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Die falsche Lust am Profiling
oder warum die Suche nach der Amokpersönlichkeit in die Irre führt
Abends ist mit Dunkelheit zu rechnen
28.11.2013 pf – Die Ergebnisse der Analysen einer Studie auf der Basis von 21 Amoktaten
in Deutschland sind ernüchternd, zeigen aber auch eindrucksvoll das dahinterstehende
Dilemma für investigative Psychologen auf!
Denn was charakterisiert laut SPIEGEL die Täter?
 Sie haben Probleme im Elternhaus und eine schwierige Kindheit gehabt.
 Sie haben exzessiv Egoshooter gespielt.
 Sie haben sich in Schule und Umfeld als sozial zurückgesetzt und wenig wertgeschätzt
erlebt.
 Es hat eine Leidenschaft für Waffen gegeben.
 Man konnte Suizid- und Gewaltgedanken erkennen.
 Es gibt – manchmal – Indizien für Persönlichkeitsstörungen.
 In der Tatausführung tragen außergewöhnlich viele Täter schwarze Kleidung.
Der Blick auf die auf die vermeintlich klaren biographischen Signale aus der Rückschau
verstellt jedoch mehr, als dass er Klarheit schaffen würde, denn die schwarze Kleidung
während der Tatausführung ist eine kulturelle Chiffre, die in der Berichterstattung griffige
Metaphern vom Rachegott bis zum Spiel mit der Nazi-Faszination produziert, aber für die
Prävention nahezu wertlos ist, außer man ist am Generalverdacht gegenüber Gothic und
jugendlichen Subkulturen interessiert.
Wenn jeder Jugendliche mit schwieriger Kindheit, Gewaltphantasien und Computerspieler-
fahrung zum Amokläufer würde, dann hätten wir wirklich ein Problem!
Anders gesagt: für die Prävention ist der Beta-Fehler, also die fälschlich richtige Zuordnung
zu einer Risikogruppe, bei den Amoktaten das gravierende Problem. Wenn ich neben dem
echten Täter im Vorhinein auch noch 19 andere dazurechne, produziert mein Vorgehen,
vorsichtig formuliert, „schwierige“ Ergebnisse.
Bleiben Suizid- und Gewaltgedanken und die Vernarrtheit in Waffen. Wenn man sich auf
den wirklich kritischen Engpass konzentriert, heißt das aber einerseits, Lehrer und Betreuer
müssen zuhören und als Ansprechpartner akzeptiert sein und andererseits, ich muss den
Zugang zu Waffen und Munition reglementieren und restriktiv gestalten, um einen Großteil
der Schwierigkeiten zu umgehen. Wir sprechen also tatsächlich über Schulsozialarbeit und
Waffengesetzte, nicht über „Täterpsychologie“.
Richtig reagieren, aber nicht über-reagieren
Und schließlich kommt noch ein Faktor ins Spiel, der bei einer zu frühen Fokussierung auf
die Täterpersönlichkeit völlig unter den Tisch fällt: Medienwirkung!
Denn wir wissen aus der empirischen Medienforschung sehr genau, dass Amoktaten Amok-
taten nach sich ziehen, also wäre wahrscheinlich für Evidenzbasierte Amokprävention mehr
getan, wenn weniger berichtet würde (was in offenen Gesellschaften wahrscheinlich nicht
funktioniert) oder wenn man nach einer Tat und unter Berücksichtigung von Drohungen
und Risikoanalysen für die je eigene Schule zwei Tage Unterrichtsausfall hinnähme, als in
hysterischer Betroffenheitsgeste Risikoschüler zu identifizieren.
Mir ist dazu nach wie vor ein 13-Jähriger gut in Erinnerung geblieben, der dabei erwischt
worden war, als er im Klassenraum „I kill you all“ an die Tafel geschrieben hatte. Da gab es
kein Gespräch mit Eltern oder Vertrauenslehrer, sondern sofort die ganz große Keule: stati-
onäre Kinder- und Jugendpsychiatrie. Fremd- und Selbstgefährdung etc.
Um das klar zu sagen: nicht die KiJu war in diesem Fall das Problem – die Kolleginnen dort
haben einen sehr guten Job gemacht –, aber die völlige Unfähigkeit des „Systems Schule“,
angemessen auf das Signal des Schülers zu reagieren.
„Die Jünger von Littleton“
So ist in der Ausgabe 48/2013
des SPIEGELS ein Beitrag über-
schrieben, der eine aktuelle
Studie der Gießener Krimino-
login Britta Bannenberg zum
Thema macht. Die Leitfrage
heißt: was kennzeichnet ju-
gendliche Amokläufer und
wie lässt sich eine solche Tat
im Vorhinein erkennen?
Meine Befürchtung ist, dass der voreilige Blick auf die vermeintlich klare „Amokpersönlich-
keit“ in Wahrheit von systematischer und damit wirksamer Prävention ablenkt:
 Wird frühzeitig auf „schwierige Schüler“ zugegangen (als Betreuung und Hilfe, nicht als
Amokprävention)?
 Werden Drohungen systematisch ausgewertet und dokumentiert (als weder hysterisch
überreagiert, noch der Reflex, „anonyme Schreiben nehmen wir nicht ernst und werfen
sie deshalb ohne Analyse einfach weg“)?
Bei der systematischen Prävention, für die unterschiedliche Bausteine ineinander greifen,
dürften die meisten Effekte zu erzielen sein. Und, da ist Bannenberg ausdrücklich zuzu-
stimmen: solange Schulleiter und Lehrer allein bei der Erwähnung des Amok-Risikos bereits
in Schockstarre und Verleugnung verfallen, werden wir auf dieser Ebene nicht weiter kom-
men!
Der Blick nach draußen: was wissen wir in einer überge-
ordneten Perspektive über Amoktäter?
Die wenigen systematischen Studien zum Thema, wie etwa die Forschungsarbeiten des US-
Psychologen Peter Langman (z.B. Rampage School Shooters: a Typology, in: Aggression and
Violent Behavior 14 (2009), S. 79–86) erlauben tatsächlich eine gewisse Differenzierung
von Tätertypen.
So unterscheidet Langman in einer Post-hoc psychologischen Diagnose von 10 Schul-Amok-
Tätern vorläufig drei Typen: psychotische, traumatisierte und psychopathische Täter, also
solche mit einer Persönlichkeitsstörung:
Dabei zählen (angesichts der kleinen Stichprobe mit Vorsicht zu interpretieren) die Täter mit
einer Persönlichkeitsstörung zur kleinsten Gruppe, allerdings mit dem Potential, besonders
schwere Wirkung zu entfalten, indem sie weitere Mittäter anstiften: “Though it might seem
logical to think that mass murderers are psychopaths, most of the school shooters in this
study were not psychopathic. In addition to their psychopathic personalities, the two shoot-
ers in this category came from families with long histories of legal firearms use, and both
boys were obsessed with weapons. They also both recruited peers to support them in their
attacks.”
Für die Prävention am wichtigsten dürfte die Gruppe der psychotisch Auffälligen sein. Hier
anzusetzen, macht für viele Schul-bezogene Amokpräventions-Programme tatsächlich Sinn,
obwohl ohne entsprechende Verstärkung von Hilfsangeboten oder einen Ausbau der schul-
psychologischen Dienste leicht der Eindruck entstehen kann, hier gehe es darum, eine bloß
scheinbare Sicherheit zu erzielen, denn die Fälle der Vergangenheit zeigen ja gerade, daß
selbst Täter, die bereits in psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung waren,
dennoch nicht von der Ausführung ihrer Tat abgehalten werden konnten: “Among the psy-
chotic shooters, the most common psychotic symptom was paranoia. All the psychotic
shooters experienced some level of paranoid thinking. Other symptoms, such as grandiose
delusions, auditory hallucinations, and disorganized thoughts, occurred in several of the
psychotic shooters. In addition to their psychotic features, the shooters in this category had
higher-functioning siblings, which left them feeling like failures within their families. They
also had several features that are associated with violence among schizophrenics: they
were male, had early onsets of psychotic symptoms, engaged in substance abuse, and did
not take antipsychotic medications.”
Die dritte Gruppe, die Langman skizziert, die sog. traumatisierten Täter, zeigt eine weitere
wichtige Facette auf. Denn bei ihnen wird deutlich, welche zerstörerische Dynamik im Zu-
sammenwirken eines psychopathischen “Antreibers” und eines traumatisierten “Mittäters”
in einer Amok-Situation entstehen kann: “The traumatized shooters shared two key factors
that differentiate them from other traumatized children. First, they had father-figures who
engaged in the illegal use of firearms. In fact, two of the three boys had fathers in armed
stand-offs with police. The fathers may have served as role models for public rampages with
firearms. Second, all three traumatized shooters had peer support for the attacks. In each
case, friends of the perpetrators were arrested for their roles in encouraging the shooters.”
Entweder sind diese Täter bisher so in Deutschland noch nicht in Erscheinung getreten oder
wir sehen hier einen blinden Fleck unserer Amok-Diskussion: welche soziale Dynamik ent-
faltet sich im Vorfeld von Amokfällen zwischen Tätern und „Antreibern“?
SECURITY. INTELLIGENCE. STRATEGY.
Geiselgasteigstr. 122 Tel. +49 89 4114717-00 info@proteus-secur.de
81545 München, Germany Fax +49 89 4114717-99 www.proteus-secur.de
Ihr Ansprechpartner:
Dr. Pantaleon Fassbender
Tel.: +49 89 4114717-00
pantaleon.fassbender@proteus-secur.de
Dr. Pantaleon Fassbender ist
Führungskräfteentwickler/Coach
und Experte für investigative
Psychologie. Nach Promotion und
wissenschaftlicher Tätigkeit ist er
seit fast 20 Jahren als Unterneh-
mensberater und psychologischer
Krisenmanager für nationale und
internationale Unternehmen tätig.
In der Proteus Secur GmbH ist er
verantwortlich für die Felder
Investigative Psychologie und die
psychologische Beratung von
Krisenstäben.

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  • 2. Meine Befürchtung ist, dass der voreilige Blick auf die vermeintlich klare „Amokpersönlich- keit“ in Wahrheit von systematischer und damit wirksamer Prävention ablenkt:  Wird frühzeitig auf „schwierige Schüler“ zugegangen (als Betreuung und Hilfe, nicht als Amokprävention)?  Werden Drohungen systematisch ausgewertet und dokumentiert (als weder hysterisch überreagiert, noch der Reflex, „anonyme Schreiben nehmen wir nicht ernst und werfen sie deshalb ohne Analyse einfach weg“)? Bei der systematischen Prävention, für die unterschiedliche Bausteine ineinander greifen, dürften die meisten Effekte zu erzielen sein. Und, da ist Bannenberg ausdrücklich zuzu- stimmen: solange Schulleiter und Lehrer allein bei der Erwähnung des Amok-Risikos bereits in Schockstarre und Verleugnung verfallen, werden wir auf dieser Ebene nicht weiter kom- men! Der Blick nach draußen: was wissen wir in einer überge- ordneten Perspektive über Amoktäter? Die wenigen systematischen Studien zum Thema, wie etwa die Forschungsarbeiten des US- Psychologen Peter Langman (z.B. Rampage School Shooters: a Typology, in: Aggression and Violent Behavior 14 (2009), S. 79–86) erlauben tatsächlich eine gewisse Differenzierung von Tätertypen. So unterscheidet Langman in einer Post-hoc psychologischen Diagnose von 10 Schul-Amok- Tätern vorläufig drei Typen: psychotische, traumatisierte und psychopathische Täter, also solche mit einer Persönlichkeitsstörung: Dabei zählen (angesichts der kleinen Stichprobe mit Vorsicht zu interpretieren) die Täter mit einer Persönlichkeitsstörung zur kleinsten Gruppe, allerdings mit dem Potential, besonders schwere Wirkung zu entfalten, indem sie weitere Mittäter anstiften: “Though it might seem logical to think that mass murderers are psychopaths, most of the school shooters in this study were not psychopathic. In addition to their psychopathic personalities, the two shoot- ers in this category came from families with long histories of legal firearms use, and both boys were obsessed with weapons. They also both recruited peers to support them in their attacks.” Für die Prävention am wichtigsten dürfte die Gruppe der psychotisch Auffälligen sein. Hier anzusetzen, macht für viele Schul-bezogene Amokpräventions-Programme tatsächlich Sinn, obwohl ohne entsprechende Verstärkung von Hilfsangeboten oder einen Ausbau der schul- psychologischen Dienste leicht der Eindruck entstehen kann, hier gehe es darum, eine bloß scheinbare Sicherheit zu erzielen, denn die Fälle der Vergangenheit zeigen ja gerade, daß selbst Täter, die bereits in psychotherapeutischer oder psychiatrischer Behandlung waren, dennoch nicht von der Ausführung ihrer Tat abgehalten werden konnten: “Among the psy- chotic shooters, the most common psychotic symptom was paranoia. All the psychotic shooters experienced some level of paranoid thinking. Other symptoms, such as grandiose delusions, auditory hallucinations, and disorganized thoughts, occurred in several of the psychotic shooters. In addition to their psychotic features, the shooters in this category had higher-functioning siblings, which left them feeling like failures within their families. They also had several features that are associated with violence among schizophrenics: they were male, had early onsets of psychotic symptoms, engaged in substance abuse, and did not take antipsychotic medications.” Die dritte Gruppe, die Langman skizziert, die sog. traumatisierten Täter, zeigt eine weitere wichtige Facette auf. Denn bei ihnen wird deutlich, welche zerstörerische Dynamik im Zu- sammenwirken eines psychopathischen “Antreibers” und eines traumatisierten “Mittäters” in einer Amok-Situation entstehen kann: “The traumatized shooters shared two key factors that differentiate them from other traumatized children. First, they had father-figures who engaged in the illegal use of firearms. In fact, two of the three boys had fathers in armed stand-offs with police. The fathers may have served as role models for public rampages with firearms. Second, all three traumatized shooters had peer support for the attacks. In each case, friends of the perpetrators were arrested for their roles in encouraging the shooters.” Entweder sind diese Täter bisher so in Deutschland noch nicht in Erscheinung getreten oder wir sehen hier einen blinden Fleck unserer Amok-Diskussion: welche soziale Dynamik ent- faltet sich im Vorfeld von Amokfällen zwischen Tätern und „Antreibern“? SECURITY. INTELLIGENCE. STRATEGY. Geiselgasteigstr. 122 Tel. +49 89 4114717-00 info@proteus-secur.de 81545 München, Germany Fax +49 89 4114717-99 www.proteus-secur.de Ihr Ansprechpartner: Dr. Pantaleon Fassbender Tel.: +49 89 4114717-00 pantaleon.fassbender@proteus-secur.de Dr. Pantaleon Fassbender ist Führungskräfteentwickler/Coach und Experte für investigative Psychologie. Nach Promotion und wissenschaftlicher Tätigkeit ist er seit fast 20 Jahren als Unterneh- mensberater und psychologischer Krisenmanager für nationale und internationale Unternehmen tätig. In der Proteus Secur GmbH ist er verantwortlich für die Felder Investigative Psychologie und die psychologische Beratung von Krisenstäben.