine öffentliche Angelegenheit. Man muß ihre Wurzel hat, daß jeder Mensch als vernunftbegabtes sich aber im Klaren darüber sein, daß das Gelingen von Bildung in Zahlen Wesen sich selbst als Zweck setzen kann und deshalb auch Bildungsprozessen weder an Standards gemessen noch 70% der Ausbildner/innen von Lehrlingen halten das den anderen Menschen nie nur als Mittel, sondern auch als an Erfolgsquoten welcher Art auch immer überprüft wer- Begründen von Rechenschritte und das Verstehen von Zweck an sich betrachten muß, dann wird klar, welche Be- den kann. Ob es in den Stätten der Lebensnot – andere Lösungswegen für eine wichtige Kompetenz. deutung diese ästhetische Erfahrung zweckfreier Schön- gibt es nicht mehr – für diese Bildung zumindest noch eine 19% der Lehrlinge erfüllen diese Aufgabe gut/sehr gut heit für eine humane Bildung haben muß. Chance gibt, läßt sich allein daran ablesen, welche Erfah- rungsmöglichkeiten neben der sinnvollen und notwendi- 5,1% der Bevölkerung mit max. Pflichtschulabschluss haben innerhalb Der Zusammenhang zwischen Bildung und Autonomie gen Ausbildung den Menschen zusätzlich noch eingeräumt der letzten 4 Wochen an einem Kurs oder einer Schulung teilgenommen. machte dann auch immer den eigentlichen politischen werden. Anders formuliert: Die Qualität von Bildungsein- 13,1% der Bevölkerung haben innerhalb der letzten 4 Wochen Kern der neuhumanistischen Bildungsidee aus. Die Forde- richtungen wäre auch danach zu beurteilen, wie viel Frei- an einem Kurs oder einer Schulung teilgenommen. rung, daß allen Menschen zumindest der Zugang zur Bil- heit, wie viel Risiko, wie viel Neugier, wie viel ästhetische dung möglich gemacht werden müsse, hat nicht nur den Erfahrung, wie viel Nutzloses, wie viel Schönes, ja: wie viele 46,8% der Personen, deren Lesekompetenz das Niveau 1 (von 5) nicht Gedanken zur Voraussetzung, daß man ohne bestimmte Seitensprünge sie erlauben. übersteigt, sind in keinen politischen Organisationen, Vereinen, Kenntnisse und Fähigkeiten im Wettbewerb nicht bestehen religiösen Gruppen oder im Bereich der Freiwilligenarbeit aktiv. kann; mindestens so wichtig ist, daß nur eine Bildungs- (Erschienen in: Axel H. / Kartheininger M. (Hg.): Bildung 15% der Personen mit maximal Pflichtschulabschluss haben idee, die daran festhält, daß etwas um seiner selbst willen als Mittel und Selbstzweck. Korrektive Erinnerungen wi- in den letzten 5 Jahren keinen Zahnarzt konsultiert. geschätzt und geachtet werden kann, die Voraussetzung der die Verengung des Bildungsbegriffs. Freiburg / Mün- für eine wechselseitige Anerkennung in Würde ist. Ein Bil- chen: Alber 2009 (Reihe Praktische Philosophie Bd. 38), dungsbegriff, der auf Verfahren und Techniken von Ausbil- S. 146 – 156) Weltweite Analphabetenrate 2006: 16 Prozent, dies entspricht 776 Millionen Menschen, zwei Drittel davon dungsgängen reduziert wird, ist nicht schlechterdings in- sind Frauen. Über ein Viertel lebt in Indien. human. Er vergißt aber, daß Menschsein mehr bedeutet, als beschäftigungsfähig zu sein. Teilt man allerdings die Unterscheidung von Bildung und Ausbildung, wie sie Peter Bieri vorschlug, so ergeben sich daraus auch einige interessante Konsequenzen für die Or- ganisation von Bildungsprozessen. Da wir uns nur selbst bilden, aber von anderen ausgebildet werden können, kön- nen, in einem strikten Sinn, nur Ausbildungsprozesse orga- nisiert, kontrolliert und operationalisiert werden. Nur was jemand kann, kann überprüft werden, nicht, wie jemand in der Welt ist. In der Transformation unserer Bildungssys- teme in effiziente Ausbildungsstätten liegt deshalb durch- aus eine gewisse Logik. Was sich hartnäckig noch immer Bildung nennt, orientiert sich deshalb nicht mehr an den Der Autor Möglichkeiten und Grenzen des Individuums zur seiner Univ.Prof. Dr. Konrad Paul Liessmann Selbstbildung, auch nicht an den invarianten Wissens- geb. 1953, Professor für Philosophie an der Universi- beständen einer kulturellen Tradition, schon gar nicht tät Wien, Vizedekan der Fakultät für Philosophie und am Modell der Antike, sondern an externen Faktoren wie Bildungswissenschaft der Universität Wien und wis- Markt, Beschäftigungsfähigkeit, Standortqualität und tech- senschaftlicher Leiter des „Philosophicum Lech“. Zu- nologischer Entwicklung, die nun jene Standards vorgeben, letzt sind erschienen: Theorie der Unbildung. Die Irrtü- die der “Gebildete” erreichen soll. Unter dieser Perspek- mer der Wissensgesellschaft (2006; TB 2008); Schönheit tive erscheint die “Allgemeinbildung” genauso verzichtbar (2009) wie die “Persönlichkeitsbildung”. In einer sich rasch wan- Institut für Philosophie der Universität Wien delnden Welt, in der sich Qualifikationen, Kompetenzen homepage.univie.ac.at/konrad.liessmann und Wissensinhalte angeblich ständig ändern, scheint “Bil- konrad.liessmann@univie.ac.at Quellen: Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft, Zeitschrift für internationale Politik, Bundesamt für Statistik (Schweiz), Statistik Austria Seite 46 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 47
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    BILDUNG I Steindl IVom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht I Steindl I BILDUNG grant Education wurden unter anderem die Verbesserung Deprivation bei Haushalten mit mindestens einem auslän- der Teilnahme und der Qualität an der Elementarbildung, dischen Mitglied1 an und stellt fest, dass mehr als ein Vier- die Sicherung adäquater Sprach(en)unterstützung für alle tel dieser Haushalte aus finanziellen Gründen keinen Inter- SchülerInnen, die Verbesserung der Lehr- und Lernset- netanschluss haben. tings, sowie die Einbindung von Eltern und Communitys (www.oecd.org/edu/migration) empfohlen. Ein ganzheit- Die Frage des Zugangs zu Wissen und respektive die Kon- licher Blick auf die Basisbildung muss daher immer wie- trolle des Zugangs zu Wissen werden noch ein wichtiges der auch Versäumnisse und verpasste Einstiege in Lernpro- Thema der Gesellschaft werden, weil in der Wissensgesell- zesse im formalen Bereich thematisieren. schaft Wissen zwar als eine Form des Kapitals gesehen wird, es aber kein Kapital im bisher bekannten Sinn darstellt. Der Viele Studien sehen in der sozioökonomischen Lage der wesentliche Unterschied besteht für Gorz (2004 S. 72) in Familien die Ursachen für die Bildungsbenachteiligung von der Tatsache, dass Wissen nicht akkumuliert, sondern ge- Kindern und Jugendlichen (www.bildungsinformation.at/ teilt wird und erst durch die Mit-Teilung seine volle Wir- themen/interkulturelle_eb/). kung entfaltet. … vom Zugang zu Wissen und Nichtwissen Ein weiterer Aspekt der Wissensgesellschaft ist der Um- Wir leben heute in einer sich sehr schnell verändernden gang mit Nichtwissen, den Beck in seinen Buch Weltrisiko- Gesellschaft, Erkenntnisse, die gestern getroffen wurden, gesellschaft sehr ausführlich beschreibt. Beck (2008 S. 48) Mari Steindl sind heute in den allgemeinen Kanon übergegangen. Dies geht davon aus, dass durch die technologischen Mittel eine gilt auch für den Begriff der Wissensgesellschaft, dessen gemeinsame Gegenwart entsteht und die Sorge um das Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums in Wien Anerkennung heute allgemein gültig ist. Drucker (2001 S. Ganze zu einer Kondition politischen Handelns wird. „Le- mari.steindl@iz.or.at 2) war einer der Pioniere, die Wissen als die wichtige öko- ben in der Weltrisikogesellschaft heißt mit unüberwind- nomische Ressource der postkapitalistischen Gesellschaft lichem Nichtwissen leben …“ (Beck 2008 S. 211). Obwohl beschrieben und somit auch den Begriff der Wissensgesell- auch Beck übersieht, dass durchaus nicht alle Menschen schaft mitgeprägt haben. Gorz (2004 S. 22) verweist in sei- online und vernetzt sind, erscheint das Postulat vom Um- nem Buch „Wissen, Wert und Kapital. Zur Kritik der Wissen- gang mit Nichtwisssen ein Teil der Debatte um die Wissens- sökonomie“ auf einen Ausspruch des Personalmanagers gesellschaft zu sein, indem die Rolle der ExpertenInnen in von DaimlerChrysler, der das Herz der Wertschöpfung den Hintergrund tritt und die Teilnahme aller (vgl. Beck Vom Lernen zur Bildung und nicht mehr in der materiellen, sondern in der immateriel- 2008 S. 228) bei der Lösung der Probleme der Gesellschaft len Arbeit sieht. Diese Aussage ist auch deswegen bezeich- zum Leitmotiv wird. Schneider (2006 S. 123) empfiehlt da- nend für eine Wissensgesellschaft, weil die Automobilin- her Menschen, die Wissen managen möchten, „Nichtwis- vom Wissen zur Macht dustrie bisher als primär „materielle“ Branche betrachtet wurde. „Die immaterielle Dimension der Produkte gewinnt sen als Grundhaltung“, weil die Akzeptanz des Nichtwis- sens ihrer Meinung nach Lernprozesse in Gang setzt. Auch Oder von der Teilnahme zur Integration eine viel größere Bedeutung als ihre materielle Wirklich- keit, und ihr symbolischer, ästhetischer oder sozialer Wert wenn Schneider und Beck dies nicht im Zusammenhang mit Alphabetisierung oder Basisbildung sehen, so ist der und der Vielfalt als Potenzial übertrifft den Gebrauchwert und verwischt den Tausch- Ansatz der Palavertheorie und Nichtwissen als Ausgangs- wert” (Gorz 2004 S. 51). Ein Beispiel dafür erleben wir im punkt von Lernprozessen schon Praxis in der Basisbildung Zusammenhang mit der Finanzkrise und die derzeit sehr (vgl. Bauer 2007; vgl. Muckenhuber 2007) stark kritisierten Bonuszahlungen für Bankmanager, deren Die Grundfrage dieses Essays ist „Wie wird in der Basisbil- informellen Netzwerke. Umso mehr sind auch Menschen Leistung eine messbare Basis und Gegenwerte vermissen. … von der Kulturalisierung der Gesellschaft dung mit Veränderung und Vielfalt“ umgegangen. Im wirt- mit Migrationsgeschichte, die in Basisbildungsaktivitäten Nicht erst seit der Postmoderne sind die Begriffe Identität, schaftlichen Bereich steht dazu Diversitätsmanagment auf involviert sind oder sein werden, von dieser gesellschaftli- Grenzenlosigkeit, „Upward Mobility“ (Drucker 2001 S. 2) Differenz und Diversität Themen, die den wissenschaftli- der Tagesordnung, im Bildungsbereich begegnet es uns im chen Diskriminierung betroffen. Zusätzlich erschwerend und die Tatsache, dass jeder Zugang zu den Produktions- chen Diskurs bestimmen. Immer mehr sind dies Begriffe, Zusammenhang mit Gendermainstreaming und Diversi- dazu kommt, dass es trotz der Wissensgesellschaft und mitteln hat, dies sind laut Drucker die Merkmale die die die gesellschaftliche Debatten, politische Programme und tätsmainstreaming. Basisbildung und Bildung insgesamt der lebenslang lernenden Menschen weniger Angebote für Wissensgesellschaft charakterisieren. Während es zu den Kulturdebatten prägen. Gerade auf die kulturelle Diver- sind nicht erst heute gesellschaftspolitische Faktoren (vgl. Weiterbildungsmaßnahmen für Niedrigqualifizierte gibt ersten beiden Merkmalen, die Drucker für die Wissensge- sität, ausgelöst durch Immigration, konzentrieren sich Rath, 2007 S. 3 – 4). Der Ausspruch „Wissen ist Macht“ geht (vgl. Rath 2007 S. 5 – 6). sellschaft beschreibt, weitgehende Zustimmung gibt, so heute politische Kontroversen (Bauböck 1996 S. 8). Die Fra- auf den Philosophen Francis Bacon um 1600 zurück und er wird der letzte Punkt von verschiedenen Autorinnen und gen „Kann Identität ohne Differenz gedacht werden?“ oder dient nach wie vor vielen Generationen als Ansporn zum … was Hänschen nicht lernt, das Autoren durchaus kritisch gesehen, weil der Zugang zum „Führt jede Identitätspolitik zu Differenz?“ sind längst nicht Lernen. Wissen ist Macht und doch gilt dies nicht für alle lernt Hans nimmermehr Produktionsmittel Wissen keineswegs für jeden offen steht. mehr Fragen, die nur in der Philosophie gestellt werden, in in Österreich lebenden Menschen gleichermaßen. Neuste Die Besetzung der Universitäten zu Ende des Jahres Gorz (2004 S. 39) postuliert, dass in der Wissensökonomie adaptierter Form sind sie Teil alltäglicher Debatten. Studien zeigen (vgl. Gächter 2007) (vgl. Biffl 2007) (vgl. 2009 hat in Österreich die Bildungsdiskussion wieder ver- die Kontrolle des Zugangs zu Wissen entscheidend sein Sprung 2008), dass Migrantinnen und Migranten mit ei- stärkt in den Mittelpunkt gestellt, wie sie auch immer wie- wird, und er sieht in der Kontrolle des Zugangs zu Wissen Marshall Sahlins vergleicht die Zugehörigkeit zu einer Kul- nem Universitätsabschluss mehrheitlich unter ihrer Qua- der bei Pisaergebnissen, 2 Stunden mehr im Klassenzim- eine Umwandlung immaterieller Güter in Scheinkapital. tur heute mit der Zugehörigkeit zu einer Klasse im vorigen lifikation beschäftigt bzw. arbeitslos sind. Dafür gibt es mer etc. aufflammt. Tatsache ist, dass die Misserfolge in Der Zugang zu Wissen und neuen Kommunikationstech- Jahrhundert. Menschen, konkret ArbeiterInnen, wurden verschiedenste Ursachen, wie die Nicht-Anerkennung uni- der Bildungspolitik im Schulbereich die Grundvoraus- nologien ist auch im Zusammenhang mit Migrantinnen durch die Zugehörigkeit zur Arbeiterklasse zu geschichtli- versitärer Ausbildungen aus dem Ausland, die Diskriminie- setzungen für die Basisbildung von Erwachsenen darstel- und Migranten relevant. Die Statistik Austria führt in ihrem chen Wesen, zu Akteuren in dieser Geschichte mit gemein- rung aufgrund der Zugehörigkeit zu einer bestimmten eth- len. In einem im Dezember 2009 präsentierten Bericht im März 2009 erschienenen Bericht zu „Einkommen, Ar- 1 Ein ausländisches Mitglied pro Haushalt bedeutet eine Person aus einem nicht nischen Gruppe, den hörbaren Akzent und die fehlenden der OECD aus einer Vergleichsstudie zum Review on Mi- mut und Lebensbedingungen“ eine sehr hohe sekundäre EU-/EWR-Land. Seite 48 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 49
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    BILDUNG I Steindl IVom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht Vom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht I Steindl I BILDUNG samen Wertvorstellungen und Zielen. Durch die Einteilung organisationen von verschiedenen ethnischen Gruppen, gen, in welchen Räumen und in welcher Umgebung Ba- Literatur in Klassen wurde eine Differenzierung aufgrund ökono- die strukturell gefördert werden (Samad 1997 S. 253 – 255). sisbildung stattfindet ist eine Grundvoraussetzung für die Bauböck, R. / Heller A. / Zolberg A. R. (Hrsg.) mischer Möglichkeiten geschaffen. Der Klassenkampf zur Ob diese Formen nur eine neue Art im Umgang mit kultu- Schaffung eines sozialen Raums, in dem Teilnahme und (1996), The Challenge of Diversity. Integration Abschaffung der Klassen basierte auf einer Ideologie, und reller Diversität sind oder ob sie eine grundsätzliche Än- Mitbestimmung Lernprinzipien sind. Neue Ansätze in der and Pluralism in Societies of Immigration. Wien. die MitstreiterInnen für den Klassenkampf waren eine Ge- derung des Zusammenlebens bedeuten, kann, so Samad, Lerntheorie schlagen einen Paradigmenwechsel vor zu Ler- sinnungsgemeinschaft, die ihre Geschichte schrieb. Heute noch nicht beurteilt werden. nen durch Tun, begleitetes Entdecken und Lernen durch Bauer, B. (2007), Wenn sich Türen öffnen macht die Zugehörigkeit zu einer Kultur Menschen zu Ak- Involvieren (vgl. Scardamalia u. Bereiter 2007)(vgl. Zim- … oder: Wie Frauen sich eines ihrer Grundrechte erobern. Einblicke in die teurInnen, die ihre Geschichte bestimmen. Der Unter- Kulturelle Identität verhandeln mer 2004). Diese Ansätze werden m. E. heute in der Basis- Alpabetisierungs- und Basisbildungsarbeit schied zwischen den zwei Prozessen liegt in der Moral, weil und Vielfalt als Potenzial bildung schon praktiziert und sollten in Zukunft ausgebaut des AlphaBetisierungsCentrum Salzburg. die Einteilung in Klassen auf einer moralisch-politischen Die Herausforderung, die sich stellt, ist es, kulturelle Dif- werden. Besonders die Erfahrung der Teilnahme, die Erfah- Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung. Grundlage basiert, während die „Symbole, Werte und die ferenzen zu verhandeln, ohne eine Fixierung auf diese rung, dass meine Fähigkeiten und mein Wissen gefragt sind Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 10-1-9. Geschichte einer Kultur“ einfach präsent sind und keiner kulturellen Differenzen zu provozieren. Die vorhandene und die Gemeinschaft weiterentwickeln helfen, ist eine Er- Beck, U. (2008), Weltrisikogesellschaft. Auf ideologischen Prüfung unterliegen (Sahlins 1999 S. 415). Vielfalt und die sich aus der Verhandlung von Identitäten fahrung, die in der Basisbildung vermittelt werden sollte. der Suche nach der verlorenen Sicherheit. ergebene Vielfalt sind ein Potenzial und eine Chance für 1st ed. Frankfurt/Main: Suhrkamp. Robert Miles sieht das Problem darin, dass in unserer Ge- Weiterentwicklung und Veränderung. Diese Herangehens- Für manche Trainerinnen und Trainer in der Basisbildung sellschaft heute kulturelle Unterschiede die vorherrschen- weise erfordert es, Unterschiede und Gemeinsamkeiten zu sind diese Ansätze nicht neu, allerdings geht es bei diesen Biffl, G. (2006), Erwerbstätigkeit und Arbeitslosigkeit: die Bedeutung von den Parameter sind, um Menschen und Gruppen Eigen- benennen, es erfordert eine Auseinandersetzung mit dem Ansätzen nicht nur um die Gestaltung der Kurse und Lehr- Einbürgerung, Herkunftsregion schaften zuzuschreiben. Diese naturalisierten Differenzen Begriff Kultur und es erfordert eine Auseinandersetzung gänge selbst, sondern auch um die Rahmenbedingungen, und Religionszugehörigkeit. In: dienen dann als Grundlage der Hierarchisierung (Miles im Umgang mit Unsicherheiten. Parekh Bhikhu (2006) be- wie die Fragen der Abschlüsse, der Benotung, die Art der 2. Österreichischer Migrations- und 1998 S. 10). Rassismus beginnt mit der Interpretation von nennt Irrtümer, die im Zusammenhang mit Kulturkonzep- Teilnahme einzelner Personen etc. Lave und Wenger (2007) Integrationsbericht 2001–2006, S. 265–281. Unterschieden, denn es gibt keine realen, abgrenzbaren ten immer wieder verbreitet werden. Unter anderen kriti- definieren Lernen als einen Prozess sozialer Beteiligung, in Claussen, D. (1994), Was heißt ethnischen und kulturellen Unterschiede zwischen West- siert er den holistischen Ansatz von Kultur, wie auch das dem es eine legitime periphere Partizipation geben kann, Rassismus? Darmstadt. deutschen und Ostdeutschen, Ungarn und Polen (Claussen Thema der Unterscheidbarkeit von Kulturen. Ebenso kri- entscheidend ist die Intention einer Person (sichtbar durch 1994 S. 20).2 Kulturalismus oder kulturellen Fundamenta- tisch sieht Parekh die Ethnisierung von Kulturen und den Sprache, Verhalten etc.), durch einen Entwicklungsprozess Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsentwicklung lismus nennt Stolcke (1995 S. 1 – 22) den neuen Rassismus, vorherrschenden Kulturdeterminismus, der auch in der ein Teil einer bestimmten Gemeinschaft zu werden, zum in der Basisbildung und die Professionalität der TrainerInnen. Perspektiven. der im Unterschied zum alten Rassismus vor allem auf kul- alltäglichen Praxis immer wieder zu finden ist. Es ist eine Akteur zu werden. Magazin Erwachsenenbildung. turelle Differenzen zurückgreift und sie naturalisiert. Die Chance, den Begriff Kultur selbst zum Thema zu machen, Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 03-1-10. Frage, wie wir mit kultureller Diversität umgehen, ist eine Selbstverständlichkeiten im Zusammenhang mit Kultur in- TrainerIn — ein Teil der lernenden Community Frage, die sich auf den verschiedensten Ebenen stellt, im frage zu stellen und gemeinsam mit kulturellen Faktoren In dem Magazin der Erwachsenenbildung mit dem Drucker, P. (2001), The Next Society. The Haus, im Wohnviertel, im Arbeitsleben, in der Wirtschaft, auch wieder soziale, politische und wirtschaftliche Fakto- Schwerpunkt „Basisbildung – Herausforderung für den Economist, November 01, 2001. in den Medien, im Staat und in der Europäischen Union. ren zu thematisieren. Die Infragestellung von Kultur wird Zweiten Bildungsweg“ wurden von einzelnen AutorInnen Gächter, A. (2006), Qualifizierte Einwanderinnen Rainer Bauböck unterscheidet in Bezug auf kulturelle Di- von TeilnehmerInnen in der Basisbildung nicht immer mit Kompetenzen für TrainerInnen in der Basisbildung be- und Einwanderer in Österreich und ihre versität zwischen linguistischer Diversität und religiöser Freuden aufgenommen werden, weil für viele die ethnische schrieben (vgl. Doberer-Bey 2007). Die Fähigkeit eines po- berufliche Stellung: S. 1–56. July 23, 2006. Diversität. Erstere ist, so Bauböck, eher ein Problem in den Zugehörigkeit auch Identität und Stolz bedeutet, und doch sitiven Umgangs mit (kultureller) Diversität wurde als eine www.zsi.at/attach/desk-dp.pdf. USA3 und letztere in Europa. Der Umgang mit kultureller ist diese Auseinandersetzung eine Chance zu einem neuen der Kernkompetenzen benannt. Dies ist sicher eine wich- Gorz, A. (2004), Wissen, Wert und Diversität hängt nicht zuletzt vom Kulturverständnis, das Miteinander zu kommen, in dem Vielfalt als Potenzial er- tige Kompetenz, die die Arbeit in den Gruppen fördert. Kapital. Zur Kritik der Wissensökonomie. vertreten wird, ab. lebt werden kann. 1st ed. Zürich: Rotpunktverlag. Basierend auf den oben beschriebenen Ansätzen möchte Lave, J. / Wenger, E. (1998), Communities Angesichts der Kulturalisierung unserer Gesellschaft kon- Die Thematisierung im Umgang mit Unsicherheiten ist ich hier noch einmal dafür plädieren, dass die Trainerin, of Practice: Learning, Meaning, and zentrieren sich die Ursachen von sozialen Konflikten und eine weitere Herausforderung. Dies zu lernen und da- der Trainer sich als Teil der lernenden Community invol- Identity: Cambridge University Press. Verteilungsungerechtigkeiten auf kulturelle Unterschiede. für persönliche und kollektive Strategien zu entwickeln, viert, der oder die zu bestimmten Zeitpunkten eine leh- Miles, R. (1998), Geschichte des Obwohl es in der Praxis viele Arten des Multikulturalismus ist auch ein wichtiges Ziel in interkultureller Bildung. Erst rende Rolle einnimmt und zu anderen Zeitpunkten eine Rassismus. In: Burgmer, Christoph (Hrsg.). gibt (Werbner 1997 S. 262), ersetzt das Konzept des Multi- ein entspannter Umgang mit Neuem und Fremdem lässt Rolle der/des Lernenden. Diese Haltung impliziert, dass Rassismus in der Diskussion. Berlin. kulturalismus im Wesentlichen die Pluralität der Interes- die Chance auf Begegnung und neue Erfahrungen zu. Sich auch die TeilnehmerInnen über Wissen, Fähigkeiten und sen durch eine Pluralität der Abstammung, dies stellt einen auf eine neue Perspektive einzulassen, die nicht nur ein- Kompetenzen verfügen, die für alle eine Bereicherung dar- Muckenhuber, S. (2007), Mehr als Lesen und Schreiben – Alphabetisierung und Nährboden für religiösen und kulturellen Fundamentalis- fach als andere Perspektive neben der eigenen steht, son- stellen können. Ein Ansatzpunkt in der Basisbildung kann Basisbildung an der Volkshochschule Linz. mus dar (Samad 1997 S. 244). Eine Rückkehr zu einer farb- dern die auch die eigene Perspektive verändert, erfordert sein, die eigenen Stärken und Fähigkeiten zu benennen Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung. und kulturblinden Sozialpolitik würde allerdings dazu füh- Mut und Offenheit. Basisbildung ist eine Chance, dass sich und dadurch ein Bewusstsein über die Vielfalt von Fähig- Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 11-1-8. ren, dass die Bedürfnisse ethnischer Minderheiten wieder Menschen auf diesen Perspektivenwechsel einlassen. Um keiten und Wissen zu schaffen. Dies ist auch eine Möglich- an die letzte Stelle der politischen Agenda rücken (Samad diese Fragestellungen in der Basisbildung zu thematisieren, keit für die TrainerInnen sich als Teil der Community mit Parekh, B. (2006), Rethinking Multiculturalism. Cultural Diversity and Political Theory. New York. 1997 S. 25). Die Kritik am Multikulturalismus hat dazu ge- ist es notwendig, Vertrauen zu schaffen. bestimmtem Wissen und Fähigkeiten einzubringen. Und führt, dass neue Modelle der Inkorporation vorgeschla- eines ist sicher: Auch lesende, schreibende, rechnende Rath, O. (2007), Netzwerk Basisbildung gen und diskutiert werden, wie zum Beispiel einen Dialog Basisbildung, ein Raum für Menschen können von Menschen, die ihren Alltag mit an- und Alphabetisierung in Österreich: zu führen, der die gemeinsame Kultur bereichert und neue Teilnahme und Mitbestimmung deren Fähigkeiten als Lesen, Schreiben oder Rechnen be- Hintergründe, Bestandsaufnahme, Perspektiven. Magazin Erwachsenenbildung. Formen der Hybridität kreiert, oder die Bildung von Dach- Eine weitere Herausforderung für die Basisbildung ist die wältigen, einiges lernen. Ausgabe Nr. 1. 2007. S. 02-1-14. 2 Sprache und reale politische, wirtschaftliche und soziale Verhältnisse und deren Aus- Schaffung eines Raumes, in dem Menschen voneinander wirkungen auf das Leben der Menschen sind Unterschiede, die aber auf keinen Fall ver- absolutiert und in Verbindung mit einer Staatsangehörigkeit gebracht werden können. und miteinander lernen können. Und dabei geht es nicht nur um Ausstattung, im Sinn von personellen Ressourcen 3 Dabei geht es weniger darum, dass es zu viele Sprachen gibt, sondern mehr darum, dass in den südlichen Staaten der USA Spanisch zur dominanten Sprache wird. und Räumlichkeiten, aber es geht auch darum. Die Fra- Seite 50 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 51
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    BILDUNG I Steindl IVom Lernen zur Bildung und vom Wissen zur Macht Sahlins, M. (1999), Two or three things I know about culture. In: The Journal of the Royal Anthropological Institute, Volume 5, Number 3, S. 399 – 421. Samad, Y. (1997), The Pluar Guises of Multiculturalism: Conceptualising a Fragmented Paradigm. In: Modood, Tariq (Hrsg.). The Politic of Multiculturalism in the New Europe. Chapter 13. Scardamalia, M. / Bereiter, C. (2007), Knowledge Building – Theory, Pedagogy and Technology. In: Sawyer, R.K., The Cambridge Handbook of The Learning Sciences, S. 97–115. Brief an die Politik 1 Ich wünsche mir, dass in Österreich Grundbildung neu überdacht wird. Schneider, U. ( 2006), Erfolg durch Nichtwissen: Ein Lob der Ignoranz. Ein Es gibt immer noch zu viele Kinder und Erwachsene ernst gemeinter Titel? Wien: Eigenverlag. die durch unser Bildungssystem fallen. Zu viele Österreicher haben eine schlechte Ausbildung, sei Sprung, A. (2008), Man lernt nie aus? es aus welchen Gründen auch immer, da sollte unser Land MigrantInnen in der Weiterbildung am Beispiel mehr Unterstützung und finanzielle Hilfe für Weiterbildung Österreichs. Bildungsforschung 5 (1): S. 1–17. geben. Unsere Lehrer müssen bessere Pädagogen sein. Stockle, V. (1995), Talking Culture. New Es ist ja so, dass sich Menschen für ihre schlechte Bildung meist schämen, Boundaries, New Rhetorics of Exclusion sie werden in unserer Gesellschaft nicht angenommen, schlecht akzeptiert. in Europe. In: Current Anthropology. Es sollte mehr Lehrpersonal für Erwachsene zur Verfügung stehen. Volume 36. Number 1. S. 1 – 22. Gerade diesen Menschen eine Weiterbildung zu ermöglichen wäre Werbner, P. (1997), Introduction: The Dialectics eine gute Sache, dann kann sich ein Staat „Sozialstaat“ nennen. of Cultural Hybridity. In: Werbner Pnina und Gute Grundbildung steht für ein gutes soziales Netzwerk und Tariq Modood (Hrsg). Debating Cultural Hybrity. das wünsche ich mir für Österreicher, für Europäer. Multi-cultural Identities and the Politics of Menschen mit guter Ausbildung: Antiracism. London u. New Jersey. S 1 – 26. sind sozial stärker, Zimmer, G. (2004), Aufgabenorientierung: finden leichter einen Arbeitsplatz, Grundkategorien zur Gestaltung expansiven Lernens. In: Faulstich, P Ludwig, J. (Hrsg.) .; haben mehr Selbstwertgefühl, Expansives Lernen. Baltmannsweiler: haben einen besseren Weitblick, Schneider-Hohengehren. S. 54 – 67. kommen nicht so leicht in die Notstandsfalle, können sich eine bessere eigene Meinung bilden, … Die Autorin Mag.a Mari Steindl, MA Brigitte Binder, 46 Geschäftsführerin des Interkulturellen Zentrums, Sozial- Kursteilnehmerin und Kulturanthropologin, Studium des Angewandten Wissensmanagments. Entwicklung und Durchführung von Lehrgängen, Seminaren und Trainings zum Bereich Interkulturelle Kompetenzen. Interkulturelles Zentrum www.iz.or.at mari.steindl@iz.or.at Seite 52 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 53
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    BILDUNG I Lenz IGrundbildung ist auch Bildung Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNG ist es ein Leichtes und eine Freude, darauf auf- und auszu- dungsabschlusses, vor allem eines akademischen, bringt bauen. Mit ähnlichen Vorstellungen setzte sich der Schul- erst den entsprechenden Respekt. weg fort. Griechisch und Latein galten als Grundlage für den Erwerb von Fremdsprachen – doch seltsam, erst ver- Informell gebildet schwand das Griechische aus den Lehrplänen, dann ver- In den letzten Jahren, mit der Öffnung des Zugangs zum sickerten die Lateinstunden. Trotzdem sprechen die Ju- höheren Bildungswesen sowie mit der Verabschiedung gendlichen heute mehr, besser und vor allem akzentfreier vom klassischen Bildungsgut aus dem Lehrplan der höhe- Fremdsprachen. Die jungen Generationen erhalten kom- ren Schulen, beginnt ein Umdenken. Vor allem ein Arbeits- munikativen Sprachunterricht, fahren als Austauschschü- markt, der nicht nur auf Zeugnisse schaut, sondern auf die lerInnen, als UrlauberInnen, als Au-pair ins Ausland oder tatsächlichen Qualifikationen und Kompetenzen von Mit- begegnen uns zweisprachig perfekt, weil sie migrations- arbeiterInnen, beachtet nicht bloß die institutionell ver- freudige Eltern haben. mittelte Bildung bzw. die entsprechenden Zertifikate. Nun tritt auch außerinstitutionell erworbenes Wissen und Kön- In dieser Gruppe der SchülerInnen und Jugendlichen nen in den Vordergrund. Wir sprechen von informellem mit Migrationshintergrund finden sich gehäuft schulische Lernen, das ohne Anleitung am Arbeitsplatz, zu Hause, an Misserfolge. Fehlt hier die Grundbildung, die unsere Schule anderen Lernorten wie etwa in einer Bibliothek oder durch nicht vermitteln kann? Oder gibt es eine Grundbildung, ein Lektüre erfolgt. Meist geht es selbstorganisiert und selbst- Fundament bei diesen Jugendlichen, zu dem die schuli- gesteuert vor sich. Werner Lenz schen Angebote keine Verbindung herstellen können? Professor für Erziehungswissenschaften an der Karl-Franzens-Universität Graz Wir sollten davon ausgehen, dass solche Lernprozesse, werner.lenz@uni-graz.at Dieses Bild vom Hausbau ist wohl nicht haltbar. Lernen ist die sehr wohl zur Bildung beitragen, bei allen Menschen ein integrierender Prozess des Wahrnehmens, Aufnehmens erfolgen, nur zu wenig beachtet und wahrgenommen wer- und ständigen Verarbeitens. Mit Bezug auf die Erkennt- den. Fragt man – und Sie können das gerne überprüfen – nisse der Gehirnforschung, die das „Organ“ des Lernens zu wie viel von dem, was Menschen können, außerhalb des ergründen sucht, sehen wir Lernen heute als ein Vernetzen. Bildungswesens gelernt wurde, so beträgt die Antwort: zwi- Wir bauen nicht hinzu, wir häufen nicht an, sondern wir schen 60 und 70 Prozent. Wir sollten deshalb institutiona- verknüpfen und verbinden Neues mit Vorhandenem. lisierte Lernprozesse mehr in Verbindung und in ihrer Be- deutung für selbstständiges Lernen und eigenständige Grundbildung ist auch Bildung Welcher Beitrag kann geleistet werden, um dieses Vernet- Bildung der Individuen sehen. In diesem Sinn kann Basis- zen und die Motivation zum Weiterlernen anzuregen? bildung als Voraussetzung und Anregung verstanden wer- den, eigenständig Bildungsprozesse fortzusetzen. Niemand ist ungebildet — Bildung braucht Neubestimmung! Defizitär gebildet Grundbildung haben Personen, die erfolgreich gesell- Gerade das informelle Lernen, das uns von Geburt an be- schaftliche Mindestanforderungen, die an die Beherr- gleitet, lässt nicht zu, von ungebildeten Menschen zu spre- schung der Schriftsprache und der Grundrechenarten ge- chen. Alle Menschen entwickeln sich – manche mit mehr, Grundbildung ist kein starres, sondern ein aktives Funda- dern länger aufgehalten hatten. Doch ich lernte zu überle- bunden sind, erfüllen. In Österreich setzt man dies mit manche mit weniger schulischer oder universitärer Erfah- ment. Sie ist in das Leben der Menschen verwoben und ben. Da ich die Straßennamen nicht lesen konnte, merkte dem Hauptschulabschluss gleich. Wer dieses Niveau nicht rung. Meine Meinung lautet: Niemand ist ungebildet! Da- weiteres Lernen geschieht verknüpfend und vernetzend. ich mir die Zahl der Kreuzungen oder Ampeln, die Farben erreicht, sieht sich verschiedenen Bezeichnungen ausge- mit nehme ich vom Defizitdenken Abstand und gestehe Ergänzend zum formalen und institutionalisierten Lernen der Häuser, die Architektur. Ich zählte die Stationen in der setzt, die diese defizitäre Lage beschreiben: den Menschen Entwicklung zu, egal, welchen institutionel- werden informelle Lernprozesse bedeutsam. Nicht Bil- Bahn, um wieder zum Ausgangspunkt zurückzukommen. • Analphabeten, len Bildungsweg sie durchlaufen haben. dungsabschlüsse, sondern was Menschen wirklich können, Ich fand heraus, wie viel ich mit nonverbaler Kommunika- • Bildungsabstinente, bekommt mehr Aufmerksamkeit. tion erreichen konnte. Gerne kaufte ich im Supermarkt ein. Standesbildung Mit Esswaren und anderen Produkten verstand ich mich • Schulversager, Herkunft und Vermögen bestimmten bei der Etablierung Bildung, als lebensintegrierter Prozess, ist öffentliches sprachlos. • Lernungewohnte, unseres Bildungswesens vor etwa zweihundert Jahren die ge- Gut geworden und unterliegt öffentlichem Interesse. Die • Personen mit Lernschwierigkeiten, sellschaftliche Stellung. Das Bürgertum stellte dem „Adel des Aussage, niemand ist ungebildet, soll dazu beitragen, je- War ich in dieser Zeit ungebildet? • Bildungsferne, Blutes“ den „Adel des Geistes“ entgegen. Ein brauchbarer des Lernen zu achten und Bildung nicht bestimmten The- Fehlte mir nur der kulturelle Code? • Menschen mit Schriftsprachenproblemen, Mensch, der mutig, gerecht, vernünftig, ehrenhaft und wahr- men oder Gruppen vorzubehalten. Die Umsetzung des Welche Grundbildung hätte mir in kurzer Zeit den Zugang • lernungeübte Erwachsene. heitsliebend handelt, war Ziel der bürgerlichen Schule und Menschenrechts auf Bildung liegt in der Verantwortung zu japanischer Schrift und Sprache geschaffen? Universität. Nicht die Zufälligkeit der Geburt, die Qualität der von Individuen und Gesellschaft. Es scheint mir notwendig, von solchen Bezeichnungen Bildung sollte dem individuellen Lebenslauf Gestalt geben. Bildung auf festem Grund? Abstand zu nehmen. Ansonst erhält diese Personengruppe Nicht durch Vererbung, sondern durch Bildung und Leistung Analphabet auf Zeit Lesen, Rechnen, Schreiben. Das klingt einfach. Ich habe den Status von Hilfsbedürftigen, die sich um sich selbst sollte der Zugang zu höheren Ämtern, zu gesellschaftlicher In meinem Leben als Erwachsener war ich zehn Mo- das in der Volksschule gelernt. Später habe ich erfahren, nicht autonom kümmern können. Macht und politischem Einfluss geregelt werden. nate lang lokaler Analphabet. So lange hielt ich mich zwi- sie wird auch Grundschule genannt: mit dem Unterton, schen 2000 und 2001 an einer japanischen Universität als dort werde, wie bei einem Bauwerk, der Grundstein gelegt, Ein neutraler Begriff lautet: Personen mit geringer for- Den Wunsch des Bürgertums, „nach oben“ zu kommen Forschungsprofessor auf. Mein dort erworbenes Vokabu- der Grund aufbereitet und gefestigt, auf dem alles andere maler Qualifikation. Es stellt diese Personen auch aus dem begleitete der Wunsch, sich „nach unten“ abzugrenzen: Ge- lar sowie die dort erlernten Schriftzeichen waren rudi- aufbaut. Schatten des Bildungsdünkels. Noch immer ist mit dem gen den Anspruch der Arbeiterklasse auf demokratische mentär. Englisch oder Deutsch zu gebrauchen, blieb auf Etikett Bildung eine Klassifizierung und Wertschätzung Beteiligung an der Macht diente Bildung – die Gymnasial- den Glücksfall beschränkt, die wenigen KollegInnen oder In diesem Fall wird menschliches Lernen wie ein Haus- verbunden. In deutschsprachigen Ländern kommt noch bildung mit Matura – als „natürliche“ Barriere, die die Zahl Studierenden zu treffen, die sich in entsprechenden Län- bau betrachtet. Wenn das Fundament solide gefestigt ist, die institutionelle Anerkennung hinzu – die Höhe des Bil- der Aufsteiger regulierte, kontrollierte und klein hielt. Bil- Seite 54 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 55
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    BILDUNG I Lenz IGrundbildung ist auch Bildung Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNG dung wurde zu dem, was man gelesen und gelernt haben Bildung wird öffentliches Gut Bildungspolitik kann beitragen, Bildungswege zu öffnen. Kinder bringen gute Voraussetzungen für selbstverant- musste. Mit dem Bildungskanon war eine neue soziale Bar- Ein Unterschied zu früher ist bemerkenswert. Bildung gilt „Niemand ist ungebildet“ will sagen, dass Kinder und Er- wortetes Lernen mit. Sie sind nicht ungebildet – es macht riere entstanden. heute nicht nur als private Angelegenheit, sondern auch wachsene individuell unterschiedliche Voraussetzungen aber den Eindruck, als würde ihnen auf einem mühsamen als öffentliches Gut. Sich zu bilden und weiterzubilden, ist und Erfahrungen mitbringen. Pädagogisches Ziel ist es, in- Bildungsweg durch Schule und Universität die Freude am Den Menschen am Fuße der gesellschaftlichen Pyramide zu einer Verpflichtung gegenüber der Gesellschaft gewor- dividuelle Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Die Mentalität des Lernen und die Lust an der Kreativität genommen (vgl. Sal- wurde ein bestimmtes Maß an Bildung zugestanden, das, den. Ökonomie und Demokratie brauchen Menschen, die Mensch-ärgere-dich-nicht-Spiels, hinausschmeißen und cher, 2008). was sie brauchten, um ihre Arbeit und Pflichten zu erfüllen Wissen und Selbstverantwortung schätzen. Doch Bildung wieder an den Anfang versetzt werden, ist nicht angebracht. – aber nicht zu viel, um sie nicht mit ihrer Situation unzu- als öffentliches Gut ist nicht gleich verteilt. Die formale Kinder erwerben und entfalten ständig ihr Wissen, ihr Ur- frieden werden zu lassen. Sozialer Aufstieg durch Bildung Gleichheit des Zugangs zu Bildungseinrichtungen ist nicht Erziehung und Lernen dienen der Vorbereitung und An- teil, ihre Verantwortung – sie sind nicht ungebildet, son- war Einzelnen möglich, aber insgesamt sollte die gesell- genug. Den individuellen Voraussetzungen, der individu- passung an gesellschaftliche Lebensformen. Aber nicht dern befinden sich am Anfang eines lebenslangen Bil- schaftliche Struktur erhalten bleiben. ellen Vorbildung der Schülerinnen und Schüler wird nicht nur! Jedes Kind und jeder Erwachsene ist auch eine Per- dungsprozesses. Sie entfalten ihre Lebensenergie – dazu ausreichend Genüge getan. Sie kommen nicht ungebildet sönlichkeit, die sich im Prozess des Sichbildens befindet. brauchen sie Freiräume und Grenzen. Sie brauchen Er- Bildung am Ende? in die Klassen und Schulen. Doch indem sie gleich behan- „Niemand ist ungebildet“ bedeutet für ErzieherInnen und wachsene, die mit ihnen diese Freiräume erkunden, sie Bildung bezeichnet einen Prozess und ein Ergebnis: sich delt werden, wird ihren jeweiligen Fähigkeiten, ihrer Indi- Lehrende in Kindergärten, Schulen, Hochschulen und Er- auf Schönheiten und Gefahren aufmerksam machen, mit bilden und das Gebildetsein – eine Entwicklung und einen vidualität zu wenig entsprochen. So entsteht durch Gleich- wachsenenbildung: Wir sollen Kinder und Erwachsene als ihnen Grenzen vereinbaren, Orientierung geben, Hilfe zur Status. Der Latinist Manfred Fuhrmann verweist auf die heit Ungleichheit. Gerade weil sie schon gebildet sind, weil sich bildende Personen achten und beitragen, damit sie Selbsthilfe bieten und Kinder in ihrer Selbstverantwortung Unterscheidung zwischen Gebildeten und Ungebildeten, sie schon Individualität und Identität ausgebildet haben, ihre eigene Entwicklung, ihre eigene Lebenswelt mitgestal- achten. die so alt wie das Bürgertum selbst ist. Er meint bezüglich dürfen diese nicht übergangen werden. ten können. Bildung: „Sie setzte sich im 18. Jahrhundert durch und be- „Niemand ist ungebildet“ will schließlich sagen: Bildungs- anspruchte seither größeres Gewicht als alle die Einteilun- Wir wissen heute: Die Erstausbildung reicht nicht aus, wir Die gesellschaftlichen Veränderungen, die wir zurzeit er- maßnahmen sind von institutionellen Beschwernissen zu gen der europäischen Menschheit, die bis dahin den Pri- sind auf ständige Weiterbildung angewiesen. Das Beste, leben, machen eines klar. Wir können nicht vorhersagen, entlasten. Wer lernen soll, eigene Wege zu gehen, um sein mat innegehabt hatten, als die von Adel und Bürgern, von was die Schule mitgeben kann, ist eine positive Einstellung für welche beruflichen Anforderungen wir unsere Jugend kreatives Potenzial zu entfalten, wird Vorschriften, Kontrol- Klerikern und Laien, von Christen und Juden, von Katho- zum Lernen. Nicht einen bestimmten Wissensstoff zu be- ausbilden sollen – wir wissen nicht, wie die Welt in drei- len, Prüfungen bedrückend empfinden. Bildungsprozesse liken und Protestanten: Die ‚Gesellschaft‘ bestand im bür- wältigen, steht im Vordergrund. Wichtig ist das Selbstver- ßig Jahren beschaffen sein wird. Die täglichen Nachrichten brauchen ein leichtes und heiteres Gemüt sowie achtsa- gerlichen Zeitalter aus Gebildeten, und die Ungebildeten trauen in die eigene Lernfähigkeit, die positive Erfahrung, zeigen aber, dass die sozialen Gegensätze, die religiösen men Umgang. waren von ihr ausgeschlossen.“ (Fuhrmann, 1999, S. 28) eigenverantwortlich lernen zu können. Spannungen, die kulturellen Differenzen und die Umwelt- probleme in absehbarer Zeit nicht verschwinden, sondern Pädagogische Bildungsaufgabe ist es, Menschen zu stär- „Niemand ist ungebildet“ verweist auf das Ende der bür- Das bringt neue Aufgaben für die Schule, für Lehrerin- sich sogar vergrößern werden. Um in dieser Welt zu beste- ken, sie bei ihren lebensbegleitenden Lernprozessen zu gerlichen Epoche. Schon im 19. Jahrhundert ist, wie zu- nen und Lehrer. Sie sollen Kinder ermutigen, ihr jeweiliges hen, um ihre Konflikte zu verstehen und um die Lebensbe- betreuen und zu ermutigen. Das ist gar nicht so schwer, vor erwähnt, der politische und aufklärerische Anspruch Lernpotenzial zu erproben, ihr Selbstvertrauen zu fördern, dingungen zu verbessern, brauchen wir Mut und Fantasie, wenn wir davon ausgehen, dass niemand gänzlich unge- des bürgerlichen Bildungsideals verlöscht – geblieben wa- ihre Freude und Neugier, sich zu bilden, anregen. Schu- soziales Mitgefühl und intellektuelle Kreativität. Wir brau- bildet ist. Deshalb brauchen wir Erwachsene nicht „lebens- ren schöngeistige, historische Orientierung und das Ler- len, die am Leben Anteil haben, Schulen als Lebensraum, chen organisatorisches Geschick und Verständnis für kom- länglich“ zu belehren. Es genügt, Bedingungen zu schaffen, nen alter Sprachen. Naturwissenschaftliche Kenntnisse, Schulen, in die Kinder gerne gehen, sind gefragt – Schu- plexe Zusammenhänge, Neugier, Freude am Lernen und die es den Menschen erlauben, sich selbst weiterzubilden. ökonomisch verwertbare Qualifikationen und aktuelle len, in denen Lehrerinnen und Lehrer gerne unterrichten. am Problemlösen. Wer schon Kinder und Jugendliche als „sich Bildende“, als Fremdsprachen haben mit jeder Gymnasialreform den tra- Lehrende, die wissen, dass sie mit Kindern zu tun haben, Menschen, die „nicht ungebildet“ sind, achtet, fördert de- ditionellen Bildungskanon zurückgedrängt. die nicht ungebildet sind, mit Kindern, die sich schon im Die Kraft der Kinder ren Selbstwertgefühl, deren Selbstvertrauen, deren Selbst- Prozess von Bildung und Weiterbildung befinden. „Mache Kinder vermehren vom ersten Lebenstag an ihr Wissen, ständigkeit und deren Selbstbewusstsein – grundlegende Eine Deregulierung ist vor sich gegangen: Einst galt der deine Kinder nicht mutlos!“ mag als Leitmotiv gelten. üben ihr Urteil, festigen ihre Verantwortung, formen ihre Voraussetzungen, um andere Menschen zu achten und zu Bildungskanon für wenige, jetzt konsumieren ihn viele Identität – sie sind nicht ungebildet. Familienerziehende, respektieren. oberflächlich und in Teilen. Der langsame Abschied vom Unterschiede achten! KindergärtnerInnen und LehrerInnen werden mit ihren humanistischen Gymnasium seit den Sechzigerjahren des Die Gefahr der Ungleichheit durch Gleichbehandlung ist Aufgaben ziemlich allein gelassen. Allenfalls gibt es unqua- Bilden statt belehren 20. Jahrhunderts beendete letztlich die Schulung im forma- nicht zu unterschätzen. Respekt vor Individualität bewirkt, lifizierte Vorwürfe oder überzogene Forderungen. In mei- In der modernen Arbeitswelt reicht die Erstausbildung len Umgang mit antiken Sprachen. Damit kam ein Kernbe- das ist kein Widerspruch, einen Beitrag zum sozialen Ler- ner Generation lautete die Motivation durch die Erwachse- nicht mehr aus. Weitere Qualifizierung, Ausbau der erwor- reich der bürgerlichen Bildung an sein Ende. nen. Denn Unterschiede sind zu achten und nicht in einem nen: „Lerne, damit du es einmal besser hast als wir!“ Heute benen Kompetenzen sowie Umgang mit zunehmender naiven Wettbewerb gegeneinander auszuspielen. Wer der stehen Kinder oft unter dem Druck, einen übersättigten Komplexität der Arbeitsaufgaben und neuen Situationen Heute wählen Schulkinder, beeinflusst von ihren Eltern, Ideologie huldigt, es gehe nur darum, „beste SchülerInnen“ materiellen Standard nicht zu unterschreiten, den ihre El- erfordern ständige Anpassungs- und Lernprozesse. Diese aktuelle Fremdsprachen. Latein überlebt im Randbereich. und NobelpreisträgerInnen hervorzubringen, vergisst, dass tern erreicht haben. Soziales Mitgefühl und Verständnis, gehen großteils am Arbeitsplatz vor sich. „Niemand ist ungebildet“ meint, dass ein verbindlicher Ka- jeder Mensch etwas Besonderes ist. Individuelles zu ent- Mitleid und Nachsicht spielen als Werte kaum eine Rolle. non, ein Maßstab für das, was gekonnt und gewusst wer- decken und Individuelles zu fördern, ist Bildungsaufgabe. Der Ansporn lautet: „Lerne, damit du dir einmal leisten Als wichtige Eigenschaft und als Basis allen Weiterlernens den soll, um als gebildet zu gelten, nicht mehr existiert. Das ist eine Absage an zu frühe Selektion, das spricht für kannst, was wir dir in deiner Jugend bieten!“ wird die Fähigkeit angesehen, lernfähig und lernbereit zu Verlust und Befreiung. Es besteht die Herausforderung, neu das Bemühen, die Stärken jedes Kindes zu erkennen und sein. Lernen des Lernens ist ein oft genanntes Element der zu bestimmen, was wir unter Bildung verstehen. Es ergibt zu entfalten. Für diese Anliegen einzutreten, liegt bei Eltern, Kinder erfahren ihre Bildung – durchaus im Sinne von Grundbildung. Deshalb ist nicht gleichgültig, welche insti- sich die Chance, auf die diskriminierende Unterscheidung ErzieherInnen, Lehrenden und BeraterInnen – dazu gehört Formung – in einer ziemlich lieblosen mit ökonomischem tutionalisierten Bildungswege wir durchlaufen. Das öster- in Gebildete und Ungebildete ganz zu verzichten. Das eu- aber auch ein Wandel des gesellschaftlichen Bewusstseins: Erfolg spekulierenden Welt. Ab dem ersten Lebenstag neh- reichische Bildungssystem verpflichtet bis zum 15. Lebens- ropäische Erbe ist wichtig, doch für eine demokratische Das Prinzip „fördern statt auslesen“ achtet die Würde aller men sie auf, was sie umgibt. Alles bildet sie – sie bilden sich jahr den Unterricht – wer studiert, besucht bis zu weiteren Gesellschaft ist es nicht mehr zeitgemäß, das Wissen dar- Menschen in jedem einzelnen Menschen. durch alles (vgl. Hentig, 1996). Ihr Wissen und ihr Verhal- zehn Jahren Schule und Universität. Etwa 40 Prozent eines über zu einem Qualitätsfaktor hochzustilisieren. „Niemand ten, ihre Urteilskraft, ihre Einstellungen, ihre Gefühle bil- Jahrganges absolvieren die Matura. Wir wissen: Höhere Ab- ist ungebildet“ versteht sich als demokratischer Hinweis, den sich ab früher Kindheit – sie sind zu keinem Zeitpunkt schlüsse verringern die Gefahr der Arbeitslosigkeit und er- unterschiedliche Wissensgebiete gleichwertig zu achten ungebildet. lauben einen höheren Lebensstandard. und zu lehren. Seite 56 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 57
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    BILDUNG I Lenz IGrundbildung ist auch Bildung Grundbildung ist auch Bildung I Lenz I BILDUNG Inzwischen wissen wir, ausreichend empirisch belegt, und die Zahl der Schulabgänger/-innen ohne Schulab- Literatur Der Autor dass die soziale und kulturelle Herkunft das Lernen des schluss wird nicht geringer. Die PISA-Studie belegte, dass Fuhrmann, M. (1999), Der europäische o.Univ.Prof. Dr. Werner Lenz Lernens, die Motivation, den Schulerfolg und letztlich die in Deutschland 10 % der 15-Jährigen bezogen auf ihre Le- Bildungskanon des bürgerlichen Werner Lenz, geboren 1944, lehrt und forscht an der Uni- Wahl der Bildungswege beeinflussen. Ähnlich wie im deut- sefähigkeit das unterste Kompetenzniveau nicht erreichen, Zeitalters. Frankfurt/Main: Insel Verlag. schen verlassen auch im österreichischen Bildungssystem, weitere 13 % nicht die Kompetenzstufe 1.“ versität Graz und ist in der außeruniversitären Bildungs- Göhlich, M. / Zirfas, J. (2007), Lernen. arbeit tätig. Seit 2007 leitet er die neu gegründete Fakul- so zeigen die PISA-Studien, jährlich zehn bis 15 Prozent der Ein pädagogischer Grundbegriff. tät für Umwelt-, Regional- und Bildungswissenschaft. Fünfzehnjährigen die Schule mit Lese- und Schreibschwie- Diese Gleichgültigkeit der Bildungspolitik wird nicht Stuttgart: Kohlhammer. Karl-Franzens-Universität Graz rigkeiten. Das sind in Österreich über 10.000 Jugendliche, durch Appelle beseitigt. AnalphabetInnen haben keine Hentig, H. v. (1996), Bildung. Ein Essay. Institut für Erziehungs- und Bildungswissenschaften die von der Schule kommend, schlechte Bedingungen für Lobby und gehen verständlicherweise für ihre Anliegen Arbeitsmarkt und Lebensgestaltung haben. nicht auf die Straße. Sie versuchen ihre Situation vor den München, Wien: Hanser Verlag. www.uni-graz.at/werner.lenz werner.lenz@uni-graz.at Menschen ihrer nächsten Umgebung in Alltag und Beruf zu Lenz, W. (2004), Niemand ist ungebildet. Beiträge In Deutschland, stellt Mona Motakef fest, werden auf- verbergen. Bernhard Schlink hat in seinem verfilmten Buch zur Bildungsdiskussion. Münster: LIT-Verlag. grund der PISA-Studie 23 Prozent des Jahrgangs der Fünf- „Der Vorleser“ ein literarisches Zeichen gesetzt. Motakef, M. (2008), Das Menschenrecht auf zehnjährigen wegen ihrer Leseschwäche zu einer Risiko- Alphabetisierung in Deutschland. In: Bildung gruppe gezählt. „Diese Jugendlichen sind in Deutschland Bildung als Menschenrecht und Erziehung, 61. Jg., Heft 2, S. 187–201. zwar in die Schule gegangen, haben im Laufe ihrer AnalphabetInnen entwickeln eigene Strategien, um sich Salcher, H. (2008), Der talentierte Schüler Schullaufbahn jedoch nicht ausreichend schreiben, le- durch das Leben zu schlagen. Trotzdem haben sie das Ge- und seine Feinde. Salzburg: Ecowin Verlag. sen und rechnen gelernt. Sie sind zum größten Teil männ- fühl, individuell von wichtigen Lebensbereichen und Be- lich, relativ arm und besuchen Haupt- oder Sonderschu- rufschancen ausgeschlossen zu sein. Über die Erfolge Schlink, B. (1999), Der Vorleser. len. Funktionaler Analphabetismus ist vor allem eine Frage von Bildungsarbeit mit Analphabeten können wir bei Mo- Zürich: Diogenes Verlag. der sozialen Herkunft und damit ein Problem mangelnder nika Wagener-Decroll nachlesen (ebd.): „Die meisten sind Wagener-Drecoll, M. (2008), 1978–2008. 30 Jahre Chancengerechtigkeit. Wenn Kinder und Jugendliche bei- selbstbewusster geworden, haben ihr Leben in die Hand Alphabetisierung und Grundbildung an der spielsweise in relativer Armut aufwachsen und zudem ei- genommen, sich wieder auf einen Arbeitsplatz bewor- Bremer Volkshochschule – Ein persönlicher nen Migrationshintergrund aufweisen, ist es statistisch ge- ben, haben den Führerschein gemacht oder sogar den Rückblick. In: Grotlüschen, A./Beier, P. (Hrsg.). sehen wahrscheinlich, dass sie in ihrer Schullaufbahn in Hauptschulabschluss.“ Zukunft Lebenslangen Lernens. Strategisches Deutschland scheitern.“ (Motakef, 2008, S. 189) Bildungsmonitoring am Beispiel Bremens (S. 163–178). München: Bertelsmann Verlag. Daraus ist erkennbar, dass sich die Vermittlung der Basisbildung wird meist mit dem Erwerb der Lese- und Grundbildung nicht nur auf die Kenntnis des Alphabets be- Schreibfähigkeit gleichgesetzt. Dementsprechend irritie- zieht, sondern die gesamte Persönlichkeit mit ihren emoti- rend sollten die PISA-Ergebnisse sein. Eine Antwort liegt onalen und intellektuellen Dimensionen einschließt. in der Verbesserung der Schulqualität, in der Reform der Lehrerbildung, in der Auswahl der LehrerInnen sowie in Grundbildung fördern bedeutet also, bei einem bereits er- der erhöhten Verantwortung von SchulleiterInnen. Eine reichten Entwicklungsstand eines Menschen anzuschlie- andere Antwort im Ausbau der elementaren Bildung oder ßen. Der neue Erwerb von Kenntnissen und Fähigkeiten ist Frühkindpädagogik – das betrifft die Lern- und Bildungs- somit kein simpler Zubau, sondern eine Leistung der Inte- prozesse von Kindern bis zum Schuleintritt. In diesem Zu- gration und Transformation. In Anschluss an Göhlich und sammenhang werden die Professionalisierung des päda- Zirfas (2007, S. 181 ff.), die die pädagogischen Dimensi- gogischen Personals sowie dessen bessere Bezahlung und onen des Lernens hervorheben, geht es darum zu lernen, erhöhte Wertschätzung diskutiert. Eine bildungspolitische wie wir etwas wissen, etwas können, wie wir leben und ler- Maßnahme besteht in der Etablierung der ersten Profes- nen lernen. sur in Österreich für Frühkindpädagogik an der Universi- tät Graz. Wissenschaftliche Expertise soll in Forschung und Wir dürfen die Verantwortung für den Erwerb von Ba- Lehre sowie in der Professionalisierung des Personals zur sisbildung nicht allein den Betroffenen überlassen. Es gilt Verfügung stehen. heute als Menschenrecht, sich die Fähigkeiten, an der Ge- sellschaft teilzuhaben, zu erwerben, um von ihr zu profi- Bildung — Integration und Transformation tieren und sie mitzugestalten. Dazu gehören eben Lesen, Monika Wagener-Drecoll, seit über drei Jahrzehnten an Schreiben, Rechnen, Kenntnisse, einen Computer zu be- der Volkshochschule in Bremen mit dem Thema Alphabe- nutzen, einen Führerschein zu erwerben … wir merken, es tisierung und Grundbildung befasst, schreibt im Rückblick ist nicht leicht, eine Grenze zu finden, was zur Grundbil- auf ihre Berufstätigkeit (2008, S. 176): „Mit Beginn meiner dung gehört. Berufstätigkeit vor 30 Jahren hatte ich damit gerechnet, dass meine Arbeit in der Alphabetisierung Deutscher sich Wenn wir Bildung als einen lebensintegrierten Prozess irgendwann überholen würde. Ich konnte mir nicht vor- verstehen, so folgt: Grund- und Basisbildung fördern indi- stellen, dass Politiker tatenlos zusehen, wenn weiter junge viduelle Entwicklung und die Kraft, eigenständig weitere Menschen ohne ausreichende Lese- und Schreibkennt- Lern- und Bildungsprozesse auf sich zu nehmen. Alphabe- nisse unsere Schulen verlassen. tisierung ist eine, aber keine unwesentliche Station unter vielen auf dem Bildungsweg. Ich habe mich getäuscht: Das Thema Analphabetismus hat nichts an Aktualität verloren: nach wie vor werden funktionale Analphabeten aus unseren Schulen entlassen, Seite 58 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 59
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    BILDUNG I Biffl IBasisbildung Basisbildung I Biffl I BILDUNG Erst mit dem Beginn der Industrialisierung kam das Zeit- und sich das nötige Wissen zu verschaffen, um ein eigen- alter der Volksbildung. Die Massenalphabetisierung, die ständiges Leben zu führen. in den meisten europäischen Ländern im 18. Jahrhun- dert einsetzte, war eine Vorbedingung für die Umsetzung Basisbildung ist in diesem Sinne ein integraler Bestand- der Produktionsmöglichkeiten, die sich aus der industri- teil des lebensbegleitenden Lernens. Daher gewinnt ellen Revolution und der maschinellen Fertigung eröffne- die Erwachsenenbildung in Ergänzung zum System der ten. Bildung für alle bedeutete die Vermittlung elementarer Erstausbildung an Bedeutung. Das spiegelt sich in der eu- Kulturtechniken wie Lesen, Schreiben und Rechnen. Darü- ropäischen Strategie der Bündelung der Förderprogramme ber hinaus wurden dem Bildungsstreben der Massen enge der allgemeinen und beruflichen Bildung in einem über- Grenzen gesetzt. Selbst ein so moderner Autor wie Man- greifenden Konzept des Lebenslangen Lernens (EK 2009) deville, der im Eigennutz eine wichtige Triebfeder für den ebenso wie in dem Schwerpunkt der UNESCO auf der welt- wirtschaftlichen Fortschritt sah (1724/1957), warnte vor weiten Förderung der Literalisierung (UN-Weltdekade der den „Armenschulen” (siehe Busche (2001) über Mande- Literalisierung 2003–2012). ville). Er war gemeinsam mit vielen anderen der Meinung, dass das ‚Volk’ nur so viel ‚Bildung’ braucht, wie notwendig Basisbildung als Voraussetzung für ist, um es effektiv in den Wirtschafts- und Produktionspro- sozioökonomische Partizipation zess zu integrieren. Da in der Frühphase der Industrialisie- Eine stärkere Einbindung bislang bildungsferner Schich- rung vor allem Arbeitskräfte mit einfachen Qualifikationen ten in die Basisbildung ist in einer Wissensgesellschaft Gudrun Biffl gebraucht wurden, war die Gesellschaft auch nicht bereit, nicht nur eine Voraussetzung für den Erhalt ihrer finanzi- Professorin an der Donau-Universität Krems, über die Basisbildung hinaus berufliche und allgemeine ellen Unabhängigkeit, sondern auch für ihre Handlungsfä- Leiterin des Departments: Migration und Globalisierung Bildung zu organisieren und zu finanzieren. higkeit als verantwortungsbewusste Mitglieder in einer rei- gudrun.biffl@donau-uni.ac.at fen Zivilgesellschaft. Personen mit geringer Bildung sind Erst mit der zunehmenden Spezialisierung und Techno- stark armutsgefährdet (Till-Tentschert 2007). Sie haben logisierung der Industriegesellschaften im Zusammen- überdurchschnittlich hohe Arbeitslosenquoten und kom- wirken mit der Demokratisierung der Gesellschaften und men meist nicht in den Genuss von Weiterbildung, da diese dem Erstarken der Arbeiterbewegung wurde das Recht auf ein gewisses Maß an Basisbildung voraussetzt (Behringer eine umfassende Bildung festgeschrieben. Mit dem Recht et al. 2009). auf Bildung und dem Ausbau der Bildungssysteme hoffte Basisbildung man, die sozialen Ungleichgewichte, die eng mit dem Bil- Aber auch die Bewältigung der täglichen Anforderungen dungsgrad der Bevölkerungsgruppen verbunden waren, des Lebens setzt zunehmend Kenntnisse im Lesen und abzubauen. Bis heute konnte zwar die Sozialhierarchie Schreiben komplexer Texte und in der Bewältigung von Voraussetzung für die persönliche Entfaltung und den über eine Verbesserung der Bildungschancen verringert, je- doch nicht aufgehoben werden. Die soziale Herkunft der mehr oder weniger komplexen Rechenaufgaben voraus. Abgesehen von der Alltagsbewältigung ist es auch für die wirtschaftlichen Erfolg in einer Wissensgesellschaft. SchülerInnen ist in Österreich in stärkerem Maße für die Erhaltung der Beschäftigungsfähigkeit in einer wissensba- Über die Bedeutung der Basisbildung im Schullaufbahn und den Lernerfolg verantwortlich als in an- deren Ländern, etwa Skandinavien, USA, Kanada und Aus- sierten Gesellschaft und Wirtschaft notwendig, die erwor- benen Fähigkeiten laufend an geänderte Anforderungen gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Wandel tralien (OECD 2004/2006A). Die soziale Mobilität über Bil- anzupassen. In der Folge stehen nicht nur die Individuen dung ist in der Folge in Österreich vergleichsweise gering. und die Betriebe vor großen Herausforderungen, sondern vor allem auch die Bildungseinrichtungen. Mit dem Entstehen der „Wissensgesellschaft” (etwa Mitte Bildung hat einen besonderen Stellenwert in unserer Ge- harrlichkeit des sozialen Hintergrunds der SchülerInnen des 20. Jahrhunderts), die von der Informations- und Kom- Sie werden zunehmend zu gesellschafts- und wirtschafts- sellschaft. Sie dient einerseits der Selbstentfaltung und in den verschiedenen Aus-Bildungsbereichen. Aus histori- munikationstechnologie getragen wird – und ähnliche re- politischen Akteuren, die mit knappen Ressourcen wirt- der Erhöhung des Selbstwertgefühls – in der Sprache der scher Perspektive gab es in vorindustriellen Gesellschaften volutionäre Änderungen in der Arbeitsorganisation, den schaften und zugleich wachsenden Ansprüchen gerecht Ökonomie ist Bildung daher ein Konsumgut –, anderer- nur eine zahlenmäßig verschwindend kleine Elite, die Zu- Produktionsmethoden und den beruflichen Anforderun- werden müssen (steigende Bildungspartizipation bei seits bestimmt sie das wirtschaftliche Produktionspoten- gang zu Bildung und künstlerischer Erziehung hatte. Eine gen zur Folge hat wie die vormalige industrielle Revolu- gleichzeitig knappen öffentlichen Budgets). Die Heraus- zial der Gesellschaft – sie ist daher ökonomisch gesehen überregionale Bildungsschicht kommunizierte unterein- tion –, gewinnt Bildung, insbesondere die Basisbildung, an forderungen werden komplexer: einerseits, weil unsere auch ein Investitionsgut. Das gilt nicht nur für den Ein- ander in einer Bildungssprache und Schrift, von der die lo- Bedeutung. Gesellschaften immer älter und multikultureller werden zelnen sondern auch für die Gesellschaft als Ganzes. Je kale Bevölkerung ausgeschlossen war. Das Bildungswissen (angebotsseitiger Wandel), andererseits, weil die Anforde- höher der Bildungsgrad, desto höher ist die Beschäfti- stand in keinem Zusammenhang mit den beruflichen Fach- Bei der Basisbildung geht es in der Wissensgesellschaft rungen an die Menschen in der Arbeitswelt immer speziali- gungs- und Einkommenssicherheit des Menschen. Ge- kenntnissen, die notwendig waren, um die Versorgung der aber nicht mehr primär um das Lernen elementarer Kul- sierter werden (nachfrageseitiger Wandel). samtwirtschaftlich gesehen steigt mit dem Bildungsgrad Bevölkerung mit lebensnotwendigen Produkten zu sichern turtechniken, sondern auch um den Erwerb der Grund- der Gesellschaft das wirtschaftliche Produktionspotenzial (Crone 1989/2000). Das Fachwissen, das für die Herstellung kenntnisse im Umgang mit der Informations- und Kom- Wie also bei der Wissensvermittlung vorgehen und die Fä- und damit die gesamtwirtschaftliche Produktivität und von Gütern und Dienstleistungen erforderlich war, wurde munikationstechnologie und der Fähigkeit, sich in higkeiten vermitteln, die die Menschen in die Lage verset- Wettbewerbsfähigkeit. innerhalb von Familien oder Zünften weitergegeben. Der gesellschaftliche, wirtschaftliche, kulturelle und politi- zen, sich laufend neu zu definieren und an den geänderten Zugang zu den nach Sozialstatus strukturierten Elementen sche Prozesse einzubringen. Basisbildung geht somit über Anforderungen zu orientieren? Wichtig ist sicherlich, dass Bildung ist aber auch ein Statussymbol. Das lässt sich des Bildungssystems war somit eng definiert: Personen, die Wissensvermittlung hinaus. Es ist ein Integrationskon- Lernen Freude macht. Die Personengruppen, die heute als am Sozialstatus beim Zugang zu den diversen Elementen außerhalb des Adels oder des Bürgerstands waren, wie etwa zept, das sicherstellt, dass alle Menschen in der Lage sind, bildungsfern bezeichnet werden, haben die Freude am Ler- des Bildungssystems im Laufe der menschlichen Entwick- Taglöhner, Mägde oder Knechte, hatten keinen Zugang zu auf gesellschaftliche und berufliche Herausforderungen, nen verloren, ja sie haben oft sogar Angst davor. Sie wie- lungsgeschichte ebenso veranschaulichen wie an der Be- formaler, strukturierter Aus- und Weiterbildung. die sich im Wandel der Zeit ändern können, zu reagieren der zu motivieren, Freude am Lernen zu entwickeln, bedarf Seite 60 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 61
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    BILDUNG I Biffl IBasisbildung Basisbildung I Biffl I BILDUNG großer Anstrengungen, insbesondere auch einen anderen die zu Hause gesprochen wird, einen Einfluss auf den schu- Bevölkerung in entwickelten Industrieländern wie Kanada, nen Pflichtschulabschluss aufwiesen (1,2 Millionen), ist der Umgang mit den Lernenden. Neue Lehr- und Lernmetho- lischen Erfolg haben, sind derartige Strukturfaktoren in der USA, Norwegen und der Schweiz im Jahr 2003 Schwierigkei- Anteil derzeit um zehn Prozentpunkte geringer (800.000, den sind angesagt und neue, als angenehm empfundene Analyse zu berücksichtigen. ten beim Lesen und Verstehen von Texten und beim Meis- -32 % gegenüber 2001). Lernumgebungen. tern der Anforderungen im Lebensalltag haben. Österreich Aus Abbildung 2 ist ersichtlich, dass auch nach Berück- hat erst jüngst an einer derartigen OECD-Erhebung teilge- Eine Differenzierung der Zahl der Personen mit höchs- Die Verantwortung für die geringen Bildungsgrade und sichtigung der Unterschiede im Sozialstatus der Einwande- nommen; Daten stehen aber noch nicht zur Verfügung. Ein tens Pflichtschulabschluss nach Geburtsland im Mik- Lernerfolge bestimmter Personengruppen liegt somit beim rungspopulation und der Aufnahmebevölkerung die erste Blick auf die Bildungslage der österreichischen Bevölke- rozensus zeigt, dass Personen aus anderen EU(27)-Mit- gesellschaftlichen System. Wenn jemand die Ausbildung und zweite Generation MigrantInnen eine schlechtere Per- rung im Jahr 2008 (Statistik Austria, Mikrozensus 2008) zeigt gliedstaaten (Mitgliedstaaten ausschreiben?) seltener als abbricht, oder sie erst gar nicht aufnimmt, so ist das nicht formanz haben als die Einheimischen. Dies gilt vor allem aber, dass der Anteil der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung mit ÖsterreicherInnen diesen geringen Bildungsgrad haben, primär ein Versagen der Person, sondern ein Versagen der für Belgien, Dänemark, die Niederlande, Schweiz, Deutsch- Pflichtschule als dem höchsten Ausbildungsgrad 17,4 % aus- nämlich knapp 10 % (rund 28.000) gegenüber 14 % der Ös- Gesellschaft und ihrer Bildungseinrichtungen. Sie hat es ver- land und Österreich. Auffällig ist, dass es in Österreich kaum macht. Personen mit diesem Bildungsgrad werden meist als terreicherInnen (536.000). Im Gegensatz dazu haben 41 % absäumt, die Potenziale der Einzelnen zu fördern, das Inte- zu einer Verbesserung der schulischen Fähigkeiten (Mathe- bildungsfern bezeichnet. Man nimmt an, dass sie mit großer der Personen aus dem ehemaligen Jugoslawien (ohne Slo- resse am Lernen aufrechtzuerhalten oder ganz einfach die matik) der zweiten Generation gegenüber der ersten Ge- Wahrscheinlichkeit Lernhemmnisse haben und ähnliche wenien) und 72 % der Personen aus der Türkei diesen ge- Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Lernen zu schaf- neration kommt, während das in der Schweiz und Holland, Schwierigkeiten im Umgang mit Texten und Rechenaufga- ringen Bildungsgrad (110.000 respektive 88.000). Unter den fen. Das Versagen des österreichischen Bildungssystems vor allem aber in Schweden, doch der Fall ist. Deutschland ben sowie im Lösen von Alltagsproblemen wie die bildungs- ‚sonstigen’ Zuwanderern der ersten Generation haben ge- kann anhand der Bildungssituation der Jugendlichen mit schwimmt in dem Zusammenhang gegen den Strom, in- fernen Personen in den oben genannten Ländern. In Abso- mäß Mikrozensus 2008 24 % maximal einen Pflichtschulab- Migrationshintergrund besonders klar verdeutlicht werden. dem die zweite Generation eine schlechtere Performanz in lutzahlen handelt es sich hier um rund 800.000 Personen schluss (37.000), wobei Personen aus Asien, dem Vorderen Mathematik (nach Bereinigung um Sozialstatus) hat als die gemessen an der gleichaltrigen Bevölkerung von 4.584.000. Orient und Afrika eher einen geringen Bildungsgrad auf- So werden Jugendliche mit Migrationshintergrund häufig erste Generation. In den Ländern, in denen die erste und Davon ist ein Drittel im Ausland geboren (263.000), also weisen, kaum aber Personen aus Amerika oder Ozeanien. in Sonderschulen gegeben, vor allem Kinder von MigrantIn- zweite Generation der SchülerInnen einen ähnlich hohen erste Generation MigrantInnen. Unter den MigrantInnen nen aus der Türkei und dem früheren Jugoslawien. Aus Ab- sozioökonomischen Status haben wie die Einheimischen, so haben im Schnitt 32 % höchstens Pflichtschulabschluss. Abbildung 3: Anteil der 25- bis 64-jährigen Personen mit bildung  1 ist ersichtlich, in welchen Elementen des Schul- etwa Kanada und Australien, gibt es keine Performanzunter- maximal Pflichtschulabschluss an der 25- bis 64-jährigen systems der Anteil der SchülerInnen mit nicht-deutscher schiede zwischen Einheimischen und Einwanderern. Von den 800.000 25- bis 64-jährigen Personen haben ge- Bevölkerung nach Geburtsland Muttersprache bzw. ausländischer Staatsbürgerschaft be- mäß Mikrozensus rund 6 % keinen Hauptschulabschluss, 90 sonders hoch ist. Demzufolge liegt der Anteil der SchülerIn- Abbildung 2: Anteil der 15-jährigen SchülerInnen in aus- d.h., knapp 50.000 sind entweder AbsolventInnen einer Son- 80 nen mit nichtdeutscher Muttersprache im Schuljahr 2006/07 gewählten OECD-Ländern, die zu Hause eine andere als die derschule, SchulabbrecherInnen oder Personen, die die 70 im Durchschnitt aller Schulen in Österreich bei 15,3 Prozent. Unterrichtssprache sprechen bzw. einen Migrationshinter- Hauptschule ohne positiven Abschluss verlassen haben. 60 In den Sonderschulen ist der Anteil am höchsten, mit 26,5 grund aufweisen (2003) Umgelegt auf die Bevölkerung sind das etwas über 1 % der 25- 50 Prozent, und in den berufsbildenden Pflichtschulen (Lehre) bis 64-Jährigen. Das ist ein bedeutend geringerer Wert als In % Unterschiede in der Leistung in Mathematik zwischen 40 am geringsten mit 7,9 Prozent. Unterschiede in der Leistung in Mathematik zwischen einheimischen und SchülerInnen mit einheimischen und SchülerInnen mit Migrationshintergrund nach Berücksichtigung des die Schulstatistik vermuten lässt, derzufolge etwa 5 % einer Migrationshintergrund Bildungsniveaus und des Berufsstatus der Eltern Australien Kohorte keinen positiven Hauptschulabschluss haben. 30 Abbildung 1: Anteil der SchülerInnen in Österreich mit Österreich Belgien 20 nichtdeutscher Muttersprache und nichtösterreichischer Kanada Dänemark Da es sich beim Mikrozensus um eine Selbstauskunft han- 10 Staatsbürgerschaft – Schuljahr 2006/07 Frankreich Deutschland delt, dürfte die Zahl der Personen ohne Pflichtschulab- 0 Insgesamt Österreich EU 27 o. Ö ehem. Jugoslawien o. Sl. Türkei Sonstige Luxemburg Niederlande schluss aus verschiedenen Gründen unterschätzt werden. Quelle: Statistik Austria, eigene Berechnungen VZ 2001 MZ 2008 Hingegen könnte die Schätzung der Zahl der Personen ohne SchülerInnen SchülerInnen 30,0 Neuseeland mit Einheimische mit Einheimische Migrations- SchülerInnen Migrations- SchülerInnen hintergrund schneiden hintergrund schneiden Norwegen besser ab besser ab Hauptschulabschluss mittels der Schulstatistik etwas über- Die Verteilung der Personen mit maximal Pflichtschul- schneiden schneiden 26,5 besser ab besser ab Schweden 25,0 Schweiz USA höht sein, nicht zuletzt, da die Erwachsenenbildung das abschluss auf die Bundesländer ist nicht gleichmäßig. Der OECD-Durchschnitt 20,0 20,3 18,7 18,2 20,4 Hong-Kong-China Nachholen des Hauptschulabschlusses ermöglicht. In die Anteil der 25- bis 64-jährigen Personen mit einfacher Bil- Macao-China 15,4 15,3 Russische Föderation Gegenrichtung wirkt allerdings die Zuwanderung, die Per- dung an der gleichaltrigen Bevölkerung ist in Vorarlberg In % 15,0 12,1 14,0 -30 -10 10 30 50 70 90 Unterschiede in der Leistung in Mathematik 110 -30 -10 10 30 50 70 90 Unterschiede in der Leistung in Mathematik 110 sonen nach Österreich brachte, die keinen mit dem öster- mit 22 % am höchsten und in Kärnten mit 12 % am gerings- 11,4 11,7 10,0 9,8 9,1 Quelle: OECD PISA 2003 2. Generation 1. Generation reichischen Hauptschulabschluss vergleichbaren Bildungs- ten (Abbildung 4). 8,4 abschluss haben bzw. deren Abschluss in Österreich nicht 7,9 5,8 5,2 5,0 3,3 Die PISA-Daten verdeutlichen, dass das Faktum der Zu- als gleichwertig anerkannt wird. Aus der amtlichen Statistik 0,0 wanderung einen Einfluss auf den Erfolg der Kinder mit Mi- kann der genaue Bildungsgrad der ersten Generation Zu- Volksschule Hauptschule Sonderschule Polytech. AHS BHS BMS Berufsbildende Alle Schultypen Pflichtschule grationshintergrund im Schulsystem des Aufnahmelandes wanderer nicht eruiert werden, da eine tiefere Untergliede- Quelle: bm:ukk, eigene Berechnungen nicht deutsche Muttersprache nicht österreichische Staatsbürgerschaft hat. Es dauert offenbar länger als eine Generation, um mit rung des Bildungsgrads ‚höchstens Pflichtschulabschluss’ den Einheimischen im Schnitt gleichzuzie­ en. h kaum vorgenommen wird. In diesem Sinne ist der Mikro- Die starke räumliche Konzentration von MigrantInnen in zensus 2008 eine Ausnahme; er liefert Anhaltspunkte über einigen Schulen Wiens – eine klare Mehrheit der SchülerIn- Es sind aber nicht nur Personen mit Migrationshinter- die Zusammensetzung dieser Bildungsgruppe, eine exakte nen einen nichtdeutschsprachigen Migrationshintergrund – grund, die einen Förderbedarf im Bereich der Bildung, ins- Quantifizierung der Population ohne positiven Pflichtschul- hat Anforderungen an das Schulsystem (Be­ leitlehrerInnen, g besondere der Basisbildung, haben. abschluss ist allerdings nicht möglich. Integrationshilfen) gestellt, mit denen das System zum Teil überfordert war. Größenordnung des Bedarfs an Aus einem Vergleich der Zahlen des Mikrozensus und der Basisbildung in Österreich Volkszählung 2001 wird ersichtlich (Abbildung 3), dass sich Im internationalen Vergleich liegt Österreich den PISA- Internationale Erhebungen zu der Literalität und der Fä- der Bildungsgrad der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung in Ergebnissen zufolge (OECD, 2006B) schlecht, was die Bil- higkeit, mit den Anforderungen des täglichen Lebens zu- den sieben Jahren zwischen den Erhebungen merklich ver- dungschancen von Jugendlichen mit Migrationshintergrund rechtzukommen (Adult Literacy and Life Skills Survey, OECD bessert hat. Während zum Zeitpunkt der Volkszählung 2001 anbelangt. Da der Sozialstatus der Eltern und die Sprache, 2000), zeigen, dass 10 % bis 20 % der der 16- bis 65-jährigen noch 26 % der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung maximal ei- Seite 62 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 63
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    BILDUNG I Biffl IBasisbildung Basisbildung I Biffl I BILDUNG Abbildung 4: Anteil der Personen mit höchstens Pflicht- schule abgeschlossen hat, bei 50.000 liegt – das ist die Per- Literatur Die Autorin schulabschluss im Alter von 25 bis 64 Jahren nach sonengruppe, die sich im Mikrozensus dazu bekannt hat Behringer, F. / Käpplinger, B. / Pätzold, G. Bundesländern (das entspricht 1,1 % aller 25- bis 64-Jährigen) oder ob die (Hrsg.) (2009), Betriebliche Weiterbildung – Univ.Prof.in Mag.a Dr.in Gudrun Biffl 35 Zahl bei 140.000 liegt, das sind nämlich 3 % aller 25- bis der Continuing Vocational Training Seit 2008 Professorin an der Donau-Universität Krems, 64-Jährigen. Zu der letzten Zahl kommt man, wenn man Survey (CVTS) im Spiegel nationaler Leiterin des Departments: Migration und Globalisie- 30 den Prozentsatz der Jugendlichen in der PISA-Erhebung, und europäischer Perspektiven, rung; davor wissenschaftliche Mitarbeiterin des ös- 25 die als funktionale Analphabeten bezeichnet werden, auf Zeitschrift für Wirtschaftspädagogik – terreichischen Instituts für Wirtschaftsforschung. For- 20 die Gesamtpopulation hochrechnet. Die Zahl der Perso- Beihefte (ZBW-B, Band 22, 1. Auflage), schungsschwerpunkte im Bereich des Arbeitsmarktes, nen ohne Hauptschulabschluss, die mithilfe der Schulsta- Stuttgart, Franz Steiner Verlag. der Bildungs- und Migrationsforschung. In % 15 tistik geschätzt werden kann, liegt noch etwas höher (5 % Busche, H. (2001), Von der Donau-Universität Krems, 10 der 25- bis 64-jährigen Bevölkerung, d.h. 233.000). Diese Bedürfnisbegrenzungsmoral zur Department für Migration und Globalisierung 5 Zahl dürfte aber der Wahrheit wohl am nächsten kommen, Bedürfniskultivierungsmoral – Alte www.donau-uni.ac.at/mig wenn man den Bedarf an Basisbildung in Österreich quan- Ethik und neue Ökonomie bei Bernard gudrun.biffl@donau-uni.ac.at 0 Österreich Burgenland Nieder- österreich Wien Kärnten Steiermark Ober- österreich Salzburg Tirol Vorarlberg tifizieren will. Mandeville, in: Archiv für Rechts- und Quelle: Statistik Austria, eigene Berechnungen VZ 2001 MZ 2008 Sozialphilosophie Vol. 87, S. 338–362. Schlussfolgerungen Crone, P. (1989/2000), Pre-Industrial Die Rangordnung der Bundesländer in Bezug auf den Der Versuch der Quantifizierung des Bedarfs an Basisbil- Societies: New Perspectives on the Bildungsgrad hat sich über die Zeit verschoben, der un- dung zeigt, dass es einer Kombination von Maßnahmen Past, Oxford, Blackwell Publishers. terste bzw. oberste Rang wurde allerdings nicht davon be- bedarf, um die bildungsfernen Personengruppen mit den Europäische Kommission (2009), Ein troffen. Besonders markant war die Verbesserung des Bil- Qualifikationen auszustatten, die sie brauchen, um den einheitliches Dach für die Programme dungsgrads der Bevölkerung im Burgenland (von 30 % auf Alltag besser zu meistern und am gesellschaftlichen und zur allgemeinen und beruflichen 19 % HilfsarbeiterInnenqualifikationsanteil). Oberöster- politischen Alltag voll teilzuhaben. Allein die regional sehr Bildung (http://ec.europa.eu/education/ reich und Tirol haben denselben Entwicklungsschritt ge- unterschiedlichen Gegebenheiten bezüglich des Alters der lifelong-learning-programme/doc78_de.htm) nommen und ihren HilfsarbeiterInnenanteil von 28 % auf Betroffenen und ihrer ethnisch-kulturellen Zusammenset- Mandeville, B. (1924/1957), The Fable 20 % reduziert. Der unterschiedliche Bildungsgrad der Be- zung einerseits und der räumlichen Verteilung der Bevölke- of the Bees: or, Private Vices, Public völkerung nach Bundesländern ist zum Teil eine Folge der rung und der Wirtschaftsdynamik andererseits legen nahe, Benefits, with a commentary by F. B. Zuwanderung, zum Großteil aber eine Folge der Bildungs- dass unterschiedliche und kultursensible Herangehens- Kaye, 2. Auflage 1957, Oxford. politik, die stark von der Wirtschaftsstruktur und ihrer Dy- weisen entwickelt werden müssen. OECD (2006A), Assessing Scientific, namik beeinflusst wird. Reading and Mathematical Literacy, A Framework for PISA 2006, Paris. Weder die regionale Struktur der Personen mit maximal OECD (2006B), Where immigrant students Pflichtschulabschluss noch der Anteil der MigrantInnen succeed: A comparative review of performance nach Bundesländern ist ein ausreichender Indikator für and engagement in PISA 2003, Paris. den regionalen Nachholbedarf an Basisbildung. Dies vor allem deshalb, weil Einheimische in den einzelnen Bun- OECD (2004), Lernen für die Welt von morgen, Erste Ergebnisse von PISA 2003, Paris. desländern in unterschiedlichem Maße maximal Pflicht- schule haben bzw. keinen Pflichtschulabschluss haben und OECD (2000), Literacy in the Information weil sich der Bildungsgrad der MigrantInnen zwischen den Age: Final report of the International verschiedenen Herkunftsregionen stark unterscheidet und Adult Literacy Survey, OECD, Statistics die Verteilung der MigrantInnen auf die diversen Bundes- Canada, Paris, OECD Publishing. länder je nach Herkunftsregion anders ist. So kommt etwa Till-Tentschert, U. (2007), Was ist Armut? in: Th. der Großteil der MigrantInnen in Kärnten aus dem frühe- Tomandl, W. Schrammel (Hg.), Sicherung von ren Jugoslawien, insbesondere Bosnien-Herzegowina und Grundbedürfnissen. Wiener Beiträge zu Arbeits- Kroatien, während der Großteil der Zuwanderer in Tirol und Sozialrecht. Wien, Braumüller Verlag. und Vorarlberg aus der Türkei kommt. Wien hat eine be- sonders heterogene Zuwanderung, allerdings mit einigen Schwerpunkten wie dem früheren Jugoslawien (vorwie- gend aus Serbien) und der Türkei. Die jüngere Zuwande- rung in Wien kommt aber vor allem aus den neuen EU-Mit- gliedsstaaten (12) und ferneren Ländern. Jedes Bundesland hat einen Bedarf an Basisbildung. Es bedarf aber unterschiedlicher Maßnahmen, wenn man der Heterogenität der Personengruppen nach ethnisch-kultu- rellem sowie sprachlichem Hintergrund Rechnung tragen will. Gemäß Erhebung unter den Bundesländern erhal- ten derzeit pro Jahr etwa 751 Personen eine Basisbildung. Das ist im Vergleich zum Bedarf eine sehr geringe Zahl, un- abhängig davon, ob die Personenzahl, die keine Pflicht- Seite 64 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 65
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    BILDUNG I Schlögl ILernergebnisse Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNG politische Festlegungen (etwa den gemeinsamen Minis- gleich gewisse Abschottungsreflexe, insbesondere der terratsvortrag von Frau BM Schmied und Herrn BM Hahn hochschulischen Bildung, dazu geführt haben, dass es für am 18. November 2009) für die aktuelle Legislaturperiode die Levels sechs bis acht einen eigenen akademischen Pfad abgesichert. geben wird. Der österreichische Referenzrahmen soll – wie auch der Auffällig war in der Diskussion um die Eckpfeiler und Europäische – acht Lernniveaus umfassen sowie eine Ori- Prinzipien des kommenden nationalen Qualifikations- entierung an sogenannten Lernergebnissen, als Grundlage rahmens, dass die Diskussionen stark um auch schon bis- für die Zuordnung, mit sich bringen. Diese beiden Festle- her umstrittene Aspekte der Bildungspolitik kreisten und gungen wurden in den nationalen Konsultationsprozessen sich intensiv auf die Levels vier bis sieben konzentrierten, zum EQR und einem möglichen NQR nicht problematisiert, d.h. um die Abschlüsse der oberen Sekundarstufe bzw. die wenngleich auch die möglichen Wirkungen nicht absehbar Eingangslevels zu hochwertigen Aus- und Weiterbildun- waren und vielleicht auch weiterhin nicht sind. gen. Um die Stufen ein bis drei, die zentrale Qualifikatio- nen der österreichischen Bildungslandschaft wie etwa den Weiters war es ein Ziel, einen über alle Bildungssektoren Hauptschulabschluss umfassen werden, kam keine wahr- Peter Schlögl hinweg gespannten Rahmen zu entwickeln und somit bis- nehmbare Diskussion zustande (mit Ausnahme einzelner Geschäftsführender Institutsleiter des öibf her weitgehend unabhängig gesteuerte Bereiche der nati- Stellungnahmen, etwa von In.Bewegung). Dies überrascht peter.schloegl@oeibf.at onalen Bildungs- und Qualifikationslandschaft vergleich- auch deshalb, da – aus arbeitsmarktpolitischer Sicht – dies barer zu machen und in Beziehung zu setzen. So etwa das relevante Qualifikationslevels der KundInnen des Arbeits- berufliche und allgemeine Bildungswesen, die Weiterbil- marktservice darstellen, verfügen doch rd. 45 % aller Kun- dung, aber auch fachlich abgegrenzte Felder wie die Ge- dInnen des AMS über keine über die Pflichtschule hinaus- sundheits- oder Sozialberufe, die eigengesetzliche Rege- gehende Qualifikation (Jännerwerte, AMS 2010). Und auch lungen aufweisen, mit dem übrigen Bildungswesen zu für die Bildungsarbeit der Basisbildungseinrichtungen sind integrieren. Dies ist grundsätzlich auch gelungen, wenn- hier die wesentlichen Handlungsfelder zu sehen. Lernergebnisse Die Beschreibung der Niveaus des Europäischen Qualifikationsrahmens erfolgt Was das Schreiben von Lernergebnissen in und durch Deskriptoren, die – so der Anspruch – die Lernergebnisse benennen. rund um Bildungsorganisationen auslöst Kenntnisse Fertigkeiten Kompetenz Niveau 1 grundlegendes grundlegende Fertigkeiten, Arbeiten oder Lernen unter Der gegenständliche Beitrag versucht anhand der aktu- hat. Wenngleich eine Empfehlung kein verbindliches In- Zur Erreichung von Niveau 1 Allgemeinwissen die zur Ausführung einfacher direkter Anleitung in einem ell bekannten Strukturelemente eines kommenden nati- strument des Europäischen Rechts darstellt, wie etwa die erforderliche Lernergebnisse Aufgaben erforderlich sind vorstrukturierten Kontext onalen Qualifikationsrahmens abzuschätzen, in welcher Richtlinie zur Anerkennung von Berufsqualifikationen Weise sich Innovationsbedarfe und –potenziale für die Bil- (diese regelt die Gleichhaltungen von bestimmten regle- Niveau 2 grundlegendes Faktenwis- grundlegende kognitive und Arbeiten oder Lernen unter dungsarbeit im Allgemeinen und für die Basisbildung im mentierten Berufen etwa im Gesundheitssektor, 2005/36/ sen in einem Arbeits- oder praktische Fertigkeiten, die Anleitung mit einem gewis- Zur Erreichung von Niveau 2 Speziellen ergeben. Schlüsselkonzept dabei bilden die so- EG) so wird damit dennoch die Erwartung verbunden, dass erforderliche Lernergebnisse Lernbereich zur Nutzung relevanter Infor- sen Maß an Selbstständigkeit genannten Lernergebnisse, die ein neues Paradigma von die Bildungssysteme der 27 Mitgliedsstaaten sowie die mationen erforderlich sind, um Aufgaben auszuführen Bildungsplanung und –praxis darstellen. Werden diese Qualifikationen der rund 500 Millionen BürgerInnen Euro- und Routineprobleme unter konsequent umgesetzt, erschöpfen sie sich nicht in einer pas transparenter werden, insbesondere für ArbeitgeberIn- Verwendung einfacher Re- semantischen Neufassung bestehender Lernziele, son- nen, aufnehmende Bildungseinrichtungen und nicht zu- geln und Werkzeuge zu lösen dern stellen ein kohärentes Steuerungsinstrument von letzt für die BürgerInnen selbst. Bildungsarbeit dar. Niveau 3 Kenntnisse von Fakten, eine Reihe von kognitiven Verantwortung für die Im Zusammenhang mit der politischen Entscheidung zur Grundsätzen, Verfahren und praktischen Fertigkeiten Erledigung von Arbeits- Zur Erreichung von Niveau 3 Die Qualifikationsrahmen als Impulsgeber Einführung eines Europäischen Qualifikationsrahmens erforderliche Lernergebnisse und allgemeinen Begriffen zur Erledigung von Aufgaben oder Lernaufgaben eines Paradigmenwechsels kam in Österreich, ohne grundsätzliche Diskussion, die in einem Arbeits- oder und zur Lösung von Proble- übernehmen, bei der Lösung Lernbereich men, wobei grundlegende von Problemen das eigene Die Vergleichbarkeit von Bildungsabschlüssen und den Debatte um einen nationalen Qualifikationsrahmen (NQR) Methoden, Werkzeuge, Ma- Verhalten an die jeweiligen Kompetenzen von BürgerInnen ist eine rund dreißigjäh- auf, dessen Entwicklung als logische Konsequenz eingefor- terialien und Informationen Umstände anpassen rige Baustelle in Europa. Mit dem Instrument eines Euro- dert oder auch implizit angenommen wurde. Dieser soll ausgewählt und angewandt päischen Qualifikationsrahmens (EQR) wurde durch den künftig die Grundlage einer objektiven und nachvollzieh- werden Europäischen Rat sowie das Europäische Parlament dies- baren Zuordnung der österreichischen Qualifikationen bezüglich eine Initiative gesetzt, die in diesem Feld an Um- zum Europäischen Rahmen sein. Die Konzeptionsarbeiten Abbildung 1: Niveaubeschreibungen 1 – 3 des Europäischen Qualifikationsrahmens, Quelle: Empfehlung des Europ. Rates und des Parlaments 2008 fang und Wirkung ein noch nicht da gewesenes Ausmaß an diesem NQR stehen noch am Beginn, sind jedoch durch Seite 66 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 67
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    BILDUNG I Schlögl ILernergebnisse Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNG Wichtig in der Nutzung dieser Niveaubeschreibungen im Lernergebnisse — Begriffe men implementiert werden, lassen diese eventuell nicht ergebnisorientierung in der Hochschulbildung befassen Zuge eines nationalen Zuordnungsverfahrens ist, dass im- und Zusammenhänge2 mehr den uneingeschränkten Raum der Orientierung an (z.B. Kennedy 2007; Moon 2002; Moon 2004). Die dort aus- mer wieder in den Blick genommen wird, dass keine natür- Den VertreterInnen des Bildungswesens ist die Arbeit mit individuellen oder Gruppeninteressen zu – zumindest so- gewiesenen Prinzipien lassen sich auch auf die berufliche lichen Personen, die unterschiedliche Kompetenzprofile Lern- und Bildungszielen tägliches Geschäft. Liegt mit der fern damit bestimmte Nachweise verbunden sind. Bildung übertragen. vorweisen, in einen künftigen Qualifikationsrahmen ein- Orientierung an Lernergebnissen nunmehr ein tatsäch- geordnet werden. Sondern vielmehr, wie der Name Qua- licher Paradigmenwechsel vor oder ist es quasi alter Wein Ungeachtet dessen haben Lernergebnisse in den Diskus- Was ist nun gemeint, wenn von Lernergebnissen gespro- lifikationsrahmen schon ausweist, Qualifikationen der in neuen Schläuchen? Werden aus Lernzielen künftig se- sionen um den Europäischen sowie um den Nationalen chen wird? Lernergebnisorientierung findet gegenwärtig Gegenstand der Zuordnung darstellen. Dieser so alltägli- mantisch umgeformte intendierte Lernergebnisse oder hat Qualifikationsrahmen einen zentralen Stellenwert einge- auf verschiedenen Ebenen des Bildungssystems statt, dabei che Begriff wird aber unterschiedlich gedeutet, und des- diese Innovation auch eine Tiefenwirkung, die Bildungs- nommen. Diese sollen in Form von Deskriptoren, differen- sind Ansprüche, Ziele und Konsequenzen unterschiedlich: halb weist das Dokument zum EQR eine Definition dazu politik und -praxis nachhaltig beeinflussen wird? Im Fol- ziert in die drei Dimensionen Kenntnisse, Fertigkeiten und auf. Das Dokument zum Europäischen Qualifikationsrah- genden wird keine funktionsbasierte Typologie von Lern- Kompetenz, den jeweiligen Ertrag von Lernprozessen be- Lernergebnisorientierung auf men fasst die Schlüsselbegriffe Qualifikationsrahmen und ergebnissen (vgl. CEDEFOP 2009, S. 60ff) vorgenommen, schreiben lassen und damit die Grundlage für die sektoren- der Unterrichtsebene Qualifikation relativ pragmatisch. Ein Qualifikationsrah- sondern stärker auf die konkrete Planungsarbeit im Rah- und institutionenübergreifende Vergleichbarkeit von Qua- Lernergebnisse beziehen sich auf kleine Einheiten von men wird dort als „ein Instrument für die Klassifizierung men des Bildungsprozesses eingegangen. Lernergebnisse lifikationen darstellen. Lernprozessen wie Unterrichtsgegenstände oder -module. von Qualifikationen anhand eines Kriteriensatzes zur Be- oder learning outcomes (LO) sind aktuell in aller Munde Dabei geben sie den Minimalstandard an, den Lernende er- stimmung des jeweils erreichten Lernniveaus (...)“ (Emp- und aus den zahlreichen Schlüsseldokumenten der euro- Erste Einschätzungen dazu, wie instruktiv ausformulierte reichen müssen, um ein Modul/einen Gegenstand positiv zu fehlung des Europ. Rates und des Parlaments 2008: 1, Ang. päischen und nationalen Bildungspolitik nicht mehr weg- Lernergebnisse für eine Einstufung in ein künftig gestuf- absolvieren (threshold standard). Wichtig ist hier die direkte 1) ausgewiesen, eine Qualifikation als „das formale Ergeb- zudenken (vgl. die Bologna-Deklaration 1999 und ihre tes Rahmenmodell sind, zeigen, dass die Begrifflichkeiten Verbindung zwischen Lernergebnis und Bewertungskrite- nis eines Beurteilungs- und Validierungsprozesses, bei Folgedokumente, die Empfehlung zu den acht Schlüssel- oder semantischen Formate nicht eindeutig sind und ana- rien. Dazu bedarf es spezifischer Formulierungen in Form dem eine dafür zuständige Stelle festgestellt hat, dass die kompetenzen 2005, das Papier zum Aktionsplan Adult Lear- log dem Kompetenzbegriff eine deutliche Domänenspezi- von überprüfbaren Statements. Für Lernende wird dadurch Lernergebnisse einer Person vorgegebenen Standards ent- ning 2007, die Empfehlung zu einem Europäischen Qua- fität aufweisen. Beispielsweise ist in verschiedenen lernziel- auch transparent, was von ihnen in welcher Weise gefordert sprechen“ (Empfehlung des Europ. Rates und des Parla- lifikationsrahmen 2008 u.v.m.). Diesem nahezu schon oder lernergebnisformulierten Katalogen das – gar nicht wird (vgl. Kennedy 2007, S. 23; Moon 2004, S. 15ff). ments 2008: 1, Ang. 1)1. Die Verwendungsweise im österrei- inflationären Gebrauch stehen eher bescheidene konzep- seltene – Aktivverb „analysieren“ in vier verschiedenen Stu- chischen Diskurs folgt bis dato jedoch keiner stringenten tionelle Grundlagen zu learning outcomes gegenüber. Viel- fen (der Bloom‘schen Lernzieltaxonomie) zu finden. Dies Lernergebnisorientierung auf Weise und lässt eine konsequente Trennung von Qualifi- fach handelt es sich um knappe Beschreibungen, was LO gibt einen Eindruck davon, dass ein rein deduktives Vorge- Qualifikationsebene kation, Kompetenz und Zertifikat nicht erkennen. Der Be- im pädagogischen Gefüge aber auch darüber hinaus leis- hen, die Klassifikation aus den Beschreibungen heraus vor- Abschlüsse können ebenfalls lernergebnisorientierte griff Qualifikation wird so oft in alltagstauglichen, aber ten können bzw. welchen Ansprüchen – formal oder päda- zunehmen, nicht zum Ziel führen wird können. Vielmehr Beschreibungen darüber beinhalten, was Lernende nach unterschiedlichen Anwendungsweisen verstanden, ihm gogisch-didaktisch – LO gerecht werden sollen. werden relevante Kontextinformationen (Domäne, Lernni- Abschluss eines Bildungsprogramms wissen, verstehen praktisch-empirische Bedeutung (etwa in der Bevölke- veaus, …) erforderlich sein, um eine zuverlässige Interpre- und in der Lage sind zu tun. Die Formulierung solcher Er- rungs- und Arbeitslosenstatistik) zugemessen, als Selbst- Die Definition, wie sie in der Empfehlung des Rates und tation der jeweiligen Formulierung vornehmen zu können gebnisse eines Bildungsprogramms (programme outco- verständlichkeit aufgefasst (vgl. Rigby and Sanchis 2006: des Parlaments zum Europäischen Qualifikationsrahmen bzw. eine ex ante Setzung, welche Ansprüche an Lerner- mes) kann der von Lernergebnissen auf der Unterrichts- 24) und manchmal auch synonym mit dem Begriff Kompe- zur Anwendung kommt, ist pragmatisch und formal. Lern- gebnisse gesetzt werden bzw. wie diese etwa in einem pro- ebene (learning outcomes) von der Struktur her ähnlich tenz verwendet. Ohne hier auf die unterschiedlichen Aus- ergebnisse werden definiert als „Aussagen darüber, was ein fessionellen Kontext zu interpretieren sind. sein, es bestehen aber wesentliche Unterschiede: Ergeb- prägungen des fachlichen Diskurses seit den 1970er-Jahren Lernender weiß, versteht und in der Lage ist zu tun, nach- nisse eines Bildungsprogramms beschreiben einen grö- hinweisen zu können, soll ein Aspekt als zentral heraus- dem er einen Lernprozess abgeschlossen hat. Sie werden Wissenschaftliche Auseinandersetzung ßeren Ausschnitt des Lernens, weshalb sie nicht unmit- gestellt werden, nämlich, dass Qualifikationen zumeist – als Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen definiert“ Der Ansatz, Ergebnisse als Kriterium für die Bewertung telbar mit Bewertungskriterien in Zusammenhang stehen. und auch in der Definition des Europäischen Dokuments (Europäische Kommission 2008, S. 11). des Lernens heranzuziehen, entstammt ursprünglich dem Sie müssen nicht notwendigerweise direkt mit den Lern- – nicht als personale Eigenschaft, sondern als soziales Kon- praktischen Anliegen des Arbeitsmarkts, die Arbeitsmarkt- ergebnissen der einzelnen Gegenstände/Module in Bezie- strukt figuriert werden. Qualifikationen werden – von dafür Gleichzeitig ist zu beobachten, dass das Konzept learning relevanz von beruflichen Qualifikationen und somit die hung gesetzt werden, da das Gesamtergebnis einer Aus- zuständigen Stellen – als solche benannt und deren Stan- outcomes in verschiedenen Bildungssektoren unterschied- Beschäftigungsfähigkeit zu verbessern. Gleichzeitig wird bildung durch Wechselwirkungen der Prozesse etwa über dards festgelegt. Hier sind wir beim Kern der Problematik liche Akzeptanz findet. So ist es in der beruflichen Bil- dieser Ansatz vielfach als Indikator – und gleichermaßen den einzelnen Lernertrag hinausreichen kann. Ergebnisse angelangt, dass nämlich in der Erwachsenenbildung und dung grundsätzlich nichts Ungewöhnliches, zu definieren Antrieb – für einen Paradigmenwechsel im Lern-/Lehrver- eines Bildungsprogramms beziehen sich daher auch nicht damit auch in der Basisbildungsarbeit mit Erwachsenen in und zu beschreiben, was Absolventinnen und Absolven- ständnis gesehen: von traditionellen, behavioristisch/kog- auf einen Minimalstandard (threshold standard), son- Österreich keine zuständigen Stellen benannt und autori- ten wissen und können. In den Feldern Allgemeinbildung nitiven, inputorientierten Ansätzen zu handlungsorientier- dern auf eine/n typische/n oder durchschnittliche/n Ab- siert sind. und Hochschulbildung gibt es durchaus kritische Positio- ten, konstruktivistischen, ergebnisorientierten Ansätzen solventIn (vgl. Moon 2004, S. 28). Sie beziehen sich auf nierungen, die den individuellen Entwicklungs- oder Bil- (vgl. CEDEFOP 2009, S. 41). Bereits im Zuge der Curricul- das Endergebnis eines Lernprozesses und ermöglichen Erstes Zwischenergebnis ist demnach, dass unklar ist, wer dungsprozess dadurch eingeengt sehen und es als system- umreform der 1970er-Jahre wurde verstärkt die Perspektive durch Verwendung der entsprechenden Niveau-Deskrip- Standards für Basisbildung in Österreich festlegt, und es fremd einstufen, von ex ante festlegbaren Ergebnissen zu der Lernenden hervorgehoben und lernzielorientierte an- toren die Einordnung eines Bildungsprogramms in den deshalb für die Bildungspraxis auch nicht möglich ist, Ler- sprechen. Besonders prekär erscheinen aus diesen Positio- stelle von lehrzielorientierten Lehrplänen propagiert. Wäh- Referenzrahmen. nergebnisse zu formulieren, die vor dem Hintergrund die- nen heraus dann klarerweise solche LO-Konzepte, die auch rend sich Lernziele jedoch weiterhin auf Inhalt, Richtung ser Standards interpretiert werden und einem künftigen gleich nur solche learning outcomes formuliert sehen wol- und Intention des zu Vermittelnden und damit auf die Per- Für die Formulierung von Lernergebnissen wird häufig Qualifikationsniveau im nationalen Qualifikationsrahmen len, die auch valide überprüfbar sind. spektive der Lehrenden beziehen, nehmen Lernergebnisse die Taxonomie nach Bloom (1956) bzw. ihre Erweiterung zuordenbar sind. Selbstverständlich liegen Ergebnisse aus eher das Endverhalten der Lernenden in den Blickpunkt nach Anderson und Krathwohl (2001) verwendet, die ur- den Lehr- und Lernprozessen vor, jedoch ist eine NQR-re- Auch in der Erwachsenenbildung wird eine Ausbalancie- (vgl. Schermutzki 2008, S. 6). sprünglich als Lernzieltaxonomie erarbeitet wurde. Taxo- levante Beschreibung gegenwärtig nicht möglich. rung der dort oftmals propagierten Teilnehmerorientie- nomien stellen ein nützliches Hierarchisierungsinstrument rung mit der Lernergebnisorientierung herzustellen sein. Im Hochschulbereich hat das Konzept einer Lerner- für die Formulierung von Lernergebnissen dar, Kompeten- 1 Es ist davon auszugehen, dass im künftigen Qualifikationsrahmen nicht Profile einzel- Denn wenn Lernergebnisse als handlungsleitende Prinzi- gebnisorientierung seit Längerem stark an Bedeutung zen lassen sich so unter Berücksichtigung von verschiede- ner Personen, die ja auch Kombinationen von grundsätzlich unabhängigen Qualifikatio- pien der Planung und Umsetzung von Bildungsmaßnah- gewonnen, hier liegen einige Arbeiten vor, die sich auf nen Niveaustufen klassifizieren. Bloom unterscheidet drei nen darstellen können, sondern ausschließlich die entsprechenden Qualifikationen (bzw. genauer deren Nachweise) eingeordnet werden. 2 Dieser Abschnitt folgt weitestgehend der Darstellung in Schlögl, Peter et al. 2009 praktisch-analytischer Ebene mit der Umsetzung von Lern- Dimensionen des Lernens – kognitiv, affektiv und psycho- Seite 68 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 69
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    BILDUNG I Schlögl ILernergebnisse Lernergebnisse I Schlögl I BILDUNG motorisch –, welche wiederum in hierarchisch angeordnete Wie kommt man nun vom NQR zum Lernergebnis? Moon Fragen an die Bildungsarbeit Kategorien geteilt sind. Diesen Kategorien sind jeweils Ver- schlägt nachfolgend abgebildetes Modell für die Ent- in der Basisbildung ben zugeordnet, welche die Dimension und Kategorie des wicklung von Modulen in der Hochschulbildung vor, mit Die wesentliche Funktionsweise des geplanten Qua- Lernens repräsentieren. Sie bieten den generischen Rah- welchem die Beziehung zwischen Niveaustufe, Lerner- lifikationsrahmens ist es, Qualifikationen (bzw. deren men, der je nach Kontext erweitert werden kann. Dahinter gebnissen, Bewertungskriterien, Bewertungsmodi und Nachweise) in einem sektorenübergreifenden Schema steht Blooms Verständnis von Lernen als Prozess, bei dem Lehrmethoden sichergestellt wird (vgl. Moon 2004, S. 2ff). zu verorten. Diese Verortung soll auf der Grundlage der die Denkprozesse der Lernenden auf die jeweils nächste mit der Qualifikation verbundenen Lernergebnisse er- Stufe geleitet werden sollen (vgl. Adam 2004, S. 8). In Bezug folgen. Daraus erwachsen mehrere Fragen, die abschlie- auf die Einordnung in einen Referenzrahmen kann somit ßend demonstrativ ausgewiesen werden sollen, ohne den das zu erreichende Niveau festgelegt und die Lehr-/Lern- Anspruch auf Vollständigkeit und abschließende Behand- prozesse können entsprechend gestaltet werden. lung zu stellen. Die Beantwortung dieser Fragen stellt eine komplexe Herausforderung für das gesamte Feld der Wenngleich die Verwendung einer hierarchischen Ka- Basisbildung dar und ist gewiss keine Hausaufgabe für die tegorisierung suggeriert, dass Fähigkeiten oder Kompe- Bildungseinrichtungen allein. Vielmehr wäre es Aufgabe tenzen unabhängig vom Kontext ausgedrückt werden der Bildungspolitik, ein Gefäß für die strukturierte Dis- können, weist Moon darauf hin, dass die Beurteilung ko- kussion dieser Fragen anzubieten. gnitiver Fähigkeiten, wie beispielsweise Analysieren, sehr • Verfügt die Basisbildung über eine wohl von der Komplexität des zu analysierenden Materi- zuständige Stelle, die autorisiert ist, als abhängig ist (vgl. Moon 2004, S. 11f ). Das Lernniveau institutionenübergreifende Standards festzulegen? kann hierbei also nur durch Information darüber ange- Wer müsste bei der Konstituierung einer solchen zeigt werden, worauf sich eine Fähigkeit bezieht. Die Ver- unbedingt eingebunden werden, und auf welche wendung solcher Kategorien bietet aber auch den Vorteil, Abbildung 2: Modell für die Entwicklung von lernergebnisorientierten Modulen Grundlagen könnte sie ihre Arbeiten stützen? Quelle: Moon 2002, S 37 dass durch formulierte Lernergebnisse Bereiche identifi- ziert werden können, die zur Entwicklung bestimmter Fä- Wie in Abbildung 2 dargestellt, bilden einerseits die Ni- • Wie ließen sich Lernergebnisse von Basisbildung in operationalisierter Breite higkeiten/Kompetenzen beitragen. veau-Deskriptoren (level descriptors) für die Zuordnung und Tiefe verhandeln und zu einem breit in den Referenzrahmen und andererseits die Ziele des Mo- akzeptierten Ergebnis gelangen? Die wesentliche Bedeutung der Lernerfolgsfeststellung duls (aim of module) den Ausgangspunkt. Für die Formu- (assessment) im Lehr-/Lernprozess hebt Kennedy hervor, lierung von Lernergebnissen können entweder vorhan- • In welcher Form wären Qualifikationsnachweise denn Lernende lernen nicht, was im Lehrplan steht, son- dene generische oder auch für den jeweiligen Fachbereich für die Basisbildung möglich und sinnvoll, deren dern, was sie erwarten, geprüft zu werden (hidden agenda). angepasste Deskriptoren verwendet werden. Die Lerner- Grundlage über triviales Prüfungshandeln Bei der Verwendung von Lernergebnissen kann diese Er- gebnisse werden entsprechend dem Niveau des Referenz- hinausgeht und gleichzeitig zielgruppenadäquate kenntnis genutzt werden: Indem Lernergebnisse beschrei- rahmens formuliert (write learing outcomes) und sind so und verlässliche Feststellungsinstrumente und -verfahren umfasst? Wie wird sichergestellt, dass ben, welche Leistung von Lernenden für einen Lernerfolg eindeutig zuordenbar. Die Lernergebnisse implizieren die die eingesetzten Feststellungsverfahren die erwartet wird – und, wenn damit die Intention des Lehr- Bewertungskriterien für die Überprüfung des Lernerfolgs; explizit gemachten Lernergebnisse belegen? plans abgebildet ist, wird automatisch der Lehrplan gelernt darauf abgestimmt müssen Bewertungsmethoden entwi- (vgl. Kennedy 2007, S. 19f ). ckelt werden, um eine geeignete Überprüfung des Errei- • Welche Rahmenbedingungen brauchen chens der Bewertungskriterien zu gewährleisten. Bewer- Bildungseinrichtungen, wenn sie für das Gut formulierte Lernergebnisse sollten daher folgende drei tungsmethoden können dabei für verschiedene Zwecke Erreichen der intendierten Lernergebnisse wesentliche Elemente enthalten (vgl. Moon 2004, S. 14): entwickelt werden, beispielsweise für laufendes Feedback Mitverantwortung übernehmen (müssen)? • Ein aktives Verb, das ausdrückt, was Lernende am an die Lernenden. Auf Basis dieser Überlegungen wird nun • Welche Form der Lernergebnisbeschreibung Ende eines Lernprozesses wissen oder können eine geeignete Lehrstrategie bestimmt, die die Lernenden reicht über das interne Qualitätsmanagement (z.B. kann ... erklären, kann … analysieren) dabei unterstützt, die Lernergebnisse bzw. die in den Be- hinaus und wird auch für die Lernenden bzw. – um Rechtsansprüche auszuschließen wertungskriterien angegebenen Mindesterfordernisse zu zu einem motivationsorientierten und – was erwartet wird, dass Lernende am Ende erreichen. Wichtig ist die Stimmigkeit der Beziehungen fortschrittsorientierten Instrument? eines Lernprozesses wissen oder können, zwischen den einzelnen Elementen, welche mit Bedacht- Antworten auf diese Fragen dieser oder verwandter Form nahme auf verschiedene Ansprüche (z.B. von Lernenden, werden, will das Angebot der Basisbildung seinen Weg in • Angaben über den Gegenstand bzw. darüber, Lehrenden, Arbeitsmarkt und Wirtschaft, Effizienz) reflek- den künftigen Qualifikationsrahmen gehen, zu finden sein. worauf sich dieses Können bezieht, tiert und weiter adaptiert werden müssen. Insofern handelt es sich nicht um eine Übung im Trocken- • Angaben über die erforderliche Art der Leistung schwimmen, sondern um die Vorarbeiten einer Profilie- (in Bezug auf Kontext oder auf Bildungsstandards) Zweites Zwischenergebnis ist demnach, dass Lernergeb- rung und Positionierung im Gesamtsystem der Lernarran- zum Nachweis des Lernerfolgs (z.B. einen nisse, wollen sie auf Qualifikationsebene Resonanz auslö- gements in Österreich und Europa. allgemeinen Überblick geben, tiefergehendes sen, aber nicht allein das Ergebnis eines Ausverhandlungs- Verständnis für … anhand von … demonstrieren). prozesses von Interessengruppen sein, ist ein strategischer innerorganisatorischer pädagogischer und didaktischer In- novationsprozess einzuleiten, der gleichzeitig Akzeptanz in den relevanten Bildungsumwelten (Arbeitsmarkt, formales Bildungssystem) herzustellen versucht. Seite 70 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 71
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    BILDUNG I Schlögl ILernergebnisse Literatur Der Autor Europäische Union (2008), Empfehlung Mag. Peter Schlögl des Europäischen Parlaments und des Geschäftsführender Institutsleiter des öibf, Rates zur Einrichtung des Europäischen Forschungsschwerpunkte: europäische und nationale Qualifikationsrahmens für lebenslanges Lernen, Berufsbildungspolitik, professionelle Beratungsdienste Amtsblatt der Europäischen Union, 2008/C 111/01 im Bildungswesen, lebenslanges Lernen Adam, S. (2004), Using Leaning Outcomes: Österreichisches Institut für Berufsbildungsforschung A Consideration of the Nature, Role, www.oeibf.at Application and Implications for European peter.schloegl@oeibf.at Education of Employing Learning Outcomes at the Local, National and International Levels. Edinburgh: Scottish Executive. AMS Österreich (ed) (2010), Arbeitsmarkt & Hr. E., 42 Jahre, kommt aus einer Familie, die der Schule kaum großen Wert Bildung. Jänner 2010. Wien: AMS Österreich BGS. beigemessen hat. Nach der Pflichtschule begann er als Hilfsarbeiter und Anderson, L. / Krathwohl, D. (eds) (2001), war in diversen Hilfsjobs bis zu einem Arbeitsunfall vor einigen Jahren, der A Taxonomy for Learning, Teaching, and für ihn körperliche Arbeit unmöglich gemacht hat, tätig. Das Schreiben Assessing: A Revision of Bloom’s Taxonomy of fiel ihm so schwer, dass er kaum „sein eigenes Gekritzel“ entziffern konnte, Educational Objectives. New York: Longman. dementsprechend war Weiterbildung kein Thema, die Aufstiegschancen waren minimal. Er selbst versuchte alles zu vermeiden, wo „Schreiben Bloom, B. (1956), Taxonomy of Educational notwendig war und niemand hat mein Problem gewusst.“ Den Objectives. The Classification of Basisbildungskurs, wohin er nach einem erfolglosen und frustrierenden Educational Goals. Handbook I: Cognitive Bewerbungstraining vom AMS geschickt wurde, sieht er als ersten Schritt Domain. New York: Longmann. für eine berufliche Neuorientierung. Im dritten Jahr ist sein Schwerpunkt CEDEFOP (ed) (2009), Der Perspektivwechsel Englisch, nachdem er Schreiben und den PC „ganz gut“ beherrscht. hin zu Lernergebnissen. Politik und Praxis in Europa. Luxemburg: Amt für Veröffentlichungen der Europäischen Union. Kennedy, D. (2007), Writing and Using Learning Outcomes. A Practical Guide. Cork: University College Cork. Moon, J. A. (2002), The module & programme development handbook: a practical guide to linking levels, learning outcomes & assessment. London: Routledge. Moon, J. A. (2004), ‚Linking Levels, Learning Outcomes and Assessment Criteria’. online: www.aic.lv/bolona/Bologna/Bol_semin/ Edinburgh/J_Moon_backgrP.pdf (3.5.2010) Rigby, M. / Sanchis, E. (2006), ‚Das Qualifikationskonzept und dessen gesellschaftliche Konstruktion’. europäische zeitschrift für berufsbildung, 26 Nr. 37–2006/1, S. 24–38. Schermutzki, M. (2008), ‚Learning outcomes – Lernergebnisse: Begriffe, Zusammenhänge, Umsetzung und Erfolgsermittlung. Lernergebnisse und Kompetenzvermittlung als elementare Orientierungen des Bologna- Prozesses’. In Handbuch Qualität in Studium und Lehre: Evaluation nutzen, Akkreditierung sichern, Profil schärfen. Benz, Winfried (ed) Berlin: S. 1–30. Schlögl, P. / Stock, M. / Proinger, J. / Riebenbauer, E. / Slepcevic-Zach, P. (2009), ‚... und die Bildungswelt ist doch rund! Expertise zu einer lernergebnisorientierten und systematischen Verschränkung aktueller bildungspolitischer Steuerungsinstrumente in der Berufsbildung der schulischen oberen Sekundarstufe’. Wien: ÖIBF. Quelle: Befragung durch Peter Stoppacher Seite 72 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 73
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    BILDUNG I Stoppacher IZielgruppenwissen Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNG ein solches Angebot die maßgeschneiderte Antwort auf in- gion ein solches praxisrelevantes quantitatives und qua- dividuelle, auf den Arbeitsalltag abgestimmte praktische litatives Wissen als Basis für eine zielgruppenadäquate Bedürfnisse und orientiert sich zugleich an regional nach- Angebotsentwicklung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei gefragten und verwertbaren Qualifikationen. war die Entwicklung und Erprobung eines auch auf andere Regionen übertragbaren Modells für die Zielgruppenana- Im Rahmen des Kooperationsprojekts „Basisbildung Obe- lyse. Das Annäherungsmodell und exemplarische Ergeb- res Murtal“ wurde der Versuch unternommen, in der Re- nisse stehen im Zentrum der folgenden Zusammenfassung. Zielgruppenanalyse: ein Annäherungsmodell Internationale Ergebnisse und Indikatoren – Allgemein – Peter Stoppacher Ko-Geschäftsführer von IFA stoppacher@ifa-steiermark.at Nationale bildungsspezifische Ergeb- nisse und Indikatoren – Allgemein – Zielgruppenwissen als Voraussetzung für Ableitung von Risikogruppen maßgeschneiderte Basisbildungsangebote Regionaler Kontext Eine praxisrelevante regionale Analyse in  Bevölkerung Regionale bildungsspezifische Pflichtschule  Wirtschaft quantitativer und qualitativer Hinsicht  Arbeitsmarkt Daten Berufsausbildung – Risikogruppen – Beruf/Beschäftigung Ableitung Zielgruppe Zielgruppenanalysen bilden die Voraussetzung für An- zen, um mit den Anforderungen einer schriftorientierten gebotsentwicklungen — Lebenslagen, Bedürfnisse, Mo- Wissensgesellschaft mitzuhalten, variieren beträchtlich, tive und Hoffnungen der Zielgruppe zu kennen, erhöht verweisen aber auf einen enormen Handlungsbedarf. Auch Abb. 1: Annäherung an die Zielgruppe die Chancen auf eine erfolgreiche Akquisition. Im Rah- über die konkreten Bedürfnisse der Zielgruppe gibt es men des Kooperationsprojekts „Basisbildung Oberes Mur- kaum verwertbare Analysen. tal“ wurde der Versuch unternommen, in der Region ein Zur Einschätzung der Zielgruppengröße in der Region auf die Region zu „übertragen“. Abschließend wurde aus solches praxisrelevantes quantitatives und qualitatives Für eine Angebotsentwicklung ist ein genaues Wissen wurde folgende Herangehensweise gewählt: Zunächst den derart bestimmten regionalen Risikogruppen die an- Wissen als Basis für eine zielgruppenadäquate Angebots- über die Zielgruppen, ihre Lebenslagen und Bedürfnisse wurden internationale Ergebnisse und Indikatoren er- nähernde Größe der Zielgruppen unter Verwendung be- entwicklung zu gewinnen. Ein Schwerpunkt dabei war die und vor allem ihre Wünsche und Hoffnungen, die dazu füh- fasst, hierauf Daten und Sekundärstatistiken auf natio- stimmter Referenzwerte abgeleitet. Nach derzeitigen Er- Entwicklung und Erprobung eines auch auf andere Regi- ren könnten, dass sie Basisbildungsprobleme nicht länger naler Ebene aufgearbeitet. Aus den internationalen und kenntnissen bieten, wie später noch dargelegt wird, die onen übertragbaren Modells für die Zielgruppenanalyse. verstecken, sondern Angebote in Anspruch nehmen, not- nationalen Daten wurden relevante „Risikoindikato- Ergebnisse von „PISA“ für Jugendliche und junge Erwach- Die Ergebnisse dieser Arbeit werden im folgenden Beitrag wendig. Angebote müssen erfahrungsgemäß so gestaltet ren“ für geringe Basisbildung abgeleitet, die mit regiona- sene und jene von „ALL“ für Erwachsene die relevantesten dargestellt. sein, dass sie trotz negativen Lern- und Schulerfahrungen len Bildungs- und Strukturdaten sowie mit Einschätzun- Referenzwerte. Verwendet wird der jeweilige Wert für die und Angst vor neuerlichem Misserfolg für die Zielgruppe gen und Erfahrungen von ExpertInnen in der Region, die Lesekompetenz, da ausreichende Kompetenzen in diesem Seit Pisa steht mangelnde Basisbildung im Mittelpunkt „ansprechend“ sind. Das betrifft das methodisch-didakti- mit mangelnder Basisbildung konfrontiert sind, gekop- Bereich auch die wichtigste Voraussetzung sind, um in ei- zahlreicher Debatten. Die Angaben über die Zahl der Men- sche Setting, das Eingehen auf Lernziele und Lernmotive pelt wurden. In vielen Fällen war es notwendig, Ergeb- ner schriftbasierten Gesellschaft überhaupt „mithalten“ schen mit nicht ausreichenden Basisbildungskompeten- sowie die „Bewerbung“ der Angebote. Im Idealfall enthält nisse für das Bundesland Steiermark oder für Österreich zu können. Seite 74 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 75
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    BILDUNG I Stoppacher IZielgruppenwissen Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNG Idealtypisch sollte mit dieser Vorgehensweise ein im- aus denen die verwendeten Referenzwerte zur Ableitung modell eine geringe Formalqualifikation, erfasst über die noch immer höher als jener der Männer, die geschlechts- mer engmaschigeres Netz an Informationen über die Ziel- des Basisbildungsbedarfs stammen, skizziert. Abschlie- höchste abgeschlossene Ausbildung „Pflichtschule“ (mit spezifische Differenz hat sich aber deutlich verringert.5 Von gruppe geschaffen werden. In der Realität zeigten sich ßend werden konkrete Ergebnisse dieses übertragbaren und ohne Abschluss), verwendet werden. Sonstige statis- den 25- bis 34-Jährigen haben derzeit nur mehr 13 % (15 % aber beträchtliche Schwierigkeiten, die nur mittels diver- Verfahrens am Beispiel der westlichen Obersteiermark tische Indikatoren für Basisbildungsdefizite stehen, sieht der Frauen und 11 % der Männer) keine weiterführende ser Hilfskonstruktionen überbrückt werden konnten. Ein- vorgestellt. man von schulischen Erfolgen und Misserfolgen ab, nicht Ausbildung nach der Pflichtschule absolviert. zelne internationale oder nationale Ergebnisse beziehen zur Verfügung. Mit einer geringen Formalqualifikation sich auf unterschiedliche Facetten von Basisbildung. Sie Risikoindikatoren für steigt das Risiko, bildungsfern zu bleiben, weiterführende Regional gibt es deutliche Unterschiede. Bevölke- lassen sich weiters weder hinsichtlich der Erfassungs- Bildungsprozesse sind bei dieser Gruppe selten. Das be- rungsgruppen mit bloßer Pflichtschulausbildung sind zeitpunkte noch hinsichtlich der Datenqualität unmit- geringe Basisbildung trifft formale berufliche und betriebliche Weiterbildungs- überdurchschnittlich im ländlichen Raum konzentriert. telbar verbinden und erlauben kaum eine direkte Über- Bestimmende Faktoren dafür, ob jemand zur Risiko- aktivitäten, das informelle Lernen im beruflichen Kontext Diese räumliche Differenzierung trifft klar auf die ältere tragung auf Regionen mit spezifischen Eigenheiten. Eine gruppe mit geringer Basisbildung gehört, sind nach in- und ebenso Alltagsgewohnheiten und (kulturelle) Freizeit- Bevölkerung zu, für die jüngere Bevölkerung zeichnet quantitative Ableitung und Übertragung der oft groben ternationalen1 und nationalen Bildungsforschungser- beschäftigungen, bei denen Basisbildungskompetenzen sich eine neue Entwicklung insofern ab, als die größten „Schätzgrößen“ auf die Region scheitert schon allein an gebnissen, beispielsweise über das Bildungsniveau der zumindest geübt werden können. Anteile an PflichtschulabsolventInnen in Städten regist- unterschiedlichen Begrifflichkeiten, Erfassungsmethoden, Bevölkerung, die Weiterbildungsbeteiligung, Erfolge im Bil- riert werden. -zeitpunkten und -inhalten und der damit einhergehen- dungsverlauf etc., vor allem die individuelle Sozialisation PflichtschulabgängerInnen sind bei formalen oder infor- den mangelnden Vergleichbarkeit. und die schulische Primärbildung. Der sozialökonomische mellen Weiterbildungsaktivitäten unterrepräsentiert und Trotz des Anstiegs des Bildungsniveaus der Bevölkerung Status der Familie, der Wert der Bildung im Elternhaus, die lernen kaum präventiv oder aktiv. Zum Teil beenden sie die insgesamt ist nach wie vor – wie verschiedene Erhebungen Diverse in der Öffentlichkeit kursierende Zahlen haben in ideellen Zugänge zur Bildung, ökonomische Bildungsbar- Schule nur „mit Ach und Krach“ und verbinden mit Lernen belegen – eine starke soziale Selektivität des österreichi- der politischen Diskussion die Funktion, die Handlungs- rieren sowie die regional gegebene Bildungsinfrastruk- oft nur negative Erinnerungen, Überforderung und Misser- schen Bildungssystems gegeben. Für Kinder aus bildungs- notwendigkeiten zu verdeutlichen, und dienen als Kataly- tur prägen in einer ersten Phase das Bildungsverhalten. folge. Allerdings ist darauf hinzuweisen, dass auch Perso- fernen Haushalten oder aus Familien mit Migrationshin- sator für politische Gegenstrategien. Darüber hinaus aber Gleichgültigkeit im Elternhaus, fehlende bzw. auch nicht nen mit höheren Formalausbildungen durch einen oft jah- tergrund ist ein Bildungsaufstieg vergleichsweise schwierig. leiden sie oft an analytischer Unschärfe und sind für die mögliche Hilfe bei schulischen Problemen, Entmutigung, relangen Nichtgebrauch von grundlegenden kulturellen konkrete Arbeit im regionalen Umfeld nur wenig hilfreich. geringe mündliche Kommunikation und (aktive) Ausein- Techniken wie Lesen, Schreiben, Rechnen etc. in die Ziel- Im Annäherungsmodell ist es auf Ebene der Gesamtbe- Ähnliches gilt auch für nationale Daten, deren einfache andersetzung mit unterschiedlichen Fragestellungen, an- gruppe fallen können. Die Wahrscheinlichkeit einer nicht völkerung im erwerbsfähigen Alter notwendig, das Bil- Übernahme durch Stadt-Land-Unterschiede und vor allem statt dessen vorwiegend rezeptive Freizeitgestaltung (Fern- ausreichenden Basisbildung ist aber nach allen vorliegen- dungsniveau in den unterschiedlichen Alters-6 oder Berufs- die überproportionale Bedeutung von Ballungsräumen sehen, Computerspiele) färben auf die Lernfähigkeit und den Untersuchungen deutlich kleiner. gruppen etc. zu berücksichtigen. nicht den regionalen Gegebenheiten gerecht wird. Lernbereitschaft ab. Das Bildungsniveau der Wohn- Referenzwerte für die Aber auch regionale Daten lassen nicht automatisch Nach der Schulzeit beeinflussen vor allem Anforderun- Schlussfolgerungen auf die Zielgruppe zu. Ein Ausstieg aus gen im Berufsleben die Bildungsaktivitäten und/oder die bevölkerung in Österreich Zielgruppenannäherung der Hauptschule ohne weiterführende Ausbildung bedeu- Aufrechterhaltung oder Verbesserung bereits erreichter Ba- Sowohl die Volkszählungen als auch die Mikrozensus- Die Kernrisikogruppe für geringe Basisbildung umfasst tet genauso wenig, dass Basisbildungsprobleme vorliegen sisbildungskompetenzen. Die Primärbildung prägt auch Arbeitskräfteerhebungen belegen, dass sich der Bildungs- im Annäherungsmodell Personen, die höchstens über den müssen, wie umgekehrt mit dem Abschluss einer Lehre folgende Weiterbildungsaktivitäten. Für das nonformale stand der Gesamtbevölkerung sukzessive verbessert hat. Pflichtschulabschluss verfügen. Um den Anteil unter ih- oder einer Mittleren Schule von einer ausreichenden Ba- Lernen gibt es dazu klare Ergebnisse, aber auch in Bezug Über die Jahre sinkt der Anteil derjenigen, die als höchste nen mit mangelnder Basisbildung abschätzen zu können, sisbildung ausgegangen werden kann. Regionale Daten auf das informelle Lernen liegt es auf der Hand, dass Per- abgeschlossene Ausbildung nur über den Pflichtschulab- werden die Ergebnisse folgender Erhebungen als Referenz- sind vor allem wegen institutioneller und gesellschaftlicher sonen mit geringer Basisbildung auch nur eingeschränkt schluss verfügen, zugleich nehmen die AbgängerInnen von werte herangezogen. „Verschleierungstendenzen“ oft nur begrenzt aussagekräf- selbstständig lernen bzw. sich notwendige Informationen höheren Schulen (besonders der berufsbildenden) sowie tig: So spiegeln Abschlussnoten von Pflicht- oder Berufs- beschaffen können. Berufliche Tätigkeiten, bei denen die Hochschulen und Universitäten zu. Aktuell weist nur mehr Adult Literacy and Life Skills Survey (ALL) schulen oft nicht den tatsächlichen Wissensstand wider. Notwendigkeit von lebenslangem Lernen gering ist, beruf- ungefähr ein Fünftel3 maximal einen Pflichtschulabschluss Die „Adult Literacy and Life Skills Survey“ (ALL) maß Vorhandene bildungsbezogene Daten bieten daher oft nur liche Dequalifizierung, prekäre Beschäftigungsverhältnisse, auf. Jüngere EinwohnerInnen und solche ohne Migrations- im Anschluss an die „International Adult Literacy Sur- einen groben Orientierungsrahmen. nicht benötigtes und/oder praktiziertes informelles Lernen hintergrund haben ein deutlich höheres Bildungsniveau. vey“ (IALS) Lesekompetenzen als Fähigkeit, zusammen- erhöhen das Risiko der Bildungsferne und damit von Ba- Eine Ursache dafür ist, dass vor allem die weibliche Bevöl- hängende Texte zu lesen, und als Fähigkeit, mit schema- Um genauere regionale Dimensionen zu erfassen und Im- sisbildungsschwierigkeiten. Eine bessere Erstausbildung kerung im Lauf der Zeit vermehrt das weiterführende Bil- tischen Darstellungen umzugehen, sowie Kompetenzen pulse für eine weitere Planung zu gewinnen, wurden Erfah- erhöht die Chance auf Partizipation auf dem Arbeitsmarkt, dungsangebot in Anspruch nahm und nimmt. Allerdings in der Alltagsmathematik als allgemeine Rechen- sowie rungen mit der Problematik in der Region direkt eruiert. In auf anspruchsvolle Tätigkeiten und höhere Einkommen. ist die weibliche Bildungsbeteiligung noch immer von ei- Problemlösungskompetenz.7 diesem Zusammenhang waren vor allem qualitative Inter- Umgekehrt haben Niedrigqualifizierte ein wesentliches hö- ner sehr eingeengten Wahl der besuchten Schulen und views mit ExpertInnen in der Region von Bedeutung. Be- heres Arbeitslosigkeitsrisiko oder sind von der Gefahr der Studienrichtungen geprägt. Mädchen beenden zwar noch Österreich beteiligte sich an ALL und IALS nicht. Am fragt wurden VertreterInnen von Institutionen und Orga- dauerhaften Exklusion aus dem Arbeitsmarkt bedroht, ihre immer vermehrt ohne weitere Ausbildung ihre Pflicht- ehesten vergleichbar sind diesbezüglich die Daten des nisationen mit unmittelbaren Kontakten zur Zielgruppe Armutsgefährdung ist wesentlich höher. Nach wie vor wird schulzeit, Buben haben aber in Bezug auf das „schulische Nachbarlandes Schweiz mit einem Anteil an „schwachen“ (Weiterbildungseinrichtungen, Interessenvertretungen, ar- in „Problemfamilien“ Armut und Bildungsferne weiterver- Lernen“ den Nachteil, dass in ihrer Sozialisation Kultur- LeserInnen von ca.16 % unter den 16- bis 65-Jährigen in der beitsmarktpolitischer Einrichtungen, Gemeinden, Behör- erbt, weil die Bildungschancen in Österreich noch immer techniken oft einen geringeren Stellenwert haben wie bei deutschsprachigen Wohnbevölkerung. Bei Personen mit den, Schulen, Betrieben u.ä.m.). ungleich verteilt sind.2 Mädchen.4 höchstens Pflichtschulabschluss (Sekundarstufe I) lag die- 5 Vgl. dazu: Frank Landler: Die Qualifikationsstruktur der österreichischen Bevölkerung Im Folgenden werden zunächst kurz die Risikoindikato- Als einzig relativ harter Indikator, der mit mangelnder Ba- Im untersten Bildungssegment, das Personen mit maxi- im Wandel. Wien: Österreichische Akademie der Wissenschaften 2008, S.145 ff. ren für geringe Basisbildung dargestellt. Hierauf wird auf sisbildung in Verbindung steht, kann für das Annäherungs- mal Pflichtschulabschluss einnehmen, ist der Frauenanteil 6 So haben nach dem Mikrozensus 2007 bei den Männern 13 % aller 25- bis 64-Jährigen und 11 % der 25- bis 34-Jährigen „nur“ den Pflichtschulabschluss, bei den Frauen sind das Bildungsniveau in Österreich eingegangen, vor allem, 3 Vgl. dazu: Bildung in Zahlen 2007/2008. Schlüsselindikatoren und Analysen. Statistik das 24 % aller 25- bis 64-Jährigen und 15 % der 25- bis 34-Jährigen. 1 Vgl. z.B.: PISA (Programme for International Student Assessment), IALS (International Austria: Wien 2009, vor allem S. 82 ff. da die Formalqualifikation im Annäherungsmodell ei- Adult Literacy Survey), ALL (Adult Literacy and Life Skills Survey). 7 Siehe: Philip Notter, Claudia Arnold, Emanuel von Erlach, Philippe Hertig: Lesen und nen zentralen Stellenwert besitzt. Anschließend werden 4 Vgl. dazu: Josef Bacher: Soziale Ungleichheit und Bildungspartizipation im weiterfüh- Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Erwachsenen in der Schweiz. Nationaler Be- 2 Vgl. dazu: Regional ungleiche Bildungschancen. In: kontraste. Presse- und Informati- renden Schulsystem Österreichs. In: Österreichische Zeitschrift für Soziologie (ÖZS), 28 richt zu der Erhebung ‚Adult Literacy & Life Skills Survey’. Hrsg. vom Bundesamt für Sta- die beiden internationalen Erhebungen PISA und ALL, onsdienst für Sozialpolitik. Heft 6, Juli 2007, S. 5. Jahrgang, Nr. 3, S. 3-33. tistik (BFS). Neuchatel 2006, S. 10 ff. Seite 76 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 77
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    BILDUNG I Stoppacher IZielgruppenwissen Zielgruppenwissen I Stoppacher I BILDUNG ser Anteil bei 24 %, in der Sekundarstufe II nur mehr bei 9 %. „PIRLS“ (Progress in International Reading Literacy markt bedroht. Sie haben nach Erfahrungen von AMS-Be- Beschäftigte mit Basisbildungsdefiziten finden sich vor Nach soziodemografischen Merkmalen korrelierten die Study) erfasste 2006 die Lesekompetenz von 9- bis 10-Jäh- raterInnen kaum Chancen auf einen Lehrplatz. Basisbil- allem unter geringqualifizierten ArbeitnehmerInnen. Ge- Kompetenzniveaus stark mit der Ausbildung der Testper- rigen und zeigte für Österreich einen Anteil an „Risiko- dungsprobleme seien unabhängig vom Geschlecht zum rade sie sind durch den wirtschaftlichen Strukturwan- sonen, dem Alter, der Sprache sowie der geografischen schülerInnen“ mit schwachen Lesekompetenzen von 16 %. Teil extrem auffällig bei Jugendlichen aus „unteren sozialen del mit neuen Arbeitsorganisationsformen und Arbeits- Herkunft. Empirisch wurde auch der starke Einfluss der Stimmen diese Ergebnisse, kann daraus gefolgert werden, Schichten ohne Unterstützung zu Hause“ und bei „Jugendli- prozessen in den letzten Jahren immer mehr unter Druck sozialen Herkunft unterstrichen, unabhängig vom eige- dass zwischen dem Ende der Volksschule und dem Ende chen der zweiten Generation“. Durch geänderte Berufsbil- geraten. Im Zuge des Wandels hin zu einer Dienstleis- nen Bildungsstand und der eigene Bildungsdauer hängen der gesetzlich vorgesehenen Schulpflicht die diesbezügli- der und Anforderungen sei für diese Risikogruppen auch tungs- und Informationsgesellschaft steigt zwar auch die die erreichten Werte substanziell von der Ausbildung der chen Kompetenzen nicht gestiegen, sondern – im Gegen- ein Lehrabschluss in ehemals einfachen Feldern kaum zu Nachfrage nach einfachen Dienstleistungen ohne berufs- Eltern ab. Zwischen dem erreichten Bildungsniveau und teil – weiter gesunken sind. schaffen. Bei vielen Jugendlichen mit einem Hauptschul- spezifische Ausbildung, aber Mindestqualifikationen im den Kompetenzen in allen Erhebungsbereichen ergab abschluss würden die Noten den tatsächlichen Kenntnis- Bereich Basisbildung und sozialkommunikative Kompe- sich ein eindeutiger Zusammenhang. Am schlechtesten Modellhafte Ergebnisse in der stand auch beschönigen. Probleme werden vor allem bei tenzen werden als selbstverständlich vorausgesetzt. Nach schnitten stets SchulabbrecherInnen bzw. Pflichtschulab- Grundrechnungsarten, beim sinnerfassenden Lesen, beim Erfahrungen von Weiterbildungsinstitutionen findet ge- gängerInnen ab, die jeweils nur Level eins oder zwei bei westlichen Obersteiermark Erfassen von Diskussionen wahrgenommen. rade im unteren Ausbildungssegment „lebenslanges Ler- insgesamt fünf Levels erreichten. Abschließend werden einige exemplarische Ergebnisse nen nicht statt“. der Zielgruppenanalyse in der westlichen Obersteier- Die zweite Gruppe subsumiert Personen, die sich in der Ein eindeutiger Zusammenhang besteht auch zwischen mark dargestellt. Die Region besteht aus den drei Bezir- Phase der beruflichen Ausbildung befinden oder befin- Wenn sich Rahmenbedingungen oder Arbeitsprozesse dem Alter und der gemessenen Literalität: Je jünger die ken Murau, Judenburg und Knittelfeld mit insgesamt etwas den könnten. Zum einen sind das Jugendliche, die mit ändern, wird das eingeschränkte Entwicklungspotenzial Testpersonen, desto besser waren ihre Ergebnisse, wobei über 100.000 EinwohnerInnen. Der Kernraum ist eine alte einer Berufsausbildung begonnen, diese aber abgebro- von MitarbeiterInnen mit Basisbildungsproblemen sicht- die schlechteren Leistungen weniger auf biologische Fakto- Industrieregion im „Strukturwandel“, besonders die ländli- chen haben, zum anderen sind es jene, die eine Lehre bar. In der Region bestehen Arbeitsplätze für Geringqua- ren, sondern auf historische Veränderungen und Lebenszy- chen Gebiete kämpfen auch mit einer hohen Abwanderung. absolvieren, in den Berufsschulen aber ungenügende lifizierte im Bau- und Baunebengewerbe, Tourismus, klen zurückzuführen sind. Entscheidend sei es, unter wel- Basisbildungskompetenzen zeigen. Durch eine unzurei- Handel und in der Reinigung. Aber auch bei unterneh- chen historischen Umständen verschiedene Altersgruppen Regionale Ziel- bzw. Risikogruppen chende Basisbildung sind sie in ihrer weiteren berufli- mensnahen Dienstleistungen (Sicherheitsdienste, Ar- geboren, aufgewachsen, in die Schule gegangen sind Die Spezifikation der Zielgruppen in der Region erfolgte chen Entwicklung eingeschränkt. In regionalen Berufs- beitskräfteüberlassung) und in der Land- und Forstwirt- und gelebt haben und in welchen Lebensphasen sie sich nach der Teilhabe auf dem Arbeitsmarkt. Basisbildungs- schulen wird das Problem der fehlenden Basisbildung schaft werden noch Hilfskräfte benötigt. Eine spezifische befinden.8 mängel werden vor allem auf dem Arbeitsmarkt sichtbar, immer häufiger wahrgenommen. Besonders SchülerIn- und in der Diskussion um einen Basisbildungsbedarf oft daneben auch vermehrt bei unterschiedlichen Behörden nen der dritten Leistungsgruppen in den Hauptfächern übersehene Gruppe sind Selbstständige mit geringem Bil- PISA und Institutionen mit unmittelbarem „Parteienverkehr“ zeigten „erschreckende Mängel“. dungsabschluss. Vor allem mit der Erleichterung des Zu- Die PISA-Studien der OECD messen alltags- und berufs- wie z.B. Gemeinden, Sozialhilfebehörden, Beratungsstellen, gangs zum freien Gewerbe und den „neuen Selbstständi- relevante Kenntnisse und Fähigkeiten 15- bis 16-jähriger Kindergärten etc. Hier sind am ehesten auch Zugänge zu Die dritte Gruppe ist nach der Phase der Berufsausbil- gen“ sowie den „Ein-Personenbetrieben“ dürfte sich ihr SchülerInnen. In einer schriftbasierten Gesellschaft ist die den Zielgruppen möglich, am schwierigsten ist das zweifel- dung auf dem Arbeitsmarkt aktiv. Dabei sind vor allem ar- Anteil erhöht haben. Lesekompetenz eine Basisvoraussetzung für die Bewälti- los bei jenen, die aus unterschiedlichen Gründen gar nicht beitslos oder arbeitsuchend vorgemerkte niedrigqualifi- gung von allgemeinen gesellschaftlichen und beruflichen auf dem Arbeitsmarkt partizipieren. zierte Personen und Geringqualifizierte in Beschäftigung Eine spezifische weitere, vierte Gruppe sind nicht (mehr) Anforderungen in vielen Lebensbereichen. Besonders Per- zu unterscheiden. erwerbstätige Personen. Dabei handelt es sich vor allem sonen in der niedrigsten Stufe im Bereich Lesekompetenz Auf dem Arbeitsmarkt werden durch mangelnde Basis- um ausschließlich Haushaltsführende, PensionistInnen, werden daher zur Risikogruppe gezählt. Trotz mancher me- bildung sowohl individuelle Chancen der Betroffenen als Bei arbeitslos Vorgemerkten ist eine Einschätzung des Personen mit Behinderungen sowie Sozialhilfebeziehe- thodischer und inhaltlicher Kritik vor allem in Bezug auf auch betriebliche Entwicklungen eingeschränkt. Auch in Basisbildungsbedarfs nach Aussagen von VertreterIn- rInnen. Offensichtlich werden Defizite vor allem bei Be- die Stichprobenzusammensetzung gelten die Erkenntnisse Gemeinden, Behörden und Institutionen, bei denen ver- nen des AMS schwer möglich. Das „Verstecken“ funk- hörden und diversen Beratungs- und Betreuungseinrich- über Bildungsvererbung, Regionalstruktur und Schultypen schiedene Anträge eingebracht werden, wird die Problema- tioniere auch bei Beratungsterminen so gut wie in den tungen, bei Ansuchen um Förderungen oder Sozialhilfe, als aufschlussreich für das Bildungssystem. tik wahrgenommen, und es wird versucht, „unaufdringlich“ Betrieben selbst. Defizite seien nur über Zufälle zu er- bei Jugendwohlfahrtsmaßnahmen, in Kindergärten, und ohne die Betroffenen bloßzustellen, Hilfe zu leisten. kennen, wenn etwa eine Unterschrift zu leisten, ein Schulen oder medizinischen Einrichtungen. Ein mögli- Österreich hatte 2003 und 2006 einen vergleichsweise Direkte Möglichkeiten, auf Basisbildungsmängel zu reagie- Formular auszufüllen ist oder schriftliche Informati- ches Basisbildungsproblem sprechen die VertreterInnen relativ hohen Anteil von ca. 21 % an Jugendlichen, die im ren, sind vor allem in arbeitsmarktpolitischen Maßnahmen onen weitergegeben werden. Am Arbeitsplatz falle es dieser Stellen aber kaum an, weil sie „die Leute ja nicht vor Bereich Lesekompetenz nur Level eins erreichten, wobei gegeben und werden ansatzweise auch genützt. In Berufs- oft erst bei Umstrukturierungen und Umstellungen im den Kopf stoßen oder in eine peinliche Situation bringen“ die Anteile der Risikogruppen sich stark nach dem Schul- schulen sind zwar gravierende Probleme ersichtlich, es ist Arbeitsprozess auf, dass jemand Schwierigkeiten beim wollen. Insgesamt sei zu bemerken, dass das soziale Ge- typus unterschieden. So trat die Lese-Risikogruppe insbe- aber bei der Dichte des Lehrplans kaum die Zeit für Kor- Lesen und Schreiben habe. Oft hätten KollegInnen be- fälle stärker werde, immer mehr Menschen hätten offen- sondere in den Polytechnischen Schulen (54 %) und Be- rekturmaßnahmen gegeben. In vielen Betrieben werden stimmte Arbeiten übernommen und so beim Verste- sichtliche Schwierigkeiten, einen Meldezettel richtig aus- rufsschulen (39 %) auf, Berufsbildende mittlere Schulen ebenso Bildungsmängel festgestellt, die aber die Arbeit cken der Basisbildungsprobleme mitgeholfen. zufüllen, manche könnten kaum ihre Wohnadresse und lagen genau im Durchschnitt, in höheren Schulen waren nicht immer unmittelbar belasten. ihr Geburtsdatum richtig schreiben. nicht ausreichende Leseleistungen marginal. Insgesamt Zu den besonderen Risikogruppen gehören Langzeitar- dokumentiert PISA auch die negativen Folgen der frühen Das Annäherungsmodell an die Zielgruppen umfasst fol- beits- bzw. Langzeitbeschäftigungslose. Eine Umschulung Abschließend soll beispielhaft das konkrete quantitative Auslese im österreichischen Schulsystem mit ihren „leis- gende arbeitsmarktbezogene, sich zum Teil überlappende oder Berufsausbildung wird von BetreuerInnen des AMS Ausmaß ausgewählter Zielgruppen in der Region darge- tungshemmenden Verstärkungseffekten“ (etwa durch die Risikogruppen: und von Betroffenen selbst häufig als nicht sinnvoll bzw. stellt werden. Im Sinne einer Übertragbarkeit auf andere Leistungsgruppen in den Hauptschulen). Befragte mit ei- möglich eingestuft. Sie hätten ohne Erfolg bereits ver- Regionen werden dabei exemplarische Bevölkerungsgrup- ner Vorqualifikation Hauptschule schnitten signifikant Eine erste Gruppe sind jene Personen, die nach der Be- schiedene arbeitsmarktpolitische Maßnahmen absolviert pen mit höchstens Pflichtschulabschluss sowie die verwen- schlechter ab als jene, die die AHS-Unterstufe besuchten. endigung der Schulpflicht auf den Arbeitsmarkt drängen, und gelten daher als „ausgeschult“. Zum Teil handle es deten Referenzwerte angeführt. 86 % der Lese-Risikogruppe haben eine Hauptschulkarri- die aber aufgrund ihrer schulischen Erfolge vermehrt auf sich um Vorgemerkte, die „10, 15 Jahre weg von der Schule ere hinter sich. Zugangshürden stoßen. Das sind vor allem AbgängerIn- und vom Lernen sind und im Beruf Lesen, Schreiben, Rech- 8 Vgl. dazu: Lesen und Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Erwachsenen in der nen ohne positiven Abschluss oder mit einem mit vorwie- nen kaum gebraucht haben“. Schweiz, a.a.O., S. 22 ff. So lag in der deutschsprachigen Schweiz der Anteil der Personen gend schlechten Noten. Langfristig sind sie von prekären mit niedrigstem Lesekompetenzniveau in den Altersgruppen bis 45 Jahre bei ca. 10 %, in den beiden darauffolgenden Alterskohorten bei ca. 20 %. Beschäftigungskarrieren oder der Exklusion vom Arbeits- Seite 78 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 79
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    BILDUNG I Stoppacher IZielgruppenwissen Bevölkerungsgruppen Referenzwert Regionale mit höchstens Zielgruppengröße Pflichtschulabschluss Jugendliche im Übergang zwischen Ausbildung und Erwerbsleben AbgängerInnen von 54 % für Polytechnische Schulen (PISA) ca. 90 SchülerInnen jährlich Polytechnischen Schulen 15- bis 25-Jährige in berufsvorbereitenden 54 % für Polytechnische Schulen mindestens ca. 130 Personen jährlich Maßnahmen des AMS (PISA) als Untergrenze Lehrlinge 39 % Lese-Risikogruppe (PISA) ca. 670 Personen Arbeitslos vorgemerkte Personen Bildung in Zahlen TeilnehmerInnen in 24 % mit schwachen mindestens 190 Personen jährlich Zahl der Briefe, die Charles Darwin im Laufe Qualifizierungsmaßnahmen des AMS Lesekompetenzen (ALL) seines Lebens geschrieben hat: 7591 langzeitarbeitslose 24 % mit schwachen Lesekompetenzen ca. 20 Personen jährlich Zahl der Briefe, die Albert Einstein im Laufe „bildungsfernere“ Transitkräfte (ALL) als Untergrenze seines Lebens geschrieben hat: 14500 Zahl der geschäftlichen E-Mails, die jeder vernetzte Arbeitsplatz Geringqualifizierte selbstständig und unselbstständig Beschäftigte weltweit im Durchschnitt pro Tag erhält: 126 Beschäftigte im Bau- und 24 % mit schwachen ca. 1.000 Personen Baunebengewerbe, im Tourismus, in Lesekompetenzen (ALL) Täglicher Fernseh-, Internet- und Computerspielkonsum unternehmensnahen Dienstleistungen eines Zehnjährigen in Norddeutschland aus bildungsferner sowie in der Land- und Forstwirtschaft Einwanderer-Familie am Wochenende in Minuten: 340 (Neue) Selbstständige 24 % mit schwachen ca. 140 Personen Täglicher Fernseh-, Internet- und Computerspielkonsum einer Lesekompetenzen (ALL) Zehnjährigen in Süddeutschland aus deutscher Familie, in der mindestens ein Elternteil Abitur hat, am Wochenende in Minuten: 54 Nichterwerbstätige im Haupterwerbsalter Nichterwerbstätige (Elternkarenz, 24 % mit schwachen ca. 790 Personen Anteil der Zehnjährigen, die für das Gymnasium empfohlen werden und dauerhafter Arbeitsunfähigkeit, Lesekompetenzen (ALL) ausschließlich Haushaltsführende) deren Eltern maximal einen Hauptschulabschluss haben, in Prozent: 4 Anteil der Zehnjährigen, die für das Gymnasium empfohlen werden und von denen mindestens ein Elternteil Abitur hat, in Prozent: 72 Der Autor Dr. Peter Stoppacher 1957 in Anger, Oststeiermark geboren; während des Stu- diums (Germanistik und Soziologie) unterschiedliche berufliche Erfahrungen in der Grundstoffindustrie (Alu- minium, Talkum), im Baugewerbe etc. Seit 1985 sozial- wissenschaftliche Forschungstätigkeit; ehrenamtlicher Bewährungshelfer IFA Steiermark (Institut für Arbeitsmarktbetreuung und -forschung Steiermark. Sozialwissenschaftliche For- schung und Entwicklung) www.ifa-steiermark.at stoppacher@ifa-steiermark.at Quelle: brand eins Wirtschaftsmagazin Seite 80 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 81
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    BILDUNG I Holzer IBasisbildung „Nicht genügend“ Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG Voraussetzungen führt das zu mechanisch reprodu- können, da die Streuung sehr gering ist und alle Kinder zierbaren Scheinkompetenzen, die weder im privaten die erforderlichen Lernvoraussetzungen mitbringen. noch im beruflichen Kontext benutzbar sind. Dem stehen Klassen gegenüber, in denen viele Kinder Entwicklungsrückstände aufweisen und die Leistungs- Entwicklungsunterschiede im unterschiede extrem groß sind. Das könnte bedeuten, dass in solchen Klassen auch bei einer Doppelbeset- Schuleingangsbereich zung und einem Unterricht von hoher Qualität nicht Die Entwicklungsunterschiede von SchulanfängerIn- alle Kinder dort abgeholt werden können, wo sie stehen. nen sind enorm. In einer Untersuchung von Lenart/ Holzer/Schaupp wurden 2005 in 21 Schulklassen die VolksschullehrerInnen stehen also sehr unterschiedli- Vorläuferfähigkeiten von SchulanfängerInnen für die chen Herausforderungen gegenüber, was die Lernvor- Bereiche Lesen/Schreiben und Mathematik erhoben. aussetzungen ihrer SchülerInnen betrifft. Unter den Das folgende Diagramm in Abbildung 1 zeigt die Leis- derzeitigen Rahmenbedingungen ist anzunehmen, dass tungsverteilung für den Bereich Mathematik. Aus die- nicht alle Klassen „effizient unterrichtbar“ sind. Ent- ser Grafik ist ersichtlich, dass es zwischen den einzel- wicklungsrückstände im Bereich der Sprache, der Mo- nen Klassen beachtliche Unterschiede hinsichtlich der torik, der Wahrnehmung und der sozial-emotionalen Lernausgangslage und der Streuung innerhalb der Klas- Kompetenzen lassen sich nicht mit einem kurzen „In- Norbert Holzer sen gibt. Daraus lassen sich zwei Extreme beschreiben: tensivtraining“ oder ausschließlich durch offene Lern- Lehrbeauftragter an der KPH Graz angebote beheben, sondern brauchen langfristige, für Didaktik der Mathematik • Es gibt Klassen von SchulanfängerInnen, diagnosegeleitete Interventionen. Eine solche umfas- in denen nur einige wenige Kinder über norbert.holzer@aon.at sende Förderarbeit ist mit den gegebenen schulischen optimale Lernvoraussetzungen verfügen und gleichzeitig die Streuung von sehr Ressourcen flächendeckend als unrealistisch einzu- Ko-AutorInnen Friederike Lenart und Hubert Schaupp gut entwickelten Voraussetzungen bis zu schätzen. Damit werden in der Folge durchaus erkenn- gravierenden Entwicklungsrückständen reicht. bare Probleme nicht entsprechend bearbeitet und weitergeschleppt. • Es gibt Klassen, in denen fast ausschließlich Kinder mit gut entwickelten Langzeitstudien von Weinert, Klicpera/Gasteiger-Klic- Lernvoraussetzungen sind und die Nach neun Jahren Schulpflicht: pera, Krajewsky und anderen belegen, dass Lernprob- leistungsschwächsten Kinder sich auf einem durchschnittlichen Niveau befinden. Diese leme ohne gezielte, individuelle Intervention langfristig weiter bestehen (vgl. Klicpera/Gasteiger-Klicpera 1998, Basisbildung „Nicht genügend“ leistungsfähigen Klassen weisen also gleichzeitig eine besonders geringe Streuung auf. S. 222). Krajewski untersuchte 153 Kindergartenkinder hinsichtlich relevanter mathematischer Vorläuferfähig- Die Schulbiografie von Menschen mit Basisbildungsdefiziten keiten und verfolgte ihre Entwicklung bis zum Ende der Grundschulzeit. dargestellt am Bereich Mathematik „Das mengen- wie das zahlenbezogene Vorwissen konnten als spezifische Vorläuferfertigkeiten schuli- scher Mathematikleistungen identifiziert […] werden. Es gibt ausreichend Daten und Fakten dafür, dass es zum Schulaustritt. Dargestellt wird die Entwicklung Kinder, die im Kindergartenalter an den Aufgaben zum unserem Schulsystem nicht gelingt, allen Abgänge- exemplarisch für den Bereich Mathematik, da dieser Mengen- und Zahlenvorwissen gescheitert sind, waren rInnen eine Basisbildung zu vermitteln, die in unserer Bereich in den Unterstützungsangeboten oft noch eine auch diejenigen, die später in der Schule Probleme im Zeit und in unserer Gesellschaft für eine selbststän- untergeordnete Rolle einnimmt. Genauer beleuchten mathematischen Anfangsunterricht hatten und eine dige Lebensbewältigung und Lebensgestaltung erfor- möchte ich den Schuleingangsbereich, den Übergang Rechenschwäche zeigten.“ (Krajewski 2003, S. 211). derlich ist. Die empirischen Daten kommen sowohl von von der Volksschule in die Hauptschule/AHS sowie den internationalen Vergleichsstudien als auch von Erhe- Schulaustritt bzw. das Ende der Schulpflicht. Für alle Lernstandsanalyse beim bungen aus dem Bereich der Wirtschaft. Wenn nun in drei Bereiche werden empirische Untersuchungen und Österreich mit viel finanziellem und personellem Auf- konkrete Fallbeispiele angeführt und kommentiert. Übergang von der Volksschule wand die Etablierung von Bildungsstandards im Sinne Abb. 1: Leistungsverteilung mathematischer Vorläuferfähigkeiten von 21 Schulklas- sen zu Schulbeginn 2005 (Steiermark). Auf der waagrechten Koordinate ist jeweils in die Hauptschule /  HS A einer „Outputmessung“ vorangetrieben wird, so ist Die Untersuchungen belegen, dass es der Volksschule die Anzahl der richtig gelösten Beispiele dargestellt, auf der senkrechten Koordi- davon einmal lediglich eine Bestätigung von ohnehin nicht gelingt, Entwicklungsrückstände von Schulan- nate die Anzahl der Kinder. Untersuchungen am Ende der Volksschule bzw. beim Das Klassendiagramm 1. Reihe / 2. Spalte ist ein Beispiel für eine Klasse mit wenig bekannten Fakten zu erwarten. fängerInnen aufzuarbeiten. Insgesamt scheinen die leistungsstarken Kindern und einer großen Streuung. Eintritt in die Sekundarstufe I bestätigen die Stabili- Das Klassendiagramm 3. Reihe / 5. Spalte ist ein Beispiel für eine Klasse mit vielen Rahmenbedingungen eher ein „Weiterschieben der leistungsstarken Kindern und einer geringen Streuung. tät von Lernproblemen. Mit den von Lenart/Holzer/ Wie kommt es nun dazu, dass SchülerInnen nach neun Probleme“ zu begünstigen. Die Hauptschule ist da- Schaupp entwickelten Eggenberger Rechentests kann Jahren Schulpflicht nicht über ausreichende Kompe- durch bei einem Teil ihrer SchülerInnen mit gravieren- das Lernstandsprofil vor allem der SchülerInnen im un- tenzen im Bereich Lesen, Schreiben, Mathematik und den Lernrückständen konfrontiert, die bis in die zweite Für die Unterrichtsrealität haben diese Daten be- teren Viertel der Normalverteilung sehr differenziert er- im Umgang mit Informationstechnologien verfügen? Volksschulstufe zurückreichen. In der Regel werden trächtliche Folgen. Demnach gibt es Klassen, die auch fasst werden. Die folgende Tabelle zeigt den Aufbau des Um diese Lernentwicklung zu beschreiben, möchte ich trotzdem die Lehrplaninhalte der Sekundarstufe I im mit einer SchülerInnenzahl von 25 ohne größere Prob- ERT 4+ (Ende 4. Schst. bis Halbjahr 5. Schst.) und die einen Bogen spannen vom Schuleingangsbereich bis Unterricht durchgenommen. Aufgrund der fehlenden leme alleine von einer Lehrperson unterrichtet werden erfassten Inhalte. Seite 82 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 83
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    BILDUNG I Holzer IBasisbildung „Nicht genügend“ Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG Tabelle 1: Skalen und Faktoren des ERT 4+ ein Schüler/eine Schülerin z.B. bei den Zahlennachbarn SchülerInnen unter einem Prozentrang von 16 sind erfah- von den sechs Beispielen nur zwei richtig, so kann mit gro- rungsgemäß nicht in der Lage, dem Unterricht ihrer Schul- Faktor Skalenbenennung Erfassungsinhalt Aufgabenbeschreibung ßer Wahrscheinlichkeit davon ausgegangen werden, dass stufe zu folgen, da ihnen wesentliche Voraussetzungen da- Zahl vor und nach einer von 100 SchülerInnen im selben Alter nur 16 SchülerIn- für fehlen. A1 (Zahlennachbarn) Zahlenraumorientierung gegebenen Zahl aufschreiben nen ein gleiches oder noch schlechteres Ergebnis erzielen, Fehlende Zahl in einer alle übrigen ein besseres. Löst jemand mehr Beispiele rich- Insgesamt könnte man dieses Ergebnis 1 A 2 (Zahlenreihen) Logische Zahlenabfolgen Zahlenreihe einsetzen tig als der kritische Wert angibt, so gehört er leistungsmä- folgendermaßen interpretieren: Mathematische ßig nicht mehr zu den unteren 16 Prozent der von einer Re- Mechanische Abläufe wie der Algorithmus der schrift- Ordnungsstrukturen Grafisch dargestellte Menge mit Tausendern, Hundertern, chenschwäche betroffenen österreichischen Schülerschaft. lichen Addition oder Subtraktion sind auch für schwa- A 3 (Menge-Zahl–Zuordnung) Menge-Zahlrepräsentanz che SchülerInnen eintrainierbar. Bei den Geldmaßen ist Zehnern und Einern als Zahl aufschreiben Tabelle 2: Skalen des ERT 4+ wohl der alltägliche Zugang der förderliche Faktor. Beim Additionen und und kritische Werte Auswendiglernen der 1x1-Reihen stoßen aber schon ei- Addieren / Subtrahieren Subtraktionen, z.B.: nige an die Grenzen ihrer Merkfähigkeit, woraus sich un- A 4 (Rechnen halbschriftlich) Nr. Skalenbenennung Max. Punkte krit. Werte halbschriftlich vermeidlich Probleme bei der schriftlichen Multiplikation 14 000 + 3 000 = _____ 1 Zahlennachbarn 6 ≤2 2 Zahlenreihen 6 ≤2 und Division ergeben. Maßumwandlungen erfordern ein Additive und subtraktive A 5 (Rechnen mit Platzhalter) Operatives Rechenverständnis 3 Menge-Zahl-Zuordnung 6 ≤3 entsprechendes Faktenwissen (Wie viele Gramm hat ein Ergänzungen 4 Rechnen halbschriftl. 6 ≤2 Kilogramm?) und eine sichere Orientierung im Stellen- Schriftliche Additionen mit 5 Rechnen m. Platzhalter. 6 ≤2 wertsystem. Textaufgaben sind ohne ein tragfähiges Ope- B 6 (Addieren schriftlich) Addieren nach Algorithmus 2 2 bzw. 3 Summanden rationsverständnis nicht lösbar. Oberflächlich betrachtet 6 Addieren schriftlich 5 ≤3 Algebraische Strukturen scheint beim Unterricht der Schwerpunkt zu sehr auf ein Subtrahieren nach 7 Subtrahieren schriftlich 5 ≤3 B 7 (Subtrahieren schriftlich) Schriftliche Subtraktionen Algorithmus 8 Multiplizieren 5 ≤2 mechanisches Eintrainieren von mathematischen Fertig- 9 Dividieren 5 ≤1 keiten gelegt zu werden und zu wenig auf ein wirkliches Schriftliche Multiplikationen Multiplizieren nach 10 Geldmaße 5 ≤3 Verständnis der grundlegenden mathematischen Konzepte. B 8 (Multiplizieren) mit zweistelligem Algorithmus Multiplikator 11 Zeitmaße 5 ≤1 12 Längenmaße 5 ≤2 Diese Testergebnisse liefern eine Eingrenzung der Symp- Schriftliche Divisionen mit B 9 (Dividieren) Dividieren nach Algorithmus 13 Flächenmaße 5 =0 tome und ermöglichen so ein gezieltes „Symptomtraining“. ein- bzw. zweistelligem Divisor 14 Massenmaße 5 ≤2 Bei einer vertiefenden Einzeldiagnose kann sich jedoch C 10 (Geldmaße) Geldmaßbeziehungen Maßbeziehungen > < = 15 Textrechnungen 8 ≤2 auch herausstellen, dass bei einigen Beispielen zwar ein (Angewandte Mathematik) richtiges Ergebnis ausgerechnet wurde, aber ein Verständ- Umwandlungsaufgaben, C 11 (Zeitmaße) Zeitmaßbeziehungen z.B.: 147 min = ___h ___min nis des mathematischen Konzeptes trotzdem nicht gege- Umwandlungsaufgaben, Betrachtet man nun die kritischen Werte, so sieht man, ben ist. Häufig werden Missverständnisse und Fehlvorstel- 3 C 12 (Längenmaße) Längenmaßbeziehungen z.B.: 12 000 m = ___km dass bei den einzelnen Skalen unterschiedlich viele Bei- lungen in Bezug auf Rechenoperationen, Stellenwert und Größenbeziehungen spiele gelöst werden müssen, um nicht zu den unteren 16 weitgehend fehlende Vorstellungen von Größen (Maßein- Umwandlungsaufgaben, C 13 (Flächenmaße) Flächenmaßbeziehungen Prozent zu gehören. Damit wird ersichtlich, in welchen Be- heiten) sichtbar. Dazu zwei Beispiele: z.B.: 600 dm² = ____m² reichen die österreichischen SchülerInnen am Beginn der C 14 (Massenmaße)* Massenmaßbeziehungen Umwandlungsaufgaben, fünften Schulstufe über gute Kompetenzen verfügen und Beispiel 1: Stellenwert z.B.: 1t = ___kg in welchen Bereichen nur sehr eingeschränkte Kenntnisse Eine Schülerin am Ende der vierten Schulstufe wird in ei- 4 Lösen von Textaufgaben, vorhanden sind. Zur Interpretation der Ergebnisse muss ner außerschulischen Fördereinheit aufgefordert, mit Ma- C 15 (Textrechnungen) Textaufgaben vorweg noch betont werden, dass alle Aufgaben dem Lehr- terial die Menge 14 zu legen. Dazu steht ihr Stellenwert- Angewandte Mathematik Ergebnis aufschreiben plan und somit dem Soll-Plan dieser SchülerInnengruppe material in Form von Einerwürfeln, Zehnerstangen und entsprechen. Hunderterplatten zur Verfügung. Sie legt eine Zehner- Für die Normierung des ERT 4+ wurden die Testergeb- Die Tests geben keine genaue Auskunft darüber, ob eine stange und vier Einerwürfel dazu. Der Trainer beginnt die nisse von 808 SchülerInnen verrechnet. Bei der Testent- Schülerin/ein Schüler mit ihrem/seinem Leistungsniveau • Die Stärken liegen eindeutig beim schriftlichen Menge 14 mit Einerwürfel zu legen. Daraufhin stellt die wicklung wurden die einzelnen Beispiele im Rahmen von im durchschnittlichen oder überdurchschnittlichen Be- Addieren und Subtrahieren sowie bei den Schülerin fest: „So geht das aber nicht!“ Auf die Frage des mehreren Voruntersuchungen in ihrem Schwierigkeitsgrad reich liegt. Diese förderdiagnostische Zugangsweise unter- Geldmaßen. Hier werden von 84 Prozent mehr Trainers, warum das so nicht geht, antwortet sie: „Wir müs- als drei von fünf Beispielen richtig gelöst. so lange angepasst, dass sie vom überwiegenden Teil der scheidet sich somit deutlich von Bildungsstandards, bei sen in der Schule immer Zehnerstangen nehmen!“ SchülerInnen gelöst werden konnten. Bei den Beispielen denen ein Leistungsniveau vorgegeben wird. Bei einer Test- • Absolute Schwachstellen sind das Dividieren, die wurde auch darauf geachtet, dass sie in ihrer Aufgabenstel- konzeption im Sinne der Bildungsstandards sind aus den Zeitmaße und die Flächenmaße. Hier müssen von Erst im Laufe einer längeren Diskussion und dem Durch- lung genau in der Art und Weise waren, wie sie in den häu- Ergebnissen nur mehr sehr bedingt Fördermaßnahmen fünf Beispielen nur zwei richtig gelöst werden; bei arbeiten von mehreren Beispielen lässt sich die Schülerin fig verwendeten Schulbüchern vorkommen. Die Lösungs- ableitbar. den Flächenmaßen reicht sogar ein Beispiel, um davon überzeugen, dass „vierzehn“ auch mit vierzehn ein- wahrscheinlichkeiten der einzelnen Items bewegen sich nicht mehr zu den unteren 16 Prozent zu gehören. zelnen Würfeln gelegt werden kann. zwischen rund 40 Prozent und 90 Prozent. Durch diese An- Ein Nebenprodukt der Entwicklung der Eggenberger Re- • Auch das Bearbeiten von Textaufgaben muss passung des Schwierigkeitsgrades an das untere Leistungs- chentests ist eine Erfassung des IST-Standes der österrei- zu den Schwachstellen gerechnet werden (von niveau liefert der Test mit seinen Ergebnissen ein nützli- chischen Schülerschaft im Bereich Mathematik von der ers- acht Beispielen müssen drei gelöst werden). ches Profil für die SchülerInnen des unteren Viertels der ten bis zur fünften Schulstufe. Dazu nun einige Ergebnisse Normalverteilung. Für diese Gruppe werden dadurch die für den Beginn der fünften Schulstufe. In der Tabelle 2 sind • Bei den übrigen Skalen wird individuellen Stärken und Schwächen deutlich erkennbar. neben der Skala jeweils die maximal erreichbare Punkte- ersichtlich, dass von rund 16 Prozent der österreichischen Schülerschaft nur So ist es möglich, aus den Testergebnissen ganz konkrete zahl und ein kritischer Wert angegeben. Der kritische Wert weniger als die Hälfte der vorgegebenen Förderschwerpunkte abzuleiten. entspricht einem Prozentrang von 16. Das bedeutet: Hat Beispiele richtig gelöst werden kann. Seite 84 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 85
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    BILDUNG I Holzer IBasisbildung „Nicht genügend“ Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG Beispiel 2: Subtraktion Was lernen schwache Die Tabelle 3 zeigt das Profil einer dritten Leistungsgruppe einem PR von 27 knapp darüber. Bei der oben beschriebe- Ein Schüler am Ende der vierten Schulstufe wird aufgefor- zu Beginn der fünften Schulstufe. Der Prozentrang der „Ma- nen Testkonzeption verfügt somit kein Kind über die Lehr- dert, die Rechnung 8-5 = auszurechnen. Er schreibt ohne SchülerInnen in der Haupt- thematischen Leistung“ (Spalte ganz rechts) zeigt, dass alle planvorgaben der vierten Schulstufe der Volksschule. Bei lange zu überlegen als Ergebnis die Zahl 3 dazu. Anschlie- ßend wird er aufgefordert, diese Rechnung mit Material zu schule in Mathematik dazu? SchülerInnen im Grunde im unteren Leistungsviertel liegen (respektive Fehlervarianz). Ein einziges Ergebnis liegt mit den Kindern mit einem Prozentrang von 0 und 1 sind Lern- rückstände von zwei bis drei Schuljahren anzunehmen. zeigen. Dazu legt er acht Würfel untereinander und dane- Testergebnisse mit dem ERT 4+ zeigen, dass sich in den ben fünf Würfel. Auf die Frage, wie er jetzt zu seinem Ergeb- dritten Leistungsgruppen der Hauptschule fast ausschließ- Tab. 3: Klassenprofil einer 3. Leistungsgruppe der Hauptschule (ländlicher Bereich) nis von „3“ komme, antwortet er: „Da muss ich hier die 5 lich rechenschwache Kinder befinden. Bei Einzeldiagno- wegnehmen und von den 8 auch noch einmal 5. Dann blei- sen werden häufig Lernrückstände sichtbar, die bis in die ERT 4+ Klassenprofil ben 3 übrig.“ Auch bei zwei weiteren Beispielen bleibt er zweite Volksschulstufe zurückreichen. beim gleichen Handlungsablauf. Er legt immer beide Zah- Klasse: HS LG 3 Datum: Sept. len der Subtraktion und nimmt den Subtrahenden zwei- Übliche Defizite Name Faktor 1 Faktor 2 Faktor 3 Faktor 4 Mathem. Leistung mal weg. Auf die Frage, ob er denn die zweite Zahl über- • Zahlenraum 10 ist nicht vollständig automatisiert Ordnungsstrukturen Algebraische Größenbeziehungen Anwendung haupt legen müsse, antwortet er: „Ja sicher, da stehen ja Strukturen (Textrechnen) zwei Zahlen!“ • Stellenwertverständnis ist nur Maximal- 18 32   25   8   83   oberflächlich verfügbar werte Es stellt sich in weiterer Folge heraus, dass er das Kon-   RW PR RW PR RW PR RW PR   PR • Zehnerüber- und -unterschreitung zept der Addition einfach auch auf die Subtraktion über- N.N. 8 10 24 38 17 53 5 63 54 27 werden zählend gelöst tragen hat. N.N. 16 69 19 15 12 15 3 27 50 18 • 1x1-Reihen müssen mühsam errechnet werden N.N. 6 6 11 1 3 0 1 7 21 0 Denkweisen dieser Art sind keine Einzelfälle, sie wer- • Operationsverständnis für Multiplikation N.N. 13 35 20 18 15 32 1 7 49 12 den nur in der herkömmlichen Unterrichtsweise sehr oft und Division ist nicht gegeben nicht erkannt. N.N. 6 6 16 6 5 1 1 7 28 1 • Nur teilweise realitätsbezogene Vorstellungen N.N. 10 15 29 82 12 15 2 14 53 25 Würde man den ERT 4+ noch mit Aufgabenstellungen er- von Maßeinheiten und Probleme bei N.N. 17 84 18 12 16 41 2 14 53 25 gänzen, die auch das zugrunde liegende mathematische deren Umwandlung (Es bereitet z.B. N.N. 15 56 16 6 11 10 1 7 43 11 Konzept überprüfen, würde sich der Prozentsatz der auf- häufig Probleme, zwischen Umfang und Flächeninhalt zu unterscheiden) N.N. 9 12 17 9 9 5 0 2 35 1 fälligen SchülerInnen wahrscheinlich noch weiter erhöhen.                       Kommentar zur Volksschule Was passiert nun mit solchen Kritische ≤ 10 ≤ 16 ≤ 19 ≤ 16 ≤ 12 ≤ 16 ≤2 ≤ 16 ≤ 48 ≤ 16 Kindern in der Hauptschule? Werte • Unter den derzeitigen Rahmenbedingungen scheint es der Volksschule nicht möglich zu sein, Entwicklungsrückstände von Auf der Basis der erhobenen Daten fehlen ihnen wesentli- SchulanfängerInnen aufzuarbeiten. che Voraussetzungen für die Erarbeitung des Mathematik- Auch hier ist wieder zu bedenken, dass bei vielen Aufga- Das Ergebnis stoffes der ersten Klasse in der Hauptschule. Hauptschul- benstellungen ein rein mechanisch errechnetes Ergebnis 9 SchülerInnen konnten einen • Langzeitstudien zeigen eindeutig, dass es nicht Subtraktion lehrerInnen stehen diesen Tatsachen oft ratlos gegenüber. zu einer richtigen Lösung führt, ohne dass der Rechenvor- Text dazu verfassen ausreicht, den Kindern einfach mehr Zeit zu In der Regel wird trotzdem mit den Inhalten des HS-Lehr- gang verstanden worden wäre. Im Rahmen einer BAC-Ar- Multiplikation 5 SchülerInnen konnten einen geben. Ohne gezielte langfristige Interventionen planes weitergearbeitet. Nachdem den SchülerInnen aber beit an der KPH Graz wurde einer Hauptschulklasse (am Text dazu verfassen bleiben die Lernprobleme aufrecht. die basalen Konzepte aus der Volksschule fehlen, haben sie Ende der fünften Schulstufe) zu den vier Grundrechnungs- Division 1 SchülerIn konnte einen Text dazu verfassen • Nur durch das Anbieten von Material nur die Möglichkeit, sich – so weit es geht – Abläufe aus- arten jeweils ein einfaches Beispiel aus der zweiten Schul- in freien Unterrichtsformen ist das wendig zu merken und zu reproduzieren. Da sich die An- stufe vorgegeben: 4+7 = / 18–9 = / 4x9 = / 32:8 = Auch in der ersten Schulstufe der AHS sind in vielen Klas- Problem ebenfalls nicht lösbar. zahl der mathematischen Fakten und Prozeduren von sen einzelne SchülerInnen mit einer ähnlichen Symptoma- Schulstufe zu Schulstufe ständig erhöht, werden diese im- Die SchülerInnen wurden aufgefordert, diese Rechnun- tik anzutreffen. • Die derzeitige rechtliche Regelung des Schuleingangsbereiches scheint ein mer häufiger miteinander verwechselt und es wird immer gen zu lösen und sich anschließend dazu eine Geschichte „Weiterschieben“ der Probleme zu begünstigen. schwieriger, im richtigen Moment zu einem Aufgabentyp auszudenken, die den operativen Rechenprozess wider- Kommentar zur Hauptschule die gesamte entsprechende mathematische Prozedur ab- spiegeln sollte. Für die Addition wurde eine „Beispielge- • Die Hauptschule (auch die AHS) ist mit zurufen, zuzuordnen und auszuführen. Deshalb ist es dann schichte“ vorgegeben. einer wachsenden Gruppe von SchülerInnen notwendig, vor einer Schularbeit nur eine begrenzte An- konfrontiert, die grundlegende Konzepte der zahl von Abläufen gut einzutrainieren. Bei der Schularbeit Es handelte sich um eine Integrationsklasse, die aus 16 Volksschule nur sehr eingeschränkt beherrscht. selbst müssen sie dann genau in der geübten Form kom- SchülerInnen bestand. Es waren fünf Mädchen und elf Kna- men, da sie bei geringfügigen Änderungen nicht mehr er- ben. Von den elf Knaben wurde einer nach dem Schwerstbe- • Diese Gruppe erhält häufig ein Lernangebot, das aufgrund fehlender Voraussetzungen nur in kannt werden. Dass auch intensiv geübte Prozeduren im- hindertenlehrplan und einer nach dem allgemeinen Sonder- Form von „eintrainierten Abläufen“ angeeignet mer wieder vergessen werden, ist ein weiteres verlässliches schullehrplan unterrichtet. Weiters befand sich ein Schüler und mechanisch reproduziert werden kann. Phänomen in diesem Zusammenhang. mit einem Verhaltens-SPF in dieser Klasse, der aber nach An- gaben der Lehrer keine Leistungsdefizite hatte. • Die Folge davon ist die mühsame Aneignung von „Scheinkompetenzen“, die nicht für die praktische Lebensbewältigung oder für berufliche Anforderungen benutzbar sind. Seite 86 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 87
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    BILDUNG I Holzer IBasisbildung „Nicht genügend“ Basisbildung „Nicht genügend“ I Holzer I BILDUNG Schulaustritt und sowohl während ihrer Hauptschulzeit als auch in der Poly- Kommentar zum Schulaustritt Literatur technischen Schule in der dritten Leistungsgruppe. Es wird Berufseinstieg hier nicht das vollständige Unterrichtsgespräch wiederge- • Die Hauptschule ist mit Lernrückständen konfrontiert, die bis in die zweite Hollerer, L.; Seel, A. (2005) (Hrsg), Schultütenkinder. Herausforderung am Dr. Peter Härtel schreibt in einer Studie der Steirischen geben werden, sondern nur die wesentlichen Schritte einer Schulstufe der Volksschule zurückreichen Übergang Kindergarten:Schule. Graz: Leykam volkswirtschaftlichen Gesellschaft: „Österreich ist im in- Einzelförderung. Geleitet von den Antworten der Schülerin – auch im ländlichen Bereich. Höllbacher, M.; Fülle, S.; Härtel, P. (2009), ternationalen Vergleich sehr erfolgreich, was die Einglie- wird die ursprüngliche Aufgabenstellung immer wieder ad- „Aufnahmekriterien für Lehrlinge“ Ergebnisse derung junger Menschen in weitere Bildungs- und Berufs- aptiert, bis schließlich die relevante Förderebene erkenn- • HauptschullehrerInnen sind sowohl von den einer Befragung steirischer Betriebe. Studie Rahmenbedingungen als auch auf didaktisch- wege betrifft. Der hohe Anteil – ca. 80  % – Jugendlicher bar wird. im Rahmen der Entwicklungspartnerschaft methodischer Ebene mit diesen Anforderungen zwischen 15 und 19 Jahren, die sich in berufsbildenden Bil- In.Bewegung II Netzwerk Basisbildung und überfordert und oft alleine gelassen. dungswegen befinden – sowohl vollzeitschulisch als auch Beispiel 3: Schlussrechnung Alphabetisierung E-1.1-060. Graz: Steirische dual – ist dafür eine wesentliche Voraussetzung.“ (Höllba- • Die in der Sekundarstufe vermittelten Volkswirtschaftliche Gesellschaft Aufgabe: cher 2009, S. 5) mathematischen Inhalte scheinen sich nur Holzer, N.; Lenart, F.; Schaupp, H (2010), ERT 3+ 5 Dosen kosten 2,90 E. Wie viel kostet eine Dose? teilweise mit den Anforderungen aus der Eggenberger Rechentest. Diagnostikum für Nicht möglich! Berufswelt zu decken. Dies bedarf aber noch Dyskalkulie für das Ende der 3. Schulstufe bis Aus dieser an sich positiven Darstellung lässt sich aber ab- Vermutung: Division mit Dezimalbrüchen einer genaueren empirischen Abklärung. Mitte der 4. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG leiten, dass doch rund 20 Prozent an dieser Eingliederung wird nicht beherrscht. Kilcpera, Ch.; Gasteiger-Klicpera B. (1998), scheitern oder zumindest ein mittel- oder langfristiges • Hinsichtlich der effizienten alltäglichen Psychologie der Lese- und Schreibschwierigkeiten. Problem in ihrer Lebensgestaltung haben. In dieser Studie Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung: Lebensbewältigung würde der Mathematikstoff Entwicklung, Ursachen, Förderung. wurden 338 Betriebe hinsichtlich ihrer Aufnahmekriterien 5 Dosen kosten 2 E der ersten sechs Schulstufen genügen; bei Weinheim: Psychologie Verlags Union für Lehrlinge befragt. Diese befragten Betriebe sind insge- leistungsschwachen SchülerInnen würde Nicht möglich! Krajewski, K. (2003), Vorhersage samt für über 2.000 Lehrlinge verantwortlich. es vermutlich sinnvoll sein, sich darauf zu Vermutung: Es sind nur Divisionen ohne Rest möglich. beschränken, dieses aber nachhaltig zu sichern. von Rechenschwäche in der Grundschule. Hamburg: Kovac Das Ergebnis: Persönliche und soziale Kompetenzen ste- Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung: • Durch das Festhalten am Lehrplan werden Lenart, F.; Holzer, N.; Schaupp, H. (2007), hen an erster Stelle. Dazu zählen Zuverlässigkeit, Sorgfalt 4 Dosen kosten 2 E häufig nur mechanisch reproduzierbare Heterogenität im Schuleingangsbereich. und Leistungsbereitschaft bei den persönlichen Kompe- Das kann im Kopf ausgerechnet und erklärt werden Scheinkompetenzen erworben. Das hat in Unveröffentlichte Langzeitstudie über tenzen und gute Umgangsformen und Teamfähigkeit bei (50c + 50c + 50c + 50c = 2 E). Es ist aber nicht möglich der Regel bei den betroffenen Jugendlichen die Entwicklung der Leistungsstreuung den sozialen Kompetenzen. An dritter Stelle liegt bereits die entsprechende Division dazu anzugeben. Frustration und Resignation zur Folge. von Schulbeginn bis Ende der zweiten die Mathematik, etwa gleichauf mit „stabilen Familienver- Schulstufe. Graz: KPH Graz Vermutung: Durch den alltäglichen Umgang mit hältnissen“. Danach erst folgen die Bereiche Deutsch und Englisch. Wobei Englisch eine sehr untergeordnete Rolle zu Geldmünzen kann diese Aufgabe gelöst werden. Ein Operationsverständnis der Division ist nicht gegeben. Schlussbemerkung Lenart, F.; Holzer, N.; Schaupp, H. (2008), ERT 2+ Eggenberger Rechentest. Diagnostikum für spielen scheint. Für den Bereich Mathematik wird ausge- Ähnliche Lernentwicklungen könnten auch im Bereich Dyskalkulie für das Ende der 2. Schulstufe bis führt: „Am wichtigsten war den befragten UnternehmerIn- Aufgabenstellung zur Überprüfung der Vermutung: Lesen und Rechtschreiben aufgezeigt werden. Eine „Out- Mitte der 3. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG nen, dass Jugendliche Kopfrechnen, schätzen, runden kön- 12 : 3 = putmessung“, wie sie mit den Bildungsstandards ange- Schaupp, H.; Holzer, N.; Lenart, F. (2007), ERT 1+ nen und Maßeinheiten kennen. Demgegenüber steht, dass Kann sofort im Kopf ausgerechnet werden. Eine strebt wird, kann allein keine Veränderung bewirken. Hier Eggenberger Rechentest. Diagnostikum für nur ca. ein Drittel der Jugendlichen ausreichend über diese entsprechende Materialhandlung kann nicht dürfte wohl eine gediegene, langfristige Zusammenarbeit Dyskalkulie für das Ende der 1. Schulstufe bis demonstriert werden, und es ist auch nicht möglich, zu Mitte der 2. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG Kenntnisse verfügt. Das Begründen von Rechenschritten von schulischen und außerschulischen Kräften erforder- sowie das Verstehen von Lösungswegen werden von 70 % dieser Rechnung eine Sachsituation zu beschreiben. lich sein. Aber auch wenn es uns überraschenderweise ge- Schaupp, H.; Holzer, N.; Lenart, F. (in Konsequenz: Die Bearbeitung der ursprünglichen Vorbereitung), ERT 4+ Eggenberger der AusbildnerInnen mit sehr wichtig oder wichtig einge- lingen sollte, vorbildliche Rahmenbedingungen und ei- Aufgabenstellung ist vorläufig abzubrechen. Rechentest. Diagnostikum für Dyskalkulie schätzt, die tatsächliche Kompetenz der Lehrlinge jedoch nen qualitativ hochwertigen Unterricht flächendeckend Es kann sofort an einem grundlegenden für das Ende der 4. Schulstufe bis Mitte der nur von knapp 19 % als sehr gut oder gut bewertet.“ (Höll- umzusetzen, wird es vermutlich eine Gruppe von Schüler- 5. Schulstufe. Bern: Huber, Hogrefe AG Operationsverständnis der Division gearbeitet werden. bacher 2009, S. 27) Innen geben, die den Anforderungen unserer Gesellschaft Schilcher, S. (2009), Lernstandsanalysen nicht entsprechen werden. Wir werden uns auf jeden Fall als Ausgangslage für den inklusiven Diese Einschätzungen durch UnternehmerInnen und Solche Arbeitssequenzen werden immer wieder durch der Frage stellen müssen, welchen Platz wir diesen Men- Mathematik-Unterricht – Offenes Lernen als AusbildnerInnen decken sich weitgehend mit den Er- intensive Gefühle und durch Aussagen wie „Ich kann halt schen zuweisen. Voraussetzung für Inklusion. Unveröffentlichte gebnissen von Voruntersuchungen von Lenart/Holzer/ Mathematik nicht“ unterbrochen. BAC-Arbeit an der KPH Graz Schaupp im Rahmen der Testentwicklung des ERT 8+. Der ERT 8+ ist ein gemeinsames Entwicklungs- und For- Insgesamt kann für diese SchülerInnengruppe angenom- schungsprojekt der KPH Graz und ISOP mit dem Ziel, Ba- men werden, dass anwendungsorientierte mathematische sisbildnerInnen ein ökonomisches und förderdiagnosti- sches Lernstandserfassungsinstrument für den Bereich Aufgabenstellungen nicht lösbar sind, weil grundlegende Konzepte aus der Volkschule nicht verfügbar, sondern bes- Der Autor Mathematik zur Verfügung zu stellen. tenfalls mechanisch reproduzierbar sind. Die meisten die- Dipl.Päd. Norbert Holzer Lehrbeauftragter an der KPH Graz für Didaktik ser SchülerInnen haben zudem aufgrund ihrer Lernbiogra- der Mathematik und den Akademielehrgang Bestätigt können diese Daten auch durch konkrete Erfah- fie das Vertrauen in ihr eigenes Denken verloren. „Förderung bei Legasthenie/Dyskalkulie“. Mitarbeiter rungen aus der Einzelförderung von Jugendlichen werden. an Forschungsprojekten zu Rechenschwäche/ Exemplarisch möchte ich hier eine Sequenz aus der Arbeit Dyskalkulie. Mitautor der Eggenberger Rechentests. mit einer Schülerin der Polytechnischen Schule wieder- Mitarbeiter des Regionalen Fachdidaktikzentrums geben. Die Einzelförderung wurde initiiert, da die Schü- für Mathematik und Geometrie lerin erfreulicherweise eine Zusage für eine Lehrstelle als KPH Graz Kfz-Mechanikerin hatte, aber dafür völlig unzureichende www.kphgraz.at mathematische Kenntnisse aufwies. Diese Schülerin war norbert.holzer@aon.at Seite 88 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 89
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    BILDUNG I Rath IBasisbildung und Gesundheit Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNG Soziale Ungleichheit (Unterschiede in Bildung, Berufsstatus, Einkommen) Unterschiede in Unterschiede Unterschiede den gesundheitlichen in den Bewältigungs- in der Belastungen ressourcen gesundheitlichen (z.B. Belastungen am (z.B. soziale Unterstützung) Versorgung Arbeitsplatz) (z.B. Arzt-Patient-Kommunikation) Otto Rath Unterschiede beim Gesundheits- und Krankheitsverhalten Gesamtkoordinator von In.Bewegung, ISOP GmbH (z.B. Ernährung, Rauchen, Compliance) otto.rath@isop.at Gesundheitliche Ungleichheit (Unterschiede in Morbidität und Mortalität) Quelle: Mielck 2000 (auf Basis von Elkeles/Mielck 1997) Basisbildung und Gesundheit sene mit geringer Basisbildung krank, hat deshalb keinen Arm und Reich — gesunde Gesellschaften Der Faktor Bildung im Kreislauf von sozialer Job oder ist privat unglücklich. Der Bildungsgrad ist auch nicht allein verantwortlich für soziale und gesundheitliche Untersuchungen zum Zusammenhang von Gesund- heit und sozialer Struktur der Gesellschaft führen zu ähn- und gesundheitlicher Ungleichheit Ungleichheit, daher reichen Maßnahmen im Bereich der Bil- lichen Erkenntnissen, wie wir sie aus soziologischen Stu- dung allein auch sicher nicht aus, um diese Ungleichheiten dien, etwa zur Arbeitslosigkeit oder Armut, und vor allem zu verändern. Maßnahmen müssen an mehreren Systemen auch aus bildungssoziologischen Untersuchungen kennen: Basisbildungsmängel stellen Menschen vor existenzbe- ziale Ungleichheit bewirkt auch Unterschiede in der Ver- ansetzen und aufeinander abgestimmt sein. Je weiter sich die Schere zwischen Armen und Reichen in drohende Schwierigkeiten. Der Artikel nimmt eine Be- sorgung, etwa in der Kommunikation zwischen Arzt und einer Gesellschaft öffnet, desto stärker kommt soziale Be- standsaufnahme des Zusammenhanges Basisbildung und Patient, wenn gesundheitsrelevante Informationen nicht In der Beschreibung der benachteiligten Bevölkerungs- nachteiligung zum Tragen. Die PISA-Studie zeigt, dass jene Gesundheit vor und lehnt sich dabei an ein Modell an, das beim Empfänger ankommen. Die genannten Faktoren be- gruppen ist es wichtig, horizontale und vertikale Merkmale Länder mit den geringsten Differenzen zwischen den bes- von der Wechselwirkung zwischen sozialer und gesund- einflussen darüber hinaus das Gesundheitsverhalten, je zu kombinieren. Unter vertikaler sozialer Ungleichheit wer- ten und den schlechtesten Leistungen insgesamt am bes- heitlicher Ungleichheit ausgeht (Mielck, 2005). Die ein- niedriger der soziale Status ist, desto gesundheitsriskanter den Unterschiede in Bildung, Beruf und Einkommen ver- ten abschneiden. zelnen Wirkungszusammenhänge dieses Modells werden ist das Verhalten: Die Lebensweise ist weniger gesundheits- standen, sie bewirkt eine Einordnung in eine soziale Hierar- an der Schnittstelle Basisbildung und Gesundheit fokus- fördernd, Anweisungen der Ärzte werden nicht verstanden chie. Horizontale soziale Ungleichheit bezieht sich auf Alter, Sozialer Zusammenhalt verbessert die Gesundheit, wie siert. Aus der Bestandsaufnahme werden mögliche Inter- und nicht befolgt, Vorsorgeuntersuchungen werden weni- Geschlecht, Nationalität, Familienstand etc. (Mielck, 2005, S. Autoren wie Marmot und Wilkinson immer wieder beto- ventionsmaßnahmen abgeleitet. ger in Anspruch genommen. In weiterer Folge manifestie- 8.) Spezifische Beschreibungen der Problemlagen werden nen: Sozialer Zusammenhalt – definiert als die Qualität der ren sich diese Parameter in gesundheitlicher Ungleichheit, erst durch dieses Vorgehen möglich – mangelnde Basisbil- sozialen Beziehungen und das Vorhandensein von Vertrauen, Der Kreislauf von sozialer und die ihrerseits weitere soziale Ungleichheit bedingt. dung wirkt etwa bei Migrant/innen noch stärker benachtei- gegenseitigen Verpflichtungen und Respekt in der Gemein- gesundheitlicher Ungleichheit ligend als bei Personen mit deutscher Muttersprache. schaft oder in der Gesellschaft – hilft, die Menschen und ihre Soziale Ungleichheit lässt sich über die Parameter Bil- Bildung wirkt in diesem Kreislauf durch die systemischen Gesundheit zu schützen. Ungleichheit führt zum Zerfall gu- dung, Berufsstatus und Einkommen und deren systemi- Zusammenhänge mit Berufsstatus und Einkommen, unter Auch wenn in der soziologischen Diskussion betont wird, ter sozialer Beziehungen. Gesellschaften mit großen Ein- sches Zusammenwirken darstellen. Diese Ungleichheit anderem über den Faktor Arbeitslosigkeit, spielt aber auch dass keine klar unterscheidbaren sozialen Schichten mehr kommensunterschieden verfügen über geringeren sozialen führt zu unterschiedlichen Belastungen einerseits und zu an den einzelnen beschriebenen Elementen des Kreislaufs vorhanden sind, lässt sich nachweisen, dass Personen aus Zusammenhalt und erleben mehr Kriminalität. Ein großes unterschiedlichen Bewältigungsressourcen in Bezug auf von Armut und Krankheit eine Rolle, indem sie Schwierig- den unteren Statusgruppen kränker sind und kürzer leben. Maß an wechselseitiger Unterstützung schützt die Gesund- Gesundheit andererseits, wobei es nicht nur um die objek- keiten verstärkt: So ist Bildung etwa eine wichtige Ressource, Empirische Erhebungen legen nahe, dass mangelnde Basis- heit, wohingegen der Zusammenbruch von sozialen Bezie- tiven Belastungen des Menschen geht, sondern auch um die die Bilanz mit den Belastungen positiv verändern kann, bildung hauptsächlich in den unteren Statusgruppen vor- hungen als Folge wachsender Ungleichheit das Vertrauen seine Möglichkeiten, mit diesen Belastungen umzugehen. Bildung spielt auch eine zentrale Rolle in der Arzt-Patienten- kommt, und die Kombination aus schlechter Bildung, Leben beeinträchtigt und das Ausmaß an Gewalt erhöht. (Marmot Mit anderen Worten: Entscheidend ist die Bilanz aus ge- Beziehung. Menschen mit geringer Bildung tragen also ein an der Armutsgrenze und Krankheit definiert de facto eine & Wilkinson, S. 27f.) sundheitlicher Belastung und Bewältigungsressourcen. So- höheres Gesundheitsrisiko. Trotzdem ist nicht jeder Erwach- sozial benachteiligte Schicht in unserer Gesellschaft. Seite 90 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 91
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    BILDUNG I Rath IBasisbildung und Gesundheit Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNG Unterschiede in den Belastungen nagerkrankheit. Soziale und psychologische Umstände sierte und überdauernde Einstellungsdisposition, wonach der erwachsenen Bevölkerung in den Vereinigten Staaten Die jährlich erscheinenden Statistiken zur Armutsge- können langfristig Stress hervorrufen. Andauernde Sor- man den Herausforderungen des Lebens gewachsen ist) nicht ausreichen, um Gesundheitsinformationen zu ver- fährdung in Österreich weisen sich kaum verändernde gen, Unsicherheit, geringe Selbstachtung, soziale Vereinsa- mit der sozialen Schicht, wird stärker mit dem Alter, bei stehen und entsprechend zu handeln. Wolf definiert Health Problemlagen aus. Ein wesentlicher Faktor, der mit ei- mung und fehlende Möglichkeiten, am Arbeitsplatz, selbst- Männern mit besserer sozialer Position. Literacy folgendermaßen: „... the degree to which indivi- ner hohen Armutsgefährdung einhergeht, ist die Bil- bestimmt arbeiten zu bekommen, atypische/unsichere duals have the capacity to obtain, process and understand dung. Personen mit nur Pflichtschulabschluss haben Beschäftigungsverhältnisse wirken sich einschneidend auf Der oft geäußerte Verdacht, dass Menschen mit geringer basic information and services needed to make appropri- ein Armutsrisiko von 18 %. (www.armutskonferenz.at/ den Gesundheitszustand aus. Diese psychosozialen Risi- Basisbildung und statusniedrigere Personen allgemein we- ate decisions regarding their health. […] Reading ability is aktuelle_Zahlen_zu_Armut_06_03.doc accessed 18.12.2009) ken akkumulieren sich im Laufe des Lebens und machen es niger soziale Unterstützung geben/erhalten als statushö- one of the most fundamental components of health liter- wahrscheinlicher, dass die Menschen psychisch erkranken here, lässt sich allerdings nicht belegen. In der Arbeit mit acy.” (Wolf et al., 2005, S. 1947) Begrenzte Health Literacy Mit niedrigem Qualifikationsniveau korreliert gesund- und vorzeitig sterben.[…] Für die Industrieländer gilt, dass Menschen mit geringer Basisbildung trifft man häufig auf war schon vorher in den Zusammenhang mit der Inan- heitsriskante Beschäftigung – durch die hohe physische diese Gesundheitsprobleme um so häufiger zu beobachten Menschen, die über ein funktionierendes soziales System spruchnahme von vorsorgenden Maßnahmen, verzöger- und psychische Belastung: Körperlich schwere Tätig- sind, je weiter unten jemand gesellschaftlich rangiert. (Wil- verfügen. In der Arbeit mit dieser Gruppe wird diese Res- ter Diagnostik, dem Verständnis des eigenen Gesundheits- keiten mit einer hohen Gefahr von Abnützung und Ver- kinson, Marmot S. 13) source noch zu wenig wahrgenommen und könnte wesent- zustandes, dem Befolgen ärztlicher Anweisungen und den schleiß, mangelndes Bewusstsein für notwendige Sicher- lich besser genutzt werden. Selbstmanagement-Fähigkeiten gebracht worden. Geringe heitsvorkehrungen etc. führen häufig zu Krankheiten, Unterschiede in den Ressourcen Health Literacy war auch mit höheren Kosten des Gesund- etwa des Stützapparates. Lange Zeit war der Bauarbeiter, Aus dem oben Gesagten ergibt sich, dass Menschen mit Grundsätzlich lässt sich allerdings schon beobachten, heitssystems in Verbindung gebracht worden. Die Ergeb- der mit 40 Jahren aufgrund der körperlichen Abnützung geringer Basisbildung hohen gesundheitlichen Belastun- dass diese Gruppe durch die prekären Arbeitsverhältnisse nisse der Studien von Wolf et al. bestätigten diese Annah- nicht mehr in der Lage ist, seinen Beruf auszuüben, ein gen ausgesetzt sind. Nach dem Modell von Mielck spielen und durch das Armutsrisiko in großer Gefahr schwebt, die men: Menschen, denen es an Health Literacy mangelt, Paradebeispiel für das Phänomen des „sekundären An- aber nicht die Belastungen allein, sondern auch die Res- vorhandenen sozialen Ressourcen zu verlieren, und es gibt leiden deutlich häufiger an chronischen Erkrankungen und alphabetismus“: Körperlich eingeschränkt und arbeits- sourcen eine wesentliche Rolle. Mielck räumt in diesem einige Hinweise darauf, dass diese Menschen weniger in Behinderungen, verfügen über weniger „Gesundheitswis- los wird eine Umschulung des AMS notwendig, dort stellt Zusammenhang ein, dass es zum Einfluss der Ressourcen das soziale Leben ihrer Community integriert sind, bei- sen“, haben schlechtere Selbstmanagement-Fähigkeiten, sich heraus, dass er sein ganzes Berufsleben lang nicht auf den gesundheitlichen Status noch wenig an empiri- spielsweise seltener Mitglieder in Vereinen und kommuna- achten weniger auf Prävention und sind häufiger im Spital. mit Schrift in Berührung gekommen ist und daher ver- schen Untersuchungen gibt. So ist beispielsweise. nahelie- len Gruppen sind. Die Schweizer Studie „Lesen und rech- lernt hat, zu lesen und zu schreiben. gend, dass soziale Unterstützung oder der „Sense of Cohe- nen im Alltag“ führt als Aktivitäten der Partizipation u.a. Mit dem Thema Health Literacy ist die Frage der gesund- rence“ wesentlichen Anteil an der Gesundheit haben, der an: Besuch von bzw. Teilnahme an kulturellen und sport- heitlichen Versorgung direkt verbunden. Diese Probleme Ein hohes Gesundheitsrisiko ergibt sich allerdings auch wissenschaftliche Nachweis ist noch zu führen. lichen Anlässen, politische Partizipation, Verfolgen von Ta- setzen aber nicht nur bei den Patient/innen an, sondern aus dem „Job-strain“. Damit wird eine spezifische Ar- gesaktualitäten, religiöse Gruppen, politische Organisati- auch beim Gesundheitssystem und bei den Ärzt/innen. beitsbelastung beschrieben, die hohe Anforderung und Die Gesundheitsförderung und die Erwachsenenbildung onen, Vereinstätigkeit und Freiwilligenarbeit. (ALL, 2006, niedrigen Handlungsspielraum kombiniert. „In mehre- sind sich einig, dass ein wesentliches Instrument im Kampf S. 84) Diese Studie zeigt: je höher die Bildung und das Ein- Unterschiede in der Information ren empirischen Studien konnte belegt werden, dass die- gegen soziale und gesundheitliche Ungleichheit die Kon- kommen, desto aktiver sind die Menschen in Vereinen und Die Erwachsenenbildung kann empirisch zeigen, dass ser „Job-strain“ ein wichtiger Risikofaktor für koronare zentration auf die Ressourcen ist. Sowohl Bildungsmaß- Gruppen. Sie belegt auch, dass Menschen mit ungenügen- Menschen mit geringer Basisbildung schwerer an Infor- Herzkrankheiten ist, ...“ (Mielck, 2005, S. 50) Mielck zi- nahmen als auch Maßnahmen der Gesundheitsförderung den Lesekompetenzen in geringem Umfang in Gruppen mationen zur Gesundheit kommen als besser Gebildete. tiert in diesem Zusammenhang einen Ansatz zur Erklä- fokussieren die Stärkung der Ressourcen und meinen da- aktiv sind. Es wird als Hinweis auf soziale Isolation gedeu- Mangelnde Health Literacy zeigt sich u.a. in der Unfähig- rung der koronaren Herzkrankheiten, die die „berufliche mit nicht nur die individuellen, sondern auch die struktu- tet, dass 46,8 % auf Kompetenzniveau 1 (das niedrigste Ni- keit, einen Beipacktext zu verstehen, eine Tatsache, die Gratifikationskrise“ in den Mittelpunkt stellt, die Diskre- rellen Ressourcen. Über geringe individuelle Ressourcen veau von 5) in keiner Gruppe aktiv sind. der International Adult Literacy Survey am Beispiel des panz zwischen hoher beruflicher Verausgabung und nied- verfügen die niedrigste Ausbildungsgruppe (Pflichtschul- Aspirin-Beipacktextes gezeigt hat. Menschen mit gerin- riger Belohnung. Wilkinson und Marmot weisen in Bezug absolvent/innen und Erwachsene mit geringer Basisbil- Health Literacy ist eine weitere zentrale Ressource. Sie be- ger Basisbildung sind aber darüber hinaus auch nur sehr auf Arbeitsplatzstudien darauf hin, dass Selbstbestimmung dung), die niedrigste berufliche Ebene, die niedrigste Ein- zeichnet „die kognitiven und sozialen Kompetenzen, die eingeschränkt in der Lage, Informationen des Gesund- am Arbeitsplatz ein wesentlicher Faktor der Gesundheit kommensschicht sowie Migrant/innen und Ausländer/ die Motivation und Fähigkeit der Individuen bestimmen, heitssystems, Informationen der Gesundheitsförderung ist: Wenn man am Arbeitsplatz nur wenig Entscheidungs- innen. Als wesentliche individuelle Ressourcen werden Zugang zu Informationen zu finden, diese Informationen und allgemeine Informationen zur Gesundheit – und seien spielraum hat, läuft man verstärkt Gefahr, Rückenschmer- persönliche Kompetenzen, Selbstsicherheit, Steuerungs- zu verstehen und zu gebrauchen auf eine Art, die dazu bei- es trivialisierte Informationen auf den Gesundheitsseiten zen zu bekommen, häufig krank zu sein und an Herz-Kreis- möglichkeiten, persönliche Einstellungsdispositionen und trägt, eine gute Gesundheit zu fördern und zu bewahren“. der Zeitungen – zu bekommen. Ein weiteres Paradoxon, lauf-Krankheiten zu erkranken. Diese Risiken sind offenbar die spirituelle Dimension betrachtet. (WHO) Gemeint ist, dass Personen in der Lage sind, bei- dem sich Erwachsene mit geringer Basisbildung stellen unabhängig vom psychologischen Profil der Untersuchten. spielsweise die am Beipackzettel gemachten Angaben zu müssen: Sie haben ein höheres Gesundheitsrisiko, werden (Wilkinson & Marmot, S. 21) Bildung wird vor allem von den ohnehin schon besser verstehen und auch motiviert sind, sich dementsprechend aber von der Gesundheitsförderung weniger erreicht. „[...] Gebildeten als Ressource genutzt. Je niedriger der Bil- zu verhalten. Menschen mit geringer Basisbildung verfü- höher Gebildete und besser Qualifizierte informieren sich Der Arbeitskontext selbst kann für Menschen mit geringer dungsabschluss, desto niedriger die Beteiligung an Bil- gen nur eingeschränkt über ausreichende Gesundheits- häufiger über Gesundheit. Informationsquellen sind in ers- Basisbildung äußerst belastend sein, nicht nur durch das dungsprozessen. Statistik Austria zeigt, dass Menschen mündigkeit (Health Literacy) und sind für gesundheitsbe- ter Linie Zeitungen, Zeitschriften und Bücher sowie Radio oben beschriebene Risiko infolge hoher körperlicher Be- mit maximal Pflichtschulabschluss seltener an Kursen zogene Themen nicht sensibilisiert. Lesenkönnen ist eine und Fernsehen. ( Freidl, 2001, S. 27) Gesundheitserziehung lastung und den Job-strain, sondern auch durch den Stress, und Schulungen teilnehmen. Im Jahr 2006 haben 5,1 % der zentrale Komponente der Health Literacy. ALL zeigte, dass bzw. -aufklärung erfolgt nach wie vor schriftlich auf einem der durch (drohende) Arbeitslosigkeit und dem damit ver- Bevölkerung mit maximal Pflichtschulabschluss inner- schlechte Lesekompetenzen sich über mangelnde Infor- Niveau, das Erwachsene mit schlechten Lesekompeten- bundenen Armutsrisiko ausgelöst wird. Belastende Fakto- halb der letzten vier Wochen an Kursen oder Schulungen mation negativ auf die Gesundheit auswirken oder beste- zen nicht verstehen. Daher profitiert die gesellschaftliche ren resultieren weiters aus der Zugehörigkeit zur untersten teilgenommen. Der Schnitt liegt bei 13,1 %. (Statistik Aus- hende Krankheiten verlängern. (ALL 2006, S. 90) Gruppe, die diese Vorsorge am nötigsten braucht, am we- sozialen Schicht und dem damit häufig verweigerten Zu- tria, 2008.) Als weitere Ressource, die mit steigendem Bil- nigsten. Gesundheitsvorsorge braucht Grundbildung. gang zu sozialer Anerkennung und dem Mangel an sozialer dungsgrad und mit höherer Bildung stärker wird, gilt die Den Zusammenhängen von Health Literacy und Gesund- Zufriedenheit. Überzeugung, sein Leben selbst steuern zu können, etwa heitsstatus gingen Michael Wolf et al. nach, die Ergebnisse Es lässt sich an dieser Stelle eine weitere Parallelität zwi- auf die eigene Gesundheit selbstständig einwirken oder wurden 2005 publiziert. Ein Ausgangspunkt war die Bil- schen Bildung und Gesundheit festmachen: Gut gebildete Der Stress ist ungleich verteilt, entgegen der landläufi- seinen Arbeitskontext selbst steuern zu können. Ebenso dungsstudie National Adult Literacy Survey, in der konsta- Menschen nehmen eher weitere Bildungsangebote in An- gen Meinung handelt es sich dabei nicht nur um eine Ma- steigt der Kohärenzsinn (nach Antonovsky die generali- tiert wurde, dass die Lese- und Rechenkenntnisse von 48 % spruch, höher Gebildete und besser Qualifizierte infor- Seite 92 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 93
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    BILDUNG I Rath IBasisbildung und Gesundheit Basisbildung und Gesundheit I Rath I BILDUNG mieren sich häufiger über Gesundheit. In beiden Fällen ziale Ungleichheit wirkt sich auf unterschiedliche gesund- Die Erwachsenenbildung und das Bildungssystem ins- höht auch die Effizienz von Maßnahmen der Gesundheits- spielt die Art der Information eine zentrale Rolle: Sowohl heitliche Belastungen aus: Je niedriger die soziale Schicht gesamt könnten einen vernünftigen Beitrag auf der Ebene förderung und verhindert eine unbeabsichtigte Öffnung das klassische Angebot der Erwachsenenbildung als auch ist, desto höher ist die Belastung. Bei Menschen aus den un- der Ressourcen leisten und zwar sowohl auf der individu- der Schere durch Gesundheitsförderung. Basisbildung die Gesundheitsförderung richten sich – mehr oder weni- teren sozialen Schichten ist häufig nicht nur die Belastung ellen Ebene, durch Stärkung der Ressource Bildung, als und Gesundheitsförderung haben nicht nur die Heraus- ger unbewusst – an die Mittelschicht, diese Angebote tra- sehr hoch, sondern es ist auch die Bilanz zwischen den Be- auch auf der Ebene der Umwelt, durch Bildungsmaßnah- forderung zu bewältigen, durch eine Fokussierung der Mo- gen dadurch nolens volens zu einer weiteren Öffnung der lastungen und den Ressourcen negativ. Menschen aus unte- men und Maßnahmen im Bereich Capacity Building (ein tive und Nutzenerwartungen den Zugang zur Zielgruppe gesellschaftlichen Schere bei. Menschen der unteren Sta- ren sozialen Schichten verfügen häufig nicht über die zent- Zugang, der sich sowohl in der Gesundheitsförderung als zu finden, sondern auch kompatible Vorstellungen, was tusgruppen brauchen andere Botschaften, andere Medien rale Ressource Bildung. Gleichzeitig gibt es Unterschiede in auch in der Literalisierung wiederfindet: Capacity Building mögliche Maßnahmen betrifft. Auch in der Verbesserung und schließlich auch ein anderes Angebot. Dies bedeutet der medizinischen Versorgung, einerseits durch mangelnde ist eine Strategie der UNESCO im Rahmen der Literacy De- der Kommunikation mit den sozial Benachteiligten bie- wesentlich mehr Aufwand und ist in der Folge auch kos- Health Literacy, die im ursächlichen Zusammenhang mit cade 2003-2012). ten sich gemeinsame Arbeitsfelder an. So könnte man sich tenintensiver. Der Grund für den lückenhaften Informa- mangelnden Lesekompetenzen steht, aber auch durch eine dem notorischen Problem des Beipacktextes auf unter- tionsfluss liegt nicht nur an der mangelnden Kompetenz nicht zielgruppenorientierte Kommunikation des Gesund- Zusammenhänge zwischen niedriger Bildung und Ge- schiedliche Weise gemeinsam nähern, über die Textierung, der Menschen mit geringer Basisbildung. Der Mangel an heitssystems mit den Menschen. Alle diese Faktoren haben sundheit sind vielfältig und systemisch verbunden. Zum Schriftgröße, die Verwendung von Piktogrammen bis hin sprachlichen, interkulturellen und sozialen Kenntnissen in einen Einfluss auf das Gesundheitsverhalten, das in unteren Nutzen der Betroffenen ist es besser, auch Unterstützungs- zu innovativeren Lösungen wie die Nutzung von Handys präventiven, kurativen und rehabilitiven Gesundheitsein- sozialen Schichten tendenziell riskanter ist. angebote systemischer anzulegen als bisher. Das erfordert und Bilderkennungstechnologie kombiniert mit Audiosoft- richtungen stellt eine zusätzliche Hürde dar. stärkere Synergien zwischen den Systemen Bildung, Ge- ware. Natürlich könnte man auch die Ärzt/innen und Apo- Maßnahmen sundheit, Arbeit. Zu oft ist der Zusammenhang von Bildung theker/innen sensibilisieren. Sie haben dasselbe Problem Unterschiede im Verhalten Benachteiligungen ziehen soziale Folgekosten nach sich, und Gesundheit weder den Entscheidungsträger/innen wie sehr viele andere Multiplikator/innen: Sie kommen Je geringer der soziale Status, desto häufiger ist auch ge- Ungleichheit schwächt nicht nur das soziale Gefüge und und Multiplikator/innen in regionalen und kommunalen gar nicht auf die Idee, dass der Mensch, dem sie gerade ein sundheitsriskantes Verhalten zu beobachten. Der Wiener schadet der Gesundheit, sondern erhöht auch die Verbre- Strukturen noch den Betroffenen selbst klar. Die Erwach- Arzneimittel verschreiben oder verkaufen, sie gar nicht ver- Gesundheits- und Sozialsurvey zeigt, wie andere Studien chensraten und die Gewaltbereitschaft. Die negativen so- senenbildung hat in diesem Zusammenhang die Möglich- steht. Dies betrifft natürlich nicht nur den Beipacktext, dies auch, dass Nikotingenuss und soziale Schichtung Korre- zialen Auswirkungen, die sich auch an den Schnittstellen keit, die Ressourcen Bildung und Know-how bei allen be- betrifft vor allem auch die Frage einer verständlichen Diag- lationen aufweisen: Untere Bildungs- und Berufsgruppen Arbeit, Bildung und Gesundheit zeigen, würden nahelegen, teiligten Personengruppen zu stärken. nose und den daraus folgenden Interventionsmaßnahmen. rauchen mehr, was sich in Wien beispielsweise darin zeigt, dass gegensteuernde Maßnahmen dahingehend angelegt Vielleicht geht es in vielen Fällen weniger um Compliance dass die Gruppe der Raucher/innen in Arbeiter/innenbe- sein müssten, dass sich die Schere zwischen den gesell- Die in der Ottawa-Charta der WHO (1986. Ottawa-Charta als um simples Verstehen. zirken mit höherem Ausländer/innenanteil am größten ist. schaftlichen Extremen schließt. „Betrachtet man eine Reihe zur Gesundheitsförderung) entwickelte Strategie „Gesund- unterschiedlicher Beispiele für gesunde, sozial ausgewogene heitsförderung“ zielt darauf ab, Menschen ein höheres Maß Letztlich bleiben die angerissenen Maßnahmen unwirk- Nicht jedes Suchtverhalten korreliert mit sozialer Schicht. Gesellschaften, so scheinen sie alle ein wichtiges gemeinsa- an Selbstbestimmung über ihre Gesundheit zu ermögli- sam und soziale Benachteiligung bleibt bestehen, solange Mielck zitiert Studien, die zeigen, dass sich Alkoholsucht mes Merkmal aufzuweisen – sie alle verfügen über sozialen chen und sie zur Stärkung ihrer Gesundheit zu befähigen. die Maßnahmen des Bildungs- und Gesundheitssystems quer durch alle Schichten zieht, es also keinen signifikan- Zusammenhalt. Sie haben ein ausgeprägtes Gemeinschafts- Damit dies möglich wird, müssen ihre Ressourcen stärker nicht eingebettet werden in systemisch angelegte politi- ten Zusammenhang zwischen sozialer Lage und Alkohol- leben. [...] Der Individualismus und die Werte des Marktes wahrgenommen und erweitert werden. Die Strategie „Ge- sche Maßnahmen, etwa in den Bereichen Beschäftigung konsum gibt. Vgl. Mielck, 2005, S. 65f.) werden von einer sozialen Ethik eingedämmt.“ (Wilkinson, sundheitsförderung“ geht von den Grundsätzen Empow- und Armutsbekämpfung. Eine gesunde Gesellschaft, in der 2001, S. 5) „Unter den entwickelten Ländern weisen nicht erment, Vernetzung, Partizipation, Chancengleichheit und es ausreichend gut ausgebildete Menschen gibt, die eine Bei der Vorsorgeuntersuchung zeigt sich ein klareres Bild: die reichsten den besten Gesundheitszustand auf, sondern Nachhaltigkeit aus und schafft damit Schnittstellen zur Er- High Road Economy umsetzen können, und die als ge- Frauen und Männer mit Lehr- oder Universitätsabschluss jene, in denen die Einkommensunterschiede zwischen Reich wachsenenbildung. Menschen mit geringer Basisbildung sunde Gesellschaft soziale Sicherheit gewährleisten kann, waren im letzten Jahr je zu 30 % bei einer Vorsorgeunter- und Arm am geringsten sind. Ungleichheit und relative Ar- haben das Gefühl, einen geringen Einfluss auf externe Fak- ist als nachhaltiger Wirtschaftsstandort attraktiv. suchung, wohingegen die Hälfte der Männer mit Pflicht- mut zeitigen absolute Auswirkungen: sie erhöhen die Sterbe- toren zu haben. Je geringer die Basisbildung ist, desto we- schulabschluss noch nie an einer Vorsorgeuntersuchung raten.“ (Wilkinson, S. XIX) niger können sie ihre soziale Umwelt als rational versteh- „Wenn es zweckmäßig ist und gelingen soll, dass sich die teilgenommen hat. Über 50 % waren in den letzten fünf bar, geordnet, strukturiert, konsistent und vorhersehbar Einkommens- und Vermögensschere in Österreich nicht wei- Jahren fünfmal oder öfter bei Zahnärzt/innen – mit Aus- Maßnahmen zur sozialen Integration können nicht nur einschätzen, desto weniger haben sie das Gefühl, über aus- ter öffnet, wodurch zunehmender sozialer und politischer nahme der Personen mit Pflichtschulabschluss: 15 % von am Individuum angesetzt werden, wenn man nachhal- reichend Ressourcen zu verfügen, die zur Bewältigung ei- Sprengstoff entsteht, dann ist ein breites Bekenntnis zu einer ihnen haben in den vergangenen 5 Jahren keinen Zahn- tige Verbesserungen erzielen möchte, diese Forderung be- ner Aufgabe/eines Problems notwendig/adäquat sind, und gerechten Verteilung des gemeinsam Erwirtschafteten erfor- arzt konsultiert. (Freidl, 2001, S. 28.) Einen Zusammenhang trifft sowohl das Gesundheits- als auch das Bildungssystem. desto weniger können sie eine Situation als Herausforde- derlich, zu einer neuen Kultur des Teilens, der Rücksicht- zwischen sozialer Schicht und Gesundheitsverhalten zeigt Mielck stellt dar, dass Maßnahmen zur Verringerung der rung einschätzen. Mit anderen Worten: ihre Gesundheit nahme auf und Solidarität mit Schwächeren in der Gesell- sich beim Thema Ernährung und Bewegung. Obere und gesundheitlichen Ungleichheit beim Individuum ansetzen leidet in den von Antonovsky beschriebenen Bereichen schaft, eines respektvollen Umgangs mit Mensch und Natur. mittlere Schichten beachten Empfehlungen zu gesunder können – ein Zugang, der bislang hauptsächlich genutzt der comprehensibility, der manageability und der me- „(Armuts- und Reichtumsbericht 2004, S. 90) Ernährung häufiger: weniger Innereien, häufiger Salat, ro- wurde –, oder aber an der Umwelt. Beide Ansatzpunkte ha- aningfulness. Mit dem Konzept der Kontrollüberzeugung hes Gemüse, Müsli. Untere soziale Schichten ernähren sich ben dabei eine Belastungsdimension – das Ziel ist es, die gesprochen, dominiert eindeutig die externe über die in- riskanter: Butter, Zucker, Kartoffeln, Fleischprodukte wer- Belastungen zu verringern – und eine Ressourcendimen- terne Kontrollüberzeugung, das bedeutet, sie glauben eher den stärker verwendet. Sportliche Betätigung hat dagegen sion, diese sollen gestärkt werden. Die Studie „Soziale Un- nicht daran, dass sie ihr Schicksal selbst in der Hand haben weniger Wert: Personen nahe oder unter der Armutsgrenze gleichheit und Gesundheit“ fordert Maßnahmen auf meh- und selbst mit ihrem Einsatz darüber entscheiden können, betätigen sich seltener sportlich. (Vgl. Mielck, 2005, S. 60– reren Ebenen: „Besonders wichtig ist es daher, anhaltende ob sie Ziele erreichen oder nicht. Vielmehr sehen sie sich 63; Freidl, S. 26f.) Armut, Langzeitarbeitslosigkeit sowie dauerhafte Über- in Abhängigkeit von externen Faktoren wie dem Schicksal, schuldung als bedeutsame krankheitsverursachende Fak- von anderen Personen etc. Die vorangegangenen Ausführungen folgen der These, toren zu erkennen, und diese ursächlichen Determinanten dass Bildung und Gesundheit eng zusammenhängen: Bil- zu bekämpfen. [...] Von gleichrangiger Bedeutung sind sozi- Wie Alfred Berndl in dieser Publikation ausführt, werden dung wird als ein Parameter der sozialen Ungleichheit be- ale Maßnahmen wie etwa das Beibehalten des allgemeinen Maßnahmen der Basisbildung nur angenommen, wenn sie trachtet, gemeinsam mit den Faktoren Einkommen und Bildungsniveaus oder Verbesserungen der Wohnsituation, aus den Bedürfnissen der Zielgruppe heraus und nicht aus Berufsstatus, wobei mangelnde Bildung sehr häufig niedri- da diese das Gesundheitsverhalten positiv beeinflussen.“ den Motiven der Anbieter entwickelt werden. Dieser radi- gen Berufsstatus und hohes Armutsrisiko bewirkt. Diese so- (Pochobradsky, 2002, S.V) kal zielgruppenorientierte und aufsuchende Zugang er- Seite 94 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 95
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    BILDUNG I Rath IBasisbildung und Gesundheit Literatur Amtsblatt der Europäischen Gemeinschaften OECD (1995), Literacy, Economy vom 21.11.2002, Analphabetismus und and Society. Results of the first soziale Ausgrenzung. C284E/343ff. Online im International Literacy Survey. Paris. Internet: http://eur-lex.europa.eu/LexUriServ/ OECD (1997), Literacy Skills for the LexUriServ.do?uri=OJ:C:2002:284E:03 Knowledge Society. Further Results from the 43:0346:DE:PDF (accessed 30.10.2008). International Adult Literacy Survey. Paris. Arbeitsmarktservice Österreich (August Pochobradsky E. / Habl C. / Schleicher B. 2008), Arbeitsmarkt und Bildung. (2002), Soziale Ungleichheit und Wien. www.ams.at/_docs/001_am_ Gesundheit. Hrsg. vom Österreichischen bildung_0908.pdf (accessed 30.10.2008). Bundesinstitut für Gesundheitswesen. Wien. Bundesamt für Statistik (2006), Lesen und Statistik Austria (Hrsg.) (2006), Einkommen, BESCHÄFTIGUNG Rechnen im Alltag. Grundkompetenzen von Armut und Lebensbedingungen. Erwachsenen in der Schweiz (ALL). Nationaler Ergebnisse aus EU-SILC 2004. Bericht zur Erhebung. Neuchatel 2006. Statistik Austria (2008), Bildung in Europäischer Rat (2000), 23. und 24. März Zahlen 2006/07. Schlüsselindikatoren 2000. Schlussfolgerungen des Vorsitzes. und Analysen. Wien 2008. Marion Höllbacher Online im Internet: www.europarl.europa.eu/ summits/lis1_de.htm [Stand 15.5.2007] Steiner M. (2006), Empirische Analyse für die Programmplanung ESF 2007–2013. Peter Härtel Isabella Freidl W. / Stronegger W.-J. / Neuhold C. (2001), Studie im Auftrag des bm:bwk, Wien. Gesundheit in Wien. Wiener Gesundheits- und Sozialsurvey. Hrsg. vom Magistrat der Stadt Wien. WHO (2004), Soziale Determinanten von Haider G. / Schreiner C. (2006), Die PISA-Studie. Wien: Böhlau. Gesundheit. Die Fakten. Redigiert von Wilkinson, Richard; Marmot, Michael. Penz Christina Wimmer Christian Wretschitsch Zweite Ausgabe, Kopenhagen. Höferl A. / Pöchhacker P. (2004), Armuts- Wilkinson R. G. (2001), Kranke und Reichtumsbericht für Österreich. Gesellschaften. Soziales Gleichgewicht Österreichische Gesellschaft für Politikberatung und Gesundheit. Wien und New York. und Politikentwicklung. www.diezukunft. at/media/diezukunft/de_at/cover/ Wolf M. S. / Gazmararian J. A. / Baker D. W. Armutsbericht.pdf. [accessed 30.10.2008] (2005). Health Literacy and Functional Health Status among Older Adults. In: Mielck A. (2005), Soziale Ungleichheit Arch Intern Med, Vol 165, September 26 und Gesundheit. Einführung in die 2005, S. 1946-1952. (Download von www. aktuelle Diskussion. Bern: Huber. archinternmed.com am 27.9.2008). Negt O. (2007), Gewerkschaften vor neuen Zilian, H. J. (2007), Unglück im Glück. Überleben bildungspolitischen Herausforderungen. in der Spaßgesellschaft. (Bibliothek der Unruhe Vortrag im Rahmen der Konferenz und des Bewahrens, Bd II) Graz: Styria „Perspektive:Bildung am 9. März 2007 in Wien. Der Autor Mag. Otto Rath geboren 1963, Studium Germanistik und Anglistik. Trainer und Teacher Trainer für Deutsch als Fremdsprache in der Slowakei, Ungarn und Österreich. Lektor an der Technischen Universität Budapest. Mitbegründer des österreichischen Netzwerks für Basisbildung und Alphabetisierung. Bildungsmanager. Koordinator des Netzwerks Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich. ISOP GmbH www.alphabetisierung.at otto.rath@isop.at Seite 96 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 97
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    BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel IAufnahmekriterien Aufnahmekriterien I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG /H Eine wesentliche Grundlage dafür ist die „Basisbildung“, der Befragung und retournierten die ausgefüllten Fragebö- also die sichere Beherrschung jener grundlegenden Fertig- gen, dies ergibt eine Beteiligung an der Befragung von 13 %. keiten und Fähigkeiten, auf die jede weitere Bildung auf- bauen kann und muss. Dazu zählen sowohl der Umgang In Abstimmung mit Dr. Krainer und Fr. Stiger, Lehrlings- mit Wort und Schrift, mit Zahlen sowie die sogenannten stelle der Wirtschaftskammer Steiermark, wurden 30 un- „Schlüsselqualifikationen“, also persönliche und soziale Ei- terschiedliche Lehrberufe ausgewählt. Berücksichtigung genschaften, die man – nicht nur – im beruflichen Umfeld fanden dabei Lehrberufe, in denen steiermarkweit jeweils benötigt. mehr als 50 Lehrlinge ausgebildet werden. Nicht zuletzt hat PISA aufgezeigt, dass vielfach gravie- Lehrlinge nach Betriebsgröße rende Defizite bestehen, die vielen jungen Menschen des- Im Zuge der Erhebung wurde darauf geachtet, dass lehr- halb den Weg in weitere Ausbildungswege verbauen, da sie lingsausbildende Betriebe aller relevanten Betriebsgrö- den Anforderungen, die eine berufliche Ausbildung heute ßen (nach Anzahl der Beschäftigten) Berücksichtigung stellt, nicht ausreichend entsprechen. finden. Ohne den Anspruch einer exakten Entsprechung zur steirischen Betriebsgrößenverteilung zu erheben, gibt Die Entwicklung von Bildungsstandards in der Schule die Struktur der erfassten Ausbildungsbetriebe die steiri- bietet nun einen hervorragenden Ansatzpunkt, die Ergeb- sche Ausbildungslandschaft gut wieder. Ca. zwei Drittel nisse schulischer Bildungsarbeit mit den Anforderungen der erfassten Betriebe befinden sich in der Kategorie bis Marion Höllbacher Peter Härtel der betrieblichen Berufsausbildung zu vergleichen und da- 49 Beschäftigte, ca. ein Drittel darüber. Die generelle Auf- Teilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung; Geschäftsführer der Steirisch raus Schlüsse für die weitere Verbesserung der Vorberei- teilung männlich/weiblich entspricht mit ca. 70 % männ- Steirisch Volkswirtschaftliche Gesellschaft Volkswirtschaftlichen Gesellschaft tung und der Übergänge junger Menschen, von der Schule lich zu ca. 30 % weiblich ziemlich genau der Ausbildungs- marion.hoellbacher@stvg.com ph@stvg.com in Ausbildung und Beruf, abzuleiten. situation insgesamt. Hintergrund zur Studie Lehrberufe im Trend Im Zuge der Vorbereitung der Erhebung wurde in Zusam- Ausgangssituation menarbeit mit der Wirtschaftskammer darauf Wert gelegt, Jährlich verlassen in Österreich rund 16.000 Jugendli- nicht nur den häufigst gewählten Lehrberufen gerecht zu che die Pflichtschule ohne ausreichende Kompetenzen werden, sondern darüber hinaus gezielt Berufe anzuspre- Aufnahmekriterien in Lesen, Schreiben und Rechnen, um damit weitere Bil- chen, die Ausbildungsplätze bieten können, Zugangsmög- dungs- und Ausbildungsprozesse stützen und entwickeln lichkeiten eröffnen und, insbesondere in Hinblick auf die zu können. Damit werden sie auch den Anforderungen der Genderherausforderung, Mädchen Zugang zu nicht traditi- Ergebnisse einer Befragung steirischer Ausbildungsbetriebe Wirtschaft nicht gerecht, und der Eintritt in das Berufsle- ben wird zur besonderen Herausforderung. onellen Berufen eröffnen können. zu Anforderungen in der Lehrlingsaufnahme Die Anzahl der erfassten Lehrberufe bzw. von Be- Diese Zahlen werden aus den im Rahmen des Mikro- trieben mit entsprechenden Ausbildungsplätzen ent- zensus von Statistik Austria erhobenen Schulabschlüssen spricht daher nicht 1:1 der Ausbildungssituation ins- abgeleitet. gesamt, sondern ist in Hinblick auf die Orientierung junger Menschen und Zugangsmöglichkeiten gewichtet Es handelt sich um Jugendliche, deren Grundkenntnisse zu interpretieren. Ein Kriterienkatalog auf Basis der neuen österreichi- Die Studie in Mathematik, Deutsch und Englisch so mangelhaft sind, schen Bildungsstandards zu den Anforderungen der Wirt- dass davon ausgegangen werden kann, dass diese Jugend- Lehrlingsauswahl schaft hilft den Jugendlichen einen Eindruck davon zu Allen jungen Menschen die Chance zu bieten, nach Been- lichen bereits in der Überleitungsphase mit größeren He- 77 % der befragten Betriebe gaben an, in den nächsten bekommen, was von ihnen erwartet wird. Fachliche Kom- digung der Pflichtschulzeit eine weitere qualifizierte Aus- rausforderungen konfrontiert werden als Gleichaltrige mit Jahren wieder Lehrlinge aufnehmen zu wollen, es werden petenzen in Mathematik, Deutsch und Englisch sowie bildungs- und Berufslaufbahn zu ergreifen, ist eines der ausreichenden Basisbildungskenntnissen. Auch ist die seitens der befragten Betriebe in der nächsten Zeit mindes- überfachliche Kompetenzen (persönliche Kompetenzen, vorrangigen Ziele der Bildungspolitik, auch der Wirtschafts- Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass eine Überleitung in tens 660 Lehrstellen angeboten. Sozialkompetenzen) wurden in steirischen Betrieben er- und Beschäftigungspolitik. die Arbeitswelt durchaus gelingen kann, der Erhalt des Ar- hoben, bewertet und in einem Handbuch, zusammenge- beitsverhältnisses durch zu schlechtes Abschneiden in der Um Lehrstellen optimal besetzen zu können, haben Be- fasst. Aufgelistet nach den 30 beliebtesten Lehrberufen Österreich ist im internationalen Vergleich sehr erfolg- Berufsschule jedoch bedroht wird. triebe regionale Schulen und Institutionen als Koopera- wird dargestellt, welche Kompetenzen im jeweiligen Beruf reich, was die Eingliederung junger Menschen in weitere tionspartner/innen gewinnen können. Vor allem die Po- wichtig sind. Bildungs- und Berufswege betrifft. Der hohe Anteil – ca. Ergebnisse lytechnischen Schulen und die Hauptschulen stellen im 80 % – Jugendlicher zwischen 15 und 19 Jahren, die sich in Für den vorliegenden Bericht wurden steirische Aus- schulischen Bereich die wichtigsten Kooperationspartner/ In einer im Mai 2008 durchgeführten Erhebung wurden berufsbildenden Bildungswegen befinden – sowohl voll- bildungsbetriebe zu Anforderungen in der Lehrlingsauf- innen dar. Das AMS wurde als wichtigster Partner auf insti- Lehrlingsausbilder/innen in der Steiermark zu den Aufnah- zeitschulisch als auch dual – ist dafür eine wesentliche nahme in den fachlichen sowie in persönlichen/sozialen tutioneller Ebene genannt. mekriterien befragt. Gleichzeitig wurde erhoben, mit wel- Voraussetzung. Bereichen befragt. Als Basis für die Bereichsfragen dienten chem Wissen, Fähigkeiten und Fertigkeiten Jugendliche die österreichischen Bildungsstandards für Mathematik, Befragt zur Bedeutung der Auswahlkriterien gaben sich um eine Lehrstelle bewerben. Die Gesamtheit der Er- Jeder junge Mensch, der eine Ausbildungsstelle ergrei- Deutsch und Englisch. mehr als 2/3 der Lehrlingsausbilder/innen an, dass der gebnisse ließ auf eine deutliche Diskrepanz zwischen der fen will und keine findet, ist jedoch einer zu viel. Zusätzli- persönliche Eindruck während des Berufspraktikums, Erwartungshaltung der Lehrlingsausbilder/innen und dem che Anstrengungen sind daher erforderlich, um das Ziel der Im Mai 2008 wurden 2.556 Fragebögen an lehrlingsausbil- gefolgt vom Eindruck beim Bewerbungsgespräch am Erfüllungsgrad vonseiten der Jugendlichen schließen. „Bildungsgarantie bis 18“ tatsächlich umzusetzen. dende Betriebe verschickt. 338 Betriebe beteiligten sich an wichtigsten sind. Seite 98 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 99
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    BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel IAufnahmekriterien Aufnahmekriterien I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG /H Eine in diesem Zusammenhang wesentliche Aussage be- Soziale Kompetenzen Empfehlungen trifft den Umstand, dass die Lehrstelle nicht besetzt wird, Ähnlich wie bei den persönlichen Kompetenzen sind Aus der Gesamtheit der Ergebnisse lässt sich eine große sollte dafür der geeignete Lehrling nicht gefunden werden. auch die Sozialkompetenzen ein für den/die Unternehmer/ Diskrepanz zwischen Erwartungshaltung aufseiten der Dies gaben 43 % der befragten Betriebe an. in entscheidendes Kriterium. Auch hier werden diese von Ausbilder/innen und dem tatsächlich vorhandenen Wis- den Bewerber/innen in weit höherem Maße erfüllt, als dies sen aufseiten der Jugendlichen erkennen. Empfehlun- Anforderungen an die Lehrlinge bei den formalen Kriterien der Fall ist. Bei der Teamfähig- gen können in Richtung Informationsarbeit bei Aus- Ein Gesamtüberblick über die Rückmeldungen betreffs keit sogar von 82 % der Bewerber/innen. bilder/innen, Schulen und Jugendlichen (Workshops), der Anforderungen an Lehrstellenbewerber/innen gemäß Unterstützungsarbeit bei Auswahlprozessen und intensi- der Struktur der Bildungsstandards scheint darauf hinzu- Anforderung an Kompetenzdomainen verer Auseinandersetzung mit dem Wunschberuf aufseiten weisen, dass diese die realen Erfordernisse in der betriebli- Domaine sw/w % vorhanden % pp der Jugendlichen – unterstützt durch das Handbuch „Lehr- chen Berufsausbildung recht gut abbilden können. persönliche Kompetenz 96,3 54,4 41,9 berufsanforderungen“ und den QualiCoach – abgeleitet Sozialkompetenz 95,8 65,0 39,8 werden. Das Handbuch „Lehrberufsanforderungen“ wurde Insgesamt ergibt sich ein Bild einer realistischen Erwar- Deutsch 80,3 41,8 38,5 als Instrument für Lehrer/innen, aber auch für Eltern und tungshaltung der ausbildenden Betriebe an Lehrstellen- Mathematik 63,2 21,3 41,9 Jugendliche entwickelt, um sich, basierend auf einem Am- bewerber/innen hinsichtlich jener Kompetenzen und Englisch 36,0 25,2 10,8 pelsystem, mit den im Lehrberuf der Wahl geforderten Qualifikationen, die Pflichtschulabgänger/innen erfüllen Kompetenzen auseinanderzusetzen. Auf diese Weise ent- können müssten; hinsichtlich der tatsächlichen vorhan- stehen realistische Vorstellungen von den Anforderungen, denen Kenntnisse und Kompetenzen ergeben sich jedoch Vergleich Bedeutung — vorhandene Kompetenz die an sie gestellt werden, und die Jugendlichen können zum Teil beträchtliche Diskrepanzen. Nach den jeweils drei wichtigsten Unterdomainen sich gezielt auf die Lehrstellensuche vorbereiten. in den Kompetenzbereichen. Unübersehbar ist die überragende Bedeutung der persön- die 3 wichtigsten sw/w % vorhanden % pp lichen und sozialen Kompetenzen für Lehranfänger/innen, Unterdomainen einige davon werden in relativ hohem Maße erfüllt, die Er- Deutsch 95,7 52,3 43,4 Die AutorInnen hebung weist jedoch auf erheblichen Entwicklungsbedarf Mathematik 86,7 26,3 60,4 Dipl.Päd.in Marion Höllbacher in wesentlichen Bereichen dieser Bildungs- und Persön- seit zehn Jahren im Bereich der Berufsorientierung tätig, lichkeitsdimension hin. seit fünf Jahren mit den Herausforderungen von Jugend- Kommentar — Konklusionen — Konsequenzen lichen beschäftigt, die mit ungenügenden Lese-, Schreib- Mathematik Die überragende Bedeutung der Sozial- und persönli- und Mathematikkenntnissen ausschulen; neuer Aufgaben- Am wichtigsten war den befragten Unternehmer/innen, chen Kompetenzen ist offensichtlich und bedarf keiner bereich ist die Berufsbildung im transnationalen Bereich dass Jugendliche Kopfrechnen, Schätzen, Runden können weiteren Erläuterung. Die Differenz zwischen Anforde- Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft und Maßeinheiten kennen. Demgegenüber steht, dass nur rungen und der Einschätzung vorhandener Kompetenzen www.stvg.at ca. ein Drittel der Jugendlichen ausreichend über diese hinsichtlich dieser Kompetenzdomainen ist mit über 40 marion.hoellbacher@stvg.com Kenntnisse verfügt. Das Begründen von Rechenschritten bzw. 30 Prozentpunkten beträchtlich, im Bereich Sozial- sowie das Verstehen von Lösungswegen werden von 70 % kompetenz jedoch geringer als in anderen Basisbildungs- Mag. Dr. Peter Härtel der Ausbilder/innen als sehr wichtig/wichtig eingeschätzt, bereichen (persönliche Kompetenz und Mathematik). ist langjähriger Geschäftsführer der Steirischen und Ös- sind jedoch nur zu knapp 19 % sehr gut/gut vorhanden. terreichischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft und ist Die Anforderungen an Deutsch sind im Schnitt in allen zuständig für strategische Vernetzung, Verbreitung und Deutsch Betrieben und Berufen deutlich höher als in Mathematik, Projektierung an den Übergängen Schule – Wirtschaft. Zuhören können, sinnerfassend lesen, an die Situation ange- was auf starke Unterschiede hinsichtlich einzelner Berufe, Steirische Volkswirtschaftliche Gesellschaft passt sprechen sowie Schreiben als Hilfsmittel zu verwenden Betriebe bezüglich Mathematik schließen lässt (siehe auch www.stvg.at fordern nahezu 95  der Betriebe. Lediglich zur Hälfte können % Detailauswertung Berufe). Die Abweichung von Anforde- ph@stvg.com Lehrlinge diese Voraussetzungen sehr gut/gut erfüllen. rungen und die Einschätzung vorhandener Kompetenzen ist jedoch in Mathematik mit über 40 Prozentpunkten noch Englisch höher als in Deutsch (knapp 40 Prozent). Im Allgemeinen sind die Leistungsanforderungen in Eng- lisch deutlich geringer als in Deutsch oder Mathematik. Dieses Bild verschärft sich, wenn man die jeweils drei Das Verstehen unkomplizierter Texte sowie grundlegender wichtigsten Unterdomainen in Deutsch und Mathematik Dinge sind die wichtigsten Kriterien für Unternehmer/in- hinsichtlich Anforderungen und vorhandener Kompe­ nen. Diese werden zu mehr als 30 % seitens der Bewerber/ tenzen vergleicht. Hier ist in Mathematik mit einer Dif- innen sehr gut/gut erfüllt. ferenz von über 60 Prozent­ unkten eine geradezu dra- p matische Diskrepanz in wesentlichen Kompetenzfeldern Persönliche Kompetenzen festzustellen, während in Deutsch – bei einem sehr ho- Die Anforderungen an die persönlichen Kompetenzen hen Bedeutungslevel von über 95 Prozent – die Diskre- sind die höchsten im Verhältnis zu allen anderen Krite- panz zwischen Bedeutung und vorhandenen Kompe­ rien. In allen Punkten – von Genauigkeit bis Zuverlässig- tenzen in den drei wichtigsten Unterdomainen sich keit – liegt die Anforderung bei nahezu 100 %. Im Vergleich nicht wesentlich von der Gesamt­ ituation in Deutsch s zu den formalen Kriterien (Mathematik, Deutsch, Englisch) unterscheidet – was auf eine gleichmäßig hohe Bildungs- werden diese Anforderungen absolut in höherem Maße er- und Kompetenzentwicklungsherausforderung in dieser füllt, mit vergleichbarer Differenz zu den Anforderungen. Domaine hinweist. Seite 100 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 101
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    BESCHÄFTIGUNG I Höllbacher / Härtel IUnterstützen — Begleiten — Vernetzen Unterstützen — Begleiten — Vernetzen I Höllbacher    ärtel I BESCHÄFTIGUNG /H bzw. erst gar keine zu bekommen, ist für diese Jugendli- In der Arbeit des QualiCoach ist es wichtig, den Jugendli- chen ein hemmender Faktor bei der Lehrstellensuche. Den chen zu verdeutlichen, dass es ausschließlich um sie und Jugendlichen ist oft bewusst, dass ein verändertes Lernver- ihre Zukunft geht. Ziel ist, die Jugendlichen dabei zu unter- halten aus dieser Situation führen könnte, sie sind aber nicht stützen, ihre Stärken kennenzulernen und diese bewusst in der Lage, etwas zu ändern, da sie nicht wissen wie und die bei der Lehrstellensuche einzusetzen. Aus der Kenntnis der Inanspruchnahme von Hilfe/Unterstützung nicht „cool“ ist. eigenen Stärken resultiert mehr Selbstbewusstsein. Unsicherheit Mit dem steigenden Selbstbewusstsein steigt auch die Jugendliche mit mangelnden Basiskompetenzen haben in unternehmerische Kompetenz der Jugendlichen, die als der Folge meist ein schwaches Selbstwertgefühl und sind eine der Schlüsselkompetenzen für lebensbegleitendes sich praktischer Stärken nicht bewusst. Dieses mangelnde Lernen definiert wurde. Unternehmerische Kompetenz Selbstwertgefühl führt oft dazu, dass die Lehrstellensu- hilft den Jugendlichen nicht nur in deren täglichem Leben che sehr lange verzögert wird, womit sich die Chancen zu Hause, sondern auch am Arbeitsplatz. Sie erlangen die auf einen Lehrplatz weiter verringern. Große Unsicherheit Fähigkeit, ihr Arbeitsumfeld bewusst wahrzunehmen und herrscht bezüglich der Anforderungen der Wirtschaft: „Was Chancen zu ergreifen. Unternehmerische Kompetenz be- erwartet der Betrieb von mir?“ Aber nicht nur mangelndes deutet auch, Projekte zu planen und umzusetzen und be- Grundwissen erschwert diesen Jugendlichen den Zugang stimmte Ziele zu erreichen. Im Falle des QualiCoach be- zu Lehrstellen. Durch die jeweiligen Lebensbiografien kann deutet dies z.B. einen Plan zur Erreichung einer Lehrstelle Marion Höllbacher Peter Härtel die Entwicklung der in unserer Gesellschaft so notwendi- zu erstellen und diesen umzusetzen. Eine weitere we- Teilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung; Geschäftsführer der Steirisch gen „Soft Skills“ oft nicht ausreichend unterstützt werden – sentliche Kompetenz, die gemeinsam mit der/dem Qua- Steirisch Volkswirtschaftliche Gesellschaft Volkswirtschaftlichen Gesellschaft ein weiteres Hemmnis auf dem Weg zur Lehrstelle. liCoach trainiert wird, ist das Einschätzen der eigenen Fä- marion.hoellbacher@stvg.com ph@stvg.com higkeiten und Stärken. Jugendliche auf Lehrstellensuche sind in mehrfacher Hin- sicht in einer schwierigen Situation. Zum einen ist da die Umsetzung Unsicherheit in Bezug auf die berufliche Zukunft. Zum an- Nach allgemeiner positiver Zustimmung und der klaren deren spielen alle altersbedingten Faktoren eine Rolle (cool Unterstützung seitens der Direktion und des Lehrerkol- sein, nicht auf andere hören wollen, alles selbst am besten legiums, wurde das Projekt QualiCoach an der PTS Graz wissen etc.). Verstärkend kommt hinzu, dass sich gerade in Anfang November 2008 gestartet. In der Phase der beruf- Unterstützen — Begleiten — Vernetzen dieser Lebensphase die Rolle der Eltern verändert und ein lichen Orientierung nicht nur auf die Unterstützung sei- Abnabelungsprozess stattfindet. Ratschläge der Eltern wer- tens der Schule zählen zu können, sondern durch einen den von vornherein abgelehnt. Es kommt aber auch vor, QualiCoach Unterstützung bei der Berufsfindung zu er- QualiCoach Basisbildung — Modell eines Begleiters dass Eltern zwar gerne unterstützen würden, aber selbst nicht wissen wie, da das dazu notwendige Wissen über den halten, schafft für Jugendliche einen Anreiz. Die Schüler/ innen nehmen die Chance der Klärung vieler Fragen, die an der Schnittstelle Schule — Beruf Arbeits- und Bildungsmarkt nicht vorhanden ist. Erschwert im Zusammenhang mit schulischen Leistungen, betriebli- wird die Situation dann, wenn die Eltern ihrerseits über chen Erwartungen und ihrem persönlichen Wunschberuf keine ausreichende Basisbildung verfügen und Bildung/ stehen gerne an. Ein im Rahmen des Projektes entwickel- Ausbildung somit keine Themen in der Familie sind. tes Kompetenzenportfolio unterstützt die Dokumenta- tion der eigenen Fortschritte und kann den Bewerbungs- Die Arbeit des QualiCoaches unterlagen beigefügt werden. Abgerundet wird die Arbeit Die Entwicklung und Pilotierung einer „QualiCoach Ba- Ausbildungsbetriebe setzen voraus, dass der positive Ab- „QualiCoaches Basisbildung“ sind Personen, die mit dem des QualiCoach durch die Kompetenzenworkshops und sisbildung“ an der Schnittstelle Schule — Wirtschaft zur schluss der Pflichtschule einem bestimmten Bildungs- Schulsystem eng zusammenarbeiten und Veränderungen die Kompetenzenrallye1. frühzeitigen Begleitung von Jugendlichen mit nicht aus- niveau entspricht. Viele Betriebe legen Wert auf ein gutes bei den beteiligten Akteur/innen einleiten können. „Quali- reichenden Basisbildungskenntnissen ist eine präventive Zeugnis, und sie stellen fest, dass aufgrund der rückläufigen Coaches Basisbildung“ sind Unterstützer/innen, Begleiter/ Empfehlungen Maßnahme für die beschriebene Zielgruppe, um Jugendli- Schüler/innenzahlen der Andrang der hervorragenden bis innen, Mentoren/innen betroffener Jugendlicher, die sen- Aus der bisherigen Arbeit des QualiCoach lässt sich er- che mit dem nötigen „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen guten Bewerber/innen nicht mehr so groß ist. Jugendliche sibel und motivierend mit den Jugendlichen arbeiten und sehen, dass Jugendliche die Unterstützung sehr zu schät- ermöglicht, selbstständig den Übergang von der Schule mit Defiziten in – für die jeweiligen Betriebe – wichtigen durch auf die Bedürfnisse der einzelnen Jugendlichen ab- zen wissen. In den Einzelgesprächen mit dem QualiCoach zur Wirtschaft zu bewältigen. Jugendliche erhalten durch Grundkenntnissen (Mathematik, Deutsch und Englisch) gestimmte Methoden zum Empowerment beitragen. „Qua- erfahren sie eine Wertschätzung, die ihnen oft vorenthal- die QualiCoach Basisbildung die Möglichkeit herauszufin- sowie in sozialen und persönlichen Kompetenzen erhal- liCoaches Basisbildung“ nehmen mit den Jugendlichen ten wird. Die Auseinandersetzung mit dem „Wunschberuf“ den, was sie wollen, was sie können und wie sie es schaf- ten schwerer eine Chance auf dem ersten Arbeitsmarkt und Kontakt auf und erarbeiten gemeinsam mit ihnen ihre Stär- und das Kennenlernen der Anforderungen, die es zu beste- fen, das zu erreichen. sind daher Zielgruppe für das Projekt In.Bewegung II. ken und Fähigkeiten. Gemeinsam werden geeignete För- hen gilt, sind die Herausforderungen, die sich Jugendliche dermaßnahmen ausgewählt. stellen müssen. Hier muss Unterstützung ansetzen – sei es Die Entwicklung und Pilotierung einer „QualiCoach Ba- Betroffenen Jugendlichen ist ihre Situation oft bewusst, vonseiten der Schule oder extern, um zu einem gelingen- sisbildung“ an der Schnittstelle Schule — Wirtschaft zur d.h., sie können realisieren, dass ihre schlechten schuli- Der Erstkontakt mit dem QualiCoach erfolgt über die den Übergang Schule – Wirtschaft beizutragen. Unterstüt- frühzeitigen Begleitung von Jugendlichen mit nicht aus- schen Leistungen Auswirkungen auf die Berufswahl haben. Schule. Die Jugendlichen werden über das Angebot infor- zende Maßnahmen wie z.B. der QualiCoach oder Tools, die reichenden Basisbildungskenntnissen ist eine präventive Die meisten Jugendlichen mit nicht ausreichenden Basis- miert und können dann entscheiden, ob sie dieses anneh- sowohl Jugendlichen als auch Lehrer/innen zur Verfügung Maßnahme für die beschriebene Zielgruppe, um Jugend- bildungskenntnissen legen ihre Berufswahl dementspre- men möchten. Die Zusammenarbeit mit dem QualiCoach gestellt werden können ebenfalls dazu beitragen. liche mit dem nötigen „Werkzeug“ auszurüsten, das ihnen chend an, sie entscheiden sich für scheinbar eher „einfa- erfolgt auf freiwilliger und vertraulicher Basis. Die Bespre- ermöglicht, selbstständig den Übergang von der Schule zur che“ Lehrausbildungen (Friseur/in, Tischler/in, Maurer/ chungen können entweder in der Schule oder in einem pri- 1 Die Kompetenzrallye wurde im Rahmen der Arbeit der QualiCoach entwickelt und um- Wirtschaft zu bewältigen. in  ...). Angst, die begehrte Lehrstelle wieder zu verlieren vaten Umfeld stattfinden, je nach Wahl des Jugendlichen. fasst vier Module, die der Kompetenzstärkung von Jugendlichen dienen. Seite 102 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 103
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    BESCHÄFTIGUNG I Penz IJump — Jugendliche mit Perspektive Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNG zubieten. Im Projekt „Jump – Jugendliche mit Perspektive“ formation zum Thema folgende Ausbildungsstätten bzw. wurde erstmalig pilotmäßig ein Konzept für Lehrlinge mit Berufsschulen, am Projekt teilzunehmen: mangelnden Basisbildungskenntnissen entwickelt und an • Fachberufsschulzentrum Spittal an der das bestehende duale Ausbildungssystem angepasst. In Drau (Lehrberufe: Metallberufe, Holzberufe, den Jahren 2008 und 2009 haben in ganz Kärnten an ver- Handelsberufe) schiedenen Berufsschulen und Ausbildungszentren 193 Lehrlinge speziell auf ihre Bedürfnisse und Lehrberufe ab- • ÖGB Ausbildungszentrum für gestimmte Unterstützung und Betreuung erhalten. Maschinenbautechniker Krumpendorf (Lehrberufe: MaschinenbautechnikerIn) Hauptziel des Projektes war es, Kärntner Lehrlinge mit • Kelag-Lehrlingsschule St. Veit an der Glan mangelnden Kenntnissen in den Grundkulturtechniken (Lehrberufe: ElektroinstallationstechnikerIn, durch ein entsprechendes Angebot beim Erreichen des Bürokaufleute, MaschinenbautechnikerIn und Lehrabschlusses zu unterstützen. MetallbearbeitungstechnikerIn) Darüber hinaus wurde das Ausbildungspersonal in das • Ausbildungszentrum Wolfsberg Projekt eng miteinbezogen. Für AusbildnerInnen sowie Be- (Lehrberufe: MaschinenbautechnikerIn, ZerspanungstechnikerIn, rufsschullehrerInnen wurde ein maßgeschneidertes Wei- MaschinenfertigungstechnikerIn, Metallberufe terbildungsangebot entwickelt und angeboten, um diese Isabella Penz für den Umgang mit der Zielgruppe zu schulen. Dem Aus- allgemein) Leiterin der VHS Feldkirchen/St. Veit bildungspersonal sollte Wissen über die Hintergründe und Auch andere Berufsschulen hatten an einer Teilnahme In- i.penz@vhsktn.at Besonderheiten der Zielgruppe vermittelt sowie Wissen teresse. Hier konnte jedoch leider kein Kursmodell gefun- über zielgruppengerechte Methoden und Lehrmaterialien den werden, das sich in das bestehende Ausbildungssystem im Unterricht bereitgestellt werden. integrieren ließ. Es handelte sich hierbei um Berufsschulen mit Jahreslehrgängen, d.h., die Lehrlinge besuchen ganz- Basisbildung für Lehrlinge — aber wie? jährig einmal pro Woche die Berufsschule und kommen Die Innovation des Projektes „Jump – Jugendliche mit Per- aus allen Regionen Kärntens. spektive“ besteht darin, dass das Weiterbildungsangebot in Kooperation mit den Lehrlingsausbildungsstätten durch- Der Lehrgang „Jump — Jump — Jugendliche mit Perspektive geführt wurde. Das Basisbildungsangebot konnte in das bestehende Ausbildungssystem integriert werden. Jugendliche mit Perspektive“ Rahmenbedingungen und Umsetzung Basisbildung für Lehrlinge im betrieblichen Kontext Den Kick-off zum Projekt lieferte ein Informations- und Sensibilisierungsworkshop für alle interessierten Direkto- Nach der erfolgreichen Initiierung der Kooperationen war ein weiterer wesentlicher Schritt, die potenziellen Teilneh- ren (ausschließlich Männer) der Ausbildungsstätten. Bei mer und Teilnehmerinnen auf das Lehrgangsangebot auf- diesem Treffen hatten die TeilnehmerInnen erstmalig die merksam zu machen bzw. sie für die Teilnahme zu gewin- Möglichkeit, sich zum Thema „Basisbildungsbedarf von nen. Zur Zielgruppe von Jump zählten Lehrlinge (ab 15 Lehrlingen“ zu informieren und auszutauschen. Sämtliche Jahre) mit geringer Basisbildung. Für die Akquisition von Der vorliegende Artikel beschreibt ein Projekt der Volks- Laut PISA-Studie 2006 können 21,5 Prozent der 15-Jäh- Leiter meldeten einen Bedarf am beschriebenen Basisbil- Lehrlingen mussten zunächst innerbetriebliche Vernetzun- hochschule Kärnten mit dem Titel „Jump — Jugendliche rigen elementare Leseaufgaben nicht routinemäßig lö- dungsangebot an. gen aufgebaut werden. Die Leiter der Ausbildungsstätten mit Perspektive”. Darin wurde erstmalig ein Bildungskon- sen. Sie haben zum Beispiel Schwierigkeiten, in einfachen sowie einzelne BerufsschullehrerInnen und AusbildnerIn- zept für Lehrlinge mit mangelnden Basisbildungskennt- Texten Informationen zu lokalisieren, einfache Schluss- Im nächsten Schritt wurde an allen interessierten Berufs- nen erfüllten dabei eine entscheidende Rolle und übernah- nissen entwickelt und in das bestehende duale Ausbil- folgerungen zu ziehen oder die Hauptidee eines gut ge- schulen und Ausbildungszentren eine ausführliche Bedarfs- men die Bewerbung und die Erstauswahl der potenziellen dungssystem integriert. Im ersten Teil des Artikels wird kennzeichneten Textteils zu erkennen. Das bedeutet, dass erhebung durchgeführt. Ebenso wurde der Kontakt zum TeilnehmerInnen. Die Freiwilligkeit der TeilnehmerInnen die praktische Durchführung und Umsetzung in den Aus- gut jede/r fünfte österreichische Schüler/in gegen Ende Landesschulrat für die Berufsschulen in Kärnten hergestellt. wurde als Voraussetzung vereinbart. Bei der Gewinnung bildungsstätten (Berufsschulen und Ausbildungszentren) der Pflichtschulzeit nur unzureichend sinnerfassend le- Auch dieser signalisierte große Unterstützungsbereitschaft von Lehrlingen war ein sensibler Umgang notwendig, da beschrieben. Der zweite Teil widmet sich dem Outcome sen kann. Ebenso viele, nämlich 21 Prozent der 15-Jährigen, für das Projekt. Bereits zu Beginn zeigte sich, dass die Inte- bei keinem der Beteiligten der Eindruck entstehen sollte, des Projektes. Dazu werden einerseits die Evaluationser- weisen eine mangelnde Mathematikkompetenz auf. Da- gration in das bestehende Ausbildungssystem eine große dass es sich beim Zusatzangebot um einen Nachhilfekurs gebnisse aus dem Projekt herangezogen und andererseits durch können das private und das gesellschaftliche Leben Herausforderung werden würde, da die Berufsschulzeiten für besonders leistungsschwache Schüler und Schülerin- die konkreten Erfahrungen des Projektteams. beeinträchtigt werden. für die Lehrlinge generell sehr knapp bemessen sind. Sei- nen handle. Von Anfang an wurde den Betroffenen versi- tens des Landesschulrates wurde deshalb klargestellt, dass chert, dass alle Gespräche und später der Verlauf des Lehr- In der Diskussion um die Lehrlingsausbildung wird Demzufolge erreicht jährlich eine Vielzahl an Jugendli- keine Unterrichtsstunden aus der Berufsschulzeit für Basis- ganges vertraulich behandelt würden und Außenstehende, häufig der Bildungsstand der Jugendlichen bemängelt: chen nicht die vorgeschriebenen Bildungsziele der Pflicht- bildungskurse zur Verfügung stehen würden. Die Kurszei- wie Direktoren oder Vorgesetzte, über keine Kursdetails der Immer mehr Firmen klagen, dass sie keine geeigne- schule. Diese haben massive Schwierigkeiten, den Einstieg ten fanden daher während der praktischen Ausbildungszeit Teilnehmerinnen informiert werden würden. ten Lehrlinge fänden, weil diese zu geringe Kenntnisse in das Berufsleben zu schaffen bzw. darin erfolgreich und statt. In einem Ausbildungszentrum mit integriertem Inter- in den Bereichen Mathematik und Deutsch aufwiesen. nachhaltig bestehen zu können. nat wurde die Kurszeit auf die Zeit der Studierstunde gelegt. Während der Projektlaufzeit wurden 31 Basisbildungskurse Gut qualifizierte ArbeitnehmerInnen sind jedoch die Ba- durchgeführt. Die Laufzeit eines Lehrganges betrug größten- sis eines Unternehmens, um in einer Arbeitswelt des ra- Um dem korrigierend entgegenzuwirken, ist es daher not- Letztendlich entschieden sich nach Abschluss der Be- teils 32 Einheiten. Bei einer Gruppengröße von meist sechs schen technologischen und gesellschaftlichen Wandels wendig, Lehrlingen mit Basisbildungsbedarf zusätzlich darfserhebung, der Klärung sämtlicher Rahmenbedin- bis acht TeilnehmerInnen gab es an diesem Angebot insge- bestehen zu können. zur Lehrlingsausbildung maßgeschneiderte Trainings an- gungen bzw. nach erfolgreicher Sensibilisierung und In- samt 186 Teilnahmen. Werden die Teilnahmen auf Kopfzah- Seite 104 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 105
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    BESCHÄFTIGUNG I Penz IJump — Jugendliche mit Perspektive Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNG len umgerechnet (da einige Jugendliche mehrere Kurse be- aktuellen Berufsschulstoffes bis hin zu gar keinen Er- Die Erfolgskriterien: Ergebnisse ihnen wichtig, dass sie nicht zu einem anderen Ort fahren suchten), so ergibt sich eine TeilnehmerInnenanzahl von 141 wartungen. Mit jedem/jeder TeilnehmerIn wurde ge- der begleitenden Evaluation mussten. Das wäre für manche nicht vorstellbar bzw. nicht Personen (122 männlich und 19 weiblich). meinsam mit den TrainerInnen ein persönlicher Lern- Die Kurse wurden begleitend evaluiert, eine umfassende organisierbar gewesen. plan entwickelt, den diese bei Bedarf auch während der Evaluationsdokumentation liegt vor. Für die Befragung Die Kurse fanden direkt in den Ausbildungsstätten statt. Kurszeit ändern konnten. wurde in Zusammenarbeit mit der externen Evaluations- (Ad 3) Die Kurse wurden zu verschiedenen Tageszeiten Dass das Kursangebot in der gewohnten Umgebung der person und der Projektkoordination ein standardisierter angeboten. Die Gesamtzufriedenheit war bei Lehrlingen, Lehrlinge bzw. am Arbeitsplatz im Betrieb stattfand, un- Das Rahmencurriculum1 im Überblick Gesprächsleitfaden entwickelt. Befragt wurden sowohl die die das Training tagsüber absolvieren konnten, jedoch et- terstützte maßgeblich den großen Erfolg des Projektes, • Mathematik Lehrlinge als auch die Leiter der Ausbildungsstätten. was größer als bei jenen, die den Kurs am Abend (in der da die gute Erreichbarkeit des Lernortes besonders für (u.a. Grundrechnungsarten, Kopfrechnen, Studierstunde) besuchten. Diese gaben teilweise an, sie bildungsferne MitarbeiterInnen wichtig ist (vgl. Kuwan Brüche und Potenzen, Maße und Zu Projektbeginn wurden folgende hätten die Zeit der Studierstunde lieber anders genutzt. 2002, S. 188). Masseberechnungen, Volumens- und Erfolgskriterien formuliert: Flächenberechnungen, Prozentrechnen Es zeigt sich, dass die Integration in das Ausbildungssys- und Schlussrechnungen, Dezimalzahlen) 1. Die planmäßige Durchführung der Lehrgänge Wie bereits oben erwähnt, fanden die Kurse hauptsäch- tem leichter möglich ist, wenn die Berufsschulzeit geblockt mit der geforderten TeilnehmerInnenanzahl. lich während der praktischen Ausbildung statt. Der op- ist. In den Ausbildungszentren war die Organisation der • Deutsch (Laut Erstantrag waren vier Lehrgänge mit timale Kursstart lag vor Beginn der Berufsschulzeit. Da- insgesamt 42 Lehrlingen vorgesehen.) Kurse wesentlich einfacher. (u.a. neue deutsche Rechtschreibung, durch konnten die Lehrlinge optimal auf die Aufnahme Doppellaute, Groß-/Kleinschreibung, des bevorstehenden Berufsschulstoffs vorbereitet werden. das/dass, Kommasetzung, Grammatik, 2. Die Ausbildungsstätten stellen einen Ein kompakter Stundenplan der Lehrlinge erleichtert die Lesen und Textverständnis) Schulungsraum für die Kurse zur Verfügung. Organisation. Hilfreich ist es, wenn die Berufsschule ein- Als Trainer und Trainerinnen wurden ausschließlich mal die Woche nur bis 15:00 Uhr dauert, um dann im An- • Lernen lernen (u.a. Zeitmanagement 3. Die Kurse können in das bestehende Personen mit entsprechenden Qualifikationen (Fach- Ausbildungssystem integriert werden. schluss den Grundbildungskurs anbieten zu können. und Lernmethoden) kompetenz, Beratungs- und Methodenkompetenz sowie personale und soziale Kompetenz) ausgewählt. Im Aus- • Einzeltraining 4. Die Kurse weisen eine geringe Drop-out-Quote auf. (Ad 4) Es haben nur vier Lehrlinge einen Kurs vorzeitig ab- wahlgespräch wurde mit der Projektleiterin ausführlich Einzeltrainingsstunden nach gebrochen. Die Evaluationsgespräche zeigten insgesamt, 5. Der berufliche bzw. private Nutzen ist die Motivation von Jump und der Zielsetzung, die mit Bedarf für Einzelpersonen dass die Jugendlichen mit dem Angebot durchwegs zu- für die TeilnehmerInnen gegeben. dem Bildungsangebot verfolgt wird, erläutert. Wichtig war, frieden gewesen waren und einen hohen beruflichen Ge- • Einzelcoaching dass das Bildungs- bzw. Lernverständnis der TrainerInnen 6. Der Kurs zielt neben der Stärkung der winn durch die Teilnahme sahen. Es ist anzunehmen, dass Unterstützung und Beratung in zur emanzipatorischen und förderlichen Zielvorstellung Grundfertigkeiten auch auf die Verbesserung sich die geringe Ausstiegsrate auch dadurch ergab, dass der Bezug auf die Lebens-, Bildungs- und passte und den Qualitätsstandards entsprach, die für die der Kenntnisse im Bereich IKT (Informations- Kurs in das Ausbildungssystem der Jugendlichen integriert Berufsplanung der Lehrlinge Alphabetisierungs- und Basisbildungsarbeit in der Ent- und Kommunikationstechnologien) ab. war. Die Lehrlinge sahen die Möglichkeit eines Ausstieges wicklungspartnerschaft In.Bewegung erarbeitet worden Die Lerninhalte orientierten sich an folgenden didak- 7. Die TrainerInnen verwenden verschiedene eigentlich gar nicht. Darüber hinaus lag es nicht im Ein- waren (vgl. Doberer-Bey 2007). tischen Prinzipien: Zielgruppen- und TeilnehmerIn- erwachsenengerechte Lehr- und Lernmethoden. flussbereich der Projektkoordination, inwiefern die Leiter nenorientierung, Freiwilligkeit der Beteiligung, Lebens- der Ausbildungsstätten eine Teilnahme forcierten. Das Rahmencurriculum der Lehrgänge wird nachste- weltbezug/Praxisbezug, selbstgesteuertes Lernen sowie 8. Die teilnehmenden Lehrlinge sind insgesamt hend beschrieben. Die TrainerInnen führten mit den Individualität und Empowerment. Gerade in Hinblick mit dem Bildungsangebot zufrieden. Die (Ad 5) Die Ergebnisse der Evaluation konnten den Nutzen Lehrlingen ein Erstgespräch, um einerseits die Erwar- auf die besonderen Lebenserfahrungen und die bisheri- Berufsschulleistungen verbessern sich und die deutlich bestätigen. Die Lehrlinge haben sich durch die Selbstsicherheit der TeilnehmerInnen steigt, z.B. tungen und individuellen Rahmenbedingungen abzuklä- gen (schulischen) Lernerlebnisse der Jugendlichen war Teilnahme an den Kursen nicht nur fachlich in den Berei- durch das Erkennen der eigenen Lernfähigkeit. ren und andererseits den Lehrlingen Sicherheit zu ver- die Gestaltung eines erwachsenengerechten Lernprozes- chen Mathematik oder Deutsch verbessert, sondern es fiel mitteln. Am ersten Kurstag wurden die Erwartungen der ses für die erfolgreiche Beteiligung besonders erforderlich. 9. Die Leiter der Ausbildungsstätten sind ihnen aufgrund des Kursbesuches leichter, allgemein den TeilnehmerInnen ausführlich besprochen und die kon- Das pädagogische Konzept von Paolo Freire diente dabei mit dem Bildungsangebot zufrieden. Lehrstoff zu bewältigen. Den Lehrlingen fiel es durch den kreten Lerninhalte gemeinsam mit den TeilnehmerInnen als Grundlage (vgl. Freire 1973 und 1977). Im Mittelpunkt Kursbesuch außerdem auch leichter, den Zusammenhang erarbeitet. stand besonders die berufliche Situation der Jugendli- Die nachstehende Zusammenfassung der zentralen Er- zwischen Theorie (Berufsschule) und Praxis (Werkstätte) chen. Die TrainerInnen konzentrierten sich allerdings gebnisse der Evaluation beschreibt, dass die anfangs for- herzustellen. Durch die Erweiterung der Methodenkompe- Aufgrund der kurzen Laufzeit der Kurse erfolgte zumeist nicht nur auf die Vermittlung von kognitiven Lehrinhal- mulierten Erfolgskriterien erfüllt werden konnten: tenz im Bereich „Lernen lernen“ konnte das Selbsthilfepo- eine Entscheidung, sich entweder ausschließlich auf Ma- ten, sondern es wurden auch die sozialen, emotionalen tenzial der Lehrlinge erkennbar erhöht werden. thematik oder Deutsch zu konzentrieren. Diese Entschei- und lebensweltlichen Ebenen berücksichtigt. Die Trainer- (Ad 1) Bald nach Projektstart zeigte sich, dass der Bedarf dung war vom Ausbildungsschwerpunkt der Jugendlichen Innen versuchten, den individuellen Lernprozess der Ju- an Grundbildung bei den Lehrlingen derart hoch ist, dass Besonders Lehrlinge des ersten Lehrjahres sahen einen abhängig. Lehrlinge in technischen Berufen hatten dabei gendlichen zu begleiten. eine Ausweitung der geplanten Kurse notwendig war. Eine hohen Nutzen, da die TeilnehmerInnen im Grundbildungs- einen deutlich höheren Bedarf an Unterstützung im Be- genehmigte Antragsänderung ermöglichte es, dass anstatt kurs den Hauptschulstoff nachholen bzw. auffrischen reich Mathematik. Ebenso wurden die Trainingsinhalte Als Lernunterlagen wurden ausschließlich erwachse- der vorgesehenen 42 Lehrlinge 141 einen Grundbildungs- konnten. Dadurch konnte das gesamte Lehrjahr rascher mit den BerufsschullehrerInnen und AusbildnerInnen ab- nengerechte Materialien verwendet. Hier fand eine enge kurs besuchen konnten. auf ein einheitliches Niveau gebracht werden. Die Lehr- gestimmt. Wichtig war es, stets einen beruflichen Nutzen Zusammenarbeit mit den Ausbildungsstätten statt. Sämt- linge aus dem ersten Lehrjahr gaben an, dass ihnen da- für alle Beteiligten zu erreichen: Alle Lerninhalte des Rah- liche Schulbücher und Fachunterlagen wurden den Trai- (Ad 2) Alle Kurse fanden planmäßig direkt in den Räum- durch die Angst und die Unsicherheit vor der Berufsschule mencurriculums wurden auf die Berufspraxis der Lehr- nerInnen zur Verfügung gestellt und dienten zur Orien- lichkeiten der Ausbildungsstätten statt. Den Lehrlingen genommen wurde. linge abgestimmt. tierung. Die meisten Trainingsunterlagen mussten jedoch kam es sehr entgegen, dass das Training vor Ort stattfand von den TrainerInnen erst für die jeweilige Person bzw. und in die Ausbildung integriert war. Der betriebliche Lern- Die Erwartungen der Lehrlinge waren breit gestreut, Gruppe entwickelt bzw. adaptiert werden. ort erleichterte die Kursteilnahme wesentlich, da keine ex- von sehr spezifischen Hilfestellungen (z.B. Legasthe- tra Wege in Kauf genommen werden mussten und der nietraining, Orientierung am Berufsschulstoff, Vorbe- Lernort für die Jugendlichen vertraut und bekannt war. 1 Das Curriculum kann als Dokument angefordert werden unter i.penz@vhsktn.at. reitung auf Schularbeiten) über die Bearbeitung des Darin wird umfassend das Grundbildungsangebot für Lehrlinge dokumentiert. Viele der Lehrlinge waren begrenzt mobil, und so war es Seite 106 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 107
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    BESCHÄFTIGUNG I Penz IJump — Jugendliche mit Perspektive Jump — Jugendliche mit Perspektive I Penz I BESCHÄFTIGUNG Der Nutzen aus Sicht der Lehrlinge ben sich viele subjektive Lernerfolge für die Teilnehmer- verständnis wurde erhöht und sie hatten weniger Schwie- angebot auch Personen von Ausbildungsstätten teilge- „Das Wissen, was man hier lernt, wird man immer brauchen Innen. Lehrlinge aus dem Deutschtraining berichteten rigkeiten bei Prüfungen und bei der Beantwortung von nommen haben, in denen keine Grundbildungskurse im können. Vielleicht muss ich meinem Bruder oder meinem ei- aufgrund des Kursbesuches über eine geringere Fehlerhäu- Fragen. Ebenso verbesserten sich die Rechtschreibung und Rahmen von Jump stattfanden. Die Seminare konnten genen Sohn, wenn ich einmal einen habe, diese Themenin- figkeit bei Schularbeiten und eine allgemein verbesserte die Lesefähigkeit bei einigen TeilnehmerInnen. auch einzeln besucht werden. Für die TeilnehmerInnen halte, die ich hier gelernt habe, einmal erklären.“ Rechtschreibung sowie besseres Textverständnis. Wichtig entstanden keine Kosten. Insgesamt haben 43 Ausbild- war für die Jugendlichen auch die Möglichkeit, einmal eine Die Sicht der Leiter nerInnen und BerufsschullehrerInnen das Bildungsange- „Ich war schulisch ziemlich schlecht und habe durch den Präsentation zu üben, einerseits für die Berufsschule, an- „Der Lehrherr kann sich nun mit der Berufsausbildung bot in Anspruch genommen. Die TeilnehmerInnen sahen Kurs große Fortschritte überall gemacht.“ dererseits aber auch für den Umgang mit KundInnen. auseinandersetzen und muss nicht erst die Grundqualifika- durch den Besuch einen hohen beruflichen Nutzen. tionen nachholen, den Hauptschulstoff nachholen.“ „Ich habe ein besseres Verständnis für alle Themenge- Aus dem Mathematiktraining berichteten die Lehrlinge Empfehlungen biete bekommen.“ über eine Verbesserung des logischen Denkens, vor allem „Die Anforderungen für die Lehrlinge haben sich verändert, Bisherige Erfahrungen machen deutlich, dass der Un- aber wurde über Verbesserungen in den Grundrechnungs- es fehlt ihnen aber auch einfach die Basis. Früher haben die terstützungsbedarf für Lehrlinge mit mangelnden Grund- „Ich arbeite jetzt lieber in der Werkstätte, weil ich jetzt ver- arten sowie beim Kopfrechnen berichtet. Lehrlinge die Grundrechnungsarten gekonnt, heute nicht bildungskenntnissen äußerst groß ist. Mit zunehmen- stehe, von was gesprochen wird.“ mehr (…) Es ist viel mehr Betreuung der Lehrlinge notwen- der Bekanntheit des Projektes nahmen die Anfragen von TeilnehmerInnen über Mathematik dig. Die guten Jugendlichen gehen in die Schule.“ weiteren Berufsschulen, Ausbildungszentren und Firmen (Ad 6) Laut Projektantrag war auch der Einsatz des Com- „Besser geht es nicht. Vorher habe ich einen 4er gehabt und kontinuierlich zu. In Folge wurden bereits weitere Grund- puters als Lerninhalt geplant, besonders die Vermittlung jetzt einen 1er.“ „Mir ist aufgefallen, dass die Angst, in der Werkstatt mit bildungskurse für Lehrlinge außerhalb des Projektes erfolg- von Teilen des Office-Programmes. Dafür gab es jedoch Mathematik konfrontiert zu werden, kleiner geworden ist.“ reich durchgeführt. Finanziert werden diese über den Bil- keinen Bedarf. Bereits in der Phase der Bedarfserhebung „Sehr gut, das habe ich sehr gut brauchen können, deswegen dungsgutschein der Arbeiterkammer Kärnten, wodurch für signalisierten alle Leiter der Ausbildungsstätten, dass die Jugendlichen mit der Arbeit am Computer sehr gut zu- bin ich jetzt positiv in Mathe.“ Die Sensibilisierung von die Lehrlinge keine Kosten für den Besuch von Grundbil- dungskursen entstehen. Aufgrund dieser Finanzierung ist rechtkommen. Darüber hinaus ist der Erwerb des ECDL „Ja, das ist schon gut, jetzt kann man schneller was ausrechnen.“ BerufsschullehrerInnen es möglich, die Umsetzung des vorliegenden Bildungskon- ein fixer Bestandteil der Lehrlingsausbildung. Der Com- puter wurde zwar als Lernmedium genutzt und in die Trai- Die Erwartungen der TeilnehmerInnen wurden durchaus und AusbildnerInnen zepts relativ einfach in andere Bundesländer zu transferie- ren. Das erfolgreiche Kurskonzept spiegelt sich auch darin, nings integriert (z.B. durch den Einsatz von Lern-Program- erfüllt. Die Mehrheit der Befragten brachte zum Ausdruck, Neben dem Unterstützungsangebot für Lehrlinge wurde dass das Projekt 2008 für den Staatspreis für Erwachsen- men), es kam jedoch zu keinem expliziten IKT-Training. dass ihr Bedarf genau getroffen wurde. Die Anwendbarkeit im Rahmen des Projektes Jump auch ein Fokus auf die enbildung nominiert wurde. Darüber hinaus wurde Jump des Gelernten wurde von den TeilnehmerInnen gesehen. Weiterbildung von Personen, die in der Lehrlingsausbil- 2009 bereits zweimal als Good-Practice-Beispiel aus Öster- (Ad 7) In den Gesprächen äußerten die TeilnehmerIn- Durch den Kursbesuch profitieren sie in der Berufsschule, dung tätig sind, gelegt. LehrlingsausbildnerInnen und Be- reich ausgewählt. Einmal vom Deutschen Bundesverband nen sehr große Zufriedenheit mit den TrainerInnen. Von in der praktischen Arbeit sowie im KundInnenkontakt. rufsschullehrerInnen arbeiten nahezu täglich mit Jugend- Alphabetisierung und Grundbildung e.V./Projekt „Chancen den Befragten kamen durchwegs sehr positive Rückmel- lichen mit mangelnden Basisbildungskenntnissen. Um erarbeiten“ und ein weiteres Mal vom Grundtvig-Projekt dungen. Besonders der individuelle und wertschätzende (Ad 9) Alle Leiter waren mit der Organisation der Kurse dem Ausbildungspersonal den Zugang zur Zielgruppe und „Moleya“. Umgang wurde hervorgehoben. Der partnerschaftliche sehr zufrieden. Die Zusammenarbeit zwischen dem Schul- die Arbeit mit ihnen zu erleichtern, sind eine Sensibilisie- Umgang im Lernkontext war für die Jugendliche eine völ- und dem Projektteam wurde sehr positiv gesehen. Die rung zum Thema und eine methodisch-didaktische Schu- Grundbildung für Lehrlinge bzw. betriebliche Grundbil- lig neue Erfahrung. In einigen Kursen stellte sich ein ho- Kurse liefen reibungslos ab und für die Leiter bzw. Mitar- lung unabdingbar. Das Projekt hat sich deshalb auch zum dung muss daher als ein wesentlicher Bestandteil der Er- hes Vertrauensverhältnis ein. Die Jugendlichen sprachen beiterInnen ergab sich wenig zusätzlicher Aufwand. Die Ziel gesetzt, Personen aus der Lehrlingsausbildung ein ad- wachsenenbildung angesehen werden. Auch für die Zukunft teilweise sehr offen mit den TrainerInnen, für sie hatte das gesamte Koordination und Organisation der Kurse wurde äquates Weiterbildungsangebot anzubieten. Dafür wurde soll ein niederschwelliger Zugang für betroffene Arbeitneh- persönliche Verhältnis zum/zur TrainerIn eine besonders vom Projektteam übernommen. Dies war seitens der Di- ein Weiterbildungskonzept in Abstimmung mit den Aus- mer und Arbeitnehmerinnen gewährleistet werden. Alle große Bedeutung. Ausdrücklich oft erwähnt wurden die rektoren eine wichtige Bedingung zur Teilnahme gewesen. bildungsstätten entwickelt. Das Bildungsangebot wurde Evaluationsergebnisse und Erfahrungen aus bisherigen Pro- Freundlichkeit und Empathie der TrainerInnen und deren in Kooperation mit der Pädagogischen Hochschule aus- jekten der VHS Kärnten zeigen, dass Grundbildung für Mit- Geduld, dass sie auf alle Fragen und Wünsche eingehen Mit den ausgewählten TrainerInnen waren sie sehr zu- geschrieben, sodass die teilnehmenden Personen arbeits- arbeiterInnen dem betrieblichen Erfolg insgesamt absolut würden, sowie die abwechslungsreiche und erwachse- frieden, diese zeigten ein hohes Maß an Engagement und rechtlich abgesichert waren. zuträglich ist. Mit dem Projekt „Jump – Jugendliche mit Per- nengerechte Gestaltung der Trainingsstunden. Die Zufrie- Kooperationsbereitschaft. Mit den behandelten Kursin- spektive“ konnte deutlich gezeigt werden, dass die Teilhabe- denheit mit dem Klima in der Gruppe wurde ebenso sehr halten waren die Leiter zufrieden. Aus Sicht der Ausbil- Die geplanten Kursinhalte wurden in einer Fokusgruppe chancen auf lebenslanges Lernen für bildungsbenachteiligte hoch eingeschätzt. dungsleiter wurden nicht nur jene Inhalte bearbeitet, die zu Projektbeginn konkretisiert. Nachstehende Seminare Jugendliche nachhaltig erhöht werden können. die Lehrlinge von der Pflichtschule nicht mitgebracht bzw. Workshops im Gesamtausmaß von 80 Unterrichtsein- TeilnehmerInnen über die TrainerInnen hatten, sondern auch die Themen der Berufsschule. Die heiten wurden angeboten und durchgeführt: Die Lehrlingsausbildung steht in Österreich insgesamt auf „Er hat immer ein offenes Ohr für jeden Teilnehmer.“ Lehrlinge sind in den Fächern Mathematik und Deutsch • Sensibilisierung und Hintergründe zum einem sehr hohen Niveau und genießt international ein sehr selbstsicherer geworden und holten versäumten oder ver- Thema Alphabetisierung und Basisbildung hohes Ansehen. Das Image der Lehre konnte durch eine „Mir gefällt, dass sie alles erklären kann und zwar so, dass gessenen Lernstoff auf. Dadurch war es möglich, dass Reihe von Maßnahmen, wie z.B. Lehre mit Matura, deut- man es auch versteht“. der Unterricht in der Berufsschule homogener ablaufen • Berufliches Coaching für die Arbeit mit lich erhöht werden. Wichtig ist aber auch der Blick auf das Jugendlichen mit Basisbildungsbedarf konnte, da die Lehrlinge schneller auf ein gleiches Niveau andere Ende der Fahnenstange. Jährlich verlassen in Öster- „Auch nach dem Kurs opfert er seine Freizeit. Um noch offene gebracht werden konnten. • Wie stelle ich den Basisbildungsbedarf fest? reich rund 20.000 Jugendliche die Pflichtschule ohne aus- Fragen von Teilnehmern zu beantworten. Die nicht alles ver- • Zielgruppengerechte Methodik und Didaktik reichende Grundbildungskenntnisse. Diese haben große standen haben oder noch was wissen wollen.“ Auch eine positive Veränderung der TeilnehmerInnen Schwierigkeiten in der Arbeitswelt bestehen zu können. wurde seitens der Leiter wahrgenommen. Die Leistungen • Motivation von Jugendlichen Auch dieser Gruppe von Jugendlichen muss ein Bildungs- mit Basisbildungsbedarf „Bei uns gibt es eine Wohlfühlatmosphäre.“ der teilnehmenden Lehrlinge verbesserten sich und sie angebot gemacht werden, damit sie nachhaltig auf dem Ar- konnten auch besser und flexibler den Zusammenhang Die Seminare erfolgten geblockt und wurden terminlich beitsmarkt bestehen und zum wirtschaftlichen Erfolg der (Ad 8) Die Zufriedenheit mit dem Bildungsangebot lag in zwischen Theorie und Praxis herstellen. Die Teilnehmer- mit den Ausbildungsstätten abgestimmt. Besonders her- Unternehmen beitragen können. Das Projekt Jump konnte allen Gruppen auf einem sehr hohen Niveau. Daraus erga- Innen wurden deutlich besser im Kopfrechnen. Das Text- vorzuheben ist, dass am beschriebenen Weiterbildungs- den Jugendlichen diese Perspektive geben. Seite 108 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 109
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    BESCHÄFTIGUNG I Penz IJump — Jugendliche mit Perspektive Literatur Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards für die Alphabetisierung und Basisbildung. Wien: In.Bewegung, Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung in Österreich Brief an die Politik 2 Freire, P. (1973), Pädagogik der Unterdrückten. Analphabetismius, und das in Österreich, Bildung als Praxis der Freiheit. Reinbeck bei ich finde das ist ein Unwort das für alle Arten von Lernschwächen Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag eingesetz wird. Wenn ich diese Zahlen höre, die darüber immer wieder Freire, P. (1977), Erziehung als Praxis der veröffentlicht werden, so fährt mir der kalte Schauer über den Rücken. Freiheit. Beispiele zur Pädagogik der Ich kann es nicht glauben, dass es bei uns so viele Menschen Unterdrückten. Reinbeck bei Hamburg: gibt, die weder lesen noch schreiben oder rechnen können. Rowohlt Taschenbuch Verlag Ja sicher, es wird schon einen kleinen Prozentsatz Kuwan, H. (2002), Weiterbildung von geben, bei denen das Wort Analphabet zutrifft. „bildungsfernen“ Gruppen. In: Brüning, Ist es nicht ein Armutszeichen für ein Land wie unseres, für unser Gerhild; Kuwan, Helmut: Benachteiligte Schulsystem und für unsere Lehrer. Es ist mir schon bewusst, dass man und Bildungsferne – Empfehlungen nicht den Lehrern alleine die Schuld zuweisen kann und darf? für die Weiterbildung. Bielefeld: Wenn jemand eine Lernschwäche hat, wird das bei uns noch Bertelsmann, S. 119–201(Teil 2) immer nicht richtig gefördert, es wird dafür zu wenig Geld bereitgestellt. Aber warum liegt es immer am lieben Geld? Vor allem denke ich, ist „Lernschwäche“ noch immer ein Tabuthema in unserer Gesellschaft, weil man auch gleich diese Unwort „Analphabet“ einsetzt. Die Autorin Eltern schämen sich einzugestehen das ihre Kinder eine Schwäche haben. Lehrer müssten für ein Kind mit Schwächen mehr Zeit Mag. Isabella Penz a aufwenden, aber ist nicht gerade auch das die Aufgabe eines Lehrers? Leiterin der VHS Feldkirchen/St. Veit; Modulkoordinato- rin in der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung. Ge- Ist es so schlimm, wenn man einem Kind einige Stunden, boren 1975 in Feldkirchen/Kärnten; Ausbildung zur So- wenn auch unbezahlt, weiterhilft. Gehört das nicht zur zialpädagogin, Studium der Soziologie und Pädagogik Zivilcourage und ist es nicht ein beglückendes Gefühl, wenn an der Universität Wien; seit 2001 in verschiedenen Lei- man ein lernschwaches Kind ein Stück weiterträgt? tungspositionen in der Erwachsenenbildung tätig. Ich glaube, wenn Kinder vom Lehrer eine besondere Einsatzfreude Verein „Die Kärntner Volkshochschulen“ erfahren, so sind meist auch diese bereit sich zu bemühen und die Freude an der Schule wird gesteigert. Denn Lehrer, die sich für einzelne Kinder, www.vhsktn.at vielleicht in Zusammenarbeit mit den Eltern einsetzen, sind meist von i.penz@vhsktn.at den Schülern und der Gesellschaft sehr geschätzte Lehrer und die Früchte daraus sind meist eine gute Klasse mit einem besonderen Zusammenhalt. Lehrer hätten bestimmt öfter ein Glücksgefühl und müssten sich dadurch nicht so oft mit der neuen Volkskrankheit „Burn Out“ herumschlagen. Denn helfen macht glücklich. Vor allem finde ich, müssten diese Tabuthemen: Lernschwäche, Legastenie usw. besser erklärt und aufgearbeitet werden. Ich wünsche mir, dass das Wort Analphabetismus nicht so ziellos verwendet wird. Es gibt viele Menschen die dadurch verletzt werden und noch größere Probleme mit der Aufarbeitung ihrer Lernschwäche haben. Brigitte, 46 Kursteilnehmerin Seite 110 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 111
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    BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch IBasisbildung in Kooperation mit Betrieben Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG / Bildung als Voraussetzung zur chen sie dazu an Information, Schulung, Zeit etc.? Welche Erhaltung der Arbeitsfähigkeit Unterstützung/Kooperation durch Bildungsanbieter ist Bildung, und damit ist zunehmend das lebenslange Ler- notwendig? nen gemeint, ist eine Voraussetzung, um die eigene Ar- beitsfähigkeit zu erhalten. Dem Wandel der Zeit und den Kernaufgabe der Belegschaftsvertretungen ist es, als ak- Entwicklungen in Unternehmen entsprechend „mitlernen“ tives Bindeglied zwischen Unternehmen, Betroffenen und zu können, setzt aber jenes Fundament an Basisbildung Bildungsanbietern zu fungieren. Aufgrund ihrer bestehen- voraus, auf das Weiterbildungsangebote der Erwachsen- den Aufgaben und der geregelten Stellung im Betrieb ha- enbildung und betriebliche Schulungsmaßnahmen übli- ben sie nicht nur den guten Kontakt zur Zielgruppe und cherweise aufbauen. Gelingt es nicht, diese „Bildungslü- Kenntnisse über betriebliche Gegebenheiten, sondern cke“ zu schließen, bedeutet dies für die Betroffenen, von können in ihrer Rolle als „betriebliche Sozialmanager“ für persönlicher und vor allem von beruflicher Entwicklung diese Zielgruppe auch tatsächlich etwas bewirken. ausgeschlossen zu sein, was längerfristig zum Verlust der Arbeitsfähigkeit führen kann. Dabei sind die Ursachen für Die mögliche Unterstützung für Bildungsanbieter durch fehlende Basiskompetenzen ebenso vielfältig wie die Hin- die BetriebsrätInnen umfasst vor allem: dernisse, diese eigenständig aufzuholen. • Informationen über das Zielgruppenpotenzial Viele Erfahrungen zeigen, dass eine aktive Unterstützung • Arbeitsfelder und betriebliche Christina Wimmer Christian Wretschitsch der Betroffenen für einen Wiedereinstieg in den persönli- Rahmenbedingungen (z.B. Schichtarbeit) klären Teilprojektkoordinatorin im Projekt In.Bewegung, Projektmitarbeiter des Basisbildungsprojektes Fit², chen Bildungsprozess notwendig ist. Gerade, weil Arbeit im • Vorgespräche und Kontakte zur ÖGB Oberösterreich ÖGB Oberösterreich Kontext so vielfältiger Lebensdimensionen steht, ist sie ein Unternehmensleitung bzw. mit den zuständigen christina.wimmer@projekt-fit2.at edu.more@aon.at geeigneter Ausgangspunkt und ein starkes Motiv, um indi- personalverantwortlichen Führungskräften viduelle Lernbarrieren zu überwinden. • Informationsweitergabe an die Zielgruppen • Ansprache potenzieller TeilnehmerInnen Eine neue Aufgabe für Gewerkschaften als „Vertrauensperson“ Auch wenn die Ursachen für mangelnde Basiskompeten- zen nicht aus dem Spannungsfeld ArbeitgeberInnen – Ar- • Koordination von beratenden Erstgesprächen beitnehmerInnen stammen, sollten die Gewerkschaften • Information direkter Vorgesetzter und Basisbildung in Kooperation mit Betrieben die gezielte Förderung von Basisbildung als eine „neue Auf- Absprachen über mögliche Unterstützungen gabe“ wahrnehmen. In Anknüpfung an die über viele Jahre und Rücksichtnahmen (z.B. Arbeitszeiten) bewährte österreichische Form der Sozialpartnerschaft • Organisatorische Unterstützung bei Eine Argumentationsgrundlage könnten die Gewerkschaften ihr Gewicht zur Verringerung der vielfältigen, negativen Auswirkungen mangelnder Bil- der Kursabwicklung bei firmeninternen Kursen (z.B. Raumorganisation, PC etc.) dung einbringen. • Ansprechpartner/innen bei Problemen und jeglichen Belangen rund um Basisbildung ist eine Grundlage, die jeder Mensch losigkeit mit all ihren negativen Begleiterscheinungen aus, Die Ziele der Gewerkschaften dabei sind, das Thema Basisbildung braucht, um längerfristig aktiv am gesellschaftlichen und sondern belasten und gefährden auch unsere gesellschaft- „ihren“ ArbeitnehmerInnen beruflichen Leben teilnehmen zu können. Mangelnde Ba- lichen Strukturen erheblich. Ständig wachsende Sozialaus- • eine Chance auf einen Wiedereinstieg Erfahrungen aus den Projekten sisbildung ist sowohl individuell als auch gesellschaftlich gaben führen unweigerlich zu Sozialabbau, Verdrängungs- ins lebenslange Lernen zu geben, In.Bewegung I und II mit negativen Folgen verbunden. Möglichst viele Basisbil- wettbewerb führt zu Feindbildern und Ausgrenzung, an Vielen BetriebsrätInnen war dieses Thema und vor al- dungsangebote in die Praxis umzusetzen, erfordert auch den gesellschaftlichen Rand gedrängt zu werden, macht • den Erhalt der Beschäftigungsfähigkeit zu fördern, lem ein aktiver Umgang damit neu. Die Rolle als „Agent für neue Wege und neue Kooperationen. Mit seinem Engage- anfällig für Angstparolen, um nur einige Punkte zu nennen. • berufliche Entwicklungsmöglichkeiten Basisbildung“ erfordert ein ausreichendes Hintergrund- ment in der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung will zu eröffnen, wissen und einen sensiblen Umgang – vor allem mit den der Österreichische Gewerkschaftsbund einen aktiven Bei- In den folgenden Überlegungen wurde der Fokus auf das • mehr Sicherheit in der persönlichen Betroffenen. Zur Vorbereitung einer erfolgreichen Zusam- trag dazu leisten. Zusammenspiel von Basisbildung und Arbeit gelegt. Lebensplanung zu geben. menarbeit war es unumgänglich, im Vorfeld eine Sensibi- lisierungs- und Informationsphase mit folgenden Schwer- Ist Basisbildung in Arbeit, ein wesentlicher Faktor für ein Leben in Würde Die Erfahrungen aus den Projekten In.Bewegung I und II zeigen, dass mit Unterstützung von Betriebsrätinnen und punkten durchzuführen: Betrieben eine Aufgabe Arbeit bildet eine wesentliche Grundlage für ein Leben in Betriebsräten ein sehr effizienter Zugang zur Zielgruppe • Allgemeine Informationen über das Problem mangelnder Basisbildung in Österreich der Gewerkschaften? Würde. In einer leistungsorientierten Gesellschaft bedeu- tet Arbeitslosigkeit nicht nur eine generelle Verschlechte- möglich ist. Vertrauensvolle AnsprechpartnerInnen, beruf- licher Kontext und die Berücksichtigung und Nutzung be- • Entstehung und typische Folgen für die Entwicklungen in der Arbeitswelt rung der Lebensumstände, sondern sie geht auch einher trieblicher Rahmenbedingungen, vorzugsweise mit Unter- Betroffenen (Lerngeschichten, Armutsgefährdung, Betrachtet man die wirtschaftlichen Entwicklungen der mit dem Verlust von Anerkennung und gesellschaftlicher stützung der Unternehmensleitung, sind dabei wesentliche Gesundheit, Lebenserwartung, letzten Jahre, so kann festgestellt werden, dass gerade Ar- Wertschätzung. Von Sozialleistungen abhängig zu sein, Erfolgsfaktoren. Vermeidungsstrategien, Ängste und beitsplätze für ungelernte bzw. schlecht ausgebildete Per- sich die Teilhabe am „normalen“ gesellschaftlichen Leben Schutzbedürfnis, Alltagssituationen etc) sonen verstärkt verloren gehen. Mangelnde Basisbildung nicht mehr leisten zu können, mit all seinen Auswirkun- Die Rolle der • Beispiele von Lebensbiografien Betroffener ist ein Grund dafür, dass Menschen den erhöhten Anfor- gen auf das persönliche Umfeld, führen häufig zum Ver- BelegschaftsvertreterInnen und Erfolgsbeispiele von KursbesucherInnen derungen nicht nachkommen können. Die Folgen wirken lust der Selbstachtung bis hin zum totalen Rückzug aus Welche Möglichkeiten haben BetriebsrätInnen, ihre Kol- sich nicht nur auf individueller Ebene in Form von Arbeits- dem gesellschaftlichen Leben. legInnen in der Basisbildung zu unterstützen? Was brau- Seite 112 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 113
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    BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch IBasisbildung in Kooperation mit Betrieben Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG / • Typische Vorurteile und deren Aufklärung Diensthuber vom ÖGB- Oberösterreich. Aufgrund des bil- Investitionen und Nutzen aus Vorbereitung der Kontaktaufnahme dungspolitischen Rückschrittes unter Margaret Thatcher mit Unternehmen • Sensibler sprachlicher Umgang und die Vermeidung von Begriffen, entwickelte sich eine besonders große Gruppe schlecht unternehmerischer Perspektive Um mögliche Wege für ein Engagement von Unterneh- die zu Stigmatisierungen führen ausgebildeter ArbeitnehmerInnen. Die starken negativen Warum lohnt es sich für Unternehmen, Basisbildungsan- men in der Basisbildung zu eröffnen, sind deren Rahmen- könnten, z.B. Analphabet wirtschaftlichen Auswirkungen hatten zur Folge, dass das gebote im eigenen Betrieb anzubieten? Welche Unterstüt- bedingungen und Verhaltensprämissen zu beachten. (Das Thema Basisbildung sowohl von der Politik als auch von zungen und Anreize können Unternehmen ihren Mitar- heißt nicht, mit allem einverstanden zu sein, sondern mein Nutzen für BetriebsrätInnen den Gewerkschaften massiv in Angriff genommen wurde. beiterInnen anbieten, um deren Motivation zu fördern, an Gegenüber besser zu verstehen und die richtigen Argu- Im Folgenden sind Argumente und Gründe aufgelis- Wie der Entwicklungsstand zum Thema Basisbildung im einem Basisbildungskurs teilzunehmen? mente für mein Anliegen zu finden.): tet, die von BetriebsrätInnen und Gewerkschaftsvertrete- betrieblichen Kontext in Österreich ist, zeigt folgender Ver- • Klarheit über das eigene Angebot. Was kann rInnen in Gesprächen und Diskussionen genannt wurden, gleich, der im Rahmen der transnationalen Zusammenar- Die betriebliche Situation ich anbieten und für wen? Was brauche ich warum sie Basisbildung im betrieblichen Kontext als sinn- beit gezogen worden ist. Für die Zusammenarbeit mit Unternehmen stellt sich dazu? Was möchte ich vom Unternehmen? voll erachten und unterstützen. primär die Frage, welche Motive Unternehmen bzw. de- Wie wäre der konkrete Ablauf etc.? England Österreich ren verantwortliche Führungskräfte haben könnten, um Basisbildung in betrieblichem Themen der Alphabetisierung Imagegewinn durch eine aktive Rolle: Kontext ist seit Jahren (Amts- und Basisbildung werden im sich mit dem Thema Basisbildung überhaupt auseinan- • Möglichst umfassende Informationen antritt Tony Blair) ein Thema. betrieblichen Kontext kaum derzusetzen. Betriebe holen sich üblicherweise jenes Per- über den Betrieb sammeln. Dies ist die • Die BetriebsrätInnen können aktiv ein Basis für ein erfolgreiches Gespräch. Wer wahrgenommen. sonal, welches bereits die notwendigen Kompetenzen ent- Angebot zur persönlichen Förderung bist du und worüber reden wir? von MitarbeiterInnen anbieten. Basisbildung ist ein zentrales Die Themen werden erst lang- sprechend den betrieblichen Erfordernissen mitbringt. Thema der Gewerkschaften. sam aufgegriffen. Die Verantwortung für die „Arbeitsfähigkeit“ und die da- • Es stärkt die Position gegenüber der • Unternehmen müssen betriebswirtschaftlich Die Maßnahmen werden von BetriebsrätInnen sind in ih- mit verbundenen Kompetenzen liegen aus ihrer Sicht vor- handeln, um selbst langfristig bestehen Unternehmensleitung, wenn die allen Beteiligten getragen. Die rer Funktion als betriebli- BetriebsrätInnen Maßnahmen fördern, zugsweise bei den ArbeitnehmerInnen selbst. Betriebliche zu können. Welcher Nutzen kann Wirkung wird dadurch erheb- che Bildungsbeauftragte eher die auch dem Betrieb nützen. lich verstärkt. Einzelkämpfer/innen. Weiterbildung dient vor allem einer kontinuierlichen Ent- entstehen und von Interesse sein? Basisbildung ist fixer Bestand- Basisbildungsangebote müs- wicklung des Unternehmens und erst in zweiter Linie der • Die Belegschaft nimmt dieses Engagement positiv • Wie sieht die Arbeitssituation in der Region aus? teil der Arbeit. sen über Einzelprojekte orga- Förderung einzelner Personen. Besonderes Interesse be- wahr, da nun auch für die Basisbildungsdefizite Wie leicht bekommt man Arbeitskräfte? Wie hoch nisiert werden. steht dabei vor allem an der Entwicklung von Führungs- ist der Anreiz, sich um seine MitarbeiterInnen Bildungsmaßnahmen angeboten werden. BetriebsrätInnen haben sich Es existiert noch kaum Erfah- kräften und FacharbeiterInnen. zu sorgen und etwas zu investieren? • Die GewerkschaftsvertreterInnen machen nicht entsprechende Kompetenzen rung zu dieser Thematik. nur etwas für große Gruppen, die zur Stärkung angeeignet und Erfahrungen Im Bereich der Basiskompetenzen ist die Gefahr beson- • Unternehmen sind Teil der gesellschaftlichen der eigenen Position wichtig sind, sondern gesammelt. Strukturen und unterliegen damit auch einer ders groß, dass sich Betriebe für Fördermaßnahmen nicht setzen sich auch für schwächere Gruppen ein. Basisbildung ist kein Ta- Wenn sie sich zu ihren Lese- soziokulturellen Beurteilung (z.B. Image, gute/r buthema mehr. Betroffene und Schreibproblemen be- zuständig fühlen und eher einen Personalwechsel bevor- Arbeitgeber/in, umweltfreundlich, gesunde Veränderung der persönlichen Wahrnehmung: können sich offen dazu be- kennen, empfinden sie meist zugen. Gespräche mit personalverantwortlichen Füh- Produkte, gutes Arbeitsklima etc.) Wie möchte • Die Auseinandersetzung mit diesem Thema kennen. Dies erleichtert die große Scham. Alphabetisie- rungskräften zeigten, dass sie Personen, die über keine das Unternehmen wahrgenommen werden? Arbeit wesentlich. rung wird eher als Tabuthema ausreichende Basisbildung verfügen, erst gar nicht be- macht nicht nur sensibler für diese Zielgruppen, gesehen, das erschwert die Worauf legt es Wert? Was für ein Bild möchte sondern generell für die Probleme, Anliegen und konkrete Arbeit erheblich. schäftigen wollen. Durch den minimalen Aufwand, der es unbedingt vermeiden? Hinweise findet man Bedürfnisse der Mitmenschen/der KollegInnen. Der Begriff Basisbildung kann bei der Einstellung von gering qualifizierten Arbeitneh- häufig in Informations- und Werbematerialien neu konnotiert werden und ist merInnen betrieben wird, kommt dies in der Praxis den- oder branchenspezifischen Problemstellungen. • Die Selbstreflexion über eigene Schwächen und Bedürfnisse wird gefördert. nicht a priori stigmatisierend. noch vor. Dies zeigt sich aber meist erst dann, wenn be- • Führungskräfte haben neben ihrer Funktion triebliche Anforderungen von diesen MitarbeiterInnen auch Eigeninteressen: Arbeitsaufwand, Risiken für BetriebsrätInnen Rückmeldungen von BetriebsrätInnen nicht erfüllt werden können. Zeitbudget, persönlicher Status, Image etc. Großes Interesse am Thema und hohes Engagement lie- Erste Erfahrungen von BetriebsrätInnen in der betriebli- ßen kaum negative Erwartungen und Risiken aufkommen. chen Basisbildung führten zu folgenden Rückmeldungen: Führen im besten Fall wiederholte Arbeitsplatzeinschu- • Führungskräfte sind auch (nicht nur privat) Folgende Punkte kamen vereinzelt zur Sprache: lungen nicht zum gewünschten Ergebnis, wird in der Re- Menschen. Was sie in ihrer Führungsfunktion • Wer stets in einer weitgehend gesicherten Position gel die Kündigung ausgesprochen. Leider wird in der (klare Zuständigkeiten und Verantwortung) nicht • Arbeitsüberlastung, wenn schon gelebt hat, kann sich die Lebensumstände Folge häufig ein sehr negatives Bild von diesen Mitarbei- wahrnehmen müssen, können sie als „Mensch“ mehrere Projekte gleichzeitig laufen von Betroffenen kaum vorstellen. trotzdem tun. Ein Appell an die soziale (oder terInnen gezeichnet. Mangelnder Lernwille, Unfähigkeit • Vorwurf, dass sich BetriebsrätInnen um Leute • Einen Zugang zum Thema finden die meisten auch moralische) Verantwortung greift, wenn bis hin zur Faulheit werden unterstellt. Dass häufig feh- überhaupt, nur hier. Als individueller Mensch kümmern, die ohnehin nicht lernen wollen vor allem über die emotionale Ebene. lende Basiskompetenzen die eigentliche Ursache für das Anerkennung zu bekommen, ist ein sehr starkes • Gefahr, bei Informationsmangel nicht richtig • Man muss Betroffenheit herstellen. Ein reales Scheitern der Betroffenen sind, wird meist nicht erkannt Motiv und oft ein Hauptschlüssel zum Erfolg. damit umgehen zu können Bild über das tägliche Leben schildern. bzw. kommt gar nicht als Möglichkeit im Bewusstsein der (Unterstützung durch Informationen • Man muss erkennen, wie Biografien verlaufen verantwortlichen Führungskräfte vor (es folgt häufig der • Zeit ist generell Mangelware! zum Umgang mit Vorurteilen!) und die „Abwärtsspirale“ funktioniert. Gut vorbereitete, klare Informationen Verweis auf die Schulpflicht). sind daher absolut notwendig. • Vorwurf:„Warum kümmert ihr euch um die paar • Leider gibt es kein Patentrezept. Jeder versucht Leute, … wäre doch wichtiger, wenn ihr ...“ nach seiner persönlichen Erfahrung und Weiters konnten wir feststellen, dass der Begriff Basis- • Lösungsvarianten für zu erwartende Probleme • Befürchtung, dass die Führungskräfte Einschätzung der Dinge, das Beste zu machen. kompetenzen als ein relativ breit gefächerter Begriff im sollten bereits vorbereitet sein. Führungskräfte nicht „mitspielen“ werden Sinne von „Kompetenzvoraussetzungen für …“ verwen- wollen meist schnell entscheiden. Bekannte • Der Erfolg hängt auch von der betrieblichen Standardlösungen sind nicht immer die besten, det wird. Dementsprechend sollte unbedingt auf eine Verankerung des Betriebsrates und gute Lösungen fallen aber nicht vom Himmel. Internationale Beobachtungen und Vergleiche der Unternehmenskultur ab. Begriffsklarheit im Gespräch mit Personalisten geachtet Dieser Beitrag entstand infolge eines Besuchs der eng- werden. • Betriebliche Abläufe sollten möglichst lischen Gewerkschaft (TUC) als transnationaler Partner wenig gestört werden. Dies bedeutet immer von In.Bewegung I. Interviewpartner war Kollege Rudolf Mehraufwand in den jeweiligen Abteilungen. Seite 114 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 115
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    BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch IBasisbildung in Kooperation mit Betrieben Basisbildung in Kooperation mit Betrieben I Wimmer  Wretschitsch I BESCHÄFTIGUNG / • BetriebsrätInnen können in vielen Punkten Basisbildung schafft unter anderem genau diese „Ba- Größere Unabhängigkeit auf welcher Maßnahme teilnehmen? Wie gut ist die Ziel- entscheidend helfen! Sie kennen nicht nur die KollegInnen, sondern auch die Arbeitsprozesse sis“. Diese Grundkompetenzen sind das Fundament, wenn dem Arbeitsmarkt gruppenansprache gelungen? Was waren fördernde vs. und vor allem die Unternehmenskultur. auch in einer großen Bandbreite, auf dem Erwachsenenbil- Die interne Entwicklung notwendiger Kompetenzen, ein hemmende Formulierungen? Die gewonnenen Erkennt- dungsmaßnahmen normalerweise konzipiert werden. Be- gutes Betriebsklima und eine damit verbundene geringere nisse der Evaluation müssen in den laufenden Planungs- Welcher Nutzen entsteht für Unternehmen triebliche Basisbildung trägt somit wesentlich zu einer er- Personalfluktuation verringern die Abhängigkeit vom Ar- prozess eingebunden werden, um die gewünschte Wir- durch Förderung der Basisbildung? folgreichen Personalentwicklung bei. beitsmarkt. Erhöhte Flexibilität, Lernfähigkeit und Lern- kung erzielen zu können. Um Betriebe für mehr Engagement in der Basisbildung bereitschaft ermöglichen einen effizienteren Umgang mit zu gewinnen, muss ein Nutzen für das Unternehmen ent- Qualitätsverbesserung und sich ändernden betrieblichen Anforderungen. Darüber hi- Organisatorische Rücksichtnahme stehen. Im Folgenden wurden einige wesentliche Faktoren Vermeiden von Fehlern naus haben attraktive Arbeitgeber/innen eine größere Aus- auf Kurszeiten unternehmerischen Interesses beleuchtet. Auch wenn nur geringe Qualifikationen für einen Tä- wahlmöglichkeit bei der Neubesetzung von Arbeitsplätzen. Eine besondere Schwierigkeit stellt meist die Festle- tigkeitsbereich vorausgesetzt werden, führt ein Mangel Sie müssen nicht suchen, sie werden gesucht. gung möglicher Kurszeiten dar. Unter Umständen ist an Basiskompetenzen zu erhöhtem Aufwand. Beispiele: es daher notwendig, dass für den Zeitraum einer Maß- Leistungsfähig- Nichtverstehen von Arbeitsanweisungen und sonstigen Empfehlenswerte Investitionen nahme eine organisatorische Rücksichtnahme erforder- keit und Flexibilität schriftlichen Arbeitsunterlagen, unsicherer Umgang mit des Unternehmens lich ist. Überstunden, Außendienste oder Schichtwech- fördern EDV-Systemen, Sicherheitsbestimmungen, Ausweichre- Im Vergleich zu sonstigen Personalentwicklungsmaßnah- sel sind eventuell mit den Kurszeiten nicht vereinbar. In größere betriebliche Unabhängigkeit Weiterbildung aktionen bei befürchteter Überforderung, erhöhtes Un- men ist der Aufwand zur Förderung von Basisbildung sehr diesen Fällen sind die betroffenen Führungskräfte mit vom erleichtern Arbeitsmarkt fallrisiko etc. gering, da für die Kursmaßnahmen selbst häufig auch öf- einzubeziehen, um Konflikte zu vermeiden. Ein schicht- fentliche Fördergelder zur Verfügung stehen. Trotzdem arbeitgerechtes Modell könnte folgendermaßen aus- Verbesserung der Kommunikation hängt betriebliche Basisbildung vom Engagement und der sehen: Statt einer großen Lerngruppe mit zwei Trainer- Mangelnde Kompetenzen führen zu Unsicherheit. In ent- Unterstützung des Unternehmens ab. Innen werden zwei Kleingruppen jeweils vor und nach Qualitäts- Image, betrieblicher verbesserung sprechenden Situationen neigen Betroffene dazu, sich eher einem Schichtwechsel angeboten. Die TeilnehmerIn- Betriebsklima, Nutzen von und das zurückzuziehen, sich passiv zu verhalten. Eine konstruk- nen können gemäß ihrer Arbeitszeit flexibel bestimmen, Attraktivität Basisbildung Vermeiden fördern tive Kommunikation wird dadurch erheblich erschwert. wann sie den Kurs besuchen. Erfahrungen aus der Praxis von Fehlern Anteil der Kurszeit als Arbeitszeit, Anreize Basisbildung fördert nicht nur die Kompetenzen, sondern zeigen, dass die Gruppengrößen trotzdem relativ kons- auch die Selbstsicherheit und das Zutrauen, sich aktiv ein- tant sind. zubringen und unterstützt damit auch die betrieblich not- Verantwortungs- Verbesserung übernahme, der wendige Kommunikation. Unterstützung Kursraum zur Verfügung stellen Identifikation, Kommunikation Kursraum zur durch Leitung Loyalität Verfügung und Es wirkt sich in vielen Fällen vorteilhaft aus, wenn Schu- Bindung an steigern das Bindung an das Unternehmen festigen stellen, ev. Investitionen zur Belegschafts- lungen in betriebseigenen Räumlichkeiten stattfinden mit PCs Förderung von vertretung Unternehmen Weiterbildung festigt in der Regel auch die Bindung an können. Der Wegfall von Wegzeiten, passenden Fahrge- betrieblicher festigen das Unternehmen. Durch Bildungsangebote wird auch Basisbildung legenheiten und den dafür notwendigen Pufferzeiten er- Wertschätzung und Anerkennung zum Ausdruck ge- leichtern die Teilnahme oft entscheidend. In Abstimmung bracht. Es signalisiert den MitarbeiterInnen, dass sie ge- mit den TrainerInnen bzw. der Bildungseinrichtung ist Leistungsfähigkeit und Flexibilität fördern braucht werden und der Betrieb längerfristig auf ihre auf eine geeignete Größe und Ausstattung (PCs) zu ach- Bestehende Potenziale werden oft erst durch entspre- Mitarbeit baut. organisatorische ten. Kursräume bzw. Rahmenbedingungen sind auch ein Rücksichtnahme Zeit für Planung chende Schulungen erkannt und für das Unternehmen auf Kurszeiten und Evaluierung Ausdruck der Wertschätzung gegenüber den Teilnehmer- nutzbar. Mehr Selbstsicherheit und Kompetenz bei der Verantwortungsübernahme, Innen bzw. dem beigemessenen Wert der Maßnahme. Durchführung übertragener Aufgaben steigern die Pro- Identifikation und Loyalität steigern duktivität, erhöhen die Übernahme von Verantwortung Betriebliche Bildung vermittelt den MitarbeiterInnen die Anrechnung von Kurszeit als und verringern Fehlleistungen. Mehr Selbstvertrauen Botschaft: Ich werde langfristig gebraucht; man traut mir Arbeitszeit — und besondere Anreize fördert auch die Veränderungsfähigkeit und -bereit- etwas zu; ich bin es dem Betrieb wert, man vertraut mir; ich Unterstützung durch Leitung und Ein Wiedereinstieg in den Bildungsprozess ist für „bil- schaft. Flexiblere Einsatzmöglichkeiten und die Fähig- gehöre dazu. Dies erhöht die Identifikation mit dem Unter- Belegschaftsvertretung dungsferne“ Personen durch eine Reihe von Hürden ge- keit, sich Veränderungen anzupassen, gehen damit Hand nehmen und steigert das „Wir-Gefühl“. Eine starke Identifi- Sollen alle positiven Faktoren betrieblicher Bildung zum kennzeichnet. Fehlende positive Erfahrungen lassen den in Hand. kation fördert die Übernahme von Verantwortung und die Tragen kommen, muss sie tatsächlich als gewollte Maß- Wert persönlicher Weiterbildung zu Beginn oft schwer er- Loyalität dem Unternehmen gegenüber. Dies wirkt sich z.B. nahme von allen mitgetragen werden. Bildung ist auch kennen, wodurch die Bereitschaft, selbst etwas zu inves- Betriebliche Weiterbildung erleichtern in einer hohen Bereitschaft aus, auch schwierige betrieb- eine betriebliche Investition, die auf vielen unterschiedli- tieren (Zeit, Geld, organisatorischer Aufwand, …), eher ge- Betriebliche Weiterbildung ist zunehmend auch in Ar- liche Situationen gemeinsam durchzustehen (z.B. Kurzar- chen Ebenen wirken kann (siehe Nutzendarstellung). Eine ring ist. Zusätzliche Anreize in der Einstiegsphase könnten beitsbereichen mit niedrigen Qualifikationsanforde- beit bei schlechter Auftragslage). „halbherzige“ Investition (Unterinvestition) führt oft zum diese Hürde überwinden helfen. rungen notwendig. EDV-Systeme, Qualitätssicherung, gegenteiligen Ergebnis. Sicherheitsbestimmungen, Unfallverhütung, Arbeitsan- Image, Betriebsklima, Attraktivität fördern Direkte Kosten für Basisbildungsmaßnahmen werden weisungen etc. sind nur einige Stichworte, die zeigen, in Basisbildungsangebote zeigen auch MitarbeiterInnen der Zeit für Planung und Evaluierung weitgehend durch Förderungen gedeckt (Förderungen von welchen Bereichen Schulungen erforderlich sind, um Ar- unteren Lohnbereiche, dass sie wichtig sind, ernst genom- Wie bei jeder Investition ist eine gute Planung der halbe Einzelpersonen und betriebliche Förderungen). In diese beitsprozesse effizient zu gestalten. Alle gängigen Schu- men werden und einen wesentlichen Beitrag zum Unter- Erfolg. Ebenso sollte zumindest eine strukturierte Nach- Zielgruppe werden im Vergleich zu anderen Berufsgrup- lungskonzepte setzen aber ein gutes schriftsprachliches nehmenserfolg leisten. Dies fördert ein positives Betriebs- betrachtung – im Sinne einer Selbstevaluation – durchge- pen ohnehin nur geringe Investitionen getätigt. Darüber Verständnis und die Übung im Umgang mit Lernmateri- klima, steigert das Image und erhöht die Attraktivität der führt werden. Neben den Inhalten der Bildungsmaßnah- hinaus wäre es empfehlenswert, das betriebliche Interesse alien und Arbeitsmethoden voraus. Sind diese Vorausset- Firma als Arbeitgeberin. men und den organisatorischen Rahmenbedingungen durch zusätzliche Anreize zum Ausdruck zu bringen. Der zungen nicht gegeben, führen betriebliche Schulungen ist vor allem eine geeignete Kommunikation mit den Kreativität sind hier kaum Grenzen gesetzt. kaum zum gewünschten Ergebnis. Zielgruppen und deren Vorgesetzten zu planen und zu evaluieren. Wer darf/soll zu welchen Bedingungen an Seite 116 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 117
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    BESCHÄFTIGUNG I Wimmer /Wretschitsch IBasisbildung in Kooperation mit Betrieben „Ich bin es dem Betrieb wert!“ • Anrechnung von Kurszeit als Arbeitszeit. Dies kann auch in einem prozentuellen Anteil vereinbart werden. • Zusätzliche Urlaubszeit: Kurszeit(-anteile) umgerechnet auf Urlaubstage • Bildungsgutscheine für weiterführende Kurse bei einem Bildungsanbieter • Unterstützende Lehr- und Lernmittel (auch Gutscheine – diese können oft über den Einkauf organisiert werden) • Kleine Anerkennungen als Zeichen der QUALITÄT Wertschätzung: Pausengetränke, Obstkorb, USB-Stick bei EDV-Kursen etc. Resümee Neben der Qualität der Bildungsmaßnahmen stellt sich vor allem die Frage, wie wir bildungsferne Menschen er- Antje Doberer-Bey Max Mayrhofer Rosmarie reichen und welche Unterstützung sie brauchen, um wie- der in den Bildungsprozess einzusteigen bzw. einsteigen Zarfl Sonja Muckenhuber zu können. Wir haben versucht, einen Lösungsweg zu be- schreiben und Argumente dafür anzuführen. Arbeit und Bildung, zwei wesentliche Lebensgrundlagen, Kooperation als Basis für gemeinsamen Erfolg, Wertschätzung und Ver- trauen als Grundlage sozialer Gemeinschaft. Heide Cortolezis Die AutorInnen Christina Wimmer, Bakk.Komm. Projektleiterin des ÖGB Basisbildungsprojektes Fit², Studium der Kommunikationswis- senschaft Universität Salzburg Österreichischer Gewerkschaftsbund Lan- desorganisation Oberösterreich www.oegb.at christina.wimmer@projekt-fit2.at Christian Wretschitsch Projektmitarbeiter des ÖGB Basisbildungsprojektes Fit²; selbst. Berater für Organisationsberatung und Coaching Österreichischer Gewerkschaftsbund Lan- desorganisation Oberösterreich www.oegb.at edu.more@aon.at Seite 118 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 119
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    QUALITÄT I Doberer-Bey IAuf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung I Doberer-Bey I QUALITÄT Zielsetzungen rungen der Praxis. Ziel der Qualitätsstandards war es, die Grundlagen zur 5). Interviews mit TrainerInnen in den Umsetzungsmo- Entwicklung der Qualität auf allen Ebenen der Alphabeti- dulen der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung (Salz- sierungs- und Basisbildungsarbeit zu schaffen. Im Sinne burg, Kärnten, Oberösterreich) – wie 4). der begünstigten Zielgruppen sollten sie mittelfristig rea- lisiert werden und die Grundlage der Politiken und Finan- 6). Interviews mit KursteilnehmerInnen in den Maßnah- zierungspläne sein, um dauerhaft die Qualität von Bera- men der Umsetzungsmodule (Pongau, Klagenfurt, Steyr, tungs- und Kursangeboten zu garantieren. Linz) über ihre Erfahrungen in den Kursen. Qualitätsstandards 7). Workshop mit österreichischen ExpertInnen aus • geben Orientierung und sind dem Burgenland, aus Vorarlberg, Tirol und Wien (VHS Steuerungsinstrument bei der Meidling) und mit PartnerInnen der Entwicklungspartner- Planung, Entwicklung und Umsetzung schaft In.Bewegung I sowie diverse Diskussionsrunden im von Basisbildungsangeboten; internen Kreis der Entwicklungspartnerschaft. • wirken der Benachteiligung aller Personengruppen entgegen und fördern Das gewonnene reichhaltige Material bildete die Grund- deren gesellschaftliche Integration; lage für die Qualitätsstandards und das TrainerInnenprofil Antje Doberer-Bey • fördern die Gleichstellung von Frauen sowie für ein erstes Berufsbild. doberer-bey@aon.at und Männern au dem Arbeitsmarkt und in der Gesellschaft; Die Qualitätsstandards • stellen einen Referenzrahmen zur Bewertung Die Ergebnisse der Recherche, insbesondere aus England geplanter Maßnahmen für die öffentliche Hand dar; und der Schweiz, zeigten, dass die Qualität von Angeboten • beschreiben die Bedarfe zielführender auf drei Ebenen zu sichern ist: auf der Ebene der instituti- Basisbildungsangebote und den daraus onellen Rahmenbedingungen, der Angebotskonzepte und abzuleitenden finanziellen Aufwand. der TrainerInnen. Der Entwicklungsprozess 1.) Die institutionellen Rahmenbedingungen Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Die Qualitätsstandards und das TrainerInnenprofil wur- Zunächst ist eine Strategie zur Implementierung eines kon- tinuierlichen Angebotes erforderlich, die sowohl gezielte Öf- Qualitätsstandards für die Basisbildung den auf der Grundlage der Expertise von Fachkräften aus dem Inland und dem Ausland entwickelt, wobei Konzepte fentlichkeitsarbeit als auch die Vernetzung mit wichtigen MultiplikatorInnen und für die Zielgruppen relevanten Part- Ein Erfahrungsbericht aus England, der Schweiz und aus Deutschland Berück- sichtigung fanden. Die Entwicklung erfolgte über folgende nerInnen umfasst. Wichtig sind weiters eine zielgruppenad- äquate Ausstattung, die den Zugang zu PC und Internet Schritte: ebenso umfasst wie ansprechende, erwachsenengerechte Räumlichkeiten, die das Arbeiten in unterschiedlichen Lern- 1). Internetrecherche im In- und Ausland: Vorhandene settings ermöglichen. Um den niederschwelligen Zugang zu In diesem Beitrag wird der Prozess beschrieben, der im zeichnen sich dadurch aus, dass sie einerseits die gesell- Konzepte von Qualität und Beschreibungen von TrainerIn- gewährleisten, muss die Kommunikation und Eingangsbe- Zeitraum von 2005 bis 2007 zu den Qualitätsstandards schaftlichen Anforderungen und Bedingungen für partizi- nenqualifikationen wurden recherchiert. ratung den Bedürfnissen der Zielgruppen angemessen sein. für die Basisbildung und zur ersten Formulierung eines pative Lebensformen berücksichtigen und andererseits die Hierzu zählt auch eine ausgewiesene und einschlägig quali- TrainerInnenprofils geführt hat. Ausgehend von der da- Zugangsbarrieren reduzieren, indem sie individuell maß- 2). ExpertInnen-Interviews: Erfahrene KollegInnen aus fizierte Ansprechperson, die für Erstberatung und laufende maligen Lage werden die Zielsetzungen und die einzelnen geschneidert sind und die Lernenden in Anknüpfung an den erwähnten Ländern wurden persönlich interviewt: Beratung zur Verfügung steht. Entwicklungsschritte dargestellt. Anschließend werden ihre biografischen Voraussetzungen maximal fördern. In- Jane Mace (Forschung, Konzeptentwicklung, TrainerIn- kurz die verschiedenen Ebenen der Qualitätssicherung nerhalb der qualitativ abzusichernden Parameter rückten nenausbildung) und Alison Hay (Evaluation von Maß- 2.) Die Angebote und das TrainerInnenprofil skizziert. Ein Resümee und die TrainerInnen als zentrale AkteurInnen sehr schnell ins nahmen und Beratung) aus England; Heidi Ehrensperger Angebote der Basisbildung erfordern individuelle Lern- der Blick auf die längerfristigen Ergebnisse runden diesen Blickfeld und mit ihnen die Frage nach ihrem professionel- (Qualitätssicherung, Organisationsentwicklung, Traine- zielfeststellungen in der Eingangsphase sowie umfassende Beitrag ab. len Profil. Beide Themenbereiche waren somit von Beginn rInnenausbildung) und Sylvia Herdeg (TrainerInnenaus- (Lern-)Beratungsleistungen. Kenntnisse und Kompetenzen, an eng miteinander verknüpft. bildung, Unterrichtspraxis und Autorin) aus der Schweiz; persönliche Ziele und Lebensrealitäten der TeilnehmerInnen Ausgangslage Marion Döbert (Unterrichtspraxis, Koordination und Ex- bilden die Grundlage des gemeinsam zu entwickelnden Lern- Im sogenannten „Teilprojekt 2“ sollte ich die Entwicklungs- pertin des deutschen Bundesverbands Alphabetisierung) planes. Dabei gestaltet sich die Zielfindung und Zielentwick- Als sich die Gründungsmitglieder des Netzwerks Basis- arbeit an der Volkshochschule Wien Floridsdorf realisieren, aus Deutschland. lung als dialogischer Prozess, der die Lernbereitschaft und bildung1 im Herbst 2004 zusammenfanden, um die Ein- unterstützt von der Projektpartnerin Christine Schubert im Autonomie der TeilnehmerInnen fördert und die Vorausset- reichung des ersten EQUAL-Projektes In.Bewegung I BHW Niederösterreich. Ich verfügte über langjährige Erfah- 3). Sichtung einschlägiger Literatur zung für die Integration in nachhaltige Lernprozesse darstellt. (2005–2007) vorzubereiten, war bald klar, dass eine der rung in den verschiedenen Bereichen der Basisbildung und zukünftigen Herausforderungen für das Arbeitsfeld die Alphabetisierung, war Anbieterin der ersten TrainerInnen- 4). Interviews mit TrainerInnen und AbsolventInnen In den Kursen werden erwachsenengerechte Materia- Qualität sein würde. Qualifizierte Basisbildungsangebote ausbildung und zusätzlich über EU-Projekte mit internatio- der Lehrgänge zur Ausbildung von Alphabetisierungspä- lien eingesetzt, die auf Lernziele der TeilnehmerInnen abge- nalen ExpertInnen vernetzt. Hieraus ergaben sich günstige dagogInnen I und II am Bundesinstitut für Erwachsenen- stimmt sind. Die angewandten Methoden sind vielseitig und 1 Brigitte Bauer abc-Salzburg, Antje Doberer-Bey VHS 21 Floridsdorf, Mag. Leander Duschl VHS Linz, Mag.a Sonja Muckenhuber VHS Linz, Mag. Otto Rath ISOP GmbH. Voraussetzungen für die Realisierung des Vorhabens. bildung in Strobl über ihre Erfahrungen und die Anforde- bieten ein breites Spektrum an Lernmöglichkeiten. Eine re- Seite 120 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 121
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    QUALITÄT I Doberer-Bey IAuf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung Auf dem Weg zu TrainerInnenprofil und Qualitätsstandards für die Basisbildung I Doberer-Bey I QUALITÄT gelmäßige Evaluierung ist ebenfalls Bestandteil qualitätsgesi- TrainerInnenprofil Resümee und Ausblick Literatur cherter Angebote. und Berufsbild Die bis 2007 als vorläufiges Produkt ausgearbeiteten Qua- Boyd, S. (2005), The Skills for Life 3.) Die TrainerInnen Qualifizierte TrainerInnen der Basisbildung zeichnen sich litätsstandards bildeten eine solide Grundlage für die Ent- Initiative. In: Basic Skills Professional An die Professionalität von Basisbildungs- und Alpha- durch Kompetenzen in folgenden Bereichen aus: allgemei- wicklung eines Systems zur Umsetzung von Qualitätszie- Development, Issue 2, S. 4–5. London. betisierungstrainerInnen wird ein besonders hoher An- nes Wissen und Verständnis, Fachkompetenz und perso- len, das in der Folge mit In.Bewegung II im Rahmen des Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards spruch gestellt, sind sie doch ein zentrales Element für nale Kompetenz. Teilprojekts 10 umgesetzt werden konnte und das ebenfalls für die Alphabetisierung und das Gelingen der Integration der Zielgruppen in Lern- in dieser Publikation beschrieben ist. Basisbildung. Herausgegeben von prozesse und in das lebensbegleitende Lernen. Sie tra- Allgemeines Wissen und Verständnis der Entwicklungspartnerschaft gen wesentlich zur Entwicklung und zum Erfolg der Ler- Professionelles Handeln gründet auf dem Verständnis und Betrachten wir heute das Ergebnis der damaligen An- In.Bewegung – Netzwerk Basisbildung nenden bei. Wissen der verschiedenen Wirkungszusammenhänge, wie strengungen, ist festzustellen, dass wesentliche Ziele er- und Alphabetisierung in Österreich. die Bedeutung von Basisbildungsdefiziten im gesellschaft- reicht wurden (Stand 12/2009): Als Expertinnen und Experten für die Vermittlung der lichen Kontext, deren soziale, ökonomische und kulturelle Doberer-Bey, A. (2007), Berufsbild – • Die Politik bekennt sich zu Bestrebungen, TrainerInnenprofil für die Basisbildung Kulturtechniken und Literalität fördern sie auch die Ent- Auswirkungen auf die Betroffenen oder die Implikationen möglichst vielen BürgerInnen einen und Alphabetisierung mit Erwachsenen wicklung personaler Kompetenzen, wie Selbstorganisa- für das Lehren und Lernen. Aber auch die Ursachen und kostenlosen und niederschwelligen Zugang deutscher Erstsprache. Herausgegeben tion, Lernen lernen oder Kommunikation. Neben ihrer Hintergründe oder die Kenntnis der nationalen Rahmenbe- zur Basisbildung zu ermöglichen. von der Entwicklungspartnerschaft Fachlichkeit müssen sie in der Lage sein, einen Perspek- dingungen für die Basisbildung gehören zur Professionalität. In.Bewegung – Netzwerk Basisbildung tivenwechsel zu vollziehen und das Lernangebot in ei- Basisbildung und (Bildungs-)Konzepte sind jeweils vor dem • Eine gesetzliche Grundlage für die und Alphabetisierung in Österreich. nem partizipativen Prozess mit den Lernenden zu pla- Hintergrund der gesellschaftlichen Gegebenheiten zu reflek- Implementierung von qualitätsgesicherten nen und zu entwickeln, unter Berücksichtigung der tieren, und die Anspruchserwartungen der Arbeitswelt und Angeboten wird geschaffen und Döbert, M. et al. (2001), Qualitätssicherung Rahmenrichtlinien für die Förderung von in der Alphabetisierung. Positionspapier. jeweils individuellen Ressourcen, Ziele und Interessen. des Alltagslebens sind in die Konzepte zu integrieren. Maßnahmen werden festgeschrieben („Initiative www.alphabetisierung.de/fileadmin/ Auf diese Weise stärken sie die Fähigkeiten zum autono- Grundbildung“ 2008–2010, bm:ukk). files/Dateien/Downloads_BV/ men und selbstorganisierten Lernen. Fachkompetenz Qualitatssicherung_Positionspapier.pdf Fachkompetenz gliedert sich in theoretisches Wissen (z.B. • Eine angemessene finanzielle Unterstützung Basisbildung mit Erwachsenen heißt demnach auch, Ansätze der Alphabetisierung und Basisbildung; sprachwis- jener Institutionen, die ihre Angebote mit den von Küchler, F. / Meisel, K. (Hrsg.) (2000), Brücken zu schlagen zwischen früheren Lernerfahrun- senschaftliche Grundlagen; Lerntheorie; Gendermainstrea- Qualitätsstandards abstimmen, ist vorgesehen. Herausforderung Qualität. gen und neuen Möglichkeiten, zwischen Versagensängs- ming, Diversity und Evaluationskonzepte; Legasthenie und Dokumentation der Fachtagung • Eine flächendeckende Angebotsentwicklung wird „Qualitätssicherung in der Weiterbildung“ vom ten und den eigenen Stärken und Potenzialen. Basisbil- Dyskalkulie), in Methodik und Didaktik (Kompetenzfeststel- durch neue Richtlinien des Bundesministeriums 2. bis 3. November 1999. DIE, Deutsches Institut dung bedeutet eine Umdeutung des Selbstbildes und lung, Entwicklung der (Erst-)Lese- Schreib-, Rechen- und für Unterricht, Kunst und Kultur unterstützt. für Erwachsenenbildung. die Eröffnung neuer Perspektiven – über die zu entwi- IKT-Kompetenz sowie Methoden der Lernberatung) und in Bielefeld: Verlag W. Bertelsmann ckelnden Kulturtechniken. Hier unterscheiden sich Ba- praktische Umsetzungskompetenz (Leitung von Gruppen, Für eine neue Phase ab 2011, mit geänderten Förderstruk- www.die-bonn.de/esprid/dokumente/ sisbildungskurse von sonstigen Kursen der Erwachsen- Steuerung von Lernprozessen, produktorientiertes Arbeiten, turen, verfügt das Arbeitsfeld durch die vom Ministerium doc-1999/kuechler99_01.pdf enbildung und Schulungsmaßnahmen: Sie sind eine Förderung interkultureller Kompetenz, lösungsorientierter für Unterricht, Kunst und Kultur und ESF über die Projekte Art ‚Einstiegsmedium’ in Lernprozesse, eine sensible Umgang mit Konflikten etc.). von In.Bewegung I + II – Netzwerk Basisbildung und Alpha- Liebald, C. (2000), Qualitätsmanagement Schnittstelle, an der sich entscheidet, ob Lernen posi- betisierung finanzierte Entwicklungsarbeit nun über ein in der Weiterbildung. Ein Leitfaden für die Praxis. Weiterbildung Materialien. tiv und als sinnvoll erlebt wird und der aufgewendeten Personale Kompetenz solides Fundament. Auch wenn nicht immer im erwünsch- Hrsg. v. Landesinstitut für Schule und Mühe wert ist. Bestimmte persönliche und soziale Grundhaltungen sind ten Umfang und in jedem Punkt die angestrebte Ausrich- Weiterbildung. Bönen: Kettler. für erfolgreiches berufliches Handeln ebenso ausschlag- tung gelingt, so ergeben sich doch insgesamt Schritte in die Die drei genannten Ebenen beeinflussen sich gegensei- gebend wie die fachliche Kompetenz. Hierzu zählen bei- richtige Richtung. NRDC, National Research and Development tig und sind nicht voneinander zu trennen. Die entwi- spielsweise (Selbst-)Reflexivität und Lernbereitschaft, Kol- Centre for Adult Literacy and Numeracy ckelten Standards sind zwar unterschiedlich zu gewich- legialität und Kooperation, Zentriertheit auf Lernen und (2005), Study of the impact of the ten, doch jeder ist zu beachten und in seiner Wirkung LernerInnenautonomie sowie Gerechtigkeit, Gleichheit Skills for Life learning infrastructure on learners. www.nrdc.org.uk wahrzunehmen, und zwar zum Wohle und Nutzen der TeilnehmerInnen in den Kursen. und Integration (vgl. Boyd, 2005). Auch Fähigkeiten wie Kommunikationsfreudigkeit, Flexibilität und Belastbar- Die Autorin Schermann, N. (2005), Fehler, freundliche keit sowie Konfliktfähigkeit oder Humor sind wichtige Ele- Antje Doberer-Bey Kulturen und Qualität. Zum Aufbau und zur Das entwickelte Konzept für die Standards beruht auf mente einer gelingenden Lernprozessbegleitung. Aufbau der Basisbildung an der Volkshochschule Flo- Sicherung einer fehlerfreundlichen Kultur ridsdorf, Wien. Leiterin des Lehrgangs universitären in sozialen Dienstleistungsorganisationen. einem Verständnis von Qualität als einem mittelfristig zu Charakters zur „Ausbildung von Alphabetisierungs- und In: Fasching, H., Lange, R. (Hrsg.), Sozial planenden Prozess, der über die Phasen der Qualitäts- Lernprozesse sind ein Kontinuum, sie enden auch nach BasisbildungspädagogInnen“ am bifeb, Strobl. Mit- Managen. Grundlagen und Positionen des entwicklung und der Qualitätssicherung zur Umsetzung langjähriger Praxiserfahrung nicht. Eine Haltung, die diese glied der ministeriellen Arbeitsgruppe „Basisbildung & Sozialmanagements zwischen Bewahren und von Qualitätsstandards führt (vgl. Schermann, 2005; Do- Sicht widerspiegelt, ist Voraussetzung für die Professionali- Grundkompetenzen“. Staatspreis für Erwachsenenbil- radikalem Verändern. Wien, Bern: Haupt. berer-Bey, 2007). sierung in einem Arbeitsfeld, in dem es darum geht, Men- dung 2009, Kategorie „ErwachsenenbildnerIn 2009“. schen auf dem Weg zum Lernen zu unterstützen und zu be- Seit 1. Jänner 2008 in Alterspen- Tröster, M. (Hrsg.) (2000), Spannungsfeld gleiten, sodass sie Freude daran entwickeln können. Nur so sion und freiberuflich tätig. Grundbildung. Deutsches Institut kann die Inklusion in Prozesse des lebensbegleitenden Ler- für Erwachsenenbildung DIE. doberer-bey@aon.at nens gelingen. Bielefeld: Bertelsmann Seite 122 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 123
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    QUALITÄT I Mayrhofer IQualität in der Basisbildung Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT setzten Minimalanforderungen an Einrichtungen, Angebote tigt wurde. Sie wurden weiters als verlässliche Referenz und Trainer/innen garantieren Fördergebern ein Mindest- anerkannt, um Vergleichbarkeit unter Basisbildungsein- maß an Return für eingesetzte Ressourcen. richtungen zu ermöglichen. Wobei trotz des Netzwerkge- dankens von In.Bewegung Vergleichbarkeit zum Zwecke Von Qualitätsstandards zur einer möglichen Kooperation oder des Austausches von Know-how zwischen den Basisbildungseinrichtungen Umsetzung von Qualitätszielen nicht immer als nützlich bzw. erstrebenswert angesehen Die im Zuge von In.Bewegung I definierten Standards wur- wird. Sich in der Förderlandschaft vor der Konkurrenz den im Folgeprojekt In.Bewegung II (2007–2010) bereinigt bestehender oder potenzieller Basisbildungseinrichtun- und nach allgemeinen Kriterien der Zieldefinition überar- gen zu behaupten – in diesem Kontext ist wohl der in der beitet. Die Überarbeitung der Standards aus In.Bewegung I internen Evaluierung häufig geäußerte Wunsch nach ei- und die Entwicklung eines Modells, das sowohl die organi- ner objektiven externen Überprüfung der organisations- sationsinterne Selbstevaluierung und Umsetzung der Stan- internen Prozesse, einem Audit, zu sehen. Auch ist man dards mittels Balanced Scorecard (BSC) vorsieht als auch der Auffassung, dass eigene Standards und ein eigenes eine externe, jedoch vom Netzwerk Basisbildung und Al- System nur dann sinnvoll wären, wenn die Erreichung phabetisierung koordinierte Evaluierung in Form eines eben dieser (Mindest-)Standards durch eine unabhän- Max Mayrhofer „Kollegialen Dialogs“ sowie die Auszeichnung für beson- gige netzwerkexterne Zertifizierungsstelle überprüft Teilprojektkoordinator im Projekt dere Bemühungen um Qualität in einzelnen Bereichen der werden würde. Von einem ursprünglich vorgesehenen In.Bewegung, ISOP GmbH Basisbildung auf drei Levels im Netzwerk beinhaltet, wur- externen Audit wurde jedoch aus Gründen der Redun- max.mayrhofer@isop.at den im Rahmen von In.Bewegung II von ISOP GmbH koor- danz und entstehender Mehrkosten Abstand genommen. diniert. An der Entwicklung beteiligt waren Projektpartner LQW – www.artset-lqw.de – etwa ist ein kostengünstiges, (VHS Linz, Kärntner VHSs, BHW NÖ, abc Salzburg, ÖGB auf Bildungseinrichtungen zugeschnittenes Verfahren, Landesorganisation OÖ, StVG, VHS Floridsdorf und ISOP das gelungenes Lernen in den Mittelpunkt stellt. Alle GmbH) sowie externe Vernetzungspartner (Vorarlberger Einrichtungen des Netzwerks Basisbildung und Alphabe- VHSs, VHS Tirol, Burgenländische VHSs). tisierung sind überdies bereits durch eines der gängigen Qualitätssicherungsverfahren zertifiziert (ISO, LQW ). Qualität in der Basisbildung Die „neuen“ Standards haben sich in der Diskussion um Qualität in der Basisbildung und in der nun vorlie- Die Qualitätsstandards wurden in In.Bewegung in soge- genden Form einer Checkliste zur Selbstevaluierung für nannten Qualitätsklausuren einvernehmlich von den maß- Zum Versuch der Umsetzung von Qualitätszielen die Basisbildungsarbeit als nützlich und sinnvoll erwie- sen, wie in einer im November 2009 zum Thema Qua- geblichen Expert/innen für Basisbildung und Alphabetisie- rung in Österreich festgelegt. Sie sind keinesfalls statisch, mittels Balanced Scorecard lität in In.Bewegung II erfolgten internen Evaluierung sondern müssen auch in Zukunft permanent weiterentwi- von an der Entwicklung und Erprobung der Umsetzung ckelt werden, um den sich ändernden Rahmenbedingun- der Standards mittels BSC beteiligten Personen bestä- gen zu entsprechen. Der folgende Beitrag befasst sich mit der Frage, wie päda- gegebene Publikation der Qualitätsstandards (Doberer-Bey, Abb. 1: gogische Qualität in Einrichtungen, die Basisbildung und 2007) erfolgte mit Abschluss des Projekts. Die nun Ende Alphabetisierung anbieten, entwickelt und Qualitätsziele 2009 vorliegenden überarbeiteten Qualitätsstandards ba- Eine Erhebung der Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompetenzen der Teilnehmer/innen umgesetzt werden können. Aufgezeigt werden auch die Er- gebnisse und Erfahrungen aus dem Versuch der Umsetzung sieren demnach auf den Erkenntnissen und der gemeinsa- men Übereinkunft nationaler Expert/innen (Doberer-Bey, Standard Nr. 14 findet in den angebotenen Inhalten (z.B. Lesen, Schreiben, Mathematik, IKT) statt. Es liegt ein Erhebungskonzept vor und die Ergebnisse sind dokumentiert. von Qualitätszielen mittels einer zu diesem Zweck von den Bauer, Muckenhuber, Rath u.a.), aber auch auf den Ergeb- mögliche Fragestellungen: Beschreibung des IST-Standes: Instrumente: Dokumentation: Partnern in In.Bewegung entwickelten Balanced Scorecard. nissen einer in In.Bewegung I durchgeführten Umfrage un- ter internationalen Expert/innen (Mace, Herdeg, Döbert, Bitte hier einfügen Bitte hier einfügen Bitte hier einfügen Qualitätsstandards Hubertus u.a). Welche Kenntnisse, Fertigkeiten und für die Basisbildung Die Standards verstehen sich primär als globale Qualitäts- Kompetenzen werden erhoben? Der Start zur Definition von Qualitätsstandards für die Ba- ziele, als Übereinkunft und Richtlinie zum Zweck der selbst- Wie und wann werden diese sisbildung und Alphabetisierung in Österreich erfolgte 2005 verantwortlichen Optimierung organisationsinterner, für erhoben? im Rahmen des EQUAL-Projekts In.Bewegung I und im Auf- die pädagogische Qualität von Basisbildung und Alphabe- Welches Konzept zur trag des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft und Kul- tisierung relevanter Rahmenbedingungen. Sie dienen aber Erhebung von Kenntnissen, Fertigkeiten und tur. In der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung I waren auch der Vergleichbarkeit von Basisbildungseinrichtungen Kompetenzen liegt vor und österreichische Erwachsenenbildungseinrichtungen ver- und deren Angeboten und vermögen durch die im Zuge des wie wird gewährleistet, dass die Trainer/innen dieses treten, die über langjährige Erfahrung in der Arbeit im Be- Entwicklungsprozesses erfolgte Abgleichung von Begrifflich- kennen und anwenden? reich Basisbildung und Alphabetisierung verfügten und so- keiten und von für Basisbildung essenziellen Inhalten und mit Expertise in die Aufgabe einbringen konnten. Die erste, Prozessen die Qualitätsdiskussion auf eine gemeinsame Ba- von der Entwicklungspartnerschaft In.Bewegung I heraus- sis zu stellen. Die im Zuge der Entwicklung ebenfalls festge- Bewertung des IST-Standes: (Standard ist nicht erreicht = 0 / ansatzweise erreicht = 1 / teilweise erreicht = 2 / umfassend erreicht = 3) 0 Seite 124 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 125
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    QUALITÄT I Mayrhofer IQualität in der Basisbildung Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT Abb. 2: Abb. 3: • Die Prozesse der Anbieter sind über • Die Prozesse der Anbieter sind ein gängiges System (ISO, LQW etc.) über ein gängiges System (ISO, und ein externes Audit zertifiziert. LQW etc.) und ein externes Audit • Das QE_Modell Basisbildung wird zertifiziert. umgesetzt und die Entwicklung QE_Modell Basisbildung pädagogischer Qualität • Das QE_Modell Basisbildung gewährleistet. wird umgesetzt und die • Der Kollegiale Dialog wird nicht Entwicklung pädagogischer gesucht, es findet keine externe Qualität gewährleistet. Evaluierung statt und Know-how wird • Der Kollegiale Dialog bringt zurückgehalten Sicherheit und schafft die Basis für den Transfer und Austausch von Know-how. • Die Prozesse der Anbieter sind über • Die Prozesse der Anbieter sind über ein gängiges System (ISO, LQW etc.) ein gängiges System (ISO, LQW etc.) und ein externes Audit zertifiziert. und ein externes Audit zertifiziert. • Die pädagogische Qualität der • Die pädagogische Qualität der Basisbildungs- und Basisbildungs- und ISO, LQW etc. Alphabetisierungsangebote wird nicht Alphabetisierungsangebote wird nicht entwickelt. entwickelt. • Anbieter stehen im offenen • Strategische Kooperationen werden Wettbewerb. Know-how wird eingegangen. Know-how wird zurückgehalten. ausgetauscht. Evaluierungsebene Wettbewerb Kooperation Partnerebene Das Sichbewegen zwischen dem Absolutheitsanspruch wie Service-, Support- und Systemqualität. Andererseits Vielfalt der im Non-Profit-Bereich angesiedelten Basis- rung als Ist- und die für jeden einzelnen Standard beschrie- von Standards und der damit verbundenen vermeintli- wurde damit auch die Erfahrung gemacht, daß gerade bildungseinrichtungen des Netzwerks einerseits und der benen vier Indikatoren (Level 0, 1, 2, 3) als anzustrebende chen Schaffung einer objektiven Bewertungsgrundlage ei- einrichtungsübergreifende Standards eher darauf abziel- Art der Durchführung und Gestaltung der Basisbildungs- Zielwerte. nerseits und der prozesshaften Auseinandersetzung mit In- ten, Bestehendes festzuschreiben. Diese Debatte wurde der angebote in diesen Einrichtungen, seien es Regelpro- halten und Zielen der Basisbildung andererseits stellte eine ständigen Anforderung, in dem sich rasch verändernden gramme oder zeitlich begrenzte Projekte, andererseits zu Obgleich der Entwicklungsarbeit allgemeine Prämissen1 besondere Herausforderung in der Qualitätsdiskussion im Umfeld der Weiterbildung die Qualität kontinuierlich entsprechen vermochten. zugrunde gelegt wurden, zeigte sich während der Testphase Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung dar. Diese Di- weiterzuentwickeln, nur unzureichend gerecht. Insofern die Gefahr „unechter“ Einstiege in die Balanced Scorecard, chotomie bildete den Hintergrund der Entwicklungsarbeit ist es nur konsequent, daß heute stärker von der Quali- Die BSC wird von In.Bewegung II mit Einschränkungen die im NPO-Sektor häufig vorkommen (Beyer, 2002, S. 84.). zum Thema Umsetzung von Qualität bzw. In-Gang-Setzen tätsentwicklung gesprochen wird, bei der Qualität nicht als Umsetzungsinstrument vorgeschlagen. Einerseits ist eines Entwicklungsprozesses in In.Bewegung II. Oder an- statisch festgeschrieben, sondern ein systematischer Pro- das Instrument geeignet, dieser Vielfalt gerecht zu werden Vor allem in den größeren an der Testphase teilnehmen- ders ausgedrückt und wie bereits vor geraumer Zeit von Ex- zeß in Gang gesetzt wird, der Qualität aus professioneller und die Wahrscheinlichkeit systematischer Entwicklung den Erwachsenenbildungseinrichtungen, in denen Ba- pert/innen des DIE als „Trend 2: Von der Standardisierung Sicht und aus der Sicht der Adressaten immer wieder neu und Umsetzung von Qualität zur Gewährleistung „gelunge- sisbildung nur einen Teil des Angebotes ausmacht, ergab zur Entwicklung“ betitelt und folgendermaßen beschrie- ins Blickfeld nimmt. nen Lernens“ zu erhöhen, andererseits ergeben sich beson- sich aufgrund der Stellung der an der Entwicklung betei- ben (Felicitas von Küchler, Klaus Meisl, 1999, S. 213f ): dere Herausforderungen. Stark diskutiert wurde etwa, wie ligten Personen ein bottom-up-Einstieg. Das Management Besonderes Augenmerk wurde demnach im Zuge der durch die Anwendung der BSC, ein Instrument zur Strate- war nicht involviert und die strategischen Vorgaben fehlten. In der ersten Phase der Diskussion um Qualitätssiche- Entwicklungsarbeit darauf gelegt, ein System zur Umset- gieentwicklung mit dem Ziel der Gewinnmaximierung, ein Folglich wurden wegen mangelnder Vorgaben alle als wich- rung, die stark von den Konzepten der ISO-Zertifizierung zung der Qualitätsstandards zu entwickeln und zu tes- Mehr an pädagogischer Qualität messbar gemacht werden tig erachteten Zielsetzungen in die BSC aufgenommen, un- beeinflußt wurde, konzentrierte man sich schwerpunkt- ten. Als Instrument zur Umsetzung der Standards wurde könnte. Außer Frage stand jedoch, dass Messbarkeit unum- abhängig davon, ob die Ziele operativen oder strategischen mäßig auf die Definition von „Mindeststandards“. Einer- die Balanced Scorecard ausgewählt. Begegnen uns die gänglich sei, da diese Eigenschaft die Bestrebungen nach Charakter aufwiesen (vgl. Beyer, 2002). seits wurde damit geronnenes erwachsenenpädagogisches Standards als organisationsübergreifende, im Ansatz mehr Qualität erst verbindlich mache. 1 Entwicklung und Sicherung von Qualität sowie Strategieentwicklung sind Manage- mentaufgaben und sollten top-down initiiert werden; die Umsetzung von Maßnahmen Erfahrungswissen hinsichtlich Organisations-, Planungs-, reglementierende und „Bestehendes festschreibende“ zur Erreichung von Qualitätszielen erfolgt auf allen Ebenen der Einrichtung; der Umset- Durchführungs- und Ergebnisqualität aktualisiert und Komponente, so mussten für die Umsetzungspraxis Lö- Die Standards oder Qualitätsziele dienten also als quali- zungsprozess folgt dem gängigen Kreislauf von (Analyse und) Planung, Umsetzung, Eva- luierung und Anpassung; idealerweise werden grundlegende organisationsinterne Pro- systematisch ergänzt durch neuere Qualitätsdimensionen sungen gefunden werden, die der organisatorischen tative Messgrößen, die Ergebnisse aus der Selbstevaluie- zesse bereits durch ein gängiges Qualitätssicherungssystem begleitet. Seite 126 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 127
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    QUALITÄT I Mayrhofer IQualität in der Basisbildung Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT Die Balanced Scorecard • Die speziellen Rahmenbedingungen in NPOs mussten in Betracht gezogen werden: Abb. 4: Leistungsempfänger/in und Kostenträger/ Die Balanced Scorecard ist ein Instrument zur Umset- in sind meist nicht identisch, d.h., die zung von Qualitätszielen in der Basisbildung und Alpha- Einrichtungen haben nur bedingt Einfluss auf betisierung. Das Instrument der BSC wurde ausgewählt, die Qualität des Produkts = Bildungszuwachs. da es sich aus folgenden allgemeinen Gründen für die individuelle Umsetzung der in In.Bewegung definierten Qualitätsstandards für Basisbildung und Alphabetisie- Die BSC mit den Perspektiven „Kund/innen“, „Prozesse“, rung anbietet: „Mitarbeiter/innen bzw. Trainer/innen“ und „Finan- zen“ wurde schließlich von den am Entwicklungsprozess • Die ausschließliche Zielorientierung teilnehmenden Expert/innen der Partnereinrichtungen schafft Verbindlichkeit. entwickelt. • Die Ausgewogenheit der Betrachtungsweise fördert systemisches Handeln. Perspektive „Kund/innen“ Organisationen, die Basisbildungs- und Alphabetisie- • Die Umsetzungsorientierung sichert rungsmaßnahmen durchführen, sind Anbieterinnen per- und stellt Qualität sicher. sönlicher Dienstleistungen. Bei persönlichen Dienstleis- • Das Instrument ist auch für NPOs/ tungen (Aus- und Weiterbildung, Coaching, Supervision, Bildungseinrichtungen geeignet. Therapie etc.) ist die Kundin/der Kunde aktiv am Erstel- lungsprozess beteiligt und hat somit maßgeblichen Anteil • Das Instrument ist mit gängigen am Ergebnis der Leistung. Gleichzeitig ist die Qualität die- Qualitätssicherungssystemen kompatibel ser Dienstleistung in hohem Maße vom persönlichen Ver- und unabhängig von Organisationsgröße und Organisationseinheiten anwendbar. halten und der sozialen Kompetenz der Leistungserbringer abhängig. Der beschriebene Nutzen des Instruments (vgl. Kaplan/ Norton, 2001, Horváth & Partner, 2000, Ehrmann, 2007) Leistungs- wurde auch in der in In.Bewegung II durchgeführten Test- empfänger/in phase offensichtlich. Die teilnehmenden Einrichtungen abc, VHS Linz, VHSs Kärnten, ISOP GmbH, VHS Burgen- land berichteten, dass: • durch den Einsatz der BSC ein Rahmen steht dort an oberster Stelle – zielen die Perspektiven für viere ich Bildungsferne?) und der Öffentlichkeitsarbeit (Wie geschaffen wurde, der die Qualitätsdiskussion Anbieter persönlicher sozialer Dienstleistungen (Basisbil- erreiche ich Personen mit mangelnder Basisbildung?), die intern und extern erleichtert. dung und Alphabetisierung) auf die Integration der Interes- Vernetzungstätigkeit (Multiplikator/innen als wesentliche • durch die Übertragung von Verantwortung für sen der Kund/innen = Leistungsempfänger/innen und Kos- Komponente, um Lerner/innen zu erreichen), die spezielle die Maßnahmendurchführung an einzelne tenträger und der Gesellschaft. Die Kund/innenperspektive Beratungsleistung und schließlich das individuelle Basisbil- Mitarbeiter/innen und Trainer/innen die stellt aus den genannten Gründen also die höchste, die Wir- dungsangebot können neben den allgemeinen organisati- Wahrscheinlichkeit der Zielerreichung erhöht und Leistungs- Kosten- erbringer/in kungsebene der übrigen Perspektiven dar. In ihr wird Qua- onsinternen Abläufen als basisbildungsspezifische Schlüs- Identifikation mit den Qualitätsbestrebungen der träger/in lität erfahrbar. selprozesse bezeichnet werden. Diese Prozesse sollten eigenen Einrichtung hergestellt werden konnte. entlang der Vorgaben der Qualitätsstandards Basisbildung • eine Klarheit der strategischen Ziele Für die Umsetzung von Qualitätszielen in der Basisbildung und Alphabetisierung derart ausgestaltet und systemati- organisationsintern erzielt werden konnte. Für Anbieter sozialer persönlicher Dienstleistungen (und und Alphabetisierung wurde demnach folgende für Dienst- siert werden, dass sich für die Kund/innen die bestmögli- das sind Basisbildungseinrichtungen meist) sind Leis- leistungseinrichtungen spezifische BSC zugrunde gelegt: Die che Wirkung erzielen lässt. • durch die Konzentration auf wesentliche Ziele die tungsempfänger/in = Lerner/in und Kostenträger nicht finanzielle Perspektive wurde natürlich nicht gänzlich aus- Umsetzungswahrscheinlichkeit erhöht wurde. identisch. Überdies kommt der Auftrag zur Leistungser- geblendet, da sie eine unabdingbare Ressource für die Er- Die Perspektiven „Mitarbeiter    nnen /i • eine auf Entwicklung, Lernen und Veränderung bringung nicht immer von der/dem Leistungsempfänger/ bringung der Leistung darstellt. Potenzial- und Ressour- bzw. Trainer    nnen“ und „Finanzen“ /i ausgerichtete Organisationskultur gefördert wurde. in, sondern in besonderen Fällen vom Kostenträger (z.B. cenebene sowie Prozessebene und die auf diesen Ebenen Ein zentrales Element einer qualitätsgesicherten Alphabe- AMS), was Auswirkungen auf die Beteiligung seitens des definierten Perspektiven „Finanzen“, „Mitarbeiter/innen tisierung und Basisbildung sind die Trainerinnen und Trai- Empfängers/der Empfängerin am Entstehen der Quali- bzw. Trainer/innen“ und „Prozesse“ sind Mittel zum Zweck ner. Deren Know-how muss durch anbietende Organisati- Im Zuge der Entwicklung einer eigenen BSC und der Test- tät der Leistung haben kann. In einem weiteren Sinn kann der Erreichung der „Kund/innen“. onen weiterentwickelt und für die Organisation langfristig phase ergaben sich spezielle Herausforderungen, die es zu auch die Gesamtgesellschaft als Kundin von Leistungen der gesichert werden. Neben der Finanzierung und Weiterbil- bewältigen galt. Im Besonderen waren dies: Basisbildung und Alphabetisierung gesehen werden (sozi- Die Perspektive „Prozesse“ dung der Mitarbeiter/innen gilt es, durch entsprechende aler Friede, volkswirtschaftlicher Nutzen gut ausgebildeter Was sind die grundlegenden Prozesse für das Gelingen finanzielle Ressourcen ein Umfeld bereitzustellen, das die • Es mussten die grundlegenden Inhalte Menschen etc.) von Basisbildung und wie sind diese zu gestalten, damit Integration der Teilnehmer/innen in den Prozess des le- und Prozesse für das Gelingen von den Bedürfnissen der Teilnehmer/innen und Fördergeber benslangen Lernens fördert. Basisbildung identifiziert werden. Im Gegensatz zu den klassischen, auf erwerbswirtschaft- bestmöglich begegnet werden kann? • Quantitative Messgrößen führen nicht unbedingt liche Unternehmen ausgerichteten Perspektiven (den Be- zu einem Mehr an pädagogischer Qualität. trachtungsebenen) der BSC – die finanzielle Perspektive Die Gestaltung der Teilnehmer/innenakquise (Wie moti- Seite 128 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 129
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    QUALITÄT I Mayrhofer IQualität in der Basisbildung Qualität in der Basisbildung I Mayrhofer I QUALITÄT Die Testphase zur Workshop zur Maßnahmenplanung Literatur Der Autor Ziel dieses Workshops, der den Abschluss der Planungs- Implementierung der phase bildete, war es, einen Bezug zwischen den strategi- Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards für die Alphabetisierung und Basisbildung. Mag. Max Mayrhofer Qualitätsstandards schen Zielen und den Qualitätsstandards herzustellen: Die Standards dienten als qualitative Messgrößen, Selbsteva- Wien. Hrsg. von der Entwicklungspartnerschaft Lehramtsstudium Deutsche Philologie und Anglistik/ Amerikanistik, systemischer Coach. In.Bewegung – Netzwerk Basisbildung Arbeitet/e als Übersetzer, Trainer, Berater, Prozessbe- Nach Abschluss der Entwicklungsarbeit im Rahmen der luierungsergebnisse als Ist- und die Indikatoren der Stan- und Alphabetisierung in Österreich. gleiter, Projektentwickler und -koordinator mit unter- Qualitätsklausuren wurden die Ergebnisse einer Testphase dards als Sollwerte. Es wurden von den auch bereits am Von Küchler, F.  /  Meisel, K. (1999), Fazit: schiedlichen Zielgruppen in unterschiedlichen themati- unterzogen. Dazu musste die BSC in den teilnehmenden Zielfindungsworkshop beteiligten Personen realisierbare schen Kontexten. Trends in der Qualitätsdiskussion. In: Von Organisationen eingeführt werden. Die Einführung er- Maßnahmen zur Zielerreichung definiert. Küchler, Felicitas / Meisel, Klaus (Hrsg.): ISOP GmbH folgte in drei Schritten über einen Zeitraum von zwei bis Qualitätssicherung in der Weiterbildung. Auf mayrhofermax@aon.at drei Monaten. Im Folgenden sind diese kurz beschrieben: Gute Messbarkeit setzt voraus, dass Ziele und deren Indi- dem Weg zu Qualitätsmaßstäben, Bonn: katoren schriftlich festgehalten und protokolliert werden. DIE (S. 213–218). www.die-bonn.de/esprid/ Selbstevaluierung    trategie /S Es wurde ein einfaches BSC-Tool zur Verfügung gestellt, dokumente/doc-1999/kuechler99_01.pdf In einem ersten Schritt wurde die Checkliste zur Analyse des das die Planung und das Monitoring der anschließenden Beyer, R. (2002), Ist die Balanced Scorecard ein Ist-Stands der Erreichung der Qualitätsstandards an die an der Durchführungsphase unterstützen soll. Es wurde für je- innovativer Ansatz oder ein herkömmliches Testphase teilnehmenden Einrichtungen übermittelt. Adres- des Ziel die Frage gestellt, wer von den am Qualitätszir- Kennzahlensystem? In: Scherer, Andreas saten waren Personen – Geschäftsführer/innen oder Projekt- kel teilnehmenden Personen was ganz konkret und spe- Georg / Alt, Jens Michael (Hrsg.): Balanced leiter/innen –, die in der Lage sind, Qualitätsentwicklungspro- zifisch machen wird, ab oder bis wann welche Ergebnisse Scorecard in Verwaltung und Non-Profit- zesse zu initiieren. Zur Selbstevaluierung mittels Checkliste erreicht sind und welche Person kontrolliert, ob die ge- Organisationen. Stuttgart, S.73–89. sollten zusätzliche Mitarbeiter/innen und Trainer/innen her- planten Ergebnisse auch jeweils erreicht wurden. Nach Ehrmann, H. (2007), Kompakt-Training angezogen werden. Die Ergebnisse der Selbstevaluierung soll- den Maßnahmenworkshops gingen die Einrichtungen in Balanced Scorecard. 4. Aufl. Ludwigshafen. ten – neben anderen Analysen – dabei unterstützen, eine Stra- die Umsetzungsphase. Nach Ablauf eines Jahres sollten im (= Kompakt-Training Praktische tegie zu entwickeln, mit der die organisationsinterne Vision in Qualitätszirkel die Zielerreichung überprüft, Anpassungen Betriebswirtschaft. Olfert, Klaus, Hrsg.) den nächsten drei Jahren am besten mittels der eigenen Po- vorgenommen und ein erneuter Jahresdurchgang gestartet Horváth & Partner (Hrsg.) (2000), Balanced tenziale und Ressourcen sowie unter den gegebenen Umfeld- werden. Nach drei Jahren ist die neuerliche Selbstevaluie- Scorecard umsetzen. Stuttgart. bedingungen zu erreichen wäre bzw. Aufschluss geben, wel- rung vorgesehen. Kaplan, R. S. / Norton, D. P. (2001), Die che Bereiche zu diesem Zweck gestärkt werden müssten. Für strategiefokussierte Organisation. Führen die Umsetzung der Strategie mittels BSC wurden die 25 Qua- litätsstandards bereits einzelnen Perspektiven zugeordnet. Es Empfehlungen mit der Balanced Scorecard. Stuttgart. ist dies jedoch lediglich als Vorschlag zu betrachten und sollte Wurde festgestellt, dass ein gemeinsames System und Ins- Anregung geben, welche Standards vorrangig unter den zu- trumentarium der Vergleichbarkeit und dem Diskurs darü- geordneten Perspektiven betrachtet werden könnten. Natür- ber, was Qualität in der Basisbildung ausmacht, dienlich ist, lich kann jeder einzelne Standard für sich genommen auch in so stellt die Systematisierung des Vergleichs den nächsten allen vier Perspektiven als Messgröße herangezogen werden. Schritt dar. Die organisationsinternen Selbstevaluierungs- Die angepeilte Strategie sollte schriftlich festgehalten werden. ergebnisse müssten, durch eine fachliche externe Sicht Gleichzeitig sollten Überlegungen bezüglich der geplanten objektiviert, in regelmäßigen Abständen erhoben, ausge- Umsetzungsbreite und -tiefe der BSC angestellt werden. wertet und publiziert werden. Ein hier nicht weiter ausge- führter, jedoch im von In.Bewegung II beschriebenen Mo- Workshop zur Zielfindung dell zur Entwicklung von pädagogischer Qualität in der An den in der Folge durchgeführten und von ISOP GmbH Basisbildung und Alphabetisierung vorgesehener, mit dem moderierten Zielfindungsworkshops nahmen Geschäfts- Peer-Review-Verfahren vergleichbarer „Kollegialer Dialog“ führer/innen, Projektleiter/innen sowie die zu einem Qua- könnte der Objektivierung dienen, ein in regelmäßigen Ab- litätszirkel zusammengeschlossenen Mitarbeiter/innen ständen durchgeführter Benchmarking-Prozess die Daten und Trainer/innen teil. Folgende Ziele wurden mit diesen liefern, die die Grundlage für den Transfer von Know-how Workshops verfolgt: darstellen würden. Nicht Zertifizierung, sondern Auszeich- nung von in bestimmten Bereichen der Basisbildung er- • Die Strategie ist von den Geschäftsführern/ reichten Bestleistungen würde wiederum den Wettbewerb den Geschäftsführerinnen oder Projektleitern/ unter Anbietern anfeuern. Projektleiterinnen vorgestellt. • Der Implementierungsprozess und notwendige Instrumente sind seitens ISOP vorgestellt • Es sind für einen Zeithorizont von einem Jahr in den vier Perspektiven jeweils zwei bis drei in einer Ursache-Wirkungs-Kette verknüpfte, die Strategie verfolgende Ziele definiert. • Diese ausgearbeiteten Strategy Maps zeigen die Zusammenhänge und Abhängigkeiten zwischen den Zielen. Seite 130 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 131
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    QUALITÄT I Zarfl ILernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT fig verwendete Begriffe sind Pädagogische Diagnostik, Di- Die Begrifflichkeit der Pädagogischen Diagnostik wurde agnose, Ressourcenfeststellung, Abklärung, Kompetenz- zunächst vor allem im sonderpädagogischen Kontext ver- feststellung oder Clearing. In Österreich werden in den wendet. Wobei an dieser Stelle angemerkt werden muss, anbietenden Organisationen von Basisbildung und Alpha- dass die sonderpädagogische Diagnostik sehr stark von betisierung unterschiedliche Begriffe verwendet. Zu den psychologischen Tests geprägt ist, einen eindeutigen schu- verschiedenen Begrifflichkeiten gibt es auch unterschiedli- lischen Kontext hat und somit für die Erwachsenenbildung che Assoziationen. unbrauchbar ist. Im Zuge des Projekts In.Bewegung – Netzwerk Basisbil- Grundsätzlich findet man in der Literatur zwei Entwick- dung und Alphabetisierung wurde der Begriff Pädagogi- lungslinien der Pädagogischen Diagnostik: die Selektions- sche Diagnostik als Arbeitstitel für die Abklärung der indi- diagnostik und die Förderdiagnostik. viduellen Lernbereiche und -voraussetzungen verwendet und später durch Prozessorientierte Lernstandserhe- Selektionsdiagnostik bung (POLE) ersetzt. Selektionsdiagnostik geht davon aus, dass aus Moment- aufnahmen von Menschen auf Eigenschaften und Persön- Pädagogische Diagnostik lichkeitsmerkmale geschlossen werden kann. Daten, die aufgrund dieser Methoden erhoben werden, dienen der Se- In der Literatur werden vorwiegend die Begriffe Diag- lektion (z.B. Überweisung in eine Sonderschule) oder ha- Rosmarie Zarfl nose bzw. Diagnostik verwendet (vgl. Engel, 2008; Alfa Fo- ben die Funktion, den Entwicklungsstand im Vergleich zu Mitarbeiterin in der Gesamtkoordination rum, 2004A/2004B; Ingenkamp, 2008). Aus diesem Grund einer repräsentativen Stichprobe zu ermitteln. In.Bewegung; Basisbildungstrainerin bei ist es relevant, sich diesen Begriffen in einem Exkurs zu Neustart Grundbildung, ISOP GmbH widmen. Die Begriffe Diagnostik und Diagnose kommen Förderdiagnostik rosi.zarfl@isop.at ursprünglich aus dem medizinischen und auch aus dem Die Förderdiagnostik ist aus der Kritik an der Selektions- psychologischen Bereich. Sie bezeichnen die unterschei- diagnostik entstanden. Sie betrachtet das Individuum im dende Beurteilung und Erkenntnis aufgrund genauerer Be- sozialen Gefüge und hat die primäre Zielsetzung, Infor- obachtungen, Untersuchung abgegebener Feststellungen, mationen über ablaufende Lernprozesse zu erhalten. Der Beurteilung über den Zustand und die Beschaffenheit von Einsatz von Tests wird durch Verhaltens- und Lernbeob- z.B. Krankheiten. Sie werden definiert als die Fähigkeit und achtungen, Gespräche und informelle Verfahren ergänzt Lernstandserhebung in der Lehre, um Krankheiten zu erkennen (vgl. Duden, 2007; En- oder ersetzt. Bezogen auf den Schriftspracherwerb stehen gel, 2008, S. 31). Gerade aus diesem Grund muss an dieser die (Schrift-)Sprache in ihrer Struktur und das Lehren im Stelle angemerkt werden, dass diese negative Konnotation Mittelpunkt. Als Maßstab dient die Orientierung am stu- Basisbildung und Alphabetisierung ein starkes Argument gegen die Verwendung in der Basis- bildung ist, da Basisbildungsbedarf keinesfalls mit Krank- fenweisen Erwerb des Schreibens und Lesens. Wesentliche Bereiche der Förderdiagnostik sind die Betrachtung von Theorie und Praxis der prozessorientierten heit gleichgesetzt werden darf. Fähigkeiten und Schwierigkeiten, aber auch die Erfassung des zugrunde liegenden Regelsystems (vgl. Engel, 2008, Lernstandserhebung in Österreich. Der Begriff der Pädagogischen Diagnostik jedoch zielt da- 32ff). Den Zusammenhang zwischen Diagnostik und Un- rauf, Strukturen zu ermitteln, die einen Menschen zu ei- terricht beschreibt Probst folgend: nem unverwechselbaren Individuum mit einzigartiger Identität machen. Es geht in erster Linie um die Erhebung „Unterrichtsbegleitend ist Diagnostik, die den Unterricht von Informationen, aus denen Entscheidungen resultieren, und seine Erfolge wiederholt evaluiert, korrigiert und steuert. die den Lehr- und Lernprozess betreffen. Damit das möglich ist, müssen Unterrichtung und Diagnos- Erfolgreiche Basisbildungsarbeit steht und fällt mit der niken) und darüber hinaus Kompetenzen des autonomen tik sich unter einem gemeinsamen theoretischen Dach koor- richtigen Einschätzung und Erhebung der individuel- Lernens. Einem zielgerichteten Unterricht im Basisbil- Definition dinierten; andernfalls würde die Diagnostik nicht verstehen, len Kenntnisse der Teilnehmenden. In.Bewegung – Netz- dungsbereich geht deshalb eine zielgerichtete Abklärung Ingenkamp und Lissmann (2008) definieren die pädago- was der Unterricht verfolgt und könnte andererseits der Un- werk Basisbildung und Alphabetisierung hat österrei- der individuellen Kenntnisse und Lernstände der Teilneh- gische Diagnostik wie folgt: terricht nicht umsetzen, was die Diagnose nahe legt“ (Probst, chische Erhebungskonzepte und -instrumente erhoben menden voraus. Dies scheint Konsens zu sein, denn auch 2003, S. 244). und dargestellt. Zudem wurden Empfehlungen bzw. Leit- die Qualitätsstandards für Angebote des Netzwerks Basis- „Pädagogische Diagnostik umfasst alle diagnostischen Tä- linien beschrieben, die in allen Partnerinstitutionen von bildung und Alphabetisierung halten fest, dass in Basisbil- tigkeiten, durch die bei einzelnen Lernenden und den in ei- Das Konzept der Förderdiagnostik war immer schon Be- In.Bewegung Beachtung finden. Als Good Practice werden dungsangeboten ein klares Konzept zur Feststellung von ner Gruppe Lernenden Voraussetzungen und Bedingungen standteil der Arbeit im Basisbildungsbereich, wurde jedoch das Erhebungskonzept sowie ausgewählte Erhebungsinst- Kenntnissen und Ressourcen vorliegen soll. planmäßiger Lehr- und Lernprozesse ermittelt, Lernpro- nie so benannt. Wesentlich dabei ist die Betrachtung des rumentarien von ISOP Neustart Grundbildung präsentiert. zesse analysiert und Lernergebnisse festgestellt werden, um Individuums im sozialen Gefüge sowie der Erhalt von In- „Eine Erhebung der Kenntnisse, Fertigkeiten und Kompe- individuelles Lernen zu optimieren. Zur Pädagogischen Di- formationen über ablaufende Lernprozesse. Unbestritten Um Zielgruppenorientierung in der Basisbildung pro- tenzen der TeilnehmerInnen findet statt. Es liegt ein Erhe- agnostik gehören ferner die diagnostischen Tätigkeiten, die ist in diesem Zusammenhang auch, dass sich Theorie und fessionell garantieren zu können und um die individuel- bungskonzept vor und die Ergebnisse sind dokumentiert.“ die Zuweisung zu Lerngruppen oder zu individuellen Förde- Praxis der Förderdiagnostik unter einem Dach befinden len Lernprozesse optimal gestalten zu können, ist eine be- (Doberer-Bey, 2007, S. 37) rungsprogrammen ermöglichen sowie die mehr gesellschaft- müssen, um Lernerfolge zu gewährleisten. gleitende, fundierte Lernstandserhebung unerlässlich. Das lich verankerten Aufgaben der Steuerung des Bildungsnach- Ziel von Basisbildungsangeboten ist der Erwerb und Auf- Für die Feststellung der individuellen Lernbereiche und wuchses oder der Erteilung von Qualifikationen zum Ziel bau von Kenntnissen in den Bereichen Lesen, Schreiben, Lernvoraussetzungen im Bereich der Basisbildung gibt es haben.“ (Ingenkamp, 2008, S. 13) Rechnen, IKT (Informations- und Kommunikationstech- in der Literatur unterschiedliche Begrifflichkeiten. Häu- Seite 132 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 133
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    QUALITÄT I Zarfl ILernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT Thesen Im Zeitraum von Februar 2008 bis April 2008 beteiligten den, andererseits als Ressourcen des persönlichen Um- Zum Basisbildungsbereich Lesen kann festgehalten wer- Am Beginn des Arbeitsprozesses im Projekt In.Bewegung II sich insgesamt zwölf österreichische Basisbildungs- und feldes (Netzwerk, unterstützende Personen). Der Begriff den, dass alle befragten Anbieterorganisationen zudem wurden nachfolgende Thesen als Ausgangspunkt des Dis- Alphabetisierungsanbieter an dieser Umfrage: abc-Salz- Ressourcenfeststellung wurde als neutral und positiv be- durch Gespräche bzw. Befragungen die Lesekenntnisse der kussionsprozesses aufgestellt. Das Ziel der Thesen war es, burg, VHS Floridsdorf, ÖGB Landesorganisation Oberös- wertet. Inhaltlich versteht man darunter sowohl die Er- Teilnehmenden abklären (Selbsteinschätzung der Teilneh- damit in die Fragebogenerhebung zu gehen, um feststellen terreich, BHW Niederösterreich, VHS Linz, ISOP GmbH, hebung der Stärken und Schwächen als auch die Erhe- menden). 92 % der Befragten klären sinnerfassendes Lesen zu können, wo die Gemeinsamkeiten und Unterschiede in Die Kärntner Volkshochschulen, VHS Tirol, VHS Vorarlberg, bung der persönlichen Ressourcen und der sozialen ab, 85 % klären durch Leseproben individuelle Lesekennt- der österreichischen Praxis in Bezug auf die Lernstandser- Burgenländische Volkshochschulen, VHS Ottakring, Verein Netzwerke bzw. der Unterstützungsstrukturen von Teil- nisse ab, 77 % machen dies durch konkrete Fragestellun- hebung liegen. Multikulturell Innsbruck. nehmenden. Im Zuge der Befragung wurde auch gut gen zu Lesetexten und 69 % klären Buchstaben- und Silben- sichtbar, dass Ressourcenfeststellung in jeder Phase des kenntnisse (Zusammenlauten)ab. • Wesentliche Fragen der Lernstandserhebung Begrifflichkeiten Kurses zum Einsatz kommt. Zudem ist es gängige Praxis im Basisbildungsbereich sind: Was können Teilnehmende bereits? Auf welche Ressourcen Als ein wesentlicher Bereich dieser Fragebogenumfrage in den derzeitigen Angeboten, dass diese Erhebung nicht Schreiben können sie zurückgreifen (persönliche, soziale wurde unter anderem erhoben, welche Begrifflichkeiten punktuell, sondern prozessorientiert ist. Individuelle Schreibkenntnisse werden ebenfalls von Lernressourcen)? Was müssen Teilnehmende noch für den Prozess der Erhebung des Lernstandes der Teilneh- allen Befragten erhoben. Als häufigste Abklärungsbe- lernen? Was können sie als Nächstes lernen? menden in Basisbildungs- und Alphabetisierungskursen Bereiche reiche wurden die Phonem-Graphem-Zuordnung bzw. verwendet werden. Die genannten Begriffe sind: Clearing, Ein wesentlicher Schwerpunkt der Umfrage war darauf Rechtschreibung und Grammatik sowie die Abklärung • Lernstandserhebung heißt ständige Beobachtung Abklärung, Biografiearbeit, Kompetenzfeststellung, Diag- gerichtet, welche Bereiche erhoben werden. Inhaltlich ab- der Schriftart und des Schriftbildes genannt. Wesent- im Kurs, um Fähigkeiten und Schwierigkeiten in nostik, Ressourcenfeststellung, Ersteinschätzung, Einstu- geklärt werden von allen befragten Anbietern Lesen und liche Methoden zur Erhebung der Schreibkenntnisse konkreten Lernsituationen zu erfassen. fungstests und Erhebung der Vorkenntnisse. Schreiben, Rechnen, Lernziele, Lernerfahrung und Com- sind Analysen von Schreibproben, Schreiben von Buch- • Lernstandserhebung heißt, Lernstrategien der puter-Kenntnisse. Folgende Bereiche werden von den An- staben, Abschreiben und Diktate. Weniger häufig wur- Teilnehmenden erfassen, um zielgerichteten Des Weiteren wurden Bilder abgefragt, die mit den Begrif- bietern am häufigsten erhoben: Schreibkenntnisse (32 %), den Formulare ausfüllen, Alltagstext schreiben, Name Unterricht zu ermöglichen. fen Diagnose, Abklärung und Ressourcenfeststellung asso- Lesekenntnisse (31 %), Rechenkenntnisse (16 %). Zudem und Adresse schreiben und Gespräch über individuelle ziiert werden. wurden noch Bereiche, wie Schriftsprachstufe, mündliche Schreibkenntnisse genannt. • Lernstandserhebung heißt nicht einmalige Sprachkenntnisse und Lernstrategien genannt. Die vier Erhebung von Fähigkeiten und Schwierigkeiten, sondern Beobachtung des Lernfortschritts im Diagnose/Diagnostik häufigsten genannten Zielsetzungen der Lernstandserhe- Rechnen Hinblick auf den Lerngegenstand sowie um die Diagnose wurde von vier Anbietern als ungeeigneter Be- bung sind: die bestmögliche Förderung der Teilnehmen- Durch die zusätzlichen Telefongespräche konnte fest- Erweiterung von Lernstrategien. griff für die Basisbildung bewertet, weil damit eine starke den, das Erkennen der Ressourcen, die Entwicklung realis- gestellt werden, dass nicht alle der befragten Anbieter- Assoziation mit „Krankheit“ gegeben ist. Diagnose wurde tischer Lernziele und -inhalte sowie die Einschätzung des organisationen Rechnen bzw. Mathematik als Kursinhalt • Lernstandserhebung hat Konsequenzen für das als stark medizinisch geprägter Begriff gesehen und als die Kenntnisstandes der Teilnehmenden. anbieten. Anbieterorganisationen, die ausschließlich mit Lehrverhalten, die Unterrichtsmaterialien und Feststellung eines Zustands mittels wissenschaftlicher In- Migrant/innen arbeiten, haben zum Zeitpunkt der Um- den gesamten Unterricht. strumente, Tests und Prüfverfahren beschrieben. Die Be- Resümierend kann festgehalten werden, dass alle befrag- frage kein Angebot für Mathematik. Häufig genannte in- • Diagnostische Tests müssen durch eine informelle griffe Diagnose und Diagnostik werden aktiv von drei von ten Anbieterorganisationen die Lernstandserhebung als haltliche Abklärungsinhalte im Bereich Rechnen sind die Diagnostik unterstützt werden, um relevante zwölf Anbietern verwendet, fünf Befragte bewerten diese eigenen Prozess definiert und dokumentiert haben. Die Grundrechnungsarten, Textaufgaben und Maße. Weitere Informationen zum weiteren Lernverlauf zu erhalten. Begriffe als neutral. Dokumentationen finden sich in Handbüchern, Qualitäts- inhaltliche Bereiche sind das Rechnen mit Brüchen, Pro- standards und schriftlichen Konzepten wieder. zentrechnung, Volumsberechnung, Zahlen, Schätzen Ergebnisse der österreichweiten Abklärung • 100 % der Befragten klären Lese- und und kognitive Grundfähigkeiten. Häufige Instrumente Fragebogenumfrage 2008 Die am häufigsten genannten Assoziationen zum Begriff Schreibkenntnisse ab und 62 % der Anbieter klären zur Erhebung der Rechenkenntnisse sind mathemati- In Österreich gibt es im Basisbildungsbereich kein einheit- Abklärung waren: Rechenkenntnisse ab. sche Alltagsbeispiele und Kopfrechnen. Seltener wurde liches Vorgehen im Bereich der Pädagogischen Diagnostik • gemeinsame Bemühungen, um ein Bild von • 54 % der anbietenden Organisationen geben an, angegeben, dass durch Befragung, Steckwürfel oder Re- bzw. der Prozessorientierten Lernstandserhebung. Deshalb Fähigkeiten und Ausgangslage, Zielen, Motivation dass sie nicht diagnostisch abklären. chentests erhoben wird. wurde ein Fragebogen entwickelt und zusätzlich wurden und Lernbiografie zu bekommen; • 23 % der befragten Anbieter geben an, dass sie Telefoninterviews durchgeführt, um die unterschiedlichen • persönliche Gespräche mit Teilnehmer/innen, um auch Tests zur Lernstandserhebung verwenden. IKT (Informations- und Bilder, Vorgehensweisen und Instrumentarien zur bzw. für Interessen, Bedürfnisse, Möglichkeiten, Potenziale, Kommunikationstechnologien) diese Erhebung zu ermitteln. Ziel war es, die Erhebungskon- Bildungsbereitschaft und mögliche Hemmnisse Lesen und Computer-Grundlagen zepte und die dazugehörigen Erhebungsinstrumentarien zu erkennen zu können. Alle befragten Anbieter klären Lesekenntnisse ab. Zu Computer-Grundkompetenzen werden von allen be- sammeln, aufzubereiten und übersichtlich darzustellen. den häufigsten inhaltlichen Erhebungsbereichen ge- fragten Anbieterorganisationen durch Gespräche und Der Begriff Abklärung wurde von allen Befragten eher hören das Vorlesen von Texten, das sinnerfassende Le- Beobachtung bei der aktiven Benutzung des Computers Der Fragebogen umfasste sieben Bereiche: neutral und positiv bewertet und als stärken- und potenzi- sen, Buchstabenlesen, Zusammenlauten von Silben und direkt im Kurs erhoben. • Allgemein (Begriffe, Ablauf, inhaltliche alorientiert definiert. Wörterlesen. Bereiche, Dokumentation, Ziele ) Zusätzliche Erhebungen • Lesen (Bereiche, Instrumente, Ergebnisse, Ressourcenfeststellung Folgende Methoden zur Lernstandserhebung im Bereich Die Hälfte der befragten Anbieterorganisationen gibt Ergebnisdokumentation) Unter Ressourcenfeststellung verstand ein Großteil der Lesen wurden genannt (nach Häufigkeit gereiht): an, auch die Lernbiografie der Teilnehmenden in Einzel- Befragten die Abklärung der vorhandenen Kompeten- • Leseproben analysieren gesprächen und zusätzlich biografische Hintergründe zu • Schreiben (Bereiche, Instrumente, Ergebnisse, Ergebnisdokumentation) zen, Fähigkeiten und Stärken. Des Weiteren herrschte erheben. Zu den biografischen Hintergründen werden • Fragen zu Texten stellen Konsens, dass Ressourcenfeststellung notwendig ist, um das soziale Netz, die aktuelle Lebenssituation und die • Rechnen (Bereiche, Instrumente, • Alltagstexte vorlesen lassen an den richtigen Punkten anzusetzen und Lernerfolge Ursachen für Basisbildungsbedarf gezählt. 40 % der Be- Ergebnisse, Ergebnisdokumentation) zu ermöglichen. Zwei unterschiedliche Ressourcenbe- • Buchstaben lesen fragten klären zusätzlich Motive und Interessen der Teil- • IKT-/PC-Grundlagen (Bereiche, Instrumente) reiche wurden durch die Befragung sichtbar. Einerseits • Silben lesen nehmenden ab. • Andere Bereiche (Bereiche, Instrumente) wurden Ressourcen als Lernressourcen (Kompeten- • Lesetests • Diversity zen, Fähigkeiten, Fertigkeiten, Motivation, …) verstan- Seite 134 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 135
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    QUALITÄT I Zarfl ILernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT Ableitungen nologie) und Lernen. Diese Erhebungen ermöglichen die erwerbs und die unterstützende Anwendung im Lernpro- Trainer/innen – inklusive Einschulung durch die Entwick- Prozessorientierte Lernstandserhebung im Basisbil- Einteilung in Gruppen, sind Voraussetzung für die Kurs- zess. Basisbildungstrainer/innen brauchen eine fundierte ler/innen – zur Verfügung stehen. Erhebungsinstrumente dungsbereich bedeutet die Abklärung individueller Kom- planung und sind prozesshaft. Das Projekt In.Bewegung Ausbildung, um Basisbildung und Alphabetisierung un- ohne Einschulung durch die Entwickler/innen zu verwen- petenzen in den jeweiligen Lernbereichen und Abklärung – Netzwerk Basisbildung und Alphabetisierung hat sich terrichten zu können. Dabei ist es notwendig, dass sie un- den, ist nicht professionell. Deshalb sollen nicht nur diese des persönlichen Lernumfeldes und der persönlichen zum Ziel gesetzt, aktuelle Erhebungskonzepte zur Prozes- terschiedliche Modelle des Lese-, Schreib- und Rechener- Instrumente zur Verfügung stehen, sondern auch eine Ein- Lernvoraussetzungen. Neben den inhaltlichen Kompeten- sorientierten Lernstandserhebung (POLE) zu recherchie- werbs kennen und diese auch in ihre konkrete Arbeit mit schulung. Diese Einschulungsangebote werden auch im zen im Lesen, Schreiben, Rechnen und am Computer wer- ren und nachfolgende Ziele und Empfehlungen dazu zu Teilnehmer/innen übertragen können. Die Kenntnis über Aus- und Weiterbildungsangebot vom Netzwerk Basisbil- den auch persönliche, berufliche und soziale Lernebenen formulieren. die unterschiedlichen Modelle ermöglicht den Trainer/in- dung und Alphabetisierung veröffentlicht sein. erhoben. nen, den individuellen Lernstand und die Lernstrategien Eine genaue Abklärung der Ausgangssituation von Teil- Ziele Ziel der Erhebung ist, gemeinsam mit den Teilnehmen- erheben und daraus Konsequenzen für den Lernprozess ziehen zu können. Pädagogische Diagnostik bei nehmenden ist unbedingt notwendig um ein zielgerich- den ein transparentes Bild ihrer Fähigkeiten und Kennt- ISOP Neustart Grundbildung — tetes, maßgeschneidertes Angebot anbieten zu können. Alle Institutionen, die Basisbildung anbieten, erheben den nisse zu erarbeiten. Im Zentrum der Arbeit in der Basis- bildung und Alphabetisierung stehen die Teilnehmenden. Die Erhebung des Lernstandes erfolgt einleitend, be- gleitend und abschließend. Prozessorientierte Lern- Good Practice Lernstand ihrer Teilnehmenden auf unterschiedliche Art Prozessorientierte Lernstandserhebung ist Kernpunkt al- standserhebung erfolgt nicht punktuell, sondern begleitet Erhebungskonzepte und Erhebungsinstrumentarien und Weise. Je nach Institution liegt ein unterschiedlich kla- ler pädagogischen Bemühungen und muss gewährleisten, den gesamten Lernprozess der Teilnehmenden. So wer- Nach dem Vorliegen der Ergebnisse aus der Fragebogen- res Konzept zur Feststellung von Kenntnissen und Ressour- dass diese in einem partizipativen Prozess mit den Teilneh- den Lernprozess und Lernfortschritte für Teilnehmende umfrage und den Telefoninterviews wurde einmal mehr cen vor. In allen Institutionen wird die Erhebung des Lern- menden durchgeführt wird. Die Lernenden sind Experten/ sichtbar. deutlich, wie viele unterschiedliche Erhebungskonzepte in standes im Projekt- bzw. Kurskonzept beschrieben. innen für ihr individuelles Lernen. Lernende und Unter- der Praxis der österreichischen Basisbildungsanbieter/in- richtende stellen gemeinsam die Weichen für den weiteren Der Einfluss von potenziellen Beeinträchtigungen wie in nen zu finden sind. Die Lernstandserhebung im Bereich der Mathematik wird Lernprozess. den Bereichen Hören, Sehen und Sprechen auf den Lern- nicht in allen Institutionen und vor allem nicht auf allen prozess muss wahrgenommen werden. Hör-, Seh- und Die Erhebungskonzepte aller befragten Organisationen Niveaus durchgeführt. In den Bereichen Lesen und Schrei- Ziel der Erhebung ist es, besser auf Teilnehmende ein- Sprechbeeinträchtigungen werden in der Basisbildungs- sowie Beispiele für Erhebungsinstrumente wurden im ben werden als theoretischer Rahmen für die Lernstands- zugehen, um besser und gezielter unterrichten zu kön- arbeit natürlich nicht diagnostiziert, sie haben aber ei- März 2008 auf der Website www.alphabetisierung.at ver- erhebung die Entwicklungsmodelle des Schriftspracher- nen. Wesentliches Qualitätsmerkmal der Basisbildungsarbeit nen hohen Einfluss auf den Lernprozess der Teilnehmen- öffentlicht und stehen seitdem unter der Rubrik Service/ werbs als theoretische Basis verwendet. ist ein individueller, teilnehmer/innenzentrierter Unterricht. den. Diese Beeinträchtigungen müssen von Trainer/innen Lernstandserhebung zur Verfügung. Unter diesen Konzep- Prozessorientierte Lernstandserhebung wird als notwendige wahrgenommen und im Unterricht erkannt und berück- ten findet sich auch jenes von ISOP Neustart Grundbildung, Es gibt keine diagnostischen Tests für Erwachsene, die für Basis dafür gesehen. Angehende Kursleiterinnen und Kurslei- sichtigt werden. auf das nachfolgend im Detail eingegangen wird. den Basisbildungsbereich normiert sind. In einer Institu- ter benötigen für eine genaue Erhebung des Lernstandes eine tion, ISOP Innovative Sozialprojekte, wird in Kooperation fundierte Ausbildung und entsprechende Kompetenzen. Diversity wird in die organisationsspezifischen Konzepte Erhebungskonzept Neustart Grundbildung mit der Pädagogischen Hochschule ein Lese- und Schreib- der Erhebungen und in die Trainer/innenausbildung inte- In den vorangegangenen Kapiteln wurde das Thema theo- test für Erwachsene und ein Mathematiktest für den Über- Ziel der Erhebung ist, gemeinsam mit den Teilnehmen- griert. Bei der Lernstandserhebung ist es wesentlich, auf retisch aufgearbeitet und Empfehlungen für die Prozessori- gang Schule – Beruf entwickelt. den einen Lernplan erstellen zu können. Teilnehmende Gleichstellung zu achten. Bei der Auswahl der Erhebungs- entierte Lernstandserhebung dargestellt. Nachfolgend wird sind die Spezialist/innen für ihr eigenes Lernen. Der Lern- instrumente und Erhebungsmethoden müssen Diversitä- die Praxis der Pädagogischen Diagnostik von ISOP Neu- Für die Mathematik-Lernstandserhebung wurde kein plan wird nicht von der Kursleitung erstellt und den Teil- ten Berücksichtigung finden. start Grundbildung in der Steiermark vorgestellt, einem passendes, einheitliches, theoretisches Rahmenmodell ge- nehmenden „verordnet“, sondern in einem partizipativen Projekt, das sich, im Auftrag des AMS (Arbeitsmarktser- funden. Für die Abklärung in den Bereichen PC und Auto- Prozess gemeinsam mit den Teilnehmenden in den ersten Trainer/innen sollen organisationsintern vernetzt und vice) Steiermark, in den letzten Jahren intensiv mit dieser nomes Lernen wurde noch kein passendes ErhebungsInst- Kurseinheiten erstellt. auf dem gleichen Stand sein. Innerhalb einer Institution Thematik auseinandergesetzt hat. Neustart Grundbildung rumentarium gefunden. ist es wichtig, dass Trainer/innen bei der Durchführung der verwendet den Begriff Pädagogische Diagnostik für die Leitlinien/Empfehlungen Lernstandserhebung denselben Wissensstand haben. Des- Lernstandserhebung. Prozessorientierte Lernstands- Die Erhebung bedarf entsprechender Rahmenbedingun- halb ist es wesentlich, dass sie sich intern vernetzen und ihr gen. Ressourcen (zeitlich, räumlich, Methoden) müssen Wissen über die Lernstandserhebung an KollegInnen wei- Unter anderem wurden innerhalb des Projekts Qualitäts- erhebung in der Basisbildung vorhanden sein. Je nach Rahmenkonzept des Kurses müs- tergeben. Zusätzlich müssen auf der Organisationsebene zirkel-Arbeitsgruppen ins Leben gerufen, interne Hand- und Alphabetisierung sen für die Lernstandserhebung Ressourcen zur Verfügung entsprechende Strukturen geschaffen werden. bücher zur Pädagogischen Diagnostik verfasst und in Ko- stehen. Verfügbare Ressourcen sind in den Qualitätsstan- operation mit der Kirchlichen Pädagogischen Hochschule Der Arbeitstitel Pädagogische Diagnostik wurde nach dem dards beschrieben. Zukünftige Entwicklungsbereiche (KPH) Graz Diagnostik-Instrumentarien für Lesen, Schrei- Vorliegen der Ergebnisse der Fragebogenumfrage als nicht Um die Erhebung auf ein Curriculum beziehen zu kön- ben und Rechnen entwickelt, auf die nachgehend näher zielführend für die Basisbildungsarbeit befunden. Inner- Mindestanforderung ist es, mit den Teilnehmenden ge- nen, ist eine begleitende kritische Forschung zur Defini- eingegangen wird. halb der Partnerschaft gab es eine große Unzufriedenheit meinsam Lernprozesse, Lernfortschritte und den Lern- tion von Levels, aufbauend auf den Prinzipien der Basisbil- mit diesem Begriff. Deshalb war es wichtig, einen neuen stand sichtbar zu machen. Lernprozesse, Lernfortschritte dung, notwendig. In manchen Organisationen sind bereits Ausgangssituation für das Projekt Neustart Grundbildung Begriff zu finden, der die Haltung aller anbietenden Orga- und Lernstand werden nicht nur von Kursleiter/innen be- Niveaus in den Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen, IKT Der technische und soziale Wandel der modernen Gesell- nisationen innerhalb von In.Bewegung – Netzwerk Basisbil- schrieben bzw. benannt. Wesentlich ist, dass die Selbst- und Lernen beschrieben. Allerdings gibt es in der Basis- schaft hat weitreichende Folgen für die Qualifikations- und dung und Alphabetisierung zu diesem Thema beschreibt. einschätzung der Teilnehmenden immer in die Erhebung bildung noch keine einheitlichen Niveaubeschreibungen. Kompetenzanforderungen auf dem Arbeitsmarkt und im Im Zuge der Diskussionen einigte man sich auf den Begriff mit einfließt. Nur so kann ein objektives Bild des Lernstan- Diese Beschreibungen müssen durch Forschung unter- privaten Alltag mit sich gebracht. Mit der Entwicklung und Prozessorientierte Lernstandserhebung (POLE). Prozesso- des entstehen. Zudem sind Teilnehmende an ihren eigenen stützt sein und den Prinzipien der Basisbildung (individu- Einführung neuer Informations- und Kommunikations- rientierte Lernstandserhebung in der Basisbildung meint Lernprozessen aktiv involviert. ell, teilnehmer/innenzentriert, …) entsprechen. technologien sind die zu bewältigenden Basisanforderun- die Erhebung von Kenntnissen, Fertigkeiten und Kompe- gen für Personen – vor allem im Bereich der Kulturtechni- tenzen in den Basisbildungsbereichen Lesen, Schreiben, Mindestanforderung an die Trainer/innen ist die Kenntnis Instrumente zur Erhebung des Lernstandes von Teilneh- ken – gestiegen. In einer modernen (Medien-)Gesellschaft Rechnen, IKT (Informations- und Kommunikationstech- unterschiedlicher Modelle des Lese-, Schreib- und Rechen- menden mit mangelnder Basisbildung müssen für alle sind Menschen mit geringerer (Basis-)Bildung und niedri- Seite 136 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 137
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    QUALITÄT I Zarfl ILernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT • Abgrenzungsprobleme in Richtung gen Kenntnissen in den Bereichen Lesen, Schreiben, Rech- Menschen als Individuum in seinem sozialen Gefüge zu Erstgespräch mit den Teilnehmenden. In dieser Phase wer- Legasthenie und Dyskalkulie lagen vor. nen und im Umgang mit dem PC sehr rasch benachteiligt, begegnen und so Informationen über individuell ablau- den genaue Informationen zum Projekt gegeben, Rahmen- vor allem deshalb, weil sie in den notwendig gewordenen • Einbindung von Spezialist/innen (Pädagogische fende Lernprozesse zu erhalten. bedingungen abgeklärt und wichtige Daten (Telefonnum- Prozess der selbstständigen Wissensaneignung (lebenslan- Hochschule) zur Bereicherung und Erweiterung mer, Name) aufgenommen bzw. erste Beratungstermine ges Lernen) nur schwer oder gar nicht einsteigen können. der Ansätze und Ideen war notwendig. Grundlage und Ausgangspunkt aller pädagogischen Be- vereinbart. In diesem Gespräch geht es darum, den ersten mühungen von Neustart Grundbildung sind die Bedürf- Schritt für den Kursbeginn zu setzen. Die moderne Gesellschaft und der Arbeitsmarkt erfordern In der langjährigen Praxis bei ISOP Neustart Grundbil- nisse der Teilnehmenden. Sie sind in jeder Phase der dia- zunehmend nicht nur die Beherrschung von Verfahren, dung hat sich die Pädagogische Diagnostik als besonders gnostischen Tätigkeiten und im gesamten Kursverlauf an Informationsgespräch sondern auch Anpassungsfähigkeit und selbstständiges relevanter Bereich herauskristallisiert. Ziel der internen ihrem individuellen Lernprozess aktiv eingebunden. Teilnehmende erhalten im Informationsgespräch genaue Lernen. Personen mit Problemen in der Basisbildung ge- Entwicklungsarbeit war es deshalb, die wesentlichen Eck- Informationen zu den Rahmenbedingungen und zum Ab- lingt es folglich nur schwer, auf dem Arbeitsmarkt länger- punkte des Diagnose-Begriffes möglichst wertneutral und Beratungsverlauf bei lauf der Beratung. Erste Grobziele und Erwartungen der fristig Fuß zu fassen und die gestiegenen Anforderungen vorurteilsfrei zu beleuchten und mögliche Übertragungen Neustart Grundbildung Teilnehmenden werden in Form eines Beratungsgesprä- des täglichen Lebens zu bewältigen (Formulare, Nutzung auf den Basisbildungsbereich auszuloten. Im gesamten Beratungsverlauf bei Neustart Grundbil- ches erhoben. Das Informationsgespräch dient dazu die je- von Information etc.). Faktum ist, dass es eine wesentliche dung spielt Pädagogische Diagnostik eine tragende Rolle. weilige Trainerin/den jeweiligen Trainer und die Räumlich- Voraussetzung für eine Integration in die Arbeits- und Be- Maßnahmen keiten, in denen gearbeitet wird, kennenzulernen. Nach rufswelt bzw. für die aktive Teilnahme an der Gesellschaft Um diese Fragestellungen intensiv behandeln zu können, Erstkontakt diesem Informationsgespräch wird der Kurseintritt be- ist, über ausreichend gute Kenntnisse in den Bereichen wurden auf der Ebene des ISOP Projektes Neustart Grund- Der Erstkontakt ist die erste, meist telefonische, Termin- schlossen. Das Informationsgespräch dauert je nach Be- Lesen, Schreiben, Rechnen und im Umgang mit dem PC zu bildung Qualitätszirkel mit den Schwerpunkten Deutsch vereinbarung und kurze Abklärung sowie das persönliche darf ein bis zwei Stunden. verfügen. Wer diese Kenntnisse nicht hat, läuft Gefahr, von und Mathematik eingerichtet. Diese Zirkel waren projekt- vielen gesellschaftlichen Prozessen und vor allem aus der übergreifend konzipiert und setzten sich aus Mitarbeiter/ für Integration so wichtigen Erwerbsarbeit langfristig aus- innen von Neustart Grundbildung sowie Mitarbeiter/in- geschlossen zu werden. nen aus dem Projekt Externe Hauptschule, dem Projekt In- terkulturelle Grundbildung und FLIeG (Familien lernen in TN Die OECD hält diesbezüglich fest, dass die „effektive An- Graz) zusammen. Darüber hinaus wurde in einer Koope- Erstkontakt (Eintritt in Maßnahme wendung von mündlichen und schriftlichen Sprachkennt- ration mit der KPH Graz (Kirchliche Pädagogische Hoch- bzw. Beratung bei AMS oder nissen, von Rechenfähigkeiten und sonstigen mathemati- schule) fachliches Know-how zum Themenbereich Päda- schen Fähigkeiten in unterschiedlichsten Situationen“ ein gogische Diagnostik aufgebaut (zu einem großen Teil durch Beratungsstellen) Rückmeldung „unverzichtbares Werkzeug für ein gutes Funktionieren in Fortbildungen) und Testinstrumentarien für die Erhebung Abklärungsgespräch Berater/innen der Gesellschaft, am Arbeitsplatz und für die Teilnahme der Lese-, Rechtschreib- und Rechenkenntnisse nach der an einem effektiven Dialog mit anderen“ ist. (OECD, 2005, achten Schulstufe entwickelt. S. 12). Neustart Grundbildung setzt genau an diesem Punkt an und unterstützt im Auftrag des AMS (Arbeitsmarktser- Definition Pädagogische Diagnostik vice) Steiermark arbeitslose und Arbeit suchende Perso- Zunächst war es wichtig, den Begriff der Diagnose einzu- Erstellung eines Einzelunterricht Rückmeldung nen durch individuellen Unterricht und Beratung in den grenzen. Deshalb war es notwendig, eine inhaltliche Defi- Lernplans [20 h] Berater/innen Bereichen Lesen, Schreiben, Rechnen bzw. im Umgang mit nition zu entwickeln: Neustart Grundbildung definiert Pä- dem Computer und legt so die Grundlage für den Einstieg dagogische Diagnostik in Anlehnung an Ingenkamp (2008) ins Erwerbsleben und in weitere Bildungsmaßnahmen. Seit als diagnostische Tätigkeiten, die Lehr- und Lernprozesse 1997 arbeitet Neustart Grundbildung im Bereich Basisbil- ermitteln, analysieren und Lernergebnisse feststellen. Pä- dung und Alphabetisierung und betreut pro Jahr bis zu 300 dagogische Diagnostik hat das alleinige Ziel, individuelle Erwachsene und Jugendliche in den steirischen Regionen Lernprozesse zu optimieren. Zudem wird Pädagogische Graz, Bruck, Leibnitz und Gleisdorf. Diagnostik bei Neustart Grundbildung zur Zuweisung zu Lerngruppen und zur Erstellung individueller Förderungs- Lernzielreflexion Notwendigkeit der Pädagogischen programmen eingesetzt. Lernplan Gruppenunterricht Einzelberatung Diagnostik: Ausgangsproblematik [Vierteljährlich] [2 X 3 h pro Woche] [bei Bedarf] Im Projekt Neustart Grundbildung gab es etliche Gründe, Diagnostik und Förderung sind im Verständnis von Neu- sich mit dem Thema Pädagogische Diagnostik näher ausei- start Grundbildung stark miteinander verbunden. Ausge- nanderzusetzten. Folgende Ausgangsproblematik war An- hend von den Stärken der teilnehmenden Person kann über stoßpunkt für weitere Aktivitäten: eine qualitative Auswertung von diagnostischen Übungen ein Lernplan entwickelt werden, der sich an der Gesamt- • Ohne eine genaue Kenntnis des persönlichkeit und den Bedürfnissen der betreffenden Ausgangsstandes unserer Teilnehmer/ Person orientiert. In der Praxis wird auf Tests, informelle innen ist keine gute Betreuung möglich. und lernzielorientierte Verfahren, Screenings, Fragebögen, • Das Ansetzen an den Stärken ist nur dann wirklich selbst erstellte Materialien, Verhaltens- und Lernbeobach- Abschlussgespräch möglich, wenn man diese auch kennt und im tung und Gespräche zurückgegriffen. Gegensatz dazu auch die Entwicklungsbereiche erkennen und benennen kann. Neustart Grundbildung geht nicht davon aus, dass pä- • Nicht in allen Bereichen war im Trainer/ dagogische Diagnostik als ein Instrumentarium zur Er- Rückmeldung mittlung einer Momentaufnahme des Lernstandes zu ver- Ausstieg Berater/innen innen-Team Know-how zum Thema Pädagogische Diagnostik vorhanden. stehen ist. Vielmehr geht es darum, dem teilnehmenden Abb. 1: Beratungsverlauf Neustart Grundbildung Seite 138 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 139
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    QUALITÄT I Zarfl ILernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT Einstiegsberatung onsadäquat reagieren und agieren kann. Idealtypisch kann Schreiben rechnen?“). Dabei können wertvolle Erkenntnisse über Die Einstiegsphase ist eine sehr bedeutsame und sen- Diagnostik als zyklischer Prozess beschrieben werden. Die- Was können Sie schreiben (eigenen Namen, die verwendeten Strategien und die Ursachen von Lese-, sible Phase. Hier entscheidet es sich, ob die Teilnehmen- ses Modell ist die Grundlage des Diagnostik-Ansatzes von eigene Adresse, Buchstaben, Einkaufslisten, Schreib- und Rechenschwächen erkannt werden. We- den in den Kurs einsteigen. In dieser Phase findet Einzel- Neustart Grundbildung. kurze Notizen, SMS, Karten, Formulare, sentliche Beachtung finden hier auch dialektale Färbun- unterricht im Ausmaß von insgesamt 15 bis 20 Stunden E-Mails, Briefe, Lebenslauf, Bewerbung, gen bzw. muttersprachliche Sprachstrukturen, die sich statt (jeweils Kurstermine zu je 1,5 Stunden). Dabei werden Daten in Computer eintragen, …)? auf die Schriftsprache auswirken können. erste Diagnoseschritte eingeleitet und die Zielerarbeitung Was können Sie sicher schreiben? durchgeführt. Die Ergebnisse werden in einem Lernplan Lernziele formulieren und adaptieren festgehalten. Müssen Sie zu Hause/in Ihrer Arbeit Ausgehend von den Hauptzielen der Teilnehmenden etwas schreiben? Was? („Wenn ich mit dem Kurs/der Beratung fertig bin, kann ich Die Teilnehmenden haben im Einzelsetting die Möglich- ...“) und den Analyse- und Reflexionsergebnissen werden keit, in vertrauensbildender, stressfreier Lernatmosphäre Hilft Ihnen jemand beim Schreiben? Nimmt in einem nächsten Schritt Lernziele gemeinsam formuliert. Ihnen jemand ganz das Schreiben ab? ihre Lernstrategien, ihr eigenes Lerntempo, ihre Stärken Die Schritte, die zum Hauptziel führen, werden detailliert und Ressourcen zu entdecken, diese zu entwickeln und vor Gibt es etwas, das Sie gerne schreiben? und für die Teilnehmenden nachvollziehbar beschrieben allem erste motivierende Lernerfolge zu erleben. Viele Teil- (z.B. Silben aus zwei Buchstaben mit „st“ lesen können, alle nehmer/innen haben in ihrer Lernbiografie entscheidende, Was möchten Sie gerne mit der nötigen Namenwörter mit Kennsilben -heit, -keit, ... großschreiben meist negative, Einschnitte. Diese sind in erster Linie da- Sicherheit schreiben können? können, kurze Notizen mit zwei Wörtern aufschreiben kön- durch gekennzeichnet, dass ihre individuellen Bedürfnisse nen ...). Diese Lernziele werden im persönlichen Lernplan kaum beachtet wurden. Sie bringen aufgrund ihrer per- Rechnen der Teilnehmer/innen festgehalten. sönlichen Lern- und Lebensgeschichte völlig verschiedene Was können Sie rechnen (addieren, Lernvoraussetzungen und Lernzugänge mit. Arbeitstempo, subtrahieren, multiplizieren, dividieren, Unterricht Konzentrationsvermögen, Selbstvertrauen, Kenntnisstand, rechnen mit Geld, rechnen mit Zeit, Maße Auf Basis der vereinbarten Lernziele wird der Unterricht fehlerhaft gefestigte Sprach- und Schreibmuster bestim- umwandeln, Umfang-/Flächenberechnung, inhaltlich gestaltet. Die ausgewählten Inhalte orientieren men daher mit vielen weiteren Faktoren das individuelle Prozentrechnung, Rechnen mit Brüchen, Rechnen sich sehr stark an persönlichen, berufsbezogenen und all- Lernsetting im Unterricht. mit Dezimalzahlen, Kopfrechnen, rechnen tagsrelevanten Themen und an den konkreten Interessen mit dem Taschenrechner/Handy, Daten in der Teilnehmenden. In dieser Phase ist es notwendig, sehr behutsam mit die- Abb. 2: Zyklischer Verlauf der Pädagogischen Diagnostik Computer eintragen, Schlussrechnung, …)? sen Verfahren umzugehen. Dennoch ist es aber gerade Müssen Sie zu Hause/in Ihrer Einschätzung Reflexion der Teilnehmer/innen in dieser Phase notwendig, eine eingehende Diagnostik Einschätzung und Reflexion Arbeit etwas rechnen? Was? Wesentliches Kennzeichen des Diagnostik-Prozesses ist durchzuführen, um einen optimalen, individuellen Lern- der Teilnehmer/innen der zyklische Verlauf. Je nach individuellem Bedarf werden prozess zu gewährleisten. Am Beginn des Prozesses steht die Selbsteinschätzung Hilft Ihnen jemand beim Rechnen? Nimmt nach 20 Stunden oder nach zwei bis drei Monaten Unter- und Selbstreflexion der Teilnehmenden. Dabei werden in Ihnen jemand das Rechnen ganz ab? richt die Lernziele überprüft. Die Teilnehmenden reflek- Gruppenunterricht Form von Beratungsgesprächen die Lese-, Schreib- und Re- Was möchten Sie gerne mit der nötigen tieren dabei über ihre Lernfortschritte und bekommen Nach der Phase der Einstiegsberatung werden die Teil- chengewohnheiten sowie das Lese- Schreib- und Rechen- Sicherheit rechnen können? persönliches Feedback. Die Lernziele werden mit den Teil- nehmenden in Kleingruppen von maximal fünf Perso- vermögen erhoben. nehmenden auch auf ihre Aktualität hin überprüft und nen integriert. Dort wird an den individuellen Zielsetzun- Analyse im Lesen, Schreiben und Rechnen nach Bedarf nachgeschärft, ergänzt oder hinzugefügt. gen weiter gearbeitet und alle im Lernplan festgehaltenen Folgende Fragen haben sich dabei bewährt (vgl. Bauer/ Nachdem die Teilnehmenden ihre eigenen Lese- und Lernziele weiter verfolgt. Alle Teilnehmenden haben ein in- Sallaberger, 2007, S. 9ff): Schreibkenntnisse durch die Selbsteinschätzung umris- Nach Abschluss der Lernreflexion werden erneut be- dividuelles Lernprogramm. sen und auch erste Lernziele formuliert haben, werden darfsorientiert Lese-, Schreib- und Rechenanalysen durch- Lesen die Kompetenzen in den Bereichen Lesen, Schreiben und geführt, zu einem späteren Zeitpunkt wird wieder ein Erweiterter Einzelunterricht Was können Sie lesen (Plakate, Straßennamen, Rechnen durchgeführt. In dieser Phase kommen je nach Feedbackgespräch mit Lernfortschrittsdokumentation In bestimmten Fällen ist es möglich, den Einzelunterricht Prospekte, Fahrpläne, SMS, Fernsehprogramm, Entwicklungsbereich und in Absprache mit den Teilneh- durchgeführt, neue Lernziele werden formuliert bzw. adap- fortzusetzen. Dies wird besonders bei absoluten Lese- und Zeitungen, Zeitschriften, Postkarten, Bücher, menden Lese-, Schreib- und / oder Mathematikchecklis- tiert und in den Unterricht integriert. Schreibanfängern und -anfängerinnen oder bei besonde- Notizen, E-Mails, Namen, Urlaubsschein, ten in Kombination mit ergänzenden Übungen zum Ein- ren Förderbedürfnissen angeboten. Arbeitsanweisungen, Rezepte, …)? satz, die detaillierte Ergebnisse über den Ist-Stand der Lernplan bei Neustart Grundbildung Was lesen Sie schon gut? Teilnehmenden geben. Das zentrale Dokumentations- und Planungsinstrument Ausstieg der Pädagogischen Diagnostik bei Neustart Grundbildung Müssen Sie zu Hause/in Ihrer Arbeit Dinge Der Ausstieg aus dem Kurs beinhaltet ein abschließendes lesen, die schwierig für Sie sind? Feedback geben    trategien hinterfragen /S ist der Lernplan. Der Lernplan ist für Teilnehmende und persönliches Gespräch mit der Trainerin/dem Trainer, wo Wenn die Stärken und Entwicklungsbereiche vorliegen, Trainer/innen gleichermaßen ein Instrument, das hilft in- Lernziele, Lernprozess und Erfahrungen beim Lernen re- Hilft Ihnen jemand beim Lesen? Wer? werden diese gemeinsam mit den Teilnehmenden be- dividuelle Lernprozesse und Lernfortschritte transparent flektiert werden. Gibt es etwas, das Sie gerne lesen? sprochen. Dabei werden die bereits erworbenen Kennt- sowie Erfolge sichtbar zu machen. Teilnehmde und Trai- nisse und Stärken hervorgehoben und mögliche, zu be- ner/innen füllen den Lernplan gemeinsam aus und evalu- Was möchten Sie gerne mit der nötigen Zyklischer Verlauf der Pädagogischen Sicherheit lesen können? arbeitende Entwicklungsbereiche gemeinsam festgelegt. ieren laufend. Diagnostik bei Neustart Grundbildung In dieser Phase ist es auch notwendig, die bisherigen Im gesamten Beratungsverlauf spielt Pädagogische Di- Benutzen Sie einen Computer/ein Handy? Strategien der Teilnehmenden zu hinterfragen (z.B. „Sie Der Lernplan ist in drei Teile gegliedert: Im ersten Teil agnostik eine tragende Rolle und passiert nicht punktuell, Was haben Sie mit dem Computer/ haben sehr viele Wörter richtig großgeschrieben. Wo- des Lernplans geht es um persönliche Qualifikationen dem Handy schon gemacht? sondern lernprozessbegleitend. Wesentliches Element ist, her wissen Sie, dass Sie diese großschreiben?“ oder „Wie und Stärken der Teilnehmenden. Sie reflektieren sich dass das entsprechende Know-how bei den Trainern und Was würden Sie gerne mit dem Computer/ kommen Sie bei dieser Rechnung zum Ergebnis? Kön- und beschreiben lernrelevante Bereiche, sie definie- Trainerinnen vorhanden ist und sie persons- und situati- dem Handy machen können? nen Sie mir erklären, wie Sie das Schritt für Schritt be- ren und erkennen bereits erworbene Kompetenzen (for- Seite 140 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 141
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    QUALITÄT I Zarfl ILernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT mell und informell) und persönliche Stärken. Im zweiten definiert werden. Zudem bietet der Lernplan im dritten Eggenberger Lese-, Rechtschreib- Grundbildung, die sich freiwillig für diese Evaluierung zur Teil des Lernplans setzen sie sich zum ersten Mal kon- Teil Möglichkeiten, den eigenen Lernprozess zu reflek- und Rechentest 8+ Verfügung stellten, konnten bereits erste Normwerte und Ad- kret mit ihrem Lernbereich und den persönlichen Lern- tieren und Erkenntnisse und Erfahrungen beim Lernen Seit 2008 gibt es eine enge Kooperation zwischen ISOP aptierungen der Tests vorgenommen werden. Die aktuell vor- zielen auseinander. Diese Lernziele sind als Lernergeb- zu verschriftlichen. Der Lernplan begleitet alle Teilneh- Neustart Grundbildung und der Kirchlichen Pädagogi- liegenden Tests können auch Ausschnittsweise zum Einsatz nisse (can-do-Formulierungen) beschrieben und mit menden von der Einstiegsphase bis zum Ausstieg. Lern- schen Hochschule in Graz. Ziel dieser Zusammenarbeit kommen, indem man zur Abklärung bestimmter Lernberei- einem angestrebten Zeitpunkt der Erreichung verse- fortschritte werden mithilfe dieses Instrumentes sicht- war die Erstellung von Tests für Lesen, Rechtschreiben und che entsprechende Übungen aus dem vollen Test entnimmt. hen. Wesentlich ist, dass alle Lernziele von Trainer/in- bar gemacht, der gesamte Lernprozess ist durch diesen Rechnen, die nach der Absolvierung der achten Schulstufe nen und Teilnehmenden in einem gemeinsamen Prozess Lernplan nachvollziehbar und transparent. zum Einsatz kommen sollen. Vor allem für jene Teilnehmende, die einen externen Hauptschulabschluss nachholen oder eine Aufnahme- Diese Tests bilden die Lernkompetenzen ab, die bis zum prüfung absolvieren möchten, geben die Tests ein gutes Pflichtschulabschluss erworben sein sollen. Nach einer Test- Bild über die bereits erworbenen und noch zu bearbei- phase mit Teilnehmern und Teilnehmerinnen von Neustart tenden Kompetenzen. Lernziele Bereich ______________________________ Grobziel ______________________________________________________ Lernziel Ziel Fortschritt Fortschritt Fortschritt Fortschritt Notizen Ziel Tageshöchsttemperaturen geplant erreicht 16 Tag Grad 14 Celsius Temperatur (in Grad Celsius) MO 12 Abb. 3: Lernplan 10 DI 8 MI Erhebungsinstrumentarien und Ergebnisse suche) unbedingt mit einbezogen werden. Der Wahrneh- Wesentlich für die Diagnostik sind geeignete Materialien mungsprozess ist immer durch den eigenen Wissens- und 6 DO und Methoden, die den Lernstand der Teilnehmenden ab- Erfahrungshintergrund der Trainerin/des Trainers be- bilden und helfen, diese Ergebnisse in konkrete Lernziele stimmt. Grundsätzlich ist dieses Instrument hypothesen- 4 FR zu integrieren. Im Zuge des Projekts stellte sich rasch her- geleitet. Anhand von Beobachtung wird eine Hypothese 2 aus, dass für eine detaillierte Pädagogische Diagnostik bei gebildet, die im weiteren Verlauf überprüft, korrigiert und SA Neustart Grundbildung unterschiedliche Erhebungsinst- präzisiert wird. Aus den theoretischen Ansätzen der Schrift- 0 rumentarien und Methoden zum Einsatz kommen, um in- sprachentwicklung müssen Beobachtungskriterien abge- SO g ag g g ag ch ag ta ta ta dividuell optimal fördern zu können. Die Auswahl der ge- leitet werden (vgl. Engel, 2008, S 41 f). st t wo st ei on ns nn er m Fr M e itt So nn Sa eigneten Instrumentarien liegt in der Verantwortung der Di M Do einzelnen Trainer/innen. Sie suchen den passenden Zu- Lerndialoge gang für jede/n Teilnehmer/in. Im Zuge der Auseinander- Lerndialoge haben zum Ziel, Informationen zu gewin- Wochentag setzung mit Pädagogischer Diagnostik wurde Know-how nen, die nur unzureichend durch Beobachtung beob- aufgebaut und unterschiedlichste Methoden und Tools auf achtbar sind. Dadurch lassen sich Fragen bezüglich der ihre Brauchbarkeit und auf Kriterien für den Einsatz hin ge- Vorstellung und Einstellung zum Lerngegenstand, der Lö- a) Lies aus dem Diagramm die Temperatur für jeden Tag ab und trage sie in die prüft. Nachfolgend wird eine Auswahl an empfehlenswer- sungsideen und Strategieanwendung sowie der impliziten ten Instrumentarien vorgestellt. Regelbildung erklären. Gezielte Fragestellungen können Tabelle daneben ein! Hypothesen aus Lernbeobachtung verifizieren. Lerndia- Lernbeobachtung Bei der Lernbeobachtung ist die Trainerin/der Trainer loge entstehen durch Wechselwirkung von Trainer/innen und Teilnehmenden. b) Berechne die durchschnittliche Temperatur für diese Woche! als Beobachtende/r aktiver Teil der Beobachtungssitua- tion. Während der normalen Unterrichtssituation beob- Teilnehmende sind als Experten/innen für das eigene achten Trainer/innen ihre Teilnehmenden in Hinblick Lernen zu betrachten. Sie geben der Trainerin/dem Trai- c1) Welcher Tag war der wärmste Tag? auf ihr Lernverhalten, der Lernschwierigkeiten und der ner Einblicke in eigene Theorien über Schriftsprache. Da- Lernmotivation. Diese Lernbeobachtung kann durch ge- bei werden Lehrende sensibler für die Normiertheit der zielte Fragestellungen oder informell durchgeführt wer- Schriftsprache und für die Schwierigkeiten im Aneig- c2) Welcher Tag war der kälteste Tag? den. Lernbeobachtung ist langfristig angelegt und be- nungsprozess. Die Lernzielbestimmung erfolgt gemein- gleitet somit den gesamten Lernprozess vom Einstieg bis sam, auch bei der Lernprozessplanung sind Lehrende wie zum Ausstieg. Lernende involviert. Durch Lerndialoge wird deutlich ge- c3) An welchen Tagen hatte es die gleiche Temperatur? macht, dass Lernende ihren Lernprozess aktiv selbst mit- Der Beobachtungsprozess ist ein selektiver und subjek- bestimmen und dass ihre Denk- und Lösungsversuche tiver Prozess, dessen muss sich der Trainer / die Trainerin ernst genommen werden. Lerndialoge unterstreichen auch immer bewusst sein. Deshalb muss die Perspektive nochmals die von Vertrauen und Respekt geprägte ge- des Lernenden (z.B. durch Gespräche über Schreibver- meinsame Lernsituation (vgl. ebda, S. 42f ). Abb. 4: Eggenberger Rechentest 8+ (ERT 8+) 2008 Seite 142 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 143
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    QUALITÄT I Zarfl ILernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung Lernstandserhebung in der Basisbildung und Alphabetisierung I Zarfl I QUALITÄT beispielsweise den Wetterbericht lesen können, so kann Trainerinnen und Trainer sowie ein gutes Konzept und Wert darauf gelegt, dass in der Pädagogischen Diagnostik dieser bereits als Grundlage für eine erste Leseanalyse her- der adäquate Einsatz der Pädagogischen Diagnostik der sowie auch im Kurs ausschließlich erwachsenengerechte, angezogen werden. Dreh- und Angelpunkt für erfolgreiche Basisbildungs- alltags- und berufsadäquate Materialien und Methoden arbeit. Zudem wird bei Neustart Grundbildung höchster zum Einsatz kommen. Nur mit dem Einverständnis der Teilnehmenden lässt man Texte vorlesen. Diese Lesesituationen sind für die Teil- nehmenden anfangs sehr belastend. Bevor der Lesetext zum Einsatz kommt, wird auch abgeklärt, ob es in Ord- nung ist, sich als Trainer/in Notizen zu machen, die später gemeinsam besprochen werden. Für neue Trainer/innen Literatur ist es hilfreich, direkt die Checkliste heranzuziehen, für er- Alfa-Forum. Zeitschrift für Alphabetisierung Ingenkamp, K. / Lissmann, U. (2008, 6. fahrenere Trainer/innen dient die Checkliste oft nur mehr und Grundbildung (2004A), Diagnostik. Herbst Aufl.), Lehrbuch der Pädagogischen als zusätzliche Orientierungshilfe und Lesebeobachtungen 2004. 56/2004. Osnabrück: Verlag Vogelsang. Diagnostik. Weinheim, Basel: Beltz Verlag. werden gesondert notiert. Der Lesetext kann allerdings nur Alfa-Forum. Zeitschrift für Alphabetisierung Lenart, F. / Holzer, N. / Schaupp, H. (2008), als eine erste Möglichkeit der Diagnostik gesehen werden. und Grundbildung (2004B), Diagnostik. Winter Eggenberger Rechtschreibtest 8+. Testmappe Es ist besonders wichtig zu bemerken, dass eine genaue 2004. 57/2004. Osnabrück: Verlag Vogelsang. ERST 8+ für das Ende der 8. Schulstufe. und zielführende Diagnostik nur dann gelingt, wenn viele Bauer, B. / Sallaberger, G. (2007), Forschungsprojekt KPH Graz/ISOP. Abb. 5: Eggenberger Rechtschreibtest 8+ (ERST 8+) 2008 Übungen und Methoden in Kombination mit Lerndialogen Dokumentationshilfen für die Lenart, F. / Holzer, N. / Schaupp, H. (2007), und -beobachtungen erfolgen. Die Analyse eines Lesetex- Basisbildungsarbeit [online]. Verfügbar unter: Eggenberger Rechentest / Diagnostikum für tes gibt nur einen ersten Einblick in die Lesekompetenzen www.alphabetisierung.at/fileadmin/pdf/ Dyskalkulie. Testmappe ERT 8+ für das Ende der Checklisten Lesen — Schreiben — Rechnen der Teilnehmenden. alfa-koffer/Leitfaden_Dokuhilfe.pdf [11.01.10] 8. Schulstufe. Forschungsprojekt KPH Graz / ISOP. Die Qualitätszirkel des Projekts Neustart Grundbildung Doberer-Bey, A. (2007), Qualitätsstandards für die Saurugg, R. / Schmieder, B. / Seebacher, I. /  haben Checklisten entwickelt, mit deren Hilfe ein genaues Allgemeine Beobachtungen, wie die Benutzung von Le- Alphabetisierung und Basisbildung [online]. Skrabitz, U. (2009), Handbuch Mathematik Bild der Lese-, Schreib- und Rechenkompetenzen ermittelt sehilfen (Finger, Papier, …), Seh- oder Hörbehelfen, Blick- Verfügbar unter: www.alphabetisierung.at/ in der Basisbildung. Projektinternes werden kann. Basis der Analyse sind Lese- und Schreibpro- sprünge beim Lesen, Tempo, Lesemotivation und beob- fileadmin/pdf/Materialien/ Handbuch ISOP Neustart Grundbildung. qualitaetsstandards.pdf [13.12.09] Qualitätszirkel Mathematik. Graz. ben von Teilnehmenden. Für den Mathematikbereich sind achtbare Lesestrategien, können bei der Analyse durch individuelle, bereichsorientierte Übungen für die Analyse einen Lesetext bereits erfolgen. Sollten Teilnehmende an- Duden (2007), Das große Fremdwörterbuch: OECD (2005), Definition und Auswahl von notwendig. Die Checkliste hat nicht den Anspruch, Schritt geben, nicht alle Buchstaben zu kennen und nur einzelne, Herkunft und Bedeutung der Fremdwörter. Schlüsselkompetenzen. Zusammenfassung 4., aktualisierte Auflage Mannheim, [online]. Verfügbar unter www.oecd.org/ für Schritt mit den Teilnehmenden durchgearbeitet zu wer- häufige Wörter lesen zu können, ist es ratsam, einzelne Leipzig, Wien, Zürich: Dudenverlag. dataoecd/36/56/35693281.pdf [17.11.08] den, sondern dient als Analysehilfe. Sie beinhaltet sämtli- Übungen anzubieten. che Beobachtungskriterien, die für den weiteren Lernver- Engel, N. (2008), Förderdiagnostik in Probst, H. (2003), Unterrichtsbegleitende der Alphabetisierung. Eine empirische Diagnostik im schriftsprachlichen Lernbereich. lauf wesentlich sind. Insbesondere für neue Trainer/innen Zu jedem Entwicklungsbereich des Schriftspracherwerbs Untersuchung zur Schreibprozessdiagnose In: Leonhard, A. / Wember, F. (Hrsg.): Grundfragen dient die Checkliste als Grundlage für die Analyse der Lese-, wurde deshalb von Neustart Grundbildung eine umfas- in Alphabetisierungskursen Niedersachsens. der Sonderpädagogik. Bildung. Erziehung. Schreib- und Rechenkompetenzen der Teilnehmenden. Er- sende Sammlung von diagnostischen Methoden und Tools Stuttgart: ibidem-Verlag. Behinderung. Weinheim/Basel In: Alfa fahrenen Trainern und Trainerinnen dient die Checkliste zusammengestellt. Für Leseanfänger/innen gibt es für die Forum. Zeitschrift für Alphabetisierung und Gsellmann, H. / Simon, L. / Skrabitz, U. / Zarfl, als Orientierungshilfe. logografische und alphabetische Stufe gute, erprobte Ma- Grundbildung. Diagnostik. Herbst 2004. 56/2004. R. u. a. (2009). Handbuch Pädagogische terialien. Zu allen Beobachtungsbereichen der Checkliste Diagnostik im Lesen und Schreiben bei Es ist wesentlich, dass die Checkliste nur dann zum Einsatz Lesen für Anfänger/innen gibt es unterschiedliche Materi- Erwachsenen mit Basisbildungsbedarf. kommen darf, wenn eine Selbsteinschätzung der Teilneh- alien, die von den Trainer/innen für eine genaue Abklärung Projektinternes Handbuch ISOP Neustart menden bereits erfolgt ist. Zur Analyse von Lernbereichen, zum Einsatz kommen. Parallel zur Diagnostik werden in Grundbildung. Qualitätszirkel Deutsch. Graz. die etwa durch eine Lese- oder Schreibprobe nicht ersicht- den zehn bis zwanzig Stunden (je nach Bedarf auch erwei- lich werden, müssen zu den Beobachtungskriterien spezi- terbar) der Einzelberatung bereits gemeinsam erste Lern- elle Übungen und Methoden zur Anwendung kommen. ziele ermittelt und im Lernplan festgehalten. Für die Lernbereiche Lesen und Schreiben wurden ins- Fazit gesamt vier Checklisten entwickelt (Lesen Anfänger/in- Alle bei Neustart Grundbildung zum Einsatz kommenden nen und Fortgeschrittene, Schreiben Anfänger/innen Diagnostik-Instrumentarien in detaillierter Form darzustel- und Fortgeschrittene). len würde den Rahmen des vorliegenden Beitrags sprengen. Aus diesem Grund wurde in diesem Kapitel auf die umfang- Die Autorin Beispiel Einsatz der Checkliste reiche Beschreibung der informellen Diagnostik, der Fragen Dipl.Päd.in Rosmarie Zarfl Lesen für Anfänger/innen für die Lerndialoge, aller diagnostischen Tests sowie der um- Seit 2005 Basisbildungstrainerin bei ISOP Neustart Voraussetzung für den Einsatz der Checkliste ist die fassenden diagnostischen Möglichkeiten in den Basisbil- Grundbildung und Projektmitarbeiterin in der Gesamt- Selbsteinschätzung der Teilnehmenden. Sie erklären, mit dungsbereichen der Mathematik verzichtet. koordination von In.Bewegung – Netzwerk Basisbil- welchen Lesesituationen sie zurechtkommen oder Prob- dung und Alphabetisierung. Schwerpunkte: Didaktik/ leme haben und beschreiben ihre persönlichen Lesekom- Ohne eine eingehende Diagnostik können Lernfort- Methodik, Diagnostik, IKT im Basisbildungsunterricht, petenzen. Im Lerndialog können gezielt bestimmte Lern- schritte und positive Lernprozesse nicht gewährleistet Innovationen bereiche im Gespräch bereits erhoben werden. Wenn sich werden. Durch die Prinzipien der Teilnehmer/innenzen- ISOP GmbH Teilnehmende selbst als Anfänger/innen oder schwache trierung und der individuellen Arbeit mit unserer Ziel- www.isop.at Leser/innen bezeichnen, aber dennoch angeben, dass sie gruppe in der Basisbildung und Alphabetisierung sind rosi.zarfl@isop.at Seite 144 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 145
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    QUALITÄT I Muckenhuber IVon der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung I Muckenhuber I QUALITÄT wird, konnte bislang keine Einigung auf eine allgemein ver- sich der eigenen Kompetenzen bewusst zu werden. Für ge- bindliche Definition von Kompetenz erzielt werden. Auf- lungene individualisierte und zielführende Beratung und grund der Vielzahl von unterschiedlichen Kompetenz- Bildungsprozesse ist eine strukturierte Potenzialerhebung begriffen spricht Winkler in diesem Zusammenhang von sowohl für Trainerinnen und Trainer als auch für Lernende einem sozialen Konstrukt, das nur innerhalb verbindlich unterstützend. Ein geeignetes Kompetenzmanagement- definierter Vorstellung aller Beteiligten Gültigkeit hat (vgl. Instrumentarium erhöht ihre Selbsteinschätzungsfähig- Winkler 2002, S. 18). Eine einheitliche Definition des Kom- keit, schärft ihre Wahrnehmung von Selbsteinschätzung petenzbegriffes wäre demnach immer nur innerhalb ver- und Fremdeinschätzung und unterstützt die Teilnehmen- einbarter Kontexte möglich. den dabei, selbstständig ihre eigenen Kompetenzen zu er- kennen und sie Dritten gegenüber nachvollziehbar dar- Laut Weinert bezieht sich Kompetenz auf „bei Individuen zustellen. Angebote zur Kompetenzfeststellung werden verfügbare oder durch sie erlernbare, kognitive Fähigkeiten idealerweise von Personen begleitet, die eine Ausbildung und Fertigkeiten, um bestimmte Probleme zu lösen, sowie zur Kompetenzbegleitung absolviert haben und in der die damit verbundenen motivationalen, volitionalen und Lage sind, das Instrument sinnvoll und verantwortungsbe- sozialen Bereitschaften und Fähigkeiten, um die Problem- wusst zum Nutzen der Zielgruppe einzusetzen. lösungen in variablen Situationen erfolgreich und verant- wortungsvoll nutzen zu können” (Weinert 2001, S. 27f). Viele existierende Verfahren zur Kompetenzfeststellung sind für die Teilnehmenden an Grundbildungsangeboten Sonja Muckenhuber Mit einer gültigen Kompetenzdefinition beschäftigen nur bedingt bis gar nicht geeignet: Leiterin des 1. österreichischen Grundbildungszentrums sich unter anderem auch John Erpenbeck und Lutz von im Wissensturm Linz, Teilprojektkoordinatorin Rosenstiel, die aus den unterschiedlichsten Kompetenzbe- Sie setzen einen hohen Grad an Schriftsprachkompetenz im Projekt In.Bewegung, VHS Linz griffen immerhin gemeinsame Merkmale isolieren. Sie be- voraus und es wird von einem Selbstbild der Nutzerinnen sonja.muckenhuber@mag.linz.at schreiben folgende Gemeinsamkeiten: Kompetenzen sind und Nutzer ausgegangen, das sehr wohl Kompetenzen und handlungsorientiert, sie beinhalten Handlungsfähigkeiten, Fähigkeiten beinhaltet. die auf selbst organisierte und kreative Problemlösungen abzielen, sie stützen sich auf evolutionär entstandene Selb- Aus diesem Grund wurde im Grundbildungszent- storganisationsdispositionen, lassen sich in für die meisten rum der Volkshochschule Linz im Rahmen des Projektes Bereiche gültige Grundkompetenzen (personale, aktivitäts- In.Bewegung II ein Kompetenzmanagement-Instrumenta- Von der Kompetenzfeststellung bezogene, fachliche, methodische und sozial-kommunika- rium erarbeitet und erprobt. Ziel war, dass dieses von Teil- tive) einteilen, können prinzipiell erfasst werden – wenn nehmenden aus Grundbildungskursen selbstständig ge- auch je nach Erfassungsmethode unterschiedlich detail- handhabt werden kann und von ihnen als zielführend für zur Kompetenzorientierung liert –, können und sollen entwickelt werden, sind aber nicht über herkömmliche Wissensvermittlung weiterzuge- die Erreichung ihrer Ziele bewertet wird. Kompetenzdiskussion in der Grundbildung oder ben (vgl. Erpenbeck 2009, S. 6f). Kompetenznachweisverfahren — Grundbildung in der Kompetenzdiskussion Qualitative Kompetenzfest- je mehr desto besser? Eine Überblicksrecherche zu Beginn der Entwicklungsar- stellung in der Grundbildung — beit (August 2008) schaffte erst einmal Ernüchterung. Eine warum? erste Recherche machte deutlich, dass bereits eine Vielzahl von Kompetenznachweisverfahren unterschiedlichster An- Überwiegende oder sogar ausschließliche Orientierung bieterorganisationen zur Verfügung stehen. Der Verdacht, Trotz allgemeiner Verwirrungen, die mit unterschied- Im Dschungel der auf formale Bildungsabschlüsse behindert eine ganzheitli- dass wir mit einer Entwicklung eines neuen Verfahrens für lichsten Definitionen des Kompetenzbegriffes einher- gehen, sind Kompetenzfeststellungsverfahren oder Kompetenzbegriffe che Sicht auf vorhandene Kompetenzen. Eine Vielfalt von Formen der Kompetenzfeststellung unterstützt das Erken- die ins Auge gefasste Zielgruppe „Eulen nach Athen“ tragen würden, drängte sich auf. Bei einer genaueren Sichtung zumindest Kompetenzorientierung ein Muss für jede Bil- Aus der europäischen Bildungslandschaft ist der Kom- nen nonformal und informell erworbener Kompetenzen. bzw. einer Analyse der vorhandenen Angebote nach fest- dungseinrichtung, die auf Innovation und Qualität setzt. petenzbegriff – wie auch immer definiert – nicht mehr Diesbezügliche Angebote werden immer häufiger aktiv ge- gelegten Kriterien zeigte sich allerdings schnell, dass kei- Für den Grundbildungsbereich gelten neben der Verabre- wegzudenken. Begriffe wie Kompetenzorientierung, sucht und gerne als unterstützende Instrumentarien zur nes davon unseren Ansprüchen in vollem Ausmaß genügen dung auf eine einheitliche Definition noch andere spezifi- Kompetenznachweise, Kompetenzportfolios, Kompetenz- Selbstpräsentation und als sinnvolle Ergänzung zu Bewer- würde. Viele der Verfahren setzten Versiertheit im Umgang sche Herausforderungen. Erwachsene in Grundbildungs- bilanzen, Kompetenzmodelle geistern durch europaweite bungsunterlagen angenommen. mit sehr komplexen Texten voraus oder waren an beträcht- kursen kommen von sich aus meist nicht auf die Idee, und nationale Bildungskonzepte. Kompetenzorientierung lichen zeitlichen bzw. finanziellen Aufwand geknüpft. Den- dass sie über Kompetenzen verfügen könnten. Sie su- steht für Professionalität, Kompetenz ersetzt Qualifika- Für die Zielgruppe der Grundbildungsteilnehmerinnen noch wiesen einige Verfahren Elemente auf, die – entspre- chen in der Regel nicht aktiv nach Angeboten zur Kom- tion, verheißt Innovation und Qualität, auch wenn nicht und Grundbildungsteilnehmer gilt dies alles nur mit Ein- chende Adaptierung vorausgesetzt – sowohl für die ins petenzfeststellung und können herkömmliche Verfah- immer klar ist, wie dies zum Nutzen der Teilnehmen- schränkungen oder gar nicht. Für sie ist das Fehlen for- Auge gefasste Zielgruppe als auch für die relevanten Ziel- ren, die hohe Schriftsprachkompetenz voraussetzen nur den beiträgt und was genau sich im Einzelfall hinter dem maler Kompetenznachweise bezeichnend. Informell und setzungen geeignet schienen. mit unterstützender Begleitung nutzen. In diesem Bei- Kompetenzbegriff verbirgt. nonformal erworbene Kompetenzen werden von der Ziel- trag wird die Suche nach einem Kompetenzmanagemen- gruppe meist nicht als solche wahrgenommen. Erwach- Interessant erscheinende Angebote wurden entlang fest- tinstrument beschrieben, das den Erwartungen der Ziel- Obwohl der Kompetenzbegriff als einer der Leitbegriffe in sene mit geringer Grundbildung kommen von sich aus gelegter Kriterien analysiert. Organisatorische Kriterien gruppe gerecht wird. der aktuellen Bildungsdiskussion bezeichnet werden kann kaum auf die Idee, dass sie über Kompetenzen verfügen waren Zielgruppe, Angebotsform, Zeitaufwand, Kosten, und als solcher laufend gebraucht und auch strapaziert könnten. Der/dem Einzelnen fällt es in der Praxis schwer, Ausbildung der Begleiterinnen und Begleiter bzw. Coachs. Seite 146 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 147
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    QUALITÄT I Muckenhuber IVon der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung I Muckenhuber I QUALITÄT Kompetenzprofil, Bildungspass, Entwicklungsziele Inhaltliche Kriterien waren die angegebenen Ziele und möglichen. Erreicht werden soll dies durch prozessorien- Die Angebote richten sich überwiegend an Erwachsene sind hier verortet. Begleitet ist diese Stufe häufig deren Umsetzbarkeit, der Prozess bzw. die einzelnen tierten Ablauf mit aufeinander aufbauenden Schritten und aber auch an Jugendliche in verschiedenen Lebenssituati- abermals von einem individuellen Coachingangebot. Schritte des Angebotes, die Intensität der Begleitung der vielen Reflexionsphasen, um die jeweils persönliche Her- onen. Über prozessorientierte Workshops oder Einzelcoa- Teilnehmenden beim Prozess, die Nachhaltigkeit (Möglich- angehensweise an Aufgabenstellungen und Bewältigungs- Der Abschluss geht aus den Angebotsbeschreibungen chings erhalten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die keit des autonomen Weiterarbeitens), zusätzliche ergän- strategien als „roten Faden“ erkennen zu können. nicht immer hervor. Grundsätzlich werden Zertifikate, Teil- Möglichkeit, ihre Werte und Haltungen, Lern- und Pro- zende Angebote (Einzelcoaching, Abschlussgespräche), der nahmebestätigungen und (Kompetenz-)Pässe genannt. In blemlösungsstrategien zu erkennen und darüber zu re- Abschluss (Zertifikat, Portfolio, Anerkennung) und natür- Die Zielgruppe wird meist bereits durch das Arbeitsfeld Deutschland und der Schweiz ist es teilweise möglich, auf- flektieren. Der Schwerpunkt liegt im Sichtbarmachen von lich die Anforderungen an die Teilnehmenden. der Anbietereinrichtungen bestimmt: Schülerinnen und grund des erstellten Portfolios eine Zertifizierung durch ak- informell und nonformal erworbenen Fähigkeiten, Kennt- Schüler vor und während ihrer beruflichen Orientierungs- kreditierte Zertifizierungsstellen zu erlangen. nissen und Kompetenzen. Kompetenznachweisverfahren — phase, Jugendliche während der Ausbildung, Jugendliche und Erwachsene in der Kulturarbeit, Menschen mit Migra- Als zusätzliche Angebote stehen Assessmentcenter, Be- Die Basis jeder Kompetenzbilanzierung bildet in der Re- erste Analyse und Auswahl tionsgeschichte, Jugendliche mit besonderem Förderungs- werbungsdossier und Unterstützung bei der Umsetzung gel eine Standortbestimmung sowie eine umfassende Bio- Aus der großen Zahl an Kompetenzfeststellungsver- bedarf, Personen aus der Familienarbeit, ehrenamtlich der Resultate sowie Informationen zu Möglichkeiten der grafiearbeit, aus der wichtige Lebensstationen und daraus fahren wurden für den Vergleich jene Institutionen aus- Tätige, Erwachsene in verschiedensten privaten und beruf- Validierung zur Verfügung. resultierende Erfahrungen sichtbar werden. Darauf auf- gewählt, deren Angebote am ehesten passend erschie- lichen Lebenssituationen bilden die Zielgruppen der un- bauend können – je nach Ziel des Angebotes – persönliche nen, als Basis für ein geeignetes Verfahren herangezogen terschiedlichen Angebote. Die Kosten sind sehr unterschiedlich und richten sich Potenziale, vorhandene Ressourcen, Stärken, Fähigkeiten zu werden. Wir beschränkten uns dabei auf folgende nach dem Umfang der Angebote. Verfahren, die im Rah- und Kenntnisse herausgearbeitet und zu Teil- und Hand- deutschsprachige Angebote aus Österreich, Deutschland, Die Angebotsform wird überwiegend durch Seminare men von EU-Projekten entwickelt und umgesetzt wurden, lungskompetenzen gebündelt werden. Selbst- und Fremd- der Schweiz und Italien: und Workshops geprägt, bei den Jugendlichen sind dem Al- sind in der Regel kostenlos. einschätzung werden gegenübergestellt, um einen klareren Kompetenz-Portfolio für Ehrenamtliche des Rings Öster- ter und der Ausbildungssituation entsprechende Teile ein- Blick auf sich selbst zu erhalten. Dieser Reflexionsphase reichischer Bildungswerke (www.kompetenz-portfolio.at) gebunden. Bei den Angeboten für Selbsterarbeitung wer- Nachhaltigkeit wird nicht bei allen Angeboten extra be- mit Rückblick und Standortbestimmung folgt mit der Er- den Unterlagen in konventioneller oder digitaler Form zur schrieben, wird aber durch Unterstützung bei der Erarbei- arbeitung persönlicher/beruflicher Ziele und der Formu- Kompetenzenbilanz für benachteiligte und lernschwache Verfügung gestellt sowie eine Begleitung als Einzelcoaching tung des Kompetenzprofils und bei der Erstellung des Port- lierung konkreter Schritte der Blick in die Zukunft. Die Jugendliche der Steirischen Volkswirtschaftlichen Gesell- schaft (www.ibea.co.at) oder in Gruppen empfohlen. folios angestrebt. Umsetzung geplanter beruflicher Schritte wird durch die strukturierte Sammlung von Nachweisen im Portfolio und Kompetenz-Portfolio Freiwillige des Verbandes Österreichi- Der Angebotsumfang ist sehr unterschiedlich. Dies Die Anforderungen an Teilnehmerinnen und Teilneh- dem erstellten Kompetenzprofil unterstützt und erleichtert. scher Volksbildungswerke (www.kompetenz-portfolio.at) reicht von eintägigen Angeboten bis zu mehreren Termi- mer sind teilweise sehr unterschiedlich. Alle Angebotsfor- Die während der Workshops/des Coachings zur Verfügung Kompetenzprofil der Volkshochschule nen und Workshopreihen verteilt auf mehrere Wochen bzw. men haben – bis auf das Angebot für benachteiligte und gestellten Instrumente und Methoden ermöglichen es den Linz (www.kompetenzprofil.at) zu Semester- und Jahresangeboten begleitend zu anderen lernschwache Schülerinnen und Schüler – allerdings eines Teilnehmenden, auch nach Abschluss eigenständig und Kompetenzbilanz der Zukunftswerkstatt Bildungsmaßnahmen. gemeinsam: Fähigkeiten in Lesen und Schreiben werden selbstorganisiert damit zu arbeiten. Tirol (www.zukunftszentrum.at) vorausgesetzt. Profit durch Profil! — Perspektivenentwicklung Der Prozess bzw. die einzelnen Schritte bis zum aktuellen Begleitende Personen bzw. Coachs werden für die jewei- des VFQ Linz (www.vfq.at) Portfolio (Kompetenzportfolio, Kompetenzbilanz) richten Unterstützung erhalten die Teilnehmenden von Kom- lige Angebotsform ausgebildet, allerdings sind Vorkennt- Kompetenznachweis Kultur der sich nach Zielgruppe, Angebotsform und Umfang, aller- petenzbegleiterinnen und -begleitern sowie von Coachs. nisse im Themenbereich, Methoden der Biografiearbeit, im Bundesvereinigung Kulturelle Jugendbildung e.V.: dings ist bei näherer Betrachtung eine Übereinstimmung Besonders in der Reflexionsarbeit und bei der Zielfor- Arbeiten mit Gruppen oder Coaching-Ausbildung notwen- (www.kompetenznachweis.de) im Ablauf erkennbar: mulierung bzw. in der Analyse, welche der herausgear- dig bzw. von Vorteil. Kompetenzenbilanz aus Freiwilligen-Engagement Im 1. Schritt stehen Biografiearbeit, Erstellung beiteten Kompetenzen oder Kenntnisse für die gesteck- des Deutschen Jugend Instituts (www.dji.de) eines Lebensprofils und Bewusstwerdung wichtiger ten Ziele einsetzbar sind und welche für die Umsetzung Der Kompetenzspiegel — das noch fehlen, zeigt sich bei allen Angeboten individueller Kompetenzbilanz für MigrantInnen von MigraNet, Deutsches Jugendinstitut München Erfahrungen als Grundlage für das Erarbeiten von informell erworbenen Fähigkeiten und Kenntnissen Unterstützungsbedarf. goldene Ei der Grundbildung? (www.fluequal-kompetenzbilanz.de) (Wissen und Können) im Vordergrund. Kompetenzfeststellungsverfahren war der Arbeitstitel Der 2. Schritt wird dominiert vom Erarbeiten Die Ausbildung und Zertifizierung von Begleiterinnen für das zu entwickelnde Angebot. Auf der Suche nach ei- kompetenzenbilanz kanton zürich des Amts für Jugend und Berufsberatung Kanton Zürich (www.lotse.zh.ch) eines Überblicks über Tätigkeitsfelder, Fähigkeiten und Begleitern für die Durchführung der Seminare, Work- ner schlüssigen und kurzen Produktbezeichnung stie- und Kenntnisse, von der Analyse von Erfahrungen shops und Einzelcoachings erfolgt bereits vor Start der An- ßen wir immer wieder an Grenzen, die sich einerseits Kompetenz Management Modell von CH-Q (www.ch-q.ch) und Fertigkeiten und einer Ist-Stand- oder gebote und wird laufend weitergeführt. Die Ausbildungs- dadurch auftaten, dass es bereits eine Anzahl von Kom- Wie viel ist Ihnen Ihre Zukunft wert? (Laufbahnberatung Standortbestimmung. Es wird mit der Erstellung form wird nicht immer beschrieben. petenznachweisverfahren gibt, deren Bezeichnung wir als Kompetenzanalyse) von Perscept (www.perscept.ch) der Kompetenzmappe oder des Portfolios mit nicht missbrauchen wollten und von denen wir uns mit der Sammlung der vorhandenen und Einholung In Österreich gibt es derzeit noch keine Anerkennung auf- unserer Bezeichnung bewusst abgrenzen wollten. An- Kom(petenzen)Pass der Deutschen und von fehlenden Nachweisen begonnen. Ladinischen Berufsbildung, Bozen (www.provinz. grund der Kompetenznachweisverfahren. dererseits zeigten sich im Laufe des Erprobungsprozes- bz.it/berufsbildung/kompass/kompass.htm) Im 3. Schritt wird am Selbst- und Fremdbild ses inhaltliche Schwerpunkte, die sich in der Bezeich- gearbeitet, ein Dialog über Beobachtetes geführt, eine Vier österreichische Angebote als nung widerspiegeln sollten. Es stellte sich heraus, dass Stärken- und Schwächenbilanz erstellt, Stärkenprofile Viele Anbieter haben ihre Angebote im Rahmen von EU- Basis eigener Entwicklungen sich das Verfahren gut zum Empowerment der/des Ein- werden gezeichnet und Kernkompetenzen Projekten (z.B. Equal, ESF) oder im Rahmen nationaler Die Angebote der Volkshochschule Linz, des Kompetenz- zelnen eignet und von der Zielgruppe auch so wahrge- benannt. Es werden Ziele gesetzt, Aktionspläne Finanzierungen (Deutschland) entwickelt, durchgeführt erstellt, Lösungen gesucht und bewertet. zentrums Tirol, des Rings Österreichischer Bildungswerke nommen wird. „Ich habe erkannt, dass ich doch etwas und evaluiert. sowie der Steirischen Volkswirtschaftlichen Gesellschaft kann“, „ich bin ganz überrascht davon, was ich schon Der 4. Schritt steht im Zeichen der Abschlussgespräche, zeigten sich als am besten geeignet, eine Weiterentwick- alles geleistet habe“ waren beispielsweise Aussagen der der Realisierung und des Coachings. Selbstmarketing Gemeinsames Grundziel aller erwähnten Angebote ist, wird aufgebaut, Perspektiven und Maßnahmen lung und Adaptierung zu einem Kompetenzfeststellungsin- Teilnehmenden, die dies bestätigen. Gleichzeitig gaben den Teilnehmerinnen und Teilnehmern einen Überblick werden erörtert, Kompetenzen benannt und strument im Kontext Grundbildung zu inspirieren. aber 100 Prozent der beteiligten Teilnehmenden an, dass über ihre Fähigkeiten, Stärken und Kompetenzen zu er- Zukunftspläne formuliert. Kompetenzenbilanz, sie das Prozessergebnis (Sammlung von zutage getrete- Seite 148 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 149
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    QUALITÄT I Muckenhuber IVon der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung Von der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung I Muckenhuber I QUALITÄT • Die Teilnehmenden nehmen die Aufgaben nen Kompetenzen und deren Nachweise) keineswegs der Workshopreihe durch Teilnehmerinnen und Teilneh- gespräche mit einer beratungsversierten Person auch sehr zur Selbstreflexion wahr und Dritten gegenüber herzeigen würden. Sie vertraten viel- mer schließen die Evaluierung ab. gut ohne aufwendiges Kompetenznachweisverfahren er- mehr die Meinung, ihre nachgewiesenen Kompetenzen • nehmen aktiv an Diskussionen teil. folgen. In diesem Fall ist eine eben erwähnte Bildungsbe- würden einem Vergleich etwa bei Arbeitgeberinnen oder Nachweis ratung, die aber keinesfalls mit Kompetenzberatung ver- Arbeitgebern nicht standhalten und würden ihre fehlen- • Gemeinsam mit spezifischen beruflichen Neben der Teilnahmebestätigung erhält jede teilneh- wechselt werden darf, ausreichend. Anforderungsprofilen bildet der den schriftsprachlichen Kompetenzen nicht kompen- mende Person eine Kompetenzmappe (Kompetenz- sieren. Außerdem betrachteten sie den Zeitaufwand für Kompetenzspiegel eine Ausgangsbasis für die Erstellung zielgerichteter Lern- und spiegel, Portfolio). Je nach Wunsch werden zusätzlich Quo vadis? das Verfahren als zu groß. Angesichts ihrer dringenderen Entwicklungspläne, die in weiterer Folge Bewerbungsunterlagen auf Basis des Europäischen Le- Anliegen, nämlich ihre Schriftsprachkompetenz zu ver- den Einstieg in spezifische Arbeitsfelder benslaufes erstellt. Aus den Erfahrungen aus der Umsetzung des Kompe- bessern, schien ihnen das Ergebnis des Kompetenznach- ermöglichen bzw. den Verbleib in diesen tenzspiegels und aus den Rückmeldungen durch die Teil- weisverfahrens als nur gering zielführend. „Ich kann mir sichern und wird als solche auch von den Zielgruppe nehmenden ergibt sich für uns der Auftrag zur Weiter- schon vorstellen, dass so etwas einmal Sinn macht, aber Teilnehmenden wahrgenommen und genutzt. Zielgruppe sind Personen aus Grundbildungskursen, die entwicklung des Instrumentes. Wir wissen nun, es gibt erst dann, wenn man wirklich was kann“, war z.B. eine in der Lage sind, einfache Texte zu lesen und zu verfassen. noch viel zu tun. Dabei ist zu bedenken, dass die Gruppe Antwort bei der Evaluierung. Deklariertes Nichtziel war es, den Lern- und Kenntnis- Personen ohne Lese- und Schreibkenntnisse bzw. ohne der Grundbildungsteilnehmerinnen und -teilnehmer stand der Teilnehmenden zu erheben. Deutschkenntnisse sind nicht Zielgruppe des Kompetenz- über sehr unterschiedliche Schriftsprachkompetenz ver- Kompetenzspiegel erschien uns (entwickelnde, trai- spiegels in vorliegender Form. fügt und deshalb unterschiedliche Angebote angebracht nierende und teilnehmende Personen) am Ende des Pro- Angebotsform sind. Kompetenzfeststellungsverfahren mit stark reduzier- zesses als geeignete Bezeichnung. Die Kompetenzen der Das Angebot gliedert sich in vier Gruppenworkshops zu je Kompetenzspiegel — ter Schriftsprachlichkeit sind entweder inhaltlich redu- einzelnen Personen spiegeln sich gut wider, die Selbst- vier Unterrichtseinheiten und einen Workshop für Einzel- ziert oder durch erhöhten Einzelcoachinganteil sehr kost- wahrnehmung wird geschärft. Ein genauer ressourceno- gespräche und Einzelcoaching, der dem Erstellen eines Ar- Erfahrungen spielig und auf breiter Basis nicht finanzierbar. Zudem rientierter Blick auf eigene Kompetenzen verändert diese beitsprofils für den angestrebten Arbeitsbereich oder eines Die Teilnehmenden erfuhren durch den Prozess der Kom- brachten wir mit unserem Kompetenzfeststellungsverfah- zum Wohle der Teilnehmenden. Der Blick in den Spiegel Lebenslaufs für Bewerbungen dient. petenzfeststellung ein Bewusstwerden ihrer Fähigkeiten ren unseren Teilnehmenden ein Angebot nahe, das so per gibt eine sehr persönliche Wahrnehmung des eigenen und empfanden dies als stärkend. Sie fühlten sich, laut ei- se von diesen im Vorfeld nicht erwünscht und auch nicht Ichs wider, ohne zwingende Veränderung der Wahrneh- Schwerpunkte und Methoden genen Angaben, besser in der Lage, ihre Fähigkeiten be- aktiv gesucht wurde. Der Nutzen des Kompetenzfeststel- mung durch Dritte. Neben unterschiedlichen Formen der Biografiearbeit er- sonders im Hinblick auf weiterführende Bildungsangebote lungsverfahrens für die einzelnen Teilnehmenden stand gänzen Einzel- und Partnerarbeit, Austausch in der Gruppe, einzuschätzen. Sie gaben aber auch an, dass die Unterstüt- zudem in keinem angemessenen Verhältnis zu ihren zeitli- Kompetenzspiegel — Design und Angebot Plenumsdiskussionen und verschiedene Präsentationsfor- zung durch die Kompetenzbegleiterin unverzichtbar sei, chen Ressourcen. Unser Angebot war nicht im Einklang mit Das vorliegende Konzept ist insofern offen gestaltet, als es men das Methodenspektrum. und dass sie sich nicht vorstellen könnten, die Kompetenz- Teilnehmendenorientierung. an jeweilige berufliche Anforderungsprofile sowie an spe- mappe alleine zu ergänzen. zifische Zielgruppensegmente angepasst werden kann und Prozess Kompetenzorientierung bei voller Teilnehmendenori- soll. Gemeinsam mit spezifischen beruflichen Anforde- Zu Beginn der Workshopreihe setzen sich die Teilneh- Kompetenzfeststellung bei schreibungewohnten Personen entierung, so lautet unser Credo aus den Erkenntnissen rungsprofilen war der Kompetenzspiegel ursprünglich als menden mit ihrer eigenen Biografie auseinander und erfordert einen erheblichen Anteil an Einzelunterstützung. aus dem Projekt Kompetenzspiegel. Lerninhalte zu Kom- Ausgangsbasis für die Erstellung zielgerichteter Lern- und lernen Muster und Strategien zu erkennen, die ihrem petenzen gebündelt, Lernfortschritte als Teilkompeten- Entwicklungspläne, die in weiterer Folge den Einstieg in bisherigen Handeln zugrunde liegen, erforschen und Ein Kompetenzfeststellungsverfahren im angebotenen zen formuliert als Grundlage für Kurseinstiege oder zur spezifische Arbeitsfelder ermöglichen bzw. den Verbleib in beschreiben ihren jeweiligen „Ist-Stand“. In weiterer zeitlichen Ausmaß ist nicht ausreichend, um die Ziel- Selbsteinschätzung der einzelnen Teilnehmenden, das diesen sichern, gedacht. Folge üben sie sich darin, über Denkmuster und Strate- gruppe zum autonomen Weiterführen des Instruments sind unsere zukünftigen Entwicklungsprojekte. Dies se- gien zu reflektieren, setzen sich mit grundlegenden Be- zu motivieren. Es müsste ein umfassenderes und länge- hen wir als Beitrag dazu, dass neben Lernautonomie Nach einer umfassenden Recherche vorhandener An- griffen wie Fähigkeiten, Kenntnissen und Kompetenzen res Angebot geben, das als für sich stehendes Angebot auch Planungsautonomie möglich wird. Womit sich der gebote im deutschsprachigen Raum wurden vier Ange- auseinander, lernen Selbsteinschätzung und Fremdein- für einen Teil der Zielgruppe aus zeitlichen Gründen un- Kreis zum Eingangsstatement schließt: Wir definieren bote ausgewählt, die mit einzelnen – für unsere Ziele schätzung zu unterscheiden und erproben verschiedene attraktiv wäre. unseren Kontext, innerhalb dessen wir mit „Kompetenz“ erfolgversprechenden – Elementen die Basis unserer Methoden des Sichtbarmachens von Kompetenzen. Sie operieren, neu. Entwicklungen bildeten. arbeiten an ihren Kommunikationsmustern und lernen, Zielführender erscheint uns aus heutiger Sicht, Kompe- ihre Stärken anderen zu präsentieren. Mit Unterstüt- tenzorientierung und Kompetenzfeststellung bei den Trai- Ziele des Kompetenzspiegels zung der Kompetenzbegleitung erarbeiten sie Ziele im nerinnen und Trainern zu verankern und als immanen- • Die Teilnehmenden kennen ihre Fähigkeiten Hinblick auf berufliche Veränderungen und vergleichen ten Bestandteil jedes Grundbildungsangebotes zu fordern. und Stärken und können diese beschreiben. diese mit dem erstellten Kompetenzspiegel. Abgeschlos- Gleichzeitig müsste die Kompetenz zur Kompetenzbeglei- sen wird der Prozess mit der Erstellung eines Planes zur terin in der Aus- und Weiterbildung der Trainerinnen und • Sie erkennen Zusammenhänge zwischen zielführenden Ergänzung des Kompetenzspiegels bzw. Trainer als Pflichtbestandteil verankert sein. Lebenssituationen und darin gezeigter (je nach Wunsch) mit der Erstellung von Bewerbungsun- Fähigkeiten sowie der Entwicklung terlagen für ein ausgewähltes Arbeitsprofil auf Basis des Zudem zeigte sich, dass aufwendige Kompetenzfeststel- spezifischer Kompetenzen. Europäischen Lebenslaufes. lungsverfahren bei klar definierten beruflichen Verände- • Sie kennen den Unterschied zwischen rungs- oder Entwicklungswünschen mehr bieten, als von Selbst- und Fremdbeurteilung und Evaluierung den Teilnehmenden erwartet und gewünscht wird. Dies sind fähig darüber zu reflektieren. Mündliche Feedbacks vor und nach jedem Workshop ge- wird insofern von der Zielgruppe nicht positiv bewertet, da hören genauso zur Evaluierung wie genaue Dokumenta- sie auch mit einem erheblichen zeitlichen Mehraufwand • Sie können aus ihren Arbeits- und tion durch Trainerinnen oder Trainer. Ergänzt wird dies verknüpft sind. Wenn klare berufliche Anforderungsprofile Lernerfahrungen Schlussfolgerungen ziehen durch Zusammenfassung und Interpretation der Ergeb- vorliegen, die Wünsche und Ziele der Teilnehmenden be- und (Entwicklungs-)Ziele formulieren und nisse durch Trainerinnen, Trainer oder Kompetenzbeglei- kannt sind, kann zielgerichtete Bildungs- und Berufsbera- • sind in der Lage, ihre Handlungen zu reflektieren. tung. Schriftliche bzw. mündliche Rückmeldung am Ende tung anhand dieser Anforderungsprofile durch Beratungs- Seite 150 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 151
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    QUALITÄT I Muckenhuber IVon der Kompetenzfeststellung zur Kompetenzorientierung Literatur Erpenbeck, J. (2009), Kompetenzentwicklung als Zukunft der Weiterbildung (Vom Oberlehrer zur Kompetenzhebamme). Weiterbildung, Zeitschrift für Grundlagen, Praxis und Trends. 2009 Ausgabe 2, S. 6f Weinert, F. E. (2001), Vergleichende Leistungsmessung in Schulen – eine umstrittene Selbstverständlichkeit; in Weinert (Hrsg.): Leistungsmessung in Schulen, Weinheim/Basel:. Beltz Winkler, M. / Kratochwil, S. (2002), Ausbildungsfähigkeit von Regel- und Berufsschülern in Thüringen. Brief an die Politik 3 Abschlussbericht zur Studie An die Geldgeber, www.wahlen-thueringen.de/imperia/ wie ich zum ersten Mal zum Kurs gekommen bin war ich sehr schüchtern. md/content/tkm/informationen/ Ich hab nicht gewusst was da auf mich zukommt. Ich hab mir gedacht, ausbildungsfaehigkeit/studie_ausb_ dass die mich auslachen werden, weil ich schon so alt bin und nicht textteil.pdf Stand: 15.2.2010 richtig lesen, schreiben und rechnen kann. Das ist nicht passiert. Ich bin gut aufgenommen worden. Je öfter man die Dinge wiederholt desto besser wird man. Ich hätte auch keinen Computer, wenn ich diesen Kurs bei ISOP nicht besuchen würde. Daheim haben sie immer gesagt, dass ich Die Autorin es eh nie schaffen werde und für den Computer zu dumm bin. Jetzt lerne ich sogar über das Internet. Ich bin mit meiner Trainerin sehr zufrieden. Mag.a Sonja Muckenhuber Es ist vieles besser geworden wie früher und ich bin selbstbewusster. geb. 1954 in Grünburg/Steyr, seit 1975 wohnhaft in Linz, Ich wünsche mir, dass dieser Kurs weiter bestehen bleibt und dass ich verheiratet, drei erwachsene Töchter. Soziologin, Alpha- öfter kommen kann, wenn es geht. Danke, dass Sie das bezahlen. betisierungs- und Grundbildungstrainerin, Entwick- Mit freundlichen Grüßen lungs- und Forschungstätigkeit im Bereich kompetenz- orientierte EB-Angebote für Grundbildung und mittlere Gottfried Kohlfürst, 40 Bildungsabschlüsse, Leiterin des 1.  Österreichischen Kursteilnehmer Grundbildungszentrums im Wissensturm. Volkshochschule Linz — Wissensturm — Grundbildungszentrum www.wissensturm.at sonja.muckenhuber@mag.linz.at Seite 152 Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Zwischenbilanz. Die Basisbildung in Österreich in Theorie und Praxis. Seite 153
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    QUALITÄT I Cortolezis IGender Mainstreaming. Mit oder ohne Diversity? Gender Mainstreaming. Mit oder ohne Diversity? I Cortolezis I QUALITÄT Anders als gelegentlich dargestellt, ist Gender Main- meint gerade nicht die unterschiedlichen Potenziale von streaming keine Strategie, die ihren Ursprung in Europa Frauen und Männern, von denen so oft die Rede