Chemische Kampfstoffe seit 1900

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Hausarbeit zum Thema "Chemische Kampfstoffe seit 1900"

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Chemische Kampfstoffe seit 1900

  1. 1. Hausarbeit "Chemische Kampfstoffe seit 1900" Stefan Martini Thomas Blome Marie Goedicke Alexander Hintzen Christoph Keins Kai Kornetzky Thomas Krause Jens Lange Sebastian Roden Lukas Weitekamp Lars Wyvwa 12. November 2011 Inhaltsverzeichnis 1. Einleitung und Evaluationsziel 3 2. Methodik 4 3. Geschichte der Kampfstoffe 5 3.1. Verwendung während dem ersten Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . 5 3.2. Verwendung während dem zweiten Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . 6 3.3. Verwendung während des Vietnamkrieges . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 3.4. Verwendung während des Irak-Konfliktes . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 6 3.4.1. Terroristische Verwendung durch die Aum-Sekte . . . . . . . . . . 7 3.4.2. Verwendung im 20. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 7 3.5. Auflistung der Stoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 8 4. Einteilung der Stoffe in Gruppen 10 4.1. Toxikologische Grundlagenbetrachtung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 10 4.2. Effizienzkennwerte von chemischen Kampfstoffen . . . . . . . . . . . . . . 12 4.2.1. Toxikologische Grenzwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 12 4.2.2. Einteilung nach der Farbkreuz-Bezeichnung: . . . . . . . . . . . . . 13 4.2.3. Einteilung nach Wirkungsart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 14 4.2.4. Mögliche Gegenmaßnahmen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 4.3. Effektivitätskennwerte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 15 4.3.1. Aggregatzustand . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 4.3.2. Ausbreitung von Gasen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 16 4.3.3. Transportierbarkeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 4.4. Ausbringungsmöglichkeiten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 17 1
  2. 2. 4.5. Herstellung chemischer Kampfstoffe / Machbarkeit / Verfügbarkeit der Grundsubstanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 18 5. Auflistung der einzelnen Stoffe 20 6. Terroristische Relevanz der Stoffe - Interpretation 22 6.1. Zielsetzung terroristischer Verwendung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 6.2. Gewichtung welche Stoffe/ Stoffgruppen sind wie relevant unter welchen Voraussetzungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 23 6.3. Ausblick . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 24 Anhang 27 A. Literatur 27 B. Abbildungsverzeichnis 30 C. Tabellenverzeichnis 31 D. Tabellen 32 2
  3. 3. 1. Einleitung und Evaluationsziel Im Rahmen des Wahlfachs “Grundlagen des Terrorismus und Strategien zur Konfliktlö- sung (Prof. Dr. S. Hartwig)” sollen das Thema “Chemischekampfstoffe seit 1900” in dieser Hausarbeit erarbeite werden. Ziel dieser Ausarbeitung ist die Betrachtung der Relevanz von Chemischenkampfstoffen im Kontext terroristischen Handelns. Ausgehend von ei- ner Kommunikationsfunktion terroristischer Akte1 ist eine Gefährdung der Bevölkerung durch chemische Kampfstoffe anzunehmen2. Die Kommunikationsfunktion eines terro- ristischen Anschlages ist vielschichtig und durch die Art der terroristischen Motivation geprägt. Jedoch ist davon Auszugehen das die Möglichkeit besteht, das Terroristen ih- re Botschaft mittels Chemischeskampfstoffe übermitteln könnten. Diese Annahme kann durch den Anschlag der Aun Sekte3 auf die U-Bahn Tokios bekräftigt. Hier wurde durch eine terroristische Vereinigung ein Anschlag mittels des chemischen Kampfstoffes Sarin durchgeführt. Die Betrachtung der Grundlagen aus welchem Grund und in welcher Form terroris- tische Handlungen mittels chemischer Kampfstoffe durchgeführt werden wird in dieser Hausarbeit bewusst nicht durchgeführt. Da von der Möglichkeit des Einsatzes von che- mischen Kampfstoffen ausgegangen werden kann, soll eine Betrachtung der bekannten Stoffe hinsichtlich ihrer aktuellen Relevanz erfolgen. Die Relevanz wird in dieser Arbeit durch ihre Einsatzwahrscheinlichkeit ausgedrückt. Um eine Aussage über die Einsatz- wahrscheinlichkeit treffen zu können sollen zunächst alle historisch seit 1900 bekannten chemischen Kampfstoffe erfasst werden und Gruppiert werden. Als Hypothese wird an- genommen, dass sich die verwendeten Stoffe bezüglich ihrer Eigenschaften unterscheiden, es also zu einer Entwicklung kam. Um die Gruppe der zu betrachtenden Stoffe einzugrenzen und zu definieren werden in dieser Arbeit chemische Kampfstoffe über ihren Einsatz als Mittel zur Schädigung der gegnerischen Partei innerhalb eines militärischen Konfliktes definiert. Es werden also nur solche Stoffe betrachtet, welche direkt ausgebracht werden. Hierdurch sind solche Stoffe ausgeschlossen welche durch Zerstörung von Gebäuden, Produktionsanlagen o.ä. freigesetzt wurden und dann zu einer Schädigung der “gegnerischen Partei” führten.4. Das Evaluationsziel dieser Arbeit ist die Erarbeitung einer Aussage über die Einsatz- wahrscheinlichkeit eines bestimmten chemischen Kampfstoffes in einem terroristischen Konflikt. 1 vgl. Vorlesung Wahlfach: “Grundlagen des Terrorismus und Strategien zur Konfliktlösung (Prof. Dr. S. Hartwig)” 2 Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2010). 3 Lit, Zeitpunkt 4 vgl. brennende Ölquellen innerhalb des Irakkonfliktes 3
  4. 4. 2. Methodik Um eine Aussage über die Einsatzwahrscheinlichkeit eines bestimmten Stoffes treffen zu können erfolgt zunächst eine Literaturrecherche der bekannten chemischen Kampfstoffe. Es folgt eine chronologische Darstellung der Verwendung von chemischen Kampfstof- fen. Durch diesen Schritt werden die zu betrachtenden Stoffe eingegrenzt.5 Als nächster Schritt werden Kennwerte entwickelt, welche zu einer Bewertung der Stoffe hinsichtlich ihrer terroristischen Relevanz. Als Hypothese wird hier angenommen, dass die militä- risch und terroristische Relevanz eines Kampfstoffe differiert. Diese Annahme erfolgt auf der Grundlage der unterschiedlichen Zielsetzungen. Militärische Ziele differieren von ter- roristischen Zielen. Nach Erarbeitung der terroristisch relevanten Kennwerte chemischer Kampfstoffe erfolgt eine Auflistung der einzelnen Kampfstoffe mit diesen Kennwerten, so- wie eine anschließende Gruppierung der Stoffe bezüglich der dargestellten Eigenschaften. Im letzten Schritt soll eine Gewichtung der einzelnen Gruppen bezüglich ihrer Wertigkeit für einen terroristischen Einsatz erfolgen. Diese Arbeit gliedert sich in folgende Schritte: 1. Literaturrecherche, um die relevanten Stoffe zu erfassen 2. Entwicklung von Kennwerten, welche terroristisch relevant sind 3. Auflistung und Gruppierung der relevanten Stoffe bezüglich der erarbeiteten Kenn- werte 4. Gewichtung der Kennwerte und Interpretation der gebildeten Gruppen hinsichtlich des Evaluationszieles 5 Diskussionswürdig ist ob mit diesem Ansatz alle Stoffe erfasst werden können 4
  5. 5. 3. Geschichte der Kampfstoffe Alexander Hintzen, Thomas Krause 3.1. Verwendung während dem ersten Weltkrieg Der Einsatz von chemischen Kampfstoffen wurde im 20 Jahrhundert erstmals im größe- ren Maße im Ersten Weltkrieg von Bedeutung. Das Problem um die Stoffe entsprechend einzusetzen war damals noch die Beschaffung. Aus diesem Grunde musste man sich da- mals aus den Stoffen, die in der Industrie Verwendung fanden, beschränken. Gase wie Arsenwasserstoff, Chlor, Cyanwasserstoff oder Phosgen waren in dieser Zeit für die da- mals noch „junge chemische Kriegsführung“ von großer Wichtigkeit. So mussten zunächst schwerwiegende Nachteile in Kauf genommen werden. Zum einen waren sie durch wech- selnde Windrichtungen unberechenbar (so konnte eine Gaswolke auf die eigene Stellung zurückgeweht werden), und andererseits verflüchtigte sich das Gas relativ schnell. Später versuchte man diese Probleme durch die Verwendung von Flüssigkeiten zu lö- sen. Diese wurden als Aerosole versprüht und somit den Vorteil, dass sie am Boden aber auch an Personen selbst haftenblieben. Gelangt solch ein Stoff auf die ungeschützte Haut eines Menschen diffundiert dieser durch sie hindurch in die Blutbahn und wird so schnell im ganzen Organismus verteilt. Gegen diese Stoffe konnten auch die damaligen Gasmas- ken keinen ausreichenden Schutz bieten, nur ein Ganzkörperschutzanzug stellte einen ausreichenden Schutz dar. Im Laufe des Ersten Weltkriegs wurde jedoch schnell klar, dass sich der Einsatz che- mischer Kampfstoffe von einer billigen und vergleichsweise „humanen“ Waffe zu einem Waffensystem entwickelte, dessen zunehmend grausame Wirkungen in keinem Verhältnis zur Effizienz ihrer Anwendung mehr standen, wie beispielsweise die oben angesprochene Windproblematik, was den Einsatz häufig unkalkulierbar machte. Nach Ende des Ersten Weltkriegs ist eine Aussage des damaligen englischen Kriegsmi- nisters Winston Churchill der nach einem Giftgaseinsatz gegen die Kurden in Sulaimaniy- ya im heutigen Irak. Vorbehalte britischer Militärs wies er wie folgt zurück: „Ich verstehe die Zimperlichkeit bezüglich des Einsatzes von Gas nicht. Ich bin sehr dafür, Giftgas gegen unzivilisierte Stämme einzusetzen“, ließ er verlauten. Das eingesetzte Gas müsse ja nicht tödlich sein, sondern nur „große Schmerzen hervorrufen und einen umfassenden Terror verbreiten“.6 Die Verwendung von chemischen Waffen erregte die ganze Welt. Zwar war schon vor dem Ersten Weltkrieg deren Einsatz durch die Haager Landkriegsordnung geächtet, deren Formulierung bot jedoch ausreichend Spielraum zu verschiedenen Auslegungen, so dass der Einsatz von Giftgas nicht eindeutig verboten war. Angesichts der Gräuel des Ersten Weltkrieges wurde 1925 im Genfer Protokoll die Anwendung von Giftgasen und bakterio- logischen Mitteln ausdrücklich verboten. Die USA traten diesem Vertrag allerdings erst am 10.04.1975 bei.7 6 Gellermann (1986). 7 International Committee of Red Cross. 5
  6. 6. 3.2. Verwendung während dem zweiten Weltkrieg Während des Zweiten Weltkrieges fand dieses Protokoll, chemische und biologische Waf- fen zur Kriegsführung einzusetzen, nur auf dem europäischen Kriegsschauplatz Beach- tung. Hier versuchte man sich lediglich durch die Androhungen der Verwendung von chemischen Waffen gegenseitig einzuschüchtern.8 Die einzige Nation die während des zweiten Weltkrieges chemische Waffen einsetzte, war das Kaiserreich Japan. Sie setzten sie zusammen mit biologischen Waffen in China sowohl gegen chinesische Truppen als auch zur gezielten Massentötung von Zivilisten ein.9 Deutschland hatte Ende der dreißiger Jahre als erste Nation die großtechnische (in- dustrielle) Produktion von Nervengasen entwickelt, war also als einzige Kriegspartei zur Herstellung von Nervengasen im Kilogramm- und Tonnenbereich in der Lage. Dieser Umstand, gekoppelt mit der Verfügbarkeit modernster Trägersysteme wie der V-2 Ra- kete, hätte die politische Führung in die Lage versetzt, einen strategischen Gaskrieg zu entfesseln, der unter Umständen von der Tragweite her ähnlich gravierend hätte sein können wie die Atombombenabwürfe auf Hiroshima und Nagasaki. Zu einem Gaskrieg kam es glücklicherweise nicht, dennoch wurden in Deutschland chemische Kampfstoffe massenweise in den Gaskammern der deutschen Vernichtungslager eingesetzt. Hier wur- den viele Opfer des Holocaust mit dem blausäurehaltigen Insektizid Zyklon B und mit Motorabgasen (Kohlenstoffmonoxid) ermordet. 3.3. Verwendung während des Vietnamkrieges Auch nach dem Zweiten Weltkrieg wurden noch chemische Waffen eingesetzt. Während des Vietnamkrieges setzten Frankreich und die USA zunächst noch auf konventionel- le Brandbomben wie Napalm gegen die Nordvietnamesen ein. Die Regierung Kennedy setzte ab 1961 auf den systematischen Einsatz von Chemikalien gegen Nordvietnam (Ope- ration Ranch Hand). Die hierbei als Entlaubungsmittel eingesetzten Herbizide (vor allem Agent Orange) waren keine chemischen Waffen im eigentlichen Sinne, sondern sollten dem Gegner die Deckung durch die Vegetation nehmen sowie seine Ernte vernichten. Jedoch verursachte Agent Orange durch die Verunreinigung mit 2,3,7,8-Tetrachlordibenzodioxin, schwere gesundheitliche Schäden unter der Bevölkerung und Soldaten beider Seiten.10 3.4. Verwendung während des Irak-Konfliktes Ein paar Jahre später, 1980, setzte die irakische Armee zu Beginn des ersten Golfkriegs auf Weisung Saddam Husseins chemische Waffen gegen den Iran ein.So warf die irakische Luftwaffe bereits 1980 speziell dafür entwickelte Kanister mit chemischen Kampfstoffen über iranischen Stellungen ab. Bekanntheit erlangte der Giftgasangriff auf die Fernver- kehrsstraße am 9. August 1983 Rawanduz–Piranshahr.11 8 Harris/Paxman (1985). 9 André Kunz (26.08.2002). 10 Harris/Paxman (1985). 11 Fürtig (1992). 6
  7. 7. Während des Golfkriegs wurden insgesamt ca. 100.000 iranische Soldaten Opfer von Gasangriffen, meist durch Senfgas. Da Giftgas während der Kämpfe auch auf Stellungen und Posten abgeworfen wurde, die sich in oder um Dörfer befanden und deren Einwohner keine Möglichkeit hatten sich gegen die Gase zu schützen, gab es auch unter der Zivil- bevölkerung sehr viele Opfer. Außerdem wurden durch den Einsatz verschiedener Gase Gebiete mit gefährlichen chemischen Schadstoffen kontaminiert. Der Irak setzte chemische Waffen auch gezielt ein, um Zivilisten zu töten. Tausende wurden bei Giftgasangriffen auf Dörfer, Städte und Frontkrankenhäuser getötet. Bekann- testes Beispiel ist der Giftgasangriff auf Halabdscha am 16. März 1988, bei dem etwa 5000 irakische Kurden getötet und 7000 bis 10.000 so schwer verletzt wurden, dass viele von ihnen später starben. Die irakischen Streitkräfte setzten mehrere verschiedene Gase gleichzeitig ein. Dazu gehören Nervengase wie Tabun, Sarin und möglicherweise VX aber auch Senfgas und ein Zyanidkampfstoff. 3.4.1. Terroristische Verwendung durch die Aum-Sekte Nicht nur im Rahmen von Kriegsführung fanden Chemische Kampfstoffe ihren Einsatz, sondern auch im Terrorismus. Am 20.03.1995 kam es beim Terror-Anschlag der japani- schen Aum-Sekte zur Freisetzung des Nervengases Sarin in der U-Bahn von Tokyo. Es gab 12 Tote und über 5000 Verletzte.12 3.4.2. Verwendung im 20. Jahrhundert Im Oktober 2002 verwendeten russische Sicherheitskräfte in Moskau vermutlich das Opio- id Carfentanyl und das Anästhetikum Halothan in Form eines Aerosol-Gas-Gemischs, um Terroristen kampfunfähig zu machen, die in einem Musical-Theater 800 Geiseln festhiel- ten. Alle Geiselnehmer und über 129 Geiseln kamen ums Leben. Die meisten aufgrund des Gases. Viele erlagen im Krankenhaus ihren Vergiftungen, wozu möglicherweise auch die fehlende Zusammenarbeit der Sicherheitskräfte mit den Ärzten beigetragen hat. Der Einsatz von Carfentanyl wurde offiziell nie bestätigt, möglicherweise im Hinblick auf die von Russland ratifizierte Chemiewaffenkonvention.13 Während des Irakkrieges setzte eine Terrororganisation chemische Waffen hauptsäch- lich gegen Zivilisten ein, aber auch gegen US-Soldaten und irakische Soldaten und Polizis- ten. Bei dem eingesetzten Gas handelte es sich um Chlorgas. Da die Anschläge alle unter freiem Himmel durchgeführt wurden, war die Zahl der Todesopfer meist gering, die Zahl der Verletzen betrug jedoch oft mehrere hundert. Zu den am meisten wahrgenommenen Giftgasanschlägen im Irak zählen der Anschlag auf eine Polizeiwache am 6. April 2007 mit 27 Toten und der Anschlag auf einen Dorfmarkt in Abu Sayda am 15. Mai 2007 mit 45 Toten.14 12 Murakami (2002). 13 Reitschuster/Gudrun/Gottschling (04.11.2002). 14 Multi-National Force - Iraq Combined Press Information Center (2007). 7
  8. 8. 3.5. Auflistung der Stoffe Aus dieser geschichtlichen Betrachtung ergibt sich folgende Tabelle der relevanten che- mischen Kampfstoffe.15 15 Croddy/Perez-Armandariz/Hart (2001). 8
  9. 9. Chlor Phosgen Diphosgen Chlorpicrin Ethyldichlorarsin Perfluorsiobutylene Mustard (sulfor) auch Lost Nitrogen Mustard Lewisite Phosgen Oxime Phenyldichlorarsine Hydrogen Cyanide Cyanogen Chloride Arsine Carbon Monoxide Hydrogen Sulfide (”Sour Gas”) Soman (GD) Sarin VX Tabun Belladonna, Glycolate Alkaloids Benzilate (BZ) Lysergic Acid Diethylamide (LSD) Mescaline Methaqualone Agent Orange CS / CN capsaicin Bromoacetate Chloraceton Bromeaceton (”B-Stoff”) Brommethylethyl ketone Diphenylchlorarsine Paraquat (Bipyridylium) Agent White (Picloram) Agent Blue (Bimethyl arsenic acid) Napalm Tabelle 1: Liste der historisch Erfassten Kampfstoffe 9
  10. 10. 4. Einteilung der Stoffe in Gruppen Jens Lange, Christoph Keins Um eine Beachtung der genannten Kampfstoffe durchführen zu können sollen im folgen- den terroristisch relevante Kennwerte dargestellt werden. Ausgehend von der Annahme, das Terroristen mit Anschlägen ein bestimmtes Kommunikationsziel erzielen wollen ist davon auszugehen das die verwendeten Stoffe diesem Kommunikationsziel entsprechen. Ein Ziel terroristischen Handelns ist der gezielte Angriff von relevanten Zielen16. Die Wirkspezifität eines Kampfstoffes kann sich zunächst auf Menschen, Objekte oder die belebte Natur beziehen.17. Als erster Kennwert wird ”Wirkungsziel” mit dem Möglich- keiten ”Mensch”, ”Objekt” oder ”belebte Natur” angenommen. Neben dieser Grundsätzli- chen Überlegung ist die Effizienz bzw. Effektivität des eingesetzten Stoffes zu betrachten. Als Hypothese wird an dieser Stelle angenommen das bei der Auswahl des verwendeten Stoffes die Beachtung der Effektivität und Effizienz Berücksichtigung findet. Ein erster Hinweis für die Gültigkeit dieser Hypothese ist in der benötigten Planung zur Herstellung und Verwendung von chemischen Kampfstoffen zu sehen. Weitere Kennwerte ergeben sich also aus der Effektivität und Effizienz von chemischen Kampfstoffen Unter Effektivität wird das ”Nutz-Kosten-Verhältniss” verstanden. Bei Effizienz han- delt es sich lediglich um ein ”Output” Betrachtung.18 4.1. Toxikologische Grundlagenbetrachtung Die Toxikologie ist die wissenschaftliche Fachdisziplin, welche sich mit den gesundheits- schädlichen Auswirkungen von einzelnen chemischen Substanzen oder Substanzgemi- schen auf Lebewesen, insbesondere den Menschen beschäftigt. Begründet wurde die Toxikologie durch die Erkenntnisse von Philippus Aureolus Theo- phrastus Bombastus von Hohenheim (1493 – 1541), auch Paracelsus genannt, welcher postulierte, das die Giftigkeit eines Stoffes entscheidend von der aufgenommen Dosis abhängt. "Dosis sola facit venenum"(Paracelsus) Älle Dinge sind Gift und nichts ist ohne Gift. Alleine die Dosis macht, dass ein Ding kein Gift ist" Diese Aussage begründete die Toxikologie und behält ihre Gültigkeit bis zum heutigen Tag. Eine Erweiterung dieser Aussage wurde durch Fritz Habers mit der Haberschen Regel getätigt, welche aussagt, das die toxische Wirkung eines Stoffes durch das Produkt aus Giftkonzentration und Wirkdauer bestimmt wird. Befasste sich die Toxikologie in ihren Anfängen zunächst mit der Erkennung und Be- handlung akuter Vergiftungen, rückten im Verlauf der Zeit mehr und mehr die Prä- vention und Erforschung von chronisch schädlichen Wirkungen (chronische Toxizität) 16 vgl. Vortrag im Rahmen des Wahlfaches. 17 Weinstein/Alibek (2003). 18 Tricker (2005), S.4 ff.. 10
  11. 11. in den Brennpunkt ihres Aufgabenspektrums. Zunächst befassten sich Toxikologen mit der Aufklärung von vorsätzlichen oder versehentlichen Vergiftungen und deren Behand- lung. Aktuell ist die Erforschung des möglichen Ausmaßes von Vergiftungen und deren zugrunde liegenden schädlichen Wechselwirkungen zwischen chemischen Stoffen und Or- ganismus im Vordergrund forschender toxikologischer Bestrebungen. Die Toxikologie geht davon aus, das es für jeden Stoff einen individuellen Grenzwert gibt, unterhalb dessen das Risiko einer Vergiftung nicht besteht oder zumindest vernachlässigbar klein ist. Eine Ausnahme dieser Annahme bildet die Gruppe der krebserzeugenden Stoffe (genotoxische Kanzerogene).19 Habersche Regel Die Habersche Regel besagt, dass die toxische Wirkung (W) ge- prägt wird durch das Produkt aus Giftkonzentration (c) und Wirkdauer oder Einwirkzeit (t). Es gilt also W = c × t weiterhin gilt, dass c × t = konst. ist. Eine willkürliche Wirkung mit der Intensität ”4” entsteht durch ein Gift bei einer Ein- wirkzeit (t) und Giftkonzentration (c). Die gleiche Wirkung erzielt eine um das vierfach erhöhte Einwirkzeit (4×t ) bei Viertelung der Giftkonzentration ( 1 4c ). Analoges gilt für Wirkungen mit der Intensität ”2”, ”8” und ”16”. Für einen Stoff mit einer Schwellenkon- zentration, hier ”5” (c5) kann unterhalb der Wirkschwelle kein Effekt erzielt werden. Abbildung 1: Habersche Regel nach Reichl (2009) Bei giftigen Gasen ist von eine Ausbreitung des Stoffes auszugehen, so das es nicht zu einer einzigen Dosis Aufnahme, sondern zu einer kontinuierlichen Aufnahme im Sin- ne der Haberschen Regel kommt. Während dieser Wirkdauer oder Aufnahmedauer ist davon auszugehen, dass bedingt durch eine Gasausbreitung ebenfalls eine Variation der Giftkonzentration eintritt. Studien belegen das die Habersche Regel c × t = konst nicht 19 Deutsche Gesellschaft für Toxikologie. 11
  12. 12. uneingeschränkte Gültigkeit besitzt und weitere Faktoren wie z. B. die Toxikokinetik und Toxikodynamik von Bedeutung sind.20 Weiterhin werden die Arten der Toxizität nach akuter und chronischer Toxizität unter- schieden. Akut toxische Wirkungen treten bald nach Verabreichung auf, zumeist nach der ersten Exposition. Chronische Toxizität treten in der Regel nach mehrfacher Aufnahme geringer Konzentration und langer Einwirkzeit auf.21 4.2. Effizienzkennwerte von chemischen Kampfstoffen Da bei einer Effizienzbetrachtung lediglich das Ergebnis von Relevanz ist beziehen sich Effizienzkennwerte lediglich auf das erzielte ”Ergebnis”. Als ”Ergebnis” kann bei einer Auswirkung auf Menschen von der toxikologischen Eigenschaft ausgegangen werden. Also die mit dem Kampfstoff bei erreichbare Auswirkung bei dem entsprechenden Opfer. Ein mögliches Ziel terroristischen Handelns ist das Töten von Zielen. ”[...] wohingegen das heutige Phänomen des islamischen Terrorismus mit massiven Anschlägen auf ”weiche” Ziele mit hoher Opferzahl..."22 Die Letalität eines Stoffes wird durch die lethale Konzentration (LTx) oder lethale Dosis angegeben (LDx). Weitere Ziele terroristischen Handels können darin bestehen bestimmte Effekte oder Wirkungen bei einem Opfer hervorzurufen. Diese Wirkungsweisen finden Berücksichtigung in militärischen Einteilungen, welche sich an den Wirkungen der einzelnen Stoffe orientieren. Effizienzkennwerte für chemische Kampfstoffe sind: • lethale Dosis (LDx) • lethale Konzentration (LTx) • Einteilung nach der Farbkreuz-Bezeichnung • Einteilung nach Wirkungsart des U.S. Militärs 4.2.1. Toxikologische Grenzwerte Zur toxikologischen Abschätzung akut toxischer Wirkungen bestehen endpunktorientier- te, toxikologisch belegte Grenzwerte. Diese Grenzwerte werden experimentell evaluiert. Vorhanden sind Grenzwerte bezüglich letaler Dosen (LDx) und letaler Konzentration bei Inhalation (LTx). Diese Werte beschreiben den prozentualen Anteil einer Gesamtheit, bei welchem die entsprechende Wirkung auftritt. So beschreibt die LD50 die Dosis, welche bei 50% der Population tödlich ist. Die LD100beschreibt die letale Dosis für 100% der Exponierten. Gleiches gilt für die Werte der LTx Gruppe. Wichtig bei diesen Grenzwer- ten ist der Hinweis, dass sich diese Werte immer auf eine Testpopulation beziehen, also 20 Mioduszewski (2002). 21 Reichl (2009). 22 Bundesministreium des Innern. 12
  13. 13. eine Übertragung auf den Menschen meist nicht unmittelbar möglich ist, da diese Werte tierexperimentell ermittelt werden.23 4.2.2. Einteilung nach der Farbkreuz-Bezeichnung: Nach Recherche mit verschiedenen Internetsuchmaschinen und dem Buch "Die chemi- schen Kampfstoffe - Eigenschaften, Wirkung, Schutzmöglichkeiten und Entgiftung"24 sind wir zu dem Schluss gekommen, dass man chemische Kampfstoffe nach folgenden Gesichtspunkten einteilen kann: • Chemische und physikalische Eigenschaften • physiologische Wirkung • taktischer Einsatzwert Für die Übersicht über die einzelnen Stoffgruppen, haben wir uns nach dem Farbkreuz Schema der Bundeswehr, sowie nach der Einteilung der US amerikanischen Streitkräfte entschieden. Diese Einteilungen könnten auch für Terroristen interessant sein, da Sie die Stoffe nach ihrer physiologischen Wirkung, als auch nach Ihrem taktischen Einsatzwert einteilen. Die Einteilung nach Farbkreuzen ist die deutsche Einteilung die Wirkungsart in den Klammern entspricht der amerikanischen Einteilung: Weißkreuz (Nasen-Rachenreizstoffe) Reizgase die die oberen Atemwege reizen. Sie sind nicht tödlich und die Wirkung klingt ab wenn die betroffene Person in frische, unverseuchte Luft kommt. Diese Stoffe werden heute bei zivilen Polizeiaktionen eingesetzt (Tränengas): • Bromverbindungen • Chloracetophenon • Adamsit Grünkreuz (Lungenkampfstoffe) Gelangen über die Atemwege in den Körper und greifen das Gewebe der Lungenbläschen an. Es kommt zu einer vermehrten Flüssigkeits- abscheidung der betroffenen Zellen (Lungenödem). In kleinen Mengen sind die Stoffe nicht tödlich, führen aber zu bleibenden Schäden. In ausreichender Menge zugeführt führen die Stoffe zum Tode durch eine Kombination aus Ersticken und Austrocknung: • Chlorpikrin (Chlorgas) • Phosgene 23 Reichl (2009). 24 Franke (1967), S. 61ff.. 13
  14. 14. • Karbonylchlorid Blaukreuz (Blutkampfstoffe) Diese Stoffe blockieren den Sauerstofftransport im Blut. Die Moleküle lagern sich anstatt des Sauerstoffes in das Hämoglobin ein. Damit wird die Sauerstoffzufuhr und der Kohlendioxidabtransport im Körper blockiert. Es kommt zu einem physiologischen Ersticken, die innere Atmung bricht zusammen. Die betroffene Person kann dies selbst durch Frischluftzufuhr nicht verhindern. Eine gleiche Wirkung kann bei Personen beobachtet werden die bei einem Brand zu viel Kohlenmonoxid ein- atmen. • Arsine • Cynchloride / Cyanide Gelbkreuz (Hautkampfstoffe) Auch bekannt als "Bläschengas"Die Stoffe verursa- chen Bläschen, Verbrennungen und tiefe, schwerheilende Verätzungen. Es treten schwers- te Gewebeschäden auf. Die natürlichen Abwehrfunktionen der Haut werden aufgehoben, sodass eine Zellheilung nicht oder nur sehr schlecht stattfindet, was zu schwersten Ent- stellungen führt. • Senfgas • Lewisit Nervengase (Nervenkampfstoffe) Aufnahme kann über die Atemwege und/oder die Haut erfolgen. Führen in hohen Konzentrationen binnen weniger Minuten zum Tod. Nervengase blockieren das Enzym Acetylcholinesterase, dadurch verlieren die Nerven- bahnen die Fähigkeit Informationen von einem Teil des Körpers zum anderen zu senden. So können komplexe Systemabläufe im Organismus durcheinander gebracht werden, was zu Atemlähmung, Übelkeit und Erbrechen, Muskelkrämpfen und dem Tod führen kann. Sonstige "Kampfstoffe" Weiter können noch Stoffe aufgeführt werden die nicht pri- mär für den Einsatz gegen Menschen entwickelt wurden, aufgrund ihrer hohen Giftigkeit jedoch zu schweren organischen Schäden führen können. Als bestes Beispiel dient hier das Entlaubungsmittel Agent Orange, das im Vietnamkrieg von den US-Streitkräften benutzt wurde, um die dichte Bewaldung zu lichten. Aufgrund des hohen Dioxingehal- tes vergiftete das Mittel jedoch den Boden, was noch nach Jahrzenten zu schwersten Erbfolgeschäden an Neugeborenen führt. 4.2.3. Einteilung nach Wirkungsart Eine weitere Möglichkeit der Einteilung ist die Einteilung nach Wirkungsart, wie sie von den US-Amerikanischen Streitkräften verwendet wird. Die US-Armee teilt chemische Kampfstoffe wie folgt ein:25 25 Tuorinsky (2008), Kapitel 4 S. 134. 14
  15. 15. 1. Choking Agents (Erstickende Stoffe) 2. Nerve Agents (Nervenkampfstoffe) 3. Blister Agents (Ätzende Stoffe) 4. Incapacitating Agents (Kampfstoffe die den Gegner außer Kraft setzten) 5. Riot Control/Vomiting Compounds (Rachenreizstoffe) 6. Tear Producing Compounds (Tränengas) 4.2.4. Mögliche Gegenmaßnahmen Ein Hemmnis der Erreichung des gewünschten Effektes sind möglichen Gegenmaßnah- men. Bei der Überlegung, welche Gegenmaßnahmen in unmittelbarer zeitlicher Nähe ergriffen werden können soll sich an dieser Stelle am Vorgehen in Deutschland orien- tiert werden. Es wir ohne dies näher zu untersuchen davon ausgegangen, das es ein grundsätzliches weltweit gleiches Vorgehen bei der Schandensbekämpfung von chemi- schen Kampfstoffen gibt. Die Untersuchung erfolgt daraufhin, was erste Maßnahmen der Gefahrenabwehr sind und wie diese den Kampfstoff inaktivieren oder abschwächen könn- ten. In Deutschland ist die Feuerwehr-Dienstvorschrift 500 ”Einheiten im ABC-Einsatz” (FwDV 500) einschlägig. Nach der FwDV 500 ist die Dekontamination die einzige Möglichkeit eine Verschlep- pung des Gefahrenstoffes vom Ort des Geschehens zu anderen, noch nicht betroffenen, Gebieten zu verhindern. Jedoch kann vor Ort nur eine sogenannte "Grobreinigung"26 durchgeführt werden. Maßnahmen zum genauen Ablauf einer Dekontamination vor Ort finden sich im Abschnitt "1.5.3.6 Dekontamination"(Seiten 28 ff.). In der FwDV 500 wird Wasser, als Dekontaminationsmittel der Wahl, nicht explizit genannt, jedoch lässt sie diese Annahme zu.27 4.3. Effektivitätskennwerte Die Effektivität wird ausgedrück durch das erzielte Ergebnis. In diesem Abschnitt soll betrachtet werden welche Faktoren Einfluss auf die Effektivität eines Kampfstoffes haben. Nach toxikologischen Überlegungen spielt die aufgenommene Dosis einen zentrale Rolle. Die aufnehmbare Dosis wird bestimmt durch die Menge des Stoffes, welche Transportiert und freigesetzt und verteilt werden kann. • Aggregatzustand • relatives Gewicht des Kampfstoffes zur Umgebung • Aerosolbildung 26 VfdB. 27 VfdB, S. 31 ff. 15
  16. 16. • Transportierbarkeit • Ausbringungsmöglichkeit 4.3.1. Aggregatzustand Die wichtigste physikalische Eigenschaft eines chemischen Kampfstoffs ist der Aggre- gatzustand. Man unterscheidet zwischen fest, flüssig und gasförmig. Der Aggregazustand bestimmt zu nächst die Art der möglichen Ausbreitungen. Feststoffe müssen mittels einer Explosion oder kenetischer Energie verteilt werden. Gase breiten sich aus eigenem Antrieb aus. In der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts wurden vor allem gasförmige Kampfstoffe die schwerer als Luft waren eingesetzt. Diese wurden in Windrichtung freigesetzt und „fielen“ in die gegnerischen Schützengräben.28 4.3.2. Ausbreitung von Gasen Abhängig von der Ausbringungshöhe erfolgt eine Freisetzung von Kampfstoffen meist in den unteren Schichten der Atmosphäre. In diesen Schichten sind für eine Verbreitung folgende physikalische Eigenschaften des Stoffes essenziell: Quellstärke und Strömungs- vorgänge, hier insbesondere turbulente Diffusionen.29 Die Ausbreitung von Gaswolken in nicht umschlossenen Räumen unterliegt grundsätz- lich drei zu betrachtenden Verhalten. Diese sind abhängig vom Gewicht des Gases in Relation zum Gewicht der Umgebungsluft. Die Verhalten können in die Gruppen der Leichtgase, Neutralgase und Schwergase unterteilt werden. Gase mit dem Verhalten von Schwergasen haben in Abhängigkeit von jeweiliger Temperatur des Gases und Druckes der umgebenden Atmosphäre eine Dichte von mehr als 1.3 kg m3 . Leichtgase haben eine Dichte von weniger als 1.2 kg m3 . Neutrale habe dieselbe Dichte wie die umgebenden Atmo- sphäre. Diese Gruppen zeichnen sich durch unterschiedliches Ausbreitungsverhalten aus, welche auch bei der Berechnung durch ein Ausbreitungsmodell zu berücksichtigen sind. Bei einem Stoffaustritt kann je nach Stoffkonfiguration der Stoff allen Ausbreitungsmerk- malen unterliegen.30 31 Bei Austritten von Gasen, welche in flüssiger Form gelagert sind und gasförmig austre- ten, kommt es zur Aerosolbildung, also einer Zerstäubung der austretenden Flüssigkeit. Die Bildung von Aerosolen ist abhängig von Viskosität, Oberflächenspannung, Lage- rungsbedingungen und der Größe des Öffnungsquerschnittes der Austrittsstelle. Häufig zu beobachten ist die Aerosolbildung bei Freisetzungen von druckverflüssigten Gasen. Eine auftretende Aerosolbildung ist für die weitere Ausbreitung des freigesetzten Gases von fundamentaler Bedeutung, da eine Aerosolbildung mit anschließender Verdampfung der Aerosoltröpfchen einen maßgeblichen Einfluss auf die Temperatur der Gaswolke hat. 28 Keegan/Nicolai/Nicolai (2001). 29 Pischinger (2000). 30 Rhea Kakko. 31 Ausbreitungsbild 16
  17. 17. Einsatz flüchtig: Einsatz sesshaft: Die Partikelgröße ist sehr klein. Der Stoff kann sehr schnell verdampfen. Es liegen etwa 50% als Dampf und 50% als feinstes Aerosol vor. Der Kampfstoff verflüchtigt sich sehr schnell wieder. Es werden größere Tropfen versprüht. Es sind etwa 20% Dampf und 80% Tropfen vorhanden. Der Stoff erreicht in größeren Menden den Boden und kontaminiert das Gebiet und vorhandene Truppen Eine Abschätzung der Aerosolbildung ist aufgrund der widersprüchlichen Literaturlage nur in Form eines groben Richtwertes für den Aerosolanteil möglich.32 4.3.3. Transportierbarkeit Binär-Kampfstoff Binär-Kampfstoff Zwei oder mehrere weniger giftige Stoffe werden getrennt zueinander gelagert (verschiedene Kammern in einer Granate), auch ungiftige Stoffe können beiliegen um evtl. als Katalysator bei der Reaktion zu dienen. Die Stoffe vermischen sich erst beim Einsatz zu dem gefährlichen Giftstoff (z.B. Sarin oder VX) ”Klassischer”-Kampfstoff Der Stoff ist von alleine hochgiftig und muss nur noch ins Zielgebiet gebracht werden, wo er sofort seine Wirkung entfaltet (Chlorgas). 4.4. Ausbringungsmöglichkeiten Eine Grundlegende Theorie der Toxikologie ist Relation zwischen aufgenommener Do- sis und Wirkung.33 Die maximal Dosis wird begrenzt durch die ausgebrachte Menge an Kampfstoffen. Aus diesem Grund sind die Ausbringungsmöglichkeiten eines Stoffes als Kennwert relevant, da sie die mögliche Wirkung beeinflusst. Unter Ausbringung eines Kampfstoffes wird in dieser Arbeit die Immision eines Stoffes verstanden. Die Immission ist bestimmt durch den Aggregatzustand des Kampfstoffes. "Die Art der Ausbringung eines Kampfstoffes oder eine Kampfstoffgemisches (z.B. Sarin/Cylosarin, S-Lost/Lewisit) richtet sich nach taktischen und meteorologischen Überlegungen. Mögliche Einsatzmittel sind Handgranaten, Minen, Artilleriegeschosse, Raketen, Bomben, Sprühtanks, ballisti- sche Flugkörper oder unbemannte Luftfahrzeuge."34 Trotz ähnlichem Verhalten ist ein Aerosol von einem Gas zu unterscheiden. Es handelt sich hierbei um einen Feststoff oder eine Flüssigkeit, die recht fein in der Luft verteilt ist. Ein nicht unerheblicher Teil des Aerosols ist in der Gasphase. Man unterscheidet 2 Einsatzarten. 32 Secrétariat d’Etat auprés du Premier ministre chargé de l’Environnement et de la Préyention des risques technologiques et naturels (1990). 33 Reichl (2009). 34 Lampalzer (2003). 17
  18. 18. 4.5. Herstellung chemischer Kampfstoffe / Machbarkeit / Verfügbarkeit der Grundsubstanzen „Chemical weapons labs use two methods of production; the development of new chemical agents through standard production methods and the synthesis of existing materials. The development of new chemical agent is the more difficult of the two processes and is nearly impossible except for someone with a chemistry background and access to some chemistry equipment.”35 Um auf diese Weise „neue“ chemische Kampfstoffe herzustellen benötigt man, ein „Re- zept“, ein entsprechend ausgestattetes Labor, Zugang zu diverse Ausgangsmaterialien und entsprechend ausgebildetes „Personal“. „The following sections provide some information about terrorism agents that currently exist. Some are unique ideas and thoughts, and some resent possible scenarios. There exists some thought within the fire service that this type of information should not be published. All of this information is readily available in the public domain and in training programs and texts throughout the United States. Most of the exact recipes and “how-to” instructions for these and any other devices are easily obtained throughout printed texts and the Internet.”36 Die Herstellung von chemischen Kampfstoffen ist recht komplex, und nahezu unmöglich für Personen ohne gute Chemiekentnisse. „The recipes for chemical weapons are fairly sophisticated and require ac- cess to many raw materials that are hot listed. “37 “1. The first of the five qualifiers involves the potential terrorist’s education ability to make a device or agent that, unlike explosives or ricin, is very difficult to attain. To truly make a biological pathogen agent, in most cases, one needs an advanced knowledge of biology.”38 Ein wichtiger Faktor zur Herstellung chemischer Kampfstoffe ist die Verfügbarkeit der Ausgangsmaterialien mit denen man besagte Substanzen herstellt: “2. The next qualifier is a person’s ability to obtain the raw materials ne- cessary to make the agents. Many of the materials necessary to make chemical warfare agents are banned for sale. Others appear on hot lists, which means they are only sold to legitimate businesses. This would not preclude someone from buying the raw materials on the black market or stealing them from legitimate business.”39 35 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 36 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 37 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 38 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 39 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 18
  19. 19. Ein nicht unerheblicher Faktor der zur Herstellung chemischer Kampfstoffe beiträgt ist ein eingerichtetes Labor. ”3. The third qualifier is the ability to manufacture the devices or machi- nery required to make the agent. (. . . ) There are some agents that could be produced in a bathtub using backyard chemistry, but these are not the high-end agents that attract much attention. (. . . )”40 Um „high-end“ Kampfstoffe herzustellen benötigt man dann wiederum mehr Labo- rausstattung als eine Badewanne. Es ist aber davon auszugehen, dass es (wie bei der Drogenherstellung) möglich ist ein illegales Labor einzurichten. „Criminals are using more weapons than just guns today, and the use of clandestine labs for illicit production is on the rise.”41 “There are several types of clandestine labs that emergency responders are likely to encounter. The most common is the drug lab, but other possible labs include explosive labs, chemical labs, and biological weapons labs.”42 “These are the least likely labs to be encountered in emergency response, but responders must be aware of their existence and some of the unique features of these types of labs. The two types of terrorist agent or weapons of mass destruction (WMD), labs are chemical weapons or biological weapons labs.”43 Desweiteren werden Apparate zum Ausbringen der Stoffe benötigt. Sind diese nicht „ausgereift“ wird kein maximaler Effekt erzielt. „4. One qualifier that is often overlooked is the ability to disseminate these agents. (. . . ) The Aum Shinrikyo cult in Japan is a perfect example, as they were a group with millions of dollars in assets and full chemical and biological lab and production facilities. (. . . ) They used sarin nerve agent twice, the first time in Matsumoto, Japan, in which seven people were killed and 200 injured. The dissemination method used in Matsumoto attack was much more effective than the one used in Tokyo subway attack.”44 “The most probable scenario for the development of chemical warfare agent is the synthesis of a chemical warfare agent is the synthesis of an existing product. The criminal would take existing materials, which are usually in diluted form, and synthesize them or reduce them down to a concentrated product. Luckily most, if not all, of the existing products do not present much risk to humans, as strictly engineered to harm only insects.”45 40 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 41 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 42 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 43 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 44 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 45 Hawley/Walter (2008), Chapter 7. 19
  20. 20. 5. Auflistung der einzelnen Stoffe Thomas Blome, Marie Goedicke, Sebastian Roden In diesem Abschnitt sollen die in Kapitel 3 selektierten chemischen Kampfstoffe mit den eruierten Kennwerten aus Kapitel 4 verknüpft werden. Hierzu wird zunächst eine Liste aller Kampstoffe mit dem Kennwert „Wirkungsziele“ aufgestellt. Die Wirkungszie- le beschränken sich auf die Einordnung Mensch und Umwelt. Die daraus resultierende Einordnung ist der Tabelle 6 zu entnehmen. Nachdem die Wirkungsziele feststehen, erfolgt die Einordnung der chemischen Kampf- stoffe in das bereits in Kapitel 4 angesprochene Farbkreuzscheme. Dies ist insoweit von Bedeutung um eine grobe Einordnung nach Wirkungsort im bzw. am menschlichen Kör- per festzustellen. Hierbei wird den Farben Weiß, Blau, Grün und Gelb verschiedene Hauptwirkziele zugeordnet. So steht das Weißkreuz für Augenkampfstoffe, das Blaukreuz für Nasen- und Rachenkampfstoffe, das Grünkreuz für Lungenkampfstoffe und das Gelb- kreuz für Hautkampfstoffe. Des Weiteren gibt es noch die Gruppen der Nervenkampf- stoffe, der Psychokampfstoffe, der Blutkampfstoffe, der Herbizide, der Brandkampfstoffe und der Nebelkampfstoffe. Für die selektierten chemischen Kampfstoffe ergibt sich die in Tabelle 3 erstellte Einteilung. Als nächstes gilt es die Aufnahmewege der chemischen Kampfstoffe in den menschlichen Körper festzulegen. Dies ist insofern interessant, da es Ansätze für mögliche Schutzmaß- nahmen liefert. Es gilt folgende Aufnahmewege zu unterscheiden: die dermale Aufnahme (über die Haut), die inhalative Aufnahme (über die Lunge) und die orale Aufnahme (über die Schleimhäute). Die Ergebnisse sind der Tabelle 4 zu entnehmen. Die nächste zu betrachtende Stoffeigenschaft ist die, der letalen Dosis (kurz: LDx) bzw. nach der letalen Konzentration (kurz: LCx). Diese beiden Kennwerte zeigen die jeweilige von einem Stoff benötigte Menge an, die auf ein Lebewesen tödlich wirkt. In Tabelle ?? und Tabelle ?? wird jeweils die Kenngröße 50 zitiert. Diese beschreibt die mittlere letale Dosis bzw. letale Konzentration, also diejenige di sich auf 50% der Population bezieht. Auf Grund der vorherigen Festlegung der letalen Dosis bzw. Konzentration stellt sich die Frage, ob es nach einem terroristischen Anschlag mit chemischen Kampfstof- fen die Möglichkeit einer effizienten Behandlung der betroffenen Opfer mit Antidoten gibt. Dementsprechend behandelt die Tabelle Antidot diese Fragestellung und gibt zu den jeweiligen chemischen Kampfstoffen Auskunft. Anschließend wird eine der wohl von bedeutendsten Fragen behandelt. Es gilt zu klären inwieweit die Grundsubstanzen verfügbar sind. Hierzu wurde bei verschiedenen Chemie- großhändlern in deren Onlinekatalog nach den beschriebenen Substanzen gesucht. Die Ergebnisse sind der Tabelle 8 zu entnehmen. Nachdem die Verfügbarkeit geklärt ist, stellt sich die Frage der Aggregatzustände der einzelnen Stoffe. Dies ist besonders für den Transport und die Lagerung bzw. die Vor- bereitung eines Anschlages von großer Bedeutung. Die Resultate sind der Tabelle 9 zu entnehmen. Einher mit dieser Fragestellung muss di Transportierbarkeit geklärt werden. Dazu werden die Stoffe in die zwei Gruppen binär und klassisch eingeteilt. Binär bedeutet in diesem Zusammenhang, dass der chemische Kampfstoff aus mehreren an sich ungefähr- lichen chemischen Stoffen gebildet wird, wo hingegen klassisch für einen sofort existenten 20
  21. 21. chemischen Kampfstoff steht. Die Ergebnisse sind in der Tabelle 10 zusammengefasst. Die Zuordnung der jeweiligen Werte erfolgte anhand einschlägiger Literatur.4647 46 Hommel. 47 Römpp/Falbe/Amelingmeier. 21
  22. 22. 6. Terroristische Relevanz der Stoffe - Interpretation Kai Kornetzky, Lukas Weitekamp, Lars Wyvwa 6.1. Zielsetzung terroristischer Verwendung Was zeichnet den optimalen Kampfstoff für Terroristen aus? Im militärischen Sprachkontext versteht man unter chemischen Kampfstoffen all die chemischen Substanzen, die aufgrund ihrer toxischen Wirkung gegen Menschen, Tiere oder Pflanzen eingesetzt werden können. Dabei ist es unerheblich, ob sie nur vorüberge- hend, nachhaltig oder sogar direkt tödlich wirken. Erst durch diese Zweckbestimmung wird eine Substanz zu einem Kampfstoff.48 Für den militärischen Gebrauch werden folgende Anforderungen an einen Kampfstoff gestellt49: Abbildung 2: Anforderungen an Kampfstoffe Diese Definition und die Anforderungen können auch auf den terroristischen Gebrauch bezogen werden, wobei hier die Auswahl an Kampfstoffen durch verschiedene Faktoren limitiert wird. 48 Höfer (2002). 49 Franke (1967). 22
  23. 23. Zunächst ist die Auswahl des optimalen Kampfstoffes für Terroristen eingeschränkt durch die Auswahl des Zieles. Da ein Ziel terroristischen Handelns der gezielte Angriff von relevanten Zielen ist und damit die Kommunikationsfunktion der terroristischen Akte hervorgerufen werden soll.50 Abhängig von dem Ziel der Terroristen ändern sich auch die Anforderungen an den Kampfstoff. Soll eine große Menge Personen getötet werden oder soll eine noch medien- wirksamere Tötung und Verletzung von den Opfern erzielt werden.Somit limitiert sich die Auswahl der Kampfstoffe durch das Ziel. Zum einen werden hier die Verfügbarkeit, sei es durch Herstellung oder Diebstahl51 als auch die Transportfähigkeit der Kampfstoffe eine zentrale Rolle spielen. Ein hoch- wirksamer Kampfstoff, der in seiner Herstellung sehr aufwändig ist ( Kosten – Nutzen und Aufmerksamkeit durch Sicherheitsbehörden) und zudem noch schwierig zu trans- portieren ist, scheidet für einen terroristischen Anschlag aus, da diese von dem Über- raschungsmoment partizipieren. Ein kleines Paket ist unauffälliger zu transportieren als ein Tanklastwagen. In diesem Punkt unterscheiden sich auch die terroristischen von den militärischen Anforderungen an einen Kampfstoff. Ebenso scheiden Kampfstoffe aus welche gut zugänglich aber ineffizient sind, also ein große Mengen freigesetzt werden müsste, um eine letale Dosis zu erreichen. Auch die Zielsetzung des terrosristischen Anschlages ist entscheidend für die Auswahl des Kampf- stoffes. Soll eine möglichst große Anzahl an Personen getötet werden wählt man ein Giftgas wie z.B Sarin aus mit einer niedrigen LD. Will man hingegen eine ”medienträch- tige Inszenierung” schaffen, bei der sowohl Menschen getötet als auch verätzten Körper in den Medien zu sehen sind, so wählt man eher einen Kampfstoff wie Senfgas. Als Beispiele seien hier das Nervengas Sarin ( U- Bahn Anschlag 1995 Tokio) und Senfgas ( Verwendung durch irakische Truppen im Golfkrieg) genannt.52 6.2. Gewichtung welche Stoffe/ Stoffgruppen sind wie relevant unter welchen Voraussetzungen Nachdem in vorigen Verlauf dieser Arbeit sowohl die einzelnen Stoffe53, als auch die Stoffgruppen54 näher betrachtet wurden, stellt sich nun die Frage, wann diese Stoffe oder Stoffgruppen für terroristische Anschläge interessant sind bzw. in Frage kommen ein terroristisches Ziel zu erreichen. Hierzu vorab ein Zitat von Bin Laden bezüglich der Attentate vom 11. September 2001: „[...]wir berechneten im Vorhinein die Zahl der Opfer unter den Feinden, wie viel nach der Position der Türme getötet werden würden. Wir kalkulier- ten, dass die Zahl der Stockwerke, die getroffen werden würden drei oder vier sein würden. Es war eine ganz optimistische Kalkulation. [...] Ich bin davon 50 vgl. Wahlfach : „Grundlagen des Terrorismus und Strategien zur Konfliktlösung (Prof. Dr. Hartwig)“ 51 Siehe auch ”Ausblick (Kapitel 6.3 )” 52 vgl. Anhang D 53 vgl. ”Auflistung der einzelnen Stoffe (Kapitel 5)” 54 vgl ”Einteilung der Stoffe in Gruppen (Kapitel 4)” 23
  24. 24. ausgegangen, dass das Feuer nach der Explosion des Treibstoffes das Stahl- gerüst des Gebäudes schmelzen und die Türme an der Einschlagstelle und oberhalb zum Einsturz bringen würde. Das war alles, was wir erhofft hatten.“ Zwar handelt es sich bei den Anschlägen nicht um chemische Kampfstoffe, dennoch wird die Denkweise deutlich, die hinter einem terroristischen Anschlag steckt. Dass es um die gezielte Tötung einer bestimmten Gruppe geht sei unbestritten, dass es aber auch in den Vorüberlegungen einer solchen Tat um die (relativ genaue) Anzahl der getöteten geht mag für den ein oder anderen neu sein. In Kapitel ”Toxikologische Grundlagenbetrachtung (Kapitel 4.1 )”, ist eine Formel genannt, die es mittels einiger weiter Daten emöglicht eine solche Menge abzuschätzen. Eine terroristische Überlegung bezieht demnach die Giftkonzentration, die Wirkdauer und die Einwirkzeit mit ein und führt nach der erwähnten Regel zur toxischen Wirkung. Bei chemischen Kampfstoffen kann im Gegensatz zu biologischen Kampfstoffen von einer begrenzten Schädigungsdauer ausgegangen werden, allerdings ermöglicht die in Kapitel 5 erwähnte Stoffaufzählung eine breite Anschlagsmöglichkeit. Stellt man sich sie Frage nach der Relevanz der einzelnen Stoffe, so muss man diese Fra- ge immer in Zusammenhang mit der Zahl der Opfer oder der Größe des Areals bringen, welches dem Terroristischen Anschlag zugrunde liegen soll. Da chemische Kampfstoffe relativ häufig als Gas oder Flüssigkeit vorliegen ergibt sich eine Fülle von Einsatzmög- lichkeiten, die in Kap. 4.4 (”Ausbringungsmöglichkeiten”) schon hinreichend erläutert wurden (Ausbringung als Bombe, Flüssigkeit, Gas, ”saurer Regen”, Aerosol, etc.). Zur Verdeutlichung sei hier Napalm der ganze Landstriche niederbrennen lies genannt, oder Chlorgas welches als Bombe einen relativ geringen Wirkungsradius hat. Abschließend ist zu sagen, dass eine Gewichtung, wann welcher Stoff als terroristischer Kampfstoff in Frage kommt nicht eindeutig zu klären ist, da zu viele Faktoren die Wahl eines solchen beeinflussen. Manchmal wird die Wirkung eines vergleichsweise harmlosen Stoffes unterschätzt und führt zu ungeahnten Auswirkungen 55 6.3. Ausblick Zugang zu chemischen Kampfstoffen dürfte für Terroristen kein unüberwindbares Pro- blem darstellen. Chemische Verbindungen wie z.B. Senfgas wurden schon zur Zeit des Ersten Weltkrieges eingesetzt, chemische Formeln sind allgemein bekannt, die notwendi- gen Vorprodukte beschaffbar. Die japanische Aum-Sekte hat das Nervengas Sarin bereits 1995 hergestellt und zu terroristischen Anschlägen verwendet.56 Auch ist es denkbar, dass die Terroristen sich über Staaten, die derartige Kampfmittel besitzen, chemische Kampfstoffe besorgen. Beispielsweise ist der Irak noch immer in der Lage chemische Kampfmittel herzustellen. Besorgniserregend so auch die Situation in Russland, hier sollen ca. 40 000 Tonnen chemischer Kampfstoffe lagern. Anders als in Amerika sind diese C-Waffen-Lager nicht immer ausreichend gesichert bzw. kann kein 55 vgl. Kapitel 3.3 56 Hielscher (2002). 24
  25. 25. Zugang von unautorisierten Personen ausgeschlossen werden.57 Laut der Chemiewaffenkonvention ( CWK oder CWÜ ) hat Russland die Chemiewaf- fen bis April 2012 vollständig zu vernichten.58 Zehn Jahre nach Unterzeichnung dieser Konvention sollte dies geschehen sein. Die Russische Föderation befindet sich bereits seit 1993 unter den Mitgliedern des Abkommens.59 Es sprechen aber auch einige Tatsachen gegen die Benutzung von chemischen Kampf- mitteln durch terroristische Gruppierungen. In der Vergangenheit gab es selten terro- ristische Anschläge mit chemischen oder gar biologischen Kampfmitteln.60 Warum? Es könnte der komplizierte Umgang mit den chemischen Kampfstoffen sein, aber auch die Produktion. Nicht vergessen darf man, dass konventionelle Methoden durch Sprengstoff ausreichen, um großen Schaden anzurichten, wie z.B zuletzt der Anschlag im November 2010 auf die Sajjidat-al-Nadscha-Kirche in Bagdad.61 Wahrscheinlichkeitsaussagen zu treffen über terroristische Anschläge mit chemischen Kampfstoffen sind nicht möglich. Kennzeichnend für terroristische Aktivitäten ist die Unvorhersehbarkeit bzw. der Überraschungsmoment. Der 11. September 2001 und die Anschläge der japanischen Aum-Sekte haben gezeigt, dass derartige Ereignisse schwer abzusehen sind. Diese Taten haben nicht nur überrascht, sondern auch die Skrupellosig- keit terroristischer Gruppierungen nachhaltig unter Beweis gestellt. Die Geschehnisse in Amerika am 11. September 2001 haben gezeigt, dass auch ohne „Massenvernichtungswaf- fen“ auf einen Schlag viele Menschen zu töteten sind. Den Terroristen kam es aber dabei auch auf eine große öffentliche Wirkung an, welche durch chemische Waffen genauso erzielt werden können. Unwägbarkeiten und Schwierig- keiten verbunden mit den chemischen Kampfstoffen sind keine Garantie, dass Terroristen sie nicht künftig anwenden. Dabei kommt ihnen die zunehmende moderne Industriege- sellschaft entgegen, die durch diese Art von Terroranschlägen in kurzer Zeit nachhaltig beeinträchtigt werden kann. Im ersten Golfkrieg zwischen dem Irak und dem Iran wurde deutlich, welche Wirkung und Angst Angriffe mit chemischen Kampfmitteln verursachen. Die iranische Infanterie war zahlenmäßig überlegen und auf Saddam Husseins Weisung antwortete die irakische Luftwaffe mit Angriffswellen von chemischen Kampfmitteln wie z.B. Senfgas im Novem- ber 1983 ,welches 3000 iranische Angreifer tötete oder verwundete.62 Besonders der Besitz und die Anwendung der Nervengase Tubun, Sarin und VX sorgten für Besorgnis und Angst auf der Gegenseite. Auch die Amerikaner, als Koalitionstruppe, fürchteten diese Kampfmittel.63 Es ist auch die Eigenschaft und Wirkung der chemischen Mittel, weshalb chemische Terrorangriffe so gefürchtet sind. ”Wer die unsichtbaren Tröpfchen einatmet oder auf die Haut bekommt, hat 57 Thränert (2000). 58 Auswärtiges Amt (2001). 59 Organisation for the prohibition of chemical Weapons. 60 vgl. http://www.start.umd.edu/gtd/ 61 Reuters (01.11.2010). 62 Harris et al. (2002), (S.370 ff). 63 Harris et al. (2002), S.374. 25
  26. 26. nicht mehr lange zu leben. Zunächst verengt sich die Regenbogenhaut, bis die Pupillen nur noch stecknadelkopfgroß sind, Schweiß bricht aus, krampfartig wird der Mageninhalt erbrochen. Dann entleeren sich Darm und Blase, zu- ckend verlieren die Opfer das Bewusstsein (. . . ) Nervengase wie Sarin, Tabun oder VX entfalten ihre tödliche Wirkung innerhalb von 8 bis 21 Minuten. Sie stören die Übermittlung von Nervenimpulsen im Gehirn und an den Muskeln durch die Blockierung eines lebenswichtigen Enzyms, die Folge ist eine totale Verkrampfung der Muskulatur.“64 64 Rainer (1997). 26
  27. 27. Anhang A. Literatur André Kunz (26.08.2002): Tötungsfabrik ”Einheit 731”. die Tageszeitung 2002. Auswärtiges Amt (2001): Globale Partnerschaft: Unterstützung russischer Abrüstungsanstrengungen. URL: http://www.auswaertiges-amt.de/DE/ Aussenpolitik/Friedenspolitik/Abruestung/GlobalePartnerschaft_node. html – Zugriff am 31.01.2011. Bundesamt für Bevölkerungsschutz und Katastrophenhilfe (2010): Neue Strategie zum Schutz der Bevölkerung in Deutschland. 2. Auflage. Bonn: Bundesdruckerei, ISBN 9783939347293. Bundesministreium des Innern: Lexikon - Terrorismus. URL: http: //www.bmi.bund.de/cln_156/DE/Service/Glossar/Functions/glossar.html? nn=105094&lv2=296452&lv3=151976 – Zugriff am 01.02.2011. Croddy, Eric/Perez-Armandariz, Clarisa/Hart, John (2001): Chemical and biological warfare: A common-sense guide for the concerned citizen. New York: Copernicus, ISBN 0387950761. Deutsche Gesellschaft für Toxikologie: Was ist Toxikologie. URL: http://www.toxikologie.de/allgemein/was_ist_toxikologie.html – Zugriff am 28.01.2011. Franke, Siegfried (Hrsg.) (1967): Lehrbuch der Militärchemie. Berlin: Deutscher Mi- litärverlag, 2. Fürtig, Henner (1992): Der irakisch-iranische Krieg 1980-1988: Ursachen, Verlauf, Folgen. Berlin: Akademie Verlag, ISBN 3–05–001905–0. Gellermann, Günther W. (1986): Der Krieg, der nicht stattfand: Möglichkeiten, Überlegungen und Entscheidungen der deutschen Obersten Führung zur Verwen- dung chemischer Kampfstoffe im 2. Weltkrieg. Koblenz: Bernard & Graefe, ISBN 3763758046. Harris, Robert/Paxman, Jeremy (1985): Eine höhere Form des Tötens: D. unbekannte Geschichte d. B- u. C-Waffen. Dtv, Von d. Autoren aktualisierte Ausg. Auflage. München: Deutscher Taschenbuch-Verlag, ISBN 3–423–10372–8. Harris, Robert et al. (2002): Der lautlose Tod: Die Geschichte der biologischen und chemischen Waffen. München: Wilhelm Heyne, ISBN 3453865707. Hawley, Chris/Walter, Andrea (2008): Hazardous materials handbook: Awareness and operations levels. Clifton Park, N.Y: Delmar Cengage URL: http://catdir.loc.gov/catdir/enhancements/fy1104/2008924373-d. html , ISBN 1428319719. 27
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  30. 30. B. Abbildungsverzeichnis 1. Habersche Regel nach65 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 11 2. Anforderungen an Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 22 65 Reichl (2009). 30
  31. 31. C. Tabellenverzeichnis 1. Liste der historisch Erfassten Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 9 2. Wirkungsziel der chemischen Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 32 3. Farbkreuzeinteilung der Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 33 4. Aufnahmewege . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 34 5. LD50-Aufstellung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 35 6. Wirkungsziel der chemischen Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . 36 7. Antidote chemischer Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 37 8. Verfügbarkeit der Grundsubstanzen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 38 9. Aggregatzustände bei Normalbed. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 39 10. Einteilung klassischer / binärer Kampfstoff . . . . . . . . . . . . . . . . . 40 11. Aerosolbildung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 41 12. Dampfdruck der relevanten Kampstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 42 13. Dichte der Kampfstoffe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 43 14. Schmelzpunkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 44 15. Siedepunkte der chemischen Kampfstoffen . . . . . . . . . . . . . . . . . . 45 31
  32. 32. D. Tabellen Stoffname Wirkungsziel Chlor Mensch Phosgen Mensch Diphosgen Mensch Chlorpikrin Mensch Ethyldichlorarsin Mensch Phosgenoxim Mensch Bromaceton Mensch Brommethylethylketon Mensch Diphenylchlorarsin (Adamsit) Mensch, Umwelt Agent White Umwelt (Entlaubung) Perfluorisobutylen Mensch Senfgas ("LOST") Mensch Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) Mensch Lewisite Mensch Lysergsäurediethylamid (LSD) Mensch Phenylarsindichlorid (Clark 1) Mensch, Umwelt Arsin Mensch, Umwelt Kohlenmonoxid Mensch Mescaline Mensch Methaqualone Mensch Agent Orange Umwelt (Entlaubung) CS Mensch CN Mensch Capsaicin Mensch Bromoacetate Mensch Chloraceton Mensch Hydrogen Cyanide Mensch Cyanogen Chloride Mensch Napalm Mensch Tabelle 2: Wirkungsziel der chemischen Kampfstoffe 32
  33. 33. Stoffname Farbkreuz Chlor grün Phosgen grün Chlorpikrin grün Phosgenoxim grün Bromaceton weiß Diphenylchlorarsin (Adamsit) blau Agent White Herbizid Perfluorisobutylen grün Senfgas ("LOST") gelb Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) gelb Lewisite gelb Lysergs% urediethylamid (LSD) Psychokampfstoff Phenylarsindichlorid (Clark 1) blau Arsin grün Kohlenmonoxid Blutkampfstoff Mescaline Psychokampfstoff Methaqualone Psychokampfstoff Agent Orange Herbizid CS weiß CN weiß Bromoacetate weiß Chloraceton weiß Hydrogen Cyanide Blutkampfstoff Cyanogen Chloride Blutkampfstoff Napalm Brandkampfstoff Tabelle 3: Farbkreuzeinteilung der Kampfstoffe auto schuppen hund auto 33
  34. 34. Stoffname Aufnahmeweg Chlor inhalativ, dermal, oral Phosgen inhalativ Diphosgen inhalativ Chlorpikrin inhalativ, oral Bromaceton inhalativ Perfluorisobutylen inhalativ, andere Aufnahme unwahrscheinlich Senfgas ("LOST") dermal, inhalativ, oral Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) inhalativ, oral, dermal Lewisite inhalaliv, dermal Lysergsäurediethylamid (LSD) oral, inhalativ Phenylarsindichlorid (Clark 1) inhalativ, dermal Arsin inhalativ Kohlenmonoxid inhalativ Mescaline oral Methaqualone oral Agent Orange dermal CS dermal, inhalativ, oral CN dermal, inhalativ, oral Capsaicin dermal, inhalativ, oral Bromoacetate dermal, inhalativ, oral Chloraceton dermal, inhalativ, oral Hydrogencyanide dermal, inhalativ, oral Cyanogenchloride dermal, inhalativ, oral Napalm dermal Tabelle 4: Aufnahmewege 34
  35. 35. Stoffname LD50 Chlorpikrin oral Ratte 250 mg kg Perfluorisobutylen oral Ratte: 17 ppm·10 min-1 Senfgas (”LOST”) oral Ratte: 17 mg kg , dermal Ratte/Kaninchen: 40 mg kg Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) oral Ratte: 5 mg/kg perkutan: 60 mg kg Lewisite LD50 oral Ratte: 50 mg kg ; dermal Ratte / Kanninchen : 4 mg kg perkutan : 100.000mg m3 Arsin 250 ppm über 30 min. Mescaline Maus p.o. 880mg kg Methaqualone Maus i.v. 120mg kg Maus oral 400mg kg Agent Orange 4-D: (Ratte oral) 375mg kg 2,4,5-T: Ratte oral: 500 mg kg CS 8 mg kg (Kaninchen) CN Ratte oral 127mg kg Capsaicin 47,2 mg kg (Maus) Chloraceton oral Ratte: 100 mg kg ; dermal Ratte: 141 mg kg Hydrogen Cyanide 1 mg kg (per os) Tabelle 5: LD50-Aufstellung 35
  36. 36. Stoffname LC50 in ppm Chlor 20.000; dermal nicht tödlich Phosgen 3.200; dermal nicht tödlich Diphosgen 3.200; dermal nicht tödlich Chlorpikrin 0,0968 Bromaceton 3.000 - 4.000; dermal nicht tödlich Diphenylchlorarsin (Adamsit) 11.000 - 13.000; dermal nicht tödlich Perfluorisobutylen 320; dermal nicht tödlich Senfgas (”LOST”) 1500 Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) 500 - 1500 Lewisite 1.250 Arsin 5.000 CS 10000 Tabelle 6: Wirkungsziel der chemischen Kampfstoffe 36
  37. 37. Stoffname Antidot Chlor Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Phosgen Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Diphosgen Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Chlorpikrin Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Ethyldichlorarsin Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Phosgenoxim Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Bromaceton Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Brommethylethylketon Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Perfluorisobutylen Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Senfgas ("LOST") Natriumthiosulfat Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) Natriumthiosulfat Lewisite Dimercaprol Lysergsäurediethylamid (LSD) Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Phenylarsindichlorid (Clark 1) Dimercaptopropansulfonat Arsin Dimercaptopropansulfonat Kohlenmonoxid 100%iger Sauerstoff Mescaline Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Methaqualone Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Agent Orange Kein Spezifisches nur Sympthomatisch CS Kein Spezifisches nur Sympthomatisch CN Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Capsaicin Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Bromoacetate Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Chloraceton Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Hydrogen Cyanide 4-Dimethylaminophenol (4-DMAP) Cyanogen Chloride Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Napalm Kein Spezifisches nur Sympthomatisch Tabelle 7: Antidote chemischer Kampfstoffe 37
  38. 38. Stoffname Verfügbarkeit der Grundsubstanz Chlor frei verfübar (Schwimmbadtechnik) Phosgen nein Bromaceton nicht frei verfügbar Perfluorisobutylen nein (Verboten durch Chemiewaffenkonvention) Senfgas ("LOST") nein (Verboten durch Chemiewaffenkonvention) Lewisite nein (Verboten durch Chemiewaffenkonvention) Lysergsäurediethylamid (LSD) unterliegt dem BtMG Kohlenmonoxid frei verfügbar Mescaline unterliegt dem BtMG Methaqualone unterliegt dem BtMG Agent Orange nein CS zum Teil CN zum Teil Capsaicin frei verfügbar Bromoacetate frei verfügbar Chloraceton frei verfügbar Hydrogen Cyanide frei verfügbar Cyanogen Chloride frei verfügbar Napalm frei verfügbar Tabelle 8: Verfügbarkeit der Grundsubstanzen 38
  39. 39. Stoffname Aggregatzustand Chlor gasförmig Phosgen gasförmig, flüssig transportiert Diphosgen flüssig Chlorpikrin flüssig Bromaceton flüssig Diphenylchlorarsin (Adamsit) fest Perfluorisobutylen farbloses Gas Senfgas ("LOST") flüssig Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) flüssig Lewisite fest Lysergs% urediethylamid (LSD) fest, flüssig, Phenylarsindichlorid (Clark 1) flüssig Arsin gasförmig Kohlenmonoxid gasförmig Mescaline fest Methaqualone fest Agent Orange flüssig CS fest CN fest Capsaicin fest Bromoacetate flüssig Chloraceton flüssig Hydrogen Cyanide flüssig Cyanogen Chloride gasförmig Napalm flüssig Tabelle 9: Aggregatzustände bei Normalbed. 39
  40. 40. Stoffname Transportierbarkeit Chlor klassisch Phosgen klassisch Diphosgen klassisch Chlorpikrin klassisch Ethyldichlorarsin klassisch Phosgenoxim klassisch Bromaceton klassisch Brommethylethylketon klassisch Diphenylchlorarsin (Adamsit) klassisch Agent White binär Perfluorisobutylen klassisch Senfgas ("LOST") klassisch Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) klassisch Lewisite klassisch Lysergsäurediethylamid (LSD) klassisch Phenylarsindichlorid (Clark 1) klassisch Arsin klassisch Kohlenmonoxid klassisch Mescaline klassisch Methaqualone klassisch Agent Orange binär CS klassisch CN klassisch Capsaicin klassisch Bromoacetate klassisch Chloraceton klassisch Hydrogen Cyanide klassisch Cyanogen Chloride klassisch Napalm binär Tabelle 10: Einteilung klassischer / binärer Kampfstoff 40
  41. 41. Stoffname Aerosolbildung Chlor nein Phosgen kalter Nebel bei großen Mengen Diphosgen nein Chlorpikrin nein Ethyldichlorarsin nein Phosgenoxim nein Bromaceton nein Brommethylethylketon nein Diphenylchlorarsin (Adamsit) nein Agent White nein Perfluorisobutylen nein Senfgas ("LOST") nein Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) nein Lewisite ja Lysergsäurediethylamid (LSD) ja Phenylarsindichlorid (Clark 1) nein Arsin nein Kohlenmonoxid nein Tabelle 11: Aerosolbildung 41
  42. 42. Stoffname Dampfdruck Chlor bei 20◦C: 6,776 bar, bei 30◦C: 8,8 bar Phosgen bei 20◦C: 1,586 bar, bei 30◦C: 2,2 bar Diphosgen bei 20◦C:13,73 mbar, bei 30◦C: 24 mbar Chlorpikrin bei 20◦C: 22,53mbar, bei 30◦C: 44 mbar Bromaceton bei 20◦C: 12 mbar, bei 30◦C: 18 mbar Senfgas ("LOST") bei 20◦C 0,087 mbar , bei (30◦C) 0,2 mbar , Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) bei (20◦C): 0,0093 mbar, bei (30◦C) 0,0223 mbar Lewisite bei (20◦C): 0,0527 mbar, bei (30◦C) 1,0 mbar Phenylarsindichlorid (Clark 1) bei (20◦C): 0,15 mbar, bei (30◦C) 0,3 mbar Arsin bei (20◦C): 16,0 bar, bei (30◦C): 26,0 bar Bromoacetate bei (20◦C): 12 mbar Chloraceton bei (20◦C): 16 mbar Hydrogen Cyanide bei (20◦C): 816 mbar Cyanogen Chloride bei (20◦C): 1,34 bar Tabelle 12: Dampfdruck der relevanten Kampstoffe 42
  43. 43. Stoffname Dichte in kg m3 Chlor 3,2149 Phosgen 4,531 Diphosgen 1,6365 Chlorpikrin 1,6566 Bromaceton 1,634 Diphenylchlorarsin (Adamsit) 1,65 Senfgas ("LOST") 1,2741 Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) 1,2348 Lewisite 1,888 Phenylarsindichlorid (Clark 1) 1,6561 Arsin 3,5198 Kohlenmonoxid 1,2506 CN 1,32 Bromoacetate 1,634 Chloraceton 1,15 Hydrogen Cyanide 0,69 Cyanogen Chloride 1,25 Tabelle 13: Dichte der Kampfstoffe 43
  44. 44. Stoffname Schmelzpunkt Chlor -100,98◦C Phosgen -127,76◦C Diphosgen -57◦C Chlorpikrin -64,5◦C Bromaceton -54◦C Diphenylchlorarsin (Adamsit) 195◦C Senfgas ("LOST") 13 - 14◦C Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) -3,7◦C Lewisite -44,7◦C Lysergs% urediethylamid (LSD) 82 - 85◦C Phenylarsindichlorid (Clark 1) -15,6◦C Arsin -116,9◦C Kohlenmonoxid -205,07◦C Mescaline 35 -36◦C Methaqualone 255 - 256◦C CS 95 - 96◦C CN 245◦C Capsaicin 65 - 66◦C Bromoacetate -38◦C Chloraceton -44◦C Hydrogen Cyanide -13◦C Cyanogen Chloride -6,9◦C Tabelle 14: Schmelzpunkte 44
  45. 45. Stoffname Siedepunkt Chlor -34,0◦C Phosgen 7,44◦C Diphosgen 127, 5◦C Chlorpikrin 111, 9◦C Bromaceton (136,5◦C Zersetzungstemp.) Diphenylchlorarsin (Adamsit) (410◦C Zersetzungstemp.) Perfluorisobutylen 7,00◦C Senfgas ("LOST") 216,◦C Tris(2-chlorethyl)amin (Stickstofflost) 256◦C Lewisite 169,8◦C Phenylarsindichlorid (Clark 1) 254,4 - 257,6◦C Arsin -62,48◦C Kohlenmonoxid -191,55◦C Mescaline 180◦C CS 310 - 315◦C CN 54 - 59◦C Capsaicin 210 - 220◦C Bromoacetate 136,5◦C Chloraceton 119◦C Hydrogen Cyanide 26◦C Cyanogen Chloride 12,9◦C Tabelle 15: Siedepunkte der chemischen Kampfstoffen 45

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