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18 | Mittwoch, den 7. August 2019 Im Fokus | | Im Fokus Mittwoch, den 7. August 2019 | 19
Gefühlswelten Gefühlswelten
Am Kap des nackten Entsetzens
Eines der intensivsten Gefühle überhaupt ist die Angst: Warum wir sie brauchen und wann wir auf sie pfeifen
Von Sophia Schülke
Blut? Ja, reichlich. Schreie? Klar, und
bitte schön schrill. Abgetrennte Glied-
maßen? Natürlich, immer rein damit.
Wer daheim den Rollladen runterlässt
und einen Horrorfilm anwählt, will
nichts anderes als sich richtig schön
gruseln. Will sich erwartungsfroh er-
schrecken, um sich danach bei ange-
schaltetem Licht pfeifend ins Schlaf-
zimmer zu tasten.
Der liebende Familienvater, der
durchdreht und Frau und Sohn mit ei-
ner Axt zerhacken will oder das un-
scheinbare Muttersöhnchen, das die
Blondine mit dem Messer unter der
Hoteldusche abschlachtet: Filmfans
streiten immer wieder gern aufs Neue,
welcher Horrorfilm ihnen den größ-
ten Schauder einjagt. Sei es nun „The
Shining“ oder „Psycho“, oder gleich ein
Slasherfilm um Freddy Krueger, sab-
bernde Zombies, besessene Geister-
kinder oder mutierte Alligatoren – bei
Gruselstreifen ist es offensichtlich: Das
Grauen zieht uns auch an.
Aber wo verläuft die Grenze zwi-
schen wohliger Angst, bei der sich ein
Hugo schlürfen und seelenruhig nach
der geschmolzenen Schokolade su-
chen lässt, die eben – parallel zum
Kunstblut auf der Mattscheibe – auf die
Couch getropft ist, und dem pani-
schen Schrecken, der uns nachts an ei-
nem einsamen Bahnhof mit überreiz-
ten Sinnen und angespannten Mus-
keln ins Dunkel starren lässt?
Furcht ist mal wieder einer jener
Fälle, in denen es die Evolution besser
weiß. Dieses intensive Gefühl ist über-
lebenswichtig. Es ist dazu da, um uns
in Gefahrensituationen wachsamer zu
machen. Denn dann schütten die Ne-
bennieren die Hormone Adrenalin und
Noradrenalin aus, das Herz schlägt
schneller und das Blut bindet mehr
Sauerstoff – in ihrer Warnfunktion
kann Furcht lebensrettend sein und
Menschen zu körperlichen Leistungen
antreiben, zu denen sie unter Nor-
malbedingungen kaum fähig wären.
Körperinternes Doping quasi. Wobei
die Psychologie hier zwischen Angst
und Furcht unterscheidet: Während
Furcht in einer konkreten Situation von
einer äußeren Gefahr ausgelöst wird,
ist Angst ein diffuseres Gefühl, in das
sich Neugierde, Wut, Kummer und
Scham mischen können.
Das Wort Angst stammt vom grie-
chischen Verb „agchein“ (drosseln,
würgen) und dem lateinischen Nomen
„angor“ (Beklemmung, Enge) ab.
Was dazu führt, dass die Kehle zu-
schnürt, sind universelle Schreckens-
bilder wie Tod, Einsamkeit, Verlust,
Schmerzen, Krankheit oder Identitäts-
auflösung. Wohl darum wissend, grif-
fen talentierte Meister des zeitlosen
Erschauderns wie Edgar Allen Poe,
Mary Shelley, Alfred Hitchcock,
George A. Romero oder Stephen King
diese dunklen Motive immer wieder
erfolgreich auf. Denn unsere eigenen
Ängste können uns nicht nur grausen.
Jahrhundertealte Panikattacke
grüßt täglich auf WhatsApp
Zu den gemalten Meisterwerken des
Grusels schlechthin gehört ein Ge-
mälde ganz unbestreitbar. Es ist der In-
begriff einer auf Leinwand gebannten
tiefen Verzweiflung. Mit „Der Schrei“
brannte Edvard Munch (1863-1944) ein
fürchterliches Erlebnis in die Kunst-
geschichte ein, das er im Januar 1892
bei einem Spaziergang am Oslofjord
durchmachte. Der norwegische Maler
erlitt dort eine Panikattacke, die er in
weiteren, mehr oder weniger abge-
wandelten Versionen immer wieder zu
verarbeiten suchte. Das schreiende
Totenkopfgesicht im schwarzen Ge-
wand, über dem sich am Himmel blut-
rote Wolken zusammenziehen, wurde
als erstes Werk des Expressionismus
gefeiert.
Das Gemälde inspirierte viele
Künstler und fand 1984 Eingang in die
Popkultur, als Andy Warhol eine Rei-
he von Siebdrucken auf Grundlage ei-
ner Lithografie von Munch anfertigte.
Mittlerweile wird Munchs Panikatta-
cke sogar täglich tausendfach und
abertausendmal über den weltweiten
Äther geschickt – als gelb-blaues Emo-
ji spukt es im WhatsApp-Kosmos der
digitalen Gefühle umher.
Weniger bekannt, aber nicht min-
der gruselig ist ein früher Spiderman,
den der französische Symbolist Odi-
lon Redon (1840-1916) schuf: Die Li-
thografie „L'araignée, elle sourit, les
yeux levés“ zeigt eine rabenschwarze,
behaarte Spinne, deren breites Grin-
sen eine feine Reihe kleiner Zähne ent-
blößt. Da andere Figuren als Ver-
gleichsobjekte auf dem Kunstwerk
fehlen, mutiert der Achtbeiner in
der Fantasie des Betrachters zum
Monster. Science-Fiction-Regisseur
Jack Arnold und seine Riesenspinne
„Tarantula!“, die 1955 die Zuschauer in
den Kinos schockte, lassen grüßen.
Aber eine fies grinsende Spinne
kennen Arachnophobiker und Anhän-
ger dunkler Popsongs auch von You-
tube oder sogar noch von MTV. Kaum
eine Hitsingle des Jahres 1989 ist so
gruselig wie „Lullaby“, eines der
erfolgreichsten Dark-Wave-Meister-
werke der britischen Band The Cure.
Im Song und im Videoclip wird Sän-
ger Robert Smith, stilecht mit wild tou-
piertem Haar und geschminktem Ge-
sicht, von einer Riesenspinne, die er
selbst spielt, verzehrt. Smith singt sein
Leid davon, wie ihn die Kreatur la-
chend umschließt und mit unzähligen
haarigen Mündern verspeist: „(…) I
realize with fright / That the Spider-
man is having me for dinner tonight /
Quietly he laughs and shaking his head
/ (…) / His arms are all around me and
his tongue in my eyes / (…) And I feel
like I'm being eaten / By a thousand
million shivering furry holes / And I
know that in the morning I will wake
up / In the shivering cold.“
Der Song erzeugt mit seiner plasti-
schen Beschreibung und dem düste-
ren Fazit, Spiderman sei immer hung-
rig, eine beklemmende Atmosphäre. Je
nach Lesart beschreibt der Song me-
taphorisch das schwere Ringen mit ei-
ner Drogensucht oder die Erkrankung
an einer Depression.
Für mehr als nur ein subtiles Un-
wohlsein sorgt hingegen der klassi-
zistische Maler Francisco Goya (1746-
1828). Sein Werk „Saturn verschlingt
eines seiner Kinder“ jagt dem Betrach-
ter postwendend einen Schock ein. Der
Blick fällt auf einen leblosen, kleinen
Körper, in dessen Fleisch sich die Hän-
de von Saturn krallen. Schließlich er-
blickt man die großen, gierigen und
gnadenlos starrenden Augen des rö-
mischen Gottes, während dieser den
Mund aufreißt, um – nach dem Kopf
seines Sohnes – an dessen Arm wei-
terzufressen. Das Ölgemälde ist eines
der 14 „Pinturas Negras“, die der Spa-
nier ab 1820 malte. Es spart an Blut er-
innernde Rottöne nicht aus und wird
als Goyas Antwort auf den Schrecken
und die Brutalität der napoleonischen
Kriege gesehen.
Doch die vermeintlich starren
Grenzen zwischen Angst und Lust an
der Angst, die Goya klar einhielt, wa-
ren da schon eingerissen. Goyas Zeit-
genosse Johann Heinrich Füssli (1741-
1825) verband in einem seiner Werke
Grusel und Lust. Füssli bereicherte da-
mals in England die Gothic-Bewegung,
indem er zu Werken von John Milton
und William Shakespeare düstere oder
fantasievolle Bebilderungen schuf.
Gezähmte Angst macht auch
Normalos zu Helden
Weil er angeblich Opium konsumier-
te, um sich durch Drogentrips inspi-
rieren zu lassen, hatte der Maler den
Spitznamen „The Wild Swiss“ weg.
Egal, wie er nun darauf kam, aber ein-
drucksvoll ist sein Gemälde „Der
Nachtmahr“ allemal. Schon allein, weil
es sich in all seiner auf den Effekt be-
dachten Theatralik einige Frechheiten
herausnimmt. Füssli malte 1790 eine
Schlafende zwischen Traum und Rea-
lität. Auf ihrem Bauch sitzt ein hässli-
cher, lüstern dreinschauender Incubus
mit dunkel unterlegten Augen, dahin-
ter glotzt ein geblendetes Pferd, auf
dem der männliche Dämon angeritten
kam. Die Schlafende aber scheint in
Anwesenheit des paarungswilligen
Ungeheuers auf ihrem Bauch keines-
wegs albzuträumen, sondern wirkt wie
lustvoll dahingeschmolzen.
Der Blick des Betrachters wandert
nicht nur über ihren wohlgeformten
Körper, sondern kreuzt sehr bald die
Augen des Incubus – und ertappt sich
damit im Voyeurismus einer männli-
chen Fantasie.
Angst wird also nicht generell ver-
mieden. Das gilt für den Liebhaber von
Vampirschmökern genauso wie für
Bungeespringer. Denn gezähmte Angst
macht auch Lust. Sie bedeutet, wohl
dosiert und in überschaubaren Maßen,
eine Auszeit vom Alltag, ein Austoben
sonst eher verborgener Gefühle. Nicht
zu vergessen, dass es in den Fiktionen
meist die Angst ist, die Normalos in ei-
ner Art Konfrontationstherapie zu
Helden und oft auch noch attraktiver
macht – zumindest im Film.
Letzten Endes liegt das Kap der
Angst für alle an der gleichen Schre-
ckensküste, nur in unterschiedlicher
Höhe über dem Meeresspiegel des
Tragbaren. Aber die Schwelle zwi-
schen leckerem Schokosofagrusel und
eiskaltem Todespanikhorror liegt da,
wo eines der stärksten Lichter des Le-
bens, der Humor, hinleuchtet. Wenn
Mia „Rosemary“ Farrow ihr grauen-
haftes Satansbaby doch anlächelt,
sträuben sich auf ewig die Nacken-
haare. Doch wie Simon Pegg in „Shawn
of the Dead“ mit seinem Zombiekum-
pel zockt, macht uns Lust auf eine
Bloody Mary und eine Horrorkomödie
– am besten „Young Frankenstein“
oder „The Fearless Vampire Killers“.
:Beware; for I am fearless,
and therefore powerful.
Mary Shelley, „Frankenstein; or, The Modern Prometheus“
„Gefühlswelten“
Für die Reihe „Gefühlswelten“ macht
Schauspieler Marco Lorenzini sein
Gesicht zur Landschaft von Lust, Angst,
Ekel, Wut und Sehnsucht. Am 10. August
nimmt er es mit dem Ekel auf.
:I realize with fright,
that the Spiderman is
having me for dinner tonight.
The Cure, „Lullaby“
Foto:ChrisKaraba

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  • 1. 18 | Mittwoch, den 7. August 2019 Im Fokus | | Im Fokus Mittwoch, den 7. August 2019 | 19 Gefühlswelten Gefühlswelten Am Kap des nackten Entsetzens Eines der intensivsten Gefühle überhaupt ist die Angst: Warum wir sie brauchen und wann wir auf sie pfeifen Von Sophia Schülke Blut? Ja, reichlich. Schreie? Klar, und bitte schön schrill. Abgetrennte Glied- maßen? Natürlich, immer rein damit. Wer daheim den Rollladen runterlässt und einen Horrorfilm anwählt, will nichts anderes als sich richtig schön gruseln. Will sich erwartungsfroh er- schrecken, um sich danach bei ange- schaltetem Licht pfeifend ins Schlaf- zimmer zu tasten. Der liebende Familienvater, der durchdreht und Frau und Sohn mit ei- ner Axt zerhacken will oder das un- scheinbare Muttersöhnchen, das die Blondine mit dem Messer unter der Hoteldusche abschlachtet: Filmfans streiten immer wieder gern aufs Neue, welcher Horrorfilm ihnen den größ- ten Schauder einjagt. Sei es nun „The Shining“ oder „Psycho“, oder gleich ein Slasherfilm um Freddy Krueger, sab- bernde Zombies, besessene Geister- kinder oder mutierte Alligatoren – bei Gruselstreifen ist es offensichtlich: Das Grauen zieht uns auch an. Aber wo verläuft die Grenze zwi- schen wohliger Angst, bei der sich ein Hugo schlürfen und seelenruhig nach der geschmolzenen Schokolade su- chen lässt, die eben – parallel zum Kunstblut auf der Mattscheibe – auf die Couch getropft ist, und dem pani- schen Schrecken, der uns nachts an ei- nem einsamen Bahnhof mit überreiz- ten Sinnen und angespannten Mus- keln ins Dunkel starren lässt? Furcht ist mal wieder einer jener Fälle, in denen es die Evolution besser weiß. Dieses intensive Gefühl ist über- lebenswichtig. Es ist dazu da, um uns in Gefahrensituationen wachsamer zu machen. Denn dann schütten die Ne- bennieren die Hormone Adrenalin und Noradrenalin aus, das Herz schlägt schneller und das Blut bindet mehr Sauerstoff – in ihrer Warnfunktion kann Furcht lebensrettend sein und Menschen zu körperlichen Leistungen antreiben, zu denen sie unter Nor- malbedingungen kaum fähig wären. Körperinternes Doping quasi. Wobei die Psychologie hier zwischen Angst und Furcht unterscheidet: Während Furcht in einer konkreten Situation von einer äußeren Gefahr ausgelöst wird, ist Angst ein diffuseres Gefühl, in das sich Neugierde, Wut, Kummer und Scham mischen können. Das Wort Angst stammt vom grie- chischen Verb „agchein“ (drosseln, würgen) und dem lateinischen Nomen „angor“ (Beklemmung, Enge) ab. Was dazu führt, dass die Kehle zu- schnürt, sind universelle Schreckens- bilder wie Tod, Einsamkeit, Verlust, Schmerzen, Krankheit oder Identitäts- auflösung. Wohl darum wissend, grif- fen talentierte Meister des zeitlosen Erschauderns wie Edgar Allen Poe, Mary Shelley, Alfred Hitchcock, George A. Romero oder Stephen King diese dunklen Motive immer wieder erfolgreich auf. Denn unsere eigenen Ängste können uns nicht nur grausen. Jahrhundertealte Panikattacke grüßt täglich auf WhatsApp Zu den gemalten Meisterwerken des Grusels schlechthin gehört ein Ge- mälde ganz unbestreitbar. Es ist der In- begriff einer auf Leinwand gebannten tiefen Verzweiflung. Mit „Der Schrei“ brannte Edvard Munch (1863-1944) ein fürchterliches Erlebnis in die Kunst- geschichte ein, das er im Januar 1892 bei einem Spaziergang am Oslofjord durchmachte. Der norwegische Maler erlitt dort eine Panikattacke, die er in weiteren, mehr oder weniger abge- wandelten Versionen immer wieder zu verarbeiten suchte. Das schreiende Totenkopfgesicht im schwarzen Ge- wand, über dem sich am Himmel blut- rote Wolken zusammenziehen, wurde als erstes Werk des Expressionismus gefeiert. Das Gemälde inspirierte viele Künstler und fand 1984 Eingang in die Popkultur, als Andy Warhol eine Rei- he von Siebdrucken auf Grundlage ei- ner Lithografie von Munch anfertigte. Mittlerweile wird Munchs Panikatta- cke sogar täglich tausendfach und abertausendmal über den weltweiten Äther geschickt – als gelb-blaues Emo- ji spukt es im WhatsApp-Kosmos der digitalen Gefühle umher. Weniger bekannt, aber nicht min- der gruselig ist ein früher Spiderman, den der französische Symbolist Odi- lon Redon (1840-1916) schuf: Die Li- thografie „L'araignée, elle sourit, les yeux levés“ zeigt eine rabenschwarze, behaarte Spinne, deren breites Grin- sen eine feine Reihe kleiner Zähne ent- blößt. Da andere Figuren als Ver- gleichsobjekte auf dem Kunstwerk fehlen, mutiert der Achtbeiner in der Fantasie des Betrachters zum Monster. Science-Fiction-Regisseur Jack Arnold und seine Riesenspinne „Tarantula!“, die 1955 die Zuschauer in den Kinos schockte, lassen grüßen. Aber eine fies grinsende Spinne kennen Arachnophobiker und Anhän- ger dunkler Popsongs auch von You- tube oder sogar noch von MTV. Kaum eine Hitsingle des Jahres 1989 ist so gruselig wie „Lullaby“, eines der erfolgreichsten Dark-Wave-Meister- werke der britischen Band The Cure. Im Song und im Videoclip wird Sän- ger Robert Smith, stilecht mit wild tou- piertem Haar und geschminktem Ge- sicht, von einer Riesenspinne, die er selbst spielt, verzehrt. Smith singt sein Leid davon, wie ihn die Kreatur la- chend umschließt und mit unzähligen haarigen Mündern verspeist: „(…) I realize with fright / That the Spider- man is having me for dinner tonight / Quietly he laughs and shaking his head / (…) / His arms are all around me and his tongue in my eyes / (…) And I feel like I'm being eaten / By a thousand million shivering furry holes / And I know that in the morning I will wake up / In the shivering cold.“ Der Song erzeugt mit seiner plasti- schen Beschreibung und dem düste- ren Fazit, Spiderman sei immer hung- rig, eine beklemmende Atmosphäre. Je nach Lesart beschreibt der Song me- taphorisch das schwere Ringen mit ei- ner Drogensucht oder die Erkrankung an einer Depression. Für mehr als nur ein subtiles Un- wohlsein sorgt hingegen der klassi- zistische Maler Francisco Goya (1746- 1828). Sein Werk „Saturn verschlingt eines seiner Kinder“ jagt dem Betrach- ter postwendend einen Schock ein. Der Blick fällt auf einen leblosen, kleinen Körper, in dessen Fleisch sich die Hän- de von Saturn krallen. Schließlich er- blickt man die großen, gierigen und gnadenlos starrenden Augen des rö- mischen Gottes, während dieser den Mund aufreißt, um – nach dem Kopf seines Sohnes – an dessen Arm wei- terzufressen. Das Ölgemälde ist eines der 14 „Pinturas Negras“, die der Spa- nier ab 1820 malte. Es spart an Blut er- innernde Rottöne nicht aus und wird als Goyas Antwort auf den Schrecken und die Brutalität der napoleonischen Kriege gesehen. Doch die vermeintlich starren Grenzen zwischen Angst und Lust an der Angst, die Goya klar einhielt, wa- ren da schon eingerissen. Goyas Zeit- genosse Johann Heinrich Füssli (1741- 1825) verband in einem seiner Werke Grusel und Lust. Füssli bereicherte da- mals in England die Gothic-Bewegung, indem er zu Werken von John Milton und William Shakespeare düstere oder fantasievolle Bebilderungen schuf. Gezähmte Angst macht auch Normalos zu Helden Weil er angeblich Opium konsumier- te, um sich durch Drogentrips inspi- rieren zu lassen, hatte der Maler den Spitznamen „The Wild Swiss“ weg. Egal, wie er nun darauf kam, aber ein- drucksvoll ist sein Gemälde „Der Nachtmahr“ allemal. Schon allein, weil es sich in all seiner auf den Effekt be- dachten Theatralik einige Frechheiten herausnimmt. Füssli malte 1790 eine Schlafende zwischen Traum und Rea- lität. Auf ihrem Bauch sitzt ein hässli- cher, lüstern dreinschauender Incubus mit dunkel unterlegten Augen, dahin- ter glotzt ein geblendetes Pferd, auf dem der männliche Dämon angeritten kam. Die Schlafende aber scheint in Anwesenheit des paarungswilligen Ungeheuers auf ihrem Bauch keines- wegs albzuträumen, sondern wirkt wie lustvoll dahingeschmolzen. Der Blick des Betrachters wandert nicht nur über ihren wohlgeformten Körper, sondern kreuzt sehr bald die Augen des Incubus – und ertappt sich damit im Voyeurismus einer männli- chen Fantasie. Angst wird also nicht generell ver- mieden. Das gilt für den Liebhaber von Vampirschmökern genauso wie für Bungeespringer. Denn gezähmte Angst macht auch Lust. Sie bedeutet, wohl dosiert und in überschaubaren Maßen, eine Auszeit vom Alltag, ein Austoben sonst eher verborgener Gefühle. Nicht zu vergessen, dass es in den Fiktionen meist die Angst ist, die Normalos in ei- ner Art Konfrontationstherapie zu Helden und oft auch noch attraktiver macht – zumindest im Film. Letzten Endes liegt das Kap der Angst für alle an der gleichen Schre- ckensküste, nur in unterschiedlicher Höhe über dem Meeresspiegel des Tragbaren. Aber die Schwelle zwi- schen leckerem Schokosofagrusel und eiskaltem Todespanikhorror liegt da, wo eines der stärksten Lichter des Le- bens, der Humor, hinleuchtet. Wenn Mia „Rosemary“ Farrow ihr grauen- haftes Satansbaby doch anlächelt, sträuben sich auf ewig die Nacken- haare. Doch wie Simon Pegg in „Shawn of the Dead“ mit seinem Zombiekum- pel zockt, macht uns Lust auf eine Bloody Mary und eine Horrorkomödie – am besten „Young Frankenstein“ oder „The Fearless Vampire Killers“. :Beware; for I am fearless, and therefore powerful. Mary Shelley, „Frankenstein; or, The Modern Prometheus“ „Gefühlswelten“ Für die Reihe „Gefühlswelten“ macht Schauspieler Marco Lorenzini sein Gesicht zur Landschaft von Lust, Angst, Ekel, Wut und Sehnsucht. Am 10. August nimmt er es mit dem Ekel auf. :I realize with fright, that the Spiderman is having me for dinner tonight. The Cure, „Lullaby“ Foto:ChrisKaraba