Festschrift anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des BLLV
ImpressumHerausgeber:Bayerischer Lehrer- undLehrerinnenverband (BLLV)Bavariaring 3780336 MünchenRedaktion:Dieter Reithmeie...
Festschrift anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des BLLVBayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband
InhaltKlaus WenzelAufbrechen – 150 Jahre für Bildung als Menschenrecht	                 // 6Dr. h. c. Albin DannhäuserUmbr...
Aufbrechen       150 Jahre für Bildung als Menschenrecht            Als sich am 27. Dezember 1861 annähernd 200 Lehrer ans...
Die Vorbereitungszeit von 1860 bis 1861 ist auch im historischen Rückblick mit ganzen20 Monaten sehr kurz. Das heißt, die ...
Heiß lädt alle ein – auch die Lehrer an Gymnasien und an den Oberrealschulen – die Visi-       on der Bildung als ein zent...
Der BLLV hat mit Ausnahme seiner dunklen Geschichte im Nazideutschland immer seineUnabhängigkeit gewahrt – von gesellschaf...
Umbruch der Gesellschaft –        Aufbruch als moderner Gesamtverband                  Die Vision des BLLV von einem demok...
Um die Zukunftsfähigkeit des BLLV zu sichern, öffnete er sich als Gesamtverband füralle Lehrämter und Erziehergruppen. Er ...
Aufbruch zur Demokratie –        der wiederaufbau des BLLV nach 1945                Meiner Generation war es aufgetragen, ...
Um den gesellschaftlichen Status des BLLV zu erhalten und zu steigern, hatte ich 1959eine Professionalisierung der BLLV-Fü...
Geschichte und Verantwortung                 zum Jubiläum des BLLV                 Dr. Ludwig Spaenle                 150 ...
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Die Gründung des BLV fällt also in eine Zeit vielfacher Gärungen und Umbrüche. Dass        der Bestand von Staat und Gesel...
Bei allen einschneidenden Wandlungen der Gesellschaft im 19. Jahrhundert: Sie warnoch eine Klassengesellschaft. Der Volkss...
Durch den nationalsozialistischen Staatsstreich vom 9. März 1933 wurde Bayern für        über 12 Jahre seiner Eigenstaatli...
Umgekehrt liegt in dieser fundamentalen Erkenntnis zugleich die stete Mahnung anjede Bildungspolitik, die sich in einem si...
Eine der wichtigsten Voraussetzungen waren und sind die gravierenden Innovationen,        die das bayerische Bildungswesen...
Die zweite große Zäsur bezeichnet eine Konstellation rund ein Jahrzehnt später. Ichmeine die Auseinandersetzung um Konfess...
Innovation bedarf sowohl des demokratischen Streites wie auch des demokratischen        Miteinanders. Franz Josef Strauß, ...
Die Tugend der VerantwortungsethikDie Vergangenheit hält, zumal für unübersichtliche und schwierige Zeiten – ich nennenur ...
Aufruf zur Gründung        eines „Bayerischen Lehrervereines“                   Bayerische Schulzeitung 22. August 1861   ...
Auf denn, teure Amtsbrüder, in allen Gauen unsers lieben Vaterlandes! Zeigt Euch alsMänner, die für ihr Amt begeistert sin...
Die Gründungsversammlung        im historischen reichssaal zu Regensburg                    Die Versammlung bayerischer Sc...
Nun wurde zur Feststellung der Geschäftsordnung geschritten und beschlossen:1.  ür die Hauptversammlung sind zwei Vorsitze...
Noch an diesem Abende wurden Einzeichnungsbogen sowohl für die Herren Bevollmäch-        tigten als auch für die übrigen H...
Am Haupttage (27. Dez.) versammelten wir uns präzis 9 Uhr morgens in dem alten undehrwürdigen Rathause der Stadt Regensbur...
Somit war die Verhandlung beendigt. Der Hauptausschuss begab sich hierauf zu dem        stellvertretenden Bürgermeister, H...
Endlich nahte die Stunde der Trennung und nur hart ging man von einander. Alle schiedenwir jedoch von der alten Ratisblonà...
Eröffnungsrede        des achdorfer lehrers Karl HeiSS                       Einleitungsvortrag des Schullehrers und Redak...
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Ich möchte doch sagen, dass der Gemeinsinn auch bei uns noch sehr der Vervollkomm-        nung bedarf. Wir haben zu wenig ...
Keinem Stande ist die Fortbildung und geistige Tätigkeit wohl dringender geboten, alsdem Lehrerstande. Sind es schon die ä...
Man möchte wohl sagen, dass sich zu viele um die Schule bekümmern; denn fast alles        glaubt sich berufen, der Schule ...
Meine Herren! Groß ist die Aufgabe, die wir uns stellen; allein vermöchten wir sie auchbei dem besten Willen und rastloses...
Aufbruch – Widerstand – Stärke        Die Geschichte des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes                     ...
1850                                       Der Druck auf den „Zentral-                                       Volksschulleh...
1861                                              Am 22. August 1861 ruft der                                             ...
1863Der Bayerische Lehrerverein veröf-fentlicht die erste 80-seitige Denk-schrift mit dem Titel „Denkschrift be-treffend d...
1875        1867                                                                                                          ...
1878                                                                    Auf der 7. Hauptversammlung des                   ...
1889        Der 1. Vorsitzende Max Koppen-        stätter stirbt am 24. Mai 1889.        Johann Baptist Schubert wird auf ...
1905                                                                              Auf seiner Hauptversammlung in          ...
Aufbrechen - Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des BLLV
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Die Festschrift erzählt die bewegte Geschichte des BLLV von seiner Gründung im Jahr 1861 bis 2011. Parallel zur Verbandshistorie werden auch Meilensteine der deutschen und bayerischen Geschichte schlaglichtartig beleuchtet. So lässt die Festschrift ein Stück Vergangenheit wieder lebendig werden.

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Aufbrechen - Festschrift zum 150-jährigen Jubiläum des BLLV

  1. 1. Festschrift anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des BLLV
  2. 2. ImpressumHerausgeber:Bayerischer Lehrer- undLehrerinnenverband (BLLV)Bavariaring 3780336 MünchenRedaktion:Dieter ReithmeierText Geschichte des BLLV:Dieter ReithmeierGrafik:creativ3 werbeagentur gmbhFotos:BLLV, Studio RoederDruck:OrtmannTe@m Ainring2. erweiterte Auflage
  3. 3. Festschrift anlässlich des 150-jährigen Jubiläums des BLLVBayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband
  4. 4. InhaltKlaus WenzelAufbrechen – 150 Jahre für Bildung als Menschenrecht // 6Dr. h. c. Albin DannhäuserUmbruch der Gesellschaft – Aufbruch als moderner Gesamtverband // 10Dr. h. c. Wilhelm EbertAufbruch zur Demokratie – der Wiederaufbau des BLLV nach 1945 // 12Dr. Ludwig Spaenle // 14Geschichte und VerantwortungKarl HeißAufruf zur Gründung eines „Bayerischen Lehrervereins“ // 24Die Gründungsversammlung im historischen Reichssaal zu Regensburg // 26Eröffnungsrede des Achdorfer Volksschullehrers Karl Heiß // 32Aufbruch – Widerstand – StärkeDie Geschichte des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes // 38Max LiedtkeDie Bedeutung des BLLV in der Bayerischen Bildungsgeschichte // 72
  5. 5. Aufbrechen 150 Jahre für Bildung als Menschenrecht Als sich am 27. Dezember 1861 annähernd 200 Lehrer anschickten, in Regensburg den Bayerischen Lehrerverein zu gründen, lagen schon 40 Jahre des Kampfes für eine ge- meinsame Selbsthilfeorganisation hinter ihnen. Einige der Gründungsmitglieder erinnerten sich noch daran, dass schon 1823 in Nürnberg Johann Konrad Grißhammer einen ersten Versuch unternommen hatte, einen überkonfessionellen „Allgemeinen Lehrerverein für Baiern“ aus der Taufe zu heben, der aber zehn Jahre später wieder verboten wurde. Andere der 1861 in Regensburg Anwesenden waren selbst dabei gewesen, als 1848 in Schwa- bach in den kurzen Jahren des freiheitlichen Aufbruchs, der als Vormärz bezeichnet wird, erneut ein Anlauf zu einer Vereinsgründung genommen wurde. 180 Lehrer beauftragten auf dieser Versammlung den Nürnberger Lehrerverein, einen „Zentral-Volksschullehrer- verein“ zu gründen, der die bereits existierenden 35 Ortsvereine von Lehrern in Bayern zusammenführen sollte. Bereits 1849 aber gab es obrigkeitliche Androhungen von Dienstentlassungen. Später wurden tatsächlich Entlassungen von Lehrervereinsmit- gliedern ausgesprochen, lokale Mitgliedsvereine verboten und Gefängnisstrafen verhängt. Weil der Zentral-Volksschullehrerverein sich auf seiner Versammlung am 22. Juni 1850 u. a. mit dem Verhältnis von Staat, Kirche und Schule auseinandersetzen wollte, wurde er am 4. Juni 1850 kurzerhand als politischer Verein klassifiziert und aufgelöst. Die Zeichen standen auf Restauration, denn es war „politischen Vereinen und solchen, die sich mit öffentlichen Angelegenheiten beschäftigen“ verboten, „sich mit anderen solchen Vereinen zu einem gegliederten Ganzen zu vereinen“. Die Gründung 1861 nun war die Stunde gekommen – die Stunde zu einem neuen AUFBRUCH. Zwei Verbote lagen zurück, aber die Idee der Bildung und des Zusammenhalts aller Lehrer war stärker. Dem ambitionierten niederbayerischen Volksschullehrer Karl Heiß ist dieser neue Aufbruch zu verdanken. Dazu gehörte nicht nur besonderer Mut, sondern auch eine tragfähige, ausgereifte pädagogische und professionelle Vision. Im Rückblick wirkt es wie klug vorbereitet: Heiß hatte im Jahr 1860, als der Herausgeber und Chefredakteur der „Bayerischen Schulzeitung“ Michael Oechsner Publikationsverbot erhielt, die Redaktion der Zeitschrift, die in keinem Lehrerhaushalt fehlte, übernommen. Dort veröffentlichte er im August 1861 den Gründungsaufruf. Dass er auf der Regensburger Gründungsver- sammlung dann zum 1. Vorsitzenden gewählt wurde, war folgerichtig.// 6
  6. 6. Die Vorbereitungszeit von 1860 bis 1861 ist auch im historischen Rückblick mit ganzen20 Monaten sehr kurz. Das heißt, die Zeit war reif. Es gab bereits zahlreiche örtlicheZusammenschlüsse, die sich nach einem überregionalen Zusammenschluss sehnten.Sie waren die Ansprechpartner von Heiß. Diese Ortsvereine waren gut organisiert undentsandten ihre in Mitgliederversammlungen gewählten Bevollmächtigten im Dezember1861nach Regensburg. Der Erfolg der dritten Gründung war durchschlagend. Innerhalbvon nur zehn Jahren war die Mitgliederzahl bereits auf über 5 000 angewachsen.Die VisionWenn wir heute zurückblicken, dann stellt sich die Frage, was den Kern dieser Organisationausmacht, die heute mit über 55 000 Mitgliedern aus allen Schularten und zahlreichen Lehr-amtsstudenten und Pensionisten so großen Zuspruch findet. Hierzu empfiehlt es sich, dieAntrittsrede von Karl Heiß zu lesen, die aus diesem Grunde in dieser Festschrift abgedrucktist. Mit der damals dringend notwendigen Vorsicht und Zurückhaltung – die Versammlungwurde genau beobachtet und ein erneutes Verbot musste dringend verhindert werden – sindwichtige Teile des Selbstverständnisses des BLLV bereits angesprochen.Bildung ist nicht teilbar. Die Bildung aller jungen Menschen sollte die zentrale Aufgabeder Lehrerschaft und des BLLV sein: „Wir glauben ganz sicher, dass die Erziehung undVeredlung des Menschen eine gemeinsame Sache und unter allen Bestrebungen desmenschlichen Geistes den ersten Rang einnehmen werde“, sagte Heiß. Der Vorrang derBildung aller jungen Menschen ohne soziale Differenzierung und Ausgrenzung ist unserBestreben bis heute. Wenn eine Schule oder ein Schulsystem Kinder sozial ausgrenzt,stehen wir dagegen auf. In diesem Sinne muss Bildung die Gesellschaft zusammenführenund zu gegenseitigem Respekt und Anerkennung bereits unter den Kindern führen.Die Lehrerschaft hat eine gemeinsame Aufgabe über Konfessionen und Schularten hin-weg. Heiß umschreibt dies noch ganz vorsichtig: „Als eine bedauernswerte Erscheinung mussauch angesehen werden, dass zwischen uns und dem Stande, welcher doch in Bezug auf seinenBeruf uns so nahe steht, im Allgemeinen wenigstens eine große Kluft besteht, wie sie wohlin keinem andern Lande vorkommen dürfte.“ Das Miteinander aller Pädagogen und Lehrerwünscht er sich ausdrücklich, auch wenn dies zu seiner Zeit noch sehr vermessen klang. 7 //
  7. 7. Heiß lädt alle ein – auch die Lehrer an Gymnasien und an den Oberrealschulen – die Visi- on der Bildung als ein zentrales Menschenrecht gemeinsam Wirklichkeit werden zu lassen und zwar einer ganzheitlichen Bildung, nicht nur der wissenschaftlichen. Zu diesem Mitei- nander gehörte damals auch, dass der BLLV von der Stunde seiner Gründung an alle Kollegen in seinen Reihen aufnahm, unabhängig davon ob sie evangelisch, katholisch oder „israelitisch“ waren – ein Fakt, der über Jahrzehnte zu den heftigsten Anfeindungen führte. Der Glaube an ein gemeinsames Professions- und Berufsverständnis aller Lehrer prägt heute mehr denn je die Arbeit des BLLV, denn angesichts der radikalen gesellschaft- lichen Veränderungen, mit denen wir konfrontiert sind, sind unterschiedliche Professions- verständnisse anachronistisch und überholt. Lehrer sind die Experten in der Schule. Ihnen gebührt deshalb Respekt und Anerken- nung. Der BLLV glaubt an die Würde und die Kompetenz der Praxis. Lehrer stehen in einer besonderen Verantwortung. Dazu gehört auch, dass sie in vielen Fragen der Schul- gestaltung und der Schulentwicklung selbst entscheiden können müssen. Von Anfang an war das Thema der Eigenverantwortung und der Mitgestaltung ein zentrales Thema des BLLV. Karl Heiß prangert einen Missstand an, der auch heute noch zu beobachten ist: „Man möchte wohl sagen, dass sich zu viele um die Schule bekümmern; denn fast alles glaubt sich berufen, der Schule und dem Lehrer zu diktieren und jeder will die Schule nach seiner Facon haben.“ Konkret fordert er dann: „Freilich ist notwendig, dass die Volksschule einige Selbstständigkeit erhalte, dass besonders die Lehrorgane in der Ausübung ihres Amtes gleich andern Ständen gesetzlich geschützt werden“. Darüber hinaus fordert er eine bessere Ausbildung, und von den Kollegen selbst kontinuierliche Fortbildung, hohes Verantwortungsbewusstsein und ein durchaus selbstkritisches Professionsverständnis. Der Auftrag Der BLLV definiert sich aus der Vision einer Bildung für alle und eines gemeinsamen Professionsverständnisses aller Lehrer. Die Geschichte des BLLV zeigt, dass dieses Ziel zeitlos ist. Es muss immer wieder bewusst gemacht, aber auch immer wieder neu defi- niert, mit konkretem Inhalt gefüllt und erkämpft werden.// 8
  8. 8. Der BLLV hat mit Ausnahme seiner dunklen Geschichte im Nazideutschland immer seineUnabhängigkeit gewahrt – von gesellschaftlichen Interessengruppen, von den Kirchenund von den Regierungen. Unabhängigkeit darf nicht Überheblichkeit heißen, sondernerfordert Dialogbereitschaft mit allen und konstruktive Teilnahme am öffentlichen Diskursüber Schule und Bildung. Wir werben bei Politikern, Eltern, in der Öffentlichkeit und auchin den eigenen Reihen für unsere Überzeugungen und für unsere Vision. Und wir hoffen,möglichst viele Menschen und Entscheidungsträger in unserer Gesellschaft dafür zu be-geistern und sich mit uns dafür einzusetzen.Karl Heiß und seine Mitstreiter haben Geschichte geschrieben, die bis heute ausstrahlt. Ge-nerationen von Lehrern und Lehrerinnen in Bayern war der BLLV berufspolitische, berufs-wissenschaftliche und kollegiale Heimat. Karl Heiß und seine Mitstreiter haben uns im BLLVein großes Erbe hinterlassen: unabhängig und selbstkritisch unsere Aufgabe als eine derwichtigsten Berufsgruppen in unserer Gesellschaft zu erfüllen und dabei nicht aus dem Augezu verlieren, dass wir für die Zukunft der Gesellschaft eine große Verantwortung tragen.Im Jahr der 150-Jahr-Feiern des BLLV wollen wir uns stolz an die faszinierende Geschich-te des BLLV erinnern und mutig die großen Herausforderungen der Zukunft annehmen.Klaus WenzelPräsident des BLLV seit 2007 9 //
  9. 9. Umbruch der Gesellschaft – Aufbruch als moderner Gesamtverband Die Vision des BLLV von einem demokratischen, leistungsfähigen und sozial gerechten Bildungswesen gewann in den letzten drei Jahrzehnten eine neue Dimension. Sie war und ist vor allem herausgefordert durch einen epochalen gesellschaftlichen Umbruch, durch die digitale Informationsexplosion und den globalen Wettbewerb. Allerdings sahen wir uns konfrontiert mit übermächtigen Kräften der strukturellen Restauration, mit rück- läufigen Bildungsfinanzen und mit der Bedrohung der Professionalität und des Status der Lehrerinnen und Lehrer. Deshalb leistete der BLLV durch neue Wirkungsformen offensive Aufklärungs­ rbeit und a erhöhte den öffentlichen Druck, z. B. durch kritische bildungspolitische Foren, durch die Mobilisierung der Kollegen und Kolleginnen, der BLLV-Kreis- und Bezirksverbände und der Eltern durch bisher nie erreichte Massen­ etitionen mit über 100 000 Unterschriften, p durch machtvolle Großdemonstrationen mit bis zu 15 000 Teilnehmern, durch die Grün- dung des breiten Bildungsbündnisses Forum Bildungspolitik in Bayern. Damit gelang es, die Blockade in der Bildungsfinanzierung wenigstens aufzubrechen – wenngleich Bayern im internationalen Vergleich zu den PISA-Spitzenländern immer noch weit zurückliegt. Nicht gelungen ist dagegen ein innovativer Schub in der Schulpolitik, wie er sich nach der wiedergewonnenen Einheit Deutschlands durch die Neugestaltung des Schulwesens in den neuen Bundesländern aufgedrängt hätte. Im Gegenteil: In Bayern wurde die Restau- ration der Schulstrukturen verschärft. Deshalb sah sich der BLLV zu einem Schulvolks­­ begehren gezwungen. Dieses verfehlte zwar die erforderliche Mehrheit, aber die pädago­ i­ g schen und schulpolitischen Warnungen des BLLV wurden zwischenzeitlich in fataler Weise bestätigt. Darüber hinaus hat der BLLV als unabhängige und selbstbewusste Bildungs­ organisation an Überzeugungskraft gewonnen, mit der er seine Vision eines sozial gerech- ten und regional stimmigen Schulwesens weiter vorantreiben kann.// 10
  10. 10. Um die Zukunftsfähigkeit des BLLV zu sichern, öffnete er sich als Gesamtverband füralle Lehrämter und Erziehergruppen. Er entwickelte ein modernes Erscheinungsbild, einprofessionelles Management und neue Dienstleistungssegmente für seine Mitglieder:Er pflegt zeitgerechte, interaktive Formen der digitalen Information und Kommunikation.Er verstärkte Beratung und Rechtsschutz, gründete eine eigene Fortbildungsakademie– auch zur Schulung seines Verbandsnachwuchses. Er unterhält ein exklusives Institutfür Gesundheit in pädagogischen Berufen und verfügt über einen leistungsfähigen Wirt-schafts- und Reisedienst. Seiner besonderen sozialen Verantwortung wird er durch eininternational tätiges Kinderhilfswerk gerecht.Mit berechtigtem Stolz darf ich feststellen: Als mitgliederstärkste Bildungs- und Berufs­organisation überzeugt der BLLV durch Kompetenz, Unabhängigkeit und Solidarität. Es istmir eine Ehre, dass auch ich dazu beitragen durfte.Dr. h. c. Albin DannhäuserEhrenpräsidentPräsident des BLLV von 1984 bis 2007 11 //
  11. 11. Aufbruch zur Demokratie – der wiederaufbau des BLLV nach 1945 Meiner Generation war es aufgetragen, nach dem 2. Weltkrieg den Weg aus der Dik- tatur des Dritten Reiches in die neue Demokratie und die Öffnung zu den Ländern der „freien Welt“ zu bahnen. Die Kämpfe um die Lösung schulpolitischer Nöte ließen Alt und Jung zusammenwach- sen. In der unmittelbaren Nachkriegszeit war die Eingliederung der Flüchtlings- und heimatvertriebenen Lehrer und Lehrerinnen eine wichtige kollegiale Herausforderung. Hilfreich für den BLLV waren anfänglich die Forderungen der Erziehungsabteilung der amerikanischen Besatzungsmacht, die unseren eigenen entsprachen. Jedoch blieb die Schulpolitik der 50er bis zum Ende der 60er Jahre geprägt vom Kampf zwischen eman- zipatorischen und politisch beharrenden Kräften. Die Trennung der Schüler und Lehrer nach Konfessionen wurde neu etabliert und verfestigt. 1954 gelang es mir, mit der außerparlamentarischen Kraft des BLLV, dass eine bay- erische Regierung gebildet wurde auf der Grundlage unserer bildungspolitischen For- derungen. In den Jahren dieser Viererkoalition (ohne CSU) von 1954-1957 veränderte sich das Verständnis für eine zukunftsorientierte Schule in den Parteien und relevan- ten Gruppen der Öffentlichkeit. Unser Verband wurde zu einem anerkannten und nicht (mehr) zu vernachlässigenden bildungspolitischen Faktor. Unter Einsatz seiner berufswissenschaftlichen Autorität und seines gewachsenen bil- dungspolitischen Gewichts kämpfte der BLLV um die akademische Bildung von Volks- schullehrern und -lehrerinnen. In einem historischen Durchbruch wurde vom Landtag 1958 einstimmig ein Lehrerbildungsgesetz verabschiedet, mit dem ein Jahrhundert ständischer Diskriminierung endete. Nach zehn Jahren weiteren Ringens wurde 1968 mit einem wesentlich vom BLLV ini- tiierten Text über einen Volksentscheid die Bayerische Verfassung geändert. Der BLLV erreichte damit die Abschaffung der strikt nach Konfessionen getrennten staatlichen Bekenntnisschulen zu Gunsten einer für alle Schüler und Lehrer gemeinsamen „Christ- lichen Schule“.// 12
  12. 12. Um den gesellschaftlichen Status des BLLV zu erhalten und zu steigern, hatte ich 1959eine Professionalisierung der BLLV-Führungsstruktur mit hauptamtlichen Mitarbeiterninitiiert. Meine Nachfolger haben jeder auf seine Weise die Bedeutung des BLLV alsBildungsverband, der die historisch überholte Aufteilung in schulartspezifische Interes-sen überwunden hat, gestärkt und ausgebaut.Die weitere Zunahme an Mitgliedern und öffentlicher Bedeutung des BLLV erfüllt michmit großer Zufriedenheit. Stolz bin ich auch, dass der BLLV entgegen mancher politischerVersuchungen und interner Bestrebungen seinen Grundprinzipien treu geblieben ist, allenvoran seiner Unabhängigkeit von Parteien, Kirchen und bildungsfremden Einflüssen.Vor 50 Jahren hatte ich das Privileg, als Erster Vorsitzender im Regensburger Reichssaaldie 100-Jahr-Feier des BLLV mitzugestalten. In dankbarer Freude auch die 150-Jahr-Feier noch zu erleben, gratuliere ich zu diesem Jubiläum und wünsche dem BLLVweiterhin reichen Erfolg.Dr. h. c. Wilhelm EbertEhrenpräsidentPräsident des BLLV von 1955 bis 1962und von 1967 bis 1984 13 //
  13. 13. Geschichte und Verantwortung zum Jubiläum des BLLV Dr. Ludwig Spaenle 150 Jahre Bayerischer Lehrer- und Lehrerinnenverband – dieses Jubiläum bezeich- net einen Zeitraum, der zwei Jahrhundertwenden überspannt. Ich freue mich, dieses besondere Jubiläum im Kontext der reichen Zeit-, Bildungs- und Verbandsgeschichte des BLLV zu würdigen, was mir als Historiker nahe und besonders am Herzen liegt. Geschichte ist nichts Abgelegtes unter Staub und Spinnweben im Antiquitätenladen fernab unserer heutigen Verhältnisse. Geschichte ist mit dem niederländischen Historiker Johan Huizinga die Rechenschaftsablage von uns Gegenwärtigen über die Bedingungen des Gewordenen – und zwar in einem durchaus grundsätzlich wertenden Sinn. Es geht um Verantwortung, um Einsichten aus der Vergangenheit für eine humane Zukunft. Ursprünge des BLLV Wenn der BLLV seines 150-jährigen Bestehens und damit auch seiner Anfänge zu Be- ginn der 60er Jahre des vorletzten Jahrhunderts gedenkt, dann richten sich die Blicke über einen langen Zeitraum zurück. Wir fokussieren eine Welt, die zunächst von unserer heutigen ganz verschieden anmutet, die aber zugleich durch erstaunliche Analogien ge- kennzeichnet ist: •• um einen haben wir es mit einer Welt grundlegender technisch-ökonomischer Z Umstellungen zu tun. Das Stichwort „Industrielle Revolution“ bezeichnet durchaus zutreffend das damalige Aufbrechen bisheriger agrarisch-ständischer Verhältnisse. •• inzu kommt die Veränderung der politischen Umstände: Die Anfänge des BLLV – H damals noch BLV, Bayerischer Lehrerverein – fallen in eine Zeit vielfacher Gründun- gen von Verbänden, aber auch von Vereinen und Gesellschaften, ob Turner, Feu- erwehren oder Sänger. Auch und gerade im monarchischen und alles andere als bereits demokratischen Staat entwickelt sich so etwas wie eine Bürgergesellschaft.// 14
  14. 14. •• ugleich geht es um die Legitimation des Staates selbst: Es wird nicht nur um Z Verfassungsordnungen, um Wahlrecht und Partizipation gerungen, es entstehen zudem Fraktionen und Parteien.•• s geht auch um die Frage der Rückbindung, manche würden auch sagen Abhängig- E keit, von Staat und Gesellschaft in ihrem Verhältnis zu religiösen Überzeugungen und religiösen Bekenntnissen. Einer liberalen, sich als aufgeklärt verstehenden Grundrich- tung steht eine nach dem Zeitalter der Französischen Revolution durchaus erstarkte, sehr unmittelbare Volksfrömmigkeit gegenüber, wie sie der lange in München lehrende Historiker Franz Schnabel in seiner Deutschen Geschichte des 19. Jahrhunderts anschaulich darstellte. Die Reichsgründung von 1871 ist sozusagen der deutlichs- te Ausdruck dieses Spannungsverhältnisses – im Übrigen aber keineswegs nur auf deutschem Boden, sondern als damalige Tendenz in großen Teilen Europas, in Italien etwa in der Auseinandersetzung zwischen dem neuen italienischen Nationalstaat und dem Heiligen Stuhl. Besonders militant begegnet er uns in Frankreich, wo sich dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts der laizistische Staat mit voller Vehemenz durchsetzt, die Trennung von Staat und Kirche in rigider Weise kodifiziert. Und auch hier spie- len Schule und Lehrer eine besondere Rolle: Die dritte französische Republik wertet nach der Niederlage von 1871 gegen Preußen-Deutschland sehr bewusst die Rolle von Schule und Lehrer auf, in Lehrerbildung, -besoldung und Identität des pädago- gischen Berufes, um die Modernisierung der eigenen Gesellschaft wie insbesondere ihre Wettbewerbsfähigkeit in Europa zu befördern.Der Kampf um die Befreiung des Schulwesens und zumal der Lehrerschaft von Bevor-mundung und um ihre berufliche wie intellektuelle Aufwertung ist somit, bei unterschied-lichen Schwerpunkten wie Anlässen, damals geradezu ein europäischer Kampf. 15 //
  15. 15. Die Gründung des BLV fällt also in eine Zeit vielfacher Gärungen und Umbrüche. Dass der Bestand von Staat und Gesellschaft in existenzieller Weise von Bildungspolitik und Bildungswesen abhängt, wird während des 19. Jahrhunderts zum Allgemeingut – nicht nur, weil die Industrielle Revolution Kompetenzerfordernisse stellt, die es so vorher nicht gab. Es geht auch, viel elementarer, darum, von Unmündigkeit zu Mündigkeit zu gelan- gen, höhere Bildungsstandards für alle Menschen und in allen Regionen durchzusetzen und, wenn auch gewiss nicht schon in unserem heutigen ausgeformten Verständnis, auch Staatsbürger heranzubilden. Das Bayern der sechziger Jahre des vorletzten Jahrhunderts ist ja bereits seit 1818 ein Verfassungsstaat, ein Staat, der den politischen Diskurs und den politischen Wett- bewerb kennt. Und es ist ein Staat, der sich zwar anders, aber durchaus auf ähnliche Weise wie heute, selbst im Wettbewerb befindet: Fünf Jahre später, im Juli 1866, findet der letzte innerdeutsche Krieg statt: die Auseinandersetzung zwischen Preußen auf der einen und Österreich mit seinen Verbündeten, darunter Bayern, auf der anderen Seite. Es ging um die Frage, wie und mit wem eine künftige deutsche Einheit zu erreichen sei. Das Sprichwort sagt, Preußen habe den Erfolg weniger seiner militärisch wichtigsten In- novation, dem sogenannten Zündnadelgewehr, zu verdanken gehabt, sondern – gesell- schaftspolitisch – dem preußischen Volksschullehrer bzw. „Schulmeister“ in der Diktion von damals. Denn durch ihn seien die mobilisierten Wehrpflichtigen zu eigenständigem, verantwortungsbewusstem wie effizientem Handeln fähig gewesen – Kompetenzen, die heute gewiss nicht minder nachgefragt sind. Ob die Preußen damals den Österreichern in dieser Hinsicht tatsächlich deutlich voraus waren, sei dahingestellt. Das Beispiel zeigt aber jedenfalls, wie wichtig der Erfolg des Bildungswesens für den Erfolg von Staaten und Gesellschaften insgesamt ist und dass sich dafür jegliche Investition lohnt; und diese Erkenntnis ist unbestreitbar dauerhaft gültig.// 16
  16. 16. Bei allen einschneidenden Wandlungen der Gesellschaft im 19. Jahrhundert: Sie warnoch eine Klassengesellschaft. Der Volksschullehrer war kein Akademiker. Er war damitnicht – was damals unerhört viel zählte – „satisfaktionsfähig“, also würdig genug, umzum Duell gefordert zu werden oder selbst zu fordern. Auch diese aus heutiger SichtSkurrilität einer militanten Männergesellschaft zeigt im übrigen, wie grundlegend sichunsere Gesellschaft geändert hat. Ausbildung und Bezahlung des sogenannten Volks-schullehrerstandes lagen damals weit zurück. Dazu wurde die kirchliche Schulaufsicht,die es bis zum Ende der Monarchie gab, als Fremdbestimmung empfunden.Die bayerischen Volksschullehrer hatten also viele gute Gründe, sich vor 150 Jahreneine neue und schlagkräftige organisatorische Plattform zu schaffen. Und wenn mandamals und heute vergleicht, so schwierig das eben auch ist, so lässt sich jedenfallsbilanzieren: Eine erfolgreichere Verbandsgründung dürfte es in der neueren bayerischenGeschichte schwerlich gegeben haben!Zur Geschichte des Bildungswesens bis zur Wiedergründung des BLV 1946Umgekehrt lässt sich heute sagen und bilanzieren: Die bayerische Geschichte insge-samt findet gerade in der Geschichte des Bildungswesens, in den Wechselfällen vonFortschritt und Emanzipation auf der einen Seite, aber auch von Niedergang und totali-tärer Zerstörung auf der anderen ihren besonders signifikanten Niederschlag.Zentrale Entwicklungen wie die Umformung des Staates, die Notwendigkeit inhaltlicherwie formaler Höherqualifizierung, die revolutionär gewandelte Rolle der Frau, die steteWeiterentwicklung des Staat-Kirche-Verhältnisses und schließlich die Transzendierungnationaler Grenzen durch europäische Integration wie Globalisierung: Diese beherr-schenden säkularen Trends haben das Bildungswesen geprägt und umgekehrt. Und siehaben zugleich das jeweilige Bild von Schüler und Lehrer wesentlich beeinflusst. 17 //
  17. 17. Durch den nationalsozialistischen Staatsstreich vom 9. März 1933 wurde Bayern für über 12 Jahre seiner Eigenstaatlichkeit beraubt. Die Gleichschaltung der Länder bedeu- tete nicht zuletzt eine Gleichschaltung ihrer Bildungspolitiken. Deutschland war nie so zentralisiert wie in der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur von 1933 bis 1945. Der nationalsozialistische Unitarismus vermittelte in seiner Bildungspolitik flächendeckend den Ungeist von Gottlosigkeit, von Antisemitismus und Rassenwahn, von Geopolitik und von Imperialismus. Reflexion und kritisches Denken, heute zentrale Bildungsziele, soll- ten möglichst unterbunden werden – Ausdruck eines auch bildungspolitischen Totalita- rismus. Und in dieses Bild gehört auch, dass es für Vielfalt, Pluralität und eigenständige Interessenwahrnehmung keinen Platz mehr geben durfte: Auch der BLV verlor seine Eigenständigkeit. Ideologisch war naturgemäß der „Natio- nalsozialistische Lehrerbund“ (NSLB) Partner, ja Bestandteil des Regimes, in dessen unmittelbarer „Gefolgschaft“, so die Sprache des sogenannten Dritten Reiches – unter der Führung des braunen Musterpädagogen, Gauleiters („Gau Bayerische Ostmark“ aus Oberfranken und der Oberpfalz) und schließlich seit März 1933 Bayerischen Kul- tusministers Hans Schemm. Der BLV wurde am 1. Juli 1934 korporativ der „Abteilung Wirtschaft und Recht“ im NSLB angefügt, sein weithin nur noch formales Eigenleben endete mit Wirkung vom 31. Dezember 1937. Die Lehrer selbst wurden Reichsbeamte, die Volksschullehrer dabei auf dem Besoldungsniveau des gehobenen Dienstes. Von einer wissenschaftlich fundierten Ausbildung blieb man weiter entfernt denn je. Ein Höhepunkt der Selbstvergötzung des Regimes war die Entfernung der Kruzifixe aus den Klassenzimmern im Jahr 1941. Viele jetzt Hochbetagte in unserem Land erinnern sich heute noch daran. Gegen keine Maßnahme des Regimes im Bildungsbereich gab es soviel Widerspruch, Resistenz, ja Widerstand wie eben gegen dieses Vorgehen. Es konnte und sollte vor allem symbolisieren: Der Mensch als Wesen mit eigener Persona- lität, mit einer Rückbindung an eine transzendente Dimension, hatte aus dem Bewusst- sein zu verschwinden. Totalitäre Allmachtsphantasien können keinen Raum für sittliche wie intellektuelle Autonomie dulden.// 18
  18. 18. Umgekehrt liegt in dieser fundamentalen Erkenntnis zugleich die stete Mahnung anjede Bildungspolitik, die sich in einem sittlichen Bezugsrahmen sieht, die Würde wie diePersonalität des Menschen an die erste Stelle zu setzen. Das heißt zugleich: Der Res-pekt vor dem Menschen steht vor dem Zweck, vor der Rolle und vor der Funktion. DerMensch ist nicht Objekt, im übrigen auch nicht für ökonomische Zwecke – woran manheute in Zeiten unentwegt beschworener, manchmal wie zum Mantra erhobener Globa-lisierung sehr nachhaltig erinnern muss – sondern seine Würde und seine Individualitätgehen jeder Zweckbestimmung voraus. So verbietet sich etwa, wenn Sie mir diesenauf unsere Gegenwart bezogenen Hinweis gestatten, ein Begriff wie „Humankapital“ethisch eigentlich wie von selbst. Humanität, Rechtlichkeit und Demokratie setzenzwingend diese Einsichten voraus – auch und vor allem als dauerhaft gültige Voraus-setzungen des verfassungsmäßigen und politischen Neubeginns nach 1945.Leistungen des Verbandes seit der Wiedergründung 19461946 erfolgte die Wiedergründung des BLV, der im Jahre 1951 in BLLV umbenanntwurde, nachdem bereits seit 1878 auch Lehrerinnen Mitglied werden konnten.Die bayerische Geschichte in der Nachkriegszeit ist, auch und gerade im innerdeut-schen Vergleich, weit überdurchschnittlich eine Modernisierungsgeschichte. Es geht vorallem um•• ine sogenannte überholende Modernisierung. Sie machte aus einem im innerdeut- e schen Vergleich zurückliegenden Agrarland ein Land neuester Industrien auf hohem For- schungsniveau – gewissermaßen an den alten, schwerindustriellen Revieren an Rhein, Ruhr und Saar vorbei: Wenn Sie so wollen „High Tech“ statt rauchender Schlote;•• ie Entwicklung eines spezifisch bayerischen Staats- und Gesellschafts- d modells, das auf dem Zusammenhang von Modernität und Identität gründet und das viel zur gesellschaftlichen Stabilität wie Prosperität unseres Landes bis in die Gegen- wart – und hoffentlich auch in die Zukunft – beigetragen hat. 19 //
  19. 19. Eine der wichtigsten Voraussetzungen waren und sind die gravierenden Innovationen, die das bayerische Bildungswesen in den bislang rund zwei Generationen Nachkriegs- geschichte unseres Landes erfuhr. Diese bayerische Bildungsgeschichte ist keine Harmoniegeschichte gewesen und sie wird es vermutlich auch in Zukunft nicht sein können. Sie präsentiert sich vielmehr in mehrfacher Hinsicht auch als demokratische Streitgeschichte. Insofern sehe ich hier aber ein positives Moment: Der lösungsorientierte Konflikt ist in der Demokratie nicht etwa ungeliebt-unvermeidlich, nein, er ist innovativ, er mobilisiert intellektuelle Potentiale und er legitimiert die Entscheidungen, die am Ende getroffen werden. Auf dieser langen Wegstrecke war der BLLV in dieser bayerischen Bildungs- wie in der bayerischen Lan- desgeschichte insgesamt ein ganz wesentlicher Akteur – und es spricht alles dafür, dass sich daran auch in der Zukunft nichts ändern wird. Eine der essentiellen Voraussetzungen war – und bleibt – seine parteipolitische Unab- hängigkeit. Das heißt zugleich gewiss nicht, dass er gerade nach seinem Selbstver- ständnis nicht in den bildungs- und gesellschaftspolitischen Konflikten der Zeit Partei ergriffen hätte und ergreift. Lassen Sie mich an einem Beispiel zeigen, dass auf sehr indirekte Weise, meine eigene Partei, die CSU, davon vermutlich sogar einmal wesentlich profitiert hat: Ausgangspunkt ist die sogenannte Viererkoalition in Bayern von 1954 bis 1957. Bei deren Gründung spielte – da sind sich die Historiker in allen Lagern einig – der dama- lige BLLV-Vorsitzende Wilhelm Ebert eine wesentliche, vielleicht entscheidende Rolle, insbesondere weil es ihm um die damals zentralen bildungspolitischen Anliegen ging, darunter an erster Stelle um die Weiterentwicklung der Lehrerbildung. Diese Koalition währte nur drei Jahre und danach gelangte eine regenerierte CSU wieder in die Regie- rungsverantwortung. Ihr erst gelang dann 1958 eine Neuregelung der Lehrerbildung mit an die Universitäten angebundenen pädagogischen Hochschulen. Im Übrigen zeigt das Beispiel auch, dass Modernisierung einen Prozess darstellt. Sie gelangt eben nie an ein definitives Ende. Der Status von 1958 ist selbstverständlich seit langem gewissermaßen aufgehobene Vergangenheit: Lehrerbildung als Teil des Universitätsprofils ist heute eine Selbstverständlichkeit.// 20
  20. 20. Die zweite große Zäsur bezeichnet eine Konstellation rund ein Jahrzehnt später. Ichmeine die Auseinandersetzung um Konfessionsschule wie (christliche) Gemeinschafts-schule. Auch diese Auseinandersetzung der ausgehenden sechziger Jahre steht in einerlangen Kontinuität bayerischer Geschichte über die Zäsur von 1918 hinweg: So warbereits 1869/70, also acht Jahre nach Gründung des BLV, der damalige bayerischeMinisterpräsident Fürst Hohenlohe-Schillingsfürst an einem Schulgesetz gescheitert,das die geistliche Schulaufsicht zurückführen sollte – gegenüber einer dezidiert katho-lisch-ländlichen Majorität nach Neuwahlen, der sogenannten „Patriotenpartei“, in derZweiten Kammer des Bayerischen Landtages. Diese sehr spezifisch bayerische Mehr-heit begegnete dem damaligen liberalistischen Fortschrittsdenken der Ministerialbüro-kratie höchst misstrauisch – in Ludwig Thomas „Filserbriefen“ findet diese Konstellationihre erheiternde, historisch aber zugleich wohlbegründete Fortführung.Ziemlich genau ein Jahrhundert später, 1968/69, war es vor allem der Kooperationzwischen dem damaligen BLLV-Präsidenten Wilhelm Ebert und Franz-Josef Strauß zuverdanken, dass der Streit um die Bekenntnisschule nicht in einem weiteren Kultur-kampf eskalierte, der die Atmosphäre im Lande hätte vergiften können. Statt einersehr heftigen Auseinandersetzung zwischen SPD und FDP wie BLLV auf der einenund CSU wie weitgehend der Katholischen Kirche auf der anderen Seite gelang dieDurchsetzung des Modells der christlichen Gemeinschaftsschule in einer Fassung fürden Volksentscheid vom 7. Juli 1968, auf die sich schließlich die tragenden politischenKräfte im Land verständigt hatten. Es war im übrigen eine Zeit, in der auf Bundesebenein einer Großen Koalition von Bundeskanzler Kurt Georg Kiesinger mit Vizekanzler WillyBrandt gesamtgesellschaftliche sogenannte „konzertierte Aktionen“ – also kollektive Ab-stimmungsprozesse der in Staat und Gesellschaft verantwortlichen Kräfte – vielfach underfolgreich praktiziert wurden. 21 //
  21. 21. Innovation bedarf sowohl des demokratischen Streites wie auch des demokratischen Miteinanders. Franz Josef Strauß, Wilhelm Ebert und Hans Maier, letzterer von 1970 bis 1986 Mitglied der Bayerischen Staatsregierung, bildeten für die Folgezeit ein Trio, das die Bildungs- wie die Landespolitik nicht selten streitig, aber eben auch effizient und bei allen Beteiligten engagiert prägte: Hans Maier schreibt in seinen im Frühjahr 2011 erschienenen Memoiren, dass Ebert einerseits Strauß mit Unterlagen über eine angeb- lich zu rigide, ja disziplinierende Personalpolitik des Kultusministeriums gegenüber der Lehrerschaft versorgte, was im Ministerrat mancherlei Ärger produzierte. Dagegen verbündete Maier sich dann mit der CSU-Landtagsfraktion – insgesamt be- merkenswerte und auch sehr bayerisch-saftige Bündnisstrukturen. Zugleich aber gab Ebert zu Maiers Ausscheiden aus der Staatsregierung 1986 eigens einen Empfang – gewiss, um Verbundenheit gegenüber der großen gemeinsamen Sache und, mit Noblesse, Respekt vor dem Menschen zu bekunden, bei allen Divergenzen in Sach- problemen – so soll es sein. Im BLLV folgte dann die Ära Dannhäuser von 1984 bis 2007. Ebert und Dannhäuser waren auf ihre je eigene Weise ungemein erfolgreich. Aber schon die Zeitumstände mach- ten es unvermeidlich, dass Inhalte und Vorgehensweisen sich deutlich unterschieden – Zunächst, auch noch im Schatten der Nachkriegszeit, die quantitativen Bedingungen wie Erfolge: Mehr Schüler, dafür mehr Lehrer. Seit Mitte der sechziger Jahre stand dies unter dem Primat einer sogenannten Mobilisierung von Bildungsreserven vor allem im ländlichen Raum. Hinzu kamen die Akademisierung des Lehrerberufs und seine Statusaufwertung. Hingegen die Agenda seit den neunziger Jahren: Wahrnehmung des demografischen Wandels, Migration, Relativierung nationaler Grenzen und zunehmende Internationalität als Referenzebene für Bildung und Bildungsevaluation, dazu die Revolution in Medien und Kommunikation.// 22
  22. 22. Die Tugend der VerantwortungsethikDie Vergangenheit hält, zumal für unübersichtliche und schwierige Zeiten – ich nennenur die Stichworte Migration und Globalisierung – keine Rezepte bereit, die sichschematisch anwenden ließen. Aber die Vergangenheit lehrt uns eben doch, welcheGrundsätze und Verhaltensweisen unabdingbar sind, um ein Gemeinwesen verantwort-lich und human entwickeln zu können.Max Weber spricht in diesem Zusammenhang von der Tugend der „Verantwortungsethik“,also einer Haltung, die das sittlich Gebotene mit dem Machbaren vernünftig und vermit-telbar zusammenzubringen sucht, die also weder mit dem Kopf durch die Wand will nochstandpunktlos-beliebig kurzfristigen und auch nur vermeintlichen Nutzen erstrebt.Verantwortungsbewusstsein gepaart mit einem besonderen Selbstbewusstsein hat denBLLV über den Zeitraum von nunmehr fünf Generationen ausgezeichnet.Ich bin sicher, dass Bayern auch künftig auf dieses Kapital zu bauen vermag.Dr. Ludwig SpaenleBayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus 23 //
  23. 23. Aufruf zur Gründung eines „Bayerischen Lehrervereines“ Bayerische Schulzeitung 22. August 1861 Fast in den meisten deutschen Staaten bestehen schon Lehrervereine und es lässt sich nicht leugnen, dass sie sowohl zur Kräftigung des Lehrerstandes als auch zur Hebung der Volksschule ungemein viel beitragen; es ist ihnen auch rühmend nachzusagen, dass sie frei von Parteigetriebe eifrigst bestrebt sind, das vorgesteckte Ziel zu erreichen und dabei stets das intellektuelle und moralische Gedeihen der vaterländischen Jugend im Auge zu behalten. Überall, wo solche Vereine existieren, bemerkt man ein reges und tätiges Leben unter der Lehrerwelt; man kann sich überzeugen, dass die Lehrer vom korporativen Geiste durchdrungen, ohne Ausnahme für das Interesse der Schule einstehen und wirklich Gro- ßes leisten. Es ist auch ganz natürlich, dass nur mit vereinter Kraft Großes erreicht und die einem Stande auferlegten Pflichten vollkommen erfüllt werden können. Mögen die einzelnen Glieder noch so tüchtig sein, erst durch die Vereinigung zu einem Ganzen, zu einem Körper wird es ihnen möglich, mit Heftigkeit aufzutreten und durch das harmonische Zusammenwirken das Gelingen des Werkes herbeizuführen. Andere Stände halten schon lange an dem Grundsatze „viribus unitis“ fest und mit dem besten Erfolge. Gestählt von Innen, sind sie geachtet von Außen und selbst die Regierungen berücksichtigen möglichst ihre wohl motivierten Anträge und Bitten. Wir erinnern hier nur an die Handelskammern, die Gewerbevereine, die Apotheker-Gremien, die agronomischen Vereine etc. Sollen nun wir Lehrer immer und in Ewigkeit isoliert und ohne Vertretung bleiben; wir, die wir für eine höchst wichtige, auf das Volkswohl sehr großen Einfluss ausübende Sache – für die Volkserziehung einzustehen haben; wir, die wir nur durch gehobene Achtung mit Erfolg unserm Berufe uns widmen können und wir, die wir auf Grund unserer Praxis und Erfahrung ein nicht ganz zu ignorierendes Urteil abzugeben vermöchten! – Haben wir nicht gerade in der Gegenwart so recht das Bedürfnis nach Einigung gefühlt? Sollen wir nun nicht zur Realisierung eines bereits gehegten Wunsches schreiten?// 24
  24. 24. Auf denn, teure Amtsbrüder, in allen Gauen unsers lieben Vaterlandes! Zeigt Euch alsMänner, die für ihr Amt begeistert sind; gründet einen „Bayerischen Lehrerverein“, der freivon jeder politischen Tendenz nur das Wohl der Schule und der vaterländischen Jugendim Auge behält. Seid gewiss, dass Euer edles Streben vom herrlichsten Erfolge gekröntsein wird, und dass Regierung und Volk mit Vertrauen auf Euch schauen werden, die Ihres durch die Tat beweiset, dass Euch heilig Euer Beruf und dass Ihr mit ganzer Kraft ein-stehet für Volk, Thron und Altar!Am 16. August 1861Kollegialen Handschlag!Die Redaktion der „Bayerischen Schulzeitung“Karl Heiß 25 //
  25. 25. Die Gründungsversammlung im historischen reichssaal zu Regensburg Die Versammlung bayerischer Schullehrer behufs der Gründung eines bayerischen Volksschullehrer-Vereines in Regensburg am 27. Dezember 1861 (Auszüge) Wenn man teuere Freunde zur Ausführung eines wichtigen Werkes in die Ferne sendet, so ist man sehr gespannt auf deren Zurückkunft, und sind sie endlich wieder in der Heimat angelangt, so fallen Fragen auf Fragen und Alles möchte wissen, wie es gegangen und ob die Sache gelungen. Auch ich glaube schon die Frage so Vieler zu vernehmen: „Was ist denn in Regensburg alles geschehen?“ Nun, nur etwas Geduld, ich werde getreulich erzählen. Wenn ich mit dem Wetter beginne, so dürfen die lieben Leser nicht Wortarmut vermuten, oder glauben, ich werde wässerig, wie Knigge sagt; allein es waren eben gar so schöne Wintertage und die liebe Sonne schien so mild auf uns herab, als ob sie sich freute, dass auch wir uns einmal als Brüder begegnen wollen. Die meisten von uns kamen schon Donnerstag, den 26. Dezember, in Regensburg an. Wir wurden von den dortigen Herren Kollegen und von denen in Stadtamhof in der herzlichsten Weise empfangen und freundlich in die Gasthöfe begleitet. Abends 7 Uhr trafen wir im kleinen Neuhaussaal zu einer Vorbesprechung zusammen. Nachdem man sich gegenseitig begrüßt hatte, wobei es natürlich an freudigen Über- raschungen nicht fehlte, setzte ich in einer kurzen Anrede den Zweck der Vorberatung auseinander, bemerkte, dass zwei Statuten-Entwürfe für den bayerischen Volksschul- lehrer-Verein vorliegen und unter die Anwesenden verteilt werden, damit sie sich darüber schlüssig machen könnten, welcher von beiden bei der Hauptversammlung als Grund- lage zu dienen hätte, und hieß endlich die Versammelten herzlich willkommen. Hierauf ergriff Herr Lehrer Marschall das Wort, verbreitete sich über den von ihm angefertigten Statuten-Entwurf und legte der Versammlung an’s Herz, dem begonnenen Werke durch Eintracht die Krone aufzusetzen. Herr Lehrer Stöckl von Landsberg, der Verfasser des zweiten Statuten-Entwurfes, erklärte sodann, dass er, weil beide Entwürfe prinzipiell nicht weit von einander abweichen, den seinen zurückziehe, sich jedoch vorbehalte, bei der Hauptversammlung einige Modifikationen anzubringen. Hierauf beschloss die Ver- sammlung einstimmig, den Entwurf des Herrn Marschall als Grundlage bei der Haupt- Konferenz anzunehmen.// 26
  26. 26. Nun wurde zur Feststellung der Geschäftsordnung geschritten und beschlossen:1. ür die Hauptversammlung sind zwei Vorsitzende, zwei Schriftführer und F ein Beisitzer zu wählen. Die Wahl kann durch Akklamation geschehen.2. n den Beratungen können sich sämtliche anwesende Lehrer beteiligen; A beschlussfähig sind aber nur die Bevollmächtigten.3. Die Abstimmungen erfolgen durch Aufstehen und Sitzenbleiben; bei zweifelhafter Gegenprobe oder bei wichtigen Fragen durch Namensaufruf oder Stimmzettel, je nach Entscheid des Vorsitzenden.4. arüber, welche Gegenstände zurückzustellen seien, wenn die Zeit zur Erledigung D aller nicht ausreicht, entscheidet die Versammlung; die Reihenfolge der Gegenstände aber wird vom Präsidium festgesetzt.5. er Vorsitzende hat das Recht, einen Gegenstand zum Schluss zu bringen, wenn sich D die Mehrzahl der Stimmberechtigten dafür ausspricht.6. er Vorsitzende erteilt das Wort nach der Reihenfolge der Anmeldungen. D7. erselbe hat das Recht einem Redner das Wort zu entziehen, wenn er vom Gegen- D stand abschweift, Ungehöriges vorbringt, oder zu viel Zeit für sich in Anspruch nimmt.Bezüglich der Tagesordnung wurde festgesetzt:1. Beginn der Konferenz: 9 Uhr morgens2. röffnung der Versammlung durch einen Vortrag des Redakteurs der E Bayerischen Schulzeitung3. Wahl des Präsidiums4. Prüfung der Vollmachten5. Beratung und Beschlussfassung über den Statuten-Entwurf6. Wahl des Hauptausschusses7. Wahl des Vereinsorganes.8. Beratung über den Ort und die Zeit der nächsten 1. Hauptversammlung.Nachdem somit die Aufgabe der Vorversammlung erfüllt war, verkehrten die Anwesendenin gemütlicher Weise noch einige Zeit und so gegen 11 Uhr trennte man sich, um derRuhe zu pflegen, damit man den folgenden Tag mit neuer Kraft beginnen könne. 27 //
  27. 27. Noch an diesem Abende wurden Einzeichnungsbogen sowohl für die Herren Bevollmäch- tigten als auch für die übrigen Herren Teilnehmer aufgelegt, um diese Verzeichnisse durch die Güte eines Regensburger Kollegen noch in der Nacht autographiert, so dass sie schon am andern Morgen in die Hände der Versammelten gegeben werden konnten. Ein von Herrn Lehrer Stöckl in Landsberg entworfenes ausgeführtes und an diesem Abende zur Einsicht aufgelegtes Tableau erregte sowohl bezüglich dessen symbolischer Anord- nung als auch dessen herrlicher Vollendung allgemeine Bewunderung. In dasselbe werden die Namen der Herren Bevollmächtigten, als der Gründer des Vereines, aufgenommen. Das Original bleibt Vereinseigentum und in den Händen des jeweiligen 1. Vorstandes. Es wird dasselbe jedoch auch durch Farbendruck vervielfältigt und haben sich bereits schon viele der in Regensburg anwesenden Lehrer hierauf subskribiert. Es lässt sich auch nicht zweifeln, dass es bald in die Hände der zweiten Vereinsmitglieder übergeben wird, umso mehr der Preis bei großer Beteiligung sehr niedrig zu stehen kommt.// 28
  28. 28. Am Haupttage (27. Dez.) versammelten wir uns präzis 9 Uhr morgens in dem alten undehrwürdigen Rathause der Stadt Regensburg, woselbst uns durch die Güte des hoch-löblichen Stadtmagistrates der sogenannte Lottosaal zu unserer Verhandlung eingeräumtwurde. Nachdem der Kommissär, der rechtskundige Magistratsrat Herr Mahr, erschienenwar, eröffnete ich die Versammlung und sprach mich in einem längern Vortrage über denZweck und das Ziel des zu gründenden Vereines aus.Hierauf folgte die Wahl des Präsidiums. Zum 1. Vorsitzenden wurde der Berichterstatter,zum 2. Vorsitzenden Herrn Lehrer Wölfel in Nürnberg, zum 1. Schriftführer Herr LehrerMarschall, Vertreter der Stadt Würzburg, zum 2. Schriftführer Herr Seminarlehrer Blum-berger in Freising und zum Beisitzer Herr Lehrer Sturm in Stadtamhof, sämtliche perAkklamation gewählt. Hierauf wurden die Vollmachten der Herren Bevollmächtigten durchdas Präsidium geprüft und zu den Akten genommen.Ehe zur Beratung der Statuten geschritten wurde, stellte der Vorsitzende die Frage an dieAnwesenden: „Soll ein bayerischer Volksschullehrer-Verein gegründet werden?“ Ein ent-schiedenes „Ja“ tönte durch den ganzen Saal.Sodann ging es an die Beratung der Statuten. Nachdem diese Beratung beendigt, schrittman zur Wahl des Hauptausschusses, welche statutengemäß auf der Hauptversammlungund zwar mittels Stimmenzettel und bei absoluter Mehrheit erfolgen muss.Nachdem der ganze Gang der Verhandlungen zu Protokoll konstatiert und dieses von denMitgliedern des Präsidiums unterzeichnet worden war, erteilte der 1. Vorsitzende demRektor der Versammlung, Herrn Lehrer und Jubilarius Schultheiß in Nürnberg das Wort.Derselbe belobte die Versammlung wegen ihres parlamentarischen Taktes, äußerte seineFreude darüber, dass es ihm, dem 78-jährigen Greise, vergönnt war, an dem Werke derEintracht und Liebe mitzubauen, sprach den heißen Wunsch aus, es möge des HimmelsSegen mit dem jungen Vereine immerdar sein. Sodann wies er hin auf die Segnungenderen sich unser Vaterland unter dem Schutze einer wohlwollenden Regierung zu erfreuenhat, Segnungen, von welchen auch dem Lehrerstande ein gut Teil zufließe und schlossmit einem Hoch auf Seine Majestät unsern allergnädigsten König, Max II., in welches dieganze Versammlung mit Begeisterung einstimmte. 29 //
  29. 29. Somit war die Verhandlung beendigt. Der Hauptausschuss begab sich hierauf zu dem stellvertretenden Bürgermeister, Herrn Rechtsrat Mayr, um die Gründung des Vereines zu melden, das Verzeichnis der Mitglieder des Hauptausschusses zu übergeben und zugleich den wärmsten Dank für das freundliche Entgegenkommen des Stadtmagistrates auszu- sprechen. Herr Rat Mayr bemerkte, dass er einen Verein, der eine solch edle Tendenz verfolge, mit Freuden begrüße und ihm das vollste Gedeihen wünsche. Am Abend des genannten Tages war auch eine Produktion des Regensburger Liederkran- zes, wozu wir sämtliche eingeladen waren. Die einzelnen Stücke wurden mit wahrer Meis- terschaft durchgeführt und die Unterhaltung war eine so angenehme und erfrischende, dass wir uns erst in später Stunde von einander trennten. Zu geeigneter Zeit wurde dem verehrlichen Liederkranze von Herrn Lehrer Marschall in gut gewählten Worten herzlicher Dank für die besondere Aufmerksamkeit ausgesprochen und dieser Toast von Seite des Vorstandes des Liederkranzes, Herrn Assessor Steffaneli, in freundlicher Weise erwiesen und als Gegengruß den anwesenden Lehrern der Singspruch des Liederkranzes in vollem Chor dargebracht. Am 28. Dez., morgens, versammelten sich die meisten der städtischen und fremden Lehrer im Gasthause zum Wirt, um noch vor dem Scheiden ein Paar Stunden gemütlich und herzlich mit einander verkehren zu können. In heiterer Stimmung verbrachte man diese Zeit und man begegnete sich mit einer Innigkeit, die nur aus wahrem kollegiali- schen Bewusstsein fließen konnte. Auch wurden auf die hohe Kammer der Abgeordneten, den Magistrat der Stadt Regensburg, Herrn Rechtsrat Mayr, auf die Regensburger und Stadtamhofer Kollegen, den Gründer und Verleger des Vereinsblattes, den Vorstand des Vereines und auf die daheim weilenden Amtsbrüder Toaste ausgebracht. Als dann Herr Lehrer Kutschmann von Vilshofen von Herrn Landtags-Abgeordneten Föckerer freundlichen Gruß und den herzlichen Wunsch überbrachte, es möge der Verein blühen und gedeihen, ließ man allsogleich ein Telegramm an diesen warmen Vertreter unseres Standes abgehen, in welchem ihm für sein stets bewiesenes Wohlwollen innigster Dank gesagt wurde.// 30
  30. 30. Endlich nahte die Stunde der Trennung und nur hart ging man von einander. Alle schiedenwir jedoch von der alten Ratisblonà mit dem herrlichen Gefühle, für eine edle Sache gear-beitet und unvergessliche Tage verlebt zu haben. – Und jetzt noch einen kleinen Nachtrag.Die Beratung am Haupttage dauerte ununterbrochen von Morgens 9 Uhr bis Nachmittags3 Uhr. Es waren nahezu 200 Teilnehmer aus den verschiedenen Kreisen gegenwärtigund haben dieselben circa 1 500 Lehrer Bayerns repräsentiert. Rechnet man hiezu nochjene Bezirke, welche zwar keinen Bevollmächtigten gesendet, ihren Beitritt aber bestimmterklärt haben, so darf man jetzt schon 2 000 Mitglieder rechnen, und es lässt sich mitGewissheit annehmen, dass sich die Beitritts-Erklärungen mit jedem Tag mehren.Achdorf, bei Landshut, den 1. Januar 1862Der 1. Vorstand des Bayerischen Volks-Schullehrer-Vereins Karl Heiß 31 //
  31. 31. Eröffnungsrede des achdorfer lehrers Karl HeiSS Einleitungsvortrag des Schullehrers und Redakteurs der Bayerischen Schulzeitung, Karl Heiß zu Achdorf, gehalten bei der Versammlung bevollmächtigter Schullehrer Bayerns zu Regensburg am 27. Dezember 1861 Meine Herren! Am 16. Aug. legte ich den Samen der Konzentration in die Herzen meiner lieben Amts­ brüder mit dem vollsten Vertrauen, dass er tiefe Wurzeln schlage, und doch nicht ohne Bangen, es möchte eine ungeweihte Hand dessen Wachstum zu verhindern suchen. Ist nun das Letztere wirklich eingetroffen, da man von einer Seite, von der man es am wenig­ ten s vermuten konnte, durch ätzende Stoffe dem Humus alle Tragfähigkeit benehmen wollte, so schoss dessen ungeachtet der Keim üppig empor, und schon nach wenigen Monaten haben wir einen lebensfrischen Baum vor uns, dessen Äste weithin durch die Gauen un- sers Vaterlandes reichen, und dessen ausgebildete Krone die herrlichsten Früchte erwar- ten lässt. Meine Herren! Schauen wir etwas in die Zukunft und betrachten wir die Früchte, welche unsern mit aller Sorgfalt gepflegten Baum zieren. Vor allem ist es die Frucht des Gemeinsinns. wenn wir so in unserm Stande Umschau hal- ten, so finden wir nicht überall diese Tugend. Mögen nun hieran die Verhältnisse außer uns in vielfacher Hinsicht die Schuld tragen, soviel ist gewiss, dass es auch bei uns an ech- ter, wahrer Harmonie fehlt. Wir haben nämlich Standesgenossen, die sich selbst an den edelsten Bestrebungen ihrer Amtsbrüder nicht beteiligen, weil sie nach dem Anspruche Horaz: „Wen die Götter hassen, den machen Sie zum Schulmeister“ überall nur Kalamität erblicken und sich und ihre Kollegen als Sündenbock anderer Stände betrachten. Wieder andere sind zwar begeistert für ihren Beruf, wurden aber schon schroff enttäuscht, und sind deshalb von Misstrauen so übermannt, dass sie sich passiv verhalten, wenn es gleich- wohl die heiligsten Standesinteressen betrifft. Außer diesen finden sich welche, die sich aller Kollegialität entschlagen und ihren eigenen Weg gehen, unbekümmert, ob er auch der rechte sei; welche kein gemeinsames Ziel kennen und deshalb auch kein Bedürfnis fühlen, mit ihren Amtsbrüdern gleichen Schritt zu halten. …// 32
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  33. 33. Ich möchte doch sagen, dass der Gemeinsinn auch bei uns noch sehr der Vervollkomm- nung bedarf. Wir haben zu wenig Sympathie; wir betrachten uns großenteils bloß als ein- zelne Glieder und nicht als geschlossene Kette und doch haben wir alle nur ein Ziel! Unsere Aufgabe ist daher von nun an, des Gemeinsinns zu pflegen. Stets müssen wir der schönen Worte Schillers eingedenk sein: „Immer strebe zum Ganzen, und kannst du selber sein Ganzes werden, als dienendes Glied schließ an ein Ganzes dich an!“ Alle unsere Bestrebungen gelten daher den Amtsbrüdern, dem ganzen Stande; nicht eng- herzig seien unser Wissen und unsere Erfahrungen verschlossen in unserm Innern; nein, alles werde zum Gemeingute des ganzen Standes. Teilnahme, Wärme, Liebe durchdringe uns alle und heilig sei uns die Standes-Ehre. Meine Herren! Werfen wir uns nicht selbst weg durch unwürdiges und unmännliches Betragen; bedenken wir, dass wir Glieder eines öffentlichen Standes sind und dass es die Standes-Ehre gilt. Wenn wir nun so zur tatkräf- tigen Korporation heranwachsen, wenn wir alle zusammenstehen wie ein Mann, wenn wahre, innige Kollegialität in uns tief gewurzelt hat, so wird uns auch erhöhte geistige Tat- kräftigkeit und erfolgreiche Erfüllung unseres Berufes als reife Frucht entgegenwinken.// 34
  34. 34. Keinem Stande ist die Fortbildung und geistige Tätigkeit wohl dringender geboten, alsdem Lehrerstande. Sind es schon die äußeren Umstände, das Leben der Meisten aufdem Lande, die seltene Berührung mit Gebildeten anderer Stände, ja selbst mit Standes­genossen, welche den Lehrer zwingen wenigstens im geistigen Verkehr mit der gebildetenWelt zu bleiben, wenn er nicht, wie man gewöhnlich sagt, verbauern und versauern will,so verlangt dieses noch gebieterischer sein Beruf. Ein altes Sprichwort sagt: „Stillstandist Rückschritt“ und wie wahr ist dieser Satz. Welche verderbliche Folge zeiht nicht dieses„Stillstehen“ bei dem Lehrer nach sich. Anstatt Leben in seine Schule zu bringen, bringt erMonotonie in dieselbe und seine Gleichgültigkeit, sein Kaltsinn pflanzen sich auf die Kin-der fort. Ein Lehrer, welcher seine Fortbildung vernachlässigt, ist eine Schale ohne Kern,eine Frucht ohne Saft und Geschmack und seine Schule gleicht einer Haide auf der manvergebens üppige Gewächse und wohlriechende Blumen sucht. …Es sei ferne von mir, vor fremden Türen kehren zu wollen, allein das muss ich doch bemer-ken, dass manche unter den Lehrern ihre nicht besonders große Amtstätigkeit mit demScheingrunde beschönigen wollen. Weihen wir unsere ganze Kraft unsern Standesoblie-genheiten, wenden wir uns mit Ausdauer und Liebe unserm schönen Amte zu, welchesuns die Veredlung der Jugend zur Pflicht macht. Stets wollen wir der Pflicht eingedenksein, welche jedem Gebildeten auferlegt ist, den in Finsternis Lebenden dem wahrenLichte zuzuführen.Freilich ist notwendig, dass die Volksschule einige Selbstständigkeit erhalte, dass beson­ders die Lehrorgane in der Ausübung ihres Amtes gleich andern Ständen gesetzlich ge-schützt werden und eine feste Stellung angewiesen bekommen. Seit jener Zeit nämlich,in welcher man uns aus dem Zunftverbande gebracht hat (die Münchner Lehrer warendamals die ersten, welche dagegen protestierten) sind wir als gasförmige Waffe, ja als kör-perlose Wesen in sozialer Beziehung zu betrachten; denn es fehlt uns jede sichere Basis inder Gesellschaft. Es gibt wohl keinen Stand, welcher auf der einen Seite so viele Pflichtenund auf der andern so wenig oder gar keine Rechte hat, als der Schullehrerstand. … 35 //
  35. 35. Man möchte wohl sagen, dass sich zu viele um die Schule bekümmern; denn fast alles glaubt sich berufen, der Schule und dem Lehrer zu diktieren und jeder will die Schule nach seiner Facon haben. Sehr treffend bemerkt ein gewiegter Schulmann unserer Zeit: Jeder sieht die Volksschule von seinem Standpunkte an. Wer gern Honigschnittchen isst, dem soll die Volksschule Bienenzucht treiben, dem einen soll sie drechseln, dem andern Obst pflanzen, dem dritten Seide spinnen, einem Vierten erscheint sie als ein Anti-Brannt- weininstitut, einem Fünften als ein Zuchthaus zur Verbesserung verdorbener Kinder. Dem Gelehrten ist ihr Treiben zu oberflächlich, dem Unwissenden zu gründlich. Wer zählt die Wünsche, die auf diesem Gebiete laut geworden sind. Das ist natürlich nicht das rechte Interesse und eine solche Teilnahme schadet soviel als gänzliche Abneigung, und dass die Volksschule auch ihre Gegner hat, ist längst erwiesen. Es gibt sogar unter den Glie- dern der gebildeten Stände welche, die die Volksschule als ein ganz überflüssiges Institut betrachten und welche die Lehrer an Schulen, weil sie keine höhere Ausbildung erhalten haben, durchweg als Ignoranten ansehen. Jene sollten freilich bedenken, dass sich ohne Volksschule bald alle Bande der Ordnung lösen müssen. Ebenso sollten sie wissen, dass, wenn auch die Ausbildung der Lehrer nicht von allen Mängeln frei zu sprechen ist, sie doch die allgemeine Bildung fördert und dass jeder strebsame Lehrer vorwärts trachtet und deshalb doch nicht so ganz als Idiot gelten dürfte. Als eine bedauernswerte Erscheinung muss auch angesehen werden, dass zwischen uns und dem Stande, welcher doch in Bezug auf seinen Beruf uns so nahe steht*, im All- gemeinen wenigstens eine große Kluft besteht, wie sie wohl in keinem andern Lande vorkommen dürfte und doch könnten diese wissenschaftlich gebildeten Männer soviel zur Hebung der Volksschule und der Lehrer an derselben beitragen. Diesem gegenüber ha- ben wir aber, und Gott sei es gedankt auch Freunde, recht viele und aufrichtige Freunde, Freunde in den verschiedenen Ständen; allein diese konnten bis jetzt nicht mit Kraft auf uns und unsere Verhältnisse einwirken, weil sie keinen festen Boden hatten. Unser Lehrerverein soll nun das allgemeine Interesse erwecken. Wir müssen nämlich selbst die Hand bieten, wir müssen zeigen, dass uns an der Schule und an der Ausbildung des Volkes Alles gelegen ist; wir müssen die Erfolge laut sprechen lassen, dann wird der Volksschule auch von Außen mehr Beachtung geschenkt werden. …// 36
  36. 36. Meine Herren! Groß ist die Aufgabe, die wir uns stellen; allein vermöchten wir sie auchbei dem besten Willen und rastlosesten Streben nicht durchzuführen; aber wir hoffen mitZuversicht auf Unterstützung; wir glauben ganz sicher, dass die Erziehung und Veredlungdes Menschen eine gemeinsame Sache und unter allen Bestrebungen des menschlichenGeistes den ersten Rang einnehmen werde.Und nun seien Sie herzlichst und tausendmal gegrüßt, meine Herren! die Sie dem RufeIhres Mitbruders so freudig gefolgt sind, die sie nicht den weiten Weg, nicht anderweitigeHindernisse gescheut haben, sondern ohne rechts und links zu schauen herbeigeeilt sind,ein Werk zu gründen, das von den segensreichsten Folgen sein wird. Wenn wir auch,meine Herren! nicht heute oder morgen schon diese herrlichen Früchte genießen kön-nen, ja wenn es sogar manchen von uns nicht vergönnt wäre, je von diesen Früchten zukosten; wir tragen doch alle das Bewusstsein in uns, für eine edle Sache stet und warmeingestanden zu sein und unserem Berufe all unsere Kraft zugewendet zu haben. Es isterhebend, so viele wackere Kämpen hier vereinigt zu sehen, und Dank, herzlichen DankIhnen Allen, die Sie hier versammelt sind. O, ich möchte Jeden aus Ihnen umarmen, undinnig an die Brust drücken.Und nun, meine Herren! frisch an’s Werk, es wird gelingen.* gemeint sind Gymnasiallehrer 37 //
  37. 37. Aufbruch – Widerstand – Stärke Die Geschichte des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbandes 1848 1823 Auf der 2. Allgemeinen Lehrerver- Der Nürnberger Lehrer Johann sammlung in Schwabach im Jahr Konrad Grißhammer ruft am 1833 1848 mit ca. 180 Teilnehmern 15. November 1823 zur Gründung Der „Allgemeine Lehrerverein für wird der Nürnberger Lehrerverein des ersten „Allgemeinen Lehrer- Baiern“ wird verboten, da der Staat beauftragt, einen „Zentral-Volks- vereins für Baiern“ auf. Zweck des nach den Erfahrungen mit dem schullehrerverein“ zu gründen, der überkonfessionellen Vereins ist „die „Hambacher Fest“ keine Lehrer- die nachweislich existierenden Fortbildung und Vervollkommnung fortbildung ohne staatliche Aufsicht 35 Zweigvereine in ganz Bayern der Mitglieder in ihrem Beruf“. Da duldet. Am 26. Januar 1833 findet zusammenführen soll. Die Ver- wegen der fehlenden Verkehrs- die letzte Sitzung statt. Zu diesem sammlung geht auf einen „An verbindungen noch keine über- Zeitpunkt hatte der Verein 243 Mit- sämtliche Volksschullehrer Bay- regionalen Treffen möglich sind, glieder aus mindestens 6 der 7 heu- erns“ gerichteten Aufruf der Nürn- erscheint 1825 als „verbindendes tigen Bezirke Bayerns, außerdem berger und Fürther Lehrerschaft Mittel“ des Vereins die Zeitschrift hatten sich Ortsvereine gebildet. Der vom 12.3.1848 zurück. Darin sind „Der Volksschullehrerverein“. Schwerpunkt lag in Nordbayern. erstmals die zentralen bildungs- 1806 Bayern wird Königreich 1834 Höhepunkt der Restaura- 1848 Märzunruhen der 1825 Ludwig I wird König tion: Prozesswelle gegen Studenten in München liberale Wortführer Rücktritt Ludwigs I., 1831 Einführung der Nachfolger wird Max II. Pressezensur, 1840 Verbot der Kinderarbeit in Verschärfung des Fabriken Vereinsrechts// 38
  38. 38. 1850 Der Druck auf den „Zentral- Volksschullehrerverein“ und seine Zweigverbände von Seiten des Staates und der Kirche beginnt unmittelbar nach der Vereinsgrün- dung. Nach dem Bayerischen Vereinsgesetz vom 26. Februar 1850 ist es „politischen Vereinen und solchen, die sich mit öffentli- chen Angelegenheiten beschäfti- gen“, verboten, „sich mit anderen solchen Vereinen zu einem ge-politischen Forderungen aufge- gliederten Ganzen zu vereinen.“führt, die später auch in der Denk- Bereits 1849 gibt es obrigkeitlicheschrift des BLV (1863) erscheinen: Androhungen von Dienstentlas-„1. Freie Stellung der Volksschule sungen. Es werden tatsächlichund ihrer Lehrer. 2. Gleichstellung Entlassungen von Lehrervereins-der Lehrer mit den Staatsdienern. mitgliedern ausgesprochen, lokale3. ... wissenschaftliche Bildung der Mitgliedsvereine werden verboten, 1851Lehrer. 4. Vertretung des Standes Gefängnisstrafen verhängt. Weil In Bayern gibt es 96 Lateinschulen... durch Standesglieder. 5. Revi- der Zentral-Volksschullehrerverein (Unterstufe des Gymnasiums), 28sion des Lehrplans ... mit Beizie- sich auf seiner Versammlung am Gymnasien und 10 Lyceen (höherehung der Lehrer. 6. Verwandlung 22. Juni 1850 u. a. mit dem Ver- Töchterschule), mit insgesamt etwades Schulgeldes in eine allgemeine hältnis von Staat, Kirche und Schule 11 000 Schülern. Daneben existie-Umlage. 7. Gehaltsverbesserung auseinandersetzen wollte, wird er ren 7 113 Volksschulen – viele da-der Lehrer. ... 9. Verleihung eines am 4. Juni 1850 als politischer von einklassige Landschulen – mitallgemeinen Schulgesetzes.“ Verein klassifiziert und aufgelöst. einer knappen Million Schüler.1849 Phase der Liberalisierung: 1854 Todesstrafe wird Die Pressefreiheit, öffentliche das letzte Mal in Bayern Gerichtsverfahren, freies vollzogen Wahl­ esetz, freies Versamm­ g 1856 Schulpflicht wird auf sieben lungs- und Vereinigungsrecht Jahre verlängert Erste Wahl zur Kammer der Abgeordneten (später Bayerischer Landtag) 39 //
  39. 39. 1861 Am 22. August 1861 ruft der Achdorfer Lehrer Karl Heiß zur Gründung des Bayerischen Leh- 1857 rervereins auf. Der Gründungsauf- Im Normativ über die Bildung der ruf erscheint in der „Bayerischen Schullehrer wird die Lehrer­ ildung b Schulzeitung“. neu geordnet. Im Mittelpunkt steht Der Aufruf stößt bayernweit auf das Bestreben Königs Max II, „den große Resonanz. Am 27. Dezem- Lehrstoff der Schullehrerbildung ber 1861 versammeln sich etwa auf sein angemessenes, häufig 200 Lehrer aus ganz Bayern im überschrittenes Maß“ zurückzufüh- Reichstagssaal des Regensburger ren, um die Lehrer vor „Wissens- Rathauses und gründen den Bay- dünkel, Anmaßung, Unzufrieden- erischen Lehrerverein. Karl Heiß heit und Ungehorsam“ zu schüt- wird zum 1. Vorsitzenden gewählt. zen, die Folge einer übertriebenen Vereinsorgan wird die bereits seit Verstandesbildung seien. Hierzu 1857 existierende „Bayerische gehört auch das Verbot der Lek- Schulzeitung“. Der BLV versteht türe der pädagogischen Schrif- sich von Anfang an als überkon- ten Friedrich Adolf Diesterwegs fessionell. In seinen Reihen finden und anderer fortschrittlicher Pä­ katholische, evangelische und „is- dagogen. raelitische“ Lehrer ihre Heimat. 1859 Eisenbahnlinie Nürnberg – 1861 Wilhelm I wird König von 1862 tto Graf Bismarck wird O Regensburg eröffnet Preußen Ministerpräsident und Charles Darwin veröffent­icht l Beginn des amerikanischen Außenminister sein Werk „Die Ent­ te­ ung s h Bürgerkriegs Bismarck löst das preußi- der Arten“ und begründet sche Abgeordnetenhaus damit die Evo­utionstheorie l auf// 40
  40. 40. 1863Der Bayerische Lehrerverein veröf-fentlicht die erste 80-seitige Denk-schrift mit dem Titel „Denkschrift be-treffend die Zusammenstellung vonMaterialien zu einem allergnädigst 1866zu erlassenden vollständigen Geset- 1864 Der Hauptausschuss des BLV be-ze für die Volksschulen in Bayern“. In der Denkschrift steht der zentrale Drei der Gründungsmitglieder des schließt, eine eigene Vereinszeit- Satz für das Selbstverständnis des BLV rufen in München das Baye- schrift mit dem Titel „BayerischeKernanliegen der Denkschrift sind BLV bis in unsere Zeit: „Die Umge- rische Lehrerwaisenstift ins Leben. Lehrerzeitung“ herauszugeben.»» ie Institutionalisierung der d staltung der Lehrerbildung muss als Den zahlreichen Lehrerwaisen soll Die erste Ausgabe erscheint am Volksschule als Staatsanstalt, der Kern- und Angelpunkt der ge- die Stiftung „ … das Elternhaus 3. Januar 1867.»» ie Rechtsstellung des Lehrers d samten Schulfrage erklärt werden. ersetzen durch Unterbringung in als „öffentlicher Diener“ Die Lehrerbildung ist das Zentrum, geeigneten Familien oder in schon Die bayerische Regierung erlässt (Beamter), in welchem alle Fäden der Schulre- bestehenden Erziehungsinstituten ein neues Normativ für die Lehrer-»» er Verzicht auf die geistliche d form nach fachlichen und personel- oder eigens zu errichtenden, kon- bildung, das wesentliche Forderun- Lokalschulaufsicht, len Beziehungen zusammenlaufen.“ fessionell getrennten Erziehungs- gen des BLV aufgreift. Es löst das»» ie Modernisierung der d Die Denkschrift wird Ende Oktober anstalten. …“ restriktive Lehrerbildungsnormativ Volksbildung und 1863 dem „Hohen Staatsministe- aus dem Jahr 1857 ab. Allerdings»» ie nachhaltige Verbesserung d rium des Innern für Kirchen- und Der Bayerische Lehrerverein hat ist die Lehrerbildung weiterhin nach der Lehrerbildung. Schulangelegenheiten“ überreicht. 4 193 Mitglieder. Konfessionen getrennt.1863 ründung der bayerischen G 1864 udwig II wird im Alter von L 1866 rieg Österreich-Preußen. K Fortschrittspartei 18 Jahren König Bayern kämpft an der Seite Ferdinand Lasalle gründet 1865 Ende des amerikanischen Österreichs in Leipzig den Allgemeinen Bürgerkriegs und Sieg Preußens Deutschen Arbeiterverein Abschaffung der Sklaverei (ADAV) in den USA 41 //
  41. 41. 1875 1867 Der 1. Vorsitzende des BLV Karl Auf der 3. Hauptversammlung nissen und distanziert sich offen Heiß wird zum Kreisschulinspektor des BLV in Augsburg umreißt der von einem Schulverständnis, das in München berufen. Aus diesem 1. Vorsitzende Karl Heiß die Grund- konfessionell oder weltanschaulich Grunde gibt er sein Amt ab. Auf linien des Verbandsverständnisses: geleitet ist. der Hauptversammlung des BLV „Die Pädagogen sollten sich weder im August 1875 in Kaiserslautern konfessionell noch nach Ständen Da das Volksschulwesen bislang wird der Geisenfelder Lehrer Max von einander absperren. Hätte nicht in Form eines Gesetzes, Koppenstätter offiziell zum neuen man auf gewisser Seite dies be- sondern nur durch Verordnungen 1. Vorsitzenden gewählt. achtet, so hätte der Schulstreit geregelt war, wird von der Staats- nicht mit solcher Erbitterung und regierung im Landtag ein Schul­ Der Bayerische Lehrerverein grün- von ihr mit solcher Unkenntnis der gesetz eingebracht, das wesentliche det die Kinder- und Jugendzeit- Errungenschaften der neueren Teile der Denkschrift des BLV aus schrift „Jugendlust“, „... um dem wissenschaftlichen Pädagogik ge- dem Jahr 1863 übernimmt. Zent- Verlangen der Jugend nach einer führt werden können.“ Hintergrund ral sind hierbei eine Stärkung des guten Lektüre Rechung zu tragen.“ ist ein kulturkampfähnlicher Streit Staates gegenüber der Kirche Heute erscheint die Kinder- und um die Frage der Rolle der Kirche durch Überwindung der geistlichen Jugendzeitschrift bundesweit un- und des Staates in der Schule. Er Schulaufsicht und die Überwindung ter dem Namen „Floh“ und „Floh- wird mit massiven Anfeindungen der konfessionellen Trennung. Das kiste“. In Bayern ist sie bis heute und Verleumdungen von Vertretern Gesetz trifft auf massiven Wider- eine der wichtigsten pädagogi- der evangelischen und der katho- stand der Kirchen, die auch die schen Kinderzeitschriften. lischen Kirche gegen den BLV Bevölkerung mobilisieren und wird geführt. Der BLV orientiert sich 1869 im Landtag von der kirchlich- Der Bayerische Lehrerverein hat an wissenschaftlichen Erkennt- konservativen Mehrheit abgelehnt. 7 172 Mitglieder. 1867 eichstagswahlen in R 1869 ründung der klerikal-kon- G 1870 ayern kämpft an der Seite B 1875 Einführung der Zivilehe im Preußen servativen Zentrumspartei Preußens gegen Frankreich deutschen Reich 1868 Einführung eines neuen August Bebel und Wilhelm 1871 roklamation des Deutschen P 1877 ie Serienproduktion von D Heimatrechts und der Liebknecht gründen die Kaiserreichs Gartenzwergen wird aufge- Gewerbefreiheit in Bayern. Sozialdemokratische Arbei- Bayern verliert Autonomie nommen terpartei (SDAP) 1873 Schulsprengelverordnung// 42
  42. 42. 1878 Auf der 7. Hauptversammlung des BLV in Passau wird eine Öffnung des Verbandes für andere Lehrer- gruppen, Frauen und Interessierte beschlossen. Im Antrag heißt es: „Die Aufnahme in den Verein er- halten sämtliche Mitglieder des Schullehrerstandes, gleichviel ob sie ständige, unständige oder in 1883 Ruhestand versetzte Lehrer oder Die Verordnung zur Einrichtung Lehrerinnen sind. Auch Lehrer und der Volksschulen tritt in Kraft. Lehrerinnen an höheren, sowie an Die konfessionell getrennten Be- Privatbildungsanstalten, Geistliche, kenntnisschulen werden erneut als sodann gebildete Per-sonen aus Regelschule festgeschrieben. Da- anderen Ständen und beiderlei mit scheitern die Bestrebungen des Geschlechtes können als Mitglie- BLV, eine konfessionsunabhängige der beitreten“ Simultanschule durchzusetzen.1878 Sozialistengesetze verbie- 1883 Auswanderungswelle 1884 ründung deutscher G 1887 Würzburg wird das erste In ten sozialistische Organisa- erreicht ihren Höhepunkt Kolonien Süd-West-Afrika Telefonnetz eingerichtet tionen (464 000 Personen) (heute Namibia) 1888 Wilhelm II wird deutscher Abschaffung der Kinder­ Krankenversicherung wird 1886 ntmündigung und Tod E Kaiser arbeit per Gesetz zur Pflichtver­ Ludwigs II sicherung Prinzregent Luitpold wird König 43 //
  43. 43. 1889 Der 1. Vorsitzende Max Koppen- stätter stirbt am 24. Mai 1889. Johann Baptist Schubert wird auf der 11. Hauptversammlung des BLV in Landshut im Jahr 1890 als Vorsitzender gewählt. Schubert ist ein überzeugter Ver- fechter der Trennung von Staat 1896 und Kirche ebenso wie von Schu- Die allgemeine Unterstützungs- le und Kirche und von Pädagogik kasse wird gegründet. Sie soll in und Theologie. Es gelingt ihm trotz besonderen Notfällen Familien zahlreicher Trennungsversuche von helfen, wenn durch lange Krank- konfessioneller Seite den Bayeri- heit oder Tod des Ernährers oder schen Lehrerverein geschlossen zu durch Krankheit der Lehrerwitwe halten und ihn als überkonfessio- die Familien in Not gerieten. Die nellen Lehrerverein für Katholiken, Unterstützungskasse hilft auch Protestanten und „Kollegen israeli- erwerbsbeschränkten und erwerbs- tischen Glaubens“ zu bewahren. unfähigen Lehrerwaisen. 1890 Rücktritt Bismarcks 1893 Sozialdemokraten und 1895 Georg Kerschensteiner 1896 Gründung des Satireblattes Sozialistengesetz wird Bauernbund werden wird Stadtschulrat Simplicissimus in München aufgehoben zum ersten Mal in den Gründung des Bayerischen Erste olympische Spiele Landtag gewählt Bauernverbandes der Neuzeit in Athen 1891 Verbot der Sonntagsarbeit 1894 Bauernrevolte in der Oberpfalz// 44
  44. 44. 1905 Auf seiner Hauptversammlung in Bayreuth widmet sich der BLV intensiv der Frage der staatlichen Fachaufsicht und wendet sich er- neut gegen den Einfluss der Kirche1900 auf die Schule. Des Weiteren for-Der BLV-Hauptausschuss gründet dert der BLV das Verbot des niede-am 15.11.1900 das „Institut des ren Kirchendienstes für Lehrer. InRechtsschutzes“ auch Rechts- 1902 der Folge kommt es erneut zu ei-schutzkommission genannt. Damit Der Bayerische Lehrerverein richtet ner scharfen Kampagne der Ultra­steht allen BLV-Mitgliedern kosten- einen Haftpflichtschutz für Mitglie- montanen und der katholischenfreier Rechtsschutz zu. Arbeitsbe- der des BLV ein, der die Mitglieder Kirche gegen den BLV.ginn ist der 1. Januar 1901. Dies gegen ungerechtfertigte Forderun-ist die Grundlegung der aktuellen gen bei vorgeblicher Haftung vertritt Der Bayerische Lehrerverein rich-Rechtsabteilung des BLLV, die heute und bei erwiesener Schuld eine an- tet einen „Mobiliar-Feuerversiche-ein zentraler Aufgabenbereich des gemessene Entschädigung leistet. rungs-Verein“ (Feuerschutzverein)BLLV ist. Der BLLV ist heute der für bayerische Lehrer ein. Er wirdeinzige Lehrerverband in Bayern mit Der Bayerische Lehrerverein hat im Jahr 1909 durch eine Einbruch-hauptamtlichen Juristen. 12 863 Mitglieder. diebstahlversicherung ergänzt.1900 as Bürgerliche Gesetz- D 1903 n Bayern werden Frauen I 1905 Ludwig Thoma veröffentlich buch (BGB) tritt in Kraft zum Hochschulstudium die Lausbubengeschichten zugelassen 1906 Neues Gesetz erlaubt Pariser Weltausstellung Verbindliche Einführung direkte Wahl der Landtags- Volkszählung zählt von Rechtschreibregeln abgeordneten 56 345 014 Deutsche, davon 6 176 057 Bayern Gründung der Volks- hochschule durch Georg Kerschensteiner 45 //

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