Elisabeth Marie Mars,
Arbeitsstelle WELTBILDER (Hg.)
Ways of Life
Arbeitsstelle WELTBILDER
Fachstelle für Interkulturelle Pädagogik und Globales Lernen
e.V.
Elisabeth Marie Mars,
Arbeitsstelle WELTBILDER (Hg.)
Ways of Life
Janinka Lutze
Sarah
Agwu Igiri Akwari
Klara Giesler
Sidney Ochieng
Ange Imanishimwe
Marit von Graeve
Sören Götz
Barbara Scharfbillig
Nanjira Sambuli
Tobias Minzi
Carmen Müller
Nyagaki Gichia
Chris Orwa
Pililani
Elisabeth Kaneza
Robin
Grace
Jannet
Serhat Duman
Aliko Dangote
Louisa Esther Glatthaar
Sindiswa Mpimpilashe
Anne Salim
Mussa Sango
Tata Yawo Ametoenyenou
Birte Mensing
Nomawhetu Claire Kosani
Verone Mankou
Cathy
Pamela Nabembezi
Clifford
Richard Atem-Ojong
Gabriel Ngungaa Hangara
Robin Frisch
Hope Azeda
Judith Weidner
Shola Ade
Andiswa Duda
Lucy
Sophie Stolle
Athelina Lusanda Mjali
Nadja Nolte
Thilko Gläßgen
Bonaventure
Nozuko Eunice Nqokoto
Zidane Atem-Ojong
Charbel Gauthe
Pao Jim Engelbrecht
Elena Ziegler Ruiz
Robert Mugisha
Georg Chimpiko Banda
Ruth Nabembezi
Inga Eslage
Elisabeth Marie Mars,
Arbeitsstelle WELTBILDER (Hg.)
Vorwort
Dar es Salaam: Der beste Ort
um eine ­Firma zu gründen
Consommons local!
Wenn, dann richtig
BioCoop Rwanda: Ein Leuchtturmprojekt für
nachhaltigen Tourismus und Naturschutz
Plastiktüten sind untragbar
Eine Mango meiner Wahl
Inklusion made in Kenia
African dream oftechnology
Innovation durch offene Räume: Wie junge
Kreative ihr Land mit IT voranbringen
iHub Nairobi: Ort des Lernens,
Experimentierens und Entwickelns
4
6
8
15
18
21
27
30
33
38
40
42
44
Inhalt
Südafrika
Tansania
Togo
Kamerun
Ruanda
Ruanda
Malawi
Kenia
Kongo
Ruanda
Kenia
Kenia
2
African Cities: Am Puls der Großstadt
20 Personen, 1 Ziege und 1 Huhn
Hyundai Grace: mit Gottes Gnade zum Ziel
Welcome to the family
It’s deep in my heart
Drama for Life
Appsolut innovativ! Junge Perspektiven
für Uganda
Elisabeth Kaneza: Ich habe mich entschieden,
selberVorbild zu sein.
Hope – Ruanda zwischen Aufschwung und
Unterdrückung
Nobody build a house on the right side
Bist du glücklich? Eine malawische
Interview-Collage
52
54
56
58
60
62
64
67
72
76
80
86
91
94
Äthiopien
Ruanda
Nigeria
Malawi, Kenia
Uganda
Ghana
Uganda
Südafrika
Südafrika
Uganda
Ruanda
Ruanda
Namibia
Malawi
3
Eduardo Galeano, uruguayischer Schriftsteller und Journalist, hat uns gewarnt:
		 „Wir dürfen nicht nur das Bild verändern,
	 wir müssen auch die Wirklichkeit verwandeln.“
4
Am 07.06.2016 wurde die erste Internationale Dekade für Menschen Afrikanischer Abstammung im Beisein
des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Deutschland/Berlin eröffnet. Zu
Beginn erklärte der Vorsitzende des Zentralrats der Afrikanischen Gemeinden, Moctar Kamara: „Unter Aner-
kennung verstehen wir die Rehabilitierung der Geschichte Afrikas und die Wiederherstellung der Würde von
Menschen afrikanischer Herkunft, die durch kolonial-rassistische Ideologien und Unterdrückung dauerhaft
beschädigt wurde.“
Mit unserem Schreib- und Buchprojekt „African Ways of Life“ greifen wir die Forderungen nach Aner-
kennung, Gerechtigkeit und Entwicklung mit einem Gegenbild auf: dem vorherrschenden Afrika-Bild und
dem damit verbundenen Eurozentrismus setzen wir vielfältige aktuelle Perspektiven von einzelnen Persön-
lichkeiten, Projekten und Geschichten aus verschiedenen afrikanischen Ländern entgegen. In neuen, alltäg-
lichen Farben erzählen wir von diesem vielschichtigen Kontinent und junge Autor*innen tragen mit eigenen
Beiträgen zum Imagewechsel bei. Deswegen ist dieses Buch nicht nur ein Buch über „die Anderen“, ­sondern
auch eines über uns – über unseren Blick und die gedanklichen Konstrukte gegenüber Afrika.
Wir hoffen, dass mit der Verschiebung alter Weltbilder vielfach veränderte Seh- und Aktionsmög-
lichkeiten einhergehen. Deswegen können Sie uns und die Autor*innen für weitere Informatio-
nen und Support für Ihre Aktivitäten innerhalb der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit anspre-
chen. Nutzen Sie dieses Arbeitsbuch als start up für eigene Konzepte und informieren Sie sich unter:
https://www.facebook.com/african.ways.of.life
Elisabeth Marie Mars,
Arbeitsstelle WELTBILDER
Vorwort
5
6
SÜDAFRIKA
7
I w a n na b e r ic h , I w a n na b e f a m o u s
I w a n na h ave l ot s l ot s of m o n ey, so a r a b ove t h e c l o u d s
I w a n na b e f re e l i ke N e l so n M a n d e l a , s t a n d t a l l l i ke a py r a m i d ,
so so co u r a g e o u s
N o p l a ce I ’d r a t h e r b e o h n a n a n a
Th e re’s n o p l a ce I ’d r a t h e r b e o h n a n a n a
Li ve a n d d ie i n A f r i ka
I w a n na l i ve a n d d ie i n A f r i ka
I w a n na fe e l l ove I w a n na b e re m e m b e re d
I w a n na g o d ow n i n h i s to r y, m a ke my m a m a p ro u d
Th e d a r ke r t h e b e r r y t h e s we e te r t h e ju ice
N a s i to k i ny u m b a n i mw a c h a m i l a n i m tu mw a1
Dar es Salaam:
Der beste Ort um eine
­Firma zu gründen
Sophie Stolle
1	 „Und ich verlasse mein Zuhause nicht. Wer seine Traditionen ablegt, ist ein Sklave.“ ­
(Sautisol – Live and die in Afrika)
8
TANSANIA
an ihren MacBooks arbeiten, Ausstellungen, Partys und Musik-
festivals am Wochenende, Lifestyle-Blogs und Instagram-
Berühmtheiten. Ja, es gibt sie diese Welt, hier in „Dar“. Zuletzt
sorgte der neugewählte Präsident John Magufuli international
für Aufsehen, der im Kampf gegen Korruption in der tansani-
schen Regierung vor allem Taten sprechen ließ. So wurde unter
anderem der Chef der nationalen Steuerbehörde suspendiert,
als er den Verblieb der Importsteuern für 350 Container nicht
erklären konnte.
Dar es Salaam ist dynamisch, seine junge Bevölkerung selbst-
bewusst, energiegeladen und ambitioniert die Entwicklung
ihres Landes voranzutreiben. Gerade jetzt scheint für viele
der richtige Zeitpunkt dafür gekommen zu sein. ­Unzählige
Es ist schwer, keine Gänsehaut zu bekommen, sich nicht mitrei-
ßen zu lassen von der Energie des kürzlich erschienenen Songs
„Live and die in Afrika“ der kenianischen Band Sautisol. Er
scheint die Ambitionen und das Selbstbewusstsein einer ganzen
Generation zu verkörpern und die Visionen der urbanen Jugend
Ostafrikas auf den Punkt zu bringen. Es ist eine ganz besonde-
re Stimmung, die nicht nur im kenianischen Nairobi, sondern
auch in Dar es Salaam, der Hauptstadt Tansanias, in der Luft
liegt. Mehr als vier Millionen Menschen leben in der Me­tropole
am Indischen Ozean, die zu den am schnellsten wachsenden
Städten der Welt gehört. Mehr als 70 % der Einwohner sind unter
40 Jahre alt. Die Mittelschicht wächst stetig.
Tansanier*innen, die im Bus mit zwei bis drei Smartphones
jonglieren, Cafés mit Wifi-Hotspots, deren Gäste konzentriert
9
13 Angestellte und es ist schwer zu sagen, in wie vielen Projek-
ten und Unternehmen er genau seine Finger im Spiel hat. Diese
reichen von Hochzeitsfotografie, über eine Autowaschanlage
und eine Radiosendung bis hin zur Organisation eines Tanzfes-
tivals. „Ich mag es nicht, mich jeden Tag darüber zu beschweren,
dass es keine Arbeit gibt, so wie viele Leute es tun.“
In Mussas Augen ist Tansania bestens geeignet, um eine
eigene Firma zu gründen: „Es ist ein großartiger Ort um sich
selbstständig zu machen. In Europa ist der Wettbewerb so groß,
viele Europäer haben bereits ein sehr hohes Level an Professio-
nalität. Tansania hingegen ist ein unbeschriebenes Blatt. Es gibt
noch so viele Möglichkeiten. Vieles wurde noch nicht gemacht.
Wir sind gerade erst aufgewacht und es gibt noch viel Luft nach
oben,sovieleLücken,diewirfüllenkönnen.AlsichmeineFirma
gegründet habe, konnte man die guten Grafikdesigner*innen in
Dar es Salaam an einer Hand abzählen. Viele von ihnen waren
Informatiker*innen, die sich ein bisschen Photoshop angeeig-
net, aber keine Ahnung von Grafikdesign hatten. Es gab also
immer noch Bedarf.“ Trotzdem treffen Gründer*innen in Tan-
sania auf Herausforderungen: „Ich wünsche mir, dass unsere
Regierung eine bessere Umgebung für Gründer*innen schafft.
Allein eine Firma zu registrieren dauert ewig und ist ein großer
bürokratischer Aufwand.“
Tansanier*innen kommen nach ihrem Auslandsstudium
bewusst in ihre Heimat zurück. Während die Mehrheit der
Deutschen in einem vermeintlich sicheren Angestelltenver-
hältnis arbeitet, trifft man in Dar es Salaam viele Menschen, die
Eigeninitiative ergreifen und sich durch den Aufbau einer Exis-
tenz wirtschaftlich unabhängig machen. Sicher nicht zuletzt
deshalb, weil es noch immer eine Herausforderung ist auf dem
Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Aber auch, weil die junge
Generation nach mehr strebt als nur einem sicheren Einkom-
men: Sie will eigene Visionen verwirklichen und etwas bewir-
ken. Mehr als 50 % der urbanen tansanischen Erwerbstätigen
arbeiten selbstständig.
„Ich bin Künstler. Aber ich bin auch Unternehmer“, erzählt Mus-
sa Sango. Der 32-jährige Grafikdesigner hat 2007 seine eigene
Firma Art Graphics gegründet. „Ich habe schon als Kind davon
geträumt, mich selbstständig zu machen. Ich wollte noch nie
angestellt sein. Als Grundschüler habe ich Ladenwände mit
Werbung und Schriftzügen bemalt. Ich war so gesehen damals
schon selbstständig. Meinen ersten Job als Angestellter moch-
te ich nicht wirklich. Ich wollte kreativ sein, aber die Arbeit
war jeden Tag dieselbe, alles hat sich wiederholt. Mir war lang-
weilig. Also habe ich gekündigt und angefangen an eigenen
­kleinen Aufträgen zu arbeiten.“ Mittlerweile beschäftigt Mussa
10
TANSANIA
verdienen. Die Unternehmen hingegen erhalten für wenig
Geld professionelles Marketing. Ruka Company ist ein schönes
Beispiel dafür, wie eine von ausschließlich Tansanier*innen
gegründete Initiative, vollkommen unabhängig von Förderun-
gen und Entwicklungsgeldern, einen positiven Einfluss auf die
Gesellschaft nehmen kann.
„Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir Hilfe aus dem Aus-
land benötigen. Vor allem keine Gelder. Ich glaube, dass wir
Tansanier*innenunsselbsthelfenkönnen.Wirsolltenvielleicht
weniger egoistisch werden. Das gilt für die Politiker*innen, aber
auch für den ganz normalen Bürger. Warum zum Beispiel muss
ein Politiker ein teures Auto fahren? Das sind unsere eigenen
Probleme, die wir selbst lösen müssen. Europa kann uns als Ins-
pirationsquelle dienen, um neue Ziele anzustreben.“
Früher hatte Mussa den Traum in Europa zu leben. „Nach
meinem Abschluss ging ich nach Frankreich mit der Vorstellung
dort zu arbeiten. Durch das Fernsehen haben wir Tansanier ein
illusorisches Bild von Europa. Wir glauben das Leben in Europa
ist gut. Aber es war alles ganz anders. Es ist schwer, Arbeit zu fin-
den und alles ist so teuer! Nach einer Weile beschloss ich, nach
Tansania zurückzukehren, um die Entwicklung meines eigenen
Landes voranzutreiben.“
Während seiner Zeit in Frankreich wurde Mussa immer
wieder mit afrikanischen Stereotypen konfrontiert. „­Einige
meiner Freunde dachten, wenn man in Tansania nur aus dem
Flugzeug steigt, gäbe es überall Schlangen und Affen. Da musste
ich so lachen! Andere dachten, ich wäre der Sohn eines Häupt-
lings, der sich nur deswegen einen Flug nach Frankreich leis-
ten konnte. Afrika ist groß und so vielseitig. Allein Tansania
hat viele verschiedene Gesichter. Zwischen dem Leben auf dem
Land und dem Leben in der Stadt können Welten liegen.“
Entgegen dem gängigen Afrika-Bild, das Afrikaner*innen vor
allem mit Passivität und Ausweglosigkeit in Verbindung bringt,
sieht Mussa in seinen Landsleuten unheimlich viel Potential:
Es gibt eine Vision, die Mussa in allen seinen Projekten ver-
folgt: „Jeden Tag träume ich davon etwas an meine Gesellschaft
zurückzugeben, etwas zu schaffen, dass den Menschen hier
einen Nutzen bringt. Selbst mit meiner Autowaschanlage ver-
diene ich aktuell gar nichts. Ich freue mich einfach, dass es gut
läuft und lasse meine Angestellten den Gewinn untereinander
aufteilen.“
Vor drei Jahren hat Mussa den Verein MUDA Africa mit gegrün-
det, der jungen Tänzer*innen aus sozial schwachen Bevölke-
rungsschichten den Zugang zu Tanzunterricht ermöglicht und
so ihre Einstiegschancen auf dem kulturellen Arbeitsmarkt
steigert. Einmal jährlich organisiert er das Time2Dance Festi-
val, auf dem sich tansanische Tänzer*innen mit internationalen
Künstler*innen vernetzen und ihre Talente einem breiten Pub-
likum präsentieren können.
„Aber dann habe ich noch ein anderes Projekt …“, setzt
­Mussa zum  wiederholten Mal an. In seiner Radio-­Sendung
„Boresha Biashara“ („Handel verbessern“) spricht er mit
Kleinunternehmer*innen über Herausforderungen,  denen  sie
in  ihrem Alltag begegnen. Ziel ist es, einen Dialog mit der
Regierung herzustellen und eine Politik ­mitzugestalten, die
bessere Rahmenbedingungen für tan­sa­nische Klein­unter­
nehmer*innen schafft.
Sein aktuelles Herzensprojekt ist das Sozialunternehmen
Ruka Company (Ruka bedeutet springen). „In Tansania bekom-
men nur zehn Prozent aller Universitäts-Absolvent*innen
einen Arbeitsplatz. Darüber habe ich mir lange den Kopf zer-
brochen. Als gelernter Grafikdesigner habe ich beschlossen
Absolvent*innen in meiner Branche auf das Arbeitsleben vor-
zubereiten.“ Im Rahmen des Programms arbeiten Grafikdesign-
Absolvent*innen für ein bis zwei Monate in Unternehmen, die
bisher wenig in Marketing investiert haben. Sie können so ihr
Gelerntes anwenden, ihr Netzwerk ausbauen und etwas Geld
11
„Was ich an den Tansanier*innen schätze, ist, dass sie wirklich
jede Gelegenheit wahrnehmen. Sie haben diesen Durst, diesen
Willen. Sie setzen alles in Bewegung. Wenn sich ihnen die Gele-
genheit bietet mit etwas ein Geschäft zu machen, dann tun sie
alles, um erfolgreich zu sein.“
Mussa ist zuversichtlich, dass sich das negative Bild Afri-
kas umwerfen lässt. „Ich denke der wichtigste Schritt ist es, zu
­zeigen, was wir können! Wir können unser schlechtes Image
nicht wegzaubern, aber wir können Taten sprechen lassen,
­Dinge schaffen, die das Bild zurechtrücken und uns gegenseitig
inspirieren. Nach und nach wird es die Welt realisieren.“
Der 28-jährige Tobias Minzi verdient seit sieben Jahren als
Künstler seinen Lebensunterhalt. Unter dem Künstlernamen
„Minzi Mims“ arbeitete er zunächst als Maler. Später kamen die
Fotografie und dann das Filmen dazu. „Alles fing damit an, dass
ich mir eine kleine Digitalkamera gekauft hatte, um Fotos als
Grundlage für meine Gemälde zu machen. Das hat mein Inte-
resse an der Fotografie geweckt und ich organisierte Shootings
mit Models und fotografierte auf Events. Die Kamera hatte aber
auch eine Videofunktion. Damals hatte ich noch kein Videobe-
arbeitungsprogramm und habe die einzelnen Szenen einfach
zusammengefügt. Als die ersten Leute mir sagten, dass es ihnen
gefällt, hat mich das ermutigt mehr über das Filmemachen zu
lernen.“
Heute ist Minzi einer der gefragtesten Musikvideopro-
duzenten Dar es Salaams. Das Filmen, Regie führen und Bear-
beiten von Videos hat sich Minzi selbst beigebracht. „Nein, ich
habe nicht studiert. Aber wenn ich das so sage, dann stimmt das
eigentlich nicht richtig. Ich habe studiert, aber eben nicht an
einer Hochschule. Man lernt ja auf vielen Wegen. Ich habe zum
Beispiel viel mit Hilfe von Youtube gelernt. Und ich habe erfah-
renen Kameramännern und Regisseuren bei ihrer Arbeit über
die Schulter geschaut.“ 2012 entschloss sich Minzi dazu, sich
als Videograf selbstständig zu machen. „Ich habe mir die Arbeit
anderer tansanischer Videografen angesehen und bin zu dem
Schluss gekommen, dass ich etwas Größeres schaffen kann. Ich
habe mich gefragt: Warum nicht ich? Ich kaufte mir eine neue
Kamera und produzierte mein erstes Musikvideo zu „DSM“ von
Kitwana. Viele mochten das Video und so fing alles an. Je mehr
Aufträge ich bekam, umso mehr habe ich dazugelernt.“ Mittler-
weile hat Minzi seine eigene Crew und gibt sein Wissen an ande-
re weiter.
Ähnlich wie Mussa, sieht Minzi viele Entwicklungsmög-
lichkeiten für Unternehmer*innen in Tansania. „Tansania eig-
net sich dafür, ein Unternehmen zu gründen, weil es noch nicht
ausgereift ist. Damit meine ich, dass so viele Dinge noch nicht
ausprobiert wurden. Das sieht man zum Beispiel anhand tansa-
nischer Filme oder Musikvideos. Es gibt Leute, die mit großen
Künstler*innen zusammenarbeiten und gut bezahlt werden,
aber einfach nichts Neues, nichts Besonderes machen.“
Immer mehr junge Tansanier*innen scheinen den Weg
in die Selbstständigkeit zu gehen: „Früher haben viele danach
gestrebt, eine Anstellung zu finden. Der erste Gedanke war es
immer, sich nach dem Studium anstellen zu lassen – für jede*n.
Aber das verändert sich jetzt nach und nach, weil viele Men-
schen begreifen, dass man als Freischaffende*r viel erfolgrei-
cher sein kann.“
12
TANSANIA
Dass der Weg in das Musikvideo-Business steinig war, hielt
Minzi nicht davon ab, an seinem Ziel festzuhalten. „An das rich-
tige Equipment zu kommen, war am Anfang wirklich schwer.
Aber auch Künstler*innen zu finden, die sich die Kosten für
ein Musikvideo leisten konnten. Also habe ich mir zunächst
Künstler*innen gesucht, die zwar talentiert, aber unbekannt
waren und habe Musikvideos umsonst gemacht, um meine
Arbeit zeigen zu können. Ich habe viel gemalt, um mich über
Wasser zu halten.“ Sein Erfolg liegt letztlich darin begründet,
dass Minzi für seine Arbeit brennt: „Ich hatte keine Zweifel
daran, dass ich es schaffen werde. Denn ich habe meine Arbeit
immer geliebt. Alles, was ich mache, kommt aus tiefstem Her-
zen. Mir ging es nie darum reich oder berühmt zu werden. Es
ging immer nur darum diesem starken Bedürfnis nachzugehen,
etwas Schönes zu kreieren, das Menschen sich ansehen. Manch-
mal liege ich nachts mit verrückten Ideen wach und denke dar-
über nach, wie ich sie am besten umsetzen kann. Dann stehe ich
früh auf und fange gleich an.“
Minzi liebt es, zu experimentieren und neue Technologien aus-
zuprobieren. Als einer der ersten in Tansania benutzte er Droh-
nen für seine Musikvideos. Seine Experimentierfreudigkeit
setzt neue Maßstäbe in der Szene: „Vor ein paar Jahren gab es nur
wenige etablierte Regisseur*innen. Als sie gemerkt haben, dass
wir, die jungen und unbekannten Filmemacher*innen, ganz
neue Sachen ausprobieren, haben manche komplett aufgehört.
Andere haben versucht mit der Veränderung mitzugehen. Wir
haben also wirklich eine Weiterentwicklung in der Szene ange-
stoßen.“
Minzi gehört zu der Art von Menschen, für die kein Ziel zu
hoch gesteckt, kein Traum zu unrealistisch erscheint. Für ihn
ist der Weg noch lange nicht zu Ende. „Ich habe mein Ziel noch
nicht einmal zur Hälfte erreicht. Viele Ideen, die ich umsetzen
möchte, erfordern besseres Equipment, also auch mehr Geld.
Am liebsten möchte ich eines Tages einen richtigen Film dre-
hen. Wenn ich mir unsere tansanischen Filme anschaue, möch-
te ich jedes Mal weinen. Alles ist schlecht, von dem Drehbuch
bis zu den Aufnahmen. Also stellte ich mir die Frage: Warum
13
drehe ich nicht selbst einen Film?“ Gerade arbeitet er an einem
ersten Kurzfilm.
Als Teilnehmer an einem Workshop in Dänemark sorg-
te Minzi für Aufsehen. „Viele haben die Vorstellung, dass in
Afrika niemand etwas kann und viele glauben, wir leben alle
im Busch. Niemand konnte es fassen, jemanden aus Afrika zu
treffen, der Videos am Computer bearbeitet. „Woher kannst du
das? Wo hast du das gelernt?“ Das hat einfach nicht mit ihrem
Bild zusammengepasst. Wir sollten versuchen, dieses Bild zu
ändern, indem wir unsere Arbeit selbstbewusst in die Welt hin-
austragen. So können alle sehen, was wir in Tansania machen.
Die Repräsentation meines Landes im Ausland sehe ich tatsäch-
lich als einen wichtigen Teil meiner Arbeit an.“
Minzi möchte mehr junge Menschen dazu ermutigen, ihre
Träume zu verwirklichen: „Ich arbeite mit vielen Jugendlichen
zusammen, teile mein Wissen mit ihnen und begleite sie auf
ihrem Weg. Einige haben mittlerweile eigene Firmen gegrün-
det. Ich liebe es, junge Menschen zu inspirieren, sie wachzurüt-
teln und ihnen zu zeigen, dass ich einer von ihnen bin und dass
sie das auch können.“
Geschichten, wie die von Mussa und Minzi, gibt es viele in Dar es
Salaam. Es ist tatsächlich schwer, ihnen nicht über den Weg zu
laufen. Sie vermitteln das Gefühl, dass gerade jetzt ein ganz ent-
scheidender Zeitpunkt für die Zukunft Tansanias gekommen
ist. Ein Punkt, an dem alles möglich ist. An dem kein Traum zu
unrealistisch ist. An dem die junge Generation die Entwicklung
ihres Landes selbst in die Hand nimmt. So nehmen viele junge
Tansanier*innen aus eigenen Impulsen heraus positiven Ein-
fluss auf ihr Leben und das ihrer Mitmenschen, sei es durch die
Schaffung von Arbeitsplätzen oder die Inhalte ihrer Arbeit. Ihre
Geschichten können auch uns Deutschen als Inspirationsquelle
dienen. Denn viele Deutsche wagen den Schritt in die Selbst-
ständigkeit erst gar nicht: Es sind vor allem Selbstzweifel und
die Angst vorm Scheitern, die uns dabei im Weg stehen. Mussa
und Minzi lehren, uns den Mut aufzubringen, unserer tiefsten
Leidenschaft zu folgen. Für unsere Träume zu kämpfen, in klei-
nen Schritten auf unsere Ziele hinzuarbeiten und Visionen zu
verfolgen. Und letztlich etwas nicht nur für uns selbst, sondern
auch für unsere Mitmenschen zu hinterlassen. D
Sophie Stolle, Jahrgang 1992
Freie Swahili-Übersetzerin, Fotografin und Autorin,
B.A. Afrikawissenschaften & Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität zu Berlin,
Auslands- und Studienaufenthalte:
10/2011–02/2012: The New Paradigm Community Based Organization, Gita, Kenia
Praktikum im Bereich Mikrofinanzierung
08/2012: DAAD-Stipendiatin an der State University of Zanzibar, Tansania
Fortgeschrittener Swahili-Sprachkurs
08/2013–03/2014: Tanzania Renewable Energy ­Association, Dar es Salaam, Tansania
Praktikum im Bereich Erneuerbare Energien
(und diverse Rucksackreisen durch Uganda, Rwanda, Malawi, Zambia, Botswana, Namibia und Südafrika)
Seit 10/2015: Wohnsitz in Dar es Salaam
Interessenschwerpunkte: Entrepreneurship und ­Innovationen in Afrika, zeitgenössische Kunstszene
­Afrikas, Generation Y und urbane Jugend Afrikas
Website:
www.instagram.com/daimaphotography/
http://sophiestolle.com
14
TANSANIA
Consommons local!
Pao Jim Engelbrecht
Tata Yawo Ametoenyenou hat genug von den bizarren Zuständen in seinem Land.
Betriebe, die lokal produzieren, kleben chinesische Schriftzeichen auf die Etiketten,
damit man denkt, der Inhalt komme aus Asien. Die Werbeindustrie hat es in Togo
geschafft, dass der Großteil der Bevölkerung den importierten Produkten weitaus
mehr vertraut als den lokalen. Ähnlich im Nachbarland Ghana, wo z. B. der Marktan-
teil der Billigimporte von Geflügel innerhalb der letzten 25 Jahre von 20 auf 90 Prozent
gestiegen ist, während nur noch zehn Prozent von Bauern vor Ort stammen. Der Preis-
unterschied ist extrem: Umgerechnet vier Euro kostet das Huhn vom ghanaischen
Bauern, die Hälfte zahlt man für die importierten Geflügelteile. Dabei sind das oft die
in Europa und Amerika unbeliebten Körperteile der Tiere. Knochige Hühnerrücken
zum Beispiel, isst man in Deutschland eher selten.
Tata, freundliches Gesicht mit dezentem Schnauzer, ist immer schick gekleidet und
gut informiert. Aus seiner Sicht kann das Menschenrecht auf Nahrung nur durch
re­gionale Produkte durchgesetzt und geachtet werden. Denn nur durch sie sei es mög-
lich, Nahrung gerecht zu verteilen, sich gesund zu ernähren und kulturelle Besonder-
heiten der Ernährung zu respektieren. „Ich weiß, dass ich mich selber noch nicht opti-
mal ernähre“, sagt Tata und klopft auf seinen runden Bauch. „Aber seit Jahren kaufe
ich nur noch lokale Lebensmittel und achte genau darauf, was ich esse.“
Tata hat eine zivilgesellschaftliche Organisation gegründet, um auf die gesundheit­
lichen Risiken sowie auf die wirtschaftlichen und ökologischen Schäden von Import-
ware aufmerksam zu machen. Die OADEL (Organisation für lokale Ernährung und
Entwicklung) setzt sich für die Produktion und den Konsum von lokalen Lebensmit-
teln ein. „Unsere Bauern hier verwenden kaum Pestizide und ihre Ernten müssen nicht
von weit her eingeflogen werden“, sagt Tata. Insbesondere in Anbetracht des absehba-
ren „Peak Phosphor“, einer der wichtigsten Bestandteile von Düngemitteln, der kaum
zu ersetzen ist, wird es in der Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten immer grö-
ßere Probleme geben, den wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln bei schwindenden
15
Ackerflächen zu decken. Der Weltagrarbericht von 20091 fasst
zusammen, dass der Erhalt regionaler Subsistenz- und Klein-
bauern der beste Weg ist, dem rasanten Verlust fruchtbarer
Böden entgegenzuwirken. Aus ökologischer, wirtschaftlicher
und sozialer Sicht ist ein Umdenken also dringend nötig.
Obwohl sie hohe Transportkosten inklusive einer langen Flug-
reise hinter sich haben, unterbieten die EU-subventionierten
Lebensmittel lokale Produkte im Preis oft deutlich. Doch vie-
le Konsument*innen bevorzugen die importierten Produkte
nicht nur des Preises wegen. Die massive Lebensmittelwerbung
auf Plakaten und im Fernsehen zeichnet und produziert ein
bizarres Bild von guter Ernährung. So kommt es zu dem ver-
breiteten Irrglauben, dass togolesische Lebensmittel meist von
einer schlechten Qualität seien, während der in der Werbung
gepriesene Reis aus Thailand , die Maggi-Würfel und Coca-Cola
gesund seien und geradezu ein Statussymbol sind – sie kommen
ja aus „Yovodé“, aus dem Land der Weißen. So gut funktioniert
Werbung. Dass Inhalt und Qualität meistens genau das Gegen-
teil von dem sind, was die Verpackung verspricht, versucht Tata
bekannt zu machen.
Den vielen kleinen, lokalen Betrieben möchte er helfen, indem
er zum Beispiel Sammelbestellungen für ihren Bedarf an Ver-
packungen übernimmt und Bar-Codes drucken lässt. „Dadurch
sparen sie Geld und vereinheitlichen das Design lokaler Pro-
dukte“, sagt er. So könnte sich das Label „lokal“ eher etablieren,
weil Käufer*innen es am Äußeren erkennen. Um seinen Lands-
leuten das Misstrauen vor lokalen Produkten zu nehmen, führt
OADEL Laboranalysen von Lebensmitteln durch und zertifi-
ziert, was bedenkenlos konsumiert werden kann. Doch „selbst,
wenn wir die Leute davon überzeugen konnten, dass unsere
lokalen Lebensmittel besser sind als die importierten, wissen
sie nicht, wo sie diese im Alltag kaufen können“, sagt Tata und
schüttelt den Kopf angesichts der Vielzahl von Hindernissen.
Die importierten Produkte haben sich etabliert und sind überall
zu finden, Lokales muss man lange suchen und oft direkt beim
Hersteller bestellen.
Aus diesem Grund hat Tata in Lomé die BoBaR eröffnet:
ein kleines, aus Holz konstruiertes Ensemble aus Boutique, Bar
und Restaurant – BoBaR – wo es ausschließlich lokales Essen
und Getränke gibt und wo regelmäßig Foren mit Verkostungen
stattfinden. Direkt an einer Lagune gelegen, bietet die Terras-
se des Restaurants ein nettes, ruhiges Plätzchen inmitten der
wuseligen Stadt.
Tata ist in einem sozial sehr engagierten Umfeld aufgewach-
sen und hat früh die Arbeit in Vereinen und Gewerkschaften
kennengelernt. Er erzählt, wie er schon als Kind bei den Ver-
sammlungen von örtlichen Bürgerinitiativen kleine Aufgaben
übernommen hat und mit 15 Jahren schließlich Sekretär des
Jugendverbandes seines Viertels wurde, um dessen Interessen
gegenüber der Regierung zu vertreten. Später nahm er neben
seinem Soziologiestudium an einem Ausbildungsprogramm
für Koordinatoren teil und arbeitete bereits als Student in ver-
schiedenen gemeinnützigen Organisationen. Angefangen hat
er bei Projekten zu Mikrokrediten, ländlicher Entwicklung und
in Gruppen zur Stärkung der Demokratie. Für Tata hat der lokale
Konsum immer noch eine Menge damit zu tun, außerdem lässt
sich im Bereich von Produktion und Ernährung aus seiner Sicht
mehr bewegen als auf politischer Ebene.
Dass Ernährung politisch sein kann, überrascht wenig.
Doch Erfolge der OADEL sind mehr als eine Förderung der loka-
len Wirtschaft und Gesundheit der Konsument*innen. Es sind
Schritte zur wahren Unabhängigkeit Afrikas von kolonialis-
tischen Strukturen in Form von Ernährungssouveränität. Es
sind Veränderungen, die auch die afrikanische Identität stärken
können, weil sie zeigen, dass togolesische Unternehmen erfolg-
reich sind – wenn man sie nur lässt.
So verändern sich nicht nur Gewohnheiten, sondern auch
Perspektiven vor Ort. Durch den Slogan „Consommons les pro-
duits de notre terroir!“ – Lasst uns die Produkte von unserem
Grund und Boden konsumieren! – werden unbewusste Para-
digmen in Frage gestellt. Viele sind überrascht, wenn sie zum
1	Quelle: www.unep.org/dewa/agassessment/reports/IAASTD/EN/Agricul-
ture%20at%20a%20Crossroads_Global%20Report%20%28English%29.pdf
16
TOGO
ersten Mal mit dieser Sicht der Dinge konfrontiert werden,
gibt es doch an der überall verfügbaren Coca-Cola scheinbar
nichts auszusetzen. Doch auf den Foren und Veranstaltungen,
die Tata organisiert, stellt er immer wieder erfreut fest, dass die
Teilnehmer*innen seine Anliegen schnell verstehen und sein
Vorhaben unterstützen.
Die BoBaR ist ein Anfang. Hier können die Leute zwar schon
wie in wenigen anderen Läden lokale Zutaten zum Kochen kau-
fen, aber Tata wünscht sich, dass man sie eines Tages in vielen
Läden im ganzen Land findet. Außerdem plant er, mehr Gerichte
mit lokalen Zutaten zu entwickeln, die sich einfach zubereiten
lassen und eine direkte Konkurrenz zum importierten Fast Food
sind. Ein leichtes lokales Sandwich statt einem amerikanischen
Hamburger ist der Plan. Regionalen Ingwerlikör gibt es schon.
Und Tata liebt ihn. Man merkt ihm seine Erfahrung als Koor-
dinator von großen Projekten an. Tata hat viele Ideen und eine
genaue Vorstellung davon, was zu tun ist. Für unser Gespräch
schien er nicht unendlich viel Zeit zu haben, was für togolesi-
sche Verhältnisse ungewöhnlich ist. Plötzlich steht er auf und
muss los. Er ist eben nicht nur sympathischer Idealist, sondern
auch Manager. D
Fachinput Freihandelsabkommen
Seit 2006 versucht die EU afrikanische Staaten (und andere ehemalige europäische Kolonien) dazu
zu drängen, ihre Zölle schrittweise abzuschaffen und ihre Märkte für europäische Güter noch mehr zu
öffnen. Als Kenia die Unterschrift des Abkommens verweigerte, wurden am 1. Oktober 2014 Einfuhrzölle
auf kenianische Produkte verhängt. Nachdem betroffene Firmen Arbeiter*innen entlassen mussten, weil
die Kosten für sie zu hoch wurden, stimmte die Regierung kurz darauf doch zu. „Stärkung der Partner-
schaft“, nennt das die EU. Viele afrikanische Staaten wehren sich immer noch ­gegen das einseitige
Wirtschafts-Partnerschaftsabkommen (EPA), das zudem neue Steuern auf Exportgüter in die EU verbie-
ten soll. Im Senegal haben Rapper sogar ein „Stopp EPA“-Lied geschrieben.
Parallelen zu TTIP sind unübersehbar. Kritiker*innen geht es dabei ebenfalls darum, kleine, regionale
Betriebe zu unterstützen, statt minderwertige Nahrung von großen Konzernen konsumieren zu müssen,
die der Gesundheit, der Umwelt und der gerechten Verteilung von Einkommen schaden. Man fragt sich,
warum man es den togolesischen bzw. afrikanischen Hersteller*innen nicht leichter macht, ihre Waren
im eigenen Land zu verkaufen und sich eine unabhängige Existenz aufzubauen. Für die nachhaltige
wirtschaftliche Entwicklung von Togo bzw. afrikanischen Ländern wäre genau das ein richtiger Weg.
Pao Jim Engelbrecht, Jahrgang 1995, Student,
Studium Generale an der Technischen Universität Berlin,
Auslandsjahr in Togo 2014–2015
17
Nach der ersten Produktionsrunde muss Richard erst mal los
zur Arbeit, denn er hat noch einen anderen Beruf. Seit seinem
Journalistik-Studium arbeitet er beim Radiosender der Bap-
tistischen Kirche in Kamerun, die ihren Sitz in Bamenda hat.
Zum Glück hat er es nicht weit von seinem Haus zur Arbeit. Dort
moderiert er eine Wunschsendung und im Anschluss die Mor-
gennachrichten: Neues aus der Kirche, aus Kamerun und dem
Rest der Welt.
Journalist ist Richard eigentlich gerne, aber seine Arbeit bei
der Kirche sieht er mehr als Ehrenamt. „Anderswo würde ich
besser bezahlt werden. Mein Gehalt reicht gerade so für meine
täglichen Ausgaben.“ Um aber seine Pläne, wie beispielweise
ein Masterstudium oder seine Familie zu finanzieren, müssen
andere Einkommensquellen her.
Inspiration suchte er sich dafür bei Aliko Dangote, dem
reichsten Mann Afrikas. Der kommt aus Nigeria und schreibt in
seiner Biographie darüber, wie er mit wenig Kapital ein weitrei-
chendes Wirtschaftsimperium aufgebaut hat. „Ich dachte mir,
wenn ich eines Tages der reichste Mann Afrikas werden möchte,
dann sollte ich jetzt loslegen daran zu arbeiten.“
Morgens halb sechs in Bamenda, Hauptstadt der Nord-West
Region Kameruns. Erst ist ein Klappern zu hören, dann Schritte,
jemand trägt etwas Schweres. Wieder ein Klappern, dann ziem-
licher Lärm, der nicht mehr aufhört.
Wer da rumpelt, das sind Richard Atem-Ojong und sein
Neffe Zidane, der bei ihm wohnt. Die beiden leben in einer
Drei-Zimmer-Wohnung und an diesem Morgen ist es Zidanes
Aufgabe, noch vor der Schule die erste Charge Karottensaft zu
produzieren. Die beiden haben im Laufe des Jahres 2015 ein
Kleinunternehmen aufgebaut: Jules Natural Juice.
Noch ist die Produktionskette sehr kurz. Auf dem nahe gele-
genen Nkwen Market kaufen sie Obst und Karotten ein, die sie
mit zwei Entsaftungsmaschinen zu Säften verarbeiten. Diese
werden in Flaschen abgefüllt und so verschlossen, dass erst die
Konsument*innen sie wieder aufmachen können. Auf jede Fla-
sche wird das passende Etikett geklebt, das von einer Agentur
in der Wirtschaftsmetropole Douala konzipiert wurde. „Wenn,
dann richtig“ ist Richards Devise. Gerade der Eindruck nach
außen sei wichtig für das Geschäft.
Wenn,
dann richtig
Birte Mensing
18
KAMERUN
Noch ist „Jules“ kein Goldesel, auch wenn das von außen für
viele Leute in Richards Umfeld so scheinen mag. Um offizi-
ell als Unternehmen auftreten zu können, musste er den Pro-
zess der Registrierung durchlaufen. Dahinter steckt vor allem
eine Menge Papierkram, Verhandlungen mit dem Anwalt über
sein Honorar und Zahlungen an den Staat (Registrierungsge-
bühr). Wenn alle Papiere eingereicht sind, heißt es erst mal drei
Mo­nate warten, bis alle Unterlagen geprüft sind. Der finanzielle
Aufwand ist relativ hoch – 500 bis 700 € – bei einem monatli-
chen Gehalt von 100 €. Wenn dann aber alles bestätigt ist, gibt es
zur Belohnung eine Steuerermäßigung für drei bis zehn Jahre.
Doch auch, wenn der Saftverkauf bis jetzt mehr Investiti-
on erfordert als er Gewinn bringt, sieht Richard noch eine ganz
andere Funktion in seinem Unternehmen: „Für mich ist es auch
ein Zeichen, dass man alles sein und tun kann, was man möch-
te.“ Er hofft, dass sich Leute ein Beispiel daran nehmen, ihre
eigenen Ideen zu verwirklichen und sich zutrauen, etwas auf-
bauen zu können. Und damit im besten Falle noch etwas für die
Gemeinschaft tun.
Mittags zurück zum Radio, Nachrichten moderieren. Nach den
Kurznachrichten ist es Zeit, die Ware zu den Verbraucher*innen
zu bringen. Hierbei spielt Richards ursprünglicher Arbeits-
platz eine große Rolle. Auf dem Gelände der Kirche arbeiten­
Und als er sich mal wieder darüber ärgerte, dass es bei Feiern
und besonderen Anlässen immer nur extrem süße Softdrinks
mit Kohlensäure und künstlichem Geschmack gibt, war die
Idee zu „Jules“ geboren. „Es kommt mir fast so vor, als hätten die
­Leute hier vergessen, wie Natur schmeckt. Wenn ich das Leben
von Leuten besser machen kann und dabei auch noch Geld ver-
diene – was will ich mehr?“
Los ging es im ganz kleinen Rahmen – eine Maschine, ein Sack
Karotten, ein Sack Ananas, die ersten Säfte. Heute sind es zwei
Maschinen, mehr Obst und mehr Säfte, die täglich auf Bestel-
lung ausgeliefert werden – an Einzelpersonen oder zu Veran-
staltungen.
Nach der Morgenschicht beim Radio geht die Produktion
in die zweite Runde. Dafür hat er sich im Herbst 2015 Unter-
stützung  geholt und einen Raum gemietet, direkt neben sei-
ner Wohnung. Delphine und Edouane kommen vormittags
und kümmern sich darum, dass es mittags Säfte gibt, die an
die Kund*innen ausgeliefert werden. Vier verschiedene Sorten
sind mittlerweile im Angebot: CaPi (steht für carrot und pine-
apple), Cocktail (Papaya, Passionsfrucht, Ananas) und Soursop
(Stachel­annone). Diese Frucht gilt als sehr gesund und ist für
manche mittlerweile Teil ihrer Diät geworden.
19
mit meinem eigenen Ersparten angefangen. Das war so klein,
dass es keine Möglichkeit gab, einen Kredit aufzunehmen oder
Investoren zu finden. Deswegen musste ich Kompromisse ein-
gehen, die sich auf das Image des Produkts ausgewirkt haben.
Kameruner*innen sind oft skeptisch – neue Dinge zu akzeptie-
ren ist eine Herausforderung.“
Um daran nicht zu scheitern, hat Richard mit Freunden die
„Pacesetters“ gegründet. Übersetzen könnte man das mit: „Die,
die voran schreiten.“ Es geht ihnen darum, sich gegenseitig zu
fördern und zu bestärken in ihren Ideen, auch wenn diese für
die meisten Leute merkwürdig scheinen. „Wenn es Leute gibt,
die zu dir aufschauen, reicht es nicht, ihnen zu sagen, dass sie
ihre Träume realisieren sollen. Wenn du aber deine Visionen
umsetzt, dann sagt das mehr als tausend Worte.“
Kochen, essen, Zeit schlafen zu gehen. Denn am nächsten Mor-
gen ist sicher wieder so einiges geplant. Doch nachts bleibt Zeit
zu träumen. Davon, wie es irgendwann sein wird: „Manchmal
erschrecken mich meine Pläne für mein Unternehmen selbst.
Ich will aus „Jules“ ein national anerkanntes Produkt machen.
100 % natürliche, frische Fruchtsäfte auf Bestellung in den
großen Städten Kameruns. Tagesfrische Produktion. Der Weg
dahin? Standardisierung der Produktionsprozesse, kleine Fabri-
kationsstätten, dichte Lieferkette, Etablierung der Marke. Doch
das Kapital dazu muss erst einmal erwirtschaftet werden.“ D
besonders viele Menschen in Verwaltungspositionen. Konfe-
renzen werden organisiert. Und was bietet sich da besser an als
Fruchtsäfte zur Erfrischung? Noch geht es darum, den Markt
zu schaffen und zu gestalten. Über Mundpropaganda verbrei-
tet sich das Angebot – immer mehr Bestellungen erreichen
Richard. „Die Nachfrage ist groß, aber wir können sie nicht
befriedigen, weil wir zu schwache und zu wenige Maschinen
haben. Und zu wenig Mitarbeiter*innen, die sich um den Ver-
kauf kümmern. Die daraus resultierenden Effekte sind unzu-
friedene Kund*innen, eingeschränkte Reichweite und dadurch
weniger Umsatz.“
Doch das hält ihn nicht davon ab, seine Idee weiter zu verfol-
gen. Schon im Studium interessierte er sich auch für Marketing.
Das ist jetzt besonders hilfreich dabei, „Jules“ ein Standing in
Bamenda zu verschaffen. Und auch wenn sich so Business und
Beruf gegenseitig befruchten, bleibt doch eine Doppelbela-
stung.
Die gleicht er durch seinen Glauben aus, der ihm immer
wieder Perspektiven gibt. Gott auch in Business-Fragen zu Rate
ziehen, findet er mehr als legitim. Damit verbunden ist für ihn
auch, christliche Grundideen bei „Jules“ umzusetzen. Er behan-
delt seine Mitarbeiter*innen wie gute Freunde. Und hört sich
auch gerne an, was sie zu sagen haben. Denn von anderen zu ler-
nen ist ein Schlüssel zum Erfolg. „Ich bin der Typ, der eine Kerze
anzündet, anstatt über die Dunkelheit zu fluchen.“
Es ist Nachmittag geworden, Richard trifft sich mit einem
Vermieter. Er ist auf der Suche nach einem Laden, in dem er
die Säfte verkaufen kann, ohne durch die ganze Stadt zu fah-
ren, um Bestellungen auszuliefern. Dort soll gleichzeitig ein
kleines Café  entstehen oder eher eine Saftbar. Aber auch in
Bamenda ist der Immobilienmarkt nicht mehr das, was er
einmal war. Gute Lage spiegelt sich in den Preisen. Und da ist
Richard ziemlich schnell bei seinem nach wie vor größten Pro­
blem – „lack of capital“, auf Deutsch: zu wenig Kapital. „Ich habe
Birte Mensing, Jahrgang 1994, Bachelor-Studium Public
Governance across Borders in Münster und Enschede
(Niederlande), internationaler Freiwilligendienst mit Brot
für die Welt in Bamenda, Kamerun 2012/2013
Redaktionsleitung von „mitten.drin“, einem
Freiwilligenmagazin, www. freiwilligenmagazin.de
20
KAMERUN
Ange Imanishimwe (Jahrgang 1986) hat ein klares Ziel: Er möch-
te die nachhaltige Entwicklung seines Landes Ruanda fördern
und damit Natur und Menschen helfen.
Ange wuchs in einer ländlich geprägten Gegend im Tare Sec-
tor im Süden Ruandas auf. Er ist einer von sechs Kindern, sein
Vater war Grundschullehrer, seine Mutter versorgte den Haus-
halt und bewirtschaftete die Felder der Familie. Auch wenn
die Eltern nur ein geringes Einkommen hatten, wussten sie
dieses gut zu verwalten und so konnten sie ihren Kindern den
Schulbesuch ermöglichen. Ange bekam die Armut bei seinen
Nachbarn ebenso mit wie die Veränderungen in der Natur und
so engagierte er sich bereits in jungen Jahren für seine Umwelt
und begann schnell sich für Themen wie Naturschutz und Land-
schaftsentwicklung zu interessieren. Ein Grund dafür war, wie
BioCoop Rwanda
Ein Leuchtturmprojekt für nachhaltigen
Tourismus und Naturschutz
Janinka Lutze
21
Ange sagt, dass sein Biologielehrer in der Grundschule ihn mit
seinem Wissen inspirierte. Bereits mit sieben Jahren war seine
Liebe zur Natur so groß, dass er begann seine Nachbarn mit sei-
nen Informationen aus dem Unterricht und den Schulbüchern
beispielsweise über nachhaltige Landwirtschaft in Gesprächen
aufzuklären. Spannende Themen für ihn waren schon damals
die Biodiversität sowie Ökosystemdienstleistungen. Das Wis-
sen über Ressourcen also, die die Natur uns Menschen zur
Verfügung stellt, wie etwa Atemluft, Trinkwasser, Nahrung,
Baumaterialien und ähnliches. So fragte Ange seine Nachbarn
beispielsweise, warum sie Tiere wie Vögel, Mäuse, Schlangen
oder Fledermäuse töteten, die auf ihren Äckern fraßen. Er ver-
suchte ihnen metaphorisch zu erklären, dass diese auf dem
Acker wahrscheinlich einen Quadratmeter zerstören, aber
dafür woanders 10 Hektar bepflanzen – durch Samen im Kot
oder Bestäuben. Oder er erklärte den Menschen, dass es ihnen
selbst schaden würde, wenn sie ihren Müll auf die Felder werfen,
weil der Boden die schädlichen Stoffe aufnimmt, die anschlie-
ßend in die Lebensmittel gelangen.
Das Verständnis für ökologische Zusammenhänge war für ihn
wichtig und so absolvierte er nach dem Schulabschluss seinen
Bachelor in Zoologie und Umweltschutz (BSc. Zoology and Con-
servation) und seinen Master in Biodiversitätsschutz (MSc. Bio-
diversity Conservation). Derzeit beginnt er seine Promotion im
Bereich Biologie.
2012 gründete er die Kooperative BioCoop Rwanda, die im
Dorf Gasarenda direkt am Nyungwe Nationalpark ihr Büro hat
und im gesamten Distrikt Nyamagabe tätig ist. Der Nyungwe
Nationalpark ist der größte Bergnebelwald Ostafrikas und mit
seinen knapp 1000 km2 nimmt er 3 % der Landesfläche Ruandas
ein. Im Süden grenzt er direkt an den Kibira Nationalpark in
Burundi an. Der Nyungwe ist ein Hotspot der Biodiversität und
beheimatet mehr als 300 Vogelarten, einige davon endemisch
(sie kommen nur in Ruanda und teilweise nur im Nyungwe
Na­tionalpark vor), zahlreiche Insektenarten und 75 Säugetier-
arten, darunter 13 Primatenarten. Von der Idee eine Kooperative
zu gründen, konnte Ange damals einige Abiturienten überzeu-
gen: 2012, bei der Gründung von BioCoop, waren sie zu zwanzig
und jeder steuerte 2000 ruandische Franc (etwa 2–3 Euro) bei.
Das war das Startkapital. Noch im gleichen Jahr wurde Ange
als „Top Young Innovator of Rwanda“ geehrt. Das Preisgeld nut-
ze er um die Aktivitäten von BioCoop auszubauen. Für seine
Leistungen und Erfolge im Biodiversitätsschutz, vor allem für
seine Ideen in Sachen nachhaltige Imkerei und die Einführung
von Ökotourismus im Nyungwe bekam er ein Stipendium und
konnte für sechs Wochen an die University of California Berkely
zu einem akademischen Training über Umweltschutz.
Mit der Gründung von BioCoop Rwanda und seiner weiteren
Arbeit bzw. Engagement verfolgt Ange Imanishimwe zahlrei-
che  Ziele1. So möchte er die Umwelt schützen, die Natur und
­Nationalparks Ruandas erhalten sowie dem Verlust an Biodi­
versität entgegenwirken. Gleichzeitig möchte er das Leben
seiner Mitmenschen in Ruanda verbessern und hat dabei vor
allem die Zielgruppe Jugendliche vor Augen. Ruanda ist eines
der ärmsten Länder der Welt und viele Familien leben unter
der Armutsgrenze. Es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit sowie
Perspektivlosigkeit, gerade in der jungen Bevölkerung. Natur-
schutz und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen sind im All-
tag der meisten Ruander kein Thema. Doch Ange möchte dies
ändern und mit seinen Projekten die Bedeutung des Natur-
schutzes den Menschen näher bringen und ihnen gleichzeitig
neue Alternativen und Perspektiven aufzeigen. Mit BioCoop
1  In Ruanda gibt es derzeit drei Nationalparks (Volcanoes, Akagera und
Nyungwe), die zahlreiche Tier- und Pflanzenarten beherbergen, darunter
auch eine Vielzahl an endemischen Arten. Vor allem durch die verschie-
denen Landschaftstypen von Savannen (z. B. Baumsavannen im Akagera
Nationalpark) über Moore- und Feuchtgebiete, Seen und Fließgewässer
bis hin zu den Wäldern, bietet Ruanda zahlreichen Arten verschiedene
Habitate und so kommt es zu der großen Anzahl an Arten in dem kleinen
afrikanischen Land. Mit insgesamt knapp 3200 km2 hat Ruanda somit
12,2 % seiner Landesfläche zu Schutzgebieten ausgewiesen. Die Aus-
weisung des Gishwati Waldes zum Nationalpark würde dies zwar nur um
weniger als 1 % erweitern, wäre jedoch ein sinnvoller Schutz für den Wald
und somit sämtlichen Tier-und Pflanzenarten, die er beherbergt und
würde so ein großer Schritt gegen den Biodiversitätsverlust Ruandas
bedeuten, was auch ein großes Anliegen von Ange Imanishimwe ist.
22
RUANDA
Rwanda hat Ange bereits verschiedene Maßnahmen durchge-
führt und Projekte gestartet: So gibt es im Nyungwe National-
park ein Imker-Projekt. Hier haben Menschen aus den umlie-
genden Dörfern in Workshops die Möglichkeit das Imkern zu
erlernen und eine Lizenz zu bekommen, um im Nationalpark
Bienenreusen aufstellen. Der Honig wird in lokalen Läden sowie
im Zentrum der Nationalparks an die Touristen verkauft und
bietet den Imkern eine zusätzliche Einnahmequelle.
BioCoop Rwanda setzt sich auch mit den illegalen Aktivitäten
– wie die illegale Jagd sowie das illegale Abholzen – im Nyungwe
sowie in den anderen beiden Nationalparks Ruandas auseinan-
der und versucht Alternativen zu entwickeln. Jagd und Abhol-
zen waren natürlich früher Tradition und eine Lebensgrundlage
vieler Menschen in Ruanda, vor allem in den Regionen um die
heutigen Nationalparks. In den meisten Fällen geschah dies
ausschließlich zum Eigenverbrauch. Doch die Jagd – vor allem
die kommerzielle und illegale Jagd – tragen maßgeblich zum
Artenschwund in Ruanda bei, ebenso wie auch der Lebensraum-
verlust. Durch die Abholzung verlieren die Tiere ihr Habitat und
es entstehen bekanntermaßen große Probleme im Ökosystem
des Waldes sowie beim Klima2. Gegen illegales Jagen gibt es
inzwischen Rangerkontrollen, finanziert durch das Rwandan
Development Board (RDB), gegen die Abholzung betreibt Bio-
Coop Rwanda verschiedene Projekte. Es gibt Workshops für die
Menschen aus den umliegenden Dörfern sowie Pflanzprojekte.
Im Gebiet des Nationalparks werden kontinuierlich neue Bäume
gepflanzt. Zusätzlich entsteht an der Nationalparkgrenze ein
Schutzgürtel aus Bäumen. Den Menschen das Abholzen zu ver-
bieten, wäre keine Lösung, da sie das Holz für den Bau und als
Feuerholz benötigen. BioCoop Rwanda bietet Aufklärungsar-
beit und Alternativen an: In Workshops werden holz- und koh-
leschonende Kocher vorgestellt, die die Arbeit der Holzbeschaf-
fung erleichtern, Geld sparen beim Kauf der Kohle und gesünder
sind wegen geringerer Rauchentwicklung. Zusätzlich gibt es
Informationen über weitere Ressourcen-schonende ­Verfahren
für den Verbrauch von Wasser und Holz.
2  Dies betrifft sowohl das Mikroklima in dem Waldgebiet, da der Baum
beispielsweise durch eine große Krone viel Schatten wirft und so am
Boden für ein kühleres Klima sorgt. Global gesehen sind Bäume wichtige
CO2-Speicher und das vermehrte Abholzen von Wäldern sorgt dafür,
dass das CO2 wieder freigesetzt wird und sich so die Zusammensetzung
der Atmosphäre ändert und zur Erwärmung führt, da die Atmosphäre die
Sonnenenergie nicht mehr so gut abblocken kann und sie die Erde so
mehr erwärmt. Die ist global zu spüren aber auch die Unterschiede der
Luftreinheit kann man an einzelnen Orten spüren und so wird die Luft in
waldarmen Gegenden oft als weniger „frisch“ empfunden.
23
Da Bäume jedoch nicht nur im Nationalpark sinnvoll sind,
betreut Ange mit BioCoop Rwanda auch ein Projekt zur Stadtbe-
grünung.DortwerdendielokalenAutoritätensowieinteressier-
te Bürger*innen über die Vorteile von Bäumen aufgeklärt und es
werden in den Städten Bäume gepflanzt. Hier ist auch wichtig,
Alternativen anzubieten, dass diese Bäume nicht wegen Mangel
an Feuerholz gefällt werden.
Im Distrikt Nyamagabe, in dem die Kooperative BioCoop arbei-
tet, ist – wie auch anderswo – Mangelernährung ein häufig auf-
tretendes Problem. Als Lösung für dieses Problem hat BioCoop
ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Milchkühe an Familien
mit Mangelernährung vergeben werden. Milch ist eine wichti-
ge Eiweißquelle und in Ruanda, wenn es für die Familie mög-
lich ist, Bestandteil der Ernährung. Zusätzlich hat BioCoop in
­Gasarenda eine Milchsammelstation eingerichtet. Dort können
die Familien ihre überschüssige Milch abgeben. Die gesammel-
te Milch wird in der Station haltbar gemacht und anschließend
in verschiedenen Läden im Distrikt, aber auch in der Haupt-
stadt Kigali und Bujumbura in 5-Liter Kanistern verkauft. Jede
Familie hat eine Mitgliedskarte, auf der bei jeder Milchabgabe
die Literanzahl notiert wird. Am Ende des Monats wird das Geld
ausgezahlt. Viele der Familien nutzen dies für die Bezahlung der
Schulgebühren für ihre Kinder, zur Anschaffung weiterer Nah-
rungsmittel oder für den Ausbau ihrer Wohnungen und einen
Anschluss ans Stromnetz.
Seit 2000 hat Ruanda ein visionäres Entwicklungspro-
gramm für die Bereiche Gleichberechtigung, Schulbildung,
Gesundheitssystem und Kampf
gegen die Arbeitslosigkeit. Eines der
Ziele ist bis 2020 die Stromversor-
gung ausschließlich aus erneuerba-
ren Energiequellen zu realisieren
und alle Haushalte an das Stromnetz
anzuschließen. Mit dem Ausbau der
Energieerzeugung durch erneuerbare Energien hat Ruanda
bereits begonnen und verfügt über eine der modernsten Pho-
tovoltaikanlagen der Welt. In der Nähe der Hauptstadt Kigali
betreibt „Gigawatt Global“ eine 100 Sonnensegel-Anlage mit
einer Leistung von 8,5 Megawatt. Desweiteren gibt es zahlreiche
kleine Anlagen, die Krankenhäuser, Schulen und andere öffent-
liche Gebäude versorgen. Der Ausbau von Erdwärmenutzung
geschieht bereits im Nordwesten des Landes um die Virunga-
Vulkankette und ebenso die Nutzung von Wasserkraft. Einige
kleine Kraftwerke sind bereits in Betrieb, mindestens 20 weitere
sollen in den nächsten Jahren gebaut werden.
Ruanda ist weltweit ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit.
Und auch im Naturschutz ist das Land stark engagiert. Es gibt
mehrere Gesetze, die zum Natur- und Umweltschutz beitragen
sollen, wie etwa das Verbot Müll aller Art – und sei es nur ein
Bonbonpapier – auf den Boden zu werfen sowie das landesweite
Plastiktütenverbot. Ebenso gibt es wirksame Naturschutzge-
setze sowie Schutzbemühungen zum Erhalt der Nationalparks.
Desweiteren ist geplant, den noch sehr naturnahen Wald Gish-
wati im Nordwesten des Landes als vierten Nationalpark auszu-
weisen. Dies würde seinen Schutzstatus erhöhen und gleichzei-
tig ein weiteres touristisches Potenzial darstellen.
24
RUANDA
Ruandas Wirtschaft wird zu einem großen Teil vom Tourismus
getragen. Die meisten Touristen (etwa 70 %) kommen um die
Touren zu den Berggorilla (Gorilla beringei beringei) im Volcano-
es Nationalpark zu machen. Doch auch die anderen Touren, wie
etwa zum Grab der bekannten Gorillaforscherin Diane Fossey
oder zu den Goldmeerkatzen (Cercopithecus kandti) sind sehr
beliebt, ebenso wie die Ausflüge im Akagera Nationalpark oder
dem Nyungwe Nationalpark. In diesem gibt es beispielsweise
Touren zu Familien vom Gemeinen Schimpansen (Pan troglody-
tes)oderGruppenvonAngola-Stummelaffen(Colobus angolensis).
Doch auch außerhalb der Nationalparks gibt es zahlreiche
spannende Möglichkeiten für Touristen. Deshalb bietet Ange
­Imanishimwe mit BioCoop Rwanda umweltfreundliche Wan-
der- und Fahrradtouren zu Themen wie Natur und Kultur in den
Dörfern um den Nyungwe an. Hier geht es um die traditionelle
Honiggewinnung aus den Bienenreusen, die Herstellung von
Bier aus Sorghum und Bananen, die Verarbeitung von Pflanzen
für traditionelle Medizin und Förderung der regionalen Kultur.
Auch von anderen Anbietern gibt es vergleichsweise viele Ange-
bote im Bereich des Ökotourismus, die zudem von der Regierung
unterstützt werden. Denn diese möchte, dass auch die lokale
Bevölkerung, die nicht im Tourismussektor arbeitet, vom Tou-
rismus profitiert. So gehen beispielsweise 10 % der Einnahmen
im Volcanoes Nationalpark in die Entwicklung der umliegen-
den Dörfer. Es werden Schulen und Gesundheitszentren gebaut
und Menschen bei der Landwirtschaft unterstützt. Eine Mauer
um den Nationalpark, finanziert durch diese Gelder, schützt die
Äcker vor den Tieren aus dem Wald. Sollte es dennoch zu Wild-
schäden durch Waldelefanten oder Buffalos auf den umliegen-
den Äckern kommen, so übernimmt die Regierung Ruandas die
Haftung für die entstandenen Schäden. Durch die Ausweisung
als Schutzgebiete oder Nationalparks werden den Menschen
lebenswichtige und kulturell wichtige Ressourcen genommen,
für die ein Ausgleich geschaffen werden muss. Die ruandische
Regierung scheint mit ihrem Konzept bisher viel Erfolg zu
haben. Die ruandische Bevölkerung akzeptiert die National-
parks und ist stolz auf seine Natur, vor allem auf seine Gorillas.
Das sieht man deutlich auf dem jährlich stattfindenden Fest
„Kwita izina“ (Kinyarwanda für: Namen geben). Seit 2005 wer-
den den in dem jeweiligen Jahr im Volcanoes Nationalpark neu
geborenen Gorillababys Namen gegeben. Dies geschieht mit
einer großen Zeremonie und einer Rede des Präsidenten (der-
zeit Paul Kagame). Die Feierlichkeit wird live im ruandischen
­Fernsehen übertragen. Das Fest ist ein jährliches Erinnern an
die Schönheit der Natur und Schutzwürdigkeit der Biodiver-
sität. Genau dies ist auch Ange Imanishimwe wichtig und so
versucht BioCoop Rwanda mit seinen Projekten mehr für die
Akzeptanz zum Schutz des Nyungwe Nationalparks zu tun und
gleichzeitig Arbeitsplätze zu schaffen und den Menschen eine
Arbeit im Einklang mit der Natur nahe zu legen. Beispielsweise
durch die Anpflanzung von Hecken aus Nutzpflanzen um die-
se später zu ernten und gleichzeitig die Felder an Hügelhän-
gen vor Erosion zu schützen, da dies ein Verlust der nutzbaren
Ackerfläche und somit wieder ein Verlust an Lebensmitteln
bedeuten würde. Oder das Nutzen von Fruchtfolgen, bei denen
nacheinander auf den Feldern verschiedene Früchte angebaut
25
werden, die sich gegenseitig beim Wachstum unterstützen oder
den Boden für die nächste Frucht vorbereiten und so eine dau-
erhafte Bodenfruchtbarkeit gewährleisten. Mit dieser Strate-
gie hat BioCoop bereits große Erfolge – nicht zuletzt durch die
Schaffung von insgesamt mehr als 800 Arbeitsplätzen bis 2014.
Ähnlich erfolgreich sind die „environmental clubs“ (Umwelt-
Arbeitsgemeinschaften), die BioCoop in Schulen in der Umge-
bung anbietet. So wie Ange Imanishimwe sich in seiner Jugend
schon mit dem Thema Umweltschutz auseinander gesetzt hat,
wird hier Schüler*innen die Möglichkeit gegeben, dies gemein-
sam zu tun und durch einen Begleiter von BioCoop Ideen und
Unterstützung zu bekommen. Die Jugendlichen sind sehr froh
darüber und die Arbeitsgemeinschaften erfreuen sich großer
Nachfrage. Die Teilnehmenden eignen sich einen hohen Kennt-
nisstand und ein gutes Verständnis über ökologische Zusam-
menhänge und die Auswirkungen ihres Verhaltens an. Gemein-
sam versuchen sie, in ihren Familien, Schulen und Dörfern für
mehr Aufklärung zu sorgen und gemeinschaftlich Projekte wie
beispielsweise Pflanzaktionen durchzuführen. BioCoop bietet
neben den Umwelt-Arbeitsgemeinschaften auch Fortbildungen,
Computerkurse und Ausbildungsstipendien für Jugendliche an.
Auch unter den Beteiligten der Kooperative BioCoop selbst
befinden sich viele junge Erwachsene. Die Kooperative basiert
auf Freiwilligkeit und so ist es sehr erfreulich, dass sie sich so
großer Beliebtheit erfreut und Menschen aus verschiedenen
Berufsfeldern (Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Bildung)
der Kooperative beigetreten und in ihr aktiv sind. Wie beispiels-
weise der Lehrer Sylvestre, der neben seiner Tätigkeit als Ober-
schullehrer ehrenamtlich die environmental clubs in mehreren
Schulen leitet, regelmäßig die Situation der Milchsammelstati-
on kontrolliert und Berichte für BioCoop verfasst.
Die Kooperative BioCoop Rwanda ist ein leuchtendes Beispiel
dafür wie ein einzelner Mensch, der mit Leidenschaft und Wil-
len für seine Ziele kämpft, etwas so Großes schaffen kann. Ange
Imanishimwe aus Ruanda, einem der ärmsten Länder der Welt,
verändert eine Region, die dort lebenden Menschen und letzt-
lich auch die Welt. D
REMA: www.minirena.gov.rw/index.php?id=91
Biocoop Rwanda: http://biocoop.rw/
http://minirena.gov.rw/index.php?id=209
Links zu Ökotourismus:
Tourismus in Ruanda: www.rwandatourism.com/
Rwanda natural recources authority:
http://rnra.rw/index.php?id=2
Janinka Lutze war 2009/2010 zum ersten Mal im
Rahmen ihres internationalen Freiwilligenjahres in
Ruanda, Bachelor in „Naturschutz und Land­schafts­
planung“, aktuell Masterstudiengang „Regional­
entwicklung und Naturschutz“. Sowohl im Rahmen
des Studiums als auch privat arbeitet Janinka Lutze
in ­verschiedenen Naturschutzprojekten in Ruanda
und ist regelmäßig dort um ihre Freunde zu besuchen.
Derzeit mehrmonatige Kartier- und Forschungsarbeit
im Rahmen der Masterarbeit über Amphibien in Costa
Rica.
26
RUANDA
Wir leben in einem Zeitalter des Plastiks. Kunststoffe sind zu
einem der wichtigsten Materialien unserer Zeit geworden.
Ob in Schuhen, Autos oder Duschgel, sie sind allgegenwärtig.
Plastik hat besondere Qualitäten. Im Gegensatz zu Papier ist es
wasserfest und beständiger, darüber hinaus lässt es sich wie-
der verwenden und hat eine lange Lebenszeit. Doch genau hier
liegt auch das Problem. Plastik ist nicht biologisch abbaubar und
beim Zerfallsprozess entstehen giftige Stoffe. Ein verrücktes
Beispiel für das Ausmaß unserer „Plastikwelt“ sind die Lego-
Strände im Südwesten Englands. Nachdem 1997 im Ärmelkanal
ein Container-Schiff, beladen mit verschiedenen Spielzeug-
teilen, verunglückte, gerieten 4,8 Millionen Legosteine in das
Meer. Bis heute werden an den Stränden Legosteine gefunden.
Plastikmüll ist ein globales Problem. In allen Ländern der Welt
und insbesondere in Ländern des globalen Südens ist die Plas-
tikproduktion seit den 1990er Jahren stark ausgeweitet worden.
Die Nachfrage steigt überall auf der Welt. Dies hängt damit
zusammen, dass Plastik oft mit Fortschritt, Moderne oder auch
Sauberkeit assoziiert wird. In afrikanischen Staaten mit einem
ausgeprägten sozioökonomischen Wachstum wie Ghana, Nige-
ria oder Kenia ist Plastik zu einer wirtschaftspolitischen Frage
geworden: Verschiedene Lobbyisten versuchen die Produktion
weiter auszubauen und damit weitere Arbeitsplätze zu schaffen.
Die Auswirkungen der weltweit steigenden Plastikproduktion
sind allerdings prekär. Neben den vielen positiven Eigenschaf-
ten, wie zum Beispiel Beständigkeit oder Elastizität, hat Plastik
den großen Nachteil, dass es nicht biologisch abbaubar ist.
Insbesondere der Plastikmüll in den Ozeanen hat gravie-
rende Auswirkungen auf die ozeanischen und terrestrischen
Ökosysteme. Doch neben den Folgen für die Tiere und die Natur
wird auch das Leben der Menschen direkt betroffen. Die kleinen
und omnipräsenten Begleiter unseres Lebens, wie Verpackun-
gen von CDs, Zigarettenpäckchen oder Taschentüchern zerset-
zen sich nicht und bleiben immer in unseren Ökosystemen vor-
handen.
In vielen tropischen und subtropischen Staaten mit erhöh-
tem Malariarisiko sind Plastiktüten eine optimale Brutstätte
für Malaria-Mücken. In Nairobi, der Hauptstadt Kenias, wurde
festgestellt, dass Plastiktüten die Kanalisation blockieren und
damit das Hochwasserrisiko erhöhen. Die Auswirkungen des
Plastikmülls betreffen jedoch nicht nur die Ökosysteme, die
Verbreitung von Krankheiten, sondern auch die Wirtschaft.
In vielen Staaten, darunter auch Deutschland, führt die Ver-
schmutzung von Stränden zu einem Rückgang des Tourismus
und zu einer kostenintensiven Reinigung.
Was unternehmen die Staaten und die Zivilgesellschaft, um das
Plastiktütenproblem zu lösen? Die ersten Staaten, die das Plas-
tiktütenproblem aktiv bekämpft haben, befinden sich im globa-
len Süden. Das erste Plastiktütenverbot weltweit wurde 2002 in
Plastiktüten
sind untragbar
Robin Frisch
27
Bangladesch eingeführt. Der Staat, in dem das strengste Verbot
eingeführt wurde, ist Ruanda. Der kleine ostafrikanische Staat,
der in westlichen Medien häufig nur im Kontext des Genozids
1994 beleuchtet wird, wird als Musterschüler in umweltpoliti-
schen Fragen international gewertschätzt. Die Hauptstadt Kiga-
li gilt als die sauberste Stadt auf dem gesamten afrikanischen
Kontinent und es gibt neben dem Plastiktütenverbot (2004)
Umweltzonen, in denen der Autoverkehr verboten ist. Seit 1998
existiert darüber hinaus an jedem letzten Samstag im Monat
ein gemeinschaftlicher Dienst – Umuganda – bei dem im gan-
zen Land etwa 80 % der ruandischen Bevölkerung die Straßen
vom Müll säubern und andere zivilgesellschaftliche Aktivitä-
ten durchführen. Umuganda bedeutet übersetzt „Zusammen-
kommen mit einem gemeinsamen Ziel“ und ist Pflicht für alle
Bürger*innen Ruandas zwischen 18–65 Jahren. Dieser gemein-
schaftliche Dienst hat nicht nur einen nachhaltigen Effekt für
die Sauberkeit der Straßen, sondern ist auch ein wichtiger Bei-
trag zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls.
Neben dem Musterbeispiel Ruanda gibt es weitere afrikanische
Staaten, die Maßnahmen gegen Plastiktüten eingeführt haben.
Eritrea und Somalia (2005), Botswana, Tansania und Ugan-
da (2007), Kenia und Togo (2011), Mauretanien und Mali haben
2013 offiziell ein Verbot von Plastiktüten eingeführt. Es mag
überraschen, dass so viele Staaten auf dem afrikanischen Kon-
tinent Gesetze gegen den Gebrauch von Plastiktüten erlassen
haben – die Reichweite ist unterschiedlich. In Ruanda gibt es
ein komplettes Verbot von Plastiktüten. Bei einer Grenzkontrol-
le kann man laut Reiseberichten erleben, dass die Verpackung
von Süßigkeiten abgegeben werden muss. In Südafrika erhebt
der Staat eine Steuer auf Plastiktüten, um so den Gebrauch
zu senken. In den meisten Staaten werden Tüten bis zu einer
bestimmten „Dicke“ verboten. Dünne Plastiktüten, in Deutsch-
land vor allem in Drogeriemärkten erhältlich, sind in fast allen
genannten Staaten verboten. Da viele Gesetze noch nicht lange
in Kraft getreten sind und die gesamte Bevölkerung von einem
Verbot überzeugt werden muss, gestaltet sich die Einhaltung
oft schwierig. Es braucht seine Zeit bis alle Verkäufer*innen auf
allen Märkten und in allen Supermärkten akzeptieren, keine
28
RUANDA
Plastiktüten mehr zu verkaufen. Widerstand kommt auch von
der Plastikindustrie, die den Verlust von Arbeitsplätzen the-
matisiert. Um ein vollständiges Plastiktütenverbot durchzu-
setzen, müssen nicht zuletzt auch die Konsument*innen dazu
bereit sein, andere, zum Beispiel traditionelle Verpackungen zu
benutzen.
Plastiktüten sind allerdings nicht nur ein Thema für die Regie-
rungen, sondern vor allem auch für zivilgesellschaftliche
Akteur*innen. 2010 hat sich eine panafrikanische grüne Partei
(Federation of Green Parties of Africa) gegründet, die Umwelt-
bewegungen und Parteien aus 28 Staaten verbindet. Die wohl
bekannteste Bewegung auf dem Kontinent ist das „Greenbelt
Movement“ in Kenia, welches 1977 zur Wiederaufforstung der
Wälder gegründet wurde. Die Gründerin, Wangari Maathai,
https://en.wikipedia.org/wiki/Phase-out_of_lightweight_plas-
tic_bags#/media/File:Plastic_bag_legislation.svg
Quellen:
www.haz.de/Nachrichten/Panorama/Uebersicht/In-Cornwall-werden-Legosteine-
nach-Schiffshavarie-von-1997-angeschwemmt
http://rwandapedia.rw/explore/umuganda
www.mindfully.org/Plastic/Bans/Somalia-Bans-Plastic1mar05.html
www.lemonde.fr/planete/article/2013/01/03/l-interdiction-des-sacs-en-plastique-se-
mondialise_1812467_3244.html
lehrte in Nairobi Biologie und war zwischen 2003 und 2005
Umweltministerin in Kenia. Für ihren herausragenden Bei-
trag zur nachhaltigen Entwicklung, für Demokratie und Frie-
den wurde ihr 2004 der Friedensnobelpreis verliehen. Diese
Bewegung setzt sich auch entschieden für einen nachhaltige-
ren Umgang mit Plastiktüten ein. In Nairobi befindet sich der
Hauptsitz des United Nations Environmental Programs (UNEP).
Der Direktor, der Deutsch-Brasilianer Achim Steiner macht
seit fünf Jahren aktiv Werbung für Plastiktütenverbote in allen
Ländern der Welt. Es bleibt spannend, ob es zu einem globalen
Plastiktütenverbot kommt und inwiefern die afrikanischen
Staaten ihre Vorreiterrolle wahrnehmen. D
Robin Frisch, Jahrgang 1994, Bachelor „Internationale
und europäische Governance“ in Lille und Münster,
2012–2013 Freiwilliges Soziales Jahr in Lomé/Togo
Kontakt: robin.frisch@yahoo.de
29
„Meine Füße sind spezielle Füße. Sie sind nicht weit verbreitet in
Malawi.“ Mit diesem Satz erklärt Georg Chimpiko Banda Kindern
seine Klumpfüße. In schwarzen Business-Socken liegen sie aus-
gestreckt vor ihm auf einem kleinen Bambustisch. An derselben
Straße, die wenige hundert Meter weiter zu den sagenhaften Sen-
ga Bay-Stränden des Malawi Sees führt, zeigt ein Metallschild sein
Lebensprojekt: KODO. Die ersten beiden Buchstaben stehen für
„Kuthandiza Osayenda“ – übersetzt: Hilfe für diejenigen, die nicht
laufen können – in der malawischen Amtssprache Chichewa. Ein
roter Pfeil zeigt von Schild und Straße weg auf zwei kleine Back-
steinhäuser.
Als Georg noch klein war, wurde er von seiner Mutter auf
dem Rücken zur Schule getragen, täglich 1.5 km, hin und
zurück. Georg wusste schon früh, was er später werden
wollte: mobil. Zudem wollte er sich ein Auto leisten können.
Wäre Georg mit Füßen wie jeder andere geboren, wäre
er Soldat geworden: Sein Vater erzählte viele inspirieren-
de Geschichten vom Krieg in Kongo Kinshasa. Weil es viel
Streit in der Familie gab, zog die Mutter mit Georg und sei-
ner älteren Schwester 1970 zurück zu ihren Eltern.
Bei seiner Großmutter war das Leben besser. Die
Grundschule lag nur 400 m vom Haus der Großmutter ent-
fernt. Am frühen Morgen, wenn der Sand noch feucht und
weich war, konnte Georg die Distanz auf eigenen Klumpfü-
ßen bewältigen. Nach Schulende zwang ihn der heiße Boden
in der Schule zu bleiben. Die Sonne, der aufgeheizte Sand
und die kleinen spitzen Steine bereiteten seinen bloßen
Füßen Schmerzen.
Eine Mango meiner Wahl
Elena Ziegler Ruiz
30
MALAWI
Nur in der Regenzeit war die Erde nass und weich. Eines Tages
während dieser Zeit ging Georg mit Freunden „Mangos jagen“.
Die Bäume hingen voll davon. Die anderen Jungen kletterten
hinauf. Georg zeigte in die Äste auf die Früchte, die er haben
wollte. „Die hier“? fragten die anderen. Wenn Georg nickte,
pflückten sie die ersehnte Mango und aßen sie selbst. Danach
bat Georg die Freunde ihm klettern zu helfen und hievte sich
selbst in die hohen Äste. „Ich wollte eine Mango meiner eigenen
Wahl“, erklärt Georg heute. Doch es war Januar, Regenzeit. Die
Wassermassen fielen ohne Vorwarnung. „Ein richtiger Sturm,
mit Hagel und Gewitter“, erinnert sich Georg. Die anderen Jun-
gen sprangen von den Ästen und rannten nach Hause. Georg
blieb im Baum, eineinhalb Stunden, bis seine Mutter ihn suchen
kam. „Sie war eine große Frau“, sagt Georg lächelnd. „Sie konnte
mich aus dem Baum pflücken und nach Hause tragen.“
1973 schrieb Georg das Abschlussexamen der Grundschule
nicht gut genug, um für die weiterführende Schule ausgewählt
zu werden. Er wiederholte. „Hör nicht auf, es zu versuchen“,
riet seine Mutter ihm, „irgendwann wird Gott dich belohnen.“
Georg lernte vier Jahre in der achten Klasse, bis er 1977 auf die
Secondary School durfte. Die Formulare der weiterführenden
Schule fragten zum ersten Mal nach Geburtsdaten. Georg legte
selbst den 25.Juli 1958 fest.
Im dritten Jahr an der weiterführenden Schule sprach ihn
ein Schüler auf dem Schulgelände an, auf seine Füße deutend.
Der Junge war aus der Großstadt Blantyre hergezogen, das dor-
tige Missionars-Krankenhaus „Queen Elizabeth“ hatte seine
Schwester mit orthopädischen Schuhen ausstatten können.
Durch diesen Hinweis bekam Georg 1979 seine ersten schwar-
zen Lederschuhe.
Ein Jahr nach Abschluss an der weiterführenden Schule, 1982,
kaufte der malawische Staat von Japan seine erste Satelliten-
station und Georg absolvierte in der Abteilung für „Post and
Telecommunication“ eine internationale Berufsausbildung mit
anschließendem Studium zum Ingenieur. An Georgs Schule
herrschte ein reger Austausch zwischen Malawi, Lesotho, Bots-
wana und Swasiland. 1991 schloss er mit Diplom ab und startete
seine Karriere in einer Zeit, in der es noch keine Mobiltelefone
gab, aber viele Probleme mit dem malawischen Festnetz. „Die
meisten meiner Freunde kenne ich über das Telefon“, erkennt
Georg schmunzelnd. Er reparierte ihre Telefonverbindungen. So
gelangte er auch zu seinem ersten Auto. Eine französische Kun-
din wollte ihm zu mehr Mobilität verhelfen und vermachte ihm
den alten Renault ihres Sohnes.
Georg fand, es war Zeit, etwas zurückzugeben: „Ich wollte zu
einer Brücke werden, zwischen Menschen mit Mobilitätspro-
blemen und den Hilfsmitteln.“ Im Jahr 2000 kaufte er den ers-
ten Rollstuhl und schenkte ihn einer Mutter von zwei Kindern,
deren Kaiserschnittnarbe das Laufen auf Krücken schmerzhaft
machte. Mithilfe zweier Schulfreunde erwarb Georg anschlie-
ßend zehn weitere Tricycles: Dreiräder mit Handpedalen an
einem Lenker am vorderen Rad.
Unerwartet kam eine Organisation aus Nordirland auf ihn zu,
die mit ihm erkannte: Seine Rollstühle würden die Menschen
zwar mobiler machen, aber sie blieben Bettler auf Rollstüh-
len. Deswegen kaufte Georg mit dem Vertrag der Organisation
ein Grundstück neben der Straße und ließ dort ein Backstein-
häuschen bauen. KODO war gegründet. Das zweite D steht für
31
disability, O für outreach. KODO bot Workshops im Bambus-
Möbel-Bau und Schneidern an. 2009 stattete eine schottische
Organisation KODO mit Nähmaschinen aus, die mit Handkur-
bel statt Fußpedal oder Elektrizität betrieben werden.
Mit einem Material-Starterpaket im Wert von 20 € kehren die
KODO-Lehrlinge in ihre Dörfer zurück und eröffnen dort ein
kleines Geschäft. Auch KODO selbst versucht sich mit dem
Verkauf von Bambusmöbeln zu finanzieren. Doch die meisten
Malawier können Geld für Möbel nur von Mai bis Oktober aus-
geben, der halbjährigen Verkaufssaison ihrer letzten Ernte. Im
Dezember fällt mit den ersten Tropfen der Regenzeit der Start-
schuss für die neue Saat – nicht nur die potentiellen Kunden,
sondern auch die KODO-Absolventen investieren ihr gesamtes
Geld in teuren Dünger. Die Kleinunternehmen scheitern an
geringer Nachfrage und fehlendem Budget für neues Materi-
al. Das war der Anlass, um Workshops anzubieten, Bio-Dünger
selbst herzustellen.
Noch schlafen die KODO-Lehrlinge auf dem Boden in Georgs
Büro. Für den Bau von Schlafräumen fehlt das Geld. Aber Georg
will kein Geld von seinen Sponsoren. Eigentlich will er auch kei-
ne Rollstühle. Im Moment hängen 500 gespendete Rollstühle in
Amerika fest und 100 weitere in Sambia, doch es gibt kein Geld
für den Transport. Georg wünscht sich nachhaltige, eigenstän­
dige Maßnahmen: Ein Anschluss KODOs ans Stromnetz, Mate-
rial und Workshops, um die KODO-Lehrlinge zu ermächtigen,
ihreRollstühleselbstzuschweißen.MiteinerMaismühle,einem
Elektro-Reparatur-Werkstatt oder einem Nahrungsmittel­laden
könnte sich KODO sogar ganzjährig selbstständig finanzieren.
Georg ist jetzt in Rente gegangen, um sich Vollzeit um sein
­Projekt zu kümmern. Seine Vision ist groß: „Empowering the
dis­abled people for tomorrow – not for the past!“ D
Elena Ziegler Ruiz, Jahrgang 1996, Studentin der Medizin,
Internationaler Freiwilligendienst in Salima, Malawi in 2014/15
32
MALAWI
Noch vor einigen Monaten hätte ich nicht damit gerechnet, das Mittelmeer zu überqueren, den Indischen
Ozean zu sehen, Affen an Häuserwänden zu bestaunen und mich in dieses Land zu verlieben. Nun, es begann
mit einer Querschnittsqualifikation in meinem Allerwelts-Studiengang mit dem überaus nüchternen Titel:
Gesundheitsversorgung vor Ort weltweit-Community Based Rehabilitation als Strategie inklusiver Entwicklung
der WHO. „Wieso nicht?“, dachte ich mir. Endlich mal keine Cashflows und Bilanzen, kein Schumpeter oder
Keynes, keine unwägbaren Theorie-Modelle.
Community Based Rehabilitation (CBR) ist ein Ansatz, bei welchem Menschen mit (und ohne) Beeinträch-
tigungen eine Lebensgrundlage auf Basis von bestimmten Prämissen gewährt werden soll. So sollen diese
Menschen in allen Teilen der Gesellschaft dieselben Möglichkeiten und Chancen bekommen wie andere,
vielleicht nicht beeinträchtigte. Es geht um ein gesellschaftliches Miteinander, um so Hürden zu überwinden
und die Lebensqualität für alle im selben Maße zu erhöhen. Und ich durfte nun sehen, wie die Theorie in der
Praxis – in Kenia – funktioniert.
Inklusion made in Kenia
Serhat Duman
33
Von der Sonne geküsst und angekommen an der Pawni Univer-
sity, wurden wir von Prof. Dr. Shauri begrüßt, welcher unter
den Studierenden einfach nur „Prof“ genannt wird. „In Kenya,
when you say Jambo, evertyhing is fine! Haku na ma tata!“ sag-
te der Prof. Dieses kurze, so lebensfrohe und intensive Wort
bringt es auf den Punkt: wo immer man Jambo sagt, egal in
welcher Lebenslage, man bekommt ein Lächeln und die kenia-
nische Freundlichkeit zu sehen. Wir wurden durch den großen
Campus herumgeführt. Der Campus bzw. die ganze Universi-
tät sind relativ jung. Das Gelände ist unglaublich groß und mit
viel Natur gesegnet. Hier werden auch Hühner gezüchtet, Obst
und Gemüse angebaut, auch zur Selbstversorgung. Die Gesprä-
che mit den Kommiliton*innen über Politik, Religion und auch
Sexualität waren offen und ehrlich, was man in afrikanischen
Ländern oft – aus unserer westlichen Sicht – nicht erwartet. Und
ich dachte schon, es herrscht erst einmal tagelanges Schweigen.
Weit geirrt!
In einigen Feld-Gängen durften wir nun den CBR-Ansatz
anhand der örtlichen Einrichtungen begutachten. Es begann
mit der „APDK-Rehabilitation-Clinic“ in Mombasa. Bei APDK
handelt es sich um die „Association for the physically disabled
of Kenya“, welche im ganzen Land verschiedene Kliniken und
Einrichtungen unterhält. In jener
Klinik in Mombasa werden Kinder
mit physischer Beeinträchtigung
behandelt und mit Prothesen
versorgt. Es existiert eine eigene
Werkstatt, in welcher sämtliche
Prothesen hergestellt werden. Und hier hatte ich schon den ers-
ten WOW-Moment. Zu sehen, wie mit einfachsten Mitteln, mit
Eisenstangen, Kunststoff, Holz und handwerklichem Geschick
diese Prothesen hergestellt wurden, ja, das war schon ziemlich
erstaunlich. Wir wissen nur allzu gut, wie teuer und kompli-
ziert in Deutschland die Herstellung von Prothesen ist. Umso
begeisterter war ich von den „made in kenya“ Prothesen, welche
allesamt gut zu funktionieren scheinen. Hier arbeiten ausgebil-
dete Ärzte und Pfleger, es hat alles seine Professionalität. Viel-
leicht sollten wir uns hier mal eine Scheibe „Improvisierung“
abschneiden: Warum schwer und teuer entwickeln und herstel-
len, wenn es auch einfache Möglichkeiten gibt? Keep it simple!
Kenia ist ziemlich beispielhaft für die Anwendung des CBR-
Ansatzes, was uns ein Ausflug ins Landesinnere zeigte. In Taita
besuchten wir eine Einrichtung für Menschen mit Albinismus.
Die Einrichtung versucht einerseits den von der Gesellschaft
ausgegrenzten Menschen mit Albinismus eine Lebensgrund­
lage zu verschaffen, andererseits die Menschen in der Region
über deren Schwierigkeiten aufzuklären. An der kenianischen
Grenze zu Tansania gibt es leider immer wieder Übergriffe
auf Menschen mit Albinismus, welche hier Halt und Fürsorge
erfahren.
34
KENIA
Dass Menschen mit Beeinträchtigungen in Kenia eine große
Beachtungbekommen,wurdeineinemanderUnistattfindenden
Workshop unterstrichen. Die kenianischen Kommiliton*innen
berichteten von ihren Erfahrungen mit Behinderungen, man-
che hatten selbst körperliche Einschränkungen und konnten
somit uns am „eigenen Leib“ von ihren Erfahrungen berich-
ten. Viele der Kommiliton*innen engagieren sich ehrenamtlich
für Behinderte oder pflegen im Familienumfeld Menschen mit
Behinderungen. Es sei, wie mir die Studierenden bestätigten,
eine Frage der Menschlichkeit sich um diese Menschen zu küm-
mern. Das wird gerne getan. Die Hilfsbereitschaft, die ich hier
erlebt habe, scheint ziemlich ausgeprägt zu sein. Die Studieren-
den machten mental einen sehr starken Eindruck auf mich. Sie
sind stolz, Kenianer zu sein und möchten nur zu gerne zeigen,
was dies heißt. Sei es im Umgang mit den Mitmenschen oder
durch die offene Wissbegierde, die Gastfreundschaft oder ein-
fach nur kleine Gesten der Aufmerksamkeit.
Ein Sonntag in Kenia ist wie ein Sonntag in Deutschland. Er
ist Ruhetag. Ich ergriff an einem Sonntag die Initiative, mit
einem kenianischen Studenten einen Ausflug nach Mombasa zu
un­ternehmen. Mombasa, dieser Name, so mysteriös, aufregend,
pulsierend und etwas abenteuerlich. Diese Stadt ist ein Dschun-
gel, den es gilt zu durchqueren. Man muss sie mögen, nichts für
Leute, die kein Gedränge und Körperkontakt mögen.
Auf dem Weg von Kilifi nach Mombasa – in den überaus „rusti­
kalen“ Matatus (optisch sehr individuell gestaltete Kleinbus-
Taxen) – passierte etwas in meinen Augen sehr emotionales. Es
war einer jener Momente, welchen man zwar mit einer Kame-
ra hätte einfangen können, das Bild aber nicht die Gefühlsla-
ge beschrieben hätte. Vor uns im Bus saßen zwei kenianische
Mütter nebeneinander, beide mit ihren Babys auf dem Schoß.
Die eine Mutter war christlich, die andere war muslimisch.
Die Babys blickten sich gegenseitig mit ihren knopfförmigen,
unschuldigen und erwartungsvoll blickenden Augen an, sie
reichten sich gegenseitig die Hand und hielten sich gegenseitig
fest. Es gab selten für mich einen Moment, in dem mehr Huma-
nität, mehr Nächstenliebe, mehr Frieden ausgestrahlt wurde als
in diesem Moment. Denn dieses Bild steht symbolisch für ganz
Kenia: Hier existieren zwei Weltreligionen nebeneinander, ohne
dass es zu Konflikten kommt, ohne dass Hass geschürt wird,
ohne dass Zerwürfnisse vorherrschen. Und keiner lebt in sei-
nen Communities isoliert, hier ist alles ein melting pot: Chris-
ten, Muslime , Inder, Araber und noch mehr – hier trifft alles
aufeinander und alle verstehen sich mit allen. An der Uni wird
35
psychisch eingeschränkter Schüler (ca. 10 Jahre alt) habe eine
ausgeprägte künstlerische Fähigkeit. Diese zeigte der Direk-
tor mir anhand eines Bildes. Der kleine Junge habe ein Portrait
des kenianischen Präsidenten gemalt, welches dem Original
unglaublich nahe kam. „Als wir dieses Bild dem kenianischen
Präsidenten bei einem Besuch gezeigt haben“, so der Direktor,
„entschied sich der Präsident das Kind zu fördern und es auf
eine Begabtenschule zu schicken.“ Das sind die kleinen, aber
doch bedeutenden Happy Ends, die verdeutlichen, dass auch in
einem Land wie Kenia, einzelne und individuelle Fähigkeiten
der Kinder erkannt und gefördert werden. Dies sei kein Ein-
zelfall, versicherte mir der Direktor, was ich ihm auch glaube.
Einen Aspekt, der mir als BWL-Student auffiel, gilt es noch zu
erwähnen: Kenianer*innen sind echte Unternehmer*innen!
Die meisten Kenianer*innen sind selbständig, sei es ein kleiner
Kiosk unter einem Blechdach oder ein Ziehwagen mit Gemüse
oder Getränken. In diesem Land ist Entrepreneurship ein gro-
ßes Thema, was auch Barack Obama bei seiner Ankunfts-Rede
vor tausenden Kenianer in Nairobi bestätigte. Auch hier sahen
wir anhand von Beispielen, wie der CBR-Ansatz greift. Men-
schen mit Beeinträchtigungen bekommen Schulungen, Mikro-
kredite und personelle Unterstützung bei Behördengängen für
den Aufbau ihres Geschäftsvorhabens, damit sie mit ihrer Exis-
tenzgründung erfolgreich starten können.
­gemeinsam vor Beginn der Vorlesung gebetet, egal ob Christ*in
oder Muslim*in. Es ist nur zu schade, dass in den deutschen
Medien kein Platz ist für Bilder dieser afrikanischen Freund-
schaftskultur. Den „Montagsspaziergängern“ hierzulande wür-
de man mit solchen Erkenntnissen ihre gesamte Weltanschau-
ung zerstören.
An der Sahajarand Special School hatte ich ein Schlüsseler-
lebnis, welches mir sehr nahe ging. Es ist angeblich die größte
Schule für Kinder mit Beeinträchtigungen. Wir kamen recht-
zeitig zum Gottesdienst, die Kinder haben alle fröhlich gesun-
gen und mitgemacht. Als wir uns zum Gottesdienst hinsetzten,
kamen viele Kinder zu uns. Was sollte ich machen? Empfahl
mir doch der Arzt, welcher mich vor der Reise geimpft hat,
Kontakt mit Kindern zu meiden, wegen ansteckender Krank-
heiten. Sollte ich darauf hören? In diesem Moment war mir das
ziemlich egal und eh zu spät, weil sie alle auf mich zu rannten.
Die Freude und Neugierde, welche diese Kinder an mir zeigten,
war unbeschreiblich. Viele sahen zum ersten Mal ein „Weiß-
brot“ und umso bedeutender war dann diese konkrete Begeg-
nung. Die Größe dieser Schule hat mich beeindruckt, sie bietet
Platz für einige hundert Schüler*innen, samt Unterkunft und
Verpflegung. Dass die Kinder in dieser Schule eine Perspekti-
ve haben, zeigte mir der Direktor anhand eines Beispiels. Ein
36
KENIA
Wenn ich jetzt hier schreibe, „Kenia ist technologisch Deutsch-
land voraus“, erwarte ich Spott, böse Wörter und laute Lacher.
Aber es stimmt, zumindest in mancherlei Hinsicht. In Kenia
existiert beispielsweise ein mobiles Zahlungssystem namens
„MPesa“. Dabei handelt es sich um eine Möglichkeit, mit dem
Handy per SMS finanzielle Transaktionen zu machen. Viele
Shops, egal ob Supermarkt, Friseur oder Metzger haben eine
Zahlungsannahmestelle,umGeldaufdasHandyzuüberweisen.
Der Grund für den Erfolg dieses Systems sind die weiten Wege zu
Banken in ländlichen Regionen – und dass Banken in der Bevöl-
kerung kein großes Vertrauen genießen. Sein Handy hat man
immer dabei, weshalb man somit kein Bankkonto mehr benö-
tigt. Viele lassen selbst ihre Löhne auf ihr Handy überweisen.
So einfach, so effektiv und doch für Deutschland undenkbar.
MPesa ist einer der Hauptgründe, weshalb Unternehmertum in
Kenia so gut und einfach funktioniert. Es hat auch seinen Vor-
teil, wenn wenig Bürokratie existiert und auch mal Regierung
und Privatwirtschaft an einem Strang ziehen.
Kenia hat viele Geschichten zu erzählen, die es wert sind, dass
man ihnen zuhört, lauscht und wertvolle Erkenntnisse daraus
zieht. Dieses Land beweist – als Repräsentant Afrikas – dass vie-
le Dinge richtig gemacht werden, dass wir voneinander lernen
können, dass wir uns vieles zu Herzen nehmen sollten, dass wir
unsere mit Ressentiments belastete Sicht auf diesen Kontinent
und seine Menschen ändern können. Die Fürsorge für Menschen
mit Behinderungen, die kulturelle Offenheit und Toleranz, die
Gastfreundschaft jenseits von all-incl.-Urlaubs-Atmosphäre,
welche wir gerne als Maßstab nehmen plus die positive Kraft,
Stärke und Willen, die man in vielen Begegnungen spüren kann.
Was nehme ich mit aus Kenia? Natürlich Gewürze, Tücher und
ein paar Früchte. Und wichtiger: Kenia, du hast mich umarmt
und mir dein Lächeln geschenkt, ASANTE SANA! D
Serhat Duman, Jahrgang 1988, ist BWL-Student
an der School of Management der Technischen
Universität München. Im Rahmen eines interdisziplinä-
ren Seminars zum Thema „Livelihood and (Dis)ability“
im Zusammenhang mit dem von der WHO entwickelten
Ansatz „Community Based Rehabilitation“ am Lehrstuhl
Diversitätssoziologie der Technischen Universität
München, befasste sich Serhat Duman mit dem Themen
Inklusion und Diversität im internationalen Kontext.
­Hier­zu wurde anhand einer im September 2015 statt-
findenden Summer School an der Pawni University
in Kilifi, Kenia die Anwendung des Community Based
Rehabilitation Ansatzes in verschiedenen Feld-Studien
näher betrachtet.
Serhat Duman interessiert sich für Entwicklungs­
zusammen­arbeit, Entrepreneurship in Afrika und
Außen­politik.
Infos über die Summer School:
https://www.diversitaetssoziologie.sg.tum.de/forschung/
bewilligte-forschungsprojekte/cbresearch/
Lehrstuhl Diversitätssoziologie:
https://www.diversitaetssoziologie.sg.tum.de
Link zur Partneruniversität in Kenia:
www.pu.ac.ke
37
Verone Mankou nahm sich die Verantwortung zu Herzen und
präsentierte 2012 das erste Smartphone aus Afrika und für
Afrika namens Elikia, was so viel wie „Hoffnung“ in Lingala,
der nationalen Sprache Kongos bedeutet. Das Smartphone ver-
fügt über einen 3,5 Zoll Touchscreen, einen RAM-Speicher von
512 Mb und einen 650 MHz-Prozessor. Der interne Speicher ist
256 Mb groß und kann bis zu 32 Gb erweitert werden. Elikia
hat eine Kamera mit 5 Megapixeln. Das Ziel des ehrgeizigen
Unternehmers Mankou ist es, das Smartphone für weniger als
200 Dollar zu verkaufen. Trotz des für afrikanische Lebensver-
hältnisse durchaus hohen Preises – 172 € – haben sich viele ein
Elikia geleistet. Neben den gängigen Funktionen des Telefons
ist es für viele Verbraucher*innen ein Produkt, auf das sie als
Afrikaner*innen stolz sind. Kurz danach folgten zwei weitere
Smartphones: das Elikia Mokè (das kleine Elikia) und das Eli­kia
L (das große Elikia).
Mit seiner Firma
VMK trägt Verone Man-
kou erheblich zu einem
Imagewandel bei. Die
Welt soll jetzt wissen,
dass in Afrika, speziell
in Kongo Smartphones
und Tablets produziert
werden. In einem Land,
E in ­Po r t rait vo n ­Ve ro ne M ankou 2 9,
E nt w ick le r d es e r s te n ­Tab le t s ma de
i n  Af rica
Einige nennen ihn den „Steve Jobs von Afrika“ und für das ame-
rikanischeWirtschaftsmagazinForbesgehörterdefinitivzuden
„30 under 30“, den dreißig besten jungen Unternehmer*innen
unter dreißig Jahren aus Afrika. Nach einer Ausbildung zum
Informatikingenieur gründete Verone Mankou mit knapp 23
Jahren sein Unternehmen VMK. Die Initialen stehen als Abkür-
zungfürVou Mou Ka,was„wacht auf“inderimWestenderDemo-
kratischen Republik Kongo verbreiteten Kikongosprache heißt.
In der heutigen von Smartphones und Computern beherrschten
Welt hat der junge Unternehmer das Ziel, die Nummer Eins auf
dem Kontinent zu sein.
Sein Durchbruch erfolgte im Dezember 2011, als er das ers-
te Tablet auf den Markt brachte, das in Afrika entwickelt wurde
und die Bezeichnung Way-C trägt. Der mit Android 2.3 funk­
tionierende 7-Zoll-PC machte aus seinem Entwickler einen
Hoffnungsträger im Bereich der Informationstechnologie und
der Telefonie für einen ganzen Kontinent. Denn im Vergleich
zu den Produkten anderer Hersteller ist das Tablet preisgüns-
tig und bietet gleichzeitig Dienstleistungen, die bei anderen
Anbietern nicht zu finden sind, vor allem telefonieren, im Inter-
net surfen, fotografieren und Musik hören.
AmericanAfrican dream oftechnology
Charbel Gauthe
38
KONGO
Jahr 2017 auf 350 Millionen verdoppeln. Der Wunsch Verones
ist natürlich das wichtigste Glied in diesem Prozess zu sein. Sein
Interesse gilt vor allem der Entwicklung afrikanischer Inhalte
(Apps, Spiele usw.) für seine Produkte.
Der auf fast allen wichtigen Konferenzen weltweit zu sehende
Unternehmer ist Preisträger des Africa People Awards 2011 und
hat nur ein Ziel: mit den großen Firmen in dem Bereich konkur-
rieren zu können und allen Afrikaner*innen einen einfachen
Zugang zur numerischen Welt zu ermöglichen. Wie er selbst
sagt: „Es reicht nicht gute Produkte anzubieten, diese müssen
auch zugänglich sein.“ Eine unbestreitbare Wahrheit.
Als Vorreiter im Bereich der innovativen Technologien verkör-
pert Verone Mankou die neue 2.0 Generation in Afrika. In sei-
nem Buch Congo: terre de technologies (Kongo: Brennpunkt für
Technologien) erschienen im November 2014 bei L’Harmattan
fordert er die Afrikaner*innen auf, Unternehmen zu gründen
und in neue Technologien zu investieren. Mit seiner Innova­
tionsfähigkeit hat Vérone Mankou eine Erfolgsstory geschrie-
ben. D
das bisher für den Rohstoff bekannt ist, nämlich das Coltan,
woraus das Metall Tantal gewonnen wird, das in unseren Han-
dys, Laptops und vielen Elektrogeräten steckt.
Und wenn hier von Produktion die Rede ist, dann heißt es
ab jetzt, dass 80 % der Produktteile in Kongo zusammengebaut
werden. Eine Premiere im afrikanisch-frankophonen Raum.
Denn früher wurden Produkte in Kongo in der Firma konzipiert,
aber in China montiert. Das ist jetzt Geschichte und zeigt, dass
Afrikaner*innen ihr Land, ihren Kontinent bewegen. Wie Vero-
ne Mankou es sagt: „Wir existieren! Kommen Sie und sehen Sie,
was wir machen.“
Die Leute sollen verstehen, dass man in Afrika investieren und
Großes realisieren kann. Außerdem gibt es in Afrika junge Leu-
te, die etwas ändern wollen bzw. etwas ändern.
In der VMK-Fabrik arbeiten ca. 100 junge Frauen und
Männer, die in der Firma ausgebildet und betreut wurden.
Später werden sie eingestellt. Das hat den Vorteil, einheimi-
sche Arbeitskräfte direkt vor Ort zu rekrutieren statt teure
„Expert*innen“ ins Land kommen zu lassen. Es werden konkret
neue Arbeitsstellen geschaffen.
Es ist kein Geheimnis mehr, dass auf dem afrikanischen Kon-
tinent der Multimediamarkt aufblüht. Einer Studie der Bera-
tungsfirma Deloitte zufolge wird sich allein die Zahl der inter-
netfähigen Handys auf dem afrikanischen Kontinent bis zum
Charbel Gauthe M.A. wurde 1987 in Parakou/Benin
geboren. Nach seinem Studium im Fach Deutsch als
Fremdsprache und Germanistik in Benin und Deutsch­
land sowie einer Ausbildung als PR-Referent in Frank­
reich arbeitet er seit 2013 als Sprachdozent und
Integrationskursleiter in Bielefeld. Als leidenschaftlicher
Panafrikanist ist er auf entwicklungspolitischen Seminare
bzw. Konferenzen zu sehen, als Gast oder als Moderator
von Workshops zu den Themen Bildung und Rassismus.
www.afrinous.com
39
meisten von ihnen sind im kLab, Ruandas erstem ,Technology
Hub‘ in der Hauptstadt Kigali registriert. Einer davon ist Robert
Mugisha. Der 24-Jährige geht seit der Gründung des kLabs 2012
regelmäßig dorthin. Er gehörte damit zu einer anfänglichen
Gruppe von 20 innovativen jungen Erwachsenen, die einen offe-
nen Raum zum Austausch und Lernen für Gleichgesinnte nut-
zen wollten. Im Botschaftsviertel Kacyiru haben die Gründer
des kLab die oberste Etage
des Telecom-Hochhauses
zu einem offenen Raum
mit mehreren Sitzgrup-
pen, einem Café und einer
großen Dachterrasse aus-
gebaut. Der Name kLab ist
eine Abkürzung für ‚Know-
ledge Lab‘, also Wissensla-
bor.
Eine neue Wirtschaft soll her. Eine, die nicht nur landwirt­
schaftliche Erzeugnisse hervorbringt, sondern auf Wissen
basiert und dieses reproduziert. Am liebsten irgendwas mit
Informationstechnik. Das ist eines der Ziele, die sich Ruan-
da mit seiner Vision 2020 gesetzt hat. Und genau das, was viele
Student*innen, junge Unternehmen und Innovative des klei-
nen ostafrikanischen Landes bereits in die Tat umsetzen. Die
Innovation durch
offene Räume
Wie junge Kreative ihr Land
mit ITvoranbringen
Louisa Esther Glatthaar
40
RUANDA
1	 Lösungen im Bereich der Informations- und Kommunikationstechnik
Doch eigentliches Herz und Seele des kLab sind nicht sichtbar.
Es sind das freie WLAN, welches zu den besten des Landes gehört
und vor allem das Wissen. „Das kLab ist nicht nur ein Internet-
café. Wir sind ein Entwicklungszentrum, das vom Austausch
und der Hilfe zwischen Mentor*innen und der stetig wachsen-
den Gemeinschaft lebt. Leute kommen hierher, um für ihre
Ideen und Projekte Partner zu finden oder sie selbst mit Hilfe
der anderen umzusetzen. Schon mehrere erfolgreiche Business-
Modelle sind hier im kLab entstanden“, berichtet Robert stolz.
Auch er hat seine eigene Firma im kLab gestartet. Der Program-
mierer sagt, dass er erst durch diesen offenen Raum den Rück-
halt und das Wissen bekommen habe, das er für sein Startup
benötigte. „Neben technischer Unterstützung profitierte ich
auch von der wirtschaftlichen Beratung im kLab.“
Heute ist Robert Mitglied des kLab-Kernteams. Dieses besteht
aus einem Hauptmanager, seinem Stellvertreter, einem
Gemeinschaftsmanager und fünf weiteren Mitgliedern, die
alle dem Aufsichtsrat unterstehen. Seit seinen Anfängen hat
sich die Gemeinschaft des kLabs auf mehr als 200 ­registrierte
Mitglieder bereits verzehnfacht. Alle Angebote des kLabs,
vom ruhigen Arbeitsplatz über die Mentor*innen bis zu Ver-
anstaltungen, sind kostenlos – für jede*n. Sowohl Männer als
auch Frauen kämen gleichermaßen während der täglichen Öff-
nungszeiten von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends, um
ihre Ideen zu entwickeln, erklärt Robert. „kLabs Mission ist es,
die Entwicklung innovativer ICT-Lösungen1 zu fördern. Das
schaffen wir nur durch eine offene, aktive Gemeinschaft von
Entwickler*innen, Mentor*innen und Unternehmer*innen.“
Das Angebot des kLab wird durch regelmäßige Veran-
staltungen und Workshops oder Events wie Hackathons oder
Networking Sessions abgerundet. „Jeden Mittwochabend prä-
sentiert außerdem ein Mitglied des offenen Raums, an wel-
chem Projekt gerade gearbeitet wird. Donnerstags berichten
Gastsprecher*innen von ihren Arbeitsfeldern. Dabei geht es
vor allem um IT, aber auch um Investitionen, Finanzierung und
Kooperationspartnerschaft. Auch bedeutende internationale
Veranstaltungen, wie zum Beispiel „Transform Africa“, werden
vom kLab mit organisiert“, sagt Robert mit einem Glänzen in
den Augen.
Er träumt davon, sein Land weiter zu entwickeln. „Selbst
wenn du am Anfang nichts hast, kannst du Großes erreichen.
Leute kommen hierher und entdecken die Welt der Technolo-
gie. Die Technologie wird es sein, die unser Land weiter vor-
an bringt“, sagt er und lässt seinen Blick über Kigali und sei-
ne Hügel schweifen. „Von hier hat man den besten Blick über
Ki­gali. Schon allein deshalb lohnt es sich zu kommen“, sagt er
und schmunzelt. Und es gibt einen Tischkicker. „Der ist dafür
da, dass wir nicht vor unseren Computern, sondern an den Stan-
gen des Kickers durchdrehen, wenn die Technologie doch nicht
so will wie wir.“
Das kLab hat auch andere inspiriert. Im gleichen Viertel gibt
es nun ein zweites Technology Hub namens ‚Think‘. Auch das
‚Impact Hub‘ in Kigali wurde neu gegründet. Die Entstehung
solcher Austausch- und Arbeitsplätze im IT-Bereich scheint in
Ruanda noch lange nicht am Ende angelangt zu sein.
Konkurrenz? „Nein, Bestätigung“, sagt Robert.D
Louisa Esther Glatthaar, Jahrgang 1995, Studentin
an der Universität Leipzig: Politikwissenschaft und
Afrikanistik, Auslandsaufenthalte: Frankreich 2010/2011
und Ruanda 2013/2014
Louisa Esther Glatthaar arbeitet auch als freie Journalistin:
louisaglatthaar.wix.com/journalist
Twitter: @GLouisaE
LinkedIn: Louisa E. Glatthaar
41
42
KENIA
43
iHub Nairobi
Ort des Lernens, Experimentierens
und Entwickelns
Alev Coban
44
KENIA
1	 Macharia, Joel and Mutuku, Leo (2014) Financing Technology Businesses in Kenya.
Source: www.ihub.co.ke/ihubresearch/jb_FinancingTechnologyBusinesspdf2014-2-7-09-49-09.pdf
iHub ist der größte Technology Hub in Nairobi und einer der prominentesten innova­
tiven Orte in der Subsahara Afrikas.
iHub befindet sich in einem vierstöckigen Gebäude namens Magua Bishop ­Centre
und bietet verschiedene Räumlichkeiten für Techniker*innen, Investor*innen, Tech-
nologieunternehmen, Hacker*innen und Forscher*innen an. Sie treffen sich zum
gemeinsamen Arbeiten, Diskutieren und Netzwerken1.
Doch wie lässt sich der Ort des iHubs genauer beschreiben? Unterhält man sich mit
Menschen dort, wird als einer der wichtigsten Treffpunkte, mit dem der iHub sofort
assoziiert wird, der Community Space im vierten Stock oder auch einfach nur „ups-
tairs“ oder „4th floor“ genannt. Hier gäbe es den besten Kaffee, serviert von Rose. Ihre
Bar lädt zum Pausieren und Socializen ein. Ansonsten wird der Community Space eher
von Tischen und Menschen an ihren Laptops dominiert. Es gibt verschiedene Sitz­
bereiche für unterschiedliche iHub-Mitglieder*innen – die white, green und red mem-
bers unterscheiden sich in der Häufigkeit der Nutzung der Arbeitsplätze und damit
45
­zusammenhängend dem Mitgliedsbeitrag, den sie zahlen. Zwei
Couchlandschaften und zwei Kicker machen den Community
Space gemütlich.
Ansonsten lassen sich in dem Gebäude viele kleine Details
entdecken: „Super Mario“-Abbildungen im Treppenhaus, an
denen jede*r vorbeiläuft um in den dritten Stock zu kommen
und Schilder zu Verhaltensweisen bei einem Feueralarm, die
darauf hinweisen, das Gebäude zuerst zu verlassen und dann
erst den Feuerausbruch auf Twitter oder Facebook zu veröffent-
lichen. Die restlichen Stockwerke des iHub sind sehr divers: Man
trifft auf das m:lab, das aus vielen Büros mit verschlossenen
Milchglas-Türen besteht, in denen Start-ups mobile Apps kre-
ieren. Auch Microsoft hat hier seine eigene Ecke eingerichtet.
In der Mitte dieser vielen Türen steht eine gläserne Vitrine mit
dutzenden Handys – die Testobjekte der Entwickler*innen im
m:lab. Im zweiten Stock geht es weiter mit den Forscher*innen
bei iHub Research und der Beratungs- und Finanzabteilung. Die
Baustelle von Gearbox – ein Raum voller Maschinen, um mate-
rielle Technologien wie Hardware zu bauen – nimmt immer
mehr Form an. Auch die Firma BRCK, die ein WiFi-Modem für
Orte mit schlechter Strom- und Internetverbindung vertreibt,
wartet auf eine größere Bürofläche im zweiten Stock aufgrund
ihres wachsenden Unternehmens. Im Erdgeschoss befinden sich
noch unzählige Büros von Menschen, die sich beispielsweise
auf die Nutzer*innen-Freundlichkeit von Technologie (UX Lab)
­spezialisiert haben sowie weitere Start-Ups.
Welche Menschen befinden sich in dem Gebäude mit solch
diversen Arbeitsplätzen? Wie eingangs beschrieben: iHub ist
ein Ort für technikversierte Menschen. Selbst beschreiben sich
diese oft als techies, technological entrepreneurs oder geeks. Was
zeichnet die geeks im iHub aus? Und wie gestalten sie ihren All-
tag? Auf den ersten Blick erscheint der Alltag im iHub von außen
betrachtet und im Vergleich zu seinen vielen Erfolgsgeschich-
ten geradezu öde. Alle sitzen an ihren Laptops, starren auf den
Bildschirm, tippen wie wild, codieren oder schauen YouTube-
Videos. Kopfhörer scheinen ein Muss zu sein. Denn um sich
in einer Coworking-Atmosphäre konzentrieren zu können,
wird Musik aus den Kopfhörern zum Abschotten scheinbar zur
Notwendigkeit. So arbeiten alle konzentriert vor sich hin. Die-
se Arbeitsroutine kann nicht einmal durch einen möglichen
Stromausfall gestört werden, da iHub über riesige Generatoren
verfügt, die den nötigen Strom in solchen Fällen liefern.
Die intensive und konzentrierte Arbeitszeit wird zwar nicht
durch einen Stromausfall unterbrochen, wohl aber durch kur-
 BILD
4
46
KENIA
ze Kaffee- und Mittagspausen. Oder wenn Safaricom, einer der
größten Mobilfunkanbieter Kenias, 10-Jähriges Bestehen feiert
und den iHub mit zahllosen Pizzas beliefert. Weitere tägliche
Events sorgen für einen Austausch innerhalb der iHub Commu-
nity. Sogenannte Hackathons, in denen innerhalb von 48 Stun-
den eine App entwickelt wird, die irgendwie Armut oder deren
Auswirkungen verringern soll, hitzige Paneldiskussionen über
die (korrupte) Zusammenarbeit der kenianischen Regierung
mit Unternehmer*innen, Schulungen zum Thema User Design
oder Vernetzungstreffen von neuen Start-Ups sind an der Tages-
ordnung. Bei diesen Ereignissen wird deutlich, wodurch sich die
geeks in Nairobi auszeichnen: durch ihren schier unbegrenzten
Willen zu lernen. „Nobody knows everything. Es ist okay, nicht
allwissend zu sein. Niemand bewertet dich aufgrund von Nicht-
wissen schlecht. Trotzdem wird jede Meinung respektiert und
als wertvoll betrachtet. Wir arbeiten mit dem Verständnis, dass
sich alles schnell verändert und sich somit immer alles in Ent-
wicklung und Gestaltung befindet“, erklärt Nanjira Sambuli,
die Leiterin der Forschungsabteilung im iHub.
Diese Art des Arbeitens wird oft als „iHub culture“ beschrieben:
„Offenheit und Flexibilität. Sie sind von ganz oben im 4. Stock
bis unten zum UX Lab im Erdgeschoss zu finden. Oft hänge ich
mit den UX Lab Leuten ab, nur um zu sehen, wie es ihnen geht
und was sie machen. Wenn ich für ein anderes Unternehmen
arbeiten würde, wie könnte ich dann in eine andere Abteilung
gehen, um mich mit dessen Angestellten auszutauschen?! Das
ist   sehr selten. Im iHub dagegen gibt es viele Interaktionen,
Offenheit und Flexibilität“, erzählt Chris Orwa, der Data Lab
Manager im iHub. Eine neue Art des Arbeitens wird für vie-
le Menschen im iHub praktiziert: Im Coworking Space kann
jede*r 24 Stunden lang im Austausch mit anderen interessan-
ten Menschen sein. „Es ist deine Entscheidung, ob du wie ein
Vampir nachts arbeiten möchtest oder nicht“, so Nanjira. Da
allumfängliches Wissen nicht vorausgesetzt wird, besteht der
Arbeitsalltag im iHub aus vielen Experimenten, deren Schei-
tern und ständigen Neuanfängen. Dies ist für die meisten ein
neues Gefühl nach den oft starren Universitätsabschlüssen
der in Kenia ausgebildeten Menschen im iHub. Hier werden
Ingenieur*innen mit Büchern aus den 60er Jahren unterrich-
tet. Das Wissen basiert meist auf Modellen und nicht auf realen
Anwendungen und Ausprobieren. So waren viele nach dem Stu-
dium überfordert, wenn ihr perfektes Modell nicht praktisch
funktionierte. Die Arbeitsweise im iHub dagegen fördert stän-
diges Experimentieren, zwischenmenschlichen Austausch und
somit unzählige Lern­prozesse.
47
iHub ist also ein Ort, an dem materielle Arbeitsplätze und phy-
sische Infrastrukturen wie Internet, Strom etc. gewährleistet
werden, um den nötigen Raum für kreatives Denken und Expe-
rimentieren anzubieten. Er ist jedoch nicht nur ein Gebäude mit
stabilem Strom und Internetzugang und gutem Kaffee, sondern
auch der Ort einer Gemeinschaft aus 17.000 Mitglieder*innen,
die immaterielle Werte wie ihr kollektives Wissen verkörpert.
Entstehung des iHubs
Alles fing mit ein paar Entwickler*innen an, die während der
Gewaltausbrüche in Nairobi nach den Wahlen Ende 2007 eine
Software entwickelten, mit der gewalttätige Ausschreitungen
auf einer digitalen Karte im Internet eingezeichnet werden
konnten. Ushahidi (auf Kiswahili: Beweis) war geboren. Usha-
hidi erlaubte es Menschen (mit Internetzugang) die Gewaltaus-
brüche in Nairobi zu verfolgen, zu kommentieren und somit die
Unruhen nach der Wahl transparenter zu machen. Die Software
funktionierte und wurde international bekannt. Heutzutage
benutzen sie zahlreiche Staaten, wie z. B. die USA nach Umwelt-
katastrophen oder Indien gegen Korruption und Kriminali-
tät. Plötzlich wurde also eine technologische Innovation, die
in Kenia entwickelt wurde, von Ländern des globalen Nordens
anerkannt und genutzt. Durch den Erfolg Ushahidis und zusätz-
lich durch das vielfach zitierte Beispiel M-Pesa, das Geldtrans-
fer über Mobiltelefone erlaubt, richtete sich die internationale
Aufmerksamkeit zunehmend auf die technologische Innova-
tionsszene Nairobis. Die Entwicklungs­
zusammenarbeit verschiedener Län­der
(Hivos, USAID, DFID) finanziert inzwi-
schen im großen Maß in Zusammenar-
beit mit internationalen Technologieko-
nzernen wie Google, IBM und Microsoft,
Wettbewerbe für innovative Ideen, deren
Weiterentwicklung und Orte, an denen
sich technologisch versierte Menschen treffen können: Techno-
logy Hubs. Durch die immer größer werdende und kooperierende
Tech-Community inklusive Investitionen in diese wuchs iHub
seit 2010 aus einem einzelnen Ushahidi-Büro zu einer Viel-
zahl von sehr verschiedenen Arbeitsorten an. Die innovativen
Organisationen und Unternehmen breiteten sich in dem Magua
Bishop Gebäude aus, in dem zuvor ausschließlich Kosmetik-,
Kleidungs- und Autoersatzteilläden ansässig waren.
48
KENIA
„I come from the land of M-Pesa“
Mittlerweile gehört iHub zu einem der international berühm-
testen Technology Hubs. „All die Menschen, die durch unsere
Türen kommen, produzieren Dinge. Daher beginnt sich das
Image zu verändern und Menschen fangen an zu realisieren,
dass wir auch einen Platz in der sich ändernden Tech-Szene
haben, hier in Nairobi, in der Region und global“, erklärt Nan-
jira. Laut ihr haben alle anderen Hubs in Subsahara Afrika vom
iHub Modell gelernt und beobachten genau, wie er sich entwi-
ckelt. iHub sei ein Vorbild geworden für einen Ort, der innova-
tive Menschen fördert und ihnen die perfekten Voraussetzun-
gen zu bieten versucht. Somit seien alle Augen auf den iHub
gerichtet. Die internationalen Akteure, die in die kenianischen
Innovationen von morgen investieren, warten auf den nächsten
technologischen Erfolg aus Kenia: Wann kommt die nächste
große ‚revolutionäre’ Innovation?
Menschen im iHub fühlen sich durch diese Erwartungen häufig
unter Druck gesetzt: „Wir messen uns fortlaufend mit Ushahidi
undM-Pesa.UnddauernddieseFrage:Wobleibtdasnächstegro-
ße Ding? Nur weil etwas nicht international bekannt ist, bedeu-
tet es nicht, dass es nicht existent wäre“, macht Sidney Ochieng,
Datenanalyst von Hate Speech im Internet, deutlich. Es scheint,
als ob ‚normale’ Innovationen und Geschäftsideen nicht hono-
riert werden. Auch wenn die mediale und vor allem interna­
tionale Aufmerksamkeit nahezu nichts von neuen ­Ideen und
Start-Ups mitbekommt, heißt das nicht, dass nicht ständig neue
Unternehmen in Nairobi entstehen, die mit einer Geschäfts-
idee monatliches Einkommen generieren und das Leben einiger
Menschen erleichtern. Laut Nanjira führen diese Diskussionen
immer wieder zurück zu der Frage nach den Auswirkungen
einer Innovation: „Betrachten wir sie von einer glitzernden
heilbringenden Perspektive oder kann positiver Einfluss auch
subtil sein? Es gibt neben M-Pesa auch noch andere lokale Tech-
nologieunternehmen, die nicht nur extravagante Dinge tun und
trotzdem konkrete Auswirkungen haben. Sie mögen vielleicht
nicht offensichtlich sein oder extravagant. Aber sie sind da.“
Wertebehaftete Investitionen im
­postkolonialen Kontext Nairobis
Um stetig neue innovative Ideen zu entwickeln, sind die
Entwickler*innen und Forscher*innen im iHub auf das Engage-
ment und Investment internationaler Unternehmen und Ent-
wicklungszusammenarbeit angewiesen. Die Finanzierung der
eigenen Arbeit ist eines der Hauptthemen im iHub. Die meis-
ten Menschen arbeiten projektbasiert, das heißt, sie befinden
sich in einem „Dezember-zu-Dezember-Job“ (Nanjira). Jedes
Jahr endet mit Aufregung und Ungewissheit: „Wir haben bis
jetzt noch keine finanziellen Zuschüsse. Und alle unsere Kon-
versationen drehen sich nur um die Nachhaltigkeit unserer
Projekte und wie wir nächstes Jahr mehr Geld für unsere Ideen
akquirieren können“, erzählt Sidney vier Wochen vor Jahres-
und Projektabschluss. Längerfristige Planungen im eigenen
49
­Projekt – sei es eine bestimmte Forschung oder die Entwicklung
einer neuen Soft- oder Hardware – werden durch die auf wenige
Monate limitierte Finanzierung erheblich erschwert.
Der postkoloniale Kontext Nairobis unterscheidet die dorti-
ge Innovationsszene von Beispielen wie der Start-Up-Szene in
Berlin. Die Finanzierung von innovativen Projekten wird um
einiges mehr von den Überzeugungen der Geldgeber*innen
bestimmt: „Viele Gelder der Entwicklungszusammenarbeit, pri-
vaten Unternehmen und individuellen Investor*innen sind sehr
ameri-zentrisch. Das Geld kommt mit ameri-zentrischen Wer-
ten und Ansichten. Es gibt kein Geld ohne Bedingungen. Daher
hängt alles von den Werten ab, die den Geldern angeheftet sind.“
Nanjira muss für die diversen Geldgeber*innen unterschiedli-
che „Sprachen“ verwenden, je nachdem, was diese hören möch-
ten. So zum Beispiel, dass Technologie die Welt verbessert.
Gewöhnt sind die kenianischen Entwickler*innen schon lan-
ge an dieses spezielle Umfeld. Es braucht viel Geduld, um mit
den bestehenden Annahmen der Geldgeber*innen umzuge-
hen: „Wir befassen uns mit Menschen, die immer noch die Idee
eines armen Afrikas, eines mangelnden Afrikas, eines ungleich
wachsenden Afrikas vorantreiben“ (Nanjira).
Die meisten der Entwickler*innen und anderen Beschäftigten
im iHub, die von externen finanziellen Quellen abhängig sind,
trauen sich nicht ihre Geldgeber*innen zu kritisieren. Doch
Nanjira hat einen anderen Weg gefunden, um mit voneinander
abweichenden Überzeugungen umzugehen: „Ich habe es schät-
zen gelernt, sehr transparent zu sein und keine Angst davor zu
haben, bestimmte Ansichten zu berichtigen: Call it a bullshit,
when it‘s bullshit. Mein Handeln ist zwar nicht beliebt, weil
wir zum Geld tanzen sollen, wo immer es her kommt, aber ich
finde, dass wir auch eine moralische Verantwortung gegenüber
der Integrität unserer Arbeit haben.“ Und lachend fügt sie hin-
zu, dass sie annimmt, dass ihre Direktheit geschätzt wird, da sie
noch immer ihren Job hat und zudem ständig von internationa-
len Akteuren angefragt wird.
50
KENIA
iHub als Treiber eines vielfältigen
Imagewandels
Die Entstehung des iHubs und dessen stetig wachsende Com-
munity bringen nicht nur Veränderungen innerhalb der Inno-
vationsszene Nairobis mit sich. So wird die internationale Auf-
merksamkeit auf die Tech-Szene in Nairobi immer größer und
erwartungsvoller. Innovationen aus Subsahara Afrika werden
plötzlich im internationalen Kontext hoch interessant und ein
paar von ihnen werden bereits in Ländern des globalen Nor-
dens genutzt. Nichtsdestotrotz haben der iHub und die diver-
sen anderen Orte für Innovationen in Nairobi in erster Linie
Einfluss auf die technikversierten Menschen vor Ort. Nyagaki
Gichia, Elektroingenieurin und Expertin für Hardware-Innova-
tionen, zufolge bedeutet iHub: „Veränderungen für Menschen,
die genau diese technik-bezogenen Veränderungen wollen.“
Aber für genau diese Menschen, die auf der Suche nach neuen
In­spi­rationen im Technologiesektor sind, bietet iHub die Mög-
lichkeit sich ständig weiterzubilden, das Gelernte auszupro­
bie­ren und somit innovativen Geschäftsideen immer näher zu
­rücken.
Diese ‚neue‘ Art zu arbeiten erschafft neue Möglichkeiten der
in­ter­nationalen Partizipation: „Wir verändern das Image von
Nairobi, weil wir gegen ein einzelnes Narrativ über technolo-
gische Innovationen und deren Auswirkungen in Kenia arbei-
ten können. Auf Konferenzen, an denen wir teilnehmen, ist es
uns möglich Expert*innen auf die Merkwürdigkeit ihrer Vor-
stellungen hinzuweisen. Die Tatsache, dass es iHub gibt und
somit Menschen, die vielfältige Geschichten erzählen können,
hilft die dominante Erzählweise, die dort draußen herrscht, zu
korrigieren“, erklärt Anne Salim, Geschäftsführerin von Eneza
Education.
Für die Zukunft wünschen sich viele Menschen im iHub keinen
weiteren Hub in Nairobi und keine weitere Strategie der Ent-
wicklungszusammenarbeit, die Armen zu Gute kommen soll,
sondern Forschung. „Bis jetzt gab es nur emotionale Konversa-
tionen über die Tech-Szene in Nairobi. Sie sind anekdotenhaft
und meinungsmachend, aber richtige Daten fehlen“, so Sidney.
Blogs, Nachrichten oder Projektbeschreibungen berichten oft
nur über schöne und erfolgreiche Anekdoten. Daher die For-
derung nach Forschungen, die für die Menschen vor Ort und
auch die Investor*innen hilfreich sein könnten. Beispielsweise
hat bis jetzt noch niemand untersucht, wie und ob kenianische
Start-Ups durch die bestehenden unterschiedlichen Investiti-
onsmodelle überhaupt profitieren. Eines ist sich Nanjira jeden-
falls sicher: „Es gibt so viele Fragen, die gestellt werden müssen.
Sie sind von solcher Dringlichkeit und wir im iHub sind die rich-
tigen Leute, um sie zu bearbeiten. Zum Beispiel diese: Woher
kommt die Überzeugung, dass Technologien alle sozialen Prob-
leme lösen können? Durch wen und was wird dieser Glaube auf-
rechterhalten?“ D
Alev Coban ist Doktorandin am
Institut für Humangeographie der
Goethe-Universität Frankfurt und
Teil des Graduiertenkollegs „Urban
Infrastructures in Transition: The Case
of African Cities“, finanziert durch die
Hans-Böckler-Stiftung. Sie interessiert
sich u. a. für innovative Räume, sozio-
materielle Wissensproduktionen und
dem globalen Phänomen der maker-
spaces. Alev Coban forscht seit mehre-
ren Jahren in unterschiedlichen Ländern
Nord- und Subsahara Afrikas.
Website:
www.uni-frankfurt.de/49220809/coban
Graduiertenkolleg:
www.urban-studies.de
Alev Coban ist Doktorandin am
Institut für Humangeographie der
Goethe-Universität Frankfurt und
Teil des Graduiertenkollegs „Urban
Infrastructures in Transition: The Case
of African Cities“, finanziert durch die
Hans-Böckler-Stiftung. Sie interessiert
sich u.a. für innovative Räume, sozio-
materielle Wissensproduktionen und
dem globalen Phänomen der maker-
spaces. Alev Coban forscht seit mehre-
ren Jahren in unterschiedlichen Ländern
Nord- und Subsahara Afrikas.
Website:
www.uni-frankfurt.de/49220809/coban
Graduiertenkolleg:
www.urban-studies.de
51
African Cities
Am Puls der Großstadt
Sören Götz52
ÄTHIOPIEN
„LagoshateinenpulsierendenHerzschlag–dieStadtschläftnie.
Vom Morgengrauen bis zum Abendrot wärmt sie sich am Rhyth-
mus von Handel und Arbeit. Egal, woher du kommst, reich oder
arm, jung oder alt, ‚Eko’ heißt dich mit offenen Armen willkom-
men“, sagt Shola Ade, 42-jähriger Bewohner der Stadt und fährt
schwärmerisch fort: „Lagos ist eine Stadt voller Energie, die von
London um ihre Farben und von Madrid um ihren Sonnenschein
beneidet wird, während New York nicht verstehen kann, woher
sie ihre Stärke nimmt.“
Lagos? Den meisten Menschen ist diese Stadt in Nigeria
kein Begriff. Dabei ist Lagos nicht nur die größte Stadt Afrikas,
sondern auch eine der größten Städte der Welt. Wie viele Men-
schen dort leben, kann niemand genau sagen. Die
Schätzungen reichen von zehn bis zwanzig Millio-
nen. So geht es vielen afrikanischen Metropolen: Auf
den Landkarten in den Köpfen der Menschen außer-
halb Afrikas sind sie nicht existent. Dort dominiert
ein Bild Afrikas als unterentwickeltes Buschland, das
entweder für Hunger und Bürgerkriege oder für wilde
Tiere und endlose Savannen mit kitschigen Sonnen-
untergängen steht.
Heute leben bereits mehr als 40 Prozent der
afrikanischen Bevölkerung in großen Städten – Ten-
denz stark steigend. In den 54 Staaten gibt es mehr
als 50 Städte mit mehr als einer Millionen Ein­woh­
ner*innen. Und diese Städte sind keine Ansamm-
lungen von Wellblechhütten, sondern bieten ebenso
modernste Architektur, Wolkenkratzer-Skylines und
ein großes Unterhaltungs- und Kulturangebot für
die stark wachsende Mittel- und Oberschicht. Es ist
vielerorts nicht übertrieben, von einem pulsieren­
den Stadtleben zu sprechen. Davon abgesehen sind
die meisten Städte aber so unterschiedlich wie Tag
und Nacht: Jede hat ihr eigenes Flair und viele ein
besonderes Alleinstellungsmerkmal. In ­Äthiopiens
Hauptstadt Addis Abeba etwa ist der Anteil der jungen
Bevölkerung enorm hoch: 40 Prozent der 3,5 Millio-
nen Einwohner*innen sind unter 14 Jahre alt. Dies spiegelt sich
auch im weitreichenden Freizeitangebot der Stadt wieder: Etli-
che Clubs und Bars bieten von Reggae über Jazz, Poprock, Blues
und Discosounds bis hin zur Volksmusik ein breites musikali-
sches Spektrum – samt der traditionell-erotischen Eskista-Tän-
ze, bei denen die Bewegungen mit den Schultern eine wichtige
Rolle spielen. Die zahlreichen Cafés wiederum laden zu gemüt-
lichen Kaffeepausen mitten im Stadtgetümmel ein. Der Über-
lieferung nach ist das Kaffeerösten und Kaffeetrinken in Äthio-
pien entdeckt worden. Kaldi ist der Name des Ziegenhirten, der
den Gebrauch der Kaffeebohnen entdeckt haben soll und auch
der Name einer Café-Kette, die sehr an Starbucks erinnert. In
Addis Abeba ist es üblich, vor einem Café zu parken, sich einen
Kaffee ins Auto bringen zu lassen und beim Trinken vorbeige-
hende Stadtbewohner*innen zu beobachten.
Neben einem weitreichenden Sportangebot von Tennis-,
Schwimm- und Reitvereinen sowie Golf-, Polo- und Fitness-
clubs bieten die Malls der Stadt zahlreiche Möglichkeiten, seine
Freizeit zu gestalten – zum Beispiel die Edna Mall mit 3D- und
7D-Kinos. Die Parks und Grünanlagen der Stadt sind ebenso
beliebt wie die Hotelanlagen mit ihren zahlreichen Entspan-
nungsangeboten: Spas mit Whirlpools, verschiedene Massage­
angebote, Pools und Beauty-Clubs. Ein echtes Highlight ist nicht
zuletzt der Great Ethiopian Run, ein Marathon, der seit 2001
stattfindet. Unter den mehr als 30.000 Teilnehmenden befinden
sich auch immer viele internationale Sportler*innen. Bedingt
durch die Lage Addis Abebas auf 2.355 Meter Höhe er­zielen die
Läufer*innen nicht ganz so gute Zeiten wie auf niedriger gele-
genen Strecken.
Um mit dem beeindruckenden Bevölkerungswachstum von
mehr als 50 Prozent in den letzten 15 Jahren und der zunehmen-
den Zuwanderung aus ländlichen Gebieten Schritt zu halten,
hat die Stadt das Verkehrssystem in den vergangenen Jahren
erneuert und ausgebaut. Das erste, nun abgeschlossene große
Bauprojekt der letzten Jahre ist der Bau der Addis Abeba Ring
Road, die die fünf Hauptverkehrswege nach Addis verbindet
und dadurch schon deutlich zur Beruhigung des Autoverkehrs
beigetragen hat. Weitere Umbauten folgten, zum Beispiel die der
prächtigen Bole-Straße, die den Stadtkern mit dem internatio-
nalen Bole-Flughafen verbindet. Bis 2016 soll außerdem der Bau
eines 37 Kilometer langen S-Bahn-Systems abgeschlossen sein.
53
Ruandas Hauptstadt Kigali ist mit ihren 1,1 Millionen Ein­woh­
ner*innen dagegen fast schon beschaulich und hat sich den Ruf
als eine der saubersten Großstädte der Welt erarbeitet. Dafür
wurde sie bereits von den Vereinten Nationen ausgezeichnet.
Das Stadtbild ist geprägt von schön angelegten Grünflächen,
blitzeblankgeputzten Gehwegen und Mülleimern an jeder Stra-
ßenecke. Wer Müll auf den Boden wirft, muss Strafe zahlen und
es ist verpönt, die Rasenflächen oder Blumenbeete auf Verkehrs-
inseln zu betreten. Nicht nur auf den Straßen sind jederzeit
städtische Reinigungskräfte unterwegs, auch zuhause fegen
und schrubben Ruander*innen täglich Haus und Hof. Diejeni-
gen mit den dreckigsten Schuhen sind in der Regel ausländische
Tourist*innen. Aus Gründen des Umweltschutzes sind Plastik-
tüten seit 2006 im gesamten Land komplett verboten. Die Poli-
zei kontrolliert deshalb bei der Einreise am Flughafen, dass sich
keine davon im Gepäck befindet. Damit nimmt Ruanda nicht
nur auf dem afrikanischen Kontinent, sondern auch interna­
tional eine beeindruckende Vorreiterrolle ein.
Einen großen Beitrag zur Sauberkeit leistet der Umuganda
Day. Umuganda bedeutet in der Landessprache Kinyarwanda
„zusammen halten und sich gegenseitig helfen“. An jedem letz-
ten Samstag im Monat ist die ruandische Bevölkerung dazu auf-
gerufen, in wohltätiger Gemeinschaftsarbeit für Sauberkeit zu
sorgen. Die Geschäfte sind vormittags geschlossen, während die
Bürger*innen gemeinsam Straßen ausbessern, Wasser­kanäle
reinigen oder neue Bäume pflanzen. Neben der Reinigung und
dem Umweltschutz dient dieser Tag auch der Konfliktbewäl-
tigung, der Aussöhnung nach dem Völkermord 1994 und dem
Zusammenhalt der ruandischen Gesellschaft.
„Kigali ist schön und attraktiv und gehört zu den saubersten
Städten Afrikas. Die jungen Menschen sind entschlossen, die
Schönheit der Stadt zu erhalten“, betont ein Aktiver der Orga-
nisation Youth for Hope Rwanda. „Wir kennen unsere Wurzeln
und wir haben ein klares Ziel vor Augen. Wir haben aus der Ver-
gangenheit gelernt, um gemeinsam eine strahlende Zukunft
aufzubauen.“ Auch in Deutschland hat sich inzwischen eine
Umuganda-Bewegung formiert: In Berlin und Köln veranstal-
teten Ruander*innen und Freunde des Landes solche Tage, an
denen sie beispielsweise in Suppenküchen mitarbeiten.
Seit ein paar Jahren erlebt Kigali außerdem einen enormen
Bauboom. Die Stadt verändert sich ständig und hat sich inner-
halb der letzten zehn Jahre flächenmäßig verdoppelt. Neue
Villenviertel, Wohnsiedlungen, hohe Bürokomplexe und Ein-
kaufszentren sind entstanden. Die Regierung verfolgt einen
ehrgeizigen Plan zur Erneuerung des Stadtbildes hin zu einer
modernen Metropole nach dem Vorbild asiatischer Megastädte.
Ziele des Masterplans für Kigali sind der Ausbau von Infrastruk-
tur als Grundlage des Wirtschaftswachstums, die Verbesserung
der Wohnraumversorgung, die Anhebung des Lebensstandards,
der Umweltschutz und die Nutzung regenerativer Energien. Ein
echter Hingucker sind auch die Straßenlaternen in den Farben
der ruandischen Flagge. Kritiker*innen weisen jedoch auf die
teilweise Enteignung und Umsiedlung von Menschen aus den
ärmeren Stadtvierteln hin, die den neuen Wohngegenden wei-
chen müssen.
Kigali ist schon länger als attraktiver Standort für interna-
tionale Konferenzen und Tagungen bekannt und beherbergt
mehrere staatliche Universitäten. Die Stadt hat mit ihren vie-
54
RUANDA
len Einkaufszentren, Museen, Kunstgalerien und Kinos ein
abwechslungsreiches Freizeit- und Kulturprogramm zu bieten.
Viele Theateraufführungen, Konzerte, Bars und Diskotheken
sorgen darüber hinaus für ein buntes Nachtleben.
Zurück in Lagos stört sich der Anwohner Agwu Igiri Akwari an
dem einseitigen Bild, das die Medien von seiner Heimatstadt
zeichnen:„AlsGeograph,FotografundStädterfindeichesunak-
zeptabel, wenn die Armut in den Slums von Lagos schlimmer
dargestellt wird als sie ist. Ich möchte die Existenz von extremer
Armut in manchen Teilen der Stadt nicht verleugnen, aber es ist
wichtig, dass die gesamte Welt erfährt, dass Lagos einen ähnli-
chen Charakter hat wie andere Großstädte auf der Welt. Dieser
Stadtcharakter beinhaltet die Armut und den Wohlstand. Aber
Armut macht nicht das Hauptwesen dieser Stadt aus“, betont er.
„Lagos ist nicht nur DIE Wirtschaftsmetropole ­Nigerias,
sondern von gesamt Westafrika“, fährt Akwari fort. „Es ist der
Hauptsitz für alle Banken in Nigeria, von denen einige zu den
‚global players’ in Westafrika und darüber hinaus gehören.
Lagos ist ebenfalls als Zentrum von Luxus und Wohlstand
in Nigeria und Afrika bekannt. In Ikoyi und Victoria Island
findet man Immobilien, die zu den teuersten Afrikas gehö-
ren. Für einige Wohnungen dort zahlt man jährlich 40.000 bis
50.000  US-Dollar Miete.“
Lagos ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt Nigerias,
doch der Verkehr steht oft still. Im Durchschnitt brauchen die
Menschen wegen der ‚go-slows’ genannten Staus eine Stun-
de, um eine einfache Strecke zu ihrer Arbeitsstelle zurück-
zulegen. Schuld daran sind unter anderem die schlechten­
55
Zustände der Straßen. Obwohl Lagos eines der größten Straßen­
netze West­afrikas besitzt, stammen die meisten Straßen noch
aus den 1970er Jahren und sind für eine deutlich kleinere Bevöl-
kerung bzw. Verkehrsaufkommen ausgelegt. Niemand rechnete
damals mit der ungeheuren Expansion, die den Ballungsraum
seither hat wachsen lassen. Um die Transportprobleme zu ver-
ringern, hat die Regierung des Bundesstaats Lagos zusam-
men mit privaten Investoren in den vergangenen Jahren ein
öffentliches Schnellbus-System realisiert und aktuell befin-
det sich ein Schnellbahn-System im Bau. Rund 50 Prozent der
Bewohner*innen Lagos benutzen derzeit noch ihr eigenes Auto
oder Taxis, um zur Arbeit zu gelangen.
Auch wenn es außerhalb Afrikas wenig bekannt ist, hat die
weltweit zweitgrößte Filmindustrie ihren Sitz in Nigeria. „Die
Produktion von nigerianischen Filmen – Nollywood genannt
– und Musik machen Lagos zur Hauptstadt für afrikanisches
Entertainment“, sagt der Lagosianer Akwari. „Nigerianische
Filme werden in Lagos produziert und von dort aus in andere
Teile des Kontinents vermarktet. Der nigerianische Hip Hop,
Fuji, Juju, Afrobeats und andere musikalischen Richtungen
haben ihre Wurzeln in Lagos und sind Teil der Stadt.“
Mit einem Budget von durchschnittlich 15.000 Dollar pro Film
werden in kürzester Zeit Filme gedreht. Trotz Widrigkeiten
wie häufigen Stromausfällen werden wöchentlich rund 40 Fil-
me veröffentlicht und auf dem Markt verkauft oder in Kinos
gezeigt. Die lokalen Produktionen sind so beliebt, dass sie in
den lokalen Kinos gegen Streifen aus Hollywood bestehen. Das
dürfte auch daran liegen, dass sich das afrikanische Publikum
mit den Darsteller*innen der Filme und ihren Geschichten
identifizieren kann. Liebeserzählungen, Komödien oder Sto-
rys über Voodoo, staatliche und traditionelle Macht,  unehr-
liche Polizist*innen, Prostitution und AIDS sind Themen auf
Nollywoods Leinwänden. Auch weit über Nigerias Grenzen
sind die Filme in anderen anglophonen afrikanischen Ländern
und in den afrikanischen Communities weltweit beliebt. Die
nigerianische Filmindustrie entstand 1993, ganz ohne aus-
ländische Investoren oder Entwicklungshilfe und bietet mitt-
lerweile Tausenden von Menschen Arbeit. Zuletzt erzielte die
56
NIGERIA
­Verfilmung von Chimamanda Adichies Roman „Half of a Yellow
Sun“ weltweite Erfolge. Dieser Film war mit einem Budget von
zehn Millio­nen US-Dollar gedreht worden. Aber nicht nur Filme
werden in Nollywood produziert: Auch nigerianische Popmusik
wird fast überall in Subsahara-Afrika gehört.
„In Folge des Modernisierungs- und Resozialisierungspro­
gramms, das vom regierenden Gouverneur Raji Babatunde
Fashola eingeführt wurde, wird Lagos immer mehr zu einem
Touristenziel und einer global bedeutsamen Stadt“, berichtet
Akwari stolz. „Lagos ist jetzt schon für seine geschäftsorientier-
te Bevölkerung bekannt. Die ganze Stadt ist voller Märkte, einer
reiht sich an den anderen.“D
Sören Götz, Jahrgang 1990, war 2010/11 als inter-
nationaler Freiwilliger in Malawi. In 2016 hat er an der
Universität Mannheim sein Erstes Staatsexamen für
das gymnasiale Lehramt abgelegt. Er studierte Politik-
und Wirtschaftswissenschaften sowie Germanistik
und verbrachte ein Semester in Istanbul. In seiner
Abschlussarbeit untersuchte er, wie der „weltwärts“-
Freiwilligendienst die politischen Einstellungen der
Teilnehmer*innen verändert. Seit vielen Jahren schreibt
er als freier Mitarbeiter für Lokalzeitungen und und ab­
solviert derzeit den Masterstudiengang an der Deutschen
Journalistenschule.
Kontakt: soeren.goetz@posteo.de
Um dieses vielfältige afrikanische Stadtleben bekannter
zu machen und damit auch gängige Stereotype über
das Leben auf dem afrikanischen Kontinent infrage zu
stellen, haben einige ehemalige weltwärts-Freiwillige die
Fotoausstellung „Sichtwechsel – Stadtbilder aus Afrika“
organisiert, in der die drei hier beschriebenen Städte
vorgestellt werden. Die Bilder schickten ihnen Menschen
aus Lagos, Kigali und Addis Abeba. Sie zeigen drei Städte
­voller Leben und erzählen überraschende ­Geschichten.
Es ist in Planung, die Ausstellung zur ­Ausleihe anzu­bieten.
Weitereeitere Informationen gibt es unter
www.sichtwechsel-ausstellung.de
57
58
MALAWI,KENIA
59
In 2012/2013 lebte ich für ein Jahr in Kayunga, Uganda. Kayun-
ga ist eine Kleinstadt in Zentraluganda, die nächst größeren
Städte sind Kampala, 1:46 h entfernt und Jinja 1:26 h entfernt,
sagt google maps. Will man von einem Ort zum anderen fahren,
ist man in Uganda mit Großraumtaxis unterwegs. Als es mich
also sechs Wochen nach meiner Einreise zum ersten Mal aus
der Kleinstadt heraustrieb, ging ich mit meinem ugandischen
Mentor/Gastvater in den Taxipark und war mir sicher, dass ich
noch nie überforderter war. Auf dem gesamten Platz herrschte
ein dichtes Gewusel aus Menschen: Fahrgäste, Passant*innen,
Verkäufer*innen und ihre Freund*innen mit Kindern, Taxi­
besitzer und einige, die dort einfach gerade ihre Freizeit ver-
brachten. Drumherum Shops, Busse, Gepäck und Tiere. Laut
und bunt war es. Die Fahrzeuge waren in einem, mir nicht
ersichtlichem System auf dem Platz angeordnet, Schilder mit
Zielortkennzeichnung waren nicht zu sehen. Mehrere Männer,
die offensichtlich zu bestimmten Fahrzeugen gehörten, liefen
aufgeregt zwischen den möglichen Passagieren hin und her und
riefen sowas wie „Jinja yiiiihaaaa! Kampala yiiiihaaaa! Kangu-
lumira yiiiihaaaa!“
Wir gingen also zu dem Fahrzeug, das Richtung Jinja fah-
ren sollte und trafen auf den dazugehörigen Mann („Jinja
­yiiihaaaa!“), der uns gleich den Preis von 4000 UgX (ca. 1,10 Euro
nannte). Das Taxi war ein Kleinbus, in meinen Augen geeignet
für 11 Passagiere und den Fahrer. Es war halb voll und ich setzte
mich, nachdem mein Gastvater mir erklärte, dass es losfahren
würde, wenn alle Plätze belegt seien. Er verabschiedete sich und
ich wartete. So langsam verstand ich, wie das hier funktionier-
te. Nicht mehr lange warten und das Taxi war voll, ich hatte eine
gute Zeit erwischt. Dachte ich jedenfalls. Dabei war das Taxi
nach ugandischem Verständnis noch lange nicht voll – zusätz-
lich wurden in jede der drei Reihen im hinteren Bereich noch
eine oder zwei erwachsene Person/en gequetscht, drei kleine
Kinder passten noch zwischen die Beine und zu meiner Über-
raschung wurde zusätzlich ein Huhn in einer Plastiktüte unter
einen Sitz gepackt. Dabei half jeder im Taxi mit, es allen ande-
ren möglichst komfortabel zu machen. Dann war das Taxi auch
nach ugandischem Verständnis voll: als der Fahrer und sein
Kollege „Conductor“ (dessen Funktion ich noch erklären werde)
noch jemanden mitnehmen wollten, protestierten nämlich alle
anderen Passagiere und es ging los. Mit 20 Personen und einem
Huhn tuckerten wir los und kamen tatsächlich nach ca. 1:30 h
in Jinja an.
Unterwegs hatten mehrere Personen das Taxi verlassen:
der „Conductor“ saß hinten bei den Passagieren, wurde über die
Wunschhaltestellen informiert und signalisierte dem Fahrer
durch Klopfen an der Decke, wo er halten sollte. Es stiegen noch
mehrere Personen entlang der Strecke ein, wie Anhalter konn-
ten sie einfach zusteigen – wenn Platz war. Ein Mann packte
seinen Koffer auf das Dach des Kleinbusses und in einer Kur-
20 Personen, 1 Ziege
und 1 Huhn
Nadja Nolte
60
UGANDA
ve flog dieser hochkant in den nächsten Graben. Die gesamte
Besatzung lachte sich kringelig und empfahl dem Conductor,
der sauer war wegen des Zeitverlusts, sich demnächst noch oben
auf das Gepäck zu setzen, um aufzupassen.
Ein anderes Mal erzählte mir ein Mann, dass er gese-
hen hatte, wie ein Bus mitten in der Hauptstadt hielt und eine
Gruppe nackter Menschen ausstieg. Menschen aus dem Norden
Ugandas, Mitglieder eines Clans, bei dem es üblich ist, nackt zu
sein. Er lachte herzlich und munkelte, dass so wahrscheinlich
stereotype Bilder über afrikanische Menschen im Westen ent-
stehen würden.
Die Fahrgäste im Taxi verbindet vor allem eins: das lange
Zusammensitzen auf engstem Raum, wobei soziale Interaktion
die schönste Alternative zum Nichtstun ist.
NachdemichmehrereMalemitdemTaxigefahrenwar,gefiel
mir das System. Ich hörte auf, Erwartungen zu haben – Überra-
schung war das Stichwort! Das Taxi fuhr, wenn es voll war, mal
nach 10 Minuten, mal nach zwei Stunden, es gab nachvollzieh-
bare Preise und keine Frühbucherrabatte, man konnte außer-
halb der offiziellen Haltezonen ein- und aussteigen, hatte fast
immer interessante Gesprächsthemen und  –  partner*innen.
Und das Beste war: Jede*r wusste, es gab keine Garantie für
Pünktlichkeit. Also keinen Grund für Stress.
Was ich damit sagen will, ist nicht, dass ich die Mobilität, die
Flexibilität und die Pünktlichkeit der deutschen Transport-
möglichkeiten nicht zu schätzen weiß. Und ich will auch nicht
behaupten, dass das ugandische Transportsystem nicht durch-
aus verbesserungswürdig ist. Oder dass man auch manch-
mal seine Ruhe braucht in der Bahn, auf dem Nachhauseweg.
Wenn Mobilität, Flexibilität und Pünktlichkeit allerdings zur
selbstverständlichen Erwartung werden, fängt man schon
nach fünf Minuten Verspätung an in Stress auszubrechen.
Statt sich für seine unmittelbare Umgebung zu interessie-
ren, checkt man schnell die Emails und ist genervt von lauten
Sitznachbar*innen. Wie wär‘s: Lassen wir doch das nächste Mal
die Zugfahrt Zugfahrt sein und gehen auf das Gespräch mit der
älteren Dame neben uns ein.
Ich freue mich auf meine nächste Taxifahrt in Uganda, inklusive
eingeschlafener Füße und einer Ziege im Kofferraum. D
Nadja Nolte, Jahrgang 1994,
Produktdesignstudentin an der Kunsthochschule Kassel,
Internationaler Freiwilligendienst in Kayunga, Uganda
in 2012
61
Es ist 12 Uhr mittags. Das neue Lied von Sarkodie und ein dauer-
haftes Hupkonzert betäuben die Ohren. Außerdem ist da diese
bleierne Hitze, die jegliche Kraft raubt und Reisen zur Schwerst-
arbeit macht. Zähflüssig plätschert der Verkehr vor sich hin. Es
ist ein Kampf um jeden Zentimeter, um jede grüne Ampel und
jede umfahrene Mautanlage. Seit einer Stunde geht das nun so,
dabei soll es eigentlich nur von Ghanas Hauptstadt Accra in die
155 Kilometer entfernte Regionalhauptstadt Ho gehen.
In Ghana gibt es verschiedene Möglichkeiten zu reisen, am
beliebtesten sind sogenannte Tro-Tros. Zumeist sind das alte
Kleinbusse, die aus der westlichen Welt importiert werden.
Der Hyundai Grace ist so einer – er ist sozusagen der Golf
Ghanas – denn man sieht ihn an jeder Ecke. Nach dem Import
wird er zu einem Polsterer gebracht. Er macht aus dem 8-Sitzer
einen 15-Sitzer. Zwar ist es jetzt nicht mehr so komfortabel wie
zuvor, aber dafür ist das Reisen nicht mehr teuer und wird für
jeden bezahlbar. Manchmal werden die Firmenbeschriftungen
der Vorbesitzer entfernt und der Bus wird zum Beispiel in den
Nationalfarben – rot, gelb, grün mit schwarzem Stern – gestri-
chen. Oft bleiben sie aber dran und so kann man schon einmal
in einem Bus eines deutschen Malermeisters oder einer hol-
ländischen Gärtnerei fahren. Ganz sicher kommen aber neue
Aufkleber hinzu. Vom Fußball zum Beispiel. Besonders Chelsea
London hat es den Ghanaern angetan, denn Michaël Essien aus
Accra wurde in London zum Weltstar. Außerdem gesellen sich
Wimpel von Jesus oder anderen religiösen Führern hinzu. Sie
sollen vor Unfällen schützen und die Fahrgäste sicher an ihr Ziel
bringen.
Hyundai Grace:
mit Gottes
Gnade zum Ziel
Thilko Gläßgen
62
GHANA
Die Fahrt selbst läuft dann unterschiedlich ab. In jedem Ort gibt
es eine Station, hier stehen die Tro-Tros nach Fahrtziel sortiert.
Los geht die Fahrt aber erst, wenn der letzte Platz besetzt ist,
denn nur so ist die Fahrt kostendeckend. Für größere Gepäck-
stücke wird manchmal noch ein kleiner Obolus genommen.
Bezahlt wird dann entweder an der Station selbst oder beim
Mate, dem Helfer des Fahrers. Er durchläuft eine Ausbildung
und will vielleicht auch einmal Fahrer werden. Er kassiert das
Geld, betankt das Fahrzeug und akquiriert neue Fahrgäste,
wenn Plätze frei werden. Dazu hängt er während der Fahrt halb
aus dem Fenster und schreit das Fahrziel heraus, wenn es durch
die Dörfer geht. Viele Fahrer und Mates sind gewerkschaftlich
organisiert, denn sie leihen die Busse von einem Unternehmer,
der sie bezahlt. Einerseits verleiht ihnen die Gewerkschaft die
nötige Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Arbeitgeber,
andererseits ist sie auch sozial aktiv. Verstirbt ein Mitglied von
ihnen, so leistet die Gewerkschaft der Familie Beistand und
hilft ihr auch finanziell über die Runde zu kommen.
Manchmal fahren in den Bussen auch Prediger mit, die
aus dem Koran oder der Bibel vortragen. Auch Händler*innen
nutzen die langen Fahrten für sich und preisen ihre Produkte
an. Aber auch so gibt es genug Gelegenheit während der Fahrt
noch Einkäufe zu tätigen. Denn jedes Mal, wenn der Bus hält,
ob im Stau, an einer Ampel oder weil ein Fahrgast auf die Toi-
lette muss, scharen sich Händler*innen um den Bus. Auf dem
Kopf tragen sie ihre Waren. Neben diversen Früchten, Snacks
und Getränken können auch Brettspiele, Reinigungsmittel oder
Zeitungen erstanden werden.
Im Tro-Tro herrscht dabei eine ausgelassene Stimmung. Schnell
kommt man miteinander ins Gespräch, über die Motive der
Fahrt und auch private Themen werden besprochen. Der Fah-
rer ist gleichzeitig DJ der Reisegruppe und kümmert sich um
jeden Musikwunsch. Die lange Fahrzeit kann dadurch immer-
hin gefühlt verkürzt werden und neue Freunde findet man auch
schneller als man glaubt. D
Thilko Gläßgen, Jahrgang 1993, hat nach dem Abitur
(2012/13) einen internationalen Freiwilligendienst
in Ghana gemacht und studiert derzeit Journalistik in
Bremen. Ab Oktober 2016 wird er für ein Semester
in Yaoundé (Kamerun) studieren.
In Bremen schreibt Thilko Gläßgen für den „Weser Kurier“
und die „Zeitschrift der Straße“. In den Semesterferien
reist er am liebsten über den afrikanischen Kontinent.
63
„Wenn du nicht selbst gespürt hättest, dass das Team etwas Besonderes ist, würdest
du dann darüber schreiben wollen?“ Das hat Grace mir geantwortet, als ich sie gefragt
habe, was das Besondere an Angels sei. Ein Jahr lang habe ich in Kampala, der Haupt-
stadt Ugandas, mit tollen, jungen Frauen Basketball gespielt – und das obwohl ich es
nicht einmal besonders gut kann. Ich wurde in eine Gemeinschaft von Sportlerinnen
aufgenommen, die mehr ist als nur das. Sie ist eine zweite Familie.
Beim Training geht es manchmal hoch her: Es wird geschwitzt, diskutiert, gefeilscht,
um jeden Ball gekämpft, gemeckert und gelacht. Es wird gespielt, bis man den Ball
kaum noch sehen kann, weil es dunkel geworden ist. Danach kommt das Team zusam-
men und es wird noch einmal über Taktik, die anstehenden Spiele und den Einsatz
jeder Einzelnen gesprochen. Egal, wie hitzig die Diskussionen ausgefallen sind, am
Ende stehen alle Spielerinnen im Kreis und beten. Dafür, dass alle wohlbehalten nach
dem Training zuhause ankommen. Dafür, dass es auch den Spielerinnen gut geht, die
es nicht geschafft haben zum Training zu kommen. Dafür, dass Jannet ihre Uni-Prü-
fungen besteht. Dafür, dass Lucys Vater möglichst schnell wieder gesund wird. Dafür,
dass Sarah, die gerade hochschwanger ist, ein gesundes Kind zur Welt bringen möge.
Dafür, dass das nächste Spiel ein Sieg wird.
„Wir sind ein Teil des Lebens der jeweils anderen und das auch abseits des Spielfeldes.
Wir feiern gemeinsam Geburtstage, Schul- und Universitätsabschlüsse, Hochzeiten,
Geburten und Beförderungen. Und wir halten einander an der Hand in den schwers-
Welcome
to the
family
Inga Eslage
64
UGANDA
ten Zeiten“, antwortet Cathy auf die Frage, was das Besondere
an Angels sei. „Was auch immer du durchmachst, du kannst dir
einfach sicher sein, dass jemand da ist, die mit dir geht. Die mit
dir lacht, die mit dir weint, die dich ermutigt und dich tröstet“.
Für jede der Frauen in dieser Mannschaft spielt Basketball eine
wichtige Rolle in ihrem Leben. Ist ein Teil der eigenen Identität.
„Ich spiele seit 20 Jahren Basketball und liebe diesen Sport. Ich
schätze die Menschen sehr, mit denen ich spiele. Ich habe durch
das Basketballspielen Freundinnen gefunden, die für mich zu
Schwestern und Vorbildern geworden sind“, Grace.
Die Angels spielen gerade die dritte Saison in der Divison 2, der
nationalen Frauen-Basketball-Liga in ­Uganda. Cathy spielt da­
bei eine ganz wichtige Rolle für das Team, denn ohne sie könnte
das Team nicht funktionieren. Und das ist das Erstaunliche: Sie
teilt ihr monatliches Gehalt, das sie als Geologin verdient, mit
dem Team. Sie zahlt die Gebühren für die Ligateilnahme, die
Trikots, die Fahrtkosten für die Spielerinnen – eigentlich alles!
Nur so ist es für viele Spielerinnen möglich, Teil der Mannschaft
zu sein. Viele könnten es sich kaum leisten mehrmals die Wo-
che quer durch die Stadt zu fahren, um zum Training und zu
den Spielen zu kommen. Cathy verdient in ihrem Beruf mehr
Geld als die anderen und ist bereit, es zu teilen: „Es ist zuweilen
schwer, aber es ist das Opfer wert“.
Auch der zeitliche Aufwand ist nicht zu unterschätzen,
denn für die meisten Teammitglieder dauert der Weg zum Trai-
ning durch Kampalas Trubel länger als eine Stunde. Doch es
lohnt sich. Seit der offiziellen Gründung der Mannschaft 2013
ist das Team an Spielerinnen gewachsen, konnte die Leistun-
gen steigern und es ist immer mehr zusammen gewachsen.
„Wir sind zwar noch nicht da, wo wir sein wollen, aber wir sind
schon ein ganzes Stück von dem entfernt, wo wir einmal stan-
den“, Janet, Trainerin. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel
Unmögliches wir schaffen, wenn wir als Team alle zusammen
arbeiten“, Cathy.
Gleichzeitig hat Frauensport in der Gesellschaft Ugandas,
wie auch in vielen anderen Gesellschaften, noch immer einen
schweren Stand. „Manchmal nennen wir den Frauensport
auch die vergessene Hälfte.“ Die Medien konzentrieren sich
auf die Männer-Teams und auf die Spiele der Männer-Liga.
Die Frauen hingegen, die Außergewöhnliches leisten, werden
nur mit einem Satz in der Zeitung oder wenigen Sekunden in
einem  Fernseh- oder Radiobeitrag gewürdigt“, erklärt Cathy
65
verärgert. Die Angels bemühen sich seit der Gründung der
Mannschaft um Sponsoren, doch für Frauenmannschaften ist
es immer noch sehr schwierig, finanzielle Unterstützung zu
­finden. Das führt dazu, dass Frauenmannschaften aufgrund des
finanziellen Drucks oft nur wenige Jahre existieren können. Sie
sind davon abhängig, dass einzelne Teammitglieder genügend
Geld verdienen, um das Team mitzufinanzieren.
Den Halt, die Rückendeckung und nicht zuletzt die Anerken-
nung, welche die Frauen durch das Team und den Sport erfah-
ren, ist enorm. Neben Familie und Beruf sind der Sport und
das Team wichtige Anker im Leben der jungen Frauen. Das ist
allen in der Mannschaft bewusst und das habe ich ebenfalls so
erlebt. Genau deshalb sind alle bereit, einen Teil ihrer Freizeit
zu opfern und Cathy verzichtet auf einen erheblichen Teil ihres
Einkommens, um das Team aufrecht zu erhalten. „Die Mann-
schaft versteht sich als Familie und man sagt ja, Blut ist dicker
als Wasser. Wir streiten vielleicht manchmal, aber die Verbin-
dung zwischen uns ist stark. Wir halten zusammen“, Grace.
Diese Art von Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit
habe ich in Deutschland bisher nicht erlebt, obwohl ich viele
Jahre Vereinssport gemacht habe. Ich bin sehr dankbar dafür,
dass ich ein Jahr lang Teil dieser Familie werden durfte. D
Frauen-Basketball in Uganda
Mitte der 1990er Jahre wurde die nationale Frauen-Basketball-Liga von der Federation of Uganda
Basketball Associations (FUBA) gegründet. Im Vergleich zur Liga der Männer ist sie auch heute noch
deutlich unterlegen: 16 Mannschaften im Gegensatz zu 56 Mannschaften in der Herren-Liga. Die Damen
spielen in zwei Divisionen bestehend aus jeweils acht Teams.
Spielerinnen berichten, dass Basketball ein wichtiger Teil ihres Lebens geworden sei. Durch sportliche
Leistungen haben junge Frauen die Möglichkeit, Anerkennung und sogar akademische ­Förderungen
zu erhalten. Sie bemängeln, dass die Entwicklung des Frauen-Basketballs in den letzten Jahren von der
Föderation vernachlässigt worden sei. Es gebe zu wenig Förderung für junge Spielerinnen, was zur
­Folge habe, dass das spielerische Niveau sich kaum verbessern könne. Außerdem müssten viele Mäd-
chen und Frauen um die Unterstützung ihrer Familien ringen. Eine Sportausrüstung bedeute für viele
Familien einen hohen finanziellen Aufwand. Aber ein starker Frauensport helfe jungen Frauen in der
­Gesellschaft wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden.
Inga Eslage, Psychologin (M.Sc.), Jahrgang 1989,
Auslandsaufenthalte: USA (10 Monate in 2006/2007)
und Uganda (12 Monate in 2014/2015), Weiterbildung
zur Psychologischen Psychotherapeutin, z. Zt. Grup­
pentherapeutin in einer Suchtklinik, regelmäßige
Aufenthalte in und Arbeitskontakte nach Uganda
66
UGANDA
Eine Stunde nördlich von Kapstadt liegt die
Kleinstadt Malmesbury, der wichtigste Ort der
Swartland Municipality (Distrikt, vergleich-
bar mit einem deutschen Kreis). Mit 20 % wei-
ßer Bevölkerung ist das dazu gehörige „Bun-
desland“ Western Cape vergleichsweise stark
europäisch geprägt. Besonders in Kapstadt ist
dies augenscheinlich. Aber die Apartheid hat
ihre Spuren hinterlassen und bis heute lebt
ein Großteil der nicht-weißen Bevölkerung in
wirtschaftlich und real schlechteren Bedin-
gungen. In Malmesbury befindet sich die
ärmste Gegend des Distriktes: Ilinge Lethu,
ein „Township“ außerhalb des eigentlichen
Stadtzentrums. Zu den größten Problemen
zählen hier schlechte Wohnungsversorgung,
HIV/AIDS Erkrankungen, Ernährungsmangel,
Drogen- bzw. Alkoholmissbrauch und auch
Kriminalität. Der südafrikanische Staat ver-
sucht mit verschiedenen Kampagnen gegen zu
steuern. Ein wichtiger Teil dieser Aktivitäten
ist das Ilinge Lethu Thusong (ungefähr: „Gemeinsam“) Centre, eine Art ­Gemeindezentrum.
In der großen Halle finden Veranstaltungen aller Art statt, von der Hochzeitsfeier bis zur
­Parteiversammlung, während in den kleineren Räumen verschiedene Büros angesiedelt
sind. Eines der wichtigsten ist beispielsweise das Youth Office, das junge Menschen bei der
Fortbildung und Arbeitssuche unterstützen soll. Außerdem können die Bewohner*innen
Ilinge Lethus hier für eine Stunde kostenlos ins Internet, Bewerbungen ausdrucken und
kopieren – ein einfacher, aber unglaublich wichtiger Service.
It’s deep in my heart
Marit von Graeve
67
Im Frühjahr 2014 haben sechs engagierte Menschen – mein
Freiwilligen-Vorgänger in Ilinge Lethu und fünf Frauen aus dem
Township selbst die Food Bank Malmesbury gegründet, eine
Suppenküche für Kinder und ältere, kranke oder benachteiligte
Menschen. Die Frauen – Nozuko Eunice Nqokoto, Nomawhetu
Claire Kosani, Sindiswa Mpimpilashe, Athelina Lusanda Mjali
und Andiswa Duda – wohnen alle in Ilinge Lethu. Das Ziel der
Food Bank ist es, eine unabhängige Organisation zu sein, die
sich um verschiedene soziale Probleme kümmert. Angefangen
von der Suppenküche, die nebenbei vielen kranken Menschen
erst die geregelte Einnahme ihrer Medikamente ermöglicht,
soll sie sich über kleinere Projekte zu einem Hort für Schulkin-
der und einem Kindergarten entwickeln. Die Arbeitsstellen,
die sich aus solchen Projekten ergeben, werden immer aus dem
Township generiert.
Andiswa und Athelina haben eine bezahlte Arbeit im Thusong
Centre, die übrigen Frauen hatten wie viele andere zum Zeit-
punkt der Gründung keine feste Arbeitsstelle. Sie waren mit
ihrer Ausbildung beschäftigt oder freiwillig in Ilinge Lethu
engagiert. Auch die Arbeit in der Food Bank ist freiwillig, bis
auf eine kleine Aufwandsentschädigung, die ca. 100 Euro im
Monat entspricht und ausgezahlt wird, wenn das Konto im
Plus ist. Um diese Aufopferung zu
verstehen, muss man die Lebens-
umstände meiner ehemaligen
Kolleginnen kennen. Sie wohnen,
wenn sie Glück haben, in ihrem
eigenen, kleinen Haus, das von der
Regierung gebaut wurde – teil-
weise  mit ihren Schwiegereltern,
weil sie noch keinen Anspruch auf
ein eigenes Haus haben. Athelina
lebte bis kurz vor meiner Abreise
im August 2015 in einer „shack“, einer der typischen Wellblech­
hütten. Strom und Wasser gibt es, doch nicht immer. Nicht
alle der Frauen haben Ehemänner, Sindiswa und Andiswa sind
alleinerziehende Mütter, Nozukos Mann wurde auf der Straße
angegriffen und ist seitdem nicht mehr arbeitsfähig. Das Geld
fehlt an allen Ecken und Enden, aber irgendwie schaffen sie es,
ihre Kinder zu versorgen. Ihnen allen ist die Ausbildung ihrer
Kinder extrem wichtig, denn sie sehen darin die einzige ­Chance
für eine bessere Zukunft. Ich habe in kurzen Interviews nach
ihren größten Wünschen gefragt:
Ein eigenes Haus, eine abgeschlossene Ausbildung für die Kin-
der, ein eigenes Projekt oder ein regelmäßiges Gehalt – Dinge,
die für uns normal bzw. erreichbar sind. Komplementär dazu
sind ihre größten Ängste: Zu früh zu sterben und ihre Kinder
verlassen zu müssen, bevor diese groß geworden sind oder die
Angst vor einem neuen Krieg in Südafrika – Dinge, die bei uns
wahrscheinlich nicht an erster Stelle genannt werden würden.
Trotz all dieser Sorgen und Nöte sind die Frauen fest davon
überzeugt, dass ihre freiwillige Arbeit für die Gemeinde Ilin-
ge Lethus und sie selbst das Richtige ist. Wenn ich sie frage,
„­warum?“ kommen für mich sehr bewegende Antworten.
68
SÜDAFRIKA
Claire: „I have a deep passion to serve and look after the com­munity.
And also I do not like poverty. I like development and progress. So I
grabbed this opportunity with both hands, the decision did not take
long.“
Sindiswa: „I like to help the community and I am used to be a volun-
teer from my past. I also have a passion to help people. I think that is
very important.“
Athelina: „I want to empower this place and the community, help
those who have nothing and I also like to have a project that will take
us far. We have to show the new generation how to survive!“
Weil Nozuko von Beginn an die treibende Kraft hinter der Food
Bank Malmesbury und bis heute die Präsidentin der Organisa­
tion ist, möchte ich auf ihre Geschichte näher eingehen.
Nozuko Eunice Nqokoto wurde 1965 im Eastern Cape gebo-
ren, einer der sechs Provinzen Südafrikas. Diese Region ist
stark von der traditionellen Xhosa-Kultur geprägt. Die meis-
ten Bewohner*innen leben gemeinsam in kleinen Dörfern von
Ackerbau und Viehzucht. Es gab und gibt dort kaum Arbeit. Kurz
nach ihrer Geburt zog die kleine Familie deshalb nach Kapstadt,
Nozuko wuchs im Township Langa im Haus ihrer Großmut-
ter auf, zu einer Zeit, in der noch das weiße Apartheid-Regime
herrschte. Nachdem sie die Schule verlassen hatte, zog Nozuko
nach Malmesbury. Zwei Jahre nach dem offiziellen Ende der
Apartheid, im Jahr 1996, heiratete Nozuko. Mit ihrem Ehemann
bekam sie drei weitere Kinder, nachdem sie bereits im letzten
Schuljahr Mutter geworden war. Sie wurde Mitglied des ANC,
der „schwarzen“ Partei, der auch Nelson Mandela angehört hatte
und bekam immer mehr Einfluss in Ilinge Lethu. Hier setzte sie
sich gegen den Missbrauch von Frauen und Kindern ein – alles
auf freiwilliger Basis und ohne Bezahlung. Zu Hause kamen
sie irgendwie über die Runden, mit der Sozialhilfe vom Staat
und den kleinen Arbeiten ihres Mannes. Sie boten ihr Haus als
„Safety House“ für Frauen und Kinder an, zum Schutz vor häus-
licher Gewalt und sie entschied sich, neben ihren eigenen Kin-
dern auch andere groß zu ziehen. Im Moment leben zwei weitere
Kinder bis zum Abschluss ihrer Schulzeit in Nozukos Familie.
Auch politisch scheint Nozuko furchtlos zu sein: Sie trat ange-
sichts von Spannungen und Korruption aus dem ANC aus, was
als Verrat gewertet wurde, denn als Schwarze „hat man nun ein-
mal in der Partei Nelson Mandelas zu sein“. Doch Nozuko ist der
Überzeugung, dass die Demokratie in Südafrika wichtiger sei
als Traditionen und Gruppenzugehörigkeiten. Im Sommer 2014
begann sie dann für die Food Bank Malmesbury zu arbeiten und
übernahm wegen ihrer langjährigen Erfahrung, ihren guten
Beziehungen zu anderen Organisationen und ihrer natürlichen
Autorität das Amt der Präsidentin.
Das Besondere an Nozuko ist ihre unerschütterliche Zuver-
sicht,  dass sich die Dinge zum Besseren wenden werden. Im
Licht der vielen Rückschläge und der Situation in Südafrika ist
das nicht selbstverständlich. Aber Optimismus ist vielleicht der
einzige Weg, sich nicht unterkriegen zu lassen, und in Südafrika
viel verbreiteter als beispielsweise in Deutschland. Nozuko ist
überall in Ilinge Lethu für ihre Großzügigkeit und ihr Engage-
ment bekannt. Im Gegensatz zu den Sitten des Landes scheut sie
auch keine Konfrontationen, um ihre Ziele zu erreichen. Was ich
am großartigsten finde, ist ihre Toleranz gegenüber allen „races“
69
in Südafrika und auf der Welt. Auf meine Frage, ob es schwierig
sei, jetzt mit einer weißen Person zusammenzuarbeiten, ant-
wortete sie mir: „Nicht mehr. Diese alte Zeit ist vorüber, wir sollten
uns auf die Zukunft konzentrieren. Unsere Kinder sollen nicht mit
diesem Hass aufwachsen, mit den Vorurteilen und all den Proble-
men in ihren Gedanken.“ Diese Wünsche beginnen in den größe-
ren Städten Südafrikas wie Kapstadt oder Johannesburg bereits
Normalität zu werden, sind aber in einer konservativen Klein-
stadt wie Malmesbury nicht selbstverständlich. Grob gesehen
wohnen die reichen Weißen und einige Coloureds in einem Teil
der Stadt und hinter der Autobahn die restlichen Coloureds in
ihren Häusern. Erst danach kommt Ilinge Lethu, der ärmste Teil
der Stadt und hauptsächlich von Schwarzen bewohnt. „Ich denke,
dass sich schon viel geändert hat. In Kapstadt sieht man inzwischen
gemischte Pärchen, das ist etwas Neues. Aber ich weiß nicht warum,
in Malmesbury sind die Leute komisch. Sie kennen einander nicht
und sie reden auch nicht miteinander.“ Nozuko bemüht sich, das
durch den Austausch mit all ihren verschiedenen Freunden, zu
ändern. Deshalb ist sie nicht nur in der Food Bank, sondern auch
in anderen Organisationen aktiv, und kann so wichtige Verbin-
dungen zwischen den Initiativen schaffen.
Als ich sie gefragt habe, was sie sich für ihr Leben wünsche, sag-
te sie mir: „Ich möchte, wenn ich alt bin, in einer besseren Welt leben.
Und zwar besser, weil ich sie besser gemacht habe. Ilinge Lethu soll
sich verändert haben, bis ich zu alt bin, um noch etwas zu bewegen.“
Und jeder Tag bringt sie diesem Ziel einen Schritt näher.
Die Menschen, die Essen von der Food Bank Malmesbury erhal-
ten, bekommen endlich wieder Vertrauen in das Leben. Sie
haben neue Zuversicht gewonnen und bilden in Ilinge Lethu
mittlerweile eine richtige Gemeinschaft, die einander kennt
und sich gegenseitig unterstützt. Neben der warmen Mahlzeit
verteilt die Food Bank Kleider- und andere Sachspenden, aber
vor allem größere Projekte wie die Teilnahme dieser Bedürf-
tigen an einem Sportturnier im Namen der Food Bank haben
diese Solidarisierung bewirkt. Viele der Menschen wollen unse-
rer Organisation jetzt auch etwas zurückgeben. Sie helfen im
Gemüsegarten, der die Suppenküche unabhängiger von deut-
schen Spenden machen soll, schnitzen Kochlöffel oder helfen
einfach beim Kochen aus, wenn die regulären Köchinnen wegen
Fortbildungen, anderen Aufgaben oder privaten Gründe kurz-
fristig ausfallen.
Ich danke allen Frauen der Food Bank Malmesbury für das Jahr,
das ich mit ihnen verbringen durfte. Sie waren nicht nur meine
Kolleginnen, sondern meine Mütter und Schwestern. Die Lie-
be, die sie für ihre Gemeindemitglieder empfinden, hat mich
durch mein Freiwilligenjahr getragen. Und sie sind für mich ein
Vorbild, mit welch geringen Mitteln, aber viel Herz und Leiden-
schaft man sich ehrenamtlich für andere engagieren kann. Sie
sind im Zeitalter der Individualisierung ein leuchtendes Bei-
spiel für den Glauben an die Gemeinschaft. D
70
SÜDAFRIKA
Südafrika ist ein Land, das durch seine wirtschaftliche Kraft,
aber auch durch seine Geschichte eine herausgehobene Stel-
lung auf dem afrikanischen Kontinent besitzt. Für mich ist es
ein wunderschönes, aber gleichzeitig auch in sich selbst zer-
rissenes Land. Auf der einen Seite ist Südafrika ein Mitglied
der BRICS-Staaten, hat Metropolen wie Kapstadt, Durban
und Johannesburg, exportiert Wein und Rooibos-Tee nach
Deutschland und produziert einen Großteil seines eigenen
Bedarfes an Lebensmitteln, Kleidung und anderen Produkten
selbst. Auf der anderen Seite sieht man die Townships am
Rande der großen und kleinen Städte und die kaum erschlos-
senen Dörfer wie beispielsweise im Eastern Cape. Die kultu-
relle Dimension ist unglaublich viel vielfältiger, als wir es uns
vorstellen können. Jede Region hat ihre bestimmende Ethnie,
eine eigene Kultur, eine eigene Sprache. Südafrika hat elf
Amtssprachen und eine der fortschrittlichsten Verfassungen
der Welt. Dabei ist Südafrika aber noch lange keine rosarote
Regenbogennation. Die einzelnen „races“, so die gebräuch-
liche Bezeichnung, leben eher mehr oder weniger friedlich
nebeneinander her. Die Zugehörigkeit zu solch einer Gruppe
ist viel bedeutsamer als in den meisten europäischen Staaten.
Im Western Cape, einer Region, die mehrheitlich von Schwar-
zen, Weißen und Cape Coloureds bewohnt ist, schließt man
von der Hautfarbe und Sprache einer Person meist sofort
auf ihre Kultur und Eigenheiten. Die Folgen der Apartheid
sind nicht nur an dieser Stelle spürbar. Gleichzeitig sind die
multikulturellen Metropolen ein gelungenes Beispiel für die
Integration und das Miteinander der verschiedenen Gruppen.
Politisch gesehen ist Südafrika ein Beispiel für einen gelun-
genen Übergang zur Demokratie. Doch die Bevorzugung
bestimmter Ethnien, beispielsweise die des Präsidenten oder
die traditionell eher untergeordnete Stellung der Frau gegen-
über ihrem Mann bereiten immer wieder Probleme. Durch all
diese Widersprüche und Kontraste, ihre unglaublich schönen
Landschaften und auch durch ihre lebendige und herzliche
Bevölkerung ist die Republik Südafrika ein faszinierendes und
beeindruckendes Land.
Für weitere Infos:
www.foodbankmb.org oder
www.facebook.com/foodbankmalmesbury
Marit von Graeve, Jahrgang 1996, Auslandsaufenthalt
2014/15 in Südafrika, Studentin der Politikwissenschaft
mit Nebenfach Geschichte in Heidelberg, engagiert im
Verein Zugvögel e. V.
Blog zum Auslandsjahr:
www.maritsouthafrica.wordpress.com
71
Es ist November, Sommer in Johannesburg.
Die Jacaranda-Bäume blühen in ihrem präch-
tigen Lila, die Sonne steht hoch am Himmel.
Es ist Mittag. Wir stehen in einem Kreis und
spielen. Das Spiel heißt „Master to Jack“ und
ich muss mich höllisch konzentrieren, dass ich
im Klatschrhythmus bleibe und meinen Ein-
satz nicht verpasse. Während wir spielen, taucht plötzlich ein
vermummter Mann auf. Er hält eine Waffe in der Hand. Stumm
zieht er eine der jungen Frauen aus unserem Kreis und nimmt
sie mit.
„ … Seven to Four, Four to Nine, Nine to Jack …“
Wir spielen weiter. Wenig später taucht der Mann erneut auf.
Wieder nimmt er eine von uns mit.
„Habt ihr das gesehen? Da war ein Mann mit einer Waffe! Der hat
das  Mädchen mitgenommen!“ – „Nein, wir haben nichts gesehen,
lasst uns weiterspielen!“
Noch zwei weitere Male kommt der Mann. Schließlich sind vier
Mädchen aus unserem Kreis entführt worden. Es wird immer
schwieriger zu spielen, Unruhe und Unsicherheit breiten sich
aus. Plötzlich werde ich direkt angesprochen:
„Hast du das gesehen?“
„Ja, habe ich.“
„Und was hast du gemacht?“
Drama for Life
Judith Weidner
72
SÜDAFRIKA
Auf einmal habe ich ein schlechtes Gewissen, bin erschrocken
über mich selbst. Da werden Teilnehmende aus unserem Kreis
verschleppt und wir spielen völlig ungerührt unser Spiel weiter?!
Erst jetzt macht sich Empörung in der Gruppe breit: Das
kann man doch nicht einfach ignorieren! Wir müssen etwas
unternehmen! Aber: der Mann ist bewaffnet! Doch er ist allein,
wirsindeineGruppe.Eswirdhinundherdiskutiert,einigetrau-
en sich nicht, andere drängen darauf, die Mädchen zu befreien,
auch wenn es gefährlich für uns werden könnte. Dann steht
fest: Nur gemeinsam als Gruppe können wir den Mann über-
führen. Wir sprechen noch vorbeilaufende Passant*innen an,
fragen nach Hilfe. Vergeblich. Schließlich gehen wir gemeinsam
auf den bewaffneten Mann zu, der dabei ist, mit den Mädchen
zu fliehen. Wir können ihn überlisten und die jungen Frauen
befreien. Dann stellt sich die Frage: Was machen wir jetzt mit
ihm? „Hang him!“ fordern die meisten. Andere halten dagegen.
So kann der Kreislauf der Gewalt schließlich nie gebrochen wer-
den! Während wir noch diskutieren kommen aus dem Hinter-
grund die vier befreiten Frauen Hand in Hand auf uns zu. Sie
singen „Heal The World“ von Michael Jackson. Wir bilden einen
Kreis, in unserer Mitte auf dem Boden kniend der Mann, inzwi-
schen ohne Waffe.
Ich halte den Atem an. Die Show ist vorbei. Was sich hier
gerade abgespielt hat, ist Theater. Genauer gesagt: Angewand-
tes Theater. Die Waffe ist aus Holz, der Mann ein Schauspieler,
die Situation nicht real.
Wir befinden uns auf dem Gelände der Wits ­University
in Johannesburg, Südafrika. Es ist Mittagszeit und viele  Stu­
dent*innen sind auf dem Weg zum Lunch.
Ich bin keine Schauspielerin, wollte eigentlich bloß bei der
praktischen Prüfung zuschauen, die ein Theaterstudent heute
durchführen musste. Doch plötzlich, ganz spontan, wurde ich
Teil dieses Theaterstücks. Habe es miterlebt und mitgestal-
tet. Anfangs zögerlich und unsicher, dann immer aktiver und
selbstbewusster. Aber was sollte das Ganze?
Der Student kommt aus Nigeria. Während seiner Show flo-
gen weiße DIN-A4-Zettel um uns herum. Darauf verpixelte
Schwarz-Weiß-Fotos und die Buchstaben „BBOG“. Bring Back
Our Girls.
Im April 2014 wurden in Nigeria mehr als 200 Mädchen von der
islamistischen Terrororganisation Boku Haram entführt. Dar-
aufhin wurde in den Medien eine große Kampagne gestartet, bei
der unter dem Hashtag „#bringbackourgirls“ viele ihre Solida-
rität mit den entführten Mädchen und ihren Familien zeigten.
Doch genauso schnell schien das Ganze schon wieder verges-
sen. Der Theaterstudent allerdings will erneut auf das Thema
aufmerksam machen und die Öffentlichkeit dazu animieren,
nicht aufzugeben und sich weiterhin für die Befreiung der Mäd-
chen aus seinem Heimatland einzusetzen. Diese Szene ist nur
ein Beispiel dafür, wie Applied Drama (Angewandtes Theater)
aussehen kann. Generell geht es darum, Zuschauende aktiv mit
einzubeziehen, sie im Spiel in eine bestimmte Situation zu ver-
setzen und Lösungen finden zu lassen.
Studieren kann man diese besondere Form des Theaters bei Dra-
ma for Life (kurz: DFL). DFL ist ein Programm an der Wits School
of Arts. Studierende aus aller Welt können hier neben Applied
Drama auch Drama Therapy (Theater-Therapie) und andere
angewandte Theaterstudiengänge studieren.
DFL entstand im Jahr 2006. Die Idee war, das HIV-Problem in
Südafrika mit einer neuen Methode anzugehen: mit Theater.
Theater sollte die Möglichkeit bieten, Probleme und Themen
offen anzusprechen, zu diskutieren und Lösungsansätze zu
­finden.
DFL lässt sich in drei Hauptbereiche unterteilen: Den akademi-
schen Teil (Academic), die Projekte (Projects) und die Forschung
(Research). Beim Research geht es darum, das bisher nicht sehr
verbreitete Feld der angewandten Theaterwissenschaften und
Theater-Therapie zu erforschen. Im Rahmen dieser Forschung
istDFLVeranstaltereinerjährlichenResearchConference.Diese
Konferenz wird zusammen mit verschiedenen Partner*innen zu
einem spezifischen Thema (2015: Migration, Culture and ­Public
73
Health) veranstaltet. Drei Tage lang wird den Teilnehmenden
ein abwechslungsreiches Programm geboten. Professor*innen
und Akademiker*innen halten ­Fachvorträge und stellen For-
schungsergebnisse vor. Diskussionsrunden,  Work­shops und
kleine Theaterstücke bieten spannende Einblicke in die Praxis.
Der akademische Bereich des Projekts ist der Grund, warum
DFL an der Wits University angesiedelt ist. Aktuell studieren
mehr als 50 Studierende bei DFL Theorie und Praxis des Ange-
wandten Theaters und der Theater-Therapie.
Die DFL-Studierenden sind stets ein buntes Team aus Men-
schen unterschiedlicher sozialer Schichten und kommen nicht
nur aus Südafrika und den südafrikanischen Nachbarländern,
sondern auch aus Brasilien, Deutschland und anderen Ländern.
Ein DFL-Student, der letztes Jahr seinen Master in Applied
Drama abgeschlossen hat, ist nun zurück in sein Heimatland
Nigeria gegangen und hat dort eine eigene Playback Theatre
Company gegründet. Playback Theatre ist eine Art des Improvi-
sationstheaters, wobei die Zuschauenden die Möglichkeit erhal-
ten, eine persönliche Erfahrung oder Begebenheit aus ihrem
Leben zu erzählen. Diese kurze Geschichte wird im direkten
Anschluss von den Schauspieler*innen auf der Bühne in Szene
gesetzt. DFL gründete die erste Playback Theatre Company in
ganz Afrika; der Student hat das Konzept nun auch nach Nigeria
gebracht. Das zeigt, wie weit DFL wirkt.
Die DFL-Studierenden selbst sind in viele der Praxisprojekte mit
eingebunden. So erhalten sie die Möglichkeit, das im Studium
Gelernte praktisch anzuwenden und umzusetzen. Der Bereich
„Academic“ ist also unmittelbar mit den „Projects“ verknüpft.
Beim jährlich veranstalteten „Moutse East“ Project fährt
das gesamte DFL-Team, d. h. sowohl Mitarbeiter*innen, als auch
Studierende, für vier Tage in die Nachbarprovinz Limpopo. Dort
bieten sie Theater-Workshops für Kinder und Jugendliche an.
Auch hier dreht sich alles um HIV/AIDS.
Ein anderes Bildungsprojekt ist das Mvuso School and Com-
munity Education Project. Hierbei arbeitet DFL mit Schu-
len in Soweto zusammen. Beim Mvuso Project nehmen die
Lehrer*innen zunächst an einer Training Week teil, in der sie
in die Grundlagen und Methoden des Applied Theatre und des
Theatre in Education (Theater in der Bildungsarbeit) eingeführt
werden. Im Anschluss daran haben sie sieben Wochen Zeit, mit
ihrer Schulgruppe ein Theaterstück zu entwickeln, das sich zum
Beispiel mit dem Thema Teenager-Schwangerschaften befasst.
Alle Stücke werden der Öffentlichkeit präsentiert. Eine Jury
wählt die drei besten aus, die schließlich bei der großen End­
veranstaltung aufgeführt werden.
Neben diesen sozialen Bildungsprojekten bietet DFL vor allem
eines: Eine Plattform für junge, kreative und engagierte Men-
schen.
Seit 2010 veranstaltet DFL jährlich den Poetry Slam Wett-
bewerb „Lovers + Another“. Das Thema des Jahres 2015 lautete:
„Diversity: Race, Sexuality, HIV/AIDS“. In Online-Competitions
und Live-Shows traten die Teilnehmenden gegeneinander an.
Das Finale fand schließlich im großen Joburg Theatre statt. Die
zehn Finalist*innen erhielten zudem die Möglichkeit, an einem
Schreibworkshop teilzunehmen.
Das SADC Africa Project geht über die Grenzen Südafrikas
hinaus. Hierbei kommen Schauspieler*innen, Künstler*innen
und Theatermacher*innen aus sieben Ländern Afrikas zusam-
men. In Workshops werden gemeinsam neue Theatermethoden
74
SÜDAFRIKA
erprobt und über Menschenrechte, Sexualitäten, HIV/AIDS und
die Rolle des Theaters in diesem Kontext diskutiert. Im Laufe
des Projekts entwickelt daraus jeder Teilnehmende eine eigene
Performance. Fragestellungen wie „Wer bin ich?“, „Was macht
meine Identität aus?“, „Wie lebt es sich mit meiner sexuellen
Identität in meinem Land?“, „Wie gehen Gesellschaft, Politik
und Medien mit meiner sexuellen Identität um?“ werden the-
matisiert und im Anschluss mit dem Publikum diskutiert.
Beim Future Beats Radio Drama Project, das im Frühjahr
2015 durchgeführt wurde, galt es, Theater auf einer anderen
Ebene zu erleben. Und zwar: Im Radio. In Workshops erlernten
die Studierenden das nötige Handwerkszeug. Dann entwickel-
ten sie selbst ein Radio-Drama, das anschließend in der DFL-
Radioshow „Life Beats“ ausgestrahlt wurde.
Egal in welchem Rahmen – Theater in all seinen Formen
gibt es bei DFL ständig zu erleben, zum Beispiel während der
jährlichen South African Theatre Season. Inzwischen ist DFL
nicht nur im unieigenen Theater, sondern auch in großen Thea­
tern Johannesburgs und der Hauptstadt Pretoria längst ein
Begriff.
Auch im Internet und auf Social Media ist DFL aktiv. Soziale
Netzwerke nutzen, um auf aktuelle politische und gesellschaft-
liche Themen aufmerksam zu machen – das ist die Idee. Ein
wichtiges Projekt dafür ist das Build A President Projekt. Dabei
werden verschiedene Menschen gefragt, welche Eigenschaften
ihrer Meinung nach ein*e gute*r Präsident*in haben sollte oder
was sie für das Land und die Gesellschaft tun würden, wenn sie
selbst Präsident*in wären. Das Projekt möchte das Demokratie-
bewusstsein in der Bevölkerung stärken. Es soll anregen, über
Themen nachzudenken, sich eine eigene Meinung zu bilden und
diese offen kund zu tun.
DFL will soziale Ungerechtigkeiten nicht stumm hinnehmen,
sondern offen darauf aufmerksam machen und sich aktiv für
eine gerechtere und bessere Gesellschaft einsetzen. Daher
versucht DFL mit all diesen Projekten, Dialoge zu aktuellen
sozia­len und gesellschaftlichen Themen in der Bevölkerung
anzukurbeln. Das DFL-Team selbst ist Vorbild für ein gelun-
genes Zusammenleben in der so vielfältigen südafrikanischen
Gesellschaft. Die DFL-Mitarbeiter*innen sind Menschen ver-
schiedener Herkunftsländer, Hautfarben, Religionen und sexu-
eller Orien­tierung. Bei so vielen unterschiedlichen Hintergrün-
den und Sichtweisen kommt es immer wieder zu interessanten
Gesprächen und Diskussionen. Für mich stellt DFL ein tolles
Beispiel dar, wie man Verschiedenheiten als Bereicherung erle-
ben kann.
DFL ist mehr als eine Organisation, es ist fast schon eine
Familie, die „Drama for Life Family“. Und die befindet sich im
ständigen Wachstum und Wandel, entwickelt immer wieder
Neues.
Wir dürfen gespannt sein, was die Zukunft bietet … D
Mehr Informationen zu Drama for Life und den einzelnen
Projekten gibt‘s online:
www.dramaforlife.co.za
www.facebook.com/witsdramaforlife
www.facebook.com/buildapresident
Judith Weidner, Jahrgang 1996, nach dem Abitur
­internationaler Freiwilligendienst in Johannesburg,
Südafrika, wo sie an der Wits University im Projekt
Drama for Life arbeitete. Seit Oktober 2015 ­studiert
Judith Weidner Kultur- und Medienbildung in
Ludwigsburg mit den Schwerpunkten Film und
­digitale Medien und Theater/Literatur
75
„Ich will eine App entwickeln, die über HIV aufklärt, seine Fehlin-
formationen beseitigt und Jugendlichen in Uganda hilft, sich über
Pubertät, Sex und Gesundheit ohne Scham und Angst auszutau-
schen“ (Ruth, 19 Jahre).
Die junge Uganderin Ruth Nabembezi hat ein festes Ziel. Sie
will die gefährliche Infektionskrankheit AIDS bekämpfen.
Dafür entwickelt sie eine App, die es ugandischen Jugendlichen
ermöglicht, fachgerechte und richtige Informationen zum The-
ma Sex, Pubertät und HIV abzurufen. Ruth spricht dabei eine
spezielle Zielgruppe an. Sie wendet sich mit ihrer App vor allem
an die Mädchen und Frauen ihres Landes, denen es an geeig-
neter Aufklärung mangelt. „Falsche Mythen, Unwissenheit
und Scham sind oft Ursache für Jugendschwangerschaften und
HIV Infektionen. Daher müssen junge Menschen, die durch ihr
Alter besonders gefährdet sind, ein Recht auf Klarheit über das
gefährliche Virus haben“, erzählt sie mir.
Unter der Überschrift „Ask Without Shame“ kreiert Ruth eine
interaktive Plattform, auf der sich Jugendliche austauschen
können und von Experten beraten und unterstützt werden. Eine
neue Präventionsmöglichkeit um das Risiko einer HIV Infek­
tion in Uganda zu minimieren.
2015 – nach ihrem Abschluss an der High School war sie Teilneh-
merin der „Ampion Venture Bus Tour“, einer panafrikanischen
Organisation zur Förderung innovativer technischer Ideen von
Jugendlichen in ganz Afrika. Hier wächst sie über sich hinaus.
Sie berichtet zum ersten Mal vor größerem Publikum von ihrem
Projekt und stößt mit ihrer Idee auf Erfolg. Sie erhält Unterstüt-
zung von medizinischen Fachkräften und App-Designern. Ein
weiterer Schritt in Richtung Ziel.
Als Kind wächst Ruth gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester
Pamela als Waisenkind im Kankobe Childrens Home im Westen
Ugandas auf. Ihre Eltern hat sie durch die oft tödliche Immun-
schwächekrankheit AIDS verloren. Durch die Hilfe einer deut-
schen NGO und die Unterstützung eines Paten wird ihr die
Ausbildung bis zum Abitur finanziert. Sie strengt sich an, denn
diese Chance lässt sie sich nicht entgehen. In der Schule ent-
deckt sie ihre Stärke in Naturwissenschaften und beginnt, sich
für Medizin zu interessieren.
Ein tragisches Ereignis lässt sie auf die Idee kommen eine
App zu entwickeln und ein Problem anzugehen, das in der
ugandischen Gesellschaft immer noch als Tabuthema behan-
delt wird: Ruths Schwester Pamela stirbt sehr jung. Sie wurde
mit dem gefährlichen HIV Virus geboren. Dies erfährt Ruth
Appsolut innovativ!
Junge Perspektiven für Uganda
Klara Giesler
76
UGANDA
phone besitzt heutzutage fast jeder in Uganda. Mittlerweile ist
ihre App bereits erhältlich. Gerade einmal sechs Mo­nate hat
es gedauert, bis sie ihre anfänglich kleine Idee zu einer großen
Kampagne wird und ihre Botschaft an die Gesellschaft richtet:
Ask Without Shame!
„Ich will eine zuverlässige, langlebige und erschwingliche Energie-
lieferung für den ländlichen Teil Ugandas schaffen. Solarenergie soll
bald für jeden Ugander nutzbar und erreichbar sein“ (Robin, 25).
Robin ist 25 Jahre alt und kommt aus einem kleinen Dorf im
Norden Ugandas. Fern ab von Großstädten und viel befahre-
nen Straßen gibt es in seinem Dorf keinen Strom und er wächst
mit Kerosinlampen und Kerzen als Lichtquelle auf. Oft erfährt
er die Gefahr der offenen Flammen am eigenen Leib. „Funken
der Lampen können sehr schnell ein Haus in Brand stecken. So
haben Freunde und Familien, die ich kenne, schon alles ver-
loren“, berichtet mir Robin. Die Erlebnisse in seiner Kindheit
bringen ihn schlussendlich auf die Idee: Er möchte ein Rural
Technical Center im Norden Ugandas errichten. Auch die länd-
liche Bevölkerung Ugandas soll Zugang zu einer zuverlässigen
und ausreichenden Stromversorgung durch Solarenergie haben.
Bisher konzentriert sich die Solartechnik im Raum um die
erst nach dem Tod ihrer Schwester. „Wäre die Krankheit frü-
her festgestellt worden, hätte man sie von Ärzten behandeln
lassen können“, erzählt sie. Doch durch Ignoranz und Unwis-
sen über die Krankheit hatte ihre Schwester keine Chance. Sie
recherchiert in den Medien und führt zahlreiche Gespräche
mit verschiedenen Personen unterschiedlicher Altersgruppen.
Am Ende ist sie schockiert darüber, an wie viele falsche medi-
zinische Mythen und Informationen die Gesellschaft, in der
sie lebt, glaubt. Denn in Uganda sterben Menschen oft nicht an
HIV aufgrund fehlender medizinischer Versorgung. Sie sterben
aufgrund eines mangelnden Bewusstseins über den Infektions-
mechanismus, Verlauf und die Auswirkungen der Krankheit.
Genau wie Pamela.
Heute ist eine HIV Diagnose kein Todesurteil mehr. Dank
einer fortschreitenden medizinischen Entwicklung lässt es sich
mit der Infektion leben. In Kampala, der Hauptstadt Ugandas,
findet man mittlerweile große Plakate zur Aufklärung von HIV
und auch die Medizin für Infizierte ist kostenlos. Dennoch geht
man Schätzungen zufolge von immer noch 350 Neuinfektionen
pro Tag aus. Gegen dieses Unwissen, das Menschen in Uganda
gefährlichwerdenkann,kämpftRuthan.DurchihreAppschafft
sie ein Medium, durch das Jugendliche gut an medizinische
Informationen gelangen können. Denn ein Handy oder Smart-
77
Hauptstadt. Nach seinem Abitur macht Robin eine Ausbildung
in Elektrotechnik. Gute Grundkenntnisse hat er also. Und jetzt
schon hat er mehrere Prototypen angefertigt und lässt seine
Idee von Tag zu Tag wachsen.
Was haben Ruth und Robin mit ihren innovativen Ideen gemein-
sam? Beide sind Schüler*innen der Social Innovation Academy,
kurz SINA. Diese ist ein einzigartiger Lernraum, der benach-
teiligte Jugendliche dazu befähigt, ihre eigenen Projektideen
zu Sozialunternehmen auszubauen. Seit April 2014 entsteht
die Akademie auf einem Hügel in Mpigi, ca. 30km von Ugandas
Hauptstadt Kampala entfernt. 40 Jugendliche, die ihre Schul-
ausbildung bereits abgeschlossen haben, leben und arbeiten in
der SINA. Die Universität können sich nur wenige in Uganda
leisten. Denn in dem ostafrikanischen Land ist Bildung ein Pri-
vileg und daher sehr teuer. Hinzu kommt, dass Uganda formell
eine der höchsten Jugendarbeitslosigkeiten Afrikas aufweist,
mit alarmierenden 83 % laut Weltbank. Feste Arbeitsplätze sind
aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums kaum vorhanden
und so haben Absolvent*innen der Universitäten trotz heraus-
ragender Ergebnisse oft keine Möglichkeit auf feste Arbeit.
In der SINA werden junge Menschen darin unterstützt,
sich ihrer Fähigkeiten und Talente bewusst zu werden und
ihre Ideen wachsen zu lassen, bis hin zu ihrem eigenen Projekt
bzw. Produkt. Von ausgebildeten Volontär*innen, „Facilitators“,
bekommen sie die nötige Hilfestellung. Aus Jugendlichen, die
ursprünglich nach Arbeitsplätzen gesucht haben, entstehen
nun Jugendliche, die selber nachhaltig Arbeitsplätze schaffen.
So sind sie in der Lage, die sozialen Probleme ihres Landes kre-
ativ zu lösen und Perspektiven zu schaffen. Nachhaltigkeit,
Umweltschutz und projektbasiertes Lernen sind wichtige Ele-
mente in der SINA. Der erste Grundstein wurde bereits bei der
Gründung durch den Bau der Akademie gelegt: Lernräume, kon-
struiert aus recycelten Plastikflaschen. Baumaterial ist in Ugan-
da sehr teuer. Plastikflaschen hingegen sind nahezu unendlich
verfügbar. Für ein Haus benötigt man ca.16.000 Plastikflaschen.
Sie werden mit Lehm gefüllt und zum Trocknen zur Seite gelegt.
Danach sind sie hart wie Ziegelsteine und für den Bau bestens
geeignet.Aufgeschichtet,anderInnenseitemitSchnürenfixiert
und in den Zwischenräumen mit Zement oder Lehm aufgefüllt,
sind sie äußerst stabil. Aus Müll entstehen neue und wertvol-
le Ressourcen. Ein Prinzip, das sich „Upcycling“ nennt und
zugleich die Umweltverschmutzung im Land bekämpft. Hier
lernen Jugendliche sich frei zu machen von erlernten Normen
und Werten, um die Ecke zu denken und der eigenen Kreativität
freien Lauf zu lassen – ein nicht immer einfacher Prozess.
78
UGANDA
Ruth und Robin sind zwei Beispiele für die vielen einzigartigen
Projekte, die in der Social Innovation Academy wachsen. Am
Ende erhalten sie zwar kein Abschlusszeugnis, dafür verlassen
sie mit ihrem eigenen Unternehmen die Akademie. Eine gute
Motivation, wenn man die derzeitige Belanglosigkeit eines Uni-
versitätszeugnisses berücksichtigt.
40 Jugendliche zwischen 18 und 28 Jahren, unterstützt und
betreut von 15 Volontär*innen, leben und arbeiten derzeit in
der SINA. Sie organisieren gemeinsam das Projekt, denn es gibt
keine hierarchischen Strukturen. Männer und Frauen arbei-
ten miteinander. Sie errichten weiterhin neue Plastikflaschen-
häuser, bereiten in der Küche den Mittagssnack für die Gruppe
vor oder beteiligen sich an Leitung und Entwicklung der SINA.
Jede*r kann sich je nach Erfahrung und Talent einbringen und
so das Projekt organisieren. Sobald sie aus der Akademie gehen,
müssen sie in der Lage sein, selbstständig ihre Zeit einzuteilen
und Prioritäten zu setzen. Die SINA als geschlossener Raum bie-
tet hierfür eine hervorragende Lernmöglichkeit.
Es ist eine eigene Kultur entstanden, basierend auf Respekt,
Teamwork, gegenseitigem Vertrauen und Eigeninitiative. Mit
Herausforderungen umzugehen, an ihnen zu wachsen und
gleichzeitig der eigenen Kreativität zu folgen, sollte nicht nur
in einem Projekt wie der SINA gang und gäbe sein. Sofern man
bereit ist, sich von den gesellschaftlich erlernten Normen zu
lösen und sich auf etwas Neues einzulassen, könnte dieses Kon-
zept überall auf der Welt funktionieren.
Und vor allem in Uganda, einem Land, das vor rund 35 Jahren
furchtbar unter der Diktatur Idi Amins litt, ist die Social Inno-
vation Academy ein einzigartiges und hoffnungsvolles Projekt,
was nur so sprüht vor Ideen, Energie und Fortschritt. D
Klara Giesler, Jahrgang 1995, ­internationaler
­Frei­willigen­dienst im Kankobe Childrens Home Uganda
2013/2014, Auslandsaufenthalte in Uganda 2015 und
2016, Studium: Internationale Beziehungen – Universität
Erfurt, seit 2013 Mitarbeit im Verein Jangu e. V., innova­
tiver Verein der Entwicklungszusammenarbeit im
Bildungsbereich, Informationen: www.jangu.org
79
Elisabeth Kaneza kommt aus Ruanda. Als dort 1994 der Völ-
kermord ausbrach, mussten sie und ihre Familie das Land ver-
lassen. Ihre Kindheit und Jugend in Deutschland verbrachte
Elisabeth in Aachen, wo sie auch ihr Abitur machte. Schon als
Schülerin war sie sehr engagiert, vor allem in der Integrations-
und Jugendarbeit. Anschließend studierte sie in Maastricht
„European Studies“ und absolvierte ihren Master in „Inter-
cultural Conflict Management“ in Berlin. Als Forschungs-
schwerpunkte wählte sie die Entwicklungszusammenarbeit
der Europäischen Union mit Afrika, die Transformation von
innerstaatlichen Konflikten, internationale Menschenrechte
und den Themenkomplex „Migration und Flucht“. Themen, die
sie seit ihrer Jugend begleiteten und interessierten. Nach ihrem
Studium war sie in der ruandischen Botschaft und anschließend
im Deutschen Bundestag tätig.
In Ruanda geboren, vermisste sie zunächst ihr Heimatland,
ihre restlichen Familienmitglieder und Freunde in Ruanda und
auch das Sprechen ihrer Muttersprache ­Kinyarwanda. Gleich-
zeitig war ihr bewusst, was für eine Chance es für sie und ihre
Geschwisterwar,fernvonGewaltundKrieg ­aufzuwachsen.Dank
ihres ruandischen Elternhauses konnte sie die ­ruandische Kul­
tur und ihre Muttersprache pflegen. Es war  ihr wichtig, ihre Ver­
wurzelung und die Verbindung zu Ruanda aufrecht zu ­erhalten.
2011 war sie Mitgründerin der Ruanda Connection, einem
deutsch-ruandischen Bildungsnetzwerk für junge Menschen,
dessen Vorsitzende sie ist. Viele der Mitglieder sind Ruan­
der*innen, die in Deutschland aufgewachsen sind sowie andere
an Ruanda Interessierte, beispielsweise ehemalige Freiwillige
oder Entwicklungshelfer*innen1.
2013 gründete Elisabeth Kaneza die „Kaneza Initiative“ zur
Unterstützung von jungen Migrant*innen und zur Förderung
des interkulturellen Dialogs in Deutschland. Die Initiative
möchte Vorurteile gegenüber Menschen mit einer Zuwande-
rungsgeschichte abbauen und dazu beitragen Chancengleich-
heit und Vielfalt zu erreichen. Mit dem Mentorenprogramm
„Mentor Me“ unterstützt die „Kaneza Initiative“ die persönliche
Entwicklung der Teilnehmenden und fördert bürgerschaftli-
ches Engagement. 2015 wurde Elisabeth als Fellow der Vereinten
Nationen ausgewählt und setzt sich in dieser Funktion verstärkt
für die Verbesserung der Menschenrechte von Menschen afri-
kanischer Abstammung und für Anti-Diskriminierung ein.
Elisabeth Kaneza: Ich
habe mich entschieden,
selberVorbild zu sein.
Janinka Lutze & Elisabeth Kaneza
1	 Informationen unter http://ruandaconnection.com/?lang=de
80
RUANDA
Das folgende Interview mit Elisabeth Kanzea führte Janinka
Lutze
Was sind die gängigen Klischees, Stereotype und
Vorurteile über Ruanda bzw. Afrika, die dir begegnen?
In Deutschland gibt es sowohl Vorurteile über meinen Heimat-
kontinent als auch über mein Heimatland Ruanda. Letztere
betreffen den Völkermord von 1994. Viele Menschen hierzulan-
de verbinden Ruanda in der Regel mit den schrecklichen Bildern
des Genozids. Ich finde es schade, wenn Ruanda nach 22 Jah-
ren immer noch auf den Genozid reduziert wird. Andererseits
erwarte ich, dass sich Menschen mit den Themen Konflikt und
Genozid beschäftigen. Es gibt ebenso viele, die einfach nichts
über Ruanda wissen. Ich engagiere mich deshalb für eine vor-
urteilsfreie Bildungsarbeit im Netzwerk „Ruanda Connection“.
Die Stereotype über Afrika oder afrikanische Menschen sind
sehr resistent. Sie sind jahrhundertealt. Über mich gab es bereits
Vorurteile, bevor ich in Deutschland gelebt habe. Im Kern geht
es darum, dass unsere deutsche Gesellschaft rassistische Theo-
rien noch nicht überwunden hat. Der schwarze Mensch gehörte
zu der untersten Kategorie der Menschheit. Er wurde dement-
sprechend behandelt. Sklaverei und Kolonialismus wurden
durch dieses Weltbild gerechtfertigt. Neben den Bildern des
rückständigen Afrikaners herrschte eine romantische Vorstel-
lung von Afrika und seinen Schätzen vor. Diese widersprüch­
lichen Anschauungen bleiben heute bestehen. Für mich sind das
keine harmlosen Klischees, sondern in vielen Fällen gefährliche
Rassismen, die weiter reproduziert werden. Sie sind gefährlich,
weil sie eine Grundlage für Fremdenfeindlichkeit und Diskri-
minierung bilden. Auch eine gleichberechtigte Partnerschaft
mit afrikanischen Ländern leidet darunter.
Was können wir in Deutschland von Ruanda lernen?
Ruanda und Deutschland verbindet eine ähnliche Historie. Bei-
deLänderhabeneinegeschichtlicheTragödieerlebt,dieaufgear-
beitet werden musste. In beiden Ländern fand ein Wiederaufbau
statt: sowohl rechtsstaatliche Strukturen als auch der gesell-
schaftliche Zusammenhalt mussten wiederhergestellt werden.
Von ruandischer Seite gab es also nach dem Völkermord viel von
Deutschland zu lernen. Hierzulande ist das gelungen, was sich
die Menschen in Ruanda noch wünschen: Langfristiger Frieden
und wirtschaftliche Entwicklung.
Trotz der Ähnlichkeiten ist die ruandische Geschichte ein-
zigartig. Von Ruanda gibt es viel zu lernen. So beispielsweise die
Traditionen, die die Gemeinschaft und das Miteinander in den
Vordergrund stellen. Zudem, dass es möglich ist, mit eigenen
Kräften das Land wieder aufzubauen und zum Blühen zu brin-
gen. In nur 22 Jahren haben die Menschen in Ruanda der Welt
bewiesen, zu was sie fähig sind. Wer heute in Kigali landet, kann
sich nur schwer vorstellen, dass hier dieser furchtbare Genozid
stattgefunden hat. Kigali entwickelt sich rasant. Es entsteht
ein IT-Hub, Startups werden gegründet, junge Menschen ent-
wickeln innovative Anwendungen, um Armut zu bekämpfen
und Leben zu retten. Die Rechte der Einzelnen werden gestärkt.
81
Welchen Imagewechsel müssten wir in Deutschland
vollziehen, um die Repräsentanz von Migrant*innen
in verschiedenen Berufs- und Politikfeldern zu erhö-
hen?
Unser Problem ist nicht das Image, sondern die Realität in
Deutschlands Städten und Kommunen. Deutschland ist bereits
ein bevorzugtes Einwanderungsland. Im weltweiten Vergleich
lässt es sich hier gut leben. Die Wirtschaft ist stark, das Bil-
dungssystem hochwertig und der Lebensstandard ist gut. Für
Migrant*innen sieht die Realität allerdings so aus, dass sie
viele Barrieren in der Gesellschaft überwinden müssen, bevor
sie einen erfolgreichen beruflichen Werdegang einschlagen
können. Was auffällt ist, dass wir jetzt verstärkt für Fachkräf-
te werben, es aber offensichtlich über Jahre hinweg versäumt
haben, in Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte zu
investieren und sie erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu inte­
grieren. Rassismus und Diskriminierung wurden hingenom-
men, von beiden Seiten. Das Resultat ist der Rückzug. Vorurteile
sind dann schädigend, wenn Schüler*innen entmutigt werden,
einen guten Abschluss zu machen und keine Förderangebote
erhalten, wenn diese nötig sind. Ebenso sind sie schädigend,
wenn Bewerber*innen mit einem ausländisch klingenden
­Nachnamen erst gar nicht zum Vorstellungsgespräch eingela-
den werden.
In Ruanda haben sich die Frauen nicht nur als Trümmerfrauen
verdient gemacht, sondern für den Wiederaufbau des Landes
einen erheblichen Beitrag geleistet. Anders als in den meisten
Nachkriegsgesellschaften behielten sie diese zentrale Rolle. Mit
einem Frauenanteil von 64 Prozent bilden sie heute eine starke
politische Kraft, die nicht zuletzt dafür verantwortlich ist, dass
für Frauen inzwischen das Erbrecht gilt.
Was trägt zu einer Begegnung auf Augenhöhe
bei interkulturellem Jugendaustausch zwischen
Deutschland und Ruanda bzw. deutsch-ruandischen
Beziehungen bei?
Augenhöhe und Partnerschaft sind große und kontroverse
Begriffe. Für mich ist es wichtig, dass sie nicht nur eine symbo-
lische Relevanz haben. Im Bereich des Jugendaustausches kön-
nen wir nicht von einer Gleichberechtigung sprechen. Nehmen
wir Ruanda als Beispiel: Jedes Jahr reisen viele junge Deutsche
nach Ruanda, um dort interkulturelle Erfahrungen zu sam-
meln und ihren Horizont zu erweitern. Junge Erwachsene aus
Ruanda haben nicht annähernd die gleichen Möglichkeiten. Ich
kritisiere die Einseitigkeit der Erfahrungen: Durch Programme
wie „weltwärts“ und andere Freiwilligendienste findet vor Ort
in Ruanda ein direkter Austausch mit den jungen Menschen
aus dem globalen Norden statt. Das ist auch eine Bereicherung
für das Gastgeberland, wobei neue Freundschaften geschlossen
und Vorurteile abgebaut werden. Diese Erfahrung macht die
deutsche Gesellschaft nicht in diesem Umfang, es finden nur
wenige Süd-Nord Begegnungen hierzulande statt. Zudem wird
in zu vielen Seminaren ein Bild von Afrika gezeichnet, das nicht
der Realität entspricht. Beides müssen wir ändern. Ebenso gilt
es hier in Deutschland den Jugendaustausch für junge Men-
schen aus allen sozialen Hintergründen zugänglich zu machen.
82
RUANDA
Welches sind die Erfolgsfaktoren für bürgerschaft-
liches Engagement, die ihr mit dem Mentorenpro-
gramm der Kaneza Initiative beobachten könnt?
Das Mentorenprogramm „Mentor Me“ fördert das bürgerschaft­
liche Engagement von Mentees und Mentor*innen. Die Mentees
sind junge Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte, die
eine Projektidee entwickeln und diese mit ihren Mentor*innen
weiterdenken. Für uns sind die Erfolgsfaktoren neben dem inte-
grativen Nutzen des Mentorings das erhöhte Selbstbewusstsein
und der Tatendrang, den wir bei den Mentees feststellen kön-
nen. Engagement produziert viele Erfolgserlebnisse und die
wiederum schaffen Wertschätzung. Auch wenn die Mentees von
Herausforderungen aus ihrem Alltag in der Uni oder dem Job
berichten, stehen dem gegenüber immer positive oder zumin-
dest spannende Erfahrungen, mit denen sie sich im Mentoren-
programm beschäftigen.
Was ist deine persönliche Motivation?
Meine persönliche Motivation ist mein eigener Weg und auch
meine Ideale. Ich sehe und erlebe, welche Auswirkung es
haben kann, wenn jeder Mensch einen kleinen Beitrag leistet.
Ich glaube daran, dass wir alle eine Gabe besitzen, mit der wir
unser Umfeld ein Stück reicher machen können. Und wir haben
alle die Fähigkeit, etwas zu bewegen. Ich wäre heute nicht hier,
wenn es keine Menschen gegeben hätte, die das Unmögliche
versucht und geschafft haben. Ich glaube auch daran, dass wir
nicht nur für uns selbst auf dieser Welt sind, sondern eine Ver-
antwortung für die Gemeinschaft tragen. Mich motivieren die
Überzeugungen und Taten von meinen großen und kleinen Vor-
bildern. Martin Luther King sagte einmal: „Wenn Du nicht flie-
gen kannst, renne; wenn Du nicht rennen kannst, gehe; wenn
Du nicht gehen kannst, krabble; aber was auch immer Du tust,
Du musst weitermachen.“ Danach lebe ich.
Ich bin in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, einem Bundes-
land mit einem hohen Ausländeranteil. Es gibt Stadtteile, in
denen man kaum weiße Menschen sieht. Die Wohnungen sind
in einem schlechten Zustand. Es herrscht Armut. Ist das Zufall?
Wenn ich dann höre, dass von Parallelgesellschaft die Rede ist,
frage ich mich manchmal, ob allen klar ist, womit wir es zu tun
haben. Es geht nicht darum, dass Menschen sich abgrenzen
möchten. Es geht darum, dass Menschen weggedrängt werden
und sich Räume schaffen, in denen sie ihre Kultur und ihre
Religion praktizieren können. Das ist dieser Rückzug, den ich
meine. Es geht aber nicht, dass diese Orte vergessen und die
Menschen abgehängt werden. Dennoch ist genau das die heu-
tige Realität. Wenn wir den Flüchtlingen, die zu uns kommen,
eine andere Wirklichkeit ermöglichen möchten, müssen wir aus
den Fehlern der Vergangenheit und Gegenwart lernen. Das Ziel
muss sein, dass wir als Gesellschaft zusammenwachsen – in
Anerkennung unserer kulturellen Vielfalt. Wir brauchen also
keinen Imagewechsel, sondern ein Umdenken darüber, was
Deutsch-Sein in der heutigen Zeit bedeutet.
83
Janinka Lutze war 2009/2010 zum ersten Mal
im Rahmen ihres internationalen Freiwilligenjahres
in Ruanda, Bachelor in „Naturschutz und
Landschaftsplanung“, aktuell Masterstudiengang
„Regionalentwicklung und Naturschutz“. Sowohl
im Rahmen des Studiums als auch privat arbeitet
JaninkaLutze in verschiedenen Naturschutzprojekten
in Ruanda und ist regelmäßig dort um ihre Freunde
zu besuchen. Derzeit mehrmonatige Kartier- und
Forschungsarbeit im Rahmen der Masterarbeit über
Amphibien in Costa Rica.
Was können junge Menschen von deinem Engage-
ment lernen?
Das ist eine schöne Frage. Zuhause bin ich die Älteste. Es gab
Situationen, die ich durchstehen musste, ohne ein Vorbild zu
haben. Und es gab Herausforderungen, über die ich mit nieman-
dem sprechen konnte, weil sie keiner so wahrgenommen hat wie
ich. Ich hatte zwei Optionen: Entweder ich warte, bis jemand
kommt, der*die mir eine Lösung bringt oder ich handle selbst.
Ich habe mich für Letzteres entschieden und gelernt, dass es
sich lohnt, eigene Ziele zu haben und diese zu verfolgen. Mein
eigener Weg hat mir auch gezeigt, wie wichtig Vorbilder sind.
Deswegen habe ich mich entschieden, selber Vorbild zu sein und
habe angefangen meine Erfahrungen mit anderen zu teilen.
Vorbilder erweitern unsere Horizonte.
Ich wünsche mir, dass junge Menschen von meinem Engage-
ment lernen, sich persönlich auf die jeweils eigene Art zu enga-
gieren und für sich und andere Wege zu ebnen.
Wo möchtest du Ruanda in 20 Jahren sehen?
Ich wünsche mir für Ruanda, dass wir in 20 Jahren noch Frieden
und politische Stabilität haben. Für die Jugend wünsche ich mir
weiterhin wachsende Angebote in den Bereichen Bildung und
Beschäftigung. Für das ruandische Volk erhoffe ich mir, dass die
nationale Einheit und Aussöhnung als Fundament des politi-
schen und gesellschaftlichen Handelns erhalten bleibt.
Und wo Deutschland?
In 20 Jahren wird Deutschland noch bunter sein als heute. Ich
wünsche mir, in der Politik, Wirtschaft, öffentlichen Verwal-
tung und Lehre mehr Menschen mit einer Zuwanderungsge-
schichte zu sehen. Die Flüchtlinge, die heute als Kinder zu uns
kommen, haben in 20 Jahren einen Abschluss und einen erfolg-
reichen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Ich wünsche mir für
unsere Gesellschaft mehr Bewusstsein für die Themen Vielfalt
und Diskriminierung und dass wir die nötigen Maßnahmen
ergreifen, um Chancengleichheit für die Minderheiten in unse-
rem Land zu erreichen. Davon profitieren wir alle. D
84
RUANDA
Kaneza Initiative
„Eine Initiative für Chancengleichheit, Dialog & Vielfalt.
Wir bieten 1:1 Mentoring für junge Menschen mit Zuwande-
rungsgeschichte.“ So formuliert es die Kaneza Initiative bei
der Kurzbeschreibung auf facebook (https://www.facebook.
com/Kanezainitiative). Und damit ist nicht zu viel verspro-
chen. Die Organisation hat das Ziel, durch Austausch, Dia-
loge sowie ein Mentoringprogramm, die persönliche Ent-
wicklung von Migrant*innen sowie Jugendlichen mit einer
Zuwanderungsgeschichte zu fördern und Völkerverständi-
gung zu ermöglichen.
Die Kaneza Initiative wurde 2013 von Elisabeth Kane-
za gegründet. Sie sah den Bedarf der Unterstützung für
Migrant*innen, da diese oft noch unter erschwerten Bedin-
gungen bei der Bildung und dem Einstieg ins Berufsleben
leiden. So wird ihnen der Zugang zu Hochschulen erschwert
und sie haben geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und
beim Karrierestart, auch beim Einstieg in die Selbständig-
keit. Die Kaneza Initiative möchte diese Menschen unter-
stützen und ihren Wert für die Gesellschaft verdeutlichen
und ihnen so bessere Chancen zusichern.
Hierzu gibt es seit 2014 beispielsweise das bereits erwähn-
te Mentoring Programm „Mentor me“. Hier geht es um die
Vermittlung von jungen Menschen zwischen 17 und 28 Jah-
ren (als Mentee) und erwachsenen Berufserfahrenen (als
Mentor*in) für eine Partnerschaft bei der der*die Mentor*in
seinen Mentee bei seiner akademischen und beruflichen
Entwicklung begleitet. Zusätzlich muss jeder Mentee ein
eigenes soziales Projekt entwickeln, um so das Finden von
Lösungen zu lernen sowie sein eigenes Engagement zu
gestalten. 2014 gab es die ersten 15 Mentees, 2015 wurde das
1:1 Mentoring eingeführt. Das Programm „Mentor me“ wird
stetig weiterentwickelt. Es wurde 2015 von der Robert Bosch
Stiftung ausgezeichnet. Da die Mentor*innen und Mentees
zusammen passen sollten, um möglichst viel Potenzial aus-
schöpfen zu können, wurde eine einfache aber effektive
Lösung für das Problem der örtlichen Entfernungen zwi-
schen ihnen gefunden, ebenso wie für das Zeitmanagement.
Viele der Teams nutzen skype, facebook, whatsapp und
andere Chatmöglichkeiten für die Kommunikation.
Auch für diejenigen, die an dem Mentoring Programm nicht
teilnehmen können oder möchten, gibt es von der Kaneza
Initiative die Möglichkeit, von erfahrenen Führungskräften
zu lernen. Hierzu gibt es das Young Leadership Forum, das
einen direkten Austausch von jungen Menschen und Erfah-
renen, vor allem eben Führungskräften, aus verschiedenen
Arbeitsbereichen ermöglicht. So sollen junge Menschen
neue Kompetenzen erlernen. Im Rahmen des Forums finden
zurzeit die sogenannten Mentor-Talks statt.
Um interessierten jungen Menschen weitere Möglich-
keiten des Empowerment anzubieten, gibt es außerdem
das Opening Doors Program der Kanzea Initiative. Viele
Migrant*innen haben es oft schwerer, an Bildungsveran-
staltungen teilzunehmen oder auch passende Events zu
finden. Hier hilft ihnen die Kaneza Initiative, indem sie sie
dabei unterstützt, an Informationen zu kommen, bei Ver-
anstaltungen teilzunehmen und sich bei Bildungsprogram-
men zu bewerben. Hierbei erhofft sich die Kaneza Initiative
diesen Menschen so bei ihrer persönliche Entwicklung und
dem individuellen Wachstum zu helfen und ihnen bessere
Chancen zu sichern sowie sie auf dem Weg als zukünftige
Akteure für gesellschaftlichen Wandel zu unterstützen.
85
Noch vor Sonnenaufgang reihen sich die ersten Menschen in die
Warteschlangen vor dem Stadion ein. Innen laufen die letzten
Vorbereitungen auf Hochtouren. Das Stadion muss schon Stun-
den vor Beginn der Veranstaltung seine Pforten schließen – das
größte Stadion Ruandas ist zu klein für die nationale und inter-
nationale Gemeinschaft der Trauer und Erinnerung. Pünkt-
lich betreten Ruandas Präsident Paul Kagame, einige seiner
Amtskollegen, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und weitere
bekannte Persönlichkeiten die Ehrentribüne. Die Menge ver-
stummt zu einem unruhigen Schweigen.
Hope Azeda hat keine Zeit die wichtigen Persönlichkeiten im
Publikum auszumachen. Sie hat nicht einmal Zeit, einen ein-
zigen Blick auf die Zuschauerränge zu werfen. Sie muss sich
konzentrieren und alle Details des Kulissenaufbaus, der Tech-
nik und der Verfassung ihrer Tänzer*innen erneut studieren,
gegebenenfalls verbessern. Sie spürt die Anspannung, die in der
Luft hängt. Angst und Erwartungen von Menschen vor Ort und
Hope – Ruanda
zwischen
Aufschwung
und
Unterdrückung
Louisa Esther Glatthaar
86
RUANDA
weltweit tausenden anderen, die an diesem Montagvormittag
des siebten April 2014 auf das Stadion „Amahoro“ („Frieden“)
in Kigali blicken, sind auf sie gerichtet. Die Künstlerin ist Ver-
antwortliche der Performance einer Veranstaltung, die ihres
gleichen sucht. Der siebte April 2014 ist der Tag des 20-jährigen
Gedenkens an den Völkermord von 1994. Die Veranstaltung soll
Aufklärung über den Völkermord, würdevolle Erinnerung an
die Opfer und Hoffnungsgeber gleichzeitig sein. „Es gab nicht
nur einen Moment, an dem ich aufgeben wollte. An dem ich die
Geschichten, die ich für das Skript anhören und aufarbeiten
musste, nicht mehr aushielt“, sagt Hope rückblickend.
Seit Dezember 2013 war es Hopes Aufgabe, vielmehr „ein offe-
nes Buch als eine Geschichtenschreiberin“ zu sein, da sie Zeu-
gen zuhörte und Eindrücke an Gedenkstätten sammelte. Daher
auch der Performance-Name „shadows of memory“: Schatten
der Erinnerung.
Seit jeher legt Hope bei ihren Stücken den Fokus auf die Ver-
bindung von Kunst und sozialen Problemen, von Respekt und
Menschlichkeit. Doch dieses Mal ist genau dies eine beson-
dere Herausforderung. Denn nicht nur sie selbst droht an ihre
Grenzen zu stoßen, auch ihre Gruppe leidet unter dem enormen
Zeitdruck und Gewicht des Stückes. Es ist keine Seltenheit, dass
Tänzer*innen während der Proben zusammenbrechen. Grund
dafür sind Traumata, die vor allem durch Gedenkveranstal­
tungen immer wieder aufbrechen. Nachdem im März das Stück
das erste Mal komplett durchgespielt wurde, ist das gesam-
te Team in Tränen aufgelöst gewesen. Spätestens ab diesem
Moment weiß Hope, dass die Vorstellung im Stadion am siebten
April „heftig werden wird.“ Intensiv bereitet sie alle Mitwirken-
den auf die Schreie der Traumatisierten und die bedrückende
Atmosphäre im Stadion vor. Den Moment, an dem im Stück das
Massenmorden von 1994 symbolisiert wird, nennt sie „killer
moment“. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen
der bevorstehenden Reaktionen im Publikum. Sie sollte Recht
Hope Azeda
87
weit. In der Hauptstadt Kigali schießt ein Glanzhochhaus nach
dem anderen aus dem Boden. Das Land will diplomatisches
­Zentrum Afrikas werden und ist auf dem besten Weg, großen
Staaten wie Äthiopien und Südafrika mit internationalen Ver-
anstaltungen Konkurrenz zu machen. Das kleine ostafrikani-
sche Land hat die Millenium Development Goals erreicht und
legt bei der Umsetzung der eigenen Vision 2020, einem strikten
nationalen Entwicklungsprogramm, ein beachtliches Tempo
vor. Etwas mehr als 20 Jahre nach dem Völkermord wurde Ruan-
das Regierung vom World Economic Forum zur effektivsten
Afrikas gewählt. Paul Kagame gewann 2001 das erste Mal die
Wahlen zum Präsidenten, seit 1994 war er bereits Vizepräsi-
dent. Er war es auch, der Ruanda als Anführer der RPF (Rwandan
­Patriotic Front) offiziell vom Völkermord erlöst hat.
Heute versucht sich die ruandische Nation wieder zu vereinen,
Hutu und Tutsi leben in scheinbarem Frieden nebeneinander.
Die Aufarbeitung des Völkermords geschieht im Rahmen von
Regierungsvorgaben. So zum Beispiel auch in den nach dem
Völkermord eingerichteten Dorfgerichten, bei denen auf loka-
ler Ebene Täter verurteilt oder begnadigt werden. Journalisti-
behalten. Markerschütternde Schreie erschallen bei diesem Teil
des Stücks ohne Unterbrechung aus allen Ecken des Stadions.
Doch dann kommt die Erlösung. Wie 1994 marschieren in der
Performance Soldaten ein und beenden den Völkermord. Das
Publikum beginnt zu applaudieren, minutenlang übertönt der
Applaus die Schreie der Traumatisierten. Das erste Mal traut
sich Hope Azeda aufzuschauen. Sie blickt in die Menge, die
ihre Performance nicht nur angeschaut, sondern miterlebt hat.
Mit ihrem unerwarteten Applaus nehmen die Menschen alle
Befürchtungen von Hope: Genau dieses Bild der Versöhnung
und der Hoffnung wollte sie der Welt übermitteln. Sie kann jetzt
aufblicken, sieht Ban Ki Moon auf der Ehrentribüne applaudie-
ren – und weiß: Sie hat es geschafft.
Trotzdem verlassen die Menschen die Veranstaltung nachmit-
tags mit gesenkten Köpfen. 20 Jahre sind nicht viel Zeit, um sich
als Nation tatsächlich zu versöhnen und nach vorne zu schauen.
Letztlich war Hopes Performance eben nur das: eine Darstel-
lung, ein Rückblick und ein Hoffnungsgeber für die Zukunft.
Doch jeder weiß, dass nach den 100 Trauertagen wieder das nor-
male Leben Einzug ins Land der tausend Hügel hält. Und da ist
kaum Platz für die Aufarbeitung des Völkermords. Ruanda ist
eine der am schnellsten wachsenden Wirtschaftskräfte welt-
88
RUANDA
sche oder wissenschaftliche Recherchen zum Völkermord sind
nach wie vor schwierig, Presse- und Meinungsfreiheit muss sich
gegen Vorwürfe der Völkermordideologe verteidigen. Bei Nicht-
beachtung drohen hohe Gefängnisstrafen. Auch deshalb sieht
Hope ihre Kunst und Theaterperformances als Friedensprojek-
te, bei denen sich alle Generationen über ihre Ethnienzugehö-
rigkeit hinweg mit dem Völkermord auseinandersetzen können.
Doch auch dafür benötige sie die Zustimmung der Regierung,
gibt sie zu.
Die Wörter Hutu und Tutsi sind verboten, offiziell sind nun alle
Bewohner des Landes Ruander. Natürlich, die meisten Ruander
sagen aus Überzeugung den offiziellen Slogan nach: „Remem-
ber, unite, renew. Genocide never again!“ Doch das bedeutet
noch nicht, dass sie einander verziehen haben und dass das
jahrzehntelang währende ethnische Konfliktpotential, das im
Völkermord zwar einen grausigen Höhepunkt, aber kein Ende
fand, einfach weggefegt ist. Trotzdem: Die rasante Entwick-
lung des Landes zeugt von einer Nation, die zumindest wirt-
schaftlich zusammenwächst und Ruanda nach nur etwas mehr
als 20  Jahren nach einem Völkermord zum Vorzeigebeispiel
Afrikas macht. Auch deshalb gibt Hope nicht auf, macht ihren
Namen zum Prinzip und überlegt schon für die nächste große
Gedenkveranstaltung 2019. D
Louisa Esther Glatthaar, Jahrgang 1995, Studentin
an der Universität Leipzig: Politikwissenschaft und
Afrikanistik, Auslandsaufenthalte: Frankreich 2010/2011
und Ruanda 2013/2014
Louisa Esther Glatthaar arbeitet auch als freie Journalistin:
louisaglatthaar.wix.com/journalist
Twitter: @GLouisaE
LinkedIn: Louisa E. Glatthaar
Am sechsten April 1994 wird bei einem bis heute unge-
klärten Attentat das Flugzeug des damaligen ruandischen
Präsidenten Habyarimana und seines burundischen
Amts­kollegen über Kigali abgeschossen. Dies gilt als
Startschuss für eines der schlimmsten Verbrechen gegen
die Menschheit des 20. Jahrhunderts. Am siebten April
startet das systematische Abschlachten von Tutsi und
moderaten Hutu durch radikale Hutu. Heute ist man sich
sicher, dass der Völkermord von langer Hand geplant war.
Ihm ging importierte Rassenideologie durch die Kolonial-
mächte Deutschland und Belgien, ein jahrelanger Bürger-
krieg, Unterdrückung von Tutsi, eine wirtschaftliche Krise
und ein Machtkampf zwischen der RPF im Exil und der
Hutu-Regierung nach der Unabhängigkeit 1962 voraus.
Erst nach 100 Tagen der Hölle gelang es der RPF unter
Führung von Paul Kagame, Kigali am vierten Juli 1994 vom
Völkermord zu befreien.
www.hrw.org/reports/1999/rwanda/Geno15-8-02.htm
89
90
NAMIBIA
Nobody build
a house on
the right side
Barbara Elisabeth Scharfbillig
Es ist 5:30 Uhr und ich friere schon, als der weiße Landrover endlich die Straße entlang kommt.
Ich springe schnell auf den Beifahrersitz und freue mich über den heißen Kaffee, der mich
begrüßt. „You got everything?“, fragt Dr. Hangara und ich nicke. Wir halten noch schnell an der
letzten Tankstelle von Gobabis und keine 10 Minuten später fahren wir auf dem Transkalahari
Highway Richtung Otjimanangombe. Die Sonne geht langsam auf und die Kälte weicht einer
trockenen Hitze.
Als ich Dr. Gabriel Ngungaa Hangara zum ersten Mal traf, war ich gerade mit der Aus­
bil­dung  als  Krankenschwester fertig, war ein Jahr lang mit dem Rucksack durch
das südliche ­Afrika getourt und in einem kleinen Wüstendorf in der ­Omaheke
­Region in Namibia ­gestrandet. Damals hatte Hangara noch keinen PhD und ich hat-
te keine Ahnung von der Omaheke. Was mir auffiel, war, dass regelmäßig Men-
schen auf mich zukamen und mich auf ihre Hautfarbe aufmerksam machten:
„Do you see my skin? Do you see? I am lighter. I have a german great-grandfa-
ther. We have the same blood. We are related.“ Und ich? Verstand erst mal nichts.
Ich wusste nichts vom Genozid an den Herero, nichts von der Kolonialideologie. Nichts
von den Vergewaltigungen durch deutsche Soldaten, von den Generationen an Kindern
und Enkeln, denen man ansah, dass sie anders waren. Ich antwortete lächelnd: „Oh really?
That`s nice, how did you meet your grandparents?“ und war irritiert, wenn man mir nicht
antwortete. Als ich Hangara davon erzählte, hörte er zu und fragte: „Why do you think
people say they have german blood?“ Eine Antwort gab er mir nicht. Die musste ich selber
suchen.
91
Herero hatten zunächst von der deutschen Kolonialverwaltung
profitiert. Als einer der Herero-Führer hatte Samuel Maharero
Landrechte an die Migranten aus dem Kaiserreich veräußert, bis
ihm klar wurde, dass der Land- und Machthunger der deutschen
Neuankömmlinge nicht zu stoppen war. Oberbefehlshaber von
Trotha dagegen war mehr als ein pflichterfüllter Soldat, der
lediglich einen Krieg führte. Von deutscher Seite war er gezielt
ausgewählt worden, das „Herero-Problem“ in Deutsch-­Südwest
Afrika um jeden Preis zu lösen. Die Geschichte ist schnell
erzählt: Die Deutschen gewannen und ein Großteil der Herero
starb. Als von Trotha die Herero mit der Schlacht am Waterberg
endgültig besiegte, jagten seine Soldaten die Überlebenden mit
Kindern und Vieh in die Kalahariwüste, in die Omaheke. Er
wusste genau, dass es dort kaum Wasserquellen gab. Die weni-
gen Menschen, die zurückkehrten, wurden in Konzentrations-
lagern interniert, erhängt oder zum Arbeitsdienst gezwungen.
Die Überlebenden versteckten sich oder flüchteten weiter nach
Botswana. Ähnlichkeiten zu anderen Zeiten und anderen Orten
der deutschen Geschichte sind kein Zufall.
Auch heute noch ist die Omaheke „Hereroland“. Meist-
gesprochene Sprache ist Otjiherero. Die ­größten  ­Farmen aber
gehören Nachfahren deutscher Migranten. Wenn ich Dr. Gab-
riel Hangara nach seiner Meinung frage, sagt er nichts dazu.
Hangara organisiert. Seit 2006 leitet er das Komeho Ent­
wicklungshilfezentrum in Ben-Hur, wechselte später zum
Nationalen Jugendkomitee. Er leitet Landwirtschaftspro-
Dass Namibia von 1884 bis 1915 deutsche Kolo-
nie war, lernt man in der Schule. Der Gedanke,
dass das Land mehr als einhundert Jahre spä-
ter noch „deutsch“ sein soll, wird gerne von
Touristen und Reiseunternehmen genutzt.
Die deutsche Sprache sei angeblich weit ver-
breitet, überall backe man deutsches Brot
und vielerorts könne man die architektoni-
schen Überbleibsel der deutschen Kolonialzeit
bewundern. Will die namibische Regierung das Reiterdenk-
mal vor der Christuskirche in Windhuk entfernen, heißt es:
„Man muss doch zu seiner Vergangenheit stehen.“ Interessant
ist, dass sich die Sympathie mit der namibisch-deutschen
Geschichte sofort legt, wenn es um die deutschen Genozide in
Namibia geht. Um den Völkermord an Herero, Nama und San.
Gegen die Ersten wurde ein schriftlicher Vernichtungsbefehl
verfasst, die Zweiten wurden nach langem Guerillakampf zer-
schlagen und die Dritten waren so unwichtig – so wenig Mensch
– dass ihre systematische Tötung nicht mal als erwähnenswert
angesehen wurde. Aber davon lernen wir nichts in der Schule.
Was also steckt dahinter, wenn man von deutschen Spuren in
Namibia spricht und warum überdauern manche die Zeit länger
als andere?
Dr. Hangara hat darauf keine Antwort. Er ist kein Aktivist,
spricht nur selten über persönliche Ansichten, er engagiert
sich nicht in den Gruppen, die Reparationen von der deutschen
Regierung fordern.1 Er ist Pragmatiker, stammt selbst aus der
Omaheke und möchte, dass die Region sich weiter entwickelt,
dass die Menschen bessere Chancen bekommen.
Omaheke bedeutet „große Fläche aus Sand“. Auch 1904, zur
deutschen Kolonialzeit, hatte die Region, die von der Kalahari-
Halbwüstebedecktist,schondiesenNamen.Damals,alsSamuel
Maharero, Anführer der Herero und Lothar von Trotha, Oberbe-
fehlshaber der deutschen Schutztruppe aufeinander trafen. Die
92
NAMIBIA
jekte, generiert Sponsorenmittel aus aller Welt und koope-
riert mit deutschen Organisationen. Er bringt 10 Deutsche,
eine Türkin, 20 Herero und einen Tswana zusammen, um ein
Schülerheim in der Omaheke zu renovieren. Vermittelt deut-
sche Grundschullehrer*innen an otjihererosprachige Schu-
len, deutsche Schreiner an Werkstätten. Er fördert deutsch-
namibische Kunstprojekte. Er fährt mit Europäer*innen quer
durch die Omaheke. Und er stellt Fragen. Fragen, die man nicht
leicht beantworten kann. Aus welchen Gründen die deutsche
Regierung nicht anerkennt, dass es ein Völkermord war? Ob
Namibier*innen mit deutschem Migrationshintergrund mehr
Rechte auf das Land haben als Herero? Ob Völkermord verjährt?
Und warum Deutsche in der Schule nichts über die Omaheke
lernen? Fragen die – wenn man eine Antwort findet – aufzeigen,
dass man keine Ahnung hat(te).
Die Sonne ist schon fast im Zenit, als Hangara den Wagen lang-
sam drosselt und wir die letzte Kurve auf der Schotterstraße nach
Ojimanangombe nehmen. Hier hat er mit seiner Organisation und
Partnern aus England gerade eine Schulkantine gebaut. Aus Säcken,
die mit dem Sand der Omaheke gefüllt sind. Auf der rechten Seite
erstreckt sich in einer Senke ein kleines Dorf mit Wellblechhäusern,
Schule, Buschklinik, Hühnerstall und Rindern. Nur wenige Akazien
und Büsche sprenkeln die karge Landschaft. Ein Windrad zeigt, dass
es zwischen all dem Staub Wasser gibt. Unser Ziel ist die Busch­klinik.
Bevor wir die Abfahrt einschlagen, schweift mein Blick über die
leichte Hügelkette auf der rechten Seite der Schotterstraße.
„Nobody build a house on the right side“, sage ich rät-
selnd zu mir selbst. „Do you know why“? fragt Dr. Hangara.
Ich schüttle den Kopf. „Some people believe the ghosts of their
ancestors who died in the Genocide live on this side“, erklärt
er und bremst den Wagen langsam ab. Do you believe in the
ghosts of the past?“ Ich grinse. „Since I came to Namibia: Yes!“
Der Staub legt sich und wir gehen das letzte Stück zu Fuß. D
Aktuell verhandeln Ruprecht Polenz, langjähriger Vorsit-
zender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag und
der Sondergesandte der namibischen Regierung Dr. Zed
Ngavirue seit November 2015, in welcher Form die Aufar-
beitung der deutschen Kolonialzeit erfolgen soll.
Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Botschaft Wind-
huk 14.12.2015
Erst im September 2015 hat die deutsche Bundes­
regierung offiziell anerkannt, dass es sich bei den
­Verbrechen der Kolonialzeit um Völkermord handelte.
Quelle: OVAHERERO/OVAMBANDERU COUNCIL FOR
THE DIALOGUE ON THE 1904 GENOCIDE, 16.9.2015
http://genocide-namibia.net/wp-content/uploads/2015/03/
Press-Release-OCD-16-9-2015.pdf
Bereits seit mehreren Jahren gibt es eine Petition, die
Versöhnungsmaßnahmen fordert. Dem vorangegangen
war eine Klage von Herero und Nama Vertreter*innen, die
vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag sowie
vor einem amerikanischen Gericht die deutsche Regie-
rung und drei deutsche Firmen auf Reparationszahlungen
verklagten. Die Klage in Den Haag wurde abgewiesen.
Barbara Elisabeth Scharfbillig
ist Afrikanistin, Erziehungswissen­
schaftlerin und Krankenschwester.
Seit 2006 hat sie ­regelmäßige
Arbeits-, Forschungs- und Studien­
aufenthalte für verschie­dene
Hilfsorganisationen im ­süd­lichen
und östlichen Afrika.
Informationen:
uni-koln.academia.edu/
BarbaraScharfbillig
www.suni-ev.de
www.kunst-fuer-bildung.org
93
Das laute Zirpen einer Insektenfamilie wabert durch unsere offene Haustür herein, tanzt
über den Küchentisch und prallt von den Wellblechplatten unseres Daches ab, bevor es
zur Hintertür wieder hinaus schwebt. Unerbittliche, trockene Hitze und roter Staub fol-
gen dem Zirpen in unser Wohnzimmer in Chilumba, Malawi. Ein kleines Dorf am Ufer
des Lake Malawi, das gerade von den Hitzewellen lahmgelegt wird, die im November das
ganze Land rösten. Die Sonne saugt einem die Kraft aus den Gliedern und die Energie aus
dem Kopf. Ich könnte ständig schlafen, wäre es nicht auch nachts viel zu heiß dazu.
Meine drei Freunde, die mich heute Nachmittag besuchen und mir erwartungsvoll gegen-
übersitzen, scheinen von den Temperaturen nicht ganz so geschafft zu sein wie ich. Es
sind Clifford, ein neunzehn Jahre alter Schüler, schlank und gepflegt in seinem weißen
Hemd und den schwarzen, polierten Schuhen, die in ein paar Stunden schon wieder von
einem Schleier roter Erde überzogen sein werden. Neben ihm Pililani, ebenfalls neunzehn
und bereits in ihrem letzten Jahr in der Schule. Sie hat das Haar zu einem kleinen Schei-
tel gekämmt und die großen Hände im Schoß gefaltet. Mit knapp über 50 ist mein dritter
Freund Bonaventure, auch BB genannt, schon wesentlich älter als wir drei. Mit seinem
weisen Blick blinzelt er hinter runden Brillengläsern hervor.
Ich hole tief Luft und schiele noch einmal auf das Blatt mit Fragen in meiner Hand.
Bist du glücklich?
Eine malawische Interview-Collage
Carmen Müller
94
MALAWI
„Also gut, ihr wisst ja, warum ich euch heute hierher eingeladen
habe?“ Nicken allerseits. „Dann fangen wir gleich mal mit unserem
kleinen Interview an. Es sind auch keine allzu schweren Fragen.“
Das stimmt nicht ganz. Denn über einige meiner Inter-
view-Fragen, die ich meinen Freunden an diesem Nachmittag
stelle, musste ich selbst lange grübeln, aber noch länger denke
ich über ihre Antworten nach.
„Pililani, was würdest du nach der Schule gerne machen?“
möchte ich wissen.
„Ich will Krankenschwester werden. Medizinische Versorgung
ist so wichtig in unserem Land. Außerdem bewundere ich Kranken-
schwestern dafür, wie liebevoll sie mit den Patienten umgehen“, fügt
sie hinzu und grinst verlegen. „Das möchte ich auch.“
Ich nicke und lächle, als ich mir vorstelle, wie Pililani mit
ihrer ruhigen Stimme zu ihren zukünftigen Patienten sprechen
wird. Und ihnen danach wahrscheinlich ihr Rezept für die welt-
besten Samosas verrät, so wie sie es bei mir gemacht hat.
„Und Clifford, wie sieht es mir dir aus? Was ist dein Traum für
die Zukunft?“
Er betrachtet mich aus halb geschlossenen Augen und mit
einem Gesichtsausdruck, als müsste ich die Antwort eigentlich
schon längst wissen, aber er überrascht mich.
„Ich möchte in einer guten Position sein“, erwidert er nur.
„Und was meinst du damit?“
„Nicht zu arm und nicht zu reich. Irgendetwas dazwischen.“
Für diese einfache, wunderschöne Erklärung mag ich ihn in
diesem Moment.
Es geht weiter mit ein paar praktischeren Fragen: „Was würdest
du ändern, BB, wenn du Präsident von Malawi wärest?“ BB, der mehr
als die Hälfte seines Lebens in den USA, Kanada und Australien
als Universitätsprofessor verbracht hat und nun zurückgekehrt
ist „to feel home again“, will die Korruption im Land bekämp-
fen, die Menschen ermutigen, ihr Leben selbst zu gestalten und
Malawi mit aufzubauen. Er will Entwicklung verbreiten, von
der Graswurzel bis zur Spitze und nicht anders­herum.
WelchenOrtwillCliffordunbedingtinseinemLebensehen?
Darüber muss er eine Weile nachdenken, entscheidet sich aber
schließlich für die drei größten Städte Malawis: ­Mzuzu, Lilong-
we und Blantyre, von denen er noch keine gesehen hat.
Lebt Pililani, die erst vor ein paar Jahren in unser Dorf Chi-
lumba gezogen ist, gerne hier? Sie strahlt bei der Frage. „Auf
jeden Fall! In Chilumba habe ich gelernt, wie man richtig kocht, Reis
pflanzt und im See zu schwimmen. Außerdem helfen mir hier meine
Freunde und ich uns untereinander. Wenn ich zum Beispiel ein Pro-
blem in Mathe habe, frage ich sie einfach und wir lösen die Aufgaben
alle gemeinsam.“
Ich versuche den Überblick zu behalten, wen ich was gefragt
habe. Wir sitzen mindestens zwei Stunden beisammen, in denen
die Sonne sich in einem feurigen Bett hinter den Baumwipfeln
schlafen legt und wir über Gott und die Welt sprechen. Manche
Fragen und Antworten kommen leicht über die Lippen, wie etwa
an Pililani: „Was würdest du mit 50 000 Malawi-Kwacha (etwa 100
Euro) machen?“
„Ich würde mir auf jeden Fall Klamotten kaufen!“, ruft sie und
lacht. „Und etwas Leckeres zu essen. Und wenn das Geld noch reicht
auch noch ein Buch, damit ich etwas lernen kann.“
Andere Fragen sind schwerer zu beantworten. Als ich von
BB wissen will, was er sich mit einem freien Wunsch wünschen
würde, entsteht eine lange Pause. Unser Kater jagt auf der Suche
nach einem Grashüpfer zwischen unseren Beinen hindurch und
wir schrecken alle hoch, als hätte er uns aus einer wichtigen
Klausur gerissen.
95
haben wir nur den Blick für diese kleinen Herrlichkeiten ver-
loren? Wann ist dieser Blick in unserem Meer aus Selbstver­
ständlichkeiten und Luxus ertrunken?
Unser Luxus nagt auch an mir, als ich noch einmal Cliffords
Wunsch lese, die drei großen Städte Malawis zu sehen. Er ist
neunzehn und war noch nie dort. Ich bin auch neunzehn und
davon nur ein Jahr lang in diesem Land. Ich habe bereits alle drei
Städte gesehen. Ist das nicht irgendwie unfair?
Die Frage nach dem Glück ist wahrscheinlich die ganz große
Frage des Lebens. Aber was macht uns denn glücklich? Was hät-
ten wir denn auf diese Fragen geantwortet? Und: Bin ich glück-
licher, weil ich schon alle großen Städte Malawis bereist habe,
weil ich da war, alles gesehen, mitgemacht, ausprobiert und
gekauft habe? D
Dann nickt BB ganz langsam zu sich selbst. „Also, wenn ich einen
Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, euch in Deutschland
zu besuchen. Erst haben wir euch in Malawi willkommen geheißen,
dann besuchen wir euch.“
Ich kann ihm kaum beschreiben, wie glücklich es mich
machen würde, wenn wir uns alle vier eines Tages in meinem
Zimmer in Deutschland wiederträfen und auch Pililani und
Clifford stimmen zu, dass das ein ausgezeichneter Wunsch ist.
Zum Schluss bin ich begeistert, glücklich, müde, aufgewühlt,
stolz und werde durchströmt von einer tiefen Zuneigung mei-
nen drei Freunden gegenüber. Als sie aus dem Haus in die ster-
nenerfüllte Nacht treten, witzelt Clifford herum, dass der Strom
mal wieder ausgefallen ist und ob ich das Licht aus der Glüh­
birne vielleicht irgendwo versteckt halten würde.
Was ich heute erfahren habe, hat mir nicht nur einen Ein-
blick in das Leben meiner drei Freunde gegeben, sondern hinter-
lässt auch einige Fragezeichen in meinem Kopf. Immer wieder
überlege ich, was meine Freunde in Deutschland als Antworten
gegeben hätten. Die meisten Dinge, die sie genannt haben – eine
Reise, neue Bücher und Klamotten, ein gutes Leben – sind so
einfach, so bodenständig und machen uns so glücklich, dass ich
einen Moment lang kaum verstehen kann, wie man sich etwas
anderes hätte wünschen oder kaufen wollen können. Warum
Carmen Müller, Jahrgang 1996, Abiturientin, inter­
nationaler Freiwilligendienst in Chilumba, Malawi in
2014/2015, derzeit im Freiwilligen Ökologischen Jahr
bei JANUN e. V. (Jugend-Aktions-Netzwerk-Umwelt-
und- Natur) in Hannover
96
MALAWI
Herausgeber
Elisabeth Marie Mars, Arbeitsstelle WELTBILDER
Konzeption
Elisabeth Marie Mars
Redaktion
Elisabeth Marie Mars, Melanie Heisterberg
Supervision
Sebastian Aperdannier, Referat Weltkirche,
Bistum Münster
Layout
Bert Odenthal, Sarah Hoppe
www.bert-odenthal.de
Druck
DruckVerlag Kettler
Münster, Juli 2016
Fotonachweise
Mulugeta Gebrekidan: Titel
Evans Mathibe: S. 6, 7, 72, 74
Mussa Sango: Titel, S. 9, 10
Tobias Minzi: S. 9, 12, 13
Pao Engelbrecht: S. 15
Birte Mensing: S. 18, 19
Janinka Lutze: S. 21, 23–25
Zam-Ké Verein Lomé : S. 27, 28
Elena Ziegler Ruiz: S. 30–32
Serhat Duman: S. 33–36
Verone Mankou: S. 38, 39
Robert Mugisha: S. 40, 59
Alev Coban: Titel, S. 42–51
Daniel Kassa: Titel, S. 52, 55
Deborah Mekbib Kifle: S. 55
Som Ekene Mekwunye und Youth for Hope: S. 56
Ikenna Obinna: S. 57
Ursula Mathan: S. 58
Nadja Nolte: S. 61
Thilko Gläßgen: Titel, S. 62, 63
Inga Eslage: Titel, S. 64, 65
Marit von Graeve: S. 67, 68, 70
Klara Giesler: S. 77–79
Elisabeth Kaneza: Titel (2 Fotos), S. 81–83
Shaban Masengesho: S. 86–89
Barbara Scharfbillig: S. 90–92
Carmen Müller: Titel, S. 94–96
Impressum
»
Gefördert von im Auftrag des
Für den Inhalt dieser Publikation ist allein die Arbeitsstelle Weltbilder e. V. verantwortlich; die hier dargestellten
­Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH und dem Bundesministerium für wirt-
schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.
awol_buch_ebook

awol_buch_ebook

  • 1.
    Elisabeth Marie Mars, ArbeitsstelleWELTBILDER (Hg.) Ways of Life
  • 2.
    Arbeitsstelle WELTBILDER Fachstelle fürInterkulturelle Pädagogik und Globales Lernen e.V. Elisabeth Marie Mars, Arbeitsstelle WELTBILDER (Hg.)
  • 3.
    Ways of Life JaninkaLutze Sarah Agwu Igiri Akwari Klara Giesler Sidney Ochieng Ange Imanishimwe Marit von Graeve Sören Götz Barbara Scharfbillig Nanjira Sambuli Tobias Minzi Carmen Müller Nyagaki Gichia Chris Orwa Pililani Elisabeth Kaneza Robin Grace Jannet Serhat Duman Aliko Dangote Louisa Esther Glatthaar Sindiswa Mpimpilashe Anne Salim Mussa Sango Tata Yawo Ametoenyenou Birte Mensing Nomawhetu Claire Kosani Verone Mankou Cathy Pamela Nabembezi Clifford Richard Atem-Ojong Gabriel Ngungaa Hangara Robin Frisch Hope Azeda Judith Weidner Shola Ade Andiswa Duda Lucy Sophie Stolle Athelina Lusanda Mjali Nadja Nolte Thilko Gläßgen Bonaventure Nozuko Eunice Nqokoto Zidane Atem-Ojong Charbel Gauthe Pao Jim Engelbrecht Elena Ziegler Ruiz Robert Mugisha Georg Chimpiko Banda Ruth Nabembezi Inga Eslage Elisabeth Marie Mars, Arbeitsstelle WELTBILDER (Hg.)
  • 4.
    Vorwort Dar es Salaam:Der beste Ort um eine ­Firma zu gründen Consommons local! Wenn, dann richtig BioCoop Rwanda: Ein Leuchtturmprojekt für nachhaltigen Tourismus und Naturschutz Plastiktüten sind untragbar Eine Mango meiner Wahl Inklusion made in Kenia African dream oftechnology Innovation durch offene Räume: Wie junge Kreative ihr Land mit IT voranbringen iHub Nairobi: Ort des Lernens, Experimentierens und Entwickelns 4 6 8 15 18 21 27 30 33 38 40 42 44 Inhalt Südafrika Tansania Togo Kamerun Ruanda Ruanda Malawi Kenia Kongo Ruanda Kenia Kenia 2
  • 5.
    African Cities: AmPuls der Großstadt 20 Personen, 1 Ziege und 1 Huhn Hyundai Grace: mit Gottes Gnade zum Ziel Welcome to the family It’s deep in my heart Drama for Life Appsolut innovativ! Junge Perspektiven für Uganda Elisabeth Kaneza: Ich habe mich entschieden, selberVorbild zu sein. Hope – Ruanda zwischen Aufschwung und Unterdrückung Nobody build a house on the right side Bist du glücklich? Eine malawische Interview-Collage 52 54 56 58 60 62 64 67 72 76 80 86 91 94 Äthiopien Ruanda Nigeria Malawi, Kenia Uganda Ghana Uganda Südafrika Südafrika Uganda Ruanda Ruanda Namibia Malawi 3
  • 6.
    Eduardo Galeano, uruguayischerSchriftsteller und Journalist, hat uns gewarnt: „Wir dürfen nicht nur das Bild verändern, wir müssen auch die Wirklichkeit verwandeln.“ 4
  • 7.
    Am 07.06.2016 wurdedie erste Internationale Dekade für Menschen Afrikanischer Abstammung im Beisein des Hochkommissariats der Vereinten Nationen für Menschenrechte in Deutschland/Berlin eröffnet. Zu Beginn erklärte der Vorsitzende des Zentralrats der Afrikanischen Gemeinden, Moctar Kamara: „Unter Aner- kennung verstehen wir die Rehabilitierung der Geschichte Afrikas und die Wiederherstellung der Würde von Menschen afrikanischer Herkunft, die durch kolonial-rassistische Ideologien und Unterdrückung dauerhaft beschädigt wurde.“ Mit unserem Schreib- und Buchprojekt „African Ways of Life“ greifen wir die Forderungen nach Aner- kennung, Gerechtigkeit und Entwicklung mit einem Gegenbild auf: dem vorherrschenden Afrika-Bild und dem damit verbundenen Eurozentrismus setzen wir vielfältige aktuelle Perspektiven von einzelnen Persön- lichkeiten, Projekten und Geschichten aus verschiedenen afrikanischen Ländern entgegen. In neuen, alltäg- lichen Farben erzählen wir von diesem vielschichtigen Kontinent und junge Autor*innen tragen mit eigenen Beiträgen zum Imagewechsel bei. Deswegen ist dieses Buch nicht nur ein Buch über „die Anderen“, ­sondern auch eines über uns – über unseren Blick und die gedanklichen Konstrukte gegenüber Afrika. Wir hoffen, dass mit der Verschiebung alter Weltbilder vielfach veränderte Seh- und Aktionsmög- lichkeiten einhergehen. Deswegen können Sie uns und die Autor*innen für weitere Informatio- nen und Support für Ihre Aktivitäten innerhalb der entwicklungspolitischen Bildungsarbeit anspre- chen. Nutzen Sie dieses Arbeitsbuch als start up für eigene Konzepte und informieren Sie sich unter: https://www.facebook.com/african.ways.of.life Elisabeth Marie Mars, Arbeitsstelle WELTBILDER Vorwort 5
  • 8.
  • 9.
  • 10.
    I w an na b e r ic h , I w a n na b e f a m o u s I w a n na h ave l ot s l ot s of m o n ey, so a r a b ove t h e c l o u d s I w a n na b e f re e l i ke N e l so n M a n d e l a , s t a n d t a l l l i ke a py r a m i d , so so co u r a g e o u s N o p l a ce I ’d r a t h e r b e o h n a n a n a Th e re’s n o p l a ce I ’d r a t h e r b e o h n a n a n a Li ve a n d d ie i n A f r i ka I w a n na l i ve a n d d ie i n A f r i ka I w a n na fe e l l ove I w a n na b e re m e m b e re d I w a n na g o d ow n i n h i s to r y, m a ke my m a m a p ro u d Th e d a r ke r t h e b e r r y t h e s we e te r t h e ju ice N a s i to k i ny u m b a n i mw a c h a m i l a n i m tu mw a1 Dar es Salaam: Der beste Ort um eine ­Firma zu gründen Sophie Stolle 1 „Und ich verlasse mein Zuhause nicht. Wer seine Traditionen ablegt, ist ein Sklave.“ ­ (Sautisol – Live and die in Afrika) 8 TANSANIA
  • 11.
    an ihren MacBooksarbeiten, Ausstellungen, Partys und Musik- festivals am Wochenende, Lifestyle-Blogs und Instagram- Berühmtheiten. Ja, es gibt sie diese Welt, hier in „Dar“. Zuletzt sorgte der neugewählte Präsident John Magufuli international für Aufsehen, der im Kampf gegen Korruption in der tansani- schen Regierung vor allem Taten sprechen ließ. So wurde unter anderem der Chef der nationalen Steuerbehörde suspendiert, als er den Verblieb der Importsteuern für 350 Container nicht erklären konnte. Dar es Salaam ist dynamisch, seine junge Bevölkerung selbst- bewusst, energiegeladen und ambitioniert die Entwicklung ihres Landes voranzutreiben. Gerade jetzt scheint für viele der richtige Zeitpunkt dafür gekommen zu sein. ­Unzählige Es ist schwer, keine Gänsehaut zu bekommen, sich nicht mitrei- ßen zu lassen von der Energie des kürzlich erschienenen Songs „Live and die in Afrika“ der kenianischen Band Sautisol. Er scheint die Ambitionen und das Selbstbewusstsein einer ganzen Generation zu verkörpern und die Visionen der urbanen Jugend Ostafrikas auf den Punkt zu bringen. Es ist eine ganz besonde- re Stimmung, die nicht nur im kenianischen Nairobi, sondern auch in Dar es Salaam, der Hauptstadt Tansanias, in der Luft liegt. Mehr als vier Millionen Menschen leben in der Me­tropole am Indischen Ozean, die zu den am schnellsten wachsenden Städten der Welt gehört. Mehr als 70 % der Einwohner sind unter 40 Jahre alt. Die Mittelschicht wächst stetig. Tansanier*innen, die im Bus mit zwei bis drei Smartphones jonglieren, Cafés mit Wifi-Hotspots, deren Gäste konzentriert 9
  • 12.
    13 Angestellte und esist schwer zu sagen, in wie vielen Projek- ten und Unternehmen er genau seine Finger im Spiel hat. Diese reichen von Hochzeitsfotografie, über eine Autowaschanlage und eine Radiosendung bis hin zur Organisation eines Tanzfes- tivals. „Ich mag es nicht, mich jeden Tag darüber zu beschweren, dass es keine Arbeit gibt, so wie viele Leute es tun.“ In Mussas Augen ist Tansania bestens geeignet, um eine eigene Firma zu gründen: „Es ist ein großartiger Ort um sich selbstständig zu machen. In Europa ist der Wettbewerb so groß, viele Europäer haben bereits ein sehr hohes Level an Professio- nalität. Tansania hingegen ist ein unbeschriebenes Blatt. Es gibt noch so viele Möglichkeiten. Vieles wurde noch nicht gemacht. Wir sind gerade erst aufgewacht und es gibt noch viel Luft nach oben,sovieleLücken,diewirfüllenkönnen.AlsichmeineFirma gegründet habe, konnte man die guten Grafikdesigner*innen in Dar es Salaam an einer Hand abzählen. Viele von ihnen waren Informatiker*innen, die sich ein bisschen Photoshop angeeig- net, aber keine Ahnung von Grafikdesign hatten. Es gab also immer noch Bedarf.“ Trotzdem treffen Gründer*innen in Tan- sania auf Herausforderungen: „Ich wünsche mir, dass unsere Regierung eine bessere Umgebung für Gründer*innen schafft. Allein eine Firma zu registrieren dauert ewig und ist ein großer bürokratischer Aufwand.“ Tansanier*innen kommen nach ihrem Auslandsstudium bewusst in ihre Heimat zurück. Während die Mehrheit der Deutschen in einem vermeintlich sicheren Angestelltenver- hältnis arbeitet, trifft man in Dar es Salaam viele Menschen, die Eigeninitiative ergreifen und sich durch den Aufbau einer Exis- tenz wirtschaftlich unabhängig machen. Sicher nicht zuletzt deshalb, weil es noch immer eine Herausforderung ist auf dem Arbeitsmarkt eine Stelle zu finden. Aber auch, weil die junge Generation nach mehr strebt als nur einem sicheren Einkom- men: Sie will eigene Visionen verwirklichen und etwas bewir- ken. Mehr als 50 % der urbanen tansanischen Erwerbstätigen arbeiten selbstständig. „Ich bin Künstler. Aber ich bin auch Unternehmer“, erzählt Mus- sa Sango. Der 32-jährige Grafikdesigner hat 2007 seine eigene Firma Art Graphics gegründet. „Ich habe schon als Kind davon geträumt, mich selbstständig zu machen. Ich wollte noch nie angestellt sein. Als Grundschüler habe ich Ladenwände mit Werbung und Schriftzügen bemalt. Ich war so gesehen damals schon selbstständig. Meinen ersten Job als Angestellter moch- te ich nicht wirklich. Ich wollte kreativ sein, aber die Arbeit war jeden Tag dieselbe, alles hat sich wiederholt. Mir war lang- weilig. Also habe ich gekündigt und angefangen an eigenen ­kleinen Aufträgen zu arbeiten.“ Mittlerweile beschäftigt Mussa 10 TANSANIA
  • 13.
    verdienen. Die Unternehmenhingegen erhalten für wenig Geld professionelles Marketing. Ruka Company ist ein schönes Beispiel dafür, wie eine von ausschließlich Tansanier*innen gegründete Initiative, vollkommen unabhängig von Förderun- gen und Entwicklungsgeldern, einen positiven Einfluss auf die Gesellschaft nehmen kann. „Ehrlich gesagt glaube ich nicht, dass wir Hilfe aus dem Aus- land benötigen. Vor allem keine Gelder. Ich glaube, dass wir Tansanier*innenunsselbsthelfenkönnen.Wirsolltenvielleicht weniger egoistisch werden. Das gilt für die Politiker*innen, aber auch für den ganz normalen Bürger. Warum zum Beispiel muss ein Politiker ein teures Auto fahren? Das sind unsere eigenen Probleme, die wir selbst lösen müssen. Europa kann uns als Ins- pirationsquelle dienen, um neue Ziele anzustreben.“ Früher hatte Mussa den Traum in Europa zu leben. „Nach meinem Abschluss ging ich nach Frankreich mit der Vorstellung dort zu arbeiten. Durch das Fernsehen haben wir Tansanier ein illusorisches Bild von Europa. Wir glauben das Leben in Europa ist gut. Aber es war alles ganz anders. Es ist schwer, Arbeit zu fin- den und alles ist so teuer! Nach einer Weile beschloss ich, nach Tansania zurückzukehren, um die Entwicklung meines eigenen Landes voranzutreiben.“ Während seiner Zeit in Frankreich wurde Mussa immer wieder mit afrikanischen Stereotypen konfrontiert. „­Einige meiner Freunde dachten, wenn man in Tansania nur aus dem Flugzeug steigt, gäbe es überall Schlangen und Affen. Da musste ich so lachen! Andere dachten, ich wäre der Sohn eines Häupt- lings, der sich nur deswegen einen Flug nach Frankreich leis- ten konnte. Afrika ist groß und so vielseitig. Allein Tansania hat viele verschiedene Gesichter. Zwischen dem Leben auf dem Land und dem Leben in der Stadt können Welten liegen.“ Entgegen dem gängigen Afrika-Bild, das Afrikaner*innen vor allem mit Passivität und Ausweglosigkeit in Verbindung bringt, sieht Mussa in seinen Landsleuten unheimlich viel Potential: Es gibt eine Vision, die Mussa in allen seinen Projekten ver- folgt: „Jeden Tag träume ich davon etwas an meine Gesellschaft zurückzugeben, etwas zu schaffen, dass den Menschen hier einen Nutzen bringt. Selbst mit meiner Autowaschanlage ver- diene ich aktuell gar nichts. Ich freue mich einfach, dass es gut läuft und lasse meine Angestellten den Gewinn untereinander aufteilen.“ Vor drei Jahren hat Mussa den Verein MUDA Africa mit gegrün- det, der jungen Tänzer*innen aus sozial schwachen Bevölke- rungsschichten den Zugang zu Tanzunterricht ermöglicht und so ihre Einstiegschancen auf dem kulturellen Arbeitsmarkt steigert. Einmal jährlich organisiert er das Time2Dance Festi- val, auf dem sich tansanische Tänzer*innen mit internationalen Künstler*innen vernetzen und ihre Talente einem breiten Pub- likum präsentieren können. „Aber dann habe ich noch ein anderes Projekt …“, setzt ­Mussa zum  wiederholten Mal an. In seiner Radio-­Sendung „Boresha Biashara“ („Handel verbessern“) spricht er mit Kleinunternehmer*innen über Herausforderungen,  denen  sie in  ihrem Alltag begegnen. Ziel ist es, einen Dialog mit der Regierung herzustellen und eine Politik ­mitzugestalten, die bessere Rahmenbedingungen für tan­sa­nische Klein­unter­ nehmer*innen schafft. Sein aktuelles Herzensprojekt ist das Sozialunternehmen Ruka Company (Ruka bedeutet springen). „In Tansania bekom- men nur zehn Prozent aller Universitäts-Absolvent*innen einen Arbeitsplatz. Darüber habe ich mir lange den Kopf zer- brochen. Als gelernter Grafikdesigner habe ich beschlossen Absolvent*innen in meiner Branche auf das Arbeitsleben vor- zubereiten.“ Im Rahmen des Programms arbeiten Grafikdesign- Absolvent*innen für ein bis zwei Monate in Unternehmen, die bisher wenig in Marketing investiert haben. Sie können so ihr Gelerntes anwenden, ihr Netzwerk ausbauen und etwas Geld 11
  • 14.
    „Was ich anden Tansanier*innen schätze, ist, dass sie wirklich jede Gelegenheit wahrnehmen. Sie haben diesen Durst, diesen Willen. Sie setzen alles in Bewegung. Wenn sich ihnen die Gele- genheit bietet mit etwas ein Geschäft zu machen, dann tun sie alles, um erfolgreich zu sein.“ Mussa ist zuversichtlich, dass sich das negative Bild Afri- kas umwerfen lässt. „Ich denke der wichtigste Schritt ist es, zu ­zeigen, was wir können! Wir können unser schlechtes Image nicht wegzaubern, aber wir können Taten sprechen lassen, ­Dinge schaffen, die das Bild zurechtrücken und uns gegenseitig inspirieren. Nach und nach wird es die Welt realisieren.“ Der 28-jährige Tobias Minzi verdient seit sieben Jahren als Künstler seinen Lebensunterhalt. Unter dem Künstlernamen „Minzi Mims“ arbeitete er zunächst als Maler. Später kamen die Fotografie und dann das Filmen dazu. „Alles fing damit an, dass ich mir eine kleine Digitalkamera gekauft hatte, um Fotos als Grundlage für meine Gemälde zu machen. Das hat mein Inte- resse an der Fotografie geweckt und ich organisierte Shootings mit Models und fotografierte auf Events. Die Kamera hatte aber auch eine Videofunktion. Damals hatte ich noch kein Videobe- arbeitungsprogramm und habe die einzelnen Szenen einfach zusammengefügt. Als die ersten Leute mir sagten, dass es ihnen gefällt, hat mich das ermutigt mehr über das Filmemachen zu lernen.“ Heute ist Minzi einer der gefragtesten Musikvideopro- duzenten Dar es Salaams. Das Filmen, Regie führen und Bear- beiten von Videos hat sich Minzi selbst beigebracht. „Nein, ich habe nicht studiert. Aber wenn ich das so sage, dann stimmt das eigentlich nicht richtig. Ich habe studiert, aber eben nicht an einer Hochschule. Man lernt ja auf vielen Wegen. Ich habe zum Beispiel viel mit Hilfe von Youtube gelernt. Und ich habe erfah- renen Kameramännern und Regisseuren bei ihrer Arbeit über die Schulter geschaut.“ 2012 entschloss sich Minzi dazu, sich als Videograf selbstständig zu machen. „Ich habe mir die Arbeit anderer tansanischer Videografen angesehen und bin zu dem Schluss gekommen, dass ich etwas Größeres schaffen kann. Ich habe mich gefragt: Warum nicht ich? Ich kaufte mir eine neue Kamera und produzierte mein erstes Musikvideo zu „DSM“ von Kitwana. Viele mochten das Video und so fing alles an. Je mehr Aufträge ich bekam, umso mehr habe ich dazugelernt.“ Mittler- weile hat Minzi seine eigene Crew und gibt sein Wissen an ande- re weiter. Ähnlich wie Mussa, sieht Minzi viele Entwicklungsmög- lichkeiten für Unternehmer*innen in Tansania. „Tansania eig- net sich dafür, ein Unternehmen zu gründen, weil es noch nicht ausgereift ist. Damit meine ich, dass so viele Dinge noch nicht ausprobiert wurden. Das sieht man zum Beispiel anhand tansa- nischer Filme oder Musikvideos. Es gibt Leute, die mit großen Künstler*innen zusammenarbeiten und gut bezahlt werden, aber einfach nichts Neues, nichts Besonderes machen.“ Immer mehr junge Tansanier*innen scheinen den Weg in die Selbstständigkeit zu gehen: „Früher haben viele danach gestrebt, eine Anstellung zu finden. Der erste Gedanke war es immer, sich nach dem Studium anstellen zu lassen – für jede*n. Aber das verändert sich jetzt nach und nach, weil viele Men- schen begreifen, dass man als Freischaffende*r viel erfolgrei- cher sein kann.“ 12 TANSANIA
  • 15.
    Dass der Wegin das Musikvideo-Business steinig war, hielt Minzi nicht davon ab, an seinem Ziel festzuhalten. „An das rich- tige Equipment zu kommen, war am Anfang wirklich schwer. Aber auch Künstler*innen zu finden, die sich die Kosten für ein Musikvideo leisten konnten. Also habe ich mir zunächst Künstler*innen gesucht, die zwar talentiert, aber unbekannt waren und habe Musikvideos umsonst gemacht, um meine Arbeit zeigen zu können. Ich habe viel gemalt, um mich über Wasser zu halten.“ Sein Erfolg liegt letztlich darin begründet, dass Minzi für seine Arbeit brennt: „Ich hatte keine Zweifel daran, dass ich es schaffen werde. Denn ich habe meine Arbeit immer geliebt. Alles, was ich mache, kommt aus tiefstem Her- zen. Mir ging es nie darum reich oder berühmt zu werden. Es ging immer nur darum diesem starken Bedürfnis nachzugehen, etwas Schönes zu kreieren, das Menschen sich ansehen. Manch- mal liege ich nachts mit verrückten Ideen wach und denke dar- über nach, wie ich sie am besten umsetzen kann. Dann stehe ich früh auf und fange gleich an.“ Minzi liebt es, zu experimentieren und neue Technologien aus- zuprobieren. Als einer der ersten in Tansania benutzte er Droh- nen für seine Musikvideos. Seine Experimentierfreudigkeit setzt neue Maßstäbe in der Szene: „Vor ein paar Jahren gab es nur wenige etablierte Regisseur*innen. Als sie gemerkt haben, dass wir, die jungen und unbekannten Filmemacher*innen, ganz neue Sachen ausprobieren, haben manche komplett aufgehört. Andere haben versucht mit der Veränderung mitzugehen. Wir haben also wirklich eine Weiterentwicklung in der Szene ange- stoßen.“ Minzi gehört zu der Art von Menschen, für die kein Ziel zu hoch gesteckt, kein Traum zu unrealistisch erscheint. Für ihn ist der Weg noch lange nicht zu Ende. „Ich habe mein Ziel noch nicht einmal zur Hälfte erreicht. Viele Ideen, die ich umsetzen möchte, erfordern besseres Equipment, also auch mehr Geld. Am liebsten möchte ich eines Tages einen richtigen Film dre- hen. Wenn ich mir unsere tansanischen Filme anschaue, möch- te ich jedes Mal weinen. Alles ist schlecht, von dem Drehbuch bis zu den Aufnahmen. Also stellte ich mir die Frage: Warum 13
  • 16.
    drehe ich nichtselbst einen Film?“ Gerade arbeitet er an einem ersten Kurzfilm. Als Teilnehmer an einem Workshop in Dänemark sorg- te Minzi für Aufsehen. „Viele haben die Vorstellung, dass in Afrika niemand etwas kann und viele glauben, wir leben alle im Busch. Niemand konnte es fassen, jemanden aus Afrika zu treffen, der Videos am Computer bearbeitet. „Woher kannst du das? Wo hast du das gelernt?“ Das hat einfach nicht mit ihrem Bild zusammengepasst. Wir sollten versuchen, dieses Bild zu ändern, indem wir unsere Arbeit selbstbewusst in die Welt hin- austragen. So können alle sehen, was wir in Tansania machen. Die Repräsentation meines Landes im Ausland sehe ich tatsäch- lich als einen wichtigen Teil meiner Arbeit an.“ Minzi möchte mehr junge Menschen dazu ermutigen, ihre Träume zu verwirklichen: „Ich arbeite mit vielen Jugendlichen zusammen, teile mein Wissen mit ihnen und begleite sie auf ihrem Weg. Einige haben mittlerweile eigene Firmen gegrün- det. Ich liebe es, junge Menschen zu inspirieren, sie wachzurüt- teln und ihnen zu zeigen, dass ich einer von ihnen bin und dass sie das auch können.“ Geschichten, wie die von Mussa und Minzi, gibt es viele in Dar es Salaam. Es ist tatsächlich schwer, ihnen nicht über den Weg zu laufen. Sie vermitteln das Gefühl, dass gerade jetzt ein ganz ent- scheidender Zeitpunkt für die Zukunft Tansanias gekommen ist. Ein Punkt, an dem alles möglich ist. An dem kein Traum zu unrealistisch ist. An dem die junge Generation die Entwicklung ihres Landes selbst in die Hand nimmt. So nehmen viele junge Tansanier*innen aus eigenen Impulsen heraus positiven Ein- fluss auf ihr Leben und das ihrer Mitmenschen, sei es durch die Schaffung von Arbeitsplätzen oder die Inhalte ihrer Arbeit. Ihre Geschichten können auch uns Deutschen als Inspirationsquelle dienen. Denn viele Deutsche wagen den Schritt in die Selbst- ständigkeit erst gar nicht: Es sind vor allem Selbstzweifel und die Angst vorm Scheitern, die uns dabei im Weg stehen. Mussa und Minzi lehren, uns den Mut aufzubringen, unserer tiefsten Leidenschaft zu folgen. Für unsere Träume zu kämpfen, in klei- nen Schritten auf unsere Ziele hinzuarbeiten und Visionen zu verfolgen. Und letztlich etwas nicht nur für uns selbst, sondern auch für unsere Mitmenschen zu hinterlassen. D Sophie Stolle, Jahrgang 1992 Freie Swahili-Übersetzerin, Fotografin und Autorin, B.A. Afrikawissenschaften & Volkswirtschaftslehre an der Humboldt-Universität zu Berlin, Auslands- und Studienaufenthalte: 10/2011–02/2012: The New Paradigm Community Based Organization, Gita, Kenia Praktikum im Bereich Mikrofinanzierung 08/2012: DAAD-Stipendiatin an der State University of Zanzibar, Tansania Fortgeschrittener Swahili-Sprachkurs 08/2013–03/2014: Tanzania Renewable Energy ­Association, Dar es Salaam, Tansania Praktikum im Bereich Erneuerbare Energien (und diverse Rucksackreisen durch Uganda, Rwanda, Malawi, Zambia, Botswana, Namibia und Südafrika) Seit 10/2015: Wohnsitz in Dar es Salaam Interessenschwerpunkte: Entrepreneurship und ­Innovationen in Afrika, zeitgenössische Kunstszene ­Afrikas, Generation Y und urbane Jugend Afrikas Website: www.instagram.com/daimaphotography/ http://sophiestolle.com 14 TANSANIA
  • 17.
    Consommons local! Pao JimEngelbrecht Tata Yawo Ametoenyenou hat genug von den bizarren Zuständen in seinem Land. Betriebe, die lokal produzieren, kleben chinesische Schriftzeichen auf die Etiketten, damit man denkt, der Inhalt komme aus Asien. Die Werbeindustrie hat es in Togo geschafft, dass der Großteil der Bevölkerung den importierten Produkten weitaus mehr vertraut als den lokalen. Ähnlich im Nachbarland Ghana, wo z. B. der Marktan- teil der Billigimporte von Geflügel innerhalb der letzten 25 Jahre von 20 auf 90 Prozent gestiegen ist, während nur noch zehn Prozent von Bauern vor Ort stammen. Der Preis- unterschied ist extrem: Umgerechnet vier Euro kostet das Huhn vom ghanaischen Bauern, die Hälfte zahlt man für die importierten Geflügelteile. Dabei sind das oft die in Europa und Amerika unbeliebten Körperteile der Tiere. Knochige Hühnerrücken zum Beispiel, isst man in Deutschland eher selten. Tata, freundliches Gesicht mit dezentem Schnauzer, ist immer schick gekleidet und gut informiert. Aus seiner Sicht kann das Menschenrecht auf Nahrung nur durch re­gionale Produkte durchgesetzt und geachtet werden. Denn nur durch sie sei es mög- lich, Nahrung gerecht zu verteilen, sich gesund zu ernähren und kulturelle Besonder- heiten der Ernährung zu respektieren. „Ich weiß, dass ich mich selber noch nicht opti- mal ernähre“, sagt Tata und klopft auf seinen runden Bauch. „Aber seit Jahren kaufe ich nur noch lokale Lebensmittel und achte genau darauf, was ich esse.“ Tata hat eine zivilgesellschaftliche Organisation gegründet, um auf die gesundheit­ lichen Risiken sowie auf die wirtschaftlichen und ökologischen Schäden von Import- ware aufmerksam zu machen. Die OADEL (Organisation für lokale Ernährung und Entwicklung) setzt sich für die Produktion und den Konsum von lokalen Lebensmit- teln ein. „Unsere Bauern hier verwenden kaum Pestizide und ihre Ernten müssen nicht von weit her eingeflogen werden“, sagt Tata. Insbesondere in Anbetracht des absehba- ren „Peak Phosphor“, einer der wichtigsten Bestandteile von Düngemitteln, der kaum zu ersetzen ist, wird es in der Landwirtschaft in den nächsten Jahrzehnten immer grö- ßere Probleme geben, den wachsenden Bedarf an Nahrungsmitteln bei schwindenden 15
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    Ackerflächen zu decken.Der Weltagrarbericht von 20091 fasst zusammen, dass der Erhalt regionaler Subsistenz- und Klein- bauern der beste Weg ist, dem rasanten Verlust fruchtbarer Böden entgegenzuwirken. Aus ökologischer, wirtschaftlicher und sozialer Sicht ist ein Umdenken also dringend nötig. Obwohl sie hohe Transportkosten inklusive einer langen Flug- reise hinter sich haben, unterbieten die EU-subventionierten Lebensmittel lokale Produkte im Preis oft deutlich. Doch vie- le Konsument*innen bevorzugen die importierten Produkte nicht nur des Preises wegen. Die massive Lebensmittelwerbung auf Plakaten und im Fernsehen zeichnet und produziert ein bizarres Bild von guter Ernährung. So kommt es zu dem ver- breiteten Irrglauben, dass togolesische Lebensmittel meist von einer schlechten Qualität seien, während der in der Werbung gepriesene Reis aus Thailand , die Maggi-Würfel und Coca-Cola gesund seien und geradezu ein Statussymbol sind – sie kommen ja aus „Yovodé“, aus dem Land der Weißen. So gut funktioniert Werbung. Dass Inhalt und Qualität meistens genau das Gegen- teil von dem sind, was die Verpackung verspricht, versucht Tata bekannt zu machen. Den vielen kleinen, lokalen Betrieben möchte er helfen, indem er zum Beispiel Sammelbestellungen für ihren Bedarf an Ver- packungen übernimmt und Bar-Codes drucken lässt. „Dadurch sparen sie Geld und vereinheitlichen das Design lokaler Pro- dukte“, sagt er. So könnte sich das Label „lokal“ eher etablieren, weil Käufer*innen es am Äußeren erkennen. Um seinen Lands- leuten das Misstrauen vor lokalen Produkten zu nehmen, führt OADEL Laboranalysen von Lebensmitteln durch und zertifi- ziert, was bedenkenlos konsumiert werden kann. Doch „selbst, wenn wir die Leute davon überzeugen konnten, dass unsere lokalen Lebensmittel besser sind als die importierten, wissen sie nicht, wo sie diese im Alltag kaufen können“, sagt Tata und schüttelt den Kopf angesichts der Vielzahl von Hindernissen. Die importierten Produkte haben sich etabliert und sind überall zu finden, Lokales muss man lange suchen und oft direkt beim Hersteller bestellen. Aus diesem Grund hat Tata in Lomé die BoBaR eröffnet: ein kleines, aus Holz konstruiertes Ensemble aus Boutique, Bar und Restaurant – BoBaR – wo es ausschließlich lokales Essen und Getränke gibt und wo regelmäßig Foren mit Verkostungen stattfinden. Direkt an einer Lagune gelegen, bietet die Terras- se des Restaurants ein nettes, ruhiges Plätzchen inmitten der wuseligen Stadt. Tata ist in einem sozial sehr engagierten Umfeld aufgewach- sen und hat früh die Arbeit in Vereinen und Gewerkschaften kennengelernt. Er erzählt, wie er schon als Kind bei den Ver- sammlungen von örtlichen Bürgerinitiativen kleine Aufgaben übernommen hat und mit 15 Jahren schließlich Sekretär des Jugendverbandes seines Viertels wurde, um dessen Interessen gegenüber der Regierung zu vertreten. Später nahm er neben seinem Soziologiestudium an einem Ausbildungsprogramm für Koordinatoren teil und arbeitete bereits als Student in ver- schiedenen gemeinnützigen Organisationen. Angefangen hat er bei Projekten zu Mikrokrediten, ländlicher Entwicklung und in Gruppen zur Stärkung der Demokratie. Für Tata hat der lokale Konsum immer noch eine Menge damit zu tun, außerdem lässt sich im Bereich von Produktion und Ernährung aus seiner Sicht mehr bewegen als auf politischer Ebene. Dass Ernährung politisch sein kann, überrascht wenig. Doch Erfolge der OADEL sind mehr als eine Förderung der loka- len Wirtschaft und Gesundheit der Konsument*innen. Es sind Schritte zur wahren Unabhängigkeit Afrikas von kolonialis- tischen Strukturen in Form von Ernährungssouveränität. Es sind Veränderungen, die auch die afrikanische Identität stärken können, weil sie zeigen, dass togolesische Unternehmen erfolg- reich sind – wenn man sie nur lässt. So verändern sich nicht nur Gewohnheiten, sondern auch Perspektiven vor Ort. Durch den Slogan „Consommons les pro- duits de notre terroir!“ – Lasst uns die Produkte von unserem Grund und Boden konsumieren! – werden unbewusste Para- digmen in Frage gestellt. Viele sind überrascht, wenn sie zum 1 Quelle: www.unep.org/dewa/agassessment/reports/IAASTD/EN/Agricul- ture%20at%20a%20Crossroads_Global%20Report%20%28English%29.pdf 16 TOGO
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    ersten Mal mitdieser Sicht der Dinge konfrontiert werden, gibt es doch an der überall verfügbaren Coca-Cola scheinbar nichts auszusetzen. Doch auf den Foren und Veranstaltungen, die Tata organisiert, stellt er immer wieder erfreut fest, dass die Teilnehmer*innen seine Anliegen schnell verstehen und sein Vorhaben unterstützen. Die BoBaR ist ein Anfang. Hier können die Leute zwar schon wie in wenigen anderen Läden lokale Zutaten zum Kochen kau- fen, aber Tata wünscht sich, dass man sie eines Tages in vielen Läden im ganzen Land findet. Außerdem plant er, mehr Gerichte mit lokalen Zutaten zu entwickeln, die sich einfach zubereiten lassen und eine direkte Konkurrenz zum importierten Fast Food sind. Ein leichtes lokales Sandwich statt einem amerikanischen Hamburger ist der Plan. Regionalen Ingwerlikör gibt es schon. Und Tata liebt ihn. Man merkt ihm seine Erfahrung als Koor- dinator von großen Projekten an. Tata hat viele Ideen und eine genaue Vorstellung davon, was zu tun ist. Für unser Gespräch schien er nicht unendlich viel Zeit zu haben, was für togolesi- sche Verhältnisse ungewöhnlich ist. Plötzlich steht er auf und muss los. Er ist eben nicht nur sympathischer Idealist, sondern auch Manager. D Fachinput Freihandelsabkommen Seit 2006 versucht die EU afrikanische Staaten (und andere ehemalige europäische Kolonien) dazu zu drängen, ihre Zölle schrittweise abzuschaffen und ihre Märkte für europäische Güter noch mehr zu öffnen. Als Kenia die Unterschrift des Abkommens verweigerte, wurden am 1. Oktober 2014 Einfuhrzölle auf kenianische Produkte verhängt. Nachdem betroffene Firmen Arbeiter*innen entlassen mussten, weil die Kosten für sie zu hoch wurden, stimmte die Regierung kurz darauf doch zu. „Stärkung der Partner- schaft“, nennt das die EU. Viele afrikanische Staaten wehren sich immer noch ­gegen das einseitige Wirtschafts-Partnerschaftsabkommen (EPA), das zudem neue Steuern auf Exportgüter in die EU verbie- ten soll. Im Senegal haben Rapper sogar ein „Stopp EPA“-Lied geschrieben. Parallelen zu TTIP sind unübersehbar. Kritiker*innen geht es dabei ebenfalls darum, kleine, regionale Betriebe zu unterstützen, statt minderwertige Nahrung von großen Konzernen konsumieren zu müssen, die der Gesundheit, der Umwelt und der gerechten Verteilung von Einkommen schaden. Man fragt sich, warum man es den togolesischen bzw. afrikanischen Hersteller*innen nicht leichter macht, ihre Waren im eigenen Land zu verkaufen und sich eine unabhängige Existenz aufzubauen. Für die nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung von Togo bzw. afrikanischen Ländern wäre genau das ein richtiger Weg. Pao Jim Engelbrecht, Jahrgang 1995, Student, Studium Generale an der Technischen Universität Berlin, Auslandsjahr in Togo 2014–2015 17
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    Nach der erstenProduktionsrunde muss Richard erst mal los zur Arbeit, denn er hat noch einen anderen Beruf. Seit seinem Journalistik-Studium arbeitet er beim Radiosender der Bap- tistischen Kirche in Kamerun, die ihren Sitz in Bamenda hat. Zum Glück hat er es nicht weit von seinem Haus zur Arbeit. Dort moderiert er eine Wunschsendung und im Anschluss die Mor- gennachrichten: Neues aus der Kirche, aus Kamerun und dem Rest der Welt. Journalist ist Richard eigentlich gerne, aber seine Arbeit bei der Kirche sieht er mehr als Ehrenamt. „Anderswo würde ich besser bezahlt werden. Mein Gehalt reicht gerade so für meine täglichen Ausgaben.“ Um aber seine Pläne, wie beispielweise ein Masterstudium oder seine Familie zu finanzieren, müssen andere Einkommensquellen her. Inspiration suchte er sich dafür bei Aliko Dangote, dem reichsten Mann Afrikas. Der kommt aus Nigeria und schreibt in seiner Biographie darüber, wie er mit wenig Kapital ein weitrei- chendes Wirtschaftsimperium aufgebaut hat. „Ich dachte mir, wenn ich eines Tages der reichste Mann Afrikas werden möchte, dann sollte ich jetzt loslegen daran zu arbeiten.“ Morgens halb sechs in Bamenda, Hauptstadt der Nord-West Region Kameruns. Erst ist ein Klappern zu hören, dann Schritte, jemand trägt etwas Schweres. Wieder ein Klappern, dann ziem- licher Lärm, der nicht mehr aufhört. Wer da rumpelt, das sind Richard Atem-Ojong und sein Neffe Zidane, der bei ihm wohnt. Die beiden leben in einer Drei-Zimmer-Wohnung und an diesem Morgen ist es Zidanes Aufgabe, noch vor der Schule die erste Charge Karottensaft zu produzieren. Die beiden haben im Laufe des Jahres 2015 ein Kleinunternehmen aufgebaut: Jules Natural Juice. Noch ist die Produktionskette sehr kurz. Auf dem nahe gele- genen Nkwen Market kaufen sie Obst und Karotten ein, die sie mit zwei Entsaftungsmaschinen zu Säften verarbeiten. Diese werden in Flaschen abgefüllt und so verschlossen, dass erst die Konsument*innen sie wieder aufmachen können. Auf jede Fla- sche wird das passende Etikett geklebt, das von einer Agentur in der Wirtschaftsmetropole Douala konzipiert wurde. „Wenn, dann richtig“ ist Richards Devise. Gerade der Eindruck nach außen sei wichtig für das Geschäft. Wenn, dann richtig Birte Mensing 18 KAMERUN
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    Noch ist „Jules“kein Goldesel, auch wenn das von außen für viele Leute in Richards Umfeld so scheinen mag. Um offizi- ell als Unternehmen auftreten zu können, musste er den Pro- zess der Registrierung durchlaufen. Dahinter steckt vor allem eine Menge Papierkram, Verhandlungen mit dem Anwalt über sein Honorar und Zahlungen an den Staat (Registrierungsge- bühr). Wenn alle Papiere eingereicht sind, heißt es erst mal drei Mo­nate warten, bis alle Unterlagen geprüft sind. Der finanzielle Aufwand ist relativ hoch – 500 bis 700 € – bei einem monatli- chen Gehalt von 100 €. Wenn dann aber alles bestätigt ist, gibt es zur Belohnung eine Steuerermäßigung für drei bis zehn Jahre. Doch auch, wenn der Saftverkauf bis jetzt mehr Investiti- on erfordert als er Gewinn bringt, sieht Richard noch eine ganz andere Funktion in seinem Unternehmen: „Für mich ist es auch ein Zeichen, dass man alles sein und tun kann, was man möch- te.“ Er hofft, dass sich Leute ein Beispiel daran nehmen, ihre eigenen Ideen zu verwirklichen und sich zutrauen, etwas auf- bauen zu können. Und damit im besten Falle noch etwas für die Gemeinschaft tun. Mittags zurück zum Radio, Nachrichten moderieren. Nach den Kurznachrichten ist es Zeit, die Ware zu den Verbraucher*innen zu bringen. Hierbei spielt Richards ursprünglicher Arbeits- platz eine große Rolle. Auf dem Gelände der Kirche arbeiten­ Und als er sich mal wieder darüber ärgerte, dass es bei Feiern und besonderen Anlässen immer nur extrem süße Softdrinks mit Kohlensäure und künstlichem Geschmack gibt, war die Idee zu „Jules“ geboren. „Es kommt mir fast so vor, als hätten die ­Leute hier vergessen, wie Natur schmeckt. Wenn ich das Leben von Leuten besser machen kann und dabei auch noch Geld ver- diene – was will ich mehr?“ Los ging es im ganz kleinen Rahmen – eine Maschine, ein Sack Karotten, ein Sack Ananas, die ersten Säfte. Heute sind es zwei Maschinen, mehr Obst und mehr Säfte, die täglich auf Bestel- lung ausgeliefert werden – an Einzelpersonen oder zu Veran- staltungen. Nach der Morgenschicht beim Radio geht die Produktion in die zweite Runde. Dafür hat er sich im Herbst 2015 Unter- stützung  geholt und einen Raum gemietet, direkt neben sei- ner Wohnung. Delphine und Edouane kommen vormittags und kümmern sich darum, dass es mittags Säfte gibt, die an die Kund*innen ausgeliefert werden. Vier verschiedene Sorten sind mittlerweile im Angebot: CaPi (steht für carrot und pine- apple), Cocktail (Papaya, Passionsfrucht, Ananas) und Soursop (Stachel­annone). Diese Frucht gilt als sehr gesund und ist für manche mittlerweile Teil ihrer Diät geworden. 19
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    mit meinem eigenenErsparten angefangen. Das war so klein, dass es keine Möglichkeit gab, einen Kredit aufzunehmen oder Investoren zu finden. Deswegen musste ich Kompromisse ein- gehen, die sich auf das Image des Produkts ausgewirkt haben. Kameruner*innen sind oft skeptisch – neue Dinge zu akzeptie- ren ist eine Herausforderung.“ Um daran nicht zu scheitern, hat Richard mit Freunden die „Pacesetters“ gegründet. Übersetzen könnte man das mit: „Die, die voran schreiten.“ Es geht ihnen darum, sich gegenseitig zu fördern und zu bestärken in ihren Ideen, auch wenn diese für die meisten Leute merkwürdig scheinen. „Wenn es Leute gibt, die zu dir aufschauen, reicht es nicht, ihnen zu sagen, dass sie ihre Träume realisieren sollen. Wenn du aber deine Visionen umsetzt, dann sagt das mehr als tausend Worte.“ Kochen, essen, Zeit schlafen zu gehen. Denn am nächsten Mor- gen ist sicher wieder so einiges geplant. Doch nachts bleibt Zeit zu träumen. Davon, wie es irgendwann sein wird: „Manchmal erschrecken mich meine Pläne für mein Unternehmen selbst. Ich will aus „Jules“ ein national anerkanntes Produkt machen. 100 % natürliche, frische Fruchtsäfte auf Bestellung in den großen Städten Kameruns. Tagesfrische Produktion. Der Weg dahin? Standardisierung der Produktionsprozesse, kleine Fabri- kationsstätten, dichte Lieferkette, Etablierung der Marke. Doch das Kapital dazu muss erst einmal erwirtschaftet werden.“ D besonders viele Menschen in Verwaltungspositionen. Konfe- renzen werden organisiert. Und was bietet sich da besser an als Fruchtsäfte zur Erfrischung? Noch geht es darum, den Markt zu schaffen und zu gestalten. Über Mundpropaganda verbrei- tet sich das Angebot – immer mehr Bestellungen erreichen Richard. „Die Nachfrage ist groß, aber wir können sie nicht befriedigen, weil wir zu schwache und zu wenige Maschinen haben. Und zu wenig Mitarbeiter*innen, die sich um den Ver- kauf kümmern. Die daraus resultierenden Effekte sind unzu- friedene Kund*innen, eingeschränkte Reichweite und dadurch weniger Umsatz.“ Doch das hält ihn nicht davon ab, seine Idee weiter zu verfol- gen. Schon im Studium interessierte er sich auch für Marketing. Das ist jetzt besonders hilfreich dabei, „Jules“ ein Standing in Bamenda zu verschaffen. Und auch wenn sich so Business und Beruf gegenseitig befruchten, bleibt doch eine Doppelbela- stung. Die gleicht er durch seinen Glauben aus, der ihm immer wieder Perspektiven gibt. Gott auch in Business-Fragen zu Rate ziehen, findet er mehr als legitim. Damit verbunden ist für ihn auch, christliche Grundideen bei „Jules“ umzusetzen. Er behan- delt seine Mitarbeiter*innen wie gute Freunde. Und hört sich auch gerne an, was sie zu sagen haben. Denn von anderen zu ler- nen ist ein Schlüssel zum Erfolg. „Ich bin der Typ, der eine Kerze anzündet, anstatt über die Dunkelheit zu fluchen.“ Es ist Nachmittag geworden, Richard trifft sich mit einem Vermieter. Er ist auf der Suche nach einem Laden, in dem er die Säfte verkaufen kann, ohne durch die ganze Stadt zu fah- ren, um Bestellungen auszuliefern. Dort soll gleichzeitig ein kleines Café  entstehen oder eher eine Saftbar. Aber auch in Bamenda ist der Immobilienmarkt nicht mehr das, was er einmal war. Gute Lage spiegelt sich in den Preisen. Und da ist Richard ziemlich schnell bei seinem nach wie vor größten Pro­ blem – „lack of capital“, auf Deutsch: zu wenig Kapital. „Ich habe Birte Mensing, Jahrgang 1994, Bachelor-Studium Public Governance across Borders in Münster und Enschede (Niederlande), internationaler Freiwilligendienst mit Brot für die Welt in Bamenda, Kamerun 2012/2013 Redaktionsleitung von „mitten.drin“, einem Freiwilligenmagazin, www. freiwilligenmagazin.de 20 KAMERUN
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    Ange Imanishimwe (Jahrgang1986) hat ein klares Ziel: Er möch- te die nachhaltige Entwicklung seines Landes Ruanda fördern und damit Natur und Menschen helfen. Ange wuchs in einer ländlich geprägten Gegend im Tare Sec- tor im Süden Ruandas auf. Er ist einer von sechs Kindern, sein Vater war Grundschullehrer, seine Mutter versorgte den Haus- halt und bewirtschaftete die Felder der Familie. Auch wenn die Eltern nur ein geringes Einkommen hatten, wussten sie dieses gut zu verwalten und so konnten sie ihren Kindern den Schulbesuch ermöglichen. Ange bekam die Armut bei seinen Nachbarn ebenso mit wie die Veränderungen in der Natur und so engagierte er sich bereits in jungen Jahren für seine Umwelt und begann schnell sich für Themen wie Naturschutz und Land- schaftsentwicklung zu interessieren. Ein Grund dafür war, wie BioCoop Rwanda Ein Leuchtturmprojekt für nachhaltigen Tourismus und Naturschutz Janinka Lutze 21
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    Ange sagt, dasssein Biologielehrer in der Grundschule ihn mit seinem Wissen inspirierte. Bereits mit sieben Jahren war seine Liebe zur Natur so groß, dass er begann seine Nachbarn mit sei- nen Informationen aus dem Unterricht und den Schulbüchern beispielsweise über nachhaltige Landwirtschaft in Gesprächen aufzuklären. Spannende Themen für ihn waren schon damals die Biodiversität sowie Ökosystemdienstleistungen. Das Wis- sen über Ressourcen also, die die Natur uns Menschen zur Verfügung stellt, wie etwa Atemluft, Trinkwasser, Nahrung, Baumaterialien und ähnliches. So fragte Ange seine Nachbarn beispielsweise, warum sie Tiere wie Vögel, Mäuse, Schlangen oder Fledermäuse töteten, die auf ihren Äckern fraßen. Er ver- suchte ihnen metaphorisch zu erklären, dass diese auf dem Acker wahrscheinlich einen Quadratmeter zerstören, aber dafür woanders 10 Hektar bepflanzen – durch Samen im Kot oder Bestäuben. Oder er erklärte den Menschen, dass es ihnen selbst schaden würde, wenn sie ihren Müll auf die Felder werfen, weil der Boden die schädlichen Stoffe aufnimmt, die anschlie- ßend in die Lebensmittel gelangen. Das Verständnis für ökologische Zusammenhänge war für ihn wichtig und so absolvierte er nach dem Schulabschluss seinen Bachelor in Zoologie und Umweltschutz (BSc. Zoology and Con- servation) und seinen Master in Biodiversitätsschutz (MSc. Bio- diversity Conservation). Derzeit beginnt er seine Promotion im Bereich Biologie. 2012 gründete er die Kooperative BioCoop Rwanda, die im Dorf Gasarenda direkt am Nyungwe Nationalpark ihr Büro hat und im gesamten Distrikt Nyamagabe tätig ist. Der Nyungwe Nationalpark ist der größte Bergnebelwald Ostafrikas und mit seinen knapp 1000 km2 nimmt er 3 % der Landesfläche Ruandas ein. Im Süden grenzt er direkt an den Kibira Nationalpark in Burundi an. Der Nyungwe ist ein Hotspot der Biodiversität und beheimatet mehr als 300 Vogelarten, einige davon endemisch (sie kommen nur in Ruanda und teilweise nur im Nyungwe Na­tionalpark vor), zahlreiche Insektenarten und 75 Säugetier- arten, darunter 13 Primatenarten. Von der Idee eine Kooperative zu gründen, konnte Ange damals einige Abiturienten überzeu- gen: 2012, bei der Gründung von BioCoop, waren sie zu zwanzig und jeder steuerte 2000 ruandische Franc (etwa 2–3 Euro) bei. Das war das Startkapital. Noch im gleichen Jahr wurde Ange als „Top Young Innovator of Rwanda“ geehrt. Das Preisgeld nut- ze er um die Aktivitäten von BioCoop auszubauen. Für seine Leistungen und Erfolge im Biodiversitätsschutz, vor allem für seine Ideen in Sachen nachhaltige Imkerei und die Einführung von Ökotourismus im Nyungwe bekam er ein Stipendium und konnte für sechs Wochen an die University of California Berkely zu einem akademischen Training über Umweltschutz. Mit der Gründung von BioCoop Rwanda und seiner weiteren Arbeit bzw. Engagement verfolgt Ange Imanishimwe zahlrei- che  Ziele1. So möchte er die Umwelt schützen, die Natur und ­Nationalparks Ruandas erhalten sowie dem Verlust an Biodi­ versität entgegenwirken. Gleichzeitig möchte er das Leben seiner Mitmenschen in Ruanda verbessern und hat dabei vor allem die Zielgruppe Jugendliche vor Augen. Ruanda ist eines der ärmsten Länder der Welt und viele Familien leben unter der Armutsgrenze. Es herrscht eine hohe Arbeitslosigkeit sowie Perspektivlosigkeit, gerade in der jungen Bevölkerung. Natur- schutz und nachhaltiger Umgang mit Ressourcen sind im All- tag der meisten Ruander kein Thema. Doch Ange möchte dies ändern und mit seinen Projekten die Bedeutung des Natur- schutzes den Menschen näher bringen und ihnen gleichzeitig neue Alternativen und Perspektiven aufzeigen. Mit BioCoop 1  In Ruanda gibt es derzeit drei Nationalparks (Volcanoes, Akagera und Nyungwe), die zahlreiche Tier- und Pflanzenarten beherbergen, darunter auch eine Vielzahl an endemischen Arten. Vor allem durch die verschie- denen Landschaftstypen von Savannen (z. B. Baumsavannen im Akagera Nationalpark) über Moore- und Feuchtgebiete, Seen und Fließgewässer bis hin zu den Wäldern, bietet Ruanda zahlreichen Arten verschiedene Habitate und so kommt es zu der großen Anzahl an Arten in dem kleinen afrikanischen Land. Mit insgesamt knapp 3200 km2 hat Ruanda somit 12,2 % seiner Landesfläche zu Schutzgebieten ausgewiesen. Die Aus- weisung des Gishwati Waldes zum Nationalpark würde dies zwar nur um weniger als 1 % erweitern, wäre jedoch ein sinnvoller Schutz für den Wald und somit sämtlichen Tier-und Pflanzenarten, die er beherbergt und würde so ein großer Schritt gegen den Biodiversitätsverlust Ruandas bedeuten, was auch ein großes Anliegen von Ange Imanishimwe ist. 22 RUANDA
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    Rwanda hat Angebereits verschiedene Maßnahmen durchge- führt und Projekte gestartet: So gibt es im Nyungwe National- park ein Imker-Projekt. Hier haben Menschen aus den umlie- genden Dörfern in Workshops die Möglichkeit das Imkern zu erlernen und eine Lizenz zu bekommen, um im Nationalpark Bienenreusen aufstellen. Der Honig wird in lokalen Läden sowie im Zentrum der Nationalparks an die Touristen verkauft und bietet den Imkern eine zusätzliche Einnahmequelle. BioCoop Rwanda setzt sich auch mit den illegalen Aktivitäten – wie die illegale Jagd sowie das illegale Abholzen – im Nyungwe sowie in den anderen beiden Nationalparks Ruandas auseinan- der und versucht Alternativen zu entwickeln. Jagd und Abhol- zen waren natürlich früher Tradition und eine Lebensgrundlage vieler Menschen in Ruanda, vor allem in den Regionen um die heutigen Nationalparks. In den meisten Fällen geschah dies ausschließlich zum Eigenverbrauch. Doch die Jagd – vor allem die kommerzielle und illegale Jagd – tragen maßgeblich zum Artenschwund in Ruanda bei, ebenso wie auch der Lebensraum- verlust. Durch die Abholzung verlieren die Tiere ihr Habitat und es entstehen bekanntermaßen große Probleme im Ökosystem des Waldes sowie beim Klima2. Gegen illegales Jagen gibt es inzwischen Rangerkontrollen, finanziert durch das Rwandan Development Board (RDB), gegen die Abholzung betreibt Bio- Coop Rwanda verschiedene Projekte. Es gibt Workshops für die Menschen aus den umliegenden Dörfern sowie Pflanzprojekte. Im Gebiet des Nationalparks werden kontinuierlich neue Bäume gepflanzt. Zusätzlich entsteht an der Nationalparkgrenze ein Schutzgürtel aus Bäumen. Den Menschen das Abholzen zu ver- bieten, wäre keine Lösung, da sie das Holz für den Bau und als Feuerholz benötigen. BioCoop Rwanda bietet Aufklärungsar- beit und Alternativen an: In Workshops werden holz- und koh- leschonende Kocher vorgestellt, die die Arbeit der Holzbeschaf- fung erleichtern, Geld sparen beim Kauf der Kohle und gesünder sind wegen geringerer Rauchentwicklung. Zusätzlich gibt es Informationen über weitere Ressourcen-schonende ­Verfahren für den Verbrauch von Wasser und Holz. 2  Dies betrifft sowohl das Mikroklima in dem Waldgebiet, da der Baum beispielsweise durch eine große Krone viel Schatten wirft und so am Boden für ein kühleres Klima sorgt. Global gesehen sind Bäume wichtige CO2-Speicher und das vermehrte Abholzen von Wäldern sorgt dafür, dass das CO2 wieder freigesetzt wird und sich so die Zusammensetzung der Atmosphäre ändert und zur Erwärmung führt, da die Atmosphäre die Sonnenenergie nicht mehr so gut abblocken kann und sie die Erde so mehr erwärmt. Die ist global zu spüren aber auch die Unterschiede der Luftreinheit kann man an einzelnen Orten spüren und so wird die Luft in waldarmen Gegenden oft als weniger „frisch“ empfunden. 23
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    Da Bäume jedochnicht nur im Nationalpark sinnvoll sind, betreut Ange mit BioCoop Rwanda auch ein Projekt zur Stadtbe- grünung.DortwerdendielokalenAutoritätensowieinteressier- te Bürger*innen über die Vorteile von Bäumen aufgeklärt und es werden in den Städten Bäume gepflanzt. Hier ist auch wichtig, Alternativen anzubieten, dass diese Bäume nicht wegen Mangel an Feuerholz gefällt werden. Im Distrikt Nyamagabe, in dem die Kooperative BioCoop arbei- tet, ist – wie auch anderswo – Mangelernährung ein häufig auf- tretendes Problem. Als Lösung für dieses Problem hat BioCoop ein Projekt ins Leben gerufen, bei dem Milchkühe an Familien mit Mangelernährung vergeben werden. Milch ist eine wichti- ge Eiweißquelle und in Ruanda, wenn es für die Familie mög- lich ist, Bestandteil der Ernährung. Zusätzlich hat BioCoop in ­Gasarenda eine Milchsammelstation eingerichtet. Dort können die Familien ihre überschüssige Milch abgeben. Die gesammel- te Milch wird in der Station haltbar gemacht und anschließend in verschiedenen Läden im Distrikt, aber auch in der Haupt- stadt Kigali und Bujumbura in 5-Liter Kanistern verkauft. Jede Familie hat eine Mitgliedskarte, auf der bei jeder Milchabgabe die Literanzahl notiert wird. Am Ende des Monats wird das Geld ausgezahlt. Viele der Familien nutzen dies für die Bezahlung der Schulgebühren für ihre Kinder, zur Anschaffung weiterer Nah- rungsmittel oder für den Ausbau ihrer Wohnungen und einen Anschluss ans Stromnetz. Seit 2000 hat Ruanda ein visionäres Entwicklungspro- gramm für die Bereiche Gleichberechtigung, Schulbildung, Gesundheitssystem und Kampf gegen die Arbeitslosigkeit. Eines der Ziele ist bis 2020 die Stromversor- gung ausschließlich aus erneuerba- ren Energiequellen zu realisieren und alle Haushalte an das Stromnetz anzuschließen. Mit dem Ausbau der Energieerzeugung durch erneuerbare Energien hat Ruanda bereits begonnen und verfügt über eine der modernsten Pho- tovoltaikanlagen der Welt. In der Nähe der Hauptstadt Kigali betreibt „Gigawatt Global“ eine 100 Sonnensegel-Anlage mit einer Leistung von 8,5 Megawatt. Desweiteren gibt es zahlreiche kleine Anlagen, die Krankenhäuser, Schulen und andere öffent- liche Gebäude versorgen. Der Ausbau von Erdwärmenutzung geschieht bereits im Nordwesten des Landes um die Virunga- Vulkankette und ebenso die Nutzung von Wasserkraft. Einige kleine Kraftwerke sind bereits in Betrieb, mindestens 20 weitere sollen in den nächsten Jahren gebaut werden. Ruanda ist weltweit ein Vorreiter in Sachen Nachhaltigkeit. Und auch im Naturschutz ist das Land stark engagiert. Es gibt mehrere Gesetze, die zum Natur- und Umweltschutz beitragen sollen, wie etwa das Verbot Müll aller Art – und sei es nur ein Bonbonpapier – auf den Boden zu werfen sowie das landesweite Plastiktütenverbot. Ebenso gibt es wirksame Naturschutzge- setze sowie Schutzbemühungen zum Erhalt der Nationalparks. Desweiteren ist geplant, den noch sehr naturnahen Wald Gish- wati im Nordwesten des Landes als vierten Nationalpark auszu- weisen. Dies würde seinen Schutzstatus erhöhen und gleichzei- tig ein weiteres touristisches Potenzial darstellen. 24 RUANDA
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    Ruandas Wirtschaft wirdzu einem großen Teil vom Tourismus getragen. Die meisten Touristen (etwa 70 %) kommen um die Touren zu den Berggorilla (Gorilla beringei beringei) im Volcano- es Nationalpark zu machen. Doch auch die anderen Touren, wie etwa zum Grab der bekannten Gorillaforscherin Diane Fossey oder zu den Goldmeerkatzen (Cercopithecus kandti) sind sehr beliebt, ebenso wie die Ausflüge im Akagera Nationalpark oder dem Nyungwe Nationalpark. In diesem gibt es beispielsweise Touren zu Familien vom Gemeinen Schimpansen (Pan troglody- tes)oderGruppenvonAngola-Stummelaffen(Colobus angolensis). Doch auch außerhalb der Nationalparks gibt es zahlreiche spannende Möglichkeiten für Touristen. Deshalb bietet Ange ­Imanishimwe mit BioCoop Rwanda umweltfreundliche Wan- der- und Fahrradtouren zu Themen wie Natur und Kultur in den Dörfern um den Nyungwe an. Hier geht es um die traditionelle Honiggewinnung aus den Bienenreusen, die Herstellung von Bier aus Sorghum und Bananen, die Verarbeitung von Pflanzen für traditionelle Medizin und Förderung der regionalen Kultur. Auch von anderen Anbietern gibt es vergleichsweise viele Ange- bote im Bereich des Ökotourismus, die zudem von der Regierung unterstützt werden. Denn diese möchte, dass auch die lokale Bevölkerung, die nicht im Tourismussektor arbeitet, vom Tou- rismus profitiert. So gehen beispielsweise 10 % der Einnahmen im Volcanoes Nationalpark in die Entwicklung der umliegen- den Dörfer. Es werden Schulen und Gesundheitszentren gebaut und Menschen bei der Landwirtschaft unterstützt. Eine Mauer um den Nationalpark, finanziert durch diese Gelder, schützt die Äcker vor den Tieren aus dem Wald. Sollte es dennoch zu Wild- schäden durch Waldelefanten oder Buffalos auf den umliegen- den Äckern kommen, so übernimmt die Regierung Ruandas die Haftung für die entstandenen Schäden. Durch die Ausweisung als Schutzgebiete oder Nationalparks werden den Menschen lebenswichtige und kulturell wichtige Ressourcen genommen, für die ein Ausgleich geschaffen werden muss. Die ruandische Regierung scheint mit ihrem Konzept bisher viel Erfolg zu haben. Die ruandische Bevölkerung akzeptiert die National- parks und ist stolz auf seine Natur, vor allem auf seine Gorillas. Das sieht man deutlich auf dem jährlich stattfindenden Fest „Kwita izina“ (Kinyarwanda für: Namen geben). Seit 2005 wer- den den in dem jeweiligen Jahr im Volcanoes Nationalpark neu geborenen Gorillababys Namen gegeben. Dies geschieht mit einer großen Zeremonie und einer Rede des Präsidenten (der- zeit Paul Kagame). Die Feierlichkeit wird live im ruandischen ­Fernsehen übertragen. Das Fest ist ein jährliches Erinnern an die Schönheit der Natur und Schutzwürdigkeit der Biodiver- sität. Genau dies ist auch Ange Imanishimwe wichtig und so versucht BioCoop Rwanda mit seinen Projekten mehr für die Akzeptanz zum Schutz des Nyungwe Nationalparks zu tun und gleichzeitig Arbeitsplätze zu schaffen und den Menschen eine Arbeit im Einklang mit der Natur nahe zu legen. Beispielsweise durch die Anpflanzung von Hecken aus Nutzpflanzen um die- se später zu ernten und gleichzeitig die Felder an Hügelhän- gen vor Erosion zu schützen, da dies ein Verlust der nutzbaren Ackerfläche und somit wieder ein Verlust an Lebensmitteln bedeuten würde. Oder das Nutzen von Fruchtfolgen, bei denen nacheinander auf den Feldern verschiedene Früchte angebaut 25
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    werden, die sichgegenseitig beim Wachstum unterstützen oder den Boden für die nächste Frucht vorbereiten und so eine dau- erhafte Bodenfruchtbarkeit gewährleisten. Mit dieser Strate- gie hat BioCoop bereits große Erfolge – nicht zuletzt durch die Schaffung von insgesamt mehr als 800 Arbeitsplätzen bis 2014. Ähnlich erfolgreich sind die „environmental clubs“ (Umwelt- Arbeitsgemeinschaften), die BioCoop in Schulen in der Umge- bung anbietet. So wie Ange Imanishimwe sich in seiner Jugend schon mit dem Thema Umweltschutz auseinander gesetzt hat, wird hier Schüler*innen die Möglichkeit gegeben, dies gemein- sam zu tun und durch einen Begleiter von BioCoop Ideen und Unterstützung zu bekommen. Die Jugendlichen sind sehr froh darüber und die Arbeitsgemeinschaften erfreuen sich großer Nachfrage. Die Teilnehmenden eignen sich einen hohen Kennt- nisstand und ein gutes Verständnis über ökologische Zusam- menhänge und die Auswirkungen ihres Verhaltens an. Gemein- sam versuchen sie, in ihren Familien, Schulen und Dörfern für mehr Aufklärung zu sorgen und gemeinschaftlich Projekte wie beispielsweise Pflanzaktionen durchzuführen. BioCoop bietet neben den Umwelt-Arbeitsgemeinschaften auch Fortbildungen, Computerkurse und Ausbildungsstipendien für Jugendliche an. Auch unter den Beteiligten der Kooperative BioCoop selbst befinden sich viele junge Erwachsene. Die Kooperative basiert auf Freiwilligkeit und so ist es sehr erfreulich, dass sie sich so großer Beliebtheit erfreut und Menschen aus verschiedenen Berufsfeldern (Gesundheitswesen, Landwirtschaft, Bildung) der Kooperative beigetreten und in ihr aktiv sind. Wie beispiels- weise der Lehrer Sylvestre, der neben seiner Tätigkeit als Ober- schullehrer ehrenamtlich die environmental clubs in mehreren Schulen leitet, regelmäßig die Situation der Milchsammelstati- on kontrolliert und Berichte für BioCoop verfasst. Die Kooperative BioCoop Rwanda ist ein leuchtendes Beispiel dafür wie ein einzelner Mensch, der mit Leidenschaft und Wil- len für seine Ziele kämpft, etwas so Großes schaffen kann. Ange Imanishimwe aus Ruanda, einem der ärmsten Länder der Welt, verändert eine Region, die dort lebenden Menschen und letzt- lich auch die Welt. D REMA: www.minirena.gov.rw/index.php?id=91 Biocoop Rwanda: http://biocoop.rw/ http://minirena.gov.rw/index.php?id=209 Links zu Ökotourismus: Tourismus in Ruanda: www.rwandatourism.com/ Rwanda natural recources authority: http://rnra.rw/index.php?id=2 Janinka Lutze war 2009/2010 zum ersten Mal im Rahmen ihres internationalen Freiwilligenjahres in Ruanda, Bachelor in „Naturschutz und Land­schafts­ planung“, aktuell Masterstudiengang „Regional­ entwicklung und Naturschutz“. Sowohl im Rahmen des Studiums als auch privat arbeitet Janinka Lutze in ­verschiedenen Naturschutzprojekten in Ruanda und ist regelmäßig dort um ihre Freunde zu besuchen. Derzeit mehrmonatige Kartier- und Forschungsarbeit im Rahmen der Masterarbeit über Amphibien in Costa Rica. 26 RUANDA
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    Wir leben ineinem Zeitalter des Plastiks. Kunststoffe sind zu einem der wichtigsten Materialien unserer Zeit geworden. Ob in Schuhen, Autos oder Duschgel, sie sind allgegenwärtig. Plastik hat besondere Qualitäten. Im Gegensatz zu Papier ist es wasserfest und beständiger, darüber hinaus lässt es sich wie- der verwenden und hat eine lange Lebenszeit. Doch genau hier liegt auch das Problem. Plastik ist nicht biologisch abbaubar und beim Zerfallsprozess entstehen giftige Stoffe. Ein verrücktes Beispiel für das Ausmaß unserer „Plastikwelt“ sind die Lego- Strände im Südwesten Englands. Nachdem 1997 im Ärmelkanal ein Container-Schiff, beladen mit verschiedenen Spielzeug- teilen, verunglückte, gerieten 4,8 Millionen Legosteine in das Meer. Bis heute werden an den Stränden Legosteine gefunden. Plastikmüll ist ein globales Problem. In allen Ländern der Welt und insbesondere in Ländern des globalen Südens ist die Plas- tikproduktion seit den 1990er Jahren stark ausgeweitet worden. Die Nachfrage steigt überall auf der Welt. Dies hängt damit zusammen, dass Plastik oft mit Fortschritt, Moderne oder auch Sauberkeit assoziiert wird. In afrikanischen Staaten mit einem ausgeprägten sozioökonomischen Wachstum wie Ghana, Nige- ria oder Kenia ist Plastik zu einer wirtschaftspolitischen Frage geworden: Verschiedene Lobbyisten versuchen die Produktion weiter auszubauen und damit weitere Arbeitsplätze zu schaffen. Die Auswirkungen der weltweit steigenden Plastikproduktion sind allerdings prekär. Neben den vielen positiven Eigenschaf- ten, wie zum Beispiel Beständigkeit oder Elastizität, hat Plastik den großen Nachteil, dass es nicht biologisch abbaubar ist. Insbesondere der Plastikmüll in den Ozeanen hat gravie- rende Auswirkungen auf die ozeanischen und terrestrischen Ökosysteme. Doch neben den Folgen für die Tiere und die Natur wird auch das Leben der Menschen direkt betroffen. Die kleinen und omnipräsenten Begleiter unseres Lebens, wie Verpackun- gen von CDs, Zigarettenpäckchen oder Taschentüchern zerset- zen sich nicht und bleiben immer in unseren Ökosystemen vor- handen. In vielen tropischen und subtropischen Staaten mit erhöh- tem Malariarisiko sind Plastiktüten eine optimale Brutstätte für Malaria-Mücken. In Nairobi, der Hauptstadt Kenias, wurde festgestellt, dass Plastiktüten die Kanalisation blockieren und damit das Hochwasserrisiko erhöhen. Die Auswirkungen des Plastikmülls betreffen jedoch nicht nur die Ökosysteme, die Verbreitung von Krankheiten, sondern auch die Wirtschaft. In vielen Staaten, darunter auch Deutschland, führt die Ver- schmutzung von Stränden zu einem Rückgang des Tourismus und zu einer kostenintensiven Reinigung. Was unternehmen die Staaten und die Zivilgesellschaft, um das Plastiktütenproblem zu lösen? Die ersten Staaten, die das Plas- tiktütenproblem aktiv bekämpft haben, befinden sich im globa- len Süden. Das erste Plastiktütenverbot weltweit wurde 2002 in Plastiktüten sind untragbar Robin Frisch 27
  • 30.
    Bangladesch eingeführt. DerStaat, in dem das strengste Verbot eingeführt wurde, ist Ruanda. Der kleine ostafrikanische Staat, der in westlichen Medien häufig nur im Kontext des Genozids 1994 beleuchtet wird, wird als Musterschüler in umweltpoliti- schen Fragen international gewertschätzt. Die Hauptstadt Kiga- li gilt als die sauberste Stadt auf dem gesamten afrikanischen Kontinent und es gibt neben dem Plastiktütenverbot (2004) Umweltzonen, in denen der Autoverkehr verboten ist. Seit 1998 existiert darüber hinaus an jedem letzten Samstag im Monat ein gemeinschaftlicher Dienst – Umuganda – bei dem im gan- zen Land etwa 80 % der ruandischen Bevölkerung die Straßen vom Müll säubern und andere zivilgesellschaftliche Aktivitä- ten durchführen. Umuganda bedeutet übersetzt „Zusammen- kommen mit einem gemeinsamen Ziel“ und ist Pflicht für alle Bürger*innen Ruandas zwischen 18–65 Jahren. Dieser gemein- schaftliche Dienst hat nicht nur einen nachhaltigen Effekt für die Sauberkeit der Straßen, sondern ist auch ein wichtiger Bei- trag zur Stärkung des Gemeinschaftsgefühls. Neben dem Musterbeispiel Ruanda gibt es weitere afrikanische Staaten, die Maßnahmen gegen Plastiktüten eingeführt haben. Eritrea und Somalia (2005), Botswana, Tansania und Ugan- da (2007), Kenia und Togo (2011), Mauretanien und Mali haben 2013 offiziell ein Verbot von Plastiktüten eingeführt. Es mag überraschen, dass so viele Staaten auf dem afrikanischen Kon- tinent Gesetze gegen den Gebrauch von Plastiktüten erlassen haben – die Reichweite ist unterschiedlich. In Ruanda gibt es ein komplettes Verbot von Plastiktüten. Bei einer Grenzkontrol- le kann man laut Reiseberichten erleben, dass die Verpackung von Süßigkeiten abgegeben werden muss. In Südafrika erhebt der Staat eine Steuer auf Plastiktüten, um so den Gebrauch zu senken. In den meisten Staaten werden Tüten bis zu einer bestimmten „Dicke“ verboten. Dünne Plastiktüten, in Deutsch- land vor allem in Drogeriemärkten erhältlich, sind in fast allen genannten Staaten verboten. Da viele Gesetze noch nicht lange in Kraft getreten sind und die gesamte Bevölkerung von einem Verbot überzeugt werden muss, gestaltet sich die Einhaltung oft schwierig. Es braucht seine Zeit bis alle Verkäufer*innen auf allen Märkten und in allen Supermärkten akzeptieren, keine 28 RUANDA
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    Plastiktüten mehr zuverkaufen. Widerstand kommt auch von der Plastikindustrie, die den Verlust von Arbeitsplätzen the- matisiert. Um ein vollständiges Plastiktütenverbot durchzu- setzen, müssen nicht zuletzt auch die Konsument*innen dazu bereit sein, andere, zum Beispiel traditionelle Verpackungen zu benutzen. Plastiktüten sind allerdings nicht nur ein Thema für die Regie- rungen, sondern vor allem auch für zivilgesellschaftliche Akteur*innen. 2010 hat sich eine panafrikanische grüne Partei (Federation of Green Parties of Africa) gegründet, die Umwelt- bewegungen und Parteien aus 28 Staaten verbindet. Die wohl bekannteste Bewegung auf dem Kontinent ist das „Greenbelt Movement“ in Kenia, welches 1977 zur Wiederaufforstung der Wälder gegründet wurde. Die Gründerin, Wangari Maathai, https://en.wikipedia.org/wiki/Phase-out_of_lightweight_plas- tic_bags#/media/File:Plastic_bag_legislation.svg Quellen: www.haz.de/Nachrichten/Panorama/Uebersicht/In-Cornwall-werden-Legosteine- nach-Schiffshavarie-von-1997-angeschwemmt http://rwandapedia.rw/explore/umuganda www.mindfully.org/Plastic/Bans/Somalia-Bans-Plastic1mar05.html www.lemonde.fr/planete/article/2013/01/03/l-interdiction-des-sacs-en-plastique-se- mondialise_1812467_3244.html lehrte in Nairobi Biologie und war zwischen 2003 und 2005 Umweltministerin in Kenia. Für ihren herausragenden Bei- trag zur nachhaltigen Entwicklung, für Demokratie und Frie- den wurde ihr 2004 der Friedensnobelpreis verliehen. Diese Bewegung setzt sich auch entschieden für einen nachhaltige- ren Umgang mit Plastiktüten ein. In Nairobi befindet sich der Hauptsitz des United Nations Environmental Programs (UNEP). Der Direktor, der Deutsch-Brasilianer Achim Steiner macht seit fünf Jahren aktiv Werbung für Plastiktütenverbote in allen Ländern der Welt. Es bleibt spannend, ob es zu einem globalen Plastiktütenverbot kommt und inwiefern die afrikanischen Staaten ihre Vorreiterrolle wahrnehmen. D Robin Frisch, Jahrgang 1994, Bachelor „Internationale und europäische Governance“ in Lille und Münster, 2012–2013 Freiwilliges Soziales Jahr in Lomé/Togo Kontakt: robin.frisch@yahoo.de 29
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    „Meine Füße sindspezielle Füße. Sie sind nicht weit verbreitet in Malawi.“ Mit diesem Satz erklärt Georg Chimpiko Banda Kindern seine Klumpfüße. In schwarzen Business-Socken liegen sie aus- gestreckt vor ihm auf einem kleinen Bambustisch. An derselben Straße, die wenige hundert Meter weiter zu den sagenhaften Sen- ga Bay-Stränden des Malawi Sees führt, zeigt ein Metallschild sein Lebensprojekt: KODO. Die ersten beiden Buchstaben stehen für „Kuthandiza Osayenda“ – übersetzt: Hilfe für diejenigen, die nicht laufen können – in der malawischen Amtssprache Chichewa. Ein roter Pfeil zeigt von Schild und Straße weg auf zwei kleine Back- steinhäuser. Als Georg noch klein war, wurde er von seiner Mutter auf dem Rücken zur Schule getragen, täglich 1.5 km, hin und zurück. Georg wusste schon früh, was er später werden wollte: mobil. Zudem wollte er sich ein Auto leisten können. Wäre Georg mit Füßen wie jeder andere geboren, wäre er Soldat geworden: Sein Vater erzählte viele inspirieren- de Geschichten vom Krieg in Kongo Kinshasa. Weil es viel Streit in der Familie gab, zog die Mutter mit Georg und sei- ner älteren Schwester 1970 zurück zu ihren Eltern. Bei seiner Großmutter war das Leben besser. Die Grundschule lag nur 400 m vom Haus der Großmutter ent- fernt. Am frühen Morgen, wenn der Sand noch feucht und weich war, konnte Georg die Distanz auf eigenen Klumpfü- ßen bewältigen. Nach Schulende zwang ihn der heiße Boden in der Schule zu bleiben. Die Sonne, der aufgeheizte Sand und die kleinen spitzen Steine bereiteten seinen bloßen Füßen Schmerzen. Eine Mango meiner Wahl Elena Ziegler Ruiz 30 MALAWI
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    Nur in derRegenzeit war die Erde nass und weich. Eines Tages während dieser Zeit ging Georg mit Freunden „Mangos jagen“. Die Bäume hingen voll davon. Die anderen Jungen kletterten hinauf. Georg zeigte in die Äste auf die Früchte, die er haben wollte. „Die hier“? fragten die anderen. Wenn Georg nickte, pflückten sie die ersehnte Mango und aßen sie selbst. Danach bat Georg die Freunde ihm klettern zu helfen und hievte sich selbst in die hohen Äste. „Ich wollte eine Mango meiner eigenen Wahl“, erklärt Georg heute. Doch es war Januar, Regenzeit. Die Wassermassen fielen ohne Vorwarnung. „Ein richtiger Sturm, mit Hagel und Gewitter“, erinnert sich Georg. Die anderen Jun- gen sprangen von den Ästen und rannten nach Hause. Georg blieb im Baum, eineinhalb Stunden, bis seine Mutter ihn suchen kam. „Sie war eine große Frau“, sagt Georg lächelnd. „Sie konnte mich aus dem Baum pflücken und nach Hause tragen.“ 1973 schrieb Georg das Abschlussexamen der Grundschule nicht gut genug, um für die weiterführende Schule ausgewählt zu werden. Er wiederholte. „Hör nicht auf, es zu versuchen“, riet seine Mutter ihm, „irgendwann wird Gott dich belohnen.“ Georg lernte vier Jahre in der achten Klasse, bis er 1977 auf die Secondary School durfte. Die Formulare der weiterführenden Schule fragten zum ersten Mal nach Geburtsdaten. Georg legte selbst den 25.Juli 1958 fest. Im dritten Jahr an der weiterführenden Schule sprach ihn ein Schüler auf dem Schulgelände an, auf seine Füße deutend. Der Junge war aus der Großstadt Blantyre hergezogen, das dor- tige Missionars-Krankenhaus „Queen Elizabeth“ hatte seine Schwester mit orthopädischen Schuhen ausstatten können. Durch diesen Hinweis bekam Georg 1979 seine ersten schwar- zen Lederschuhe. Ein Jahr nach Abschluss an der weiterführenden Schule, 1982, kaufte der malawische Staat von Japan seine erste Satelliten- station und Georg absolvierte in der Abteilung für „Post and Telecommunication“ eine internationale Berufsausbildung mit anschließendem Studium zum Ingenieur. An Georgs Schule herrschte ein reger Austausch zwischen Malawi, Lesotho, Bots- wana und Swasiland. 1991 schloss er mit Diplom ab und startete seine Karriere in einer Zeit, in der es noch keine Mobiltelefone gab, aber viele Probleme mit dem malawischen Festnetz. „Die meisten meiner Freunde kenne ich über das Telefon“, erkennt Georg schmunzelnd. Er reparierte ihre Telefonverbindungen. So gelangte er auch zu seinem ersten Auto. Eine französische Kun- din wollte ihm zu mehr Mobilität verhelfen und vermachte ihm den alten Renault ihres Sohnes. Georg fand, es war Zeit, etwas zurückzugeben: „Ich wollte zu einer Brücke werden, zwischen Menschen mit Mobilitätspro- blemen und den Hilfsmitteln.“ Im Jahr 2000 kaufte er den ers- ten Rollstuhl und schenkte ihn einer Mutter von zwei Kindern, deren Kaiserschnittnarbe das Laufen auf Krücken schmerzhaft machte. Mithilfe zweier Schulfreunde erwarb Georg anschlie- ßend zehn weitere Tricycles: Dreiräder mit Handpedalen an einem Lenker am vorderen Rad. Unerwartet kam eine Organisation aus Nordirland auf ihn zu, die mit ihm erkannte: Seine Rollstühle würden die Menschen zwar mobiler machen, aber sie blieben Bettler auf Rollstüh- len. Deswegen kaufte Georg mit dem Vertrag der Organisation ein Grundstück neben der Straße und ließ dort ein Backstein- häuschen bauen. KODO war gegründet. Das zweite D steht für 31
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    disability, O füroutreach. KODO bot Workshops im Bambus- Möbel-Bau und Schneidern an. 2009 stattete eine schottische Organisation KODO mit Nähmaschinen aus, die mit Handkur- bel statt Fußpedal oder Elektrizität betrieben werden. Mit einem Material-Starterpaket im Wert von 20 € kehren die KODO-Lehrlinge in ihre Dörfer zurück und eröffnen dort ein kleines Geschäft. Auch KODO selbst versucht sich mit dem Verkauf von Bambusmöbeln zu finanzieren. Doch die meisten Malawier können Geld für Möbel nur von Mai bis Oktober aus- geben, der halbjährigen Verkaufssaison ihrer letzten Ernte. Im Dezember fällt mit den ersten Tropfen der Regenzeit der Start- schuss für die neue Saat – nicht nur die potentiellen Kunden, sondern auch die KODO-Absolventen investieren ihr gesamtes Geld in teuren Dünger. Die Kleinunternehmen scheitern an geringer Nachfrage und fehlendem Budget für neues Materi- al. Das war der Anlass, um Workshops anzubieten, Bio-Dünger selbst herzustellen. Noch schlafen die KODO-Lehrlinge auf dem Boden in Georgs Büro. Für den Bau von Schlafräumen fehlt das Geld. Aber Georg will kein Geld von seinen Sponsoren. Eigentlich will er auch kei- ne Rollstühle. Im Moment hängen 500 gespendete Rollstühle in Amerika fest und 100 weitere in Sambia, doch es gibt kein Geld für den Transport. Georg wünscht sich nachhaltige, eigenstän­ dige Maßnahmen: Ein Anschluss KODOs ans Stromnetz, Mate- rial und Workshops, um die KODO-Lehrlinge zu ermächtigen, ihreRollstühleselbstzuschweißen.MiteinerMaismühle,einem Elektro-Reparatur-Werkstatt oder einem Nahrungsmittel­laden könnte sich KODO sogar ganzjährig selbstständig finanzieren. Georg ist jetzt in Rente gegangen, um sich Vollzeit um sein ­Projekt zu kümmern. Seine Vision ist groß: „Empowering the dis­abled people for tomorrow – not for the past!“ D Elena Ziegler Ruiz, Jahrgang 1996, Studentin der Medizin, Internationaler Freiwilligendienst in Salima, Malawi in 2014/15 32 MALAWI
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    Noch vor einigenMonaten hätte ich nicht damit gerechnet, das Mittelmeer zu überqueren, den Indischen Ozean zu sehen, Affen an Häuserwänden zu bestaunen und mich in dieses Land zu verlieben. Nun, es begann mit einer Querschnittsqualifikation in meinem Allerwelts-Studiengang mit dem überaus nüchternen Titel: Gesundheitsversorgung vor Ort weltweit-Community Based Rehabilitation als Strategie inklusiver Entwicklung der WHO. „Wieso nicht?“, dachte ich mir. Endlich mal keine Cashflows und Bilanzen, kein Schumpeter oder Keynes, keine unwägbaren Theorie-Modelle. Community Based Rehabilitation (CBR) ist ein Ansatz, bei welchem Menschen mit (und ohne) Beeinträch- tigungen eine Lebensgrundlage auf Basis von bestimmten Prämissen gewährt werden soll. So sollen diese Menschen in allen Teilen der Gesellschaft dieselben Möglichkeiten und Chancen bekommen wie andere, vielleicht nicht beeinträchtigte. Es geht um ein gesellschaftliches Miteinander, um so Hürden zu überwinden und die Lebensqualität für alle im selben Maße zu erhöhen. Und ich durfte nun sehen, wie die Theorie in der Praxis – in Kenia – funktioniert. Inklusion made in Kenia Serhat Duman 33
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    Von der Sonnegeküsst und angekommen an der Pawni Univer- sity, wurden wir von Prof. Dr. Shauri begrüßt, welcher unter den Studierenden einfach nur „Prof“ genannt wird. „In Kenya, when you say Jambo, evertyhing is fine! Haku na ma tata!“ sag- te der Prof. Dieses kurze, so lebensfrohe und intensive Wort bringt es auf den Punkt: wo immer man Jambo sagt, egal in welcher Lebenslage, man bekommt ein Lächeln und die kenia- nische Freundlichkeit zu sehen. Wir wurden durch den großen Campus herumgeführt. Der Campus bzw. die ganze Universi- tät sind relativ jung. Das Gelände ist unglaublich groß und mit viel Natur gesegnet. Hier werden auch Hühner gezüchtet, Obst und Gemüse angebaut, auch zur Selbstversorgung. Die Gesprä- che mit den Kommiliton*innen über Politik, Religion und auch Sexualität waren offen und ehrlich, was man in afrikanischen Ländern oft – aus unserer westlichen Sicht – nicht erwartet. Und ich dachte schon, es herrscht erst einmal tagelanges Schweigen. Weit geirrt! In einigen Feld-Gängen durften wir nun den CBR-Ansatz anhand der örtlichen Einrichtungen begutachten. Es begann mit der „APDK-Rehabilitation-Clinic“ in Mombasa. Bei APDK handelt es sich um die „Association for the physically disabled of Kenya“, welche im ganzen Land verschiedene Kliniken und Einrichtungen unterhält. In jener Klinik in Mombasa werden Kinder mit physischer Beeinträchtigung behandelt und mit Prothesen versorgt. Es existiert eine eigene Werkstatt, in welcher sämtliche Prothesen hergestellt werden. Und hier hatte ich schon den ers- ten WOW-Moment. Zu sehen, wie mit einfachsten Mitteln, mit Eisenstangen, Kunststoff, Holz und handwerklichem Geschick diese Prothesen hergestellt wurden, ja, das war schon ziemlich erstaunlich. Wir wissen nur allzu gut, wie teuer und kompli- ziert in Deutschland die Herstellung von Prothesen ist. Umso begeisterter war ich von den „made in kenya“ Prothesen, welche allesamt gut zu funktionieren scheinen. Hier arbeiten ausgebil- dete Ärzte und Pfleger, es hat alles seine Professionalität. Viel- leicht sollten wir uns hier mal eine Scheibe „Improvisierung“ abschneiden: Warum schwer und teuer entwickeln und herstel- len, wenn es auch einfache Möglichkeiten gibt? Keep it simple! Kenia ist ziemlich beispielhaft für die Anwendung des CBR- Ansatzes, was uns ein Ausflug ins Landesinnere zeigte. In Taita besuchten wir eine Einrichtung für Menschen mit Albinismus. Die Einrichtung versucht einerseits den von der Gesellschaft ausgegrenzten Menschen mit Albinismus eine Lebensgrund­ lage zu verschaffen, andererseits die Menschen in der Region über deren Schwierigkeiten aufzuklären. An der kenianischen Grenze zu Tansania gibt es leider immer wieder Übergriffe auf Menschen mit Albinismus, welche hier Halt und Fürsorge erfahren. 34 KENIA
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    Dass Menschen mitBeeinträchtigungen in Kenia eine große Beachtungbekommen,wurdeineinemanderUnistattfindenden Workshop unterstrichen. Die kenianischen Kommiliton*innen berichteten von ihren Erfahrungen mit Behinderungen, man- che hatten selbst körperliche Einschränkungen und konnten somit uns am „eigenen Leib“ von ihren Erfahrungen berich- ten. Viele der Kommiliton*innen engagieren sich ehrenamtlich für Behinderte oder pflegen im Familienumfeld Menschen mit Behinderungen. Es sei, wie mir die Studierenden bestätigten, eine Frage der Menschlichkeit sich um diese Menschen zu küm- mern. Das wird gerne getan. Die Hilfsbereitschaft, die ich hier erlebt habe, scheint ziemlich ausgeprägt zu sein. Die Studieren- den machten mental einen sehr starken Eindruck auf mich. Sie sind stolz, Kenianer zu sein und möchten nur zu gerne zeigen, was dies heißt. Sei es im Umgang mit den Mitmenschen oder durch die offene Wissbegierde, die Gastfreundschaft oder ein- fach nur kleine Gesten der Aufmerksamkeit. Ein Sonntag in Kenia ist wie ein Sonntag in Deutschland. Er ist Ruhetag. Ich ergriff an einem Sonntag die Initiative, mit einem kenianischen Studenten einen Ausflug nach Mombasa zu un­ternehmen. Mombasa, dieser Name, so mysteriös, aufregend, pulsierend und etwas abenteuerlich. Diese Stadt ist ein Dschun- gel, den es gilt zu durchqueren. Man muss sie mögen, nichts für Leute, die kein Gedränge und Körperkontakt mögen. Auf dem Weg von Kilifi nach Mombasa – in den überaus „rusti­ kalen“ Matatus (optisch sehr individuell gestaltete Kleinbus- Taxen) – passierte etwas in meinen Augen sehr emotionales. Es war einer jener Momente, welchen man zwar mit einer Kame- ra hätte einfangen können, das Bild aber nicht die Gefühlsla- ge beschrieben hätte. Vor uns im Bus saßen zwei kenianische Mütter nebeneinander, beide mit ihren Babys auf dem Schoß. Die eine Mutter war christlich, die andere war muslimisch. Die Babys blickten sich gegenseitig mit ihren knopfförmigen, unschuldigen und erwartungsvoll blickenden Augen an, sie reichten sich gegenseitig die Hand und hielten sich gegenseitig fest. Es gab selten für mich einen Moment, in dem mehr Huma- nität, mehr Nächstenliebe, mehr Frieden ausgestrahlt wurde als in diesem Moment. Denn dieses Bild steht symbolisch für ganz Kenia: Hier existieren zwei Weltreligionen nebeneinander, ohne dass es zu Konflikten kommt, ohne dass Hass geschürt wird, ohne dass Zerwürfnisse vorherrschen. Und keiner lebt in sei- nen Communities isoliert, hier ist alles ein melting pot: Chris- ten, Muslime , Inder, Araber und noch mehr – hier trifft alles aufeinander und alle verstehen sich mit allen. An der Uni wird 35
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    psychisch eingeschränkter Schüler(ca. 10 Jahre alt) habe eine ausgeprägte künstlerische Fähigkeit. Diese zeigte der Direk- tor mir anhand eines Bildes. Der kleine Junge habe ein Portrait des kenianischen Präsidenten gemalt, welches dem Original unglaublich nahe kam. „Als wir dieses Bild dem kenianischen Präsidenten bei einem Besuch gezeigt haben“, so der Direktor, „entschied sich der Präsident das Kind zu fördern und es auf eine Begabtenschule zu schicken.“ Das sind die kleinen, aber doch bedeutenden Happy Ends, die verdeutlichen, dass auch in einem Land wie Kenia, einzelne und individuelle Fähigkeiten der Kinder erkannt und gefördert werden. Dies sei kein Ein- zelfall, versicherte mir der Direktor, was ich ihm auch glaube. Einen Aspekt, der mir als BWL-Student auffiel, gilt es noch zu erwähnen: Kenianer*innen sind echte Unternehmer*innen! Die meisten Kenianer*innen sind selbständig, sei es ein kleiner Kiosk unter einem Blechdach oder ein Ziehwagen mit Gemüse oder Getränken. In diesem Land ist Entrepreneurship ein gro- ßes Thema, was auch Barack Obama bei seiner Ankunfts-Rede vor tausenden Kenianer in Nairobi bestätigte. Auch hier sahen wir anhand von Beispielen, wie der CBR-Ansatz greift. Men- schen mit Beeinträchtigungen bekommen Schulungen, Mikro- kredite und personelle Unterstützung bei Behördengängen für den Aufbau ihres Geschäftsvorhabens, damit sie mit ihrer Exis- tenzgründung erfolgreich starten können. ­gemeinsam vor Beginn der Vorlesung gebetet, egal ob Christ*in oder Muslim*in. Es ist nur zu schade, dass in den deutschen Medien kein Platz ist für Bilder dieser afrikanischen Freund- schaftskultur. Den „Montagsspaziergängern“ hierzulande wür- de man mit solchen Erkenntnissen ihre gesamte Weltanschau- ung zerstören. An der Sahajarand Special School hatte ich ein Schlüsseler- lebnis, welches mir sehr nahe ging. Es ist angeblich die größte Schule für Kinder mit Beeinträchtigungen. Wir kamen recht- zeitig zum Gottesdienst, die Kinder haben alle fröhlich gesun- gen und mitgemacht. Als wir uns zum Gottesdienst hinsetzten, kamen viele Kinder zu uns. Was sollte ich machen? Empfahl mir doch der Arzt, welcher mich vor der Reise geimpft hat, Kontakt mit Kindern zu meiden, wegen ansteckender Krank- heiten. Sollte ich darauf hören? In diesem Moment war mir das ziemlich egal und eh zu spät, weil sie alle auf mich zu rannten. Die Freude und Neugierde, welche diese Kinder an mir zeigten, war unbeschreiblich. Viele sahen zum ersten Mal ein „Weiß- brot“ und umso bedeutender war dann diese konkrete Begeg- nung. Die Größe dieser Schule hat mich beeindruckt, sie bietet Platz für einige hundert Schüler*innen, samt Unterkunft und Verpflegung. Dass die Kinder in dieser Schule eine Perspekti- ve haben, zeigte mir der Direktor anhand eines Beispiels. Ein 36 KENIA
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    Wenn ich jetzthier schreibe, „Kenia ist technologisch Deutsch- land voraus“, erwarte ich Spott, böse Wörter und laute Lacher. Aber es stimmt, zumindest in mancherlei Hinsicht. In Kenia existiert beispielsweise ein mobiles Zahlungssystem namens „MPesa“. Dabei handelt es sich um eine Möglichkeit, mit dem Handy per SMS finanzielle Transaktionen zu machen. Viele Shops, egal ob Supermarkt, Friseur oder Metzger haben eine Zahlungsannahmestelle,umGeldaufdasHandyzuüberweisen. Der Grund für den Erfolg dieses Systems sind die weiten Wege zu Banken in ländlichen Regionen – und dass Banken in der Bevöl- kerung kein großes Vertrauen genießen. Sein Handy hat man immer dabei, weshalb man somit kein Bankkonto mehr benö- tigt. Viele lassen selbst ihre Löhne auf ihr Handy überweisen. So einfach, so effektiv und doch für Deutschland undenkbar. MPesa ist einer der Hauptgründe, weshalb Unternehmertum in Kenia so gut und einfach funktioniert. Es hat auch seinen Vor- teil, wenn wenig Bürokratie existiert und auch mal Regierung und Privatwirtschaft an einem Strang ziehen. Kenia hat viele Geschichten zu erzählen, die es wert sind, dass man ihnen zuhört, lauscht und wertvolle Erkenntnisse daraus zieht. Dieses Land beweist – als Repräsentant Afrikas – dass vie- le Dinge richtig gemacht werden, dass wir voneinander lernen können, dass wir uns vieles zu Herzen nehmen sollten, dass wir unsere mit Ressentiments belastete Sicht auf diesen Kontinent und seine Menschen ändern können. Die Fürsorge für Menschen mit Behinderungen, die kulturelle Offenheit und Toleranz, die Gastfreundschaft jenseits von all-incl.-Urlaubs-Atmosphäre, welche wir gerne als Maßstab nehmen plus die positive Kraft, Stärke und Willen, die man in vielen Begegnungen spüren kann. Was nehme ich mit aus Kenia? Natürlich Gewürze, Tücher und ein paar Früchte. Und wichtiger: Kenia, du hast mich umarmt und mir dein Lächeln geschenkt, ASANTE SANA! D Serhat Duman, Jahrgang 1988, ist BWL-Student an der School of Management der Technischen Universität München. Im Rahmen eines interdisziplinä- ren Seminars zum Thema „Livelihood and (Dis)ability“ im Zusammenhang mit dem von der WHO entwickelten Ansatz „Community Based Rehabilitation“ am Lehrstuhl Diversitätssoziologie der Technischen Universität München, befasste sich Serhat Duman mit dem Themen Inklusion und Diversität im internationalen Kontext. ­Hier­zu wurde anhand einer im September 2015 statt- findenden Summer School an der Pawni University in Kilifi, Kenia die Anwendung des Community Based Rehabilitation Ansatzes in verschiedenen Feld-Studien näher betrachtet. Serhat Duman interessiert sich für Entwicklungs­ zusammen­arbeit, Entrepreneurship in Afrika und Außen­politik. Infos über die Summer School: https://www.diversitaetssoziologie.sg.tum.de/forschung/ bewilligte-forschungsprojekte/cbresearch/ Lehrstuhl Diversitätssoziologie: https://www.diversitaetssoziologie.sg.tum.de Link zur Partneruniversität in Kenia: www.pu.ac.ke 37
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    Verone Mankou nahmsich die Verantwortung zu Herzen und präsentierte 2012 das erste Smartphone aus Afrika und für Afrika namens Elikia, was so viel wie „Hoffnung“ in Lingala, der nationalen Sprache Kongos bedeutet. Das Smartphone ver- fügt über einen 3,5 Zoll Touchscreen, einen RAM-Speicher von 512 Mb und einen 650 MHz-Prozessor. Der interne Speicher ist 256 Mb groß und kann bis zu 32 Gb erweitert werden. Elikia hat eine Kamera mit 5 Megapixeln. Das Ziel des ehrgeizigen Unternehmers Mankou ist es, das Smartphone für weniger als 200 Dollar zu verkaufen. Trotz des für afrikanische Lebensver- hältnisse durchaus hohen Preises – 172 € – haben sich viele ein Elikia geleistet. Neben den gängigen Funktionen des Telefons ist es für viele Verbraucher*innen ein Produkt, auf das sie als Afrikaner*innen stolz sind. Kurz danach folgten zwei weitere Smartphones: das Elikia Mokè (das kleine Elikia) und das Eli­kia L (das große Elikia). Mit seiner Firma VMK trägt Verone Man- kou erheblich zu einem Imagewandel bei. Die Welt soll jetzt wissen, dass in Afrika, speziell in Kongo Smartphones und Tablets produziert werden. In einem Land, E in ­Po r t rait vo n ­Ve ro ne M ankou 2 9, E nt w ick le r d es e r s te n ­Tab le t s ma de i n  Af rica Einige nennen ihn den „Steve Jobs von Afrika“ und für das ame- rikanischeWirtschaftsmagazinForbesgehörterdefinitivzuden „30 under 30“, den dreißig besten jungen Unternehmer*innen unter dreißig Jahren aus Afrika. Nach einer Ausbildung zum Informatikingenieur gründete Verone Mankou mit knapp 23 Jahren sein Unternehmen VMK. Die Initialen stehen als Abkür- zungfürVou Mou Ka,was„wacht auf“inderimWestenderDemo- kratischen Republik Kongo verbreiteten Kikongosprache heißt. In der heutigen von Smartphones und Computern beherrschten Welt hat der junge Unternehmer das Ziel, die Nummer Eins auf dem Kontinent zu sein. Sein Durchbruch erfolgte im Dezember 2011, als er das ers- te Tablet auf den Markt brachte, das in Afrika entwickelt wurde und die Bezeichnung Way-C trägt. Der mit Android 2.3 funk­ tionierende 7-Zoll-PC machte aus seinem Entwickler einen Hoffnungsträger im Bereich der Informationstechnologie und der Telefonie für einen ganzen Kontinent. Denn im Vergleich zu den Produkten anderer Hersteller ist das Tablet preisgüns- tig und bietet gleichzeitig Dienstleistungen, die bei anderen Anbietern nicht zu finden sind, vor allem telefonieren, im Inter- net surfen, fotografieren und Musik hören. AmericanAfrican dream oftechnology Charbel Gauthe 38 KONGO
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    Jahr 2017 auf350 Millionen verdoppeln. Der Wunsch Verones ist natürlich das wichtigste Glied in diesem Prozess zu sein. Sein Interesse gilt vor allem der Entwicklung afrikanischer Inhalte (Apps, Spiele usw.) für seine Produkte. Der auf fast allen wichtigen Konferenzen weltweit zu sehende Unternehmer ist Preisträger des Africa People Awards 2011 und hat nur ein Ziel: mit den großen Firmen in dem Bereich konkur- rieren zu können und allen Afrikaner*innen einen einfachen Zugang zur numerischen Welt zu ermöglichen. Wie er selbst sagt: „Es reicht nicht gute Produkte anzubieten, diese müssen auch zugänglich sein.“ Eine unbestreitbare Wahrheit. Als Vorreiter im Bereich der innovativen Technologien verkör- pert Verone Mankou die neue 2.0 Generation in Afrika. In sei- nem Buch Congo: terre de technologies (Kongo: Brennpunkt für Technologien) erschienen im November 2014 bei L’Harmattan fordert er die Afrikaner*innen auf, Unternehmen zu gründen und in neue Technologien zu investieren. Mit seiner Innova­ tionsfähigkeit hat Vérone Mankou eine Erfolgsstory geschrie- ben. D das bisher für den Rohstoff bekannt ist, nämlich das Coltan, woraus das Metall Tantal gewonnen wird, das in unseren Han- dys, Laptops und vielen Elektrogeräten steckt. Und wenn hier von Produktion die Rede ist, dann heißt es ab jetzt, dass 80 % der Produktteile in Kongo zusammengebaut werden. Eine Premiere im afrikanisch-frankophonen Raum. Denn früher wurden Produkte in Kongo in der Firma konzipiert, aber in China montiert. Das ist jetzt Geschichte und zeigt, dass Afrikaner*innen ihr Land, ihren Kontinent bewegen. Wie Vero- ne Mankou es sagt: „Wir existieren! Kommen Sie und sehen Sie, was wir machen.“ Die Leute sollen verstehen, dass man in Afrika investieren und Großes realisieren kann. Außerdem gibt es in Afrika junge Leu- te, die etwas ändern wollen bzw. etwas ändern. In der VMK-Fabrik arbeiten ca. 100 junge Frauen und Männer, die in der Firma ausgebildet und betreut wurden. Später werden sie eingestellt. Das hat den Vorteil, einheimi- sche Arbeitskräfte direkt vor Ort zu rekrutieren statt teure „Expert*innen“ ins Land kommen zu lassen. Es werden konkret neue Arbeitsstellen geschaffen. Es ist kein Geheimnis mehr, dass auf dem afrikanischen Kon- tinent der Multimediamarkt aufblüht. Einer Studie der Bera- tungsfirma Deloitte zufolge wird sich allein die Zahl der inter- netfähigen Handys auf dem afrikanischen Kontinent bis zum Charbel Gauthe M.A. wurde 1987 in Parakou/Benin geboren. Nach seinem Studium im Fach Deutsch als Fremdsprache und Germanistik in Benin und Deutsch­ land sowie einer Ausbildung als PR-Referent in Frank­ reich arbeitet er seit 2013 als Sprachdozent und Integrationskursleiter in Bielefeld. Als leidenschaftlicher Panafrikanist ist er auf entwicklungspolitischen Seminare bzw. Konferenzen zu sehen, als Gast oder als Moderator von Workshops zu den Themen Bildung und Rassismus. www.afrinous.com 39
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    meisten von ihnensind im kLab, Ruandas erstem ,Technology Hub‘ in der Hauptstadt Kigali registriert. Einer davon ist Robert Mugisha. Der 24-Jährige geht seit der Gründung des kLabs 2012 regelmäßig dorthin. Er gehörte damit zu einer anfänglichen Gruppe von 20 innovativen jungen Erwachsenen, die einen offe- nen Raum zum Austausch und Lernen für Gleichgesinnte nut- zen wollten. Im Botschaftsviertel Kacyiru haben die Gründer des kLab die oberste Etage des Telecom-Hochhauses zu einem offenen Raum mit mehreren Sitzgrup- pen, einem Café und einer großen Dachterrasse aus- gebaut. Der Name kLab ist eine Abkürzung für ‚Know- ledge Lab‘, also Wissensla- bor. Eine neue Wirtschaft soll her. Eine, die nicht nur landwirt­ schaftliche Erzeugnisse hervorbringt, sondern auf Wissen basiert und dieses reproduziert. Am liebsten irgendwas mit Informationstechnik. Das ist eines der Ziele, die sich Ruan- da mit seiner Vision 2020 gesetzt hat. Und genau das, was viele Student*innen, junge Unternehmen und Innovative des klei- nen ostafrikanischen Landes bereits in die Tat umsetzen. Die Innovation durch offene Räume Wie junge Kreative ihr Land mit ITvoranbringen Louisa Esther Glatthaar 40 RUANDA
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    1 Lösungen imBereich der Informations- und Kommunikationstechnik Doch eigentliches Herz und Seele des kLab sind nicht sichtbar. Es sind das freie WLAN, welches zu den besten des Landes gehört und vor allem das Wissen. „Das kLab ist nicht nur ein Internet- café. Wir sind ein Entwicklungszentrum, das vom Austausch und der Hilfe zwischen Mentor*innen und der stetig wachsen- den Gemeinschaft lebt. Leute kommen hierher, um für ihre Ideen und Projekte Partner zu finden oder sie selbst mit Hilfe der anderen umzusetzen. Schon mehrere erfolgreiche Business- Modelle sind hier im kLab entstanden“, berichtet Robert stolz. Auch er hat seine eigene Firma im kLab gestartet. Der Program- mierer sagt, dass er erst durch diesen offenen Raum den Rück- halt und das Wissen bekommen habe, das er für sein Startup benötigte. „Neben technischer Unterstützung profitierte ich auch von der wirtschaftlichen Beratung im kLab.“ Heute ist Robert Mitglied des kLab-Kernteams. Dieses besteht aus einem Hauptmanager, seinem Stellvertreter, einem Gemeinschaftsmanager und fünf weiteren Mitgliedern, die alle dem Aufsichtsrat unterstehen. Seit seinen Anfängen hat sich die Gemeinschaft des kLabs auf mehr als 200 ­registrierte Mitglieder bereits verzehnfacht. Alle Angebote des kLabs, vom ruhigen Arbeitsplatz über die Mentor*innen bis zu Ver- anstaltungen, sind kostenlos – für jede*n. Sowohl Männer als auch Frauen kämen gleichermaßen während der täglichen Öff- nungszeiten von sieben Uhr morgens bis neun Uhr abends, um ihre Ideen zu entwickeln, erklärt Robert. „kLabs Mission ist es, die Entwicklung innovativer ICT-Lösungen1 zu fördern. Das schaffen wir nur durch eine offene, aktive Gemeinschaft von Entwickler*innen, Mentor*innen und Unternehmer*innen.“ Das Angebot des kLab wird durch regelmäßige Veran- staltungen und Workshops oder Events wie Hackathons oder Networking Sessions abgerundet. „Jeden Mittwochabend prä- sentiert außerdem ein Mitglied des offenen Raums, an wel- chem Projekt gerade gearbeitet wird. Donnerstags berichten Gastsprecher*innen von ihren Arbeitsfeldern. Dabei geht es vor allem um IT, aber auch um Investitionen, Finanzierung und Kooperationspartnerschaft. Auch bedeutende internationale Veranstaltungen, wie zum Beispiel „Transform Africa“, werden vom kLab mit organisiert“, sagt Robert mit einem Glänzen in den Augen. Er träumt davon, sein Land weiter zu entwickeln. „Selbst wenn du am Anfang nichts hast, kannst du Großes erreichen. Leute kommen hierher und entdecken die Welt der Technolo- gie. Die Technologie wird es sein, die unser Land weiter vor- an bringt“, sagt er und lässt seinen Blick über Kigali und sei- ne Hügel schweifen. „Von hier hat man den besten Blick über Ki­gali. Schon allein deshalb lohnt es sich zu kommen“, sagt er und schmunzelt. Und es gibt einen Tischkicker. „Der ist dafür da, dass wir nicht vor unseren Computern, sondern an den Stan- gen des Kickers durchdrehen, wenn die Technologie doch nicht so will wie wir.“ Das kLab hat auch andere inspiriert. Im gleichen Viertel gibt es nun ein zweites Technology Hub namens ‚Think‘. Auch das ‚Impact Hub‘ in Kigali wurde neu gegründet. Die Entstehung solcher Austausch- und Arbeitsplätze im IT-Bereich scheint in Ruanda noch lange nicht am Ende angelangt zu sein. Konkurrenz? „Nein, Bestätigung“, sagt Robert.D Louisa Esther Glatthaar, Jahrgang 1995, Studentin an der Universität Leipzig: Politikwissenschaft und Afrikanistik, Auslandsaufenthalte: Frankreich 2010/2011 und Ruanda 2013/2014 Louisa Esther Glatthaar arbeitet auch als freie Journalistin: louisaglatthaar.wix.com/journalist Twitter: @GLouisaE LinkedIn: Louisa E. Glatthaar 41
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    iHub Nairobi Ort desLernens, Experimentierens und Entwickelns Alev Coban 44 KENIA
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    1 Macharia, Joeland Mutuku, Leo (2014) Financing Technology Businesses in Kenya. Source: www.ihub.co.ke/ihubresearch/jb_FinancingTechnologyBusinesspdf2014-2-7-09-49-09.pdf iHub ist der größte Technology Hub in Nairobi und einer der prominentesten innova­ tiven Orte in der Subsahara Afrikas. iHub befindet sich in einem vierstöckigen Gebäude namens Magua Bishop ­Centre und bietet verschiedene Räumlichkeiten für Techniker*innen, Investor*innen, Tech- nologieunternehmen, Hacker*innen und Forscher*innen an. Sie treffen sich zum gemeinsamen Arbeiten, Diskutieren und Netzwerken1. Doch wie lässt sich der Ort des iHubs genauer beschreiben? Unterhält man sich mit Menschen dort, wird als einer der wichtigsten Treffpunkte, mit dem der iHub sofort assoziiert wird, der Community Space im vierten Stock oder auch einfach nur „ups- tairs“ oder „4th floor“ genannt. Hier gäbe es den besten Kaffee, serviert von Rose. Ihre Bar lädt zum Pausieren und Socializen ein. Ansonsten wird der Community Space eher von Tischen und Menschen an ihren Laptops dominiert. Es gibt verschiedene Sitz­ bereiche für unterschiedliche iHub-Mitglieder*innen – die white, green und red mem- bers unterscheiden sich in der Häufigkeit der Nutzung der Arbeitsplätze und damit 45
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    ­zusammenhängend dem Mitgliedsbeitrag,den sie zahlen. Zwei Couchlandschaften und zwei Kicker machen den Community Space gemütlich. Ansonsten lassen sich in dem Gebäude viele kleine Details entdecken: „Super Mario“-Abbildungen im Treppenhaus, an denen jede*r vorbeiläuft um in den dritten Stock zu kommen und Schilder zu Verhaltensweisen bei einem Feueralarm, die darauf hinweisen, das Gebäude zuerst zu verlassen und dann erst den Feuerausbruch auf Twitter oder Facebook zu veröffent- lichen. Die restlichen Stockwerke des iHub sind sehr divers: Man trifft auf das m:lab, das aus vielen Büros mit verschlossenen Milchglas-Türen besteht, in denen Start-ups mobile Apps kre- ieren. Auch Microsoft hat hier seine eigene Ecke eingerichtet. In der Mitte dieser vielen Türen steht eine gläserne Vitrine mit dutzenden Handys – die Testobjekte der Entwickler*innen im m:lab. Im zweiten Stock geht es weiter mit den Forscher*innen bei iHub Research und der Beratungs- und Finanzabteilung. Die Baustelle von Gearbox – ein Raum voller Maschinen, um mate- rielle Technologien wie Hardware zu bauen – nimmt immer mehr Form an. Auch die Firma BRCK, die ein WiFi-Modem für Orte mit schlechter Strom- und Internetverbindung vertreibt, wartet auf eine größere Bürofläche im zweiten Stock aufgrund ihres wachsenden Unternehmens. Im Erdgeschoss befinden sich noch unzählige Büros von Menschen, die sich beispielsweise auf die Nutzer*innen-Freundlichkeit von Technologie (UX Lab) ­spezialisiert haben sowie weitere Start-Ups. Welche Menschen befinden sich in dem Gebäude mit solch diversen Arbeitsplätzen? Wie eingangs beschrieben: iHub ist ein Ort für technikversierte Menschen. Selbst beschreiben sich diese oft als techies, technological entrepreneurs oder geeks. Was zeichnet die geeks im iHub aus? Und wie gestalten sie ihren All- tag? Auf den ersten Blick erscheint der Alltag im iHub von außen betrachtet und im Vergleich zu seinen vielen Erfolgsgeschich- ten geradezu öde. Alle sitzen an ihren Laptops, starren auf den Bildschirm, tippen wie wild, codieren oder schauen YouTube- Videos. Kopfhörer scheinen ein Muss zu sein. Denn um sich in einer Coworking-Atmosphäre konzentrieren zu können, wird Musik aus den Kopfhörern zum Abschotten scheinbar zur Notwendigkeit. So arbeiten alle konzentriert vor sich hin. Die- se Arbeitsroutine kann nicht einmal durch einen möglichen Stromausfall gestört werden, da iHub über riesige Generatoren verfügt, die den nötigen Strom in solchen Fällen liefern. Die intensive und konzentrierte Arbeitszeit wird zwar nicht durch einen Stromausfall unterbrochen, wohl aber durch kur-  BILD 4 46 KENIA
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    ze Kaffee- undMittagspausen. Oder wenn Safaricom, einer der größten Mobilfunkanbieter Kenias, 10-Jähriges Bestehen feiert und den iHub mit zahllosen Pizzas beliefert. Weitere tägliche Events sorgen für einen Austausch innerhalb der iHub Commu- nity. Sogenannte Hackathons, in denen innerhalb von 48 Stun- den eine App entwickelt wird, die irgendwie Armut oder deren Auswirkungen verringern soll, hitzige Paneldiskussionen über die (korrupte) Zusammenarbeit der kenianischen Regierung mit Unternehmer*innen, Schulungen zum Thema User Design oder Vernetzungstreffen von neuen Start-Ups sind an der Tages- ordnung. Bei diesen Ereignissen wird deutlich, wodurch sich die geeks in Nairobi auszeichnen: durch ihren schier unbegrenzten Willen zu lernen. „Nobody knows everything. Es ist okay, nicht allwissend zu sein. Niemand bewertet dich aufgrund von Nicht- wissen schlecht. Trotzdem wird jede Meinung respektiert und als wertvoll betrachtet. Wir arbeiten mit dem Verständnis, dass sich alles schnell verändert und sich somit immer alles in Ent- wicklung und Gestaltung befindet“, erklärt Nanjira Sambuli, die Leiterin der Forschungsabteilung im iHub. Diese Art des Arbeitens wird oft als „iHub culture“ beschrieben: „Offenheit und Flexibilität. Sie sind von ganz oben im 4. Stock bis unten zum UX Lab im Erdgeschoss zu finden. Oft hänge ich mit den UX Lab Leuten ab, nur um zu sehen, wie es ihnen geht und was sie machen. Wenn ich für ein anderes Unternehmen arbeiten würde, wie könnte ich dann in eine andere Abteilung gehen, um mich mit dessen Angestellten auszutauschen?! Das ist   sehr selten. Im iHub dagegen gibt es viele Interaktionen, Offenheit und Flexibilität“, erzählt Chris Orwa, der Data Lab Manager im iHub. Eine neue Art des Arbeitens wird für vie- le Menschen im iHub praktiziert: Im Coworking Space kann jede*r 24 Stunden lang im Austausch mit anderen interessan- ten Menschen sein. „Es ist deine Entscheidung, ob du wie ein Vampir nachts arbeiten möchtest oder nicht“, so Nanjira. Da allumfängliches Wissen nicht vorausgesetzt wird, besteht der Arbeitsalltag im iHub aus vielen Experimenten, deren Schei- tern und ständigen Neuanfängen. Dies ist für die meisten ein neues Gefühl nach den oft starren Universitätsabschlüssen der in Kenia ausgebildeten Menschen im iHub. Hier werden Ingenieur*innen mit Büchern aus den 60er Jahren unterrich- tet. Das Wissen basiert meist auf Modellen und nicht auf realen Anwendungen und Ausprobieren. So waren viele nach dem Stu- dium überfordert, wenn ihr perfektes Modell nicht praktisch funktionierte. Die Arbeitsweise im iHub dagegen fördert stän- diges Experimentieren, zwischenmenschlichen Austausch und somit unzählige Lern­prozesse. 47
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    iHub ist alsoein Ort, an dem materielle Arbeitsplätze und phy- sische Infrastrukturen wie Internet, Strom etc. gewährleistet werden, um den nötigen Raum für kreatives Denken und Expe- rimentieren anzubieten. Er ist jedoch nicht nur ein Gebäude mit stabilem Strom und Internetzugang und gutem Kaffee, sondern auch der Ort einer Gemeinschaft aus 17.000 Mitglieder*innen, die immaterielle Werte wie ihr kollektives Wissen verkörpert. Entstehung des iHubs Alles fing mit ein paar Entwickler*innen an, die während der Gewaltausbrüche in Nairobi nach den Wahlen Ende 2007 eine Software entwickelten, mit der gewalttätige Ausschreitungen auf einer digitalen Karte im Internet eingezeichnet werden konnten. Ushahidi (auf Kiswahili: Beweis) war geboren. Usha- hidi erlaubte es Menschen (mit Internetzugang) die Gewaltaus- brüche in Nairobi zu verfolgen, zu kommentieren und somit die Unruhen nach der Wahl transparenter zu machen. Die Software funktionierte und wurde international bekannt. Heutzutage benutzen sie zahlreiche Staaten, wie z. B. die USA nach Umwelt- katastrophen oder Indien gegen Korruption und Kriminali- tät. Plötzlich wurde also eine technologische Innovation, die in Kenia entwickelt wurde, von Ländern des globalen Nordens anerkannt und genutzt. Durch den Erfolg Ushahidis und zusätz- lich durch das vielfach zitierte Beispiel M-Pesa, das Geldtrans- fer über Mobiltelefone erlaubt, richtete sich die internationale Aufmerksamkeit zunehmend auf die technologische Innova- tionsszene Nairobis. Die Entwicklungs­ zusammenarbeit verschiedener Län­der (Hivos, USAID, DFID) finanziert inzwi- schen im großen Maß in Zusammenar- beit mit internationalen Technologieko- nzernen wie Google, IBM und Microsoft, Wettbewerbe für innovative Ideen, deren Weiterentwicklung und Orte, an denen sich technologisch versierte Menschen treffen können: Techno- logy Hubs. Durch die immer größer werdende und kooperierende Tech-Community inklusive Investitionen in diese wuchs iHub seit 2010 aus einem einzelnen Ushahidi-Büro zu einer Viel- zahl von sehr verschiedenen Arbeitsorten an. Die innovativen Organisationen und Unternehmen breiteten sich in dem Magua Bishop Gebäude aus, in dem zuvor ausschließlich Kosmetik-, Kleidungs- und Autoersatzteilläden ansässig waren. 48 KENIA
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    „I come fromthe land of M-Pesa“ Mittlerweile gehört iHub zu einem der international berühm- testen Technology Hubs. „All die Menschen, die durch unsere Türen kommen, produzieren Dinge. Daher beginnt sich das Image zu verändern und Menschen fangen an zu realisieren, dass wir auch einen Platz in der sich ändernden Tech-Szene haben, hier in Nairobi, in der Region und global“, erklärt Nan- jira. Laut ihr haben alle anderen Hubs in Subsahara Afrika vom iHub Modell gelernt und beobachten genau, wie er sich entwi- ckelt. iHub sei ein Vorbild geworden für einen Ort, der innova- tive Menschen fördert und ihnen die perfekten Voraussetzun- gen zu bieten versucht. Somit seien alle Augen auf den iHub gerichtet. Die internationalen Akteure, die in die kenianischen Innovationen von morgen investieren, warten auf den nächsten technologischen Erfolg aus Kenia: Wann kommt die nächste große ‚revolutionäre’ Innovation? Menschen im iHub fühlen sich durch diese Erwartungen häufig unter Druck gesetzt: „Wir messen uns fortlaufend mit Ushahidi undM-Pesa.UnddauernddieseFrage:Wobleibtdasnächstegro- ße Ding? Nur weil etwas nicht international bekannt ist, bedeu- tet es nicht, dass es nicht existent wäre“, macht Sidney Ochieng, Datenanalyst von Hate Speech im Internet, deutlich. Es scheint, als ob ‚normale’ Innovationen und Geschäftsideen nicht hono- riert werden. Auch wenn die mediale und vor allem interna­ tionale Aufmerksamkeit nahezu nichts von neuen ­Ideen und Start-Ups mitbekommt, heißt das nicht, dass nicht ständig neue Unternehmen in Nairobi entstehen, die mit einer Geschäfts- idee monatliches Einkommen generieren und das Leben einiger Menschen erleichtern. Laut Nanjira führen diese Diskussionen immer wieder zurück zu der Frage nach den Auswirkungen einer Innovation: „Betrachten wir sie von einer glitzernden heilbringenden Perspektive oder kann positiver Einfluss auch subtil sein? Es gibt neben M-Pesa auch noch andere lokale Tech- nologieunternehmen, die nicht nur extravagante Dinge tun und trotzdem konkrete Auswirkungen haben. Sie mögen vielleicht nicht offensichtlich sein oder extravagant. Aber sie sind da.“ Wertebehaftete Investitionen im ­postkolonialen Kontext Nairobis Um stetig neue innovative Ideen zu entwickeln, sind die Entwickler*innen und Forscher*innen im iHub auf das Engage- ment und Investment internationaler Unternehmen und Ent- wicklungszusammenarbeit angewiesen. Die Finanzierung der eigenen Arbeit ist eines der Hauptthemen im iHub. Die meis- ten Menschen arbeiten projektbasiert, das heißt, sie befinden sich in einem „Dezember-zu-Dezember-Job“ (Nanjira). Jedes Jahr endet mit Aufregung und Ungewissheit: „Wir haben bis jetzt noch keine finanziellen Zuschüsse. Und alle unsere Kon- versationen drehen sich nur um die Nachhaltigkeit unserer Projekte und wie wir nächstes Jahr mehr Geld für unsere Ideen akquirieren können“, erzählt Sidney vier Wochen vor Jahres- und Projektabschluss. Längerfristige Planungen im eigenen 49
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    ­Projekt – seies eine bestimmte Forschung oder die Entwicklung einer neuen Soft- oder Hardware – werden durch die auf wenige Monate limitierte Finanzierung erheblich erschwert. Der postkoloniale Kontext Nairobis unterscheidet die dorti- ge Innovationsszene von Beispielen wie der Start-Up-Szene in Berlin. Die Finanzierung von innovativen Projekten wird um einiges mehr von den Überzeugungen der Geldgeber*innen bestimmt: „Viele Gelder der Entwicklungszusammenarbeit, pri- vaten Unternehmen und individuellen Investor*innen sind sehr ameri-zentrisch. Das Geld kommt mit ameri-zentrischen Wer- ten und Ansichten. Es gibt kein Geld ohne Bedingungen. Daher hängt alles von den Werten ab, die den Geldern angeheftet sind.“ Nanjira muss für die diversen Geldgeber*innen unterschiedli- che „Sprachen“ verwenden, je nachdem, was diese hören möch- ten. So zum Beispiel, dass Technologie die Welt verbessert. Gewöhnt sind die kenianischen Entwickler*innen schon lan- ge an dieses spezielle Umfeld. Es braucht viel Geduld, um mit den bestehenden Annahmen der Geldgeber*innen umzuge- hen: „Wir befassen uns mit Menschen, die immer noch die Idee eines armen Afrikas, eines mangelnden Afrikas, eines ungleich wachsenden Afrikas vorantreiben“ (Nanjira). Die meisten der Entwickler*innen und anderen Beschäftigten im iHub, die von externen finanziellen Quellen abhängig sind, trauen sich nicht ihre Geldgeber*innen zu kritisieren. Doch Nanjira hat einen anderen Weg gefunden, um mit voneinander abweichenden Überzeugungen umzugehen: „Ich habe es schät- zen gelernt, sehr transparent zu sein und keine Angst davor zu haben, bestimmte Ansichten zu berichtigen: Call it a bullshit, when it‘s bullshit. Mein Handeln ist zwar nicht beliebt, weil wir zum Geld tanzen sollen, wo immer es her kommt, aber ich finde, dass wir auch eine moralische Verantwortung gegenüber der Integrität unserer Arbeit haben.“ Und lachend fügt sie hin- zu, dass sie annimmt, dass ihre Direktheit geschätzt wird, da sie noch immer ihren Job hat und zudem ständig von internationa- len Akteuren angefragt wird. 50 KENIA
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    iHub als Treibereines vielfältigen Imagewandels Die Entstehung des iHubs und dessen stetig wachsende Com- munity bringen nicht nur Veränderungen innerhalb der Inno- vationsszene Nairobis mit sich. So wird die internationale Auf- merksamkeit auf die Tech-Szene in Nairobi immer größer und erwartungsvoller. Innovationen aus Subsahara Afrika werden plötzlich im internationalen Kontext hoch interessant und ein paar von ihnen werden bereits in Ländern des globalen Nor- dens genutzt. Nichtsdestotrotz haben der iHub und die diver- sen anderen Orte für Innovationen in Nairobi in erster Linie Einfluss auf die technikversierten Menschen vor Ort. Nyagaki Gichia, Elektroingenieurin und Expertin für Hardware-Innova- tionen, zufolge bedeutet iHub: „Veränderungen für Menschen, die genau diese technik-bezogenen Veränderungen wollen.“ Aber für genau diese Menschen, die auf der Suche nach neuen In­spi­rationen im Technologiesektor sind, bietet iHub die Mög- lichkeit sich ständig weiterzubilden, das Gelernte auszupro­ bie­ren und somit innovativen Geschäftsideen immer näher zu ­rücken. Diese ‚neue‘ Art zu arbeiten erschafft neue Möglichkeiten der in­ter­nationalen Partizipation: „Wir verändern das Image von Nairobi, weil wir gegen ein einzelnes Narrativ über technolo- gische Innovationen und deren Auswirkungen in Kenia arbei- ten können. Auf Konferenzen, an denen wir teilnehmen, ist es uns möglich Expert*innen auf die Merkwürdigkeit ihrer Vor- stellungen hinzuweisen. Die Tatsache, dass es iHub gibt und somit Menschen, die vielfältige Geschichten erzählen können, hilft die dominante Erzählweise, die dort draußen herrscht, zu korrigieren“, erklärt Anne Salim, Geschäftsführerin von Eneza Education. Für die Zukunft wünschen sich viele Menschen im iHub keinen weiteren Hub in Nairobi und keine weitere Strategie der Ent- wicklungszusammenarbeit, die Armen zu Gute kommen soll, sondern Forschung. „Bis jetzt gab es nur emotionale Konversa- tionen über die Tech-Szene in Nairobi. Sie sind anekdotenhaft und meinungsmachend, aber richtige Daten fehlen“, so Sidney. Blogs, Nachrichten oder Projektbeschreibungen berichten oft nur über schöne und erfolgreiche Anekdoten. Daher die For- derung nach Forschungen, die für die Menschen vor Ort und auch die Investor*innen hilfreich sein könnten. Beispielsweise hat bis jetzt noch niemand untersucht, wie und ob kenianische Start-Ups durch die bestehenden unterschiedlichen Investiti- onsmodelle überhaupt profitieren. Eines ist sich Nanjira jeden- falls sicher: „Es gibt so viele Fragen, die gestellt werden müssen. Sie sind von solcher Dringlichkeit und wir im iHub sind die rich- tigen Leute, um sie zu bearbeiten. Zum Beispiel diese: Woher kommt die Überzeugung, dass Technologien alle sozialen Prob- leme lösen können? Durch wen und was wird dieser Glaube auf- rechterhalten?“ D Alev Coban ist Doktorandin am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt und Teil des Graduiertenkollegs „Urban Infrastructures in Transition: The Case of African Cities“, finanziert durch die Hans-Böckler-Stiftung. Sie interessiert sich u. a. für innovative Räume, sozio- materielle Wissensproduktionen und dem globalen Phänomen der maker- spaces. Alev Coban forscht seit mehre- ren Jahren in unterschiedlichen Ländern Nord- und Subsahara Afrikas. Website: www.uni-frankfurt.de/49220809/coban Graduiertenkolleg: www.urban-studies.de Alev Coban ist Doktorandin am Institut für Humangeographie der Goethe-Universität Frankfurt und Teil des Graduiertenkollegs „Urban Infrastructures in Transition: The Case of African Cities“, finanziert durch die Hans-Böckler-Stiftung. Sie interessiert sich u.a. für innovative Räume, sozio- materielle Wissensproduktionen und dem globalen Phänomen der maker- spaces. Alev Coban forscht seit mehre- ren Jahren in unterschiedlichen Ländern Nord- und Subsahara Afrikas. Website: www.uni-frankfurt.de/49220809/coban Graduiertenkolleg: www.urban-studies.de 51
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    African Cities Am Pulsder Großstadt Sören Götz52 ÄTHIOPIEN
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    „LagoshateinenpulsierendenHerzschlag–dieStadtschläftnie. Vom Morgengrauen biszum Abendrot wärmt sie sich am Rhyth- mus von Handel und Arbeit. Egal, woher du kommst, reich oder arm, jung oder alt, ‚Eko’ heißt dich mit offenen Armen willkom- men“, sagt Shola Ade, 42-jähriger Bewohner der Stadt und fährt schwärmerisch fort: „Lagos ist eine Stadt voller Energie, die von London um ihre Farben und von Madrid um ihren Sonnenschein beneidet wird, während New York nicht verstehen kann, woher sie ihre Stärke nimmt.“ Lagos? Den meisten Menschen ist diese Stadt in Nigeria kein Begriff. Dabei ist Lagos nicht nur die größte Stadt Afrikas, sondern auch eine der größten Städte der Welt. Wie viele Men- schen dort leben, kann niemand genau sagen. Die Schätzungen reichen von zehn bis zwanzig Millio- nen. So geht es vielen afrikanischen Metropolen: Auf den Landkarten in den Köpfen der Menschen außer- halb Afrikas sind sie nicht existent. Dort dominiert ein Bild Afrikas als unterentwickeltes Buschland, das entweder für Hunger und Bürgerkriege oder für wilde Tiere und endlose Savannen mit kitschigen Sonnen- untergängen steht. Heute leben bereits mehr als 40 Prozent der afrikanischen Bevölkerung in großen Städten – Ten- denz stark steigend. In den 54 Staaten gibt es mehr als 50 Städte mit mehr als einer Millionen Ein­woh­ ner*innen. Und diese Städte sind keine Ansamm- lungen von Wellblechhütten, sondern bieten ebenso modernste Architektur, Wolkenkratzer-Skylines und ein großes Unterhaltungs- und Kulturangebot für die stark wachsende Mittel- und Oberschicht. Es ist vielerorts nicht übertrieben, von einem pulsieren­ den Stadtleben zu sprechen. Davon abgesehen sind die meisten Städte aber so unterschiedlich wie Tag und Nacht: Jede hat ihr eigenes Flair und viele ein besonderes Alleinstellungsmerkmal. In ­Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba etwa ist der Anteil der jungen Bevölkerung enorm hoch: 40 Prozent der 3,5 Millio- nen Einwohner*innen sind unter 14 Jahre alt. Dies spiegelt sich auch im weitreichenden Freizeitangebot der Stadt wieder: Etli- che Clubs und Bars bieten von Reggae über Jazz, Poprock, Blues und Discosounds bis hin zur Volksmusik ein breites musikali- sches Spektrum – samt der traditionell-erotischen Eskista-Tän- ze, bei denen die Bewegungen mit den Schultern eine wichtige Rolle spielen. Die zahlreichen Cafés wiederum laden zu gemüt- lichen Kaffeepausen mitten im Stadtgetümmel ein. Der Über- lieferung nach ist das Kaffeerösten und Kaffeetrinken in Äthio- pien entdeckt worden. Kaldi ist der Name des Ziegenhirten, der den Gebrauch der Kaffeebohnen entdeckt haben soll und auch der Name einer Café-Kette, die sehr an Starbucks erinnert. In Addis Abeba ist es üblich, vor einem Café zu parken, sich einen Kaffee ins Auto bringen zu lassen und beim Trinken vorbeige- hende Stadtbewohner*innen zu beobachten. Neben einem weitreichenden Sportangebot von Tennis-, Schwimm- und Reitvereinen sowie Golf-, Polo- und Fitness- clubs bieten die Malls der Stadt zahlreiche Möglichkeiten, seine Freizeit zu gestalten – zum Beispiel die Edna Mall mit 3D- und 7D-Kinos. Die Parks und Grünanlagen der Stadt sind ebenso beliebt wie die Hotelanlagen mit ihren zahlreichen Entspan- nungsangeboten: Spas mit Whirlpools, verschiedene Massage­ angebote, Pools und Beauty-Clubs. Ein echtes Highlight ist nicht zuletzt der Great Ethiopian Run, ein Marathon, der seit 2001 stattfindet. Unter den mehr als 30.000 Teilnehmenden befinden sich auch immer viele internationale Sportler*innen. Bedingt durch die Lage Addis Abebas auf 2.355 Meter Höhe er­zielen die Läufer*innen nicht ganz so gute Zeiten wie auf niedriger gele- genen Strecken. Um mit dem beeindruckenden Bevölkerungswachstum von mehr als 50 Prozent in den letzten 15 Jahren und der zunehmen- den Zuwanderung aus ländlichen Gebieten Schritt zu halten, hat die Stadt das Verkehrssystem in den vergangenen Jahren erneuert und ausgebaut. Das erste, nun abgeschlossene große Bauprojekt der letzten Jahre ist der Bau der Addis Abeba Ring Road, die die fünf Hauptverkehrswege nach Addis verbindet und dadurch schon deutlich zur Beruhigung des Autoverkehrs beigetragen hat. Weitere Umbauten folgten, zum Beispiel die der prächtigen Bole-Straße, die den Stadtkern mit dem internatio- nalen Bole-Flughafen verbindet. Bis 2016 soll außerdem der Bau eines 37 Kilometer langen S-Bahn-Systems abgeschlossen sein. 53
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    Ruandas Hauptstadt Kigaliist mit ihren 1,1 Millionen Ein­woh­ ner*innen dagegen fast schon beschaulich und hat sich den Ruf als eine der saubersten Großstädte der Welt erarbeitet. Dafür wurde sie bereits von den Vereinten Nationen ausgezeichnet. Das Stadtbild ist geprägt von schön angelegten Grünflächen, blitzeblankgeputzten Gehwegen und Mülleimern an jeder Stra- ßenecke. Wer Müll auf den Boden wirft, muss Strafe zahlen und es ist verpönt, die Rasenflächen oder Blumenbeete auf Verkehrs- inseln zu betreten. Nicht nur auf den Straßen sind jederzeit städtische Reinigungskräfte unterwegs, auch zuhause fegen und schrubben Ruander*innen täglich Haus und Hof. Diejeni- gen mit den dreckigsten Schuhen sind in der Regel ausländische Tourist*innen. Aus Gründen des Umweltschutzes sind Plastik- tüten seit 2006 im gesamten Land komplett verboten. Die Poli- zei kontrolliert deshalb bei der Einreise am Flughafen, dass sich keine davon im Gepäck befindet. Damit nimmt Ruanda nicht nur auf dem afrikanischen Kontinent, sondern auch interna­ tional eine beeindruckende Vorreiterrolle ein. Einen großen Beitrag zur Sauberkeit leistet der Umuganda Day. Umuganda bedeutet in der Landessprache Kinyarwanda „zusammen halten und sich gegenseitig helfen“. An jedem letz- ten Samstag im Monat ist die ruandische Bevölkerung dazu auf- gerufen, in wohltätiger Gemeinschaftsarbeit für Sauberkeit zu sorgen. Die Geschäfte sind vormittags geschlossen, während die Bürger*innen gemeinsam Straßen ausbessern, Wasser­kanäle reinigen oder neue Bäume pflanzen. Neben der Reinigung und dem Umweltschutz dient dieser Tag auch der Konfliktbewäl- tigung, der Aussöhnung nach dem Völkermord 1994 und dem Zusammenhalt der ruandischen Gesellschaft. „Kigali ist schön und attraktiv und gehört zu den saubersten Städten Afrikas. Die jungen Menschen sind entschlossen, die Schönheit der Stadt zu erhalten“, betont ein Aktiver der Orga- nisation Youth for Hope Rwanda. „Wir kennen unsere Wurzeln und wir haben ein klares Ziel vor Augen. Wir haben aus der Ver- gangenheit gelernt, um gemeinsam eine strahlende Zukunft aufzubauen.“ Auch in Deutschland hat sich inzwischen eine Umuganda-Bewegung formiert: In Berlin und Köln veranstal- teten Ruander*innen und Freunde des Landes solche Tage, an denen sie beispielsweise in Suppenküchen mitarbeiten. Seit ein paar Jahren erlebt Kigali außerdem einen enormen Bauboom. Die Stadt verändert sich ständig und hat sich inner- halb der letzten zehn Jahre flächenmäßig verdoppelt. Neue Villenviertel, Wohnsiedlungen, hohe Bürokomplexe und Ein- kaufszentren sind entstanden. Die Regierung verfolgt einen ehrgeizigen Plan zur Erneuerung des Stadtbildes hin zu einer modernen Metropole nach dem Vorbild asiatischer Megastädte. Ziele des Masterplans für Kigali sind der Ausbau von Infrastruk- tur als Grundlage des Wirtschaftswachstums, die Verbesserung der Wohnraumversorgung, die Anhebung des Lebensstandards, der Umweltschutz und die Nutzung regenerativer Energien. Ein echter Hingucker sind auch die Straßenlaternen in den Farben der ruandischen Flagge. Kritiker*innen weisen jedoch auf die teilweise Enteignung und Umsiedlung von Menschen aus den ärmeren Stadtvierteln hin, die den neuen Wohngegenden wei- chen müssen. Kigali ist schon länger als attraktiver Standort für interna- tionale Konferenzen und Tagungen bekannt und beherbergt mehrere staatliche Universitäten. Die Stadt hat mit ihren vie- 54 RUANDA
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    len Einkaufszentren, Museen,Kunstgalerien und Kinos ein abwechslungsreiches Freizeit- und Kulturprogramm zu bieten. Viele Theateraufführungen, Konzerte, Bars und Diskotheken sorgen darüber hinaus für ein buntes Nachtleben. Zurück in Lagos stört sich der Anwohner Agwu Igiri Akwari an dem einseitigen Bild, das die Medien von seiner Heimatstadt zeichnen:„AlsGeograph,FotografundStädterfindeichesunak- zeptabel, wenn die Armut in den Slums von Lagos schlimmer dargestellt wird als sie ist. Ich möchte die Existenz von extremer Armut in manchen Teilen der Stadt nicht verleugnen, aber es ist wichtig, dass die gesamte Welt erfährt, dass Lagos einen ähnli- chen Charakter hat wie andere Großstädte auf der Welt. Dieser Stadtcharakter beinhaltet die Armut und den Wohlstand. Aber Armut macht nicht das Hauptwesen dieser Stadt aus“, betont er. „Lagos ist nicht nur DIE Wirtschaftsmetropole ­Nigerias, sondern von gesamt Westafrika“, fährt Akwari fort. „Es ist der Hauptsitz für alle Banken in Nigeria, von denen einige zu den ‚global players’ in Westafrika und darüber hinaus gehören. Lagos ist ebenfalls als Zentrum von Luxus und Wohlstand in Nigeria und Afrika bekannt. In Ikoyi und Victoria Island findet man Immobilien, die zu den teuersten Afrikas gehö- ren. Für einige Wohnungen dort zahlt man jährlich 40.000 bis 50.000  US-Dollar Miete.“ Lagos ist der wichtigste Verkehrsknotenpunkt Nigerias, doch der Verkehr steht oft still. Im Durchschnitt brauchen die Menschen wegen der ‚go-slows’ genannten Staus eine Stun- de, um eine einfache Strecke zu ihrer Arbeitsstelle zurück- zulegen. Schuld daran sind unter anderem die schlechten­ 55
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    Zustände der Straßen.Obwohl Lagos eines der größten Straßen­ netze West­afrikas besitzt, stammen die meisten Straßen noch aus den 1970er Jahren und sind für eine deutlich kleinere Bevöl- kerung bzw. Verkehrsaufkommen ausgelegt. Niemand rechnete damals mit der ungeheuren Expansion, die den Ballungsraum seither hat wachsen lassen. Um die Transportprobleme zu ver- ringern, hat die Regierung des Bundesstaats Lagos zusam- men mit privaten Investoren in den vergangenen Jahren ein öffentliches Schnellbus-System realisiert und aktuell befin- det sich ein Schnellbahn-System im Bau. Rund 50 Prozent der Bewohner*innen Lagos benutzen derzeit noch ihr eigenes Auto oder Taxis, um zur Arbeit zu gelangen. Auch wenn es außerhalb Afrikas wenig bekannt ist, hat die weltweit zweitgrößte Filmindustrie ihren Sitz in Nigeria. „Die Produktion von nigerianischen Filmen – Nollywood genannt – und Musik machen Lagos zur Hauptstadt für afrikanisches Entertainment“, sagt der Lagosianer Akwari. „Nigerianische Filme werden in Lagos produziert und von dort aus in andere Teile des Kontinents vermarktet. Der nigerianische Hip Hop, Fuji, Juju, Afrobeats und andere musikalischen Richtungen haben ihre Wurzeln in Lagos und sind Teil der Stadt.“ Mit einem Budget von durchschnittlich 15.000 Dollar pro Film werden in kürzester Zeit Filme gedreht. Trotz Widrigkeiten wie häufigen Stromausfällen werden wöchentlich rund 40 Fil- me veröffentlicht und auf dem Markt verkauft oder in Kinos gezeigt. Die lokalen Produktionen sind so beliebt, dass sie in den lokalen Kinos gegen Streifen aus Hollywood bestehen. Das dürfte auch daran liegen, dass sich das afrikanische Publikum mit den Darsteller*innen der Filme und ihren Geschichten identifizieren kann. Liebeserzählungen, Komödien oder Sto- rys über Voodoo, staatliche und traditionelle Macht,  unehr- liche Polizist*innen, Prostitution und AIDS sind Themen auf Nollywoods Leinwänden. Auch weit über Nigerias Grenzen sind die Filme in anderen anglophonen afrikanischen Ländern und in den afrikanischen Communities weltweit beliebt. Die nigerianische Filmindustrie entstand 1993, ganz ohne aus- ländische Investoren oder Entwicklungshilfe und bietet mitt- lerweile Tausenden von Menschen Arbeit. Zuletzt erzielte die 56 NIGERIA
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    ­Verfilmung von ChimamandaAdichies Roman „Half of a Yellow Sun“ weltweite Erfolge. Dieser Film war mit einem Budget von zehn Millio­nen US-Dollar gedreht worden. Aber nicht nur Filme werden in Nollywood produziert: Auch nigerianische Popmusik wird fast überall in Subsahara-Afrika gehört. „In Folge des Modernisierungs- und Resozialisierungspro­ gramms, das vom regierenden Gouverneur Raji Babatunde Fashola eingeführt wurde, wird Lagos immer mehr zu einem Touristenziel und einer global bedeutsamen Stadt“, berichtet Akwari stolz. „Lagos ist jetzt schon für seine geschäftsorientier- te Bevölkerung bekannt. Die ganze Stadt ist voller Märkte, einer reiht sich an den anderen.“D Sören Götz, Jahrgang 1990, war 2010/11 als inter- nationaler Freiwilliger in Malawi. In 2016 hat er an der Universität Mannheim sein Erstes Staatsexamen für das gymnasiale Lehramt abgelegt. Er studierte Politik- und Wirtschaftswissenschaften sowie Germanistik und verbrachte ein Semester in Istanbul. In seiner Abschlussarbeit untersuchte er, wie der „weltwärts“- Freiwilligendienst die politischen Einstellungen der Teilnehmer*innen verändert. Seit vielen Jahren schreibt er als freier Mitarbeiter für Lokalzeitungen und und ab­ solviert derzeit den Masterstudiengang an der Deutschen Journalistenschule. Kontakt: soeren.goetz@posteo.de Um dieses vielfältige afrikanische Stadtleben bekannter zu machen und damit auch gängige Stereotype über das Leben auf dem afrikanischen Kontinent infrage zu stellen, haben einige ehemalige weltwärts-Freiwillige die Fotoausstellung „Sichtwechsel – Stadtbilder aus Afrika“ organisiert, in der die drei hier beschriebenen Städte vorgestellt werden. Die Bilder schickten ihnen Menschen aus Lagos, Kigali und Addis Abeba. Sie zeigen drei Städte ­voller Leben und erzählen überraschende ­Geschichten. Es ist in Planung, die Ausstellung zur ­Ausleihe anzu­bieten. Weitereeitere Informationen gibt es unter www.sichtwechsel-ausstellung.de 57
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    In 2012/2013 lebteich für ein Jahr in Kayunga, Uganda. Kayun- ga ist eine Kleinstadt in Zentraluganda, die nächst größeren Städte sind Kampala, 1:46 h entfernt und Jinja 1:26 h entfernt, sagt google maps. Will man von einem Ort zum anderen fahren, ist man in Uganda mit Großraumtaxis unterwegs. Als es mich also sechs Wochen nach meiner Einreise zum ersten Mal aus der Kleinstadt heraustrieb, ging ich mit meinem ugandischen Mentor/Gastvater in den Taxipark und war mir sicher, dass ich noch nie überforderter war. Auf dem gesamten Platz herrschte ein dichtes Gewusel aus Menschen: Fahrgäste, Passant*innen, Verkäufer*innen und ihre Freund*innen mit Kindern, Taxi­ besitzer und einige, die dort einfach gerade ihre Freizeit ver- brachten. Drumherum Shops, Busse, Gepäck und Tiere. Laut und bunt war es. Die Fahrzeuge waren in einem, mir nicht ersichtlichem System auf dem Platz angeordnet, Schilder mit Zielortkennzeichnung waren nicht zu sehen. Mehrere Männer, die offensichtlich zu bestimmten Fahrzeugen gehörten, liefen aufgeregt zwischen den möglichen Passagieren hin und her und riefen sowas wie „Jinja yiiiihaaaa! Kampala yiiiihaaaa! Kangu- lumira yiiiihaaaa!“ Wir gingen also zu dem Fahrzeug, das Richtung Jinja fah- ren sollte und trafen auf den dazugehörigen Mann („Jinja ­yiiihaaaa!“), der uns gleich den Preis von 4000 UgX (ca. 1,10 Euro nannte). Das Taxi war ein Kleinbus, in meinen Augen geeignet für 11 Passagiere und den Fahrer. Es war halb voll und ich setzte mich, nachdem mein Gastvater mir erklärte, dass es losfahren würde, wenn alle Plätze belegt seien. Er verabschiedete sich und ich wartete. So langsam verstand ich, wie das hier funktionier- te. Nicht mehr lange warten und das Taxi war voll, ich hatte eine gute Zeit erwischt. Dachte ich jedenfalls. Dabei war das Taxi nach ugandischem Verständnis noch lange nicht voll – zusätz- lich wurden in jede der drei Reihen im hinteren Bereich noch eine oder zwei erwachsene Person/en gequetscht, drei kleine Kinder passten noch zwischen die Beine und zu meiner Über- raschung wurde zusätzlich ein Huhn in einer Plastiktüte unter einen Sitz gepackt. Dabei half jeder im Taxi mit, es allen ande- ren möglichst komfortabel zu machen. Dann war das Taxi auch nach ugandischem Verständnis voll: als der Fahrer und sein Kollege „Conductor“ (dessen Funktion ich noch erklären werde) noch jemanden mitnehmen wollten, protestierten nämlich alle anderen Passagiere und es ging los. Mit 20 Personen und einem Huhn tuckerten wir los und kamen tatsächlich nach ca. 1:30 h in Jinja an. Unterwegs hatten mehrere Personen das Taxi verlassen: der „Conductor“ saß hinten bei den Passagieren, wurde über die Wunschhaltestellen informiert und signalisierte dem Fahrer durch Klopfen an der Decke, wo er halten sollte. Es stiegen noch mehrere Personen entlang der Strecke ein, wie Anhalter konn- ten sie einfach zusteigen – wenn Platz war. Ein Mann packte seinen Koffer auf das Dach des Kleinbusses und in einer Kur- 20 Personen, 1 Ziege und 1 Huhn Nadja Nolte 60 UGANDA
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    ve flog dieserhochkant in den nächsten Graben. Die gesamte Besatzung lachte sich kringelig und empfahl dem Conductor, der sauer war wegen des Zeitverlusts, sich demnächst noch oben auf das Gepäck zu setzen, um aufzupassen. Ein anderes Mal erzählte mir ein Mann, dass er gese- hen hatte, wie ein Bus mitten in der Hauptstadt hielt und eine Gruppe nackter Menschen ausstieg. Menschen aus dem Norden Ugandas, Mitglieder eines Clans, bei dem es üblich ist, nackt zu sein. Er lachte herzlich und munkelte, dass so wahrscheinlich stereotype Bilder über afrikanische Menschen im Westen ent- stehen würden. Die Fahrgäste im Taxi verbindet vor allem eins: das lange Zusammensitzen auf engstem Raum, wobei soziale Interaktion die schönste Alternative zum Nichtstun ist. NachdemichmehrereMalemitdemTaxigefahrenwar,gefiel mir das System. Ich hörte auf, Erwartungen zu haben – Überra- schung war das Stichwort! Das Taxi fuhr, wenn es voll war, mal nach 10 Minuten, mal nach zwei Stunden, es gab nachvollzieh- bare Preise und keine Frühbucherrabatte, man konnte außer- halb der offiziellen Haltezonen ein- und aussteigen, hatte fast immer interessante Gesprächsthemen und  –  partner*innen. Und das Beste war: Jede*r wusste, es gab keine Garantie für Pünktlichkeit. Also keinen Grund für Stress. Was ich damit sagen will, ist nicht, dass ich die Mobilität, die Flexibilität und die Pünktlichkeit der deutschen Transport- möglichkeiten nicht zu schätzen weiß. Und ich will auch nicht behaupten, dass das ugandische Transportsystem nicht durch- aus verbesserungswürdig ist. Oder dass man auch manch- mal seine Ruhe braucht in der Bahn, auf dem Nachhauseweg. Wenn Mobilität, Flexibilität und Pünktlichkeit allerdings zur selbstverständlichen Erwartung werden, fängt man schon nach fünf Minuten Verspätung an in Stress auszubrechen. Statt sich für seine unmittelbare Umgebung zu interessie- ren, checkt man schnell die Emails und ist genervt von lauten Sitznachbar*innen. Wie wär‘s: Lassen wir doch das nächste Mal die Zugfahrt Zugfahrt sein und gehen auf das Gespräch mit der älteren Dame neben uns ein. Ich freue mich auf meine nächste Taxifahrt in Uganda, inklusive eingeschlafener Füße und einer Ziege im Kofferraum. D Nadja Nolte, Jahrgang 1994, Produktdesignstudentin an der Kunsthochschule Kassel, Internationaler Freiwilligendienst in Kayunga, Uganda in 2012 61
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    Es ist 12Uhr mittags. Das neue Lied von Sarkodie und ein dauer- haftes Hupkonzert betäuben die Ohren. Außerdem ist da diese bleierne Hitze, die jegliche Kraft raubt und Reisen zur Schwerst- arbeit macht. Zähflüssig plätschert der Verkehr vor sich hin. Es ist ein Kampf um jeden Zentimeter, um jede grüne Ampel und jede umfahrene Mautanlage. Seit einer Stunde geht das nun so, dabei soll es eigentlich nur von Ghanas Hauptstadt Accra in die 155 Kilometer entfernte Regionalhauptstadt Ho gehen. In Ghana gibt es verschiedene Möglichkeiten zu reisen, am beliebtesten sind sogenannte Tro-Tros. Zumeist sind das alte Kleinbusse, die aus der westlichen Welt importiert werden. Der Hyundai Grace ist so einer – er ist sozusagen der Golf Ghanas – denn man sieht ihn an jeder Ecke. Nach dem Import wird er zu einem Polsterer gebracht. Er macht aus dem 8-Sitzer einen 15-Sitzer. Zwar ist es jetzt nicht mehr so komfortabel wie zuvor, aber dafür ist das Reisen nicht mehr teuer und wird für jeden bezahlbar. Manchmal werden die Firmenbeschriftungen der Vorbesitzer entfernt und der Bus wird zum Beispiel in den Nationalfarben – rot, gelb, grün mit schwarzem Stern – gestri- chen. Oft bleiben sie aber dran und so kann man schon einmal in einem Bus eines deutschen Malermeisters oder einer hol- ländischen Gärtnerei fahren. Ganz sicher kommen aber neue Aufkleber hinzu. Vom Fußball zum Beispiel. Besonders Chelsea London hat es den Ghanaern angetan, denn Michaël Essien aus Accra wurde in London zum Weltstar. Außerdem gesellen sich Wimpel von Jesus oder anderen religiösen Führern hinzu. Sie sollen vor Unfällen schützen und die Fahrgäste sicher an ihr Ziel bringen. Hyundai Grace: mit Gottes Gnade zum Ziel Thilko Gläßgen 62 GHANA
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    Die Fahrt selbstläuft dann unterschiedlich ab. In jedem Ort gibt es eine Station, hier stehen die Tro-Tros nach Fahrtziel sortiert. Los geht die Fahrt aber erst, wenn der letzte Platz besetzt ist, denn nur so ist die Fahrt kostendeckend. Für größere Gepäck- stücke wird manchmal noch ein kleiner Obolus genommen. Bezahlt wird dann entweder an der Station selbst oder beim Mate, dem Helfer des Fahrers. Er durchläuft eine Ausbildung und will vielleicht auch einmal Fahrer werden. Er kassiert das Geld, betankt das Fahrzeug und akquiriert neue Fahrgäste, wenn Plätze frei werden. Dazu hängt er während der Fahrt halb aus dem Fenster und schreit das Fahrziel heraus, wenn es durch die Dörfer geht. Viele Fahrer und Mates sind gewerkschaftlich organisiert, denn sie leihen die Busse von einem Unternehmer, der sie bezahlt. Einerseits verleiht ihnen die Gewerkschaft die nötige Durchsetzungsfähigkeit gegenüber dem Arbeitgeber, andererseits ist sie auch sozial aktiv. Verstirbt ein Mitglied von ihnen, so leistet die Gewerkschaft der Familie Beistand und hilft ihr auch finanziell über die Runde zu kommen. Manchmal fahren in den Bussen auch Prediger mit, die aus dem Koran oder der Bibel vortragen. Auch Händler*innen nutzen die langen Fahrten für sich und preisen ihre Produkte an. Aber auch so gibt es genug Gelegenheit während der Fahrt noch Einkäufe zu tätigen. Denn jedes Mal, wenn der Bus hält, ob im Stau, an einer Ampel oder weil ein Fahrgast auf die Toi- lette muss, scharen sich Händler*innen um den Bus. Auf dem Kopf tragen sie ihre Waren. Neben diversen Früchten, Snacks und Getränken können auch Brettspiele, Reinigungsmittel oder Zeitungen erstanden werden. Im Tro-Tro herrscht dabei eine ausgelassene Stimmung. Schnell kommt man miteinander ins Gespräch, über die Motive der Fahrt und auch private Themen werden besprochen. Der Fah- rer ist gleichzeitig DJ der Reisegruppe und kümmert sich um jeden Musikwunsch. Die lange Fahrzeit kann dadurch immer- hin gefühlt verkürzt werden und neue Freunde findet man auch schneller als man glaubt. D Thilko Gläßgen, Jahrgang 1993, hat nach dem Abitur (2012/13) einen internationalen Freiwilligendienst in Ghana gemacht und studiert derzeit Journalistik in Bremen. Ab Oktober 2016 wird er für ein Semester in Yaoundé (Kamerun) studieren. In Bremen schreibt Thilko Gläßgen für den „Weser Kurier“ und die „Zeitschrift der Straße“. In den Semesterferien reist er am liebsten über den afrikanischen Kontinent. 63
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    „Wenn du nichtselbst gespürt hättest, dass das Team etwas Besonderes ist, würdest du dann darüber schreiben wollen?“ Das hat Grace mir geantwortet, als ich sie gefragt habe, was das Besondere an Angels sei. Ein Jahr lang habe ich in Kampala, der Haupt- stadt Ugandas, mit tollen, jungen Frauen Basketball gespielt – und das obwohl ich es nicht einmal besonders gut kann. Ich wurde in eine Gemeinschaft von Sportlerinnen aufgenommen, die mehr ist als nur das. Sie ist eine zweite Familie. Beim Training geht es manchmal hoch her: Es wird geschwitzt, diskutiert, gefeilscht, um jeden Ball gekämpft, gemeckert und gelacht. Es wird gespielt, bis man den Ball kaum noch sehen kann, weil es dunkel geworden ist. Danach kommt das Team zusam- men und es wird noch einmal über Taktik, die anstehenden Spiele und den Einsatz jeder Einzelnen gesprochen. Egal, wie hitzig die Diskussionen ausgefallen sind, am Ende stehen alle Spielerinnen im Kreis und beten. Dafür, dass alle wohlbehalten nach dem Training zuhause ankommen. Dafür, dass es auch den Spielerinnen gut geht, die es nicht geschafft haben zum Training zu kommen. Dafür, dass Jannet ihre Uni-Prü- fungen besteht. Dafür, dass Lucys Vater möglichst schnell wieder gesund wird. Dafür, dass Sarah, die gerade hochschwanger ist, ein gesundes Kind zur Welt bringen möge. Dafür, dass das nächste Spiel ein Sieg wird. „Wir sind ein Teil des Lebens der jeweils anderen und das auch abseits des Spielfeldes. Wir feiern gemeinsam Geburtstage, Schul- und Universitätsabschlüsse, Hochzeiten, Geburten und Beförderungen. Und wir halten einander an der Hand in den schwers- Welcome to the family Inga Eslage 64 UGANDA
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    ten Zeiten“, antwortetCathy auf die Frage, was das Besondere an Angels sei. „Was auch immer du durchmachst, du kannst dir einfach sicher sein, dass jemand da ist, die mit dir geht. Die mit dir lacht, die mit dir weint, die dich ermutigt und dich tröstet“. Für jede der Frauen in dieser Mannschaft spielt Basketball eine wichtige Rolle in ihrem Leben. Ist ein Teil der eigenen Identität. „Ich spiele seit 20 Jahren Basketball und liebe diesen Sport. Ich schätze die Menschen sehr, mit denen ich spiele. Ich habe durch das Basketballspielen Freundinnen gefunden, die für mich zu Schwestern und Vorbildern geworden sind“, Grace. Die Angels spielen gerade die dritte Saison in der Divison 2, der nationalen Frauen-Basketball-Liga in ­Uganda. Cathy spielt da­ bei eine ganz wichtige Rolle für das Team, denn ohne sie könnte das Team nicht funktionieren. Und das ist das Erstaunliche: Sie teilt ihr monatliches Gehalt, das sie als Geologin verdient, mit dem Team. Sie zahlt die Gebühren für die Ligateilnahme, die Trikots, die Fahrtkosten für die Spielerinnen – eigentlich alles! Nur so ist es für viele Spielerinnen möglich, Teil der Mannschaft zu sein. Viele könnten es sich kaum leisten mehrmals die Wo- che quer durch die Stadt zu fahren, um zum Training und zu den Spielen zu kommen. Cathy verdient in ihrem Beruf mehr Geld als die anderen und ist bereit, es zu teilen: „Es ist zuweilen schwer, aber es ist das Opfer wert“. Auch der zeitliche Aufwand ist nicht zu unterschätzen, denn für die meisten Teammitglieder dauert der Weg zum Trai- ning durch Kampalas Trubel länger als eine Stunde. Doch es lohnt sich. Seit der offiziellen Gründung der Mannschaft 2013 ist das Team an Spielerinnen gewachsen, konnte die Leistun- gen steigern und es ist immer mehr zusammen gewachsen. „Wir sind zwar noch nicht da, wo wir sein wollen, aber wir sind schon ein ganzes Stück von dem entfernt, wo wir einmal stan- den“, Janet, Trainerin. „Es ist immer wieder erstaunlich, wie viel Unmögliches wir schaffen, wenn wir als Team alle zusammen arbeiten“, Cathy. Gleichzeitig hat Frauensport in der Gesellschaft Ugandas, wie auch in vielen anderen Gesellschaften, noch immer einen schweren Stand. „Manchmal nennen wir den Frauensport auch die vergessene Hälfte.“ Die Medien konzentrieren sich auf die Männer-Teams und auf die Spiele der Männer-Liga. Die Frauen hingegen, die Außergewöhnliches leisten, werden nur mit einem Satz in der Zeitung oder wenigen Sekunden in einem  Fernseh- oder Radiobeitrag gewürdigt“, erklärt Cathy 65
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    verärgert. Die Angelsbemühen sich seit der Gründung der Mannschaft um Sponsoren, doch für Frauenmannschaften ist es immer noch sehr schwierig, finanzielle Unterstützung zu ­finden. Das führt dazu, dass Frauenmannschaften aufgrund des finanziellen Drucks oft nur wenige Jahre existieren können. Sie sind davon abhängig, dass einzelne Teammitglieder genügend Geld verdienen, um das Team mitzufinanzieren. Den Halt, die Rückendeckung und nicht zuletzt die Anerken- nung, welche die Frauen durch das Team und den Sport erfah- ren, ist enorm. Neben Familie und Beruf sind der Sport und das Team wichtige Anker im Leben der jungen Frauen. Das ist allen in der Mannschaft bewusst und das habe ich ebenfalls so erlebt. Genau deshalb sind alle bereit, einen Teil ihrer Freizeit zu opfern und Cathy verzichtet auf einen erheblichen Teil ihres Einkommens, um das Team aufrecht zu erhalten. „Die Mann- schaft versteht sich als Familie und man sagt ja, Blut ist dicker als Wasser. Wir streiten vielleicht manchmal, aber die Verbin- dung zwischen uns ist stark. Wir halten zusammen“, Grace. Diese Art von Zusammenhalt und Zusammengehörigkeit habe ich in Deutschland bisher nicht erlebt, obwohl ich viele Jahre Vereinssport gemacht habe. Ich bin sehr dankbar dafür, dass ich ein Jahr lang Teil dieser Familie werden durfte. D Frauen-Basketball in Uganda Mitte der 1990er Jahre wurde die nationale Frauen-Basketball-Liga von der Federation of Uganda Basketball Associations (FUBA) gegründet. Im Vergleich zur Liga der Männer ist sie auch heute noch deutlich unterlegen: 16 Mannschaften im Gegensatz zu 56 Mannschaften in der Herren-Liga. Die Damen spielen in zwei Divisionen bestehend aus jeweils acht Teams. Spielerinnen berichten, dass Basketball ein wichtiger Teil ihres Lebens geworden sei. Durch sportliche Leistungen haben junge Frauen die Möglichkeit, Anerkennung und sogar akademische ­Förderungen zu erhalten. Sie bemängeln, dass die Entwicklung des Frauen-Basketballs in den letzten Jahren von der Föderation vernachlässigt worden sei. Es gebe zu wenig Förderung für junge Spielerinnen, was zur ­Folge habe, dass das spielerische Niveau sich kaum verbessern könne. Außerdem müssten viele Mäd- chen und Frauen um die Unterstützung ihrer Familien ringen. Eine Sportausrüstung bedeute für viele Familien einen hohen finanziellen Aufwand. Aber ein starker Frauensport helfe jungen Frauen in der ­Gesellschaft wahrgenommen und wertgeschätzt zu werden. Inga Eslage, Psychologin (M.Sc.), Jahrgang 1989, Auslandsaufenthalte: USA (10 Monate in 2006/2007) und Uganda (12 Monate in 2014/2015), Weiterbildung zur Psychologischen Psychotherapeutin, z. Zt. Grup­ pentherapeutin in einer Suchtklinik, regelmäßige Aufenthalte in und Arbeitskontakte nach Uganda 66 UGANDA
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    Eine Stunde nördlichvon Kapstadt liegt die Kleinstadt Malmesbury, der wichtigste Ort der Swartland Municipality (Distrikt, vergleich- bar mit einem deutschen Kreis). Mit 20 % wei- ßer Bevölkerung ist das dazu gehörige „Bun- desland“ Western Cape vergleichsweise stark europäisch geprägt. Besonders in Kapstadt ist dies augenscheinlich. Aber die Apartheid hat ihre Spuren hinterlassen und bis heute lebt ein Großteil der nicht-weißen Bevölkerung in wirtschaftlich und real schlechteren Bedin- gungen. In Malmesbury befindet sich die ärmste Gegend des Distriktes: Ilinge Lethu, ein „Township“ außerhalb des eigentlichen Stadtzentrums. Zu den größten Problemen zählen hier schlechte Wohnungsversorgung, HIV/AIDS Erkrankungen, Ernährungsmangel, Drogen- bzw. Alkoholmissbrauch und auch Kriminalität. Der südafrikanische Staat ver- sucht mit verschiedenen Kampagnen gegen zu steuern. Ein wichtiger Teil dieser Aktivitäten ist das Ilinge Lethu Thusong (ungefähr: „Gemeinsam“) Centre, eine Art ­Gemeindezentrum. In der großen Halle finden Veranstaltungen aller Art statt, von der Hochzeitsfeier bis zur ­Parteiversammlung, während in den kleineren Räumen verschiedene Büros angesiedelt sind. Eines der wichtigsten ist beispielsweise das Youth Office, das junge Menschen bei der Fortbildung und Arbeitssuche unterstützen soll. Außerdem können die Bewohner*innen Ilinge Lethus hier für eine Stunde kostenlos ins Internet, Bewerbungen ausdrucken und kopieren – ein einfacher, aber unglaublich wichtiger Service. It’s deep in my heart Marit von Graeve 67
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    Im Frühjahr 2014haben sechs engagierte Menschen – mein Freiwilligen-Vorgänger in Ilinge Lethu und fünf Frauen aus dem Township selbst die Food Bank Malmesbury gegründet, eine Suppenküche für Kinder und ältere, kranke oder benachteiligte Menschen. Die Frauen – Nozuko Eunice Nqokoto, Nomawhetu Claire Kosani, Sindiswa Mpimpilashe, Athelina Lusanda Mjali und Andiswa Duda – wohnen alle in Ilinge Lethu. Das Ziel der Food Bank ist es, eine unabhängige Organisation zu sein, die sich um verschiedene soziale Probleme kümmert. Angefangen von der Suppenküche, die nebenbei vielen kranken Menschen erst die geregelte Einnahme ihrer Medikamente ermöglicht, soll sie sich über kleinere Projekte zu einem Hort für Schulkin- der und einem Kindergarten entwickeln. Die Arbeitsstellen, die sich aus solchen Projekten ergeben, werden immer aus dem Township generiert. Andiswa und Athelina haben eine bezahlte Arbeit im Thusong Centre, die übrigen Frauen hatten wie viele andere zum Zeit- punkt der Gründung keine feste Arbeitsstelle. Sie waren mit ihrer Ausbildung beschäftigt oder freiwillig in Ilinge Lethu engagiert. Auch die Arbeit in der Food Bank ist freiwillig, bis auf eine kleine Aufwandsentschädigung, die ca. 100 Euro im Monat entspricht und ausgezahlt wird, wenn das Konto im Plus ist. Um diese Aufopferung zu verstehen, muss man die Lebens- umstände meiner ehemaligen Kolleginnen kennen. Sie wohnen, wenn sie Glück haben, in ihrem eigenen, kleinen Haus, das von der Regierung gebaut wurde – teil- weise  mit ihren Schwiegereltern, weil sie noch keinen Anspruch auf ein eigenes Haus haben. Athelina lebte bis kurz vor meiner Abreise im August 2015 in einer „shack“, einer der typischen Wellblech­ hütten. Strom und Wasser gibt es, doch nicht immer. Nicht alle der Frauen haben Ehemänner, Sindiswa und Andiswa sind alleinerziehende Mütter, Nozukos Mann wurde auf der Straße angegriffen und ist seitdem nicht mehr arbeitsfähig. Das Geld fehlt an allen Ecken und Enden, aber irgendwie schaffen sie es, ihre Kinder zu versorgen. Ihnen allen ist die Ausbildung ihrer Kinder extrem wichtig, denn sie sehen darin die einzige ­Chance für eine bessere Zukunft. Ich habe in kurzen Interviews nach ihren größten Wünschen gefragt: Ein eigenes Haus, eine abgeschlossene Ausbildung für die Kin- der, ein eigenes Projekt oder ein regelmäßiges Gehalt – Dinge, die für uns normal bzw. erreichbar sind. Komplementär dazu sind ihre größten Ängste: Zu früh zu sterben und ihre Kinder verlassen zu müssen, bevor diese groß geworden sind oder die Angst vor einem neuen Krieg in Südafrika – Dinge, die bei uns wahrscheinlich nicht an erster Stelle genannt werden würden. Trotz all dieser Sorgen und Nöte sind die Frauen fest davon überzeugt, dass ihre freiwillige Arbeit für die Gemeinde Ilin- ge Lethus und sie selbst das Richtige ist. Wenn ich sie frage, „­warum?“ kommen für mich sehr bewegende Antworten. 68 SÜDAFRIKA
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    Claire: „I havea deep passion to serve and look after the com­munity. And also I do not like poverty. I like development and progress. So I grabbed this opportunity with both hands, the decision did not take long.“ Sindiswa: „I like to help the community and I am used to be a volun- teer from my past. I also have a passion to help people. I think that is very important.“ Athelina: „I want to empower this place and the community, help those who have nothing and I also like to have a project that will take us far. We have to show the new generation how to survive!“ Weil Nozuko von Beginn an die treibende Kraft hinter der Food Bank Malmesbury und bis heute die Präsidentin der Organisa­ tion ist, möchte ich auf ihre Geschichte näher eingehen. Nozuko Eunice Nqokoto wurde 1965 im Eastern Cape gebo- ren, einer der sechs Provinzen Südafrikas. Diese Region ist stark von der traditionellen Xhosa-Kultur geprägt. Die meis- ten Bewohner*innen leben gemeinsam in kleinen Dörfern von Ackerbau und Viehzucht. Es gab und gibt dort kaum Arbeit. Kurz nach ihrer Geburt zog die kleine Familie deshalb nach Kapstadt, Nozuko wuchs im Township Langa im Haus ihrer Großmut- ter auf, zu einer Zeit, in der noch das weiße Apartheid-Regime herrschte. Nachdem sie die Schule verlassen hatte, zog Nozuko nach Malmesbury. Zwei Jahre nach dem offiziellen Ende der Apartheid, im Jahr 1996, heiratete Nozuko. Mit ihrem Ehemann bekam sie drei weitere Kinder, nachdem sie bereits im letzten Schuljahr Mutter geworden war. Sie wurde Mitglied des ANC, der „schwarzen“ Partei, der auch Nelson Mandela angehört hatte und bekam immer mehr Einfluss in Ilinge Lethu. Hier setzte sie sich gegen den Missbrauch von Frauen und Kindern ein – alles auf freiwilliger Basis und ohne Bezahlung. Zu Hause kamen sie irgendwie über die Runden, mit der Sozialhilfe vom Staat und den kleinen Arbeiten ihres Mannes. Sie boten ihr Haus als „Safety House“ für Frauen und Kinder an, zum Schutz vor häus- licher Gewalt und sie entschied sich, neben ihren eigenen Kin- dern auch andere groß zu ziehen. Im Moment leben zwei weitere Kinder bis zum Abschluss ihrer Schulzeit in Nozukos Familie. Auch politisch scheint Nozuko furchtlos zu sein: Sie trat ange- sichts von Spannungen und Korruption aus dem ANC aus, was als Verrat gewertet wurde, denn als Schwarze „hat man nun ein- mal in der Partei Nelson Mandelas zu sein“. Doch Nozuko ist der Überzeugung, dass die Demokratie in Südafrika wichtiger sei als Traditionen und Gruppenzugehörigkeiten. Im Sommer 2014 begann sie dann für die Food Bank Malmesbury zu arbeiten und übernahm wegen ihrer langjährigen Erfahrung, ihren guten Beziehungen zu anderen Organisationen und ihrer natürlichen Autorität das Amt der Präsidentin. Das Besondere an Nozuko ist ihre unerschütterliche Zuver- sicht,  dass sich die Dinge zum Besseren wenden werden. Im Licht der vielen Rückschläge und der Situation in Südafrika ist das nicht selbstverständlich. Aber Optimismus ist vielleicht der einzige Weg, sich nicht unterkriegen zu lassen, und in Südafrika viel verbreiteter als beispielsweise in Deutschland. Nozuko ist überall in Ilinge Lethu für ihre Großzügigkeit und ihr Engage- ment bekannt. Im Gegensatz zu den Sitten des Landes scheut sie auch keine Konfrontationen, um ihre Ziele zu erreichen. Was ich am großartigsten finde, ist ihre Toleranz gegenüber allen „races“ 69
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    in Südafrika undauf der Welt. Auf meine Frage, ob es schwierig sei, jetzt mit einer weißen Person zusammenzuarbeiten, ant- wortete sie mir: „Nicht mehr. Diese alte Zeit ist vorüber, wir sollten uns auf die Zukunft konzentrieren. Unsere Kinder sollen nicht mit diesem Hass aufwachsen, mit den Vorurteilen und all den Proble- men in ihren Gedanken.“ Diese Wünsche beginnen in den größe- ren Städten Südafrikas wie Kapstadt oder Johannesburg bereits Normalität zu werden, sind aber in einer konservativen Klein- stadt wie Malmesbury nicht selbstverständlich. Grob gesehen wohnen die reichen Weißen und einige Coloureds in einem Teil der Stadt und hinter der Autobahn die restlichen Coloureds in ihren Häusern. Erst danach kommt Ilinge Lethu, der ärmste Teil der Stadt und hauptsächlich von Schwarzen bewohnt. „Ich denke, dass sich schon viel geändert hat. In Kapstadt sieht man inzwischen gemischte Pärchen, das ist etwas Neues. Aber ich weiß nicht warum, in Malmesbury sind die Leute komisch. Sie kennen einander nicht und sie reden auch nicht miteinander.“ Nozuko bemüht sich, das durch den Austausch mit all ihren verschiedenen Freunden, zu ändern. Deshalb ist sie nicht nur in der Food Bank, sondern auch in anderen Organisationen aktiv, und kann so wichtige Verbin- dungen zwischen den Initiativen schaffen. Als ich sie gefragt habe, was sie sich für ihr Leben wünsche, sag- te sie mir: „Ich möchte, wenn ich alt bin, in einer besseren Welt leben. Und zwar besser, weil ich sie besser gemacht habe. Ilinge Lethu soll sich verändert haben, bis ich zu alt bin, um noch etwas zu bewegen.“ Und jeder Tag bringt sie diesem Ziel einen Schritt näher. Die Menschen, die Essen von der Food Bank Malmesbury erhal- ten, bekommen endlich wieder Vertrauen in das Leben. Sie haben neue Zuversicht gewonnen und bilden in Ilinge Lethu mittlerweile eine richtige Gemeinschaft, die einander kennt und sich gegenseitig unterstützt. Neben der warmen Mahlzeit verteilt die Food Bank Kleider- und andere Sachspenden, aber vor allem größere Projekte wie die Teilnahme dieser Bedürf- tigen an einem Sportturnier im Namen der Food Bank haben diese Solidarisierung bewirkt. Viele der Menschen wollen unse- rer Organisation jetzt auch etwas zurückgeben. Sie helfen im Gemüsegarten, der die Suppenküche unabhängiger von deut- schen Spenden machen soll, schnitzen Kochlöffel oder helfen einfach beim Kochen aus, wenn die regulären Köchinnen wegen Fortbildungen, anderen Aufgaben oder privaten Gründe kurz- fristig ausfallen. Ich danke allen Frauen der Food Bank Malmesbury für das Jahr, das ich mit ihnen verbringen durfte. Sie waren nicht nur meine Kolleginnen, sondern meine Mütter und Schwestern. Die Lie- be, die sie für ihre Gemeindemitglieder empfinden, hat mich durch mein Freiwilligenjahr getragen. Und sie sind für mich ein Vorbild, mit welch geringen Mitteln, aber viel Herz und Leiden- schaft man sich ehrenamtlich für andere engagieren kann. Sie sind im Zeitalter der Individualisierung ein leuchtendes Bei- spiel für den Glauben an die Gemeinschaft. D 70 SÜDAFRIKA
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    Südafrika ist einLand, das durch seine wirtschaftliche Kraft, aber auch durch seine Geschichte eine herausgehobene Stel- lung auf dem afrikanischen Kontinent besitzt. Für mich ist es ein wunderschönes, aber gleichzeitig auch in sich selbst zer- rissenes Land. Auf der einen Seite ist Südafrika ein Mitglied der BRICS-Staaten, hat Metropolen wie Kapstadt, Durban und Johannesburg, exportiert Wein und Rooibos-Tee nach Deutschland und produziert einen Großteil seines eigenen Bedarfes an Lebensmitteln, Kleidung und anderen Produkten selbst. Auf der anderen Seite sieht man die Townships am Rande der großen und kleinen Städte und die kaum erschlos- senen Dörfer wie beispielsweise im Eastern Cape. Die kultu- relle Dimension ist unglaublich viel vielfältiger, als wir es uns vorstellen können. Jede Region hat ihre bestimmende Ethnie, eine eigene Kultur, eine eigene Sprache. Südafrika hat elf Amtssprachen und eine der fortschrittlichsten Verfassungen der Welt. Dabei ist Südafrika aber noch lange keine rosarote Regenbogennation. Die einzelnen „races“, so die gebräuch- liche Bezeichnung, leben eher mehr oder weniger friedlich nebeneinander her. Die Zugehörigkeit zu solch einer Gruppe ist viel bedeutsamer als in den meisten europäischen Staaten. Im Western Cape, einer Region, die mehrheitlich von Schwar- zen, Weißen und Cape Coloureds bewohnt ist, schließt man von der Hautfarbe und Sprache einer Person meist sofort auf ihre Kultur und Eigenheiten. Die Folgen der Apartheid sind nicht nur an dieser Stelle spürbar. Gleichzeitig sind die multikulturellen Metropolen ein gelungenes Beispiel für die Integration und das Miteinander der verschiedenen Gruppen. Politisch gesehen ist Südafrika ein Beispiel für einen gelun- genen Übergang zur Demokratie. Doch die Bevorzugung bestimmter Ethnien, beispielsweise die des Präsidenten oder die traditionell eher untergeordnete Stellung der Frau gegen- über ihrem Mann bereiten immer wieder Probleme. Durch all diese Widersprüche und Kontraste, ihre unglaublich schönen Landschaften und auch durch ihre lebendige und herzliche Bevölkerung ist die Republik Südafrika ein faszinierendes und beeindruckendes Land. Für weitere Infos: www.foodbankmb.org oder www.facebook.com/foodbankmalmesbury Marit von Graeve, Jahrgang 1996, Auslandsaufenthalt 2014/15 in Südafrika, Studentin der Politikwissenschaft mit Nebenfach Geschichte in Heidelberg, engagiert im Verein Zugvögel e. V. Blog zum Auslandsjahr: www.maritsouthafrica.wordpress.com 71
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    Es ist November,Sommer in Johannesburg. Die Jacaranda-Bäume blühen in ihrem präch- tigen Lila, die Sonne steht hoch am Himmel. Es ist Mittag. Wir stehen in einem Kreis und spielen. Das Spiel heißt „Master to Jack“ und ich muss mich höllisch konzentrieren, dass ich im Klatschrhythmus bleibe und meinen Ein- satz nicht verpasse. Während wir spielen, taucht plötzlich ein vermummter Mann auf. Er hält eine Waffe in der Hand. Stumm zieht er eine der jungen Frauen aus unserem Kreis und nimmt sie mit. „ … Seven to Four, Four to Nine, Nine to Jack …“ Wir spielen weiter. Wenig später taucht der Mann erneut auf. Wieder nimmt er eine von uns mit. „Habt ihr das gesehen? Da war ein Mann mit einer Waffe! Der hat das  Mädchen mitgenommen!“ – „Nein, wir haben nichts gesehen, lasst uns weiterspielen!“ Noch zwei weitere Male kommt der Mann. Schließlich sind vier Mädchen aus unserem Kreis entführt worden. Es wird immer schwieriger zu spielen, Unruhe und Unsicherheit breiten sich aus. Plötzlich werde ich direkt angesprochen: „Hast du das gesehen?“ „Ja, habe ich.“ „Und was hast du gemacht?“ Drama for Life Judith Weidner 72 SÜDAFRIKA
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    Auf einmal habeich ein schlechtes Gewissen, bin erschrocken über mich selbst. Da werden Teilnehmende aus unserem Kreis verschleppt und wir spielen völlig ungerührt unser Spiel weiter?! Erst jetzt macht sich Empörung in der Gruppe breit: Das kann man doch nicht einfach ignorieren! Wir müssen etwas unternehmen! Aber: der Mann ist bewaffnet! Doch er ist allein, wirsindeineGruppe.Eswirdhinundherdiskutiert,einigetrau- en sich nicht, andere drängen darauf, die Mädchen zu befreien, auch wenn es gefährlich für uns werden könnte. Dann steht fest: Nur gemeinsam als Gruppe können wir den Mann über- führen. Wir sprechen noch vorbeilaufende Passant*innen an, fragen nach Hilfe. Vergeblich. Schließlich gehen wir gemeinsam auf den bewaffneten Mann zu, der dabei ist, mit den Mädchen zu fliehen. Wir können ihn überlisten und die jungen Frauen befreien. Dann stellt sich die Frage: Was machen wir jetzt mit ihm? „Hang him!“ fordern die meisten. Andere halten dagegen. So kann der Kreislauf der Gewalt schließlich nie gebrochen wer- den! Während wir noch diskutieren kommen aus dem Hinter- grund die vier befreiten Frauen Hand in Hand auf uns zu. Sie singen „Heal The World“ von Michael Jackson. Wir bilden einen Kreis, in unserer Mitte auf dem Boden kniend der Mann, inzwi- schen ohne Waffe. Ich halte den Atem an. Die Show ist vorbei. Was sich hier gerade abgespielt hat, ist Theater. Genauer gesagt: Angewand- tes Theater. Die Waffe ist aus Holz, der Mann ein Schauspieler, die Situation nicht real. Wir befinden uns auf dem Gelände der Wits ­University in Johannesburg, Südafrika. Es ist Mittagszeit und viele  Stu­ dent*innen sind auf dem Weg zum Lunch. Ich bin keine Schauspielerin, wollte eigentlich bloß bei der praktischen Prüfung zuschauen, die ein Theaterstudent heute durchführen musste. Doch plötzlich, ganz spontan, wurde ich Teil dieses Theaterstücks. Habe es miterlebt und mitgestal- tet. Anfangs zögerlich und unsicher, dann immer aktiver und selbstbewusster. Aber was sollte das Ganze? Der Student kommt aus Nigeria. Während seiner Show flo- gen weiße DIN-A4-Zettel um uns herum. Darauf verpixelte Schwarz-Weiß-Fotos und die Buchstaben „BBOG“. Bring Back Our Girls. Im April 2014 wurden in Nigeria mehr als 200 Mädchen von der islamistischen Terrororganisation Boku Haram entführt. Dar- aufhin wurde in den Medien eine große Kampagne gestartet, bei der unter dem Hashtag „#bringbackourgirls“ viele ihre Solida- rität mit den entführten Mädchen und ihren Familien zeigten. Doch genauso schnell schien das Ganze schon wieder verges- sen. Der Theaterstudent allerdings will erneut auf das Thema aufmerksam machen und die Öffentlichkeit dazu animieren, nicht aufzugeben und sich weiterhin für die Befreiung der Mäd- chen aus seinem Heimatland einzusetzen. Diese Szene ist nur ein Beispiel dafür, wie Applied Drama (Angewandtes Theater) aussehen kann. Generell geht es darum, Zuschauende aktiv mit einzubeziehen, sie im Spiel in eine bestimmte Situation zu ver- setzen und Lösungen finden zu lassen. Studieren kann man diese besondere Form des Theaters bei Dra- ma for Life (kurz: DFL). DFL ist ein Programm an der Wits School of Arts. Studierende aus aller Welt können hier neben Applied Drama auch Drama Therapy (Theater-Therapie) und andere angewandte Theaterstudiengänge studieren. DFL entstand im Jahr 2006. Die Idee war, das HIV-Problem in Südafrika mit einer neuen Methode anzugehen: mit Theater. Theater sollte die Möglichkeit bieten, Probleme und Themen offen anzusprechen, zu diskutieren und Lösungsansätze zu ­finden. DFL lässt sich in drei Hauptbereiche unterteilen: Den akademi- schen Teil (Academic), die Projekte (Projects) und die Forschung (Research). Beim Research geht es darum, das bisher nicht sehr verbreitete Feld der angewandten Theaterwissenschaften und Theater-Therapie zu erforschen. Im Rahmen dieser Forschung istDFLVeranstaltereinerjährlichenResearchConference.Diese Konferenz wird zusammen mit verschiedenen Partner*innen zu einem spezifischen Thema (2015: Migration, Culture and ­Public 73
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    Health) veranstaltet. DreiTage lang wird den Teilnehmenden ein abwechslungsreiches Programm geboten. Professor*innen und Akademiker*innen halten ­Fachvorträge und stellen For- schungsergebnisse vor. Diskussionsrunden,  Work­shops und kleine Theaterstücke bieten spannende Einblicke in die Praxis. Der akademische Bereich des Projekts ist der Grund, warum DFL an der Wits University angesiedelt ist. Aktuell studieren mehr als 50 Studierende bei DFL Theorie und Praxis des Ange- wandten Theaters und der Theater-Therapie. Die DFL-Studierenden sind stets ein buntes Team aus Men- schen unterschiedlicher sozialer Schichten und kommen nicht nur aus Südafrika und den südafrikanischen Nachbarländern, sondern auch aus Brasilien, Deutschland und anderen Ländern. Ein DFL-Student, der letztes Jahr seinen Master in Applied Drama abgeschlossen hat, ist nun zurück in sein Heimatland Nigeria gegangen und hat dort eine eigene Playback Theatre Company gegründet. Playback Theatre ist eine Art des Improvi- sationstheaters, wobei die Zuschauenden die Möglichkeit erhal- ten, eine persönliche Erfahrung oder Begebenheit aus ihrem Leben zu erzählen. Diese kurze Geschichte wird im direkten Anschluss von den Schauspieler*innen auf der Bühne in Szene gesetzt. DFL gründete die erste Playback Theatre Company in ganz Afrika; der Student hat das Konzept nun auch nach Nigeria gebracht. Das zeigt, wie weit DFL wirkt. Die DFL-Studierenden selbst sind in viele der Praxisprojekte mit eingebunden. So erhalten sie die Möglichkeit, das im Studium Gelernte praktisch anzuwenden und umzusetzen. Der Bereich „Academic“ ist also unmittelbar mit den „Projects“ verknüpft. Beim jährlich veranstalteten „Moutse East“ Project fährt das gesamte DFL-Team, d. h. sowohl Mitarbeiter*innen, als auch Studierende, für vier Tage in die Nachbarprovinz Limpopo. Dort bieten sie Theater-Workshops für Kinder und Jugendliche an. Auch hier dreht sich alles um HIV/AIDS. Ein anderes Bildungsprojekt ist das Mvuso School and Com- munity Education Project. Hierbei arbeitet DFL mit Schu- len in Soweto zusammen. Beim Mvuso Project nehmen die Lehrer*innen zunächst an einer Training Week teil, in der sie in die Grundlagen und Methoden des Applied Theatre und des Theatre in Education (Theater in der Bildungsarbeit) eingeführt werden. Im Anschluss daran haben sie sieben Wochen Zeit, mit ihrer Schulgruppe ein Theaterstück zu entwickeln, das sich zum Beispiel mit dem Thema Teenager-Schwangerschaften befasst. Alle Stücke werden der Öffentlichkeit präsentiert. Eine Jury wählt die drei besten aus, die schließlich bei der großen End­ veranstaltung aufgeführt werden. Neben diesen sozialen Bildungsprojekten bietet DFL vor allem eines: Eine Plattform für junge, kreative und engagierte Men- schen. Seit 2010 veranstaltet DFL jährlich den Poetry Slam Wett- bewerb „Lovers + Another“. Das Thema des Jahres 2015 lautete: „Diversity: Race, Sexuality, HIV/AIDS“. In Online-Competitions und Live-Shows traten die Teilnehmenden gegeneinander an. Das Finale fand schließlich im großen Joburg Theatre statt. Die zehn Finalist*innen erhielten zudem die Möglichkeit, an einem Schreibworkshop teilzunehmen. Das SADC Africa Project geht über die Grenzen Südafrikas hinaus. Hierbei kommen Schauspieler*innen, Künstler*innen und Theatermacher*innen aus sieben Ländern Afrikas zusam- men. In Workshops werden gemeinsam neue Theatermethoden 74 SÜDAFRIKA
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    erprobt und überMenschenrechte, Sexualitäten, HIV/AIDS und die Rolle des Theaters in diesem Kontext diskutiert. Im Laufe des Projekts entwickelt daraus jeder Teilnehmende eine eigene Performance. Fragestellungen wie „Wer bin ich?“, „Was macht meine Identität aus?“, „Wie lebt es sich mit meiner sexuellen Identität in meinem Land?“, „Wie gehen Gesellschaft, Politik und Medien mit meiner sexuellen Identität um?“ werden the- matisiert und im Anschluss mit dem Publikum diskutiert. Beim Future Beats Radio Drama Project, das im Frühjahr 2015 durchgeführt wurde, galt es, Theater auf einer anderen Ebene zu erleben. Und zwar: Im Radio. In Workshops erlernten die Studierenden das nötige Handwerkszeug. Dann entwickel- ten sie selbst ein Radio-Drama, das anschließend in der DFL- Radioshow „Life Beats“ ausgestrahlt wurde. Egal in welchem Rahmen – Theater in all seinen Formen gibt es bei DFL ständig zu erleben, zum Beispiel während der jährlichen South African Theatre Season. Inzwischen ist DFL nicht nur im unieigenen Theater, sondern auch in großen Thea­ tern Johannesburgs und der Hauptstadt Pretoria längst ein Begriff. Auch im Internet und auf Social Media ist DFL aktiv. Soziale Netzwerke nutzen, um auf aktuelle politische und gesellschaft- liche Themen aufmerksam zu machen – das ist die Idee. Ein wichtiges Projekt dafür ist das Build A President Projekt. Dabei werden verschiedene Menschen gefragt, welche Eigenschaften ihrer Meinung nach ein*e gute*r Präsident*in haben sollte oder was sie für das Land und die Gesellschaft tun würden, wenn sie selbst Präsident*in wären. Das Projekt möchte das Demokratie- bewusstsein in der Bevölkerung stärken. Es soll anregen, über Themen nachzudenken, sich eine eigene Meinung zu bilden und diese offen kund zu tun. DFL will soziale Ungerechtigkeiten nicht stumm hinnehmen, sondern offen darauf aufmerksam machen und sich aktiv für eine gerechtere und bessere Gesellschaft einsetzen. Daher versucht DFL mit all diesen Projekten, Dialoge zu aktuellen sozia­len und gesellschaftlichen Themen in der Bevölkerung anzukurbeln. Das DFL-Team selbst ist Vorbild für ein gelun- genes Zusammenleben in der so vielfältigen südafrikanischen Gesellschaft. Die DFL-Mitarbeiter*innen sind Menschen ver- schiedener Herkunftsländer, Hautfarben, Religionen und sexu- eller Orien­tierung. Bei so vielen unterschiedlichen Hintergrün- den und Sichtweisen kommt es immer wieder zu interessanten Gesprächen und Diskussionen. Für mich stellt DFL ein tolles Beispiel dar, wie man Verschiedenheiten als Bereicherung erle- ben kann. DFL ist mehr als eine Organisation, es ist fast schon eine Familie, die „Drama for Life Family“. Und die befindet sich im ständigen Wachstum und Wandel, entwickelt immer wieder Neues. Wir dürfen gespannt sein, was die Zukunft bietet … D Mehr Informationen zu Drama for Life und den einzelnen Projekten gibt‘s online: www.dramaforlife.co.za www.facebook.com/witsdramaforlife www.facebook.com/buildapresident Judith Weidner, Jahrgang 1996, nach dem Abitur ­internationaler Freiwilligendienst in Johannesburg, Südafrika, wo sie an der Wits University im Projekt Drama for Life arbeitete. Seit Oktober 2015 ­studiert Judith Weidner Kultur- und Medienbildung in Ludwigsburg mit den Schwerpunkten Film und ­digitale Medien und Theater/Literatur 75
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    „Ich will eineApp entwickeln, die über HIV aufklärt, seine Fehlin- formationen beseitigt und Jugendlichen in Uganda hilft, sich über Pubertät, Sex und Gesundheit ohne Scham und Angst auszutau- schen“ (Ruth, 19 Jahre). Die junge Uganderin Ruth Nabembezi hat ein festes Ziel. Sie will die gefährliche Infektionskrankheit AIDS bekämpfen. Dafür entwickelt sie eine App, die es ugandischen Jugendlichen ermöglicht, fachgerechte und richtige Informationen zum The- ma Sex, Pubertät und HIV abzurufen. Ruth spricht dabei eine spezielle Zielgruppe an. Sie wendet sich mit ihrer App vor allem an die Mädchen und Frauen ihres Landes, denen es an geeig- neter Aufklärung mangelt. „Falsche Mythen, Unwissenheit und Scham sind oft Ursache für Jugendschwangerschaften und HIV Infektionen. Daher müssen junge Menschen, die durch ihr Alter besonders gefährdet sind, ein Recht auf Klarheit über das gefährliche Virus haben“, erzählt sie mir. Unter der Überschrift „Ask Without Shame“ kreiert Ruth eine interaktive Plattform, auf der sich Jugendliche austauschen können und von Experten beraten und unterstützt werden. Eine neue Präventionsmöglichkeit um das Risiko einer HIV Infek­ tion in Uganda zu minimieren. 2015 – nach ihrem Abschluss an der High School war sie Teilneh- merin der „Ampion Venture Bus Tour“, einer panafrikanischen Organisation zur Förderung innovativer technischer Ideen von Jugendlichen in ganz Afrika. Hier wächst sie über sich hinaus. Sie berichtet zum ersten Mal vor größerem Publikum von ihrem Projekt und stößt mit ihrer Idee auf Erfolg. Sie erhält Unterstüt- zung von medizinischen Fachkräften und App-Designern. Ein weiterer Schritt in Richtung Ziel. Als Kind wächst Ruth gemeinsam mit ihrer jüngeren Schwester Pamela als Waisenkind im Kankobe Childrens Home im Westen Ugandas auf. Ihre Eltern hat sie durch die oft tödliche Immun- schwächekrankheit AIDS verloren. Durch die Hilfe einer deut- schen NGO und die Unterstützung eines Paten wird ihr die Ausbildung bis zum Abitur finanziert. Sie strengt sich an, denn diese Chance lässt sie sich nicht entgehen. In der Schule ent- deckt sie ihre Stärke in Naturwissenschaften und beginnt, sich für Medizin zu interessieren. Ein tragisches Ereignis lässt sie auf die Idee kommen eine App zu entwickeln und ein Problem anzugehen, das in der ugandischen Gesellschaft immer noch als Tabuthema behan- delt wird: Ruths Schwester Pamela stirbt sehr jung. Sie wurde mit dem gefährlichen HIV Virus geboren. Dies erfährt Ruth Appsolut innovativ! Junge Perspektiven für Uganda Klara Giesler 76 UGANDA
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    phone besitzt heutzutagefast jeder in Uganda. Mittlerweile ist ihre App bereits erhältlich. Gerade einmal sechs Mo­nate hat es gedauert, bis sie ihre anfänglich kleine Idee zu einer großen Kampagne wird und ihre Botschaft an die Gesellschaft richtet: Ask Without Shame! „Ich will eine zuverlässige, langlebige und erschwingliche Energie- lieferung für den ländlichen Teil Ugandas schaffen. Solarenergie soll bald für jeden Ugander nutzbar und erreichbar sein“ (Robin, 25). Robin ist 25 Jahre alt und kommt aus einem kleinen Dorf im Norden Ugandas. Fern ab von Großstädten und viel befahre- nen Straßen gibt es in seinem Dorf keinen Strom und er wächst mit Kerosinlampen und Kerzen als Lichtquelle auf. Oft erfährt er die Gefahr der offenen Flammen am eigenen Leib. „Funken der Lampen können sehr schnell ein Haus in Brand stecken. So haben Freunde und Familien, die ich kenne, schon alles ver- loren“, berichtet mir Robin. Die Erlebnisse in seiner Kindheit bringen ihn schlussendlich auf die Idee: Er möchte ein Rural Technical Center im Norden Ugandas errichten. Auch die länd- liche Bevölkerung Ugandas soll Zugang zu einer zuverlässigen und ausreichenden Stromversorgung durch Solarenergie haben. Bisher konzentriert sich die Solartechnik im Raum um die erst nach dem Tod ihrer Schwester. „Wäre die Krankheit frü- her festgestellt worden, hätte man sie von Ärzten behandeln lassen können“, erzählt sie. Doch durch Ignoranz und Unwis- sen über die Krankheit hatte ihre Schwester keine Chance. Sie recherchiert in den Medien und führt zahlreiche Gespräche mit verschiedenen Personen unterschiedlicher Altersgruppen. Am Ende ist sie schockiert darüber, an wie viele falsche medi- zinische Mythen und Informationen die Gesellschaft, in der sie lebt, glaubt. Denn in Uganda sterben Menschen oft nicht an HIV aufgrund fehlender medizinischer Versorgung. Sie sterben aufgrund eines mangelnden Bewusstseins über den Infektions- mechanismus, Verlauf und die Auswirkungen der Krankheit. Genau wie Pamela. Heute ist eine HIV Diagnose kein Todesurteil mehr. Dank einer fortschreitenden medizinischen Entwicklung lässt es sich mit der Infektion leben. In Kampala, der Hauptstadt Ugandas, findet man mittlerweile große Plakate zur Aufklärung von HIV und auch die Medizin für Infizierte ist kostenlos. Dennoch geht man Schätzungen zufolge von immer noch 350 Neuinfektionen pro Tag aus. Gegen dieses Unwissen, das Menschen in Uganda gefährlichwerdenkann,kämpftRuthan.DurchihreAppschafft sie ein Medium, durch das Jugendliche gut an medizinische Informationen gelangen können. Denn ein Handy oder Smart- 77
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    Hauptstadt. Nach seinemAbitur macht Robin eine Ausbildung in Elektrotechnik. Gute Grundkenntnisse hat er also. Und jetzt schon hat er mehrere Prototypen angefertigt und lässt seine Idee von Tag zu Tag wachsen. Was haben Ruth und Robin mit ihren innovativen Ideen gemein- sam? Beide sind Schüler*innen der Social Innovation Academy, kurz SINA. Diese ist ein einzigartiger Lernraum, der benach- teiligte Jugendliche dazu befähigt, ihre eigenen Projektideen zu Sozialunternehmen auszubauen. Seit April 2014 entsteht die Akademie auf einem Hügel in Mpigi, ca. 30km von Ugandas Hauptstadt Kampala entfernt. 40 Jugendliche, die ihre Schul- ausbildung bereits abgeschlossen haben, leben und arbeiten in der SINA. Die Universität können sich nur wenige in Uganda leisten. Denn in dem ostafrikanischen Land ist Bildung ein Pri- vileg und daher sehr teuer. Hinzu kommt, dass Uganda formell eine der höchsten Jugendarbeitslosigkeiten Afrikas aufweist, mit alarmierenden 83 % laut Weltbank. Feste Arbeitsplätze sind aufgrund des hohen Bevölkerungswachstums kaum vorhanden und so haben Absolvent*innen der Universitäten trotz heraus- ragender Ergebnisse oft keine Möglichkeit auf feste Arbeit. In der SINA werden junge Menschen darin unterstützt, sich ihrer Fähigkeiten und Talente bewusst zu werden und ihre Ideen wachsen zu lassen, bis hin zu ihrem eigenen Projekt bzw. Produkt. Von ausgebildeten Volontär*innen, „Facilitators“, bekommen sie die nötige Hilfestellung. Aus Jugendlichen, die ursprünglich nach Arbeitsplätzen gesucht haben, entstehen nun Jugendliche, die selber nachhaltig Arbeitsplätze schaffen. So sind sie in der Lage, die sozialen Probleme ihres Landes kre- ativ zu lösen und Perspektiven zu schaffen. Nachhaltigkeit, Umweltschutz und projektbasiertes Lernen sind wichtige Ele- mente in der SINA. Der erste Grundstein wurde bereits bei der Gründung durch den Bau der Akademie gelegt: Lernräume, kon- struiert aus recycelten Plastikflaschen. Baumaterial ist in Ugan- da sehr teuer. Plastikflaschen hingegen sind nahezu unendlich verfügbar. Für ein Haus benötigt man ca.16.000 Plastikflaschen. Sie werden mit Lehm gefüllt und zum Trocknen zur Seite gelegt. Danach sind sie hart wie Ziegelsteine und für den Bau bestens geeignet.Aufgeschichtet,anderInnenseitemitSchnürenfixiert und in den Zwischenräumen mit Zement oder Lehm aufgefüllt, sind sie äußerst stabil. Aus Müll entstehen neue und wertvol- le Ressourcen. Ein Prinzip, das sich „Upcycling“ nennt und zugleich die Umweltverschmutzung im Land bekämpft. Hier lernen Jugendliche sich frei zu machen von erlernten Normen und Werten, um die Ecke zu denken und der eigenen Kreativität freien Lauf zu lassen – ein nicht immer einfacher Prozess. 78 UGANDA
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    Ruth und Robinsind zwei Beispiele für die vielen einzigartigen Projekte, die in der Social Innovation Academy wachsen. Am Ende erhalten sie zwar kein Abschlusszeugnis, dafür verlassen sie mit ihrem eigenen Unternehmen die Akademie. Eine gute Motivation, wenn man die derzeitige Belanglosigkeit eines Uni- versitätszeugnisses berücksichtigt. 40 Jugendliche zwischen 18 und 28 Jahren, unterstützt und betreut von 15 Volontär*innen, leben und arbeiten derzeit in der SINA. Sie organisieren gemeinsam das Projekt, denn es gibt keine hierarchischen Strukturen. Männer und Frauen arbei- ten miteinander. Sie errichten weiterhin neue Plastikflaschen- häuser, bereiten in der Küche den Mittagssnack für die Gruppe vor oder beteiligen sich an Leitung und Entwicklung der SINA. Jede*r kann sich je nach Erfahrung und Talent einbringen und so das Projekt organisieren. Sobald sie aus der Akademie gehen, müssen sie in der Lage sein, selbstständig ihre Zeit einzuteilen und Prioritäten zu setzen. Die SINA als geschlossener Raum bie- tet hierfür eine hervorragende Lernmöglichkeit. Es ist eine eigene Kultur entstanden, basierend auf Respekt, Teamwork, gegenseitigem Vertrauen und Eigeninitiative. Mit Herausforderungen umzugehen, an ihnen zu wachsen und gleichzeitig der eigenen Kreativität zu folgen, sollte nicht nur in einem Projekt wie der SINA gang und gäbe sein. Sofern man bereit ist, sich von den gesellschaftlich erlernten Normen zu lösen und sich auf etwas Neues einzulassen, könnte dieses Kon- zept überall auf der Welt funktionieren. Und vor allem in Uganda, einem Land, das vor rund 35 Jahren furchtbar unter der Diktatur Idi Amins litt, ist die Social Inno- vation Academy ein einzigartiges und hoffnungsvolles Projekt, was nur so sprüht vor Ideen, Energie und Fortschritt. D Klara Giesler, Jahrgang 1995, ­internationaler ­Frei­willigen­dienst im Kankobe Childrens Home Uganda 2013/2014, Auslandsaufenthalte in Uganda 2015 und 2016, Studium: Internationale Beziehungen – Universität Erfurt, seit 2013 Mitarbeit im Verein Jangu e. V., innova­ tiver Verein der Entwicklungszusammenarbeit im Bildungsbereich, Informationen: www.jangu.org 79
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    Elisabeth Kaneza kommtaus Ruanda. Als dort 1994 der Völ- kermord ausbrach, mussten sie und ihre Familie das Land ver- lassen. Ihre Kindheit und Jugend in Deutschland verbrachte Elisabeth in Aachen, wo sie auch ihr Abitur machte. Schon als Schülerin war sie sehr engagiert, vor allem in der Integrations- und Jugendarbeit. Anschließend studierte sie in Maastricht „European Studies“ und absolvierte ihren Master in „Inter- cultural Conflict Management“ in Berlin. Als Forschungs- schwerpunkte wählte sie die Entwicklungszusammenarbeit der Europäischen Union mit Afrika, die Transformation von innerstaatlichen Konflikten, internationale Menschenrechte und den Themenkomplex „Migration und Flucht“. Themen, die sie seit ihrer Jugend begleiteten und interessierten. Nach ihrem Studium war sie in der ruandischen Botschaft und anschließend im Deutschen Bundestag tätig. In Ruanda geboren, vermisste sie zunächst ihr Heimatland, ihre restlichen Familienmitglieder und Freunde in Ruanda und auch das Sprechen ihrer Muttersprache ­Kinyarwanda. Gleich- zeitig war ihr bewusst, was für eine Chance es für sie und ihre Geschwisterwar,fernvonGewaltundKrieg ­aufzuwachsen.Dank ihres ruandischen Elternhauses konnte sie die ­ruandische Kul­ tur und ihre Muttersprache pflegen. Es war  ihr wichtig, ihre Ver­ wurzelung und die Verbindung zu Ruanda aufrecht zu ­erhalten. 2011 war sie Mitgründerin der Ruanda Connection, einem deutsch-ruandischen Bildungsnetzwerk für junge Menschen, dessen Vorsitzende sie ist. Viele der Mitglieder sind Ruan­ der*innen, die in Deutschland aufgewachsen sind sowie andere an Ruanda Interessierte, beispielsweise ehemalige Freiwillige oder Entwicklungshelfer*innen1. 2013 gründete Elisabeth Kaneza die „Kaneza Initiative“ zur Unterstützung von jungen Migrant*innen und zur Förderung des interkulturellen Dialogs in Deutschland. Die Initiative möchte Vorurteile gegenüber Menschen mit einer Zuwande- rungsgeschichte abbauen und dazu beitragen Chancengleich- heit und Vielfalt zu erreichen. Mit dem Mentorenprogramm „Mentor Me“ unterstützt die „Kaneza Initiative“ die persönliche Entwicklung der Teilnehmenden und fördert bürgerschaftli- ches Engagement. 2015 wurde Elisabeth als Fellow der Vereinten Nationen ausgewählt und setzt sich in dieser Funktion verstärkt für die Verbesserung der Menschenrechte von Menschen afri- kanischer Abstammung und für Anti-Diskriminierung ein. Elisabeth Kaneza: Ich habe mich entschieden, selberVorbild zu sein. Janinka Lutze & Elisabeth Kaneza 1 Informationen unter http://ruandaconnection.com/?lang=de 80 RUANDA
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    Das folgende Interviewmit Elisabeth Kanzea führte Janinka Lutze Was sind die gängigen Klischees, Stereotype und Vorurteile über Ruanda bzw. Afrika, die dir begegnen? In Deutschland gibt es sowohl Vorurteile über meinen Heimat- kontinent als auch über mein Heimatland Ruanda. Letztere betreffen den Völkermord von 1994. Viele Menschen hierzulan- de verbinden Ruanda in der Regel mit den schrecklichen Bildern des Genozids. Ich finde es schade, wenn Ruanda nach 22 Jah- ren immer noch auf den Genozid reduziert wird. Andererseits erwarte ich, dass sich Menschen mit den Themen Konflikt und Genozid beschäftigen. Es gibt ebenso viele, die einfach nichts über Ruanda wissen. Ich engagiere mich deshalb für eine vor- urteilsfreie Bildungsarbeit im Netzwerk „Ruanda Connection“. Die Stereotype über Afrika oder afrikanische Menschen sind sehr resistent. Sie sind jahrhundertealt. Über mich gab es bereits Vorurteile, bevor ich in Deutschland gelebt habe. Im Kern geht es darum, dass unsere deutsche Gesellschaft rassistische Theo- rien noch nicht überwunden hat. Der schwarze Mensch gehörte zu der untersten Kategorie der Menschheit. Er wurde dement- sprechend behandelt. Sklaverei und Kolonialismus wurden durch dieses Weltbild gerechtfertigt. Neben den Bildern des rückständigen Afrikaners herrschte eine romantische Vorstel- lung von Afrika und seinen Schätzen vor. Diese widersprüch­ lichen Anschauungen bleiben heute bestehen. Für mich sind das keine harmlosen Klischees, sondern in vielen Fällen gefährliche Rassismen, die weiter reproduziert werden. Sie sind gefährlich, weil sie eine Grundlage für Fremdenfeindlichkeit und Diskri- minierung bilden. Auch eine gleichberechtigte Partnerschaft mit afrikanischen Ländern leidet darunter. Was können wir in Deutschland von Ruanda lernen? Ruanda und Deutschland verbindet eine ähnliche Historie. Bei- deLänderhabeneinegeschichtlicheTragödieerlebt,dieaufgear- beitet werden musste. In beiden Ländern fand ein Wiederaufbau statt: sowohl rechtsstaatliche Strukturen als auch der gesell- schaftliche Zusammenhalt mussten wiederhergestellt werden. Von ruandischer Seite gab es also nach dem Völkermord viel von Deutschland zu lernen. Hierzulande ist das gelungen, was sich die Menschen in Ruanda noch wünschen: Langfristiger Frieden und wirtschaftliche Entwicklung. Trotz der Ähnlichkeiten ist die ruandische Geschichte ein- zigartig. Von Ruanda gibt es viel zu lernen. So beispielsweise die Traditionen, die die Gemeinschaft und das Miteinander in den Vordergrund stellen. Zudem, dass es möglich ist, mit eigenen Kräften das Land wieder aufzubauen und zum Blühen zu brin- gen. In nur 22 Jahren haben die Menschen in Ruanda der Welt bewiesen, zu was sie fähig sind. Wer heute in Kigali landet, kann sich nur schwer vorstellen, dass hier dieser furchtbare Genozid stattgefunden hat. Kigali entwickelt sich rasant. Es entsteht ein IT-Hub, Startups werden gegründet, junge Menschen ent- wickeln innovative Anwendungen, um Armut zu bekämpfen und Leben zu retten. Die Rechte der Einzelnen werden gestärkt. 81
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    Welchen Imagewechsel müsstenwir in Deutschland vollziehen, um die Repräsentanz von Migrant*innen in verschiedenen Berufs- und Politikfeldern zu erhö- hen? Unser Problem ist nicht das Image, sondern die Realität in Deutschlands Städten und Kommunen. Deutschland ist bereits ein bevorzugtes Einwanderungsland. Im weltweiten Vergleich lässt es sich hier gut leben. Die Wirtschaft ist stark, das Bil- dungssystem hochwertig und der Lebensstandard ist gut. Für Migrant*innen sieht die Realität allerdings so aus, dass sie viele Barrieren in der Gesellschaft überwinden müssen, bevor sie einen erfolgreichen beruflichen Werdegang einschlagen können. Was auffällt ist, dass wir jetzt verstärkt für Fachkräf- te werben, es aber offensichtlich über Jahre hinweg versäumt haben, in Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte zu investieren und sie erfolgreich in den Arbeitsmarkt zu inte­ grieren. Rassismus und Diskriminierung wurden hingenom- men, von beiden Seiten. Das Resultat ist der Rückzug. Vorurteile sind dann schädigend, wenn Schüler*innen entmutigt werden, einen guten Abschluss zu machen und keine Förderangebote erhalten, wenn diese nötig sind. Ebenso sind sie schädigend, wenn Bewerber*innen mit einem ausländisch klingenden ­Nachnamen erst gar nicht zum Vorstellungsgespräch eingela- den werden. In Ruanda haben sich die Frauen nicht nur als Trümmerfrauen verdient gemacht, sondern für den Wiederaufbau des Landes einen erheblichen Beitrag geleistet. Anders als in den meisten Nachkriegsgesellschaften behielten sie diese zentrale Rolle. Mit einem Frauenanteil von 64 Prozent bilden sie heute eine starke politische Kraft, die nicht zuletzt dafür verantwortlich ist, dass für Frauen inzwischen das Erbrecht gilt. Was trägt zu einer Begegnung auf Augenhöhe bei interkulturellem Jugendaustausch zwischen Deutschland und Ruanda bzw. deutsch-ruandischen Beziehungen bei? Augenhöhe und Partnerschaft sind große und kontroverse Begriffe. Für mich ist es wichtig, dass sie nicht nur eine symbo- lische Relevanz haben. Im Bereich des Jugendaustausches kön- nen wir nicht von einer Gleichberechtigung sprechen. Nehmen wir Ruanda als Beispiel: Jedes Jahr reisen viele junge Deutsche nach Ruanda, um dort interkulturelle Erfahrungen zu sam- meln und ihren Horizont zu erweitern. Junge Erwachsene aus Ruanda haben nicht annähernd die gleichen Möglichkeiten. Ich kritisiere die Einseitigkeit der Erfahrungen: Durch Programme wie „weltwärts“ und andere Freiwilligendienste findet vor Ort in Ruanda ein direkter Austausch mit den jungen Menschen aus dem globalen Norden statt. Das ist auch eine Bereicherung für das Gastgeberland, wobei neue Freundschaften geschlossen und Vorurteile abgebaut werden. Diese Erfahrung macht die deutsche Gesellschaft nicht in diesem Umfang, es finden nur wenige Süd-Nord Begegnungen hierzulande statt. Zudem wird in zu vielen Seminaren ein Bild von Afrika gezeichnet, das nicht der Realität entspricht. Beides müssen wir ändern. Ebenso gilt es hier in Deutschland den Jugendaustausch für junge Men- schen aus allen sozialen Hintergründen zugänglich zu machen. 82 RUANDA
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    Welches sind dieErfolgsfaktoren für bürgerschaft- liches Engagement, die ihr mit dem Mentorenpro- gramm der Kaneza Initiative beobachten könnt? Das Mentorenprogramm „Mentor Me“ fördert das bürgerschaft­ liche Engagement von Mentees und Mentor*innen. Die Mentees sind junge Menschen mit einer Zuwanderungsgeschichte, die eine Projektidee entwickeln und diese mit ihren Mentor*innen weiterdenken. Für uns sind die Erfolgsfaktoren neben dem inte- grativen Nutzen des Mentorings das erhöhte Selbstbewusstsein und der Tatendrang, den wir bei den Mentees feststellen kön- nen. Engagement produziert viele Erfolgserlebnisse und die wiederum schaffen Wertschätzung. Auch wenn die Mentees von Herausforderungen aus ihrem Alltag in der Uni oder dem Job berichten, stehen dem gegenüber immer positive oder zumin- dest spannende Erfahrungen, mit denen sie sich im Mentoren- programm beschäftigen. Was ist deine persönliche Motivation? Meine persönliche Motivation ist mein eigener Weg und auch meine Ideale. Ich sehe und erlebe, welche Auswirkung es haben kann, wenn jeder Mensch einen kleinen Beitrag leistet. Ich glaube daran, dass wir alle eine Gabe besitzen, mit der wir unser Umfeld ein Stück reicher machen können. Und wir haben alle die Fähigkeit, etwas zu bewegen. Ich wäre heute nicht hier, wenn es keine Menschen gegeben hätte, die das Unmögliche versucht und geschafft haben. Ich glaube auch daran, dass wir nicht nur für uns selbst auf dieser Welt sind, sondern eine Ver- antwortung für die Gemeinschaft tragen. Mich motivieren die Überzeugungen und Taten von meinen großen und kleinen Vor- bildern. Martin Luther King sagte einmal: „Wenn Du nicht flie- gen kannst, renne; wenn Du nicht rennen kannst, gehe; wenn Du nicht gehen kannst, krabble; aber was auch immer Du tust, Du musst weitermachen.“ Danach lebe ich. Ich bin in Nordrhein-Westfalen aufgewachsen, einem Bundes- land mit einem hohen Ausländeranteil. Es gibt Stadtteile, in denen man kaum weiße Menschen sieht. Die Wohnungen sind in einem schlechten Zustand. Es herrscht Armut. Ist das Zufall? Wenn ich dann höre, dass von Parallelgesellschaft die Rede ist, frage ich mich manchmal, ob allen klar ist, womit wir es zu tun haben. Es geht nicht darum, dass Menschen sich abgrenzen möchten. Es geht darum, dass Menschen weggedrängt werden und sich Räume schaffen, in denen sie ihre Kultur und ihre Religion praktizieren können. Das ist dieser Rückzug, den ich meine. Es geht aber nicht, dass diese Orte vergessen und die Menschen abgehängt werden. Dennoch ist genau das die heu- tige Realität. Wenn wir den Flüchtlingen, die zu uns kommen, eine andere Wirklichkeit ermöglichen möchten, müssen wir aus den Fehlern der Vergangenheit und Gegenwart lernen. Das Ziel muss sein, dass wir als Gesellschaft zusammenwachsen – in Anerkennung unserer kulturellen Vielfalt. Wir brauchen also keinen Imagewechsel, sondern ein Umdenken darüber, was Deutsch-Sein in der heutigen Zeit bedeutet. 83
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    Janinka Lutze war2009/2010 zum ersten Mal im Rahmen ihres internationalen Freiwilligenjahres in Ruanda, Bachelor in „Naturschutz und Landschaftsplanung“, aktuell Masterstudiengang „Regionalentwicklung und Naturschutz“. Sowohl im Rahmen des Studiums als auch privat arbeitet JaninkaLutze in verschiedenen Naturschutzprojekten in Ruanda und ist regelmäßig dort um ihre Freunde zu besuchen. Derzeit mehrmonatige Kartier- und Forschungsarbeit im Rahmen der Masterarbeit über Amphibien in Costa Rica. Was können junge Menschen von deinem Engage- ment lernen? Das ist eine schöne Frage. Zuhause bin ich die Älteste. Es gab Situationen, die ich durchstehen musste, ohne ein Vorbild zu haben. Und es gab Herausforderungen, über die ich mit nieman- dem sprechen konnte, weil sie keiner so wahrgenommen hat wie ich. Ich hatte zwei Optionen: Entweder ich warte, bis jemand kommt, der*die mir eine Lösung bringt oder ich handle selbst. Ich habe mich für Letzteres entschieden und gelernt, dass es sich lohnt, eigene Ziele zu haben und diese zu verfolgen. Mein eigener Weg hat mir auch gezeigt, wie wichtig Vorbilder sind. Deswegen habe ich mich entschieden, selber Vorbild zu sein und habe angefangen meine Erfahrungen mit anderen zu teilen. Vorbilder erweitern unsere Horizonte. Ich wünsche mir, dass junge Menschen von meinem Engage- ment lernen, sich persönlich auf die jeweils eigene Art zu enga- gieren und für sich und andere Wege zu ebnen. Wo möchtest du Ruanda in 20 Jahren sehen? Ich wünsche mir für Ruanda, dass wir in 20 Jahren noch Frieden und politische Stabilität haben. Für die Jugend wünsche ich mir weiterhin wachsende Angebote in den Bereichen Bildung und Beschäftigung. Für das ruandische Volk erhoffe ich mir, dass die nationale Einheit und Aussöhnung als Fundament des politi- schen und gesellschaftlichen Handelns erhalten bleibt. Und wo Deutschland? In 20 Jahren wird Deutschland noch bunter sein als heute. Ich wünsche mir, in der Politik, Wirtschaft, öffentlichen Verwal- tung und Lehre mehr Menschen mit einer Zuwanderungsge- schichte zu sehen. Die Flüchtlinge, die heute als Kinder zu uns kommen, haben in 20 Jahren einen Abschluss und einen erfolg- reichen Einstieg in den Arbeitsmarkt. Ich wünsche mir für unsere Gesellschaft mehr Bewusstsein für die Themen Vielfalt und Diskriminierung und dass wir die nötigen Maßnahmen ergreifen, um Chancengleichheit für die Minderheiten in unse- rem Land zu erreichen. Davon profitieren wir alle. D 84 RUANDA
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    Kaneza Initiative „Eine Initiativefür Chancengleichheit, Dialog & Vielfalt. Wir bieten 1:1 Mentoring für junge Menschen mit Zuwande- rungsgeschichte.“ So formuliert es die Kaneza Initiative bei der Kurzbeschreibung auf facebook (https://www.facebook. com/Kanezainitiative). Und damit ist nicht zu viel verspro- chen. Die Organisation hat das Ziel, durch Austausch, Dia- loge sowie ein Mentoringprogramm, die persönliche Ent- wicklung von Migrant*innen sowie Jugendlichen mit einer Zuwanderungsgeschichte zu fördern und Völkerverständi- gung zu ermöglichen. Die Kaneza Initiative wurde 2013 von Elisabeth Kane- za gegründet. Sie sah den Bedarf der Unterstützung für Migrant*innen, da diese oft noch unter erschwerten Bedin- gungen bei der Bildung und dem Einstieg ins Berufsleben leiden. So wird ihnen der Zugang zu Hochschulen erschwert und sie haben geringere Chancen auf dem Arbeitsmarkt und beim Karrierestart, auch beim Einstieg in die Selbständig- keit. Die Kaneza Initiative möchte diese Menschen unter- stützen und ihren Wert für die Gesellschaft verdeutlichen und ihnen so bessere Chancen zusichern. Hierzu gibt es seit 2014 beispielsweise das bereits erwähn- te Mentoring Programm „Mentor me“. Hier geht es um die Vermittlung von jungen Menschen zwischen 17 und 28 Jah- ren (als Mentee) und erwachsenen Berufserfahrenen (als Mentor*in) für eine Partnerschaft bei der der*die Mentor*in seinen Mentee bei seiner akademischen und beruflichen Entwicklung begleitet. Zusätzlich muss jeder Mentee ein eigenes soziales Projekt entwickeln, um so das Finden von Lösungen zu lernen sowie sein eigenes Engagement zu gestalten. 2014 gab es die ersten 15 Mentees, 2015 wurde das 1:1 Mentoring eingeführt. Das Programm „Mentor me“ wird stetig weiterentwickelt. Es wurde 2015 von der Robert Bosch Stiftung ausgezeichnet. Da die Mentor*innen und Mentees zusammen passen sollten, um möglichst viel Potenzial aus- schöpfen zu können, wurde eine einfache aber effektive Lösung für das Problem der örtlichen Entfernungen zwi- schen ihnen gefunden, ebenso wie für das Zeitmanagement. Viele der Teams nutzen skype, facebook, whatsapp und andere Chatmöglichkeiten für die Kommunikation. Auch für diejenigen, die an dem Mentoring Programm nicht teilnehmen können oder möchten, gibt es von der Kaneza Initiative die Möglichkeit, von erfahrenen Führungskräften zu lernen. Hierzu gibt es das Young Leadership Forum, das einen direkten Austausch von jungen Menschen und Erfah- renen, vor allem eben Führungskräften, aus verschiedenen Arbeitsbereichen ermöglicht. So sollen junge Menschen neue Kompetenzen erlernen. Im Rahmen des Forums finden zurzeit die sogenannten Mentor-Talks statt. Um interessierten jungen Menschen weitere Möglich- keiten des Empowerment anzubieten, gibt es außerdem das Opening Doors Program der Kanzea Initiative. Viele Migrant*innen haben es oft schwerer, an Bildungsveran- staltungen teilzunehmen oder auch passende Events zu finden. Hier hilft ihnen die Kaneza Initiative, indem sie sie dabei unterstützt, an Informationen zu kommen, bei Ver- anstaltungen teilzunehmen und sich bei Bildungsprogram- men zu bewerben. Hierbei erhofft sich die Kaneza Initiative diesen Menschen so bei ihrer persönliche Entwicklung und dem individuellen Wachstum zu helfen und ihnen bessere Chancen zu sichern sowie sie auf dem Weg als zukünftige Akteure für gesellschaftlichen Wandel zu unterstützen. 85
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    Noch vor Sonnenaufgangreihen sich die ersten Menschen in die Warteschlangen vor dem Stadion ein. Innen laufen die letzten Vorbereitungen auf Hochtouren. Das Stadion muss schon Stun- den vor Beginn der Veranstaltung seine Pforten schließen – das größte Stadion Ruandas ist zu klein für die nationale und inter- nationale Gemeinschaft der Trauer und Erinnerung. Pünkt- lich betreten Ruandas Präsident Paul Kagame, einige seiner Amtskollegen, UN-Generalsekretär Ban Ki Moon und weitere bekannte Persönlichkeiten die Ehrentribüne. Die Menge ver- stummt zu einem unruhigen Schweigen. Hope Azeda hat keine Zeit die wichtigen Persönlichkeiten im Publikum auszumachen. Sie hat nicht einmal Zeit, einen ein- zigen Blick auf die Zuschauerränge zu werfen. Sie muss sich konzentrieren und alle Details des Kulissenaufbaus, der Tech- nik und der Verfassung ihrer Tänzer*innen erneut studieren, gegebenenfalls verbessern. Sie spürt die Anspannung, die in der Luft hängt. Angst und Erwartungen von Menschen vor Ort und Hope – Ruanda zwischen Aufschwung und Unterdrückung Louisa Esther Glatthaar 86 RUANDA
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    weltweit tausenden anderen,die an diesem Montagvormittag des siebten April 2014 auf das Stadion „Amahoro“ („Frieden“) in Kigali blicken, sind auf sie gerichtet. Die Künstlerin ist Ver- antwortliche der Performance einer Veranstaltung, die ihres gleichen sucht. Der siebte April 2014 ist der Tag des 20-jährigen Gedenkens an den Völkermord von 1994. Die Veranstaltung soll Aufklärung über den Völkermord, würdevolle Erinnerung an die Opfer und Hoffnungsgeber gleichzeitig sein. „Es gab nicht nur einen Moment, an dem ich aufgeben wollte. An dem ich die Geschichten, die ich für das Skript anhören und aufarbeiten musste, nicht mehr aushielt“, sagt Hope rückblickend. Seit Dezember 2013 war es Hopes Aufgabe, vielmehr „ein offe- nes Buch als eine Geschichtenschreiberin“ zu sein, da sie Zeu- gen zuhörte und Eindrücke an Gedenkstätten sammelte. Daher auch der Performance-Name „shadows of memory“: Schatten der Erinnerung. Seit jeher legt Hope bei ihren Stücken den Fokus auf die Ver- bindung von Kunst und sozialen Problemen, von Respekt und Menschlichkeit. Doch dieses Mal ist genau dies eine beson- dere Herausforderung. Denn nicht nur sie selbst droht an ihre Grenzen zu stoßen, auch ihre Gruppe leidet unter dem enormen Zeitdruck und Gewicht des Stückes. Es ist keine Seltenheit, dass Tänzer*innen während der Proben zusammenbrechen. Grund dafür sind Traumata, die vor allem durch Gedenkveranstal­ tungen immer wieder aufbrechen. Nachdem im März das Stück das erste Mal komplett durchgespielt wurde, ist das gesam- te Team in Tränen aufgelöst gewesen. Spätestens ab diesem Moment weiß Hope, dass die Vorstellung im Stadion am siebten April „heftig werden wird.“ Intensiv bereitet sie alle Mitwirken- den auf die Schreie der Traumatisierten und die bedrückende Atmosphäre im Stadion vor. Den Moment, an dem im Stück das Massenmorden von 1994 symbolisiert wird, nennt sie „killer moment“. Nicht nur wegen des Inhalts, sondern auch wegen der bevorstehenden Reaktionen im Publikum. Sie sollte Recht Hope Azeda 87
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    weit. In derHauptstadt Kigali schießt ein Glanzhochhaus nach dem anderen aus dem Boden. Das Land will diplomatisches ­Zentrum Afrikas werden und ist auf dem besten Weg, großen Staaten wie Äthiopien und Südafrika mit internationalen Ver- anstaltungen Konkurrenz zu machen. Das kleine ostafrikani- sche Land hat die Millenium Development Goals erreicht und legt bei der Umsetzung der eigenen Vision 2020, einem strikten nationalen Entwicklungsprogramm, ein beachtliches Tempo vor. Etwas mehr als 20 Jahre nach dem Völkermord wurde Ruan- das Regierung vom World Economic Forum zur effektivsten Afrikas gewählt. Paul Kagame gewann 2001 das erste Mal die Wahlen zum Präsidenten, seit 1994 war er bereits Vizepräsi- dent. Er war es auch, der Ruanda als Anführer der RPF (Rwandan ­Patriotic Front) offiziell vom Völkermord erlöst hat. Heute versucht sich die ruandische Nation wieder zu vereinen, Hutu und Tutsi leben in scheinbarem Frieden nebeneinander. Die Aufarbeitung des Völkermords geschieht im Rahmen von Regierungsvorgaben. So zum Beispiel auch in den nach dem Völkermord eingerichteten Dorfgerichten, bei denen auf loka- ler Ebene Täter verurteilt oder begnadigt werden. Journalisti- behalten. Markerschütternde Schreie erschallen bei diesem Teil des Stücks ohne Unterbrechung aus allen Ecken des Stadions. Doch dann kommt die Erlösung. Wie 1994 marschieren in der Performance Soldaten ein und beenden den Völkermord. Das Publikum beginnt zu applaudieren, minutenlang übertönt der Applaus die Schreie der Traumatisierten. Das erste Mal traut sich Hope Azeda aufzuschauen. Sie blickt in die Menge, die ihre Performance nicht nur angeschaut, sondern miterlebt hat. Mit ihrem unerwarteten Applaus nehmen die Menschen alle Befürchtungen von Hope: Genau dieses Bild der Versöhnung und der Hoffnung wollte sie der Welt übermitteln. Sie kann jetzt aufblicken, sieht Ban Ki Moon auf der Ehrentribüne applaudie- ren – und weiß: Sie hat es geschafft. Trotzdem verlassen die Menschen die Veranstaltung nachmit- tags mit gesenkten Köpfen. 20 Jahre sind nicht viel Zeit, um sich als Nation tatsächlich zu versöhnen und nach vorne zu schauen. Letztlich war Hopes Performance eben nur das: eine Darstel- lung, ein Rückblick und ein Hoffnungsgeber für die Zukunft. Doch jeder weiß, dass nach den 100 Trauertagen wieder das nor- male Leben Einzug ins Land der tausend Hügel hält. Und da ist kaum Platz für die Aufarbeitung des Völkermords. Ruanda ist eine der am schnellsten wachsenden Wirtschaftskräfte welt- 88 RUANDA
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    sche oder wissenschaftlicheRecherchen zum Völkermord sind nach wie vor schwierig, Presse- und Meinungsfreiheit muss sich gegen Vorwürfe der Völkermordideologe verteidigen. Bei Nicht- beachtung drohen hohe Gefängnisstrafen. Auch deshalb sieht Hope ihre Kunst und Theaterperformances als Friedensprojek- te, bei denen sich alle Generationen über ihre Ethnienzugehö- rigkeit hinweg mit dem Völkermord auseinandersetzen können. Doch auch dafür benötige sie die Zustimmung der Regierung, gibt sie zu. Die Wörter Hutu und Tutsi sind verboten, offiziell sind nun alle Bewohner des Landes Ruander. Natürlich, die meisten Ruander sagen aus Überzeugung den offiziellen Slogan nach: „Remem- ber, unite, renew. Genocide never again!“ Doch das bedeutet noch nicht, dass sie einander verziehen haben und dass das jahrzehntelang währende ethnische Konfliktpotential, das im Völkermord zwar einen grausigen Höhepunkt, aber kein Ende fand, einfach weggefegt ist. Trotzdem: Die rasante Entwick- lung des Landes zeugt von einer Nation, die zumindest wirt- schaftlich zusammenwächst und Ruanda nach nur etwas mehr als 20  Jahren nach einem Völkermord zum Vorzeigebeispiel Afrikas macht. Auch deshalb gibt Hope nicht auf, macht ihren Namen zum Prinzip und überlegt schon für die nächste große Gedenkveranstaltung 2019. D Louisa Esther Glatthaar, Jahrgang 1995, Studentin an der Universität Leipzig: Politikwissenschaft und Afrikanistik, Auslandsaufenthalte: Frankreich 2010/2011 und Ruanda 2013/2014 Louisa Esther Glatthaar arbeitet auch als freie Journalistin: louisaglatthaar.wix.com/journalist Twitter: @GLouisaE LinkedIn: Louisa E. Glatthaar Am sechsten April 1994 wird bei einem bis heute unge- klärten Attentat das Flugzeug des damaligen ruandischen Präsidenten Habyarimana und seines burundischen Amts­kollegen über Kigali abgeschossen. Dies gilt als Startschuss für eines der schlimmsten Verbrechen gegen die Menschheit des 20. Jahrhunderts. Am siebten April startet das systematische Abschlachten von Tutsi und moderaten Hutu durch radikale Hutu. Heute ist man sich sicher, dass der Völkermord von langer Hand geplant war. Ihm ging importierte Rassenideologie durch die Kolonial- mächte Deutschland und Belgien, ein jahrelanger Bürger- krieg, Unterdrückung von Tutsi, eine wirtschaftliche Krise und ein Machtkampf zwischen der RPF im Exil und der Hutu-Regierung nach der Unabhängigkeit 1962 voraus. Erst nach 100 Tagen der Hölle gelang es der RPF unter Führung von Paul Kagame, Kigali am vierten Juli 1994 vom Völkermord zu befreien. www.hrw.org/reports/1999/rwanda/Geno15-8-02.htm 89
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    Nobody build a houseon the right side Barbara Elisabeth Scharfbillig Es ist 5:30 Uhr und ich friere schon, als der weiße Landrover endlich die Straße entlang kommt. Ich springe schnell auf den Beifahrersitz und freue mich über den heißen Kaffee, der mich begrüßt. „You got everything?“, fragt Dr. Hangara und ich nicke. Wir halten noch schnell an der letzten Tankstelle von Gobabis und keine 10 Minuten später fahren wir auf dem Transkalahari Highway Richtung Otjimanangombe. Die Sonne geht langsam auf und die Kälte weicht einer trockenen Hitze. Als ich Dr. Gabriel Ngungaa Hangara zum ersten Mal traf, war ich gerade mit der Aus­ bil­dung  als  Krankenschwester fertig, war ein Jahr lang mit dem Rucksack durch das südliche ­Afrika getourt und in einem kleinen Wüstendorf in der ­Omaheke ­Region in Namibia ­gestrandet. Damals hatte Hangara noch keinen PhD und ich hat- te keine Ahnung von der Omaheke. Was mir auffiel, war, dass regelmäßig Men- schen auf mich zukamen und mich auf ihre Hautfarbe aufmerksam machten: „Do you see my skin? Do you see? I am lighter. I have a german great-grandfa- ther. We have the same blood. We are related.“ Und ich? Verstand erst mal nichts. Ich wusste nichts vom Genozid an den Herero, nichts von der Kolonialideologie. Nichts von den Vergewaltigungen durch deutsche Soldaten, von den Generationen an Kindern und Enkeln, denen man ansah, dass sie anders waren. Ich antwortete lächelnd: „Oh really? That`s nice, how did you meet your grandparents?“ und war irritiert, wenn man mir nicht antwortete. Als ich Hangara davon erzählte, hörte er zu und fragte: „Why do you think people say they have german blood?“ Eine Antwort gab er mir nicht. Die musste ich selber suchen. 91
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    Herero hatten zunächstvon der deutschen Kolonialverwaltung profitiert. Als einer der Herero-Führer hatte Samuel Maharero Landrechte an die Migranten aus dem Kaiserreich veräußert, bis ihm klar wurde, dass der Land- und Machthunger der deutschen Neuankömmlinge nicht zu stoppen war. Oberbefehlshaber von Trotha dagegen war mehr als ein pflichterfüllter Soldat, der lediglich einen Krieg führte. Von deutscher Seite war er gezielt ausgewählt worden, das „Herero-Problem“ in Deutsch-­Südwest Afrika um jeden Preis zu lösen. Die Geschichte ist schnell erzählt: Die Deutschen gewannen und ein Großteil der Herero starb. Als von Trotha die Herero mit der Schlacht am Waterberg endgültig besiegte, jagten seine Soldaten die Überlebenden mit Kindern und Vieh in die Kalahariwüste, in die Omaheke. Er wusste genau, dass es dort kaum Wasserquellen gab. Die weni- gen Menschen, die zurückkehrten, wurden in Konzentrations- lagern interniert, erhängt oder zum Arbeitsdienst gezwungen. Die Überlebenden versteckten sich oder flüchteten weiter nach Botswana. Ähnlichkeiten zu anderen Zeiten und anderen Orten der deutschen Geschichte sind kein Zufall. Auch heute noch ist die Omaheke „Hereroland“. Meist- gesprochene Sprache ist Otjiherero. Die ­größten  ­Farmen aber gehören Nachfahren deutscher Migranten. Wenn ich Dr. Gab- riel Hangara nach seiner Meinung frage, sagt er nichts dazu. Hangara organisiert. Seit 2006 leitet er das Komeho Ent­ wicklungshilfezentrum in Ben-Hur, wechselte später zum Nationalen Jugendkomitee. Er leitet Landwirtschaftspro- Dass Namibia von 1884 bis 1915 deutsche Kolo- nie war, lernt man in der Schule. Der Gedanke, dass das Land mehr als einhundert Jahre spä- ter noch „deutsch“ sein soll, wird gerne von Touristen und Reiseunternehmen genutzt. Die deutsche Sprache sei angeblich weit ver- breitet, überall backe man deutsches Brot und vielerorts könne man die architektoni- schen Überbleibsel der deutschen Kolonialzeit bewundern. Will die namibische Regierung das Reiterdenk- mal vor der Christuskirche in Windhuk entfernen, heißt es: „Man muss doch zu seiner Vergangenheit stehen.“ Interessant ist, dass sich die Sympathie mit der namibisch-deutschen Geschichte sofort legt, wenn es um die deutschen Genozide in Namibia geht. Um den Völkermord an Herero, Nama und San. Gegen die Ersten wurde ein schriftlicher Vernichtungsbefehl verfasst, die Zweiten wurden nach langem Guerillakampf zer- schlagen und die Dritten waren so unwichtig – so wenig Mensch – dass ihre systematische Tötung nicht mal als erwähnenswert angesehen wurde. Aber davon lernen wir nichts in der Schule. Was also steckt dahinter, wenn man von deutschen Spuren in Namibia spricht und warum überdauern manche die Zeit länger als andere? Dr. Hangara hat darauf keine Antwort. Er ist kein Aktivist, spricht nur selten über persönliche Ansichten, er engagiert sich nicht in den Gruppen, die Reparationen von der deutschen Regierung fordern.1 Er ist Pragmatiker, stammt selbst aus der Omaheke und möchte, dass die Region sich weiter entwickelt, dass die Menschen bessere Chancen bekommen. Omaheke bedeutet „große Fläche aus Sand“. Auch 1904, zur deutschen Kolonialzeit, hatte die Region, die von der Kalahari- Halbwüstebedecktist,schondiesenNamen.Damals,alsSamuel Maharero, Anführer der Herero und Lothar von Trotha, Oberbe- fehlshaber der deutschen Schutztruppe aufeinander trafen. Die 92 NAMIBIA
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    jekte, generiert Sponsorenmittelaus aller Welt und koope- riert mit deutschen Organisationen. Er bringt 10 Deutsche, eine Türkin, 20 Herero und einen Tswana zusammen, um ein Schülerheim in der Omaheke zu renovieren. Vermittelt deut- sche Grundschullehrer*innen an otjihererosprachige Schu- len, deutsche Schreiner an Werkstätten. Er fördert deutsch- namibische Kunstprojekte. Er fährt mit Europäer*innen quer durch die Omaheke. Und er stellt Fragen. Fragen, die man nicht leicht beantworten kann. Aus welchen Gründen die deutsche Regierung nicht anerkennt, dass es ein Völkermord war? Ob Namibier*innen mit deutschem Migrationshintergrund mehr Rechte auf das Land haben als Herero? Ob Völkermord verjährt? Und warum Deutsche in der Schule nichts über die Omaheke lernen? Fragen die – wenn man eine Antwort findet – aufzeigen, dass man keine Ahnung hat(te). Die Sonne ist schon fast im Zenit, als Hangara den Wagen lang- sam drosselt und wir die letzte Kurve auf der Schotterstraße nach Ojimanangombe nehmen. Hier hat er mit seiner Organisation und Partnern aus England gerade eine Schulkantine gebaut. Aus Säcken, die mit dem Sand der Omaheke gefüllt sind. Auf der rechten Seite erstreckt sich in einer Senke ein kleines Dorf mit Wellblechhäusern, Schule, Buschklinik, Hühnerstall und Rindern. Nur wenige Akazien und Büsche sprenkeln die karge Landschaft. Ein Windrad zeigt, dass es zwischen all dem Staub Wasser gibt. Unser Ziel ist die Busch­klinik. Bevor wir die Abfahrt einschlagen, schweift mein Blick über die leichte Hügelkette auf der rechten Seite der Schotterstraße. „Nobody build a house on the right side“, sage ich rät- selnd zu mir selbst. „Do you know why“? fragt Dr. Hangara. Ich schüttle den Kopf. „Some people believe the ghosts of their ancestors who died in the Genocide live on this side“, erklärt er und bremst den Wagen langsam ab. Do you believe in the ghosts of the past?“ Ich grinse. „Since I came to Namibia: Yes!“ Der Staub legt sich und wir gehen das letzte Stück zu Fuß. D Aktuell verhandeln Ruprecht Polenz, langjähriger Vorsit- zender des Auswärtigen Ausschusses im Bundestag und der Sondergesandte der namibischen Regierung Dr. Zed Ngavirue seit November 2015, in welcher Form die Aufar- beitung der deutschen Kolonialzeit erfolgen soll. Quelle: Pressemitteilung der Deutschen Botschaft Wind- huk 14.12.2015 Erst im September 2015 hat die deutsche Bundes­ regierung offiziell anerkannt, dass es sich bei den ­Verbrechen der Kolonialzeit um Völkermord handelte. Quelle: OVAHERERO/OVAMBANDERU COUNCIL FOR THE DIALOGUE ON THE 1904 GENOCIDE, 16.9.2015 http://genocide-namibia.net/wp-content/uploads/2015/03/ Press-Release-OCD-16-9-2015.pdf Bereits seit mehreren Jahren gibt es eine Petition, die Versöhnungsmaßnahmen fordert. Dem vorangegangen war eine Klage von Herero und Nama Vertreter*innen, die vor dem Internationalen Gerichtshof in Den Haag sowie vor einem amerikanischen Gericht die deutsche Regie- rung und drei deutsche Firmen auf Reparationszahlungen verklagten. Die Klage in Den Haag wurde abgewiesen. Barbara Elisabeth Scharfbillig ist Afrikanistin, Erziehungswissen­ schaftlerin und Krankenschwester. Seit 2006 hat sie ­regelmäßige Arbeits-, Forschungs- und Studien­ aufenthalte für verschie­dene Hilfsorganisationen im ­süd­lichen und östlichen Afrika. Informationen: uni-koln.academia.edu/ BarbaraScharfbillig www.suni-ev.de www.kunst-fuer-bildung.org 93
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    Das laute Zirpeneiner Insektenfamilie wabert durch unsere offene Haustür herein, tanzt über den Küchentisch und prallt von den Wellblechplatten unseres Daches ab, bevor es zur Hintertür wieder hinaus schwebt. Unerbittliche, trockene Hitze und roter Staub fol- gen dem Zirpen in unser Wohnzimmer in Chilumba, Malawi. Ein kleines Dorf am Ufer des Lake Malawi, das gerade von den Hitzewellen lahmgelegt wird, die im November das ganze Land rösten. Die Sonne saugt einem die Kraft aus den Gliedern und die Energie aus dem Kopf. Ich könnte ständig schlafen, wäre es nicht auch nachts viel zu heiß dazu. Meine drei Freunde, die mich heute Nachmittag besuchen und mir erwartungsvoll gegen- übersitzen, scheinen von den Temperaturen nicht ganz so geschafft zu sein wie ich. Es sind Clifford, ein neunzehn Jahre alter Schüler, schlank und gepflegt in seinem weißen Hemd und den schwarzen, polierten Schuhen, die in ein paar Stunden schon wieder von einem Schleier roter Erde überzogen sein werden. Neben ihm Pililani, ebenfalls neunzehn und bereits in ihrem letzten Jahr in der Schule. Sie hat das Haar zu einem kleinen Schei- tel gekämmt und die großen Hände im Schoß gefaltet. Mit knapp über 50 ist mein dritter Freund Bonaventure, auch BB genannt, schon wesentlich älter als wir drei. Mit seinem weisen Blick blinzelt er hinter runden Brillengläsern hervor. Ich hole tief Luft und schiele noch einmal auf das Blatt mit Fragen in meiner Hand. Bist du glücklich? Eine malawische Interview-Collage Carmen Müller 94 MALAWI
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    „Also gut, ihrwisst ja, warum ich euch heute hierher eingeladen habe?“ Nicken allerseits. „Dann fangen wir gleich mal mit unserem kleinen Interview an. Es sind auch keine allzu schweren Fragen.“ Das stimmt nicht ganz. Denn über einige meiner Inter- view-Fragen, die ich meinen Freunden an diesem Nachmittag stelle, musste ich selbst lange grübeln, aber noch länger denke ich über ihre Antworten nach. „Pililani, was würdest du nach der Schule gerne machen?“ möchte ich wissen. „Ich will Krankenschwester werden. Medizinische Versorgung ist so wichtig in unserem Land. Außerdem bewundere ich Kranken- schwestern dafür, wie liebevoll sie mit den Patienten umgehen“, fügt sie hinzu und grinst verlegen. „Das möchte ich auch.“ Ich nicke und lächle, als ich mir vorstelle, wie Pililani mit ihrer ruhigen Stimme zu ihren zukünftigen Patienten sprechen wird. Und ihnen danach wahrscheinlich ihr Rezept für die welt- besten Samosas verrät, so wie sie es bei mir gemacht hat. „Und Clifford, wie sieht es mir dir aus? Was ist dein Traum für die Zukunft?“ Er betrachtet mich aus halb geschlossenen Augen und mit einem Gesichtsausdruck, als müsste ich die Antwort eigentlich schon längst wissen, aber er überrascht mich. „Ich möchte in einer guten Position sein“, erwidert er nur. „Und was meinst du damit?“ „Nicht zu arm und nicht zu reich. Irgendetwas dazwischen.“ Für diese einfache, wunderschöne Erklärung mag ich ihn in diesem Moment. Es geht weiter mit ein paar praktischeren Fragen: „Was würdest du ändern, BB, wenn du Präsident von Malawi wärest?“ BB, der mehr als die Hälfte seines Lebens in den USA, Kanada und Australien als Universitätsprofessor verbracht hat und nun zurückgekehrt ist „to feel home again“, will die Korruption im Land bekämp- fen, die Menschen ermutigen, ihr Leben selbst zu gestalten und Malawi mit aufzubauen. Er will Entwicklung verbreiten, von der Graswurzel bis zur Spitze und nicht anders­herum. WelchenOrtwillCliffordunbedingtinseinemLebensehen? Darüber muss er eine Weile nachdenken, entscheidet sich aber schließlich für die drei größten Städte Malawis: ­Mzuzu, Lilong- we und Blantyre, von denen er noch keine gesehen hat. Lebt Pililani, die erst vor ein paar Jahren in unser Dorf Chi- lumba gezogen ist, gerne hier? Sie strahlt bei der Frage. „Auf jeden Fall! In Chilumba habe ich gelernt, wie man richtig kocht, Reis pflanzt und im See zu schwimmen. Außerdem helfen mir hier meine Freunde und ich uns untereinander. Wenn ich zum Beispiel ein Pro- blem in Mathe habe, frage ich sie einfach und wir lösen die Aufgaben alle gemeinsam.“ Ich versuche den Überblick zu behalten, wen ich was gefragt habe. Wir sitzen mindestens zwei Stunden beisammen, in denen die Sonne sich in einem feurigen Bett hinter den Baumwipfeln schlafen legt und wir über Gott und die Welt sprechen. Manche Fragen und Antworten kommen leicht über die Lippen, wie etwa an Pililani: „Was würdest du mit 50 000 Malawi-Kwacha (etwa 100 Euro) machen?“ „Ich würde mir auf jeden Fall Klamotten kaufen!“, ruft sie und lacht. „Und etwas Leckeres zu essen. Und wenn das Geld noch reicht auch noch ein Buch, damit ich etwas lernen kann.“ Andere Fragen sind schwerer zu beantworten. Als ich von BB wissen will, was er sich mit einem freien Wunsch wünschen würde, entsteht eine lange Pause. Unser Kater jagt auf der Suche nach einem Grashüpfer zwischen unseren Beinen hindurch und wir schrecken alle hoch, als hätte er uns aus einer wichtigen Klausur gerissen. 95
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    haben wir nurden Blick für diese kleinen Herrlichkeiten ver- loren? Wann ist dieser Blick in unserem Meer aus Selbstver­ ständlichkeiten und Luxus ertrunken? Unser Luxus nagt auch an mir, als ich noch einmal Cliffords Wunsch lese, die drei großen Städte Malawis zu sehen. Er ist neunzehn und war noch nie dort. Ich bin auch neunzehn und davon nur ein Jahr lang in diesem Land. Ich habe bereits alle drei Städte gesehen. Ist das nicht irgendwie unfair? Die Frage nach dem Glück ist wahrscheinlich die ganz große Frage des Lebens. Aber was macht uns denn glücklich? Was hät- ten wir denn auf diese Fragen geantwortet? Und: Bin ich glück- licher, weil ich schon alle großen Städte Malawis bereist habe, weil ich da war, alles gesehen, mitgemacht, ausprobiert und gekauft habe? D Dann nickt BB ganz langsam zu sich selbst. „Also, wenn ich einen Wunsch frei hätte, würde ich mir wünschen, euch in Deutschland zu besuchen. Erst haben wir euch in Malawi willkommen geheißen, dann besuchen wir euch.“ Ich kann ihm kaum beschreiben, wie glücklich es mich machen würde, wenn wir uns alle vier eines Tages in meinem Zimmer in Deutschland wiederträfen und auch Pililani und Clifford stimmen zu, dass das ein ausgezeichneter Wunsch ist. Zum Schluss bin ich begeistert, glücklich, müde, aufgewühlt, stolz und werde durchströmt von einer tiefen Zuneigung mei- nen drei Freunden gegenüber. Als sie aus dem Haus in die ster- nenerfüllte Nacht treten, witzelt Clifford herum, dass der Strom mal wieder ausgefallen ist und ob ich das Licht aus der Glüh­ birne vielleicht irgendwo versteckt halten würde. Was ich heute erfahren habe, hat mir nicht nur einen Ein- blick in das Leben meiner drei Freunde gegeben, sondern hinter- lässt auch einige Fragezeichen in meinem Kopf. Immer wieder überlege ich, was meine Freunde in Deutschland als Antworten gegeben hätten. Die meisten Dinge, die sie genannt haben – eine Reise, neue Bücher und Klamotten, ein gutes Leben – sind so einfach, so bodenständig und machen uns so glücklich, dass ich einen Moment lang kaum verstehen kann, wie man sich etwas anderes hätte wünschen oder kaufen wollen können. Warum Carmen Müller, Jahrgang 1996, Abiturientin, inter­ nationaler Freiwilligendienst in Chilumba, Malawi in 2014/2015, derzeit im Freiwilligen Ökologischen Jahr bei JANUN e. V. (Jugend-Aktions-Netzwerk-Umwelt- und- Natur) in Hannover 96 MALAWI
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    Herausgeber Elisabeth Marie Mars,Arbeitsstelle WELTBILDER Konzeption Elisabeth Marie Mars Redaktion Elisabeth Marie Mars, Melanie Heisterberg Supervision Sebastian Aperdannier, Referat Weltkirche, Bistum Münster Layout Bert Odenthal, Sarah Hoppe www.bert-odenthal.de Druck DruckVerlag Kettler Münster, Juli 2016 Fotonachweise Mulugeta Gebrekidan: Titel Evans Mathibe: S. 6, 7, 72, 74 Mussa Sango: Titel, S. 9, 10 Tobias Minzi: S. 9, 12, 13 Pao Engelbrecht: S. 15 Birte Mensing: S. 18, 19 Janinka Lutze: S. 21, 23–25 Zam-Ké Verein Lomé : S. 27, 28 Elena Ziegler Ruiz: S. 30–32 Serhat Duman: S. 33–36 Verone Mankou: S. 38, 39 Robert Mugisha: S. 40, 59 Alev Coban: Titel, S. 42–51 Daniel Kassa: Titel, S. 52, 55 Deborah Mekbib Kifle: S. 55 Som Ekene Mekwunye und Youth for Hope: S. 56 Ikenna Obinna: S. 57 Ursula Mathan: S. 58 Nadja Nolte: S. 61 Thilko Gläßgen: Titel, S. 62, 63 Inga Eslage: Titel, S. 64, 65 Marit von Graeve: S. 67, 68, 70 Klara Giesler: S. 77–79 Elisabeth Kaneza: Titel (2 Fotos), S. 81–83 Shaban Masengesho: S. 86–89 Barbara Scharfbillig: S. 90–92 Carmen Müller: Titel, S. 94–96 Impressum » Gefördert von im Auftrag des Für den Inhalt dieser Publikation ist allein die Arbeitsstelle Weltbilder e. V. verantwortlich; die hier dargestellten ­Positionen geben nicht den Standpunkt von Engagement Global gGmbH und dem Bundesministerium für wirt- schaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung wieder.