Die Kommentatoren
In unserer Rubrik «Stand­
punkt» setzen sich
alternierend Persönlichkei­
ten mit der Assekuranz
auseinander. Es sind dies:
Sabrina Hartusch
Präsidentin Vereinigung
der Schweizer ­Insurance-
und Risk-Manager
SIRM (über Bedürfnisse
von ­Geschäftskunden).
Urs Berger
Präsident des Schweize­
rischen Versicherungs­
verbandes SVV (zu Privat­
versicherungen und Politik).
Dr. Jérôme Cosandey
Projektleiter beim Think-
Tank Avenir Suisse
(zu Sozialversicherungen).
Professor Dr. Martin Eling
Institut für Versicherungs­
wirtschaft IVW der ­Universität
St. Gallen (zu Versicherungs­
management).
Professor Dr. Hato Schmeiser
Institut für Versicherungswirt­
schaft IVW der Universität St.
Gallen (zu Risikomanagement).
STANDPUNKT
A
ls «Kind der 80er-Jahre» muss
ich zugeben, dass ich mein Büro
mit den vielen Versicherungs-
Leitzordnern lieb gewonnen und damit
eines der «papierintensivsten» Büros
des gesamten Unternehmens habe.
Der Weg zum papierlosen Büro ist bei
mir noch lang. Auch gehöre ich im
Hause zu denjenigen, die am meisten
Post erhalten; als haptisch veranlagter
Mensch gefällt mir das sogar. Nur:
Wird das in der grossen Digitalisie-
rungswelle, die nun auch endlich in
der Versicherungsbrache rollt, zukünf-
tig Bestand haben? Nein. Zumindest
nicht mit Blick auf die jüngeren Gene-
rationen und damit Konsumenten
von morgen, für welche die Nutzung
globaler digitaler Plattformen eine
Selbstverständlichkeit ist.
Die Versicherungsindustrie besteht
seit Jahrhunderten, leistet einen soli­
den Beitrag zum Sozialprodukt und
hält trotz ihrem verstaubten Ruf ganze
Volkswirtschaften am Leben. An
dieser Stelle ein herzliches Dankeschön!
Es ist immer wieder bemerkenswert,
welch enormes Wissen in einem Versi-
cherungsunternehmen steckt und
wie viele Analysen und Ausarbeitun-
gen betrieben werden.
Doch wie wird es in Zukunft sein?
Wird das Versicherungsgeschäft
weiterhin primär von reinen Versiche-
rungsgesellschaften betrieben oder
kann dies genauso gut ein branchen-
fremder Anbieter der IT- und High-
Tech-Industrie aus dem Silicon Valley?
«Bankassurance» war bekanntlich kein
grosser Hit, aber von einer smarten
Marke wie etwa Google würde manch
einer sicherlich eine Versicherung als
«Nebendienstleistung» kaufen. Ebenso
ist die hiesige Assekuranz ja bereits
bestrebt, Tech-Experten in ihre Ver-
waltungsratsgremien einzubinden.
Wir befinden uns in einer Service-
gesellschaft und auch der Versiche-
rungsindustrie klopft eine Revolution
in Form des digitalen Wandels an
die Tür. Jetzt heisst es, sich auf die
eigenen Stärken zu besinnen und sich
ganzheitlich auf die Kundschaft, sei
es Privat- oder Firmenkunden, einzu-
lassen. Gemäss Modell von Porter
wird diese Transformation die Anbie-
terseite direkt betreffen, indem neue
Marktteilnehmer in den Markt eintre-
ten. Von manchen werden lediglich
smarte Datenanalysen zur eigenen
Produktgestaltung gekauft. Die Revo-
lution wird auch den Kern der Versi­
cherungsleistung betreffen, zum Bei-
spiel das «Gesetz der grossen Zahlen»,
die Kostenprämie und der Selbstbe­
halt müssen daher neu überdenkt werden.
Die Kundenseite wird ihre Individu-
alität in Zukunft mehr und mehr beto-
nen und genau diesen Aspekt im Versi-
cherungseinkauf reflektiert sehen
wollen. Somit sehen wir der nutzenstif-
tenden digitalen Ära positiv entgegen.
Sabrina Hartusch
Nutzen stiftende
digitale Ära
Die digitale Ära wird auch den Kern, die
Versicherungsleistung betreffen. Kostenprämie und
Selbstbehalt müssen daher neu überdenkt werden.
36	 SCHWEIZER VERSICHERUNG
		 APRIL 2016

April2016

  • 1.
    Die Kommentatoren In unsererRubrik «Stand­ punkt» setzen sich alternierend Persönlichkei­ ten mit der Assekuranz auseinander. Es sind dies: Sabrina Hartusch Präsidentin Vereinigung der Schweizer ­Insurance- und Risk-Manager SIRM (über Bedürfnisse von ­Geschäftskunden). Urs Berger Präsident des Schweize­ rischen Versicherungs­ verbandes SVV (zu Privat­ versicherungen und Politik). Dr. Jérôme Cosandey Projektleiter beim Think- Tank Avenir Suisse (zu Sozialversicherungen). Professor Dr. Martin Eling Institut für Versicherungs­ wirtschaft IVW der ­Universität St. Gallen (zu Versicherungs­ management). Professor Dr. Hato Schmeiser Institut für Versicherungswirt­ schaft IVW der Universität St. Gallen (zu Risikomanagement). STANDPUNKT A ls «Kind der 80er-Jahre» muss ich zugeben, dass ich mein Büro mit den vielen Versicherungs- Leitzordnern lieb gewonnen und damit eines der «papierintensivsten» Büros des gesamten Unternehmens habe. Der Weg zum papierlosen Büro ist bei mir noch lang. Auch gehöre ich im Hause zu denjenigen, die am meisten Post erhalten; als haptisch veranlagter Mensch gefällt mir das sogar. Nur: Wird das in der grossen Digitalisie- rungswelle, die nun auch endlich in der Versicherungsbrache rollt, zukünf- tig Bestand haben? Nein. Zumindest nicht mit Blick auf die jüngeren Gene- rationen und damit Konsumenten von morgen, für welche die Nutzung globaler digitaler Plattformen eine Selbstverständlichkeit ist. Die Versicherungsindustrie besteht seit Jahrhunderten, leistet einen soli­ den Beitrag zum Sozialprodukt und hält trotz ihrem verstaubten Ruf ganze Volkswirtschaften am Leben. An dieser Stelle ein herzliches Dankeschön! Es ist immer wieder bemerkenswert, welch enormes Wissen in einem Versi- cherungsunternehmen steckt und wie viele Analysen und Ausarbeitun- gen betrieben werden. Doch wie wird es in Zukunft sein? Wird das Versicherungsgeschäft weiterhin primär von reinen Versiche- rungsgesellschaften betrieben oder kann dies genauso gut ein branchen- fremder Anbieter der IT- und High- Tech-Industrie aus dem Silicon Valley? «Bankassurance» war bekanntlich kein grosser Hit, aber von einer smarten Marke wie etwa Google würde manch einer sicherlich eine Versicherung als «Nebendienstleistung» kaufen. Ebenso ist die hiesige Assekuranz ja bereits bestrebt, Tech-Experten in ihre Ver- waltungsratsgremien einzubinden. Wir befinden uns in einer Service- gesellschaft und auch der Versiche- rungsindustrie klopft eine Revolution in Form des digitalen Wandels an die Tür. Jetzt heisst es, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen und sich ganzheitlich auf die Kundschaft, sei es Privat- oder Firmenkunden, einzu- lassen. Gemäss Modell von Porter wird diese Transformation die Anbie- terseite direkt betreffen, indem neue Marktteilnehmer in den Markt eintre- ten. Von manchen werden lediglich smarte Datenanalysen zur eigenen Produktgestaltung gekauft. Die Revo- lution wird auch den Kern der Versi­ cherungsleistung betreffen, zum Bei- spiel das «Gesetz der grossen Zahlen», die Kostenprämie und der Selbstbe­ halt müssen daher neu überdenkt werden. Die Kundenseite wird ihre Individu- alität in Zukunft mehr und mehr beto- nen und genau diesen Aspekt im Versi- cherungseinkauf reflektiert sehen wollen. Somit sehen wir der nutzenstif- tenden digitalen Ära positiv entgegen. Sabrina Hartusch Nutzen stiftende digitale Ära Die digitale Ära wird auch den Kern, die Versicherungsleistung betreffen. Kostenprämie und Selbstbehalt müssen daher neu überdenkt werden. 36 SCHWEIZER VERSICHERUNG APRIL 2016