Originalien

HNO 2008 · 56:707–713                       C. Bösel1 · B. Mazurek2 · H. Haupt2 · I. Peroz3
DOI 10.1007/s0010...
Zusammenfassung · Abstract

 Tab. 2  Tinnitusschweregrade                  HNO 2008 · 56:707–713   DOI 10.1007/s00106-007-...
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                                                        Tinnitussprechstunde
                                ...
Tab. 3  Getrennte Betrachtung kompensierter/dekompensierter Tinnitus; funktionsthe-             on der unterschiedlichen S...
Originalien
                               Dysfunktions
                                   grad                           ...
mehreren Jahrzehnten in der Fachlitera-          den. Dennoch deuten sie auf eine eher                       12.  Lenarz T...
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  1. 1. Originalien HNO 2008 · 56:707–713 C. Bösel1 · B. Mazurek2 · H. Haupt2 · I. Peroz3 DOI 10.1007/s00106-007-1602-0 1 DENTSPLY DeTrey GmbH, Konstanz Online publiziert: 31. August 2007 2 Klinik für Hals-, Nasen und Ohrenheilkunde,  © Springer Medizin Verlag 2007 Tinnituszentrum, Charité – Universitätsmedizin Berlin 3 CharitéCentrum für Zahn-, Mund und Kieferheilkunde, Institut für Zahnärztliche  Redaktion Prothetik, Alterszahnmedizin und Funktionslehre, Charité – Universitätsmedizin Berlin  P.K. Plinkert, Heidelberg Chronischer Tinnitus und kraniomandibuläre Dysfunktionen Einfluss funktionstherapeutischer  Maßnahmen auf die Tinnitusbelastung Das gehäufte, gleichzeitige Auftreten von liches Screening auf das Vorhandensein Fragebogen (TF) nach Goebel u. Hiller kraniomandibulärer Dysfunktion (CMD) von Symptomen einer CMD sowie von [8] eingesetzt. Die 52 Fragebogen-Items und Tinnitus gab Anlass, kausale Zusam- CMD begünstigenden okklusalen Stö- repräsentieren typische Beschwerden von menhänge aufzuspüren [2, 10, 16, 19, 20, rungen durchgeführt (. Tab. 1). Es wur- Patienten mit chronischem Tinnitus. Der 21, 22]. den Patienten in die Studie aufgenommen, TF stellt momentan die beste Methode zur In den Leitlinien der Deutschen Ge- bei denen mindestens ein Einschlusskrite- Bestimmung des Tinnitusschweregrades sellschaft für Hals-Nasen-Ohren-Heil- rium des Screenings feststellbar war. Alle dar [8, 13], da er wissenschaftlich als aus- kunde, Kopf- und Hals-Chirurgie wird Patienten erhielten die Basistherapie der reichend evaluiert gilt. Der TF-Gesamt- darauf hingewiesen, dass zur Tinnitus- Tinnitussprechstunde (Counseling, Ent- score kann Werte zwischen 0 und 84 diagnostik auch eine Untersuchung des spannungsübungen, Hörtherapie). 59 von Punkten annehmen. Für die Interpretati- Kauapparates gehört [12]. 130 Patienten, welche die Auswahlkrite- on des Gesamtscores schlagen Goebel u. Funktionstherapeutische Interventi- rien erfüllten, gaben ihre Einwilligung zur Hiller die in . Tab. 2 dargestellte Eintei- onen konnten neben den Kiefergelenkbe- Studienteilnahme. lung in Tinnitusschweregrade vor [8]. schwerden auch den Tinnitus reduzieren. Die 59 Patienten wurden in 3 Gruppen Aufgrund der geringen Patientenzahl Systematische Auswertungen dieser Stu- aufgeteilt. Die Gruppen 1 und 2 erhielten wurde in der vorliegenden Studie für die dien zeigen jedoch [4] gravierende me- die funktionstherapeutischen Maßnah- Auswertung eine Einteilung in die 2 Grup- thodische Mängel. Daher wurde in einer men, Gruppe 3 bildete die Kontrollgrup- pen mit kompensiertem (0–46 Punkte) prospektiven, kontrollierten klinischen pe. Die Aufteilung in die Gruppen 1 und 2 und dekompensiertem (47–84 Punkte) Studie geprüft, ob zahnärztliche funkti- erfolgte quasi-randomisiert (alternierende Tinnitus vorgenommen. onstherapeutische Maßnahmen eine spe- Zuteilung), Gruppe 3 rekrutierte sich aus zifische Wirkung auf chronischen Tinni- den Patienten, die einer Studienteilnah- Klinische Untersuchung tus haben. me einwilligten, denen es jedoch aus lo- gistischen Gründen nicht möglich war, zu Die klinische Funktionsanalyse der Pati- Patienten und Methode den 5 Behandlungssitzungen in die Zahn- enten erfolgte nach der klar definierten klinik zu kommen (. Abb. 1). Vorgehensweise der „Research Dia- Im Rahmen der Tinnitussprechstunde des gnostic Criteria for Temporomandibular Tinnituszentrums der Charité wurde von Fragebögen Disorders“ (RDC/TMD), die von der Ar- Juni 2000 bis Juni 2002 bei 340 Patienten beitsgruppe um Dworkin erarbeitet wur- mit chronischem Tinnitus zusätzlich zur Um einen Einfluss auf den Tinnitus be- den [7]. Um das Ausmaß der Dysfunkti- audiologischen Diagnostik ein zahnärzt- urteilen zu können, wurde der Tinnitus- on bestimmen und in den Gruppen ver- HNO 7 · 2008  |  707
  2. 2. Zusammenfassung · Abstract Tab. 2  Tinnitusschweregrade HNO 2008 · 56:707–713   DOI 10.1007/s00106-007-1602-0 Grad des Tinnitus TF-Gesamt- © Springer Medizin Verlag 2007 score C. Bösel · B. Mazurek · H. Haupt · I. Peroz Kompensierter Tinnitus Chronischer Tinnitus und kraniomandibuläre Dysfunktionen. Einfluss funktionstherapeutischer Maßnahmen auf die Tinnitusbelastung Schweregrad 1 (leicht): 0–30 Schweregrad 2 (mittelgradig): 31–46 Zusammenfassung Dekompensierter Tinnitus Hintergrund und Fragestellung.  Ob die ge- Kontrollgruppe ohne Funktionstherapie ver- häufte Koinzidenz kraniomandibulärer Dys- glichen werden. funktionen (CMD) mit chronischem Tinnitus  Ergebnisse.  Die Funktionstherapie führte er- Schweregrad 3 (schwer): 47–59 zufällig oder kausal ist, wird kontrovers disku- wartungsgemäß zur signifikanten Redukti- Schweregrad 4 (sehr schwer): 60–84 tiert. Daher wurde untersucht, ob zahnärzt- on der CMD-Symptome. Ein signifikanter Be- liche Maßnahmen einen nachweisbaren Ein- handlungseffekt auf die Tinnitusbelastung  Homogenität der Gruppen fluss auf die subjektive Tinnitusbelastung ha- im Vergleich zur Kontrollgruppe blieb je- Bezüglich der Hauptzielgröße (TF-Ge- ben. doch aus. samtscore) und der Altersverteilung sind Patienten und Methoden.  59 Patienten mit  Schlussfolgerung.  Die Ergebnisse der vorlie- chronischem Tinnitus wurden in 3 Gruppen  genden Arbeit weisen auf eine eher zufällige  die 3 Gruppen als homogen anzusehen. aufgeteilt; 2 Gruppen erhielten zusätzlich zur  Koinzidenz der Symptomkomplexe hin. Basistherapie verschiedene funktionsthera- Veränderungen der  peutische Maßnahmen. Ihr Behandlungsef- Schlüsselwörter Tinnitusbelastung fekt auf die Tinnitusbelastung und die CMD- Tinnitus · Ohrsymptome · CMD · Kieferge- Symptome sollte miteinander und mit der  lenk · Funktionstherapie Gruppe 1 und 2 Nach der ersten Therapiephase ergab sich Chronic tinnitus and craniomandibular disorders. Effectiveness kein signifikanter Unterschied des Be- of dental functional therapy on perceived tinnitus distress handlungseffektes der beiden funktions- therapeutischen Maßnahmen (Mann- Abstract Whitney-Test: p=0,070). Tendenziell Background.  Whether the co-occurrence of  Results.  No significant correlation was es- signs and symptoms of a craniomandibular  tablished between the groups receiving  führte die Äquilibrierungsschiene zu ei- disorder (CMD) and chronic tinnitus are coin- treatment and the control group that would  ner stärkeren Verbesserung des TF-Ge- cidental or causal is controversial. Therefore,  validate a link between tinnitus and CMD. samtscores. the effects of splint therapy and self-therapy  Conclusion.  The results of this study suggest  Bei der Crossover-Auswertung über on perceived tinnitus were evaluated. a coincidental relationship between the two  den gesamten Zeitraum ergibt sich für Patients and methods.  Fifty-nine patients  complexes of symptoms. den Behandlungseffekt der beiden Thera- with chronic tinnitus were divided into three  groups. In a cross-over design, two groups re- Keywords piemittel kein signifikanter Unterschied ceived the two different treatments and were  Tinnitus · Ear symptoms · CMD · Temporo- (p=0,692). compared with a control group. All patients  mandibular joint received the initial basic tinnitus therapy. Vergleich aller Gruppen Die Verlaufsbetrachtungen über den ge- samten Zeitraum mit dem Friedmann- Test (Gruppen 1 und 2) und Wilcoxon- Test (Gruppe 3) ergaben keine statistisch signifikanten Verbesserungen der erho- benen Fragebogenwerte. Der Vergleich der Anfangs- und Endwerte des TF-Ge- samtscores lieferte ebenfalls keine signifi- kanten Veränderungen in allen 3 Gruppen (. Abb. 3). Tinnitusbelastungsänderungen  bei kompensiertem und  dekompensiertem Tinnitus Die gezielte Betrachtung der Änderungen der Tinnitusbelastung für die Patienten mit kompensiertem und mit dekompen- siertem Tinnitus zeigte folgendes Bild: Gesamtes Patientenkollektiv Bei Pati- enten mit chronisch kompensiertem Tin- HNO 7 · 2008  |  709
  3. 3. Originalien Tinnitussprechstunde (06/2000 bis 06/2002) 80 TF 1 untersuchte Patienten insgesamt: TF 3 340 Patienten 130 Patienten erfüllen die 60 Auswahlkriterien (m=68, w=62) 59 Patienten Punkte Einwilligung zur Studienteilnahme 40 Gruppe 1 Gruppe 2 Gruppe 3 (n = 19) (n = 20) (n = 20) TF 1, Klin. TF 1, Klin. TF 1 Funktionsstatus Funktionstatus 20 Schienentherapie Selbsttherapie Kontrollgruppe (Äquilibrierungs- 6 Wochen 12 Wochen schiene) 0 keine Therapiewechsel Therapiewechsel Schienentherapie TF 2, kurzer TF 2, kurzer Gruppe 1 Gruppe 2 Gruppe 3 und keine Funktionsstatus Funktionsstatus Selbsttherapie Abb. 3 8 Anfangs- und Endwerte des mittleren TF-Gesamtscores in allen  Selbsttherapie Schienentherapie Gruppen 6 Wochen (Äquilibrierungs- schiene) 6 Wochen Dysfunktions grad Therapieende Therapieende 0 I II TF 3, kurzer TF 3, kurzer TF 3 Funktionsstatus Funktionsstatus 100,0 Abb. 1 8 Studiendesign (TF=Tinnitusfragebogen) 80,0 25 kompensierter Tinnitus dekompensierter Tinnitus 20 60,0 Anzahl der Patienten Prozent 15 24 10 17 40,0 5 11 7 0 20,0 I =leicht II = mittel III = schwer IV = sehr schwer Schweregrad Tinnitus 0,0 Abb. 2 8 Verteilung der Patienten bezüglich des Tinnitusschweregrades  (n=59) 1 2 3 Untersuchungszeitpunkt Abb. 4 8 Veränderung der Dysfunktionsgrade (Helkimo-Indizes) in   Gruppe 1 710 |  HNO 7 · 2008
  4. 4. Tab. 3  Getrennte Betrachtung kompensierter/dekompensierter Tinnitus; funktionsthe- on der unterschiedlichen Symptome eine rapeutisch Behandelte/Kontrollgruppe (Wilcoxon-Test) willkürliche Wertung und Skalierung der Tinnitus Funktionstherapeutisch   Kontrollgruppe Einzelsymptome liefert. Dennoch wurde behandelt (Gruppe 1+2) (Gruppe 3) dieses Messinstrument verwendet, da er Kompensiert p=0,895 p=0,779 auch leichte Dysfunktionen erfasst. Die Dekompensiert p=0,314 p=0,037 Klassifizierung der Gruppen 1 und 2 nach RDC/TMD trägt der Tatsache Rechnung, Tab. 4  Unterschiede (McNemar-Test) und Übereinstimmung (κ-Koeffizient) der kli- dass dieses System sich international am nischen Dysfunktionsgrade nach den Therapiephasen stärksten durchsetzt und so eine Vergleich-   Gruppe 1 Gruppe 2 barkeit mit anderen bzw. zukünftigen Stu-   McNemar κ McNemar κ dien möglich ist. Außerdem ist die Be- Helkimo-Index 1 p=0,031 0,493 p=0,025 0,558 handlungsbedürftigkeit besser „ablesbar“. → deutliche Überein- deutliche Übereinstim- Ein Messen von Therapieeffekten war für Helkimo-Index 2 stimmung mung unser Vorhaben mit dieser Klassifizierung Helkimo-Index 2 p=1,000 0,914 p=0,250 0,744 → fast vollständige   starke Übereinstim- jedoch nicht möglich, da Einzelsymptome Helkimo-Index 3 Übereinstimmung mung (z. B. Druckdolenzen in der Kaumuskula- tur ohne Schmerz in der Anamnese) als „klinisch symptomfrei“ gelten. nitus änderte sich die Tinnitusbelastung in einen geringeren Dysfunktionsgrad Bei der Auswertung des TF wurde nur nicht signifikant (Wilcoxon: p=0,928). resultiert. Aus . Tab. 4 wird deutlich, der Gesamtscore herangezogen. Es wurden Für Patienten mit einem chronisch de- dass die Besserung der CMD-Symptome Patienten in die Studie eingeschlossen, die kompensierten Tinnitus ist die Redukti- in beiden Gruppen während der ersten ein oder mehrere CMD-Symptome und/ on der Tinnitusbelastung jedoch deutlich Behandlungsphase signifikant ist. oder eine Okklusionsstörung aufweisen, (p=0,04). unabhängig von deren Behandlungsnot- Vergleich funktionstherapeutisch Be- Diskussion wendigkeit. Streng genommen hätten nur handelte/Kontrolle Da sich die Therapie- die 7 Patienten mit der RDC/TMD-Dia- effekte der beiden zahnärztlich-funkti- Methodik gnose Ia einer funktionstherapeutischen onellen Behandlungen nicht signifikant Behandlung bedurft, da das Symptom unterscheiden, werden die Gruppen 1 Um eine einheitliche Tinnitusdiagnostik „Schmerz“ bei der Indikation zur weiter- und 2 für die folgende Betrachtung zu- zu gewährleisten, wurden ausschließlich führenden Diagnostik und Therapie die sammengefasst und der Kontrollgruppe Patienten mit chronischem Tinnitus bei entscheidende Rolle spielt. Da jedoch die gegenübergestellt. Für die Patienten mit der Neuaufnahme im Tinnituszentrum durch Linderung oder Elimination einzel- einem dekompensierten Tinnitus er- der HNO-Klinik der Charité für die Stu- ner CMD-Symptome bzw. durch Ausschal- gibt sich eine Verringerung der Tinni- die rekrutiert. Kritisch zu betrachten ist tung okklusaler Disharmonien mögliche tusbelastung, signifikant ist dies jedoch die Tatsache, dass die Aufteilung in die Beeinflussung der Tinnitusbelastung un- nur bei denjenigen der Kontrollgruppe 3 Studiengruppen nicht streng randomi- tersucht werden sollte und die Wirkweise (. Tab. 3). siert erfolgte, da so die Gefahr eines syste- von Äquilibrierungsschienen und der be- matischen Fehlers besteht. Die Methoden schriebenen Selbsttherapie zudem reversi- Einfluss der Therapie auf  der systematischen Zuteilung werden je- bel ist, wurde die Anwendung dieser The- die CMD-Symptome doch häufig als einer randomisierten Zu- rapiemittel als vertretbar eingestuft. teilung ebenbürtig angesehen. Auswertung des klinischen  Die klinische Funktionsanalyse wur- Patientenkollektiv Helkimo-Index de durch ein und denselben Arzt an- Überprüft man die Verteilung der Dys- hand RDC/TMD [7] durchgeführt. Die Geschlechts-/Altersverteilung funktionsgrade (D0, D1, D2, D3) für den klar definierte Untersuchungsanweisung Das Verhältnis Männer zu Frauen war aus- klinischen Helkimo-Index zu Studienbe- führt zu einer guten bis exzellenten Re- geglichen, was den Ergebnissen von Bush ginn mit Hilfe des χ2-Tests, so kann eine liabilität bei der Befundung der soma- [3] und Coles [5] entspricht; andere Studi- homogene Verteilung in den Gruppen 1 tischen Parameter [24]. en zeigen jedoch die Häufung von Tinni- und 2 festgestellt werden (p=0,512). Um den Schweregrad der diagnosti- tus unter Frauen [15] oder Männern [18]. Analysiert man nun die Verteilung zierten CMD dokumentieren und Thera- Die Studienteilnehmer waren im Mittel der ermittelten Dysfunktionsgrade zu pieeffekte quantitativ beschreiben zu kön- 51 Jahre alt, etwa 75% der Patienten waren Beginn, beim Wechsel und zum Ende der nen, wurde der klinische Dysfunktions- älter als 40 Jahre. Lenarz [11] beschreibt ei- Therapiephase (. Abb. 4, 5) anhand von index nach Helkimo [9] eingesetzt. Die- ne ähnliche Altersverteilung. Kreuztabellen, zeigt sich eine signifikante ser Index ist im europäischen Raum weit Besserung der CMD-Symptome in bei- verbreitet, seine Aussagekraft ist jedoch den Gruppen, was in einer Einordnung als kritisch einzustufen, da die Kombinati- HNO 7 · 2008  |  711
  5. 5. Originalien Dysfunktions grad tungszeitraums eine signifikante Reduk- 0 I II III tion der subjektiven Tinnitusbelastung bei den chronisch dekompensierten Pati- enten. Diese Tatsache korreliert mit den 100,0 Ergebnissen der Untersuchungen Mazu- rek et al. [13], die ebenfalls bei schwerer betroffenen Patienten eine höhere und bei 80,0 leichter Betroffenen eine geringere Reduk- tion im TF-Gesamtscore finden konnten. Teilt man die Gruppe der Patienten mit kompensiertem bzw. dekompensiertem 60,0 Tinnitus noch einmal auf in funktionsthe- Prozent rapeutisch Behandelte und Kontrollgrup- pe, zeigt sich nur bei Patienten der Kon- trollgruppe mit chronisch dekompensier- 40,0 tem Tinnitus eine signifikante Reduktion der Tinnitusbelastung. Demnach können Ergebnisse verschie- dener Untersuchungen über den Einfluss 20,0 funktionstherapeutischer Maßnahmen auf das Tinnitusgeschehen, die teilweise von beachtlichem Erfolg hinsichtlich der 0,0 Linderung bzw. sogar einer Elimination Abb. 5 9 Veränderung  der otologischen Symptome über den Be- 1 2 3 der Dysfunktionsgrade  (Helkimo-Indizes) in  handlungszeitraum berichten [3, 20], mit Untersuchungszeitpunkt Gruppe 2 vorliegenden Studienergebnissen nicht bestätigt werden. Die wissenschaftliche Prävalenz der CMD-Symptome gefunden werden, Muskelverspannungen Aussagekraft der Mehrzahl dieser Studi- Da keine Kontrollgruppe ohne das Be- nicht so häufig (27%). Insgesamt zeigte en ist aufgrund zahlreicher methodischer schwerdebild des chronischen Tinni- sich jedoch keine erhöhte Prävalenz von Mängel stark eingeschränkt [5]. tus mitgeführt wurde, ist die Beurteilung CMD-Symptomen und Okklusionsstö- Auch Chole u. Parker [5] postulierten, der gefundenen Prävalenzen für einzel- rungen (39% von insgesamt 340 Unter- dass die Versuche, Tinnitus mit zahnärzt- ne CMD-Symptome nur im Vergleich suchten). lichen okklusalen Therapiemaßnahmen mit den Ergebnissen aus anderen epide- Diese Beobachtungen werden von Ver- zu behandeln, bislang auf keiner wissen- miologischen Untersuchungen möglich. non et al. [23] gestützt. Sie konnten in ih- schaftlichen Grundlage beruhten. Dies So gingen auch Rubinstein et al. [21] in ren Untersuchungen nur bei wenigen Tin- kann durch vorliegende Ergebnisse un- ihrer Untersuchung zur Prävalenz von nituspatienten CMD-Symptome finden. termauert werden. Funktionsstörungen bei Tinnituspati- Außerdem analysierten sie Daten von 1002 enten vor und fanden eine höhere Präva- Tinnituspatienten aus der von Meikle u. Einfluss der Therapie auf  lenz von klinischen Zeichen einer CMD Griest seit 1982 in den USA geführten Da- die CMD-Symptome (84% vs. 61%), vor allem von Muskelver- tenbank [14] und eruierten nur bei 7% die- Die relaxierende und schmerzlindernde spannungen der Kau- und Gesichtsmus- ser Patienten CMD-Symptome. Wirkung dieser wissenschaftlich aner- kulatur und vermehrt Hinweise auf vor- kannten Maßnahmen der Initialtherapie liegende Parafunktionen. Testergebnisse von kraniomandibulären Dysfunktionen Auch Peroz [17] erhielt in den Unter- [1] wurde bestätigt, die CMD-Symptome suchungen eine signifikant höhere Präva- Veränderungen der  besserten sich signifikant (vor allem Mus- lenz von Druckdolenzen in der Kaumus- Tinnitusbelastung kelverspannungen). Der Unterschied der kulatur (92,5% vs. 71,4% in der Kontroll- Die Ausgangswerte für die Tinnitusbe- angewendeten funktionstherapeutischen gruppe), von klinischen Anzeichen von lastung (mittlerer TF-Gesamtscore von Maßnahmen bezüglich ihres Behandlungs- Parafunktionen und von Disharmonien 39; Gruppe mit kompensiertem Tinnitus: effektes erwies sich als nicht signifikant. der Okklusion. 29; Gruppe mit dekompensiertem Tinni- Beim Vergleich mit den Ergebnissen tus: 58,5 Punkte) war vergleichbar mit de- Zusammenhänge zwischen  der genannten Studien konnte bei den nen der Untersuchung von Goebel u. Hil- CMD und Tinnitus Studienteilnehmern der vorliegenden Ar- ler [8]. Bei der Betrachtung aller 59 Studi- beit ein wesentlich häufigeres Vorkom- enteilnehmer als Patientenkollektiv ergab Ätiologische Zusammenhänge zwischen men von Disharmonien der Okklusion sich während des 3-monatigen Beobach- CMD und Ohrgeräuschen werden seit 712 |  HNO 7 · 2008
  6. 6. mehreren Jahrzehnten in der Fachlitera- den. Dennoch deuten sie auf eine eher 12.  Lenarz T (1999) Leitlinien der Deutschen Gesell- schaft für Hals-Nasen-Ohren-Heilkunde, Kopf- und  tur kontrovers diskutiert. Entwicklungs- zufällige Koinzidenz der beschriebenen Hals-Chirurgie. Tinnitus. HNO 47: 14–18 geschichtliche, anatomische, neuromus- Symptomenkomplexe hin. 13.  Mazurek B, Georgiewa P, Seydel C et al. (2005) Inte- kuläre oder psychologische Ätiologiemo- grierte Tinnitusintensivbehandlung: Konzept und  erste praktische Erfahrungen. Gesundheitswesen  delle wurden zur Sprache gebracht und Fazit für die Praxis 67: 485–491 größtenteils widerlegt. 14.  Meikle M, Taylor-Walsh E (1984) Characteristics of  Vermutete anatomisch-mechanische Eine generelle Funktionsdiagnostik bei  tinnitus and related observations in over 1800 tin- nitus clinic patients. J Laryngol Otol 9: 17–21 Zusammenhänge [6] können anhand der Tinnituspatienten und die Therapie so- 15.  MRC Institute of hearing research (1987) Epidemi- Datenlage der vorliegenden Studie auch litär vorhandener CMD-Symptome oh- ology of tinnitus. In: Hazell JH (ed) Tinnitus. Chur- nicht bestätigt werden. Die deutlich er- ne Schmerzsymptomatik oder Limitati- chill Livingstone, Edinburgh, pp 46–70 16.  Myrhaug H (1964) The incidence of ear symptoms  höhte Prävalenz von Disharmonien in der on der Unterkieferbeweglichkeit können  in cases of malocclusion and temporo-mandibular  Okklusion und ihre funktionstherapeu- aufgrund der Datenlage nicht empfoh- joint disturbances. Br J Oral Surg 2: 28–32 tische Harmonisierung durch die Schie- len werden. 17.  Peroz I (2003) Funktionsstörungen des Kauorgans  bei Tinnituspatienten im Vergleich zu einer Kon- nentherapie hatten keinerlei Einfluss auf trollgruppe. HNO 51: 544–548 die Tinnitusbelastung. Korrespondenzadresse 18.  Pilgramm M, Rychlik R, Leibisch H et al. (1999) Tin- Untersucher der Prävalenz von CMD PD Dr. I. Peroz nitus in the Federal Republic of Germany: a repre- sentive epidemiological study. In: Hazell J (ed) Pro- bei Tinnituspatienten stellten eine signi- CharitéCentrum für Zahn-, Mund und Kieferheil- ceedings of the Sixth International Tinnitus Semi- fikant höhere Prävalenz von Muskelver- kunde, Institut für Zahnärztliche Prothetik,   nar. Cambridge, UK, pp 64–67 Alterszahnmedizin und Funktionslehre,   19.  Pinto OF (1962) A new structure related to the te- spannungen in der Kau- und Gesichts- Charité – Universitätsmedizin Berlin moromandibular joint and middle ear. J Prosthet  muskulatur fest und hielten somit neu- Augustenburger Platz 1, 13353 Berlin Dent 12: 95–103 romuskuläre bzw. funktionelle Zusam- ingrid.peroz@charite.de 20.  Rubinstein B (1993) Tinnitus in patients with tem- menhänge für wahrscheinlich [17, 21]. poromandibular disorders – is there a link? Swed  Interessenkonflikt.  Die korrespondierende Autorin  Dent J 95: 1–46 Dass diese muskulären Verspannungen 21.  Rubinstein B, Axelsson A, Carlsson GE (1990) Pre- gibt an, dass kein Interessenkonflikt besteht. jedoch als ätiologische Ursache zu wer- valence of signs and symptoms of craniomandibu- ten sein könnten, muss anhand der Er- lar disorders in tinnitus patients. J Craniomandib  Disord 4: 186–192 gebnisse der vorliegenden Arbeit ver- Literatur 22.  Schneider WR, Hilk A, Franzen U (1994) Soziale Un- neint werden. Durch die funktionsthera- terstützung, Beschwerdedruck, Streßverarbeitung  peutischen Maßnahmen wurden Muskel-   1.  Ahlers M, Freesmeyer WB, Fussnegger M et al.  und Persönlichkeitsmerkmale bei Patienten mit  (2005) Zur Therapie der funktionellen Erkran- subjektivem chronischem Tinnitus aurium und ei- verspannungen signifikant reduziert und kungen des kraniomandibulären Systems. Wis- ner klinischen Kontrollgruppe. HNO 42: 22–27 hätten demnach auch zur Reduktion der senschaftliche Stellungnahme der DGZMK. Dtsch  23.  Vernon J, Griest S, Press L (1992) Attributes of tin- Tinnitusbelastung führen müssen. Zahnärztl Z 60 nitus associated with the temporomandibular    2.  Arlen H (1984) The otomandibular syndrome. In:  joint syndrome. Eur Arch Otorhinolaryngol 249:  Beide Beschwerdekomplexe zeigen Gelb H (ed) Clinical management of head, neck  93–94 mögliche gemeinsame prädisponieren- and TMJ pain and dysfunction. WB Saunders, Phi- 24.  Wahlund K, List T, Dworkin SF (1998) Temporo- de Faktoren auf der psychosozialen Ebe- ladelphia, pp 171–180 mandibular disorders in children and adolescents:    3.  Bush FM (1987) Tinnitus and otalgia in temporo- reliability of a questionnaire, clinical examination  ne, was durch erhöhtes Vorkommen von mandibular disorders. J Prosthet Dent 58: 495–498 and diagnosis. J Orofac Pain 12: 42–51 Angstzuständen und Depressionen in die-   4.  Chan SWY, Reade PC (1994) Tinnitus and temporo- sen Patientengruppen gekennzeichnet ist. mandibular pain-dysfunction disorder. Clin Otola- ryngol 19: 370–380 Ob jedoch der Tinnitus als Stressfaktor   5.  Chole RA, Parker WS (1992) Tinnitus and vertigo in  für die Entstehung bzw. Unterhaltung von patients with temporomandibular disorders. Arch  Parafunktionen verantwortlich ist oder Otolaryngol Head Neck Surg 118: 817–821   6.  Costen JB (1934) A syndrome of ear and sinus  die CMD-Symptome als Stressfaktor zur symptoms dependent upon disturbed function of  Chronifizierung des Tinnitusgeschehens the temporomandibular joint. Ann Otol Rhinol La- wirken können, kann nicht eindeutig ge- ryngol 43: 1–4   7.  Dworkin SF, LeResche L (1992) Research diagnostic  klärt werden. criteria for temporomandibular disorders: Review,  criteria, examinations and specifications, critique. J  Schlussfolgerungen Craniomandib Disord 6: 301–355   8.  Goebel G, Hiller W (2000) Tinnitus-Fragebogen (TF)  – Ein Instrument zur Erfassung von Belastung und  F   ie funktionstherapeutischen Maß- D Schweregrad bei Tinnitus, Handanweisung. Hog- nahmen haben keine spezifische Wir- refe, Göttingen   9.  Helkimo M (1974) Studies on function and dys- kung auf die Tinnitusbelastung. Dem- function of the masticatory system. Svensk Tand- nach sind neuromuskuläre Zusam- läk T 67: 101–119 menhänge als unwahrscheinlich ein- 10.  Klockhoff I, Westerberg CE (1993) zitiert in: Rubin- stein B (ed) Tinnitus in patients with temporoman- zuordnen. dibular disorders – is there a link? Swed Dent J 95:  F   ie gefundenen Ergebnisse sollten auf- D 1–46 grund der geringen Anzahl der Studi- 11.  Lenarz T (1992) Epidemiologie. In: Feldmann H  (Hrsg) Tinnitus. Thieme, Stuttgart, S 71–75 enteilnehmer nicht überbewertet wer- HNO 7 · 2008  |  713

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