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raubte der Amerikanerin Su Meck das
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Su Meck #116

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Su Meck #116

  1. 1. Eine schwere Kopfverletzung raubte der Amerikanerin Su Meck das Gedächtnis. Lange Zeit bemerkte es keiner – weil sie sich selbst nur spielte Von Norbert Höfler und Alexandra Kraft Fotos: Tony Luong WER WAR ICH, BIN ICH, WERDE ICH SEIN? Doppelt und gespalten: Su Meck ist 50 Jahre alt, doch Erinnerungen hat sie nur an ein halbes Leben 30.12.2015 43  GESELLSCHAFT
  2. 2. Mecks Lieblings- platz: der Schaukel- stuhl. Er beruhigt, er schwingt, so wie das Leben zwischen guten Tagen und schlechten Tagen GutenTag,FrauMeck ... IchhättegernemeinenSohnBenja- min bei dem Gespräch dabei. Er hilft,wennmiretwasnichteinfällt. Passiertdasnochoft? Es hängt von der Tagesform ab. Manchmal erinnere ich mich an wichtige Dinge nicht. In Ihrer Krankenakte steht, dass Ihnenam22.Mai1988einDecken- ventilatoraufdenKopffiel. IchkennedieGeschichte,weilmein MannJimsiemirerzählthat.Esge- schahaneinemSonntag.Wirwaren morgens vermutlich in der Kirche. Aber so sicher ist Jim sich da auch nicht mehr.Wir saßen am Küchen- tisch, Benjamin, der fast zwei war, saßimKinderstuhl.DerachtMona- te alte Patrick krabbelte herum.Ich nahm ihn hoch,hielt ihn über mei- nem Kopf.Dabei stieß er gegen den Deckenventilator. Durch diesen Schubs rutschte das Ding vom Ha- ken und fiel mir auf den Kopf. UnddannkipptenSieum? Nichtgleich.IchsetzteBenjaminauf denBoden.SoerzähltesJim.Erstda- nach verlor ich das Gleichgewicht, schlug mit dem Hinterkopf gegen dieTischkante,dannaufdenBoden, bumm,bumm,bumm.Überall war Blut.JimriefdenNotarzt.Andiesem TagverlorichallemeineErinnerun- gen.An diesem Tag starb Su. Siemeinensichselbst? Für mich ist die Su von damals eine Fremde. Ich rede von ihr als „sie“ oderals„Susie“.Soriefenmichmei- ne Eltern, als ich Kind war. „Susie“ bin nicht ich, sie ist eine andere ­Person.Wie eine Verwandte,der ich nie begegnet bin. SiehabenkeinerleiErinnerungen anIhrfrüheresLeben? Nein. Erkannten Sie Ihren Mann und IhreSöhneimKrankenhaus? Nein. IhreEltern? Nichts.Ichwusstenichteinmal,was eine Zahnbürste ist, wie man aus einem Glas trinkt oder zur Toilette geht.Ich war wie ein neugeborenes Baby. EinAlbtraum? Nein. Ich hatte noch nicht einmal Angst. WenigeTagenachdemUnfallsind SieFahrradgefahren. Das steht in meiner Akte.Ich kann michnichterinnern.ZweiKranken- pfleger haben mich auf ein Rad ge- setzt, sie wollten testen, wie mein Zustand ist. Sie sollen sogar auf dem Klavier „TheEntertainer“gespielthaben? Ein einziges Mal, dann war diese Fähigkeit auch weg. WiehabendieÄrztereagiert? Siedachten,schuldseiendiestarken Medikamente. Sie glaubten, das geht schon wieder weg. InIhrerAktesteht,Siehatteneine geschlosseneGehirnverletzung. Ja. Mein Schädel war nicht gebro- chen. Mein Gehirn schwoll an und wurde im Kopf gequetscht. Auf dem MRT war aber nichts zu erkennen. Vor 27 Jahren war MRT eine neue Sache.Ichglaube,heutewürdeman mehr auf meinem Gehirnscan se- hen. Mein Mann sagt, die Ärzte hättenihnaufdasSchlimmstevor- bereitet. Die Kinder wurden ins Krankenhaus geholt, um Abschied von Susie zu nehmen. Sieüberlebtenundwarennurdrei Wochen lang im Krankenhaus. DannwurdenSieentlassen. Auchdaranerinnereichmichnicht. WarumhabenSiedenÄrztennicht gesagt,dass Sie nicht wissen,wer Siesind? Ich habe das nicht gemerkt. WarumließIhrManndaszu? Vielleicht,weildieÄrzteihmgesagt hatten,ichseiokay.Unddassichgut zurechtkomme.Jim war damals 24. Er wollte ein normales Leben mit mirführen.Ichsolltefunktionieren. WielangelebtenSie,ohneneueEr- innerungaufbauenzukönnen? Etwa drei Jahre.Wir sind nach mei- nem Unfall mehrmals umgezogen. UndwiefunktionierteIhrAlltag? Nicht gut. Die Kinder übernahmen die Verantwortung für mich. BENJAMIN:Ichwardafürzuständig, dasswirvomEinkaufenwiedernach Hause fanden. Dad hatte mir den Wegbeigebracht.AmAnfang,dawar ich etwa drei Jahre, wusste ich nur grob die Richtung.Aber mit der Zeit habeichmirStraßeneckengemerkt, an denen wir abbiegen mussten. Später konnte ich dann die Karte le- sen.Dasselbe im Supermarkt.Mum war da verloren. Also sagte ich, was wir brauchen und wo wir es finden. Mum fragte immer: „Was machen wir eigentlich hier?“ Unglaublich! BENJAMIN: Wir waren immer zu- sammen, fast immer im selben Raum.Wirspielten,aßen,schliefen. So haben wir funktioniert.Das war unser Leben. SU: Ich wuchs mit meinen Kindern auf.WennsieausderSchulekamen und Hausaufgaben machten, habe ich mit ihnen rechnen, lesen und schreiben gelernt. Sie waren bei Ihrem Unfall 22 Jah- realt! IchhattedenKörpereinererwach- senen Frau, aber nicht den Geist. Wir hatten diesen alten, umge- stürzten Baum im Garten, da 4 „ICHKANNTE MEINENMANN NICHTMEHR“ G Auf den Fami- lienbildern aus dem alten Leben erkennt Meck weder sich noch ihre Verwandten 30.12.2015 45
  3. 3. sind wir immer drauf rumgeklet- tert. Wir spielten, dass darunter Treibsand sei.Da durfte man nicht reinfallen. Das war verrückt. Ich war das vierte Kind. Bemerkte niemand,wie es Ihnen wirklichging?DassSiekeineErin- nerunghattenundauchkeinneu- esGedächtnisbildeten? Ich realisierte das ja auch nicht. Ich machte einfach nach,was die ande- rentaten.WennwirbeidenNachbarn waren mit den Kindern und eine Muttersagte:„LasstunsdieSpielsa- chen einsammeln“,imitierte ich das. UndJim,IhrEhemann,wowarer? Er arbeitete als Computerspezia- list im Außendienst und war wo- chenlang auf Reisen.Man darf ihm keinen Vorwurf machen. Er hatte nichts Böses im Sinn. Er wollte es vielleicht nicht wahrhaben, sonst wäre ja alles zusammengebrochen. Wielangedauertees,bisSiewuss- ten,dassJimIhrEhemannist? Lange.Ich habe das ganze Konzept nicht verstanden. Was ist ein Ehe- mann? Und was eine Frau? WaserzählteIhnenJimüberSex? Dass er mit Su tollen Sex hatte. Ich bin aber nicht sie.Ich habe nie eine solcheVerbindungmitihmgespürt wie sie. Dann wurden Sie von Ihrem Ehe- mannaufgeklärt? WirhattenamKüchentischeinBie- nen-und-Blümchen-Gespräch.Wie ein Vater mit seiner Tochter. Wir fühlten uns beide nicht sonderlich wohl.Ich war intellektuell auf dem Stand eines Kindes. LiebenSieIhrenMann? Schwer zu sagen.Er war einfach da, als ich zu mir kam. Es ist mehr ein Abhängigkeitsgefühl. Jim kennt mich besser als jeder andere. Er weiß, wie ich mich fühle, wenn ich einen schlechten Tag habe.Erst als unsere Tochter Kassidy geboren wurde, spürte ich wieder eine tiefe Emotion. Sie kam vier Jahre nach dem Unfall zur Welt, und für sie empfand ich sofort Liebe. InIhremHaushängenvieleFami- lienfotos. Erkennen Sie sich auf Kinderbildernwieder? Nur weil es mir jemand erzählt hat, dass ich das bin.Ich war nie klein. WieverkraftendasIhreEltern? Für meine Mutter ist es besonders schwierig.Icherinneremich,dassich mitihrirgendwannnachdemUnfall auf dem Sofa saß und wir in Fotoal- benblätterten.SiezeigteaufeinBild und sagt: „Su, das bist du.“ Und ich antwortete:„Nein,dasbinichnicht.“ Abersiebestanddarauf.Siewollteso sehr,dass ich mich erinnere. Wer war Ihre beste Quelle für In- formationenüberSusie? MeinersterFreund.Jahrenachdem Unfall fand mich Neal über Face- book. Ich habe erst Jim gefragt, ob ich Neal wirklich kenne.Heute bin ichsehrfroh,Kontaktzuihmaufge- nommen zu haben. Warum? Er gehörte nicht zur Familie. Des- halb sind seine Erinnerungen für mich besonders glaubwürdig. Wir waren drei Jahre zusammen. Ich habemeineJungfräulichkeitanihn verlorenineinemPark.Erwarwich- tig für Susie.Er hat mir ihre Liebes- geschichteerzählt.Siesollteeigent- lich nur eine Freundin ins Kino begleiten,weilsiesichnichtalleine mit Jungs treffen durfte. Sie alber- tenherumundhabensichmitPop- corn beworfen.Als Susie am nächs- tenTagwelchesinihrerTaschefand, rief sie Neal an, und sie haben sich wiedergetroffen. WasistdasBesonderefürSiedaran? Weil es die alte Su ist. Sie hat sich nicht darum gekümmert, dass ein Mädchen damals einen Jungen „DERALTENSU WARENKONVENTIONEN EGAL“ Schlagzeug spielte sie auch vor dem Unfall – danach musste sie es von Neuem lernen. Ein wenig ist sie dabei „die alte Su“ 46 30.12.2015 Alexandra Kraft und Norbert Höfler trafen Su Meck in ihrem Haus in Northampton, Massachusetts. Die Redewendung „Weißt du noch …?“ bekam für die stern-Reporter eine neue Bedeutung nichteinfachanrief.IhrwarenKon- ventionen egal.Ich bin viel ängstli- cher. Mir ist wichtiger, wie Dinge wirken. Vielleicht, weil ich normal sein will. Verbindet Sie noch etwas mit der altenSusie? Susie spielte gern Schlagzeug. Su heute auch. Ich musste es neu ler- nen, ich hatte nur noch ein paar kleine Erinnerungen daran. Sie sagten vorhin, dass Sie Ihren Mannnichtlieben.LebenSienoch zusammen? Ja.Jim hat ein verrücktes Tempera- ment.Es ist hart,mit ihm zu leben. Ich glaube, er fühlt sich gefangen mit mir.So wie ich mit ihm.Er war mir nicht treu. Wenn ich noch im- mer Susie wäre, wäre all das viel- leicht nicht passiert. Woher wissen Sie, dass er Sie be- trogenhat? Weil er es mir erzählte.Jim hat un- glaublich viel Geld in Strip- und Sex-Clubs ausgegeben. Er hatte mehrere Affären. Er stürzte uns in sehr hohe Schulden.Erst als er sich nicht mehr zu helfen wusste, ge- stander.Ersagtemir,derGrundfür seinen Betrug sei mein Unfall und wieichmichdanachveränderthät- te.Wir haben über Scheidung gere- det, aber ich kann ohne ihn nicht, und ich hätte auch Angst davor. EristderMann,derIhnenwichtige Teile Ihrer Erinnerungen zurück- gab.KönnenSieihmvertrauen? Ich muss ihm einfach glauben. Ich habe keine Wahl.Er ist der Einzige, der so viel über mich weiß.Ich darf darannichtzweifeln.Traueichihm alsEhemann,derniewiederfremd- geht? Nein. Haben Sie sich jemals gefragt,ob derVentilatorwirklichderAuslö- serfürIhreAmnesiewar?Oderob vielleichteinpsychischesProblem dahintersteckt? Das ist eine spannende Frage.Mei- neMuttererzähltemir,dassichmir alsKinddenKopfamSchrankange- schlagen habe. Später fiel ich bei einemSkiunfallnocheinmalschwer auf den Kopf. Im College hatte ich einen Autounfall mit einer starken Gehirnerschütterung. Vielleicht war der Ventilator der letzte große Schlag.Sowiemanjaheuteauchbei Football-Spielernvermutet,dassdie vielen Zusammenstöße für Hirn- schäden verantwortlich sind. Warum haben Sie jahrelang mit niemandem über Ihre Krankheit geredet? Ich fürchtete mich vor diesem Schritt.Ichwolltenicht,dasssiemir meine Kinder wegnehmen. Dass ich in eine Klinik komme.Ich habe gelernt zu imitieren. Ich ging zu Partys und benahm mich einfach wiealleanderen.IchwareinBetrug. Wie können wir sicher sein, dass Sieunsnichtanlügen? Leutefragendasmanchmal,nichtso direkt, aber sie zweifeln. Die kom- pletteretrogradeAmnesiesolljasehr selten sein.Aber seitdem mein Buch indenUSAerschienenist,bekomme ichvieleMails,undichbinmirsicher, dass es mehr Menschen damit gibt, als wir glauben. Aber viele sagen es nicht,weil Mediziner einfach erklä- ren: Ihr denkt euch das nur aus. Wir haben mit dem Neurologen und Traumaexperten Professor Geoffrey Manley über Ihren Fall gesprochen.Ersagt,erhabekeine ZweifelanIhrerAmnesie.IhrVer- laufseieinseltener,aberinseinen Studien habe er festgestellt, dass schon leichte Hirnverletzungen großenSchadenanrichtenkönnen. Ich bin natürlich froh, wenn ein Wissenschaftler das sagt. Ich kann janichtzeigen,wasinmeinemKopf vorgeht. Ich lebe damit jeden Tag. Die Zweifler möchte ich gerne ein- malfragen,warumichsotunsollte, als hätte ich keine Erinnerung mehr? Warum sollte irgendjemand Tage haben,an denen er nicht weiß, woseinZuhauseist?Oderstunden- lang durch den Park irrt? Würden Sie heute Ihre alten Erin- nerungengernzurückhaben? Nein, denn dann müsste ich noch einmal von vorne beginnen. Das wäre zu viel Ballast. Was ist Ihre erste Erinnerung in IhremzweitenLeben? Es ist der Moment,als ich schwan- ger war und beim Arzt zum ersten MaldenHerzschlagmeinerTochter Kassidy hörte. Das war vier Jahre nach dem Unfall. Als derVentilator auf Sie fiel,war daswiesterben? Fürvieleummichherumsicher.Ich respektiere das.Aber es ist auch ir- gendwie kurios.Es war kein heroi- scherUnfall.EinFeueroderirgend- was Aufregendes. Es war einfach dieser dusselige Deckenventilator. Ich hatte einen kleinen Schnitt am Kopf,das war es.Aber es krempelte mein Leben komplett um. SiehtmannocheineNarbedavon? Ja,schauen Sie hier oben am Haar- ansatz.Ich mag es überhaupt nicht, wenn man mich da anfasst.Da sind dieNervenextremempfindlich.Ich kann deswegen keinen Fahrrad- helm tragen.Meine Friseurin weiß, dasssiemichdanichtberührendarf. SindSienachdemUnfallnochein- malzurSchulegegangen? ImJuni2007betratichdasersteMal in meinem Leben ein Klassenzim- mer. Vor Kurzem habe ich meinen AbschlusshierinNorthamptonam Smith College gemacht.Mit fast 50. UndwiealtfühlenSiesich? Natürlich wie Anfang 20. 2 Su Meck wünschte sich, dass ihr Sohn Benjamin beim stern-Gespräch dabei sein konnte. Zur Zeit des Unfalls war er zwei Jahre alt Schläge und Er­ schütterungen sind der Hauptauslöser für Schädel-Hirn- Traumen (SHT),so der Neurologe Geoffrey Manley, einer der führenden Experten.Derzeit untersucht der US- Wissenschaftler in einer großen Studie die Folgen der Verletzung.Bislang weiß man,dass je nach Stärke des Traumas das Gehirn anschwillt oder es zu Blutungen kommt. Nach Manleys Erfahrung leidet die Mehrheit der SHT- Patienten ihr Leben lang an schweren Folgen.Neben Lähmungen sind emotionale Probleme, Gedächtnisschwäche und Veränderungen der Persönlichkeit häufig FOLGEN­ REICHE VER­ LETZUNGEN 30.12.2015 47

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