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AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 27
Von Bettina Mundt, freie Journalistin
Grundsätzlich ist jede Tankstelle altlasten-
verdächtig und es ist ratsam, diese Frage
bei einer Umnutzung frühzeitig zu klä-
ren. Am besten stimmt man sich von An-
fang an mit der Umweltbehörde ab, um
unnötigen Verzögerungen bei Genehmi-
gungsverfahren vorzubeugen. Ältere
Standorte sind häufig stärker belastet,
weil man früher sorgloser mit umwelt-
schädlichen Stoffen umging und Schad-
stoffe möglicherweise jahrzehntelang in
den Boden dringen konnten. Eine Prü-
fung durch staatlich anerkannte Gutach-
ter erbringt den Nachweis, ob und in
welchem Maße der Boden verunreinigt
ist. Da für unterschiedliche Nutzungsfor-
men verschiedene Grenzwerte festgelegt
sind, müssen Verunreinigungen entspre-
chend der geplanten Nutzung saniert
werden – oder eben auch nicht. Prinzi-
piell ist jedes Grundstück sanierbar, alles
eine Frage des Aufwands.
Die Last mit den Altlasten
Als großer Wohnentwickler in Deutsch-
land hat die deutsche Tochter der Nordic
Construction Company (NCC) Erfahrung
mit der Wohnbebauung vormals belaste-
ter Grundstücke. „In der heutigen Zeit
wird das Thema zum Glück immer ge-
sondert betrachtet und alle Erwerber
haben großes Interesse, dass keine Prob-
leme aus dem Grundstück resultieren“,
weiß NCC-Projektleiter Hans-Joachim
Heckmann. „Da tut es gut zu wissen,
dass das Grundstück kontrolliert zurück-
gebaut wurde, das heißt unter Beobach-
tung und Begleitung der städtischen
Umweltämter.“ In Köln-Neubrück hat
die NCC in einem neueren Projekt meh-
rere Einfamilienhäuser auf einem ehe-
Die Zapfhähne sind längst versiegt und der Putz bröckelt auch schon – was soll nun aus der
alten Tankstelle werden? Bei dieser Entscheidung müssen Besitzer verschiedene Faktoren
berücksichtigen: Welche Nutzungsformen sind zukünftig zulässig? Wie sind die Aussichten,
das Gebäude zu verkaufen oder zu vermieten? Wie groß ist das Interesse an einer Neube-
bauung? Gibt es Altlasten? Und: Darf das Gebäude überhaupt abgerissen werden?
Foto/Quelle:UrsulaFrerker-Müller
Danke, Tanke!
28 AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011
IMMOBILIE & WIRTSCHAFT
maligen Tankstellengelände errichtet.
Das Areal wurde der NCC durch Chris-
toph Sterczyk von Rohrer Immobilien
vermittelt, einem deutschlandweit täti-
gen Unternehmen, das schon viele sol-
cher Liegenschaften vermarktet hat.
„Bei der Vermarktung ist es wichtig, dass
sich der Verkäufer und der Makler über
die Nachnutzung abstimmen“, erläutert
Sterczyk. „Im vorliegenden Fall war nur
eine Wohnnutzung möglich.“ Unter die-
ser Vorgabe wurde das Grundstück
sachgerecht zurückgebaut und saniert,
der NCC lagen bei den Vertragsverhand-
lungen bereits die entsprechenden Um-
weltgutachten vor. „Das entspricht dem
gängigen Ablauf. In der Regel sollte sich
der Verkäufer um die Aufarbeitung der
Altlasten kümmern“, führt Sterczyk wei-
ter aus und weist noch auf die spezielle
Verantwortung des Maklers in diesem
Prozess hin: „Auf der Verkäuferseite
braucht man einen Makler, der ein Be-
wusstsein für die Problematik hat und
die rechtliche Situation kennt. Bei
einem so wichtigen Thema müssen sich
der Verkäufer wie auch der Käufer auf
die Kompetenz und die Sorgfalt des
Maklers verlassen können. Gerade im
Fall einer sensiblen Nachnutzung ist es
wichtig, mit welchen Sicherheiten man
verkauft.“
Rückbau oder Erhaltung?
Oft genug scheint ein Abriss zweckmäßi-
ger und lukrativer als eine Erhaltung
des Tankstellengebäudes – alles eine
Frage des Marktes. Wenn der Standort
gefragt ist, kann sich der Eigentümer
möglicherweise auf ein einträgliches
Geschäft freuen. Dazu braucht es aller-
dings eine Abrissgenehmigung und die
ist nicht immer reine Formsache. Bei-
spiel Kieztanke St. Pauli: Der legendäre
Szenetreff am Spielbudenplatz soll mit-
samt zweier maroder Wohnblöcke abge-
rissen werden, um Platz für zusätzlichen
Wohnraum, Einzelhandel und Gastro-
nomie zu schaffen. Die öffentliche Auf-
merksamkeit ist groß, zudem setzt sich
eine Bürgerinitiative für den Erhalt der
Bauten ein – und das bleibt nicht ohne
Wirkung: Die regierende SPD verlangt
von den Investoren verbindliche Zusagen
hinsichtlich Rückkehrrecht, Ersatzquar-
tieren und der Schaffung von Sozial-
wohnungen, vorher soll es keine Abriss-
genehmigung geben.
Ganz anders die Situation der March-
Tankstelle in Münster: Die markante
50er-Jahre-Tankstelle ist laut Experten-
meinung ein seltenes Exemplar moder-
ner Wiederaufbauarchitektur. Sie wurde
von Werner March, dem Architekten des
Berliner Olympiastadiums, entworfen
und befindet sich auf dem Areal des
Landschaftsverbandes Westfalen Lippe
(LWL), zu dessen Aufgaben als Denkmal-
Abb. 3: Mit der großflächig geschwungenen Fassade wird an die Tankstellen-
Architektur angeknüpft.
Foto:©Riller&Schnauck
Abb. 2: Wo sich früher die erste Tankstelle an der Reichsstraße 1 (R1) befand, ist heute ein Motorrad-Showroom.
AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 29AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 29
behörde es gehört, das baukulturelle
Erbe zu schützen. Der Verband schien
sich des Juwels im Hinterhof aber nicht
bewusst zu sein und wollte an dieser
Stelle ein Parkdeck errichten. Erst nach
Medienberichten und einem Gutachten,
das die Tankstelle als denkmalwürdig
einstufte, wurde vom Abriss abgesehen.
Der Fall zeigt vor allem, wie selten der
architektonische und historische Wert
von Tankstellen wahrgenommen wird –
nicht einmal von der Denkmalbehörde
selbst, direkt vor deren Augen! Natür-
lich besitzt nicht jede alte Tankstelle
einen solchen Wert, aber es kann sich
trotzdem lohnen, näher hinzusehen,
denn die Nutzungsmöglichkeiten sind
erstaunlich vielfältig und nicht immer ist
ein Abriss die beste Lösung.
Formen der Nutzung: Ein Blick
durch die Republik
Die wohl häufigsten Formen der Nach-
nutzung dürften die als Autohandel
und/oder als Werkstatt sein. Quer durch
die Republik finden sich einstige Tank-
stellen, die vom Kfz-Handel, zum Teil
aber auch von verwandten Branchen
genutzt werden. Darunter gibt es auch
historische Bauten, wie etwa in Hanno-
ver-Badenstedt, wo eine klassische 50er-
Jahre-Tankstelle der Firma Caltex heute
einen Gebrauchtwagenhandel beher-
bergt. Die denkmalgeschützte Architek-
tur mit dem weit hervorstehenden,
geschwungenen weißen Dach fällt deut-
lich auf und verschafft so dem darin
ansässigen Geschäft zusätzliche Auf-
merksamkeit (Abb. 4).
In Berlin-Steglitz löste vor ein paar Jah-
ren eine Motorradfiliale von Riller &
Schnauck den dort seit 1976 ansässigen
Autohandel des gleichen Besitzers ab,
weil der Raum für den Autohandel zu
klein wurde. Das denkmalgeschützte
Gebäude war einst die erste Tankstelle
an der Reichsstraße 1 (R1) und wurde
2009 in einem Umbau modernisiert,
wobei möglichst viel von der alten Bau-
substanz erhalten wurde. Der neue
Showroom mit seiner großflächigen
geschwungenen Fassade knüpft in der
Formgebung an die Tankstellenarchitek-
tur an, so dass die ursprüngliche Funk-
tion des Gebäudes bis in die neuen
Räumlichkeiten nachwirkt und zu ihrem
besonderen Flair beiträgt (Abb. 2+3).
Bier statt Benzin
Ein anderes Metier, das sich gerne in
stillgelegten Tankstellen ansiedelt, ist
die Gastronomie. Auch hier bleibt häu-
fig der Bezug zur ehemaligen Nutzung
erhalten, wie schon die Namensgebung
zeigt: Etwa bei der Kneipe Kraftstoff in
Dortmund, der Bar Minol im Düsseldor-
Abb. 4: In Hannover-Badenstedt wurde aus einer klassischen 50er-Jahre-Tankstelle
ein Gebrauchtwagenhandel.
Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 2009 umgebaut, wobei möglichst viel von der alten Bausubstanz erhalten blieb.
Foto/Quelle:Wikipedia/AxelHindemithFoto:©Riller&Schnauck
30 AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011
IMMOBILIE & WIRTSCHAFT
fer Medienhafen oder dem Café Gasolin
in Münster. Tanken kann man hier
schließlich immer noch, wenn auch ein
anderes Gebräu. Wenig erfinderisch
sind Namensgebungen wie Tanke in
Dornstadt bei Ulm, Stehcafé Alte Tank-
stelle in Münchberg oder Café Bar Tank-
stelle in Radolfzell am Bodensee – aber
leicht zu merken. Bei der Sports-Bar
Warsteiner Boxenstop in Ilsfeld bei Heil-
bronn ist der Bezug besonders ausge-
prägt: Im Innenraum finden sich viele
Details aus dem Motorrennsport und
aus dem Bereich Auto und Verkehr, zum
Interieur gehören Leitpfosten, Leitplan-
ken und sogar eine Zapfsäule. Draußen
auf der Terrasse sitzt man vor Regen
geschützt unter dem Tankstellen-Vor-
dach. So lassen sich das Kolorit und die
speziellen Eigenschaften von Tankstel-
len stilgerecht neu nutzen und tragen
zur Attraktivität des Standortes bei.
Kultur-Tankstellen
Kultur ist wahrscheinlich nicht unbedingt
das Erste, was man mit einer Tankstelle
assoziiert. In vielen der zu Kneipen und
Cafés umfunktionierten Tankstellen gibt
es jedoch regelmäßig kulturelle Veran-
staltungen. In der Café Bar Tankstelle in
Radolfzell beispielsweise finden Poetry
Slams und Lesungen statt und im schall-
gedämmten Innenraum einer ehemali-
gen Tankstelle namens Music Pub
Express in Sinsheim/Nordbaden kann
man Hard Rock und Heavy Metal live
erleben.
Aber es gibt auch reine „Kultur-Tankstel-
len“. Der Metzgerei Schnitzel Kunstver-
ein e.V. in Düsseldorf zum Beispiel will
eine nicht-kommerzielle Alternative zum
öffentlichen Kulturbetrieb bieten, das
Motto lautet „Kultur für alle“. Das Klub-
heim heißt Brause und befindet sich in
einer ehemaligen Tankstelle mit klassi-
scher großer Fensterfront (Abb. 7). Hier
organisieren die Mitglieder ihr eigenes
Programm, von Ausstellungen, Lesun-
gen und Konzerten bis hin zu Grillaben-
den und einer Kinderkrippe mit dem viel-
sagenden Namen „Brüllen in der Brause“.
Die Freie Internationale Tankstelle in
Berlin hingegen, kurz FIT genannt, ist
ein Kunstprojekt, bei dem die Tankstelle
nicht nur Veranstaltungsort, sondern
Teil des Projektes ist. Hier geht es da-
rum, verlassene Tankstellen einer neuen
Nutzung als „kulturelle Energieträger“
zuzuführen. Endliche fossile Energie soll
durch die letztlich unerschöpfliche Ener-
gie menschlicher Kreativität ersetzt wer-
den. Das Projekt des Künstlers Dida Zen-
de begann 2003 mit der Anmietung und
– man kann sagen – „Rettung“ einer 90
Jahre alten Tankstelle in Berlin, die jahr-
zehntelang vor sich hin gammelte. Er hat
sie renoviert und veranstaltet dort Aus-
stellungen, Aktionen und Diskussionen –
zum Beispiel über Energiewende und
Umweltschutz (Abb. 5 und 6). Die Tank-
stelle am Prenzlauer Berg wurde zu so
etwas wie dem Stammhaus und Prototyp
des Projektes, das der Künstler inzwi-
schen an verschiedenen anderen Orten in
Deutschland und weltweit realisiert hat,
von Köln über Kopenhagen bis Miami.
Zum Teil werden bei diesen Projekten
bestehende Gebäude renoviert und kul-
turell genutzt, in einzelnen Fällen wur-
den aber auch Kopien des Berliner Proto-
typs errichtet. Von der neuen Nutzung
der stillgelegten Tankstellen profitieren
letztlich alle: Das Gebäude wird renoviert
und in Schuss gehalten, der Eigentümer
erzielt ein Einkommen daraus, das Pro-
jekt selbst regt alle Beteiligten und Besu-
cher zum Denken an und setzt hoffent-
lich positive und konstruktive Kräfte frei,
die weite Kreise ziehen. Zende ist immer
auf der Suche nach neuen Standorten,
auch zur Zwischenmiete.
Total Normal: der etwas andere
Fahrradladen
Bei der Standortwahl für die gewerbliche
Nutzung spielen natürlich viele verschie-
dene Faktoren eine Rolle: Lage, Größe,
Aufteilung der Räumlichkeiten, Umbau-
möglichkeiten, Parkplätze, Mietkosten,
der Zustand des Gebäudes etc. Hinzu
kommt speziell bei einer Tankstelle die
Frage, wie das Tankstellenimage zu der
neuen Funktion passt beziehungsweise
wie weit das Gebäude durch bauliche
Abb. 6: … bei der die Tankstelle nicht nur Veranstaltungsort,
sondern Teil des Projektes ist.
Foto:©FIT/DidaZende
Abb. 5: Die Freie Internationale Tankstelle (FIT) in Berlin ist
ein Kunstprojekt, …
Foto:©FIT/DidaZende
AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 31
und gestalterische Maßnahmen verändert
werden muss, damit es passt.
Für einen saarländischen Fahrradhändler
aus St. Ingbert erwies sich eine alte un-
renovierte Tankstelle als wahrer Glücks-
griff – und das kam so: Ursprünglich
gründete Markus Schmitt seinen Fahr-
radladen in einer ehemaligen Metzgerei,
in der man die Zweiräder praktischer-
weise an Fleischerhaken aufhängen
konnte. Einen Firmennamen und ein
Logo brachte er damals schon aus seiner
Zeit als Projektmanager mit. Der Name
lautete Total Normal, denn „total nor-
mal“ ist Schmitts Motto und steht aus sei-
ner Sicht für etwas Positives, für Authen-
tizität und Beständigkeit. Als Logo hatte
er sich deshalb auch eine schwarz-weiß
gescheckte Kuh ausgesucht. Mit der
Metzgerei hatte das nichts zu tun, die
Kuh war einfach einprägsam und im
Unterschied zur bekannten lila Kuh „total
normal“. „Heute will immer jeder das
Beste und das Tollste und da klappt hin-
ten und vorne nichts, aber wenn man
ganz normal arbeitet, hat man relativ viel
Erfolg“, erläutert er seine Devise.
Auf ihn trifft das jedenfalls zu, denn das
Geschäft lief über die Jahre immer besser
und die Metzgerei wurde zu klein. Als er
dann auf eine leer stehende, ehemalige
BP-Tankstelle stieß (Abb. 8), erkannte er
deren Potenzial und ließ sich auch nicht
davon abschrecken, dass dort vor ihm
schon verschiedene Geschäfte gescheitert
waren, darunter ein Matratzenlager und
ein Blumenhändler. Bei den Vorzügen
des Standortes gerät er ins Schwärmen:
„Das ist einfach praktisch. Die Zu- und
Abfahrt ist unschlagbar! Und das aus den
60er oder 70er Jahren überhängende
Dach bedeutet, dass wir unsere Produkte
bei gutem und bei schlechtem Wetter ver-
kaufen. Wenn es draußen regnet, können
die Leute unter dem Dach wenigstens
mal eine Runde fahren und das Fahrrad
testen. Das war eigentlich die Kernent-
scheidung für diese Tankstelle.“ Hinzu
kommen die günstige Lage an einer ver-
kehrsreichen Straße und vor allem
äußerst geringe Mietkosten. „Das liegt
daran, dass das so ein altes abgewirtschaf-
tetes Gebäude ist, in das nichts investiert
wurde und wo man mit zum Teil auch
schwierigen Randbedingungen oder
mangelhafter Ausstattung leben muss.
Wir haben teilweise noch nicht einmal
Heizung in dem Objekt“, erklärt er.
Durch die geringen Kosten können die
Preise niedrig gehalten werden und so
kommt es, dass Total Normal schon meh-
rere Mitbewerber verdrängt hat. Vor
einem Jahr wurden die Geschäftsräume
noch um eine Garage erweitert, das An-
gebot ist entsprechend mitgewachsen.
Angestellte gibt es nicht, mit dem Erfolg
kamen aber neue Teilhaber mit an Bord,
die alle als Geschäftsführer dort arbei-
ten und den Gewinn gleichberechtigt
untereinander teilen. Markus Schmitt ist
übrigens außerdem als saarländischer
Landtagsabgeordneter tätig und einer
der wenigen Abgeordneten, die neben-
bei ihren Beruf weiter ausüben. Für ihn
ist auch das bestimmt total normal.
Gesundheit tanken
Nicht ganz normal, sondern immerhin
bemerkenswert, ist eine Apotheke in
einer ehemaligen Tankstelle – aber letzt-
lich handelt es sich eben auch nur um
eine gewerbliche Immobilie mit Merk-
malen, die sich für bestimmte Nutzer gut
eignen. Apothekerin Ursula Frerker- Mül-
ler ließ sich bereits vor 25 Jahren in einer
früheren Tankstelle in Lilienthal nieder
(Abb. S. 23). „Ich bin über einen Makler,
der sich auf Apotheken spezialisiert hat,
darauf gekommen. Die Tankstelle hatte
den Vorteil, dass es hier so viele Parkplät-
ze gibt. Außerdem ist Lilienthal ein recht
familienfreundlicher Ort, man kann hier
gut mit der Familie leben“, erläutert sie
ihre Entscheidung und führt weiter aus:
„Vor allen Dingen sind in Lilienthal so-
wieso viele Menschen mit dem Auto
unterwegs, die aus dem ländlichen Be-
reich kommen oder aus Bremen. Da ist es
einfach praktisch, wenn die Kunden gut
parken können.“ Ein weiterer, nicht zu
unterschätzender Pluspunkt: Direkt ge-
genüber befindet sich ein Ärztehaus.
Die Vertragsverhandlungen waren un-
kompliziert, denn der Makler hatte sich
bereits um alles gekümmert und gut vor-
bereitet. „Das war alles in Ordnung, sonst
hätten die Behörden ja auch die Räum-
lichkeiten nicht abgenommen. Man muss
viele Vorschriften erfüllen, man muss ein
Labor haben, man muss eine bestimmte
Größe haben, das war alles gegeben und
wurde so von der Apothekerkammer ab-
genommen“, erläutert die Apothekerin.
Inzwischen ist die Lilien-Apotheke natür-
Abb. 7: Wo man früher Benzin gezapft hat, kann man jetzt in der „Brause“ in Düssel-
dorf seinen Akku mit Kultur auftanken.
Foto:©vierwaendekunst.de
32 AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011
IMMOBILIE & WIRTSCHAFT
lich längst etabliert und von den Kunden
hört sie nur noch selten Bemerkungen
über den etwas ungewöhnlichen Stand-
ort, etwa wenn jemand den Werbeslogan
der Apotheke aufgreift, den der Standort
ja quasi frei Haus mitliefert: „Hier tanken
Sie Gesundheit“!
Wohnprojekt Tankstelle
Wenn man in der Presse tatsächlich ein-
mal etwas über eine Tankstelle als Wohn-
objekt liest, dann handelt es sich wahr-
scheinlich um ein außergewöhnliches
Designprojekt, eine Wohnung, die von
idealistischen Käufern in Kooperation
mit kreativen Köpfen und mit größeren
finanziellen Mitteln realisiert wurde. Wie
zum Beispiel in der Bülowstraße in Ber-
lin-Schöneberg, wo eine Shell-Tankstelle
aus den 50er Jahren eine gewisse Be-
rühmtheit erlangt hat, weil sie mit viel
Geld und liebevoller Hingabe zu einem
hellen und eleganten Wohn- und Atelier-
haus umgestaltet wurde. Neben solchen
seltenen Hochglanzprojekten gibt es
aber eben auch eine größere Zahl an
weniger spektakulären Umnutzungen,
die sich eher an praktischen Aspekten
orientieren und die sich – ähnlich wie
schon zuvor geschildert – als wahrer
Glücksgriff entpuppen können.
So geschehen in Wuppertal, wo Ulf Acker-
mann 2006 im Vorbeifahren eine mit
Brettern vernagelte Tankstelle inklusive
Werkstatt entdeckte und neugierig
wurde. Bei näherer Betrachtung stellte
sich heraus, dass noch ein vollwertiges
Wohnhaus mit dazugehörte, welches
von vorne aber schlecht zu sehen ist.
Der Elektroinstallateur hatte schon über-
legt, für seine eigenen Tüfteleien eine
Werkstatt anzumieten, und auch für
seine Frau, die einen Pflegebetrieb für
Kraftfahrzeuge betreibt, war ein Wohn-
haus mit angeschlossener Werkstatt
ideal. Obwohl die Tankstelle zum Ver-
kauf stand, dauerte es dann aber noch
einige Zeit, bis Familie Ackermann sie
erwerben konnte, denn erst mussten
verschiedene Hürden überwunden wer-
den (Abb. 9-11).
Zunächst mussten sie die Bank wechseln,
weil es sich bei der Tankstelle um ein Ge-
werbeobjekt handelte und die LBS keine
Gewerbeimmobilien finanziert. „Wir woll-
ten die Nutzungsform ändern. Da sagte
mir die Stadt Wuppertal, das ginge nicht,
weil im Bebauungsplan die gewerbliche
Nutzung für das Grundstück festgelegt
sei“, erzählt Ackermann. „Wir dürfen hier
nur wohnen, weil meine Frau selbststän-
dig ist und von zuhause aus arbeitet und
in diesem Fall der Eigentümer bezie-
hungsweise Betreiber auch das Wohn-
recht hat.“
Er war davon ausgegangen, dass es
nicht schwierig sein würde, von der
Sparkasse, zu der sie daraufhin wechsel-
ten, einen Kredit für die Tankstelle zu
bekommen, weil ihnen zuvor von der
LBS schon ein wesentlich höherer
Betrag für ein Reihenhaus zugesichert
worden war. Dem war aber nicht so.
„Die sagten, da haben wir ja überhaupt
keinen Gegenwert und wer kauft denn
das? Und was ist, wenn die nicht zahlen
können, dann können wir das nicht wei-
ter veräußern. Im Endeffekt hat es dann
etwa vier Monate gedauert, bis wir end-
lich ein OK bekamen.“
Die Verhandlungen mit dem Verkäufer,
der von Rohrer Immobilien vertreten
wurde, verliefen dafür völlig reibungslos.
Christoph Sterczyk von Rohrer hatte sich
bereits um alle Formalitäten gekümmert
und die Ackermanns konnten das Objekt
schon erwerben, bevor es überhaupt
saniert war. Rechtlich waren sie auf der
sicheren Seite, denn der vorherige Eigen-
tümer, eine große Mineralölgesellschaft,
hatte sich verpflichtet, alle erforderlichen
Maßnahmen vorzunehmen, nur ein
Doppeltank vor dem Haus verblieb im
Boden. „Wir konnten die Tanks nicht ein-
fach herausreißen, weil wir das Vordach
erhalten wollten und die Tanks einfach
zu groß waren“, erklärt Ulf Ackermann.
„Also haben wir uns dafür entschieden,
sie drin zu lassen, aber alles drum herum
musste entsprechend in Ordnung sein.
Abb. 8: Architektur und Standort der ehemaligen BP-Tankstelle im saarländischen St. Ingbert sind Vorzüge, von denen auch
ein Fahrradladen profitiert.
Foto:OliverJungmann/TotalNormal
AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 33
Es wurden Bodenproben genommen,
die Tanks wurden gereinigt und kom-
plett verfüllt etc.“
Für die Ackermanns war der Kauf ideal,
weil sie so für relativ wenig Geld ein Zu-
hause gefunden haben, das ganz ihren
Bedürfnissen entspricht. Als Gewerbe-
immobilie war das Objekt weit güns-
tiger als ein Reihenhaus, zudem ent-
sprach das Haus mit diversen Mängeln
dem Stand der Technik der 60er Jahre –
und so machten sie bei dem 600 Qua-
dratmeter großen Anwesen ein wahres
Schnäppchen – trotz der zusätzlichen
Kosten für die Komplettrenovierung.
Die Maklercourtage wurde vom Verkäu-
fer getragen.
Neben der Werkstatt hat das Grundstück
noch weitere Vorzüge, die die Acker-
manns zu schätzen wissen: Die Kinder
sind durch eine geschlossene Zaunan-
lage von der Straße getrennt und kön-
nen so bei Regen sicher unter dem
Vordach spielen. Die Hoffläche bietet
außerdem Platz für mehrere Fahrzeuge,
die das autobegeisterte Paar besitzt. Und
schließlich gibt es nach hinten noch
Platz für eine Terrasse und ein Stück
Garten mit kleinem Spielplatz, wo sich
die Familie bei schönem Wetter aufhal-
ten kann. Was will man mehr?
Tankstellen haben viel zu bieten
All diese Beispiele zeigen: So speziell
die Funktion einer Tankstelle auch ist,
so vielfältig sind ihre späteren Nutzungs-
möglichkeiten. Die Liste ist längst nicht
erschöpft, bundesweit gibt es die unter-
schiedlichsten Gewerbe, die in ehema-
ligen Tankstellen beheimatet sind, vom
Bratwurst-Imbiss über Weinhandel, Mö-
bel-Werkstatt, Polsterei und Event-Agen-
tur bis hin zur TÜV-Prüfstelle. Manchmal
ist die Tankstelle dabei nur ein rein
zweckmäßiger Bau, der den Ansprüchen
genügt. Manchmal passt sie nach größe-
ren oder kleineren Änderungen perfekt
zu ihrer neuen Funktion. Fest steht:
Tankstellen haben viel zu bieten. Sie sind
äußerst wandlungsfähig und lassen sich
oft sinnvoll und lohnend weiter nutzen.
Danke, Tanke!
Abb. 8: Hinter der Tankstelle verbirgt sich ein Wohnhaus mit Garten.
Abb. 9: Bei der Umwandlung der Tankstelle in ein Wohnhaus mit Gewerbenutzung
wurden manche Tanks komplett entfernt. Doppeltanks hingegen konnten aufgrund
ihrer Größe nicht herausgerissen werden – sie wurden gereinigt und verfüllt.
Abb. 10: Hinter der Tankstelle erschließt sich eine kleine Garten-Idylle.
Foto/Quelle:UlfAckermannFoto/Quelle:UlfAckermannFoto/Quelle:UlfAckermann

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Danke, Tanke!

  • 1. AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 27 Von Bettina Mundt, freie Journalistin Grundsätzlich ist jede Tankstelle altlasten- verdächtig und es ist ratsam, diese Frage bei einer Umnutzung frühzeitig zu klä- ren. Am besten stimmt man sich von An- fang an mit der Umweltbehörde ab, um unnötigen Verzögerungen bei Genehmi- gungsverfahren vorzubeugen. Ältere Standorte sind häufig stärker belastet, weil man früher sorgloser mit umwelt- schädlichen Stoffen umging und Schad- stoffe möglicherweise jahrzehntelang in den Boden dringen konnten. Eine Prü- fung durch staatlich anerkannte Gutach- ter erbringt den Nachweis, ob und in welchem Maße der Boden verunreinigt ist. Da für unterschiedliche Nutzungsfor- men verschiedene Grenzwerte festgelegt sind, müssen Verunreinigungen entspre- chend der geplanten Nutzung saniert werden – oder eben auch nicht. Prinzi- piell ist jedes Grundstück sanierbar, alles eine Frage des Aufwands. Die Last mit den Altlasten Als großer Wohnentwickler in Deutsch- land hat die deutsche Tochter der Nordic Construction Company (NCC) Erfahrung mit der Wohnbebauung vormals belaste- ter Grundstücke. „In der heutigen Zeit wird das Thema zum Glück immer ge- sondert betrachtet und alle Erwerber haben großes Interesse, dass keine Prob- leme aus dem Grundstück resultieren“, weiß NCC-Projektleiter Hans-Joachim Heckmann. „Da tut es gut zu wissen, dass das Grundstück kontrolliert zurück- gebaut wurde, das heißt unter Beobach- tung und Begleitung der städtischen Umweltämter.“ In Köln-Neubrück hat die NCC in einem neueren Projekt meh- rere Einfamilienhäuser auf einem ehe- Die Zapfhähne sind längst versiegt und der Putz bröckelt auch schon – was soll nun aus der alten Tankstelle werden? Bei dieser Entscheidung müssen Besitzer verschiedene Faktoren berücksichtigen: Welche Nutzungsformen sind zukünftig zulässig? Wie sind die Aussichten, das Gebäude zu verkaufen oder zu vermieten? Wie groß ist das Interesse an einer Neube- bauung? Gibt es Altlasten? Und: Darf das Gebäude überhaupt abgerissen werden? Foto/Quelle:UrsulaFrerker-Müller Danke, Tanke!
  • 2. 28 AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 IMMOBILIE & WIRTSCHAFT maligen Tankstellengelände errichtet. Das Areal wurde der NCC durch Chris- toph Sterczyk von Rohrer Immobilien vermittelt, einem deutschlandweit täti- gen Unternehmen, das schon viele sol- cher Liegenschaften vermarktet hat. „Bei der Vermarktung ist es wichtig, dass sich der Verkäufer und der Makler über die Nachnutzung abstimmen“, erläutert Sterczyk. „Im vorliegenden Fall war nur eine Wohnnutzung möglich.“ Unter die- ser Vorgabe wurde das Grundstück sachgerecht zurückgebaut und saniert, der NCC lagen bei den Vertragsverhand- lungen bereits die entsprechenden Um- weltgutachten vor. „Das entspricht dem gängigen Ablauf. In der Regel sollte sich der Verkäufer um die Aufarbeitung der Altlasten kümmern“, führt Sterczyk wei- ter aus und weist noch auf die spezielle Verantwortung des Maklers in diesem Prozess hin: „Auf der Verkäuferseite braucht man einen Makler, der ein Be- wusstsein für die Problematik hat und die rechtliche Situation kennt. Bei einem so wichtigen Thema müssen sich der Verkäufer wie auch der Käufer auf die Kompetenz und die Sorgfalt des Maklers verlassen können. Gerade im Fall einer sensiblen Nachnutzung ist es wichtig, mit welchen Sicherheiten man verkauft.“ Rückbau oder Erhaltung? Oft genug scheint ein Abriss zweckmäßi- ger und lukrativer als eine Erhaltung des Tankstellengebäudes – alles eine Frage des Marktes. Wenn der Standort gefragt ist, kann sich der Eigentümer möglicherweise auf ein einträgliches Geschäft freuen. Dazu braucht es aller- dings eine Abrissgenehmigung und die ist nicht immer reine Formsache. Bei- spiel Kieztanke St. Pauli: Der legendäre Szenetreff am Spielbudenplatz soll mit- samt zweier maroder Wohnblöcke abge- rissen werden, um Platz für zusätzlichen Wohnraum, Einzelhandel und Gastro- nomie zu schaffen. Die öffentliche Auf- merksamkeit ist groß, zudem setzt sich eine Bürgerinitiative für den Erhalt der Bauten ein – und das bleibt nicht ohne Wirkung: Die regierende SPD verlangt von den Investoren verbindliche Zusagen hinsichtlich Rückkehrrecht, Ersatzquar- tieren und der Schaffung von Sozial- wohnungen, vorher soll es keine Abriss- genehmigung geben. Ganz anders die Situation der March- Tankstelle in Münster: Die markante 50er-Jahre-Tankstelle ist laut Experten- meinung ein seltenes Exemplar moder- ner Wiederaufbauarchitektur. Sie wurde von Werner March, dem Architekten des Berliner Olympiastadiums, entworfen und befindet sich auf dem Areal des Landschaftsverbandes Westfalen Lippe (LWL), zu dessen Aufgaben als Denkmal- Abb. 3: Mit der großflächig geschwungenen Fassade wird an die Tankstellen- Architektur angeknüpft. Foto:©Riller&Schnauck Abb. 2: Wo sich früher die erste Tankstelle an der Reichsstraße 1 (R1) befand, ist heute ein Motorrad-Showroom.
  • 3. AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 29AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 29 behörde es gehört, das baukulturelle Erbe zu schützen. Der Verband schien sich des Juwels im Hinterhof aber nicht bewusst zu sein und wollte an dieser Stelle ein Parkdeck errichten. Erst nach Medienberichten und einem Gutachten, das die Tankstelle als denkmalwürdig einstufte, wurde vom Abriss abgesehen. Der Fall zeigt vor allem, wie selten der architektonische und historische Wert von Tankstellen wahrgenommen wird – nicht einmal von der Denkmalbehörde selbst, direkt vor deren Augen! Natür- lich besitzt nicht jede alte Tankstelle einen solchen Wert, aber es kann sich trotzdem lohnen, näher hinzusehen, denn die Nutzungsmöglichkeiten sind erstaunlich vielfältig und nicht immer ist ein Abriss die beste Lösung. Formen der Nutzung: Ein Blick durch die Republik Die wohl häufigsten Formen der Nach- nutzung dürften die als Autohandel und/oder als Werkstatt sein. Quer durch die Republik finden sich einstige Tank- stellen, die vom Kfz-Handel, zum Teil aber auch von verwandten Branchen genutzt werden. Darunter gibt es auch historische Bauten, wie etwa in Hanno- ver-Badenstedt, wo eine klassische 50er- Jahre-Tankstelle der Firma Caltex heute einen Gebrauchtwagenhandel beher- bergt. Die denkmalgeschützte Architek- tur mit dem weit hervorstehenden, geschwungenen weißen Dach fällt deut- lich auf und verschafft so dem darin ansässigen Geschäft zusätzliche Auf- merksamkeit (Abb. 4). In Berlin-Steglitz löste vor ein paar Jah- ren eine Motorradfiliale von Riller & Schnauck den dort seit 1976 ansässigen Autohandel des gleichen Besitzers ab, weil der Raum für den Autohandel zu klein wurde. Das denkmalgeschützte Gebäude war einst die erste Tankstelle an der Reichsstraße 1 (R1) und wurde 2009 in einem Umbau modernisiert, wobei möglichst viel von der alten Bau- substanz erhalten wurde. Der neue Showroom mit seiner großflächigen geschwungenen Fassade knüpft in der Formgebung an die Tankstellenarchitek- tur an, so dass die ursprüngliche Funk- tion des Gebäudes bis in die neuen Räumlichkeiten nachwirkt und zu ihrem besonderen Flair beiträgt (Abb. 2+3). Bier statt Benzin Ein anderes Metier, das sich gerne in stillgelegten Tankstellen ansiedelt, ist die Gastronomie. Auch hier bleibt häu- fig der Bezug zur ehemaligen Nutzung erhalten, wie schon die Namensgebung zeigt: Etwa bei der Kneipe Kraftstoff in Dortmund, der Bar Minol im Düsseldor- Abb. 4: In Hannover-Badenstedt wurde aus einer klassischen 50er-Jahre-Tankstelle ein Gebrauchtwagenhandel. Das denkmalgeschützte Gebäude wurde 2009 umgebaut, wobei möglichst viel von der alten Bausubstanz erhalten blieb. Foto/Quelle:Wikipedia/AxelHindemithFoto:©Riller&Schnauck
  • 4. 30 AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 IMMOBILIE & WIRTSCHAFT fer Medienhafen oder dem Café Gasolin in Münster. Tanken kann man hier schließlich immer noch, wenn auch ein anderes Gebräu. Wenig erfinderisch sind Namensgebungen wie Tanke in Dornstadt bei Ulm, Stehcafé Alte Tank- stelle in Münchberg oder Café Bar Tank- stelle in Radolfzell am Bodensee – aber leicht zu merken. Bei der Sports-Bar Warsteiner Boxenstop in Ilsfeld bei Heil- bronn ist der Bezug besonders ausge- prägt: Im Innenraum finden sich viele Details aus dem Motorrennsport und aus dem Bereich Auto und Verkehr, zum Interieur gehören Leitpfosten, Leitplan- ken und sogar eine Zapfsäule. Draußen auf der Terrasse sitzt man vor Regen geschützt unter dem Tankstellen-Vor- dach. So lassen sich das Kolorit und die speziellen Eigenschaften von Tankstel- len stilgerecht neu nutzen und tragen zur Attraktivität des Standortes bei. Kultur-Tankstellen Kultur ist wahrscheinlich nicht unbedingt das Erste, was man mit einer Tankstelle assoziiert. In vielen der zu Kneipen und Cafés umfunktionierten Tankstellen gibt es jedoch regelmäßig kulturelle Veran- staltungen. In der Café Bar Tankstelle in Radolfzell beispielsweise finden Poetry Slams und Lesungen statt und im schall- gedämmten Innenraum einer ehemali- gen Tankstelle namens Music Pub Express in Sinsheim/Nordbaden kann man Hard Rock und Heavy Metal live erleben. Aber es gibt auch reine „Kultur-Tankstel- len“. Der Metzgerei Schnitzel Kunstver- ein e.V. in Düsseldorf zum Beispiel will eine nicht-kommerzielle Alternative zum öffentlichen Kulturbetrieb bieten, das Motto lautet „Kultur für alle“. Das Klub- heim heißt Brause und befindet sich in einer ehemaligen Tankstelle mit klassi- scher großer Fensterfront (Abb. 7). Hier organisieren die Mitglieder ihr eigenes Programm, von Ausstellungen, Lesun- gen und Konzerten bis hin zu Grillaben- den und einer Kinderkrippe mit dem viel- sagenden Namen „Brüllen in der Brause“. Die Freie Internationale Tankstelle in Berlin hingegen, kurz FIT genannt, ist ein Kunstprojekt, bei dem die Tankstelle nicht nur Veranstaltungsort, sondern Teil des Projektes ist. Hier geht es da- rum, verlassene Tankstellen einer neuen Nutzung als „kulturelle Energieträger“ zuzuführen. Endliche fossile Energie soll durch die letztlich unerschöpfliche Ener- gie menschlicher Kreativität ersetzt wer- den. Das Projekt des Künstlers Dida Zen- de begann 2003 mit der Anmietung und – man kann sagen – „Rettung“ einer 90 Jahre alten Tankstelle in Berlin, die jahr- zehntelang vor sich hin gammelte. Er hat sie renoviert und veranstaltet dort Aus- stellungen, Aktionen und Diskussionen – zum Beispiel über Energiewende und Umweltschutz (Abb. 5 und 6). Die Tank- stelle am Prenzlauer Berg wurde zu so etwas wie dem Stammhaus und Prototyp des Projektes, das der Künstler inzwi- schen an verschiedenen anderen Orten in Deutschland und weltweit realisiert hat, von Köln über Kopenhagen bis Miami. Zum Teil werden bei diesen Projekten bestehende Gebäude renoviert und kul- turell genutzt, in einzelnen Fällen wur- den aber auch Kopien des Berliner Proto- typs errichtet. Von der neuen Nutzung der stillgelegten Tankstellen profitieren letztlich alle: Das Gebäude wird renoviert und in Schuss gehalten, der Eigentümer erzielt ein Einkommen daraus, das Pro- jekt selbst regt alle Beteiligten und Besu- cher zum Denken an und setzt hoffent- lich positive und konstruktive Kräfte frei, die weite Kreise ziehen. Zende ist immer auf der Suche nach neuen Standorten, auch zur Zwischenmiete. Total Normal: der etwas andere Fahrradladen Bei der Standortwahl für die gewerbliche Nutzung spielen natürlich viele verschie- dene Faktoren eine Rolle: Lage, Größe, Aufteilung der Räumlichkeiten, Umbau- möglichkeiten, Parkplätze, Mietkosten, der Zustand des Gebäudes etc. Hinzu kommt speziell bei einer Tankstelle die Frage, wie das Tankstellenimage zu der neuen Funktion passt beziehungsweise wie weit das Gebäude durch bauliche Abb. 6: … bei der die Tankstelle nicht nur Veranstaltungsort, sondern Teil des Projektes ist. Foto:©FIT/DidaZende Abb. 5: Die Freie Internationale Tankstelle (FIT) in Berlin ist ein Kunstprojekt, … Foto:©FIT/DidaZende
  • 5. AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 31 und gestalterische Maßnahmen verändert werden muss, damit es passt. Für einen saarländischen Fahrradhändler aus St. Ingbert erwies sich eine alte un- renovierte Tankstelle als wahrer Glücks- griff – und das kam so: Ursprünglich gründete Markus Schmitt seinen Fahr- radladen in einer ehemaligen Metzgerei, in der man die Zweiräder praktischer- weise an Fleischerhaken aufhängen konnte. Einen Firmennamen und ein Logo brachte er damals schon aus seiner Zeit als Projektmanager mit. Der Name lautete Total Normal, denn „total nor- mal“ ist Schmitts Motto und steht aus sei- ner Sicht für etwas Positives, für Authen- tizität und Beständigkeit. Als Logo hatte er sich deshalb auch eine schwarz-weiß gescheckte Kuh ausgesucht. Mit der Metzgerei hatte das nichts zu tun, die Kuh war einfach einprägsam und im Unterschied zur bekannten lila Kuh „total normal“. „Heute will immer jeder das Beste und das Tollste und da klappt hin- ten und vorne nichts, aber wenn man ganz normal arbeitet, hat man relativ viel Erfolg“, erläutert er seine Devise. Auf ihn trifft das jedenfalls zu, denn das Geschäft lief über die Jahre immer besser und die Metzgerei wurde zu klein. Als er dann auf eine leer stehende, ehemalige BP-Tankstelle stieß (Abb. 8), erkannte er deren Potenzial und ließ sich auch nicht davon abschrecken, dass dort vor ihm schon verschiedene Geschäfte gescheitert waren, darunter ein Matratzenlager und ein Blumenhändler. Bei den Vorzügen des Standortes gerät er ins Schwärmen: „Das ist einfach praktisch. Die Zu- und Abfahrt ist unschlagbar! Und das aus den 60er oder 70er Jahren überhängende Dach bedeutet, dass wir unsere Produkte bei gutem und bei schlechtem Wetter ver- kaufen. Wenn es draußen regnet, können die Leute unter dem Dach wenigstens mal eine Runde fahren und das Fahrrad testen. Das war eigentlich die Kernent- scheidung für diese Tankstelle.“ Hinzu kommen die günstige Lage an einer ver- kehrsreichen Straße und vor allem äußerst geringe Mietkosten. „Das liegt daran, dass das so ein altes abgewirtschaf- tetes Gebäude ist, in das nichts investiert wurde und wo man mit zum Teil auch schwierigen Randbedingungen oder mangelhafter Ausstattung leben muss. Wir haben teilweise noch nicht einmal Heizung in dem Objekt“, erklärt er. Durch die geringen Kosten können die Preise niedrig gehalten werden und so kommt es, dass Total Normal schon meh- rere Mitbewerber verdrängt hat. Vor einem Jahr wurden die Geschäftsräume noch um eine Garage erweitert, das An- gebot ist entsprechend mitgewachsen. Angestellte gibt es nicht, mit dem Erfolg kamen aber neue Teilhaber mit an Bord, die alle als Geschäftsführer dort arbei- ten und den Gewinn gleichberechtigt untereinander teilen. Markus Schmitt ist übrigens außerdem als saarländischer Landtagsabgeordneter tätig und einer der wenigen Abgeordneten, die neben- bei ihren Beruf weiter ausüben. Für ihn ist auch das bestimmt total normal. Gesundheit tanken Nicht ganz normal, sondern immerhin bemerkenswert, ist eine Apotheke in einer ehemaligen Tankstelle – aber letzt- lich handelt es sich eben auch nur um eine gewerbliche Immobilie mit Merk- malen, die sich für bestimmte Nutzer gut eignen. Apothekerin Ursula Frerker- Mül- ler ließ sich bereits vor 25 Jahren in einer früheren Tankstelle in Lilienthal nieder (Abb. S. 23). „Ich bin über einen Makler, der sich auf Apotheken spezialisiert hat, darauf gekommen. Die Tankstelle hatte den Vorteil, dass es hier so viele Parkplät- ze gibt. Außerdem ist Lilienthal ein recht familienfreundlicher Ort, man kann hier gut mit der Familie leben“, erläutert sie ihre Entscheidung und führt weiter aus: „Vor allen Dingen sind in Lilienthal so- wieso viele Menschen mit dem Auto unterwegs, die aus dem ländlichen Be- reich kommen oder aus Bremen. Da ist es einfach praktisch, wenn die Kunden gut parken können.“ Ein weiterer, nicht zu unterschätzender Pluspunkt: Direkt ge- genüber befindet sich ein Ärztehaus. Die Vertragsverhandlungen waren un- kompliziert, denn der Makler hatte sich bereits um alles gekümmert und gut vor- bereitet. „Das war alles in Ordnung, sonst hätten die Behörden ja auch die Räum- lichkeiten nicht abgenommen. Man muss viele Vorschriften erfüllen, man muss ein Labor haben, man muss eine bestimmte Größe haben, das war alles gegeben und wurde so von der Apothekerkammer ab- genommen“, erläutert die Apothekerin. Inzwischen ist die Lilien-Apotheke natür- Abb. 7: Wo man früher Benzin gezapft hat, kann man jetzt in der „Brause“ in Düssel- dorf seinen Akku mit Kultur auftanken. Foto:©vierwaendekunst.de
  • 6. 32 AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 IMMOBILIE & WIRTSCHAFT lich längst etabliert und von den Kunden hört sie nur noch selten Bemerkungen über den etwas ungewöhnlichen Stand- ort, etwa wenn jemand den Werbeslogan der Apotheke aufgreift, den der Standort ja quasi frei Haus mitliefert: „Hier tanken Sie Gesundheit“! Wohnprojekt Tankstelle Wenn man in der Presse tatsächlich ein- mal etwas über eine Tankstelle als Wohn- objekt liest, dann handelt es sich wahr- scheinlich um ein außergewöhnliches Designprojekt, eine Wohnung, die von idealistischen Käufern in Kooperation mit kreativen Köpfen und mit größeren finanziellen Mitteln realisiert wurde. Wie zum Beispiel in der Bülowstraße in Ber- lin-Schöneberg, wo eine Shell-Tankstelle aus den 50er Jahren eine gewisse Be- rühmtheit erlangt hat, weil sie mit viel Geld und liebevoller Hingabe zu einem hellen und eleganten Wohn- und Atelier- haus umgestaltet wurde. Neben solchen seltenen Hochglanzprojekten gibt es aber eben auch eine größere Zahl an weniger spektakulären Umnutzungen, die sich eher an praktischen Aspekten orientieren und die sich – ähnlich wie schon zuvor geschildert – als wahrer Glücksgriff entpuppen können. So geschehen in Wuppertal, wo Ulf Acker- mann 2006 im Vorbeifahren eine mit Brettern vernagelte Tankstelle inklusive Werkstatt entdeckte und neugierig wurde. Bei näherer Betrachtung stellte sich heraus, dass noch ein vollwertiges Wohnhaus mit dazugehörte, welches von vorne aber schlecht zu sehen ist. Der Elektroinstallateur hatte schon über- legt, für seine eigenen Tüfteleien eine Werkstatt anzumieten, und auch für seine Frau, die einen Pflegebetrieb für Kraftfahrzeuge betreibt, war ein Wohn- haus mit angeschlossener Werkstatt ideal. Obwohl die Tankstelle zum Ver- kauf stand, dauerte es dann aber noch einige Zeit, bis Familie Ackermann sie erwerben konnte, denn erst mussten verschiedene Hürden überwunden wer- den (Abb. 9-11). Zunächst mussten sie die Bank wechseln, weil es sich bei der Tankstelle um ein Ge- werbeobjekt handelte und die LBS keine Gewerbeimmobilien finanziert. „Wir woll- ten die Nutzungsform ändern. Da sagte mir die Stadt Wuppertal, das ginge nicht, weil im Bebauungsplan die gewerbliche Nutzung für das Grundstück festgelegt sei“, erzählt Ackermann. „Wir dürfen hier nur wohnen, weil meine Frau selbststän- dig ist und von zuhause aus arbeitet und in diesem Fall der Eigentümer bezie- hungsweise Betreiber auch das Wohn- recht hat.“ Er war davon ausgegangen, dass es nicht schwierig sein würde, von der Sparkasse, zu der sie daraufhin wechsel- ten, einen Kredit für die Tankstelle zu bekommen, weil ihnen zuvor von der LBS schon ein wesentlich höherer Betrag für ein Reihenhaus zugesichert worden war. Dem war aber nicht so. „Die sagten, da haben wir ja überhaupt keinen Gegenwert und wer kauft denn das? Und was ist, wenn die nicht zahlen können, dann können wir das nicht wei- ter veräußern. Im Endeffekt hat es dann etwa vier Monate gedauert, bis wir end- lich ein OK bekamen.“ Die Verhandlungen mit dem Verkäufer, der von Rohrer Immobilien vertreten wurde, verliefen dafür völlig reibungslos. Christoph Sterczyk von Rohrer hatte sich bereits um alle Formalitäten gekümmert und die Ackermanns konnten das Objekt schon erwerben, bevor es überhaupt saniert war. Rechtlich waren sie auf der sicheren Seite, denn der vorherige Eigen- tümer, eine große Mineralölgesellschaft, hatte sich verpflichtet, alle erforderlichen Maßnahmen vorzunehmen, nur ein Doppeltank vor dem Haus verblieb im Boden. „Wir konnten die Tanks nicht ein- fach herausreißen, weil wir das Vordach erhalten wollten und die Tanks einfach zu groß waren“, erklärt Ulf Ackermann. „Also haben wir uns dafür entschieden, sie drin zu lassen, aber alles drum herum musste entsprechend in Ordnung sein. Abb. 8: Architektur und Standort der ehemaligen BP-Tankstelle im saarländischen St. Ingbert sind Vorzüge, von denen auch ein Fahrradladen profitiert. Foto:OliverJungmann/TotalNormal
  • 7. AIZ | Das Immobilienmagazin 9/2011 33 Es wurden Bodenproben genommen, die Tanks wurden gereinigt und kom- plett verfüllt etc.“ Für die Ackermanns war der Kauf ideal, weil sie so für relativ wenig Geld ein Zu- hause gefunden haben, das ganz ihren Bedürfnissen entspricht. Als Gewerbe- immobilie war das Objekt weit güns- tiger als ein Reihenhaus, zudem ent- sprach das Haus mit diversen Mängeln dem Stand der Technik der 60er Jahre – und so machten sie bei dem 600 Qua- dratmeter großen Anwesen ein wahres Schnäppchen – trotz der zusätzlichen Kosten für die Komplettrenovierung. Die Maklercourtage wurde vom Verkäu- fer getragen. Neben der Werkstatt hat das Grundstück noch weitere Vorzüge, die die Acker- manns zu schätzen wissen: Die Kinder sind durch eine geschlossene Zaunan- lage von der Straße getrennt und kön- nen so bei Regen sicher unter dem Vordach spielen. Die Hoffläche bietet außerdem Platz für mehrere Fahrzeuge, die das autobegeisterte Paar besitzt. Und schließlich gibt es nach hinten noch Platz für eine Terrasse und ein Stück Garten mit kleinem Spielplatz, wo sich die Familie bei schönem Wetter aufhal- ten kann. Was will man mehr? Tankstellen haben viel zu bieten All diese Beispiele zeigen: So speziell die Funktion einer Tankstelle auch ist, so vielfältig sind ihre späteren Nutzungs- möglichkeiten. Die Liste ist längst nicht erschöpft, bundesweit gibt es die unter- schiedlichsten Gewerbe, die in ehema- ligen Tankstellen beheimatet sind, vom Bratwurst-Imbiss über Weinhandel, Mö- bel-Werkstatt, Polsterei und Event-Agen- tur bis hin zur TÜV-Prüfstelle. Manchmal ist die Tankstelle dabei nur ein rein zweckmäßiger Bau, der den Ansprüchen genügt. Manchmal passt sie nach größe- ren oder kleineren Änderungen perfekt zu ihrer neuen Funktion. Fest steht: Tankstellen haben viel zu bieten. Sie sind äußerst wandlungsfähig und lassen sich oft sinnvoll und lohnend weiter nutzen. Danke, Tanke! Abb. 8: Hinter der Tankstelle verbirgt sich ein Wohnhaus mit Garten. Abb. 9: Bei der Umwandlung der Tankstelle in ein Wohnhaus mit Gewerbenutzung wurden manche Tanks komplett entfernt. Doppeltanks hingegen konnten aufgrund ihrer Größe nicht herausgerissen werden – sie wurden gereinigt und verfüllt. Abb. 10: Hinter der Tankstelle erschließt sich eine kleine Garten-Idylle. Foto/Quelle:UlfAckermannFoto/Quelle:UlfAckermannFoto/Quelle:UlfAckermann