Benediktbeurer Gespräche
der Allianz Umweltstiftung 2011

„Die Stadt von morgen
wird durch den gebaut, der sie
neu zu denken wagt.“
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D I E B E N E DI K T B E U R E R G E S P R ÄC H E D E R AL L I AN Z

U M W E LT S T I F T U NG

am 06. Mai 2011 hatten zum Thema: „Die Stadt von morgen

wird durch den gebaut, der sie neu zu denken wagt.“




                              5      Pater Karl Geißinger,                   43   Prof. Dr. Harald Welzer,
                                     Rektor des Zentrums für Umwelt               Direktor des Center for Interdisciplinary
                                     und Kultur im Kloster Benediktbeuern,        Memory Research am Kulturwissen-
                                     Benediktbeuern                               schaftlichen Institut Essen
                                                                                  und Professor für Sozialpsychologie
                              9      Prof. Dr. h.c. Dieter Stolte,                an der Universität St. Gallen,
                                     Vorsitzender des Kuratoriums der             Essen
                                     Allianz Umweltstiftung,
                                     München                                 51   Diskussion des Tagungsthemas


                            15       Dr. Lutz Spandau,                       73   Impressum
                                     Vorstand der Allianz Umweltstiftung,
                                     München


                            23       Prof. Albert Speer,
                                     Architekt, Albert Speer & Partner,
                                     Frankfurt


                            31       Dr. Dieter Salomon,
                                     Oberbürgermeister der Stadt Freiburg
                                     im Breisgau,
                                     Freiburg
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D I E AL L IA N Z U MW E LT ST I F TU NG :                                   Die Benediktbeurer Gespräche.
                                                                             Alljährlich treffen sich auf Einladung der
Aktiv für Mensch und Umwelt.
                                                                             Allianz Umweltstiftung streitbare und neu-
                                                                             gierige Geister im Kloster Benediktbeuern.
                                                                             Die Benediktbeurer Gespräche sollen
                                                                             den Blick weiten für die Fragestellungen
                           „Mitwirken an einem lebenswerten Dasein           von morgen.
                           in der Zukunft.“ Diese Maxime für Schutz,
                           Pflege und Entwicklung von Natur und              Leitmotiv der Benediktbeurer Gespräche ist,
                           Umwelt hat die Allianz Umweltstiftung in          die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu
                           ihrer Satzung verankert. Anlässlich ihres         fördern, starre Konfrontationen aufzulösen
                           100-jährigen Jubiläums im Jahr 1990 über-         und die umweltpolitischen Diskussionen zu
                           nahm die Allianz mit Gründung der Um welt-        versachlichen.
                           stiftung in einem neuen Bereich gesell -
                           schaftliche Verantwortung.                        Mit ihrer Streitkultur haben sich die Be ne-
                                                                             diktbeurer Gespräche zu einem Forum des
                           Bei allen Projekten bindet die Allianz            kontinuierlichen Neu-, Anders- und Weiter-
                           Umweltstiftung den wirtschaftenden                denkens entwickelt. Damit tragen sie dazu
                           Menschen ein. Dabei ist das wesentliche           bei, den Boden für eine nachhaltige Zu kunft
                           Ziel aller Förderprojekte der Schutz des          zu bereiten, denn die kann „in Zeiten, in
                           Naturhaus haltes unter Berücksichtigung           denen es keine linearen Handlungsanweisun-
                           der wirtschaftlichen Entwicklung.                 gen mehr gibt, nur im kontinu ierlichen
                                                                             gesellschaftlichen Lernprozess entstehen“,
                           Ökologisch und ökonomisch, sozial und             so Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz
                           kulturell – jedes Projekt leistet auf seine Art   Umweltstiftung.
                           einen Beitrag zur praktischen Umsetzung
                           eines aktuellen Zukunftsthemas. Denn immer        „Die Stadt von morgen wird durch den gebaut,
                           geht es um die Idee des „Sustainable De -         der sie neu zu denken wagt.“ war das Thema
                           vel opment“, die beispielhafte Realisierung       der fünfzehnten Benediktbeurer Gespräche
                           nachhaltigen Wirtschaftens – also um die          am 06. Mai 2011.
                           Förderung einer dauerhaft umweltgerechten
                           Entwicklung, die auch künftigen Generatio-        Die Referate und aus ihnen resultierende
                           nen ein lebenswertes Dasein ermöglichen           Schlussfolgerungen werden mit diesem
                           soll.                                             Band der Schriftenreihe „Benediktbeurer
                                                                             Gespräche der Allianz Umweltstiftung“
                           Ausgehend von der Überzeugung, dass               publiziert.
                           grundlegende Umweltfragen nur im gesell-
                           schaftlichen Konsens zu lösen sind, hat die
                           Allianz Umweltstiftung ein unabhängiges
                           Diskussionsforum geschaffen.
B E G r ü S S U N G             P A T E r   K A r L       G E I S S I N G E r        5




„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,

D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“

Begrüßung durch Pater Karl Geißinger, Rektor des Zentrums

für Umwelt und Kultur im Kloster Benediktbeuern.




                         Meine sehr verehrten Damen und Herren,


                         in meiner Eigenschaft als Leiter des Zent-
                         rums für Umwelt und Kultur danke ich Ihnen
                         allen, dass Sie heute hierher gekommen
                         sind, und heiße Sie ganz herzlich willkom-
                         men zu den traditionell von der Allianz
                         Umweltstiftung ausgerichteten Benediktbeurer
                         Gesprächen. Sie sind ein Zeichen unserer         denn es gibt gewaltige Probleme zu lösen.
                         engen Verbundenheit und Partnerschaft, die       Dabei geht es um Fragen der Infrastruktur,
                         sich im Laufe der letzten 15 Jahre bei vielen    der Wasser- und Energieversorgung, des
                         gemeinsamen Aktivitäten bewährt hat.             Verkehrs, der Sicherheit, des Katastrophen-
                                                                          schutzes, der Versorgung der Menschen auch
                         „Die Stadt von morgen wird durch den             in Krisensituationen, des Umweltschutzes
                         gebaut, der sie neu zu denken wagt“, lautet      und vieles mehr. Ich meine, dass die Planer
                         das Motto der diesjährigen Tagung. Es weist      solcher Megastädte gut daran täten, nicht
                         darauf hin, dass unsere moderne Welt             nur nach technischen Lösungen zu suchen,
                         einem besonders raschen Wandel unterwor-         sondern stets zugleich auch an die nicht
                         fen zu sein scheint. Zum ersten Mal in der       rein materiellen Bedürfnisse der Menschen
                         Geschichte der Menschheit leben mehr             zu denken, also an das, was eine Stadt im
                         Menschen in Städten als auf dem Land.            Grunde erst lebens- und liebenswert macht.
                         Dieser Trend wird sich fortsetzen – vor allem
                         in China, Indien und den Ländern Afrikas.        Das Leben von immer mehr Menschen
                         Ganz neue Metropolen und Megastädte              wird heute bestimmt von den Folgen der
                         werden entstehen. So wird das Leben in der       Globalisierung, der zunehmenden Mobili-
                         Stadt immer stärker das Leben der Menschen       tät, des Konsums und der sich rasant
                         prägen.                                          entwickelnden Kommunikationsmittel.
                                                                          Letztere führen dazu, dass wir uns zuneh-
                         Es ist nicht nur wichtig, sondern auch           mend in einer virtuellen Welt bewegen.
                         ungemein spannend, sich vorzustellen und         Wir sind ständig von Menschen umgeben
                         darüber zu diskutieren, wie diese Städte         und begegnen einander doch nicht
                         denn aussehen könnten, ja wie sie aussehen       wirklich.
                         sollten. Hier sind neue Ideen, kreative
                         Entwürfe und mutige Impulse gefragt,
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                     Die menschlichen Grundbedürfnisse –            wird? Wie lässt sich ein gesunder Orga-
                     zum Beispiel nach einem Zuhause, nach          nismus schaffen, der wachsen kann, ohne
                     Geborgenheit, nach Heimat, nach Beziehun-      zu wuchern und sich selbst zu zerstören?
                     gen mit anderen Menschen, nach Gemein-         Wie kann man neue Städte denken, wo
                     schaft, nach einem Lebensumfeld, das wir       Menschen unterschiedlicher Kulturen und
                     selbst gestalten und mit bestimmen können –    Religionen willkommen sind und Arme und
                     all diese Bedürfnisse sind bei der Planung     Reiche miteinander leben können? Ist es
                     der neuen Städte zu berücksichtigen.           möglich, Gemeinwesen zu entwickeln, die
                                                                    zur Heimat werden können auch für
                     Werfen wir einen Blick auf das, was die        entwurzelte Menschen, die offen sind für
                     Großstädte unserer Welt heute für viele        Flüchtlinge, Vertriebene oder Gestrandete,
                     Menschen – für die, die in ihnen leben, und    Orte, in denen Menschen nicht ausgegrenzt
                     für die, die sie als Touristen besuchen –      werden und nicht in Gettos leben müssen,
                     attraktiv macht. Viele dieser Großstädte,      Städte mit Herz also?
                     sogar wenn sie nur allzu oft auch furchtbare
                     Elendsviertel haben oder von trostlosen        Müssen solche Städte Utopien bleiben? Ich
                     Trabantenstädten umgeben sind, vor allem       bin sehr gespannt, welche Entwürfe, welche
                     aber, wenn es sich um gewachsene, nicht        Impulse, welche Ideen und Fragen heute
                     einfach auf dem Reißbrett entworfene           im Laufe dieser Benediktbeurer Gespräche
                     und aus dem Boden gestampfte Städte            vorgestellt und diskutiert werden.
                     handelt, haben ein Zentrum, eine Mitte, ein
                     Herz. Was sie so anziehend macht, können       Nochmals herzlichen Dank Ihnen, die Sie
                     prachtvolle Bauwerke sein – sei es ein         hierher gekommen sind, und der Allianz
                     Schloss, eine Burg oder ein Dom – vielleicht   Umweltstiftung für die Wahl dieses Themas.
                     auch besondere Grünanlagen wie Gärten
                     oder Parks: In jedem Falle sind es Orte, die   Ich wünsche Ihnen allen fruchtbare Diskus-
                     Geschichte atmen, die einen besonderen         sionen und einen spannenden Tag.
                     Charme, eine bezaubernde Ästhetik oder
                     eine Atmosphäre haben, die einen gefangen
                     nimmt. Solche Städte besitzen ihre eigene
                     Identität oder vermitteln die des Landes,
                     in dem sie liegen. Kurz, es sind Städte mit
                     einem Herz, die mehr bieten als bloß
                     Wohnungen, Arbeitsplätze und Einkaufs-
                     zentren.


                     Für die Planer der Megastädte der Zukunft
                     stellen daher gerade solche Fragen die
                     größte Herausforderung dar: Wo wird das
                     lebendige Herz der neuen Stadt sein? Wie
                     kann man diese so gestalten, dass sie zum
                     Biotop, zum Lebensraum für Menschen
B E G r ü S S U N G              P r o F .      D r .     H . c .     D I E T E r        S T o L T E     9




„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,

D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“

Begrüßung durch Prof. Dr. h. c. Dieter Stolte, Vorsitzender des

Kuratoriums der Allianz Umweltstiftung.




                         Meine sehr verehrten Damen und Herren,


                         ich begrüße Sie herzlich zu den diesjährigen
                         Benediktbeurer Gesprächen der Allianz
                         Umweltstiftung. Sie erinnern sich vielleicht:
                         Im letzten Jahr haben wir an dieser Stelle den
                         20. Geburtstag der Allianz Umweltstiftung
                         gefeiert. Aber auch in diesem Jahr gibt es
                         ein Jubiläum: Die Benediktbeurer Gespräche       Mit diesen Schwerpunkten ihrer Förder-
                         der Allianz Umweltstiftung finden nun            tätigkeit sieht sich die Stiftung auf einem
                         bereits zum 15. Mal statt!                       guten Weg, auch in Zukunft wichtige Beiträge
                                                                          zur Lösung gesellschaftlich relevanter Pro-
                         Anlässlich ihres 20. Geburtstages hat die        bleme leisten zu können. Schließlich fühlt
                         Allianz Umweltstiftung eine Weiterentwick-       sie sich nach wie vor gleichermaßen verant-
                         lung ihrer bisherigen Förderkonzeption           wortlich für Natur und Umwelt in ihrer
                         diskutiert. Ein Expertengremium erörterte in     Vielfalt wie für Mensch und Gesellschaft in
                         diesem Zusammenhang vor allem die Mög-           unserer zunehmend globalisierten Welt.
                         lichkeit der Einbeziehung aktueller Probleme
                         und gesellschaftlich relevanter Fragen aus       Ein zentrales Zukunftsthema ist die fort-
                         dem Umweltbereich.                               schreitende Verstädterung, die enorme
                                                                          Zunahme sogenannter Megacities an Zahl
                         Ergebnis dieser Strategiegespräche war           und Größe. Nicht zuletzt aus diesem Grund
                         sowohl die Aktualisierung bisheriger als auch    wurde der Förderbereich „Leben in der
                         die Festlegung neuer Förderschwerpunkte der      Stadt“ in das Programm der Stiftung aufge-
                         Allianz Umweltstiftung in den Bereichen          nommen. Die Wahl des Themas der dies-
                                                                          jährigen Benediktbeurer Gespräche – „Die
                           Umwelt- und Klimaschutz,                       Stadt von morgen wird durch den gebaut,
                           Leben in der Stadt,                            der sie neu zu denken wagt“ – ist Ausdruck
                           nachhaltige Regionalentwicklung,               dieser neuen Konzeption.
                           Biodiversität und
                           Umweltkommunikation.
10   B E G r ü S S U N G    P r o F .       D r .      H . c .        D I E T E r       S T o L T E




                      Die Menschheit wächst und damit auch der           Gebäude. Im Wüstensand vor den Toren
                      Hunger nach Bildungs- und Aufstiegschancen.        Abu Dhabis entsteht unter Federführung
                      Immer mehr Menschen zieht es in die                des Büros des britischen Stararchitekten
                      Städte. Megacities wirken wie gesellschaft-        Norman Foster die ökologische Musterstadt
                      liche Magneten. Von ihnen erwarten die             Masdar, die ganz ohne die Verwendung
                      Menschen Lösungen für ihre Probleme – oft          fossiler Brennstoffe auskommen soll. „Die
                      nicht ahnend, dass sie die alten nur gegen         Stadt“, schreibt Hanno Reuterberg in seinem
                      neue eintauschen.                                  bemerkenswerten Artikel „Die andere
                                                                         Revolution“ in der ZEIT vom 24.02.2011,
                      Seit 2007 leben auf unserem Globus mehr            „will die Welt nicht allein durch Forschung
                      Menschen in Städten als in ländlichen              und Technik retten, sie möchte den Men-
                      Gebieten. UN-Prognosen zufolge wird sich           schen auch neue Gewohnheiten nahe-
                      die Verstädterung fortsetzen. Gleichzeitig         bringen. […]
                      verschieben sich die demographischen
                      Gewichte: Während die Bevölkerung in fast          Während in Deutschland Moderne und
                      allen Industriestaaten schrumpft, wächst sie       Tradition gern gegeneinander ausgespielt
                      in Schwellen- und Entwicklungsländern.             werden, finden sie hier mit erstaunlicher
                      Dieser Trend bedeutet weltweit eine große          Selbstverständlichkeit zusammen. […]
                      Herausforderung für Politiker und Städte-          Die Zukunft ist nicht futuristisch. Sie lernt
                      planer. Kofi Annan, der ehemalige UN-Gene-         aus der Geschichte.“
                      ralsekretär, hat sogar von einem „Jahrtausend
                      der Städte“ gesprochen. Zunehmend ent-             Anders in Südkorea. In der Nähe von
                      scheiden sich die Menschen gegen ein Leben         Seoul wird mit einem Mammutprojekt die
                      auf dem Land und für ein Leben in der Stadt:       „Stadt der Städte“ gebaut, ein modernes
                      Sie ziehen dorthin, wo sie sich Wohlstand          Utopia auf dem Wattenmeer durch Auf-
                      und eine bessere Zukunft erhoffen.                 schüttung von Erdreich abgerungenem Land:
                                                                         New Songdo City. Aber auch in China setzt
                      Unter welchen Voraussetzungen sind                 man noch auf städtebauliche Gigantomanie,
                      diese Hoffnungen berechtigt? Wie müssen            wie die Millionenstadt Chongqing zeigt,
                      die neuen Städte aussehen, damit sie sich          in der Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden
                      erfüllen?                                          schießen und Zehntausende von Wander-
                                                                         arbeitern ihr Glück suchen.
                      Die Ballungszentren – schon heute gibt
                      es mehr als 130 Städte mit über drei               Es fällt allerdings schwer zu glauben,
                      Millionen Einwohnern – verbrauchen etwa            dass die Zukunft der Menschheit von einem
                      80 Prozent der weltweit verfügbaren Ressour-       Leben in Städten geprägt sein soll, die
                      cen. Städte wie New York, London, Oslo,            komplett auf dem Reißbrett entstanden
                      Vancouver oder München arbeiten bereits            sind.
                      an Plänen zum Bau kombinierter Wohn- und
                      Arbeitsviertel, zur Reduzierung des Verkehrs
                      und zur Errichtung energieoptimierter
12   B E G r ü S S U N G    P r o F .        D r .      H . c .       D I E T E r      S T o L T E




                      Was eine Stadt im eigentlichen Sinne               Wie der chinesische Politiker Deng Xiaoping
                      ausmacht, ist schließlich ihr ureigener,           einmal gesagt hat, kommt es stets darauf
                      mindestens über Jahrzehnte, meist sogar            an, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen.
                      über Jahrhunderte gewachsener Charakter            Dies sollten auch wir tun bei der Beschäfti-
                      und ihre Geschichte, die nicht nur im              gung mit den Fragen, die sich uns stellen,
                      Stadtbild, sondern auch in der Vielfalt ihrer      wenn wir über das Thema unserer heutigen
                      Bewohner zum Ausdruck kommt.                       Veranstaltung diskutieren:


                      Vielen Großstädten droht heute eine                  Wie werden wir in den „Städten der
                      soziale Spaltung. Und das gilt nicht nur für         Zukunft“ wohnen, leben und arbeiten?
                      die Megacities Afrikas, Asiens und Süd-
                      amerikas mit ihren unkontrolliert wuchern-           Welche ökonomischen, ökologischen und
                      den Slums. Auch in Europa gilt es zu                 sozialen Gesichtspunkte werden bei der
                      verhindern, dass die Städte zunehmend in             Entwicklung und Gestaltung der Städte
                      ein lebendiges Zentrum und eine trostlose            eine Rolle spielen?
                      Peripherie zerfallen. Es ist eine wichtige
                      Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich die              Wie lässt sich die zunehmende Verstädte-
                      Infrastruktur einer Stadt entsprechend den           rung steuern, damit die „Stadt der Zukunft“
                      Bedürfnissen ihrer Bewohner entwickelt.              gestaltbar bleibt?
                      Dafür aber bedarf es neuer Mobilitäts-
                      konzepte, bei denen es nicht nur darum               Welche Folgen hat der demographische
                      gehen darf, möglichst viel Mobilität zu              Wandel für die Städte?
                      ermöglichen, sondern auch um die Frage
                      gehen muss, wieviel Mobilität mit welchen            Wie kann man Städte vor Katastrophen
                      Verkehrsmitteln eine moderne Stadt über-             schützen?
                      haupt braucht.
                                                                         Auf diese und viele andere essentielle
                      Städte verursachen massive Umwelt-                 Fragen gilt es Antworten zu finden. Allerdings
                      probleme: Sie breiten sich immer weiter aus,       wird wohl keine Antwort umfassend oder
                      verbrauchen enorme Mengen an Wasser und            gar endgültig sein können. Aber wir können –
                      Nahrungsmitteln, verpesten die Luft und            gleichsam Mosaiksteine aneinanderfügend –
                      produzieren Unmengen Müll. Städte produ-           allmählich ein Bild von der Stadt der Zukunft
                      zieren einen sehr großen Teil der weltweiten       entstehen lassen. Und wenn uns das heute
                      Gesamtemission von Treibhausgasen und              noch nicht gelingt, dann vielleicht morgen …
                      sind damit wesentlich mitverantwortlich für        oder übermorgen.
                      den Klimawandel.
                                                                         Ich freue mich, in unserem Kreis hervor-
                                                                         ragende Fachleute begrüßen zu können, die
                                                                         uns die vielfältigen Aspekte unseres neuen,
                                                                         hochaktuellen Themas erläutern werden:
13




  Herr Professor Albert Speer, international    diese stetig weiterentwickeln. In diesem
  renommierter Architekt und Stadtplaner        Sinne möchte ich den Salesianern Don
  mit Projekten u.a. in Dschidda, Shanghai      Boscos für die langjährige Zusammenarbeit
  und Moskau,                                   danken und gleichzeitig zusichern, dass
                                                wir sie auch in Zukunft tatkräftig unterstüt-
  Herr Dr. Dieter Salomon, Oberbürger-          zen werden.
  meister von Freiburg im Breisgau,
  Bündnis 90/Die Grünen,                        Meine Damen und Herren, ich wünsche
                                                uns allen ergiebige und interessante
  Prof. Dr. Harald Welzer vom Kulturwissen-     Benediktbeurer Gespräche 2011 mit leben-
  schaftlichen Institut Essen,                  digen Diskussionen.


  Herr Gerhard Matzig, im Feuilleton            Ich darf jetzt den Vorstand unserer
  der Süddeutschen Zeitung zuständig für        Umweltstiftung, Herrn Dr. Spandau, bitten,
  Architektur und Stadtplanung, hat gestern     in seiner bewährten Art die Leitung
  aus gesundheitlichen Gründen leider           der Benediktbeurer Gespräche 2011 zu
  absagen müssen. Herr Dr. Spandau hat          übernehmen.
  jedoch buchstäblich in letzter Minute
  eine interessante Lösung gefunden, die
  er Ihnen später vorstellen wird.


Meine Damen und Herren, an einem Ort
wie diesem, wo manch einer wohl eher
erwarten würde, in sich gekehrten Mönchen
in dunklen Kutten zu begegnen, haben die
Salesianer Don Boscos mit dem Zentrum für
Umwelt und Kultur eine weltoffene Institution
geschaffen. Hier wird in der geistigen Aus-
einandersetzung mit Fragen der Regionalität,
Umweltbildung und Nachhaltigkeit sowie
Kunst und Kultur die Einsicht in die unauf-
lösliche Vernetzung des Menschen mit der
Schöpfung vermittelt – und dies nicht auf
belehrende Weise, sondern stets getreu dem
Motto des Klosters mit „Freude am Leben“.


Mit den 15. Benediktbeurer Gesprächen
zeigen die Allianz Umweltstiftung und das
Zentrum für Umwelt und Kultur, dass sie
kontinuierlich an ihren Zielen arbeiten und
E I N F ü H r U N G         D r .     L U T Z       S P A N D A U         15




„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,

D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“

Einführung von Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz

Umweltstiftung, München.




                         Meine sehr geehrten Damen und Herren,


                         „Wir sollten uns alle Gedanken über die
                         Zukunft machen, weil wir den Rest unseres
                         Lebens in ihr werden verbringen müssen“,
                         hat der amerikanische Erfinder und Philosoph
                         Charles F. Kettering einmal gesagt.


                         Wer gäbe ihm nicht recht? Wer besäße           Lebens vielleicht 200 bis 300 Leute
                         nicht gerne eine Kristallkugel, die schon      getroffen. Heute dagegen lebt und arbeitet
                         früh zeigt, was auf einen zukommt?             zum Beispiel jeder Bewohner von New
                         Zum Beispiel wie unsere Städte in 15 oder      York City in einem Umkreis von weniger
                         20 Jahren aussehen. Schließlich werden         als einem Kilometer mit 20.000 Menschen
                         die meisten von uns einmal in ihnen leben      zusammen. Wir haben uns zum Homo
                         müssen.                                        urbanus entwickelt.


                         Das Jahr 2007 war ein Wendepunkt in            Inzwischen gibt es auf der Welt 400 Städte
                         der Geschichte der Menschheit: Einem           mit mehr als einer Million Einwohnern und
                         Bericht von UN-HABITAT, dem Programm           20 Städte mit über zehn Millionen. Die
                         der Vereinten Nationen für menschliche         Zahl der Menschen, die in Städten leben, hat
                         Siedlungen zufolge, lebten vor vier Jahren     sich seit 1950 vervierfacht. Im Jahr 2030
                         zum ersten Mal mehr Menschen in Städten        werden voraussichtlich mehr als 60 Prozent
                         als auf dem Land. In Zukunft, so die Prog-     der Erdbevölkerung in Städten leben. Bis
                         nose, wird der größte Teil der Weltbevölke-    zum Jahr 2050 könnten es 75 Prozent sein.
                         rung in riesigen Stadtgebieten wohnen,         Die Städte sind verantwortlich für 75 Prozent
                         die meisten davon zusammengepfercht und        des weltweiten Energieverbrauchs und für
                         übereinandergestapelt in Megastädten, die      80 Prozent der CO 2-Emissionen.
                         zusammen mit ihren wild wuchernden
                         Vorstädten oft mehr als zehn Millionen Ein-    Die am schnellsten wachsenden Städte
                         wohner zählen. Dies ist ein neues Phäno-       liegen in Indien, China und im südlichen
                         men. Noch vor 200 Jahren hat der durch-        Afrika.
                         schnittliche Erdenbürger im Laufe seines
16   E I N F ü H r U N G    D r .        L U T Z     S P A N D A U




                      Schätzungsweise einer von drei Stadt-           sowie Freizeit- und Einkaufszentren auf
                      bewohnern, insgesamt also rund eine Mil-        der grünen Wiese wucherten die Städte an
                      liarde Menschen, lebt in Slums aus schlecht     ihren Rändern ins Umland. Die bereits 1933
                      gebauten Hütten oder Häusern mit unzu-          verabschiedete „Charta von Athen“ des
                      reichender Trinkwasserversorgung und pre-       einflussreichen schweizerisch-französischen
                      kärer Sicherheitslage.                          Architekten Le Corbusier, mit der dieser
                                                                      die Schaffung lebenswerter Wohn- und
                      Gleichzeitig herrscht in vielen Städten –       Arbeitsgebiete durch Trennung der verschie-
                      oder Stadtteilen – nie dagewesener Wohl-        denen städtischen Funktionsbereiche pro-
                      stand mit scheinbar grenzenlosem Konsum         pagierte, hatte diese Entwicklung begünstigt,
                      einer vom Individualismus geprägten             die in den 70er Jahren des vergangenen
                      Gesellschaft. Niemand wird ernsthaft glau-      Jahrhunderts mit dem Ideal der autogerech-
                      ben, dass sich der Trend zur Verstädterung      ten Stadt ihren Höhepunkt erreichte. Wohnen
                      aufhalten oder gar umkehren ließe. Es           im Grünen außerhalb der Stadt war so zum
                      kann daher nur darum gehen, die Urbani-         Trend geworden.
                      sierung nachhaltig zu gestalten.
                                                                      Die Folgen dieser sogenannten Suburbani-
                      Es versteht sich von selbst, dass die Städte    sierung sind unübersehbar: hoher Flächen-
                      der reichen, technologisch hochentwickelten     verbrauch, ständig steigendes Verkehrs-
                      Regionen der Welt dabei eine Vorreiterrolle     aufkommen, zunehmende Umweltbelastung
                      übernehmen sollten. Wenn eine ökologisch        und sterbende Innenstädte. Heute versucht
                      verträgliche, nachhaltige Urbanisierung über-   man diesen Fehlentwicklungen mit den
                      haupt möglich ist, dann sind sie es, die        neuen Leitbildern Ökologie und Nachhaltig-
                      zeigen könnten, wie es konkret funktionie-      keit zu begegnen, wie sie sich in den 80er
                      ren kann. Die Städte Mitteleuropas mit ihren    und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts heraus-
                      komplexen, manchmal auch chaotischen            gebildet haben. Wieder sind die Städteplaner
                      Strukturen müssten als eine Art „Labor“         gefordert.
                      dienen, um durch beispielhafte Architektur
                      und eine weitsichtige Verkehrspolitik ein-      Bislang ist von wirklichen Verbesserungen
                      schließlich neuer Mobilitätskonzepte auch       nur wenig zu spüren. Noch immer sprechen
                      anderswo die Entwicklung der Städte positiv     Experten von der aufgelösten Stadt und
                      zu beeinflussen.                                vermelden ein zunehmendes Wachstum der
                                                                      Städte. Längst ist sogar von Stadt- und
                      Dabei scheint es mir wichtig, dass wir          Metropolregionen die Rede.
                      uns vom traditionellen Bild der Stadt verab-
                      schieden. Die „richtige“ Stadt, wie wir         Wird sich diese Entwicklung umkehren
                      sie uns noch immer vorstellen, ist ein bau-     lassen? Oder werden wir die Definition des
                      lich verdichteter Raum innerhalb eindeutiger    Begriffes Stadt neu überdenken müssen? Wie
                      Grenzen. Einen solchen klar abgegrenzten        sieht in Zeiten weiter wuchernder Städte
                      Raum, der einmal als eindeutiges Kriterium      und zunehmender Ressourcenknappheit die
                      für Urbanität gegolten hat, gibt es heute nur   Stadt der Zukunft aus?
                      noch selten, denn mit Gewerbegebieten
18   E I N F ü H r U N G    D r .     L U T Z       S P A N D A U




                      In einer sich ständig verändernden Welt        In der Süddeutschen Zeitung vom 9. Dezem-
                      ist es notwendig, das „Modell Stadt“           ber 2010 schrieb Gerhard Matzig unter der
                      fortzuentwickeln. Dabei gilt es, die Balance   Überschrift „Kathedralen für das Übermor-
                      zu finden zwischen Wirtschaftswachstum         genland“ über Prof. Speer: „Albert Speer und
                      und Nachhaltigkeit, zwischen baulicher         seine Partner sind so etwas wie das grüne
                      Expansion und Bewahrung des historischen       Gewissen der Branche. Erst vor kurzem
                      Erbes, zwischen einem sprunghaften             haben sie ein Manifest für nachhaltige Stadt-
                      Anstieg des Flächenverbrauchs und neuen        planung in Buchform veröffentlicht.“ Weiter
                      Formen des Zusammenlebens, zwischen            heißt es: „Der deutschen Ingenieurskunst,
                      gestiegenen Ansprüchen in Bezug auf die        der man hierzulande eher misstraut, bietet
                      individuelle Mobilität und den Kapazitäts-     man anderswo gerade dort Baugrund an, wo
                      grenzen der Verkehrswege, zwischen den         es um anspruchvolle und zukunftsweisende
                      Generationen und zwischen den sich immer       Architektur geht. Wenn sich die Konzepte
                      stärker spaltenden sozialen Gruppen.           von Albert Speer und Partner z.B. in Katar als
                                                                     tragfähig erweisen sollten, wird man dies
                      Die Zukunft der Stadt wird also vor allem      vielleicht sogar in Stuttgart zur Kenntnis
                      davon abhängen, ob es gelingt, zu einem        nehmen.“
                      tragfähigen Ausgleich zu kommen zwischen
                      diesen und vielen anderen unterschiedlichen    Für Professor Speer rührt ein Hauptproblem
                      ökonomischen und ökologischen Interessen       der europäischen Städte – besonders der
                      und Bedürfnissen immer komplexer werden-       im zweiten Weltkrieg stark zerstörten – von
                      der Gesellschaften.                            den von Le Corbusier geprägten Planungs-
                                                                     prinzipien der „funktionalen Stadt“. Sie
                      Ob und – wenn ja – wie dies gehen kann,        hatten dazu geführt, dass in den 50er und
                      wollen wir mit unseren Experten disku-         60er Jahren an den Stadträndern und somit
                      tieren.                                        weit entfernt von den Innenstädten, wo die
                                                                     Menschen arbeiteten und einkauften,
                      Wir begrüßen Herrn Prof. Albert Speer,         Hoch- und Reihenhaussiedlungen errichtet
                      ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Stadt-   wurden. Das Entstehen solcher Schlafstädte
                      und Regionalplanung in Kaiserslautern und      in den Außenbezirken war eng verbunden
                      Gastprofessor an der ETH Zürich.               mit damaligen gesellschaftlichen Idealen, die
                                                                     längst ihre Gültigkeit verloren haben, da
                      Das Büro Albert Speer & Partner in Frank-      inzwischen auch auf dem Gebiet der Städte-
                      furt am Main beschäftigt mehr als 120          planung ein Paradigmenwechsel stattgefunden
                      Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an       hat. Wie sich nämlich zeigte, hat das Pendeln
                      Projekten in Ägypten, Aserbaidschan, China,    zwischen Wohnstätte und Arbeitsplatz öko-
                      Katar, Russland, der Türkei und auch in        nomisch wie ökologisch erhebliche negative
                      Deutschland arbeiten.                          Folgen. So kostet die individuelle Mobilität
                                                                     jeden Haushalt im Durchschnitt mehr als
                      Prof. Speer hat zahlreiche internationale      zwölf Prozent seines Nettoeinkommens – von
                      Auszeichnungen erhalten und Preise             den Umweltschäden infolge des hohen
                      gewonnen.                                      Spritverbrauchs und des damit verbundenen
                                                                     CO 2-Ausstoßes ganz zu schweigen.
19




Heute, so Prof. Speer, soll die Stadt der         Stadtentwicklungspläne,
Zukunft dem Wunsch der Menschen gerecht
werden, am selben Ort zu wohnen und               Leitpläne einschließlich Verkehrspläne,
zu arbeiten. Ihrem Bedürfnis, mit dem Nach-       Lärmminderungspläne, Pläne zur
barn auf dem Markt einen Schwatz halten           Entwicklung der Wirtschaft und des
zu können, anstatt auf mehrspurigen Straßen       Wohnungsbaus, Jugendhilfepläne,
aneinander vorbeizurauschen, soll wieder          Kulturentwicklungspläne und Klima-
stärker entsprochen werden.                       schutzprogramme,


Wir wollen die vier K’s – Kultur, Konsum,         Flächennutzungspläne,
Kita und Kontakte – wieder mitten in der
Stadt.                                            Bebauungspläne, Projekt- und Erschlie-
                                                  ßungspläne sowie
Lieber Herr Prof. Speer, ist die Stadt der
Zukunft ein Dorf? Wir freuen uns über Ihre        städtebauliche Rahmenpläne,
Teilnahme an den Benediktbeurer Gesprä-
chen und begrüßen Sie herzlich.                 um nur einige wenige zu nennen.


Machen wir uns nun auf den Weg in die           Herr Oberbürgermeister Dr. Salomon,
wundersame Öko-Stadt Freiburg im Breisgau:      vermag eine Stadtverwaltung angesichts
Hier regieren die Grünen, Häuser drehen         einer solchen Flut von Regulierungs-
sich schon seit Jahren zur Sonne und die        vorgaben den Bedürfnissen ihrer Bürger
Menschen sind volkstümlich grün. In Freiburg    überhaupt noch gerecht zu werden? Ist
erreichten die Grünen bei der Landtagswahl      es angesichts dieser Lage nicht unausweich-
am 27. März dieses Jahres 43 Prozent. Regiert   lich, dass die Bürger selbst aktiv Leitvor-
wird die Stadt seit 2002 von dem grünen         stellungen für die Entwicklung ihrer Städte
Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon.           diskutieren und entwerfen nach dem
                                                Motto „Lebst du nur oder machst du schon
Vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister           mit?“ Ist es vor diesem Hintergrund nicht
war Dr. Salomon Abgeordneter im Landtag         alles andere als ermutigend, dass „Wut-
von Baden-Württemberg und Vorsitzender          bürger“ zum Wort des Jahres ernannt
der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen.             wurde? Wie lässt sich eine Stadt unter
Dr. Salomon ist Pragmatiker. Manche sehen       solchen Bedingungen in und mit unserer
in ihm gar einen grünen Technokraten.           heutigen Gesellschaft noch entwickeln?


Vielleicht muss man Technokrat sein,            Kurz: Haben unsere Städte überhaupt
um überhaupt noch den Überblick behalten        noch eine Zukunft? Wir freuen uns,
zu können über die zahlreichen, bei der         von Ihnen mehr über diese Probleme zu
Entwicklung unserer Städte zu berücksich-       hören – und hoffentlich auch von den
tigenden behördlichen Vorgaben und ver-         Möglichkeiten, sie zu lösen – und begrüßen
waltungstechnischen Instrumente als             Sie herzlich hier in Benediktbeuern.
da sind:
20   E I N F ü H r U N G    D r .      L U T Z       S P A N D A U




                      Unsere Volksvertreter seien überfordert          Er fordert ein Ende der aus seiner Sicht
                      und zu sehr mit ihrem Kampf ums politische       unsäglichen Kombination aus Expertokratie
                      Überleben beschäftigt. Da die Kaste der          und Politik. Expertokratie bedeutet für
                      Politiker für Idealisten und Visionäre keinen    ihn, dass technokratische Planer festlegen,
                      Platz mehr habe, müsse der Anstoß von            was notwendig ist, dies dann an die Politiker
                      außen kommen, von einer neuen außerparla-        weitergeben, welche es nun ihrerseits auf
                      mentarischen Opposition – einer Art netz-        gesetzgeberischem Wege durchdrücken und
                      unterstützten APO 2.0, meinte der Soziologe      dann staunen, dass die Leute nicht wollen,
                      und Sozialpsychologe Prof. Dr. Harald            was ihnen da vor die Nase gesetzt wird.
                      Welzer auf der Utopia-Konferenz im Sep-
                      tember 2010.                                     Dies provoziert natürlich die Frage, wie
                                                                       heute überhaupt noch Projekte realisierbar
                      Prof. Welzer lehrt Sozialpsychologie an          sein sollen. Können Bürgerinnen und Bürger
                      der Universität Witten/Herdecke und leitet       wirklich die Experten ersetzen? Lässt sich
                      am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen       unter solchen Bedingungen die Stadt von
                      das Zentrum für interdisziplinäre Gedächtnis-    morgen überhaupt entwickeln? Wie könnte
                      forschung. Prof. Welzer forscht, um Fragen       die Planung und Entwicklung unserer Städte
                      zu beantworten – brisante und aktuelle           durch ein Zusammenspiel von Experten,
                      Fragen. Letztendlich, sagt er, betreibe er ein   Verwaltung und Bürgern gelingen?
                      Laboratorium der Gegenwart und der
                      Zukunft.                                         Wir freuen uns, mit Ihnen darüber diskutieren
                                                                       zu können und begrüßen Sie, Herr Prof.
                      Prof. Welzer sieht, dass die Bürger unserer      Welzer, herzlich hier bei den Benediktbeurer
                      Republik in verschiedenen Bereichen              Gesprächen.
                      dagegen zu protestieren beginnen, dass ihnen
                      Entscheidungen aufoktroyiert werden, die         Wie Herr Prof. Stolte bereits erwähnte,
                      mitzutragen sie nicht bereit ist. Zu der bei     hat Herr Matzig seine Teilnahme an unserer
                      Planungsprozessen üblichen Moderation, die       Veranstaltung kurzfristig abgesagt: Einer
                      oft zum Ziel hat „den Bürger mitzunehmen“,       Kehlkopfentzündung wegen kann er heute
                      bemerkte er in einem Interview über die          leider nicht kommen. Ich habe also die
                      Auseinandersetzung um das Projekt „Stutt-        Aufgabe, Ihnen – nach dem Vorbild Hannibals,
                      gart 21“ in der taz vom 23. Oktober 2010         der bei der Überquerung der Alpen gesagt
                      kritisch: „Ich zum Beispiel will von niemanden   haben soll: „Entweder wir finden einen Weg
                      mitgenommen werden. Bürger wollen Dinge          oder wir bauen einen“ – spätestens bis zum
                      beurteilen und Folgen von Entscheidungen         Beginn der Diskussion eine Lösung zu
                      für ihre eigene Gegenwart und Zukunft            präsentieren. Und ich verspreche Ihnen: Ich
                      abschätzen, das ist mehr als legitim. Die        werde eine finden.
                      Schlussfolgerung daraus ist, dass man sie von
                      Anfang an partizipieren lassen muss.“            Sinngemäß vertritt Herr Matzig in verschie-
                                                                       denen Beiträgen in der Süddeutschen Zeitung
                                                                       folgende Thesen: „Wenn wir heute über
                                                                       die Stadt von morgen diskutieren, geht es
21




nicht nur um München, Garmisch und
Olympia, es geht nicht nur um den Stuttgarter
Bahnhof, den Wiederaufbau des Berliner
Stadtschlosses, die Hamburger Elbphilhar-
monie oder die Dresdener Waldschlösschen-
Brücke, und es geht auch nicht nur um
Hochhäuser und Windkraftanlagen.


Es geht um weit mehr: Es geht um Revolte,
Bürgerbegehren und die Renaissance des
Außerparlamentarischen – und damit um
einen allmählich fast gespenstisch anmutenden
modernen Widerspruchsgeist, der einer
neuen Verdrossenheit entspringt.


Was hat sich geändert? Warum stoßen
Innovationen und Visionen heute auf soviel
Ablehnung? Warum misstraut man dem
Machbaren, dem Wandel, dem Neuen?


Es ist kaum zu bezweifeln, dass Fragen
der Nachhaltigkeit inzwischen nahezu alle
anderen Themen verdrängen. Wenn wir
wegen dieser grundsätzlichen Bedenken aber
jeglicher Euphorie für andere Dinge verlustig
gehen, werden wir kaum in der Lage sein,
Lösungen für die Probleme der Zukunft zu
finden – nicht einmal für die, die wir selbst
im Glauben an die Zukunft verursacht
haben.“


Ich denke, wir dürfen uns auf ebenso
spannende wie kontroverse Diskussions-
beiträge freuen. Lassen Sie uns keine
Zeit verlieren, lassen Sie uns einsteigen in
die Benediktbeurer Gespräche der Allianz
Umweltstiftung zum Thema „Die Stadt
von morgen wird durch den gebaut, der
sie neu zu denken wagt“.
V o r T r A G        P r o F .      A L B E r T        S P E E r      23




„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,

D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“

Vortrag von Prof. Albert Speer, Architekt, Albert Speer & Partner,

Frankfurt.




                         Meine sehr verehrten Damen und Herren,


                         zunächst möchte ich mich herzlich für die
                         heutige Einladung bedanken. Ich bedanke
                         mich bei Pater Geißinger, der in seiner
                         Begrüßungsansprache bereits ganz Wesent-
                         liches zum Thema gesagt hat, bei meinem
                         Freund und Weggenossen Dieter Stolte und
                         bei Herrn Dr. Spandau, der das Thema            nologien abgelesen werden kann, ist
                         weit geöffnet hat, so dass es für mich nicht    ein wesentliches Thema. Eben zu diesen
                         leicht werden wird, diese Bandbreite von        Umbrüchen gehört auch das Thema des
                         Aspekten in den mir zur Verfügung stehen-       heutigen Tages: neu denken. Genauso gehört
                         den 20 Minuten aufzugreifen. Es kann mir        aber auch die Geschichte, die Vergangenheit
                         nicht umfassend gelingen, weil „die Stadt“      dazu, also das, was die Menschen früher
                         als Thema einfach zu groß und zu vielschich-    gedacht haben. Eine der großen Herausforde-
                         tig ist. Wie Sie bereits wissen, sind mein      rungen der heutigen Epoche ist, dass man
                         Büro und ich in vielen Ländern dieser Erde      diese beiden Teile, Vergangenheit und sich
                         tätig und wir konnten dabei viele unter-        rasant wandelnde Gegenwart, zusammen
                         schiedliche Erfahrungen sammeln. Wegen          „denken“ muss.
                         der begrenzten Vortragszeit kann ich leider
                         nur einzelne Stücke dieses über Jahrzehnte      Beginnen möchte ich mit einem Zitat aus
                         angehäuften Schatzes erörtern und nicht         einem Aufsatz des bekannten deutschen
                         über die vielfältigen Entwicklungen reden,      Hirnforschers Prof. Dr. Wolf Singer mit dem
                         die aktuell in der ganzen Welt stattfinden.     Titel „Die Architektur des Gehirns als Modell
                         Ich werde mich daher auf einige wenige,         für komplexe Stadtstrukturen?“ Ich habe
                         wesentliche Bereiche konzentrieren.             mich des Öfteren mit Prof. Singer, der in
                                                                         Frankfurt forscht, über dieses Thema unter-
                         Bei dem bisher Gesagten wurde eines             halten. Er sagt, dass beide Systeme, das
                         bereits ganz klar: Die Menschheit befindet      Gehirn und die Stadt, aus einer Vielzahl eng
                         sich in einer Phase rasanten Umbruchs.          miteinander verknüpfter Komponenten
                         Die Geschwindigkeit selber, mit der sich        bestehen, die in hoch dynamischer Weise
                         die Welt heute verändert und die beispiels-     miteinander interagieren.
                         weise an der rasanten Entwicklung der
                         Kommunikations- und Informationstech-
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                      Beide Systeme seien das Ergebnis eines            Ich habe einmal den Begriff der „intel-
                      Entwicklungsprozesses, der im Wesentlichen        ligenten Stadt“ geprägt. Damit meine ich,
                      auf Prinzipien der Selbstorganisation beruht.     dass wir in unseren Siedlungen mit allen
                      Weder Stadt noch Gehirn entstünden nach           zur Verfügung stehenden Ressourcen intelli-
                      einem bis in die Einzelheiten ausgearbeiteten     gent und den sich verändernden Situationen
                      Plan. Beide Systeme wachsen und ihr Wachs-        angepasst, also flexibel umgehen. Dabei
                      tum werde im Wesentlichen von lokalen             müssen wir sowohl Chancen und Möglich-
                      Interaktionen koordiniert. Es scheine, als ob     keiten als auch die Probleme, die in den
                      sich komplexe Systeme – wenn ihre konstitu-       nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen,
                      ierenden Elemente eine kritische Zahl             wegen der langen Reaktionszeiten bei der
                      überschreiten – nach immer gleichen Prinzi-       Veränderung gebauter Strukturen früh-
                      pien selbst organisierten und damit Stabilität    zeitig erkennen. Ich denke, dass wir dies
                      erlangten.                                        bislang bei weitem nicht intelligent genug
                                                                        tun. Dies gilt für die Städte überall auf
                      Dieses Doppelbild liefert auf die Stadt           der Welt.
                      bezogen eine wunderschöne und treffende
                      Zusammenfassung unserer Problematik:              Ich bin der Überzeugung, dass wir alle
                      Die Stadt ist ein lebendiger, sich ständig ver-   beim Umgang mit den Themen „Klimawandel“
                      ändernder Organismus, der nicht bis in alle       und „nachhaltiges Wirtschaften“ nicht konse-
                      Einzelheiten planbar ist. Die Rolle der           quent genug sind, und das nicht, weil wir
                      Stadtplaner ist daher auch nur ein Faktor         es nicht könnten, sondern weil unsere
                      unter vielen anderen. Ich habe schon immer        Organisationsstrukturen es nicht hinreichend
                      behauptet, dass die Bedeutung von Planung         fordern oder womöglich gar nicht zulassen.
                      und Architektur in unserer Gesellschaft           Die Veränderung unserer Lebensbedingungen,
                      und in den Medien im Vergleich zu ihrem           die Anpassung unserer Lebensweise an die
                      tatsächlichen Einfluss auf die Entwicklung        Rahmenbedingungen der heutigen Welt durch
                      unserer Lebensumstände maßlos über-               effizientere Nutzung von Energiereserven
                      schätzt wird.                                     und Ressourcen beginnt mit der Städtepla-
                                                                        nung und wirkt sich von dort ausgehend auf
                      Planung und Architektur haben – wenn              alle anderen Bereiche aus. Hier könnte sehr
                      man sie in der Gesamtheit der Faktoren ein-       viel mehr getan werden, als wir heute tun.
                      ordnet, die im Entwicklungsprozess der            Dafür, dass dies nicht geschieht, gibt es viele
                      Stadt eine Rolle spielen – vielleicht einen       Gründe.
                      Anteil von fünf Prozent. Planung ist
                      eben nur die Beratung zu Prozessen und            Um mehr tun zu können, brauchen wir
                      Entscheidungen, die dann unter dem Einfluss       ein neues Denken in Gesellschafts- und Wirt-
                      von Wirtschaft, Politik und anderen gesell-       schaftspolitik. Die Entwicklungsdynamik in
                      schaftlichen Kräften umgesetzt werden.            Wirtschaft und Wissenschaft dank weltweiter
                      Insofern sind Planer als Dienstleister aber       Kooperation, ermöglicht durch den Einsatz
                      durchaus auch wichtig, und das nicht              immer schnellerer, den ganzen Globus
                      nur für die bauliche Zukunft unserer Städte.      umspannender Kommunikationsmittel, eröff-
                      Sie beeinflussen im Erfolgsfall auch die          net ungeheure Chancen. Wenn ich mich
                      Lebensweise der Bewohner.
25




beispielsweise mit unseren Kollegen in China      keit und Flexibilität er mit Hilfe dieses
über eine wichtige Detailfrage im Zusam-          Werkzeugs ein Problem lösen kann. Das hat
menhang mit einem Projekt in Shanghai aus-        große Vorteile, aber eben auch einen unge-
tausche, ist dies in Sekundenschnelle getan.      heueren Nachteil: Die hohe Geschwindigkeit
Die Technologien, die dies ermöglichen, sind      und die Beliebigkeit der Planänderungen
also gewiss ein großer Segen – aber sie           zwingen nicht mehr zum fundierten Nach-
haben auch einen entscheidenden Nachteil:         denken. Alles wird austauschbar. Es funktio-
Sie lassen uns nicht mehr genügend Zeit, um       niert sehr einfach, aber die Resultate
über die wesentlichen Dinge nachzudenken.         erscheinen oft viel weniger durchdacht. Mehr
Eigentlich geht alles zu einfach. Wir werden      Technik bedeutet bei allen Möglichkeiten
nicht schnell, sondern hastig.                    also nicht in jedem Fall „neues Denken“.


Ich selbst kann mit diesen Techniken              Ganz ähnlich verhält es sich mit der
kaum umgehen. Ich habe nicht einmal ein           erhofften Energie- und Ressourceneinsparung
Handy – und komme so hervorragend                 durch neue Technik: Die oft als Lösung der
zurecht. Allerdings nur deshalb, weil es          Umweltprobleme angeführte Entkoppelung
hinter mir genug Menschen gibt, die               von Verbrauch und Produktion durch
mit diesen Medien umgehen können. Mir             technologischen Fortschritt findet tatsächlich
aber schafft die Abstinenz eine gewisse           statt. Die Einsparungen werden allerdings
Freiheit.                                         durch steigenden Konsum aufgefressen und
                                                  oft sogar überkompensiert. Und selbst wenn
Vor vielen Jahren, als es noch keine              wir nur unsere liebgewonnenen Standards
Computer gab, hatte ich mir angewöhnt,            halten, wird das Wohlstandsstreben von bald
an den Wochenenden durch das Büro zu              neun Milliarden Erdbewohnern auch trotz
gehen und zu einzelnen Projekten für deren        noch so großem technischen Fortschritt das
jeweilige Bearbeiter schriftliche Anmer-          System an den Anschlag bringen. Wirklich
kungen zu hinterlassen. Diese wurden von          nachhaltig kann deshalb nur ein Lebensstil
meinen Mitarbeitern „Liebesbriefe“ genannt.       ohne Konsumzuwachs sein, bei dem das Wohl-
Wer am Montag auf seinem Schreibtisch             ergehen des Einzelnen auf anderen als
keine Notiz vorfand war traurig, weil ich         materiellen Werten fußt.
mich offenbar um sein Projekt nicht geküm-
mert hatte. Auf diese Weise entstand eine         Zu den modernen Fehlentwicklungen
Zusammenarbeit, die auch optisch nachvoll-        gehört auch, dass wir viel zu schnell – und
ziehbar war.                                      das kennzeichnet zu einem Gutteil die Archi-
                                                  tekturgeschichte der Neuzeit – der Meinung
Heute gehe ich am Wochenende nicht                waren, wir müssten uns um die Historie
mehr ins Büro, denn ich finde dort die Arbeits-   und den Charakter einer Stadt überhaupt
stände nicht mehr physisch vor. Die Schreib-      keine Gedanken mehr machen. Die Architek-
tische sind leer, die gesamte Arbeit versteckt    tur präge einen neuen Menschen und der
sich im Computer. Wenn ich heute zu               neue Mensch lebe in einer anderen, technik-
einem Mitarbeiter gehe und mit ihm am Bild-       orientierten Welt ohne Geschichte.
schirm ein Thema diskutiere, bin ich immer
wieder erstaunt, mit welcher Geschwindig-
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                      Heute haben wir gelernt, dass in einer            Kühlung mittels Durchlüftung der Straßen
                      Welt, in der die Anforderungen an die Archi-      und Beschattung von Gebäuden wieder-
                      tektur immer ähnlicher werden – eine Küche        zubeleben, um deren Aufheizen unter der
                      in China hat die gleiche Größenordnung            Wüstensonne zu verhindern. Diese Prinzipien
                      und Ausstattung wie eine Küche in Europa          haben wir vor 35 Jahren in unserer Diplo-
                      oder den USA – Charakter und Flair einer          matenstadt von Riad in Saudi Arabien auch
                      Stadt für das urbane Leben künftig eine           schon erfolgreich angewandt, obgleich schon
                      viel größere Rolle spielen werden als die         damals und noch bis heute aufwändig klima-
                      Architektur. Ich versuche bei unseren Pro-        tisierte Glaspaläste in die Wüste gebaut
                      jekten stets, die Besonderheit und Einmalig-      wurden.
                      keit einer Stadt, die sich aus Kultur, Land-
                      schaft und Klima sowie den unterschiedlichen      Ich möchte betonen, dass „neues Denken“
                      gesellschaftlichen, religiösen und wirtschaft-    auch beinhalten muss, dass wir die Bevölke-
                      lichen Faktoren ergibt, in den Mittelpunkt        rung an der Entwicklung unserer Städte
                      unserer Planungen zu stellen.                     beteiligen. Wir müssen die Dinge mit den
                                                                        Menschen gemeinsam erarbeiten und sie
                      Wir sind in China nicht zuletzt deshalb           nicht erst nachträglich über Entscheidungen
                      erfolgreich, weil wir als eines der ersten aus-   informieren, die über ihre Köpfe hinweg
                      ländischen Architekturbüros die chinesische       getroffenen wurden. Bei zwei unserer Pro-
                      Stadtgeschichte studiert haben. Dabei             jekte in Köln und in München haben wir mit
                      entdeckten wir Prinzipien, die so modern          ernst genommener Partizipation viel erreicht.
                      und nachhaltig sind, dass wir sie zur Grund-      Das Projekt „Stuttgart 21“ hingegen ist aus
                      lage neuer Entwürfe machten. Auch die             meiner Sicht das erschreckendste Misslingen
                      für ihre enorme Lernfähigkeit bekannten           einer Planung in den letzten Jahren. Es
                      Chinesen berücksichtigen sie bei ihren            darf einfach nicht sein, dass man trotz
                      eigenen Arbeiten heute wieder viel stärker        Einhaltung aller vorgeschriebener formeller
                      als dies noch vor wenigen Jahren der Fall         Beteiligungsverfahren erst nach 15 Jahren
                      war. Ich bin fest davon überzeugt, dass           Planung anfängt, ernsthaft mit der Bevölke-
                      wir unsere Denkfaulheit und unser blindes         rung über Sinn und Nutzen eines solchen
                      Vertrauen in die modernen Technologien            Vorhabens ins Gespräch zu kommen.
                      überwinden und zum Nachdenken zurück-
                      kehren sollten.                                   Ich habe einmal den – zugegeben – wohl
                                                                        etwas utopischen und rein rechtlich leider
                      In unser neues Nachdenken müssen                  kaum praktikablen Vorschlag gemacht,
                      auch die aus dem Studium der Geschichte           dass man in Deutschland bei großen städte-
                      gewonnenen Erfahrungen einfließen.                baulich relevanten Maßnahmen die Suche
                      Von Prof. Stolte wurde bereits die Modell-        nach einem Konsens über ein Projekt
                      stadt Masdar in Abu Dhabi erwähnt. Dort           gesetzlich auf höchstens fünf Jahre begren-
                      wird nicht nur versucht, eine hypermoderne,       zen sollte. Reicht dieser Zeitraum nicht aus,
                      mustergültige neue Stadt ohne CO 2-Emis-          ist das Projekt abzubrechen. Alles andere
                      sionen zu bauen. Es wird auch versucht,           ist den Menschen nicht zumutbar.
                      uralte arabische Methoden der natürlichen
V o r T r A G           P r o F .        A L B E r T   S P E E r   29




In diesem Zusammenhang hört man –             Stadt München und den Münchner Vereinen
auch von Politikern – immer wieder, dass      FC Bayern und TSV 1860 ein auf ein Drei-
die Bürger daran schuld seien, dass Pro-      vierteljahr angesetztes Verfahren entwickelt
jekte lange verschleppt werden. Ich bin da    und dabei 28 Standorte untersucht. Am
vollkommen anderer Meinung: Schuld            Ende blieben zunächst zwei Standorte übrig
sind unsere komplexen, die Bevölkerung        und wir erreichten einen fast einstimmigen
nur minimal einbeziehenden Beteiligungs-      Beschluss des Stadtrates für Freimann, wo
verfahren. Man müsste sie ganz anders         das Stadion dann auch gebaut wurde. Wir
aufziehen. Bürgerentscheide aber – das        haben der Stadt München geraten, nicht zu
vorweg – sind dabei alleine auch nicht aus-   warten, bis kritische Bürgerinitiativen –
reichend, obwohl uns das einige gesell-       die es bei jedem Großvorhaben gibt – einen
schaftliche Kräfte glauben machen wollen.     Bürgerentscheid fordern, sondern selber eine
Stadtentwicklung ist in der Regel zu kom-     Abstimmung durchzuführen. Dazu gehörte
plex, um auf eine Ja/Nein-Entscheidung        selbstverständlich auch eine Art Wahlkampf,
reduziert zu werden.                          an dessen Organisation wir beteiligt waren.
                                              Zum allgemeinen Erstaunen waren dabei
Bei unserem Masterplan für Köln haben         über 65 Prozent aller abgegebenen Stimmen
wir das Prinzip der Partizipation beispiel-   für den Standort – bei einer Rekord-Wahl-
haft und sehr ernsthaft angewendet. Bei der   beteiligung von fast 40 Prozent. Damit war
Planung für die gesamte Innenstadt wurden     die Diskussion beendet.
sämtliche relevanten gesellschaftlichen
Gruppen über ein Jahr in den Arbeitsprozess   Wie dieses Beispiel zeigt, muss der Bau
eingebunden. Am Ende hatten wir einen         eines Stadions – und dabei geht es ja nicht
stabilen Konsens für unsere Vision zur        allein um die Arena, sondern auch um neue
„Kölner Innenstadt“ für die nächsten 20 bis   Autobahn- und U-Bahn-Anschlüsse, die
30 Jahre erreicht, die nun allmählich umge-   Verlegung von Industriearealen und vieles
setzt wird. Die Länge unserer Genehmigungs-   andere mehr – nach allen demokratischen
verfahren liegt also nicht an der Beteili-    Regeln der administrativen Kunst gesteuert
gung der Bürger, sondern an der mangelnden    werden, um alle Verfahrens-Hürden zu
Effizienz unserer Verwaltungen und politi-    nehmen. Und das ist uns bei der Allianz
schen Strukturen begründet. Wenn die          Arena innerhalb von nur zwei Jahren gelun-
Verfahren von Anfang an besser organisiert    gen – unter Einhaltung sämtlicher juristischer
und strukturiert werden, funktioniert         und gesellschaftlicher Regeln. Nach gerade
es auch.                                      einmal vier Jahren Bauzeit war das Stadion
                                              fertig. Warum ist das gelungen? Weil Deutsch-
Ein weiteres positives Beispiel ist die       land im Jahr darauf die Fußball-Weltmeister-
Allianz Arena in München. Der Bau eines       schaft ausgerichtet hat. Dies beweist,
neuen Fußballstadions für München war         dass es sehr wohl möglich ist, ein derart
zunächst heiß umstritten. Der Oberbürger-     großes Projekt unter Einbeziehung aller
meister und die Stadtverwaltung waren         relevanten Gruppen in so kurzer Zeit zu rea-
überzeugt, außer dem Olympiastadion gäbe      lisieren. An den notwendigen Fähigkeiten
es überhaupt keinen geeigneten Standort.      dafür fehlt es nicht. Wir setzen sie nur meist
Wir haben dann für die Suche nach alter-      nicht ein.
nativen Möglichkeiten gemeinsam mit der
V o r T r A G           D r .   D I E T E r        S A L o M o N        31




„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,

D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“

Vortrag von Dr. Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt

Freiburg im Breisgau.




                         Meine sehr verehrten Damen und Herren,


                         ich freue mich, dass ich Ihnen heute eini-
                         ges über die Stadt Freiburg erzählen und dies
                         dann in den Kontext des Tagungsthemas
                         stellen kann. Vor einigen Wochen habe ich
                         Herrn Dr. Spandau gefragt, worüber ich
                         denn in Benediktbeuern referieren solle.
                         Dr. Spandau meinte daraufhin, ich solle ein-      Unsere Demokratie ist im Vergleich mit
                         fach erzählen, wie ich mir das Freiburg der       dem chinesischen System sicherlich sehr
                         Zukunft vorstelle.                                langsam. Wenn wir unseren bisherigen
                                                                           Umgang mit der Atomkraft jetzt im gesell-
                         Und jetzt spricht Dr. Spandau hier von            schaftlichen Konsens korrigieren, ist
                         Megacities in Asien und Afrika, von globalen      unser System sogar ein – ich sage das mit
                         Entwicklungen im Städtebau. Was hat das           aller Vorsicht – fehlerfreundliches System.
                         alles mit dem kleinen Freiburg zu tun?            Zumindest wird demokratisch entschie-
                         Prof. Speer habe ich im letzten Herbst in         den, in welche Richtung es gehen soll.
                         Shanghai getroffen, wo wir mit chinesischen
                         Städteplanern über deren Vorstellung von          Zurück zu Freiburg. Die Stadt hat
                         den Städten der Zukunft diskutieren durften.      220.000 Einwohner. Shanghai hingegen
                         Der Unterschied zwischen China und                hat so viele Einwohner wie ganz Nord-
                         Freiburg – oder Deutschland – ist groß.           rhein-Westfalen. Es drängt sich die Frage
                                                                           auf, was die beiden Städte eigentlich
                         Dort gibt es vielleicht auch Wutbürger,           miteinander gemein haben. Kann man sie
                         aber diese dürfen sich nicht artikulieren.        überhaupt miteinander vergleichen?
                         Dort gibt es keine Zivilgesellschaft.
                         Bürgerbeteiligung sieht dort – überspitzt         Dennoch gibt es etwas, das alle Städte
                         formuliert – folgendermaßen aus: Morgens          der Welt gemeinsam haben: den hohen
                         klopft jemand an die Tür und teilt mit,           CO 2 -Ausstoß. Zusammen produzieren
                         dass man bis zum Abend ausziehen muss,            sie 80 Prozent aller CO 2 -Emissionen.
                         weil ein neues Stadtviertel errichtet             Will man für dieses Problem eine Lösung
                         wird.                                             finden, dann muss sie aus den Städten
                                                                           kommen.
32   V o r T r A G   D r .    D I E T E r        S A L o M o N




                      Ich hatte die Gelegenheit, beim Klima-          Nicht nur unsere Staatsform, die Demo-
                      Gipfel in Kopenhagen dabeizusein, denn          kratie – ich erinnere an die griechische Polis
                      im Rahmen der Veranstaltung gab es              der Antike – hat sich in Städten entwickelt.
                      auch ein Treffen von Bürgermeistern. Auf        Später, im Mittelalter, waren vor allem die
                      einer Podiumsveranstaltung habe ich Arnold      weitgehend unabhängigen Städte fortschritt-
                      Schwarzenegger erlebt, den ehemaligen           lich und wohlhabend. Sie kennen den
                      Gouverneur von Kalifornien. Er sagte –          Spruch: Stadtluft macht frei – und zwar
                      noch bevor der Gipfel gescheitert war –,        innerhalb der Stadtmauern und nicht außer-
                      er könne sich nicht vorstellen, dass sich       halb. Oder denken Sie an die oberitalieni-
                      194 Nationen auf einen gemeinsamen Plan         schen Städte der Renaissance und an die
                      würden einigen können. Darauf könne             der Hanse im Norden, die von Landesherren
                      man lange warten. Aber auch wenn es nicht       unabhängig Handel trieben. Schon früher
                      ginge, müsse man es zumindest versuchen.        waren Probleme, die in Städten entstanden,
                      Dazu müsse man allerdings von unten             immer nur durch Anstrengungen der Städte
                      beginnen, in den Städten, in den Regionen.      selbst lösbar.
                      Darauf gab es heftigen Beifall – kein Wunder,
                      schließlich saßen viele Bürgermeister im        Städte sind sehr unterschiedlich. Auch
                      Publikum.                                       wenn bei Ihren Einführungsworten, lieber
                                                                      Herr Dr. Spandau, ein leicht ironischer
                      Ich bin in verschiedenen Gremien tätig,         Unterton nicht zu überhören war: Freiburg
                      darunter auch in weltweiten Städtenetzen        ist nicht das kleine gallische Dorf. Dass
                      für Nachhaltigkeit. Unter anderem bin           bei der letzten Landtagswahl 43 Prozent
                      ich im Vorstand von ICLEI (International        Grün gewählt haben, heißt ja nicht, dass die
                      Council for Local Environmental Initiatives),   Stadt deshalb anders ist als andere. Wir sind
                      dem Internationalen Rat für kommunale           eine kleine Großstadt. Wir stehen an der
                      Umweltinitiativen. Wir alle haben schon in      34. Stelle der Liste der größten Städte
                      der Schule die Regel gelernt: Du darfst nicht   Deutschlands. Als ich 2002 gewählt wurde,
                      abschreiben. Wer es dennoch tut, wird           standen wir an der 40. Stelle. Wir sind also
                      bestraft. Bei der Stadtentwicklung gilt sie     gewachsen, während andere geschrumpft
                      nicht. Hier darf man sich hemmungslos bei       sind. In Westeuropa stehen wir grundsätz-
                      dem bedienen, was andere besser machen          lich vor dem Problem, dass die meisten
                      als man selbst. Man muss nur darauf achten,     Städte schrumpfen. Im Rest der Welt hin-
                      dass das, was andere vorgedacht und viel-       gegen wachsen sie.
                      leicht sogar schon umgesetzt haben, auch
                      auf die eigenen Probleme übertragbar ist. Das   Die Bevölkerung Europas schrumpft.
                      ist der Wettbewerb um die besten Lösungen.      Die europäischen Städte werden also nicht
                                                                      maßlos wachsen. Die Städte werden wohl
                      Deshalb müssen die Lösungen aus den             auch in der Zukunft ähnlich aussehen
                      Städten heraus kommen – auch wenn sie           wie heute. Aber sie müssen sich verändern.
                      im einzelnen sehr unterschiedlich sein          Wir müssen innerhalb des Bestehenden
                      können. Städte waren immer schon Keim-          umbauen. Um dies bewerkstelligen zu
                      zellen für Fortschritt und Umgestaltung.        können, brauchen wir Visionen.
V o r T r A G         D r .      D I E T E r    S A L o M o N   35




Was aber ist eine Vision? Helmut Schmidt         Verwaltungsbereiche Energie, Verkehr,
hat einmal gesagt: Wer Visionen hat, soll        Bauen und Soziales zusammenführt.
zum Arzt gehen. Das würde ich so nicht           Wie in vielen anderen Städten ist auch in
unterschreiben. Gewiss, viele Ideen haben        Freiburg eine Tendenz zur Reurbanisierung
mit der Wirklichkeit nichts zu tun und           zu beobachten. Immer mehr Menschen,
lassen sich auch nicht verwirklichen. Aber       die in den 60er und 70er Jahren in die
es gibt nicht nur negative, sondern auch         Vororte – in die sogenannten Speckgürtel –
positive Visionen.                               gezogen sind, kehren im fortgeschrittenen
                                                 Alter in die Innenstädte zurück, also
Alexander Mitscherlich, der große Frank-         dorthin, wo es eine urbane Infrastruktur
furter Soziologe, hat in den 60er Jahren des     mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Theatern,
vorigen Jahrhunderts ein Buch geschrieben        Kinos, Ärzten, Krankenhäusern, Volkshoch-
über „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“.        schulen usw. gibt.
Darin ging er davon aus, dass die Architektur
die Menschen prägt, und dass die Städte die      Freiburg ist eine Stadt, die in den letzten
Menschen krank machen – eine Horrorvision.       Jahren ständig gewachsen ist. Zuerst hat sich
Dem stelle ich eine positive Vision gegen-       der Osten der Bundesrepublik stark entvöl-
über wie die von Prof. Speer, die auch jeder     kert, dann teilweise der Norden. Aber auch
Oberbürgermeister haben sollte, der seine        wir im Süden und Südwesten werden nur
Stadt voranbringen möchte. Sie geht aus von      noch wenige Jahre wachsen. Der demogra-
der Erkenntnis, dass es der Mensch selbst        phische Wandel wird für uns die nächste
ist, der die Städte gestaltet und prägt.         Herausforderung sein. Wie werden Lösungen
Ausgangspunkt kann also nicht die Architek-      finden müssen für die Probleme, die sich
tur sein. Sie darf nicht zum Selbstzweck         daraus ergeben, dass die Menschen immer
werden, sondern muss dem Ziel dienen, den        älter und der Anteil der Alten an der Bevöl-
Menschen ein Stadtleben – Wohnen, Arbeiten,      kerung immer größer wird. Zugleich werden
Einkaufen und Freizeitgestaltung – zu ermög-     wir einen Umbau unserer Städte bewerk-
lichen, das sie eben nicht krank macht.          stelligen müssen.


Eine – wenn nicht die – Hauptforderung           Freiburg ist – auch wenn es 2010 von
für die Entwicklung aller Städte heißt: Sie      der Deutschen Umwelthilfe zur „Bundes-
müssen nachhaltig werden. Während der            hauptstadt des Klimaschutzes“ gewählt
letzten drei Tage fand in Stuttgart die Haupt-   wurde – kein Öko-Disneyland. Vielleicht
versammlung des Deutschen Städtetages            sind wir durch unsere ökologische Ausrich-
statt, in deren Rahmen ich ein Forum mit         tung in einer etwas besseren Lage als
dem Titel „Die Zukunft der Stadt ist nach-       andere Städte, aber auch wir befinden uns
haltig“ leiten durfte.                           in einem Umgestaltungsprozess, der noch
                                                 viele Jahre in Anspruch nehmen wird.
Dabei ging es um das Thema integrierte           Wir haben den großen Vorteil – und das
Stadtentwicklung, also darum, dass es allein     mag mit den 43 Prozent für die Grünen
schon aus Gründen des Klimaschutzes einer        zusammenhängen –, dass unserer Bürger
Politik bedarf, welche die unterschiedlichen     bereit sind, diesen Wandel mitzugehen.
36   V o r T r A G   D r .       D I E T E r     S A L o M o N




                      In einer demokratischen Gesellschaft ist        ohne ständig in die Fläche zu wachsen.
                      Bürgerbeteiligung schließlich Voraussetzung     Darüber wurde mit großer Bürgerbeteiligung
                      für gesellschaftlichen Wandel. Unser Image      diskutiert. Als ich ins Amt kam, wurde eine
                      als „Green City“ und die jährlich 25.000        Arbeitsgruppe gebildet, die diese Diskussion
                      Besucher aus aller Welt, welche die beiden      so lange moderiert hat, bis von 200 hoch-
                      neuen, integriert gebauten Stadtteile besich-   umstrittenen Flächen nur noch drei oder vier
                      tigen, bestätigen uns jedenfalls in unserer     strittig waren. Alle anderen wurden ein-
                      Politik.                                        stimmig akzeptiert. Seither gibt es über diesen
                                                                      Flächennutzungsplan keinen Streit mehr,
                      In den 60er Jahren herrschte in Freiburg        denn alle Beteiligten haben von Anfang an
                      Wohnungsnot. In der Folge wurden neue           mitgesprochen.
                      Stadtviertel aus Hochhäusern auf die grüne
                      Wiese gebaut – ohne jegliche Infrastruktur,     Ein solches Vorgehen ist also möglich,
                      Verkehrsanbindung oder öffentlichen             aber es ist sehr aufwendig. Andererseits ist
                      Nahverkehr. Es gab keine Kindergärten,          es ein gangbarer Weg, um aus Wutbürgern
                      keine Schulen, keine Kirchen, keine Ein-        Mutbürger zu machen.
                      kaufsmöglichkeiten. Da durften wir uns
                      nicht wundern, dass wir zehn Jahre später       Man muss den Bürgern die Möglichkeit
                      die größten sozialen Probleme hatten.           geben, Dinge in die eigene Hand zu nehmen,
                                                                      wobei die Verwaltung diesen Prozess
                      30 bis 40 Jahre danach haben wir ver-           natürlich steuern muss. Christian Ude, der
                      sucht, es besser zu machen, indem wir von       alte und neue Präsident des Deutschen
                      Anfang an die Infrastruktur mit aufgebaut       Städtetages, hat gesagt: Man muss die Bürger
                      haben.                                          ernst nehmen und ihnen Gelegenheit geben,
                                                                      sich zu äußern und sich einzubringen.
                      Was das Thema Bürgerbeteiligung und             Aber man darf auch in unserer repräsenta-
                      Stadtteilentwicklungsplan angeht, so wer-       tiven Demokratie das Kind nicht mit dem
                      den wir uns, Herr Prof. Speer, demnächst        Bade ausschütten und den demokratisch
                      den Masterplan von Köln ansehen. Dazu           gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten,
                      wird unser Baubürgermeister mit dem             die sich jahrelang intensiv mit bestimmten
                      Bauausschuss nach Köln fahren. Verwal-          Problembereichen beschäftigt haben, die
                      tungsfachleute aus verschiedenen Ämtern         Verantwortung nehmen.
                      werden in Workshops gemeinsam mit
                      der Bürgerschaft diskutieren, wie sich der      Man muss ihnen sagen: Ihr müsst am
                      betreffende Stadtteil in den nächsten           Ende den Bürgern gegenüber verantworten,
                      10 bis 15 Jahren entwickeln soll. Bürger-       was Ihr beschließt. Dafür seid Ihr gewählt
                      beteiligung bedeutet, die Menschen              und dafür müsst Ihr geradestehen.
                      mitzunehmen. Die zentrale Frage unseres
                      Flächennutzungsplans als Drehbuch für           Vor 20 Jahren, auf der ersten Umwelt-
                      die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte ist,       konferenz in Rio, wurden die Themen
                      wie wir unsere Stadt entwickeln können,         Klimaschutz und Nachhaltigkeit entdeckt.
                                                                      Der Begriff Nachhaltigkeit – englisch:
37




sustainability – stammt ursprünglich aus          weltwirtschaft, sah sich irgendwann
der Forstwirtschaft. Er besagt, dass man im       zu dem Einwurf veranlasst: „Ich muss hier
Prinzip nicht mehr verbrauchen darf als           festhalten: Freiburg ist nicht Deutschland.“
nachwächst. Jede Generation sollte so             Worauf ich erwidert habe: „Sie haben völlig
handeln, dass ihre Kinder und Enkel über          recht, Frau Müller. Aber ich würde auch
ihre Lebensbedingungen selbst entscheiden         nie behaupten, dass am Freiburger Wesen die
können. Ein solches Verhalten hat nicht           Welt genesen soll.“
nur eine große ökologische, sondern auch
eine ökonomische, finanzpolitische und            Es kommt nicht auf Freiburg an. Son-
soziale Komponente. Auch Städte funktionie-       dern es kommt darauf an, dass wir uns
ren nur, wenn der soziale Zusammenhalt            alle gemeinsam über die Zukunft der
gewährleistet ist. Wenn eine Stadt sozial         Städte unterhalten müssen, denn wir haben
auseinander bricht oder in sogenannte             Probleme zu lösen, die allen gemeinsam
„gated communities“ – eine Art Gettos der         sind. So unterschiedlich die Städte und so
Reichen – zerfällt, wie es in vielen Städten      verschieden die Wege zu ihrer Lösung daher
Südamerikas der Fall ist, dann funktioniert       auch sein mögen: Am Ende werden die
sie nicht.                                        Lösungen wohl doch ganz ähnlich aussehen
                                                  müssen.
Das soziale Miteinander in westeuro-
päischen Städten kann ich mir nur mit den
„drei T“ vorstellen, den drei Schlüsselbe-
griffen Technologie, Talent and Toleranz, die
dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaft-
ler und Stadtsoziologen Richard Florida
zufolge die Zukunftschancen eines jeden
städtischen Gemeinwesens kennzeichnen.
„Technologie“ steht dabei für die für zukunfts-
trächtige Berufe zur Verfügung stehende
Technik, „Talent“ für eine möglichst große
Zahl kreativer Menschen, und „Toleranz“ für
ein hohes Maß an ethnischer, kultureller und
sozialer Vielfalt und einer offenen und freien
Atmosphäre.


Vorige Woche war ich zu einer Sitzung
der von Klaus Töpfer geleiteten Ethik-
kommission eingeladen. Bei dieser Gelegen-
heit habe ich von Freiburg und Südbaden
erzählt und von den Menschen, die dort
manchmal etwas anders denken als anders-
wo. Hildegard Müller, die Vorsitzende des
Bundesverbandes der Energie- und Um-
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     D I E B E N E DI KTB E U R E R G E S P R ÄC H E

     D E R AL L IA N Z U MWE LTS TI F T U NG 2011
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„ D I E S TA DT V O N M O R G E N W I R D

D U R C H D E N G E B AU T , D E R S I E N E U

Z U D E N KE N WAG T. “
40




     D I E B E N E DI KTB E U R E R G E S P R ÄC H E

     D E R AL L IA N Z U MWE LTS TI F T U NG 2011
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„ D I E S TA DT V O N M O R G E N W I R D

D U R C H D E N G E B AU T , D E R S I E N E U

Z U D E N KE N WAG T. “
V o r T r A G          P r o F .     D r .     H A r A L D         W E L Z E r        43




„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,

D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“

Vortrag von Prof. Dr. Harald Welzer, Direktor des Center for

Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen

Institut Essen und Professor für Sozialpsychologie an der

Universität St. Gallen.




                          Meine verehrten Damen und Herren,


                          ich kann unmittelbar anknüpfen an das,
                          was Herr Dr. Salomon und Herr Prof. Speer
                          gesagt haben. Herr Prof. Speer sprach von
                          der Problematik der Schnelligkeit. Dazu eine    Ich hatte das Welzersche Theorem ent-
                          kleine Anekdote, an der mir diese besonders     deckt: Das Gute schrumpft proportional zur
                          deutlich geworden ist:                          Ausdehnung der Arbeitszeit. Eine Katastrophe:
                                                                          Jeder dieser Leute arbeitet jetzt nicht mehr
                          Bei einem Flug von München nach Düs-            acht Stunden am Falschen, sondern 16 Stun-
                          seldorf stieg ich spätabends ins Flugzeug, zu   den oder noch mehr. Nicht mehr fünf Tage
                          einer Zeit, zu der man normalerweise ein        die Woche, sondern sieben. Diese Kostüm-
                          Buch liest oder Fernsehnachrichten schaut.      frauen und Laptopmänner, die Sparpotentiale
                          Die Kabine war wie üblich voll mit Laptop-      aufspüren, Optimierungsstrategien entwickeln,
                          männern, und die klappten, sobald die           Kommunikation verbessern, haben dafür
                          Anschnallzeichen erloschen waren, eben ihre     die doppelte Zeit zur Verfügung! Und die,
                          Bildschirme hoch und fingen an, Excel-          die für die Bearbeitung der dabei entstehen-
                          Tabellen auszufüllen, E-Mails zu beantworten,   den Kollateralkatastrophen zuständig sind,
                          Angebote zu schreiben, Berechnungen vor-        auch! Da die Menge derjenigen, die mit aller
                          zunehmen, Vermerke zu verfassen, Formulare      Anstrengung immer alles in die falsche
                          zu entwerfen, also alles das zu tun, was        Richtung optimieren, ohnehin um ein viel-
                          sie auch dann machen, wenn sie woanders         faches größer ist als die derjenigen, die gern
                          sind als im Flugzeug: im Büro, in Warte-        zwischendurch mal innehalten, um nach-
                          lounges, in Cafes, in Meetings und so weiter.   zudenken, wird der Überhang an Zeit, die
                          Dieselbe Sorte Leute hat früher ohne Laptops,   für Unsinn aufgewendet wird, immer größer,
                          Smart Phones, Meetings usw. bis 17 oder         während der Sinn immer kleiner wird:
                          18 Uhr in ihren hässlichen Büros gesessen und   man denkt ja nicht mehr, wenn man länger
                          dann Feierabend gemacht. Damals, so wurde       denkt. Dies hängt zusammen mit dem Pro-
                          mir mit einem Mal klar, hatten sie einfach      blem des Nicht-Innehaltenkönnens.
                          viel weniger Zeit, die falschen Dinge zu tun.
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                      In unserer Kultur der Dauerkommunika-              Weder bei den Informationen, die wir
                      tion und des Dauerarbeitens gibt es keine          über die Medien bekommen, noch bei unserer
                      Momente der Reflexion. Es merkt doch jeder         eigenen Beschäftigung mit Zukunftsproblemen
                      an sich selbst, wie sich die eigene Arbeits-       gibt es noch einen Moment der Reflexion.
                      weise verändert. Ich ertappe mich manchmal         Wir werden ständig mit Informationen über-
                      dabei, dass ich telefoniere und parallel dazu      flutet, ohne dass wir uns die Gelegenheit
                      E-Mails lese. Ein fürchterliches soziales          gäben, sie zu verarbeiten.
                      Verhalten, absolut unkonzentriert, aber es
                      ist das, was diese Technologien und Schnitt-       Damit kommen wir zum Kern der Pro-
                      stellen zwischen Mensch und Maschine bei           blematik, die sich – zumindest aus meiner
                      uns bewirken. Hier beginnt einiges aus             Sicht – aus der Entwicklung der Städte und
                      dem Ruder zu laufen.                               – sogar noch weiter gefasst – der modernen
                                                                         Gesellschaften insgesamt ergibt. Beides
                      Wenn man über Lösungen von Problemen               ist ja eng miteinander verknüpft. Fukushima
                      nachdenkt, vor denen die Städte stehen, ist        zeigt uns – abgesehen von den erwähnten
                      ein Moment des Innehaltens absolut not-            die Medien betreffenden Aspekten – noch
                      wendig, um erkennen zu können, dass man            etwas, was mich sehr nachdenklich gemacht
                      für viele Probleme noch überhaupt keine            hat. Diese Katastrophe hat sich in der dritt-
                      Lösung hat. Wir reagieren gleichsam wie die        größten Wirtschaftsmacht der Erde ereignet,
                      Pawlowschen Hunde: Wir sehen ein Problem           in einem Land, das kaum über eigene
                      und meinen, sofort eine Lösung finden zu           Bodenschätze verfügt. Das zeigt uns, dass
                      müssen – ohne zuvor auch nur vernünftig            wir ein System entwickelt haben, in dem es
                      nachgedacht und das Problem verstanden             möglich ist, zur drittgrößten Wirtschafts-
                      zu haben.                                          macht aufzusteigen, ohne die dafür notwen-
                                                                         digen natürlichen Ressourcen zu besitzen.
                      Noch ein bedrückender Aspekt des Pro-              In Fukushima wurde der Traum der Moderne
                      blems der Schnelligkeit: Fukushima ist die         zerstört, der Traum, dass sich die Menschen
                      größte technische Katastrophe, die es je           vollständig von der Natur und ihren Ressour-
                      gegeben hat. Wir wissen nicht, welche              cen unabhängig machen können.
                      Prozesse dort momentan ablaufen und wie
                      es weitergehen wird. In einem modernen             Man hat gesehen, dass die Emanzipation
                      Hochtechnologieland passiert eine derartige        von den natürlichen Gegebenheiten nicht
                      Katastrophe – und die mediale wie die              gelingt. Auch Menschen sind biologische
                      persönliche Aufmerksamkeit hält gerade             Wesen und befinden sich als solche in
                      mal eine Woche an! Bereits nach einer              ständigen Austauschprozessen mit der sie
                      Woche rangierten die Nachrichten darüber           umgebenden Natur. Unser gesamtes Wirt-
                      an dritter oder vierter Stelle. Nach nur einer     schafts-, Gesellschafts- und Lebensmodell
                      Woche erlahmt unser Interesse an diesem            trägt dem immer weniger Rechnung und
                      Thema! Journalisten sagen dazu, sie können         stößt daher zunehmend an Grenzen.
                      die Spannung nicht aufrechterhalten.               Das gilt nicht nur für das Thema Energie,
                                                                         sondern auch für alle anderen Ressourcen
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wie Böden oder Wasser. Dabei nimmt               globalen Maßstab funktionieren. Damit
der Ressourcenverbrauch ständig weiter zu        aber stößt es an seine Grenzen, denn
mit der Folge, dass wir Jahr für Jahr mehr       wir können die Ressourcen, die wir brau-
Müll und Treibhausgase produzieren.              chen, um die Zivilisationsmaschine am
                                                 Laufen zu halten, nicht von außen, zum
Der sogenannte „Earth Overshoot Day“ –           Beispiel aus dem Weltraum beziehen.
der Tag, an dem die Menschheit die ihr bei       Wenn wir glauben, so weitermachen zu
nachhaltigem Wirtschaften für ein Jahr           können wie bisher, irren wir. Wenn
rechnerisch zu Verfügung stehenden Res-          wir trotzdem so weitermachen, kann
sourcen aufgebraucht hat – liegt jedes Jahr      das nicht gutgehen.
früher. Noch in den 70er Jahren lag dieser
Tag im Dezember, im Jahr 2010 war es             Der Konstanzer Literaturwissenschaftler
bereits der 21. August. Wir haben also in nur    Albrecht Koschorke hat dazu einmal in
acht Monaten das uns im Weltmaßstab zur          einem Aufsatz in der Süddeutschen Zeitung
Verfügung stehende ökologische Budget            gesagt, dass sich mit fortschreitender
ausgeschöpft. Das bedeutet nichts anderes,       Globalisierung und sich beschleunigender
als dass wir im Rest des Jahres die Ressourcen   Ressourcenübernutzung der Raubbau vom
der nach uns kommenden Generationen              Raum in die Zeit verlagert: da wir nicht
verbrauchen.                                     mehr wie zu Zeiten des Kolonialismus alles,
                                                 was wir für den Betrieb unserer Zivilisations-
Unsere Gesellschafts- und Wirtschafts-           maschine brauchen, „von außen“ holen
form ist – was Wohlstand, Sicherheit, Bil-       können – denn die globalisierte Welt hat
dung, Gesundheit, Lebenserwartung usw.           kein Außen – beuten wir die Zukunft
angeht – die erfolgreichste, die es je gegeben   derjenigen aus, die nach uns kommen. Hans
hat. Sie funktioniert aber nur, wenn die         Joachim Schellnhuber hat das in einem
ihr zugrunde liegende Zivilisationsmaschine      Spiegel-Interview ganz ähnlich formuliert:
ständig von außen mit natürlichen Ressourcen     „Wir plündern zugleich die Vergangenheit
als Treibstoff versorgt wird. Wir treiben        und die Zukunft für den Überfluss der Gegen-
diese Zivilisationsmaschine also an, indem       wart – das ist die Diktatur des Jetzt.“
wir unseren gesamten Planeten als Ressource
für unsere zivilisatorischen Errungenschaften    Unsere Gesellschaften entwickeln
benutzen.                                        sich noch immer in die falsche Richtung.
                                                 Sie sind nicht zukunftsfähig. Wir müssen
Nun gibt es aber seit einiger Zeit etwas,        daher zuerst einmal innehalten und
was man als Globalisierung bezeichnet.           darüber nachdenken, wie wir überhaupt
Genau genommen ist damit die Übernahme           zukunftsfähig werden könnten. Dafür aber
unseres ressourcenübernutzenden Lebens-          brauchen wir freie Denkräume. Derzeit
und Wirtschaftsmodells durch die ganze Welt      haben wir nur einen Plan A, aber keinen
gemeint. Dieses Modell, das, solange es          Plan B.
auf einen kleinen Teil der Welt beschränkt
blieb, erfolgreich war, soll nun also im
Das merkt man an vielen Dingen, etwa
an dem Aufschrei, der durchs Land ging,
als Winfried Kretschmann sagte, dass
wir in Zukunft weniger und nicht mehr
Autos brauchen.


Natürlich steht es völlig außer Frage,
dass wir weniger Autos, weniger Individual-
verkehr brauchen. Die Umweltkosten dieser
Form von Mobilität sind einfach zu hoch.
Nach dem Schema von Plan A fragt man
sofort, was dann mit den Arbeitsplätzen ist.
Die gehen verloren, wie in allen Industrien,
die den Übergang in ein neues Zeitalter
verpasst haben und unzeitig geworden sind.
Solcher segmentärer Niedergang zieht sich
durch die ganze Geschichte der Industriali-
sierung. Trotzdem darf man so etwas
anscheinend nicht sagen, ebensowenig, dass
man kein Wachstum braucht. Sagt man es
trotzdem, zucken alle zusammen, obwohl es
stimmt. Oder eher: weil es stimmt?


Es gibt keinen Plan B, noch weniger einen
Plan C. Wir haben keine Lösungen für die uns
auf den Nägeln brennenden Probleme, keine
Alternativen für unser Wirtschafts- und
Sozialmodell, also machen wir in der falschen
Richtung weiter. Wir investieren unheimlich
viel Energie in Gestalt unserer geistigen
und materiellen Ressourcen in die Verbesse-
rung von Plan A, obwohl wir eigentlich
einen Plan B brauchen.


Gewiss stellen Sie sich die Frage, warum
ausgerechnet ich, der ich weder Architekt
bin noch etwas mit Städteplanung zu
tun habe, etwas über die Zukunft der Städte
sagen soll. Lassen Sie mich daher versuchen,
anhand von ein paar Beispielen deutlich
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zu machen, welche unge planten und                gehören auch Vorstellungen von Schnel-
dennoch zukunftsfähigen Veränderungs-             ligkeit, Geschwindigkeit, Mobilität oder der
prozesse sich schon heute in den Städten          Nutzung von Energie. Wir haben sie auf
beobachten lassen.                                eine Weise verinnerlicht, dass wir uns bei-
                                                  spielsweise fast nicht mehr vorstellen
Ich bin Wissenschaftler und habe als solcher      können, dass in einer Stadt keine Autos
in den letzten Jahren die bedrückende Fest-       fahren. Alle denken, es sei normal, dass alles
stellung machen müssen, dass wir keinen           mit solch merkwürdigen Blechobjekten
Mangel an Informationen haben. Es fehlt uns       zugeparkt ist und die gesamte Verkehrsinfra-
auch nicht an Wissen, um erkennen zu              struktur darauf auslegt ist, sie herumfahren
können, dass unsere Gesellschaften gegen-         zu lassen.
wärtig nicht zukunftsfähig sind, und darüber
nachzudenken, wie sie wieder zukunfts-            Nehmen wir ein anderes Beispiel: Sobald
fähig werden könnten. Probleme wie Res-           unsere Kinder die Fähigkeit zur Selbststeue-
sourcenübernutzung, Umweltverschmutzung           rung erlangt haben, bringen wir ihnen aus
oder der Klimawandel sind nicht neu,              gutem Grund bei, nicht einfach auf die Straße
sondern zum Teil seit über vier Jahrzehnten       zu laufen, und denken, das sei normal. Das
bekannt. Auch hat man in dieser Zeit – in         ist es aber nicht: Noch bis vor wenigen
manchen Bereichen sogar sehr erfolgreich –        Jahrzehnten war die Gefahr, überfahren zu
Aufklärung betrieben. Und trotzdem läuft          werden, viel geringer. Bis in die 1960er
der Prozess der Ressourcenverschwendung           Jahre hinein gab es in Deutschland Straßen-
seit 40 Jahren unvermindert weiter. Was           kindheiten. Die Kinder aus der Nachbar-
wir haben, ist also kein Informations- oder       schaft trafen sich unverabredet auf der
Aufklärungs-, sondern ein extremes Praxis-        Straße, heute ganz undenkbar, da werden
problem. Wir haben ein Riesenproblem              sie nach Spiel- und Sport-Terminplan durch
damit, von Plan A zu Plan B zu wechseln.          die Gegend geshuttelt. Auch daran zeigt
Das ist kein abstraktes, rein theoretisches       sich, wie stark wir von unseren äußeren
Problem, sondern eines der kulturellen Pra-       Lebensumständen geprägt sind und unsere
xis und der Lebensstile.                          Erfahrungen durch Erziehungsprozesse
                                                  an unsere Kinder weitergeben im Glauben,
Heute war schon viel von Infrastrukturen          das sei normal. Das ist es aber nicht und
die Rede. Gewöhnlich denkt man dabei an           es wird auch in 10 bis 20 Jahren nicht mehr
Materielles wie Straßen und Versorgungs-          normal sein, weil der Druck auf Gesell-
einrichtungen oder an öffentliche Institutionen   schaften wie der unseren, sich radikal zu
wie Ämter und Schulen. Es gibt aber auch          verändern, immer größer wird.
mentale Infrastrukturen. Die äußeren
Verhältnisse, in denen wir leben, übersetzen      Damit stellt sich die Frage, wie wir uns
sich in unseren Köpfen in Binnenverhältnisse.     aus den mentalen Infrastrukturen befreien
Menschen sind Wesen, bei denen sich die           können, in denen wir gefangen sind. Das
kulturellen und zivilisatorischen Strukturen,     wird allerdings nicht durch Reden möglich
in denen sie leben, in die Verschaltungarchi-     sein, sondern nur durch Handeln, also durch
tektur des Gehirns übertragen. Hierzu             eine Veränderung unserer Lebenspraxis.
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                      Selbst in unserer Gesellschaft gibt es              in diesen Nachbarschaftsgärten kommen
                      bereits heute sowohl im kommunalen wie              Menschen zusammen, die ihre eigene Lebens-
                      im privaten Bereich Menschen, die ihr               welt aktiv verändern und den städtischen
                      Verhalten plötzlich ändern. In Bezug auf            Raum für sich selbst nutzen. Sie schaffen
                      Städte gibt es dafür drei Beispiele, die mich       Realitäten, die hinsichtlich künftiger
                      persönlich stark beeindruckten:                     Stadtentwicklung geradezu vorbildhaften
                                                                          Charakter haben dürften. Die Nutzung von
                      Als ich bei meinem letzten Aufenthalt in            Grünflächen in der Stadt wird in Zukunft
                      New York meinen obligaten Spaziergang den           immer wichtiger werden.
                      Broadway hinunter zum Union Square
                      machte, stellte ich zu meiner Überraschung          Geht es dabei momentan noch immer
                      fest, dass der Broadway zur Fußgänger-              lediglich um reine Freizeitnutzung, wird es
                      zone geworden war. Die Hauptverkehrsader            in Zukunft darum gehen, urbane Flächen
                      dieser Megacity ist jetzt eine Fußgängerzone!       auch landwirtschaftlich zu nutzen. Diese von
                      Man hatte es ganz einfach, mit äußerst              unten kommenden Prozesse eröffnen der
                      geringem Planungsaufwand gemacht. Doch              Entwicklung ganz neue Möglichkeiten.
                      die wirtschaftliche und verkehrstechnische
                      Infrastruktur hat sich damit vollkommen             Nun das dritte Beispiel: In Berlin wird
                      verändert. An jeder Ecke gab es plötzlich einen     im Sommer ein Festival stattfinden mit dem
                      Fahrradverleih. Wie dieses Beispiel zeigt,          schönen Namen ÜBER LEBENSKUNST. Die
                      kann man selbst eine vorhandene Struktur            Idee war, eine Veranstaltung zu veränderten
                      anders nutzen und trotzdem die Lebenswelt           Lebensstilen und kulturellen Praktiken
                      der Anwohner grundlegend verändern.                 vor dem Hintergrund der Zukunftsprobleme
                      Man fragt sich, warum man das nicht auch            zu organisieren. Man wollte von dem üblichen
                      anderswo macht.                                     negativen Ansatz wegkommen und stattdes-
                                                                          sen über Lebenskunst nachdenken, also über
                      Ein anderes Beispiel ist die von unten              Möglichkeiten neuer Lebensstile im Sinne
                      kommende Bewegung des „Urban Garde-                 eines Planes B.
                      ning“, die Brachflächen für die Anlage von
                      Gärten nutzt oder Kästen mit Blumen und             Bei derartigen Großveranstaltungen
                      Gräsern aufstellt, die weitertransportiert          müssen die Teilnehmer natürlich auch mit
                      werden können, wenn die ursprüngliche               Getränken und Nahrungsmitteln versorgt
                      Fläche nicht mehr zur Verfügung steht. Das          werden. Üblicherweise werden diese
                      beweist, dass es eine Veränderung städti-           von weither herangeschafft. Die Organisa-
                      scher Lebensräume nicht nur durch Planung           toren haben sich jedoch gefragt, ob das
                      von oben geben muss. Die Prinzessinnen-             wirklich notwendig ist, und haben für das
                      gärten in Berlin sind der mittlerweile              Catering ein tolles Konzept entwickelt. In
                      bekannteste Fall.                                   Berlin, dachten sie, gibt es doch 70.000
                                                                          Schrebergärten. Könnte man die Kleingärtner
                      Diese Art der Begrünung von Städten                 nicht gewinnen, ausreichende Mengen
                      hat nicht nur eine ökologische Komponente,          ihrer Produkte wie Obst und Gemüse, aber
                      sondern vor allem auch eine soziale, denn           auch Säfte und Eingemachtes an die Vor-
                                                                          ratskammer des Festivals zu liefern?
49




So könnte man die lokale Produktion               Entpolitisierung der Zivilgesellschaft muss
aus dem Stadtgebiet und die Berliner Infra -      aufhören; ein Hebel dafür ist, endlich wieder
struktur auf eine Weise nutzen, wie es vor-       über Zukunft zu sprechen, darüber, wie man
her noch nie geschehen war.                       leben will.


Die Schrebergärtner waren zuerst voll-            Mit Strategien wie der zur Ausrichtung
kommen überrascht, als man mit diesem             des Festivals ÜBER LEBENSKUNST lassen
Ansinnen an sie herantrat. Aber sie grif-         sich für neue Formen des sozialen und
fen die Idee bald mit Begeisterung auf. Natür-    ökologischen Handelns und des politischen
lich wollten sie eine gewisse Gegenleistung       Denkens Freiräume schaffen, die ein
für ihren Beitrag, wenn auch nicht unbe-          Nachdenken darüber, wie es denn weiterge-
dingt materieller Art. Statt Geld bot man daher   hen soll, überhaupt erst ermöglichen. Gerade
den Kleingärtnern, die ihre Jahreshaupt-          Städte könnten dabei eine wichtige Rolle
versammlung immer schon einmal an einem           spielen als Labore für zukunftsfähige Lösun-
repräsentativen Ort abhalten wollten, das         gen für Probleme, mit denen wir uns unaus-
Haus der Kulturen der Welt, in dem das            weichlich konfrontiert sehen. Aus ihnen
Festival stattfinden wird, als Tagungsort an.     könnten Vorschläge dafür kommen, wie es
So kommt es in Berlin zu einem vollkommen         anders gehen könnte als bisher, und zwar
neuen sozialen Austauschprozess.                  praktikable Vorschläge und keine abstrakten
                                                  von der Art: „Man müsste, man könnte, man
Das Projekt ÜBER LEBENSKUNST ist ein              sollte …“ Vor allem Konjunktive bilden
Paradebeispiel dafür, wie sich vorhandene         das Resultat von vier Jahrzehnten Aufklärung
städtische Infrastrukturen intelligent auch       über wachsende Umweltprobleme. Es wird
auf andere Art als bisher nutzen lassen ohne      Zeit, mit den Konjunktiven aufzuhören und
neue schaffen zu müssen. Zudem erfordern          Praxisfelder des Veränderns zu erproben.
sowohl die Vorbereitung als auch die              Jedes Mitglied einer demokratischen Gesell-
Durchführung des Projekts einen äußerst           schaft hat dafür einen Handlungsspielraum,
geringen Einsatz von Ressourcen. Es ist somit     den es nutzen kann. Und die Verantwortung
ein vielversprechendes Konzept für Nut-           für das Nutzen des eigenen Handlungsspiel-
zungsinnovation. Allerdings funktioniert der-     raums kann man an niemanden delegieren.
gleichen nur, wenn alle Beteiligten vor Ort       Aber man kann einfach anfangen.
kooperieren.


Solche neuen Strategien, an deren Umset-
zung auch die Bürger intensiv beteiligt
werden, führen auch zu einer Revitalisierung
der Demokratie. Dafür bedarf es keiner
Wutbürger und keiner Mutbürger, sondern
lediglich jenes aktiven Gemeinwesens, das
die Demokratie ohnehin voraussetzt.
Aber im Augenblick gibt es eine strikte
Arbeitsteilung: Politik machen Politiker und
alle anderen machen alles andere. Diese
D I S K U S S I o N            D E S     T A G U N G S T H E M A S            51




„D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T,

D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“

Abschließende Diskussion der Referenten und Teilnehmer.




     ’’
                         Dr. Spandau
                         Meine Damen und Herren, Sie haben sich
                         sicherlich bereits gefragt, welche Lösung mir
                         eingefallen ist, nachdem einer unserer Refe-
                         renten so plötzlich abgesagt hat. Ich bin sehr
                         dankbar, dass Herr Gaffert sich bereit erklärt
                         hat, an der Podiumsdiskussion teilzunehmen.


                         Herr Gaffert ist Oberbürgermeister von
                         Wernigerode, einer wunderschönen Stadt im         reichlich unvorbereitet. Ursprünglich
                         Windschatten des Harzes. Sie hat aber mit         komme ich aus dem Naturschutz. Damals
                         ganz anderen Problemen zu kämpfen als             hatte mich mein Amtsvorgänger angerufen
                         Freiburg. Wie wir von Herrn Dr. Salomon           und mich gefragt, ob ich mir vorstellen
                         gehört haben, weist Freiburg noch wachsende       könnte, Bürgermeister zu werden. Als
                         Bevölkerungszahlen auf. In Wernigerode ist        verbeamtetem Naturschützer und Förster
                         dies gewiss anders. Manchmal mag der eine         fällt es einem ja nicht gerade leicht, den
                         oder andere im Westen wohl schon deshalb          Wald gegen das Rathaus einzutauschen,
                         ein bisschen neidisch auf die Städte im Osten     zumal man sich zuvor noch einer Wahl stel-
                         geschaut haben, weil wir hier mit dem leben       len muss. Aber auch das habe ich getan –
                         müssen, was vorhanden ist. Echtes Entwick-        und so sitze ich nun hier.
                         lungspotential aber gibt es vor allem dort,
                         wo Neues entsteht oder geschaffen werden          Als man in Freiburg und vielen anderen
                         muss. Das heißt natürlich nicht, dass die         Städten der alten Bundesrepublik darüber
                         Städte im Westen und im Osten vollkommen          nachdachte, wie man mit den Problemen
                         andere Probleme hätten. Für unsere Diskus-        einer Wohlstandsgesellschaft fertigwerden
                         sion ist es aber sicher bereichernd, wenn         sollte, waren wir erst mal damit beschäf-
                         Herr Gaffert an ihr teilnimmt und in Ergän-       tigt, neue Abwasserleitungen zu legen. Dies
                         zung dessen, was wir von Herrn Dr. Salomon        vorab, um Ihnen eine Vorstellung davon zu
                         über Freiburg gehört haben, über Wernige-         geben, wie und womit wir angefangen
                         rode erzählt.                                     haben, uns mit dem Thema Stadtentwick-
                                                                           lung auseinanderzusetzen. In den folgenden
                         Peter Gaffert                                     Jahren blieben die Aktivitäten auch im
                         Ich bin seit fast drei Jahren Oberbürger-         wesentlichen darauf beschränkt.
                         meister von Wernigerode. Dazu bin ich etwa
                         so gekommen, wie hier auf diesen Stuhl:
52   D I S K U S S I o N    D E S       T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Es ging einfach darum, eine neue Infra-
                       struktur zu schaffen und zugleich sicherzu-
                       stellen, dass die Menschen im Osten auch
                       dort blieben. Es galt – und darum geht es bis
                       heute – ihnen für ihr Leben eine Perspektive
                       zu geben.


                       Die Herausforderungen für eine vergleichs-
                       weise kleine Stadt wie die unsere sind viel-
                       fältig. Eine zentrale Aufgabe ist dabei
                       natürlich die Schaffung von Arbeitsplätzen.
                       Für Wernigerode mit seinen jährlich rund
                       drei Millionen Tagestouristen spielt dies aber
                       glücklicherweise keine so große Rolle            häuser, die sich in einem sehr guten
                       mehr. In diesem Punkt sind wir vergleichs-       Zustand befinden. Die vielen Touristen kom-
                       weise gut aufgestellt.                           men nicht zuletzt wegen dieses in Deutsch-
                                                                        land nahezu einzigartigen Ensembles. Davon
                       Das Kernproblem der ostdeutschen                 profitieren wir natürlich. Allerdings kostet
                       Städte ist die demographische Entwicklung.       sein Erhalt auch sehr viel.
                       Die Stadt Wernigerode beispielsweise hatte
                       zu Zeiten des Mauerfalls knapp 40.000            Auf der anderen Seite wurden – wie über-
                       Einwohner. Obwohl in den letzten 20 Jahren       all in den 60er und 70er Jahren – auch im
                       fünf Dörfer eingemeindet wurden, hat sie         Osten städtebauliche Fehler gemacht. Hierzu
                       heute nur noch 35.000. Die Kernstadt hat         zählt die Errichtung von Satellitenstädten
                       also rund 10.000 Einwohner oder ein              selbst in kleineren Orten – die berühmt-
                       Viertel der Bevölkerung verloren. Das ist        berüchtigten Plattenbausiedlungen. Wie geht
                       enorm viel. Verantwortlich für diesen            man heute damit um? Wer möchte dort leben?
                       Rückgang war – neben den geringen Gebur-         Braucht man diese Siedlungen überhaupt
                       tenraten nach der Wende – vor allem die          noch? Wir alle wissen, wie ökologisch und
                       Abwanderung vieler gutausgebildeter junger       gesamtwirtschaftlich unsinnig es ist, große
                       Menschen. Die Folge ist, dass schon heute        Wohnviertel einfach abzureißen. Hier sind
                       24 Prozent der Bevölkerung Wernigerodes          intelligente Lösungen gefragt, vor allem mit
                       über 60 Jahre alt sind. In zehn Jahren wird      Blick auf die alternde Gesellschaft. Dafür
                       es über ein Drittel sein. Damit fehlen uns       aber bedarf es hoher Investitionen, die nicht
                       für die nächsten Jahrzehnte eineinhalb           auf die Mieten umgelegt werden können,
                       Generationen.                                    da der Durchschnittsbürger im Osten sie
                                                                        dann nicht mehr bezahlen könnte. Dies gilt
                       Angesichts dieser demographischen Ent-           gleichermaßen für Fachwerkhäuser wie
                       wicklung stellt sich die Frage, wie wir mit      für Plattenbauten. Auch im Harz ist festzu-
                       dem vorhandenen Bestand an Wohnungen             stellen, dass immer mehr Menschen aus
                       umgehen. So stehen allein im Zentrum             ländlichen Regionen wieder in die kleineren
                       von Wernigerode nahezu 3.000 Fachwerk-           Städte ziehen.
53




Diesen Trend haben Wohnungsbauunter-             Übernachtungen pro Jahr zu verzeichnen –
nehmen bereits vor Jahren erkannt und auf        und das trotz des vergleichsweise niedrigen
Industriebrachen Siedlungen für alte Men-        Standards der Unterkünfte und der Gastrono-
schen errichtet – samt der dafür benötigten      mie. Das durch den Tagestourismus bedingte
Infrastruktur. Mittlerweile ziehen die           enorme Fahrzeugaufkommen hat das Bild
Menschen jedoch von dort wieder weg, weil        des Dorfes allerdings völlig zerstört. Daher
sie sich in einer speziell auf sie zugeschnit-   planen wir jetzt durch die Entwicklung eines
tenen Umgebung nicht wohlfühlen. Es muss         integrierten Verkehrskonzeptes das Auto
also darum gehen, intelligente städtebauliche    aus dem Ort zu verbannen. Dabei haben wir
Lösungen für das Zusammenleben aller             die Erfahrung gemacht, dass selbst gute Planer
Altersgruppen zu finden.                         und Architekten sich einen Ort ohne Auto
                                                 nicht vorstellen können. Zuallererst geht
Als ein Beispiel dafür möchte ich die            es ihnen immer um Parkplätze und Verkehrs-
Gemeinschaftsaktion „Höfe halten Hof“            lenkung, bevor sie an die Schaffung einer
nennen, bei der nicht nur Höfe von               beschaulichen Kurortatmosphäre denken.
Fachwerkhäusern durch schöne Bepflan-
zungen und die Einrichtung von Cafés             Dr. Spandau
wieder zu Lebensmittelpunkten für Ange-          Gestatten Sie eine Anmerkung, Herr Gaffert:
hörige aller Generationen geworden sind.         Naturschützer kann man nicht gewesen sein,
                                                 das bleibt man immer. Ich teile Ihre Mei-
Wie bereits gesagt wurde, können sich            nung, dass das „neue Denken“ dazu führen
viele Menschen – einschließlich der „Gene-       muss, dass sich bestimmte Dinge umkehren.
ration Trabant“ – ein Leben ohne Auto gar        Deshalb bin ich der Überzeugung, dass die
nicht mehr vorstellen. Wer schon einmal          Entwicklung der Städte in Zukunft in erster
auf der Insel Hiddensee war, weiß aber, dass     Linie den Bedürfnissen der Bürger dienen
dies durchaus möglich ist. Dort hat nur der      muss und nicht der Optimierung des Auto-
Arzt ein Auto. Es ist beeindruckend und          verkehrs. Nun eine andere Frage: Gibt es in
wohltuend, wenn die Infrastruktur nicht auf      Wernigerode ein bürgerschaftliches Engage-
das Auto ausgerichtet ist, sondern auf           ment in den Bereichen Stadtplanung und
Fahrradfahrer und Fußgänger.                     Stadtentwicklung?


Vor zwei Jahren haben wir das wunder-            Peter Gaffert
schön am Fuße des Brockens liegende Dorf         Die Bürger von Wernigerode engagieren
Schierke eingemeindet. Es war Anfang             sich in hohem Maße für die Belange ihrer
des 20. Jahrhunderts touristisch aufgeblüht,     Stadt, mit der sie sich in einer Weise
lag nach dem Zweiten Weltkrieg aber im           identifizieren, wie ich es sonst kaum kenne.
Grenzsperrgebiet der DDR, so dass es keine       Vor allem liegt ihnen die historische Altstadt
Entwicklung der Infrastruktur gab. Die Zeit      am Herzen. Bei der Entwicklung neuer
schien hier stehengeblieben. Nach der            Konzepte sind sie aktiv dabei, wobei oft
Wende gab es für den Ort nur eine Perspek-       auch individuelle Vorschläge gemacht
tive: den Tourismus. Heute sind bereits          werden, die allerdings nicht immer prakti-
zwei Millionen Tagesbesucher und 250.000         kabel sind.
54   D I S K U S S I o N    D E S      T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Vor allem die jüngere Generation fordert,        sich selbst zu konservieren, von dem sie
                       in die Zukunft zu blicken und nicht nur zu       glaubten, es zeige sie zu ihrer besten Zeit.
                       bewahren, was wir haben. Dabei hat es            Wenn eine Gesellschaft, wie Sie schrieben,
                       Wernigerode – wie manche anderen alten           aber tatsächlich nur noch Geschichten über
                       Städte – eigentlich ein bisschen leichter, was   das erzählt, was sie in ihren besten Zeiten
                       die Verkehrsberuhigung betrifft, denn es wäre    einmal gewesen sein mag und nicht über
                       ohnehin ausgesprochen schwierig, noch            das, was sie einmal sein möchte, wie ist dann
                       mehr Fahrzeuge hereinzubringen. Allein der       eine nachhaltige Stadtentwicklung mit
                       ruhende Verkehr ist bereits eine Zumutung:       bürgerschaftlichem Engagement überhaupt
                       Es gibt einfach keinen Platz für Autos.          möglich? Wie schaffen wir es, eine Brücke
                       Richtig problematisch wird es jedoch, wenn       zu bauen zwischen der Verantwortung
                       nicht genug Stellplätze für Wohnungen ver-       gegenüber dem, was wir an der Vergangen-
                       fügbar sind, denn dann springen Investoren       heit liebgewonnen haben, und dem, was
                       sofort wieder ab.                                wir für die Zukunft brauchen?


                       Dr. Spandau                                      Prof. Speer
                       Ich würde gerne noch einen Moment                Ich denke, das kann nur gelingen, wenn
                       bei der Frage des bürgerlichen Engagements       diejenigen, die sich mit solchen Themen
                       und bei dem mit der Verkehrsberuhigung           beschäftigen, auch in der Lage sind, Bilder
                       verbundenen Aspekt der Entschleunigung           von etwas zu entwickeln, an das man
                       bleiben sowie bei der Überlegung, welche         vorher vielleicht nicht gedacht hat, das
                       Freiräume wir brauchen, um bestimmte Pro-        aber einer ganz speziellen Situation in der
                       bleme tiefer zu durchdenken. Mir ist nämlich     Zukunft entspricht.
                       noch nicht so ganz klar, wie das funktio-
                       nieren soll.                                     Lassen Sie mich anhand des erwähnten
                                                                        Beispiels aus New York deutlich machen,
                       Herr Prof. Welzer, Sie haben mit der             was ich damit meine: Ich habe im vorigen
                       Umwandlung des New Yorker Broadway               Jahr mit einer New Yorker Stadtplanerin
                       in eine Fußgängerzone ein konkretes              gesprochen, die mir sagte, dass es dort nicht
                       Beispiel dafür genannt, wie es funktionieren     viel Partizipation seitens der Bevölkerung
                       kann. Ich glaube aber nicht, dass diese          gäbe. Gesetzliche Vorgaben gäbe es auch
                       Lösung einfach plötzlich da war, sondern         keine. Das Stadtplanungsamt habe – mit Bil-
                       dass ihr eine Menge Planungsprozesse und         ligung durch die Politik – alleine beschlos-
                       Diskussionen vorangegangen sind.                 sen, die Strasse in der Fußgängerzone
                                                                        rot-grün zu streichen und ein paar Pflanzen-
                       Herr Prof. Welzer, im vergangenen Jahr           kübel aufzustellen, damit niemand mehr
                       haben Sie in einem Beitrag für das Magazin       durchfahren kann. Das Ganze habe man
                       der Süddeutschen Zeitung daran erinnert,         innerhalb eines halben Jahres realisiert und
                       dass der Soziologe Norbert Elias einmal den      alle seien stolz darauf.
                       bemerkenswerten Gedanken geäußert hat,
                       Gesellschaften neigten dazu, jenes Bild von
55




In Deutschland wäre dergleichen unmög-          erfolgreiches Wirtschaftsmodell, das uns ein
lich. Wir hätten zehn Jahre diskutiert. Wir     extrem hohes Wohlstandsniveau gebracht
haben einen Wust an Gesetzen und Regeln         und bis in die 80er Jahre hinein gut funktio-
und es gibt immer Menschen, die dagegen         niert hat. Seither zerbröselt es allmählich.
sind. Am Ende passiert gar nichts. Die          Das führte zunächst aber nicht etwa zur
Gefahr, dass wir versuchen, das, was uns        Suche nach neuen Möglichkeiten, sondern
aus der Vergangenheit gefällt, auf die          weckte erst einmal reflexartig den Wunsch
Zukunft zu übertragen, besteht natürlich        nach Rückkehr zum altbewährten Modell.
immer. Unsere Aufgabe ist es daher, gemein-
sam für Unruhe zu sorgen und manchmal           Das zeigt sich beispielsweise an der Kreation
sogar Chaos in Kauf zu nehmen, um die           eines Wachstumsbeschleunigungsgesetzes,
Diskussion anzuregen. Jedenfalls wünschte       von dem man sich eine geradezu magische
ich mir auch bei uns eine so spontane           Wirkung erhofft. Man sucht offenbar das
Herangehensweise an städteplanerische           Heil dort, wo man glaubt, es schon einmal
Probleme wie in New York.                       gefunden zu haben. Das ist allerdings hinder-
                                                lich bei der Suche nach neuen Wirtschafts-
Prof. Welzer                                    modellen und Sozialstrukturen. Natürlich
Ich finde den Gedanken von Norbert Elias        spielt dabei das steigende Durchschnittsalter
in der Tat sehr gut. Es lohnt sich, länger      unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle,
darüber nachzudenken. Schließlich ist es mit    denn in einer Gesellschaft, in der die Mehr-




                                                                                    ‘‘
nationalen Selbstbildern ähnlich wie mit        heit der Menschen ihre Zukunft bereits
Selbstbildern, die einzelne Menschen von        hinter sich hat, hängen die meisten an dem,
sich haben.                                     wovon sie selbst einmal ein Teil waren und
                                                was damals, als sie jung waren, funktioniert
Das Selbstbild der Bundesrepublik Deutsch-      hatte. Vor diesem Hintergrund wird das
land ist sehr stark an den wirtschaftlichen     bisher kaum diskutiert. So gesehen scheint
Aufstieg in den ersten Jahren der Nachkriegs-   China besser für die Zukunft gerüstet als
zeit gekoppelt. Wir hatten damals ein sehr      unsere westlichen Gesellschaften.
56   D I S K U S S I o N    D E S       T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Nun zu Ihrer Bemerkung, Herr Dr. Spandau,       bestehen, immer neue Konstellationen,
                       dass eine Gesellschaft Geschichten braucht,     auf die wir reagieren oder auf die wir aktiv
                       die auf die Zukunft gerichtet sind. Danach      einwirken. Und ich möchte hinzufügen:
                       werden die Fragen der Nachhaltigkeit und        Wir müssen zumal als Städteplaner ständig
                       des Klimawandels nicht zuletzt deshalb          Konstellationen entwickeln, die über die
                       schlecht vermittelt, weil keine Geschichten     normale Vorstellungskraft hinausgehen.
                       darüber erzählt werden, was anders werden       Genaugenommen ergibt sich daraus erst der
                       muss. Wir reden immer nur darüber, dass         Anreiz, sich mit bestimmten Themen inten-
                       wir etwas reformieren müssen, damit alles so    siv auseinanderzusetzen.
                       bleibt wie es ist. Eigentlich geht es uns ja
                       gut, es brennt uns doch nichts auf den
                       Nägeln. Warum sollten wir also etwas ver-
                       ändern? Um die Menschen dazu zu bringen,
                       eine zukunftsorientierte Haltung einzuneh-
                       men, brauchen wir Geschichten darüber, was
                       anders funktionieren könnte als jetzt. Wenn
                       wir über dezentrale Energieversorgung
                       sprechen, brauchen wir Geschichten gegen
                       die Großmänner und Ackermänner dieser
                       Welt. Diese kann man natürlich nur dann
                       erzählen, wenn man anhand von nachprüf-
                       baren Beispielen belegen kann, dass es
                       bereits jemand vorgemacht hat, dass es auch
                       anders geht. Was wir brauchen, sind also bei-   In Bürgerversammlungen haben wir das
                       spielhafte, identitätsstiftende Geschichten.    schon vor vielen Jahren so gehandhabt.
                                                                       Anfangs waren diese Versammlungen kaum
                       Dr. Spandau                                     besucht, bis ich zuerst mit den Lokalredak-
                       Herrschen nicht auch enorme Ängste vor          teuren über die zu behandelnden Themen
                       einem Strukturwandel? Schließlich gibt          gesprochen habe. Diese haben dann, um ein
                       es dabei immer auch Verlierer. Angst aber       Beispiel zu nennen, einige Tage vorher
                       ist kein guter Ratgeber. Wie könnten,           geschrieben, dass über einen Vorschlag für
                       Herr Prof. Speer, als notwendig erkannte        eine autofreie Innenstadt diskutiert werden
                       Veränderungen daher sozialverträglich her-      soll. Auf einmal war der Saal voll. Ein
                       beigeführt werden?                              solches Vorgehen ist legitim, denn es gilt die
                                                                       Phantasie anzuregen und zu Diskussionen
                       Prof. Speer                                     herauszufordern, auch wenn am Ende oft
                       Ganz zu Beginn meines Vortrages habe            über etwas ganz anderes gesprochen wird.
                       ich Wolf Singer zitiert, der die Funktions-     Dabei müssen wir einerseits die Bürger
                       weisen unseres Gehirns und komplexer            provozieren, andererseits ihnen aber auch
                       Stadtstrukturen miteinander verglichen hat.     die Ängste nehmen. Angst vor Veränderung
                       Bei beiden Systemen bilden sich aus der         steckt schließlich in jedem von uns.
                       Fülle der Komponenten, aus denen sie
57




Prof. Welzer                                     werden Sie mit diesem Problem konfrontiert,
Gestatten Sie mir noch eine kurze Frage          Herr Dr. Salomon?
zum Problem der Sozialverträglichkeit: Wie
sozialverträglich ist eigentlich die gegen-      Dr. Salomon
wärtige Situation? Worüber sehr wenig ge-        Ständig. Man muss tatsächlich Geschichten
sprochen wird, ist die Tatsache, dass soziale    erzählen. Aber dazu muss man erstmal eine
Ungleichheit immer mit Ungleichheit der          haben. Manche Menschen glauben, Freiburg
Lebensbedingungen einhergeht. Menschen           sei eine Art Öko-Disneyland. Das ist es
mit geringem Einkommen wohnen meist in           natürlich nicht. Aber wir haben manches
Stadtvierteln, die in vieler Hinsicht wenig      vorzuzeigen.
gesundheitsfördernd sind. Mir fällt auf, dass
bei fast allen Vorträgen und Diskussionen,       Herr Dr. Spandau, Sie sagten in Ihrer
bei denen es um Veränderungsprozesse geht,       Einführung, in Freiburg gäbe es Häuser, die
Hartz IV-Empfänger zur Sprache kommen.           sich nach der Sonne drehten. Tatsächlich
Sonst ist fast nie von ihnen die Rede.           gibt es in Freiburg den Solararchitekten Disch,
Ähnliches gilt für die Chinesen, auch sie        der vor 20 Jahren ein solches Haus gebaut
werden sonst eher selten erwähnt, wenn es        hat. Bis heute gibt es davon genau zwei
aber um das Thema Veränderungen geht,            Exemplare. Das faszinierende Konzept ist
tauchen sie auf. Oft muss man einfach nur        also zwei Jahrzehnte alt, aber die Häuser
den Blickwinkel ändern. So ergeben sich,         werden nicht gebaut: Sie sind zu teuer und
wenn man beispielsweise soziale Probleme         zu unpraktisch.
mit ökologischen Fragen zusammenbringt,
auf einmal Szenarien und Modelle, nach           Wir haben einen Kongress zum Thema
denen es den Menschen tatsächlich besser         erneuerbare Energien in Kommunen veran-
gehen könnte.                                    staltet und die Teilnehmer im Rahmen von
                                                 Exkursionen über Beispiele informiert,
Dr. Spandau                                      die wir in Freiburg gebaut haben. Bei der
Fragen wir den Pragmatiker: Herr Dr.             Abschlussdiskussion stand ein Teilnehmer
Salomon, was haben Sie zu sagen zum Thema        aus Italien auf und sagte ganz bewundernd,
Strukturwandel und Ängste? Christian Ude         dass es sicherlich sehr angenehm sein
meinte nach seiner Wahl zum neuen                müsse, in einer Stadt wie Freiburg Ober-
Präsidenten des Städtetages, in den Städten      bürgermeister zu sein, denn hier gäbe es
müssten nur die Energie- und die Mobilitäts-     ja gar nichts mehr zu tun. Erst habe ich
frage geklärt werden, dann habe man alles        überhaupt nicht verstanden, was er damit
im Griff. Das klingt doch reichlich simpel. Es   sagen wollte. Wie sich herausstellte, glaubte
gehört viel mehr dazu, um alles in den Griff     er tatsächlich, dass es das, wovon wir
zu bekommen. Dazu bedarf es vor allem            einzelne Beispiele gezeigt hatten, überall in
eines Strukturwandels. Und der wird kommen.      der Stadt gäbe. Wir hatten zwar zu allem
Beispielsweise werden als Folge der Energie-     Prototypen, die wir zeigen konnten, insge-
wende unsere Städte von Energieverbrauchern      samt sieht es in der Stadt aber aus, wie in
zu Energieproduzenten werden müssen, also        allen anderen Städten auch: 95 Prozent
zu dezentralen Energieerzeugern. Wie             der Häuser sind nicht energetisch saniert.
58   D I S K U S S I o N    D E S       T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       In der Verkehrspolitik stehen wir etwas          des Atomstroms lag noch bei 60 Prozent.
                       besser da: In Freiburg werden nur etwa 30        Mittlerweile ist das Stadtkraftwerk zu
                       Prozent aller Wege mit dem Auto zurück-          96 Prozent atomstromfrei und über die rest-
                       gelegt. Für uns ist das selbstverständlich, ja   lichen 4 Prozent gibt eine skurrile Debatte.
                       wir halten sogar das noch für zuviel. Wenn
                       Besucher aus anderen Ländern kommen –            In Freiburg wird über alles diskutiert,
                       Chinesen, Koreaner, Amerikaner und               auch über den Besuch des Papstes im Sep-
                       viele andere – fragen sie oft: „Why are you      tember 2011. Der Erzbischof von Freiburg,
                       so advanced?“ Darauf entgegne ich immer:         der seit 2008 Vorsitzender der Deutschen
                       „Because we started earlier.“                    Bischofskonferenz ist, hat ihn eingeladen.
                                                                        Daraufhin wurde ich von einer Lokalzeitung
                       Diese folgende Geschichte begann Mitte           gefragt, ob man denn nicht mit antikleri-
                       der 70er Jahre in Wyhl am Kaiserstuhl, als       kalen Demonstrationen rechnen müsse. Ich
                       dort ein Atomkraftwerk gebaut werden             antwortete, wenn man in Freiburg einen
                       sollte. Bald darauf war der Bauplatz besetzt.    Zebrastreifen einrichten wolle, gäbe es erstens
                       Der damalige Ministerpräsident Filbinger         eine Demo und zweitens eine Bürgerinitiative.
                       sagte daraufhin, wenn das AKW nicht gebaut       Im übrigen ginge ich davon aus, dass die
                       würde, gingen in Baden-Württemberg die           katholische Kirche in der Lage sei, mit
                       Lichter aus. Die Lichter sind immer noch an.     solchen Protesten souverän umzugehen. Dies
                       Damals hatten sich konservative Bauern und       stand dann in der Zeitung und es gab bitter-
                       Winzer zusammen mit der Freiburger Stadt-        böse Leserbriefe: Wie ich den Papstbesuch
                       bevölkerung, mit Lehrern und Studenten           mit einem Zebrastreifen vergleichen könne
                       verbündet und den Bauplatz besetzt. Es war       und nur so arrogant und blasiert sein könne!
                       wie die Geschichte von David und Goliath         Auch mit so etwas muss man lernen,
                       oder dem kleinen gallischen Dorf, das anders     gelassen umzugehen.
                       sein wollte.
                                                                        Wenn man Geschichten erzählt, darf man
                       Nach der Reaktorkatastrophe von Tscher-          nicht vergessen, auch darüber zu berichten,
                       nobyl vor 25 Jahren hat der Freiburger           wie etwas funktioniert. Herr Reimann-
                       Gemeinderat – damals waren die Grünen            Dubbers, der hier ebenfalls anwesend ist,
                       dort noch nicht so stark wie heute – dann        engagiert sich mit seiner Stiftung seit einigen
                       ein kommunales Energiekonzept verab-             Jahren in Freiburg für die energetische Sanie-
                       schiedet, das auf drei Säulen ruhte: Energie-    rung von Häusern. Heute morgen hat er mir
                       sparen, effizientere Nutzung von Energie         zu einem Modellprojekt gratuliert, das wir in
                       und Förderung erneuerbarer Energien – und        einem sogenannten sozialen Brennpunkt-
                       das bei gleichzeitigem Ausstieg aus der          Stadtteil durchgeführt haben. Dort gab es ein
                       Atomkraft und der Reduzierung des Einsat-        Hochhaus aus den 60er Jahren, das nach
                       zes fossiler Energieträger. Damals gab es        Meinung von Fachleuten aus Kostengründen
                       kritische Stimmen, die nicht verstanden,         eigentlich gar nicht mehr sanierbar war. Es
                       wie eine Stadt wie Freiburg aus der Atom-        gehört der städtischen Wohnungsbaugesell-
                       kraft aussteigen könnte, denn der Anteil         schaft und damit zum Programm „Soziale
                                                                        Stadt“. Normalerweise können solche
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                                                lebte, da die Kinder inzwischen längst
                                                ausgezogen und die Eltern alt geworden
                                                waren, inzwischen aber oft nur noch
                                                eine Person. Natürlich konnte man diese
                                                Menschen nicht einfach versetzen,
                                                schließlich wohnten viele von ihnen schon
                                                40 Jahre dort. Das Haus war ihre Heimat.
                                                Daher kam ein findiger Architekt auf die
                                                Idee, die Wohnungen zu teilen. Heute
                                                gibt es in dem Haus 140 Wohnungen. Viele
                                                der ursprünglichen Bewohner, denen wir
                                                zugesagt hatten, dass sie nach der Sanierung
                                                würden zurückkehren können, wollten das
Häuser mit Mitteln der Stadt, des Landes        allerdings gar nicht mehr, weil wir ihnen
und des Bundes saniert werden, ohne dass        zwischenzeitlich gute Alternativen zur Ver-
die Kosten dafür die Mieten explodieren         fügung gestellt hatten. Die Leute haben also
lassen. Die Menschen, die dort leben,           für eine alte Wohnung eine neue bekommen
könnten solche Mieten nicht zahlen. Nun         und zugleich konnten die Mieten dank der
werden aber die Fördermittel des Bundes         niedrigen Nebenkosten fast auf dem gleichen
für den Städtebau derzeit stark gekürzt. Eine   Niveau gehalten werden. Auf diese Weise
Lösung des Problems kam daher fast der          haben wir die Sanierung des Hauses sozial-
Quadratur des Kreises gleich.                   verträglich hinbekommen. Ob dies zu einer
                                                Standardlösung werden könnte, weiß ich
In dieser Situation kam dann auch noch          nicht, aber es ist ein gutes Beispiel dafür, wie
ein Prokurist der Stadtbaugesellschaft mit      man beim Städtebau weiterkommen kann,
dem Vorschlag daher, aus dem Hochhaus           wenn man neu zu denken wagt.
gleich ein Passivhaus zu machen. Ich
entgegnete, dass dann erst recht niemand        Dr. Spandau
mehr die Mieten würde bezahlen können.          Sie alle haben schon die Medien erwähnt.
Er meinte jedoch, dass sich dafür eventuell     Welche Rolle spielen sie? Sind sie die vierte
noch Zuschüsse des Bundesforschungs-            Macht im Staat oder gar die erste?
ministeriums locker machen ließen, und
außerdem wäre es dann das erste Hochhaus        Dr. Salomon
weltweit mit Passivhaus-Standard.               Ich bin dankbar dafür, dass wir eine
                                                freie Presse haben. Im Kampf für Meinungs-
Am Ende haben wir das Vorhaben dank             freiheit und eine freie Presse ist schon viel
einer pfiffigen Idee aber doch noch umsetzen    erreicht worden. Ich brauche auch täglich
können. Das Hochhaus hatte nämlich 16           meine Zeitung. Ich denke allerdings, dass der
Stockwerke und 90 Wohnungen, in die in          Journalismus in den letzten Jahren keine
den 60er Jahren kinderreiche deutsche           ganz unbedenkliche Entwicklung durchge-
Familien eingezogen waren. In den teils 90      macht hat.
bis 100 Quadratmeter großen Wohnungen
60   D I S K U S S I o N    D E S      T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Es gibt noch Qualitäts-Journalismus,            uns noch leisten können und was eigent-
                       aber viel zuviel Journalismus ist schlecht.     lich nicht mehr, steht da eigentlich immer im
                       Dies hängt mit der Ausbildung und den           Raum. Der Bund und die Länder übertragen
                       Arbeitsbedingungen der Journalisten             uns eine Vielzahl von Aufgaben und Pflichten,
                       zusammen. Allzuoft geht es nur noch um          mit denen Standards gesetzt werden, die
                       die Schlagzeile. In anderen Ländern ist         wir erfüllen müssen.
                       das vielfach noch stärker ausgeprägt. Im
                       Vergleich dazu geht es uns in Deutschland       Die Pflege von Grünflächen hingegen ist
                       noch gut. Sie werden aber keinen Bürger-        eine freiwillige Leistung. Wenn das Geld knapp
                       meister oder Politiker finden, der nicht        ist, könnte man das – rein theoretisch – also
                       unter der Presse leidet.                        einfach bleibenlassen. Die Diskussionen über
                                                                       Einsparungen im Stadtrat sind oft recht
                                                                       aufschlussreich: Erst sind die Stadträte ganz
                                                                       damit einverstanden, nicht so häufig zu
                                                                       mähen, der OB kommt schließlich aus dem
                                                                       Naturschutz. Abends, in ihrem Verein, hören
                                                                       sie dann die Kommentare ihrer Kollegen –
                                                                       und am nächsten Morgen schlägt sich das
                                                                       dann wieder im Stadtrat nieder. Bei solchen
                                                                       Dingen ist es eben sehr schwierig, das rechte
                                                                       Maß zu finden.


                                                                       Dennoch denke ich, dass wir uns generell
                                                                       über die Standards Gedanken machen
                                                                       müssen, denn bei immer knapperen Kassen
                       Dr. Spandau                                     kommen wir um die Frage, was wir uns
                       Manchmal kommt es auf die vermeintlich          noch leisten können, nicht herum: Wie weit
                       kleinen Dinge an, wenn man will, dass etwas     sollen wir beispielsweise die Brandschutz-
                       akzeptiert wird. Was geschähe, wenn man bei-    maßnahmen in öffentlichen Gebäuden
                       spielsweise in Wernigerode beschließen          treiben? In Wernigerode gibt es, wie ich
                       würde, Grünflächen, Straßenbegleitflächen       sagte, viele Fachwerkhäuser, aber diese waren
                       und Verkehrsinseln nicht mehr zu mähen,         eher von Leuten errichtet worden, die nicht
                       sondern das Gras einfach wachsen zu lassen?     viel Geld hatten. Steinhäuser waren viel
                       Sähen die Menschen darin einen Schritt von      weniger feuergefährdet – Wernigerode ist
                       der Ordnung hin zur Unordnung?                  seit 1136 sechsmal abgebrannt – und
                                                                       daher beliebter. Mitte des 19. Jahrhunderts
                       Peter Gaffert                                   entstanden dann die ersten größeren öffent-
                       Hier wären wir gleich bei der Presse. Es        lichen Bildungseinrichtungen. Sie wurden –
                       hieße sofort, der Oberbürgermeister lässt die   mit den entsprechenden Brandschutzmaß-
                       schöne Stadt verlottern. Die Kommunen haben     nahmen – für die Nachwelt gebaut.
                       alle relativ wenig Geld. Die Frage, was wir
61




Kürzlich sollte eine der Grundschulen saniert    hin überlegt man sich die Sache schon
werden. Ein Verantwortlicher des Landkreises     noch einmal. Die gegenwärtigen Brandschutz-
hat in diesem Zusammenhang Brandschutz-          standards verdanken wir dem Brand im
maßnahmen gefordert, die Hunderttausende         Düsseldorfer Flughafen. Durch diesen Vorfall
Euro gekostet hätten. Da kommen einem –          wurde das Thema Brandschutz in Deutsch-
zumal wenn es pragmatischere und günstigere      land hochaktuell. Es wird uns Milliarden
Lösungen gibt – schon Zweifel, ob es sinnvoll    kosten.
ist, die geringen vorhandenen Mittel für
Dinge wie Feuertreppen einzusetzen. Momen-       Das nächste Ereignis war der Einsturz
tan werden an fast allen öffentlichen Gebäu-     der Eissporthalle in Bad Reichenhall. Danach
den in Wernigerode solche Fluchttreppen aus      wurden sämtliche Hallendächer Deutschlands
Stahl angebaut. So wie das Bild einer Stadt      auf ihre Tragfähigkeit hin überprüft. Nicht
in früheren Epochen durch die jeweils gerade     wenige mussten daraufhin erneuert werden.
gängigen Baustile geprägt wurde, wird            Das verschlang wieder Milliarden. Als
das Wernigerode von heute als die Stadt der      Bürgermeister können sie solche Maßnahmen
Stahltreppen in die Geschichte eingehen.         nicht in Frage stellen, denn wenn etwas
                                                 passiert, sind sie dran.
Da würde man sich manchmal schon etwas
mehr Nachdenken über die behördlichen            Dr. Spandau
Auflagen und Standards wünschen. Entspre-        Sie sehen die Stahlseile hier im Saal?
chendes gilt für den Straßenausbau, die Breite   Die Allianz Umweltstiftung haben sie viel
von Autobahnen, Traglasten von Brücken           Geld gekostet. Das Gebäude steht seit
und vieles andere mehr. Zahlreiche Vor-          Jahrhunderten und es ist nie etwas passiert.
schriften sind für kleine wie große Kommu-       Rein statistisch hätte aber etwas geschehen
nen einfach eine Zumutung.                       können. Also musste der Saal saniert
                                                 werden.
Dr. Salomon
Damit sind wir beim Thema Deutschland            Prof. Speer
und seinen rechtlichen Standards. Brand-         Dieses Thema lässt sich weiterspin-
schutz spielt in allen Kommunen die gleiche      nen. Wir leisten uns in Deutschland in
Rolle. Wir hatten in Freiburg vor sechs          vielen Bereichen mit Vorschriften einen
Jahren eine Finanzkrise. In dieser Situation     Luxus, der weltweit einmalig ist. Es




                                                                                     ‘‘
forderte das Hochbauamt sieben Millionen         gibt dabei sicherlich sinnvolle Regelungen,
Euro für Brandschutzmaßnahmen an Schulen.        die große Menge aber müsste vor dem
Als ich daraufhin erklärte, dass ich das nicht   Hintergrund heutiger Rahmenbedingungen
mittrage, kam die Leiterin des Rechtsamtes       auf den Prüfstand. Entsprechendes gilt
und sagte mir, ich solle vorsichtig sein,        für das gesamte Denken von Verwaltung
denn wenn man Kenntnis von Mängeln habe          und Politik. Natürlich kann ein Bürger-
aber nichts dagegen unternehme und dann          meister nicht sagen, dass er sich nicht an
etwas passiere, wandere der Verantwortliche      die gesetzlichen Auflagen hält.
direkt in den Knast. Auf eine solche Warnung
62   D I S K U S S I o N    D E S      T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Aber der Gesetzgeber müsste die ganze            viele Dinge vielleicht einfach einmal anders
                       Flut von Vorgaben nach unsinnigen und über-      gemacht werden sollten als üblich. Wir nei-
                       holten Vorschriften durchforsten, um die         gen dazu, in vorgegebenen Schemata zu
                       Gesellschaft insgesamt zu entlasten. Damit       denken und uns entsprechend zu verhalten,
                       würden viele Gel der frei – beispielsweise für   sind dann aber unzufrieden. Das gilt auch
                       eine sinnvolle energetische Sanierung von        für die Universität, wo über 50 Prozent der
                       Altbauten.                                       Beschäftigten in der Verwaltung arbeiten.
                                                                        Und die haben ja alle etwas zu tun. Wer
                       Dr. Spandau                                      unter diesen Bedingungen dennoch etwas
                       Herr Prof. Welzer, was die beiden Ober-          bewegen will, muss sich einen Bereich
                       bürgermeister gerade gesagt haben, hat viel      gleichsam im Windschatten suchen, wo er
                       mit Verantwortung zu tun – nicht nur der         die gegebene Situation anders nutzen kann.
                       Politiker, sondern auch jedes einzelnen          Jeder sollte einfach einmal beiseite treten
                       Bürgers. Dr. Salomon sagte zum Beispiel, dass    und über Alternativen nachdenken. Manch-
                       es neben der energetischen Sanierung von         mal kommen auf diese Weise gute Ent-
                       Gebäuden auch dringend einer höheren             wicklungen in Gang wie etwa bei dem Dorf
                       Effizienz bei der Nutzung der Energieträger      Schierke, über das Herr Gaffert vorhin
                       bedarf. Da ist jeder in der Pflicht. Wie aber    berichtet hat.
                       können wir erreichen, dass die Bürger nicht
                       nur engagiert und kenntnisreich mitdisku-        Man muss sich im klaren darüber sein,
                       tieren, sondern auch selbst verantwortlich       dass es sich hier um kulturelle Fragen
                       handeln. Ist das zuviel verlangt?                handelt. Jede Institution, jedes Unterneh-
                                                                        men, jede Schule, jede Universität hat
                       Prof. Welzer                                     ihre eigene Kultur, von der es abhängt, wie
                       Ich glaube nicht, dass das zuviel verlangt       jeder Einzelne denkt und was er tut. Diese
                       ist. Verantwortung zu tragen, könnte sogar       Kulturen kann man verändern. Die Schulen
                       Spaß machen. Sich einzubringen und               in der Bundesrepublik zum Beispiel sind
                       Verantwortung zu tragen, kann sehr befrie-       heute großenteils in einem erbärmlichen
                       digend sein. Damit hängt zusammen, was           Zustand – vollkommen unterfinanziert,
                       Psychologen als Selbstwirksamkeit bezeich-       baulich verwahrlost und voller sozialer Pro-
                       nen. Vor allem durch die gesetzliche             bleme. In ihnen herrscht eine Kultur, die
                       Reglementierung sämtlicher Lebensbereiche        den Schülern von vornherein signalisiert:
                       wird diese Erfahrung systematisch beschnit-      Eigentlich wollen wir Euch gar nicht.
                       ten. Hat der für alles sorgende Staat doch
                       meist schon alles bedacht, bevor man selbst      Gleiches gilt für die Universitäten. Dabei
                       zu denken anfängt? Wenn man dann aber            ließe sich ganz leicht eine andere Kultur
                       etwas anders tun möchte, fehlt meist die         schaffen. An amerikanischen Universitäten
                       Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Ich finde       beispielsweise wird den Studenten gesagt,
                       unser heutiges Gespräch und die Themen,          dass man froh sei, dass sie hier studieren.
                       die dabei zur Sprache kommen, auch des-          Wer die Entwicklung einer Stadt in eine
                       halb so wichtig, weil wir dadurch angeregt       andere Richtung lenken möchte, muss
                       werden, darüber nachzudenken, dass               zuerst begreifen, dass es sich auch hier
63




um ein kulturelles Problem handelt. Es           einfach mit der heutigen vergleichbar.
geht nicht bloß um Pläne und Strukturen,         Damals hatte man entschieden, sich dieser
sondern auch um Kultur und damit um              neuen technischen Mittel nicht zum Bösen,
ein Wir-Gefühl. In diesem Sinne hat Freiburg     sondern zum Guten zu bedienen.
eine ganz andere Kultur als z.B. eine Stadt
im Ruhrgebiet.                                   Wenn man negative Folgen der friedlichen
                                                 Nutzung von Kernenergie in Zukunft vermei-
Dr. Spandau                                      den will, ist die Intelligenz des Menschen
Dass wir das auch so sehen, können Sie           für die Entwicklung eines Planes B gefordert.
daran erkennen, dass wir Sie eingeladen          Beschränkt man sich auf Plan A, ist dies
haben, hier mitzudiskutieren.                    gleichbedeutend mit Alternativlosigkeit.
                                                 Damit arbeitet die Politik ständig. Sei es in
Prof. Stolte                                     der internationalen Finanzwirtschaft oder
Ich möchte ein ganz anderes Thema auf-           in der Verkehrs- und Gesundheitspolitik:
greifen, das sich auf eine Äußerung von Prof.    Stets hört man, die Entscheidungen unserer
Welzer bezieht. Sie haben sich mit Hinblick      Regierung seien alternativlos. Ein solcher
auf Fukushima äußerst erstaunt darüber           Verzicht auf einen Plan B oder sogar C
gezeigt, dass Japan als die drittgrößte Indus-   bedeutet eine Beschneidung menschlicher
trienation der Welt seine Wirtschaft wesent-     Phantasie und Intelligenz.
lich auf der Basis von Kernenergie hat
aufbauen können. Sie empfinden dies irgend-      Wenn aber angesichts der weiteren




                                                                                      ‘‘
wie als widersinnig. Welche Möglichkeiten        Zunahme der Weltbevölkerung Wachstum
hätte Japan denn sonst gehabt? Japan hat –       weiterhin notwendig ist, müssen wir Wege
nach der traumatischen Erfahrung des             finden, nicht mehr ausreichend vorhandene
Abwurfs der Atombomben über Hiroshima            natürliche Ressourcen durch andere zu
und Nagasaki – angesichts des Mangels an         ersetzen. Im Bereich der Energie gibt es
eigenen natürlichen Ressourcen einfach           bereits Pläne zur Errichtung von Solarkraft-
die Chance ergriffen, Atomenergie friedlich      anlagen in nordafrikanischen Wüsten-
zu nutzen. Die damalige Situation ist nicht      gebieten.
64   D I S K U S S I o N    D E S       T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Hieraus wiederum ergibt sich das Problem,         zum Ausdruck bringen wollte: Ich denke,
                       wie der dort gewonnene Strom nach Europa          dass sich an Japan und Fukushima exempla-
                       geleitet werden kann. Auch wird längst            risch zeigen lässt, auf welcher Utopie das
                       darüber nachgedacht, die Ozeane als Ener-         Fortschrittsmodell der westlichen Welt
                       giequellen zu nutzen.                             beruht. Diese Utopie besteht in dem Glau-
                                                                         ben, der Mensch könne sich vollständig
                       Ich glaube, was in Japan passiert ist, darf       von der Natur emanzipieren. Dieser Glaube
                       trotz aller Tragik nicht dazu führen, dass wir    lag all unseren grandiosen technischen
                       ausschließen, dass sich der Mensch ganz           Errungenschaften zugrunde.
                       neue Energiequellen erschließen kann.
                       Wenn wir von vornherein davon ausgingen,          Sie haben bisher im allgemeinen ja auch
                       dass es auf der Welt keine anderen als die        großartig funktioniert und unser Leben in
                       bisher bekannten Ressourcen gibt, käme dies       vielerlei Hinsicht verbessert und sicherer
                       einer Beschränkung auf Plan A gleich. Ich         gemacht. Aber dieses Fortschrittsmodell –
                       hoffe, Sie können nachvollziehen, dass mir        und das ist der springende Punkt meiner
                       bei diesem Gedanken nicht ganz wohl ist.          Argumentation – ist in einer kleinen,
                       Aber möglicherweise habe ich Sie ja missver-      begrenzten Welt entstanden, die aufgrund
                       standen. Vielleicht können Sie daher noch         bestimmter historischer Gegebenheiten
                       einmal auf diese Frage eingehen. Sollten Sie      in der vorteilhaften Lage war, den Rest der
                       jedoch bei Ihrer Auffassung bleiben – und         Welt für ihre Zwecke nutzen zu können.
                       damit womöglich auch noch recht behalten –        Fukushima symbolisiert den Zusammen-
                       befänden wir uns in einer gigantischen            bruch dieses Modells. Es funktioniert einfach
                       Kalamität.                                        nicht – unabhängig von Naturkatastrophen
                                                                         wie Erdbeben.
                       Prof. Welzer
                       Ich fürchte, ich habe recht, Herr Prof. Stolte:   Auf Ihre Frage, ob sich vielleicht nicht
                       Wir befinden uns tatsächlich in einer äußerst     doch noch andere Ressourcen finden oder
                       misslichen Lage. Lassen Sie mich daher prä-       generieren ließen, kann ich nur sagen:
                       zisieren, was ich mit dem Beispiel Fukushima      systematisch nicht, denn erstens wächst die
                                                                         Weltbevölkerung weiter und zweitens
                                                                         kopieren immer mehr Länder den Entwick-
                                                                         lungsweg des Westens. Beides führt zu einer
                                                                         exponentiell steigenden Übernutzung der
                                                                         Ressourcen. Insofern bleibt uns nichts
                                                                         anderes übrig, als – statt nach immer neuen
                                                                         Energiequellen und Ressourcen zu suchen
                                                                         – darüber nachzudenken, ob wir all dessen,
                                                                         was wir gegenwärtig zu brauchen glauben,
                                                                         wirklich in diesem Maße bedürfen. Vieles
                                                                         benötigen wir tatsächlich nicht, und über-
                                                                         dies schafft manches auch noch unglaubliche
                                                                         Zwänge. Wir verschwenden schlicht viel
65




zuviel Energie und Material für absolut         nördlich ein zweites Atomkraftwerk
sinnlose Dinge, die uns überdies meist nur      derselben Generation gibt, das man aber auf
belasten.                                       einen 20 Meter hohen Sandsockel gesetzt
                                                hat, weil man seit Jahrhunderten über Tsuna-
Prof. Stolte                                    mis und Erdbeben Bescheid weiß. Diesem
Das mag vielleicht für Europa gelten. Für       Kraftwerk ist angeblich nichts passiert.
die Entwicklungs- und Schwellenländer kann
ich mir das nicht vorstellen. Wir werden
schon genug Probleme damit haben, den
Weg, den wir in Deutschland zu beschreiten
versuchen, auch auf europäischer Ebene poli-
tisch durchzusetzen. Es ist erkennbar, dass
es die Länder in Asien, Afrika und Südamerika
nicht schaffen werden. Wir werden an den
gleichen Fragen scheitern, an denen wir
schon in Kyoto oder Kopenhagen gescheitert
sind, denn diese Länder werden sagen: Jetzt,
da wir auf dem Weg sind, ebenfalls zu einem
Wohlstand zu kommen, wie Ihr ihn schon
seit Jahrzehnten genießt, wollt Ihr uns vor-
schreiben, die CO 2-Emissionen zu begrenzen?    Das beantwortet nicht die Frage nach der
Wenn Ihr uns dafür bezahlt, ist das in Ord-     Verantwortbarkeit dieser Technologie für die
nung, wenn nicht, dann ist mit uns darüber      Zukunft, aber es zeigt, dass zumindest der
nicht zu reden.                                 Optimismus in Bezug auf die Beherrschung
                                                dieser Technik zu groß ist und es daher zu
Das ist das Problem, vor dem wir stehen,        Katastrophen wie der jetzigen kommen
und deshalb müssen wir über einen Plan B        kann.
nachdenken. Diesen haben Sie für Deutsch-
land beschrieben, aber ich kann mir nicht       Noch ein Wort zu einem weiteren Thema,
vorstellen, wie er das Problem für die ganze    das Prof. Stolte erwähnt hat: das Thema der
Welt lösen könnte.                              Ressourcen und ihrer Endlichkeit. Es gibt
                                                weltweit Wissenschaftler, die sagen, dass wir
Prof. Speer                                     eigentlich kein Ressourcenproblem haben für
Eigentlich möchte ich die Diskussion über       die Versorgung der prognostizierten Milliarden
Atomenergie nicht fortführen, sonst kommen      Menschen auf der Erde. Was wir haben, ist
wir heute nicht weiter. Zu den Ereignissen      erstens ein Verteilungsproblem und zweitens
in Japan möchte ich nur eines ergänzend         eine Wasserverschwendung ungeheuren
anmerken: Es gibt auch internationale Stim-     Ausmaßes. 40 Prozent der Wasservorräte auf
men, die sagen, dass die Japaner mit dieser     der Welt versickern irgendwo, weil die Leitun-
Technologie vor allem am Standort Fukushima     gen kaputt sind und das Wasser deshalb gar
relativ fahrlässig umgegangen sind. Ich habe    nicht dort ankommt, wo es gebraucht wird.
gelesen, dass es 100 Kilometer weiter
66   D I S K U S S I o N    D E S      T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Entsprechendes gilt für die Energie, weil
                       der Ressourcenverbrauch auf der ganzen Welt
                       subventioniert wird, wenn auch in unter-
                       schiedlichem Maße.


                       Warum wurde in China beispielsweise noch
                       keine Ökostadt gebaut, obwohl es wunder-
                       schöne Pläne dafür gibt? Die Antwort lautet:
                       Weil die Energiekosten so niedrig sind. Es
                       geht nicht nur um die Frage der Erfindung
                       von neuen Technologien, sondern es geht
                       ganz wesentlich um die Frage der effizienten
                       Nutzung der Ressourcen und des Sparens.
                       Dabei geht es um eine Größenordnung von         Dr. Spandau
                       gut 40 Prozent. Dass wir beides nicht aus-      Einen Bereich würde ich gerne noch einmal
                       reichend tun, ist weniger eine Frage der        ansprechen: Großereignisse wie Olympische
                       Technologien als unseres Handelns, und das      Spiele und Fußballweltmeisterschaften,
                       wird ganz wesentlich von den Kosten und         die mittlerweile gerne als Mega-Events abge-
                       damit vom Geld bestimmt.                        tan werden. Herr Prof. Speer, Sie haben
                                                                       heute über die Allianz Arena und die Chancen
                       Dr. Spandau                                     gesprochen, die solche Großereignisse eröff-
                       Also brauchen wir doch mehr Mut, damit          nen. Planung, Standortwahl, Bürgerbegehren,
                       das Neue in die Welt kommt und wir bereit       Bau, Eröffnung – in nur fünf Jahren. Ist Stadt-
                       sind, mehr Verantwortung zu übernehmen.         entwicklung in Deutschland heute wirklich
                                                                       nur noch in Zusammenhang mit solchen
                       Dr. Reimann-Dubbers                             Großereignissen möglich?
                       Vor wenigen Jahren hat Dr. Harry Lehmann,
                       heute Fachbereichsleiter beim Umweltbundes-     Prof. Speer
                       amt, eine Studie vorgelegt, der zufolge Japan   Das ist ein interessantes Thema, mit
                       zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien        dem ich mich sehr gerne beschäftige. Schon
                       versorgt werden kann. Wir haben gewaltige       als die Mauer noch stand, hatten wir mit
                       Möglichkeiten bei der Nutzung erneuerbarer      ersten Voruntersuchungen hinsichtlich einer
                       Energien. Es ist uns überhaupt nicht            möglichen Bewerbung von Frankfurt um
                       bewusst, welche Chancen für die Schaffung       Olympische Spiele begonnen. Ich bin ein
                       von Arbeitsplätzen allein bei der energe-       großer Freund politischer Diskussionen über
                       tischen Sanierung von Altbauten zur Ein-        solche Großereignisse, weil ich das Gefühl
                       sparung von Energie bestehen. Gegenwärtig       habe, dass allein schon die Bewerbung darum
                       kratzen wir da bestenfalls an der Oberfläche    in den Köpfen etwas bewirkt. Frankfurt
                       eines gewaltigen Potentials, das wir konse-     hat zwei Häfen und liegt an einem schönen
                       quent nutzen können und müssen.                 Fluss. Der Main war im Bewusstsein der
                                                                       Frankfurter so gut wie nicht mehr vorhanden.
67




Nur mit dem Gedanken „Frankfurt könnte           für Olympische Winterspiele täte auch
vielleicht mal …“ haben wir es geschafft, eine   Bayern etwas für seine eigene Weiterent-
Diskussion über die Häfen anzuzetteln,           wicklung.
und das nicht nur in der Stadt selbst, son-
dern im ganzen Umfeld.                           Dr. Spandau
                                                 Vielleicht bekommen wir durch die
Es stellte sich heraus, dass jede mittelgroße    Olympischen Winterspiele in München
Stadt der Region längst damit begonnen hatte,    sogar die Wiedervereinigung des Eng-
einen Containerhafen zu bauen, den niemand       lischen Gartens hin.
benötigte. Mittlerweile ist der Frankfurter
Westhafen ein wunderschön gemischt bebau-        Jochen Sandner
ter Bereich mit allem, was dazugehört.           Herr Prof. Speer, das war eine Steil-
Inzwischen bin ich der Meinung, dass demo-       vorlage, besten Dank. Wir haben seit 1951
kratische Länder solche Großereignisse als       mit den Bundesgartenschauen alle zwei
Vehikel brauchen, weil damit ein Enddatum        Jahre dort ein Instrument für die Stadtent-
feststeht, an dem ein Projekt fertig sein        wicklung, wo tatsächlich die Bündelung
muss.                                            von privaten und öffentlichen Investitionen
                                                 im Rahmen eines Maßnahmenkatalogs auf
Andernfalls neigen unsere Städte dazu,           einen bestimmten Termin hin erfolgt.
alles in die Zukunft zu verschieben. So macht    Herr Gaffert, Sie wissen aus der Erfahrung
sich Mannheim seit zwei Jahren Gedanken          mit der Landesgartenschau, der kleineren
über eine Bewerbung um den Titel „Euro-          Schwester der Bundesgartenschau, wie
päische Kulturhauptstadt“ – obwohl man noch      groß der Erfolg sein kann, denn mit diesem
gar nicht weiß, wann man sich bewerben           Instrument können mit überschaubaren
würde. Ob jemals etwas daraus wird, ist im       Risiken Prozesse der Stadtentwicklung in
Prinzip egal, aber wenigstens eine Diskussion    Gang gesetzt werden. In Köln prüfen wir
darüber ist in Gang gesetzt worden.              gerade, ob wir auf der Basis Ihres Master-
                                                 planes, Herr Prof. Speer, im Rahmen einer
Ganz im Hintergrund waren wir auch an            Bundesgartenschau 2023 oder 2025
der Bewerbung Münchens um die Olym-              die Lücke im Grüngürtel würden schließen
pischen Winterspiele beteiligt. Am Sonntag       können. Bis 2019 stehen die Städte für
wird es dazu in Garmisch einen Bürger-           Gartenschauen bereits fest, momentan wird




                                                                                      ‘‘
entscheid geben. Und gestern stand in der        über 2021 verhandelt. Die Städte nutzen
Zeitung, dass es in München ohne die Olym-       dieses Instrument und wenn sie dabei
pischen Spiele wohl keine zweite U-Bahn-         vernünftig vorgehen, kommen sie mit dem
Stammstrecke geben werde, die seit 20            Budget gut zurecht und rücken darüber
Jahren in Planung ist. Bewerbungen für           hinaus dank der Medienwirksamkeit des
Großereignisse wirken sich also nicht            Ereignisses nicht nur ins öffentliche Bewusst-
nur positiv aus auf die Diskussion über die      sein, sondern steigern auch noch ihr
Entwicklung einer Stadt, sondern auch auf        eigenes Selbstbewusstsein.
die eines Landes aus, denn als Gastgeber
68   D I S K U S S I o N    D E S      T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Dr. Spandau                                   Doch zurück zu Ihrer Frage: Ich glaube
                       Herr Dr. Salomon, wie sähe Ihre Stadt         trotzdem, dass es auch ohne Großereignisse
                       aus, wenn Sie eine solche Großveranstaltung   funktioniert. Im vorigen Jahr haben wir
                       durchführen würden? Könnten Sie damit         uns beim Wettbewerb der Deutschen Umwelt-
                       Prozesse anschieben, die momentan so lange    hilfe um die Auszeichnung „Bundeshaupt-
                       diskutiert werden, bis es keiner mehr hören   stadt des Klimaschutzes“ beworben und sind
                       kann?                                         als Sieger daraus hervorgegangen. Bei diesem
                                                                     Wettbewerb gab es sechs Kategorien mit
                                                                     jeweils sechs bis sieben Unterpunkten. Es
                                                                     waren also etwa 50 Fragen zu beantworten.
                                                                     Das Ergebnis für Freiburg war interessant,
                                                                     denn wir waren in keiner einzigen Kategorie
                                                                     die besten. Es gab also Städte, die in allen
                                                                     klimaschutzrelevanten Bereichen besser
                                                                     abgeschnitten haben.


                                                                     Wir waren aber auch in keinem Bereich
                                                                     schlechter als auf Platz sechs. Das bedeutet,
                                                                     dass wir zwar einerseits sehr breit aufge-
                                                                     stellt sind, andererseits aber noch viel von
                                                                     anderen lernen können. Das Besondere ist,
                       Dr. Salomon                                   dass wir alles machen, aber nichts auf
                       Wir hatten vor 25 Jahren in Freiburg eine     Weltniveau. Im Rahmen integrierter Stadt-
                       Landesgartenschau. Damals galt es, den Wes-   planung geht es also nicht unbedingt um
                       ten der Stadt zu entwickeln, und wir profi-   Leuchtturmprojekte, sondern um den
                       tieren noch heute davon. Seither besitzt      Gesamtansatz, das heißt um einen Wettbe-
                       ein Wohnviertel ein richtiges Naherholungs-   werb um die besseren Ideen bei der Beant-
                       gebiet – eine deutliche Aufwertung.           wortung der Fragen, wie sich möglichst
                                                                     viele Häuser in möglichst kurzer Zeit klima-
                       Es gibt in Freiburg inzwischen auch Über-     gerecht sanieren lassen, welche Kosten
                       legungen, ob wir uns nicht für 2020 um den    dabei entstehen, wie die Refinanzierung
                       Titel „Europäische Kulturhauptstadt“          aussieht und wieviel Energie dadurch
                       bewerben sollten. Dabei wissen wir noch       eingespart werden kann.
                       nicht einmal, ob Deutschland 2020 überhaupt
                       zum Zuge kommt. Aber der Weg ist das          Wenn wir von heute auf morgen auf
                       Ziel, selbst wenn wir es nicht erreichen      erneuerbare Energien umschalten, kostet
                       sollten. Allein die Bewerbung muss für jede   das eine Menge Geld, aber wir zahlen
                       Kommune Vorteile mit sich bringen.            dann auch keine Ölrechnungen mehr.
                                                                     Außerdem bedeutet es Investitionen
                                                                     in das Handwerk, in lokale und regionale
69




Arbeitsplätze und die Wirtschaft im             Prof. Speer
allgemeinen. Prof. Welzer hat recht: Man        Ich möchte das kurz ergänzen. Wir arbei-
muss Erfolgsgeschichten erzählen und            ten seit vielen Jahren mit Siemens zusam-
dabei die positiven Aspekte deutlich heraus-    men, einem Weltkonzern, der in der
stellen, damit die Menschen Anreize bekom-      Vergangenheit absolut sektoral und mono-
men, selbst Teil dieser Geschichte zu           funktional aufgestellt war und dessen
werden.                                         unterschiedliche Bereiche U-Bahnen oder
                                                Küchen, Medizingeräte oder Handys gebaut
Sebastian Knauer                                haben. Zwischen diesen Sektoren gab es
Das Thema unserer Tagung ist die Stadt          kaum Vernetzungen. Nun haben wir heute
von morgen. Der Siemens-Konzern hat daraus      davon gesprochen, wie notwendig es ist,
ein eigenes Geschäftsfeld gemacht. Ist das      Vernetzungen und Kreisläufe herzustellen
Programm „Green City“ daher nicht vielleicht    und gemeinsam Entwicklungen voranzu-
doch eher ein „green washing“? Ist die Ent-     treiben. Siemens geht genau in diese Nische,
wicklung der Städte wirklich ein ernstzuneh-    indem der Konzern alles bündelt, was mit
mender Ansatz, die Welt umzubauen?              Städten zu tun hat.


Prof. Welzer                                    Dr. Spandau
Ich kann nicht beurteilen, welche Absichten     Meine Damen und Herren, wir müssen
Siemens damit wirklich verfolgt. Grundsätz-     pünktlich fertig werden. Ich habe es ver-
lich halte ich es aber für einen ernstzuneh-    sprochen. Als Resümee unserer spannenden
menden Ansatz. Die Perspektive des Umbaus       Diskussion ziehe ich den Schluss, dass
unserer Städte ist mit Sicherheit für viele     sich die Stadt der Zukunft gar nicht so sehr
Firmen lukrativ. Das sieht man an zahlrei-      von unseren heutigen Städten unterscheiden
chen Unternehmen, die bereits vor 20 Jahren     dürfte.
über Nachhaltigkeit nachgedacht haben und
heute sehr gut dastehen. Sie haben beispiels-   Jedenfalls wird an der Stadt der Zukunft
weise in Bezug auf Technologien und der         schon heute gebaut. Konzepte für energe-
Veränderung der Wertschöpfungsketten heute      tische Altbausanierung oder energieoptimier-
sehr viel mehr Erfahrung als viele andere,      tes Bauen sind dafür ebenso notwendig wie
die das nicht getan haben und die es daher      die Änderung gewohnter Verhaltensweisen.




                                                                                    ‘‘
zum Teil nicht einmal mehr gibt.                Nur so kann sie sich bis zur Mitte des
                                                21. Jahrhunderts zu einer Hightech-Öko-
Ein weiterer Vorteil ist, dass es für die       Stadt mit verdichteten, fast dörflichen
Mitarbeiter dieser Betriebe interessant ist,    Wohnstrukturen bei großer architektonischer
in ihnen zu arbeiten. Mittelfristig beweist     und sozialer Vielfalt entwickeln. Allein
der Markterfolg, dass es sehr intelligent       Städte, die sich ökonomisch wie ökologisch
ist, neu zu denken. Das kann man auch als       auf die Anforderungen von morgen einstel-
Wettbewerbsvorteil bezeichnen.                  len, haben Zukunft.
70   D I S K U S S I o N    D E S      T A G U N G S T H E M A S




         ’’
                       Die Stadt der Zukunft ist kompakt. In         für uns alle darstellt und die Lösung der
                       ihr werden die vielfältigen Formen und        Probleme, vor der unsere Städte stehen,
                       Funktionen des urbanen Lebens zusammen-       einer intensiven, eng vernetzten Kommuni-
                       geführt: Sie ist gekennzeichnet durch         kation zwischen allen Beteiligten und
                       kurze Wege von der Wohnung zum Arbeits-       Betroffenen bedarf.
                       platz wie in die Stadtteilzentren.
                                                                     In diesem Sinne danke ich allen Referen-
                       Nur dann wird die Stadt der Zukunft mit       ten für ihre so lehr- wie kenntnisreichen
                       den Herausforderungen durch die demogra-      Beiträge. Sie haben uns viele Anregungen
                       phische Entwicklung, den Trend zur Indi-      gegeben und wir werden vieles davon
                       vidualisierung und den damit verbundenen      mitnehmen und in praktisches Handeln
                       Wandel der traditionellen Familienstruktur    umsetzen.
                       fertigwerden können, wenn sie von allen
                       Menschen gemacht wird und nicht nur von       Ich danke Ihnen allen für Ihre Teilnahme.




                                                                                                      ‘‘
                       Ingenieuren, Technikern, Politikern und       Wir waren gerne Ihre Gastgeber und würden
                       Zukunftsforschern.                            uns freuen, wenn Sie sich wohlgefühlt
                                                                     haben. Gerne begrüßen wir Sie am 3. und 4.
                       Die Stadt der Zukunft wird global ver-        Mai 2012 zu den dann 16. Benediktbeurer
                       netzt sein und aktiv an der Lösung globaler   Gesprächen der Allianz Umweltstiftung
                       Probleme mitwirken.                           wieder hier im Zentrum für Umwelt und
                                                                     Kultur.
                       Meine Damen und Herren, wir sind am
                       Ende unserer Diskussion, aber damit ist die
                       Diskussion über die Stadt der Zukunft
                       natürlich noch längst nicht beendet. Ich
                       denke, das hat auch keiner von Ihnen erwar-
                       tet. Was wir jedoch von unseren heutigen
                       Gesprächen mitnehmen können, ist, dass
                       die Thematik eine riesige Herausforderung
I M P R E S S U M   73




r e f e r e nte n                      B e n e D i ktB e U r e r G e S p r äc h e
                                       D e r Al l i An z U m w e ltSti f tU nG
Prof. Dipl.-Ing. Albert Speer          Band 15
AS & P – Albert Speer & Partner GmbH
Hedderichstraße 108 - 110              herausgeber
60596 Frankfurt am Main                Allianz Umweltstiftung
                                       Maria-Theresia-Straße 4a
Dr. Dieter Salomon                     81675 München
Oberbürgermeister                      Telefon: 089/41 07 33 - 6
Stadt Freiburg                         Telefax: 089/41 07 33 - 70
Rathausplatz 2 - 4                     E-Mail: info@allianz-umweltstiftung.de
79098 Freiburg                         Internet: www.allianz-umweltstiftung.de


Prof. Dr. Harald Welzer                redaktion
Kulturwissenschaftliches Institut      Dr. Lutz Spandau
Goethestraße 31                        Susanne Luberstetter
45128 Essen
                                       fotos
Peter Gaffert                          iStockphoto
Oberbürgermeister                      Rainer Lehmann
Stadt Wernigerode                      Mauritius
Marktplatz 1                           Horst Munzig
38855 Wernigerode                      Pitopia


                                       Gestaltung
m OD e r Ati On                        Susanne Hampel


Dr. Lutz Spandau                       litho
Vorstand                               Oestreicher + Wagner
Allianz Umweltstiftung                 Medientechnik GmbH
Maria-Theresia-Straße 4a
81675 München                          lektorat
                                       Dr. Karl-Heinz Ludwig


                                       Druck
                                       Mediengruppe Universal


                                       München 2011
bb_2011.pdf

bb_2011.pdf

  • 1.
    Benediktbeurer Gespräche der AllianzUmweltstiftung 2011 „Die Stadt von morgen wird durch den gebaut, der sie neu zu denken wagt.“
  • 3.
    I N HA L T 1 D I E B E N E DI K T B E U R E R G E S P R ÄC H E D E R AL L I AN Z U M W E LT S T I F T U NG am 06. Mai 2011 hatten zum Thema: „Die Stadt von morgen wird durch den gebaut, der sie neu zu denken wagt.“ 5 Pater Karl Geißinger, 43 Prof. Dr. Harald Welzer, Rektor des Zentrums für Umwelt Direktor des Center for Interdisciplinary und Kultur im Kloster Benediktbeuern, Memory Research am Kulturwissen- Benediktbeuern schaftlichen Institut Essen und Professor für Sozialpsychologie 9 Prof. Dr. h.c. Dieter Stolte, an der Universität St. Gallen, Vorsitzender des Kuratoriums der Essen Allianz Umweltstiftung, München 51 Diskussion des Tagungsthemas 15 Dr. Lutz Spandau, 73 Impressum Vorstand der Allianz Umweltstiftung, München 23 Prof. Albert Speer, Architekt, Albert Speer & Partner, Frankfurt 31 Dr. Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg im Breisgau, Freiburg
  • 5.
    D I E A L L I A N Z U M W E L T S T I F T U N G 3 D I E AL L IA N Z U MW E LT ST I F TU NG : Die Benediktbeurer Gespräche. Alljährlich treffen sich auf Einladung der Aktiv für Mensch und Umwelt. Allianz Umweltstiftung streitbare und neu- gierige Geister im Kloster Benediktbeuern. Die Benediktbeurer Gespräche sollen den Blick weiten für die Fragestellungen „Mitwirken an einem lebenswerten Dasein von morgen. in der Zukunft.“ Diese Maxime für Schutz, Pflege und Entwicklung von Natur und Leitmotiv der Benediktbeurer Gespräche ist, Umwelt hat die Allianz Umweltstiftung in die gesellschaftliche Auseinandersetzung zu ihrer Satzung verankert. Anlässlich ihres fördern, starre Konfrontationen aufzulösen 100-jährigen Jubiläums im Jahr 1990 über- und die umweltpolitischen Diskussionen zu nahm die Allianz mit Gründung der Um welt- versachlichen. stiftung in einem neuen Bereich gesell - schaftliche Verantwortung. Mit ihrer Streitkultur haben sich die Be ne- diktbeurer Gespräche zu einem Forum des Bei allen Projekten bindet die Allianz kontinuierlichen Neu-, Anders- und Weiter- Umweltstiftung den wirtschaftenden denkens entwickelt. Damit tragen sie dazu Menschen ein. Dabei ist das wesentliche bei, den Boden für eine nachhaltige Zu kunft Ziel aller Förderprojekte der Schutz des zu bereiten, denn die kann „in Zeiten, in Naturhaus haltes unter Berücksichtigung denen es keine linearen Handlungsanweisun- der wirtschaftlichen Entwicklung. gen mehr gibt, nur im kontinu ierlichen gesellschaftlichen Lernprozess entstehen“, Ökologisch und ökonomisch, sozial und so Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz kulturell – jedes Projekt leistet auf seine Art Umweltstiftung. einen Beitrag zur praktischen Umsetzung eines aktuellen Zukunftsthemas. Denn immer „Die Stadt von morgen wird durch den gebaut, geht es um die Idee des „Sustainable De - der sie neu zu denken wagt.“ war das Thema vel opment“, die beispielhafte Realisierung der fünfzehnten Benediktbeurer Gespräche nachhaltigen Wirtschaftens – also um die am 06. Mai 2011. Förderung einer dauerhaft umweltgerechten Entwicklung, die auch künftigen Generatio- Die Referate und aus ihnen resultierende nen ein lebenswertes Dasein ermöglichen Schlussfolgerungen werden mit diesem soll. Band der Schriftenreihe „Benediktbeurer Gespräche der Allianz Umweltstiftung“ Ausgehend von der Überzeugung, dass publiziert. grundlegende Umweltfragen nur im gesell- schaftlichen Konsens zu lösen sind, hat die Allianz Umweltstiftung ein unabhängiges Diskussionsforum geschaffen.
  • 7.
    B E Gr ü S S U N G P A T E r K A r L G E I S S I N G E r 5 „D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T, D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“ Begrüßung durch Pater Karl Geißinger, Rektor des Zentrums für Umwelt und Kultur im Kloster Benediktbeuern. Meine sehr verehrten Damen und Herren, in meiner Eigenschaft als Leiter des Zent- rums für Umwelt und Kultur danke ich Ihnen allen, dass Sie heute hierher gekommen sind, und heiße Sie ganz herzlich willkom- men zu den traditionell von der Allianz Umweltstiftung ausgerichteten Benediktbeurer Gesprächen. Sie sind ein Zeichen unserer denn es gibt gewaltige Probleme zu lösen. engen Verbundenheit und Partnerschaft, die Dabei geht es um Fragen der Infrastruktur, sich im Laufe der letzten 15 Jahre bei vielen der Wasser- und Energieversorgung, des gemeinsamen Aktivitäten bewährt hat. Verkehrs, der Sicherheit, des Katastrophen- schutzes, der Versorgung der Menschen auch „Die Stadt von morgen wird durch den in Krisensituationen, des Umweltschutzes gebaut, der sie neu zu denken wagt“, lautet und vieles mehr. Ich meine, dass die Planer das Motto der diesjährigen Tagung. Es weist solcher Megastädte gut daran täten, nicht darauf hin, dass unsere moderne Welt nur nach technischen Lösungen zu suchen, einem besonders raschen Wandel unterwor- sondern stets zugleich auch an die nicht fen zu sein scheint. Zum ersten Mal in der rein materiellen Bedürfnisse der Menschen Geschichte der Menschheit leben mehr zu denken, also an das, was eine Stadt im Menschen in Städten als auf dem Land. Grunde erst lebens- und liebenswert macht. Dieser Trend wird sich fortsetzen – vor allem in China, Indien und den Ländern Afrikas. Das Leben von immer mehr Menschen Ganz neue Metropolen und Megastädte wird heute bestimmt von den Folgen der werden entstehen. So wird das Leben in der Globalisierung, der zunehmenden Mobili- Stadt immer stärker das Leben der Menschen tät, des Konsums und der sich rasant prägen. entwickelnden Kommunikationsmittel. Letztere führen dazu, dass wir uns zuneh- Es ist nicht nur wichtig, sondern auch mend in einer virtuellen Welt bewegen. ungemein spannend, sich vorzustellen und Wir sind ständig von Menschen umgeben darüber zu diskutieren, wie diese Städte und begegnen einander doch nicht denn aussehen könnten, ja wie sie aussehen wirklich. sollten. Hier sind neue Ideen, kreative Entwürfe und mutige Impulse gefragt,
  • 8.
    6 B E G r ü S S U N G P A T E r K A r L G E I S S I N G E r Die menschlichen Grundbedürfnisse – wird? Wie lässt sich ein gesunder Orga- zum Beispiel nach einem Zuhause, nach nismus schaffen, der wachsen kann, ohne Geborgenheit, nach Heimat, nach Beziehun- zu wuchern und sich selbst zu zerstören? gen mit anderen Menschen, nach Gemein- Wie kann man neue Städte denken, wo schaft, nach einem Lebensumfeld, das wir Menschen unterschiedlicher Kulturen und selbst gestalten und mit bestimmen können – Religionen willkommen sind und Arme und all diese Bedürfnisse sind bei der Planung Reiche miteinander leben können? Ist es der neuen Städte zu berücksichtigen. möglich, Gemeinwesen zu entwickeln, die zur Heimat werden können auch für Werfen wir einen Blick auf das, was die entwurzelte Menschen, die offen sind für Großstädte unserer Welt heute für viele Flüchtlinge, Vertriebene oder Gestrandete, Menschen – für die, die in ihnen leben, und Orte, in denen Menschen nicht ausgegrenzt für die, die sie als Touristen besuchen – werden und nicht in Gettos leben müssen, attraktiv macht. Viele dieser Großstädte, Städte mit Herz also? sogar wenn sie nur allzu oft auch furchtbare Elendsviertel haben oder von trostlosen Müssen solche Städte Utopien bleiben? Ich Trabantenstädten umgeben sind, vor allem bin sehr gespannt, welche Entwürfe, welche aber, wenn es sich um gewachsene, nicht Impulse, welche Ideen und Fragen heute einfach auf dem Reißbrett entworfene im Laufe dieser Benediktbeurer Gespräche und aus dem Boden gestampfte Städte vorgestellt und diskutiert werden. handelt, haben ein Zentrum, eine Mitte, ein Herz. Was sie so anziehend macht, können Nochmals herzlichen Dank Ihnen, die Sie prachtvolle Bauwerke sein – sei es ein hierher gekommen sind, und der Allianz Schloss, eine Burg oder ein Dom – vielleicht Umweltstiftung für die Wahl dieses Themas. auch besondere Grünanlagen wie Gärten oder Parks: In jedem Falle sind es Orte, die Ich wünsche Ihnen allen fruchtbare Diskus- Geschichte atmen, die einen besonderen sionen und einen spannenden Tag. Charme, eine bezaubernde Ästhetik oder eine Atmosphäre haben, die einen gefangen nimmt. Solche Städte besitzen ihre eigene Identität oder vermitteln die des Landes, in dem sie liegen. Kurz, es sind Städte mit einem Herz, die mehr bieten als bloß Wohnungen, Arbeitsplätze und Einkaufs- zentren. Für die Planer der Megastädte der Zukunft stellen daher gerade solche Fragen die größte Herausforderung dar: Wo wird das lebendige Herz der neuen Stadt sein? Wie kann man diese so gestalten, dass sie zum Biotop, zum Lebensraum für Menschen
  • 11.
    B E Gr ü S S U N G P r o F . D r . H . c . D I E T E r S T o L T E 9 „D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T, D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“ Begrüßung durch Prof. Dr. h. c. Dieter Stolte, Vorsitzender des Kuratoriums der Allianz Umweltstiftung. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich begrüße Sie herzlich zu den diesjährigen Benediktbeurer Gesprächen der Allianz Umweltstiftung. Sie erinnern sich vielleicht: Im letzten Jahr haben wir an dieser Stelle den 20. Geburtstag der Allianz Umweltstiftung gefeiert. Aber auch in diesem Jahr gibt es ein Jubiläum: Die Benediktbeurer Gespräche Mit diesen Schwerpunkten ihrer Förder- der Allianz Umweltstiftung finden nun tätigkeit sieht sich die Stiftung auf einem bereits zum 15. Mal statt! guten Weg, auch in Zukunft wichtige Beiträge zur Lösung gesellschaftlich relevanter Pro- Anlässlich ihres 20. Geburtstages hat die bleme leisten zu können. Schließlich fühlt Allianz Umweltstiftung eine Weiterentwick- sie sich nach wie vor gleichermaßen verant- lung ihrer bisherigen Förderkonzeption wortlich für Natur und Umwelt in ihrer diskutiert. Ein Expertengremium erörterte in Vielfalt wie für Mensch und Gesellschaft in diesem Zusammenhang vor allem die Mög- unserer zunehmend globalisierten Welt. lichkeit der Einbeziehung aktueller Probleme und gesellschaftlich relevanter Fragen aus Ein zentrales Zukunftsthema ist die fort- dem Umweltbereich. schreitende Verstädterung, die enorme Zunahme sogenannter Megacities an Zahl Ergebnis dieser Strategiegespräche war und Größe. Nicht zuletzt aus diesem Grund sowohl die Aktualisierung bisheriger als auch wurde der Förderbereich „Leben in der die Festlegung neuer Förderschwerpunkte der Stadt“ in das Programm der Stiftung aufge- Allianz Umweltstiftung in den Bereichen nommen. Die Wahl des Themas der dies- jährigen Benediktbeurer Gespräche – „Die Umwelt- und Klimaschutz, Stadt von morgen wird durch den gebaut, Leben in der Stadt, der sie neu zu denken wagt“ – ist Ausdruck nachhaltige Regionalentwicklung, dieser neuen Konzeption. Biodiversität und Umweltkommunikation.
  • 12.
    10 B E G r ü S S U N G P r o F . D r . H . c . D I E T E r S T o L T E Die Menschheit wächst und damit auch der Gebäude. Im Wüstensand vor den Toren Hunger nach Bildungs- und Aufstiegschancen. Abu Dhabis entsteht unter Federführung Immer mehr Menschen zieht es in die des Büros des britischen Stararchitekten Städte. Megacities wirken wie gesellschaft- Norman Foster die ökologische Musterstadt liche Magneten. Von ihnen erwarten die Masdar, die ganz ohne die Verwendung Menschen Lösungen für ihre Probleme – oft fossiler Brennstoffe auskommen soll. „Die nicht ahnend, dass sie die alten nur gegen Stadt“, schreibt Hanno Reuterberg in seinem neue eintauschen. bemerkenswerten Artikel „Die andere Revolution“ in der ZEIT vom 24.02.2011, Seit 2007 leben auf unserem Globus mehr „will die Welt nicht allein durch Forschung Menschen in Städten als in ländlichen und Technik retten, sie möchte den Men- Gebieten. UN-Prognosen zufolge wird sich schen auch neue Gewohnheiten nahe- die Verstädterung fortsetzen. Gleichzeitig bringen. […] verschieben sich die demographischen Gewichte: Während die Bevölkerung in fast Während in Deutschland Moderne und allen Industriestaaten schrumpft, wächst sie Tradition gern gegeneinander ausgespielt in Schwellen- und Entwicklungsländern. werden, finden sie hier mit erstaunlicher Dieser Trend bedeutet weltweit eine große Selbstverständlichkeit zusammen. […] Herausforderung für Politiker und Städte- Die Zukunft ist nicht futuristisch. Sie lernt planer. Kofi Annan, der ehemalige UN-Gene- aus der Geschichte.“ ralsekretär, hat sogar von einem „Jahrtausend der Städte“ gesprochen. Zunehmend ent- Anders in Südkorea. In der Nähe von scheiden sich die Menschen gegen ein Leben Seoul wird mit einem Mammutprojekt die auf dem Land und für ein Leben in der Stadt: „Stadt der Städte“ gebaut, ein modernes Sie ziehen dorthin, wo sie sich Wohlstand Utopia auf dem Wattenmeer durch Auf- und eine bessere Zukunft erhoffen. schüttung von Erdreich abgerungenem Land: New Songdo City. Aber auch in China setzt Unter welchen Voraussetzungen sind man noch auf städtebauliche Gigantomanie, diese Hoffnungen berechtigt? Wie müssen wie die Millionenstadt Chongqing zeigt, die neuen Städte aussehen, damit sie sich in der Hochhäuser wie Pilze aus dem Boden erfüllen? schießen und Zehntausende von Wander- arbeitern ihr Glück suchen. Die Ballungszentren – schon heute gibt es mehr als 130 Städte mit über drei Es fällt allerdings schwer zu glauben, Millionen Einwohnern – verbrauchen etwa dass die Zukunft der Menschheit von einem 80 Prozent der weltweit verfügbaren Ressour- Leben in Städten geprägt sein soll, die cen. Städte wie New York, London, Oslo, komplett auf dem Reißbrett entstanden Vancouver oder München arbeiten bereits sind. an Plänen zum Bau kombinierter Wohn- und Arbeitsviertel, zur Reduzierung des Verkehrs und zur Errichtung energieoptimierter
  • 14.
    12 B E G r ü S S U N G P r o F . D r . H . c . D I E T E r S T o L T E Was eine Stadt im eigentlichen Sinne Wie der chinesische Politiker Deng Xiaoping ausmacht, ist schließlich ihr ureigener, einmal gesagt hat, kommt es stets darauf mindestens über Jahrzehnte, meist sogar an, die Wahrheit in den Tatsachen zu suchen. über Jahrhunderte gewachsener Charakter Dies sollten auch wir tun bei der Beschäfti- und ihre Geschichte, die nicht nur im gung mit den Fragen, die sich uns stellen, Stadtbild, sondern auch in der Vielfalt ihrer wenn wir über das Thema unserer heutigen Bewohner zum Ausdruck kommt. Veranstaltung diskutieren: Vielen Großstädten droht heute eine Wie werden wir in den „Städten der soziale Spaltung. Und das gilt nicht nur für Zukunft“ wohnen, leben und arbeiten? die Megacities Afrikas, Asiens und Süd- amerikas mit ihren unkontrolliert wuchern- Welche ökonomischen, ökologischen und den Slums. Auch in Europa gilt es zu sozialen Gesichtspunkte werden bei der verhindern, dass die Städte zunehmend in Entwicklung und Gestaltung der Städte ein lebendiges Zentrum und eine trostlose eine Rolle spielen? Peripherie zerfallen. Es ist eine wichtige Aufgabe, dafür zu sorgen, dass sich die Wie lässt sich die zunehmende Verstädte- Infrastruktur einer Stadt entsprechend den rung steuern, damit die „Stadt der Zukunft“ Bedürfnissen ihrer Bewohner entwickelt. gestaltbar bleibt? Dafür aber bedarf es neuer Mobilitäts- konzepte, bei denen es nicht nur darum Welche Folgen hat der demographische gehen darf, möglichst viel Mobilität zu Wandel für die Städte? ermöglichen, sondern auch um die Frage gehen muss, wieviel Mobilität mit welchen Wie kann man Städte vor Katastrophen Verkehrsmitteln eine moderne Stadt über- schützen? haupt braucht. Auf diese und viele andere essentielle Städte verursachen massive Umwelt- Fragen gilt es Antworten zu finden. Allerdings probleme: Sie breiten sich immer weiter aus, wird wohl keine Antwort umfassend oder verbrauchen enorme Mengen an Wasser und gar endgültig sein können. Aber wir können – Nahrungsmitteln, verpesten die Luft und gleichsam Mosaiksteine aneinanderfügend – produzieren Unmengen Müll. Städte produ- allmählich ein Bild von der Stadt der Zukunft zieren einen sehr großen Teil der weltweiten entstehen lassen. Und wenn uns das heute Gesamtemission von Treibhausgasen und noch nicht gelingt, dann vielleicht morgen … sind damit wesentlich mitverantwortlich für oder übermorgen. den Klimawandel. Ich freue mich, in unserem Kreis hervor- ragende Fachleute begrüßen zu können, die uns die vielfältigen Aspekte unseres neuen, hochaktuellen Themas erläutern werden:
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    13 HerrProfessor Albert Speer, international diese stetig weiterentwickeln. In diesem renommierter Architekt und Stadtplaner Sinne möchte ich den Salesianern Don mit Projekten u.a. in Dschidda, Shanghai Boscos für die langjährige Zusammenarbeit und Moskau, danken und gleichzeitig zusichern, dass wir sie auch in Zukunft tatkräftig unterstüt- Herr Dr. Dieter Salomon, Oberbürger- zen werden. meister von Freiburg im Breisgau, Bündnis 90/Die Grünen, Meine Damen und Herren, ich wünsche uns allen ergiebige und interessante Prof. Dr. Harald Welzer vom Kulturwissen- Benediktbeurer Gespräche 2011 mit leben- schaftlichen Institut Essen, digen Diskussionen. Herr Gerhard Matzig, im Feuilleton Ich darf jetzt den Vorstand unserer der Süddeutschen Zeitung zuständig für Umweltstiftung, Herrn Dr. Spandau, bitten, Architektur und Stadtplanung, hat gestern in seiner bewährten Art die Leitung aus gesundheitlichen Gründen leider der Benediktbeurer Gespräche 2011 zu absagen müssen. Herr Dr. Spandau hat übernehmen. jedoch buchstäblich in letzter Minute eine interessante Lösung gefunden, die er Ihnen später vorstellen wird. Meine Damen und Herren, an einem Ort wie diesem, wo manch einer wohl eher erwarten würde, in sich gekehrten Mönchen in dunklen Kutten zu begegnen, haben die Salesianer Don Boscos mit dem Zentrum für Umwelt und Kultur eine weltoffene Institution geschaffen. Hier wird in der geistigen Aus- einandersetzung mit Fragen der Regionalität, Umweltbildung und Nachhaltigkeit sowie Kunst und Kultur die Einsicht in die unauf- lösliche Vernetzung des Menschen mit der Schöpfung vermittelt – und dies nicht auf belehrende Weise, sondern stets getreu dem Motto des Klosters mit „Freude am Leben“. Mit den 15. Benediktbeurer Gesprächen zeigen die Allianz Umweltstiftung und das Zentrum für Umwelt und Kultur, dass sie kontinuierlich an ihren Zielen arbeiten und
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    E I NF ü H r U N G D r . L U T Z S P A N D A U 15 „D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T, D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“ Einführung von Dr. Lutz Spandau, Vorstand der Allianz Umweltstiftung, München. Meine sehr geehrten Damen und Herren, „Wir sollten uns alle Gedanken über die Zukunft machen, weil wir den Rest unseres Lebens in ihr werden verbringen müssen“, hat der amerikanische Erfinder und Philosoph Charles F. Kettering einmal gesagt. Wer gäbe ihm nicht recht? Wer besäße Lebens vielleicht 200 bis 300 Leute nicht gerne eine Kristallkugel, die schon getroffen. Heute dagegen lebt und arbeitet früh zeigt, was auf einen zukommt? zum Beispiel jeder Bewohner von New Zum Beispiel wie unsere Städte in 15 oder York City in einem Umkreis von weniger 20 Jahren aussehen. Schließlich werden als einem Kilometer mit 20.000 Menschen die meisten von uns einmal in ihnen leben zusammen. Wir haben uns zum Homo müssen. urbanus entwickelt. Das Jahr 2007 war ein Wendepunkt in Inzwischen gibt es auf der Welt 400 Städte der Geschichte der Menschheit: Einem mit mehr als einer Million Einwohnern und Bericht von UN-HABITAT, dem Programm 20 Städte mit über zehn Millionen. Die der Vereinten Nationen für menschliche Zahl der Menschen, die in Städten leben, hat Siedlungen zufolge, lebten vor vier Jahren sich seit 1950 vervierfacht. Im Jahr 2030 zum ersten Mal mehr Menschen in Städten werden voraussichtlich mehr als 60 Prozent als auf dem Land. In Zukunft, so die Prog- der Erdbevölkerung in Städten leben. Bis nose, wird der größte Teil der Weltbevölke- zum Jahr 2050 könnten es 75 Prozent sein. rung in riesigen Stadtgebieten wohnen, Die Städte sind verantwortlich für 75 Prozent die meisten davon zusammengepfercht und des weltweiten Energieverbrauchs und für übereinandergestapelt in Megastädten, die 80 Prozent der CO 2-Emissionen. zusammen mit ihren wild wuchernden Vorstädten oft mehr als zehn Millionen Ein- Die am schnellsten wachsenden Städte wohner zählen. Dies ist ein neues Phäno- liegen in Indien, China und im südlichen men. Noch vor 200 Jahren hat der durch- Afrika. schnittliche Erdenbürger im Laufe seines
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    16 E I N F ü H r U N G D r . L U T Z S P A N D A U Schätzungsweise einer von drei Stadt- sowie Freizeit- und Einkaufszentren auf bewohnern, insgesamt also rund eine Mil- der grünen Wiese wucherten die Städte an liarde Menschen, lebt in Slums aus schlecht ihren Rändern ins Umland. Die bereits 1933 gebauten Hütten oder Häusern mit unzu- verabschiedete „Charta von Athen“ des reichender Trinkwasserversorgung und pre- einflussreichen schweizerisch-französischen kärer Sicherheitslage. Architekten Le Corbusier, mit der dieser die Schaffung lebenswerter Wohn- und Gleichzeitig herrscht in vielen Städten – Arbeitsgebiete durch Trennung der verschie- oder Stadtteilen – nie dagewesener Wohl- denen städtischen Funktionsbereiche pro- stand mit scheinbar grenzenlosem Konsum pagierte, hatte diese Entwicklung begünstigt, einer vom Individualismus geprägten die in den 70er Jahren des vergangenen Gesellschaft. Niemand wird ernsthaft glau- Jahrhunderts mit dem Ideal der autogerech- ben, dass sich der Trend zur Verstädterung ten Stadt ihren Höhepunkt erreichte. Wohnen aufhalten oder gar umkehren ließe. Es im Grünen außerhalb der Stadt war so zum kann daher nur darum gehen, die Urbani- Trend geworden. sierung nachhaltig zu gestalten. Die Folgen dieser sogenannten Suburbani- Es versteht sich von selbst, dass die Städte sierung sind unübersehbar: hoher Flächen- der reichen, technologisch hochentwickelten verbrauch, ständig steigendes Verkehrs- Regionen der Welt dabei eine Vorreiterrolle aufkommen, zunehmende Umweltbelastung übernehmen sollten. Wenn eine ökologisch und sterbende Innenstädte. Heute versucht verträgliche, nachhaltige Urbanisierung über- man diesen Fehlentwicklungen mit den haupt möglich ist, dann sind sie es, die neuen Leitbildern Ökologie und Nachhaltig- zeigen könnten, wie es konkret funktionie- keit zu begegnen, wie sie sich in den 80er ren kann. Die Städte Mitteleuropas mit ihren und 90er Jahren des 20. Jahrhunderts heraus- komplexen, manchmal auch chaotischen gebildet haben. Wieder sind die Städteplaner Strukturen müssten als eine Art „Labor“ gefordert. dienen, um durch beispielhafte Architektur und eine weitsichtige Verkehrspolitik ein- Bislang ist von wirklichen Verbesserungen schließlich neuer Mobilitätskonzepte auch nur wenig zu spüren. Noch immer sprechen anderswo die Entwicklung der Städte positiv Experten von der aufgelösten Stadt und zu beeinflussen. vermelden ein zunehmendes Wachstum der Städte. Längst ist sogar von Stadt- und Dabei scheint es mir wichtig, dass wir Metropolregionen die Rede. uns vom traditionellen Bild der Stadt verab- schieden. Die „richtige“ Stadt, wie wir Wird sich diese Entwicklung umkehren sie uns noch immer vorstellen, ist ein bau- lassen? Oder werden wir die Definition des lich verdichteter Raum innerhalb eindeutiger Begriffes Stadt neu überdenken müssen? Wie Grenzen. Einen solchen klar abgegrenzten sieht in Zeiten weiter wuchernder Städte Raum, der einmal als eindeutiges Kriterium und zunehmender Ressourcenknappheit die für Urbanität gegolten hat, gibt es heute nur Stadt der Zukunft aus? noch selten, denn mit Gewerbegebieten
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    18 E I N F ü H r U N G D r . L U T Z S P A N D A U In einer sich ständig verändernden Welt In der Süddeutschen Zeitung vom 9. Dezem- ist es notwendig, das „Modell Stadt“ ber 2010 schrieb Gerhard Matzig unter der fortzuentwickeln. Dabei gilt es, die Balance Überschrift „Kathedralen für das Übermor- zu finden zwischen Wirtschaftswachstum genland“ über Prof. Speer: „Albert Speer und und Nachhaltigkeit, zwischen baulicher seine Partner sind so etwas wie das grüne Expansion und Bewahrung des historischen Gewissen der Branche. Erst vor kurzem Erbes, zwischen einem sprunghaften haben sie ein Manifest für nachhaltige Stadt- Anstieg des Flächenverbrauchs und neuen planung in Buchform veröffentlicht.“ Weiter Formen des Zusammenlebens, zwischen heißt es: „Der deutschen Ingenieurskunst, gestiegenen Ansprüchen in Bezug auf die der man hierzulande eher misstraut, bietet individuelle Mobilität und den Kapazitäts- man anderswo gerade dort Baugrund an, wo grenzen der Verkehrswege, zwischen den es um anspruchvolle und zukunftsweisende Generationen und zwischen den sich immer Architektur geht. Wenn sich die Konzepte stärker spaltenden sozialen Gruppen. von Albert Speer und Partner z.B. in Katar als tragfähig erweisen sollten, wird man dies Die Zukunft der Stadt wird also vor allem vielleicht sogar in Stuttgart zur Kenntnis davon abhängen, ob es gelingt, zu einem nehmen.“ tragfähigen Ausgleich zu kommen zwischen diesen und vielen anderen unterschiedlichen Für Professor Speer rührt ein Hauptproblem ökonomischen und ökologischen Interessen der europäischen Städte – besonders der und Bedürfnissen immer komplexer werden- im zweiten Weltkrieg stark zerstörten – von der Gesellschaften. den von Le Corbusier geprägten Planungs- prinzipien der „funktionalen Stadt“. Sie Ob und – wenn ja – wie dies gehen kann, hatten dazu geführt, dass in den 50er und wollen wir mit unseren Experten disku- 60er Jahren an den Stadträndern und somit tieren. weit entfernt von den Innenstädten, wo die Menschen arbeiteten und einkauften, Wir begrüßen Herrn Prof. Albert Speer, Hoch- und Reihenhaussiedlungen errichtet ehemaliger Inhaber des Lehrstuhls für Stadt- wurden. Das Entstehen solcher Schlafstädte und Regionalplanung in Kaiserslautern und in den Außenbezirken war eng verbunden Gastprofessor an der ETH Zürich. mit damaligen gesellschaftlichen Idealen, die längst ihre Gültigkeit verloren haben, da Das Büro Albert Speer & Partner in Frank- inzwischen auch auf dem Gebiet der Städte- furt am Main beschäftigt mehr als 120 planung ein Paradigmenwechsel stattgefunden Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, die an hat. Wie sich nämlich zeigte, hat das Pendeln Projekten in Ägypten, Aserbaidschan, China, zwischen Wohnstätte und Arbeitsplatz öko- Katar, Russland, der Türkei und auch in nomisch wie ökologisch erhebliche negative Deutschland arbeiten. Folgen. So kostet die individuelle Mobilität jeden Haushalt im Durchschnitt mehr als Prof. Speer hat zahlreiche internationale zwölf Prozent seines Nettoeinkommens – von Auszeichnungen erhalten und Preise den Umweltschäden infolge des hohen gewonnen. Spritverbrauchs und des damit verbundenen CO 2-Ausstoßes ganz zu schweigen.
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    19 Heute, so Prof.Speer, soll die Stadt der Stadtentwicklungspläne, Zukunft dem Wunsch der Menschen gerecht werden, am selben Ort zu wohnen und Leitpläne einschließlich Verkehrspläne, zu arbeiten. Ihrem Bedürfnis, mit dem Nach- Lärmminderungspläne, Pläne zur barn auf dem Markt einen Schwatz halten Entwicklung der Wirtschaft und des zu können, anstatt auf mehrspurigen Straßen Wohnungsbaus, Jugendhilfepläne, aneinander vorbeizurauschen, soll wieder Kulturentwicklungspläne und Klima- stärker entsprochen werden. schutzprogramme, Wir wollen die vier K’s – Kultur, Konsum, Flächennutzungspläne, Kita und Kontakte – wieder mitten in der Stadt. Bebauungspläne, Projekt- und Erschlie- ßungspläne sowie Lieber Herr Prof. Speer, ist die Stadt der Zukunft ein Dorf? Wir freuen uns über Ihre städtebauliche Rahmenpläne, Teilnahme an den Benediktbeurer Gesprä- chen und begrüßen Sie herzlich. um nur einige wenige zu nennen. Machen wir uns nun auf den Weg in die Herr Oberbürgermeister Dr. Salomon, wundersame Öko-Stadt Freiburg im Breisgau: vermag eine Stadtverwaltung angesichts Hier regieren die Grünen, Häuser drehen einer solchen Flut von Regulierungs- sich schon seit Jahren zur Sonne und die vorgaben den Bedürfnissen ihrer Bürger Menschen sind volkstümlich grün. In Freiburg überhaupt noch gerecht zu werden? Ist erreichten die Grünen bei der Landtagswahl es angesichts dieser Lage nicht unausweich- am 27. März dieses Jahres 43 Prozent. Regiert lich, dass die Bürger selbst aktiv Leitvor- wird die Stadt seit 2002 von dem grünen stellungen für die Entwicklung ihrer Städte Oberbürgermeister Dr. Dieter Salomon. diskutieren und entwerfen nach dem Motto „Lebst du nur oder machst du schon Vor seiner Wahl zum Oberbürgermeister mit?“ Ist es vor diesem Hintergrund nicht war Dr. Salomon Abgeordneter im Landtag alles andere als ermutigend, dass „Wut- von Baden-Württemberg und Vorsitzender bürger“ zum Wort des Jahres ernannt der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen. wurde? Wie lässt sich eine Stadt unter Dr. Salomon ist Pragmatiker. Manche sehen solchen Bedingungen in und mit unserer in ihm gar einen grünen Technokraten. heutigen Gesellschaft noch entwickeln? Vielleicht muss man Technokrat sein, Kurz: Haben unsere Städte überhaupt um überhaupt noch den Überblick behalten noch eine Zukunft? Wir freuen uns, zu können über die zahlreichen, bei der von Ihnen mehr über diese Probleme zu Entwicklung unserer Städte zu berücksich- hören – und hoffentlich auch von den tigenden behördlichen Vorgaben und ver- Möglichkeiten, sie zu lösen – und begrüßen waltungstechnischen Instrumente als Sie herzlich hier in Benediktbeuern. da sind:
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    20 E I N F ü H r U N G D r . L U T Z S P A N D A U Unsere Volksvertreter seien überfordert Er fordert ein Ende der aus seiner Sicht und zu sehr mit ihrem Kampf ums politische unsäglichen Kombination aus Expertokratie Überleben beschäftigt. Da die Kaste der und Politik. Expertokratie bedeutet für Politiker für Idealisten und Visionäre keinen ihn, dass technokratische Planer festlegen, Platz mehr habe, müsse der Anstoß von was notwendig ist, dies dann an die Politiker außen kommen, von einer neuen außerparla- weitergeben, welche es nun ihrerseits auf mentarischen Opposition – einer Art netz- gesetzgeberischem Wege durchdrücken und unterstützten APO 2.0, meinte der Soziologe dann staunen, dass die Leute nicht wollen, und Sozialpsychologe Prof. Dr. Harald was ihnen da vor die Nase gesetzt wird. Welzer auf der Utopia-Konferenz im Sep- tember 2010. Dies provoziert natürlich die Frage, wie heute überhaupt noch Projekte realisierbar Prof. Welzer lehrt Sozialpsychologie an sein sollen. Können Bürgerinnen und Bürger der Universität Witten/Herdecke und leitet wirklich die Experten ersetzen? Lässt sich am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen unter solchen Bedingungen die Stadt von das Zentrum für interdisziplinäre Gedächtnis- morgen überhaupt entwickeln? Wie könnte forschung. Prof. Welzer forscht, um Fragen die Planung und Entwicklung unserer Städte zu beantworten – brisante und aktuelle durch ein Zusammenspiel von Experten, Fragen. Letztendlich, sagt er, betreibe er ein Verwaltung und Bürgern gelingen? Laboratorium der Gegenwart und der Zukunft. Wir freuen uns, mit Ihnen darüber diskutieren zu können und begrüßen Sie, Herr Prof. Prof. Welzer sieht, dass die Bürger unserer Welzer, herzlich hier bei den Benediktbeurer Republik in verschiedenen Bereichen Gesprächen. dagegen zu protestieren beginnen, dass ihnen Entscheidungen aufoktroyiert werden, die Wie Herr Prof. Stolte bereits erwähnte, mitzutragen sie nicht bereit ist. Zu der bei hat Herr Matzig seine Teilnahme an unserer Planungsprozessen üblichen Moderation, die Veranstaltung kurzfristig abgesagt: Einer oft zum Ziel hat „den Bürger mitzunehmen“, Kehlkopfentzündung wegen kann er heute bemerkte er in einem Interview über die leider nicht kommen. Ich habe also die Auseinandersetzung um das Projekt „Stutt- Aufgabe, Ihnen – nach dem Vorbild Hannibals, gart 21“ in der taz vom 23. Oktober 2010 der bei der Überquerung der Alpen gesagt kritisch: „Ich zum Beispiel will von niemanden haben soll: „Entweder wir finden einen Weg mitgenommen werden. Bürger wollen Dinge oder wir bauen einen“ – spätestens bis zum beurteilen und Folgen von Entscheidungen Beginn der Diskussion eine Lösung zu für ihre eigene Gegenwart und Zukunft präsentieren. Und ich verspreche Ihnen: Ich abschätzen, das ist mehr als legitim. Die werde eine finden. Schlussfolgerung daraus ist, dass man sie von Anfang an partizipieren lassen muss.“ Sinngemäß vertritt Herr Matzig in verschie- denen Beiträgen in der Süddeutschen Zeitung folgende Thesen: „Wenn wir heute über die Stadt von morgen diskutieren, geht es
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    21 nicht nur umMünchen, Garmisch und Olympia, es geht nicht nur um den Stuttgarter Bahnhof, den Wiederaufbau des Berliner Stadtschlosses, die Hamburger Elbphilhar- monie oder die Dresdener Waldschlösschen- Brücke, und es geht auch nicht nur um Hochhäuser und Windkraftanlagen. Es geht um weit mehr: Es geht um Revolte, Bürgerbegehren und die Renaissance des Außerparlamentarischen – und damit um einen allmählich fast gespenstisch anmutenden modernen Widerspruchsgeist, der einer neuen Verdrossenheit entspringt. Was hat sich geändert? Warum stoßen Innovationen und Visionen heute auf soviel Ablehnung? Warum misstraut man dem Machbaren, dem Wandel, dem Neuen? Es ist kaum zu bezweifeln, dass Fragen der Nachhaltigkeit inzwischen nahezu alle anderen Themen verdrängen. Wenn wir wegen dieser grundsätzlichen Bedenken aber jeglicher Euphorie für andere Dinge verlustig gehen, werden wir kaum in der Lage sein, Lösungen für die Probleme der Zukunft zu finden – nicht einmal für die, die wir selbst im Glauben an die Zukunft verursacht haben.“ Ich denke, wir dürfen uns auf ebenso spannende wie kontroverse Diskussions- beiträge freuen. Lassen Sie uns keine Zeit verlieren, lassen Sie uns einsteigen in die Benediktbeurer Gespräche der Allianz Umweltstiftung zum Thema „Die Stadt von morgen wird durch den gebaut, der sie neu zu denken wagt“.
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    V o rT r A G P r o F . A L B E r T S P E E r 23 „D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T, D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“ Vortrag von Prof. Albert Speer, Architekt, Albert Speer & Partner, Frankfurt. Meine sehr verehrten Damen und Herren, zunächst möchte ich mich herzlich für die heutige Einladung bedanken. Ich bedanke mich bei Pater Geißinger, der in seiner Begrüßungsansprache bereits ganz Wesent- liches zum Thema gesagt hat, bei meinem Freund und Weggenossen Dieter Stolte und bei Herrn Dr. Spandau, der das Thema nologien abgelesen werden kann, ist weit geöffnet hat, so dass es für mich nicht ein wesentliches Thema. Eben zu diesen leicht werden wird, diese Bandbreite von Umbrüchen gehört auch das Thema des Aspekten in den mir zur Verfügung stehen- heutigen Tages: neu denken. Genauso gehört den 20 Minuten aufzugreifen. Es kann mir aber auch die Geschichte, die Vergangenheit nicht umfassend gelingen, weil „die Stadt“ dazu, also das, was die Menschen früher als Thema einfach zu groß und zu vielschich- gedacht haben. Eine der großen Herausforde- tig ist. Wie Sie bereits wissen, sind mein rungen der heutigen Epoche ist, dass man Büro und ich in vielen Ländern dieser Erde diese beiden Teile, Vergangenheit und sich tätig und wir konnten dabei viele unter- rasant wandelnde Gegenwart, zusammen schiedliche Erfahrungen sammeln. Wegen „denken“ muss. der begrenzten Vortragszeit kann ich leider nur einzelne Stücke dieses über Jahrzehnte Beginnen möchte ich mit einem Zitat aus angehäuften Schatzes erörtern und nicht einem Aufsatz des bekannten deutschen über die vielfältigen Entwicklungen reden, Hirnforschers Prof. Dr. Wolf Singer mit dem die aktuell in der ganzen Welt stattfinden. Titel „Die Architektur des Gehirns als Modell Ich werde mich daher auf einige wenige, für komplexe Stadtstrukturen?“ Ich habe wesentliche Bereiche konzentrieren. mich des Öfteren mit Prof. Singer, der in Frankfurt forscht, über dieses Thema unter- Bei dem bisher Gesagten wurde eines halten. Er sagt, dass beide Systeme, das bereits ganz klar: Die Menschheit befindet Gehirn und die Stadt, aus einer Vielzahl eng sich in einer Phase rasanten Umbruchs. miteinander verknüpfter Komponenten Die Geschwindigkeit selber, mit der sich bestehen, die in hoch dynamischer Weise die Welt heute verändert und die beispiels- miteinander interagieren. weise an der rasanten Entwicklung der Kommunikations- und Informationstech-
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    24 V o r T r A G P r o F . A L B E r T S P E E r Beide Systeme seien das Ergebnis eines Ich habe einmal den Begriff der „intel- Entwicklungsprozesses, der im Wesentlichen ligenten Stadt“ geprägt. Damit meine ich, auf Prinzipien der Selbstorganisation beruht. dass wir in unseren Siedlungen mit allen Weder Stadt noch Gehirn entstünden nach zur Verfügung stehenden Ressourcen intelli- einem bis in die Einzelheiten ausgearbeiteten gent und den sich verändernden Situationen Plan. Beide Systeme wachsen und ihr Wachs- angepasst, also flexibel umgehen. Dabei tum werde im Wesentlichen von lokalen müssen wir sowohl Chancen und Möglich- Interaktionen koordiniert. Es scheine, als ob keiten als auch die Probleme, die in den sich komplexe Systeme – wenn ihre konstitu- nächsten Jahrzehnten auf uns zukommen, ierenden Elemente eine kritische Zahl wegen der langen Reaktionszeiten bei der überschreiten – nach immer gleichen Prinzi- Veränderung gebauter Strukturen früh- pien selbst organisierten und damit Stabilität zeitig erkennen. Ich denke, dass wir dies erlangten. bislang bei weitem nicht intelligent genug tun. Dies gilt für die Städte überall auf Dieses Doppelbild liefert auf die Stadt der Welt. bezogen eine wunderschöne und treffende Zusammenfassung unserer Problematik: Ich bin der Überzeugung, dass wir alle Die Stadt ist ein lebendiger, sich ständig ver- beim Umgang mit den Themen „Klimawandel“ ändernder Organismus, der nicht bis in alle und „nachhaltiges Wirtschaften“ nicht konse- Einzelheiten planbar ist. Die Rolle der quent genug sind, und das nicht, weil wir Stadtplaner ist daher auch nur ein Faktor es nicht könnten, sondern weil unsere unter vielen anderen. Ich habe schon immer Organisationsstrukturen es nicht hinreichend behauptet, dass die Bedeutung von Planung fordern oder womöglich gar nicht zulassen. und Architektur in unserer Gesellschaft Die Veränderung unserer Lebensbedingungen, und in den Medien im Vergleich zu ihrem die Anpassung unserer Lebensweise an die tatsächlichen Einfluss auf die Entwicklung Rahmenbedingungen der heutigen Welt durch unserer Lebensumstände maßlos über- effizientere Nutzung von Energiereserven schätzt wird. und Ressourcen beginnt mit der Städtepla- nung und wirkt sich von dort ausgehend auf Planung und Architektur haben – wenn alle anderen Bereiche aus. Hier könnte sehr man sie in der Gesamtheit der Faktoren ein- viel mehr getan werden, als wir heute tun. ordnet, die im Entwicklungsprozess der Dafür, dass dies nicht geschieht, gibt es viele Stadt eine Rolle spielen – vielleicht einen Gründe. Anteil von fünf Prozent. Planung ist eben nur die Beratung zu Prozessen und Um mehr tun zu können, brauchen wir Entscheidungen, die dann unter dem Einfluss ein neues Denken in Gesellschafts- und Wirt- von Wirtschaft, Politik und anderen gesell- schaftspolitik. Die Entwicklungsdynamik in schaftlichen Kräften umgesetzt werden. Wirtschaft und Wissenschaft dank weltweiter Insofern sind Planer als Dienstleister aber Kooperation, ermöglicht durch den Einsatz durchaus auch wichtig, und das nicht immer schnellerer, den ganzen Globus nur für die bauliche Zukunft unserer Städte. umspannender Kommunikationsmittel, eröff- Sie beeinflussen im Erfolgsfall auch die net ungeheure Chancen. Wenn ich mich Lebensweise der Bewohner.
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    25 beispielsweise mit unserenKollegen in China keit und Flexibilität er mit Hilfe dieses über eine wichtige Detailfrage im Zusam- Werkzeugs ein Problem lösen kann. Das hat menhang mit einem Projekt in Shanghai aus- große Vorteile, aber eben auch einen unge- tausche, ist dies in Sekundenschnelle getan. heueren Nachteil: Die hohe Geschwindigkeit Die Technologien, die dies ermöglichen, sind und die Beliebigkeit der Planänderungen also gewiss ein großer Segen – aber sie zwingen nicht mehr zum fundierten Nach- haben auch einen entscheidenden Nachteil: denken. Alles wird austauschbar. Es funktio- Sie lassen uns nicht mehr genügend Zeit, um niert sehr einfach, aber die Resultate über die wesentlichen Dinge nachzudenken. erscheinen oft viel weniger durchdacht. Mehr Eigentlich geht alles zu einfach. Wir werden Technik bedeutet bei allen Möglichkeiten nicht schnell, sondern hastig. also nicht in jedem Fall „neues Denken“. Ich selbst kann mit diesen Techniken Ganz ähnlich verhält es sich mit der kaum umgehen. Ich habe nicht einmal ein erhofften Energie- und Ressourceneinsparung Handy – und komme so hervorragend durch neue Technik: Die oft als Lösung der zurecht. Allerdings nur deshalb, weil es Umweltprobleme angeführte Entkoppelung hinter mir genug Menschen gibt, die von Verbrauch und Produktion durch mit diesen Medien umgehen können. Mir technologischen Fortschritt findet tatsächlich aber schafft die Abstinenz eine gewisse statt. Die Einsparungen werden allerdings Freiheit. durch steigenden Konsum aufgefressen und oft sogar überkompensiert. Und selbst wenn Vor vielen Jahren, als es noch keine wir nur unsere liebgewonnenen Standards Computer gab, hatte ich mir angewöhnt, halten, wird das Wohlstandsstreben von bald an den Wochenenden durch das Büro zu neun Milliarden Erdbewohnern auch trotz gehen und zu einzelnen Projekten für deren noch so großem technischen Fortschritt das jeweilige Bearbeiter schriftliche Anmer- System an den Anschlag bringen. Wirklich kungen zu hinterlassen. Diese wurden von nachhaltig kann deshalb nur ein Lebensstil meinen Mitarbeitern „Liebesbriefe“ genannt. ohne Konsumzuwachs sein, bei dem das Wohl- Wer am Montag auf seinem Schreibtisch ergehen des Einzelnen auf anderen als keine Notiz vorfand war traurig, weil ich materiellen Werten fußt. mich offenbar um sein Projekt nicht geküm- mert hatte. Auf diese Weise entstand eine Zu den modernen Fehlentwicklungen Zusammenarbeit, die auch optisch nachvoll- gehört auch, dass wir viel zu schnell – und ziehbar war. das kennzeichnet zu einem Gutteil die Archi- tekturgeschichte der Neuzeit – der Meinung Heute gehe ich am Wochenende nicht waren, wir müssten uns um die Historie mehr ins Büro, denn ich finde dort die Arbeits- und den Charakter einer Stadt überhaupt stände nicht mehr physisch vor. Die Schreib- keine Gedanken mehr machen. Die Architek- tische sind leer, die gesamte Arbeit versteckt tur präge einen neuen Menschen und der sich im Computer. Wenn ich heute zu neue Mensch lebe in einer anderen, technik- einem Mitarbeiter gehe und mit ihm am Bild- orientierten Welt ohne Geschichte. schirm ein Thema diskutiere, bin ich immer wieder erstaunt, mit welcher Geschwindig-
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    26 V o r T r A G P r o F . A L B E r T S P E E r Heute haben wir gelernt, dass in einer Kühlung mittels Durchlüftung der Straßen Welt, in der die Anforderungen an die Archi- und Beschattung von Gebäuden wieder- tektur immer ähnlicher werden – eine Küche zubeleben, um deren Aufheizen unter der in China hat die gleiche Größenordnung Wüstensonne zu verhindern. Diese Prinzipien und Ausstattung wie eine Küche in Europa haben wir vor 35 Jahren in unserer Diplo- oder den USA – Charakter und Flair einer matenstadt von Riad in Saudi Arabien auch Stadt für das urbane Leben künftig eine schon erfolgreich angewandt, obgleich schon viel größere Rolle spielen werden als die damals und noch bis heute aufwändig klima- Architektur. Ich versuche bei unseren Pro- tisierte Glaspaläste in die Wüste gebaut jekten stets, die Besonderheit und Einmalig- wurden. keit einer Stadt, die sich aus Kultur, Land- schaft und Klima sowie den unterschiedlichen Ich möchte betonen, dass „neues Denken“ gesellschaftlichen, religiösen und wirtschaft- auch beinhalten muss, dass wir die Bevölke- lichen Faktoren ergibt, in den Mittelpunkt rung an der Entwicklung unserer Städte unserer Planungen zu stellen. beteiligen. Wir müssen die Dinge mit den Menschen gemeinsam erarbeiten und sie Wir sind in China nicht zuletzt deshalb nicht erst nachträglich über Entscheidungen erfolgreich, weil wir als eines der ersten aus- informieren, die über ihre Köpfe hinweg ländischen Architekturbüros die chinesische getroffenen wurden. Bei zwei unserer Pro- Stadtgeschichte studiert haben. Dabei jekte in Köln und in München haben wir mit entdeckten wir Prinzipien, die so modern ernst genommener Partizipation viel erreicht. und nachhaltig sind, dass wir sie zur Grund- Das Projekt „Stuttgart 21“ hingegen ist aus lage neuer Entwürfe machten. Auch die meiner Sicht das erschreckendste Misslingen für ihre enorme Lernfähigkeit bekannten einer Planung in den letzten Jahren. Es Chinesen berücksichtigen sie bei ihren darf einfach nicht sein, dass man trotz eigenen Arbeiten heute wieder viel stärker Einhaltung aller vorgeschriebener formeller als dies noch vor wenigen Jahren der Fall Beteiligungsverfahren erst nach 15 Jahren war. Ich bin fest davon überzeugt, dass Planung anfängt, ernsthaft mit der Bevölke- wir unsere Denkfaulheit und unser blindes rung über Sinn und Nutzen eines solchen Vertrauen in die modernen Technologien Vorhabens ins Gespräch zu kommen. überwinden und zum Nachdenken zurück- kehren sollten. Ich habe einmal den – zugegeben – wohl etwas utopischen und rein rechtlich leider In unser neues Nachdenken müssen kaum praktikablen Vorschlag gemacht, auch die aus dem Studium der Geschichte dass man in Deutschland bei großen städte- gewonnenen Erfahrungen einfließen. baulich relevanten Maßnahmen die Suche Von Prof. Stolte wurde bereits die Modell- nach einem Konsens über ein Projekt stadt Masdar in Abu Dhabi erwähnt. Dort gesetzlich auf höchstens fünf Jahre begren- wird nicht nur versucht, eine hypermoderne, zen sollte. Reicht dieser Zeitraum nicht aus, mustergültige neue Stadt ohne CO 2-Emis- ist das Projekt abzubrechen. Alles andere sionen zu bauen. Es wird auch versucht, ist den Menschen nicht zumutbar. uralte arabische Methoden der natürlichen
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    V o rT r A G P r o F . A L B E r T S P E E r 29 In diesem Zusammenhang hört man – Stadt München und den Münchner Vereinen auch von Politikern – immer wieder, dass FC Bayern und TSV 1860 ein auf ein Drei- die Bürger daran schuld seien, dass Pro- vierteljahr angesetztes Verfahren entwickelt jekte lange verschleppt werden. Ich bin da und dabei 28 Standorte untersucht. Am vollkommen anderer Meinung: Schuld Ende blieben zunächst zwei Standorte übrig sind unsere komplexen, die Bevölkerung und wir erreichten einen fast einstimmigen nur minimal einbeziehenden Beteiligungs- Beschluss des Stadtrates für Freimann, wo verfahren. Man müsste sie ganz anders das Stadion dann auch gebaut wurde. Wir aufziehen. Bürgerentscheide aber – das haben der Stadt München geraten, nicht zu vorweg – sind dabei alleine auch nicht aus- warten, bis kritische Bürgerinitiativen – reichend, obwohl uns das einige gesell- die es bei jedem Großvorhaben gibt – einen schaftliche Kräfte glauben machen wollen. Bürgerentscheid fordern, sondern selber eine Stadtentwicklung ist in der Regel zu kom- Abstimmung durchzuführen. Dazu gehörte plex, um auf eine Ja/Nein-Entscheidung selbstverständlich auch eine Art Wahlkampf, reduziert zu werden. an dessen Organisation wir beteiligt waren. Zum allgemeinen Erstaunen waren dabei Bei unserem Masterplan für Köln haben über 65 Prozent aller abgegebenen Stimmen wir das Prinzip der Partizipation beispiel- für den Standort – bei einer Rekord-Wahl- haft und sehr ernsthaft angewendet. Bei der beteiligung von fast 40 Prozent. Damit war Planung für die gesamte Innenstadt wurden die Diskussion beendet. sämtliche relevanten gesellschaftlichen Gruppen über ein Jahr in den Arbeitsprozess Wie dieses Beispiel zeigt, muss der Bau eingebunden. Am Ende hatten wir einen eines Stadions – und dabei geht es ja nicht stabilen Konsens für unsere Vision zur allein um die Arena, sondern auch um neue „Kölner Innenstadt“ für die nächsten 20 bis Autobahn- und U-Bahn-Anschlüsse, die 30 Jahre erreicht, die nun allmählich umge- Verlegung von Industriearealen und vieles setzt wird. Die Länge unserer Genehmigungs- andere mehr – nach allen demokratischen verfahren liegt also nicht an der Beteili- Regeln der administrativen Kunst gesteuert gung der Bürger, sondern an der mangelnden werden, um alle Verfahrens-Hürden zu Effizienz unserer Verwaltungen und politi- nehmen. Und das ist uns bei der Allianz schen Strukturen begründet. Wenn die Arena innerhalb von nur zwei Jahren gelun- Verfahren von Anfang an besser organisiert gen – unter Einhaltung sämtlicher juristischer und strukturiert werden, funktioniert und gesellschaftlicher Regeln. Nach gerade es auch. einmal vier Jahren Bauzeit war das Stadion fertig. Warum ist das gelungen? Weil Deutsch- Ein weiteres positives Beispiel ist die land im Jahr darauf die Fußball-Weltmeister- Allianz Arena in München. Der Bau eines schaft ausgerichtet hat. Dies beweist, neuen Fußballstadions für München war dass es sehr wohl möglich ist, ein derart zunächst heiß umstritten. Der Oberbürger- großes Projekt unter Einbeziehung aller meister und die Stadtverwaltung waren relevanten Gruppen in so kurzer Zeit zu rea- überzeugt, außer dem Olympiastadion gäbe lisieren. An den notwendigen Fähigkeiten es überhaupt keinen geeigneten Standort. dafür fehlt es nicht. Wir setzen sie nur meist Wir haben dann für die Suche nach alter- nicht ein. nativen Möglichkeiten gemeinsam mit der
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    V o rT r A G D r . D I E T E r S A L o M o N 31 „D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T, D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“ Vortrag von Dr. Dieter Salomon, Oberbürgermeister der Stadt Freiburg im Breisgau. Meine sehr verehrten Damen und Herren, ich freue mich, dass ich Ihnen heute eini- ges über die Stadt Freiburg erzählen und dies dann in den Kontext des Tagungsthemas stellen kann. Vor einigen Wochen habe ich Herrn Dr. Spandau gefragt, worüber ich denn in Benediktbeuern referieren solle. Dr. Spandau meinte daraufhin, ich solle ein- Unsere Demokratie ist im Vergleich mit fach erzählen, wie ich mir das Freiburg der dem chinesischen System sicherlich sehr Zukunft vorstelle. langsam. Wenn wir unseren bisherigen Umgang mit der Atomkraft jetzt im gesell- Und jetzt spricht Dr. Spandau hier von schaftlichen Konsens korrigieren, ist Megacities in Asien und Afrika, von globalen unser System sogar ein – ich sage das mit Entwicklungen im Städtebau. Was hat das aller Vorsicht – fehlerfreundliches System. alles mit dem kleinen Freiburg zu tun? Zumindest wird demokratisch entschie- Prof. Speer habe ich im letzten Herbst in den, in welche Richtung es gehen soll. Shanghai getroffen, wo wir mit chinesischen Städteplanern über deren Vorstellung von Zurück zu Freiburg. Die Stadt hat den Städten der Zukunft diskutieren durften. 220.000 Einwohner. Shanghai hingegen Der Unterschied zwischen China und hat so viele Einwohner wie ganz Nord- Freiburg – oder Deutschland – ist groß. rhein-Westfalen. Es drängt sich die Frage auf, was die beiden Städte eigentlich Dort gibt es vielleicht auch Wutbürger, miteinander gemein haben. Kann man sie aber diese dürfen sich nicht artikulieren. überhaupt miteinander vergleichen? Dort gibt es keine Zivilgesellschaft. Bürgerbeteiligung sieht dort – überspitzt Dennoch gibt es etwas, das alle Städte formuliert – folgendermaßen aus: Morgens der Welt gemeinsam haben: den hohen klopft jemand an die Tür und teilt mit, CO 2 -Ausstoß. Zusammen produzieren dass man bis zum Abend ausziehen muss, sie 80 Prozent aller CO 2 -Emissionen. weil ein neues Stadtviertel errichtet Will man für dieses Problem eine Lösung wird. finden, dann muss sie aus den Städten kommen.
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    32 V o r T r A G D r . D I E T E r S A L o M o N Ich hatte die Gelegenheit, beim Klima- Nicht nur unsere Staatsform, die Demo- Gipfel in Kopenhagen dabeizusein, denn kratie – ich erinnere an die griechische Polis im Rahmen der Veranstaltung gab es der Antike – hat sich in Städten entwickelt. auch ein Treffen von Bürgermeistern. Auf Später, im Mittelalter, waren vor allem die einer Podiumsveranstaltung habe ich Arnold weitgehend unabhängigen Städte fortschritt- Schwarzenegger erlebt, den ehemaligen lich und wohlhabend. Sie kennen den Gouverneur von Kalifornien. Er sagte – Spruch: Stadtluft macht frei – und zwar noch bevor der Gipfel gescheitert war –, innerhalb der Stadtmauern und nicht außer- er könne sich nicht vorstellen, dass sich halb. Oder denken Sie an die oberitalieni- 194 Nationen auf einen gemeinsamen Plan schen Städte der Renaissance und an die würden einigen können. Darauf könne der Hanse im Norden, die von Landesherren man lange warten. Aber auch wenn es nicht unabhängig Handel trieben. Schon früher ginge, müsse man es zumindest versuchen. waren Probleme, die in Städten entstanden, Dazu müsse man allerdings von unten immer nur durch Anstrengungen der Städte beginnen, in den Städten, in den Regionen. selbst lösbar. Darauf gab es heftigen Beifall – kein Wunder, schließlich saßen viele Bürgermeister im Städte sind sehr unterschiedlich. Auch Publikum. wenn bei Ihren Einführungsworten, lieber Herr Dr. Spandau, ein leicht ironischer Ich bin in verschiedenen Gremien tätig, Unterton nicht zu überhören war: Freiburg darunter auch in weltweiten Städtenetzen ist nicht das kleine gallische Dorf. Dass für Nachhaltigkeit. Unter anderem bin bei der letzten Landtagswahl 43 Prozent ich im Vorstand von ICLEI (International Grün gewählt haben, heißt ja nicht, dass die Council for Local Environmental Initiatives), Stadt deshalb anders ist als andere. Wir sind dem Internationalen Rat für kommunale eine kleine Großstadt. Wir stehen an der Umweltinitiativen. Wir alle haben schon in 34. Stelle der Liste der größten Städte der Schule die Regel gelernt: Du darfst nicht Deutschlands. Als ich 2002 gewählt wurde, abschreiben. Wer es dennoch tut, wird standen wir an der 40. Stelle. Wir sind also bestraft. Bei der Stadtentwicklung gilt sie gewachsen, während andere geschrumpft nicht. Hier darf man sich hemmungslos bei sind. In Westeuropa stehen wir grundsätz- dem bedienen, was andere besser machen lich vor dem Problem, dass die meisten als man selbst. Man muss nur darauf achten, Städte schrumpfen. Im Rest der Welt hin- dass das, was andere vorgedacht und viel- gegen wachsen sie. leicht sogar schon umgesetzt haben, auch auf die eigenen Probleme übertragbar ist. Das Die Bevölkerung Europas schrumpft. ist der Wettbewerb um die besten Lösungen. Die europäischen Städte werden also nicht maßlos wachsen. Die Städte werden wohl Deshalb müssen die Lösungen aus den auch in der Zukunft ähnlich aussehen Städten heraus kommen – auch wenn sie wie heute. Aber sie müssen sich verändern. im einzelnen sehr unterschiedlich sein Wir müssen innerhalb des Bestehenden können. Städte waren immer schon Keim- umbauen. Um dies bewerkstelligen zu zellen für Fortschritt und Umgestaltung. können, brauchen wir Visionen.
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    V o rT r A G D r . D I E T E r S A L o M o N 35 Was aber ist eine Vision? Helmut Schmidt Verwaltungsbereiche Energie, Verkehr, hat einmal gesagt: Wer Visionen hat, soll Bauen und Soziales zusammenführt. zum Arzt gehen. Das würde ich so nicht Wie in vielen anderen Städten ist auch in unterschreiben. Gewiss, viele Ideen haben Freiburg eine Tendenz zur Reurbanisierung mit der Wirklichkeit nichts zu tun und zu beobachten. Immer mehr Menschen, lassen sich auch nicht verwirklichen. Aber die in den 60er und 70er Jahren in die es gibt nicht nur negative, sondern auch Vororte – in die sogenannten Speckgürtel – positive Visionen. gezogen sind, kehren im fortgeschrittenen Alter in die Innenstädte zurück, also Alexander Mitscherlich, der große Frank- dorthin, wo es eine urbane Infrastruktur furter Soziologe, hat in den 60er Jahren des mit öffentlichen Verkehrsmitteln, Theatern, vorigen Jahrhunderts ein Buch geschrieben Kinos, Ärzten, Krankenhäusern, Volkshoch- über „Die Unwirtlichkeit unserer Städte“. schulen usw. gibt. Darin ging er davon aus, dass die Architektur die Menschen prägt, und dass die Städte die Freiburg ist eine Stadt, die in den letzten Menschen krank machen – eine Horrorvision. Jahren ständig gewachsen ist. Zuerst hat sich Dem stelle ich eine positive Vision gegen- der Osten der Bundesrepublik stark entvöl- über wie die von Prof. Speer, die auch jeder kert, dann teilweise der Norden. Aber auch Oberbürgermeister haben sollte, der seine wir im Süden und Südwesten werden nur Stadt voranbringen möchte. Sie geht aus von noch wenige Jahre wachsen. Der demogra- der Erkenntnis, dass es der Mensch selbst phische Wandel wird für uns die nächste ist, der die Städte gestaltet und prägt. Herausforderung sein. Wie werden Lösungen Ausgangspunkt kann also nicht die Architek- finden müssen für die Probleme, die sich tur sein. Sie darf nicht zum Selbstzweck daraus ergeben, dass die Menschen immer werden, sondern muss dem Ziel dienen, den älter und der Anteil der Alten an der Bevöl- Menschen ein Stadtleben – Wohnen, Arbeiten, kerung immer größer wird. Zugleich werden Einkaufen und Freizeitgestaltung – zu ermög- wir einen Umbau unserer Städte bewerk- lichen, das sie eben nicht krank macht. stelligen müssen. Eine – wenn nicht die – Hauptforderung Freiburg ist – auch wenn es 2010 von für die Entwicklung aller Städte heißt: Sie der Deutschen Umwelthilfe zur „Bundes- müssen nachhaltig werden. Während der hauptstadt des Klimaschutzes“ gewählt letzten drei Tage fand in Stuttgart die Haupt- wurde – kein Öko-Disneyland. Vielleicht versammlung des Deutschen Städtetages sind wir durch unsere ökologische Ausrich- statt, in deren Rahmen ich ein Forum mit tung in einer etwas besseren Lage als dem Titel „Die Zukunft der Stadt ist nach- andere Städte, aber auch wir befinden uns haltig“ leiten durfte. in einem Umgestaltungsprozess, der noch viele Jahre in Anspruch nehmen wird. Dabei ging es um das Thema integrierte Wir haben den großen Vorteil – und das Stadtentwicklung, also darum, dass es allein mag mit den 43 Prozent für die Grünen schon aus Gründen des Klimaschutzes einer zusammenhängen –, dass unserer Bürger Politik bedarf, welche die unterschiedlichen bereit sind, diesen Wandel mitzugehen.
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    36 V o r T r A G D r . D I E T E r S A L o M o N In einer demokratischen Gesellschaft ist ohne ständig in die Fläche zu wachsen. Bürgerbeteiligung schließlich Voraussetzung Darüber wurde mit großer Bürgerbeteiligung für gesellschaftlichen Wandel. Unser Image diskutiert. Als ich ins Amt kam, wurde eine als „Green City“ und die jährlich 25.000 Arbeitsgruppe gebildet, die diese Diskussion Besucher aus aller Welt, welche die beiden so lange moderiert hat, bis von 200 hoch- neuen, integriert gebauten Stadtteile besich- umstrittenen Flächen nur noch drei oder vier tigen, bestätigen uns jedenfalls in unserer strittig waren. Alle anderen wurden ein- Politik. stimmig akzeptiert. Seither gibt es über diesen Flächennutzungsplan keinen Streit mehr, In den 60er Jahren herrschte in Freiburg denn alle Beteiligten haben von Anfang an Wohnungsnot. In der Folge wurden neue mitgesprochen. Stadtviertel aus Hochhäusern auf die grüne Wiese gebaut – ohne jegliche Infrastruktur, Ein solches Vorgehen ist also möglich, Verkehrsanbindung oder öffentlichen aber es ist sehr aufwendig. Andererseits ist Nahverkehr. Es gab keine Kindergärten, es ein gangbarer Weg, um aus Wutbürgern keine Schulen, keine Kirchen, keine Ein- Mutbürger zu machen. kaufsmöglichkeiten. Da durften wir uns nicht wundern, dass wir zehn Jahre später Man muss den Bürgern die Möglichkeit die größten sozialen Probleme hatten. geben, Dinge in die eigene Hand zu nehmen, wobei die Verwaltung diesen Prozess 30 bis 40 Jahre danach haben wir ver- natürlich steuern muss. Christian Ude, der sucht, es besser zu machen, indem wir von alte und neue Präsident des Deutschen Anfang an die Infrastruktur mit aufgebaut Städtetages, hat gesagt: Man muss die Bürger haben. ernst nehmen und ihnen Gelegenheit geben, sich zu äußern und sich einzubringen. Was das Thema Bürgerbeteiligung und Aber man darf auch in unserer repräsenta- Stadtteilentwicklungsplan angeht, so wer- tiven Demokratie das Kind nicht mit dem den wir uns, Herr Prof. Speer, demnächst Bade ausschütten und den demokratisch den Masterplan von Köln ansehen. Dazu gewählten ehrenamtlichen Gemeinderäten, wird unser Baubürgermeister mit dem die sich jahrelang intensiv mit bestimmten Bauausschuss nach Köln fahren. Verwal- Problembereichen beschäftigt haben, die tungsfachleute aus verschiedenen Ämtern Verantwortung nehmen. werden in Workshops gemeinsam mit der Bürgerschaft diskutieren, wie sich der Man muss ihnen sagen: Ihr müsst am betreffende Stadtteil in den nächsten Ende den Bürgern gegenüber verantworten, 10 bis 15 Jahren entwickeln soll. Bürger- was Ihr beschließt. Dafür seid Ihr gewählt beteiligung bedeutet, die Menschen und dafür müsst Ihr geradestehen. mitzunehmen. Die zentrale Frage unseres Flächennutzungsplans als Drehbuch für Vor 20 Jahren, auf der ersten Umwelt- die nächsten ein bis zwei Jahrzehnte ist, konferenz in Rio, wurden die Themen wie wir unsere Stadt entwickeln können, Klimaschutz und Nachhaltigkeit entdeckt. Der Begriff Nachhaltigkeit – englisch:
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    37 sustainability – stammtursprünglich aus weltwirtschaft, sah sich irgendwann der Forstwirtschaft. Er besagt, dass man im zu dem Einwurf veranlasst: „Ich muss hier Prinzip nicht mehr verbrauchen darf als festhalten: Freiburg ist nicht Deutschland.“ nachwächst. Jede Generation sollte so Worauf ich erwidert habe: „Sie haben völlig handeln, dass ihre Kinder und Enkel über recht, Frau Müller. Aber ich würde auch ihre Lebensbedingungen selbst entscheiden nie behaupten, dass am Freiburger Wesen die können. Ein solches Verhalten hat nicht Welt genesen soll.“ nur eine große ökologische, sondern auch eine ökonomische, finanzpolitische und Es kommt nicht auf Freiburg an. Son- soziale Komponente. Auch Städte funktionie- dern es kommt darauf an, dass wir uns ren nur, wenn der soziale Zusammenhalt alle gemeinsam über die Zukunft der gewährleistet ist. Wenn eine Stadt sozial Städte unterhalten müssen, denn wir haben auseinander bricht oder in sogenannte Probleme zu lösen, die allen gemeinsam „gated communities“ – eine Art Gettos der sind. So unterschiedlich die Städte und so Reichen – zerfällt, wie es in vielen Städten verschieden die Wege zu ihrer Lösung daher Südamerikas der Fall ist, dann funktioniert auch sein mögen: Am Ende werden die sie nicht. Lösungen wohl doch ganz ähnlich aussehen müssen. Das soziale Miteinander in westeuro- päischen Städten kann ich mir nur mit den „drei T“ vorstellen, den drei Schlüsselbe- griffen Technologie, Talent and Toleranz, die dem amerikanischen Wirtschaftswissenschaft- ler und Stadtsoziologen Richard Florida zufolge die Zukunftschancen eines jeden städtischen Gemeinwesens kennzeichnen. „Technologie“ steht dabei für die für zukunfts- trächtige Berufe zur Verfügung stehende Technik, „Talent“ für eine möglichst große Zahl kreativer Menschen, und „Toleranz“ für ein hohes Maß an ethnischer, kultureller und sozialer Vielfalt und einer offenen und freien Atmosphäre. Vorige Woche war ich zu einer Sitzung der von Klaus Töpfer geleiteten Ethik- kommission eingeladen. Bei dieser Gelegen- heit habe ich von Freiburg und Südbaden erzählt und von den Menschen, die dort manchmal etwas anders denken als anders- wo. Hildegard Müller, die Vorsitzende des Bundesverbandes der Energie- und Um-
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    V o rT r A G P r o F . D r . H A r A L D W E L Z E r 43 „D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T, D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“ Vortrag von Prof. Dr. Harald Welzer, Direktor des Center for Interdisciplinary Memory Research am Kulturwissenschaftlichen Institut Essen und Professor für Sozialpsychologie an der Universität St. Gallen. Meine verehrten Damen und Herren, ich kann unmittelbar anknüpfen an das, was Herr Dr. Salomon und Herr Prof. Speer gesagt haben. Herr Prof. Speer sprach von der Problematik der Schnelligkeit. Dazu eine Ich hatte das Welzersche Theorem ent- kleine Anekdote, an der mir diese besonders deckt: Das Gute schrumpft proportional zur deutlich geworden ist: Ausdehnung der Arbeitszeit. Eine Katastrophe: Jeder dieser Leute arbeitet jetzt nicht mehr Bei einem Flug von München nach Düs- acht Stunden am Falschen, sondern 16 Stun- seldorf stieg ich spätabends ins Flugzeug, zu den oder noch mehr. Nicht mehr fünf Tage einer Zeit, zu der man normalerweise ein die Woche, sondern sieben. Diese Kostüm- Buch liest oder Fernsehnachrichten schaut. frauen und Laptopmänner, die Sparpotentiale Die Kabine war wie üblich voll mit Laptop- aufspüren, Optimierungsstrategien entwickeln, männern, und die klappten, sobald die Kommunikation verbessern, haben dafür Anschnallzeichen erloschen waren, eben ihre die doppelte Zeit zur Verfügung! Und die, Bildschirme hoch und fingen an, Excel- die für die Bearbeitung der dabei entstehen- Tabellen auszufüllen, E-Mails zu beantworten, den Kollateralkatastrophen zuständig sind, Angebote zu schreiben, Berechnungen vor- auch! Da die Menge derjenigen, die mit aller zunehmen, Vermerke zu verfassen, Formulare Anstrengung immer alles in die falsche zu entwerfen, also alles das zu tun, was Richtung optimieren, ohnehin um ein viel- sie auch dann machen, wenn sie woanders faches größer ist als die derjenigen, die gern sind als im Flugzeug: im Büro, in Warte- zwischendurch mal innehalten, um nach- lounges, in Cafes, in Meetings und so weiter. zudenken, wird der Überhang an Zeit, die Dieselbe Sorte Leute hat früher ohne Laptops, für Unsinn aufgewendet wird, immer größer, Smart Phones, Meetings usw. bis 17 oder während der Sinn immer kleiner wird: 18 Uhr in ihren hässlichen Büros gesessen und man denkt ja nicht mehr, wenn man länger dann Feierabend gemacht. Damals, so wurde denkt. Dies hängt zusammen mit dem Pro- mir mit einem Mal klar, hatten sie einfach blem des Nicht-Innehaltenkönnens. viel weniger Zeit, die falschen Dinge zu tun.
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    44 V o r T r A G P r o F . D r . H A r A L D W E L Z E r In unserer Kultur der Dauerkommunika- Weder bei den Informationen, die wir tion und des Dauerarbeitens gibt es keine über die Medien bekommen, noch bei unserer Momente der Reflexion. Es merkt doch jeder eigenen Beschäftigung mit Zukunftsproblemen an sich selbst, wie sich die eigene Arbeits- gibt es noch einen Moment der Reflexion. weise verändert. Ich ertappe mich manchmal Wir werden ständig mit Informationen über- dabei, dass ich telefoniere und parallel dazu flutet, ohne dass wir uns die Gelegenheit E-Mails lese. Ein fürchterliches soziales gäben, sie zu verarbeiten. Verhalten, absolut unkonzentriert, aber es ist das, was diese Technologien und Schnitt- Damit kommen wir zum Kern der Pro- stellen zwischen Mensch und Maschine bei blematik, die sich – zumindest aus meiner uns bewirken. Hier beginnt einiges aus Sicht – aus der Entwicklung der Städte und dem Ruder zu laufen. – sogar noch weiter gefasst – der modernen Gesellschaften insgesamt ergibt. Beides Wenn man über Lösungen von Problemen ist ja eng miteinander verknüpft. Fukushima nachdenkt, vor denen die Städte stehen, ist zeigt uns – abgesehen von den erwähnten ein Moment des Innehaltens absolut not- die Medien betreffenden Aspekten – noch wendig, um erkennen zu können, dass man etwas, was mich sehr nachdenklich gemacht für viele Probleme noch überhaupt keine hat. Diese Katastrophe hat sich in der dritt- Lösung hat. Wir reagieren gleichsam wie die größten Wirtschaftsmacht der Erde ereignet, Pawlowschen Hunde: Wir sehen ein Problem in einem Land, das kaum über eigene und meinen, sofort eine Lösung finden zu Bodenschätze verfügt. Das zeigt uns, dass müssen – ohne zuvor auch nur vernünftig wir ein System entwickelt haben, in dem es nachgedacht und das Problem verstanden möglich ist, zur drittgrößten Wirtschafts- zu haben. macht aufzusteigen, ohne die dafür notwen- digen natürlichen Ressourcen zu besitzen. Noch ein bedrückender Aspekt des Pro- In Fukushima wurde der Traum der Moderne blems der Schnelligkeit: Fukushima ist die zerstört, der Traum, dass sich die Menschen größte technische Katastrophe, die es je vollständig von der Natur und ihren Ressour- gegeben hat. Wir wissen nicht, welche cen unabhängig machen können. Prozesse dort momentan ablaufen und wie es weitergehen wird. In einem modernen Man hat gesehen, dass die Emanzipation Hochtechnologieland passiert eine derartige von den natürlichen Gegebenheiten nicht Katastrophe – und die mediale wie die gelingt. Auch Menschen sind biologische persönliche Aufmerksamkeit hält gerade Wesen und befinden sich als solche in mal eine Woche an! Bereits nach einer ständigen Austauschprozessen mit der sie Woche rangierten die Nachrichten darüber umgebenden Natur. Unser gesamtes Wirt- an dritter oder vierter Stelle. Nach nur einer schafts-, Gesellschafts- und Lebensmodell Woche erlahmt unser Interesse an diesem trägt dem immer weniger Rechnung und Thema! Journalisten sagen dazu, sie können stößt daher zunehmend an Grenzen. die Spannung nicht aufrechterhalten. Das gilt nicht nur für das Thema Energie, sondern auch für alle anderen Ressourcen
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    45 wie Böden oderWasser. Dabei nimmt globalen Maßstab funktionieren. Damit der Ressourcenverbrauch ständig weiter zu aber stößt es an seine Grenzen, denn mit der Folge, dass wir Jahr für Jahr mehr wir können die Ressourcen, die wir brau- Müll und Treibhausgase produzieren. chen, um die Zivilisationsmaschine am Laufen zu halten, nicht von außen, zum Der sogenannte „Earth Overshoot Day“ – Beispiel aus dem Weltraum beziehen. der Tag, an dem die Menschheit die ihr bei Wenn wir glauben, so weitermachen zu nachhaltigem Wirtschaften für ein Jahr können wie bisher, irren wir. Wenn rechnerisch zu Verfügung stehenden Res- wir trotzdem so weitermachen, kann sourcen aufgebraucht hat – liegt jedes Jahr das nicht gutgehen. früher. Noch in den 70er Jahren lag dieser Tag im Dezember, im Jahr 2010 war es Der Konstanzer Literaturwissenschaftler bereits der 21. August. Wir haben also in nur Albrecht Koschorke hat dazu einmal in acht Monaten das uns im Weltmaßstab zur einem Aufsatz in der Süddeutschen Zeitung Verfügung stehende ökologische Budget gesagt, dass sich mit fortschreitender ausgeschöpft. Das bedeutet nichts anderes, Globalisierung und sich beschleunigender als dass wir im Rest des Jahres die Ressourcen Ressourcenübernutzung der Raubbau vom der nach uns kommenden Generationen Raum in die Zeit verlagert: da wir nicht verbrauchen. mehr wie zu Zeiten des Kolonialismus alles, was wir für den Betrieb unserer Zivilisations- Unsere Gesellschafts- und Wirtschafts- maschine brauchen, „von außen“ holen form ist – was Wohlstand, Sicherheit, Bil- können – denn die globalisierte Welt hat dung, Gesundheit, Lebenserwartung usw. kein Außen – beuten wir die Zukunft angeht – die erfolgreichste, die es je gegeben derjenigen aus, die nach uns kommen. Hans hat. Sie funktioniert aber nur, wenn die Joachim Schellnhuber hat das in einem ihr zugrunde liegende Zivilisationsmaschine Spiegel-Interview ganz ähnlich formuliert: ständig von außen mit natürlichen Ressourcen „Wir plündern zugleich die Vergangenheit als Treibstoff versorgt wird. Wir treiben und die Zukunft für den Überfluss der Gegen- diese Zivilisationsmaschine also an, indem wart – das ist die Diktatur des Jetzt.“ wir unseren gesamten Planeten als Ressource für unsere zivilisatorischen Errungenschaften Unsere Gesellschaften entwickeln benutzen. sich noch immer in die falsche Richtung. Sie sind nicht zukunftsfähig. Wir müssen Nun gibt es aber seit einiger Zeit etwas, daher zuerst einmal innehalten und was man als Globalisierung bezeichnet. darüber nachdenken, wie wir überhaupt Genau genommen ist damit die Übernahme zukunftsfähig werden könnten. Dafür aber unseres ressourcenübernutzenden Lebens- brauchen wir freie Denkräume. Derzeit und Wirtschaftsmodells durch die ganze Welt haben wir nur einen Plan A, aber keinen gemeint. Dieses Modell, das, solange es Plan B. auf einen kleinen Teil der Welt beschränkt blieb, erfolgreich war, soll nun also im
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    Das merkt manan vielen Dingen, etwa an dem Aufschrei, der durchs Land ging, als Winfried Kretschmann sagte, dass wir in Zukunft weniger und nicht mehr Autos brauchen. Natürlich steht es völlig außer Frage, dass wir weniger Autos, weniger Individual- verkehr brauchen. Die Umweltkosten dieser Form von Mobilität sind einfach zu hoch. Nach dem Schema von Plan A fragt man sofort, was dann mit den Arbeitsplätzen ist. Die gehen verloren, wie in allen Industrien, die den Übergang in ein neues Zeitalter verpasst haben und unzeitig geworden sind. Solcher segmentärer Niedergang zieht sich durch die ganze Geschichte der Industriali- sierung. Trotzdem darf man so etwas anscheinend nicht sagen, ebensowenig, dass man kein Wachstum braucht. Sagt man es trotzdem, zucken alle zusammen, obwohl es stimmt. Oder eher: weil es stimmt? Es gibt keinen Plan B, noch weniger einen Plan C. Wir haben keine Lösungen für die uns auf den Nägeln brennenden Probleme, keine Alternativen für unser Wirtschafts- und Sozialmodell, also machen wir in der falschen Richtung weiter. Wir investieren unheimlich viel Energie in Gestalt unserer geistigen und materiellen Ressourcen in die Verbesse- rung von Plan A, obwohl wir eigentlich einen Plan B brauchen. Gewiss stellen Sie sich die Frage, warum ausgerechnet ich, der ich weder Architekt bin noch etwas mit Städteplanung zu tun habe, etwas über die Zukunft der Städte sagen soll. Lassen Sie mich daher versuchen, anhand von ein paar Beispielen deutlich
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    V o rT r A G P r o F . D r . H A r A L D W E L Z E r 47 zu machen, welche unge planten und gehören auch Vorstellungen von Schnel- dennoch zukunftsfähigen Veränderungs- ligkeit, Geschwindigkeit, Mobilität oder der prozesse sich schon heute in den Städten Nutzung von Energie. Wir haben sie auf beobachten lassen. eine Weise verinnerlicht, dass wir uns bei- spielsweise fast nicht mehr vorstellen Ich bin Wissenschaftler und habe als solcher können, dass in einer Stadt keine Autos in den letzten Jahren die bedrückende Fest- fahren. Alle denken, es sei normal, dass alles stellung machen müssen, dass wir keinen mit solch merkwürdigen Blechobjekten Mangel an Informationen haben. Es fehlt uns zugeparkt ist und die gesamte Verkehrsinfra- auch nicht an Wissen, um erkennen zu struktur darauf auslegt ist, sie herumfahren können, dass unsere Gesellschaften gegen- zu lassen. wärtig nicht zukunftsfähig sind, und darüber nachzudenken, wie sie wieder zukunfts- Nehmen wir ein anderes Beispiel: Sobald fähig werden könnten. Probleme wie Res- unsere Kinder die Fähigkeit zur Selbststeue- sourcenübernutzung, Umweltverschmutzung rung erlangt haben, bringen wir ihnen aus oder der Klimawandel sind nicht neu, gutem Grund bei, nicht einfach auf die Straße sondern zum Teil seit über vier Jahrzehnten zu laufen, und denken, das sei normal. Das bekannt. Auch hat man in dieser Zeit – in ist es aber nicht: Noch bis vor wenigen manchen Bereichen sogar sehr erfolgreich – Jahrzehnten war die Gefahr, überfahren zu Aufklärung betrieben. Und trotzdem läuft werden, viel geringer. Bis in die 1960er der Prozess der Ressourcenverschwendung Jahre hinein gab es in Deutschland Straßen- seit 40 Jahren unvermindert weiter. Was kindheiten. Die Kinder aus der Nachbar- wir haben, ist also kein Informations- oder schaft trafen sich unverabredet auf der Aufklärungs-, sondern ein extremes Praxis- Straße, heute ganz undenkbar, da werden problem. Wir haben ein Riesenproblem sie nach Spiel- und Sport-Terminplan durch damit, von Plan A zu Plan B zu wechseln. die Gegend geshuttelt. Auch daran zeigt Das ist kein abstraktes, rein theoretisches sich, wie stark wir von unseren äußeren Problem, sondern eines der kulturellen Pra- Lebensumständen geprägt sind und unsere xis und der Lebensstile. Erfahrungen durch Erziehungsprozesse an unsere Kinder weitergeben im Glauben, Heute war schon viel von Infrastrukturen das sei normal. Das ist es aber nicht und die Rede. Gewöhnlich denkt man dabei an es wird auch in 10 bis 20 Jahren nicht mehr Materielles wie Straßen und Versorgungs- normal sein, weil der Druck auf Gesell- einrichtungen oder an öffentliche Institutionen schaften wie der unseren, sich radikal zu wie Ämter und Schulen. Es gibt aber auch verändern, immer größer wird. mentale Infrastrukturen. Die äußeren Verhältnisse, in denen wir leben, übersetzen Damit stellt sich die Frage, wie wir uns sich in unseren Köpfen in Binnenverhältnisse. aus den mentalen Infrastrukturen befreien Menschen sind Wesen, bei denen sich die können, in denen wir gefangen sind. Das kulturellen und zivilisatorischen Strukturen, wird allerdings nicht durch Reden möglich in denen sie leben, in die Verschaltungarchi- sein, sondern nur durch Handeln, also durch tektur des Gehirns übertragen. Hierzu eine Veränderung unserer Lebenspraxis.
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    48 V o r T r A G P r o F . D r . H A r A L D W E L Z E r Selbst in unserer Gesellschaft gibt es in diesen Nachbarschaftsgärten kommen bereits heute sowohl im kommunalen wie Menschen zusammen, die ihre eigene Lebens- im privaten Bereich Menschen, die ihr welt aktiv verändern und den städtischen Verhalten plötzlich ändern. In Bezug auf Raum für sich selbst nutzen. Sie schaffen Städte gibt es dafür drei Beispiele, die mich Realitäten, die hinsichtlich künftiger persönlich stark beeindruckten: Stadtentwicklung geradezu vorbildhaften Charakter haben dürften. Die Nutzung von Als ich bei meinem letzten Aufenthalt in Grünflächen in der Stadt wird in Zukunft New York meinen obligaten Spaziergang den immer wichtiger werden. Broadway hinunter zum Union Square machte, stellte ich zu meiner Überraschung Geht es dabei momentan noch immer fest, dass der Broadway zur Fußgänger- lediglich um reine Freizeitnutzung, wird es zone geworden war. Die Hauptverkehrsader in Zukunft darum gehen, urbane Flächen dieser Megacity ist jetzt eine Fußgängerzone! auch landwirtschaftlich zu nutzen. Diese von Man hatte es ganz einfach, mit äußerst unten kommenden Prozesse eröffnen der geringem Planungsaufwand gemacht. Doch Entwicklung ganz neue Möglichkeiten. die wirtschaftliche und verkehrstechnische Infrastruktur hat sich damit vollkommen Nun das dritte Beispiel: In Berlin wird verändert. An jeder Ecke gab es plötzlich einen im Sommer ein Festival stattfinden mit dem Fahrradverleih. Wie dieses Beispiel zeigt, schönen Namen ÜBER LEBENSKUNST. Die kann man selbst eine vorhandene Struktur Idee war, eine Veranstaltung zu veränderten anders nutzen und trotzdem die Lebenswelt Lebensstilen und kulturellen Praktiken der Anwohner grundlegend verändern. vor dem Hintergrund der Zukunftsprobleme Man fragt sich, warum man das nicht auch zu organisieren. Man wollte von dem üblichen anderswo macht. negativen Ansatz wegkommen und stattdes- sen über Lebenskunst nachdenken, also über Ein anderes Beispiel ist die von unten Möglichkeiten neuer Lebensstile im Sinne kommende Bewegung des „Urban Garde- eines Planes B. ning“, die Brachflächen für die Anlage von Gärten nutzt oder Kästen mit Blumen und Bei derartigen Großveranstaltungen Gräsern aufstellt, die weitertransportiert müssen die Teilnehmer natürlich auch mit werden können, wenn die ursprüngliche Getränken und Nahrungsmitteln versorgt Fläche nicht mehr zur Verfügung steht. Das werden. Üblicherweise werden diese beweist, dass es eine Veränderung städti- von weither herangeschafft. Die Organisa- scher Lebensräume nicht nur durch Planung toren haben sich jedoch gefragt, ob das von oben geben muss. Die Prinzessinnen- wirklich notwendig ist, und haben für das gärten in Berlin sind der mittlerweile Catering ein tolles Konzept entwickelt. In bekannteste Fall. Berlin, dachten sie, gibt es doch 70.000 Schrebergärten. Könnte man die Kleingärtner Diese Art der Begrünung von Städten nicht gewinnen, ausreichende Mengen hat nicht nur eine ökologische Komponente, ihrer Produkte wie Obst und Gemüse, aber sondern vor allem auch eine soziale, denn auch Säfte und Eingemachtes an die Vor- ratskammer des Festivals zu liefern?
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    49 So könnte mandie lokale Produktion Entpolitisierung der Zivilgesellschaft muss aus dem Stadtgebiet und die Berliner Infra - aufhören; ein Hebel dafür ist, endlich wieder struktur auf eine Weise nutzen, wie es vor- über Zukunft zu sprechen, darüber, wie man her noch nie geschehen war. leben will. Die Schrebergärtner waren zuerst voll- Mit Strategien wie der zur Ausrichtung kommen überrascht, als man mit diesem des Festivals ÜBER LEBENSKUNST lassen Ansinnen an sie herantrat. Aber sie grif- sich für neue Formen des sozialen und fen die Idee bald mit Begeisterung auf. Natür- ökologischen Handelns und des politischen lich wollten sie eine gewisse Gegenleistung Denkens Freiräume schaffen, die ein für ihren Beitrag, wenn auch nicht unbe- Nachdenken darüber, wie es denn weiterge- dingt materieller Art. Statt Geld bot man daher hen soll, überhaupt erst ermöglichen. Gerade den Kleingärtnern, die ihre Jahreshaupt- Städte könnten dabei eine wichtige Rolle versammlung immer schon einmal an einem spielen als Labore für zukunftsfähige Lösun- repräsentativen Ort abhalten wollten, das gen für Probleme, mit denen wir uns unaus- Haus der Kulturen der Welt, in dem das weichlich konfrontiert sehen. Aus ihnen Festival stattfinden wird, als Tagungsort an. könnten Vorschläge dafür kommen, wie es So kommt es in Berlin zu einem vollkommen anders gehen könnte als bisher, und zwar neuen sozialen Austauschprozess. praktikable Vorschläge und keine abstrakten von der Art: „Man müsste, man könnte, man Das Projekt ÜBER LEBENSKUNST ist ein sollte …“ Vor allem Konjunktive bilden Paradebeispiel dafür, wie sich vorhandene das Resultat von vier Jahrzehnten Aufklärung städtische Infrastrukturen intelligent auch über wachsende Umweltprobleme. Es wird auf andere Art als bisher nutzen lassen ohne Zeit, mit den Konjunktiven aufzuhören und neue schaffen zu müssen. Zudem erfordern Praxisfelder des Veränderns zu erproben. sowohl die Vorbereitung als auch die Jedes Mitglied einer demokratischen Gesell- Durchführung des Projekts einen äußerst schaft hat dafür einen Handlungsspielraum, geringen Einsatz von Ressourcen. Es ist somit den es nutzen kann. Und die Verantwortung ein vielversprechendes Konzept für Nut- für das Nutzen des eigenen Handlungsspiel- zungsinnovation. Allerdings funktioniert der- raums kann man an niemanden delegieren. gleichen nur, wenn alle Beteiligten vor Ort Aber man kann einfach anfangen. kooperieren. Solche neuen Strategien, an deren Umset- zung auch die Bürger intensiv beteiligt werden, führen auch zu einer Revitalisierung der Demokratie. Dafür bedarf es keiner Wutbürger und keiner Mutbürger, sondern lediglich jenes aktiven Gemeinwesens, das die Demokratie ohnehin voraussetzt. Aber im Augenblick gibt es eine strikte Arbeitsteilung: Politik machen Politiker und alle anderen machen alles andere. Diese
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    D I SK U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S 51 „D I E S TADT V O N MO RG E N WI R D DU R C H D E N G E B AU T, D E R S I E N E U Z U D E N K E N WAGT.“ Abschließende Diskussion der Referenten und Teilnehmer. ’’ Dr. Spandau Meine Damen und Herren, Sie haben sich sicherlich bereits gefragt, welche Lösung mir eingefallen ist, nachdem einer unserer Refe- renten so plötzlich abgesagt hat. Ich bin sehr dankbar, dass Herr Gaffert sich bereit erklärt hat, an der Podiumsdiskussion teilzunehmen. Herr Gaffert ist Oberbürgermeister von Wernigerode, einer wunderschönen Stadt im reichlich unvorbereitet. Ursprünglich Windschatten des Harzes. Sie hat aber mit komme ich aus dem Naturschutz. Damals ganz anderen Problemen zu kämpfen als hatte mich mein Amtsvorgänger angerufen Freiburg. Wie wir von Herrn Dr. Salomon und mich gefragt, ob ich mir vorstellen gehört haben, weist Freiburg noch wachsende könnte, Bürgermeister zu werden. Als Bevölkerungszahlen auf. In Wernigerode ist verbeamtetem Naturschützer und Förster dies gewiss anders. Manchmal mag der eine fällt es einem ja nicht gerade leicht, den oder andere im Westen wohl schon deshalb Wald gegen das Rathaus einzutauschen, ein bisschen neidisch auf die Städte im Osten zumal man sich zuvor noch einer Wahl stel- geschaut haben, weil wir hier mit dem leben len muss. Aber auch das habe ich getan – müssen, was vorhanden ist. Echtes Entwick- und so sitze ich nun hier. lungspotential aber gibt es vor allem dort, wo Neues entsteht oder geschaffen werden Als man in Freiburg und vielen anderen muss. Das heißt natürlich nicht, dass die Städten der alten Bundesrepublik darüber Städte im Westen und im Osten vollkommen nachdachte, wie man mit den Problemen andere Probleme hätten. Für unsere Diskus- einer Wohlstandsgesellschaft fertigwerden sion ist es aber sicher bereichernd, wenn sollte, waren wir erst mal damit beschäf- Herr Gaffert an ihr teilnimmt und in Ergän- tigt, neue Abwasserleitungen zu legen. Dies zung dessen, was wir von Herrn Dr. Salomon vorab, um Ihnen eine Vorstellung davon zu über Freiburg gehört haben, über Wernige- geben, wie und womit wir angefangen rode erzählt. haben, uns mit dem Thema Stadtentwick- lung auseinanderzusetzen. In den folgenden Peter Gaffert Jahren blieben die Aktivitäten auch im Ich bin seit fast drei Jahren Oberbürger- wesentlichen darauf beschränkt. meister von Wernigerode. Dazu bin ich etwa so gekommen, wie hier auf diesen Stuhl:
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    52 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Es ging einfach darum, eine neue Infra- struktur zu schaffen und zugleich sicherzu- stellen, dass die Menschen im Osten auch dort blieben. Es galt – und darum geht es bis heute – ihnen für ihr Leben eine Perspektive zu geben. Die Herausforderungen für eine vergleichs- weise kleine Stadt wie die unsere sind viel- fältig. Eine zentrale Aufgabe ist dabei natürlich die Schaffung von Arbeitsplätzen. Für Wernigerode mit seinen jährlich rund drei Millionen Tagestouristen spielt dies aber glücklicherweise keine so große Rolle häuser, die sich in einem sehr guten mehr. In diesem Punkt sind wir vergleichs- Zustand befinden. Die vielen Touristen kom- weise gut aufgestellt. men nicht zuletzt wegen dieses in Deutsch- land nahezu einzigartigen Ensembles. Davon Das Kernproblem der ostdeutschen profitieren wir natürlich. Allerdings kostet Städte ist die demographische Entwicklung. sein Erhalt auch sehr viel. Die Stadt Wernigerode beispielsweise hatte zu Zeiten des Mauerfalls knapp 40.000 Auf der anderen Seite wurden – wie über- Einwohner. Obwohl in den letzten 20 Jahren all in den 60er und 70er Jahren – auch im fünf Dörfer eingemeindet wurden, hat sie Osten städtebauliche Fehler gemacht. Hierzu heute nur noch 35.000. Die Kernstadt hat zählt die Errichtung von Satellitenstädten also rund 10.000 Einwohner oder ein selbst in kleineren Orten – die berühmt- Viertel der Bevölkerung verloren. Das ist berüchtigten Plattenbausiedlungen. Wie geht enorm viel. Verantwortlich für diesen man heute damit um? Wer möchte dort leben? Rückgang war – neben den geringen Gebur- Braucht man diese Siedlungen überhaupt tenraten nach der Wende – vor allem die noch? Wir alle wissen, wie ökologisch und Abwanderung vieler gutausgebildeter junger gesamtwirtschaftlich unsinnig es ist, große Menschen. Die Folge ist, dass schon heute Wohnviertel einfach abzureißen. Hier sind 24 Prozent der Bevölkerung Wernigerodes intelligente Lösungen gefragt, vor allem mit über 60 Jahre alt sind. In zehn Jahren wird Blick auf die alternde Gesellschaft. Dafür es über ein Drittel sein. Damit fehlen uns aber bedarf es hoher Investitionen, die nicht für die nächsten Jahrzehnte eineinhalb auf die Mieten umgelegt werden können, Generationen. da der Durchschnittsbürger im Osten sie dann nicht mehr bezahlen könnte. Dies gilt Angesichts dieser demographischen Ent- gleichermaßen für Fachwerkhäuser wie wicklung stellt sich die Frage, wie wir mit für Plattenbauten. Auch im Harz ist festzu- dem vorhandenen Bestand an Wohnungen stellen, dass immer mehr Menschen aus umgehen. So stehen allein im Zentrum ländlichen Regionen wieder in die kleineren von Wernigerode nahezu 3.000 Fachwerk- Städte ziehen.
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    53 Diesen Trend habenWohnungsbauunter- Übernachtungen pro Jahr zu verzeichnen – nehmen bereits vor Jahren erkannt und auf und das trotz des vergleichsweise niedrigen Industriebrachen Siedlungen für alte Men- Standards der Unterkünfte und der Gastrono- schen errichtet – samt der dafür benötigten mie. Das durch den Tagestourismus bedingte Infrastruktur. Mittlerweile ziehen die enorme Fahrzeugaufkommen hat das Bild Menschen jedoch von dort wieder weg, weil des Dorfes allerdings völlig zerstört. Daher sie sich in einer speziell auf sie zugeschnit- planen wir jetzt durch die Entwicklung eines tenen Umgebung nicht wohlfühlen. Es muss integrierten Verkehrskonzeptes das Auto also darum gehen, intelligente städtebauliche aus dem Ort zu verbannen. Dabei haben wir Lösungen für das Zusammenleben aller die Erfahrung gemacht, dass selbst gute Planer Altersgruppen zu finden. und Architekten sich einen Ort ohne Auto nicht vorstellen können. Zuallererst geht Als ein Beispiel dafür möchte ich die es ihnen immer um Parkplätze und Verkehrs- Gemeinschaftsaktion „Höfe halten Hof“ lenkung, bevor sie an die Schaffung einer nennen, bei der nicht nur Höfe von beschaulichen Kurortatmosphäre denken. Fachwerkhäusern durch schöne Bepflan- zungen und die Einrichtung von Cafés Dr. Spandau wieder zu Lebensmittelpunkten für Ange- Gestatten Sie eine Anmerkung, Herr Gaffert: hörige aller Generationen geworden sind. Naturschützer kann man nicht gewesen sein, das bleibt man immer. Ich teile Ihre Mei- Wie bereits gesagt wurde, können sich nung, dass das „neue Denken“ dazu führen viele Menschen – einschließlich der „Gene- muss, dass sich bestimmte Dinge umkehren. ration Trabant“ – ein Leben ohne Auto gar Deshalb bin ich der Überzeugung, dass die nicht mehr vorstellen. Wer schon einmal Entwicklung der Städte in Zukunft in erster auf der Insel Hiddensee war, weiß aber, dass Linie den Bedürfnissen der Bürger dienen dies durchaus möglich ist. Dort hat nur der muss und nicht der Optimierung des Auto- Arzt ein Auto. Es ist beeindruckend und verkehrs. Nun eine andere Frage: Gibt es in wohltuend, wenn die Infrastruktur nicht auf Wernigerode ein bürgerschaftliches Engage- das Auto ausgerichtet ist, sondern auf ment in den Bereichen Stadtplanung und Fahrradfahrer und Fußgänger. Stadtentwicklung? Vor zwei Jahren haben wir das wunder- Peter Gaffert schön am Fuße des Brockens liegende Dorf Die Bürger von Wernigerode engagieren Schierke eingemeindet. Es war Anfang sich in hohem Maße für die Belange ihrer des 20. Jahrhunderts touristisch aufgeblüht, Stadt, mit der sie sich in einer Weise lag nach dem Zweiten Weltkrieg aber im identifizieren, wie ich es sonst kaum kenne. Grenzsperrgebiet der DDR, so dass es keine Vor allem liegt ihnen die historische Altstadt Entwicklung der Infrastruktur gab. Die Zeit am Herzen. Bei der Entwicklung neuer schien hier stehengeblieben. Nach der Konzepte sind sie aktiv dabei, wobei oft Wende gab es für den Ort nur eine Perspek- auch individuelle Vorschläge gemacht tive: den Tourismus. Heute sind bereits werden, die allerdings nicht immer prakti- zwei Millionen Tagesbesucher und 250.000 kabel sind.
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    54 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Vor allem die jüngere Generation fordert, sich selbst zu konservieren, von dem sie in die Zukunft zu blicken und nicht nur zu glaubten, es zeige sie zu ihrer besten Zeit. bewahren, was wir haben. Dabei hat es Wenn eine Gesellschaft, wie Sie schrieben, Wernigerode – wie manche anderen alten aber tatsächlich nur noch Geschichten über Städte – eigentlich ein bisschen leichter, was das erzählt, was sie in ihren besten Zeiten die Verkehrsberuhigung betrifft, denn es wäre einmal gewesen sein mag und nicht über ohnehin ausgesprochen schwierig, noch das, was sie einmal sein möchte, wie ist dann mehr Fahrzeuge hereinzubringen. Allein der eine nachhaltige Stadtentwicklung mit ruhende Verkehr ist bereits eine Zumutung: bürgerschaftlichem Engagement überhaupt Es gibt einfach keinen Platz für Autos. möglich? Wie schaffen wir es, eine Brücke Richtig problematisch wird es jedoch, wenn zu bauen zwischen der Verantwortung nicht genug Stellplätze für Wohnungen ver- gegenüber dem, was wir an der Vergangen- fügbar sind, denn dann springen Investoren heit liebgewonnen haben, und dem, was sofort wieder ab. wir für die Zukunft brauchen? Dr. Spandau Prof. Speer Ich würde gerne noch einen Moment Ich denke, das kann nur gelingen, wenn bei der Frage des bürgerlichen Engagements diejenigen, die sich mit solchen Themen und bei dem mit der Verkehrsberuhigung beschäftigen, auch in der Lage sind, Bilder verbundenen Aspekt der Entschleunigung von etwas zu entwickeln, an das man bleiben sowie bei der Überlegung, welche vorher vielleicht nicht gedacht hat, das Freiräume wir brauchen, um bestimmte Pro- aber einer ganz speziellen Situation in der bleme tiefer zu durchdenken. Mir ist nämlich Zukunft entspricht. noch nicht so ganz klar, wie das funktio- nieren soll. Lassen Sie mich anhand des erwähnten Beispiels aus New York deutlich machen, Herr Prof. Welzer, Sie haben mit der was ich damit meine: Ich habe im vorigen Umwandlung des New Yorker Broadway Jahr mit einer New Yorker Stadtplanerin in eine Fußgängerzone ein konkretes gesprochen, die mir sagte, dass es dort nicht Beispiel dafür genannt, wie es funktionieren viel Partizipation seitens der Bevölkerung kann. Ich glaube aber nicht, dass diese gäbe. Gesetzliche Vorgaben gäbe es auch Lösung einfach plötzlich da war, sondern keine. Das Stadtplanungsamt habe – mit Bil- dass ihr eine Menge Planungsprozesse und ligung durch die Politik – alleine beschlos- Diskussionen vorangegangen sind. sen, die Strasse in der Fußgängerzone rot-grün zu streichen und ein paar Pflanzen- Herr Prof. Welzer, im vergangenen Jahr kübel aufzustellen, damit niemand mehr haben Sie in einem Beitrag für das Magazin durchfahren kann. Das Ganze habe man der Süddeutschen Zeitung daran erinnert, innerhalb eines halben Jahres realisiert und dass der Soziologe Norbert Elias einmal den alle seien stolz darauf. bemerkenswerten Gedanken geäußert hat, Gesellschaften neigten dazu, jenes Bild von
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    55 In Deutschland wäredergleichen unmög- erfolgreiches Wirtschaftsmodell, das uns ein lich. Wir hätten zehn Jahre diskutiert. Wir extrem hohes Wohlstandsniveau gebracht haben einen Wust an Gesetzen und Regeln und bis in die 80er Jahre hinein gut funktio- und es gibt immer Menschen, die dagegen niert hat. Seither zerbröselt es allmählich. sind. Am Ende passiert gar nichts. Die Das führte zunächst aber nicht etwa zur Gefahr, dass wir versuchen, das, was uns Suche nach neuen Möglichkeiten, sondern aus der Vergangenheit gefällt, auf die weckte erst einmal reflexartig den Wunsch Zukunft zu übertragen, besteht natürlich nach Rückkehr zum altbewährten Modell. immer. Unsere Aufgabe ist es daher, gemein- sam für Unruhe zu sorgen und manchmal Das zeigt sich beispielsweise an der Kreation sogar Chaos in Kauf zu nehmen, um die eines Wachstumsbeschleunigungsgesetzes, Diskussion anzuregen. Jedenfalls wünschte von dem man sich eine geradezu magische ich mir auch bei uns eine so spontane Wirkung erhofft. Man sucht offenbar das Herangehensweise an städteplanerische Heil dort, wo man glaubt, es schon einmal Probleme wie in New York. gefunden zu haben. Das ist allerdings hinder- lich bei der Suche nach neuen Wirtschafts- Prof. Welzer modellen und Sozialstrukturen. Natürlich Ich finde den Gedanken von Norbert Elias spielt dabei das steigende Durchschnittsalter in der Tat sehr gut. Es lohnt sich, länger unserer Gesellschaft eine wichtige Rolle, darüber nachzudenken. Schließlich ist es mit denn in einer Gesellschaft, in der die Mehr- ‘‘ nationalen Selbstbildern ähnlich wie mit heit der Menschen ihre Zukunft bereits Selbstbildern, die einzelne Menschen von hinter sich hat, hängen die meisten an dem, sich haben. wovon sie selbst einmal ein Teil waren und was damals, als sie jung waren, funktioniert Das Selbstbild der Bundesrepublik Deutsch- hatte. Vor diesem Hintergrund wird das land ist sehr stark an den wirtschaftlichen bisher kaum diskutiert. So gesehen scheint Aufstieg in den ersten Jahren der Nachkriegs- China besser für die Zukunft gerüstet als zeit gekoppelt. Wir hatten damals ein sehr unsere westlichen Gesellschaften.
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    56 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Nun zu Ihrer Bemerkung, Herr Dr. Spandau, bestehen, immer neue Konstellationen, dass eine Gesellschaft Geschichten braucht, auf die wir reagieren oder auf die wir aktiv die auf die Zukunft gerichtet sind. Danach einwirken. Und ich möchte hinzufügen: werden die Fragen der Nachhaltigkeit und Wir müssen zumal als Städteplaner ständig des Klimawandels nicht zuletzt deshalb Konstellationen entwickeln, die über die schlecht vermittelt, weil keine Geschichten normale Vorstellungskraft hinausgehen. darüber erzählt werden, was anders werden Genaugenommen ergibt sich daraus erst der muss. Wir reden immer nur darüber, dass Anreiz, sich mit bestimmten Themen inten- wir etwas reformieren müssen, damit alles so siv auseinanderzusetzen. bleibt wie es ist. Eigentlich geht es uns ja gut, es brennt uns doch nichts auf den Nägeln. Warum sollten wir also etwas ver- ändern? Um die Menschen dazu zu bringen, eine zukunftsorientierte Haltung einzuneh- men, brauchen wir Geschichten darüber, was anders funktionieren könnte als jetzt. Wenn wir über dezentrale Energieversorgung sprechen, brauchen wir Geschichten gegen die Großmänner und Ackermänner dieser Welt. Diese kann man natürlich nur dann erzählen, wenn man anhand von nachprüf- baren Beispielen belegen kann, dass es bereits jemand vorgemacht hat, dass es auch anders geht. Was wir brauchen, sind also bei- In Bürgerversammlungen haben wir das spielhafte, identitätsstiftende Geschichten. schon vor vielen Jahren so gehandhabt. Anfangs waren diese Versammlungen kaum Dr. Spandau besucht, bis ich zuerst mit den Lokalredak- Herrschen nicht auch enorme Ängste vor teuren über die zu behandelnden Themen einem Strukturwandel? Schließlich gibt gesprochen habe. Diese haben dann, um ein es dabei immer auch Verlierer. Angst aber Beispiel zu nennen, einige Tage vorher ist kein guter Ratgeber. Wie könnten, geschrieben, dass über einen Vorschlag für Herr Prof. Speer, als notwendig erkannte eine autofreie Innenstadt diskutiert werden Veränderungen daher sozialverträglich her- soll. Auf einmal war der Saal voll. Ein beigeführt werden? solches Vorgehen ist legitim, denn es gilt die Phantasie anzuregen und zu Diskussionen Prof. Speer herauszufordern, auch wenn am Ende oft Ganz zu Beginn meines Vortrages habe über etwas ganz anderes gesprochen wird. ich Wolf Singer zitiert, der die Funktions- Dabei müssen wir einerseits die Bürger weisen unseres Gehirns und komplexer provozieren, andererseits ihnen aber auch Stadtstrukturen miteinander verglichen hat. die Ängste nehmen. Angst vor Veränderung Bei beiden Systemen bilden sich aus der steckt schließlich in jedem von uns. Fülle der Komponenten, aus denen sie
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    57 Prof. Welzer werden Sie mit diesem Problem konfrontiert, Gestatten Sie mir noch eine kurze Frage Herr Dr. Salomon? zum Problem der Sozialverträglichkeit: Wie sozialverträglich ist eigentlich die gegen- Dr. Salomon wärtige Situation? Worüber sehr wenig ge- Ständig. Man muss tatsächlich Geschichten sprochen wird, ist die Tatsache, dass soziale erzählen. Aber dazu muss man erstmal eine Ungleichheit immer mit Ungleichheit der haben. Manche Menschen glauben, Freiburg Lebensbedingungen einhergeht. Menschen sei eine Art Öko-Disneyland. Das ist es mit geringem Einkommen wohnen meist in natürlich nicht. Aber wir haben manches Stadtvierteln, die in vieler Hinsicht wenig vorzuzeigen. gesundheitsfördernd sind. Mir fällt auf, dass bei fast allen Vorträgen und Diskussionen, Herr Dr. Spandau, Sie sagten in Ihrer bei denen es um Veränderungsprozesse geht, Einführung, in Freiburg gäbe es Häuser, die Hartz IV-Empfänger zur Sprache kommen. sich nach der Sonne drehten. Tatsächlich Sonst ist fast nie von ihnen die Rede. gibt es in Freiburg den Solararchitekten Disch, Ähnliches gilt für die Chinesen, auch sie der vor 20 Jahren ein solches Haus gebaut werden sonst eher selten erwähnt, wenn es hat. Bis heute gibt es davon genau zwei aber um das Thema Veränderungen geht, Exemplare. Das faszinierende Konzept ist tauchen sie auf. Oft muss man einfach nur also zwei Jahrzehnte alt, aber die Häuser den Blickwinkel ändern. So ergeben sich, werden nicht gebaut: Sie sind zu teuer und wenn man beispielsweise soziale Probleme zu unpraktisch. mit ökologischen Fragen zusammenbringt, auf einmal Szenarien und Modelle, nach Wir haben einen Kongress zum Thema denen es den Menschen tatsächlich besser erneuerbare Energien in Kommunen veran- gehen könnte. staltet und die Teilnehmer im Rahmen von Exkursionen über Beispiele informiert, Dr. Spandau die wir in Freiburg gebaut haben. Bei der Fragen wir den Pragmatiker: Herr Dr. Abschlussdiskussion stand ein Teilnehmer Salomon, was haben Sie zu sagen zum Thema aus Italien auf und sagte ganz bewundernd, Strukturwandel und Ängste? Christian Ude dass es sicherlich sehr angenehm sein meinte nach seiner Wahl zum neuen müsse, in einer Stadt wie Freiburg Ober- Präsidenten des Städtetages, in den Städten bürgermeister zu sein, denn hier gäbe es müssten nur die Energie- und die Mobilitäts- ja gar nichts mehr zu tun. Erst habe ich frage geklärt werden, dann habe man alles überhaupt nicht verstanden, was er damit im Griff. Das klingt doch reichlich simpel. Es sagen wollte. Wie sich herausstellte, glaubte gehört viel mehr dazu, um alles in den Griff er tatsächlich, dass es das, wovon wir zu bekommen. Dazu bedarf es vor allem einzelne Beispiele gezeigt hatten, überall in eines Strukturwandels. Und der wird kommen. der Stadt gäbe. Wir hatten zwar zu allem Beispielsweise werden als Folge der Energie- Prototypen, die wir zeigen konnten, insge- wende unsere Städte von Energieverbrauchern samt sieht es in der Stadt aber aus, wie in zu Energieproduzenten werden müssen, also allen anderen Städten auch: 95 Prozent zu dezentralen Energieerzeugern. Wie der Häuser sind nicht energetisch saniert.
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    58 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ In der Verkehrspolitik stehen wir etwas des Atomstroms lag noch bei 60 Prozent. besser da: In Freiburg werden nur etwa 30 Mittlerweile ist das Stadtkraftwerk zu Prozent aller Wege mit dem Auto zurück- 96 Prozent atomstromfrei und über die rest- gelegt. Für uns ist das selbstverständlich, ja lichen 4 Prozent gibt eine skurrile Debatte. wir halten sogar das noch für zuviel. Wenn Besucher aus anderen Ländern kommen – In Freiburg wird über alles diskutiert, Chinesen, Koreaner, Amerikaner und auch über den Besuch des Papstes im Sep- viele andere – fragen sie oft: „Why are you tember 2011. Der Erzbischof von Freiburg, so advanced?“ Darauf entgegne ich immer: der seit 2008 Vorsitzender der Deutschen „Because we started earlier.“ Bischofskonferenz ist, hat ihn eingeladen. Daraufhin wurde ich von einer Lokalzeitung Diese folgende Geschichte begann Mitte gefragt, ob man denn nicht mit antikleri- der 70er Jahre in Wyhl am Kaiserstuhl, als kalen Demonstrationen rechnen müsse. Ich dort ein Atomkraftwerk gebaut werden antwortete, wenn man in Freiburg einen sollte. Bald darauf war der Bauplatz besetzt. Zebrastreifen einrichten wolle, gäbe es erstens Der damalige Ministerpräsident Filbinger eine Demo und zweitens eine Bürgerinitiative. sagte daraufhin, wenn das AKW nicht gebaut Im übrigen ginge ich davon aus, dass die würde, gingen in Baden-Württemberg die katholische Kirche in der Lage sei, mit Lichter aus. Die Lichter sind immer noch an. solchen Protesten souverän umzugehen. Dies Damals hatten sich konservative Bauern und stand dann in der Zeitung und es gab bitter- Winzer zusammen mit der Freiburger Stadt- böse Leserbriefe: Wie ich den Papstbesuch bevölkerung, mit Lehrern und Studenten mit einem Zebrastreifen vergleichen könne verbündet und den Bauplatz besetzt. Es war und nur so arrogant und blasiert sein könne! wie die Geschichte von David und Goliath Auch mit so etwas muss man lernen, oder dem kleinen gallischen Dorf, das anders gelassen umzugehen. sein wollte. Wenn man Geschichten erzählt, darf man Nach der Reaktorkatastrophe von Tscher- nicht vergessen, auch darüber zu berichten, nobyl vor 25 Jahren hat der Freiburger wie etwas funktioniert. Herr Reimann- Gemeinderat – damals waren die Grünen Dubbers, der hier ebenfalls anwesend ist, dort noch nicht so stark wie heute – dann engagiert sich mit seiner Stiftung seit einigen ein kommunales Energiekonzept verab- Jahren in Freiburg für die energetische Sanie- schiedet, das auf drei Säulen ruhte: Energie- rung von Häusern. Heute morgen hat er mir sparen, effizientere Nutzung von Energie zu einem Modellprojekt gratuliert, das wir in und Förderung erneuerbarer Energien – und einem sogenannten sozialen Brennpunkt- das bei gleichzeitigem Ausstieg aus der Stadtteil durchgeführt haben. Dort gab es ein Atomkraft und der Reduzierung des Einsat- Hochhaus aus den 60er Jahren, das nach zes fossiler Energieträger. Damals gab es Meinung von Fachleuten aus Kostengründen kritische Stimmen, die nicht verstanden, eigentlich gar nicht mehr sanierbar war. Es wie eine Stadt wie Freiburg aus der Atom- gehört der städtischen Wohnungsbaugesell- kraft aussteigen könnte, denn der Anteil schaft und damit zum Programm „Soziale Stadt“. Normalerweise können solche
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    59 lebte, da die Kinder inzwischen längst ausgezogen und die Eltern alt geworden waren, inzwischen aber oft nur noch eine Person. Natürlich konnte man diese Menschen nicht einfach versetzen, schließlich wohnten viele von ihnen schon 40 Jahre dort. Das Haus war ihre Heimat. Daher kam ein findiger Architekt auf die Idee, die Wohnungen zu teilen. Heute gibt es in dem Haus 140 Wohnungen. Viele der ursprünglichen Bewohner, denen wir zugesagt hatten, dass sie nach der Sanierung würden zurückkehren können, wollten das Häuser mit Mitteln der Stadt, des Landes allerdings gar nicht mehr, weil wir ihnen und des Bundes saniert werden, ohne dass zwischenzeitlich gute Alternativen zur Ver- die Kosten dafür die Mieten explodieren fügung gestellt hatten. Die Leute haben also lassen. Die Menschen, die dort leben, für eine alte Wohnung eine neue bekommen könnten solche Mieten nicht zahlen. Nun und zugleich konnten die Mieten dank der werden aber die Fördermittel des Bundes niedrigen Nebenkosten fast auf dem gleichen für den Städtebau derzeit stark gekürzt. Eine Niveau gehalten werden. Auf diese Weise Lösung des Problems kam daher fast der haben wir die Sanierung des Hauses sozial- Quadratur des Kreises gleich. verträglich hinbekommen. Ob dies zu einer Standardlösung werden könnte, weiß ich In dieser Situation kam dann auch noch nicht, aber es ist ein gutes Beispiel dafür, wie ein Prokurist der Stadtbaugesellschaft mit man beim Städtebau weiterkommen kann, dem Vorschlag daher, aus dem Hochhaus wenn man neu zu denken wagt. gleich ein Passivhaus zu machen. Ich entgegnete, dass dann erst recht niemand Dr. Spandau mehr die Mieten würde bezahlen können. Sie alle haben schon die Medien erwähnt. Er meinte jedoch, dass sich dafür eventuell Welche Rolle spielen sie? Sind sie die vierte noch Zuschüsse des Bundesforschungs- Macht im Staat oder gar die erste? ministeriums locker machen ließen, und außerdem wäre es dann das erste Hochhaus Dr. Salomon weltweit mit Passivhaus-Standard. Ich bin dankbar dafür, dass wir eine freie Presse haben. Im Kampf für Meinungs- Am Ende haben wir das Vorhaben dank freiheit und eine freie Presse ist schon viel einer pfiffigen Idee aber doch noch umsetzen erreicht worden. Ich brauche auch täglich können. Das Hochhaus hatte nämlich 16 meine Zeitung. Ich denke allerdings, dass der Stockwerke und 90 Wohnungen, in die in Journalismus in den letzten Jahren keine den 60er Jahren kinderreiche deutsche ganz unbedenkliche Entwicklung durchge- Familien eingezogen waren. In den teils 90 macht hat. bis 100 Quadratmeter großen Wohnungen
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    60 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Es gibt noch Qualitäts-Journalismus, uns noch leisten können und was eigent- aber viel zuviel Journalismus ist schlecht. lich nicht mehr, steht da eigentlich immer im Dies hängt mit der Ausbildung und den Raum. Der Bund und die Länder übertragen Arbeitsbedingungen der Journalisten uns eine Vielzahl von Aufgaben und Pflichten, zusammen. Allzuoft geht es nur noch um mit denen Standards gesetzt werden, die die Schlagzeile. In anderen Ländern ist wir erfüllen müssen. das vielfach noch stärker ausgeprägt. Im Vergleich dazu geht es uns in Deutschland Die Pflege von Grünflächen hingegen ist noch gut. Sie werden aber keinen Bürger- eine freiwillige Leistung. Wenn das Geld knapp meister oder Politiker finden, der nicht ist, könnte man das – rein theoretisch – also unter der Presse leidet. einfach bleibenlassen. Die Diskussionen über Einsparungen im Stadtrat sind oft recht aufschlussreich: Erst sind die Stadträte ganz damit einverstanden, nicht so häufig zu mähen, der OB kommt schließlich aus dem Naturschutz. Abends, in ihrem Verein, hören sie dann die Kommentare ihrer Kollegen – und am nächsten Morgen schlägt sich das dann wieder im Stadtrat nieder. Bei solchen Dingen ist es eben sehr schwierig, das rechte Maß zu finden. Dennoch denke ich, dass wir uns generell über die Standards Gedanken machen müssen, denn bei immer knapperen Kassen Dr. Spandau kommen wir um die Frage, was wir uns Manchmal kommt es auf die vermeintlich noch leisten können, nicht herum: Wie weit kleinen Dinge an, wenn man will, dass etwas sollen wir beispielsweise die Brandschutz- akzeptiert wird. Was geschähe, wenn man bei- maßnahmen in öffentlichen Gebäuden spielsweise in Wernigerode beschließen treiben? In Wernigerode gibt es, wie ich würde, Grünflächen, Straßenbegleitflächen sagte, viele Fachwerkhäuser, aber diese waren und Verkehrsinseln nicht mehr zu mähen, eher von Leuten errichtet worden, die nicht sondern das Gras einfach wachsen zu lassen? viel Geld hatten. Steinhäuser waren viel Sähen die Menschen darin einen Schritt von weniger feuergefährdet – Wernigerode ist der Ordnung hin zur Unordnung? seit 1136 sechsmal abgebrannt – und daher beliebter. Mitte des 19. Jahrhunderts Peter Gaffert entstanden dann die ersten größeren öffent- Hier wären wir gleich bei der Presse. Es lichen Bildungseinrichtungen. Sie wurden – hieße sofort, der Oberbürgermeister lässt die mit den entsprechenden Brandschutzmaß- schöne Stadt verlottern. Die Kommunen haben nahmen – für die Nachwelt gebaut. alle relativ wenig Geld. Die Frage, was wir
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    61 Kürzlich sollte eineder Grundschulen saniert hin überlegt man sich die Sache schon werden. Ein Verantwortlicher des Landkreises noch einmal. Die gegenwärtigen Brandschutz- hat in diesem Zusammenhang Brandschutz- standards verdanken wir dem Brand im maßnahmen gefordert, die Hunderttausende Düsseldorfer Flughafen. Durch diesen Vorfall Euro gekostet hätten. Da kommen einem – wurde das Thema Brandschutz in Deutsch- zumal wenn es pragmatischere und günstigere land hochaktuell. Es wird uns Milliarden Lösungen gibt – schon Zweifel, ob es sinnvoll kosten. ist, die geringen vorhandenen Mittel für Dinge wie Feuertreppen einzusetzen. Momen- Das nächste Ereignis war der Einsturz tan werden an fast allen öffentlichen Gebäu- der Eissporthalle in Bad Reichenhall. Danach den in Wernigerode solche Fluchttreppen aus wurden sämtliche Hallendächer Deutschlands Stahl angebaut. So wie das Bild einer Stadt auf ihre Tragfähigkeit hin überprüft. Nicht in früheren Epochen durch die jeweils gerade wenige mussten daraufhin erneuert werden. gängigen Baustile geprägt wurde, wird Das verschlang wieder Milliarden. Als das Wernigerode von heute als die Stadt der Bürgermeister können sie solche Maßnahmen Stahltreppen in die Geschichte eingehen. nicht in Frage stellen, denn wenn etwas passiert, sind sie dran. Da würde man sich manchmal schon etwas mehr Nachdenken über die behördlichen Dr. Spandau Auflagen und Standards wünschen. Entspre- Sie sehen die Stahlseile hier im Saal? chendes gilt für den Straßenausbau, die Breite Die Allianz Umweltstiftung haben sie viel von Autobahnen, Traglasten von Brücken Geld gekostet. Das Gebäude steht seit und vieles andere mehr. Zahlreiche Vor- Jahrhunderten und es ist nie etwas passiert. schriften sind für kleine wie große Kommu- Rein statistisch hätte aber etwas geschehen nen einfach eine Zumutung. können. Also musste der Saal saniert werden. Dr. Salomon Damit sind wir beim Thema Deutschland Prof. Speer und seinen rechtlichen Standards. Brand- Dieses Thema lässt sich weiterspin- schutz spielt in allen Kommunen die gleiche nen. Wir leisten uns in Deutschland in Rolle. Wir hatten in Freiburg vor sechs vielen Bereichen mit Vorschriften einen Jahren eine Finanzkrise. In dieser Situation Luxus, der weltweit einmalig ist. Es ‘‘ forderte das Hochbauamt sieben Millionen gibt dabei sicherlich sinnvolle Regelungen, Euro für Brandschutzmaßnahmen an Schulen. die große Menge aber müsste vor dem Als ich daraufhin erklärte, dass ich das nicht Hintergrund heutiger Rahmenbedingungen mittrage, kam die Leiterin des Rechtsamtes auf den Prüfstand. Entsprechendes gilt und sagte mir, ich solle vorsichtig sein, für das gesamte Denken von Verwaltung denn wenn man Kenntnis von Mängeln habe und Politik. Natürlich kann ein Bürger- aber nichts dagegen unternehme und dann meister nicht sagen, dass er sich nicht an etwas passiere, wandere der Verantwortliche die gesetzlichen Auflagen hält. direkt in den Knast. Auf eine solche Warnung
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    62 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Aber der Gesetzgeber müsste die ganze viele Dinge vielleicht einfach einmal anders Flut von Vorgaben nach unsinnigen und über- gemacht werden sollten als üblich. Wir nei- holten Vorschriften durchforsten, um die gen dazu, in vorgegebenen Schemata zu Gesellschaft insgesamt zu entlasten. Damit denken und uns entsprechend zu verhalten, würden viele Gel der frei – beispielsweise für sind dann aber unzufrieden. Das gilt auch eine sinnvolle energetische Sanierung von für die Universität, wo über 50 Prozent der Altbauten. Beschäftigten in der Verwaltung arbeiten. Und die haben ja alle etwas zu tun. Wer Dr. Spandau unter diesen Bedingungen dennoch etwas Herr Prof. Welzer, was die beiden Ober- bewegen will, muss sich einen Bereich bürgermeister gerade gesagt haben, hat viel gleichsam im Windschatten suchen, wo er mit Verantwortung zu tun – nicht nur der die gegebene Situation anders nutzen kann. Politiker, sondern auch jedes einzelnen Jeder sollte einfach einmal beiseite treten Bürgers. Dr. Salomon sagte zum Beispiel, dass und über Alternativen nachdenken. Manch- es neben der energetischen Sanierung von mal kommen auf diese Weise gute Ent- Gebäuden auch dringend einer höheren wicklungen in Gang wie etwa bei dem Dorf Effizienz bei der Nutzung der Energieträger Schierke, über das Herr Gaffert vorhin bedarf. Da ist jeder in der Pflicht. Wie aber berichtet hat. können wir erreichen, dass die Bürger nicht nur engagiert und kenntnisreich mitdisku- Man muss sich im klaren darüber sein, tieren, sondern auch selbst verantwortlich dass es sich hier um kulturelle Fragen handeln. Ist das zuviel verlangt? handelt. Jede Institution, jedes Unterneh- men, jede Schule, jede Universität hat Prof. Welzer ihre eigene Kultur, von der es abhängt, wie Ich glaube nicht, dass das zuviel verlangt jeder Einzelne denkt und was er tut. Diese ist. Verantwortung zu tragen, könnte sogar Kulturen kann man verändern. Die Schulen Spaß machen. Sich einzubringen und in der Bundesrepublik zum Beispiel sind Verantwortung zu tragen, kann sehr befrie- heute großenteils in einem erbärmlichen digend sein. Damit hängt zusammen, was Zustand – vollkommen unterfinanziert, Psychologen als Selbstwirksamkeit bezeich- baulich verwahrlost und voller sozialer Pro- nen. Vor allem durch die gesetzliche bleme. In ihnen herrscht eine Kultur, die Reglementierung sämtlicher Lebensbereiche den Schülern von vornherein signalisiert: wird diese Erfahrung systematisch beschnit- Eigentlich wollen wir Euch gar nicht. ten. Hat der für alles sorgende Staat doch meist schon alles bedacht, bevor man selbst Gleiches gilt für die Universitäten. Dabei zu denken anfängt? Wenn man dann aber ließe sich ganz leicht eine andere Kultur etwas anders tun möchte, fehlt meist die schaffen. An amerikanischen Universitäten Erfahrung der Selbstwirksamkeit. Ich finde beispielsweise wird den Studenten gesagt, unser heutiges Gespräch und die Themen, dass man froh sei, dass sie hier studieren. die dabei zur Sprache kommen, auch des- Wer die Entwicklung einer Stadt in eine halb so wichtig, weil wir dadurch angeregt andere Richtung lenken möchte, muss werden, darüber nachzudenken, dass zuerst begreifen, dass es sich auch hier
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    63 um ein kulturellesProblem handelt. Es einfach mit der heutigen vergleichbar. geht nicht bloß um Pläne und Strukturen, Damals hatte man entschieden, sich dieser sondern auch um Kultur und damit um neuen technischen Mittel nicht zum Bösen, ein Wir-Gefühl. In diesem Sinne hat Freiburg sondern zum Guten zu bedienen. eine ganz andere Kultur als z.B. eine Stadt im Ruhrgebiet. Wenn man negative Folgen der friedlichen Nutzung von Kernenergie in Zukunft vermei- Dr. Spandau den will, ist die Intelligenz des Menschen Dass wir das auch so sehen, können Sie für die Entwicklung eines Planes B gefordert. daran erkennen, dass wir Sie eingeladen Beschränkt man sich auf Plan A, ist dies haben, hier mitzudiskutieren. gleichbedeutend mit Alternativlosigkeit. Damit arbeitet die Politik ständig. Sei es in Prof. Stolte der internationalen Finanzwirtschaft oder Ich möchte ein ganz anderes Thema auf- in der Verkehrs- und Gesundheitspolitik: greifen, das sich auf eine Äußerung von Prof. Stets hört man, die Entscheidungen unserer Welzer bezieht. Sie haben sich mit Hinblick Regierung seien alternativlos. Ein solcher auf Fukushima äußerst erstaunt darüber Verzicht auf einen Plan B oder sogar C gezeigt, dass Japan als die drittgrößte Indus- bedeutet eine Beschneidung menschlicher trienation der Welt seine Wirtschaft wesent- Phantasie und Intelligenz. lich auf der Basis von Kernenergie hat aufbauen können. Sie empfinden dies irgend- Wenn aber angesichts der weiteren ‘‘ wie als widersinnig. Welche Möglichkeiten Zunahme der Weltbevölkerung Wachstum hätte Japan denn sonst gehabt? Japan hat – weiterhin notwendig ist, müssen wir Wege nach der traumatischen Erfahrung des finden, nicht mehr ausreichend vorhandene Abwurfs der Atombomben über Hiroshima natürliche Ressourcen durch andere zu und Nagasaki – angesichts des Mangels an ersetzen. Im Bereich der Energie gibt es eigenen natürlichen Ressourcen einfach bereits Pläne zur Errichtung von Solarkraft- die Chance ergriffen, Atomenergie friedlich anlagen in nordafrikanischen Wüsten- zu nutzen. Die damalige Situation ist nicht gebieten.
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    64 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Hieraus wiederum ergibt sich das Problem, zum Ausdruck bringen wollte: Ich denke, wie der dort gewonnene Strom nach Europa dass sich an Japan und Fukushima exempla- geleitet werden kann. Auch wird längst risch zeigen lässt, auf welcher Utopie das darüber nachgedacht, die Ozeane als Ener- Fortschrittsmodell der westlichen Welt giequellen zu nutzen. beruht. Diese Utopie besteht in dem Glau- ben, der Mensch könne sich vollständig Ich glaube, was in Japan passiert ist, darf von der Natur emanzipieren. Dieser Glaube trotz aller Tragik nicht dazu führen, dass wir lag all unseren grandiosen technischen ausschließen, dass sich der Mensch ganz Errungenschaften zugrunde. neue Energiequellen erschließen kann. Wenn wir von vornherein davon ausgingen, Sie haben bisher im allgemeinen ja auch dass es auf der Welt keine anderen als die großartig funktioniert und unser Leben in bisher bekannten Ressourcen gibt, käme dies vielerlei Hinsicht verbessert und sicherer einer Beschränkung auf Plan A gleich. Ich gemacht. Aber dieses Fortschrittsmodell – hoffe, Sie können nachvollziehen, dass mir und das ist der springende Punkt meiner bei diesem Gedanken nicht ganz wohl ist. Argumentation – ist in einer kleinen, Aber möglicherweise habe ich Sie ja missver- begrenzten Welt entstanden, die aufgrund standen. Vielleicht können Sie daher noch bestimmter historischer Gegebenheiten einmal auf diese Frage eingehen. Sollten Sie in der vorteilhaften Lage war, den Rest der jedoch bei Ihrer Auffassung bleiben – und Welt für ihre Zwecke nutzen zu können. damit womöglich auch noch recht behalten – Fukushima symbolisiert den Zusammen- befänden wir uns in einer gigantischen bruch dieses Modells. Es funktioniert einfach Kalamität. nicht – unabhängig von Naturkatastrophen wie Erdbeben. Prof. Welzer Ich fürchte, ich habe recht, Herr Prof. Stolte: Auf Ihre Frage, ob sich vielleicht nicht Wir befinden uns tatsächlich in einer äußerst doch noch andere Ressourcen finden oder misslichen Lage. Lassen Sie mich daher prä- generieren ließen, kann ich nur sagen: zisieren, was ich mit dem Beispiel Fukushima systematisch nicht, denn erstens wächst die Weltbevölkerung weiter und zweitens kopieren immer mehr Länder den Entwick- lungsweg des Westens. Beides führt zu einer exponentiell steigenden Übernutzung der Ressourcen. Insofern bleibt uns nichts anderes übrig, als – statt nach immer neuen Energiequellen und Ressourcen zu suchen – darüber nachzudenken, ob wir all dessen, was wir gegenwärtig zu brauchen glauben, wirklich in diesem Maße bedürfen. Vieles benötigen wir tatsächlich nicht, und über- dies schafft manches auch noch unglaubliche Zwänge. Wir verschwenden schlicht viel
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    65 zuviel Energie undMaterial für absolut nördlich ein zweites Atomkraftwerk sinnlose Dinge, die uns überdies meist nur derselben Generation gibt, das man aber auf belasten. einen 20 Meter hohen Sandsockel gesetzt hat, weil man seit Jahrhunderten über Tsuna- Prof. Stolte mis und Erdbeben Bescheid weiß. Diesem Das mag vielleicht für Europa gelten. Für Kraftwerk ist angeblich nichts passiert. die Entwicklungs- und Schwellenländer kann ich mir das nicht vorstellen. Wir werden schon genug Probleme damit haben, den Weg, den wir in Deutschland zu beschreiten versuchen, auch auf europäischer Ebene poli- tisch durchzusetzen. Es ist erkennbar, dass es die Länder in Asien, Afrika und Südamerika nicht schaffen werden. Wir werden an den gleichen Fragen scheitern, an denen wir schon in Kyoto oder Kopenhagen gescheitert sind, denn diese Länder werden sagen: Jetzt, da wir auf dem Weg sind, ebenfalls zu einem Wohlstand zu kommen, wie Ihr ihn schon seit Jahrzehnten genießt, wollt Ihr uns vor- schreiben, die CO 2-Emissionen zu begrenzen? Das beantwortet nicht die Frage nach der Wenn Ihr uns dafür bezahlt, ist das in Ord- Verantwortbarkeit dieser Technologie für die nung, wenn nicht, dann ist mit uns darüber Zukunft, aber es zeigt, dass zumindest der nicht zu reden. Optimismus in Bezug auf die Beherrschung dieser Technik zu groß ist und es daher zu Das ist das Problem, vor dem wir stehen, Katastrophen wie der jetzigen kommen und deshalb müssen wir über einen Plan B kann. nachdenken. Diesen haben Sie für Deutsch- land beschrieben, aber ich kann mir nicht Noch ein Wort zu einem weiteren Thema, vorstellen, wie er das Problem für die ganze das Prof. Stolte erwähnt hat: das Thema der Welt lösen könnte. Ressourcen und ihrer Endlichkeit. Es gibt weltweit Wissenschaftler, die sagen, dass wir Prof. Speer eigentlich kein Ressourcenproblem haben für Eigentlich möchte ich die Diskussion über die Versorgung der prognostizierten Milliarden Atomenergie nicht fortführen, sonst kommen Menschen auf der Erde. Was wir haben, ist wir heute nicht weiter. Zu den Ereignissen erstens ein Verteilungsproblem und zweitens in Japan möchte ich nur eines ergänzend eine Wasserverschwendung ungeheuren anmerken: Es gibt auch internationale Stim- Ausmaßes. 40 Prozent der Wasservorräte auf men, die sagen, dass die Japaner mit dieser der Welt versickern irgendwo, weil die Leitun- Technologie vor allem am Standort Fukushima gen kaputt sind und das Wasser deshalb gar relativ fahrlässig umgegangen sind. Ich habe nicht dort ankommt, wo es gebraucht wird. gelesen, dass es 100 Kilometer weiter
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    66 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Entsprechendes gilt für die Energie, weil der Ressourcenverbrauch auf der ganzen Welt subventioniert wird, wenn auch in unter- schiedlichem Maße. Warum wurde in China beispielsweise noch keine Ökostadt gebaut, obwohl es wunder- schöne Pläne dafür gibt? Die Antwort lautet: Weil die Energiekosten so niedrig sind. Es geht nicht nur um die Frage der Erfindung von neuen Technologien, sondern es geht ganz wesentlich um die Frage der effizienten Nutzung der Ressourcen und des Sparens. Dabei geht es um eine Größenordnung von Dr. Spandau gut 40 Prozent. Dass wir beides nicht aus- Einen Bereich würde ich gerne noch einmal reichend tun, ist weniger eine Frage der ansprechen: Großereignisse wie Olympische Technologien als unseres Handelns, und das Spiele und Fußballweltmeisterschaften, wird ganz wesentlich von den Kosten und die mittlerweile gerne als Mega-Events abge- damit vom Geld bestimmt. tan werden. Herr Prof. Speer, Sie haben heute über die Allianz Arena und die Chancen Dr. Spandau gesprochen, die solche Großereignisse eröff- Also brauchen wir doch mehr Mut, damit nen. Planung, Standortwahl, Bürgerbegehren, das Neue in die Welt kommt und wir bereit Bau, Eröffnung – in nur fünf Jahren. Ist Stadt- sind, mehr Verantwortung zu übernehmen. entwicklung in Deutschland heute wirklich nur noch in Zusammenhang mit solchen Dr. Reimann-Dubbers Großereignissen möglich? Vor wenigen Jahren hat Dr. Harry Lehmann, heute Fachbereichsleiter beim Umweltbundes- Prof. Speer amt, eine Studie vorgelegt, der zufolge Japan Das ist ein interessantes Thema, mit zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien dem ich mich sehr gerne beschäftige. Schon versorgt werden kann. Wir haben gewaltige als die Mauer noch stand, hatten wir mit Möglichkeiten bei der Nutzung erneuerbarer ersten Voruntersuchungen hinsichtlich einer Energien. Es ist uns überhaupt nicht möglichen Bewerbung von Frankfurt um bewusst, welche Chancen für die Schaffung Olympische Spiele begonnen. Ich bin ein von Arbeitsplätzen allein bei der energe- großer Freund politischer Diskussionen über tischen Sanierung von Altbauten zur Ein- solche Großereignisse, weil ich das Gefühl sparung von Energie bestehen. Gegenwärtig habe, dass allein schon die Bewerbung darum kratzen wir da bestenfalls an der Oberfläche in den Köpfen etwas bewirkt. Frankfurt eines gewaltigen Potentials, das wir konse- hat zwei Häfen und liegt an einem schönen quent nutzen können und müssen. Fluss. Der Main war im Bewusstsein der Frankfurter so gut wie nicht mehr vorhanden.
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    67 Nur mit demGedanken „Frankfurt könnte für Olympische Winterspiele täte auch vielleicht mal …“ haben wir es geschafft, eine Bayern etwas für seine eigene Weiterent- Diskussion über die Häfen anzuzetteln, wicklung. und das nicht nur in der Stadt selbst, son- dern im ganzen Umfeld. Dr. Spandau Vielleicht bekommen wir durch die Es stellte sich heraus, dass jede mittelgroße Olympischen Winterspiele in München Stadt der Region längst damit begonnen hatte, sogar die Wiedervereinigung des Eng- einen Containerhafen zu bauen, den niemand lischen Gartens hin. benötigte. Mittlerweile ist der Frankfurter Westhafen ein wunderschön gemischt bebau- Jochen Sandner ter Bereich mit allem, was dazugehört. Herr Prof. Speer, das war eine Steil- Inzwischen bin ich der Meinung, dass demo- vorlage, besten Dank. Wir haben seit 1951 kratische Länder solche Großereignisse als mit den Bundesgartenschauen alle zwei Vehikel brauchen, weil damit ein Enddatum Jahre dort ein Instrument für die Stadtent- feststeht, an dem ein Projekt fertig sein wicklung, wo tatsächlich die Bündelung muss. von privaten und öffentlichen Investitionen im Rahmen eines Maßnahmenkatalogs auf Andernfalls neigen unsere Städte dazu, einen bestimmten Termin hin erfolgt. alles in die Zukunft zu verschieben. So macht Herr Gaffert, Sie wissen aus der Erfahrung sich Mannheim seit zwei Jahren Gedanken mit der Landesgartenschau, der kleineren über eine Bewerbung um den Titel „Euro- Schwester der Bundesgartenschau, wie päische Kulturhauptstadt“ – obwohl man noch groß der Erfolg sein kann, denn mit diesem gar nicht weiß, wann man sich bewerben Instrument können mit überschaubaren würde. Ob jemals etwas daraus wird, ist im Risiken Prozesse der Stadtentwicklung in Prinzip egal, aber wenigstens eine Diskussion Gang gesetzt werden. In Köln prüfen wir darüber ist in Gang gesetzt worden. gerade, ob wir auf der Basis Ihres Master- planes, Herr Prof. Speer, im Rahmen einer Ganz im Hintergrund waren wir auch an Bundesgartenschau 2023 oder 2025 der Bewerbung Münchens um die Olym- die Lücke im Grüngürtel würden schließen pischen Winterspiele beteiligt. Am Sonntag können. Bis 2019 stehen die Städte für wird es dazu in Garmisch einen Bürger- Gartenschauen bereits fest, momentan wird ‘‘ entscheid geben. Und gestern stand in der über 2021 verhandelt. Die Städte nutzen Zeitung, dass es in München ohne die Olym- dieses Instrument und wenn sie dabei pischen Spiele wohl keine zweite U-Bahn- vernünftig vorgehen, kommen sie mit dem Stammstrecke geben werde, die seit 20 Budget gut zurecht und rücken darüber Jahren in Planung ist. Bewerbungen für hinaus dank der Medienwirksamkeit des Großereignisse wirken sich also nicht Ereignisses nicht nur ins öffentliche Bewusst- nur positiv aus auf die Diskussion über die sein, sondern steigern auch noch ihr Entwicklung einer Stadt, sondern auch auf eigenes Selbstbewusstsein. die eines Landes aus, denn als Gastgeber
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    68 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Dr. Spandau Doch zurück zu Ihrer Frage: Ich glaube Herr Dr. Salomon, wie sähe Ihre Stadt trotzdem, dass es auch ohne Großereignisse aus, wenn Sie eine solche Großveranstaltung funktioniert. Im vorigen Jahr haben wir durchführen würden? Könnten Sie damit uns beim Wettbewerb der Deutschen Umwelt- Prozesse anschieben, die momentan so lange hilfe um die Auszeichnung „Bundeshaupt- diskutiert werden, bis es keiner mehr hören stadt des Klimaschutzes“ beworben und sind kann? als Sieger daraus hervorgegangen. Bei diesem Wettbewerb gab es sechs Kategorien mit jeweils sechs bis sieben Unterpunkten. Es waren also etwa 50 Fragen zu beantworten. Das Ergebnis für Freiburg war interessant, denn wir waren in keiner einzigen Kategorie die besten. Es gab also Städte, die in allen klimaschutzrelevanten Bereichen besser abgeschnitten haben. Wir waren aber auch in keinem Bereich schlechter als auf Platz sechs. Das bedeutet, dass wir zwar einerseits sehr breit aufge- stellt sind, andererseits aber noch viel von anderen lernen können. Das Besondere ist, Dr. Salomon dass wir alles machen, aber nichts auf Wir hatten vor 25 Jahren in Freiburg eine Weltniveau. Im Rahmen integrierter Stadt- Landesgartenschau. Damals galt es, den Wes- planung geht es also nicht unbedingt um ten der Stadt zu entwickeln, und wir profi- Leuchtturmprojekte, sondern um den tieren noch heute davon. Seither besitzt Gesamtansatz, das heißt um einen Wettbe- ein Wohnviertel ein richtiges Naherholungs- werb um die besseren Ideen bei der Beant- gebiet – eine deutliche Aufwertung. wortung der Fragen, wie sich möglichst viele Häuser in möglichst kurzer Zeit klima- Es gibt in Freiburg inzwischen auch Über- gerecht sanieren lassen, welche Kosten legungen, ob wir uns nicht für 2020 um den dabei entstehen, wie die Refinanzierung Titel „Europäische Kulturhauptstadt“ aussieht und wieviel Energie dadurch bewerben sollten. Dabei wissen wir noch eingespart werden kann. nicht einmal, ob Deutschland 2020 überhaupt zum Zuge kommt. Aber der Weg ist das Wenn wir von heute auf morgen auf Ziel, selbst wenn wir es nicht erreichen erneuerbare Energien umschalten, kostet sollten. Allein die Bewerbung muss für jede das eine Menge Geld, aber wir zahlen Kommune Vorteile mit sich bringen. dann auch keine Ölrechnungen mehr. Außerdem bedeutet es Investitionen in das Handwerk, in lokale und regionale
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    69 Arbeitsplätze und dieWirtschaft im Prof. Speer allgemeinen. Prof. Welzer hat recht: Man Ich möchte das kurz ergänzen. Wir arbei- muss Erfolgsgeschichten erzählen und ten seit vielen Jahren mit Siemens zusam- dabei die positiven Aspekte deutlich heraus- men, einem Weltkonzern, der in der stellen, damit die Menschen Anreize bekom- Vergangenheit absolut sektoral und mono- men, selbst Teil dieser Geschichte zu funktional aufgestellt war und dessen werden. unterschiedliche Bereiche U-Bahnen oder Küchen, Medizingeräte oder Handys gebaut Sebastian Knauer haben. Zwischen diesen Sektoren gab es Das Thema unserer Tagung ist die Stadt kaum Vernetzungen. Nun haben wir heute von morgen. Der Siemens-Konzern hat daraus davon gesprochen, wie notwendig es ist, ein eigenes Geschäftsfeld gemacht. Ist das Vernetzungen und Kreisläufe herzustellen Programm „Green City“ daher nicht vielleicht und gemeinsam Entwicklungen voranzu- doch eher ein „green washing“? Ist die Ent- treiben. Siemens geht genau in diese Nische, wicklung der Städte wirklich ein ernstzuneh- indem der Konzern alles bündelt, was mit mender Ansatz, die Welt umzubauen? Städten zu tun hat. Prof. Welzer Dr. Spandau Ich kann nicht beurteilen, welche Absichten Meine Damen und Herren, wir müssen Siemens damit wirklich verfolgt. Grundsätz- pünktlich fertig werden. Ich habe es ver- lich halte ich es aber für einen ernstzuneh- sprochen. Als Resümee unserer spannenden menden Ansatz. Die Perspektive des Umbaus Diskussion ziehe ich den Schluss, dass unserer Städte ist mit Sicherheit für viele sich die Stadt der Zukunft gar nicht so sehr Firmen lukrativ. Das sieht man an zahlrei- von unseren heutigen Städten unterscheiden chen Unternehmen, die bereits vor 20 Jahren dürfte. über Nachhaltigkeit nachgedacht haben und heute sehr gut dastehen. Sie haben beispiels- Jedenfalls wird an der Stadt der Zukunft weise in Bezug auf Technologien und der schon heute gebaut. Konzepte für energe- Veränderung der Wertschöpfungsketten heute tische Altbausanierung oder energieoptimier- sehr viel mehr Erfahrung als viele andere, tes Bauen sind dafür ebenso notwendig wie die das nicht getan haben und die es daher die Änderung gewohnter Verhaltensweisen. ‘‘ zum Teil nicht einmal mehr gibt. Nur so kann sie sich bis zur Mitte des 21. Jahrhunderts zu einer Hightech-Öko- Ein weiterer Vorteil ist, dass es für die Stadt mit verdichteten, fast dörflichen Mitarbeiter dieser Betriebe interessant ist, Wohnstrukturen bei großer architektonischer in ihnen zu arbeiten. Mittelfristig beweist und sozialer Vielfalt entwickeln. Allein der Markterfolg, dass es sehr intelligent Städte, die sich ökonomisch wie ökologisch ist, neu zu denken. Das kann man auch als auf die Anforderungen von morgen einstel- Wettbewerbsvorteil bezeichnen. len, haben Zukunft.
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    70 D I S K U S S I o N D E S T A G U N G S T H E M A S ’’ Die Stadt der Zukunft ist kompakt. In für uns alle darstellt und die Lösung der ihr werden die vielfältigen Formen und Probleme, vor der unsere Städte stehen, Funktionen des urbanen Lebens zusammen- einer intensiven, eng vernetzten Kommuni- geführt: Sie ist gekennzeichnet durch kation zwischen allen Beteiligten und kurze Wege von der Wohnung zum Arbeits- Betroffenen bedarf. platz wie in die Stadtteilzentren. In diesem Sinne danke ich allen Referen- Nur dann wird die Stadt der Zukunft mit ten für ihre so lehr- wie kenntnisreichen den Herausforderungen durch die demogra- Beiträge. Sie haben uns viele Anregungen phische Entwicklung, den Trend zur Indi- gegeben und wir werden vieles davon vidualisierung und den damit verbundenen mitnehmen und in praktisches Handeln Wandel der traditionellen Familienstruktur umsetzen. fertigwerden können, wenn sie von allen Menschen gemacht wird und nicht nur von Ich danke Ihnen allen für Ihre Teilnahme. ‘‘ Ingenieuren, Technikern, Politikern und Wir waren gerne Ihre Gastgeber und würden Zukunftsforschern. uns freuen, wenn Sie sich wohlgefühlt haben. Gerne begrüßen wir Sie am 3. und 4. Die Stadt der Zukunft wird global ver- Mai 2012 zu den dann 16. Benediktbeurer netzt sein und aktiv an der Lösung globaler Gesprächen der Allianz Umweltstiftung Probleme mitwirken. wieder hier im Zentrum für Umwelt und Kultur. Meine Damen und Herren, wir sind am Ende unserer Diskussion, aber damit ist die Diskussion über die Stadt der Zukunft natürlich noch längst nicht beendet. Ich denke, das hat auch keiner von Ihnen erwar- tet. Was wir jedoch von unseren heutigen Gesprächen mitnehmen können, ist, dass die Thematik eine riesige Herausforderung
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    I M PR E S S U M 73 r e f e r e nte n B e n e D i ktB e U r e r G e S p r äc h e D e r Al l i An z U m w e ltSti f tU nG Prof. Dipl.-Ing. Albert Speer Band 15 AS & P – Albert Speer & Partner GmbH Hedderichstraße 108 - 110 herausgeber 60596 Frankfurt am Main Allianz Umweltstiftung Maria-Theresia-Straße 4a Dr. Dieter Salomon 81675 München Oberbürgermeister Telefon: 089/41 07 33 - 6 Stadt Freiburg Telefax: 089/41 07 33 - 70 Rathausplatz 2 - 4 E-Mail: info@allianz-umweltstiftung.de 79098 Freiburg Internet: www.allianz-umweltstiftung.de Prof. Dr. Harald Welzer redaktion Kulturwissenschaftliches Institut Dr. Lutz Spandau Goethestraße 31 Susanne Luberstetter 45128 Essen fotos Peter Gaffert iStockphoto Oberbürgermeister Rainer Lehmann Stadt Wernigerode Mauritius Marktplatz 1 Horst Munzig 38855 Wernigerode Pitopia Gestaltung m OD e r Ati On Susanne Hampel Dr. Lutz Spandau litho Vorstand Oestreicher + Wagner Allianz Umweltstiftung Medientechnik GmbH Maria-Theresia-Straße 4a 81675 München lektorat Dr. Karl-Heinz Ludwig Druck Mediengruppe Universal München 2011