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Ästhetik  in der Architektur –  von der Antike bis zur Renaissance Bedeutungsgeschichte der Begriffe Harmonie Schönheit Ma ß Symmetrie Proportion
Ästhetik  in der Architektur Harmonie Griech. Mythologie:  Harmonia  ist die Tochter von  Ares  (Kriegs-gott, röm.  Mars ) und  Aphrodite  (Liebesgöttin, röm.  Venus ).    Vereinigung von Polaritäten zu einem geordneten Ganzen. Harmonia vermählt sich mit Kadmos (Kosmos) Harmonie      Kosmos     Entstehung der  Kultur P YTHAGORAS  von Samos (ca. 570–500 BC) und sein Orden: Die Verbindung von Harmonie und Kosmos geben Anlass zu einem umfassenden Weltbild. Die Harmonievorstellungen werden konkret gefasst als  Ordnungen von Zahlen und Proportionen .
A RISTOTELES  (384–322 BC) in seiner „Metaphysik“: „ Die sogenannten Pythagoräer … glaubten, die Prinzipien der Mathematik seien auch die Prinzipien allen Seins. Und da … die Zahlen aber die erste Sache der ganzen Natur waren, nahmen sie an, die Elemente der Zahlen seien die Elemente aller Dinge, und der ganze Himmel sei Harmonie und Zahl.“  Ästhetik  in der Architektur Pythagoras von Samos Skulptur am Portail Royal Kathedrale von Chartres (XII. Jh.)
Experimente am  Monochord  (einsaitiges Streich- oder Zupfinstrument)  die  musikalischen Intervalle  Oktave, Quinte und Quarte entsprechen schwingenden Saiten, deren Längen sich wie 1:2 (Oktave) ,  2:3 (Quinte)  und  3:4 (Quarte)  verhalten.  Pythagoräer: Entsprechung von Musik und Harmonie ( musikalische Harmonie ) ist Ausdruck der  Weltordnung . P LATON  (427–347 BC) stellt in „Politeia“ die Lehre von den  Sphärenharmonien  dar: Die wechselseitigen Entfernungen von Sonne, Mond und Planeten verhalten sich wie die Intervalle einer harmonischen Tonfolge.  Ästhetik  in der Architektur
Schönheit Platon  unterscheidet  mathematische  von  natürlicher  Schönheit. Die natürliche Schönheit ist  relativ , die mathematische ist  die Schönheit an sich . Die höchste Stufe der Wirklichkeit besteht aus den Urgestalten und Ideen. Die sinnlich erfahrbare Welt ist ein Schatten dieser Ideen (2. Stufe der Wirklichkeit). Kunst ist weitgehend Nachahmung der Schattenwelt (3. Stufe der Wirklichkeit). Architektonische Kunstwerke sind Ausdruck einer inneren Ordnung, benötigen Maße und Zahlen. Die wahre Schönheit ist in vollkommenen Zahlen und Proportionen enthalten. Ästhetik  in der Architektur
In Platons  Timaios : Idealzahlen der Tonleiter sowie  fünf „Platonische“ Körper: Tetraeder, Oktaeder, Hexaeder, Dodekaeder und Ikosaeder Ästhetik  in der Architektur
A RISTOTELES :  Architektur  ist Ausdruck einer mathematisch verwirklichten Schönheit; Ordnung, Symmetrie und Begrenzung sind eingeschlossen. Die  Kunst  hat schöpferischen Charakter; sie vollendet, was die Natur nicht zu vollenden vermag. Anerkennung eines  subjektiven Faktors : Auch die Sinne sind fähig, Schönes zu erkennen. Der auf Maß und Symmetrie beruhende Begriff des  Universal-Schönen  wird ergänzt durch den Begriff des  Anmutig-Schönen   ( Eurythmie ) . Ästhetik  in der Architektur
Der Römer V ITRUV  (Marcus Vitru-vius Pollio, 1. Jh. BC) schrieb die einzige aus der Antike überlieferte  Schönheitslehre  für die Baukunst. Bei Vitruv hat die  Eurythmie Vorrang vor der Symmetrie . Die Proportionierung kann nach Gesichtspunkten der Formeleganz abgeändert werden. Als dritter Aspekt der Schönheit kommt bei Vitruv der  decor  hinzu: das Anständige, Geziemende, Angemessene. Ästhetik  in der Architektur Titelseite von Vitruvs „ De architectura libri decem“ Ausgabe Venedig 1567
Der Architekt Leon Battista A LBERTI  leitete das Wesen der Architektur vom „ Weltgesetz der Concinnitas “ ab.  Dieses Gesetz hat „ die Aufgabe, Teile, welche sonst von Natur aus untereinander verschieden sind, nach einem gewissen durch-dachten Plane so anzuordnen, dass sie durch ihre Wechsel-wirkung einen schönen Anblick gewähren “. Alberti erweist sich als neuzeit-licher Vertreter der Lehren von Pythagoras und Platon. Ästhetik  in der Architektur Leon Battista Alberti (1404–1472) Statue in der Galerie der Uffizien Florenz
Das  Maß  steht im Zentrum eines weiten Bedeutungsfeldes: Rechtes Maß – Angemessenheit – Vermessenheit – Maßlosigkeit – Maßgebendes – Mäßiges – Gemessenheit – Übermaß – Messbarkeit – Vermessung … P ROTAGORAS  (Sophist, 5. Jh. BC):  „ Aller Dinge Maß ist der Mensch“   Umdeutung:  Der  „Mensch an sich“  verkörpert als höchstes Wesen der Schöpfung das Maß der kosmischen Ordnung. (Diese Vorstellung entspricht im jüdisch-christlichen Bereich der menschlichen Gott-Ebenbildlichkeit.)   Ästhetik  in der Architektur
Vitruv weist auf die Vorbildlichkeit des menschlichen Körpers für die Architektur (insbesondere für den Bau eines Tempels) hin: „… kein Tempel kann ohne Symmetrie und Proportion eine vernünftige Formgebung haben, wenn seine Glieder nicht in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, wie die Glieder eines wohlgeformten Menschen .“ Wie konkret ist das gemeint?   Ästhetik  in der Architektur
Kreis  und  Quadrat  sind sowohl Grundformen des Architektur-entwurfs als auch elementare Symbole kosmischer Harmonie. Vitruv: „ Liegt nämlich ein Mensch mit gespreizten Armen und Beinen auf dem Rücken, und setzt man die Zirkelspitze an der Stelle des Nabels ein und schlägt einen Kreis, dann werden von dem Kreis die Fingerspitzen beider Hände und die Zehenspitzen berührt.  Ebenso wie sich am Körper ein Kreis ergibt, wird sich auch die Figur des Quadrates an ihm finden. Wenn man nämlich von den Fußsohlen bis zum Scheitel Maß nimmt und wendet dieses Maß auf die ausgestreckten Hände an, so wird sich die gleiche Breite und Höhe ergeben, wie bei Flächen, die nach dem Winkelmaß quadratisch angelegt sind .“ Ästhetik  in der Architektur
Vitruvs Schlüsselschema der Menschenmaße wurde in der italienischen Renaissance immer wieder illustriert.  Für den damaligen Menschen stellte das dem Kreis und dem Quadrat einbeschriebene Menschenbild die Verbindung her zwischen der geistigen und der materiellen Welt. Ästhetik  in der Architektur Leonardo da Vinci: Proportionsschema der menschlichen Gestalt nach Vitruv (1485/90, Venedig, Galleria dell’Accademia)
Luca P ACIOLI  (1445–1514, Mathematiker und Franziskaner) fasste die Bedeutung der Vitruv‘schen Figur wie folgt zusammen: „…  weil sich vom menschlichen Körper alle Maße und ihre Beziehungen ableiten und in ihm alle Zahlenverhältnisse und Maßbeziehungen zu finden sind, durch welche Gott die tiefsten Geheimnisse der Natur enthüllt,  …  proportionierten die Alten alle ihre Werke, besonders die Tempel, im Einklang damit. Denn im Menschenleib fanden sie die beiden Hauptfiguren, ohne welche kein Kunstwerk gelingen kann, nämlich den vollkommenen Kreis und das Quadrat .“ Ästhetik  in der Architektur

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äSthetik Architektur

  • 1. Ästhetik in der Architektur – von der Antike bis zur Renaissance Bedeutungsgeschichte der Begriffe Harmonie Schönheit Ma ß Symmetrie Proportion
  • 2. Ästhetik in der Architektur Harmonie Griech. Mythologie: Harmonia ist die Tochter von Ares (Kriegs-gott, röm. Mars ) und Aphrodite (Liebesgöttin, röm. Venus ).  Vereinigung von Polaritäten zu einem geordneten Ganzen. Harmonia vermählt sich mit Kadmos (Kosmos) Harmonie  Kosmos  Entstehung der Kultur P YTHAGORAS von Samos (ca. 570–500 BC) und sein Orden: Die Verbindung von Harmonie und Kosmos geben Anlass zu einem umfassenden Weltbild. Die Harmonievorstellungen werden konkret gefasst als Ordnungen von Zahlen und Proportionen .
  • 3. A RISTOTELES (384–322 BC) in seiner „Metaphysik“: „ Die sogenannten Pythagoräer … glaubten, die Prinzipien der Mathematik seien auch die Prinzipien allen Seins. Und da … die Zahlen aber die erste Sache der ganzen Natur waren, nahmen sie an, die Elemente der Zahlen seien die Elemente aller Dinge, und der ganze Himmel sei Harmonie und Zahl.“ Ästhetik in der Architektur Pythagoras von Samos Skulptur am Portail Royal Kathedrale von Chartres (XII. Jh.)
  • 4. Experimente am Monochord (einsaitiges Streich- oder Zupfinstrument) die musikalischen Intervalle Oktave, Quinte und Quarte entsprechen schwingenden Saiten, deren Längen sich wie 1:2 (Oktave) , 2:3 (Quinte) und 3:4 (Quarte) verhalten. Pythagoräer: Entsprechung von Musik und Harmonie ( musikalische Harmonie ) ist Ausdruck der Weltordnung . P LATON (427–347 BC) stellt in „Politeia“ die Lehre von den Sphärenharmonien dar: Die wechselseitigen Entfernungen von Sonne, Mond und Planeten verhalten sich wie die Intervalle einer harmonischen Tonfolge. Ästhetik in der Architektur
  • 5. Schönheit Platon unterscheidet mathematische von natürlicher Schönheit. Die natürliche Schönheit ist relativ , die mathematische ist die Schönheit an sich . Die höchste Stufe der Wirklichkeit besteht aus den Urgestalten und Ideen. Die sinnlich erfahrbare Welt ist ein Schatten dieser Ideen (2. Stufe der Wirklichkeit). Kunst ist weitgehend Nachahmung der Schattenwelt (3. Stufe der Wirklichkeit). Architektonische Kunstwerke sind Ausdruck einer inneren Ordnung, benötigen Maße und Zahlen. Die wahre Schönheit ist in vollkommenen Zahlen und Proportionen enthalten. Ästhetik in der Architektur
  • 6. In Platons Timaios : Idealzahlen der Tonleiter sowie fünf „Platonische“ Körper: Tetraeder, Oktaeder, Hexaeder, Dodekaeder und Ikosaeder Ästhetik in der Architektur
  • 7. A RISTOTELES : Architektur ist Ausdruck einer mathematisch verwirklichten Schönheit; Ordnung, Symmetrie und Begrenzung sind eingeschlossen. Die Kunst hat schöpferischen Charakter; sie vollendet, was die Natur nicht zu vollenden vermag. Anerkennung eines subjektiven Faktors : Auch die Sinne sind fähig, Schönes zu erkennen. Der auf Maß und Symmetrie beruhende Begriff des Universal-Schönen wird ergänzt durch den Begriff des Anmutig-Schönen ( Eurythmie ) . Ästhetik in der Architektur
  • 8. Der Römer V ITRUV (Marcus Vitru-vius Pollio, 1. Jh. BC) schrieb die einzige aus der Antike überlieferte Schönheitslehre für die Baukunst. Bei Vitruv hat die Eurythmie Vorrang vor der Symmetrie . Die Proportionierung kann nach Gesichtspunkten der Formeleganz abgeändert werden. Als dritter Aspekt der Schönheit kommt bei Vitruv der decor hinzu: das Anständige, Geziemende, Angemessene. Ästhetik in der Architektur Titelseite von Vitruvs „ De architectura libri decem“ Ausgabe Venedig 1567
  • 9. Der Architekt Leon Battista A LBERTI leitete das Wesen der Architektur vom „ Weltgesetz der Concinnitas “ ab. Dieses Gesetz hat „ die Aufgabe, Teile, welche sonst von Natur aus untereinander verschieden sind, nach einem gewissen durch-dachten Plane so anzuordnen, dass sie durch ihre Wechsel-wirkung einen schönen Anblick gewähren “. Alberti erweist sich als neuzeit-licher Vertreter der Lehren von Pythagoras und Platon. Ästhetik in der Architektur Leon Battista Alberti (1404–1472) Statue in der Galerie der Uffizien Florenz
  • 10. Das Maß steht im Zentrum eines weiten Bedeutungsfeldes: Rechtes Maß – Angemessenheit – Vermessenheit – Maßlosigkeit – Maßgebendes – Mäßiges – Gemessenheit – Übermaß – Messbarkeit – Vermessung … P ROTAGORAS (Sophist, 5. Jh. BC): „ Aller Dinge Maß ist der Mensch“ Umdeutung: Der „Mensch an sich“ verkörpert als höchstes Wesen der Schöpfung das Maß der kosmischen Ordnung. (Diese Vorstellung entspricht im jüdisch-christlichen Bereich der menschlichen Gott-Ebenbildlichkeit.) Ästhetik in der Architektur
  • 11. Vitruv weist auf die Vorbildlichkeit des menschlichen Körpers für die Architektur (insbesondere für den Bau eines Tempels) hin: „… kein Tempel kann ohne Symmetrie und Proportion eine vernünftige Formgebung haben, wenn seine Glieder nicht in einem bestimmten Verhältnis zueinander stehen, wie die Glieder eines wohlgeformten Menschen .“ Wie konkret ist das gemeint? Ästhetik in der Architektur
  • 12. Kreis und Quadrat sind sowohl Grundformen des Architektur-entwurfs als auch elementare Symbole kosmischer Harmonie. Vitruv: „ Liegt nämlich ein Mensch mit gespreizten Armen und Beinen auf dem Rücken, und setzt man die Zirkelspitze an der Stelle des Nabels ein und schlägt einen Kreis, dann werden von dem Kreis die Fingerspitzen beider Hände und die Zehenspitzen berührt. Ebenso wie sich am Körper ein Kreis ergibt, wird sich auch die Figur des Quadrates an ihm finden. Wenn man nämlich von den Fußsohlen bis zum Scheitel Maß nimmt und wendet dieses Maß auf die ausgestreckten Hände an, so wird sich die gleiche Breite und Höhe ergeben, wie bei Flächen, die nach dem Winkelmaß quadratisch angelegt sind .“ Ästhetik in der Architektur
  • 13. Vitruvs Schlüsselschema der Menschenmaße wurde in der italienischen Renaissance immer wieder illustriert. Für den damaligen Menschen stellte das dem Kreis und dem Quadrat einbeschriebene Menschenbild die Verbindung her zwischen der geistigen und der materiellen Welt. Ästhetik in der Architektur Leonardo da Vinci: Proportionsschema der menschlichen Gestalt nach Vitruv (1485/90, Venedig, Galleria dell’Accademia)
  • 14. Luca P ACIOLI (1445–1514, Mathematiker und Franziskaner) fasste die Bedeutung der Vitruv‘schen Figur wie folgt zusammen: „… weil sich vom menschlichen Körper alle Maße und ihre Beziehungen ableiten und in ihm alle Zahlenverhältnisse und Maßbeziehungen zu finden sind, durch welche Gott die tiefsten Geheimnisse der Natur enthüllt, … proportionierten die Alten alle ihre Werke, besonders die Tempel, im Einklang damit. Denn im Menschenleib fanden sie die beiden Hauptfiguren, ohne welche kein Kunstwerk gelingen kann, nämlich den vollkommenen Kreis und das Quadrat .“ Ästhetik in der Architektur