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3 – 3
Netiquette im Netz
Ceyda Dönmetz
Karmeliter Realschule plus
1
Mein Kopftuch
„Du wirst in die Hölle kommen!“ - „Schämst du dich nicht ?!“ - „Ekelhafte.“
Der erste Schultag in der neunten Klasse war nicht so, wie ich ihn mir
vorgestellt hatte. Stolz war ich am Anfang sehr, da ich davon überzeugt
war, viele Komplimente wegen meines neuen Aussehens zu bekommen.
Dieser Stolz war so schnell vergangen, wie er anfangs auch da war, als ich
gesehen hatte, wie mich viele meiner Mitschüler ansahen.
Viele sahen geschockt aus, als sie mich zum ersten Mal nach zwei Jahren
Kopftuch wieder meine schulterlangen braunen Haare gesehen hatten, die
ich mir extra den Tag zuvor zu zwei Zöpfen flechten ließ. Manche sahen
mich glücklich an, viele aber auch angeekelt.
Schon nach der ersten Pause an diesem Tag hatten viele Schüler - zum
Großteil die männlichen Schüler- meiner Schule ihren Respekt mir
gegenüber als Mensch verloren und schauten mich mit hasserfüllten
Blicken an. Erstaunlicher Weise waren da auch viele Mädchen, die mich
angewidert anschauten und hinter meinem Rücken über mich redeten. In
der Klasse wurde ich von jedem Lehrer nach dem Unterricht nach vorne
gerufen, damit sie mich erstmal ausfragen konnten. „Wurdest du
gezwungen?“, „Bist du noch religiös?“, „Was sagen deine Eltern dazu?“,
„Wie fühlst du dich?“ und noch tausende andere Fragen.
Im Laufe der Woche wurden mir viele schreckliche Beleidigungen
hinterhergerufen, die mich bis heute immer noch kränken. Mir wurde auf
meinen Sozialen Netzwerken geschrieben, dass ich eine Schande sei, dass
ich verrecken solle und dass ich gottlos sei. Natürlich habe ich auch viele
Komplimente bekommen, aber schließlich blieben die Beleidigungen länger
im Kopf als die Komplimente. Monatelang wurde ich verbal runtergemacht,
habe es aber aus Scham keinem gesagt. Monatelang konnte ich nachts
nicht schlafen, einfach weil ich keine Lust auf die Schule hatte, noch
weniger Lust hatte ich darauf, die Gesichter meiner Mitschüler zu sehen. Es
wurde mir zur Gewohnheit eine Krankheit vorzuspielen, um nach Hause
gehen zu können, wenn die Schule und der Druck mal zu groß wurden.
2
Meine damaligen besten Freundinnen distanzierten sich nach einer Weile
von mir, da sie meinten, ich sei eine komplett andere Person und ich wäre
nicht die Ceyda, die sie kannten. Mir wurde vorgeworfen, dass ich eine
Schlampe sei, mich an vergebene Jungs ranmachen würde, eingebildet
geworden sei und noch vieles mehr. Also taten sie das, was mich am
meisten verletzte, alle drei schrien mich vor dem ganzen Schulhof an, es
war mir so peinlich und ich war sauer auf mich selbst, da ich nichts sagen
konnte. Ich stand mit glasigen Augen vor meinen ehemaligen Freundinnen
und fragte sie, ob sie noch was zu sagen hätten, da ich sonst gehen würde.
In dem Moment kam ich mir so verarscht vor, weil sie wussten, dass es
meine größte Angst war, vor Leuten erniedrigt zu werden. In dem Moment
konnte ich meine ehemaligen besten Freundinnen nicht mehr wieder
erkennen. Es hat sich so angefühlt, als würde die ganze Aufmerksamkeit
auf mir liegen, also habe ich mir nicht erlaubt zu weinen, noch nicht.
Nachdem die Pause zu Ende war und wir zurück zur Klasse mussten, hielt
ich es nicht mehr aus, fragte, ob ich an die frische Luft darf und mich heulte
mich aus.
Dabei war ich. als ich mich dazu entschloss das Kopftuch abzunehmen, so
glücklich, da ich dachte, ich könnte jetzt mein wahres Ich sein, ich müsste
nichts mehr vorspielen. Ich fühlte mich endlich wieder wohl, seitdem ich das
Kopftuch getragen hatte.
Vor vier Jahren entschied ich mich dafür ein Kopftuch anzuziehen. Ich war
davon überzeugt und es ging mir recht gut, am Anfang wenigstens.
Nachdem es dann mit Beleidigungen anfing, war es natürlich unglaublich
schwer, mich im Kopftuch wohlzufühlen. Auch da erntete ich Hass. So sehr
ich es am Anfang liebte, wie ich aussah, was ich damit zeigte, am Ende
schämte ich mich nur, weil viele Reaktionen negativ waren.
Die Leute in meiner Umgebung wollten mich nicht akzeptieren. Nicht nur
Schüler sahen mich seltsam an, viele Erwachsene haben mich auch
abwertend angeschaut und haben mir oft auch sehr verstörende Sachen
hinterhergeschrien, zum Beispiel wurde mir und meiner Mutter mal beim
Einkaufen von einer Frau gesagt, dass wir zurück in unser Land sollen, wir
sollten bombardiert werden. Ich weiß es hört sich verrückt an und in dem
Moment kam es mir als erstes auch so vor, als wäre es ein Witz. Aber die
Frau meinte es todernst.
3
Mit dem Kopftuch fühlte ich mich nicht mehr wohl. Meine Eltern machten
mir keine Vorgaben. Die ersten Personen, denen ich erzählt hatte, dass ich
mein Kopftuch ausziehen wollte, waren meine Schwestern, erst hat mir
keiner geglaubt, weil ich ja so glücklich war als ich mein Kopftuch trug, doch
als ich es dann auch meinen Eltern sagte wurde die Sache schon realer.
Ich hatte sehr großes Glück, dass meine Familie so stark hinter mir stand.
Ich konnte tuen, was ich für richtig hielt. Ich erwartete das auch von meinen
Mitschülern, als damals mit der 9. Klasse wieder ohne Kopftuch in die
Schule ging. Ich hoffte, dass jeder vergessen würde, dass ich überhaupt
mal ein Kopftuch getragen hatte. Ich wollte nicht mehr wegen meines
Kopftuchs die Lachnummer sein, sondern eine Schülerin wie jede andere,
nicht mehr und auch nicht weniger.
Mit diesen Reaktionen, mich jetzt so zu beleidigen, mich übers Internet zu
bedrohen – das kann ich nicht vergessen, was mit mir gemacht wurde und
wie sehr ich an all dem Hass und an all den Beleidigungen litt. Ich leide bis
heute noch an den Konsequenzen der Beleidigungen und den Nachrichten,
die von einem anonymen Account zugeschickt wurden. Die Leute, die mir
solche grausamen Nachrichten schickten, versteckten sich hinter ihrem
Bildschirm.
Am Anfang ist mir nicht so sehr aufgefallen, dass ich noch immer so
betroffen von der ganzen Sache war, aber kurz danach merkte ich, dass ich
sehr starke Stimmungsschwankungen hatte, In einem Moment sehr
glücklich, brach aber im nächsten zusammen. Zu sehr habe ich mich
jedoch geschämt, es jemanden zu sagen. Eines Tages bin ich zu meinem
Vertrauenslehrer und habe im alles erzählt, wie es mir ging, warum ich mich
so fühlte und fragte ihn dann nach Hilfe.
Als ich es dann nicht mehr aushielt und mich nicht mehr diskriminieren
lassen wollte, tat ich etwas, was mich heute noch selbst wundert. Ich stellte
mich in einer Konferenz vor all meine Lehrer und fing an zu erzählen, was
mir angetan wurde. Dieser Tag ist mir, wie ins Gedächtnis gebrannt
worden, ich werde ihn nie vergessen. Ich wollte gegen Hate-Speech
vorgehen. Ich wollte, dass alle wissen, was sich hinter den Kulissen in der
Schule abspielt.
Ich hatte meine Haare offengelassen, ein strahlendes Schwarz, hatte einen
grauen Rollkragen an und drüber ein Def Leppard T-Shirt und eine
Camouflage Hose. Mein Blick war ernst, ich war aufgeregt, ich wollte nicht
mehr geärgert werden. An diesem Tag erzählte ich alles, ich schämte mich
4
sehr, weinte, doch ich wollte keine Sympathie, kein Mitleid, ich wollte nur
von allen in Ruhe gelassen werden, keine Hasskommentare.
Dass in der Schule solche Dinge passieren und vor allem türkische Schüler
aber auch Schülerinnen so auf das Wegnehmen des Kopftuchs reagierten,
konnten sie sich kaum vorstellen. Am darauffolgenden Tag wurde fast mit
jeder Klasse geredet und wenn jemand nochmal so beleidigt wurde, wie ich
zuvor, würden Kinder aus der Schule fliegen und es folgten Konsequenzen.
Obwohl ich von außen eine sehr selbstbewusste und starke Person war
und bin, war ich von innen zerbrechlich und traurig. Ich war hilflos, meine
Seele litt und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Die
Aussprache in der Schule half mir nur begrenzt.
Mir wurde vorgeschlagen einen Therapeuten zu besuchen, was ich dann
auch tat. Erst wollte ich meinen Eltern nicht sagen, dass ich das vorhabe,
weil ich ihnen keine Sorgen machen wollte, dann sagte ich es ihnen dann
aber trotzdem. Meine Eltern waren dafür, dass ich gehe und mir die Hilfe
suche, die ich damals brauchte. Das erleichterte mich sehr, meine Eltern
hätten wirklich nicht besser reagieren können.
Der erste Termin bei der Therapeutin war sehr schwer für mich, da ich mich
wieder an alles erinnern musste, was ich in der Vergangenheit lassen
wollte. Ich riss die Pflaster alter Wunden auf, seien es die Beleidigungen,
die kaputten Freundschaften oder gemeine Menschen, die ich lieber zu
gelassen hätte. Mir wurde gesagt, dass ich eine milde soziale Phobie und
Depressionen hätte.
Nach meinem Gespräch fragte ich mich, wie es sein würde, wenn ich bis
jetzt doch noch Kopftuch getragen hatte und es nicht ausgezogen hätte.
Wäre ich dann noch mit meinen alten besten Freundinnen befreundet?
Hätte ich trotzdem meine Sozial Phobie und die Depressionen? Kann es
sein, dass man passiv bleibt, nichts tun darf, sich nicht so zu zeigen, wie
man sein möchte? Hat mein offener Umgang damit zu dem Hass gegen
mich geführt? Warum? Offensichtlich haben mich meine Freundinnen nicht
verstanden. Das hätte mir weitergeholfen. Hat mir die Offenheit zu den
Lehrern geholfen?
Ein Jahr später bereue ich einiges aus meiner Vergangenheit und mein
altes Ich tut mir nun sehr leid. Ich würde gerne durch die Zeit reisen,
meinem alten Ich eine Umarmung geben und sagen, dass es ein Recht
hatte, traurig zu sein und es niemals seine Schuld war. Ich habe immer
5
noch Schwierigkeiten mit dem, was passiert ist. Heute trage ich meine
Maske – wegen Corona, habe so aber einen Schutzmechanismus
aufgebaut. Vielleicht auch eine Art von Verhüllung.
Ich hoffe, dass meine Geschichte zeigt, wie sich eine Person fühlt, die mit
Hassbotschaften konfrontiert wird und versucht Lösungen zu finden. Was
ich nicht so schnell wieder aufgeben werde, sind meine Versuche gegen
Hate Speech anzukämpfen. Hate Speech, vor allem über soziale
Netzwerke, kann einen Menschen sehr kränken und ihn in Situationen
bringen, in denen keiner sein möchte. Gerade die anonymen Nachrichten
aus dem Internet setzen einem zu. Sie lassen keine offene Diskussion zu.
Egal, ob Frauen ein Kopftuch tragen oder nicht, beides hat mir als Türkin,
wobei ich die deutsche Staatsangehörigkeit habe, schließlich
Schwierigkeiten bereitet. Sowohl das Verhalten türkischer junger Männer,
die ein konservativen, traditionellen Frauenbild haben, als auch das
mancher türkischer Frauen, die zum Teil auch noch von Einstellungen der
älteren Generation geprägt sind, haben mich erschreckt. Aber auch das
Feindbild vieler Deutschen gegenüber türkischen Frauen, die ein Kopftuch
tragen, schafft Vorurteile. Ich denke überall in Europa - nicht nur in
Deutschland - leiden Mädchen und Frauen darunter. Und überall ermöglicht
das Netz Hate Speech und macht es noch leichter versteckt hinter
anonymen Profilen zu hetzen.
Sicherheit im Netz und Vorgehensweisen gegen solche, die dort Hass
schüren, werden immer wichtiger. Möglichkeiten der Polizei, dagegen
vorzugehen, helfen. Aber letztendlich ist es am wichtigsten, was in den
Köpfen vorgeht. Entscheidend ist für mich der Respekt vor dem anderen.

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3-3_besteArbeit_Dönmetz

  • 1. 3 – 3 Netiquette im Netz Ceyda Dönmetz Karmeliter Realschule plus
  • 2. 1 Mein Kopftuch „Du wirst in die Hölle kommen!“ - „Schämst du dich nicht ?!“ - „Ekelhafte.“ Der erste Schultag in der neunten Klasse war nicht so, wie ich ihn mir vorgestellt hatte. Stolz war ich am Anfang sehr, da ich davon überzeugt war, viele Komplimente wegen meines neuen Aussehens zu bekommen. Dieser Stolz war so schnell vergangen, wie er anfangs auch da war, als ich gesehen hatte, wie mich viele meiner Mitschüler ansahen. Viele sahen geschockt aus, als sie mich zum ersten Mal nach zwei Jahren Kopftuch wieder meine schulterlangen braunen Haare gesehen hatten, die ich mir extra den Tag zuvor zu zwei Zöpfen flechten ließ. Manche sahen mich glücklich an, viele aber auch angeekelt. Schon nach der ersten Pause an diesem Tag hatten viele Schüler - zum Großteil die männlichen Schüler- meiner Schule ihren Respekt mir gegenüber als Mensch verloren und schauten mich mit hasserfüllten Blicken an. Erstaunlicher Weise waren da auch viele Mädchen, die mich angewidert anschauten und hinter meinem Rücken über mich redeten. In der Klasse wurde ich von jedem Lehrer nach dem Unterricht nach vorne gerufen, damit sie mich erstmal ausfragen konnten. „Wurdest du gezwungen?“, „Bist du noch religiös?“, „Was sagen deine Eltern dazu?“, „Wie fühlst du dich?“ und noch tausende andere Fragen. Im Laufe der Woche wurden mir viele schreckliche Beleidigungen hinterhergerufen, die mich bis heute immer noch kränken. Mir wurde auf meinen Sozialen Netzwerken geschrieben, dass ich eine Schande sei, dass ich verrecken solle und dass ich gottlos sei. Natürlich habe ich auch viele Komplimente bekommen, aber schließlich blieben die Beleidigungen länger im Kopf als die Komplimente. Monatelang wurde ich verbal runtergemacht, habe es aber aus Scham keinem gesagt. Monatelang konnte ich nachts nicht schlafen, einfach weil ich keine Lust auf die Schule hatte, noch weniger Lust hatte ich darauf, die Gesichter meiner Mitschüler zu sehen. Es wurde mir zur Gewohnheit eine Krankheit vorzuspielen, um nach Hause gehen zu können, wenn die Schule und der Druck mal zu groß wurden.
  • 3. 2 Meine damaligen besten Freundinnen distanzierten sich nach einer Weile von mir, da sie meinten, ich sei eine komplett andere Person und ich wäre nicht die Ceyda, die sie kannten. Mir wurde vorgeworfen, dass ich eine Schlampe sei, mich an vergebene Jungs ranmachen würde, eingebildet geworden sei und noch vieles mehr. Also taten sie das, was mich am meisten verletzte, alle drei schrien mich vor dem ganzen Schulhof an, es war mir so peinlich und ich war sauer auf mich selbst, da ich nichts sagen konnte. Ich stand mit glasigen Augen vor meinen ehemaligen Freundinnen und fragte sie, ob sie noch was zu sagen hätten, da ich sonst gehen würde. In dem Moment kam ich mir so verarscht vor, weil sie wussten, dass es meine größte Angst war, vor Leuten erniedrigt zu werden. In dem Moment konnte ich meine ehemaligen besten Freundinnen nicht mehr wieder erkennen. Es hat sich so angefühlt, als würde die ganze Aufmerksamkeit auf mir liegen, also habe ich mir nicht erlaubt zu weinen, noch nicht. Nachdem die Pause zu Ende war und wir zurück zur Klasse mussten, hielt ich es nicht mehr aus, fragte, ob ich an die frische Luft darf und mich heulte mich aus. Dabei war ich. als ich mich dazu entschloss das Kopftuch abzunehmen, so glücklich, da ich dachte, ich könnte jetzt mein wahres Ich sein, ich müsste nichts mehr vorspielen. Ich fühlte mich endlich wieder wohl, seitdem ich das Kopftuch getragen hatte. Vor vier Jahren entschied ich mich dafür ein Kopftuch anzuziehen. Ich war davon überzeugt und es ging mir recht gut, am Anfang wenigstens. Nachdem es dann mit Beleidigungen anfing, war es natürlich unglaublich schwer, mich im Kopftuch wohlzufühlen. Auch da erntete ich Hass. So sehr ich es am Anfang liebte, wie ich aussah, was ich damit zeigte, am Ende schämte ich mich nur, weil viele Reaktionen negativ waren. Die Leute in meiner Umgebung wollten mich nicht akzeptieren. Nicht nur Schüler sahen mich seltsam an, viele Erwachsene haben mich auch abwertend angeschaut und haben mir oft auch sehr verstörende Sachen hinterhergeschrien, zum Beispiel wurde mir und meiner Mutter mal beim Einkaufen von einer Frau gesagt, dass wir zurück in unser Land sollen, wir sollten bombardiert werden. Ich weiß es hört sich verrückt an und in dem Moment kam es mir als erstes auch so vor, als wäre es ein Witz. Aber die Frau meinte es todernst.
  • 4. 3 Mit dem Kopftuch fühlte ich mich nicht mehr wohl. Meine Eltern machten mir keine Vorgaben. Die ersten Personen, denen ich erzählt hatte, dass ich mein Kopftuch ausziehen wollte, waren meine Schwestern, erst hat mir keiner geglaubt, weil ich ja so glücklich war als ich mein Kopftuch trug, doch als ich es dann auch meinen Eltern sagte wurde die Sache schon realer. Ich hatte sehr großes Glück, dass meine Familie so stark hinter mir stand. Ich konnte tuen, was ich für richtig hielt. Ich erwartete das auch von meinen Mitschülern, als damals mit der 9. Klasse wieder ohne Kopftuch in die Schule ging. Ich hoffte, dass jeder vergessen würde, dass ich überhaupt mal ein Kopftuch getragen hatte. Ich wollte nicht mehr wegen meines Kopftuchs die Lachnummer sein, sondern eine Schülerin wie jede andere, nicht mehr und auch nicht weniger. Mit diesen Reaktionen, mich jetzt so zu beleidigen, mich übers Internet zu bedrohen – das kann ich nicht vergessen, was mit mir gemacht wurde und wie sehr ich an all dem Hass und an all den Beleidigungen litt. Ich leide bis heute noch an den Konsequenzen der Beleidigungen und den Nachrichten, die von einem anonymen Account zugeschickt wurden. Die Leute, die mir solche grausamen Nachrichten schickten, versteckten sich hinter ihrem Bildschirm. Am Anfang ist mir nicht so sehr aufgefallen, dass ich noch immer so betroffen von der ganzen Sache war, aber kurz danach merkte ich, dass ich sehr starke Stimmungsschwankungen hatte, In einem Moment sehr glücklich, brach aber im nächsten zusammen. Zu sehr habe ich mich jedoch geschämt, es jemanden zu sagen. Eines Tages bin ich zu meinem Vertrauenslehrer und habe im alles erzählt, wie es mir ging, warum ich mich so fühlte und fragte ihn dann nach Hilfe. Als ich es dann nicht mehr aushielt und mich nicht mehr diskriminieren lassen wollte, tat ich etwas, was mich heute noch selbst wundert. Ich stellte mich in einer Konferenz vor all meine Lehrer und fing an zu erzählen, was mir angetan wurde. Dieser Tag ist mir, wie ins Gedächtnis gebrannt worden, ich werde ihn nie vergessen. Ich wollte gegen Hate-Speech vorgehen. Ich wollte, dass alle wissen, was sich hinter den Kulissen in der Schule abspielt. Ich hatte meine Haare offengelassen, ein strahlendes Schwarz, hatte einen grauen Rollkragen an und drüber ein Def Leppard T-Shirt und eine Camouflage Hose. Mein Blick war ernst, ich war aufgeregt, ich wollte nicht mehr geärgert werden. An diesem Tag erzählte ich alles, ich schämte mich
  • 5. 4 sehr, weinte, doch ich wollte keine Sympathie, kein Mitleid, ich wollte nur von allen in Ruhe gelassen werden, keine Hasskommentare. Dass in der Schule solche Dinge passieren und vor allem türkische Schüler aber auch Schülerinnen so auf das Wegnehmen des Kopftuchs reagierten, konnten sie sich kaum vorstellen. Am darauffolgenden Tag wurde fast mit jeder Klasse geredet und wenn jemand nochmal so beleidigt wurde, wie ich zuvor, würden Kinder aus der Schule fliegen und es folgten Konsequenzen. Obwohl ich von außen eine sehr selbstbewusste und starke Person war und bin, war ich von innen zerbrechlich und traurig. Ich war hilflos, meine Seele litt und ich wusste nicht, wie ich damit umgehen sollte. Die Aussprache in der Schule half mir nur begrenzt. Mir wurde vorgeschlagen einen Therapeuten zu besuchen, was ich dann auch tat. Erst wollte ich meinen Eltern nicht sagen, dass ich das vorhabe, weil ich ihnen keine Sorgen machen wollte, dann sagte ich es ihnen dann aber trotzdem. Meine Eltern waren dafür, dass ich gehe und mir die Hilfe suche, die ich damals brauchte. Das erleichterte mich sehr, meine Eltern hätten wirklich nicht besser reagieren können. Der erste Termin bei der Therapeutin war sehr schwer für mich, da ich mich wieder an alles erinnern musste, was ich in der Vergangenheit lassen wollte. Ich riss die Pflaster alter Wunden auf, seien es die Beleidigungen, die kaputten Freundschaften oder gemeine Menschen, die ich lieber zu gelassen hätte. Mir wurde gesagt, dass ich eine milde soziale Phobie und Depressionen hätte. Nach meinem Gespräch fragte ich mich, wie es sein würde, wenn ich bis jetzt doch noch Kopftuch getragen hatte und es nicht ausgezogen hätte. Wäre ich dann noch mit meinen alten besten Freundinnen befreundet? Hätte ich trotzdem meine Sozial Phobie und die Depressionen? Kann es sein, dass man passiv bleibt, nichts tun darf, sich nicht so zu zeigen, wie man sein möchte? Hat mein offener Umgang damit zu dem Hass gegen mich geführt? Warum? Offensichtlich haben mich meine Freundinnen nicht verstanden. Das hätte mir weitergeholfen. Hat mir die Offenheit zu den Lehrern geholfen? Ein Jahr später bereue ich einiges aus meiner Vergangenheit und mein altes Ich tut mir nun sehr leid. Ich würde gerne durch die Zeit reisen, meinem alten Ich eine Umarmung geben und sagen, dass es ein Recht hatte, traurig zu sein und es niemals seine Schuld war. Ich habe immer
  • 6. 5 noch Schwierigkeiten mit dem, was passiert ist. Heute trage ich meine Maske – wegen Corona, habe so aber einen Schutzmechanismus aufgebaut. Vielleicht auch eine Art von Verhüllung. Ich hoffe, dass meine Geschichte zeigt, wie sich eine Person fühlt, die mit Hassbotschaften konfrontiert wird und versucht Lösungen zu finden. Was ich nicht so schnell wieder aufgeben werde, sind meine Versuche gegen Hate Speech anzukämpfen. Hate Speech, vor allem über soziale Netzwerke, kann einen Menschen sehr kränken und ihn in Situationen bringen, in denen keiner sein möchte. Gerade die anonymen Nachrichten aus dem Internet setzen einem zu. Sie lassen keine offene Diskussion zu. Egal, ob Frauen ein Kopftuch tragen oder nicht, beides hat mir als Türkin, wobei ich die deutsche Staatsangehörigkeit habe, schließlich Schwierigkeiten bereitet. Sowohl das Verhalten türkischer junger Männer, die ein konservativen, traditionellen Frauenbild haben, als auch das mancher türkischer Frauen, die zum Teil auch noch von Einstellungen der älteren Generation geprägt sind, haben mich erschreckt. Aber auch das Feindbild vieler Deutschen gegenüber türkischen Frauen, die ein Kopftuch tragen, schafft Vorurteile. Ich denke überall in Europa - nicht nur in Deutschland - leiden Mädchen und Frauen darunter. Und überall ermöglicht das Netz Hate Speech und macht es noch leichter versteckt hinter anonymen Profilen zu hetzen. Sicherheit im Netz und Vorgehensweisen gegen solche, die dort Hass schüren, werden immer wichtiger. Möglichkeiten der Polizei, dagegen vorzugehen, helfen. Aber letztendlich ist es am wichtigsten, was in den Köpfen vorgeht. Entscheidend ist für mich der Respekt vor dem anderen.