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Wichtige Ereignisse des Anwerbeverfahrens
                           (Grundlage für den Entwurf eines Comics)



    •    Gründe für die Unterzeichnung dieser Vereinbarung waren:
            1.) in Deutschland: Hier fehlten durch den wirtschaftlichen Aufschwung Ende der
                50er Jahre Arbeiter in der Industrie.
            2.) in der Türkei: Hier wuchs einerseits die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten
                sehr schnell, andererseits wurden in der Landwirtschaft durch die mechanischen
                Hilfsmittel (z.B. Traktoren) viele Arbeiter entlassen. Die Folge war eine große Zahl
                von Arbeitslosen, die in Städte (Istanbul, Ankara und Izmir) auswanderten, um
                dort nach Arbeit zu suchen.

    •    Die deutschen Unternehmer drängten darauf, eine Vereinbarung mit der Türkei zu
         unterzeichnen, um nach einem „rotierenden Prinzip“ (die Arbeiter sollten nach ein bis
         drei Jahren von neu kommenden abgelöst werden) Arbeiter ins Land zu holen.

    •    Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei am 30.
         Oktober 1961

    •    Schon vor dem Anwerbeabkommen kamen mit Hilfe von Touristen-Visa Menschen aus
         der Türkei nach Deutschland, um zu arbeiten. Diese Form der Einwanderung wurde als
         „wilde Migration“ oder der „zweite Weg“ bezeichnet. Wenn sie für den Sommerurlaub
         in ihre Dörfer/Städte zurückkehrten, erzählten sie ihren Nachbarn und Freunden, wie
         einfach man in Deutschland viel Geld verdienen könnte. Diese Erzählungen veranlassten
         die Menschen, für einige Jahre zum Arbeiten nach Deutschland zu gehen. Zudem
         schaltete die „Deutsche Kommission“ in den türkischen Tageszeitungen Anzeigen,
         indem sie junge Arbeitskräfte dazu aufrief, sich bei ihnen zu bewerben.

    •   Motiv für die Migration nach Deutschland war in erster Linie die Verbesserung von
        Sicherheit und Wohlstand, die berufliche Weiterbildung sowie persönliche
        Unabhängigkeit und Freiheit. Viele Männer wünschten sich den Kauf eines Autos.
        Frauen träumten von schönen Kleidern.
        Da sich seit 1960 das türkische Militär immer stärker in die Politik einmischte, wurde für
        viele Menschen auch die politische Situation in der Türkei zum Auswanderungsgrund.
        Das galt vor allem für junge Männer und Frauen, die in politischen Lehrervereinen und
        Gewerkschaften tätig waren.

    •    Auch immer mehr türkische Frauen wanderten aus: Waren 1962 von den 11.022
         Arbeitern aus der Türkei nur 504 weiblich, waren es 1964 schon 5022 der 54918
         vermittelten türkischen Arbeitskräfte.

    •    Die Entscheidung nach Deutschland zu gehen, musste von der Familie mit getragen
         werden. Oft bedeutete der Entschluss zur Auswanderung, dass der Vater als
         Hauptverdiener erst einmal wegfiel. Deshalb zogen viele Frauen mit Kindern
         vorübergehend zu Verwandten. Mit dem Erlös aus dem Verkauf von Haus und Land
         wurde die Reise zur nächstgelegenen Stadt mit Vermittlungsbüro gezahlt.

Christine Lehmann-Kilic            Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart                16. Februar 2011
•    Die deutsche Verbindungsstelle in Istanbul stellte für viele die erste Begegnung mit der
         Bundesrepublik dar. (Fernsehen gab es damals nur selten und das Internet noch gar
         nicht!)

    •    Die Auswahlverfahren waren oft sehr unangenehm für die Auswanderer: sie fand in
         engen, schlecht belüfteten Räumen statt, Sitzbänke gab es kaum in den Warteräumen.
         Das Auswahlverfahren dauerte zwei Tage und war für die Bewerber sehr anstrengend:
         „Das war wie durch ein Nadelöhr zu gehen.“ Besonders ältere und ungelernte
         Arbeitskräfte mussten lange (viele auch Jahre) auf die Vermittlung einer Stelle in
         Deutschland warten.

    •    Unangenehmer als die berufliche Auswahl, war die Gesundheitsuntersuchung der
         Kommission. An die können sich heute noch viele Gastarbeiter erinnern: Urin und Blut
         wurden getestet, die Lungen geröntgt, Augen, Nase und Ohren untersucht. Danach
         musste man nackt (die Frauen bis auf die Unterhose entkleidet) eine Untersuchung über
         sich ergehen lassen, um mögliche Haltungsschäden sichtbar zu machen.

    •    Viele Migranten hatten Angst, dass die deutsche Kommission sie ablehnen würde. So
         erzählte ein türkischer Arbeiter: „Nicht durchzukommen, wäre für uns der
         Zusammenbruch gewesen. Die von der Untersuchung zurückkamen und
         durchgekommen waren, lachten und tanzten. Die, die nicht durchgekommen waren,
         waren wie die Kinder. Denn die meisten hatten ihre Felder und Tiere verkauft, um
         kommen zu können. Manche meiner Freunde machten daraus ein Ehrenangelegenheit
         und trauten sich nicht mehr, in ihre Dörfer zurückzufahren.“

    •    Von der deutschen Kommission erhielten die ausgewählten Arbeiter einen
         Arbeitsvertrag, auf dem die Adresse des Betriebs stand, in welchem sie in Zukunft
         arbeiten würden.

    •    Die ausgewählten Arbeiter wurden mit der Eisenbahn, ab 1970 auch mit dem Flugzeug,
         nach Deutschland gebracht. Von Istanbul dauerte die Fahrt nach Deutschland etwa drei
         Nächte und zwei Tage. Im Sommer war es in den „Sammeltransport-Zügen“ sehr heiß
         und schmutzig.

    •    Die Züge mit den Gastarbeitern aus der Türkei kamen immer in München an. Dort
         bekamen die Reisenden Informationen darüber, mit welchem Zug sie an ihr Ziel (den Ort
         ihrer Firma) reisen konnten. In einem alten Luftschutzbunker neben Gleis 11 erhielten sie
         Verpflegung. Viele der muslimischen Arbeiter hatten Angst, dass sie unwissentlich
         Schweinefleisch essen würden.

    •   Die Weiterreise an den Ort der Firma organisierte die so genannte
        „Weiterleitungsstelle“, bei der Dolmetscher arbeiteten, die ihren Landsleuten den Weg
        erklärten. Einer der Dolmetscher schildert die Situation der ankommenden Arbeiter so:
        „An ihrem Zustand und den Kleidern konnte man erkennen, dass unsere Leute unter
        sehr schwierigen Bedingungen hierher gekommen sind. Viele wussten nicht, wohin sie
        gingen. Sie hatten Angst, dass sie hungern müssten. Es gab viele, die in ihren Koffern

Christine Lehmann-Kilic           Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart                 16. Februar 2011
Dinge wie einen Sack Bulgur oder Linsen mitbrachten. […] Nachdem die Formalitäten
        erledigt waren, setzten wir manche in Gruppen, manche alleine in andere Züge. Wir
        verteilten Zettel an sie und sagten: Du fährst mit diesem Zug drei Stunden. Um 15.35Uhr
        steigst du an dem und dem Ort aus dem Zug aus, dort wartest du eine halbe Stunde und
        steigst in den und den Zug ein, mit dem fährst du nochmals 45 Minuten und steigst an
        dieser Haltestelle aus. Dort nimmst du den Bus Nummer soundso und steigst nach fünf
        Haltestellen aus und wirst die Firma finden. Es war natürlich unmöglich, dass die Leute
        das verstanden. Vielleicht jene, die in Gruppen unterwegs waren, aber diejenigen, die
        ihre Firma alleine finden mussten, haben sich auf jeden Fall verfahren.“

    •    Am Bahnhof des Zielorts wurden die Ankommenden von Vertretern der Firma in
         Empfang genommen, welche ebenfalls von einem Dolmetscher begleitet wurden.
         Gemeinsam brachten sie die neuen Mitarbeiter in die Unterkünfte.

    •    Die ankommenden Menschen erhielten von der Vermittlungsstelle der deutschen
         Kommission nur wenige Informationen über das Land, in dem sie arbeiten sollten. Viele
         gingen mit völlig falscher Vorstellung nach Deutschland. Einige glaubten, dass das
         Pflaster der Stadt golden sei. In Deutschland angekommen, wurde dieses Bild bei vielen
         durch die engen, barackenähnlichen Unterkünfte und die anstrengende und
         gleichförmige Schichtarbeit enttäuscht.

    •    Hinzu kam, dass es Unternehmen gab, die den ausländischen Arbeitern weniger Lohn als
         den deutschen Mitarbeitern zahlten. Um für ihre Rechte im Betrieb kämpfen zu können,
         wurden immer mehr Gastarbeiter Mitglieder einer Gewerkschaft.

    •    Da viele türkische Arbeiter die Deutsche Sprache nicht beherrschten, fühlten sie sich –
         fernab von ihren Familien - von ihrer neuen Lebensumgebung ausgeschlossen.




Christine Lehmann-Kilic           Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart                 16. Februar 2011

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  • 1. Wichtige Ereignisse des Anwerbeverfahrens (Grundlage für den Entwurf eines Comics) • Gründe für die Unterzeichnung dieser Vereinbarung waren: 1.) in Deutschland: Hier fehlten durch den wirtschaftlichen Aufschwung Ende der 50er Jahre Arbeiter in der Industrie. 2.) in der Türkei: Hier wuchs einerseits die Bevölkerung in den ländlichen Gebieten sehr schnell, andererseits wurden in der Landwirtschaft durch die mechanischen Hilfsmittel (z.B. Traktoren) viele Arbeiter entlassen. Die Folge war eine große Zahl von Arbeitslosen, die in Städte (Istanbul, Ankara und Izmir) auswanderten, um dort nach Arbeit zu suchen. • Die deutschen Unternehmer drängten darauf, eine Vereinbarung mit der Türkei zu unterzeichnen, um nach einem „rotierenden Prinzip“ (die Arbeiter sollten nach ein bis drei Jahren von neu kommenden abgelöst werden) Arbeiter ins Land zu holen. • Unterzeichnung des Anwerbeabkommens zwischen Deutschland und der Türkei am 30. Oktober 1961 • Schon vor dem Anwerbeabkommen kamen mit Hilfe von Touristen-Visa Menschen aus der Türkei nach Deutschland, um zu arbeiten. Diese Form der Einwanderung wurde als „wilde Migration“ oder der „zweite Weg“ bezeichnet. Wenn sie für den Sommerurlaub in ihre Dörfer/Städte zurückkehrten, erzählten sie ihren Nachbarn und Freunden, wie einfach man in Deutschland viel Geld verdienen könnte. Diese Erzählungen veranlassten die Menschen, für einige Jahre zum Arbeiten nach Deutschland zu gehen. Zudem schaltete die „Deutsche Kommission“ in den türkischen Tageszeitungen Anzeigen, indem sie junge Arbeitskräfte dazu aufrief, sich bei ihnen zu bewerben. • Motiv für die Migration nach Deutschland war in erster Linie die Verbesserung von Sicherheit und Wohlstand, die berufliche Weiterbildung sowie persönliche Unabhängigkeit und Freiheit. Viele Männer wünschten sich den Kauf eines Autos. Frauen träumten von schönen Kleidern. Da sich seit 1960 das türkische Militär immer stärker in die Politik einmischte, wurde für viele Menschen auch die politische Situation in der Türkei zum Auswanderungsgrund. Das galt vor allem für junge Männer und Frauen, die in politischen Lehrervereinen und Gewerkschaften tätig waren. • Auch immer mehr türkische Frauen wanderten aus: Waren 1962 von den 11.022 Arbeitern aus der Türkei nur 504 weiblich, waren es 1964 schon 5022 der 54918 vermittelten türkischen Arbeitskräfte. • Die Entscheidung nach Deutschland zu gehen, musste von der Familie mit getragen werden. Oft bedeutete der Entschluss zur Auswanderung, dass der Vater als Hauptverdiener erst einmal wegfiel. Deshalb zogen viele Frauen mit Kindern vorübergehend zu Verwandten. Mit dem Erlös aus dem Verkauf von Haus und Land wurde die Reise zur nächstgelegenen Stadt mit Vermittlungsbüro gezahlt. Christine Lehmann-Kilic Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart 16. Februar 2011
  • 2. Die deutsche Verbindungsstelle in Istanbul stellte für viele die erste Begegnung mit der Bundesrepublik dar. (Fernsehen gab es damals nur selten und das Internet noch gar nicht!) • Die Auswahlverfahren waren oft sehr unangenehm für die Auswanderer: sie fand in engen, schlecht belüfteten Räumen statt, Sitzbänke gab es kaum in den Warteräumen. Das Auswahlverfahren dauerte zwei Tage und war für die Bewerber sehr anstrengend: „Das war wie durch ein Nadelöhr zu gehen.“ Besonders ältere und ungelernte Arbeitskräfte mussten lange (viele auch Jahre) auf die Vermittlung einer Stelle in Deutschland warten. • Unangenehmer als die berufliche Auswahl, war die Gesundheitsuntersuchung der Kommission. An die können sich heute noch viele Gastarbeiter erinnern: Urin und Blut wurden getestet, die Lungen geröntgt, Augen, Nase und Ohren untersucht. Danach musste man nackt (die Frauen bis auf die Unterhose entkleidet) eine Untersuchung über sich ergehen lassen, um mögliche Haltungsschäden sichtbar zu machen. • Viele Migranten hatten Angst, dass die deutsche Kommission sie ablehnen würde. So erzählte ein türkischer Arbeiter: „Nicht durchzukommen, wäre für uns der Zusammenbruch gewesen. Die von der Untersuchung zurückkamen und durchgekommen waren, lachten und tanzten. Die, die nicht durchgekommen waren, waren wie die Kinder. Denn die meisten hatten ihre Felder und Tiere verkauft, um kommen zu können. Manche meiner Freunde machten daraus ein Ehrenangelegenheit und trauten sich nicht mehr, in ihre Dörfer zurückzufahren.“ • Von der deutschen Kommission erhielten die ausgewählten Arbeiter einen Arbeitsvertrag, auf dem die Adresse des Betriebs stand, in welchem sie in Zukunft arbeiten würden. • Die ausgewählten Arbeiter wurden mit der Eisenbahn, ab 1970 auch mit dem Flugzeug, nach Deutschland gebracht. Von Istanbul dauerte die Fahrt nach Deutschland etwa drei Nächte und zwei Tage. Im Sommer war es in den „Sammeltransport-Zügen“ sehr heiß und schmutzig. • Die Züge mit den Gastarbeitern aus der Türkei kamen immer in München an. Dort bekamen die Reisenden Informationen darüber, mit welchem Zug sie an ihr Ziel (den Ort ihrer Firma) reisen konnten. In einem alten Luftschutzbunker neben Gleis 11 erhielten sie Verpflegung. Viele der muslimischen Arbeiter hatten Angst, dass sie unwissentlich Schweinefleisch essen würden. • Die Weiterreise an den Ort der Firma organisierte die so genannte „Weiterleitungsstelle“, bei der Dolmetscher arbeiteten, die ihren Landsleuten den Weg erklärten. Einer der Dolmetscher schildert die Situation der ankommenden Arbeiter so: „An ihrem Zustand und den Kleidern konnte man erkennen, dass unsere Leute unter sehr schwierigen Bedingungen hierher gekommen sind. Viele wussten nicht, wohin sie gingen. Sie hatten Angst, dass sie hungern müssten. Es gab viele, die in ihren Koffern Christine Lehmann-Kilic Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart 16. Februar 2011
  • 3. Dinge wie einen Sack Bulgur oder Linsen mitbrachten. […] Nachdem die Formalitäten erledigt waren, setzten wir manche in Gruppen, manche alleine in andere Züge. Wir verteilten Zettel an sie und sagten: Du fährst mit diesem Zug drei Stunden. Um 15.35Uhr steigst du an dem und dem Ort aus dem Zug aus, dort wartest du eine halbe Stunde und steigst in den und den Zug ein, mit dem fährst du nochmals 45 Minuten und steigst an dieser Haltestelle aus. Dort nimmst du den Bus Nummer soundso und steigst nach fünf Haltestellen aus und wirst die Firma finden. Es war natürlich unmöglich, dass die Leute das verstanden. Vielleicht jene, die in Gruppen unterwegs waren, aber diejenigen, die ihre Firma alleine finden mussten, haben sich auf jeden Fall verfahren.“ • Am Bahnhof des Zielorts wurden die Ankommenden von Vertretern der Firma in Empfang genommen, welche ebenfalls von einem Dolmetscher begleitet wurden. Gemeinsam brachten sie die neuen Mitarbeiter in die Unterkünfte. • Die ankommenden Menschen erhielten von der Vermittlungsstelle der deutschen Kommission nur wenige Informationen über das Land, in dem sie arbeiten sollten. Viele gingen mit völlig falscher Vorstellung nach Deutschland. Einige glaubten, dass das Pflaster der Stadt golden sei. In Deutschland angekommen, wurde dieses Bild bei vielen durch die engen, barackenähnlichen Unterkünfte und die anstrengende und gleichförmige Schichtarbeit enttäuscht. • Hinzu kam, dass es Unternehmen gab, die den ausländischen Arbeitern weniger Lohn als den deutschen Mitarbeitern zahlten. Um für ihre Rechte im Betrieb kämpfen zu können, wurden immer mehr Gastarbeiter Mitglieder einer Gewerkschaft. • Da viele türkische Arbeiter die Deutsche Sprache nicht beherrschten, fühlten sie sich – fernab von ihren Familien - von ihrer neuen Lebensumgebung ausgeschlossen. Christine Lehmann-Kilic Planungsstab Stadtmuseum Stuttgart 16. Februar 2011