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Philosophisches Seminar




Emotionen als affektive Wahrnehmungen
Wie mit Hilfe von Emotionen das internalistische
Dilemma gelöst werden kann…




Anika Lutz          Vorlesung „Das Problem der Moral“, 31.01.2012
Übersicht




Übersicht

1. Was ist das internalistische Dilemma?

2. Emotionen als affektive Wahrnehmungen

3. Emotionen zur Lösung des internalistischen Dilemmas




2 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen
                                                        © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Internalismus und Externalismus

Externalismus (vgl. Brink und Railton):
    Normative Urteile darüber, dass etwas die richtige Handlung in
    einer gegebenen Situation ist, motivieren den Akteur nicht
    notwendigerweise dazu, die Handlung zu wählen. Für
    Motivation ist immer noch ein entsprechendes externes Motiv
    notwendig.


„Anti-Rationalismus“:
    Wenn es richtig ist, in einer gegebenen Situation eine bestimmte
    Handlung zu wählen, dann gibt es nicht notwendigerweise einen
    normativen Grund, die Handlung zu wählen.

3 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Internalismus und Externalismus

Internalismus:
    Normative Urteile darüber, dass etwas die richtige Handlung in
    einer gegebenen Situation ist, motivieren den Akteur
    notwendigerweise dazu, die Handlung zu wählen.


Rationalismus:
    Wenn es richtig ist, in einer gegebenen Situation eine bestimmte
    Handlung zu wählen, dann gibt es notwendigerweise einen
    normativen Grund, die Handlung zu wählen.



4 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Internalismus und Externalismus

Zusammen:
   Wenn es richtig ist, eine bestimmte Handlung in einer
   gegebenen Situation zu wählen, und es damit notwendigerweise
   einen normativen Grund gibt, die Handlung zu wählen, dann ist
   der Akteur – wenn er den Grund erkennt – notwendigerweise
   dazu motiviert, die Handlung zu wählen.


→ Identitätsthese:
  Normative Gründe, die Handlungen rechtfertigen, sind
  motivierende und potentiell handlungserklärende Gründe.
→ Sie sind praktische Gründe.

5 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Internalismus und Externalismus

Problem der ontologischen Differenz:
   Nach Smith gehören normative und motivierende Gründe
   unterschiedlichen ontologischen Kategorien an und können
   daher nicht identisch sein.
   Normative Gründe: „Wahrheiten“ ((wahre) Propositionen)
   Motivierende Gründe: psychologische Zustände


Lösung?
   Wir erfassen normative Gründe über psychologische Zustände.
   Dadurch können normative Gründe zu motivierenden Gründen
   werden.

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Das internalistische Dilemma




Normatives Selbstverständnis als animal rationale/
Rational-Guidance-Condition

       Wir sind Wesen, die über normative Gründe verfügen und
       zumindest manchmal auch aus diesen Gründen handeln.




Problem des Externalismus:
   Es gibt kein Handeln aus Gründen, sondern immer nur Handeln
   in Übereinstimmung mit Gründen.




7 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Internalismus-Problem

       Wie kann ein normativer, eine Handlung rechtfertigender Grund,
       zugleich ein motivierender Grund sein, der aus der Perspektive
       des Subjekts für die Handlung spricht – d.h. diese rationalisiert –
       und sie in dem Fall, dass das Subjekt aus dem Grund handelt,
       zugleich erklärt?




8 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen      © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Das internalistische Dilemma

       „With both the Humean and the Kantian view of practical reason
       normative and motivating reasons come to be seen as mutually
       exclusive. While the Humean cannot account for the normativity
       of practical reasons but commits himself to the incoherent claim
       that arational desires are capable of rationalizing actions, the
       Kantian fails for the opposite reasons. Though the latter rightly
       points out that only states with a certain kind of content can
       enter into practical reasoning, he clings to the psychologically
       dubious postulate that pure reason has motivational force.”

       Döring (2007), S. 369.



9 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Die Humesche Seite des Dilemmas

       Fokussierung auf Wünsche, verstanden als funktionale
       Handlungsdispositionen.

       Humesche Theorie der Motivation:
       motivierender Grund besteht in einem Wunsch-Meinungspaar

→ Motivation (und Erklärung) kann gut Rechnung getragen
  werden.
→ Motivierende Gründe




10 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Die Humesche Seite des Dilemmas

Problem 1:
   Wünsche können Handlungen nicht rationalisieren
   (vgl. Anscombes Untertasse voll Schlamm oder Quinns Radio-
   Man).

→ Rationalisierung und Rechtfertigung kann nicht Rechnung
  getragen werden.
→ Keine normativen Gründe!




11 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Die Humesche Seite des Dilemmas

Problem 2:
   Wünsche können Handlungen nicht einmal erklären, wenn die
   Erklärung von Handlungen an Rationalisierung gebunden wird
   (wie beispielsweise bei Davidson oder Smith).


→ Ob Erklärung Rechnung getragen werden kann, ist zumindest
  zweifelhaft.
→ Keine motivierenden Gründe?!




12 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Die Kantische Seite des Dilemmas

       Fokussierung auf Urteile/Überzeugungen.

→ Rationalisierung und Rechtfertigung kann gut Rechnung
  getragen werden.
→ Normative Gründe

Problem:
   Seit Hume: Vernunft alleine hat keine motivierende Kraft.

→ Motivation und Erklärung kann nicht Rechnung getragen
  werden.
→ Keine motivierenden Gründe!

13 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Das internalistische Dilemma




Lösung?

       Wir brauchen mentale Zustände, die sowohl rechtfertigen
       können – d.h. repräsentationalen Inhalt haben – als auch
       motivieren können.
       Gesucht sind Zustände, die beide Passensrichtungen
       haben, bzw. das Schema der Passensrichtungen überwinden.

       McDowell: besires – Mischung aus Überzeugungen (beliefs)
       und Wünschen (desires)


       Emotionen

14 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                                      Wahrnehmungen




Emotionstheorien


                                            Urteilstheorie   Emotionen sind
         Kognitivistische                                      analog zu
            Theorien:                                        Wahrnehmungen        Emotionen sind
                                          Wahrnehmungs-
                                                                                  Wahrnehmungen
         Emotionen haben                     theorie
                                                                                    von Werten
          repräsentatio-                                     Emotionen sind
           nalen Inhalt                       Mehr-          Wahrnehmungen
                                           Komponenten-                            Emotionen sind
                                             Theorien                              Wahrnehmungen
          Nonkognitivis-                                                             körperlicher
         tische Theorien:                    James-                                Veränderungen
          Emotionen sind                     Lange
           rein qualitative                  Theorie
              Zustände




15 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen                        © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                   Wahrnehmungen




Emotionen

3 Merkmale, die erklärt oder weg erklärt werden müssen:

      -      Intentionalität, d.h. repräsentationaler Inhalt – Emotionen
             repräsentieren ihr intentionales Objekt in bestimmter Weise
             seiend und zwar evaluativ.

      -      Phänomenaler Charakter – Emotionen sind Gefühle
             (feelings).

      -      Motivierende Kraft – Emotionen motivieren expressive sowie
             zielgerichtete Handlungen.


16 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                    Wahrnehmungen




Intentionalität

          Argumente für die Intentionalität von Emotionen und gegen eine
          reine Feeling-Theorie von Emotionen:

      -      Alltagssprache
             1) Gerichtetheit lässt sich sprachlich nachvollziehen.
             2) Wir unterziehen unsere Emotionen rationaler Kritik.

      -      Differenzierung und Individuation
             Wie lassen sich Emotionen von anderen Gefühlen
             abgrenzen?
             Wie lassen sich Emotionen untereinander abgrenzen?


17 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen      © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                   Wahrnehmungen




Intentionalität

          Argument gegen die Intentionalität von Emotionen:

      -      (vermeintlich) objektlose Emotionen und Stimmungen




18 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen    © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                    Wahrnehmungen




Intentionaler Inhalt

       Emotionen repräsentieren ihr intentionales Objekt in bestimmter
       Weise seiend und zwar evaluativ.

-      Inhalt ist repräsentational. Er repräsentiert die Welt in
       bestimmter Weise seiend, d.h. er unterliegt einer
       Korrektheitsbedingung.

-      Repräsentation ist evaluativ: Intentionales Objekt wird im Lichte
       der Anliegen und Interessen des Subjekts bewertet.

-      affektiv (im Gegensatz zum Inhalt von Werturteilen).


19 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen      © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                    Wahrnehmungen




Intentionaler Inhalt

-      Beispiel: Ich fürchte mich vor dem Gorilla im Zoo.
       Meine Furcht repräsentiert den Gorilla als „fürchtenswert“, d.h.
       gefährlich.

       Vielleicht ist der Gorilla aber gar nicht gefährlich. Dann ist meine
       Furcht unangemessen, die Repräsentation ist nicht korrekt.

       Das Urteil „Der Gorilla ist gefährlich“, das ich auf Basis meiner
       Furcht fälle, unterscheidet sich inhaltlich von dem
       nüchternen, nicht-emotionalen Urteil „Der Gorilla ist gefährlich“.



20 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen      © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                    Wahrnehmungen




Intentionalität

       Wenn Emotionen und Überzeugungen beide die Welt in
       bestimmter Weise seiend repräsentieren, sind Emotionen
       vielleicht Überzeugungen oder Urteile?
       → Urteilstheorie der Emotionen?

-      Repräsentation ist im Fall von Emotionen affektiv.

-      Bei Emotionen und Urteilen nehmen wir jeweils eine andere
       Einstellung zum Inhalt ein:
       Während wir den Inhalt von Emotionen (und Wahrnehmungen)
       nur für wahrscheinlich halten, halten wir den Inhalt eines Urteils
       notwendigerweise für wahr.

21 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen      © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                 Wahrnehmungen




Intentionalität

-      Mooresches Paradox:
       „Ich bin überzeugt, dass p, aber p ist falsch.“

       Kein Mooresches Paradox:
       „Ich sehe den Stock im Wasser als gebrochen, aber er ist nicht
       gebrochen.“
       „Ich fürchte die Spinne, aber sie ist nicht gefährlich.“




22 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen   © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                 Wahrnehmungen




Intentionalität

-      Möglichkeit des Konflikts ohne Kontradiktion:
       Im Lichte besseren Wissens bleibt der Inhalt der Wahrnehmung
       bzw. der Emotion bestehen und konfligiert somit mit dem Inhalt
       meines Urteils, ohne mit diesem in einem direkten Widerspruch
       zu stehen.




23 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen   © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                 Wahrnehmungen




Intentionalität

-      Bei Emotionen und Urteilen liegt jeweils eine andere Form des
       Inhalts vor:
       Die Inhalte von Emotionen und Wahrnehmungen gehen nicht in
       inferentielle Beziehungen zu Inhalten anderer mentaler
       Zustände ein – auch nicht zu Inhalten von anderen Emotionen
       oder Wahrnehmungen.

→ Wenn Begriffe die Träger der Inferenzbeziehung sind, ist der
  Inhalt nicht-begrifflich.

→ D.h. nicht, dass der Inhalt unstrukturiert sein muss. Er könnte
  auf andere Weise strukturiert sein, z. Bsp. gestalthaft.

24 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen   © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                  Wahrnehmungen




Phänomenaler Charakter

      Emotionen sind Gefühle (feelings).

-      Emotionale Gefühle sind Gefühle, die sich auf die Welt
       richten, nicht auf den Körper (vgl. Goldies feelings towards vs.
       bodily feelings).

-      Wenn die Gefühle kein reines Add-On sein sollen, müssen sie
       irgendwie mit dem Inhalt verknüpft werden.

-      Lässt sich eine repräsentationalistische Theorie des
       phänomenalen Charakters von Emotionen nach Vorbild des
       Wahrnehmungsrepräsentationalismus verteidigen?

25 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen    © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                 Wahrnehmungen




Motivierende Kraft

       Emotionen motivieren expressive sowie zielgerichtete
       Handlungen.

Helms Vorschlag:
   Jede Emotion entspricht entweder einer negativen oder
   positiven Bewertung. Durch die Emotion erleben wir die Welt
   schmerzlich oder lustvoll.
   Diese hedonischen Aspekte, die aber an den Inhalt der Emotion
   gekoppelt sind, sollen die motivierende Kraft erklären.




26 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen   © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                  Wahrnehmungen




Motivierende Kraft

Dörings Vorschlag:
  Die in Emotionen enthaltenen Bewertungen implizieren nicht, dass
  etwas getan werden muss, soll oder kann (vgl. Freude).
  Trotzdem motivieren uns diese Emotionen zu (expressiven)
  Handlungen.
→ keine Welt-zu-Geist Passensrichtung von Wünschen

       Emotionen repräsentieren ihr Objekt im Lichte der Anliegen und
       Interessen des Subjekts. Sie beinhalten ein „Ought-to-be“.
       Die Bewertung wird auch daraufhin getroffen, wie die Welt in den
       Augen des Subjekts sein soll.
       Daraus resultiert (zusammen mit dem phänomenalen Charakter?) die
       motivierende Kraft der Emotion.

27 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen    © 2010 Universität Tübingen
Emotionen als affektive
                                                                    Wahrnehmungen




Motivierende Kraft

Beispiel:
    Ich ärgere mich über meinen lauten Nachbarn über mir.
    Mein Ärger repräsentiert den lauten Nachbarn als ärgerlich.
    Die Bewertung beinhaltet zugleich, dass die Welt nicht so
    ist, wie sie in meinen Augen sein sollte (nämlich ruhig) und
    motiviert mich dazu, etwas zu tun.

       Ein konkretes Ziel, das in eine Zweck-Mittel-Überlegung
       eingehen könnte, gibt mir die Emotion aber nicht vor!

       Ich könnte aus Ärger laut aufschreien (expressive Handlung), an die
       Decke klopfen oder nach oben gehen (zielgerichtete Handlungen).

28 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen      © 2010 Universität Tübingen
Emotionen zur Lösung des
                                                              internalistischen Dilemmas




Die Lösung des internalistischen Dilemmas

Schritt 1: Von Emotionen zu evaluativen Urteilen
       Wenn Emotionen evaluativ-repräsentationalen Inhalt haben, besteht
       die Möglichkeit, dass dieser korrekt ist und das Objekt der Emotion
       tatsächlich die zugeschrieben evaluative Eigenschaft hat.

       Der repräsentationale Inhalt von Emotionen kann nicht-inferentiell ein
       entsprechendes evaluatives Urteil rechtfertigen, wenn das Subjekt ihn
       „für bare Münze nimmt“.
       Wenn der repräsentationale Inhalt der Emotion korrekt ist, ist das
       entsprechende evaluative Urteil wahr.

       Die motivierende Kraft der Emotion wird aufgrund der notwendigen
       Beziehung zwischen den Inhalten übertragen.

29 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen        © 2010 Universität Tübingen
Emotionen zur Lösung des
                                                          internalistischen Dilemmas




Die Lösung des internalistischen Dilemmas

Schritt 2: Von evaluativen Urteilen zu normativen Urteilen
   Emotionsbasierte evaluative Urteile können in unser praktisches
   Überlegen eintreten und als prima facie Gründe fungieren, wenn
   das Subjekt zuvor den Inhalt der Emotion „für bare Münze“
   genommen hat.

       Sie rechtfertigen ggf. ein normatives Urteil der Form „Es ist
       richtig, die Handlung X auszuführen.“

       Die motivierende Kraft des emotionsbasierten evaluativen
       Urteils wird wiederum aufgrund der notwendigen Beziehung
       zwischen den Inhalten auf das normative Urteil übertragen.

30 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen     © 2010 Universität Tübingen
Emotionen zur Lösung des
                                                         internalistischen Dilemmas




Die Lösung des internalistischen Dilemmas

Schritt 3: Von normativen Urteilen zu Handlungen
   Normative Urteile der Form „Es ist richtig, die Handlung
   auszuführen“ können einerseits die Handlung rechtfertigen bzw.
   rationalisieren, weil sie repräsentationalen Inhalt haben;
   andererseits haben sie auch motivierende Kraft, insofern die
   Überlegungen, die zu ihnen führen, von Emotionen ausgehen.


→ Emotionen können Handlungen nur dann rationalisieren und
  ggf. rechtfertigen, wenn das Subjekt sie „für bare Münze“ nimmt
  und die entsprechenden Urteile auch fällt!


31 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen   © 2010 Universität Tübingen
Emotionen zur Lösung des
                                                               internalistischen Dilemmas




Die Lösung des internalistischen Dilemmas

Beispiel: Ich ärgere mich über den lauten Nachbarn über mir.

       Mein Ärger repräsentiert den lauten Nachbarn als ärgerlich.

       Die evaluative Repräsentation beinhaltet zugleich, dass die Welt nicht
       so ist, wie sie in meinen Augen sein soll (nämlich ruhig).

       Ich nehme meinen Ärger „für bare Münze“ und fälle das
       emotionsbasierte evaluative Urteil „Es ist ärgerlich, dass der Nachbar
       über mir stets laute Musik hört.“

       Dieses Urteil geht in meine praktische Überlegung ein, in der ich
       verschiedene Gründe abwäge, ob ich etwas unternehmen soll.

32 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen         © 2010 Universität Tübingen
Emotionen zur Lösung des
                                                                  internalistischen Dilemmas




Die Lösung des internalistischen Dilemmas

       Schließlich fälle ich das normative Urteil „Es ist richtig, dass ich nach
       oben gehe und den Nachbarn bitte, etwas leiser zu sein.“

       Dieses Urteil motiviert mich auch, denn es geht auf meinen Ärger
       zurück.

       Das Urteil rationalisiert meine Handlung und wenn es tatsächlich der
       Fall ist, dass der Nachbar ungebührlich laut ist und Lautsein ärgerlich
       ist, dann bin ich in meiner Handlung auch objektiv gerechtfertigt.




33 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen            © 2010 Universität Tübingen
Emotionen zur Lösung des
                                                         internalistischen Dilemmas




Die Lösung des internalistischen Dilemmas

Ein letztes Problem:
    Wenn es die evaluativen Eigenschaften, die im
    repräsentationalen Inhalt der Emotion zugeschrieben
    werden, nicht gibt (Antirealismus in Bezug auf Werte), dann gibt
    es keine einzige korrekte Emotion.
→ Irrtumstheorie der Emotionen

       Unsere Handlungen wären also höchstens subjektiv
       gerechtfertigt, d.h. rationalisiert (wenn kein guter Grund
       bestünde, unseren Emotionen zu misstrauen) und nie objektiv
       gerechtfertigt, weil es die evaluativen und normativen Tatsachen
       ja gar nicht gibt.

34 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen   © 2010 Universität Tübingen
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35 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen   © 2010 Universität Tübingen

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Das Problem der Moral 31.01.2012 (Anika Lutz)

  • 1. Philosophisches Seminar Emotionen als affektive Wahrnehmungen Wie mit Hilfe von Emotionen das internalistische Dilemma gelöst werden kann… Anika Lutz Vorlesung „Das Problem der Moral“, 31.01.2012
  • 2. Übersicht Übersicht 1. Was ist das internalistische Dilemma? 2. Emotionen als affektive Wahrnehmungen 3. Emotionen zur Lösung des internalistischen Dilemmas 2 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 3. Das internalistische Dilemma Internalismus und Externalismus Externalismus (vgl. Brink und Railton): Normative Urteile darüber, dass etwas die richtige Handlung in einer gegebenen Situation ist, motivieren den Akteur nicht notwendigerweise dazu, die Handlung zu wählen. Für Motivation ist immer noch ein entsprechendes externes Motiv notwendig. „Anti-Rationalismus“: Wenn es richtig ist, in einer gegebenen Situation eine bestimmte Handlung zu wählen, dann gibt es nicht notwendigerweise einen normativen Grund, die Handlung zu wählen. 3 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 4. Das internalistische Dilemma Internalismus und Externalismus Internalismus: Normative Urteile darüber, dass etwas die richtige Handlung in einer gegebenen Situation ist, motivieren den Akteur notwendigerweise dazu, die Handlung zu wählen. Rationalismus: Wenn es richtig ist, in einer gegebenen Situation eine bestimmte Handlung zu wählen, dann gibt es notwendigerweise einen normativen Grund, die Handlung zu wählen. 4 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 5. Das internalistische Dilemma Internalismus und Externalismus Zusammen: Wenn es richtig ist, eine bestimmte Handlung in einer gegebenen Situation zu wählen, und es damit notwendigerweise einen normativen Grund gibt, die Handlung zu wählen, dann ist der Akteur – wenn er den Grund erkennt – notwendigerweise dazu motiviert, die Handlung zu wählen. → Identitätsthese: Normative Gründe, die Handlungen rechtfertigen, sind motivierende und potentiell handlungserklärende Gründe. → Sie sind praktische Gründe. 5 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 6. Das internalistische Dilemma Internalismus und Externalismus Problem der ontologischen Differenz: Nach Smith gehören normative und motivierende Gründe unterschiedlichen ontologischen Kategorien an und können daher nicht identisch sein. Normative Gründe: „Wahrheiten“ ((wahre) Propositionen) Motivierende Gründe: psychologische Zustände Lösung? Wir erfassen normative Gründe über psychologische Zustände. Dadurch können normative Gründe zu motivierenden Gründen werden. 6 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 7. Das internalistische Dilemma Normatives Selbstverständnis als animal rationale/ Rational-Guidance-Condition Wir sind Wesen, die über normative Gründe verfügen und zumindest manchmal auch aus diesen Gründen handeln. Problem des Externalismus: Es gibt kein Handeln aus Gründen, sondern immer nur Handeln in Übereinstimmung mit Gründen. 7 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 8. Das internalistische Dilemma Internalismus-Problem Wie kann ein normativer, eine Handlung rechtfertigender Grund, zugleich ein motivierender Grund sein, der aus der Perspektive des Subjekts für die Handlung spricht – d.h. diese rationalisiert – und sie in dem Fall, dass das Subjekt aus dem Grund handelt, zugleich erklärt? 8 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 9. Das internalistische Dilemma Das internalistische Dilemma „With both the Humean and the Kantian view of practical reason normative and motivating reasons come to be seen as mutually exclusive. While the Humean cannot account for the normativity of practical reasons but commits himself to the incoherent claim that arational desires are capable of rationalizing actions, the Kantian fails for the opposite reasons. Though the latter rightly points out that only states with a certain kind of content can enter into practical reasoning, he clings to the psychologically dubious postulate that pure reason has motivational force.” Döring (2007), S. 369. 9 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 10. Das internalistische Dilemma Die Humesche Seite des Dilemmas Fokussierung auf Wünsche, verstanden als funktionale Handlungsdispositionen. Humesche Theorie der Motivation: motivierender Grund besteht in einem Wunsch-Meinungspaar → Motivation (und Erklärung) kann gut Rechnung getragen werden. → Motivierende Gründe 10 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 11. Das internalistische Dilemma Die Humesche Seite des Dilemmas Problem 1: Wünsche können Handlungen nicht rationalisieren (vgl. Anscombes Untertasse voll Schlamm oder Quinns Radio- Man). → Rationalisierung und Rechtfertigung kann nicht Rechnung getragen werden. → Keine normativen Gründe! 11 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 12. Das internalistische Dilemma Die Humesche Seite des Dilemmas Problem 2: Wünsche können Handlungen nicht einmal erklären, wenn die Erklärung von Handlungen an Rationalisierung gebunden wird (wie beispielsweise bei Davidson oder Smith). → Ob Erklärung Rechnung getragen werden kann, ist zumindest zweifelhaft. → Keine motivierenden Gründe?! 12 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 13. Das internalistische Dilemma Die Kantische Seite des Dilemmas Fokussierung auf Urteile/Überzeugungen. → Rationalisierung und Rechtfertigung kann gut Rechnung getragen werden. → Normative Gründe Problem: Seit Hume: Vernunft alleine hat keine motivierende Kraft. → Motivation und Erklärung kann nicht Rechnung getragen werden. → Keine motivierenden Gründe! 13 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 14. Das internalistische Dilemma Lösung? Wir brauchen mentale Zustände, die sowohl rechtfertigen können – d.h. repräsentationalen Inhalt haben – als auch motivieren können. Gesucht sind Zustände, die beide Passensrichtungen haben, bzw. das Schema der Passensrichtungen überwinden. McDowell: besires – Mischung aus Überzeugungen (beliefs) und Wünschen (desires) Emotionen 14 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 15. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Emotionstheorien Urteilstheorie Emotionen sind Kognitivistische analog zu Theorien: Wahrnehmungen Emotionen sind Wahrnehmungs- Wahrnehmungen Emotionen haben theorie von Werten repräsentatio- Emotionen sind nalen Inhalt Mehr- Wahrnehmungen Komponenten- Emotionen sind Theorien Wahrnehmungen Nonkognitivis- körperlicher tische Theorien: James- Veränderungen Emotionen sind Lange rein qualitative Theorie Zustände 15 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 16. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Emotionen 3 Merkmale, die erklärt oder weg erklärt werden müssen: - Intentionalität, d.h. repräsentationaler Inhalt – Emotionen repräsentieren ihr intentionales Objekt in bestimmter Weise seiend und zwar evaluativ. - Phänomenaler Charakter – Emotionen sind Gefühle (feelings). - Motivierende Kraft – Emotionen motivieren expressive sowie zielgerichtete Handlungen. 16 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 17. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Intentionalität Argumente für die Intentionalität von Emotionen und gegen eine reine Feeling-Theorie von Emotionen: - Alltagssprache 1) Gerichtetheit lässt sich sprachlich nachvollziehen. 2) Wir unterziehen unsere Emotionen rationaler Kritik. - Differenzierung und Individuation Wie lassen sich Emotionen von anderen Gefühlen abgrenzen? Wie lassen sich Emotionen untereinander abgrenzen? 17 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 18. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Intentionalität Argument gegen die Intentionalität von Emotionen: - (vermeintlich) objektlose Emotionen und Stimmungen 18 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 19. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Intentionaler Inhalt Emotionen repräsentieren ihr intentionales Objekt in bestimmter Weise seiend und zwar evaluativ. - Inhalt ist repräsentational. Er repräsentiert die Welt in bestimmter Weise seiend, d.h. er unterliegt einer Korrektheitsbedingung. - Repräsentation ist evaluativ: Intentionales Objekt wird im Lichte der Anliegen und Interessen des Subjekts bewertet. - affektiv (im Gegensatz zum Inhalt von Werturteilen). 19 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 20. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Intentionaler Inhalt - Beispiel: Ich fürchte mich vor dem Gorilla im Zoo. Meine Furcht repräsentiert den Gorilla als „fürchtenswert“, d.h. gefährlich. Vielleicht ist der Gorilla aber gar nicht gefährlich. Dann ist meine Furcht unangemessen, die Repräsentation ist nicht korrekt. Das Urteil „Der Gorilla ist gefährlich“, das ich auf Basis meiner Furcht fälle, unterscheidet sich inhaltlich von dem nüchternen, nicht-emotionalen Urteil „Der Gorilla ist gefährlich“. 20 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 21. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Intentionalität Wenn Emotionen und Überzeugungen beide die Welt in bestimmter Weise seiend repräsentieren, sind Emotionen vielleicht Überzeugungen oder Urteile? → Urteilstheorie der Emotionen? - Repräsentation ist im Fall von Emotionen affektiv. - Bei Emotionen und Urteilen nehmen wir jeweils eine andere Einstellung zum Inhalt ein: Während wir den Inhalt von Emotionen (und Wahrnehmungen) nur für wahrscheinlich halten, halten wir den Inhalt eines Urteils notwendigerweise für wahr. 21 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 22. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Intentionalität - Mooresches Paradox: „Ich bin überzeugt, dass p, aber p ist falsch.“ Kein Mooresches Paradox: „Ich sehe den Stock im Wasser als gebrochen, aber er ist nicht gebrochen.“ „Ich fürchte die Spinne, aber sie ist nicht gefährlich.“ 22 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 23. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Intentionalität - Möglichkeit des Konflikts ohne Kontradiktion: Im Lichte besseren Wissens bleibt der Inhalt der Wahrnehmung bzw. der Emotion bestehen und konfligiert somit mit dem Inhalt meines Urteils, ohne mit diesem in einem direkten Widerspruch zu stehen. 23 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 24. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Intentionalität - Bei Emotionen und Urteilen liegt jeweils eine andere Form des Inhalts vor: Die Inhalte von Emotionen und Wahrnehmungen gehen nicht in inferentielle Beziehungen zu Inhalten anderer mentaler Zustände ein – auch nicht zu Inhalten von anderen Emotionen oder Wahrnehmungen. → Wenn Begriffe die Träger der Inferenzbeziehung sind, ist der Inhalt nicht-begrifflich. → D.h. nicht, dass der Inhalt unstrukturiert sein muss. Er könnte auf andere Weise strukturiert sein, z. Bsp. gestalthaft. 24 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 25. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Phänomenaler Charakter Emotionen sind Gefühle (feelings). - Emotionale Gefühle sind Gefühle, die sich auf die Welt richten, nicht auf den Körper (vgl. Goldies feelings towards vs. bodily feelings). - Wenn die Gefühle kein reines Add-On sein sollen, müssen sie irgendwie mit dem Inhalt verknüpft werden. - Lässt sich eine repräsentationalistische Theorie des phänomenalen Charakters von Emotionen nach Vorbild des Wahrnehmungsrepräsentationalismus verteidigen? 25 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 26. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Motivierende Kraft Emotionen motivieren expressive sowie zielgerichtete Handlungen. Helms Vorschlag: Jede Emotion entspricht entweder einer negativen oder positiven Bewertung. Durch die Emotion erleben wir die Welt schmerzlich oder lustvoll. Diese hedonischen Aspekte, die aber an den Inhalt der Emotion gekoppelt sind, sollen die motivierende Kraft erklären. 26 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 27. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Motivierende Kraft Dörings Vorschlag: Die in Emotionen enthaltenen Bewertungen implizieren nicht, dass etwas getan werden muss, soll oder kann (vgl. Freude). Trotzdem motivieren uns diese Emotionen zu (expressiven) Handlungen. → keine Welt-zu-Geist Passensrichtung von Wünschen Emotionen repräsentieren ihr Objekt im Lichte der Anliegen und Interessen des Subjekts. Sie beinhalten ein „Ought-to-be“. Die Bewertung wird auch daraufhin getroffen, wie die Welt in den Augen des Subjekts sein soll. Daraus resultiert (zusammen mit dem phänomenalen Charakter?) die motivierende Kraft der Emotion. 27 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 28. Emotionen als affektive Wahrnehmungen Motivierende Kraft Beispiel: Ich ärgere mich über meinen lauten Nachbarn über mir. Mein Ärger repräsentiert den lauten Nachbarn als ärgerlich. Die Bewertung beinhaltet zugleich, dass die Welt nicht so ist, wie sie in meinen Augen sein sollte (nämlich ruhig) und motiviert mich dazu, etwas zu tun. Ein konkretes Ziel, das in eine Zweck-Mittel-Überlegung eingehen könnte, gibt mir die Emotion aber nicht vor! Ich könnte aus Ärger laut aufschreien (expressive Handlung), an die Decke klopfen oder nach oben gehen (zielgerichtete Handlungen). 28 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 29. Emotionen zur Lösung des internalistischen Dilemmas Die Lösung des internalistischen Dilemmas Schritt 1: Von Emotionen zu evaluativen Urteilen Wenn Emotionen evaluativ-repräsentationalen Inhalt haben, besteht die Möglichkeit, dass dieser korrekt ist und das Objekt der Emotion tatsächlich die zugeschrieben evaluative Eigenschaft hat. Der repräsentationale Inhalt von Emotionen kann nicht-inferentiell ein entsprechendes evaluatives Urteil rechtfertigen, wenn das Subjekt ihn „für bare Münze nimmt“. Wenn der repräsentationale Inhalt der Emotion korrekt ist, ist das entsprechende evaluative Urteil wahr. Die motivierende Kraft der Emotion wird aufgrund der notwendigen Beziehung zwischen den Inhalten übertragen. 29 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 30. Emotionen zur Lösung des internalistischen Dilemmas Die Lösung des internalistischen Dilemmas Schritt 2: Von evaluativen Urteilen zu normativen Urteilen Emotionsbasierte evaluative Urteile können in unser praktisches Überlegen eintreten und als prima facie Gründe fungieren, wenn das Subjekt zuvor den Inhalt der Emotion „für bare Münze“ genommen hat. Sie rechtfertigen ggf. ein normatives Urteil der Form „Es ist richtig, die Handlung X auszuführen.“ Die motivierende Kraft des emotionsbasierten evaluativen Urteils wird wiederum aufgrund der notwendigen Beziehung zwischen den Inhalten auf das normative Urteil übertragen. 30 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 31. Emotionen zur Lösung des internalistischen Dilemmas Die Lösung des internalistischen Dilemmas Schritt 3: Von normativen Urteilen zu Handlungen Normative Urteile der Form „Es ist richtig, die Handlung auszuführen“ können einerseits die Handlung rechtfertigen bzw. rationalisieren, weil sie repräsentationalen Inhalt haben; andererseits haben sie auch motivierende Kraft, insofern die Überlegungen, die zu ihnen führen, von Emotionen ausgehen. → Emotionen können Handlungen nur dann rationalisieren und ggf. rechtfertigen, wenn das Subjekt sie „für bare Münze“ nimmt und die entsprechenden Urteile auch fällt! 31 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 32. Emotionen zur Lösung des internalistischen Dilemmas Die Lösung des internalistischen Dilemmas Beispiel: Ich ärgere mich über den lauten Nachbarn über mir. Mein Ärger repräsentiert den lauten Nachbarn als ärgerlich. Die evaluative Repräsentation beinhaltet zugleich, dass die Welt nicht so ist, wie sie in meinen Augen sein soll (nämlich ruhig). Ich nehme meinen Ärger „für bare Münze“ und fälle das emotionsbasierte evaluative Urteil „Es ist ärgerlich, dass der Nachbar über mir stets laute Musik hört.“ Dieses Urteil geht in meine praktische Überlegung ein, in der ich verschiedene Gründe abwäge, ob ich etwas unternehmen soll. 32 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 33. Emotionen zur Lösung des internalistischen Dilemmas Die Lösung des internalistischen Dilemmas Schließlich fälle ich das normative Urteil „Es ist richtig, dass ich nach oben gehe und den Nachbarn bitte, etwas leiser zu sein.“ Dieses Urteil motiviert mich auch, denn es geht auf meinen Ärger zurück. Das Urteil rationalisiert meine Handlung und wenn es tatsächlich der Fall ist, dass der Nachbar ungebührlich laut ist und Lautsein ärgerlich ist, dann bin ich in meiner Handlung auch objektiv gerechtfertigt. 33 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 34. Emotionen zur Lösung des internalistischen Dilemmas Die Lösung des internalistischen Dilemmas Ein letztes Problem: Wenn es die evaluativen Eigenschaften, die im repräsentationalen Inhalt der Emotion zugeschrieben werden, nicht gibt (Antirealismus in Bezug auf Werte), dann gibt es keine einzige korrekte Emotion. → Irrtumstheorie der Emotionen Unsere Handlungen wären also höchstens subjektiv gerechtfertigt, d.h. rationalisiert (wenn kein guter Grund bestünde, unseren Emotionen zu misstrauen) und nie objektiv gerechtfertigt, weil es die evaluativen und normativen Tatsachen ja gar nicht gibt. 34 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen
  • 35. Danke. 35 | Anika Lutz: Emotionen als affektive Wahrnehmungen © 2010 Universität Tübingen