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P(R)UNK. Die Ausstellung
Vorwort von Harald Falckenberg
Die Sammlung Falckenberg hat sich mit ihrem Programm das Ziel
gesetzt, nicht nur junge Gegenwartskunst zu zeigen, sondern die-
se Kunst im Kontext internationaler Nachkriegskunst zu verstehen.
Wenn in Harburg Positionen von Künstlern wie Öyvind Fahlström,
Jean-Jacques Lebel, Otto Mühl, Peter Weibel, Andreas Schulze,
Paul Thek und jetzt Wolfgang Petrick gezeigt werden, geht es des-
halb nicht um eine historisierende Sicht, sondern den Versuch, die
Entwicklungslinien der Kunst der letzten 50 Jahre bis heute zu ver-
deutlichen.
Die Kunst des 71jährigen Wolfgang Petrick ist ein markantes Bei-
spiel. Seine Hochschulausbildung begann er 1958 im Umfeld von
Lehrern, die dem Bauhaus, abstrakten Expressionismus, Surrea-
lismus, der gestischen Malerei und der Art Brut verpflichtet waren.
In Abgrenzung zu diesen Vorbildern entwickelte Petrick in den 60er
und 70er Jahren zusammen mit Künstlern wie KH Hödicke und
Markus Lüpertz den Kritischen Realismus, der sich zum Ziel ge-
setzt hatte, mit der Borniertheit und den Zwängen der deutschen
Nachkriegsgesellschaft aufzuräumen. Die einzelnen Stationen des
Werdegangs Petricks sind in den Beiträgen von Wulf Herzogen-
rath, Hans-Werner Schmidt, Jürgen Schilling und Hans-Christoph
Buch mit Abbildung der wichtigsten Arbeiten geschildert.
P(R)UNK, der Titel der Ausstellung, bezieht sich auf die tiefe
Spaltung der Gesellschaft Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre.
Längst hatten die Deutschen die entbehrungsreichen Jahre hinter
sich gelassen und sich zu einer Wohlstandsgesellschaft mit hedo-
nistischen Zügen entwickelt. Der Lust und Verschwendungssucht
der neuen Gesellschaft mit ihrem Prunk entspricht als Widerpart
die Haltung einer im Sinne des Wortes enttäuschten Jugend ohne
Hoffnung, die sich im Punk entlädt. Inzwischen Professor an der
Kunsthochschule in Berlin, unterrichtet Wolfgang Petrick ab Mit-
te der 70er Jahre mehrere Studenten aus dem Kreis der legen-
dären Kreuzberger Punkkneipe SO 36. Über Ulrich Strothjohann,
dem späteren Mitarbeiter von Martin Kippenberger, lernte er die
Gründer der Krawallkombo „Einstürzende Neubauten“, Blixa Bar-
geld und FM Einheit, kennen. Zu FM Einheit hat Petrick bis heute
Kontakt. Zur Eröffnung der Ausstellung P(R)UNK gibt er in Harburg ein
Konzert.
Die Malerei der Jungen Wilden im Berlin der 80er Jahre leitete die
Entwicklung des Künstlers vom Prediger höherer Werte zu einem
eher subjektiv geprägten Kunstverständnis ein. Der endgültige
Bruch mit dem Kritischen Realismus und seiner Auseinander-
setzung mit der deutschen Nachkriegsgeschichte vollzog sich
1989/90 mit der Wiedervereinigung. 1994 verließ Petrick Berlin in
Richtung New York und hält sich dort bis heute mehrere Monate im
Jahr auf. In New York entwickelte er einen völlig neuen, multimedial
angelegten Kunststil, der durch tiefenpsychologische Bezüge und
Dynamik gekennzeichnet ist. Die Städte, Gebäude, Alltagsgegen-
stände und mythenhafte Gestalten in seinen Malereien sind zent-
rifugalen, alles zerreißenden Kräften ausgesetzt. Wolfgang Petrick
bezeichnet diese Schaffensperiode als VORAGO, den lateinischen
Ausdruck für Wirbel und Strudel. Er scheint damit den Schluss-
strich unter eine lange Entwicklung zu ziehen. Es ist nicht zuletzt
eine Rückkehr zu den Wurzeln seiner künstlerischen Tätigkeit im
Berlin der Nachkriegszeit mit all ihren Zweifeln und der Wut auf die
Generation der Väter. Die Arbeiten Wolfgang Petricks der letzten
Zeit stehen im Mittelpunkt der Ausstellung.
P(R)UNK* The Exhibition
Foreword by Harald Falckenberg
The Falckenberg Collection aims with its program not only to ex-
hibit young contemporary art but also to understand this art within
the context of international post-war art. Thus, when positions of
artists such as Öyvind Fahlström, Jean-Jacques Lebel, Otto Mühl,
Peter Weibel, Andreas Schulze, Paul Thek and now Wolfgang Pe-
trick are shown in Marburg, the concern is not to present a histori-
cized viewpoint but rather to attempt an elucidation of the paths of
development in art from the last 50 years through to today.
The art of 71-year-old Wolfgang Petrick is a striking example. He
began his college education in 1958 surrounded by teachers who
were indebted to Bauhaus, abstract expressionism, surrealism,
gesture painting and Art Brut. Demarcating himself from these role
models, in the 1960s and 70s Petrick developed critical realism to-
gether with artists such as K.H. Hödicke and Markus Lüpertz with
the aim of sweeping away the narrow-mindedness and constraints
of German post-war society. The individual phases in Petrick’s ar-
tistic career are described in the contributions by Wulf Herzogen-
rath, Hans-Werner Schmidt, Jürgen Schilling and Christoph Buch
together with reproductions of his most important work.
The exhibition’s title P(R)UNK refers to the deep cleft in German
society at the end of the 1970s and the beginning of the 80s.
The Germans had left their years of deprivation far behind by then
and developed into an affluent society with hedonistic traits. The
pleasures and extravagance of this new society full of pomp repre-
sented an adversary to the attitude in the true sense of the word of
the disenchanted youth without hope, one which found its release
in punk. By now a professor at the Academy of Fine Arts in Berlin,
from the mid 1970s Wolfgang Petrick taught several students from
the circle which hung out in the legendary punk bar SO 36 in West
Berlin’s left-wing Kreuzberg district. Through Ulrich Strothjohann,
who would later become an associate of Martin Kippenberger, Pe-
trick got to know Blixa Bargeld and FM Einheit, the founders of the
German noise band Einstürzende Neubauten. Petrick still remains
in contact with FM Einheit up to today. For the opening of the P(R)UNK
exhibition, FM Einheit is going to give a concert in Harburg.
The art of the Junge Wilden/Young Wild Ones in Berlin in the 1980s
triggered off a development in the artist from being a preacher of
higher values to one driven by a more subjectively defined under-
standing of art. However his final break with critical realism and
his confrontation with German post-war history occurred with the
reunification of Germany in 1989-1990. In 1994 Petrick left Berlin
and headed for New York. Since then he has spent several months
there every year. In New York he developed a completely new, mul-
timedia based artistic style which is marked by references to depth
psychology and dynamism. The cities, buildings, everyday objects
and mythical figures in his paintings are exposed to centrifugal
forces ripping everything apart. Wolfgang Petrick has labeled this
creative period VORAGO, the Latin word for a swirl and a vortex.
Last but not least it embodies a return to the roots of his artistic ac-
tivities in Berlin during the post-war period with all their doubts and
the anger at his father’s generation. Wolfgang Petrick’s work from
this most recent period represents the focus of the exhibition.
*P(R)UNK: PUNK-POMP; PUNK-DELUXEDas Neue, 2010, Malerei
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Anonym, holländisch
Einführung
Wulf Herzogenrath
Malerei ist bei Wolfgang Petrick ein gefährlicher Prozess, gefähr-
lich für den Künstler, der von seinen Mal-Gesten fortgerissen wird
von den realistischen Anstößen und Vorgaben, die am Anfang
zu stehen scheinen. Neue Materialien, Bildtechniken, technische
Möglichkeiten faszinieren ihn, so unterzieht er seine Figurationen
immer neuen Verwandlungen. Die Begrenztheit der rechteckigen
Leinwand hat Petrick immer schon überwinden wollen, und seine
Bilder griffen in den Raum hinaus. Seine Figurationen entstanden
nicht nur als Malerei, die Realien wuchsen als Assemblagen zu
ganzen Kabinetten, überwucherten die gläsernen Vitrinen, spiegel-
ten sich real oder virtuell, verdoppelten sich im Bild als wieder zu
verändernde Reproduktion.
Gefährlich sind die Werke von Petrick auch für die Betrach-
ter: sie verlieren ihren klaren Standpunkt, ihren Haltepunkt – der
Ma(hlstrom der Bewegungs-Gesten zieht sofort in Bann. Gefähr-
lich sind die spitzigen, aggressiven Teile der Assemblagen sogar
ganz real, auf seiner Bild-Baustelle liegen nicht nur die Nägel, die
Sägen, Hämmer mit Puppen, Pelzen, Glasobjekten etc. herum, es
ragen überall scharfkantige Materialien heraus, schockieren miss-
geformte Lebewesen, aufgespießt in gesplitterten Glasvitrinen.
Schönheit als Ideal lässt sich nur gestalten und sehen, wenn
die Schatten der Zerstörung, der Veränderung selbst zu Bildern
der Sehnsucht werden: die Manieristen – die Formverbieger, die
Raumdreher, die Groteske - interessieren Petrick mehr als das
Ebenmaß und die „Stimmigkeit“ der Bilder der Renaissance-Kunst,
der Punk mit seinen Brechungen mehr als die rhythmische Rock- Detail,Jugend, 2007-09, Objekt
Introduction
Wulf Herzogenrath
With Wolfgang Petrick painting is a dangerous process; dange-
rous for the artist who is swept away from his painting flourishes
by the realistic impulses and demands that become apparent at
the start. New materials, new imaging techniques, and technical
possibilities fascinate him, so he continually subjects his figura-
tions to new transformations. Petrick always wanted to overcome
the finiteness of the rectangular canvas, and his paintings reached
out into space. His figurations arise not only as painting; the real-
life objects grew as assemblages to entire exhibitions, overran the
crystalline display cases, reflected themselves as real or virtual, re-
duplicated themselves once again in the tableau as ever-changing
reproductions.
Petrick’s works are also dangerous for the observer: they lose their
evident position, their station—the maelstrom of signs of move-
ment immediately captivates. The pointed, abrasive components
of the assemblages are dangerous even in reality; on his construc-
tion site of the image, there lie about not only nails, saws, hammers
with dolls, furs, glass objects, etc.—sharp-edged materials jut out
everywhere. Misshapen creatures shock, skewered in slivered
glass showcases.
As an ideal, beauty can be configured or seen only when the
shadows of destruction and of change itself become images of
desire: the mannerists—distorters of shape, turners of space, the
grotesque—interest Petrick more than the regularity and the co-
herence of renaissance art images; punk, with its breaks, more
than rhythmic rock music; dissolution more than concinnity—and
Petrick’s works are indeed fed by an unbridled love for his prototy-
pes, the tattered and oppressed, the vibrantly gaudy objects, big
city noises.
Titel, Datum, Kunsthalle Bremen
6 7 Jugend, 2007-09, Objekt
Timber, 2010, Malerei Asylum, 2010, Malerei
in dem chaotisch erscheinenden flachen Bildgemenge herauszu-
lesen. Petrick zwingt den Betrachter, in der zwar flächig gemalten
Formenwelt die illusorisch ablesbare, räumliche Ordnung des als
Chaos erscheinenden Weltdetails selbst zu entdecken.
So verändert sich das Werk von Wolfgang Petrick kontinuierlich
seit Jahrzehnten, es gelingt ihm immer wieder ein kraftvoller Zu-
griff auf die Realität, die er doch als Illusion entlarvt, ein Wunsch
nach einer ganzheitlichen Räumlichkeit, nach Zusammenhang ist
in dem lebendig Chaotischen der Schichtung und Vernetzung der
Bild- Bedeutungs- und Medien-Ebenen zu spüren: der Versuch,
aus dem Weltchaos eine eigentlich unmögliche Einheit zu gestal-
ten. Oder man kann es kunsthistorisch ausdrücken: wie kann dem
aufsplitternden Manierist das barocke Gesamtkunstwerk gelingen
– die realen Bilder als malerische Gesten aus digitalem Reprodu-
zieren übermalter Fotografie-Teile, die Collage als Gesamtkunst-
werk, die Fragmente des Hässlichen als Feier der Schönheit!
Prof. Dr. Wulf Herzogenrath
Direktor der Kunsthalle Bremen
musik, die Auflösung mehr als die Zusammenfügung – und doch
sind alle Werke Petricks gespeist von einer unbändigen Liebe zu
seinen Prototypen, den ramponierten, geschundenen Menschen,
den kraftvoll protzigen Objekten, dem Krach in den Großstädten.
Ihn interessiert, welche Kräfte deformieren oder die edle Form
verändern: „Gemalte Verspottungen der Ästhetik“ nennt Werner
Hofmann die Figurenwelt Petricks, deren „rebellische Gliedmassen
sich gegenseitig Gewalt antun“ (Werner Hofmann, W.P. – Malerei
und Material, Haus am Lützowplatz Berlin, 1999, S. 8)
Doch seit einigen Jahren sehen wir diese geschundene Figuren-
welt nicht allein mit sich, den Farbgesten und eigentümlichen Ob-
jekten, mit Gerätschaften und Waffen kämpfen, nein, die ganze
Malfläche versinkt im VORAGO, im anamorphotischen Bildräu-
men. Diese aus dem Barock als zugleich spielerisch wie mystisch
verwendbare Bildform hat Wolfgang Petrick fasziniert, weil ihm so
eine neue Möglichkeit gegeben wurde: Nicht nur – wie in seinen
früheren „Doppelbildern“ - eine Scheinbewegung innerhalb sich
doppelnder Bildwelten, nein: mit den Anamorphosen erreicht Pet-
rick eine neue Dynamisierung der Bildfläche.
Die Veränderungen des „Normalen“, die Varianten des niemals
Gleichen in allen seinen monströsen Möglichkeiten interessieren
Wolfgang Petrick, dessen spontane Antwort auf die Frage nach
seinem Lieblingsfilm, der extreme Film der 1930er Jahre „Freaks“,
nicht erstaunt. Vielleicht verstärkt auch durch die Tatsache, dass
ein solcher Film nicht später oder gar heute eindringlicher gestaltet
wurde als damals in den Zeiten von Otto Dix, George Grosz oder
auch Max Beckmann. Denn, Film gab es nun mal auch noch nicht
zu Breughels Zeiten, und selbst Ensor zeichnete seine Alpträume
ohne Kenntnisse der filmischen Medienmöglichkeiten. Sollte die
Nähe zu Dix auch Berliner Traditionslinien aufzeigen, so weitet sich
das Spektrum seit den „Freaks“.
Doch die Methode der Anamorphose ermöglicht noch gänzlich
andere Verzerrungen, und zwar scheinbar chaotisch aussehende,
in Wirklichkeit aber rationale, wissenschaftlich korrekte Verschie-
bungen: die realen Figuren lassen sich erst mit Hilfe des auf die
Bildfläche gestellten zylindrischen Spiegels exakt ablesen. So ver-
mutet der Betrachter der anamorphotisch wiedergegebenen Sze-
ne eine „höhere Ordnung“, und er selbst muss nun versuchen, sie
Bad Mast, 2007-08, Malerei Jugend, 2008, Malerei Rotation, 2008, Malerei View, 2010, Malerei
He is interested in which forces deform or alter the noble form: “a
painted mocking of aesthetics,” as Werner Hofmann calls Petrick’s
world of figures, whose “rebellious limbs violate one another” (Wer-
ner Hofmann, W.P.—Malerei und Material, Haus am Lützowplatz
Berlin, 1999, p. 8).
Yet for some years now we have seen this maltreated world of
figures battling not only itself, its flourishes of color and peculiar
objects, with equipment and weapons; rather, the entire painted
surface sinks, in VARAGO, in anamorphic visual spaces. This vi-
sual form from the baroque, both playfully and mystically adaptive,
has fascinated Petrick, as it has afforded him a new possibility:
not merely—as in his earlier “double images”—an apparent moti-
on within reduplicating worlds of images: with the anamorphoses
Petrick achieves a new stimulation of the scene.
The transformations of the “normal,” the never-paralleling variants
in all their monstrous possibilities interest Wolfgang Petrick, whose
spontaneous answer comes as no surprise when he is asked to
name his favorite film, the extreme 1930s movie “Freaks.” Perhaps
it is all the more striking that such a film has never since, even to
this day, been more urgently fashioned as back then in the times
of Otto Dix, George Grosz, or Max Beckmann, since there was no
film in Breughel’s time, and even Ensor sketched his nightmares
without knowledge of the possibilities of cinematic media. If Berlin
lines of tradition evince a proximity to Dix, the spectrum has been
widening since “Freaks.”
The implementation of anamor-
phosis permits yet entirely diffe-
rent contortions and shifts which
are truly chaotic in appearance
but which, in reality, are rational
and scientifically correct: the real
figures allow themselves to be pre-
cisely read only with the help of
the cylindrical mirror positioned on
the picture. Thus, the observer of
the anamorphically re-presented
scene supposes a “higher order”
and must now himself attempt to
deduce it in the seemingly chaotic, planar mixture of images. In
the two-dimensionally painted world of forms, Petrick compels the
observer to want to discover the illusively readable, spatial order of
this world’s details that emerge from chaos.
As the work of Wolfgang Petrick has been continuously changing
for decades, he has managed time and time again a powerful grasp
on reality, which he exposes as illusion; and in the vital chaos of the
layering and interconnectedness of the planes of image, meaning,
and mediums, one senses the desire for a holistic spatiality, for co-
herence: the attempt to forge an intrinsically impossible unity from
world chaos. Or, expressed in terms of art history: how can the
fragmenting mannerists succeed at a baroque Gesamtkunstwerk
(synthesis of the arts)—the actual images as a scenic gesture from
the digital reproduction of painted-over bits of photography, the
collage as Gesamtkunstwerk, the fragments of the hideous as a
celebration of beauty!
Prof. Dr. Wulf Herzogenrath
Director Kunsthalle Bremen
Manipulation nach Holbein,
Fundstück
8 9
Picnic, 2010, Malerei10 11
Das Neue, 2010, Malerei
Dachboden Landschaft I, 2010, Malerei Dachboden Landschaft II, 2010, Malerei Dachboden Landschaft III, 2010, Malerei
12 13
Adam, 2010, Malerei Eva, 2010, Malerei
14 15
Titel, 2008-09 Malerei
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Aufgeladene Linien und ekstatische Drehungen1
Hans-Werner Schmidt
1964 malt Wolfgang Petrick ein Bild, dem er den Titel „Paradies“
gibt. Der Künstler ist 25 Jahre alt, der Studienabschluss an der
Hochschule für Bildende Künste in Berlin steht bevor – und die
Berufung an eben diese Schule sollte elf Jahre später erfolgen.
1975 übernimmt Petrick dort eine Professur. Ist das „Paradies“
von 1964 der Verweis auf ein verloren gehendes oder die Sehn-
sucht auf ein kommendes Paradies? Angesichts des dargestellten
Quartetts sind deutliche Zweifel bezüglich einer positiven Rückver-
sicherung oder einer Hoffnung angemeldet.
Petrick spricht rückschauend positiv von den studentischen Hoch-
schuljahren, die für ihn 1958 beginnen. Er bewegt sich im Umfeld
der Lehrer Fritz Kuhr (1899-1975) und Juro Kubicek (1906-1970),
beide durch Bauhaus-Jahre geprägt, von Fred Thieler (1916-1999),
einem Aktivposten der Abstraktion, und Mac Zimmermann
(1912-1995), der die surreale Tradition fortschreibt. Es sind alle-
samt Künstler, die im Gefühl der Selbstzufriedenheit miteinander
verkehren, ist es ihnen doch nach 1945 möglich, sich in künst-
lerischen Positionen der Moderne widerzuspiegeln und eine ver-
meintliche Kontinuität der künstlerischen Biographien zu praktizie-
ren bei Ausblendung des nazistischen Terrors nicht nur gegen die
Freiheit der Kunst. Das Vergessen, das dem Antrieb des Verdrän-
gens folgt, stößt in der Petrick-Generation auf Befremden, provo-
ziert zum Widerspruch angesichts der Erblast des Dritten Reiches,
das in den 1950er und 60er Jahren in Gestalt von Biographien und
einem mentalen Rückstau in der Alltagskultur noch präsent ist. Pe-
trick verfolgt die künstlerische Spur von Wols, der angesichts des
aufziehenden Nazi-Terrors 1933 Dresden verlässt und der in Paris
eine neue künstlerische Heimat findet. Petrick spricht heute von
der Attraktivität der „Gespinster“, von zeichnerischem Gekräusel
im Werk von Wols, die den knapp Zwanzigjährigen beeindrucken.
In anregender Nachbarschaft dazu nimmt Petrick Kenntnis vom
skripturalen Stil Cy Twomblys, der 1960 zum ersten Mal in der
Bundesrepublik Deutschland ausstellt, in der Stuttgarter Galerie
Müller.
Charged Lines and Ecstatic Twirls1
Hans-Werner Schmidt
In 1964 Wolfgang Petrick painted a picture which he titled “Para-
dies/Paradise.” The painter was 25 years old at that time, with his
studies at the Academy of Fine Arts in Berlin drawing to a close—
the same school to which he would be appointed eleven years
later. In 1975 Petrick assumed a professorship there. Is his “Pa-
radies” from 1964 a reference to a paradise dwindling away or
the yearning for one to come? In view of the quartet depicted on
the picture, clear doubts may be expressed regarding any positive
reassurance or even a hope.
In hindsight, Petrick speaks positively about his student college
years, which began for him in 1958. He moved in the circles sur-
rounding the teachers Fritz Kuhr (1899-1975) and Juro Kubicek
(1906-1970), both of whom were marked by the Bauhaus era.
He was aware of the work by Fred Thieler (1916-1999), a driving
force in abstraction, while for the youthful Petrick it was Mac Zim-
mermann (1912-1995) who continued the surreal tradition. These
are all artists who communicated with each other in a sense of
self-satisfaction, for after 1945 it proved possible from them to es-
tablish themselves within the artistic positions of modernism and
to practice a reputed continuity of the artistic biographies while
suppressing the Nazi terror and that not only against artistic free-
dom. The forgetfulness which followed the drive to suppress was
met with rejection in Petrick’s generation, provoking protest when
faced by the burdensome legacy of the Third Reich that was still
present in the 1950s and 60s in the form of biographies and a
mental backlog in everyday culture. Petrick pursued the artistic tra-
ces of Wols, who abandoned Dresden in 1933 when faced by the
growing Nazi terror and found a new artistic home in Paris. Today
Petrick speaks about the attractiveness of the “fine webs,” of the
frizzy curls drawn in the works of Wols which impressed Petrick
when he was then just twenty years old. Within the stimulating
vicinity of this Petrick became aware of the scriptural style of Cy
Twombly, who exhibited in West Germany for the first time in 1960
at the Stuttgart gallery Galerie Müller. Female Pilots 5-teilige Serie, 2008, Fotomontage
Melitta Judith Lisel Gudrun
Katya
18 19
Scooter Attack, 2007-10, Malerei
20 21
der Bezeichnung „Ohne Titel“ daherkommen, aber auch in Be-
deutungsverstärkung mit „Die Unseriösen“ (1964) und „Übeltäter“
(1963) unterlegt werden. Bei einem solchen Zusammenspiel von
Ausdrucksträgern unsympathischer Art bei entsprechender Beti-
telung sieht sich der Betrachter schon in seinem ersten Eindruck
bestätigt im Sinne eines Negativ-Reflexes. Bei „Paradies“ stellt
sich dagegen umgehend der Missklang ein zwischen einer Ankün-
digung im Titel und der konträr dazu wirkenden Darstellung.
1964 sind die Vorstellungen vom Paradies sehr unterschiedlich. In
der Bundesrepublik Deutschland trifft der millionste Gastarbeiter
ein, ein Portugiese, dem ein großer Bahnhof bereitet wird. Aus der
randständig gewordenen Agrarkultur der iberischen Halbinsel ist er
dem Ruf der Vollbeschäftigung nördlich der Alpen gefolgt. Arbeit
finden war für ihn und eine Million anderer Gastarbeiter gleichsam
der Lockruf des Paradieses. In Deutschland herrscht Hochkon-
junktur. Das Wirtschaftswunder, das Paradies der Ökonomen, hat
seine Schubkraft aus den 1950er Jahren behalten. Doch vor Ort
projizieren die so Begünstigten das Paradies in die Ferne. Im Bay-
erischen Rundfunk beginnt der Sprachkurs „Benvenuti in Italia“,
um die jährlich dorthin Aufbrechenden, längst überfällig, auch mit
mentalem Proviant auszustatten – selbst, wenn es nur die Grund-
Sprachkenntnisse waren, um im „Paradies“ ein wenig sprachkom-
patibel zu sein. Und Stanley Kubrick bringt 1964 die Bombenstim-
mung in die Kinos. Die allseits herrschende atomare Bedrohung,
ein Schatten der medial mit der spektakulären Begrüßung eines
Gastarbeiters und „Benvenuti in Italia“ ausgeblendet wird, gewinnt
mit der Filmsatire „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu
lieben“ eine groteske Präsenz. Und angesichts Petricks Vierer-
gruppe sollte man auch die ersten spektakulären Pressekonferen-
zen der Fab Four aus Liverpool reflektieren. Gerade auf amerika-
nischem Boden angekommen, um die dortige Tournee zu starten,
soll eine der ersten Fragen gelautet haben: „Glauben Sie an Wahn-
sinn?“ Und die Antwort dazu: „Ja, es ist gesund.“ Und schon bei
diesem Interview gewinnen selbst die nicht so Feinfühligen den
Eindruck einer Hackordnung in der Gruppe und es bedurfte nach
jeder Menge mentaler Rempeleien schon der Trennung und der
Soloinitiative (von John Lennon), um „Give peace a chance“ zu
verkünden. Und lotet man das Feld der Popularkultur aus, wird
man weitere Divergenzen feststellen, die einem Paradies auf Er-
den widersprechen. 1964 veröffentlicht Drafi Deutscher („And his
Magics“) in Westdeutschland die Single „Shake hands“ und in Ost-
Das Zeichnen als erregte Handschrift, die energiegeladene Linie,
die Verdichtung mittels graphischer Techniken stehen am Anfang
Petricks Kunstpraxis – und verweisen in Binnenspuren auf ein An-
regungspotenzial durch Wols und Twombly. Spurlos im jungen
Werk bleibt, vermutlich weil die Beeindruckung einer Überwälti-
gung gleichkam, der Besuch einer Ausstellung mit zeitgenös-
sischer amerikanischer Malerei in der Hochschule 1958. Solche
Bildformate hatte Petrick noch nicht gesehen und gänzlich beein-
druckt zeigt er sich noch heute von der Souveränität der Künstler,
Farben und Formen einen autonomen Auftritt auf den Leinwänden
zu geben, sei es im Dripping eines Jackson Pollock oder im Com-
bine Painting eines Robert Rauschenberg. In der Petrick-Gene-
ration müssen sich diese Bilder über den unmittelbaren Eindruck
wie innere Tattoos eingebrannt haben, gab es doch keine beglei-
tenden Katalogwerke, über die man sich in selbst verordneten
Dosierungen und Reflektionsschritten dieser fremden Bildwelten
nähern konnte. Vielleicht noch entscheidender für Petricks künst-
lerische Entwicklung wird ebenfalls 1958 der Besuch einer James
Ensor-Ausstellung in Rotterdam. Petrick stellt sich angesichts des
makabren Maskentheaters nicht mehr die Frage, ob eine Kunst
von gestern oder heute ist, ob sie dem Feld einer aus dem 19.
Jahrhundert kommenden Tradition oder dem aktuellen Schauplatz
der Moderne zuzuordnen ist – und es fokussiert sich bei ihm zwi-
schen Wols und Twombly, zwischen Pollock und Rauschenberg
und eben James Ensor eine Sehnsucht heraus: die nach der Figur.
Und der gibt er im eingangs erwähnten „Paradies“ ihren Auftritt.
In einem kastenähnlichen Raum mit deutlich gedimmter Lichtre-
gie stehen vier Gesellen: deformiert wirkend, verletzt und entstellt,
aggressiv und blutrünstig und dabei mit der Triebkraft erotischer
Aufladung. Sich gegenseitig drangsalierend haben sie dennoch ihr
Gegenüber, den Betrachter, fest im Blick.
Insektenähnliche Wesen – Petrick hat im Nebenfach Biologie stu-
diert – bevölkern 1964 und im zeitlichen Umfeld zahlreich die Lein-
wände und Papiere von Wolfgang Petrick. Nervöse, ungelenke
Kritzeleien aus vermeintlicher Schülerhand, geheime Obsessionen,
die auf Toilettenwänden abgeschottet ihren bildnerischen Ausdruck
finden, die Veröffentlichung der Bildwelten aus dem Sammlungs-
gut der Prinzhorn-Sammlung unter dem stigmatisierenden Titel
„Kunst der Geisteskranken“ wie auch die ästhetischen Filterungen
dessen in der Art Brut nähren Petricks Figurengruppen, die oft mit
Drawing as energized handwriting, with dynamic lines and com-
pression by means of graphic techniques, was the initial art form
practiced by Petrick—and in terms of their inner traces they re-
fer to the stimulation of Wols and Twombly. His early work, how-
ever, revealed no trace of the visit to an exhibition with contem-
porary American painting held at the college in 1958, presumably
because the impression proved to be overwhelming. Petrick had
never seen such pictorial formats, and even today he still remains
completely impressed by the sovereignty with which the artists ac-
corded an autonomic presence to the colors and shapes on the
canvasses, be that in the drip paintings by Jackson Pollock or
Robert Rauschenberg’s combine paintings. For Petrick’s genera-
tion, the immediate impression of these painting must have been
comparable to inner tattoos engraved in their minds, but there was
no catalogue to the exhibition which would have permitted them
to draw closer to this alien world of images in self-defined doses
and reflective phases. Yet perhaps even more decisive for Petrick’s
artistic development was the visit to a James Ensor exhibition in
Rotterdam, which also occurred in 1958. When faced with the ma-
cabre theatre of masks, Petrick no longer questioned whether a
piece of art is from the past or the present, whether it should be
categorized in an area arising from the tradition of the 19th century
or within the current modernism setting—and he began to focus
on a yearning within him between Wols and Twombly, between
Pollock and Rauschenberg and even James Ensor: a yearning for
the figure. And this he presented in the previously mentioned work,
“Paradies.”
Standing in a box-like space with a clearly dimmed lighting scheme
are four companions: seemingly deformed, injured and distorted,
aggressive and bloodthirsty, yet infused with the driving force of an
erotic energy. Even as they torment and harass each other, they
still have the person opposite, the viewer, firmly in view.
Insect-like creatures—one of Petrick’s minor fields of study was
biology—inhabit numerous canvasses and drawings by Wolfgang
Petrick from 1964 and the surrounding timeframe. Nervous, awk-
ward scribblings by a supposed pupil’s hand, secret obsessions
that find their visual expression banished on toilet walls, the pu-
blication of the pictorial worlds of the Prinzhorn Collection under
the stigmatizing title “Artistry of the Mentally Ill” as well as the ae-
sthetic filterings of same in Art Brut nourish Petrick’s groups of
figures, which are often accompanied by the designation “Untitled”
yet also highlighted in amplified significance with names such as
“Die Unseriösen/The Dubious Ones” (1964) and “Übeltäter/Evildo-
ers” (1963). With such an interplaying of disagreeable conveyors
of expression with corresponding titles, the viewer already regards
his first impression as confirmed in the sense of a negative re-
flex. With “Paradies,” by contrast, a dissonance immediately arises
between what the title indicates and the apparently contradictory
depiction.
In 1964 people’s ideas of what paradise was differed greatly. Red-
carpet treatment was accorded to the millionth immigrant worker,
a Portuguese, to arrive in West Germany. From the marginal agrari-
an culture that the Iberian Peninsula had become, he was pursuing
the call of full employment north of the Alps. Finding work was, so
to speak, the siren call of paradise for him and a million other immi-
grant workers. Germany was booming at that time. The economic
miracle, paradise for economists, had maintained its momentum
from the 1950s. Yet the beneficiaries there projected their paradise
onto faraway places. On state TV in Bavaria, the language course
“Benvenuti in Italia” began broadcasting in order to equip those
heading to Italy every year with long overdue mental provisions as
well—even if it was only the basic knowledge of the language in
order to be a little language compatible in “paradise.” And in 1964
Stanley Kubrick detonated a terrific atmosphere in the cinemas.
The prevailing ubiquitous threat of nuclear war, a cloud which was
blocked out in the media by the spectacular welcome accorded to
an immigrant worker and “Benvenuti in Italia,” gained a grotesque
presence with the satirical film “Dr. Strangelove or: How I Learned
to Stop Worrying and Love the Bomb.” And considering Petrick’s
four man group, one ought to also reflect on the first spectacular
press conference by the Fab Four from Liverpool. They had barely
arrived on American soil to start their tour there when one of the
first questions apparently posed to them was: “You’re in favor of
lunacy?” To which they replied: “Yeah, it’s healthy.” And already
at this interview, even not particularly sensitive people gained the
impression that there was a pecking order in the band; after quite
a bit of mental jostling, it was required to announce their separation
and the solo initiative (of John Lennon) to “give peace a chan-
ce.” And when you fathom the field of popular culture, you find
further discrepancies that flay in the face of a paradise on Earth.
In 1964 Drafi Deutscher (and his “Magics”) released the single
Spiegelbild, 2008-09, Malerei Nebel, 2008-09, Malerei Ausblick, 2008-09, Malerei Brückenlegende, 2008-09, Malerei
22 23
ckenden Auftritt verhelfen. Petrick sucht keine Deformationen, er
findet sie. Dies mag paradox klingen, doch es erklärt die Unwillkür-
lichkeit der Begegnung.
Petrick steht in der Tradition eines Großstadtrealismus, der – vor
allem im Berlin der 1920er Jahre – Revue- und Absinthmilieu in
sich durchdringenden Szenerien generiert. Der kühle Lufthauch
der Neuen Sachlichkeit, eine veristisch dargebotene Surrealität
und das spätexpressive Echo
des Ekstatischen lassen Bild-
welten entstehen, in denen
das inszenierte freizügige Le-
ben dem Tanz auf dem Vulkan
gleichkommt und sich eine Ge-
sellschaft in Frontverläufen dar-
bietet.
Spätestens seit dem 2. Juni
1967 ist Berlin der Schauplatz
für aktuelle Bilder, in denen
Traumkulissen und Gewaltpo-
tenziale Stellung beziehen: auf
der einen Seite die Aura des märchengleichen Kaiserpaares aus
dem Iran auf Staatsbesuch – auf der anderen Seite die tödlichen
Schüsse des – erst viel später als Stasi-Agenten enttarnten – Berli-
ner Polizeimeisters Karl-Heinz Kurras. Der sterbende Student Ben-
no Ohnesorg liegt niedergestreckt in den Armen einer Opernbesu-
cherin, die sich auf dem Nachhauseweg befand. Hier das rinnende
Blut aus dem Schädel, dort der aufreizende Schmuck am Ohr.
Das „Paradies“ wird der Folie überführt, die zunehmend der Perfo-
rierung ausgesetzt ist. Die zahlreichen Fenster- und Türöffnungen
in Petricks Bildern, die Sichtschlitze und weggeklappten Kulissen
geben den Blick frei auf Hinterzimmer und Hinterhöfe, in geheime
Schaltzentralen und auf verdrängten Existenzen – bezogen auf die
Kollektivität von Gesellschaft wie auf die Psyche des Individuums.
1970 malt Petrick das Bild „Die Würmer“. Er „durchbricht“ dabei
eine Klinkerfassade, um den Einblick in vier Haushalte zu ermög-
lichen: debile Gesichter in trivialem Wohnmilieu starren uns an,
während an der Seite des Hauses, durch eine Öffnung springend,
ein Hirsch das Weite sucht. Der „Röhrende Hirsch“ galt lange als
Synonym für häusliche Gemütlichkeit, für die Bekrönung des sonn-
täglichen Kaffeetrinkens im betulichen Ambiente eines Wohnzim-
mers, das der jungen Generation in Austragung familiärer Konflikte
zum Wahnzimmer wurde.
Das Konzept „Konfrontation“ mit dem Betrachter, das den Bildauf-
bau vom „Paradies“ bestimmt, kennzeichnet auch das Bild „Tou-
risten“ (1970). Petrick erinnert sich an ein Foto, das ihn zu dieser
Bildfindung inspiriert hat: koreanische Kampfschwimmer. Die heu-
te gestellte Frage, ob nord- oder südkoreanischer Herkunft, kann
er nicht mehr beantworten. Künstler und Autor einigen sich auf
die Unerheblichkeit der Frage. In der Ferne haben die „Touristen“
bereits ihre Flagge auf eine Bergspitze gepflanzt, jetzt stürmen sie,
unter der Dosis eines Okkupationstreibstoffes stehend, in die
Fluten eines Bassins. Das sportive Outfit wirkt dabei eher wie eine
martialische Panzerung und die verwundeten Körper, partienweise
amputiert, rufen Bilder von entstellten, maschinenhaft agierenden
Gladiatoren ins Bewusstsein. Die Gruppe erscheint wie eine Wal-
ze, deren Deformiertheit unheilbringend fremdes Terrain infiziert.
Dürers „Ritter, Tod und Teufel“ haben sich bei Petrick einem Feri-
enflieger anvertraut. Kopfzwänge, 1980-1981, Malerei
deutschland die Sputniks „Sputnik-Thema“ – und auf beiden Co-
vern demonstrieren die Musiker die Gitarren in einer Handhabung,
die dem Gebrauch von Feuerwaffen nicht unähnlich ist.2
So weit zum „Paradies“, das viele zudem mit dem Bild eines in-
selhaften Daseins verbinden. Und West-Berlin ist 1964 bereits seit
drei Jahren eine Insel, deren Küstenstreifen freilich ummauert und
vermint sind. Auch wenn diese Abschottung Subventionsströme
in die Westsektoren lenkt und eine beispiellose Auratisierung über
den Brückenkopf der Freiheit genährt wird – John F. Kennedy hat
1963 bekundet: „Ich bin ein Ber-
liner“ und Wolfgang Petrick zeigt
sich heute noch als beeindruckter
Zuhörer dieser Rede-, so bleibt die
Umzäunung des Lebensraumes
ein begleitender melancholischer
Akkord, den es im alltäglichen Ver-
kehr zu übertönen gilt. Das „Para-
dies“ hat seinen Preis.
1964 gründet Wolfgang Petrick mit
Ulrich Baehr, Hans-Jürgen Diehl,
KH Hödicke, Markus Lüpertz, Pe-
ter Sorge und einigen anderen die
Ausstellungsgemeinschaft „Groß-
görschen 35“ – eine Keimzelle des
kritischen Realismus, dem bald
das nationale Etikett D-Realismus
verliehen wird. Trotz dieses ge-
meinsamen Labels sind hier schon
die unterschiedlichen Entwick-
lungslinien deutlich. Hödicke und
Lüpertz werden später durch den
Kunstjournalismus zu den väter-
lichen Vorreitern einer neuen Ma-
lergeneration erkoren, denen In-
szenierung und Pathos nicht fremd ist, während die Fraktion der
zeichnerischen Analyse, des bewusst Polit-Kontextuellen, in deren
Schatten gerät. Dass hier nicht allein die Gilde der Künstler die
Wegmarkierungen bestimmt, soll an dieser Stelle nicht weiter aus-
geführt werden.
Der insektenhafte Bild-Typ lebt im Gruppendiskurs von „Groß-
görschen“ in Petricks Bildwelten fort. Dessen Auftrittsorte wirken
zunehmend verschachtelt, in Additionen eine Bildfläche füllend,
ähnlich dem Aufbau einer Comic-Seite. Der nervöse Strich bleibt
wie auch die konzipierte Ähnlichkeit mit der Zeichnung aus Kinder-
hand. Erst 1968 macht sich eine neue Bildregie bemerkbar: Pola-
ritäten in Bezügen werdenausgearbeitet, Diametrales findet sich in
unmittelbarer Nachbarschaft, bildzonale Einschübe fungieren wie
zusätzliche Erläuterungen, gleichsam visuellen Fußnoten. Tritt der
Zeichenstift in Aktion, wirkt er wie ein Sezierinstrument, das Hin-
tergründiges unter der Folie der Alltagsinszenierungen aufdeckt.
Greift Petrick zum Pinsel, bleibt seine Spur unter Verschluss zu-
gunsten von versiegelt wirkenden Oberflächen. Die Politur des ge-
sellschaftlichen Verstehens erweist sich als kratzresistent. Petrick
schaut dahinter, indem er immer wieder konsultiert den Atlas zur
forensischen Medizin, der, von Otto Prokop herausgegeben, im
Ost-Berliner Verlag Volk und Gesundheit erschienen ist. erscheint.
Überall gibt es im gesellschaftlichen Gefüge Sollbruchstellen, die
der schöne Schein nicht kaschieren kann. Petricks Darsteller zei-
gen deutliche Spuren von Krankheitsverläufen, Verletzungen und
prothetischen Behelfen, die ihnen letztlich noch zu ihrem erschre-
“Shake Hands” in West Germany and, in East Germany, the Sput-
niks brought out “Sputnik-Thema/Sputnik Theme”—and on both
covers the musicians demonstrated their handling of their guitars
in a way not dissimilar to using weapons.2
That is as far as it goes with “Paradies,” which many people also
linked to the image of an insular existence. And by 1964, West
Berlin had already been an island for three years with its coast
completely walled in and mined. Even if this partition diverted
streams of subsidies into the city’s west sectors and fed an un-
precedented auratization via the
bridgehead of freedom—John F.
Kennedy announced in 1963 “Ich
bin ein Berliner” and Wolfgang Pet-
rick still describes himself today as
a highly impressed listener of this
speech—the fencing in of the living
space remained an accompany-
ing melancholy chord that had to
be drowned out in everyday inter-
course. “Paradies” had its price.
In 1964 together with Ulrich Baehr,
Hans-Jürgen Diehl, K.H. Hödicke,
Markus Lüpertz, and Peter Sor-
ge, Wolfgang Petrick founded the
exhibition group “Großgörschen
35”—a nucleus of critical realism
that would soon be accorded the
national label of “D-Realism,” or
German realism. In spite of this
shared label, the differing lines of
development were already clear.
Hödicke and Lüpertz would later
be chosen by the art journalists as
the fatherly pioneers of a new ge-
neration of painters whose productive work and emotiveness was
not alien, while the faction practicing graphic analysis, which was
deliberate in its political contextualization, became overshadowed.
That the guild of artists did not set the markers alone in this regard
is something which will not be further dealt with here.
The insect-like type of image lived on in Petrick’s world of ima-
ges during the group discourse at “Großgörschen.” The settings
in which they appeared seemed to become increasingly encapsu-
lated, filling the full image area in summations similar to the way a
comic page is constructed. The nervous line remained, as did the
conceptual similarity with drawing by a child’s hand. It was only in
1968 that a new visual direction became perceptible: polarities in
references were elaborated, with diametrics in close proximity to
each other and insertions into areas of the picture functioning like
additional explanations (as visual footnotes so to speak). When the
pencil went into action, it functioned like a dissection instrument,
revealing the background beneath the film of everyday settings.
When Petrick reached for the brush, its traces were concealed to
the benefit of a surface that appeared sealed. The gloss of social
intercourse proved to be scratch resistant. Petrick looked beyond
it by constantly consulting the “Atlas of Forensic Medicine” which,
published by Otto Prokop, appeared in the East German publi-
shing house Volk und Gesundheit. There were breaking points
in the social structures that pretty appearances were not able to
conceal. Petrick’s characters revealed clear traces of diseases in
progression, injuries and prosthetic aids that ultimately even sup-
ported them in their horrific appearances. Petrick did not seek out
deformations, he found them. That may sound paradoxical, yet it
explains the non-arbitrariness of the encounters.
Petrick belonged to the tradition of urban realism which—in Berlin
of the 1920s especially—was generated in self-penetrating scena-
rios in the revue hall and absinthe milieu. The new gentle breeze of
the “Neue Sachlichkeit,” or New Objectivity, a realistically depicted
surrealism, and the late expressive echo of ecstatics permit visual
worlds to be created in which the staged liberal life is tantamount
to dancing on a volcano and which present a society on the front-
lines.
As of June 2nd 1967 at the latest Berlin became the stage for
topical images in which dreamlike settings and the potential for
violence had their place: on one side, the aura of the fairytale impe-
rial couple from Iran on a state visit—on the other side, the deadly
shots by the West Berlin police officer Karl-Heinz Kurras, who was
only exposed as a communist East German secret police agent
much later. The mortally wounded student Benno Ohnesorg lay
stretched out in the arms of a female visitor to the opera who was
on her way home at that time. Here, the blood pouring out of his
skull, and there, the tantalizing jewelry on her ears.
The “Paradies” is transformed into a film that is increasingly ex-
posed to perforations. The numerous window and door openings
in Petrick’s pictures, the slits and folded-away scenes, provide a
view of backrooms and backyards, into secret control centers and
of suppressed existences—alluding to the collectivity of society as
well as to the psyche of the individual.
In 1970 Petrick painted the picture “Die Würmer/The Worms,” in
which he “broke through” the red brick facade of a house to permit
an insight into four households: moronic faces in a trivial residen-
tial environment stare at us, while at the side of the house a stag
is jumping out through an opening in search of open space. The
“bellowing stag” has long been regarded as a synonym for homely
comfort, for the crowning moment of drinking the Sunday coffee in
the sedate atmosphere of a living room that became a living hell for
the young generation when family conflicts occurred.
The concept of “confrontation” with the viewer that determined
the visual composition of “Paradies” is also a hallmark of the pic-
ture “Touristen/Tourists” (1970). Petrick remembers a photo that
inspired him to create this image: Korean frogmen. The question
				 Paradies, 1964, Malerei
Streichholz und Messer, 1964, Zeichnung
24 25
Darstellung bleibt uneindeutig. Fokussieren wir einen möglichen
historischen Kontext, dann sehen wir ein Vermessungsinstrument
im Rahmen der ideologiegeleiteten Rassenforschung. Blenden wir
diese vermeintliche Eindeutigkeit, diesen reflexartigen Bezug auf
die Jahre 1933 bis 1945 aus, ergeben sich im offenen Diskurs
weitere Fragen. Werden wir eines rettenden operativen Eingriffs
gewahr oder einer Folterszene? Ist die Apparatur eine abschir-
mende, stabilisierende Konstruktion, unter der die mit Blessuren
übersäten Körper gerichtet werden, oder ist es die überdimensi-
onierte „Daumenschraube“, die dem Prozess der Tortur dient? Ist
die „Kopfzwänge“ – Petricks künstlerische Biographie reflektierend
– eine Anspielung auf die „Verkopftheit“ auch der künstlerischen
Hand, die allein noch gehorcht den verbalen Diktaten und Theo-
rielastigkeiten? Die „Kopfzwänge“ erscheint bei Petrick jedoch in
allmählicher Auflösung. Der kalte Stahl befindet sich im Zustand
der Zersetzung. Die Farbsubstanz zerrinnt in wässrigen Laufspu-
ren und somit verliert das technoide Monstrum seine Konsistenz.
Es dominiert nicht mehr das Abbild, das sein Medium, die Malerei,
verleugnet. Die Darstellung „Kopfzwänge“ bekennt sich zur Ma-
lerei, der die Flüchtigkeit einer Handschrift kein Negativqualitäts-
siegel sein muss. Und im Hintergrund holt Petrick zum Rundum-
schlag aus. Im ungestümen Pinselduktus zelebriert er Gestik, lädt
er das Formale inhaltlich auf und so entsteht umso überzeugender
das Bild eines Infernos. Davon hat Petrick mit dem sezierenden
Stift im Vor-Werk berichtet, jetzt drückt er es aus.
Ikonographische Aufladungen des Figurativen, verschmolzen im
Duktus einer heftigen Malerei, kennzeichnen das Werk des Künst-
lers in den 1980er Jahren, ohne dabei das gewachsene Œuvre
zu verleugnen: der menschliche Körper ausgesetzt den Torturen,
stets auch gesehen hinter der alltäglichen Folie mit den kleinen
Nadelstichen, und dabei szenisch verdichtet wie in einem Bild, das
den Titel trägt „Ein schöner grauer Tag“. Eine solche Formulierung
kündet vom Zusammenspiel der vordergründigen Wohlfühlszena-
rien mit dem Hintergrundkolorit der Tristesse.
1990 zeigen die Galerie der Stadt Esslingen und die Hamburger
Kunsthalle eine große Überblicksausstellung zum Werk von Wolf-
gang Petrick.3
Im Katalog gibt es zwei Beiträge, die mit vergleichbaren Lesersen-
sibilisierungen beginnen. So Eberhard Roters: „Das Atelier befindet
sich in einer alten Fabriketage direkt an der innerdeutschen Grenze
mit einem ... Blick über die Spree und die Berliner Mauer hinweg
nach Ost-Berlin.“4 Und Uwe M. Schneede: „An der Spree: das
klingt nach Grün und Idylle, nach Rückzug. Und ist doch mitten-
drin, ein brisanter Ort, symbolkräftig wie wenige. Durch die eine
Fensterfront in dem ehemaligen Fabrikationsgebäude geht der
Blick hinüber ins andere Berlin, durch die rechte Fensterfront hin-
aus auf die Oberbaumbrücke, jene, auf der zuweilen Spione aus-
getauscht wurden. Die nahe und doch ferne Stadt gegenüber, der
Brückenübergang mit Hindernissen – ein politischer Brennpunkt
und zugleich eine metaphorische Situation.“5
Der kritische Realismus der 1960er
und 1970er Jahre findet in dieser
politischen Situation seinen Nähr-
boden, im Aufeinandertreffen un-
terschiedlicher Freiheitsbegriffe und
den konkurrierenden Analysen von
Schein, Wirklichkeit und Vision – und
die permanente Praktizierung des-
sen in diskussionsobsessiven Zirkeln
formen mit dasBild vom gesellschaft-
lich verantwortlichen Künstler, der
ebenso plakativ agiert wie differen-
zierungsbewusst die Bildgestalten
gleichsam literarisierend in Kapitel
und Fußnotenbereiche gliedert. Dar-
aus formt sich eine visuelle Syntax, die theoretischen Texten im
Feld der Gesellschaftsanalyse in jenen Jahren ähneln: hoher Grad
an Substantivierung, Nebensätze in relativierenden Abfolgen und
Parenthesen – und dies über einen mehrzeiligen Satzverlauf.
Und wenn dieser D-Realismus ein Markenzeichen der Kunstszene
West-Berlins in den 1960er und 1970er Jahren ist – so sind es die
„Neuen Wilden“ für die 1980er Jahre. Dem Kälteschub der alle
Lebensbereiche durchdringenden Theoriegeflechte wird der sub-
jektive Faktor entgegengesetzt und damit ein hedonistisches Le-
bensgefühl, das gezielt mit politischen Unkorrektheiten kokettiert
und für den Dilettantismus – auch den inszenierten – Legitimierung
schafft. Dies trifft eine Generation, die lange glaubte, unangefoch-
ten die Schirmherrschaft über die Kritik an den Verhältnissen wie
gleichzeitig das Monopol über alternative Lebensentwürfe zu ha-
ben. Aus der ursprünglich anti-autoritären Bewegung hatten sich
längst neue Machtzentrierungen herausgeschält mit dem unerbitt-
lichen Vorsatz, die Kommunikation und Verhaltenskodexe im Sinne
von Heilswegen zu bestimmen.
Dagegen konnte eine nachfolgende (Künstler-)Generation nur ope-
rieren mit einem „Hunger nach Bildern“ und deren provokanten
Betitelungen in ironisierendem Pathos wie „Wirklichkeit erschlägt
Kunst“ (Albert Oehlen, 1980) oder Nonsens-Kondensierungen
wie „Die Gotik lebt in den Beinen betrunkener Cowboys“ (Walter
Dahm, 1981). Lustvoll wurden so die Diskussionsrituale ad absur-
dum geführt.
1980/81 malt Wolfgang Petrick das Bild „Kopfzwänge“. Eine stäh-
lerne, halbkreisförmige Konstruktion umspannt zwei Figuren. Die
posed today of whether this originated in North or South Korea,
he is no longer able to answer. The artist and author both agree
on the irrelevance of the question. In the distance, the “tourists”
have already planted their flag on the mountain peak and now,
with a dose of occupational fuel in them, they are storming into the
floodwaters of a pool. As they do so, their sporty outfit seems to
be more like martial armor and the wounded bodies, amputated
in places, bring to our minds images of deformed, machine-like
gladiators in action. The appearance of the group is like that of a
road roller whose deformity is malevolently infecting alien territory.
Dürer’s “Ritter, Tod und Teufel/Knight, Death and the Devil” have
entrusted themselves to a charter flight with Petrick.
In 1990 the Galerie der Stadt Esslingen and the Hamburg Kunst-
halle exhibited a major survey of the work by Wolfgang Petrick.3
There are two contributions in the catalogue both of which begin
with comparable reader-sensitization.
Eberhard Roters wrote: “The studio
is located in an old converted factory
right at the inner German border with
a [...] view across the Spree River and
the Berlin Wall through to East Ber-
lin.”4
And Uwe M. Schneede wrote:
“On the Spree River: that sounds like
greenery and idyll, like a retreat. Yet it
is right in the middle, a politically char-
ged location, full of symbolism as few
places are. The view through one wall
of windows in the former factory buil-
ding takes us over to another Berlin;
through the right-hand window, over to
the Oberbaumbrücke bridge, the one
on which spies are exchanged at times. The city opposite, so close
and yet so far, the bridge crossing with its obstacles—a political
hotspot and at the same time a metaphorical situation.”5
The critical realism of the 1960s and 70s had its breeding ground
in this situation, in the clash between different concepts of freedom
and the competing analyses of appearance, reality and vision—
and the permanent practicing of the same in discussion-obsessed
circles formed from the image of a socially responsible artist who
acts just as boldly as he is conscious of differences, classifying
as it were the visual figures into literalized chapters and footnote
sections. A visual syntax is
formed from this similar to
the then-current theoretical
texts in the field of social
analysis: a high degree of
nominal phrases, subordi-
nate clauses in relativistic
sequences and parenthe-
ses—and that in a multiline
sentence.
And if this D-Realism is a
hallmark of the art scene
in West Berlin in the 1960s
and 70s—the same can
be said of the Neue Wil-
den/New Wild Ones for the
1980s. The cold advance
of the theory meshwork
penetrating into all areas
Touristen, 1970, Malerei
Übeltäter, 1963, Malerei
Ein Haus und seine Bewohner, 1971,
Zeichnung
Phenomenon, 2010, Malerei
26 27
of life is opposed by the subjective factor and thus a hedonistic
attitude to life that flirts in a targeted manner with political incor-
rectness and creates legitimization for dilettantism—even a staged
one. This concerns a generation that long believed it had uncon-
tested patronage over the criticism of the circumstances as well
as, at the same time, a monopoly over alternative life plans. New
concentrations of power had long been carved out of the original
anti-authoritarian movement with the implacable intention of deter-
mining the communication and codes of behavior in the sense of
roads to salvation.
In the face of this, any subsequent (artist) generation could only
function with a “hunger for images” and provocative, emotively
tongue-in-cheek titling such as “Wirklichkeit erschlägt Kunst/Reali-
ty Slays Art” (Albert Oehlen, 1980) or nonsense condensations like
“Die Gotik lebt in den Beinen betrunkener Cowboys/The Gothic
Lives in the Legs of Drunk Cowboys” (Walter Dahm, 1981). In this
way the discussion rituals were reduced to absurdity with relish.
In 1980-81 Wolfgang Petrick painted the picture “Kopfzwänge/
Head Constraints.” A steel semicircular construction spans two
figures. The depiction remains ambiguous. If we focus on a po-
tentially historical context, we see a measurement instrument in
the context of ideology-driven racial research. When we block out
this assumed clearness, this reflexive reference to the years 1933
to 1945, an open discourse gives rise to further questions. Are
we being made aware of a saving medical intervention or a tor-
ture scene? Is the apparatus a protective, stabilizing construction
beneath which the bruise-covered body is being held straight, or
is it an oversized “thumb screw” serving the torture process? Is
“Kopfzwänge”—in a reflection of Petrick’s artistic biography—a
play on being “overly intellectual” also with regard to the artistic
hand that still only obeys verbal dictates and the burdensomeness
of theory? With Petrick however, the “head constraints” seem to be
gradually dissolving. The cold steel is in a corrosive state. The sub-
stance of the colors is melting
away in watery tracks and in
this way the technoid monster
is losing its consistency. It is no
longer dominating the image,
which is being disowned by
its medium, painting. The de-
piction in “Kopfzwänge” ack-
nowledges painting in which
the fleetingness of handwriting
does not have to be a negative
seal of quality. And in the back-
ground, Petrick draws back for
a sweeping blow. With an im-
petuous paintbrush he celeb-
rates gestures, charging up the
formal in terms of the content,
and in this way the image of
an inferno is created even more convincingly. Petrick had already
made reference to this with his dissecting pen in his earlier work,
now he is expressing it.
Iconographic charging up of the figurative, fused into the style of
a “fierce painting”—this was what marked the artist’s work in the
1980s, all the while without denying the evolved oeuvre: the hu-
man body exposed to torture, also always seen behind the film
of everyday life with its small pinpricks, scenically compacted as
found in a picture with the title “Ein schöner grauer Tag/A Nice
Schlagschatten , 2007-10, Malerei28 29
Mitte der 1980er Jahre beginnt Petrick mit Foto-Sessions. Das
klassische Aktmodell wird zur Performance-Partnerin im Ateli-
er. Mehr als 800 fotografische Dokumente entstehen mit Isabell
(2004-2010) und weiteren Modellen. Die Fotografien werden bei
fließenden Verläufen in die Malereien integriert, als grafische und
malerische Umsetzungen wie auch als Mediencollagen. Doch der
Medienmix verspricht Petrick für seine künstlerische Biographie
nur eine kurzzeitige Dynamisierung. Im Jahr der politischen Wende
vollzieht sich die Wiedervereinigung in Berlin zwischen dem un-
gestümen Ausloten des Möglichen und einer Beharrungspraxis in
beiden Teilen der 28 Jahre geteilten Stadt. Wolfgang Petrick wird
1989 50 Jahre alt.
West-Berlin in seiner geographischen Inselsituation ist sicherlich
den Konzentrierungen intellektueller Debatten und den Konden-
sierungen von Lebenskonzepten förderlich gewesen, doch mit der
Aufhebung des Bastionsverständnisses 1990 ging auch die Rei-
bungsenergie verloren.
Wolfgang Petrick geht 1994 nach New York, um dort einen zwei-
ten Wohn- und Arbeitsort zu haben. Resümierend hält Petrick fest,
dass der Einstieg in eine Stadt wie New York ihn in eine Situati-
on brachte, den Künstler mit professoralem Status und sicherem
West-Berliner Netzwerk neu zu denken, wenn es denn gelte, der
künstlerischen Biographie eine neue Perspektive zu geben. Kon-
frontiert mit einem steten Professionalisierungsdruck bei latenter
Risikobereitschaft, lässt sich Petrick auf das neue Umfeld ein. Das
sich nun entwickelnde Werk bedarf einer Inkubationszeit – und
hiermit ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes gemeint: der
Tempelschlaf in der Antike und nicht das Sich-Festsetzen eines
Krankheitserregers. Gleich einer kreativen Eruption entsteht die
Werkgruppe „Good Slave, Bad Master“ ab 2005. Der Werktitel
persifliert einen Leitspruch der amerikanischen Feuerwehr: „Fire is
a good slave, but a bad master.“
Petricks armierte Bildakteure aus den 1970er Jahren, mit Schutz-
helmen und Gasmasken ausgestattet in einem Zuschnitt, welcher
das Outfit der Klonkrieger aus der Star-Wars-Trilogie vorwegnimmt,
sind nun dem Künstler in den New Yorker Straßenschluchten om-
nipräsent. Seit dem 11. September 2001 umgibt sie der Nimbus
der tragischen Helden. Die mit Löschgerät in überbordender Ma-
nier ausgestatteten Fahrzeuge müssen Petrick gleich Spektakeln
auf vier Rädern daherkommen, die in den heruntergekommenen
Straßenschluchten New Yorks wie aus einer anderen Galaxie auf-
scheinen. Im Chrom und im hochpolierten Lack der Karossen wird
das eher glanzlose Umfeld in dynamischen Verläufen gespiegelt.
Dies ist für Petrick der Einstieg in das visuelle Konzept der Ana-
morphosen, jener Bildverzerrungen, die erst durch ein begreifen-
des Auge in Kontur und Bedeutung gesetzt werden. Aus diesem
Potenzial formt Petrick ab 2006 eine weitere neue Werkgruppe, die
er unter dem Titel „Mutatio“ zusammenfasst. „Am Rotieren zu sein,
ohne sich wie ein Kind oder ein Ausdruckstänzer zu drehen, be-
schreibt die kinetischen Allgemeinzustände des zeitgenössischen
Individualismus.“6
Der Begriff des „Rotierens“, heute jargonmäßig
für den geistigen Zustand des nicht mehr zielorientierten Handelns
gebraucht infolge einer Überforderung durch Reizüberflutung, trifft
die Bildstrukturen der jüngsten Werke von Wolfgang Petrick – mit
dem Unterschied, dass er die Rotation bannt, sie gleichsam in ei-
nem Bildwerk einfriert.
Grey Day.” Such a formulation pronounces the interplay between
scenarios of wellness in the foreground with the background at-
mosphere of dreariness.
In the mid 1980s Petrick began his photo sessions. The classic
nude model became his performance partner in his studio. More
than 800 photographic documents have been created with Isabell
(since 2004) and other models. The photographs were integrated
in a flowing progression into his paintings as graphic or pictorial
transpositions as well as media collages. The media mix, howe-
ver, only provided Petrick with some short-term momentum for
his artistic biography. In the year of the political transformation in
Germany, between the impetuous fathoming of the possible and
an inertia practiced in both parts of the city which had been sepa-
rated for 28 years, the reunification of Berlin was consummated.
Wolfgang Petrick turned 50 in 1989.
West Berlin, with its geographical situation as an island, was cer-
tainly beneficial to the concentration of intellectual debates and
the condensation of concepts of life, but with the removal of the
bastion comprehension in 1990 the
frictional energy was also lost.
Wolfgang Petrick headed for New
York in 1994 in order to establish a
second residence and place of work
there. In a nutshell, Petrick realized
that finding his place in a city like
New York would put him in a situ-
ation where, as an artist with the
status of a professor and a secure network as a resident of West
Berlin, he would have to think in new ways and, if possible, give
his artistic biography a new perspective. Confronted by a cons-
tant pressure for professionalism with a latent willingness to take
risks, Petrick was drawn into his new surroundings. The work now
being developed required a period of incubation—and the original
meaning of the word is meant by this: the temple sleep in antiquity
and not the germination time required by a disease-causing patho-
gen. The “Good Slave, Bad Master” group of pieces created from
2005 onwards were comparable to a creative eruption. The title of
the work satirizes a motto of American firefighters: “Fire is a good
slave, but a bad master.”
Petrick’s armored visual figures from the 1970s, equipped with
protective helmets and gas masks in a cut which anticipated the
outfits of the clone warriors from the Star Wars trilogy, were to be-
come omnipresent to the artist in the urban canyons of New York.
Since September 11th 2001, the aura of the tragic hero encom-
passes them. The fire engines equipped in an overblown manner
with fire fighting equipment must have seemed like a spectacle on
wheels to Petrick when they appeared on the rundown streets of
New York like they were from another galaxy. In the chrome and
highly polished gloss of the bodywork, the rather dull surround-
ings became reflected in a dynamic progression. This proved to
be Petrick’s entry into the visual concept of anamorphoses, those
image distortions which are first accorded an outline and meaning
by a comprehending eye. From this potential, as of 2006 onwards
Petrick fashioned a further new group of pieces, which he brought
together under the title “Mutatio.” “To be rotating without turning
like a child or an expressive dancer describes the general state
kinetically of contemporary individualism.”6
The term “rotating,”
which in today’s jargon describes the mental state of no longer
acting in a targeted manner as a result of an overwhelming sensory
Spiegelung, 2010, Foto
Williamsburg I, II, III, 2008-10, Malerei
30 31
Petrick taucht ein in den Taumel der Großstadt. Der „Rausch-
Künstler“ ist nicht mehr Subjekt, sondern in einem dynamischen
Schwellenzustand gleichsam ein „Trajekt“.7
Die Drehung des
Körpers gerät zum befreienden Akt im Tanz, in der Tortur wird er
dagegen den schlimmsten Maßregelungen unterworfen. In Pe-
tricks Bildern gerät der Raum und Zeit dissozierende Wirbel zu
einer Gratwanderung zwischen diesen beiden Polen der Körper-
auslotung. Mit dem Werkkomplex „Mutatio“ gelingt Petrick eine
Subjektformulierung, die das kybernetische Ich in Netzwerken aus
Kommunikation und Interaktionen kreisen lässt und der Formu-
lierung des „Überdrehtseins“ ein Bild gibt, wobei eben dieses als
Fixum dem Zustand Einhalt gebietet.
Petrick erweist sich auch so als ein Arrangeur von Bilddichten. War
es in der Art Brut geprägten Zeit um 1960 die Addition von Bildele-
menten im Comic-Layout und darauf, in jener D-Realismus-Phase
der 1970er Jahre, ein visuelles Simultan-Konzept mit antitheti-
schen Positionen und Kommentierungspassagen, so ist es nun ein
Sog, der Bilder in barocker Üppigkeit in einem Strom kondensiert
– und der Künstler bannt diesen, um den Betrachter vom Reiz-
Reaktions-Schema zu befreien im Akt souveräner Wahrnehmung.
Der Taumel bleibt ein Gegenüber und das Einsehen ein dosierter
Schwindel.
Dr. Hans-Werner Schmidt
Direktor des Museums der bildenden Künste, Leipzig
1
Ich danke Wolfgang Petrick für die Gespräche, die wir am 12. März und 16. Juli in Berlin sowie
am 2. Juni 2010 in Leipzig führen konnten.
2
Anregungen für diese kaleidoskopartige Betrachtung habe ich bekommen durch die Publikati-
on „1964. Ein Jahr und seine Songs“. Ausgewählt und kommentiert von Süddeutsche Zeitung
Magazin. Herausgegeben von Philipp Oehmke und Johannes Waechter, München 2005.
3
Ausst.-Kat. Wolfgang Petrick 1962 – 1989. Sprung durch die Sonne, 1989.
4
Ebenda. Eberhard Roters, Ausstellungseröffnungsrede, S. 28 – 39, ebenda S. 28.
5
Ebenda. Uwe M. Schneede, Malerei, Torsionen, Hoffnung. Zu einem Bild von Wolfgang Pet-
rick, S. 190 – 201, ebenda S. 190 und 191.
6
Volker Demuth. Zyklomoderne. Von der abendländischen Linearität zur ekstatischen Figur der
Drehung, in: Lettre 83, Winter 2008, S. 108 – 120, ebenda S. 120.
7
ebenda S. 115.
overload, is fitting for the image structures in the latest work by
Wolfgang Petrick—with the one difference that he has banned the
rotation, freezing it in an image so to speak. Petrick has immersed
himself in the frenzy of the metropolis. The “artist of intoxication” is
no longer a subject, but rather in a dynamic liminality, a “trajection,”
so to speak.7
The turning of the body has become the liberating
act of dancing, while in torture by contrast it is subject to the worst
possible reprimands. In Petrick’s pictures, the space and time of a
disassociating vortex is turned into a tightrope walk between both
of these poles of fathoming the body. With his “Mutatio” complex
of work, Petrick has achieved a thematic formulation that enables
the cybernetic self to circulate in networks of communication and
interaction, and that gives the formulation of the “sense of being
overly wound up” an image, whereby exactly this, as the stationary
sum, offers control of the condition.
In this way Petrick has also proven to be an arranger of image
densities. While the period around 1960, marked by Art Brut, saw
the addition of visual elements of a comic-layout style, and the
subsequent D-Realism phase of the 1970s saw a visually simulta-
neous concept with antithetical positions and passages of anno-
tations, now it is a maelstrom condensing the images in baroque
sumptuousness into a current—and the artist bans this in order to
liberate the viewer from the stimulant-reaction scheme in an act of
supremely sovereign perception. The delirium remains a counter-
part and the realization a dosed out swindle.
Dr. Hans-Werner Schmidt
Director Museum der billdenden Künste, Leipzig
1
My thanks to Wolfgang Petrick for the conversations we were able to have on March 12th and
July 16th in Berlin as well as on June 2nd 2010 in Leipzig.
2
I got some suggestions for this kaleidoscope-like view in the publication 1964 – Ein Jahr und
seine Songs/1964 – A Year and Its Songs. Selection and commentary by the magazine section
of the daily newspaper Süddeutsche Zeitung. Published by Philipp Oehmke and Johannes
Waechter, Munich, 2005.
3
Exhibition catalogue Wolfgang Petrick 1962-1989. Sprung durch die Sonne/Jump through
the Sun, 1989.
4
Eberhard Roters, exhibition opening speech, in: Wolfgang Petrick 1962-1989. Sprung durch
die Sonne/Jump through the Sun, 1989, page 28.
5
Uwe M. Schneede, Malerei, Torsionen, Hoffnung. Zu einem Bild von Wolfgang Petrick/Pain-
ting, Torsions, Hope. On a Picture by Wolfgang Petrick, in: Wolfgang Petrick 1962-1989.
Sprung durch die Sonne/Jump through the Sun, 1989, pages 190-191.
6
Volker Demuth, Zyklomoderne. Von der abendländischen Linearität zur ekstatischen Figur der
Drehung/Cyclomodernism. From Western Linearity to the Ecstatic Figure of Rotation, in Lettre
83, winter 2008, page120.
7
Ibid., page 115.
Melancholia, 2008-09, Malerei Graue Hitze II, 2008-09, Malerei Strand (Gral), 2008-09, Malerei
Fire,Good Slave, Bad masterFire,Good Slave, Bad master
ADONIS PROJECT
THE FUNERAL OF
NEW YORK (1971)
Melancholische Freunde 7 Radierungen
druckgrafik
Melancholische Freunde, 7 Radierungen, 1994, New York
Bombenalarm (Detail), 2005-2008, Objekt
Assemblages
Jürgen Schilling
Wolfgang Petrick, the painter and graphic artist, entered the third
dimension in the 1970s, when he played a central role among tho-
se realists in Berlin who were labeled critical artists in order to di-
stinguish them from artists of innumerable figurative movements
flourishing at the time. It was a designation that emphasized one
aspect of their thematic choice and expressly set them apart from
the burgeoning Pop Art and hyperrealistic trends worldwide. Whe-
reas American artists took inspiration from the commonplace ba-
nalities of consumerist society and its repertoire of objects in order
to aestheticize their surroundings, the critical realists took up the
tradition of Dadaism and the New Objectivity to craft an aggressive
and satirical interpretation of sociopolitical processes, ubiquitous
social problems, human defects, overt and covert violence, and
repressive systems. Tendentious slices of life as transmitted by ad-
vertisements, photographs, and photomontage served as models
whose manipulative transformation into paintings, drawings, and
graphic reproductions—executed with technical perfection—dis-
played images of a damaged world dominated by (self)-destruc-
tive compulsions. Visual quotations that seem at first glance to
be linked without logic as well as horror scenarios that have been
worked out down to the most insignificant detail—these compro-
mise, unsettle, and shake up the viewer but without pathos and
Assemblagen
Jürgen Schilling
Den Schritt in die dritte Dimension vollzog der Maler und Grafiker
Wolfgang Petrick bereits in den 70er Jahren, als er – in Berlin an-
sässig – im Kreise jener Künstler eine zentrale Rolle spielte, die
man, um sie von den zu dieser Zeit zahlreichen anderen figurativen
Strömungen zu unterscheiden, das Etikett kritische Realisten an-
geheftet hat. Diese Kennzeichnung betonte einen spezifischen As-
pekt ihrer Themenwahl, die sich ausdrücklich von der sich weltweit
auf dem Vormarsch befindenden Pop Art und hyperrealistischen
Tendenzen abhob. Während sich die amerikanischen Künstler von
den alltäglichen Banalitäten der Konsumgesellschaft und deren
Gegenstandsrepertoire inspirieren ließen und ihr Milieu ästhetisier-
ten, konzentrierten sich die kritischen Realisten, anknüpfend an die
Traditionen Dadas und der Neuen Sachlichkeit, auf eine aggressive
und satirische Interpretation politisch-gesellschaftlicher Prozesse,
allgegenwärtiger sozialer Probleme, menschlicher Defekte, augen-
fälliger und versteckter Gewalt und repressiver Systeme. Tendenzi-
öse Ausschnitte der Wirklichkeit wie sie Werbung, Fotografien und
Fotomontagen vermitteln, dienten als Vorbilder, deren manipulierte
Umsetzung in Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken Werke
entstehen ließ, die – technisch perfekt ausgeführt – das Bild einer
lädierten und von (selbst)zerstörerischen Zwängen beherrschten
Welt präsentieren. Auf den ersten Blick unlogisch verknüpfte Bild-
zitate und bis ins nebensächlichste Detail ausgearbeitete Horror-
Szenarien verschmelzen bei Petrick zu Kompositionen, die – fern
jeden Pathos, sondern vielmehr aus extrem subjektiver Sicht kon-
statierend und analysierend – kompromittieren, aufrütteln und er-
schüttern. „Ich erfahre Realität durch mein Leben und versuche
sozusagen Dinge wie Entfremdung, Aggression, die ich selbst er-
fahre, in dem was ich herstelle, zu verarbeiten, aufzuarbeiten […]“
Wolfgang Petrick vertrat stets eine an den Prinzipien des Expres-
sionismus orientierte Realismus-Auffassung; in einem Interview
sprach er davon, dass sich ihm die Realität „größtenteils als etwas
nicht Sichtbares dar[stellt], mehr als eine psychische Situation. Ich
gehe aus von dem was als Fotowirklichkeit da ist oder als sichtba-
re Realität, nur ist die Situation für mich viel zu komplex, als dass
ich sie im rein physikalischen Sinne abbilden kann. Ich versuche,
diesen ganz bestimmten Zustand von Entfremdung, von psychi-
schen Veränderungen, Deformationen ins Bild zu transportieren.“
An anderer Stelle sprach er davon, dass er Bilder schaffen wolle,
die „Widerstand haben. Die meisten Bilder, die uns umgeben, kön-
nen ja total konsumiert werden. Man müsste […] ungenießbare
Bilder schaffen.“
Mit seinem plastischen Werk stößt Petrick – dessen Gemälde
Regeln der Perspektive und damit der Dreidimensionalität kon-
stant überspielten bzw. negierten – zum Kreis der Künstler, die
sich anfänglich ausschließlich als Maler einführten, dann jedoch,
angezogen von der Autarkie der Bildhauerei, ermutigt durch ihre
haptischen Erfahrungen mit einer Vielfalt von Materialien und an-
gespornt von der Zuversicht, unbeanspruchte innovative Möglich-
keiten erschließen zu können, diesem Genre verschrieben. Mit der
Entscheidung, von der Fläche in den Raum vorzudringen, geht ein
selbstverständlich sich entwickelnder Ausbau eines stringenten Di-
aloges zwischen dem malerischen Werk und dem bildhauerischen
Schaffen einher. Immer bedeutet der Zugriff auf die „Skulptur [einen]
Zugewinn an Sinnlichkeit, an Direktheit, an materiell beglaubigter
Realität.“ Einerseits werden bestimmte zuvor behandelte Sujets
und ein typischer Formenkanon übernommen, weitergesponnen
und gleichsam kommentiert. Andererseits initiieren Anregungen,
die sich im Verlauf der plastischen oder skulpturalen Tätigkeit ein-
57
with the awareness and analytical perception of extreme subjecti-
vity. “I perceive reality through my own life and try to process and
to incorporate the things I have experienced into my works—such
as alienation and aggression […].” Wolfgang Petrick has always
advocated a conception of realism that rests on the principles of
expressionism. In an interview he spoke of how reality presents
itself to him “mostly as something invisible, as a mental situati-
on. I begin with what is photographic or visible reality, except that
the situation is much too complex for me to represent in a purely
physical sense. I try to transport this
singular condition of alienation, of
mental changes and deformations
into the picture.” At another point he
spoke of wanting to create pictures
that “resist. Most of the images that
surround us can be fully consumed.
One ought to create […] intolerable
images.”
With his sculptures Petrick—whose
paintings have continuously co-
vered up, that is to say negated,
the rules of perspective and there-
fore of three-dimensionality—joins
the circle of artists who originally
established themselves as painters
before being drawn to the autar-
ky of sculpture and since devoting
themselves to the genre, emboldened as they have been by their
haptic experiences with a multitude of materials and spurred on
by the conviction that they could explore uncharted territory and
mine new possibilities. In pressing out from surface into space,
they invariably cultivate a compelling dialogue between painting
and sculpture. The choice of “sculpture always means more sen-
suality, directness, and materially authenticated reality.” On the one
hand previously treated subjects and a typical formal canon are re-
visited, elaborated, and in a sense annotated. On the other hand,
impulses that occur in the course of plastic and sculptural work are
the source of new thoughts about shapes and modifications and
prompt opposing formulations, not only on canvass and paper,
both at the time and subsequently. The plastic creations supply
Petrick with additional unused visual material, because he can ap-
propriate photographs of these works—or in some cases details
from them that fascinate him—and rework them digitally in order
to incorporate them into his painterly concept, as a component
of performance-like photo sessions and experimental labyrinthian
dispositions of space.
The natural attitude of pain-
ters who also sculpt often
coincides with a predilec-
tion for unconventional and
risky practices. Such has
been the case ever since
Pablo Picasso, at the be-
ginning of the previous
century, incorporated ob-
jects into his paintings and
began to construct sculp-
tures from found objects.
His remark, passed on by
the photographer Brassaï,
about a bronze “bull’s head
stellen, neuartige Gestaltungsideen und Modifikationen und ver-
anlassen unmittelbar divergierende Formulierungen nicht nur auf
gleichzeitig oder später in Angriff genommenen Leinwänden oder
Papierbahnen. Die plastischen Schöpfungen liefern Petrick zusätz-
liches unverbrauchtes visuelles Material, weil er Fotografien dieser
Werke, bzw. von gewissen ihn faszinierenden Details, digital weiter
bearbeiten und so in seine malerischen Konzepte, als Bestandteil
von performanceartigen Foto-Sessions und experimentellen laby-
rinthischen Raumdispositionen einbeziehen kann.
Die Unbefangenheit des An-
satzes von Malern, die sich zu-
gleich als Bildhauer betätigen,
geht häufig mit einer Vorliebe
für unkonventionelle und risiko-
reiche Vorgehensweisen einher,
seit Pablo Picasso zu Beginn
des vergangenen Jahrhunderts
Objekte in seine Gemälde ein-
zufügen und Bildwerke aus
gefundenen Objekten zu kon-
struieren begann. Die von dem
Fotografen Brassaï überlieferte
Bemerkung über einen zu Be-
ginn der vierziger Jahre geschaf-
fenen bronzenen „Rinderkopf
mit geschwungen Hörnern“ ist
typisch für eine ebenso spontane
wie entschlossene Praktik, die für die nachfolgende Objektkunst
– etwa die des Nouveau Réalisme, Rauschenbergs Odalisk und
Monogram oder die poetische Dingmagie der Fluxus-Bewegung
– typisch ist: „Eines Tages fand ich unter altem Kram einen Fahr-
radsattel und daneben eine verrostete Lenkstange. Blitzartig sind
in meiner Vorstellung beide Teile zusammengewachsen […]. Ohne
jedes Nachdenken ist mir die Idee zu diesem Stierkopf gekommen
[…]. Ich habe sie nur zusammengeschweißt […]. Es ist wunder-
bar, wie die Bronze die verschiedenen Teile so miteinander verbin-
det, dass es manchmal schwer wird, die Elemente zu bestimmen,
aus denen das Ganze ursprünglich zusammengesetzt wurde […].
Allerdings liegt darin auch eine Gefahr: wenn man nur noch den
Kopf sähe, wenn man Lenkradstange und Sattel gar nicht mehr
erkennen könnte, würde die Arbeit an Interesse verlieren. […] Ich
sammle alles auf, vor allem das, was andere wegwerfen.“ Picas-
so, der dafür bekannt war, dass er rundweg alles bewahrte, „was
ihn etwas beschäftigte, als es ihm in die Hände fiel“, amüsierte
der Gedanke, sein Stierkopf könne seinerseits im Abfall gefunden
und die Einzelteile wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt
werden.
Die systematische Akkumulation von zufällig gefundenen und im
Reservoir seiner weitläufigen Ateliers gehorteten anspruchslosen
Gegenständen bestimmt auch Wolfgang Petricks bildhauerisches
Tun. „Der Raum ist zugewachsen; ein Dschungel ist aufgewuchert,
ein Farbdschungel mit feurigen und finsteren Nischen, ein Bilderd-
schungel; eine Verwandlung ins Organische hat stattgefunden.“
Am Ort ihrer Entstehung lassen seine versammelten Assemblagen
an einen Entwurf zu einer phantastischen dantesken Gegenwelt
denken, ein aus vielgestaltigen, nicht nur auf dem Boden wach-
senden, sondern auch von der Atelierdecke hängenden Einzelob-
jekten, die sich zu einem kaum durchdringbaren Environment for-
mieren. Petrick inszeniert sie situationsbezogen als frei stehende
raumgreifende Installation oder überstülpt seine Arrangements mit
dem jeweiligen Format angepassten, an den Verfugungen grün-
58
Scout, 2009 / 10 , 100 x 140 cm, Pigmentdruck, auf Leinwand
Studie, 2009, Malerei
Jugend, 2007, Malerei6160
Bombenalarm ( Bold ), 2008 / 09 , MalereiPhaenomenon ( Scout ), 2010, Malerei
with curved horns” from the early 1940s is typical of the sponta-
neous yet determined practice later characteristic of found art, for
instance in the Nouveau Réalisme, Rauschenberg’s Odalist and
Monogram, or the poetical object-magic of the Fluxus movement:
“One day among some cast-off objects I found a bicycle saddle
and next to it a rusty handlebar. In a flash the two pieces merged
in my imagination […]. Without forethought an idea came to me
for the bull’s head […]. I simply welded them together […]. It is
astonishing how the bronze binds the different parts so well that it
is sometimes difficult to distinguish the separate components from
which the whole originally derived. On the other hand, that is also
problematical: if one saw only the head, and if the handlebar and
the saddle were no longer recognizable, the work would lose its
appeal […] I collect everything, above all what others discard.” Pi-
casso, who was known for keeping nearly everything “that preoc-
cupied him when it fell into his hands,” was amused by the thought
that his bull’s head might one day be found in the garbage and
have its individual parts restored to their original purpose.
		
Wolfgang Petrick’s sculptural activity is determined by the syste-
matic accumulation of modest objects found by chance and hor-
ded in the reservoir of his spacious atelier. “The space has become
overgrown; a jungle has proliferated, a color jungle with fiery and
dark niches, a picture jungle; a transformation into the organic has
occurred.” At the place where they came into being his collec-
ted assemblages prompt thoughts of a fantastic Danteesque al-
ternative world in the making, a world comprised of variegated
objects growing not only on the ground, but also hanging from the
ceiling of the atelier, shaped into an almost impenetrable environ-
ment. Petrick stages them according to stations as free standing
installations that fill the room, or piles up his arrangements and
fits them with glass domes whose joints have a greenish shim-
mer and whose sterile, impersonal materiality provides a marked
contrast to their content. Their content speaks of transitoriness
and destruction—qualities that they cannot tame—and seems on
the verge of breaking down its arbitrary barrier. Petrick uses (to
borrow a phrase of Per Kirkeby’s) “fast” material at a period “when
things moved faster:” objects alienated from their original function,
technical apparatuses, wooden rods jointed into android forms
covered with cloth throw rugs, tree roots, model cars and model
airplanes, sequins, prefabricated industrial parts and the refuse of
civilization, textiles of all sorts, curiosities such as the stuffed bo-
dies of dogs and alligators, animal skeletons, hair, feathers, masks
of diverse provenance, dummies, monsters of synthetic material
whose plastic mass seems extraterrestrial, damaged dolls whose
arms and legs are wrapped with copper wire. These are constantly
being reworked into new constellations and transformed through
their alienated presence and context when they lose their original
function.
It is no surprise that constructions made of artificial materials
would occupy a considerable position among Wolfgang Petrick’s
resources, since they are the most representative material of our
time and also yield themselves to a treatment that is in every sen-
se flexible. Besides, as Roland Barthes puts it, plastic “is the first
magic material ready for ordinary life. But this is so because the
ordinariness itself provides a triumphant reason for existing. […]
The hierarchy of materials is destroyed and replaced by just one:
the entire world can be plasticized.” Petrick relies on the language
and expressiveness particular to each of his accidental finds and
gives them a visual order through collage, entangling them in a
mute conversation and transporting them into a new totemistic
existence. Eccentricities and inconsistencies vie with each other
and become entwined in a bundle of facts and allusions that can
scarcely be untangled and whose unexpected paths into Petrick’s
collection of curios are followed by the viewer in an effort to place
them into a subjectively intuited symbiotic context, and to interpret
them. The things in Petrick’s landscape of associations—useless
and inoffensive to anyone except the artist himself—seem “to de-
velop a demonic life of their own behind a person’s back;” the sen-
se of fetishism in the objects affects one’s awareness of what ma-
kes up the essence of their personality. When they are drawn into a
foreign ensemble or one that seems to defy logic, “our perception
is forced, precisely because of the un-usual and in-sanity of the
new relationships, to notice the “unusual” and “insane” element
of the thing, its foreignness and strangeness, its fantastic quality
and its separateness from people, its existence as a magical and
as an independent partner in our dialogue with reality, thereby al-
tering and extending our awareness of the thing itself. Through the
a-logicality of the new relationships the chain of memory is broken
and the thing emerges as something entirely new […].” Where-
as certain distinct elements—such as those in Wolfgang Petrick’s
proliferating tableaux—each in itself conveys a strangely unsett-
ling, ambivalent atmosphere, the effect multiplies of a puzzlingly
threatening, at times even violent mood when he brings his props
(in and of themselves mundane) into relationship with each other.
In so doing Petrick is as unlikely to shy away from loudness as he
is to avoid what generally is considered improper, revolting, and
ugly, precisely because the demonstrative depiction of ugliness
denounces a society in which ugliness is everywhere and therefore
tends to be ignored. Already in an early publication, Petrick—who
would seem to share Jean Dubuffet’s assessment of beauty as
a “feeble and unimaginative invention”—quotes Bertolt Brecht’s
62 63
normalerweise unbemerkt bleibt. Bereits in einer frühen Publikation
zitiert Petrick, der mit Jean Dubuffet die Einschätzung teilen dürfte,
die Idee der Schönheit sei eine „dürftige und wenig phantasievolle
Erfindung“, Bertolt Brechts grundsätzliche Feststellung, kein re-
alistischer Künstler meide die Hässlichkeit, beließe es aber nicht
bei ihr, sondern überwinde sie „erstens durch die Schönheit seiner
Gestaltung (die nichts mit Schönfärberei oder Beschönigung zu
tun hat). Zweitens dadurch, dass er Hässlichkeit als gesellschaftli-
ches Phänomen darstellt.“
Andersartige, häufig mit schwarzer Farbe übertünchte Arrange-
ments evozieren die Vorstellung von mysteriösen, archaisch anmu-
tenden Kulten. Zu Gruppen arrangierte fremdartige Geisterwesen
und geheimnisvoll schwebende oder aufgesockelte Laden, aus
denen skurrile Relikte herauszuragen, rufen den Eindruck ältes-
ter Herkunft wach. Der Gedanke an Nachempfindungen von im
Augenblick ihrer Entdeckung fixierten Rudimenten ritueller Zere-
monien kommt auf oder lässt Petrick eigene verstörende Traum-
gesichte Gestalt werden? Angesichts des zu reliefartigen Schau-
tafeln angeordneten oder zwischen Brettergestelle gezwängten
Großstadtmülls und darin ausweglos verfangenen mumienhaften
Geschöpfen sprach Eberhard Roters von „Verrottung als Prinzip“:
„Der Betrachter gewinnt den Eindruck, eine Art Fermentation habe
stattgefunden, aber nicht auf dem Weg der Fäulnis, sondern auf
dem der Mumifizierung. […] In der Dichte des Amalgamisierungs-
prozesses mit allen zur Verfügung stehenden künstlerischen Mitteln
erhält die Arbeit Petricks beinahe den Charakter einer Beschwö-
rung.“ Immer wieder tauchen zwischen vollgestopften, scheinbar
in Auflösung begriffenen verschachtelten Assemblagen Selbst-
bildnisse des Künstlers oder sinnbildliches Zubehör aus seinem
lich schillernden Glashauben, deren sterile, anonyme Materialität
in krassem Gegensatz zu ihrem Vergänglichkeit und Destruktion
assoziierenden Inhalt stehen, den zu domestizieren ihnen nicht ge-
lingen will und der im Begriff scheint, seine willkürliche Einengung
zu durchbrechen. Petrick benutzt – um eine Formulierung Per Kir-
kebys zu gebrauchen – „schnelles“ Material in einer Zeit, „wo die
Dinge sich schneller bewegten“ : zweckentfremdete Gebrauchs-
gegenstände, technische Apparaturen, zu androiden Formen ge-
fügte Holzgestänge mit Stoffüberwürfen, Baumwurzeln, Modellau-
tos und -flugzeuge, Flitter, vorfabrizierte industrielle Fertigteile und
Zivilisationsabfall, Textilien aller Art, Kuriositäten wie ausgestopfte
Hunde- und Alligatorenleiber oder Tierskelette, Haare, Federn,
Masken unterschiedlicher Provenienz, Manichini, aus Plastikmasse
geformte exterrestrisch wirkende Kunststoffmonster und beschä-
digte Spielzeugpuppen, deren Gliedmaßen mit Kupferdraht um-
wickelt sind. Diese werden permanent zu neuen Konstellationen
zusammenfügt und durch Verfremdung hinsichtlich ihrer Präsenz
und des Bedeutungszusammenhanges gewandelt, wenn sie ihrer
originären Funktion verlustig gehen.
Dass aus Kunststoffen geformte Gebilde in Wolfgangs Petricks
Fundus eine beachtliche Position einnehmen, kann kaum über-
raschen, da sie nicht nur als das Material unserer Zeit schlechthin
gelten und eine in jeder Hinsicht flexible Bearbeitung erlauben, son-
dern weil das Plastik, wie Roland Barthes schreibt, „die erste ma-
gische Materie [ist], die zur Alltäglichkeit bereit ist. Doch sie ist das,
weil diese Alltäglichkeit für sie gerade ein triumphierender Grund
zum existieren ist. […] Die Hierarchie der Substanzen ist zerstört,
eine einzige ersetzt sie alle: die ganze Welt kann plastifiziert wer-
den […].“ Petrick verlässt sich auf die Sprache und Aussagekraft
jedes einzelnen seiner Zufallsfunde, die er collagierend miteinan-
der in eine visuelle Ordnung versetzt, in eine stumme Konversation
verstrickt und in eine neue totemistische Existenz transportiert. Ei-
gentümlichkeiten und Unstimmigkeiten überspielen einander und
verwachsen zu einem kaum zu entwirrenden Knäuel von Infor-
mationen und Anspielungen, deren unerwartete Wege in Petricks
Panoptikum vom Betrachter verfolgt, in einen subjektiv erahnten
symbiotischen Kontext gebracht und interpretiert sein wollen. Die
für jeden anderen als den Künstler unnützen und harmlosen Dinge
in Petricks Assoziationslandschaften scheinen „hinter dem Rücken
des Menschen ein dämonisches Eigenleben zu entfalten“ ; das er-
fühlte Fetischhafte in den Objekten nimmt Einfluss auf die Erkennt-
nis über das Wesen ihrer Persönlichkeit. Wenn sie in eine fremde
oder ein der Logik widersprechendes Ensemble einbezogen wer-
den, „wird gerade durch das Un-Gewöhnliche und Ver-rückte der
neuen Verhältnisse unser Wahrnehmungsvermögen gezwungen,
das ‚Ungewöhnliche‘ und ‚Verrückte‘ des Dinges, seine Fremdheit
und Sonderbarkeit, seine Phantastik und seine vom Menschen
abgelöste Einsamkeit, sein Dasein als magisches Gegenüber und
als selbstständigen Partner unseres Dialogs mit der Wirklichkeit
endlich einmal zu bemerken und dadurch unser Bewusstsein vom
Ding zu verändern und zu erweitern. Durch das A-Logische der
neuen Verhältnisse zerbricht die Kette der Erinnerung und das
Ding tritt als etwas ganz neues hervor […].“ Vermitteln bestimmte
einzelne Elemente – wie in Wolfgang Petricks wuchernden Tab-
leaus – jedes für sich eine befremdlich-beunruhigende, ambiva-
lente Atmosphäre, vervielfacht sich der Eindruck einer rätselhaft-
bedrohlichen, zuweilen gewalttätigen Stimmung, wenn er seine
für sich genommen profanen Requisiten miteinander in Bezug
bringt. Petrick scheut dabei das Laute so wenig wie das landläu-
fig als inkorrekt, abstoßend und hässlich Geltende, eben weil die
demonstrative Darstellung des Hässlichen eine Gesellschaft zu
brandmarken vermag, in der erstere allgegenwärtig ist und daher
Detail aus Grossstadt, 1977, InstallationDetail aus Grossstadt, 1977, Installation
Nest, 1992-93, Objekt
Jahren mit anamorphotischen Konstruktionen befasst – und auch
in diesem Falle seine Erfahrungen bei der Erstellung großformatiger
Gemälde einbringt –, sondern die Vergegenwärtigung der Situation
des Betrachters, der, nachdem er das jeweilige Bild, das er nur
kurz erblickt hat, in seiner Einbildung bewahrt, während sein Auge
weiterschweift, weitere Details der sich um den ruhenden Pol des
Spiegelzylinders drängenden Objekte erfasst und seine Eindrücke
addiert, bis er zu einer individuellen Erkenntnis über das Ensemble
gelangt.
Die Darstellung menschlicher Gestalt, dominierendes Thema auf
Petricks Gemälden, tritt – von fragmentarischen Selbst-Zitaten
und vereinzelt eingefügten Foto-Reproduktionen von Beispielen
charakteristischer Zerrbilder humaner Existenz abgesehen – in den
Hintergrund. An ihre Stelle tritt das Konglomerat von Relikten, die
vom Menschen produziert, gebraucht und ausgesondert wurden
und nun von ihm berichten. Seine reale Präsenz im Bildwerk erüb-
rigt sich dort, wo sein Dasein, seine Wunschbilder und seine Pho-
bien permanent metaphorisch in grotesken Montagen beschwo-
ren werden. Lediglich in Gestalt von Schaufensterpuppen ist der
Mensch präsent, etwa wenn Petrick sich eines Bombenalarms
während des Krieges erinnert und versucht diesen Gedanken Bild
werden zu lassen: Er überzieht den Leib einer kindlichen Puppe mit
einem phosphorgetränkten Schuppengewand, welches das ihn im
Dunkel aufscheinen lässt, setzt ihr einen Berliner Feuerwehrhelm
auf und arrangiert eine Vielzahl kleinerer, ihm in diesem Zusam-
menhang bedeutungsvoll erscheinender Versatzstücke auf einem
Gerüst von in den umschließenden Schrein stufenweise eingelas-
sener Glasplatten. Deren partielle Transparenz, die Lichtbrechung
und multiple Reflektion durch das Spiegeln der Objekte (und des
Betrachters) – man müsse die Dinge der Welt sämtlich verkehrt
Besitz auf, das autobiographische Bezüge nahelegt. Persönliche
Rückerinnerungen spielen in seinem gesamten Werk eine ebenso
wesentliche Rolle wie die Aufarbeitung visionären Erlebens, wo-
bei der „Arbeitsprozess […] eigentlich immer ein Schwanken zwi-
schen fast automatischer Arbeitsweise [ist], emotionalem Arbei-
ten, Heraustreten aus dem Prozess, reflektieren, neu Entscheiden
unter ästhetischen, aber auch unter inhaltlichen Kategorien. So
entsteht dann allmählich eine Struktur, die eine Tendenz hat, aber
in ihrem Inhalt durchaus mehrgleisig ist. [Die ästhetische Kompo-
nente] hat mich […] dazu gebracht, […] ins Dreidimensionale zu
gehen. Um so Momente von Illustration zu durchbrechen – was
für mich eine Gefahr ist, wenn ich mit dem abbildhaften Moment
im Zweidimensionalen zu sehr operiere. Dann entwickelt man zu
schnell eine Technik, die man dann beherrscht und die einem Si-
cherheit verleiht, die aber womöglich zu Illustrationen führt, nicht
aber zu bildnerischen Auseinandersetzungen auch mit den Mitteln
des Materials.“ Mittels gemalter, fotografischer, insbesondere aber
computergenerierter Ergänzungen gelingt es Petrick, das Binnen-
leben seiner Assemblagen zusätzlich zu verrätseln. Er integriert
den Computer in den Arbeitsprozess, weil dieser ihm hilft, durch
„Schichtungen unterschiedlicher Mentalitäten, Emotionalitäten
und Kalkulationen Räume entstehen [zu lassen], die ich nur so
herstellen kann.“ Neben zentral montierten Spiegelsäulen ordnet
er anamorphotische Bilder an, deren verzerrte Motive sich dem um
die jeweilige Plastik bewegenden Betrachter entzerrt und deutlich
auf der Krümmung des Spiegels offenbaren, wenn er seinen Blick
aus einem bestimmten Winkel darauf richtet. Petrick macht sich
ein ursprünglich als Variante der Zentralperspektive entwickeltes
optisches Spiel der Zerstörung und Wiederherstellung von Bildern
zunutze, ein Verfahren, das in der Vergangenheit häufig dazu dien-
te, geheime, magische oder erotische Inhalte virtuos verschlüs-
selt zu übermitteln. Wann immer der Betrachter seine Position
wechselt, offenbart sich ihm ein neuer Aspekt und damit – auch
im metaphorischen Sinne – eine gewandelte Sicht auf die Dinge
und deren Belang. „Zum Wesen der Anamorphose gehört es […],
dass, wer sie ‚wahrnimmt‘, das für wahr Angenommene in Zweifel
zieht. […] Ein spielerisches, geradezu euphorisierendes Element
ist zweifellos darin enthalten, doch ein eminent philosophisches,
skeptisches verbirgt sich dahinter – die abgründige Frage nach der
Wirklichkeit des Wirklichen.“ Nicht nur die Möglichkeit, versteckte
Bild-Botschaften weiterzuleiten, muss Petrick reizen, der sich seit
fundamental statement that no realist artist avoids ugliness; but
he goes a step further in saying that ugliness must be vanquished
“first of all by the beauty of shaping it (which has nothing to do with
whitewash or glossing over). Second of all, by presenting ugliness
as a social phenomenon.”
Odd arrangements that are often covered up with black paint evoke
the idea of mysterious, archaic-seeming cults. Strange ghost-like
creatures arranged in groups and floating mysteriously, or prop-
ped-up shutters from which scurrilous relicts jut out: such things
awaken the impression of ancient origins. One is reminded of re-
created vestiges of ritual ceremonies arrested at the moment of
discovery—or is Petrick giving shape to his own distressing dream
visions? Eberhard Roters has spoken of “rotting as a principle”
with respect to city garbage piled up in illustrated charts resemb-
ling reliefs or compressed between slats of wood with mummy-like
structures hopelessly caught inside: “The observer has the impres-
sion of a kind of fermentation, not on the way towards decay but
instead towards mummification. […] In the density of an amalga-
mation process, with every possible artistic medium at his dispo-
sal, Petrick’s work seems almost like a conjuring.” Over and over
among assemblages that are crammed full, layered, and seemingly
on the point of dissolving there emerge self-portraits of the artist or
symbolic equipment belonging to him and suggestive of autobio-
graphical associations. Personal reminiscences play as central a
role in his work as the inclusion of visionary experiences, whereby
the “work process […] is in fact fluctuating all the time between a
nearly automatic method of working, emotional work, a stepping-
back from the process, then reflection, new decision-making with
respect not only to aesthetic categories but also to content. This is
how a structure gradually comes into being that displays a tenden-
cy but whose content functions on different levels. (The aesthe-
tic component) has steered me […] towards three-dimensionality.
Which allows me to break through those moments of illustration—
a danger for me when, at the moment of representation, I stay too
close to the two-dimentional level. That is the point at which one
too quickly develops and masters a technique and derives a sense
of security from it that can lead to illustrations rather than to picto-
rial engagement with the nature of the material.” Through painted,
photographed, and especially through computerized additions,
Petrick is able to encrypt the internal life of his assemblages still
further. He integrates the computer into his work process, because
it helps him, “through the stratification of different mentalities, emo-
tionalities, and calculations, to bring spaces into being the only
way I can.” Next to centrally mounted columns of mirrors he places
anamorphic images whose distorted motifs become rectified in the
mind of viewers, revealing themselves on the curvature of the mir-
ror as they move around each sculpture and their gaze falls on
it from a particular angle. Petrick develops an optical game from
what originally is a variant of linear perspective, exploiting the de-
struction and reconstitution of images, a procedure that in the past
served to convey secret, magical, or erotic meanings in virtuosic
code. Whenever the viewer changes position, a new aspect is re-
vealed along with a transformed view—also in a figurative sense—
of things and of their significance. “It is an essential element of ana-
morphosis that whoever “realizes” something mistrusts the reality
of the thing. [ …] There is doubtless a playful, even euphoricizing
element involved, but a fundamentally philosophical, skeptical ele-
ment is also concealed inside: the inscrutable question about how
real reality is.” Surely it is not only the possibility of transmitting
hidden image-messages that appeals to Petrick, who for years
64 65
Asylum, 2006, ObjektMutiert, 2009, Malerei
Titel, 2006, Objekt
Sammlers von allen ihm erreichbaren Nichtigkeiten, Joan Miró –
etwa Poetic Object von 1936 mit seinem ausgestopften Papagei
und dem schwebenden Puppenbein –, oder Salvador Dalis, dessen
vielteilige Objekte mit symbolischer Funktion ab 1930 entstanden,
welche er als metaphorische Anordnungen beschrieb, „die als Be-
friedigung unbewussten Verlangens entstanden zu sein scheinen.
[…]. Die Verkörperung von Wünschen, deren Objektivierung durch
Ersatzbilder und Metaphern geschieht, bildet durch symbolische
Realisierung einen auf der Perversion des Sexuellen beruhenden
Prozess, der in jeder Hinsicht dem Prozess des Dichters ähnelt.“
In der von Marcel Duchamp eingerichteten environmental konzi-
pierten Exposition Internationale du Surréalisme dominierte 1938
in Paris die Objektkunst Massons, Ernsts, Tanguys und Dalis, der
ein spektakuläres Regentaxi entwarf. In einer bewucherten und
von Schnecken bevölkerten Autokarosserie wurden dessen Insas-
sen – zwei Schaufensterpuppen – ständig mit Wasser berieselt.
Über den Kopf des Kolumbus repräsentierenden Fahrers war ein
Haifischgebiss angebracht. Dieser Einsatz verwitterter, verrosteter
und jeder Funktionalität spottender Objekte entspricht dem alten
„Stirb-und-Werde-Motiv allen Geschehens auf einer gesteigerten
Bewusstseinsebene.“ Diese wenigen beliebigen Beispiele aus der
Bild – und Begriffswelt Dadas und des Surrealismus zeigen, wie
nahe Wolfgang Petricks energiegeladenes Schaffen diesen frü-
hen avantgardistischen Strömungen, ihren praktischen Strategien
und psychischen Inhalten verpflichtet war und ist. Sein Œuvre, in
dem sich ein exzessives Denken manifestiert, thematisiert mor-
bide Schönheit, Vergänglichkeit, Grauen und Groteskes mit dem
bildnerischen Vokabular, das ihm die Materialfülle seiner Ateliers
in Berlin und New York an die Hand gibt. Seine starke, direkte
und sarkastische Sprache zielt auf die mentale Partizipation eines
Betrachters, der von Petricks Panorama des Schauders und der
dunklen Anspielungen nicht abgestoßen oder schockiert – soweit
das heute überhaupt möglich ist – werden soll, sondern als Voyeur
in eine individuelle Mythologie geschleust wird, die an die bodenlo-
se Unruhe und Verwirrung in uns appelliert.
Dr. Jürgen Schilling
als Kurator und Berater tätig
herum betrachten, damit man sie richtig sähe, schrieb 1651
Balthasar Gracián – unterstreichen wie die in die Ecken solcher
Strukturen eingefügten Glasscherben die räumliche Gliederung
und stellen gleichzeitig die Ordnung der Ebenen in Frage. Zugleich
suggerieren die angriffslustigen spitzkantigen Bruchstücke latente
Aggression und Gefahr, ebenso wie jene wiederholt verwendeten
Alltagsmaskierungen, Helme oder Gasmasken, deren Schutzfunk-
tion in den von Petrick konstruierten Situationen zurücktritt und
vielmehr Bedrängnis und Angst vor Katastrophen und Vernichtung
signalisieren. Das gilt nicht nur für die Feuerwehr-, sondern in be-
sonderem Maße für übereinander montierte MiG-Pilotenhelme,
unter deren Gesichtsschutz der Sauerstoffzufuhr dienende Schläu-
che baumeln, denen formal auf der Rückseite ein zerzauster, zum
Zopf geflochtener Haarschopf entspricht, der an die Kehrseite der
blitzenden Hightech-Waffen erinnert, an Schändung und Tod un-
schuldiger Opfer barbarischer militärischer Attacken.
Petricks intensiver Bezug zu Dada und dem Surrealismus, in de-
ren Nachfolge seine komplexen Mixed-Media-Plastiken erkenn-
bar ihren Platz haben, manifestierte sich schon in seiner frühen
Malerei, in deren bildnerischem Vokabular bereits eine Vielzahl
disparater Grundelemente enthalten sind, die sich in seinen As-
semblagen wiederfinden, wo sie die Zwänge einer einengenden
Bildkomposition abstreifen und ein ebenso dynamisches wie irre-
ales Eigenleben entfalten, das von Lautréamonts phantastischem
Traumbild von der „unvermutete[n] Begegnung einer Nähmaschi-
ne und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ inspiriert sein
könnte. Vor unserem inneren Auge scheinen die nach dem Prinzip
Collage zusammengebauten rundansichtigen MERZplastiken Kurt
Schwitters‘ auf, Lustgalgen und Kultpumpe von 1919, die Merz-
säule, Kathedrale des erotischen Elends von 1923, die Objekte
Paul Joostens‘, Raoul Hausmanns aus Leder, Holz und Bronze
gebauter Kopf Der Geist der neuen Zeit von 1919/20 oder die vom
selbsternannten Oberdada Johannes Baader 1920 geschaffene
erste dadaistische Assemblage, das chaotisch-vielschichtige Anti-
monument Deutschlands Größe und Untergang durch Lehrer Ha-
gendorf oder die phantastische Lebensgeschichte des Oberdada.
Das große Plasto-Dio-Dada-Drama. Petrick entdeckt für sich den
von den Dadaisten als „magische Prozedur“ begriffenen unkontrol-
lierten oder bewusst gelenkten Zufall als gestalterische Methode,
„mit der man sich über die Barriere der Kausalität, der bewussten
Willensäußerung hinwegsetzen konnte […]“. Er kennt die surrealis-
tischen, im Glauben an die Kraft des Irrationalen aus Objets trouvès
kombinierten Mixed-Media-Plastiken wie jene des unermüdlichen
has worked with anamorphic constructions (and in this case, too,
harvests his experience in making large-scale paintings), but also
the ability to envision the situation of the viewer who, after having
briefly seen an image, keeps it in mind while the eye roams further,
absorbing more details of the objects clustered around the calming
center of the mirror cylinder and collecting impressions before re-
aching a private understanding of the whole.
The portrayal of human figures, a dominant theme of Petrick’s pain-
tings, moves into the background except for fragmentary self-quo-
tations and individually inserted photo reproductions taken from
characteristically distorted examples of human existence. In their
stead is a conglomerate of relicts that have been produced, used,
and discarded by human beings and now give a record of them.
His actual presence in the paintings is unnecessary, because his
existence, his desired ideals, and his phobias are invoked in me-
taphorical permanence through grotesque montages. Human
beings are present only in the form of mannequins, for instance
when Petrick recalls a bomb alert during the war and attempts to
make that thought into a picture: he covers the body of a childlike
doll with a coat of mail drenched in phosphorous so that it lights up
in the dark, then adorns the doll with the helmet of a Berlin firefigh-
ter, surrounds it with a series of smaller props that he finds signifi-
cant to the setting, and places it onto a scaffolding of glass plates
that have been layered inside the enveloping shrine. The partial
transparency of the glass, the refraction of light and multiple reflec-
tions through the mirroring of objects and of observer—Balthasar
Gracián wrote in 1651 that one must see the things of the world
backwards in order to see them correctly—underscore, as do the
glass splitters strewn in the corners of these structures, the spatial
outline and call into question the order of the levels. At the same
time the belligerently jagged pieces suggest latent aggression and
danger, as do the repeatedly used everyday maskings—helmets
and gas masks—whose protective function fades in the setting
constructed by Petrick and instead signals distress and the fear of
catastrophes and destruction. This is so not only for the fireman’s
helmets but in greater measure for the MiG pilot helmets mounted
on top of each other, with oxygen hoses dangling under the pro-
tective facial covering and, on the other side, corresponding formal
but disheveled braided hair that serves as a reminder of the down-
side of high-tech weapons: the violation and death of innocent
victims in barbaric military attacks.
Petrick’s intense connection to Dada and surrealism—in whose
succession his mixed media sculptures have their place—was
already manifest in his early painting, where the imagistic voca-
bulary contains some of the basic elements reencountered in his
assemblages. There they strip away the constraints of an inhibiting
pictorial composition and unfold a life of their own that is both dy-
namic and unreal—as if inspired by Lautréaumont’s fantastic vision
of “the unexpected meeting of a sewing machine with an umbrella
on a dissection table.” Before our inner eye appear the assembled,
rounded MERZ sculptures of Kurt Schwitters, “Lustgalgen/Pleasu-
re Gallows” and “Kultpumpe/Cult Pump” of 1919, the “Merzsäul/
Merz Pillar,” “Kathedrale des erotischen Elends/Cathedral of Erotic
Misery” of 1923, the objects of Paul Joostens, the head of leather
and wood by Raoul Hausmann, “Der Geist der neuen Zeit von
1919/20/The Spirit of Our Age,” or the first Dadaistic assemblage
of 1920, the chaotic and multi-layered anti-monument “Deutsch-
lands Größe und Untergang durch Lehrer Hagendorf oder die
phantastische Lebensgeschichte des Oberdada. Das große Plas-
to-Dio-Dada-Dram/Germany’s Greatness and Decline or The Fan-
tastic Life of the Superdada: The Great Plasto-Dio-Dada-Drama”
by the self-proclaimed Oberdada, Johannes Baader. Petrick dis-
covers for himself the Dadaists’ conception of the “magic proce-
dure” of uncontrolled or consciously guided chance as a creative
method “with which one can rise above the barrier of causality and
the conscious expression of will […].” He knows the surrealistic
mixed-media sculptures based on a belief in the power of irratio-
nality and combined of objets trouvés such as those composed
by the tireless collector Jean Miró out of apparent nothings—the
“Poetic Object” of 1936, for example, with its stuffed parrot and
doll’s floating leg—or those of Salvador Dali, whose multi-pieced
“Objects with a Symbolic Function” were created beginning in
1930 and described by him as metaphorical arrangements “that
appear to have originated in the gratification of unconscious desire
[…]. Wish fulfillment is objectified in equivalent images and meta-
phors—a symbolic realization based on the perversion of sexuality
and in every sense resembling the process of the poet himself.”
At Marcel Duchamp’s environmentally conceived Exposition Inter-
nationale du Surréalisme/International Exposition of Surrealism in
Paris in 1938, what dominated was the found art of Masson, Ernst,
Tanguys, and Dali, who composed a spectacular “Rain Taxi.” In
an overgrown auto chassis inhabited by snails, the occupants—
two mannequins—were continually sprinkled with water. Above
the head of the driver, represented as Columbus, was mounted
a set of shark’s teeth. This use of weathered and rusted objects
whose functionality is mocked corresponds to the old “motif of
die and become—stirb und werde—for all events at an intensified
level of consciousness.” These examples, chosen at random from
the Dadaistic and surrealist world of image and concept, demons-
trate the proximity of Petrick’s energy-filled work to these early
avant-gardistic movements and his indebtedness to their practical
strategies and psychic content. His oeuvre, which is characterized
by excessive thought, uses the pictorial vocabulary supplied by
the wealth of material in his ateliers in Berlin and New York as a
means of thematizing morbid beauty, transitoriness, horror, and
the grotesque. His strong, direct, and sarcastic language invites
the mental participation of a viewer who mustn’t be repulsed or
shocked by Petrick’s panorama of shudders and dark allusions (if
shock is still possible today) but is instead smuggled in as a voyeur
to a personal mythology that appeals to the bottomless unrest and
confusion in each of us.
Dr. Jürgen Schilling
Curator and Art Advisor
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Junior, 2006 - 2008, Objekt
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bombenalarm72
Schuppenmann, 2007, Objekt
74
SELBST, 1978-79, Objekte
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ARTHOTEL LUISE
ENDMORÄNE
Fotos a. Koretzky
Fotos A. Koretzky
1977-78
Zombies sein könnten, Nachzehrer und Wiedergänger einer Vergangenheit, die nicht vergeht. Und erst bei genauem Hinsehen
entdeckt man, dass jedes Bild einen Fluchtpunkt hat, einen Focus, der wie ein schwarzes Loch im Weltall Materie ansaugt, zu
Antimaterie umpolt und wieder ausspuckt – ein Sog, dem sich der Betrachter nur schwer entziehen kann. VORAGO heißt das
lateinische Wort dafür, Wirbel und Strudel, Stromschnelle und Mahlstrom zugleich, und es ist kein Zufall, dass dieses Wort im Titel
eines Romans wiederkehrt, der, bei uns kaum bekannt, „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez entscheidend
beeinflusst hat: „La Vorágine“ von José Eustasio Rivera (1888 – 1928).
Rivera, Schulinspektor und Mitglied einer Grenzkommission, die Kolumbiens Urwaldgebiete erforschte, schrieb das 1924 erschie-
nene Buch neunmal um, bevor es als Meisterwerk des Modernismus in den Kanon der Literarhistorie einging, eine tropische Va-
riante von „Ulysses“ und „Berlin Alexanderplatz“. - „Das Chaos der Natur spiegelt sich im Kopf des Protagonisten wider“, heißt
es dazu in Christoph Strosetzkis „Kleine(r) Geschichte der lateinamerikanischen Literatur“. Und weiter: „Seine Fieberdelirien und
Halluzinationen, sein sadistisches und kriminelles Denken erscheinen so als Auswirkungen der ihn umgebenden, ungebändigten
Urwaldwelt, die ihn in ihren Strudel mitgerissen hat“.
Diese Aussage lässt sich Wort für Wort auf Wolfgang Petrick übertragen, obwohl dessen Tropenwälder nicht am Amazonas wu-
chern, sondern am Ufer des East River oder der Spree. Und sie enthält einen Hinweis auf die kathartische Wirkung seiner Kunst,
die, wie im Märchen von Rumpelstilzchen, die Dämonen beim Namen nennt und dadurch unschädlich macht: „Die Feststellung und
dadurch vollbrachte Abwehr des Gespensts“, hat Kafka diesen Vorgang genannt.
Dr. Hans Christoph Buch
Schriftsteller und Journalist.
1978-79The Blind (based on Bruegel)
VORAGO ODER DIE KUNST DER VERWIRBELUNG
Hans Christoph Buch
Früher war hier die Welt zu Ende, und sie ist es heute noch. Gemeint ist die westliche Welt, die hier, an der Oberbaumbrücke und
am Görlitzer Park, im Schatten der Mauer endete. Obwohl die Berliner Mauer so schnell aus dem Stadtbild verschwand, dass
selbst Ortskundige sich heute fragen, wo sie einst verlief, ist ihr Schatten sichtbar geblieben wie der in den Beton gebrannte Umriss
der Atombombenopfer von Hiroshima - ein Phantomschmerz, der nicht vergeht. Und genau hier, im Narbengewebe des Kalten
Krieges, zwischen Autogaragen, Türkencafés und Lesbentreffs liegt Wolfgang Petricks Atelier, eine Fabriketage, Seitenflügel, zwei
oder drei Treppen. Die Klingel funktioniert nicht, und selbst wenn man, wie empfohlen, die geballte Faust gegen das geschlossene
Eisentor schlägt, rührt sich nichts, obwohl Licht durch die Türritzen dringt.
Schon beim ersten Besuch in seinem Atelier, als wir, angeregt von meinem Freund und Kollegen Hannes Schwenger, unser Gemein-
schaftswerk „Monrovia, mon amour“ aus der Taufe hoben, dem Petrick, passend zum Titel, ein Leopardenfell überzog, schon bei
meinem ersten Besuch funktionierte die Klingel nicht. Und schon damals, fünf oder sechs Jahre ist es her, hatte ich das Gefühl,
Draculas Schloss zu betreten, das Horrorkabinett des Doktor Mabuse oder die Anatomie des Doktor Frankenstein. Nekrophile
oder negrophile Orgien fanden hier statt - damals arbeitete Wolfgang Petrick noch mit Rappern zusammen - Lustmorde vielleicht,
und schon der erste Augenschein machte mir klar, dass ich es nicht mit einem Zauberlehrling zu tun hatte, sondern mit einem
Hexenmeister, einem Voodoo-Priester genauer gesagt.
Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe mehrfach an Voodoo-Zeremonien teilgenommen und den Kult gründlich studiert, in
Haiti, wo er sich reiner erhalten hat als in seinen Ursprungsländern am Golf von Guinea, der damals Sklavenküste hieß. Zu meiner
Schande muss ich gestehen, dass ich, um keine durch Zombie-Filme genährten Klischees zu bedienen, den Voodoo schön redete,
so als handle es sich um harmlosen Liebeszauber oder um einen faustischen Pakt zur Erlangung von Macht, Reichtum und
ewiger Jugend. Aber ich will Wolfgang Petrick und den Lesern dieser Zeilen kein X für ein U vormachen, denn in Haiti gab und gibt
es nicht nur so genannte weiße, sondern auch schwarze Magie, die Nachtseite des Voodoo, und die ist alles andere als harmlos,
wie die von der Schweizerin Marianne Lehmann zusammengetragene Schau geheimer Kult-Objekte zeigt, die, von Genf ausge-
hend, erstmals in Europa zu sehen ist. Damit bin ich endlich beim Thema, denn was Marianne Lehmanns Sammlung uns drastisch
vor Augen führt, ist die blutrünstige, ja menschenverachtende Seite des Kults, ein Abgrund, in den man besser nicht blickt. Trotz-
dem oder gerade deshalb handelt es sich um große Kunst.
Das gilt ohne Einschränkung mutatis mutandis auch für Wolfgang Petricks Arbeiten, die dieser selbst als Mutationen oder Mu-
tanten bezeichnet hat: Der abgenutzte Begriff kritischer Realismus charakterisiert seine künstlerischen Strategien nur vage und
ungenau, das Wort Verrottung passt besser, Verrottung im materiellen wie im moralischen Sinn, und dieses Prinzip kehrt in den von
Marianne Lehmann gesammelten Fetischen wieder, in die echte Knochen und Haare integriert sind oder Filz und Fett wie in Objekte
von Beuys. Die Artefakte stammen aus Voodoo-Tempeln, deren Priester sie aus Geldnot verkauften, oder aus dem Keller des Prä-
sidentenpalasts, wo sie für schwarze Messen verwendet wurden, Orgien, wie sie auch in Petricks Atelier stattfinden könnten – aber
ich will die Parallele zu Haiti nicht überstrapazieren.
Auf den ersten Blick wirken seine Bilder überladen, bis zum Bersten voll gestellt mit Gerümpel wie Wolfgang Petricks Atelier, das
einer Schrotthalde gleicht mit Sprungfedern, Kugellagern und abgerissenen Köpfen, Gliedmaßen oder Torsi von Puppen, die auch
VORAGO OR THE ART OF TURBULENCE
Hans Christoph Buch
Here is where the world used to end—and still does today. The western world, that is, the one ending here at the
Oberbaumbrücke and Görlitzer Park, in the shadow of the Wall. Although the Berlin Wall disappeared from the city’s
landscape so quickly that even natives wonder where it stood, its shadow has remained as visible as the outline of
victims at Hiroshima burned into concrete—a phantom pain that never disappears. It is at just this spot, in the scar
tissue of the Cold War, between garages, Turkish cafés, and lesbian bars that Wolfgang Petrick has his atelier. The
floor of a factory building, one wing, two or three stories high. The doorbell doesn’t work, and even if a person bangs
a fist on the metal door—as recommended—nothing stirs inside, despite the light shining through the cracks of the
door.
Already on my first visit to the atelier, when, at the suggestion of my friend and colleague Hannes Schwenger, we
launched our common endeavor, Monrovia, mon amour—which Petrick covered with a leopard skin befitting the
title—even on that first visit the doorbell didn’t work. Already then, some four or five years ago, I had the feeling of
entering Dracula’s castle, or Dr. Mabuse’s cabinet of horrors, or the anatomical laboratory of Dr. Frankenstein. Ne-
crophilian or negrophilian orgies took place here (at that point Wolfgang Petrick was working with rappers), maybe
crimes of passion, and it was clear to me as early as my first glimpse that I was dealing not with a sorcerer’s appren-
tice but with a sorcerer—more precisely with a voodoo priest.
I know whereof I speak, having participated frequently in voodoo ceremonies and studied the cult in Haiti, where voo-
doo has retained more of its purity than on the Gulf of Guinea, where it originated and which in those days was called
the Slave Coast. I must shamefacedly confess that I made voodoo seem less sinister than it is—a harmless love po-
tion or a Faustian bargain for power, wealth, and perpetual youth—in order not to validate the clichés of zombie films.
But I don’t want to trick Wolfgang Petrick and the readers of these lines into taking an x for a u: in Haiti there was and
still is not only so-called white but also black magic, the dark side of voodoo. It is far from harmless, as one can tell
from the exhibit of secret cult objects put together by the Swiss collector Marianne Lehmann, a show originating in
Geneva that can be seen in Europe for the first time. Which brings me, finally, to my topic, because what Marianne
Lehmann’s collection makes drastically clear is the bloodthirsty side of the cult, its contempt for humanity, a chasm
into which it is better not to peer. Nevertheless—or perhaps for that very reason—we are speaking of great art.
Without any limitations this is also the case, mutatis mutandis, for the work of Wolfgang Petrick, which he himself has
called mutations or mutants. The worn out term critical realism imparts only a vague and imprecise characterization
of his artistic strategies; the word rotting is more accurate, a material and moral rotting—which tendency recurs in the
Marianne Lehmann’s collected fetishes, where bones and hair are integrated, or felt and fat as in objects by Beuys.
The artifacts in the exhibit come from voodoo temples whose priests sold them because they needed the money,
or from the basement of the presidential palace, where they were used for black masses—orgies like the ones that
could take place in Petrick’s atelier. But I don’t wont to overtax the connection to Haiti.
On first sight his pictures seem overloaded, filled to bursting with the rubbish from Wolfgang Petrick’s atelier, which
resembles a junk heap of springs, ball bearings, and the heads, limbs, and torsos torn off of dolls that could also be
zombies—vampires and revenants from a past that will not pass. Only on closer inspection does one discover that
every picture has a vanishing point, a focus that sucks in matter like a black hole in the universe, reversing the polarity
into antimatter and spitting it back out—a vacuum from which the viewer can escape only with difficulty. VORAGO is
the Latin name for it, whirlpool and vortex, rapids and maelstrom simultaneously, and it is no accident that this word
is the title of a novel that, though scarcely known to us, had a decisive influence on “One Hundred Years of Solitude”
by Gabriel Garcia Márquez: “La Vorágine” by José Eustasio Rivera (1888-1928).
The author, school inspector, and member of the boundary commission that explored the rainforests of Columbia,
rewrote the book—which appeared in 1924—nine times before it entered the canon of literary history as a master-
piece of modernism, a tropical variant of Ulysses and Berlin Alexanderplatz. – “The chaos of nature is reflected in
the protagonist’s head” is what it says about the novel in Christoph Strosetzki’s “Kleine Geschichte der lateiname-
rikanischen Literatur/Short History of Latin American Literature.” Further we read that: “His feverish delirium and
hallucinations, his sadistic and criminal way of thinking are manifestations of the untamed jungle world surrounding
him and that has sucked him into its vortex.”
This statement can be applied word for word to Wolfgang Petrick, although his tropical forests do not proliferate in
the Amazon but on the banks of the East River or of the Spree. It also evokes the cathartic effect of his art, which, as
in the story of Rumpelstilzchen, makes demons harmless by naming them: “The awareness of and resulting defense
against ghosts” is what Kafka called this process.
Dr. Hans Christoph Buch
Writer and Journalist
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Headbang eine Beschwörung
Filmstill Walter Lenertz
FMEINHEIT
Schutzanzug für Gulliver, 1979-2010
98 99Einsatz, 2010, Zeichnung
Atelieransicht, Berlin, 2010
Titel, 2009, Objekt Titel, 2009, Objekt
Schule I, 1993, ObjektSchule I, 2009, Objekt
linke Seite: Titel, 2009, Objekt
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Atelieransicht, Berlin, 2010
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Jugend II, 2010
Pigmentdruck, Tinte auf Papier
70 x 70 cm
Seite 2:
Engel II, 2008
Pigmentdruck, Acryl auf Leinwand
100 x 100 cm
Höhle, 2007
Pigmentdruck, Tinte, Acryl,
Öl auf Leinwand
100 x 100 cm
Frauenhaut, 2008
Pigmentdruck, Acryl,
Tinte auf Leinwand
100 x 100 cm
Mutterfreuden (Parameter), 2010
Pigmentdruck, Acryl,
Öl auf Leinwand
100 x 100 cm
Seite 4/5:
Mutterfreuden, 2009/2010
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
250 x 300 cm
Seite 6:
2 Arbeiten der Kunsthalle
Jugend (Detail), 2007 - 2009
Glas, Metall, Papier, Holz, Fundstücke etc.
170 x 65 x 50 cm
Seite 7:
Jugend, 2007 - 2009 Glas, Metall, Papier; Holz,
Fundstücke etc.
170 x 65 x 50 cm
Seite 8:
badMAST, 2005
Pigmentdruck, Tinte, Acryl,
Öl auf Leinwand
100 x 100 cm
Jugend, 2006
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
100 x 100 cm
Kunsthalle Bremen
Fundstück aus dem Internet
“Die Gesandten” von Hans Holbein d. J.,
digital bearbeitet
Seite 9:
Williamsburg, 2005 - 2008
Pigmentdruck, Tinte, Acryl, Öl,
Montage auf Leinwand, 100 x 100 cm
View, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand,
100 x 100 cm
Timber, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl, Montage auf Leinwand
100 x 100 cm
Asylum, 2010
Pigmentdruck, Acryl auf Leinwand
100 x 75 cm
Seite 10:
Die Neue, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl, Holz auf Leinwand,
mehrteilig, 220 x 202 cm (mit Rahmen)
Seite 11:
Picnic, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte, Vernähung,
Montage auf Leinwand, 240 x 200 cm
Seite 12/13:
Dachboden Landschaft I, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
210 x 200 cm
Dachboden Landschaft II, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl,
Tinte auf Leinwand, 210 x 200 cm
Dachboden Landschaft III, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl,
Tinte auf Leinwand, 210 x 200 cm
Seite 14:
Adam, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl,
Tinte auf Leinwand, 260 x 170 cm
Seite 15:
Eva, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl,
Tinte auf Leinwand, 260 x 170 cm
Seite 16/17:
Schatten Leben, 2006 - 2010
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 260 x 340 cm
Seite 18:
Female Pilots (5-teilige Serie),
Gudrun, Melitta, Judith, Lisel, 2008
Foto, Assemblage, Mischtechnik
auf Aluminium, 131 x 53 cm,
Sammlung Bornemann, Hong Kong
Seite 19:
Female Pilots, Katya, s.o.
Seite 20/21:
Scooter Attac, 2007 - 2010
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand,
260 x 340 cm
Seite 22:
Spiegelbild, 2008 - 2009
Acryl, Öl auf Leinwand,
190 x 200 cm
Nebel, 2008 - 2010
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
190 x 200 cm, Sammlung Schirm, Berlin
Seite 23:
Ausblick (Drehung), 2007 - 2008
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
100 x 100 cm
Brückenlegende, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
100 x 100 cm
Seite 24:
Paradies, 1964
Acryl, Öl auf Tischtuch
180 x 170 cm,
Sammlung J. und W. Kunde, Berlin
Seite 25:
Streichholz und Messer, 1964
überzeichnete Lithographie
55 x 51,5 xm, Privatsammlung, Belgien
Kopfzwänge, 1980-1981
Öl, Eitempera auf Leinwand
195 x 295 cm, Brusberg Berlin
Seite 26:
Übertäter, 1963
Kunstharz auf Nessel
105 x 150 cm, Privatsammlung
zu hause, 1970
Seite 27:
Touristen, 1970
Acryl auf Leinwand, 195 x 160 cm
Kunsthalle Kiel
Phenomenon, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
140 x 100 cm
Seite 28/29:
Schlagschatten, 2007 - 2010
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
260 x 340 cm
Seite 30:
Spiegelung, 2010
Fotografie
Seite 31:
Williamsburg I, 2008 - 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
140 x 100 cm
Williamsburg II, 2008 - 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
140 x 100 cm
Williamsburg III, 2008 - 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
140 x 100 cm
Seite 32:
Melancholia, 2008 - 2009
Pigmentdruck, Acryl, Öl,
Tinte auf Leinwand 100 x 100 cm,
Sammlung Asperger
Graue Hitze II, 2008 - 2009
Pigmentdruck, Acryl auf Leinwand
100 x 75 cm
Strand (Gral), 2008 - 2009
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
70 x 70 cm
Seite 36/37:
Dachboden, 2005 - 2006
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
260 x 340 cm
Batman, 2007 - 2008
Pigmentdruck, Acryl, Öl,
Tinte auf Leinwand, 100 x 100 cm
Space, 2008
Pigmentdruck, Tinte, Bleistift auf Papier
65 x 50 cm
Seite 38/39:
diverse Fotos (Material), 2004 und 2010
Isabelle, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Tinte auf Leinwand
100 x 100 cm
Große Zelle, 2005 - 2006
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
260 x 340 cm
Seite 40:
Bad Master, 2005 - 2006
Acryl, Tinte auf Leinwand, 220 x 150 cm
Fire, Good Slave, Bad Master, 2006
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 190 x 200cm
Sammlung Martina und Lutz Freise, Berlin
Feuerwacht, 2005 - 2006
Acryl, Öl auf Leinwand
240 x 134 cm
Party, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl,
Tinte auf Leinwand, 165 x 100 cm
Erscheinung, 2006 - 2008
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
270 x 175 cm
Seite 41:
Good Slave, 2007 - 2008
Acryl, Öl auf Leinwand
130 x 170 cm
Seite 42/43:
Adonis - Projekt,
Künstlerbuchprojekt: Adonis,Kerstin Roolfs,
Wolfgang Petrick, nach dem Gedicht The
Funeral of New York von Adonis, 1971
verschiedene Techniken auf Papier
Seite 44:
Williamsburgbridge,
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
310 x 180 cm
Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn
Wächterinnen,
Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand
310 x 180 cm
Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn
Sängerinnen,
Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand
310 x 180 cm
Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn
Williamsburg II,
Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand
310 x 180 cm
Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn
Flug,
Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand
310 x 180 cm
Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn
Blinde Kuh
Arcyl, Öl, Tintel auf Leinwand
310 x 180 cm
Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn
Seite 45:
Volkstanz,
Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand
310 x 180 cm
Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn
Hero,
Glas, Jetpilotenhelme, Haare, etc.
202 x 40 x 40 cm
Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn
Seite 46/47:
Ritter, Tod und Teufel, 1986 - 1989
Serie von 11 Bildern
alle Mischtechnik auf Leinwand
295 x 90 cm, 295 x 95 cm, 295 x 100 cm, 295 x 150 cm
Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin
Melancholie, 2007 - 2010
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
240 x 135 cm
Sammlung Schirm, Berlin
Vogelauge weiblich, 1972
Öl auf Leinwand
130 x 115 cm
Vogelauge, 1972
Öl auf Leinwand
130 x 115 cm
Sammlung Erich Marx, Berlin
Seite 48:
Doppelkern (Reichstag),
Tinte auf Papier
162 x 91,5 cm
Einsatz, 2010
Pigmentdruck, Folien, Kopien, Tinte, Graphit, Öl auf Papier
100 x 75 cm
P(R)UNKTANZ, 2010
Pigmentdruck, Graphit, Tinte auf Papier
112 x 87 cm
Studio, 2010
Graphit, Acryl auf Papier
107 x 76 cm
Privatsammlung
Seite 49:
Fünf Arbeiten aus der Serie “Vergangenheitsbewältigung”, 1996
jeweils 3 Blätter à 73 x 93 cm
Mischtechnik auf halbtransparentem Ultraphan in mehreren Schichten montiert
Seite 50/51
Volkstanz, 2003
Mappe mit 16 Siebdrucken mit z.T. Überarbeitungen auf Rives Bütten
je Blatt 60 x 60 cm
Auflage 50 Exemplare + 10 ap
Seite 52:
One O One, 2008
Pigmentdruck, Radierung auf Bütten
97,8 x 75,5 cm
Auflage 7 Exemplare
O.T., 2001 - 2002
Siebdruck, Acryl, Tinte auf Papier
140 x 100 cm
Prometh, 2008
Pigmentdruck, Radierung auf Bütten
97,8 x 75,5 cm
Auflage 7 Exemplare
Melancholia, 1995
Farbradierung
aus der Mappe Melancholische Freunde
Auflage 15 Exemplare
Brooklyn, 2001
Siebdruck auf Papier
140 x 100 cm
Auflage 10 Exemplare
Seite 53:
Gruppeneuphorie, 2001
Siebdruck
140 x 100 cm
Auflage 10 Exemplare
Seite 54/55:
Doppelseite aus einem Künstlerbuch
rechts: Abb. der Installation “Trauerarbeit” in der Kampnagel Fabrik, Hamburg,
1989
12-teilig, Mischtechnik, verschiedene Formate
Seite 56:
///
Seite 57:
Bombenalarm (Det
Seite 58:
Scout, 2009 - 201
Pigmentdruck auf
70 x 100 cm
digitale Studie, 200
Seite 59:
Bombenalarm, 200
Glas, Graphit, Fund
Materialien
180 x 96 x 115 cm
Seite 60/61:
Jugend, 2007
Acryl, Öl, Tinte auf
260 x 340 cm
Seite 62:
Phaenomenon (Sc
Pigmentdruck, Acr
Leinwand
140 x 100 cm
Seite 63:
Bombenalarm (Bol
Pigmentdruck, Acr
140 x 100 cm
Seite 64:
Detail aus “Großsta
Installation
Nest, 1992 - 1993
Holz, Graphit, Kun
120 x 135 x 65 cm
Seite 65:
Detail aus “Großsta
Installation
Studioaufnahme 2
Seite 66:
Flash (Hitzemauer)
Glas, Spiegel, Kun
Kettenaufhängung
49 x 50 x 60 cm
Seite 67:
Asylum, 2008
Glas, Spiegel, Kun
Kettenaufhängung
49 x 50 x 60 cm
Seite 68/69:
122 123
Junior, 2006 - 2008
Glas, Fundstücke, verschiedene Materialien
180 x 55 x 55 cm und Spiegel (variabel)
Seite 70/71:
Prometh, 2006 - 2010
Glas, Gips, Metall, Kunststoff etc.
157 x 50 x 55 cm
Sockel aus Granit
Seite 72:
Schuppenmann, 2005 - 2008
Glas, Holz, Graphit, Papier, Gips etc.
180 x 95 x 80 cm
Seite 73:
Studioaufnahme mit
Schuppenmann, Bombenalarm und Hero II
Seite 74:
Orpheus, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
100 x 100 cm
Reliquie, 2008
Glas, Spiegel, Kunststoff, Metall etc.
Kettenaufhängung variabel
49 x 50 x 60 cm
Material Anamorphosen
Seite 75:
aus der Installation Stammbaum: im Katalog ändern (Selbst weg)
Geburt, 1987 - 1988
Vogelkranz, 1979/1989
Seite 76:
ohne Titel, ca. 1990 - 1992
Holz, Graphit, Bronze, Kunststoff, Glas etc
ca. 200 x 180 x 75
Nest, ca. 1990 - 1993
Holz, Graphit, Kunststoff, Leder etc.
120 x 135 x 65 cm
Seite 77:
Gitterhaus, ca. 1992
Holz, Dachpappe, Kautschuk, Graphit, Strippe
90 x 90 x 60 cm
Nest, 1990 - 1993 (s.o.)
Ohne Titel, ca. 1990 - 1996
Holz, Graphit, Kunststoff, Kautschuk etc.
127 x 160 x 60 cm
Schule II, ca. 1990 - 93
Holz, Glas, Kunststoff, Graphit etc.
ca. 220 x 165 x 75 cm
Urhaus, ca. 1989
Holz, Dachpappe, Beton etc.
Seite 78:
digitales Material
East River, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand
140 x 100 cm
Vorago, 2010
Pigmentdruck auf Leinwand
140 x 100 cm
Studiosituation, 2010
Fotografie
Seite 79:
Asylum, 2009 - 2010
Pigmentdruck, Acryl auf Leinwand (Zustand)
140 x 100 cm
Kaspar Hauser, 2009 - 2010
Pigmentdruck auf Leinwand
140 x 100 cm
Schwarze Zone, 2008 - 2010
Pigmentdruck, Acryl, Tinte auf Leinwand
100 x 100 cm
digitale Skizzen
Seite 80:
Spähtrupp, 2010
Pigmentdruck, Acryl, Öl, Blattgold auf Leinwand
100 x 75 cm
Wächterin, 2010
Fotografie
digitale Skizzen
Seite 81:
Mutation, 2005 - 2006
Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand
260 x 340 cm
Timbers Ground, 2010
Pigmentdruck, Zeichnung, Montagen auf Papier
120 x 90 cm
Seite 82/83:
Seite 84:
“Endmoräne”
permanente Installation
Arthotel Luise
Fotomontage
Seite 85:
Seite 86/87
Seite 88/89
Seite 90:
Blinde (nach Brueghel), 1978 - 1979
6 Figuren, verschiedene Materialien
Pieter Bruegel, d. Ä.
Das Gleichnis von den Blinden, 1568
Tempera auf Leinwand
86 x 154 cm
Seite 91:
Blinde (nach Brueghel), (Detail), 1978 - 1979
Seite 92/93:
Seite 94:
Schutzanzug für Gulliver, 1979
Segeltuch, Polyester, Holz, Plexiglas, verschiedene Materialien
hier zu sehen in einem Film von Walter Lenertz aus dem Jahr 2010
Schutzanzug für Gulliver (Schautafel), 1979
verschiedene Materialien
250 x 600 cm
Seite 95:
Seite 96:
Seite 97:
Abbau des Prunks, 1993
verschiedene Materialien
Seite 98:
Piranesi/Williamsburg, 2010
Pigmentdruck, Tinte, Graphit, Tusche auf Papier
212 x 105 cm
Seite 99:
NEPHILIM/Studio/Ausstrahlung, 2009 - 2010
Pigmentdruck, Tinte, Graphit, Kreide, Transparentfolienmontage auf Papier
187 x 103 cm
EAST RIVER/Wolf/TIMBER, 2010
Pigmentdruck, Tinte, Graphit, Transparentfolienmontage auf Papier
181 x 100 cm
Seite 100/101:
Atelieransicht Berlin 2010
(Schaulager)
Seite 102:
Schule, ca. 1990 - 1993
Holz, Kunststoff, Graphit etc.
ca. 105 x 163 x 82 cm
ohne Titel, ca. 1990 - 1993
Holz, Kunststoff, Graphit etc.
151 x 132 x 85 cm
Seite 103:
Schule II, ca. 1990 - 1993
Holz, Glas, Kunststoff, Graphit etc.
ca. 220 x 165 x 75 cm
Seite 104/105
Schwefelseele, 2009 - 2010
Glas, Kunststoff, Metall, Graphit, Schwefel etc.
ca. 162 x 63 x 29 cm
Seite 106:
/
Seite 107:
Ritt, 2005 - 2008
Glas, Kautschuk, Holz, Helme etc.
185 x 74 x 124 cm
Seite 108/109:
Atelieransicht Berlin 2010
(Schaulager)
Seite 110:
Ausbruch, 2010
Pigmentdruck, Graphit, Tinte, Tusche auf Papier
153 x 111,5 cm
Seite 111:
Grauer Tisch, 2010
Pigmentdruck, Graphit auf Papier
Seite 112:
Seite 113:
P(r)unk/Goldkopf, 2008 - 2010
Fundstücke, Graphit, Gold, Pigmentdruck, Acryl etc.
160 x 103 x 93 cm
Seite 114:
Detail P(R)UNK
s.u.
Seite 115:
P(R)UNK, 2005 - 2010
Holz, Glas, Metall, Fundstücke, Pigmetdrucke, Spiegel etc.
Installationsansicht (Ausschnitt)
Tisch: 190 x 180 x 112 cm
Säule: 370 x 109 x 100 cm
Seite 116/117:
P(R)UNK, 2005 - 2010
Holz, Glas, Metall, Fundstücke, Pigmetdrucke, Spiegel etc.
Installationsansicht (Ausschnitt)
Tisch: 190
Säule: 370
Seite 118/
Detail P(R)
s.o.
Seite 120:
Detail P(R)
s.o.
Seite 121:
P(R)UNKS
Pigmentdr
jeweils ca.
Seite 122
Tischanam
Pigmentdr
61 x 50 cm
124 125
Biografie:
1939 	 in Berlin geboren
1958 	 Studium an der Hochschule für
- 65 	 Bildende Künste Berlin, Meisterschüler
1964 	 Gründungsmitglied der Ausstellungsge-			
	 meinschaft „Großgörschen35“,Berlin
1969 	 Preis der Malerei der Stadt Wolfsburg
1971 	 Stipendium Cité des Arts, Paris
1973 	 Bühnenbilder
1975 	 Berufung als Professor an der Hochschule 		
	 der Künste, Berlin
1976 	 documenta 6
1981 	 Deutscher Kritikerpreis
1993 	 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin
2005 	 „Volkstanz“, filmisches Portrait von Walter Lenertz
	 lebt in Berlin und seit 1994 auch in
	 New York City
Einzelausstellungen (Auswahl)
1964 Großgörschen 35, Berlin
1966 Galerie Tobies & Silex, Köln
	 (mit Baehr und Sorge)
	 Großgörschen 35, Berlin
1969	 Galerie Niepel, Düsseldorf
	 Galerie Poll, Berlin
	 Haus am Waldsee, Berlin (mit Berges, Diehl und Sorge)
1970	 Galerie Brusberg, Hannover
	 (mit Berges, Diehl und Sorge)
1971	 Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, 		
	 Düsseldorf (mit Diehl)
1973	 Galerie Brusberg, Hannover
1975	 Neue Galerie / Sammlung Ludwig, Aachen
	 Kunsthalle Göteborg
1976	 Kunsthalle Kiel
	 Galerie Brusberg, Hannover
1979	 Neuer Berliner Kunstverein in der
	 Staatlichen Kunsthalle, Berlin
1983	 Kunstverein Wiesbaden
	 Galerie Niepel, Düsseldorf
1986	 Galerie Asperger & Bischof, Chicago
1987	 Galerie Brusberg, Berlin (mit Heisig und Lawrence)
1989	 Galerie der Stadt Esslingen, Villa Merkel
1990	 Kunsthalle Hamburg und Kampnagel Fabrik, Hamburg
1994	 Fest III „Kunst und Gewalt“, Dresden Hellerau
1995	 „Narziß“, Galerie Raab, Berlin
1996	 Vizivárosi Galéria, Budapest
1999	 „Glashaus“, Galerie Inga Kondeyne, Berlin
	 „Malerei & Material“, Haus am Lützowplatz, Berlin
2000	 „Sehen und Denken 8“, Akademie der Künste, Berlin
2001	 „Batterie 2“, Villa Haiss, Museum für Zeitgenössische 	
	 Kunst, Zell a. h.
2002	 „Volkstanz“, Farrel-Pollack Fine Art, New York
2003 	 „Monrovia Mon Amour“, Buch und Material, 		
	 Literaturhaus Berlin (mit Hans Christoph Buch)
	 „Volkstanz“, Mappenwerk, Druckwerkstatt, 		
	 Künstlerhaus Bethanien
	 „Volkstanz“, Galerie Dieda / Art Bug, Bassano del 		
	 Grappa , Italien
2004 	 „Endmoräne II“, pepperprojects, Berlin
	 „Nestbau“, Klostergalerie Zehdenick (Akademie der 	
		 Künste)
2006 	 „Good Slave, Bad Master“, Galerie Michael Schultz, 	
		 Berlin
2007 	 „Bilder und Zeichnungen 1965-1987“, Galerie Eva 	
		 Poll, Berlin
2008 	 „Mutatio“, Asperger Galerie, Berlin
2010 	 „P(R)UNK“, Sammlung Falckenberg, Phoenix Kulturstif-	
	 tung, Hamburg
Impressum
P(R)UNK
Diese Publikation erschein anlässlich der Ausstellung
in der Sammlung Falckenberg, Phoenix-Hallen Hamburg-Harburg
Herausgeber / Editor
Prof. Dr. Wulf Herzogenrath; Prof. Dr. Harald Falckenberg
Gestaltung / Design
Eric Tschernow, Wolfgang Petrick
Lektorat
Dr. Karl-Heinz Hartmann / Finbarr Morrin
Übersetzung / Translations
Text Dr. J. Schilling / Text Dr. H.-C. Buch: Dr. J. Kolb, Boston/Hamburg
Text Dr. H.-W. Schmidt: Finbarr Morrin, Berlin
Text Prof. Dr. W. Herzogenrath: Kenny Kent, Berlin/Indiana
Druck / Printed
Druckerei Conrad, Berlin
Verlag / Publisher
Hachmannedition, Bremen
www.hachmannedition.de
Der Katalog ist durch eine Förderung von Prof. Dr. Harald Falckenberg
ermöglicht worden
The catalog was made possible thanks to the support of Prof.Dr. Harald Falcken-
berg
Fotografie / Photography
Eric Tschernow
© 2010 Wolfgang Petrick und Hachmannedition,
Hrsg Prof. Dr. Wulf Herzogenrath, Prof. Dr. Harald Falckenberg
Autoren: Dr. Hans-Christian Buch, Prof. Dr. Wulf Herzogenrath,
Prof. Dr. Harald Falckenberg, Dr. Jürgen Schilling, Dr. Hans Werner Schmidt,
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nati-
onalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über
<http://dnb.d-nb.de> abrufbar.
ISBN 978-3-939429-87-6 +
Besonderen Dank an die Mitarbeiter / Special thanks to my assistants
Iva Vacheva, Jens Pepper, Alexander Koretzky
126 127
	 „Berliner Kunst von 1900 bis 1989“, Gulbankian
	 Stiftung, Lissabon
	 „25 Jahre Großgörschen“, Galerie Poll, Berlin
	 „Maschinenmenschen“, Neue Gesellschaft für Bildende 	
	 Kunst in der Staatlichen Kunsthalle Berlin
1991	 Biennale Venedig
1993	 „Akademie 1993“, Akademie der Künste, Berlin
	 „Umbau“, Friedrichstraße, Berlin
1998	 „German Marks, Postwar Drawings and Prints“,
	 Harvard University
	 Museums, Boston (Busch Reisinger Museum)
1999	 „Das 20. Jahrhundert Gesichter der Zeit“,
	 Kupferstichkabinett, Berlin
2003	 „Diffusion / primär Zeit“, mit Dieter Appelt,
	 Alexander Kluge etc.; UdK in der Opel AG,
	 Berlin und Rüsselsheim
	 „Berlin – Moskau“, Martin-Gropius-Bau, Berlin
2004	 „Standpunkte“, Klingspor Museum, Offenbach
	 „Zivilcourage“, Märkisches Museum Witten
	 „Art in Berlin 15 years after the fall of the wall“,
	 San Antonio Public Library Foundation, Texas, USA
2005	 „Das Biest und andere Dämonen“, Sprengel Museum 	
	 Hannover
	 „Deep Action. Wolfgang Petrick und Meisterschüler“, 	
	 Georg Kolbe Museum Berlin
	 „Professoren der UdK“, Berlinische Galerie
	 „Großgörschen 35 / Ein Stück West-Berlin
	 1964-1968“, Galerie Eva Poll, Berlin
2007	 „L’Homme-paysage“, Villa Oppenheim, Berlin
	 „25 Jahre Brusberg Berlin“, Galerie Brusberg, Berlin
2009	 „aus/gezeichnet/zeichnen“, Akademie der Künste, 	
	 Berlin
2010	 „Source/Resource“, Wilde Gallery, Berlin
	 „Breakthrough! 20 Years After German Unification“, 	
	 First Amendment Center, Nashville, TN; The Aspen In	
	 stitute, Aspen, CO; Pepco‘s Edison Place Gallery, 		
	 Washington, DC; University of Texas San Antonio Art 	
	 Gallery, San Antonio, TX, USA
	 „Berlin zeichnet!“, Ludwig Museum im Deutschherren	
	 haus Koblenz
2011	 „Von Kirchner bis heute - Künstler reagieren auf Werke 	
	 der Sammlung Prinzhorn“, Sammlung Prinzhorn,
	 Heidelberg
Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl)
1963	 Skripturale Malerei, Haus am Waldsee, Berlin
1963	 „Junge Stadt sieht junge Kunst“, Wolfsburg
1965	 „Kunstpreis Junger Westen“, Kunsthalle
	 Recklinghausen
1966	 „Junge Berliner Künstler“, Kunsthalle Basel
	 „Berlin 66“, Märkisches Museum, Witten
	 „Arte Contemporaneo Allemagne“, Museo Moderno, 	
	 Mexico City
1967	 „Neuer Realismus“, Haus am Waldsee, Berlin
	 „Junge Berliner Künstler“, Kopenhagen
1969	 Retrospektive Großgörschen 35, Berlin
	 Kunstpreis der Stadt Wolfsburg
	 „Berliner Künstler“, Städtische Kunsthalle Budapest
1970	 3. Internationale der Zeichnung, Darmstadt
	 „Berliner Realisten“, Badischer Kunstverein, Karlsruhe
1971	 Biennale des Jeunes, Paris
	 „Zeitgenössische deutsche Kunst“, Tokio und Kyoto
1972	 „Prinzip Realismus“, Berlin, München, Oberhausen, 	
	 Freiburg, Karlsruhe, Göteborg, Tromso, Bergen, Oslo
1973	 „Mit Kamera, Pinsel und Spritzpistole“, Städtische 	
	 Kunsthalle, Recklinghausen
1974	 „Liebe und Tod“, Neue Galerie Aachen
1975	 „Realismus und Realität“, Kunstverein Darmstadt
1976	 „Aspects of Realism“, Kanada
	 „Berlin now“, New York
	 documenta 6, Kassel
	 „21 Künstler aus Deutschland“, Louisiana Museum, 	
	 Humlebaek
1977	 „Aspekt Großstadt“, Berlin, Frankfurt, London,
	 Edinburg
1978	 „Zeichnungen von Realisten“, Galerie Poll, Berlin sowie 	
	 in Amersfoort und Paris
	 „Als guter Realist muß ich alles erfinden“, Kunstverein 	
	 Hamburg und Badischer Kunstverein, Karlsruhe
	 Biennale der Zeichnung, Sidney
	 „Ugly Realism“, London
1979	 „Neue Formen des Realismus“, Recklinghausen und 	
	 Warschau
	 „Malerei in Berlin von 1970 bis heute“, Bonn
	 „Kunst in Berlin von 1960 bis heute“,
	 Berlinische Galerie, Berlin
1980	 „Forms of Realism Today“; Musée d`art contemporain, 	
	 Montreal
	 „Realism and Expressionism in Berlin Art“, Los Angeles
1981	 „Känsle och Härdhet“, Kulturhuset, Stockholm
1983	 „Realistische Zeichnungen“, Neue Nationalgalerie, Berlin
	 „Acht Künstler aus der Bundesrepublik Deutschland“,
1985	 „Representation Abroad“, Hirshhorn Museum,
	 Washington D. C.
	 „Apokalypse (Ein Prinzip Hoffnung)“, HackMuseum, 	
	 Ludwigshafen
	 „Expozitia de Arta Plastica Contemporana
	 di Republica Federala
	 Germania“, Rumänien
1987	 „Standort 1987“, Galerie Pels Leusden, Berlin
	 „Positionen des Realismus“, Galerie Poll, Berlin
1988	 „Stationen der Moderne“, Berlinische Galerie, Berlin
	 „Kunst nach 1945“, Neue Nationalgalerie, Berlin
1989	 „Art in Berlin 1815 - 1989“, High Museum of Art,
	 Atlanta, Georgia, USA
P(R)UNK

P(R)UNK

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    2 3 P(R)UNK. DieAusstellung Vorwort von Harald Falckenberg Die Sammlung Falckenberg hat sich mit ihrem Programm das Ziel gesetzt, nicht nur junge Gegenwartskunst zu zeigen, sondern die- se Kunst im Kontext internationaler Nachkriegskunst zu verstehen. Wenn in Harburg Positionen von Künstlern wie Öyvind Fahlström, Jean-Jacques Lebel, Otto Mühl, Peter Weibel, Andreas Schulze, Paul Thek und jetzt Wolfgang Petrick gezeigt werden, geht es des- halb nicht um eine historisierende Sicht, sondern den Versuch, die Entwicklungslinien der Kunst der letzten 50 Jahre bis heute zu ver- deutlichen. Die Kunst des 71jährigen Wolfgang Petrick ist ein markantes Bei- spiel. Seine Hochschulausbildung begann er 1958 im Umfeld von Lehrern, die dem Bauhaus, abstrakten Expressionismus, Surrea- lismus, der gestischen Malerei und der Art Brut verpflichtet waren. In Abgrenzung zu diesen Vorbildern entwickelte Petrick in den 60er und 70er Jahren zusammen mit Künstlern wie KH Hödicke und Markus Lüpertz den Kritischen Realismus, der sich zum Ziel ge- setzt hatte, mit der Borniertheit und den Zwängen der deutschen Nachkriegsgesellschaft aufzuräumen. Die einzelnen Stationen des Werdegangs Petricks sind in den Beiträgen von Wulf Herzogen- rath, Hans-Werner Schmidt, Jürgen Schilling und Hans-Christoph Buch mit Abbildung der wichtigsten Arbeiten geschildert. P(R)UNK, der Titel der Ausstellung, bezieht sich auf die tiefe Spaltung der Gesellschaft Ende der 70er/Anfang der 80er Jahre. Längst hatten die Deutschen die entbehrungsreichen Jahre hinter sich gelassen und sich zu einer Wohlstandsgesellschaft mit hedo- nistischen Zügen entwickelt. Der Lust und Verschwendungssucht der neuen Gesellschaft mit ihrem Prunk entspricht als Widerpart die Haltung einer im Sinne des Wortes enttäuschten Jugend ohne Hoffnung, die sich im Punk entlädt. Inzwischen Professor an der Kunsthochschule in Berlin, unterrichtet Wolfgang Petrick ab Mit- te der 70er Jahre mehrere Studenten aus dem Kreis der legen- dären Kreuzberger Punkkneipe SO 36. Über Ulrich Strothjohann, dem späteren Mitarbeiter von Martin Kippenberger, lernte er die Gründer der Krawallkombo „Einstürzende Neubauten“, Blixa Bar- geld und FM Einheit, kennen. Zu FM Einheit hat Petrick bis heute Kontakt. Zur Eröffnung der Ausstellung P(R)UNK gibt er in Harburg ein Konzert. Die Malerei der Jungen Wilden im Berlin der 80er Jahre leitete die Entwicklung des Künstlers vom Prediger höherer Werte zu einem eher subjektiv geprägten Kunstverständnis ein. Der endgültige Bruch mit dem Kritischen Realismus und seiner Auseinander- setzung mit der deutschen Nachkriegsgeschichte vollzog sich 1989/90 mit der Wiedervereinigung. 1994 verließ Petrick Berlin in Richtung New York und hält sich dort bis heute mehrere Monate im Jahr auf. In New York entwickelte er einen völlig neuen, multimedial angelegten Kunststil, der durch tiefenpsychologische Bezüge und Dynamik gekennzeichnet ist. Die Städte, Gebäude, Alltagsgegen- stände und mythenhafte Gestalten in seinen Malereien sind zent- rifugalen, alles zerreißenden Kräften ausgesetzt. Wolfgang Petrick bezeichnet diese Schaffensperiode als VORAGO, den lateinischen Ausdruck für Wirbel und Strudel. Er scheint damit den Schluss- strich unter eine lange Entwicklung zu ziehen. Es ist nicht zuletzt eine Rückkehr zu den Wurzeln seiner künstlerischen Tätigkeit im Berlin der Nachkriegszeit mit all ihren Zweifeln und der Wut auf die Generation der Väter. Die Arbeiten Wolfgang Petricks der letzten Zeit stehen im Mittelpunkt der Ausstellung. P(R)UNK* The Exhibition Foreword by Harald Falckenberg The Falckenberg Collection aims with its program not only to ex- hibit young contemporary art but also to understand this art within the context of international post-war art. Thus, when positions of artists such as Öyvind Fahlström, Jean-Jacques Lebel, Otto Mühl, Peter Weibel, Andreas Schulze, Paul Thek and now Wolfgang Pe- trick are shown in Marburg, the concern is not to present a histori- cized viewpoint but rather to attempt an elucidation of the paths of development in art from the last 50 years through to today. The art of 71-year-old Wolfgang Petrick is a striking example. He began his college education in 1958 surrounded by teachers who were indebted to Bauhaus, abstract expressionism, surrealism, gesture painting and Art Brut. Demarcating himself from these role models, in the 1960s and 70s Petrick developed critical realism to- gether with artists such as K.H. Hödicke and Markus Lüpertz with the aim of sweeping away the narrow-mindedness and constraints of German post-war society. The individual phases in Petrick’s ar- tistic career are described in the contributions by Wulf Herzogen- rath, Hans-Werner Schmidt, Jürgen Schilling and Christoph Buch together with reproductions of his most important work. The exhibition’s title P(R)UNK refers to the deep cleft in German society at the end of the 1970s and the beginning of the 80s. The Germans had left their years of deprivation far behind by then and developed into an affluent society with hedonistic traits. The pleasures and extravagance of this new society full of pomp repre- sented an adversary to the attitude in the true sense of the word of the disenchanted youth without hope, one which found its release in punk. By now a professor at the Academy of Fine Arts in Berlin, from the mid 1970s Wolfgang Petrick taught several students from the circle which hung out in the legendary punk bar SO 36 in West Berlin’s left-wing Kreuzberg district. Through Ulrich Strothjohann, who would later become an associate of Martin Kippenberger, Pe- trick got to know Blixa Bargeld and FM Einheit, the founders of the German noise band Einstürzende Neubauten. Petrick still remains in contact with FM Einheit up to today. For the opening of the P(R)UNK exhibition, FM Einheit is going to give a concert in Harburg. The art of the Junge Wilden/Young Wild Ones in Berlin in the 1980s triggered off a development in the artist from being a preacher of higher values to one driven by a more subjectively defined under- standing of art. However his final break with critical realism and his confrontation with German post-war history occurred with the reunification of Germany in 1989-1990. In 1994 Petrick left Berlin and headed for New York. Since then he has spent several months there every year. In New York he developed a completely new, mul- timedia based artistic style which is marked by references to depth psychology and dynamism. The cities, buildings, everyday objects and mythical figures in his paintings are exposed to centrifugal forces ripping everything apart. Wolfgang Petrick has labeled this creative period VORAGO, the Latin word for a swirl and a vortex. Last but not least it embodies a return to the roots of his artistic ac- tivities in Berlin during the post-war period with all their doubts and the anger at his father’s generation. Wolfgang Petrick’s work from this most recent period represents the focus of the exhibition. *P(R)UNK: PUNK-POMP; PUNK-DELUXEDas Neue, 2010, Malerei
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    Anonym, holländisch Einführung Wulf Herzogenrath Malereiist bei Wolfgang Petrick ein gefährlicher Prozess, gefähr- lich für den Künstler, der von seinen Mal-Gesten fortgerissen wird von den realistischen Anstößen und Vorgaben, die am Anfang zu stehen scheinen. Neue Materialien, Bildtechniken, technische Möglichkeiten faszinieren ihn, so unterzieht er seine Figurationen immer neuen Verwandlungen. Die Begrenztheit der rechteckigen Leinwand hat Petrick immer schon überwinden wollen, und seine Bilder griffen in den Raum hinaus. Seine Figurationen entstanden nicht nur als Malerei, die Realien wuchsen als Assemblagen zu ganzen Kabinetten, überwucherten die gläsernen Vitrinen, spiegel- ten sich real oder virtuell, verdoppelten sich im Bild als wieder zu verändernde Reproduktion. Gefährlich sind die Werke von Petrick auch für die Betrach- ter: sie verlieren ihren klaren Standpunkt, ihren Haltepunkt – der Ma(hlstrom der Bewegungs-Gesten zieht sofort in Bann. Gefähr- lich sind die spitzigen, aggressiven Teile der Assemblagen sogar ganz real, auf seiner Bild-Baustelle liegen nicht nur die Nägel, die Sägen, Hämmer mit Puppen, Pelzen, Glasobjekten etc. herum, es ragen überall scharfkantige Materialien heraus, schockieren miss- geformte Lebewesen, aufgespießt in gesplitterten Glasvitrinen. Schönheit als Ideal lässt sich nur gestalten und sehen, wenn die Schatten der Zerstörung, der Veränderung selbst zu Bildern der Sehnsucht werden: die Manieristen – die Formverbieger, die Raumdreher, die Groteske - interessieren Petrick mehr als das Ebenmaß und die „Stimmigkeit“ der Bilder der Renaissance-Kunst, der Punk mit seinen Brechungen mehr als die rhythmische Rock- Detail,Jugend, 2007-09, Objekt Introduction Wulf Herzogenrath With Wolfgang Petrick painting is a dangerous process; dange- rous for the artist who is swept away from his painting flourishes by the realistic impulses and demands that become apparent at the start. New materials, new imaging techniques, and technical possibilities fascinate him, so he continually subjects his figura- tions to new transformations. Petrick always wanted to overcome the finiteness of the rectangular canvas, and his paintings reached out into space. His figurations arise not only as painting; the real- life objects grew as assemblages to entire exhibitions, overran the crystalline display cases, reflected themselves as real or virtual, re- duplicated themselves once again in the tableau as ever-changing reproductions. Petrick’s works are also dangerous for the observer: they lose their evident position, their station—the maelstrom of signs of move- ment immediately captivates. The pointed, abrasive components of the assemblages are dangerous even in reality; on his construc- tion site of the image, there lie about not only nails, saws, hammers with dolls, furs, glass objects, etc.—sharp-edged materials jut out everywhere. Misshapen creatures shock, skewered in slivered glass showcases. As an ideal, beauty can be configured or seen only when the shadows of destruction and of change itself become images of desire: the mannerists—distorters of shape, turners of space, the grotesque—interest Petrick more than the regularity and the co- herence of renaissance art images; punk, with its breaks, more than rhythmic rock music; dissolution more than concinnity—and Petrick’s works are indeed fed by an unbridled love for his prototy- pes, the tattered and oppressed, the vibrantly gaudy objects, big city noises. Titel, Datum, Kunsthalle Bremen 6 7 Jugend, 2007-09, Objekt
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    Timber, 2010, MalereiAsylum, 2010, Malerei in dem chaotisch erscheinenden flachen Bildgemenge herauszu- lesen. Petrick zwingt den Betrachter, in der zwar flächig gemalten Formenwelt die illusorisch ablesbare, räumliche Ordnung des als Chaos erscheinenden Weltdetails selbst zu entdecken. So verändert sich das Werk von Wolfgang Petrick kontinuierlich seit Jahrzehnten, es gelingt ihm immer wieder ein kraftvoller Zu- griff auf die Realität, die er doch als Illusion entlarvt, ein Wunsch nach einer ganzheitlichen Räumlichkeit, nach Zusammenhang ist in dem lebendig Chaotischen der Schichtung und Vernetzung der Bild- Bedeutungs- und Medien-Ebenen zu spüren: der Versuch, aus dem Weltchaos eine eigentlich unmögliche Einheit zu gestal- ten. Oder man kann es kunsthistorisch ausdrücken: wie kann dem aufsplitternden Manierist das barocke Gesamtkunstwerk gelingen – die realen Bilder als malerische Gesten aus digitalem Reprodu- zieren übermalter Fotografie-Teile, die Collage als Gesamtkunst- werk, die Fragmente des Hässlichen als Feier der Schönheit! Prof. Dr. Wulf Herzogenrath Direktor der Kunsthalle Bremen musik, die Auflösung mehr als die Zusammenfügung – und doch sind alle Werke Petricks gespeist von einer unbändigen Liebe zu seinen Prototypen, den ramponierten, geschundenen Menschen, den kraftvoll protzigen Objekten, dem Krach in den Großstädten. Ihn interessiert, welche Kräfte deformieren oder die edle Form verändern: „Gemalte Verspottungen der Ästhetik“ nennt Werner Hofmann die Figurenwelt Petricks, deren „rebellische Gliedmassen sich gegenseitig Gewalt antun“ (Werner Hofmann, W.P. – Malerei und Material, Haus am Lützowplatz Berlin, 1999, S. 8) Doch seit einigen Jahren sehen wir diese geschundene Figuren- welt nicht allein mit sich, den Farbgesten und eigentümlichen Ob- jekten, mit Gerätschaften und Waffen kämpfen, nein, die ganze Malfläche versinkt im VORAGO, im anamorphotischen Bildräu- men. Diese aus dem Barock als zugleich spielerisch wie mystisch verwendbare Bildform hat Wolfgang Petrick fasziniert, weil ihm so eine neue Möglichkeit gegeben wurde: Nicht nur – wie in seinen früheren „Doppelbildern“ - eine Scheinbewegung innerhalb sich doppelnder Bildwelten, nein: mit den Anamorphosen erreicht Pet- rick eine neue Dynamisierung der Bildfläche. Die Veränderungen des „Normalen“, die Varianten des niemals Gleichen in allen seinen monströsen Möglichkeiten interessieren Wolfgang Petrick, dessen spontane Antwort auf die Frage nach seinem Lieblingsfilm, der extreme Film der 1930er Jahre „Freaks“, nicht erstaunt. Vielleicht verstärkt auch durch die Tatsache, dass ein solcher Film nicht später oder gar heute eindringlicher gestaltet wurde als damals in den Zeiten von Otto Dix, George Grosz oder auch Max Beckmann. Denn, Film gab es nun mal auch noch nicht zu Breughels Zeiten, und selbst Ensor zeichnete seine Alpträume ohne Kenntnisse der filmischen Medienmöglichkeiten. Sollte die Nähe zu Dix auch Berliner Traditionslinien aufzeigen, so weitet sich das Spektrum seit den „Freaks“. Doch die Methode der Anamorphose ermöglicht noch gänzlich andere Verzerrungen, und zwar scheinbar chaotisch aussehende, in Wirklichkeit aber rationale, wissenschaftlich korrekte Verschie- bungen: die realen Figuren lassen sich erst mit Hilfe des auf die Bildfläche gestellten zylindrischen Spiegels exakt ablesen. So ver- mutet der Betrachter der anamorphotisch wiedergegebenen Sze- ne eine „höhere Ordnung“, und er selbst muss nun versuchen, sie Bad Mast, 2007-08, Malerei Jugend, 2008, Malerei Rotation, 2008, Malerei View, 2010, Malerei He is interested in which forces deform or alter the noble form: “a painted mocking of aesthetics,” as Werner Hofmann calls Petrick’s world of figures, whose “rebellious limbs violate one another” (Wer- ner Hofmann, W.P.—Malerei und Material, Haus am Lützowplatz Berlin, 1999, p. 8). Yet for some years now we have seen this maltreated world of figures battling not only itself, its flourishes of color and peculiar objects, with equipment and weapons; rather, the entire painted surface sinks, in VARAGO, in anamorphic visual spaces. This vi- sual form from the baroque, both playfully and mystically adaptive, has fascinated Petrick, as it has afforded him a new possibility: not merely—as in his earlier “double images”—an apparent moti- on within reduplicating worlds of images: with the anamorphoses Petrick achieves a new stimulation of the scene. The transformations of the “normal,” the never-paralleling variants in all their monstrous possibilities interest Wolfgang Petrick, whose spontaneous answer comes as no surprise when he is asked to name his favorite film, the extreme 1930s movie “Freaks.” Perhaps it is all the more striking that such a film has never since, even to this day, been more urgently fashioned as back then in the times of Otto Dix, George Grosz, or Max Beckmann, since there was no film in Breughel’s time, and even Ensor sketched his nightmares without knowledge of the possibilities of cinematic media. If Berlin lines of tradition evince a proximity to Dix, the spectrum has been widening since “Freaks.” The implementation of anamor- phosis permits yet entirely diffe- rent contortions and shifts which are truly chaotic in appearance but which, in reality, are rational and scientifically correct: the real figures allow themselves to be pre- cisely read only with the help of the cylindrical mirror positioned on the picture. Thus, the observer of the anamorphically re-presented scene supposes a “higher order” and must now himself attempt to deduce it in the seemingly chaotic, planar mixture of images. In the two-dimensionally painted world of forms, Petrick compels the observer to want to discover the illusively readable, spatial order of this world’s details that emerge from chaos. As the work of Wolfgang Petrick has been continuously changing for decades, he has managed time and time again a powerful grasp on reality, which he exposes as illusion; and in the vital chaos of the layering and interconnectedness of the planes of image, meaning, and mediums, one senses the desire for a holistic spatiality, for co- herence: the attempt to forge an intrinsically impossible unity from world chaos. Or, expressed in terms of art history: how can the fragmenting mannerists succeed at a baroque Gesamtkunstwerk (synthesis of the arts)—the actual images as a scenic gesture from the digital reproduction of painted-over bits of photography, the collage as Gesamtkunstwerk, the fragments of the hideous as a celebration of beauty! Prof. Dr. Wulf Herzogenrath Director Kunsthalle Bremen Manipulation nach Holbein, Fundstück 8 9
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    Picnic, 2010, Malerei1011 Das Neue, 2010, Malerei
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    Dachboden Landschaft I,2010, Malerei Dachboden Landschaft II, 2010, Malerei Dachboden Landschaft III, 2010, Malerei 12 13
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    Adam, 2010, MalereiEva, 2010, Malerei 14 15
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    Aufgeladene Linien undekstatische Drehungen1 Hans-Werner Schmidt 1964 malt Wolfgang Petrick ein Bild, dem er den Titel „Paradies“ gibt. Der Künstler ist 25 Jahre alt, der Studienabschluss an der Hochschule für Bildende Künste in Berlin steht bevor – und die Berufung an eben diese Schule sollte elf Jahre später erfolgen. 1975 übernimmt Petrick dort eine Professur. Ist das „Paradies“ von 1964 der Verweis auf ein verloren gehendes oder die Sehn- sucht auf ein kommendes Paradies? Angesichts des dargestellten Quartetts sind deutliche Zweifel bezüglich einer positiven Rückver- sicherung oder einer Hoffnung angemeldet. Petrick spricht rückschauend positiv von den studentischen Hoch- schuljahren, die für ihn 1958 beginnen. Er bewegt sich im Umfeld der Lehrer Fritz Kuhr (1899-1975) und Juro Kubicek (1906-1970), beide durch Bauhaus-Jahre geprägt, von Fred Thieler (1916-1999), einem Aktivposten der Abstraktion, und Mac Zimmermann (1912-1995), der die surreale Tradition fortschreibt. Es sind alle- samt Künstler, die im Gefühl der Selbstzufriedenheit miteinander verkehren, ist es ihnen doch nach 1945 möglich, sich in künst- lerischen Positionen der Moderne widerzuspiegeln und eine ver- meintliche Kontinuität der künstlerischen Biographien zu praktizie- ren bei Ausblendung des nazistischen Terrors nicht nur gegen die Freiheit der Kunst. Das Vergessen, das dem Antrieb des Verdrän- gens folgt, stößt in der Petrick-Generation auf Befremden, provo- ziert zum Widerspruch angesichts der Erblast des Dritten Reiches, das in den 1950er und 60er Jahren in Gestalt von Biographien und einem mentalen Rückstau in der Alltagskultur noch präsent ist. Pe- trick verfolgt die künstlerische Spur von Wols, der angesichts des aufziehenden Nazi-Terrors 1933 Dresden verlässt und der in Paris eine neue künstlerische Heimat findet. Petrick spricht heute von der Attraktivität der „Gespinster“, von zeichnerischem Gekräusel im Werk von Wols, die den knapp Zwanzigjährigen beeindrucken. In anregender Nachbarschaft dazu nimmt Petrick Kenntnis vom skripturalen Stil Cy Twomblys, der 1960 zum ersten Mal in der Bundesrepublik Deutschland ausstellt, in der Stuttgarter Galerie Müller. Charged Lines and Ecstatic Twirls1 Hans-Werner Schmidt In 1964 Wolfgang Petrick painted a picture which he titled “Para- dies/Paradise.” The painter was 25 years old at that time, with his studies at the Academy of Fine Arts in Berlin drawing to a close— the same school to which he would be appointed eleven years later. In 1975 Petrick assumed a professorship there. Is his “Pa- radies” from 1964 a reference to a paradise dwindling away or the yearning for one to come? In view of the quartet depicted on the picture, clear doubts may be expressed regarding any positive reassurance or even a hope. In hindsight, Petrick speaks positively about his student college years, which began for him in 1958. He moved in the circles sur- rounding the teachers Fritz Kuhr (1899-1975) and Juro Kubicek (1906-1970), both of whom were marked by the Bauhaus era. He was aware of the work by Fred Thieler (1916-1999), a driving force in abstraction, while for the youthful Petrick it was Mac Zim- mermann (1912-1995) who continued the surreal tradition. These are all artists who communicated with each other in a sense of self-satisfaction, for after 1945 it proved possible from them to es- tablish themselves within the artistic positions of modernism and to practice a reputed continuity of the artistic biographies while suppressing the Nazi terror and that not only against artistic free- dom. The forgetfulness which followed the drive to suppress was met with rejection in Petrick’s generation, provoking protest when faced by the burdensome legacy of the Third Reich that was still present in the 1950s and 60s in the form of biographies and a mental backlog in everyday culture. Petrick pursued the artistic tra- ces of Wols, who abandoned Dresden in 1933 when faced by the growing Nazi terror and found a new artistic home in Paris. Today Petrick speaks about the attractiveness of the “fine webs,” of the frizzy curls drawn in the works of Wols which impressed Petrick when he was then just twenty years old. Within the stimulating vicinity of this Petrick became aware of the scriptural style of Cy Twombly, who exhibited in West Germany for the first time in 1960 at the Stuttgart gallery Galerie Müller. Female Pilots 5-teilige Serie, 2008, Fotomontage Melitta Judith Lisel Gudrun Katya 18 19
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    der Bezeichnung „OhneTitel“ daherkommen, aber auch in Be- deutungsverstärkung mit „Die Unseriösen“ (1964) und „Übeltäter“ (1963) unterlegt werden. Bei einem solchen Zusammenspiel von Ausdrucksträgern unsympathischer Art bei entsprechender Beti- telung sieht sich der Betrachter schon in seinem ersten Eindruck bestätigt im Sinne eines Negativ-Reflexes. Bei „Paradies“ stellt sich dagegen umgehend der Missklang ein zwischen einer Ankün- digung im Titel und der konträr dazu wirkenden Darstellung. 1964 sind die Vorstellungen vom Paradies sehr unterschiedlich. In der Bundesrepublik Deutschland trifft der millionste Gastarbeiter ein, ein Portugiese, dem ein großer Bahnhof bereitet wird. Aus der randständig gewordenen Agrarkultur der iberischen Halbinsel ist er dem Ruf der Vollbeschäftigung nördlich der Alpen gefolgt. Arbeit finden war für ihn und eine Million anderer Gastarbeiter gleichsam der Lockruf des Paradieses. In Deutschland herrscht Hochkon- junktur. Das Wirtschaftswunder, das Paradies der Ökonomen, hat seine Schubkraft aus den 1950er Jahren behalten. Doch vor Ort projizieren die so Begünstigten das Paradies in die Ferne. Im Bay- erischen Rundfunk beginnt der Sprachkurs „Benvenuti in Italia“, um die jährlich dorthin Aufbrechenden, längst überfällig, auch mit mentalem Proviant auszustatten – selbst, wenn es nur die Grund- Sprachkenntnisse waren, um im „Paradies“ ein wenig sprachkom- patibel zu sein. Und Stanley Kubrick bringt 1964 die Bombenstim- mung in die Kinos. Die allseits herrschende atomare Bedrohung, ein Schatten der medial mit der spektakulären Begrüßung eines Gastarbeiters und „Benvenuti in Italia“ ausgeblendet wird, gewinnt mit der Filmsatire „Dr. Seltsam oder Wie ich lernte, die Bombe zu lieben“ eine groteske Präsenz. Und angesichts Petricks Vierer- gruppe sollte man auch die ersten spektakulären Pressekonferen- zen der Fab Four aus Liverpool reflektieren. Gerade auf amerika- nischem Boden angekommen, um die dortige Tournee zu starten, soll eine der ersten Fragen gelautet haben: „Glauben Sie an Wahn- sinn?“ Und die Antwort dazu: „Ja, es ist gesund.“ Und schon bei diesem Interview gewinnen selbst die nicht so Feinfühligen den Eindruck einer Hackordnung in der Gruppe und es bedurfte nach jeder Menge mentaler Rempeleien schon der Trennung und der Soloinitiative (von John Lennon), um „Give peace a chance“ zu verkünden. Und lotet man das Feld der Popularkultur aus, wird man weitere Divergenzen feststellen, die einem Paradies auf Er- den widersprechen. 1964 veröffentlicht Drafi Deutscher („And his Magics“) in Westdeutschland die Single „Shake hands“ und in Ost- Das Zeichnen als erregte Handschrift, die energiegeladene Linie, die Verdichtung mittels graphischer Techniken stehen am Anfang Petricks Kunstpraxis – und verweisen in Binnenspuren auf ein An- regungspotenzial durch Wols und Twombly. Spurlos im jungen Werk bleibt, vermutlich weil die Beeindruckung einer Überwälti- gung gleichkam, der Besuch einer Ausstellung mit zeitgenös- sischer amerikanischer Malerei in der Hochschule 1958. Solche Bildformate hatte Petrick noch nicht gesehen und gänzlich beein- druckt zeigt er sich noch heute von der Souveränität der Künstler, Farben und Formen einen autonomen Auftritt auf den Leinwänden zu geben, sei es im Dripping eines Jackson Pollock oder im Com- bine Painting eines Robert Rauschenberg. In der Petrick-Gene- ration müssen sich diese Bilder über den unmittelbaren Eindruck wie innere Tattoos eingebrannt haben, gab es doch keine beglei- tenden Katalogwerke, über die man sich in selbst verordneten Dosierungen und Reflektionsschritten dieser fremden Bildwelten nähern konnte. Vielleicht noch entscheidender für Petricks künst- lerische Entwicklung wird ebenfalls 1958 der Besuch einer James Ensor-Ausstellung in Rotterdam. Petrick stellt sich angesichts des makabren Maskentheaters nicht mehr die Frage, ob eine Kunst von gestern oder heute ist, ob sie dem Feld einer aus dem 19. Jahrhundert kommenden Tradition oder dem aktuellen Schauplatz der Moderne zuzuordnen ist – und es fokussiert sich bei ihm zwi- schen Wols und Twombly, zwischen Pollock und Rauschenberg und eben James Ensor eine Sehnsucht heraus: die nach der Figur. Und der gibt er im eingangs erwähnten „Paradies“ ihren Auftritt. In einem kastenähnlichen Raum mit deutlich gedimmter Lichtre- gie stehen vier Gesellen: deformiert wirkend, verletzt und entstellt, aggressiv und blutrünstig und dabei mit der Triebkraft erotischer Aufladung. Sich gegenseitig drangsalierend haben sie dennoch ihr Gegenüber, den Betrachter, fest im Blick. Insektenähnliche Wesen – Petrick hat im Nebenfach Biologie stu- diert – bevölkern 1964 und im zeitlichen Umfeld zahlreich die Lein- wände und Papiere von Wolfgang Petrick. Nervöse, ungelenke Kritzeleien aus vermeintlicher Schülerhand, geheime Obsessionen, die auf Toilettenwänden abgeschottet ihren bildnerischen Ausdruck finden, die Veröffentlichung der Bildwelten aus dem Sammlungs- gut der Prinzhorn-Sammlung unter dem stigmatisierenden Titel „Kunst der Geisteskranken“ wie auch die ästhetischen Filterungen dessen in der Art Brut nähren Petricks Figurengruppen, die oft mit Drawing as energized handwriting, with dynamic lines and com- pression by means of graphic techniques, was the initial art form practiced by Petrick—and in terms of their inner traces they re- fer to the stimulation of Wols and Twombly. His early work, how- ever, revealed no trace of the visit to an exhibition with contem- porary American painting held at the college in 1958, presumably because the impression proved to be overwhelming. Petrick had never seen such pictorial formats, and even today he still remains completely impressed by the sovereignty with which the artists ac- corded an autonomic presence to the colors and shapes on the canvasses, be that in the drip paintings by Jackson Pollock or Robert Rauschenberg’s combine paintings. For Petrick’s genera- tion, the immediate impression of these painting must have been comparable to inner tattoos engraved in their minds, but there was no catalogue to the exhibition which would have permitted them to draw closer to this alien world of images in self-defined doses and reflective phases. Yet perhaps even more decisive for Petrick’s artistic development was the visit to a James Ensor exhibition in Rotterdam, which also occurred in 1958. When faced with the ma- cabre theatre of masks, Petrick no longer questioned whether a piece of art is from the past or the present, whether it should be categorized in an area arising from the tradition of the 19th century or within the current modernism setting—and he began to focus on a yearning within him between Wols and Twombly, between Pollock and Rauschenberg and even James Ensor: a yearning for the figure. And this he presented in the previously mentioned work, “Paradies.” Standing in a box-like space with a clearly dimmed lighting scheme are four companions: seemingly deformed, injured and distorted, aggressive and bloodthirsty, yet infused with the driving force of an erotic energy. Even as they torment and harass each other, they still have the person opposite, the viewer, firmly in view. Insect-like creatures—one of Petrick’s minor fields of study was biology—inhabit numerous canvasses and drawings by Wolfgang Petrick from 1964 and the surrounding timeframe. Nervous, awk- ward scribblings by a supposed pupil’s hand, secret obsessions that find their visual expression banished on toilet walls, the pu- blication of the pictorial worlds of the Prinzhorn Collection under the stigmatizing title “Artistry of the Mentally Ill” as well as the ae- sthetic filterings of same in Art Brut nourish Petrick’s groups of figures, which are often accompanied by the designation “Untitled” yet also highlighted in amplified significance with names such as “Die Unseriösen/The Dubious Ones” (1964) and “Übeltäter/Evildo- ers” (1963). With such an interplaying of disagreeable conveyors of expression with corresponding titles, the viewer already regards his first impression as confirmed in the sense of a negative re- flex. With “Paradies,” by contrast, a dissonance immediately arises between what the title indicates and the apparently contradictory depiction. In 1964 people’s ideas of what paradise was differed greatly. Red- carpet treatment was accorded to the millionth immigrant worker, a Portuguese, to arrive in West Germany. From the marginal agrari- an culture that the Iberian Peninsula had become, he was pursuing the call of full employment north of the Alps. Finding work was, so to speak, the siren call of paradise for him and a million other immi- grant workers. Germany was booming at that time. The economic miracle, paradise for economists, had maintained its momentum from the 1950s. Yet the beneficiaries there projected their paradise onto faraway places. On state TV in Bavaria, the language course “Benvenuti in Italia” began broadcasting in order to equip those heading to Italy every year with long overdue mental provisions as well—even if it was only the basic knowledge of the language in order to be a little language compatible in “paradise.” And in 1964 Stanley Kubrick detonated a terrific atmosphere in the cinemas. The prevailing ubiquitous threat of nuclear war, a cloud which was blocked out in the media by the spectacular welcome accorded to an immigrant worker and “Benvenuti in Italia,” gained a grotesque presence with the satirical film “Dr. Strangelove or: How I Learned to Stop Worrying and Love the Bomb.” And considering Petrick’s four man group, one ought to also reflect on the first spectacular press conference by the Fab Four from Liverpool. They had barely arrived on American soil to start their tour there when one of the first questions apparently posed to them was: “You’re in favor of lunacy?” To which they replied: “Yeah, it’s healthy.” And already at this interview, even not particularly sensitive people gained the impression that there was a pecking order in the band; after quite a bit of mental jostling, it was required to announce their separation and the solo initiative (of John Lennon) to “give peace a chan- ce.” And when you fathom the field of popular culture, you find further discrepancies that flay in the face of a paradise on Earth. In 1964 Drafi Deutscher (and his “Magics”) released the single Spiegelbild, 2008-09, Malerei Nebel, 2008-09, Malerei Ausblick, 2008-09, Malerei Brückenlegende, 2008-09, Malerei 22 23
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    ckenden Auftritt verhelfen.Petrick sucht keine Deformationen, er findet sie. Dies mag paradox klingen, doch es erklärt die Unwillkür- lichkeit der Begegnung. Petrick steht in der Tradition eines Großstadtrealismus, der – vor allem im Berlin der 1920er Jahre – Revue- und Absinthmilieu in sich durchdringenden Szenerien generiert. Der kühle Lufthauch der Neuen Sachlichkeit, eine veristisch dargebotene Surrealität und das spätexpressive Echo des Ekstatischen lassen Bild- welten entstehen, in denen das inszenierte freizügige Le- ben dem Tanz auf dem Vulkan gleichkommt und sich eine Ge- sellschaft in Frontverläufen dar- bietet. Spätestens seit dem 2. Juni 1967 ist Berlin der Schauplatz für aktuelle Bilder, in denen Traumkulissen und Gewaltpo- tenziale Stellung beziehen: auf der einen Seite die Aura des märchengleichen Kaiserpaares aus dem Iran auf Staatsbesuch – auf der anderen Seite die tödlichen Schüsse des – erst viel später als Stasi-Agenten enttarnten – Berli- ner Polizeimeisters Karl-Heinz Kurras. Der sterbende Student Ben- no Ohnesorg liegt niedergestreckt in den Armen einer Opernbesu- cherin, die sich auf dem Nachhauseweg befand. Hier das rinnende Blut aus dem Schädel, dort der aufreizende Schmuck am Ohr. Das „Paradies“ wird der Folie überführt, die zunehmend der Perfo- rierung ausgesetzt ist. Die zahlreichen Fenster- und Türöffnungen in Petricks Bildern, die Sichtschlitze und weggeklappten Kulissen geben den Blick frei auf Hinterzimmer und Hinterhöfe, in geheime Schaltzentralen und auf verdrängten Existenzen – bezogen auf die Kollektivität von Gesellschaft wie auf die Psyche des Individuums. 1970 malt Petrick das Bild „Die Würmer“. Er „durchbricht“ dabei eine Klinkerfassade, um den Einblick in vier Haushalte zu ermög- lichen: debile Gesichter in trivialem Wohnmilieu starren uns an, während an der Seite des Hauses, durch eine Öffnung springend, ein Hirsch das Weite sucht. Der „Röhrende Hirsch“ galt lange als Synonym für häusliche Gemütlichkeit, für die Bekrönung des sonn- täglichen Kaffeetrinkens im betulichen Ambiente eines Wohnzim- mers, das der jungen Generation in Austragung familiärer Konflikte zum Wahnzimmer wurde. Das Konzept „Konfrontation“ mit dem Betrachter, das den Bildauf- bau vom „Paradies“ bestimmt, kennzeichnet auch das Bild „Tou- risten“ (1970). Petrick erinnert sich an ein Foto, das ihn zu dieser Bildfindung inspiriert hat: koreanische Kampfschwimmer. Die heu- te gestellte Frage, ob nord- oder südkoreanischer Herkunft, kann er nicht mehr beantworten. Künstler und Autor einigen sich auf die Unerheblichkeit der Frage. In der Ferne haben die „Touristen“ bereits ihre Flagge auf eine Bergspitze gepflanzt, jetzt stürmen sie, unter der Dosis eines Okkupationstreibstoffes stehend, in die Fluten eines Bassins. Das sportive Outfit wirkt dabei eher wie eine martialische Panzerung und die verwundeten Körper, partienweise amputiert, rufen Bilder von entstellten, maschinenhaft agierenden Gladiatoren ins Bewusstsein. Die Gruppe erscheint wie eine Wal- ze, deren Deformiertheit unheilbringend fremdes Terrain infiziert. Dürers „Ritter, Tod und Teufel“ haben sich bei Petrick einem Feri- enflieger anvertraut. Kopfzwänge, 1980-1981, Malerei deutschland die Sputniks „Sputnik-Thema“ – und auf beiden Co- vern demonstrieren die Musiker die Gitarren in einer Handhabung, die dem Gebrauch von Feuerwaffen nicht unähnlich ist.2 So weit zum „Paradies“, das viele zudem mit dem Bild eines in- selhaften Daseins verbinden. Und West-Berlin ist 1964 bereits seit drei Jahren eine Insel, deren Küstenstreifen freilich ummauert und vermint sind. Auch wenn diese Abschottung Subventionsströme in die Westsektoren lenkt und eine beispiellose Auratisierung über den Brückenkopf der Freiheit genährt wird – John F. Kennedy hat 1963 bekundet: „Ich bin ein Ber- liner“ und Wolfgang Petrick zeigt sich heute noch als beeindruckter Zuhörer dieser Rede-, so bleibt die Umzäunung des Lebensraumes ein begleitender melancholischer Akkord, den es im alltäglichen Ver- kehr zu übertönen gilt. Das „Para- dies“ hat seinen Preis. 1964 gründet Wolfgang Petrick mit Ulrich Baehr, Hans-Jürgen Diehl, KH Hödicke, Markus Lüpertz, Pe- ter Sorge und einigen anderen die Ausstellungsgemeinschaft „Groß- görschen 35“ – eine Keimzelle des kritischen Realismus, dem bald das nationale Etikett D-Realismus verliehen wird. Trotz dieses ge- meinsamen Labels sind hier schon die unterschiedlichen Entwick- lungslinien deutlich. Hödicke und Lüpertz werden später durch den Kunstjournalismus zu den väter- lichen Vorreitern einer neuen Ma- lergeneration erkoren, denen In- szenierung und Pathos nicht fremd ist, während die Fraktion der zeichnerischen Analyse, des bewusst Polit-Kontextuellen, in deren Schatten gerät. Dass hier nicht allein die Gilde der Künstler die Wegmarkierungen bestimmt, soll an dieser Stelle nicht weiter aus- geführt werden. Der insektenhafte Bild-Typ lebt im Gruppendiskurs von „Groß- görschen“ in Petricks Bildwelten fort. Dessen Auftrittsorte wirken zunehmend verschachtelt, in Additionen eine Bildfläche füllend, ähnlich dem Aufbau einer Comic-Seite. Der nervöse Strich bleibt wie auch die konzipierte Ähnlichkeit mit der Zeichnung aus Kinder- hand. Erst 1968 macht sich eine neue Bildregie bemerkbar: Pola- ritäten in Bezügen werdenausgearbeitet, Diametrales findet sich in unmittelbarer Nachbarschaft, bildzonale Einschübe fungieren wie zusätzliche Erläuterungen, gleichsam visuellen Fußnoten. Tritt der Zeichenstift in Aktion, wirkt er wie ein Sezierinstrument, das Hin- tergründiges unter der Folie der Alltagsinszenierungen aufdeckt. Greift Petrick zum Pinsel, bleibt seine Spur unter Verschluss zu- gunsten von versiegelt wirkenden Oberflächen. Die Politur des ge- sellschaftlichen Verstehens erweist sich als kratzresistent. Petrick schaut dahinter, indem er immer wieder konsultiert den Atlas zur forensischen Medizin, der, von Otto Prokop herausgegeben, im Ost-Berliner Verlag Volk und Gesundheit erschienen ist. erscheint. Überall gibt es im gesellschaftlichen Gefüge Sollbruchstellen, die der schöne Schein nicht kaschieren kann. Petricks Darsteller zei- gen deutliche Spuren von Krankheitsverläufen, Verletzungen und prothetischen Behelfen, die ihnen letztlich noch zu ihrem erschre- “Shake Hands” in West Germany and, in East Germany, the Sput- niks brought out “Sputnik-Thema/Sputnik Theme”—and on both covers the musicians demonstrated their handling of their guitars in a way not dissimilar to using weapons.2 That is as far as it goes with “Paradies,” which many people also linked to the image of an insular existence. And by 1964, West Berlin had already been an island for three years with its coast completely walled in and mined. Even if this partition diverted streams of subsidies into the city’s west sectors and fed an un- precedented auratization via the bridgehead of freedom—John F. Kennedy announced in 1963 “Ich bin ein Berliner” and Wolfgang Pet- rick still describes himself today as a highly impressed listener of this speech—the fencing in of the living space remained an accompany- ing melancholy chord that had to be drowned out in everyday inter- course. “Paradies” had its price. In 1964 together with Ulrich Baehr, Hans-Jürgen Diehl, K.H. Hödicke, Markus Lüpertz, and Peter Sor- ge, Wolfgang Petrick founded the exhibition group “Großgörschen 35”—a nucleus of critical realism that would soon be accorded the national label of “D-Realism,” or German realism. In spite of this shared label, the differing lines of development were already clear. Hödicke and Lüpertz would later be chosen by the art journalists as the fatherly pioneers of a new ge- neration of painters whose productive work and emotiveness was not alien, while the faction practicing graphic analysis, which was deliberate in its political contextualization, became overshadowed. That the guild of artists did not set the markers alone in this regard is something which will not be further dealt with here. The insect-like type of image lived on in Petrick’s world of ima- ges during the group discourse at “Großgörschen.” The settings in which they appeared seemed to become increasingly encapsu- lated, filling the full image area in summations similar to the way a comic page is constructed. The nervous line remained, as did the conceptual similarity with drawing by a child’s hand. It was only in 1968 that a new visual direction became perceptible: polarities in references were elaborated, with diametrics in close proximity to each other and insertions into areas of the picture functioning like additional explanations (as visual footnotes so to speak). When the pencil went into action, it functioned like a dissection instrument, revealing the background beneath the film of everyday settings. When Petrick reached for the brush, its traces were concealed to the benefit of a surface that appeared sealed. The gloss of social intercourse proved to be scratch resistant. Petrick looked beyond it by constantly consulting the “Atlas of Forensic Medicine” which, published by Otto Prokop, appeared in the East German publi- shing house Volk und Gesundheit. There were breaking points in the social structures that pretty appearances were not able to conceal. Petrick’s characters revealed clear traces of diseases in progression, injuries and prosthetic aids that ultimately even sup- ported them in their horrific appearances. Petrick did not seek out deformations, he found them. That may sound paradoxical, yet it explains the non-arbitrariness of the encounters. Petrick belonged to the tradition of urban realism which—in Berlin of the 1920s especially—was generated in self-penetrating scena- rios in the revue hall and absinthe milieu. The new gentle breeze of the “Neue Sachlichkeit,” or New Objectivity, a realistically depicted surrealism, and the late expressive echo of ecstatics permit visual worlds to be created in which the staged liberal life is tantamount to dancing on a volcano and which present a society on the front- lines. As of June 2nd 1967 at the latest Berlin became the stage for topical images in which dreamlike settings and the potential for violence had their place: on one side, the aura of the fairytale impe- rial couple from Iran on a state visit—on the other side, the deadly shots by the West Berlin police officer Karl-Heinz Kurras, who was only exposed as a communist East German secret police agent much later. The mortally wounded student Benno Ohnesorg lay stretched out in the arms of a female visitor to the opera who was on her way home at that time. Here, the blood pouring out of his skull, and there, the tantalizing jewelry on her ears. The “Paradies” is transformed into a film that is increasingly ex- posed to perforations. The numerous window and door openings in Petrick’s pictures, the slits and folded-away scenes, provide a view of backrooms and backyards, into secret control centers and of suppressed existences—alluding to the collectivity of society as well as to the psyche of the individual. In 1970 Petrick painted the picture “Die Würmer/The Worms,” in which he “broke through” the red brick facade of a house to permit an insight into four households: moronic faces in a trivial residen- tial environment stare at us, while at the side of the house a stag is jumping out through an opening in search of open space. The “bellowing stag” has long been regarded as a synonym for homely comfort, for the crowning moment of drinking the Sunday coffee in the sedate atmosphere of a living room that became a living hell for the young generation when family conflicts occurred. The concept of “confrontation” with the viewer that determined the visual composition of “Paradies” is also a hallmark of the pic- ture “Touristen/Tourists” (1970). Petrick remembers a photo that inspired him to create this image: Korean frogmen. The question Paradies, 1964, Malerei Streichholz und Messer, 1964, Zeichnung 24 25
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    Darstellung bleibt uneindeutig.Fokussieren wir einen möglichen historischen Kontext, dann sehen wir ein Vermessungsinstrument im Rahmen der ideologiegeleiteten Rassenforschung. Blenden wir diese vermeintliche Eindeutigkeit, diesen reflexartigen Bezug auf die Jahre 1933 bis 1945 aus, ergeben sich im offenen Diskurs weitere Fragen. Werden wir eines rettenden operativen Eingriffs gewahr oder einer Folterszene? Ist die Apparatur eine abschir- mende, stabilisierende Konstruktion, unter der die mit Blessuren übersäten Körper gerichtet werden, oder ist es die überdimensi- onierte „Daumenschraube“, die dem Prozess der Tortur dient? Ist die „Kopfzwänge“ – Petricks künstlerische Biographie reflektierend – eine Anspielung auf die „Verkopftheit“ auch der künstlerischen Hand, die allein noch gehorcht den verbalen Diktaten und Theo- rielastigkeiten? Die „Kopfzwänge“ erscheint bei Petrick jedoch in allmählicher Auflösung. Der kalte Stahl befindet sich im Zustand der Zersetzung. Die Farbsubstanz zerrinnt in wässrigen Laufspu- ren und somit verliert das technoide Monstrum seine Konsistenz. Es dominiert nicht mehr das Abbild, das sein Medium, die Malerei, verleugnet. Die Darstellung „Kopfzwänge“ bekennt sich zur Ma- lerei, der die Flüchtigkeit einer Handschrift kein Negativqualitäts- siegel sein muss. Und im Hintergrund holt Petrick zum Rundum- schlag aus. Im ungestümen Pinselduktus zelebriert er Gestik, lädt er das Formale inhaltlich auf und so entsteht umso überzeugender das Bild eines Infernos. Davon hat Petrick mit dem sezierenden Stift im Vor-Werk berichtet, jetzt drückt er es aus. Ikonographische Aufladungen des Figurativen, verschmolzen im Duktus einer heftigen Malerei, kennzeichnen das Werk des Künst- lers in den 1980er Jahren, ohne dabei das gewachsene Œuvre zu verleugnen: der menschliche Körper ausgesetzt den Torturen, stets auch gesehen hinter der alltäglichen Folie mit den kleinen Nadelstichen, und dabei szenisch verdichtet wie in einem Bild, das den Titel trägt „Ein schöner grauer Tag“. Eine solche Formulierung kündet vom Zusammenspiel der vordergründigen Wohlfühlszena- rien mit dem Hintergrundkolorit der Tristesse. 1990 zeigen die Galerie der Stadt Esslingen und die Hamburger Kunsthalle eine große Überblicksausstellung zum Werk von Wolf- gang Petrick.3 Im Katalog gibt es zwei Beiträge, die mit vergleichbaren Lesersen- sibilisierungen beginnen. So Eberhard Roters: „Das Atelier befindet sich in einer alten Fabriketage direkt an der innerdeutschen Grenze mit einem ... Blick über die Spree und die Berliner Mauer hinweg nach Ost-Berlin.“4 Und Uwe M. Schneede: „An der Spree: das klingt nach Grün und Idylle, nach Rückzug. Und ist doch mitten- drin, ein brisanter Ort, symbolkräftig wie wenige. Durch die eine Fensterfront in dem ehemaligen Fabrikationsgebäude geht der Blick hinüber ins andere Berlin, durch die rechte Fensterfront hin- aus auf die Oberbaumbrücke, jene, auf der zuweilen Spione aus- getauscht wurden. Die nahe und doch ferne Stadt gegenüber, der Brückenübergang mit Hindernissen – ein politischer Brennpunkt und zugleich eine metaphorische Situation.“5 Der kritische Realismus der 1960er und 1970er Jahre findet in dieser politischen Situation seinen Nähr- boden, im Aufeinandertreffen un- terschiedlicher Freiheitsbegriffe und den konkurrierenden Analysen von Schein, Wirklichkeit und Vision – und die permanente Praktizierung des- sen in diskussionsobsessiven Zirkeln formen mit dasBild vom gesellschaft- lich verantwortlichen Künstler, der ebenso plakativ agiert wie differen- zierungsbewusst die Bildgestalten gleichsam literarisierend in Kapitel und Fußnotenbereiche gliedert. Dar- aus formt sich eine visuelle Syntax, die theoretischen Texten im Feld der Gesellschaftsanalyse in jenen Jahren ähneln: hoher Grad an Substantivierung, Nebensätze in relativierenden Abfolgen und Parenthesen – und dies über einen mehrzeiligen Satzverlauf. Und wenn dieser D-Realismus ein Markenzeichen der Kunstszene West-Berlins in den 1960er und 1970er Jahren ist – so sind es die „Neuen Wilden“ für die 1980er Jahre. Dem Kälteschub der alle Lebensbereiche durchdringenden Theoriegeflechte wird der sub- jektive Faktor entgegengesetzt und damit ein hedonistisches Le- bensgefühl, das gezielt mit politischen Unkorrektheiten kokettiert und für den Dilettantismus – auch den inszenierten – Legitimierung schafft. Dies trifft eine Generation, die lange glaubte, unangefoch- ten die Schirmherrschaft über die Kritik an den Verhältnissen wie gleichzeitig das Monopol über alternative Lebensentwürfe zu ha- ben. Aus der ursprünglich anti-autoritären Bewegung hatten sich längst neue Machtzentrierungen herausgeschält mit dem unerbitt- lichen Vorsatz, die Kommunikation und Verhaltenskodexe im Sinne von Heilswegen zu bestimmen. Dagegen konnte eine nachfolgende (Künstler-)Generation nur ope- rieren mit einem „Hunger nach Bildern“ und deren provokanten Betitelungen in ironisierendem Pathos wie „Wirklichkeit erschlägt Kunst“ (Albert Oehlen, 1980) oder Nonsens-Kondensierungen wie „Die Gotik lebt in den Beinen betrunkener Cowboys“ (Walter Dahm, 1981). Lustvoll wurden so die Diskussionsrituale ad absur- dum geführt. 1980/81 malt Wolfgang Petrick das Bild „Kopfzwänge“. Eine stäh- lerne, halbkreisförmige Konstruktion umspannt zwei Figuren. Die posed today of whether this originated in North or South Korea, he is no longer able to answer. The artist and author both agree on the irrelevance of the question. In the distance, the “tourists” have already planted their flag on the mountain peak and now, with a dose of occupational fuel in them, they are storming into the floodwaters of a pool. As they do so, their sporty outfit seems to be more like martial armor and the wounded bodies, amputated in places, bring to our minds images of deformed, machine-like gladiators in action. The appearance of the group is like that of a road roller whose deformity is malevolently infecting alien territory. Dürer’s “Ritter, Tod und Teufel/Knight, Death and the Devil” have entrusted themselves to a charter flight with Petrick. In 1990 the Galerie der Stadt Esslingen and the Hamburg Kunst- halle exhibited a major survey of the work by Wolfgang Petrick.3 There are two contributions in the catalogue both of which begin with comparable reader-sensitization. Eberhard Roters wrote: “The studio is located in an old converted factory right at the inner German border with a [...] view across the Spree River and the Berlin Wall through to East Ber- lin.”4 And Uwe M. Schneede wrote: “On the Spree River: that sounds like greenery and idyll, like a retreat. Yet it is right in the middle, a politically char- ged location, full of symbolism as few places are. The view through one wall of windows in the former factory buil- ding takes us over to another Berlin; through the right-hand window, over to the Oberbaumbrücke bridge, the one on which spies are exchanged at times. The city opposite, so close and yet so far, the bridge crossing with its obstacles—a political hotspot and at the same time a metaphorical situation.”5 The critical realism of the 1960s and 70s had its breeding ground in this situation, in the clash between different concepts of freedom and the competing analyses of appearance, reality and vision— and the permanent practicing of the same in discussion-obsessed circles formed from the image of a socially responsible artist who acts just as boldly as he is conscious of differences, classifying as it were the visual figures into literalized chapters and footnote sections. A visual syntax is formed from this similar to the then-current theoretical texts in the field of social analysis: a high degree of nominal phrases, subordi- nate clauses in relativistic sequences and parenthe- ses—and that in a multiline sentence. And if this D-Realism is a hallmark of the art scene in West Berlin in the 1960s and 70s—the same can be said of the Neue Wil- den/New Wild Ones for the 1980s. The cold advance of the theory meshwork penetrating into all areas Touristen, 1970, Malerei Übeltäter, 1963, Malerei Ein Haus und seine Bewohner, 1971, Zeichnung Phenomenon, 2010, Malerei 26 27 of life is opposed by the subjective factor and thus a hedonistic attitude to life that flirts in a targeted manner with political incor- rectness and creates legitimization for dilettantism—even a staged one. This concerns a generation that long believed it had uncon- tested patronage over the criticism of the circumstances as well as, at the same time, a monopoly over alternative life plans. New concentrations of power had long been carved out of the original anti-authoritarian movement with the implacable intention of deter- mining the communication and codes of behavior in the sense of roads to salvation. In the face of this, any subsequent (artist) generation could only function with a “hunger for images” and provocative, emotively tongue-in-cheek titling such as “Wirklichkeit erschlägt Kunst/Reali- ty Slays Art” (Albert Oehlen, 1980) or nonsense condensations like “Die Gotik lebt in den Beinen betrunkener Cowboys/The Gothic Lives in the Legs of Drunk Cowboys” (Walter Dahm, 1981). In this way the discussion rituals were reduced to absurdity with relish. In 1980-81 Wolfgang Petrick painted the picture “Kopfzwänge/ Head Constraints.” A steel semicircular construction spans two figures. The depiction remains ambiguous. If we focus on a po- tentially historical context, we see a measurement instrument in the context of ideology-driven racial research. When we block out this assumed clearness, this reflexive reference to the years 1933 to 1945, an open discourse gives rise to further questions. Are we being made aware of a saving medical intervention or a tor- ture scene? Is the apparatus a protective, stabilizing construction beneath which the bruise-covered body is being held straight, or is it an oversized “thumb screw” serving the torture process? Is “Kopfzwänge”—in a reflection of Petrick’s artistic biography—a play on being “overly intellectual” also with regard to the artistic hand that still only obeys verbal dictates and the burdensomeness of theory? With Petrick however, the “head constraints” seem to be gradually dissolving. The cold steel is in a corrosive state. The sub- stance of the colors is melting away in watery tracks and in this way the technoid monster is losing its consistency. It is no longer dominating the image, which is being disowned by its medium, painting. The de- piction in “Kopfzwänge” ack- nowledges painting in which the fleetingness of handwriting does not have to be a negative seal of quality. And in the back- ground, Petrick draws back for a sweeping blow. With an im- petuous paintbrush he celeb- rates gestures, charging up the formal in terms of the content, and in this way the image of an inferno is created even more convincingly. Petrick had already made reference to this with his dissecting pen in his earlier work, now he is expressing it. Iconographic charging up of the figurative, fused into the style of a “fierce painting”—this was what marked the artist’s work in the 1980s, all the while without denying the evolved oeuvre: the hu- man body exposed to torture, also always seen behind the film of everyday life with its small pinpricks, scenically compacted as found in a picture with the title “Ein schöner grauer Tag/A Nice
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    Mitte der 1980erJahre beginnt Petrick mit Foto-Sessions. Das klassische Aktmodell wird zur Performance-Partnerin im Ateli- er. Mehr als 800 fotografische Dokumente entstehen mit Isabell (2004-2010) und weiteren Modellen. Die Fotografien werden bei fließenden Verläufen in die Malereien integriert, als grafische und malerische Umsetzungen wie auch als Mediencollagen. Doch der Medienmix verspricht Petrick für seine künstlerische Biographie nur eine kurzzeitige Dynamisierung. Im Jahr der politischen Wende vollzieht sich die Wiedervereinigung in Berlin zwischen dem un- gestümen Ausloten des Möglichen und einer Beharrungspraxis in beiden Teilen der 28 Jahre geteilten Stadt. Wolfgang Petrick wird 1989 50 Jahre alt. West-Berlin in seiner geographischen Inselsituation ist sicherlich den Konzentrierungen intellektueller Debatten und den Konden- sierungen von Lebenskonzepten förderlich gewesen, doch mit der Aufhebung des Bastionsverständnisses 1990 ging auch die Rei- bungsenergie verloren. Wolfgang Petrick geht 1994 nach New York, um dort einen zwei- ten Wohn- und Arbeitsort zu haben. Resümierend hält Petrick fest, dass der Einstieg in eine Stadt wie New York ihn in eine Situati- on brachte, den Künstler mit professoralem Status und sicherem West-Berliner Netzwerk neu zu denken, wenn es denn gelte, der künstlerischen Biographie eine neue Perspektive zu geben. Kon- frontiert mit einem steten Professionalisierungsdruck bei latenter Risikobereitschaft, lässt sich Petrick auf das neue Umfeld ein. Das sich nun entwickelnde Werk bedarf einer Inkubationszeit – und hiermit ist die ursprüngliche Bedeutung des Wortes gemeint: der Tempelschlaf in der Antike und nicht das Sich-Festsetzen eines Krankheitserregers. Gleich einer kreativen Eruption entsteht die Werkgruppe „Good Slave, Bad Master“ ab 2005. Der Werktitel persifliert einen Leitspruch der amerikanischen Feuerwehr: „Fire is a good slave, but a bad master.“ Petricks armierte Bildakteure aus den 1970er Jahren, mit Schutz- helmen und Gasmasken ausgestattet in einem Zuschnitt, welcher das Outfit der Klonkrieger aus der Star-Wars-Trilogie vorwegnimmt, sind nun dem Künstler in den New Yorker Straßenschluchten om- nipräsent. Seit dem 11. September 2001 umgibt sie der Nimbus der tragischen Helden. Die mit Löschgerät in überbordender Ma- nier ausgestatteten Fahrzeuge müssen Petrick gleich Spektakeln auf vier Rädern daherkommen, die in den heruntergekommenen Straßenschluchten New Yorks wie aus einer anderen Galaxie auf- scheinen. Im Chrom und im hochpolierten Lack der Karossen wird das eher glanzlose Umfeld in dynamischen Verläufen gespiegelt. Dies ist für Petrick der Einstieg in das visuelle Konzept der Ana- morphosen, jener Bildverzerrungen, die erst durch ein begreifen- des Auge in Kontur und Bedeutung gesetzt werden. Aus diesem Potenzial formt Petrick ab 2006 eine weitere neue Werkgruppe, die er unter dem Titel „Mutatio“ zusammenfasst. „Am Rotieren zu sein, ohne sich wie ein Kind oder ein Ausdruckstänzer zu drehen, be- schreibt die kinetischen Allgemeinzustände des zeitgenössischen Individualismus.“6 Der Begriff des „Rotierens“, heute jargonmäßig für den geistigen Zustand des nicht mehr zielorientierten Handelns gebraucht infolge einer Überforderung durch Reizüberflutung, trifft die Bildstrukturen der jüngsten Werke von Wolfgang Petrick – mit dem Unterschied, dass er die Rotation bannt, sie gleichsam in ei- nem Bildwerk einfriert. Grey Day.” Such a formulation pronounces the interplay between scenarios of wellness in the foreground with the background at- mosphere of dreariness. In the mid 1980s Petrick began his photo sessions. The classic nude model became his performance partner in his studio. More than 800 photographic documents have been created with Isabell (since 2004) and other models. The photographs were integrated in a flowing progression into his paintings as graphic or pictorial transpositions as well as media collages. The media mix, howe- ver, only provided Petrick with some short-term momentum for his artistic biography. In the year of the political transformation in Germany, between the impetuous fathoming of the possible and an inertia practiced in both parts of the city which had been sepa- rated for 28 years, the reunification of Berlin was consummated. Wolfgang Petrick turned 50 in 1989. West Berlin, with its geographical situation as an island, was cer- tainly beneficial to the concentration of intellectual debates and the condensation of concepts of life, but with the removal of the bastion comprehension in 1990 the frictional energy was also lost. Wolfgang Petrick headed for New York in 1994 in order to establish a second residence and place of work there. In a nutshell, Petrick realized that finding his place in a city like New York would put him in a situ- ation where, as an artist with the status of a professor and a secure network as a resident of West Berlin, he would have to think in new ways and, if possible, give his artistic biography a new perspective. Confronted by a cons- tant pressure for professionalism with a latent willingness to take risks, Petrick was drawn into his new surroundings. The work now being developed required a period of incubation—and the original meaning of the word is meant by this: the temple sleep in antiquity and not the germination time required by a disease-causing patho- gen. The “Good Slave, Bad Master” group of pieces created from 2005 onwards were comparable to a creative eruption. The title of the work satirizes a motto of American firefighters: “Fire is a good slave, but a bad master.” Petrick’s armored visual figures from the 1970s, equipped with protective helmets and gas masks in a cut which anticipated the outfits of the clone warriors from the Star Wars trilogy, were to be- come omnipresent to the artist in the urban canyons of New York. Since September 11th 2001, the aura of the tragic hero encom- passes them. The fire engines equipped in an overblown manner with fire fighting equipment must have seemed like a spectacle on wheels to Petrick when they appeared on the rundown streets of New York like they were from another galaxy. In the chrome and highly polished gloss of the bodywork, the rather dull surround- ings became reflected in a dynamic progression. This proved to be Petrick’s entry into the visual concept of anamorphoses, those image distortions which are first accorded an outline and meaning by a comprehending eye. From this potential, as of 2006 onwards Petrick fashioned a further new group of pieces, which he brought together under the title “Mutatio.” “To be rotating without turning like a child or an expressive dancer describes the general state kinetically of contemporary individualism.”6 The term “rotating,” which in today’s jargon describes the mental state of no longer acting in a targeted manner as a result of an overwhelming sensory Spiegelung, 2010, Foto Williamsburg I, II, III, 2008-10, Malerei 30 31
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    Petrick taucht einin den Taumel der Großstadt. Der „Rausch- Künstler“ ist nicht mehr Subjekt, sondern in einem dynamischen Schwellenzustand gleichsam ein „Trajekt“.7 Die Drehung des Körpers gerät zum befreienden Akt im Tanz, in der Tortur wird er dagegen den schlimmsten Maßregelungen unterworfen. In Pe- tricks Bildern gerät der Raum und Zeit dissozierende Wirbel zu einer Gratwanderung zwischen diesen beiden Polen der Körper- auslotung. Mit dem Werkkomplex „Mutatio“ gelingt Petrick eine Subjektformulierung, die das kybernetische Ich in Netzwerken aus Kommunikation und Interaktionen kreisen lässt und der Formu- lierung des „Überdrehtseins“ ein Bild gibt, wobei eben dieses als Fixum dem Zustand Einhalt gebietet. Petrick erweist sich auch so als ein Arrangeur von Bilddichten. War es in der Art Brut geprägten Zeit um 1960 die Addition von Bildele- menten im Comic-Layout und darauf, in jener D-Realismus-Phase der 1970er Jahre, ein visuelles Simultan-Konzept mit antitheti- schen Positionen und Kommentierungspassagen, so ist es nun ein Sog, der Bilder in barocker Üppigkeit in einem Strom kondensiert – und der Künstler bannt diesen, um den Betrachter vom Reiz- Reaktions-Schema zu befreien im Akt souveräner Wahrnehmung. Der Taumel bleibt ein Gegenüber und das Einsehen ein dosierter Schwindel. Dr. Hans-Werner Schmidt Direktor des Museums der bildenden Künste, Leipzig 1 Ich danke Wolfgang Petrick für die Gespräche, die wir am 12. März und 16. Juli in Berlin sowie am 2. Juni 2010 in Leipzig führen konnten. 2 Anregungen für diese kaleidoskopartige Betrachtung habe ich bekommen durch die Publikati- on „1964. Ein Jahr und seine Songs“. Ausgewählt und kommentiert von Süddeutsche Zeitung Magazin. Herausgegeben von Philipp Oehmke und Johannes Waechter, München 2005. 3 Ausst.-Kat. Wolfgang Petrick 1962 – 1989. Sprung durch die Sonne, 1989. 4 Ebenda. Eberhard Roters, Ausstellungseröffnungsrede, S. 28 – 39, ebenda S. 28. 5 Ebenda. Uwe M. Schneede, Malerei, Torsionen, Hoffnung. Zu einem Bild von Wolfgang Pet- rick, S. 190 – 201, ebenda S. 190 und 191. 6 Volker Demuth. Zyklomoderne. Von der abendländischen Linearität zur ekstatischen Figur der Drehung, in: Lettre 83, Winter 2008, S. 108 – 120, ebenda S. 120. 7 ebenda S. 115. overload, is fitting for the image structures in the latest work by Wolfgang Petrick—with the one difference that he has banned the rotation, freezing it in an image so to speak. Petrick has immersed himself in the frenzy of the metropolis. The “artist of intoxication” is no longer a subject, but rather in a dynamic liminality, a “trajection,” so to speak.7 The turning of the body has become the liberating act of dancing, while in torture by contrast it is subject to the worst possible reprimands. In Petrick’s pictures, the space and time of a disassociating vortex is turned into a tightrope walk between both of these poles of fathoming the body. With his “Mutatio” complex of work, Petrick has achieved a thematic formulation that enables the cybernetic self to circulate in networks of communication and interaction, and that gives the formulation of the “sense of being overly wound up” an image, whereby exactly this, as the stationary sum, offers control of the condition. In this way Petrick has also proven to be an arranger of image densities. While the period around 1960, marked by Art Brut, saw the addition of visual elements of a comic-layout style, and the subsequent D-Realism phase of the 1970s saw a visually simulta- neous concept with antithetical positions and passages of anno- tations, now it is a maelstrom condensing the images in baroque sumptuousness into a current—and the artist bans this in order to liberate the viewer from the stimulant-reaction scheme in an act of supremely sovereign perception. The delirium remains a counter- part and the realization a dosed out swindle. Dr. Hans-Werner Schmidt Director Museum der billdenden Künste, Leipzig 1 My thanks to Wolfgang Petrick for the conversations we were able to have on March 12th and July 16th in Berlin as well as on June 2nd 2010 in Leipzig. 2 I got some suggestions for this kaleidoscope-like view in the publication 1964 – Ein Jahr und seine Songs/1964 – A Year and Its Songs. Selection and commentary by the magazine section of the daily newspaper Süddeutsche Zeitung. Published by Philipp Oehmke and Johannes Waechter, Munich, 2005. 3 Exhibition catalogue Wolfgang Petrick 1962-1989. Sprung durch die Sonne/Jump through the Sun, 1989. 4 Eberhard Roters, exhibition opening speech, in: Wolfgang Petrick 1962-1989. Sprung durch die Sonne/Jump through the Sun, 1989, page 28. 5 Uwe M. Schneede, Malerei, Torsionen, Hoffnung. Zu einem Bild von Wolfgang Petrick/Pain- ting, Torsions, Hope. On a Picture by Wolfgang Petrick, in: Wolfgang Petrick 1962-1989. Sprung durch die Sonne/Jump through the Sun, 1989, pages 190-191. 6 Volker Demuth, Zyklomoderne. Von der abendländischen Linearität zur ekstatischen Figur der Drehung/Cyclomodernism. From Western Linearity to the Ecstatic Figure of Rotation, in Lettre 83, winter 2008, page120. 7 Ibid., page 115. Melancholia, 2008-09, Malerei Graue Hitze II, 2008-09, Malerei Strand (Gral), 2008-09, Malerei
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    Fire,Good Slave, BadmasterFire,Good Slave, Bad master
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    ADONIS PROJECT THE FUNERALOF NEW YORK (1971)
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    Melancholische Freunde 7Radierungen druckgrafik Melancholische Freunde, 7 Radierungen, 1994, New York
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    Bombenalarm (Detail), 2005-2008,Objekt Assemblages Jürgen Schilling Wolfgang Petrick, the painter and graphic artist, entered the third dimension in the 1970s, when he played a central role among tho- se realists in Berlin who were labeled critical artists in order to di- stinguish them from artists of innumerable figurative movements flourishing at the time. It was a designation that emphasized one aspect of their thematic choice and expressly set them apart from the burgeoning Pop Art and hyperrealistic trends worldwide. Whe- reas American artists took inspiration from the commonplace ba- nalities of consumerist society and its repertoire of objects in order to aestheticize their surroundings, the critical realists took up the tradition of Dadaism and the New Objectivity to craft an aggressive and satirical interpretation of sociopolitical processes, ubiquitous social problems, human defects, overt and covert violence, and repressive systems. Tendentious slices of life as transmitted by ad- vertisements, photographs, and photomontage served as models whose manipulative transformation into paintings, drawings, and graphic reproductions—executed with technical perfection—dis- played images of a damaged world dominated by (self)-destruc- tive compulsions. Visual quotations that seem at first glance to be linked without logic as well as horror scenarios that have been worked out down to the most insignificant detail—these compro- mise, unsettle, and shake up the viewer but without pathos and Assemblagen Jürgen Schilling Den Schritt in die dritte Dimension vollzog der Maler und Grafiker Wolfgang Petrick bereits in den 70er Jahren, als er – in Berlin an- sässig – im Kreise jener Künstler eine zentrale Rolle spielte, die man, um sie von den zu dieser Zeit zahlreichen anderen figurativen Strömungen zu unterscheiden, das Etikett kritische Realisten an- geheftet hat. Diese Kennzeichnung betonte einen spezifischen As- pekt ihrer Themenwahl, die sich ausdrücklich von der sich weltweit auf dem Vormarsch befindenden Pop Art und hyperrealistischen Tendenzen abhob. Während sich die amerikanischen Künstler von den alltäglichen Banalitäten der Konsumgesellschaft und deren Gegenstandsrepertoire inspirieren ließen und ihr Milieu ästhetisier- ten, konzentrierten sich die kritischen Realisten, anknüpfend an die Traditionen Dadas und der Neuen Sachlichkeit, auf eine aggressive und satirische Interpretation politisch-gesellschaftlicher Prozesse, allgegenwärtiger sozialer Probleme, menschlicher Defekte, augen- fälliger und versteckter Gewalt und repressiver Systeme. Tendenzi- öse Ausschnitte der Wirklichkeit wie sie Werbung, Fotografien und Fotomontagen vermitteln, dienten als Vorbilder, deren manipulierte Umsetzung in Gemälde, Zeichnungen und Druckgrafiken Werke entstehen ließ, die – technisch perfekt ausgeführt – das Bild einer lädierten und von (selbst)zerstörerischen Zwängen beherrschten Welt präsentieren. Auf den ersten Blick unlogisch verknüpfte Bild- zitate und bis ins nebensächlichste Detail ausgearbeitete Horror- Szenarien verschmelzen bei Petrick zu Kompositionen, die – fern jeden Pathos, sondern vielmehr aus extrem subjektiver Sicht kon- statierend und analysierend – kompromittieren, aufrütteln und er- schüttern. „Ich erfahre Realität durch mein Leben und versuche sozusagen Dinge wie Entfremdung, Aggression, die ich selbst er- fahre, in dem was ich herstelle, zu verarbeiten, aufzuarbeiten […]“ Wolfgang Petrick vertrat stets eine an den Prinzipien des Expres- sionismus orientierte Realismus-Auffassung; in einem Interview sprach er davon, dass sich ihm die Realität „größtenteils als etwas nicht Sichtbares dar[stellt], mehr als eine psychische Situation. Ich gehe aus von dem was als Fotowirklichkeit da ist oder als sichtba- re Realität, nur ist die Situation für mich viel zu komplex, als dass ich sie im rein physikalischen Sinne abbilden kann. Ich versuche, diesen ganz bestimmten Zustand von Entfremdung, von psychi- schen Veränderungen, Deformationen ins Bild zu transportieren.“ An anderer Stelle sprach er davon, dass er Bilder schaffen wolle, die „Widerstand haben. Die meisten Bilder, die uns umgeben, kön- nen ja total konsumiert werden. Man müsste […] ungenießbare Bilder schaffen.“ Mit seinem plastischen Werk stößt Petrick – dessen Gemälde Regeln der Perspektive und damit der Dreidimensionalität kon- stant überspielten bzw. negierten – zum Kreis der Künstler, die sich anfänglich ausschließlich als Maler einführten, dann jedoch, angezogen von der Autarkie der Bildhauerei, ermutigt durch ihre haptischen Erfahrungen mit einer Vielfalt von Materialien und an- gespornt von der Zuversicht, unbeanspruchte innovative Möglich- keiten erschließen zu können, diesem Genre verschrieben. Mit der Entscheidung, von der Fläche in den Raum vorzudringen, geht ein selbstverständlich sich entwickelnder Ausbau eines stringenten Di- aloges zwischen dem malerischen Werk und dem bildhauerischen Schaffen einher. Immer bedeutet der Zugriff auf die „Skulptur [einen] Zugewinn an Sinnlichkeit, an Direktheit, an materiell beglaubigter Realität.“ Einerseits werden bestimmte zuvor behandelte Sujets und ein typischer Formenkanon übernommen, weitergesponnen und gleichsam kommentiert. Andererseits initiieren Anregungen, die sich im Verlauf der plastischen oder skulpturalen Tätigkeit ein- 57
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    with the awarenessand analytical perception of extreme subjecti- vity. “I perceive reality through my own life and try to process and to incorporate the things I have experienced into my works—such as alienation and aggression […].” Wolfgang Petrick has always advocated a conception of realism that rests on the principles of expressionism. In an interview he spoke of how reality presents itself to him “mostly as something invisible, as a mental situati- on. I begin with what is photographic or visible reality, except that the situation is much too complex for me to represent in a purely physical sense. I try to transport this singular condition of alienation, of mental changes and deformations into the picture.” At another point he spoke of wanting to create pictures that “resist. Most of the images that surround us can be fully consumed. One ought to create […] intolerable images.” With his sculptures Petrick—whose paintings have continuously co- vered up, that is to say negated, the rules of perspective and there- fore of three-dimensionality—joins the circle of artists who originally established themselves as painters before being drawn to the autar- ky of sculpture and since devoting themselves to the genre, emboldened as they have been by their haptic experiences with a multitude of materials and spurred on by the conviction that they could explore uncharted territory and mine new possibilities. In pressing out from surface into space, they invariably cultivate a compelling dialogue between painting and sculpture. The choice of “sculpture always means more sen- suality, directness, and materially authenticated reality.” On the one hand previously treated subjects and a typical formal canon are re- visited, elaborated, and in a sense annotated. On the other hand, impulses that occur in the course of plastic and sculptural work are the source of new thoughts about shapes and modifications and prompt opposing formulations, not only on canvass and paper, both at the time and subsequently. The plastic creations supply Petrick with additional unused visual material, because he can ap- propriate photographs of these works—or in some cases details from them that fascinate him—and rework them digitally in order to incorporate them into his painterly concept, as a component of performance-like photo sessions and experimental labyrinthian dispositions of space. The natural attitude of pain- ters who also sculpt often coincides with a predilec- tion for unconventional and risky practices. Such has been the case ever since Pablo Picasso, at the be- ginning of the previous century, incorporated ob- jects into his paintings and began to construct sculp- tures from found objects. His remark, passed on by the photographer Brassaï, about a bronze “bull’s head stellen, neuartige Gestaltungsideen und Modifikationen und ver- anlassen unmittelbar divergierende Formulierungen nicht nur auf gleichzeitig oder später in Angriff genommenen Leinwänden oder Papierbahnen. Die plastischen Schöpfungen liefern Petrick zusätz- liches unverbrauchtes visuelles Material, weil er Fotografien dieser Werke, bzw. von gewissen ihn faszinierenden Details, digital weiter bearbeiten und so in seine malerischen Konzepte, als Bestandteil von performanceartigen Foto-Sessions und experimentellen laby- rinthischen Raumdispositionen einbeziehen kann. Die Unbefangenheit des An- satzes von Malern, die sich zu- gleich als Bildhauer betätigen, geht häufig mit einer Vorliebe für unkonventionelle und risiko- reiche Vorgehensweisen einher, seit Pablo Picasso zu Beginn des vergangenen Jahrhunderts Objekte in seine Gemälde ein- zufügen und Bildwerke aus gefundenen Objekten zu kon- struieren begann. Die von dem Fotografen Brassaï überlieferte Bemerkung über einen zu Be- ginn der vierziger Jahre geschaf- fenen bronzenen „Rinderkopf mit geschwungen Hörnern“ ist typisch für eine ebenso spontane wie entschlossene Praktik, die für die nachfolgende Objektkunst – etwa die des Nouveau Réalisme, Rauschenbergs Odalisk und Monogram oder die poetische Dingmagie der Fluxus-Bewegung – typisch ist: „Eines Tages fand ich unter altem Kram einen Fahr- radsattel und daneben eine verrostete Lenkstange. Blitzartig sind in meiner Vorstellung beide Teile zusammengewachsen […]. Ohne jedes Nachdenken ist mir die Idee zu diesem Stierkopf gekommen […]. Ich habe sie nur zusammengeschweißt […]. Es ist wunder- bar, wie die Bronze die verschiedenen Teile so miteinander verbin- det, dass es manchmal schwer wird, die Elemente zu bestimmen, aus denen das Ganze ursprünglich zusammengesetzt wurde […]. Allerdings liegt darin auch eine Gefahr: wenn man nur noch den Kopf sähe, wenn man Lenkradstange und Sattel gar nicht mehr erkennen könnte, würde die Arbeit an Interesse verlieren. […] Ich sammle alles auf, vor allem das, was andere wegwerfen.“ Picas- so, der dafür bekannt war, dass er rundweg alles bewahrte, „was ihn etwas beschäftigte, als es ihm in die Hände fiel“, amüsierte der Gedanke, sein Stierkopf könne seinerseits im Abfall gefunden und die Einzelteile wieder ihrem ursprünglichen Zweck zugeführt werden. Die systematische Akkumulation von zufällig gefundenen und im Reservoir seiner weitläufigen Ateliers gehorteten anspruchslosen Gegenständen bestimmt auch Wolfgang Petricks bildhauerisches Tun. „Der Raum ist zugewachsen; ein Dschungel ist aufgewuchert, ein Farbdschungel mit feurigen und finsteren Nischen, ein Bilderd- schungel; eine Verwandlung ins Organische hat stattgefunden.“ Am Ort ihrer Entstehung lassen seine versammelten Assemblagen an einen Entwurf zu einer phantastischen dantesken Gegenwelt denken, ein aus vielgestaltigen, nicht nur auf dem Boden wach- senden, sondern auch von der Atelierdecke hängenden Einzelob- jekten, die sich zu einem kaum durchdringbaren Environment for- mieren. Petrick inszeniert sie situationsbezogen als frei stehende raumgreifende Installation oder überstülpt seine Arrangements mit dem jeweiligen Format angepassten, an den Verfugungen grün- 58 Scout, 2009 / 10 , 100 x 140 cm, Pigmentdruck, auf Leinwand Studie, 2009, Malerei
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    Bombenalarm ( Bold), 2008 / 09 , MalereiPhaenomenon ( Scout ), 2010, Malerei with curved horns” from the early 1940s is typical of the sponta- neous yet determined practice later characteristic of found art, for instance in the Nouveau Réalisme, Rauschenberg’s Odalist and Monogram, or the poetical object-magic of the Fluxus movement: “One day among some cast-off objects I found a bicycle saddle and next to it a rusty handlebar. In a flash the two pieces merged in my imagination […]. Without forethought an idea came to me for the bull’s head […]. I simply welded them together […]. It is astonishing how the bronze binds the different parts so well that it is sometimes difficult to distinguish the separate components from which the whole originally derived. On the other hand, that is also problematical: if one saw only the head, and if the handlebar and the saddle were no longer recognizable, the work would lose its appeal […] I collect everything, above all what others discard.” Pi- casso, who was known for keeping nearly everything “that preoc- cupied him when it fell into his hands,” was amused by the thought that his bull’s head might one day be found in the garbage and have its individual parts restored to their original purpose. Wolfgang Petrick’s sculptural activity is determined by the syste- matic accumulation of modest objects found by chance and hor- ded in the reservoir of his spacious atelier. “The space has become overgrown; a jungle has proliferated, a color jungle with fiery and dark niches, a picture jungle; a transformation into the organic has occurred.” At the place where they came into being his collec- ted assemblages prompt thoughts of a fantastic Danteesque al- ternative world in the making, a world comprised of variegated objects growing not only on the ground, but also hanging from the ceiling of the atelier, shaped into an almost impenetrable environ- ment. Petrick stages them according to stations as free standing installations that fill the room, or piles up his arrangements and fits them with glass domes whose joints have a greenish shim- mer and whose sterile, impersonal materiality provides a marked contrast to their content. Their content speaks of transitoriness and destruction—qualities that they cannot tame—and seems on the verge of breaking down its arbitrary barrier. Petrick uses (to borrow a phrase of Per Kirkeby’s) “fast” material at a period “when things moved faster:” objects alienated from their original function, technical apparatuses, wooden rods jointed into android forms covered with cloth throw rugs, tree roots, model cars and model airplanes, sequins, prefabricated industrial parts and the refuse of civilization, textiles of all sorts, curiosities such as the stuffed bo- dies of dogs and alligators, animal skeletons, hair, feathers, masks of diverse provenance, dummies, monsters of synthetic material whose plastic mass seems extraterrestrial, damaged dolls whose arms and legs are wrapped with copper wire. These are constantly being reworked into new constellations and transformed through their alienated presence and context when they lose their original function. It is no surprise that constructions made of artificial materials would occupy a considerable position among Wolfgang Petrick’s resources, since they are the most representative material of our time and also yield themselves to a treatment that is in every sen- se flexible. Besides, as Roland Barthes puts it, plastic “is the first magic material ready for ordinary life. But this is so because the ordinariness itself provides a triumphant reason for existing. […] The hierarchy of materials is destroyed and replaced by just one: the entire world can be plasticized.” Petrick relies on the language and expressiveness particular to each of his accidental finds and gives them a visual order through collage, entangling them in a mute conversation and transporting them into a new totemistic existence. Eccentricities and inconsistencies vie with each other and become entwined in a bundle of facts and allusions that can scarcely be untangled and whose unexpected paths into Petrick’s collection of curios are followed by the viewer in an effort to place them into a subjectively intuited symbiotic context, and to interpret them. The things in Petrick’s landscape of associations—useless and inoffensive to anyone except the artist himself—seem “to de- velop a demonic life of their own behind a person’s back;” the sen- se of fetishism in the objects affects one’s awareness of what ma- kes up the essence of their personality. When they are drawn into a foreign ensemble or one that seems to defy logic, “our perception is forced, precisely because of the un-usual and in-sanity of the new relationships, to notice the “unusual” and “insane” element of the thing, its foreignness and strangeness, its fantastic quality and its separateness from people, its existence as a magical and as an independent partner in our dialogue with reality, thereby al- tering and extending our awareness of the thing itself. Through the a-logicality of the new relationships the chain of memory is broken and the thing emerges as something entirely new […].” Where- as certain distinct elements—such as those in Wolfgang Petrick’s proliferating tableaux—each in itself conveys a strangely unsett- ling, ambivalent atmosphere, the effect multiplies of a puzzlingly threatening, at times even violent mood when he brings his props (in and of themselves mundane) into relationship with each other. In so doing Petrick is as unlikely to shy away from loudness as he is to avoid what generally is considered improper, revolting, and ugly, precisely because the demonstrative depiction of ugliness denounces a society in which ugliness is everywhere and therefore tends to be ignored. Already in an early publication, Petrick—who would seem to share Jean Dubuffet’s assessment of beauty as a “feeble and unimaginative invention”—quotes Bertolt Brecht’s 62 63 normalerweise unbemerkt bleibt. Bereits in einer frühen Publikation zitiert Petrick, der mit Jean Dubuffet die Einschätzung teilen dürfte, die Idee der Schönheit sei eine „dürftige und wenig phantasievolle Erfindung“, Bertolt Brechts grundsätzliche Feststellung, kein re- alistischer Künstler meide die Hässlichkeit, beließe es aber nicht bei ihr, sondern überwinde sie „erstens durch die Schönheit seiner Gestaltung (die nichts mit Schönfärberei oder Beschönigung zu tun hat). Zweitens dadurch, dass er Hässlichkeit als gesellschaftli- ches Phänomen darstellt.“ Andersartige, häufig mit schwarzer Farbe übertünchte Arrange- ments evozieren die Vorstellung von mysteriösen, archaisch anmu- tenden Kulten. Zu Gruppen arrangierte fremdartige Geisterwesen und geheimnisvoll schwebende oder aufgesockelte Laden, aus denen skurrile Relikte herauszuragen, rufen den Eindruck ältes- ter Herkunft wach. Der Gedanke an Nachempfindungen von im Augenblick ihrer Entdeckung fixierten Rudimenten ritueller Zere- monien kommt auf oder lässt Petrick eigene verstörende Traum- gesichte Gestalt werden? Angesichts des zu reliefartigen Schau- tafeln angeordneten oder zwischen Brettergestelle gezwängten Großstadtmülls und darin ausweglos verfangenen mumienhaften Geschöpfen sprach Eberhard Roters von „Verrottung als Prinzip“: „Der Betrachter gewinnt den Eindruck, eine Art Fermentation habe stattgefunden, aber nicht auf dem Weg der Fäulnis, sondern auf dem der Mumifizierung. […] In der Dichte des Amalgamisierungs- prozesses mit allen zur Verfügung stehenden künstlerischen Mitteln erhält die Arbeit Petricks beinahe den Charakter einer Beschwö- rung.“ Immer wieder tauchen zwischen vollgestopften, scheinbar in Auflösung begriffenen verschachtelten Assemblagen Selbst- bildnisse des Künstlers oder sinnbildliches Zubehör aus seinem lich schillernden Glashauben, deren sterile, anonyme Materialität in krassem Gegensatz zu ihrem Vergänglichkeit und Destruktion assoziierenden Inhalt stehen, den zu domestizieren ihnen nicht ge- lingen will und der im Begriff scheint, seine willkürliche Einengung zu durchbrechen. Petrick benutzt – um eine Formulierung Per Kir- kebys zu gebrauchen – „schnelles“ Material in einer Zeit, „wo die Dinge sich schneller bewegten“ : zweckentfremdete Gebrauchs- gegenstände, technische Apparaturen, zu androiden Formen ge- fügte Holzgestänge mit Stoffüberwürfen, Baumwurzeln, Modellau- tos und -flugzeuge, Flitter, vorfabrizierte industrielle Fertigteile und Zivilisationsabfall, Textilien aller Art, Kuriositäten wie ausgestopfte Hunde- und Alligatorenleiber oder Tierskelette, Haare, Federn, Masken unterschiedlicher Provenienz, Manichini, aus Plastikmasse geformte exterrestrisch wirkende Kunststoffmonster und beschä- digte Spielzeugpuppen, deren Gliedmaßen mit Kupferdraht um- wickelt sind. Diese werden permanent zu neuen Konstellationen zusammenfügt und durch Verfremdung hinsichtlich ihrer Präsenz und des Bedeutungszusammenhanges gewandelt, wenn sie ihrer originären Funktion verlustig gehen. Dass aus Kunststoffen geformte Gebilde in Wolfgangs Petricks Fundus eine beachtliche Position einnehmen, kann kaum über- raschen, da sie nicht nur als das Material unserer Zeit schlechthin gelten und eine in jeder Hinsicht flexible Bearbeitung erlauben, son- dern weil das Plastik, wie Roland Barthes schreibt, „die erste ma- gische Materie [ist], die zur Alltäglichkeit bereit ist. Doch sie ist das, weil diese Alltäglichkeit für sie gerade ein triumphierender Grund zum existieren ist. […] Die Hierarchie der Substanzen ist zerstört, eine einzige ersetzt sie alle: die ganze Welt kann plastifiziert wer- den […].“ Petrick verlässt sich auf die Sprache und Aussagekraft jedes einzelnen seiner Zufallsfunde, die er collagierend miteinan- der in eine visuelle Ordnung versetzt, in eine stumme Konversation verstrickt und in eine neue totemistische Existenz transportiert. Ei- gentümlichkeiten und Unstimmigkeiten überspielen einander und verwachsen zu einem kaum zu entwirrenden Knäuel von Infor- mationen und Anspielungen, deren unerwartete Wege in Petricks Panoptikum vom Betrachter verfolgt, in einen subjektiv erahnten symbiotischen Kontext gebracht und interpretiert sein wollen. Die für jeden anderen als den Künstler unnützen und harmlosen Dinge in Petricks Assoziationslandschaften scheinen „hinter dem Rücken des Menschen ein dämonisches Eigenleben zu entfalten“ ; das er- fühlte Fetischhafte in den Objekten nimmt Einfluss auf die Erkennt- nis über das Wesen ihrer Persönlichkeit. Wenn sie in eine fremde oder ein der Logik widersprechendes Ensemble einbezogen wer- den, „wird gerade durch das Un-Gewöhnliche und Ver-rückte der neuen Verhältnisse unser Wahrnehmungsvermögen gezwungen, das ‚Ungewöhnliche‘ und ‚Verrückte‘ des Dinges, seine Fremdheit und Sonderbarkeit, seine Phantastik und seine vom Menschen abgelöste Einsamkeit, sein Dasein als magisches Gegenüber und als selbstständigen Partner unseres Dialogs mit der Wirklichkeit endlich einmal zu bemerken und dadurch unser Bewusstsein vom Ding zu verändern und zu erweitern. Durch das A-Logische der neuen Verhältnisse zerbricht die Kette der Erinnerung und das Ding tritt als etwas ganz neues hervor […].“ Vermitteln bestimmte einzelne Elemente – wie in Wolfgang Petricks wuchernden Tab- leaus – jedes für sich eine befremdlich-beunruhigende, ambiva- lente Atmosphäre, vervielfacht sich der Eindruck einer rätselhaft- bedrohlichen, zuweilen gewalttätigen Stimmung, wenn er seine für sich genommen profanen Requisiten miteinander in Bezug bringt. Petrick scheut dabei das Laute so wenig wie das landläu- fig als inkorrekt, abstoßend und hässlich Geltende, eben weil die demonstrative Darstellung des Hässlichen eine Gesellschaft zu brandmarken vermag, in der erstere allgegenwärtig ist und daher
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    Detail aus Grossstadt,1977, InstallationDetail aus Grossstadt, 1977, Installation Nest, 1992-93, Objekt Jahren mit anamorphotischen Konstruktionen befasst – und auch in diesem Falle seine Erfahrungen bei der Erstellung großformatiger Gemälde einbringt –, sondern die Vergegenwärtigung der Situation des Betrachters, der, nachdem er das jeweilige Bild, das er nur kurz erblickt hat, in seiner Einbildung bewahrt, während sein Auge weiterschweift, weitere Details der sich um den ruhenden Pol des Spiegelzylinders drängenden Objekte erfasst und seine Eindrücke addiert, bis er zu einer individuellen Erkenntnis über das Ensemble gelangt. Die Darstellung menschlicher Gestalt, dominierendes Thema auf Petricks Gemälden, tritt – von fragmentarischen Selbst-Zitaten und vereinzelt eingefügten Foto-Reproduktionen von Beispielen charakteristischer Zerrbilder humaner Existenz abgesehen – in den Hintergrund. An ihre Stelle tritt das Konglomerat von Relikten, die vom Menschen produziert, gebraucht und ausgesondert wurden und nun von ihm berichten. Seine reale Präsenz im Bildwerk erüb- rigt sich dort, wo sein Dasein, seine Wunschbilder und seine Pho- bien permanent metaphorisch in grotesken Montagen beschwo- ren werden. Lediglich in Gestalt von Schaufensterpuppen ist der Mensch präsent, etwa wenn Petrick sich eines Bombenalarms während des Krieges erinnert und versucht diesen Gedanken Bild werden zu lassen: Er überzieht den Leib einer kindlichen Puppe mit einem phosphorgetränkten Schuppengewand, welches das ihn im Dunkel aufscheinen lässt, setzt ihr einen Berliner Feuerwehrhelm auf und arrangiert eine Vielzahl kleinerer, ihm in diesem Zusam- menhang bedeutungsvoll erscheinender Versatzstücke auf einem Gerüst von in den umschließenden Schrein stufenweise eingelas- sener Glasplatten. Deren partielle Transparenz, die Lichtbrechung und multiple Reflektion durch das Spiegeln der Objekte (und des Betrachters) – man müsse die Dinge der Welt sämtlich verkehrt Besitz auf, das autobiographische Bezüge nahelegt. Persönliche Rückerinnerungen spielen in seinem gesamten Werk eine ebenso wesentliche Rolle wie die Aufarbeitung visionären Erlebens, wo- bei der „Arbeitsprozess […] eigentlich immer ein Schwanken zwi- schen fast automatischer Arbeitsweise [ist], emotionalem Arbei- ten, Heraustreten aus dem Prozess, reflektieren, neu Entscheiden unter ästhetischen, aber auch unter inhaltlichen Kategorien. So entsteht dann allmählich eine Struktur, die eine Tendenz hat, aber in ihrem Inhalt durchaus mehrgleisig ist. [Die ästhetische Kompo- nente] hat mich […] dazu gebracht, […] ins Dreidimensionale zu gehen. Um so Momente von Illustration zu durchbrechen – was für mich eine Gefahr ist, wenn ich mit dem abbildhaften Moment im Zweidimensionalen zu sehr operiere. Dann entwickelt man zu schnell eine Technik, die man dann beherrscht und die einem Si- cherheit verleiht, die aber womöglich zu Illustrationen führt, nicht aber zu bildnerischen Auseinandersetzungen auch mit den Mitteln des Materials.“ Mittels gemalter, fotografischer, insbesondere aber computergenerierter Ergänzungen gelingt es Petrick, das Binnen- leben seiner Assemblagen zusätzlich zu verrätseln. Er integriert den Computer in den Arbeitsprozess, weil dieser ihm hilft, durch „Schichtungen unterschiedlicher Mentalitäten, Emotionalitäten und Kalkulationen Räume entstehen [zu lassen], die ich nur so herstellen kann.“ Neben zentral montierten Spiegelsäulen ordnet er anamorphotische Bilder an, deren verzerrte Motive sich dem um die jeweilige Plastik bewegenden Betrachter entzerrt und deutlich auf der Krümmung des Spiegels offenbaren, wenn er seinen Blick aus einem bestimmten Winkel darauf richtet. Petrick macht sich ein ursprünglich als Variante der Zentralperspektive entwickeltes optisches Spiel der Zerstörung und Wiederherstellung von Bildern zunutze, ein Verfahren, das in der Vergangenheit häufig dazu dien- te, geheime, magische oder erotische Inhalte virtuos verschlüs- selt zu übermitteln. Wann immer der Betrachter seine Position wechselt, offenbart sich ihm ein neuer Aspekt und damit – auch im metaphorischen Sinne – eine gewandelte Sicht auf die Dinge und deren Belang. „Zum Wesen der Anamorphose gehört es […], dass, wer sie ‚wahrnimmt‘, das für wahr Angenommene in Zweifel zieht. […] Ein spielerisches, geradezu euphorisierendes Element ist zweifellos darin enthalten, doch ein eminent philosophisches, skeptisches verbirgt sich dahinter – die abgründige Frage nach der Wirklichkeit des Wirklichen.“ Nicht nur die Möglichkeit, versteckte Bild-Botschaften weiterzuleiten, muss Petrick reizen, der sich seit fundamental statement that no realist artist avoids ugliness; but he goes a step further in saying that ugliness must be vanquished “first of all by the beauty of shaping it (which has nothing to do with whitewash or glossing over). Second of all, by presenting ugliness as a social phenomenon.” Odd arrangements that are often covered up with black paint evoke the idea of mysterious, archaic-seeming cults. Strange ghost-like creatures arranged in groups and floating mysteriously, or prop- ped-up shutters from which scurrilous relicts jut out: such things awaken the impression of ancient origins. One is reminded of re- created vestiges of ritual ceremonies arrested at the moment of discovery—or is Petrick giving shape to his own distressing dream visions? Eberhard Roters has spoken of “rotting as a principle” with respect to city garbage piled up in illustrated charts resemb- ling reliefs or compressed between slats of wood with mummy-like structures hopelessly caught inside: “The observer has the impres- sion of a kind of fermentation, not on the way towards decay but instead towards mummification. […] In the density of an amalga- mation process, with every possible artistic medium at his dispo- sal, Petrick’s work seems almost like a conjuring.” Over and over among assemblages that are crammed full, layered, and seemingly on the point of dissolving there emerge self-portraits of the artist or symbolic equipment belonging to him and suggestive of autobio- graphical associations. Personal reminiscences play as central a role in his work as the inclusion of visionary experiences, whereby the “work process […] is in fact fluctuating all the time between a nearly automatic method of working, emotional work, a stepping- back from the process, then reflection, new decision-making with respect not only to aesthetic categories but also to content. This is how a structure gradually comes into being that displays a tenden- cy but whose content functions on different levels. (The aesthe- tic component) has steered me […] towards three-dimensionality. Which allows me to break through those moments of illustration— a danger for me when, at the moment of representation, I stay too close to the two-dimentional level. That is the point at which one too quickly develops and masters a technique and derives a sense of security from it that can lead to illustrations rather than to picto- rial engagement with the nature of the material.” Through painted, photographed, and especially through computerized additions, Petrick is able to encrypt the internal life of his assemblages still further. He integrates the computer into his work process, because it helps him, “through the stratification of different mentalities, emo- tionalities, and calculations, to bring spaces into being the only way I can.” Next to centrally mounted columns of mirrors he places anamorphic images whose distorted motifs become rectified in the mind of viewers, revealing themselves on the curvature of the mir- ror as they move around each sculpture and their gaze falls on it from a particular angle. Petrick develops an optical game from what originally is a variant of linear perspective, exploiting the de- struction and reconstitution of images, a procedure that in the past served to convey secret, magical, or erotic meanings in virtuosic code. Whenever the viewer changes position, a new aspect is re- vealed along with a transformed view—also in a figurative sense— of things and of their significance. “It is an essential element of ana- morphosis that whoever “realizes” something mistrusts the reality of the thing. [ …] There is doubtless a playful, even euphoricizing element involved, but a fundamentally philosophical, skeptical ele- ment is also concealed inside: the inscrutable question about how real reality is.” Surely it is not only the possibility of transmitting hidden image-messages that appeals to Petrick, who for years 64 65
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    Asylum, 2006, ObjektMutiert,2009, Malerei Titel, 2006, Objekt Sammlers von allen ihm erreichbaren Nichtigkeiten, Joan Miró – etwa Poetic Object von 1936 mit seinem ausgestopften Papagei und dem schwebenden Puppenbein –, oder Salvador Dalis, dessen vielteilige Objekte mit symbolischer Funktion ab 1930 entstanden, welche er als metaphorische Anordnungen beschrieb, „die als Be- friedigung unbewussten Verlangens entstanden zu sein scheinen. […]. Die Verkörperung von Wünschen, deren Objektivierung durch Ersatzbilder und Metaphern geschieht, bildet durch symbolische Realisierung einen auf der Perversion des Sexuellen beruhenden Prozess, der in jeder Hinsicht dem Prozess des Dichters ähnelt.“ In der von Marcel Duchamp eingerichteten environmental konzi- pierten Exposition Internationale du Surréalisme dominierte 1938 in Paris die Objektkunst Massons, Ernsts, Tanguys und Dalis, der ein spektakuläres Regentaxi entwarf. In einer bewucherten und von Schnecken bevölkerten Autokarosserie wurden dessen Insas- sen – zwei Schaufensterpuppen – ständig mit Wasser berieselt. Über den Kopf des Kolumbus repräsentierenden Fahrers war ein Haifischgebiss angebracht. Dieser Einsatz verwitterter, verrosteter und jeder Funktionalität spottender Objekte entspricht dem alten „Stirb-und-Werde-Motiv allen Geschehens auf einer gesteigerten Bewusstseinsebene.“ Diese wenigen beliebigen Beispiele aus der Bild – und Begriffswelt Dadas und des Surrealismus zeigen, wie nahe Wolfgang Petricks energiegeladenes Schaffen diesen frü- hen avantgardistischen Strömungen, ihren praktischen Strategien und psychischen Inhalten verpflichtet war und ist. Sein Œuvre, in dem sich ein exzessives Denken manifestiert, thematisiert mor- bide Schönheit, Vergänglichkeit, Grauen und Groteskes mit dem bildnerischen Vokabular, das ihm die Materialfülle seiner Ateliers in Berlin und New York an die Hand gibt. Seine starke, direkte und sarkastische Sprache zielt auf die mentale Partizipation eines Betrachters, der von Petricks Panorama des Schauders und der dunklen Anspielungen nicht abgestoßen oder schockiert – soweit das heute überhaupt möglich ist – werden soll, sondern als Voyeur in eine individuelle Mythologie geschleust wird, die an die bodenlo- se Unruhe und Verwirrung in uns appelliert. Dr. Jürgen Schilling als Kurator und Berater tätig herum betrachten, damit man sie richtig sähe, schrieb 1651 Balthasar Gracián – unterstreichen wie die in die Ecken solcher Strukturen eingefügten Glasscherben die räumliche Gliederung und stellen gleichzeitig die Ordnung der Ebenen in Frage. Zugleich suggerieren die angriffslustigen spitzkantigen Bruchstücke latente Aggression und Gefahr, ebenso wie jene wiederholt verwendeten Alltagsmaskierungen, Helme oder Gasmasken, deren Schutzfunk- tion in den von Petrick konstruierten Situationen zurücktritt und vielmehr Bedrängnis und Angst vor Katastrophen und Vernichtung signalisieren. Das gilt nicht nur für die Feuerwehr-, sondern in be- sonderem Maße für übereinander montierte MiG-Pilotenhelme, unter deren Gesichtsschutz der Sauerstoffzufuhr dienende Schläu- che baumeln, denen formal auf der Rückseite ein zerzauster, zum Zopf geflochtener Haarschopf entspricht, der an die Kehrseite der blitzenden Hightech-Waffen erinnert, an Schändung und Tod un- schuldiger Opfer barbarischer militärischer Attacken. Petricks intensiver Bezug zu Dada und dem Surrealismus, in de- ren Nachfolge seine komplexen Mixed-Media-Plastiken erkenn- bar ihren Platz haben, manifestierte sich schon in seiner frühen Malerei, in deren bildnerischem Vokabular bereits eine Vielzahl disparater Grundelemente enthalten sind, die sich in seinen As- semblagen wiederfinden, wo sie die Zwänge einer einengenden Bildkomposition abstreifen und ein ebenso dynamisches wie irre- ales Eigenleben entfalten, das von Lautréamonts phantastischem Traumbild von der „unvermutete[n] Begegnung einer Nähmaschi- ne und eines Regenschirms auf einem Seziertisch“ inspiriert sein könnte. Vor unserem inneren Auge scheinen die nach dem Prinzip Collage zusammengebauten rundansichtigen MERZplastiken Kurt Schwitters‘ auf, Lustgalgen und Kultpumpe von 1919, die Merz- säule, Kathedrale des erotischen Elends von 1923, die Objekte Paul Joostens‘, Raoul Hausmanns aus Leder, Holz und Bronze gebauter Kopf Der Geist der neuen Zeit von 1919/20 oder die vom selbsternannten Oberdada Johannes Baader 1920 geschaffene erste dadaistische Assemblage, das chaotisch-vielschichtige Anti- monument Deutschlands Größe und Untergang durch Lehrer Ha- gendorf oder die phantastische Lebensgeschichte des Oberdada. Das große Plasto-Dio-Dada-Drama. Petrick entdeckt für sich den von den Dadaisten als „magische Prozedur“ begriffenen unkontrol- lierten oder bewusst gelenkten Zufall als gestalterische Methode, „mit der man sich über die Barriere der Kausalität, der bewussten Willensäußerung hinwegsetzen konnte […]“. Er kennt die surrealis- tischen, im Glauben an die Kraft des Irrationalen aus Objets trouvès kombinierten Mixed-Media-Plastiken wie jene des unermüdlichen has worked with anamorphic constructions (and in this case, too, harvests his experience in making large-scale paintings), but also the ability to envision the situation of the viewer who, after having briefly seen an image, keeps it in mind while the eye roams further, absorbing more details of the objects clustered around the calming center of the mirror cylinder and collecting impressions before re- aching a private understanding of the whole. The portrayal of human figures, a dominant theme of Petrick’s pain- tings, moves into the background except for fragmentary self-quo- tations and individually inserted photo reproductions taken from characteristically distorted examples of human existence. In their stead is a conglomerate of relicts that have been produced, used, and discarded by human beings and now give a record of them. His actual presence in the paintings is unnecessary, because his existence, his desired ideals, and his phobias are invoked in me- taphorical permanence through grotesque montages. Human beings are present only in the form of mannequins, for instance when Petrick recalls a bomb alert during the war and attempts to make that thought into a picture: he covers the body of a childlike doll with a coat of mail drenched in phosphorous so that it lights up in the dark, then adorns the doll with the helmet of a Berlin firefigh- ter, surrounds it with a series of smaller props that he finds signifi- cant to the setting, and places it onto a scaffolding of glass plates that have been layered inside the enveloping shrine. The partial transparency of the glass, the refraction of light and multiple reflec- tions through the mirroring of objects and of observer—Balthasar Gracián wrote in 1651 that one must see the things of the world backwards in order to see them correctly—underscore, as do the glass splitters strewn in the corners of these structures, the spatial outline and call into question the order of the levels. At the same time the belligerently jagged pieces suggest latent aggression and danger, as do the repeatedly used everyday maskings—helmets and gas masks—whose protective function fades in the setting constructed by Petrick and instead signals distress and the fear of catastrophes and destruction. This is so not only for the fireman’s helmets but in greater measure for the MiG pilot helmets mounted on top of each other, with oxygen hoses dangling under the pro- tective facial covering and, on the other side, corresponding formal but disheveled braided hair that serves as a reminder of the down- side of high-tech weapons: the violation and death of innocent victims in barbaric military attacks. Petrick’s intense connection to Dada and surrealism—in whose succession his mixed media sculptures have their place—was already manifest in his early painting, where the imagistic voca- bulary contains some of the basic elements reencountered in his assemblages. There they strip away the constraints of an inhibiting pictorial composition and unfold a life of their own that is both dy- namic and unreal—as if inspired by Lautréaumont’s fantastic vision of “the unexpected meeting of a sewing machine with an umbrella on a dissection table.” Before our inner eye appear the assembled, rounded MERZ sculptures of Kurt Schwitters, “Lustgalgen/Pleasu- re Gallows” and “Kultpumpe/Cult Pump” of 1919, the “Merzsäul/ Merz Pillar,” “Kathedrale des erotischen Elends/Cathedral of Erotic Misery” of 1923, the objects of Paul Joostens, the head of leather and wood by Raoul Hausmann, “Der Geist der neuen Zeit von 1919/20/The Spirit of Our Age,” or the first Dadaistic assemblage of 1920, the chaotic and multi-layered anti-monument “Deutsch- lands Größe und Untergang durch Lehrer Hagendorf oder die phantastische Lebensgeschichte des Oberdada. Das große Plas- to-Dio-Dada-Dram/Germany’s Greatness and Decline or The Fan- tastic Life of the Superdada: The Great Plasto-Dio-Dada-Drama” by the self-proclaimed Oberdada, Johannes Baader. Petrick dis- covers for himself the Dadaists’ conception of the “magic proce- dure” of uncontrolled or consciously guided chance as a creative method “with which one can rise above the barrier of causality and the conscious expression of will […].” He knows the surrealistic mixed-media sculptures based on a belief in the power of irratio- nality and combined of objets trouvés such as those composed by the tireless collector Jean Miró out of apparent nothings—the “Poetic Object” of 1936, for example, with its stuffed parrot and doll’s floating leg—or those of Salvador Dali, whose multi-pieced “Objects with a Symbolic Function” were created beginning in 1930 and described by him as metaphorical arrangements “that appear to have originated in the gratification of unconscious desire […]. Wish fulfillment is objectified in equivalent images and meta- phors—a symbolic realization based on the perversion of sexuality and in every sense resembling the process of the poet himself.” At Marcel Duchamp’s environmentally conceived Exposition Inter- nationale du Surréalisme/International Exposition of Surrealism in Paris in 1938, what dominated was the found art of Masson, Ernst, Tanguys, and Dali, who composed a spectacular “Rain Taxi.” In an overgrown auto chassis inhabited by snails, the occupants— two mannequins—were continually sprinkled with water. Above the head of the driver, represented as Columbus, was mounted a set of shark’s teeth. This use of weathered and rusted objects whose functionality is mocked corresponds to the old “motif of die and become—stirb und werde—for all events at an intensified level of consciousness.” These examples, chosen at random from the Dadaistic and surrealist world of image and concept, demons- trate the proximity of Petrick’s energy-filled work to these early avant-gardistic movements and his indebtedness to their practical strategies and psychic content. His oeuvre, which is characterized by excessive thought, uses the pictorial vocabulary supplied by the wealth of material in his ateliers in Berlin and New York as a means of thematizing morbid beauty, transitoriness, horror, and the grotesque. His strong, direct, and sarcastic language invites the mental participation of a viewer who mustn’t be repulsed or shocked by Petrick’s panorama of shudders and dark allusions (if shock is still possible today) but is instead smuggled in as a voyeur to a personal mythology that appeals to the bottomless unrest and confusion in each of us. Dr. Jürgen Schilling Curator and Art Advisor 66 67
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    1977-78 Zombies sein könnten,Nachzehrer und Wiedergänger einer Vergangenheit, die nicht vergeht. Und erst bei genauem Hinsehen entdeckt man, dass jedes Bild einen Fluchtpunkt hat, einen Focus, der wie ein schwarzes Loch im Weltall Materie ansaugt, zu Antimaterie umpolt und wieder ausspuckt – ein Sog, dem sich der Betrachter nur schwer entziehen kann. VORAGO heißt das lateinische Wort dafür, Wirbel und Strudel, Stromschnelle und Mahlstrom zugleich, und es ist kein Zufall, dass dieses Wort im Titel eines Romans wiederkehrt, der, bei uns kaum bekannt, „Hundert Jahre Einsamkeit“ von Gabriel García Márquez entscheidend beeinflusst hat: „La Vorágine“ von José Eustasio Rivera (1888 – 1928). Rivera, Schulinspektor und Mitglied einer Grenzkommission, die Kolumbiens Urwaldgebiete erforschte, schrieb das 1924 erschie- nene Buch neunmal um, bevor es als Meisterwerk des Modernismus in den Kanon der Literarhistorie einging, eine tropische Va- riante von „Ulysses“ und „Berlin Alexanderplatz“. - „Das Chaos der Natur spiegelt sich im Kopf des Protagonisten wider“, heißt es dazu in Christoph Strosetzkis „Kleine(r) Geschichte der lateinamerikanischen Literatur“. Und weiter: „Seine Fieberdelirien und Halluzinationen, sein sadistisches und kriminelles Denken erscheinen so als Auswirkungen der ihn umgebenden, ungebändigten Urwaldwelt, die ihn in ihren Strudel mitgerissen hat“. Diese Aussage lässt sich Wort für Wort auf Wolfgang Petrick übertragen, obwohl dessen Tropenwälder nicht am Amazonas wu- chern, sondern am Ufer des East River oder der Spree. Und sie enthält einen Hinweis auf die kathartische Wirkung seiner Kunst, die, wie im Märchen von Rumpelstilzchen, die Dämonen beim Namen nennt und dadurch unschädlich macht: „Die Feststellung und dadurch vollbrachte Abwehr des Gespensts“, hat Kafka diesen Vorgang genannt. Dr. Hans Christoph Buch Schriftsteller und Journalist. 1978-79The Blind (based on Bruegel) VORAGO ODER DIE KUNST DER VERWIRBELUNG Hans Christoph Buch Früher war hier die Welt zu Ende, und sie ist es heute noch. Gemeint ist die westliche Welt, die hier, an der Oberbaumbrücke und am Görlitzer Park, im Schatten der Mauer endete. Obwohl die Berliner Mauer so schnell aus dem Stadtbild verschwand, dass selbst Ortskundige sich heute fragen, wo sie einst verlief, ist ihr Schatten sichtbar geblieben wie der in den Beton gebrannte Umriss der Atombombenopfer von Hiroshima - ein Phantomschmerz, der nicht vergeht. Und genau hier, im Narbengewebe des Kalten Krieges, zwischen Autogaragen, Türkencafés und Lesbentreffs liegt Wolfgang Petricks Atelier, eine Fabriketage, Seitenflügel, zwei oder drei Treppen. Die Klingel funktioniert nicht, und selbst wenn man, wie empfohlen, die geballte Faust gegen das geschlossene Eisentor schlägt, rührt sich nichts, obwohl Licht durch die Türritzen dringt. Schon beim ersten Besuch in seinem Atelier, als wir, angeregt von meinem Freund und Kollegen Hannes Schwenger, unser Gemein- schaftswerk „Monrovia, mon amour“ aus der Taufe hoben, dem Petrick, passend zum Titel, ein Leopardenfell überzog, schon bei meinem ersten Besuch funktionierte die Klingel nicht. Und schon damals, fünf oder sechs Jahre ist es her, hatte ich das Gefühl, Draculas Schloss zu betreten, das Horrorkabinett des Doktor Mabuse oder die Anatomie des Doktor Frankenstein. Nekrophile oder negrophile Orgien fanden hier statt - damals arbeitete Wolfgang Petrick noch mit Rappern zusammen - Lustmorde vielleicht, und schon der erste Augenschein machte mir klar, dass ich es nicht mit einem Zauberlehrling zu tun hatte, sondern mit einem Hexenmeister, einem Voodoo-Priester genauer gesagt. Ich weiß, wovon ich spreche, denn ich habe mehrfach an Voodoo-Zeremonien teilgenommen und den Kult gründlich studiert, in Haiti, wo er sich reiner erhalten hat als in seinen Ursprungsländern am Golf von Guinea, der damals Sklavenküste hieß. Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich, um keine durch Zombie-Filme genährten Klischees zu bedienen, den Voodoo schön redete, so als handle es sich um harmlosen Liebeszauber oder um einen faustischen Pakt zur Erlangung von Macht, Reichtum und ewiger Jugend. Aber ich will Wolfgang Petrick und den Lesern dieser Zeilen kein X für ein U vormachen, denn in Haiti gab und gibt es nicht nur so genannte weiße, sondern auch schwarze Magie, die Nachtseite des Voodoo, und die ist alles andere als harmlos, wie die von der Schweizerin Marianne Lehmann zusammengetragene Schau geheimer Kult-Objekte zeigt, die, von Genf ausge- hend, erstmals in Europa zu sehen ist. Damit bin ich endlich beim Thema, denn was Marianne Lehmanns Sammlung uns drastisch vor Augen führt, ist die blutrünstige, ja menschenverachtende Seite des Kults, ein Abgrund, in den man besser nicht blickt. Trotz- dem oder gerade deshalb handelt es sich um große Kunst. Das gilt ohne Einschränkung mutatis mutandis auch für Wolfgang Petricks Arbeiten, die dieser selbst als Mutationen oder Mu- tanten bezeichnet hat: Der abgenutzte Begriff kritischer Realismus charakterisiert seine künstlerischen Strategien nur vage und ungenau, das Wort Verrottung passt besser, Verrottung im materiellen wie im moralischen Sinn, und dieses Prinzip kehrt in den von Marianne Lehmann gesammelten Fetischen wieder, in die echte Knochen und Haare integriert sind oder Filz und Fett wie in Objekte von Beuys. Die Artefakte stammen aus Voodoo-Tempeln, deren Priester sie aus Geldnot verkauften, oder aus dem Keller des Prä- sidentenpalasts, wo sie für schwarze Messen verwendet wurden, Orgien, wie sie auch in Petricks Atelier stattfinden könnten – aber ich will die Parallele zu Haiti nicht überstrapazieren. Auf den ersten Blick wirken seine Bilder überladen, bis zum Bersten voll gestellt mit Gerümpel wie Wolfgang Petricks Atelier, das einer Schrotthalde gleicht mit Sprungfedern, Kugellagern und abgerissenen Köpfen, Gliedmaßen oder Torsi von Puppen, die auch
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    VORAGO OR THEART OF TURBULENCE Hans Christoph Buch Here is where the world used to end—and still does today. The western world, that is, the one ending here at the Oberbaumbrücke and Görlitzer Park, in the shadow of the Wall. Although the Berlin Wall disappeared from the city’s landscape so quickly that even natives wonder where it stood, its shadow has remained as visible as the outline of victims at Hiroshima burned into concrete—a phantom pain that never disappears. It is at just this spot, in the scar tissue of the Cold War, between garages, Turkish cafés, and lesbian bars that Wolfgang Petrick has his atelier. The floor of a factory building, one wing, two or three stories high. The doorbell doesn’t work, and even if a person bangs a fist on the metal door—as recommended—nothing stirs inside, despite the light shining through the cracks of the door. Already on my first visit to the atelier, when, at the suggestion of my friend and colleague Hannes Schwenger, we launched our common endeavor, Monrovia, mon amour—which Petrick covered with a leopard skin befitting the title—even on that first visit the doorbell didn’t work. Already then, some four or five years ago, I had the feeling of entering Dracula’s castle, or Dr. Mabuse’s cabinet of horrors, or the anatomical laboratory of Dr. Frankenstein. Ne- crophilian or negrophilian orgies took place here (at that point Wolfgang Petrick was working with rappers), maybe crimes of passion, and it was clear to me as early as my first glimpse that I was dealing not with a sorcerer’s appren- tice but with a sorcerer—more precisely with a voodoo priest. I know whereof I speak, having participated frequently in voodoo ceremonies and studied the cult in Haiti, where voo- doo has retained more of its purity than on the Gulf of Guinea, where it originated and which in those days was called the Slave Coast. I must shamefacedly confess that I made voodoo seem less sinister than it is—a harmless love po- tion or a Faustian bargain for power, wealth, and perpetual youth—in order not to validate the clichés of zombie films. But I don’t want to trick Wolfgang Petrick and the readers of these lines into taking an x for a u: in Haiti there was and still is not only so-called white but also black magic, the dark side of voodoo. It is far from harmless, as one can tell from the exhibit of secret cult objects put together by the Swiss collector Marianne Lehmann, a show originating in Geneva that can be seen in Europe for the first time. Which brings me, finally, to my topic, because what Marianne Lehmann’s collection makes drastically clear is the bloodthirsty side of the cult, its contempt for humanity, a chasm into which it is better not to peer. Nevertheless—or perhaps for that very reason—we are speaking of great art. Without any limitations this is also the case, mutatis mutandis, for the work of Wolfgang Petrick, which he himself has called mutations or mutants. The worn out term critical realism imparts only a vague and imprecise characterization of his artistic strategies; the word rotting is more accurate, a material and moral rotting—which tendency recurs in the Marianne Lehmann’s collected fetishes, where bones and hair are integrated, or felt and fat as in objects by Beuys. The artifacts in the exhibit come from voodoo temples whose priests sold them because they needed the money, or from the basement of the presidential palace, where they were used for black masses—orgies like the ones that could take place in Petrick’s atelier. But I don’t wont to overtax the connection to Haiti. On first sight his pictures seem overloaded, filled to bursting with the rubbish from Wolfgang Petrick’s atelier, which resembles a junk heap of springs, ball bearings, and the heads, limbs, and torsos torn off of dolls that could also be zombies—vampires and revenants from a past that will not pass. Only on closer inspection does one discover that every picture has a vanishing point, a focus that sucks in matter like a black hole in the universe, reversing the polarity into antimatter and spitting it back out—a vacuum from which the viewer can escape only with difficulty. VORAGO is the Latin name for it, whirlpool and vortex, rapids and maelstrom simultaneously, and it is no accident that this word is the title of a novel that, though scarcely known to us, had a decisive influence on “One Hundred Years of Solitude” by Gabriel Garcia Márquez: “La Vorágine” by José Eustasio Rivera (1888-1928). The author, school inspector, and member of the boundary commission that explored the rainforests of Columbia, rewrote the book—which appeared in 1924—nine times before it entered the canon of literary history as a master- piece of modernism, a tropical variant of Ulysses and Berlin Alexanderplatz. – “The chaos of nature is reflected in the protagonist’s head” is what it says about the novel in Christoph Strosetzki’s “Kleine Geschichte der lateiname- rikanischen Literatur/Short History of Latin American Literature.” Further we read that: “His feverish delirium and hallucinations, his sadistic and criminal way of thinking are manifestations of the untamed jungle world surrounding him and that has sucked him into its vortex.” This statement can be applied word for word to Wolfgang Petrick, although his tropical forests do not proliferate in the Amazon but on the banks of the East River or of the Spree. It also evokes the cathartic effect of his art, which, as in the story of Rumpelstilzchen, makes demons harmless by naming them: “The awareness of and resulting defense against ghosts” is what Kafka called this process. Dr. Hans Christoph Buch Writer and Journalist
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    94 95 Headbang eineBeschwörung Filmstill Walter Lenertz FMEINHEIT Schutzanzug für Gulliver, 1979-2010
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    Titel, 2009, ObjektTitel, 2009, Objekt Schule I, 1993, ObjektSchule I, 2009, Objekt linke Seite: Titel, 2009, Objekt 102
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    Seite 1: Jugend II,2010 Pigmentdruck, Tinte auf Papier 70 x 70 cm Seite 2: Engel II, 2008 Pigmentdruck, Acryl auf Leinwand 100 x 100 cm Höhle, 2007 Pigmentdruck, Tinte, Acryl, Öl auf Leinwand 100 x 100 cm Frauenhaut, 2008 Pigmentdruck, Acryl, Tinte auf Leinwand 100 x 100 cm Mutterfreuden (Parameter), 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 100 x 100 cm Seite 4/5: Mutterfreuden, 2009/2010 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 250 x 300 cm Seite 6: 2 Arbeiten der Kunsthalle Jugend (Detail), 2007 - 2009 Glas, Metall, Papier, Holz, Fundstücke etc. 170 x 65 x 50 cm Seite 7: Jugend, 2007 - 2009 Glas, Metall, Papier; Holz, Fundstücke etc. 170 x 65 x 50 cm Seite 8: badMAST, 2005 Pigmentdruck, Tinte, Acryl, Öl auf Leinwand 100 x 100 cm Jugend, 2006 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 100 x 100 cm Kunsthalle Bremen Fundstück aus dem Internet “Die Gesandten” von Hans Holbein d. J., digital bearbeitet Seite 9: Williamsburg, 2005 - 2008 Pigmentdruck, Tinte, Acryl, Öl, Montage auf Leinwand, 100 x 100 cm View, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand, 100 x 100 cm Timber, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Montage auf Leinwand 100 x 100 cm Asylum, 2010 Pigmentdruck, Acryl auf Leinwand 100 x 75 cm Seite 10: Die Neue, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Holz auf Leinwand, mehrteilig, 220 x 202 cm (mit Rahmen) Seite 11: Picnic, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte, Vernähung, Montage auf Leinwand, 240 x 200 cm Seite 12/13: Dachboden Landschaft I, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 210 x 200 cm Dachboden Landschaft II, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 210 x 200 cm Dachboden Landschaft III, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 210 x 200 cm Seite 14: Adam, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 260 x 170 cm Seite 15: Eva, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 260 x 170 cm Seite 16/17: Schatten Leben, 2006 - 2010 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 260 x 340 cm Seite 18: Female Pilots (5-teilige Serie), Gudrun, Melitta, Judith, Lisel, 2008 Foto, Assemblage, Mischtechnik auf Aluminium, 131 x 53 cm, Sammlung Bornemann, Hong Kong Seite 19: Female Pilots, Katya, s.o. Seite 20/21: Scooter Attac, 2007 - 2010 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 260 x 340 cm Seite 22: Spiegelbild, 2008 - 2009 Acryl, Öl auf Leinwand, 190 x 200 cm Nebel, 2008 - 2010 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 190 x 200 cm, Sammlung Schirm, Berlin Seite 23: Ausblick (Drehung), 2007 - 2008 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 100 x 100 cm Brückenlegende, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 100 x 100 cm Seite 24: Paradies, 1964 Acryl, Öl auf Tischtuch 180 x 170 cm, Sammlung J. und W. Kunde, Berlin Seite 25: Streichholz und Messer, 1964 überzeichnete Lithographie 55 x 51,5 xm, Privatsammlung, Belgien Kopfzwänge, 1980-1981 Öl, Eitempera auf Leinwand 195 x 295 cm, Brusberg Berlin Seite 26: Übertäter, 1963 Kunstharz auf Nessel 105 x 150 cm, Privatsammlung zu hause, 1970 Seite 27: Touristen, 1970 Acryl auf Leinwand, 195 x 160 cm Kunsthalle Kiel Phenomenon, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 140 x 100 cm Seite 28/29: Schlagschatten, 2007 - 2010 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 260 x 340 cm Seite 30: Spiegelung, 2010 Fotografie Seite 31: Williamsburg I, 2008 - 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 140 x 100 cm Williamsburg II, 2008 - 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 140 x 100 cm Williamsburg III, 2008 - 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 140 x 100 cm Seite 32: Melancholia, 2008 - 2009 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 100 x 100 cm, Sammlung Asperger Graue Hitze II, 2008 - 2009 Pigmentdruck, Acryl auf Leinwand 100 x 75 cm Strand (Gral), 2008 - 2009 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 70 x 70 cm Seite 36/37: Dachboden, 2005 - 2006 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 260 x 340 cm Batman, 2007 - 2008 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 100 x 100 cm Space, 2008 Pigmentdruck, Tinte, Bleistift auf Papier 65 x 50 cm Seite 38/39: diverse Fotos (Material), 2004 und 2010 Isabelle, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Tinte auf Leinwand 100 x 100 cm Große Zelle, 2005 - 2006 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 260 x 340 cm Seite 40: Bad Master, 2005 - 2006 Acryl, Tinte auf Leinwand, 220 x 150 cm Fire, Good Slave, Bad Master, 2006 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 190 x 200cm Sammlung Martina und Lutz Freise, Berlin Feuerwacht, 2005 - 2006 Acryl, Öl auf Leinwand 240 x 134 cm Party, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand, 165 x 100 cm Erscheinung, 2006 - 2008 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 270 x 175 cm Seite 41: Good Slave, 2007 - 2008 Acryl, Öl auf Leinwand 130 x 170 cm Seite 42/43: Adonis - Projekt, Künstlerbuchprojekt: Adonis,Kerstin Roolfs, Wolfgang Petrick, nach dem Gedicht The Funeral of New York von Adonis, 1971 verschiedene Techniken auf Papier Seite 44: Williamsburgbridge, Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 310 x 180 cm Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn Wächterinnen, Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand 310 x 180 cm Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn Sängerinnen, Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand 310 x 180 cm Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn Williamsburg II, Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand 310 x 180 cm Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn Flug, Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand 310 x 180 cm Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn Blinde Kuh Arcyl, Öl, Tintel auf Leinwand 310 x 180 cm Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn Seite 45: Volkstanz, Arcyl, Öl, Tinte auf Leinwand 310 x 180 cm Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn Hero, Glas, Jetpilotenhelme, Haare, etc. 202 x 40 x 40 cm Sammlung Jutta und Manfred Heinrich, Maulbronn Seite 46/47: Ritter, Tod und Teufel, 1986 - 1989 Serie von 11 Bildern alle Mischtechnik auf Leinwand 295 x 90 cm, 295 x 95 cm, 295 x 100 cm, 295 x 150 cm Sammlung Ulla und Heiner Pietzsch, Berlin Melancholie, 2007 - 2010 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 240 x 135 cm Sammlung Schirm, Berlin Vogelauge weiblich, 1972 Öl auf Leinwand 130 x 115 cm Vogelauge, 1972 Öl auf Leinwand 130 x 115 cm Sammlung Erich Marx, Berlin Seite 48: Doppelkern (Reichstag), Tinte auf Papier 162 x 91,5 cm Einsatz, 2010 Pigmentdruck, Folien, Kopien, Tinte, Graphit, Öl auf Papier 100 x 75 cm P(R)UNKTANZ, 2010 Pigmentdruck, Graphit, Tinte auf Papier 112 x 87 cm Studio, 2010 Graphit, Acryl auf Papier 107 x 76 cm Privatsammlung Seite 49: Fünf Arbeiten aus der Serie “Vergangenheitsbewältigung”, 1996 jeweils 3 Blätter à 73 x 93 cm Mischtechnik auf halbtransparentem Ultraphan in mehreren Schichten montiert Seite 50/51 Volkstanz, 2003 Mappe mit 16 Siebdrucken mit z.T. Überarbeitungen auf Rives Bütten je Blatt 60 x 60 cm Auflage 50 Exemplare + 10 ap Seite 52: One O One, 2008 Pigmentdruck, Radierung auf Bütten 97,8 x 75,5 cm Auflage 7 Exemplare O.T., 2001 - 2002 Siebdruck, Acryl, Tinte auf Papier 140 x 100 cm Prometh, 2008 Pigmentdruck, Radierung auf Bütten 97,8 x 75,5 cm Auflage 7 Exemplare Melancholia, 1995 Farbradierung aus der Mappe Melancholische Freunde Auflage 15 Exemplare Brooklyn, 2001 Siebdruck auf Papier 140 x 100 cm Auflage 10 Exemplare Seite 53: Gruppeneuphorie, 2001 Siebdruck 140 x 100 cm Auflage 10 Exemplare Seite 54/55: Doppelseite aus einem Künstlerbuch rechts: Abb. der Installation “Trauerarbeit” in der Kampnagel Fabrik, Hamburg, 1989 12-teilig, Mischtechnik, verschiedene Formate Seite 56: /// Seite 57: Bombenalarm (Det Seite 58: Scout, 2009 - 201 Pigmentdruck auf 70 x 100 cm digitale Studie, 200 Seite 59: Bombenalarm, 200 Glas, Graphit, Fund Materialien 180 x 96 x 115 cm Seite 60/61: Jugend, 2007 Acryl, Öl, Tinte auf 260 x 340 cm Seite 62: Phaenomenon (Sc Pigmentdruck, Acr Leinwand 140 x 100 cm Seite 63: Bombenalarm (Bol Pigmentdruck, Acr 140 x 100 cm Seite 64: Detail aus “Großsta Installation Nest, 1992 - 1993 Holz, Graphit, Kun 120 x 135 x 65 cm Seite 65: Detail aus “Großsta Installation Studioaufnahme 2 Seite 66: Flash (Hitzemauer) Glas, Spiegel, Kun Kettenaufhängung 49 x 50 x 60 cm Seite 67: Asylum, 2008 Glas, Spiegel, Kun Kettenaufhängung 49 x 50 x 60 cm Seite 68/69: 122 123
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    Junior, 2006 -2008 Glas, Fundstücke, verschiedene Materialien 180 x 55 x 55 cm und Spiegel (variabel) Seite 70/71: Prometh, 2006 - 2010 Glas, Gips, Metall, Kunststoff etc. 157 x 50 x 55 cm Sockel aus Granit Seite 72: Schuppenmann, 2005 - 2008 Glas, Holz, Graphit, Papier, Gips etc. 180 x 95 x 80 cm Seite 73: Studioaufnahme mit Schuppenmann, Bombenalarm und Hero II Seite 74: Orpheus, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 100 x 100 cm Reliquie, 2008 Glas, Spiegel, Kunststoff, Metall etc. Kettenaufhängung variabel 49 x 50 x 60 cm Material Anamorphosen Seite 75: aus der Installation Stammbaum: im Katalog ändern (Selbst weg) Geburt, 1987 - 1988 Vogelkranz, 1979/1989 Seite 76: ohne Titel, ca. 1990 - 1992 Holz, Graphit, Bronze, Kunststoff, Glas etc ca. 200 x 180 x 75 Nest, ca. 1990 - 1993 Holz, Graphit, Kunststoff, Leder etc. 120 x 135 x 65 cm Seite 77: Gitterhaus, ca. 1992 Holz, Dachpappe, Kautschuk, Graphit, Strippe 90 x 90 x 60 cm Nest, 1990 - 1993 (s.o.) Ohne Titel, ca. 1990 - 1996 Holz, Graphit, Kunststoff, Kautschuk etc. 127 x 160 x 60 cm Schule II, ca. 1990 - 93 Holz, Glas, Kunststoff, Graphit etc. ca. 220 x 165 x 75 cm Urhaus, ca. 1989 Holz, Dachpappe, Beton etc. Seite 78: digitales Material East River, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl auf Leinwand 140 x 100 cm Vorago, 2010 Pigmentdruck auf Leinwand 140 x 100 cm Studiosituation, 2010 Fotografie Seite 79: Asylum, 2009 - 2010 Pigmentdruck, Acryl auf Leinwand (Zustand) 140 x 100 cm Kaspar Hauser, 2009 - 2010 Pigmentdruck auf Leinwand 140 x 100 cm Schwarze Zone, 2008 - 2010 Pigmentdruck, Acryl, Tinte auf Leinwand 100 x 100 cm digitale Skizzen Seite 80: Spähtrupp, 2010 Pigmentdruck, Acryl, Öl, Blattgold auf Leinwand 100 x 75 cm Wächterin, 2010 Fotografie digitale Skizzen Seite 81: Mutation, 2005 - 2006 Acryl, Öl, Tinte auf Leinwand 260 x 340 cm Timbers Ground, 2010 Pigmentdruck, Zeichnung, Montagen auf Papier 120 x 90 cm Seite 82/83: Seite 84: “Endmoräne” permanente Installation Arthotel Luise Fotomontage Seite 85: Seite 86/87 Seite 88/89 Seite 90: Blinde (nach Brueghel), 1978 - 1979 6 Figuren, verschiedene Materialien Pieter Bruegel, d. Ä. Das Gleichnis von den Blinden, 1568 Tempera auf Leinwand 86 x 154 cm Seite 91: Blinde (nach Brueghel), (Detail), 1978 - 1979 Seite 92/93: Seite 94: Schutzanzug für Gulliver, 1979 Segeltuch, Polyester, Holz, Plexiglas, verschiedene Materialien hier zu sehen in einem Film von Walter Lenertz aus dem Jahr 2010 Schutzanzug für Gulliver (Schautafel), 1979 verschiedene Materialien 250 x 600 cm Seite 95: Seite 96: Seite 97: Abbau des Prunks, 1993 verschiedene Materialien Seite 98: Piranesi/Williamsburg, 2010 Pigmentdruck, Tinte, Graphit, Tusche auf Papier 212 x 105 cm Seite 99: NEPHILIM/Studio/Ausstrahlung, 2009 - 2010 Pigmentdruck, Tinte, Graphit, Kreide, Transparentfolienmontage auf Papier 187 x 103 cm EAST RIVER/Wolf/TIMBER, 2010 Pigmentdruck, Tinte, Graphit, Transparentfolienmontage auf Papier 181 x 100 cm Seite 100/101: Atelieransicht Berlin 2010 (Schaulager) Seite 102: Schule, ca. 1990 - 1993 Holz, Kunststoff, Graphit etc. ca. 105 x 163 x 82 cm ohne Titel, ca. 1990 - 1993 Holz, Kunststoff, Graphit etc. 151 x 132 x 85 cm Seite 103: Schule II, ca. 1990 - 1993 Holz, Glas, Kunststoff, Graphit etc. ca. 220 x 165 x 75 cm Seite 104/105 Schwefelseele, 2009 - 2010 Glas, Kunststoff, Metall, Graphit, Schwefel etc. ca. 162 x 63 x 29 cm Seite 106: / Seite 107: Ritt, 2005 - 2008 Glas, Kautschuk, Holz, Helme etc. 185 x 74 x 124 cm Seite 108/109: Atelieransicht Berlin 2010 (Schaulager) Seite 110: Ausbruch, 2010 Pigmentdruck, Graphit, Tinte, Tusche auf Papier 153 x 111,5 cm Seite 111: Grauer Tisch, 2010 Pigmentdruck, Graphit auf Papier Seite 112: Seite 113: P(r)unk/Goldkopf, 2008 - 2010 Fundstücke, Graphit, Gold, Pigmentdruck, Acryl etc. 160 x 103 x 93 cm Seite 114: Detail P(R)UNK s.u. Seite 115: P(R)UNK, 2005 - 2010 Holz, Glas, Metall, Fundstücke, Pigmetdrucke, Spiegel etc. Installationsansicht (Ausschnitt) Tisch: 190 x 180 x 112 cm Säule: 370 x 109 x 100 cm Seite 116/117: P(R)UNK, 2005 - 2010 Holz, Glas, Metall, Fundstücke, Pigmetdrucke, Spiegel etc. Installationsansicht (Ausschnitt) Tisch: 190 Säule: 370 Seite 118/ Detail P(R) s.o. Seite 120: Detail P(R) s.o. Seite 121: P(R)UNKS Pigmentdr jeweils ca. Seite 122 Tischanam Pigmentdr 61 x 50 cm 124 125
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    Biografie: 1939 inBerlin geboren 1958 Studium an der Hochschule für - 65 Bildende Künste Berlin, Meisterschüler 1964 Gründungsmitglied der Ausstellungsge- meinschaft „Großgörschen35“,Berlin 1969 Preis der Malerei der Stadt Wolfsburg 1971 Stipendium Cité des Arts, Paris 1973 Bühnenbilder 1975 Berufung als Professor an der Hochschule der Künste, Berlin 1976 documenta 6 1981 Deutscher Kritikerpreis 1993 Mitglied der Akademie der Künste, Berlin 2005 „Volkstanz“, filmisches Portrait von Walter Lenertz lebt in Berlin und seit 1994 auch in New York City Einzelausstellungen (Auswahl) 1964 Großgörschen 35, Berlin 1966 Galerie Tobies & Silex, Köln (mit Baehr und Sorge) Großgörschen 35, Berlin 1969 Galerie Niepel, Düsseldorf Galerie Poll, Berlin Haus am Waldsee, Berlin (mit Berges, Diehl und Sorge) 1970 Galerie Brusberg, Hannover (mit Berges, Diehl und Sorge) 1971 Kunstverein für die Rheinlande und Westfalen, Düsseldorf (mit Diehl) 1973 Galerie Brusberg, Hannover 1975 Neue Galerie / Sammlung Ludwig, Aachen Kunsthalle Göteborg 1976 Kunsthalle Kiel Galerie Brusberg, Hannover 1979 Neuer Berliner Kunstverein in der Staatlichen Kunsthalle, Berlin 1983 Kunstverein Wiesbaden Galerie Niepel, Düsseldorf 1986 Galerie Asperger & Bischof, Chicago 1987 Galerie Brusberg, Berlin (mit Heisig und Lawrence) 1989 Galerie der Stadt Esslingen, Villa Merkel 1990 Kunsthalle Hamburg und Kampnagel Fabrik, Hamburg 1994 Fest III „Kunst und Gewalt“, Dresden Hellerau 1995 „Narziß“, Galerie Raab, Berlin 1996 Vizivárosi Galéria, Budapest 1999 „Glashaus“, Galerie Inga Kondeyne, Berlin „Malerei & Material“, Haus am Lützowplatz, Berlin 2000 „Sehen und Denken 8“, Akademie der Künste, Berlin 2001 „Batterie 2“, Villa Haiss, Museum für Zeitgenössische Kunst, Zell a. h. 2002 „Volkstanz“, Farrel-Pollack Fine Art, New York 2003 „Monrovia Mon Amour“, Buch und Material, Literaturhaus Berlin (mit Hans Christoph Buch) „Volkstanz“, Mappenwerk, Druckwerkstatt, Künstlerhaus Bethanien „Volkstanz“, Galerie Dieda / Art Bug, Bassano del Grappa , Italien 2004 „Endmoräne II“, pepperprojects, Berlin „Nestbau“, Klostergalerie Zehdenick (Akademie der Künste) 2006 „Good Slave, Bad Master“, Galerie Michael Schultz, Berlin 2007 „Bilder und Zeichnungen 1965-1987“, Galerie Eva Poll, Berlin 2008 „Mutatio“, Asperger Galerie, Berlin 2010 „P(R)UNK“, Sammlung Falckenberg, Phoenix Kulturstif- tung, Hamburg Impressum P(R)UNK Diese Publikation erschein anlässlich der Ausstellung in der Sammlung Falckenberg, Phoenix-Hallen Hamburg-Harburg Herausgeber / Editor Prof. Dr. Wulf Herzogenrath; Prof. Dr. Harald Falckenberg Gestaltung / Design Eric Tschernow, Wolfgang Petrick Lektorat Dr. Karl-Heinz Hartmann / Finbarr Morrin Übersetzung / Translations Text Dr. J. Schilling / Text Dr. H.-C. Buch: Dr. J. Kolb, Boston/Hamburg Text Dr. H.-W. Schmidt: Finbarr Morrin, Berlin Text Prof. Dr. W. Herzogenrath: Kenny Kent, Berlin/Indiana Druck / Printed Druckerei Conrad, Berlin Verlag / Publisher Hachmannedition, Bremen www.hachmannedition.de Der Katalog ist durch eine Förderung von Prof. Dr. Harald Falckenberg ermöglicht worden The catalog was made possible thanks to the support of Prof.Dr. Harald Falcken- berg Fotografie / Photography Eric Tschernow © 2010 Wolfgang Petrick und Hachmannedition, Hrsg Prof. Dr. Wulf Herzogenrath, Prof. Dr. Harald Falckenberg Autoren: Dr. Hans-Christian Buch, Prof. Dr. Wulf Herzogenrath, Prof. Dr. Harald Falckenberg, Dr. Jürgen Schilling, Dr. Hans Werner Schmidt, Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek: Die Deutsche Nati- onalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Angaben sind im Internet über <http://dnb.d-nb.de> abrufbar. ISBN 978-3-939429-87-6 + Besonderen Dank an die Mitarbeiter / Special thanks to my assistants Iva Vacheva, Jens Pepper, Alexander Koretzky 126 127 „Berliner Kunst von 1900 bis 1989“, Gulbankian Stiftung, Lissabon „25 Jahre Großgörschen“, Galerie Poll, Berlin „Maschinenmenschen“, Neue Gesellschaft für Bildende Kunst in der Staatlichen Kunsthalle Berlin 1991 Biennale Venedig 1993 „Akademie 1993“, Akademie der Künste, Berlin „Umbau“, Friedrichstraße, Berlin 1998 „German Marks, Postwar Drawings and Prints“, Harvard University Museums, Boston (Busch Reisinger Museum) 1999 „Das 20. Jahrhundert Gesichter der Zeit“, Kupferstichkabinett, Berlin 2003 „Diffusion / primär Zeit“, mit Dieter Appelt, Alexander Kluge etc.; UdK in der Opel AG, Berlin und Rüsselsheim „Berlin – Moskau“, Martin-Gropius-Bau, Berlin 2004 „Standpunkte“, Klingspor Museum, Offenbach „Zivilcourage“, Märkisches Museum Witten „Art in Berlin 15 years after the fall of the wall“, San Antonio Public Library Foundation, Texas, USA 2005 „Das Biest und andere Dämonen“, Sprengel Museum Hannover „Deep Action. Wolfgang Petrick und Meisterschüler“, Georg Kolbe Museum Berlin „Professoren der UdK“, Berlinische Galerie „Großgörschen 35 / Ein Stück West-Berlin 1964-1968“, Galerie Eva Poll, Berlin 2007 „L’Homme-paysage“, Villa Oppenheim, Berlin „25 Jahre Brusberg Berlin“, Galerie Brusberg, Berlin 2009 „aus/gezeichnet/zeichnen“, Akademie der Künste, Berlin 2010 „Source/Resource“, Wilde Gallery, Berlin „Breakthrough! 20 Years After German Unification“, First Amendment Center, Nashville, TN; The Aspen In stitute, Aspen, CO; Pepco‘s Edison Place Gallery, Washington, DC; University of Texas San Antonio Art Gallery, San Antonio, TX, USA „Berlin zeichnet!“, Ludwig Museum im Deutschherren haus Koblenz 2011 „Von Kirchner bis heute - Künstler reagieren auf Werke der Sammlung Prinzhorn“, Sammlung Prinzhorn, Heidelberg Ausstellungsbeteiligungen (Auswahl) 1963 Skripturale Malerei, Haus am Waldsee, Berlin 1963 „Junge Stadt sieht junge Kunst“, Wolfsburg 1965 „Kunstpreis Junger Westen“, Kunsthalle Recklinghausen 1966 „Junge Berliner Künstler“, Kunsthalle Basel „Berlin 66“, Märkisches Museum, Witten „Arte Contemporaneo Allemagne“, Museo Moderno, Mexico City 1967 „Neuer Realismus“, Haus am Waldsee, Berlin „Junge Berliner Künstler“, Kopenhagen 1969 Retrospektive Großgörschen 35, Berlin Kunstpreis der Stadt Wolfsburg „Berliner Künstler“, Städtische Kunsthalle Budapest 1970 3. Internationale der Zeichnung, Darmstadt „Berliner Realisten“, Badischer Kunstverein, Karlsruhe 1971 Biennale des Jeunes, Paris „Zeitgenössische deutsche Kunst“, Tokio und Kyoto 1972 „Prinzip Realismus“, Berlin, München, Oberhausen, Freiburg, Karlsruhe, Göteborg, Tromso, Bergen, Oslo 1973 „Mit Kamera, Pinsel und Spritzpistole“, Städtische Kunsthalle, Recklinghausen 1974 „Liebe und Tod“, Neue Galerie Aachen 1975 „Realismus und Realität“, Kunstverein Darmstadt 1976 „Aspects of Realism“, Kanada „Berlin now“, New York documenta 6, Kassel „21 Künstler aus Deutschland“, Louisiana Museum, Humlebaek 1977 „Aspekt Großstadt“, Berlin, Frankfurt, London, Edinburg 1978 „Zeichnungen von Realisten“, Galerie Poll, Berlin sowie in Amersfoort und Paris „Als guter Realist muß ich alles erfinden“, Kunstverein Hamburg und Badischer Kunstverein, Karlsruhe Biennale der Zeichnung, Sidney „Ugly Realism“, London 1979 „Neue Formen des Realismus“, Recklinghausen und Warschau „Malerei in Berlin von 1970 bis heute“, Bonn „Kunst in Berlin von 1960 bis heute“, Berlinische Galerie, Berlin 1980 „Forms of Realism Today“; Musée d`art contemporain, Montreal „Realism and Expressionism in Berlin Art“, Los Angeles 1981 „Känsle och Härdhet“, Kulturhuset, Stockholm 1983 „Realistische Zeichnungen“, Neue Nationalgalerie, Berlin „Acht Künstler aus der Bundesrepublik Deutschland“, 1985 „Representation Abroad“, Hirshhorn Museum, Washington D. C. „Apokalypse (Ein Prinzip Hoffnung)“, HackMuseum, Ludwigshafen „Expozitia de Arta Plastica Contemporana di Republica Federala Germania“, Rumänien 1987 „Standort 1987“, Galerie Pels Leusden, Berlin „Positionen des Realismus“, Galerie Poll, Berlin 1988 „Stationen der Moderne“, Berlinische Galerie, Berlin „Kunst nach 1945“, Neue Nationalgalerie, Berlin 1989 „Art in Berlin 1815 - 1989“, High Museum of Art, Atlanta, Georgia, USA