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Vorwort
»Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten. Wir fanden
uns ganz schön bedeutend.«
Der Titel dieses Buchs stammt aus dem Refrain des Songs
»Trrrmmer« der Hamburger Gruppe Die Sterne. Deren Texter und
Sänger Frank Spilker trug diese Zeilen in seiner typischen Gute-
Laune-Melancholie vor. Man schrieb das Jahr 1996, die Band hatte
von ihrem Indie-Label L’Age D’Or zur großen Sony gewechselt. Die
Musikindustrie erlebte ihre Hochphase. Alle Türen standen offen,
alles war möglich. Nach erfolgreicher Einführung der CD und un-
verhofften Zusatzgewinnen durch die Wiedervereinigung flogen
die Mitarbeiter der großen Plattenfirmen mit Koffern voller Geld
durchs ganze Land und kauften, für viele Scheine, eine Band nach
der anderen ein, um sie anschließend groß rauszubringen. Selbst
wenn das einmal nicht funktionierte, gab es immer einen Grund
zu feiern und die Korken knallen zu lassen. Denn während Künst-
ler wie die Sterne vielleicht nur die Musikkritik und Connaisseure
begeisterten, hatte man mit anderen gerade wieder Platin geholt.
Und das bedeutete damals noch 500 000 verkaufte CDs und viel,
viel Geld …
»Es war sehr gut und von Bestand.
Kaum einer weiß bis heut’, warum es dann verschwand.«
10
Dieser »The Sky is the Limit«-Geist schwebt nach all den Jahren
noch immer über unseren Köpfen. Und das, obwohl wir es mitt-
lerweile eigentlich besser wissen müssten. Das Geld ist alle, der
Champagner leer, und dennoch leben wir nach wie vor für die Mu-
sik. Es scheint, als hätten wir den Absprung in die Realität ver-
passt – und nun sitzen wir in den Ruinen und räumen auf. Wir
haben Sex in den Trümmern. Wir, das sind alle Musikliebhaber,
Musiker und Menschen, die hinter den Kulissen noch immer für
ihren Traum, ihre große Liebe arbeiten. Die erwachsen geworden
sind, aber trotzdem nicht ohne Musik leben können.
»Wenn uns der Wind die Köpfe wegblies, war die Geschwindig-
keit O. K.,
fand ich. Du sagtest schneller, schneller, schneller. Ich sagte nee.«
Musik ist kein Sport, es geht nicht um das Höher, Schneller, Weiter.
Die Relevanz eines Songs lässt sich nicht an Verkaufszahlen mes-
sen. Denn Musik ist reine Emotion. Wer will messen, welche Emo-
tion besser ist als eine andere?
Insofern ist Musik komplett überflüssig – genauso wie die Lie-
be. Wenn es ums pure Überleben geht, bringt sie einen kein Stück
weiter; man kann sie weder trinken noch essen, kein Feuer mit ihr
machen, auch die Fortpflanzung funktioniert im Zweifel ohne Ku-
schelrock-CD und große Gefühle. Allerdings ist ein Leben ohne
Musik und Liebe nicht lebenswert. Sie begleiten uns schon in den
ersten Sekunden unseres Lebens.
Jeder Mensch hört und reagiert auf Musik bereits als Fötus, im
Alter von zwanzig Wochen. Direkt nach der Geburt werden wir von
unseren Eltern mit »Guten Abend, gute Nacht« in den Schlaf ge-
sungen. Das Schlaflied konditioniert uns bereits auf den für eu-
ropäische Ohren wohlklingenden Dreiklang und verstärkt die Bin-
dung zu den Eltern. Unterbewusst vermittelt es: Dreiklang gleich
Eltern gleich Sicherheit und Wohlbefinden.
11
Das gibt Musik eine einzigartige, geheime Kraft. Sie gehört zu
den wenigen Dingen, für die Menschen bereit sind, sich zu schla-
gen und auf die Straße zu gehen. Musik spielt demnach emotional
in einer Liga mit dem Drang nach Freiheit, nach Überleben, nach
Liebe – oder der adrenalingeschwängerten Gefühlswallung beim
Spiel der eigenen Fußballmannschaft.
Bewusst wird uns die Kraft der Musik spätestens als Teenager –
auf der Suche nach uns selbst, nach Identität, Abgrenzung und
Zugehörigkeit. Und wer in der Pubertät nicht recht versteht, was
mit ihm geschieht, geschweige denn darüber reden kann (und wer
kann das schon), dreht die Anlage im Kinderzimmer auf Maximum
und lässt die Musik für sich sprechen. Dass die Eltern in den meis-
ten Fällen wenig Verständnis aufbringen, ist keineswegs schlimm.
Man hatte es ja genau darauf abgesehen.
»Es gab Gespräche über den Sinn.
Und wir fragten uns andauernd, wo das hinführt.«
Wir verknüpfen unbewusst unser ganzes Leben lang verschiedens-
te Schlüsselerlebnisse mit Songs. Sie funktionieren wie Tags im
Internet, wie Kennzeichnungen für bestimmte Tage, Situationen
und Gefühle. Sei es der Besuch in einem Kölner Club, wenn der
DJ plötzlich »Roxanne« von The Police spielt und du fünf Jahre zu-
rück in die Vergangenheit geworfen wirst, auf einmal längst verges-
sene Gesichter aufblitzen siehst, dich an bestimmte Gespräche und
schlagartig auch an den Geruch des Grases neben dem Basketball-
platz erinnerst – einfach nur, weil sich eben dieses Lied einige Jah-
re zuvor zufällig auf deinem MD-Player befunden hat. Oder wenn
»Love Will Tear Us Apart« von Joy Division dich auf einmal wieder
zum ersten Liebeskummer zurückkatapultiert, du abermals auf der
Brücke am Kupferteich im Alstertal stehst und springen willst, bis
dir auffällt, dass das Wasser doch eigentlich viel zu kalt für einen
angenehmen Selbstmord ist.
12
Irgendwann stellt wohl jeder fest, dass die Musik, der Sound-
track unseres Lebens, sich unbewusst an unsere Erlebnisse und Ge-
fühle klammert, mit ihnen verschmilzt – und nie mehr verschwin-
det.
Aber Musik schafft auch Zugehörigkeit: Einzelne Musikstücke,
Sänger, Gruppen, Konzerte und Clubs wirken wie Rituale einer ge-
meinsamen, geheimen Religion. Die zufällige Feststellung, in den-
selben Clubs die gleichen Bands gesehen zu haben, schafft eine
eigene Form von Nähe zwischen Leuten, die sich zuvor nicht kann-
ten. Aus der Bemerkung, in Woodstock, bei der ersten Love-Parade,
beim letzten Wacken-Festival dabei gewesen zu sein, kann unmit-
telbar Sympathie für das Gegenüber entstehen. Auf Partys bilden
sich nicht selten Gruppen, die diskutieren, was der wichtigste De-
peche-Mode-Song in ihrem Leben war – und als wir kurz überleg-
ten, diesem Buch vielleicht doch den Titel »Die Universal Teller-
wäscher« zu geben (ebenfalls nach einem Song der Sterne), und als
unser Lektor daraufhin anfing, aus dem Stand den Text zu zitieren
(»Er wäscht wirklich Teller, er tut nicht so. Ich hatte Haben, ich hat-
te Geld gespart, ich lief durch die Phrasen, war im Apparat«), konn-
ten wir ihm gar nicht mehr übelnehmen, dass er uns diese Idee
auszureden begann.
»Perfekter Service. Korrekte Preise. Nur die Lüftung summte­
leise.«
Wir, das sind zwei Autoren, die ihr Leben früh und unumkehrbar
der Musik verschrieben haben. Sarah wusste mit siebzehn, dass sie
»irgendwas mit Musik« machen muss. Nämlich, als sie das erste
Mal einen Club besuchte, in dem Punkrock und Metal lief. Musik,
die sie bislang nur zu Hause oder bei Freunden gehört hatte. In
dem Moment, als sie in den Laden kam, auf dessen Tanzfläche 200
Menschen (!) gleichzeitig zu Slayers »Raining Blood« tanzten (!),
13
stand für Sarah fest, dass sie genau das wollte, was der Mann hinter
den Plattentellern in dem Moment schaffte: Menschen zur Musik
zu bewegen. Sie wurde DJane in verschiedenen Kölner Clubs und
arbeitete als Redakteurin für ein Musikmagazin. Mit einundzwan-
zig Jahren zog sie nach Berlin, legte dort weiter als DJane im Indie-
und Electro-Bereich auf. Währenddessen absolvierte sie ein Prakti-
kum bei einer Booking-Agentur.
2008 kam sie zum Label Motor Music, übernahm später unter
anderem die Assistenz für Tim Renner und arbeitete als Radio-Pro-
moterin, Künstlermanagerin und Texteschreiberin. Im Juli 2012
wurde sie flügge und machte sich mit ihrer eigenen Promotion-
und PR-Firma »s’läuft!« selbstständig.
Tim fand seinen Zugang zur Musikbranche mit fünfzehn durch ein
Neue-Deutsche-Welle-Festival, das mittendrin abgebrochen wurde.
Aus Frustration darüber vergrub er sich noch mehr in die Musik
und begann, ein eigenes Konzert namens »Festival der guten Ta-
ten« auf Kassette zu produzieren. Eigentlich nur als Schulprojekt
gedacht, war die Nachfrage bald so groß, dass er Tage damit zu-
brachte, Kopien davon zu ziehen, um diese anschließend verkaufen
zu können. Daraus wurde eine eigene Radiosendung beim NDR,
der Einstieg in den Musikjournalismus und ein Undercover-Be-
richt über die Plattenfirma Polydor, der nie fertig wurde. Anstatt
das Schweinesystem Musikindustrie aufzudecken (oder zu unter-
wandern), blieb er nämlich einfach dort und baute Acts wie Ramm-
stein, Sportfreunde Stiller, Tocotronic, Muse und Element of Crime
mit auf.
Als 1999 die Musikkonzerne PolyGram und Universal fusio-
nierten, führte Tim Renner als Präsident die Musikaktivitäten der
Labels in Deutschland zusammen und wurde 2001 CEO und Chair-
man. Als sich Anfang 2004 Universal im Zuge der Krise der Musik-
wirtschaft von vielen nationalen Interpreten trennen wollte, trennte
sich Renner von Universal und veröffentlichte das Buch Kinder, der
14
Tod ist gar nicht so schlimm!. Ab 2005 entstand mit Motor Entertain-
ment seine eigene Firmengruppe, zu der Medienbeteiligungen so-
wie Internetplattformen, ein Musikverlag und auch ein Label (Mo-
tor Music) gehören. 2009 wurde Tim Renner zum Professor an
der Popakademie Baden-Württemberg ernannt. Im selben Jahr be-
gründete er mit Mitstreitern die »all2gethernow«, eine Alternative
zur Branchenmesse Popkomm. Im März 2011 hat er mit Digital ist
besser sein zweites Buch veröffentlicht.
»Das Kiosk brummte, doch kein Gedrängel, stark, hier gab es
gar nichts zu bemängeln. Produkte in den Regalen. Auch in
Töpfen oder Schalen.«
Die Musikbranche, das Geschäft mit dem Pop, hat Regeln. Einige
dieser Mechanismen – und auch die eine oder andere unbequeme
Wahrheit – möchten wir in diesem Buch offenlegen. Gemacht und
gelebt werden diese Regeln jedoch von Menschen. Wer sie begrei-
fen will, muss deshalb die Menschen, die in dieser Welt arbeiten,
kennenlernen. Egal, ob sie Künstler, Manager, Promoter oder Plat-
tenbosse sind. Erst ihre Beweggründe, ihre Geschichte und ihr An-
trieb, verraten, wie diese Branche, die Industrie hinter den großen
Emotionen, wirklich funktioniert. Zusammen haben wir fast fünf-
zig Jahre Erfahrung innerhalb und außerhalb der Musikbranche
gesammelt. Wir werden Sie mitnehmen zu Freunden, Kritikern,
Schlitzohren und Tausendsassas – in eine Welt der Trickser, Ma-
cher, Freaks und Musikverrückten. Denn nicht von ungefähr endet
Frank Spilkers »Trrrmmer« mit den folgenden entlarvenden Zeilen:
»Waren wir Helden? Oder waren wir krank? Oder beides?
Oder noch schlimmer, sind wir’s noch immer?«
Tim Renner und Sarah Wächter
Berlin, Juli 2013

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Truemmer vorwort

  • 1. 9 Vorwort »Wir hatten Sex in den Trümmern und träumten. Wir fanden uns ganz schön bedeutend.« Der Titel dieses Buchs stammt aus dem Refrain des Songs »Trrrmmer« der Hamburger Gruppe Die Sterne. Deren Texter und Sänger Frank Spilker trug diese Zeilen in seiner typischen Gute- Laune-Melancholie vor. Man schrieb das Jahr 1996, die Band hatte von ihrem Indie-Label L’Age D’Or zur großen Sony gewechselt. Die Musikindustrie erlebte ihre Hochphase. Alle Türen standen offen, alles war möglich. Nach erfolgreicher Einführung der CD und un- verhofften Zusatzgewinnen durch die Wiedervereinigung flogen die Mitarbeiter der großen Plattenfirmen mit Koffern voller Geld durchs ganze Land und kauften, für viele Scheine, eine Band nach der anderen ein, um sie anschließend groß rauszubringen. Selbst wenn das einmal nicht funktionierte, gab es immer einen Grund zu feiern und die Korken knallen zu lassen. Denn während Künst- ler wie die Sterne vielleicht nur die Musikkritik und Connaisseure begeisterten, hatte man mit anderen gerade wieder Platin geholt. Und das bedeutete damals noch 500 000 verkaufte CDs und viel, viel Geld … »Es war sehr gut und von Bestand. Kaum einer weiß bis heut’, warum es dann verschwand.«
  • 2. 10 Dieser »The Sky is the Limit«-Geist schwebt nach all den Jahren noch immer über unseren Köpfen. Und das, obwohl wir es mitt- lerweile eigentlich besser wissen müssten. Das Geld ist alle, der Champagner leer, und dennoch leben wir nach wie vor für die Mu- sik. Es scheint, als hätten wir den Absprung in die Realität ver- passt – und nun sitzen wir in den Ruinen und räumen auf. Wir haben Sex in den Trümmern. Wir, das sind alle Musikliebhaber, Musiker und Menschen, die hinter den Kulissen noch immer für ihren Traum, ihre große Liebe arbeiten. Die erwachsen geworden sind, aber trotzdem nicht ohne Musik leben können. »Wenn uns der Wind die Köpfe wegblies, war die Geschwindig- keit O. K., fand ich. Du sagtest schneller, schneller, schneller. Ich sagte nee.« Musik ist kein Sport, es geht nicht um das Höher, Schneller, Weiter. Die Relevanz eines Songs lässt sich nicht an Verkaufszahlen mes- sen. Denn Musik ist reine Emotion. Wer will messen, welche Emo- tion besser ist als eine andere? Insofern ist Musik komplett überflüssig – genauso wie die Lie- be. Wenn es ums pure Überleben geht, bringt sie einen kein Stück weiter; man kann sie weder trinken noch essen, kein Feuer mit ihr machen, auch die Fortpflanzung funktioniert im Zweifel ohne Ku- schelrock-CD und große Gefühle. Allerdings ist ein Leben ohne Musik und Liebe nicht lebenswert. Sie begleiten uns schon in den ersten Sekunden unseres Lebens. Jeder Mensch hört und reagiert auf Musik bereits als Fötus, im Alter von zwanzig Wochen. Direkt nach der Geburt werden wir von unseren Eltern mit »Guten Abend, gute Nacht« in den Schlaf ge- sungen. Das Schlaflied konditioniert uns bereits auf den für eu- ropäische Ohren wohlklingenden Dreiklang und verstärkt die Bin- dung zu den Eltern. Unterbewusst vermittelt es: Dreiklang gleich Eltern gleich Sicherheit und Wohlbefinden.
  • 3. 11 Das gibt Musik eine einzigartige, geheime Kraft. Sie gehört zu den wenigen Dingen, für die Menschen bereit sind, sich zu schla- gen und auf die Straße zu gehen. Musik spielt demnach emotional in einer Liga mit dem Drang nach Freiheit, nach Überleben, nach Liebe – oder der adrenalingeschwängerten Gefühlswallung beim Spiel der eigenen Fußballmannschaft. Bewusst wird uns die Kraft der Musik spätestens als Teenager – auf der Suche nach uns selbst, nach Identität, Abgrenzung und Zugehörigkeit. Und wer in der Pubertät nicht recht versteht, was mit ihm geschieht, geschweige denn darüber reden kann (und wer kann das schon), dreht die Anlage im Kinderzimmer auf Maximum und lässt die Musik für sich sprechen. Dass die Eltern in den meis- ten Fällen wenig Verständnis aufbringen, ist keineswegs schlimm. Man hatte es ja genau darauf abgesehen. »Es gab Gespräche über den Sinn. Und wir fragten uns andauernd, wo das hinführt.« Wir verknüpfen unbewusst unser ganzes Leben lang verschiedens- te Schlüsselerlebnisse mit Songs. Sie funktionieren wie Tags im Internet, wie Kennzeichnungen für bestimmte Tage, Situationen und Gefühle. Sei es der Besuch in einem Kölner Club, wenn der DJ plötzlich »Roxanne« von The Police spielt und du fünf Jahre zu- rück in die Vergangenheit geworfen wirst, auf einmal längst verges- sene Gesichter aufblitzen siehst, dich an bestimmte Gespräche und schlagartig auch an den Geruch des Grases neben dem Basketball- platz erinnerst – einfach nur, weil sich eben dieses Lied einige Jah- re zuvor zufällig auf deinem MD-Player befunden hat. Oder wenn »Love Will Tear Us Apart« von Joy Division dich auf einmal wieder zum ersten Liebeskummer zurückkatapultiert, du abermals auf der Brücke am Kupferteich im Alstertal stehst und springen willst, bis dir auffällt, dass das Wasser doch eigentlich viel zu kalt für einen angenehmen Selbstmord ist.
  • 4. 12 Irgendwann stellt wohl jeder fest, dass die Musik, der Sound- track unseres Lebens, sich unbewusst an unsere Erlebnisse und Ge- fühle klammert, mit ihnen verschmilzt – und nie mehr verschwin- det. Aber Musik schafft auch Zugehörigkeit: Einzelne Musikstücke, Sänger, Gruppen, Konzerte und Clubs wirken wie Rituale einer ge- meinsamen, geheimen Religion. Die zufällige Feststellung, in den- selben Clubs die gleichen Bands gesehen zu haben, schafft eine eigene Form von Nähe zwischen Leuten, die sich zuvor nicht kann- ten. Aus der Bemerkung, in Woodstock, bei der ersten Love-Parade, beim letzten Wacken-Festival dabei gewesen zu sein, kann unmit- telbar Sympathie für das Gegenüber entstehen. Auf Partys bilden sich nicht selten Gruppen, die diskutieren, was der wichtigste De- peche-Mode-Song in ihrem Leben war – und als wir kurz überleg- ten, diesem Buch vielleicht doch den Titel »Die Universal Teller- wäscher« zu geben (ebenfalls nach einem Song der Sterne), und als unser Lektor daraufhin anfing, aus dem Stand den Text zu zitieren (»Er wäscht wirklich Teller, er tut nicht so. Ich hatte Haben, ich hat- te Geld gespart, ich lief durch die Phrasen, war im Apparat«), konn- ten wir ihm gar nicht mehr übelnehmen, dass er uns diese Idee auszureden begann. »Perfekter Service. Korrekte Preise. Nur die Lüftung summte­ leise.« Wir, das sind zwei Autoren, die ihr Leben früh und unumkehrbar der Musik verschrieben haben. Sarah wusste mit siebzehn, dass sie »irgendwas mit Musik« machen muss. Nämlich, als sie das erste Mal einen Club besuchte, in dem Punkrock und Metal lief. Musik, die sie bislang nur zu Hause oder bei Freunden gehört hatte. In dem Moment, als sie in den Laden kam, auf dessen Tanzfläche 200 Menschen (!) gleichzeitig zu Slayers »Raining Blood« tanzten (!),
  • 5. 13 stand für Sarah fest, dass sie genau das wollte, was der Mann hinter den Plattentellern in dem Moment schaffte: Menschen zur Musik zu bewegen. Sie wurde DJane in verschiedenen Kölner Clubs und arbeitete als Redakteurin für ein Musikmagazin. Mit einundzwan- zig Jahren zog sie nach Berlin, legte dort weiter als DJane im Indie- und Electro-Bereich auf. Währenddessen absolvierte sie ein Prakti- kum bei einer Booking-Agentur. 2008 kam sie zum Label Motor Music, übernahm später unter anderem die Assistenz für Tim Renner und arbeitete als Radio-Pro- moterin, Künstlermanagerin und Texteschreiberin. Im Juli 2012 wurde sie flügge und machte sich mit ihrer eigenen Promotion- und PR-Firma »s’läuft!« selbstständig. Tim fand seinen Zugang zur Musikbranche mit fünfzehn durch ein Neue-Deutsche-Welle-Festival, das mittendrin abgebrochen wurde. Aus Frustration darüber vergrub er sich noch mehr in die Musik und begann, ein eigenes Konzert namens »Festival der guten Ta- ten« auf Kassette zu produzieren. Eigentlich nur als Schulprojekt gedacht, war die Nachfrage bald so groß, dass er Tage damit zu- brachte, Kopien davon zu ziehen, um diese anschließend verkaufen zu können. Daraus wurde eine eigene Radiosendung beim NDR, der Einstieg in den Musikjournalismus und ein Undercover-Be- richt über die Plattenfirma Polydor, der nie fertig wurde. Anstatt das Schweinesystem Musikindustrie aufzudecken (oder zu unter- wandern), blieb er nämlich einfach dort und baute Acts wie Ramm- stein, Sportfreunde Stiller, Tocotronic, Muse und Element of Crime mit auf. Als 1999 die Musikkonzerne PolyGram und Universal fusio- nierten, führte Tim Renner als Präsident die Musikaktivitäten der Labels in Deutschland zusammen und wurde 2001 CEO und Chair- man. Als sich Anfang 2004 Universal im Zuge der Krise der Musik- wirtschaft von vielen nationalen Interpreten trennen wollte, trennte sich Renner von Universal und veröffentlichte das Buch Kinder, der
  • 6. 14 Tod ist gar nicht so schlimm!. Ab 2005 entstand mit Motor Entertain- ment seine eigene Firmengruppe, zu der Medienbeteiligungen so- wie Internetplattformen, ein Musikverlag und auch ein Label (Mo- tor Music) gehören. 2009 wurde Tim Renner zum Professor an der Popakademie Baden-Württemberg ernannt. Im selben Jahr be- gründete er mit Mitstreitern die »all2gethernow«, eine Alternative zur Branchenmesse Popkomm. Im März 2011 hat er mit Digital ist besser sein zweites Buch veröffentlicht. »Das Kiosk brummte, doch kein Gedrängel, stark, hier gab es gar nichts zu bemängeln. Produkte in den Regalen. Auch in Töpfen oder Schalen.« Die Musikbranche, das Geschäft mit dem Pop, hat Regeln. Einige dieser Mechanismen – und auch die eine oder andere unbequeme Wahrheit – möchten wir in diesem Buch offenlegen. Gemacht und gelebt werden diese Regeln jedoch von Menschen. Wer sie begrei- fen will, muss deshalb die Menschen, die in dieser Welt arbeiten, kennenlernen. Egal, ob sie Künstler, Manager, Promoter oder Plat- tenbosse sind. Erst ihre Beweggründe, ihre Geschichte und ihr An- trieb, verraten, wie diese Branche, die Industrie hinter den großen Emotionen, wirklich funktioniert. Zusammen haben wir fast fünf- zig Jahre Erfahrung innerhalb und außerhalb der Musikbranche gesammelt. Wir werden Sie mitnehmen zu Freunden, Kritikern, Schlitzohren und Tausendsassas – in eine Welt der Trickser, Ma- cher, Freaks und Musikverrückten. Denn nicht von ungefähr endet Frank Spilkers »Trrrmmer« mit den folgenden entlarvenden Zeilen: »Waren wir Helden? Oder waren wir krank? Oder beides? Oder noch schlimmer, sind wir’s noch immer?« Tim Renner und Sarah Wächter Berlin, Juli 2013